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Keine Chance für El Maledito: Western

2016 120 Seiten

Leseprobe

Keine Chance für El Maledito: Western

Glenn Stirling

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Werner Dietsch schrieb als

Glenn Stirling

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Keine Chance für El Maledito

WESTERN

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Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Edwart Martin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

Der Roman erschien ursprünglich unter dem Titel „ Die beiden Freunde“.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

Sein Name ist Miguel Morena. In Mexiko kennt man ihn auch als El Maledito. Zusammen mit seinen Rebellen kämpft er gegen die mexikanische Regierung, gerät in einen Hinterhalt und kann als Einziger entkommen. Er flüchtet nach Arizona und nimmt dort eine neue Identität an. Von nun an nennt er sich John Torry und will seine blutige Zeit in Mexiko vergessen.

Aber auch nach Jahren holen ihn die Schatten seiner Vergangenheit wieder ein. Mittlerweile ist John ein ehrbarer Rancher geworden, hat geheiratet und wird bald Vater. Und er hat einen Freund gewonnen – den ehemaligen Polizeireiter Fred Roy. Ausgerechnet Fred ist es, der herausfindet, wer sein bester Freund in Wirklichkeit ist. Und das ändert alles – denn es gibt KEINE CHANCE FÜR EL MALEDITO

Ein ungewöhnlicher Western von Glenn Stirling, dessen Handlung 1929 angesiedelt ist. Ein dramatischer und emotionaler Roman um zwei Freunde und eine schicksalhafte Entscheidung, die alles verändert...

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In einem gottverlassenen Winkel Arizonas, hart an der Grenze Mexikos, stand ein einsames Gehöft. Es umfasste drei aus Lehm errichtete primitive Gebäude, die mit Rohr gedeckt waren. Hinter dem Gehöft befand sich ein Corral, in dessen Abteilungen einige Rinder, Pferde und Maultiere weideten.

Pedro Zonorra, der Besitzer dieses Ranchos, unterhielt hier einen Herbergsbetrieb, eine Fonda, und handelte außerdem mit Vieh und Pferden. Dies war das Aushängeschild des Mexikaners. In Wirklichkeit war der einsame Rancho der Unterschlupf für Banditen aller Art diesseits und jenseits der Grenze.

An diesem Abend herrschte Hochbetrieb in der als Schankraum hergerichteten größten Hütte, der sogenannten Cantina. Der Fußboden bestand aus festgestampftem Lehm. Einige klobige Tische und Bänke bildeten die Einrichtung. Die altmodische Petroleumlampe, die von der Decke hing, spendete nur ein schwaches Licht. Die glaslosen Fenster waren mit Bastmatten verhängt.

Die Luft in diesem Schankraum war zum Schneiden dick. Beißender Tabaksqualm sammelte sich um die Lampe und zog nur langsam ab. Durch das Gebrüll und Gelächter der Gäste klang das Rollen der Würfel auf den harten Tischen, tönten Flüche aus der Runde der Pokerspieler. Unter der Wirkung des genossenen Alkohols stieg die Stimmung der Männer. Hin und wieder hörte man das Schnauben und Scharren der Pferde, die vor der Hütte angebunden waren.

In der Ecke an der Tür saßen vier Männer an einem Tisch, die durch ihre abstoßenden Gaunervisagen selbst an diesem Ort auffielen. Sie spielten Open Poker, ein gefährliches Glücksspiel, bei dem vier Karten offen auf den Tisch gelegt werden, während eine in der Hand bleibt. Die Einsätze häuften sich. Schon lag ein ansehnlicher Haufen mexikanischer Silberpesos und Dollarscheine da.

„Und jetzt will ich deine Karte seh’n!“, brüllte der eine Spieler, ein riesiger Kerl mit schwarzem Haar und dichtem, schwarzem Vollbart. „Noch zehn geb' ich mit! Deck auf, Cal!“

„Royal Flush!“, rief der rothaarige Cal, ein mittelgroßer, schlanker Bursche mit einem verschlagenen, heimtückischen Gesicht. Er legte seine Karte auf den Tisch. „Hast verloren, Schwarzer!“

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein neuer Gast trat ein. Er blieb an der Tür stehen und warf prüfende Blicke über die Anwesenden.

Eine unheimliche Stille entstand. Alle Männer im Raum drehten die Köpfe und starrten auf den Mann an der Tür, der in seltsam steifer Haltung dastand, die Hände in der Nähe der Revolvertaschen, die rechts und links an seinen Oberschenkeln hingen. Die grauen Augen in dem schmalen, harten Gesicht waren zu Schlitzen verengt, die Lippen zusammengekniffen. Die ganze Gestalt strömte ungeheure Energie und geballte Kraft aus.

Die vier Pokerspieler sahen sich an, blinzelten sich unmerklich zu. Der rothaarige Cal zog unter dem Schutz des Tisches seinen Colt aus dem Futteral und richtete ihn verstohlen auf die Lampe.

„Hola, Fremder... kommen Sie näher!“, rief der Wirt jetzt. „Großen Durst, wie?"

Plötzlich krachte ein Schuss. Es klirrte, und das Licht erlosch. Gleich darauf fielen noch einige Schüsse in der Nähe der Tür. Jemand fluchte. Dann setzte ein Trampeln und Krachen ein; Bänke und Tische schienen umgeworfen zu werden; Flaschen klirrten. Die Tür wurde geöffnet und wieder zugeworfen. Kurz darauf hörte man die Hufschläge davongaloppierender Pferde.

Als Pedro Zonorra ein Talglicht anbrannte und den Raum damit erleuchtete, kamen die übrigen Gäste hinter den umgestürzten Tischen hervor, hinter die sie sich geworfen hatten, um den Kugeln zu entgehen.

„Ay, caramba! Sie haben den Fremden erschossen!“, rief der Wirt. „Ich glaube, der ist hin!"

Neugierig umstanden sie alle den Toten, der mehrere Schussverletzungen aufwies.

Während Pedro mit dem Licht leuchtete, durchsuchte einer der Gäste die Leiche. Als er aus der Brusttasche des Reithemdes neben Zigarettenpapier und Tabak einen glänzenden Gegenstand hervorzog, zuckte der Wirt entsetzt zusammen und rief: „Dios nos guarde! Gott behüte uns! Das Abzeichen eines Bullen! Die Idioten haben einen Polizisten abgeknallt!“

„By Gosh! Stimmt!", bestätigte der andere, das Abzeichen in der Hand haltend. „Ein Polizeireiter mit besonderen Vollmachten. Da müssen noch Papiere da sein.“ Er griff in die Gesäßtasche des Toten und zog eine Brieftasche hervor. „Hier sind sie: Ausweis mit Lichtbild. State Highway Patrolman Richard Calloway. Verdammt! Nun werden wir diese Brüder bald in Massen hier sehen. Die ruhen doch nicht eher, bis ihr Kamerad gerächt ist...“

„Die kommen nie in Massen, stets einzeln oder paarweise. Sind aber gefährlicher als ’ne Kompanie Soldaten. Weiß einer von euch, wer die vier Boys in der Ecke waren?“

„Der Schwarze Jack mit seiner Bande!“, sagte Pedro Zonorra missmutig. „Jack war der Große mit dem Vollbart. Der Rothaarige war Cal, genannt ,Der Schützer'. Der Lange, Dürre, war ,Trauer-Ben‘, und der kleine, flinke Kerl war Mike, den sie ,Die Ratte' nennen.“

„Kenne diese Jungen", sagte einer. „Sind tolle Kerle!“

„...und dumm", ergänzte ein anderer. „Wie können sie einen Polizeireiter erschießen!“

„Er hat sie wahrscheinlich bis hierher verfolgt und hätte sie voll Blei gepumpt, wenn sie nicht... “

„Shut up! Halt’s Maul! Was machen wir mit dem Kerl?“

„Verschwinden lassen! Am besten drüben in Mexiko! Wäre eigentlich die Arbeit der Jack-Bande. Wenn das nur gut ausgeht! Abzeichen und Papiere lassen wir auch verschwinden!“

„Die nehme ich in Verwahrung“, meldete sich Pedro. „Habe Verwendung dafür.“

„Na, dann viel Spaß!“, sagte einer der Männer. „Ich möchte noch nicht mal die Kanonen des Bullen haben!“

*

In Mexiko tobte die Revolution. General Aguirre hatte mit einem Teil der Truppen einen Aufstand entfesselt. Unzufriedene Landarbeiter und Viehhirten waren zu ihm gestoßen und hatten seine Streitmacht verstärkt. Schon hatte er mehrere Schlachten zu seinen Gunsten entscheiden können. Plündernd zog der Heerwurm der Rebellen durch das Land, Angst und Entsetzen verbreitend. Recht und Gesetz gab es nicht mehr, und jeder war des anderen Feind. Überall im Lande erhoben sich die geknechteten Indios und schlossen sich den Rebellen an oder bildeten selbständig operierende Kampfgruppen.

Im Norden des Landes verbreitete eine Rebellengruppe panischen Schrecken, die unter dem Befehl Miguel Morenas stand. Seine Reiter, größtenteils indianische Gauchos, tauchten stets überraschend auf, überfielen kleine Garnisonen und Haciendas, machten die Besatzung nieder, raubten und plünderten und waren verschwunden, wenn starke Militärkräfte anrückten. Miguel Morena hatte eine starke Anhängerschaft unter der armen Bevölkerung, da er den Überschuss seines Raubes stets an die armseligen Bauern verteilte. Die Regierung betrachtete ihn als Banditen, und ein hoher Preis war auf seinen Kopf ausgesetzt, doch war es nicht so einfach, seiner habhaft zu werden, da er überall Spione und Helfer hatte.

Was die reichen Hacienderos und Finceros von Morena hielten, wird am besten durch den Namen gekennzeichnet, den man ihm beilegte. Man nannte ihn „El Maledito“, den Verfluchten. Dabei sah er gar nicht so teuflisch aus. Er war ein hübscher junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit blauschwarzem Haar und schmalem, rassigem Spaniergesicht, und das schwarze Bärtchen stand ihm gut.

In seiner Kleidung trug er sich wie ein großer General. Vom riesigen, mit einer Golfborte verzierten Filz-Sombrero bis zur hechtgrauen, an den Knien engen, unten weiten Hose, saß ihm alles wie angegossen. Um die Hüfte geschnallt war ein Patronengürtel, an dem eine schwere Coltpistole mit Perlmuttereinlage hing. Ein Cowboy hätte beim Anblick dieser Waffe verächtlich gelacht, doch das Lachen wäre ihm rasch vergangen. Don Miguel war ein gefürchteter Pistolero. Bisher war noch keiner rascher im Ziehen gewesen als er. Das Wesentliche aber an diesem Mann waren die Augen. Sie konnten weich und betörend blicken und im nächsten Moment hart und kalt auf ein Opfer starren.

Auch jetzt blickte Don Miguel kühl und sachlich auf den Indio, der ihm eine unheilvolle Botschaft gebracht hatte. Einer seiner Spähtrupps war in den Hinterhalt der Federales (Regierungstruppen) gefallen. Zehn Mann waren getötet, die restlichen fünf gefangengenommen worden. Auf der Hacienda San Jose hatten die Soldaten ihren Sieg gefeiert und die Gefangenen am nächsten Morgen hingerichtet.

„Wie viele Soldaten befinden sich auf der Hacienda?", fragte Don Miguel.

„Hundertzwanzig Soldaten und sechzig Gendarmen, General!“, erwiderte der Indio. „Sie haben vier Maschinengewehre bei sich.“

„Es ist gut“, sagte Don Miguel und entließ den Mann mit einem Geldgeschenk. Dann wandte er sich an seinen Teniente (Leutnant): „Felipe, wir reiten!“

Nach kurzer Beratung wurde das Signal zum Aufbruch gegeben. Rasch war das Lager abgebrochen und die Truppe abmarschbereit. Im Gegensatz zu anderen Rebellenarmeen hatte Don Miguels Reiterschar fast keinen Tross und weder Frauen noch Kinder bei sich. Diesen Grundsatz führte der „General“ eisern durch und schaffte seiner kleinen Kampfgruppe damit eine ungeheure Beweglichkeit und Sicherheit. Er war auf keinen festen Standort oder Schlupfwinkel angewiesen und erschien heute hier und morgen da. Was die Truppe zum Leben brauchte, holte sie sich auf den Haciendas und Fincas.

Don Miguel nahm auch nicht jeden in seine Truppe auf. Er bevorzugte die wilden Bergindianer und Gauchos, die geborene Reiter waren. War der General jedoch ein Weißer aus gutem Hause und nur durch eine seltsame Schicksalsfügung zum erbarmungslosen Kämpfer geworden, so musste man von seinen Soldaten sagen, dass es arme, unwissende Teufel waren, die auf niedrigster Kulturstufe standen. Für sie bedeutete schon der Besitz eines Gewehres alles, denn damit konnten sie sich ja auch die irdischen Seligkeiten verschaffen: Geld und Schnaps und Weiber.

Ein Gefühl für Recht und Unrecht hatten sie nicht. Sie mordeten schon um eines Geringen willen: sei es ein Kleidungsstück oder eine Pistole. Mit den gleichen Gefühlen schlugen sie einen Moskito oder einen Menschen tot. Ebenso gleichgültig standen sie auch vor den selbst ausgehobenen Gräbern, wenn die Soldaten sie erwischten und an die Wand stellten. Weder die Rebellen noch die Soldaten gaben einander Pardon. Es ging immer bis aufs Blut.

An der Spitze seiner tausend Reiter ritt Don Miguel nach Südwesten. Unterwegs gab er seinem Leutnant Anweisungen: „Während ich mit vierhundert Mann die Hacienda San Jose aushebe, versuchst du mit den Truppen General Aguirres Verbindung aufzunehmen. Ich habe Nachrichten über eine große Entscheidungsschlacht, die sich anbahnt. Wir wollen dabei sein. Halte mich auf dem Laufenden! Deine Boten finden mich ln San Jose.“

Nach zwei Tagesritten gelangte die Schar an einen See in der Nähe des Angriffszieles. Hier wurde ausgiebige Rast gehalten. Dann trennte sich die Truppe. Sechshundert Mann ritten weiter nach Süden, während sich Don Miguel auf den Kampf vorbereitete. Als die Dunkelheit eintrat, langte er auf den Hügeln an, die das Tal umgaben, in dem San Jose lag. Die Lichter der Hacienda leuchteten durch die Nachi.

Don Miguel rief Penacho, seinen alten, erfahrenen Reiterführer, zu sich: „Was

meinst du, Penacho, greifen wir besser in der Nacht oder im Morgengrauen an?“

„Die Männer, die ich als Späher hinuntergeschickt hatte, berichteten, dass im Hofe gespielt und getanzt wird. Manchmal kann man es bis hierher hören. Ich glaube, in zwei Stunden sind da unten alle voll und müde. Dann können wir über sie herfallen.“

„Muy bien! Teile deine Leute ein! Die besten Männer schleichen sich hinunter, überrumpeln die Wachposten und klettern über die Mauer. Sie sollen keine Gewehre mitnehmen, nur ihre Messer. Ein zweiter Trupp setzt die Dächer der Häuser in Brand, damit die Männer sehen, wen sie unter dem Messer haben. Es wird nicht gesprochen und geschrien. Lautlos, wie die Wölfe, fallt über die verfluchte Brut her! Das erste muss der Griff nach den Gewehren und Maschinengewehren der Soldados sein. Was innerhalb der Casa grande (Herrenhaus) lebt, wird nicht geschont. Die Hütten der Peones (Knechte) und das Unterkunftshaus der Vaqueros sollen nicht angetastet werden, solange von dort kein Schuss fällt.“

Durch ein Fernglas beobachtete der General den großen Gutshof, dessen Bewohner er undeutlich erkennen konnte Die da unten tranken, spielten und tanzten und ahnten nicht, dass der Tod hier oben lauerte. Ringsum auf den Hügeln lagen die Angreifer bereit.

Geduldig wartete Don Miguel. Nach und nach wurde es still im Tal, und die Lichter erloschen. Noch eine weitere Stunde verging, dann gab der General das Angriffssignal.

Der Stoßtrupp der Rebellen sprang auf und huschte geduckt ins Tal hinunter. Sofort wurden sie von der Dunkelheit verschluckt. Da die Gauchos Jacken und Hosen aus Pferdefell trugen, verschmolzen sie mit dem Boden. Ihre langen, zweischneidigen Messer, die sie sonst am Gürtel trugen, hatten sie in den Mund genommen, damit sie nicht klapperten. Diese Messer, die mit einer viele Meter langen Schnur am Gürtel befestigt waren, stellten in den Händen der Gauchos eine gefährliche Waffe dar. Das Messer wurde gewöhnlich aufs Ziel geschleudert, und während der Getroffene zusammenbrach, zog der Gaucho die Waffe mit einem Ruck wieder in seine Hände zurück.

Man hörte keinen Laut von der Hacienda heraufdringen. Urplötzlich schlug eine Flamme aus dem Dach der Casa grande, und gleich darauf brannte es ringsum lichterloh. Im Schein der Flammen sah Don Miguel schwarze Schatten herumspringen. Die erste Welle der Angreifer war inzwischen von allen Seiten ins Tal gestürmt, und Don Miguel hielt es für an der Zeit, sein Pferd zu besteigen, das hinter dem Hügel in einem Busch in Deckung stand. Als er ins Tal hinabritt, hörte er die ersten Schüsse, und je näher er dem Gehöft kam, um so lauter schollen ihm die Angst und Todesschreie der Überfallenen entgegen. Hinter ihm brauste die zweite Welle der Angreifer zu Pferd ins Tal hinab.

Als der General an der Mauer erschien, war der Kampf im wesentlichen bereits entschieden. Eine kleine Gruppe Vaqueros leistete noch Widerstand, doch war ihr Schicksal besiegelt. Zehn Minuten später konnte Penacho seinem General melden, dass die Hacienda erstürmt sei.

„Gefangene?“, fragte Don Miguel.

„Keine. Aber die Mozos (Diener) und Criadas (Mägde) in der Casa grande haben ebenso wie die Vaqueros an der Verteidigung teilgenommen. Die Mozos sind tot. Was soll mit den Mädchen geschehen?“

„Die könnt ihr mitnehmen. Verluste in der Truppe?“

„Zehn Leichtverletzte und ein Toter!“

„Esta bien! Es ist gut! Stell auf den Hügeln Wachposten aus! Dann kann die Siegesfeier beginnen.“

Nun begann ein eifriges Hasten und Treiben. Große Feuer loderten hoch. An ihnen wurde gebraten und gesotten. Und als erst die Bäuche gefüllt waren, kamen Schnapsfässer zum Vorschein, und es wurde gewaltig gezecht. Schon waren auch Gitarren da, und einer der Indios schlug sogar die Marimba (xylophonartiges Musikinstrument). Lieder klangen auf, kleine, sehnsuchtsvolle Liebeslieder, und diese Männer, die noch vor kurzem getötet hatten, sangen in die Stille der Nacht hinein mit Gesichtern wie unschuldige Kinder.

*

Drei Tage lang lagerte Don Miguel an der niedergebrannten Hacienda. Er hatte die großen Viehherden des Gutes von den Weiden treiben lassen, um sie mitzunehmen. Dem General Aguirre und seinen Truppen würden sie sehr willkommen sein. Aber es kam ganz anders, als sich Don Miguel die Sache gedacht hatte. Am dritten Tage erschienen drei seiner Reiter, die bei Felipes Abteilung gewesen waren, und berichteten von einer großen Schlacht. Die Rebellen waren vernichtend geschlagen worden und befanden sich nun auf dem Weg nach Norden. Große Teile von ihnen waren jedoch eingeholt, umstellt und aufgerieben worden. Schon waren starke Kavallerieverbände dabei, das Land von Versprengten zu säubern. Leutnant Felipe war mit seinen sechshundert Reitern in den Hexenkessel hineingeraten. Der größte Teil dieser Männer war gefallen.

Am nächsten Tag erschien Felipe selbst. Er hatte nur noch etwa dreißig Mann bei sich. „General Aguirre ist gefangengenommen und erschossen worden“, erzählte er. „Wir müssen nach Norden fliehen!“

Unter diesen Umständen verzichtete Don Miguel darauf, die große Rinderherde mitzunehmen. So rasch es ging, führte er seine Reiter nach Norden. Unterwegs erhielt er genauere Nachrichten über den Stand der Revolution. Als intelligenter Kerl wusste er sofort, dass die nächste Zeit hier in Mexiko für ihn bitterböse werden würde. Er beschloss, die Truppen aufzulösen und über die Grenze in die USA zu gehen. Nach einer kurzen Ansprache an seine Reiter, in der er ihnen für ihre Treue dankte und versicherte, dass er zu besserer Stunde zurückkehren und sie wieder führen werde, ritt Don Miguel davon, der Grenze zu.

Felipe, der „Leutnant“, sah seinem General lange nach, dann grinste er vor sich hin. Eine Stunde später hielt er eine Ansprache an die Rebellen und klärte sie über den „Verrat“ des Generals auf.

Felipe war ein Mestize von seltener Intelligenz und den Indios turmhoch überlegen. So klein und schmächtig er war, so gefährlich erschien er allen, die ihn näher kannten. Während jedoch die Grausamkeit der Indios rohen Instinkten unwissender Naturmenschen entsprang, hatte sie bei Felipe andere Ursachen. Dieser Mann war schlecht und falsch bis auf den Grund seiner Seele, dabei hinterlistig, und rachsüchtig.

Die stärkste Triebfeder aber war seine Geltungssucht. Er wollte herrschen, befehlen. Alle Menschen um ihn herum sollten von seiner Gnade abhängen. Im Grunde war er feige. Solange Don Miguel die Truppe führte, verbarg Felipe geschickt seine Gefühle. Er überschlug sich in der Ausführung der Befehle und in der Glaubhaftmachung seiner Treue. Er zitterte innerlich vor dem General, denn er fürchtete ihn, weil er wusste, dass Don Miguel ihn völlig durchschaut hatte. Er war nur ein Instrument in der Meisterhand des Generals. Und das wurmte ihn doppelt. Er hasste Don Miguel. Nun war für ihn der Tag gekommen, die Vorherrschaft abzuschütteln.

Der Mestize konnte reden wie ein Buch. Die Indios folgten seinen Hetzworten mit offenem Mund. Und als Felipe rief: „Er ist ein feiger Hund, der Hombre mal! Es una muca! Er ist eine Giftschlange! Er soll sich nicht wieder bei uns sehen lassen!“, da schrien sie alle ihre Zustimmung heraus und forderten ihn auf, ihr Anführer zu sein.

„Wir sollen die Waffen niederlegen und uns verkrümeln!“, rief Felipe. „Wir denken gar nicht daran! Können wir nicht mehr gegen die Übermacht der Soldaten kämpfen, so sind wir immer noch vierhundert Mann... stark genug, um Hacendados in Schrecken zu versetzen. Was wir zum Leben brauchen, holen wir uns, wo wir es finden, Muchachos! Noch hat der Name El Maledito einen guten Klang! Wenn wir irgendwo auftauchen, wird man uns sofort geben, was wir verlangen!“

Felipe versprach den Männern hoch und heilig, sie gesegneten Zeiten entgegenzuführen. Und dann brandeten die Rufe auf: „Viva Felipe! Viva El Maledito! Viva! Viva! Viva!“

So war es denn beschlossen, dass Felipe, jetzt genannt „El Maledito“, die gefürchteten Charros (Buntscheckigen) anführte, während Don Miguel in Acht und Bann getan war.

*

Pedro Zonorra war gerade dabei, mit Hilfe seiner beiden Knechte einige Rinder umzubränden, die er billig gekauft hatte. Die Rinder waren gestohlen, darüber hatte Pedro keine Zweifel, und deshalb änderte er die Brandzeichen. Er war so in seine Tätigkeit vertieft, dass er das Näherkommen eines Reiters vollkommen überhörte und zusammenschrak, als ihn eine Stimme anrief: „Na, Pedro, alter Gauner, was treibst denn du da?“

Pedros Augen leuchteten freudig auf, als er den Mann erkannte. „Hola, Miguel! Kommt der große General auch wieder mal in meine bescheidene Hütte? Geduld, mein Freund! Wir sind gleich fertig, dann steh’ ich dir zur Verfügung. Bring’ inzwischen dein Pferd in den Stall!“

Miguel Morena stieg ab, entsattelte seinen Fuchswallach und rieb ihn mit Maisstroh ab. Dann führte er das Tier zum Brunnen und tränkte es. Erst nachdem das Pferd gut untergebracht war, dachte der Reiter an sich selbst. Er wusch sich gründlich und war einigermaßen erfrischt, als ihn Pedro aufforderte, ins Haus zu kommen.

In Pedros kleinem Privatzimmer, das an den Schankraum grenzte, saßen die Freunde zusammen, tranken und unterhielten sich.

„So ist es also aus mit der Revolution?“, erkundigte sich Pedro neugierig.

„Sieht so aus. General Aguirre ist erschossen worden. Er war die Seele des Aufstandes. Von meinen Charros sind mehr als die Hälfte gefallen ... “

„Für die mexikanische Regierung geltet ihr als Banditen, und man wird deine Auslieferung verlangen, Miguel! Bei mir bist du vorläufig sicher...“

„Ich gedenke nicht, bei dir zu bleiben“, sagte Miguel. „Muss natürlich mein Äußeres verändern. Werde mir nachher gleich mal den Bart wegrasieren. Hast du vielleicht was da, was ich anziehen könnte? Mein Charro-Anzug ist zu auffällig.“

„Ich habe eine Cowboy-Ausrüstung da, die für dich passen könnte... “

„Na, großartig! Her mit dem Zeug!“

Als Miguel sich rasiert hatte, wechselte er die Kleidung. Das karierte Reithemd und die langen Hosen passten ihm gut; auch die über die Hosen gebundenen ledernen Beinschützer waren lang genug. Der große, schwarze Sombrero vervollständigte das Ganze, und Miguel grinste zufrieden, als er sein Gesicht in dem halbblinden Spiegel betrachtete, der an der Wand hing.

„Siehst aus wie’n waschechter Cowboy!“, strahlte Pedro.

„Bin ja auch früher schon mal einer gewesen. Aber die Pistolen muss ich auch hier lassen. Heb’ sie mir für später auf, und gib mir zwei Revolver dafür!“

Pedro eilte weg und kam mit zwei großkalibrigen schweren Colt-Revolvern wieder, deren Läufe bläulich schimmerten. „Ich habe auch einen guten amerikanischen Sattel da, Miguel! Dein silberbeschlagener sieht viel zu kostbar aus!“

„Hast recht, Pedro. Nun brauchst du mir nur noch andere Papiere zu besorgen, und alles ist in Ordnung.“

„Papiere? Das geht nicht so rasch." Pedro dachte nach. „Aber warte mal!“ Er schloss seine Stahlkassette auf und holte einen Ausweis hervor, den er vor Miguel auf den Tisch legte.

„Was ist denn das? Du bist wohl wahnsinnig geworden?“, fauchte Miguel, als er gelesen hatte.

Pedro erzählte die Geschichte von dem erschossenen Polizeireiter und legte jetzt auch das Abzeichen auf den Tisch. In diesem Augenblick ertönte Hufschlag vor dem Haus. Pedro warf einen Blick aus dem Fenster.

„Wenn man vom Teufel spricht, kommt er, Miguel! Es ist der Schwarze Jack mit seiner Bande! Ich muss die Kerle bedienen. Bleib du hier drin! Die brauchen nicht zu wissen, wen ich hier habe!“

Er öffnete die Tür und begab sich in den Schankraum, um die Gäste nicht warten zu lassen, die polternd ins Haus kamen.

Nach zwei Stunden ritt die Jack-Bande ab, und Pedro konnte sich wieder seinem Freund widmen .Er lachte, als er das Privatzimmer betrat.

„Das sind doch tolle Hunde! Was glaubst du, was die sich ausgeknobelt haben? Wollen die schöne Tochter von Cunning abfangen.“

„Wer ist Cunning?“

„Ein großer Rancher. Hat’n bildhübsches blondes Mädel von zwanzig, ein zuckriges Püppchen. Die vier haben ausgekundschaftet, dass Ellen Cunning auf der Stoke-Ranch zu Besuch ist und morgen zurückreiten will. Nur ein Cowboy reitet mit ihr.“

„Caramba! Was ist denn das Mädel wert? Wollen doch wohl ein Lösegeld erpressen, was?“

„Sicher. Die Kleine ist ohne weiteres zwanzigtausend Dollars wert!“ Pedro grinste.

„Valgame dios! Muss mir das durch den Kopf gehen lassen! Und hübsch ist sie? Ich liebe blonde Frauen. Wo wollen denn die Strolche die Kleine abfangen?“

„In der Santa Rita-Schlucht. Da muss sie durch. Du willst wohl das Geschäft selber machen. Miguel?“

„Weiß noch nicht, Pedro. Die Papiere von dem Polizeireiter musst du verbrennen; sie sind nur gefährlich. Das Abzeichen werde ich behalten. Vielleicht kann ich es mal gebrauchen. Mach mir Proviant fertig, Pedro! Ich reite in einer Stunde los. Und hier ist Geld.“

*

Heiß brannte die Sonne auf die beiden Reiter herab, die durch die Steppe ritten. Trostlos war die Landschaft: Sand, Steine, Felsen, braungebrannte Dornensträucher und Kakteen. Ein paar Aasgeier kreisten am blauen Himmel.

Ellen Cunning hing müde im Sattel. Immer wieder wischte sie sich mit dem Reittuch den Schweiß aus der Stirn, der ihr in die Augen zu laufen drohte. Sie warf dabei neidische Blicke auf den Cowboy Slim an ihrer Seite, dem die Hitze nichts auszumachen schien.

„Bald nicht mehr auszuhalten!“, stöhnte Ellen. „Master Slim, mir kommt der Weg heute so lang vor. Reiten wir richtig?“

„In einer Stunde sind wir in den Bergen. Haben wir erst die Santa Rita-Schlucht hinter uns, dann ist die Hälfte geschafft.“

Ellen konnte sich nicht zu einer Antwort aufraffen. In der nächsten Stunde sprach keiner ein Wort. Erst als sie der Schatten der Schlucht umfing, atmete das Mädchen auf.

Die Pferdehufe klapperten über den felsigen Boden.

Plötzlich krachte ein Schuss. Das Echo war noch nicht verhallt, da kippte der Cowboy Slim vornüber aus dem Sattel und fiel mit einem dumpfen Klatschen zu Boden. Sein Pferd warf erregt den Kopf auf und blieb stehen.

„Großer Gott!“, stöhnte Ellen auf. Sie kam aber gar nicht zur Besinnung, denn im nächsten Moment sprangen einige Männer hinter den Felsen hervor und fielen ihrem Pferd in die Zügel. Ehe Ellen wusste, was ihr geschah, hatte einer ihr den Colt aus dem Futteral gezogen.

„Runter vom Gaul, Baby, und nicht gemuckst, sonst knallt’s!“

Ellen war nicht imstande, dem Befehl Folge zu leisten. Sei es, dass ihr Pferd durch die wilden Gebärden der Männer erschreckt war, oder hatte sie unwillkürlich die Sporen eingedrückt, jedenfalls machte der Schimmel plötzlich einen wilden Satz vorwärts und brachte sie aus dem Bereich der Wegelagerer.

„Verfluchter Flapper!“, brüllte der Schwarze Jack wütend.

In diesem Augenblick krachten mehrere Schüsse kurz hintereinander. Der Schwarze Jack riss entsetzt die Augen auf, dann stürzte er schwer zu Boden. Auch den Trauer-Ben hatte es erwischt. Er hatte ein kleines Loch gerade über der Nasenwurzel. Mike, den sie die Ratte nannten, sprang an der Felsenwand lang und suchte aus dem Schussbereich zu kommen. Er hatte einen schweren Schulterschuss und gab das Gefecht auf. Aber sein Schicksal ereilte ihn doch noch. Gerade wollte er um die Felsenecke huschen, da pfiff wieder eine Kugel, der Schlag hallte nach, und Mike lag auf der Nase.

Was war aus Cal geworden? Beim ersten Schuss hatte er sich bereits zu Boden geworfen. Dort blieb er liegen und lugte nur mal kurz unter dem Sombrero hervor. Sein Auge suchte den heimtückischen Schützen, konnte ihn aber nicht finden. So wartete er ab.

Ellen war vom Pferd gesprungen und hatte sich hinter einen Stein gekauert. Als die Schießerei aussetzte, hob sie vorsichtig den Kopf und blickte nach den vier Männern, die an der Stelle des Überfalls neben Slim lagen. Sie konnte nicht begreifen, was geschehen war.

Doch jetzt erhob sich eine Gestalt in den Felsen oberhalb der Schlucht und kletterte herunter. Es war ein großer Mann in Cowboytracht. Die untere Gesichtshälfte war mit einem Reittuch verdeckt. Ein sonderbares Licht war auf seiner Brust. Erst als der Mann unten angelangt war, erkannte Ellen, dass dieses Licht ein glänzendes Abzeichen war, das in der Sonne funkelte.

„Gott sei Dank!", stöhnte das Mädchen und stand auf.

„Hallo, Miss!“, rief der Fremde da. „Kommen Sie ruhig her. Die Langreiter sind erledigt!“

Ellen trat auf ihn zu. In diesem Augenblick sah sie, wie einer der „Toten“ aufsprang und die Hand zu kurzem Wurf erhob. Instinktiv packte Ellen den Fremden am Arm und riss ihn zur Seite. Das Geschoss zischte um Haaresbreite am Körper des Mannes vorbei.

„Er springt aufs Pferd!“, rief das Mädchen.

Blitzschnell fuhr der Polizeireiter herum, doch Cal, der Schützer, saß schon auf Slims Pferd und galoppierte durch die Schlucht davon. Die ihm rasch nachgesandte Kugel kam zu spät; der Bandit war um die Felsenecke verschwunden.

Don Miguel eilte zu den Männern, die stumm und reglos am Boden lagen, und untersuchte sie. Keinem war mehr zu helfen, auch dem Cowboy Slim nicht.

Eine Weile noch lauschte Don Miguel den langsam in der Ferne verhallenden Hufschlägen, dann schritt er zu dem Mädchen zurück. Er bückte sich nach dem Gegenstand, den Cal nach ihm geworfen hatte. Es war ein Messer.

„Cal der Schützer!“, lächelte Don Miguel und nahm das Reittuch vom Gesicht. „Das ist nicht mein Name, sondern der dieses Verbrechers. Ich habe die Bande lange verfolgt. Ahnte doch, dass sie etwas Besonderes vorhatten. Leider kam ich etwas zu spät dazu, mich in den Felsen zu postieren. Musste nämlich einen schwierigen Umweg machen, um von oben ’ranzukommen. Konnte den Tod Ihres Begleiters leider nicht verhindern. Mein Name ist Torry, John Torry von der reitenden Polizei.“

Ellen war von ihrem Retter fasziniert. Gebannt blickte sie in diese dunklen Augen in dem schmalen, rassigen Gesicht. Sie lauschte der tiefen, wohlklingenden Stimme.

„Ich bin Ellen Cunning von der C-Ranch“, sagte sie.

Der Mexikaner reichte ihr die Hand, die sie heftig drückte. Dabei stammelte sie: „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Mister Torry!“

„Unsinn!“, lächelte Don Miguel. „Dazu bin ich ja da, nicht wahr?“

Die Grandezza des Mexikaners verband sich bei ihm mit dem selbstsicheren Gehaben der Cowboys, und so stellte er in den Augen des jungen Mädchens das Ideal eines Mannes dar.

Und Don Miguel, den man den „Verfluchten“ nannte? Er war sichtlich betroffen von der Schönheit des Mädchens. Doch er riss sich zusammen und sagte: „Miss Cunning, die Gangster haben ihre Pferde in der Nähe abgestellt. Ich hole sie. Warten Sie bitte hier, bis ich zurück bin.“

Nach einer Viertelstunde war Don Miguel mit den Pferden der Banditen und seinem eigenen Fuchs zurück. Er nahm den Toten die Waffen ab und belud eines der Pferde damit. Behutsam hob er die Leiche Slims vom Boden auf und legte sie auf ein Pferd, wo er sie festband.

Ellen sah den Bemühungen des vermeintlichen Polizeireiters mit einem leisen Grauen zu. Sie war eine Tochter des Westens und nicht so zart besaitet wie ein Girl aus der Großstadt, doch jetzt kam ihr die Tragödie erst richtig zum Bewusstsein. Slim war ein so netter Boy gewesen. Noch vor kurzem ritt er gesund und munter an ihrer Seite. Aber alles Mitgefühl nützte ihm jetzt nichts mehr.

„Wir haben noch einen weiten Weg. Reiten wir!“, rief sie tapfer und schritt zu ihrem Schimmel.

Der Mann half ihr in den Sattel und bestieg dann seinen Fuchs. Die vier Banditenpferde hatte er mittels eines Lassos, dessen Ende an seinem Sattelknopf befestigt war, im Schlepptau. Nach dem Verlassen der Schlucht führte der Weg noch eine Zeitlang durch bergiges Gelände, doch dann begann die Grassteppe.

Zwei Stunden ritten die beiden in scharfem Tempo, dann legten sie eine Ruhepause ein für sich und die Tiere. Während die Pferde grasten, saßen die Reiter auf einem Stein. Don Miguel drehte sich mit flinken Händen eine Zigarette. Er brannte sie an und stieß mit sichtlicher Befriedigung den Rauch aus.

Ellen sah ihn von der Seite an, dann sagte sie zögernd: „Sie führen ein gefährliches Leben, Mister Torry.“

Er warf ihr einen prüfenden Blick zu und lachte: „Stimmt haargenau... aber nicht mehr lange, schätze ich. Will Ihnen ein Geständnis machen, Miss Cunning. Die Jagd nach der Bande des Schwarzen Jack sollte meine letzte größere Aufgabe sein. Den Messerwerfer kriege ich auch noch... sicher. Aber dann will ich den Dienst aufgeben. Mit der Zeit geht das doch sehr auf die Nerven. Man ist nirgends gern gesehen und hat so viele Feinde. Das ist kein Leben! Entschuldigen Sie, Miss! Sie werden erstaunt sein, dass ich so aus der Schule plaudere, aber man kann sich so selten aussprechen. Vier Jahre hetze ich nun hinter Verbrechern her. Ich habe aber noch höhere Ideale ...“

„Warum hatten Sie Ihr Gesicht mit dem Tuch verhüllt?“, fragte das Mädchen.

„Eben damit mich die Gangster nicht erkannten. Sehen Sie: Der eine ist entkommen. Vor ihm bin ich nun sicher, weil er mein Gesicht nicht gesehen hat. Hören Sie, Miss Ellen: Sie dürfen niemandem sagen, dass ich Polizeireiter bin, niemandem. Es ist gefährlicher, als Sie vielleicht glauben, Patrolman zu sein.“

„Natürlich, Sie haben völlig Recht. Von mir erfährt niemand ein Sterbenswort, wenn Sie es nicht wünschen... nicht einmal mein Vater.“

„Nein, Ihrem Vater dürfen Sie nichts sagen. Ihrer Mutter natürlich auch nicht.“

„Ich habe leider keine Mutter mehr. Sie starb, als ich geboren wurde. Ich bin das einzige Kind zu Hause.“

Ellen bemerkte das Aufleuchten in den Augen des Mannes nicht. Impulsiv legte sie ihre Hand auf die seine und sagte leise: „Wollen Sie nicht zu uns kommen, Mister Torry? Ich meine, wenn Sie Ihren Posten aufgeben...“ Und als er sie erstaunt ansah, fuhr sie zögernd fort: „Sie könnten einen Job bei uns haben ... bestimmt! Mein Daddy wird Sie sofort einstellen ...“

„Als Cowboy", lächelte er. Und als sie nickte, fuhr er fort: „Sie meinen, ein Polizeireiter muss alles können. Da haben Sie zufällig Recht... ich kann auch als Cowboy arbeiten. Einen String von fünf Pferden habe ich ja schon. Diese vier Banditenpferde haben arabisches Blut. Zweifellos sind sie schon als Fohlen irgendwo gestohlen worden, denn sie haben keine Brandzeichen. Ich werde sie behalten. Eigentlich gehört ein Tier davon Ihnen ... als Ersatz für das Pferd, das der Bandit mitgenommen hat."

„Oh ... wir haben große Pferdeherden, Mister Torry. Mein Vater würde so etwas auch nicht annehmen. Wie ist das: Kommen Sie zu uns? Unsere zwölf Cowboys sind alle feine Jungs!"

„Schon um in Ihrer Nähe sein zu können“, sagte er warm und blickte ihr in die Augen. „Es wäre das größte Glück für mich, Miss Cunning. Doch ich muss erst alles ins Reine bringen. Es wird noch ein paar Wochen dauern, ehe ich soweit bin.“

Er lächelte ihr zu, nestelte das Abzeichen von seiner Brust los und steckte es ein.

*

Es war in der Nacht des übernächsten Tages, als Don Miguel auf dem Rancho Pedros erschien. Zu seiner Befriedigung war kein Fremder anwesend.

„Die Sache scheint geklappt zu haben“, meinte Pedro und grinste vielsagend. „Das sind die Pferde der Jack-Bande.“

„Rede jetzt nicht, sondern lass die Klepper gut abreiben und in deinem Stall unterbringen!", befahl Don Miguel. „Und dann will ich ein gutes Essen sehen. Habe mächtigen Hunger.“ Er deutete auf die Waffen, die auf dem Pferd festgebunden waren: „Die vier Karabiner und die sechs Revolver steck gut weg! Ich werde sie wieder gebrauchen können, wenn in Mexiko bessere Zeiten kommen.“

Während er das Haus betrat und sich im kleinen Privatzimmer niederließ, kam Pedro seinen Wünschen nach und machte sich anschließend daran, ein herzhaftes Mahl herzurichten.

Als das Essen auf den Tisch kam, machte Don Miguel ein freundlicheres Gesicht. Er hieb gewaltig ein und trank dazu Zitronenwasser. Pedros lauwarmes Flaschenbier verschmähte er. Den Fleischpasteten und Indianersandwiches ließ er alle Ehre angedeihen.

„Bueno“, sagte er befriedigt und wischte sich den Mund mit der Hand ab. „Nun bring mir einen Habanero (Schnaps) und deinen besten Tabak!“

Jetzt konnte der Wirt Fragen stellen. Don Miguel berichtete kurz und schloss: „Bei allen Heiligen, sie ist ein Engel! Ich habe sie zur C-Ranch gebracht. Ihr Vater ist so ’n Dickschädel von alter Art. Hat mich sehr gut aufgenommen. Habe natürlich Märchen erzählen müssen. Sie ließen mich nicht weg, und so musste ich dort schlafen.“

„Und das Mädchen, Miguel? Ich hatte mir gedacht...“

„Caramba! Was du dir gedacht hast, interessiert mich nicht. Ich werde sie heiraten.“

„Heiraten? Du willst Ellen Cunning heiraten? Hombre... das ist ein guter Witz, der beste, den ich bisher gehört habe.“

„Tonto! Dummkopf! Warum sollte ich sie nicht heiraten?*

„Weil sie dich nie nehmen würde, weil du keine Papiere hast... und well der alte Cunning sie dir nie geben würde!“, rief Pedro fast wütend.

Don Miguel lachte. „Erstens liebt sie mich, das weiß ich. Zweitens wirst du mir Papiere besorgen. und drittens frage ich den Alten gar nicht. Claro?“

„Magnifico! Großartig! Du fragst den alten Cunning gar nicht! Du warst doch lange genug im Lande. um die Verhältnisse hier zu kennen. Die Mädchen auf dem Land sind nicht die aus den Großstädten. Hier hat der Vater noch was zu sagen!“

„Ellen wird es ihm schon beibringen ...“

„Glaubst du denn, der Alte wird sich nicht nach deiner Vergangenheit erkundigen? Er wird sich für einen Mexikaner bedanken, zumal für einen, der von der mexikanischen Regierung gesucht wird. Miguel, ich sage dir ...“

„Halts Maul! Muss mir das Ding noch überlegen. Ich muß eben amerikanischer Staatsbürger sein! Du hast doch noch die Verbindung zu den Leuten, die Pässe herstellen?“

„Ja ... das dauert aber einige Zeit, bis so was fertig ist. Und du weißt auch, dass es allerhand kostet..

„Bezahle ich. Pass auf: Gib mir Schreibzeug! Ich werde dir jetzt die Daten aufschreiben, damit die Papiere einwandfrei werden. Alles gut amerikanisch wie der Name: John Torry.“

Pedro brachte Papier und Tinte, und Don Miguel schrieb.

Zur selben Zeit wurden Miguels vierhundert Reiter, die sich unter dem Befehl des ehemaligen Leutnants Felipe zu einer Räuberbande zusammengeschlossen hatten, von Kavallerieverbänden eingekesselt und zusammengeschlagen. Felipe entkam mit achtzig Mann und floh über die Grenze. In den Ausläufern der Sierra Madre setzte er sich mit seiner Bande fest. In einem unzugänglichen Felsental bauten sich die Banditen ein Lager, das aus primitiven Lehmhütten bestand. Von hier aus gedachte Felipe seine Raubzüge zu unternehmen.

*

San Antonio war ein kleiner Ort, dessen Gründung noch in die Zeit fiel, als Arizona zu Mexiko gehörte. Seitdem hatte er sich nur unwesentlich vergrößert. Die Mehrzahl der Einwohner waren Mexikaner, die freilich jetzt die amerikanische Staatsbürgerschaft besaßen, aber vielfach den Gringos (Spottname für Amerikaner) gram waren.

Die meisten Gebäude waren im altspanischen Stil erbaut, aus weiß gekalkten Lehmziegeln. Balkone liefen um die ein-, höchstens zweistöckigen Häuser, und ein Patio (Innenhof) war natürlich auch da. Viele Palmen standen in Straßen und Gärten und gaben dem Ort ihr Gepräge.

Der amerikanische Einfluss zeigte sich in einigen Wellblechbaracken und mehreren weiß gestrichenen Holzhäusern, von denen das Gebäude des „General Store“ das größte war. Unten befand sich das Warenhaus, in dem die Landbewohner von der Dreschmaschine bis zum Grammophon, vom silberbeschlagenen Zaumzeug bis zum teuersten Sombrero alles kaufen konnten, was ihr Herz begehrte. Auch fand man hier eine Tankstelle für Autos und Traktoren und eine Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen und Waffen. Im ersten Stock war das Hotel. Im weiträumigen Hof aber befanden sich Stallungen und Garagen. Im Erdgeschoss lag eine Gastwirtschaft.

Nur selten kamen Fremde nach San Antonio. Den Farmern, Ranchern und Cowboys der Umgebung aber war der „General Store“ unentbehrlich. An den großen Markttagen herrschte hier Hochbetrieb, die Bar war dann meist brechend voll.

Die Mexikaner schlugen ihre freie Zeit lieber in der mexikanischen Tienda und der Pulqueria tot, die schon durch ihren Namen „Zu den Liebeswonnen“ ihre Fantasie viel mehr anregte.

Neben dem „General Store" stand das sogenannte Rathaus des Ortes, auch ein Holzbau. Hier befanden sich die Amtsräume des Deputy Sheriff, der gleichzeitig Bürgermeister, oberster Richter, Polizeipräfekt und Postdirektor in einer Person war. Er führte die Einwohnerlisten von San Antonio und Umgebung, also des ganzen Distriktes. Wer heiraten wollte, musste ebenso zu ihm gehen wie jene, die Geburten oder Todesfälle zu melden hatten. Bei ihm musste man auch die Brandzeichen für Rinder und Pferde und die Kaliber und Nummern aller Waffen registrieren lassen. In seinen Grundbüchern waren alle Grundstücke und Liegenschaften eingetragen.

Im Augenblick war er sich mit einem größeren Aufgebot von Amerikanern, die in San Antonio wohnten, unterwegs. Er wollte Jagd auf die Bande mexikanischer Strauchdiebe machen, die in letzter Zeit die Rancher und Farmer des Distriktes durch plötzliche Überfälle beunruhigten.

In der Hauptstraße, gleich neben der Schule, stand ein Holzhaus, an dem ein Schild mit der Aufschrift „Landwirtschaftliche Credit-Anstalt, Filiale San Antonio“ angebracht war. Es war eine etwas primitiv eingerichtete Bank, aber sie wies immerhin einen großen Stahlschrank auf, in dem das Geld untergebracht war.

Jetzt am Vormittag war der Schalterraum geöffnet, doch war im Augenblick kein Kunde anwesend. Die drei Angestellten waren mit ihrer Buchführung beschäftigt, während der Vorsteher, der gleichzeitig als Kassierer fungierte, Geldbündel zählte.

In diesem Augenblick hörte er rasende Hufschläge die Hauptstraße heruntertrommeln. ,Es wird der Sheriff sein', dachte er, da hielt die Kavalkade vor dem Haus. Gleich darauf wurde die Doppeltür aufgerissen, und wild-verwegene Gestalten drängten herein. Vornweg schritt ein schlanker kleiner Mexikaner. Er hielt dem Kassierer einen riesigen Colt vor die Nase und zischte: „Hände hoch, Gringo! Keine Wort, sonst tot sein! Du Geld geben!“

Der Kassierer war im ersten Moment zu überrascht von der Frechheit der Banditen, am hellen Tage die Bank zu überfallen. Dann aber packte ihn die Wut. Die Rancher brauchten Geld, und das wollten diese verlausten Greaser (Schmierfinken) wegnehmen?

Die drei Angestellten standen längst mit dem Gesicht zur Wand, von den Gewehren der Banditen bedroht. Auch der Kassierer hatte die Hände sofort hochgerissen, doch jetzt beobachtete er mit steigendem Zorn, wie die Strolche das Geld am Schalter eilfertig in einen großen Sack steckten. Der kleine Schlanke schnatterte unentwegt Befehle in spanischer Sprache. Es schien der Anführer der Bande zu sein.

Als mehrere Banditen jetzt zu dem großen Schrank gingen und ihn auszuräumen begannen, hielt der Kassierer den Augenblick zum Eingreifen für gekommen. Der Bandenchef hatte sich einen Augenblick abgewandt. Da griff der Kassierer mit der Rechten unter den Ladentisch und riss eine Pistole hervor.

In diesem Augenblick drehte der Kleine den Kopf, sah und schoss. Der unselige Kassierer wurde von der Kugel herumgerissen und fiel zu Boden. Sein weißes Hemd färbte sich langsam rot; der Fleck wurde immer größer.

Die anderen drei Angestellten waren bei dem Schuss zusammengezuckt, rührten sich aber nicht von der Stelle. Erst als die Bande abzog, drehten sie sich um, nahmen langsam die Arme herunter und stürzten dann zu ihrem Vorgesetzten hin. Entsetzt sahen sie den riesigen Blutfleck auf der Brust des Mannes. Das Gesicht war bleich, die Augen hielt er geschlossen.

„Wasser, Wasser“, murmelte der Verwundete.

Einer der jungen Leute sprang nach der Wasserkaraffe und setzte sie dem Durstigen an die Lippen.

Der Kassierer trank, dann aber fing er an zu würgen, das Wasser lief ihm aus den Mundwinkeln. Plötzlich riss er die Augen auf. „Kümmert euch um meine Frau und mein Kind!“, stammelten die bleichen Lippen. Dann schloss er die Augen, seufzte tief auf und streckte sich. Er war tot.

Draußen war der Hufschlag der abgaloppierenden Pferde bereits verstummt, ehe sich die Leute auf die Straße trauten und nach der Bank eilten.

*

Wochen waren vergangen.

Es war nicht bei dem Überfall auf die Bank geblieben. Die mexikanische Räuberbande war heute hier, morgen dort. Stets entging sie dem Zugriff des Sheriffs. Neuerdings überfielen die Mexikaner die weidenden Herden der Viehzüchter, schossen die Cowboys ab und trieben die Herden über die Grenze. Da die Bande stets in großer Übermacht erschien, hatten die bewachenden Cowboys nur geringe Chancen. Zwar machten sich starke Possen an die Verfolgung der Bande, konnten sie aber nicht stellen. In den unzugänglichen Schluchten und Verstecken der Bergwildnis waren die Mexikaner immer die Überlegenen. Ungünstig war es auch, daß die meisten Cowboys als Straymen einzeln unterwegs waren, um die weit verstreuten Gruppen und Herdenteile der Rinder zu suchen und zu größeren Herden zusammenzutreiben.

Das Frühjahrs-Round Up stand bevor, und überall trieben die Rancher ihr in freiem Regierungsland weidendes Vieh zusammen. So ein Strayman war oft wochenlang unterwegs und allein auf sich angewiesen. Er musste sich auf seine Waffen und sein schnelles Pferd verlassen.

Bisher war nur ein einziger Bandit dem Sheriff in die Hände gefallen. Der Mexikaner war schwer verwundet. Kurz bevor er starb, gestand er, dass der Anführer der Bande EI Maledito genannt werde. So kam es denn, dass man überall in Arizona einen Steckbrief hängen sah und lesen konnte, dass 5.000 Dollar auf die Ergreifung des Bandenchefs El Maledito ausgesetzt waren. Die Personenbeschreibung des Gesuchten war allerdings höchst ungenau.

Der Sheriff tobte. Er konnte mit den paar ihm zur Verfügung stehenden Männern keine großen Aktionen unternehmen. Die Cowboys waren aber nicht abkömmlich. Andererseits beschwerten sich die Farmer immer mehr über die unerträglich werdenden Zustände. So entschloss sich der Sheriff eines Tages, einen ausführlichen Bericht an seine vorgesetzte Dienststelle zu schicken und Hilfe anzufordern.

Ein paar Tage später trabte eine Abteilung der berühmten „Schwarzen Kavallerie“ durch die Hauptstraße von San Antonio und wirbelte den Staub in langen Fahnen auf. Die Reiter wurden sehr bejubelt und stark gefeiert. Am nächsten Tag schon verließen sie den Ort wieder, um den Feind zu suchen. Sie suchten tagelang und wochenlang. Kein einziger Mann von der Bande EI Maleditos geriet ihnen in die Finger.

Der Kommandeur der Kavallerie kam schließlich zu der Feststellung, dass die Banditen es vorgezogen hatten, wieder über die Grenze nach Mexiko zu verschwinden. Zur Sicherung der Round Up-Arbeiten auf den Ranchs ließ er seine Reiter im Distrikt und kämmte das ganze Gebiet mit kleinen Trupps ab.

*

Schon drei Wochen lang saß Don Miguel untätig bei Pedro und wartete darauf, dass der Pass bald geliefert werden würde, den Pedro in Yuma bestellt hatte. Ohne gute Papiere konnte Don Miguel seinen Plan nicht ausführen, und so wappnete er sich denn mit Geduld. Er benutzte die Zeit, sich ein Brandeisen herzustellen und die erbeuteten Banditenpferde mit seinem Brandzeichen zu versehen. Er richtete die Tiere ab und gewöhnte sie ganz an sich.

Wenn Fremde auf den Rancho kamen, ließ sich Don Miguel nicht vor ihnen sehen. Meist saß er dann in Pedros Privatzimmer und lauschte auf die Unterhaltung der Gäste. Auf diese Weise erfuhr er manche Neuigkeiten von diesseits und jenseits der Grenze. So hörte er auch, dass eine große mexikanische Räuberbande den Distrikt von San Antonio unsicher machen sollte. Nicht im Traume dachte Don Miguel dabei an seinen ehemaligen Leutnant Felipe und seine Charros.

Aus allen Wolken fiel Don Miguel aber, als ihm Pedro eines Tages einen Steckbrief vorlegte und vielsagend dabei grinste.

„Das Geld liegt auf der Straße, Miguel“, sagte Pedro dann. „Leicht könnte ich mir diese 5.000 Dollar verdienen... meinst du nicht auch?“

Unwillkürlich fuhr Miguels Hand zum Colt, doch Pedro lachte jetzt aus vollem Halse: „Lies dir den Schmarrn erst man in Ruhe durch, Amigo! Da macht doch einer Geschäfte mit deinem Namen, nicht wahr? Soviel ich weiß, warst du die ganze letzte Zeit bei mir. Also kein Grund zur Aufregung!“

„Caramba!“, schimpfte Don Miguel, als er gelesen hatte. „Das ist eine böse Sache!'

„Was hast du noch mit EI Maledito zu tun, Miguel! Du bist jetzt der Amerikaner John Torry! Lass die Vergangenheit begraben sein!“

„Ja. wenn ich nur die Papiere schon hätte ...''

„Mein Vertrauensmann kann jeden Tag kommen. Paciencia! Geduld!“

Acht Tage später konnte Pedro seinem Freund endlich die gewünschten Papiere vorlegen. Sie waren tadellos, kosteten aber die Kleinigkeit von 2.000 Dollar. Don Miguel zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Mit dem Geld ging Pedro in den Schankraum, wo er mit seinem Vertrauensmann abrechnete. Als der Mann den Rancho verlassen hatte, kehrte Pedro zu seinem Freund zurück.

„So. Miguel... nun ist alles in Ordnung, Der Mann weiß nicht, wer die Papiere erhalten hat, und so brauchst du von dieser Seite aus nichts zu befürchten. Übrigens erzählte mir der Kerl eine Neuigkeit: In Mexiko ist die Revolution wieder aufgeflackert. Ein gewisser Escobar hat...“

„General Escobar? Den kenne ich gut. Was Ist mit ihm?"

„Er zieht an der Spitze einer Rebellen-Armee gegen die Regierungstruppen.“

„Ay caramba! Und ich sitze hier!“, schimpfte Don Miguel.

„Wie mir der Mann aber sagte, soll Escobar wenig Aussicht haben, den Sieg zu erringen. Der General Calles soll den Rebellen mit einer starken Übermacht entgegentreten. Ich würde an deiner Stelle abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Du kannst dann immer noch nach Mexiko zurückgehen.“

„Ich muss mir das noch sehr überlegen“, brummte Don Miguel und dachte an ein Mädchen mit blondem Haar und blauen Augen.

*

Auf der C-Ranch waren die Round Up-Arbeiten in vollem Gang. Sie fanden an einem Wasserloch in der Nähe der Ranch statt.

In einem großen Corral waren die Herden zusammengetrieben worden. Nun wurden alle Tiere, die ein fremdes Brandzeichen trugen, ausgesondert. Von jeder Nachbarranch waren einige Reiter erschienen, die sich dieser Tiere annahmen und sie nach Hause trieben. Dabei waren die in freier Wildnis geborenen, umgebrändeten Kälber leicht zu identifizieren, denn sie hielten sich stets bei der Mutterkuh.

Der Rancher Cunning saß auf seinem prächtigen Araber und beobachtete die Arbeiten mit scharfen Augen.

Cunning war ein stämmiger Fünfziger. Das blonde, kurzgeschnittene Haar war nur an den Schläfen etwas ergraut. Das scharfzügige Wikingergesicht war von Wind und Wetter gegerbt. Im Schatten des breitrandigen Sombreros leuchtete das Weiß der Augen. Gleich seinen Cowboys trug der Rancher ein buntkariertes Reiterhemd. Die Beine waren gegen die Stöße der Rinderhörner mit den ledernen Chapareijos geschützt. An den Füßen trug er die hochhackigen Cowboystiefel, die sich fest in den Steigbügeln verankern konnten.

„Hallo, Slate!“, rief der Rancher einem Reiter zu, der eben vorbeireiten wollte. „Wo bleiben denn die Chuck-Wagen?“

„Müssen jeden Augenblick kommen", erwiderte der Cowboy-Boss und zügelte sein Pferd. „Ihre Tochter wollte selbst mitkommen.“

„Wir brauchen doch das Salz, Slate. Na, ist gut.“

Als Cunning sein Pferd wandte und den Horizont absuchte, sah er die Chuck-Wagen hinter einer Bodenwelle hervorkommen. Vor ihnen her ritt seine Tochter Ellen. Jetzt setzte sie ihren Schimmel in Galopp. Gleich darauf war sie heran und parierte ihr Pferd so scharf, dass es sich hoch aufbäumte.

„Well, Ellen, bist tüchtig. Alles mitgebracht?“

„Sure, Daddy, Salz und alle Geräte, auch Brot. Speck, Bohnen und Kaffee.“

„Okay. Sag mal, wer ist denn das, der da hinter dem Wagen kommt?“

Ellen wandte sich um. In einem Abstand von ungefähr zweihundert Metern folgte den Wagen ein Cowboy, der vier ungesattelte Pferde mit sich führte.

„Nanu?", wunderte sich das Mädchen. „Ich habe ihn wohl gesehen, aber nicht vermutet, dass er hierher kommt. Hielt ihn für einen der Jungs von der Stoke-Ranch.“

„Stoke hat seine Rinder schon abholen lassen. Ellen, sage Slate Bescheid, dass er die Wagen gleich ausladen soll. Als erstes soll er die Salzblöcke verteilen, damit die Herden beisammen bleiben.“

Die Chuck-Wagen waren jetzt herangekommen und fuhren dem Arbeitsplatz zu, der hinter einem Vorhang von Staub nicht mehr zu sehen war. Die vielen Rinderbeine wirbelten den Sand so auf, dass sich hohe Staubwolken erhoben.

Während Ellen sich um die Wagen kümmerte, blieb Cunning auf seinem Platz und blickte scharf nach dem Reiter, der sich langsam näherte.

„Den kenne ich doch. Wo habe ich nur den Boy schon gesehen“, murmelte der Rancher. „Ach ... das ist John Torry, richtig.“

„Hallo, Mister Cunning. nehme Sie heute beim Wort!“, rief der Cowboy, als er heran war. Er streckte die Hand aus.

„Hallo, Mister Torry, freut mich, Sie zu sehen! Wie geht’s? Wo haben Sie so lange gesteckt?“ Cunning schüttelte dem Cowboy derb die Hand.

„Musste erst noch meine Verpflichtungen abwickeln. Aber nun ist alles in Ordnung.“

„Haben Sie denn den jungen Mann in Mexiko gefunden damals, und wie ist er ’rübergekommen?“

Don Miguel musste erst einen Augenblick überlegen, welchen Schwindel er damals dem Rancher aufgetischt hatte. Aber dann war er wieder im Bilde. Er hatte damals erzählt, er müsse den Sohn eines Millionärs, der sich in Mexiko verplempert habe, zurückholen. Es wäre eine Vertrauensmission und sehr gefährlich, denn der Sohn verkehre in Verbrecherkreisen.

„Yeah..., es war nicht so einfach. Aber ich kenne Mexiko gut und konnte ihn loskriegen. Hat mir eine Summe von 5.000 Dollar eingebracht."

„Damit können Sie schon etwas anfangen, mein Junge", sagte Cunning warm. „Well, würde Ihnen gern Gelegenheit geben, sich hochzuarbeiten."

„Danke, Mister Cunning, für die gute Meinung. Ich habe das Geld bei mir. Möchte es Ihnen anvertrauen."

„Well, etwas leichtsinnig, Boy. Für ein paar Tage will ich es Ihnen aufheben, aber dann kommt es zur Bank.“

„Ist es da sicher?", fragte Don Miguel.

Der Rancher lachte laut auf. „Ist noch nicht lange her, dass die Bank geplündert wurde von El Maledito.“

„Deshalb möchte ich es lieber Ihnen geben, Mister Cunning. Vielleicht machen wir das so, dass Sie mir einige gute Pferde und Rinder verkaufen. Da komme ich rasch zu eigenen Herden, wenn es zunächst auch nicht viel sein kann. Die können doch mit Ihren Tieren laufen?“

„Werden uns schon einig werden. Muss jetzt zur Herde. Wo haben Sie denn die Pferde her?“

„Das sind die Banditenpferde, Sie wissen doch."

„Well, erinnere mich. Haben Sie gebrändet, was?“

„Ja. Mein Zeichen, ein verschlungenes JT. Mein Brandeisen habe ich mit und werde alle meine Tiere zeichnen.“

„Okay, kommen Sie, John. Sehen Sie sich mal den Zauber an."

Die Reiter zogen ihre Halstücher vor den Mund, um nicht den Staub schlucken zu müssen, der über dem Corral lag.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902761
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319578
Schlagworte
keine chance maledito western

Autor

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Titel: Keine Chance für El Maledito: Western