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Texas Wolf #10: Treck in den Tod

2016 120 Seiten

Leseprobe

Texas Wolf #10: Treck in den Tod

Horst Weymar Hübner

Published by BEKKERpublishing, 2016.

TEXAS WOLF

Band 10

Treck in den Tod

von Horst Weymar Hübner

––––––––

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Klaus Dill, 2016

Der Roman erschien ursprünglich unter dem Titel „Ihr letzter Trail“ von Ringo Clark

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

*

Der skrupellose Geschäftsmann Nigel Rivers verkauft günstiges Land an entschlossene Siedler. In ihren Augen ist Rivers ein fairer Partner, denn er hat ihnen die Chance auf eine neue Zukunft geboten. Die Siedler wissen jedoch nicht, dass die Landurkunden gar nichts wert sind – denn das Gebiet um die Nogal-Berge gehört den Comanchen. Und die haben etwas dagegen, dass ein Fremder deren Land verkauft.

Der erste Siedlertreck gerät in einen Hinterhalt der Comanchen. Es gibt viele Tote und nur wenige Überlebende. Als Texas-Ranger Tom Cadburn und Old Joe auf die Leichen stoßen, ist bereits ein zweiter Siedlertreck auf dem Weg in die Nogal-Berge. Ebenfalls mit falschen Versprechungen getäuschte Siedler, die nicht wissen, dass dieser Trail in den Untergang führt.

Tom Cadburn, Old Joe und der Timberwolf Sam greifen ein. Aber es bleibt ihnen nur wenig Zeit ...

Treck in den Tod

Sie zogen in ihr neues Land - Indianerland...

Zuerst entdeckten sie die Wagenspuren.

Old Joe spuckte in die ausgeleierten Radfurchen und brummte: „Ich kann bei Gott nicht behaupten, dass mir das gefällt! Hast du etwas von den Wagen gewusst?“

Sein misstrauischer Blick galt Tom Cadburn, der neben ihm sein Pferd angehalten hatte. Tom war bei der Truppe der Texas-Ranger. Zur Aufgabe der Texas-Ranger gehörte, ein Auge darauf zu haben, dass es friedlich im Lande herging. Dass die Indianer in den ihnen zugeteilten Winkeln blieben. Dass die weißen Siedler nicht überall ihre Hütten errichteten und ihre Felder anlegten.

Und dass es zwischen Indianern und Weißen nicht ständig Krach gab.

Dies hier war Comanchenland, wo es am wildesten war. Planwagen hatten hier verdammt nichts verloren.

Tom verstand schon, in welche Richtung die Frage von Old Joe zielte. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Ich weiß nichts von Wagen, und ich will tot vom Pferd fallen, wenn ich lüge!“

„Es könnte schneller geschehen, als dir lieb ist - nämlich, dass du tot vom Pferd fällst“, meinte der Alte düster. „Und ich mit.“ Er zeigte mit dem Daumen über seine Achsel nach Osten, von wo die mächtige Wagenspur heranführte. „Dort irgendwo haben die Comanchen in diesem Jahr ihr Jagdlager. Bestimmt sind sie schon auf dem Weg nach hier.“

Tom teilte seine Besorgnis.

Ein Wagenzug von Weißen, der mitten ins Comanchenland hineinrollte, war eine Unverfrorenheit. Und für die Comanchen eine Herausforderung, die sie bis aufs Blut reizte.

Wer immer ihnen begegnete und eine weiße Haut hatte, er musste es ausbaden.

Tom verspürte keine Neigung, den Kopf für hirnverbrannte Siedler hinzuhalten. Und Old Joe auch nicht, wie es aussah.

Aber sie konnten den Wagenzug auch nicht in sein Unglück rollen lassen. Sie mussten hinterher und ihn umdrehen.

Old Joe kletterte steifbeinig von seinem Maultier und drehte mit der Stiefelspitze einen Dunghaufen um.

„Sind gestern hier durchgekommen“, meinte der Alte absolut sicher und besah sich die breite Fährte genauer. „Kaum Pferde, aber jede Menge Zugochsen.“

Tom machte eine überschlägige Rechnung. So ein Wagenzug machte kaum seine zehn Meilen am Tag. Und weniger, wenn das Gelände schwierig war.

Im Westen, wohin die Wagen verschwunden waren, erhoben sich die Hügel der Nogal-Kette. Da war ein Vorankommen mit Wagen mächtig schwierig.

Mit einiger Berechtigung konnte er annehmen, dass die Wagen noch in den Hügeln steckten.

Jetzt war es Mittag. Bis zum Abend konnten Old Joe und er den Wagenzug eingeholt haben, falls es zu keinen ernsten Zwischenfällen kam.

„Bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Leute herauszuholen“, sagte Tom. „Schwing dich in den Sattel!“

Während er sprach, blickte er nach Osten. Er suchte nach einer fernen Staubwolke, die von einer Indianerhorde aufgewirbelt wurde.

Die Comanchen würden hinter den Wagen herjagen, das war überhaupt keine Frage. Wenn sie sie nicht schon erwischt hatten!

Der Gedanke versetzte Tom in größte Unruhe.

Immerhin waren die Wagen schon gestern hier vorbeigekommen. Nach den tiefen Radfurchen zu urteilen, waren es mindestens dreißig gewesen. Und ein so mächtiger Wagenzug konnte sich niemals unbemerkt durchs Comanchenland bewegen, wo es doch hieß, dass die Comanchen nicht einmal eine Springmaus übersahen.

Old Joe hinkte zu seinem Maultier, das ihn mit erkennbarer Bosheit betrachtete und erkennen ließ, dass es viel lieber eine Rast machen wollte, statt seinen Reiter noch eine Weile durchs Land zu tragen.

„Sind da noch andere Fährten?“, fragte Tom knapp.

Old Joe schwang sein steifes Bein über den Sattel und nahm die Zügel auf. „Ah, du denkst, dass die Comanchen schon hinterher sind?“, sagte er vorsichtig und schüttelte den Kopf. „Hier herum sind keine diesbezüglichen Fährten. Aber das will überhaupt nichts bedeuten.“

Er wusste, wovon er redete.

Gerade wenn man von den Comanchen überhaupt nichts sah, musste man jeden Moment mit ihnen rechnen. Und dann waren sie im allgemeinen auch viel näher, als man in den schlimmsten Befürchtungen annahm.

In solchen Situationen saßen jedem Weißen die Haare mächtig locker.

Old Joe war aber nicht deshalb so alt geworden, weil er sich immer auf sein Glück verlassen und gehofft hatte, es werde schon nichts passieren.

Er setzte sein widerborstiges Maultier in Bewegung und zog seine mächtige Hawkenbüchse aus der Schlaufe am Sattel. Mit diesem Gewehr schoss er gezielt glatt über eine Meile weit, und er behauptete sogar, er hätte damit schon einer vorwitzigen Fliege die Warze von der Nase geschossen.

Griffbereit hielt er die Büchse quer auf den Oberschenkeln.

Tom Cadburn ritt zwischen den Radfurchen auf die Nogal-Kette zu. Ein paar Pferdelängen voraus schnupperte Sam, der Schwarztimber und treue Freund des Rangers, den zahlreichen Fährten nach, die der Wagenzug hinterlassen hatte.

Besonders aufregend roch das alles nicht, und die breiten Dunghaufen, die in der Sonne bereits angetrocknet waren, dufteten auch nicht besser als die Fladen, die von den immer seltener werdenden Büffeln stammten.

Abseits des neu entstandenen Weges ging es viel lustiger zu. Dort erspähte Sam einen Präriehund, der auf dem Erdring über seinem Bau Männchen machte. Der kleine braune Kerl sah ziemlich abgemagert aus, was den Schwarztimber hoffen ließ, die Beute zu erwischen.

Aber natürlich war der Präriehund flinker. Er ließ sich einfach rücklings in seinen Bau hineinfallen. Sam hatte das Nachsehen.

Zwar knurrte er noch aufgebracht in die Erdröhre, aber der Prärierhund tat ihm nicht den Gefallen, herauszukommen und sich totbeißen zu lassen.

Die beiden Reiter näherten sich der Nogal-Kette. Immer häufiger blickte Tom Cadburn in die Runde. Dies war ein ganz und gar gottverlassener Landstrich, das wusste er. Wenn schon keine Menschen, dann hätten wenigstens ein paar Tiere da sein müssen.

Es waren aber keine zu sehen. Das letzte Lebewesen war der dürre Präriehund gewesen, den Sam nicht erwischt hatte. Und das war jetzt schon zwei Stunden her.

Das Land stieg allmählich an, das braunverdorrte Gras wurde noch spärlicher. Wo Toms Hengst und Old Joes Maultierlady auch die Hufe aufsetzten, jedesmal puffte eine Staubwolke hoch, dass ein Hund drin ersticken konnte.

Die Wagenfährte teilte sich plötzlich. Offensichtlich hatten einige Fahrer versucht, einen besseren Übergang über die Nogal-Kette zu finden.

Tom folgte diesen Radfurchen.

Sehr weit waren die Fahrer mit den Wagen nicht gekommen. Ein Geröllfeld hatte sie gezwungen, durch eine Hangmulde zum Hauptteil des Wagenzuges zurückzukehren.

Schräg unter sich sah der Texas-Ranger Old Joe zwischen den Radfurchen heraufkommen. Der Alte hatte keine Eile, gerade, als könnte er riechen, dass sich die Wagen wieder zusammengefunden hatten.

Jetzt hielt er auch noch an und schaute hinter sich.

Tom spähte ebenfalls ins Land hinaus.

Es war leer bis zum Horizont.

Weit draußen tanzte ein Staubteufel in der hitzeflimmernden Luft.

Tom ritt weiter hangaufwärts. Nach zweihundert Längen traf er mit dem Alten zusammen, der noch missmutiger blickte als sein Maultier.

„Sie haben die steilste Passage genommen, die ich im Umkreis von fünf Meilen sehe“, sagte Old Joe unzufrieden. „Was haben die Leute vor? Dort im Westen gibt es nichts - nicht einmal eine Quelle.“

Das gab auch Tom sehr zu denken. Es kam ihm gerade so vor, als seien die Fahrer einfach der Nase nachgegangen. Immer geradeaus. Ohne Sinn und Verstand, mit anderen Worten. Als seien sie ohne Scout auf den Trail gegangen. Und ohne den Schimmer einer blassen Ahnung zu haben, in welche Gegend sie inzwischen geraten waren.

Ein tiefer Einschnitt unterbrach den kahlen scharfen Kamm des ersten Hügels. Die Radfurchen führten dort hinauf.

Tom und Old Joe waren noch ein gutes Stück von diesem Einschnitt entfernt, als Sam plötzlich die Ohren steil aufrichtete. Sein Fell sträubte sich, aus seiner Kehle kam ein scharfes, warnendes Knurren.

Sofort stellte auch Clara die Ohren. Old Joe kannte seine Maultierdame. Sie war nicht zimperlich, und sie machte längst nicht alles nach, was der Schwarztimber ihr vorführte.

Für gewöhnlich ließ sie dann aber gleich wieder ein Ohr hängen. Jetzt allerdings nicht.

Auch der Hengst zeigte ein anderes Verhalten als sonst.

Und dann merkten die beiden Männer, was die Tiere so in Aufregung versetzte. Hier oben wehte ein schwacher heißer Wind durch den Einschnitt. Und der war es.

Tom hielt sofort den Hengst an.

Old Joe packte einen Sekundenbruchteil später seine Büchse und guckte streitlustig wie ein gereizter Grizzlybär.

„Was ist?“, fragte er raunend.

„Rauch.“ Toms Stimme war ganz flach. „Ich rieche Rauch.“

Der heiße Wind brachte den Rauch mit. Aber es war nicht der Rauch von Kochfeuern. Es war alter Brandgeruch.

Und irgendwie war noch etwas dabei, das Tom an Tod und Verderben denken ließ.

Er gab dem Hengst die Zügel frei und trieb ihn zu dem Einschnitt hinauf.

Old Joe folgte mit seiner Maultierlady so dicht auf, dass kein Hut dazwischen passte.

Im Galopp ließen die Männer ihre Reittiere durch den steinigen Einschnitt laufen. Eine furchtbare, eine entsetzliche Ahnung ergriff Besitz von ihnen.

Nach kaum mehr als dreihundert Sprüngen waren sie hindurch.

Tom riss hart an den Zügeln und verharrte in einem Moment furchtbarer Erstarrung.

Old Joe nahm ganz sacht den Hut vom Kopf und sagte krächzend: „Allmächtiger!“

*

Hinter dem Einschnitt tat sich eine weite Senke auf.

Die Reste des Wagenzuges waren bis hinüber zum nächsten Hügel verstreut und rauchten noch.

Die Comanchen waren schneller gewesen.

Ein Ruck ging durch Tom, die Erschütterung fiel von ihm ab. Er ritt langsam hinunter, gefolgt von dem Alten.

Große Brandflecken, geschwärzte Radreifen und andere ausgeglühte Eisenteile markierten die Stellen, wo das Verderben den Treck ereilt hatte. Dazwischen lagen aufgedunsene Pferdekadaver und krepierte Zugochsen.

Und überall lagen Leichen.

Nur die wenigsten waren skalpiert.

Tom ritt mitten über die Stätte des Todes, um sich einen Überblick zu verschaffen. Old Joe schlug einen großen Bogen um die Senke und besah sich die Spuren.

Dort, wo sich die meisten Wagen zusammengedrängt hatten, bedeckte weiße Flugasche wie Schnee den Boden. Aus den Aschenhügeln züngelten da und dort noch Flammen, und sie verströmten eine solche Hitze, dass Tom nicht näher als zwanzig Schritte heran kam.

Hier war niemand mit dem Leben davongekommen. Dieser Wagenzug hatte seinen letzten Trail gemacht.

Am Rand des Todesortes hatten sich Bussarde eingefunden. Das waren die ersten fremden Lebewesen seit Stunden. Argwöhnisch beäugten sie den streunenden Schwarztimber, der den Glutnestern fernblieb und mehr Ausschau nach Tom und dem Alten hielt als nach ihnen.

Es grenzte an ein Wunder, dass noch keine Geier hergefunden hatten. Dafür gab es eigentlich nur eine Erklärung  sie mussten einen anderen Ort des Todes gefunden haben und waren zu satt.

Tom spürte, wie es ihm ein ums andere Mal die Haut zwischen den Schulterblättern zusammenzog. Gerade, als gäbe es auf den Hügelkämmen heimliche Beobachter.

Old Joe musste ganz ähnlich empfinden. Er legte die Büchse nicht aus der Hand, und immer häufiger schaute er über die Achsel hinter sich.

Aber auf den Kämmen ringsum rührte sich nichts.

Die Stille des Todes war fürchterlich.

Die ersten Bussarde strichen ab, als Tom ihnen zu nahe kam. Einige schraubten sich in den Spätnachmittagshimmel hinauf, die anderen suchten sich Plätze am Hang der Hügelkette im Westen.

Old Joe kehrte von seiner Erkundung zurück.

Er schaute Tom nicht an, als er zu sprechen begann, er behielt das Land im Auge: „Die Comanchen haben den Wagenzug nicht verfolgt, sie waren schon hier. Der Treck ist in eine Falle gefahren.“

Wenn der Alte eine solche Feststellung traf, war an der Richtigkeit nicht zu zweifeln.

„Von wo?“, fragte Tom knapp; er meinte die Comanchen.

„Ein Trupp kam von Süden herauf, scheint’s, und der größere aus Norden. Die Kerle wussten genau, wo sie sich treffen mussten.“

„Jagdtrupps?“

Old Joe nahm bedächtig den Hut ab und wischte mit der Hand das Schweißband ab. „Eben nicht, und deshalb bin ich unruhig. Es waren Kriegstrupps.“ Er zeigte mit dem Daumen in die Gegend, in der er gesucht hatte. „Ich habe zerbrochene Waffen gefunden. Wenn Comanchen auf Jagd gehen, sind sie nicht so gut bewaffnet.“

Das ließ nur den Schluss zu, dass die Comanchen sich auf den Wagenzug eingerichtet hatten. Dass sie schon geraume Zeit von ihm Kenntnis hatten. Denn ein Kriegszug wurde nicht einfach über Nacht beschlossen. Das hatte es noch nie gegeben.

Außerdem war jetzt Jagdzeit. Tom hatte die unheilvolle Ahnung, dass eine schlimme Sache vorangegangen war und dass deswegen erst die Comanchen ihre Kriegsponies gesattelt hatten.

Von dieser Erkenntnis wurden aber die weißen Siedler nicht wieder lebendig. Wenn der Wagenzug auch widerrechtlich ins Comanchenland hineingefahren war, gab das den Roten nicht das Recht, ein Blutbad anzurichten.

Jetzt mischte sich die Armee ein, das war kaum noch zu vermeiden. Es würden noch mehr Leute sterben, Menschen mit weißer und roter Haut.

„Wir fangen hier an“, sagte Tom heiser. „Wir gehen schrittweise vor.“

Old Joe verstand nicht. „Was ist hier noch zu tun? Sie sind alle tot. Es ist nicht einer fortgekommen, die Fährte hätte ich gefunden.“

„Wir begraben sie“, bestimmte Tom. „Dort drüben ist ein Trockenbach. Wir schaffen sie hinein und schaufeln die Ränder zu.“

Mehr konnten sie für die Toten nicht mehr tun. Einzelgräber auszuheben hätte vielleicht eine Woche Arbeit bedeutet. Bei der Hitze war das unmöglich. Die Leiber wären teilweise schon aufgetrieben.

„Begraben?“, brummte Old Joe. „Wir sollten zusehen, dass wir hier verschwinden. Denn uns begräbt keiner.“

„Einfach herumliegen lassen können wir sie nicht. Also fangen wir an.“ Damit war es entschieden.

Der Trockenbach war für die traurige Arbeit halbwegs günstig. Es bestand sogar einige Aussicht, dass der nächste Regen über das große Gemeinschaftsgrab hinwegfloss und die Toten nicht herausspülte.

Tom und der Alte arbeiteten bis in die Nacht hinein.

Als sie abseits der Stätte des Todes ihr Nachtlager machten, hatten sie erst die Hälfte der Toten in dem Bach.

Tom hatte sie gezählt. Morgen musste er weiterzählen.

Old Joe kauerte an ihrem kleinen Feuer. Er hatte ein bescheidenes Abendessen hergerichtet. Der Hunger war ihnen vergangen, aber sie aßen dennoch. Sie mussten bei Kräften bleiben.

„Es sind keine Kinder darunter“, sagte Old Joe mit schwerer Stimme. „Aber es sind Siedler.“

„Die Comanchen haben sie mitgenommen. Wie immer.“ Tom stocherte lustlos auf seinem Blechteller herum. „Vielleicht rechnen sie mit einem Lösegeld. Manche Häuptlinge sind damit reich geworden. Oder sie tauschen sie mit anderen Stämmen.“

Das ging Old Joe noch mehr ans Gemüt.

„Wir sollten versuchen, das zu verhindern. Der Vorsprung ist nicht sehr groß. Die Kriegshorde ist nach Norden davon.“

Tom nickte. „Ich habe die Fährte ihrer Ponies gesehen. Hast du die Pferde und Zugochsen gezählt?“

„Kommen mir mächtig wenig vor für einen so großen Wagenzug.“

„Yeah, das ist es. Mit den Tieren wäre der Wagenzug gar nicht von der Stelle gekommen. Wir kümmern uns auch darum, wenn wir hier fertig sind.“

Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Das Holz im Feuer knackte ein paarmal. Funken stiegen steil in den Nachthimmel hinauf und erloschen.

Aus den Hügeln drang das jaulende Heulen eines Coyoten heran. Aus dem Süden antwortete ihm ein Artgenosse.

Das Nachtgetier war unterwegs. Anders als am Tag, wo sich außer den Bussarden nichts gezeigt hatte.

Die Coyoten waren unterwegs nach hier. Andere Tiere würden sich auch bald einfinden.

Sie rochen den Hauch des Todes und wollten ihren Nutzen daraus ziehen. Das Feuer störte sie noch. Und auch der heiße Brandgeruch, der über der Senke lag.

Tom rollte sich mit steifen Fingern eine Zigarette. Er hatte Blasen und Schwielen an den Händen. Mit Sicherheit platzten sie morgen auf, wenn sie den Rest ihrer traurigen Arbeit verrichteten.

„Nachher zünde ich drüben am Bach ein Feuer an“, sagte Tom und lauschte auf die vielfältigen Stimmen der Nacht. „Sie sollen sie nicht haben.“

Der Alte machte eine Handbewegung. „Meine alten Knochen zwacken mich ohnehin, und ich brauche auch wenig Schlaf. Du legst dich hin, die härteste Arbeit bleibt sowieso für dich übrig, ich übernehme die Wache.“

Tom war damit einverstanden. Zuschaufeln musste er morgen. Old Joe war zwar zäh, aber für derart schwere Arbeit nicht mehr geeignet.

Nach einer Weile fragte der Alte brummend: „Wo ist eigentlich der Schwarztimber?“

Tom war auch schon aufgefallen, dass Sam die Coyotenrufe nicht mit seinem unbändig wilden Jagdschrei beantwortet hatte. Sonst war er im Handumdrehen bereit, Streit mit Coyoten anzufangen.

Aber er hatte sich überhaupt nicht bemerkbar gemacht.

Tom pfiff leise nach ihm.

Das einzige Resultat war, dass die Tierstimmen in der weiteren Umgebung für eine Weile verstummten. Der Schwarztimber meldete sich nicht.

Nur Thunder, Toms Hengst, stampfte einmal auf, und dann prustete Old Joes Maultierlady, als sei sie in einen zu tiefen Fluss geraten.

Sam trieb sich irgendwo zwischen den Hügeln herum. Vielleicht hatte er Witterung von einem Comanchenpony in die Nase bekommen.

„Bei Sonnenuntergang habe ich ihn noch bei der Stelle gesehen, wo die meisten Pferde liegen“, sagte Old Joe nachdenklich. „Kommt mir vor, als sei er ziemlich weit weggelaufen.“

Sam ging nicht verloren, das war sicher. Und er kam auch mit einem Puma zurecht, falls einer sich in der Gegend aufhielt.

Aber es war nicht seine Art, einfach in der Nacht zu verschwinden.

Tom wartete noch eine Weile, bevor er sich in seine Schlafrolle wickelte. Sam kam nicht.

Old Joe schleppte einen Teil des Feuers fort und ließ es drüben auf dem hohen Ufer des Trockenbaches weiterbrennen, um das Nachtgetier zu vertreiben.

*

Im Osten nahm der Himmel eine messinghelle Farbe an, und gerade begannen die Sterne zu verblassen, als Tom und Old Joe schon wieder auf den Füßen waren.

Heute war der dritte Tag, die Toten mussten aus der Sonne.

Toms Blasen an den Händen platzten. Er wickelte sich erst einen zerschnittenen Mehlsack aus seinem Proviantpacken um die Hände. Nach zwei Stunden hingen die Fetzen herab.

Er biss die Zähne zusammen und machte weiter.

Die Sonne stand senkrecht, und jeder Gegenstand warf nur einen Schatten unter sich, als Tom und der Alte die letzten Leichen hinüberschafften.

„Es hat keinen Zweck“, bemerkte der Alte mit besorgten Blicken auf Toms blutende Hände. „Du kannst eine Woche lang keine Waffe anpacken, und in diesem Land kannst du schon innerhalb der nächsten halben Stunde gezwungen sein, dich deiner Haut zu wehren. Wir haben nicht mal einen Spaten oder eine Schaufel.“

„Ich hab’s mir aber vorgenommen, sie unter die Erde zu bringen, und ich stoße meine Entschlüsse nicht um.“

Tom hatte aus dem Seitenteil eines vom Feuer halbwegs verschonten Planwagens gestern schon ein Brett gebrochen und damit Sand und Erde auf den hohen Ufern losgestochen und hinabgeworfen.

Es war ein armseliger Behelf.

Aus dem Rest des Mehlsackes machte er sich neue Verbände, und gleich nach der schlimmsten Tageshitze begann er damit, die Toten zuzudecken.

Old Joe half ihm, indem er mit dem Stiefel am gesunden Bein trockene Erde lostrat. Oder indem er Tom für eine Verschnaufpause eine Zigarette rollte oder die Wasserflasche bereit hielt.

Zwischendurch spähte er immer wieder in die Runde und suchte eine Bewegung in der Trostlosigkeit der Hügelwelt. Die Luft waberte, Hitzeseen schimmerten wie flüssiges Blei.

Aber draußen im Land zeigte sich nichts. Sam war am Morgen nicht beim Lager gewesen, er kam auch jetzt nicht zurück.

Der Alte wusste, wie sehr Tom sich um den Schwarztimber sorgte. Aber eher hätte der Ranger sich die Zunge abgebissen, als auch nur ein Wort deswegen gesagt.

Irgend etwas war geschehen.

Oder Sam war auf etwas gestoßen, das ihn festhielt.

Am späten Nachmittag war Tom mit seiner Arbeit fertig. Eine zwei Fuß hohe Schicht Erde deckte die Toten zu.

Er fürchtete, das Rückgrat würde ihm entzwei brechen, wenn er sich bolzgerade aufrichtete. Gebückt schleppte er sich zu ihrer kleinen Feuerstelle hinüber, wo Old Joe heißes Wasser bereitet hatte.

„Du musst die Hände drin baden, sonst fallen sie dir ab“, sagte der Alte roh und warf ein Büschel dürre Kräuter in den dampfenden Topf. Er hatte ein paar kümmerliche Pflanzen gesammelt, deren Heilwirkung ihm bekannt war.

Tom wickelte die Fetzen von den Händen und tauchte vorsichtig einen Finger in den Sud. Erschrocken riss er die Hand zurück.

„Sei nicht zimperlich!“, ermutigte der Alte ihn. „Was dich nicht plagt, taugt auch nichts.“

Tom goss aber doch lieber etwas Wasser aus der Blechflasche hinzu, bevor er sich der Kur unterzog.

Old Joe warf einen Blick.zu den Bussarden hinauf, die hungrig ihre Kreise zogen und sich durch die Anwesenheit von Menschen sehr gestört fühlten. Er nahm sein schweres Abhäutemesser aus dem Packen und machte sich an einem der krepierten Pferde zu schaffen.

Tom achtete nicht besonders auf ihn, er war mit seinen brennenden Händen vollauf beschäftigt.

Als der bedenklich riechende Sud abzukühlen begann, wickelte er kühlende Tücher um die Hände. Der Alte hatte natürlich Recht. In diesem Zustand war er völlig hilflos, falls er eine Waffe halten musste.

Später sah er Old Joe beim Feuer hantieren und irgend etwas zerschneiden und dann in der Pfanne brutzeln. Ein öliger Geruch breitete sich aus.

„Es sind hundertundsieben Tote“, sagte Tom seufzend. „Die Armee wird die Säbel wetzen, und über die Comanchen wird die Hölle hereinbrechen.“

Old Joe hob den Kopf. Sein grauer Dachsbart sträubte sich wie die Stichelhaare seines Maultieres, wenn Clara schlechte Laune hatte.

„Es kommt auf den Wortlaut des Berichtes an, den die Armee erhält“, meinte der Alte dann weise. „Und auf die Gründe, die den Wagenzug ins Comanchenland gebracht haben. Du hast Papiere an dich genommen. Warum?“

„Du hast gute Augen“, lobte Tom. Er hatte in der Tat die Kleidung der Toten durchsucht, aber mehr in der Hoffnung, etwas zu finden, das Aufschluss über ihren Namen gab und über die Gegend, aus der sie aufgebrochen waren.

Der Kleidung nach waren es einfache Siedler gewesen, die sich irgendwo ein Stück Land hatten untertan machen wollen  Siedler aus dem großen Land im Osten, jenseits des Mississippi.

Die Comanchen hatten die Toten gründlich ausgeplündert. Zumindest waren jegliche Wertsachen verschwunden gewesen. Selbst ein wilder Comanche hatte die Nützlichkeit einer Taschenuhr erkannt. Wenn er auch nicht die Zeit ablesen oder wenigstens die Uhr aufziehen konnte, als Tauschartikel war sie nützlich und begehrt.

Tom hatte lediglich ein paar gefaltete und mehr oder weniger stark zerknitterte und beschmutzte Papiere gefunden. Weil sie alle von der gleichen Art waren, hatte er sie eingesteckt.

Bisher war nicht die Zeit gewesen, sie anzusehen.

Tom streifte mit der Hand den Hut vom Kopf. Er hatte die Papiere unter das Schweißband gesteckt.

„Sieh mal nach!“, forderte er den Alten auf.

„Gleich, gleich!“ Old Joe redete so seltsam; er rührte emsig in der Pfanne und schnipste mit seinem Messer dauernd etwas ins Feuer, das eine große Ähnlichkeit mit ausgelassenen Speckwürfeln hatte.

„Was brätst du eigentlich?“, erkundigte sich Tom in einem plötzlichen Anfall von Misstrauen.

Old Joe guckte mindestens so geheimnisvoll wie ein altgedienter Medizinmann. „Dein Schwarztimber hat mir ja meine einzige Holzbüchse mit Bärenfett aufgefressen...“

„Mann, das ist vor einem Jahr passiert!“, knurrte Tom. „Ich will wissen, was du jetzt in der Pfanne zusammenrührst?“

Old Joe ließ sich nicht drängen. „Wo kriegt man heutzutage einen schönen fetten Bären her? Und ausgerechnet noch in Texas? Aber damals in den Bergen war einen Winter lang ein Shoshone bei uns. Wir haben den halbverhungerten Kerl durchgefüttert, und er hat uns eine Menge nützliche Dinge beigebracht. Wenn man also keinen Bären hat, nimmt man ein Pferd, das tut’s auch.“

Er brabbelte geschäftig auch noch anderes Zeug vor sich hin, aber das verstand Tom nicht. Er hatte Pferd verstanden. Auf dem Ohr hörte er.

„Hast du etwa einen von den toten Gäulen zerschnitten?“

„Wenn ich deinen Hengst genommen hätte, wäre es dir bestimmt nicht Recht gewesen“, beschwichtigte der Alte. „Und von Maultieren hat der Shoshone nichts gesagt. Es geht nur mit Pferdefett. Streck die Hände her!“

Auf sonderbare Heilmethoden verstand sich der Alte. Daran war nun einmal nicht zu rütteln.

Tom hielt ihm die Hände hin, aber er trug seinen Unwillen im Gesicht.

Old Joe löste die feuchten Kühlverbände und bestrich die rohen Handflächen mit dem gerade ausgelassenen Pferdefett.

Es roch bedenklich.

Aber Tom spürte nach wenigen Minuten, dass die Spannung nachließ und dass die peinigenden Schmerzen weniger wurden.

Old Joe genoss grinsend die Wirkung seiner Medizin. Den Grad konnte er an Toms Miene ablesen. Geschickt kippte er den Rest des flüssigen Fettes in eine leere Salzdose.

„Ich hoffe, dein verfressener Timber verdirbt sich daran den Magen“, schwatzte er fröhlich und wischte die Pfanne mit einer Handvoll Sand aus.

Das Land war hart und karg, das Leben darin auch. Große Ansprüche durfte man nicht stellen.

Old Joe wischte sich die Hände an der fleckigen Hose ab und fischte mit spitzen Fingern die Papiere unter dem Schweißband aus Toms Hut heraus. Umständlich faltete er sie auseinander und begann sie zu studieren.

Plötzlich fuhr sein Kopf in die Höhe; sein eisgraues Haar sträubte sich erkennbar unter dem Hut.

„Bin ich blind, oder ist das ein blutiger Witz?“

„Wenn es nur ein Witz wäre, würden sich die toten Männer und Frauen mächtig wundern“, sagte Tom düster. „Ich bin auch darüber gestolpert und dachte, es könnte nicht schaden, die Papiere einzustecken.“

Es waren Landurkunden. Und sie beinhalteten das übelste Geschäft, das je ein Mann mit gutgläubigen Menschen gemacht hatte, die auf ein gutes Stück Land hofften.

Ein Kerl namens Nigel Rivers in St. Louis hatte die wertlosen Wische ausgestellt. Mit aufgedonnerten Redewendungen drehte er irgendwelchen Leuten Land für eine Heimstatt und was man mit einem Gespann in drei Tagen umpflügen kann, an. Gegen den gesalzenen Preis von fünfhundert Dollar, und die bar auf die Hand.

Das künftige Siedlerland war beschrieben als einen Tagesritt westlich vom Red River und beginnend ab den Nogal-Bergen.

Dieser Hundesohn hatte den Leuten Indianerland verkauft!

Er musste gewusst haben, dass er sie in den Tod schickte. Das Land um die Nogal-Kette war den Comanchen von der Regierung garantiert, darüber gab es einen Vertrag.

Rivers hatte keinen Finger krumm gemacht, um die Siedler, die er aufs Kreuz gelegt hatte, von ihrem Trail abzuhalten.

Das Land ihrer Träume hatten sie erreicht. Und ein Texas-Ranger hatte sie mitsamt ihren Träumen begraben müssen.

„Allmächtiger!“, sagte Old Joe und faltete die Papiere irgendwie feierlich und ergriffen zusammen.

„Steck sie wieder in den Hut!“, verlangte Tom. „Große Hoffnung habe ich nicht, aber vielleicht gelingt es mir doch, damit die Armee aufzuhalten.“

Der Alte bekam plötzlich den kriegerischen Blick.

„Junge, diesen Rivers soll der Teufel in der Luft zerreißen, das ist mein einziger und heißer Wunsch! Sollen wir nicht nach Saint Louis reiten? Ich war zwanzig Jahre nicht mehr dort.“

Tom verstand den heiligen Zorn des Alten, und er spürte mit einemmal die Gefahr, die Rivers darstellte. Der Hundesohn hatte einen Treck auf den Trail gebracht, er würde es bestimmt wieder probieren.

„Es wäre nichts gewonnen“, sagte er resignierend. „Ich darf nicht auf den Kerl losgehen. Hier ist Texas, und er ist hier bei keinem Gericht bekannt.“

Der Alte zog die Nase hoch. „Nicht dass ich etwas gegen das Gesetz habe, Junge, aber ab und zu ist es lästig. Früher haben wir solche Dinge auf die einzig verlässliche Art geregelt.“ In eindrucksvoller Geste legte er die Hand auf den Revolverkolben. Dann kramte er wieder seine Idee hervor. „Wir sollten trotzdem hinreiten. Du kannst ihn ja verprügeln, oder du haust ihm was auf den Kürbis und bindest ihn auf einen Gaul und bringst ihn nach Texas. Hier wird er gehängt, und es wird bestimmt ein sehr feierliches Ereignis.“

„Menschenraub ist auch gegen das Gesetz.“

„So?“, machte Old Joe eingeschnappt. Er dachte nach. „Dann sollten wir es doch auf meine Art machen. Ich übernehme das Schießen, klar? Du hältst dich heraus. Der Kerl wäre der erste, der eine Kugel aus der Hawken-Büchse überlebt. Ich brenne ihm was auf, und wir verduften aus der Stadt.“

„Vergiss es!“, sagte Tom fast grob. „All die Jahre habe ich mich bemüht, einen anständigen Menschen aus dir zu machen. Und jetzt das!“

„Für Aasgeier wie diesen Rivers braucht man keine Anständigkeit, sondern eine zuverlässige Waffe und eine ruhige Hand. Die habe ich.“

Tom äußerte sich nicht weiter dazu. Jedes Wort in dieser Sache hätte Old Joes Wut und seinen Widerspruchsgeist nur noch mehr angefacht. Der Alte musste sich erst einmal abkühlen. Eher war mit ihm nicht vernünftig zu reden.

Selbst wenn Nigel Rivers ein astreines Stinktier war, konnte man nicht hingehen und ihm eine Kugel vor die Birne knallen. Old Joe sah die Dinge etwas zu einfach und bedachte nicht die Folgen für Tom.

Die Zeiten, wo sich jeder sein eigenes Gesetz machte, waren in den besiedelten Gegenden vorbei.

Leider gab es noch genug Winkel, wo der alte Zustand anhielt.

Da gehörte auch dazu, dass sich die Comanchen den Treck mit den Siedlern vom Hals geschafft hatten.

Old Joe grub ein Erdloch und stellte die Blechbüchse mit dem Pferdefett zum Abkühlen hinein. Plötzlich warf er schnuppernd den Kopf hoch.

„Der Wind wird stärker, und er dreht.“ Sein Kopf wies nach Westen, wo sich die Hügelkämme hintereinander reihten. „Er bringt Staub aus der Wüste mit. Bald haben wir den schönsten Sandsturm.“

„Dann lass uns zusammenpacken“, entschied Tom.

Der Alte blinzelte gegen die tiefstehende Sonne. „Wir müssten schon die ganze Nacht hindurch reiten, um vor dem Sand wegzukommen. Ich glaube nicht, dass du das aushältst. Hast du nicht Reithandschuhe?“

Tom schaute grimmig. „Die hat mir jemand in El Paso aus dem Gepäck geklaut.“

Old Joe nickte betrübt. „Das kommt davon, dass immer mehr Gesindel ins Land strömt. Den ganzen Abschaum des Ostens scheint es hier anzuspülen. He, schau mal hin, wer da kommt?“

„Wo?“ Tom folgte der Blickrichtung des Alten.

Aus einer Hügelfalte im Norden bewegte sich ein Punkt in die Senke.

Sofort stiegen die Bussarde in größter Beunruhigung auf.

Nach einer Weile wurde der Punkt größer. Er hielt auf das bescheidene Lager zu.

Auf eine Meile erkannten die Männer schließlich den Schwarztimber.

Sam hinkte, aber er ließ sich dadurch nicht sehr aufhalten. Er kam in einer schnurgeraden Linie herbei.

Erst auf kürzeste Distanz sahen Tom und Old Joe, dass der Schwarztimber etwas im Fang trug. Es war selten, dass er eine Beute vorzeigte. Meist schlang er sie gleich hinunter und bettelte dann noch mit treuem Blick am Feuer um eine zusätzliche Ration. Mit Vorliebe dann, wenn Old Joe Speck röstete oder Pfannkuchen backte.

Es musste schon ein außergewöhnliches Tier sein, das er gefangen hatte und vorführen wollte.

Thunder, der Hengst, und die Maultierlady hatten den Schwarztimber auch ausgemacht und begrüßten ihn mit hochgeworfenem Kopf. Der Hengst scharrte noch den Boden.

Aber Sam äugte nur ganz kurz zu den Reittieren hinüber und legte dann seine Beute vor Tom ab. Er streckte sich müde daneben aus und begann, an seiner rechten Vorderpfote herumzulecken.

Die mitgebrachte Beute war kein Tier.

Es handelte sich um einen Fetzen Rinderfell, doppelt so groß wie eine Männerhand.

Sam hatte ihn herausgebissen, gar keine Frage.

„Ich habe vielleicht eine Mannschaft“, seufzte Tom. „Einer brät ein halbes Pferd in der Pfanne, der andere frisst ein Rind auf und bringt einen Fetzen Fell daher.“

Er wollte noch etwas sagen, als er es roch. Der Fellfetzen stank zum Gotterbarmen! Die Haare lösten sich schon aus der Haut.

„Zum Teufel, wo hast du denn das her?“ Tom schaute den Schwarztimber forschend an. „Du bist doch nicht auf ein Rind losgegangen, oder?“

Sam knurrte tief und grollend. Es war aber nicht herauszuhören, ob er Tom eine eindeutige Antwort gab.

„Und wie siehst du überhaupt aus? Zeig mal her!“ Tom streckte die Hand nach der Pfote aus.

Sam roch das Pferdefett und war sofort interessiert.

„Du musst ja nicht gleich überall herumfingern“, sagte Old Joe schnell. „Ich gebe mir alle Mühe, dich fit zu kriegen, und du machst in einer Minute alles zunichte. He, Bursche, her zu mir, ich verstehe mich auch auf verletzte Pfoten!“

Er lockte den Schwarztimber zu sich hinüber und zog ihm einen langen braunen Dorn aus einem Pfotenballen. Die Pfote war geschwollen, aber zum Glück nicht entzündet. Er ließ die kleine Wunde bluten.

Aufmerksam betrachtete der Alte den Dorn.

„Das ist aber seltsam“, sagte er und hielt ihn sich noch dichter vor die Augen. „Der stammt von einem Manzanitastrauch.“

„Was ist daran seltsam?“, fragte Tom dagegen. „Sie wachsen hier.“

Der Alte blickte wie ein gewitzter Fuchs. „Das denkst du. Nicht hier oben. Die nächsten Manzanitas wachsen drüben am Red River. Einen Tagesritt von hier. Vielleicht auch ein paar näher. Aber ich kenne keine einzige Quelle zwischen der Nogal-Kette und dem Fluss.“

Das hieß mit anderen Worten, dass Sam seit gestern bis zum Red River oder in diese Gegend und zurück gelaufen war.

Was Ausdauer und Laufleistung anbetraf, war jeder Wolf einem Pferd überlegen. Ein Pferd konnte immer nur kurze Strecken in scharfem Galopp geritten werden. Die meiste Zeit musste man es traben oder einfach nur gehen lassen.

Sonst war es erledigt.

Darin machten nur die Comanchen eine Ausnahme. Die kitzelten ein todmüdes und völlig verausgabtes Pferd mit dem Messer und trieben es noch fünfzig Meilen weit. Und wenn es dann tot zusammenbrach, aßen sie es auf und liefen selber den Rest der Strecke.

Aber Sam war kein Pferd, und er war auch nicht von einem Comanchen mit dem Messer gekitzelt worden. Er war aus eigenem Antrieb unterwegs gewesen.

Wenn er seinen ausdauernden Wolfstrab gelaufen war, konnte er wahrhaftig seit gestern bis zum Red River und zurück gekommen sein. Sogar mit dem Manzanitadorn in der Pfote.

So einem Wolfstrab war kein Pferd gewachsen. Da ging es nicht um Schnelligkeit, sondern es kam auf die Ausdauer an. Und darin stand Sam den streunenden Büffelwölfen, die die größten Läufer waren, in nichts nach.

Tom zerbrach sich den Kopf darüber, was den Schwarztimber zu dieser Anstrengung bewogen hatte. Klar, der Bursche hatte gesehen, dass er und der Alte hier an diesem traurigen Ort des Todes emsig gearbeitet hatten. Da hatte er sich ebenfalls nützlich machen wollen.

Bloß - was hatte ihn zum Fluss gelockt? Das waren bis dahin um die dreißig Meilen, die kürzeste Strecke genommen.

Und das Wasser hatte der Bursche nicht riechen können.

Sam schien genau zu spüren, dass man sich in Gedanken mit ihm beschäftigte. Er leckte das Blut ab, das aus dem Ballen sickerte. Mit der Schnauze stieß er dann das widerlich stinkende Stück Fell an und schob es Tom bis an den rechten Stiefel.

Dazu stieß der Schwarztimber klagende Laute aus. Er schniefte zwischendurch auch.

Ein Fremder hätte glattweg geglaubt, dass das Tier eine Macke hatte.

Aber Tom und der Alte verstanden sich hervorragend auf den Schwarztimber. Der hielt ihnen eine Ansprache.

Leider verstanden sie den tieferen Sinn nicht.

Tom langte nach dem Hut, in den Old Joe die wertlosen Landurkunden dieses Nigel Rivers zurückgesteckt hatte. Er stülpte ihn auf den Schädel.

„Hast du gesehen, in welche Richtung Sam gestern abgehauen ist?“

Old Joe fuhr mit den fettigen Fingern durch seinen Dachsbart, dass der Staub nur so herausflog. „Nicht gesehen“, meinte er nach einer Weile des gründlichen Nachdenkens. „Aber er wird wahrscheinlich auf der Comanchenfährte losgezogen sein. Die ist so breit wie ein Büffelhintern und auch gar nicht zu übersehen.“

Tom erhob sich ächzend. Das Kreuz tat ihm weh, als wollte ihm das Rückgrat entzwei brechen.

„Wir wollen ohnehin fort, bevor der Sandsturm zu blasen beginnt“, sagte er. „Jetzt ist es noch schön hell. Nehmen wir die Fährte auf.“

Er stieß mit der Stiefelstpitze das stinkende Stück Fell ins Feuer.

Sam blickte mit schwer deutbarem Ausdruck darauf. Vielleicht war er gekränkt, dass seiner Beute, der er eine große Bedeutung beimaß, so geringe Beachtung zuteil wurde.

Als aber Tom einen Teil der Ausrüstung zusammensuchte und in den Packen schnürte und dann den Hengst sattelte, war der Schwarztimber sofort dabei und lief aufgeregt hin und her.

Old Joe goss den Kräutersud über das Feuer. Die Glut verlöschte zischend, eine Dampfwolke stieg hoch und löste sich im heißen Wind sogleich auf.

Der Alte beeilte sich ebenfalls mit dem Zusammenpacken seiner Ausrüstung. Der heiße Wind aus der Wüste nahm an Heftigkeit zu, er brachte schon sehr viel grauen Staub mit, der sich vor die Sonne hängte.

In zwei, drei Stunden sah man die Hand nicht mehr vor Augen.

Fast überstürzt verließen Tom und Old Joe den Ort.

*

Jenseits der Brandflecken, die das Ende des Trails der Siedler markierten, stießen sie auf die breite Fährte der Comanchen.

Sam sauste herum und gab zu erkennen, dass es auch seine Idee war, der Fährte zu folgen. Er stieß die Schnauze immer wieder auf die Trittsiegel der unbeschlagenen Ponyhufe.

Die Comanchen hatten zwischen achtzig und hundert Krieger aufgeboten. Dieser Streitmacht war der Treck nicht gewachsen gewesen.

Tom wusste aus einigen trüben Erfahrungen, dass sich die meisten Siedler auch nicht aufs Kämpfen verstanden. Und dass sie oft genug miserabel bewaffnet in die weiten unbekannten Ebenen von Texas und anderswo vorstießen und als einzigen Schutz ein paar kernige Bibelsprüche mitbrachten.

Die Fährte zeigte ins Nordende der Senke und bog dann scharf nach Osten zu einer Scharte in der ersten Hügelkette um.

Hier wehte der scharfe Wind schon die Fährte zu.

Jenseits der Scharte stieg Tom ab und kroch eine Weile auf der Fährte herum. Er sah nämlich Spuren von Hufeisen.

Die Comanchen hatten einen Teil der Pferde erbeutet und mitgezogen. Wahrscheinlich waren sie als Reittiere besser geeignet als jene, die beim Kampf oder danach umgekommen waren. Dort hinten lagen schwere, grobknochige Gäule, nützlich zum Ziehen von Planwagen und zum Umpflügen des Landes, aber zu unbeholfen, um auf ihnen zu reiten.

Er fand auf der Fährte auch die Abdrücke von Klauen.

Er begriff. Die Comanchen hatten die überlebenden Zugochsen mitgenommen. Ihre Zahl entsprach ungefähr den fehlenden Tieren, die unbedingt nötig gewesen waren, um die Planwagen voran zu bringen.

An den abgearbeiteten Tieren hatten die Roten bestimmt keine Freude. Die waren so zäh, dass sich sogar ein Hund daran die Zähne ausbiss.

Staub und Sand flogen durch die Scharte.

„Er holt uns ein“, mahnte Old Joe. „Die Kette bricht seine Gewalt nicht.“

Er kannte sich mit Sandstürmen aus.

Sie ritten, solange sie noch die Fährte erahnen konnten.

In einem Mesquitegestrüpp krochen sie unter und verbrachten die Nacht. Am Morgen war der Sandsturm vorüber. Der Sand rieselte ihnen aus den Ohren.

Sie verwandten eine halbe Stunde darauf, dem Hengst und Clara die Nüstern auszuwaschen und die tränenden Augen zu säubern. Für jeden gab es eine ordentliche Wasserration zum Anfeuchten der Kehle. Nach Stunden aber meinte Tom noch, er hätte flüssiges Feuer getrunken, so sehr schmerzte ihn der Hals.

Die breite Fährte war natürlich weg. Der Sturm hatte Sand darüber geweht und alle Spuren der Kriegshorde getilgt.

Sam erwies sich als findiger Kopf. Er grub ein paar Dungfladen aus. Weil es hier keine Büffel gab, konnte der Dung nur von den weggeführten Zugochsen stammen.

Old Joe rieb sich die Augen und spähte über das schon wieder in der Hitze flimmernde Land. „Kommt mir gerade so vor, als hätten die Kerle die Richtung zum Fluss genommen.“

Zumindest erklärte das den Manzanitadorn in der Pfote des Schwarztimbers. Er war der Fährte gefolgt. Aber was die Comanchen bewogen hatte, zum Grenzfluss zu ziehen, blieb ein Geheimnis.

„Du denkst, sie sind ins Territorium hinüber?“ Tom bewegte behutsam die Hände. Er hatte Schmerzen, aber wenigstens waren die Finger wieder gelenkig und nicht mehr so stark geschwollen.

„Dort könnten sie sich jedenfalls eine Zeit lang vor der Armee verstecken. Reiten wir hin, sehen wir’s uns an.“ Old Joe machte meist ganz praktische Vorschläge, und dieser war durchführbar. Der Fluss konnte nicht weiter als zehn oder zwölf Meilen entfernt sein.

*

In der Gegend von Salt Flat stießen sie wieder auf die Fährte.

Salt Flat war ein topfebenes Stück Land, noch einsamer als die ganze trostlose Nordostecke von Texas. Salzkrusten bedeckten da und dort den Boden. Es gab kein Gras und keine Büsche und hatte sie wohl auch seit tausend Jahren nicht gegeben.

Die Gegend wurde sogar von den Tieren gemieden, und das wollte schon etwas heißen.

Die Ponies, die schweren Pferde und die Zugochsen waren da und dort durch die Salzkrusten gebrochen. Wenn kein Regenguss die Spuren austilgte, waren sie noch in Jahren zu sehen.

Old Joe guckte herum.

„Die Roten und wir scheinen die einzigen Idioten zu sein, die seit einer Ewigkeit den Weg durch Salt Flat genommen haben“, brummte er. „Ist ein lieblicher Vorgeschmack auf die Hölle.“ Er wischte sich den Schweiß aus den Augen.

Die Hitze war so schlimm wie in einem Backofen. Es wehte kein Lüftchen.

Die Reittiere schwitzten, das Fell war dunkel, und unter dem Lederzeug kam schaumiger Schweiß heraus.

Mitten in der Salzebene stiegen Tom und der Alte ab und führten die Tiere eine Meile weit. Die Hitze des Bodens drang durch die Stiefel. Jeder Schritt war beschwerlich. Aber die Reittiere erholten sich.

Jenseits der trostlosen Ebene stießen sie auf einen Ort, wo die Comanchenhorde gerastet hatte.

Ein Feuer hatte gebrannt, und es war gebraten und gegessen worden. Knochen lagen herum. An denen hatten sich schon die Wildtiere gütlich getan.

Aus einigen Spuren entnahm Tom, dass die Horde wirklich Gefangene mitschleppte.

Sie hielten sich nicht auf, sondern folgten dem Schwarztimber, der sich hier ganz gut auszukennen schien. Jedenfalls hielt er auf eine Biegung des Red River zu, die den etwas makabren Namen Hangman’s delight hatte, Henkers Freude. Dort hatte vor Jahren ein Aufgebot eine üble Banditenbande gestellt und die Burschen ohne viel Federlesens säuberlich an den Bäumen auf dem Ufer aufgeknüpft.

*

Der Red River hatte auch den Beinamen „der grundlose Fluss“.

Ob er wirklich keinen Grund hatte, war fraglich. Tatsache aber war, daß Tom und der Alte im Mittel und Unterlauf nicht eine Furt kannten.

Wer übersetzen wollte, musste schwimmen. Wer Wagen dabei hatte, musste die Wagen schwimmen lassen.

Als Tom und Old Joe unter die Uferbäume ritten, wandten sie schaudernd den Kopf und blickten sich verwundert an. Es stank buchstäblich zum Himmel!

Und zwar nach Aas und Verwesung.

Der Schwarztimber nieste auch aufgebracht, aber er gab sich so geschäftig, dass Tom schnell begriff, dass er hier den Fetzen Rinderfell besorgt hatte.

Wo sich die Bäume zum Fluss hin lichteten, hatten kürzlich viele Feuer gebrannt. Es war auch Holz geschlagen worden. Und auf dem Ufer lagen wenigstens zehn dicke Baumstämme, jeder nicht kürzer als zwanzig Fuß.

Die Bäume waren drüben auf dem Ostufer gefällt worden.

Unten im Schlamm und auf der Böschung hatten sich Wagenräder tief eingedrückt. Dazwischen verliefen die Trampelpfade von Tieren, die schwer hatten ziehen müssen.

Tom und dem Alten ging ein Licht auf.

An dieser Stelle hatte der Wagenzug der Siedler übergesetzt. Die Leute hatten ihre Wagen schwimmfähig gemacht. Von hier aus waren sie ins Comanchenland vorgestoßen.

Genau an diesem Platz hatten die Comanchen eine mehr symbolische Handlung vollzogen.

Sie hatten hüben und drüben die mitgeschleppten Zugochsen und schweren Pferde abgestochen oder erschossen und als eine Art bösen Zauber gegen weitere weiße Siedler liegen lassen.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902716
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318770
Schlagworte
texas wolf treck

Autor

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Titel: Texas Wolf #10: Treck in den Tod