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Fliegen, fliegen über das Land

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Der Roman spielt in der freien Club- und Musik-Szene einer Großstadt.
Raphaela, Raimund und Moses eröffnen einen Musik-Club, den sie Café Nirwana nennen. Raphaela ist nymphoman, Raimund Spontan-Poet und Moses der raffinierte Sohn eines Geschäftsmanns. Ihr Studium lassen die drei links liegen, sie stürzen sich ins Club-Leben mit queren Beziehungen, krummen Geschäften und Musik nach ihrem Geschmack.
Das wilde Leben im Café Nirwana zieht Musiker einer Band an, die, ähnlich wie Kraftwerk vor 40 Jahren, elektronische Popmusik spielen. Zunächst noch ohne Gesang. Raimund erfindet dazu Texte und Ulf der Keyboarder beginnt zu singen. Studioaufnahmen, Auftritte, Welterfolg und Absturz ins Bodenlose...
Die Geschichte ist erfunden, tugendfrei und jugendfrei, aber die Schilderung der Szene ist authentisch. Ein Blick hinter die Kulissen. Der Autor hat in Aachen und in Köln selber Musik-Clubs eröffnet, und in London LPs und CDs mit deutschen Songs produziert, die auf verschiedenen Independent-Labels in London, New York, Frankreich, Deutschland und Tokio veröffentlicht sind.

Leseprobe

FLIEGEN, FLIEGEN ÜBER DAS LAND

Rob Kenius

ROMAN ÜBER MUSIK

––––––––

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und

BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by Author/Foto/illustrator Mareike Bildreflex, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin

Munsonius.

*www.AlfredBekker.de <http://www.AlfredBekker.de/>*

*postmaster@alfredbekker.de <postmaster@alfredbekker.de>*

––––––––

Der Roman spielt in der freien Club- und Musik-Szene einer Großstadt.

Raphaela, Raimund und Moses eröffnen einen Musik-Club, den sie Café Nirwana nennen. Raphaela ist nymphoman, Raimund Spontan-Poet und Moses der raffinierte Sohn eines Geschäftsmanns. Ihr Studium lassen die drei links liegen, sie stürzen sich ins Club-Leben mit queren Beziehungen, krummen Geschäften und Musik nach ihrem Geschmack.

Das wilde Leben im Café Nirwana zieht Musiker einer Band an, die, ähnlich wie Kraftwerk vor 40 Jahren, elektronische Popmusik spielen. Zunächst noch ohne Gesang. Raimund erfindet dazu Texte und Ulf der Keyboarder beginnt zu singen. Studioaufnahmen, Auftritte, Welterfolg und Absturz ins Bodenlose...

Die Geschichte ist erfunden, tugendfrei und jugendfrei, aber die Schilderung der Szene ist authentisch. Ein Blick hinter die Kulissen. Der Autor hat in Aachen und in Köln selber Musik-Clubs eröffnet, und in London LPs und CDs mit deutschen Songs produziert, die auf verschiedenen Independent-Labels in London, New York, Frankreich, Deutschland und Tokio veröffentlicht sind.

Kapitel

01 Der unmögliche Mann

02 Restaurant "Rhodos"

03 Ein versierter Partner

04 Cocktails für durstige Frauen

05 Studenten ohne Studium

06 Ein wenig Psychologie

07 Abendfüllendes Programm

08 Flackerlicht

09 Jeder Tropfen zählt

10 Sound of Underground

11 Freibier für zwei Grüne

12 Atombombensicher

13 Gehirnblüten in Wundertüten

14 Vertretung der Chefin

15 Eine ruhige Nachtschwester

16 Der Vulkan C

17 Eine Weltkultur fällt

18 Appleton's Jamaica Rum

19 Nachdenken oder träumen

20 Die Augen der Mona Lisa

21 Liebe auf dem Sperrmüll

22 Das Haus der offenen Tür

23 Drogen und Sex-Spiele

24 Bullen im Nirwana

25 Künstler und Chaoten

26 Die Elektronik-Maschine

27 Sonne, Mond und Sterne

28 Die kleine Eiszeit

29 Im Blick der Unschuld

30 Rauschen in der Muschel

31 Der Vater eines Taugenichts

32 Probleme mit der Akustik

33 Brotlose Kunst

34 Allein erziehende Familie

35 Verschränkte Möglichkeiten

36 Männliche Hormone

37 Heimwerker am Gerät

38 Zwanzigtausend Einheiten

39 La dolce vita

40 Blitz und Donner

41 Kompromittierendes Material

42 Party Connection

43 Literatur zum Anfassen

44 Fujiyama oder Matterhorn

45 Verstreute Lichter

46 Atmosphärische Lyrics

47 Fast ein Arbeitsessen

48 Deponie der Träume

49 Endlose Rhythmus-Schleife

50 Keine falsche Bewegung

51 Der Teufel winkt

52 Im Pferdesattel

53 Keiner hat einen Plan

54 Ein Quantensprung

55 Wie ein Herzkrampf

56 Kontinent

57 Wissen ist Ohnmacht

58 Farbe und Pinsel

59 Live in Philadelphia

60 Auf der Himmelsleiter

01

Der unmögliche Mann

Raf war ein wenig nymphoman. Nicht, dass man ihr gleich etwas angesehen hätte. Nein, sie sah nicht bleich aus, hatte keinen Schlafzimmerblick, keine Model-Figur, keine Film-Frisur und war auch nicht aufreizend gekleidet. Sie hatte sich behaglich eingepackt in eine blaue Winterjacke und ihr Gesicht strahlte Wärme aus. Als sie aus der Bäckerei kam, hätte jeder sie für eine Tochter des Hauses halten können. Raf sah frisch und appetitlich aus wie ein gut gebackenes Dinkelbrötchen.

Eigentlich hieß sie Raphaela und wurde von Freunden und Verwandten auch oft so genannt. Das klingt vornehm und respektvoll. Sie selber redete sich manchmal in Gedanken auch so an:

Raphaela, sagte sie streng zu sich selbst, du müsstest dich mal wieder um dein Studium kümmern. Sie studierte an der Uni Pädagogik und Romanistik. Aber in letzter Zeit hatte sie ihr Studium beinahe vergessen. Ihr jüngerer Bruder Bernd behauptete frech, sie studiere gar nicht, sie suche an der Uni nur Männer, einen nach dem anderen. Der Bruder war noch Schüler, hatte aber schon mitgekriegt, dass sie sich besser mit männlichen Kommilitonen auskannte als mit Professoren.

Vom Heiraten war Raf weit entfernt. Der Mann, der sie für immer zufrieden stellen könnte, war offenbar noch nicht geboren. Er müsste sportlich und sehr intelligent, noch jung, aber reif und doch ein wenig freakig sein. Er sollte aus der Nähe und, wichtiger noch, aus der Ferne gut aussehen. Er könnte etwas exotisch wirken, aber nicht abgefahren, sondern beinahe normal mit einer starken erotischen Ausstrahlung. Und vielleicht blond. Oder dunkel, das wäre jetzt egal, aber nicht so riesengroß. Sie wollte sich doch nicht wie ein Püppchen auf die Zehenspitzen stellen. Im Liegen war das alles egal, aber ihr Lieblings-Mann sollte auf jeden Fall kein Riese sein, nur etwas größer als sie selbst und vielleicht etwas größer als andere Männer.

Rafs Traum-Mann müsste vor allen Dingen locker reden können und, wichtiger noch, gut zuhören. Auch schweigend zuhören; denn sie redete selber gerne und selten war es Geplapper. Wenn der Aufmerksame ihr dann lange genug gelauscht hätte, dürfte er sie langsam mit beiden Armen an sich ziehen und direkt auf den Mund küssen, völlig ohne Grund. Sie machte das manchmal genau so mit Männern. Sie würde dann eine oder zwei Sekunden lang zufrieden lächeln und gleich wieder los reden.

Es ist ein Glück, dass Raphaela diesen unmöglichen Mann noch nicht gefunden hat, ein Glück für alle anderen; denn sie hatte viele hoffnungsvolle Freunde. Die besuchte sie gerne bei ihren Rundgängen, sie lernte ihre Wohnungen und Häuser kennen und blieb vielleicht ein paar Tage. Bei einigen kam sie auch gelegentlich wieder. Dann war es beinahe so, als sei sie nie fort gewesen.

An diesem Morgen schlenderte Raf durch die Innenstadt, über Seitenstraßen, an den hinteren Eingängen von Straßencafés und kleinen Hotels vorbei, zwischen versteckten Parkplätzen und intimen Frisier-Salons. Dabei schaute sie die Häuser links und rechts der Straße sehr genau an. Fast wie eine Maklerin.

Der Beruf einer Maklerin würde nicht schlecht zu mir passen, dachte sie, ich finde immer unentdeckte Wohnungen, genau wie neue Bekanntschaften. Als Maklerin würde ich auch keinen Ärger mit den Kindern anderer Leute haben. Das kommt aber auf mich zu, wenn ich Pädagogik zu Ende studiere. Darauf läuft ja alles hinaus. Oh Gott, oh Gott!

Sie schob diesen Gedanken an eine Existenz als Lehrerin gleich wieder beiseite und öffnete so den Vorhang für einen überraschenden Seitensprung ihrer Lebensgeschichte. Es zog sie dahin, wo Frauen und Männer sich begegnen: Lokale mit guter Musik, lockere Szene, vogelfreie Wohnungen, große Betten, verwirrende Beziehungen. Und ehe sie sich der Konsequenzen bewusst wurde, war sie auf einmal Inhaberin eines stadtbekannten Musik-Clubs und ein Jahr später schon beinahe eine halbe Witwe.

Doch halt! Heute war sie Maklerin auf der Suche nach einer geräumigen und trotzdem preiswerten Wohnung für eine ganz bestimmte Klientin: Raphaela Krantz. Sie wollte eine Bleibe für sich selber finden, die ihren Vorstellungen von Gastfreundschaft entsprach: groß und gut erreichbar, nicht versteckt, nein, mitten in der Stadt, nicht weit von der Uni und auch nicht weit vom Zentrum entfernt, also ungefähr hier, wo sie jetzt mit Händen in den Taschen ihrer Jacke und selbstbewussten Drehungen entlang spazierte.

02

Restaurant "Rhodos"

Langsam schob Raphaela sich durch die Häuserschlucht und drehte den Kopf in alle Richtungen. Da drüben war doch was, Ecke Brinkgasse, zur Weststraße hin, da stand auf der ersten Etage eine Wohnung leer. Direkt über einem griechischen Restaurant.

Raf überquerte die Straße und ging auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein paar mal hin und her. Über dem griechischen Lokal hatte sie vier große Fenster ohne Gardinen entdeckt, zum Glück auch noch ohne das Schild einer Maklerfirma.

Die Wohnung steht wohl deshalb leer, dachte sie, weil nicht jeder über so einer Gaststätte wohnen will. Mir wäre das ziemlich egal, ich gehe doch selten vor zwei Uhr ins Bett und das da ist ein schönes, altes Haus mit Fensterbänken aus Granit und einer rot gestrichenen Fassade.

Entschlossen steuerte sie auf das Restaurant mit dem griechisch stilisierten Schriftzug "Rhodos" zu. Der Eingang befand sich genau auf der Ecke des Gebäudes.

Es roch muffig in dem Lokal. Der geräumige Gastraum fügte sich in Form eines großen "L" um den inneren Teil der Räumlichkeiten. Rechts war eine lange Theke, gegenüber der Theke eine breite Sitzbank. Links öffnete sich ein fast quadratischer Speiseraum mit zahlreichen Tischen. Das Restaurant war groß, aber noch leer um diese Zeit.

Durch einen Türbogen, der wohl zur Küche und zu den sanitären Einrichtungen führte, schlurfte ein Mann mit grauen Haaren und einem etwas schläfrigem Blick. Er schien Raf instinktiv nicht für einen Gast zu halten und blickte sie überrascht an.

"Hallo? Was wollen Sie?", fragte er, ohne näher an sie heran zu treten.

"Ja, guten Tag. Sagen sie mal, wem gehört die Wohnung über dem Lokal?"

"Warum fragen sie das?"

"Die Wohnung steht leer."

"Das sieht nur so aus", entgegnete der Mann, "sie steht nicht leer."

"Wer wohnt denn da oben?"

"Ich. Ich bin der Wirt", sagte er und kaute ein wenig in seinem Mund herum. Es schien, als wollte er sich noch genauer ausdrücken und wüsste nicht, wie er anfangen sollte. "Ich bin gerade dabei, auszuziehen."

Raf witterte eine Chance, die Wohnung zu bekommen, und fragte ihn weiter aus: Die Wohnung oben gehörte zum Restaurant. Der Wirt war so gut wie pleite und wollte am liebsten raus aus dem Objekt. Er hatte wohl auch schon eine neue Wohnung, aber man ließ ihn nicht aus dem Vertrag. Dabei zahlte er offenbar keine Miete. Er verdiente im Augenblick aber auch nichts mit dem Lokal. Wie das möglich war, verstand Raf noch nicht. Vermieterin der Wohnung und gleichzeitig des Lokals war eine GmbH namens GEBEGO. Die wollten, dass der Wirt so lange noch in dem Objekt blieb, bis ein neuer Inhaber gefunden wäre. Der oder die sollte dann gleichzeitig die Gasträume und auch die Wohnung auf der ersten Etage übernehmen.

"Die Wohnung kann ich also nur bekommen, wenn ich auch das Restaurant übernehme?" Das fragte Raf, um sicher zu gehen, dass sie richtig verstanden hatte. Als der verschlafene Wirt darauf deutlich mit dem Kopf nickte, ging sie auf ihn zu und reichte dem verdutzten Mann die Hand:

"Ich heiße Raphaela Krantz, ich interessiere mich dafür."

Erst jetzt wurde der Griechenwirt richtig wach! Denn er wollte so schnell wie möglich raus aus diesem Objekt. Irgendwann musste für ihn Schluss sein mit dem Frust. Er wurde vertraulich, führte sie durch die Gasträume und stieg vor ihr die Treppe hoch zur Wohnung. Da stand nur noch ein einzelnes Bett. Der Wirt zeigte ihr auch die Nebenräume: Toiletten, Küche, Keller, ein kleines Lager mit Getränke-Kisten. Und gleich gab er ihr die Telefon-Nummer der Firma GEBEGO, die das Restaurant Rhodos in der Hand hatte.

"Möchten sie etwas trinken?", fragte er dann ein wenig zuversichtlicher.

"Nein danke, nicht heute, ich muss weiter. Ich lass von mir hören."

Als sie wieder draußen auf der Straße stand und einen Blick zurück warf, sah das Lokal schon ein wenig freundlicher aus. Reklameschilder blinkten schwarz und golden an der Hauswand und oben in der Wohnung hatte Raphaela selbst eins der großen Fenster zum Lüften geöffnet.

03

Ein versierter Partner

Und Raf dachte nach. Dabei ging sie im Kopf eine Liste von Freunden, Bekannten und Liebhabern durch, ohne zwischen diesen Kategorien einen klaren Unterschied zu machen. Sie könnte das Lokal nicht alleine übernehmen, das wusste sie, aber mit einem oder zwei Partnern...

Als erstes kam ihr Markus Mühlhaus in den Sinn. Ein Super-Typ! Doch halt! Der Markus ist sich zu schade für so etwas, der will doch nichts mit einer Kneipe zu tun haben! Wie wäre es denn mit Raimund? Hatte Raimund ihr nicht einmal erzählt, dass seine Mutter eine Gastwirtschaft besaß? Raimund Langhard wäre bestimmt nicht abgeneigt. Er war doch praktisch veranlagt und wie Raphaela in dieser Stadt aufgewachsen. Und Raimund hatte einen Motorroller mit einem echten Pferdesattel drauf als Sitz. Das sah im Sommer sehr wild aus, wenn sie oder eine andere Begleiterin hinter ihm auf dem Pferdesattel saß. Aber das hatte alles nichts damit zu tun. Raimund wäre der richtige Mann, so eine Sache anzupacken.

Sie fingerte an ihrem Handy.

"Aber hallo", meldete sich Raimund.

"Ach Rai, ich bin's."

"Hei Raf, so früh auf den Beinen?"

"Immer unterwegs. Bist du zu Hause?"

"Klaro, ich komm gerade aus der Dusche."

"Ich bin ganz in deiner Nähe."

"Willste mich abtrocknen kommen, Raphaela?", fragte er frech. Sie schaltete das Handy einfach aus. Was sollte sie auf so eine dumme Frage auch antworten?

Bis zu dem schäbigen Haus, in dem Raimund wohnte, ging sie knapp zehn Minuten. Als sie dann in der Tür stand, begrüßten die beiden sich mit Freundschaftskuss. Seine dunkelblonden Haare waren noch feucht, die Haut im Gesicht vom Duschen gerötet und das blaue Safari-Hemd hatte Raimund noch nicht ganz zugeknöpft.

Raphaela schnupperte aufmerksam in der Luft herum und zog ihre blaue Jacke aus. Ihr kompliziertes Anforderungsprofil an das männliche Geschlecht hatte sie augenblicklich vergessen. Sie roch die Frische seiner Haut, küsste ihn noch einmal und öffnete dabei gleich das Gehege ihrer weißen Zähne. Dann kickte sie die Schuhe weg und löste mit beiden Händen ihre silberne Halskette.

Raimund ließ seine frisch geduschten Hände vorsichtig über ihre feine Bluse gleiten und tastete nach Knöpfen und Verschlüssen. Raphaela leistete keinen Widerstand, sie ließ sich von Raimund den Metallknopf an ihrer Jeans öffnen und zog selber den messingfarbenen Reißverschluss.

Dann hängte sie ihre Sachen ganz ordentlich über einen Stuhl und huschte ins Bett. Unter den Decken war es noch warm. Mit einem schiefen Lächeln konnte Raimund alles, was er zu ihrer Begrüßung angezogen hatte, wieder ausziehen. Dann schob er sich raumsparend neben sie und bewunderte respektvoll ihren mit Spitzen besetzten Büstenhalter, passend zum Slip in der Farbe von rotem Bordeaux. Diese reizvollen Textilien wurden mit Geplapper und Geschmuse und vorsichtigen Berührungen erst sanft gelockert, dann verschoben und allmählich abgestreift. Raimund begrüßte ihre Brüste mit den Lippen. Und nachdem Raf sich von Kopf bis Fuß warm gekuschelt hatte, sagte sie:

"Buh, Rai, was ist es draußen ungemütlich, aber du hast schöne warme Hände." Er wusste genau, was er mit seinen Händen zu tun hatte. Raf war in der Liebe anspruchsvoll und mochte keine Männer, die sich wie Elefanten benahmen und sich gleich mit vollem Körpergewicht auf sie drauf warfen. Sie verlangte Respekt von den Männern. Aber wenn es dann weiter ging, war sie kaum noch zu bremsen, gab keine Ruhe, bis sie nicht zwei mal gekommen war. Wer das nicht bringen wollte oder konnte, den ließ sie von da an einfach abblitzen.

Raimund war an diesem grauen November-Morgen gut aufgelegt, er hatte ein selbstgemachtes Müsli gefrühstückt und war auch schon erfahren im Umgang mit Raphaela. Ihr überraschender Besuch hatte ihm Laune gemacht. Und ehe er sich in ihre unerschöpfliche Gefühlswelt hinein gleiten ließ, neckte er sie mit einem seiner falschen Sprüche:

Wenn ich dir's heute kann besorgen,

dann verschieb es nicht auf morgen!

"Ja, nein", lächelte Raphaela zufrieden und ließ ihn kommen.

Raimund war nicht immer so umgänglich wie an diesem Morgen. Er konnte ganz schön versponnen sein. Dann lag er stundenlang auf dem Rücken und grübelte über die Schlechtigkeit in der Welt nach. Oder er saß am Schreibtisch und philosophierte mit Arthur Schopenhauer über die Unbelehrbarkeit der Professoren und der Frauen. Davon war Raphaela natürlich ausgenommen.

Tage lang trickste Rai auch an seinen Computern herum. Er hatte mehrere Internetseiten und Blogs am Laufen, programmierte Rhythmen auf seinem Mac und dachte sich verrückte Reime aus, die für ihn einen tieferen Sinn ergaben.

Dass er eigentlich Biologie studierte, hatte er gegenüber Raphaela eigentlich nie erwähnt. Sein Studium spielte zur Zeit keine entscheidende Rolle, ist auch nicht wichtig für die ganze Geschichte, die sich dann im Hause Rhodos und in der darüber liegenden Wohnung an der Weststraße abspielte.

Jetzt befand sich in diesen Räumen noch ein griechisches Restaurant, der Inhaber war ein frustrierter alter Wirt, der auf die Lösung seines Vertrages mit der dubiosen Firma GEBEGO wartete.

04

Cocktails für durstige Frauen

"Hast du endlich eine Wohnung gefunden?", fragte Raimund, als Raphaela einigermaßen befriedigt neben ihm unter der wuscheligen Bettdecke lag.

"Ich finde es bei dir hier sehr gemütlich", lächelte sie. Dabei schaute sie ihn von der Seite an und spekulierte, wie er reagieren würde.

"Du kannst ruhig ein Weilchen hier bleiben, wenn du willst", sagte Rai und schaute ihr in die Augen ohne mit einer Wimper zu zucken. Das Spielchen hatte er durchschaut und sie küsste ihn wegen der freundlichen Antwort auf die Wange. Dann redete sie auch schon weiter, fast noch mit den Lippen an seinem Gesicht.

"Rai, ich hab eben eine tolle leerstehende Wohnung entdeckt! Aber die Wohnung gehört zu einem griechischen Lokal. Wenn du mit mir da eine Kneipe oder so etwas aufmachst, dann kriege ich oben die ganze Wohnung."

"Mal langsam. Was ist denn das für ein Lokal?"

"Der Laden heißt Rhodos. Ein ziemlich großes Restaurant und es liegt an der Ecke Weststraße zur Brinkgasse, neben der Bäckerei."

"Ach so, ich kenne die Gegend. Das wär doch 'ne gute Lage für'n Studentenlokal. Man könnte daraus 'nen Musik-Club machen oder so was!“

Raf sagte ausnahmsweise gar nichts und ließ ihn nachdenken. Raimund war einer von den Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt selber verdienen mussten und die Zeiten für Studenten-Jobs waren schlecht. Eine Kneipe oder ein Abend-Lokal zu übernehmen, das würde ihn schon reizen und er glaubte, auch ein wenig Ahnung von dem Geschäft zu haben. Doch Vorsicht war geboten! Viele Cafés, Musik-Clubs und Kneipen gehen schnell wieder Pleite und zwar aus Gründen, die vom Inhaber gar nicht beeinflussbar sind. Die Mieten sind zu hoch, die Lage zu schlecht, die Konkurrenz zu groß. Die Lokale werden trotzdem immer weiter vermietet und neu eröffnet und die Inhaber, die sich mit zehn- oder zwanzigtausend Euro selbständig gemacht haben, verlieren ihr Geld und kommen mit Schulden wieder raus. Raimund dachte an all die Fallen und Fußangeln in diesem Geschäft und fragte:

"Warum ist dieses Restaurant Rhodos, mit seinen großen Räumen und der schönen Wohnung, denn wieder zu vermieten?"

"Kann ich dir nicht sagen, Rai. Ich hab davon keine Ahnung. Das Lokal sieht von außen gut aus, aber es riecht muffig. Und der Kerl, der da drinnen wirtschaftet, der ist auch muffig. Das Objekt gehört zu einer Gesellschaft , also einer Art Brauereibetrieb... warte mal..."

Raphaela hüpfte, so wie sie war, aus dem Bett und nahm aus ihrer Jackentasche ein Gummiband, mit dem sie ihre rötlich-blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenzog, und dann suchte sie in ihren Sachen nach der Adresse.

Raimund betrachtete sie von unten bis oben, wie sie mit dem Zettelchen in der Hand zum Bett zurück kam. Er schaute auf ihre wohlgeformten Beine und seine Blicke glitten weiter hoch auf das verlockende Dreieck mit den munter gekräuselten Härchen. Die hatten fast die gleiche rötliche Farbe wie ihr prächtiger Haarschopf.

Die Raf ist wirklich von Kopf bis Fuß eine gute Partie, dachte er. Sie reichte ihm das Papierchen mit der Adresse und huschte wieder unter die Bettdecke.

Brauerei Becker, stand da, Oswald Becker,

GEBEGO, Gesellschaft zur Bewirtschaftung gastronomischer Objekte... Und dann folgte die Telefon-Nr.

"Aha", murmelte Raimund, "die Brauerei Becker steckt dahinter. Nicht gerade ein Premium-Bier, aber egal. Wir müssten für so ein Projekt auf jeden Fall noch ein oder zwei Leute dabei haben, die mit uns im Team arbeiten." Raimund wurde geschäftlich. "Sonst wird es für uns zu stressig. Aber mit dir und ein oder zwei anderen Leuten hätte ich vielleicht Lust. Ich brauch momentan 'nen Job, der richtig was einbringt. Zum Glück weiß ich, wie das mit so 'nem gastronomischen Betrieb läuft. Meine Mutter hatte ein Restaurant. Ich bin da drin aufgewachsen, hab quasi das Bier mit der Muttermilch eingesogen."

Das wusste Raphaela bereits. Darum hatte sie sich ihn ja für diesen Plan ausgesucht. Und er machte auch gleich ein paar konstruktive Vorschläge:

"Wir machen, wenn wir das Objekt bekommen, aus dem Lokal 'nen Musik-Club. Nur abends geöffnet und ständig Musik mit gutem Sound, kräftige Anlage, aber kein Essen. Essen ist viel Arbeit und es gibt Konkurrenz aus Asien. Wir machen höchstens belegte Brötchen oder Baguette und Schmalz-Schnitten, sowas, das reicht, aber scharfe Cocktails für durstige Frauen!"

"Und 'ne attraktive Wirtin hinter der Theke", ergänzte Raphaela.

Er kitzelt mit der Hand ein wenig an diesen rötlich gekräuselten Härchen herum. Raf sah das als Bestätigung an und genoss das leichte Prickeln, das die Berührung seiner Fingerspitzen auslöste.

"Mit mir kannst du rechnen, Raimund, das weißt du doch." Sie schob noch einmal ihr Knie unter sein Bein und ließ ihn fühlen, dass sie noch warm und feucht war. Die beiden brauchten nicht lange, bis Raf an diesem ausgesprochen unfreundlichen Novembermorgen zu ihrem zweiten Gefühlsausbruch kam.

Während Raimund noch ein wenig keuchte und dann allmählich wieder gleichmäßig durch atmete, kam Raphaela auf das Thema Rhodos zurück.

"Kennst du den Moses Morgenstern?"

"Natürlich, der Moses, das ist doch dieser blonde Typ aus Frankfurt, mit dem schwarzen Auto, ich seh' den in allen Diskotheken."

"Ja, genau. Den will ich fragen, ob er bei der Sache Rhodos mit macht."

"Hat der nicht Kohle genug?", wunderte sich Raimund, "der läuft doch in Designer-Klamotten herum. Vielleicht hat er es gar nicht nötig, regelmäßig in einer Art Abendlokal zu arbeiten."

"Nein Rai, der Moses ist aktionsgeil. Ich weiß das. Und er hat ein Auto. Das kann nicht schaden. Der versteht auch was von Geschäften. Bis vor kurzem hat er in den Diskotheken mit XTC gedealt, das hätte er auch nicht nötig gehabt, wegen der Kohle."

"Aber Scheiße! Dann haben wir doch direkt die Bullen am Hals!"

Raf lachte ihn aus.

"Rai, wenn wir zwei da 'nen Club oder so was auf machen, dann kommen die Bullen sowieso. Das Polizei-Präsidium ist in der Nähe der Weststraße. Ich werde mich jedenfalls mal um den Moses kümmern." Und sie dachte sich, mit Moses hätten wir wenigstens einen Partner, der Geld hat, das kann bei so einem Plan nur von Vorteil sein.

Inzwischen war sie mit ihrem unergründlichen Lächeln um den Mund schon wieder aufgestanden und hatte sehr sorgfältig ihren Spitzenslip, die Netz-Strumpfhose und den BH in der Farbe von dunkelrotem Bordeaux angezogen. Es war für Raimund bei diesem Anblick nicht schwer, zu erraten, was Raphaela anstellen würde, um auch Moses Morgenstern für ihren Plan zu gewinnen.

"So bald wie möglich", hatte der griechische Wirt im Restaurant Rhodos gesagt. Und Raf hielt sich an diese Vorgabe.

05

Studenten ohne Studium

Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegte Raphaela sich durch die Innenstadt. Meistens ging sie zu Fuß, längere Strecken fuhr sie mit der Straßenbahn. Sie kannte jede Gasse und jeden Winkel in der Altstadt. Kein Wunder; denn sie war hier aufgewachsen und zur Schule gegangen und jetzt studierte sie am gleichen Ort Pädagogik. Jedenfalls offiziell, inoffiziell war sie ständig unterwegs. Sie besuchte Freunde und Freundinnen, Liebhaber und Verehrer. Zum Lernen und Studieren blieb nicht viel Zeit.

Mit einem Lehrbuch in der Hand hätte man sie nur selten sehen können. In ihrer geräumigen Handtasche befand sich nicht einmal ein Vorlesungsverzeichnis. Was die Wissenschaft, das Studium und die Seminare anging, war Raf eine jungfräuliche Novizin. Doch ihre Kenntnisse der Gefühle und Sehnsüchte junger, aufstrebender Männer waren nahezu unberenzt.

Ihr Gewissen beruhigte Raf damit, dass sie die aktuellen Leistungen von Professoren und Dozenten in der Pädagogik als gering einstufte. Das war eine Überzeugung, die sie sich zurechtgebogen hatte. Ihr Standpunkt wurde durch die schlechten Ergebnisse des verworrenen Erziehungssystems bestätigt. Dafür waren aber nicht, wie sie meinte, die Professoren verantwortlich, sondern die veralteten Inhalte des Lehrplans: Da gibt es viel traditionellen Ballast und riesige Lücken bei brauchbaren Wissenschaften. Das alles lief aber für Raphaela auf das Gleiche hinaus: Sie hatte nicht besonders viel Lust zum Studieren.

Wenn das mit dem Musik-Club klappen sollte, hätte sie erstens eine Wohnung und zweitens einen coolen Job und dann wäre das Studium nachher die leichtere Übung oder vielleicht ganz überflüssig, dachte sie. Sie entwickelte also mit viel Phantasie diesen komplizierten Plan zur Wohnungs-Beschaffung mit Übernahme der dazu gehörigen Gastronomie.

Um den Moses Morgenstern, einen agilen BWL-Studenten aus Frankfurt, zu bewegen, dass er, ausgerechnet mit ihr und dem wilden Raimund mit dem Pferdesattel, ein Lokal im Studentenviertel aufmachen sollte, dafür hatte Raphaela sich in den folgenden Tagen etwas Besonderes ausgedacht. Und sie war jetzt dabei, diesen Schritt vorzubereiten.

Moses gehörte von Haus aus zu einer anderen Gesellschaftsschicht: die Welt der Großverdiener. Der Vater war Finanzmakler oder Spekulant oder so etwas. Genaueres wusste Raphaela nicht. Er überwies seinem intelligenten Filius monatlich einen satten Freibetrag aufs Konto. Das reichte für Essen, Miete, Auto und Hochschul-Gebühren, natürlich auch für Lehrbücher und gepflegte Kleidung, Sakkos, Designer-Jeans, alles was ein BWL-Student aus reichem Hause braucht. Da fehlte nur noch ein großzügig bemessenes Taschengeld. Und Moses Morgenstern wollte sich das Kleingeld gerne selber hinzu verdienen.

Denn anstatt einfach den braven Sohn zu spielen, der fleißig studiert und sich nicht amüsiert, anstatt frühmorgens in Vorlesungen zu sitzen und ausschließlich die gewünschte Karriere anzustreben, statt dessen hatte er schon eine Zeit lang mit XTC gedealt, wie Raf es nannte. Das tat er hauptsächlich, weil er sich gerne jeden Abend in Diskotheken und Clubs zeigte. Und dabei Mädchen freihalten, Frauen aufreißen und ein wenig den Playboy spielen.

Doch halt! Moses war kein stumpfer Playboy, sondern ein sympathischer Allround-Bursche, ein Junge aus dem wirklichen Leben. Er war auch kein Snob oder Angeber, nur auf ganz natürliche Weise wohlhabend. Da kann keiner was dafür. Armut schändet nicht, sagt man, ein wenig Reichtum schadet aber auch nicht.

Moses war daran gewöhnt, Geld zu bekommen und schnell wieder auszugeben. An Frauen wie Raphaela kam er trotzdem nicht so leicht heran. Da fehlte ihm noch etwas. War es Anziehungskraft oder Persönlichkeit? Wer weiß das schon?

Raphaela wusste es vielleicht, konnte es aber nicht in Worte fassen. Und Moses wusste auch, dass ihm etwas fehlte. Ein wenig Erfahrung in der rauen Wirklichkeit der Szene würde ihm gut tun. So eine Sache wie der geplante Musik-Club wäre doch für ihn eine Gelegenheit, sich zu profilieren. So dachte Raf, die Männer gut einschätzen konnte.

Raphaela war bislang nur ein einziges mal, nach einem Bummel durch sämtliche Diskotheken, mit Moses in dessen komfortabler Wohnung gelandet. Sie hatte die Gelegenheit genutzt, sich genauer umzuschauen und sein wohltemperiertes Wasserbett auszuprobieren. Das hatte ihr nicht schlecht gefallen und sie verabschiedete sich freundlich mit einem Kuss. Es sah beinahe so aus, als würde sie wiederkommen. Seitdem wusste sie auch ganz sicher, dass Moses gerne noch öfters und etwas intensiver mit ihr zusammen sein würde.

Jetzt kam diese Gelegenheit. Sie hatte bezüglich Moses einen Plan und am Vorabend schon mit ihrer Freundin Chrissy telefoniert.

06

Ein wenig Psychologie

Christine Rheinbach, genannt Chrissy war Raphaelas beste Freundin. Über sie ließe sich leicht ein ganzer Roman erzählen. Hier sei erst einmal nur Folgendes erwähnt: Dass Chrissy mit einem etwas älteren noch verheirateten Mann eine Wohnung teilte. Dieses Liebes-Nest lag versteckt, ganz in der Nähe einer uralten Kirche in der Rosenstraße. Aber da wuchsen keine Rosen. Es handelte sich um eine steinige Gasse, durch die kaum ein Auto fahren konnte. In mehreren winzigen Zimmern in einem sehr verschlossenen Steinbau hielt Chrissy sich mit ihrem undurchsichtigen Liebhaber verborgen und kein Fremder durfte diese tiefrote Grotte betreten, außer Freundin Raphaela.

Chrissy war, der Situation angemessen, sehr schweigsam. Sie machte gerne unvollständige Sätze mit versteckten Andeutungen und schien auf den ersten Blick ziemlich kühl. Ihr Gesichtsausdruck wirkte, wenn man ihr nicht direkt in die Augen sah, fast unnahbar. Doch wehe, wenn sie ihre grau-grünen Blicke in die Augen eines Mannes versenkte!

Und weil ihr fester Macker ganz offensichtlich polygam war, machte sie sich kein Gewissen daraus, ihn ebenfalls mit anderen Männern zu betrügen. Das wäre ja noch schöner! Es war ja gar kein Betrug. Und wenn der dann auf Messe fuhr, wenn er seine Frau und die Geliebte in gleicher Weise hinterging, dann saß Chrissy nicht allein zu Haus. Nein, sie ging gerne mit Raphaela auf Tour und die beiden Freundinnen waren schnell bei der Sache.

Dieses Interesse an lockeren Partnerschaften war das Gemeinsame, das die beiden, sonst sehr unterschiedlichen Frauen auf ihren Erkundigungsgängen durch die Stadt zusammen hielt. Sie verstanden sich blendend, wenn es darum ging, mit Männern zu spielen, sie auszutauschen, zu vergleichen und sich anschließend darüber tot zu lachen. Inzwischen hatten sie auf diesem Gebiet einen reichhaltigen Erfahrungsschatz gesammelt, um auf der Basis solcher Erkenntnisse ihre Spielchen gekonnt zu verfeinern, ohne dabei ihren guten Ruf aufs Spiel zu setzen.

Es kam dieser Kumpanei sehr entgegen, dass wenigstens Chrissy verschwiegen war. Und sie war in der Lage, einen äußerst seriösen Eindruck zu machen. Wenn sie in der Öffentlichkeit auftrat, dann sprach sie gepflegtes Sekretärinnen-Deutsch mit dem Tonfall einer diskreten Steuerberaterin. Sachlich, sarkastisch, hinterhältig, aber nie wurde sie nervend oder vulgär.

In der aktuellen Phase von Raphaelas Plan, mit dem sie den Moses als dritten Partner für ihren Club gewinnen wollte, war zunächst ein Besuch in dem verschwiegenen Haus in der Rosenstraße angesagt. Chrissy spielte in Rafs Plan eine tragende Rolle. Und zwar im Bett.

Aber hallo, Chrissy im Bett? In welchem Bett? Mit wem? Wir wollen das genauer wissen!

Es ist natürlich nicht Raimund, der ist schon verplant. Und Moses auch nicht. Den hatte Raf sich jetzt selber vorgenommen. Nein, der Glückliche und von Raphaela Auserwählte ist? Chrissy kennt ihn bis jetzt noch gar nicht.

Moses stammt, wie schon erwähnt, aus der Finanzmetropole FfM und hängt sein Fähnchen gerne ein wenig nach dem Wind, wie es auch die Investment-Banker tun, wenn sie sich auf jeden Trend setzen. Das hatte er wohl von seinem Vater gelernt. Raphaela wusste außerdem Folgendes: Wenn Moses sich, je nach Windrichtung, einmal für ein Vorhaben entschieden hatte, dann zog er die Sache konsequent und energisch durch. Sie hatte das am eigenen Leibe schon erlebt bei jenem Zug durch die Diskotheken mit anschließender Landung im Wasserbett. Moses wäre also, wenn er in den Plan für die Übernahme des Restaurants Rhodos einwilligte, für sie ein ergiebiger Partner.

Aber genau wie sein Namensgeber, der Prophet im alten Testament, wusste Moses nicht immer, woher der Wind weht. Er schwankte hin und her und machte sich dabei abhängig von Zufällen. Dann konnte man&frau nicht sicher sein, ob er stets die richtigen Entscheidungen traf.

Diese Schwäche kannte Moses auch selbst. Er bewunderte Leute wie Raf und Raimund: Die sahen genauer als er, wo es lang ging. Die kamen von unten, vielleicht wussten sie deshalb besser, wo oben ist. Moses sah in solchen Leuten Trendsetter und er hielt sich selbst dabei für einen findigen Trend-Scout, der den Pionieren gerne ein Stück durch den Dschungel der Libido folgte.

Moses war dabei durch und durch ein ehrlicher Bursche, vor allen Dingen sich selbst gegenüber und bei Weitem nicht so abgeleckt und eingebildet, wie er es hätte sein können, bei seinem finanziellen Background.

07

Abendfüllendes Programm

Raf brauchte jetzt ihre Freundin Chrissy; denn der nächste Schritt in ihrem Plan war folgender: Sie wollte Moses besuchen, unter dem Vorwand, dass sie ein paar Pillen von ihm kaufen würde, und wollte ihn dann, wie vorher schon Raimund, auf ihre Art von dem Projekt Rhodos überzeugen. Aber Moses lebte nicht allein, sondern in einer Art Wohngemeinschaft mit einem anderen Studenten namens Ulf Birnbaum. Ob sie Freunde waren oder nur Wohnungs-Genossen, ließ sich von außen schwer beurteilen.

Dieser Ulf Birnbaum war kein normaler Student, sondern ein exzentrischer Informatiker, der aber hauptsächlich elektronische Musik programmierte. Genauer gesagt, er machte alles, was man mit einem guten Computer und einen Sequenzer-Programm anstellen kann, und das ist eine ganze Menge.

Du kannst Rhythmen damit programmieren, auch in ungeraden Taktarten, oder deine natürlichen Beats durch das Tippen mit der Hand eingeben. Diese Rhythmen werden vom Sequenzer so oft wiederholt oder abwechslungsweise gespielt, wie du es haben willst. So entstehen zum Beispiel die üblichen Rhythmen von HipHop, Techno, Disco, House oder Computer-Reggae. Auch jede Wiederholung von Takten und Rhythmen ist möglich.

Du kannst zusätzlich über eine Klaviatur Melodien und Begleit-Akkorde eingeben, schrittweise, Note für Note komponiert oder fließend gespielt. Und so eine Spur lässt sich in jedem beliebigen Instrumental-Sound abspielen, als Klavier, Steinway-Flügel als Bläser-Satz, Geigen-Sound, Orgel, Gitarre oder Bass.

Du kannst Melodien und Akkorde harmonisch transponieren und auch jeden Ton einzeln in der Höhe versetzen oder löschen, im Rhythmus auf der Zeitachse verschieben, verlängern und verkürzen und am Ende natürlich alles auch in Noten ausdrucken. Jeder hörbare Fehler, den du dabei machst, lässt sich nachträglich korrigieren.

Auf diese Art kann man beliebig viele Sequenzer-Spuren für alle möglichen Instrumente parallel eingeben, die dann synchron ablaufen, ähnlich wie bei Mehrkanal-Aufnahmen, nur viel mehr Spuren. Am Ende werden die Spuren abgemischt, wobei der Computer die eigentliche Arbeit des Mischens übernimmt, nach genauen Anweisungen des Programms und mit allen nur denkbaren Effekten: Echo, Hall, Kompression, Equalizer und beliebig viele Lautstärke-Veränderungen für jede einzelne Spur. Alles klar? Wenn nicht, lies die FAQ oder notfalls die Gebrauchsanleitung.

Aber eines kann der Sequenzer nicht:

Singen.

Nein, Gesang lässt sich zwar verarbeiten und mit viel Raffinesse aufbessern, aber Singen kann der Computer nicht.

Auch Ulf Birnbaum, der seit seiner Schulzeit ein geschickter Programmierer von elektronischer Musik war, hatte mit Stimmen und Gesang noch keinerlei Erfahrung. Die Beliebtheit seiner Musik hielt sich deshalb in Grenzen, weil es sich um Instrumental-Musik handelte. Das sollte sich im Laufe dieser Geschichte aber noch ändern.

Der Vorteil seines geringen Bekanntheitsgrades als elektronischer Pop-Musiker war für Ulf, er konnte noch relativ ungestört studieren und geschickt versuchte er bei Mitstudenten und Professoren zu verbergen, dass er mehr Sound-Tüftler als Informatik-Student war und dass seine Karriere als Pop-Musiker schon begonnen hatte. Auf diesem Gebiet hatte er bereits etwas erreicht, wovon viele nur träumen: Das erste CD-Album auf einem namhaften Schallplatten-Label und gelegentliche Auftritte bei hochrangigen Events.

Ulf stammte, genau wie Moses, nicht von armen Leuten und die beiden bewohnten zu zweit eine komfortable Altbau-Wohnung mit vier Zimmern plus Küche und Bad. In einem dieser Zimmer hatte Ulf sein hoch-technisches Privat-Studio eingerichtet. Abends ging er fast nie aus, war aber, nach Raphaelas Meinung, neugierig auf Frauen, und so geisterte er, wenn Moses Besuch da hatte, ständig in der Wohnung umher.

Raf wollte an diesem Abend hinter verschlossener Tür nur mit Moses verhandeln, sozusagen unter vier Augen. Mit vier Armen und Beinen wollte sie ihn auf seine geschäftliche Partnerschaft einstimmen. Chrissy war dazu auserwählt, Raf zu unterstützen, indem sie Ulf Birnbaum für ein oder zwei Stunden von diesen Verhandlungen fern hielt. Mit anderen Worten, sie sollte sich etwas intensiver um ihn kümmern und ihn eine Zeit lang ausschalten. Keine leichte Aufgabe; denn Chris hatte mit dem etwas schüchternen Kandidaten Ulf noch nie ein Wort gewechselt.

Doch bei dem Vorbereitungs-Gespräch in der Rosenstraße wusste Raphaela ihre Freundin zu motivieren:

"Du brauchst den Ulf nur anzulächeln", erklärte sie, "der ist easy. Lass dich von ihm ins Nebenzimmer abschleppen. Er traut sich bestimmt nur was, wenn keiner dabei ist. Und dann kriegst du vielleicht sogar sein Studio zu sehen. Da bin ich selber noch nie drin gewesen."

"Also... ich weiß nicht, Raphaela, ob das mit dem Ulf so ein abendfüllendes Programm ist", gab Chrissy zu bedenken.

"Chris, sei nicht so! Der ist irgendwie ein Künstler, also bestimmt kein akademischer Langweiler. Außerdem kriegt er so was Saftiges wie dich nicht oft serviert."

"Wer weiß? Er ist doch, wie man hört, eine Art Pop-Musiker mit Auftritten vor gehobenem Publikum. Da ist doch jedem Zeitungsleser klar, dass hinter den Kulissen einiges an gefälligen Beziehungen abgeht."

"Um so besser, Chris! Lass dir von ihm was erzählen, über die Orgien, die er im Back-Stage-Bereich schon erlebt hat! Das wär doch ein guter Einstieg." Als sie das sagte, zeigte Rapaela ihr breites, allwissendes Lächeln. Und das war es, was Chrissy endgültig von der Sache mit Ulf überzeugte.

Der BWL-Student Moses Morgenstern bewunderte seinen Wohnungs-Teilhaber Ulf, er lag ihm mehr als Leute wie Raimund Langhard. Ulf war für ihn auch interessanter als ein Trendsetter. Er hatte bereits Erfolg! Und Erfolg ist bekanntlich von allen Trends der beliebteste.

Doch der zierliche junge Mann mit Designer-Brille und seinem fragenden Blick war schwer zu fassen. Das fing schon damit an, dass er sich nie darüber äußerte, was er eigentlich den ganzen Tag über oder die ganze Nacht lang tat, außer studieren, und er studierte nicht besonders viel. Von den anderen Dingen aber, die er in seinem Studio anstellte, redete er nicht. Er mochte es viel lieber, Fragen zu stellen als Fragen zu beantworten und wirkte, nicht zuletzt durch seine stockende Redeweise, etwas schüchtern, besonders Frauen gegenüber. Zur Not konnte er leise lispeln und herum drucksen, anstatt eine klare Antwort zu geben. Und so verhielt er sich auch und gerade dann, wenn es um seine Musik ging.

Moses wusste längst, dass er es mit einem zu tun hatte, der sich in den höheren Regionen der Kultur-Szene auskannte und er legte deshalb auf Ulfs Meinung besonderen Wert.

Als geschickte Psychologin war Raf zu folgender Erkenntnis gekommen: Wollte sie in Gegenwart von Ulf über Rhodos, die Gastronomie und das Betreiben eines Musik-Clubs verhandeln, wäre das ziemlich riskant. Würde Ulf, der sehr gute Ohren hatte, zu diesem Projekt nur leise den Kopf schütteln oder auch nur die Nase rümpfen - und das würde er, das war doch nicht cool genug! - dann wäre die Sache mit Raf und Raimund schon gestorben.

Also mussten an diesem Abend die zwei Jungs erst einmal voneinander getrennt werden. Dies war die einzweideutige Aufgabe für Chrissy.

08

Flackerlicht

Die beiden Damen tauchten eine knappe Stunde nach ihrem Vorbereitungsgespräch an der Tür von Moses Morgenstern auf, der sie schon sehnsüchtig erwartet hatte. Als er öffnete, begrüßte Raf ihn gleich mit einem sehr freundschaftlichen Kuss. Es war kurz nach der Tagesschau. Auf dem Sofa saß, wie zu erwarten war, der Mitbewohner Ulf Birnbaum und starrte zunächst noch etwas verkrampft auf den Bildschirm. Ab und zu riskierte er einen schnellen Blick auf Chrissy, während Moses nach wenigen Minuten schon seinen Arm um Rafs Schulter gelegt hatte. Von einem Deal mit XTC war keine Rede mehr.

Chrissy saß mit Ulf über Eck an einem niedrigen Glastisch. Sie war wie meistens recht schweigsam und er war, wie schon gesagt, ein wenig schüchtern, doch beide schienen sie aufgeschlossen zu sein für eine beiderseitige Annäherung. Chris wartete nicht, bis ein flüssiges Gespräch zustande kam, sie war es gewohnt, Männer mit ihren Blicken anzupeilen und durch ihre körperliche Präsenz zu erregen und sie war auch keine leicht übersehbare Erscheinung.

Christine hatte riesige, grau-grüne Augen, die weit auseinander standen und ein gleichmäßiges, fast quadratisches Gesicht, umrandet von kräftigen, rot getönten, Haarfetzen. Dazu kam eine Figur ohne Schwachstellen. Sie konnte den Männern von Weitem und auch aus der Nähe mit einem unergründlichen Blick so tief in die Augen schauen, dass die Herren ins Schwimmen gerieten. Solche Blicke erzeugten die Vision von einem grünlich-grau spiegelnden Sommer-See, der dazu einlud, sich innerlich wie äußerlich zu entkleiden und ungeniert in die Fluten der Venus zu tauchen.

Ihre Blicke machten Ulf zunächst noch unsicher und ein wenig nervös aber dann reagierte er wie alle anderen. Er wurde einfach scharf und seine Gedanken kreisten um das, was Chrissys Augen zu versprechen schienen. Seine Blicke wanderten hin und her von ihr zum Bildschirm und zurück und dabei schaute er so lange in die vielsagenden Augen, wie er es nur aushalten konnte. Und die Sekunden wurden immer länger, während Raf und Moses schon dabei waren, sich auf dem stilvollen Leder-Sofa zu wälzen und sie tauschten lustige Zungenküsse.

Moses hatte dabei seine Hand unter Rafs dezenten Kaschmir-Pulli geschoben und tastete, während sie mit beiden Schultern den Rücken hohl machte, vorsichtig nach ihrem BH-Verschluss. In dem Moment, als es plop machte und der gespannte BH erleichtert aufsprang, hatte der flinke Ulf, der in unmittelbarer Nähe saß und mit Musiker-Gehör das entspannende Geräusch erkannte, einen Geistesblitz:

"Man müsste... ne Kleinigkeit essen, Christine. Ravioli. Broccoli, Mikrowelle, Lachsfilet..." Er tupfte noch weitere Leckerbissen aus dem Gefrierschrank seiner Phantasie in den Raum, halb zu Chrissy halb zu dem ratlosen Moderator im Fernsehen gewandt. Den Ton der Talkrunde hatten sie schon von Anfang an ganz herunter gedreht.

Es war klar, dass die beiden Züngelnden sich mehr auf das Wasserbett von Moses konzentrieren würden und nicht fürs Essen zu haben waren. Chrissy musste also nur ein klein wenig mit dem Kopf nicken. Sie tat es sicherheitshalber zweimal, ohne ihren scharfen Blick von Ulfs Augen abzuwenden. Das genügte zu seiner endgültigen Ermutigung. Er war schließlich kein mittelalterlicher Mönch, sondern ein web-erfahrener Nachwuchs-Elektroniker, der den Namen der Rose schon lange kannte und er wusste auch, wie die Rose sich entblättert.

"Ich hab im Kühlschrank alles nebenan, Chris. Eine Tür weiter. Hast du Lust, bei mir... etwas grillen und... wie gesagt... diskret vermampfen?" Chrissy lächelte selbstsicher. Sie stand einfach auf, strich sich den Rock glatt und ging vor ihm her. Dabei landete sie, wohl irrtümlich, im falschen Zimmer und nicht in der Küche.

"Wir gehen nachher um elf noch ins Kingston!", rief Moses hinter Ulf her, damit klar war, dass sie in den nächsten zwei Stunden nicht wieder auftauchen sollten.

Was Chrissy darunter verstand, bei Ulf ein wenig zu mampfen, konnte sie selber entscheiden und eventuell genießen. Mit Ulf hatte sie freies Spiel. Raf dagegen musste den Moses dazu bringen, mutig durchs Rote Meer zu waten und am anderen Ufer für das Volk einen Musik-Club zu eröffnen. Das Rote Meer war in diesem aktuellen Fall ziemlich seicht und einigermaßen temperiert wie ein modernes Wasserbett.

Moses hat ein frisches, jungenhaftes Temperament, er ist sehr begeisterungsfähig. Vielleicht konnte er nicht alle erotischen Zonen Rafs gleichzeitig befriedigen, doch darauf kam es jetzt nicht an. Er sollte sich von ihr verführen lassen und ein eindeutiges Ja sagen zu dem bestehenden Plan, in den Räumen des Restaurants Rhodos an der Weststraße mit Raphaela und Raimund einen Musik-Club zu eröffnen, der bisher noch keinen Namen hatte.

Nachdem Chrissy mit Ulf aus dem Zimmer verschwunden war, verlor Raf alle Hemmungen. Sie hatte schon viele Kerle mit ihrer Manie ins Schwitzen gebracht und sie zog sich ungeniert aus, legte ihre Kleider fein säuberlich auf einen Sessel und huschte dann auf das von ihr so geschätzte Wasserbett. Und Moses war bestimmt kein Schlappschwanz! Im Gegenteil. Er legte sich vor ihr auf den Rücken und Raf unternahm den Versuch, mit den Knien auf der sanft nachgebenden Oberfläche über ihn zu rutschen. Sie stützte sich dabei mit beiden Armen auf und ließ ihre Brüste frei im Raum tanzen. Moses schnappte mit den Lippen nach den kleinen, bronzefarbenen Perlen, erst die eine, dann die andere und Raphaela lachte bei jedem Seitenwechsel laut und schallend.

Dann sanken ihre Hüften gefühlvoll nach unten und wieder auf und ab und sie gab den Takt an, genau wie es ihr selber kam. Moses salzte kräftig nach. Er konnte das ausgesprochen lange durchhalten und wogte erstaunlich gleichmäßig mit den Hüften auf der schwappenden Wassermasse.

Immer in Schwung bleiben, Junge! Das Schwingen im Takt verstärkt die Vibrationen in den Sensoren und es geht bis ins innerste Mark, genau wie die aktuelle Tanzmusik, die du in den Diskotheken hörst. Du musst dabei nur auf alle Regungen und auf das Stöhnen der Partnerin achten.

Moses hielt die Augen streng geschlossen, doch etwas flimmerte grell durch seinen Kopf. Ganz deutlich blitzte im Flackerlicht seiner Phantasie eine Szene auf. Es war in der Diskothek Ankara: Er, der heimliche Dealer, stand ganz nah an der Tanzfläche mit einem halben Dutzend XTC-Pillen in der Tasche. Drei heiße Mädchen peilten ihn an. Mit tiefschwarzen Augen blickten sie ihm direkt ins Hirn. Sie wussten schon, dass er etwas zu verkaufen oder vielleicht sogar zu verschenken hatte. Zwei von ihnen tuschelten deutsch und türkisch durcheinander und die dritte zischte:

"Der da! Da der Moses. Der hat was." Und in diesem virtuellen Rausch der exotischen Stimmen krächzte Moses Morgenstern:

"Ja, ja, ich hab's. Wartet, ich komme, ich komme!" Und dabei explodierte er unter Raphaelas feuchter Gewalt. Sie hüpfte wie wild oben auf ihm herum und sie kam jetzt auch und stöhnte eine ganze Minute lang. Den Kopf mit den rot-blonden Haaren hatte sie, immer noch im Sitzen, weit nach hinten geworfen.

Nach dieser kurzen Ekstase lag sie ganz sanft neben ihm und schmiegte sich mit Brüsten und Beinen an seine linke Seite, wo das Herz schlägt. Sie lächelte eine Weile zufrieden, ehe sie auf das eigentliche Thema des heutigen Abends zu sprechen kam.

"Weißt du, dass ich einen Musik-Club an der Weststraße eröffnen will?" Moses sprang sofort auf das Thema an:

"Eh, ein Club? Mit Musik und Partner suchenden Frauen?"

"Du Schlingel! Brauchst du noch andere Frauen außer mir?"

"Ja, natürlich. Du, du bist doch nicht treu!"

"Wenn ich ein Musik-Lokal aufmache, sollte ich doch keinem treu sein, oder wie siehst du das?"

"Absolut richtig. Jedenfalls sollte keiner was merken, wenn du einem treu bist. Alle glauben, dass sie 'ne Chance bei dir haben. Dann läuft der Laden." Raf kuschelte sich noch ein wenig enger an ihn.

"Ich brauch noch einen Geschäftsführer", sagte sie lauernd.

Das Wort Geschäftsführer elektrisiert ihn. Sie hatte es gleich so gesagt, dass er es automatisch auf sich bezog. Geschäftsführer in einem Musik-Club und er als Student der Betriebswirtschaft. Das passte doch klatsch, klatsch, wunderbar zusammen! Auch sein alter Herr in Frankfurt würde das schlucken. Theorie und Praxis. Und dann vielleicht, unter der Hand, ein paar erotische Abstecher mit Raphaela und bestimmt auch mit einigen anderen, die sich in so einem Club um den Geschäftsführer herum drängeln.

"Hast du dabei... etwa... an mich gedacht?", fragte er vorsichtig und selbstsicher.

"Ja, genau, mein Schatz. Wir machen es zu dritt. Ich bin der Lockvogel. Du kümmerst dich um die Finanzen und für die Gastronomie ist Raimund Langhard zuständig. Kennst du den Rai?"

"Natürlich kenne ich den. Das ist doch der Verrückte, der mit seinem Motorroller an der Uni herum flitzt. Und auf dem Roller ist ein echter Pferdesattel."

"Das war im Sommer. Jetzt sitzt er im Zimmer und spielt mit Geisterstimmen am PC."

"Hat der denn Ahnung vom Geschäft?"

"Der Raimund? Er stammt aus einer Wirts-Familie, der weiß genau, wie das läuft."

"Eh gut! Ich versteh was von Ökonomie, aber vom Bier Zapfen und von Cocktails und so, davon hab ich bisher keine Ahnung. Wann soll die Sache denn los gehen?"

"So bald wie möglich. Wir müssen zuerst mit einer Art Brauerei verhandeln, damit wir das Lokal bekommen und da gehen wir am besten gleich zu dritt hin."

"Natürlich. Mach du einen Termin, Raf, ich bin dabei."

Es ging jetzt in die Einzelheiten und Moses war mit Feuer und Flamme bei der Sache. Nicht nur im Kopf. Er schob auch seine neugierigen Hände noch einmal zwischen Rafs Schenkel, und versuchte, sie vorsichtig auch mit mündlichen Bemühungen zum Lächeln zu bringen.

Damit war dieses geschäftliche Gespräch auch schon beendet.

Die beiden hatten sich kaum wieder angezogen, als es klopfte und mit strahlendem Gesicht erschien Ulf in der Tür. Gleich im Eingang blieb er stehen und schob die emsige Chrissy vor sich her ins Zimmer.

"Hat es euch beiden geschmeckt?", fragte Moses, nicht besonders interessiert.

"Hat dir mein... Dingsbums... mein lachsfarbener... eh Filet... geschmeckt, Christine?" So reichte Ulf diese Frage an Chrissy weiter und sie gab ihm andeutungsweise, eine kleine Backpfeife.

09

Jeder Tropfen zählt

Es war ein wolkenverhangener Dienstagnachmittag. Auf dem geräumigen Brauereigelände mitten in der Innenstadt, zwischen hohen Geschäftsgebäuden und Lagerschuppen, war schon Dunkelheit eingezogen. Über der breiten Toreinfahrt zum Innenhof leuchtete ein übergroßes Transparent auf dem vor blauem Hintergrund ein appetitlich voll gezapftes Glas Bier zu sehen war: weißer Schaum über strohgelbem Bier und quer über die gesamte Breite des Transparentes stand in grell-roter Schrift der offizielle Werbespruch der Brauerei Becker:

Becker ist lecker!

An der Pforte vor dem Schlagbaum hielt eine schwarze Limousine älteren italienischen Fabrikats, ein respekteinflößendes Fahrzeug. Der Pförtner trat aus seinem Glaskasten nach draußen ans Wagenfenster, das sich langsam öffnete und er schaute in das frisch geschminkte Gesicht einer elegant wirkenden rotblonden Dame in einem dezent gerafften Baumwollkleid. Noch ehe der Mann eine Frage stellen konnte, sprach ihn die Dame im vertrauten lokalen Tonfall an:

"Nabend, ich bin die Raphaela Krantz. Wir sind mit Herrn Oswald Becker verabredet." Der Pförtner wusste gleich Bescheid und folgte seinen Anweisungen:

"Melden Sie sich im Büro der GEBEGO dort drüben in dem niedrigen Gebäude! Hier vorne rechts können Sie parken." Er öffnete den Schlagbaum. Die schwarze Limousine rollte auf das Gelände und hielt auf dem Gästeparkplatz. Raimund, der hinten saß, stieg zuerst aus und öffnete mit einer eleganten Geste für Raf die Wagentür. Auch er war dezent gekleidet: ein grauer Sakko auf grünem Hemd mit schwarzer Jeanshose, natürlich ohne Krawatte, so etwas besaß er nicht mehr. Moses ganz in Schwarz. Herr Morgenstern trug sogar ein schwarzes Seidenhemd und schwarze Unterwäsche.

Zwischen diesem beiden Figuren, die wie Leichenbestatter aussahen, machte Raphaela einen recht blühenden Eindruck. Als die drei quer über den Innenhof zum Gebäude der GEBEGO schritten plauderten sie munter über irgendwelche Nichtigkeiten und Herr Oswald Becker beobachtete ihr Kommen heimlich von seinem Büro aus.

Vor diesem Termin hatten die drei Jungunternehmer sich nur ein einziges mal bei Moses getroffen und ihre Strategie festgelegt, um an das Lokal Rhodos und an die darüber liegende Wohnung zu kommen: Raf sollte den Chef zunächst ein wenig aufwärmen. Moses würde dann den potenten Kapitalisten mimen und Raimund könnte schließlich die entscheidenden Sach-Fragen bezüglich der Gastronomie stellen.

Es zeigte sich aber gleich, dass diese Taktik bei der Firma Becker völlig unangebracht war. Dort suchte man keine cleveren Geschäftspartner, sondern ein paar Dumme. Die Vorzimmerdame wusste das und war recht unfreundlich zu ihnen, sie schien besonders Raphaela nicht zu mögen und ließ das Team auf einer kaum gepolsterten Bank ein ganzes Weilchen lang warten, dann zeigte sie auf ein Klingelzeichen hin die Durchgangstür zum Chefbüro.

Der Chef der GEBEGO kam ihnen freundlich entgegen und gab jedem einen kräftigen Händedruck. Er stellte sich vor als Oswald Becker, Bruder des Brauereibesitzers und Geschäftsführer der "Gesellschaft zur Bewirtschaftung gastronomischer Objekte", kurz GEBEGO, einer Unter-Gesellschaft der Brauerei. Dieser Herr Becker hatte das Aussehen und den Habitus eines katholischen Geistlichen: freundlich, verbindlich, unerotisch.

Das war also kein Mann, der an den sichtbaren Reizen von Frauen besonders interessiert schien. Doch er suchte Hände ringend nach einem Ersatz für den alten Griechen, wie er ihn nannte, der in seinen Augen das schöne Restaurant Rhodos herunter gewirtschaftet hatte. Das Dreier-Team, Raphaela Krantz mit ihren beiden Liebhabern, kam ihm da gerade recht und er war nach der Pleite mit dem soundsovielten Griechenwirt bereit, etwas Neues in diesem Objekt auszuprobieren.

Warum aber nicht so leicht Nachfolger für ein Lokal in dieser Kette von gastronomischen Betrieben zu finden waren, das lag an den sonderbaren Geschäftsbedingungen der GEBEGO.

Es traf sich jetzt gut, dass Raf und Moses keine Ahnung von der Gastronomie hatten. Genau mit solchen Leuten wollte Herr Oswald Becker am liebsten verhandeln. Raimund hielt sich instinktiv zurück. Er hatte den Herrn schnell durchschaut und ließ den jovialen Halsabschneider erst einmal seine menschenfreundliche Schau abziehen.

Die Geschäftspraktiken der GEBEGO und der Brauerei Becker waren so ähnlich wie die einer Verleihfirma von Arbeitskräften, welche die eingestellten Leute an sich selbst weiter verleiht. Überall sollte doppelt verdient werden. Die Brauerei würde an der Lieferung von Becker-Bier verdienen, exklusiv natürlich, und die GEBEGO noch einmal an der Bewirtschaftung der Lokale.

Nach den Vorstellungen der GEBEGO waren Wirtsleute nicht selbständige Unternehmer, sondern angestelltes Personal, ähnlich wie in dem Gewerbe der Fast-Food-Ketten. Doch es war bei Beckers eine etwas andere Form der Organisation: nicht amerikanisch-ausbeuterisch, sondern deutsch und menschenverachtend. Aber wo liegt da der Unterschied? In dem Gespinst von Vertragsklauseln der dubiosen Gesellschaft war der arme Grieche erstickt und hatte schließlich resigniert.

Die Wirte in den Lokalen der GEBEGO durften laut Vertrag ausschließlich Getränke verkaufen, welche die Brauerei Becker ihnen bereit stellte. Jedes Fass Bier, jede Flasche Wein, jeder Container Cola und jede Flasche Schnaps musste gezählt und abgerechnet werden. Abrechnung sollte einmal in der Woche am Dienstag sein, wobei jeder Tropfen Flüssigkeit, der in Fässern, Flaschen und Containern fehlte, mit geringem Schwund mit dem eingenommenen Geld bezahlt werden musste. Darauf gab es eine bescheidene Provision in der Höhe von Trinkgeld, weniger als die Mehrwertsteuer. Was dabei heraus kommen würde, das hatte Raimund schnell überschlagen, war ein Hunger-Lohn.

Das Gute an diesem System aber war: Es gab keine monatliche Pacht für das Objekt zu entrichten und die schöne Wohnung über dem Lokal gehörte im Fall Rhodos einfach dazu, sie war quasi umsonst. Die letztere Bedingung genügte, um Raphaela für das Vertragswerk der GEBEGO zu gewinnen. Genau das war ihr Traum: Eine eigene Wohnung, die geräumig genug war, um auch Freunden Platz zu bieten und die nichts kostete! Und das alles, ohne sich einem Mann zu verpflichten oder gar ihn zu heiraten.

Um Raphaela nicht bloß zu stellen, wurde bisher verschwiegen, dass sie zur Zeit überhaupt keine Wohnung besaß. Sie zog in der Stadt umher, von Freundin zu Freundin und von Lover zu Lover, während sie die allernötigsten Kleidungsstücke in einer größeren Handtasche mit sich führte. Ihre wenigen Möbel und Wäschevorräte waren über die ganze Stadt verteilt.

Irgendwo lagerten ein paar Bretter, aus denen man ein Bett zusammenbauen konnte. In der Wohnung einer Freundin stand ihr kleiner Schrank mit Kämmen, Bürsten und Kosmetik und überall waren Koffer verstreut mit Rafs Kleidung, denn davon besaß sie reichliche Auswahl wie die meisten Frauen und sie wusste auch, bei welchen Bekannten die guten Sachen herum standen oder lagen. Einmal in der Woche ging sie zu ihren Eltern, um sich dort zu baden, zu erholen, gut zu essen und moralisch frisch zu machen.

Moses Morgenstern fand die Bedingungen der GEBEGO ebenfalls nicht unakzeptabel und zwar deshalb, weil sie nicht mit einem finanziellen Risiko behaftet waren. Jedenfalls wurde kein besonderer Einsatz von Kapital verlangt, wie das bei Pachtverträgen von Kneipen und Diskotheken sonst der Fall ist. Die GEBEGO verlangte für das Lokal Rhodos nur eine bescheidene Kaution in Höhe von 2000 Euro.

Aber Raimund, der Sohn einer Wirtin, durchschaute die Würgetaktik der Firma. Er schwieg zunächst und dachte ruhig nach. Der geborene Gastronomie-Experte wusste nämlich auch Gegenmaßnahmen und bat Herrn Oswald Becker um die Preisliste für alle Getränke. Dann ließ er sich noch einmal den Modus der Abrechnung genau erklären und äußerte, sie würden sich das Ganze ein paar Tage lang überlegen.

10

Sound of Underground

Am Ende des Tages hockten die drei dann in Raimunds kleiner Wohnung und er rechnete ein wenig mit seinem elektronischen Spielzeug herum.

"Also Leute, mit ehrlicher Arbeit ist bei diesen Leuten nichts zu holen. Zum Beispiel Bier: Ein Liter gibt fünf Gläser und an jedem Glas sollen wir dreißig Cent verdienen. Bei tausend Gläsern sind das dreihundert Euro. Wisst ihr, wie viel Arbeit das ist? Vier große Fässer Bier im Keller anschlagen, tausend Gläser zapfen, servieren, kassieren und die Gläser nachher spülen??? Und jeden Abend Gäste anlocken und gut unterhalten, damit sie wiederkommen und bei der Stange bleiben..."

"Scheiße", meinte Moses, etwas nachdenklich, "wie sieht es denn mit Cocktails aus? Die GEBEGO hat doch überhaupt nicht alle Zutaten für Cocktails, soweit ich das sehe. Können wir ein paar Zutaten nicht woanders kaufen? Wir mischen einfach wenig von deren Wodka und viel von einem Saft mit exotischem Aroma." Raimund sah, dass Moses auf der richtigen Fährte war:

"Du hast es durchschaut, Moses. Wir müssen, so gut es geht, Ware einschleusen, die nicht von der GEBEGO kommt."

"Wenn wir selber Apfelsinen und Limonen pressen, haben die gar nichts damit zu tun", stellte Raphaela fest.

"Genau so ist es. Die Gesellschaft für Bewirtschaftung gastronomischer Objekte kann nicht jeden Tag vorbeikommen, kontrollieren und nachzählen, was wir in den Kühlschränken haben."

Moses hatte schon begonnen, von Betriebswirtschaft auf Kneipenwirtschaft umzudenken. Und er zog seine kaufmännisch geschulten Schlüsse.

"Es kommt wohl darauf an, dass wir dem Oswald bei der wöchentlichen Abrechnung einen Getränke-Umsatz liefern, mit dem er zufrieden ist. Sagen wir mal, doppelt soviel wie der alte Grieche. Alles, was darüber hinaus geht, muss aus anderen Quellen kommen, damit wir selber was verdienen. Du weißt besser als ich, wie das geht, Rai."

"Natürlich. Und es ist relativ einfach: Soviel fremde Ware verkaufen wie irgend möglich. Du hast ein Auto. Es gibt tausend Tricks, wo die GEBEGO nichts von merkt. Nur beim Bier kontrollieren sie jedes Fass."

"Deren Bier schmeckt sowieso nicht besonders", stöhnte Moses, der schon öfters mit saufenden BWL-Studenten in Berührung gekommen war, und dann kam ihm noch ein guter Gedanke:

"Ich glaube, wenn wir fest zusammen halten und uns einig sind, sollte nur einer von uns diesen komischen Vertrag unterschreiben. Dann haben wir mehr Freiheit und die sind in einer schwächeren Position."

"Sehr guter Vorschlag", meinte Raimund, "und dafür kommst nur du in Frage, Raphaela. Du willst ja die Wohnung haben. Und die hast du dann sicher. Keiner kann dich da raus ekeln, solange du bei der GEBEGO für dieses Objekt die verantwortliche Wirtin bist." Raf nickte zufrieden und dachte, dass sie damit automatisch die Chefin wäre.

In der Stadt verbreitete sich bald ein Gerücht: Raf, die Rotblonde mit den vielen Männern und Raimund, der mit dem Pferdesattel, die wollen mit dem Moses aus Frankfurt ein Lokal eröffnen! Einen Musik-Club. Das wird wohl ein heißer Schuppen werden. Irgendwo an der Weststraße oder in der Brinkgasse.

Dann erschien der erste Flyer.

Der Laden sollte Café Nirwana heißen und dieser Name schlug ein wie eine Bombe, weil jeder sich darunter vorstellen kann, was er will. Den Flyer hatte Moses selber am Computer entworfen und dazu einen schönen Werbespruch auf englisch kreiert:

The very sound

of underground

Das klang doch wirklich nach einem vernünftigen Musik-Club und der Stil der Musik blieb noch völlig offen! Ob Techno, Hip-Hop, Latin oder Indie-Rock, das würde sich finden. Am besten, alles auf einmal, nach dem Geschmack des Publikums.

Endlich wurde ein Termin für die Eröffnung angekündigt. Es sollte an einem Donnerstag sein und das war genau richtig, denn donnerstags haben die meisten Leute am Abend nichts vor. Auf dem dritten Flyer fand sich schließlich eine kleine Lage-Skizze mit der Adresse:

Café Nirwana,

Brinkgasse Nr. Null,

Ecke Weststraße.

Das war ein bisschen geflunkert. In Wirklichkeit hatte das Eckhaus an der Weststraße die Hausnummer 1. Wer die Nummer Null in sein Navi eingab, kriegte kein Ergebnis. Das Café Nirwana lag damit von Anfang an etwas neben sich selbst, real leicht zu finden, doch navigatorisch im Nirgends. Das war im Kopf kaum auszuhalten, aber in der Wirklichkeit sehr einfach.

Brinkgasse Nr. Null.

Und wer's nicht glauben wollte, konnte ja selber dort nachschauen; sie suchten die Nummer Null und fanden das Lokal.

Das taten gleich am Eröffnungsabend ein paar hundert Neugierige. Der Laden war voll von acht Uhr an bis tief in die Nacht. Es gab aber am Anfang kein Freibier und es spielte auch keine lokale Rock-Band und kein berühmter DeeJay legte Dark-Wave-Platten auf. Die Musik kam von CDs, die sie selber auflegten, sie kam aus riesigen Lautsprecherboxen und traf ziemlich genau den Geschmack der Mehrheit.

Raphaelas beste Freundin, Chrissy Rheinbach und ihr fester Liebhaber, ein Paar, das sonst eher selten in der Öffentlichkeit gesehen wurde, sie standen den ganzen Abend vor der Theke. Er trank ein Pils nach dem andern und machte den großen Mann, weil er erfahren hatte, dass Chrissy nicht ganz unschuldig an der Verwirklichung der Idee war; sie hatte nämlich den Ulf Birnbaum daran gehindert, dagegen zu stimmen und Chris hatte den Nachwuchs-Musik-Star zwar nicht für das Café Nirwana, aber für sich selber eingenommen.

Die Neugierde auf das Nirwana und speziell auf seine Betreiber war groß und zog ein äußerst gemischtes Publikum an, das sich am Eröffnungsabend gegenseitig voll Staunen betrachtete: Stadtbekannte Säufer, brave Studentinnen, Musiker, Politiker und Playboys, etliche Maler, Modelle und Dealer, Zuhälter, Fotografen und Slam-Poeten, sogar einige Wirte von anderen Lokalen und... die Kriminalpolizei.

11

Freibier für zwei Grüne

Als die Räume des neuen Musik-Clubs um neun Uhr schon fast überfüllt waren, tauchte Herr Oswald Becker auf, als einziger in einen grünlich-dezenten Anzug gekleidet, mit Lila Hemd, das er offen trug. Den Hemdkragen hatte er sportlich über den Kragen der Jacke geschlagen.

Gleich, als er in das Gewühl eintauchte, begann er zu schwitzen. So eine erfolgreiche Lokal-Eröffnung hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Mutig positionierte er sich neben Chrissy an die Theke. Noch ehe er in Verlegenheit kommen konnte über deren tiefer gelegten Brust-Ausschnitt, hatte Raf, die sehr schlicht gekleidet als Wirtin hinter der Theke stand, den Chef der Gesellschaft für Bewirtschaftung gastronomischer Objekte schon entdeckt. Sie beugte sich weit zu ihm hinüber und reichte ihm sehr freundlich die Hand. Er stammelte verwirrt:

"Frau Krantz, hallo... ich sehe... es läuft..." Mehr brachte er zunächst nicht hervor und bestellte für sich einen Cocktail, wie er auf einem Zettel über der Theke angepriesen wurde. Den servierte Raf mit einem deutlichen "bitteschön, Herr Becker".

Eigentlich wollte er die junge Wirtin zu einem Drink einladen, wie das so üblich ist, um ein wenig Umsatz zu generieren, aber die Lage war völlig anders als erwartet. Und in dieser Szene, beziehungsweise Scene, kannte Herr Oswald Becker sich überhaupt nicht aus. Die fünfunddreißig anderen Lokale der GEBEGO sind bürgerliche Kneipen, bestenfalls griechische Restaurants. Die Musik-Clubs der Stadt kannte Herr Becker nur aus der Lektüre der Stadtzeitung.

An Selbstbewusstsein mangelte es ihm aber nicht. War er doch irgendwie Chef von der ganzen Sache und das wollte er jetzt auch wissen. Vorsichtig tastend schob er seine rechte Hand ins Sakko, zog seine schweinslederne Brieftasche hervor und entnahm ihr einen grünen Hunderter. Den reichte er mit zwei Fingern über die Theke und wedelte damit vor Raphaelas Busen herum. Das war nicht anstößig gemeint, sein Arm reichte nicht höher. Raf schaute mit fragendem Blick in sein rundes, errötetes Gesicht.

"Wollen sie schon zahlen, Herr Becker?"

"Nein, Raphaela, machen Sie hierfür mal eine Runde Becker-Bier, der Rest ist Trinkgeld..."

Etwas irritiert griff Raphaela nach dem Geldschein. Sie steckte ihn in die Kasse und flüsterte mit Raimund. Der stand neben ihr und hantierte ziemlich fix an den Bierhähnen. Raimund nickte nur kurz mit dem Kopf und dann ging es richtig los: Kartons mit neuen Gläsern, kurz durchspülen und dann ein Glas nach dem andern, zack, zack, zack, ohne den Hahn zwischendurch zu schließen. Ein ganzes Tablett voll und dann noch eins, mit viel Schaum und Krone oben drauf.

Moses bediente im Gastraum, er kam zur Theke und Raimund schob ihm das erste Tablett voll Bier entgegen.

"Von Oswald Becker spendiert" rief er und Moses brüllte in der Pause zwischen zwei Musikstücken durch das ganze Lokal:

"Lokalrunde auf Brauerei Becker!"

Das machte gewaltig Stimmung. Tumultartiges Gedränge und die beiden Tabletts waren im Nullkommanix verteilt. Es reichte natürlich nicht für das ganze Lokal; da waren mehr durstige Kehlen als Bier für hundert Euro. Irgendwo waren auch Gäste, die den Herrn Becker schon kannten und die wussten, dass er nicht knauserig war. Und die Leute riefen laut:

"Prost, Herr Becker, Becker ist lecker."

Oswald grinste breit und genierte sich jetzt, dass er so einen Cocktail in der Hand hielt, er stellte das halbvolle Glas auf die Theke zurück und griff wieder in seine Brieftasche. Er holte einen zweiten Grünen heraus. Den hielt er er hoch über seinen Kopf. Er schwenkte den Arm hin und her, noch ehe er den Hunderter vor Rafs keusch verpackten Busen hielt, den sie für diese Arbeit streng gepanzert hatte.

"Becker ist lecker!", sagte Herr Becker mit Überzeugung.

"Becker ist lecker!", rief das Volk.

Mit hochrotem Kopf schnappte sich Oswald auch ein Glas Bier und prostete der Meute zu, die seinen bekannten Werbespruch skandierte. Zum Schluss machte er selber bei dem Sprechchor mit und stöhnte erleichtert den Slogan, den sonst selten jemand ernst genommen hatte.

"Becker ist lecker!"

Oswald betrachtete sich selbst im Spiegel hinter der Theke und nickte bestätigend. Er war zufrieden mit seinem erregten Gesicht und den kurz geschnittenen Krauskopf. Danach drehte er sich endgültig von der Theke weg und tastete erschöpft zum Ausgang. Draußen warteten schon ein paar Taxis, die sich in aussichtsreicher Position vor dem neuen Musik-Club aufgestellt hatten.

"Fahren sie mich zur Kneipe am Dom!", stöhnte er, als er im Wagen saß und er fühlte sich glücklich wie bei der ersten heiligen Kommunion.

Die Hochstimmung im Café Nirwana, die durch zwei Runden Freibier ausgelöst wurde, hielt noch lange an. Man diskutierte laut und ausgelassen und Raf machte die Musik leiser, weil Musik jetzt kaum noch nötig war.

Moses wühlte sich hin und her durchs ganze Lokal und achtete darauf, dass überall kassiert wurde. Raimund zapfte und zapfte immer mehr Bier, er goss die Gläser voll mit Cola und Schnäpsen, schleuderte die Cocktails durch den Raum und trank selber keinen einzigen Tropfen außer gelegentlich einer Tasse Kaffee. Raf hatte zwischendurch an der Espressomaschine für ihn Mokka zelebriert. Schwarz und ohne Zucker.

12

Atombombensicher

Ganz am Ende der Veranstaltung huschte der flinke Ulf Birnbaum noch herein. Wie eine Computer-Animation seiner selbst bewegte er sich durch die Doppel-Schwingtür, die sich auf der Ecke des Gastraums befindet. Dabei sah er sehr unscheinbar aus, eigentlich wie immer. Aber er vermochte es geschickt, durch sein bewusst spätes Erscheinen die Aufmerksamkeit aller Insider auf sich zu lenken; denn es war beinahe schon etwas Langeweile eingetreten.

Zunächst blinzelte er in die Runde und war ein wenig irritiert, weil er sich nicht häufig in solchen Lokalen aufhielt. Dann putzte er seine Brille, die beim Hereinkommen aus der Kälte ein wenig beschlagen war, und bewegte sich automatisch in Richtung Theke. Er ließ sich von Raf und Raimund grüßen und grüßte dezent zurück. Moses hatte den halb-prominenten Mitbewohner in seiner Euphorie völlig übersehen.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738902624
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
fliegen land

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Titel: Fliegen, fliegen über das Land