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Abenteuer im hohen Norden

Kit Carson Sammelband #3

2016 360 Seiten

Leseprobe

ABENTEUER IM HOHEN NORDEN

AMERICAN FRONTIER KIT CARSON – der legendäre Scout

Sammelband 3

von Leslie West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 345 Taschenbuchseiten.

American Frontier - Kit Carson, der legendäre Trapper ist die große Saga von Leslie West.

Der junge Kit Carson bricht in den bis dahin noch unerschlossenen Westen der Vereinigten Staaten auf, als Helfer eines Handelszuges auf dem berühmten Santa Fe Trail. Ab 1829 arbeitet er schließlich selbst als Trapper und Pelzhändler.

Dies ist der 3. Sammelband mit den weiteren Abenteuern Kit Carsons.

„Abenteuer im Hohen Norden“ enthält die zwei romanlangen Erzählungen und Novellen „Die Spur des Wendigo“, „Der See der Ungeheuer“ und „Bitterer Ruhm.“

Weitere Bände werden folgen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Amerikan Frontier Kit Carson – der legendäre Scout, Nr. 3

Romane und Novellen © by Leslie West und Edition Bärenklau 2015

Cover © by Steve Mayer, 2015

DIE SPUR DES WENDIGO

von LESLIE WEST

Der junge Pierre Lamartine hält es in der bedrückenden Enge seines Elternhauses nicht mehr aus. Er flieht in die kanadische Wildnis, um Trapper zu werden. Ein Unikum, das sich „Bowler“ nennt, rettet ihn in letzter Sekunde vor den Fängen eines Grizzlys. Die beiden werden unzertrennliche Gefährten.

Jahre später beginnt es beim Stamm der Kainah zu gären. Ein mysteriöser Prediger, der sich “Bote des Wendigo“ nennt, hat begonnen, die Indianer gegen die Weißen aufzuhetzen. Ein offensichtlich geistesgestörter Weißer behauptet, den Wendigo, den Windgeist der Indianer, leibhaftig gesehen zu haben. Später verschwindet er spurlos.

Bald hat der Prediger die Botschaft des Aufstands auch in die Städte der Weißen und der Métis getragen, einem Mischvolk aus Franzosen und Indianern. Erst im allerletzten Moment gelingt es Pierre, Bowler und ihrem Freund Kit Carson, eine Schlacht größeren Ausmaßes zu verhindern und den “Boten des Wendigo“ zu entlarven.

Pierre und Bowler verfolgen den Fliehenden bis an die Westküste Kanadas, wo er bei den menschenfressenden Tsimshian Zuflucht gefunden hat, die Bräuche von unsagbarer Grausamkeit ausüben und schreckliche Götter anbeten. Es kommt zu einem letzten, alles entscheidenden Zweikampf zwischen Pierre Lamartine und dem “Boten des Wendigo“.

I. TEIL

DIE GROSSEN WÄLDER

1. Aufbruch ins Ungewisse

Ich kannte die Geräusche des Flusses und des Waldes. Oft genug war ich schon den Pfad zu meinen Biberfallen gegangen.

Auch in diesem Teil Kanadas wurde es nun Frühling, aber noch war es kalt. Der Wind, der wärmeres Wetter über den Fluss bringen würde, strich durch das mit Eiskristallen überzogene Schilf. Er brachte die Halme und Äste in Bewegung. Ihr leise klirrendes Aneinanderschleifen klang wie überirdische Musik. Das Rauschen in den Wipfeln der Rottannen und die wogenden Äste der Schwarzpappeln untermalten dieses gläserne Schwirren als dunkle Begleitung. Man konnte glauben, der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein, und das war einer der Gründe, warum ich mich hier als Pelzjäger niedergelassen hatte.

Ich kannte alle um diese Tageszeit üblichen Geräusche. Und ich erstarrte, als ich das Knistern des schwammigen Mooses vernahm, wie es nicht von Menschenfüßen, sondern von weichen Pfoten erzeugt wird, die darin einsinken.

Ich war nicht mehr allein.

Es waren Wölfe, ausgewachsene Grauwölfe, noch ausgehungert von der harten Jahreszeit, die hinter ihnen lag.

Und sie kamen von drei Seiten auf mich zu.

Sie waren zu fünft. Fünf Prachtexemplare von Wölfen mit struppigem Fell, das sich aber wieder wunderschön anschmiegen und glänzen würde, wenn sie mich erst einmal gefressen hatten.

Einen einzelnen Wolf braucht man normalerweise nicht zu fürchten. Es gibt wenige, die in der Lage sind, einen gesunden, ausgewachsenen Karibu zu töten. Sie bevorzugen kranke, geschwächte Tiere und bleiben den Menschen fern.

Außer sie sind völlig ausgehungert und zu fünft gegen einen einzelnen Mann.

Manchmal hilft es, wenn man Entschlossenheit und Furchtlosigkeit zeigt. Ich blieb ruhig stehen und hob nur ganz langsam die Mündung meiner Minié-Büchse, die erst letztes Jahr auf den Markt gekommen war.

Es half nichts. Sie kamen immer näher, und in ihren Augen war die Gewissheit zu lesen, dass ihnen diese Beute nicht entgehen würde.

Ich schoss.

Zum Nachladen fehlte die Zeit. Die übrig gebliebenen vier Tiere wichen nur wenig zurück, während das Blut ihres toten Kameraden im Moos versickerte.

Mir blieb nur die Flucht.

Dreißig Yard mochten es zu der Rottanne sein, die klein genug war, um die unteren Äste noch erreichen zu können. Ich sprintete los.

Vielleicht war das ein Fehler, vielleicht hätten sich die Biester erst einmal auf ihren Artgenossen gestürzt, wenn ich damit nicht erneut ihre Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hätte. ich hoffte jedoch, auf diese kurze Distanz schnell genug zu sein.

Doch es war zu knapp. Auf halber Strecke musste ich die Minié am Lauf nehmen und als Keule verwenden. Das wütende Knurren, der stinkende Atem und die blitzenden Fänge der Wölfe schienen ein Netz des Todes um mich zu weben, während meine Bewegungen immer verzweifelter wurden. Als ich einen der Wölfe so hart an der Flanke erwischte, dass er aufjaulend zusammensackte, sah ich meine letzte Chance.

Ich schaffte es. Als ich zum Sprung ansetzte, ließ ich die nutzlos gewordene Büchse fallen. Ich krallte mich am untersten Ast der Rottanne fest und schwang mich hoch.

Die Wölfe heulten voller Wut auf. Einer nahm ebenfalls Anlauf und sprang.

Mein Bowiemesser erwischte voll die Halsschlagader. Ich musste es ihm in der Kehle lassen, sonst hätte er mich mit seinem Schwung erneut vom Baum gerissen. Er starb gespenstisch. Ohne noch einen Laut von sich geben zu können, verzuckte er sein Blut zwischen den Wurzeln des Baumes.

Seine Kumpane machten sich über ihn her. Ich nutzte die Gelegenheit, um höher hinaufzusteigen. Während die Burschen ihr schauriges Mahl begannen und ihre Fänge in den noch warmen Körper schlugen, dachten sie wohl gar nicht mehr an mich.

Angewidert wandte ich mich ab, um bewusst in die rostbraunen und hellgrünen Frühlingstriebe des Waldes zu starren.

Dann vernahm ich ein Knurren, das nicht aus einem Wolfsrachen zu kommen schien. Ich sah nach unten. Den Wölfen sträubte sich das Fell. Sie knurrten, aber sie wichen zurück. Und dann verschwanden sie ziemlich schnell zwischen den Bäumen.

Als ich den Grund für ihr Verhalten sah, wäre ich ihnen nur zu gern gefolgt.

Die weißbraune Pelzmasse, die sich da unten auf meinen Baum zuschob, gehörte unzweifelhaft einem ausgewachsenen Grizzly.

*

Ich musste neidlos zugeben, dass ich von seiner Gattung noch nie ein Tier gesehen hatte, das ihn an Größe übertroffen hätte. Der Grizzly gehörte zur helleren Sorte, die fast weiß aussieht. Sein zottiges Fell wölbte sich über dem hohen Schulterbuckel, unter dem eine gewaltige Masse Muskeln verpackt war. Er maß aufgerichtet mindestens zwei Yard.

Der Anblick seiner langen Krallen tröstete mich insofern, als daraus hervorging, dass er ein wesentlich schlechterer Kletterer war als sein kleiner Vetter, der Baribal.

Das war freilich auch mein einziger Trost. Mein Gewehr und mein Bowiemesser lagen bei ihm unten, und er brauchte ganz bestimmt weder das eine noch das andere, um mich fertig zu machen.

Ich war ordentlich vom Regen in die Traufe geraten. Der Grizzly stellte schnell fest, dass an dem toten Wolf nicht mehr viel dran war. Schon bekam ich Hoffnung, dass er mich überhaupt nicht bemerken würde.

Ich wurde enttäuscht. So wie ihn der Blutgeruch an den Baum gelockt hatte, schnupperte er nun prüfend nach oben.

Das gierige Aufblitzen in seinen Augen ließ keinen Zweifel an seinen Absichten. Was jedoch ungewöhnlich war, war seine unglaublich schnelle Reaktion. Er warf sich mit einer Schnelligkeit und einer Wucht gegen den Stamm, mit der ich niemals gerechnet hatte. Ich verlor das Gleichgewicht und rutschte ab.

Ich landete auf den Beinen, glücklicherweise im weichen feuchten Moos. Die Wucht des Falls riss mich dennoch um.

Das Tellergesicht des Grizzlys fuhr herum, als hätte er mit nichts anderem gerechnet. Er beeilte sich nicht, als er auf mich zukam.

Anscheinend war ich nicht sein erstes menschliches Opfer. Er wusste wohl genau, dass er trotz seiner gewaltigen Masse jeden Menschen spielerisch einholen konnte. Als er keine drei Yard mehr entfernt war, fiel die Erstarrung von mir ab. Ich sprang auf, schlug einen Haken um ihn, erreichte den Baum und zog das Bowiemesser aus dem Hals des toten Wolfs.

Viele Chancen rechnete ich mir damit nicht aus. Ein muskelbepackter und kampfgestählter Trapper hatte damit vielleicht eine gute Überlebenschance, aber mir mit meinen zweiundzwanzig Jahren fehlten dazu sowohl Körperkraft als auch Erfahrung.

Der Bär kam immer näher. Ich sah nur noch sein schreckliches Gebiss.

Dann fiel der Schuss.

Ich stand mindestens ebenso erstarrt wie der Grizzly, dessen linkes Auge plötzlich zu explodieren schien. Das Untier setzte noch zum Brüllen an, begann dann aber nur kurz zu taumeln, um Sekunden später mit einem nassen Klatschen auf dem Waldboden aufzuschlagen.

Erst als ich das Biest in seiner ganzen Masse bewegungslos vor mir liegen sah, begann ich den Schrecken zu verarbeiten.

Ich wandte mich um - und sah einen Mann aus den Büschen kommen, dessen Anblick sicher auch andernorts Erstaunen hervorgerufen hätte, hier in der Wildnis aber ganz besonders auffallen musste.

Wir waren etwa gleich groß, aber damit hörte auch jede Ähnlichkeit bereits auf.

Während meine Haare blond und gewellt sind, waren die des Neuankömmlings glatt und schwarz. Allerdings war er ebenso bartlos wie ich.

Sein Kopf schien extrem schmal, und seine Miene hätte dem abgefeimtesten aller Halunken gut gestanden, wenn der breite aber dünnlippige Mund nicht ein leichtes Lächeln angedeutet hätte und die braunen Augen nicht so gütig aufgeblitzt hätten. Es war ein scharfkantiges Gesicht zwischen zwei sehr großen Ohren mit dichten Koteletten, aber das war alles nichts gegen die Nase. Sie war so scharf wie ein Tomahawk und so lang wie mein Mittelfinger. Aber ganz schmal.

Und die Kleidung! Während ich die gewöhnliche fransenverzierte Hirschlederjacke in eine Hose aus demselben Material gestopft hatte und dazu Stiefel aus Bisonleder trug, trug er mitten im kanadischen Urwald eine schwarze Cordhose, Stulpstiefel, einen ihm natürlich zu weiten, aber dennoch sehr eleganten hellgrauen Frack, ein weinrotes Halstuch, darüber einen Biberkragen - und eine Melone. Einen waschechten Bowler!

Er bezog meinen fassungslosen Gesichtsausdruck auf seine Waffe.

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass Sie noch nie eine Enfield-Perkussionsbüchse gesehen haben, Sir“, begann er. “Sie ist erst heuer auf den Markt gekommen, aber ich möchte sie um keinen Preis der Welt missen. Haben Sie die Genauigkeit und die Wirkung verfolgt? Ich hatte früher eine Hawken-Rifle, aber glauben Sie mir, Sir: Schier un - ver -gleich -lich!“

Sein Gesicht drückte höchste Zufriedenheit aus. Dann lüftete er seine Melone ebenso vor mir wie vor dem toten Bären, vor dem er sich ebenfalls zugleich artig verbeugte.

“Sie gestatten doch, dass ich mich vorstelle, Sir? Mein Name ist Nathaniel Calhoun. Meine Vorfahren besiedelten die Appalachen, Sir. Und ein Teil meiner Verwandtschaft hat in Texas am Rio Concho ein Anwesen namens Rancho Bravo gegründet. Ihr Oberhaupt heißt Tom Calhoun.“

Er streckte mir die Hand entgegen.

“Pierre Lamartine, Franzose“, erwiderte ich, als ich einschlug. “Darf ich Sie zum Frühstück einladen? Sie haben mir ja immerhin das Leben gerettet.“

“Mit Freuden, Sir! Gestatten Sie mir jedoch, dass ich den Bären zubereite. Ich war jahrelang Koch in Paris, mein Hummer auf Marseiller Art war berühmt, und für mein Hühnchen à la Bowler habe ich sogar das ‘Blaue Band‘ bekommen.“

“Hühnchen à la Bowler?“

“Mein Spitzname, Sir - Sie sehen ja, warum. Würden Sie mich bitte duzen? Wünschen Sie ein hors-d‘oeuvre?“

*

Mein neuer Gefährte hatte wirklich nicht übertrieben. Die Bärentatzen, die er am Lagerfeuer zubereitet hatte, hatten so gut geschmeckt, dass wir überhaupt nicht zum Reden gekommen waren. Der Rückmarsch zu meinem Frühjahrslager hatte etwa eine halbe Stunde gedauert. Unsere Pferde schienen sich ebenfalls prächtig zu verstehen, denn sie standen einträchtig nebeneinander.

Bowler griff nach seinen Satteltaschen, holte eine Tonflasche heraus und hielt mir das Etikett hin. “The Governor And Company Of Adventurers Of England“, las ich. “Trading Into Hudson‘s Bay - SPECIAL - 12 Year Old Rye Whiskey.“

“Ein anständiger Roggenwhiskey ist genau das Richtige nach unserem tüchtigen Schrecken, Sir“, meinte er und schenkte zwei Gläser ein. “Erzählen Sie mir was aus Ihrem Leben.“

Ich winkte ab.

“Da gibt ‘s nicht viel zu erzählen, Bowler. Mein Vater hat immer gesagt, solange ich meine Füße unter seinen Tisch strecke, hätte er das Sagen. Nun, da hab‘ ich ihm vor drei Monaten genug Platz für seine eigenen Beine hinterlassen. Hatte keine Lust, sein Tuchgeschäft zu übernehmen.“

“Verflucht leichtsinnig, allein in die Wälder zu gehen, Sir.“

“Ich war nicht allein. Old Abe, mein Partner, ist vor zwei Wochen ertrunken. Ich habe ihn dort hinten auf der Lichtung begraben. Ehrlich gesagt, ich wollte schon irgendwann allein sein, aber nicht so schnell.“

“Das tut mir leid, Sir.“

“Mir auch, Bowler. Und was hast du denn so alles hinter dir? Du hast sicher nicht dein ganzes Leben in den Appalachen verbracht, oder?“

Bowler grinste.

“Keinen einzigen Tag, Sir. Ich wurde bereits auswärts geboren, weil es meinem Vater im Gegensatz zum Rest seiner Verwandtschaft dort früh zu langweilig wurde. Seine Wanderlust hat auch bei mir voll durchgeschlagen. Ich wurde zu einem argen Herumtreiber und war schon in der ganzen Welt. Wahrscheinlich bin ich mit Ahasver verwandt, Sir.“

“Wer ist denn das?“

“Der Ewige Jude, Sir. Er muss immer wandern, darf nie an einem Ort bleiben. Gefällt mir aber.“

Bowlers Roggenwhiskey schuf ein angenehm warmes Gefühl im Magen.

“Wollen wir Feinde sein, Bowler? Abkömmlinge der Briten und Schotten haben die Franzosen in Kanada nicht immer gut riechen können.“

Bowlers Nase fuhr empört nach oben.

“Sie belieben zu scherzen, Sir! Meinen Sie etwa wegen der Pelzhandelsgesellschaften? Seit sich die englische Hudson‘s Bay Company mit der North West Company vor 32 Jahren zusammengeschlossen hat, gibt ‘s keine Reibereien mehr. Sie sind doch bei der Company, nicht wahr, Sir?“

Ich nickte.

“Sie sind ein richtiger homme du nord“, stellte er fest. “Ein coureur de bois. Ein voyageur.“

“Zumindest will ich ‘s werden“, schränkte ich ein.

Bowler war inzwischen schon bei seinem fünften Glas Roggenwhiskey angelangt, aber es war ihm nichts anzumerken. Er wankte erst leicht, als er aufstand und mit einer feierlichen Geste sein Glas hob.

„Mit Verlaub, Sir - Sie gefallen mir, und es wird mir gelingen, einen tüchtigen Pelzjäger aus Ihnen zu machen - einen sehr tüchtigen Pelzjäger! ich bin Fachmann auf dem Gebiet der Zoologie, der Ernährungswissenschaft und der arktischen Tierwelt. Ich habe Veterinärmedizin studiert und Archäologie - und habe die Jagdpferde Ihrer Majestät der Königin Victoria trainiert. Eines davon wurde sogar Erster beim Hindernisrennen in Newton. Wollen wir zusammenbleiben, Sir?“

Nun erhob ich mich ebenfalls.

“ich glaube, du hast mich überzeugt, Bowler. Zwei Männer können sich besser wehren als einer, können die Arbeit besser einteilen, mehr Fallen aufstellen, Wache halten, wenn nötig - und außerdem gefällst du mir ebenfalls.“

Wir stießen an. Es war nicht die letzte Flasche, die wir an diesem Tag zusammen leerten, und es war der Beginn einer Freundschaft, die heute, nach so vielen Jahrzehnten, immer noch besteht.

2. Die Schule der Wildnis

Ich könnte die nächsten Jahre überspringen, denn es geschah nichts Außergewöhnliches. Und doch würde etwas fehlen.

Bowler hatte nicht übertrieben. Er war ein Ausbund an Gelehrsamkeit und Wissen und brachte mir soviel Neues bei, dass ich mich immer wieder nur wundern konnte. Ob Old Abe das auch alles gewusst hätte?

Nie verlor er dabei seine Schrullen. Falls er tatsächlich alles erlebt hatte, was er erzählte, dann war er dreimal so alt wie er aussah.

Meinen Entschluss, in die Wildnis zu gehen, habe ich nie bereut - obwohl ich so wenig von dem gewusst hatte, was auf mich zukam.

Das Leben eines Voyageurs ist hart und entbehrungsreich, die Ausrüstung so knapp wie möglich bemessen: einige Messer, Ersatzschlösser und -feuersteine, pro Saison etwa 25 Pfund Pulver, 100 Pfund Blei, ein Gewehr, ein Ersatzgewehr, Mehl, Kaffee, Tee und Salz. Für die Wintersaison packt man sieh zusätzlich noch einige Leggings ein.

Die Fallen werden erst während der Fangzeit aufgestellt. Die erste beginnt im Herbst, wenn die Sommerpelze besonders schön ausgefallen sind, sie endet, wenn Schnee und Eis die Arbeit unmöglich machen. Die zweite beginnt im Frühjahr mit dem Aufbrechen des Eises -damals hatte ich Bowler kennengelernt - und geht zu Ende, wenn die Pelzqualität aufgrund des wärmeren Wetters nachlässt.

Man verdient nicht schlecht; aufs Jahr gerechnet etwa dreimal soviel wie ein Zimmermann oder ein Maurer.

Wir verkauften nie alles an die Company. Bowler war extrem geschäftstüchtig und kannte einige Händler, die für besonders schöne Felle manchmal sogar den doppelten Betrag dessen bezahlten, was die Company veranschlagt hatte. Viele ließen sich von der Hudson‘s Bay ausbeuten - wir nicht. 1200 bis 1300 Felle pro Jahr waren bei uns keine Seltenheit. Diejenigen Gierschlunde unter den Aufkäufern, die sich darauf versteiften, den Voyageurs wieder so viel wie möglich für deren nächsten Saisonbedarf abzuknüpfen, bissen bei uns beiden auf Granit.

Was aber bekam man alles im Gegenzug für diese Art von Broterwerb! Die meiste Zeit des Jahres war man frei und ungebunden, auch wenn man ab und zu nur von wilden Pflaumen, Nüssen, Wurzeln und Rinden leben musste - was mit Bowlers Genie bei der Organisation allerdings nur höchst selten der Fall war. Und man erlebte die Faszination der unendlichen Urwälder in allen Abstufungen.

Die Wälder - Weißbirken, Ahorn, Schierlingstannen, deren Stämme im nächtlichen Lagerfeuer wie Bronze glänzen. Die Flüsse - von Wäldern umgeben oder zwischen bedrohlichen Steilwänden aus gelbem oder ockerfarbenem Gestein, ihre Sandbänke und Felsriffe, die man an ihren Schaumkronen erkennt und denen man mit seinem Birkenrindenkanu rechtzeitig ausweichen muss. Die Seen - Pelikane und Fischadler, die tagsüber ihre Bahnen auf der Jagd nach Forellen ziehen, nachts eine stille, wie schwarzes Glas schimmernde Oberfläche, die die Abermillionen Sterne des allumfassenden Firmaments widerspiegelt.

Irgendwann im Laufe dieser Jahre stellte ich fest, dass es mir unmöglich sein würde, jemals wieder für längere Zeit in die Zivilisation zurückzukehren. Wer die grenzenlose Weite der kanadischen Wälder jemals bewusst erlebt hat, den lassen sie nicht mehr los ...

3. Gefangen!

Im Frühjahr unserer dritten gemeinsamen Saison mussten wir uns mächtig ins Zeug legen. Die Preise für Biberfelle waren leicht zurückgegangen, also mussten wir mehr Tiere fangen; dazu wiederum brauchten wir zusätzliche Newhouse-Fallen, die nicht billig waren, dafür aber als die besten galten.

Hinzu kam die amerikanische Konkurrenz. In den Vereinigten Staaten entsprachen den Voyageurs die Mountain Men, und die hatten bereits seit den Zwanziger Jahren den Missouri bis zur Yellowstone-Mündung und darüber hinaus erschlossen. Die berühmtesten Mountain-Men waren zweifellos Jim Bridger, der immer noch als Führer in den Rocky Mountains arbeitete, und Kit Carson, dessen Name schon Legende geworden war. Nach seiner Zeit als Mountain Man und dem Tod seiner indianischen Frau hatte er mit John Charles Frémont einige wichtige Siedlertrails in den amerikanischen Westen erschlossen. Danach hatte er im Mexikanischen Krieg gekämpft, und jetzt arbeitete er als Indianeragent in Taos in New Mexico.

Ich erwähne dies nur, weil Bowler und ich sowohl Jim als auch Kit persönlich kannten und schon einiges zusammen mit ihnen erlebt hatten. Kennengelernt hatten wir ihn und seinen indianischen Freund Häuptling Washakie damals am „See der Ungeheuer“. Doch davon will ich ein andermal berichten.

Wie gesagt, dieses Jahr hatten wir zu kämpfen. Bowler und ich erweiterten deshalb sowohl unser Jagdterritorium als auch unser Pelzangebot. Fischottern brachten manchmal fast doppelt soviel wie Biber, und für Wildkatzen- und Vielfraßfelle bekam man auch etwas. Das war uns sehr angenehm, denn Vielfraße waren als Fallenzerstörer und Köderstehler eine echte Plage.

An einem herrlich sonnigen Tag war Bowler allein zu den Fallen losgezogen. Ich dagegen genoss das schöne Frühlingswetter bei unserer Hütte und trug während des ganzen Vormittags wegen der Wärme nur leichtes Unterzeug. Meine Haut hatte in dieser Saison längst einen tiefen Braunton angenommen, wohingegen Bowler immer noch eine nur wenig beeinträchtigte aristokratische Blässe aufwies, weil das eben besser zu seiner Kopfbedeckung passte.

Die Hütte bestand aus Fellen, die mit Sorgfalt über ein Kuppelgerüst aus dünnen Holzstangen gezogen waren, die wiederum einen Halbkreis bildeten und am unteren. Ende in den Boden gerammt waren. Daneben stand unser schräg aufgebauter Abziehblock, und ich hatte den ganzen Vormittag an einem massiven Rahmen aus vier gleich langen Balken gearbeitet; er dient zum Aufspannen des Fells, das wir in mühseliger Kleinarbeit mit einem scharfkantigen Stein abschaben müssen, um es dadurch verkaufsfertig für den Kürschner vorzubereiten. Bowler hatte natürlich auch schon einmal in einer Kürschnerei gearbeitet.

Jedenfalls war diese Geschichte ebenso anstrengend wie zeitraubend und langweilig, und weil der leichte Frühlingswind und die Wärme der Sonne ein träges Wohlbehagen in mir aufkommen ließen, beschloss ich am frühen Nachmittag, mich ein wenig in den Fluten des South Saskatchewan River abzukühlen.

Ich blieb wie ich war, zog lediglich noch Mokassins an, legte aber immerhin meinen Gürtel mit Bowiemesser, Kugelbeutel und Pulverhorn an, um auch meine alte Minié mitzunehmen, von der ich mich einfach nicht trennen wollte. Man konnte nie wissen.

Zum Fluss ging es ein kleines Stück bergab. Ich genoss den Schatten der Bäume, die in voller Frühlingsblüte standen, und das Streifen der Äste und Blätter junger Ahorn- und Birkenbäume an Armen und Füßen. Es fühlte sich fast so angenehm an wie die zärtlichen Liebkosungen einer jungen Indianerin - falls man Bowlers Erzählungen Vertrauen schenken konnte. Mir selbst fehlte da jede Erfahrung.

Auch auf den Strecken, die den South Saskatchewan durch weite Waldgebiete führen, beschreibt er oft riesige Mäander, so dass man mit einem Birkenrindenkanu nach Stunden beinahe wieder an den Ausgangspunkt zurückgelangt. Unsere Hütte lag nahe am Beginn einer solchen Flusskrümmung. Inmitten des Flusses gab es in größeren Abständen kleine bewaldete Inseln, zu denen man leicht hinüber schwimmen konnte. Allerdings musste man ein kräftiger und, geübter Schwimmer sein, um bei starker Strömung Untiefen und Felsenriffen ausweichen zu können.

Ich ließ mich erst einmal am Ufer nieder und legte Waffen, Gürtel und Unterhemd ab.

Der dichte Wald zog sich auch am gegenüberliegenden Ufer entlang. Dort, wo das Gelände steiler abfiel, erschien er wie eine ungeheure Palisade.

Wie lange ich dieses erhebende Naturschauspiel auf mich einwirken ließ, weiß ich nicht mehr. Millionen von Goldblättchen schienen unter der sengenden Sonne auf dem Fluss zu tanzen, sie ermüdeten die Augen und ließen sie brennen, wenn man zu lange hinein starrte. Die Hitze tat ein übriges, um mich in einen trägen, angenehmen Halbschlaf zu versetzen. Das leise Rauschen des Flusses übertönte fast alle Waldgeräusche und schläferte in seiner Gleichförmigkeit ebenfalls ein.

Umso schriller drang der Schrei an mein Ohr. Ich fuhr erschrocken und so schnell hoch, als hätte mir jemand eine Nadel in die Seite gestochen.

Der Schrei war aus dem Fluss gekommen. Ich kniff die Augen zusammen und sah mitten im Wasser einen reglosen Körper dahin treiben.

Einen menschlichen Körper! Aber seit wann reglos?

Falls er es gewesen war, der soeben geschrien hatte, dann musste der Mann unmittelbar danach das Bewusstsein verloren haben. Entweder aus Entkräftung oder weil er mit dem Kopf gegen ein Felsenriff geraten war. Die Strömung war hier sehr stark.

Zu weiteren Überlegungen blieb keine Zeit. ich sprang ins Wasser und schwamm sofort mit aller Kraft los. Es gab hier genügend Unregelmäßigkeiten auf der Wasseroberfläche, die auf Strudel, Felsenriffe oder Untiefen hinwiesen, und der bewusstlose Mann war in allerhöchster Gefahr.

Der Schock des frühlingskalten Wassers raubte mir einige Sekunden fast den Atem. Das war jedoch schnell vorbei.

Ich schwamm wie ein Besessener, als ich erkannte, dass der Bewusstlose mit dem Gesicht nach unten dahin trieb. Wie lange ich brauchte, um ihn zu erreichen, wei? ich nicht mehr, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Als es soweit war und ich ihn umdrehte, erlebte ich meine nächste Überraschung.

Ein Mädchen! Eine Indianersquaw!

Ich packte zu und musste nun für zwei schwimmen. Entsprechend weit trieb uns die Strömung ab.

Erst beim vierten Versuch konnte ich in Ufernähe Fuß fassen. Ich war ziemlich ausgepumpt. und sank erst einmal für Sekunden in den Sand.

War es schon zu spät?

Der gute Bowler hatte mir auch etwas beigebracht, das er “Wiederbelebung‘ nannte. Selbstverständlich hatte er in Dublin drei Semester Medizin studiert, war dann zwei Tage vor dem Examen Soldat geworden und als solcher in den Fernen Osten gezogen - mit dem Veterinärkorps.

Ich pumpte die Arme des Mädchens auf und ab, begann höllisch zu schwitzen und geriet fast in Panik, als sich kein Erfolg zeigte. Sie gab zwar eine Menge Wasser von sich, regte sich aber überhaupt nicht.

Als ich schon fast nicht mehr konnte und erneut einen verzweifelten Blick auf ihr Gesicht warf, hatte sie wer weiß wie lange schon die Augen offen, aber sie waren völlig leer. Ich erschrak so, dass ich ihre Arme sofort sinken ließ.

Allmählich kamen nun wieder Leben und Ausdruck in ihr Gesicht.

Dass ich sie keuchend und regungslos anstarrte, kam mir eine Zeitlang gar nicht zu Bewusstsein. Wann sah man hier in der Wildnis schon ein weibliches Wesen?

Sicher, viele Voyageurs kauften sich zu einem Spottpreis Indianermädchen, um sich mit ihnen zu vergnügen oder sie als Arbeitstiere zu halten, aber Bowler und ich gehörten nicht zu dieser Sorte. Bowler war verrückt genug, in unserer ohnehin karg bemessenen Freizeit wissenschaftliche Literatur zu wälzen, die er sich aus England nach Victoria schicken ließ und dann dort abholte. Ich dagegen war, was das weibliche Geschlecht betraf, immer noch gänzlich unbescholten.

Das war jedoch nicht der Grund, warum ich das Mädchen so gebannt anstarrte.

Er bestand vielmehr darin, dass sie wirklich die schönste Indianerin war, die ich jemals gesehen hatte. Sie war schlank, sehr schlank sogar, und ihr Gesicht war so edel geformt, dass ich sie sofort für eine Häuptlingstochter hielt. Darauf ließ allerdings auch ihre sehr sorgfältig gearbeitete, eng anliegende Kleidung aus Rehleder schließen, die mit wunderbaren Stickereien verziert war.

Mit dieser Kleidung ging man jedenfalls nicht schwimmen. Zumindest nicht freiwillig.

Und noch etwas wurde mir trotz meiner sofortigen Faszination klar: Es handelte sich offensichtlich weder um eine Sarsi- noch um eine Piegan-Squaw. Und auch nicht um eine Angehörige desjenigen Kainah-Stammes, an dessen Gebiet unser Jagdrevier grenzte.

Dieses Mädchen gehörte unzweifelhaft zu den Chippewa, die weit im Osten an den Großen Seen Reis anbauten, wilden Reis, der vom Kanu aus geerntet wurde.

Was hatte sie so weit von ihrer Heimat in den kanadischen Westen verschlagen?

Erst als ihr Blick einen fragenden Ausdruck annahm und sie die Stirn runzelte, wurde ich rot, und zwar über und über, wie es mir vorkam. Und das wiederum ließ mich vielleicht noch roter anlaufen.

„Wo bin ich?“

Ich verstand ihren Dialekt, wusste in meiner Beklemmung jedoch nicht gleich, was ich ihr zur Antwort geben sollte.

In diesem Augenblick fiel ein Schuss.

*

Bowlers Enfield-Büchse!

Ich hätte sie unter hundert anderen herausgehört. Ohne Grund schoss er nicht, und bestimmt nicht auf Biber. Also war er höchstwahrscheinlich in Gefahr. Ich warf noch einen letzten ratlosen Blick auf das Mädchen, das sich gerade aufrichtete, und sprang dann zu meinen Sachen. Das Anlegen der Mokassins und des Gürtels war eine Frage von Sekunden, und mit dem Griff nach meiner treuen alten Minié hetzte ich bereits auf das Buschwerk zu, aus dessen Richtung der Schuss erklungen war.

Mein ungeschützter Oberkörper und meine Beine bekamen bei diesem Tempo etliche Abschürfungen und Kratzer ab, aber darauf konnte ich jetzt nicht achten. Alle meine Gedanken galten Bowler, denn ich wollte nach Old Abe nicht noch einen zweiten Gefährten in der Wildnis verlieren.

Ich durchbrach die letzten Büsche und stand am Rand einer Lichtung, auf der gekämpft wurde. Vier Indianer gegen einen Weißen, der sich verzweifelt wehrte. Bowler!

Es waren Kainah, ganz zweifellos. Friedliche Kainah, an deren Stammesgrenze wir ohne die geringsten Reibereien seit Monaten jagten.

Bowler kämpfte wie ein Löwe. Darüber hinaus konnte er Judo, eine asiatische Kampfsportart, wie er mir erklärt hatte. Ich hatte nie davon gehört. Gegen die vier Kainah reichte das freilich nicht. Die leer geschossene Enfield lag einige Yard neben der Kampfstätte im Gras, und Bowler kämpfte waffenlos.

Als ich sah, dass sich ein Kainah von vorn in ihn verkrallte und sich von hinten einer mit erhobenem Tomahawk näherte, riss ich meine Minié hoch.

Fast gleichzeitig mit dem trockenen Knall wurde der Indianer nach hinten gerissen. Er gab keinen Schrei mehr von sich.

Der Nachteil war, dass sie mich jetzt entdeckt hatten.

Der, der mir am nächsten war, rannte auf mich zu. Die beiden anderen blieben bei Bowler.

Den von oben kommenden Tomahawkhieb erkannte ich glücklicherweise sofort als Teil einer Finte. Als das Beil durch eine blitzschnelle Wendung dann doch von unten kam, prellte ich dem Kainah die Waffe mit meinem Gewehrkolben aus der Hand.

Seine Schrecksekunde war schnell vorbei. Er umklammerte ebenfalls die Minié, was zu einem kräftezehrenden Ringen um das Gewehr führte.

Ich riss schließlich die Waffe mit beiden Händen nach unten und versetzte dem Krieger mit dem rechten Fuß einen harten Tritt gegen die Brust. Er ließ los und flog nach hinten. Zwar rollte er sich noch geschmeidig ab, aber die Wucht, mit der ich ihn getroffen hatte, ließ ihn nicht wieder hochkommen.

Ich sah, dass Bowler nur noch einen Gegner hatte, aber da er einen sehr erschöpften Eindruck machte, eilte ich zu ihm, um ihm den Kampf abzunehmen.

Mitten im Lauf explodierte irgendetwas in meinem Hinterkopf, und der vom Kampf zerstampfte Grasboden, der mit rasender Geschwindigkeit auf mich zukam, war der letzte Eindruck, den ich mit ins Reich der Dunkelheit nahm.

*

“Und wenn Sie nun doch eine Gehirnerschütterung abbekommen haben, Sir? Mein Gott, ich würde mich so gerne Ihrer annehmen. Kommen Sie zurecht, Sir?“

“Ich bin wirklich nicht ernstlich verletzt, Bowler, zum Teufel. Du doch auch nicht, oder?“

“Nur in meinem Stolz, Sir. Gott schütze Königin Victoria!“

Und uns, dachte ich.

Wir befanden uns auf dem Versammlungsplatz der Kainah, einem großen Kreis, um den herum die Zelte des Stammes angeordnet waren. Die Kinder tollten zwischen den Zelten herum, die Squaws gaben sich unbeteiligt. Nur die Krieger ließen uns nicht aus den Augen, und ihre Blicke verhießen nichts Gutes. Wir waren an Händen und Füßen gefesselt und saßen auf dem Boden.

Dabei hatte dieser Tag so hundsgewöhnlich angefangen. Beim Aufspannen der Felle am Morgen hätte ich mir nicht träumen lassen, einige Stunden später als Gefangener im Lager der Kainah zu sitzen.

Ganz zu schweigen von der Chippewa, die ich aus den Fluten des South Saskatchewan River gezogen hatte. Fast war mir, als hätte ich das nur geträumt. Sie war schließlich von fast überirdischer Schönheit gewesen.

Vom Südende des Platzes drang erwartungsvolles Murmeln herüber.

Tough Beaver, der Häuptling der Kainah, hatte sein Tipi verlassen und ging gemessenen Schrittes auf uns zu. Er ließ sich vor uns nieder und schwieg.

Er hätte sich meinetwegen totschweigen können. Diese äußerst beliebte Indianermethode, die Unsicherheit von Gästen oder die Angst von Gefangenen durch ewig langes wortloses Anstarren zu erhöhen, hatte bei Bowler und mir überhaupt keine Wirkung. Wir schwiegen stets in höchster Vollendung zurück.

Tough Beaver hätte das wissen können. Anscheinend war das aber nicht der Fall, und so verstrich eine halbe Ewigkeit, bis er endlich den Mund auftat.

“Ihr jagt den Biber, den Badger und den Bisam. Ihr jagt den Antilopenhasen, den Wapiti und den Luchs. Ihr jagt den Marder, den Fischotter, den Nerz und das Wiesel. Und ihr jagt sie alle auf unserem Gebiet.“

Bowler und ich sahen uns an. Er nickte mir zu, dass es ihm lieber war, wenn ich das Wort ergriff.

“Das trifft nicht ganz zu, Tough Beaver, aber das weißt du selbst ganz genau. Wir haben uns stets außerhalb eurer Stammesgrenzen gehalten. Außerdem jagen wir ebenso den Wolf, den Bären und andere Raubtiere. Wir halten die Ostgrenze eures Stammesgebiets von zwei- und vierbeinigen Räubern frei, und wir nehmen euch nichts weg. Warum soll plötzlich nicht mehr Friede zwischen uns herrschen? Wir hatten nie Probleme miteinander.“

“Ihr nehmt uns sehr wohl etwas weg“, beharrte Tough Beaver. “Ihr tötet mehr Tiere als ihr braucht.“

“Biber und Fischottern gibt es hier mehr als genug wehrte ich ab. “Darüber hinaus wechseln wir regelmäßig unser Revier, damit der Bestand wieder nachwachsen kann. Gut, ich gebe zu, dass wir in dieser Saison ziemlich viel gefangen haben, aber das war notwendig. Nächstes Jahr werdet ihr uns nicht mehr hier sehen.“

Tough Beaver schnaubte verächtlich.

“Andere werden kommen. Ihr werdet immer mehr, bis ihr eines Tages genug seid, um uns von unseren Jagdgründen zu vertreiben oder uns zu töten, wenn wir nicht freiwillig weichen. Zahlreich wie Ameisen werdet ihr über uns herfallen und unser Untergang sein!“

Ein Blick auf Bowler bewies mir, dass er dasselbe wie ich dachte.

“Ihr hattet Besuch, nicht wahr? Irgendjemand hat euch das eingeimpft?“

Ich sah, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Der Häuptling der Kainah machte eine wütende Handbewegung.

“Der Bote des Wendigo hat die Wahrheit gesprochen!“

“Der Bote des Wendigo? Wer ist das?“

“Der Bote des Wendigo eben! Er ist der Gesandte des Gottes aller Winde, der alles sieht. Nun hat er seinen Boten ausgeschickt, um uns die Wahrheit zu verkünden. Und wir werden nach seinen Worten handeln. Wir wollen niemals das Los unserer Brüder im Süden teilen!“

Ich dachte kurz nach.

“Wir sind hier nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika“, fuhr ich dann fort. “Hier lebt der weiße Mann schon seit über 500 Jahren, viel länger als in den Vereinigten Staaten. Es gab Kriege zwischen Rot und Rot, und zwischen Weiß und Weiß - oder zwischen zwei feindlichen Rot-Weiß-Bündnissen. Es gab jedoch nie Konflikte zwischen Rot und Weiß, die den Namen Krieg verdient hätten.“

“Sie haben völlig recht, Sir“, mischte sich Bowler nun zum ersten Mal ein. “Jacques Cartier trieb bereits seit 1535 mit den Huronen friedlich Handel, und als sich Huronen und Franzosen gegen die mit den Engländern verbündeten Irokesen zur Wehr setzten, endete es schließlich damit, dass das Nebeneinander für alle Zeiten friedlich geregelt wurde und die Irokesen, die jahrhundertealte Geisel sämtlicher algonkinischer Blackfeetstämme, in ihre Schranken verwiesen wurden.

Seit über 80 Jahren herrscht Frieden! Seit Generationen treibt ihr friedlichen Handel mit den Weißen: mit der North West Company, danach mit der Hudson‘s Bay und den  ...  “

“Schweig!“, donnerte Tough Beaver. “Was ihr Frieden nennt, ist in Wahrheit Unterwerfung. Es wird nicht mehr lange dauern, bis ihr in unsere Steppengebiete einfallen werdet ...“

“Das wird nicht geschehen“, widersprach ich. “In den Plains Kanadas können nur Indianer und Büffel leben. Es gibt dort keinen Baumwuchs, also auch kein Brennholz und keine Stämme zum Häuserbauen. Das Land ist kahl, Blitzschläge lösen gigantische Präriebrände aus, die Winterkälte ist tödlich, im Frühjahr gibt es Überschwemmungen, im Sommer Insektenplagen. Glaubst du wirklich, das sich in den Plains jemals Weiße niederlassen werden?“

“Sie werden es tun“, beharrte Tough Beaver. “Der Bote des Wendigo hat uns davor gewarnt, bevor er weitergezogen ist und seine Begleiterin zurückgelassen hat.“

Dass Tough Beaver damit tatsächlich ein Jahrzehnt in die Zukunft sah, ahnte ich damals noch nicht. Meine Aufmerksamkeit richtete sich ganz auf den letzten Satz.

“Er hat jemanden dagelassen?“

“Er wird sie abholen. Die Unterhaltung ist beendet.“

Mit diesen Worten stand er auf und wandte sich zum Gehen.

“Warte, Häuptling!“, rief Bowler ihm nach. “Was ist mit dem Krieger, der eine Kugel abbekommen hat, als er von hinten auf mich losging?“

“Er wird sterben“, versetzte der Häuptling dumpf. “Eure Teufelswaffe hat ihn nahe am Herzen erwischt.“

“Lasst ihr uns gehen, wenn ich ihm die Kugel heraushole und das Leben zurückgebe?“

“Das kannst du nicht.“

“Ich kann es versuchen“, beharrte Bowler. „Mein Freund kann dir bestätigen, dass ich ein großer Medizinmann bei den Weißen bin, Tough Beaver - nicht wahr, Sir?“

“So ist es“, versicherte ich.

Der Häuptling der Kainah zögerte, aber Bowler ließ sofort einen neuen Redeschwall los, der ihn ins Wanken brachte. Schließlich willigte er ein und entfernte sich endgültig ohne ein weiteres Wort.

“Ich weiß nicht, ob Veterinärmedizin die richtige Ausbildung ist, wenn man einen Menschen unters Messer nehmen muss, Bowler“, zweifelte ich, als Tough Beaver außer Hörweite war.

“Sie unterschätzen mich grenzenlos, Sir“ empörte sich mein Freund. “Ich habe 17 Pferde und 363 Maultiere Ihrer Majestät verarztet, und etliche davon waren entschieden schlechter dran als dieser Kainah-Krieger.“

“Dann mal viel Glück. Du weißt ja, was davon abhängt.“

“Aber sicher, Sir. Was glauben Sie, wie sehr ich mich auf meine erste Operation an einem Zweibeiner freue.“

4. Der Schatten des Wendigo

Bald darauf wurden wir getrennt. Bowler wurden die Fesseln gelöst, aber mich warfen zwei Krieger gebunden ins Gefangenenzelt, das bewacht wurde.

lch erschrak, als ich sah, dass ich nicht allein war. Mir gegenüber kauerte ein in sich verkrampftes Menschenbündel an der Zeltwand, das unregelmäßig zuckte. Die Beine waren in eine Decke gewickelt, und der Mann war offensichtlich ungefesselt - obwohl es sich um einen Weißen handelte.

“Mein Gott, Boisverd“, keuchte ich.

Der alte Voyageur der Hudson‘s Bay Company war fast nicht mehr wiederzuerkennen. Er hatte mindestens ein Drittel seines Gewichts verloren, und aus den schwarz umrandeten Augenhöhlen drang ein flackernder Blick, der aufkeimenden Wahnsinn verriet.

“Kennst du mich nicht mehr, Boisverd? Ich bin‘s, Pierre Lamartine. Letztes Jahr haben wir uns in Edmonton gesehen, erinnerst du dich nicht?“

Er starrte mich an, und ich glaubte gerade, Zeichen des Erkennens aus seinem ausgemergelten Gesicht zu lesen, als er sich plötzlich wimmernd zusammenkrümmte und seinen Oberkörper an der Zeltwand zu reiben begann.

“Ich habe den Wendigo gesehen“, keuchte er. “Gott helfe mir, ich habe den Wendigo gesehen.“

“Den Boten des Wendigo, nicht wahr?“

“Den Wendigo! Den Wendigo selbst! Erbarme dich meiner, oh Gott, erbarme dich meiner! Lösche dieses höllische Brennen in meinen Füßen und banne den Sturm von meinen Augen!“

Er war ganz offensichtlich tatsächlich wahnsinnig geworden. Mich fröstelte.

Keinem Voyageur ist die Legende vom Wendigo fremd. In den Städten und in Gemeinschaft von anderen verlacht man sie als Aberglauben. Wer aber jemals völlig auf sich allein gestellt in der unermesslichen Weite des gigantischen kanadischen Urwalds zurückgeblieben ist, weiß auch, was Angst ist. Die Angst, ein winziges wehrloses Etwas in einer titanischen Urwelt zu sein, die um ein Vielfaches älter ist als der Mensch, ein uraltes, unbekanntes Reich, in dem es immer noch Gebiete von gewaltigen Ausmaßen gibt, die niemals zuvor von eines Menschen Fuß betreten wurden, die seit Urzeiten unerforscht geblieben sind und es vielleicht auf ewig bleiben; in denen es Lebewesen und Dinge geben könnte, die noch nie von einem menschlichen Auge erblickt wurden und vielleicht besser nie erblickt werden sollten. Wer dieses Gefühl kennt, weiß auch, wie solche Legenden wie die des Wendigo entstehen können  ... 

Der Wendigo hat verschiedene Gestalten und Bedeutungen. Im Glauben der Indianer ist er der personifizierte Ruf des Windes, und wer ihn vernimmt, stirbt auf eine schreckliche Weise. Im Aberglauben der Voyageurs nimmt dieser Elementargeist Gestalt an, er wird zu einer Art Tier, größer als alle anderen, dabei schnell wie ein Blitz, leicht und fast lautlos durch die Wipfel der Bäume huschend. Ein löwenartiger Geruch soll von ihm ausgehen. Und wer diesen Geruch oder den Ruf des Wendigo wahrnimmt, ist verloren.

Diese Stimme des Wendigo, sein Lockruf ins Verderben -sie sollen nach den Legenden alles in sich vereinigen, was die Geräusche des Waldes ausmacht: den Wind, das Rauschen des Wassers, die Laute der Tiere und alle anderen Geräusche der Schöpfung.

Wer den Laut des Wendigo vernimmt, weiß zwar, dass er sterben wird, aber nicht, wann es soweit sein wird. Dann aber ergreift der Windgeist sein Opfer und steigt mit ihm so hoch in die Lüfte, dass der Unglückliche glaubt, die Sterne würden ihn in Brand setzen. Der Wendigo eilt mit ihm durch die Baumwipfel und lässt ihn irgendwann fallen, wie ein Fischadler einen Hecht fallen lässt, um ihn zu töten, bevor er ihn frisst  ... 

Wahrscheinlich war Boisverd ganz einfach zu lange allein in den Wäldern geblieben und hatte durchgedreht. Die Sage vom Wendigo hatte in seinem Kopf zu spuken angefangen, und nun lag ich auch noch in der Gemeinschaft eines Wahnsinnigen im Gefangenenzelt der Kainah, deren Verhalten urplötzlich ebenfalls unberechenbar geworden war.

Und während Boisverd vor sich hin lallte und die Hülle seines zerbrochenen Verstandes apathisch an der Zeltwand rieb, konnte ich nur beten, dass Bowler bei seiner Operation Erfolg hatte.

*

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis Bowler hereingeführt wurde. Er war bleich, machte aber einen gefassten Eindruck.

Seine Hände waren bereits wieder gefesselt, was ich sofort als schlechtes Zeichen auffasste. Er konnte nur einen kurzen Blick auf meinen Mitgefangenen werfen, bevor man ihn auf den Boden stieß, um ihm dann auch erneut die Füße zusammenzubinden.

Mein Gesichtsausdruck war für ihn bereits die ausgesprochene Frage.

“Doch, doch, Sir“, beeilte er sich zu versichern. “Er kommt durch, aber er ist noch nicht wieder bei Bewusstsein, und deshalb haben sie mir wohl nicht geglaubt, als ich sie zu überzeugen suchte, dass er überleben wird.“

“Das heißt, wir sind mindestens noch so lange Gefangene, bis er wieder auf die Beine kommt. Oder gar, bis dieser mysteriöse Bote des Wendigo zurückkehrt. Wir verlieren viel Zeit, verdammt!“

“Wenn wir nur nicht mehr verlieren, Sir!“

“Du hast recht, Bowler, entschuldige. Wenn wir überhaupt wieder heil hier herauskommen, haben wir es wohl nur dir und deinen Fähigkeiten als Doktor zu verdanken.“

“Nicht der Rede wert, Sir.“

Als ich den Boten des Wendigo erwähnt hatte, war aus Boisverds Mund ein raues Hecheln gedrungen. Nun verdrehte er die Augen, während seine Beine ununterbrochen nervös zuckten.

Bowler betrachtete ihn eingehend.

“Die Geistesgestörten genießen den Schutz der Indianer“, stellte er fest. “Deshalb ist er auch nicht gefesselt. Könntest du uns nicht losbinden, Boisverd? Hörst du mich? Wir sind Freunde! Löse uns die Fesseln!“

“Gott helfe mir! Meine Füße! Sie brennen und brennen und brennen und brennen  ...  “

“Er will den Wendigo wahrgenommen haben“, erklärte ich Bowler, als er sah, dass seine Bemühungen gänzlich ohne Erfolg blieben. “Zur gleichen Zeit treibt sich dieser seltsame Bote des Wendigo mit seiner Begleiterin in den Wäldern herum. Ist das Zufall? Hängt das zusammen? Was zum Teufel wird hier überhaupt gespielt?“

Bowler versuchte seine schief sitzende Melone an der Zeltwand zurechtzurücken. Er schien scharf nachzudenken.

“Zumindest wissen wir, welche Rolle er sich zugedacht hat, Sir. Er gibt sich als Sprachrohr eines Naturgeistes. Der Wendigo, der Gott des Windes, ist überall, er hört, sieht und weiß alles, was ist und was war. Er ist böse, aber auch weise, und sein Bote ruft dazu auf, ihm sein Reich zu erhalten oder zurückzuerobern, denn in Eintracht kann er nur mit dem roten Volk leben. Dies alles konnte ich den Gesprächen der Krieger entnehmen, während ich operierte.“

“Dieser Bote scheint also genauso durchgedreht zu sein wie unser guter Boisverd?“

Bowler schüttelte abwägend den Kopf.

“Falls er ebenfalls verrückt ist, Sir, sollte man ihn aber dennoch nicht unterschätzen. Er vermag auf alle Fälle mehr in die Wege zu leiten als unser bedauernswerter Freund hier.“

“Wo sind wir da nur hineingeraten“, knurrte ich. “Die Saison war auch so nicht leicht, aber das hier noch dazu  ...  ach, lassen wir‘s. Konntest du den Mann überhaupt allein operieren? Hat er nicht um sich geschlagen?“

“0h Sir! Das hätte ich beinahe vergessen. lch bekam unerwartete Unterstützung von einer außergewöhnlich schönen jungen Indianerin, die sich darüber hinaus als äußerst fachkundig erwies. Das Seltsame war nur, dass es sich keineswegs um eine Kainah handelte, sondern ganz eindeutig um eine Chippewa von den Großen Seen. Mein lieber Mann, Sir - ich hätte mich beinahe ganz ordentlich verliebt! Und das will bei mir schon etwas heißen, meinen Sie nicht?“

5. Nächtliche Flucht

Nachts wurde es merklich kälter. Der Boden war eben noch nicht richtig durchgewärmt. Wir hatten keine Decken und froren. Zu essen hatte man uns auch nichts mehr gebracht.

Boisverd brabbelte immer noch sinnloses Zeug vor sich hin, was auch nicht dazu beitrug, unsere Gemüter zu beruhigen.

Im Lager war es still geworden, und in der Dunkelheit des Zeltes erkannten wir uns nur noch schemenhaft.

“Die Kainah waren vor langer Zeit sehr kriegerisch, Sir“, raunte Bowler. „Sie gehören immerhin zu den Blackfeet, und mit denen war nicht immer gut Kirschen essen. Wenn nun der Bote des Wendigo zurückkehrt und auf uns mit seinem Daumen nach unten zeigt, sehe ich verdammt schwarz, mit Verlaub, Sir.“

“Du hast wie immer recht“, flüsterte ich zurück. “Wir sollten versuchen, abzuhauen. Aber wie?“

Wir zermarterten uns den Kopf. Ich lag mit dem Rücken zur Zeltwand und fuhr zusammen, als plötzlich kalter Stahl meine gefesselten Handgelenke berührte.

Ich fühlte das schnelle Tasten einer Hand, Finger, die den Strick spannten, das Gleiten einer Messerklinge - dann war ich frei.

Rasch fasste ich mit der Linken nach hinten und bekam gerade noch ein Handgelenk zu fassen. Es war erstaunlich schmal.

“Lass mich los, du Narr!“, zischte eine weibliche Stimme. “Nimm das Messer und  ...  “

Ich hörte das Rascheln der Zeltwand mir gegenüber und erstarrte, als sich der Oberkörper unseres Wächters an der Eingangsöffnung gegen den Sternenhimmel abzeichnete.

Ehe sich seine Augen an die tiefere Dunkelheit gewöhnen konnten, schnellte ich mit gefesselten Beinen auf ihn zu. Ich erwischte ihn an der Kehle und riss ihn zu Boden.

Ein erbittertes Ringen begann. Da der Kainah nicht schreien konnte, versuchte er durch Körperkraft Lärm zu machen. Um die anderen zu alarmieren, und zerrte er zugleich an meinen Armen. Er sah aber, dass es nichts half, weil ich trotz der gefesselten Beine auf einer Stelle blieb.

Nun presste er mir die Beine um den Leib. Die muskelbepackten Oberschenkel drückten mir die Luft aus den Seiten.

Er war erheblich stärker als ich, und es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er mir die Arme auseinander reißen und dadurch seinen Hals freibekommen würde. Ich gab was ich konnte, aber das Zittern meiner Arme verriet bereits, dass meine Kräfte nachließen.

Dann aber ertönte ein dumpfer Schlag, und der schwere Körper auf mir sank erschlaffend zusammen.

“Sie haben ihn ordentlich beschäftigt, Sir“, grinste Bowler. “Ich war in der Zwischenzeit so frei, mich ebenfalls loszuschneiden. Geben Sie mir bitte Ihre Beine?“

Sekunden später stand ich ebenfalls.

“Das war ein verdammt guter Schlag, Bowler. Nur mit der Faust?“

“Selbstverständlich, Sir! Ich war vier Jahre lang Boxchampion in  ...  “

“Ich weiß“, erklärte ich schnell, bevor seine Jahre beim Duke of Wellington erneut Revue passieren konnten. “Rasch, wir fesseln und knebeln ihn.“

“Und dann?“

“Wir müssen versuchen, an den Fluss zu kommen und das Versteck ihrer Boote zu finden. Hoffentlich  ...  “

“Ich weiß, wo die Kanus sind“, wisperte die Stimme von draußen, während wir den Kainah verpackten. “Macht endlich, dass ihr fertig werdet.“

“Was ist mit Boisverd?“, raunte ich. “Wir können den armen Kerl nicht hier zurücklassen. Vielleicht kann ihm ein Arzt helfen.“

Bowler nickte nach kurzem Zögern. Mit einem Satz war er bei dem geistesgestörten Voyageur und schickte ihn mit einem Kinnhaken ins Land der Träume.

“Anders geht ‘s nicht, Sir. Und er hat sehr viel abgenommen.“

Mit diesen Worten hatte er sich Boisverd bereits über die Schultern geworfen.

Ich schlüpfte zuerst ins Freie - und fand eine Vermutung bestätigt, die ich längst gehegt hatte.

Vor mir kauerte die Chippewa, die ich am Vormittag aus den Fluten des Saskatchewan River gezogen hatte.

*

Wir sahen uns sekundenlang in die Augen, und ich wurde trotz der Dunkelheit erneut von ihrer Schönheit überwältigt.

“Sobald ihr in den Booten seid, sind wir quitt“, flüsterte sie und umklammerte kurz meinen linken Unterarm. “Kommt jetzt.“

Sie sprang auf, und wir folgten ihr, so schnell und so leise wie es nur ging. Wir schlugen uns durch Beerensträucher und Dornenhecken, und bald wurde der Waldboden weicher.

“Sie haben die Kanus zwischen den Weiden versteckt“, raunte die Chippewa. “Da, seht.“

“Unsere Waffen!“, staunte ich, als ich in das erste der Tannenrindenkanus blickte. “Wie hast du das geschafft?“

Vom Zeltlager der Kainah drang plötzlich Lärm herüber.

“Sie haben unsere Flucht bemerkt“, murmelte Bowler. “Schnell, Sir, wir müssen alle Boote bis auf zwei untauglich machen.“

Noch während er sprach, hatte er Boisverd zu Boden gleiten lassen. Nun griff er nach seinem Gewehr und begann damit auf einen Kanuboden einzuschlagen. Ich folgte seinem Beispiel.

Als nur noch vier Kanus fahrtüchtig waren, war auch das Brüllen der Kainah, die unseren Lärm natürlich sofort gehört hatten, bedrohlich näher gekommen.

“In die Boote!“, rief ich. “Sofort!“

Das Mädchen versuchte in den Wald zu springen. Ich holte sie nach wenigen Schritten ein.

“Die Kainah kommen von allen Seiten“, raunte ich, während ich sie herum riss. “Sie werden dich sehen und wissen dann, wer uns geholfen hat. Du musst mit uns kommen!“

Ihre Augen blitzten wütend auf, aber sie musste erkennen, dass ich recht hatte.

Bowler hielt die beiden Kanus bereits im Wasser fest, als wir zurückkamen. In seinem lag Boisverd.

Als die schöne Chippewa im Boot saß, waren die Kainah bereits auf fünfzig Yards heran. Ich riss die Minié hoch und feuerte blind in ihre Richtung.

Es würde sie höchstens Sekunden aufhalten, das wusste ich. Indianer, die bereits mit Weißen zu tun gehabt haben, überwinden ihre Schrecksekunde sehr schnell. Ich stieß das Kanu ab, kniete mich hin und begann sofort wie ein Wilder zu paddeln. Bowler war etwa ein Dutzend Yard voraus. Das Fischernetz, das im hinteren Bootsteil lag, warf ich über die zusammengekauerte Indianerin, als wir in der Mitte des Flusses trieben. So konnte man vom Ufer aus nicht erkennen, um wen es sich handelte.

Jetzt hatten die Kainah die Flussbank erreicht. Als sie unseren Vorsprung erkannten, schwoll ihr wütendes Geheul zu einem Orkan an.

Einige Speere zischten heran, bevor wir außer Reichweite waren. Ein paar verfehlten uns nur um Haaresbreite, und einen konnte ich erst im allerletzten Moment mit dem Paddel abwehren. Er ratschte trocken über das Ruderblatt und klatschte ins Wasser.

Dummerweise hatten sie schnell entdeckt, dass zwei Boote noch intakt waren. Das doppelte Aufklatschen verriet, dass wir erneut in Bedrängnis kamen.

Das Unangenehme war, dass man wie ein Verrückter rudern, auf den Fluss und noch zugleich auf die Verfolger achten musste.

Bowlers Enfield dröhnte über das nachtschwarze Wasser. Der Kainah im ersten Verfolgerkanu sank seitlich weg, und sein Hintermann konnte nicht verhindern, dass das Boot kenterte.

“Nummer eins“, knurrte ich.

Neben mir zischte ein Pfeil ins Wasser. Ich warf einen kurzen Blick nach vorn, sah, dass im Fluss keine Gefahren drohten, legte das Ruder weg und lud die Minié nach.

“Sie schaffen es, Sir!“, rief Bowler herüber, als ich anlegte.

Sekunden später waren wir den letzten Verfolger los.

*

Mit den Kanus hatten wir mächtig Glück gehabt. Sie waren sehr ordentlich und stabil zusammengenäht und überall, wo es notwendig gewesen war, sorgfältig mit Kiefernharz abgedichtet worden.

Ein weiterer Vorteil war der nachtklare Himmel. Man sah die Unregelmäßigkeiten auf der Wasseroberfläche schon von weitem und konnte ihnen ausweichen. Gerade jetzt im Frühjahr war der Saskatchewan River alles andere als ungefährlich. Wenn es taute, riss der Fluss Erdmassen von den Ufern, aber auch Tannen. Die riesigen Erdklumpen an den Wurzeln zogen die Bäume unter Wasser, und nur wenn wenigstens die Krone noch herausragte, sah man sie rechtzeitig. Unterwasserriffe, Stromschnellen und Treibholz an allen möglichen und unmöglichen Stellen sorgen für weitere Abwechslung ...

“Es gibt doch wirklich nichts Romantischeres als eine nächtliche Flussfahrt, nicht wahr, Sir?“, ließ sich Bowler vernehmen und blinzelte andeutungsvoll herüber.

“Das, was hinter uns liegt, war jedenfalls herzlich wenig romantisch“, stimmte ich ihm zu. “Diese Ruhe ist jedoch trügerisch. Sobald wir unsere Hütte erreicht haben, müssen wir so schnell wie möglich alles abbrechen.“

“Was mögliche Verfolger betrifft, haben Sie sicher recht, Sir“, erwiderte Bowler. “Apropos: Haben Sie etwas dagegen, wenn. ich mich ein wenig zurückfallen lasse? Ich kann dann als erster erkennen, ob uns jemand auf den Fersen ist, nicht wahr?“

Dabei grinste der alte Halunke so breit, dass sogar ich endlich begriff, worauf er anspielte.

Bevor ich etwas sagen konnte, hatte er bereits Abstand gewonnen. Boisverd war offensichtlich immer noch ohne Bewusstsein, Die Chippewa in meinem Boot hatte sich dagegen längst aufgerichtet und hingekniet. Da sie ebenfalls auf den Fluss achtete, sah ich nur ihren anmutigen Rücken, die vollen schwarzen Haare, die gertenschlanke Taille, die zierlichen Füße und die netteste Kehrseite, an die ich mich erinnern konnte.

Als wir allein waren, wandte sie sich um.

“Ich will so schnell wie möglich an Land“, sagte sie grimmig. “Ich habe getan, was ich konnte. Den Weg finde ich.“

“Wir konnten uns noch nicht einmal bedanken“, gab ich zurück. “Jetzt haben wir dich auch noch in Schwierigkeiten gebracht. Du kannst nicht so einfach zu den Kainah zurück. Wie willst du ihnen deine Abwesenheit erklären?“

“Das brauche ich nicht. Ich kann zurück - aber ich muss nicht.“

“Deine Worte sind rätselhaft. Aber jedenfalls  ... vielen Dank.“

“Auch du hast mich gerettet. Ich war es dir schuldig.“

Unsere Blicke kreuzten sich erneut, aber während meiner unsicher war, drückte ihrer Entschlossenheit aus.

“Wie heißt du?“, wollte ich wissen. “Und warum bist du so weit von deiner Heimat entfernt?“

Sie lächelte, und in ihren Rehaugen erschien unvermittelt ein sanfter Ausdruck. Sie sah mich lange an.

“Du bist zu neugierig“, flüsterte sie. “Aber ansonsten bist du ganz in Ordnung. Du gefällst mir.“

Sie beugte sich urplötzlich zurück und küsste mich auf die Lippen, blickte mir lachend in die Augen und wandte sich dann wieder nach vorn.

Ich war wie vom Donner gerührt. So hatte mich noch nie ein Mädchen geküsst! Wie Honig hatten ihre Lippen geschmeckt.

Bowlers Kanu war weit zurückgefallen. Ich zog das Ruder ein und beugte mich vor, um sie ebenfalls zu küssen.

Die Wucht des Ellbogenstoßes, den ich zwischen die Rippen bekam, warf mich voll nach hinten.

“Lass das bleiben, du Idiot!“, fauchte sie. “Ich will sofort an Land, hörst du?“

Wütend rappelte ich mich hoch.

“Du kannst hier nirgends an Land, wie du siehst“, knurrte ich zurück. “Das geht erst dort wieder, wo ich dich aus dem Wasser gezogen habe.“

Wenigstens hatte ich meine erste Lektion schnell gelernt.

6. Das Ende der Saison

Kurz nach Mitternacht hatten wir die Flussstelle erreicht, die unserem Lager am nächsten war.

Das bleiche Licht des Mondes tauchte unsere Hütte in ein fahles, schattendurchzogenes Gelb und ließ sie fast unheimlich erscheinen. Trotzdem stieg bei ihrem Anblick ein warmes Gefühl in mir hoch, zugleich aber Wehmut. Wir hatten nicht damit gerechnet, sie so schnell verlassen zu müssen.

“Es war wirklich ein sehr schöner Platz, Sir“, flüsterte Bowler, der meine Gedanken erriet. „Aber für uns ist die Saison zu Ende. Leider.“

Er wischte sich verstohlen eine Träne aus dem linken Auge. Manchmal konnte der alte Halunke auch verdammt sentimental sein.

Ich fühlte ebenfalls Beklommenheit. Wir hatten manch frohe Stunde hier verlebt und viel gescherzt. Roggenwhiskey und Wildbret hatten uns die Abende verschönt. Jeden Morgen hatte die Sonne die Tautropfen in den Tannen vergoldet, und es war ein Genuss gewesen, barfuß durch den morgenfeuchten Muskeg zu rennen, den weichen weiten Moosteppich vor unserer Hütte.

“Es hilft nichts“, raffte ich meinen Freund endlich auf. “Die Zeit drängt. Die Kainah können vor Morgengrauen hier sein. Wir nehmen nur das Allernotwendigste mit. Welch ein Glück, dass wir die bisherige Ausbeute flussaufwärts versteckt haben.“

“Sie sagen es, Sir. Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können. Ich glaube, Lao-tse hat das gesagt.“

“Hat Lao-Tse auch gewusst, was Newhouse-Biberfallen neu kosten? Die können wir nämlich wohl endgültig in den Wind schreiben.“

“Soviel ich weiß, hatte er nie viel mit Bibern zu tun, Sir“, gestand Bowler.

Wir schafften es in weniger als einer halben Stunde. Besondere Sorgfalt verwandte Bowler auf die Verpackung seiner Bücher, denn sie musste unbedingt wasserfest sein. Ich fluchte über den Zeitverlust, aber es half nichts. Da in seinem Kanu nicht alles Platz hatte, vertraute er mir schweren Herzens “De rerum natura‘ von Titus Lucretius Carus und einen „Leitfaden zur Zähmung westafrikanischer Pinselschweine“ an, obwohl er wusste, was ich von seiner Lektüre hielt.

Boisverd war noch immer nicht zu sich gekommen. Mit unserem eigenen Kanu hatten wir nun drei. Das musste für uns und die Pelze reichen.

Als wir abstießen, warf ich einen letzten traurigen Blick auf unsere Hütte. Bowler ließ sie nicht aus den Augen, bis wir die nächste Flussbiegung erreicht hatten.

Erst jetzt konnten wir endlich essen. Wir hatten alle geräucherten Biberschwänze mitgenommen, die in der Hütte zum Trocknen aufgehängt waren.

“Ihre Freundin hat sich aber ziemlich schnell aus dem Staub gemacht, Sir, als wir an Land waren“, grinste der alte Schurke.

“Zum Teufel mit allen Weibern!“, knurrte ich.

Bowler winkte ab.

“Lassen Sie ruhig den Teufel aus dem Spiel, Sir. Der kann auch nichts dafür, dass Sie sich ordentlich verliebt haben.“

7. Die Rache des Wendigo

Die Frühlingsfluten des South Saskatchewan River trugen uns der Morgendämmerung entgegen. Der Nebel über dem Fluss verflüchtigte sich rasch, als die Sonne ihre ersten Strahlen über die Bäume sandte.

Die Landschaft veränderte sich. Am rechten Ufer blieb der Waldbestand gleich dicht, links aber säumten gelbe bis ockerfarbene Steilwände das Ufer, und schon morgen würden wir die südlichen Ausläufer des furchterregend weiten Steppengebietes erreichen, das sich bis an den Churchill River und an die Hudson Bay erstreckte, um dann zunächst in die ungeheure Öde der Tundra überzugehen, der schließlich die kalte Einsamkeit der Barrengrounds und der Halbinsel Labrador folgt, die als Urheimat der Algonkins gilt.

Boisverd war längst erwacht, schien aber unter einer Art Schock zu stehen. Er gab keinen Laut von sich, sondern stierte nur mit angstvollen Augen auf die grenzenlose und schier undurchdringliche Wand aus Millionen von Nadelbäumen, die sich am rechten Ufer hinzog. Seine Augen schienen noch stärker eingefallen als gestern, soweit das überhaupt möglich war.

Wir versuchten mit allen Mitteln, ihm Essen einzuflößen, brachten aber keinen einzigen Bissen in ihn hinein.

“Du bist unter Freunden, Boisverd“, beschwor ihn Bowler wohl zum hundertsten Mal. “Du brauchst keine Angst mehr zu haben, verstehst du? Du bist in Sicherheit.“

Boisverds Blick wurde von keinerlei Verständnis erhellt. Er schien immer mehr in sich zusammenzufallen. Seine mageren Hände hingen kraftlos über den Bootsrand, der ganze Körper zitterte vor Schwäche. Ich fasste ihm an die Stirn und spürte, dass sie glühend heiß war, bevor die Strömung unsere Kanus wieder auseinander trieb.

“Er hat mächtiges Fieber“, teilte ich Bowler mit. “Ich weiß nicht, ob er das noch lange durchhält.“

Mein Freund rümpfte abwägend die riesige tomahawkartige Nase.

“Wenn es nur gewöhnliches Fieber wäre, Sir! Ich kann nicht feststellen, woher es kommt. Möglicherweise von seiner Besessenheit.“

Am frühen Nachmittag waren wir restlos geschafft. Die Anstrengungen des vergangenen Tages und der vergangenen Nacht forderten ihren Tribut. Wir steuerten auf das östliche Ufer zu.

Plötzlich kam Leben in die Gestalt des Ausgemergelten. Er begann heftig zu gestikulieren.

“Nicht an den Wald!“, stammelte er mit verzerrtem Gesicht. “Nicht an den Wald! Der Wendigo will mich holen, ja, er wird mich holen!“

Bowler und ich sahen uns an. Ich nickte.

Wenn wir am Waldufer anlegen, würde Boisverd vollends durchdrehen.

„Lass uns auf die linke Seite hinüber rudern.“

Als der geistesgestörte Voyageur erkannte, dass wir uns vom Wald entfernten, beruhigte er sich merklich, sprach aber dennoch kein Wort mehr.

Nachdem wir angelegt hatten, zog mich Bowler auf die Seite.

“Ich habe heute während der Morgendämmerung in diesem Buch gelesen, Sir“, raunte er. “Sehen Sie.“

“Pantasmagoriana, ou recueil d‘histoires d‘apparitions, de spectres, revenans etc.“, las ich. “Diese Schwarte ist also vor 45 Jahren in Paris als Übersetzung aus dem Deutschen erschienen. Ist das ein Gespensterbuch?“

Bowler schüttelte belehrend den Kopf.

“Es erklärt Gespenster beziehungsweise den Glauben an sie. Selbstverständlich hat so gut wie alles natürliche Ursachen.“

“Und was hat das mit Boisverd zu tun?“

“Ich bin sicher, dass er hypnotisiert wurde. Und zwar von diesem ominösen Boten des Wendigo, Sir.“

*

Bowler hatte die erste Wache übernommen, aber irgendwann musste ihn nach all den Strapazen ebenfalls der Schlaf übermannt haben.

Wovon ich wach wurde, kann ich bis heute nicht sagen. Jedenfalls hatte sich Bowler neben mir ausgestreckt und schlummerte wie ein Kind.

Es war still. Kein Wind bewegte das weite Meer aus Gras, kein Vogel sang in der Luft. Es war auf eine eigenartige Weise fast zu still. Ein Geräusch konnte mich also nicht geweckt haben.

Oder doch?

Vom anderen Ufer erklang ein seltsamer Laut. Es hörte sich an wie das Heulen des Windes; obwohl völlige Windstille herrschte, war es die langgezogene, klagende Stimme des Windes.

Die Stimme des Windes  ...  ?

Der Wendigo!

Ich fuhr hoch - und schalt mich im nächsten Moment einen Narren.

Normalerweise bin ich alles andere als abergläubisch. Die nervlichen Belastungen des letzten Tages waren wohl ein wenig zuviel für mich gewesen. Trotzdem zuckte ich erneut zusammen, als das unheimliche Heulen wiederum erklang. Diesmal aber war ich mir sicher, dass es sich um eine menschliche Stimme handelte.

Die Kainah hatten die Verfolgung mit Sicherheit längst aufgegeben, und dieser Abschnitt des Saskatchewan River war gänzlich unbewohnt. Es konnte sich bestenfalls um nomadisierende Indianer handeln – oder ...

Ich sprang auf und rannte zu den Kanus hinunter, die wir am Ufer festgezurrt hatten. Sie waren noch alle drei da.

Aber Boisverd war nicht mehr da.

Ich eilte zurück und rüttelte Bowler an der Schulter.

“Wach auf, Bowler! Boisverd ist verschwunden! Hörst du dieses seltsame Heulen?“

Mein Kamerad richtete sich langsam auf und schüttelte schlaftrunken den Kopf.

“Das Heulen, Bowler, hörst du es nicht?“

Bowler lauschte.

“Das sind Wölfe, Sir.“

Wölfe! Darauf war ich natürlich nicht gekommen. Dennoch sagte mir eine innere Stimme, dass Bowlers Vermutung nicht zutraf.

“Wir müssen Boisverd suchen“, forderte ich ihn auf. “Nimm du die rechte Seite.“

Wir suchten unsere Uferseite in allen Richtungen ab, aber nach einer Viertelstunde waren wir sicher, dass es keine Spuren gab. Und nirgendwo führte eine Schneise in das meist nur kniehohe Präriegras.

“Der Wendigo, der seine Opfer in die Lüfte reißt“, murmelte ich. “Das ist doch alles nur Mummenschanz, Bowler - oder etwa nicht?“

“Ich schlage vor, wir rudern hinüber, Sir“, war die Antwort.

Dass wir unsere geladenen Büchsen mitnahmen, muss nicht extra erwähnt werden. Als wir anlegten, gingen wir sofort in Schussbereitschaft.

Das Heulen war verklungen, und mit ihm jedes Geräusch mit Ausnahme des Flusses. Kein Vogelgezwitscher war zu hören. Man hatte das Gefühl, in einer gigantischen menschenleeren Kathedrale zu stehen, durch deren höchste Fenster Lichtsäulen auf den Boden fielen.

Langsam pirschten wir uns am Ufer entlang flussabwärts, die Blicke abwechselnd zu Boden und in den Wald gerichtet. Als Bowler auf Schleifspuren im Ufersand wies, spürte ich fast ein wenig Erleichterung.

“Erstaunlich, Sir, wie er das in seinem kraftlosen Zustand geschafft hat“, raunte Bowler.

“Was mag ihn nur dazu veranlasst haben?“

“Der Ruf des Wendigo, Sir - ganz ohne Zweifel.“

Es lag nahe, dass er mich mit dieser zweideutigen Antwort auf den Arm nehmen wollte, aber ganz sicher war ich mir nicht.

Die Spur führte in einen Waldabschnitt, in dem es nur wenig Unterholz gab. Die Bäume standen ziemlich weit auseinander, und auf den Lichtungen wuchsen Weißbirken und Ahorn, schlank und gerade wie Speerschäfte vor den riesigen Stämmen der Fichten und Schierlingstannen. Diese Stille war zweifellos unnatürlich. Ich erkannte, dass nun auch Bowler in den Bann der unheimlichen Atmosphäre geriet, die über dem ganzen Wald lag.

Um moosüberwucherte Felsblöcke und umgestürzte Baumriesen machten wir einen großen Bogen. Ich für meinen Teil erwartete fast hinter jeder unregelmäßigen Landschaftserhebung einen Hinterhalt.

Urplötzlich erklang das Heulen erneut, diesmal aber wesentlich näher. Und es kam eindeutig aus der Richtung, in die Boisverds Spur verlief.

Wir beschleunigten unsere Schritte, blieben aber dicht nebeneinander; und je näher wir dem Heulen kamen, desto mehr ähnelte es dem Klagen eines Menschen. Bald verstan­den wir einzelne Wortfetzen, schließlich sogar halbe Sätze.

„  ...  und meine brennenden Füße  ...  der Sturm vor meinen Augen  ...  aaahhhh  ...  “

Dann abrupte Stille.

Es war aber unzweifelhaft Boisverds Stimme gewesen.

Das aufkommende Grauen lähmte unsere Bewegungen. Jeder weitere Schritt ins Unbekannte war Überwindung - die Überwindung einer Furcht vor etwas, das nicht für menschliche Augen bestimmt war, das unseren Verstand in die gleiche nachtdunkle Finsternis schleudern würde, die Boisverd nun ins Verderben führte.

Warum waren wir das einzige wahrnehmbare Leben in dieser so grauenvoll unendlichen Wildnis? Boten wir uns dem unnennbaren Schrecken nicht wie auf dem Präsentierteller? Während ich weiterging, waren meine Augen ständig auf die Fährte Boisverds gerichtet. Sie allein schien mir unbewusst die Sicherheit zu bewahren, dass wir uns immer noch in der Realität und nicht in einem namenlosen Alptraum befanden, aus dem wir nie wieder herausfinden würden.

Doch sie endete.

Sie endete einige Yards vor einer Lichtung, deren Grasteppich von den Strahlen der Frühlingssonne überflutet wurde - eine Helligkeit von einer Intensität, die in unseren Augen schmerzte, nachdem sie so lange das magische Zwielicht der gigantischen Tannen durchspäht hatten. Boisverds Fährte löste sich sozusagen auf, mit einer Endgültigkeit, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf dieser Welt.

Sie war ganz unvermittelt nicht mehr da - als wäre Boisverd plötzlich schwerelos geworden. Und dies vor einer Lichtung, die mir unbewusst den Vergleich mit einer Kultstätte aufdrängte, auf der vor Äonen heidnische Götter verehrt worden waren, die jenseits allen Menschengedenkens lagen.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor namenlosem Grauen in der gleichen Stellung verharrte. Ich nahm nicht einmal mehr Bowler wahr, der neben mir wohl mit denselben Empfindungen innegehalten hatte.

Eine fast nicht wahrnehmbare, huschende Bewegung hoch über mir in den Bäumen riss mich wie ein kalter Wasserguss aus meiner Erstarrung - ein Reflex in den Augenwinkeln, der mich im winzigsten Bruchteil einer Sekunde die Wand durchbrechen ließ, die zurück in die Wirklichkeit führte.

Ich riss die Minié hoch, visierte und schoss im gleichen Augenblick.

Neben mir dröhnte Bowlers Enfield auf.

*

Der berstende Widerhall dieser Schüsse war es, der den Bann des Schreckens durchbrach. Zum ersten Mal spürte ich wieder den Boden der Wirklichkeit unter meinen Füßen – denn Bowlers Reaktion bewies mir, dass ich nicht zum Opfer meiner überreizten Sinne geworden war.

Noch schwankten die Wipfel der Tannen, als wollten sie in den unerreichbaren stahlblauen Himmel drohen. Das Wogen, das die bebenden Waldgiganten durchzog, wies in eine ganz eindeutige Richtung, die von der Lichtung weg führte.

Ich nahm mir nicht die Zeit, nachzuladen. In weiten Sätzen jagte ich den Wiegen der Äste hinterher. Mein Freund blieb dicht hinter mir.

Dennoch waren wir zu langsam. Je weiter wir vordrangen, desto schwächer wurden die Bewegungen der Bäume. Schließlich hörten sie ganz auf. Das schweigende Ruhen des Urwalds nahm unsere Sinne erneut gefangen.

“Was war das, Bowler?“, raunte ich. “Hat uns unsere Fantasie einen Streich gespielt?“

Mein Gefährte war ebenfalls stehengeblieben.

“Das glaube ich nicht, Sir. Und übernatürliche Erscheinungen halte ich nach wie vor für bloßen Unfug. Außerdem ist es unmöglich, dass zwei Menschen zur gleichen Zeit die selben Halluzinationen haben. - Was ist das?“

Bei des letzten Worten hatte er sich gebückt und einen etwa fingerlangen Gegenstand vom Boden aufgehoben, den er mir nun mit gerunzelter Stirn entgegen hielt.

“Eine indianische Miniatur aus Stein“, stellte ich fest. “Jetzt wissen wir wenigstens, dass wir nicht die ersten sind, die hier durch den Urwald streifen.“

“Ganz recht, Sir. Bei diesem Stein handelt es sich um Jade, und die Lederschnur, an der er befestigt war, ist gerissen. Fällt Ihnen etwas auf?“

“In der Tat“, stellte ich fest. „An den Rissstellen ist die Schnur geschwärzt – also verbrannt.“

“  ...  und es muss eine unserer Kugeln gewesen sein, die sie zertrennt hat“, fuhr Bowler fort. “Oder zumindest so beschädigt, dass sie dem Unbekannten riss, als er vor uns durch die Wipfel floh – eben jetzt! Denn hätte sie auch nur eine einzige Stunde hier gelegen, hätte sie bereits vom Waldboden Nässe gezogen und wäre feucht. Hingegen sind sogar noch die versengten Trennstellen strohtrocken!“

Jedes seiner Worte gab mir meine innere Sicherheit Stück für Stück zurück. Das Gespenst des Wendigo wich langsam vor der Rückkehr des gesunden Menschenverstandes.

“Es ist ein Totem, nicht wahr?“

“Das ist richtig, Sir. Es scheint sich um eine Gottheit aus dem Reich der Natur zu handeln, aber mir ist völlig unklar, welches Tier ihm zugrunde liegen könnte. Die stromIinienförmigen Formen und der ganze Körperbau weisen zweifellos auf einen Wasserbewohner hin, aber sehen Sie nur diese gewaltigen Hauer. Das sind Eber-, wenn nicht gar Elefantenzähne, während das Tier im übrigen einem Fischotter gar nicht unähnlich ist - einem Fischotter von gewaltigen Ausmaßen und mit einer überdimensionalen Brust. Der Künstler muss über eine abartige Phantasie verfügt haben, die mit ihm durchgegangen ist.“

Nachdenklich schüttelte er den Kopf.

“Welcher Indianerstamm verehrt Wassergötter? An der Ostküste ist mir keiner bekannt. Die Westküste? Ich hab ‘s! So etwas könnte von den Tsimshian-Indianern stammen, Sir, die einen ebenso mysteriösen wie unheimlichen Götterkult betreiben. Aber was um alles in der Welt sucht ein Küstenindianer in den Urwäldern des Landesinneren?“

Mit einer ungestümen Bewegung riss er sich plötzlich seine Kopfbedeckung herunter und schmetterte sie auf den Boden.

“Zum Teufel auch, Sir! Rätsel über Rätsel, und wir zwei Tölpel kommen keinen Schritt weiter - Entschuldigung. Lassen Sie uns zurückgehen! Vielleicht finden wir doch noch etwas, das uns weiterhilft.“

Wir kehrten um und suchten noch stundenlang nach weiteren Spuren, aber die Hoffnung meines Gefährten erfüllte sich nicht. Boisverd blieb verschwunden.

Niedergeschlagen kehrten wir an den Fluss zurück. Nach dem Übersetzen stellten wir wenigstens mit Erleichterung fest, dass sich niemand. an unserer Ausrüstung zu schaffen gemacht hatte. Das Kanu mit der gesamten Fellausbeute dieser Saison war ebenfalls unberührt geblieben.

Wir hatten getan was wir konnten, und so verging keine Viertelstunde, bis wir uns wieder dem Fluss anvertrauten, um die unheimlichen Wälder endgültig hinter uns zu lassen.

II. TEIL

DIE STÄDTE

1. Edmonton

“Ihr seid wohl verrückt? Das ist ja beinahe der doppelte Preis!“

“Ihre Reaktion ist überhastet, Sir. War auch nur eines unserer Exemplare unter eineinhalb Yard lang?“

“Nein, aber  ...  “

“Sie sagen also selbst, dass Sie noch nie Fischotternfelle in dieser Größe angeboten bekommen haben, nicht wahr?“

“Das kann ich nicht  ...  “

“Ganz recht, Sir! Und wissen Sie, warum nicht? Sie haben es hier nicht mit gewöhnlichen Fischottern zu tun, was Sie gleich auf den ersten Blick richtig erkannt haben! Und wissen Sie, warum diese Burschen so  prächtig gewachsen sind? Nein?

Selbst wenn denen Barben, Weißfische, Barsche oder gar Zander und Flechte vor der Nase vorbei schwimmen, ziehen sie nur verächtlich den Schnurrbart hoch - für sie alles Muskies-Zeugs, untere Fischklasse! Ahnen Sie bereits, wovon diese edlen Kerle leben, Sir?

Saiblinge müssen es sein, Sir! Plattfische, schwarzer Aal, Silberlachs und Regenbogenforellen! Heilbutt, Makrele und Dorsch verschmähen sie in der Not nicht, wogegen Meeresschnecken und Hummer natürlich zu ihren bevorzugten Delikatessen zählen. Sehen Sie jetzt, warum da so riesige Prachtburschen daraus werden?“

“Selbst wenn sie etwas größer als die gewöhnlichen Fischottern sind, verstehe ich nicht, warum  ...  “

“Nicht nur größer, Sir! Sie haben sicher schon durch Nachdenken herausbekommen, warum diese Felle ebenso geschmeidig wie strapazierfähig sind, nicht wahr? Das sind Kerle, die auch zu kämpfen verstehen. Hechte sind für sie überhaupt keine Gegner, und sie nehmen es sogar mit den riesigen Welsen auf! Und das gibt ihrem Feil diese Geschmeidigkeit und diese unvergleichliche Struktur.“

“Ich kann mir nicht ganz helfen, aber allmählich bekomme ich das Gefühl, ihr wollt mich weich reden  ...  “

“Weich reden, Sir? Sagten Sie weich reden?“

Bowlers Tomahawknase ruckte empört drei Inches nach oben. Mit einem energischen Griff packte er meinen rechten Arm und zog mich Richtung Ausgang.

Als wir die Schwelle überschritten, ruckte sein Kopf noch einmal herum.

“Sie wissen, was Sie sich da entgehen lassen. Schönen Tag noch!“

Damit zog er sich grimmig die Melone in die Stirn und stelzte mit Riesenschritten die Straße hinunter. Fast hätte ich Mühe gehabt, ihm zu folgen.

Wir waren trotzdem noch keine zwanzig Schritt vom Pelzgeschäft entfernt, als uns die aufgeregte Stimme des Händlers hinterher schallte.

“Wartet, Leute! Ich hab ‘s mir überlegt! Vielleicht können wir doch noch handelseinig werden!“

Bowler verharrte im Schritt und wandte sich mit ungnädiger Miene um.

“Vielleicht, ja. Aber nur, weil Sie ’s sind.“

Einige Minuten später war der Handel zu Bowlers vollster Zufriedenheit - und natürlich auch zu meiner - perfekt. Nun schlenderten wir etwas gemütlicher dahin, während mein Partner mit einem wohligen Grinsen die Geldscheine nachzählte.

“Du bist wirklich der abgebrühteste Hund, den ich kenne, Bowler“, musste ich zugeben. “Sicher, es waren schöne Pelze, aber im Grunde eben doch nur ganz gewöhnliche Fischotternfelle.“

“Mit Verlaub, Sir“, rümpfte mein alter Freund die Nase, “die Felle ja. Aber der Mann, der sie verkauft hat, ist außergewöhnlich, und das rechtfertigt den Preis. Noch Fragen, Sir?“

“Nein“, grinste ich.

“Dann sollten wir auf dieses prächtige Geschäft einen trinken, Sir. Ich hätte jetzt eine geradezu teuflische Lust auf Calvados - und Sie?“

*

Letzten Endes konnten wir recht zufrieden sein. Der Verlust, den wir durch den erzwungenen vorzeitigen Saisonabbruch erlitten hatten, war durch Bowler, der ein unvergleichliches Verkaufsgenie besaß, beinahe wieder wettgemacht worden. Ich konnte neidlos zugeben, dass er mir in dieser Hinsicht haushoch überlegen war.

Edmonton, wo wir uns nun befanden, konnte insofern als Endziel und Abschluss unserer diesmaligen Rückkehr angesehen werden als wir hier den letzten Restbestand unserer Ausbeute abgesetzt hatten.

Die Strapazen der Flucht vor den Kainah und der vergangenen Wochen waren uns nicht mehr anzusehen. Bowlers Verkaufsstrategie hatten den nach Tierarten verschieden hohen Pelzbedarf der einzelnen Städte voll berücksichtigt. Ein weiterer Grund unseres Verkaufserfolges bestand natürlich auch darin, dass wir heuer praktisch als erste aus den Wäldern zurückgekommen waren. Und wir hatten auch eine ganze Menge Felle an der Hudsons‘s Bay Company vorbei schleusen können.

In Edmonton war der Markt für Fischotternpelze besonders aufnahmebereit, weshalb wir uns unsere besten Stücke bis zuletzt aufgespart hatten. Der Erfolg hatte uns recht gegeben.

“Der geschäftliche Teil der Saison ist gelaufen“, stellte ich fest. “Und damit die ganze Saison. Falls wir bis zum Frühherbst hier in der Stadt rumhängen vollen, werden wir unser Geld schneller verklopft haben als uns lieb ist. Was dann?“

Bowler grinste verschmitzt.

“Ich weiß genau, wie Sie diese Frage meinen, Sir. Sie denken immer noch täglich an diese wunderschöne Chippewa-Squaw, nicht wahr?“

“Du sagst es, Partner.“

Der gute Bowler kannte mich inzwischen eben durch und durch. Ich wusste selbst nicht, warum mir dieses geheimnisvolle Mädchen nicht mehr aus dem Sinn ging. Mit aller Gewalt hatte ich versucht, sie zu vergessen, aber es wollte einfach nicht gehen.

“Nicht immer arbeitet die Zeit  g e g e n  den Menschen, Sir. Warten Sie ruhig noch einige Tage, bevor Sie einen weitreichenden Entschluss fassen. Ich fürchte, ich weiß besser als Sie, wie es um Sie steht. Auch ich war einmal jung, Sir.“

Ich sagte lieber nichts, denn seine Worte gaben mir schon zu denken. Nicht nur einmal hatte ich mich bei dem Gedanken ertappt, noch einmal allein an den South Saskatchewan River zurückzukehren, um die Spur unserer mysteriösen Retterin erneut aufzunehmen.

Nun, im Moment war die Aussicht auf den bevorstehenden Calvados vielleicht doch das beste. Darüber hinaus konnte man sich auch die Stadt ein wenig anschauen, was uns Waldläufern ja doch nicht so oft vergönnt war.

Edmonton war bereits 1795 von der Hudson‘s Bay Company als Fort angelegt worden. Nachdem es ruhiger geworden war, hatte es einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Der Pelzhandel blühte auf, aber auch die Bodenbestellung. Naturgemäß war der größere Teil der Bewohner britischer Herkunft, aber auch deutsche und ukrainische Einwanderer waren in stattlicher Zahl vertreten. Ganz besonders misstrauische Neuankömmlinge, die der Entwicklung immer noch nicht ganz trauten, hatten sich noch keine Häuser errichtet. Sie zogen es vor, am Stadtrand in Zelten zu leben. Farmen und Ranches prägten die weitere Umgebung.

Wir näherten uns einem kleinen Marktplatz, und ich schrak aus meinen Gedanken auf, als ich feststellte, dass wir uns bereits unbewusst von einem Menschenstrom hatten mittreiben lassen, der ganz offensichtlich das gleiche Ziel wie wir hatte.

Auf dem Marktplatz hatte sich schon vor uns eine beträchtliche Menge Menschen eingefunden, die ein provisorisches Podest umrundeten. Der Redner, der darauf stand, sprach nicht sehr laut, und in der Tat war es zunächst seine äußere Erscheinung, die mich in ihren Bann zog und mich zunächst gar nicht auf seine Worte horchen ließ.

Er war groß, stattlich, und breit in den Schultern. Sein dichtes weißes Haar, dessen Locken bis auf die Schultern fielen, verriet ein Alter, dem die kraftvollen Gesten, der schnelle und doch tiefe Blick und die energische Beweglichkeit nicht gerecht wurden. Man konnte ihn getrost als Hünen bezeichnen und hätte ihn sicher nicht älter als fünfzig Jahre geschätzt, wäre da nicht die schlohweiße Mähne gewesen.

Er hatte buschige, ebenfalls weiße Augenbrauen, eine kräftige, energische Adlernase, hohe Wangenknochen, markante Züge, einen breiten Mund und ein ausgeprägtes Kinn.

Erst später wurde mir bewusst, dass ich bei dieser unserer ersten Begegnung nicht mit Gewissheit hätte sagen können, ob es sich bei ihm um einen Indianer oder um einen Weißen handelte. Dazu trug sicher auch die betont einfach gehaltene Kleidung aus Bisonleder bei. Dieser Mann hatte es ganz und gar nicht nötig, durch Äußerlichkeiten auf sich aufmerksam zu machen.

Unter den Zuhörern befanden sich ungewöhnlich viele Indianer, die ebenfalls der Handel im die Stadt geführt haben mochte. Diese Feststellung veranlasste mich, nun auch den Worten des Redners Aufmerksamkeit zu schenken.

“  ...  ihre Schändlichkeiten seit Jahrhunderten unter Beweis zu stellen? Schmerz, Blut und Tränen sind die Gaben, die sie dem roten Mann vom ersten Tag ihrer Ankunft an in überreichem Maße geschenkt haben! Wen würde die gesamte Litanei ihrer Untaten nicht ermüden? Wissen wir überhaupt noch, wie alles vor über drei Jahrhunderten angefangen hat? Sind wir uns überhaupt noch bewusst, wie lange unsere Leid bereits andauert – oder sind wir dazu bereits zu abgestumpft?“

“So beginne!“, forderte eine Stimme aus der Zuhörerschaft, die unzweifelhaft einem Indianer gehörte.

“Wo soll ich beginnen, mein Bruder? Bei Jacques Cartier, der 1534 als erster über das Große Wasser kam? Aus der Bergstadt Hochelaga, die die Bleichgesichter heute Montreal nennen, hat er unseren armen Häuptling Donacona nach Paris verschleppt, wo ihm das Herz vor Gram und Heimweh brach.“

Empörtes Gemurmel ging durch die Reihen, das von allen Versammelten kam. Den Weißen war das Aufwärmen dieser alten Geschichte unangenehm. Die indianischen Zuhörer brachten damit ihren Unmut über das Gehörte zum Ausdruck.

Mit einer knappen Handbewegung brachte der Redner sie wieder zum Schweigen.

“Oder bei Verrazzani? Der sich 1534 anmaßte, in seinem Größenwahn ein Viertel der südlichen Hälfte des Kontinents für Franz I. von Frankreich zu beschlagnahmen? Oh nein, kehren wir in unser Land zurück.

Ein Hauptmann der Bleichgesichter namens John Smith war es, der 1607 im Süden unseres Landes Pocahontas, die Tochter des Häuptlings Pohattan verführte und sie mit falschen Versprechungen betörte. Niemand hörte auf die eindringlichen Warnungen Opechancanoughs, des obersten Feldherrn des Stämmebundes. Ansiedler über Ansiedler ließ Smith ins Land kommen, und ihnen folgten die unseligen Goldsucher auf dem Fuße - mit anderem Gesindel. Der rote Mann jagte, der rote Mann zog seinen Mais, warum wollte und konnte der weiße Mann das nicht auch tun? Pocahontas musste fern der Heimat sterben, im kalten und öden England  ...  Als Pohattan, der Arglose und Wankelmütige, endlich gestorben war, trat Opechancanough die Herrschaft an und versuchte, sein Volk gegen den übermächtigen Feind zu einen – vergeblich. Zu Tausenden wurden die roten Männer hingeschlachtet, und nur ein gnädiges Schicksal bewahrte unser beinahe zum Tod geweihtes Volk vor dem völligen Untergang: Das Gespenst der Seuche erhob sich riesenhaft aus den Dünsten der Sümpfe und fiel den weißen Henkern in den Arm  ...  “

Nun schwiegen die Einwohner Edmontons. Dafür wurde das Wutgeheul der anwesenden Indianer umso lauter.

“Das war nicht im Süden des Landes, das war bereits in den Staaten“, zischte mir Bowler ins Ohr. “Freilich waren davon Algonkin betroffen, deren Urheimat sich in diesen Breiten befindet. Daher die heftige Reaktion.“

Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Angestrengt versuchte ich herauszufinden, was mir am Gesicht des Predigers so bekannt vorkam – obwohl ich mir sicher war, dass ich selbst ihn noch nie gesehen hatte.

“Langweile ich euch?“, fuhr der hochgewachsene Mann auf dem Podest fort und brachte damit wieder die Menge zum Schweigen. “Langweile ich euch oder soll ich euch von den letzten Tagen Opechancanoughs erzählen? Von dem feinen und eleganten Gouverneur Berkeley, der ihn, den von neunzig Wintern gebeugten greisen Häuptling, 1644 nach der Abschlachtung ganzer Stämme, in einen Käfig sperren ließ, damit er öffentlich den Misshandlungen der Weißen ausgesetzt war?

Im Sterben konnte der uralte Sachen den Gouverneur wenigstens noch zu sich fordern, um ihm einige Worte bitterster Wahrheit zu sagen; dann ward er erlöst und folgte den Seinen in die ewigen Jagdgründe der unverlierbaren großen Heimat.“

Das Schweigen, das diesen letzten Worten folgte, konnte am ehesten der allgemeinen Betroffenheit zugeschrieben werden. Der Prediger ließ es nur kurz währen.

“Wisst ihr, wie viele unserer Stämme man bereits um 1700 aus ihren Jagdgründen vertrieben hatte? Was galt dem weißen Mann unser argloser und freundlicher Empfang? Die Puritaner kannten in ihrer blinden Bibelwut kein Verständnis und kein Erbarmen. Für sie waren wir nichts anderes als Ungläubige, die niedergemacht werden mussten vom auserwählten Volk. Ihr Captain Benjamin Church war es, der 1676 über dreitausend rote Männer abschlachtete und ihren edlen Führer Metacomet von hinten erschießen ließ, um ihn dann eigenhändig und zur Erbauung des eigenen Ruhmes – zu köpfen! Dann wurde er gar gevierteilt und das gefangene Söhnchen für schnödes Geld nach den Bermudas in die Sklaverei verkauft. Und bis heute weiß niemand, wo seine feig geschändeten Gebeine ruhen!“ 

Der Tumult unter den Zuhörern steigerte sich zur Raserei. Vereinzelt setzten Schlägereien ein, deren Kampfeslärm im allgemeinen Getümmel unterging.

Bowlers Linke krallte sich energisch in meinen Oberarm.

“Kommen Sie, Sir, bevor hier der große Aufstand ausbricht! Mit dem vielen Geld, das wir bei uns tragen, wollen wir jetzt lieber keinen Ärger.“

Fast widerwillig ließ ich mich in eine der Seitengassen ziehen. Der Lärm wurde mit größerer Entfernung schwächer, aber er ebbte nicht ab.

“Vielleicht bezeichnen Sie es als Schönmalerei, was ich bei unserer Gefangennahme den Kainah erzählte, Sir“, knurrte mein Partner. “Es war jedoch der Lage angemessen und zum größten Teil wahr.“

“Ohne Zweifel“, erwiderte ich. “Dieser Mann aber predigt geradezu den Aufstand. Mich wundert vor allem, wie er sich mit derart volksverhetzenden Reden in eine so große Stadt wie Edmonton wagt.“

“Er hat sicher Vorarbeit geleistet, Sir. Eine so ausgefeilte Menschenbeeinflussung erwirbt man sich nicht von heute auf morgen. Er hat mit großer Wahrscheinlichkeit in den großen Ebenen und Wäldern damit begonnen, und die Geschicklichkeit, die er sich dabei wohl angeeignet hat, lässt ihn nun das gleiche in den Städten der Weißen versuchen, um auch jene Indianer zu erreichen, die hier leben. Das ist sehr gewagt, aber wie man steht, auch durchaus erfolgreich.“

Langsam begann mir etwas zu dämmern.

“Bowler  ...  das war eine Andeutung. Du spielst auf das an, was uns selbst widerfahren ist. Bei den Kainah.“

“Ganz recht, Sir. Ich habe das außerordentlich starke Gefühl, dass wir heute zum ersten Mal dem Mann begegnet sind, der uns vor einigen Wochen indirekt in so große Schwierigkeiten gebracht hat.“

“Bist du ganz sicher?“

“Eigentlich ja, Sir. Das war der Bote des Wendigo!“

*

Wir tranken drei doppelte Calvados und sahen uns dann immer noch mit Beklemmung in die Augen.

“Dieser Mann wird mächtig für Ärger sorgen“, griff ich endlich den Faden wieder auf. “Wer weiß, wie stark es bereits unter den Stämmen der Großen Wälder gärt. Wenn er nun den Aufstand auch noch in die Städte trägt  ...  “

“Noch besteht kein triftiger Grund zur Beunruhigung, Sir.“

“Das sagst du!“, fuhr ich auf. „Das, was wir hier erlebt haben, genügt mir, um mir vorzustellen, wie seine Worte auf die Stämme in der Wildnis wirken. Ich habe noch nie einen Indianer von seinem Format erlebt. Das heißt  ...  “ zögerte ich plötzlich, “ das heißt, falls es sich überhaupt um einen Indianer handelt!“

Bowler nickte bedeutungsvoll.

“Offen gestanden: Daran zweifle auch ich, Sir.“

“Aber welcher Weiße sollte so verrückt sein, die Indianer gegen sein eigenes Volk aufzuhetzen?“

“Möglicherweise haben Sie soeben ein Wort gebraucht, Sir, das den Kern der Sache trifft: verrückt. Er muss verrückt sein. Warum geht Ihnen diese Sache so sehr an die Nieren? Ziehen wir weiter und vergessen ihn.“

“Können wir uns das erlauben, Bowler? Einfach so in die Wildnis zurückzukehren? Und bis wir wieder in unseren geliebten Wäldern sind, hat dieser Verrückte vielleicht sämtliche Stämme dermaßen aufgehetzt, dass wir dann von allen Roten als Feinde angesehen werden. Und dann heißt es endgültig: Pelzjagd ade.“

“Vielleicht sehen Sie das alles zu schwarz, Sir. Kommen Sie, ich will mir noch einen kleinen Jux erlauben – wenn Sie gestatten.“

Wir zahlten und gingen. Als wir ein Geschäft mit dem Schild “J.M. Garnier - Pelze und Gemischtwaren“ erreicht hatten, nickte Bowler kurz entschlossen und hielt mir auf meinen fragenden Blick nur die Tür auf.

*

“Ihr seid wohl verrückt? Das ist ja beinahe der doppelte Preis!“

Jean Marie Garnier, der selbst hinter der Verkaufstheke stand, war ein gut aussehender Franzose um die Vierzig, in dessen vollen Haaren sich bereits die ersten grauen Strähnen zeigten.

“Es handelt sich ausschließlich um Exemplare, die über anderthalb Yards lang sind.“

“Bowler, du alte Ratte! Ich kann dir gerne ein paar Geschichten über die Länge  m e i n e s  Exemplars erzählen, wenn du schon die Frechheit besitzt  ...  “

“Keine Schweinereien, Monsieur! Wollen Sie nun die Fischotternpelze zu dem vorgeschlagenen Preis oder nicht?“

“Fällt mir nicht im Traum ein! Zu diesem Wucherpreis werdet ihr das Zeug bestenfalls auf dem Mond an die dortigen Kälber los, die sie sich dort meinethalben um den  ...  wickeln können - die gleiche Länge vorausgesetzt.“

“Das ist uns leider zu weit, Monsieur Garnier“, grinste Bowler. “Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Wir sind sie bereits losgeworden. Hier! Und alle zu dem eben vorgeschlagenen Preis. Au revoir!‘“

Er schritt hoch erhobenen Hauptes hinaus.

“Von allen hiesigen Händlern ist Jean-Marie der Ausgebuffteste, Sir“, versicherte er mir auf der Straße. “Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihn ärgern kann.“

*

Eine Viertelstunde später hatten wir unsere Pension erreicht. Der Portier händigte uns eilfertig die Schlüssel zu unseren Doppelzimmer und dem angeblich einbruchssicheren Metallschrank darin aus.

“Sie haben nicht zufällig etwas von dem seltsamen Prediger mitbekommen, der hier auf Marktplätzen spricht?“, erkundigte sich Bowler wie beiläufig.

“Nichts von ihm mitbekommen? Sie belieben zu scherzen, Sir!“ Der Portier schien entrüstet. Dann aber besann er sich. “Ach nein, stimmt. Als dieser komische Kauz hier eingezogen ist, waren Sie beide ja gerade bereits wieder außer Haus! Meine Güte! Wenn ich gewusst hätte, um was für einen Typen es sich da handelt, hätte ich ihm wohl niemals ein Zimmer gegeben! Stellen Sie sich vor: Seine Begleiterin hat er da oben eingeschlossen und mir strikt befohlen, niemanden zu ihr zu lassen. Danach ist er sofort losgezogen. Und eben hat mir das Zimmermädchen, als es vom Markt kam, erzählt, was dort los war. Heiliger Himmel! So ein Mann unter meinem angesehenen Dach! Dabei hätte ich mir bereits denken können, was mit ihm los ist, als er sich hier einschrieb. Als ein gewisser John Tanner! Stellen Sie sich das vor, meine Herren: Mir gegenüber hat er auch noch mit Nachdruck behauptet, eben tatsächlich  j e n e r  John Tanner zu sein!“

Er tippte sich bedeutungsvoll an die Stirn.

Bowler zog ungläubig die Augenbrauen hoch und schaute mich an.

“Das ist völlig ausgeschlossen, Sir. John Tanner ist seit beinahe zehn Jahren tot.“

“Vielleicht auch nicht“, wandte ich ein. Er ist lediglich spurlos von der Bildfläche verschwunden.“

“Sie kennen die Geschichte?“

“Vielleicht auch nicht besser als du, Bowler. John Tanner wurde 1789 im Alter von neun Jahren von durchziehenden Shawnees geraubt, als er in der Nähe des elterlichen Blockhauses spielte. Sie verschleppten ihn ins Gebiet der Großen Seen, wo er von einer einflussreichen alten Indianerin namens Net-no-kwa, einer Ottawa, adoptiert wurde. Er passte sich überraschend gut an und erlernte die Fertigkeit der Indianer so ausgezeichnet, dass er, kaum erwachsen, als einer der besten Jäger galt. Ja, er wurde sogar ein Unterhäuptling des Stammes.

Seine Geschicklichkeit und seine kämpferischen Fähigkeiten sprachen sich weit herum. Aber aufgrund seiner Abstammung geriet er naturgemäß im Lauf der Zeit mit sich selbst in Konflikt – besonders dann, wenn er in ruhigeren Zeiten als Jäger und Führer für weiße Pelzhändler tätig war.

Immer tiefer wurde er in die Rivalitäten zwischen der Hudson’s Bay Company und der North West Company verstrickt und entfremdete sich dabei unbewusst immer mehr seinen „Stammesgenossen“. Bevor er aber Gefahr lief, ein Ausgestoßener beider Rassen zu werden, kam es zur Vereinigung der beiden Handelsgesellschaften. Tanner erkannte plötzlich, dass er sich nahezu ahnungslos zwischen die Mühlräder zweier rivalisierender Gesellschaften hatte treiben lassen; ihre Fusion bedeutete nichts anders, als dass sie nun gemeinsam und gefahrloser die Indianer ausbeuten konnten. Die Erkenntnis, dass er beinahe ein Werkzeug gegen das Volk geworden wäre, wo er sich nun doch zuhause glaubte, brachte ihn vollständig auf die Seite der roten Männer.

Noch in der Übergangszeit seiner Gesinnung stieß er auf dem Weg nach Sault Ste. Marie auf einen Arzt, dem er seine Lebensgeschichte erzählte. Sie wurde dann 1830 veröffentlicht. Er beschrieb die guten und die schlechten Seiten der Indianer, denen er sich nun zugehörig fühlte: Ihre Tapferkeit und ihre Großzügigkeit, aber auch ihre Alkoholabhängigkeit, in die sie der weiße Mann gebracht hatte und die nicht selten in Selbstmord oder Ruin mündete.“

Es freute mich außerordentlich, Bowler endlich einmal mit offenem Mund dastehen zu sehen.

“Woher wissen Sie das nur alles, Sir?“, schnappte er. “Kannten Sie ihn denn gar persönlich?“

Ich schüttelte den Kopf.

“Wie denn? 1846 verschwand er spurlos von der Bildfläche, und als man einige Jahre später in der Nähe von Sault Ste. Marie ein Skelett fand, glaubte man, es wäre seines. Das hat sich aber später als nicht richtig erwiesen.

Nein, Bowler, der Grund für mein Interesse liegt woanders.

Auf der einen Seite sind wir, auf der anderen die Indianer. So war es, so ist es, und so wird es wohl immer bleiben.

Warum aber? Weil wir so verschieden sind? Oder nur, weil die Weißen ausschließlich auf Grund leben können, auf dem jeder Grashalm ganz genau wissen muss, welchem Besitzer er gehört?

Tanner war einer der wenigen, die die Grenzen zwischen den beiden Völkern überschritten hatten - wenn auch anfangs gezwungenermaßen. Das war es, was mich faszinierte. In meiner späteren Schulzeit habe ich alles gelesen, was mir über ihn in die Finger kam. Ich versuchte mir dann immer vorzustellen, was aus mir geworden wäre, wenn mir mit neun Jahren das gleiche passiert wäre. Ich weiß es nicht. Aber ich mache mir immer noch darüber Gedanken.“

Mein Partner nahm sich Zeit, meine Worte zu verdauen.

“Es ist also durchaus möglich, ja! Dieser geheimnisvolle Mann war so viele Jahre spurlos verschwunden. Und in ihrem Verlauf ist in ihm wohl jenes 'Sendungsbewusstsein' gereift, mit dem er nun durch die Lande zieht.“

“Dann müsste er jetzt weit über siebzig sein. In diesem Alter geraten die Gedanken leicht auf wunderliche Bahnen.“

“Wenn man so ein Leben wie er hinter sich hat, scheint es weit weniger verwunderlich. Für ihn stellt seine jetzige Denkweise nur eine konsequente Weiterentwicklung seiner Erfahrungen dar.“

“Eine Weiterentwicklung, die aber zu blutigen Aufständen führen kann, wenn nicht gar zu einem allumfassenden Krieg, Sir“, flüsterte Bowler. “Ich sehe ein, dass ich Ihrer Besorgnis vorhin zu wenig Bedeutung beigemessen habe.“

Er zögerte kurz.

“Ich habe vorhin eine öffentliche Bibliothek entdeckt, Sir. Ich mach‘ mich gleich mal auf die Socken. Vielleicht kann ich noch mehr über diesen mysteriösen John Tannen herausfinden.“

Sofort stelzte er los. Typisch Bowler.

*

Ich hatte mich frisch gemacht und war gerade dabei, mein Zimmer zu verlassen, als es unten an der Rezeption laut wurde.

Da ich ohnehin die Absicht hatte, mich allein noch ein wenig in der Stadt umzusehen - Bowlers Bibliotheksaufenthalte dauerten meist viele Stunden - sperrte ich rasch ab und ging zur Treppe vor, um mir das Getöse anzuhören.

Vier ebenso übel wie entschlossen aussehende Männer hatten den Hoteldiener hinter seinem Pult festgenagelt. Er konnte in keine Richtung mehr ausweichen. Die Kerle zogen grimmige Gesichter.

“Ich sage es euch nochmals, Gentlemen: Tanner ist nicht hier. Er ist schon vor mehreren Stunden in die Stadt gegangen.“

“Dann rück damit raus, wo sein Zimmer ist“, knurrte der Bulle, der ihr Anführer zu sein schien.

“D-das dritte Zimmer links im ersten Stock“, stotterte der Clerk. “Aber ihr könnt da nicht ... “

“Können wir doch, Mann“, unterbrach ihn der Bulle. “Quebec hat vor einigen Tagen eine Prämie auf diesen Tanner ausgesetzt, weil er die Indsmen aufwiegelt. Die wollen wir uns verdienen, klar? Und deshalb schnappen wir uns jetzt erst einmal das Weibsbild, das er immer bei sich hat und das garantiert da oben eingeschlossen ist – stimmt ‘s? Wir kennen den Kerl. Rückst du den Schlüssel freiwillig raus?“

“N-nein.“

“Blöder Uhu. Dann musst du danach eben eine neue Tür kaufen.“

Sie beachteten den zitternden Mann nicht weiter und polterten auf die Treppe zu. Als sie mich oben stehen sahen, verharrten sie kurz.

“Was ist mit dir, Macker? Hast du die Treppe gekauft?“

“Klar“, erwiderte ich. “Ganz billig. Von oben bis unten.“

“War ‘ne schlechte Kapitalanlage“, zischte der Bulle. “Aus dem Weg, Spaßmacher, bevor wir dich zu einem Teil des Geländers verarbeiten.“

Ich sah ihm an, dass er es ernst meinte und erkannte, dass Angriff die beste Verteidigung war. Aus dem Ansatz hechtete ich vor, fasste im Flug das Geländer auf der linken Seite, verstärkte den Fallschwung meines Körpers und ließ meine Stiefel voll auf die Brust des Bullen krachen.

Der vierschrötige Bursche wurde nach unten gerissen und nahm seine drei Begleiter mit auf einen geräuschvollen Flug nach unten.

Ich wurde nach links über das Geländer weggetragen, rollte mich aber sofort ab und war vor ihnen wieder auf den Beinen. Der Paterson-Colt lag in meiner Hand, bevor sie sich wieder aufgerichtet hatten. Dazu waren ohnehin nur drei in der Lage. Der vierte war mit dem Kopf gegen das Rezeptionspult gekracht und bewusstlos.

Meine Lage hätte bärenhaft gut ausgesehen, wenn ich nicht mit dem Rücken zur Eingangstür gestanden wäre. Als sie nun von außen aufgestoßen wurde, bekam ich die Klinke voll ins Kreuz, wodurch mein Colt natürlich aus der Zielrichtung geriet.

Der Bulle war seltsamerweise am schnellsten. Bevor ich den Schussarm wieder oben hatte, krallte sich seine Pranke um meinen rechten Unterarm. Der Schmerz ließ mich die Hand öffnen, und der Colt polterte auf den Holzboden.

Nun dachte ich, dass er mich mit seinen Riesenkräften fertig machen wollte. Er warf mich jedoch nicht gegen die Hinterwand, dass es krachte, und hob meine Waffe auf.

“Kümmert euch um ihn und diesen Kasper da“, brummte er und wies auf den frisch angekommenen Gast, dem der Mund offen stand. “Ich hole das Mädchen.“

Mit diesen Worten stiefelte er erneut auf die Treppe los.

Seine Kumpane hatten nun ebenfalls die Schießeisen gezogen. Ihre Läufe dirigierten den neuen Gast und mich zum Rezeptionisten.

Der vierte Mann kam gerade stöhnend wieder zu sich.

“Nur langsam, Pete“, riet ihm einer der beiden anderen Kerle. “Ich habe das Gefühl, dieser blonde Bursche schreit danach, von mir auf meine persönliche Art fertig gemacht zu werden. Kannst du die Burschen allein in Schach halten, Frank?“

“Klar, Slim. Passt aber auf, dass ihr mir nicht zwischen den Lauf und die anderen beiden Komiker kommt.“

Das Krachen und Splittern aus dem ersten Stock verriet, dass ihn Anführer nicht untätig geblieben war. Der Entsetzensschrei aus einer weiblichen Kehle ging mir durch Mark und Bein, aber ich konnte nicht eingreifen. Slim schlich geduckt näher, und seine Augen verrieten nur zu deutlich, dass er einiges mit mir vorhatte. Sein erster Angriff jedoch kam zu ungestüm, und so konnte ich ihn bequem ins Leere laufen lassen. Beim zweiten Mal aber erwischte er mich.

Halb blockte ich den Uppercut ab, halb nahm ich ihn. Wenigstens konnte ich mich sofort mit einer Doublette revanchieren, die ihn erst einmal ein Stück zurück trieb.

In diesem Moment kam der Bulle oben mit dem Mädchen die Treppe herunter. Je verbissener es sich wehrte und versuchte, sich frei zu strampeln, desto breiten wurde sein Grinsen. Ihren gesamten Kräfteeinsatz hatte er mit einem Arm locker im Griff.

Das aber war es nicht, was mich im ersten Augenblick erstarren ließ, als mein Blick auf die beiden fiel.

Ich kannte das Mädchen.

Es war niemand anderes als die Chippewa, die ich aus dem South Sakatchewan River gezogen hatte!

Slims Kinnhaken erwischte mich genau am richtigen Punkt, um sofort weg zu sein.

*

Ich wunderte mich lange, wieso der Stuhl. der auf der Zimmerwand stand, hielt und nicht herunterfiel. Irgendwann stellte ich dann fest, dass ich es war, der schräg neben ihm auf dem Boden lag.

Mühsam rappelte ich mich auf die Ellbogen hoch.

“Sie sind schon wieder bei sich, Mister? Gerade habe ich nach dem Doktor geschickt. Vielen Dank für Ihre Unterstützung, aber leider haben Sie damit nur Scherereien bekommen, und geholfen hat es nichts.. Die Halunken sind vor ein paar Minuten verschwunden. Mit dem Mädchen.“

Da mir der Kopf noch ziemlich dröhnte, brauchte ich einige Zeit, um das Gehörte zu verdauen.

“Ist Tanner schon zurück?“

“Nein, Mister Lamartine.“

Ich torkelte auf die Beine und schleppte mich in den ersten Stock auf unser Zimmer. Als ich wieder herunter kam, schlug der Clerk die Hände über dem Kopf zusammen.

“Um Gottes Willen, Sir! In Ihrem Zustand  ...  “

“Der war bereits des öfteren schlimmer“, winkte ich ab. “Wenn ich erst mal im Sattel bin, schüttelt sich das ganze System schon wieder zurecht.“

Details

Seiten
360
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902525
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (März)
Schlagworte
abenteuer norden carson sammelband

Autor

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Titel: Abenteuer im hohen Norden