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Schamanengeheimnisse

Kit Carson Sammelband #2

2016 350 Seiten

Leseprobe

SCHAMANENGEHEIMNISSE

AMERICAN FRONTIER KIT CARSON – der legendäre Scout

Sammelband 2

von Leslie West & Alfred Wallon

Der Umfang dieses Buchs entspricht 338 Taschenbuchseiten.

American Frontier - Kit Carson, der legendäre Trapper ist die große Saga von Leslie West.

Der junge Kit Carson bricht in den bis dahin noch unerschlossenen Westen der Vereinigten Staaten auf, als Helfer eines Handelszuges auf dem berühmten Santa Fe Trail. Ab 1829 arbeitet er schließlich selbst als Trapper und Pelzhändler.

Unsere Geschichte beginnt mit dem jährlichen Treffen der Trapper und Pelzhändler am Green River im Jahre 1834.

Dies ist der 2. Sammelband mit den weiteren Abenteuern Kit Carsons.

„SCHAMANENGEHEIMNISSE“ enthält die zwei romanlangen Erzählungen und Novellen „Schamane der Zeiten“, „Aufstand am Sacramento“ und „Adaline.“

Weitere Bände werden folgen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Amerikan Frontier Kit Carson – der legendäre Scout, Nr. 2

Romane und Novellen © by Leslie West und Edition Bärenklau 2015

Cover © by Steve Mayer, 2015

SCHAMANE DER ZEITEN

von LESLIE WEST

Wer ist der geheimnisvolle Schamane, der dem Sauk-Häuptling Black Hawk 1832 Visionen schenkt, mit denen der Kriegshäuptling sein Volk in neue Kämpfe und in die Zukunft führen will? – Wochen später werden Kit Carson und Charles Bent auf ihrem Ritt nach Fort Dearborn (Illinois) von einem Captain namens Abraham Lincoln gebeten, ihm hinter die sicheren Wälle von Fort Winnebago zu folgen, weil Black Hawks Kriegertruppen das Land unsicher machen. Doch als die Sauk das Fort stürmen, verringern sich die Überlebenschancen der Weißen von Minute zu Minute ...

Am Big Horn Medicine Wheel in Wyoming trifft sich der geheimnisumwitterte Schamane mit einem weiteren Krieger, dem noch eine große Zukunft bevorsteht – jedoch eine gänzlich andere als Black Hawk. Etwas später stößt auch Kit Carson auf eine weitere Spur zu diesem mysteriösen Schamanen, von dem er zum ersten Mal nach den dramatischen Geschehnissen in Illinois vernommen hat. Doch vorher hat er eine Mission auf dem längst erloschenen Vulkanberg Mato Tipila zu erfüllen, über den es unter den Indianern zahlreiche Legenden gibt.

Viele Monate vergehen, bis in Kit Carsons Leben ein weiterer Berg eine entscheidende Rolle spielen wird: Der Mount Shasta im Herzen der großen schwarzen Wälder Nordkaliforniens. Im Glauben der dort ansässigen Indianer - der Maidu, Atsugewi, Yana, Yahi und Yurok - war einst der Große Geist vom Himmel auf seinen weißen Kegel herabgestiegen, um fortan dort zu residieren. Und auf diesem Berg wird auch Kit Carson endlich selbst dem „Schamanen der Zeiten“ begegnen...

I. Teil: Cahokia Mound

Weit im Norden schwelte immer noch die Glut in den rauchenden Trümmern jener Siedlungen der Weißen, über die Black Hawk mit seinen Sauk-Kriegern hergefallen war. Seit Stunden ritt der Häuptling jedoch allein südwärts durch die Nacht. Bei der Begegnung, die er anstrebte, wollte er keinen Zeugen dabei haben.

Bereits im östlichen Texas ging die baumlose Prärie in eine gemischte Landschaft mit einzelnen Bäumen, Baumgruppen und durch lichten Wald aufgelockerten Grasflächen über, umgriff dann das innere Hochland nach Norden und jene schotterreiche Moränenlandschaft der Westhälfte von Illinois, die ihre Entstehung der nach ihr benannten Illinois-Kälteperiode während der Eiszeit verdankte. Von dort schwenkte sie nach Nordwesten ein, verengte sich zu einem schmalen Band und erstreckte sich in dieser Form bis zu den Rocky Mountains, um dort schließlich abzubrechen.

Die nächtliche Graslandschaft, die Black Hawk durchritt, war mit Kiefern, Eichen und Ahornen bestanden. Ihre Üppigkeit verdankten diese Auen alten Mäandern von Mississippi, Missouri und Illinois. Nach dem Rückzug aus ihren alten Becken hatten diese Ströme Altwasserarme, Sümpfe und Flachseen hinterlassen, in deren Umgebung eine Fruchtbarkeit ohnegleichen entstanden war - eine Fruchtbarkeit, die bereits vor tausend Sommern und mehr auch von Menschen genutzt worden war  ...  die Legenden der Sauk hatten mündliches Wissen von Generation zu Generation weitergegeben, doch keine Gewissheit, was damals wirklich geschehen war. Möglicherweise etwas, das für die Gegenwart wichtig sein konnte.

Dies war einer der Gründe für Black Hawks einsamen Ritt unter dem Sternenhimmel.

Tagsüber hatte das Gras in der Sonnenglut in einem warmen Goldton geschimmert, während sich in den seichten Senken, die das Gelände durchzogen, kleine Gruppen von Büschen und Bäumen in ihrem satten Grün machtvoll abgehoben hatten. Längst aber waren keine Farbtöne mehr zu unterscheiden. Es raschelte und rauschte auf dem nachtfeuchten Boden, wo Truthühner, Ammerfinken, Schwarzgrackel und Lerchenstärlinge ihre Ruhestatt gewählt hatten. Nun wurden sie auf der meilenlangen, nach Süden führenden Schneise aufgescheucht, die Black Hawks Pferd mit weit ausladenden Galoppschritten zog.

Jäh zügelte das Oberhaupt der Sauk sein Tier.

Gegen den nächtlichen Horizont zeichneten sich mehrere Hügel von sehr unterschiedlicher Höhe ab, deren symmetrische Formen verrieten, dass sie nicht die Natur selbst hervorgebracht hatte.

Der gewaltigste von allen aber mochte über zwanzig Manneslängen hoch sein. Seine Ebenmäßigkeit erinnerte an eine Pyramide mit rechteckigem Grundriss, der man das obere Drittel abgeschnitten hatte. Auf einer der vier Seiten ging er in ein ähnliches, jedoch niedrigeres Erdgebilde über, dessen Plattform ungefähr auf halber Höhe im Verhältnis zur Plattform des höheren künstlichen Hügels lag. Es schien unglaublich, dass dergleichen durch menschlichen Fleiß allein diese immensen Ausmaße angenommen haben konnte.

Auf der oberen Fläche aber glomm ein kesselgroßes Feuer weit in die Nacht hinein.

Da wusste Black Hawk, dass er an seinem Ziel angelangt war.

*

„Sei gegrüßt, Makataimeshekakiah“, ließ sich der vor dem Feuer sitzende Mann vernehmen, dessen Rücken Black Hawk zugewandt war.

Der Führer der Sauk wusste nicht, worüber er sich mehr wundern sollte: Darüber, dass er überhaupt erkannt worden war, obwohl der andere ihn noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Darüber, dass er mit seinem einheimischem Namen angeredet wurde. Oder darüber, dass sein völliges lautloses Hochsteigen und Näherkommen überhaupt bemerkt worden war. Sein Pferd hatte er schließlich unten gelassen, und sie waren ebenso wenig verabredet gewesen.

„Sei auch du gegrüßt“, gab er so rasch wie möglich zurück, um sich seine Überraschung nicht allzu lange anmerken zu lassen. „Wie soll ich dich anreden? Die anderen ... unten  ...  sie nennen dich den ‘Erneuerer’.“

„Dann wollen wir es dabei belassen.“

Black Hawk trat näher an das Feuer heran. Er brannte darauf, den Mann, von dem in den letzten Monaten sämtliche Stämme redeten, von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

Fast wäre er zusammengezuckt.

Eine Hälfte der Stirn des sitzenden Mannes war mit Metall bedeckt, das anders als Stahl oder Silber schimmerte und mit der Haut verwachsen schien. Das dichte und schulterlange Haar ließ nicht erkennen, wie weit das der Schädelform nachgebildete Metallteil sich seitlich nach hinten zog. Die Gesichtszüge hätten indianisch sein können, doch Black Hawk war sich darüber ebenso wenig sicher wie über das Alter, das der Mann haben mochte. Es konnte irgendwo zwischen dreißig und fünfzig Jahren liegen. Soweit es sich im Sitzen beurteilen ließ, schien er von mittlerer Größe. Unter der Kleidung zeichnete sich eine stattliche Muskulatur ab, doch schien seine Gesamtstatur im Verhältnis dazu widersprüchlicher Weise hager zu sein.

„Wie konntest du wissen, wer ich bin und dass ich kommen würde?“ Black Hawk folgte der einladenden Geste und setzte sich ebenfalls. „Ich habe dir keinen Boten geschickt.“

Die Veränderung der Mundwinkel des anderen mochten ein Lächeln andeuten.

„Wie du siehst, war das auch nicht nötig. Ich habe gespürt, dass du kommst.“

Black Hawk hatte mehr als sechzig Sommer und Winter kommen und gehen sehen, doch ein Mann wie dieser war ihm noch nie begegnet. Sein unbehagliches Gefühl drückte sich in seinem Stirnrunzeln aus.

„Was für ein seltsamer Bewuchs“, umging er eine weitere Frage, die ihm diesbezüglich noch auf den Lippen gelegen hätte. „Hast du das alles selbst angebaut?“

„Es waren Weiße, die wieder weggezogen sind. Fromme Männer, die sich Trappistenmönche nannten, haben hier Obst und Gemüse angebaut. Doch irgend etwas muss ihnen hier nicht behagt haben.“

„Ich kann sie verstehen“, entfuhr es Black Hawk. „Dieser Ort ist unheimlich. Er ist nicht auf natürliche Art entstanden.“

„Was berichten die Legenden deines Volkes darüber?“

„Wenig“, musste das Oberhaupt der Sauk gestehen. „Und diese Legenden stammen aus uralter Zeit. Wer vermag da noch zu bestimmen, was ihnen überhaupt zugrunde liegt und wie weit sie auf Wahrheit beruhen.“

„Schau ins Feuer“, forderte ihn der Mann, den sie in der Ebene den „Erneuerer“ nannten, unvermittelt auf. „Schau ins Feuer, um ein Zeitalter zu sehen, das dir unbegreiflich erscheinen mag.“

Und Black Hawk schaute ins Feuer.

*

Die gewaltige Stadt badete gleichsam im Mittagslicht eines Frühsommertages.

Von weit oben, gleichsam aus einer Art Vogelperspektive und doch mit sicherem Grund unter den Füßen, war der Palisadenzaun zu erkennen, der ihren Kern umgab. Seine in den Boden gerammten Pfähle waren durch horizontale Stämme oder mit Flechtwerk verbunden und vollständig mit Lehm beworfen worden, wodurch eine solide Mauer entstanden war. In regelmäßigen Abständen gab es Wehrtürme, deren jeder eine Handvoll Bogenschützen bergen konnte. Dieser gewaltige Zaun mochte eine Meile breit und anderthalb lang sein. Vorne lief er hufeisenförmig zusammen. Er umrahmte ein riesiges Spielfeld mit zwei hohen Säulen, ein knappes Dutzend dicht mit Gras bewachsener Erdpyramiden, etliche kleinere Plattformen, auf denen Fachwerkhäuser oder Tempel errichtet worden waren, zahlreiche Wege, und war am Rand von pfostengestützten Rechteckhäusern mit Lehmstakung gesäumt - eine Besiedlung, die sich weit über die Grenzen des Palisadenzauns hinaus fortsetzte. Es mussten weit über dreißigtausend Menschen sein, die hier ihre Heimat gefunden hatten.

Jenseits der zehn bis fünfzehn Fuß hohen Palisadenfront, die soviel Eichen- und Hickory-Stämme zählen mochte wie die Stadt Einwohner, hatten sich die Aushubgruben, die das Material für die Erdhügel im Inneren gebildet hatten, mit Wasser gefüllt und waren zu unregelmäßig geformten großen Teichen geworden. Das gesamte Gelände mochte mehr als sechs Quadratmeilen umfassen und trug weit über zweihundert künstliche Hügel, welche mitunter die Gestalt eines Kegels oder eines langgestreckten Kammes angenommen hatten, aber sämtlich an der Spitze abgeflacht worden waren.

Die Häuser der einfacheren Bewohner waren von Gärten umgeben, in denen aufgrund des fruchtbaren Bodens Gänsefuß, Sonnenblume, Kürbis, Bohnen und manches andere üppig gediehen. Größere Äcker mit Nordkiesel-Mais und anderen Feldfrüchten dehnten sich über die umliegende Schwemmebene aus. Dichter Baumbestand säumte einen vielfach gewundenen Fluss, der sich in der Weite verlor, aus der wiederum zahlreiche Handelsstraßen zur Stadt führten. Auf ihnen zogen Angehörige weit ferner Stämme herbei, die hier Kupfer und Obsidiane aus den Bergen, aber auch Muscheln von den Meeresgestaden sowie Felle, Häute und getrocknetes Fleisch feilboten. Die Einheimischen tauschten sie gegen Feuerstein und Salz, aber auch gegen Waren, die sie in ihren Werkstätten hergestellt hatten: Werkzeuge und Pfeilspitzen, gegerbte Häute, Keramik und geflochtene Körbe, dazu Armreifen und Anhänger aus schimmerndem Perlmutt.

Kein Hunger. Kein Krieg. Keine Verfolgung. Ein Wohlstand wie für die Ewigkeit. Ein Paradies auf Erden.

Endlose Stunden schien der Betrachter aus einer anderen Zeit in diesen Anblick versunken. Dann glitt sein Blick aus der Vogelperspektive zu seinen Füßen, und er erkannte, dass er auf dem weit höchsten und mächtigsten künstlichen Hügel innerhalb der Palisadenwand stand.

Von hier hatte er auch Ausblick auf den benachbarten Aufbewahrungshügel, in dem verstorbene Mitglieder der führenden Schicht für die Bestattung vorbereitet wurden. Und auf den Bestattungshügel selbst.

Die Augen des Betrachters schienen in diesen Hügel hineinzusehen.

Dort ruhten sie, die Edelsten ihres Volkes, inmitten von Tausenden und Abertausenden Perlen, die aus Muschelmaterial gewonnen waren, von Pfeilspitzen, Glimmer- und Kupferplatten umgeben, und von zahllosen weiteren Beigaben.

Doch war der Tod an Altersschwäche bei weitem nicht allen vorbehalten. Das Verscheiden eines Würdenträgers zog den Opfertod von Untergebenen mit sich - wie in jenem Hügel, auf den der Blick des Betrachters nun fiel: Er barg, außer dem verstorbenen Oberpriester, vier Männer ohne Köpfe und Hände, aber mit untergehakten Armen, und über 50 Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren - eine Gefolgschaft, die gezwungen gewesen war, ihrem verstorbenen Oberhaupt ins Jenseits zu folgen.

Entsetzt wandte der Betrachter seinen Blick ab, ließ ihn zu den Wäldern hinter der Stadt gleiten. Diese jedoch begannen unvermittelt, sich in rasender Geschwindigkeit zu lichten, während es zugleich abrupt finster wurde  ... 

Dann fand sich Black Hawk erneut der Dunkelheit der Gegenwart gegenüber. Das Feuer war erloschen.

*

Lange starrte er wie blind in die Nacht. Er sah längst wieder, aber die Umrisse, die er wahrnahm, fanden lange nicht den Weg in sein Gehirn.

„Das war Magie“, raunte der alte Sauk-Häuptling endlich. „Wie hast du das fertiggebracht? Und was war das überhaupt? Unser Reich in ferner Vergangenheit - oder in ferner Zukunft  ...  ?“

„Es war jedenfalls nicht schwer“, bekam er zur Antwort. „Ich habe nur den Geist dieses Ortes für den deinen heraufbeschworen. Genau so wie du sitzt, in dieser Höhe und dieser Richtung, hat es hier vor über sechshundert Jahren ausgesehen.“

„Warum hast du mir das gezeigt?“

„Weil du hierher gekommen bist, um etwas zu erfahren.“

„Und was habe ich erfahren?“

„Du bist ein kluger Kopf und behältst stets die letzte Frage. Nun, das hast erfahren, was war, und weißt, dass es nicht so geblieben ist. Ziehe deine eigenen Schlüsse daraus.“

Black Hawk runzelte die Stirn.

„Die Weißen können damals noch nicht schuld am Untergang unserer Vorfahren gewesen sein. Sie kamen ungleich später. Der Niedergang unserer früheren Hochkultur hat folglich nichts mit ihnen zu tun. Dafür werden sie uns jetzt den Garaus machen.“

„Sie bringen nur eine neue Lebenskultur, so schrecklich sie für die Ureinwohner auch sein mag. Doch keine Kultur, mag sie noch so großartig oder noch so entsetzlich sein, hält sich ewig - du hast es ja selbst gesehen. Jede Kultur vergeht. Mit Feinden, und ohne Feinde. Und neue Kulturen entstehen. Und neue Nationen.“

Black Hawk stand abrupt auf.

„Du hast recht, Erneuerer. Ich denke, ich verstehe jetzt auch, wie du bei den Stämmen zu deinem Namen gekommen bist. Und ich denke, ich habe gelernt, was ich zu tun habe.“

„Das hoffe ich, Makataimeshekakiah. Ich hoffe es von Herzen.“

*

Wochen vergingen.

„Bis Fort Dearborn reiten wir uns noch etliche Tage den Hintern ab, Charles. Ist es das wirklich wert?“

Der Angesprochene, dessen Trapperkleidung beinahe indianisch wirkte, lächelte insgeheim. Charles Bent, erfahrener Treckführer und Pelzhändler, trug darüber hinaus sein glattes, in der Mitte gescheiteltes dunkles Haar schulterlang wie ein Indianer. Die dunklen Augen, die stark gekrümmte Nase, die vollen Lippen und die nach unten gezogenen Mundwinkel ließen ihn den Ureinwohnern des Kontinents noch ähnlicher erscheinen. Charles Bent verkniff sich ein Lächeln, weil der hochgewachsene und sehnige junge Mann neben ihm, der sein dichtes blondes Haar ebenfalls schulterlang trug, es nach all den Jahren seit ihrem Kennenlernen endlich doch wagte, ihn zu duzen. Auch er trug Trapperkleidung - eine gegürtete Jacke und eine schmalbeinige Hose aus Wapitileder, wobei die Jacke auf der Brust, auf dem Rücken und an den Ärmeln mit Fransen verziert war.

Kit Carson war damals, vor bald zehn Jahren, seinem Meister ausgerissen. Der junge Sattlergehilfe hatte sich in der dunklen Werkstatt jahrelang die Erzählungen der Trapper aus einer fernen, unberührten Wildnis angehört, bis ihn das Fernweh übermannte. Charles Bent und dessen Gehilfe Rusty Forsythe hatten ihn damals aufgenommen. Sie hatten zu jener Zeit einen Treck nach Taos geführt und dem Sechzehnjährigen alles beigebracht, was ein Mann im unerschlossenen Westen beherrschen musste.

Kits Respekt vor Charles Bent war in all den vergangenen Jahren zu groß geblieben, um diesen jemals zu duzen, obwohl Bent ihm dies immer wieder angeboten hatte. Endlich aber hatte sein junger Begleiter sich nun doch zu diesem Schritt durchringen können.

„Es ist die Sache wert, Kit, bestimmt. Der Pelzhandel ist für jeden einträglich, der ihn mit ganzem Herzen betreibt, egal ob Händler oder Trapper. Aber die Zeit bleibt nicht stehen. Die großen Pelzhandelsgesellschaften wollen sich ein Monopol erkämpfen, und sie haben einen langen Atem. Doch auch die gewaltigsten Jagdreviere sind nicht unerschöpflich. Um Fort Dearborn entsteht Chicago, das mit seinen 340 Einwohnern inzwischen Stadtrecht bekommen hat. Sie bauen den Illinois-Michigan-Kanal, der die Großen Seen mit dem Illinois River und damit mit dem Mississippi und New Orleans verbinden wird. Mit diesem Kanal haben sowohl wir Trapper als auch die Farmer von Illinois wesentlich bessere Absatzmöglichkeiten auf den Märkten im Osten. Und dann der Wandel im Überseeverkehr! So wie sich auf dem Festland allmählich die Transportsysteme verbessern, so werden auch die Frachtraten in die Alte Welt weiter sinken, weil die Schiffstechnik sich laufend verbessert.“

„Hört sich ganz schön kompliziert an“, wandte Kit Carson ein. „Und wo genau sollen wir da einen Fuß in die Tür bekommen?“

„Wir versuchen, eine eigene Handelskette in größtmöglicher Länge aufzuziehen“, erklärte sein Mentor. „Damit können wir, wenn wir rechtzeitig loslegen, den großen Handelsgesellschaften eins auswischen.“

„Ist Fort Dearborn immer noch befestigt?“

„Seine zweite Anlage steht zumindest noch. Die erste wurde 1812 niedergebrannt, als Häuptling Blackbird sich auf die Seite der Briten schlug, von denen er hoffte, sie würden ihm dann seine Jagdgründe lassen. Dafür, dass er die Pottawatomies und Ottawas ins Gefecht führte, hat er dann vom britischen Kommandeur 1815 auf Drummond Island in Ottawa eine wunderschöne Medaille überreicht bekommen.“

„Aber inzwischen steht das Fort wieder.“

„Sie haben es 1816 wieder aufgebaut, als der Krieg mit den Briten zu Ende war und mit den Indianern Frieden geschlossen wurde. 1823 zog das Militär dann ab. Knapp fünf Jahre später gab es Reibereien mit den Winnebagos, und etliche Einheiten wurden vorübergehend zur Wiederinstandsetzung und Besetzung abkommandiert. Seit 1828 aber gehört es einer Indianeragentur. Bin gespannt, wie es jetzt aussieht.“

Sie folgten einem Bachlauf, als erhofften sie sich von seiner Nähe eine Linderung der entsetzlichen Julihitze.

Auf einer Hügelkuppe erschienen zwei Reiter. Kit, der sie als erster sah, griff abrupt in die Zügel und legte seine Hand auf den Griff der neuen Rappahannock-Holsterpistole, die Charles Bent ihm vor zwei Wochen geschenkt hatte. Er entspannte sich ein wenig, als er die Kleidung der Reiter erkannte.

„Keine Sorge, Gents.“ Der vordere, ungewöhnlich hagere junge Mann hob beim Näherreiten den schlaksigen Arm. „Wir gehören zu Captain Earlys Aufklärungs-Kompanie. Mein Kamerad, George Harrison. Ich heiße Abe Lincoln.“

„Freut uns, meine Herren“, erwiderte Charles Bent und stellte Kit und sich ebenfalls vor. Von Jacob Earlys Einheit hatte er bereits am Green River gehört. „Was verschafft uns das Vergnügen?“

„Vergnügen wird es für Sie keines sein, fürchte ich, dafür vermeiden Sie Schlimmeres. Sie müssen uns unverzüglich nach Fort Winnebago folgen.“

„Warum das?“ Bents Stirn hatte sich gerunzelt.

„Black Hawk ist wieder auf dem Kriegspfad, Sir. Und er soll sich verdammt in der Nähe aufhalten. Wir sind auf Patrouille, Mister Bent.“

Kit Carson war es, als hätte ihm jemand einen Eimer kalten Wassers hinten in den Kragen geschüttet. Die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse am Mississippi, als Black Hawks Sauk-Krieger damals in der Nähe der Stadt Galena zugeschlagen hatten, kam wie eine Flut über ihn.

Charles Bent wandte sich zu Kit um. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sehr wohl wusste, was in seinem jungen Freund vorging.

„Wir sollten der Weisung folgen“, äußerte er sich. „Vorsicht hat noch keinem geschadet.“

Kit nickte nur.

Auf dem Weg zum Fort ergab es sich, dass Charles Bent mit George Harrison voraus ritt, während Abe Lincoln sich einige Pferdelängen dahinter an Kit hielt. Das Gelände war hier überwiegend eben oder wellenförmig, Hinter Fort Winnebago zog sich dann eine Reihe steiler Hügel von vier- bis fünfhundert Fuß Höhe bis zum Mississippi hin, um von dort an in südlicher Richtung in sanft dahin rollendes Land überzugehen.

Bent warf einen Blick in die Runde und wandte sich an seinen neuen Begleiter.

„Ich war vor Ewigkeiten zuletzt hier. Sind wir jetzt nicht ungefähr auf der Höhe, wo sich der Fox und der Wisconsin River in zwei großen Bögen so nahe kommen wie vorher und nachher nie mehr?“

„Sie haben ein gutes Gedächtnis, Sir“, bestätigte George Harrison. „Und wie kommen Sie gerade jetzt darauf?“

„Nun, wir sind nach Fort Dearborn unterwegs, wo ja ebenfalls schon an einem künstlichen Wasserlauf gegraben wird. Und hier, am kürzesten Abstand zwischen Fox und Wisconsin River, soll ja bekanntlich der Portage-Kanal entstehen, der die schiffbaren Teile beider Flüsse verbindet und die Entfernung zwischen Buffalo und Galena auf 1146 Meilen herabsenkt. Damit könnte auch Fort Winnebago in absehbarer Zeit ein wichtiger Handelsknoten werden.“

„Wohl wahr, Mr. Bent.“ George Harrison seufzte. „Wenn uns die verdammten Indsmen nur lassen.“

„Schon lange bei der Army?“, wollte indessen Kit Carson, der sich ein halbes Hundert Yard hinter Charles Bent und George Harrison hielt, von Abe Lincoln wissen. Sie hatten gerade festgestellt, dass sie im gleichen Jahr geboren waren.

„Lange genug.“ Der schlaksige Dunkelhaarige mit dem hageren Gesicht zuckte mit den Schultern. „Ich verstehe Black Hawk irgendwo, verdammt. Gut, da gab es vorletztes oder letztes Jahr genau um diese Jahreszeit den Vertrag, in dem die Sauk sich verpflichteten, westlich über den Mississippi zu gehen und sich in einem Reservat niederzulassen. Als Gegenzug sollten sie dafür die Menge Mais erhalten, der für sie überlebenswichtig war.

Der Mais kam nicht. Wissen Sie, was Indianeragenten für Schlawiner sein können? Merken Sie sich das fürs Leben.“

„Schon möglich, Abe“, gestand Kit dem anderen zu. „Ich werde es mir durchaus merken. Hat Black Hawk sich wenigstens bei den richtigen Stellen beschwert?“

„Er kam mit seinen Leuten wieder rüber, um den Mais auf den früheren eigenen Feldern zu ernten. Zu Verhandlungen schickte er mehrere Parlamentäre zu General Atkinson, die dieser entweder tötete oder gefangen nahm. Und seitdem ist diese verfluchte Suppe wieder am Kochen.“

„Ist General Atkinson nicht Captain Earlys Vorgesetzter und damit erst recht der Ihre?“

„Ja, Kit, das weiß ich, verdammt. Und ich weiß ebenfalls, dass ich es mit meiner vorlauten Klappe niemals und nirgends weit bringen werde.“

„Das kann oft wichtiger sein als feiger Weise gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Mir fallen die richtigen Worte leider meist viel zu spät ein.“

„Das kenne ich auch.“

Bald darauf hatten sie Fort Winnebago erreicht.

Wie eine goldene Schlange wand sich im Nachmittagslicht der Fox River an der militärischen Befestigung entlang. An dieser Stelle war er dem Wisconsin River bis auf eine halbe Meile nahegekommen, um hier von seinem zunächst südlichen Lauf nach Osten abzuschwenken und schließlich in nördlicher und dann nordöstlicher Richtung in den Michigan-See zu münden. Auf seinem insgesamt 260 Meilen langen Lauf erweiterte er sich weit jenseits des Forts zum Marquetta-See, nahm noch den Wolf River in sich auf, durchströmte den großen Winnebago-See und verlor sich bei Fort Howard in den innersten Winkel der Greenbay.

*

„Da! Indianer! Südwesten!“

Der Ruf des Wachpostens auf dem inneren Palisadenrundgang gellte über das ganze Fort hinweg.

„Kaum, dass wir da sind“, brummte Charles Bent. „Wie zuvorkommend, dass sie gerade noch auf uns gewartet haben.“

„Black Hawks Handschrift, Charles.“ Kit hatte erneut dieses kalte Gefühl im Nacken. „Er zeigt durchaus Geduld, wenn es gilt, erst einmal alle zusammen auf einen Haufen zu bekommen.“

Vor dem Stabsgebäude entstand Bewegung, und einige Männer traten auf den Vorbau.

„Brigadegeneral Milton K. Alexander“, raunte Abe Lincoln herüber, der sich in Kits und Bents Nähe aufhielt. „Ihn und seinen gleichrangigen Kompagnon John D. Henry hat General Atkinson hierher abkommandiert. Mit gestärkten Hosen, seht ihr?“

„Ungleichmäßige Abstände auf den Palisaden!“, brüllte Alexander, bevor Abe Lincoln seine launigen Kommentare fortsetzen konnte. „Steht nicht da wie Tontauben, verdammt!“

Kit schickte sich instinktiv an, die Reihen der Soldaten auf dem Innengang zu verstärken, als Brigadegenerals Henrys Stimme über den Innenhof gellte.

„Zivilisten weg von da oben! Ich will keinen Ärger mit General Atkinson!“

Der Tonfall war schneidend genug, um bedingungslosen Gehorsam nach sich zu ziehen. Er traf lediglich den Falschen. Unbeirrt stieg Kit die nächstgelegene Leiter zum Palisadengang hoch.

„He, Sie! Sie kommen auf der Stelle da runter! Ich rede mit Ihnen, Mann!“

„Kommen Sie doch rauf!“, rief der hochgewachsene junge Trapper mit der schulterlangen blonden Mähne nach unten. „Ich verstehe Sie so schlecht von hier oben!“

Das war keineswegs Kits gewöhnliches Verhalten gegenüber Autoritäten. Aber erstens war er mehr als nervös, weil er seine Erfahrungen mit Black Hawk bereits gemacht hatte, und zweitens wollte er so früh wie möglich sehen, was die Angreifer vorhatten.

Kit sah zunächst nur eine Handvoll Krieger. Rasch aber erkannte er am fernen Horizont Verstärkung.

„Sie werden jetzt auf der Stelle  ...  “

„Sie greifen an, General!“

Die schrille Stimme des Postens ersparte dem jungen Trapper weitere Auseinandersetzungen. An der Formation und dem Abstand der Sauk-Krieger erkannte er mit wachsender Besorgnis, dass sie ihr Vorhaben mit Umsicht und Erfahrung begannen.

„Keine Panik“, raunte er den umstehenden Soldaten zu. „Ihre Reitgeschwindigkeit bleibt gleichmäßig. Haltet vor, wenn ihr zielt, und lasst sie noch ein Drittel näher herankommen.“

„Wer gibt hier die Befehle?“, donnerte es von unten.

„Der, der den besseren Überblick hat, General!“ Jetzt war es Charles Bent, dem die Galle überkochte. „Gehen Sie rauf, wenn Ihnen daran liegt!“

„Sie unverschämter ...“

Das Geheul der Angreifer übertönte Alexanders Stimme. Kit ließ sich von ihm ohnehin nicht beirren. Er hatte Wichtigeres zu tun.

Zum einen zählte er die Angreifer im Heranreiten, weil dies ungleich schwerer sein würde, wenn sie erst einmal Kreisformation eingenommen hatten. Zum anderen genügten Sekunden schnelle Umblicke, um Angriffe aus einer weiteren Richtung zu erkennen. Das Gelände war halbwegs eben.

Die ersten Pfeile flogen. Die ersten Schüsse krachten.

In bewährter Manier waren die Palisaden mit einer Mischung aus Schlamm, Sand und Lehm verbunden worden. Neben anderen Vorteilen verringerte dies auch die Brandgefahr. Aber noch waren es keine Brandpfeile, die einschlugen. Die würden später kommen. Kit kannte die Sauk.

Mit seinem nächsten Schuss erwischte er eines der Indianerpferde. Es überschlug sich, aber sein Reiter sprang rechtzeitig von seinem Rücken. Doch wenn Kit erwartet hatte, dass ihn einer der nachfolgenden Krieger zu sich auf den Mustang ziehen würde, sah er sich getäuscht. Stattdessen kroch der Gestürzte so schnell er konnte in den Schutz des toten Pferdeleibes zurück.

Ach ja - nun verstand der junge Trapper. Sollte dieser erste Angriff zurückgeschlagen werden, dann würde bis dahin hinter jedem getöteten Pferd ein Krieger liegen, der sie, sicher geschützt, um ihre ganze Nachtruhe bringen konnte. Verdammt schlau. Black Hawks Schule. Kit war bei allen Vorbehalten doch ein wenig erleichtert, dass er ihn bisher nicht zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht - hoffentlich - war ihm dieses Gefecht von zu geringer Bedeutung im Verhältnis zu seinem neuen großen Feldzug.

Unmittelbar neben ihm erklang ein Schmerzensschrei. Der von einem Pfeil getroffene Soldat wurde durch die Wucht des Einschlages vom Palisadengang gerissen und fiel auf den mageren und harten Grasboden des Innenhofs. Kit ließ sich nicht weiter ablenken, da ein Sergeant sich sofort um den Getroffenen kümmerte. Dieser goss unverzüglich Tabaksaft in die offene Wunde, der als bewährtes Desinfektionsmittel galt: Wundärzte hatten da ein wenig andere Ansichten, doch ganz offensichtlich war in diesem Fort keiner zur Stelle.

„Bandeisen!“ Charles Bent hatte sich neben dem Sergeanten über den Verwundeten gebeugt, um den Pfeil näher in Augenschein zu nehmen. „Diese verfluchten Hunde haben Bandeisen als Pfeilspitzen! Es verbiegt sich, wenn es auf Knochen trifft, und ist somit umso schwerer herauszubekommen. Ein Durchschuss, Gott sei Dank.“

Dann signalisierte er Kit, dass er den Palisadengang auf der gegenüberliegenden Seite besteigen würde, und beschrieb mit dem rechten Arm einen Viertelkreis nach rechts. Das hieß, dass Kit nur noch seine Frontseite und die rechts davon im Auge behalten musste. Der junge Trapper verstand sofort und bestätigte dies mit einem Heben der Hand.

Erstaunt sah er dann, wie auf seiner Seite nacheinander Krieger von ihren Tieren sprangen und hinter bereits vorher getroffenen, regungslosen Pferdeleibern neben deren früheren Reitern Deckung bezogen. Drei, sogar vier passten hinter ein einziges Tier. Und alle diese Krieger hatten nicht Bögen, sondern Gewehre!

Kit war alarmiert. Diese Taktik kannte er noch nicht.

Jedenfalls begannen sich die dermaßen geschützten Sauk auf seine Seite einzuschießen. Er und die anderen Soldaten wurden immer stärker in Deckung gezwungen.

„Fünf Mann zusätzlich auf die Südwand!“, brüllte Brigadegeneral Alexander. „Die Burschen wollen dort eine Kerbe schlagen!“

Einerseits freute sich Kit über die Verstärkung, andererseits war ihm nach wie vor nicht wohl, weil er instinktiv spürte, dass die Sauk etwas vorhatten, wovon er keine Ahnung hatte.

Er kam nicht dazu, sich noch mehr Gedanken darüber zu machen, weil das Feuer auf seiner Seite an Heftigkeit zunahm. Kit konnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Kugeln und Pfeile flogen ihm gleichermaßen um die Ohren, und es war auf dem Palisadengang längst nicht mehr bei einem einzigen Opfer geblieben.

Es war Charles Bent, der als erster das Gleißen auf dem Boden sah. Es lief auf eine niedrigere Palisadenwand zu, auf der es keinen Gang gab.

„Eine Schießpulverspur!“, schrie Kit Carsons Mentor. „Sie führt direkt auf das Pferdegehege zu! Diese Schurken müssen sie unbemerkt in der Nacht gelegt haben!“

Viel war nicht mehr zu machen. Kits Südseite wurde von den Angreifern dermaßen beharkt, dass dort tatsächlich eine Einfallschneise drohte, falls nicht erbittert genug Widerstand geleistet wurde.

Dann erfolgte die Explosion. Sie erschütterte die Palisaden, die das Pferdegehege umgaben, und einige Stämme gerieten aus der Senkrechte und kippten. Doch keiner fiel um.

„He, wie schlau, ihr roten Halunken!“ Das war Alexanders hämische Stimme. „Hat nicht geklappt, was? Ausgesprochenes Pech, ha-ha-ha.“

Einer der Krieger, die Fort Winnebago umritten, schleuderte ein Wurfseil. Die Schlinge glitt über zwei, drei der gekippten Pfosten. Das Seil war um den Hals den Pferdes gewunden, das sein Bestes gab. Als Bents Schuss den Sauk aus dem Sattel holte, war es schon zu spät, waren die lockeren Pfosten zur Gänze herausgerissen. Brandpfeile flogen in das Pferdegehege. Voller Panik preschten die Tiere der Soldaten auf die entstandene Öffnung zu - und durch sie hinaus.

Wie verabredet ließ der Ansturm auf die Südseite nach. Als nahezu alle Tiere das Gehege verlassen hatten, bevor hereinstürmende Soldaten die letzten noch zurückhalten konnten, zogen die Angreifer mit triumphierenden Geheul ab. Dass die Verteidiger noch drei der hinter den toten Pferdeleibern verschanzten Sauk erwischt hatten, war ein schwacher Trost. Den übrigen hatten andere Krieger zur Flucht verholfen, indem sie ihre herrenlosen Pferde herbeigeführt hatten - dies unter dem Feuerschutz weiterer Krieger.

Wütend presste Kit die Lippen zusammen. Dass Charles Bents und sein Tier nicht unter den geraubten dabei gewesen waren, war nur ein schwacher Trost. Und Brigadegeneral Alexander schien überhaupt keine Notiz mehr von ihm zu nehmen. Er war jetzt zu sehr mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

Unten kam Charles Bent auf ihn zu und schlug ihm auf die Schulter.

„Wacker, Junge. Wir haben unsere Skalps behalten. Noch.“

Der junge Trapper runzelte die Stirn.

„Dann denkst du das gleiche wie ich. Dass sie wiederkommen.“

„Genau das. Und diese Säbelrassler machen mir, ehrlich gesagt, nicht die größten Hoffnungen, dass alles noch einmal so glimpflich abläuft.“

*

Suchend glitten die Blicke des jungen Offiziers durch den Saloon. Sämtliche Tische waren besetzt, doch an einigen standen noch Stühle frei. Etwas unentschlossen setzte er sich in Bewegung.

„Nehmt doch bei uns Platz, Lieutenant“, wurde er von einem der Sitzenden angesprochen. „Wir beißen nicht.“

Mit einem leichten ironischen Stirnrunzeln schien sich der Angesprochene dessen selbst versichern zu wollen. Er nickte dankend und ließ sich auf dem letzten freien Stuhl am Tisch nieder.

„Ich habe bei Eurer Ankunft Euren Namen mitbekommen“, räumte er gleich ein. „Ihr seid der berühmte Treckführer und Pelzhändler Charles Bent.“

„Berühmt? Wie schön.“ Der Angesprochene lächelte und wies auf den jungen Freund zu seiner Linken. „Das ist Kit Carson. Abe und George dürftet Ihr ja kennen. Mit wem haben wir die Ehre?“

„Jeff Davis, Erste Infanterie.“

„Höre ich da den West-Point-Tonfall heraus?“

Davis grinste.

„Kann auch noch der Tonfall der Transylvania University in Kentucky sein. Schwer loszuwerden. Bin nicht schuld, dass mir Präsident Monroe persönlich die West Point Militärakademie nahegelegt hat. Liegt in der Familie.“

„Davis, das sagt mir was.“ Bent nickte nachdenklich. „Ich kannte einen Samuel Davis, der während der Revolution 1776 mit der Georgia-Kavallerie ritt, als es diese noch gab ...“

„Mein Vater, Sir.“

„Dann müsst Ihr drei ältere Brüder haben, die mit Andrew Jackson geritten sind und die sich 1812 in der Schlacht um New Orleans äußerst wacker gehalten haben.“

„Ihr wisst wirklich Bescheid!“

Charles Bent zuckte lächelnd die Schultern. In Größe, Haltung und Physiognomie war der junge Davis Abe Lincoln nicht unähnlich. Sie mochten auch in etwa das gleiche Alter haben.

Lieutenant Davis war, wie er bald berichtete, bereits im Juni des Vorjahrs in Fort Winnebago gewesen, um danach vorübergehend nach Fort Crawford versetzt zu werden. Von dort hatte er dann die Truppen unter dem Kommando Oberst Willoughby Morgans nach Saukenuk begleitet.

„Wie ist das Ganze denn diesmal ins Rollen gekommen?“, wollte Kit Carson  wissen. „Wart Ihr von Anfang an dabei, Lieutenant Davis?“

Der schüttelte den Kopf.

„Angeblich sind die Indianerunruhen am Apple River Fort losgegangen. Aus heiterem Himmel. Die Frauen waren gerade draußen beim Beerenpflücken, als Black Hawk mit ungefähr 150 Kriegern angriff. Sie schafften es gerade noch ins Fort, und ihrer Tüchtigkeit war es zu verdanken, dass der Angriff nach einer Dreiviertelstunde abgebrochen wurde. Die Frauen teilten sich nämlich in Gruppen, die auf jeder Seite das Nachladen der Gewehre besorgten. Das Fort hielt somit stand, aber aus Wut gingen die Roten auf einige nahe Siedlungen los.

Sodann schickte General Atkinson seinen Trupp und einen Haufen kranker und ausgemergelter ‘Freiwilliger’ hinter den Sauk und ihren heimlichen Verbündeten, den Briten, her. Am Mound Fort fand Oberst Dodge Soldaten, die im Kampf gefallen waren und folgte der roten Bande bis zum Sugar River, wo diese sich jedoch klugerweise aufgesplittert hatte. Dodge und sein Trupp mussten unverrichteter Dinge umkehren.

Auch am Sinsinawa Mound gab es mehrere Massaker an weißen Siedlern. Am Koshkonong-See hat Black Hawk seine Krieger dann wieder gesammelt und sie zunächst den Rock River entlang nach Norden geführt.“

„Und wir dachten, hier sei längst Ruhe.“ Mit grimmigem Gesicht und zusammengepresstem Mund schüttelte Charles Bent unwillig den Kopf.

Jefferson Davis zuckte die Schultern.

„Es ist durchaus seltsam, in der Tat. Noch dazu in dieser Heftigkeit. Eine wirklich befriedigende Erklärung gibt es dafür nicht. Fast könnte man meinen, ein Dämon habe von Black Hawk Besitz ergriffen.“

Diesen Worten folgte nachdenkliches Schweigen. Sie gaben besonders Bent zu denken, dem Ältesten in der Runde. Im übrigen konnten weder er noch Kit Carson oder George Harrison im geringsten ahnen, dass sie gerade mit zwei künftigen amerikanischen Präsidenten die Gläser gehoben hatten.

„Und wir sitzen hier fest.“ Kit nahm einen großen Schluck und stellte das leere Glas heftig auf den Tisch zurück. „Die paar verbliebenen Pferde helfen da wenig. Da ich ohnehin keinen Schlaf finden werde und gute Augen habe, will ich lieber gleich die Reihen auf den Palisaden verstärken.“

„Dürfte kein Fehler sein, Kit.“ Charles Bent biss ein Stück Kautabak ab, bevor er weitersprach. „Ich werde dich in ein paar Stunden ablösen. Allzu lange wird die rote Meute wohl nicht auf sich warten lassen.“

Bei Morgengrauen gingen Charles Bents Worte in Erfüllung.

*

„Kein so undisziplinierter Haufen wie die gewöhnlichen Plains-Indianer“, musste Brigadegeneral Alexander beim Anblick der geordneten Feindesreihen zu Pferd mit widerwilliger Bewunderung feststellen.

„Bei weitem nicht, Sir“, schlug sein Adjutant in die gleiche Kerbe. „Black Hawk hat seine Krieger im Griff. Und diese Burschen haben sogar zum Teil Schusswaffen. Es geht los!“

Die vordere Reihe der Angreifer fegte im Galopp heran. Flussaufwärts hielten sich weitere Sauk in Scharen auf ihren nervös tänzelnden Pferden für die zweite Angriffswelle bereit.

Von wilder Kampflust erfüllt, begann die erste Reihe der Krieger, Fort Winnebago mit einem Pfeil- und Kugelhagel von bisher unerreichter Heftigkeit einzudecken. Über ein halbes Dutzend Soldaten wurde von den Palisadengängen gerissen.

„Jeder Mann sein nächstes Ziel!“, brüllte der Brigadegeneral über die Köpfe seiner Truppe hinweg. Kit rechnete es ihm durchaus an, dass er nicht den Kopf einzog.

Sämtliche Infanteristen und Artilleristen der U.S. Army - eine Kavallerie kam erst Jahre später zustande - waren mit einem Musketenmodell der Armee von 1816 mit Kaliber 69 und dem damals neuen Steinschlosssystem ausgestattet, das im Arsenal von Springfield, Massachusetts, hergestellt worden war und das mit einem Bajonett versehen werden konnte. Im gleichen Jahr waren auch die ersten gebrauchsfähigen Metallhülsen hergestellt worden, in die die Zündmasse gefüllt wurde. Diese war bis dahin in Papierhüllen untergebracht gewesen, was sehr unzuverlässig funktioniert hatte. In einem Kampf wie diesem hätte dies tödliche Folgen gehabt.

Als sich die Soldaten eingeschossen hatten, lichteten sich auch die Reihen der Indianer stärker. Und doch färbten sich immer mehr der weißen Sommeruniformjacken aus Leinen blutig. Ihre metallenen Knöpfe, auf die ein Adler mit Schild geprägt war, hielten weder Pfeil noch Kugel stand.

„Die Läufe werden allmählich heiß“, raunte Kit seinem Mentor zu. „Lange kann das nicht mehr gut gehen.“

Charles Bent kniff nur den Mund zusammen und sagte nichts. Er wischte sich Blut von der Stirn, weil er einen Streifschuss abbekommen hatte.

Als sich die Reihen der ersten bereits deutlich weiter auseinanderzogen, wogte mit furchterregenden Schreien die zweite Welle der Angreifer von den Hügeln herab. Ihr Gebrüll ließ das Blut in den Adern der Belagerten stocken.

Es stank infernalisch nach Pulver - und nach menschlichem Fleisch, wo das Pulver Hände und Unterarme verbrannt hatte. Die dicken Rauchschwaden ließen nicht wenige der Soldaten husten.

„Das stehen wir nicht mehr durch!“, keuchte Abe Lincoln. „Jetzt können wir nur noch unsere Haut so teuer wie möglich verkaufen.“

Kit nickte grimmig. Genau dazu war er entschlossen. Auch sein nächster Schuss fand sein Ziel. Danach musste er in Deckung gehen.

Der Ring der Angreifer zog sich immer enger. Die Todesopfer, die sie zu beklagen hatten, hatte ihre Angriffswut nur noch weiter angestachelt. Die Attacken der wildesten Krieger wurden immer todesmutiger.

„Unser Testament schaffen wir nicht mehr schriftlich“, knurrte Charles Bent. „Falls von uns beiden du überleben solltest, bekommst du mein Fellversteck  hinter der Bucht, wo der Green River  ...  “

„Kümmere dich um dein eigenes Fell, Charles, verdammt!“ Kit holte einen weiteren Krieger vom Pferd. „Wir wollen es uns von diesen Hunden jedenfalls nicht über die Ohren ziehen lassen.“

Dabei hatte er insgesamt längst selbst erkannt, wie hoffnungslos die Lage geworden war. Jeder weitere Verwundete oder Tote ließ eine Lücke auf den Palisaden entstehen, die irgendwann nicht mehr zu füllen war. Und der junge Trapper kannte Black Hawk gut genug, um zu wissen, wie dieser dann seinen entscheidenden Durchbruch einleiten würde. Aber dieses Wissen half überhaupt nichts mehr. Sie waren längst zu wenige geworden, um es verhindern zu können.

Also Kampf bis zum letzten Schuss!

Aber dann geriet eine Bewegung in die Reihen der Belagerer, die nichts mit einem Wandel der Angriffstaktik zu tun haben konnte.

Sekunden später gellte eine mächtige Stimme über das Gelände, die Kit hier zum ersten Mal vernahm und die ihm einen wilden Schauer über den Rücken jagte.

Black Hawk!

Endlich ließ er sich selbst blicken, hoch auf einer Hügelwelle, mit seinem immer noch mächtigen Haarschopf in der Mitte des seitlich geschorenen Kopfes. Kit spürte, dass der Kampf in seine alles entscheidende Phase getreten war. Und er lud so schnell er konnte nach, statt wie die meisten auf den Palisaden vor Schreck zu erstarren. Saß sein Schuss, so bestand womöglich doch noch eine letzte Hoffnung.

Da aber war der mächtige Sauk-Häuptling auch schon wieder verschwunden. Und seine sämtlichen Krieger wichen vom Fort zurück!

In der Ferne erklangen Schüsse.

*

„Die Galena Rangers!“

Kits Herz schlug höher, als er den Namen dieser aufstrebenden Stadt hörte. Zu viele Erlebnisse und auch Tragik waren für ihn damit verbunden.

Der Ausguck mit den scharfen Augen schwenkte vor Freude seinen „Tschako“, die dunkelblaue wollene Feldmütze mit der schwarzen Lederblende. die 1825 eingeführt worden war. Ihre Seiten waren mit zwei Reihen weißer Kammgarn-Bänder geziert, und vom Zentrum der Mütze, in das ein weißer Metallknopf eingenäht war, liefen speichenförmig zwanzig schwarze Borten, ebenfalls Kammgarn, bis an den Rand

Nachdem man sich nach allen Seiten überzeugt hatte, dass die Sauk tatsächlich das Weite gesucht hatten, wurden allerorten Freudenschreie ausgestoßen. Gleich darauf wurde das Tor geöffnet, um die Retter einzulassen. An ihrer Spitze ritt ihr Kommandant, Hauptmann Stephenson.

Der junge Trapper ließ rasch seinen Blick über ihre Reihen gleiten, obwohl er wenig Hoffnung hatte. Dann aber weiteten sich seine Augen.

„Jason! Jason Farnham!“

Ein Ruck ging durch den Leib des jungen Reiters, als sein Name an sein Ohr drang. Als er den Rufer erkannte, der ihm zuwinkte, riss er vor Staunen den Mund auf.

„Kit Carson!“

Er sprang aus dem Sattel. Die beiden jungen Männer liefen aufeinander zu und umfassten sich.

„Mit was für einer Truppe bist du da gekommen, Jason? Handelt es sich um eine Art Bürgerwehr?“

„Die Galena Rangers? Nein, das ist eine regelrechte Kompanie. Es sind nur soviel Zivilisten dabei - wie ich eben auch - weil alle dachten es käme auf jeden Mann an.“

„So war es auch, Jason. Aber wart ihr zufällig in der Nähe oder wie kommt es, dass ihr gerade noch rechtzeitig eingetroffen seid?“

„Die Pferde, Kit! Da liefen herrenlose Armeepferde in die Stadt, sammelten sich vor den Corrals und Saloontränken  ...  wir dachten sofort, dass etwas geschehen sein musste. Wir wussten ja, wem die Tiere gehörten.“

„Es war Hilfe im letzten Augenblick! Wie geht es Roxanna, Jodie und Phillis? Habt ihr noch Kontakt mit Paul Stanton?“

„Wohlauf alle zusammen, Gott sei Dank. Und auf der Farm ist auch alles in Ordnung.“

Der junge Jason Farnham war gelernter Zimmermann. Seine Frau Roxanna, sein Zwillingsbruder Jodie und dessen Frau Phillis bewohnten immer noch gemeinsam das Anwesen, auf dem nach ihrem Vater Lionel nun vor nicht allzu langer Zeit auch noch ihre Mutter bestattet worden war. Frances Farnham war damals bei einem Angriff von Black Hawk und seinen Kriegern ums Leben gekommen.

Paul Stanton war der Mann, der der Witwe in den letzten Jahren nahe gestanden hatte.

„Seid ihr ein wenig über den Tod eurer Mutter hinweg gekommen?“

Kit hatte ein schlechtes Gewissen, weil er etwas vor Jason und dessen Zwillingsbruder Jodie verschweigen musste, was diese niemals erfahren durften: Nicht Lionel Farnham war ihr leiblicher Vater gewesen, sondern ein ruheloser, dennoch anständiger Vagant namens Jared Calhoun. Er hatte als Farmhand auf dem Anwesen des kinderlosen Ehepaars Farnham gearbeitet. Lionel Farnham hätte niemals Vater werden können, doch das Farmerehepaar hatte sich nichts mehr gewünscht als Kinder  ... 

Dies alles hatte Jareds steinalter Verwandter Ezekiel Calhoun seinem jungen Freund Kit Carson anvertraut, nachdem es Ezekiel und Kit gelungen war, eine Verschwörung aufzudecken, die nach ihrem Gelingen den gesamten nordamerikanischen Kontinent in drei politische Einflusssphären aufgeteilt hätte. Jared Calhoun, der später einen Saloon in Taos besessen hatte, war inzwischen ebenfalls ums Leben gekommen.

Und so trug nun auch Kit Carson ein Geheimnis mit sich herum, von dem weder Jason Farnham noch sein Zwillingsbruder Jodie jemals erfahren sollten.

„Es ist immer noch schwer.“ Jasons Stimme klang belegt. „Aber sag, was treibt Washakie? Ist er schon Häuptling geworden?“

„Was denkst du!“ Kit war über diese Gegenfrage erleichtert, weil sie ihm die Möglichkeit gab, das Thema zu wechseln. „Alle wünschen Häuptling Cameahwait, so alt er inzwischen auch schon sein mag, das ewige Leben. Vor allem natürlich Washakie und ich! Wenn er einst Cameahwaits Nachfolge antreten wird, ist Schluss mit unserem Herumvagabundieren. Ich werde ihn noch vor der nächsten Jagdsaison besuchen. Die Biberfelle taugen erst in etlichen Monaten wieder etwas, sobald sie für den bevorstehenden Winter wieder dichter werden.“

Jason Farnham warf einen Blick in die Runde. Kit nickte zur Bestätigung.

„Du hast recht, Jason. Wir sollten mitbekommen, was jetzt weiter geschehen wird.“

*

Fort Winnebago glich einem Bienenschwarm. Die Offiziere achteten darauf, dass die Aufmerksamkeit auf den Palisaden nicht nachließ, während die Kommandanten die Köpfe zusammensteckten.

Heraus kam, dass General Atkinson den Befehl erlassen hatte, Captain Earlys Aufklärungskompanie freizustellen. Der schlichte Grund dafür war, dass die Aufrechterhaltung einer entsprechenden Verpflegungskette in diesem von Indianerunruhen heimgesuchten Territorium einfach zu aufwendig gewesen wäre.

General Alexanders Proviantzug verließ in bewaffneter Begleitung Fort Winnebago, um in südwestlicher Richtung Fort Koshkonong zu verstärken. General Henry und Colonel Dodge wollten ihre Truppen nach Osten zu den Rock-River-Schnellen führen, wo man verstärkte Indianerbewegungen mutmaßte.

„An die hängen wir uns, Kit“, beschloss Charles Bent. „So können wir in sicherer Begleitung wenigstens halbwegs die Richtung nach Fort Dearborn einhalten. Aber was ist mit euch, Abe? Sie haben euch ja praktisch aufgelöst.“

Abe Lincoln presste grimmig die Lippen zusammen.

„Was bleibt George Harrison und mir somit anderes übrig als zu Fuß loszuziehen? Schließlich bekommen wir längst nicht alle Pferde zurück. Wir werden uns folglich auf Schusters Rappen auf den Weg nach New Salem machen.“

„Das sind Hunderte von Meilen!“ Kit schüttelte energisch den Kopf. „Es gibt gesündere Körperertüchtigungen als solche Gewaltmärsche durch bedrohtes Territorium. Lasst es bleiben! Kommt mit uns.“

George Harrison winkte ab.

„Befehl ist Befehl, Kit. Das ist nicht der Zeitpunkt, den höheren Chargen zu widersprechen. Es stehen zu viele andere Menschenleben auf dem Spiel. Da müssen wir durch, Abe und ich.“

„Dann können wir euch nur viel Glück wünschen.“

„Danke. Beim nächsten Treffen bezahlen wir den Whiskey.“

Auch von Jason Farnham mussten sich Charles Bent und Kit verabschieden. Den jungen Zimmermann trieb ohnehin das Verlangen, den Seinen auf der heimatlichen Scholle beizustehen.

„Ich wollte, ich hätte euch alle erneut gesehen“, gestand Kit. „Es ist irgendwie die unangenehme Angst  ...  dass bei der nächsten Wiederbegegnung ein weiteres Gesicht fehlen könnte.“

„Höchstens ein Skalp, aber nichts darunter.“ Jasons Versuch zu scherzen klang ein wenig gequält. „Und bring Washakie mit. Er hat bei den Mädels mächtig Eindruck hinterlassen.“

„Ich werde es ihm ausrichten.“ Kit lächelte. „Dann weiß er gleich, was für ihn auf dem Spiel steht.“

*

Tagsüber wurde die Hitze sengend. Unter dieser Julisonne konnte man sich kaum vorstellen, dass die hier überwiegend ebene Prärie in der Regenzeit so tief unter Wasser stehen konnte, dass Boote von einem Fluss zum anderen fahren konnten. Am Rand und um die Landseen gedieh wilder Reis.

Die Waldungen dieser Region bestanden dort, wo sie auftraten, aus Ulmen, Linden, Walnuss, Zuckerahorn, Eichen und Eschen. In ihren Schatten pflegten die Truppen von General Henry und Oberst Dodge zu campieren.

„Es kann nicht ewig so weitergehen.“ Charles Bent warf einen kritischen Blick zum Himmel, nahm einen tiefen Schluck aus der Feldflasche und verschloss sie wieder. „Früher oder später bekommen wir ein Gewitter an den Hals, dass wir uns eine Woche nicht mehr zu waschen brauchen.“

„Ich könnte damit leben“, räumte Kit ein. „Als Trapper lernt man die gemäßigten Jahreszeiten der beiden Jagdsaisonen sehr zu schätzen.“

„Du wirst dich vorher noch mit Washakie treffen?“

„Ja, wir sind beide auf einmal recht eingespannt.“ Kit schüttelte sein langes Blondhaar in den Nacken. „Kommt davon, wenn man überall gefragt ist.“

„Ihr seid selber schuld, wenn ihr euch einen so guten Ruf zulegt.“ Bent lachte. „Brecht aus, so lange ihr noch könnt, ihr jungen Burschen!“

„Du trägst aber auch nicht gerade dazu bei, Charles.“

Die Tage vergingen. Am 18. Juli, einem Mittwoch, lag ein bescheidenes Dorf der Winnebago auf ihrem Weg. Von dessen Bewohnern erfuhren sie, dass Black Hawks wilde Horde am Cranberry Lake gesichtet worden war - keinen halben Tagesritt vom Dorf entfernt. Die von der Hitze erschöpften Soldaten bekamen plötzlich neuen Elan.

„Das ist ein Ding.“ Kit schüttelte ungläubig den Kopf. „Da schart dieser General Atkinson über vierhundert Soldaten und über 2000 Milizangehörige um sich, um ihm auf den Pelz zu rücken, und dann bekommen wir mit unserem im Verhältnis dazu lächerlichen Trupp Black Hawk geradezu vor die Nase gesetzt. Hoffentlich machen Henry und Dodge jetzt keine Dummheiten.“

„Darauf würde ich mich bei diesen Kommisköpfen nie verlassen“, lästerte Charles Bent. „Wehe, da will sich einer mit mehr Lametta behängen - schon gehen ihm die Gäule durch.“

Mit Erleichterung bekamen sie mit, dass General Henry und Oberst Dodge nach einer Absprache mit ihrem Chefscout Pierre Paquette, der zugleich als Übersetzer zwischen ihnen und den Winnebago- und White-Pawnee-Scouts fungierte, beschlossen hatten, die Lieutenants Merryman und Woodbridge unter der Führung des Winnebago-Scouts Little Thunder nach Fort Koshkonong zu schicken, um General Atkinson über den neuesten Stand der Dinge zu bitten und ihn um Verstärkung anzugehen.

Dies ließ freilich nicht darüber hinwegsehen, dass die Truppe Blut gerochen hatte. Unter Zurücklassung von fünf Nachschubwägen, Zelten und weiterem Material, das einer zügigen Verfolgung von Black Hawks Kriegern hinderlich gewesen wäre, folgten die Soldaten mit wachsender Begeisterung deren Spuren.

„Die würden eine Falle auch dann nicht mehr riechen, wenn sie mit fünfzig toten Skunks ausgelegt worden wäre.“ Charles Bent spuckte auf den Boden. „Wir sollten uns absetzen, sobald das Ganze nicht mehr überschaubar wird.“

„Wenn es dann nur nicht schon zu spät dafür ist“, murmelte Kit.

Als nächstes erfüllten sich Charles Bents Erwartungen seit Tagen: Der Himmel öffnete seine Schleusen mit einer Gewalt, die die Hand vor Augen nicht mehr erkennen ließ. In weniger als einer Minute waren die Männer bis auf die Haut durchnässt.

Charles Bent lachte wie ein Narr. Er legte sich rücklings auf den Boden und ließ sich begießen, bis ihm die Luft knapp wurde. Kit schüttelte grinsend den Kopf. Er kannte seinen früheren Boss und konnte sich vorstellen, was er sich dachte: Der Regen würde die Spuren der Indianer soweit verwischen, dass zu ihrer Wiederaufnahme genug Zeit vergehen würde, bis General Atkinson aus Fort Koshkonong Verstärkung geschickt haben würde.

Ihre Zuversicht verflog, als nach dem Abflauen der Himmelssintflut plötzlich ein Schuss erklang. Ein Soldat hatte ihn abgefeuert, der die beiden auf abgehetzten Pferden heran sprengenden Ankömmlinge nicht gleich erkannt hatte.

Es waren die Lieutenants Merryman und Woodbridge. Was sie zu berichten hatten, war nicht eben erbaulich.

Unterwegs waren sie auf völlig frische Fährten gestoßen, die von einem beachtlichen Sauk-Trupp herrühren mussten. Ihr Scout, Little Thunder, war bei ihrem Anblick dermaßen in Panik geraten, dass er ihnen, selbst der amerikanischen Sprache nicht mächtig, durch bewegte Gestik zu verstehen gegeben hatte, dass jede weitere Verfolgung ihres Ziels Selbstmord bedeuten musste. Dann war er geflohen.

Die beiden Lieutenants sahen sich außerstande, allein den Weiterritt nach Fort Koshkonong zu unternehmen. So kehrten sie nun unverrichteter Dinge und ohne Verstärkung zurück.

Sie campierten an Ort und Stelle. Zum einen, weil sie ihre Sachen trocknen mussten, zum anderen, weil das Gelände an dieser Stelle gut gegen einen nächtlichen Überfall zu bewachen war. Kit Carson und Charles Bent hockten sich ein wenig abseits.

„Was brütest du denn gar so?“, wollte Bent nach einer Weile des Schweigens wissen. „Black Hawk?“

Kit nickte, was in der hereinbrechenden Dunkelheit kaum noch zu sehen war.

„Warum? Du hast doch sonst vor nichts und niemandem Angst. Warum geht dir ausgerechnet dieser Bursche nicht aus dem Kopf? Wegen deiner früheren Begegnung mit ihm, damals am Mississippi?“

Kit hatte Mühe, seine vielfältigen Gedanken in Worte zu kleiden.

„Es hat indirekt damit zu tun, Charles. Damals sind wir von einem Kampfplatz zum anderen geradezu geflogen und konnten doch nie überall rechtzeitig oder zugleich da sein. Es schien hoffnungslos. Ein Rädchen griff ins andere, keines war gänzlich zum Stillstand zu bringen. Ein einzelner Mann, ein ehemaliger Vizepräsident, zog alle Fäden. Er setzte Völker- und Religionsgemeinschaften,  Weiße und Indianer, Häuptlinge und Regierungsmitglieder wie Marionetten ein. Wäre seine Verschwörung gelungen, so bestünde das nördliche Amerika heute aus drei strikt getrennten politischen Bereichen, die er gegeneinander ausgespielt hätte, um seinen Einfluss und seine Macht geradezu ins Unendliche zu steigern.“

„Aber Ezekiel Calhoun und du, ihr habt ihn letztlich doch bezwungen. Und Black Hawk war damals nur ein kleines Rädchen im Getriebe.“

Kit schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Black Hawk ist einer der genialsten indianischen Köpfe, die es jemals gegeben hat. Er hat über sechzig Sommer und Winter gesehen, und mit ihnen jeden Wandel der Zeiten. Er handelt weder in Isolation noch rein aus Verzweiflung. Hast du Jefferson Davis’ Worte noch in Erinnerung?“

Charles Bent überlegte.

„Sagte er nicht irgendetwas von irgendeinem Geist?“

Kit streckte sich.

„Er sagte so ziemlich wörtlich: ‘Fast könnte man meinen, ein Dämon habe von Black Hawk Besitz ergriffen’. Aber wer glaubt schon an Dämonen? Woran ich jedoch nicht zweifle ist, dass er irgendein höheres Ziel vor Augen hat als lediglich Nahrungsbeschaffung für sein Volk und siegreiche Einzelkämpfe. Auch ein Verzweiflungsakt passt nicht zu ihm. Und manchmal genügen geringe Bewegungen, um die Welt halb aus den Angeln zu heben.“

„Du traust ihm viel zu.“

„Er ist ein begnadeter Führer seines Volkes, Charles. Er könnte das werden, was dieser Napoleon in der Alten Welt war.“

*

Das Frühstück bestand aus rohem Speck und durchweichtem Brot. Die Soldaten entluden in entsprechenden Vorsichtsabständen ihre Musketen, wischten die Kartuschen leer, füllten ihre „bucks and balls“ nach - je eine Musketenkugel und drei bis vier Bleistücke pro Kartusche - und ließen alles trocknen, was nicht mit Lappen trockenzureiben war.

Endlich ging es weiter Richtung Four Lakes, ständig auf der Hut vor einem Angriff oder einem Hinterhalt.

Zwölf Meilen weiter stießen sie erneut direkt auf Black Hawks Spur, von der links und rechts zwei deutlich schmälere weitere Spuren abzweigten. Sie rückten in die Vier-Seen-Region vor, von deren Hügeln die Rückhut des Indianerzugs über sie herfiel.

Im Nu hatten die Soldaten ihre Verteidigungsformation bezogen und schossen zurück. Die Sauk-Krieger hielten von da an einen gewissen Abstand und griffen aus ihrer ständigen Bewegung heraus immer wieder einzelne Punkte des Trosses an.

„Die wollen uns mürbe machen“, vermutete General Henry.

„Entweder das oder uns auf der Reserve locken“, stimmte ihm Colonel Dogde zu. „Sobald wir ihnen dann geschlossen folgen, nimmt uns der Rest des Trupps in die Zange. Ihre Spuren haben sich ja nicht umsonst getrennt.“

„Machen wir die Probe aufs Exempel.“ Henry wandte sich seinem Trupp zu. „Die erste Gruppe des zweiten Zugs soll den nächsten Roten folgen, die sich über die Hügel absetzen. Den Rest werden wir von hier aus beschäftigen. Aber die Männer sollen in dem Moment zu uns zurückkehren, in dem das Gelände oder ihre Lage unübersichtlich wird. Verstanden?“

So geschah es auch. Doch war noch keine halbe Stunde vergangen, als die ausgesandte Gruppe zurück sprengte - dicht gefolgt von einem runden Dutzend wütender Sauk-Krieger, die nur mit heftigem Musketenfeuer ferngehalten werden konnten.

„Wir waren dicht an Black Hawks Hauptlager, Herr General!“, rief der Gruppenführer, ein junger Sergeant. „Vorher haben sich die drei Spuren wieder vereint - das heißt, wir haben es nur noch  ...  “

Ein Pfeil setzte seinem Leben ein Ende.

Und dann wimmelte es plötzlich rundherum von Sauk-Kriegern!

Doch weder die Soldaten noch die Zivilisten verloren die Nerven. Dem Zischen der Pfeile antwortete das Geknatter der Musketen und Flinten, bis der beißende Pulverrausch die Hügel hinabtrieb.

„Da!“, rief Charles Bent. „Black Hawk!“

Kits Blick fiel auf den mächtigen Stammesführer, der einen weißen Hengst ritt. Wieder lief es ihm kalt über den Rücken. Ein Wink, und eine ganze Herde Krieger setzte sich in Bewegung.

„Sie wollen uns festnageln!“, erkannte der junge Trapper. „Sobald sie diesen Hügel  ...  “

„Stürmt den Hügel!“, brüllte Oberst Dogde, dem Kits Worte sofort einleuchteten. „Sichert die Flanken!“

Es gelang unter Verlusten. Das Gefecht wogte eine halbe Stunde hin und her. Das nasse Gras und der sumpfige Boden erschwerten die Kampfbedingungen auf beiden Seiten. Doch auch als sich längst zeigte, dass die Soldaten ihre Reihen halten konnten und die Verluste auf ihrer Seite relativ gering blieben, ließen die Indianer nur langsam in ihren Attacken nach. Erst drei Stunden später kam Black Hawks endgültiger Rückzugsbefehl.

„Ihnen nach?“, fragte Colonel Henry seinen Vorgesetzten.

General Dodge schüttelte den Kopf.

„Black Hawk ist zu gerissen. Wir wollen ihm doch nicht in einen Hinterhalt laufen.“

*

Am nächsten Morgen zeigte sich, dass es Black Hawk gelungen war, sie ein weiteres Mal zu täuschen. Unter Zurücklassung der Toten hatte sich die gesamte Kriegerschar über den Wisconsin zurückgezogen. Die Spuren sprachen eine eindeutige Sprache.

„Nicht der falscheste Moment dafür“, sagte Bent zu Kit. „In unserer augenblicklichen Verfassung kommen wir ihm kaum hinterher. Die Bodenbeschaffenheit trägt ein Übriges dazu bei, dass wir jetzt erst einmal rasten, trocknen und unsere Wunden lecken sollten.“

So lautete auch der Befehl des Generals. Es wurden Feuer entzündet, um die Kleidung zu trocknen, die seit dem Unwetter keine Gelegenheit dazu gehabt hatte. Nicht wenige Soldaten hatten sich erkältet. So verging der Tag rasch.

Abends wurde das Camp mit höchster Umsicht gegen einen möglichen nächtlichen Angriff gesichert. Auf den Hügel flackerten Wachfeuer, und getarnte Pfahlreihen sicherten ganze Abschnitte. Doch auch die zweite Nacht verstrich ohne Zwischenfälle.

Nach einer flammenden Morgenansprache des Generals, deren Worte Bent und Kit in den Ohren dröhnten, wurde das Camp abgebrochen. Die Verwundeten wurden auf Tragen gebettet. Es ging weiter Richtung Mound Fort bei Brigham Diggings. Die Blue Mounds waren im Umkreis vieler Meilen der markanteste Geländepunkt. Nach fünfundzwanzig Meilen voller Mühen und Strapazen wurden die Pferde gegen sieben Uhr abends abgesattelt.

Am Folgetag - Dienstag, den 24. Juli - ergab eine Überprüfung des Lebensmittelbestände, dass lediglich für General Henrys Truppenteil noch genügend Verpflegung vorrätig war. Daraufhin schickte Colonel Dodge den größten Teil seiner Männer zu ihren Heimatforts zurück. Er selbst traf Anstalten, mit dem verbliebenen Haufen weiter nach Fort Union zu ziehen und General Atkinsons Truppen zu verstärken. Dieser war bereits über den Kampf auf den Wisconsin Heights informiert worden. Atkinson hatte seine Männer in der Nähe von Helena am Wisconsin River gesammelt, wo sie aus den Überresten der verlassenen Siedlung Flöße zusammenbauten, um über den Fluss setzen zu können.

„Wir schließen uns Dodge besser an“, erklärte Charles Bent. „Bevor die anderen noch glauben, wir könnten ihnen futtermäßig auf der Pelle liegen.“

Kit hatte nichts dagegen einzuwenden.

Drei Tage später passierten sie mit Oberst Dodge und seinen sechs Kompanien Michigan Mounted Volunteers bei General Atkinson ein, um gemeinsam mit dessen Truppen am Folgetag zur Nordbank des Wisconsin River überzusetzen. Dort stießen sie nach fünf Meilen erneut auf Black Hawks Spuren, hielten daraufhin noch weitere zwölf Meilen Richtung Westen durch und schlugen dort endlich ihr Lager auf. Black Hawks Spur war frisch genug, um einen Ruhetag einlegen zu können und um die Gefechtsbereitschaft endgültig vollständig wiederherzustellen. Am Montagmorgen folgten sie der Fährte der Sauk-Krieger weiter nach Norden.

Sie waren nicht die einzigen, die Black Hawk und seiner Meute auf den Fersen waren.

Prairie du Chien, am Ausfluss des Wisconsin, war die älteste Niederlassung in dieser Region, bereits von Franzosen angelegt. Sie war auf einer weiten und offenen, zuweilen Überschwemmungen ausgesetzten Ebene gewachsen. Dort nahm Hauptmann Loomis das neue Dampfboot „Warrior“ in Beschlag, ließ es durch seinen Quartiermeister, Leutnant Kinsbury, mit fünfzehn Soldaten und fünf Freiwilligen bemannen und versah es mit einer Sechspfünder-Kanone und genügend Munition. Anschließend dampfte die „Warrior“ den Mississippi 120 Meilen nach Norden hinauf bis zu einer Ansiedlung der Sioux, deren Oberhaupt Wa-ba-shaw hieß. Wa-ba-shaw war dafür bekannt, gegen Entlohnung sein Fähnlein nur allzu gern in den Wind zu hängen. Es fiel nicht schwer, ihn zu überreden, seine Krieger nach Süden dort an die Westseite des Mississippi zu führen, wo die gemeinsame Kriegerschar der Sauk und Fox nach einer verlorenen Schlacht ihr Heil in der Flucht suchen würde.

Indes durchquerten Kit Carson und Charles Bent mit General Atkinsons Armee gebirgiges Land, das den Pferden nur wenig Nahrung bot, bis sie endlich am Kickapoo River campierten. Am Morgen darauf, während sie noch zum Aufbruch rüsteten, hatte Black Hawk mit einem halben Tausend Kriegern das Ostufer des Mississippi dort erreicht, wo zwei Meilen südlich der Bad Axe River einmündete. Dort begannen sie mit dem Bau von Flößen.

Atkinson verlor Zeit, weil die Pferde nach Überwindung der öden Gebirgslandschaft erst einmal ausgiebig grasen mussten. Das Lager, von dem Black Hawk bei Sonnenaufgang aufgebrochen war, fanden die Soldaten somit erst bei Sonnenuntergang. Zurückgelassen hatten die Sauk einen Krieger, der seinen Kampfesverwundungen erlegen war. Er saß dort an einen Baum gelehnt, mit gefalteten Armeen. Sein gesamter Körper war mit roter Farbe bemalt worden.

Um vier Uhr nachmittags des ersten Augusttages war die „Warrior“ gerade dabei, südwärts auf ihre Anlegestelle bei Prairie du Chien zurückzudampfen, als die Besatzung Sauk- und Fox-Krieger am Uferrand beim Zusammenzimmern von Flößen entdeckte.

Black Hawks Heer!

Captain Joseph Throckmorton, der das Bordkommando innehatte, ließ näher heranfahren und ging vor Anker.

Einer der Indianer schwenkte eine weiße Fahne. Throckmorton sah, dass sich auch etliche Frauen und Kinder unter den Indianern befanden, aber er traute dieser roten Bande sämtliche Tricks zu.

Wie aus dem Boden gewachsen erschienen urplötzlich ungefähr einhundertfünfzig Krieger auf den Uferhügeln.

Lieutenant Kingsbury sah nur, dass es Sauk waren, und das gab für ihn den Ausschlag. Er erteilte Feuerbefehl. Die Kugel des Sechspfünders schlug mitten in die Menge ein. Körper flogen durch die Luft, Schmerzens- und Entsetzensschreie erklangen. Doch im Nu schossen die Krieger zurück. Die „Warrior“ bekam mehr als fünfzig Bleikugeln in ihren Leib.

Aber die Soldaten auf dem Dampfschiff hatten die bessere Munition und die bessere Position. In dem minutenlangen Musketengeknatter, das das gesamte Deck in Pulverrauch hüllte, dröhnte noch zwei weitere Male der Sechspfünder auf. Dann nahm das Schussgewitter allmählich ab, ohne jedoch auf einer der Seiten gänzlich eingestellt zu werden.

Zwei Stunden später wurde Captain Throckmorton gemeldet, dass das Feuerholz für den Heizkessel knapp wurde. Daraufhin ließ der Hauptmann das Feuer einstellen und den Anker lichten. Und während die „Warrior“ weiter auf ihre alte Anlegestelle bei Prairie du Chien zudampfte, suchten die Sauk und Fox Schutz in den Wäldern. Sie waren indes noch längst nicht geschlagen.

*

Zwei Stunden später und noch viel zu weit vom Ort des Geschehens entfernt, um davon etwas mitbekommen zu haben, ließ General Atkinson anhalten. Er sandte die Kampfesveteranen Deviese und Marsh als Kuriere an Hauptmann Loomis in Fort Crawford mit der Bitte, ein Dampfboot zu schicken, und mit ihm als Verpflegung sechzig Fässer Mehl sowie dreißig Fässer Schweinefleisch. Ferner wären zur Verteidigung eine Kanone notwendig - am besten ein Sechspfünder - und ebenso 5000 Kartuschenladungen für die Musketen.

Sechs Stunden später, um zwei Uhr morgens des zweiten Augusttages, ließ General Atkinson über dem Lager zum Wecken blasen. Der Aufbruch verzögerte sich jedoch. Die Brigaden General Henrys und General Alexanders waren noch in der Nacht ebenfalls wieder zu ihnen gestoßen, und deren Pferde mussten erst abgeladen werden und sich wieder erholen.

Als es endlich soweit war, marschierten die Michigan Mounted Volunteers von Oberst Dogde zuerst los. Ihnen folgten die Truppen der Generäle Henry und Posey. General Alexanders Männer bildeten den Schluss.

Eine Freiwilligenpatrouille unter Captain Dickson stieß drei Meilen weiter auf ein Rudel Sauk. Auf beiden Seiten setzte heftiges Feuer ein.

Daraufhin gruppierte General Atkinson die gesamte Heeresformation um.

Die Generäle Posey und Alexander wurden nach rechts losgeschickt, um ein Entkommen des feindlichen Kriegertrupps nach Norden unmöglich zu machen.

General Brady und sein Stellvertreter Zachary Taylor sollten mit ihren Einheiten die Richtung beibehalten, in der das Hauptlager der Sauk und Fox vermutet wurde. Es war eben jener „Zack“ Taylor, dem im späteren Mexikanischen Krieg trotz seiner Unüberlegtheit, seines langsamen Denkens und seiner ausgemacht schlechten Strategien Erfolg beschieden war. Und es war sein späterer verhasster Schwiegersohn Jefferson Davis, der ihm in diesem Krieg das Leben retten sollte.

Die Schwadron von Oberst Dodge stieß nach Süden vor, um die linke Flanke von General Bradys Einheiten zu schützen.

Als sie sich in dieser Formation dem feindlichen Indianerheer näherten, zog sich dessen Rückhut in unübersichtliches Waldgebiet zurück und band somit Hauptmann Dicksons Kompanie. Er verlor allein bei dieser Verfolgungsaktion insgesamt vierzehn Mann und wurde dabei selbst verletzt.

Black Hawk, selbst ein genialer Stratege, hatte diese Rückhut soweit auffächern lassen, dass General Atkinson den Fehler beging, hinter dieser weit gestreckten Bewegung den Haupttrupp der Krieger zu vermuten. Er ließ anhalten und seine Regimenter in fünf parallelen Linien hintereinander Aufstand nehmen. Die Kompanieführer folgten nacheinander Dicksons vorrückenden Männern Richtung Bad Axe River - und entfernten sich dabei immer weiter vom tatsächlichen Lager der Sauk und Fox. Nichts anderes hatte Black Hawk mit seinem Ablenkungsmanöver beabsichtigt.

Gemäß Atkinsons Anweisungen behielt General Henry bei seinem Vordringen die südliche Richtung bei. Seine Späher hatten dabei das Glück, auf die Hauptspur der Indianer zu stoßen. Vom Steilufer hinab führte sie auf ein schmales Bachbett zu, das an diesem Tag als „Battle Hollow“ in die amerikanische Geschichte einging.

Und hier traf Henry wieder mit Captain Dicksons stark dezimierter Kompanie zusammen. Über Wiesen, die unter Wasser standen, gelangten sie geradewegs zum Hauptlager des Indianerheeres!

Entsprechend heftig war der Kampf, der auf der Stelle einsetzte. Die Schüsse erklangen vielhundertfach, und ihre Heftigkeit und Ausdauer ließ General Atkinson endlich den richtigen Schluss ziehen - dass er vorsätzlich vom tatsächlichen Kampfgeschehen weggelockt hatte werden sollen. Auf der Stelle dirigierte er alle fünf Kompanien in die Richtung, aus der das Schussgewitter erklang.

Das Musketenfeuer der Männer General Henrys war auch für Bradys Regiment und Dodges Schwadron endlich der Anlass, den Sauk und Fox in die Flanke zu fallen. Inzwischen war es neun Uhr morgens geworden. Das Stahl- und Bleigewitter, das nun von mehreren Seiten auf das Kriegslager der Indianer niederbrach, war verheerend.

Zuletzt blieb ihnen nur die Flucht.

Jenen, die genug Vorsprung gewannen, nutzte der hohe Stand des Marschgrases, der sie auf dem welligen Gelände stellenweise verbarg. Ihnen halfen die ausgedehnten, äußerst flachen Seen aus totem schwärzlichen Wasser, das ihre Spuren schluckte. Und zuletzt schluckten sie der dichte Baum- und Buschbestand über mehrere Meilen, in dem sie Zuflucht fanden. Das unübersichtliche und nur schwer durchdringbare Unterholz und gestürzte Baumriesen taten ihr Übriges, um die Verfolgung durch die Weißen noch weiter zu erschweren.

Doch längst nicht allen war dieses Glück hold. Um zehn Uhr vormittags schob sich wie ein schnaubender zorniger Gott die „Warrior“ den Fluss herauf, und ihr Sechspfünder sähte Tod und Verderben über jene, die das Unglück hatten, nicht rasch genug von dieser Schlachtstätte fortgekommen zu sein. Unter den Opfern auf der Flussbank befanden sich vor allem Alte, Frauen und Kinder. Wer im Ufergebüsch Zuflucht suchte, wurde früher oder später von Atkinsons Soldaten erwischt. Einige versuchten sich schwimmend zu retten und eine kleine Insel inmitten des Mississippi zu erreichen. Auch sie wurden vom Schiff aus mit Musketenkugeln und Blei beschossen. Das Gemetzel an denjenigen, denen die Flucht nicht gelungen war, zog sich noch bis in den Nachmittag hin.

*

Charles Bent hatte zwei Gründe gehabt, sich gleich zu Beginn der Auseinandersetzung unauffällig Captain Dickson und seinen Männern anzuschließen, und Kit Carson deren drei.

Kits früherer Boss hatte selbst gezwungenermaßen lange Jahre seine Erfahrungen mit dem Mann-gegen-Mann-Kampf in schier undurchdringlichen Waldgebieten gemacht. Und diese Erfahrung konnte den Soldaten vor ihnen von Nutzen sein. Außerdem glaubte er nach allem, was er von Black Hawk gehört hatte, dass dieser nicht so vorhersehbar handelte wie er die Weißen glauben machen wollte. Doch einen General belehren zu wollen war so aussichtslos wie der Versuch, Luft zu schneiden.

Für Kit galten diese beiden Gründe ebenfalls, und der zweite gar noch stärker. Ihm hatten Abe Lincolns Worte in den Ohren geklungen. Black Hawk mochte ein begnadeter Heeresführer und eine Plage der Weißen sein, aber sein Kampf gegen den Hunger seines Volkes und um die eigene Ernte der eigenen Maiskolben war gerechtfertigt - egal, welche Gründe sonst noch hinter dieser Auseinandersetzung stecken mochten.

Sein dritter Grund war  ...  dass er Black Hawk ausweichen wollte. Sie hatten sich noch nicht zum letzten Mal gesehen, das spürte er tief in seinem Inneren. Er musste irgendetwas geben, das sie verband, doch er vermochte sich nicht im geringsten vorzustellen, was dies sein konnte.

Als Dickson und seine Männer auf das Schussgewitter einschwenkten, das den Beginn einer größeren Schlacht verriet, blieben Bent und Kit allein zurück. Ihre Pferde hatten sie vor dem Waldstück zurückgelassen.

Die Männer sahen sich an. Wieder hatten sie den gleichen Gedanken.

„Wir machen die Fliege, Kit. Es steht absolut fest, wer gewinnt. Somit dürfte der Weg nach Fort Dearborn und Chicago jetzt deutlich sicherer sein als vorher. Und du willst dieses Gemetzel wohl ebenso wenig mitbekommen wie ich. Am besten, wir  ...  “

Der eine Sauk sprang Bent von einem Baum ins Genick, der andere fiel Kit aus einem dichten Gebüsch an. Der junge Trapper lenkte den Messerarm ab und hebelte nach, doch er stolperte über eine Wurzel. Als sein Gegner auf ihn stürzte und mit ihm zu Boden ging, nutzte Kit geistesgegenwärtig diesen Sekundenbruchteil der Ablenkung und griff zu. Im Fallen bekam der Sauk seine eigene Waffe in den Leib.

Charles Bent blockierte den geplanten Herzstich seines eigenen Gegners mit seinem linken Arm und ließ sich nach vorne fallen. Der Angreifer war damit beschäftigt, die Äste des Busches abzuwehren, auf den er zu sackte, doch dann warf er sich herum und riss Bents Oberkörper mit. Wieder war er obenauf, und der nächste Stich würde sitzen.

Kits Kugel traf ihn dicht am Herzen.

„Allmächtiger.“ Charles Bent erhob sich stöhnend. „Danke, Kit. Der Bursche lebt noch.“

„Nicht mehr lange“, wandte Kit nach einem Blick auf die Einschussstelle ein. „Für dich und deinen Stammesgenossen ist dieser Krieg vorbei, Krieger der Sauk.“

„Ihr habt uns besiegt, aber ihr werdet Makataimeshekakiah nicht besiegen.“ Dem tödlich Verwundeten gelang es gerade noch mit Anstrengung und Schmerzen, sich mit einem Ellbogen seitlich auf den Boden zu stützen. „Und Makataimeshekakiah zweifelt nicht an den Worten des Erneuerers, der ihm den letztendlichen Sieg über die Weißen verkündet hat.“

„An wessen Worten zweifelt Black Hawk nicht?“ Kits Augen fraßen sich förmlich in die des sterbenden Fox. „Dieser ‘Erneuerer’ - wer ist das?“

Der Niedergesunkene rang sich ein höhnisches Lächeln ab.

„Das wisst ihr nicht, ihr Weißen. Ihr kennt ihn nicht, und das ist gut so. Er ist der größte Schamane, der jemals gelebt hat und je leben wird. Er kann Hunderte von Jahren in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen. Er kann lebendige Bilder aus sämtlichen Zeiten in den Geist seiner ausgewählten Zuhörer schicken. Und so kann er uns den richtigen Weg weisen, euch alle  ...  zu  ... zu  ...  “

Er sank gänzlich zu Boden und war verschied.

„Ich habe es geahnt“, murmelte Kit. „Ich habe es dir gesagt, Charles, dass hinter diesem ganzen Indianerkrieg mehr steckt. Sie haben einen neuen Propheten, verdammt! Einen, der sie entweder mit einem Riesenhumbug herumkriegt, oder aber mit diesen beschriebenen Fähigkeiten mächtiger, größer und einflussreicher als jeder seiner unseligen Vorgänger werden könnte. ‘Erneuerer’? Hast du diese Bezeichnung schon jemals vernommen?“

Charles Bent schüttelte den Kopf.

„Auch ich kann prophezeien“, fuhr Kit fort. „Ich sage dir, dass diese Schlacht bald überstanden sein wird, aber dass irgendetwas anderes dafür seinen Fortgang nehmen wird.“

„Komm endlich.“ Charles Bent versuchte, das unbehagliche Gefühl, das nach Kits Worten in ihm aufgestiegen war, so rasch wie möglich abzuschütteln. „Nun komm schon. Da sollen sich wirklich andere ihre Köpfe zerbrechen.“

Er ahnte bereits, dass er tauben Ohren predigte.

*

Seit Tagen waren sie zum ihrem Ziel unterwegs. Es hatte keine Zwischenfälle mehr gegeben.

Die Mischwaldungen wurden zahlreicher, und sobald die ersten Hemlocktannen in Sicht kamen, wurde auch deren Bestand dichter, je weiter sie südwärts ritten. Kit hatte seine Freude an diesen mächtigen Bäumen.

An einen von ihnen waren zwei Männer gefesselt, die nur noch ihre Unterkleidung trugen. Beim Anblick der beiden Reiter jubelten sie erleichtert auf.

„Gibt es einen konkreten Grund, sie tatsächlich loszuschneiden?“, fragte Kit seinen väterlichen Freund. Der zuckte nur die Schultern.

Kit stieg ab und zog sein Messer. Sekunden später schüttelten die Männer ihre tauben Glieder.

„Strauchdiebe.“ George Harrison spuckte wütend auf den Boden. „Und das noch nach all den Strapazen. So kurz vor New Salem.“

„Wir hätten verdursten können“, stimmte Abe Lincoln zu. „Danke, Kit. Pass auf, dass du keinen Ärger mit Charles bekommst. Er hätte uns am liebsten hier angebunden stehen lassen.“

„Vielleicht ja, vielleicht nein.“ Charles Bent verzog die Mundwinkel. „Es ist ja nicht gänzlich ausgeschlossen, dass eines Tages doch noch was Anständiges aus dir und Jeff wird, Abe.“

*

Offiziershaus und Baracken bildeten gegeneinander ein „T“. Die Treppe an der fensterlosen Querseite des vorderen Hauses führte diagonal direkt zu dessen Balkonen im oberen Stockwerk. Vor dem Gebäude waren die Fahnenstange und eine fahrbare Kanone zu erkennen, deren Rohr geradezu ironischerweise auf den Fahnenmast wies.

„Fort Dearborn.“ Charles Bent spuckte sein Stück Kautabak so weit von sich, dass sogar sein Pferd noch dessen Bahn verfolgen konnte. „War ein hartes Stück Wegs.“

„Kannst du laut sagen, Charles.“

„Checaugou“ hatten die Indianer die Gegend um die Flussmündung herum einst genannt, nach ihrem Namen für den dort wachsenden wilden Knoblauch. Den Weißen war dieses Territorium lange zu sumpfig für Ansiedlungen gewesen. Der Chicago River floss zu langsam, um ein Wasserrad zu bewegen oder etwa den Schmutz in den Illinois Lake hinaus zu tragen. Im Sommer war es heiß und feucht, und im Winter eiskalt. Einzig die Lage am See und am Fluss waren ausschlaggebend für die Besiedlung gewesen. Chigagou - wenn man einer französischen ursprünglichen Schreibweise folgen wollte - war inzwischen jedoch dabei, sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Wasserwegenetz zu entwickeln. Das erste Gebäude in dieser Region hatte ein Handeltreibender, Baptiste Point du Sable, bereits 1779 errichtet.

Mit unbewusster Bewunderung hatten die beiden Trapper ein Gitternetz von Straßen durchritten, das noch in keinem Verhältnis zur bisherigen kümmerlichen Besiedlung stand, das aber in seiner großangelegten Regelmäßigkeit dem ebenso rasanten wie titanischen Anwachsen der Stadt in den Folgejahrzehnten die organische Entwicklung zugrunde legen sollte, die für eine dermaßen gewaltige Expansion vonnöten und unabdingbar war. Doch als sie jetzt im Begriff waren, sich Fort Dearborn noch weiter zu nähern, sprengten unvermittelt Soldaten heran, die ihnen den Weg abschnitten.

„Was liegt an, Gents?“, wollte Charles Bent nach der kurzen Begrüßung wissen.

„Sie können nicht mehr weiter, Sir“, ergriff der anführende Sergeant das Wort.

„Das hier ist Sperrgebiet.“

„Für Zivilisten?“, wollte Bent mit einem anzüglichen Tonfall wissen.

„Für alle, Sir.“ Der Sergeant räusperte sich. „Quarantäne.“

„Fußpilzbefall?“, versuchte Kits Mentor zu scherzen.

„Asiatische Cholera, Sir“, war die ernste Antwort des Sergeanten. „Als die Dampfer 'Henry Clay', 'Superior', 'Sheldon Thompson' und 'William Penn' mit General Winfield Scotts Truppen angelegt haben, waren etliche Männer bereits davon befallen. Leider hat man der Sache nicht rechtzeitig die gebührende Bedeutung beigemessen. Von den ungefähr 190 Mann der vier Artilleriekompanien hatten in der Zwischenzeit 80 Asiatische Cholera bekommen. Von ihnen sind bisher über zwanzig gestorben, und es werden täglich mehr. Der Rest ist so mitgenommen, dass wir gerade damit über die Runden kommen, die Kranken zu pflegen und die Toten zu bestatten.“

„Mein Gott. Das erklärt einiges. Kein Wunder, dass von hier keine Verstärkung gegen die Sauk und Fox geschickt werden konnte.“ Bent schluckte. „Dann sehen Sie mal zu, dass Sie und Ihre Männer gesund bleiben, Sergeant. Leben Sie wohl“

Die beiden Männer ritten in die Siedlung zurück. Sie waren froh, als sie einen Saloon fanden.

„Das verzögert die Angelegenheit leider“, erklärte Charles Bent seinem jungen Freund. „Kein Problem, mit den Handels- und Transportunternehmern ins Gespräch zu kommen, aber ich muss auch mit den Militärs reden. Hinterland-Sicherung, Stationierungsdichte, Forts und andere Befestigungen, geplante Routen  ...  das alles spielt eine entscheidende Rolle, wenn wir hier einen Fuß auf den Boden bekommen wollen.“

„Das sehe ich nicht anderes, Charles. Ich hatte nur gedacht, ich könnte wesentlich früher wieder zurück. Mein Jagdtrupp muss schließlich  ...  “

„Sprich nicht weiter. Du willst zurück zu Washakie.“

„Das hatte ich mit ihm vereinbart, Charles.“

„Und das wirst du auch einhalten!“

„Ich  ...  verstehe nicht?“

„Es genügt, wenn ich hier allein weitermache. Wir sind in erster Linie wegen der unsicheren Lage zu zweit hierher geritten. Inzwischen sieht es anders aus. Oder dachtest du, ich wollte dich mit den ganzen Geschäftskram, der mir hier bevorsteht, so lange quälen, bis du endgültig von mir genug hast?“

„Dann war ich die ganze Zeit  ...  nur eine Art Begleitschutz?“

Charles Bent lächelte.

„Natürlich nicht. Aber was willst du hören? Wenn ich dir sage, dass ich dich immer wieder gerne stärker in meine Geschäftspläne einbeziehen möchte, weil ich überzeugt bin, dass du mein bester Partner und späterer Nachfolger wärst - dann bekomme ich wieder mein Fett von dir ab, weil du dich ja auf Teufel komm raus nicht für dein späteres Leben festlegen willst. Und wenn ich dir sagen würde, du warst nur mein Leibwächter, bist du genauso eingeschnappt. Also - was kann ich überhaupt von mir geben, ohne dass du beleidigte Leberwurst spielst?“

Kit verzog den Mund. Er fühlte sich ertappt und überrumpelt.

„Nun ja. Nachdem du damit eben weißt, dass ich in jedem Fall angefressen reagiere, willst du mich jetzt so schnell wie möglich loswerden.“

„Das würde dir so passen, und deshalb kommst du auch nicht ganz ungeschoren davon. Dein Rückweg zu den Schoschonen führt dich über Fort Laramie - wenn du dich ein wenig anstrengst. Und dort sollst du dich eigenständig umsehen, wie die Zukunft in dieser Region von Wyoming für uns aussehen könnte. Du weißt ja jetzt, worauf es ankommt, und du hast freie Hand.“

„Und du willst damit wieder hinterrücks meine Erziehung zum Geschäftsmann fördern.“

„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass man dir nichts, aber auch gar nichts recht machen kann?“

„Du bist ein ganz heimtückischer Sturkopf, Charles.“

„Und du bist ein nichtsnutziger Windhund, bei dem jede Liebesmühe vergeblich ist.“

Sie betranken sich bis in den frühen Morgen.

II. Teil: Big Horn Medicine Wheel

Mateo Tepee (mato tipila)

Die bisweilen erdrückende Weite Wyomings zeigte sich auch in seinen weniger bewachsenen Hochtälern, deren sachtes Ansteigen oder Abfallen sich schier bis zum Horizont hinziehen mochte. In jenen Höhen, in denen nicht selten Sommerschneestürme wüteten und in denen borealer Fichtenwald seine Wurzeln in den kargen Grund gegraben hatte, ließ auch das Sperrkraut, oft Jakobsleiter genannt, seine feinen blauen oder violetten Glöckchen erblühen. Über ihnen fanden Steinbrechgewächse wie die weiß blühenden Muscaria-Arten noch genügend Nahrung. Wo sich jedoch Humus in Senken halten konnte oder gar kleine Bäche flossen, stieß man sogar noch auf die gelben Blüten der Moschus-Gauklerblume - aus gewöhnlich fruchtbareren und auch wärmeren Gegenden - und auf rote, vielblütige, stark duftende Primeln in einer Vielfalt, die in diesen Regionen ebenfalls alles andere als eine Selbstverständlichkeit war.

Der Indianer, der nachdenklich und gemessenen Schritts zum Hochtal hinauf stieg, mochte nahe diesseits oder jenseits der Dreißig sein. Er war für seine Rasse ungewöhnlich hochgewachsen und hellhäutig. Sein Körperbau war sehnig, zugleich jedoch kraftvoll. Die Muskeln waren deutlich stärker ausgebildet als beim Durchschnitt der Plains-Indianer. Seine geschmeidigen Bewegungen und seine Wendigkeit ließen keinen Zweifel daran, dass es sich bei ihm um einen erfahrenen und bewährten Krieger handeln musste. Seine Augen und sein Gesicht strahlten jedoch etwas aus, das ihn weit aus der Masse der Ureinwohner dieses Kontinents heraushob. Dieser Krieger hatte trotz seines im Verhältnis dazu relativ geringen Alters mehr von der Welt gesehen als die meisten seines Volkes. Er war nicht nur im ganzen Westen herumgekommen, sondern auch weit ins Innere Mexikos vorgedrungen. Er hatte Dinge gesehen, die noch kein Stammesgenosse vor ihm jemals zu Gesicht bekommen hatte. Darüber hinaus war er mit der Welt der Weißen vertraut und hatte auch in ihr seine Freunde. So war es nicht erstaunlich, dass er in absehbarer Zeit Oberhaupt jenes Stammes werden sollte, der ihn früh bei sich aufgenommen hatte. Seine Sehnsucht nach Ferne und Abenteuern ließen ihn jedoch immer noch vor dieser Verpflichtung und Verantwortung zurückschrecken. Er wollte noch so viel anderes Unbekanntes schauen und kennenlernen.

So auch den Mann, den er jetzt in der Ferne ausmachen konnte. Er befand sich genau in der Mitte des unregelmäßigen, weit gezogenen Hügels inmitten des Hochtals und wandte ihm den Rücken zu.

Als habe er sein Kommen gespürt, drehte sich der einsame Mann auf dem Hügel unvermittelt um. Dabei fiel die Sonne schräg auf sein Gesicht, das noch nicht zu erkennen war, in dem nun jedoch etwas wie ein kleiner, nach außen gekrümmter Spiegel gleißend aufblitzte.

Und damit waren für den Neuankömmling die letzten Zweifel beseitigt, dass er den richtigen Mann dort gefunden hatte, wo es ihm auch beschrieben worden war.

Ebenso hatte man ihm das verwunderliche Aussehen dieses Mannes geschildert. Eine Hälfte der Stirn, war berichtet worden, sei von einer konvexen stählernem Metallplatte bedeckt, die mit der Haut geradezu verwachsen schien. Und diese hatte gerade in der Sonne aufgeleuchtet.

Das Herz des Indianers schlug schneller. Die Erfahrungen seines an Abenteuern reichen Lebens hatten ihn geschult. Er spürte, dass ihm eine Begegnung ganz besonderer Art bevorstand.

Ein Scharlatan? Dann hätte ihn sein Instinkt gewarnt.

Ein Prophet wie der Shawnee Tenskwatawa, der Bruder des großen Häuptlings  Tecumseh, der sein Volk einst zur Mäßigung und zur alten Lebensweise aufgerufen hatte? Wo aber blieb dann seine Heilsbotschaft?

Oder ein wirrer Visionär, der eine neue Heilslehre heraufbeschwören und die Ureinwohner wieder zu den Herren des Kontinents machen wollte? Warum aber gab er dann keinem, mit denen er gesprochen hatte, ein Ziel oder eine Richtung?

Die Antworten, die blieben, waren für den Mann, der „Erneuerer“ genannt wurde, nicht eben schmeichelhaft. Das musste aber nicht heißen, dass sie ihm gerecht wurden.

Folglich hatte sein Besucher beschlossen, sich selbst ein Bild zu machen. Immerhin suchte er Antworten auf Fragen, die ihn seit Jahren bewegten, und er schloss nicht aus, dass auch Umwege zur Beantwortung dieser Fragen führen konnten.

„Sei gegrüßt, Erneuerer“, sprach er den geheimnisvollen Mann an, als er sich ihm näherte.

„Sei auch du gegrüßt“, gab der Angesprochene zurück. „Und nimm Platz.“

Sein Besucher bemühte sich, der Stirnplatte keine allzu auffällige Aufmerksamkeit zu zollen. Sie schimmerte in einer Farbe, wie er sie noch bei keinem anderen Metall gesehen hatte. Das dichte und schulterlange Haar war nicht gänzlich glatt wie bei einem Indianer, sondern wies eine leichte Wellung auf - so wie manches in den Gesichtszügen den Angehörigen eines unbekannten Stammes vermuten ließ und anderes wiederum absolut untypisch für einen Indianer wirkte. Sie setzten sich.

„Was führt dich zu mir?“

„Du weißt es nicht?“

„Der Wunsch nach Wissen. Was sonst? Du vermutest, dass ich etwas weiß. Und du möchtest zumindest an einem Teil dieses Wissens teilhaben.“

„Es gibt tatsächlich vieles, das ich wissen möchte. Es ist nicht gesagt, dass du das alles weißt. Also gestatte mir bitte einige Fragen.“

„Natürlich.“

„Warum dieser Ort?“

„Du kennst ihn?“

„Ich kenne ihn wie alle meines Stammes ihn kennen. Er ist seit Urzeiten als Medizinrad bekannt. Ein vergessenes Volk kleiner Menschen soll diesen Schrein aus Felsen und Kieseln errichtet haben, der wie ein riesiges liegendes Rad mit 28 Speichen aussieht. Die Zahl der Rippen eines Büffels ist 28, und die Zahl der Tage eines indianischen Monats ist 28. Dieses Rad durchmisst ungefähr zwanzig Manneslängen und wurde angelegt, lange bevor die richtigen Menschen, die das Eisen noch nicht kannten, das Licht brachten. Weißt du mehr über ihn als wir, weil du dich genau hier aufhältst?“

Der andere lächelte auf eine seltsame Art.

„Vieles von dem, was du sagst, stimmt. Doch liegt es dir und deinen Stammesgenossen fern, in Jahrtausenden zu denken. Welche Zeitvorstellungen sind dir ein Begriff?“

„Hier lebte einst vor achttausend Jahren das Paradiesvolk, die frühesten Großwildjäger dieses Kontinents. Zweitausend Jahre vor ihnen war das Volk der Folsom hier heimisch, und wieder zweitausend Jahre vor ihnen das Volk der Clovis. Doch dieses Medizinrad, das die meiste Zeit des Jahres unter einer schützenden Schneedecke begraben ist, wurde von keinem dieser Völker angelegt. Uralte Legenden berichten, es sei einst von seltsamen ‘kleinen Leuten’ errichtet worden, die für alle anderen unsichtbar geblieben sind.“

Mit Genugtuung hatte der Sprecher das Erstaunen auf dem Gesicht des „Erneuerers“ wahrgenommen.

„Das ist kein Wissen von Ureinwohnern, das du da von dir gibst.“

„Zum großen Teil doch. Das allgemeine Wissen über die alten Völker blieb meinem Volk bis in die Gegenwart erhalten. Nur die Jahrtausendangaben bekam ich von gelehrten Weißen, die unser Land erforscht haben. Ich selbst habe versucht, sie mit dem in Einklang zu bringen, was unser Volk mündlich überliefert hat.“

„Du bist ein ganz außergewöhnlicher Angehöriger deiner Rasse. Es ist höchst interessant, mit dir reden. Was weißt du noch über dieses Monument aus uralter Vergangenheit?“

Der hochgewachsene Krieger wies auf jeden einzelnen der sechs Steinhaufen, die den größten in ihrer Mitte in einem unregelmäßigen Kreis umgaben.

„Schmetterling, Donnervogel, Frosch, Schildkröte. Sonne, Erde.“

Sodann hob er seinen Arm ein wenig an und wies auf die weiter entfernten Kieselhaufen an den Speichenenden., die den großen unregelmäßigen Kreis bildeten.

„Wabun, Wolf, Otter, Gans, Waboose, Eule, Schlange, Krähe, Mudjekeewis, Braunbär, Lachs, Specht, Shawnodese, Hirsch, Biber und Falke.“

Zuletzt beschrieb sein weisender Finger ganz ein unregelmäßiges Kreuz, als er auf die axial ausgerichteten Steinhaufen deutete.

„Säuberung, Erneuerung  ..  .“, er stockte, während sein Blick kurz und nachdenklich das Gesicht seines Gesprächspartner erfasste. „  ...  Reinheit, Vertrauen, Wachstum, Liebe. Und von dort: Klarheit, Weisheit, Erleuchtung, Stärke, Einsicht und Erfahrung.“

Der andere nickte beistimmend.

„Ich denke, ich sollte mich nicht länger über dich wundern. Du bist kein Schamane, und doch du hast ihr Wissen. Alles stimmt. Genau hier haben sich die Weisen versammelt, um mit Hilfe ihrer Magie und ihrer Beobachtungen die Zukunft ihrer Volkes aus den Sternentänzen des Sonnengottes und anderer Himmelsfreunde herauszulesen.“

„Was hat es mit diesen Sternentänzen auf sich?“

„Die Antwort darauf könnte dir nicht gefallen.“

„Damit kann ich leben. Bitte  ...  ich möchte es wissen.“

„Die Weisen sind vor langer Zeit bereits Stunden vor Tagesanbruch hierher gekommen. Im rosa Licht des langsam heller werdenden Nachthimmels starrten sie wie gebannt auf jene Stelle, wo der Sonnenaufgang den morgendlichen Horizont zuerst aufglühen ließ. Alle Steinhaufen und ihre höchste Spitze genau in der Mitte aber waren so exakt auf den Sternenhimmel ausgerichtet, dass sie zu den unterschiedlichsten Konstellationen untereinander Geraden bildeten. Diese Geraden wiesen auf den Sonnenaufgang bei der Sommersonnenwende und auf die drei hellsten Sterne in der sommerlichen Morgendämmerung - Aldebaran im Sternbild des Stiers, Rigel im Orion und Sirius im Großen Hund, wie die Weißen sie nennen. Sie wiesen genau auf den Ort ihres kurzen Aufgangs bis zu ihrem raschen Verblassen in der Morgendämmerung. Dies alles zusammen war eine Art Himmelskalender, aus dem die Weisen zu lesen verstanden.“

„Dein Wissen ist ungleich reicher als das meine. Kannst auch du vom Großen Medizinrad aus etwas aus dem Sternenhimmel herauslesen.“

Die Augen des anderen verdunkelten sich wie in Trauer.

„Mehr als du glaubst. Schau selbst hinauf.“

„Aber es ist helllichter Tag!“

„Schau dennoch hinauf.“

„In welche Richtung?“

„Keine Richtung. Versuche, weit in den Himmel hinein zu schauen. So weit wie nur möglich.“

Der athletisch gebaute große Krieger gehorchte.

Die Wolken wurden zu phantastisch geformten Kanus, die mit majestätischer Langsamkeit durch die Unendlichkeit des Himmelsozeans glitten. Mit seinem Blick fuhr er mitten durch sie hindurch immer tiefer in das ferne Blau. Dort erschien ein Mann mit einem Kreuz in einer weißen Robe. Staunend erkannte der Betrachter, dass sich der weise Alte mit Angehörigen seiner Volkes unterhielt - und zuletzt auch mit ihm. Sie sprachen lange, und der junge Krieger ließ sich in vielem unterweisen, ohne seinen eigentlichen Glauben aufzugeben.

Sodann wurden die Wolken zu Wagenzügen, deren Weg in den Westen er als Häuptling mit seinen Kriegern beschützte. Er sah ein Fort der Weißen, das nicht wie meist üblich nach einem von ihnen benannt worden war - sondern nach ihm, dem Häuptling! Er sah sein eigenes Volk wachsen, bisweilen von anderen Stämmen bedroht, doch auf der sicheren Seite, in langen Jahrzehnten, in denen er stets ihr Oberhaupt blieb. Er saß mit dem obersten Weißen dieses Kontinents im Bah-Gue-Wana, im rauchenden und zugleich heilenden Wasser auf dem Territorium seines Volkes. Er sah einen Hundertjährigen in seiner großen Häuptlingsbehausung aus Holz, deren Wände mit Gemälden auf Elchhäuten behangen waren, die die Kämpfe seines unglaublichen langen Lebens zeigten. Er hatte sie selbst gemalt. Und er selbst war dieser uralte, immer noch aufrechte und ungebrochene Häuptling!

Die Bilder schwanden. Der blaue Himmel und die weißen Wolken kehrten zurück. Der hochgewachsene Krieger taumelte ein wenig, bis er wieder ganz zu sich gefunden hatte. Dann wurde sein Blick erneut klar und scharf. Mit einem Stirnrunzeln musterte er den Mann mit der stählernen Platte im Kopf.

„Das warst du.“

„Das warst du selbst. Ich habe dir nur geholfen, es zu sehen.“

Der stattliche Krieger zeigte unvermittelt ein angedeutetes Lächeln.

„Ich behalte mir vor, zu entscheiden, was ich davon glauben will und was nicht. Aber ich danke dir für das, was du mir gezeigt hast - was auch immer es in Wirklichkeit bedeuten mag. Du hast mir in jedem Fall weitergeholfen. Darf ich dich dennoch um einen letzten Gefallen bitten?“

„Du bist recht anspruchsvoll.“

„Und du hast deine Gründe, zu den Leuten zu sprechen, die zu dir kommen. Du hast auch mit Black Hawk gesprochen.“

„Ich fürchte, er hat mir nicht richtig zugehört.“

„Genau diesen Fehler will ich nicht machen. Deshalb meine letzte Frage.“

„Also stelle sie.“

Der hochgewachsene Krieger trat einige Schritte zurück. Er wies auf den Steinhaufen, der zwischen jenem des „Lachses“ und jenem des „Mudjekeewis“ errichtet worden war, der auch „Hüter des Geistes im Westen“ oder „Vater aller Winde“ genannt wurde.

„Ich möchte seine Bedeutung aus deinem Munde und in deiner Auffassung vernehmen.“

Das Gesicht des Erneuerers drückte Verwunderung aus.

„Warum gerade seine?“

„Es ist schwer und vielleicht unmöglich, vor dir Geheimnisse zu haben. So gestatte mir bitte, dass ich darauf nicht eingehen möchte.“

Unvermittelt spürte er die Hand des anderen auf seiner Schulter. Diese Geste kam so überraschend, dass der wendige Krieger beinahe zusammengezuckt wäre.

„Und doch weißt du selbst, wofür dieses Tier steht. Es besitzt eine Neugierde und einen Wissensdurst, der ihm und anderen nützlich ist. Es verfügt über ein gesundes und kluges Urteilsvermögen, über Sinn für Gerechtigkeit. Es vermag selbst in verborgene Bereiche von Herz und Seele zu blicken. Es vermag Herz und Seelen auch zu erobern.“

Er schwieg kurz.

„Dieses Tier steht aber auch für etwas, das du im Moment noch nicht hören willst. Es steht dafür, wirklich zu begreifen, was Arbeit und Pflicht bedeuten. Das beste und tiefste Verantwortungsbewusstsein kann indes nur aus einer ursprünglichen Wildheit und einer Vielzahl von Lebenserfahrungen erwachsen.“

Wieder ließ er seine Worte kurz einwirken.

„Es ist dein Zeichen“, schloss er schließlich. „Aber sei frohen Herzens. Du wirst dich noch lange Jahre deiner Freiheit erfreuen können. Und danach wirst du erkennen, dass dir die Verantwortung eine andere, nicht minder große Freude ins Leben bringen wird.“

„Wer bist du? Wo kommst du her?“

Der andere nahm die Hand von seiner Schulter.

„Das wiederum zu wissen würde dir überhaupt nicht weiterhelfen. Ich habe dir bereits die Frage beantwortet, die du selbst als deine letzte bezeichnet hast.“

„Verzeih mir. Du selbst hast mir zugestanden, dass ich im Zeichen der Neugierde und des Wissensdurstes stehe.“

„Du wirst noch lernen, dass es Wissen gibt, über das man besser nicht verfügt, Pinaquana.“

„Diesen Namen trage ich nicht mehr.“

„Und dein jetziger wird einst über diesen Kontinent hinaus bis in die Alte Welt vordringen. Nun aber widme dich wieder der Aufgabe, die dir dein greises Stammesoberhaupt übertragen hat. Lebe wohl. Alles Gute auf deinem Weg.“

„Und dir auf dem deinen.“

Die Augen des Mannes mit der Stirnplatte bekamen einen wehmütigen Ausdruck.

„Er wird uns beide überleben, dieser Weg.“

Der stattliche Krieger hob grüßend die Hand, wandte sich um und ging. Er blickte nicht zurück, bis er außer Sichtweite war.

Als er endlich wieder auf dem Rücken seines Pferdes saß, das er aus Respekt vor dem Mann, mit dem er sprechen wollte, in großer Entfernung zurückgelassen hatte, ließ er doch einen letzten Blick über das Hochtal gleiten. Aber dort war niemand mehr zu sehen.

Er nahm sich fest vor, eines Tages hierher zurückzukommen.

*

Kit Carson zügelte sein Pferd auf der leichten Anhöhe, an deren Fuß Fort Laramie lag. Eine schmale, aber dichte Kette von Büschen und Bäumen zog sich auf dieser Seite vor den Gebäuden entlang. Im Hintergrund zeichneten sich die majestätischen Rocky Mountains ab.

Aus welchen Gründen auch immer William Sublette das Mündungsgebiet des North Platte und des Laramie River für den Bau eines Handelspostens ausgewählt hatte - seine Entscheidung war von jeder Warte aus gesehen richtig gewesen. Der Pelzreichtum der Ströme des Umlandes und die Nähe zahlreicher Indianerstämme gab der Laramie-Region eine natürliche Bedeutung für die Pelzjagd und den Pelzhandel. Die neue Niederlassung war sehr schnell von den Mountain Men ebenso wie von den indianischen Jägern akzeptiert und genutzt worden. In späteren Jahren sollte Fort Laramie von Historikern als „Königin“ der Forts im Westen bezeichnet werden. Der Oregon Trail führte hier an der südöstlichen Ecke des späteren Bundesstaates vorbei, später auch der Mormon Trail. Zahllose Siedlertrecks sollten an diesem einsamen Grenzposten, der wie ein Feuerschiff den äußersten Rand der Zivilisation markierte, Rast machen, sich zu größeren Karawanen zusammenschließen, sich neue Führer suchen oder gar überwintern, falls sie zu spät aus den großen Ebenen eingetroffen waren, um den Trail über die Rockies noch wagen zu können. Jahrzehnte später unterhielt der kurzlebige Pony Express hier eine Station, ebenso die transkontinentale Telegrafenlinie. Fort Laramie wurde schließlich noch eine der zentralen Garnisonen der US-Armee und auch Treffpunkt für mehrere wichtige Vertragsverhandlungen zwischen Indianern und Regierungsvertretern der Weißen aus Washington.

Die Region selbst um Fort Laramie war größtenteils unfruchtbar. Von weitem sahen die Hügel wie grüne Wiesen aus, in der Nähe entpuppten sie sich als trockener Sand und Felsen, zwischen denen in kümmerlichen Büscheln nur wilder Salbei und Fettholz wuchsen.

Kit Carson, der jetzt seinen Blick auf den Gebäuden in der Senke verharren ließ, konnte nicht ahnen, dass William Sublette sein Fort schon sehr bald an Thomas Fitzpatrick, Milton Sublette und Jim Bridger verkaufen würde, der einst Kits Lehrmeister in der Wildnis gewesen und inzwischen zu einem engen Freund geworden war.

Aber Charles Bent, der seine Augen und Ohren überall zu haben schien, hatte auch einen sicheren Instinkt für bevorstehende Veränderungen und Entwicklungen. Er hatte Kit hierher genau diesen Auftrag mitgegeben: herauszufinden, welche Perspektiven Fort Laramie für den Pelzhandel, für eine Beteiligung oder gar für eine eigene Niederlassung bot.

Den jungen Trapper wunderte einerseits, was Charles Bent ihm alles zutraute. Wenn Kit allerdings ehrlich zu sich selbst war, musste er zugeben, das er tatsächlich nicht nur eine Nase für gute Jagdreviere, sondern auch dafür hatte, was mit ihnen noch verbunden sein musste. Gute Beziehungen zu den umgebenden Indianerstämmen - oder sie wenigstens zum eigenen Vorteil gegeneinander ausspielen können. Wasserwege, gesicherte Trailrouten, halbwegs bekanntes Hinterland. Eine Kernmannschaft, auf die man sich verlassen konnte. Depotmöglichkeiten, eine gesicherte Nachschubkette, Vorsprung vor den großen Pelzgesellschaften, die am liebsten alle Trapper für einen Armutslohn für sich vereinnahmt hätten - und vieles mehr.

Kits Gedanken glitten in die Vergangenheit zurück.

Jim Bridger und Ezekiel Calhoun - sie waren vor mehr als zehn Jahren dem Aufruf William Ashleys gefolgt und zusammen mit anderen entschlossenen Trappern und Fallenstellern von St. Louis aus Flussaufwärts aufgebrochen, um ihr Glück in der Wildnis zu machen. An einsamen Winterabenden hatte Jim Kit lange davon erzählt. Zu diesem Zeitpunkt war Kit dem steinalten Ezekiel Calhoun erst einmal und rein zufällig als Junge in Taos begegnet, ohne dass sie allzuviele Worte gewechselt hatten.

Der hochgewachsene und sehnige junge Trapper mit dem schulterlangen dichten Blondhaar riss sich von seinen Erinnerungen los. Die Gegenwart zählte. Ein leichter Fersendruck, und sein Pferd begann langsam die Anhöhe hinunter zu trotten.

Details

Seiten
350
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902518
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
schamanengeheimnisse carson sammelband

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Titel: Schamanengeheimnisse