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Die geheime Macht: Thriller

©2016 250 Seiten

Zusammenfassung

Die geheime Macht
Thriller von Peter Wilkening

Der Umfang dieses Buchs entspricht 244 Taschenbuchseiten.

Der 55-jährige Friedhofsverwalter Friedrich Dietering trifft in einer Phase seines Lebens, in der er sein Leben schon für abgeschlossen hält und viel über seine bewegte, unbeschwerte Jugend nachdenkt, auf die schöne junge Sophie, die er über alles begehrt. Durch sie gerät er in Konflikt mit einem Geheimbund, der mit der Islam Sturm Schutz Abteilung (ISSA) zusammen arbeitet und die Wirtschaft und die Politik aus dem Hintergrund bestimmt sowie skrupellos gegen die vorgeht, die sein Emporkommen gefährden. So befinden sich Sophie, ihr Freund und Friedrich bald in Lebensgefahr. Haben sie eine Chance gegen den weltweit operierenden, elitären Club und der ISSA, die als Zeichen ihrer Macht Frauen nach mittelalterlichen Ritualen züchtigen und vergewaltigen? Ist die Welt noch zu retten?

Leseprobe

Die geheime Macht

Thriller von Peter Wilkening

Der Umfang dieses Buchs entspricht 244 Taschenbuchseiten.

Der 55-jährige Friedhofsverwalter Friedrich Dietering trifft in einer Phase seines Lebens, in der er sein Leben schon für abgeschlossen hält und viel über seine bewegte, unbeschwerte Jugend nachdenkt, auf die schöne junge Sophie, die er über alles begehrt. Durch sie gerät er in Konflikt mit einem Geheimbund, der mit der Islam Sturm Schutz Abteilung (ISSA) zusammen arbeitet und die Wirtschaft und die Politik aus dem Hintergrund bestimmt sowie skrupellos gegen die vorgeht, die sein Emporkommen gefährden. So befinden sich Sophie, ihr Freund und Friedrich bald in Lebensgefahr. Haben sie eine Chance gegen den weltweit operierenden, elitären Club und der ISSA, die als Zeichen ihrer Macht Frauen nach mittelalterlichen Ritualen züchtigen und vergewaltigen? Ist die Welt noch zu retten?   

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author und Edition Bärenklau, 2016

©  Cover by Viktoria/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Friedrich Dietering schreckt mitten in der Nacht hoch. Er versucht sich an seinen Traum zu erinnern. Aber das gelingt ihm nicht. Er weiß nur soviel: Es war ein böser Traum, ein Albtraum! Die Unterbrechung seines Schlafes ist typisch für die letzten Tage. Die Schlafstörungen sind plötzlich gekommen. Dietering kennt die Ursache nicht. Eigentlich geht es ihm soweit ganz gut. Er hat keine gesundheitlichen Probleme. Jedenfalls dachte er das bisher. Friedrich wälzt sich im Bett herum und schließt die Augen. Vielleicht kann er ja gleich wieder einschlafen. Doch in der bedrohlich wirkenden Dunkelheit kommen unweigerlich die Gedanken, die seine Müdigkeit bekämpfen und ihn wach halten. Es sind die Erinnerungen an Kindheitserlebnisse. Ungeordnet, scheinbar zufällig ausgewählt. So sieht er sich als zehnjähriger Junge im Schlafzimmer seiner Eltern. Sein Vater duscht gerade und seine Mutter bereitet unten in der Küche das Frühstück vor. Friedrich sucht und findet  das Portemonnaie in der Hose seines Vaters. Er entnimmt zwei Fünf-Mark-Münzen und verstaut die Geldbörse rasch wieder in der Hosentasche. Doch zu spät! In diesem Moment geht die Tür auf und sein Vater kommt herein. Das Bild, das sich ihm bietet, überrascht ihn. Er findet zunächst keine Worte dafür: „Friedrich, was machst du denn da“, fragt er endlich. Natürlich nur eine rhetorische Frage. Er sieht ja schließlich, was sein Sohn getan hat. Friedrich fängt jämmerlich an zu weinen. Aus Wut und Enttäuschung über sich selbst. Er verlässt, ohne ein Wort zu sagen, das Schlafzimmer. Auch sein Vater sagt nichts mehr. Es wurde seitdem nie mehr über diesen Vorfall gesprochen. Nun ist er hellwach. Er schaltet das Licht ein. Die Nachttischlampe wirft einen grellen Lichtkegel auf sein Kopfkissen. Er schaut auf die große Wanduhr und stellt fest, dass er noch drei Stunden Zeit hat bis zum Aufstehen. Dann wird sein Wecker unerbittlich klingeln, damit er seinen Dienst als Friedhofsverwalter pünktlich um sieben Uhr aufnehmen kann. Sein Arbeitsplatz ist der große städtische Schloss-Friedhof. Dorthin ist er von seinem Arbeitgeber, der Stadt, aus der Hauptverwaltung versetzt worden. Dies nach einem Zerwürfnis mit seinen Vorgesetzten. Er würde von Mobbing sprechen, dem er sich jahrelang ausgesetzt sah. Aber sicherlich ist das nur seine ganz persönliche Einschätzung. Friedrich wird von einer großen Unruhe erfasst und kann nicht mehr liegen bleiben. Er muss aufstehen. Was soll er jetzt tun? Er könnte Zeitung lesen, vorausgesetzt, dass sich seine Zeitung schon im Briefkasten befindet. Aber eigentlich hat er dazu gar keine Lust. Stattdessen sucht er sein Arbeitszimmer auf und schaltet den Computer ein. Ihm ist der Einfall gekommen, seine Emails zu checken. Das hat er länger nicht mehr getan. Nachdem er den Posteingang aufgerufen hat, studiert er die empfangenden Nachrichten. Wieder nur Werbung. Nein, halt! Fast hätte er auch die letzte neue Mitteilung gelöscht. Schon allein der Betreff: „Sitzung des NGLR am 26.08.2015“ macht ihn stutzig und irritiert ihn. Was bedeutet das? Was heißt das? „NGLR“? Er weiß es nicht. Diese Abkürzung hat er noch nie gehört. Rasch liest er den weiteren Inhalt der Email: „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit lade ich Sie zur nächsten Sitzung des NGLR ein. In der Anlage erhalten Sie die entsprechende Tagesordnung und das Protokoll der letzten Sitzung. Wir treffen uns am 26.08.2015 um 19.00 Uhr im Hotel ´Exklusiv`. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Dr. Meier, Geschäftsführer!“ Was soll er davon halten? Warum hat gerade er diese Email erhalten? Es handelt sich sicherlich nur um einen Irrtum, eine fehlgeleitete Nachricht. Aber die Anhänge wird er lieber nicht öffnen. Immer wieder hört man von falschen Emails, die einen Virus nach sich ziehen. Also löscht er die ganze Email und beendet das Email-Programm. 

2

Der siebenjährige Friedrich geht gelangweilt den Weg entlang. Da sieht er das Fahrrad, das am Gartenzaun lehnt. Ihm sitzt der Schalk im Nacken. Er sucht und findet das Ventil des Vorderreifens. Mit einem Grinsen im Gesicht öffnet er es und lässt die Luft heraus. Gerade, als er flüchten will, greift  eine Hand über den Gartenzaun nach ihm und er bekommt es mit der Angst zu tun. Er will weglaufen, schafft es aber nicht, da er festgehalten wird. „Halt, hier geblieben“, ruft die aufgebrachte Frau mittleren Alters. Mit aller Kraft kann er sich losreißen und davonrennen. Schwer atmend erreicht er den heimischen Garten und versteckt sich hinter einem Busch. Das gibt Ärger. Mindestens eine Tracht Prügel oder Stubenarrest und Fernsehverbot. Könnte er doch nur die ganze Angelegenheit wieder rückgängig machen. Er ist wütend über sich selbst und fängt an, zu brüllen und zu weinen. Da sieht er die Frau, wie sie den Weg entlang eilt. Ihre Blicke treffen sich. „Ah, hab ich dich, du Strolch!“ Durch den Lärm aufmerksam geworden, haben sich mittlerweile auch seine Mutter und sein älterer Bruder Ronald im Garten eingefunden. Ronald begrüßt artig die Frau. Es ist seine Klassenlehrerin. Diese Erkenntnis führt dazu, dass Friedrich nunmehr wie ein Verrückter laut schimpfend durch den Garten rennt. Seine Mutter setzt dem Treiben ein Ende und schickt ihren unartigen Sohn ins Haus. Ronald kann ein Grinsen nicht verbergen. Das hätte er sich bei seiner Klassenlehrerin nicht getraut. Friedrichs Strafe fällt moderat aus: Eine leichte Ohrfeige, verabreicht am Abend durch seinen gestressten Vater. 

3

Er wacht wieder mitten in der Nacht auf. Es ist zwei Uhr. Um die bevorstehenden Stunden der Schlaflosigkeit sinnvoll nutzen zu können, schaltet er seinen PC ein. Ihm fällt ein, dass er im Internet nachsehen wollte, ob er etwas über „NGLR“ findet. Und tatsächlich gleich beim 1. Versuch erfährt er, was die Abkürzung bedeutet: „Neue Große Liberale Republik“. Das macht ihn auch nicht viel schlauer. Er studiert die weiteren Seiten: „Bei der NGLR handelt es sich nicht um eine Partei, sondern um eine außerparlamentarische Organisation, die bei Wahlen nicht antritt und politisch zwischen der AFB (Aktion für den Bund), PERGOLA (Pazifistische Europäer rufen gern: „Olaf“), LDP (Liberale Deutsche Partei) und CPD (Christliche Partei Deutschland) angesiedelt ist. Die NGLR hat etwa 100 Mitglieder und meidet die Öffentlichkeit, insbesondere Fernsehauftritte. Dadurch gibt es nur wenige Informationen über diese Vereinigung.“ Das reicht erst einmal. Also ist die NGLR nichts weiter als eine harmlose, unwichtige, ja wahrscheinlich sogar überflüssige Gruppierung, die lediglich in Nuancen abweicht vom aktuellen Gedankengut und Zeitgeist. Typisch deutsch eben. Was soll er sich überhaupt darüber Gedanken machen? Ihn interessiert doch Politik schon seit längerer Zeit nicht mehr. Er beendet die Internet-Sitzung und legt sich wieder ins Bett. Erwartungsgemäß kann er nicht einschlafen. Friedrich lässt den Arbeitstag Revue passieren. Es tut ihm leid, dass er seinem Stellvertreter eine Abmahnung erteilen musste, aber bei Alkohol am Arbeitsplatz gibt es keine andere Möglichkeit. Ansonsten war es relativ ruhig auf dem Friedhof, dem er vorsteht. Die neue Urnengemeinschaftsanlage (UGA) wird sehr gut angenommen. Bei den Beerdigungszahlen konnte ein Anstieg um 50 % verzeichnet werden. Ein wenig schmunzeln muss er schon über den Protest, den seine Kollegen und Verwalter von anderen Friedhöfen artikulieren, in dem sie ihm Preis-Dumping vorwerfen. Da klingelt der Wecker. Es ist fünf Uhr, er muss aufstehen.

Er kommt heute früher nach Hause. Noch bevor er sein Reihenhaus betreten hat, ahnt er, dass etwas nicht stimmt. Rasch schließt er die Eingangstür auf und öffnet sie. Sein Blick fällt sofort auf die offene Terrassentür. Jemand hat sie aufgebrochen. Er bekommt einen gehörigen Schreck. Seine Hände zittern. Ist der Einbrecher noch im Haus? Friedrich weiß es nicht. Woher auch? Jedenfalls hat er große Angst. Er eilt in die offene Küche und holt sich ein großes Brotmesser. So bewaffnet, wagt er sich ins Obergeschoss. Langsam tastet er sich vor. Da sieht er die Bescherung: Sein Arbeitszimmer ist verwüstet. Sämtliche Unterlagen und Schreibutensilien liegen auf dem Boden verstreut und der PC fehlt. Sonst scheint alles da zu sein. Sicherheitshalber macht Friedrich einen Rundgang durchs Haus, inspiziert dabei auch den Keller. Der Einbrecher befindet sich nicht mehr im Haus. Schließlich ruft er die Polizei an.

Es ist spät am Abend. Friedrich sitzt im Dunkeln auf der Terrasse und lässt seine Gedanken schweifen. Er hält ein Glas Rotwein in der Hand und genießt die warme Sommerluft. Seine Nerven beruhigen sich langsam wieder. Der Alkohol tut seine Wirkung. Nachdem die Polizei seine Anzeige wegen Einbruchdiebstahl aufgenommen und eventuelle Spuren gesichert hat, kehrt wieder etwas Ruhe ein. Bedingt durch die bestehende Anti-Einbruchs-Gruppe aus Bürgern und Polizisten in seinem Ort, ist die Zahl der Einbrüche rapide zurück gegangen. Warum hat es dann gerade ihn erwischt? Es hätte doch viel lukrativere Objekte gegeben. Und warum wurde nur sein mindestens zehn Jahre, eher fünfzehn Jahre alter PC gestohlen? Der hat vielleicht noch einen Wert von 100 Euro. Das sieht ja fast so aus, als ob es der Einbrecher allein auf dieses Gerät abgesehen hatte. Aber warum? Aus welchem Grund? Er hat keine Ahnung. So vergehen die Stunden und es ist Mitternacht geworden. Friedrich denkt zurück an seine Kindheit. An den Bandenkrieg, der sich in seiner Grundschulzeit ereignet. Er ist in der sechsten Klasse der Anführer von etwa 15 Mitschülern. Die andere Hälfte der Klasse wird von seinem Widersacher Horst Längsmüller angeführt. Horst sieht gut aus und ist in der Schule der Mädchenschwarm. Er ist größer und breiter als Friedrich. Nach mehreren Auseinandersetzungen kommt es eines Tages nach dem Unterricht auf der Wiese vor der Schule zum finalen Kampf zwischen den Beiden. Die Anfeuerungsrufe im Ohr legt Friedrich los wie die Feuerwehr und hat damit das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Er holt mit seinen dünnen Armen weit aus und schlägt den siegessicheren, nun aber zunehmend verunsicherten Horst immer wieder ins Gesicht. Die Vielzahl der Schläge verfehlt ihre Wirkung nicht. Das tut richtig weh und der große Horst muss einsehen, dass heute gegen den mit seinen längeren Armen wie ein Verrückter wild zuschlagenden Friedrich kein Kraut gewachsen ist. Horst gibt den Kampf auf, um seine persönliche Schädigung in Grenzen halten zu können. Friedrichs Anhänger applaudieren und jubeln und die Mädchen versorgen ihn aus dem nahen Süßwaren-Geschäft mit frischer Coca Cola. Dann verlässt Friedrich mit seinen Getreuen das Schlachtfeld und zieht von dannen. Horst revanchiert sich auf seine Art. Bei einem Rugby-Spiel auf der besagten Wiese vor der Grundschule macht er aus dem Getümmel heraus Ernst und schlägt Friedrich ein blaues Auge. Ihre Wege trennen sich nach der sechsten Klasse. Während Horst die Realschule besucht, geht Friedrich aufs Gymnasium. So verlieren sie sich aus den Augen. Jahre später hört Friedrich über ihn, dass er an einer Überdosis Heroin gestorben ist.

4

Es ist Samstagnachmittag. Die Zuschauer klatschen, johlen und pfeifen, je nach dem Spielverlauf. In der VIP - Lounge des Stadions treffen sich drei Männer, die sich nur durch ihre Krawatten unterscheiden. Der Mann mit der roten Krawatte ergreift das Wort: „Jetzt sind wir mal wieder mit der Meisterschaft dran! Ihr habt sie in den beiden letzten Jahren bekommen!“ „Na, gut, dann kriegen wir aber den Pokal“, entgegnet der Herr mit dem gelben  Schlips. „Und wir gehen wieder leer aus! Das kommt nicht in Frage“, wirft der Mann mit der grünen Krawatte ein. Der rote Krawattenträger versucht zu beschwichtigen: „Ich könnte mir eine höhere Ausgleichszahlung und einen lukrativen Spielerwechsel vorstellen.“ „Gut, abgemacht“, stimmt der grüne Schlipsträger zu. Ein fester Händedruck besiegelt den Deal. „Lasst uns darauf trinken“, ruft der Herr mit der roten Krawatte aus und ergänzt: „Ich werde mit den Beteiligten reden.“ Da bricht der Jubel los. Die Heimmannschaft hat gerade das 1:0 geschossen.

5

Friedrich Dietering verbringt seinen Feierabend im Garten. Er wässert mit dem Gartenschlauch die Blumen und die trockenen Rasenstellen. Das ist seine Lieblingsbeschäftigung. Dabei kann er am Besten abschalten, seine Seele baumeln lassen. Plötzlich sieht er vor sich auf dem Rasen etwas Weißes aufblitzen. Was ist das denn? Ein Stückchen Papier vielleicht? Er stellt das Wasser ab und bückt sich danach. Es ist eine Visitenkarte. Friedrich liest die Aufschrift: „Hotel Exklusiv“.  Wer hat die denn hier verloren? Die Erkenntnis erfasst ihn schlagartig. Es muss der Einbrecher gewesen sein. Wer sonst hatte in letzter Zeit in seinem Garten zu schaffen? Wieso kommt ihm der Name des Hotels so bekannt vor? Wieder meldet sich sein Gedächtnis. Die seltsame Email, die er vor einigen Wochen von der „NGLR“ erhalten hatte, enthielt als Ort der nächsten Zusammenkunft: das Hotel „Exklusiv“. An das Datum und die Uhrzeit kann er sich nicht mehr erinnern. War es nicht der 21.08.2015 um 18.00Uhr? Oder der 25.08.2015 um 20.00 Uhr? Nein! Er kann es nicht sagen. Warum hat er diese Email nur gleich gelöscht? Friedrich holt sich aus dem Keller eine Flasche Bier und setzt sich auf die Terrasse. Er genießt die letzten Sonnenstrahlen des Tages und die abendliche Ruhe. Er beobachtet die Wolken am Himmel und freut sich über das nahe Wiehern eines Pferdes. Ihm fallen die Augen zu. Friedrich rennt als Kind vor dem Mann weg, den sie „Trager“ nennen. Es sind noch 50 Meter bis zum Ausgang des Firmengeländes. Schafft er es bis dahin, ohne von „Trager“ eingeholt zu werden, darf ihn niemand mehr anfassen. Aber der Mann mit dem blauen Kittel hinter ihm beschleunigt und hat ihn fast erreicht. Friedrich spürt schon den Atem seines Verfolgers im Nacken, da wird er unsanft zurück gerissen und festgehalten. Verzweifelt versucht sich der Junge los zu reißen, doch er hat keine Chance. Zur Strafe wird er trotz aller Proteste in den Bauwagen eingesperrt. 

6

Friedrich sitzt im Foyer des Hotels „Exklusiv“ in der Nähe der Rezeption und des Eingangs. Vor ihm steht ein Cocktail, an dem er sich schon den ganzen Abend über festhält. Heute ist bereits der fünfte Tag, den er hier ab 17.00 Uhr verbringt. Er hatte für sich als Zielkorridor den Zeitraum vom 21.08. bis zum 26.08.2015 ausgewählt. Bisher ohne Erfolg. Friedrich glaubt auch nicht, dass heute noch etwas passiert. Es ist 20.45 Uhr, also langsam Zeit zum Aufbruch. Somit bleibt ihm nur noch der morgige Tag für seine „Ermittlungen“. Er winkt dem Kellner und zahlt. Er steigt in seinen Wagen ein und fährt nach Hause. Vor dem Fernseher sitzend, schläft er bald ein. Der achtjährige Friedrich ist auf dem Heimweg von der Schule. Da sieht er vor sich seinen älteren Bruder Ronald. Jedenfalls denkt er, dass es sich um ihn handelt und ruft: „Hey, Ronald, warte mal!“ Der so Angesprochene dreht sich um und bleibt stehen. Friedrich beeilt sich, zu ihm zu kommen. Als er ihn erreicht, erkennt er seinen Irrtum. Es ist nicht sein Bruder. Doch nun ist es zu spät. Der fremde Junge blickt ihn zornig an. In seinen Augen blitzt grenzenlose Wut auf: „Wat willste von mir? Jetzt kriegste wat!“ Ehe sich Friedrich versieht, landen bereits die ersten Faustschläge in seinem Gesicht. Er verspürt große Schmerzen, wagt sich aber nicht zu wehren, ist der „Schläger“ doch viel größer und stärker und mindestens vierzehn Jahre alt. „Ich werde dich zu Boden prügeln“, ruft der Unbekannte aus. Das kann er haben, denkt sich Friedrich und lässt sich theatralisch fallen. Als er am Boden liegt und weint, hört der große Junge tatsächlich auf ihn zu schlagen. Mit seiner Warnung: „Das nächste Mal gibt es noch mehr, wenn ich dich wiedersehe“, setzt der fremde Junge seinen Weg fort. Friedrich bleibt vorsichtshalber noch einige Minuten liegen, bis er ihn nicht mehr sieht.

7

Im Wald. Zwei Männer mittleren Alters machen einen Spaziergang. Niemand achtet auf sie, dazu sehen sie zu unscheinbar aus. Ihre dunklen Mäntel verschmelzen mit dem diffusen Licht der Abenddämmerung. Es regnet. Die beiden Männer unterhalten sich leise über die nächsten Wahlen. „Das Ergebnis sollte dem der letzten Wahl entsprechen“, führt der größere von den Beiden aus. „Also wieder eine Super-Koalition“, stellt der kleinere Mann fragend fest. „Ja, genau und zwar so lange, bis die Koalitions-Gegner von der Bildfläche verschwunden ist!“ „Geht in Ordnung, ich kümmere mich um alles Weitere.“ „Vielen Dank!“ Ein dicker Briefumschlag wechselt den Besitzer.

8

Friedrich ist zwölf Jahre alt. Er hat einen Streit mit seinem kleineren Bruder. Beide wollen zuerst ins Haus gelangen. Doch der Schlüssel steckt von innen. Da rennt Bernd los, die Eingangstreppe hinunter. Das Küchenfenster ist auf. Er springt auf das Geländer, das den Kellerschacht umgibt und versucht, sich am Fenster hochzuziehen. In diesem Moment hat Friedrich ihn erreicht. Die beiden Brüder befinden sich auf gleicher Höhe. Ein Gerangel setzt ein. Plötzlich verliert Bernd seinen Halt und stürzt in den Kellerschacht. Er schlägt mit dem Kopf hart auf dem Steinboden auf und ist sofort bewusstlos. Friedrich ist geschockt und bekommt einen Schreikrampf. Zum Glück kommt gerade seine Mutter vom Einkaufen zurück: „Was ist denn hier los?“ Sie erkennt das Ausmaß des Unglücks und alarmiert den Rettungswagen. Am späten Abend kommt Bernd im Krankenhaus wieder zu sich. Er hat eine schwere Gehirnerschütterung. Der anfängliche Verdacht auf Schädelbasisbruch hat sich glücklicherweise nicht bestätigt.

Friedrich sitzt an seinem Arbeitsplatz und bearbeitet die Posteingänge. Wieder drei Beschwerden in Sachen: „Gießkannen-Posse“. Während seines dreiwöchigen Urlaubes hatte sein Vertreter für einen Eklat gesorgt, indem er den Friedhofsarbeitern die Anweisung gab, alle auf dem Friedhof von den Friedhofsbesuchern angeschlossenen Gießkannen zu entsorgen. Ein Riesen-Aufschrei der Friedhofsnutzer war trotz mehrmaliger Ankündigung durch die Verwaltung die Folge. Der Friedhof wurde mit Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Diebstahl überhäuft und die Boulevard-Presse berichtete in aller Ausführlichkeit über diesen Konflikt. Die fleißigen Friedhofsarbeiter brachten es allerdings nicht übers Herz, die Gießkannen wegzuschmeißen, sondern sammelten sie zunächst in einem freien Lagerraum. Dort liegen sie noch heute und warten auf ihre weitere Verwendung. Denn bislang lehnen es die Grabberechtigten ab, dem Entgegenkommen der Friedhofsverwaltung zu folgen und ihre Gießkannen zurückzunehmen. Sie fordern stattdessen eine neue Gießkanne und den Ersatz des defekten Vorhängeschlosses. Es sei ihnen nicht zuzumuten, ihre Gießkanne aus dem lieblos angehäuften Berg von Gießkannen herauszusuchen. Die Landesanwaltschaft hat in dieser Angelegenheit ein öffentliches Interesse verneint und auf den zivilrechtlichen Rechtsweg verwiesen. Der Friedhofsträger, das ist die vorgesetzte Stelle des Friedhofsverwalters, ist bereit, die kaputten Schlösser zu ersetzen, nicht aber die noch gebrauchsfähigen Gießkannen. Friedrich legt mit einem tiefen Seufzer die Unterlagen beiseite und schaut auf seine Uhr. Es ist 16.25 Uhr. Er muss sich beeilen, will er nicht die letzte Chance verpassen, Näheres über die Neue Große Liberale Republik (NGLR) in Erfahrung zu bringen. Er hat irgendwie das Gefühl, dass es heute klappen könnte. Friedrich steigt in sein Fahrzeug, einen schwarzen, 16 Jahre alten Skoda Octavia, ein. Es handelt sich um die 1,9 TDI Version mit einem Rußpartikel-Filter. Insbesondere die Kraftstoff-Verbrauchswerte stellen sich als besonders günstig dar, so dass er sich von seinem alten Gefährt einfach nicht trennen kann. Genau um 17.00 Uhr hält er vor dem Hotel „Exklusiv“ an. Zunächst sieht es so aus, als ob er einen fast schon normalen Abend ohne besondere Ereignisse verbringen würde. Doch kurz vor sieben Uhr wird es hektisch im Foyer. Drei Herren in schwarzen Anzügen und zwei Damen in grauen Hosenanzügen betreten das Hotel und werden von mehreren Bodyguards in den hinteren Bereich geleitet. Jetzt sieht Friedrich auch die vorgefahrenen schwarzen Luxus-Limousinen. Einer der Leibwächter dreht sich herum und blickt ihn misstrauisch an. Der Friedhofsverwalter guckt schnell weg und vermeidet weiteren Blickkontakt. Doch zu spät, der breitschultrige Mann kommt schon auf Friedrich zu, mustert ihn ganz genau und schnauzt ihn an: „Kennen wir uns? Was machst du hier, Freundchen?“ Friedrich versucht cool zu bleiben, gleichwohl ihn die große Ausbuchtung im Jackett seines Gesprächspartners zunehmend beunruhigt: „Nichts, ich meine, ich mache nichts weiter hier! Ich warte auf eine alte Bekannte, wenn Sie verstehen, was ich meine?!“ „Quatsch keinen Unsinn! Los, sag schon! Was treibst du hier?“ Er macht Anstalten, gewalttätig zu werden. Als die Situation zu eskalieren droht, wird sein Kontrahent von einem Kollegen weggerissen: „Lass ihn! Lass dir seinen Ausweis zeigen und dann ist gut so!“ „Sie haben gehört, Ausweis her!“ „Den habe ich vergessen, zuhause!“ Der Bodyguard, mit dem er zuerst Bekanntschaft schloss, wird immer wütender und will erneut auf Friedrich losgehen. Wieder wird er von seinem Kollegen daran gehindert, der sich nun direkt an Friedrich wendet: „Verschwinde, mein Freund und lass dich hier nicht mehr blicken! Und denke daran: Wir kennen jetzt dein Gesicht!“ 

9

In einem Land in West-Afrika. Eine Frau in einem grauen Hosenanzug und zwei Männer in Straßenanzügen treffen sich in einem Hotelzimmer. „Wir haben ein Gegenmittel gefunden und könnten es jetzt einsetzen. Die Epidemie schreitet mächtig voran“, eröffnet der jüngere Mann das Gespräch. „Wir warten mit dem Einsatz noch, das ist unser Beitrag zur Bekämpfung der Überbevölkerung auf der Welt“, antwortet die Frau und ergänzt: „Unsere Vorgehensweise geschieht in Abstimmung mit der Pharma-Branche.“ Der ältere Mann sagt: „Der neue Impfstoff liegt ebenfalls vor. Wollen wir den verabreichen, damit wieder Ruhe in der Öffentlichkeit eintritt? Der Verein `Medizin ohne Grenzbäume´ sitzt uns ganz schön im Nacken.“ Die Frau überlegt kurz und erwidert dann energisch: „Nein, die Gründe kennen Sie!“ Da klingelt ihr Handy: „Ja, bitte?“ „Hier spricht Süd-Korea, die Vogelgrippe ist ausgebrochen!“ „Sehr gut, weiter so!“ 

10

Seine Eltern haben sich gestritten. Jetzt scheint endlich wieder Ruhe einzukehren, jedenfalls hofft der 14-jährige Friedrich das. Er postiert sich an der Treppe im Obergeschoss, nachdem er seine Mutter ins Bett gebracht hat. Das laute Schnarchen seines Vaters, das von unten herauf dringt, ist das einzige Geräusch, das er wahrnimmt. Dann ist absolute Stille im Haus und die kann gefährlich sein. Er hört das leise Knarren der Treppenstufen. Sein betrunkener Vater kommt! Friedrich stellt sich ihm in den Weg. Es gibt ein Handgemenge. Sein Vater verliert den Halt und stürzt die Treppe hinab. Vielleicht war da auch ein kleiner Stoß im Spiel. Jedenfalls bleibt der Vater auf der Treppe liegen und rührt sich nicht. Dafür setzt sein Schnarchen wieder ein. Etwas später hört Friedrich jemanden laut fluchen. Sein Vater ist aufgewacht und hat sich auf die Couch gelegt. Nun kann auch Friedrich ins Bett gehen, obwohl die Nacht schon fast vorüber ist.

11

Friedrich hat sich nach einigen Tagen Bedenkzeit dazu entschlossen, noch einmal das Hotel „Exklusiv“ aufzusuchen und mit den Hotelangestellten zu sprechen. Er hat Glück, der Hotel-Direktor ist gerade an der Rezeption zugegen. Natürlich hat er für ihn keine Zeit als Führungskraft, die immer in Eile ist, ganz nach dem Motto: „Zeit ist Geld!“ Seine knapp bemessene Zeit reduziert sich weiter, als er hört, was Gegenstand der erbetenen Unterhaltung sein soll. Als der Name: „NGLR“ fällt, unterbricht der Hotel-Chef das Gespräch mit den Worten: „Dazu habe ich nichts zu sagen! Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, die Pflicht ruft“, und lässt Friedrich wie einen begossenen Pudel stehen. Aber Dietering lässt sich nicht so schnell entmutigen und befragt nun den Leiter der Rezeption. Einen jungen Mann mit Brille und Kurzhaarschnitt. Doch auch dieser blockt sofort ab und verschwindet rasch von der Bildfläche. Enttäuscht verlässt Friedrich das Hotel und geht langsam zu seinem Auto. Plötzlich vernimmt er hinter sich eine leise Stimme: „Warten Sie!“ Er blickt sich um. Eine junge Frau in Hotel-Uniform nähert sich ihm: „Kommen Sie übermorgen um 18.00 Uhr zum Kiosk am Neuen Strom!“ Er schaut sie fragend an: „Geht es um...?“ Sie nickt ängstlich. Erst jetzt sieht er, wie hübsch sie ist. Ihre stattliche Oberweite zeichnet sich deutlich unter der weißen Bluse und der darüber liegenden goldfarbenen Weste ab. Eine schlanke Taille und ein ebenmäßiges Gesicht, verbunden mit hochgesteckten schwarzen Haaren, runden das attraktive Erscheinungsbild ab. Seine neue Traumfrau flüstert ihm zu: „Bis übermorgen“, und verschwindet genauso schnell, wie sie gekommen ist. Friedrich geht beschwingt wie auf Federn die letzten Schritte bis zu seinem Auto. Auf der Rückfahrt in seinem schwarzen Octavia macht er entgegen seiner Gewohnheit die Radiomusik sehr laut an. Das gibt es doch gar nicht. Das kann ja nicht wahr sein. Es ist ihre körperliche Anziehung, die ihn fast verrückt macht. Das ihm so etwas in seinem Alter, immerhin ist er 55 Jahre alt, noch einmal widerfährt, damit hat er niemals gerechnet. Wie soll er es nur bis übermorgen aushalten?

12

Friedrich ist jetzt in der 9. Klasse und soll an diesem Tage sein Halbjahreszeugnis erhalten. Doch der Schock ist groß. Auf seinem Zeugnis finden sich nur drei Noten. Aufgrund seiner langen und häufigen Fehlzeiten sehen sich die meisten Lehrer nicht in der Lage, seine schulischen Leistungen zu beurteilen. Der Fall ist klar. Ähnliche Anwesenheitszeiten auch im  zweiten Halbjahr würden seine Versetzung und damit den Verbleib auf dem Gymnasium ernsthaft gefährden. Seine Mutter spricht ihn abends an: „Das wird wohl nichts mit deinem Abitur, wenn du so weiter machst. Und ich dachte, dass wenigstens eines meiner sechs Kinder das schafft!“ Ihr Gesicht ist von großer Enttäuschung und Traurigkeit gezeichnet. Friedrich steigen die Tränen in die Augen. Er schwört sich in diesem Augenblick: Das darf nicht passieren! Er muss es und wird es schaffen!

13

In einem Konferenzraum tief unter der Erde. Anwesend sind Vertreter der wichtigsten Geheimdienste der Welt und aus der Werbung. Den Vorsitz führt die CSA. Es werden zahlreiche Datenträger ausgetauscht. Die Besprechung macht deutlich, dass jeder jeden und alles abhört. Auch Otto Normalverbraucher wird belauscht und es gibt geheime Akten über ihn, die ohne Zweifel seine Privatsphäre dokumentieren und für jedermann, der vorgibt im Geheimen zu operieren, einsehbar sind. Der Vorsitzende, ein hoher US-General im CSA, begrüßt insbesondere die Vertreter der Marketing-Industrie: „Nutzen Sie die Chance, liebe Freunde, heute sind alle Informationen umsonst!“ Die Werbemanager zeigen deutlich ihre große Freude, können sie doch gewaltig von den weltweit erhobenen Daten profitieren. So sind bestimmte Vorlieben und Eigenschaften der Kunden nützlich zur Erstellung von Werbekonzepten und zur Ermittlung des Verbraucherverhaltens. So tritt beinahe in den Hintergrund, dass man eigentlich die radikalen Islamisten erwischen will, die trotz der totalen Überwachung aller Telefon- und Handy-Netze vermehrt in den heiligen Krieg ziehen. Ein hoher Beamter des französischen Geheimdienstes fragt die Vertreter des CSA: „Können wir Ihre Selektoren - Listen mit der Systematik Ihrer Suchanfragen erhalten? Und vielleicht noch Ihre Spählisten?“ Beim CSA wird langsam mit den Köpfen genickt. Der Vertreter des DND, ein Bundesrat, merkt abschließend an: „Und der westliche, insbesondere der europäische Otto Normalverbraucher sitzt in der Mitte einer undurchsichtigen Interessenkollision und wartet trotz der Einschränkung seiner Grundrechte auf seine Hinrichtung, bedingt durch die zahlreichen Attentate, auch in Europa. Herr General, was darf ich dem Landeskanzleramt und dem Herrn Landeskanzler erzählen? Schließen wir noch ein No - Spy-Abkommen ab?“ 

14

Der 15-jährige Friedrich sitzt im Aufenthaltsraum der Schule und unterhält sich mit seinen Mitschülern. Wieder sind mehrere Schulstunden ausgefallen. Langeweile kommt auf. Was sollen sie in den Freistunden machen? Matthias überlegt und schlägt dann vor: „Lasst uns durch die Kaufhäuser ziehen! Wer am meisten geklaut hat, ist der Gewinner!“ Franz pflichtet ihm bei: „Au ja! Das machen wir!“ Thomas, Martin, Oliver, Carsten und Jörg schließen sich an. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur U-Bahn und fahren in die Innenstadt. Dort angekommen, wählen sie für ihren Beutezug die größten Kaufhäuser aus. Die Gymnasiasten teilen sich auf und verabreden, sich in einer halben Stunde am U-Bahnhof wieder zu treffen. Nach und nach trudeln die Schüler mit ihrem Diebesgut am Treffpunkt ein. Sie vergleichen den Wert und ermitteln so den bisherigen Gewinner. Es ist Matthias, der seine Plastiktüte am besten gefüllt hat. Spaß haben sie alle gehabt und der Gefahr, erwischt zu werden, ein Schnippchen geschlagen. Diesen Kick durften sie in vollen Zügen genießen. Sie sind alle aufgeregt und können es kaum erwarten, dass die 2. Runde eingeläutet wird. Einigen Mitschülern ist der einfache und schnelle Erfolg zu Kopf gestiegen. Sie werden unvorsichtig. Und es kommt, wie es kommen muss: Matthias, Franz, Jörg und Martin werden von Kaufhausdetektiven erwischt und der Polizei übergeben. Es wird Anzeige erstattet und ein Hausverbot erteilt. Friedrich und die anderen Schüler können entkommen. Die Gymnasiasten treffen sich in der Schule wieder und haben sich eine Menge zu erzählen. Franz erhält die Quittung später. Als er sich bei der Polizei für den mittleren Dienst bewirbt, wird er nicht angenommen. In der Begründung verweisen die Beamten auf den bestraften Kaufhausdiebstahl. 

15

Friedrich sitzt in seinem Büro und liest die Tageszeitung. Es ist seine Frühstückspause. Den obligatorischen morgendlichen Beschwerdeanruf von Herrn Müller hat er bereits überstanden. Herr Müller beschwert sich seit Jahren ständig über Jogger, die zu schnell durch den Friedhofspark rennen, Radfahrer, die nicht vom Fahrrad absteigen, Hunde, die nicht angeleint sind und Sonnenhungrige, die sich auf dem Friedhof fast nackt sonnen. Er verlangt eine Hinweis-Tafel, also ein Verbotsschild. Friedrich hält dies nicht für notwendig, geht er doch davon aus, dass sich die Menschen, die sich nicht an Selbstverständlichkeiten orientieren, auch nicht von Verboten leiten lassen. Und Ordnungsamt spielen, will und darf Dietering nicht. Darin sieht er nicht seine Aufgabe. Friedrich beendet seine Pause und widmet sich dem aktuellen Tagesgeschehen auf seinem Friedhof. Die für heute anstehenden Beerdigungen sind bereits organisiert und eingeplant. Einen interessanten Vorgang hat er auf dem Tisch. Einen Antrag auf Umbettung einer Urne auf einen anderen Friedhof. Mit einem ähnlichen Fall musste er sich schon einmal beschäftigen. Damals entsprach er dem Antrag, ohne eine große Prüfung durchzuführen und die Familienverhältnisse zur Entscheidung heranzuziehen. Er stellte die Störung der Totenruhe hinten an und gab der näheren und besseren Grabpflegemöglichkeit den Vorzug. Gleichzeitig ließ er sich ein Schriftstück unterzeichnen, in dem er sich vom Nutzungsberechtigten bestätigen ließ, dass es im Kreise der Angehörigen keinen Streit über den Ort des Urnengrabes der Mutter geben würde. Der Nutzungsberechtigte führte dazu aus, dass es zwischen den einzelnen Familienangehörigen überhaupt keinen Kontakt mehr und erst recht nicht hinsichtlich der Grabpflege gab und auch von der Gegenpartei keine Hilfe – sei es finanzieller oder sachbezogener Art – erfolgt ist und ihr Bruder vielmehr im Stich gelassen wurde. Was Friedrich heute noch amüsiert, ist der Umstand, dass die beiden Brüder der Gegenpartei eines Tages den Friedhof aufsuchten und das Urnengrab ihrer Mutter nicht mehr finden konnten. Er legt die Akte zur Seite und stützt sein Gesicht in seine Hände. Die Arbeit hat ihn abgelenkt. Obwohl er müde und erschöpft ist, gerät er zunehmend in Unruhe ob des baldigen Treffens mit seiner Herzensdame. Denn heute ist übermorgen und 18.00 Uhr rückt immer näher.

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Der Herr im dunklen Anzug und die Dame im kurzen schwarzen Rock sitzen sich in einem teuren Sterne-Restaurant an einem kleinen Tisch in der Nische gegenüber und trinken guten Champagner. „Die Allgemeine Geld Kasse (AGK) muss die Zinsen in Europa weiter senken und zusätzlich Staatsverschreibungen, insbesondere von den Problemländern wie Griechenland, aufkaufen“, erläutert die gutaussehende Dame. „Das ist richtig“, erwidert der Mann und fügt hinzu: „Griechenland ist zwar schon pleite, darf aber offiziell nicht zahlungsunfähig werden. Wir verlieren sonst zu viel Geld! Dazu sind die Renten weiter zu kürzen und die Steuern des kleinen Mannes zu erhöhen und einzutreiben!“ „Wir müssen dafür sorgen, dass die große Geldmenge auf dem internationalen Kapitalmarkt in Aktien investiert wird“, sagt die Frau und fährt fort: „Auch Otto Normalverbraucher muss endlich mehr Geld in Aktien anlegen oder noch mehr konsumieren, nun haben wir doch sein geliebtes Sparbuch vom Zins her schon auf 0 % gesetzt! Wir müssen mit Blick auf den Export und den zu niedrigen Ölpreis den Euro schwach halten! Otto kann für seine Reisen in den Dollarraum ruhig etwas mehr ausgeben. Dafür haben wir jetzt ja den Mindestlohn.“ Die Beiden prosten sich zu und nehmen einen großen Schluck des edlen und teuren Getränkes. Der Herr übernimmt das Schlusswort: „Ziel bleibt es für 2016, dass 1% der Reichen 50 % des weltweiten Vermögens besitzen und damit genauso viel wie die restlichen 99 % der Weltbevölkerung!“ Die Dame blickt versonnen in ihr Glas und nickt langsam. In ihren Augen spiegelt sich der Glanz der goldfarbenen Flüssigkeit wider.

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Der 15-jährige Friedrich und seine Schulfreunde Torsten und Franz machen eine S-Bahnfahrt. Schnell langweilen sie sich. Während Torsten sich an einem Haltegriff zu schaffen macht, schraubt Franz an einem Plakat hinter einer Glasplatte herum. Nach wenigen Minuten ist der Haltegriff nicht mehr funktionsfähig und die Glasplatte kaputt. Die wenigen Fahrgäste scheinen desinteressiert zu sein und machen keine Anstalten, einzugreifen oder den Vorfall an der nächsten S-Bahn-Station zu melden. Je länger die Schulfreunde im S-Bahn-Abteil mit ihren Missetaten sitzen, desto mulmiger wird ihnen zumute und mehr Angst bekommen sie, erwischt zu werden. Daher steigen sie an der nächsten Station aus, obwohl sie noch weiterfahren müssten, um ihren eigentlichen Zielort zu erreichen. Plötzlich rennt Franz weg und ward nicht mehr gesehen. Er schafft es, den S-Bahnhof zu verlassen und auf West-Berliner Gebiet zu gelangen. Für Friedrich und Torsten hingegen kommt jeder Fluchtversuch zu spät und sie werden von zwei Volkspolizisten in Gewahrsam genommen und in einen dunklen Dienstraum geführt. Eine zweistündige Vernehmung steht ihnen bevor. Die Vopos verlangen den Namen der 3. Person, die flüchten konnte. Lange können die beiden Gymnasiasten dem Druck des Verhörs nicht standhalten und sie verraten den Namen und schieben die alleinige Schuld an der Sachbeschädigung Franz zu. Dann dürfen Friedrich und Torsten gehen. Als Franz die Vorladung zur Kripo erhält, fordert er seine beiden Freunde auf, die Aussage zu widerrufen, dass  er der Täter sei und der Staatsgewalt mitzuteilen, dass sie seinen Namen nur unter dem Druck der Vopos genannt haben. Frank begründet seine Forderung mit dem Umstand, dass er sich bei der  Polizei bewerben wolle und dafür keinen Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis haben dürfte. Nun müssen sich Friedrich und Torsten wegen falscher Verdächtigung vor Gericht verantworten. Der Richter hat ein Einsehen und spricht lediglich eine Ermahnung aus.

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Friedrich geht aus einer bestimmten Ahnung heraus zu dem verabredeten Treffpunkt eine Stunde früher. Bereits um 17.00 Uhr findet er sich in der Fußgängerzone am „Neuen Strom“ ein und beobachtet aus einer sicheren Entfernung den Kiosk. Es herrscht reger Betrieb, Einheimische und Touristen verbringen hier in maritimer Atmosphäre einen schönen Sommerabend. Dietering sucht sich in einem kleinen Lokal ein ruhiges Plätzchen und bestellt sich ein kaltes Bier. Ein Schiffshorn kündigt die Rückkehr eines Kutters von seinem Fang auf dem offenen Meer an. Friedrich ist nervös. Er blickt auf seine Armbanduhr. Es ist 17.30 Uhr. Da sieht er plötzlich einen auffälligen Mann, der ebenfalls den gut besuchten Kiosk im Blick hat. Er erkennt die große Ausbuchtung in seinem Jackett. Sogleich geht es ihm durch den Kopf und er erinnert sich an die vielen James Bond Filme und Krimis, die er schon gesehen hat: Dieser Mann ist ein Killer! Er muss eine Pistole, wahrscheinlich mit Schalldämpfer, bei sich haben. Der Mann verschwindet zwischen zwei Wurstbuden und bezieht dort Stellung. Friedrich blickt sich um und registriert, dass offenbar niemand außer ihm Notiz von dem seltsamen Verhalten des vermeintlichen Verbrechers genommen hat. Da kommt sie! Ein wahres Prachtweib! Ihre schwarzen Haare trägt sie heute offen. Er setzt schnell seine dunkle Sonnenbrille auf, damit sie ihn nicht erkennt. Ihr großer Busen hüpft bei jedem Schritt auf und ab. Nahezu alle Männer drehen sich nach ihr um. Ihr wohlgeformter Hintern wird durch ihre enge Jeans noch zusätzlich betont. Ein in die Jahre gekommener Playboy kann sich nicht zurückhalten und pfeift ihr hinterher. Friedrich wird sofort eifersüchtig und schaut den älteren Herrn wütend an. Dieser will keinen Streit und guckt rasch zur Seite. Trotz der Konzentration auf seine Traumfrau, beobachtet Friedrich aus den Augenwinkeln heraus, wie der Mann mit der Pistole sein Versteck verlässt und die Verfolgung des Mädchens aufnimmt. Der Mann zieht blitzschnell seine Waffe aus der Jacketttasche, schraubt im Laufen den Schalldämpfer fest und zielt auf die hübsche junge Frau. Aber Friedrich handelt reaktionsschnell, springt vom Tisch auf und stürzt sich auf den „Killer“. Beide gehen zu Boden und kämpfen um die Pistole. Dietering kann sie ihm aus der Hand schlagen und schließlich ein paar Meter weit wegwerfen. Sein  Kontrahent erweist sich als bärenstark und droht, den Kampf zu gewinnen. Doch plötzlich steht seine Traumfrau vor ihnen, mit der Pistole in der Hand und auf den Verbrecher gerichtet: „Hände hoch, oder ich schieße!“ Als er nicht reagiert, gibt sie einen Warnschuss ab. Als auch das nichts nützt, schießt sie ihm in die Schulter. Der Mann schreit laut auf und windet sich am Boden. Friedrich nutzt die Gelegenheit und befreit sich aus dem Würgegriff. Er steht auf und verlässt Hand in Hand mit seiner Traumfrau den Tatort. Sie steigen in seinen Wagen und fahren zu ihm nach Hause. Als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre, gehen sie eng umschlungen in sein Schlafzimmer.

19

Die Dame im eleganten grauen Hosenanzug sucht sich am Markusplatz in Venedig in einem der vielen Cafés einen Platz in der Sonne. Sie bestellt einen Prosecco, setzt ihre Sonnenbrille auf und beobachtet die vielen Menschen, die auf dem Platz flanieren. Da summt ihr Handy. Sie drückt die grüne Empfangstaste und hält das Mobiltelefon an ihr Ohr. „Ja?“ „Wir haben es geschafft!“ „Prima, sehr gut!“ Die vornehme Dame freut sich wie ein Kind und lächelt in sich hinein. Jetzt haben wir ihn, den Chip, nach dem sie so lange geforscht haben. Mit diesem Chip lässt sich die Haltbarkeitsdauer von allen Elektrogeräten, Computern und Autos auf etwa 4 Jahre begrenzen, ohne dass irgendjemand von der Manipulation etwas bemerkt. Die Installation ist völlig problemlos. Damit kann der Konsum – die Binnennachfrage – erheblich angekurbelt werden. „Sind Sie noch dran“, fragt der Mann am anderen Ende der mobilen Verbindung in ihre zunehmende Euphorie hinein. „Ja, das ist einfach wunderbar“, antwortet sie und berechnet im Kopf blitzschnell die ungefähre Höhe der Prämie. Gut 10 Mio. €. Nicht schlecht, für ein Jahr Arbeit. 

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Als Friedrich 16 Jahre alt ist, macht seine Mutter zum ersten Mal eine vierwöchige Kur. Den Vorabend der Abreise verbringen ihre Söhne und deren Freunde an der „Fürsorge“, einem zum Bolzplatz umfunktionierten Kinderspielplatz. Das Fußballspielen ist mittlerweile durch verstärktes Biertrinken abgelöst worden. An diesem Abend wird der Alkoholkonsum vielleicht etwas übertrieben. Denn als sie bemerken, dass man sie aus einem weißen Golf heraus beobachtet und fotografiert, wanken die sechs Freunde zu dem Fahrzeug, umzingeln es, klopfen an die Scheiben und reißen die Beifahrertür auf: „Detektiv Rockford - Anruf genügt! Ihr könnt aussteigen! Wir haben euch erkannt! Macht hier nicht so einen auf Kojak!“ Wütend springen die Zivilpolizisten aus ihrem Auto heraus und versuchen, die Jugendlichen zu verscheuchen. Besonders der freche und vorlaute Mark Schulze hat es ihnen angetan: „Schulze, wir kriegen dich!“ Doch sie werden nur ausgelacht und verspottet. Was dazu führt, dass die Hüter des Gesetzes verärgert mit quietschenden Reifen unter dem Gejohle der Jugend davon fahren. Nun widmet sich die „Bande“ wieder dem Bier-Genuss aus sogenannten 8 er Trägern EKU - Bier aus Kulmbach im Fichtelgebirge. Und der Film geht heute Abend noch weiter. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hält vor der Jugendherberge ein mit jungen und hübschen Mädchen vollbesetzter Reisebus. Das darf man sich doch nicht entgehen lassen. So eine Chance kommt so schnell nicht wieder. Gesagt, getan, die sechs Freunde stürmen auf die Mädchen los. Die Meisten ergreifen die Flucht, nur wenige bleiben stehen, weil sie neugierig sind. Als sie merken, dass die Jungs schon arg betrunken sind und nur noch lallen können, suchen sie allerdings auch das Weite. Die „Bande“ nimmt die Verfolgung auf. Sehr zum Unverständnis der Lehrer, die nicht für voll genommen, sondern beiseite geschoben werden. Die Lehrkräfte verstehen keinen Spaß und rufen die Polizei an. Erst als die Sirenen ertönen, machen sich die sechs Freunde auf und davon. Ihr Weg führt allerdings über die angrenzenden Gärten, ein Umstand, der den Hausbesitzern überhaupt nicht gefällt. Friedrich erreicht als erster sein Zuhause, bleibt aber vor Erschöpfung im Vorgarten liegen. Sein Bruder Ernst und seine Mutter zerren ihn eine halbe Stunde später ins Haus. Mitten in der Nacht fängt sein Freund Christoph an, im Keller zu randalieren. Mit heftigen Kopfschmerzen wach geworden, weiß er nicht mehr, wo er sich befindet. Frau Dietering geleitet ihn zur Kellertür und schickt ihn nach Hause. Jetzt kehrt endlich Ruhe ein, am Vortag ihrer Kur. Während ihrer vierwöchigen kurbedingten Abwesenheit kommt es zu weiteren interessanten Episoden. Mark kommt auf die Idee, mit dem Auto von Frau Dietering eine Spritztour zu unternehmen. Dazu ist der Autoschlüssel erforderlich. Sie durchsuchen zuerst alle offenen Schränke, leider ohne Erfolg. Langsam nähern sie sich dem verschlossenen Schreibtisch. Gewaltsam wird eine nach der anderen Schublade geöffnet. Dann haben sie ihn endlich gefunden, den Zündschlüssel, und die wilde Fahrt kann losgehen. Sie kutschieren ein paar Mädchen herum, die sie gerade kennengelernt haben und spielen mit ihnen Strip-Poker im Schlafzimmer von Frau Dietering. Eines Tages sitzen die Freunde missmutig in der „Villa Dietering“ und überlegen gemeinsam, was sie mit dem angebrochenen Nachmittag noch machen sollen. Das Kostgeld ist schon längst aufgebraucht und auch verfügen sie über keinerlei finanzielle Reserven mehr. Vielmehr haben sie ihre Mittel für flüssige Nahrung eingesetzt. Da erscheint es wie ein Wunder, dass genau vor ihrem Gartenzaun ein Wagen anhält, der alkoholhaltige Getränke wie Wein liefert. Der Fahrer steigt aus, öffnet die Hecktür, entnimmt zwei Kisten Wein und trägt diese wertvolle Last zu einem benachbarten Haus. Diese Zeit nutzen die Jugendlichen, die nur auf so eine Chance gewartet haben. Ronald traut sich als erster, zum Lieferwagen zu gehen und zu prüfen, ob die Tür verschlossen ist. Ein Lächeln huscht um seine Lippen, als er bemerkt, dass die Tür nicht verschlossen ist. Er öffnet sie, schnappt sich eine Kiste teuren Wein und lässt sie hinter dem Wagen auf dem Straßenasphalt stehen. Nun beobachten die Jungs von drinnen durch die Fenster, was der Fahrer macht. Dieser steigt ein, startet den Motor und fährt los. Unter dem Jubel der Jugendlichen trägt Ronald triumphierend den Wein wie einen Goldschatz ins Haus. Die erste Flasche wird sofort geöffnet, der Abend ist gerettet und endet erwartungsgemäß erst spät in der Nacht. Am Vatertag fahren Mark Schulze und Friedrich mit dem Moped in der Gegend herum. Am S-Bahnhof, ihrem nach der „Fürsorge“ zweitwichtigsten Treffpunkt, sehen sie, dass sich dort eine konkurrierende Gang, die „Free Bikers“, versammelt haben. Das ist eine klare Provokation. Langsam nähern sie sich den schon schwer angetrunkenen Rockern und unterhalten sich zunächst ganz normal mit ihnen. Plötzlich verspürt Friedrich eine heftige Detonation am Kopf. Was ist passiert? Der hinter ihm stehende Biker Klaus hat ihm gerade einen harten Schlag auf sein rechtes Ohr versetzt und damit seine Mutprobe bestanden. Friedrich stößt einen Schmerzensschrei aus. Mehrere Gang- Mitglieder nähern sich ihnen. Mark hat keine Lust, das gleiche Schicksal wie sein Freund zu erleiden, startet die CB 50 und fährt davon. Zuhause angekommen, reibt sich Friedrich sein lädiertes Ohr und schwört Rache. Er bespricht mit Ronald den Vorfall und beide verständigen sich darauf, Ronalds Freund Bert Fichtner anzurufen und um Hilfe zu bitten. Sie treffen sich im Katholischen Jugendheim, wo an diesem Abend eine große Fete stattfindet. Klaus ist schon da. Bert geht breitbeinig und lässig auf ihn zu. Er nimmt ihn am Kragen: „Du wirst den kleineren und schwächeren Friedrich nicht noch einmal schlagen! Hast du mich verstanden?!“ „Hey, loslassen!“ „Ob du mich verstanden hast, will ich wissen?“ Er verstärkt den Druck auf seinen Kragen und zieht ihn langsam hoch. „Hör auf, bitte lass mich los!“ „Du entschuldigst dich jetzt bei dem Jungen, sonst setzt es was!“ Klaus blickt auf den Boden, als er seine Hand zur Entschuldigung Friedrich reicht. Ein Hochgefühl durchströmt ihn. Bert stößt den Nachwuchsbiker beiseite: „Verschwinde, aber schnell!“ Klaus sieht zu, dass er Land gewinnt. Nun kann ausgelassen gefeiert werden. Aber die Feierlaune und Hochstimmung hält nicht lange an, denn Klaus hat die Zeit genutzt und Verstärkung angefordert. Ein großer breitschultriger Mann betritt den Raum und steuert direkt auf den überraschten Bert zu: „Alter, was willst du? Hau ab, sonst knallt es und zwar fürchterlich!“ Bert sieht ein, dass er den Kürzeren ziehen würde, schleicht sich aus dem Jugendheim und verschwindet. Damit hat sich die Situation dramatisch verändert. Bevor sich die „Free Bikers“ sammeln, gelingt Ronald und Friedrich gerade noch einmal die Flucht. Aber auch Ernst, der um ein Jahr jüngere Bruder von Friedrich, macht aus der Ferne auf sich aufmerksam. Während seiner Klassenfahrt brechen er und einige Mitschüler einen Flipperautomaten auf und entwenden Geld. Daraufhin wird Ernst nach Hause geschickt. Zum Ende der Kurzeit will Ronald, der ältere Bruder von Friedrich, nicht mehr ganz nüchtern, seinen Freund Hubert mit dem fahrbereit in der Garage stehenden DAF 44 nach Hause bringen. Das Auto fährt mit seiner speziellen Variomatik rückwärts fast genauso schnell wie vorwärts, hat einen rostbraunen Anstrich, der wie Tarnfarbe anmutet und wird allgemein nur als „Knizzelpopp“ bezeichnet. Doch an der übernächsten Ecke verliert er die Kontrolle über das Fahrzeug und fährt gegen einen Baum. Die Insassen sind unverletzt und das Auto ist Schrott. Als ihre Mutter nach Hause kommt, freut sie sich schon die ganze Zeit über, ihren Wagen wieder in Augenschein nehmen zu können. Ernst und Friedrich versuchen ihr das auszureden, wissen sie doch, dass die Garage leer ist. Aber Frau Dietering lässt sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Ihre Söhne begleiten sie zur Garage. Ihre Mutter macht das Garagentor auf und bekommt einen Schreikrampf ob der gähnenden Leere, die sich ihr offenbart. Sie verlangt auf der Stelle Erklärungen. Da Ernst und Friedrich nicht in der Lage sind, diese abzugeben, werden sie davon gejagt. In diesem Moment kommt ihr älterer Bruder Ronald um die Ecke und winkt mit einem Scheck, ausgestellt vom Großvater. Für diese Art von Wiedergutmachung ist seine Mutter sehr empfänglich, versetzt es sie doch in die Lage, sich am Ende einen roten DAF 66 de Luxe zuzulegen. 

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In einem internationalen Rüstungsunternehmen. Vier Männer und eine Frau sitzen an einem großen Konferenztisch. Der Herr im schwarzen Anzug, der Vorsitzende des Internationalen Geheimen Lenkungsgrades (IGLR), die wichtigste, zugleich auch geheimste, Person der ganzen Welt, erläutert: „Unsere Waffen werden weiter nachgefragt. Der heilige Krieg in Syrien und im Irak erfordert auf allen Seiten neue Waffenlieferungen.“ Der Vertreter des Militärs, General John Stevenson, ergänzt: „Die Sunniten (unter der Führung von Saudi Arabien)kämpfen gegen die Schiiten (in der Hauptsache der Iran) und in Syrien kämpfen rund 100 Oppositionsgruppen gegen das Regime und gegeneinander. Die Islam Sturm Schutz Abteilung (ISSA) bekämpft die Schiiten und erhält seine Waffen aus Saudi Arabien, Katar und der Türkei und wird von den Schiiten, der GKK und den Türkkurdesch, der libanesischen Hisbollah sowie von der westlichen Allianz (neben den USA durch französische, russische, saudische, jordanische, emiratische u.a. Kampfflugzeuge) bekämpft.“ Der Journalist aus Großbritannien wirft ein: „Im schiitischen Iran wird weiter an der Atombombe gebaut. Das sunnitische Saudi Arabien finanziert Pakistan seine Atombombe.“ Die Dame im eleganten grauen Kostüm, Frau Baronin Caroline von Kuffdorf, Mitglied des NGLR, ergreift das Wort: „Ich weiß, ich weiß..., und die Taliban kämpfen in Afghanistan und in Pakistan gegen die Regierungstruppen. Das ist alles eine schöne Gemengelage, meine Herren, wichtig ist vor allen Dingen, dass der Waffenabsatz gesteigert wird und der ISSA seine Waffen mit dem syrischen Öl und Gas, sowie Lösegeldern aus Entführungen und Verkaufserlösen von antiken Kulturgütern bezahlen kann. Hierzu ist erforderlich, dass die Türkei den Ölschmuggel der ISSA durch ihr Land weiter toleriert. Ich bitte Sie hier um Ihre Unterstützung! Je länger dieser Bürgerkrieg dauert, desto mehr profitiert später die gesamte Weltwirtschaft vom Wiederaufbau.“ Der französische Geheimdienstchef berichtet: „Gestern ist die irakische Armee wieder vor der ISSA davon gelaufen und hat ihre Waffen, also unsere, zurückgelassen. Wir können nur hoffen, dass es der ISSA nicht gelingt, in den besetzten Gebieten in Syrien und im Irak die Islamische Nation zu errichten und von dieser Basis aus verstärkt Terroranschläge in die ganze Welt hinein zu tragen!“ Es klopft an der Tür. „Herein“, ruft der Chef der amerikanischen Rüstungsunternehmen, Henry Miller. Zwei hohe amerikanische Beamte treten ein. Der ältere von den Beiden, der stellvertretende Chef vom GIA (General Intelligence Administration), sagt mit leiser Stimme, um sich gebührend Gehör zu verschaffen: „Die Türkei fliegt Luftangriffe gegen die ISSA und die GKK! Die Amerikaner und ihre Verbündeten dürfen ab sofort die türkischen Flugplätze benutzen! Das letzte Attentat der ISSA in der Türkei mit über 30 zivilen Opfern war den Türken zu viel!“ Der jüngere Beamte, Chef des CSA, flüstert seine Botschaft in die Runde: „Wir haben gerade ein Telefongespräch zwischen den Präsidenten der USA und Russlands abgehört. Beide Länder beabsichtigen, im Kampf gegen die ISSA Bodentruppen nach Syrien, Libyen und in den Irak zu entsenden. Der Abschuss des russischen Passagierflugzeuges mit über 200 Toten durch die ISSA hat die Russen auf den Plan gerufen. Ziel ist jetzt die Vernichtung der ISSA! Russland fürchtet zudem die Terroranschläge bedingt durch die Rückkehr der ISSA - Dschihadisten aus Zentralasien und dem Kaukasus in ihre Heimat, die sich zurzeit in Syrien und im Irak befinden. In der Nächsten Woche sollen auch Gespräche der Allianz mit China beginnen. Die Chinesen wollen Vergeltung für ihren von der ISSA enthaupteten Landsmann!“ Der Vorsitzende des IGLR beendet die Zusammenkunft mit den folgenden Worten: „Jetzt ist die ISSA zu weit gegangen, er hat sich mittlerweile mit der ganzen Welt angelegt und ihr Ende selbst eingeleitet!“ 

22

Er wacht am späten Morgen auf. Sie ist schon weg. Dabei sehnt er sich so sehr nach ihrer körperlichen Nähe. Die Nacht war ein Wahnsinn. So etwas hat er noch nicht erlebt. Aber nun ist sie nicht mehr da. Plötzlich fällt ihm ein, dass sie noch gar nicht über die „NGLR“, den eigentlichen Grund ihrer Zusammenkunft gesprochen haben. Eigentlich hat er auch keine Lust dazu. Es gibt Wichtigeres zu tun. Als er sich die Geschehnisse wieder in Erinnerung ruft, hält er es doch für erforderlich, mit ihr über die Angelegenheit „NGLR“ zu sprechen. Friedrich muss sich beeilen, zur Arbeit zu kommen. Er ist heute spät dran. Nach fünfunddreißig Minuten erreicht er das Büro der Friedhofsverwaltung. Am Fenster stehend, trinkt er seinen Morgen-Kaffee und blickt auf die Friedhofsanlage hinaus. Da sieht er einen seiner Mitarbeiter, der eine Urne in den Händen hält und sich den Mülltonnen nähert. In diesem Moment weiß Dietering, was sein Kollege vorhat. Er wird doch nicht, aber er tut es doch. Der Friedhofsarbeiter öffnet die Urne und die Mülltonne und schüttet den Inhalt, die Asche, etwa zur Hälfte in den Müllbehälter. Das gibt es doch gar nicht. Wenn er es nicht selbst gesehen hätte, würde er es nicht glauben. Der Mitarbeiter macht sich auf den Weg zum Urnenraum, in dem die Urnen bis zur Bestattung aufbewahrt werden. Friedrich öffnet das Fenster und ruft: „Hallo Günther, kommst du mal bitte zu mir?!“ Günther schreckt zusammen und braucht eine kleine Ewigkeit, sich zu sammeln und zu antworten: „...Ja..., Chef, ich komme gleich!“ Eine Minute später steht er in Friedrichs Büro, die Urne immer noch in den Händen haltend. „Ich bin schockiert, Günther! Warum tust du so etwas?“ „Die Urne ist immer so schwer, wenn ich sie von der Bestattungsfeier in der Kapelle bis zum Grab tragen muss.“ „Das kann doch nicht wahr sein, es handelt sich höchstens um ein paar Gramm Gewicht! Günther, das ist hier kein Spaß mehr! Was soll ich nur mit dir machen? Es handelt sich um einen Straftatbestand, nämlich die Störung der Totenruhe! Ich muss wohl deine Kündigung aussprechen, Günther! Der Friedhofsarbeiter schweigt, er ist nicht in der Lage, zu antworten. Sein Gesichtsausdruck ist starr und von einer gewissen Blutleere gezeichnet. Er bewegt sich nicht. Erst, als er zum zweiten Mal vom Friedhofsverwalter angesprochen wird, reagiert er und schüttelt den Kopf. Immerzu. „Was sagst du dazu, Günther?“ Wieder nichts. Der große kräftige Mann fängt an zu weinen. Sein Schluchzen wird immer lauter. Friedrich lässt ihn gewähren: „Wir reden morgen weiter!“ „Ist gut, Chef!“ Er verlässt das Büro. Dietering kann endlich damit beginnen, die Vorgänge, die sich auf seinem Schreibtisch angesammelt haben, zu bearbeiten. Die Mittagspause lässt er heute ausfallen. Nach drei Gesprächen mit Kunden, die sich ihre Grabstelle aussuchen, macht er Feierabend und fährt direkt zum Hotel „Exklusiv“. Er sucht sich einen Parkplatz, von dem er den Eingangsbereich des Hotels einsehen kann und wartet auf sie. Er kennt ja noch nicht einmal ihren Namen, obwohl  sie schon miteinander geschlafen haben in dieser magischen Nacht. Wie sie wohl heißen mag? Sarah, Simone oder Susi? Vielleicht heißt sie auch Gabi oder Daniela? Na ja, er wird es bald wissen. Spätestens heute Abend, so hofft er. Er hat Mühe, die Augen auf zu halten. Die Nacht war etwas kurz gewesen. Aber er hat Glück. Da ist sie! Friedrich verlässt sein Auto und steuert direkt auf sie zu. Seine neue Freundin trägt wieder eine enganliegende Jeans und eine weiße Bluse. Sie will an ihm vorbeigehen, er stellt sich ihr in den Weg. „Lass mich in Ruhe! Verschwinde“, zischt sie ihm entgegen. „Was soll der Quatsch? In der Nacht hast du noch ganz anders mit mir gesprochen!“ „Das ist vorbei! Es gibt kein nächstes Mal!“ „Aber warum denn? Was habe ich dir getan?“ „Nichts! Ich habe nur wegen dir einen Menschen erschossen!“ Sie stützt ihren Kopf mit den Händen ab, als ob sie erst jetzt die gesamte Tragweite ihres Handelns erkannt hätte. „Ich fürchte, du hast ihn nur angeschossen und nicht einmal schwer verletzt.“ Er hält sie fest und zerrt sie zu seinem Wagen. „Lass mich gehen! Es war nie was zwischen uns“, kreischt sie so laut, dass sich die anderen Passanten schon nach ihnen umdrehen. Dietering hält ihr den Mund zu, öffnet die Beifahrertür und stößt sie hinein. Er fährt mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Innenstadt, bis er schließlich in einer Sackgasse einparkt. 

23

In den Bergen von Kolumbien sitzen die Drogenbosse zusammen und versuchen, eine Klärung über die Festlegung der Produktions- und Exportquoten für Kokain auf dem Weltmarkt herbeizuführen. Es geht hoch her und lange Zeit ist eine Einigung nicht in Sicht. Zumal ihr Verhandlungsergebnis noch mit der kolumbianischen Regierung, den Amerikanern und den wichtigsten europäischen Nationen abzusprechen ist. Einige Kolumbianer können den Hals nicht voll genug kriegen, man sieht deutlich die Dollarzeichen in ihren blauen Augen. Im Nebenraum sitzen Vertreter der westlichen Geheimdienste mit Kopfhörern und hören alles und jeden ab, der mit diesem Drogenkartell in Kontakt gerät. Sie haben für diese geheimdienstliche Maßnahme die Erlaubnis des Vorsitzenden des Kartells. Dieser ergreift das Wort: „Liebe Freunde, wir sollten uns rasch einigen! Um den Preis stabil zu halten, bedarf es einer Drosselung der Herstellung, um das gestiegene Angebot bei gleichbleibender Nachfrage wieder zu begrenzen. Anderenfalls haben wir einen deutlichen Preisverfall zu beklagen. Und das wollen wir doch alle nicht?! Weniger Geld für die gleiche Arbeit?!“ „Nein!“, ertönt es laut aus 20 Kehlen. Nach dem offiziellen Teil des Zusammentreffens erfolgt wie immer das Vergnügen. Es gibt Rum aus Fässern und leicht-bekleidete Frauen, die den Drogenbossen zu Diensten sind. Dazu wird ein opulentes Festmahl serviert. Am Abend sitzen Vertreter der Geheimdienste unten im Dorf bei einem Drink an der Bar in einer Bodega zusammen. Ein hoher Beamter des DND spricht mit seinem Kollegen aus England: „Am nächsten Montag kommt eine größere Lieferung Kokain mit dem deutschen Frachtschiff „Kieler Hafen“ nach Newcastle. Ihr findet den Stoff in einer blauen Reisetasche zwischen den Bananenkisten.“ Der Engländer antwortet: „Prima, dann können wir mal wieder eine Sendung hochgehen lassen und alle freuen sich!“ Das Handy des Deutschen klingelt. Der Chef des Landeskanzleramtes ist dran: „Na, wie ist es gelaufen?“ „Gut, Herr Landeskanzleramtsminister, die Quoten stehen!“ „Sehr gut, Müller, damit können sich unsere Eliten ausreichend und zu einem fairen Preis mit dem Koks versorgen und ihre Arbeit für unser Land und unsere Sache tun. Müller, ich werde Sie bei der nächsten Beförderung berücksichtigen! Besten Dank noch einmal!“ „Nicht dafür, Herr Minister! Vielen Dank!“ 

24

Sie nennen sich die DTJ, die Deutsche Trinkerjugend und fahren mit ihren Mopeds durch die Gegend. Die Jugendlichen, zwischen 16 und 17 Jahre alt, treffen sich meistens im Keller der Dieterings. Dort trinken sie sich Mut an, indem sie einen 2-Liter-Stiefel aus Glas, gefüllt mit Bier, herumgehen lassen. Diesen Stiefel haben sie bei einer Party erbeutet. Die DTJ wird magisch von Jugendherbergen angezogen, denen sie des Öfteren einen Besuch abstatten. In Erwartung junger Mädchen parken sie ihre Mopeds vor dem Gebäude und verwickeln deren männliche Begleitung in einen Streit: „Hast du mal ne Zigarette, sonst knallt es?!“ Und schon finden sich die Fäuste von Vertretern der DTJ in den Gesichtern der Kontrahenten wieder. Heute Abend tut sich zum ersten Mal Friedrich hervor. Nach einer kurzen Schlägerei machen sich die Jungs wieder auf den Rückweg. Durch die warme Sommerluft der Dunkelheit führt sie ihr Weg nach Hause. Im Keller der Dieterings findet eines Tages im Winter eine Feier von Friedrichs Gymnasial-Klasse statt. Die DTJ ist dabei, die Klassenkameraden sind verwundert. Der Raum leert sich relativ schnell, so dass Friedrich und seine Freunde bald unter sich sind und sich langweilen. Da geht die Tür auf und der Klassenkamerad Max Butow tritt ein. Irritiert, dass nur noch Friedrich aus seiner Klasse anwesend ist, vermag er in diesem Moment zu ahnen, dass die ganze Angelegenheit sich an diesem Abend ungünstig für ihn entwickeln könnte. Und so kommt es auch. Zunächst geben sich die Vertreter der DTJ noch Mühe, zu Max freundlich zu sein. Doch das ändert sich schnell. Einer fängt an, Butow mit Bier zu begießen. Die Anderen folgen ihm. Etliche Flaschen und Gläser werden über seinem Kopf entleert. Max ergreift die Flucht. Die DTJ hinterher. So schnell er kann, rennt Butow, das Mathematik- und Physikgenie, aus dem Kellerraum, die Treppe in den Garten bis zur Eingangspforte. Ständig begleitet von Treffern seiner Gegner, die ihm Bier und Brause verabreichen. Er hat Glück im Unglück, dass es ihm gelingt, die Gartentür rasch aufzustoßen und auf die Straße zu fliehen. Die Mitglieder der DTJ geben den Kampf noch nicht verloren und beginnen nun, den armen Flüchtling mit Bierflaschen zu bewerfen. Max holt das Letzte aus sich heraus und schafft es tatsächlich, die Meute auf Distanz zu halten. Er hört um sich herum die Glasflaschen auf dem nassen Asphalt aufschlagen. Sein Endspurt gibt ihm Gewissheit: Butow ist seinen Verfolgern entkommen. Max rennt vorsichtshalber bis zur Bushaltestelle, um nicht riskieren zu müssen, wieder in Kontakt mit der DTJ zu geraten. Aber als der Bus kommt, vor ihm anhält und die Tür aufgeht, entweicht ein starker Alkoholgeruch aus seiner Kleidung und der Busfahrer verbietet ihm naserümpfend, in den Bus einzusteigen: „Du hast wohl mehr als einen über den Durst getrunken?! Betrunkene darf ich grundsätzlich nicht mitnehmen. Lauf nach Hause, damit du wieder nüchtern wirst!“ Und so geschieht es dann auch. Butow läuft bei eisiger Kälte den weiten Weg von Hermsdorf nach Frohnau zu Fuß in seiner nach Alkohol stinkenden Kleidung. Erleichtert erreicht er schließlich sein Zuhause und ist froh, das gerade erlebte Martyrium überwunden zu haben. Sein Name wird berühmt. Ähnliche Feten werden nach ihm benannt und man spricht in einschlägigen Kreisen von einer Butow-Fete. Die Klassenkasse wird bei dieser Gelegenheit auf den Kopf gehauen. Eine Abrechnung gibt es nicht. Die restlichen Alkoholika werden von der DTJ aufgebraucht und Pfandgelder einbehalten. An einem schönen Sommertag trifft sich die DTJ im Tegeler Fließtal. Sie haben etwas abseits von den Hauptwegen ein hübsches Plätzchen zum Biertrinken gefunden und genießen die freie Natur des Urstromtales. Aus Langeweile veralbern sie vorbeigehende Spaziergänger und sprechen sie mit Vornamen wie Otto und Erwin oder wie folgt an: „Hey, Opa! Komm doch mal her!“ und: „Hey, Oma! Komm doch mal rüber!“ Während die meisten Angesprochenen leicht verärgert sind und nicht reagieren, scheint ein Paar Interesse an einer Unterhaltung zu haben. Es nähert sich jedenfalls unbeeindruckt den Jugendlichen, die den älteren Mann und die Dame mit dummen Sprüchen begrüßen. Die Jungs werden von großer Vorfreude erfasst, als sie merken, dass das Paar direkt auf sie zusteuert. Erst im letzten Moment, um Schlimmeres zu vermeiden, erkennt die Jugend, wen sie vor sich haben: Es handelt sich um den Ersten Bürgermeister von Berlin, Heinrich Blubbe, und seine Ehefrau. Nicht, dass die Jugendlichen nun vor Ehrfurcht erstarren würden, ist die große Klappe zunächst nicht mehr da, so dass der Bürgermeister, wie er es wohl in seinem Alltag gewohnt ist, die Gesprächsführung übernimmt: „Was für eine Ausbildung macht ihr denn, Jungs?“ Bevor jemand antwortet, wird dem Rathauschef ein Bier angeboten. Er greift zu und wiederholt seine Frage. Mit dieser unerwarteten Geste der Freundschaft macht sich der Bürgermeister beliebt bei den Jugendlichen, die nun gewillt sind, über ihre Ausbildung Auskunft zu geben. Mark Schulze: „Industriekaufmann!“ Christoph Terzel: „Koch!“ Friedrich Dietering: „Abitur!“ Ernst Dietering: „Fleischer!“ Franz Lechner: „Konditor!“ Dieter Bettgert: „DTJ!“ „Wofür steht die Abkürzung?“, will der Regierende wissen. Dieter Bettgert: „Deutsche Trinkerjugend!“ „Dir werde ich helfen!“ Die Runde lacht. „Es ist ja sehr schön, dass jeder von euch einen Ausbildungsplatz hat oder noch zur Schule geht“, resümiert der Bürgermeister und freut sich, dass es seinen Untertanen offenbar gut geht. Mit den Worten: „Danke für das Bier, Jungs!“, verabschiedet er sich von der DTJ. Seine Personenschützer, die die ganze Zeit über mit Ferngläsern hinter Bäumen und Büschen gestanden oder gehockt und die Szenerie beobachtet haben, die Hand an der Waffe, atmen auf, ist doch der direkte Kontakt mit dem Jungvolk sehr glimpflich verlaufen. 

Details

Seiten
250
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738902488
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
macht thriller
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Titel: Die geheime Macht: Thriller