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Wo man dich begräbt: Roman

2016 400 Seiten

Leseprobe

Wo man dich begräbt: Roman

Steven W. Kohlhagen

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Wo man dich begräbt

(WHERE THEY BURY YOU)

Roman von Steven W. Kohlhagen

Der Umfang dieses Buchs entspricht 463 Taschenbuchseiten.

Joseph Cummings, Provost Marshal von Santa Fé, wird eines Tages in der Nähe eines Arroyos tot aufgefunden. Der Scout Kit Carson stellt fest, dass Cummings aus dem Hinterhalt von einem Indianer getötet wurde - und dass er 5.000 Dollar bei sich hatte.

Aus diesen historischen Fakten hat Steven W. Kohlhagen einen Roman über einen mysteriösen Mord geschrieben, in den eine Bande von Trickbetrügern verwickelt ist. Sie planen weitere Verbrechen, und die Armee kann nur wenig dagegen unternehmen. Denn die Soldaten kämpfen an mehreren Fronten. Einmal gegen General Henry Sibleys Texanerbrigaden, und gegen mehrere Indianerstämme: Apachen, Utes und ganz besonders die Navajos. Ein Kampf, dessen Ausgang zumindest 1863 noch völlig ungewiss ist.

Der Roman ist ein grandioses episches Werk vor einem sorgfältig recherchierten historischen Hintergrund. Ein Muss für jeden Western-Leser!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Vicki Ahl/ Veronica Zhu/Sunstone Press/Santa Fee, 2016

Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Quintus

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Für Gale und für Tassie, Cheyenne, Whiskey

Vorwort

Cowboys, Indianer und der Westen beschäftigen schon lange die Phantasie der Menschen und sie bilden einen wesentlichen Teil ihrer Vorstellung von Amerika. Im Juli 1861 drang der Bürgerkrieg in diese Welt der Cowboys und Indianer ein und bestimmte ihr Leben neun qualvolle Monate lang in den Territorien von New Mexico und Arizona.

Hampton Sides hat die beste und unterhaltsamste, nicht-fiktionale Darstellung dieser Periode in seinem ausgezeichneten Buch „Blood and Thunder“ geschrieben. Während ich dieses Buch las, geschah etwas Merkwürdiges, das mich in meinen eigenen Nachforschungen antrieb. In meiner Suche im Nationalarchiv fand ich Briefe von Kit Carson, die bestätigten, dass am 18. August 1863 während des Feldzuges gegen die Navajos „...(ich) vom Tode des tapferen und beklagten Major Joseph Cummings hörte), der fiel, weil ein versteckter Indianer ihn durch einen Schuss in den Unterleib tötete.“

Cummings‘ Militärakten berichten, dass er $ 4.205,78 in Bargeld und andere Gegenstände im Wert von $ 826 mit sich führte. Die Army versteigerte die Wertgegenstände. Je nachdem, wie man die Summe berechnet, entsprechen die $ 5.032 einem Wert, der heutzutage zwischen $ 700.000 und $ 1.000.000 liegt. Das soll der Besitz eines soeben ermordeten U.S. Majors gewesen sein? Wer war denn dieser Mann?

Ich forschte weiter im Nationalarchiv und in Dutzenden von Publikationen zu dieser Periode. Darunter war ein wichtiges Buch von Jacqueline Dorgan Meketa, „Legacy of Honor. A Nineteenth-Century New Mexican“, das auf den Memoiren von Chacon beruht und aus dem ich eine ganze Menge über Cummings erfuhr. Es hat mir zudem vieles über Augustyn P. Damours und Rafael Chacon vermittelt.

In meinen Forschungsergebnissen kam ich zu der Erkenntnis, dass Kit Carson sich geirrt haben musste. Carson selbst, die U.S. Army, der Franziskanerorden und die Territorialregierung von New Mexico waren alle sowohl von Damours wie auch Cummings hinters Licht geführt worden. Cummings, der meiner Meinung nach nicht von einem „versteckten Indianer“ getötet worden war, war von der Army entsandt worden, um Damours aufzuspüren und die verschwundenen Gelder zu finden.

Und darin steckt eine Geschichte.

Dieses Buch ist ein Roman. Er besteht aus einer nacherzählten Version der tatsächlichen, geschichtlichen Ereignisse. Soweit es möglich ist, habe ich mich an die Geschichte der Apachen, Navajos, Bürgerkriegssoldaten und der Einwohner des Territoriums von New Mexico gehalten. Der Roman bezieht sich auf den Zeitraum vom Beginn des Jahres 1861 bis zu Cummings Tod am 18. August 1863. Viele der geschichtlich belegten Persönlichkeiten lebten noch nach dem Mord an Cummings, und darum habe ich kurze Biographien in den historischen Anmerkungen am Schluss des Buches eingefügt. Der Bürgerkrieg, die Kriege mit den Apachen und Navajos, die entsetzlichen Verbrechen, die von vielen dieser historischen Persönlichkeiten begangen wurden, sind so realistisch dargestellt worden, wie das im Rahmen eines Romans möglich ist.

Ich glaube überhaupt nicht, dass Joseph Cummings von einem versteckten Indianer in einem Arroyo, einem ausgetrockneten Bachbett, unweit des Hubbell Trading Post bei Ganado, Arizona, getötet wurde. Alle Handlungen und Motive der Charaktere in diesem Buch, die schließlich zu Cummings‘ Tod führten, sind notwendigerweise spekulativ und Teil einer Erzählung. Aber sie stehen im Zusammenhang mit dem, was mit den Menschen zu jener Zeit und an jenem Ort geschah. Alle Irrtümer meinerseits, Veränderungen von tatsächlichen Ereignissen und Personennamen, was der Erzählung ein größeres Gewicht verleihen soll, und das Zusammenspiel von erdachten und tatsächlich existierenden Personen sollten von den Historikern und Forschern zum Bürgerkrieg und zum Leben der Cowboys und Indianer nur als Teil einer Fiktion angesehen werden. Um nur ein Beispiel zu nennen:  Die Schlacht von 15. und 16. Juli zwischen den Apachen und den kalifornischen Freiwilligen am Apache Pass ist auf einen Tag komprimiert worden.

Ich möchte meinen beiden Lektorinnen Jennifer Fisher und Marjorie Braman danken, dass sie trotz meiner angeborenen Sturheit durch ihre Anregungen das Buch glücklicherweise viel besser und unglücklicherweise viel kürzer gemacht haben. Ich möchte auch Barry Goldman für seine Hinweise zum Baseball danken und Ron Star dafür, dass ich mich nicht in dieser Grauzone verlaufen habe. Die Geduld meiner Frau Gale bei den als Besichtigungstouren getarnten Forschungsreisen durch New Mexico und Arizona und ihre sehr nützlichen Kommentare haben dieses Buch möglich gemacht.

“You can fool some of the people some of the time, and some the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.“

„Man kann einige Zeit lang viele Menschen zum Narren halten, man kann manche Menschen lange Zeit zum Narren halten, aber man kann nicht alle Menschen die ganze Zeit zum Narren halten.“

Abraham Lincoln, Augustyn P. Damours, P.T. Barnum u. a.

Personen der Handlung

(in der Reihenfolge ihres Auftretens)

Historische Personen:

Cochise: Häuptling der Chiricahua-Apachen.

Dos-teh-seh: Cochises Frau.

Naiche: Cochises und Dos-teh-sehs vierjähriger Sohn.

Mangas Coloradas: Häuptling des Mimbre-Clans der Chiricahua-Apachen. Dos-the-sehs Vater und deshalb Cochises Schwiegervater.

Augustyn P. Damours: Spieler, Betrüger im Territorium von New Mexico.

Joseph Cummings: Spieler, Frauenheld, bekannt überall im Westen.

George Bascom: Leutnant der U.S. Army, der im Territorium von Arizona seinen ersten dienstlichen Einsatz hat, nachdem er West Point absolviert hat.

John Ward: Rancher in Arizona.

Coyuntura: Chiricahua-Apache, Cochises Bruder.

Geronimo: Chiricahua-Apache, gehört dem Bedonko-Clan an.

Sylvester Mowry: Geschäftsmann aus Arizona, Minenbesitzer in der Gegend von Tucson, Patagonia und Tubac.

Nahilzay: Chiricahua-Apache.

Loco: Chiricahua-Apache.

Kit Carson: Jäger, Forscher, Trapper, Abenteurer, Indianerkämpfer, Kundschafter und Offizier der U. S. Army. Einer der größten Helden des amerikanischen Westens.

Josefa Carson: Kit Carsons Frau in Taos, New Mexico.

Kaniache: Häuptling der Mouhache oder Muache (Ute-Stamm).

Tom Jeffords: Fahrer für die Butterfield-Postgesellschaft; Kundschafter.

Edward S. Canby: Major der U.S. Army im Territorium von New Mexico.

Rafael Chacon: Captain der Freiwilligenarmee von New Mexico.

John Baylor: Colonel der konföderierten Armee; Kommandeur der Vorhut der texanischen Freiwilligenarmee.

Pater Ussel: Katholischer Priester in Taos, New Mexico.

Moses Carson: Kundschafter, Halbbruder von Kit Carson.

Felix Ake: Rancher aus Arizona.

Henry S. Sibley: General der konföderierten Armee; Kommandeur der Freiwilligenarmee von Texas und der konföderierten Armee von New Mexico.

Thomas Green: Colonel der konföderierten Armee; zweiter Kommandeur der Freiwilligenarmee von Texas.

John Chivington: Major der Freiwilligenarmee von Colorado.

Ferdinand „Lon“ Ickis: Gefreiter des Zweiten Regiments der Freiwilligenarmee von Colorado.

James H. Carleton: Colonel: Kommandeur der kalifornischen Freiwilligenarmee.

Joseph West: Colonel und zweiter Kommandeur der kalifornischen Freiwilligenarmee.

Jack Swilling: Geschäftsmann aus Arizona und Offizier der Arizona Guard.

John Slough: Major der Freiwilligenarmee von Colorado.

Ben Wingate: Captain der U.S. Army.

Charles Pyron: Major der texanischen Freiwilligenarmee.

William Scurry: Colonel der texanischen Freiwilligenarmee.

Tom Roberts: Captain der kalifornischen Freiwilligenarmee.

John Cremony: Captain der kalifornischen Freiwilligenarmee.

Victorio: Chiricahua-Apache.

Pater Guerrero: Katholischer Priester in San Miguel.

Albert Pfeiffer: Captain der Freiwilligenarmee von New Mexico, Indianeragent für die Utes.

Cadete: Häuptling der Mescalero-Apachen.

Delgadito: Navajo-Häuptling.

Barboncito: Navajo-Häuptling.

Fiktive Personen:

John Arnold: Captain der U.S. Army, in den Territorien stationiert.

Lily Smoot: teilt u. a. in Pokerspielen die Karten aus.

Jim Danson: Spieler, Betrüger, ehemals Goldgräber in Kalifornien.

Sergeant Wilson: Sergeant der U.S. Army im Arizona-Territorium.

Yellow Horse: Häuptling der Jicarilla-Apachen.

Red Cloud: Ein Häuptling der Mouhache, Muache, (Ute-Stamm).

David Zapico: Besitzer eines Ladens in Santa Fe und Geschäftsmann.

Pepper: Prostituierte und Bankräuberin in Santa Fe.

Angela: Bankräuberin in Santa Fe.

Sarah Zapico: Ehefrau von David Zapico.

Teil I

Die neuen Territorien

1

3. Januar 1861

„Ich kann es nicht glauben. Sie ist ja pünktlich“, sagte Captain John Arnold und sah auf seine Uhr.

Er und alle anderen beobachteten, wie die Butterfield- Postkutsche von Westen her auf Apache Pass zuraste und dann an der Station anhielt. Seit zehn Jahren lag eine große Trockenheit über den Gebieten von Arizona und New Mexico, und der Staub legte sich auf die Kutsche, die Pferde und die Reisenden und hing in großen Wirbeln über allem. Die Butterfield Overland Mail Coach, die Postkutschengesellschaft, die von Wells Fargo betrieben wurde, transportierte Reisende und Post  zwischen San Francisco und St. Louis. Apache Pass und Apache Springs waren üblicherweise Haltepunkte zwischen Tucson und El Paso.

Wie immer half jedermann im Ort den Fahrern und den Passagieren, meist um neue Nachrichten und Klatsch aufzuschnappen. Und heute, um einen Blick zu werfen auf die schöne junge Frau, die aus der Kutsche stieg.

Sie war zierlich und sehr attraktiv. Tiefschwarzes Haar in einem Knoten unter der Haube zusammengefasst. Gute Figur. Mitte zwanzig. Nachdem Arnold ihr aus der Kutsche geholfen hatte, stiegen noch drei Männer aus, die niemand beachtete.

Sie sah sich um. Sah die sechs Indianer, die neben einem Holzstapel standen und zu denen eine Frau und ein Kind gehörten. Dann wandte sie ihren Blick zu Arnold.

„Captain, wissen Sie, wie lange wir hier bleiben? Und Sie können mir sicherlich sagen, wo wir hier genau sind.“

Sie setzte ihre Hände auf ihre Hüften und sah ihn sich genauer an. Er war sechs Fuß groß, vielleicht ein wenig größer, ein durchtrainierter, erfahrener Soldat mit grauem Bart und grauen Haaren unter der Mütze.

„Wissen Sie, Miss, eigentlich habe ich hier nicht das Kommando, aber ich glaube, die Postkutsche von Tucson hält hier für eine halbe Stunde oder so. Und das hier ist Apache Pass.“

Sie ließ ihren Blick schweifen. Eine große Wiese, dahinter einige Weiden und eine Baumgruppe im Osten. Grasende und trinkende Pferde bei den Bäumen. Dort war wohl eine Quelle, weil es keine erkennbare Vegetation oberhalb dieses Ortes gab. Hohe, weit entfernte Berge im Süden, Hügel mit bedrohlich wirkenden Kakteen links und rechts der Straße, die in vielen Kurven hinter einem Hügel verschwand. Jeder starrte sie an, nur nicht die Indianer, die jetzt wieder Holz hackten. Zwei der Männer erklärten dem kleinen Jungen etwas.

„Wofür sind Sie denn verantwortlich, Captain?“, sagte sie, nur um in diesem gottverlassenen Nest ein Gespräch in Gang zu bringen.

Er lächelte. „Mein Name ist Arnold, Miss. Captain John Arnold, U.S. Army. Ich befehlige diese Soldaten. Wir sind ein Spähtrupp aus Fort Buchanan. Ungefähr eine Woche zu Pferd von hier“, sagte er und zeigte hinüber zum Hügel rechts des großen Berges. Nach Süden und Westen.

Sie blickte dahin, zu einem Punkt direkt oberhalb der Indianer.

„Und wer sind die?“ Sie deutet mit ihrem Kopf zu den Indianern. „Sie haben wohl keine Angst vor Ihnen, Captain?“

Er lachte. „Kommen Sie, ich stelle Sie vor. Der Große ist Cochise, ihr Häuptling. Die Frau ist seine Ehefrau. Und sein kleiner Sohn hier spielt gerade mit dem Beil.“

Sie wirkte nachdenklich. Die Indianer, die sie gesehen hatte, waren meist nackt gewesen, aber dieser Apache war, na ja, er war beindruckend groß. Sie hatte nicht gewusst, dass es so große Indianer gab. Er war sogar größer als Arnold.

Dann fiel ihr auf, dass Arnold stehen geblieben war und sie ansah. „Entschuldigen Sie, Miss.“

„Ja, Captain“.

„Ich kann Sie Cochise und seiner Frau erst vorstellen, wenn Sie mit Ihren Namen gesagt haben.“

„Stimmt, Captain. Gehen wir.“

Sie ging direkt hinüber zu Cochise und ohne zu zögern, streckte sie dem regungslos wirkenden Chiricahua-Häuptling die Hand entgegen.

„Ich heiße Lily Smoot. Warum hackt denn ein so berühmter, blutdürstiger Apache Holz für eine Postkutschengesellschaft?“

Cochise legte den Kopf auf die Seite und verneigte sich, seine Frau hingegen lachte vergnügt. „Glauben Sie alles, was man über mich sagt?“

„Eigentlich glaube ich nichts, was Männer mir sagen“, antwortete sie.

Das brachte nun die Soldaten zum Lachen, und auch Arnold wirkte amüsiert.

Lily ging zu Cochises Frau. „Ich bin Lily Smoot. Wie alt ist denn Ihr kleiner Sohn?“

„Er heißt Naiche und er ist vier.“ Sie schüttelte Lilys ausgestreckte Hand. „Mein Name ist Dos-teh-seh. Mein Mann hackt Holz für die Postkutschen-Station, weil er zeigen will, dass wir friedliche Absichten haben und auch, um sich für die Nahrungsmittel für unseren Stamm zu bedanken.“

„Ist er zu scheu um mir das selbst zu sagen?“

„Nein“, sagte Cochise. „Aber ich habe noch nicht oft mit weißen Frauen zu tun gehabt, die mir so offene Fragen stellen.“

„Gestatten Sie mit, Cochise, dass ich mit Dos-teh-seh und Naiche hinüber zur Quelle gehe?“

„Sie brauchen meine Erlaubnis nicht. Sie zeigen Ihnen sicher gerne Apache Springs.“

Lily nahm Naiches Hand und führte ihn hinüber zur Postkutsche. Sie kletterte mit ihm in den Wagen. Als sie ausstiegen, hielt der Junge eine kleine holzgeschnitzte Hundefigur in beiden Händen. Er trug sie die ganze Zeit mit sich, während er mit den Frauen zur Quelle und zurück ging.

Als sie wieder an der Station waren, wandte sich Lily an Cochise.

„Vielen Dank, dass wir zusammen dahin gehen durften, Cochise. Sie haben eine tolle Familie.“

Er zuckte mit den Schultern und sagte: „ Ich habe nichts getan, Miss Smoot. Sie haben die beiden eingeladen. Ich sollte Ihnen dafür danken, dass Sie so nett zu Dos-teh-seh sind.“

„Wie lange hält der Friede hier denn schon an?“

„Drei Winter.“

Sie schüttelte seine Hand, nickte den drei Apachen zu und ging zu Arnold.

„Ich glaube nicht, dass meine Freundinnen in Virginia City oder Tucson mir glauben würden, wenn ich ihnen erzählte, was gerade passiert ist.“

„Ich habe zugesehen und ich kann es auch nicht glauben. Sie sind wohl die erst weiße Frau, mit der er jemals gesprochen hat. Was haben Sie denn in Virginia City gemacht, wenn ich fragen darf, Miss Smoot?“

Sie bemerkte, dass sie etwas falsch gemacht hatte und ihr war klar, dass sie mit diesem Soldaten wohl keine Freundschaft schließen würde. „Nichts Besonderes, Captain. Ich habe Pokerkarten ausgegeben. Eigentlich war ich nur auf der Durchreise.“

„Wohin?“

„Sie stellen einer Dame ganz schön viele Fragen, Captain. Hat man Ihnen in West Point keine Manieren beigebracht?“

„Ich war nicht in West Point, Miss Smoot, und es tut mir leid, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Diese neuen Gebiete sind kein guter Ort für eine Dame auf der Durchreise. Aber es beeindruckt mich, wie selbstbewusst Sie auftreten. Revolverhelden die Karten auszuteilen und ihnen Drinks zu servieren, härtet wohl ab.“

Sie lachte, als er die Finger an die Mütze legte. „Sie haben mich nicht beleidigt, Captain Arnold. Und ich bin auch nicht wirklich nur auf der Durchreise. Schön, Sie getroffen zu haben. Aber Sie kehren ja dorthin zurück.“ Und sie deutete dorthin, wo er ihr Fort Buchanan gezeigt hatte, nach Südwesten. „Und in etwa fünf Minuten fahre ich dorthin.“ Sie wies in die entgegengesetzte Richtung. „Es war mir ein Vergnügen.“

Als sie sich umwandte um zur Kutsche zurückzukehren, tat es ihr leid, wie sie den alten Offizier behandelt hatte. Er hatte wirklich nichts Böses gewollt.

„Captain, sagen Sie, lebt Cochise wirklich in Frieden mit uns?“

„Schwierig. Cochise ist der Häuptling der Chiricahua- Apachen. Seine Leute leben dort drüben.“ Er wies zum Berg im Süden. „In den Chiricahua-Bergen. Und im Fort Dragoon etwa vierzig Meilen westlich von hier.“

Er schwieg für einen Augenblick um sicher zu gehen, dass die Apachen nicht zuhörten.

„Sie haben sich ihren Lebensunterhalt, wie sie das nennen, damit verdient, dass sie in Mexiko gestohlen haben und ihre Beute hier für ihre Versorgung eingetauscht haben. Die Gewehre und die Munition haben sie behalten und sie besorgen sich noch weitere, von den Waffenhändlern in Mexiko und hier. Sie haben auch hier geplündert, aber die Armee hat ihnen das schwer gemacht. Die Apachen haben einen völlig verrückten Hass auf alle Mexikaner. Vor fünfzehn Jahren hat ein Kopfgeldjäger Cochises Vater in Mexiko getötet, aber er hat das aus praktischen Erwägungen hingenommen.“

„Aber warum glauben dann alle, dass die Apachen immer noch im Krieg mit uns liegen?“

„Die hier sind bloß die Chiricahua-Apachen. Die Mescaleros östlich von hier und die Mimbres, die Gilas im Norden sind andere Apachenstämme. Cochises Schiegervater, der Vater von Dos-teh-seh- heißt Mangas Coloradas, der Häuptling der Mimbres. Er führt immer noch Krieg gegen die Goldgräber in Tucson und Pinos Altos nördlich von hier.“

Lily sah nachdenklich zu den Apachen hinüber, die immer noch Holz hackten. „Sie haben recht, es klingt schwierig. Um ihre Frage zu beantworten, Captain, auf mich wartet eine Arbeit in Santa Fe.“

„Karten ausgeben“, sagte er. Aber er lächelte etwas missbilligend.

„Ja, Karten ausgeben, Captain.“

„Nun, zufälligerweise bin zurück nach Fort Marcy beordert worden, und das sind nur zwanzig Minuten zu Fuß von Santa Fe. Wo kann ich Sie denn finden, wenn ich dort bin?“

Der Fahrer stieg zurück auf den Bock der Kutsche und gab den Pferden ein Pfeifsignal.

„Wissen Sie was, Captain“, sagte sie, als sie zurück in das Wageninnere kletterte und Naiche zum Abschied zuwinkte. „An meinem freien Tag werde ich zum Fort hinüber bummeln und nach Ihnen Ausschau halten. Guter Vorschlag?“

Und sie schlug die Türe zu, als der Fahrer die Pferde mit Peitschenknallen erst nach Osten um den Hügel lenkte und dann den Weg nördlich der großen Weide einschlug.

2

24. Januar 1861

„Name“, sagte das Mädchen an der Rezeption des Exchange Hotels.

„Damours. Augustyn P. Damours.“

„Wie lange möchten Sie in Santa Fe bleiben?“

Das junge Mädchen mit den mexikanischen Gesichtszügen sah zu ihrem Buch hinunter, dann wieder auf zu dem sehr vielgrößeren Mann.

Diesen Blick hatte er schon tausend Mal zuvor bemerkt. Alle glaubten, er sähe so jungenhaft aus. Sie nahm wohl an, er wäre noch ein Jugendlicher, stattdessen war er fast fünfundzwanzig.

„Ich werde vermutlich länger in Santa Fe bleiben als hier im Exchange. Ich treffe meinen Partner hier in ein paar Tagen. Eine Woche bleibe ich hier, und dann sehen wir mal weiter, okay?“

„Sicher. Ist das französisch? Damours, meine ich.“

„War’s mal. Mein Vater hatte einen französischen Akzent und einen Apostroph. Ich hatte den Akzent nicht, deshalb wollte ich auch die französische Schreibweise nicht mehr.“ Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Jetzt sieht es amerikanisch aus, vermute ich“, sagte er.

Sie lachte. „Wir sind alle Amerikaner jetzt, oder?“

„Wie heißen Sie?“ fragte er.

„Hattie.“

„Hattie? Wirklich?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Okay. Meine Freunde nennen mich Auggy.“

Er wandte sich um und nickte den Soldaten zu, packte seine Taschen und stieg die Treppe zwei Etagen hoch und ging den Korridor entlang zu seiner Zimmertür. Der Flur sah so aus wie überall in Hotels im Westen. Lang, dunkel, eng, mit Türen auf beiden Seiten. Keine Teppiche, keine Fenster, keine Bilder an den Wänden. Nur nackte Holzdielen vom Treppenhaus bis zum anderen Ende.

Er öffnete die Tür. Das Zimmer vor ihm war sehr einfach eingerichtet, und das erinnerte ihn darin, dass er nicht mehr in San Francisco war. Bett, Kommode, Toilettentisch, das war alles. Eine billige Szene einer Wüstenlandschaft an der Wand gegenüber dem Fenster und ein verblasstes Gemälde der Berge New Mexicos über dem Bett.

Er stellte seine Taschen auf den nackten Fußboden und ging hinüber zum Fenster. Der Blick auf die Plaza war einzig Schöne an diesem Hotelzimmer.

Er verließ das Hotel durch die Tür, stand auf der Veranda, blickte nach rechts zur Plaza und rollte sich eine Zigarette. Er schlug ein Streichholz an einen der Stützpfeiler und nahm dann einen tiefen Zug an der Zigarette. Es war ein wunderbarer Winterabend. Wirklich ganz anders als die kühle und feuchte Luft von San Francisco. Man hatte ihm gesagt, dass ihm die Trockenheit gefallen würde, aber man hatte ihm nichts von der Schönheit erzählt. Den Bergen, den Häusern aus Adobeziegeln, dem Grün der Pinon- und der Fichtenbäume.

Wie immer wieder in allen Wüstenstädten überraschte ihn bei seinem Rundgang der Kontrast zwischen den hohen, alles überragenden Kirchen und den niedrigen, aus nur ein oder zwei Geschossen bestehenden Häusern und Geschäften. Hier wirkte der Kontrast noch größer durch den Palast des Gouverneurs mit der langen Veranda und dem weiten Raum, den die vielen anderen Gebäude einnahmen.

Er konnte Fort Marcy sehen, das die Gebäude im Nordosten der Stadt überragte. War wohl kaum eine Meile von der Plaza entfernt. Keine Entfernung, die Soldaten fernhalten würde.

Das war gut fürs Geschäft.

In San Francisco, der Stadt aus der er direkt gekommen war, herrschten im Menschengewühl weiße Gesichter vor, und man sah nur weniger Mexikaner und Chinese.  Hier gab es viel weniger Weiße, und die Chinesen wurden ersetzt durch Indianer aus vielen Stämmen und durch die Bewohner New Mexicos. Und es war klar, dass diese eine Mischung aus Indianern und Spaniern war, die sich selbst New Mexicans nannten und nicht als „schmierige Typen“ bezeichnet werden wollten (wie man ihn vorgewarnt hatte). Aber viele der Weißen beschimpften sie so.

Die offensichtliche Armut der Indianer, die an der Plaza herumlungerten, war auch eine Überraschung für ihn. Vielleicht war Armut gar nicht der richtige Ausdruck, eher ein wenig armselig. Apachen? Navajos? Andere? Er konnte es nicht sagen. Es waren bei seiner Ankunft mehr Indianer dagewesen als jetzt, da sich der Abend und der Geruch der Feuer aus Pinonholz über die braunen Adobehäuser legten.

Die Soldaten hier gehörten nicht zur U.S. Army, wie er sie im Osten gesehen hatte, und sie schienen auch nicht die Disziplin der Freiwilligen zu haben, die er vor ein paar Monaten in Kalifornien kennengelernt hatte. Diese hier waren Freiwillige aus New Mexico. Kräftige Männer, aber unerfahren und undiszipliniert wirkend. Man sah das in den Cafés, auf der Plaza, in den Kneipen und vor den vielen Bordellen.

In Kalifornien beschäftigten die Diskussionen über den bevorstehenden Bürgerkrieg die Soldaten. Die meisten Gespräche gingen darum, wer bleiben würde und wer sich den Rebellen anschließen wollte. Galt das auch hier, und würde das eine Rolle spielen?

Er würde das herausfinden und alles an Danson weitermelden. Auf den ersten Blick schien er alles richtig einzuschätzen. Das hier war der Ort, wo man die nächsten Jahre verbringen könnte.

Kalifornien war jetzt Vergangenheit. Im Goldrausch war es ihnen nicht gelungen, das schnelle Geld zu machen. New Mexico war die Zukunft. Im dem kalifornischen Wahnsinn waren Gold und Reichtum an ihnen vorübergegangen. Zu Unrecht.

Diesmal würde er die Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

3

2. Februar 1861

Jim Danson sah zu dem bärtigen Mexikaner ihm gegenüber und blinzelte, als er das Geld in den Topf warf. „Ich erhöhe um einen Vierteldollar“, sagte er.

„Ich passe“, sagte Damours sah seinen Partner an, stand auf und ging zur Bar.

Die anderen drei Männer, auch der Mexikaner, zogen mit. Danson beobachtete Lily genau, wie sie jedem der der Männer drei Spielkarten austeilte.

„Ich nehme nur eine“, sagte Danson.

Er warf die alten Karten auf das Geld mitten auf dem Tisch, nahm seine neue Karte und blickte zu den anderen Männern ohne auch nur auf die in seiner Hand zu sehen.

„Dein Einsatz“, sagte Lily und nickte Danson zu.

„Fünfzig Cent.“

„Du hast ja nicht einmal hingeschaut“, sagte der blonde Cowboy links von Danson, der mit dem komischen Strohhut.

„Brauch ich nicht, wenn sonst niemand erhöht, Junge.“

„Dann steig ich aus.“

Der junge Mann wollte wissen, welche Karten Danson auf der Hand hatte, wollte aber nicht zahlen.

„Ich auch“, sagte der Mexikaner.

Der Sergeant rechts von Danson sah nachdenklich aus.

„Okay, ich gehe mit und dann guckst du aber auch hin“, sagte der Sergeant und warf einen Silberdollar in den Topf. „Ich glaube, du kannst nicht mithalten. Es würde mir gefallen, wenn du hinsähest und dann aufgeben müsstest.“

Damours kehrte zum Tisch mit einem frischen Glas Whiskey zurück. Er schien sich über den Sergeant und Danson zu amüsieren. Er nippte am Whiskey.

„Zeig dem Sergeant was du hast, Jim. Mit diesen Karten hätte er zum ersten Mal heute Abend etwas zu bieten.“

Der Sergeant sah nicht zu ihm auf, sondern nur zu Danson. Er wartete darauf, dass der endlich seine Karten anschaute.

„Gebe auf“, sagte Danson ohne auch nur zu seiner fünften Karte zu blicken, dann warf er alle fünf auf den Tisch und stand auf.

„Auggy, komm, wir gehen was essen.“

„Du hast nicht mal hingeschaut“, sagte der Cowboy.

„Verdammt“, sagte Danson. „Ich hatte nichts, womit ich hätte mithalten können, wenn der Sergeant einen ganzen Tagessold einsetzt.“

Der Sergeant zog eine Grimasse, als Danson sich über seinen niedrigen Sold belustigte.

„ Wie heißt du nochmal, Liebchen?“ sagte Danson zu Lily, als er aufstand und sein Geld einsammelte.

„Lily. Lily Smoot. Und ich bin nicht dein Liebchen oder von sonst jemandem“, meinte sie und zwinkerte Damours zu.

Aber sie sah sich Damours‘ Freund genauer an, als sie die Karten für das nächste Spiel wieder mischte. Jim Danson, hatte er gesagt. Schien Mitte Dreißig zu sein, eher auf die Vierzig zugehend. Wie ein großer Bruder für den netten Damours, aber fünfzehn Jahre älter. Irgendwie sehr bemüht, wie ein Cowboy aufzutreten. Ausgetretene alte schwarze Cowboystiefel, Lederjacke über einem alten blauen Baumwollhemd. Rotes Tuch um den Hals. Abgetragener alter dunkler Cowboyhut. Dunkle Augen, die nie ruhig waren, sondern immer durch den Raum schweiften.

Der führte offenkundig etwas im Schilde. Er war niemand, in dessen Nähe man sich wohlfühlen würde. Niemand, außer vielleicht Damours. Und der verehrte ihn. Um nichts auf der Welt konnte sie verstehen warum. Zumindest nicht bis jetzt.

Danson bemerkte Lilys erstaunten Blick, lächelte sie an und warf ihr zehn Cents Trinkgeld zu.

Sie fing die Münze in der Luft auf und sah den Freunden nachdenklich hinterher, als sie zu Bar gingen. Auggy brauchte ganz bestimmt jemanden, der auf ihn aufpasste, dachte sie sich.

Vielleicht hatte Danson das schon übernommen. Sie zuckte mit den Schultern und gab weitere fünf Karten aus.

„ Hast du ihn gesehen?“ sagte Damours. „Dort drüben.“ Er deutete mit dem Kopf hinüber. „Der Kerl, der uns beide bei dem Spiel in San Francisco ausgenommen hatte, als wir gerade dort angekommen waren. John Cummings. Oder so.“

Danson sah Damours an, der gerade sein Steak aß.

„Ach, Auggy. Er heißt Joseph, nicht John, und du weißt das. An dem arbeiten wir uns nicht ab, und zieh uns da jetzt nicht rein. Jeder denkt, du siehst aus wie die harmlose, jugendliche Ausgabe dieses Schauspielers John Wilkes Booth, aber ich weiß wer und was du bist.“

Damours runzelte die Stirn. „Es hieß doch, der sei in Arizona in den letzten Jahren gewesen. Das hat man uns doch erzählt.“

Damours wusste, dass er und Danson nicht nur zum Spielen gekommen waren. Und sich von Cummings am Kartentisch fernzuhalten, würde nicht schwer sein. Und dass der jetzt hier auftauchte nach den Jahren in Arizona, war eigentlich nicht besorgniserregend. Viele Leute sahen in New Mexico die Möglichkeit, einen Neuanfang zu wagen.

Damours hingegen erschien das alles wie ein großes Pech. Jetzt war Cummings hier. Schon bevor er die beiden ausgenommen hatte, hatte er Damours wie ein Kind behandelt. Hatte ihn sogar meistens ‚Kid‘ genannt. Und er hatte ihn unaufhörlich damit aufgezogen, dass er sonst keinen kenne, der mit weniger Gold aus den Bergen zurückgekommen sei als er dorthin mitgebracht habe.

“Hat Cummings uns nicht verraten, als wir mit dem Chinesen den Handel eingegangen waren?“ sagte Damours.

Danson sah von seinem Teller auf. „Oh ja, das habe ich vergessen. Er hat sich aber entschuldigt. Sagte, es sei ein Versehen gewesen. Mir hat er erzählt, dass der Chinese uns reinlegen wollte und dass er uns retten wollte.“

Danson betrachte das hübsche Mädchen beim Kartenausteilen. „Meinst du Lily wäre was für mich?“

„Lily? Glaub‘ ich nicht. Die ist ja jünger als ich.“

Er dachte darüber nach, wie er ihm erzählen konnte, dass er schon mit ihr angebändelt hatte und wie er seine Gefühle nicht verletzen würde. Er entschloss sich, es jetzt zu sagen. „ Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, Danson, Sie hat mir den ganzen Abend Karten gegeben. Sie und ich gehen hier jeden Morgen nach ihrer Schicht zusammen hinaus, und das war schon so, bevor du gekommen bist.“

Danson sah zuerst überrascht aus, dann böse. „Verdammt, Auggy. Nun ja, die Leute mögen dich und vertrauen dir. Es wirklich leicht, dich zu mögen. Und leicht, dir zu vertrauen. Das hier ist schließlich deine Sache.“

Damours grinste ihn nur an.

„Ich hatte wohl zu viel damit zu tun, den Sergeant dahin zu bringen wohin wir ich haben wollen, um zu bemerken, dass du eine Freundin hast“, sagte er. „Glaubst du, du bist in der Lage, mal nicht an sie zu denken solange wir hier mit unserer Sache beschäftigt sind?“

„Du hast mit dem Thema angefangen. Ich wollte bloß nicht, dass du wütend auf mich bist, wenn du es merkst.“

Dann lächelte er. Er sah vom Teller auf. „Sie hat eine Freundin. Sie hat mich gefragt, ob du sie an einem Morgen kennenlernen möchtest.“

„Auggy“, sagte Danson. Er sah zu Cummings hinüber, der jetzt mit Lily in ihrer Pause sprach. „Auggy.“ Er wollte seine Aufmerksamkeit. „Wir sind hergekommen, damit wir hier ein Vermögen machen können als ob wir in den Bergen von Kalifornien Gold gefunden hätten. Das zählt für uns. Nicht die Flittchen, die alle nur das eine wollen. Und nicht ein Depp, der zur Unzeit in der Stadt ist. Jetzt nehmen wir uns den Sergeant vor und versuchen, nicht aufzufallen. Okay?“

„Sicher, Jim. Du ziehst deine Sache durch. Wie immer.“

Damours sah seinen Freund mit einem ernsten Blick an und wollte ihm etwas klarmachen. „Aber ich kann nicht sagen, dass Lily ein Flittchen ist. Und Pepper auch nicht. Zumindest nicht, soweit ich sie kenne.“

„Okay. Okay. Ich will keinen Rechenschaftsbericht und keinen Entwicklungsbericht. Ich bin nicht dein Papa. Aber eines will ich dir aus meiner Erfahrung heraus sagen, Kid, die Frauen schlafen mit dir nur aus einem einzigen Grund. Sie behaupten zwar, sie würden es aus drei Gründen machen: Liebe, Spaß und Geld. Aber ich habe noch nie ein Mädchen getroffen, oder eine Frau, weiß, Mexikanerin oder Chinesin, die es aus Liebe oder Spaß getan hätte und die nicht gewusst hätte, dass es zum Schluss auf das Geld ankommen würde. Und wenn sie merken, dass es kein Geld gibt, dann sind im Handumdrehen weg. Sogar wenn sie zuerst selbst glauben, sie täten es aus Liebe und Spaß, am Ende geht es nur ums Geld.“

Er warf Damours einen Blick zu, um sicher zu gehen, dass er zuhörte.

„Gewöhnliche Diebe fordern üblicherweise nur dein Geld oder dein Leben, Auggy. Aber Frauen? Die wollen immer alles.“

„Sicher, Jim. Danke.“

„Und verdammt nochmal, Kid. Santa Fe besteht nur aus Glückspiel und Huren. Das wusstest du, als wir uns hierher aufgemacht haben, und du konntest dich schon eine Woche lang vor mir überzeugen.“

Beide blickten überrascht auf, als Joseph Cummings an ihren Tisch trat und einen Stuhl herbei zog.

„Na na na. Wenn das nicht mal die Zwillinge mit dem chinesischen Goldstaub sind!“

4

3. Februar 1861

Lieutenant George Bascom, der vor kaum drei Jahren West Point absolviert hatte, erreichte Apache Pass mit seinem allerersten militärischen Kommando.

Ihn begleiteten vierundfünfzig Soldaten und John Ward, der Stiefvater eines Jungen, der von plündernden Indianern von seiner Ranch in Arizona entführt worden war. Ward hatte die Army davon überzeugt, dass es Cochise war, der seinen Sohn gefangen hielt.

Als sie in Apache Pass eintrafen, trat ihnen Captain Arnold entgegen, der sein Lager vorübergehend auf der Wiese an der Postkutschenstation aufgeschlagen hatte.

Arnold blickte zu Bascom auf seinem tiefschwarzen Pferd empor. Das Pferd war beeindruckender als der Mann. Bascoms kurzes fahlgelbes Haar und sein Bart ließen ihn jünger aussehen als er wirklich war. Arnold wusste, dass dies Bascoms erstes Kommando war.

„Captain Arnold“, sagte Bascom. „Wir sind von Fort Buchanan ausgesandt worden, um einige Stücke Vieh wiederzufinden und einen kleinen Jungen, der vor einer Woche von der Ward Ranch am Sonoita Creek entführt worden ist.“

„Nun, Bascom, mit Verlaub, ich glaube nicht, dass irgendeine der Indianergruppen hier damit zu tun hat.“

„Der Vater des Jungen hat Grund zur Annahme, dass dies Chiricahuas waren, Arnold.“ Er deutete auf Ward hinter ihm. „Cochises Chiricahuas, um genau zu sein.“

Ward kam auf seinem Pferd dem Gespräch näher.

„Nochmal, und mit allem Respekt, Lieutenant, das ist sehr unwahrscheinlich. Cochise lebt mit uns seit zwei Jahren in Frieden. Der Agent der Indianerbehörde, die Butterfield-Postkutschenlinie und ich haben den Eindruck, dass er sehr nützlich ist. Cochise wollte gar mit uns in den Krieg gegen die Mexikaner ziehen. Sagt, wir könnten ihr Land haben, wenn wir ihm ihr Vieh überließen.“

„Genau das ist es, Captain“, sagte Ward. „Er nahm unser Vieh und stahl dann meinen Jungen.“

Bascom bedeutete dem Rancher mit einer Handbewegung, dass er schweigen solle. „Überlassen Sie mir das, Ward.“ Er sah Arnold wieder an.

„Wie Sie genau wissen, Captain, hat Cochise zwei Überfälle bei Tubac im letzten Mai begangen, und sogar danach zugestimmt, das Vieh zurückzugeben. Nachdem wir den Spuren eine Woche lang gefolgt sind, haben wir sonst nirgendwo einen Hinweis auf diese Diebe gefunden. Ward konnte dem Vieh von seiner Ranch bis zum San Pedro und bis hierher zu den Chiricahuas folgen, bis er jetzt die Spur verloren hat.“

Es gibt keinen Beweis, dass die Apachen in unserer Gegend in den letzten Monaten irgendetwas unternommen hätten“, sagte Arnold. „Uns wäre aufgefallen, wenn sie das Vieh hierher gebracht hätten. Ich glaube, dass wer auch immer den Jungen hat, sich sonst irgendwohin abgesetzt hat, nachdem die Spur sich verloren hat. Cochise würde niemals den Frieden gefährden, indem er einen amerikanischen Jungen entführt.“

Ward wollte etwas sagen, aber Bascom hob die Hand. „Captain, ich habe meine Befehle. Sie müssen ein Gespräch zwischen uns und Cochise arrangieren. Unter einer weißen Fahne.“

Er blickte Arnold in die Augen.

„Ja, Lieutenant“, sagte Arnold.

5

4. Februar 1861

Cochise kam zu Fuß am nächsten Nachmittag und in seiner Begleitung waren Dos-teh-seh, sein Bruder Coyuntura, seine beiden erwachsenen Neffen und Naiche. Alle waren neugierig darauf, den neuen Befehlshaber des Forts zu sehen.

Cochise und die drei anderen Apachen waren mit einem Lendenschurz und Mokassins bekleidet, darüber trugen sie enganliegende Beinkleider aus Hirschleder, die oberhalb der Waden endeten.

Er zögerte, als er so viele Soldaten sah, aber er vertraute Arnold.

„Siehst du die weiße Fahne dort über dem Zelt?“ sagte Arnold, der die Apachensprache fließend beherrschte. „Der neue Lieutenant will nur den berühmten Cochise sprechen. Er hat eine Frage und kommt in Freundschaft.“.

„Meine Familie fühlt sich nicht wohl in dem Soldatenzelt, wo auch noch so viele Soldaten hier sind.“

„Der Lieutenant ist im Zelt und hat bereits Essen für die Zusammenkunft bringen lassen. Er ist beleidigt, wenn du nicht zu ihm kommen willst.“

Der Blick Cochises zu Arnold war ausdrucklos. Er hatte mehr Geschenke und weniger Soldaten erwartet, und plötzlich fühlte er sich unbehaglich. Eigentlich hatte er sich darin gewöhnt, mit weißen Männern unbefangen umzugehen. Aber er spürte, dass nicht alles so war, wie man ihm erzählt hatte. Und er spürte auch, dass er keine Wahl hatte und führte seine Familie widerwillig zum Zelt.

Lieutenant Bascom hatte einen mexikanischen Dolmetscher mitgebracht. Hinter ihm standen drei weiße Soldaten und ein rotbärtiger Mann, den Cochise noch nie gesehen hatte.

Cochise las die kaum verhohlene Überraschung in Bascoms Augen. Er hatte diese Überraschung bei unerfahrenen Weißen schon zuvor gesehen. Sie waren gekommen um einen Häuptling zu sehen, stattdessen stand ein einfacher, fast nackter Mann vor ihnen. Darüber wunderte er sich schon lange nicht mehr.

Er stand regungslos vor dem jungen Offizier.

„Cochise“, sagte Bascom. „Kommen wir gleich zur Sache.“ Er täuschte keine Freundschaft vor. „Mister Wards Ranch hier“, er deutete auf den rotbärtigen Fremden, während der Dolmetscher übersetzte, „wurde letzte Woche von Indianern überfallen und sein kleiner Sohn wurde mitgenommen genauso wie ein paar Stück Vieh und ein paar Pferde. Wir sind gekommen, sie zurückzuholen.“

Chiricahuas fühlten sich immer unwohl, wenn Weiße sie ganz offen mit den Namen anredeten, aber er wusste nicht, ob die Rüpelhaftigkeit dieses jungen Soldaten Absicht war oder ob er es nicht besser wusste. Cochises Blick schweifte von Arnold zum Rotbart und dann zum Lieutenant. „Warum sind Sie hier, Lieutenant?“ fragte er.

„Du kannst den Jungen und das Vieh, das ihr gestohlen habt, herausgeben. Und wir kehren in Frieden zum Fort zurück.“

Cochise bewegte keinen Muskel. Er sah zu Naiche hinab, der mit dem Holzhund spielte, den die weiße Frau ihm genau an dieser Stelle einen Monat zuvor geschenkt hatte. Der Junge bemerkte nichts von der steigenden Spannung im Zelt.

Nach einem langen Pause sagte Cochise: „Wir wissen davon nichts. Aber wir würden uns gern euch anschließen als Pfadfinder auf der Suche nach dem Jungen.“

„Wir haben Grund zur Annahme, dass ihr Chiricahuas die Ward-Ranch angegriffen habt.“

Cochise spürte, wie lang zurückgehaltene Angst und Wut in ihm hochstiegen. Er hatte so lange mit dem weißen Mann in Frieden gelebt, dass er sie überwunden geglaubt hatte.

Er hatte abgelehnt, als Geronimo ihn letztes Jahr aufgefordert hatte, sich an einem Rachefeldzug der Mangas Colorados gegen die Goldschürfer bei Pinos Altos zu beteiligen, nachdem sie den großen Häuptling mit einer Peitsche misshandelt und erniedrigt hatten. Cochise spürte, dass es immer besser war, die Weißen nicht zu reizen.

Warum setzten der junge Soldat und der rotbärtige Rancher den Frieden aufs Spiel? Er saß ruhig da und wog seine Möglichkeiten ab. „Hier leben wir im Frieden mit den Weißen. Ja, wir töten immer noch die Mexikaner“, fügte er hinzu und starrte auf den Dolmetscher. „Aber keiner der Chiricahuas würde den Frieden aufs Spiel setzen. Wie ihr Soldaten wisst, habe ich im letzten Sommer es abgelehnt, mich den anderen Apachen anzuschließen.“

Er blickte Ward direkt in die Augen.

„Es tut mir leid von ihrem Sohn zu hören. Wir haben das nicht getan. Aber wir begleiten den Lieutenant und finden die, die es getan haben.“ Jetzt deutete er auf die anderen Apachen an seiner Seite. „Wir rufen die Chiricahuas zusammen und schließen uns euch an um die Täter zu finden. Vielleicht die Mescaleros, die Apachen aus den Weißen Bergen oder die Navajos.“

Cochise machte eine Bewegung als ob er aufstehen wolle, und die Soldaten zogen die Pistolen und hielten sie bereit.

Bascom war der erste, der in dieser spannungsgeladenen Atmosphäre etwas sagte: „Ward hat eure Krieger bis in das Land eures Stammes verfolgt.“

Cochise sah seine Frau und seinen Sohn an und wählte seine Worte sehr sorgfältig. „Meine Familie und ich kamen auf eure Einladung hin um Sie zu treffen und in Frieden unter der weißen Fahne zu reden. Wir haben das nicht getan, und wir bieten unsere Hilfe an. Was können wir sonst noch tun, Lieutenant?“

„Ihr könnt den weißen Jungen zurückgeben.“

„Lieutenant Bascom?“, sagte Arnold. „Können wir einmal nach draußen gehen und über eine andere Lösung sprechen?“

„Nein, Captain Arnold. Cochise hat den Jungen und wird ihn seinem Vater übergeben, wie ich es angeordnet habe.“

Bascom blickte die versammelten Apachen an, während Cochise anbot: „Wie werden euch helfen den Jungen zu finden.“

„Sag es ihm klar und deutlich“, sagte Bascom und blickte den Dolmetscher direkt an. „Nein. Das werdet ihr nicht tun. Du bist mein Gefangener und deine Leute bringen den Jungen her.“

Während der Mexikaner nervös diese Botschaft in der Apachensprache wiederholte, gelang es ihm nicht, den Häuptling der Chiricahuas anzusehen.

Bascom winkte seinen Soldaten. Sie umstellten sofort die kleine Gruppe. Man konnte hören, wie die Soldaten außerhalb des Zeltes sich auf ihre Posten begaben.

Die Chiricahuas, der mexikanische Dolmetscher und Arnold waren gleichermaßen erstaunt. Nur Cochise blieb äußerlich ruhig.

Er zwang sich, die Wut, die er fühlte, zu unterdrücken. Es würde nicht schwierig sein, die zu finden, die die Ranch angegriffen hatten und den Jungen entführt hatten. Er starrte den Mexikaner an. Wenn der kindliche Lieutenant deswegen gekommen war, selbst wenn seine Unerfahrenheit ihn dazu verleitet hatte, wusste Cochise, was er zu tun hatte.

Aber einen Versuch wollte er noch unternehmen, um eine Tragödie zu verhindern.

„Lieutenant Bascom. Meine Männer und ich werden mit euch gehen, um den Jungen zu finden und zu helfen, die Entführer festzusetzen. Sie und Ihre Soldaten können mich unbewaffnet zu unserem Lager bringen um die Suche zu organisieren. Aber als Ihre Gefangene können wir nicht helfen.“

Cochise bereitet sich innerlich vor. Er sah den Mexikaner unverwandt an. Er wusste lange bevor der Verräter sprach, was er sagen würde. Lieutenant Bascom antwortete. Als Cochise den belustigten Zug auf dem Gesicht des Mexikaners sah und das Entsetzen in Captain Arnolds Augen, und bevor der Mexikaner das erste Apache-Wort sprach, sprang Cochise nach vorn. Er stand und riss das Messer mit einer blitzschnellen Bewegung aus den Beinkleidern. Mit einem Schritt und einer heftigen Bewegung des rechten Arms brachte er einen Soldaten zu Fall. Dann riss er das Zelt auf, war draußen und sprang durch die Reihen der Soldaten, die ihre Gewehre schussbereit hatten.

Als er mit voller Geschwindigkeit rannte, nach vorne gebückt und in Zickzack-Linien durch die Cottonwoods, durch den Bach nach Apache Springs und zu den Felsen, eröffneten die Soldaten das Feuer. Er lenkte sie ab von seinem Lager und lief zu den Chiricahua-Bergen geradeaus nach Süden. Er war am Bein verletzt worden, wurde aber nicht langsamer. Für seine Familie und sein Volk konnte er als Gefangener des kindlichen Lieutenants nichts tun. Auch nichts in seiner unbändigen Wut.

Er musste die Sicherheit seines Stammes suchen. Vielleicht würde selbst der unbedarfte Lieutenant Apachenfrauen-und kindern kein Leid zufügen. Und sicherlich auch nicht Cochises Kindern.

Arnold führte die Suchtrupps nach Cochise den ganzen Nachmittag. Aber ihm war klar, man würde keine weitere Spur von ihm mehr finden, nachdem die Blutspur an einem Cholla-Busch endete, wo er seine blutende Wund gestillt hatte. Er war irgendwo im Chiricahua-Land. Die Suche fortzusetzen, war sinnlos.

Arnold fühlte eine tiefe Enttäuschung darüber, dass die Unerfahrenheit und die Sturheit eines Offiziers jetzt eine fast unvermeidbar Kette von Blutvergießen und Gewalt in Gang gesetzt hatte.  Das konnte zum Tode Hunderter, wenn nicht gar Tausender unschuldiger Menschen führen. Man hatte ihn hierhergeschickt, um genau das zu verhindern.

6

5. Februar, 1861

Damours hörte lediglich zu als Danson und Cummings sprachen.

„Schau“, sagte Cummings. „Ich war kaum von Tucson hier angekommen war, da hörte ich, dass ihr beiden hier seid. Schöner Zufall! Ich habe einen Vorschlag für euch.“ Er sah die beiden nacheinander an. „Es wird Krieg geben“, fügte er hinzu, als ob er ein großes Geheimnis wüsste. „Wenn Lincoln erst einmal im nächsten Monat in sein Amt eingeführt worden ist, wird sich South Carolina der Konföderation anschließen und alle Sklavenstaaten werden folgen. Wir können zusammen ein Vermögen verdienen, wenn wir die Kriegskasse der Armee klauen. Die Streitkräfte bestehen hauptsächlich aus Freiwilligen aus New Mexico, und niemand hier hat irgendeine Vorstellung davon, wie man die Finanzen einer Freiwilligenarmee verwaltet. Und wie man das alles am Laufen hält.“

„Aber warum gerade wir?“ fragte Danson. „Warum sind wir die Glücklichen?“

„Weil ihr beiden noch keinen Tag ehrliche Arbeit in eurem ganzen Leben geleistet habt.“ Cummings grinste sie an. „Es ist vielleicht nur so ein Gefühl, aber ich vermute mal, dass ihr beiden nicht hierhergekommen seid, um euch der U.S. Army oder den New Mexico Volunteers, den Freiwilligen, anzuschließen und dann gegen Anhänger der Konföderation aus Texas oder Arizona zu kämpfen.“

Keiner der beiden antwortete.

„Ihr wollt doch nur kleinere Betrügereien. Das, was ihr in Kalifornien getan habt. Ehrliche Leute haben in den Goldgruben gearbeitet und die Bäche durchsiebt, haben Essen, Kleidung, oder Ausrüstung für die Goldgräber herangeschafft. Und die Lieferanten wurden reicher als die Goldgräber. Aber ihr könnt euch anstrengen so viel ihr wollt, eure kleinen Tricks werden hier nicht verfangen. Hier könnt ihr nur verlieren.“

„Okay. Sagen wir, du hast Recht“, meinte Danson. „Trotzdem glaube ich nicht, dass unsere Erfahrungen in San Francisco uns drei zu guten Partnern macht. Warum solltest du uns vertrauen?“

„Es spielt keine Rolle, ob ich euch vertraue. Ich habe noch nie jemanden getroffen, dem Menschen so schnell vertraut hätten wie ihm.“ Cummings zeigte auf Damours. „Er erinnert jeden an diesen Schauspieler aus dem Osten. Aus Baltimore. Booth oder so.“

„John Wilkes Booth“, sagte Danson. „Besonders jetzt, wo Auggy sich diesen albernen Schnauzbart hat wachsen lassen.“

„Genau”, antwortete Cummings. „John Wilkes Booth. Aus der Booth Familie. Auggy traut mir nicht mal soweit über den Weg wie du den blöden Sergeant werfen kannst, den du letzte Woche nicht über den Tisch ziehen konntest. Aber er vertraut dir, Danson. Er setzt darauf, dass du mit mir arbeitetest. Ich habe Pläne und ich habe Unterstützung. Damours ist der perfekte Hochstapler. Und du? Nun, der Junge vertraut dir. Und das benötigen wir für den ganzen Plan.“

„Und wie soll das ablaufen?“ fragte Danson.

„Nein, jetzt reden wir darüber noch nicht. Auf keinen Fall. Nicht bis wir mehr zusammengearbeitet haben. Ich sage euch nur das, was jetzt wichtig ist. Seit ich aus Kalifornien weg bin, arbeite ich mit Sylvester Mowry von den Mowry Minen in Patagonia zusammen. Bei Tucson. Nahe der mexikanischen Grenze. Er ist ein ehemaliger Offizier der Army und er plant, beide Seiten mit Munition zu beliefern. Ich habe zugestimmt, für ihn in New Mexico die Sache voranzutreiben. Für beide Seiten.“

Danson sah nachdenklich aus, dann blickte er hinüber zu Damours.

„Was glaubst du, Auggy? Möchtest du mit ihm arbeiten?“

„Darüber muss ich nachdenken. Da scheint mehr Geld drin zu stecken als in unseren Plänen. Und ist wohl auch schwieriger. Und auch riskanter.“

„Stimmt alles, Kid“, sagte Cummings.

„Ohne Danson läuft nichts“, warf Damours ein. „Das sage ich dir gleich.“

„Sagt mir Bescheid“, sagte Cummings. „Hier in der Gegend gibt es noch andere Präriehunde.“

„Die einzige Sache, Joe ....“

„.... Joseph, Danson. Joseph heißt das, nicht Joe.“

„Okay, Joseph“, fuhr Danson fort. „Wo kriegen wir all die Informationen über die Army her?“

„Einfach, da wir ja Patrioten sind, treten der Junge hier und ich in die Army ein. Mit Mowrays Ausrüstung und seinem Kapital, meinen Verbindungen hier in Santa Fe, uns in der Army und dir außerhalb werden wir mehr Geld herausholen, als wenn ihr eine fette Goldader in den kalifornischen Bergen gefunden hättet.“

„Und wer ist deine Verbindung nach drinnen?“ fragte Danson.

„Lily Smoot. Sie und ich sind befreundet seit ich sie in Virginia City traf. Sie war die beste Nutte im ‚Brickhouse‘ bei meinen letzten Besuchen.“ Er schien etwas irritiert durch den erstaunten Gesichtsausdruck Damours und das geschockte Schweigen. „Ihr kennt das? Cad Thompsons Laden? In Virginia City? Cad hat den besten Puff im ganzen Westen. Ohne Einschränkung. Und, Kid“, er neigte sich hinüber zu Damours. „Lily glaubt, du seiest der beste Betrüger, den sie je gesehen hat.“

––––––––

Cochise und seine Chiricahua-Krieger, die jetzt voll bewaffnet und kampfbereit waren, kamen zu Pferd aus den Chiricahua-Bergen im Süden und erreichten Apache Springs. Die Apachen trugen Kriegsbemalung, waren mit Gewehren, Speeren, Keulen, Pfeil und Bogen bewaffnet und waren bis auf eine Ausnahme völlig davon begeistert, wieder in den Kampf gegen die Weißen zu ziehen.

Cochises Ärger hatte sich gelegt und er wollte noch einmal alles versuchen, einen Krieg zu verhindern. Aber das hieß, dass auch der kindliche Soldat Bascom nach einem Ausweg suchte.

Er sandte zwei seiner besten Krieger, Nahilzay und Loco, mit einer weißen Flagge dorthin. Sie blieben oberhalb des Lagers stehen, waren nahe genug, dass man sie sehen konnte, aber nicht so nahe, dass man auf sie hätte schießen können.

Nahilzay rief nach Captain Arnold und schwenkte die weiße Fahne. Die erschrockenen Soldaten richteten ihre Ferngläser auf die beiden Apachen.

„Nun, Lieutenant, jetzt können Sie die Apachen in einer anderen Aufmachung als erwartet sehen.“, sagte Arnold und reichte Bascom sein Fernglas.

„Captain Arnold“, sagte Bascom. „Nehmen Sie den Mexikaner mit dorthin und finden Sie heraus, ob sie den kleinen Ward mitgebracht haben.“

Arnold stieg auf sein Pferd.

Der Mexikaner schlotterte vor Angst und stotterte: „Ich glaube, dass Captain Arnold gut genug Apache spricht, Lieutenant.“

„Steigen Sie auf und finden Sie heraus, was diese Wilden wollen!“, befahl Bascom. „Jetzt!“

Jeder außer dem unerfahrenen Bascom wusste, dass die Chiricahuas sich nichts daraus machen würden, einen Mexikaner zum Vergnügen umzubringen.

„Cochise hat uns eine Botschaft geschickt“, sagte Arnold, um den völlig verängstigen Mexikaner zu beruhigen, als sie den Hügel hinaufritten. „Wenn er uns töten wollte, hätte er das schon im Morgengrauen versucht. Uns wird nichts passieren.“

Etwa hundert Yards von den Apachen entfernt hielten die beiden an. Sie konnten jetzt deutlicher sehen, dass die beiden Krieger sich auf den Kampf vorbereitet hatten. Sie hatten sich weiße Kriegsstreifen über die Nasen und unter die Augen gemalt. Beide hatten sich die Haare zurückgebunden mit einem roten Tuch, das ihre Stirnen bedeckte. Die weiße Fahne stand in direktem Gegensatz zu ihren Kriegsvorbereitungen.

Weil Arnold die weiße Fahne achtete und weil die Apachen das Treffen gefordert hatten, saß er ruhig auf seinem Pferd und wartete darauf, dass die Indianer sprechen würden.

Nahilzay hielt sich nicht an die üblichen Verhaltensweisen der Apachen und stieß eine deutliche Drohung aus. „Ich glaube, dass all das für euch böse enden wird. Besonders für dich“, sagte er und deutet mit seinem Speer auf den verängstigten Mexikaner. Der Schaft seines Speers war frisch bemalt mit dem roten Zickzack-Muster, das auf einen bevorstehenden Kriegstanz hinwies. „Sagt dem Bengel dort drüben, dass unsere Medizinmänner wissen, dass er verhext ist. Kind des Wassers kam zu zwei von ihnen, um zu sagen, dass er einen frühen und einen schrecklichen Tod erleiden wird. Aber eine Eule hat uns gewarnt, dass er auch ein Geist ist und dass wir ihn nicht töten können. Sagt ihm, er wird einen ganz schrecklichen Tod durch die Hand anderer Weißaugen erleiden.“

„Hat Cochise euch hergeschickt, damit ihr uns das mitteilt, Nahilzay?“ fragte Arnold und beleidigte ihn ganz bewusst, indem er seinen Namen benutzte.

„Nein. richtet das dem Nantan aus“, und hier beschimpfte der Indianer den Lieutenant weiter unten im Fort, indem er einen höhnischen Apache-Ausdruck für den jungen Soldaten benutzte, „und das lässt Cochise euch ausrichten. Sagt ihm, dass die Chiricahuas bewaffnet sind und hergekommen sind, um euch zu helfen, den Jungen zu finden. Wenn er unsere Leute freilässt, dann schließen wir uns den Soldaten an um die zu finden, die den Jungen von der Ranch entführt haben.“

„ Weiß Cochise, wo er jetzt ist?“

„Nein. Aber wir werden ihn mit euch suchen, wenn ihr die Geiseln freigelassen habt.“

„Ich werde mit der Botschaft hinunterreiten und mit der Antwort von Lieutenant Bascom zurückkommen.“

Arnold und der Mexikaner wendeten ihre Pferde, um zum Lager zurückzureiten.

„Nein!“

Als Arnold sich umdrehte, sah er, dass Loco heran geritten war und dem Mexikaner den Weg zurück zum Lager versperrte.

„Der Mexikaner bleibt, damit du zurückkommst.“

Arnold sah den verängstigten Dolmetscher an. „Wir sind hier unter der weißen Fahne. Du hast mein Wort, dass wir mit der Antwort für euch zurückkommen.“

„Nein. Der junge Nantan“, und wieder beleidigte er Bascom, „hält unsere Leute als Geiseln. Wir behalten den Mexikaner, bis du wieder heraufgeritten bist.“

„Und dann?“

„Dann werden wir sehen. Es hängt von eurem Nantan ab. Was macht er wohl, Captain Arnold?“

Arnold sah die aufgerissenen Augen des Übersetzers, nickte ihm zu, um ihm Mut zu machen und blickte dann zu Nahilzay. Erst in diesem Augenblick sah er Cochise in voller Kriegsbemalung über ihnen in der Mesquite auf seinem berühmten Kriegspferd sitzen und auf sie herabblicken wie ein Gott der Vernichtung.

Arnold riss wortlos sein Pferd herum und raste den Hügel hinab.

Als er ankam, wusste niemand, wo Bascom war.

„Verdammtes Greenhorn“, schimpfte Arnold zu Sergeant Wilson. „Was bringen sie denen denn in West Point bei? Unser aller Leben ist in Gefahr und der bleibt nicht einmal hier!“

Er ritt durch das Lager und fand ihn in einem der hinteren Zelte im Gespräch mit Ward.

„Lieutenant“, sagte er und verbarg seinen Ärger kaum. „Cochise ist mit all seinen Kriegern zurückgekehrt, um uns zu helfen den Jungen zu finden.“

„Er hat den Jungen schon,“ sagte Bascom „Sagen Sie ihm, er soll den Jungen zurückgeben und dann bekommt er auch seine Familie wieder.“

„Sir, bei allem nötigen Respekt, ich habe mit Cochise seit Jahren zusammengearbeitet. Er hat uns niemals belogen. Er bietet uns seine Hilfe an, den Jungen zu finden.“

„Reiten Sie den Hügel hinauf und sagen Sie ihm, dass er den Jungen hat. Dass er ein Lügner ist.“

Arnold schnaubte hörbar. „Lieutenant, wer auch immer mit diesem Befehl den Hügel hinaufreitet, wird nie wieder zurückkehren. Egal wie viele Sie da hinaufschicken, sie werden sofort sterben mit dem Dolmetscher zusammen, den sie jetzt schon haben“.

„Sie haben Ihre Befehle, Captain.“

„Lieutenant Bascom, bei allem gebotenen Respekt, die ganze Sache kann aufgelöst werden. Wir sind mit den Chiricahuas in Frieden. Lassen Sie die Apachen gehen und Cochise wird sich an seine Verpflichtungen halten. Das garantiere ich. Muss ich Sie daran erinnern, dass ich einen höheren Rang habe als Sie?“

„Captain Arnold, das sind meine Befehle direkt von Ihrem vorgesetzten Offizier in Fort Buchanan.“

„Sie können Cochise nicht einen Lügner nennen und dann erwarten, dass er weiterhin Frieden hält“, entgegnete Arnold. „Das können Sie nicht tun, Lieutenant.“

„Sie reiten entweder den Hügel hoch oder ich lasse Sie verhaften, Captain!“

Arnold versuchte es erneut. „Lieutenant, die Apachen haben mir erzählt, dass ihre Priester ihnen gesagt haben, Sie könnten nicht durch die Hand der Apachen sterben, sondern dass Sie durch die Hand eines Weißen sterben würden.“

Bascom schien belustigt.

„Da Sie das glauben“, sagte Arnold, „ist es besser, wenn Sie zu Cochise mit ihrer Botschaft hinauf reiten und er dann die Vorhersagung respektieren wird. Und er wird Ihren Mut dafür bewundern, dass Sie die Botschaft selbst überbringen. Wenn sie jemand anderen schicken, wird er ihn töten. Das wird nicht schnell gehen, und es wird nicht schön sein. Sie haben noch nicht gesehen, was die Apachen mit ihren Gefangenen machen. Ich aber schon.“

„Captain, missachten Sie einen direkten Befehl?“

„Nein, Sir. Wenn Sie mir befehlen hin zu reiten, dann bin ich bereit, gemäß Ihrem Befehl zu sterben. Ich sage Ihnen, dass Sie einen Fehler machen und er wird tödlich sein, nicht nur für denjenigen, den Sie dort hinauf schicken, sondern für viele Soldaten in ihrem Kommando. Und wahrscheinlich auch für Hunderte und Tausende von unschuldigen Siedlern. Die einzige Hoffnung auf eine Lösung besteht darin, dass Sie persönlich die Botschaft überbringen. Um sich Cochises Achtung zu verdienen. In ihren Augen sind Sie unverwundbar.“

Bascom sah den Hügel hinauf, wohin Arnold deutete.

„Captain Arnold, mir ist klar, dass Sie meinen, dass sie den Jungen nicht haben. Aber glauben Sie, sie wissen, wo er ist?“

„Nein, Sir.“

„Wie anders wäre denn wohl das Verhalten dieser Wilden, wenn sie ihn hätten?“

Das war eine gute Frage, über die sich Arnold ärgerte. Während er nach einer Antwort suchte, blickte er mitleidvoll zu dem Mexikaner.

„Ich glaube, wenn Cochise den Jungen hätte, dann hätte er niemals seine Familie zu Ihnen mitgebracht. Wie sie sehen, war er sich sicher, dass er Ihnen entrinnen würde. Aber seine Frau und seinen kleinen Sohn Ihnen ausliefern? Das wollte er wohl nicht. Und wenn er wüsste, wo der Junge jetzt ist, würde er uns das sagen. Er hat keinen Grund, Ihnen diese Information vorzuenthalten, wenn er weiß, dass die Mescaleros oder die Navajos ihn haben. Das ist ihm seine Familie nicht wert. Und auch nicht das Ende des Friedens.“

Er sah wieder zu Bascom.

Dann blickte er den Hügel hinauf. „Wissen Sie was ich glaube? Wenn man erst einmal lange genug hier draußen gelebt hat, dann kommt man den Wilden immer näher. Aber in einer Hinsicht haben Sie Recht. Ich muss da hinaufreiten und es ihm sagen.“

„Lieutenant Bascom, Sir“, sagte Sergeant Wilson. Ich glaube, das ist keine gute Idee.“

„Nein, Wilson, er hat Recht. Ich muss es so machen.“

Bascom ging hinüber zu seinem Pferd, sprang in den Sattel und galoppierte entschlossen quer durchs Lager und dann den Hügel hinauf geradewegs auf die Apachen und den Mexikaner zu.

Als er ankam, sagte er: „Ich möchte mit Cochise sprechen.“

„Ich spreche für Cochise“, antwortete Nahilzay und besah sich den jungen Soldaten zum ersten Mal. „Sind Sie Lieutenant Bascom?“

„Ja. Ich möchte mit Cochise sprechen. Ich habe sein Angebot erhalten und bringe ihm jetzt meine Antwort.“

„Ich werde persönlich ihm Ihre Antwort überbringen.“

„Und ich werde persönlich seine Ankunft erwarten.“

Cochise erschien plötzlich hinter zwei Kriegern. Nahilzay und Loco bewegten ihre Pferde zu Seite, damit ihr Häuptling Bascom näher war.

„Lieutenant Bascom“, sagte Cochise. „Welche Antwort haben Sie für mich?“

Bascom blickte den Apachen an, brachte sein unruhiges Pferd zum Stehen und rutschte im Sattel umher.

Er war jetzt ein völlig anderer Gegner. Seine Verwandlung war verblüffend. Vor kurzer Zeit war er noch ein nackter Wilder gewesen, der in einem Zelt hockte, jetzt strahlte er in seiner zeremoniellen Lederkleidung Wut aus. Seine Kleidung und seine Arme und Hände waren mit einem wilden Muster bunter Zeichen bemalt. Das Gesicht war quer von einem roten Streifen überzogen passend zum Stirnband

„Ich glaube, dass Sie den kleinen Ward haben“, sagte Bascom. „Wenn Sie ihn mir übergeben, werde ich meine Gefangenen freilassen. Wenn Sie ihn mir nicht übergeben, werden wir Ihre Familie ins Fort bringen.“

Cochise starrte ihn an und wartete auf die Übersetzung des Mexikaners.

„Sie sind entweder der tapferste oder der dümmste Mann in der amerikanischen Armee“, sagte Cochise. „Wir leben in Frieden, Sie und ich. Sie laden mich zu einem Treffen unter der weißen Fahne ein. Sie werfen mir Dinge vor, die ich nicht getan habe. Sie nennen mich einen Lügner und dann verhaften Sie mich und meine Familie. Dann kommen Sie allein diesen Hügel empor, um mich vor meinen Männern wieder einen Lügner zu nennen.“

Bascom antwortete nicht.

„Ich war sechs Wochen in einem mexikanischen Gefängnis angekettet, Lieutenant Bascom. Dafür haben die Mexikaner viele Jahre lang teuer bezahlt.“ Cochise sah zum dem ersten Mal dem Mexikaner ins Gesicht. „Und sie werden weiterhin dafür bezahlen. Für meine Familie will ich keinen neuen Krieg. Und ich will auch keinen Krieg mit den Weißen, um meine Familie zu rächen. Wir haben den kleinen Ward nicht. Aber wir werden Ihnen helfen, ihn zu finden.“

„Noch einmal, lasst ihr den Jungen frei?“ fragte Bascom.

Bevor jemand antworten konnte, wendeten die drei Apachen ihre Pferde in dem Moment als Gewehrschüsse zu hören waren. Sowohl Bascoms Pferd wie auch das des Mexikaners fielen tot zu Boden.

Jetzt kam Gewehrfeuer aus allen Richtungen. Bascom schlug auf dem Boden auf, griff nach seiner Pistole und zielte hinauf zum Hügel, von wo er sich rasch entfernendes Pferdegetrappel hörte. Aber die Indianer waren fort, und von dem Dolmetscher war nichts mehr zu sehen.

––––––––

Als die Apachen ihr Lager erreichten, übergab Cochise den bewusstlosen Mexikaner an die Frauen und Kinder.

Es war die Pflicht aller jungen Chiricahuas, die Kunst des Marterns zu erlernen, bevor sie richtige Krieger werden konnten. Und Cochise konnte hier keine mexikanischen Geiseln gebrauchen. In ihrem Leben war das ganz natürlich. Die Schreie des Dolmetschers würde man während der nächsten zwei Tage aus dem Chiricahua-Lager hören können.

Cochise in seiner Wut befahl dann Nahilzay und Geronimo mit sieben Kriegern mindestens drei Weiße aus einer der herankommenden Postkutsche am nächsten Morgen herbeizubringen.

„Und, Nahilzay!“

Nahilzay ritt zurück und sein Pferd tänzelte unruhig vor dem Häuptling hin und her.

„Denke daran, wir hatten noch keinen Kriegstanz. Du bist nicht mit dem Kriegszauber gesegnet. Töte keinen Weißen, nicht einmal aus Versehen.“

„Ja, Ich verstehe.“

Und Nahilzay und Geronimo ritten voller Erregung zu ihrem Lager zurück.

Cochise wendete sein Pferd, und ungeachtet der herannahenden Nacht ritt er alleine weg vom Lager zu den höher gelegenen Pässen tief in den Chiricahua-Bergen, die er als eine Heimat betrachtete.

Er lebte von den Mexikanern, nicht von den Weißen. Das war ihre Lebensart geworden. Es war hart, aber man konnte so leben.

Diesen Weg hatte er gewählt in seinem Wunsch, ein besseres Leben führen zu können als seine Vorväter, die ihr Leben damit verbracht hatten, gegen jeden und alles zu kämpfen.

Für sein Volk hatte er sich etwas Besseres gewünscht. Obwohl ein weißer Söldner mit den Mexikanern zusammengearbeitet hatte, um seinen Vater zu töten, hatte er sich dafür entschieden, sie und ihre Soldaten mit der Achtung zu behandeln, die er für sein eigenes Volk erwartete. Und das, obwohl Mangas Coloradas, Geronimo und Juh ihn letztes Jahr aufgefordert hatten, sich ihnen in ihrem Kampf gegen den weißen Mann anzuschließen.

Jetzt schien alles, wofür er sich eingesetzt hatte, verloren. Bald würde er mit den Soldaten der Weißen und allen Amerikanern im Krieg liegen. Und alle anderen auch. Nur, weil ein unbedarfter Soldat nicht ehrenhaft auf eine ehrenhafte Behandlung reagierte. Da war es nur ein schwacher Trost, dass dieser Lieutenant durch seine eigenen Leute sterben würde.

Vielleicht hatte Mangas Coloradas Recht gehabt. ‚Schließ dich den Mimbres an‘. Zusammen könnten sie die Weißen bekämpfen und den Ruhm der Väter wieder herstellen. ‚Treib die Weißen dahin zurück, wo sie her gekommen waren‘. Oder vielleicht könnte man sie an jenen Ort verjagen, den sie Kalifornien nannten, und dieses Land hier den Apachen und den Mexikanern überlassen.

Cochise hob seine Hand zu dem dunkel werdenden Himmel und stieß einen langen, heulenden Kriegsruf der Apachen aus. Man hörte ihn unten im Chiricahua-Lager, wo man vor lauter Erregung die kommenden Tage kaum noch erwarten konnte.

Nahilzay und Geronimo waren zu ihrem Raubzug aufgebrochen.

Cochise fasste jetzt einsame Kriegsbeschlüsse.

––––––––

Damours hatte so viel über die Tanzveranstaltungen, die Fandangos, in Santa Fe gehört, dass er sich vorgenommen hatte, heute einmal dorthin zu gehen.

Da ihm die Huren bei „Jose’s Crib“ oder „Maria’s“ keine besonderen Empfehlungen gegeben hatten, machte er sich auf den Weg und wollte einmal sehen, was an diesem kalten, trockenen Abend in New Mexico so los war.

Nach zehn Minuten der Suche fand er drei Fandangos. Man konnte sie daran erkennen, dass helle Lichter über der Tür leuchteten, dass Musik und die Stimmen der Feiernden aus den Fenstern kamen und dass viele Menschen davor standen, die alle kleine handgerollte Zigarren, Cigarritos, rauchten. Da er sonst keine Vorstellung hatte, betrat Damours den Saal, vor dem die hübschesten Mädchen standen, Val Verde Hall.

Es gab zwei Räume. Im ersten stand ein riesiger Tisch mit Speisen, Wein und Champagner. Seit er San Francisco verlassen hatte, hatte er noch so viel Essen gesehen.

Es gab Platten mit gebratenem Schweinefleisch und Austern in ihren Muscheln. Berge von Austern. Wo bekam man in New Mexico Austern her? Er füllte einen Teller mit Schweinefleisch, roten Chilischoten, und Zwiebeln auf einer Tortilla und nahm ein Glas Champagner.

Das kleine hübsche Mädchen, das ihm gefolgt war, bat ihn prompt um einen Dollar und Damours zahlte gern. Dann betrat er den zweiten Saal.

Er war etwas größer als der erste. An den Wänden standen Bänke, und eine Kapelle spielte vorne im Saal. Reiche Farmer, kleine Mädchen, alte Männer, Menschen aus New Mexico, zwei Mädchen, die er aus Marias Etablissement kannte, verarmte Farmer in Sandalen, sogar ein paar Weiße, vielleicht Soldaten, waren da. Wenigstens ein Dutzend brennender Kerzen und Bilder von Christus und einiger Heiligen schmückten die stoffbezogenen Wände. Jeder, egal ob Mann, Frau oder Kind, rauchte Cigarritos.

In der Mitte des Saales waren die zahlreichen Tänzer. Paare aller Größen und Altersgruppen wirbelten in einem flotten Walzer übers Parkett. Die Kapelle bestand aus drei alten Männern, die überraschend gut Gitarre, Geige und Trommel spielten. Als die Musik endete, trennten sich die Tänzer formvollendet und in großer Heiterkeit mit gegenseitigem „Thank you“ und „Gracias“.

Als die Musik weiterspielte, bildeten die Frauen links eine Linie und die Männer rechts. Auf ein Signal des Gitarristen hin bewegten sich die beiden Reihen aufeinander zu und trafen sich in der Mitte. In dem Augenblick des Zusammentreffens bildeten sich zufällige Paare aus den beiden Linien.

Und dann ging‘s rund. Diesmal spielte die Kapelle eine beschwingte Vendetta.

Der Staub, den die Stiefel und Sandalen aufwirbelten, stieg empor und mischte sich mit dem Rauch, und im Kerzenlicht glühte alles in einem romantischen dunklen Blau. Nachdem Damours eine Zeitlang zugesehen hatte, begab er sich in die Mitte der Männerreihe.

Die Musik begann, und die beiden Reihen bewegten sich aufeinander zu. Damours blickte in die Augen einer gewaltigen Frau von etwa sechzig Jahren aus New Mexico, die kein Englisch sprach, und bald hing sie an seinem Arm. Sie war eine gute Tänzerin, konnte wunderbar lachen, und sie liebte Walzer. Sie sagte ihm, dass ihr Name Beatrice sei, gab ihm aber zu erkennen, dass sie seinen nicht verstand. Machte nichts. Sie nannte ihn „Pocolito Gringo“. Und lachte dabei vergnügt.

Zu Damours großer Überraschung hörte er den Gitarristen einen Refrain über Beatrice und ihren Pocolito Gringo singen. Als die Musik endete, machte Beatrice in ihrem bäuerlichen Kleid einen Knicks vor ihm, küsste ihn auf die Wange und lachte, während sie rasch zu ihrer Bank zurückging.

Damours tanzte die ganze Nacht durch. Er tanzte mit schönen, glutäugigen jungen Frauen, alternden Farmersfrauen, schönen und nicht so schönen Farmerstöchtern, einem der Mädchen aus Marias Etablissement, einer reichen Farmersgattin, Hattie vom Hotelempfang, wieder mit der kichernden Beatrice, und zu seinem großen Erstaunen, der Gattin des Gouverneurs, die mehr Silberschmuck trug als er je zuvor gesehen hatte.

Einige Frauen trugen glänzende Seidenkleider, andere Baumwollkleider. Einige trugen teuren Silberschmuck, andere trugen Halsketten und Armbänder aus gefärbtem Glas.

Er vermied es, mit den Frauen zu flirten. Man hatte davon gehört, dass bei Fandangos Frauen mit Messern aufeinander losgegangen waren oder dass Männer erschossen worden waren. Deshalb wollte er sich nicht mit einem Ehemann anlegen oder sich den Zorn eines eifersüchtigen Mädchens zuziehen. Zumindest nicht bei seinem ersten Fandango.

Die Musik begann wieder zu spielen und er bewegte sich mit der Männerreihe, um auf eines der entgegenkommenden Mädchen zu treffen.

Er blieb verblüfft stehen, als Lily Smoot sich grinsend in seine Arme begab.

„Hast du Spaß, Auggy?“

Wie lange war Lily schon hier? Er hatte sie nicht gesehen. Wieso war ihm nie aufgefallen, wie hübsch sie war? Oder war es der Champagner? Oder der Rauch und das Kerzenlicht?

Als sie tanzten, wurde ihm klar, dass sie kein Wort miteinander gesprochen hatten.

Er sah ihr tief in die Augen. „Guten Abend, Lily.“

Er fühlte, wie sie sich in ihrem leuchtendroten Seidenkleid bewegte, und er bemerkte die gläserne Halskette auf ihrer weißen Haut.

Sie lächelten einander an und spürten, dass sie nicht miteinander sprechen müssten. Sie tanzten einfach.

Als ob sie schon seit Jahren miteinander getanzt hätten.

Als der Tanz endete, lösten sie sich nicht voneinander. Sie blickten sich einfach nur an. Schließlich ließ Damours sie los, trat zurück und verneigte sich.

„Vielen Dank, Miss Smoot.“

Sie lachte, eilte zurück zu einer Bank auf der anderen Seite des Saales und blickte dabei einmal zurück über ihre Schulter.

An die nächsten Tänze konnte er sich gar nicht mehr erinnern, weil er die ganze Zeit versuchte, wieder mit Lily zusammenzutreffen. Er konnte sehen, dass sie ihn vermied. Dass sie ein Spiel daraus machte.

Sie sah ihm nach während sie mit einem altehrwürdigen Priester, mit einem fetten mexikanischen Farmer, einem Jungen aus New Mexico in Mokassins tanzte. Einmal geriet er wieder an Hattie, aber er war nicht mehr derselbe Damours. Er tanzte zwar körperlich mit Hattie, aber sein Herz und seine Seele waren auf der anderen Seite des Saales und wurden von Lily Smoot im Kreis herumgewirbelt.

Als er sah, dass Lily den Tanzsaal verließ hinüber zum Speisesaal ging, löste er sich aus der Reihe und folgte ihr. Er stand hinter ihr und fragte: „Darf ich Sie zum Champagner einladen, Miss Smoot?“

Sie wandte sich um und erwiderte: „Das dürften Sie selbstverständlich, wenn nicht alles ohnehin frei wäre, Mr. Damours.“

Sie traten hinaus in die kalte Nachtluft, jeder mit einem frischen Glas Champagner in der Hand.

Er lehnte sich an die Wand des Gebäudes. Sie trat vor ihn, kam ganz nahe, berührte ihn aber nicht.

„Ich glaube, Tanzen ist in den Straßen von Santa Fe verboten,“ sagte er.

„Wenn das so ist, sollten sie die Gesetze ändern.“

Sie stieß ihr Glas an seinem an, führte es zu ihren roten Lippen und nippte daran. Blickte ihn dabei unverwandt an. Dann stellte sie sich neben ihn, zu seiner Rechten, und lehnte sich an die Wand. Ihr Arm berührte seinen, und sie zog ihren nicht zurück.

„Heute Abend siehst du schön aus, Lily.“

„Nur heute, Auggy? Wie enttäuschend, das zu hören.“

Er sah, wie sie ihre Nase rümpfte, aber er ging nicht auf ihre Worte ein.

Zuvor waren sie nur Freunde gewesen. Die gemeinsam frühstückten, wenn für sie die Pokerspiele vorüber waren. Sie war dann immer müde, und er wollte eine Freundin in der Stadt. Keiner von ihnen hatte etwas daraus machen wollen. Er wusste, dass sie ihn für jünger als sich selbst hielt, und er hatte das so stehen lassen.

Sie wusste, dass er Bordelle besuchte. Wusste sie, dass Cummings ihm erzählte hatte, dass sie auch einmal eine Prostituierte gewesen war? War es wichtig? Ihm war klar, dass es ihm etwas ausmachte, aber würde es sie stören, das er das wusste?

„Hey, Auggy, es wird Morgen. Ein neuer Tag.“

Und plötzlich wurde Auggy klar, dass er sich nicht mehr fühlte wie ein Mann, der sich beim Tanzen amüsieren wollte. Und dann fragte er sich, ob er sich vielleicht in Lily Smoot verliebt haben könnte.

„Schau einmal, Lily. Die Mondsichel erhebt sich gerade über dem Gouverneurspalast, und schau die goldene Farbe der Adobehäuser im Mondlicht.“

„Das ist dieselbe Farbe wie das verrauchte Kerzenlicht im Tanzsaal,“ sagte sie.

Sie stießen wieder mit ihren Gläsern an und sahen sich an.

„Es schimmert wie verzaubert, Auggy.“

„Ja, das tut es.“

7

6. Februar 1861

Nachdem es dem Stoßtrupp der Apachen nicht gelungen war, am Morgen die frühe Kutsche abzufangen, erblickten sie fünf Wagen, die von Westen her auf Apache Springs zufuhren, und sie teilten sich für den Angriff in zwei Gruppen.

Geronimo und fünf andere lagen völlig versteckt in einer Schlucht, während Nahilzay und ein junger Krieger von oben herabkamen und durch Gesten zeigten, dass sie sich in friedlicher Absicht näherten.

Der Fahrer des vorderen Wagens brachte seine ermatteten Maultiere durch einen Ruck zum Stehen. Er und sein neben ihm sitzender Partner saßen stocksteif da und sahen die beiden Apachen an. Alle Fahrer in den neuen Gebieten wussten, dass in Cochises Land keine Gefahr für einen Hinterhalt bestand. Das bedeutete aber nicht, dass man sich zwei entgegenkommenden Apachen gegenüber unvorsichtig verhielt.

„Ich sehe sonst niemanden“, sagte der Fahrer.

Sein Partner ließ den Blick sorgfältig über die Felsen und die Mesquitebüsche neben ihnen schweifen. Er schwenkte sein Gewehr hin und her.

Der Fahrer sprang von seinem Bock ab und ging auf Nahilzay zu, wobei er sein Gewehr neben sich hielt. Der Indianer stand vor den dampfenden Maultieren. Der zweite Fahrer blieb sitzen und beobachtete das Geschehen weiter. Nach einem Augenblick stieg er dann auch ab, wobei er sich mit einer Hand festhielt und sein Gewehr hochhielt.

Gerade in dem Augenblick, als sein rechter Fuß auf dem Boden stand, wurden beide, der Fahrer und er, von einer Kriegskeule getroffen und waren bewusstlos. Völlig geräuschlos umgaben die sieben Apachen die anderen Wagen und zielten mit den Gewehren auf die verbliebenen elf Männer, von denen neun Mexikaner waren.

Die sechs Frauen und Kinder waren zu verschreckt, um auch nur einen Ton von sich zu geben. Die Apachen winkten sie alle mit grimmiger Miene aus den Wagen, erstachen dann einen der Mexikaner mit einem Speer und zogen ihn vom Wagen herab. Cochise hatte ihnen das Töten von Mexikanern nicht verboten.

Die Apachen schnitten die Maultiere rasch von den Wagen ab, trieben die Weißen unter Prügeln auf die Tiere und banden sie dann zu einer Reihe.

Dann fesselten sie die neun Mexikaner an die Wagenräder und quälten sie nacheinander mit Messern und Speeren, bis sie kaum noch bei Bewusstsein waren. Danach verbrannten sie die Wagen und sorgten mit ihren Speeren dafür, dass alle Mexikaner tot waren.

Nahilzay stieß einen langen Jubelschrei aus und trieb die Gruppe zum Lager. Den ganzen Weg über hinauf in die Berge belustigten sich die Chiricahuas über die verängstigten Gefangenen und waren voller Triumphgefühle über den leichten Erfolg.

Der Stoßtrupp kehrte gut vor der angekündigten Zeit zurück.

Cochise kam aus seinem Wickiup als Nahilzay heran ritt. „Bist du mit drei Weißen zurückgekehrt?“

„Zehn.“ Nahilzay deutete auf die Gefangenen, die noch auf ihren Maultieren saßen und vor Angst und Kälte zitterten. „Es ist ein schöner Tag für unser Volk.“

„Ist irgendjemand tot?“

„Keine Weißen. Aber wir haben neun Mexikaner gefoltert und sie mit ihren Wagen und Vorräten verbrannt. Wir haben auch die Maultiere mitgebracht.“

Cochise blickte über das Tal. „Wie früher. In den Tagen des Krieges.“

Er und Nahilzay stießen einen langen Kriegsschrei aus, in den alle anderen Apachen im Lager mit einstimmten.

Die Angst der Gefangenen wuchs weiter.

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Arnold berichtete Bascom, dass der Planwagenzug entdeckt worden sei. „Cochise hat einen Wagenzug angegriffen, neun Mexikaner getötet, alle Maultiere gestohlen und alle Weißen gefangengenommen.“

„Sind Sie sicher, dass es Cochise war?“ fragte Bascom.

„Ja.“

Unbewusst blickte Bascom hinauf zu dem Hügel, auf dem er die Apachen zuletzt gesehen hatte. „Sie sind sich Ihrer Sache zumeist sicher, Captain.“

„Ja, das bin ich.“

„Was macht Sie dann so sicher, dass Cochise all diese Amerikaner hat, aber nicht den kleinen Ward?“

„Warum sollte er seine Männer aufs Spiel setzen, um einen Wagenzug aufzubringen, wenn er dasselbe erreichen könnte, indem er einfach den kleinen Ward ausliefert?“

Bascom dachte darüber nach.

„Was würden Sie an meiner Stelle tun, Captain Arnold?“

„Nichts.“

„Nichts?“

„Es gibt nichts, das wir tun können, Bascom. Es liegt jetzt in Cochises Hand.“

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Nahilzay war dafür, die vier weißen Männer unter den erfolgreichen Angreifern aufzuteilen.

Cochise brachte ihn zum Schweigen durch eine Bewegung mit dem Speer. Er stand zwischen den versammelten Apachen und sagte: „Wir werden keine Weißen töten, sofern der junge Soldat uns nicht dazu zwingt. Wie werden unseren Frieden und unsere Leute nicht aufgeben, solange wir nicht müssen.“

„Aber die gefangenen Bleichgesichter gehören zu denen, die für sie gekämpft und getötet haben“, entgegnete Nahilzay.

„Die gefangenen Bleichgesichter gehören unserem Volk“, erwiderte Cochise.

Er deutete mit seinem Arm über das ganze Lager. „Uns allen. Bis wir die Antwort des jungen Soldaten kennen. Die Soldaten halten fünf Chiricahuas fest, die sie unter der Waffenstillstandsfahne festgenommen haben. Bringt mir die vier weißen Männer so stark gefesselt, dass sie keine Bewegung machen und keinen Laut von sich geben können.“

Die vier Gefangenen wurden herbeigebracht. Sie waren auf drei bemalten Apachepferden festgebunden. Ihre Augen waren vor Angst weitaufgerissen, und diese Angst übertrug sich auch auf die Pferde.

„Ich werde vier Krieger nehmen und wir werden zu dem jungen Soldaten hinunterreiten. Nahilzay, bring zwanzig Männer mit. Aber bleib ein gutes Stück hinter uns. Die Soldaten dürfen euch nicht bemerken. Wenn du siehst, dass wir mit unseren Leuten zurückkehren, treffen wir euch hier. Wenn du siehst, dass wir mit den weißen Gefangenen zurückkehren, dann finde eine Schwachstelle im Soldatenlager und töte zwei der Soldaten, wenn wir zurückkommen. Aber ich möchte nicht, dass wir Apachenkrieger verlieren, klar?“

„Ja.“ Nahilzay hob den Speer und schrie zweimal, einmal zur Feier dieses Tages und einmal für die lange Zeit, in der auf diesen Augenblick gewartet hatte.

„Jetzt werden wir sehen. Wir werden sehen, in welche Richtung der Schöpfer unser Volk gehen lassen will“, sagte Cochise, griff nach seinem Pferd, zog sich hinauf und führte seine kleine Truppe den Berg hinunter.

Es war keine Freude in seinem Herzen.

„Hier kommt er“, sagte Sergeant Wilson.

„Was hat er wohl vor, Captain?“fragte Bascom.

Arnold betrachtete den Hügel durch sein Fernglas. „Es sieht aus, als ob Cochise, vier Krieger hätte und .....“, hier hielt er inne und reichte Bascom das Fernglas. „Und vier Geiseln.“

Bascom sah zu hoch zu der Gruppe als Arnold sagte: „Vier Fahrer, die ich aus Las Cruces kenne.“

Cochise und seine Gruppe hielten weit außerhalb der Schussweite der Soldatengewehre an und standen still. Sie sahen hinunter zum Lager.

„Er hat also weniger Geiseln als die Chiricahuas, die wir haben?“ fragte Bascom.

„Wir wissen nicht, ob das seine einzigen Geiseln sind“, meinte Arnold. „Und jeder der Fahrer ist mehr wert als die Apachen, die wir haben.“

„Können Sie den kleinen Ward sehen?“

„Nein.“

„Dann gibt es keinen Austausch.“

„Bascom, “ sagte Arnold.

„Ja, Captain?“

„Er bietet einen fairen Austausch an und betont noch einmal, dass er nichts über den Verbleib des kleinen Ward weiß. Meine Empfehlung wäre, dass wir ‚Ja‘ sagen und weiterziehen ohne mit den Chiricahuas einen Krieg anfangen.“

„Ich habe meine Befehle, Captain Arnold“, sagte Bascom. „Sergeant Wilson, steigen Sie auf. Sie und ich reiten dort hinauf, um Cochise zu sagen, dass er diese vier Männer freilassen muss und auch die anderen Geiseln, die er festhält. Wenn er dann den kleinen Ward bringt, dann werden wir die Chiricahuas gehen lassen.

„Das ist ein Todesurteil für hunderte von Menschen im Arizona-Gebiet, Lieutenant“, sagte Arnold.

„Steigen Sie auf, Sergeant Wilson“, befahl Bascom. „Wir reiten los.“

„Ich brauche noch einen Augenblick, Sir.“

„Wir reiten, Sergeant.“

„Cochise wird warten, Lieutenant Bascom.“

Und mit diesen Worten drehte dem verblüfften Lieutenant den Rücken zu und führte sein Pferd zurück ins Lager.

Bascom sah wütend zu als Wilson die Runde durch seinen Zug machte und jedem einzelnen Mann die Hand schüttelte. Bei einigen war es nur ein kurzes Händeschütteln. Aber anderen hatte er noch etwas zu sagen. In allen Fällen dauerte es nicht lange und es folgte dann eine militärische Ehrenbezeugung.

„Was soll das denn, Sergeant Wilson?“ fragte Bascom.

„Sie sind gute Männer, Lieutenant. Ich habe ihnen gesagt, dass es eine Ehre war, mit ihnen gedient zu haben. Sprechen wir jetzt mit Cochise.“

Die beiden Soldaten ritten zügig den Hügel hinauf. Die Apachen oben und die Soldaten unten beobachteten sie unablässig.

Als die beiden Soldaten vor Cochises Gruppe standen, warteten sie darauf, dass er sprechen würde. Aber er nickte Bascom nur grüßend zu.

„Ich muss mich entschuldigen, dass meine Sprache so schlecht ist, aber sie halten unseren Dolmetscher gefangen“, begann Wilson in gebrochenem Apache.

„Ich weiß, Sergeant. Unsere Frauen und Jungen kümmern sich um ihn. Bald wird er im Mexicano-Himmel bei seiner Familie und bei den Mexicanos sein, die wir heute getötet haben.“

Er sah zum kristallblauen Himmel über Arizona empor und stieß ein grunzendes Geräusch aus, das alle Krieger wiederholten.

„Cochise“, sagte Wilson. „Du und ich, wir haben viel miteinander erlebt. Es ist ... ah, es war immer gut. Wir vertrauen einander. Unsere Soldaten da unten“, er deutete mit dem Arm auf das Lager unter ihnen, „ Sie sind mit den Chiricahuas immer freundlich umgegangen. Sie achten eure Leute. Sie wollen keinen Krieg mit euch.“

Cochise nickte ihm zu, damit er weiter sprach.

„Der Lieutenant ist unerfahren. Er macht gerade einen großen Fehler. Du bist ein kluger Mann. Du musst doch einen Weg erkennen, wie wir einen Krieg vermeiden können.“

„Was sagen Sie ihm, Sergeant?“ fragte Bascom.

„Ich habe ihm erklärt, dass Sie glauben, dass er den kleinen Ward hat und dass Sie und die Soldaten dort unten keine anderen Erklärungen annehmen.“

„Und was hat er gesagt?“

„Nur, dass mein Apache sehr schlecht ist und dass euer Dolmetscher noch lebt, aber nicht zur Verfügung steht.“

„Ich habe dem jungen Soldaten gesagt, dass wir den Sohn Wards nicht haben“, sagte Cochise. „Und dass wir nicht wissen wo er ist.  Wir wollen den Soldaten bei der Suche helfen, um ihn für seinen rotbärtigen Vater zu finden.“

Wilson seufzte. Er verhandelte resigniert weiter und wusste, dass er gerade sein eigenes Todesurteil unterschrieb. Er deutete auf die verängstigten Geiseln.

„Lieutenant Bascom will, dass wir die vier Geiseln jetzt zurück ins Lager bringen. Dann wird er unten warten bis ihr alle die anderen Amerikaner bringt, die eure Krieger heute entführt haben, und auch den kleinen Ward. Dann übergibt er euch die fünf Apachen.“

„Die Geiseln sind im Besitz aller Chiricahuas. Ich tausche diese vier hier gegen meine Familie. Wir haben keine Kenntnis vom Verbleib des Jungen, und wir sind heute vom Nantan zum letzten Mal Lügner genannt worden.“

„Gibt es keinen anderen Weg?“

„Nein“, sagte Cochise und deutete so wild mit seinem freien Arm auf den Boden, dass alle Pferde erschraken.

Wilson übersetzte Bascom Cochises Antwort

Bascom zeigte auf die weißen Geiseln, richtete sich in seinen Steigbügeln auf und forderte: „Übergeben Sie mir diese Leute. Jetzt.“

Cochise saß bewegungslos auf seinem Pferd und starrte den Lieutenant an. „Sergeant Wilson, viele Weiße und viele Soldaten sind zu unserem Volk gut gewesen. Es tut mir leid.“

„Mir tut es auch leid, Cochise.“

Cochise sagte in scharfem Ton etwas zu den Apachen, das Wilson nicht verstehen konnte, und sie wendeten ihre Pferde zusammen in die andere Richtung.

Genau wie am Tag zuvor ertönten zwei Schüsse und die Pferde beider Soldaten fielen. Aber diesmal war Bascom vorbereitet. Er rollte sich von seinem Pferd und zog seine Dienstwaffe. Er gab zwei ungezielte Schüsse ab, bevor ein Apache ihm die Waffe aus der Hand schoss.

Bascom stand hilflos da und sah die Indianer den Hügel hinauf reiten. Dabei zogen sie Wilson mit sich, der mit dem Gesicht nach unten am Ende eines sich drehenden Seiles hing und über Felsen und Büsche geschleift wurde. Dann hörte er Gewehrfeuer zu seiner Linken. Er sah, wie Soldaten auf einige fliehende Apachen feuerten. Und Bascom konnte erkennen dass zwei seiner Soldaten tot neben den Quellen unter den Cottonwoods-Bäumen lagen.

Der Friede der Amerikaner mit Cochises Chiricahua-Apachen war offiziell beendet.

8

7. Februar 1861

Cochise hatte eine schlaflose Nacht alleine hoch oben in den Bergen verbracht oberhalb des Lagers. Sein Hass auf die Bleichgesichter, den er so lange unterdrückt hatte, war mit aller Macht zurückgekehrt.

Er beobachtete, wie der Tag über der weiten Wüste unter ihm anbrach. Das Wetter war kalt, aber klar, und das passte genau zu seiner Stimmung. Er hatte alles ihm Mögliche versucht. Entgegen seiner Empfindungen und dem Rat vieler seiner Krieger hatte er mit den Amerikanern viele Jahre in Frieden gelebt. Geduldig hatte er sich mit gierigen Goldsuchern, durchgedrehten Ranchern, arroganten Postkutschenbetreibern und achtlosen Cowboys abgegeben. Aber jetzt hatte dieser überhebliche, unerfahrene junge Soldat alles zu einem Ende gebracht.

Er sprang auf sein Pony, stieß einen klagenden Schrei aus und ritt dann bergab zu seinem Volk. Das Volk, das er gegen die Navajos und gegen die Mexicanos in eine Zeit des Friedens und des Wohlstandes geführt hatte, die jetzt zu Ende ging, dieses Volk würde er gegen die Bleichgesichter führen.

Aber es war der Wille des Schöpfers und, wie ein Rachegott, würde Cochise jetzt das Volk zu seiner alten Lebensweise zurückführen. Sein Schwiegervater hatte die ganze Zeit über Recht gehabt.

Er ritt in das Lager hinein und sah, dass die Schamanen ihn erwarteten. Trotz eines heftigen Schneesturms hatten sich alle zur Segnungszeremonie versammelt. Der Medizinmann und die Krieger, hundertfünfzig an der Zahl, hatten sich vorne versammelt. Die Frauen und Kinder zusammen mit den weißen Geiseln hielten sich an den Seiten und weiter hinten im Lager auf. Die Krieger und ihre Pferde, die sich in einem Pferch befanden, waren bereits bemalt und trugen ihre feierliche Lederkleidung, die mit Perlen bestickt und mit Kriegsfarben bemalt war.

Die einzigen Geräusche, die er beim Absteigen hören konnte, waren das Knistern der Feuer, die dem kalten Morgen trotzten, das Stöhnen der Geiseln und das Schnauben der angebundenen, aber erregten Pferde.

„Viele Jahre lang“, sagte Cochise, „ haben wir mit den Bleichgesichtern in Frieden gelebt. Trotz des Rates vieler von euch.“ Hier deutete er in einer würdevollen Geste auf Nahilzay, Geronimo und verschiedene andere, die bei ihm saßen. „Jetzt kommt dieser junge Soldat und fordert unser Volk heraus. Wir haben den Amerikanern kein Leid zugefügt. Dennoch hat er uns unsere Leute weggenommen und uns Lügner genannt. Jetzt müssen wir in den Krieg ziehen um die Apachen zu retten, die er in Apache Springs festhält. Bringt den amerikanischen Soldaten her.“

Zwei Krieger zerrten das heran, was von Sergeant Wilson übrig geblieben war und legten ihn zu Cochises Füßen nieder. Außer an seiner zerfetzten Uniform gab es nichts mehr, woran man ihn hätte erkennen können. Sein Gesicht bestand nur noch aus einem Klumpen gebrochener Knochen und zerfetzter Gesichtszüge. Seine Lippen, Augenbrauen und Ohren waren verschwunden. Nichts war von seinem dichten Bart geblieben. Beide Arme waren gebrochen. Aber war immer noch bei Bewusstsein. Cochise winkte einen der Schamanen nach vorne.

„Sergeant Wilson, können Sie mich hören?“

Die blutbeschmierte Gestalt nickte verstehend.

„Gibt es irgendetwas, das wir tun können, damit der junge Soldat unsere Leute freilässt?“

Wie in Trance schüttelte Wilson seinen blutigen Kopf vor und zurück. Nein

Cochise wandte sich an den Schamanen.

„Segne diesen amerikanischen Soldaten. Er ist ein Freund gewesen, er ist tapfer und er verdient ein besseres Schicksal.“

Während der Schamane einige kurze Segenssprüche über die reglose, aber noch atmende Form vor ihm sprach, richtete sich Cochise an den versammelten Stamm.

„Ihr fünf reitet zu Mangas Coloradas. Sagt ihm, dass wir jetzt bereit sind, uns ihm in seinem Kampf anzuschließen und die Bleichgesichter aus unserem Land zu vertreiben. Sagt ihm, dass heute die Chiricahuas die Amerikaner am Apache Pass angreifen. Sagt ihm, er möge seine Krieger herbeibringen und uns an seinen Lagern in den Tres-Hermanas-Bergen zum neuen Mond treffen. Sagt ihm, wir werden die Ermordung meines Vaters rächen. Wir werden seine Folter durch die Goldgräber rächen. Wir werden alle Ungerechtigkeiten durch die Amerikaner rächen. Nimm eines der weißen Mädchen mit und gib es ihm.“

Er wandte sich an Nahilzay und sagte: „Gib die anderen drei Mädchen denen, die sie gefangengenommen haben.“

Er deutete auf das hintere Lager.

„Gib den Rest der weißen Geiseln den Frauen und Kindern. Lasst sie Rache nehmen für den Tod meines Vaters durch die Hand der Bleichgesichter in Mexiko.“

Er stieg wieder auf sein Pferd und hob sein Gewehr über seinen Kopf.

„Ganz bald werden wir einen Kriegstanz abhalten. Zusammen mit Mangas Coloradas und den Mimbres. Aber heute“, und hier zeigte er auf die versammelten Medizinmänner, „heute segnet die Krieger für ihren Angriff auf Apache Springs.“

Als die Segnung begann, wendete er sein Pferd und schoss Wilson genau in den Kopf.

Die Tapferkeit des Sergeanten war mit Gnade belohnt worden.

Ganz in der Art der Apachen.

9

8. Februar 1861

Kit Carson, der seit 1853 Indianerbeauftragter der Regierung im nördlichen New-Mexico-Gebiet war, hatte einem Treffen mit den Anführern der Ute und der Jicarilla-Apachen zugestimmt.

Carson war der berühmteste der Entdecker, Trapper, Pfadfinder, Abenteurer und Kämpfer in den Indianerkriegen des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Nachdem er wesentlich zum amerikanischen Sieg im mexikanisch-amerikanischen Krieg beigetragen hatte, hatte er sich mit seiner dritten Frau, Josefa, und ihren Kindern nahe der großen Plaza in Taos niedergelassen. Zuvor war er mit zwei Indianerinnen verheiratet gewesen, einer Arapaho und danach mit einer Cheyenne. Mürrisch wirkend, fast sechs Fuß groß, mit lichtem silberblondem Haar und Schnauzbart und jünger als 51 Jahre wirkend, sah er aus wie die überlebensgroße Verkörperung des sagenumwobenen Grenzers, um den sich im neunzehnten Jahrhundert viele Legenden rankten.

Aber die Indianer achteten ihn, ja, liebten ihn fast.

„Vielen Dank für die Einladung heute Abend“, sagte Carson und deutete auf seinen neunjährigen Sohn William, der neben ihm saß.

„Nein, Agent Carson, wir danken ihnen und Chief William dafür, dass Sie heute zu unseren Hütten gekommen sind“, antwortete Yellow Horse, ein Häuptling der Jicarilla. „Wir“, und hier zeigte er auf das gesamte Lager, „wir brauchen wieder Ihre Hilfe. Ganz gleich wie geduldig wir sind, die Inltane, die Navajos, hören nicht auf unsere Hütten zu überfallen und unsere Kinder als Sklaven zu entführen. Nicht nur die von uns Haisndayin, den Jicarillas, sondern auch die von unseren Freunden, den Utes.“

„Ja, Vater Kit,“ fügte Kaniache, ein Häuptling der Ute hinzu, „Yellow Horse spricht die Wahrheit über die Navajo. Wir sind nicht immer Freunde der Jicarillas gewesen.“ Hier nickte er respektvoll den Anführern der Jicarillas zu. „Aber die Utes sind immer Feinde der Navajos gewesen.“

Kaniache sah die versammelten Indianern an und wollte Zustimmung. Alle nickten. „Ihr weißen Männer habt uns aufgefordert eure Gesetze zu beachten und aufzuhören, die Navajo im Westen zu überfallen. Und auch die Cheyenne und die Comanchen im Osten.“

Carson nickte Kaniache zu, damit er weitersprach. 1854 hatte Kaniache Carson das Leben gerettet als einer der Utes versucht hatte, ihn in seinem Haus in Taos zu töten. Carson sollte sicherlich die Geduld aufbringen, bis er zu seinem Argument kam.

„Wir Nuhe, die Utes“, sagte Kaniache, „haben immer versucht, mit unseren Nachbarn in Frieden zu leben. Auf dem Pfad zu bleiben, den uns Senawahv gezeigt hat. Den Pfad zwischen hier und unseren heiligen Bergen. Jetzt, da so viele weiße Männer gekommen sind, sind die Bären geflohen und es ist uns unmöglich, unsere althergebrachte Lebensweise fortzuführen. Weil wir dich, Vater Kit, achten, versuchen wir hier in Frieden zu leben. Aber die Navajos lassen das nicht zu. Sie machen sich die Schwäche zu Nutze, die du uns auferlegt hast.“

Carson saß schweigend da. Seine Indianer wussten, dass ihm das alles bewusst war. Dass er seit Jahrzehnten in die Indianerkämpfe verwickelt war, dass er besonders mit der Niederlage der Jicarillas und der Utes zu tun hatte und dass er jetzt ein erfolgreicher Indianeragent war.

Er wartete. Das würde alles auf ein Ziel hinauslaufen. Er unterdrückte ein Lächeln, als er aus den Augenwinkeln heraus bemerkte, dass William anfing unruhig zu werden.

„Es wird immer schwieriger, unsere jungen Männer davon abzuhalten zurückzuschlagen“, sagte Yellow Horse. „Wir können das Verhalten unserer jungen Krieger nicht so kontrollieren wie ihr Weiße das könnt. Sie wuchsen auf mit Geschichten ihrer Großväter und Väter, wie sie die Inltane besiegt haben. Sie glauben, wir wären schwach. Es wird sehr schwierig.“

Und hier griff Red Cloud, der aufsteigende junge Häuptling der Utes, ein: „Sie kümmern sich sehr um uns, Vater Kit. Alle unsere Bedürfnisse werden befriedigt. Bis auf eines, natürlich, das von unserer Tradition gefordert wird.“

Alle Anwesenden wussten, dass Red Cloud vor zwanzig Jahren von einem Trupp der Navajos entführt worden war. Die Navajos hatten sein Chiricahua-Apachen-Dorf angegriffen und alle außer den jungen Frauen und dem Vierjährigen getötet. Auf dem Heimweg waren sie von Jägern der Utes überrascht worden, die sie umbrachten und die jungen Frauen und den Jungen als Sklaven mitnahmen. Der Chiricahua-Junge war zu einem der besten Jäger und einem der am meisten gefürchteten Krieger geworden. Jetzt sprach der vierundzwanzigjährige Häuptling zu Carson.

„Der weiße Mann“, sagte Red Cloud, „fordert, dass wir hier den Sommer verbringen anstatt in unseren natürlichen Sommerlagern im Norden. Er fordert, dass wir nicht mehr von Jahreszeit zu Jahreszeit umher ziehen, wie Senawahv uns gelehrt hat. Wir wurden geschaffen, damit wir die stärksten aller Menschen sind, aber die Befehle des weißen Mannes machen uns schwach. Und die Navajos machen sich unsere Schwäche zu Nutze.“

Red Cloud sah zu Kaniache hinüber und bekam ein zustimmendes Nicken.

„Wenn die Navajos uns angreifen, können unsere Krieger nicht verstehen, warum unsere Frauen und Kinder Navajo-Sklaven werden und wir nichts tun dürfen. Wenn die räuberischen und mörderischen Navajos weiße Rancher angreifen, dann nimmt der weiße Mann zur Vergeltung Navajos als Sklaven. Wir haben alle Williams kleinen Navajo-Bruder in Taos kennengelernt, den du und deine Frau den Navajos weggenommen habt. Da du nicht zurückschlägst, wenn die Navajos uns angreifen, bitten wir bloß darum, dass wir es dürfen. Es sollte so sein, wie Senawahv es immer noch von uns fordert.“

Carson saß da und tat so, als ob er darüber nachdächte, was Red Cloud gesagt hatte. Aber es war nichts Neues. Carson hatte zunehmend für sich entdeckt, dass die einzige Lösung darin bestand, jeden Stamm von jedem anderen Stamm und den weißen Siedlungen fernzuhalten und sie zu unterstützen. Aber wie sollte das bezahlt werden?

„Ich verstehe deine Haltung“, sagte Carson. „Ihr sprecht alle die Wahrheit über die Wesensart der Dine. Aber ihr wisst, die Navajos sagen, dass sie mit allen Stämmen in Frieden lebten bis vor achtzig Jahren die Spanier ihre Leute versklavten. Und sie sagen dasselbe über euch, und dass sie ihre jungen Krieger nicht im Zaume halten könnten. Sie sagen, und wir wissen alle, dass es wahr ist, dass die Jicarillas und die Utes die Häuser der Dine angriffen und dass sie einundzwanzig kleine Navajo-Mädchen und mindestens fünfzig Pferde zu diesem Ort brachten. Sie sind der Überzeugung, dass sie heute immer noch entweder nach ihren Töchter, Enkelinnen, Pferden oder nach Rache suchen.“

Carson sah Red Cloud direkt an. Red Cloud, der berühmt wurde, weil er die erfolgreichsten Angriffe gegen die Navajos geführt hatte, dessen Englisch besser war als das jedes anderen Indianers im Bereich seiner Agentur, und der verständlicherweise mehr wie ein Apache als wie ein Ute aussah.

„Und wir wissen alle, dass viele von euch, obwohl ihr heute sicherlich Jicarillas und Utes seid, nicht in eure Stämme hineingeboren wurdet“, sagte Carson. „Sklaverei zwischen den verschiedenen Stämmen vergiftet die Beziehungen zwischen uns allen. So wie es auch zwischen den Weißen, den New Mexicans und sogar den Mexikanern ist. Wir müssen alle lernen zusammen zu leben. Es ist die Politik meines Landes, euch dabei zu helfen, in Frieden zu leben. Hier, in euren Stammesgebieten. Irgendwo im Teufelskreis von Gewalt, Diebstahl und Töten müssen einige lernen aufzuhören. Wir werden euch weiterhin unterstützen, wenn ihr die neuen Regeln annehmt und lernt, im Frieden mit den Cheyenne und den Comanchen zu leben und, ja, sogar mit den Dine. Und ich werde mein Bestes tun und Einfluss nehmen auf eure jungen Krieger, damit sie lernen, mit den Navajo in Frieden zu leben.“

Die Indianer, die diese Antwort erwartet hatten, saßen eine Zeitlang still da.

William machte sich die Stille zu Nutze.

„Häuptling Yellow Horse, erzählst du uns eine Geschichte vom Coyoten?“

Die versammelten Indianer kicherten nachsichtig. Sie lächelten, da Yellow Horse ein meisterlicher Geschichtenerzähler war und sie gerne seine Geschichten hörten, obwohl sie sie schon viele Male gehört hatten.

„ Wie wär’s mit: ‚Coyote versteckt sich im Maul der kleinen Ratte‘?“ sagte Yellow Horse.

„Nein, die gefällt mir nicht.“

William zog ein Gesicht, das Yellow Horse zum Lachen brachte.

„Wie wär’s mit: ‚Coyote und der sprechende Baum‘?“

„Ja, bitte. Die kenne ich noch nicht.“

„Sie wird dir gefallen, Häuptling William“, sagte Yellow Horse. „Die Jicarillas sprachen untereinander über diesen berühmten sprechenden Baum. Ein Baum weit weg von hier, der Töne von sich gibt, wenn der Wind hindurch fährt. Und Coyote hörte ihnen zu und wollte den sprechenden Baum treffen. Deshalb erzählten die Leute ihm, wo er war. Aber Coyote glaubte ihnen nicht. Da Coyote ihnen nicht glauben wollte, beschlossen die Leute, Coyote zu belügen, sie zeigten auf Bäume und erzählten ihm, dass jeder davon der sprechende Baum wäre. Und Coyote ging von Baum zu Baum in allen Wäldern auf allen Bergen und sprach mit den Bäumen. Aber keiner der Bäume antwortete dem dummen Coyoten.“

Hier sah Yellow Horse die anderen Jicarillas an und wollte sichergehen, dass er nichts ausgelassen hatte.

„Aber nachdem er mit allen Bäumen gesprochen hatte, aber keinen fand, der ihm antwortete, gab Coyote auf. Aber selbst nach diesem Erlebnis lernte Coyote nicht, dass er den Jicarillas hätte glauben sollen, nachdem sie ihm seine erste Frage beantwortet hatten.“

„Coyote ist immer so dumm“, meinte William.

„Wie so viele, wenn sie der Klugheit der Jicarillas begegnen, mein Sohn.“

„Aber wo ist der berühmte sprechende Baum, Häuptling Yellow Horse?“

„Der sprechende Baum ist weit weg, Häuptling William. Er ist in den Chiricahua-Bergen, bei einem anderen Apachenstamm.“

William dachte darüber nach, was er gelernt hatte während Yellow Horse wieder die Aufmerksamkeit der anderen Häuptlinge und Williams Vater suchte.

„Wir wissen, wie du dich fühlst, Vater Kit“, sagte Kaniache. „Aber wir glauben nicht, dass die Dine tun, was du verlangst. Sie werden weiterhin unsere und eure Leute bestehlen und berauben.“

Er sah die anderen Häuptlinge an, bevor er fortfuhr.

„Es wird ein Tag kommen, an dem der weiße Mann genug hat von den Dine. So wie alle anderen Indianer. Deshalb bitten wir dich nur um das Eine, Vater Kit. Wenn der Tag kommt, an dem du die Dine jagst und sie gerecht bestrafst, erlaubst du dann den Jicarillas und den Utes an deiner Seite an diesem großen Kriegszug teilzunehmen? Wenn du dem zustimmst, werden wir alles tun, um unsere jungen Krieger im Zaume zu halten.“

Reichlich verwirrt streichelte Carson über Williams Kopf. Er bemerkte gleich, dass sein unbeabsichtigtes Kopfnicken von der Versammlung als Zustimmung zu ihrem Antrag verstanden worden war.

10

10. Februar 1861

Lily lächelte Damours an, ihr Haar lag auf dem Kissen. Einige Strähnen, die nass vom Schweiß waren, klebten auf ihrer Wange.

„Das war schön“, sagte sie und streichelte seine Wange mit ihrer Handinnenseite. "Fühlst du dich jetzt besser, Auggy?"

„Ist es besser mit jemandem, den du magst, oder ist es besser mit einem Kunden, der dafür zahlt?“

„Ich würde nicht 'besser' sagen“. Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Mit dir ist es schon etwas Besonderes, viel mehr als mit den Kerlen, die es nur mit dir treiben um Spaß haben zu wollen. Das ist Arbeit. Bumsen ist Arbeit.“

Warum wollte eigentlich alle Kerle, dass es mit ihnen etwas Besonderes wäre, fragte sie sich zum millionsten Mal. Sie erinnerte sich, dass wenn sie in Virginia City mit den Mädchen zusammensaß, alle immer nur darüber lachten. Glaubten die Kunden wirklich, dass sie von Gott gesandt wären, um die Frauen zu beglücken? Und alles, was die Huren im Kopf hatten, waren die Dollarzeichen. Wenn sie gut bei der Arbeit waren, dann gaben sie den Kunden das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Niemand verdient gutes Geld, wenn man den Kunden sagt, was man wirklich von ihnen hielt.

Sie zog seinen Kopf auf ihre nackte Brust.

„Ich möchte, dass du nicht mehr daran denkst, Liebling. Du bist mein Mann. Es gibt niemanden sonst. Ich mache das nicht mehr. Ich konnte so lediglich mehr Geld als sonst irgendwie verdienen.“

„Und woher weiß ich das?“

„Ach Auggy. Ich brauchte das Geld. Ich habe Cad getroffen, als ich in Virginia City war und sie hat's mir leicht gemacht. Versprach mir, sich um mich zu kümmern. Und sie war großartig. Sie hatte Wachen vor dem Brick House, um uns vor all den Rüpeln zu schützen.“

„Aber nach dem, was Cummings gesagt hat, kann ich dich mir dich nur unter Bauernlümmeln und Revolverhelden vorstellen, wenn du hier bei mir bist.“

„Auggy, ich bin doch nicht da erste Mädchen, das du gevögelt hast.“

„Sicher, aber keine hat je mehr dafür gezahlt.“

Sie blickte in sein Gesicht über ihren Brüsten und erkannt, dass er jetzt scherzte. Sie klatschte ihm auf sein Hinterteil.

„Hör auf“, sagte sie.

„Okay, aber im Ernst, wenn es so anders ist, wie ist es dann mit einem Typen, mit dem du nur zehn Minuten lang zusammen bist?“

„Es ist wirklich nicht einfach herauszufinden, was jeder möchte. Aber wenn du den Typen nicht schon kennst, bist du nie wirklich locker. Dann musst du vorsichtig sein und so tun, als ob du die ganze Zeit Spaß hättest. Bei dir ist es eigentlich schwieriger. Bei dir muss ich herausfinden, was du willst und es dir dann geben weil ich das möchte. Und weil es sich so gut anfühlt geliebt zu werden, kann ich mich entspannen und es dir geben.“

Sie streichelte sein Haar.

„Übrigens, wie erlebst du das? Mit den Huren?“

Er sah etwas peinlich berührt aus. „Es macht viel Spaß. Nein, das wollte ich nicht sagen. Es ist kein Spaß. Man muss nicht wirklich etwas 'geben', wie du es genannt hast. Du nimmst dir nur, was du willst, bis es vorbei ist.“

„Ist es also besser?“

„Du brauchst nicht darüber nachzudenken, ob es dem Mädchen gefällt oder nicht. Du triffst sie und du hast Spaß. Und wenn sie glücklich ist, dann weiß man, dass sie vielleicht nur so tun.“

„Dann macht es also mehr Spaß?“

„Wahrscheinlich. Nein. Natürlich nicht. Was soll's. Ich weiß, dass ich Glück hatte, dich zu finden. Die meisten Typen, wenn sie nicht gerade im Puff sind, müssen schon froh sein, wenn ein Mädchen überhaupt mit ihnen spricht.“

Er sah zu ihr herab. Todernst jetzt. Er stützte sich auf seinen Ellbogen.

„Warum wollen du und Pepper keine Huren mehr sein? Danson sagt, dass ihr beide immer noch dem Geld hinterherjagt. Warum arbeitet ihr nicht in den Betten?“

„Nun, was Pepper angeht, hat er Recht." Sie sah mit Erstaunen, wie sich seine Augen weiteten. "Hast du das nicht gewusst? Was glaubst du wo sie gearbeitet hat, Auggy?“

„Ich habe gedacht, dass sie deine Freundin wäre und dass sie wie du hier in Santa Fe irgendwo als Kartenausteilerin arbeiten würde.“

„Tut mir leid, Liebling. Pepper arbeitet drüben bei Manuela. Ich dachte du wüsstest das. Wir sind bloß Freundinnen. Sie mag es und glaubt nicht, dass sie etwas anderes tun könnte. Die Wahrheit ist, wie die meisten Huren hat sie nicht den Grips für etwas anderes.“

„Und du?“ fragte Damours.

Sie zog ein langes trauriges Gesicht.

„Tut mir leid, dass du so etwas fragst, Auggy. Ich mag Sex. Und es war der schnellste Weg, an Geld zu kommen. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen habe ich in Nevada etwas Geld gespart. Genug, um hierher zu kommen. Aber durch die Hurerei kannst du nicht reich werden, es sei denn, dir gehört der Laden. Und ich habe keine Lust, mich mit den Problemen der Mädchen herumzuschlagen.“

„Was willst du denn wirklich?“

„Ich will reich werden. Richtig reich. Und ich mit dem richtigen Kerl reich werden. Und dann möchte ich von all diesem rauen und gewalttätigen Leben hier wegkommen, und dann möchte ich mit meinem Mann ein schöneres Leben führen können. Auf unserer eigenen Ranch. Im Washington-Gebiet. Das ist mein Traum.“

„Bin ich der Kerl?“

Sie küsste ihn auf den Kopf und legt ihre Beine um ihn herum. Er war nicht so beschränkt wie andere, und man konnte ihm leicht trauen. Gut aussehend und fügsam wie eine Marionette.

„Ja, Auggy. Du bist dieser Kerl. Gott liebt dich“

Sie griff nach ihm und zog ihn in sich hinein.

„Du bist genau der Richtige.“

11

19. Februar 1861

Es war bitterkalt, aber die Moral der Truppe Bascoms in Apache Springs war gut. Cochises Krieger hatten weder angegriffen noch waren sie gesehen worden in den zwei Wochen seit Captain Arnold und sein Zug nach Fort Marcy bei Santa Fe aufgebrochen waren. Zu Anfang hatten die Chiricahuas noch mehrere Versuche unternommen, um die Geiseln zu retten, konnten aber nie durchstoßen.

Die Rancher im Siedlungsgebiet hatten weniger Glück. Eine größere Zahl von ihnen war getötet worden und ihre Pferde und ihr Vieh liefen umher. Der Leiter der Butterfield-Post-Verbindung, Tom Jeffords, dessen roter Bart sein Gesicht so umrahmte, dass er aussah wie ein in Flammen stehender Baum, kam eines Tages herbei galoppiert um zu melden, dass die Postverbindung zwischen Tuscon und Fort Bowie durch die Chiricahuas völlig zum Erliegen gebracht worden war. Er forderte die Unterstützung der Army, um irgendeine Form der Postverbindung aufrecht zu erhalten.

Aber Bascoms Auftrag war erfüllt und die Army musste sich jetzt voll und ganz den Apachen entgegenstellen.

Die Wachen hörten Geräusche, die so klangen als ob die Kavallerie durch den Pass käme.

Ein Erkundungstrupp erschien, der drei gefangene Indianer mit sich führte.

„Wir müssen mit Lieutenant Bascom sprechen“, sagte der verantwortliche Sergeant.

Der Corporal deutete auf das Zelt des Lieutenants während er neugierig die drei Indianer betrachtete. „Dort drüben.“

Als sie beim Zelt ankamen, trat Bascom heraus. Er blickte auf die Soldaten, dann auf die drei Apachen. „Was können wir für Sie tun, Sergeant?“

„Ich überbringe Ihnen den Befehl nach Fort Buchanan zurückzukehren, Sir.“

„Und diese drei Indianer?“ fragte Bascom und zeigte auf die regungslosen Gefangenen.

„Wir haben sie auf frischer Tat ertappt mit gestohlenen Pferden und Vieh aus einer ausgebrannten Ranch östlich von hier. Wir haben den Befehl, alle kriegerischen Apachen, die wir antreffen, hinzurichten.“

„Okay, wir müssen ohnehin drei von unseren aufhängen, bevor wir zurückkehren. Cochise hat acht unserer Bürger, die er uns nicht zurückgeben wollte, gefoltert und verstümmelt und das, was von ihnen noch übrig war, auf der anderen Seite der Quellen mitten in der Nacht abgeworfen.“ Er sah zu seinen eigenen gefangenen Apachen. „Sergeant. Bringen Sie ihre Gefangenen. Wir können die Sache gleich erledigen.“

An jenem Nachmittag führte Lieutenant Bascom die gesamte Einheit der Soldaten von Apache Springs nach Fort Buchanan. Bei ihm waren Cochises Frau und sein kleiner Sohn Naiche.

Was er zurückließ, waren die sechs toten Apachen, die an sechs verschiedenen Cottonwoods-Bäumen hingen. Darunter waren Cochises Bruder Coyuntura mit seinen beiden Söhnen, Cochises Neffen.

Einige Stunden später, als Späher sagten, die Bleichgesichter würden nicht zurückkommen, ritten Cochise und zehn seiner Männer in Lederschurz und voller Kriegsbemalung hinab zum Pass.

Die Indianer hielten am Fuße des Hügels an und betrachteten die sechs an den Bäumen hängenden Männer. Dies war eine unvorstellbare Schändung ihrer Heimat. Die zehn Krieger ritten zur Postkutschenstation und ließen Cochise in seinem Schmerz allein.

Er stieg ab und ging zu seinem Bruder und seinen Neffen, die der Wind in den Bäumen an ihren Seilen langsam hin und her baumeln ließ. Er fasste das linke Bein seines Bruders, betrachtete die Quellen von Apache Springs und fragte sich, wie das alles hatte geschehen können.

Was hätte er anders tun können? Und wenn schon nichts, was plante der Schöpfer mit alle dem? Vielleicht hatten die Priester recht und der Nantan war ein Hexer. Wenn nicht, wurden die Chiricahuas dafür bestraft, dass sie die Folter von Mangas Coloradas nicht gerächt hatten? Oder wurden sie für etwas anderes bestraft? Dies war ihre Heimat, und die Bleichgesichter hatten kein Recht, dies seinen Leuten anzutun.

Er hielt immer noch Coyunturas linkes Bein fest und winkte voller Trauer seine Männer herbei, damit sie zu ihm zu den Cottonwoods-Bäumen kamen.

Er wies sie an, sorgfältig seine Familienangehörigen herunterzuholen.

„Wer geschieht mit den drei anderen?“ fragte Nahilzay.

„Das sind drei der White-Mountain-Apachen“, sagte Cochise. „Erweisen wir ihnen die Achtung, die einem benachbarten Stamm gebührt.“

Cochise hielt jeden seiner Neffen lange Zeit, während seine Männer in ebenso tiefer Trauer zusahen.

Er befahl ihnen zum Lager zurückzukehren und ein feierliches Begräbnis für seine Familie zu organisieren. Dann befahl er fünfen seiner Männer, dass jeder von ihnen einen der toten Apachen vor sich auf sein Pferd legen solle. Jeder hielt einen der Toten mit dem linken Arm und sie lenkten ihre Pferde den Hügel hinauf in das Chiricahua-Land.

Cochise blieb zurück, hielt voller Trauer seinen Bruder in seinen Armen und dachte darüber nach, was er als Nächstes tun sollte. Schließlich stieg auch er auf, und begann mit seinem Bruder vor sich den traurigen Ritt in sein Heimatdorf.

Nachdem Cochise seinen Bruder zum Lager zurückgebrachte hatte, ritt er schweigend und allein hoch zu den Pässen in den Chiricahua-Bergen, wo er sein Lager hatte. Dort verbrachte er drei Tage und starrte auf das Land im Westen. Dorthin, wo die Dragoon-Berge lagen und seine Rückzugsgebiete im Westen.

Er sah die Sonne dreimal untergehen über seinem Land und der Heimat seines Volkes.

Er glaubte nicht, dass alles einen guten Ausgang nehmen würde, aber was auch immer er sich vorstellte, er konnte keine Alternative finden zu seiner Entscheidung, sich Mangas Coloradas und allen Stämmen in einem großen Krieg gegen die Bleichgesichter anzuschließen. Die Bleichgesichter waren so zahlreich und das Land seines Volkes so groß, dass er geglaubt hatte, die Weißen würden es  vielleicht lernen können, mit lediglich zwölfhundert Chiricahuas zusammen zu leben.

Er wusste, dass seine Frau und sein Sohn bei dem jungen Soldaten im Fort waren. Er hätte gerne die Gelegenheit gehabt, den jungen Soldaten wiederzutreffen, deshalb beruhigte ihn die Vorhersage nicht, dass dieser bald durch die Hand seiner eigenen Leute sterben würde.

Die Pläne des Schöpfers waren Cochise nicht bekannt, und sie würden es auch nie sein. Er konnte jetzt nur das tun, was er tun musste. Dieser Weg war ihm so klar wie der Weg der Sonne, die über das Land seines Volkes reiste.

12

27.Februar 1861

Major Edward Canby betrat das Haus der Familie Carson nur einen Häuserblock entfernt von der Plaza in Taos und grüßte Carsons Frau an der Tür mit einem kurzen Tippen an seine Mütze.

„Morgen, Josefa. Wie geht’s?“

„Gut, Major. Und Ihrer Familie?“

„Gut. Ich glaube, die regen sich noch nicht auf über den Bürgerkrieg, der bald kommen soll. Wie geht’s Ihrer Familie?“

„Und geht’s gut. Wir freuen uns auf Kits Ruhestand.“

Es war ein alter Scherz zwischen beiden. Kit war immer dabei sich zurückzuziehen, und Canby und Josefa wussten beide, dass der ehemalige Jäger aus den Bergen das niemals tun würde.

„Ich mich auch“, sagte Canby. „Sobald die New Mexicans und die Indianer miteinander klarkommen und sich in Washington alles beruhigt, werde ich nach einem Nachfolger für ihn suchen.“

Josefa lächelte dem Major zu, der wie immer eine kalte Zigarre zwischen den Zähnen hielt. Canby war der zweithöchste Offizier der U.S. Army in den neuen Territorien von New Mexico und Arizona. Er war groß, dünn, jungenhaft mit seinem glattrasierten Gesicht und hatte sich in der Army hochgedient. Er war Absolvent von West Point 1839 und ein Veteran des mexikanisch-amerikanischen Krieges und der Indianerkriege in Florida, Utah und New Mexico. Er hatte den vergeblichen Versuch unternommen, die Navajos zu befrieden.

„Ich rufe Kit“, sagte Josefa. „Er spielt mit den Kindern.“

Canby tippte wieder an seine Mütze und setzte sich. Während er wartete, blickte er sich in dem ihm wohl vertrauten Zimmer um, das nur spärlich möbliert, aber gemütlich war. Zwei dickgepolsterte Sessel standen am Kamin. Die niedrige Decke passte zu der Einrichtung, die Josefas Geschmack wiederspiegelte. Ma konnte sich leicht vorstellen, dass Carson davon träumte, seine alten Tage hier in Taos in diesem Haus mit seiner Frau und seinen Kindern zu verbringen.

„Behalten Sie Platz, Major“, sagte Carson, als sein bestes Zimmer betrat. „Wie sind Sie mit den Häuptlingen der Navajo zurecht gekommen?“

„Wir sind übereingekommen, dass sie alle ihre Leute in den Osten bringen“, antwortete Canby. „Ganz weit nach Osten. Zum Canyon de Chelly. Sie haben versprochen, dass sie ihre jungen Krieger zurückhalten würden. Keine Angriffe auf Siedler mehr. Keine Versklavungen und kein Viehdiebstahl mehr.“

„Das ist ja wohl das erste Mal, dass die Häuptlinge sich auf etwas verständigt haben“, meinte Carson. „Sie haben zugesagt, dass sie meine Utes und Jicarillas nicht mehr angreifen?“

„Ist wohl nicht so wahrscheinlich. Als ich sie fragte, sagten sie, die Apachen hätten immer noch ihre Pferde und ihre Töchter. Sie sagten, die Utes und die Apachen könnten ihre jungen Krieger nicht im Zaume halten, deshalb müssten sie sich verteidigen.“

„Ich habe mich mit meinen Indianern getroffen. Sie sagten dasselbe über die Navajos.“

Canby nickte nur.

„Aber sie haben auch etwas Neues gesagt“, fügte Carson hinzu. Sie sagten, dass wir am Ende die Navajos zurückwerfen müssten, weil sie die New Mexicans und die Weißen nie in Ruhe lassen würden.“

Canby schien überrascht. „Und?“

„Und sie wollen sich am Kampf beteiligen, wenn es so weit ist.“

„Interessant. Haben Sie von den Chiricahuas gehört?“

„Ja“, sagte Carson. „Ich habe gehört, dass ein irrer West-Pointer ganz alleine einen Krieg mit Cochise angefangen hat.“

Immer musste er seinen Freund mit der Akademie aufziehen.

„Leider ist genau das geschehen. Eine ganze Menge Siedler werden deswegen sterben.“

„Ich vermute auch, es werden sehr viele sein“, sagte Carson. „Wir können nur hoffen, dass er sich nicht mit Mangas Coloradas und den Mimbres zusammenschließt. Der Alte hat doch nur darauf gewartet, dass sein Schwiegersohn sich auf seine Seite schlägt.“

Carson sah hinaus auf den Hof und versuchte, sich etwas in Erinnerung zu rufen. „General Kearny und ich trafen mit Mangas Coloradas vor fünfzehn Jahren während des mexikanisch-amerikanischen Krieges zusammen. Damals wollte er, dass wir gemeinsam mit ihm die Mexikaner töten würden, aber wir haben ihn enttäuscht. Ich sagte nein.“

Canby antwortete nicht.

„Was sind die neuesten Nachrichten aus Washington, Major“, fragte Carson.

„Lincoln wird in weniger als einer Woche vereidigt. Einige Südstaaten haben sich bereits abgespalten. Man spricht von Parteigängern der Südstaaten, die herkommen, um New Mexico und Arizona auch dazu zu bringen. Unter den Offizieren gibt es nur ein Gesprächsthema, nämlich wer bleibt und wer sich den Rebellen anschließt.“

Stille lag über dem Raum. Keiner der beiden wollte die nächste, die offensichtliche Frage stellen.

Wie immer konnte der Mann aus den Bergen sich in Geduld fassen und die Frage dem ungeduldigen Offizier überlassen.

„Okay“, sagte Canby. „Dann frage ich Sie direkt. Wenn es dahin kommt, schließen Sie sich den Freiwilligen New Mexicos an oder den Rebellen?“

Carson lächelte, als er einen Blick auf seine Kinder erhaschen konnte, denen er Süßigkeiten geschenkt hatte, und die jetzt mit vollen Händen und vollem Mund gerade aus dem Innenhof auf die Straßen von Taos liefen.

„Es ist Zeit, dass ich mich zurückziehe, Major“, sagte Carson. „Ich bin ein alter Mann jetzt. Fünfundfünfzig Jahre alt. Ich habe gegen Bären, gegen einzelne Indianer und ganze Stämme gekämpft, gegen Revolverhelden, Mexikaner, und jetzt möchte ich, dass die Indianer in Frieden miteinander leben. Ich möchte keine Jungs aus Kentucky oder Texas töten. Und auch nicht aus Massachusetts oder New York.“

Canby lächelte nachdenklich. „Und Sie sind fast zwanzig Jahre verheiratet und kennen Ihre Frau und Kinder kaum.“

„Ja“, sagte Carson.

„Einundfünfzig.“

„Einundfünfzig was?“, fragte Carson.

„Sie sind einundfünfzig Jahre alt, Kit. Keiner von uns weiß, wem er vertrauen und nicht vertrauen kann, wenn es Krieg gibt. Wenn die Rebellen sich wirklich abspalten, dann werden die ‚Jungs‘, wie Sie sie nennen, sich gegenseitig umbringen, egal ob wir uns raushalten oder nicht. Keiner weiß, wie die Indianer sich verhalten werden, wenn die Army sich mit anderem beschäftigt und die Agenten sie nicht mehr unterstützen können. Und der verdammte Cochise ist wieder auf dem Kriegspfad.“

„Auf wen werden Sie zählen, Major?“

„Ach ja“, sagte der Major. „Ich weiß es nicht. Sogar Major Sibley, mein eigener Schwager, sagte mir im letzten Sommer, als wir die Navajos quer durch unser ganzes Gebiet jagten, dass, wenn Lincoln gewählt würde, ich mit ihm nach Texas gehen sollte und mit einer Armee zurückkommen sollte um Colorado und New Mexico zu Sklavenstaaten zu machen. Wer hätte erwartet, dass es dahin kommen würde, dass ich gegen meinen eigenen Schwager kämpfen würde?“

„Sir, darf ich etwas sagen?“

„Sicher, Kit. Was?“

„Major, haben Sie einen Begriff davon, wie wenig Ihre Offiziere taugen? Ich meine nicht den Verrückten, der die Chiricahuas wieder zum Krieg verleitet hat, aber wenn die Männer nicht betrunken sind oder ihre Huren mit in den Krieg nehmen, dann ist es einfach nur ihre verdammte Unfähigkeit.“

„Deshalb dürfen Männer wie Sie nicht in den Ruhestand gehen, Kit.“

„Ich bin aus Kentucky, Major. Ich weiß es einfach noch nicht.“

„Unsinn, Kit. Ich bin aus Kentucky. Sie zogen nach Missouri, als Sie zwei waren und haben ihr ganzes Leben hier draußen im Westen verbracht. Auf keinen Fall können Sie es zulassen, dass dieses Gebiet zerrissen wird und dass Ihre Indianer, so arm sie auch sein mögen, sich selbst überlassen werden und ins Chaos zurückfallen.“

„Sie verlangen viel von mir, Ed. Ich bin müde. Es wäre mir auch recht, wenn alles zum Teufel ginge. Niemand hilft bei einer Lösung für die Indianerprobleme. Und ein Krieg würde alles nur noch verschlimmern.“

„Ich weiß das, Kit. Wir brauchen Ihre Hilfe bei den Indianerproblemen. Und bis dahin müssen wir uns darum bemühen, dass unser Gebiet nicht auseinanderfällt. Colonel Kit Carson wird für uns da sein.“

Carson sah überrascht auf.

„Colonel Kit Carson von den Freiwilligen New Mexicos“, sagte Canby.

Damit verschob Major Canby seine Zigarre in den anderen Mundwinkel und streckte ihm die Hand entgegen.

Ein völlig verwirrter Kit Carson stand da und schüttelte mit wenig Begeisterung die Hand Canbys.

„Wenn Sie recht haben, Major, dann wird das alles ein schreckliches Chaos werden.“

„Sie sagen es. Ganz schrecklich, Kit“, sagte Canby.

Und er ging hinaus.

13

10.März 1861

Cummings und Danson betraten den Gemischtwarenladen auf der südlichen Seite der Plaza ganz in der Nähe des „Exchange Hotel“. Cummings sah sich um und ging dann zu dem kleinen, bärtigen Juden, der hinter der Theke stand. „Eine Freundin von mir sagte, Sie könnten uns helfen.“

„Helfen womit?“

Er hatte einen starken europäischen Akzent.

„Wir suchen nach einem Partner, der uns dabei helfen kann, ein paar Waren zu verkaufen, die wir herbringen.“

„Welche Art von Waren?“

„Sie sagte, dass wir Ihnen vertrauen könnten.“

Der Jude betrachtete die beiden Männer jetzt genauer. „Wer ist denn Ihre Freundin?“

Cummings trat einen Schritt zurück und ließ den Blick über das Geschäft schweifen. Dann kehrte er zurück zur Theke und streckte seine Hand aus: „Heiße Cummings. Joseph Cummings. Das hier ist mein Partner Jim Danson.“

Der Jude beachtete die Hand nicht. „Schön, Sie zu treffen. Wie war der Name Ihres Freundes?“

„Und wie sagten Sie, ist Ihr Name?“

„Ich habe mich nicht vorgestellt“, sagte der kleine Händler. „Sie haben bloß angenommen, ich wäre die Person, von der Ihre ungenannte Freundin behauptet, man könne ihr trauen. Sie scheinen kein sehr vorsichtiger Man zu sein, Mr. Cummings.“

Die drei Männer sahen sich wortlos an. Cummings senkte langsam die Hand. „Was glaubst Du, Danson? Möchtest du mit so einem Geschäfte machen?“

Der Jude blickte sie bloß an. Er wirkte geduldig und schien keine Eile zu haben.

Der Händler wusste, dass ein Jude in diesem Lande sehr schnell Ärger bekommen konnte. Er und sein Bruder hatten vor zehn Jahren in New Orleans das Allerschlimmste erlebt. Und jetzt war nur noch er da. Nach dem Lynchmord an seinem Bruder hatte er gelernt, nicht leichtgläubig zu sein.

Lily hatte ihm erzählt, dass diese beiden kommen würden und dass man ihnen nicht trauen könnte. Auf jeden Fall würde man sich sehr vorsehen müssen.

„Schauen Sie“, sagte Danson. „Josephs schlechte Manieren sollten sie nicht beleidigen. Wir erwarten eine Ladung Güter aus Arizona. Lily Smoot sagte, Sie seien der bestmögliche Partner hier in der Stadt.“

„Lily muss das wissen“, meinte er.

„Also“, fragte Danson. „Wie heißen Sie?“

Der Jude sah nachdenklich aus, ganz so, als ob sein Name bloß ein anderer Artikel im Geschäft wäre. Dann streckte er seine Hand Danson entgegen: „Heiße Zapico. David Zapico.“

Er schüttelte den Männern nacheinander die Hand.

„Was für ein Name ist Zapico? Ist das jüdisch?“ fragte Cummings und war wieder einmal ins Fettnäpfchen getreten.

Zapico lächelte. „Sie können sich nicht vorstellen wie er lautete, bevor die Menschen in New Orleans auf uns losgingen.“

„Klingt griechisch“, vermutete Cummings.

„Nein. Es ist bloß die amerikanisierte Form unseres ursprünglich deutschen Namens. Ich möchte es uns ein wenig leichter machen...Jim? Joseph? Richtig?“

„Joseph ist richtig“, sagte Cummings.

„Ich werde mit Lily sprechen“, antwortete Zapico. „Ich vertraue ihr. Wenn Ihnen die Ware rechtmäßig gehört, können wir morgen Abend beim Essen darüber reden, was Sie vorhaben.“

Er sah beide nacheinander an.

„Reicht Ihnen das zeitlich?“

Danson nickte.

„Und Lily ist dabei oder wir kommen nicht ins Geschäft“, sagte Zapico.

„Das ist genau das, was ich Ihnen sagen wollte“, warf Danson ein. „Sie können sich sicher sein, dass es ein sehr gewinnträchtiges Abendessen sein wird.“

„Vielen Dank für Ihre Zeit“, sagte Cummings und tippte an seinen Hut. „Es tut mir leid, dass ich nicht höflicher war, als wir hereinkamen.“

Zapico ließ die beiden Männer nicht aus den Augen als sie aus seinem Laden schlenderten, die San-Francisco-Straße überquerten und dann über die Plaza bummelten.

Lily kam aus dem Lagerraum hinten hervor.

„Was meinst du?“ fragte sie.

„In zwei Dingen hast du recht. Sie reden nicht elegant daher und sie sind keine Revolverhelden. Und Sylvester Mowry lag richtig damit, dass er mich bat zu warten bis Cummings sich selbst vorstellt. Cummings ist vielleicht gut als Mowrays Verbindungsmann in New Mexico und vielleicht sogar in der Armee, aber ich werde ganz genau hinschauen müssen.“

„Solange wir vorsichtig sind, David, sehr, sehr vorsichtig, du und ich, dann klappt das.“

„Es sollte zumindest“, sagte Zapico.

14

11.März 1861

„Ist Zapico der richtige für uns?“ fragte Danson.

„Das liegt jetzt an dir“, antwortete Cummings. „Das ist jetzt dein Teil des Geschäfts. Mowry und ich werden an den liefern, mit dem du Geschäfte machen willst.“

Beide sahen Lily an.

Sie zuckte nur mit den Schultern.

„Der Jude hat all die richtigen Dinge gesagt“, meinte Cummings. „Der weiß, wem er hier draußen vertrauen kann. Du hast ihn gehört, solange er nicht in krumme Sachen verwickelt wird, spielt er mit.“

„Lily“, fragte Danson.“Und du?“

„Ich habe euch ja gesagt bevor ich euch eingeweiht habe, dass er unser Mann ist. Ihr könnt ihm vertrauen solange er fühlt, er kann euch vertrauen.“

Danson nahm den Korken von der Whiskeyflasche, goss sich ein und reicht sie an Damours weiter. Er betrachte jeden nachdenklich. „Auggy, wie leicht wird es sein, Mowrys Ware mithilfe des Juden erst in die Army zu bringen und dann wieder raus, und der Jude verkauft sie später?“

„Wenn sie erst einmal in der Army ist, wird es leicht sein. Die Army hat alles im Blick. Bloß nicht sehr genau.“

„Und Zapico merkt es nicht, dass es dieselben Gewehre und Munition sind, die er zuvor verkauft hat?“ fragte Danson.

„Ob du es glaubst oder nicht, ich bin verdammt gut in dem, was ich tue“, antwortete Damours. „Hier sind wir richtig.“

Nachdem das Treffen schließlich beendet war, kehrte Lily zurück zu ihrer Arbeitsstelle in der Spielhalle zurück.

„Hallo Lily.“ Eine Stimme von hinten rechts.

Ein Offizier an der Bar legte grüßend die Hand an die Mütze. Die Stimme war ihr vertraut, aber sie konnte sie nicht einordnen. Dann erkannte sie ihn.

„Captain Arnold!“, sagte sie. „Sie sind nach Fort Marcy gekommen wie Sie versprochen hatten! Schön Sie zusehen. Ich bin überrascht, dass Sie mich gefunden haben.“

„Es ist eine kleine Stadt. Eine Frau, die beim Pokern Karte verteilt, ist leicht zu finden, wenn man weiß, wo man suchen muss.“

„Es gibt Dutzende von Casinos in Santa Fe. Das ist nicht so leicht, Captain. Es schmeichelt mir, dass Sie sich diese Mühe gemacht haben.“

„Nennen Sie mich bitte John, Lily. Die förmlichen Titel nur für förmliche Anlässe.“

Sie lachte.

„Okay, John. Schön Sie wiederzusehen. Aber ich muss jetzt arbeiten gehen. Danke dafür, dass Sie sich die Mühe der Suche gemacht haben.“

Er tat so, als habe er den Hinweis auf das Gesprächsende nicht gehört. „Haben Sie gehört, dass Cochise jetzt im Krieg mit den Weißen liegt? Und dass die Army Naiche und Dos-teh-seh einkassiert hat und sie jetzt in Fort Buchanan im Gefängnis hält?“

„Nein“, sagte sie. „Was ist passiert?“

„Es ist eine lange Geschichte, und Sie müssen zur Arbeit.“

Er zwinkerte ihr zu.

Sie zog eine Grimasse. „Tut mir leid. In zwei Stunden habe ich eine Pause. Wollen Sie mich zu einem Drink einladen?“

„Wo kann ich Sie finden?“

„Sie haben mich in der Stadt gefunden, John. Ich glaube, Sie werden mich dann auch in der Bar finden können.“

Und sie ging zur Spielhalle.

15

25.März 1861

Carson betrat Canby Büro in Fort Marcy. „Also, Canby, wie gefällt Ihnen das Amt des neuen Kommandeurs des Distriktes von New Mexico?“

„Reine Spekulation, Kit.“

Aber Carson wusste mehr, und er war sich sicher, dass auch Canby mehr wusste, Er wartete seine Antwort ab.

„Schauen Sie mal her.“  Canby hielt seine Hand hoch und zählte an den Fingern ab. „Lincoln wurde heute vor drei Wochen vereidigt. Sieben Staaten sind von der Union abgefallen. Es gibt Gerüchte, dass mein Schwager Sibley bereits mit der gesamten texanischen Armee auf dem Weg hierher ist. Die feinen Herrschaften aus Tucson und Mesilla haben in einer Versammlung zur Sezession vor neun Tagen abgestimmt, dass das Arizona-Territorium sich der Konföderation anschließen soll, und sie haben einen Idioten zum Gebietsgouverneur gewählt. Und die Utes haben gerade einigen Fallenstellern 125 Pferde abgenommen.“

Er sah Carson an und erwartete wohl eine Antwort. Da er keine bekam, sprach er weiter: „Das sind sechs Probleme, und dann haben wir noch nicht über Ihre Meinung zu meinen Offizieren geredet und darüber, wer bleibt, wer geht und sich den Rebellen anschließt, und wer nach einigen Monaten des Saufens und Herumhurens hier in Santa Fe überhaupt noch in der Lage ist, Dienst zu tun.“.

„Hat es im Osten eigentlich eine Kriegserklärung gegeben?“ fragte Carson.

„Nein. Virginia, North Carolina und Maryland sind noch in der Union. Einem Gerücht zufolge hat Lincoln Lee gebeten hat, das Kommando der U.S. Army zu übernehmen. Ich bin sicher, dass mein Schwager überglücklich ist, dass Texas sich abgespalten hat.“

„Glauben Sie, es wird Krieg geben?“ sagte Carson.

„Wenn die Plantagenbesitzer aus Charleston ihren Willen bekommen, dann sicherlich. Der Wind in Washington bläst mal so und mal so. Man kann über den Affen im Weißen Haus sagen was man will, er ist ein verdammt guter Politiker. Wenn es ihm gelingt, Lee zu seinem General zu machen und wenn South Carolina einem Kompromiss zustimmt, dann vielleicht nicht. Aber ja, Kit, ich glaube, dass wir auf einen Krieg zusteuern.“

Lily und Damours ritten vom Pojoque Pueblo aus zurück nach Santa Fe. Sie hatten in ihrer geheimen Beziehung das Gefühl gehabt zu ersticken und wollten einen Tag fortreiten. Sie waren am Morgen losgeritten, um sich das anzusehen, was einmal ein riesiges Pueblo gewesen war, bevor die Spanier kamen, jetzt aber kaum noch bewohnt und ein Schatten seiner selbst war.

Sie waren geritten, hatten sich unterhalten und waren gelegentlich auf ihren Pferden durch den Salbei und die Pinons galoppiert. Die Pueblobewohner waren sehr erstaunt, weiße Besucher, besonders eine Frau, zu sehen. Die kleinen Kinder waren Lily gegenüber sehr neugierig gewesen. Da Lily und Damours sich nicht unterhalten konnten, schlenderten sie um den weitgehend leeren Pueblo. Schließlich nahmen sie das Angebot eines kümmerlichen Essens an im Austausch gegen einige Zwiebeln und Chilischoten, die sie mitgebracht hatten.

Sie waren jetzt seit etwa einer Stunde auf dem Rückweg. Gelegentlich übernahm Damours die Führung, aber die meiste Zeit ritten sie gemächlich nebeneinander.

„Was weiß ich noch nicht über deine Pläne, Lily?“

„Ich glaube, du weißt so ziemlich alles, was ich weiß. Du und Cummings klauen in der Army Ausrüstungsgegenstände, die Zapico dann für uns weiterverkauft. Das meiste wird jedenfalls nicht so klappen, wie wir das geplant haben, Auggy. Das ist so, als ob man halbwilde Pferde zusammentreibt. Wir wissen, wo es hingeht, aber wie wir dahin kommen, bleibt ein Rätsel.“

„Und wir wissen nicht, wer am Schluss dann noch auftaucht“, sagte er.

„Natürlich, das auch. Warum willst du das wissen, Auggy? Es scheint mir bloß eine Zeitverschwendung zu sein.“

„Eigentlich bin ich es gewohnt, Leute beim Pokern abzuzocken oder kleinere Betrügereien mit Danson durchzuziehen. Aber da sind nicht so viele Dinge, die man nicht unter Kontrolle hat. Ich habe das Gefühl, dass diesmal jemand anderes die Fäden zieht. Mir ginge es besser, wenn ich wüsste, dass du das bist, aber da gibt diesen Mowry, den wir noch nie getroffen haben, Cummings, dem ich nicht traue, mindestens zwei Indianerkriege im Augenblick und vielleicht ein großer Krieg, der auf uns zukommt.“

„Wenn du erst einmal in der Army bist, dann hast du mehr Vertrauen in den Plan.“

„Wenn ich erst einmal in der Army bin, dann haben du und ich noch weniger Kontrolle, Lilly. Das stört mich. Wenn man gesagt bekommt, was man tun muss, wo man hingehen muss, dass ich dich nicht sehen kann und dass man auf mich schießt, das klingt für mich nicht nach einem Plan.“

„Wenn du wieder kleine Betrügereien beim Pokern machen willst, dann brachst du das nur Cummings zu sagen, und er und Mowry werden sich eine neue Sache einfallen lassen, Auggy.“

„Und du und ich, Lilly? Wie war das mit der Ranch?“

Sie antwortete nicht.

Er zuckte die Schultern, deutete nach vorne und sagte: „Reiten wir zu diesem flachen Hügel dort drüben.“

Sie lachte und ritt vor ihm los. Er brauchte eine halbe Meile um sie zu überholen, aber er schien geradezu an ihr vorbeizufliegen. Alles was zwischen ihm und dem Plateau war, war eine Gruppe von Cottonwood-Bäumen, auf die er in vollem Galopp zuritt.

Als er an den Bäumen vorbeiritt, erhoben sich sieben Mexikaner aus einer versteckten Senke und versperrten ihm den Weg. Lily war zu weit hinter ihm, um noch gesehen zu werden.

Er tippte an seine Mütze und grüßte den Mexikaner, der auf ihn zuritt.

„Hello, Amigo”,sagte der Mexikaner. „Warum so in Eile?“

Damours runzelte die Stirn und griff nach seiner Pistole an der rechten Hüfte. „Ich bin nicht in Eile. Ich reite nur mein neues Pferd zu.“

Zwei der Mexikaner blickten über Damours‘ Schulter, und plötzlich zog der Anführer der Mexikaner seine Waffe.

Damours erstarrte. Er fühlte die alte, bekannte Furcht seinen Rücken emporsteigen. Seine rechte Hand an seiner Seite nützte jetzt nichts. In einem Kampf war er nie gut gewesen. Es fehlte ihm einfach der Mut dazu. Nerven aus Stahl, die hatte er am Pokertisch oder wenn er jemanden hereinlegte, aber bei roher Gewalt war er immer wie gelähmt.

Und jetzt konnte er Lilys Pferd heran galoppieren hören. Er fühlte sich hilflos und fürchtete, dass alles Gute und alle Hoffnungen der letzten drei Wochen zu Füßen seines Pferdes liegen würden.

„Deine Freundin?“ Der Mexikaner grinste und zeigte mit dem Kopf über die schwitzende Schulter Damours. „Greif bloß nicht nach der Knarre, Amigo. Was sagt denn deine Freundin dazu, dass du dich selbst umbringst?“

„Wie ich schon sagte, Señor, wir reiten nur diese beiden Pferde ein.“ In dem Moment, als das Wort „Señor“ über seine Lippen kam, wusste er, dass er ängstlich klang.

Er hörte, wie Lily heran galoppierte und mit etwa dreißig Yards Abstand links von ihm stehenblieb.

„Freunde von dir, Auggy?“ fragte sie.

„Sehr lustig, Senorita,“ sagte der Mexikaner. „Buenas tardes. Ihr Freund hier hat noch nicht viel gesagt.“

Damours wollte etwas sagen, aber der Mexikaner schnitt ihm das Wort ab, indem er den Lauf seiner Pistole über seine Lippen hielt und ihm in einer unmissverständlichen Geste andeutet, dass er den Mund halten solle.

Damours biss die Zähne zusammen.

„Ich spreche mit der Senorita. Du hattest deine Chance, Cowboy. “

Angst erfasste jede Faser in Damours, als die anderen Mexikaner jetzt ebenfalls ihre Pistolen zogen.

„Sie haben nichts davon, wenn Sie uns Schwierigkeiten machen, Sir“, sagte Lily. „Wir reiten alleine nach Santa Fe. Wir haben nichts, das zu rauben sich lohnt. Jedenfalls nichts, für das es sich lohnen würde, dass Ihnen die U.S .Army auf den Fersen wäre.“

„Ich glaube, Senorita, das werde ich entscheiden. Für Sie bekäme ich einen guten Preis in Sonora. Und ich glaube nicht, dass die U.S. Army es riskiert, sich mit der mexikanischen Armee und den Apachen aus Arizona anzulegen, nur um eine Senorita zurückzubringen. Stimmt’s?“

„Sie wissen nicht, wer wir sind.“

„Er lächelte. „Okay, schöne Senorita. Wer sind Sie?“

„Ich bin eine gute Freundin von Kit Carson und Captain John Arnold.“

„Und er?“ Er deutete auf Damours und lachte. „Ist er auch ein guter Freund dieses Jägers aus den Bergen, Kit Carson? Wir sind alle verängstigt, Senorita. Wir alle sieben.“

Lily sah Damours an als ob sie ihn zum ersten Mal sähe.

„Nun“, begann sie.

„Nein, Senorita, lassen Sie mich raten. Er ist ein großer Revolverheld und Pokerspieler. Senor Carson hat ihn angeheuert, um Sie zu beschützen, aber, wie es sich herausstellt, ist er nicht so ein großer Revolverheld.“

Damours wurde so rot wie sein Halstuch. Er war über sich selbst sehr wütend. Er hatte gedacht, er wäre solchen Situationen gewachsen, aber er war wie erstarrt.

Der Mexikaner drehte sich im Sattel zu seinen Männern und sagte: „Vielleicht kann dieser Gringo einigen von euch beibringen, wie man besseren Poker spielt, wenn wir zu Hause sind, und ich spiele dann mit der Senorita.“

Alle lachten.

Damours war nicht in der Lage etwas zu tun, deshalb saß er nur da und wurde immer verzweifelter, während das üble Spiel weiterging. Er sah Lily mit trauriger Miene an.

„Entweder bringen Sie uns jetzt um oder Sie lassen uns gehen. Ich glaube nicht, dass einer von uns neun Anwesenden hier wirklich glaubt, Sie könnten mit zwei gesunden und widerspenstigen Geiseln im Sattel in zwei Wochen von hier bis Mexiko kommen.“

„Da haben Sie recht“, sagte der Mexikaner. „Ihre äußere Schönheit wird nur übertroffen von Ihrem losen Mundwerk, Senorita.“

„Warum sollen wir hier herumsitzen und Witze über uns machen, Señor?“ fragte sie. „Bringen wir’s hinter uns.“

Er winkte dreien seiner Männer, die sich vor Lily stellten, und die anderen drei ritten vor Damours. Dann ritt er zu Lily.

„Dass Sie so eine große Klappe haben, ist zu schade, Senorita. Ohne die würden Sie ein bisschen länger leben. Ich hätte Spaß mit Ihnen in Sonora gehabt.“

Er hob seine Pistole und zielte auf ihre Brust. Damours wollte sein Pferd wenden, aber er blickte in die Mündungen dreier Pistolen.

Der Anführer fuchtelte mit seiner Pistole in der ausgestreckten Hand.

„Nein“, sagte er. „Der ist ein Feigling. Der soll zusehen, was wir jetzt mit seiner Senorita machen.“

Wieder richtete er die Pistole auf Lilys Brust.

Und dann würgte er. Blut rann über seine Brust und spritzte in einem hohen Bogen auf Lily. Seine Pistole gab einen ungefährlichen Schuss auf den Boden ab, als die Spitze und die vorderen zehn Inches eines Pfeiles aus seinem Hals austraten.

Die anderen sechs Mexikaner wirbelten herum, doch zu spät. Ein ganzer Pfeilregen streckte alle sechs und zwei ihrer Pferde zu Boden. Einer von ihnen versuchte noch einmal hoch zukommen und auch sein Pferd hochzuziehen, doch ein einzelner Gewehrschuss riss ihn nieder.

Zwanzig Utes, die Hälfte zu Pferd, die andere Hälfte zu Fuß, eilten zu Lily und Damours herbei.

„Alles in Ordnung?“, fragte der erste der herbeigeeilten Indianer.

Lily und Damours nickten.

„Wo seid ihr hergekommen?“, fragte Damours und bemerkte sofort, dass er das Gespräch hätte anders einleiten können. Selbst ein „Dankeschön“ wäre ein besserer Auftakt gewesen.

„Diese Mexicanos haben gestern unser Dorf ausgeraubt.“ Er zeigte hinter sich in Richtung Nordosten. „Sie haben euch aus der Senke her angegriffen. Es war nicht schwierig für uns, dasselbe zu tun.“

„Sie wollten uns wirklich töten“, sagte Damours.

„Zweifellos. Als Gefangene wäret ihr nur lästig gewesen, und ihr hättet sie an die Soldaten in Fort Marcy verraten, wenn sie euch hätten gehen lassen.“

„Können wir euch auf irgendeine Weise danken?“, fragte Lily.

Der Indianer zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht wie. Euer Weg ist jetzt sicher von hier bis Fort Marcy, aber wir können euch begleiten, wenn ihr das wollt.“

Lily sah die toten Mexikaner und Pferde und erschauerte.

„Nein“, sagte sie. „Uns geht’s gut. Wie heißen Sie? Und wir können wir euch belohnen?“

„Ich bin Red Cloud aus der Reservation von Agent Carson. Agent Carson kann uns immer finden.“

Und mit diesen Worten nahm Red Cloud die fünf verbliebenen Pferde der Mexikaner und verschwand mit seinen Männern in der Senke.

Lily und Damours warfen einen letzten Blick auf die sieben toten Mexikaner, die einfach so auf der Erde liegenblieben, und sie ritten wortlos zurück nach Santa Fe.

16

3. April 1861

„Hey, Auggy“, sagte Lily. Damours lag an sie gekuschelt in ihrem Bett als die beiden von ihrem kurzen Schlaf erwachten.

Er küsste ihren verschwitzten Nacken. „Hm, was, Lily?“

„Ich glaube, ich habe unser Problem gelöst.“

„Welches?“

„Das einzige, das ich kenne.“ Sie drehte sich um und sah ihm ins Gesicht. „Ich glaube, ich weiß, wie du eine Position in der Army bekommen kannst, wo du nicht kämpfen musst.“

„Das ist nicht unser Problem, Lily. Das ist mein Problem.“

„Wir haben alle Probleme gemeinsam.“

Er richtete sich auf, legte die Hände hinter den Kopf und starrte aus dem Fenster.

Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß. „Es ist in Ordnung, Liebling. Wir haben das schon durchgesprochen. Ich suche keinen Kämpfer. Ich suche einen Liebhaber. Und einen, der eine Ranch aufbauen kann.“

„Ich war auch nie ein großartiger Handwerker, Lily.“

„Du weißt nicht, was ich meine, Auggy. Wenn wir hier fertig sind, können wir uns alle Handwerker im Washington-Gebiet leisten. Ich kann das ohne dich nicht tun, deshalb wird diese Ranch uns gehören, nicht nur mir.“

Er streichelte ihr Haar gedankenverloren.

„Du bist der beste Betrüger aller Zeiten. Du kannst also nicht so gut Leute abknallen? Niemand kann alles.“

Sie knabberte an seinem Bauch, bis er lachte.

„Okay“, sagte er. „Jetzt beiße ich ...“ Und sie versetzte ihm einen kleinen Knuff. „Wie komme ich in die Armee, ohne kämpfen zu müssen?“

„Ich kenne hier einen Priester an einer Kirche, der Hilfe braucht bei der Führung der Kirchenbücher. Ich habe ihm gesagt, dass ich genau den Richtigen dafür kenne.“

„Und?“

„Und zufälligerweise kennt er die Priester, die gut befreundet sind mit dem führenden Offizier der Freiwilligen von New Mexico, Rafael Chacon.“

„Und?“

„Also, du musst jetzt etwas tun, Auggy. Ich kann nicht allesübernehmen.“

Er streichelte ihr über den Kopf während er nachdachte. Das könnte gehen. Man könnte es wenigstens versuchen. Buchhalter bei der Armee der Union? Das klang ganz gut.

„Hast du schon einmal gehört, Lily, dass ein Buchhalter erschossen worden ist?“

„Sicher, Auggy. Das passiert immer wieder. Halt die Bücher vor die Brust, dann passiert dir nichts.“

17

12. April 1861

Lily und Captain Arnold speisten in einem Café unweit der Plaza in Santa Fe.

„Wenn es einen Bürgerkrieg gibt, John, was wird dann hier geschehen?“

„Vielleicht nichts. Die Unterstützer der Sache des Südens im Arizona-Gebiet werden auf Seiten der Rebellen sein, aber sie können uns hier in New Mexico nichts anhaben. Unsere einzige Gefahr besteht darin, dass die Texaner versuchen können, die westlichen Gebiete für die Rebellen einzunehmen. Aber bis dahin ist es noch lang. Wenn es Krieg gibt, dann sind die Rebellen zunächst einmal im Osten beschäftigt.“

„Es wäre schrecklich, hier mitten in einem Krieg zu sitzen“, sagte sie. „Ich wäre bestimmt nicht hergekommen, wenn mir das klar gewesen wäre. Ich glaube, es gibt nicht so viel Schutz für Barmädchen und Kartenausteilerinnen.“

Er lächelte während sie weiter aß. „ Wie geht’s Ihrer Frau und Söhnen in Maryland, John? Werden sie sicher sein?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich sage ja immer wieder, zuerst muss es einmal einen Krieg geben. Dann muss er Maryland erreichen. Und ich habe keine Ahnung wo ich dann sein werde. Ich darf mir darüber keine Sorgen machen.“

Gedankenverloren aßen beide weiter

„Ich dachte mir“, sagte Arnold, „ wir würden heute Abend besprechen, wohin Sie als nächstes gehen werden. Nach dem Kartenausgeben in Santa Fe?“

„Ich habe keine Ahnung. Unsere Unterhaltung klingt so, als ob ich endlich den Vater  bekäme, den ich nie hatte. Suchen Sie eine Tochter, John?“

Als er von seinem Steak aufsah, erwartete sie, dass er überrascht oder verletzt wäre. Stattdessen schien er sehr nachdenklich. Er sah hinaus auf die Plaza.

„Vielleicht, Lily. Ich hatte nie eine. Mir gefällt unsere Zeit zusammen. Ich denke darüber nach.“

Lily saß am Tischende mit dem Rücken zum Fenster. Sie hat den ganzen Abend über meistens geschwiegen. Cummings und Danson redeten wie immer die ganze Zeit über und tranken viel.

Der Lärmpegel im Saloon war so hoch, dass niemand das Gespräch belauschen konnte. Aber die Männer wollten, dass sie alles im Blick hatte, und deswegen gab sie vor nicht zuzuhören und beobachtete unablässig den Raum.

Jeder wusste, dass die Huren oben waren, aber das hielt die Männer in der Bar, besonders die Soldaten, nicht davon ab, ihre Aufmerksamkeit zu erregen zu wollen.

Wenn man den Abend in einer Bar in Santa Fe verbringt, muss man davon ausgehen, dass man angestarrt wird, dachte sie. Keiner der Männer im Saloon erwartete wohl, dass eine Frau hier an den Tischen kein Freudenmädchen war.

„Danson“, sagte Cummings. „Hat Zapico das Zeug unten in Albuquerque schon so gut verkauft, wie er es angekündigt hatte?“

„Ja. Und zu unserem Preis, nicht seinem.“

„Mowry sagt, wir könnten die nächste Lieferung nächste Woche erwarten“, berichtete Cummings.

Alle drei nippten an ihrem Whiskey.

„Wie kommen seine Sachen eigentlich durch, wenn sonst jeder von den Apachen angehalten wird?“ fragte Danson.

„Durch die Hintertür“, antwortete Cummings.

„Ist die nächste Lieferung das illegale Zeug für die Army, oder kommt das erst danach?“, wollte Damours wissen.

Cummings sah sich um, aber Lily bedeutete ihm dass er offen reden könne. Niemand beachtete sie. „Nein.  Wir müssen dem Juden noch einmal genau auf die Finger gucken bevor wir richtig einsteigen. Also, du und ich müssen in der Army sein damit es läuft. Als ich das letzte Mal nachfragte, warst du noch nicht den Volunteers beigetreten, Auggy.“

„Ich arbeite an meinem Vorstellungsgespräch bei Chacon durch Vermittlung der Priester, so wie wir es besprochen haben. Glaubt ihr, die Priester stellen mich dem einfach so vor weil ich sie gebeten habe? An Chacon heranzukommen, ist schwierig, und das wird erst geschehen, wenn die Priester mir voll vertrauen.“

„Lily, du und ich, wir haben Zapico hier von außen im Blick“, sagte Danson. „Und wir wollen ihn doch dazu benutzen, dass er unsere Gewehr-und Whiskeylieferungen hineinbringt und dass unser Geld herauskommt?“

„Und Zapico weiß davon?“ fragte Lily.

„Jetzt noch nicht“, antwortete Cummings. „Vielleicht nie. Kommt drauf an, wie die Sache läuft und wie er mitspielt.“

„Wann trittst du in die Armee ein, Cummings?“ fragte Lily.

„Vielleicht in einem Monat“, antwortete Cummings. „Bei dem Jungen hier könnten es noch zwei werden, wenn die Priester nicht ein bisschen schneller machen.“

„Wenn ihr mich fragt, geht alles viel zu langsam“, sagte Lily. „Habt ihr Vorsorge getroffen für Lieferungen an die Rebellenseite und an die anderen? Seid ihr darauf vorbereitet, mit den Texanern zu verhandeln, wenn die erst einmal hier sind? Wenn ihr die falsche Seite unterstützt habt und die alle eure Pläne auffliegen lassen?“

„Deswegen bin ich so vorsichtig“, sagte Cummings. Das letzte, das ich gehört habe, ist, dass es keinen Krieg gibt. Jedenfalls jetzt noch nicht. Wir können damit umgehen. Wir haben genug Waren für alle Seiten.“

Lily lächelte vor sich hin. Da wird es schon noch zwei oder drei Seiten mehr geben, von denen du noch nichts ahnst, Mister!

Nein, es werden vier sein.

18

23.April 1861

Die Nachricht, dass der Krieg ausgebrochen war, hatte Santa Fe erreicht. Wie vorauszusehen war, war er in Fort Sumter bei Charleston vor etwa elf Tagen ausgebrochen.

„Angesichts dieser Kriegsnachrichten, bist du zufrieden damit, wie sich die Dinge mit diesen Burschen entwickeln, Lily?“ fragte Zapico.

„Ich glaube, dass Cummings richtig liegt“, antwortete Lily. „Man muss mit beiden Seiten ins Geschäft kommen bis man sieht, wie die Sache läuft. Er hat Damours davon überzeugt, dass er sich den Freiwilligen anschließt, während er darauf wartet, wie sich alles entwickelt, bevor er sich auf eine Seite festlegt. So sind wir auf alles vorbereitet.“

„Nun, Mowry sagte mir, er wolle, dass Cummings die Sache so betreiben solle.“

„Die Rebellen lassen vielleicht die Texaner herkommen, damit sie New Mexico und Colorado einnehmen, oder vielleicht auch nicht. Das müssen wir abwarten“, sagte sie. „Was meinst du, Zapico, ist Cummings dafür gut genug? Mowry baut auf ihn.“

„Ich weiß es nicht. Wenn Mowry nur Geld verdienen will, dann wahrscheinlich. Aber wenn er größere Pläne hat, in der Politik vielleicht? Wenn er auf der Siegerseite dabei sein will? Das Gouverneursamt vielleicht? Ein Land , das weder zur Union noch zu den Rebellen gehört? Wer weiß das schon? Wenn das die Pläne Mowrys sind, dann glaube ich nicht, dass Cummings der richtige Mann ist.“

„Glaubst du, Cummings weiß, dass wir einen direkten Draht zu Mowry haben?“

Der beleibte Jude lachte. „Keiner von denen ist gut genug, Lily. Nein. Cummings würde man das anmerken. Cummings glaubt, er habe mich als Strohmann für Mowry, und außerdem muss er sich noch um Danson und den jungen Burschen kümmern.“

„Und die beiden?“, fragte Lily. Er lachte wieder. „Der Junge ist in Ordnung. Er ist schon jetzt bei der Kirche unverzichtbar und hat auch einen Fuß im Büro des Gouverneurs, und zudem ist er der geborene Betrüger und Schwindler. Der ist bald in der Army. Solange die Texaner die Army hier nicht überrennen, wird der in zwei Jahren das meiste Geld, das für unser Gebiet bestimmt ist, abgezweigt haben.“

Er lachte wieder. „Das schwache Glied ist Danson. Danson könnte ganz leicht den ganzen Plan zu Fall bringen. Mowry mag hinter der Macht oder bloß hinter dem Geld her sein, es ist Danson, um den ich mir Sorgen mache.“

„Also“, fragte sie, „Geld oder Macht? Was will Mowry?“

„Ich glaube, was Mowry jetzt will, ist das Geld. Die Frage, was er nach dem Krieg als nächstes macht, hängt vom Ausgang ab.“

„Dann beantworte ich deine Frage“, sagte sie. „Es läuft gut für uns. Es läuft einfach gut für uns. Ich kümmere mich um Danson. Die Sache kannst du als erledigt ansehen. Grüße Sarah und deine Kinder von mir.

Ohne ein weiteres Wort ging sie durch die Seitentür hinaus auf die Gasse und verschwand in Richtung der Plaza.

––––––––

Genau zu diesem Augenblick, siebzig Meilen weiter nordwestlich auf dem Hauptplatz von Taos, zogen Kit Carson und ein Dutzend anderer Männer die amerikanische Flagge hoch. Als die Nachricht vom Kriegsausbruch in South Carolina sich in der Stadt verbreitet hatte, hatten sich die meisten der Bürger versammelt, um den „Stars und Stripes“ zuzujubeln.

Ein paar Unterstützer des Südens höhnten offen.

Carson und die anderen waren sich einig darin, dass sie rund um die Uhr den Flaggenmast bewachen müssten und teilten sich dazu untereinander als Wachen ein. Die Flagge sollte Tag und Nacht wehen. Die Spannung, wenn auch noch nicht der Kampf, war im Gebiet von New Mexico angekommen.

19

12. Mai 1861

Selbst in seiner Zeit als Fallensteller und Abenteurer hatte Carson nichts lieber getan als mit den Indianern Reiterwettbewerbe auszutragen. Und die Indianer traten auch sehr gerne gegen ihn an.

Heute hatte Carson vierzig seiner Utes und Jicarillas mitgenommen zu der Ebene westlich von Taos, um mit ihnen zu Pferde ein Staffelrennen zu veranstalten.

Allerdings war das schwierigste in diesem Wettstreit zwischen den Utes und den Jicarillas, dass die beiden Jicarilla-Clans lieber untereinander einen Wettbewerb austrugen als zusammenzuarbeiten. Die Jicarilla-Apachen bestanden aus den Llaneros, dem Clan von Mond und Pflanzen, und aus den Olleros, dem Clan von Sonne und Tieren. Die beiden lagen in einem ewigen Wettstreit miteinander, der in einem jährlichen Fest und in einem Staffelrennen zu Pferde zwischen beiden im Herbst gipfelte.

Deshalb mussten Yellow Horse und Carson auf die Jicarillas einwirken, damit sie zusammenarbeiteten. Carson bestand darauf, dass sie sich nicht wie üblich in ihre Stammesclans aufteilten.

Kaniache und Red Cloud stellten ihre zwanzig Ute-Reiter in zwei Reihen auf und beobachteten dann amüsiert, wie Carson sich bemühte, die Apachen zum Mitmachen zu bewegen.

Als schließlich die Jicarillas aufgestellt waren, ritten die ersten beiden Teilnehmer auf ein Zeichen Carsons los. Jeder war natürlich wegen seiner Schnelligkeit ausgewählt worden, und eine Strategie gab es nicht. Sie ritten nebeneinander her über die Ebene und auf ihre wartenden Stammesangehörigen zu wie zwei gemeinsam zuckende Blitze. Es gab nicht den geringsten Vorsprung eines von ihnen über die ganze Entfernung von mehr als einer halben Meile.

Und so verlief das Rennen für die ersten drei Reiterpaare. Die Hufe donnerten und die jungen Männer feuerten einander an. Das Vergnügen am Wettbewerb erfüllte jeden von ihnen mit dem Wunsch, seinen Gegner zu überrunden.

Plötzlich lenkte Red Cloud sein Pferd vor den nächsten der Ute, der in der Schlange wartete. Als die beiden herbei galoppierenden Reiter Red Cloud und seinen Gegner erreicht hatten, ritt er geradewegs auf den überraschten Jicarilla los, raste dann davon und ging bald um drei Pferdelängen in Führung.

Als Carson dabei war, seine Apachen auf die neue Situation einzustellen, bemerkte er, dass Red Cloud nicht zu Reihe der Utes zurückgekehrt war. Er befand sich ein paar hundert Yards in westlicher Richtung, kniete neben seinem Pferd und starrte auf die Ebene.

Carson winkte Yellow Horse zu, er solle seine Leute wieder aufstellen und galoppierte hinüber zu Red Cloud.

Red Cloud deutete ihm an, vorsichtig zu sein.

Als Carson ihn erreicht hatte, stieg er ab und stand neben dem Häuptling.

Zusammen suchten sie schweigend den Horizont ab.

„Da. Haben Sie das gesehen?“ Red Cloud zeigte auf einen Punkt am Horizont.

„Ich sehe es“, antwortete Carson. „Wie viele sind es?“

„Zehn. Vielleicht mehr.“

„Was sind sie?“

„Dine.“

Er spuckte in den Schmutz auf dem Boden.

„Das kann man von hier aus nicht sagen. Ich habe schon die Navajos gejagt, da warst du noch nicht geboren, Red Cloud. Du denkst immer nur an die Dine!“

Carson erwartete, er würde anfangen zu lachen, aber der Ute-Häuptling warf ihm nur einen bösen Blick zu. Wortlos packte Red Cloud die Zügel seines Pferdes mit der linken Hand, schwang sich auf den Rücken und galoppierte zum Horizont los, der jetzt leer war.

Carson stieg ebenfalls auf und galoppierte hinter dem unbeugsamen Häuptling her.

Als sie am Canyon des Rio Grande angekommen waren, saß Red Cloud auf seinem Pferd und sah hinab auf eine Gruppe von Reitern, tatsächlich Navajos, die jetzt tief unten im Canyon waren. Es war ein Trupp von vielleicht einem Dutzend.

„Was zum Teufel tun die hier?“, sagte Carson mehr zu sich selbst als zu Red Cloud.

„Wir können hin reiten und es herausfinden. Wir sind vierzig.“

„Ihr Vorsprung ist zu groß. Wir sind zu unserem Vergnügen hier, nicht für einen Kampf. Wir sind auch nicht gut genug bewaffnet, falls sie sich dort unten mit anderen vereinigen.“

Carson lehnte sich über die Kante des Canyons und sah hinab. „Also, was machen die hier?“

„Was sie immer machen.“, antwortete Red Cloud. „Die Dine-Krieger halten sich nicht an die Versprechen ihrer Häuptlinge. Sie suchen Frauen und Kinder und Schafe. Die Weißen sind naiv. Ihr versteht die Navajo nicht.“

Er wendete sein Pferd und um zurückzureiten. „Wir werden alle einen hohen Preis dafür zahlen, dass die Weißen die Dine nicht beachten.“

Doch dann kam ihm ein Gedanke. Er drehte um und ließ sich hinab auf einen Felsvorsprung etwa zwanzig Yards unterhalb der Stelle, wo sie zuvor gestanden hatten. Von dieser Stelle konnte er die hinabsteigenden Navajos und ihre Pferde sehen.

Bevor Carson etwas sagen konnte, hatte Red Cloud bereits einen Pfeil auf seinen Bogen gelegt und ihn abgeschossen in einemhohen Bogen nach links zum Rio Grande hin.

Sekunden später ertönte ein Geheule von unten, Red Cloud erhob sich und zeigte auf den Trupp, der jetzt zu ihm hochblickte. Er stand da, gut für die Navajos zu sehen und schoss einen weiteren Pfeil ab.

Dann stieg er hoch zu Carson. Beide waren jetzt am Rande des Canyon, nicht mehr in Sichtweite der Navajos.

Carson wendete sein Pferd und ritt zurück zu seinen Indianern, um ihnen die Ankündigung zu machen, für die er hergekommen war.

Red Cloud schloss zu ihm auf und beide ritten schweigend einige Augenblicke nebeneinander her.

„Red Cloud, was bedeutet Heimat für dich?“ Er war neugierig, wie er auf diese unbeantwortbare Frage reagieren würde.

„Heimat ist eine Vorstellung der weißen Männer, Vater Kit. Ihr zwingt die Utes, an diesem Ort zu leben. Es ist nicht unsere Wahl. Warum fragen Sie?“

„Aber ich weiß, dass du stolzer Mann gar kein Ute bist.“

„Sie irren sich, Agent Carson. Ich habe das Mannesalter bei den Utes erreicht und sie sind mein Volk Ich bin so sehr ein Ute wie Ihr adoptierter Navajo-Sohn eines Tages ein weißer Mann sein wird.“

„Aber viele Weiße werden immer einen Indianer in meinem Sohn sehen, wenn sie ihn anblicken. Er wird also in mancher Hinsicht kein weißer Mann sein.“

„Ich bin in jeder Hinsicht ein Ute, Agent Carson. Und im Sinne der weißen Männer habe ich keine Heimat.“

„Möchtest du nichts über deine Chiricahua-Vorfahren erfahren? Wie man im Lande des Sprechenden Baumes lebt? Ich habe gehört, dass due ein Neffe oder Cousin von Cochise bist.“

„Ich bin ein Ute, Vater Kit. Die Mutter Erde gehört uns allen, doch ihr Weißen habe das unberechtigte Gefühl, Teile von ihr gehörten nur euch. Sehen Sie sich die Navajos an, und Sie werden sehen, wie sie die Vorstellung des weißen Mannes von Heimat achten.“

Er hielt sein Pferd an und sah Carson ins Gesicht.

„Vater Kit, Sie sind ein guter Mensch. Für einen Weißen. Ich glaube, Sie möchten für uns besiegte Jicarillas und Utes das Richtige tun und sich um uns kümmern. Aber uns einzuschließen heißt, uns zu zerstören. Die Jicarillas müssen jetzt in Santa Fe das Lebensnotwendige erbetteln. Und die Dine lassen uns alle für Ihren Irrglauben bezahlen, dass man ihnen eine Heimat schaffen könnte.“

Red Cloud blickte hinüber zu den Indianern und wartete darauf, zu ihnen zurückkehren zu können.

„So, Vater Kit, sagen Sie uns jetzt, was Sie uns zu sagen haben. Was mit uns geschehen soll.“

Er ritt davon und ließ einen erstaunten Carson zurück, der auf seinem Pferd saß und ihm hinterher sah.

Er hatte niemandem gesagt, dass er eine Ankündigung machen wolle.

Carson betrachtete die versammelten Apachen und Utes. Sie saßen ausdruckslos vor ihm in einem Halbkreis um ein Feuer. Die Versammlung von bedrückt wirkenden Jicarillas und schadenfrohen Utes ließen keine Frage über den Ausgang des Rennens aufkommen.

Carson zögerte, bevor er sprach. Es war verdammt viel leichter gewesen, es Josefa zu erklären. Er war sich immer noch sicher, wie viel er ihnen erzählen sollte. Und er war sich nicht sicher, ob sie verstehen würden, was hier geschehen würde.

„Ich muss für einige Zeit von hier weggehen. Eigentlich für eine sehr lange Zeit. Vielleicht für immer. Es wird ein neuer Agent kommen, da ich dieses Amt nicht mehr ausübe und mich der Army anschließen werde. Ihr müsst nach Cimarron weiterziehen. Sobald ein neuer Beauftragter ernannt worden ist, wird er kommen und euren Weiterzug organisieren, damit alle eure Stämme noch zusammen sein werden. Nichts wird sich ändern.“

Wie immer sprach Yellow Horse als erster nach einer kleinen Weile. „Vater Kit, vielen Dank, dass Sie mit dieser Nachricht hergekommen sind, und herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Beförderung.“

Es war nichts Ungewöhnliches für den Jicarilla, dass er erst Scherze machte, bevor er ernste Verhandlungen begann. Alle Indianer lächelten und sahen, wie Carson den kleinen Spaß mit einem Kopfnicken quittierte.

„Aber warum schließen Sie sich der Armee an?“, fragte er. „Geht es um einen großen Krieg gegen die Chiricahuas?“

„Nein, mein Freund, das hat mit den Apachen nichts zu tun.“

„Es geht also um den Krieg gegen die Dine, über den wir schon gesprochen haben?“, fragte Red Cloud. „Sind Sie gekommen, um uns mittzuteilen, dass wir euch im Krieg gegen die Dine unterstützen sollen?“

„Nein, Red Cloud, wir kämpfen nicht gegen die Navajos. Wir weißen Männer kämpfen gegeneinander. Viele Amerikaner im Osten haben mit dem großen Häuptling Lincoln gebrochen.“

Carson versuchte mit einer hastigen Erklärung ihnen zu verdeutlichen, worum es im Bürgerkrieg ging, aber er wusste, dass er mehr Fragen aufwarf als er beantwortete.

„Warum kümmert es einige Weiße, dass andere Sklaven haben?“, sagte Kaniache. „Warum sollte man jemanden, den man nicht kennt, davon abhalten, Sklaven zu halten, die man nicht kennt?“

„Ja, können denn die Familien der Sklaven nicht dafür kämpfen, dass sie wieder zurückkommen?“, fragte Yellow Horse.

„Warum würdet ihr Weißen eure eigenen Leute töten, um Sklaven zu befreien, die ihr nicht kennt, und uns lasst ihr nicht einmal kämpfen, damit wir unsere eigenen Leute von den Dine zurückholen können“, antwortete Red Cloud.

Er erklärte das Problem der afrikanischen Sklaven so gut er konnte und schloss das moralische Problem an. „Viele Weiße glauben, es sollte keine Sklaven geben. Das ist ein Grund dafür, dass wir die Navajos davon abhalten, eure Leute zu entführen. Und euch, ihre zu nehmen.“

„Also“, sagte Kaniache, „Häuptling Lincoln glaubt, dass es falsch sei, und er möchte, dass Weiße andere Weiße töten, um das zu verhindern?“

„Ja.“

„Warum sind wir dann versklavt hier“, und er deutete mit seinem rechten Arm auf die Ebene, „und warum dürfen wir nicht dem Bären während der Jahreszeiten folgen? Warum sind wir gezwungen, mit den Jicarillas zu leben? Warum schickt Häuptling Lincoln Sie denn nicht, um die Weißen zu töten, die uns hier versklaven?“

‚Warum eigentlich?‘, fragte Carson sich und war nicht überrascht darüber, dass seine Indianer die Heuchelei der amerikanischen Politik durchschauten. „Ihr“, und hier benutzte Carson ein Ute-Wort, das alle Menschen einbezog, „ihr seid hier, damit wir euch vor den weißen Männern beschützen können, die nur im Sinn haben, euch zu töten. Wir haben darüber gesprochen, es gibt gute und schlechte Weiße, genauso wie es gute und schlechte Navajos gibt.“

Er erhob sich um aufzubrechen.

„Und nun!“, sagte Carson, „Die Weißen werden eher gegeneinander kämpfen als gegen euch. Seid dankbar dafür. Vertraut eurem neuen Agenten. Ich freue mich auf unsere nächste Zusammenkunft, wenn hoffentlich alles Kämpfen und Töten vorüber ist.“

Er drehte sich um, bestieg sein Pferd und ritt zurück nach Taos.

Der Jäger aus den Bergen, der zum Kämpfer gegen die Indianer wurde und dann zum Sachwalter der Indianer, ritt davon, um zum Mörder an Texanern zu werden.

Teil II

Die Texaner

20

1.Juli 1861

In der Gluthitze der texanischen Wüste erreichte die Vorhut von etwa zweihundertfünfzig Soldaten der Texas Cavalry erreichte Fort Bliss in El Paso, Texas.

Etwas mehr als dreihundert Meilen nördlich davon betrat Kit Carson Canbys Büro in Fort Marcy zum ersten Mal seit Canby die Leitung der Behörde für New Mexico übernommen hatte und seit Carson zum Kommandeur der Freiwilligenarmee von New Mexico ernannt worden war.

Canby warf seinem alten Freund einen Blick zu und lächelte. „Wie geht’s Josefa?“

„Ihr geht’s gut. Sie lässt grüßen. Sie möchte Ihnen besonders dafür danken, dass Sie mich überredet haben, die Pläne für den Ruhestand aufzugeben.“

Die beiden saßen einander gegenüber in Canbys Büro in Fort Marcy.

„Wie verlässlich sind Ihre Freiwilligen, und wie ist die Lage überhaupt?“ fragte Canby.

„Die Soldaten, die mit der Sache der Konföderierten sympathisieren, sind ausgetreten und vor zwei Wochen nach Fort Fillmore geritten. Es werden wohl mehr werden auf dem Weg nach Mesilla und danach vermutlich Fort Bliss. Alle Freiwilligen werden New Mexico gegenüber loyal sein, und die meisten Ihrer verbliebenen Soldaten sind wohl zuverlässig. Die sich den Rebellen anschließen wollten, hatten ihre Chance.“

„Was brauchen wir, Kit, um New Mexico gegen die Texaner zu verteidigen?“

„Die Freiwilligenarmee hat Freiwillige aufgenommen, sich aufgelöst und wieder aufgenommen und sich wieder aufgelöst seit ewigen Zeiten. Sie haben gegen die Cheyenne, die Comanchen, die Navajo, dann gegen Kearny und mich und die U.S. Army vor fünfzehn Jahren gekämpft, und jetzt geht es gegen die Rebellen. Vielleicht ging es auch schon gegen die Spanier bevor es überhaupt ein New Mexico gab.“

„Warum sagen Sie nicht, dass sie bisher keine Rekrutierungen vorgenommen haben?“

Carson lächelte seinen Freund an. „Rekrutierungen sind nie nötig gewesen. Wenn die Farmen und die Häuser in Gefahr waren, dann haben sich die New Mexicans dagegen erhoben.“

„Wann haben denn Sie und Chacon mit der Ausbildung angefangen?“

„Niemand war sich bisher sicher, welche politische Richtung die Bundestruppen einschlagen würden. Hier bei uns zu früh zu mobilisieren, hätte nur bedeutet, dass wir Soldaten verlieren, die dann auf der Rebellenseite eingezogen worden wären.“

Canby nickte.

„Es dauert zwei, drei Monate bis sie mobilisiert und kampfesbereit sind“, meinte Carson.

Canby verschob seine Zigarre, um Carson Zeit zu geben, seine zeitliche Einschätzung zu reduzieren, aber er schwieg. „Wann erwarten Sie General Sibley und seine Texaner?“

„Das letzte, das ich von ihm hörte, war, dass er immer noch mit Jefferson Davis in Virginia war. Dass er immer noch auf die Rebellen einwirkte, ihm zu erlauben gegen uns zu kämpfen. Wenn er diese Erlaubnis bekommt, dann bringt er die Texaner hierher, frühestens im Januar oder Februar.“

„Und die Vorhut der Texaner?“ fragte Canby.

„Ich würde zweihundertfünfzig Kavalleristen nicht gerade eine Vorhut nennen“, sagte Carson. „Sie sind höchstenfalls ein kleineres Ärgernis. Sie werden von einem Idioten kommandiert, John Baylor. Er hasst die Indianer mehr als Lincoln. Vielleicht ist Cochise für uns ein Segen und er erledigt Baylor.“

„Toller Plan, Kit.“

„Nun“, sagte Carson, „Baylors Texaner sind auf jeden Fall mit den Apachen voll beschäftigt. Selbst wenn man die Deserteure und die Unterstützer des Südens hinzuzählt, ist diese Vorhut keine große Gefahr.“

„Gibt es sonst noch mögliche Verstärkungen, Kit?“

„Es gibt Gerüchte, dass die Colorado-Freiwilligen sich organisieren, um zu uns herunter zu kommen, und dass Carleton in Kalifornien eine Armee aufbaut, um hierher zu marschieren.“

„Unglücklicherweise können die Kalifornier sich nicht vor dem nächsten Frühjahr organisieren und dann hierher durch die Wüste marschieren und noch durch das Apachenland. Es hängt alles ab von Ihnen, den Leuten aus Colorado und mir. Wie schnell können Chacons Soldaten aus New Mexico hier sein?“

„In höchstens einer Woche. Wir müssen jemanden nach Denver schicken um Colorado wissen zu lassen, dass wir Hilfe brauchen.“

„Ja“, sagte Canby, „Tom Jeffords ist einer unserer besten Späher aus Arizona und er soll mit nach Colorado geschickt werden. Der löst alle Probleme mit den Indianern.“

Carson stand auf.

„Noch eine Sache, Kit. Sorgen Sie dafür, dass Chacon ganz schnell seine Freiwilligen zusammenruft und sie hierher bringt. Wir werden wohl keine zwei oder drei Monate Zeit haben.“

––––––––

Nur wenig mehr als eine Meile entfernt, einen Block neben der Plaza, saßen Lily, Damours und Zapico zusammen.

„Es ist wohl keine Frage, dass die Army bald wieder mit neuen Versorgungslieferungen beginnt“, sagte Damours. „Die Bestellungen für euch werde ich bis morgen haben. Oder spätestens übermorgen. Unsere Lieferungen aus Arizona verzögern sich zurzeit. Apachen und heranrückende Rebellen sind schuld daran.“

„Ich habe gedacht, du wärest noch nicht in der Army, Auggy“, meinte Zapico.

„Bin ich auch nicht. Pater Ussel hält mich davon ab. Er hält das für sinnlos, solange Chacon die Freiwilligen noch nicht hat zusammenkommen lassen. Übrigens, je mehr ich mit den Leuten des Quartiermeisters zusammenarbeite, umso besser kenne ich sie. Ich werde zur rechten Zeit, am rechten Ort und lange genug in der Armee sein, damit wir unsere Pläne durchführen können. Was mich anbelangt, ihr braucht euch um mich nicht zu sorgen.“

„Um wen denn?“ fragte Lily scherzend.

Damours lachte. „Die verdammten Rebellen, die große Trockenheit und Danson. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge.“

21

21. Juli 1861

Um die Mittagszeit erreichten Cochises Krieger das Lager von Mangas Coloradas am Cooke’s Canyon. Sie waren fast zweihundert Meilen von Santa Cruz Valley südlich von Tucson hierher geritten.

Nachdem Cochise abgestiegen war, ging er auf seinen Schwiegervater zu. Er wusste, dass der siebzigjährige Häuptling diesen Augenblick seit Monaten erwartet hatte. Deshalb konnte er ganz offen mit ihm sprechen. „Die Chiricahuas nehmen das Angebot der Mimbres an, Euch dabei zu unterstützen, die Bleichgesichter aus dem Land unserer Völker zu werfen. Die Maultiere und das Vieh, die unser Geschenk an euch sind und die wir den Soldaten in Fort Buchanan weggenommen haben, werden in zwei Tagen hier sein.“

„Gibt es Neuigkeiten von dem jungen Soldaten, der deine Familie getötet hat und meine Tochter und meinen Enkelsohn entführt hat?“

„Wir haben Fort Buchanan angegriffen und uns ein Gefecht geliefert, aber er ist geflohen. Wir haben viele der Soldaten getötet, die der Feigling zurückgelassen hat. Aber unsere Priester sagen uns immer wieder, dass wir ihn nicht töten können. Er wird durch die Hand der Bleichgesichter sterben.“

„Unsere sagen das auch“, meinte Mangas Coloradas. „Wir haben auch gehört, dass die Bleichgesichter danach Fort Buchanan aufgegeben haben. Du hast gut gehandelt, mein Sohn. Die Soldaten wissen, dass sie unser Land nicht mehr halten können. Ein Botschafter berichtete uns gestern, dass Dos-Teh-Seh und dein Sohn jetzt zu deinem sicheren Zufluchtsort zurückgekehrt sind.“

„Ich werde sie sehen, wenn ich in mein Dorf zurückkomme. Aber ich werde weiterhin versuchen, den jungen Soldaten zu töten. Er verdient einen langen und unehrenhaften Tod, und ich werde nicht ruhen, bis er und seine Bleichgesichter aus unserem Land verschwunden sind.“

„Weißt du, was mit den Goldgräbern in Apache Pass vor drei Wochen passiert ist?“, fragte Mangas Coloradas.

Cochise winkte Nahilzay zu, der eine Tasche vor Mangas Coloradas auf den Boden warf.

„Das ist alles Gold und Silber, das sie bei sich trugen“, sagte Cochise. „Sie liegen alle nackt unter den Bäumen, an denen der junge Soldat meinen Bruder und meine Neffen aufgehängt hat. Die Goldgräber lernen genauso wie die Soldaten, dass es hier für sie nicht mehr sicher ist.“

Dann herrschte ein langes Schweigen zwischen den beiden Kriegern, und die Chiricahuas und die Mimbres warteten zusammen auf das Wort, das den gnadenlosen Krieg ankündigen sollte, den alle suchten.

„Jetzt ist die Zeit für die Abrechnung mit den Bleichgesichtern gekommen“, sagte der alte Häuptling.

An diesem Nachmittag galoppierte einer der Späher der Mimbres ins Lager und sprach kurz mit den beiden Häuptlingen. Dann kamen die drei Apachen mit allen kampfbereiten Kriegern zusammen und zogen zusammen in den Canyon.

Eine halbe Meile vor dem östlichen Eingang sah Cochise einen Wagen, der von vier Maultieren gezogen wurde und der von fünf berittenen Männer begleitet wurde. Diese kamen ihnen entgegen und die untergehende Sonne beschien ihre Gesichter. Cochise stellte seine Leute so auf, dass die Hälfte von ihnen sich außerhalb der Sichtweite der Weißen hinter den Felsen versteckten und die Pferde ruhig hielt. Die anderen Krieger schickte er zur anderen Seite des Passes, wo sie sich unmittelbar neben dem vordringenden Wagen befanden, aber verdeckt durch eine Baumgruppe.

Innerhalb von nur wenigen Stunden hatte der Große Schöpfer den Apachen ein klares Signal gesendet. Dieser Krieg gegen die Bleichgesichter würde erfolgreich sein.

Und er würde nicht schwierig sein.

Der Wagen, dem drei der Reiter vorausritten und der von zweien flankiert wurde, befand sich jetzt neben den zwischen den Bäumen verborgenen Apachen. Cochise sah zwei Männer auf dem Bock des Wagens, einer, der fuhr und ein anderer, der ein Gewehr hielt und aufmerksam die Bäume betrachtete.

Alle waren Goldgräber oder angemietete Wachen. Es waren keine Soldaten. Er konnte nicht erkennen, was im Wagen war, an den zwei Maultiere angebunden waren.

Nachdem der Wagen an den Bäumen vorbeigefahren war, erschossen Cochise und Juh die beiden Maultiere auf der rechten Seite des Gespanns. Das vordere Tier fiel tot zu Boden, aber das andere war nur verletzt worden.

Es warf sich hin und her, bäumte sich auf und wollte verzweifelt fliehen. Das strömende Blut und das Weiße seiner Augen konnte man bis zwischen die Felsblöcke erkennen.

Als die Goldgräber und die Wachen sich nach rechts zu den Felsblöcken drehten, von wo die Schüsse gekommen waren, die sie erwidern wollten, kamen von der anderen Seite die verborgenen Apachen aus den Bäumen hervor und ritten heulend tiefgebeugt auf ihren Pferden heran. Die beiden Begleiter und der linke Reiter vorne starben, bevor sie überhaupt den Angriff aus der Baumgruppe heraus bemerkten.

Die beiden Männer auf dem Bock des Wagens wurden herab geworfen. Der mit dem Gewehr landete hart auf dem Boden und wurde sofort von zwei Mimbres angegriffen und mit einer Keule bewusstlos geschlagen.

Nachdem der Fahrer und die verbliebenen beiden Männer die Maultiere hatten laufen lassen, wohl in der Hoffnung, dass das die Angreifer besänftigen würde, verschanzten sie sich zwischen den Felsen neben dem Wagen. Sie feuerten unaufhörlich durch den Wagen und dahinter auf die Apachen, die immer wieder zwischen den Bäumen auftauchten und von den Felsen auf sie schossen.

Die drei verzweifelten Überlebenden schossen unablässig mit ihren Gewehren auf über zweihundert Apachen. Die siegessicheren Krieger überschütteten sie mit regelrechten Pfeilregen und Gewehrfeuer.

Die Weißen wurden einer nach dem anderen verwundet und starben im Kampf, der erst am frühen Morgen des nächsten Tages endete. Die Apachen hatten dreiundzwanzig Krieger und fast hundert Verwundete zu beklagen.

Cochise befahl dreien seiner Krieger, drei der toten Wachen zu skalpieren. Allen sieben Männern wurde die Kleidung vom Leibe gerissen, und dann wurden sie mit Messern, Keulen und Pistolen zerfetzt. Jedem wurde zur Sicherheit nochmals in den Kopf geschossen.

Mangas Coloradas betrachte den Ort und die angerichteten Schäden. Er wandte sich Cochise zu und sagte: „Wenn all unsere Krieger so tapfer und stark sind wie diese, dann können wir die Welt erobern.“

Cochise nickte zustimmend und überreicht seinem Schwiegervater einen der Skalps.

Im Wagen fand sich nichts Wertvolles. Sie ritten zurück zum Lager und jeder der führenden Reiter der beiden Clans trug triumphierend einen der Skalps an der Speerspitze.

Der entscheidende Krieg hatte begonnen. Die feierliche Segnung des Krieges würde lange dauern und mit einem Triumphgefühl beginnen.

Aber die beiden Häuptlinge sorgten sich wegen der hohen Verluste dieser ersten Schlacht.

22

22.Juli 1861

Damours betrat das Büro von Pater Ussel. Pater Gabrielle hatte ihm versichert, dass alle nötigen Empfehlungsschreiben weitergereicht worden seien, aber Damours hatte nur geringe Erfahrungen mit der Kirche von New Mexico, und das machte ihn ziemlich unsicher.

Wenn er nur einen kleinen Fehler bei dem Priester machte, der ihn wochenlang hatte warten lassen, hatten sie sechs Monate verloren.

„Sind Sie Augustine Damours?“, fragte der hochbetagte Priester, der hinter seinem Schreibtisch saß.

„Ja, Pater. Pater Gabrielle hat vorgeschlagen Sie zu treffen, damit Sie mich Rafael Chacon vorstellen können.“

Details

Seiten
400
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902457
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317266
Schlagworte
roman

Autor

Zurück

Titel: Wo man dich begräbt: Roman