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Noch mehr Krimis für den Urlaub: Acht Krimis

2016 900 Seiten

Leseprobe

Noch mehr Krimis für den Urlaub

Alfred Bekker, Uwe Erichsen & Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 757 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Schade um Maria

Alfred Bekker: Ein Freund des Inspektors

Horst Bieber: Simone und das Geheimnis des Biotits

Alfred Bekker: Eine Kugel für den Kurier

Alfred Bekker: Der Verräter

Alfred Bekker: Toter Killer

Uwe Erichsen: Höhenrausch

Alfred Bekker: Die Waffe

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

HORST BIEBER wurde mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet. UWE ERICHSEN wurde außer mit seinen spannungsgeladenen Thrillern durch die Verfilmung seines Romans „Die Katze“ mit Götz George und Gudrun Landrebe in Hauptrollen bekannt. Darüber hinaus verfasste er Drehbücher für TV-Krimi-Serien.

ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors; Cover Hendrik M. Bekker

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Schade um Maria

Krimi von Uwe Erichsen

Auch in seiner Freizeit geht Jürgen Teske auf Verbrecherjagd. Der junge Polizeibeamte weiß, dass seine Eigenmächtigkeit ihn die Uniform kosten kann, aber er hat keine andere Wahl. Maria, seine Schwester, ist verschwunden, und ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, sie zu finden. Ein Mädchen, das einmal an der Nadel hängt, hat in der Hand eines skrupellosen Zuhälters kaum noch eine Chance...

1

»Es ist schön hier«, sagte sie versonnen.

Der dünne Morgennebel über dem Rasen des weiten Parks und die dichten Hecken aus Buchsbaum und Feuerdorn erinnerten sie an zu Hause.

Zu Hause.

Sie spürte einen Stich. Wenn ihre Mutter sie so sähe, oder ihr Bruder. Sie knotete das dünne Batisttuch fester um ihre Hüften, bevor sie sich umwandte.

Sie spürte Peters Blicke auf ihren Brüsten. Er lag auf dem breiten, mit schwarzen Laken bezogenen Bett und sah sie von unten herauf an. Seine breiten Schultern und die behaarte Brust waren für sie der Inbegriff der Männlichkeit gewesen, als sie ihn kennenlernte. Dabei war er anfangs so zärtlich und verständnisvoll gewesen. Ihre Jungfräulichkeit hatte er als Geschenk betrachtet — und genommen.

Seit kurzem sah sie ihn mit anderen Augen an. Sie war blind gewesen in der ersten Zeit. Bald hatte sie erkannt, dass er kein Student gewesen war, wie er behauptet hatte. Sie hatte sich eingeredet, dass es ihr nichts ausmachte. Und sie hatte sich nicht gefragt, wovon er lebte, wovon er den amerikanischen Wagen mit den roten Lederpolstern oder die große Wohnung in Hamburg, hoch über dem Jungfernstieg, mit Blick auf die Binnenalster, bezahlte.

Und gestern hatte er sie mit hierher genommen. Ein Wochenende in einem alten Schloss irgendwo in Schleswig Holstein, sie wusste nicht einmal genau, wo es lag. Irgendwo zwischen Malente und Plön. Zuerst war sie aufgeregt gewesen wie ein Kind, aber am Abend war ihr jäh bewusst geworden, dass sie wie in einem Traum lebte.

Dieses hier war nicht ihre Welt, aber auch Peter Reimers passte hier nicht hinein, genauso wenig wie die Anderen, die sie gestern Abend kennen gelernt hatte. Ihre Sprache war zu gewöhnlich, ihr Bemühen, ihr Benehmen der Umgebung anzupassen, war etwas zu anstrengend ausgefallen.

Peter Reimers und sein Freund Karl, der Schlossbesitzer. Pferde in den Boxen, in den Garagen Porsches und große BMW Limousinen.

Um ein Haar wäre sie beeindruckt gewesen. Sie, das naive Mädchen aus der Heide. Wenn da nicht die Mädchen gewesen wären. Zu viele Mädchen, zu leicht bekleidete Mädchen.

»Warum warst du so unfreundlich zu Karl?«, fragte Peter unvermittelt.

Sie sah ihn befremdet an, aber seine Frage überraschte sie nicht wirklich. Sie hatte genau gespürt, wie dieser Karl sie anstarrte. Ihm gehörte nicht nur das Schloss. Während der Fahrt hier herauf hatte Peter ihr von Karl erzählt. Ihm gehörten mehrere Häuser in Hamburg. Und einige Hotels und Gaststätten auf St. Pauli. Sie hatte es Peters Stimme anmerken können, dass es mehr war als Bewunderung, die er seinem Freund Karl entgegenbrachte. Vielleicht Respekt, hatte sie geglaubt, bis sie ihn gestern Abend vor dem Kamin beobachtet hatte. Es war Unterwürfigkeit. Speichelleckerei. Peter war wie ein Hund, der um die Aufmerksamkeit seines Herrn bettelte.

Karl war ein eitler feister Mann und mindestens fünfzig. Sie hatte genau gesehen, wie er die anderen Mädchen betatscht hatte. Wie ein Viehhändler, der die ihm angebotene Ware prüfte. Den Mädchen schien es nichts ausgemacht zu haben.

Sie bemerkte Peters lauernden Blick. Er wartete immer noch auf ihre Antwort. Ihr lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber sie wusste jetzt, dass sich zwischen ihr und Peter etwas verändert hatte. Bis gestern hatte sie es nicht erkennen wollen. Sein lauernder Blick machte ihr Angst. Deshalb suchte sie eine Antwort, die seiner Frage die Spitze nahm.

»Ich hatte den Eindruck, als ob er versorgt wäre«, sagte sie leichthin.

Peter Reimers lachte. Die Antwort gefiel ihm. Er sprang aus dem Bett und kam auf sie zu. Er trug einen durchsichtigen Nylonslip, der nur sein Glied umhüllte und es wie die unförmige Nase eines Gnoms aus dem krausen Schamhaar hervorstehen ließ.

Sie spannte kurz die Schultern, als er vor ihr stand, aber als er sie berührte, lockerte sie die Muskeln wieder. Sie spürte nichts, als seine Hände über ihre Brüste strichen, an der Seite hinab und über die Hüften nach hinten wanderten und dann ihre Hinterbacken kneteten.

»Hätte es dir was ausgemacht, mit ihm . . .«

Sie beugte den Kopf nach hinten, um ihn besser sehen zu können. Er versuchte erst, ihrem Blick auszuweichen, doch dann sah er sie voll an.

»Hätte es dir etwas ausgemacht?«, wiederholte sie.

Eigenartig, sie hatte keine Angst vor der Antwort. Weil sie sie kannte?

»Unter Freunden stellt man sich nicht so an.« Er lachte etwas zu laut. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper.

»Ich möchte mich anziehen«, sagte sie.

»Es gibt noch lange kein Frühstück«, sagte Peter.

Er presste seinen Mund auf ihre Lippen, während er seinen Slip abstreifte und das dünne Batisttuch von ihrer Hüfte zerrte. Sie spürte sein heißes Glied an ihrem Bauch, und sie hielt den Atem an.

»Was hast du auf einmal?«, fragte er heiser. Mit einer Hand versuchte er, ihre Schenkel auseinander zu zwingen.

»Ich will nicht, ich kann jetzt nicht, ich habe Kopfschmerzen, ich muss mich erst waschen . . .«

Er lachte, als er sie aufhob, sie herum schwang und auf das Bett warf. O Gott, dachte sie, als sie seine Finger in ihrem Gesicht spürte. Er zwang sie, den Mund zu öffnen, zwängte eine rote Pille zwischen ihre Lippen und presste die Faust unter ihren Kiefer.

»Davon verschwinden die Kopfschmerzen, du wirst es sehen!« Er starrte in ihre Augen und wartete, bis sie die Pille schluckte.

Sie schloss die Augen. Sie hatte das Gefühl, dass es ein Fremder war, der sie nahm, und nicht Peter Reimers. Sie hatte ihm vertraut. Bis heute.

Ihr Blick wanderte zu dem hohen Fenster, als Peter sich von ihr wälzte und nach den Zigaretten tastete. Sie sah den Himmel und einen Bussard, der schwerelos unter dem zarten Blau schwebte. Sie fühlte sich schläfrig und aufgedreht zugleich. Sie ahnte, dass es keine Kopfschmerztablette gewesen war, die Peter ihr aufgezwungen hatte.

»Ich möchte nach Hause«, sagte sie undeutlich. »Nach Uhlenbeck.«

»Was will ein Mädchen wie du in der Heide?« Er lachte. Es klang unecht. »Wenn wir nachher nach Hamburg zurückfahren, zeige ich dir etwas.«

Sie reagierte nicht. In ihrem Kopf drehte sich ein Windmühlenflügel. Wie aus weiter Ferne drang Peters Stimme in ihr Bewusstsein.

»Ich habe eine Wohnung . . . für dich . . . Sie wird dir gefallen.«

Eine Wohnung? Für mich? Wofür brauche ich eine Wohnung? Ich wohne doch bei dir . . .

»Aber erst . . . Hörst du mir zu? Ich habe Karl etwas versprochen.«

Sie wandte langsam den Kopf und sah ihn an. Sein Gesicht zeigte einen angespannten Ausdruck. Die Augen glänzten hinter den halb geschlossenen Lidern.

»Willst du nicht wissen, was ich ihm versprochen habe?«

Sie konnte ihre Zunge nicht bewegen, nur die Lippen zuckten.

»Ich habe ihm versprochen, dass du heute morgen nett zu ihm sein wirst.«

Wieder lachte er. Das Lachen schwoll an wie das Heulen einer Sirene. Es füllte ihren Kopf, ließ ihn anschwellen bis zum Platzen. Sie wollte sich aufrichten, aber mit einem erstickten Schrei sank sie zurück.

Reimers glitt aus dem Bett. Er zog seine Hose und ein Hemd an, schlüpfte barfuß in die hellgrauen Slipper und nahm ein Badehandtuch.

»Ich gehe in die Sauna«, sagte er.

Ihre Augen waren geöffnet, schienen ihn jedoch nicht wahrzunehmen.

Er verließ das Zimmer. Die Tür ließ er geöffnet. Er klopfte an die Tür auf der anderen Seite des Ganges.

Karl öffnete. Er trug einen Morgenmantel aus roter Seide. Reimers grinste unterwürfig und deutete mit dem Daumen über seine Schulter. Maria lag wie hingegossen auf dem schwarzen Laken. Ihr helles Haar schimmerte wie Goldfäden. Eine Brust ragte in die Höhe.

Karl Zaczek schnalzte mit der Zunge. »Eigentlich ist sie ja viel zu schade für deinen Stall«, meinte er. Er ging hinüber. »Du solltest ihr noch etwas Zeit geben«, mahnte er, als er das Zimmer betrat. Er warf die Tür zu.

Peter Reimers ging pfeifend nach unten. Es ist immer gut, wenn ein Mann wie er einem Mann wie Karl Zaczek einen Gefallen tun kann, dachte er zufrieden.

2

Jochen Teske hatte gerade den Mund voll, als seine Mutter noch einmal mit der Pfanne kam und ihm den Rest Bratkartoffeln aufgeben wollte.

»Danke, Mutter, ich kann nicht mehr!«, sagte er undeutlich. »Wirklich nicht!«

Wenn er vor der Spätschicht zu viel aß, wurde er zu früh müde. Er schluckte und sah auf die Uhr.

»Gropp holt mich gleich ab«, sagte er.

Seine Mutter stellte die Pfanne auf den Herd zurück und setzte sich zu ihm. Er schob die Uniformmütze zur Seite.

»Ich habe dir Mettwurst aufs Brot getan«, sagte sie. »Oder möchtest du lieber etwas anderes?«

»Nein, nein, Mettwurst mag ich gern«, versicherte er. »Mach dir nicht immer so viel Arbeit, Mutter!«

»Ach, Jochen, das tue ich doch gern!«

Sie brauchte jemanden, den sie bemuttern konnte. Unwillkürlich sah er auf das gerahmte Foto seiner Schwester neben der Tür. Darüber hing das Bild seines Vaters, der vor fünf Jahren an Krebs gestorben war  mit 43. Maria ähnelte ihm sehr.

Seine Mutter bemerkte seinen Blick.

»Sie hat gestern angerufen«, berichtete sie.

Jochen sah auf seinen Teller. »So?«, sagte er nur.

»Ich soll dich grüßen. Sie ist mit Herrn Reimers weggefahren. An die Ostsee, glaube ich. Übers Wochenende.«

Jochen nickte. Er glaubte nicht mehr so recht an die Anrufe seiner Schwester, die eigenartigerweise immer dann kamen, wenn er nicht zu Hause war.

Seit eineinhalb Jahren studierte Maria Bibliothekswesen an der Fachhochschule in Hamburg. In den ersten Wochen war sie täglich morgens von Uhlenbeck nach Hamburg gefahren und abends zurückgekehrt. Mit dem Bus kostete sie diese Fahrt über drei Stunden täglich, ein Aufwand, der auf die Dauer nicht tragbar war. Doch dann hatte sie Glück. Sie konnte zu einer Kommilitonin ziehen, die ein großes Zimmer in Harburg hatte. Danach kam sie nur noch an den Wochenenden nach Haus.

Bis sie im Frühjahr Peter Reimers, einen Architekturstudenten, kennenlernte.

Sie erzählte von ihm, brachte ihn aber nicht mit nach Hause. Als ihre Besuche in Uhlenbeck bald immer seltener und kürzer wurden, war Jochen nach Hamburg gefahren, um den Kerl, auf den seine kleine Schwester so abgefahren war, zu beschnuppern.

Er war kaum überrascht gewesen, dass sie nicht mehr bei der Freundin in Hamburg wohnte, sondern bereits zu dem Mann gezogen war.

Jochen hatte sofort eine heftige Abneigung gegen den Stutzer mit der Ringerfigur gefasst.

Für die Mutter war es ein Schock gewesen. Ihre kleine Maria lebte mit einem Mann zusammen! Im ersten Zorn hatte sie der Tochter das elterliche Haus verboten, ihre harte Haltung jedoch bald schon bereut.

Jochen hatte versucht, den Bruch zu kitten, doch da war Maria stur geblieben. Wochenlang hatte sie nichts von sich hören lassen.

Doch im Sommer rief sie eines Tages an, um der Mutter zum Geburtstag zu gratulieren. Mutter war selig.

Maria kam zwar nicht nach Hause, doch sie rief in unregelmäßigen Abständen an. Jochen hatte nochmals versucht, sie in Hamburg zu besuchen, aber in Reimers' Wohnung war niemand gewesen.

Als Maria das nächste Mal anrief und er zu Hause war, hatte er sie hart gefragt, wie es um sie und Reimers stünde und was ihr Studium mache.

Es folgten wortreiche Erklärungen, die alles und nichts bedeuteten. Danach hatte er sie nicht mehr gesprochen, und er hatte zu zweifeln begonnen, dass sie überhaupt noch anrief. Er jedenfalls hatte nicht mehr mit ihr gesprochen.

Er stand auf, als Gropp klingelte, nahm seine Mütze und rückte die Pistolentasche zurecht. Seine Mutter umarmte ihn.

»Sei vorsichtig, mein Junge«, sagte sie leise.

Das sagte sie immer, wenn er zum Dienst ging.

»Sei vorsichtig.«

Jochen Teske mochte die Spätschicht. Er liebte es, den Streifenwagen durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt zu lenken und den Tag verdämmern zu sehen. Der Verkehr versickerte spurlos, die Menschen verschwanden einfach, und der Funk blieb manchmal stundenlang still.

Jochen Teske hing dann seinen Gedanken nach. Gropp störte ihn selten dabei.

Polizeihauptmeister Hermann Gropp, Jochens Streifenführer, war über vierzig und wortkarg wie die Heide braun in der Umgebung. Jochen Teske machte es nichts aus, wenn Gropp schwieg. Ihm genügte es, diesen verlässlichen Mann neben sich zu wissen, der nur aus seiner scheinbaren Lethargie erwachte, wenn sein Funkname gerufen wurde oder er einen Anlass fand, sich über Städter oder neumodische Entwicklungen auszulassen.

Von solchen Entwicklungen blieb selbst das Städtchen Uhlenbeck, Kreis Sennefeld, nicht verschont.

Immer mehr Leute aus Hamburg, denen die Grundstückspreise in der Stadt zu hoch waren und die vor der 70 Kilometer langen Fahrt zu ihren Büros nicht zurückschreckten, bauten am Rand von Uhlenbeck ihre Häuser. Argwöhnisch beobachtete Gropp ihre Söhne und Töchter, die, wenn sie alt genug waren, entweder eigene Fahrzeuge besaßen oder die Autos ihrer Eltern benutzten und sich kaum in Uhlenbeck sehen ließen.

Mit ungleich größerem Argwohn beobachtete Gropp jedoch ein Anwesen, das zwei Kilometer außerhalb von Uhlenbeck an der Bundesstraße lag. Vor gut einem Jahr war der Bauer Wilhelm Strackenbock gestorben. Seine Erben hatten das ganze Land mit dem schönen Fachwerkhof verkauft. Niemand hatte damals mitbekommen, an wen, und Gropp hatte Schlimmes prophezeit  und recht behalten.

Bald darauf hatte ein Sauna-Club seine Pforten in dem großen ehrwürdigen Haus mit dem schönen alten Garten eröffnet. Seitdem konnte man allnächtlich große Wagen mit Kennzeichen aus Hamburg und Winsen, aus Lüneburg und sogar aus Lübeck und Itzehoe sehen.

»Die Puffs der Reichen liegen heutzutage auf dem Land«, war Gropps Kommentar gewesen.

In seinen Augen steckten die Bonzen im Kreistag mit den Betreibern des dubiosen Clubs unter einer Decke.

Überhaupt schien das Übel nicht nur aus der Großstadt zu kommen. Es nistete bereits in der Kreisstadt. Der Besitzer der einzigen Diskothek in Sennefeld hatte kürzlich seine Absicht bekundet, ein ähnliches Unternehmen auch in Uhlenbeck aufzuziehen, sowie er ein geeignetes Lokal fände.

Seitdem sah Gropp noch schlimmere Zeiten auf sein Städtchen zukommen. Misstrauisch beobachtete er jedes Haus, das ein Geschäft oder Lokal von geeigneter Größe beherbergte. Viele gab es davon nicht in Uhlenbeck. Jeder wusste, dass die Hendricks mit dem Gedanken spielten, das Kino aufzugeben, und jeder wusste, dass sich verschiedene Supermarktketten für das große Haus am Markt interessierten. Aber Gropp fürchtete, dass der Disco-Mann aus der Kreisstadt Sennefeld das Rennen machen würde. Dann wäre es endgültig vorbei mit der Ruhe in Uhlenbeck.

Jochen Teske bog am Rathaus ab. Der Marktplatz lag ruhig da. Die Lichter über dem Kino waren bereits erloschen, und auch die Kutscher-Laternen neben dem Eingang zum Marktkrug brannten nicht mehr.

Jochen Teske bemerkte einen hellen Schimmer auf der anderen Seite des Platzes, wo die dichten Kronen der alten Platanen tiefe Schatten warfen. Dort, bei den Bänken rings um den steinernen Brunnen, traf sich die Jugend von Uhlenbeck.

Die meisten besaßen Mofas, mit denen sie durch die engen Straßen knatterten, bevor sie sich am Brunnen einfanden. Manchmal kamen auch die Älteren hinzu, die schon Mokicks oder gar Leichtkrafträder fuhren und damit den 15 und 16jährigen mächtig imponierten.

»Fahren Sie mal rüber«, sagte Gropp plötzlich.

Jochen nahm den Fuß vom Gas. Er bemühte sich um einen beiläufigen Ton, als er sagte: »Ach, lassen wir sie doch!« Aber er wusste, dass er nur Gropps Eigensinn weckte, wenn er versuchte, ihn davon abzubringen, die Mofa-Fahrer zu kontrollieren. Das war sein Beitrag zur Erziehung der Jugend, die seiner Ansicht nach in Schule und Elternhaus zu kurz kam.

Gropps verwittertes Gesicht wurde hart. »Fahren Sie über die Kirchstraße, dann sitzen sie in der Falle!«

»Als ich noch zur Schule ging und mein erstes Mofa bekam, habe ich abends auch dort gestanden«, sagte Jochen Teske.

»Aber Sie haben nicht gehascht!«, stellte Gropp fest.

Jochen blinkte und bog in die Kirchstraße ein. Er gab kurz Gas, um sich vor einer Antwort zu drücken.

Er hatte wohl gehascht.

Marion und Elke Schneider kannten einen Jungen aus der Kreisstadt, der in Hamburg zur Berufsschule ging. Der Junge bemühte sich damals sehr um Marion. Um ihr zu imponieren, brachte er den Schwestern hin und wieder Joints mit. Berliner Tüten.

Jochen hatte an den unförmigen Joints gezogen wie die Anderen. Ihm war schlecht geworden wie den Anderen, und er hatte herum gekichert und gealbert wie die Anderen. Aber er hatte keinen Gefallen daran gefunden, den strohig schmeckenden Rauch einzusaugen, der den Mund trocken machte.

Weil Marion die Gefühle des Jungen mit den Joints nicht erwiderte, hatte der seine Bemühungen um sie bald eingestellt, und der Nachschub war ausgeblieben. Soweit Jochen wusste, hatte keiner von denen, die sich damals, vor sieben oder acht Jahren, unter den Platanen am Marktplatz einfanden, irgendwelche Anstrengungen unternommen, andere Quellen aufzureißen. Die Sache war ganz einfach eingeschlafen.

Marion hatte bald danach einen Bundeswehrsoldaten aus Kassel geheiratet.

Jochen hatte sich einige Zeit erfolglos um Elke bemüht. Er hatte sich bei der Polizei beworben, und während seiner Ausbildung auf der Landespolizeischule hatte er sie aus den Augen verloren.

Jetzt sah er sie hin und wieder, wenn er in die Kreisstadt kam. Sie war mit einem Angestellten des Bauamtes verheiratet. Die beiden hatten schon ein Haus und zwei kleine Kinder, und Elke war mit ihren 24 Jahren dick und behäbig geworden und ähnelte ihrer eigenen Mutter auf verblüffende Weise.

»Irgendwann«, sagte Gropp, während der Streifenwagen durch die dunkle Kirchstraße glitt, »erwischen wir die mal mit Haschisch!«

Jochen zweifelte nicht daran, dass es auch in Uhlenbeck Rauschgift gab. Es war ein offenes Geheimnis, dass man im Schulzentrum in der Kreisstadt Hasch und härtere Drogen bekommen konnte.

In Uhlenbeck selbst war noch kein Fall von Betäubungsmittel- Missbrauch bekanntgeworden. Ein Lehrer an der Hauptschule in Uhlenbeck wollte einmal zwei Mädchen mit Haschischzigaretten beobachtet haben, doch als er sie stellen wollte, waren sie auf die Mädchentoilette geflüchtet, und bevor der Lehrer eine Kollegin hinter ihnen herschicken konnte, hatten sie vermutlich alle Beweise vernichtet.

Jochen blendete die Scheinwerfer auf, als er an der Kirche vorbei war und auf den Platz am Brunnen zuhielt. Das Licht fing sich in den Chromteilen der Motorräder und Mofas, die unter den Bäumen standen.

Jochen blendete erst ab, als er den Passat auf den breiten Gehweg setzte. Er stellte den Motor ab und griff zur Batterielampe, dann stieg er aus.

Gropp stand schon neben dem Wagen. »Na, dann wollen wir mal«, sagte er beinahe gemütlich zu den Gestalten, die sich langsam umwandten und die Polizeibeamten blinzelnd ansahen.

Jochen zählte zwölf Leute, darunter vier Mädchen. Einige kannte er mit Namen, andere vom Ansehen. Die meisten waren zwischen 15 und 17. Nur zwei ältere Burschen, die ihre Vollsichthelme unter den Armen trugen, hatte er noch nie gesehen.

Der eine war untersetzt und dunkelhaarig. Er trug eine schwarze Lederjacke und hohe Motorradstiefel. Sein Alter schätzte Jochen auf 23 oder 24 Jahre.

Der andere war etwas jünger und größer und sehr mager. Er hatte helles, ungepflegtes Haar und ein blasses, eingefallenes Gesicht. Die engen, verwaschenen Jeans lösten sich an den Nähten auf.

Der Blonde streifte Jochen mit einem verstohlenen Blick, dann sah er den Untersetzten an, der seinen Blick nicht erwiderte. Noch einmal sah der Blonde zu Jochen hinüber, dann senkte er die Augen.

Gropp stemmte die Fäuste in die Seiten und musterte die jungen Leute, die schweigend, zurück starrten.

»Na, Leute, alles in Ordnung?«, erkundigte er sich dann jovial.

»Klar, Herr Gropp«, antwortete Sabine Feldmann. Sie war ein nettes Mädchen mit einer hübschen Nase und kecken Augen. Ganz schön frech, dachte Jochen.

»Was soll das hier werden?«, nörgelte Klaus Jansen. »Ein nächtliches Verhör vielleicht? Das sind Polizeistaat-Methoden!«

Jochen Teske machte einen schnellen Schritt auf Klaus zu. »Na, na, sag so was lieber nicht!« warnte er.

Klaus Jansen war als Hitzkopf bekannt. Sein Vater besaß das einzige Eisenwarengeschäft im Ort. Der Laden lief nicht mehr, seit vor ein paar Jahren der große Baumarkt in Sennefeld auf gemacht hatte. Aber der alte Jansen hielt verbissen an seinem kleinen Laden mit dem begrenzten Sortiment fest.

Klaus war jetzt 17 Jahre alt. Jochen wusste, dass der alte Jansen mit dem Jungen längst nicht mehr fertig wurde.

Klaus trieb sich herum, doch immerhin besuchte er noch das Gymnasium.

Gropp wandte sich an Klaus. »Wir beide unterhalten uns gleich ausführlicher«, versprach er. »Du kannst schon mal deine Papiere herausholen und deinen Feuerstuhl ans Licht fahren.« Gropp grinste, als er die Anderen ansprach. »Jeder, der mit einem Motorfahrzeug hier ist und heute noch zu fahren gedenkt, kommt jetzt mit seinen Papieren zu mir.«

Dem Untersetzten gehörte ein Motorrad mit Hamburger Kennzeichen, das am Straßenrand aufgebockt stand. Gropp prüfte die Fahrerlaubnis und die Zulassung, dann konnte der junge Mann gehen.

Der Blonde folgte ihm und quetschte sich hinter ihm auf die Sitzbank. Die beiden setzten ihre Helme auf, und Augenblicke später röhrte die Maschine davon.

Jochen Teske ging um den Brunnen herum. Er leuchtete unter die Bänke und in die Büsche hinter den Bäumen und kehrte dann zu Gropp zurück, der von den jungen Leuten umringt wurde.

»Ihr könnt verschwinden«, sagte Gropp. »Bis auf Herrn Jansen!«

Die Jungen und Mädchen blieben.

»Lass dich nicht anmachen, Klaus!«, sagte ein Mädchen, das Jochen nur vom Sehen her kannte.

Bedächtig prüfte Gropp die Papiere des Jungen, bevor er sich dessen Mokick zu wandte. Er ließ sich die Beleuchtung und die Fahrtrichtungsanzeiger vorführen, kontrollierte das Bremslicht und die Versicherungsplakette. Sehr genau betrachtete er den Ansaugstutzen und das hintere Ritzel.

»Die Maschine ist nicht frisiert!« , sagte Klaus Jansen.

Gropp richtete sich auf.

»Sie haben die Reifen vergessen!«, rief das vorlaute Mädchen.

Gropp gab Klaus die Papiere zurück. »Macht keinen Lärm mehr, versteht ihr?«, brummte er. Er stapfte zum Streifenwagen zurück.

Die Anderen verliefen sich rasch. Jochen ging neben Klaus Jansen her, der sein Mokick zur Straße schob.

»Warum macht der Gropp eigentlich immer Jagd auf uns Zweiradfahrer?«, erkundigte er sich bitter. »Traut er sich an die anderen Typen nicht ran?«

»Welche Typen?«, fragte Jochen Teske.

Klaus Jansen hob die Schultern.

»Wer waren die Typen?«, fragte Jochen dann.

Klaus sah ihn an. »Welche Typen?«

»Komm mir nicht auf die Tour«, sagte Jochen.

»Das sind eben Typen. Den mit dem Motorrad habe ich noch nie gesehen.«

»Und den Anderen?«

»Der ist aus Sennefeld, glaube ich. Aber ich weiß es nicht genau. Ich habe ihn ein paarmal in der Eisdiele am Bahnhof gesehen.« Klaus blieb stehen und löste seinen Helm vom Gepäckträger.

Jochen schnupperte. »Deine Haare riechen nach Hasch«, sagte er ruhig.

Klaus richtete sich auf. Schnell stülpte er den Helm über seinen Kopf.

»Wo habt ihr das Zeug her?«

»Keine Ahnung, wovon Sie reden«, brummte Klaus.

Jochen stellte seinen Fuß vor das Hinterrad des Mokicks. Mit der rechten Hand hielt er den Lenkradschlüssel fest.

»Wenn ich das Gebüsch durchsuche und 'nen Stengel von 'nem Joint finde, dann seht ihr alle ganz alt aus. — Hauch mich mal an!«

»Muss ich das?«

»Nein. Aber bei Verdacht auf Betäubungsmittel-Missbrauch kann ich dich mitnehmen und dich auf deine Fahrtüchtigkeit hin untersuchen lassen. Und dich dann der Kripo überstellen. Also, wie ist es jetzt?«

Klaus Jansen atmete mit weit geöffnetem Mund aus. Jochen schnupperte.

»Ich habe nur einen Zug genommen«, sagte Klaus mürrisch. »Ich habe ihn nicht mal eingeatmet.«

»Du hast nur so gezogen, um kein Spielverderber zu sein? Na schön, wer hat das Zeug mitgebracht?«

»Der aus Sennefeld.«

»Was habt ihr dafür bezahlt?«

»Nichts.«

»Nichts? Hältst du mich für bescheuert?«

»Ehrlich . . .«

»Was wollte der von euch?«

»Der kam nicht richtig zur Sache. Ich glaube, dieser Hamburger Johnny wollte was, aber er war nicht zufrieden.«

»Die suchen vielleicht Dealer?«

»Kann sein.«

»Wie heißt der aus Sennefeld?«

»Der Johnny sagte Harry zu ihm.«

Jochen Teske sah den Jungen lange an. Die anderen waren inzwischen abgezogen. Gropp wartete im Streifenwagen. Klaus Jansen trat den Starter seiner Maschine durch. Der Motor knatterte laut.

»Also Harry, und in Sennefeld treibt er sich in der Eisdiele am Bahnhof rum«, stellte Jochen fest.

»Ich hab' ihn auch schon mal in der Schule gesehen«, sagte Klaus. »Am Gymnasium?«

»Nein. Hier an der Hauptschule.«

Klaus schnallte seinen Helmriemen fest, dann gab er Gas. Jochen blickte dem davon knatternden Mokick nach, bis das rote Rücklicht hinter dem Rathaus verschwand.

Gropp sah Jochen über das Dach seines Streifenwagens hinweg an.

»Der Junge hat sich wohl bei Ihnen ausgeweint, wie?«, erkundigte er sich.

Jochen schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn nach den beiden Burschen mit dem Motorrad gefragt«, erklärte er. »Er meint, diese Kerle hätten versucht, hier Dealer anzuwerben.«

Gropp schnaubte. »Der macht sich doch nur wichtig!«

»Möglich«, gab Jochen zu.

»Von mir aus schreiben Sie eine Mitteilung an die Kripo«, sagte Gropp.

Jochen verbarg ein Lächeln, indem er sich bückte und die Tüte mit seinen Butterbroten aus dem Wagen angelte.

Die klirrende Lautsprecherstimme unterbrach die nächtliche Stille.

»Heide 42 für Heide 4 kommen!«

Heide 4 war der Funkname der Polizeiwache in Uhlenbeck. Heide 41 und 42 waren die beiden Funkwagen, die in Uhlenbeck stationiert waren.

Und Heide 42 war das Funkzeichen für den Polizeihauptmeister Hermann Gropp und den Polizeimeister Jochen Teske.

Gropp nahm den Hörer aus der Halterung und meldete sich.

»Heide 42.«

»Fahren Sie zum Sauna-Club Heidehof«, sagte die Stimme. »Eine Beschwerde wegen Geräuschbelästigung.«

»Wer ist der Beschwerdeführer?«

»Der Anrufer hat seinen Namen nicht genannt. Eine Denunziation ist nicht auszuschließen. Gehen Sie entsprechend vor.«

»Ganz diskret«, versicherte Gropp. Er klemmte den Hörer wieder fest. »Denen will einer eins auswischen«, sagte er zu Jochen, der schwungvoll wendete und das Gas durchtrat.

»Da muss schon eine Bombe detonieren, wenn sich ein Nachbar durch Geräusche belästigt fühlen soll.«

Gropp kicherte. »Auf diese Weise können wir uns den Laden mal von innen ansehen«, meinte er, ungewohnt gesprächig. »Was meinen Sie — ob die Mädchen da nackt rumlaufen?«

»Oben ohne«, vermutete Jochen Teske. »So sitzen die an der Bar.«

»Waren Sie schon mal in so einem . . .«

»Club?« Jochen schüttelte den Kopf. »Dafür ist mir das Geld zu schade«, sagte er.

Gropp seufzte. »Na, wie die Mädchen heutzutage sind, haben Sie das ja auch nicht nötig.« Er brummelte vor sich hin. »Ich war mit 21 verlobt und mit 24 verheiratet. Festgebunden.« Er seufzte erneut. »Aber Sie, Sie haben einen Schlag weg bei den Mädchen!«

»Quatsch!«, sagte Jochen.

»Wissen Sie, dass man Sie in der Wache den Casanova von Uhlenbeck nennt?«

Jochen begrüßte die Dunkelheit. So war nicht zu erkennen, dass seine Ohren rot anliefen.

»Alles Quatsch«, wiederholte er.

»Beim Sommerfest habe ich Sie mit so einer kleinen Rothaarigen gesehen. Davor war es eine Blonde, und ich glaube . . .«

Gropp verstummte, als das Ortsausgangsschild vorbeiflog und Jochen das Gas durchtrat.

Die Scheinwerfer schnitten einen schmalen Tunnel aus blendendem Licht in die Dunkelheit. Jochen zog den Wagen scharf durch eine Linkskurve. Die Reifen wimmerten.

Gropp klammerte sich an den Haltegriffen fest und kontrollierte den Sitz des Sicherheitsgurts. Jochen hatte an zwei Spezialfahrkursen der Landespolizeischule teilgenommen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stellte er sein dort erworbenes Können unter Beweis.

»Sie werden vorbeifahren«, prophezeite Gropp.

Weit voraus erschien ein Lichtpunkt zwischen den Alleebäumen. Das Licht kam rasch näher. Es teilte sich, nahm scharfe Umrisse an. Jochen schaltete das blaue Dachlicht ein, um den entgegenkommenden Fahrer zur Vorsicht zu veranlassen. Der andere blendete rechtzeitig ab und zischte vorbei.

»Wie hieß der Mann mit dem Motorrad?«, fragte Jochen plötzlich.

»Sie glauben doch nicht, was der junge Jansen da verzapft!«

»Ich weiß es nicht. Wie hieß er?«

»Klein, Hans Jürgen, geboren am 23.4.1961 in Darmstadt. Soll ich Ihnen auch das Kennzeichen nennen?«

»Das habe ich mir selbst gemerkt. Klaus Jansen nannte ihn den Hamburger Johnny.«

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf für andere«, sagte Gropp. »Und nehmen Sie endlich das Gas weg!«

Zwei helle Lampen kennzeichneten die Einfahrt zum ehemaligen Strackenbock-Hof, in dem jetzt der weit über die Grenzen des Kreises Sennefeld bekannte Sauna-Club Heidehof untergebracht war.

Jochen nahm den Fuß vom Gas. Ohne zu bremsen, fegte er zwischen den Torpfosten her.

Der Vorplatz war mit feinem Kies bestreut. Der Streifenwagen stellte sich sofort quer und schlitterte auf die großen Limousinen zu, die in Reih und Glied vor dem ehemaligen Bauernhaus standen. Gropp sagte nichts, er fluchte nicht einmal. Er stemmte nur seine Füße gegen die Bodenplatte und stützte sich mit den Händen am Armaturenbrettpolster ab.

Jochen schaltete herunter und steuerte behutsam gegen, wobei er gleichzeitig etwas Gas gab. Kies spritzte gegen die Radkästen. Die aufgeblendeten Scheinwerfer huschten über die geparkten Limousinen, ihre Lichtfinger strichen dann an der hohen Hecke entlang, die den Obstgarten gegen die Felder abgrenzte, und stießen ins Leere.

Dort erfassten sie eine Bewegung. Eine Bewegung, die erstarrte, als das gebündelte Licht sie für einen Moment festhielt. Die Scheinwerfer wanderten weiter, bis der Streifenwagen endlich, nur wenige Handbreit vor den geparkten Limousinen, zum Stehen kam.

Gropp stieß den angehaltenen Atem aus.

Jochen legte den Rückwärtsgang ein und ließ den Wagen ein Stück zurückrollen, wobei er das Lenkrad nach links einschlug. Die Scheinwerfer beschrieben einen Bogen.

Niedrige Sträucher und ein dürrer Baum warfen lange, dünne Schatten über wucherndes Heidekraut.

»Wir sind da«, bemerkte Gropp.

»Da hinten war etwas«, sagte Jochen. »Haben Sie nichts gesehen?«

»Ein Gespenst«, vermutete Gropp. »Oder der Sensenmann. Der dachte bestimmt, warte mal auf die beiden Irren in dem Streifenwagen . . .«

Jochen schlug auf den Verschluss des Sicherheitsgurts, dann stieß er die Tür auf seiner Seite auf.

Sie hörten es beide. Der kühle Nachtwind wehte einen Schrei herbei. Hoch und schrill stand er einen Augenblick wie festgefroren in der Luft, ehe er jäh abriss.

»O, verflucht!«, sagte Gropp, der nicht so schnell aus dem Wagen kam. »Laufen Sie schon!«

Jochen nahm die Batterielampe. Er sprang aus dem Wagen und rannte in die Dunkelheit.

Er flitzte an der Hecke entlang, ohne die Handlampe anzuknipsen. Die Lichter am Haus blieben zurück.

Jochens Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Den Durchlass in der Hecke ahnte er, bevor er ihn wahr nahm.

Er sprang hindurch.

Sofort spürte er, dass da etwas war. Er warf sich zur Seite.

Mitten in der Bewegung erwischte ihn ein heftiger Stoß an der rechten Schulter, der ihn in die Hecke schleuderte. Zweige kratzten über seinen Hals, und er verlor die Uniformmütze. Er sah einen Schatten, der an ihm vorbei sprang, und er wollte hinterher, als er Schritte und schnaufende Atemzüge hörte.

Da war noch jemand.

Jochen sprang vor die Lücke in der Hecke.

Er krachte mit einem schweren Körper zusammen. Der Anprall presste dem Anderen die Luft aus den Lungen. Jochen spürte einen Luftzug. Eine Faust, die an seinem Ohr vorbei zischte.

»Polizei!«, sagte er laut.

Heißer Atem strich über sein Gesicht, dann traf ihn eine Faust im Magen. Jochen schlug sofort zurück.

Er spürte den Anprall bis ins Schultergelenk. Obwohl er noch mit den Folgen des Schlags in seinen Magen zu kämpfen hatte, hörte er, wie der schwere Körper vor ihm zu Boden fiel. Er knipste die Lampe an.

Das Licht fiel auf einen massigen Mann, der auf Händen und Knien hockte und benommen den breiten Schädel schüttelte.

Jochen trat einen Schritt zurück. Er wollte nach Gropp rufen, als er aus den Augenwinkeln etwas Helles wahrnahm.

Er fuhr herum. Das Licht der Lampe in seiner Hand folgte der Bewegung.

Es erfasste eine Frau, die mit unsicheren Schritten auf ihn zu schwankte. Blut lief aus ihrer Nase. Mit einer Hand hielt sie eine rotkarierte Decke, die hinter ihr herschleifte.

Die Frau war splitternackt.

Der Mann am Boden hob den Kopf und schob einen Fuß unter seinen schweren Körper. Jochen richtete den Strahl der Lampe auf das fleischige Gesicht mit den kleinen Augen. Er bemerkte den Stiernacken und die breiten Schultern, und er sah die Schwellung am Kinn, wo er den Kerl getroffen hatte.

Ein zweites Mal würde er diesen Koloss wahrscheinlich nicht zu Boden schicken können. Deshalb löste er die Handfessel von seinem Gürtel, und mit einer blitzschnellen Bewegung schlug er dem Mann die Manschetten um die Handgelenke.

»Rühren Sie sich hier nicht weg!«, befahl er barsch.

Er wandte sich erneut der Frau zu. Im Unterbewusstsein hörte er, wie vorn auf dem Parkplatz ein Motor angelassen wurde. Gleich darauf jagte ein Wagen mit aufheulender Maschine davon.

Die Frau war nur noch wenige Schritte von Jochen Teske entfernt. Ihre Augen waren groß und starr auf die Lampe in seiner Hand gerichtet. Die Warzen ihrer großen festen Brüste hatten sich zu kleinen, harten Punkten zusammengezogen. Er bemerkte einige rote Steller an ihren Rippen und Schultern, die vermutlich von genau dosierten Schlägen herrührten. Von Schlägen, die weh tun, aber keine lange sichtbaren Spuren hinterlassen sollten. Den Schlag auf die Nase hatte sie wohl einem Ausrutscher zu verdanken.

Plötzlich wurden ihre Augen leer, und dann gaben ihre Knie nach. Jochen sprang vor und fing sie auf.

Schwer hing sie in seinen Armen. Eine ihrer großen Brüste quetschte sich an seinem Oberarm breit. Ihr Kopf fiel gegen seine Schulter. Er bemerkte den hämischen Blick des Stiernackigen.

»Gehen Sie vor!«, befahl er laut. »Los, gehen Sie schon!«

Der Mann drehte sich um und ging langsam vor.

Jochen versuchte, die Frau fester zu packen. Als er den ersten Schritt machte, trat er auf die Decke, die sie immer noch festhielt. Beinahe wäre er gestürzt. Er verlagerte das Gewicht der Bewusstlosen, zerrte die Decke hoch und legte sie der Bewusstlosen notdürftig über die nackten Schultern. Dann hob er die Frau kurzerhand auf.

Der Stiernackige war bereits hinter der Hecke verschwunden. Jochen folgte ihm rasch und hob die Lampe. Er atmete auf, als der Lichtkegel auf den breiten Rücken des Burschen fiel.

Der Mann stutzte plötzlich und blieb stehen. Dann wandte er sich langsam um.

Jochen sah an ihm vorbei. Und er hatte das jähe Empfinden, sein Inneres erstarre zu Eis, während sein Herz hart zu hämmern begann und das Blut gegen seine Augen drückte.

Vorn, an der Ecke des behäbigen Bauernhauses, unter einer kleinen Lampe deutlich zu erkennen, saß Hermann Gropp am Boden. Seine Beine waren gespreizt. Er hatte den Kopf nach hinten gelegt. Die Augen waren geschlossen, der Mund weit aufgerissen. Die Mütze lag neben seinem Bein. Eine seiner großen Hände presste er auf den Magen. Die andere hing kraftlos zwischen seinen Beinen.

Jochen Teske stieß den angehaltenen Atem aus. Er ließ die Frau zu Boden gleiten, stieg über sie hinweg, schob den Stiernackigen zur Seite und kniete vor seinem Kollegen.

»Gropp!«, schrie er. »Gropp! Sagen Sie doch was!«

Er schlug leicht gegen Gropps Wangen, dann entsann er sich dessen, was er für solche Situationen eingepaukt bekommen hatte, und er zog eins von Gropps Augenlidern in die Höhe.

Als das Licht die Netzhaut erreichte, zog sich die Pupille zusammen. Gropp wackelte mit dem Kopf, dann riss er auch das andere Auge auf.

»So ein verdammter Mistkerl!«, Er krümmte sich, wobei er das Gesicht verzog. »Ich dachte, Sie wären es, der da kam . . .« Gropp stöhnte erbärmlich. »Der hatte einen Schlag wie ein Pferd . . .«

Jochen sprang auf.

»Teske . . .«

»Ich rufe die Einsatzleitstelle.«

»Warten Sie! Ich komme schon wieder auf die Beine!«

»Davon bin ich überzeugt. Wir haben aber eine Patientin. Und einen Kunden.«

Gropp wandte den Kopf. Er starrte zuerst den Stiernackigen an, der breitbeinig vor ihm stand, die gefesselten Hände vor dem Bauch verschränkt. Dann fiel sein Blick auf das Bündel am Boden, und als er die beiden langen nackten Beine sah, die unter der Decke hervorschauten, wurden seine Augen groß.

»Ich wäre so gern dabei, wenn wir den Laden aufrollen!«, sagte er inbrünstig. »Gehen Sie, Teske. Ich passe solange auf den Zement-Loddel hier auf.«

3

»So, mein Fräulein, mehr kann ich hier nicht für Sie tun«, sagte der Arzt, der mit dem Krankenwagen von Sennefeld herübergekommen war. Vorsichtig drückte er das Pflaster neben der Nase fest.

Die Frau zitterte. Als sie wieder zu Bewusstsein gekommen war, hatte sie Jochen ihren Namen genannt.

Marion Kreutzer.

Der Arzt wechselte einen Blick mit Jochen Teske.

»Ich kann keine inneren Verletzungen feststellen«, sagte er. »Aber ich kann sie mitnehmen.«

Jochen nickte. Damit wäre sie erst mal von der Straße.

Marion Kreutzer schüttelte den Kopf.

Jochen sah sich nach Gropp um, der mit der Besatzung des zweiten Streifenwagens sprach, die zur Unterstützung zum Sauna-Club Heidehof herausgekommen war. Er winkte Gropp.

»Haben Sie irgendwo ein Zimmer?«, fragte Jochen das Mädchen.

Marion Kreutzer warf einen schnellen Blick zu dem Bauernhaus hinüber und schüttelte dann den Kopf. Die Türen des Hauses waren die ganze Zeit über geschlossen geblieben.

»Sie wollen doch nicht wieder da rein?«, fragte Jochen Teske ungläubig.

Gropp kam heran. »Was gibt es hier?«, fragte er.

»Sie will offenbar wieder da rein!«, sagte Jochen.

»Der Wille des Menschen ist sein Himmelreich. Kommen Sie, Mädchen. Wir gehen mal mit.« Gropp sah den Arzt an. »Sie warten besser, bis wir wieder hier sind«, sagte er.

Gropp und Jochen halfen Marion aus dem Krankenwagen und führten sie zu einer grün gestrichenen Tür, über der eine helle Lampe brannte. Marion trug immer noch die Decke.

Gropp klingelte, und gleich darauf hämmerte er mit der Faust gegen das Holz.

Die Tür sprang nach wenigen Augenblicken auf. Im Rahmen stand ein gutgekleideter schlanker Mann mit einem glatten Gesicht. Ausdruckslos musterte er die beiden Polizisten. Für Marion hatte er keinen Blick übrig.

»Diese junge Dame wohnt hier«, sagte Gropp. »Sie haben wohl nicht zufällig bemerkt, dass sie sich in Schwierigkeiten befindet?«

Der Mann gab die Tür frei. Die Polizisten und das Mädchen betraten einen geräumigen Vorraum, der mit alten stilechten Bauernmöbeln eingerichtet war. Hinter einer langen Blumenbank befand sich so etwas wie ein Empfangstisch, der jetzt jedoch nicht besetzt war. Die Luft war warm und feucht.

»Sind Sie der Geschäftsführer?«, erkundigte sich Gropp.

»Ja. Mein Name ist Linke. Fräulein Kreutzer wurde vorhin von . . . Bekannten abgeholt.«

»Abgeholt?«

»Hier halten sich nur volljährige Personen auf, die tun und lassen können, was ihnen passt.« Jetzt fuhr er zu Marion herum. »Wir legen größten Wert darauf, in keine wie auch immer geartete Verbindung zum Hamburger Milieu gebracht zu werden«, sagte er scharf. »Sie haben uns offenbar getäuscht, Fräulein Kreutzer. Ihr Zimmer steht Ihnen noch bis morgen zur Verfügung.«

Jochen spürte, wie das Mädchen wieder zu zittern begann.

»Sie packt ihre Sachen und geht sofort«, sagte er entschieden. Marion protestierte nicht. »Wo ist Ihr Zimmer? Ich gehe mit.«

Gropp blieb unten, während er Marion über eine enge Holzstiege begleitete. Der ehemalige Heuboden war in hübsche kleine Zimmer unterteilt worden. Während Marion sich in ihrer Kammer anzog und ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackte, wartete Jochen draußen auf der Galerie. Er konnte auf die Sauna-Kabinen hinabsehen. Als er hinter sich eine Tür hörte, drehte er sich um.

Ein grauhaariger Mann und ein hübsches blondes Mädchen kamen aus einem Zimmer. Der Mann senkte beim Anblick des Polizisten schnell den Blick und eilte zur Treppe. Das Mädchen trug einen weißen Bademantel. Ihr Haar war lang und klebte feucht an ihrem Kopf. Sie lächelte Jochen zu.

»Wo kann man hier telefonieren?«, fragte er, einer Eingebung folgend.

»Meinen Sie mich?«, fragte das hübsche Mädchen.

»Klar, Sie.«

»Sie können Herrn Linke fragen . . .« .

»Wenn ich ihn nicht fragen will?«

»Unten in der Toilette gibt es einen Münzfernsprecher. Bei Herren. Das trifft sich gut,,nicht wahr?«

»Sehr gut sogar. Wissen Sie, wer die Polizei angerufen hat?«

»Die Polizei? Wer sollte die denn gerufen haben?«

Die Tür von Marions Zimmer öffnete sich. Die Blonde verzog mitfühlend das Gesicht, als sie das Pflaster und die geschwollene Oberlippe bemerkte. Und dann fiel ihr Blick auf den kleinen Koffer in Marions Hand.

»Du ziehst aus?«, fragte sie.

Marion nickte und wandte sich der Treppe zu.

»Sie haben nichts gemerkt?«, fragte Jochen.

»Nein, was soll ich denn gemerkt haben!«

»Tja, was schon«, stellte Jochen fest.

Er folgte Marion nach unten, wo Gropp noch mit Linke zusammen stand. Gropp verabschiedete sich abrupt von dem Manager des Heidehofs und verließ mit Jochen und Marion das Haus.

»Ist wohl nichts mit Laden aufrollen und so?«, stellte Jochen fest.

»Der hat die Kerle reingelassen!«, sagte Gropp wütend. »An dem kommt so nämlich keiner vorbei. Ich habe zwei Fernsehkameras entdeckt!« Gropp wandte sich an Marion. »Sie können Anzeige erstatten. Wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung . . .«

Marion schüttelte den Kopf.

»Gegen Unbekannt! Den Rest erledigen wir!«

Wieder schüttelte Marion den Kopf. Mit kleiner Stimme fragte sie: »Muss ich mit . . .?«

»Zu uns? Nein. Fahren Sie mit dem netten Doktor, der hat sicher ein hübsches Zimmer frei. Und wenn Sie sich zu irgend etwas entschließen, rufen Sie nach den Sheriffs aus der Heide.«

Gropp nahm Jochens Arm und zog ihn zu ihrem Streifenwagen.

Marion stieg in den Krankenwagen. Die Türen schlugen zu. Jochen sah dem davonrollenden Wagen nach, bis Gropp ihn am Arm zum Streifenwagen zog.

»Vergessen Sie das Mädchen«, sagte Gropp. »Der ist nicht zu helfen . . .«

»Warum nehmen wir den Geschäftsführer nicht mit?«, fragte Jochen. »Könnten ihn wenigstens mal durchchecken!«

»So was beeindruckt einen wie den nicht.« Gropp schnaubte. »Der ist so kalt wie 'ne Hundeschnauze. Und seinen Laden hält er so sauber wie das Städtische Schwimmbad. Kommen Sie jetzt endlich. Die Schicht ist bald zu Ende. Ich habe keine Lust, wegen der dämlichen Berichte Überstunden zu machen!«

4

Ralf Eggert wusste nicht, ob er als Ursache für den dumpfen Druck im Brustkorb das lange Sitzen im Streifenwagen verantwortlich machen sollte. Aber zum Teufel, er war doch kein altes Weib, das an Vorahnungen glaubte!

Immerhin war die Nacht bisher ruhig verlaufen, und er hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, wo er den Funkstreifenwagen einige Zeit ungestört abstellen konnte.

Die Hamburger Innenstadt war auch in der Nacht zugeparkt. Eggert rangierte den Streifenwagen in eine Garageneinfahrt am Johanniswall und schaltete die Scheinwerfer aus.

Sein Kollege, Polizeiobermeister Bruno Wittek, löste den Sicherheitsgurt, reckte die Schultern und klinkte die Beifahrertür auf. Er sah Eggert an.

»Was soll ich dir mitbringen?«, fragte er.

»Nur 'ne Tüte Milch«, antwortete Eggert.

Bruno Wittek hob die Schultern und stieg aus. Eggert sah ihm nach, wie er in die Altstädter Straße einbog. In der Imbissbude gleich hinter der Ecke versorgten sich die Kollegen vom 9. Revier mit Getränken und Essbarem, wenn sie Nachtschicht fuhren.

Polizeihauptmeister Ralf Eggert war 31 Jahre alt. Seit sieben Jahren machte er schon Dienst im 9. Revier, das zum Schutzbereich Innenstadt II gehörte. Manchmal hatte er das Gefühl, als hätte er sein ganzes Leben hier verbracht zwischen Brooktorhafen, Rathausmarkt und St. Georg.

Seit einem Jahr wollte er hier raus. Schluss machen mit dem Schichtdienst, der einen Mann kaputtmachte. Der seine sozialen Bindungen zerstörte  wenn sie überhaupt vorhanden waren.

Vor einem Jahr war ihm Helga davongelaufen. Von einem Tag auf den anderen. Ohne Erklärung. Damals hatte er den gleichen dumpfen Druck verspürt, lange bevor er in die leere Wohnung kam. Der Verlust schmerzte immer noch. Wie eine Wunde, die nicht heilen wollte.

Bruno Wittek kam auf den Wagen zu. Mit beiden Händen balancierte er die Tüte Milch und die Plastikschale mit den Pommes frites und einem großen Kotelett darauf. Egger stieß die Beifahrertür auf. Wittek ließ sich auf den Sitz fallen. Eggert nahm ihm die Tüte ab.

»Danke«, sagte er. Er riss die Tüte auf und nahm einen langen Schluck.

»Dass du nachts nie was isst«, wunderte sich Wittek mit vollem Mund.

Früher hatte er auch nachts gegessen, irgend etwas Scharfes oder Herzhaftes in sich hineingestopft, um den stumpfen Geschmack im Mund zu bekämpfen, der sich unweigerlich einstellte. Der Körper wehrte sich auf alle mögliche Weise gegen den unnatürlichen Lebensrhythmus. Und er, Eggert, wehrte sich gegen die Mahnungen seines Körpers. Damals war die Welt für ihn noch in Ordnung gewesen.

Weil Helga auf ihn wartete.

»Meine Versetzung kommt durch«, sagte Eggert überzeugt. Solange er Wechselschicht fuhr, war er unfähig, eine neue Bindung einzugehen. Das wusste er genau. Die Angst, noch einmal einen Menschen verlieren zu können, saß zu tief.

Bruno Wittek schüttelte ungläubig den Kopf. »Das bringst du nicht, Ralf, 'nem älteren Kollegen den Platz wegnehmen. Einem, der schlechter dran ist als du. Oder hast du schon Hämorrhoiden? Oder Sehstörungen?«

»Hör auf«, sagte Eggert unwillig.

Er nahm Bruno den Einwand nicht übel. Bruno Wittek war sein Freund, Bruno kannte ihn wie sonst niemand im Revier, und außerhalb des Reviers hatte er ohnehin keine Freunde. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er wieder davon angefangen hatte. Er wusste selbst, dass er zu jung war für einen Innendienstposten mit regelmäßiger Arbeitszeit von acht bis vier. Er hatte keine physischen Beschwerden, jedenfalls keine, die über das Normale bei einem Polizeibeamten hinausgingen. Und solange er nicht durchdrehte, gab man im Polizeidienst auch nicht viel auf psychische Probleme. Und wer welche hatte, versuchte sie sowieso zu verbergen, solange es ging

»Es gibt auch Jobs mit Tagdienst für Jüngere«, sagte er stur. Himmel, was war nur in ihn gefahren, weil er das Thema immer noch nicht wechselte! »In einer Ermittlungsgruppe zum Beispiel, oder . . .«

Der Funkton und die blecherne Lautsprecherstimme aus dem Dunkel unter dem Armaturenbrett schnitten ihm das Wort ab.

»Norderstraße 10, ruhestörender Lärm. Wer fährt?«

»Das ist für uns«, sagte Eggert und faltete die Milchtüte sorgfältig zu.

Wittek fluchte, als er den Hörer des Funktelefons aus der Halterung nahm und dabei ein paar Fritten auf den Boden fielen.

»Michel 97 fährt«, sagte er.

»Verstanden, 97. Der Anrufer wartet vorm Haus auf Sie.«

Eggert fuhr bereits an. Wittek grinste, als er Senf von seinen Fingern leckte.

»Wer weiß, was das wieder für 'n Lärm ist«, meinte er. Er musste an das Liebespärchen denken, das sie vor einigen Tagen in einem Hausflur überrascht hatten. Die Frau hatte ihre Umgebung völlig vergessen und vor Lust gekreischt, bis ein Hausbewohner die Polizei rief, weil er glaubte, da unten werde eine Frau umgebracht.

Der Mann, der auf den ausrollenden Streifenwagen zulief, trug einen Schlapphut, einen alten Regenmantel und Pantoffeln. Die Polizisten stiegen aus.

»Sie haben angerufen?«, fragte Eggert, während er den Wagen abschloss. Wittek rannte um die Haube herum auf den Hauseingang zu.

»Ja, ich, mein Name ist Töpfer«, sagte der Mann aufgeregt. »Die sind immer noch dran, das gibt Mord und Totschlag, gut, dass Sie so schnell kommen . . .«

Töpfer lief neben Eggert her. Die Lampe über der offenen Haustür brannte, auch das Treppenhaus war erleuchtet.

»Das ist 'ne Nuttenwohnung da oben«, berichtete Töpfer. »Die Telefonnummer steht immer in der Zeitung.«

Wittek wandte sich um. »Steht die Adresse auch dabei?«, wollte er wissen.

»Die Adresse? Nee, wieso?«

»Woher wollen Sie denn wissen, dass das 'ne Nuttenwohnung ist?«, fragte Eggert.

»Das weiß doch jeder hier im Haus! Die Wohnung hat 'n Zuhälter gemietet, der bringt hier immer irgendwelche Weiber unter!«

Eggert betrat das Treppenhaus. Lauschend neigte er den Kopf, aber er konnte nichts hören. Wittek studierte die Namensleiste neben den Klingelknöpfen.

»Studio«, sagte er.

Eggert nickte unwillkürlich. Töpfer hatte also recht, obwohl er kaum daran gezweifelt hatte, dass Töpfers Darstellung den Tatsachen entsprach. Studio oder Atelier stand meistens an den Wohnungen der Mädchen, die per Zeitungsannonce Freier suchten.

»Einen Aufzug gibt es nicht«, sagte Töpfer, der das Abwarten der beiden Polizisten falsch deutete.

»Wir sind fit«, sagte Wittek.

Er schob sich an Eggert vorbei und sprang die Stufen hinauf. Eggert hetzte hinterher. Bruno versuchte stets, der Erste zu sein. Das war sein einziger Fehler, jedenfalls in Eggerts Augen. Bruno war erst 26, und er wollte es noch zu was bringen. Deshalb war er bemüht, in jeder Situation die Nase vom zu haben.

Hinter dem Treppenknick über der zweiten Etage hörten sie es. Eine Frauenstimme. Schrill vor Angst oder Zorn, und die dunklere Stimme des Mannes, wütend und scharf.

Während die Polizisten die restlichen Stufen hinaufsprangen, krachte eine Tür, und dann schrie die Frau erneut. Der Schrei brach unvermittelt ab, als hätte jemand ein Radio ausgeschaltet.

Bruno Wittek erreichte den Stockwerksflur als Erster. Drei Türen mündeten auf den Treppenabsatz. Eine stand offen. Eine ältere Frau in einem weißen Bademantel sah den Polizisten entgegen.

»Nicht zum Aushalten ist das!«, sagte sie empört.

»Gehen Sie bitte hinein«, forderte Eggert sie auf. Als die Frau sich nicht rührte, schob er sie einfach in die Wohnung und schloss die Tür mit einem energischen Ruck.

Bruno klingelte an der mittleren Tür, an der ein großes Messingschild mit der Aufschrift STUDIO befestigt war. Hinter der Füllung aus Riffelglas war es dunkel. Undeutlich hörten die Polizisten einen dumpfen Laut, und dann schrie die Frau wieder.

Nicht mehr so laut und schrill wie zuvor. Es war ein erbärmlicher, verzweifelter Schrei, lang gezogen und unter die Haut gehend.

Wittek schlug mit der Faust gegen die Tür. »Polizei! Machen Sie sofort auf!«

Der Lärm in der Wohnung riss ab. Hinter der Glasfüllung wurde ein Lichtstreifen sichtbar, und eine Männerstimme brüllte so laut, dass die Türscheibe klirrte.

»Verschwindet! Das hier ist privat . . .«

Der Lichtstreifen wurde schmaler, als der Mann die Tür drinnen in der Wohnung wieder zuschlug. Bevor es dunkel wurde, hörten es die beiden Polizisten draußen ganz deutlich.

»Hilfe . . .«

Der Hilferuf erstarb sofort. Ein dumpfer Laut wie von einem Fall drang nach draußen.

Wittek wandte den Kopf, sah Eggert an, seine Lippen formten einen Satz.

Der bringt sie um!

Eggert machte eine gebieterische Kopfbewegung. Wittek, glitt zur Seite. Eggert hob den Fuß und trat genau über dem Schloss gegen das Holz. Das Glas der Füllung fiel aus dem Rahmen. Mit einem berstenden Knall sprang die Tür auf.

Eine der Türen, die in die Diele mündeten, wurde aufgerissen, aber sofort wieder zugestoßen. Im Spalt sah Eggert für einen winzigen Moment ein Gesicht. Das Gesicht eines Mädchens, dessen Anblick sich wie eine Blitzlichtaufnahme in sein Hirn brannte. Das Gesicht war schön, obwohl es vor Angst verzerrt war.

Bruno Wittek hechtete über die Schwelle in die dunkle Diele. Im selben Moment, in dem er sich gegen die Tür warf, in der eben das Gesicht des Mädchens erschienen war, erlosch das Treppenhauslicht.

Witteks Schulter krachte gegen das Holz, und dann knallte es.

Die Tür, dachte Eggert, die Tür. Unter dem Aufprall seines Partners sprang sie auf und flog mit ihm nach innen in ein Zimmer, in dem schwaches rötliches Licht glomm wie von einem Kaminfeuer.

Aber Bruno machte seltsame Bewegungen, er torkelte, und dann knallte es noch einmal.

Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Das waren Schüsse.

Schüsse!

Eggert spürte einen Krampf, ein trockenes Würgen im Hals, aber er überwand seine tierhafte Furcht und warf sich nach vorn, in die Diele hinein.

»Bruno!«, schrie Eggert. Und dann: »Polizei! Hier ist die Polizei!«

Das glimmende Licht, eben noch so etwas wie Orientierung ermöglichend, erlosch jetzt ebenfalls. Eggert prallte gegen einen Körper, und er packte zu.

Er wusste, dass es Bruno Wittek war, der keuchend in seinen Armen hing und immer schwerer wurde. Eggert wollte etwas tun, er musste etwas tun, er war verzweifelt, denn er wusste auch, dass alles schieflief, was nur schieflaufen konnte.

Herrgott, Bruno, warum musst du immer der Erste sein?

Unmittelbar vor ihm wurde eine Tür aufgerissen. Sein Inneres verkrampfte sich. Im Treppenhaus ging das Licht wieder an. Licht fiel durch die offene Wohnungstür in die Diele. Eggerts Halsmuskeln waren zum Zerreißen gespannt. Eggert sah ein Gesicht neben sich.

Dunkle starre Augen, kurzgeschorenes Haar, gespannte blasse Lippen.

Eggert tastete nach der Pistole an seiner Seite. Bruno glitt röchelnd an seinem Körper hinab. Er spürte, wie Brunos Hände sich in seinen Gürtel krallten. Die Pistole, die verdammte Pistole. Endlich bekam er den Griff zu packen.

Die Faust kam aus dem Nichts. Sie krachte gegen sein Kinn und schleuderte seinen Kopf in den Nacken. Der Hinterkopf knallte gegen die Wand. Seine Knie wurden weich. Brunos Gewicht zerrte an seiner Hüfte.

Die Wohnungstür schlug zu, und er fiel auf die Knie. Bruno rutschte über seine Schulter weg und prallte auf den Boden.

Ralf Eggert wartete auf die Ohnmacht. Er hätte sie begrüßt, aber sie kam nicht. Etwas Furchtbares war geschehen. Er wusste es genau.

Er schob Bruno zur Seite, versuchte, sich aufzurichten. Was musste er jetzt tun? Sein Schädel dröhnte. Ein Fuß knickte weg. Er wollte sich irgendwo festhalten, aber es gab nirgendwo Halt. Eine Kommode stürzte um. Seine suchende Hand streifte einen Lichtschalter. Die Deckenlampe flammte auf. Ihr Licht spiegelte sich in Brunos weit geöffneten Augen.

Eggert taumelte. Keuchend lehnte er sich mit dem Rücken gegen eine Wand. Bruno lag auf der Seite. Seine Uniform war voller Blut. Sein Gesicht zuckte, die Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus Brunos Kehle.

O Gott, warum Bruno?

»Bruno!«, schrie Eggert. »Bruno!« Er torkelte zur Wohnungstür. Glassplitter der zerbrochenen Türscheibe knirschten unter seinen Schuhen. »Den Notarzt!«, schrie er durch das Loch in der Tür. Seine Stimme warf ein hohles Echo im hohen Treppenhaus. »Rufen Sie den Notarzt! Schnell!«

Er würde nicht mehr rechtzeitig kommen. Ralf Eggert wusste es.

Er hörte ein ersticktes Wimmern. Seine Nackenhaare sträubten sich. Er tastete nach der Pistole. Mit schweißnasser Hand umklammerte er den Griff, als er sich in das Zimmer schob, aus dem das Wimmern kam. Er schaltete das Licht ein und sprang zur Seite.

Das rötlich schimmernde Licht der verhängten Lampen und die wandhohen Spiegel boten ein verwirrendes Bild. Eggerts Blick glitt über das große Rundbett, und dann duckte er sich unwillkürlich und riss die Pistole heraus, als er die Gestalt hinter dem Bett bemerkte, genau gegenüber. Die Gestalt bückte sich, riss eine Pistole heraus und schob den Kopf vor.

Eggert ließ die Pistole sinken und stieß den angehaltenen Atem aus. Um ein Haar hätte er sein eigenes Spiegelbild nicht erkannt.

Das blonde Mädchen kauerte in einer Ecke. Ihr blaues Kleid war zerfetzt, das blonde Haar klebte strähnig in dem schönen Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, dass die Unterlippe aufgeplatzt war und blutete. Und dort, wo unter dem zerfetzten Kleid die nackte Haut sichtbar war, bemerkte er die Spuren schwerer Schläge.

Sie verbarg ihr Gesicht hinter den erhobenen Händen, als Eggert auf sie zuging. Dann versuchte sie, vor ihm davon zu kriechen, sich tiefer in die Ecke zu pressen.

»Es ist ja alles gut«, sagte er begütigend. Er blieb stehen, steckte die Pistole ein, sah hilflos auf sie hinab. »Sie brauchen keine Angst mehr zu haben . . .«

Schritte polterten durchs Treppenhaus, verharrten in der Diele, dann sah Eggert im Spiegel das Gesicht eines jungen Arztes, der seinen Blick suchte.

»Sind Sie in Ordnung, Mann?«, fragte der Arzt.

»Ja, ja.«

Der Arzt schob ihn aus dem Weg. Vor dem blonden Mädchen ließ er sich auf die Knie nieder.

»Warum kümmern Sie sich nicht um meinen Kollegen?«, fragte Eggert. Seine Stimme klang zu laut.

»Hat sie es gesehen?«, fragte der Arzt, ohne Eggerts Frage zu beantworten. »Sie steht unter Schock.«

Bruno war tot.

Eggert stützte sich irgendwo ab. Er fühlte sich wie betäubt, ausgelaugt. Diese verdammten Vorahnungen!

Seine brennenden Augen wanderten suchend über das Chaos. Er konnte die Tatwaffe nicht entdecken. Er schloss die Augen einen Moment und versuchte, sich das Gesicht des Mannes ins Gedächtnis zurückzurufen, der aus dem Zimmer gestürzt war und ihn niedergeschlagen hatte.

Er öffnete die Augen wieder, weil ihm schwindlig wurde. Neben seiner Hand lag eine Handtasche. Der Bügel stand offen, der Inhalt war zum Teil herausgefallen und lag auf der Kommode verstreut. Rechtzeitig widerstand Eggert dem Impuls, den Kram in die Handtasche zurückzuschieben. Er hatte schon genug angefasst und verschoben in diesem Zimmer.

Sein Blick fiel auf ein Foto, das in einem grünen Lederrähmchen steckte. Es zeigte das kantige Gesicht eines jungen Mannes mit ernsten Augen. Eggert blinzelte. Er nahm das Foto in die Hand, und er musste genau hinsehen, um sicher zu sein, dass er sich nicht irrte.

Der junge Mann trug eine Polizeiuniform!

Der Arzt richtete sich auf und rief nach einer Trage. Ralf Eggert wusste nicht, warum er das Foto einsteckte.

5

Polizeioberkommissar Katterbach, der Dienstgruppenleiter der Polizeiwache Uhlenbeck, verdrehte die Augen, als Jochen Teske und Hermann Gropp den Wachraum betraten. Der Wechsel von der Nacht auf die Mittagsschicht hatte ihnen zwei Freischichten beschert. Beide fühlten sich ausgeruht und noch fern von den Problemen des Dienstalltags.

»Die Helden vom Heidepuff!«, rief Katterbach. »Die Presse interessiert sich schon für euch. Wem werdet ihr die Story verkaufen?« Katterbach beugte sich über den Tresen. »Komm, Gropp, mir wirst du es doch verraten!«

»Du bist 'n Döskopp«, sagte Gropp gemächlich.

Katterbach lachte. Er war etwas älter als Gropp und etwas schwerer und machte einen behäbigen Eindruck. Er zerrte einen Packen Papiere unter dem Tresen hervor und knallte ihn auf die Platte. Er nahm das oberste Formblatt und wischte es zur Seite.

»Die Einlieferungsanzeige für diesen Schläger könnt ihr euch in die Haare schmieren, Freunde. Euer Mann war noch nicht ganz in Sennefeld, da hatte dessen Anwalt schon alle Drähte am Singen.«

»Tätlicher Angriff auf einen Polizeibeamten«, sagte Jochen Teske.

»Das können Sie in die Strafanzeige schreiben. Aber ob es Eindruck macht, steht dahin. Er hat nicht gewusst, dass Sie Polizeibeamter waren. Oder war es so hell, dass er Sie erkennen musste?«

»Nein . . .«

»Haben Sie ihn etwa angerufen?«

»Da war es schon zu spät«, räumte Jochen ein.

»Vergessen Sie es also, sonst bekommen Sie noch eins drauf! Sie müssen ihn ganz schön erwischt haben, Teske.«

»Soll er mich doch anzeigen!«

»Reden Sie keinen Unsinn, Teske. Und kommen wir zur Sache. Ihr Festgenommener, er heißt Dieter Wiek, war ganz zufällig im Heidehof. Ist mit einem flüchtigen Bekannten aus Hamburg mitgefahren . . .«

»Dessen Namen er natürlich nicht kennt«, stellte Gropp fest.

»Natürlich nicht«, bestätigte Katterbach. »Der flüchtige Bekannte wollte seine Verlobte besuchen. Verlobte!«

Katterbachs stämmiger Hals lief rot an. Er fischte ein anderes Formular aus dem Stapel.

»Kreutzer, Marion, 22 Jahre alt, als Prostituierte in Hamburg registriert. Seit, warten Sie, seit sechs Monaten ist sie nicht mehr zur amtsärztlichen Untersuchung erschienen. Wahrscheinlich ist sie ihrem Zuhälter davongelaufen und wollte im Heidehof unter schlüpfen. Als Hostess! Wusstet ihr das? Die Mädchen dort nennen sich Hostessen! Wir schicken den Kollegen in Hamburg ein paar nette Zeilen, und damit hat sich's.«

Katterbach nahm den ganzen Packen und beförderte ihn wieder unter den Tresen.

»Habt ihr schon mal was vom Hornberger Schießen gehört? Dann wisst ihr ja Bescheid. Der Lümmel, der dir, Hermann, das Ding verpasst hat, wird nicht zu ermitteln sein. Und Marion Kreutzer, die Sie, Teske, so schneidig aus den Klauen der Hamburger Zuhälter gerettet haben, will sich nicht helfen lassen. Sie hat das Krankenhaus bereits verlassen. Wahrscheinlich steht sie in ein paar Tagen wieder in einem Eros-Center in Hamburg an der Mauer. Und der Sauna-Club Heidehof steht blütenweiß da wie zuyor. Man kann diesen sauberen Leuten sogar zugute halten, dass sie die Polizei angerufen haben, wenn auch anonym.«

»Das wär's dann ja wohl«, brummte Gropp.

Katterbach schüttelte bedauernd den Kopf. Mit dem Bleistift deutete er auf eine geschlossene Tür.

»Der Chef will euch noch sprechen. Er ist nicht sauer, Freunde. Er ist stinksauer. Ich empfehle euch, entsprechende Mienen aufzusetzen.«

»Der kann mich mal«, sagte Gropp.

Er drehte sich um, klopfte kurz an die Tür des Wachleiters und stieß sie sofort auf. Jochen Teske betrat hinter Gropp das Büro seines Vorgesetzten.

Hauptkommissar Stöcker war ein farbloser Mann mit blassen Augen. Er sprach stets mit leiser Stimme, was seine Untergebenen zu angestrengtem Zuhören veranlasste.

Stöcker stand nicht auf, er begrüßte weder Gropp noch Teske, und er bot ihnen keinen Platz an. Mit einem Finger klopfte er auf die Schreibtischplatte.

»Sie haben einen Fehler gemacht, Herr Teske. Sie haben einen Kollegen allein zurückgelassen. Sie haben sicher von dem Polizistenmord in Hamburg gehört . . .«

Jochen machte ein starres Gesicht. Er hatte noch geschlafen, als seine Mutter gestern morgen aufgelöst mit der Zeitung in sein Zimmer gekommen war. Vergeblich hatte er ihr klarzumachen versucht, dass Polizistenmorde selbst in einer Stadt wie Hamburg nicht an der Tagesordnung seien.

»Die Folgen dieses Fehlers wollen wir uns hier lieber nicht ausmalen«, fuhr Stöcker fort. »Aber wir alle sollten aus unseren Fehlern Lehren ziehen.«

Gropp schob sich vor. Vor Stöckers Schreibtisch richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.

»Ich habe Teske beauftragt, dem Schrei nachzugehen«, sagte er. »Ich war der Streifenführer. Es war meine Entscheidung, und ich trage die Verantwortung.«

»Ich habe Ihren Bericht gelesen, Herr Gropp«, sagte Stöcker noch leiser als zuvor. »Für mich liest er sich so, als wollten Sie einen Kollegen decken. Ein an sich löbliches Verhalten, das uns aber nicht davon abhalten sollte, Fehler zu erörtern, um sie in Zukunft zu vermeiden. Nicht wahr, Herr Gropp?«

»Der Bericht entspricht den Tatsachen. Ich habe den Kollegen vorgeschickt, weil ich nicht so schnell wie er aus dem Wagen kam. Wir hatten jemanden schreien gehört. Da war Gefahr im Verzüge. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, dann ich. Ich hätte Teske nicht allein gehen lassen dürfen.«

Stöcker lehnte sich zurück. »Von dieser Version habe ich in Ihrem Bericht nichts gelesen, Herr Gropp. Wenn der Außendienst zu beschwerlich für Sie wird, werden wir uns nach einer Beschäftigung im Innendienst für Sie umsehen müssen.«

Gropp presste die Kiefer zusammen, so dass die Muskeln in dem verwitterten Gesicht hart hervortraten.

»Nun noch einmal zu Ihnen, Herr Teske. Ich denke, Sie werden die Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen diesen Dieter Wiek zurückziehen. Sie haben offenbar keinen großen Schaden genommen. Dafür bin ich nicht bereit, Sie womöglich mehrmals nach Hamburg zu schicken. Zu einer Verurteilung wird es nicht reichen, obwohl der Mann einschlägig vorbestraft ist.«

»Ich werde es mir überlegen, Herr Stöcker«, sagte Jochen Teske.

Stöcker bedachte den jungen Beamten mit einem nichtssagenden Blick, dann nickte er.

»Sie können gehen«, sagte er beinahe unhörbar.

»Wir sind wohl nicht seine Lieblingsgreifer«, stellte Jochen fest, als sie auf ihren Streifenwagen zugingen.

Gropp brachte seine Empfindungen auf den einfachsten Nenner. »Er ist ein Arschloch«, sagte er.

Er ließ sich in den Wagen fallen und zerrte den Sicherheitsgurt über seine Brust. Dabei schlug er mit einer Hand auf seinen Bauch.

»Ich bin eins siebenundsiebzig groß und wiege mal 74, mal 76 Kilo. In meinem Alter ist das nicht zu viel. Oder was meinen Sie?«

Gropp schien keine Antwort zu erwarten. Ungewohnt redselig machte er seinen Gefühlen Luft.

»Ich passe beim Essen auf. Einmal in der Woche spiele ich Fußball, und wenn ich mittwochs keine Spätschicht habe, gehe ich zum Training. Und trotzdem kriege ich mein Gewicht nicht unter Kontrolle.«

Jochen fuhr über die Marienstraße und bog an der Mühle ab. Gropp bemerkte es nicht.

»Das macht der verdammte Schichtdienst«, spann er seinen Gedanken weiter. »Das unregelmäßige Essen, der unregelmäßige Schlaf . . . Die Verdauung macht da auch Probleme.« Er warf Jochen einen Seitenblick zu. »Sie haben gut lachen, Sie Grünschnabel!  Wo fahren wir überhaupt hin?« Er sah nach draußen, als Jochen den Wagen ausrollen ließ.

Hinter einem hohen Zaun aus schwarz lackierten Eisenstäben lag ein verwittertes rotes Backsteingebäude mit Fenstern wie blinde Augen in den abweisenden Mauern. Nur die dichten Kronen der Rotdorn-Bäume auf dem Schulhof stellten einen freundlicheren Anblick dar.

»Die Schule ist doch längst aus«, sagte Gropp nach einem Blick auf die Uhr.

Jochen zog den Wagen ein Stück vor, dann stellte er den Motor ab. Das offene Schulhoftor lag jetzt genau gegenüber. An der Seite war der überdachte Schuppen zu sehen. Dort standen einige Dutzend Mofas und Mokicks, zwischen denen sich die wenigen Fahrräder verloren vorkommen mussten.

»Für die oberen Klassen finden nachmittags Arbeitsgemeinschaften statt«, sagte Jochen. Er kurbelte die Scheibe herunter und legte seinen Arm auf die Fensterkante. »Hier bin ich zur Schule gegangen«, fügte er leiser hinzu. Tief atmete er die trockene Luft ein. Er versuchte, die Erinnerung an zu enge Schulbänke, an das Gedrängel in den Fluren oder die Gesichter der Lehrer heraufzubeschwören. Es gelang ihm nicht.

»Zur Hauptschule?«, fragte Gropp verwundert. »Ich dachte, Sie hätten das Gymnasium besucht.«

»Ich war auf der Realschule«, erklärte Jochen. »Die war hier. Realschule Uhlenbeck. Als das neue Schulzentrum in Sennefeld eröffnet wurde, wurde die Realschule verlegt, und hier kam die Hauptschule rein.«

»Ach so«, sagte Gropp. Er verfiel in Schweigen.

»Das war vor sieben Jahren«, sagte Jochen nach einer Weile.

»Da können Sie auch gleich sagen, vor siebzig«, bemerkte Gropp. Er peilte über die Kante des Armaturenbretts, als eine Gruppe Schüler das Gebäude verließ. Vier oder fünf Jungen gingen zum Schuppen. Die Mädchen und zwei andere Jungen kamen auf das Tor zu. »Wie die rumlaufen! Mann, Mann. Eigentlich sollte es eine Vorschrift geben, dass die sich die Haare waschen müssen.«

»Und am besten auch noch gleich eine Uniform tragen, was?«

»Was wäre denn dabei? In England müssen die Schüler alle Uniformen tragen, habe ich mal gehört. Ich finde das gar nicht schlecht. Da kann dann niemand sehen, ob einer einen reichen Vater hat oder nicht.«

»Das hat vermutlich alles seine Vor und Nachteile«, sagte Jochen friedfertig.

Eine kleine Gruppe kam über die Straße. Er erkannte Sabine Feldmann. Sie lachte ihn an, und er lächelte zurück. Als sie vor dem Wagen herging, ließ sie die Hüften unter dem weiten Folklorerock schwingen. Ganz schön frech, dachte er.

»Warum hängen wir eigentlich hier rum?«, erkundigte sich Gropp. »Um vier haben wir Verkehrssicherung am Gewerbegebiet.«

»Bis dahin haben wir noch Zeit.«

»Sie geben was darauf, was Ihnen der Jansen-Junge gesagt hat?«

Jochen hob die Schultern.

»Wenn ich der alte Jansen wäre, würde ich dem Jungen erst mal das Mokick wegnehmen«, sagte Gropp. »Der Alte hat doch selbst kein Geld. Und wovon bezahlt der Junge das?«

»Vielleicht steckt ihm die Oma etwas zu«, meinte Jochen. »Meine hat das auch getan.«

»Geld für 'n Mofa?«

»Das nicht gerade, aber ich habe gejobbt, da ging das.«

Gropp verlagerte sein Gewicht auf die andere Gesäßbacke. »Na ja, wundern täte es mich eigentlich nicht«, sagte er.

»Was?«

»Wenn wir auch in Uhlenbeck schon Hasch und andere Drogen hätten. — Haben Sie der Kripo schon einen Tipp gegeben?«

Jochen schüttelte den Kopf.

Gropp nickte zufrieden. »Lassen Sie sich eins gesagt sein, Teske — auch wenn Sie mal zur Kripo wollen, brauchen Sie den Kollegen jetzt nicht schon die Arbeit abzunehmen. Da machen Sie sich nur unbeliebt.«

»Ich weiß gar nicht, ob ich zur Kripo will«, sagte Jochen.

»Wollen Sie denn zwanzig Jahre lang im Streifenwagen rumhängen? Zwanzig Jahre Schicht machen, bis Ihr Körper nicht mehr weiß, was Tag und Nacht ist?«

»Ich weiß es eben noch nicht«, sagte Jochen.

»Es ist eigentlich kein Wunder, dass es immer nur welche von uns trifft«, sagte Gropp plötzlich mit veränderter Stimme. »Oder haben Sie je gehört, dass es einen von der Kripo erwischt hätte? Die Kripo macht eben nicht so Schichtdienst wie wir. Sie überlässt uns den ersten Zugriff. Wir dürfen den Kopf hinhalten.«

Jochen brauchte einen Moment, bis er begriff, dass Gropp an den erschossenen Hamburger Kollegen dachte. Sehnen an seinem stämmigen Hals traten dick hervor. Und bestürzt stellte Jochen fest, dass Gropp Angst hatte.

»Ich weiß nur, was ich gelesen habe«, sagte Jochen vorsichtig. »Der Kollege hat anscheinend seine Eigensicherung vernachlässigt.«

»Bockmist«, meinte Gropp. »So was ist eben hin und wieder fällig. Das ist wie ein Naturgesetz. Und ein Naturgesetz ist, dass Sie Ihren Körper eben nicht betrügen können. Nachts sind wir nicht voll da.«

Gropp sah Jochen nicht an. Vielleicht würde er seinen Gefühlsausbruch später bereuen. Jochen fühlte sich unwohl.

»Sie haben noch keine Angst, Teske«, fuhr Gropp ruhig fort. »Sie sind noch zu jung. Die Angst kommt erst später. Dann denken Sie mal an meine Worte: Sie werden sich sicherer fühlen mit einem Kollegen, der selbst Angst um sein Leben hat. Wer Angst hat, ist kein Feigling, Teske.«

»Ich weiß«, sagte Jochen leise, während er eine Gruppe Schüler beobachtete, die eben den Schulhof verließ.

Irene Breuer war dabei. Mit Mathilde, Irenes älterer Schwester, war er einmal gegangen. Es war noch gar nicht so lange her.

Die Erinnerung an Mathilde Breuer machte ihm bewusst, wie nah er der Generation, die da drüben die harten Bänke drückte, eigentlich noch war. Und wie weit entfernt von ihr er sich in Wirklichkeit schon fühlte. Es lag nicht nur an der Uniform, die er trug, das wusste er. Himmel, er fühlte sich doch nicht alt! Er war gerade 25 geworden. Seine Schwester war 20. Noch nie hatte er eine Freundin gehabt, die älter als 22 gewesen war. Sogar die 17jährige Sabine Feldmann flirtete mit ihm.

Er sah sein Gesicht im Außenspiegel.

Es war ein kantiges Gesicht, das ernst und kraftvoll wirkte, und die skeptischen Augen verlangten Respekt.

Ein gutes Gesicht für einen Polizisten, hatte sein Vater gesagt. Da hatte ihn die verdammte Krankheit schon in ein vor Schmerz winselndes Bündel verwandelt.

Ganz plötzlich hatte Jochen das Empfinden, als sei ihm etwas verloren gegangen, was er nie besessen hatte. Das lange Sterben seines Vaters hatte eine düstere Aura um ihn herum verbreitet, hatte ihn ernster gemacht, als es seinem Alter entsprach.

Er löste die Augen von seinem Spiegelbild und sah zur Schule hinüber. Der Schuppen war jetzt leer. Die Autos der Lehrer standen auf dem Parkplatz an der Parallelstraße.

Kutschera, der Hausmeister, kam aus dem Gebäude und ging auf das Tor zu, um es zu schließen. Kutschera war in Uhlenbeck geblieben. Er war noch nicht zu alt, aber der Hausmeister an der neuen Schule in Sennefeld war ein ausgebildeter Techniker. Kutschera wäre mit all den zentral verriegelbaren Fenstern und Lüftungsklappen, mit der elektronisch gesteuerten Heizungs- und Klimaanlage und den anderen technischen Einrichtungen nicht mehr zurecht gekommen.

»Ihr Freund Harry dealt heute woanders«, meinte Gropp.

Jochen startete und fuhr los.

6

Ralf Eggert stand neben ihrem Krankenhausbett und wusste nicht, was er mit den Blumen anfangen sollte. Er blickte kurz zur Seite, als die Stationsschwester seinen Arm berührte.

»Sie ist immer noch nicht ansprechbar«, flüsterte sie. »Sind Sie ein Verwandter? Oder ihr Freund?«

Eggert schüttelte nur den Kopf. Er trug zivil. Warum war er überhaupt hergekommen? Weil ihr Gesicht ihn im Schlaf verfolgte? Weil Bruno wegen ihr gestorben war?

Die Schwester nahm ihm die Blumen ab und ging lautlos hinaus.

Eggert sah auf das blasse Gesicht hinab. Ihre Lippen waren spröde, das Haar lag wirr auf dem Kissen. Ihre Augen waren hinter geschwollenen Lidern sichtbar. Sie schien ihn anzusehen, aber sie nahm ihn nicht wirklich wahr.

Sie war nicht ansprechbar. Sie stand unter einem schweren Schock. Die Ärzte hofften, sie irgendwann aus diesem Zustand erlösen zu können, aber sie brauchten Zeit dafür.

In der Wohnung hatte es keinen Hinweis auf ihre Identität gegeben. Ihre Fingerabdrücke waren nicht registriert. Sie hatte keinen Namen und deshalb keine Identität. Es war ein eigenartiges Gefühl. Es vermittelte so etwas wie Unschuld. Ein Mensch ohne Namen. Unbefleckt.

Was hatte dieser Mann mit ihr gemacht? Oder zu machen versucht? War sie ein Callgirl? Hatte sie Schluss machen wollen und war deshalb von' ihrem Zuhälter misshandelt worden? Oder hatte er sie erst zur Prostitution zwingen wollen? War es deshalb zu dem verhängnisvollen Streit in der Wohnung an der Norderstrasse gekommen? Keiner der Hausbewohner, die noch in der Nacht unmittelbar nach der Tat von den Fahndern der Kripo befragt worden waren, hatte sie vorher gesehen.

Das Foto, das er in ihrer Handtasche gefunden und eingesteckt hatte, konnte vielleicht zu ihrer Identifizierung beitragen. Aber er hatte es versäumt, es sofort den Kollegen vom Morddezernat zu überlassen.

Warum?

Weil das Foto einen Kollegen zeigte?

Eggert hatte sich das Foto zu Hause sehr genau angesehen, aber keinen Hinweis auf die Identität des Abgebildeten gefunden. Es gab keine Widmung auf der Rückseite, auch nicht den Aufdruck oder Stempel des Fotografen. Und die Schulterstücke auf dem Uniformhemd waren nicht genau zu erkennen.

Wer war der Mann? Und in welcher Beziehung stand er zu dem Mädchen, das ohne sichtbare Lebenszeichen hier im Krankenbett lag? War er ihr Freund oder Verlobter?

Eggert wusste nur eins ganz genau. Der Mann, der ihm in der dunklen Diele begegnet war und ihn niedergeschlagen hatte, war nicht derselbe wie auf dem Foto.

Ahnte er nicht, dass sie ein Callgirl war?

War sie denn wirklich eins?

7

»Stehen Sie unter Schock, oder was?« Kriminalhauptkommissar Scholz starrte Eggert feindselig an.

»Nein . . .«

»Fühlen Sie sich nicht wohl? Sind Sie krankgeschrieben?«

»Nein. Hören Sie, Herr Scholz, ich habe jetzt alles gesagt . . .«

»Einen Scheißdreck haben Sie! Mann, Eggert, reißen Sie sich zusammen! Wittek war Ihr Partner, und Sie waren dabei, als er sich die Kugeln fing! Wie stehen Sie da, Eggert?«

»Das ist mein Problem«, erklärte Eggert steif.

»Es ist unser aller Problem, Mann! Sie müssen doch mehr gesehen haben als ein Gesicht, das Sie nicht einmal beschreiben können! Wie groß war der Kerl? Farbe der Augen, Form der Nase und der Stirn, Mann, Sie wissen doch, worauf es ankommt in unserem Job!«

»Wittek war getroffen! Er hing an mir, ich hatte mit ihm zu tun!«

Scholz lehnte sich zurück und warf das Lineal, mit dem er die ganze Zeit auf die Schreibtischplatte geschlagen hatte, in die Briefablage.

»Das ist mir zu wenig, Eggert«, sagte er unzufrieden. »Wissen Sie, was ich mich die ganze Zeit frage? Warum ist der Kerl so ausgerastet? Warum hat er sofort los geballert?«

Eggert schwieg.

»Möglicherweise haben Sie sich nicht deutlich genug als Polizeibeamte zu erkennen gegeben.« Scholz hob schnell eine Hand, als Eggert zu einem Einwand ansetzte. »Ich habe Ihre Aussage dazu gehört, und ich akzeptiere sie. Es ging alles so verdammt schnell, klar, da konnten Sie sich nicht vergewissern, ob die Leute in der Wohnung Sie auch verstanden haben.«

»Und die Frau rief um Hilfe«, erinnerte ihn Eggert.

»Wir gehen davon aus, dass wir es mit einem harten Brocken zu tun haben«, räumte Scholz ein. »Einer, der sich den Weg frei schießt, ohne zu zögern . . .«

»Ich würde ihn wiedererkennen«, sagte Eggert.

»Sind Sie so einfältig, oder tun Sie nur so?« Plötzlich kam die Wut des Kripobeamten zurück. »Wenn der Killer ein Mann vom Kiez ist, und mal angenommen, wir kriegen ihn, dann kommt der mit einem Klasseanwalt an. Mit dem Besten, verstehen Sie, was ich damit sagen will? Und wenn Sie dann seinen Mandanten erkennen, ohne vorher eine brauchbare Beschreibung abgegeben zu haben, nimmt der Sie doch auseinander. Oder waren Sie noch nie im Zeugenstand?«

»Doch.«

»Die Anwälte rammen einen kleinen Polypen wie Sie doch schon in den Boden, wenn Sie wegen einer läppischen Geschwindigkeitsüberschreitung in den Zeugenstand treten! Was glauben Sie, wie so einer aufdreht, wenn es um Mord geht — vorausgesetzt, wir tun ihm den Gefallen und kriegen den Halunken überhaupt. Wenn der nämlich so hart ist, wie es den Anschein hat, ist der sofort abgetaucht und sitzt jetzt schon bei Freunden in Montevideo, oder was weiß ich, wo.« Scholz schmetterte die flache Hand auf die Zeitung, die vor ihm lag. »Nicht nur Sie sehen ganz alt aus, Eggert. Wir alle stehen wie die Idioten da.«

Die Balken dicken Überschriften der Boulevardzeitungen verfolgten Eggert, seit er am frühen Morgen das Haus verlassen hatte.

KEINE SPUR IM POLIZISTENMORD!

POLIZEI IN DER SACKGASSE

CALLGIRL NOCH UNTER SCHOCK

HAT DER ÜBERLEBENDE POLIZIST DEN TÄTER

GESEHEN?

Scholz sprach nicht mit ihm über den Ermittlungsstand, aber jeder im Präsidium wusste, weshalb die Ermittlungen in der Sackgasse steckten.

Die Wohnung, in der Bruno Wittek ums Leben gekommen war, hatte vor acht Jahren ein Mann namens Gustav Poschen angemietet. Als Poschen, ein bekannter Zuhälter vom Kiez, vor zwei Jahren starb, war die Wohnung unter der Hand immer weitergegeben worden. Die Miete war stets bar auf das Postscheckkonto der Hausverwaltung eingezahlt worden, und zwar von der jeweiligen Bewohnerin, wie die Ermittlungen zweifelsfrei ergeben hatten. Die Kollegen von der Mordkommission suchten jetzt fieberhaft nach ehemaligen Bewohnerinnen des Apartments in der Norderstraße 10. Die Suche wurde durch den Umstand erschwert, dass die Mädchen als Absender auf den Zahlungsabschnitten stets den Namen des toten Gustav Poschen angegeben hatten. Und keine von ihnen würde der Polizei freiwillig ihre Mitarbeit anbieten.

Die einzige Hoffnung stellte das Mädchen im Krankenhaus dar.

»Sie haben der Nutte womöglich das Leben gerettet, Eggert«, sagte Scholz. »Warten wir ab, bis sie wieder beieinander ist. Vielleicht packt sie aus, wenn sie erfährt, dass ein Bulle wegen ihr dran glauben musste. Nutten sind manchmal sentimental. Hoffen wir nur, dass sie ihren Zuhälter besser beschreiben kann, als Sie es können.«

Eggert spürte, wie seine Oberlippe zu zittern begann. Er setzte sich ganz vorn auf die Stuhlkante und presste die Fäuste auf die Oberschenkel.

»Ich weiß, dass ich nicht als Bulle des Jahres dastehe, Herr Kommissar. Aber wenn Sie sich nicht um einen vernünftigen Ton bemühen, dann . . .«

»Holen Sie jemanden vom Personalrat?« Scholz grinste höhnisch. »Eggert, Sie haben es nötig.«

»Ich brauche keine Unterstützung durch den Personalrat. Wenn Sie mir noch mal dumm daherkommen, haue ich Ihnen welche aufs Maul!«

Scholz starrte ihn aus kleinen Augen an. Eggert stand auf.

»War das alles, Herr Scholz?«, fragte er.

»Machen Sie einen Fehler, Eggert, nur einen, dann haben Sie mich im Nacken!«

Eggert lachte. Zum ersten Mal, seit Bruno Wittek getötet worden war, fühlte er sich etwas freier.

»Wie war's?«, erkundigte sich Johannes Burmester, der Dienstgruppenleiter der B-Schicht, als Eggert den Wachraum betrat.

Eggert verzog das Gesicht. »Nichts Neues«, sagte er. Er sah sich im Wachraum um, der ihm leerer als gewöhnlich vorkam. Er hatte sofort gespürt, dass die Kollegen ihm aus dem Weg gingen. Er konnte es ihnen nicht verdenken. Auch sie mussten sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass sein Kollege und Partner getötet worden war.

»Du übernimmst für den Rest der Schicht die Telefonzentrale«, sagte Burmester. »Komm schon, Ralf, ich bin so gut wie allein.«

»Wer fährt morgen mit mir?«

Burmester strich über sein borstiges Haar. Die Geste verriet Verlegenheit. »Du machst vorläufig Innendienst.«

»Vorläufig? Wie darf ich das verstehen?«

»Genau, wie es gesagt wird — vorläufig. Bis auf Weiteres. Die nächste Zeit. Komm, sei jetzt nicht empfindlich, Ralf. Niemand gibt dir eine Schuld an dem, was passiert ist. Ehrlich nicht. Ich würde es dir sagen.«

»Aber niemand will mit mir fahren«, stellte Eggert fest.

»Es ist eine Anordnung von Olsen«, sagte Burmester.

»Nur, damit du nichts Falsches denkst, sage ich dir, wie ich denke.« Burmester rieb bedächtig sein breites Kinn. »Du musst erst wieder ins Gleichgewicht kommen, weil du dir selbst mehr Vorwürfe machst als alle Kollegen zusammen. Deshalb halte ich Olsens Anordnung für richtig.«

»Ich will wieder raus«, sagte Eggert gepresst.

»Das verstehe, wer will. Ich dachte, du willst weg vom Schichtdienst? Der Innendienst ist die erste Station auf diesem Weg.«

»Ich habe es mir überlegt«, sagte Eggert. »Ich werde den Antrag zurück ziehen.«

»Ralf, Ralf«, sagte Burmester besorgt. »Du spinnst dir da doch nicht irgendwas zusammen?«

»Ich kann den Kerl nicht beschreiben, Hannes, aber ich werde ihn erkennen. Und eines Tages läuft er mir über den Weg, verstehst du?«

Wenn er nicht abgetaucht ist, wie Scholz vermutete. Aber wenn er aus dem Milieu kam, würde er sich dort aufhalten, wo er sich auskannte. Typen aus dem Kiez versteckten sich auch auf dem Kiez.

»Und mach dir keine Sorgen, Hannes, ich bin nicht der einsame Rächer vom Kiez. Ich will nur, dass er hinter Gitter kommt . . .«

Er setzte sich an das Pult mit den Telefonhörern und dem Mikrofon. Mechanisch nahm er Anrufe entgegen und leitete die Aufträge an die Kollegen in den Funkwagen weiter.

Dabei sah er immer das Gesicht des Mädchens vor sich. Das Mädchen ohne Namen. Warum konnte er sie nicht vergessen?

Nach Dienstschluss wartete er wie üblich auf den jungen Polizeiobermeister Willy Reif. Eggert wohnte an der Hallerstraße, Willy Reif weiter draußen in Eppendorf. Gegen einen Benzinkostenanteil nahm Reif ihn mit zum Revier und zurück. Seinen eigenen Wagen hatte Eggert verkauft, gleich nachdem Helga ihn verlassen hatte.

Reif kam später als gewöhnlich mit seinem Polo vom Parkplatz. Eggert stieg ein, und Reif fuhr sofort an. Hektisch lenkte er den Wagen durch den dichten Verkehr der Innenstadt.

Sie sprachen vom Wetter und vom letzten Spiel des HSV, nur nicht davon, was sie beide am meisten beschäftigte  der Gedanke an Bruno Wittek, der morgen Nachmittag beigesetzt werden sollte.

»Lass mich hier raus«, sagte Eggert, als der Bahnhof Dammtor in Sicht kam.

Willy Reif hielt nach einer Möglichkeit zum Anhalten Ausschau.

»Hast du noch was vor?«, fragte er.

Eggert räumte ein, dass er sich täuschen konnte, aber er glaubte, dass Willy Reif erleichtert war, als er ausstieg.

»Bis morgen«, sagte Eggert und schlug die Tür zu.

Er ging zu Fuß bis zu der Klinik an der Grindelallee, in der sie lag.

Die Besuchszeit war vorüber, aber weil er dieses Mal Uniform trug, hielt ihn niemand auf, als er durch den langen Flur im zweiten Stock ging. Er klopfte kurz an die Tür mit der schwarzen 29 und öffnete sie dann behutsam. Er schob seinen Kopf durch den Spalt.

Das Zimmer war leer, das Bett abgezogen und noch nicht für den nächsten Patienten hergerichtet.

Er ging zum Schwesternzimmer am Ende des Flurs. Das Mädchen aus der Wohnung an der Norderstraße war zunächst in die chirurgische Abteilung eingeliefert worden, weil der Notarzt Rippenquetschungen als Folge schwerer Schläge diagnostiziert und innere Verletzungen für möglich gehalten hatte. Wahrscheinlich war sie jetzt in die Neurologie oder Psychiatrie verlegt worden.

Die Tür zum Schwesternzimmer stand offen. Die Stationsschwester, die ihm gestern den Blumenstrauß abgenommen hatte, erkannte ihn nicht wieder.

»Ja bitte?«, fragte sie und lächelte neutral.

»Die Patientin von Zimmer 29«, sagte er. »Wo ist sie jetzt?«

»Sie ist heute Mittag abgeholt worden«, antwortete die Schwester.

Eggert spürte so etwas wie Übelkeit. »Von wem?«, fragte er laut.

»Ich weiß es nicht. Von einer . . . einer Dame.« Das Gesicht der Schwester überzog sich mit hektischen roten Flecken. »Die Polizei war deswegen schon hier, aber ich habe die Dame nur eine Sekunde lang gesehen, mittags haben wir hier alle Hände voll zu tun . . .«

Eggert drehte sich auf dem Absatz um und rannte zur Treppe. In der Halle fand er einen freien Münzfernsprecher.

Er erreichte Scholz noch in dessen Büro.

»Sie ist weg!«, schrie er. »Sie haben geschlampt, Scholz!«

»Regen Sie sich nicht auf, Eggert . . .«

»Warum haben Sie sie nicht bewachen lassen?«

»Ich hatte eine Bewachung angefordert, sie war noch nicht genehmigt worden, das heißt, ab heute Nachmittag .. . Was machen Sie überhaupt dort?«

»Was spielt das für eine Rolle? Scholz, wer hat sie abgeholt?«

»Eine andere Nutte, wer sonst. Sie hat sich für ihre Schwester ausgegeben.«

»Und? Vielleicht stimmt es. Vielleicht war sie ihre Schwester.«

»War sie nicht, Eggert, der Name, den sie bei der Verwaltung angegeben hat, war falsch . . .«

»Wie konnte das passieren, Scholz? So was gibt es doch nicht!«

»Der Arzt ist auf die Frau reingefallen, er hat den Entlassungsschein unterschrieben . . . Regen Sie sich nicht auf, Mann. Sie hat sich davongemacht. Mit Hilfe einer Kollegin. Das heißt noch lange nicht, dass . . .«

Eggert knallte den Hörer auf die Gabel. Lebendiger als zuvor stand ihr Gesicht vor seinen Augen.

Er würde es nie mehr aus seinem Hirn verbannen können.

8

Die Stimme im Lautsprecher klang drängend. »Heide 41 und 2 von Heide 1 kommen!«

Heide 1 war die Einsatzleitstelle für den gesamten Kreis Sennefeld. Gropp nahm den Hörer des Funktelefons.

»42 für Heide 1«, sagte er. »41 ist zur Zeit nicht besetzt«, meldete er dann. Die Kollegen von Heide 41 hatten sich vor zehn Minuten bei der Wache in Uhlenbeck abgemeldet.

»42, fahren Sie zur Kreissparkasse. Alarmauslösung — Heide 33 und 51 von Heide 1. Halten Sie sich bereit . . .«

Jochen schaltete das Blaulicht an. Er scherte aus der Reihe der Lieferwagen, die sich vor der Einmündung in die Bundesstraße stauten, aus und zog links vorbei.

»Wahrscheinlich Fehlalarm«, vermutete Gropp. Er behielt den Hörer des Funktelefons jedoch in der Hand.

Jochen trat das Gas durch und schoss auf die Bundesstraße. Bis zum Zentrum von Uhlenbeck waren es vom Gewerbegebiet aus knapp zwei Kilometer Luftlinie. Aber die Kirchstraße war eine Einbahnstraße stadtauswärts, und die Rathausstraße war um diese Zeit, kurz vor halb fünf, meistens verstopft.

Ein grüner Mercedes zockelte vor ihnen her in Richtung Uhlenbeck. Als Jochen das Martinshorn aufheulen ließ, riss der Fahrer das Lenkrad erschreckt zur Seite. Jochen setzte zum Überholen an.

Ein gelber Postwagen kam ihnen entgegen. Der Fahrer blinkte warnend, bis er das Blaulicht bemerkte. Er trat auf die Bremse. Jochen fegte am Ortsschild vorbei. Die Ampel an der Ilmenauer Straße zeigte Grün.

»Sirene aus«, befahl Gropp.

Das gellende Auf und Ab, das weithin hörbar war, erstarb.

»Wenn da welche drin sind, lassen wir sie lieber abziehen«, sagte Gropp dann.

Bei den immer kürzer werdenden Abständen zwischen der Auslösung eines Alarms und der Reaktion der Polizei kam es immer häufiger vor, dass die ersten Funkwagen am Tatort eintrafen, während die Gangster noch mit dem Zusammenraffen der Beute beschäftigt waren. Wenn die Polizei mit Blaulicht und Sirene am Tatort eintraf, machten die Täter möglicherweise dicht, und es gab einen neuen Fall von Geiselnahme.

Der Haupteingang der Uhlenbecker Filiale der Kreissparkasse lag an der Brunnengasse. Die Brunnengasse war sehr schmal. Sie verband die Rathausstraße mit der Hanstedter Landstraße.

In der Brunnengasse gab es weder Park- noch Ausweichmöglichkeiten. Für die motorisierten Kunden der Sparkasse waren einige Parktaschen auf dem Platz zwischen dem Stadtcafe und der Adler-Apotheke reserviert. Zwei Zufahrten führten auf diesen Parkplatz, von dem aus ein Hintereingang in die Schalterhalle der Sparkasse führte.

»Wir sperren am besten die Durchfahrt bei der Apotheke«, schlug Jochen vor. Er musste das Gas wegnehmen, als er in die Rathausstraße einbog. Der Bahnbus blinkte links und wollte von seiner Haltestelle wieder auf die Straße zurück. Jochen blinkte, und der Bus stoppte. Jochen quetschte den Streifenwagen haarscharf zwischen dem Bus und einem Kombi hindurch.

Gropp löste den Sicherheitsgurt. Er hob den Hörer.

»Heide 1 von 42, kommen.«

»Kommen Sie, 42.«

»Erreichen Einsatzort von der Rathausstraße her. Bleiben Brunnengasse und Hanstedter Landstraße ungedeckt?«

»33 ist unterwegs. Ihre Station wurde telefonisch alarmiert. 41 ist ebenfalls unterwegs und auf Empfang.«

»41, kommen über Marien und Steinstraße«, meldete der Streifenführer des anderen Uhlenbecker Funkwagens.

»Dann kann ja nichts mehr passieren«, bemerkte Gropp. Er spähte in die Brunnengasse, als der Streifenwagen sich dort vorbeischob. »Nichts zu sehen«, sagte er zu Jochen.

Das Blaulicht kreiste unermüdlich. Passanten blickten dem Wagen nach. Weder Jochen Teske noch Gropp hatten einen Blick für sie.

Da war die Einfahrt auf den Platz zwischen den alten Fachwerkhäusern der Innenstadt. Ein R4 schob sich vorsichtig hinaus. Am Steuer saß ein junger Mann mit langen zottigen Haaren.

Als er den Streifenwagen erspähte, der hart stoppte, machte er eine Bewegung mit der Hand, die den Polizisten Vorfahrt signalisieren sollte.

Gropp deutete energisch auf die Fahrbahn.

»So ein Idiot!«, knirschte Jochen. »Vorfahrt hätten wir sowieso!«

Endlich begriff der Fahrer des R4. Ruckend bewegte sich das Fahrzeug vorwärts.

Jochen gab Gas und nahm den freigewordenen Platz in der Einfahrt ein.

Sie sahen die Rückfront des Stadtcafes vor sich. Dazwischen die Parktaschen mit den Parkuhren. Rechts die rückwärtigen Fenster und der Hinterausgang der Sparkasse.

Zwei Männer rannten aus dem Eingang und deuteten aufgeregt auf die Ausfahrt beim Stadtcafe.

Ein brauner Wagen schoss in die enge Passage. Eine Frau auf einem Fahrrad, den Korb vor der Lenkstange voll beladen, konnte nicht mehr ausweichen. Die Flanke des braunen Wagens streifte den Lenker und das Pedal und riss die Frau mitsamt ihrem Fahrrad zu Boden.

Dann verschwand der Wagen.

»Das ist ein Überfall«, sagte Gropp betont. »Na, dann wollen wir mal, mein Junge.«

Jochen knallte den ersten Gang ein und gab Gas. Im Slalom wand er sich zwischen den abgestellten Fahrzeugen her.

Der Funk meldete sich.

»Heide 1 an alle! Überfall Kreissparkasse Uhlenbeck. Mindestens zwei Täter. Achtung! Verdächtige sind bewaffnet! — 42, sind Sie am Einsatzort?«

»Ein verdächtiges Fahrzeug hat eben den Parkplatz an der Ausfahrt Hanstedter Landstraße verlassen«, meldete Gropp. »Brauner PKW, Kennzeichen oder Typ unbekannt. Nehmen die Verfolgung auf.«

»Verstanden«, bestätigte die Zentrale. »Der Kreis Buchholz wird informiert. Sie bekommen Unterstützung.«

»Das heißt, alle anderen Streifenwagen des Kreises Sennefeld stehen auf der anderen Seite von Uhlenbeck«, schimpfte Gropp.

Jochen achtete weder auf Gropp noch auf die Funkdurchsagen. Er lenkte den Passat um die Parkinsel in der Mitte herum und steuerte die Ausfahrt an. Die Frau, die mit ihrem Fahrrad gestürzt war, hatte sich aufgerafft und rannte hinter ihren Orangen her, die über den Boden kullerten. Jochen stellte das Martinshorn an. Das laute Gellen brach sich in der engen Ausfahrt.

Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags, wenn die Betriebe im Gewerbegebiet von Uhlenbeck schlossen, war die Hanstedter Landstraße stark befahren.

Jochen stoppte auf dem Gehweg. Er spähte nach rechts und dann nach links.

Keine Spur von einem braunen Wagen.

»Links«, entschied Gropp.

Also stadtauswärts. Jochen wischte vor einem bremsenden Wagen her auf die Mitte der Fahrbahn. Dann schaltete er die Gänge hoch. Gropp hob den Hörer des Funktelefons.

»42 für Heide 1. Fahren Richtung B 4. Verdächtiges Fahrzeug nicht zu sehen.«

»Verstanden, 42. Den Fahrzeugtyp haben Sie nicht erkannt?«

»Nein«, antwortete Gropp.

Jochen blieb in der Mitte, auch als ihnen ein Traktor mit beladenem Anhänger entgegenkam. Gropp knirschte mit den Zähnen.

Im letzten Augenblick schwenkte Jochen vor einen Ford. Vor dem Streifenwagen rollte ein alter Audi her, dessen Fahrer nicht wusste, ob er anhalten oder zügig weiterfahren sollte. Ungeduldig wedelte Jochen nach links. Mehrere Wagen kamen mit hoher Geschwindigkeit entgegen.

Endlich konnte er den Lenker herumreißen. Der Passat zog an dem Audi vorbei. Hinter der nächsten Kurve lag die Straße frei vor ihnen.

Ein brauner Wagen verschwand gerade in der Kurve. Durch die Stämme der Alleebäume hindurch sah Jochen ihn für Augenblicke im Profil.

»Es ist ein Ascona«, sagte er.

»Opel Ascona«, wiederholte Gropp in den Hörer.

»Verstanden«, bestätigte die Zentrale.

»Der ist schneller als wir«, sagte Gropp zu Jochen.

Jochen packte das Lenkrad fester. Noch nie hatte er mit dem Wagen einen flüchtigen Verdächtigen verfolgt.

Nach seiner Ausbildung hatte er einige Zeit der Einsatzbereitschaft Hannover angehört. Da war er bei Demonstrationen während der Messen eingesetzt worden. Später, in einem Innenstadtrevier, war er einige Male hinter flüchtigen Taschendieben, Trunkenbolden und Automatenknackern her gejoggt. In allen Fällen war er Sieger geblieben.

Das hier war etwas Anderes. Bewaffnete Kriminelle in einem schnellen Wagen, die einen heißen Reifen fuhren. Jochen wusste nicht genau, ob er sich auf seine Nerven, seine Reflexe und seinen Mut verlassen konnte. Er durfte seinen Verstand nicht ausschalten. Er musste abwägen, ob er durch seinen Einsatz Andere gefährdete, ob er einem Verdächtigen gegenüber seine Mittel angemessen einsetzte.

Und er musste an seine Eigensicherung denken.

Niemand würde ihn tadeln, wenn er den Anderen verlor.

Er entspannte sich. »Ich möchte wissen, was die vorhaben«, sagte er.

»Die wollen zur Bundesstraße. Wohin sonst.«

»Da haben Sie doch keine Chance! Da werden sie von den Streifen aus Buchholz und Hanstedt in die Zange genommen. Und wenn die Autobahnleitstelle einen Hubschrauber schickt, ist es ganz aus.«

Jochen überholte einen Möbelwagen. Von dem braunen Ascona war nichts zu sehen. Ein Schild flog vorbei, das vor einer engen Rechtskurve warnte. Die Straße war trocken.

Jochen ließ den Fuß auf dem Gas. Mit harter Hand zwang er den Wagen durch die Kurve.

Gropp atmete flach. Er hatte sich nicht wieder angeschnallt.

»Gut«, sagte er heiser. »Gut ... Da ist er!«

Wie ein Schatten schoss der braune Ascona auf der schmalen Landstraße dahin. Jochen war sich nicht ganz sicher, ob sie dem Anderen näher gekommen waren. Aber vergrößert hatte sich der Abstand gewiss nicht.

Bis zur Bundesstraße waren es jetzt noch sieben Kilometer. Vorher kam ein Wäldchen, und dahinter die Abzweigung nach Hanstedt.

»Vielleicht fahren die nach Hanstedt«, überlegte Gropp.

»Was wollen sie denn da?«

»Den Wagen wechseln?«

»Dafür käme das Wäldchen eher in Frage . . .« Jochen nahm etwas Gas weg, als vor ihm ein kleiner Lieferwagen auftauchte und aus der Kurve ein Motorrad kam. Der Ascona hatte den Lieferwagen längst überholt.

Der Wald kam in Sicht. Ein niedriges Gehölz mit verwachsenen Kiefern und dichten Sträuchern. Ein sandiger Weg führte hinein. Vorige Woche erst war ein kühner Liebhaber mit seinem Mädchen im weichen Sand steckengeblieben.

Die Gangster hatten den Ascona, mit dem sie bei der Sparkassenfiliale vorgefahren waren, wahrscheinlich vor der Tat gestohlen. Wenn sie den Überfall vorbereitet hatten und über ein unverdächtiges Fluchtfahrzeug verfügten, mussten sie es an einem sicheren und zugleich leicht erreichbaren Platz versteckt haben, wo es beim Fahrzeugwechsel keine Zeugen gab und sie möglichst wenig Zeit verloren.

Hanstedt erfüllte diese Bedingungen nicht.

»Heide 1 an alle!«, meldete sich der Funk. »Bundesstraße 4 in Richtung Autobahn gesperrt. Autobahnleitstelle dirigiert Hubschrauber zur B 4 . . .«

»Endlich«, knurrte Gropp. In den Hörer sagte er: »Verdächtiges Fahrzeug hält Vorsprung, Fahrtrichtung nach wie vor B 4 . . .«

Der Ascona verschwand zwischen den Stämmen. In der blau verhangenen Luft war er nicht mehr zu sehen.

Die Landstraße beschrieb im Bereich des Wäldchens einen scharfen Bogen. Dahinter fiel die Straße leicht in eine Mulde ab. Es war ein gefährliches Straßenstück. Als die Kiesgrube noch in Betrieb war, war es im Bereich der Ausfahrt häufig zu schweren Unfällen gekommen.

»Die Kiesgrube!«, sagte Jochen laut.

Er schaltete zurück, als der Funkwagen in das Waldstück schoss. Der Motor heulte auf. Jochen erkannte die Biegung an den reflektierenden Warnbaken. Er bremste den Wagen herunter, und unmittelbar vor dem Scheitelpunkt der Kurve gab er wieder Gas.

Sie konnten über die Mulde hinweg bis zur Abzweigung nach Hanstedt sehen. Sie sahen den Kamin der Zuckerfabrik, die Traktoren auf den Feldern, den Bahnbus, der von Hanstedt kam.

Aber keinen braunen Ascona.

»Also die Kiesgrube«, sagte Gropp. Er griff an seine Hüfte und öffnete die Klappe über der Pistole. »Scheiße«, sagte er dann leise.

»Ist was?«, fragte Jochen.

»Nichts. Ich habe nur Schiss.«

»Ich auch«, sagte Jochen. Sein Herz hämmerte plötzlich.

Nachdem die Bundesstraßen 4 und 404 großzügig ausgebaut worden waren, war die Sand und Kiesgrube zwischen Hanstedt und Uhlenbeck stillgelegt worden. Nach all den Jahren war die Einfahrt kaum noch auszumachen. Der Wind hatte die tiefen Spurrillen mit Sand gefüllt. Zwischen den Pfosten der Schranke wucherte Gras. Der Sperrbalken war längst verschwunden.

Früher, als es in Uhlenbeck noch kein Schwimmbad gab, waren Jochen und seine Freunde an den warmen Wochenenden im Sommer oft mit ihren Fahrrädern hier herausgefahren. Am oberen Rand der Grube, zwischen Abraum und den Schienen des Schrägaufzugs, hatten sie ihre Zelte aufgeschlagen. Das smaragdgrüne Wasser tief unten in der Grube war immer sauber und kühl gewesen.

»Nicht so schnell«, warnte Gropp. Er hob den Hörer des Funktelefons und sprach schnell hinein.

Jochen hörte nicht hin. Er nahm den Fuß vom Gas und peilte die Stelle an, wo der Boden über dem Seitenstreifen fest sein musste. Er scherte zur Straßenmitte hin aus, und als er die verrosteten Schrankenpfosten über dem Gras entdeckte, gab er wieder Gas.

Der Wagen sprang über den unbefestigten Seitenstreifen. Im losen Sand drehten die Antriebsräder kurz durch, packten aber sofort wieder und zerrten den Streifenwagen vorwärts.

Jochen bemerkte die tiefen, Konturen losen Spuren im Sand, wo vor ihm der andere Wagen hergefahren war. Er stieß einen Warnruf aus, als ein heller Wagen hinter einem Schotterberg hervorkam.

Es war ein alter Opel Rekord, mit Rostflecken auf der Haube und einer verbogenen Stoßstange. Mit seinem Hinterradantrieb war der ohnehin schwerfällige Rekord dem Passat mit seinem Frontantrieb in diesem Gelände unterlegen.

Das erkannte der Fahrer auch sofort. Er schaltete den Rückwärtsgang ein. Sand spritzte unter den durchdrehenden Rädern auf. Der Wagen schlingerte und ruckte dann zurück. Jochen sah zwei helle Gesichter hinter der Scheibe, weit aufgerissene Augen, offene Münder.

Dann verschwand der Rekord wieder hinter dem Schotterberg.

Jochen fuhr im zweiten Gang weiter. Gropp sprach in den Hörer.

»42 für Heide 1. Haben Kontakt. Verdächtige sind in hellen Opel Rekord umgestiegen . . .«

Der Streifenwagen zog vor.

»Warten Sie Verstärkung ab, 42!«, klirrte die Lautsprecherstimme. »Die Täter haben bei dem Überfall mehrere Schüsse abgegeben und eine Person verletzt!«

»Verstanden«, bestätigte Gropp. »Halt an«, sagte er zu Jochen.

Der Passat schlingerte um den Fuß der Schotterhalde. Der braune Ascona erschien in Jochens Blickfeld. Der Rekord krachte mit dem Heck in die Seite des Ascona. Der leichtere Wagen flog herum und drehte mit dem Heck auf den Passat zu.

Jochen wirbelte das Lenkrad herum und gab Gas. Knapp vor dem heran schlitternden Ascona wischte er rechts weg.

Die Vorderräder gerieten auf den festeren Untergrund am Rand der senkrecht in die Grube abfallenden Wand. Sie rissen den Wagen vorwärts. Gropp stieß einen scharfen Laut aus, als er plötzlich über den Rand hinweg in die Tiefe blickte.

Jochen schlug die Räder ganz ein. Das Heck des Streifenwagens kam der Kante noch näher, aber der Wagen schwang fast auf der Stelle herum.

Der schwere Rekord pflügte auf die Ausfahrt zu. Der Ascona stand quer zwischen dem Polizeiwagen und dem Rekord. Jochen sah durch die Scheiben des Ascona hindurch, sah, wie ein Seitenfenster des Rekord herunterfuhr. Und er sah die Bewegung hinter dem Fenster, sah dunkles Metall.

Da kam der Passat auch schon hinter dem Ascona hervor, der ihn eben kurz gedeckt hatte, und die Scheibe neben Jochen löste sich förmlich auf und überschüttete ihn mit einem Regen feinster Glassplitter.

»Verdammt, die schießen!«, brüllte Gropp.

Jochen hatte den Schuss nicht einmal gehört. Er nahm den Fuß vom Gas und warf sich zur Seite, auf Gropp. Der Motor blieb sofort stehen. Gropp entriegelte die Tür, sie flog auf, und die beiden Männer rollten hinaus.

Jochen hörte den Motor des Rekord heulen und die Räder im Sand pfeifen.

»Sie kommen nicht weg«, sagte Jochen. Er presste sich gegen das Hinterrad des Funkwagens und versuchte, seine Pistole herauszubekommen.

Gropp hatte seine Pistole in der Hand. »Bist du in Ordnung, Junge?« fragte er.

»Ja, ja!«

»Wenn die Kavallerie aus Buchholz nicht bald kommt, müssen wir selbst was tun«, meinte Gropp.

»Sie kommen nicht weg«, wiederholte Jochen.

Das Getriebe des Rekord krachte hörbar, dann heulte der Motor auf. Das Geräusch kam erschreckend schnell näher.

Gropp schob sich an der Flanke des Passat hoch. Keuchend stieß er die Luft aus, dann knallte er die Hand mit der Pistole auf die Motorhaube.

Jochen schoss ebenfalls in die Höhe.

Der Rekord rumpelte rückwärts, wurde dabei immer schneller. Gropp schrie irgend etwas. Es hörte sich an wie: »Polizei! Bleiben Sie stehen, oder ich schieße!«

Jeden Augenblick musste der schwere Opel in die Seite des Streifenwagens krachen. Und den leichteren Passat auf den Abgrund zu schleudern.

Jochen sah über die Schulter zurück. Nur drei, vier Meter trennten sie von der Kante. Er spürte die Angst tief in seinem Inneren. Weg, schrie es in ihm. Spring zur Seite!

Jochen fuhr wieder herum, als Gropp einen Schuss abgab. Einen ungezielten Warnschuss. Der dünne, trockene Knall war bei dem Lärm, den der Opel machte, kaum zu hören.

Gropp zielte jetzt auf die Heckscheibe des Opel.

Da sprang Jochen ihn von der Seite an. Gropp wurde zwei Meter zur Seite geworfen. Jochen stürzte und rollte sofort weiter.

Knirschend grub sich das Heck des Opel in die Seite des Passat. Der Passat rutschte ein Stück auf den Abhang zu. Der Fahrer des Opel ließ den Fuß auf dem Gas. Das Vorderrad des Streifenwagens bewegte sich an Jochens Gesicht vorbei.

Er sprang auf. Geduckt kam er neben der rechten Tür des Opel hoch. Er riss sie auf.

Ein Kopf ruckte herum. Ein weißes, angespanntes Gesicht, die Augen glitzernd, die Lippen gespannt wie Wolfslefzen.

Jochen packte zu. Seine Finger gruben sich in eine olivfarbene Bundeswehrjacke, schlossen sich und zerrten den Mann heraus. Er schleuderte ihn zu Boden. Die Tür des Opel traf Jochen an der Hüfte. Der verdammte Wagen fuhr immer noch.

Jochens rechte Hand fuhr in die Höhe. Über den Lauf der Pistole hinweg sah er in die Augen des Fahrers.

»Fuß auf die Bremse, Hände aufs Lenkrad!«, schrie er.

Der Wagen stoppte endlich.

Jochen ließ den Fahrer nicht aus den Augen. Er hatte nicht vergessen, dass die Kerle Waffen besaßen.

Er sah sich nicht um, als Gropp dem anderen Gangster Handschellen anlegte, und er blickte nicht auf, als der Hubschrauber der Autobahnbereitschaft aus der Luft herabstieß und auf dem ausgefahrenen Weg aufsetzte. Die Rotoren trieben feinen Sand gegen das Blech der Fahrzeuge.

Er löste sich erst aus seiner verkrampften Haltung, als Kollegen den Fahrer hinter dem Lenkrad hervor zerrten und abführten.

Dann erst sah er sich nach dem Streifenwagen um.

Der Passat saß auf der Kante des Steilhangs auf. Sein rechtes Hinterrad hing über dem Abgrund.

Da erst begannen Jochen Teskes Knie zu zittern.

9

Top-Ten hieß die Diskothek in Sennefeld, deren Besitzer die Absicht verfolgte, ein ähnliches Unternehmen in Uhlenbeck aufzuziehen. Anders als Hermann Gropp, machte sich Jochen Teske über mögliche Auswirkungen eines solchen Vorhabens keine Gedanken.

Denn Jochen ging selbst gern in Discos.

Werner Hartwig, ein flüchtiger Bekannter, hatte ihn von Uhlenbeck nach Sennefeld mitgenommen. Jochen besaß keinen eigenen Wagen. Nach Möglichkeit achtete er darauf, dass die Mädchen, für die er sich interessierte, über einen fahrbaren Untersatz verfügten. Diese Lösung fand er im Zuge der Gleichberechtigung recht angenehm.

»Wie kommst du nach Haus?«, fragte Werner, als Jochen ausstieg.

»Ich finde schon jemanden«, antwortete Jochen sorglos. »Danke fürs Mitnehmen!«

Er schlug die Wagentür zu und betrat die Top-Ten.

Im Vorraum klang das Wummern der Musik dumpf. Er schob sich durch eine Gruppe hitzig diskutierender Jungen und blieb in der Tür zum Saal stehen.

Die Lichter waren gedämpft, nur die grellen Spot-lights zuckten. Er suchte Bettina. Ihren kleinen Honda hatte er draußen nicht gesehen, aber bestimmt war sie da.

»He, Jochen!«

Er wandte sich um. Eva stand neben ihm. Eva war die Freundin eines ehemaligen Klassenkameraden. Er beugte sich zu ihr herab.

»Wie geht's?«, schrie er.

»Prima . . .«

»Wo ist Bernd?«

»Ach der! Der ist mit ein paar Anderen drüben beim Flippern. — Suchst du Bettina?«

»Hast du sie gesehen?«

»Sie war hier. Ist mit den Anderen ins Flamingo gegangen.«

Er lächelte. Dabei spürte er einen feinen Stich.

»Na, ich gehe dann besser auch rüber«, sagte er.

Es war nicht weit bis zum Flamingo-Club, der in einem ehemaligen Kino an der Bahnhofstraße untergebracht war. Er zahlte fünf Mark für einen Verzehr-Bon und bahnte sich einen Weg zur Theke. Er schüttelte den Kopf, als der Mann hinter dem Tresen ihn fragend ansah.

Der Flamingo-Club war lauter und größer und schmutziger als die Top-Ten-Disco. Hier trafen sich mit Vorliebe die ganz Jungen, weil der Inhaber es mit den Bestimmungen des Jugendschutzes nicht besonders genau nahm. Er konnte sich kaum vorstellen, dass Bettina sich hier wohlfühlte.

Aber er entdeckte sie inmitten einiger bekannter Gesichter am anderen Ende. Sie lachte laut, und sie sprach sehr lebhaft mit einem jungen Mann, dessen Familie den größten Landmaschinenhandel im Kreis betrieb.

Sie sah Jochen erst, als er schon hinter ihr stand und sie im Gedränge berührte. Sie wandte den Kopf, und das Lachen blieb noch einige Sekunden in dem hübschen Gesicht hängen, ehe es langsam erlosch.

Sie hatte langes rotes Haar, Gropp hatte schon richtig beobachtet. Ihr Gesicht war schmal, die Augen dunkel und stets fragend und meistens ernst. Sie arbeitete als Kontoristin in einem Möbelgeschäft, verdiente mehr Geld als Jochen und hatte sich im Haus ihrer Eltern eine eigene Wohnung mit separatem Eingang ausbauen lassen.

»Hallo!«, sagte er. Er musste es sehr laut sagen, wodurch dieses tastende Wort einiges von seiner Beiläufigkeit, die Jochen ihm zudachte, einbüßte.

Die Anderen, die ihn zwar alle kannten, aber Freunde und Freundinnen oder Kollegen von Bettina waren, setzten ihre Unterhaltung einfach fort.

»Ich dachte, wir wären verabredet gewesen«, sagte er zu Bettina.

Er hatte es nicht sagen wollen.

Sie sah ihn an und runzelte unwillig die Stirn.

»Du bist nicht gekommen«, sagte sie.

Er konnte ihre Worte kaum verstehen, wusste aber trotzdem genau, was sie sagte.

»Ich konnte nicht früher. Entschuldige.«

»Wie bitte?«

Er beugte sich zu ihr herab. »Ich konnte nicht eher!«, schrie er. »Da war ein Überfall auf die Kreissparkasse in Uhlenbeck. Die Täter haben einen Kunden verletzt. Gropp und ich . . .«

Er spürte, dass sie nicht bei der Sache war. Er reichte den Getränkebon über den Tresen.

»Was trinkst du?«

»Ich habe noch.«

Er bestellte ein Bier. Er bekam ein großes Glas, worüber er sich ärgerte, aber er nahm es und trank es mit zwei langen Zügen aus. Bettina wandte ihm halb den Rücken zu. Sie lachte laut, als eine ihrer Kolleginnen etwas sagte.

Jochen stellte das Glas zurück und schob sich durch die Umstehenden in Richtung Ausgang. Im Vorraum wartete er, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Auch hier ging es sehr laut zu, aber man konnte wenigstens sein eigenes Wort verstehen.

Sie kam wenig später. Sie sah sich um, und als sie ihn erblickte, wie er da betont lässig an der Wand lehnte, wurde ihr Mund klein.

»Wollen wir irgendwohin gehen?«, fragte er. Er sah auf die Uhr. Es war schon elf.

»Die Anderen warten auf mich«, sagte sie. Ihre Stimme klang spröde.

»Ich konnte nicht früher. Es war viel los.«

»Das sagtest du schon.«

Zwei bewaffnete Schwerverbrecher aus Hamburg haben auf mich geschossen und versucht, mich über die Kante der Kiesgrube zu stoßen, dachte er, sprach die Worte aber nicht aus. Die Strafanzeige würde unter Anderem auf versuchten Mord lauten.

Er bemerkte die Blicke einiger betrunkener Jugendlicher, die Bettina mit den Augen abtasteten. Sie trug eine knallenge gelbe Hose und eine dünne grüne Bluse. Einer der Burschen machte eine obszöne Bemerkung zu den anderen, und die Kerle grölten laut.

Jochen nahm einfach Bettinas Arm und schob sie hinaus.

Es war kühl draußen.

»Die Anderen rechnen doch nicht damit, dass du zurückkommst«, sagte er. Er zögerte, wartete, dass sie etwas sagte. Dass sie vorschlug, zu ihr zu fahren. Er berührte ihren Arm.

»Fahren wir zu dir?«, fragte er.

Er spürte, dass sie sich steif machte, und er ließ ihren Arm los.

»Es ist schon spät«, sagte sie. »Ich weiß nicht.«

»Gehen wir in die Pizzeria«, schlug er vor.

Das kleine italienische Lokal hinter dem Bahnhof hatte noch geöffnet. Sie setzten sich ans Fenster. Luigi, der Kellner mit der Schwäche für hübsche Mädchen, zündete die Kerze auf dem Tisch an. Bettina wollte nichts essen, nur ein Glas Wein trinken. Er bestellte eine Karaffe und sah sie an.

»Was ist los?«, fragte er. »Ich bin nicht das erste Mal später vom Dienst gekommen.«

»Nie weiß ich, wann du für mich da bist.«

Er wollte etwas sagen, aber sie sprach schnell weiter.

»Ich weiß nicht, ob du überhaupt für mich da bist!«

Unvermittelt sah sie ihn mit ihren leuchtend blauen Augen an.

»Ich bin Polizist«, sagte er hilflos, weil er nicht wusste, was sie in Wirklichkeit meinte.

»Ich meine nicht diese Äußerlichkeiten. Dass du Polizist bist und Schichtdienst machen musst, habe ich vom ersten Tag an gewusst ... Ich weiß, dass du nach der Nachmittagsschicht immer erst müde bist. Und dass du erst wieder munter wirst, wenn ich schlafen muss. Und dann kommst du und willst mit mir schlafen . . .«

»Ich denke . . .«

»Du denkst, ich bin immer für dich da! Hast du mal über unsere Beziehung nachgedacht? Ich meine nicht, dass wir heiraten sollten.«

»Was meinst du denn?«

»Wenn du es nicht selbst weißt . . .« Sie sah ihn ernst an.

Jochens Hals wurde eng. Sie wartete auf das eine Wort, das er nicht sagen konnte. Er war noch nicht reif dazu. Ich liebe dich. Das war etwas Endgültiges.

»Siehst du«, sagte sie, und die leuchtenden Augen verdunkelten sich, das Gesicht zeigte einen Moment lang so etwas wie Trauer. Doch dann warf sie den Kopf zurück. »Ich muss nach Haus«, sagte sie. »Es wird spät. Ich fahre dich eben nach Uhlenbeck.«

»Das ist nicht nötig«, sagte er steif.

»Mensch, Jochen! Jetzt sei doch nicht verletzt!«

»Sag du jetzt bloß nicht, wir wollen gute Freunde bleiben!«

»Warum denn nicht, Jochen!« Bettina seufzte. »Ich glaube, du hast nichts begriffen. Ich hätte dich lieben können, Jochen. Vielleicht kann ich es noch, eines Tages.« Wieder sah sie ihn fragend an, aber er blieb stumm.

Er begleitete Bettina zu ihrem Honda, den sie in der Bahnhofstraße abgestellt hatte. Während des kurzen Weges sprachen sie kein Wort miteinander. Erst als sie in ihrem Wagen saß und schwungvoll zurückgesetzt hatte, hielt sie an seiner Seite noch einmal an und drehte die Scheibe herab.

»Deine Schwester hat mich vor dir gewarnt«, sagte sie. »Du bist 'n Sturkopp, hat sie gesagt. Recht hat sie.«

»Wann hast du sie getroffen?«, fragte er.

Ungeduldig wollte Bettina die Scheibe wieder hochdrehen. »Gott, ich war 'ne Ewigkeit nicht mehr in Hamburg. Irgendwann letzten Monat, da hab' ich sie am Jungfernstieg getroffen. Mit ihrem Freund. Der ist jedenfalls kein Sturkopp, der ist charmant!«

Er sah ihr nach, wie sie mit durchdrehenden Reifen davon preschte.

Schade, dass er Maria nicht einfach anrufen konnte. Wie gut hatten sie sich früher einmal verstanden! Er dachte an die langen Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, als er sich zwischen der Polizeiausbildung oder der Verwaltungslaufbahn entscheiden musste. Maria konnte sehr ernsthaft zuhören, und wenn sie auf seine Zweifel einging, dann tat sie es gefühlsmäßig, ohne die Vor- oder Nachteile der einen oder der anderen Entscheidung gegeneinander wie ein Berufsberater abzuwägen. Natürlich hatte sie gespürt, dass seine Vorliebe dem Beruf des Polizisten galt, und unaufdringlich hatte sie ihn in seiner Überzeugung bestärkt.

Jetzt hätte er jemanden gebraucht, der ihm die Richtigkeit seiner Entscheidung bestätigte. Ein Mädchen, das bereit gewesen wäre, eine Entscheidung mitzutragen. Bettina war dieses Mädchen nicht, und Maria hatte sich für ihr eigenes Leben entschieden.

Vielleicht war sie es jetzt, die jemanden brauchte.

Jochen nahm sich vor, seine Schwester zu besuchen. So bald wie möglich.

Als ein Taxi auf den Bahnhofsvorplatz einbog, winkte er es heran.

10

Nach einer Freischicht am Mittwoch wechselten Jochen Teske und Hermann Gropp am Donnerstag in die Frühschicht.

Katterbach, der Dienstgruppenleiter ihrer Schicht, fing Jochen ab, als er von seinem Spind kam.

»Ihr neuer Funkwagen ist da, Sie Glückspilz!«, sagte er überschwänglich. »Fahren Sie demnächst etwas vorsichtiger, wenn ich bitten darf, der Etat verträgt keinen weiteren Bruch.«

»Sonst noch Beschwerden?«, erkundigte sich Jochen.

»Muffig, der Herr Polizeiwachtmeister? Nicht zufrieden mit den Zeitungsberichten?«

»Quatsch!«

»Unser Chef ist sehr stolz auf Sie, weil Sie ein so bescheidener Beamter sind.« Katterbach zog einen Zettel unter dem Pult hervor. »Die Kripo in Sennefeld möchte gern Ihre Zeugenaussage auf nehmen. Man erwartet Sie heute um 15 Uhr. Machen Sie ein freundliches Gesicht, der Herr Staatsanwalt wird auch dort sein.«

»Mist«, sagte Jochen.

»Haben Sie etwas Anderes vor, Herr Teske?«, erkundigte sich Katterbach.

»Um zwei habe ich dienstfrei!«

»Ich schreibe Ihnen die Überstunden gut. Das ist doch ein Angebot!« Katterbach stützte sich mit den Ellbogen auf den Tresen. Breit grinste er den Jüngeren an. »Kommen Sie, Teske, es ging nicht anders. Die Ganoven werden morgen früh nach Hamburg überstellt. Die Hamburger haben nämlich ältere Rechte. Gegen den Brecht liegt dort ein Haftbefehl wegen bewaffneten Raubüberfalls mit Körperverletzung vor. Und der andere, Kloss, wird von der Staatsanwaltschaft Hamburg wegen diverser Kleinigkeiten gesucht. Unter Anderem Einbruch in ein Waffengeschäft. Freuen Sie sich, dass Sie nicht nach Hamburg müssen.«

»Ich freue mich riesig«, sagte Jochen.

Er nahm sein Streifenbuch aus dem Fach und ging in den Aufenthaltsraum. Wenn sie Frühschicht hatten, hatte er stets Mühe, Gropp vom Kaffeeautomaten weg zu lotsen.

»Ist was?«, erkundigte sich Gropp, als Jochen wenig später um den ihnen zugeteilten Funkwagen herumging. Es war wieder ein Passat.

»Nee«, antwortete Jochen. »Katterbach hat uns reingelegt.«

»Wieso?«

»Das ist kein neuer Wagen. Den will kein Anderer mehr haben. Das ist eine alte Kiste!«

Gropp setzte sich hinein. »Kommen Sie schon! Wir haben einen Wagen zu Bruch gefahren. Wieso und warum, danach fragen die in der Verwaltung nicht. Die müssen erst wieder Vertrauen zu uns fassen.«

Jochen startete den Motor. Argwöhnisch lauschte er dem leisen Brummen, und erst, als er nichts daran auszusetzen fand, lenkte er den Funkwagen vom Platz bei der Wache.

Gropp nahm den Hörer des Funktelefons. »Heide 1 von Heide 42, sind auf Empfang.«

»Verstanden, 42«, bestätigte die Zentrale.

Eine andere Stimme kam aus dem Lautsprecher.

»Auf zu neuen wilden, verwegenen Jagden!«

Die Einsatzleitstelle fuhr sofort dazwischen.

»Hier Heide 1! Halten Sie Funkdisziplin!«

Jochen fuhr durch die Stadt.

»Wie haben Sie die Geschichte verarbeitet?«, erkundigte sich Gropp, nachdem sie einen leichten Verkehrsunfall auf der Uelzener Straße aufgenommen hatten und wieder unterwegs waren.

Jochen hob die Schultern. »Keine Probleme, glaube ich. Meine Mutter war ziemlich aufgeregt. Irgend jemand hatte sie angerufen . . . Und Sie?«

»Es war knapp, denke ich. Wenn Sie mich nicht weggestoßen hätten, wäre ich wohl die Wand runter gesegelt. Ich hatte mich so auf den gezielten Schuss konzentriert . . .« Gropp wischte über sein Gesicht. »Ich habe noch nie auf einen Menschen geschossen. Ich habe wohl zu lange gezögert. Es kostet verdammte Überwindung.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Jochen.

»Ich habe in meinen Bericht geschrieben, dass Sie mir durch Ihren besonnen und selbstlosen Einsatz möglicherweise das Leben gerettet haben.«

»Es war einfach ein Reflex«, sagte Jochen unbehaglich.

»Mag sein«, räumte Gropp ein. »Sie hätten auch zur anderen Seite wegspringen können. — Hat Stöcker mit Ihnen gesprochen?«

»Nein. Mit mir redet er nur, wenn er was zu meckern hat.«

»Er hat bei mir gemeckert.«

»Über mich?«

»Es betrifft uns beide. Die Einsatzleitstelle hatte angeordnet, wir sollten auf Verstärkung warten, als feststand, dass die Verdächtigen sich im Kiesgrubengelände aufhielten. Erinnern Sie sich?«

»Die Durchsage habe ich nicht gehört. Als Sie mir sagten, ich solle anhalten, war es zu spät. Da schlingerte der Ascona ja schon auf uns zu. Ich musste einfach Gas geben!«

»Das habe ich Stöcker auch erklärt. Wie auch immer, er stuft unser Vorgehen als leichtsinnig ein.«

»Von mir aus.«

Jochen bog in die Marienstraße ein, fuhr bis zum Ende und hielt an der Seite der Hauptschule. Wenn er sich vorbeugte, konnte er durch die Zaunstäbe hindurch das Tor und den Kiosk an der Rektor-Füger-Straße sehen.

»Wenn er einen Vermerk in Ihrer Personalakte macht, sollten Sie dagegen angehen«, sagte Gropp.

»Mal sehen«, meinte Jochen. Er ließ sich tiefer in seinen Sitz rutschen und nahm die Mütze ab. Die Sonne spiegelte sich blass in den Scheiben des Schulgebäudes.

Gropp verfiel in Schweigen, und auch Jochen war nicht nach Reden zumute. Er versuchte, nicht an Bettina zu denken. Insgeheim hatte er gestern den ganzen Tag auf ihren Anruf gewartet. Bettina wusste, dass er dienstfrei gewesen war.

»Was macht die Rothaarige?«, fragte Gropp unvermittelt. «Oder ist es wieder eine Andere?«

»Keine Andere, aber mit der Rothaarigen läuft nichts mehr«, sagte Jochen, wobei er starr zur Schule hinübersah.

Die große Pause begann. Einige der älteren Schüler gingen einfach durch das Tor und zum Kiosk, obwohl das Verlassen des Schulgeländes während der Schulstunden und der Pausen streng verboten war.

»Schade«, meinte Gropp. »Sie war bestimmt nett.«

»Ja«, sagte Jochen.

»Helden sind eben einsam, und die Polizisten ganz besonders . . .«

»Sie haben gut reden!«

»Sie sind nicht der erste Schutzmann, dem das Mädchen weggelaufen ist«, sagte Gropp überzeugt. »Sogar die Ehefrauen haben schon damit angefangen, den Polizisten wegzulaufen. Es ist wie eine Epidemie. Wissen Sie, dass die Scheidungsquote unter Polizeibeamten sehr hoch ist und immer noch steigt?«

»Nein«, antwortete Jochen.

Er verdrehte den Kopf, um die größer werdende Ansammlung an dem kleinen Kiosk besser beobachten zu können. Einige Jungs rauchten. Jochen vermutete, dass auch eine Schnapsflasche kreiste.

»Eigentlich ist es doch blöd, dass wir immer noch beim Sie sind«, sagte Gropp dann. »Wir sind doch Kollegen und Partner. Was meinen Sie?«

Jochen spürte genau, wie schwer es dem Älteren fiel, ihm, dem Jüngeren, zu zeigen, dass er ihn mochte. Auch er, Jochen, war nicht der Typ, der seine Gefühle offen zur Schau stellte. Vorgestern Abend hätte er es tun müssen . . .

Er sah Gropp an und lächelte. »Ich werde mich bestimmt ein paar Mal versprechen«, meinte er.

»Nicht, nachdem wir zusammen ein paar Bier gezischt haben.« Er hielt Jochen die Hand hin. »Du weißt ja, wie ich heiße. Hermann. Gut deutsch. Hermann.«

»Ich heiße Jochen.«

Gropp stieß Jochen an und deutete mit dem Kopf nach draußen.

»Sieh mal an, den kennen wir doch!«

Er stand zwischen den Schülern neben dem Kiosk, von denen er die meisten überragte. Sein schmaler Vogelkopf mit dem ungepflegten Haar zuckte unruhig. Dann schob er sich zwischen ihnen her und stakste davon.

Er trug noch dieselben abgewetzten Jeans und die ausgelatschten Turnschuhe wie vor ein paar Tagen, abends unter den Platanen am Markt. Unter seinem Arm klemmte ein zerkratzter schwarzer Vollsichthelm.

»Verdammich, verdammich«, stieß Gropp verwundert hervor. »Du hast recht, Jochen. Wie, sagte der Jansen- Junge, heißt der Bursche?«

»Harry. So nannte ihn jedenfalls der Andere.«

Harry trottete mit vor geneigtem Oberkörper davon. Jochen tastete nach dem Zündschlüssel.

»Warte«, sagte Gropp gelassen.

»Mit dem stimmt doch was nicht!«

»Was du nicht sagst!«, spottete Gropp.

»Der hat Hasch verkauft!«, sagte Jochen. Als Harry seinen Blicken entschwand, fügte er hitzig hinzu: »Also greifen wir ihn uns und filzen seine Taschen!«

»Aber doch nicht jetzt, und nicht hier, Jochen«, sagte Gropp. »Der hat seine paar Joints verscheuert. Wenn wir ihn jetzt packen und nichts finden, stehen wir im Regen. Der soll sich erst wieder die Taschen füllen.«

Jochen blies gegen die Windschutzscheibe. »Dann müssen wir ihn den Kollegen in Sennefeld schenken«, meinte er enttäuscht.

»Das überlass mal mir«, sagte Gropp. Er nahm den Hörer des Funktelefons aus der Halterung und drückte die Sprechtaste in der Hörerbrücke. »Heide 1 von Heide 42 kommen.«

»Ja, 42?«

»Haben Sie einen Wagen in der Nähe Uhlenbecker Straße?«, erkundigte sich Gropp.

»13 steht am Kauf-Zentrum.«

»Da kommt in etwa zehn Minuten ein Mann mit einem Mofa oder Mokick her. Hager, schwarzer Sturzhelm, abgetragene Jeans und Turnschuhe. Können Sie den Fahrer überprüfen?«

»Gibt es einen besonderen Anlass?«

»Personalienfeststellung«, sagte Gropp.

»Verstanden. 13 setzt sich direkt mit Ihnen in Verbindung, 42.«

Zufrieden klemmte Gropp den Hörer in die Halterung. Zu Jochen sagte er: »Fahr mal um die Ecke.«

Jochen startete und stoppte gleich wieder vor dem Kiosk. Er und Gropp stiegen aus und bauten sich vor dem winzigen Schalter-Fenster auf. In dem Rechteck schwebte ein schwammiges Gesicht.

»Wie geht es Ihnen, Herr Lüth?«, erkundigte sich Gropp jovial. Er stützte sich auf das Brett vor dem Fenster, auf dem Kästen mit Comic-Heften und Gläser mit Süßigkeiten standen. Angewidert betrachtete er die feuchten Ringe, die von einem Flaschenboden stammten.

»Guten Morgen«, sagte Lüth unsicher. »Sie heißen Gropp, ja?«

»Getroffen!«

»Kann ich etwas tun? Für Sie und Ihren Kollegen?«

»Schlagen Sie was vor.«

»Ich habe frischen Kaffee da.«

»Wie wär's mit einem Schnaps?«, fragte Gropp.

»Schnaps? Ich darf hier doch keinen Schnaps ausschenken!«

»Aber verkaufen dürfen Sie ihn.«

»Ja . . .«

»Auch an Jugendliche?«

»Ich verkaufe keinen Alkohol an Jugendliche!«, sagte der Kiosk-Pächter entrüstet.

Gropp deutete über seine Schulter. »Wir haben während der Pause dort drüben gestanden. Wir sind ziemlich sicher, dass da eine Schnapsflasche rundgegangen ist. Wir können die Schüler mal rauskommen lassen, wenn Sie dabei bleiben, keinen Alkohol an Jugendliche abgegeben zu haben.«

»Da war Einer, der war über 18«, behauptete Lüth. »Zumindest sah er so aus«, schränkte er hastig ein, als er Gropps hartem Blick begegnete.

»Wieso durfte der denn hier trinken, und ich nicht?«

Lüth wand sich. »Was kann ich denn gegen diese Burschen machen! Wenn ich ihnen den Schnaps nicht verkaufe, holen sie ihn sich im Supermarkt.«

Gropp schüttelte missbilligend den Kopf. »Das Ordnungsamt wird nicht erfreut sein, wenn es erfährt, dass Sie nicht in der Lage sind, in Ihrem Verantwortungsbereich für die Einhaltung der Vorschriften und Auflagen zu sorgen. Hinzu kommen Verstöße gegen die Bestimmungen des Gesetzes zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit. Die Schulaufsichtsbehörde wird darauf bestehen, dass Ihr Laden geschlossen wird, Herr Lüth.«

Das teigige Gesicht hinter dem Schalter-Fenster überzog sich mit einem dünnen Schweißfilm.

»Herr Gropp, ich werde aufpassen! Ich brauche doch das Einkommen hier! Von meiner Rente kann ich nicht leben!«

»Was wollte Harry hier?«, fragte Gropp überfallartig.

»Harry?«

»Wenn Sie den Kasper mit mir machen wollen, kann ich auch andere Töne anschlagen! Wir können uns zum Beispiel in der Wache unterhalten!«

»Sie sagten, Harry?«

»Das ist der große dürre Bursche, der jeden Donnerstag herkommt. Oder kommt er auch an anderen Tagen?«

»So genau kriege ich das nicht mit. In den Pausen drängeln immer viele hier rum. Da muss ich auf mein Geld aufpassen.«

»Sie haben uns immer noch nichts über Harry erzählt.«

»Was soll ich Ihnen denn erzählen? Der kommt manchmal her, trinkt 'ne Cola . . .«

»Und 'n Bier . . .«

»Nee, Bier trinkt der nie.«

»Also ein Antialkoholiker. So Leute soll es ja noch geben. Er kommt immer, wenn drüben Pause ist. Komisch, wie?«

»Wieso?«

»Weil er nicht auf diese Schule geht, nie hingegangen ist. Warum kommt er also?«

»Keine Ahnung, Herr Gropp.«

»Wie heißt er?«

»Harry. Mehr weiß ich auch nicht.«

Gropp sah den Kiosk-Pächter durchdringend an.

»Herr Gropp, ich will doch keine Schwierigkeiten!« beteuerte Lüth.

»Ich sehe aber eine Menge auf Sie zukommen. Ich weiß, dass Harry Geschäfte macht.«

Zu Gropps Überraschung nickte Lüth. »Ja, ja. Er hat schon mal so Sachen dabei. Uhren oder Messer oder Feuerzeuge. Einmal hat er mir einen Kassettenrecorder angeboten. Aber was soll ich mit so einem Ding.«

Gropps Blick fiel auf ein Brett in der Auslage. Darauf waren Taschenmesser und Gasfeuerzeuge befestigt. Lüths Gesicht lief rot an.

»Jetzt bekommen Sie es sogar mit dem Diebstahldezernat zu tun«, seufzte Gropp.

Als er hörte, dass sein Funkname gerufen wurde, wandte er sich noch einmal an Lüth.

»Wenn Sie innerhalb der nächsten Stunde auf die Idee kommen sollten, zu telefonieren, sind Sie weg vom Fenster, Mann, und das meine ich wörtlich!«

Er setzte sich in den Streifenwagen, knallte die Tür zu und nahm den Hörer. Jochen setzte sich hinter das Lenkrad.

»Die betreffende Person fährt ein Leichtkraftrad älterer Bauart«, meldete der Streifenführer von Heide 13. »Kennzeichen SEF—CC 416. Name Böhme, Vorname Harald, geboren am 5.4.63 in Celle, jetzt wohnhaft in Ortwinstraße 23 in Sennefeld. Wir haben den Fahrer nach mündlicher Verwarnung wegen einer schadhaften Auspuffanlage weiterfahren lassen.«

»Danke, 13.« Gropp wandte sich an Jochen. »Diese kleine Beutelratte handelt mit Diebesgut . . .«

»Und mit Drogen«, behauptete Jochen. »Zumindest mit Haschisch.«

Gropp sah den jüngeren Kollegen skeptisch an. »Na schön. Wenn wir danebengreifen, dann gemeinsam. Fahr schon mal los. Nach Sennefeld.« Er nahm den Hörer und rief die Einsatzstelle.

»Können Sie eine Fahndungsstreife zu der eben genannten Anschrift schicken?«, fragte er.

»Sofort?«

»Gefahr im Verzuge«, behauptete Gropp forsch.

»Brauchen Sie Unterstützung von der K-Wache?«

»Lieber einen Hundeführer mit Rauschgifthund«, antwortete Gropp.

»Ihr habt es wohl groß vor!«

Diese Bemerkung konnte sich der Kollege in der Einsatzleitstelle nicht verkneifen.

»Ein kleiner Fisch«, wiegelte Gropp ab. »Wir kommen rüber.«

»Sie leiten die Aktion, 42. Treffpunkt in 20 Minuten Ortwinstraße Ecke Burgmauer an der Gärtnerei.«

Jochen Teske und Hermann Gropp ließen ihren Funkwagen hinter der Gärtnerei stehen. Die Kollegen von der Fahndungsstreife trugen Zivil. Ihr neutraler Audi stand bereits in der Ortwinstraße. Ein Kollege saß am Funk.

Jochen und Gropp begrüßten die beiden anderen mit Handschlag.

»Ich bin Konrad Matheis«, sagte der Ältere, »das ist mein ständiger Partner Heinz Döring.«

Döring war ein schlaksiger junger Mann. Er trug einen dichten Oberlippenbart, der sein Gesicht älter erscheinen ließ.

Gropp setzte die Kollegen kurz ins Bild.

»Wir haben den Verdacht, dass Harald Böhme in der Umgebung der Hauptschule Uhlenbeck entweder Haschisch oder andere Drogen oder Diebesgut vertreibt oder heute morgen welches angeboten hat. Wir halten es für möglich, dass er umgehend nach Hause gefahren ist, um sich mit neuer Ware zu versorgen.«

Matheis nickte. »Wenn wir ihn auf der Treppe antreffen oder er uns in die Wohnung lässt, brauchen wir keinen Durchsuchungsbeschluss.« Matheis reichte Gropp ein Handfunkgerät. »Wir haben nur noch dieses übrig«, sagte er.

»Wo bleibt der Rauschgifthund?«, fragte Jochen.

»Der Hundeführer ist benachrichtigt. Er kommt aus Lüneburg, wird aber in etwa einer Viertelstunde eintreffen. Wollen wir warten?«

»Unser junger Kollege Teske ist ungeduldig«, sagte Gropp. »Gehen wir einfach mal rüber und schauen uns die Bruchbude an, in der Freund Harry wohnt.«

An der Ortwinstraße standen einige heruntergekommene Mehrfamilienhäuser, die in der Nachkriegszeit für Flüchtlinge und Umsiedler erbaut worden waren. Zu jedem Haus gehörten ein enger Hof und ein Schuppenanbau, in dem die Bewohner damals Brennholz lagern oder Kleintiere halten konnten.

Matheis führte die Kollegen durch den schmalen Gang auf den Hof. Das Leichtkraftrad mit dem Kennzeichen SEFCC 416 stand gleich neben der Hintertür. Hinten im Hof lagen Bretter, verbogene Kinderwagengestelle und anderes Gerümpel. Im Nachbarhof spielten ein paar Kinder, Frauen mit Kopftüchern standen an der Teppichstange.

»Bleiben Sie hier am Hinterhaus«, sagte Gropp zu Döring. »Wir wollen vorn hineingehen, wie es sich gehört. Lassen Sie den Mann nicht weg!«

»Klar«, sagte Heinz Döring.

Jochen bückte sich und zog die Kappe mit dem Stecker von der Zündkerze.

»Für alle Fälle«, meinte er.

Döring grinste.

Vorne führten drei ausgetretene Zementstufen zur Haustür. Die Tür war nicht verschlossen. Während Gropp sie bereits öffnete, studierte Jochen die Namensschildchen neben den sechs Klingeln. Sein Gesicht wurde lang, als er den Namen Böhme nicht entdeckte.

»Er wohnt als Untermieter bei den Noldens«, sagte Gropp. Er grinste und deutete auf einen verbeulten Briefkasten an der Wand des Treppenflurs. Im Schriftfeld des Briefkastens steckte ein Stück Pappe, auf dem der Name Nolden stand. Darunter war, mit einem spitzen Gegenstand ein gekratzt, der Name H. Böhme zu lesen.

»Zweiter Stock, vermute ich«, sagte Matheis. Er hob das Handfunkgerät an den Mund. »Wir gehen jetzt hoch. Zielperson wohnt anscheinend bei Nolden, zweiter Stock.«

»Verstanden«, bestätigte der Kollege, der im Wagen zurückgeblieben war und dort für die Koordinierung sorgte.

Die Treppe war so eng, dass die Männer nur hintereinander gehen konnten. Auf dem ersten Absatz begegnete ihnen eine alte Frau, die sich am Treppengeländer festklammerte, während die Polizeibeamten wortlos an ihr vorbeigingen.

Auf den letzten Stufen bewegten sich die Männer möglichst lautlos. Matheis deutete auf eine braune Tür auf der rechten Seite. NOLDEN stand unter der Klingel. Einen Türspion gab es nicht. Gropp klingelte zwei Mal.

Der Spalt unter der Tür wurde hell, ein Schatten bewegte sich auf der hellen Linie, dann wurde die Tür aufgerissen.

Eine Frau starrte die Männer sprachlos an. Sie war Ende Dreißig. Der speckige Kittel machte sie plump. Die dicken Füße steckten in formlosen Hausschuhen.

»Frau Nolden? Wo ist Herr Böhme?«

»Was wollen Sie von Harry? Der hat jetzt keine Zeit!« Die Stimme der Frau klang schrill.

»Wir wollen ihn nicht lange aufhalten«, sagte Gropp. »Nur ein paar Fragen.«

Sie zögerte, gab die Tür frei. Gropp und Jochen schoben sich als erste an ihr vorbei. Eine Wolke undefinierbarer Gerüche schlug ihnen aus der offenen Küchentür entgegen. Dort am Tisch saß Harry Böhme. Lustlos rührte er in einem Teller Suppe herum. Sein strähniges Haar hing ihm über die Augen. Er strich es mit einer nervösen Bewegung zurück. Von unten herauf sah er Jochen an. Jochen konnte den Blick nicht deuten, aber er fragte sich, warum der Bursche ihn anstarrte, ausgerechnet ihn!

Schnell ging er um den Tisch herum und baute sich hinter dem Mann auf. Dabei sah er sich aufmerksam um.

Häufig versuchten Verdächtige, rasch noch irgendwelche Beweisstücke verschwinden zu lassen, wenn sie von der Polizei aufgesucht wurden.

Unter dem Stuhl oder dem Tellerrand lag nichts Verdächtiges.

»Können wir uns in Ihrem Zimmer unterhalten?«, fragte Gropp, als sich Frau Nolden hinter ihm in die Küche quetschte.

»Ich bin seine Tante! Und außerdem wird seine Suppe kalt!«

»Stellen Sie sie warm«, entschied Gropp. »Kommen Sie, Herr Böhme.«

Harry Böhme stand auf. »Ich hab' nichts angestellt«, sagte er.

»Das hat bisher auch niemand behauptet.«

Böhme öffnete seine Tür. Sein Zimmer war schmal und nicht aufgeräumt, das Fenster geschlossen. Die Luft roch abgestanden, aber Jochen, der unauffällig schnüffelte, konnte keinen verdächtigen Geruch wahrnehmen.

Das lief so glatt, dachte er. Er schwitzte leicht. Er hatte danebengehauen ...

»Welche Geschäfte machen Sie mit Herrn Lüth und den Schülern der Hauptschule in Uhlenbeck?«, erkundigte sich Gropp. Er ging zum Fenster und lehnte sich dort gegen die Kante.

»Geschäfte? Ich mache überhaupt keine Geschäfte!«

»Wovon leben Sie? Ich meine, was sind Sie von Beruf? Und wo sind Sie beschäftigt?«

»Ich bin arbeitslos«, sagte Harry Böhme. »Zuletzt habe ich im Tiefbau gearbeitet.«

Gropp stieß sich von der Fensterkante ab. Ein Regal erregte seine Aufmerksamkeit. Dort standen ein tragbares Fernsehgerät, eine neue Stereoanlage aus modernen Mini-Bausteinen und ein Paket original verpackter Videobänder.

Gropp schnalzte mit der Zunge. »Teuer, teuer«, sagte er. Seit wann sind Sie arbeitslos?«

»Seit dem vorigen Winter . . .«

Gropp drehte die Geräte um. Matheis schob sich heran. Er notierte die Fabriknummern und gab sie über Funk an den Kollegen unten im Wagen weiter.

Seit die Seriennummern von gestohlenen Gegenständen bundesweit im Polizei-Computer-System POLCOM gespeichert wurden, war eine schnelle Abfrage dieser Daten direkt von jeder Polizeidienststelle, die über ein Datengerät verfügte, möglich.

Harry Böhme begann zu schwitzen.

»Die Kaufunterlagen zu diesen Geräten haben Sie sicher noch«, meinte Gropp.

»Ich brauche nichts zu sagen!«

»Natürlich nicht. Wenn Sie sich damit selbst belasten.«

»Ich habe die Sachen von einem Bekannten gekauft«, sägte Harry Böhme.

»Name?«

»Den kenne ich nicht.«

»Wenn die Gegenstände gestohlen sind, werden wir Ihr Zimmer mit dem feinen Kamm durchsuchen.«

Matheis bedeutete den Anderen zu schweigen, als die Stimme des Kollegen aus dem Funkgerät kam.

»Treffer«, sagte die Stimme. »Vier der angegebenen Positionen stammen aus einem Einbruch in ein Elektrogroßlager in Hamburg. Die Hamburger Kripo sucht dringend nach Hinweisen. Bei dem Einbruch wurde ein Wachmann verletzt.«

»Verstanden . . .«

»Der Kollege aus Lüneburg ist eingetroffen.«

»Schick ihn rauf«, sagte Matheis.

Gropp baute sich vor Harry Böhme auf. »Sie sind vorläufig festgenommen, Herr Böhme. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass alles, was Sie von jetzt an sagen, gegen Sie verwendet werden kann. Alles weitere wird man Ihnen auf der Kriminalwache sagen. — Leeren Sie jetzt bitte Ihre Taschen.«

Böhme beförderte ein Taschenmesser, mehrere teure und neue Feuerzeuge, Schlüssel und eine dicke Brieftasche auf den Tisch.

Matheis klappte die Brieftasche auf. Er stieß einen leisen Pfiff aus und deutete auf das dicke Banknotenbündel.

»Das ist sicher das Arbeitslosengeld für die letzten Monate, was, Harry?«

»Das Geld gehört mir nicht«, sagte Böhme mürrisch.

»Ist das alles, was Sie bei sich haben?«, fragt Gropp.

Als Böhme nickte, griff Jochen Teske in die Brusttasche der Jeansjacke. Seine Finger stießen auf ein flaches Päckchen. Er zog es heraus.

In Aluminiumpapier eingewickelt enthielt das Päckchen vier sehr dünne zigarettenartige Gebilde. Jochen schnupperte.

»Haschisch«, stellte er fest. Er konnte seinen Triumph nur schlecht verhehlen, obwohl der Besitz von nur wenigen Joints kaum ausgereicht hätte, eine weitere Wohnungsdurchsuchung oder gar eine Festnahme zu begründen.

»Die rauche ich selbst«, sagte Harry Böhme auch prompt.

»Wo haben Sie die Joints her?«, fragte Matheis.

»Die kaufe ich in Hamburg am Bahnhof! Das weiß doch jeder, wo man Joints kaufen kann!«

Matheis packte einen von Harry Böhmes Armen und schob den Arm in die Höhe.

»Ich fixe nicht!« sagte Böhme.

Auch der andere Arm wies keine Einstichstellen auf.

Es klingelte an der Wohnungstür. Matheis öffnete die Zimmertür. Frau Nolden stand einem großen bärtigen Polizeibeamten in Uniform gegenüber, der einen Schäferhund an der kurzen Leine führte.

»Kommen Sie hier herein, Herr Kollege!«, rief Matheis.

Mit dem großen Polizisten und dem Hund wurde es noch enger in Harry Böhmes Zimmer. Der Hund witterte sofort die Haschischzigaretten. Der Hundeführer ließ den Hund im Raum herum stöbern, aber das Tier spürte kein weiteres Haschisch auf.

Gropp schob sich in den Flur. Frau Nolden rang die Hände. »Ich weiß von nichts, bestimmt nicht! Was dieser Junge mir schon alles angetan hat . . .«

»Haben Sie oder hat er Zugang zu dem Schuppen unten?«

»Nein. Da wohnen Türken drin.«

»Geben Sie mir Ihren Kellerschlüssel!«, verlangte Gropp.

Die Hände der Frau zitterten, als sie den Schlüssel aus der Kommode im Flur nahm und Gropp gab.

Die ganze Gruppe kletterte im Gänsemarsch nach unten. Im Keller gab es mehrere düstere Lattenverschläge. Weil Harry Böhme verstockt schwieg, musste Gropp das Schloss, auf das der Schlüssel in seiner Hand passte, suchen. Als die dünne Lattentür nach innen schwang, ließ Gropp dem Hundeführer den Vortritt.

Harry Böhme blieb im Gang unter der trüben Lampe zurück, bewacht von Polizeimeister Matheis, während sich der Hund jaulend durch einen Stoß alter Teppiche wühlte. Neugierig trat Jochen näher.

Der Hundeführer zerrte eine Plastiktasche unter den Teppichen hervor. Er öffnete sie und ließ Jochen einen Blick hineinwerfen.

In der Tüte befanden sich sechs in Aluminiumfolie eingeschlagene Tafeln, von denen jede etwa doppelt so groß und so dick war wie eine Tafel Schokolade. Obwohl die Platten gut verpackt waren, verströmten sie einen intensiven Geruch.

»Frische, gute Ware, würde ich sagen«, sagte der Hundeführer. »Letzte Woche erst hatten wir in Lüneburg eine große Menge Schwarzer Afghane aufgespürt. Die Platten waren genau so groß und genau so verpackt.« Der Hundeführer streichelte seinen Hund.

Jochen drehte sich um. Harry Böhme stand im Rahmen der Lattentür. Mit einer Hand packte er in die Latten, und mit einem Ruck zog er die Tür zu.

Dann fuhr er herum. Matheis bewegte sich, war aber zu überrascht, um dem Schlag ausweichen zu können. Harry Böhmes Faust knallte an sein Kinn, und der Beamte rutschte an der Wand entlang zu Boden.

Harry Böhme war bereits auf der Treppe nach oben, wobei Gropp ihm im Weg stand und der Hund ihm, unruhig geworden, grollend in die Beine fuhr.

Oben knallte die Tür zum Treppenhaus zu. Knirschend drehte sich der Schlüssel im Schloss.

»Mein Gott, Döring . . .«, keuchte Matheis. Sein Funkgerät war zu Boden gefallen.

Jochen sprang die Stufen hinauf. Oben warf er sich gegen die Tür. Das alte Holz gab beim ersten Anprall nach. In einem Splitterregen landete Jochen im Flur.

Die Tür zum Hof stand offen. Jochen hörte, wie der Starter des Leichtmotorrades getreten wurde, aber der Motor gab keinen Laut von sich."

Jochen sprang auf den Hof. Polizeimeister Döring wälzte sich stöhnend am Boden.

Harry Böhme hockte auf seiner Maschine. Tückisch sah er Jochen an. Auf der Jochen abgewandten Seite wollte er absteigen.

Jochen war schneller. Er flitzte um die Maschine herum, packte Harry Böhme und riss ihn aus dem Sattel. Das Motorrad kippte um.

Harry Böhme hob die Arme vors Gesicht. »Nicht schlagen!«, wimmerte er. »Nicht schlagen!«

»Reden Sie keinen Mist!«, schrie Jochen ihn an.

Böhme ließ die Arme sinken. »Ich bin doch nur ein kleiner Fisch . . . Lassen Sie mich doch laufen!«

Jochen stieß den Ganoven gegen die Hauswand und nestelte die Handfessel von seinem Gürtel.

»Was haben Sie eigentlich gegen mich? Kümmern Sie sich lieber um Ihre Schwester. Wie die sich das Zeug besorgt . . .«

Jochen spürte ein Kribbeln in seinem Nacken.

»Was wissen Sie von meiner Schwester?«, fragte er flach.

Böhmes kleiner Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen. »Sie sind doch die Polizei! Kriegen Sie's doch raus!«

In Jochens Hirn schien etwas zu platzen. Ein roter Schleier senkte sich über seine Augen. Verschwommen sah er das eingefallene Gesicht vor sich, den höhnisch verzerrten Mund, die verschlagenen Augen.

Er riss die Rechte zurück. Die Finger krümmten sich um den Stahl der Handfessel.

Da feuerte er die Faust ab.

Sie kam nie an. Gropp stürzte aus dem Keller. Er schrie etwas, was Jochen nicht hörte. Er fiel Jochen in den Arm und hielt ihn fest, bis der Schleier vor Jochens Augen verschwand.

11

Gropp kam mit zwei Bechern Kaffee aus der Kantine des Kreishauses zurück. Jochen sah ihn fragend an.

»Wie lange sollen wir hier noch rumhängen?«, fragte Jochen aufgebracht.

Sie hatten Harry Böhme im Polizeigewahrsam eingeliefert, hatten ihre ersten Aussagen und die notwendigen Angaben für die Einlieferungsanzeige gemacht und anschließend in der Kantine gegessen. Jetzt warteten sie in einem leeren Raum neben der Kriminalwache im Kreishaus, und niemand kümmerte sich um sie.

Gropp gab Jochen den Kaffeebecher. »Reg dich nicht schon wieder auf«, sagte er. »Die Kollegen warten das Ergebnis der Haussuchung bei Harry Böhme ab. Und ich glaube, Frau Nolden wird noch vernommen.«

»Diese alte Schnepfe! Die steckt doch mit Böhme unter einer Decke!«

»Willst du mir nicht doch sagen, weshalb du vorhin bei Böhme so ausgerastet bist? Wenn du ihn mit der Handschelle in der Faust erwischt hättest. . .«

Jochen presste die Lippen aufeinander und wandte sich um. Er verstand es selber nicht. Aber um keinen Preis würde er darüber reden.

Seit seine Mutter ihm erzählt hatte, dass Maria mit ihrem Freund Peter Reimers übers Wochenende an die Ostsee gefahren war, hatte seine Mutter Maria mit keinem Wort erwähnt. Dieses Wochenende lag jetzt mehr als drei Wochen zurück.

Er spürte, dass sich seine Mutter Sorgen machte, aber er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, um auch nur den Versuch zu unternehmen, auf die Sorgen seiner Mutter einzugehen.

Jetzt machte er sich Vorwürfe, weil er sich nicht selbst um seine Schwester kümmerte. Diesen Zustand musste er ändern. Sofort. Als erstes würde er sich diesen Peter Reimers sehr genau ansehen.

Seine Überlegungen wurden unterbrochen, als die Tür zum Nebenraum geöffnet wurde und Kurt Pietzka, der Kriminalkommissar vom Dienst, hereinkam. Pietzka hielt mehrere Formulare in der Hand.

»Entschuldigt, Kollegen, weil es so lange gedauert hat. Wir mussten erst mit Hamburg sprechen und dann auf den Haftbefehl warten. Frau Nolden haben wir nach Hause geschickt, obwohl erhebliche Verdachtsmomente gegen sie bestehen. Sie war zumindest Mitwisserin.«

»Was hat die Haussuchung ergeben?«

»Im Keller lag noch Sore im Wert von über zehntausend Mark versteckt, alles leicht verkäufliche Sachen. Videobänder, Uhren, Feuerzeuge, ein paar Kassettenrecorder. Das Zeug stammt wahrscheinlich aus Einbrüchen im Raum Hamburg. Die Hamburger bekommen zu tun. — Hier, Herr Gropp, Sie brauchen nur noch die Anzeige zu unterschreiben. Sie sind dann fertig.« Pietzka sah Jochen an. »Sie kommen gleich noch mal mit in die Fahndungsabteilung. Nachher haben Sie ja sowieso noch einen Termin oben. Sie bleiben am besten gleich hier. Wir sorgen dafür, dass Sie anschließend nach Hause kommen.«

Gropp klopfte Jochen auf den Rücken. »Mach's gut, und lass dich nicht abwerben.« Er grinste und ging.

Jochen folgte dem KKvD in die Räume der Fahndungsabteilung. Dort setzte er sich neben Pietzkas Schreibtisch. Im Hintergrund ratterten Fernschreiber, schnarrte der Funk.

»So, Sie Detektiv, jetzt mal raus mit der Sprache. Wie sind Sie auf Böhme aufmerksam geworden? Das werden die Hamburger Kollegen auch noch fragen, aber ich soll vorfühlen. Böhme hat nämlich Diebesgut in seinem Besitz, das aus einem Riesenbruch stammt. Schaden in Höhe von sechshundert tausend, ein Wachmann niedergeschlagen. Also?«

Jochen berichtete, wie er zusammen mit Gropp die jungen Leute am Uhlenbecker Marktplatz überprüft hatte.

»Die Kontrolle galt also in erster Linie den Mofa Fahrern?«

»Ja. Anschließend hat mir ein Junge, den ich kenne, angedeutet, dass der Harry Böhme mit Haschisch dealt.«

»Warum haben Sie nicht sofort einen Hinweis an die Kripo geschrieben?«

»Der Hinweis erschien mir zu vage. Deshalb haben wir zunächst nur die Hauptschule Uhlenbeck in unsere Streifen einbezogen.«

»Schön, Kollege. Kommen Sie mal hier herüber. Ich bin mit dem Fahndungscomputer verbunden.« Pietzka setzte sich an den Terminal, der mit dem POLCOM verbunden war. »So, wir werden jetzt mal die Namen eingeben, denen Sie im Zusammenhang mit dem Böhme begegnet sind. Böhme selbst ist nicht zur Fahndung ausgeschrieben, er ist auch nicht vorbestraft, das heißt, nicht nach dem Erwachsenenstrafrecht. Ob er als Jugendlicher nach dem Jugendstrafrecht einmal verurteilt worden ist, kann ich hier nicht feststellen. Jugendliche stehen unter besonderem Datenschutz.«

»Aber sonst? Können Sie den Computer auch nach Vorstrafen abfragen?«, erkundigte sich Jochen.

Pietzka deutete auf den Bildschirm. »Das ist ein Fahndungssystem. Auf Vorstrafen kann ich nur Verweise bekommen. Und dann den Aktenauszug anfordern. So, wie hieß der Mann, mit dem Sie den Böhme zuerst angetroffen haben?«

»Klein, Hans-Jürgen«, antwortete Jochen.

Kurt Pietzka tippte den Namen ein. Grüne Zahlen und Buchstaben wanderten über den Bildschirm. Ein kleines Dreieck forderte flackernd weitere Angaben.

»Was wissen Sie noch über ihn? Wir haben zu viele Kleins im Speicher, die Hans-Jürgen heißen.«

Gropp hatte den Motorradfahrer damals kontrolliert und nachher nur den Namen erwähnt. Und den Geburtsort, erinnerte sich Jochen.

»Er ist in Darmstadt geboren«, sagte er.

»Darmstadt«, wiederholte Pietzka und tippte den Namen der Stadt ein. Er wartete, las die aufleuchtenden Daten. »Da ist er. Verweise auf Vorstrafen, zur Zeit keine Fahndung, kein Haftbefehl. Sie haben einen Spitznamen erwähnt . . .«

»Hamburger Johnny«, antwortete Jochen.

»Mal sehen, ob irgendwo ein Kollege von einem V-Mann oder einem anderen Straftäter von einem Hamburger Johnny gehört und den Namen in den Computer gegeben hat.« Pietzkas Finger wanderten über die Tastatur. »Sieh an!«, sagte er. »Es scheint mehrere Halunken zu geben, die so genannt werden. Sondern wir mal die aus, deren Nachnamen bekannt sind und nicht Klein lauten. Da bleiben vier Erwähnungen übrig. Die Staatsanwaltschaft Cuxhaven sucht Hinweise auf einen Hamburger Johnny im Zusammenhang mit dem Überfall auf einen Schiffsausrüster. Motiv unbekannt, aber der Schiffsausrüster ist als Vermittler gestohlener Waren polizeibekannt. Der Mann hat vielleicht Schmu gemacht, und der große Boss in Hamburg hat einen Schläger geschickt, der ihn zurecht stoßen sollte. Hier, schauen Sie! Hier wird ein Motorrad erwähnt! Der Hamburger Johnny soll ein Motorrad fahren.«

»Und die anderen Erwähnungen?«, fragte Jochen.

»V-Mann-Informationen. Im Hamburger Nutten Milieu läuft ein Bursche rum, der die Prostituierten mit allen möglichen Drogen, vorzugsweise Aufputschmitteln, versorgt. Er wird Johnny oder Hamburger Johnny genannt, weil er auch in anderen Städten auftritt. — Wahrscheinlich handelt es sich also um zwei Personen. Einer, der für einen Hehler die Drecksarbeit macht, und einer, der dealt. Ihr Johnny dürfte am ehesten der Schläger sein. Passen Sie bloß auf, wenn der Ihnen mal über den Weg läuft!«

»Ich werde dran denken«, sagte Jochen.

»Welche Namen sind Ihnen noch untergekommen?«

»Ich weiß nicht . . .«

»Dieser Kiosk-Pächter?«

»Lüth. Den Vornamen kenne ich nicht. Er ist Früh Rentner, etwa 55.«

»Lüth . . . Lüth . . . Nein, aus Uhlenbeck haben wir hier keinen.«

»Reimers, Peter«, sagte Jochen.

Sein Herz klopfte plötzlich. Seit Harry Böhme so überfallartig seine Schwester erwähnt hatte, musste er ununterbrochen an sie denken.

Und an Peter Reimers.

Ihm war bewusst, dass er seine Befugnisse überschritt, wenn er seine Dienststellung dafür missbrauchte, Informationen über den Liebhaber seiner Schwester zu bekommen.

Was konnte ein Strolch wie Harry Böhme über Maria wissen? Maria war in Sennefeld aufs Gymnasium gegangen. In Sennefeld hatte sie ihre Ausbildung als Buchhändlerin gemacht. Böhme konnte sie demnach kennen. Zumindest konnte er wissen, wer sie war. Aber was konnte er jetzt von ihr wissen, jetzt, wo sie in Hamburg lebte?

Hatte der Hamburger Johnny ihm von Maria erzählt?

»Geburtsdatum? Geburtsort? Wohnort?«

»Unbekannt.«

Jochen sah dem Kollegen von der Kriminalpolizei über die Schulter. Er wäre nicht in der Lage gewesen, Pietzka ins Gesicht zu blicken.

»Da haben wir einen Peter Reimers. Er wird mit Haftbefehl von der Hamburger Staatsanwaltschaft gesucht.«

Jochen kniff die Lider zusammen. Die grünen Zahlen und Buchstaben auf dem Bildschirm flimmerten.

Reimers, Peter, geb. 8.11.1956 in Berlin, derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt . . .

»Weshalb wird er gesucht?«, fragte Jochen, weil ihm die Code-Bezeichnungen und Kürzel des POLCOM nicht vertraut waren.

»Der Haftbefehl besteht wegen Paragraphen 239 und 240 StGB, also Freiheitsberaubung und Nötigung. Aber es sind auch Ermittlungsverfahren anhängig wegen Betrugs, Ausweismissbrauchs und verbotenen Waffenbesitzes.« Pietzka verdrehte den Kopf. »Wie sind Sie denn an den geraten?« erkundigte er sich, neugierig geworden.

Jochen hob die Schultern. »Ich kann es nicht mehr sagen . . .« Er hoffte, dass Pietzka nicht hörte, wie belegt seine Stimme klang.

»Durch Böhme?«

»Nein«, antwortete Jochen. »Auf keinen Fall . . . Ich habe den Namen irgendwo aufgeschnappt. Vielleicht in der Wache.«

Pietzka sah ihn durchdringend an. »Wenn es Ihnen wieder einfällt, melden Sie sich sofort.«

»Ja«, antwortete Jochen erleichtert. »Ja . . .«

»O, Jochen!«, Seine Mutter kam auf ihn zu, als er zur Tür hereinkam. Er war müde. »O, Jochen, warum kommst du zu spät?«

Sie wartete nicht auf seine Antwort. Ungeduldig drängte sie ihn die Wohnküche. Sie war aufgeregt wie ein junges Mädchen. Stolz deutete sie auf den Stapel Zeitungen, der den Tisch bedeckte.

»Du, ich habe alle Zeitungen gekauft!«, berichtete sie. »Sogar in Hamburg bringen sie Fotos von dir! Hier, sieh mal . . .«

»Nicht jetzt, Mutter«, sagte Jochen. »Nicht jetzt.«

»Soll ich dir etwas zu essen machen?«

»Nur Kaffee, ich brauche Kaffee.«

»Dann kannst du nachher nicht schlafen!«

Jochen zog sich um, er wusch sich das Gesicht und kehrte dann in die Küche zurück, wo er die Zeitungen zur Seite schob und die Beine von sich streckte. Seine Mutter kam mit der Kaffeekanne und füllte seine Tasse.

»Es haben viele Leute angerufen, stell dir vor, sogar Frau Zoller, und ein Kollege von Vater, du erinnerst dich doch an Herrn Weinmann, der hat sich so um uns gekümmert, als Vater krank

wurde . . .«

Es interessierte ihn nicht, wer angerufen hatte. Man versuchte, ihn in die Rolle des Musterpolizisten zu drängen. Und ihm eine Heldenrolle anzuhängen. Keine der Rollen passte zu ihm. Durch Zufall hatte er seine Nase vorn gehabt, als zwei Gangster die Filiale der Kreissparkasse Uhlenbeck überfielen, und weil er die Augen offengehalten hatte, wie es seine Pflicht war, hatte er die Festnahme eines Hehlers und Dealers ermöglicht, von dem sich die Hamburger Kripo Aufschlüsse auf eine große Einbrecherbande erhoffte.

Nur ein Anruf hätte ihn interessiert, einer von Maria. Er wollte seine Mutter nach Maria fragen. Er musste sie endlich zwingen, Farbe zu bekennen, aus ihrem Traum zu erwachen.

Seine Mutter hantierte am Herd.

»Hat sonst noch jemand angerufen?«, fragte er.

Das ist nicht der richtige Anfang, dachte er.

Seine Mutter drehte sich um. »Ach ja, fast hätte ich es vergessen! Ein Kollege hat angerufen, er will her kommen.«

»Ein Kollege? Wer?«, fragte er stirnrunzelnd.

»Ich habe den Namen nicht verstanden, einer aus Hamburg! Was mag der von dir wollen?«

Wegen der Einbrecherbande, zu der Harry Böhme in irgendeiner Verbindung stand? Unsinn, dachte er, der besuchte einen kleinen Dorfschupo nicht zu Hause.

»Ihr könnt ins Wohnzimmer gehen, ich habe aufgeräumt«, plapperte seine Mutter.

Das Wohnzimmer ist immer aufgeräumt, dachte Jochen.

Sie kam mit der Kanne an den Tisch. »Noch etwas Kaffee?«

»Was weißt du eigentlich von Maria?«, fragte er.

Der Kannendeckel klirrte leise, und Kaffee tropfte auf die Tischdecke.

»O je, wo ist der Lappen?«, Sie sah sich um.

»Mutter! Ich habe dich etwas gefragt!«

»Was meinst du?«

»Keine Ausflüchte, Mutter. Du weißt, was ich meine. Wann hat sie zuletzt angerufen? Was macht sie? Wo wohnt sie?«

Warum meldete sie sich nie bei ihm, ihrem Bruder? Warum kam sie nicht nach Hause, nach Uhlenbeck? Wenigstens mal am Sonntag! Was machte sie in Hamburg? Seine Schwester, seine kleine Maria, konnte doch nicht mit einem Verbrecher zusammen leben, der mit Haftbefehl gesucht wurde! Allein der Gedanke daran machte ihn krank.

Noch vom Kreishaus in Sennefeld hatte er versucht, in Peter Reimers' Wohnung in Hamburg anzurufen. Die Nummer fand er im Telefonbuch. Dass es die richtige war, sah er an der Adresse.

Zwei Mal hatte er die Nummer gewählt. Beide Male hatte sich nur die Automatenstimme gemeldet.

Kein Anschluss unter dieser Nummer . . .

Natürlich versteckte er sich, seit er mit Haftbefehl gesucht wurde. Vielleicht lebte er in einer Wohnung, die Maria unter ihrem Namen gemietet hatte. Er hatte es bei der Fernsprechauskunft versucht, aber unter ihrem Namen war kein Anschluss eingetragen.

Danach hatte er das Sekretariat der Fachhochschule für Bibliothekswesen angerufen. Die Sekretärin hatte ihm am Telefon keine Auskunft geben wollen. Erst als er energisch wurde, hatte sie durchblicken lassen, dass Maria Teske schon seit drei Monaten keine einzige Vorlesung mehr besucht habe. Und eine neue Adresse hatte sie dort auch nicht angegeben.

Er starrte seine Mutter an. Ihr Gesicht zerfloss ganz plötzlich. Er schnappte die Kanne, die sie einfach aus den Händen gleiten ließ, aber als sie nach ihm greifen wollte, um ihn an sich zu drücken, wich er zurück.

»Keine Ausflüchte mehr, Mutter«, sagte er. Er stopfte die Hände in die Hosentaschen und blieb sitzen.

»O Jochen!« Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Ich glaube, sie ist unglücklich«, sagte sie dann undeutlich.

»Wann hat sie zuletzt angerufen?«

»Als sie mit Herrn Reimers an der Ostsee war, als sie zurückkam, weißt du noch?«

»Das ist jetzt über zwei Wochen her!«, sagte er laut. »Was hat sie gesagt?«

»Dass sie umziehen wollte, o Gott, Jochen, sie hat geweint!« Jochens Mutter brach in Tränen aus.

Jochen rührte sich nicht. »Was hat sie noch gesagt?«

»Wie gern sie wieder bei uns wäre . . .«

»Sie weiß, wo wir wohnen!«

»O Jochen . . .«

»Warum kommt sie nicht?«, fragte er laut. »Warum hat sie nie mit mir gesprochen? Warum hast du mir nichts gesagt?«

»Ich durfte dir nichts sagen, und sie rief ja auch immer an, wenn du im Dienst warst.«

»Hat sie Angst vor Reimers? Ist es das?«

»Sie hat auch Angst vor dir. Du warst immer so streng mit ihr seit Vaters Tod. Sie sagt, es gibt ein Unglück, wenn du . . .« Die Stimme seiner Mutter verlor jede Kraft.

»Wenn ich was?«, fragte er hart.

»Wenn ihr euch noch einmal begegnen solltet, du und Herr Reimers . . .«

»Sag nicht Herr zu so einer Ratte!«, schrie er aufgebracht. Er ballte die Fäuste und presste die Zähne aufeinander, um sich zu beruhigen. »Wo wohnt sie jetzt?«, fragte er, als er seine Nerven wieder unter Kontrolle hatte.

»Sie sagt es nicht.«

Jochen knirschte mit den Zähnen. Seine Mutter sah ihn aus geschwollenen Augen an.

»O Gott, Jochen, was mag nur mit ihr sein? Weißt du es nicht?«

Er stand abrupt auf. Krachend flog der Stuhl gegen die Wand. Er war nicht anders als seine Mutter. Auch er hatte die Augen vor der Wahrheit verschlossen.

Aber was war die Wahrheit?

Damals, als er Reimers in dessen Wohnung getroffen hatte, hätte er etwas unternehmen müssen. Damals hätte er Maria nach Uhlenbeck zurückholen müssen. An den Haaren hätte er sie aus der Wohnung schleifen müssen.

Eigentlich gab es jetzt für ihn nur einen Weg. Er musste Kommissar Pietzka anrufen und ihm mitteilen, woher er den Namen Reimers kannte. Denn Maria hatte wahrscheinlich recht. Es würde ein Unglück geben, wenn er Reimers gegenüberträte.

Er musste etwas tun.

Aber Kommissar Pietzka rief er nicht an.

12

Es war schon halb neun Uhr durch, als es klingelte. Jochen öffnete. Seine Mutter würde wegen ihrer verheulten Augen in der Küche bleiben, hoffte er.

Draußen stand ein stämmiger Mann mit kurzgeschnittenen Haaren. Das schwache Licht des frühen Abends milderte die harten Konturen des kantigen Gesichts ein wenig.

»Ich bin Ralf Eggert aus Hamburg, ich habe angerufen.«

Eggert musterte Jochen aufmerksam. Er trug helle Hosen und eine alte Lederjacke, die wie eine zweite Haut über den breiten Schultern saß.

»Ihre Mutter sagte, dass Sie wahrscheinlich nichts vorhätten, wenn Sie aus dem Dienst kämen, deshalb bin ich gleich von Hamburg rüber gefahren. Wir sind Kollegen. Wollen Sie meinen Ausweis sehen?«

Jochen schüttelte den Kopf. »Nicht nötig«, murmelte er.

Er konnte das beklommene Gefühl nicht erklären, das ihn plötzlich überfiel. Nachdem seine Mutter ihm den Besuch des Hamburger Kollegen angekündigt hatte, hatte er sich den Kopf nach dem Grund für diesen Besuch zermartert. Er war dann darauf gekommen, dass der Kollege ihm eine Versicherung oder einen Bausparvertrag andrehen wollte. Viele Kollegen arbeiteten nebenbei als Vermittler für Versicherungen und Bausparkassen.

Aber nicht Ralf Eggert, dachte Jochen, als er zur Seite trat, ihn hereinließ und ins Wohnzimmer führte.

Eggert sah sich um. »Hübsch haben Sie es hier«, sagte er. .

Es klang sogar aufrichtig. Dabei war das Zimmer so verdammt spießig mit den Cord-Sesseln, die zwanzig Jahre alt waren, aber wie neu aussahen. Kein Stäubchen verunzierte die Platte des Couchtisches. Hinter den Scheiben des Wohnzimmerschrankes hatte jedes Teil seinen seit Jahren unveränderten Platz.

»Setzen Sie sich doch«, sagte Jochen. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Ein Bier vielleicht?«

»Ich bin mit dem Wagen eines Kollegen hier und will nachher noch zurückfahren.« Eggert verzog die schmalen Lippen zu einem knappen Lächeln. »Ich brauche nichts, danke.«

Jochen wollte sich eben auch setzen, als die Tür wieder aufging. Jochens Mutter lächelte strahlend, ihre Augen glänzten.

»Ich bin seine Mutter«, verkündete sie.

Neugierig musterte sie den Besucher, der sich erhob, ihr die Hand reichte und seinen Namen murmelte. Als Eggert keine Anstalten machte, den Grund für seinen Besuch zu nennen, heftete sie ihre Augen fragend auf Jochen.

»Wir brauchen nichts, Mutter«, sagte Jochen.

»Auch kein Bier? Oder Tee?«

»Nein, danke, Mutter.«

Eggert stand da und lächelte nichtssagend. Er würde in Gegenwart der Frau nicht auf den Anlass seines Besuches zu sprechen kommen.

Jochen trat an die Tür. Auffordernd sah er seine Mutter an.

»Na, du weißt ja, wo ich bin«, sagte sie leichthin.

Er schloss die Tür hinter ihr. Eggert setzte sich wieder. Sein Blick ging einen Augenblick ins Leere. Seine Hände lagen auf den Knien.

»Ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen«, begann er. »Heute morgen.« Er griff in die Tasche seiner Lederjacke und zog den grünen Lederrahmen hervor. »Kennen Sie diesen Rahmen?«, fragte er.

Jochen schüttelte den Kopf. Eggert spielte mit dem Rahmen, bis er ihn mit einer entschlossenen Bewegung über den Tisch schob. Die Bildseite wies nach unten.

Jochen nahm den Rahmen und drehte ihn herum.

»Wie kommen Sie an mein Foto?«, fragte er überrascht.

»Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll«, meinte Eggert.

Jochen runzelte die Stirn. »Ist das ein dienstlicher Besuch?«, fragte er.

Eggert hob abwehrend die Hände. »Um Himmels willen, nein! Es ist nur ... es ist etwas passiert, und ich kann jemanden nicht vergessen. Ich muss etwas herausfinden.«

Jochen sah sein Foto an. Das Bild war vier Jahre alt. Er hatte sich nicht sehr verändert.

»Wissen Sie noch, wem Sie dieses Foto gegeben haben?«, fragte Eggert.

Jochen runzelte die Stirn. Als er den neuen Dienstausweis brauchte und sich deshalb fotografieren lassen musste, hatte er bei der Gelegenheit gleich sechs etwas größere Fotos für den eigenen Gebrauch bestellt. Falls eins der Mädchen, für die er sich damals interessierte, eins haben wollte. Er lächelte unwillkürlich. Damals war er mit Mathilde Breuer gegangen. Ihr hatte er eins gegeben. Und dann? Bettina hatte ihn nie nach einem Foto gefragt, sie war nicht der Typ, der sich das Bild eines Jungen auf den Nachttisch stellte. Fünf Stück dieser Fotos müsste er eigentlich noch haben.

Oder? Ihm fiel ein, dass er eins seiner Mutter gegeben hatte. Und dann überlief es ihn heiß.

Eins hatte er Maria gegeben. Sie hatte ein Bild haben wollen, als sie zu ihrer Freundin nach Hamburg zog.

»Wo haben Sie das Foto her?«, fragte er. Seine Stimme klang plötzlich rau.

Eggerts Gesicht spannte sich, die Sehnen an seinem Hals traten scharf hervor.

»Was ich Ihnen jetzt sage, kann mich die Uniform kosten.« Eggerts Augen wurden stumpf. »Ich habe es am Tatort eines Mordes gefunden. Und eingesteckt.«

Großer Gott, dachte Jochen, der Eggert steckt wirklich in der Klemme. Unterdrückung von Beweismaterial, Begünstigung, und was noch? Er konnte jetzt nicht nach denken. Sein Mund wurde trocken.

»Ein Mord«, brachte er hervor. »Wer?«

»Mein Kollege. Bruno Wittek war mein Partner, ich war dabei . . .«

Der getötete Hamburger Polizist. Jochen bewegte sich nicht. Der Tod des Kollegen war auch in Uhlenbeck Tagesgespräch gewesen. Hauptkommissar Stöcker hatte sogar eine Instruktionsstunde gehalten. Thema: Eigensicherung und Schutz für den Kollegen im Einsatz. Jochen versuchte, sich an die Fakten zu erinnern. Die meisten kannte er nur aus den Zeitungen.

Nach diesen Darstellungen waren die Beamten in die Wohnung eines Callgirls eingedrungen, das von seinem Zuhälter misshandelt wurde. Der Zuhälter hatte, ohne zu zögern, auf die Polizisten geschossen und Wittek tödlich getroffen.

Was hatte der Mord an Bruno Wittek mit dem Foto zu tun, das er Maria gegeben hatte?

»Ist der Fall aufgeklärt worden?«, fragte Jochen.

Eggert schüttelte nur den Kopf.

»Man weiß nicht, wer der Zuhälter ist?«

Wieder nur Kopf schütteln.

Maria und Reimers.

Reimers, der wegen verschiedener Delikte gesucht wurde. Und der sich den Weg frei schoss, als die Polizisten vor der Tür standen.

Aber Maria hatte damit doch nichts zu tun. Maria in der Wohnung eines Callgirls? Absurd. Und außerdem, dachte er, würde er es wissen. Denn seit dem Mord waren jetzt zwei Wochen vergangen.

Da war Maria gerade von ihrem Wochenendtrip an die Ostsee zurückgekommen.

Da hatte Maria ihre Mutter angerufen, ihr was vor geheult und gesagt, dass sie umziehen und wieder nach Hause wolle. Beides zugleich oder hintereinander, in welcher Reihenfolge auch immer.

Eggert beugte sich vor. Seine Augen waren dunkle Löcher im kantigen Gesicht.

»Dieses Foto war aus der Handtasche des Mädchens gefallen! Sie müssen sie kennen, Herr Teske!«, sagte er beschwörend.

Jochen schüttelte den Kopf.

»Wer ist sie? Was sagt sie? Sie muss doch wissen, woher sie das Bild hat! Warum fragen Sie sie nicht selbst?«

»Der Mann hat sie schwer misshandelt. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Sie verschwand aus dem Krankenhaus, bevor sie identifiziert werden oder eine Aussage machen konnte.« Jetzt war es Eggerts Stimme, die rau klang. »Die Stümper von der Kripo haben es verschlampt.« Er ballte die Fäuste. »Sie wissen nichts. Sie haben keine Spur. In der Wohnung haben immer andere Callgirls gewohnt.«

Maria, Maria.

Sie war ebenfalls verschwunden. Seit jenem Wochenende an der Ostsee. Ihr letztes Lebenszeichen war der Anruf gewesen. Jochens Schädel dröhnte. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles wirbelte durcheinander. War Maria Zeugin eines Mordes? War sie es, die aus dem Krankenhaus verschwunden war? Hatte der Mörder sie geholt?

Und umgebracht?

»Wer ist sie?«, fragte Eggert. »Sie müssen es doch wissen.«

Maria, Maria, dachte Jochen gequält. Warum hatte er sie damals nicht von diesem Reimers weggeholt? Er hatte die Augen geschlossen. Damals hätte er die Wahrheit nur ahnen können. Seit heute Nachmittag, seit er mit Kommissar Pietzka am Bildschirm des POLCOM-Terminals gesessen hatte, kannte er die Wahrheit.

Reimers wurde wegen Freiheitsberaubung und Nötigung gesucht.

Jochen hätte es gern hinausgeschrien.

Was hatte Reimers mit Maria gemacht?

Er schüttelte den Kopf. »Das Bild ist vier Jahre alt«, sagte er beherrscht.

Jetzt machte er einen Fehler, der ihn die Uniform kosten konnte. Er kannte den Namen eines Polizistenmörders . . .

Ralf Eggert stieß den angehaltenen Atem aus. Er stand auf. »Ich hatte so gehofft, Sie eines Tages zu finden, ich hatte mir so viel davon versprochen.« Er deutete auf das Foto im Lederrahmen und wollte es aufnehmen. Jochen kam ihm zuvor und steckte es ein.

»Schade, dass Sie mir nicht vertrauen, Teske«, sagte Eggert. »Ich wollte nämlich nur etwas herausfinden.«

»Was?«

»Wie Sie zu ihr stehen oder standen. Wenn sie Ihre . . . Freundin gewesen wäre, hätte ich sie vielleicht vergessen können . . .« Er bemerkte Jochens verständnislosen Blick. »Ich habe mich in eine Nutte verknallt, Teske. Ich muss verrückt sein, aber so was passiert . . .«

13

»Das war ja wieder mal ein schneidiger Einsatz, Herr Teske«, sagte Hauptkommissar Stöcker, der Wachleiter, mit seiner leisen Stimme. Er bedachte Jochen mit einem unzufriedenen Blick. »Ich liebe hier keine Einzelkämpfer, verstehen Sie?«

»Nein, Herr Stöcker«, sagte Jochen.

Die Augenbrauen des Wachleiters fuhren in die Höhe. »Nein?«, vergewisserte er sich.

»Bei der Festnahme der Bankräuber hatten Gropp und ich keine Wahl . . .«

»Worüber man geteilter Meinung sein könnte«, unterbrach ihn Stöcker.

»Und was diesen Böhme betrifft, hat Herr Gropp die Einsatzleitstelle informiert und eine Einsatzstreife angefordert . . .«

»Trotzdem wurden zwei Beamte niedergeschlagen! Und Sie haben den Täter anschließend gestellt! Allein.«

»Ich bin lediglich meinen dienstlichen Obliegenheiten nachgekommen.«

Stöcker lehnte sich zurück. »Oh, Sie wollen sich auf die Dienstvorschriften berufen, Herr Teske. Bitte, das können Sie haben. Sie können sich demnächst ausgiebig mit den Vorschriften befassen. Dann nämlich, wenn ich Sie einer anderen Schicht zuteile und Sie Innendienst machen lasse.«

Jochen atmete langsam. Er fühlte sich einer Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten nicht gewachsen. Nicht nach dem Gespräch mit dem Polizisten aus Hamburg gestern Abend, und nicht nach der schlaflos verbrachten Nacht, in der er nach einem Weg gesucht hatte, Maria zu finden — und sie zu retten, falls sie noch lebte.

Ihm war bewusst geworden, dass er Fehler gemacht hatte. Genau wie Eggert. Und ein Fehler zog unweigerlich den nächsten nach sich. Er hatte Pietzka belogen. Wenn er Maria jetzt als vermisst meldete, was würde dann geschehen?

»Ich werde heute noch mein Versetzungsgesuch schreiben, Herr Stöcker«, sagte er.

»Der Frust erreicht die Landbezirke, wie?«, spottete Stöcker. Ich will Ihnen was sagen, Herr Teske! Ich hatte mit Ihrem Gesuch schon vorige Woche gerechnet. Aber lassen Sie sich eins gesagt sein — die Kripo ist noch weniger scharf auf so schneidige Burschen . . .«

»Ich will nicht zur Kripo«, sagte Jochen. »Ich möchte nach Hamburg.«

Schweigen senkte sich über die beiden Männer in dem engen Dienstzimmer. Draußen brummte ein Traktor vorbei, dann herrschte Stille.

»Haben Sie das überlegt?«, erkundigte sich Stöcker schließlich. »Ich meine — gründlich?«

Nein, gründlich hatte er es sich nicht überlegt. Der Gedanke war ihm in der Nacht gekommen. Als er sich entschieden hatte, keine Vermisstenanzeige wegen Maria aufzugeben. Er würde sie selbst suchen. Sie und Peter Reimers.

Nein, er hatte es sich nicht gründlich überlegt. Er hatte nur das Bedürfnis, etwas zu tun, was er tun musste.

»Mein Entschluss steht fest«, sagte er ruhig.

»Das Gesuch müssen Sie an das Innenministerium richten, weil Hamburg ein anderes Bundesland ist, aber das wissen Sie sicher. Ich werde Ihnen keine Steine in den Weg legen, Herr Teske. Ich glaube selbst, dass unser Bezirk zu klein ist für Sie. Aber Sie werden sich wundem, Herr Teske,  der Weg zurück ist weit.«

Stöcker machte eine ungeduldige Handbewegung. Jochen sah ihn nicht wieder, nicht einmal, als er seinen Ausstand gab.

14

Jochen spürte so etwas wie Beklemmung, als er in dem großen, wenig anheimelnden Wachraum des Reviers in der Hamburger Innenstadt stand und darauf wartete, dass Polizeihauptkommissar Olsen, der Stellvertreter des Revierleiters, ihn mit seinen zukünftigen Kollegen bekannt machte. Irgend jemand hatte Olsen abgefangen, als sie hereingekommen waren, und sprach jetzt auf ihn ein.

Jochens Versetzung nach Hamburg hatte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit vollzogen. Ein Gespräch mit dem Personalreferenten der Hamburger Schutzpolizei, ein weiteres Gespräch mit einem Vertreter des Leiters der Schutzpolizei und ein anderes mit dem Vertreter des Personalrats, danach ein kurzes Einweisungsseminar in der Landespolizeischule, das war es schon gewesen.

Olsen hatte ihn in dem großen Haus zwischen dem Hauptbahnhof Süd und der Adenauerallee herumgeführt. Er hatte ihn einen Blick in die Verwahrzellen und die Garage werfen lassen, bevor er ihm die Räume der Zivil- und Rauschgiftfahnder, des Sondereinsatzkommandos und die Nachrichten und Einsatzzentrale zeigte.

Das Innere des Reviers glich beinahe einem Gefängnis. Die Fenster des Wachraumes waren vergittert, der Tresen mit einer Stahleinlage versehen. Unten am Eingang saß ein Kollege hinter schussfestem Glas mit einer schussbereiten Maschinenpistole unter dem Pult. Die Zivilfahnder, die hier ein und ausgingen, sahen selbst wie Strauchdiebe und Zuhälter aus. Als einmal die Tür zu dem Gang mit den Verwahrzellen aufsprang, hörte er eine Frau kreischen.

Dieses war also sein zukünftiger Wirkungsbereich. Im Schutzbereich Innenstadt II, wie die Bezirkspolizei intern hieß, lebten 24000 Menschen, unter ihnen nahezu die Hälfte Ausländer:  Türken und Chinesen, Dänen und Griechen, Polen und Jugoslawen. Ein Vielfaches dieser Zahl pendelte täglich ein, um hier zu arbeiten. Bankiers neben einigen tausend Prostituierten, Taschendiebe neben Versicherungsangestellten, Zocker neben Lagerarbeitern.

Im Schutzbereich Innenstadt II war die Diebstahlquote höher als im benachbarten St. Pauli, Beischlafdiebstähle mitgezählt. Hier gab es mehr Opfer von Gewaltverbrechen als in der ganzen übrigen Stadt zusammen.

Dafür war das Revier mit 147 Planstellen ausgestattet, von denen immerhin 132 besetzt waren. Es gab neun Streifenwagen und vier Motorräder, zwei VW-Busse und eine »Grüne Minna«. Weitere Polizeifahrzeuge, Hundeführer und Reiterstaffel konnten jederzeit angefordert werden.

»Kommen Sie, Herr Teske!«, rief Olsen jetzt. Er ging auf den kräftigen Mann zu, der wie ein Fels hinter dem Tresen stand. Der Mann hatte ein breites, freundliches Gesicht. Sein Haar war hell und borstig wie Stacheldraht. Er erinnerte Jochen ein wenig an Gropp in Uhlenbeck. Er hatte auch etwa dessen Alter, so Anfang bis Mitte Vierzig.

»Das ist Hauptmeister Johannes Burmester, ein waschechter Ostfriese. Er wird Ihr Schichtführer sein.«

Jochen lächelte, als er Burmester die Hand reichte.

Dessen Faust war groß und warm, das Lächeln in dem offenen Gesicht herzlich. Burmester war alles andere als der Typ Großstadtbulle, vor dem man ihn gewarnt hatte.

»Willkommen in der Weltstadt, willkommen an ihrem Nabel, wo die Hilflosen und Beladenen Ihrer Hilfe harren, mein Freund.« Burmester grinste. »Machen Sie kein so bedröppeltes Gesicht, Junge!«, sagte er dann. »Das alte Gemäuer macht ja keinen besonderen Eindruck, aber die Mannschaft ist prima, bestimmt. Zu Jungs, die freiwillig aus der Heide zu uns kommen, sind wir besonders herzlich.« Er sah Olsen an. »Ich übernehme ihn, Herr Olsen«, sagte er.

Olsen wünschte Jochen alles Gute und ging.

Burmester sah sich um. Als er hinten einen schlanken Mann mit glatten Haaren und makellos sitzender Uniform entdeckte, winkte er mit seiner großen Hand.

»Komm mal her, Herr Veith, und begrüß den Neuen!« Veith kam herüber. »Das ist Sir Wilfried alias Wilfried Veith, seit ein paar Wochen Polizeioberkommissar. Entweder er oder POK Koch wird in der ersten Zeit Ihr Dienstgruppenleiter sein. Koch ist heute nicht da.« Burmester wartete, bis Jochen und Veith mit dem Händeschütteln fertig waren. »Wo steckt Eggert eigentlich?«, erkundigte er sich dann bei Veith.

»Unten in der Garage. Die Funkwerkstatt baut gerade die neue Antenne ein.«

»Bring ihn runter, ja? Aber mach dich nicht schmutzig!« Burmester lachte. Zu Jochen gewandt sagte er: »Sie fahren erst mal mit Eggert. Er kennt sich am besten aus. Wir sehen uns dann hin und wieder.« Er beugte sich über sein Wachbuch. Jochen schien er bereits vergessen zu haben.

Es war kein völliger Zufall, dass Ralf Eggert Jochens Streifenführer wurde. Jochen hatte ausdrücklich den Wunsch geäußert, in die Hamburger Innenstadt versetzt zu werden. Weil sich der Dienst in den Innenstadtrevieren keiner großen Beliebtheit erfreute, hatte Jochens Wunsch keine ernsthaften Schwierigkeiten im Wege gestanden. Als er mit dem Vertreter des Leiters der Schutzpolizei sprach, hatte er sein Interesse für das Gebiet zwischen St. Georg und dem Hafen bekundet, so dass der Polizeirat von sich aus vorgeschlagen hatte, ihn dem Schutzbereich Innenstadt II zuzuteilen.

Ralf Eggert hatte seit Bruno Witteks Tod überwiegend Innendienst gemacht und war nur dann Streife gefahren, wenn bei einem Team einer der Partner wegen Krankheit, Urlaub oder aus anderen Gründen ausfiel. Es war überfällig, dass Eggert wieder regelmäßig im Streifendienst eingesetzt wurde. Deshalb wurde Jochen Teske, der Neue, sein Partner.

Nur einmal, zu Beginn ihrer ersten gemeinsamen Streifenfahrt, kam Eggert von sich aus auf seinen Besuch in Uhlenbeck zu sprechen.

Hinter einem der alten Speicherhäuser am Sandtorkai hielt er an und stellte den Motor ab.

»Du kannst mir nichts vormachen«, sagte er. Es war zugleich das erste Mal, dass er Jochen direkt ansprach, seit sie einander formell bekanntgemacht worden waren. »Du führst etwas im Schilde.«

»Ich wollte nach Hamburg, das ist alles«, erklärte Jochen. »Ich werde Ihren Besuch in Uhlenbeck nicht erwähnen.«

»Das habe ich auch nicht befürchtet«, antwortete Eggert. »Den Zeitpunkt hast du nämlich verpasst. Hier bei uns sind wir übrigens alle auf du. Ich heiße Ralf.«

Eggert hielt Jochen die Hand hin. Jochen spürte ein elendes Gefühl in der Magengegend, als er die Hand drückte.

»Warum vertraust du mir eigentlich nicht?«, fragte Eggert.

»Es hat nichts mit dir zu tun«, sagte Jochen und blickte aus dem Seitenfenster.

Er brachte es nicht fertig, dem Kollegen zu sagen, dass seine Schwester vielleicht eine Nutte war. Vielleicht stimmte es ja gar nicht. Er konnte einfach nicht darüber sprechen.

»Du wirst deine Gründe haben«, meinte Ralf Eggert resigniert.

Während der ersten Tage fuhren sie nur die Frühschicht. Jochen sollte den gesamten Schutzbereich kennenlernen, deshalb brauchte Eggert sich auch nicht wie sonst an den kleinen Ausschnitt des Bereichs zu halten, der einer Streife normalerweise zugewiesen wurde.

Sie fuhren die Straßen zwischen Binnenhafen, Rathaus und St. Georg ab. Sie übernahmen Einsätze, wie sie gerade kamen. Verkehrsunfälle, Geschäftseinbrüche, die am Morgen entdeckt und gemeldet wurden, sie holten Ladendiebe ab und hielten nach gesuchten Personen Ausschau, deren Fahndungsblätter im Wachraum aushingen und auf die sie von der Fahndungsabteilung immer wieder hingewiesen wurden.

Peter Reimers war eine der Personen, nach denen im Schutzbereich Innenstadt II besonders intensiv gesucht wurde. Mit dem Mord an Bruno Wittek wurde er allerdings nicht in Verbindung gebracht. Denn das Bild des Gesuchten auf dem Fahndungsblatt war alt und wies keinerlei Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Stutzers auf, den er, Jochen, das eine Mal getroffen hatte. Und Ralf Eggert hatte das Gesicht nach den Schüssen in der dunklen Wohnung nicht lange genug gesehen, um zwischen dem langhaarigen unreifen Jungen auf dem Fahndungsfoto und dem harten Gesicht und den dunklen starren Augen des Polizistenmörders einen Zusammenhang zu erkennen.

»Einer unserer Zuhälter«, hatte Schräder von der Fahndungsabteilung erklärt, als er den Neuen auf die besonderen Kunden des Reviers aufmerksam machte. »Der hat ganz schön was auf dem Buckel, der Reimers. Zuerst hat er es mit Rauschgift versucht, aber damit ist er auf die Nase gefallen. Er hat drei Jahre abgerissen. Seitdem lässt er die Finger vom Rauschgift. Wir nehmen allerdings an, dass wir diese Zurückhaltung weniger der Verurteilung, sondern vielmehr Z zu verdanken haben.«

»Z?«, fragte Jochen verständnislos.

»Karl Zaczek«, erklärte der Fahnder. »Auf den Namen werden Sie immer wieder stoßen. Wenn Sie ihn einmal leibhaftig erblicken sollten, machen Sie lieber einen großen Bogen um ihn. Wer mit ihm in Berührung kommt, verwandelt sich nur zu schnell selbst in Dreck. Z regelt alle Geschäfte östlich der Alster. Prostitution, Rauschgift, Diebstahl, Mord. Er vergibt gewissermaßen die Lizenzen.«

»Wie die Mafia in New York«, sagte Jochen vorschnell.

Schräder überging den Einwand. »Peter Reimers mäkelt mit gestohlener Ware, er ergaunert sich Kredite mit gefälschten oder gestohlenen Ausweispapieren, aber sein Hauptgeschäft sind die Pferdchen.« Schräder grinste humorlos. »Ich meine die zweibeinigen. Die Hühner an der Mauer, Asphaltschwalben, was immer Sie wollen.«

Jochens Herz begann zu hämmern. »Ich denke, die Prostituierten sind inzwischen soweit, dass sie sich ohne Zuhälter durchschlagen«, meinte er. »Einen Kerl, der auf der Fahndungsliste steht, kann so eine doch ohne großes Risiko abschieben.«

Der Fahnder schüttelte den Kopf. »Die Zuhälter verstehen sich als Zunft. Die halten zusammen. Wenn einer von ihnen die Nase unten halten muss, weil er gesucht wird, übernehmen es die anderen für ihn, die Nutten abzukassieren und sie, wenn nötig, bei der Stange zu halten. Aber unser Reimers ist ein Vertreter der besonders schäbigen Sorte. Er meidet die erfahrenen Prostituierten. Er macht sich mit Vorliebe an besonders junge und unerfahrene Mädchen heran. Von der Sorte kommen jedes Jahr ein paar Hundert in Hamburg unter die Räder. Wer an einen Schweinehund wie Reimers gerät, ist so gut wie verloren . . .«

Jochen sah rote Ringe vor den Augen. Er atmete mit offenem Mund, damit Schräder sein Keuchen nicht hörte.

»Wo stehen denn seine . . . Pferdchen?«, Es kostete Jochen Überwindung, diese Frage zu stellen und diesen verniedlichenden Ausdruck für einen ausgebeuteten Menschen zu benutzen.

»Sie meinen, wo seine Hühner an der Mauer stehen, ist der Reimers nicht fern. So schlau ist der Kerl auch. Der setzt die mal hier und mal da ein, mal vermietet er sie an einen Massage-Salon, mal an einen Laden irgendwo auf dem Lande. So einfach ist der nicht zu packen, Herr Teske.«

Jochen hatte sich die feuchten Hände an der Hose abgewischt und nichts mehr gesagt, um sich nicht durch seine Stimme zu verraten.

Er hasste Peter Reimers.

Wenn er ihn fände, würde er ihn töten.

»Das ist der Babystrich«, erklärte Ralf Eggert. »Mittags kommen die Kleinen hierher.« Eggert stoppte an der Ecke und deutete schräg über die Straße, wo ein paar junge Mädchen vor den Schaufenstern eines Kaufhauses standen. Außer den etwas zu kurzen Röcken war nicht viel Auffälliges an diesen Mädchen.

»Machen wir eine Kontrolle?«, fragte Jochen.

»Bloß nicht!«, wehrte Eggert ab. »Da würden wir den Kollegen vom Rauschgiftdezernat auf die Zehen treten. Die halten sich die Babys als Köder für die Dealer.«

Jochen spürte eine würgende Übelkeit. Er schluckte und presste den Rücken gegen die Lehne. Verdammt, er kam einfach nicht weiter.

Seit ein paar Tagen wohnte er in einem schäbigen Zimmer unten in Hammerbrook. Abends zog er Zivil an — Jeans, Parka und Pullover  und streifte an den Nuttentreffs entlang. Hin und wieder ließ er sich von einem Mädchen ansprechen.

Dabei musste er vorsichtig sein. Er war zu jung, um den üblichen Puffgänger zu spielen, und schon zu alt, um den unerfahrenen Jungen darzustellen, der bei Prostituierten seine ersten Erfahrungen suchte.

Er streifte durch die Kontakthöfe der Bordelle und besuchte die Peepshows, betrachtete die Gesichter der Mädchen auf den sich drehenden Brettern, sah, wie sie sich wanden und ihre Scham gegen die Guckfenster spreizten.

Bei ihm rührte sich nichts. Er dachte nur an Maria.

Manchmal trieb er sich auch in Altona herum. Er wusste, wo Hans-Jürgen Klein, der Hamburger Johnny, wohnte. Aber er bekam weder den Mann noch dessen Motorrad zu Gesicht. Aber er wagte es nicht, in einer der Kneipen, in der jeder jeden zu kennen schien, nach dem Burschen zu fragen.

Bis er eines Abends Marion Kreutzer wiedersah.

Er erkannte sie nicht auf Anhieb.

Er ging durch den Kontakthof des Palais d'Amour, als sie ihn ohne viel Überzeugungskraft anmachte. Er wollte schon weitergehen, nach einem schnellen Blick in das geschminkte Gesicht, enttäuscht und erleichtert zugleich, dass es nicht Marias Gesicht war.

»He, Marion! Wissen Sie nicht mehr, wer ich bin?«, fragte er. Er bemerkte den leeren Ausdruck in ihren Augen. »Uhlenbeck, Sauna-Club Heidehof!«, sagte er.

»O ja, ich weiß«, sagte sie. »Gehst du mit? Ich mache es dir auch besonders schön.«

»Ich war kein Freier dort. Ich war der Polizist . . .«

Ihr Gesicht zog sich zusammen, und sie wollte sich abwenden.

»Augenblick, Marion!« Er verstellte ihr den Weg.

»Mir geht es hier oben ganz gut, und ich habe keine Probleme mehr«, sagte sie feindselig. »Und wenn Sie glauben, dass ich jemanden verpfeife, sind Sie schief gewickelt. Außerdem kann ich keinen verpfeifen, weil ich niemanden kenne. Geschnallt, Mann?«

»Klar, ist ja nicht schwer.«

»Dann schleich dich an 'ne Andere ran, aber besser nicht hier.«

»Wie viel nimmst du, fragte er.

Sie sah ihn an. »Du willst mit mir . . .«

»Reden«, sagte er und lächelte.

»Willst du mir erzählen, dass du privat hier bist?«

»Ich bin doch nur 'n Schutzmann aus der Heide«, sagte er.

»Fünfzig. Kommst du?«

Er ging hinter ihr her durch einen engen Gang und dann ein paar Stufen hinauf. Ihr Zimmer war klein und schwach beleuchtet, aber es gab ein winziges Bad, das sehr sauber aussah.

Sie baute sich vor ihm auf und schob die Hüften herausfordernd vor. Sie trug ein knapp sitzendes schwarzes Satinhöschen und ein Oberteil mit langen Ärmeln und tiefem Ausschnitt.

»Erst das Geschäftliche«, sagte sie.

Er legte einen Fünfzigmarkschein auf den kleinen Tisch neben der Couch. Sie ließ das Geld verschwinden und drehte sich wieder um. Rasch streifte sie das Oberteil bis zu den Schultern hoch. Anders als beim ersten Mal, als er ihre großen festen Brüste gesehen hatte, betrachtete er sie jetzt mit einem gewissen männlichen Interesse.

»Zieh die Hose aus«, sagte sie und wippte auf den Fußballen.

»Zieh das Ding ganz aus«, sagte er.

Sie lächelte kurz und streifte das Oberteil über den Kopf. Er griff nach ihrem linken Arm und bog ihn so, dass er die Armbeuge sehen konnte.

Die Haut war unversehrt.

Sie holte scharf Luft und zog den Arm weg. Mit der anderen Hand schnappte sie das Oberteil und hielt es vor ihre Brüste.

»Ich wollte nur sehen, ob ich mit dir reden kann«, sagte er ruhig.

»Von uns fixen viel weniger, als ihr Spießer alle denkt!«, stieß sie wütend hervor. »Klar schlucken wir schon mal irgendwelche Pillen, ohne die kommst du hier nicht klar! Was ist jetzt, willst du, oder willst du nicht?«

»Ich wollte mit dir reden, sonst nichts.«

Sie zog das Oberteil wieder an. »45 Mark sind schon weg. Schönes Wetter heute, nicht? Gehste am Sonnabend zum HSV?«

»Hör auf!«, sagte er.

»Was willst du?« Sie deutete auf ihre Oberlippe, wo noch die Spur einer Narbe zu erkennen war. »Du bist aus der Heide, du weißt nicht, was hier los ist! Wenn ich meinen Kerl an euch Bullen verpfeife, schütten mir seine Freunde Säure ins Gesicht. Da spielt sich also nichts ab.«

»Ich will weder was von dir noch von deinem Kerl«, sagte Jochen. »Von wem kriegt ihr die Pillen?«

»Ach, die besorgt mal die und mal die«, antwortete sie ausweichend.

»Und mal der und mal der«, sagte er.

»Mann, du bist ja 'n ganz Schlauer!«

»Wann war der Johnny zuletzt hier?«

»Welcher Johnny?«

»Der Hamburger Johnny.«

»Mensch, jeder zweite Loddel hier heißt Johnny!«

»Ich meine den, der schon mal mit Pillen vorbeikommt.« Er sah sie an, und er sah, wie sich ihre Augen kurz verengten.

»Willste den hochnehmen?«, fragte sie.

»Ich kann hier niemanden hochnehmen«, antwortete er.

»Dann versteh' ich nichts mehr.«

»Ich will 'nem Freund 'nen Gefallen tun. Dieser Johnny, den ich meine, der war mal in Uhlenbeck . . .«

»Im Heidehof?« Sie schüttelte den Kopf. »Bestimmt nicht!«

»Nein, nicht da. Der Johnny hat sich da mit einem Burschen getroffen, der was von einem Mädchen hier weiß. Verstehst du jetzt?«

»Nee«, sagte sie. »Ich muss jetzt wieder runter.«

»Augenblick noch!«, bat er. »Bitte!«

Sie verdrehte die Augen, wartete aber.

»Da fiel noch ein Name. Reimers.«

Er beobachtete sie genau. Der Name Reimers erzeugte keine Reaktion.

Aber es musste eine Verbindung geben. Maria war an einen Kriminellen namens Peter Reimers geraten, einen professionellen Verführer. Harry Böhme aus Sennefeld wusste etwas über Maria. Harry Böhme unterhielt eine Beziehung zu einem Hamburger Ganoven namens Klein, der auch Hamburger Johnny genannt.wurde und möglicherweise ein gesuchter Schläger oder ein Dealer oder beides zugleich war. Also musste es über Böhme und Klein eine Verbindung zu Peter Reimers geben.

»Der Johnny ist auf Ibiza«, sagte Marion Kreutzer kurz angebunden. »Der ist alle paar Wochen auf Ibiza. Die Jungs haben da ihre Häuser.« Ihre Stimme klang bitter. »Nächsten Monat ist er wieder da. Und jetzt muss ich runter.«

15

Zwei Wochen später fand vor dem Amtsgericht in Sennefeld die Verhandlung gegen Harry Böhme statt. Die Anklage lautete auf Besitz verbotener Drogen, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung. Die Ermittlungen wegen des Besitzes gestohlener Gegenstände wurden von Hamburg aus geführt und waren nicht Gegenstand des Verfahrens in Sennefeld.

Jochen Teske war als Zeuge geladen. Im Flur vor dem Gerichtssaal traf er Hermann Gropp wieder. Jochen lächelte etwas befangen, als er den älteren Kollegen begrüßte, Gropp war in Uniform erschienen.

»Fürchtet dich die Hamburger Unterwelt schon?«, erkundigte sich Gropp.

»Der Dienst ist abwechslungsreicher, aber im Endeffekt genauso Routine wie hier«, antwortete Jochen.

»Wie  dauernd Hehler und Bankräuber hochnehmen? Das nennst du Routine?« Gropp schlug Jochen die Hand auf die Schulter. »Aber im Ernst. Du hast gerade den Höhepunkt der Kriminalität in Uhlenbeck und Sennefeld miterlebt. Seit zwei Wochen haben wir nicht einmal einen Fahrraddiebstahl! Das letzte große Ding war ein versuchter Einbruch in eine Schreinerei . . . He, ich glaube, du bist dran. Sehen wir uns nachher noch?«

»In der Imbissstube gegenüber«, sagte Jochen schnell.

Harry Böhmes Verteidiger versuchte, die Angemessenheit der Mittel, mit der die Polizei gegen seinen Mandanten vorgegangen war, in Zweifel zu ziehen und für Harry Böhme eine Notwehrsituation zu konstruieren.

Der Staatsanwalt schmetterte den Anwalt mühelos ab, zumal Jochen mit seiner überlegten Aussage überzeugen konnte.

Jochen verließ den Gerichtssaal, als er nicht mehr gebraucht wurde, und setzte sich drüben in die Imbissstube.

Gropp kam eine Dreiviertelstunde später.

»Ich bin bis zum Schluss geblieben«, sagte er. »Er hat 15 Monate bekommen, zwei Monate U-Haft wurden angerechnet. Der Richter hat Böhme auf freien Fuß gesetzt und die Verbüßung der Reststrafe vom Ausgang des Hamburger Verfahrens abhängig gemacht.«

»Wenn .es da jemals zu einem Gerichtsverfahren kommt!«, meinte Jochen.

»Richtig. Böhme hat bisher eisern geschwiegen, und so reicht es bei ihm allenfalls für eine Anklage wegen des Besitzes gestohlener Waren und nicht wegen Hehlerei im Sinne der Paragraphen 257 und folgender . . .«

». . . weil ihm ein einverständliches Zusammenwirken mit dem Täter der Vortat nicht nachzuweisen sein wird, solange man desselben nicht habhaft ist«, ergänzte Jochen.

»Rechtskunde sehr gut!«, lobte Gropp. »Ich nehme ein kleines Eisbein mit Sauerkraut. Wenn schon, denn schon.«

Jochen lächelte und sah nach draußen. Es war kurz nach halb eins, und das Gerichtsgebäude leerte sich.

»Da kommt er«, sagte Gropp.

Harry Böhme kam mit unsicheren Schritten die Stufen herab. Unten sah er sich unschlüssig um, blieb dann stehen.

»Er darf den Kreis nicht ohne richterliche Einwilligung verlassen«, sagte Gropp. »Außerdem muss er sich zwei Mal in der Woche bei seinem Revier melden, solange das Verfahren in Hamburg anhängig ist. Ah, da kommt mein Eisbein!«

Jochen stutzte, als das schwere Motorrad langsam heranrollte. Der Fahrer trug schwarze Lederkluft und einen schwarzen Helm mit Goldstreifen. Als die Maschine schwungvoll einen Halbkreis beschrieb und auf Böhme zufuhr, konnte Jochen das Kennzeichen erkennen.

HH-NP 34

Gropp bemerkte Jochens angespannte Haltung, und er sah nach draußen. Der Fahrer nahm gerade seinen Helm ab und begrüßte Harry Böhme.

»He, ist das nicht der Typ, warte mal, wo stecke ich den hin?«

»Damals am Markt«, sagte Jochen.

»Richtig. Als du dachtest, die wollten hier Unterdealer keilen!«

Jochen antwortete nicht. Der bullige Ganove saß sehr selbstsicher im Sattel seiner Maschine. Sein Gesicht war braun gebrannt, das Haar von der Sonne Ibizas gebleicht.

Er lachte, als Harry Böhme etwas zu ihm sagte, dann deutete er auf den Sattel hinter sich. Harry quetschte sich hinten hinauf, dann brausten die beiden Ganoven davon.

»Die haben was zu feiern«, sagte Gropp mit vollem Mund.

»Nicht mehr lange«, sagte Jochen leise. »Nicht mehr lange!«

»Wieso?«, fragte Gropp. Er sah Jochen beunruhigt an.

»Ich wette, der Harry setzt sich nach Hamburg ab.«

»Ich habe den Eindruck, als ob Harry Böhme dein persönlicher Feind wäre«, sagte Gropp bedächtig.

»Das ist er nicht«, sagte Jochen.

Peter Reimers, der war sein persönlicher Feind.

»Bring dich nicht in Schwierigkeiten, Junge«, warnte Gropp. »Siehst du eigentlich deine Schwester?«

Die Frage traf ihn wie ein Schlag aus dem Hinterhalt. Er schüttelte den Kopf, weil er seiner Stimme nicht traute. Er wich dem Blick des Kollegen aus, indem er seine Geldbörse zog.

»Kannst du den Böhme im Auge behalten?«, fragte er nach einer Weile. »Ich will wissen, ob er in Sennefeld bleibt oder ob er sich absetzt.«

»Du hast es auf ihn abgesehen, du kannst mir nichts vormachen!«

»Ich glaube, dass dieser Klein ein schwerer Junge ist. Da liegen Erkenntnisse über zwei Burschen vor, die Hamburger Johnny genannt werden. Die Fahndung sucht zwei verschiedene Männer.«

»Nur Jochen Teske, der Schutzmann aus der Heide, weiß es besser«, stellte Gropp fest.

»Sagen wir, ich vermute etwas. Ich rufe dich zu Hause an, in Ordnung?«

Gropp seufzte. »Und wenn du den Gangsterkrieg gewonnen hast, besuche ich dich in Hamburg.«

Er stand auf der anderen Straßenseite in einem Hauseingang und sah unverwandt zu dem alten Backsteinbau hinüber.

Er wusste, dass Hans Jürgen Klein zu Hause war. Er hatte gesehen, wie er mit seiner Maschine angekommen war und sie durch einen schmalen Gang in den Hof geschoben hatte.

Inzwischen war es dunkel geworden, und die Fenster im dritten Stock leuchteten hell. Jochen konnte eine nackte Glühlampe an der Decke baumeln sehen, wenn er den Kopf in den Nacken legte.

Fröstelnd zog Jochen seinen Parka enger um seine Schultern. Er hatte mit Gropp telefoniert, und Gropp war seiner Sache sicher. Harry Böhme war nicht zu der Schlampe, die sich als seine Tante ausgab, zurückgekehrt, und Gropp meinte, dass Harry gar nicht die Absicht hatte, jemals in das Haus, das er immerhin als seinen ständigen Wohnsitz angegeben hatte und aufgrund dessen er überhaupt auf freien Fuß gesetzt worden war, zurückzukehren. Das Mokick hatte die Tante längst verkauft.

Harry Böhme hatte sich abgesetzt, genau, wie Jochen vermutet hatte.

Seit vier Tagen beobachtete er jetzt nach Dienstschluss das Haus, in dem Klein wohnte. Wenn der Ganove abends, nach Einbruch der Dunkelheit, das Haus verließ, blieben die Fenster oben dunkel. Vielleicht gab es ein Zimmer nach hinten hinaus, überlegte Jochen, eins, das sich verdunkeln ließ und in dem er seinen Komplizen aus Sennefeld versteckte.

Aber er glaubte nicht mehr daran, dass Harry Böhme da oben hauste. Böhme hatte gegen die richterliche Auflage verstoßen und sich aus dem Kreis abgesetzt. Er war ein Ganove, kein Schwerverbrecher, nach dem mit allen Mitteln gefahndet wurde. Das wusste ein Strolch wie Harry Böhme. Er wusste, dass er es nicht nötig hatte, sich Tag und Nacht irgendwo zu verkriechen.

Böhme oder Klein, einer von ihnen musste etwas wissen, das ihn, Jochen, weiterbrachte.

Jochen ballte die Fäuste. Seine Geduld war verbraucht.

Tag um Tag verging. Längst hatte er sich bei den Zivilfahndern umgehört und die Festnahme-Listen durchgesehen. Marias Name tauchte dort nicht auf.

Sie war nicht Polizei auffällig geworden. War das ein Umstand, der Hoffnung zuließ? Oder konnte er deshalb eher darauf schließen, dass sie nicht mehr lebte? Nach langem Zögern hatte er im Revier die Mappe aus dem Regal geholt, in dem die Beschreibungen unbekannter Toter gesammelt wurden. Er hatte die Fotos der verquollenen Gesichter von Frauen angesehen, die Tage und Wochen im Wasser gelegen hatten oder auf irgendwelchen Schutthalden verscharrt worden waren.

Maria war nicht dabei.

Wie sollte er sie jemals finden, wenn er nur wartete? Und was konnte er unternehmen, falls er jemals erfuhr, wo sie war? Inzwischen hatte er schon mehr als einmal die jammervolle Vorstellung erlebt, wenn Väter oder Ehepaare mittleren Alters in der Wache erschienen und die Beamten anflehten, ihre Töchter aus einem Bordell oder einer Peepshow herauszuholen.

Die erste Frage des Wachhabenden galt stets dem Alter des Mädchens. Wenn es älter als 18 war und keine Gründe Vorlagen, die vermuten ließen, dass die betreffende Person gegen ihren Willen oder unter Ausnutzung einer Notlage in dem Unternehmen festgehalten wurde, gab es keine Möglichkeit für die Polizei, einzugreifen.

Es gab eine Verbindung von Harry Böhme zu Maria. Böhme hatte Maria erwähnt, als er verhaftet wurde. Woher wusste er etwas von ihr? Von Klein, es gab keine andere Möglichkeit. Klein war die Verbindungsstelle zu Maria.

Und zu Peter Reimers?

Er konnte nicht länger warten. Seine Geduld war restlos verbraucht.

Es war Viertel nach zehn, als Jochen seinen Beobachtungsposten verließ und auf das Haus zuging, in dem Hans Jürgen Klein wohnte. Er hatte herausgefunden, dass die Haustür gegen halb elf von einem alten Mann, der im Erdgeschoss wohnte, abgeschlossen wurde.

Klein zog meistens gegen elf Uhr los. Er ging dann zu Fuß durch die Straßen Altonas zur Reeperbahn hinunter und machte seine Runde durch die Bars und Clubs, die Shows und Cabaretts, die Eros-Centers und Peepshows.

Wahrscheinlich hatte er die Taschen voller Tabletten. Oder er verfügte irgendwo über gut getarnte Depots. Jochen riskierte es nicht, zu nahe aufzuschließen oder den Mann zu lange zu beschatten. Er war kein Profi auf diesem Gebiet.

Deshalb wollte er den Dealer in dessen Wohnung stellen.

Im Dunkeln tastete er sich die steile Treppe zum dritten Stock hinauf. Die Holzstufen knackten leise unter seinem Gewicht. Er hielt sich deshalb ganz am Rand, berührte mit einer Hand die Wand.

Als ein schwacher Luftzug an seinem Gesicht vorbei strich, blieb er stehen und lauschte mit angehaltenem Atem. Nichts. Er wollte schon weitergehen, als er ein scharfes Knacken hörte.

Wieder verharrte er reglos, bis sich seine Wadenmuskeln verkrampften. Das Geräusch wiederholte sich nicht. Lautlos schlich er weiter.

Im dritten Stock knipste er die kleine Batterielampe an, die er bei seinen Streifzügen mit sich führte. Er leuchtete die vier Türen ab, die auf den Vorplatz mündeten.

Neben einer altmodischen Drehklingel steckte ein Stück Pappe mit den Initialen HJK. Jochen lauschte angespannt. Im Treppenhaus blieb es ruhig. Er drehte an der Klingel und hörte ein schrilles Rasseln hinter der Tür.

Er knipste die Lampe wieder aus. Hinter der Riffelscheibe in der Tür wurde es kurz hell, dann fragte eine undeutliche Stimme:

»Ja? Wer ist denn da?«

»Ich bin's, Harry!«, flüsterte Jochen gerade laut genug, damit der andere die Worte verstehen konnte.

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, dann wurde die Tür geöffnet. In der Diele war es dunkel, im Flur ebenfalls. Klein konnte nicht sofort erkennen, dass er nicht Harry Böhme vor sich hatte.

»Bist du verrückt, herzukommen!«, zischte er und trat zur Seite.

Da fiel etwas Licht über Jochens Gesicht. Klein starrte ihn an, und dann schnappte er nach Luft.

»Sie sind doch der Bulle . . .« Er wollte die Tür zuschlagen.

Jochen stellte seinen Fuß dazwischen. Das Holz krachte gegen die Schuhspitze. Klein rollte die Schulter.

Jochen hatte nicht vergessen, was Kommissar Pietzka ihm in Sennefeld gesagt hatte. Passen Sie bloß auf, wenn der Ihnen mal über den Weg läuft . . .

Und doch überraschte ihn die Schnelligkeit, mit der Klein reagierte. Seine Schulter kam, und mit ihr die Faust. Kleins Arm war kurz, entsprechend kurz war der Weg.

Jochen schaffte es gerade, sich ab zu ducken. Er spürte die Faust an seinem Ohr, wollte hochkommen und selbst zuschlagen, genau dorthin, wo er die dunkle Masse des anderen Körpers undeutlich wahrnahm.

Da traf ihn eine schwere Faust voll auf die Brust. Wie von einem Huf tritt wurde er quer über den Treppenabsatz geschleudert. Er prallte mit dem Rücken gegen das Treppengeländer. Das Holz knackte bedrohlich, während ihm der scharfe Schmerz wie eine Lanze ins Hirn stieß.

Er sah den Schatten auf sich zukommen. Es ist aus, dachte er verzweifelt, als er die Arme hochriss, um sein Gesicht zu schützen. Dabei berührte sein Ellbogen den Schalter für das Treppenhauslicht.

Die nackte Birne hoch an der Decke verwandelte den Dealer in einen drohenden Schatten. Kleins Gesicht war verzerrt, als er seine Rechte abschoss.

Jemand stieß Jochen von der Seite hart gegen die Schulter. Er wurde gegen die Wand geschleudert. Kleins Faust flog an Jochen vorbei, und dann war da eine Gestalt, die sich gegen den Dealer warf.

Laut rasselnd stieß Jochen den Atem aus, als er Ralf Eggert erkannte.

Klein sah den neuen Gegner nur aus dem Augenwinkel. Er wusste nicht, wer oder was ihn traf, als Eggert zuschlug. Es war ein erbarmungsloser Schlag von unten herauf, dem der Ganove nicht ausweichen konnte.

Eggerts Faust krachte gegen Kleins Kinn. Der Kerl sackte ohne einen Laut zusammen. Jochen sprang vor. Zusammen mit Eggert fing er ihn auf, und gemeinsam schleiften sie ihn in die Wohnung. Ralf Eggert stieß die Tür mit dem Fuß ins Schloss und schaltete das Licht ein.

Über den Bewusstlosen hinweg sahen sie einander an. Jochen rieb seine schmerzenden Rippen.

»Meinst du, du hättest mir was vormachen können?«, fuhr Eggert ihn an. »Lässt dich nach Hamburg versetzen, nachdem ich mit dem Foto bei dir war!«

Jochen schwieg.

»Ich habe dich beobachtet«, fuhr Eggert fort. »Dein Glück, wie du wohl gemerkt hast. Aber jetzt hast du keine Wahl mehr, Mann. Bevor der wieder zu sich kommt, will ich wissen, was los ist. Oder du verbringst den Rest der Nacht in einer Zelle. Das ist mein Ernst!«

Jochen starrte Eggert an. Er suchte nach Worten, mehr noch, nach einem Ausweg.

»Wer ist sie?«

Jochen wusste, wen Eggert meinte.

»Sie ist meine Schwester«, sagte er tonlos.

Eggerts Gesicht wurde schlaff, dann kniff er die Augen zusammen. In den schmalen Schlitzen glitzerte es verdächtig.

»Du Idiot, du verdammter, du gottverdammter Idiot!«, stieß er erstickt hervor. »Warum hast du es mir nicht gleich gesagt? Warum nicht?«

Jochens Kehle war wie zugeschnürt. Sein Hals schwoll an, und seine Stimme klang gepresst, als er sagte: »Sie ist vielleicht eine . . . eine . . .«

»Dime! Sprich es doch aus! Sie ist eine Nutte, ein Callgirl! Aber sie ist doch deine Schwester!«

»Deshalb suche ich sie doch! Begreifst du es jetzt? Deshalb suche ich sie. Ich . . .«

»Warum hast du mir nicht vertraut?«

»Sie ist meine Schwester. Du hast sie nur einmal gesehen. Und außerdem, es genügt, wenn einer . . .«

»Ich hänge auch mit drin, denk an das Foto.«

»Davon redet niemand. Aber wenn man sie findet und mit Witteks Tod in Verbindung bringt . . .«

»Dann siehst du verdammt alt aus, wenn es stimmt, was ich glaube.« Eggert schüttelte den Kopf.

»Was glaubst du?«

»Dass du den Mörder kennst.«

Jochen sah auf Klein hinab, der sich immer noch nicht rührte. »Halt du dich raus und lass mich mit ihm reden. Es genügt, wenn ich mir die Finger schmutzig mache.«

Jochen stieg über den bewusstlosen Dealer, packte Eggert an der Schulter und schob ihn zur Tür. Eggert sträubte sich.

»Er hat dich nicht gesehen«, sagte Jochen. Er öffnete die Wohnungstür und drängte ihn hinaus.

»Lass dich von ihm nicht einwickeln. Diese Kerle sind wie die Ratten. Die gehen dir an die Kehle, wenn du einen Fehler machst. Ich warte unten. Wenn du in zehn Minuten nicht draußen bist, hole ich die Kavallerie.«

Als Hans Jürgen Klein zu stöhnen begann, wuchtete Jochen ihn in einen Sessel. Er hatte die Jalousien herab gezogen, bevor er das Licht im schäbigen Wohnraum einschaltete.

Methodisch leerte er die Taschen des Ganoven. Einen dicken Packen Geld, verschiedene Schlüssel und ein silbernes Zigarettenetui warf er auf den Tisch. Nur den Schlagring steckte er sicherheitshalber ein. Er hatte die Kraft nicht vergessen, mit der Klein zugeschlagen hatte.

Aber Ralf Eggerts Handschrift war auch ganz schön deutlich, dachte er bewundernd, denn außer einem gelegentlichen unterdrückten Stöhnen gab der Ganove noch keine Lebenszeichen von sich.

Im Bad feuchtete Jochen unter fließendem Wasser ein Handtuch an, das er dem Ganoven auf das Gesicht legte.

Dann begann er, die Wohnung zu durchsuchen. Er wusste, dass er das nur flüchtig besorgen konnte, und Drogen würde er bestimmt nicht finden. Einer der Schlüssel auf dem Tisch passte vermutlich zu irgendeinem Schließfach oder einer Garage oder einem Verschlag, in dem Klein die Drogen versteckte, die er an Zuhälter und Dirnen verkaufte. Darum sollten sich später die Kollegen kümmern.

Ihn interessierten nur Hinweise, die ihn näher zu Maria führten.

In der Motorradjacke, die im Flur hing, fand er einen zweiten Schlagring und ein Schnappmesser. Er blätterte die Kladde neben dem Telefonbuch durch. Sie war mit Namen und Telefonnummern vollgeschmiert, aber Jochen konnte sich nicht vorstellen, dass Klein dort irgend etwas Verräterisches notiert haben sollte.

Er ging zu dem Ganoven zurück, nahm das Handtuch aus dessen Gesicht, drehte es herum. Neben der Nase zeigte sich eine Schwellung, die sich rasch rotblau färbte. Der Ganove stöhnte. Jochen zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und wartete.

Als Klein zu stöhnen begann, beugte Jochen sich vor und nahm das Handtuch an sich. Klein krümmte sich, dann tastete er nach der Schwellung, und als der Schmerz in sein Gehirn schoss, riss er die Augen auf.

Er starrte Jochen an, ohne ihn sofort wahrzunehmen. Dann wollte er sich auf ihn stürzen.

Jochen hatte das nasse Handtuch zu einer festen Rolle zusammen gedreht. Die schlug er dem Ganoven von der Seite her gegen das Kinn. Die Wucht schleuderte den Mann in den Sessel zurück.

Er atmete schwer. Seine Gesichtshaut war fahl. »Was wollen Sie?«, stieß er endlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Mich interessiert nur eins«, sagte Jochen. »Wo meine Schwester ist.«

»Ihre Schwester? Was soll ich von Ihrer Schwester wissen?«

Klein duckte sich vor dem heran sausenden Handtuch, aber seine Reflexe waren nach Eggerts Fausthieb in sein Gesicht zu langsam. Der Knoten traf ihn an der Schläfe. Der Ganove stöhnte vor Schmerz auf.

»Was Sie machen, ist illegal«, sagte er undeutlich.

»Wenn wir miteinander fertig sind, steht es Ihnen frei, mich anzuzeigen! — Böhme weiß von meiner Schwester. Er kann es nur von Ihnen haben. Weil Sie Drogen verkaufen! Wo ist sie?«

»Ich weiß nichts von Ihrer Schwester, ehrlich nicht! Der Harry faselte mal was von 'ner Tante, die 'nen Bruder haben soll, der 'n Bulle ist . . .«

»Harry? Der arbeitete doch nicht in Hamburg, oder?«

Klein hob die Schultern, aber dann riss er den Kopf zurück, als Jochen erneut Anstalten machte, mit dem Handtuch zuzuschlagen.

»Warum fragen Sie ihn nicht selbst«, sagte er.

»Sagen Sie mir, wo er ist!«

»Das müssen Sie schon selbst raus finden«, sagte der Ganove.

Jochen schlug zu. Er hasste sich dafür, aber er hatte hier etwas angefangen, das er zu Ende führen musste. Wenn er jetzt aufgab, würde er Maria nie mehr finden.

Klein wimmerte. »Was werden Sie tun, wenn ich es Ihnen sage?«

»Ihn fragen. Was sonst?«

»So wie mich? Und was werden Sie mit mir machen?«

»Machen Sie einen Vorschlag.«

»Ich könnte versuchen, ihn anzurufen«, sagte Klein.

Jochen schüttelte den Kopf. Er wusste selbst nicht was er als Nächstes tun sollte. Er stand auf, zog den Schlagring des Ganoven aus der Tasche und schob ihn über die Finger seiner rechten Hand. Dann wickelte er das Handtuch um die Faust.

Nackte Angst flackerte in den Augen des Ganoven. »Ihr Bullen, macht was ihr wollt!«, keuchte er.

»Du hast es nötig«, sagte Jochen unheilvoll. »Ich gebe dir jetzt zehn Sekunden.« Jochen begann zu zählen.

Bei acht sagte Klein: »Er ist bei einer Bekannten unter geschlüpft. Sagen Sie nicht, woher Sie die Information haben. Von mir nicht. Ich werde sie auch nicht warnen.«

»Name, Anschrift?«

»Ein Apartmenthaus in Harvestehude.«

Jochen schrieb die Adresse auf. »Und wie heißt die Bekannte?«

»Sie lassen mich doch laufen?«

»Der Name!«

»Sie können mich nicht hochnehmen. Weshalb auch?« Klein lachte trocken. »Und wie wollen Sie Ihren Leuten das da erklären . . .« Klein betastete vorsichtig die Schwellung an seiner Wange. »Sie heißt Renate Graulich. 12. Stock. Fragen Sie mich nicht, woher er die kennt. Und jetzt scheren Sie sich zum Teufel!«

Jochen stand auf. Er nahm den Telefonhörer ab und wählte.

»Den KDD«, sagte er, als die Zentrale des Präsidiums sich meldete.

Klein schoss in die Höhe. »Wen rufen Sie da an?«, fragte er.

»Den Kriminaldauerdienst«, antwortete Jochen ruhig. Dann meldete sich der Kollege von der Bereitschaft. Jochen nannte seinen Namen und seine Dienstnummer, und dann sagte er: »Mir ist hier ein Ganove über den Weg gelaufen, der mir schon mal in Uhlenbeck begegnet ist. Klein, Hans Jürgen. Ja, tipp ihn ruhig in den Terminal. Nein, so gibt der Junge nichts her. Versuch's mal mit Hamburger Johnny.«

Der Ganove sprang aus dem Sessel. Geduckt kam er auf Jochen zu.

»Augenblick«, sagte Jochen in den Hörer. Er griff mit der Rechten unter seinen Parka. Es war ein Bluff. Er trug keine Pistole.

Klein blieb stehen. »Damit täte ich dir wohl einen Gefallen, wie?«, fragte er flach. Langsam zog er sich in seinen Sessel zurück.

Jochen nahm den Hörer wieder auf. »Nim, Kollege, hast du ihn?«

»Da sind zwei. Ein Schläger und ein Dealer.«

»Es handelt sich beide Male um ein und dieselbe Person. Er lief mir hier rein zufällig über den Weg. Wollte mich nieder schlagen und verschwinden. Ich musste einmal hinlangen.  Nein, keine Sorge, Kollege, er ist. soweit unbeschädigt. Ihr könnt ihn abholen. Ich warte so lange.«

16

Um beweglich zu sein, hatte sich Jochen kurz nach seiner Versetzung nach Hamburg einen gebrauchten Polo gekauft. Den Wagen hatte er an der Thiedestraße abgestellt.

Ralf Eggert blieb an seiner Seite. Er setzte sich einfach mit in den Wagen, und Jochen wusste, dass er den Kollegen weder abschütteln noch mit Ausflüchten hinhalten konnte.

Während der Fahrt nach Harvestehude erzählte er Eggert, was er wusste. Eggert hörte schweigend zu. Er brauchte Zeit, um das Gehörte zu verdauen.

»Mann, Mann«, sagte Eggert ratlos. »Mann, Mann . . . Wir kommen in Teufels Küche!«

»Du brauchst dich bloß raus zu halten. Sie ist meine Schwester.« Jochens Stimme klang feindselig.

»Was willst du machen, wenn du auf Reimers stößt?«, fragte Eggert.

»Ich weiß es nicht. Du weißt jetzt Bescheid. Mach Meldung, oder lass es.«

Eggert schüttelte langsam den Kopf. »Hast du das alles auf dich genommen, um die Entscheidung jetzt abzuwälzen?«

Jochen warf Eggert einen schnellen Seitenblick zu. Eggerts kantiges Gesicht verriet keine Regung.

»Wenn Reimers geschnappt wird, kommt alles raus«, überlegte Eggert. »Dass du aus persönlichen Gründen wie ein Geier hinter Klein und diesem Böhme her warst.«

»Und dass Maria . . .«

»Wenn Sie noch lebt«, unterbrach Eggert ihn.

»Was sollen wir also tun?«, fragte Jochen. »Nicht dran rühren? Meinst du das?«

»Nein, das meine ich nicht.«

Jochen begriff, und er spürte ein hohles Gefühl im Magen. »Nein, das kann nicht dein Ernst sein«, sagte er heiser.

Eggert blickte starr geradeaus. »Ich lege ihn um, wenn ich die Gelegenheit kriege. Und bis dahin passe ich auf dich auf. So 'nen Jungen aus der Heide, den fressen die hier zum Frühstück.«

Ich glaube, dachte Jochen, ich muss eher auf dich aufpassen.

Aber der Gedanke, Reimers umzulegen und zu versuchen, damit durchzukommen, war ihm auch schon gekommen.

Das riesige Apartmenthaus, das Klein ihm beschrieben hatte, ragte wie ein schimmernder Turm in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Die Straßen rings um die Wohnanlage waren hoffnungslos zugeparkt.

Jochen stellte den Polo in die Einfahrt einer geschlossenen Tankstelle und stellte den Motor und die Beleuchtung ab.

»Du kannst nicht mit dem Kopf durch die Wand«, sagte Eggert. »Die Sache mit dem Klein, die geht in Ordnung, die Geschichte haut hin, weil der Klein das Maul halten wird, jedenfalls bei der Kripo und vorm Haftrichter. Aber wenn du in die Wohnung einer Luxusnutte oder einer Ganovenbraut eindringst, dann bist du erledigt.«

»Willst du mich festhalten?«, fragte Jochen. Wieder klang seine Stimme feindselig.

»Jeder muss selbst wissen, was er tut«, sagte Eggert. »Ich bleibe hier. Einer muss ja die Trümmer einsammeln.«

Jochen stieg aus und ging auf das Apartmenthaus zu. Die Zufahrtstraße mündete direkt in die Abfahrt zur Tiefgarage und endete vor einem Rollgitter. Über dem Gitter funkelte ein rotes Licht wie ein krankes Auge.

Jochen trat unter das vor ragende Dach über dem Eingang. Die Glastüren waren verschlossen. Überall brannte Licht. In der Halle entdeckte er lange Reihen mit Briefkastenklappen. Hier draußen waren einige hundert Klingeln mit Namensschildchen in eine lackierte Blechplatte eingelassen.

Jochen bückte sich und begann, die Namen in den schmalen Ausschnitten zu lesen.

Sein Vorhaben kam ihm plötzlich abenteuerlich vor. Mehr als das. Wahnsinnig.

Wahnsinn war es, mitten in der Nacht bei einer fremden Person in die Wohnung eindringen zu wollen. Man würde ihn aus der Polizei feuern. Zu Recht. Schon die Sache mit Klein würde ihn die Uniform kosten, wenn es den Kollegen nicht gelang, den Mann festzunageln.

Der Verdacht, dass es sich bei dem Klein um denselben Hamburger Johnny handelte, der von der Staatsanwaltschaft Stade wegen vorsätzlicher Körperverletzung gesucht wurde, genügte immerhin, um den Mann bis zu einer Gegenüberstellung mit Zeugen aus Stade festzuhalten.

In der Zwischenzeit würden andere Kollegen versuchen, das Versteck der Drogen, die Klein an Prostituierte verkaufte, zu finden.

Jochen brauchte also nicht zu fürchten, dass Klein den Harry Böhme oder diese Renate Graulich, bei der sich der Strolch versteckte, zu früh warnte.

Trotzdem brannte er darauf, Böhme ein weiteres Mal Auge in Auge gegenüberzutreten. Dieses Mal würde er nicht lockerlassen, bis der Ganove sagte, was er von Maria wusste.

R. Graulich stand auf dem kleinen Namensschildchen. Der Hamburger Johnny hatte ihn also nicht angeschmiert. Zumindest der Name stimmte. Jochen hob die Hand. Der Finger, den er auf den Klingelknopf drücken wollte, zitterte. Und hing dann in der Luft.

Er ließ die Hand sinken und lehnte sich gegen den kalten Beton an der Seite des Eingangs. Ein Ehepaar kam auf den Eingang zu. Die Frau warf ihm verstohlen ängstliche Blicke zu. Der Mann schloss die Tür auf. Blitzschnell verschwanden beide im Haus. Der Mann knallte die Tür zu.

Räuber und Gendarm. Cops and Robbers. Bullen und Ganoven. Verdammt, ich habe die Grenze bisher immer für eine dicke gerade Linie gehalten, dachte Jochen.

Er wollte Polizist sein und Polizist bleiben.

Aber er wollte auch seine kleine Maria nicht im Stich lassen. Sie hatte doch sonst niemanden.

Als ein Funkstreifenwagen langsam über die Parallelstraße heran glitt, wich Jochen in den Schatten neben dem Eingang zurück. Geduckt lief er zu seinem Wagen.

17

»Teske!«

Jochen blickte auf, als ihn Burmesters dröhnende Stimme traf. Der Schichtführer winkte ihn zu sich.

Burmester grinste breit, als Jochen vorm Tresen stehenblieb. »Waren Sie es wirklich, der den Knilchen vom KDD den Tipp mit dem Hamburger Johnny gegeben hat?«

Jochen spürte, wie er rot wurde. Einige Kollegen, die auf die Zuweisung ihrer Aufgaben warteten, sahen herüber.

»Steht denn schon fest, dass Klein und die gesuchten Personen identisch sind?«, fragte er.

»Die Kollegen arbeiten dran. Es wird schon klappen«, meinte Burmester zuversichtlich. »Da muss ein Junge aus der Heide kommen.« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie haben ihm eine verpasst. Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen nachher bei der Abfassung des Berichts. Sie müssen erst noch dahinterkommen, was unsere Richter hier gern hören.« Burmester sah Jochen wohlwollend an. »Weiter so, Junge! Oder ist noch was?«, erkundigte er sich dann, als er sah, wie Jochen nach den richtigen Worten suchte. Dabei hatte Eggert ihm genau erklärt, wie er Burmester am besten auf die Leimrute locken konnte.

»Sie erinnern sich, ich war vorige Woche in Sennefeld . . .«

»Ihre Zeugenaussage gegen einen Ganoven, ich weiß. Er hat 15 Monate bekommen. Hat sich also gelohnt.«

»Der Mann wurde gegen verschiedene Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Von meinen ehemaligen Kollegen aus Uhlenbeck weiß ich, dass er sich abgesetzt hat.«

Burmesters Augen begannen interessiert zu funkeln. »Sagen Sie bloß . . .«

»Er heißt Harry Böhme. Er und Klein sind Komplizen, das weiß ich. Klein hat mir gesagt, wo Böhme sich versteckt.«

»Einfach so?«, erkundigte sich Burmester skeptisch.

»Er hoffte, dass ich ihn laufen lassen würde«, antwortete Jochen, was sogar der Wahrheit entsprach. Jochen nannte die Adresse, und dann wartete er, ohne sein fiebriges Interesse erkennen zu lassen.

Burmester kratzte sich am Kopf, dann schrie er: »Eggert! Eggert, wo steckst du, zum Teufel?«

Ralf Eggert kam gemächlich aus dem Umkleideraum. »Wo brennt es?«, fragte er, ohne Jochen anzusehen.

»Ihr könnt euch einen Ganoven abholen. Teske sagt dir, wo. Ich regele inzwischen die Sache mit der Zuständigkeit.« Burmester zwinkerte. »Wir wollen den Kollegen vom Nachbarbereich mal zeigen, was für helle Jungs wir haben!«

Dieses Mal stand der Eingangsbereich weit offen, doch Ralf Eggert hielt Jochen am Arm fest, als er einfach hindurchgehen wollte.

»He, he!«, sagte Eggert. »Was wird die Ganovenbraut tun, wenn sie uns zwei schmucke Polizisten durch den Türspion erblickt? Wie willst du sie dazu bringen, dass sie die Tür öffnet, na? Habt ihr da in der Heide eure besonderen Tricks?«

Jochen starrte den Kollegen an. Er mahlte vor Ungeduld mit dem Unterkiefer.

»Jetzt lass dir mal zeigen, wie wir so was anfangen.« Er suchte die Klingel mit dem Namen Graulich. »Sie heißt Renate, sagtest du?« Er klingelte zwei Mal.

Sie warteten. Jochen spürte seine verkrampften Gesichtsmuskeln kaum noch. Er konnte es nicht mehr erwarten, Harry Böhme erneut gegenüberzutreten. Dieses Mal musste der Ganove Farbe bekennen.

»Vielleicht ist niemand da«, sagte er heiser.

Eggert hob die Schultern. »Vielleicht arbeitet sie, oder ist zum Einkaufen weggegangen. Dieser Böhme wird dann nicht an die Tür gehen.« Er klingelte noch einmal.

Dieses Mal knackte es im Türlautsprecher.

»Ja? Wer ist da?«, fragte eine weibliche Stimme.

»Ich habe hier einen Einschreibebrief für Renate Graulich«, sagte Eggert gegen das Sprechgitter. »Sind Sie das?«

»Ja. Kommen Sie rauf. 1214, zwölfter Stock links.«

»Siehst du, so macht man das«, sagte Eggert zu Jochen, als sie im Lift nach oben schwebten.

Die Frau an der Tür von 1214 war an die Dreißig. Sie hatte ein hübsches, wenn auch etwas zu hartes und puppenhaft starres Gesicht. Sie trug einen Morgenmantel, den sie mit einer Hand über der Brust geschlossen hielt, um die Fülle darunter zu verbergen.

Als sie die beiden Polizisten erblickte, riss sie zuerst die Augen auf, dann den Mund.

Eggert drückte gegen die Tür.

»Sagen Sie lieber nichts, Fräulein!«, zischte er. »Sonst stehen Sie als die Dumme da. Wir dürfen doch eintreten?« Er schob sich einfach an ihr vorbei.

Jochen folgte Eggert in einen Flur, dessen Größe ihn überraschte. Er sah sein Spiegelbild in einem hohen Spiegel mit Goldrahmen. An der Garderobe hingen ein Fuchsmantel und ein Herrenmantel aus weichem Leder mit Pelzkragen und Pelzfutter. Ein kleiner Zweifel begann in Jochen zu nagen. Wenn dieses eine Absteige war, überlegte er, dann war es keine billige. Was hätte .ein mieser kleiner Halunke wie Harry Böhme hier verloren?

Fünf Türen mündeten in den Korridor. Alle waren geschlossen.

»Was wollen Sie hier?«, stieß die Frau hervor.

»Langsam, Frau Graulich. Oder Fräulein? Bei Ihnen soll sich ein Mann aufhalten, der sich der Strafvollziehung entzieht. Sind Ihnen Begünstigung und Beihilfe zur Strafvereitelung vertraute Begriffe? Ich könnte Ihnen die entsprechenden Paragraphen der Strafprozessordnung nennen, gegen die Sie verstoßen, wenn Sie die betreffende Person weiterhin bei sich verbergen. Aber ich denke, Sie werden jetzt auf eine Tür deuten, wir reden mit dem Mann und gehen dann ganz friedlich wieder, und für Sie ist der Fall damit möglicherweise erledigt.«

Die Augen der üppigen Blondine huschten zu einer Tür auf der rechten Seite und zuckten sofort wieder zurück, Jochen wollte sich auf die Tür stürzen, aber Eggert hob gebieterisch die Hand. Jochen blieb bei der Frau, während Eggert mit zwei schnellen Schritten an der Tür war. Er lockerte die Lasche über der Pistole und holte tief Luft. Dann stieß er die Tür auf.

Der Raum hinter dem sich öffnenden Spalt war dunkel, aber Jochen sah die breite Schulter eines Mannes, der von Eggert zum größten Teil verdeckt wurde. Die Schulter steckte in einem gut geschnittenen dunkelblauen Anzug.

Jochens Kopfhaut zog sich zusammen, als ihm Ralf Eggerts unnatürlich steife Haltung auffiel. Eggerts Fuß bewegte sich endlich, machte einen tastenden Schritt rückwärts.

Und jetzt sah Jochen das Gesicht des Mannes.

»Reimers!«, schrie er und stieß die Frau zur Seite, um sich auf den Mann zu stürzen.

»Jochen!« Eggerts Stimme klang flach und flehend zugleich.

Jochen erstarrte, als er die schwere Pistole in Reimers' Hand erblickte. Ihre Mündung war auf Eggerts Nasenwurzel gerichtet. Jochen sah Eggerts Augen, und er erkannte die Angst darin. Todesangst.

Und jetzt sprang sie auch ihn an. Seine Knie begannen zu zittern, sein Herzschlag schien auszusetzen, um dann mit um so heftigerem Ruck wieder einzusetzen.

Reimers hatte nichts zu verlieren. Er hatte schon einen Polizisten getötet . .

Aber er kann nicht ahnen, dass wir es wissen! Der Haftbefehl bestand wegen vergleichsweise geringfügiger Delikte, wenn man sie mit einem Polizistenmord verglich.

»Machen Sie keinen Quatsch, Reimers!«, sagte Jochen.

Er machte einen Schritt auf Reimers zu.

Reimers Oberlippe wurde blass und straff und zog sich bis unter die Nase hinauf. Sein Daumen zog den Spannabzug der Pistole zurück.

»Jochen, um Himmels willen . . .«, sagte Eggert.

Jochen blieb stehen. Reimers schob sich um Eggert herum. Rückwärts ging er zur Tür, ohne Eggert aus den Augen zu lassen. Mit der freien Hand winkte er der Frau.

Sie hatte ebenfalls Angst, deshalb gehorchte sie. Sie gab ihm den Schlüssel zur Wohnungstür. Reimers packte einen ihrer fleischigen Oberarme, bevor er die Tür öffnete und einen schnellen Blick hinauswarf.

Er zerrte die Frau mit sich nach draußen und steckte den Schlüssel ins Schloss.

»Sie bleibt vor der Tür stehen«, sagte er. »Schießt ihr keine Löcher in die Haut!«

Krachend flog die Tür ins Schloss, der Schlüssel wurde herumgedreht. .

Jochen rannte zur Tür. Im Laufen riss er die Pistole heraus.

»Jochen, nicht!«, schrie Eggert. Er sprang ihn von der Seite an und riss ihn zu Boden. »Wenn er durch die Tür feuert . . .«

Atemlos lagen sie auf dem dicken Teppich. Jochen sah Eggerts Gesicht nah vor sich. Die Haut war grau wie nasses Papier, große Schweißtropfen quollen aus den Poren, die Augen zuckten.

Jochen stieß Eggerts Hand, die sich in seiner Uniformjacke verkrallt hatte, weg und sprang zur Tür. Er zerrte am Griff und schrie die Frau, die er auf der anderen Seite vermutete, an, aufzuschließen.

Ihre Stimme klang dünn. »Er hat den Schlüssel mitgenommen . . .«

»Gehen Sie zur Seite!« brüllte Jochen, als er seine Pistole zog und sie auf das Schloss richtete.

Ein seltsamer Laut ließ ihn herumfahren.

Eine andere Tür stand jetzt offen. Im Rahmen stand Harry Böhme, erstarrt wie ein ertappter Hausfreund. Er trug noch eine Pyjama-Jacke über den verschlissenen Jeans. Die ausgelatschten Turnschuhe hielt er in der Hand.

Als er Jochen erkannte, schleuderte er die Schuhe nach ihm und jagte über den Flur, auf eine andere Tür zu.

Eggert stellte ihm ein Bein, und Harry flog wie vom Katapult abgeschossen durch die Luft. Blut spritzte aus seiner Nase, als er auf dem Boden aufschlug.

Mit einem heiseren Laut war Jochen über ihm. Er zerrte ihn in die Höhe und trieb ihn mit Faustschlägen vor sich her in das Zimmer zurück, in dem eine schlanke Rothaarige erschreckt aus dem Bett sprang.

»Raus!«, herrschte Jochen sie an.

Splitternackt flüchtete sie ins Bad.

Harry Böhme hob schützend die Hände vor sein Gesicht, als Jochen ihn über das Bett warf.

»Du hast keine Zeit, Harry«, sagte er. Sein verzerrtes Gesicht flößte dem Gauner Furcht ein. »Was weißt du von meiner Schwester?«

»Nichts, nichts, nur . . . der Reimers hat damit angegeben, dass er die Schwester eines Bullen . . .« Er schluckte, als er Jochens Faust auf sich zukommen sah.

»Wo ist sie jetzt? Bei Gott, Harry, du musst es mir sagen, oder ich . . .«

»Ich weiß es doch nicht . . .« Harry Böhmes blutverschmiertes Gesicht verzog sich zu einer weinerlichen Grimasse. »Ich weiß nur, dass irgendwas nicht stimmt ... Er hält sie irgendwo, wo sie nicht reden kann . . . Mein Gott, ich habe Schmerzen! Sie haben mir die Nase gebrochen!«

Jochen richtete sich schwer atmend auf, als Ralf Eggert hereinkam.

»Ich habe die Zentrale angerufen«, sagte er. «Du, ich glaube, wir haben da in ein Wespennest gestochen. Die Kameraden von der Kripo kommen mit großer Besetzung.« Er machte ein bedenkliches Gesicht. »Hoffentlich haben wir keinem auf die Zehen getreten!«

Jochen ging in den Flur. Neben der immer noch abgeschlossenen Tür lehnte er sich gegen die Wand. Er schloss die Augen.

Reimers war ihm entwischt. Um ein Haar hätte es hier eine Katastrophe gegeben. Er schluckte. Er hatte lausige Angst gehabt, genau wie Ralf Eggert.

»Wir haben es nicht geschafft«, sagte Eggert, der sich neben Jochen stellte. »Wir haben ihn nicht umgelegt . . .«

Die Jagd wird niemals enden, dachte Jochen. Und wenn sie Reimers doch erwischten, eines fernen Tages, was wäre dann noch von Maria übrig? Er spürte die Tränen nicht, die zwischen seinen Lidern hervorquollen.

Er brauchte Hilfe, unkonventionelle Hilfe.

Er wusste jetzt, was er zu tun hatte. Es war eine letzte, verzweifelte Hoffnung.

18

Der schwarze BMW stand unbeleuchtet am Straßenrand. Als Jochen auf gleicher Höhe war, flog die hintere Tür auf und prallte fast gegen sein Knie. Ein hagerer Zwei- Meter- Mann glitt heraus und baute sich vor ihm auf. Mit einer knappen Handbewegung deutete er ins Wageninnere.

Jochen sah sich unsicher um. Er hatte einen Geist beschworen, als er vorhin eine Telefonnummer in St. Georg angerufen hatte, aber er hatte nicht geglaubt, dass der Geist so schnell erscheinen würde.

Er setzte sich auf die Rückbank. Der Große stieg hinter ihm ein und schob ihn in die Mitte. Links saß ein breithüftiger Kerl, dessen Gesicht Jochen nicht erkennen konnte. Er roch nur den Schweiß, der den Mann wie eine Dunstglocke einhüllte.

Der Große schlug mit der flachen Hand auf die Rücklehne des freien Beifahrersitzes. Der Fahrer fuhr an, ohne den Kopf zu wenden.

Sie fuhren zügig über den Steindamm in Richtung Borgfelde, bogen irgendwo rechts ab, wo Jochen sich nicht auskannte. Keiner der Fahrzeuginsassen sprach ein Wort, und Jochen wusste, dass es sinnlos gewesen wäre, sie irgend etwas zu fragen. Seine Idee kam ihm plötzlich idiotisch vor.

Der Wagen hielt vor einem eisernen Rolltor. Das Tor rasselte in die Höhe, und der BMW glitt in eine dunkle Garage, deren Inneres kurz von den abgeblendeten Scheinwerfern erhellt wurde, bevor sie erloschen. Das Tor fuhr wieder herab.

Jochen versuchte, seine Unsicherheit und Angst nicht allzu deutlich werden zu lassen, als die Kerle ausstiegen. In einer Ecke leuchtete eine abgeschirmte Lampe auf. Durch eine Tür kam ein feister Mann, der mit schlenkernden Armen auf den BMW zuging. Die Männer, die Jochen im BMW hergebracht hatten, waren nicht zu sehen, aber er war überzeugt, dass sie im Schatten standen und auf das kleinste Zeichen ihres dicken Chefs warteten, um einzugreifen.

Der Dicke zog die hintere Tür auf und bückte sich. Er betrachtete Jochens Gesicht, das im Schein der kleinen Innenlampe gut zu erkennen war. Erst nachdem die Musterung beendet war, ließ er sich mit einem leisen Seufzer auf die Bank fallen. Die Tür blieb geöffnet.

»Wie kommst du darauf, dass ich dir helfen könnte?«, begann er.

»Ich habe von Ihrem Ruf gehört«, sagte Jochen. »Karl Zaczek. Es heißt, dass ohne Sie nichts läuft östlich der Alster.«

Karl Zaczek lachte selbstgefällig. »So ist es, mein Junge.« Das Lachen hörte abrupt auf. »Du wolltest mich sprechen. Normalerweise reagiere ich nicht darauf, wenn mich ein Polizist sprechen will. Dafür habe ich Anwälte, oder ... na, lassen wir das. Du hast mich neugierig gemacht. Ich habe deinen Namen nämlich schon gehört.«

»So?«, machte Jochen. Er dachte an Maria. Sein Herzschlag beschleunigte sich.

»Du kommst aus der Heide hierher und fegst über den Kiez wie eine Dampfwalze. Junge, du willst doch alt werden in dieser Stadt!«

Jochen blickte in das feiste Gesicht. Zwischen den feuchten, aufgeworfenen Lippen glänzte ein Goldzahn. Wie in einem alten Gangsterfilm, dachte Jochen plötzlich, und er fühlte sich wie in einem Traum.

»Du musst gewisse Spielregeln einhalten, mein Junge«, fuhr Z fort. »Sonst holst du dir eine blutige Nase.«

»Oder eine Kugel?«

Karl Zaczek schüttelte tadelnd den Kopf. »So etwas passiert einfach, wie ein Unfall, verstehst du? Niemand will so etwas, niemand, glaub mir! Es gibt andere Mittel, um sich einen Polizisten gefügig zu machen. Oder ihn kaltzustellen.«

»Wollen Sie mir drohen? Ich habe keine Angst. Und bestechlich bin ich auch nicht.«

Z lachte trocken auf. Es klang wie ein Husten. »Junge, du bist viel zu grün, um eine Drohung zu verstehen. Und dich kaufen? Jungen wie dich kaufe ich nicht. Ich warte, bis ihr eure Illusionen verloren habt. Dann kriege ich euch für einen kleinen Gefallen, oder für gar nichts. Aber dein Eifer kann gefährlich werden . . .«

»Wem?«

»Mir, das gebe ich zu, aber ich kann mich wehren. Dein Eifer gefährdet vor allem dich selbst. Halt dich etwas zurück.«

»Also doch eine Drohung!«

Zaczeks Seufzer verriet aufkommenden Ärger. »Du willst doch etwas von mir! Muss ich dich daran erinnern?«

»Ich suche meine Schwester«, sagte Jochen.

»Ich weiß . . . Schade, wenn ich es früher gewusst hätte . . .«

»Was ist mit ihr?«, fragte Jochen laut. Er beugte sich zu dem dicken Mann hinüber.

Wie aus dem Nichts erschienen die Leibwächter an den Türen. Zaczek scheuchte sie mit einer ärgerlichen Handbewegung zurück.

»Ich weiß nicht; wo sie ist, aber ich werde es herausfinden. Und ich werde dich wissen lassen, wo sie ist. Diesen Gefallen werde ich dir tun. Ist das alles?«

Jochen nickte. Seine Kehle war wie zugeschnürt.

»Ich brauche aber Zeit dafür, ein paar Tage vielleicht. Werde nicht ungeduldig.«

»Nein«, sagte Jochen heiser.

Er spürte den Blick der vor quellenden Augen auf seinem Gesicht.

»Hast du eine Vorstellung davon, in welchem Zustand du sie vielleicht vorfinden wirst?«

»Nein, aber es ist mir egal.«

Zaczek nickte. »Geh mit ihr in die Heide zurück. Dies ist keine Stadt für Kinder wie euch. Jemand hat einen Fehler gemacht, einen bösen Fehler . . .«

»Reimers!«

»Vergiss ihn, Junge! Ist das klar? Das ist der Preis, den ich verlange. Vergiss ihn, sprich nie wieder von ihm! Vergiss, dass du den Namen je gehört hast. Und sorg dafür, dass deine Schwester ihn vergisst. Ganz gleich, was sie dir je erzählen wird!«

Zaczek stieg aus. Jochen sah ihm beklommen nach, bis er durch die kleine Tür verschwand.

19

Burmester zog Jochen und Ralf Eggert ans Ende des Tresen. Seinem breiten Gesicht war nicht anzusehen, was er dachte.

»Ihr beide«, sagte er, »habt bei der Kripo verschissen. Bis in die Steinzeit.« Dann grinste er plötzlich. »Mann, die beschatten diesen Reimers seit Wochen! Vorangekommen sind sie keinen Schritt. Mann, sind die sauer!«

»Aber der Reimers wird doch mit Haftbefehl gesucht!«, sagte Eggert.

»Klar, wegen Lappalien. Aber der ist ein großer Fisch! Der steht hinter einigen Großeinbrüchen, vermutet die Kripo. In der Wohnung der Graulich fühlte er sich sicher. Deshalb hat die Kripo bisher noch nicht zugegriffen. Sie wussten ja immer, wo sie ihn schnappen konnten. Bisher konnten sie ihm von den großen Sachen nichts beweisen. Bisher!«, sagte Burmester betont. »Bis unser Junge aus der Heide kam.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Jochen.

»Die Schlüssel, die der Klein bei sich hatte«, erklärte Burmester. »Die haben die Kollegen zu einem Lagerhaus am Dovenfleet geführt.« Er schmetterte Jochen die Pranke auf die Schulter. »Sore im Wert von einer halben Million war da eingelagert. Und nebenbei auch noch Medikamente und Drogen  Speed bis Haschisch. Ihr sollt morgen früh aufs Präsidium kommen. Gut gemacht, Leute.« Burmester legte den Kopf schräg und grinste hinterlistig. »Ich wette, dass da jetzt einer total sauer auf den Reimers ist! Kannst du es dir denken, Eggert?«

»Z«, sagte Eggert. »Soll er doch.« Er grinste ebenfalls. Aber es sah angestrengt aus.

Jochen spürte ein Prickeln auf der Kopfhaut.

Sie hatten es schon während ihrer Streifenfahrten über Funk gehört, aber erst als sie aufs Revier zurückkehrten, bekamen sie die Gewissheit.

Burmester stand breit hinter dem Tresen und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

»Leute«, dröhnte seine Stimme, »es gibt nicht alle Tage so gute Nachrichten zu verkünden! Der Tote, der heute morgen bei Waltershof auf der Müllkippe gefunden wurde, in einen Teppich gerollt, wie es sich gehört! wurde jetzt zuverlässig identifiziert. Es ist oder war Peter Reimers.«

Vergiss ihn, das ist der Preis . . . Jochen spürte weder Scham noch Befriedigung. Da war nichts.

»Und noch etwas«, fuhr Burmester mit veränderter Stimme fort. »Er hatte eine Pistole bei sich, mit seinen Fingerspuren überall, auch auf dem Magazin und an den Patronen. Die Ballistiker haben sich sofort über die Waffe hergemacht. Es ist die Pistole, mit der unser Kollege und Freund Bruno Wittek getötet wurde. Der Fall ist geklärt und abgeschlossen. Von Freudenbekundungen bitte ich abzusehen.«

Der Kollege an der Telefonanlage reichte Jochen den Hörer.

»Für dich«, sagte er.

Jochen warf einen Blick auf die Uhr. Seine Schicht war gleich zu Ende.

»Hallo?«, sagte er.

»Teske? Hören Sie, die von Ihnen bestellte Ware ist schon da. Ramona-Club, am Lohseplatz. Ich soll Sie grüßen und Sie an Ihren Umzug erinnern.«

Es klickte. Wie betäubt legte Jochen den Hörer zurück. Er spürte Ralf Eggerts nachdenklichen Blick nicht.

Im Umkleideraum schob Eggert sich an ihn heran.

»Du weißt, wo sie ist«, stellte er fest.

Jochen antwortete nicht. Ein Kloß saß ihm in der Kehle.

»Wo ist sie? Sag es mir!«

»Ramona-Club . . .«

Details

Seiten
900
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902198
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
noch krimis urlaub acht

Autoren

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Titel: Noch mehr Krimis für den Urlaub: Acht Krimis