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Tausend Dollar pro Schuss

2016 120 Seiten

Leseprobe

Tausend Dollar pro Schuss

Glenn Stirling

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Tausend Dollar pro Schuss

Western

WERNER DIETSCH SCHRIEB ALS

GLENN STIRLING

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

John Terrey, der Boss der Diamond T-Ranch, will mit Gewalt die Macht in Reserve an sich reißen und schreckt auch nicht vor Mord zurück, wenn sich ihm einer der anderen Rancher in den Weg stellen will.

Sheriff Lockhart ist der Einzige, der dem mächtigen Rancher Einhalt gebieten kann – doch man wählt ihn ab und jagt ihn aus Reserve. Ein Kopfgeld wird auf seine Ergreifung ausgesetzt. Jay Lockhart will aber nicht aufgeben – er will die Stadt aus der Hand des mächtigen Ranchers befreien. Doch der Weg ist blutgetränkt und er kämpft einen einsamen Kampf. Nur eine Frau steht ihm hilfreich zur Seite.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Der Himmel ist weit und wirkt seidenschwarz. In dieser Nacht scheint kein Mond. Irgendwo in den Vorbergen der Mogollons heult ein Coyote langgezogene Töne in die Dunkelheit. Aus der Stadt antwortet ihm heiseres Hundegebell. Jay Lockarts Pferd dreht lauschend die Ohren gegen den Wind und schnaubt. Jäh beugt sich Lockhart nach vorn. Er hockt zusammengesunken so im Sattel, dass er die Ohren seines Pferdes in der Finsternis vor sich sieht. Unmittelbar wirkt die Ahnung einer Gefahr auf ihn ein. Er nimmt die Zügel in die linke Hand und streift mit der rechten den Griff seines Revolvers. Alle seine Sinne sind angespannt und gehorchen den angeborenen Instinkten von Vorsicht und Wachsamkeit. Hinter ihm verklingt der rasche leichte Schritt Judith Fournells in Richtung auf die Stadt. Durch eine Baumgasse blickt Lockhart auf Reserve hinab. Bis zum Beginn der Mainstreet sind es knapp dreihundert Yards. Der schmale Schatten des Mädchens taucht gerade in den gelben Lichtschein der Laterne, die unter dem Vordach von Finn Carvers Store fällt.

Für den Bruchteil eines Augenblicks leuchtet ihr helles Haar. Dann reißt ein Knacken in den niedrigen Büschen Jay Lockhart herum.

Seine Gedanken an Judith Fournell zerflattern, alles in ihm konzentriert sich auf die Gefahr.

Gleich darauf sagt eine Stimme, die so hart und so endgültig wie das metallische Klicken eines Gewehrschlosses klingt: „Das Mädchen ist fort. Los jetzt - auf ihn und besorgt es ihm!“

Für ein Entkommen war es zu spät. Lockhart reißt seinen Colt aus dem Holster. Mit dem Daumen nimmt er den Hammer nach hinten und richtet sich auf.

„Verdammt!“

Die metallische tödliche Stimme, von der Jay weiß, dass sie San Merritt gehört, spricht wieder.

„Zum Teufel mit ihm! Worauf wartet ihr noch?“

Lange Flammenzungen zerreißen die Finsternis. Das schmetternde Aufbrüllen von Revolverschüssen tönt durch die Waldgassen. Heißer, beißender Pulverdampf weht Jay Lockhart ins Gesicht.

Er späht scharf nach den Schatten aus, die sich rings um ihn in den Büschen bewegen. Aber alle Formen sind verschwommen und unbestimmt. Blind drückt er zweimal ab, hört einen heiseren Schrei und sieht ein Pferd stürzen.

Irgendwo auf dem Boden kriecht ein Mann wie ein Tier durch das vorjährige Laub. Lockhart schießt noch einmal, und der Mann bleibt liegen, wo er liegt.

Ein wilder, rasender Zorn macht Lockhart verwegen. Er schlägt die Sporen in die Flanken seines Pferdes und treibt das Tier in einen langen Sprung. Weil San Merritts Stimme von rechts gekommen ist, bringt Jay auch sein Pferd nach dort herum.

Laute, Bewegungen und huschende Gestalten verschmelzen zu einem undefinierbaren Wirrwarr für ihn. Aus voller Lunge schreit er in das Krachen der Schüsse hinein: „Merritt, du verdammter Hund! Ich komme jetzt, um dich zu fassen!“

Herabhängende Zweige peitschen sein Gesicht, ohne dass er es spürt. Doch dann ist plötzlich ein dicker Ast da, den Lockhart nicht früh genug sieht, um noch rechtzeitig ausweichen zu können. Ein heftiger Schlag trifft seine Stirn und wirft ihn zurück.

Verzweifelt versucht er sich zu halten und greift an das Sattelhorn. Dicht neben ihm sagt Merritt eiskalt und mit überdeutlicher Schärfe: „Du bekommst mich nie, Sheriff! Ich spucke auf dich. Gleich bist du tot!“ Das grelle Licht einer Mündungsflamme blendet Jay. Er spürt den Einschlag einer Kugel, die in seine linke Schulter schlägt. Jäh verlässt ihn die Kraft. Das Gewicht seines Revolvers wird ihm zu schwer.

Er fällt nach vorn und prallt mit dem Gesicht auf das Sattelhorn. Beide Hände krampfhaft in die wehende Pferdemähne gekrallt, schmeckt er sein eigenes Blut. Müdigkeit und eine schmerzhafte Schwäche sind plötzlich tief in seinen Knochen und rinnen dicht unter seiner Haut.

„Du bist erledigt, Sheriff!“, sagt Merritt.

Die hasserfüllten Worte klingen seltsam unwirklich und fern. Aber die gemeine Gier in San Merritts Stimme lässt noch einmal ein dünnes Rinnsal von Energie durch Lockharts Körper strömen. In dem Verlangen, zu entkommen, klammert er sich fest, während er heisere Kommandos in die Ohren seines Pferdes keucht.

„Lauf! Um Himmels willen - lauf!“ Das Pferd springt los und bewegt sich Hügel abwärts. Vor ihm ist die Stadt - nur dreihundert Yards entfernt, und Lockhart hofft sie noch zu erreichen. Bis er dann den Halt in den Bügeln verliert, als das Sattelhorn hart gegen seine Schläfe schlägt.

Noch immer krachen scharfe Schüsse. Heißes Blei zwitschert an Lockhart vorbei. Unter den Männern, die den Sheriff von Reserve jagen, macht sich Verwirrung breit. Jemand brüllt schrill: „Lasst ihn nicht entkommen, den Hund!“

Eine Lähmung zieht in Jays Glieder. Mit allem, was noch in ihm ist, kämpft er dagegen an, doch der Kampf ist umsonst. Hart stößt er gegen die rissige Rinde eines Baumes und fällt aus dem Sattel. Schlaff rollt er über den Boden und bleibt an einem Baumstumpf liegen.

Der wütende Schmerz in seiner durchschossenen linken Schulter frisst ihn beinahe auf. Mühsam versucht er sich auf dem rechten Ellbogen hoch zu stemmen, aber in seinen Muskeln ist nichts mehr da an Kraft. Er stürzt nach vorn und taucht mit dem Gesicht in das vermoderte Laub.

„Sucht ihn!“, schreit San Merritt irgendwo hinter ihm. „Ihr sollt suchen, habt ihr gehört!“

Es müssen vier oder fünf Männer sein. Rücksichtslos treiben sie ihre Pferde durch das Gebüsch. Die Geräusche von brechenden Ästen kennzeichnen ihren Weg. Von Merritts rauen Befehlen und Flüchen angetrieben, streifen sie im Zickzack durch die gestaltlose Finsternis.

Jay Lockharts Pferd beginnt zu laufen.

Von plötzlicher Panik erfasst, galoppiert das reiterlose Tier auf die Lichter von Reserve zu. Mit ihm geht die letzte greifbare Chance für Lockhart dahin.

Er will rufen, aber er hat nicht mehr die Kraft, hörbare Laute zu formen. Unsichtbare Hände zerren an ihm. Sie ziehen ihn in eine Dunkelheit hinab, die schwärzer und undurchdringlicher ist als die Nacht.

2

Judith Fournell ist dicht beim Long Grade Saloon, als sie die Schüsse hinter sich hört. Die schmetternden Explosionen wiederholen sich als hallende Echos in den Hügeln.

Noch ehe Judith sich umdreht, weiß sie, was vor der Stadt in den Waldschatten geschieht. Deutlich unterscheidet sie die Stimmen San Merritts und Jay Lockharts. Angst um Jay lässt sie zusammenfahren. Sie spürt ein Würgen in der Kehle und greift mit beiden Händen an ihren Hals.

Ein paar Männer kommen vor die Schwingtür des Saloons - Ned Ballard, Vic Odell, Bart Trence und Kid Young. Sie reiten alle vier für die Diamond T-Ranch, die John Terrey gehört.

Breitbeinig bauen sie sich auf dem hölzernen Gehsteig auf. Ihre Körper blockieren die Schwingtür für jeden, der auf die Mainstreet will. Judith sieht das Grinsen in den schmalen harten Gesichtern, das nur unvollkommen die innere Anspannung der vier Männer verdeckt.

Ballard dreht sich zu ihr um.

„Schlechte Zeiten für einen Abendspaziergang, Judith“, sagt er mit einer falschen Besorgnis. „Dein Vater ist im Frontiers Home Hotel. Du bist sicherer, wenn du dorthin gehst.“

Sie schüttelt so wild den Kopf, dass ihr blondes Haar fliegt. Erregung und Angst lassen rote Flecke auf ihren Wangen erscheinen.

„Nein. Jay ist dort oben, wo geschossen wird. Wollt ihr eurem Sheriff nicht helfen?“

„Wer sagt, dass er Hilfe braucht - und ob er sie überhaupt will?“, fragt Ballard. „Wir haben unsere Befehle, Judith. Es tut mir mächtig leid.“

Hinter ihm und den drei anderen Männern der Diamond T-Crew ist eine drängende Bewegung. Jemand flucht, und das Mädchen sieht erhobene Fäuste und verzerrte Gesichter. Ein Mann sagt bitter und voller Zorn: „Was versperrt ihr die Tür, zum Teufel? Miss Fournell hat recht. Sheriff Lockhart scheint in eine höllische Lage geraten zu sein, und ihr ...“

Der Mann verstummt. Bart Trence nimmt die Schulter herum und wirft einen kalten Blick über die nachdrängende Menge, die auf die Straße will.

„Sieh zu, dass du nicht selber in eine ähnliche Lage kommst, Mac Dermott!“, murmelt er und legt die rechte Hand auf den Griff seines Colts.

Young und Odell grinsen verkniffen. Ihr Vormann Ded Ballard wiederholt: „Wir haben unsere Befehle. Nichts zu machen!“

Judith dreht sich um. Mit wehenden Röcken läuft sie in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Ballard setzt ihr über zehn, fünfzehn Yards hinweg nach, um sie festzuhalten. Keuchend und fluchend bleibt er stehen, als er einsehen muss, dass sie ihm in der Dunkelheit entwischt ist.

„Satansbraten!“, faucht er und stampft zu Trence, Young und Odell zurück. „Verdammt, verdammt!“

Das Schmettern der Schüsse am Waldhang ist verstummt. Dafür hört Judith das berstende Knacken trockener Äste. Mit kalter Stimme treibt San Merritt seine Männer an.

„Sucht ihn! Er ist hier irgendwo. Sein Pferd läuft mit leerem Sattel davon.“

Merritts Stimme klingt täuschend nah. Die klare kühle Abendluft trägt den Schall besonders weit.

Das hämmernde Pochen von Pferdehufen kommt dem Mädchen entgegen. Dicht vor Judith Fournell taucht Jay Lockharts rotbraunes Pferd aus den Schatten auf. Mit fliegender Mähne und geblähten Nüstern will das Tier vorüber. Aber Judith bekommt einen der schleifenden Zügel zu fassen und klammert sich daran fest.

Der Rotbraune zerrt sie ein Stück mit. Panik ist in dem Pferd. Es bleibt erst stehen, als Judith am Ende ihrer Kraft angelangt zu sein glaubt.

„Ruhig!“, flüstert sie und ringt nach Atemluft. „Nur immer ruhig! Mein Gott, wo ist Jay?“

Sie folgt einem undeutlichen Instinkt, als sie das Tier in die Büsche führt, die schwarz und schweigend seitlich der Straße stehen. Dort bindet sie den Rotbraunen an, während ihr Herz unerträglich hämmert. Dann läuft sie weiter auf den Waldrand zu und beginnt mit gedämpfter Stimme Jay Lockharts Namen zu rufen.

Aber Jay antwortet nicht. Einer der Männer, die unter San Merritts Kommando stehen, sagt irgendwo weiter rechts von Judith: „Mitch hat eine Laterne mitgebracht. Sollen wir sie anzünden?“

„All right! Ich will ihm ins Gesicht sehen können, um zu wissen, ob er noch eine Kugel haben muss oder nicht. Wo ist die Laterne?“

Judiths Angst wird unerträglich, ehe sie den Mann endlich findet. Es ist nur ein Zufall, dass sie über ihn stolpert. Nur mit Mühe unterdrückt sie einen Schrei des Entsetzens.

Der gelbe Schein eines Lichts taucht zwischen den Bäumen auf. Er wirft zitternde Reflexe über den Boden und tanzt über die niedrigen Büsche hinweg. Merritt treibt rau seine Männer an, bis jemand sagt: „Warum diese Aufregung? Wir haben ihn ganz sicher erledigt, sonst wäre er nicht so ruhig.“

„Ich glaube es erst, wenn ich in sein verdammtes Gesicht gesehen habe. Sucht weiter!“

Judith Fournell hört die Stimmen nur als dröhnende, ineinanderfließende Geräusche. Sie liegt auf Händen und Knien und tastet über Jay Lockharts Körper. Immer wieder flüstert sie seinen Namen. Verzweifelt fasst sie Jay bei den Schultern und schüttelt ihn.

Sein Blut läuft warm über ihre Hand. Sie presst fest ihre Lippen zusammen, um sich nicht durch einen Schrei zu verraten. Sie legt die von Blut klebrige Hand auf Lockharts Herz und stößt einen zitternden Seufzer aus. Er lebt, aber das ist auch alles, was sie feststellen kann.

Der Schein der Laterne fällt auf einen Busch, der kaum zwanzig Schritte entfernt ist. Merritts bösartiges Lachen klingt bis zu den Baumwipfeln hinauf.

„Ich habe die Richtung. Hier muss sein Pferd gelaufen sein. Ein paar Minuten noch, und wir haben ihn.“

Durcheinanderwirbelnde Gedanken hämmern schmerzhaft hinter Judiths Stirn. Sie handelt so, wie der Augenblick es ihr eingibt. Sie springt auf und geht ein Stück von Jay Lockhart weg. Sie berührt mit den Füßen einen faustgroßen Stein, bückt sich und hebt ihn auf.

Der schwankende Laternenschein kommt näher. Mit der Kraft der Verzweiflung wirft Judith den Stein über Merritts Männer hinweg. Weit hinter ihnen prallt er gegen den Stamm eines Baumes, und Lockharts Verfolger fliegen herum.

„Die falsche Richtung, verdammt!“

Wie gehetzt läuft das Mädchen weiter und lenkt Merritts Männer von der Stelle ab, an der Lockhart liegt. Blindlings rennt sie tiefer in den Wald und achtet darauf, dass Merritt sie auch hört.

Irgendwann erlischt der Laternenschein, der ihr folgt. Glas splittert, und ein Mann flucht hemmungslos.

„Narr!“, schreit Merritt. „Was tun wir jetzt ohne Licht, he? Nehmt die Pferde! Der Kerl kann noch laufen, und ohne Pferde holen wir ihn nie ein.“

Ein paar Schüsse überdröhnen Merritts Stimme. Die Kugeln gehen tief, aber weit von Judith entfernt ins Unterholz. Dann stolpern die Männer in der Dunkelheit auf ihre Pferde zu und sitzen fluchend auf.

Nach fast einer Viertelstunde biegt Judith in einem rechten Winkel von ihrer Spur ab und wartet im Schutz eines Buschdickichts. Kurz darauf fegen die Verfolger heran und galoppieren vorbei. Ein Mann kommt ihr so nahe, dass sie sein keuchendes Atmen hören kann.

Als der Hufschlag der Pferde verklingt, macht sich das Mädchen auf den Weg zurück.

Sie findet Jay Lockhart noch immer bewusstlos. Er liegt wie tot im Laub. Aber als sie ihn hochzuheben versucht, erwacht er von dem wilden Schmerz, der durch seine verwundete Schulter fährt.

„Jay“, flüstert Judith, „sei ganz ruhig, Jay! Ich habe Merritt und seine Leute abgelenkt. Wirst du aufstehen und gehen können?“

„Ich will es versuchen.“

Seine Stimme ist schwach. Es geht schwer, und er kommt nur deshalb auf die Füße, weil Judith ihm hilft. Sekundenlang überdeckt eine tiefe Verwunderung seine Qual.

„Du tust viel für mich. Warum...“ Sie schüttelt den Kopf und hat Mühe, unter dem Gewicht des schweren Mannes nicht zusammenzubrechen.

„Später, Jay!“, presst sie zwischen den geschlossenen Lippen hervor. „Nicht jetzt! Dein Pferd steht auf dem halben Weg zur Stadt. Wenn du dieses Stück erst geschafft hast, ist alles gut.“ Die Dunkelheit verdeckt die flammende Röte, die plötzlich auf ihren Wangen brennt.

3

Mühsam hält Lockhart durch, bis sie das Pferd erreichen. Halb blind tastet er mit der rechten Hand zum Sattelhorn und hält sich fest. Er blickt auf die Stadt hinab und sieht die Lichter der Mainstreet vor seinen Augen tanzen.

Merritt und seine Reiter kommen aus dem Wald zurück. Die heisere fluchende Stimme San Merritts weht dem Hufgeräusch voraus. Judith springt an den Kopf des Rotbraunen, um ihm die Hand auf die Nüstern zu legen, damit er nicht schnauben und sie verraten kann. Lockhart sagt keuchend, als sie vorüber sind und in den Lichtschein der Straße tauchen: „Nicht in die Stadt - dort ist im Moment nicht der richtige Platz für mich. Ich brauche ein halbwegs sicheres Versteck, auf das Merritt und ein paar andere Leute nicht sofort kommen. Überleg schnell!“

Judith Fournell begreift nichts. Aber ihr Gesicht ist dem seinen so nahe, dass sie auch in der Dunkelheit den seltsamen verschlossenen Ausdruck darin erkennt. Sein Blick schließt jede Frage, die sie stellen will, aus, darum schweigt sie lange und denkt nur nach.

„Eine gute Meile über unserer Ranch ist eine alte Weidehütte. Sie liegt seit Jahren unbenutzt. Du müsstest sie kennen.“

Er überlegt kurz und nickt.

„Das ist etwas für den Anfang. Viel weiter komme ich ohnehin nicht. Bring mir morgen Verbandszeug und Proviant, aber lass dich von keinem sehen. Sag auch deinem Vater nichts - kein Wort darüber, dass du weißt, wo ich bin!“

Er tastet nach dem Steigbügel und verfehlt ihn zweimal. Als er endlich schweigend im Sattel sitzt, schließt er für eine Weile die Augen. Blitze zucken durch sein Gehirn, und sein Kopf scheint zu schweben.

Judith Fournell blickt zu ihm hoch. Sie ahnt seine Schwäche und spürt die Beschämung, die deswegen in ihm ist. Mitleid mit ihm wallt in ihr hoch, aber sie verrät es nicht, weil sie Jay Lockhart kennt.

„Brauchst du mich noch?“, fragt sie nur und unterdrückt den Wunsch, ihn wie vorher mit den Händen zu berühren. „Wenn es nötig ist...“

„Schon gut!“, Er schüttelt den Kopf und klammert sich mit beiden Händen an das Sattelhorn. „Schon gut, Judith! Ich glaube, ich schaffe es jetzt allein. Danke! Geh jetzt wieder in die Stadt!“ Der Klang wütender schreiender Stimmen kommt mit dem Wind zu ihnen herüber. Lockhart treibt sein Pferd an. Judith blickt ihm nach, bis sein schwankender Schatten zwischen den Büschen verschwunden ist.

Dann geht sie auf die Mainstreet zu, am Long Grade Saloon vorbei zum Frontiers Home Hotel.

Ein hektischer Strom laut redender Männer treibt sie zu ihrem Ziel. Vor dem Hotel sieht sie ihren Vater mit gebeugtem Rücken auf die Straße treten. Dicht hinter Abe Fournell taucht das breite eckige Gesicht John Terreys im Lichtschein auf.

Terrey überragt Fournell um fast einen ganzen Kopf. Er ist schwer und massig gebaut. Seine kantigen Züge drücken eine sture, unbesiegbare Selbstsicherheit aus.

Bevor Fournell die Hotelstufen ganz hinter sich hat, legt Terrey ihm eine seiner schweren Hände von hinten auf die Schultern und sagt: „Du weißt jetzt Bescheid, Abe, wie? In diesem Land bestimme ich. Wer sich auflehnen will, packt besser seinen Kram und zieht ein paar hundert Meilen weiter.“

Fournell dreht sich um. Seine Mundwinkel biegen sich nach unten. In seiner Stimme ist Bitterkeit.

„Das kannst du nicht machen, John. Jeder Mann hat seinen eigenen Willen.“ Eine jähe rote Welle schießt in Terreys selbstbewusstes Gesicht. Jähzorn glitzert in seinen Augen, und eine heftige Arroganz presst seine Lippen zusammen.

„Den Teufel habt ihr - du, Mac Dowell, Wright, Glisom und die anderen Drei-Kühe-Rancher deiner Klasse. Ich würde keine Auflehnung versuchen. Ihr geratet sonst in eine verdammt trübe Situation.“

Die scharfen Kanten seines Gesichtes prägen sich deutlich aus. Es zeigt in diesem Moment keine Glätte und keine vernünftige Bereitschaft mehr. Jedes Wort von ihm ist eine Herausforderung, und er will, dass jeder in der Stadt es ohne Abschwächung und ohne Widerspruch erkennt.

Die Schultern Abe Fournells fallen noch weiter nach vorn. Jupe Wright, Jim Mac Dowell und Orne Glisom senken ebenfalls die Blicke vor Terreys Herausforderung. Judith spürt einen wilden Schmerz in der Brust, als sie ihren Vater und seine Freunde so hilflos sieht.

Mit zwei raschen Schritten tritt sie direkt in den Lampenschein vor dem Frontiers Home Hotel. Sie bebt am ganzen Körper, als sie vor Terrey steht.

„Judith“, murmelt Abe Fournell fassungslos. „Judith, ich will nicht, dass du..

Er bricht mitten im Satz ab und fällt in sein betretenes Schweigen zurück. Seine Tochter blickt John Terrey mit einem grauen Starren in den braunen Augen an..

Für ein Mädchen ist Judith Fournell ziemlich groß. Der Rock, den sie trägt, spannt sich eng um ihre Hüften. Sie hat ein ovales Gesicht und volle, feste Lippen, die rasch lächeln, aber auch schnell wieder ernst sein können.

Das Erlebnis der letzten Stunde hat ihre gleichmäßigen Züge angespannt. Es hat sie mit einer Härte erfüllt, die im Grunde nicht zu ihrem Wesen passt. Schon auf diese Art zeigt sie Terrey ihren Widerspruch, ehe sie sagt:  „Ich habe noch nie gehört, dass jemand einen Pass von der Diamond T-Ranch braucht, um in diesem Land leben zu können. Gehst du nicht etwas zu weit, John?“

Die Veränderung in Terreys Gesicht geschieht augenblicklich. Es glättet sich von einer Sekunde zur anderen. Nur in seinem Blick bleibt die alte Arroganz zurück.

„Du solltest mich ein wenig freundlicher behandeln“, murmelt er. „Gerade du!“

„Du erhältst Freundlichkeit dann, wenn du bereit bist, sie selbst zu geben. Ich möchte wissen, worüber ihr Männer gesprochen habt.“

Sie versagt es sich, über Jay Lockhart zu sprechen, weil sie an seine Mahnung denkt. Darum fragt sie nur allgemein, doch Terrey erwidert: „Über Männersachen, Judith. Du bist eine Frau, und mit Frauen möchte ein Mann über andere Dinge reden.“

Ihre Lippen bleiben schmal und dünn. Ihre Antwort ist offen und peinigend für einen Mann, der die überhebliche Selbstachtung Terreys besitzt.

„Du wolltest, dass alles auf deine Art geschieht, nicht wahr? Aber du wirst niemals so mächtig sein, um mich zu einem freundlichen Blick zwingen zu können. Du wärst der letzte Mann, der das könnte.“

„Wirklich?“

Mit einem langen Schritt ist er dicht bei ihr. Eine heftige Schulterbewegung schleudert Abe Fournell zur Seite, als dieser sich zwischen ihn und Judith stellen will. Seine behandschuhte Rechte greift unter ihr Kinn. Er zieht ihr Gesicht hoch und zwingt es dicht an das seine.

„Ich bekomme immer das, was ich haben will.“

Zorn bestimmt Terreys Wesen. In der nachfolgenden Stille geht sein Atem schnell und schwer.

Gleich darauf fährt ihre kleine schmale Hand hoch und klatscht hart in sein Gesicht. Als Terrey bleich zurücktaumelt, trägt er brennend rote Fingermale auf seiner rechten Wange.

„Das ist alles, was du von mir haben kannst!“, sagt Judith Fournell verächtlich. „Du wirst niemals etwas anderes bekommen.“

Ohne Terrey noch einmal anzusehen, nimmt sie den Arm ihres Vaters und geht mit ihm die Straße hinab. Abe Fournells Füße ziehen lange Furchen durch den Straßenstaub. Er geht vollkommen mechanisch und ohne eigenen Willen mit Judith in die Richtung, in der Lorne Pattons Mietstall ist.

„Mein Gott!“, sagt er heiser nach zehn Schritten. „Mein Gott, wir sind erledigt hier!“

Terrey steht noch immer am gleichen Fleck. Er folgt weder Fournell noch dem Mädchen, sondern bleibt vor dem Frontiers Home Hotel stehen. Der Schlag auf seiner linken Wange brennt heftig, und der Schimpf, der ihm angetan worden ist, macht ihn beinahe wahnsinnig.

Hinter Terrey lacht plötzlich jemand, und dieses Lachen reißt den schweren Mann aus seiner unwirklichen Bewegungslosigkeit. Er wirbelt herum und hat den Ausdruck einer gereizten Bulldogge in seinem kantigen Gesicht.

„Wer war das?“

Die Männer hinter ihm weichen zurück. Nur Orne Glisom ist nicht schnell genug. Terreys volle Wut richtet sich ausnahmslos gegen ihn.

„Ihr Hunde!“, murmelt Terrey. „Ihr lacht, was? Pass auf, wie schnell euch dieses Lachen vergeht!“

Er ist viel schneller, als sein schwerer Körperbau es ahnen lässt. Er schlägt einmal zu, und seine Knöchel treffen Glisoms Schläfe mit furchtbarer Wucht. Geblendet und fast besinnungslos kracht Glisom zu Boden und macht eine automatische Geste nach seinem Colt.

Aber Terrey ist auch diesmal schneller. Er springt vor und stampft einen Fuß so hart auf Glisoms Arm, dass der gepeinigte Mann gellend schreit. Terrey reißt ihm den Revolver aus der Hand und tritt zurück.

Die Schmach durch Judith und dieser Vorfall haben ihn kreideweiß gemacht. Ein gefährliches Glitzern ist in seinen Augen, als er zwischen keuchenden Atemzügen sagt: „Steig auf dein Pferd, Glisom, bevor ich dein verdammtes Genick breche! Und ihr anderen verschwindet mit ihm aus der Stadt! Macht schnell - das ist ein Befehl!“

Glisom steht schwankend auf und fährt sich mit der Hand über das Gesicht. Er will den Mund öffnen, aber der Schmerz dieser Bewegung lässt ihn zusammenzucken. Blut läuft aus seiner Nase und fließt ihm auf die Hemdbrust hinab. Sein Blick ist stumpf und leer und zeigt, wie gefährlich dieser Schlag ihn getroffen hat.

„Steig auf!“, befiehlt Terrey. „Verschwindet, damit ich euren Gestank nicht länger ertragen muss!“

Taumelnd dreht Glisom sich um und geht auf den Hitchrack zu, an den sein Pferd gebunden ist. Er greift nach den Zügeln, verfehlt sie aber und streckt blind die Hand zum zweiten Male aus. Dann legt er den Kopf gegen die Flanke des Pferdes und verharrt in dieser Haltung.

„Terrey“, murmelt er, „ich - ich ...“ Terrey schreit: „Los, oder ich schlage noch einmal zu! Was ist mit euch andern? Ich habe gesagt, dass ihr schnell aus der Stadt reiten sollt!“

Im gleichen Moment verliert Orne Glisom den Halt. Steif fällt er auf Gesicht und Bauch und bewegt sich nicht mehr. Der rechte Arm liegt zusammengekrümmt unter ihm. Seine Augen sind weit geöffnet, aber in seinen Muskeln ist kein Funken Kraft mehr.

Jupe Wright und Jim MacDowell beugen sich zu Glisom hinab und heben ihn auf. Sie handeln wortlos und ohne einen Blick auf Terrey zu werfen. Für sie ist hier etwas Endgültiges geschehen. Ihre Kraft reicht nicht aus, daran noch etwas zu ändern.

Ungeduldig sieht Terrey zu, wie sie Glisom auf sein Pferd heben und dann selber aufsitzen. Als sie davon reiten, spuckt er zornig und angewidert aus. Dann hört er Schritte, die sich auf dem hölzernen Gehsteig nähern, und dreht sich um. Er erkennt im vagen Laternenlicht seinen Vormann Ned Ballard, der mit Trence, Young und Odell zu ihm kommt.

Ballard bleibt dicht vor Terrey stehen und beißt sich auf die Lippen, ehe er sagt: „Es hat einen Kampf vor der Stadt gegeben - San Merritts Rudel gegen den Sheriff. Eine höllische Sache. Fast die ganze Stadt weiß es bereits.“

Er spricht unnötig laut. Terreys Kopf zuckt nach vorn. Die Bewegung ist so heftig, dass Ned Ballard einen Schritt nach hinten macht.

„Und?“

Ballard hebt die muskulösen Schultern etwas an und lässt sie wieder fallen. Die breite Hutkrempe wirft einen Schatten über sein Gesicht und verbirgt den Ausdruck seiner Augen.

„Es heißt, dass es Jay Lockhart erwischt haben soll. Aber seine Leiche ist nirgends zu finden. Auch sein Pferd ist fort. Höllisch - das ist der richtige Ausdruck dafür.“

„Ihr Idioten!“, zischt Terrey, dass nur Ballard ihn versteht. Dann sagt er wieder laut: „Verdammt, und das einen Tag vor der Neuwahl des Sheriffs. Lockhart ist wieder als Kandidat aufgestellt. Die ganze Mannschaft hilft mit auf der Suche nach ihm! Seht zu, dass ihr ihn findet! Tausend Dollar für jeden Schuss, der ihn trifft!“

Das ist alles. Er kümmert sich nicht weiter um seine Männer und geht zurück ins Hotel. Ballard grinst versteckt in Terreys Rücken und sagt zu Trence, Young und Odell: „Ihr habt es gehört - tausend Dollar! Beim Judas, wir finden Jay Lockhart schon!“

Vor Lome Pattons Mietstall steigt Abe Fournell müde und zerschlagen auf sein Pferd. Mit hängenden Schultern wartet er, bis Judith ebenfalls im Sattel und neben ihm ist. Patton, der ihr geholfen hat, tritt zurück.

„Einen guten Ritt!“

Fournell lacht heiser und erbittert. Das ist die ganze Antwort, die er dem Stallmann gibt. Erst als er und Judith außerhalb der Stadt sind, murmelt er: „Wir werden nie mehr einen guten Ritt in diesem County haben. Niemand, der nicht ohne Widerspruch auf Terreys Seite steht. Noch zwei Tage, dann gibt es auch keinen Sheriff mehr, der Terrey Zügel anlegen kann. Dieser Reb Hayden, Lockharts Gegenkandidat, ist Terreys Kreatur. Und Terrey sorgt schon dafür, dass Hayden Stimmen bekommt.“

Judith treibt ihr Pferd näher an das Tier ihres Vaters heran. Selbst durch die Dunkelheit kann Fournell sehen, wie heftig ihre Augen flammen.

„Das ist noch nicht ausgemacht, Dad. Du wählst Jay, ebenso Glisom, Wright, MacDowell und die anderen kleinen Rancher. Terrey bringt die gleiche Stimmenzahl niemals zusammen.“ Fournell schüttelt den Kopf. Er schweigt, bis die Stille zwischen ihm und Judith unerträglich wird.

„Ich wähle Hayden“, presst er endlich hervor. „Auch die anderen, Wright, Glisom, MacDowell - sie alle. Im Grunde steht der Ausgang der Wahl jetzt schon fest. Ich habe keine Illusionen mehr.“

Er zuckt die Schultern und übersieht Judiths fassungslosen, entgeisterten Blick. Sie beugt sich weit in ihrem Sattel zur Seite und erschrickt vor der tiefen Resignation in seinem faltigen bartlosen Gesicht.

„Nein, Dad!“, stößt sie endlich hervor. „Nein, das ist nicht wahr.“

„Doch - auch dann, wenn du es nicht wahrhaben willst. Terrey hat die größte Ranch und die stärkste Mannschaft, in der die rauesten und gewissenlosesten Kerle sind. Bisher haben wir vor ihm unseren Frieden auf der Ranch gehabt.

4

Es gibt Dinge, gegen die man nicht kämpfen kann. Ich möchte auf meine alten Tage nicht noch weiter nach Westen ziehen müssen. Friede bedeutet mir mehr als Stärke und Macht, wenn es auch ein Friede ist, zu dem Terrey die Bedingungen diktiert. Manchmal wünsche ich, du wärst ein Junge geworden.“

Ein leidenschaftlicher Widerstand flammt in Judith auf. Plötzlich schämt sie sich für ihren sanften, nachgiebigen Vater. Harte Worte wollen sich über ihre Lippen drängen, weil sie anders ist. Aber dann begegnet sie seinen müden verschleierten Augen und sagt nur: „Das habe ich alles nicht gewusst, Dad. Wie fest hat Terrey uns in der Hand?“

„So fest, dass er uns davonjagen kann, wenn er einmal auf diesen Gedanken kommt. Uns ebenso wie die Anderen. Er ist ein harter, brutaler Mann. Und er hat die Mannschaft, die zu ihm passt.“

„Das habe ich nicht gewusst“, flüstert Judith noch einmal und spürt, wie ihre Augen zu brennen beginnen.

Dann wandern ihre Gedanken übergangslos zu Jay Lockhart, der verletzt und auf gewundenen Pfaden durch die Hügel reitet. Sie sieht ihn, wie sie ihn kennt, solange sie zurückdenken kann - mit seinen starken Überzeugungen, seinen Bindungen an dieses Land und seinem festen, unbeugsamen Willen, der niemals erlahmt.

Dieses Wissen um seine Unbeugsamkeit macht sie stolz auf ihn. Mit dem feinen Instinkt einer Frau weiß sie seit langem, was sie in seinem Leben ist. Aber neben dem Stolz ist plötzlich auch die Angst um ihn.

Jay Lockharts Gedanken kreisen nur um reale Dinge.

Er fühlt, wie die kurz vorher überstandene körperliche Schwäche zurückkehrt, während er seinen Rotbraunen durch ein schmales Tal lenkt, das von Osten nach Westen verläuft. Zwischen den Talwänden scheint die Finsternis der Nacht noch tiefer und undurchdringlicher zu sein.

Als sein Pferd vor einer auffliegenden Eule scheut, hat er Mühe, im Sattel zu bleiben. Der harte Stoß, den er aufzufangen hat, pflanzt sich qualvoll bis in seine verletzte Schulter fort. Es wühlt und brennt in der Wunde wie Höllenfeuer und bringt ihn fast um den Verstand.

Sonst ist seine ganze linke Seite wie tot. Sein Arm hängt schlaff und klebrig von Blut an seiner Seite herunter. Manchmal tanzen die Nachtschatten vor seinen Augen. Immer dann überkommt ihn der Wunsch, sich einfach fallenzulassen und den Kampf gegen die eigene Schwäche aufzugeben.

Trotzdem reitet er weiter.

Er überquert einen trockenen Bachlauf, der das Tal durchzieht, und treibt das rotbraune Pferd den nördlichen Talhang hinauf. Abe Fournells Drei-Kühe-Ranch liegt in den südwestlichen Ausläufern der Tula-Rosa-Berge, hinter denen sich die Plains of San Augustin durch das gesamte Caron County erstrecken. In der gleichen Richtung ist auch die alte Weidehütte zu finden, von der Judith gesprochen hat.

Er hat nur für den Bruchteil einer Sekunde Zeit, an das Mädchen zu denken. Dann trifft ihn das jähe Gefühl einer Gefahr so deutlich wie Aasgeruch.

Er steht auf dem schmalen Kamm, der das eben durchquerte Tal von der nächsten Senke trennt. Ein kühler Wind streift seine Wangen und trägt ihm das Geräusch stampfender Hufe zu. Lockhart ruckt an den Zügeln und erstarrt.

Der Hufschlag nähert sich und wird deutlicher. Nach dem Gehör macht Jay Lockhart zwei Pferde aus, die den gleichen Weg nehmen, auf dem er geritten ist. Instinktiv greift er mit der rechten Hand zum Holster. Doch die Hand kommt leer wieder zurück.

„Verflucht!“, murmelt Jay und begreift, dass er seinen Revolver während der Auseinandersetzung mit Merritts Rudel verloren haben muss.

Weil ihm nichts anderes übrigbleibt, beugt er sich nach vorn und zerrt sein Gewehr aus dem Scabbard.

„Wer kommt?“

In den Sekunden danach hört er nur sein eigenes Herz hämmern. Die beiden Reiter halten in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten an; der Hufschlag verklingt jäh. Die Stille beginnt sich wie ein Bogen des Unheils zu spannen.

„Lockhart?“, fragt dann jemand lauernd.

„Ich habe die Frage gestellt.“

„Fahr zur Hölle, Lockhart!“

Fast gleichzeitig peitscht ein Schuss durch die Stille. Während die Kugel an Jays Kopf vorüber pfeift, sieht er im Licht des kirschroten Mündungsfeuers die Umrisse von Männern auf dem Weg.

In welches Lager sie gehören, ist nach diesem ersten Schuss keine Frage mehr für ihn. Die Gewissheit, Gegner vor sich zu haben, nimmt alle Skrupel von ihm. Er drückt ab und hört den typisch klingenden Einschlag seiner Kugel vor dem gellenden Schrei.

Der zweite Mann flucht laut und hemmungslos. Um eine neue Patrone in den Lauf zu heben, muss Jay das Gewehr um den Unterbügel wirbeln. Er verliert eine wertvolle halbe Sekunde, in der sein kaum sichtbarer Gegner die Chance nutzt.

„Habe ich dich, Lockhart!“

Jay Lockhart antwortet nicht, weil er noch nichts sehen kann. Graue Schleier wallen vor seinen Augen. Nur langsam wird sein Blick wieder klarer. Als er dann die Silhouette des fremden Reiters in schwachen Umrissen erkennt, zögert er keinen Augenblick mehr.

Er umkrampft den Kolbenhals seines Sattelgewehres so fest, dass die Muskeln seiner Hand schmerzen. Als er sicher im Ziel zu sein glaubt, schießt er sofort.

Jay kommt nahe genug an den Mann heran, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er erkennt ihn deutlich. Der Mann heißt Ott Lea und reitet für John Terreys Diamond T-Ranch. Der zweite Tote liegt nur ein paar Schritte entfernt. Es ist Dave Benton, der ebenfalls zu Terreys Crew gehört.

Er nimmt sein Taschentuch und sein Halstuch und knüllt beides zusammen. Das Stoffknäuel schiebt er unter sein, vom Blut durchtränktes Hemd, um die Wunde zu polstern. Dann bückt er sich zu Benton hinab, um dem Toten die Bandana abzunehmen. Er benutzt sie als Bandage und knotet sie mit den Zähnen und der rechten Hand fest. Dann nimmt er sich den Revolver des Toten und steckt ihn ein, füllt auch noch Munition in seine Taschen.

Als er damit fertig ist, zieht er die Knie hoch und legt den Kopf darauf.

Ein heftiges Durstgefühl peinigt ihn plötzlich. Er nimmt die Feldflasche vom Sattelhorn und trinkt in gierigen Zügen. Augenblicklich gewinnt er ein wenig neue Kraft. Er wartet noch einen Moment und stellt den linken Fuß in den Steigbügel. Die rechte Hand am Sattelhorn, versucht er vergeblich, sich hochzuziehen.

Der Rotbraune wird unruhig und tritt hin und her. Lockharts Hand fällt kraftlos vom Sattelhorn, aber das bringt ihn dazu, zu begreifen, dass er es schaffen muss, wenn er nicht liegenbleiben und an diesem Platz enden soll.

Die Verzweiflung treibt ihn hoch. Später liegt er bäuchlings über dem Sattel. Er schreit laut, als das Pferd sich wieder bewegt und seine verletzte Schulter hart gegen das Sattelhorn stößt. Aber dieser Schmerz entfacht gleichzeitig die Kraft, die es ihm ermöglicht, das rechte Bein über die Hinterpausche zu ziehen und sich aufzusetzen.

Schwitzend vor Schwäche hängt er im Sattel und treibt den Rotbraunen durch einen heiseren Zuruf an. Dann reichen sein Wille und seine Kraft nur noch dazu aus, das Pferd auf dem richtigen Weg zur Weidehütte zu halten.

Er schafft es bis dicht vor das Ziel. Die dunkle Silhouette der Hütte vor Augen, bringt er es nicht fertig, länger im Sattel zu bleiben. Der Rest seiner Kraft verströmt in dem Versuch, wenigstens den Sturz auf die Erde zu bremsen und nicht gerade auf die verletzte Schulter zu fallen.

Er stöhnt leise und hilflos. Die Welt dreht sich wieder vor seinen Augen und taucht in einen Wirbel von Grau und flammendem Rot. Er kämpft um sein schwindendes Bewusstsein, aber es ist ein aussichtsloser Kampf. Jay Lockhart verliert ihn, als er mit der rechten Hand das rissige Holz der Hüttentür berührt.

5

John Terrey stampft um diese Zeit wie ein Wilder durch sein Zimmer im Frontiers Home Hotel. Dichter Zigarrenqualm hängt unter der Decke und lässt das Lampenlicht bleich und fern erscheinen.

„Ihr Narren!“, faucht er böse und fährt heftig mit einer Hand durch die Luft. „Ich bezahle nur verdammte Narren - so sieht es jedenfalls aus!“

Ned Ballard sagt: „Es ist schon so spät - zwei Stunden nach Mitternacht. Besser, wir nehmen jetzt alle noch einen Hut voll Schlaf und sind wenigstens morgen fit.“

Unter dem flammenden Blick Terreys weicht er einen halben Schritt zurück. Achselzuckend wartet er darauf, dass San Merritt und Reb Hayden ihn unterstützen. Er lehnt sich mit den Schultern gegen die Wand und fällt in ein angespanntes Schweigen.

Merritt ist schmal, hager und rastlos. In seinen eng zusammenstehenden Augen glimmt eine reizbare Ungeduld auf. Er lässt den Rest seiner Zigarre auf den Boden fallen und hebt das lange eckige Kinn.

„Ich lasse mich nicht gerne einen Narren nennen, John“, murmelt er beinahe sanft.

Hayden sagt nichts. Terreys Zorn wendet sich von Ballard und Merritt ab und konzentriert sich auf ihn.

„Reb“, stößt er hervor, „du hast in der ganzen Sache noch gar nichts getan, verdammt! Denke nicht, dass du umsonst hier Sheriff werden kannst. Ich lasse es nicht zu, dass jemand eigene Wege geht. Die Befehle kommen von mir, und ich will, dass sie ausgeführt werden!“

Hayden bewegt unbehaglich die Schultern. Sein Gesicht wirkt fast offen. Es ist gut geschnitten und von der Sonne dunkel gebräunt. Nur um seinen schmallippigen Mund liegt ein fremder, störender Zug.

Hayden und Merritt stehen auf. Alle vier Männer sind von einer Art. Die Anzeichen ihres Charakters prägen sich in ihren misstrauischen, umschatteten Augen und in ihren scharfen Gesichtern aus. Sie sind nervös, ohne Skrupel und äußerst gefährlich, solange ihnen die geringste Chance bleibt.

6

Die letzten bewussten Erinnerungen Jay Lockharts reichen zurück in jene kühle stockdunkle Nacht.

Als er zum ersten mal die Augen öffnet, ist alles völlig anders.

Wie eine endlose Decke aus flimmerndem Sonnenlicht liegt die Hitze über dem Land. Der strenge Geruch von blühendem Sage erfüllt die Luft. Glitzernde Helligkeit fällt in den primitiven Hüttenraum.

Lockhart liegt auf einem Lager aus frischem Laub, über das saubere Decken gebreitet sind. Eine weiße Bandage ist um seine Schulter gewickelt.

Mühsam stemmt er sich auf den rechten Ellbogen und blickt um sich. Er drückt seinen steif gewordenen Körper weiter hoch und versucht zu begreifen, was mit ihm geschehen ist.

Dann fällt ein Schatten in das helle Rechteck der offenen Tür. Ein leichter Schritt klingt auf, und Jay blickt in das schöne Gesicht Judith Fournells.

„Ich habe deine Bewegungen gehört, Jay“, sagt sie und hockt sich neben ihn.

„Wie es scheint, bist du endlich wieder halbwegs all right.“

Er nickt und lässt sich langsam wieder nach hinten sinken. In Judiths Augen sind Stille und Tiefe, während sie ihn aufmerksam und sorgfältig betrachtet. Sie lächelt leicht, als sie sagt: „Du warst schon immer einsilbig. Jetzt scheinst du ganz die Sprache verloren zu haben.“

„Wie komme ich hierher?“, fragte er. „Diese Decken, der frische Verband und ...“

Sie lässt ihn nicht ausreden. Ihre Stimme klingt einfach und ohne Pathos.

„Ich habe dich vor der Tür im Gras gefunden, als ich dir Verbandsmaterial und Proviant bringen wollte. Dein Pferd war nicht mehr hier, und du hattest weder einen Colt noch ein Gewehr. Ich glaube, es war ein höllischer Ritt für dich nach hier.“

Mit einem Schlag kommt die ganze Erinnerung zu Lockhart zurück. Gleichzeitig damit ist auf einmal auch der Schmerz in seiner verletzten Schulter wieder da. In seinem Schädel dröhnt es, und in seiner Wunde scheinen tausend scharfe Messer zu bohren. Vorsichtig nimmt er eine andere Lage ein und fragt: „Dann verdanke ich das alles dir, wie? Du musst eine Heidenarbeit mit mir gehabt haben.“

Sie lächelt verlegen und weicht dem Blick seiner Augen aus. Hastig steht sie auf und geht wieder zur Tür.

„Mein Pferd ist draußen. Ich habe die Satteltaschen voll guter Dinge, wie du sie jetzt brauchst, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich bin sicher, dass du Hunger und Durst hast wie ein Wolf.“

Er blickt ihr nach, solange sie in seinem Gesichtsfeld bleibt. Ihre Bewegungen und das leise Schwingen ihrer Schultern sind von einer Anmut, die jetzt, wie am ersten Tag seiner Bekanntschaft mit ihr, seine Aufmerksamkeit fesseln. Ein schwacher Duft von ihr bleibt zurück, der ihn trotz der dumpf bohrenden Schmerzen in seiner Schulter auf seltsame Art erregt.

Als sie zurückkehrt, hat sie eine Feldflasche bei sich, aus der sie dampfenden Kaffee in einen Becher gießt.

„Nimm das zuerst, Jay, das weckt die Lebensgeister am besten. Ich hole die anderen Sachen.“

Ein paarmal geht sie hin und her und trägt Proviant in die Hütte. Jay trinkt inzwischen den Kaffee, ohne einen einzigen Blick von Judith zu lassen. Auch während er isst, sieht er sie unverwand an, bis ihr Gesicht sich mit einer flammenden Röte überzieht.

„Du sollst das nicht“, murmelt sie. „Wenn du es nicht lässt, werde ich wieder gehen.“

Lockhart schüttelt den Kopf.

„Ich glaube dir das nicht. Keine Frau verwöhnt einen Mann wie du mich, um ihn dann wieder auszuschließen. Bevor Merritt mit seiner Horde kam, war noch alles anders zwischen uns. Du hattest dich mit mir getroffen, aber du wolltest dich nicht küssen lassen. Ich ...“

„Sei sofort still!“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738902006
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314449
Schlagworte
tausend dollar schuss

Autor

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Titel: Tausend Dollar pro Schuss