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Pandoras Wiedergeburt: Barry Belmondo #5

2016 120 Seiten

Leseprobe

Pandoras Wiedergeburt

Barry Belmondo Band 5

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

Kennen Sie Barry Belmondo?

Lange bevor A.F. Morland durch den Dämonenhasser Tony Ballard bekannt wurde, schuf er unter dem Pseudonym Brian Ford einen anderen Helden, den Voodoo-Mann Barry Belmondo - einen in Haiti geborenen Dämonenjäger, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Natasha York und seinem Freund Tony Kellerman den Kampf gegen finstere Mächte aufnahm.

Barry Belmondo trat ans Fenster. Er schob die Gardine zur Seite und blickte auf den St. John’s Cemetery hinüber. Friedlich lag der Gottesacker da. Dass dort drüben ein Mensch von einem Schattenwesen entführt worden war, schien beinahe unvorstellbar zu sein. Doch Barry ließ sich durch diesen Frieden nicht täuschen. Er wusste, wozu Dämonen, Höllengünstlinge und Geister fähig waren. Er tat das, was Glenn Granger gesagt hatte, nicht mit einem Lächeln und einem Schulterzucken ab. Er glaubte dem Totengräber. Was der Mann erzählt hatte, war bestimmt kein Hirngespinst. Und je eher sich jemand dieser geheimnisvollen Sache annahm, desto früher konnte dem Treiben des Bösen ein Ende gesetzt werden.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Titelbild: Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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PROLOG

... und Zeus schuf in der Gestalt des Guten ein bösartiges Übel, dem er den Namen Pandora gab, das heißt die Allbeschenkte. Jeder Unsterbliche hatte diesem Mädchen ein unheilbringendes Geschenk für die Menschen mitgegeben.

Pandora begab sich damit auf die Erde. Alle bewunderten die unvergleichliche Schönheit ihrer Gestalt. Das Mädchen trug in den Händen ihr Geschenk – ein großes, verschlossenes Gefäß.

Als sie den Deckel hochschlug, stieg das Unheil wie eine schwarze Wolke aus dem Gefäß und breitete sich über der Erde aus. In allen Gestalten erfüllte daraufhin das Elend Erde, Luft und Meer. Krankheiten verbreiteten sich bei Tag und Nacht unter den Menschen, unheimlich und schweigend. Fieber hielt die Welt belagert, und der Tod beflügelte seinen Schritt ...

1

Es war zu kalt für die Jahreszeit. Man schrieb immerhin schon Juni. Aber die Temperaturen entsprachen eher dem März. Erroll Curtiz schüttelte den Kopf. Die Welt spielt verrückt, dachte er. Seit sie mit ihren Atombomben die Atmosphäre verseuchen, klappt’s nicht mehr mit dem Klima.

Curtiz betrat den St. John’s Cemetery in Queens. Bevor er weiterging, richtete er seine Krawatte. Dann zog er den Gürtel seines schwarzen Burberry enger. Der Mann seufzte. Nun war er allein. Er hatte niemanden mehr auf der Welt. Seine Eltern lebten nicht mehr. Seine beiden Brüder waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seine Schwester war vor einem Jahr nachts überfallen worden und war ihren schweren Verletzungen einen Tag später erlegen.

Und so hatte Erroll Curtiz nur noch seine Frau gehabt. Bis zur vorigen Woche. Dann hatte auch sie ihn verlassen. Nach einem harmlosen Streit, wie er in jeder Ehe einmal vorkommt, hatte sie zu Schlaftabletten gegriffen und ihrem jungen Leben ein Ende bereitet, während ihr Mann seinen Ärger in einer nahe gelegenen Kneipe hinuntergespült hatte.

Nie würde Erroll Curtiz diesen Tag vergessen. Von der Kneipe war er versöhnlich gestimmt nach Hause gekommen. In den zwei Stunden seiner Abwesenheit hatte sich sein Zorn verflüchtigt. Er hatte seine Frau um Verzeihung bitten wollen, obwohl sie nach seiner Auffassung Schuld an dem Streit getragen hatte. Es hätte ihm nichts ausgemacht, sich zu entschuldigen. Aber Irma, seine Frau, konnte nicht mehr hören, was er sagte.

Sie lag im Bett, mit der schwarzen Schlafmaske auf den Augen. Und ihr Herz hatte zu schlagen aufgehört. Langsam durchschritt Erroll Curtiz den Totenacker. Er hatte früher immer eine Abneigung gegen Friedhöfe gehabt, doch seit seine Frau unter der Erde lag, kam er fast täglich hierher. Ein kühler Wind strich über Curtiz’ Nacken. Er fröstelte und schlug den Kragen hoch. Dann richtete er einen vorwurfsvollen Blick zum Himmel. Bleigraue, schwere Wolken versammelten sich dort oben. Immer mehr wurden es. Zu einem drohenden Gebirge türmten sie sich auf.

Obwohl erst Nachmittag, war es düster auf dem Friedhof. Als würde in Kürze die Dämmerung einsetzen. Auf seinem Weg zu Irmas Grab vernahm Erroll Curtiz plötzlich gedämpftes Gemurmel. Er blieb stehen. Verwundert sah er sich um. Er hatte geglaubt, der einzige Mensch auf diesem Friedhof zu sein. Aber dieses Gemurmel ließ darauf schließen, dass außer ihm noch jemand anwesend war. Curtiz’ suchender Blick entdeckte einen frischen Erdhügel. Von da schien das Gemurmel zu kommen. Curtiz vernahm hackende Geräusche.

Er schluckte. Nun war er plötzlich unangenehm berührt. Aber er verspürte keine Angst. Deshalb näherte er sich dem Erdhaufen zaghaft. Da flog auf einmal Erde hoch. Eine Schippe voll. Dann noch eine. Und schon die nächste. Erroll Curtiz atmete erleichtert auf. Er hatte begriffen, dass dort der Totengräber an der Arbeit war. Der Mann führte Selbstgespräche. Aus Langeweile. Daher das Gemurmel. Glenn Granger war der Name des Totengräbers. Erroll Curtiz hatte sich in den vergangenen Tagen mehrmals mit ihm unterhalten. Curtiz hatte nicht die Absicht, den Arbeitenden zu stören. Doch als er sich umdrehen wollte, stieg Glenn Granger aus dem frisch geschaufelten Grab.

Granger war klein und hatte schmale Schultern. Seine Wangen waren eingesunken, und seine Augen traten weit aus den Höhlen. Er sah aus, als würde es nicht mehr lange dauern, bis Freund Hein auch ihn holte. Curtiz nickte ihm zu. Glenn Granger kam näher.

„Statten Sie Ihrer Frau wieder einen Besuch ab, Mr. Curtiz?“

Erroll Curtiz hob die Schultern.

„Zu Hause in der großen Wohnung ist es so einsam. Ich kann mich an diese Leere nicht gewöhnen. Hier auf dem Friedhof habe ich das Gefühl, mit meiner Frau sprechen zu können, wenngleich nur ich es bin, der redet.“

„Wenn’s Ihnen guttut, sprechen Sie getrost mit Ihrer Frau. Das geht keinen etwas an.“

Curtiz wies auf das neu ausgehobene Grab.

„In letzter Zeit gibt es wieder viel Arbeit für Sie.“

„Ein Verkehrsunfall. Wissen Sie, dass in Amerika im Straßenverkehr pro Jahr sechzigtausend Menschen sterben? Der Vietnamkrieg hat uns nicht so viele Leben gekostet.“

Curtiz seufzte.

„Es ist nicht mehr schön, auf dieser Welt zu leben, Mr. Granger.“

Damit beendete er die Unterhaltung und setzte seinen Weg zum Grab seiner Frau fort. Die Kränze und Sträuße aus Reisig und Blumen begannen langsam zu verwelken.

Curtiz zündete die Kerze in der Grableuchte an. Und dann begann er mit seinem Gespräch. Er erzählte Irma, was es in der Firma gegeben hatte, wie er es immer getan hatte, wenn er abends nach Hause gekommen war. Er sprach von Freunden, die ihn zu sich eingeladen hatten, damit er in seinen vier Wänden nicht trübsinnig wurde. Doch er sagte Irma, dass er von zu Hause nicht fortgehen würde. Er hatte nicht die Absicht, aus New York rauszugehen. Er wollte in der Stadt bleiben und das Grab so oft wie möglich besuchen. Nachdem er sich viele Dinge, die ihn beschäftigt hatten, von der Seele geredet hatte, schüttelte er langsam den Kopf.

„Ich kann es immer noch nicht begreifen, Irma, dass du dort unten liegst. Ich kann nicht verstehen, dass du das getan hast. Wir waren doch glücklich miteinander. Jedenfalls glücklicher als alle anderen Ehepaare, die wir kennen. Du hättest das nicht tun dürfen. Mit Schlaftabletten kann man doch kein Problem lösen. Wir hätten noch so viele Jahre gemeinsam verbringen können. Du warst noch jung. Warum hast du mich verlassen, Irma? Warum hast du mich im Stich gelassen? Warum?“

Tränen füllten Erroll Curtiz’ Augen. Er wischte sie fort. Vom Grab her wehte ihm mit einem Mal eine eisige Kälte entgegen. Kälte, die nicht irdischen Ursprungs sein konnte. Erroll Curtiz vernahm ein unheimliches Knirschen und Knistern. Er dachte, die Geräusche würden aus dem Grab kommen.

Verdattert wich er zurück. Plötzlich begann hinter dem Grab die Luft zu flimmern. Curtiz konnte sich das nicht erklären. War es Irmas Geist, der da aus dem Jenseits zurückkehrte? Schwärze bildete sich hinter dem geheimnisvollen Flimmern. Aus dieser Schwärze formte sich in Sekundenschnelle eine riesige schwarze Gestalt.

Ein Ungeheuer! Ein Monster!

Erroll Curtiz prallte davor zurück. Das Flimmern hörte auf. Und mit einem Mal stand Erroll Curtiz einem mächtigen Schattenscheusal gegenüber ...

Mit entsetzensstarren Augen stierte er die unheimliche Erscheinung an, die aus nichts anderem als aus schwarzer Luft zu bestehen schien.

Der Unhold lachte höhnisch.

„Überrascht?“

„Wer – wer sind Sie?“

„Ich bin der, der dich mitten aus dem Leben holt!“

Curtiz hatte das Gefühl, ein Eissplitter wäre ihm ins Herz gefahren. Bestürzt schüttelte er den Kopf.

„Um Christi willen, ich will nicht sterben!“

„Wer will das schon? Es muss sein!“, knurrte der Schattenmann. Er machte einen schnellen Schritt auf Erroll Curtiz zu.

Dieser wich erneut zurück. Dabei stieß er gegen die steinerne Einfriedung des Nachbargrabes. Er verlor das Gleichgewicht und fiel. Schon beugte sich der Schattenmann über ihn. Zwei schwarze Pranken schossen auf ihn zu. Er stieß einen gellenden Schrei aus, der in dem Augenblick abriss, als das schwarze Ungeheuer den Mann berührte ...

2

Glenn Granger setzte sich auf eines der Bretter, die rings um das Grab kurz vor der Beerdigung aufgelegt werden mussten. Der Totengräber entnahm seiner Ledertasche eine Schnitte Brot und trank dazu heißen Tee mit Rum. Oder, besser gesagt: heißen Rum mit Tee. Er war gerade im genüsslichsten Schmausen, als er den Schrei von Erroll Curtiz hörte. Der Schrei hörte sich so schaurig an, dass er selbst Granger, der sich auf diesem Friedhof noch nie gefürchtet hatte, erschreckte. Der Totengräber sprang auf. Die Thermosflasche entfiel seinen Händen, landete auf dem Boden, und Tee und Rum tränkten das Erdreich. Jäh riss der Schrei ab. Glenn Granger fuhr sich über die geweiteten Augen.

„Heilige Madonna, was hat das zu bedeuten?“

Ein Überfall vielleicht? Hier auf dem Friedhof? Dem lichtscheuen Gesindel von New York war ja nichts heilig, nicht einmal ein Gottesacker.

Glenn Granger bewaffnete sich mit einem erdigen Spaten. So schnell ihn seine kurzen Beine trugen, lief er den Weg zwischen den Gräbern entlang. Er mochte Curtiz, konnte den Mann gut leiden. Vielleicht hätte er für jemand anders keinen Finger gerührt, aber für Curtiz wollte er tun, was in seiner Macht stand.

Das Grab von Irma Curtiz hätte Glenn Granger im Schlaf gefunden. Er kannte sich auf dem Friedhof sehr gut aus. Kein Wunder, er verbrachte fast die Hälfte seines Lebens auf diesem Gottesacker. Mit schnellen Schritten eilte er an Grabkreuzen und Grabsteinen vorbei. Endlich erreichte er die Gräbergruppe, die die Nummer 56 trug. Hier war die sterbliche Hülle Irma Curtiz’ beigesetzt worden.

Granger keuchte. Über sein faltiges Gesicht rann der Schweiß. Er benützte den Spaten als Stütze. Grimmig war seine Miene. Gleich würde sich herausstellen, was Erroll Curtiz zugestoßen war. Und wenn Friedhofsräuber über den Mann hergefallen waren, würde er, Granger, ihnen mit dem Spaten die Leviten lesen. Eine Gruft verstellte die Sicht auf Irma Curtiz’ Grab. Eiseskälte strömte dem Totengräber entgegen.

Mit hochgeschwungenem Spaten bog er um die Ecke. Zunächst sah er niemanden. Das frische Grab, in dem Irma Curtiz ruhte, war einsam und verlassen. Erroll Curtiz war nirgendwo zu entdecken. Dafür sah der Totengräber aber etwas anderes: einen rabenschwarzen Schatten, groß wie eineinhalb Männer.

Der Schwarze lief über die Gräber und löste sich Augenblicke später in nichts auf. Wie vom Donner gerührt stand Glenn Granger da. Er zweifelte zum ersten Mal im Leben an seinem Verstand. Wer könnte das in dieser Situation nicht verstehen?

3

Tony Kellerman stieg mit einem riesigen Blumenstrauß aus dem schwärzen Porsche Targa. Der deutschstämmige Amerikaner war früher PanAm-Pilot gewesen. Heute besaß er sein eigenes Flugunternehmen, die Kellair. Auf der Beifahrerseite faltete sich Kellermans Freund Barry Belmondo aus dem Porsche. Barrys Finanzkraft war es zu verdanken, dass es die Kellair gab. Er hatte dem Freund das nötige Kapital für den Start des Unternehmens vorgestreckt. Der Besuch der beiden Männer auf dem St. John’s Cemetery hatte einen speziellen Grund: Andrew Douglas lag hier begraben.

Tony Kellerman und Andrew Douglas hatten mehrere Jahre als Pilotenteam zusammengearbeitet. Es hatte Douglas schwer getroffen, als Tony der PanAm den Rücken kehrte, um sich auf eigene Beine zu stellen.

Tony hatte vorgehabt, Andrew Douglas zu Sonderbedingungen in der Kellair aufzunehmen. Douglas wäre ein Dummkopf gewesen, wenn er das Angebot abgelehnt hätte. Er hatte das auch nicht getan. Dennoch war es zu dem geplanten Wechsel nicht gekommen, denn am 16. Juni 1978 stürzte Andrew Douglas bei einem Testflug ab. Ein Jahr war seit diesem tragischen Unglück vergangen. Sally Douglas, die Witwe des verunglückten Piloten, hatte sich vorgenommen, an jedem 16. Juni einen großen Blumenstrauß an das Grab ihres Mannes zu bringen.

Doch schon den ersten Jahrestag musste sie versäumen. Sie lag im Krankenhaus. Nach mehreren Nierenkoliken war ihr ein daumennagelgroßer Stein herausgeholt worden.

Aber ihre Sorge galt nicht ihrer Gesundheit, sondern der Frage, wie am 16. Juni die Blumen an das Grab ihres Mannes gelangen sollten. Als Tony Kellerman davon erfuhr, nahm er Sally Douglas diese Sorge ab. Und Barry Belmondo, der Andrew Douglas gleichfalls gut gekannt hatte, begleitete den Freund.

Barry und Tony erreichten das Grab. Der blonde Pilot legte die Blumen darauf. Schweigend standen die Männer einige Minuten da.

Schließlich atmete Tony Kellerman tief ein und sagte: „Er war ein feiner Kumpel. Pferde konnte man mit ihm stehlen. Und schlagfertig war er. Es gab nichts, worauf er nicht eine passende Antwort gehabt hätte. Bei jedem Blödsinn war er dabei. Und sein einziges Heiligtum war Sally.“

Barry Belmondo nickte.

„Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Er war einer von den Männern, die sich einem ins Gedächtnis einprägen. Einen Mann wie Andrew Douglas vergisst man nicht.“

„Schade um ihn.“

„So ist das Leben“, sagte Barry Belmondo schulterzuckend. „Wenn man’s genau betrachtet, wurden wir alle nur geboren, um zu sterben. Der eine muss früher gehen, der andere ist später dran. Aber erspart bleibt es keinem.“

„Ich hasse Friedhöfe, weil einem da immer so düstere Gedanken kommen“, brummte Tony Kellerman. „Ich bin achtunddreißig. Und – bei Gott – ich erwarte mir noch einiges vom Leben, bevor ich abtrete.“

Die Freunde wandten sich noch einmal dem Grab zu.

„Mach’s gut, Andy“, sagte der blonde Pilot. Er kniff eines seiner beiden bernsteinfarbenen Augen zu, stieß Barry Belmondo dann an und sagte: „Gehen wir.“

Ohne dass sie ein Geräusch vernommen hatten, trat zwischen zwei hohen anthrazitfarbenen Grabsteinen plötzlich ein kleiner, dürrer Mann hervor. Der Mann leckte sich über die dünnen Lippen. Erde klebte an seinen Hosenbeinen. Und Alkohol glänzte in seinen Augen. Er war betrunken.

„Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe“, sagte der Mann mit schwerer Zunge. „Ich bin Glenn Granger, der Totengräber. Besser, Sie gehen jetzt, Gents. Der Friedhof schließt zwar erst in einer Stunde. Aber wenn es diesig wird, sollte sich auf diesem Totenacker lieber niemand mehr aufhalten.“

Tony warf Barry einen schnellen Blick zu. Dann sagte er zu Granger: „Sie haben doch nicht etwa die Absicht, uns mitzuteilen, dass es auf diesem Friedhof ...“

„... spukt“, sagte Glenn Granger. Er nickte heftig. „Jawohl, Mister, das tut es!“

Der Mann sagte das mit einer solchen Bestimmtheit, dass Barry Belmondo sofort die Ohren spitzte. Barry hatte sein Leben der Jagd auf Geister und Dämonen gewidmet.

Er stammte aus Haiti. Genauer, aus Port-au-Prince, wo heute noch sein Bruder Duane lebte. In jungen Jahren schon war Barry Belmondo zum Hungan – zum Voodoo-Priester – geweiht worden. Ein steinalter Hungan hatte sein umfangreiches Wissen an Barry weitergegeben. Der alte Mann war der Auffassung gewesen, dass es dafür niemand Würdigeren als Barry Belmondo gab.

Barry betrachtete diese Auszeichnung nicht nur als Anerkennung, sondern als Auftrag. Er vertiefte sich in die Lehren des Voodoo. Und schon bald merkte er, dass er Dinge zu tun imstande war, zu denen andere Voodoo-Priester nicht fähig waren, weil sie nicht die Gabe hatten, sich so hundertprozentig zu konzentrieren wie Barry. Das ging sogar so weit, dass Barry Belmondo sich in völliger Abgeschiedenheit von Petro Simbi, dem Voodoo-Gott mit dem unsichtbaren Flammenschwert, beseelen lassen konnte.

In dieser kurzen Zeit wurden Barry Belmondo und Petro Simbi eins – und wenn das passierte, war Barry dem gefährlichsten Dämon ebenbürtig. Doch er schaffte die Vereinigung mit Petro Simbi nicht immer. Die Verbindung klappte nicht, wenn Barry während seiner kräfteraubenden Konzentration gestört wurde. Sie hatte erst in der jüngsten Vergangenheit nicht funktioniert, weil der Schlangendämon Dambella sich störend dazwischengeschaltet hatte.

Dambella strebte in der Jenseitswelt eine unumschränkte Herrschaft an. Er unterdrückte die schwachen Voodoo-Götter und versuchte sie sich untertan zu machen. Barry Belmondo war sicher, dass er irgendwann mal mit dem Schlangendämon aneinandergeraten würde ...

„Jawohl, es spukt!“, behauptete der Totengräber noch einmal. Er erzählte von einem Mann namens Erroll Curtiz, der an das Grab seiner Frau gekommen sei und dort einen entsetzlichen Schrei ausgestoßen habe. Granger fuhr fort: „Ich wollte dem Mann zu Hilfe eilen. Aber er war verschwunden. Ich sah ihn nicht mehr wieder. Stattdessen sah ich einen schwarzen Riesen. Er jagte über die Gräber davon und löste sich in nichts auf, ob Sie’s glauben oder nicht.“

„Wann ist das passiert?“, wollte Barry Belmondo, der Voodoo-Mann, wissen.

„Vor zwei Tagen. Ich habe mich selbstverständlich sofort an die Polizei gewandt.“

„Und?“

„Nun ja, die Bullen kamen hierher, schnüffelten eine Weile zwischen den Gräbern umher, konnten nichts finden und gingen wieder. Für sie war hier alles in Ordnung.“

„Ist Mr. Curtiz inzwischen wieder aufgetaucht?“

„Nein. Das ist das einzige, was die Polizei zur Kenntnis genommen hat – für sie geht es bloß um einen vermissten Mann. Aber so einfach liegt die Sache nicht. Seit Erroll Curtiz verschwunden ist, geht es auf diesem Friedhof nicht mehr mit rechten Dingen zu. Vielleicht werden Sie jetzt denken, der dämliche Totengräber hat sich volllaufen lassen und quasselt nun blödes Zeug. Okay, Gents, ich leugne nicht, dass ich einen in der Krone habe. Aber glauben Sie mir, das hat seinen Grund. Wenn ich nämlich nicht besoffen wäre, würde ich keine Stunde länger auf diesem Totenacker bleiben, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“

„Was passiert denn auf diesem Friedhof?“, erkundigte sich Barry Belmondo interessiert.

„Das Schattenmonster geht hier um“, sagte Glenn Granger mit großen Augen. „Der Kerl, der sich Erroll Curtiz geholt hat.“

„Sie haben ihn wieder gesehen?“, fragte der Voodoo-Mann.

„Mehrmals schon.“

„Wieso vergreift er sich an Ihnen nicht?“, wollte Tony Kellerman wissen. Ihm kam die Geschichte ein bisschen zu phantastisch vor.

Glenn Granger hob die schmalen Schultern.

„Keine Ahnung. Vielleicht kommt das noch. Vielleicht bin ich ihm aber auch zu mickrig. Sehen Sie mich an. An mir ist doch nichts dran. Erroll Curtiz hingegen war ein junger, kräftiger Mann ... Er war so nett. Ich hatte Mitleid mit ihm, wegen seiner Frau. Sie hat sich umgebracht. Mit Schlaftabletten, wissen Sie? Er sagte mir, er habe die Absicht, einem magischen Zirkel beizutreten.“

„Was erhoffte er sich davon?“, fragte Tony.

„Er hoffte, dass ihm die Möglichkeit geboten würde, mit seiner Frau zu reden“, antwortete der Totengräber. „Ist so etwas überhaupt möglich?“ Barry Belmondo nickte.

„Wenn die magischen Kräfte des Mediums ausreichen, klappt es sogar sehr gut. Wo befindet sich dieser Zirkel, von dem Mr. Curtiz sprach?“

„Gleich dort drüben. Auf dem Woodhaven Boulevard. Die Mitglieder treffen sich fast täglich.“

Barry lenkte das Gespräch wieder auf das Schattenungeheuer, das Erroll Curtiz angeblich oder tatsächlich entführt hatte. Er fragte den Totengräber: „Wo haben Sie den Unheimlichen gesehen?“

Glenn Granger forderte ihn und Tony Kellerman auf, mitzukommen.

Er führte die beiden zu Irma Curtiz’ Grab.

„Hier taucht er immer auf. Man sieht ihn nicht kommen. Er ist plötzlich da. Mal läuft er in diese Richtung, mal in eine andere. Er bleibt zumeist nicht lange sichtbar.“ Der Totengräber schnippte mit dem Finger. „So geht das. Kaum ist er aufgetaucht, da ist er auch schon wieder verschwunden. Ich möchte bloß wissen, was das für einer ist und was er mit Mr. Curtiz gemacht hat.“

Das interessierte den Voodoo-Mann auch. Deshalb beschloss er, sich dieses mysteriösen Falles anzunehmen. Barry Belmondo und Tony Kellerman verließen den Friedhof. Der Pilot blickte seinen Freund von der Seite an und sagte: „Wie ich dich kenne, steckst du in dieser Geschichte bereits mitten drin.“

„Einer muss sich doch darum kümmern. Ich halte mich in dieser Sache für kompetent“, erwiderte Barry. „Wie wollen wir vorgehen?“

„Wir?“

„Du denkst doch wohl nicht, dass ich dich allein murksen lasse. Ich bin natürlich mit von der Partie.“

„Ich gebe dir ein Zeichen, sobald ich dich brauche, okay?“, sagte der Voodoo-Mann.

„Und was tust du inzwischen?“

„Ich werde versuchen, das nächtliche Treiben auf dem Friedhof zu beobachten“, sagte Barry Belmondo. „Und zwar von dort drüben aus.“ Er wies auf eine Texaco-Tankstelle, an die eine Diskothek, ein Restaurant und ein Hotel angegliedert waren.

„Du fährst gar nicht mehr nach Hause?“, fragte Tony Kellerman erstaunt.

Barry Belmondo schüttelte den Kopf.

„Das wäre reine Zeitverschwendung. Ich werde mir ein Zimmer mit Blick auf den Friedhof nehmen und auf die Nacht warten.“

„Was wird aus Natasha?“, fragte Tony. Natasha York war Barrys Freundin. „Sie wartet bei dir zu Hause auf dich.“

Der Voodoo-Mann lächelte.

„Hör mal, mit deinem angeborenen Charme wird es dir bestimmt nicht schwerfallen, mich bei Natasha eine Weile zu vertreten.“

Tony grinste breit.

„Das tu ich mit dem größten Vergnügen. Sag mir, wie weit ich gehen darf.“

„Du erkennst die Grenze spätestens dann, wenn Natasha dir eine schmiert“, gab der Voodoo-Mann zurück.

„Na denn“, sagte der blonde Pilot. „Viel Glück, Barry. Und halt die Ohren steif.“

„Wird schon schiefgehen.“

Tony Kellerman setzte sich in seinen schwarzen Porsche Targa und rauschte ab. Barry Belmondo blickte dem schnellen Sportwagen nach. Sobald der Porsche aus seinem Blickfeld verschwunden war, überquerte der Voodoo-Mann den Woodhaven Boulevard. Es war viel Verkehr. Barry musste mehrmals stehenbleiben, um nicht angefahren zu werden. Der Gestank der Auspuffgase stieg ihm in die Atemwege. Er verzog das Gesicht, rümpfte die Nase, eilte auf den weißen Betonkasten neben der Tankstelle zu und betrat diesen. Auf dem Steinboden lag ein grüner Läufer. Die Hotelhalle war voll klimatisiert. In weichen Ledersesseln saßen zwei elegant gekleidete Männer und sprachen miteinander.

Barry Belmondo begab sich zur holzgetäfelten Rezeption.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Mann im bordeauxroten Jackett hinter dem Pult.

„Ich möchte ein Zimmer“, sagte der Voodoo-Mann. „Mit Blick in diese Richtung.“ Er wies dorthin, wo der Friedhof lag.

Das brachte ihm einen verwunderten Blick ein. Niemand verlangte im Allgemeinen ein Zimmer mit Blick auf die Straße und auf den St. John’s Cemetery. Alle wollten Zimmer, deren Fenster an der Rückseite des Hotels lagen.

„Für wie lange?“, fragte der Angestellte.

„Kann ich noch nicht sagen. Zwei, drei Nächte. Vielleicht auch eine Woche. Ich weiß es noch nicht.“

„Sie haben kein Gepäck?“

„Das lasse ich nachkommen“, antwortete der Voodoo-Mann. Er musste sich ins Gästebuch eintragen, bekam einen Schlüssel ausgehändigt und begab sich auf sein Zimmer.

Der Raum war nicht allzu groß, aber äußerst funktionell eingerichtet. Es gab einen Farbfernseher, ein Telefon, einen Kühlschrank, der noch mit einem Papiersiegel versehen war. Barry öffnete ihn. Alles, was sein Herz verlangte, war darin vorhanden. Von den weichsten bis zu den härtesten Getränken. Was am Ende seines Aufenthalts aus dem Kühlschrank fehlte, wurde automatisch auf seine Rechnung gesetzt. Ein gutes System, das den Zimmerkellner ersparte.

Barry Belmondo trat ans Fenster. Er schob die Gardine zur Seite und blickte auf den St. John’s Cemetery hinüber. Friedlich lag der Gottesacker da. Dass dort drüben ein Mensch von einem Schattenwesen entführt worden war, schien beinahe unvorstellbar zu sein. Doch Barry ließ sich durch diesen Frieden nicht täuschen.

Er wusste, wozu Dämonen, Höllengünstlinge und Geister fähig waren. Er tat das, was Glenn Granger gesagt hatte, nicht mit einem Lächeln und einem Schulterzucken ab.

Er glaubte dem Totengräber. Was der Mann erzählt hatte, war bestimmt kein Hirngespinst. Und je eher sich jemand dieser geheimnisvollen Sache annahm, desto früher konnte dem Treiben des Bösen ein Ende gesetzt werden.

Ein Geräusch an der Tür ließ den Voodoo-Mann blitzschnell herumfahren. Seine grünen Augen verengten sich. Er hatte gelernt, mit der Gefahr zu leben. Erfahrungsgemäß war die dämonische Gegenseite häufig rasch und umfangreich unterrichtet. Das Schattenreich verfügte über Tausende von Informationskanälen. Hin und wieder kam es schon zu Angriffen, bevor sich Barry Belmondo einer Sache richtig gewidmet hatte. Das passierte zumeist dann, wenn ihm die Unterwelt zuvorkommen wollte.

War dies auch jetzt der Fall?

Barry Belmondos Muskeln spannten sich. Er lasse die Lippen zusammen, griff nach dem Gürtelholster, in dem ein 33er Colt Agent steckte, der mit geweihten Silberkugeln geladen war. Blitzartig zog er die Waffe. Während er mit leisen, federnden Schritten zur Tür lief, entsicherte er den Revolver. So leicht wollte er sich nicht überrumpeln lassen. Seine Hand zuckte auf den Türknauf zu. Einen Moment später riss er die Tür auf.

„Uff!“, stieß das Mädchen hervor, das mit dem Schlüssel an Barrys Tür herumgefummelt hatte.

Ihr Gesicht war herzförmig. Sie hatte schwarzes Haar, wunderbare Brüste unter dem cremefarbenen Pullover, schwer und voll aufgeblüht. Ihre nussbraunen Augen wirkten sanft und bildeten zu ihrem hochmütigen Mund und den schwarzen Haaren einen reizvollen Kontrast.

Sie konnte nicht älter als zwanzig sein. Im Augenblick war sie völlig durcheinander.

„Ist das ... Ist das Ihr Zimmer?“, fragte sie verlegen.

„Allerdings“, gab Barry Belmondo zurück.

Das Mädchen starrte auf seinen Revolver. Er steckte ihn weg und entschuldigte sich, weil er sie erschreckt hatte.

„Haben Sie keine Angst“, fügte er seiner Entschuldigung hinzu. „Ich bin kein Verbrecher. Ich bin bloß vorsichtig.“

„Es ... Es ist mir sehr peinlich, Mister ...“

„Belmondo. Barry Belmondo.“

„Ich heiße Terry Andopar.“

Der Voodoo-Mann lächelte.

„Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Andopar.“

„Ich wohne erst seit kurzem in diesem Hotel und habe mich offenbar in der Etage geirrt.“ Terry Andopar hatte Zimmer Nummer 232. Sie stand aber vor der Nummer 323. „Es tut mir leid, Mr. Belmondo.“

„Wenn das wirklich wahr ist, dann dürfen Sie meine Einladung zum Drink in der Hotelbar nicht ablehnen“, sagte der Voodoo-Mann lächelnd.

Terry zögerte kurz. Sie schien sich zu fragen, ob es sich schickte, mit einem wildfremden Mann ...

„Okay“, sagte sie plötzlich entschlossen. „Geben Sie mir fünfzehn Minuten?“

Barry nickte. Terry entschwebte mit sanft schaukelnden Hüften. Auch ihre Kehrseite konnte sich sehen lassen. Fünfzehn Minuten später betrat Terry Andopar die Hotelbar. Barry Belmondo erwartete sie da bereits. Er saß an einem der Tische und machte sich bemerkbar, indem er die Hand hob. Terry erblickte ihn und steuerte seinen Tisch an. Sie trug das schwarze Haar jetzt hochgesteckt. Und sie hatte sich umgezogen. Ihre hübsche Figur verschwand total in einem Schlabberkleid.

„Was Sie vorher anhatten, gefiel mir besser“, sagte Barry Belmondo.

Terry lachte.

„Sie sind wenigstens ehrlich.“

„Ich halte nichts von Lügen.“

„Ich auch nicht“, sagte Terry.

Barry stand auf. Er rückte den Stuhl für das Mädchen zurecht, fragte, was sie trinken wolle und bestellte beim Kellner eine Bloody Mary. Es gab von Anfang an keine Verständigungsschwierigkeiten zwischen den beiden. Sie unterhielten sich ausgezeichnet. Irgendwann blickte Terry auf ihre Uhr.

„So spät schon“, stellte sie erstaunt und bedauernd fest.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738901948
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314274
Schlagworte
pandoras wiedergeburt barry belmondo

Autor

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Titel: Pandoras Wiedergeburt: Barry Belmondo #5