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Das Unheil kam vom Ende der Welt: Barry Belmondo #4

2016 120 Seiten
Reihe: Barry Belmondo, Band 4

Zusammenfassung

Das Unheil kam vom Ende der Welt
Barry Belmondo Band 4
von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

Kennen Sie Barry Belmondo?
Lange bevor A.F. Morland durch den Dämonenhasser Tony Ballard bekannt wurde, schuf er unter dem Pseudonym Brian Ford einen anderen Helden, den Voodoo-Mann Barry Belmondo - einen in Haiti geborenen Dämonenjäger, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Natasha York und seinem Freund Tony Kellerman den Kampf gegen finstere Mächte aufnahm.

Barry Belmondo starrte in den Spiegel, und plötzlich erblickte er darin eine wunderschöne Frau. Rein und makellos war ihr Gesicht. Sie hatte weiche warme Augen, eine kleine, zierliche Nase und volle, sanft geschwungene Lippen. Ihr Antlitz war von rabenschwarzem Haar umrahmt. Obwohl der Voodoo-Mann die Frau noch nie gesehen hatte, kannte er plötzlich ihren Namen. Sie hieß Agassa und war kein Mensch, sondern eine mächtige Voodoo-Göttin. Die königliche Verbindung eines Panthers mit einer Frau!

Leseprobe

Das Unheil kam vom Ende der Welt

Barry Belmondo Band 4

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

Kennen Sie Barry Belmondo?

Lange bevor A.F. Morland durch den Dämonenhasser Tony Ballard bekannt wurde, schuf er unter dem Pseudonym Brian Ford einen anderen Helden, den Voodoo-Mann Barry Belmondo - einen in Haiti geborenen Dämonenjäger, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Natasha York und seinem Freund Tony Kellerman den Kampf gegen finstere Mächte aufnahm.

Barry Belmondo starrte in den Spiegel, und plötzlich erblickte er darin eine wunderschöne Frau. Rein und makellos war ihr Gesicht. Sie hatte weiche warme Augen, eine kleine, zierliche Nase und volle, sanft geschwungene Lippen. Ihr Antlitz war von rabenschwarzem Haar umrahmt. Obwohl der Voodoo-Mann die Frau noch nie gesehen hatte, kannte er plötzlich ihren Namen. Sie hieß Agassa und war kein Mensch, sondern eine mächtige Voodoo-Göttin. Die königliche Verbindung eines Panthers mit einer Frau!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Man kann die Grenze nicht scharf ziehen und behaupten: Bis hierher geht die Welt, und dann beginnt das Schattenreich. Die beiden Welten verschwimmen ineinander konturenlos. Niemand weiß genau, wo die eine aufhört und die andere anfängt.

Dambella, der ehrgeizige Schlangendämon, hielt sich im Niemandsland zwischen den Welten auf. Violettes Licht umfloss ihn. Er hatte einen kräftigen, muskulösen Körper, auf dessen nackten Bronzeschultern der Kopf einer Kobra saß. Kleine schwarze Augen starrten böse in die Ewigkeit, während aus dem gefährlichen Schlangenmaul des Voodoo-Dämons eine lange, schwarze, gespaltene Zunge flatterte. Dambella ließ ein aufgeregtes Zischen hören. Sein Maul öffnete sich, und lange dolchartige Giftzähne kamen zum Vorschein, während aus dem Schlangenrachen glutrote Flammen züngelten. Der Schlangendämon hatte zu dieser Stunde eine Vision.

Seit langem schon ging sein Bestreben dahin, in der bestehenden Voodoo-Hierarchie vorwärtszukommen. Er wollte aus der Masse der Gleichen emporsteigen, wollte sich über sie erheben und sie befehligen. Die Zeit dazu schien ihm nunmehr gekommen zu sein. Das Höllengestirn stand für ihn günstig. Die Konstellation hatte spürbaren Einfluss auf Dambella. Er merkte, dass mit ihm etwas Großes passierte, und er war bereit, sich zum Aufbruch zu rüsten.

Dröhnend prallte seine kräftige Stimme gegen das unheimliche Violett, das ihn umgab. Die Worte hallten unheimlich und laut.

„Grauen!“, rief Dambella begeistert. „Furcht und Schrecken werden über New York hereinbrechen! Menschen werden sterben, und die Seelen der Opfer werden mich stärken und aus der großen Masse der Voodoo-Geister herausheben! Ich werde einen Höhenflug antreten, wie es ihn nie zuvor gegeben hat! Niemand wird mich davon abhalten können!“

Der Schlangendämon lachte schaurig. Die Vision setzte sich fort. Dambella sah einen jungen Burschen. Dunkelhaarig, hübsch, schlank – mit schalkhaftem Blick. Dambella wusste sogleich den Namen des Jungen: Glenn Cade. Der Dämon nickte.

„Glenn Cade wird mein willfähriges Werkzeug sein. Er vereinigt all das in sich, was meinen Plänen dienlich ist: Er ist unbeständig, unzuverlässig, nachtragend, jähzornig, rachsüchtig ... Er ist das beste Werkzeug, dessen ich mich bedienen kann!“

Glenn Cade lief so schnell, als ginge es um sein Leben. Er hatte Angst vor Schmerzen, und die beiden Kerle, die hinter ihm her waren, waren ein Garant für Höllenqualen. Sie waren Jäger. Sie wussten, wie sie ihr Wild in die Enge treiben mussten. Sie kannten jeden erbärmlichen Trick, um dieses Ziel zu erreichen. Glenn Cade hetzte durch einen schmalen finsteren Durchlass. Er gelangte in einen engen Hinterhof, sprang auf einen überquellenden Müllcontainer, überkletterte die hohe Backsteinmauer, die den Hinterhof an einer Seite begrenzte, verstauchte sich beim Aufsprung den rechten Knöchel und humpelte verzweifelt weiter.

Sein rotes Gesicht war schweißüberströmt. Er keuchte schwer. Sein Herz trommelte wie verrückt gegen die Rippen. Gehetzt blickte er sich um. Er schien es geschafft zu haben. Offenbar war es ihm gelungen, die beiden Verfolger abzuschütteln. Mit schmerzverzerrten Zügen humpelte Glenn Cade die finstere Gasse entlang. Wenig später lief er auf einen kleinen Park zu.

Plötzlich sah er wieder die Männer, die es auf ihn abgesehen hatten. Verdammt, sie mussten Hellseher sein. Sie hatten gewusst, welchen Fluchtweg er einschlagen würde, und waren ihm mit dem Wagen zuvorgekommen.

Soeben stiegen die beiden brutalen Schläger aus ihrem schwarzen Chevrolet. Glenn Cade drehte sich auf den Absätzen um und wollte augenblicklich wieder das Weite suchen. Aber er war nicht schnell genug mit seinem verstauchten Knöchel. Die Gangster holten ihn ein. Der eine stellte ihm ein Bein, während ihm der andere seine Faust ins Kreuz schmetterte.

Glenn Cade stieß einen heiseren Schrei aus. Er verlor das Gleichgewicht und schlug lang hin. Bevor er sich aufrappeln und weiterhumpeln konnte, waren die Schläger über ihm. Sie grinsten ihn gemein an, und als er aufspringen wollte, stießen sie ihn hart zurück.

„Nein!“, rief Glenn Cade verzweifelt. „Ich bitte euch ... Nein!“

„Hast ’ne Pechsträhne, Kleiner“, sagte der eine.

„Ich flehe euch an, schlagt mich nicht!“

„Du hast gewusst, was passiert, wenn du nicht blechst, Junge!“

„Ich werde die fünfhundert Dollar auftreiben! Ganz bestimmt! Ich verspreche es euch!“

„Was, glaubst du, was uns Tag für Tag versprochen und nicht gehalten wird. Du hattest vier Wochen Zeit. Achtundzwanzig Tage – die du nicht genützt hast, Kleiner.“

„Fünfhundert Bucks sind doch kein Vermögen!“, stöhnte Glenn Cade. „Kann euer Boss nicht noch ein paar Tage darauf warten?“

„Natürlich könnte er das. Die fünf Hunderter machen ihn noch nicht bankrott. Aber es geht hier nicht um das Geld, sondern ums Prinzip – und gegen das hast du verstoßen. Folglich hat uns Santiago Bond aufgetragen, dir eine handfeste Rüge zu erteilen.“

Damit begannen sie jetzt.

Glenn Cade rang nach Atem. Er befürchtete, die Gangster würden ihn erschlagen. Doch plötzlich hörten sie auf, ihn zu peinigen. Er hörte die Verbrecher keuchen. Und noch etwas hörte er: das schrille Quietschen von Pneus, die über den Asphalt rutschten.

„Bullen!“, stieß der eine hervor.

„Shit!“, knurrte der andere.

Sie kümmerten sich nicht weiter um Glenn Cade, sondern setzten sich augenblicklich ab. Verschwommen erkannte Glenn Cade einen Patrolcar, der vor dem Parkeingang angehalten hatte. Zwei Cops sprangen aus dem Fahrzeug. Obwohl ihm das Auftauchen der Polizisten weitere Schläge erspart hatte, freute sich Glenn Cade nicht darüber.

Er mochte keine Bullen. Seiner Meinung nach sorgten Cops nicht für Ruhe und Ordnung, sondern immer nur für Ärger und Schwierigkeiten. Zweimal hatten sie ihn schon ins Untersuchungsgefängnis gesteckt, obwohl er unschuldig gewesen war. Sie hatten sich einfach vergriffen, hatten den Falschen erwischt und hinterher gesagt, dass es ihnen leid täte. Das war alles gewesen.

Sie hatten Glenn eingelocht, weil er – da er ein reines Gewissen gehabt hatte – nicht weggerannt war. Nachdem ihm das zum zweitenmal passiert war, hatte er sich geschworen, nie mehr stehenzubleiben, wenn Bullen im Anmarsch waren. Als er die Cops nun aus dem Streifenwagen springen sah, kämpfte er sich ächzend hoch und ergriff sicherheitshalber die Flucht.

Dadurch bekamen die Polizisten aber ein falsches Bild von der Situation. Sie hielten Glenn Cade für einen Ganoven, der immerhin so viel Dreck am Stecken haben musste, dass es ihm angeraten erschien, schleunigst das Weite zu suchen. Klar, dass sie den Mann haben wollten.

„Halt! Polizei!“, riefen sie. „Bleiben Sie stehen! Stehenbleiben, oder wir schießen!“

Statt stehenzubleiben, lief Glenn Cade nur noch schneller. Doch die Schläger hatten ihm die meiste Kraft aus dem Körper gedroschen.

Glenn mobilisierte nun die letzten Kraftreserven. Er jagte aus dem finsteren Park und in die gegenüberliegende Straße hinein. Hinter ihm wurde ein Warnschuss abgegeben. Er zuckte zusammen, schlug einen Haken, nahm den Kopf nach unten. Und dann krachte der nächste Schuss.

Glenn Cade spürte einen Schlag wie mit einem Hammer, der seinen rechten Oberschenkel traf. Er wurde herumgerissen, knallte mit dem Kopf gegen die Wand und brach besinnungslos zusammen. Als er zu sich kam, lag er in einem Bett – und Polly war bei ihm.

Polly Lemmon war sein Mädchen. Achtzehn, brünett und gut gewachsen. Ihre langen schlanken Beine und die üppigen Brüste konnten sich sehen lassen, und ihr Gesicht war das eines Unschuldsengels. Tränen schimmerten in ihren Augen. Mit verschwollenen Lippen versuchte Glenn Cade ein kleines Lächeln. Es misslang. Er wollte sich aufrichten, doch er schaffte es nicht. Polly sagte ihm, in welchem Krankenhaus er lag, und dass ihm die Polizistenkugel aus dem Bein geschnitten worden war. Die Cops hatten ihren Namen und ihre Adresse bei ihm gefunden und sich mit ihr in Verbindung gesetzt.

„Warum?“, fragte Polly Lemmon vorwurfsvoll. „Warum bist du weggelaufen, Glenn? Warum bist du nicht stehengeblieben, als die Polizisten dich dazu aufforderten? Sie hielten dich für einen Verbrecher, mussten dich für jemanden halten, der etwas ausgefressen hatte ...“

„Ich mag keine Cops. Sie irren sich zu oft“, sagte Glenn leise.

„Es sind eben auch nur Menschen. Wir machen alle mal einen Fehler. Sag mir, wer dich so übel zugerichtet hat, Glenn.“

„Gangster.“

„Weshalb haben sie das getan?“ Glenn Cade wandte den Kopf zur Seite. Er knirschte so laut mit den Zähnen, dass es Polly Lemmon kalt über den Rücken rieselte.

„Warum bist du mit mir befreundet, Polly?“

„Weil ich dich mag. Was soll die Frage?“

„Ich bin ein Mensch, der niemals Glück hat.“

„Das darfst du nicht sagen, Glenn. Das stimmt nicht. Im Leben jedes Menschen gibt es Höhen und Tiefen. Das ist nun mal so.“

„In meinem Leben überwiegen die Tiefen. Man hat mich aus der Universität wegen Drogenmissbrauchs rausgeschmissen. Meine Eltern daheim in Oklahoma City wissen es noch gar nicht.“ Glenn Cade sah seine Freundin wieder an. „Ich bin nicht süchtig, Polly, ich schwör’s dir. Ich hab’s nur mal probiert.“

„Du hättest die Finger davon lassen sollen. Es ist ein Produkt des Teufels.“

„Ich wollte nur mal wissen, wie es ist, und gleich haben sie mich dabei erwischt. Sie haben die ganze Geschichte aufgebauscht und dramatisiert, um mich effektvoll genug feuern zu können. Ich hatte das noch nicht einmal verkraftet, da holte das Schicksal bereits zum nächsten Schlag aus. Ich lernte in einer Kneipe ein paar Typen kennen, die mir einen hohen Gewinn in Aussicht stellten, wenn ich bei einem illegalen Glücksspiel mitmachen würde. Aber ich gewann nicht, sondern ich verlor – wie könnte es anders sein. Ich verlor nicht nur alles Geld, das ich hatte, sondern darüber hinaus auch noch fünfhundert Dollar, die mir nicht gehörten. Da ich meine Schulden nicht bezahlen konnte, suchten mich heute zwei brutale Schläger auf und drehten mich durch die Mangel.“

„Warum bist du nicht zu mir gekommen? Ich hätte dir das Geld gegeben.“

„Das wollte ich nicht“, sagte Glenn.

„Lehnst du meine Hilfe jetzt immer noch ab, Glenn?“

„Ich fürchte, ich kann mir das nun nicht mehr leisten. Diese Gangster würden mich beim zweiten Mal wahrscheinlich totschlagen.“

„Du hättest dir die erste Begegnung mit diesen Verbrechern schon ersparen können.“

„Du bist ein Schatz, Polly. Ich möchte, dass du mir das Geld aber nur leihst. Ich will nicht, dass du es mir schenkst. Das würde meinen Stolz verletzen.“

„Okay, Glenn. Ich borge dir das Geld lediglich.“

„Du kriegst es auf den Cent genau zurück.“

Polly Lemmon nickte, doch sie glaubte nicht, was Glenn sagte. Es machte ihr nichts aus, das Geld nicht wiederzusehen. Sie liebte Glenn – und ihr Geld war in der Not auch das seine.

Glenn Cade räusperte sich. „Eigentlich sollte es eine Überraschung werden, doch wie die Dinge im Augenblick liegen, halte ich es für richtiger, es dir nicht länger vorzuenthalten. Ich habe einen Roman geschrieben. Ein Werk mit autobiographischen Zügen. Du wirst dich darin sofort wiedererkennen. Die Story ging mir so flott von der Hand, dass ich darüber selbst ganz erstaunt war. Es ist ein guter Roman geworden, Polly. Packend. Gehaltvoll. Wirklichkeitsnah. Diesmal bin ich nicht darauf angewiesen, Glück zu haben. Das Produkt wird sich durchsetzen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich sage dir, der Roman ist so gut wie verkauft – und von meinem ersten Honorar werde ich meine Schulden an dich zurückzahlen.“

Jetzt hatte Polly Freudentränen in den Augen. „Schriftsteller. Glenn, du bist ein Schriftsteller. Vielleicht ist das deine Bestimmung. Vielleicht ist es dieser Weg, den du beschreiten musst ...“

Sie beugte sich über ihn und küsste ihn innig auf die Stirn. In den folgenden zwei Wochen besuchte sie ihn fast täglich. Dann kam der Tag seiner Entlassung. Polly Lemmon holte ihn mit dem Wagen ab und brachte ihn nach Hause. Er war noch schwach und hatte Schmerzen.

Der Arzt hatte gesagt: „Sie werden sich noch viele Jahre hindurch bei jedem Witterungsumschwung an die Kugel erinnern, die wir aus Ihrem Bein herausgeholt haben.“

Polly und Glenn vereinbarten, den Abend gemeinsam zu verbringen. Sie wollten Glenns Wiedergenesung in einem netten Restaurant feiern. Bezahlen würde Polly den Spaß. Sie bestellte auch gleich telefonisch den Tisch. Nachdem sie den Hörer auf die Gabel gelegt hatte, öffnete sie ihre Handtasche und legte einen weißen Briefumschlag vor Glenn Cade auf den Tisch.

„Was ist das?“, fragte der Junge.

„Die fünfhundert Dollar, damit du deine Schulden bezahlen kannst. Sonst statten dir diese Kerle noch einen Besuch ab.“

Glenn nahm Polly Lemmon in seine Arme und küsste sie.

„Du bist mein guter Engel“, sagte er.

Sie stupste seine Nase. „Dein guter Engel muss jetzt leider gehen. Er hat noch zu arbeiten.“

Er ließ es sich nicht nehmen, sie an die Tür zu bringen. Eine halbe Stunde nachdem sie gegangen war, verließ er mit Polly Lemmons fünf Hundertern in der Brusttasche seine Wohnung. Er gab das Geld einem von Santiago Bonds Männern und erhielt von diesem eine Quittung. Damit war die Gefahr endgültig gebannt, dass die beiden Schläger ihn noch einmal aufsuchen würden.

Sein rechtes Bein schmerzte. Er blickte zum Himmel empor. Keine Wolke war zu sehen, aber Glenn Cade war sicher, dass es bald Regen geben würde. Die Cop-Kugel hatte aus ihm einen sonderbaren Wetterfrosch gemacht. Es war später Nachmittag, als Glenn nach Hause zurückkehrte. Er hinkte nun schon ziemlich stark und sehnte sich nach dem chintzbezogenen Sofa, das in seinem Wohnzimmer stand.

Der Postkasten quoll von Reklamesendungen über. Glenn Cade schleppte all das Zeug in seine Wohnung, stellte den Papierkorb neben das Sofa und legte sich hin. Im Liegen sichtete er die Post. Jetzt erst fiel ihm der Brief des Verlages auf, an den er seinen Roman geschickt hatte.

Mit vor Aufregung zitternden Fingern riss er den Umschlag auf. Seine Augen glänzten wie im Fieber. Hastig überflog er die wenigen Zeilen. Während er las, wurde er bleich. Der Verlag lehnte das Manuskript glattweg ab. Dem Schreiben war eine Fotokopie beigelegt. Es handelte sich hierbei um das Urteil des Lektors, der Glenn Cades Erstlingswerk geprüft hatte.

Die Kritik war vernichtend und verletzend. Der Mann nahm kein Blatt vor den Mund, sondern schrieb seine unverblümte Meinung. Glenn Cade verschwammen die Buchstaben vor den Augen. Er las Worte wie: naiv, unbegabt, wertlos. Der Prüfer bescheinigte dem Autor eine infantile Diktion und meinte abschließend, dass seiner Auffassung nach von diesem Autor niemals ein brauchbares Werk zu erwarten war.

Glenn Cade bekam einen Wutanfall. Er sprang vom Sofa, schrie und tobte.

„Was bildet der Kerl sich ein? Wie kann er so über mein Werk urteilen? Es ist hervorragend! Es ist brillant formuliert! Der Idiot hat keine Ahnung! Er ist unfähig! Wie kann man einen solchen Mann neu eingehende Manuskripte prüfen lassen?“

Mit Flüchen und wüsten Beschimpfungen machte sich Glenn Luft. Er war von sich und der Qualität seiner Arbeit nach wie vor überzeugt. Es drängte ihn, der Menschheit zu beweisen, dass er zu großen Taten fähig war. Der ablehnende Bescheid des Verlages hatte in Glenn Cade einen gefährlichen Knacks hervorgerufen. Der Junge veränderte sich schlagartig. Ein unbändiger Hass auf die Menschheit erfüllte ihn mit einem Mal. Durch sein Herumtoben verdoppelte sich der Schmerz in seinem Bein.

Er fletschte die Zähne, begab sich ins Bad und starrte sein Spiegelbild an. „Du bist kein Versager. Du bist ein Genie. Diese bornierten Strohköpfe verkennen dich. Es wird Zeit, dass du ihnen beweist, wozu du wirklich fähig bist. Ihre Mäuler werden aufklaffen, und ihre Augen werden hervorquellen, wenn du ihnen zeigst, wie sehr sie dich unterschätzt haben.“

Ein heftiger Schmerz zwang Glenn Cade aufzustöhnen. Rache! Alles in ihm schrie nach Rache. Lange genug hatte ihn jedermann mit Füßen getreten. Damit sollte es nun ein für allemal vorbei sein. Santiago Bonds Schläger hatten ihn brutal zusammengeschlagen. Dafür wollte er sich rächen. Die Cops hatten ihn mit einer Kugel niedergestreckt. Auch dafür wollte er sich revanchieren.

Sein Hass verwandelte sich in eiskalte Mordlust. Töten! Jawohl, töten wollte er eine Vielzahl von Menschen. Und niemand würde seinen Blutrausch eindämmen können. Glenn Cade hinkte aus dem Bad. Alle, die gegen ihn waren, wollte er vernichten – und darüber hinaus noch viele andere Menschen, die ihm mit ihrer Gleichgültigkeit und mit ihrer Ignoranz geschadet hatten.

Glenn Cade wusste, wie er sich auf seinen großen Rachefeldzug vorbereiten musste. Allein würde er sein großes Ziel nicht erreichen können, das war ihm klar. Er brauchte Hilfe. Hilfe aus der Jenseitswelt. Hilfe, die vom Ende der Welt kam.

Glenn Cade holte aus dem Nebenzimmer einen alten schweren Folianten. Er knallte ihn auf den Tisch und schlug ihn auf. In diesem riesigen Buch, das Glenn in einem Antiquariat billig erstanden hatte, stand alles über Voodoo und seine Geister, und wie man sich ihre Unterstützung sichern konnte.

Der Junge hatte die Absicht, Dambella zu beschwören und sich mit dem Schlangendämon zu verbünden. Um den Voodoo-Geist aber beschwören zu können, bedurfte es verschiedener Dinge, die Glenn Cade nicht im Haus hatte. Er verließ deshalb seine Wohnung und machte die nötigen Besorgungen. Eine Stunde später war er wieder daheim. Er rief sofort Polly Lemmon an und sagte die Verabredung ab. Er teilte dem Mädchen mit, dass er sich nicht wohl fühle.

Polly Lemmon erschrak und fragte fürsorglich: „Soll ich zu dir kommen, Glenn? Brauchst du irgendetwas?“

„Nein, vielen Dank, ich habe alles“, erwiderte der Junge. „Ich möchte heute Abend nur früh zu Bett gehen und schlafen.“

„Natürlich. Unsere kleine Feier können wir ja ein andermal nachholen.“

„Das werden wir“, sagte Glenn und legte auf. Erstaunt stellte er fest, dass die Bande, die zwischen ihm und Polly bestanden und die sie beide verbunden hatten, nicht mehr vorhanden waren.

Er fühlte nichts mehr für dieses Mädchen. Sie war für ihn nur noch eine Fremde, die er duzte. Genau nach Vorschrift traf Glenn Cade sodann seine verhängnisvollen Vorbereitungen. Er tränkte die Holzkohle, die er gekauft und auf den Rost des offenen Kamins gelegt hatte, mit Petroleum. Dann legte er verschiedene Kräuter darauf, die er in einem Reformhaus erstanden hatte. Mit Kreide brachte er an der Innenseite des Kamins mehrere Voodoo-Symbole an, deren Abstände zueinander genau vorgeschrieben waren.

Dreißig Minuten arbeitete der Junge wie ein Besessener. Endlich war es soweit.

Er durfte das Feuer entfachen. Glenn war mächtig aufgeregt. Er wusste, dass es klappen würde. Er war zuversichtlich, dass er in wenigen Augenblicken dem Voodoo-Dämon Dambella begegnen würde.

Bläuliche Flammen tanzten im Kamin. Glenn Cade ließ die vorgeschriebene Zeit verstreichen. Mit starren Augen blickte er in das Feuer, das allmählich auf seine Seele überzugreifen schien. Nun kam die entscheidende Phase. Glenn Cade ging in die Küche und kehrte mit einem großen Messer zurück. Es war im großen Voodoo-Buch vorgeschrieben, dass zu diesem Zeitpunkt dem Schlangendämon eine Kobra geopfert werden musste.

Der Junge hatte Mühe gehabt, eine solche Schlange aufzutreiben. Sie befand sich in einem Aluminiumbehälter, dessen Deckel Glenn Cade nun abnahm. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er das feindselige Zischen der Kobra vernahm. Mit bis zum Zerreißen angespannten Nerven trat er zurück. Er atmete schnell. Nervös blickte er auf das Reptil, vor dem ihn ekelte. Die Kobra kroch aus dem Behälter. Glenn Cade schluckte schwer.

Er wusste nicht, wann der richtige Moment gekommen war, das Tier zu töten. Vor allem wollte er von dem Biest nicht gebissen werden. Langsam hob er das Messer. Die Schlange kroch über den Tisch. Sie war unglaublich schnell. Glenn Cade biss sich auf die Lippe. Er durfte nicht warten, bis die Kobra auf den Boden geplumpst war. Er musste sie erledigen, solange sie sich noch auf dem Tisch befand. Seine Züge wurden hart. Er zuckte vorwärts, hatte dann aber doch nicht den Mut, mit dem Messer zuzuschlagen.

Die Schlange stoppte augenblicklich. Sie richtete sich mit geblähtem Hals auf und starrte ihn mit ihren stecknadelkopfgroßen Augen durchdringend an. Drohend pendelte sie hin und her. Ungeduldig wartete Glenn Cade, bis sich das Reptil wieder beruhigt hatte. Als die Kobra weiterkroch, zögerte der Junge nicht länger. Sein Messer zuckte herab, und dann warf er das getötete Tier blitzschnell ins Feuer. Die Flammen nahmen das Reptil in sich auf. Die Kobra verschwand. Dambella hatte das Opfer angenommen.

Voll brennender Ungeduld las Glenn Cade nun die aufgeschriebenen Gebete und Beschwörungsformeln. Die meisten Worte verstand er nicht, und er konnte nur hoffen, sie richtig ausgesprochen zu haben, sonst war all die Mühe, die er sich gegeben hatte, umsonst. Trugbilder entstanden im Feuer. Glenn Cade legte das schwere Buch beiseite und wartete gespannt auf die Dinge, die nun geschehen würden.

Dämonenfratzen grinsten den Jungen aus den Flammen heraus an. Die Hitze des Feuers breitete sich auch in seinem Leib aus. Durst quälte ihn. Er befürchtete, innerlich zu verbrennen. Erschrocken fasste er sich an die Kehle. Luft! Er bekam nicht mehr genügend Luft. Er glaubte, ersticken zu müssen.

„Dambella!“, röchelte er. „Dambella, warum vernichtest du mich? Ich hatte nicht die Absicht, dich zu beleidigen! Womit habe ich deinen Zorn auf mich geladen?“

Violette Schleier senkten sich um Glenn Cade herum auf den Boden herab. Das vertraute Wohnzimmer veränderte sich. Nichts war mehr so, wie es Glenn Cade kannte. Er drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Die Atemnot zwang ihn auf die Knie.

Er breitete verzweifelt die Arme aus und schrie mit sterbender Stimme: „Was tust du, Dambella ...“

Plötzlich fühlte der Junge nichts mehr. Er konnte unbeschwert atmen, hatte keine Schmerzen, glaubte schwerelos durch den Raum zu schweben. Erleichtert schloss er die Augen, und als er sie wieder öffnete, stand der Schlangendämon in seiner ganzen widerlichen Scheußlichkeit vor ihm. Glenn Cade senkte ergeben den Kopf.

„Dambella“, hauchte er. „Ich gebe mein Leben in deine Hand. Nimm meine Seele an dich und gib mir dafür ein Stück von der deinen. Du und ich, wir hassen die Menschen. Lass uns ein Bündnis eingehen, von dem unsere bösen Neigungen profitieren. Ermögliche mir eine grausame Rache, und ich werde dich dafür mit den Seelen meiner zahlreichen Opfer belohnen.“

Dambella lachte satanisch. Er war mit dem Angebot des Jungen zufrieden.

„Gut“, sagte er mit grollender Stimme. „Ich werde dich unterstützen. Ich werde dich stark und unverwundbar machen. Niemand wird deinem Treiben Einhalt gebieten können. Dafür musst du mir aber eines feierlich versprechen ...“

„Alles“, stieß Glenn Cade überwältigt hervor. „Alles, was du willst, Dambella!“

„Du wirst deine ganze von mir verliehene Kraft dafür verwenden, um auch den Dämonenjäger Barry Belmondo zu töten.“

„Es soll geschehen.“

„Aber sei vorsichtig. Barry Belmondo ist gefährlich.“

„Ich werde ihn töten, wie es dein Wunsch ist“, versprach Glenn Cade.

2

Zur gleichen Zeit spielte Barry Belmondo mit Commissioner Cellan Crombie ein Tennis-Match. Rückblickend auf die Ergebnisse des letzten halben Jahres war festzustellen, dass der Commissioner – bei aller Mühe, die er sich gab – neunzig Prozent aller Begegnungen verlor, was ihn jedoch nicht hinderte, den jungen Dämonenjäger immer wieder aufs Neue zu fordern. An diesem Tag befand sich Cellan Crombie wieder einmal auf dem absteigenden Ast. Die Partie war bereits so gut wie entschieden. Barry Belmondo hetzte den Commissioner tüchtig über den Platz, und als seinem Gegner die Zunge vor Erschöpfung heraushing, schaltete ihn Barry mit einem gekonnten Passierball aus. Cellan Crombie atmete erleichtert auf. Er war froh, dass es vorbei war, denn das heiße Match hatte ihm all seine Kräfte geraubt.

Er ging ans Netz und reichte Barry die Hand. „Sie waren heute mal wieder absolute Spitze.“

Der sechsundzwanzigjährige schwarzhaarige Mann kniff die grünen Augen schelmisch zusammen und erwiderte: „Wussten Sie nicht, dass ich heimlich für Wimbledon trainiere?“

„Wenn Sie dort so spielen wie heute, könnten Sie sogar die Weltklasse schlagen.“

Barry Belmondo schätzte sein Können wesentlich realistischer ein. Er wusste, dass er gegen diese Asse kaum eine Chance haben würde. Cellan Crombie war siebenunddreißig, und somit um elf Jahre älter als Barry. Bestimmt lag es auch am Altersunterschied, dass ihn Barry so häufig besiegte. Hinzu kam, dass der Commissioner viel weniger Zeit als Barry Belmondo hatte, um seine Technik beim Training zu verbessern. Crombie war groß, hatte Silberfäden im Haar und ein breites, hartes, aber nicht unfreundliches Gesicht.

Während die Männer auf das Klubhaus zugingen, fragte Cellan Crombie: „Wie war’s in Tokio, Barry?“

Barry Belmondo, der vor einigen Jahren zum Voodoo-Priester geweiht worden war und als solcher dem Bösen – in welcher Gestalt es auch immer auftauchte – den Kampf angesagt hatte, hob lässig die Schultern.

„Es war einiges los.“

„Tatsächlich?“, sagte der Commissioner neugierig. „Erzählen Sie.“

Barry war vor zwei Tagen von Japan nach Amerika zurückgekehrt. Er hatte in Tokio einem Mann, der die Fähigkeit gehabt hatte, sich in eine grausame Killerspinne zu verwandeln, das Handwerk gelegt.

Der Voodoo-Mann berichtete dem Commissioner von diesem packenden Abenteuer, und als Barry geendet hatte, schüttelte Cellan Crombie überwältigt den Kopf.

„Dass so etwas überhaupt möglich ist“, sagte Crombie verwundert.

„Die Hölle kann Dinge inszenieren, die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, Cellan“, erwiderte Barry Belmondo.

„Also, wenn ich diese Spinnengeschichte nicht von einem Mann gehört hätte, den ich sehr gut kenne – ich würde sie nicht glauben. Ich würde Sie glattweg für einen Lügner halten.“

„Das könnte ich Ihnen nicht einmal verdenken“, sagte Barry.

Sie betraten das Klubgebäude und gingen gleich darauf unter die Dusche.

„Und was tut sich bei Ihnen, Cellan?“, fragte Barry Belmondo interessiert.

„Langsam, aber sicher erdrückt mich die Arbeit“, seufzte der Commissioner. „Haben Sie schon mal den Namen Santiago Bond gehört?“

„Welcher New Yorker kennt diesen Namen nicht?“

„Der Bursche wird immer dreister. Er rührt in der Stadt ziemlich kräftig um.“

„Und dem lässt sich kein Riegel vorschieben?“, fragte der Voodoo-Mann.

Cellan Crombie seufzte. „Manchmal sieht es so aus, als ob die Gesetze geschaffen wurden, um die Verbrecher zu schützen. Uns sind in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Wir stecken gewissermaßen in einem Korsett, in dem wir kaum atmen können, während Kerle wie Santiago Bond sich jede Freiheit erlauben. Wenn Sie Zeit haben, sollten Sie mich bedauern, Barry.“

Der Voodoo-Mann schmunzelte. „Das werde ich tun, Cellan.“

Als sie zwanzig Minuten später das Klubhaus verließen, bot der Commissioner dem Voodoo-Mann an: „Wenn Sie möchten, bringe ich Sie nach Hause.“

„Danke, das ist nicht nötig. Ich werde abgeholt“, erwiderte Barry. Er wies auf einen cremefarbenen Oldsmobile, aus dem soeben eine reizende Blondine stieg.

Sie hieß Natasha York und war mit Barry befreundet. Eine recht selbständige junge Frau, die für verschiedene führende Illustrierte als freie Mitarbeiterin tätig war. Die Kenntnisse, die sie über Weiße und Schwarze Magie besaß, hatte ihr Barry Belmondo beigebracht. Mit einem strahlenden Lächeln ging sie den beiden Männern ein paar Schritte entgegen. Sie trug ein einfaches kornblumenblaues Kleid und sah darin hinreißend aus. Natasha York gehörte zu der Sorte von Frauen, die selbst in einem Kartoffelsack attraktiv sind. Der Commissioner begrüßte Natasha mit einigen ehrlich gemeinten Komplimenten und verabschiedete sich dann von ihr und von Barry Belmondo.

„Wie war das Spiel?“, fragte Natasha, während sie mit Barry zu ihrem Wagen zurückkehrte.

„Für mich war's ein voller Erfolg. Für Cellan ... Na ja. Er müsste vor allem seinen Aufschlag verbessern, aber er hat ja nie Zeit.“

Sie setzten sich in den Wagen. Natasha sagte: „Ich habe einen Tisch für uns zwei im The Baron’s Steak House bestellt.“

„Hört, hört! Was gibt es denn zu feiern?“

„Einen Abschied.“

„Ich habe nicht die Absicht zu verreisen.“

„Aber ich“, sagte Natasha.

Barry Belmondo blickte sie erstaunt an. „Wieso weiß ich nichts davon?“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738901931
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Januar)
Schlagworte
unheil ende welt barry belmondo

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Titel: Das Unheil kam vom Ende der Welt: Barry Belmondo #4