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Der Zombie-Macher von Haiti: Barry Belmondo #2

2016 120 Seiten

Leseprobe

Der Zombie-Macher von Haiti

Barry Belmondo Band 2

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

Kennen Sie Barry Belmondo?

Lange bevor A.F. Morland durch den Dämonenhasser Tony Ballard bekannt wurde, schuf er unter dem Pseudonym Brian Ford einen anderen Helden, den Voodoo-Mann Barry Belmondo - einen in Haiti geborenen Dämonenjäger, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Natasha York und seinem Freund Tony Kellerman den Kampf gegen finstere Mächte aufnahm.

Melba Moore stieß einen gellenden Schrei aus. Ihre Augen weiteten sich. Panik stieg in ihr hoch. Sie taumelte mit hölzernen Bewegungen zurück. Aus dem schwarzen Schatten löste sich eine grauenerregende Gestalt. Ein kraftstrotzender Mann. Sein Oberkörper war nackt. Unter der bronzefarbenen Haut spielten stählerne Muskeln. Er starrte das Mädchen mit toten Augen an. Er war ein Zombie!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /Titelbild STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Er war tot gewesen, doch etwas hatte ihn geweckt. Ein alter Zauber musste es gewesen sein. Ihm verdankte er seine Rückkehr aus dem Totenreich. Aber er war nicht mehr derselbe. Mit ihm war eine Veränderung vorgegangen. In seiner breiten, von stählernen Muskeln umspannten Brust war ein unbändiger Drang. Er hatte den Wunsch, alles Leben zu vernichten. Hass lenkte ihn. Er wollte töten und war auf der Suche nach einem Opfer.

Er war kein Mensch mehr, sondern ein – Zombie!

1

Duane Belmondo warf den Aluminiumanker über Bord.

„So", sagte er. „Hier bleiben wir ein Weilchen. Ist es recht, Madam?“

„Madam“ war ein hübsches achtzehnjähriges Mädchen mit langem brünettem Haar, großen braunen Augen und einem rot leuchtenden Mund. „Madam“ hieß Juliette Muller. Sie war Französin und erst seit einem Monat auf Haiti, wo sie die Schwesternschule in Port-au-Prince besuchte.

Juliette lag es im Blut, anderen Menschen helfen zu wollen, und wer brauchte ihre Hilfe mehr als kranke, leidende Menschen. Sie war ein gutes Mädchen. Vielleicht hatte sie deshalb das Glück gehabt, einem der reichsten Männer von Haiti zu begegnen: Duane Belmondo. Er war vierunddreißig. Ein stattlicher, eleganter Mann und ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Im Geschäftsleben war er ein nüchterner Rechner. Doch privat war der mittelgroße, dunkelhaarige Industrielle mit den schwarzen Augen genau das Gegenteil.

Die fast fünfzehn Meter lange Segeljacht - Modell Swan 47 - schaukelte sanft auf den weichen Wellen. Das Schiff besaß acht Kojen. Duane hatte darauf schon so manche rauschende Feste gefeiert. Doch diesmal war er mit Juliette allein an Bord. Das Mädchen hatte es ihm angetan. Er war von ihrer Schönheit fasziniert, konnte sich an ihr nicht satt sehen.

Sie trug einen zyklamefarbenen knappen Bikini. Das Ding war so klein, dass es in einen Briefumschlag gepasst hätte. Ein Rahmen umgab Juliette und Duane- wie in einem kitschigen Hollywoodfilm. Doch hier hatte kein zum Überschwang neigender Dekorateur seine Hand im Spiel gehabt, sondern Mutter Natur höchstpersönlich.

Palmen rauschten leise im Wind. Exotische Büsche bildeten eine grüne, mit farbenprächtigen Blüten betupfte Wand. Der Sandstrand in der einsamen Bucht, die Duane Belmondo angelaufen hatte, hatte die Farbe von Gold, und das Wasser des Meeres war so klar, dass man bis auf den Grund hinabsehen konnte.

Juliette räkelte sich. Sie schnurrte dabei wie eine Katze und streckte Duane Belmondo die Arme entgegen. „Komm zu mir“, sagte sie leise.

Er ließ sich neben ihr nieder und betrachtete sie liebevoll. „Möchtest du nicht ein bisschen schwimmen?“

Juliette setzte sich mit einem Ruck auf. „Eine gute Idee.“ Lachend schubste sie Duane beiseite. Ein federnder Sprung. Ihr schlanker, sonnengebräunter Körper flog durch die Luft, beschrieb einen weiten Bogen und landete klatschend im Wasser. Wie ein dunkler Helm schmiegte sich das nasse Haar an den Kopf des tauchenden Mädchens. Juliette bespritzte Duane und rief übermütig: „Fang mich! Fang mich doch! Wenn du mich erwischt dann bekommst du...“

„Was bekomme ich dann?", fragte Duane Belmondo.

„Dann darfst du mich küssen!“

Mit einem kraftvollen Sprung ging auch der junge Industrielle von Bord. Juliette quietschte vor Vergnügen. Sie nahm Reißaus vor ihm, obwohl sie wusste, dass sie es niemals schaffen würde, ihm zu entkommen.

Duane schwamm wie ein Fisch. Mit kräftigen Armschlägen näherte er sich dem Mädchen. Juliette versuchte wegzutauchen.

Duane fing sie unter Wasser ab. Er legte seine Arme um ihren makellosen Körper und zog sie nach oben. Und dann nahm er sich den versprochenen Kuss, den Juliette gern erwiderte. Er spürte die Hitze ihrer Leidenschaft, an der auch er sich entzündete.

Es war einer der schönsten Tage, die Duane Belmondo je erlebt hatte. Voller Sonne, Heiterkeit und Liebe.

Nach dem Schwimmen blieben sie nicht an Bord der Segeljacht, sondern schwammen zum Strand. Er war so unberührt, als hätte ihn noch nie ein Menschenfuß betreten.

Weich war die Bucht in das Grün der Natur eingebettet. Juliette fand nicht das geringste dabei, ihre spärlichen Hüllen fallen zu lassen und splitterfasernackt in den goldfarbenen Sand zu sinken.

„Ich liebe es, nahtlos braun zu sein", sagte sie. „Ich mag keine weißen Streifen auf meinem Körper.“ Duanes Augen tasteten ihre schönen, hoch angesetzten Brüste und den flachen Bauch ab. Er betrachtete ihre sportlichen Schenkel.

„Mutter Natur hat dich in ihrer besten Laune geschaffen", sagte er und kniete sich neben sie.

Juliette nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände. Sie zog ihn zu sich hinunter. Er liebkoste ihre Wangen und den schlanken Hals,

Plötzlich ging ein Ruck durch Juliettes Körper. Als wäre ein Stromstoß durch den Leib des atemberaubenden Mädchens gefahren.

„Was ist?", fragte Duane erstaunt. „Was hast du?“

Juliette setzte sich auf. Misstrauisch schaute sie sich um. Ihr Gesicht war ernst.

„Hast du nichts gehört, Duane?“

„Absolut nichts.“

„Wir sind nicht allein, Duane.“

„Unsinn. Wir sind hier die einzigen Menschen. Wir sind Adam und Eva.“

„Jemand beobachtet uns. Ich fühle es. Ich kann die Person nicht sehen, aber ich weiß, dass sie in unserer Nähe ist."

„Kleiner Verfolgungswahn, wie?“, versuchte Duane Belmondo die Sache ins Lächerliche zu ziehen.

Aber Juliette sah ihn vorwurfsvoll an und sagte: „Bitte, nimm mich jetzt ernst, Duane. Mir ist nicht mehr zum Spaßen zumute.“

„Ich bin doch bei dir. Wovor hast du Angst?“

„Das weiß ich nicht. Das Gefühl der Angst lässt sich nicht immer vernünftig erklären. Als du ein kleiner Junge warst, musstest du da niemals durch eine finstere einsame Gegend gehen? Allein?“

„Doch.“

„Und?“

„Ich hatte Angst.“

„Konntest du sie begründen?"

„Nein.“

Juliette nickte. „Genau so geht es mir in diesem Augenblick.“

Duane sagte grinsend: „Aber du bist kein kleiner Junge."

„Bitte, lass den Quatsch, Duane!"

„Soll ich nachsehen, ob da jemand im Busch ist? Würde dich das beruhigen?"

Sie sagte nichts, aber an ihrem Blick sah er, dass sie es begrüßen würde, wenn er den heimlichen Beobachter verscheuchte.

Sie ist eben doch noch nicht so erwachsen, wie sie gern schon sein möchte, dachte Duane und erhob sich.

Für ihn stand fest, dass der Voyeur im Busch lediglich in ihrer Einbildung existierte. Aber wenn er Juliette mit einem kleinen Rundgang die Angst nehmen konnte, wollte er ihn gern auf sich nehmen. Gewiss würde sie sich hinterher auf ihre unnachahmliche Weise dankbar erweisen. Duane Belmondo schritt über den feinkörnigen Sandstrand auf die blütenübersäte Tropenkulisse zu. Er erreichte die Büsche, teilte die biegsamen Zweige, verschwand hinter saftiggrünem Blattwerk aus dem Blickfeld des Mädchens.

Der Boden unter seinen nackten Füßen war weich und kühl. Duane Belmondo war ein gewissenhafter Mensch.

Was er tat, machte er entweder ganz oder gar nicht. Also suchte er so, wie es sich gehörte: Mit der nötigen Aufmerksamkeit.

Irgendwo kreischte ein Vogel. Flügelschlag. Ein hektisches „Geck-geck-geck". Das gefiederte Tier flatterte aufgeregt durch den Tropenwald. Duane blieb kurz stehen, um zu lauschen. War da nicht eben ein Geräusch gewesen, das nicht hierher passte?

Ein Schleifen, Wischen! Duckte sich dort nicht hinter zitternden Zweigen und Blättern eine Gestalt, als wollte sie nicht entdeckt werden? Juliette schien also doch recht gehabt zu haben. Eigenartig, wie sensibel dieses Mädchen ihre Umwelt aufnahm. Duane hatte nichts gespürt. Er hätte die Person, die sie belauerte, niemals bemerkt. Seine Miene wurde grimmig. Er hatte die Absicht, gleich mal hart durchzugreifen, um dem Beobachter ein für allemal die Lust an solchen Spielchen zu nehmen.

Entschlossen näherte sich Duane Belmondo der Buschgruppe, aus der die rauen Stämme von hohen Pappeln aufragten. Er ballte die Hände zu Fäusten, und er war entschlossen, diese Fäuste auch zu benutzen, falls es erforderlich sein sollte.

Zorn pulsierte durch seine Adern. Eine Frechheit sondergleichen war das, ihn und Juliette lüstern zu beobachten. Verabscheuungswürdig war das.

Duane erreichte die Buschgruppe. Mit einer gereizten Bewegung fegte er die Zweige beiseite... Im nächsten Augenblick blieb er verwirrt stehen. Da war niemand .Teufel, er hatte sich eingebildet, jemand hier kauern gesehen zu haben, doch die Stelle, wo die Person hätte sein müssen, war leer.

„Das gibt's doch nicht!' brummte Duane Belmondo ärgerlich.

Hatte ihn Juliette Muller mit ihrer Furcht so sehr beeinflusst, dass er nun Dinge sah, die nicht existieren?

Verstimmt stieß Duane Belmondo die Luft aus. Er entspannte sich. Doch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Denn danach vernahm er den gellenden Angstschrei eines Mädchens. Juliette! Ihr Schrei ließ Duane das Blut in den Adern gerinnen.

2

Juliette Muller sah Duane Belmondo zwischen dem saftiggrünen Blattwerk verschwinden. Hastig griff das Mädchen nach ihrem winzigen Bikini. Sie schüttelte den Sand weitgehend aus dem Textil und schlüpfte dann mit einer schlängelnden Bewegung in das knappe Höschen.

Sie hätte mit Duane nicht hierher kommen sollen. Auf der Yacht wären sie ungestört geblieben. Sie hätten es dort viel schöner gehabt als in dieser Bucht, die so idyllisch aussah und zum Verweilen eingeladen hatte.

Es war ein idyllisches Fleckchen Erde. Aber Juliette fühlte sich hier nicht mehr wohl.

Rasch hakte sie den BH zu. Dann verstrichen bange Minuten. Juliettes unruhige Augen streiften immer wieder die grüne Blätterwand ab. Was würde passieren, wenn Duane den heimlichen Beobachter erwischte? Würde der Kerl davonlaufen? Würde er sich stellen?

Und wenn er sich stellte - würde Duane mit ihm fertig werden? Nervös spann das erregte Mädchen diesen Faden weiter.

Angenommen, Duane unterlag dem Unhold. Was dann? Dann war sie, Juliette, dem Burschen schutzlos ausgeliefert.

Bei diesem Gedanken erschrak Juliette Muller. Sie fuhr sich an die vollen Lippen und schluckte schwer. Sie schippte mit dem nackten rechten Fuß Sand beiseite. Aus reiner Nervosität. Um sich abzulenken.

Wo nur Duane so lange blieb? Juliette stellte sich vor, dass er den heimlichen Beobachter erwischt hatte und ihm nun die Leviten las. Oder er prügelte sich mit dem Fremden. Das Mädchen hielt Duane die Daumen, damit er die Auseinandersetzung für sich entschied. Plötzlich nahm Juliette eine Bewegung wahr. Etwa dort, wo Duane Belmondo ihren Blicken entschwunden war.

Sie atmete erleichtert auf. Er kam zurück. Endlich. Juliette hatte die Absicht, mit ihm sofort zur Jacht zurückzuschwimmen und abzulegen. Sie konnten den Rest des Tages weiter draußen auf dem Meer verbringen. In tatsächlicher Einsamkeit und Ungestörtheit. Und wenn Duane ihr dann den Vorschlag machen würde, eine der Kojen aufzusuchen... Sie würde nicht nein sagen.

Die Zweige erzitterten. Juliette Muller wollte dem jungen Industriellen entgegenlaufen, doch aus einem unerfindlichen Grund zögerte sie. Zweifel keimten plötzlich in ihr auf. Kam dort wirklich Duane Belmondo? Oder war es der andere - nachdem er Duane fertiggemacht hatte?

Juliette hatte das Gefühl, ihr Herz würde hoch oben im Hals schlagen. Sie bebte innerlich. Mit brennenden Augen starrte sie auf die immer heftiger zitternden Blätter, die in der nächsten Sekunde kraftvoll auseinander geschlagen wurden. Und dann traf Juliette Muller beinahe der Schlag.

Aus den Büschen trat ihr ein Mann entgegen. Er war groß und breitschultrig. Sein Oberkörper war nackt. Er hatte eine bronzefarbene Haut, unter der sich stahlharte Muskeln abzeichneten. Das Schlimme, das Entsetzliche an ihm aber waren seine Augen in jenem faltigen Gesicht, das nicht zu seinem kraftstrotzenden Körper passte.

Es waren tote Augen!

Kein Funken Leben war in ihnen. Kalt und seelenlos starrten sie das verstörte Mädchen an. Juliette fuhr sich mit beiden Händen an die heftig pochenden Schläfen. Der Kerl kam auf sie zu.

Sie hörte jemanden grell schreien. Ein Mädchen. Sie wusste nicht, dass sie selbst es war, die schrie. Der Tropenwald begann sich vor Juliettes Augen zu drehen und zu verformen. Der Boden unter ihren Füßen schien nachzugeben.

Alles, was sie sah, entrückte in eine unfassbare Unwirklichkeit, und als ihre Angst die Sicherheitssperre ihres Geistes überflutete, verlor sie seufzend die Besinnung.

Als sie wieder zu sich kam, schien der Boden unter ihr immer noch zu schaukeln. Ihr Körper war wie im Fieber erhitzt. Doch ihre Stirn war kalt.

Benommen schlug sie die Augen auf und stellte fest, dass sie sich auf Duane Belmondos Jacht befand. Auf ihrer Stirn lag ein nasses Tuch. Es fiel auf ihre Schenkel, als sie sich aufsetzte. Furchtsam suchte sie die Bucht, in der ihr jener unheimliche Fremde begegnet war. Der idyllische Platz war nicht mehr zu sehen. Duane hatte den Anker gelichtet und hatte Fahrt aufgenommen.

Als er bemerkte, dass Juliette wieder bei Bewusstsein war, eilte er zu ihr. Sie schaute ihn fragend an.

„Was ist passiert?“, fragten sie zur selben Zeit.

„Wie komme ich auf die Jacht?", wollte Juliette wissen.

„Ich habe dich an Bord gebracht. Es war nicht leicht. Du warst ohne Besinnung."

Juliette Muller fuhr sich über die Augen. Ihre Hand zitterte. Sie senkte den Blick. „Du hast mich vor ihm gerettet...“

„Vor wem?"

„Vor diesem Kerl.“

Duane schüttelte den Kopf. „Ich habe niemanden gesehen, Juliette. Ich hörte dich schreien, kehrte um, um dir zu Hilfe zu eilen. Du lagst am Strand. Ohnmächtig und - allein."

„Ich bin nicht grundlos in Ohnmacht gefallen, Duane! Ein schrecklicher Kerl trat mir aus den Büschen entgegen. Ich werde seinen Anblick niemals vergessen. Er war grauenvoll. Es war ein Hüne. Sein Körper wirkte jung, aber sein Gesicht war faltig. Er hatte entsetzliche Augen, mit denen er mich eiskalt anstarrte. Wie ein wandelnder Leichnam sah er aus. Ja, Duane, ich hatte den Eindruck, einen lebenden Toten vor mir zu haben. Er kam auf mich zu. Ich fühlte, dass er mich töten wollte. Oh, Duane, es war so schrecklich.“

Juliette sank schluchzend an Duane Belmondos Brust.

Er streichelte zärtlich Ihr Haar. „Beruhige dich bitte, beruhige dich doch, Juliette. Du bist nicht mehr in Gefahr. Du bist auf meiner Jacht in Sicherheit. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Vergiss diesen Kerl. Du wirst ihn bestimmt nie mehr Wiedersehen."

Duane half dem Mädchen auf die Beine.

„Komm", sagte er. „Wir wollen unter Deck gehen. Du kriegst von mir einen schönen Drink, der alles wieder ins rechte Lot bringen wird."

Sie stiegen die Mahagonistufen hinunter. Juliette nahm auf einer weich gepolsterten Liege Platz. Duane Belmondo mixte die Drinks und setzte sich dann neben das Mädchen.

Seine Miene war ernst und nachdenklich. Er nippte ab und zu an seinem Glas und starrte durch das Bullauge auf die blaue Welle des Meeres hinaus.

„Soll ich dir sagen, was Ich vermute, Juliette?", fragte Duane Belmondo nach einer Weile. „Je mehr ich es mir überlege, desto weniger bleibt es eine Vermutung. Ich bin fast sicher, dass du einem Zombie begegnet bist. Zombies sind willenlose Automaten, die dazu verdammt sind, ihre Existenz im Zwielicht grausamer Sklaverei zu fristen. Ein Zombie kann sich bewegen, essen, hören, sogar sprechen, aber er erinnert sich nicht an seine Vergangenheit und ist sich seines gegenwärtigen Zustandes nicht bewusst. Der Zombie ist ein wandelnder Leichnam, der in jener Dunstzone, die das Leben vom Tode trennt, gefangen ist. Ein böser Zauber hat ihn geschaffen."

„Wie ist so etwas Schreckliches möglich?"

„Es gibt auf Haiti zahlreiche Voodoo-Zauberer. Man nennt sie Bokor. Es sind gewissenlose Menschen. Es sind Persönlichkeiten, die mit den Toten kommunizieren und im eigenen Interesse, wie auch dem von Auftraggebern, schwärzeste Künste ausüben.“ Juliette trank schaudernd ihr Glas leer.

„Wie fühlst du dich?“, erkundigte sich Duane Belmondo.

„Es geht schon wieder. Darf ich noch mal dasselbe haben?"

„Aber sicher.“

Duane füllte Juliettes Glas erneut.

„Erzähl mir mehr über diese Zombies“, verlangte das Mädchen.

„Wenn Menschen einmal zu Zombies geworden sind, können sie ihrer tödlichen Trance nie mehr entkommen, soviel mir bekannt ist.“

„Wessen Zauber hat den Toten, der mir in der Bucht begegnet ist, wiederbelebt?", fragte Juliette.

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Duane. „Ich werde meinen Bruder Barry anrufen. Er lebt in New York. Er ist ein Voodoo-Priester, ein Hungan, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Böse in allen seinen Erscheinungsformen zu bekämpfen."

„Ich wusste nicht, dass du einen Bruder hast. Du hast ihn nie erwähnt.“

„Barry ist eigentlich nur mein Halbbruder. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch. Als Voodoo-Priester ist er anderen Hungans weit überlegen. Er wird kommen und jenem Bokor das Handwerk legen, der den Zombie geschaffen hat."

3

Jean-Pierre Mate wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Er hatte eine weit vorspringende Hakennase, und sein Haupthaar war schön stark gelichtet.

„Drecksweg!", stieß er ärgerlich hervor. Der Landrover, den er lenkte, war soeben wieder in ein Schlagloch gerumpelt. Das brackige Wasser der darin befindlichen Pfütze spritzte hoch. Der Schlamm klatschte gegen die Windschutzscheibe.

„Wie weit ist es noch?", erkundigte sich Elliot Mayo, ein schwarzhaariger Typ mit buschigen Brauen und verschlagenem Blick. Er war um zehn Jahre jünger als Mate, war kräftiger und größer als dieser.

„Vielleicht 'ne Meile noch“, antwortete Jean-Pierre Matt.

Zweige kratzten über das Blech des dahinschaukelnden Fahrzeugs. Über dem schlechten Weg schloss sich ein dichter Laubbaldachin. Vom Himmel war nur ganz selten ein kleines blaues Stück zu sehen.

Mate und Mayo waren zwei gegensätzliche Männer, die ihr Job zusammengeführt hatte. Sie kamen recht und schlecht miteinander aus, und Mayo, der in den USA zu Hause war, akzeptierte Mate eigentlich nur deshalb, weil dieser sich auf Haiti besser auskannte als er. Sie lebten beide nicht von ehrlicher Arbeit. Sie fanden, dass ihnen das zu wenig eingebracht hätte. Deshalb verübten sie Verbrechen.

Das Risiko, dabei einmal von der Polizei erwischt zu werden, nahmen sie gern in Kauf. Schließlich waren ihre bisherigen Unternehmungen alle glattgegangen.

Elliot Mayo verfügte über erstklassige Verbindungen zu fast allen Bordellen in den Vereinigten Staaten.

Die Nachfrage nach exotischen Mädchen war da so groß, dass Mayo nicht mit dem Liefern nachkam.

Deshalb hatte er sich mit Jean-Pierre Mate zusammengetan, denn Mate war auf Haiti aufgewachsen. Der kannte die Insel wie seine Westentasche und wusste, wo man Nachschub für die amerikanischen Bordelle beschaffen konnte, ohne dass dabei zu viel Staub aufgewirbelt wurde.

Dennoch hatte Elliot Mayo nicht die Absicht, diese Partnerschaft länger als unbedingt nötig aufrechtzuerhalten.

Er würde sich von Mate trennen, sobald er sich selbst gut genug auf dieser Insel auskannte. Und sollte Mate deswegen Schwierigkeiten machen, dann... Nun, es gab genug Wege, um sich einen lästigen Kerl für immer vom Hals zu schaffen. Vor zwei Tagen hatte Jean-Pierre Mate seinem Partner einen Vorschlag unterbreitet, den sich Elliot Mayo gründlich durch den Kopf gehen ließ, ehe er seine Einwilligung zu dieser Fahrt gab.

Mate fing schon wieder damit an. „Du wirst sehen, mit meiner Idee werden wir einen großen Schritt vorwärts machen, Elliot."

„Bremse deine Begeisterung, Freundchen. Noch habe ich dazu nicht ja gesagt“, erwiderte Mayo.

Sie sprachen Französisch miteinander.

„Ich sage dir, das ist die Masche, Elliot! Die gebratenen Tauben werden uns in den Mund fliegen."

„Ich mag kein Geflügel."

„Dann eben ein Schwein."

„Ich bin Vegetarier."

„Ist ja nur so ’ne Redensart", sagte Jean-Pierre Mate. „Wir könnten in Geld schwimmen, Junge. Träumst du nicht manchmal davon, steinreich zu sein? Der Mann, zu dem wir unterwegs sind, könnte uns zu diesem Reichtum verhelfen. Er ist ein Bokor, ein Voodoo-Zauberer. Ich habe durch Zufall von ihm erfahren. Wenn wir mit dem ins Geschäft kommen, geht uns der Zaster nie wieder aus.“

Elliot Mayo rümpfte die Nase. Er war Realist. Er hielt nichts von Zauberern. Das waren keine Leute, mit denen man Geschäfte machen sollte. Mate war immer gleich von allem hellauf begeistert. Er war leicht zu beeinflussen, und das war schlecht.

„Wie heißt der Bursche?“, wollte Elliot Mayo wissen.

„Georges Greco. Ein eigenartiger Mensch. Manchmal direkt unheimlich."

„Warum zaubert er?“

„Er tut es für Geld. Nicht aus religiösen Gründen. Deshalb glaube ich, dass Greco unser Mann ist. Seine Habgier wird uns den Weg zu ihm ebnen."

„Es ist noch nicht gesagt, dass ich bereit bin, diesen Weg zu beschreiten", wandte Mayo ein. „Ich habe mich lediglich einverstanden erklärt, mir den Mann einmal anzusehen. Das wir mit ihm das große Geschäft machen werden, steht noch in den Sternen."

„Schon gut. Schon gut. Ich sehe keinen Grund, weshalb du dich schon wieder aufregst, Junge.“

„Ich rege mich auf, wann's mir passt.“

„Okay, okay, Elliot. Wir wollen uns nicht kurz vor dem Ziel streiten.“

„Du nimmst dir in letzter Zeit ein bisschen viel heraus, Kamerad", sagte Mayo aggressiv.

„Ich? Aber wieso denn? Wir sind Partner, Elliot. Wir machen gemeinsam Geschäfte. Ich trage lediglich das Meine dazu bei, dass die Chose so gut wie möglich läuft.“

Mayo sah Jean-Pierre Mate mit schmalen Augen an. „Du hättest gern mehr zu sagen, wie?“

„Ist doch Unsinn, Elliot.“

„Du würdest gern die erste Geige spielen, mich vielleicht sogar ausbooten, was? Aber das klappt nicht, Partner. Weil du nicht über meine Beziehungen in den Staaten verfügst. Du bist auf mich angewiesen. Kein Mensch würde dir die Puppen abnehmen, selbst wenn du welche organisiert hättest.“

„Junge, was redest du denn da? Ich finde, ich habe genug zu sagen. Ich bin der Meinung, dass wir beide ein gutes Team sind. Wann wirst du endlich aufhören, mir zu misstrauen? Ich tu meinen Job so gewissenhaft wie möglich. Was ich in die Wege leite, geschieht für uns beide, und du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich schon mal etwas getan hätte, ohne mit dir vorher darüber zu sprechen."

„Ich bin der Boss, eh?“

„Nun ja, vielleicht nicht gerade der Boss - aber ich halte sehr viel von dir und deiner Meinung. Du hast einen verdammt guten Riecher und kannst traumhafte Geschäfte aufreißen."

„Ich könnte auch allein arbeiten“, sagte Elliot Mayo spitz.

„Das gebe ich zu. Aber mit mir bist du besser dran, das musst du doch zugeben", entgegnete Jean-Pierre Mate. Er sprach wieder über Georges Greco, den Voodoo-Zauberer: „Der Mann ist imstande, Tote wiederauferstehen zu lassen. Er macht Zombies aus ihnen. Willenlose Werkzeuge. Überleg doch mal, Elliot. Einen Toten kann man nicht umbringen. Der kann dir die heißesten Kastanien aus dem Feuer holen. Ein Zombie kann alles das schaffen, was wir nicht fertigbringen. Stell dir doch bloß mal vor, wir würden uns mit Grecos Hilfe ein paar bärenstarke Lümmel zulegen. Die würden für uns durch dick und dünn gehen. Dazu zwingt sie Grecos Zauber. Wir brauchten nicht mehr alles selber zu machen. Wir könnten den Mädchenhandel ausbauen. Die Nachfrage in den Staaten ist ohnedies riesengroß.“

„Okay. Angenommen, wir bauen den Handel aus. Was wurde der Bokor für seine Mühe nehmen?“

„Ein Drittel. Wir würden unsere Einnahmen dritteln. Das wäre fair.“

„Wenn wir auf Greco verzichten, brauchen wir die Einnahmen nur zu halbieren", sagte Mayo.

„Vergiss nicht, dass mit Grecos Hilfe wesentlich mehr Geld hereinkommen würde."

Elliot Mayo legte sich noch nicht fest. Er war lediglich bereit, sich diesen komischen Zauberer einmal anzusehen. Erst danach würde er seine Entscheidung treffen, der sich Jean Pierre Mate zu fügen hatte.

4

New York.

Barry Belmondo, der Voodoo-Mann, hatte zur Grillparty geladen, und alle seine Freunde waren gekommen.

Es duftete herrlich nach gebratenem Hammelfleisch, Steaks und leckeren Schweinelenden. Die Getränke standen auf einem langen, weiß gedeckten Tisch. Es gab nahezu alle Sorten von Fruchtsäften, dazu kommen verschiedene Biersorten, Weine und Schnäpse.

Das Ganze spielte sich im Garten hinter Barrys im Kolonialstil erbauten Haus ab. Ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen aß, schwatzte, trank und tanzte nach den heißen Rhythmen, die aus den auf dem Rasen aufgestellten Lautsprecherboxen hämmerten.

Der achtundzwanzigjährige Voodoo-Mann achtete darauf, dass jeder seiner Freunde zufrieden war.

Für Barry Belmondo war diese Gartengrillparty so etwas wie eine kleine persönliche Feier. Er hatte kürzlich einen Vampir namens Porthos im wahrsten Sinne des Wortes zum Teufel geschickt, und das war für ihn - so fand er - Grund genug zum Feiern.

„Passt alles?“ ,fragte Barry seinen besten Freund, Tony Kellerman, der ihn nach Möglichkeit im Kampf gegen Geister und Dämonen unterstützte und ihm den Rücken freihielt.

„Es ist die beste Grillparty, die ich je besucht habe", sagte Tony mit vollem Mund. Er war kaum zu verstehen. Der deutschstämmige Amerikaner war ein ehemaliger PanAm-Pilot. Als solcher kannte er die ganze Welt. Heute besaß er eine eigene Fluggesellschaft, die KELLAIR, bei deren Gründung Barry Belmondo mit einer kräftigen Finanzspritze mitgeholfen hatte. Tony hatte an der kräfteraubenden Jagd auf Porthos teilgenommen. Er war froh, dass es vorbei war.

„Wie gefallen dir die Mädchen, die ich eingeladen habe?“, erkundigte sich Barry.

Der schlanke, blonde Pilot küsste seine Fingerspitzen. „Einfach toll, die Käfer, die in deinem Garten umherschwirren. Ich werde mich um sie kümmern, sobald ich alles kahlgefressen habe.“

Die Freunde lachten.

Auf der Terrasse erschien Natasha York, Barrys Freundin. Sie trug ein kornblumenblaues Wollkleid. Raffiniert dekolletiert. Ein Traum. Sie sah darin hinreißend aus. Ihr Anblick war dazu angetan, den Männern die Knochen im Leib schmelzen zu lassen. Das blonde Mädchen winkte Barry zu sich.

„Entschuldige mich“, sagte der Voodoo-Mann. „Vergiss nicht, noch ein paar von den leckeren Sandwiches zu verdrücken.“

„Du möchtest wohl, dass ich platze.“

„Wär mal was Neues“, erwiderte Barry Belmondo und eilte zu Natasha. Ein junger Kerl mit Existenzialistenbart wollte ihn aufhalten.

„Entschuldige, Mort, ich stehe dir gleich zur Verfügung“, sagte Barry. Er schob den Jungen beiseite und setzte seinen Weg fort. „Was gibt's?", fragte er seine Freundin, als er sie erreicht hatte.

„Telefon für dich“, sagte Natasha.

„Wer ist dran?“

„Duane. Dein Bruder.“

„Kommst du mit?“

„Wollt ihr nicht über Familiengeheimnisse plaudern?"

„Du gehörst doch so gut wie zur Familie“, sagte Barry. Er küsste Natashas Wange, legte seinen Arm um ihre Mitte und ging mit ihr ins Haus. Der Hörer lag neben dem Apparat.

Barry nahm ihn auf. Er bedeutete Natasha, sich den Zweithörer zu nehmen. Dann meldete er sich: „Hallo, Duane. großer Bruder, wie stehen die Aktien? Was machen unsere Firmen?“

Nach dem Tod ihrer Eltern - sie kamen bei einem Taifun vor Taiwan ums Leben - übernahm Duane die Leitung der Betriebe. Es handelte sich hierbei um eine Schiffswerft, ein Walzwerk und eine Zuckerraffinerie. Barry Belmondo war an diesen Unternehmen mit 45 Prozent beteiligt.

„Den Betrieben geht es gut, Barry. Keine Sorge. Wir machen nicht pleite."

Barry hatte den Eindruck, Duane würde irgendetwas bedrücken.

„Wenn du etwas auf der Seele hast, Bruderherz", sagte er deshalb, „lass es mich wissen."

„Ich habe da vor ein paar Wochen ein reizendes Mädchen kennengelernt, Barry.“

„Aha. Der Kater lässt das Mausen nicht!"

„Ihr Name ist Juliette Muller."

„Wird sie meine Schwägerin?"

„Sie ist erst achtzehn."

„Um so besser", sagte Barry.

„Juliette hatte ein schreckliches Erlebnis, Barry“, sagte Duane Belmondo ernst. „Wir machten eine kleine Fahrt auf meiner Segeljacht, fanden eine herrliche Bucht abseits vom Trubel und gingen an Land. Kurz darauf hatte Juliette den Eindruck, jemand würde uns beobachten. Ich selbst merkte nichts davon, aber ich tat ihr den Gefallen, mich mal umzusehen. Während meiner Abwesenheit ist es dann passiert."

„Was ist passiert?", fragte Barry gespannt.

„Sie sah einen Zombie. Der Kerl ging auf sie zu. Ich weiß nicht, welche Absichten er hatte. Juliette fiel in Ohnmacht. Ihr Entsetzensschrei alarmierte mich. Ich lief zurück und fand sie ohne Besinnung am Strand. Niemand war bei ihr, aber ich bin trotzdem davon überzeugt, dass sie die Wahrheit gesagt hat."

Die Augen des Voodoo-Mannes wurden schmal. Er hasste diese gewissenlosen Kerle, die Tote zum Leben erweckten und für ihre schändlichen Zwecke missbrauchten.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738901917
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314271
Schlagworte
zombie-macher haiti barry belmondo

Autor

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Titel: Der Zombie-Macher von Haiti: Barry Belmondo #2