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Spitzen-Krimis von Top-Autoren: Fünf Super Krimis #2

von Alfred Bekker (Autor) A. F. Morland (Autor)

2015 250 Seiten

Leseprobe

Fünf Super Krimis #2

Alfred Bekker and A. F. Morland

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Fünf Super Krimis #2

von Alfred Bekker & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 234 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Ein Profi gibt nicht auf

Alfred Bekker: Das linke Bein

Alfred Bekker: Der Kopf-Abhacker

A.F. Morland: Ihr letztes Ding

A.F. Morland: Beim Abschuss riss der Film

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors, Titelbild Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EIN PROFI GIBT NICHT AUF

von Alfred Bekker

Joe Martinez steckte das Zielfernrohr auf das Gewehr und legte an. Von hier, dem siebten Stock eines Rohbaus, aus dem irgendwann einmal das Bürogebäude eines mittelgroßen Versicherungskonzerns werden sollte, hatte Martinez eine hervorragende Aussicht auf das ehrwürdige Gerichtsportal. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, dann würde Gordon Smith durch dieses Portal geführt werden - jener Mann, dem Martinez eine Kugel in den Kopf jagen wollte... Martinez war ein Profi-Killer, sein Ruf in Syndikats- und Unterweltkreisen mehr als hervorragend! Er arbeitete schnell und präzise. Und vor allem konnte man sich auf ihn verlassen! Wenn er einen Auftrag annahm, konnte man todsicher davon ausgehen, dass er die Sache auch durchzog. Joe Martinez hatte noch nie versagt. Martinez verengte die Augen ein wenig. Der Finger am Abzug spannte sich, als der gepanzerte Wagen vorfuhr. Sicherheitsbeamte stiegen aus und blickten sich mit der Waffe im Anschlag nach allen Seiten um. Und dann kam endlich Gordon Smith zum Vorschein, von beiden Seiten von Polizisten eingekeilt. Gordon Smith musste sterben. Martinez wusste über diesen Mann zwar kaum mehr, als man aus der Presse erfahren konnte, aber die Sache lag wohl ziemlich klar auf der Hand. Smith sollte als Kronzeuge gegen einige große Nummern des organisierten Verbrechens aussagen, wodurch diese vielleicht endlich hinter Gitter kamen. Natürlich war diesen Leuten kaum ein Preis zu hoch, um Smith aus dem Weg zu räumen. Und so hatten sie über einen Mittelsmann Joe Martinez angeheuert - den Besten seines Fachs. Martinez hielt den Atem an.

Smith befand sich nun genau in seinem Fadenkreuz. Unter seiner Kleidung trug der Kronzeuge sicher eine kugelsichere Weste. Das bedeutete, dass Martinez den Kopf treffen musste, wenn er sichergehen wollte. Noch einen Sekundenbruchteil wartete er ab, dann glaubte er den richtigen Zeitpunkt für gekommen und feuerte. Martinez wusste, dass er wahrscheinlich nicht mehr als einen Schuss haben würde. Aber für einen Profi seiner Klasse reichte das in der Regel auch.

Und genau so schien es auch diesmal zu sein. Durch das Zielfernrohr beobachtete er, wie Smith getroffen zu Boden stürzte. Die Sicherheitsbeamten rotierten und ließen irritiert die Köpfe kreisen. Martinez lächelte kalt und packte sein Gewehr in eine Tasche für Golfschläger. Es hatte ihn niemand gesehen.

*

Joe Martinez wohnte in einer schäbigen Absteige, in der man sich nicht sonderlich um Identität und Herkunft der Gäste kümmerte, solange im Voraus bezahlt wurde. Gestern Abend war er in die Stadt gekommen und morgen früh würde er sie auch schon wieder verlassen. Bis zum nächsten Auftrag vielleicht. Die erste Hälfte seines Honorars hatte man ihm bereits im Voraus bezahlt, die zweite würde wohl irgendwann in den nächsten Tagen auf seinem Züricher Bankkonto eingehen. Alles war glattgegangen. Leicht verdientes Geld! dachte Martinez, bis er am nächsten Morgen eine böse Überraschung erlebte, als er die Morgenzeitung aufschlug. Über das Attentat auf den Kronzeugen Gordon Smith wurde groß berichtet. Und Martinez glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er da lesen musste, dass Smith noch lebte! Smith lag schwerverletzt im Städtischen Krankenhaus und war bis auf weiteres nicht vernehmungsfähig. Martinez ballte grimmig die Rechte zur Faust. Er würde noch einmal in Aktion treten müssen! Schließlich war er Profi und hatte immerhin einen exzellenten Ruf zu verlieren. Und diesmal vielleicht sogar noch mehr!, durchzuckte es ihn fröstelnd. Denn es mochte gut sein, dass seine Auftraggeber es ihm nicht verzeihen würden, wenn er versagte... Schließlich ging es ja auch für sie um die Existenz. Martinez würde die Sache also zu Ende bringen müssen. Um jeden Preis!

*

Joe Martinez besorgte sich in einem einschlägigen Fachgeschäft einen weißen Kittel. Natürlich konnte er sich bei seiner Anmeldung nicht einfach danach erkundigen, in welchem Zimmer man Gordon Smith untergebracht hatte. Das hätte nur Verdacht erregt. Und wahrscheinlich führte man den Kronzeugen sogar unter falschem Namen. So musste er also suchen. Flur um Flur ging Martinez durch, bis er schließlich fündig wurde. Vor einem Krankenhauszimmer hatte ein uniformierter Beamter Posten bezogen. Das musste es sein! Martinez versuchte wie selbstverständlich an dem Wachmann vorbeizugehen, aber dieser trat ihm in den Weg.

"Wer sind Sie?"

"Dr. Morton, Facharzt für Neurologie. Der Patient hat eine schlimme Kopfverletzung. Und da vielleicht das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist, meinte der Chef, ich sollte ihn mir mal ansehen!"

"Der Chef? Sie meinen Dr. Miller!"

"Ja, genau den!" Der Wachmann trat zur Seite. "Gehen Sie hinein!", meinte er. Und Martinez dachte: Jetzt ist es so gut wie geschafft!

Er würde eintreten, die Tür hinter sich schließen, dann die Schalldämpferpistole unter dem Kittel hervorziehen und abdrücken. Eine Sekundensache.

*

Mit einem schnellen Schritt war Martinez im Krankenzimmer und seine Rechte hatte bereits nach der Waffe unter dem Kittel gegriffen, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Er blickte direkt in die Mündungen einiger Revolver. Jemand hielt ihm eine Polizeimarke unter die Nase. "Wir wussten, dass es ein Profi sein musste, der es auf Smith abgesehen hatte", erklärte einer der Kriminalbeamten, während Martinez ein anderer die Waffe abnahm und ihm Handschellen anlegte.

Martinez fluchte.

"Ich begreife nicht...", murmelte er.

"Wir brauchten nur warten", fuhr der Beamte fort. "Ein Profi gibt schließlich nicht auf, stimmt's?" Er grinste. "Ich schätze, wir haben irgendwo ein schönes Foto von Ihnen in unseren Karteien..."

"Und wo ist Smith?", knurrte Martinez.

"An einem sicheren Ort, wo er sich vermutlich besser von seiner Schussverletzung erholen wird als hier!", war die trockene Antwort.

DAS LINKE BEIN

von Alfred Bekker

Ralph Jakobs bemerkte nicht, wie drei Augenpaare ihn beobachteten, während er sein Glas austrank, bezahlte und gemessenen Schrittes das Lokal verließ. "Seht mal, wen haben wir denn da: Unseren hochverehrten Herrn Bankdirektor!", murmelte Larbach, einer der Beobachter mit deutlich ironischem Unterton. Sein Mund verzog sich spöttisch, als er noch hinzusetzte: "Ist er nicht ein feiner Herr, unser Herr Jakobs?"

"Er ist schlicht und einfach ein Schwein!", brummte Bronner, der neben ihm saß, den Blick ins Glas gerichtet. "Allerdings habe ich eine ganze Weile gebraucht, um das zu merken!", setzte er noch naserümpfend hinzu. "Jahrzehntelang war er mein bester Freund. Und dann hat er mich ruiniert. Einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Er zertrat meine Karriere - mein ganzes Leben - mit einer Gleichgültigkeit, mit der man für gewöhnlich ein störendes Insekt erschlägt." Tief empfundene Bitterkeit lag in Bronners Tonfall.

"Wie kam das?", fragte Neubauer, der dritte am Tisch.

"Die Geschichte ist schon Jahre her", berichtete Bronner zögernd. "Jakobs und ich waren beide in der hiesigen Bankfiliale beschäftigt."

"... deren Direktor Jakobs jetzt ist", vervollständigte Larbach, der Bronners Geschichte kannte. "Genau! Nun, um es kurz zu machen: Ich hatte mich damals finanziell etwas übernommen - Familie gegründet, ein Haus gekauft und so weiter und so fort. Andererseits war ich nicht bereit, Abstriche an meinem Lebensstandard zu machen. Wofür legt man sich schließlich krumm, frage ich Sie! Jedenfalls nicht, damit alles von Raten, Tilgung und Zinsen aufgefressen wird und einem nichts bleibt, um sich zu amüsieren!"

"Das kann ich verstehen!", meinte Neubauer.

"Nun, ich ließ mich dazu hinreißen, meine Probleme auf illegalem Weg - zumindest vorübergehend - zu lösen. Ich sah damals keinen anderen Ausweg, als mir bei der Bank, bei der ich beschäftigt war, Geld zu beschaffen. Hier eine kleine Manipulation am Computer, dort eine weitere... Die Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze auffliegen würde, war eins zu tausend, und ich beabsichtigte ja auch, zum Schluss alles wieder in Ordnung zu bringen. Ein zinsloses Darlehen, so könnte man es ausdrücken, das war alles. Mehr wollte ich gar nicht und wahrscheinlich wäre die Sache auch längst vergessen, wenn Jakobs mir nicht auf die Schliche gekommen wäre."

"Wie hat Jakobs reagiert?", fragte Neubauer und nahm einen Schluck aus seinem Glas. "Lassen Sie mich raten: Er hat Sie verpfiffen!"

Bronner nickte mit versteinertem Gesicht. "Ja, das hat er. Wir waren Freunde - seit der Schulzeit, verstehen Sie? Er hätte nur so zu tun brauchen, als hätte er nichts gesehen und vielleicht eine Woche abwarten müssen. Aber nein, das konnte er für seinen alten Schulfreund nicht tun! Er musste zum Direktor laufen und mich anschwärzen... Seiner Karriere hat es jedenfalls nicht geschadet: Er sitzt heute selbst auf dem Direktionssessel, während ich rausgeworfen wurde. Natürlich sprach sich die Sache im Bankgewerbe herum und so gelang es mir nicht, dort je wieder Fuß zu fassen. Heute verdiene ich meine Brötchen mit dem Verkauf von Lebensversicherungen..." Er atmete schwer, seine Augenbrauen zogen sich zusammen. "Ein sozialer Abstieg, kann ich Ihnen sagen! Hätte Ralph Jakobs sich damals anders verhalten vielleicht würde ich heute auch eine Filiale leiten, wer weiß?" Seine Augen waren gerötet. "Sie wissen nicht, wie das ist", murmelte er an Neubauer gewandt. "Sie sind selbständiger Konditor, Ihr Geschäft geht gut, Sie können sich nicht vorstellen, wie man sich fühlt, wenn alte Freunde einem aus dem Weg gehen..."

Neubauer legte Bronner eine Hand auf die Schulter. "Vielleicht verstehe ich Sie viel besser, als sie meinen!", erklärte er, woraufhin Bronner ihn ungläubig anstarrte. "Sie kennen sicher Frau Jakobs, nicht wahr?", fragte Neubauer.

"Flüchtig. Sie war zuvor schon einmal verheiratet, soweit ich gehört habe."

"Sie haben richtig gehört", griff Neubauer den Faden auf. "Frau Jakobs war bereits einmal verheiratet. Mit mir."

"Ach", sagte Bronner. "Das ist ja interessant!"

"Eine traurige Geschichte", fuhr Neubauer fort. "Wenn Sie so wollen, bin ich auch ein Jakobs-Geschädigter. Als ich Franziska kennenlernte, war ich ein kleiner Angestellter, dessen Lohn gerade ausreichte, um die Familie über Wasser zu halten. Aber Franziska genügte das nicht. Sie wollte mehr, ihre Ansprüche an das Leben waren größer, vielleicht sogar maßlos. Als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, suchte sie sich auch Arbeit, um mitzuverdienen, aber auch das reichte ihr bald nicht mehr. Sie wollte Luxus, teure Mode, ein eigenes Haus, mehr soziales Prestige... Sie trietzte mich so lange, bis ich bereit war, weiterzulernen und meinen Konditormeister zu machen. Schließlich war ich soweit und hatte mein eigenes Geschäft. Franziskas Sucht nach Höherem war für eine Weile gestillt.

Vielleicht hätte es ihr gereicht, vielleicht wäre sie damit zufrieden gewesen, wenn... wenn Ralph Jakobs nicht aufgetaucht wäre. Wir lernten ihn bei irgendeiner Gelegenheit kennen und von da an hatte ich nicht mehr die geringste Chance, den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen. Was ist schon ein Konditormeister gegen einen Bankdirektor? Nichts!"

"Ich sagte ja, dass er ein Schwein ist, unser Bankdirektor", kommentierte Larbach Neubauers Geschichte. "Der Mann schreckt vor nichts zurück."

"Ich könnte ihn umbringen!", meinte Bronner, wobei er mit der geballten Faust auf den Tisch schlug. "Was hat er Ihnen getan?" fragte Neubauer an Larbach gewandt. "Er muss Ihnen etwas getan haben, sonst würden Sie kaum so bitter über ihn reden." Larbach nickte. "Und ob er mir etwas getan hat! Er hat meinen Sohn totgefahren, aber er hatte die besseren Rechtsanwälte.

Man konnte ihm kein schuldhaftes Verhalten nachweisen... Aber Irgendwann wird er sich vor einem anderen, höheren Richter verantworten müssen und dort wird er sich nicht herausreden können!"

*

Ein paar Tage waren vergangen. Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, als Ralph Jakobs sich auf den Weg nach Hause machte. Er hatte ein Lokal besucht, etwas getrunken und versucht abzuschalten. Es waren nur ein paar hundert Meter bis zu seinem Haus und er war schon fast angekommen. Da tauchte aus dem Schatten eine Gestalt auf. Es war ein Mann, der das linke Bein beim Gehen etwas nachzog. Jakobs erkannte den Hinkenden sofort und dachte: Was will der denn hier? Dann umgab den Bankdirektor auf einmal nur noch Schwärze.

*

In der nächsten Woche trafen sie sich wieder zu gewohnter Stunde an ihrem Tisch: Larbach, Neubauer und Bronner. Natürlich redeten sie über Jakobs, dessen Tod groß in der örtlichen Tageszeitung gestanden hatte. Man wusste nur, dass er mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden war. Ansonsten tappte die Polizei völlig im Dunkeln.

"So einer wie Jakobs hat sicherlich eine Menge Feinde!", meinte Bronner.

"Und drei dieser Feinde sitzen hier an diesem Tisch!", setzte Larbach hinzu.

"Nun erlauben Sie mal!", empörte sich Bronner. "Vermuten Sie den Mörder unter uns?"

"Ist das so abwegig?" Larbach grinste. "Wir haben schließlich alle drei ein ausreichendes Motiv, oder etwa nicht? Jeder von uns könnte ihn umgebracht haben. Sie selbst haben eine dahingehende Bemerkung gemacht..."

Bronner wurde blass und so beschwichtigte Larbach ihn sogleich: „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Der Kerl hat es verdient, ich verurteile diesen Mord keineswegs!"

"Jakobs hat es wirklich verdient!", meinte Neubauer. „Man sollte den Mörder zu seiner Tat beglückwünschen."

"Vielleicht waren Sie ja selbst der Mörder", sprach Larbach ihn mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen an. "Wo waren Sie am Mittwoch, so gegen zehn Uhr abends?"

"Beim Tennis. Wie jeden Mittwoch."

"Und ich war zu Hause", erklärte Bronner eiligst, woraufhin Larbach verächtlich abwinkte. "Das kann jeder behaupten. Wo waren Sie tatsächlich?"

"Es ist doch für jeden von uns eine Leichtigkeit, sich ein Alibi zuzulegen!", schnaufte Neubauer.

"Was soll eigentlich dieses Räuber-und-Gendarm-Spiel?", fragte Bronner ärgerlich.

Larbach lächelte. "Ist es denn nicht interessant, mal ein bisschen Gendarm zu spielen? Es war sehr aufschlussreich, zu sehen, wie Sie darauf reagiert haben..." Er erhob sich. "Ich muss jetzt leider gehen. Es ist schon spät." Dann ging Larbach dem Kellner entgegen und bezahlte, bevor er sich dem Ausgang zuwandte und das Lokal verließ. Er zog ein wenig das linke Bein nach.

DER KOPF-ABHACKER

von Alfred Bekker

"Haben Sie schon gehört?", fragte mich Mrs. Cross, als sie an meinen Bankschalter trat. "Loretta ist verschwunden."

Ich schluckte, sah der alten Dame in die Augen und wurde rot. Eine alte Krankheit von mir. Ich kann nichts dagegen machen. "Welche Loretta?", fragte ich.

"Wir haben doch nur eine Loretta hier im Ort. Loretta Grayson."

"Oh."

"Sie sind eigentlich noch ein bisschen jung für Gedächtnisschwund!"

"Liegt wohl daran, dass ich schon viel mitgemacht habe."

Es war keine besonders intelligente Antwort, das gebe ich zu, aber mir fiel halt nichts Besseres ein. Und außerdem konnte ich ihren unterschwellig tadelnden Tonfall nicht ausstehen. "Wie möchten Sie Ihre fünfzig? So wie immer?"

"Wie immer", nickte sie. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie nur in die Bank kam, um mit jemandem zu reden.

Deswegen hob sie ihre Rente in Fünfzig-Dollar-Raten ab. Wenn man so darüber nachdachte, dann war es schon ziemlich traurig.

Sie fing wieder an, von Loretta zu reden, obwohl ich gehofft hatte, dass sie damit aufhören würde. Aber die Sache schien Mrs. Cross ziemlich zu beschäftigen.

Mich auch.

Und das war auch der Grund dafür, dass ich nicht darüber reden wollte. Aber Mrs. Cross kümmerte das nicht. Ihre Worte plätscherten wie ein Wasserfall.

"Was denken Sie darüber?", erkundigte sie sich.

"Ich weiß nicht."

"Man hört jetzt soviel von diesem Wahnsinnigen. Sie wissen schon..."

"Hm."

"Ich meine den, der seinen Opfern den Kopf abhackt..."

Die Sache hatte groß in der Zeitung gestanden. Fünf Leichen, alle geköpft. Die Köpfe hatte man nie gefunden.

Genau der richtige Stoff, um alten Frauen den Schlaf zu rauben und ihnen einen Grund zu geben, sich das Maul zu zerreißen.

Und was war mit jungen Frauen?

Ein anderes Thema.

Ihre faltige Haut wirkte irgendwie reptilienhaft. Die Gläser ihrer Brille waren nahezu flaschendick.

"Sie haben sie doch ganz gut gekannt, oder?", fragte sie.

Ich zuckte etwas zusammen. Mein Gott, ich stierte sie an wie ein Alien-Monster, das direkt von einer stockigen Leinwand heruntergestiegen war.

"Wen?", fragte ich und schluckte. Ich konnte ihren Blick durch die dicken Brillengläser nicht sehen. Nur die tiefen  Furche auf ihrer Stirn.

"Na, Loretta! Oh, Gott, jetzt rede ich schon in der Vergangenheit von ihr!"

Ich sagte: "Machen Sie sich keine Sorgen um Loretta."

"Meinen Sie?"

"Ganz bestimmt?"

"Ja. Ich habe sie heute Morgen noch gesehen."

"Wirklich?"

"Hören Sie, ich habe noch zu tun."

"Ja, sicher..."

"Bis zum nächsten Mal, Mrs. Cross!"

Sie humpelte davon. Ich atmete tief durch. Und dabei registrierte ich, dass Mrs. Cross einen sehr kurzen Hals hatte. Ich weiß auch nicht, warum mir das in diesem Moment auffiel. Ja, ein sehr kurzer Hals war das

Ich war ziemlich müde, als ich nach Hause kam. Das Haus hatte ich geerbt. Für mich allein war es viel zu groß, aber streng genommen lebte ich auch gar nicht allein. Das Haus war immer voller Freunde.

Immer.

Ich atmete tief durch, als ich die abblätternde Fassade sah. Mein Gott, das Haus brauchte mal wieder einen Anstrich.

Vielleicht im nächsten Frühjahr.

Vielleicht...

Ich schloss die Tür auf.

"Hallo?", rief ich. Dann legte ich den Schalter um. Der Strom ging an. Das Licht auch.

"Loretta?", fragte ich. Sie hatte die Augen geschlossen. Sie sah so friedlich aus, wenn sie die Augen geschlossen hatte. Ich ging zum Tisch, wo ich meine Apparatur aufgebaut hatte und legte einen Hebel um.

Etwas surrte.

Und es stank ein bisschen verschmort.

Loretta machte die Augen auf.

"Schön, dass du wieder da bist."

"War anstrengend heute in der Bank."

"Hat dir Mister Bascomp wieder zugesetzt?"

"Dieser Mann ist die personifizierte Nervensäge!"

"Mach dir nichts draus, Billy."

"Tu ich nicht."

"Irgendwann liegt Mister Bascomp unter der Erde und du bist Direktor!"

Ich zuckte die Achseln und machte ein ziemlich skeptisches Gesicht.

"Der ist ziemlich zäh."

"Du doch auch, oder?"

"Naja, geht so!"

Dann zischte es und ich fluchte vor mich hin. Weißer Qualm stieg auf. In meiner Apparatur gab es einen Kurzen. Loretta schloss die Augen. Sie schloss die Augen, als würde sie sagen wollen: "Welcher erwachsene Mann verbringt seine Zeit schon damit, solche Apparaturen zu bauen?" Aber sie sagte es nicht. Und sie sagte auch nicht, dass ich mit dem Zeug auf dem Tisch vermutlich irgendwann mir selbst das Dach über dem Kopf anzünden würde...

Sie sagte nichts.

War auch am besten so. Aber das war das Gute an ihr. Sie wusste einfach, wann sie den Mund halten musste.

Von vielen kann man das nicht sagen.

Am nächsten Tag stand etwas von einer Leiche in der Zeitung.

Sie war ganz in der Nähe in einem Maisfeld gefunden worden.

Und sie hatte keinen Kopf.

Die ganze Gegend sprach darüber.

Auch Dorothy, die in Bewleys Cafe arbeitete, wo ich immer in der Mittagspause hinging. Da ich meine Pause erst machte, als die Mittagszeit schon längst vorbei war, hatte sie Zeit, sich zu mir zu setzen.

Wir waren die einzigen in dem Laden.

"Ich frage mich, was er mit den ganzen Köpfen macht", sagte sie.

"Wer?"

"Na, der Verrückte!"

"Woher weißt du, dass es ein Mann ist?"

Sie zuckte die Achseln. "Habe ich einfach so angenommen. Übrigens habe ich gehört, dass die Tote Loretta Grayson sein soll."

"Ach, ja? Wie will man das sagen - ohne Kopf?"

"Ihre Sachen gehörten Loretta."

"Naja..."

"Furchtbar sowas."

"Schlimm."

"Willst du noch einen Kaffee, Billy?"

Ich hob die Schultern. "Sicher." Ich war etwas müde.

Ein bleiernes Gefühl hatte sich in mir breitgemacht. Es ging von meinem Kopf aus, begann irgendwo hinter der Stirn und es dauerte gar nicht lange, dann war es bis in die Zehenspitzen vorgedrungen.

"Ich würde dich gerne mal besuchen, Billy."

"Heute besser nicht."

"Wieso nicht?"

"Heute passt es schlecht."

"Vielleicht komme ich einfach mal vorbei, ja?"

"Ich weiß nicht..."

Als ich wieder zu Hause war, wurde mir klar, dass ich Loretta nicht wieder hinkriegen würde. Ich experimentierte noch etwas mit den Drähten herum, die ich an ihrem Kopf angebracht hatte. Über feine elektrische Impulse ließen sich die Augenlider und der Mund öffnen und schließen. Sie wirkte dann so lebendig, auch wenn ihre Gesichtszüge manchmal etwas maskenhaft blieben. Ich vermied daher, sie grellem Licht auszusetzen. Man muss die Dinge nicht so genau sehen. Muss man wirklich nicht. Sie war da. Loretta. Einfach da. Eine Gefährtin. Sie konnte auch den Mund halten. Habe ich das schon erwähnt? Ich weiß nicht...

Traurigkeit erfasste mich.

"Was ist los, Billy?"

"Ich weiß es nicht."

"Warum ist da immer dieser weiße Qualm?"

Ich schluckte. "Ich krieg' das schon hin, Loretta."

Eine Lüge.

Als der weiße Qualm erneut aufstieg, schaltete ich die Apparatur ab. Schade, dachte ich. Du wirst mir fehlen.

"Was?"

"Nichts."

Der bleiche, tote Mund verstummte.

Endgültig.

Ich ging zum Kühlschrank, fragte mich, was ich verkehrt gemacht hatte und nahm mir eine Dose Budweiser. Das Bier war warm. Scheiße. Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich den Stecker herausgezogen hatte, um die Dose für meine Apparatur nutzen zu können. Ich schlürfte die warme Brühe, machte den Fernseher an, hörte aber nicht richtig zu.

Beim nächsten Mal mache ich es besser, dachte ich. In Gedanken ging ich die gesamte Schaltung noch einmal durch.

Ich sah dabei zu Loretta hinüber.

Zu ihrem Kopf.

Irgendein Schleim tropfte unten aus der Öffnung am Hals, die ich eigentlich mit einer Polyester-Dichtung verstopft hatte.

Es war fünf Uhr nachmittags, als Dorothy kam. Sie trug ein Kleid. Ich hatte sie noch nie in einem Kleid gesehen, immer nur in karierten Hemden und Jeans.

Ich starrte sie an. Sie wurde rot. Ich wahrscheinlich auch.

"Hi!"

"Hi, Dorothy!"

"Ich dachte, ich komme mal vorbei."

"Tja..."

"Komme ich ungelegen?"

"Nein, aber..."

Ich hielt sie zurück, als sie an ihm vorbeigehen wollte.

Sie sah mich an. Ihre Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie. Eine Frage stand in ihrem Gesicht.

"Hast du Besuch?"

"Quatsch."

"Was ist dann los?"

"Ich muss eben was wegräumen, Dorothy. Dann kannst du reinkommen, okay?"

"Irgendwie riecht das komisch bei dir da drinnen..."

"Ich habe gebastelt. Mit Polyester... Warte hier, ja?"

"Okay", seufzte sie.

Ich wusste nicht, wo ich Lorettas Kopf so schnell hinstecken sollte. Ich packte ihn schließlich in den Mülleimer. Die Klappe ging nicht richtig zu. Ich musste ihn ziemlich quetschen.

Die Apparatur ließ ich so stehen, wie sie aufgebaut war.

Es hätte zuviel Arbeit gemacht, alles von neuem zu verkabeln. Nur die Blutflecken wischte ich weg. Und diesen Schleim, der aus Lorettas Kopf herausgequollen war. Aber viel war davon nicht vorhanden.

Ich bin immer sehr reinlich.

Ich holte die Axt.

Der Puls schlug mir bis zum Hals.

Dorothy...

Sie hat ein schönes Gesicht, dachte ich. Und einen schlanken, langgezogenen Hals. Anders als Mrs. Cross.

"Du kannst reinkommen, Dorothy!"

IHR LETZTES DING

von A. F. MORLAND

In alter Rechtschreibung

Jack Baker ist sich genau so sicher, wie sein Auftraggeber Daniel Sharandon: Der Diebstahl des Rolls Royce und der Mord an dessen Chauffeur war nicht das Werk eines Einzelgängers! Als sich der Detektiv für seinen Recherchen als Stuntman in eine Filmgesellschaft schleusen lässt, lernt er neben vielen zwielichtigen Gesellen auch die zauberhafte, talentierte Schauspielerin Ruby McFerrin kennen, die ihm weiterhelfen kann. Doch als der gefährliche Killer Blake Evans eines Tages die Pistole auf ihn richtet, scheint sein Schicksal endgültig besiegelt. 

Prolog

Sommer 1983, New York

Brian Dee hielt ein Streichholz an seine Zigarette, warf es dann achtlos auf den Boden und zog den Rauch tief in sich hinein. Er stand hinter eine Schleedornhecke und beobachtete seit zwanzig Minuten einen  Mann, der mit großer Hingabe einen Wagen wusch. Es war nicht irgendein Wagen, sondern ein Rolls-Royce Silver Shadow und Brian Dee wollte ihn haben. Unbedingt. Aus diesem einen Grund war er hier. Er wollte den Rolls stehlen. Bring ihn nur auf Hochglanz, dachte Dee und lachte in sich hinein. Damit  ich mich nicht genieren muß, wenn ich damit durch die Stadt kutschiere.  Brian sog noch einmal tief an seinem Glimmstengel der an der Spitze hellorange aufglomm. Der dicke Chauffeur auf der anderen Seite trat zwei Schritte zurück, legte den Kopf schief und  betrachtete wohlwollend sein Werk. Er hauchte weiter über Chromteile und brachte sie zum Glänzen, indem er sie mit dem Jackenärmel seiner Livree polierte, dann  nahm er den Eimer auf, der vor dem teuren Wagen stand, drehte sich endgültig um und verschwand.  Es war so weit. Brian Dee zerdrückte die Glut an der Zigarette und steckte das halb gerauchte Stäbchen wieder ein. Geduckt lief er zu dem Wagen, den er sich unter den Nagel reißen wollte. 

Er war jung und schnell, ein sportlicher Typ, zäh und ausdauernd. Niemand nahm Notiz von ihm. Brian erreichte den Rolls-Royce, riß die Tür auf und schwang sich hinter das Steuer. Der Schlüssel steckte. Großartige Bedienung. Besser konnte es gar nicht laufen. Dee brauchte die Zündung nicht einmal kurzzuschließen.  Er wollte den Motor starten, doch da  fiel der Schatten einer massigen Gestalt auf ihn. Der Chauffeur war unvermittelt zurückgekehrt. Dee hatte nicht wirklich damit gerechnet, daß er so bald wiederkommen würde. Ein paar Minuten mehr hätte der Dicke sich schon Zeit lassen können. Der Fahrer öffnete empört die Tür.  „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ polterte er. „Jetzt klauen die einem den Wagen schon fast unterm Hintern weg. Und das am helllichten Tag! Los, raus, Freundchen, damit ich dir  eine Tracht Prügel verabreichen kann. Und anschließend übergebe ich dich der Polizei. Da kannst du dich dann über mich beschweren.“

In seinem runden Gesicht zeichneten sich Unmutsfalten und ein erster Wutanfall ab.  Brian Dee brach der Schweiß aus.  Er klaute, nicht zum ersten Mal ein  Auto. Noch nie hatte es Schwierigkeiten gegeben, und plötzlich hatte er dieses Pech. Der Fahrer knurrte ihn an wie eine bissige Bulldogge. „Hast du was an  den Ohren? Aussteigen! Dee grinste schief. „Ist ja schon gut, Mann. Regen Sie sich wieder ab. Sie missverstehen die Situation.“ Er hob abwehrend die Hände und versuchte unschuldig zu grinsen.

„Was gibt es da misszuverstehen?  Du wolltest den Rolls stehlen.“ 

„Ja, so muß es für Sie aussehen“ , sagte Dee heiser. In seinem Kopf  überschlugen sich die Gedanken. Er mußte jetzt schnell abwägen, wenn er heil aus dieser verkniffenen Situation rauskommen wollte.

„Aber manchmal trügt der Schein.  Ich habe noch nie in einem so tollen Schlitten gesessen, verstehen Sie?  Ich wollte nur mal sehen, Was das für  ein Gefühl ist.“  Der Chauffeur verlor die Geduld.  Er griff mit seiner großen Hand in  den Wagen und packte den Autodieb.  Brian Dees Blouson klaffte auf, und  der Dicke sah die Pistole, die der  Verbrecher im Gürtel stecken hatte.  Und dann ging alles sehr schnell.  Dee hatte keine Lust, sich aus dem  Rolls-Royce zerren und verprügeln  zu lassen. Er mußte schnellstens weg von hier, aber das war nicht möglich, solange ihn der Dicke festhielt.  Er hatte plötzlich einen entschlossenen Gesichtsausdruck. Blitzartig schnappte er sich die Pistole. Er rammte sie gegen  den Chauffeur und drückte ab. Der Knall war leier als er gedacht hatte. Der Dicke ließ ihn augenblicklich wieder los.  Seine Augen weiteten sich in grenzenlosem Schrecken, während er in einer aussichtslosen Abwehrhaltung etwas zurücktorkelte. Fassungslos starrte er auf den rasch größer werdenden  Blutfleck hinab, der sein weißes Hemd rasch einfärbte.

Er gab keinen Ton von sich, sondern knickte ein und viel erst auf die Knie und bekam dann Übergewicht und kippte nach hinten.

Dee startete und raste los.  Noch lebte der Dicke, sein rechter Arm zuckte, aber sein Leben hing bereits an einem sehr dünnen  Faden. 

*

„Wunderbar“, sagte Daniel Sharandon. Er lächelte und war bester  Laune. „Dann darf ich Ihnen also  morgen Abend meinen Wagen schicken, Miß Wheeler. Sie wissen nicht,  was für eine große Freude Sie mir machen. Wir werden einen unvergeßlichen Abend zusammen verbringen.“  Damit legte er auf. Seit einem halben Jahr versuchte er etwas näher  an Megs Wheeler heranzukommen.  Bisher stets ohne Erfolg. Sie war in  festen Händen gewesen. Seit drei Wochen war diese Beziehung jedoch zu Ende. Sharandon hatte davon erfahren und seine  Chance sofort wahrgenommen. Megs  Wheeler war eine äußerst attraktive Frau. Sharandon wollte sich mit ihr  schmücken.  Er trat ans Fenster und lächelte  sein Spiegelbild an. Er war fünfzig, wirkte sehr elegant und distinguiert,  und es gab eine Menge Frauen, denen  Heinos graue Schläfen gut gefielen.  Plötzlich starrte er durch sein  Spiegelbild, und ... seiner Freude wich  einem eisigen Schrecken, denn dort  draußen war etwas Entsetzliches im Gange.  Er sah, wie sein Chauffeur einen jungen Mann aus dem Rolls Royce zerren wollte und wie der Gangster  einen Schuß auf seinen Fahrer  abfeuerte.  Sharandon hatte das Gefühl, vor  Schreck erstarrt zu sein. Erst als der  Rolls-Royce Silver Shadow losraste,  konnte sich der Industrielle aus der  Erstarrung lösen und aus dem Haus  stürmen.  Sein Herz hämmerte wie verrückt  gegen die Rippen. Er regte sich nicht so sehr wegen des Wagens auf -  natürlich ärgerte ihn auch das - doch  viel mehr entsetzte ihn, daß der Dieb  auf Paul O'Toole, den Fahrer, geschossen hatte.  Sharandon lief in Richtung Garage. O'Toole hatte sich noch einmal aufgerappelt und kam ihm entgegen. Er  wankte wie ein Betrunkener.  „Paul“, preßte der Industrielle  hervor. „Mein Gott ...“ 

„Mr. Sharandon ... Man hat  auf  mich geschossen...“  O'Tool´s Gesicht war wächsern,  seine Augen wurden glasig, ein leichtes Zucken lief über seine Wangen.  Er stolperte über die eigenen Füße,  verlor das Gleichgewicht und fiel seinem Arbeitgeber in die Arme.  Er war zu schwer für Sharandon.  Der Industrielle konnte ihn nicht  festhalten. O'Toole rutschte langsam  an ihm hinunter. Das Blut des Chauffeurs tränkte jetzt auch den  taubengrauen Anzug seines Arbeitgebers.  Paul O'Toole röchelte. Sharandon  ließ ihn so langsam wie möglich zu  Boden gleiten.  „Ich sorge dafür, daß Sie gleich ins Krankenhaus kommen, Paul,“ keuchte Sharandon. „Man wird Sie  operieren. Machen Sie sich keine  Sorgen, das kommt schon wieder in  Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen, Paul !“  „Mr. Sharandon ... Ich ...  Es tut  mir leid ...“  „Ich bin sofort wieder bei ihnen,  Paul“, versprach Daniel Sharandon  und wollte ins Haus laufen, doch  Paul O'Toole sah ihn auf einmal so merkwürdig an.  „Paul?“ Sharandon griff nach der  Schulter des Dicken und schüttelte  ihn vorsichtig. „Paul!“  Aber der Fahrer konnte nicht  mehr antworten. Er war tot.  Sharandon eilte ins Haus und alarmierte die Polizei. 

Und die Polizei machte Jagd auf Brian Dee. Die aufmerksame Besatzung eines Streifenwagens entdeckte den Rolls-Royce auf der White Plains, 31113  Road.  Während der Fahrer die Verfolgung aufnahm, setzte sich der Beifahrer mit der Zentrale in Verbindung. „Silver Shadow ist in Richtung  Bronx Park unterwegs“, meldete der Cop.  „Paßt auf euch auf, Jungs“,  kam es aus dem Lautsprecher. „Der Bursche ist bewaffnet. Er hat bereits einen  Mann auf dem Gewissen. Dem kommt es auf ein paar Tote mehr bestimmt nicht an.“  Ein zweiter und ein dritter Patrol  Car beteiligten sich an der Jagd. Brian  Dee hatte die Verfolger längst bemerkt.  Er versuchte sie abzuschütteln, fuhr nicht am Bronx Park  vorbei, wie er es ursprünglich vor gehabt hatte, sondern durchraste ihn  von Osten nach Westen auf der E8311  Fordham Road.  Als er die Universität erreichte,  kam ihm ein Polizeifahrzeug entgegen. Es stellte sich quer, um ihm die  Durchfahrt zu versperren, doch Dee  hielt nicht an.  Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und raste auf den querstehenden Wagen zu. Er visierte das  Heck an. Die Cops kamen nicht dazu  auszusteigen. Dee biß die Zähne zusammen und  drückte die Arme durch. In der  nächsten Sekunde erfolgte der Aufprall, den Dee bis in die Schultergelenke spürte. Der Streifenwagen wurde zur Seite und gegen zwei parkende Autos geschleudert. Unaufhaltsam wie ein Panzer setzte der Rolls-Royce seine  Fahrt fort.  „Mein Arm!“ stöhnte der Beifahrer  mit schmerzverzerrtem Gesicht in dem gerammten Fahrzeug. „Ich glaube, mein Arm ist gebrochen.“  Sein Kollege hakte das Mikro los.  „Er hat uns gerammt“, schrie er.  „Sal scheint sich dabei den Arm gebrochen zu haben.“ Immer mehr Streifenwagen versuchten Brian Dee zu stellen. Er hätte erkennen müssen, daß er keine  echte Chance mehr hatte.  Viele Hunde sind des Hasen Tod ... Aber das wollte der Gangster nicht wahrhaben. Er war ein hervorragender Autofahrer, und er spielte  sein Können voll aus, doch immer neue Patrol Cars zwangen ihn zu unvorhergesehenen Kursänderungen. Sie versuchten ihn in die Enge zu  treiben. Noch war ihr Netz nicht eng  genug, deshalb fand Dee immer wieder eine Lücke durch die er schlüpfen konnte.  Aber sein Untergang war vorgezeichnet. Sie trieben ihn auf den  Harlem River zu. Er wollte ihn auf  der University Heights Bridge überqueren, doch sie drängten ihn ab.  Blieb noch der Deegan Expressway, aber an den Auffahrten warteten sie auf ihn und eröffneten das  Feuer. Er schoß zurück, sah einen  Polizisten stürzen und lachte rau,  aber kurz darauf erwischte es ihn  selbst. Eine Kugel traf seine Schulter. Er brüllte auf, ließ das Lenkrad los und  verlor die Herrschaft über das Fahr zeug. Der Silver Shadow streifte einen Container, raste mit zwei Rädern die Auffahrtsrampe eines Lagerhauses hoch und kippte um.  Auslaufendes Benzin entzündete  sich. Der Wagen fing Feuer. Brian Dee kroch auf allen Vieren aus dem  Fahrzeug. Seine Schulter schmerzte  höllisch. Er Wollte sich zu Fuß in Sicherheit bringen, doch ein Streifenwagen nach dem andern traf ein.  „Halt! Stehenbleiben! Werfen Sie  die Waffe weg! Hände hoch!“ rief ein  Polizist.  Brian Dee mußte ihn hören, aber er reagierte nicht. Jedenfalls nicht so,  wie die Cops es sich vorgestellt hatten.  Eine ohrenbetäubende Explosion  zerriß den gestohlenen Wagen. Brian  Dee ließ sich fallen und feuerte auf  einen Polizisten. Dann sprang er auf  und versuchte wild um sich schießend das Tor eines alten Lagerschuppens zu erreichen.  Es gelang ihm nicht.  Er starb im Kugelhagel der Polizei.  Es hätte keinen Grund gegeben, Jack  Baker einzuschalten, wenn Daniel  Sharandon nicht etwas aufgeschnappt hätte.  Es sah so aus, als wäre der Fall erledigt. Ein Mann hatte Paul O'Toole  erschossen und den Rolls-Royce gestohlen. Nach der darauffolgenden  Verfolgungsjagd hatte der Dieb bei  der Schießerei das Leben verloren,  und da der Wagen gegen Diebstahl  versichert gewesen war, würde  Daniel Sharandon einen neuen  bekommen.  Aber der Industrielle hatte gehört,  daß sich die Autodiebstähle in letzter  Zeit häuften und daß möglicherweise eine Bande dahintersteckte.  -  Er konnte es sich leisten, den besten Privatdetektiv New Yorks zu  engagieren und ihn zu bitten, der Sache auf den Grund zu gehen.  Jack ließ sich von Sharandon berichten und zeigen, wie sich das Verbrechen abgespielt hatte.  „Und hier, an dieser Stelle, starb  Paul O'Toole, mein Chauffeur“, sagte  der Industrielle mit belegter Stimme.  Die Kreidemarkierungen der Polizei befanden sich noch auf dem Boden. Auch das Blut des Fahrers war noch zu sehen.

„Im nächsten Monat hätte O'Toole  zehn Jahre für mich gearbeitet“, sagte Sharandon ernst. „Er war ein äußerst zuverlässiger Mann.“  „Verheiratet?“ fragte Jack Baker  und zündete sich eine Pall Mall an.  Sharandon nickte. „Er hinterläßt  eine Frau und eine siebenjährige  Tochter.“  „Wissen sie's schon?“  Sharandon nickte wieder. „Ich habe sie aufgesucht. So etwas macht  man nicht am Telefon. Die Polizei wollte es übernehmen, doch ich bat,  selbst mit Mrs. O'Toole reden zu dürfen. Sie sollte es von mir erfahren.  Ich dachte, ich bin ihr das schuldig.“  „Wie hat sie es aufgenommen?“ fragte Jack und blies den Rauch an  Sharandon vorbei.  „Sie hielt sich unglaublich tapfer“,  antwortete Daniel Sharandon. „Sie  kämpfte verzweifelt gegen die Tränen an. Erst als ich ging, hörte ich,  wie sie weinte. Ihre Tochter war  nicht zu Hause. Ich werde Mrs. O'Toole selbstverständlich finanziell  unterstützen. Den Ehemann kann  ich ihr leider nicht zurückgeben,  aber ich kann dafür sorgen, daß dieses Verbrechen restlos gesühnt wird.  Finden Sie heraus, für wen dieser  schießwütige Autodieb gearbeitet  hat, Mr. Baker, und lassen Sie die  ganze Bande hochgehen - falls es eine gibt. Geld spielt keine Rolle. Ich  finde, Gerechtigkeit kann gar nicht  hoch genug bezahlt werden, und das  fordere ich: Gerechtigkeit!“  „Sie werden sie bekommen, Mr.  Sharandon“, versprach Jack. 

1

„Hast du Zeit für mich?“ fragte Jack,  während er den Kopf durch die Tür  streckte.  „Nein“, brummte David Coleman,  der Leiter der Mordkommission  Manhattan K/III, unfreundlich.  „Und so was nennt sich Freund“,  klagte Jack Baker grinsend und betrat trotzdem das Büro des Captain.  „Mein Psychiater hat mir geraten,  auf einseitige Freundschaften zu  verzichten“, erklärte David. „Er meint,  das ist der Grund, weshalb ich in  letzter zeit immer so frustriert bin.“  „Ach. Bist du das? Hör mal, du  brauchst dein gutes Geld doch nicht  zum Seelenklempner zu tragen. Ich  weiß besser, was dir fehlt: beruflicher Erfolg. Wieso nennst du unsere  Freundschaft einseitig?“ 

„Weil ich dich immer nur zu sehen  kriege, wenn du etwas von mir  brauchst“, sagte der gewichtige Captain und lehnte sich seufzend zurück.  Zwischen den dicken Fingern drehte  er einen Bleistift hin und her. „Ist es  mal wieder soweit?“ 

„Du tust mir unrecht, David“, behauptete Jack schmollend. „Ich hatte in  der Nähe zu tun, und da dachte ich  mir: Sag doch mal deinem lieben alten Freund David guten Tag. Er wird  sich darüber bestimmt sehr freuen.  Wenn ich geahnt hätte, was für einen  Empfang du mir bereitest, hätte ich  es bleibenlassen. Ich wollte dich zu  einem Drink einladen und ...“  Knackend brach der Bleistift ab.  David warf die beiden Teile in den Papierkorb. Seine Miene hellte sich auf.  „Habe ich richtig gehört? War von  Einladen die Rede? Du möchtest  mich zu einem Drink einladen?“  fragte der Captain begeistert.  „Das hatte ich vor“, bestätigte Jack.  „Schade, daß ...“

„Was heißt schade?“ fiel David dem  Freund ins Wort. „Ich nehme die Einladung selbstverständlich an.  Kommt ohnedies viel zu selten vor,  daß du mal was springen läßt.“ 

„Ich denke, ich habe die Spendierhosen öfter an als du“, verteidigte  sich Jack.  „Das steht dir bei deinem Einkommen auch zu. Ich bin lediglich ein armer, unterbezahlter Polizeibeamter.“  Jack schüttelte den Kopf. „Und du getraust dich von einer einseitigen  Freundschaft zu reden. Darfst du  wahrend der Arbeitszeit überhaupt  Weggehen und Alkohol trinken?“  David lachte. „Hör mal, ich bin der Chef von diesem Laden. Ich darf alles.“ Seine Miene verfinsterte sich,  und er musterte Jack argwöhnisch.  „Oder soll das ein Rückzieher werden?“ 

„Nein, nein“, wehrte Jack ab. „Wenn  du denkst, es dir erlauben zu können,  dich auf meine Kosten volllaufen zu lassen, geht das schon in Ordnung. Ich mochte nur vermeiden, daß du  nachher meinetwegen Schwierigkeiten hast.“  Er schmunzelte. „Ein Vorgesetzter  sollte für seine Untergebenen ein gutes Beispiel sein.“  „Ich verspreche dir, nach dem einem Drink, den du bezahlst, weder zu  lallen noch zu torkeln, okay? Also gehen wir.“  Sie verließen das Police Center und  suchten eine nahe gelegene Bar auf.  Das blonde Mädchen, das ihnen die  Drinks brachte, strahlte animalischen Sex aus und duzte den Captain.  „Was höre ich denn da?“ fragte Jack  grinsend und wies mit dem Daumen  auf die tolle Bedienung, die sich mit  aufreizend wiegenden Hüften entfernte. „Du hast doch nicht etwa auf  deine alten Tage ...“ 

„Ich habe!“ erwiderte David und  blies stolz seinen Brustkorb auf.  „Und die Kleine war zufrieden?“  „Sehr sogar“, behauptete David.  „Sie muß äußerst genügsam sein“, bemerkte Jack. „Das sieht man ihr nicht an. Hat dein Bauch sie denn  nicht gestört ?“ „Bauch?“ fragte David.

„Na der, den Du jetzt so schamhaft einziehst. Ich bitte dich, fang wieder atmen an, sonst kippst du mir  vom Stuhl.“ Jack griff nach seinem Glas, hob es hoch und sagte:  „Cheers.“  „Ebenfalls“, erwiderte David und  trank. „Hast du eine Zigarette für  mich? Ich habe ausnahmsweise mal  Lust darauf.“  „Klar“, sagte Jack. „Für meinen besten Freund doch immer.“ Er holte die Packung Pall Mall heraus. David hob mißtrauisch eine Braue.  „Meinst du nicht, daß du heute ein  bißchen zu dick aufträgst?“  Jack wollte ihm gerade Feuer geben,  ließ bei Davids Bemerkung jedoch  sein Feuerzeug sofort wieder zu schnappen.  „Findest du?“ fragte er. „Tja, dann  mußt du dir den Glimmstengel selbst  anzünden.“ David nahm ihm das Feuerzeug aus  der Hand. „So verrückt wie du muß man erst mal werden. Ist ein Wunder, daß man dir noch keine Zwangs- Jacke verpaßt hat.“  „So viele Jacken sind nicht vorrätig“, erwiderte Jack. „Mir kam zu Ohren, daß sie mit der letzten hinter dir  her sind. Ich wurde mich an deiner Stelle vorsehen.“  „Gibt es einen neuen Fall, an dem  du dich mal wieder dumm und dämlich verdienst?“ erkundigte sich David  Coleman.  Jack nickte. „Daniel Sharandon hat mich engagiert. Fur gewöhnlich gebe  ich die Namen meiner Klienten nicht preis, aber du bist mein Freund.“  David winkte ab. „Schenk dir den Schmus. Ich hatte also recht. Du hast  bloß mal wieder bei mir reingeschaut, weil du etwas wolltest.“  „Auch“, gab Jack zu. „Aber in erster Linie wollte ich dich sehen." „Erstaunlich, wie problemlos dir die Lügen über die Lippen kommen“, sagte der Captain und zog an seiner  Pall Mall.  „Sharandons Chauffeur wurde er-  schossen . . .“

„Ich bin im Bilde“, unterbrach der  Captain den Detektiv. „Der Mörder  und Autodieb fand kurz darauf  selbst den Tod. Warum schmeißt  Sharandon sein Geld zum Fenster  hinaus?“  „Er hat genug davon“, sagte Jack.  „Der Fall ist abgeschlossen.“  „Findet Sharandon nicht“, widersprach Jack dem Captain. „Und ich  auch nicht.“ 

„Das ist klar“, sagte David grinsend.  „Du möchtest dir dein Geld mal wieder auf 'ne besonders bequeme Art  verdienen. Was sollst du denn noch  für Sharandon tun? Es gibt nichts  aufzuklären. Wir kennen den Täter,  und der Mann ist tot.“  „Wie war sein Name?“ erkundigte  sich Jack Baker.  „Brian Dee.“

„Gibt's eine Adresse zu dem Namen?“ wollte Jack wissen.  „Jack, was soll das?“ fragte der Captain eindringlich. „Was hast du vor?“  „Ich möchte mir das Geld verdienen, das ich von David Sharandon  bekomme“, antwortete dieser. „Vielleicht ist das in der heutigen Zeit, wo  jeder jeden übers Ohr zu hauen versucht, nicht mehr modern, aber so  bin ich nun mal. Wenn mich jemand  bezahlt, erhält er auch eine Leistung  dafür.“  „Und wie sieht die in diesem Fall  aus?“ erkundigte sich David Coleman.  „Brian Dee könnte in irgend jemandes Auftrag gehandelt haben“,  sagte Jack.  „Du siehst Gespenster“, behauptete  der Captain. „Seit geraumer Zeit verschwinden  mehr Autos als sonst“, sagte Jack.  „Das ist ein ewiges Auf und Ab.  Mal wird mehr geklaut, dann wieder weniger. Derzeit' schlägt der  Pegel eben gerade mal nach oben  aus.“  Jack nickte. „Und ich werde herausfinden, warum. Gibst du mir nun die  Adresse oder nicht? Vergiß nicht, ich  habe dich mit einer Zigarette und  'nem Drink bestochen.“  „Das kann ich verantworten“, sagte David. Er nannte eine Anschrift in  Spuyten Duyvil.  „Danke“, sagte Jack und winkte der  blonden Schönheit. 

2

Die Tür öffnete sich, und Jack blickte  in ein kleines Mädchengesicht, das  mit Sommersprossen übersät war.  „Was wollen Sie?“ fragte das Mädchen. Sie hatte strähniges rotes Haar  und trug ein Baby auf dem Arm.  Das Kind fing an zu weinen.  „Ich hoffe, der Kleine fürchtet sich  nicht vor mir“, sagte Jack.  „Es ist ein Mädchen“, sagte die Rothaarige kühl.  „Bei Mädchen komme ich im allgemeinen gut an“, behauptete Jack  schmunzelnd. „Bei uns beiden nicht“, erwiderte  die Rothaarige abweisend.  In der Wohnung spielte jemand  Flöte. Eine Tür öffnete sich, und Jack  erblickte ein halbnacktes Mädchen.  Sie sah ihn an und ging weiter, ohne  sich die Mühe zu machen, ihre Blößen zu bedecken. Kaum war sie aus Jacks Blickfeld  verschwunden, öffnete sich eine andere Tür, und ein blasser, unrasierter  junger Mann trat hinter die Rothaarige.  „Alles okay, Elly?“ fragte er.  „Weiß ich noch nicht“, sagte sie und  gab ihm das Kind. Er wippte auf und  nieder, damit es zu schreien aufhöre.  „Was will der Mann?“ fragte der  Unrasierte.  „Hat er mir noch nicht verraten“,  gab Elly zurück.  „Mein Name ist Jack Baker“, sagte  der Detektiv und wies sich aus. Ich bin Privatdedektiv.“  „Wir haben nichts ausgefressen“,  behauptete der Mann.  „Das glaube ich Ihnen gern“, bemerkte Jack freundlich. „Ich bin hier,  Weil jemand sagte, dies wäre  Brian Dees' Adresse.“ 

„Das war sie mal“, sagte Elly.  Das Baby verstummte. Der Unrasierte machte seine Sache gut. Jack nahm an, daß er der Vater des Kindes war.  Brian wohnt nicht mehr hier“, erklärte die Rothaarige.  „Darüber sind wir alle mächtig  froh“, sagte der Mann. „Darf ich fragen, wie Sie heißen?“  sagte Jack.  „James Kelly“, antwortete der junge Mann. „Wir leben hier in einer  Wohngemeinschaft. Brian hat nie richtig zu uns gepaßt. Wir sind genügsam und friedfertig. Brian war immer aufbrausend und jähzornig.  Er wollte Geld haben, viel Geld. Er  sagte es wäre ungerecht, daß die einen so viel und die andern so wenig  davon hätten. Damit wollte er sich  nicht abfinden. Er sagte, wenn einen  das Glück übersehe, müsse man sich  bemerkbar machen.“  „Auf welche Weise?“ wollte Jack wissen. „Das hat er nie gesagt“, antwortete  James Kelly.  Elly nahm ihm das Kind wieder ab.  James wies auf die Rothaarige. „Er  war mit Elly zusammen. Er war  nicht gut zu ihr, hat sie oft geschlagen. Manchmal hat er sie so schwer  mißhandelt, daß wir dazwischengehen mußten. Als er erfuhr, daß sie  von ihm schwanger war, drehte er  vollends durch. Er wollte unbedingt,  daß sie sich das Kind nehmen läßt.“

„Ach, die Kleine ist von ihm“, sagte Jack  James nickte. „Ich sagte, Elly solle es nicht wegmachen lassen. Brian  tobte. Er brüllte mich an, was mir  einfalle, wie ich mich in seine Angelegenheiten mischen könne. Schließlich prügelten wir uns, und dann  verschwand Brian auf Nimmerwiedersehen. Wir atmeten alle auf, dass  kann ich Ihnen sagen. Elly bekam ihr  Baby, und sie hat mich als Vater des  Kindes genannt. Ich liebe die Kleine,  als wäre sie meine eigene Tochter.“ 

„Was für einen Beruf hatte Brian?“ , erkundigte sich Jack.  „Keinen“, antwortete James Kelly.  „Eine Zeitlang fuhr er Crash-Car-Rennen. Er brach sich dabei zwei mal die Knochen und riskierte jedesmal seinen Hals. Er war verrückt. Er hatte keine Angst vor Schmerzen und  hing nicht an seinem Leben.“  „Hatte er Freunde, die nicht ganz astrein waren?“ wollte Jack wissen.  „Schon möglich“, sagte James Kelly: „Es ist sogar wahrscheinlich. Aber wir wissen nichts von dienen Leuten.  „Warum stellen Sie uns all diese Fragen, Mr. Baker?" wollte Elly  wissen. Das Baby griff nach ihrer  Nase. Sie ließ es geschehen.  Jack sagte den beiden, was passiert war. Elly senkte den Blick. Sie hatte  Dee zwar nicht mehr geliebt, aber es  mußte eine Zeit gegeben haben, in  der er ihr etwas bedeutet hatte. Es  war deshalb nicht leicht für sie zu  verdauen, daß er nicht mehr lebte.  James Kelly nickte ernst.  „So hatte es ja mal kommen müssen“, brummte er. „Wer mit nichts  zufrieden ist, wer ganz hoch hinaus  will und seine Grenzen nicht kennt,  kann nur verlieren.“ Ellys Augen waren feucht geworden.  „Tut mir leid“, sagte Jack.  „Elly kommt darüber hinweg“,  versicherte ihm James Kelly. „Sie  hat mich. Ich sehe zwar nicht so gut  aus wie Brian, aber dafür habe ich  den besseren Charakter.“ Er streichelte zuerst das Baby und dann Elly.  „Wo wohnte er, nachdem er von  hier wegging?“ fragte Jack.  „Wir haben gehört, daß er sich bei  einem Mädchen namens Linda Hassell eingenistet hat“, antwortete  James Kelly.  „Die paßte zu ihm“, bemerkte Elly  giftig. „Sie ist ein Flittchen. Jeder  Mann kann sie haben.“  „Ist 'n Starlet beim Film“, ergänzte  James Kelly. „Träumt von großen  Rollen, die sie nie kriegen wird, weil  sie nämlich nicht mehr Talent hat als  ein Hydrant auf der Straße; hängt  bei den einschlägigen Partys herum  und läßt sich mit Regisseuren, Filmproduzenten und Besetzungschefs  ein. Aber auch die unteren Chargen  haben 'ne Chance bei ihr. Für eine  große Rolle würde sie alles tun.“  Jack fragte nach der Adresse und bekam sie. Er drückte Elly zwanzig Dollar in die Hand und sagte: „Hier.  Machen Sie der Kleinen irgendeine  Freude.“ 

3

„Miß Linda Hassell?“ fragte Jack.  Sie zog die Luft ein, als wäre er ihr  auf die Zehen getreten.  „Nicht so laut“, ächzte sie. „Sehen  Sie denn nicht, daß ich krank bin?“ Sie trug einen Eisbeutel auf dem  Kopf und hatte einen schwarzen Kimono an, der über den nackten  Knien endete. Darunter trug sie  nichts weiter als sündhaft nackte Haut. Ihr Haar war lang und von einem Schwarz, das man nicht jeden  Tag sah. Es besaß einen leicht bläulichen Schimmer.  Sie drehte sich um und strebte zum  Wohnzimmer. Der dicke Teppich  schluckte ihre Schritte.  „Na los doch, kommen Sie schon  rein“, sagte sie, ohne sich umzusehen.  Seufzend sank sie im modern eingerichteten Wohnzimmer auf ein Sofa.  Jack schloß die Tür und folgte ihr.  Linda musterte ihn aus kleinen Augen. Mit ein bißchen Schminke war  sie bestimmt bildhübsch. Im Moment  war der Lack jedoch ein wenig abgeblättert.  Jack schien ihr zu gefallen, denn sie  nahm seinetwegen den Eisbeutel ab,  obwohl sie ihn dringend nötig hatte.  „Können Sie einen Manhattan mixen?“ fragte das Starlet und fuhr  sich mit den gespreizten Fingern träge durchs Haar.  „Ich denke schon“, antwortete Jack.  „Dann mixen Sie zwei. Einen für  mich und einen für Sie. Dort drüben  ist die Bar.“  Jack hatte sie schon entdeckt. Er bereitete die Getränke zu und servierte  sie auf einem Teakholztablett.  „Mann, war das eine Party!“ stöhnte Linda. „Waren Sie auch da? Sind  wir uns bei Sam Goldstein begegnet?  Sie müssen entschuldigen, ich kann  mich nicht an Sie erinnern. Ich kann  mich an überhaupt nichts mehr erinnern. Es war die schlimmste Party  meines Lebens. Ich vertrage schon  etwas, das können Sie mir glauben,  aber gestern war es eindeutig zuviel.  Wenn ich bloß wüßte, was mir Sam  in die Drinks getan hat. Ich habe  auch nicht den leisesten Schimmer,  wer mich nach Hause gebracht, ausgezogen und ins Bett gelegt hat. Waren Sie das?“

„Leider hatte ich nicht das Vergnügen, Sie entkleiden zu dürfen“,  sagte Jack schmunzelnd.  Sie winkte ab. „Ich weiß nicht. Gestern kann's kein Vergnügen gewesen sein. Ich spazierte hart am Rand  einer Alkoholvergiftung entlang.  Wie ist Ihr Name?“ 

„Jack Baker.“ 

„Sollte ich ihn kennen?“ fragte  Linda unsicher. „Haben Sie mit Film  zu tun?“  „Noch nicht“, sagte Jack. „Aber was  nicht ist, kann noch werden.“  „Wissen Sie, wer Sam Goldstein  ist?“ fragte Linda.  „Ein Filmproduzent. Er plant ein  Remake der „Zehn Gebote.“

„Sie sind gut informiert.“  „Ich hab's aus der Zeitung“, sagte  Jack.  Linda nahm einen Schluck von ihrem Drink. Ihre Miene hellte sich auf.  „Mm“, machte sie anerkennend.  „Nicht schlecht. Können Sie alles so  gut wie Manhattans mixen, Jack?“  „einiges kann ich recht gut, aber  nicht alles“, erwiderte Jack bescheiden.  Das Starlet fuhr sich über die Augen. „Ich weiß nicht einmal, ob ich  nun eine Rolle bekommen habe oder  nicht.“  „Wenn Sie Sam Goldstein beeindrucken konnten, wird er Sie anrufen lassen“, sagte Jack. Er nahm einen  Schluck vom Manhattan und mußte zugeben, daß ihm dieser besonders  gut gelungen war.  „Ich kann ihn ja auch anrufen.  Morgen, nicht heute. Heute bin ich  nicht in Form. Hoffentlich habe ich  mich auf Sams Party nicht danebenbenommen. Ich entgleise hin und  wieder, wenn ich so richtig in Fahrt  bin.“  Jack bot ihr eine Pall Mall an. Sie  lehnte ab, erlaubte ihm aber zu rauchen. Er zündete sich das Stäbchen  an. Während er sich umschaute,  meinte er: „Nette Wohnung. Wohnen Sie allein hier?“  „Mal ja, mal nein“, antwortete das  Starlet. „Derzeit bin ich solo.“  „Und was ist mit Brian Dee?“  Sie schaute Jack verärgert an. „Nicht  diesen Namen, ich will ihn nicht hören, Jack.“ Sie wurde nervös. „Geben  Sie mir doch eine Zigarette.“  Jack hielt ihr die Packung hin und  gab ihr anschließend Feuer. Linda  Hassell rauchte hektisch.  „Was haben Sie ?“ fragte Jack.  Das Starlet musterte ihn angriffslustig. „Sind Sie ein Freund dieses  Bastards?“  „Gott bewahre“, sagte Jack.  „Das hätte ich mir auch nicht vorstellen können. Sie sind nicht wie  Brian. Er ist Dreck, Abschaum. Er nimmt auf niemanden Rücksicht.  Für ihn gibt es keine wichtigere Person als Brian Dee. Okay, ich mag  mich auch sehr, aber ich hintergehe niemanden. Ich lasse niemanden im  Stich und bestehle keinen.“ 

„Hat er das getan?“ fragte Jack.  „Und ob! Ich lernte ihn auf einer  Party kennen. Ich dachte, er wäre  beim Film, dabei wollte er erst zum  Film. Ich fragte ihn, als was. Er sagte,  das wäre ihm egal. Er mache alles,  behauptete er, und es gelang mir, ihn  als Stuntman bei Malcolm Heard unterzubringen. Kennen Sie Heard? Er ist nicht gerade der Größte in der  Branche. Er macht drittklassige Filme, aber es ist besser, für ihn als für  niemanden zu arbeiten. Sie verstehen? Es gibt viele arbeitslose Schauspieler. Es ist verdammt hart, einen Jack B. zu finden. Man muß sich ganz  schön anhängen, um wenigstens einigermaßen im Geschäft zu bleiben.  Ich hatte mit Brian abgemacht, daß  er mich anruft, sobald Heard eine  Rolle zu vergeben hat. Er hat es nicht  getan. Durch Zufall erfuhr ich von  drei Rollen, die ich hätte bekommen können. Ich fuhr zu Brian. Sie drehten im Battery Park. Brian wurde  ausfällig und sagte, ich solle mich  zum Teufel scheren. Erst zwei Wochen später kam ich drauf, daß er  auch noch ein paar tausend Dollar  von meinem Sparkonto abgehoben  hatte. Er ist ein Schwein. Ich möchte mit ihm nie mehr zu tun haben.“  „Er wird Sie in Ruhe lassen“, versicherte Jack dem Starlet.  „Sind Sie sicher?“ 

„Absolut. Er ist nämlich tot“, sagte  Jack. Er drückte die Zigarette in dem  Aschenbecher aus und schickte sich  an zu gehen.  Das Starlet blickte überrascht zu  ihm hoch. „Wollten Sie denn was von  Brian? Sie werden seine Adresse in  Brian Heards Büro erfahren.“  Linda schien ihn nicht verstanden zu haben, deshalb wiederholte er,  was er gesagt hatte.  „lch hab's gehört“, sagte Linda  Hassell kühl. „Erwarten Sie, daß ich  in Tränen ausbreche? Die Menschheit hat wertvollere Männer als  Brian Dee verloren, Jack, und ich habe  deshalb auch nicht geweint.“  „Die haben Sie nicht gekannt.“  „Brian war ein verdammter Mistkerl, der mir mein sauer verdientes  Geld gestohlen und mich im Stich gelassen hat.“

„Dreht Heard zur Zeit einen Film?“ wollte Jack wissen.  „Ja. Der Streifen heißt ,Silver Rider“ und soll in drei Monaten schon in  die Kinos kommen. Sind eine Menge  Stunts drin. Brian doubelt den  Hauptdarsteller. Jedenfalls hat er  das getan.“ „Er war als Stuntman also gut beschäftigt“, sagte Jack.  „Richtig“, bestätigte Linda.  „Können Sie mir sagen, warum er  nebenbei noch Autos klaute?“  fragte  Jack.  „Kerle wie Brian kriegen den Hals  nie voll.“ 

„Hatte er Kontakte zu Gangsterkreisen?“  „Es gibt nichts, was ich Brian Dee  nicht zutrauen würde“, sagte Linda.  „Schade, daß Sie gestern nicht auf  Sam Goldsteins Party waren. Ich  hätte Sie gern neben mir gehabt, um  mich anlehnen zu können.“  „Waren Sie nicht den ganzen  Abend mit Goldstein beschäftigt?“ 

„Schon möglich. Das wäre ich aber  bestimmt nicht gewesen, wenn Sie  auch dagewesen wären. Wissen Sie  was? Sie mixen uns noch zwei  Drinks, ich bringe mich mit einem heißen Bad in Form, und dann sehen wir, was aus uns beiden wird.“  Sie wartete seine Antwort nicht ab,  sondern zog sich ins Bad zurück. Als sie wiederkam, fühlte sie sich besser,  aber Jack Baker war nicht mehr da. „Schade“, sagte sie mit ehrlichem  Bedauern. „Wir hätten bestimmt viel Spaß miteinander gehabt.“ 

4

Am nächsten Vormittag betrat Liv Jack Bakers Büro. Kurz  darauf brachte sie ihrem Chef herrlich duftenden Kaffee und die Morgenpost, die sie geöffnet, gesichtet  und geordnet hatte.  Liv trug einen halsfernen eierschalfarbenen Pullover, der sich  weich an ihre wohlgeformten Rundungen schmiegte.  „Ist es dir damit ernst, Jack?“ fragte  sie. „Willst du wirklich als Stuntman  zum Film gehen?“  „Warum soll ich nicht auch mal  was für die Kunst tun?“  „Du willst unsterblichen Ruhm erlangen, wie?“  „So ist es, mein Schatz“, bestätigte  Jack schmunzelnd.  „Ausgerechnet als Stuntman.“  „Man muß klein anfangen“, erwiderte Jack.  „Du wirst dir das Genick brechen.“ 

„Sei unbesorgt, Liv. Ich weiß,  was ich mir zutrauen kann. Was  Brian Dee geschafft hat, schaffe ich  auch. Was hast du über Heard erfahren?“  „Seine Firma nennt sich „Metropol  Pictures“. Was Malcolm Heard produziert, lief früher unter der Bezeichnung B-Filme. Billige Ausstattung, billige Schauspieler. Entweder sind sie unbekannt, oder es handelt  sich um abgetakelte Stars, die nicht  viel kosten. Man bereitet sich kaum  auf die Dreharbeiten vor und hält die  Drehzeit so kurz wie möglich. So  sieht dann zumeist auch das fertige  Produkt aus. Dennoch wurden einige  Streifen von ,“Metropol Pictures“  Kassenhits. In ,Silver Rider' setzt die  Produktionsfirma ähnliche Erwartungen.“

„Wen hat Brian Dee gedoubelt?“ wollte Jack wissen.  „Richard Whitman.“ 

„Nie gehört.“  „Deine Größe, deine Figur, deine  Haarfarbe“, sagteLiv.  Jack grinste. „Das trifft sich ja großartig.“  „ Silver Rider“ ist der zweite Film,  den Whitman für „Metropol Pictures“  macht. Heard will ihn zum großen  Star aufbauen. Whitman soll es gelingen, von B-Produktionen auf  A-Streifen umzusteigen. Das schaffen nur ganz wenige. Natürlich wäre  Heard prozentual an Whitmans Gagen beteiligt.“  Jack Baker griff nachdenklich nach  der Kaffeetasse. „Und jetzt haben sie  keinen, der den großen Star von  morgen doubelt. Diesen Leuten muß  man doch helfen. Siehst du das nicht  ein,Liv?“  „Fein“, sagte die blonde Frau kategorisch. „Schließlich bist du kein  Stuntman, sondern Privatdetektiv.“  „Wo ist da der Unterschied? Beide  leben gefährlich“, sagte Jack und hörte  sich weiter an, was seine tüchtige  Mitarbeiterin in Erfahrung gebracht  hatte.  David rief an.  „Hast du immer noch die Wahnvorstellung, einen Fall klären zu  müssen, der gar kein Fall mehr ist?“  fragte er.  „Du hast recht, ich habs aufgegeben“, erwiderte Jack. „Statt dessen gehe ich zum Film.“  „Zum Film?“ wiederholte David  verblüfft. „Das würde mich auch mal  reizen. Hör mal,könntest du dich  nicht für mich verwenden?“ „Ist kein Tierfilm“, sagte Jack. „Aber  ich kann gesprächsweise ja mal erwähnen, daß du als King Kong noch  zu haben wärst.“ 

„Wenn du mal wieder ganz tief in  der Patsche sitzt, Jack . . . Weißt du, wer dir dann garantiert nicht heraushelfen wird?“  „Nein. Wer?“ 

„Ich“, sagte der Captain und legte verstimmt auf. 

5

Baskenmütze, runde Nickelbrille,  Adlernase, Flicken an den Ellenbogen - das war Arnie Fame. Unter der  Baskenmütze befand sich kein einziges Haar, das wußte Jack Baker.  Als er das Büro des Agenten betrat,  blickte dieser nicht einmal auf. Im  Vorzimmer hatte Norma Curtis, Fames ältliche, aber äußerst tüchtige Sekretärin, von Jack einen dicken Kuß  auf die Wange bekommen. Sie kannte Jack seit Jahren und sah ihn immer  wieder gern. Der Kuß und seine  Komplimente brachten sie zum  Strahlen. Er hatte gesagt, er wolle Arnie  überraschen, und sie hatte ihm erlaubt, unangemeldet zu ihrem Chef  hineinzugehen. Niemandem sonst  wäre das gelungen, denn Norma  konnte zum gefährlichen Vorzimmerdrachen werden, wenn jemand  sie übergehen wollte.  Arnie Fame kannte Gott und die  Welt. An den Wänden seines Büros  hingen die Fotografien von Stars, die durch ihn erst zu solchen geworden  waren.  Die Widmungen ließen erkennen,  wieviel Arnie für die Künstler getan  hatte.  Der kleine große Agent las gerade einen Zeitungsartikel. Er wußte, daß  jemand im Raum war, hatte ihn ein treten gehört, ließ sich aber nicht  stören.  Informiert sein ist alles, das war  sein Wahlspruch. Was er nicht schon  längst wußte, erfuhr er hin und wieder auch aus der Zeitung. Auf diese  Weise füllte er etwaige Lücken auf.  Je besser er über die Branche Bescheid wußte, desto erfolgreicher  konnte er arbeiten.  Jack räusperte sich.  „Bin gleich soweit“, sagte Arnie  Fame und las weiter.  Jack hatte ihm mal das Leben gerettet. Die Mafia hatte ihn auf, die  schwarze Liste gesetzt, weil er sich  geweigert hatte, sich für einen ihrer  unbegabten „Brüder“ zu verwenden.  Jack hatte ihm nicht nur geholfen,  den Hals aus der Schlinge zu ziehen, er hatte die Angelegenheit für ihn  auch geradegebogen und dafür gesorgt, daß sein Name von besagter  Liste genommen wurde.  Das Telefon lautete. Arnie griff  nach dem Hörer, ohne hinzusehen.  „Fame“, meldete er sich, ohne seine  Lektüre zu unterbrechen. Er gehörte  zu den Leuten, die ein paar Dinge  gleichzeitig tun können. Er hörte sich  an, was der Anrufer zu sagen hatte.  „Lassen Sie sich von meiner Sekretärin einen Termin geben ... Nicht vor nächstem Montag ... Natürlich kann  ich etwas für Sie tun. Cecil Waxton  ist ein sehr guter Freund von mir.  Außerdem schuldet er mir einen Gefallen.“  Er legte auf, las den Artikel zu Ende und richtete den Blick auf Jack,  während er die Zeitung zusammenfaltete.  „Jack!" rief er erfreut aus und sprang  auf. „Liebe Güte, wieso hat mir Norma nicht gesagt, daß du da bist?“  „Ich habe sie gebeten, es nicht zu  tun“, antwortete Jack lachend. „Ich  wollte dich überraschen.“  Der kleine Mann kam um den  Schreibtisch herum und umarmte Jack  überschwenglich. Das Schöne an diesem Mann war,  daß seine Gefühle echt waren. Er konnte sich nicht verstellen, und  darin lag das Geheimnis seines Erfolges.  Bei Arnie Fame wußte man immer,  woran man war. Er hielt nichts von  raffiniert gesponnenen Intrigen und  fein gewebten Lügengespinsten, denn irgendwann kam die Unwahrheit ja doch an den Tag. Wer stets bei  der Wahrheit blieb, hatte diesbezüglich nichts zu befürchten.  Jack ließ sich grinsend an Arnies  großes Herz drücken. Der Agent  fand fast kein Ende. Als er Jack endlich losließ, sagte dieser amüsiert: „Du  scheinst dich wirklich über meinen  Besuch zu freuen.“  „Das tu' ich!" bestätigte Arnie lautstark. „Bei Gott, das tu' ich, Jack. Laß  dich ansehen. Du siehst gut aus. Was  machst du? Immer noch Verbrecher jagen?“ Jack lachte. „Ich kann nichts anderes.“  „Meine Güte, wie bescheiden er  ist“, sagte Arnie Fame und rollte die  Augen. „Setz dich! Möchtest du etwas trinken'?“  Jack lehnte dankend ab. Er nahm in  einem bequemen Sessel Platz.  Arnie Ferne setzte sich per Sprechanlage mit seiner Sekretärin in Verbindung. „Norma, ich möchte jetzt  nicht gestört werden.“  „Alles klar, Arnie“, erwiderte seine  Mitarbeiterin.  Arnie nahm ebenfalls Platz, und  höflichkeitshalber erkundigte sich  Jack nach Arnies Befinden.  Er hätte das nicht tun sollen, denn der Agent zählte nun ein Dutzend  Krankheiten auf, an denen er angeblich chronisch litt. Von den meisten  hatte Jack noch nicht einmal gehört.  Nach dieser privaten Einleitung  kam Jack Baker auf den Grund seines  Besuchs zu sprechen.  „Ich möchte, daß du mir einen Gefallen tust, Arnie“, sagte er. „Jeden“, erwiderte der Agent sofort.  „Ich möchte zum Film“, sagte Jack.  Arnie riß sich die Nickelbrille herunter und sah ihn groß an. „Zum  Film? Hast du vor, umzusatteln? Gefällt dir dein Jack B. nicht mehr? He, du  hast doch nicht etwa heimlich  Schauspielunterricht genommen?“  „Das ist nicht nötig, ich bin ein Naturtalent“, entgegnete Jack grinsend.  Er schlug die Beine übereinander.  „Nun mal im Ernst, Jack“, sagte Arnie Fame unsicher. Er schob die Finger unter die Baskenmütze und kratzt!  sich. „Hast du genug vom Privatdetektiv Spielen?“  „Natürlich nicht“, sagte Jack.  „Hätte mich auch gewundert. Du  bist mit Leib und Seele Schnüffler.“

„Du sagst es, Arnie.“  „Es geht um einen Fall, weswegen  du dich beim Film einschleichen  willst.“

„Du bist sehr helle, Arnie", lobte Jack.  „Und damit das Ganze echt aussieht,  möchte ich, daß du mich vermittelst“ Der Agent nickte. „Mach' ich gern  für dich, Jack.“

„Gestern fiel ein Stuntman namens  Brian Dee aus“, sagte der Detektiv.  „Ich hätte gern seinen Jack B.“  Arnie Fame wiegte den Kopf und sah Jack besorgt an. „Ich hoffe, du  weißt, was du tust. Als Stuntman  brauchst du Knochen aus Gummi,  und trotzdem hast du immer auch 'ne  Krücke im Gepäck.“ 

„Wenn ich auf die mannigfaltigen  Gefahren zurückblickte, die ich in meinem Leben schon gemeistert habe, kann ich mir nicht vorstellen, daß  ich an einem Stunt scheitern werde“,  sagte Jack.  „Wieso fiel dieser Brian Dee aus?“ wollte Arnie Fame wissen.  Jack sagte es ihm, und er berichtete  mit ein paar Worten auch von seinem  Fall, damit der Manager wußte, worum es ging.  „Wo war Dee beschäftigt?“ fragte  Arnie.  „Metropol Pictures“, antwortete Jack.  Arnie nickte. „Sie drehen ,Silver  Rider“. Wenn du mich fragst, das  wird 'n Flop. Malcolm Heard hofft,  damit gut ins Geschäft zu kommen, so hört man, aber er hat mit Kenneth Streep einen Regisseur verpflichtet,  der 'ne absolute Niete ist.“ 

„Er wird sich Jackhn Frankenheimer  nicht leisten können“, sagte Jack. „Hör zu, Arnie, ich stelle mir die Sache folgendermaßen vor ...“ 

6

Perry Cobb blickte sich gehetzt  um. Dicke Schweißperlen glänzten auf seiner hohen Stirn. Weil sein  Haar schütter geworden war, trug er Dauerwellen, die Fülle vortäuschen  sollten. -  Er überquerte die Nicholas Avenue. Seine Lungen pumpten wie Blasebälge. Er hatte zum ersten Mal in  seinem Leben Angst - Todesangst.  An der nächsten Straßenecke  stand eine Telefonzelle. Sollte er die  Polizei anrufen und um Hilfe bitten?  Sollte er verlangen, daß man ihn in  Schutzhaft nahm? Selbst in einer Polizeizelle wäre er  nicht sicher gewesen. Man hätte einen Kerl zu ihm in die Zelle sperren  können, den er nicht kannte und der einen bestimmten Auftrag auszuführen hatte. Nein, er mußte sich frei  bewegen können, um ausweichen zu  können, falls sie zuschlugen. Im  Knast war kein Platz zum Ausweichen. Dort würde ihn der tödliche  Schlag voll treffen.  Gab es jemand anderen, den er anrufen und um Hilfe bitten konnte?  Er brauchte Hilfe, brauchte ein Versteck, mußte erst mal zur Ruhe kommen und nachdenken, Wie's weite gehen sollte.  Es war wohl das beste, New York  zu verlassen, aber er wollte nichts  überstürzen. Wenn er erst mal untergetaucht war, würde er sich alles  in Ruhe und sehr genau überlegen.  Er warf wieder einen unruhigen  Blick zurück. Ein weißer Impala fiel  ihm auf. Der Wagen fuhr zu langsam.  Sofort schöpfte Perry Cobb Verdacht. Er sprang in einen Hauseingang. Sein Herz hämmerte wie verrückt.  Der Impala verlangsamte die  Fahrt noch mehr. Cobb preßte die  Kiefer zusammen. Er ließ das Fahrzeug nicht aus den Augen. Seine Lider flatterten, und er wischte sich  mit einer fahrigen Bewegung die  Schweißtropfen ab.  Jetzt rollte der Impala aus, und ein  großer schlanker Mann stieg aus. Er  trug einen weißen Anzug und einen  breitkrempigen weißen Hut.  Cobb hielt ihn für einen Killer. Der  Mann kam über die Straße. Cobb zog  sich zurück. Er rannte durch einen  dämmrigen Gang, gelangte in einen  engen Hinterhof, überkletterte eine  Backsteinmauer und tauchte wenig  später in den Passantenstrom auf  dem Broadway ein.  Annette.  Plötzlich war dieser Name da. Annette Huntley war vielleicht die vorläufige Lösung seines Problems.  Klar. Warum hatte er nicht gleich an  sie gedacht? Annette würde ihm helfen. Sie konnte ihn bei sich verstecken.  Er war mal mit ihr befreundet gewesen. Es hatte einige unschöne Szenen gegeben, und schließlich hatten  sie sich getrennt, aber die unerfreulichen Dinge waren inzwischen so gut  wie verjährt. Außerdem hatte es in  dieser Beziehung auch schöne Augenblicke gegeben. Vor allem am  Anfang.  Es ist eine Tatsache, daß der  Mensch das Schlechte vergißt und  das Gute im Gedächtnis behält.  Perry Cobb war ganz sicher, daß  ihm Annette helfen würde. Er entdeckte wieder eine Telefonzelle. Annettes Nummer hatte er vergessen,  aber er fand sie im Telefonbuch und  wählte sie sofort, doch er hatte kein  Glück.  Er hielt ein Taxi an und ließ sich zu  den General Grant Houses bringen.  Dann stand er vor der Bar, in der Annette früher gearbeitet hatte. Er  hoffte, daß sie das immer noch tat.  Wenn nicht, würde man ihm hoffentlich sagen können, wo sie zu finden war. Ein kaltes Augenpaar beobachtete ihn, doch das fiel ihm nicht auf. 

7

„Geben Sie mir bitte Mr. Malcolm  Heardl“  „Wer spricht?“ kam es aus dem  Lautsprecher.  „Arnie Fame.“ „Einen Augenblick, Mr. Fame“,  sagte das Mädchen freundlich am  andern Ende der Leitung. Kurze  Pause.  Dann Heard, der Filmproduzent:  „Arnie, wie geht es Ihnen? Möchten  Sie ein tolles Talent bei mir unterbringen?“ „Wie laufen die Dreharbeiten zu  ,Silver Rider'?“ fragte der Agent.  „Gut. Sehr gut. Das wird ein Hit,  Arnie. Ich bin natürlich Realist genug, um zu wissen, daß ich mit dem Einspielergebnis Steven Spielberg nicht schlagen kann, aber die Kasse  wird zufriedenstellend klingeln.“ „Das wünsche ich Ihnen“, sagte Arnie. „Das Drehbuch ist so gut, daß nicht  einmal Kenneth Streep den Film verhauen kann“, sagte Heard und  lachte schallend.  „Mir kam zu Ohren, daß einer Ihrer Stuntmen ausfiel“, sagte Arnie.  „Von wem haben Sie das?“  Arnie Fame lachte. „Ach, wissen  Sie, Mr. Heard, so etwas spricht sich  rasch herum.“ „Ich begreife nicht, wieso dieser Idiot in seiner Freizeit Autos klauen  mußte“, sagte Malcolm Heard. „Er  verdiente gut bei mir. Manche Menschen sind eben nicht ganz dicht.  Aber das bleibt unter uns, Arnie.“  „Haben Sie Brian Dee schon ersetzt?“ wollte Arnie wissen.  „Nein, noch nicht. Ist nicht ganz  einfach. Wie Sie wahrscheinlich wissen, hat er Richard Whiteman gedoubelt.“  Arnie Fame warf Jack Baker einen kurzen Blick zu. Der Detektiv trat näher an den Schreibtisch heran.  „Ich hätte den geeigneten Mann  für Sie“, erklärte der Agent.  „Tatsächlich? Das wäre großartig“,  rief Heard.  „Er sieht Whitman ähnlich.“  „Um so besser“, sagte Malcolm  Heard erfreut.  „Sein Name ist Jack Warner. Noch relativ neu in der Branche, aber er  kann etwas.“  „Wenn Sie das sagen, dann stimmt  es auch“, meinte Heard. „Schicken  sie mir den Knaben. Ich kann ihn gebrauchen. Und - danke, daß Sie an mich gedacht haben, Arnie.“  „Sie wissen doch, daß ich gern helfe", sagte der Agent und legte auf.  „Zufrieden?“ fragte er dann Jack.  „Du hast das großartig für mich eingefädelt“, lobte Jack und streckte  dom Agenten die Hand entgegen. „Wünsch mir Glück für meinen neuen Jack B.“  „Toi, toi, toi, heißt das nun.“  „Ist mir auch recht“, erwiderte Jack  grinsend. „Wenn ich dir wieder mal  das Leben retten kann, laß es mich  wissen.“  „Gott behüte“, rief Arnie Fame.  „Das eine Mal hat mir vollauf gereicht.“ Jack schlug ihm freundschaftlich auf  die Schulter und ging. Im Vorzimmer  sagte er zu Norma Curtis: „Passen  Sie gut auf Arnie auf. Er ist ein Juwel.“ 

8

Früher hatte Annette Huntley nur  Drinks serviert, aber dann hatte  Mortimer Kane, der Besitzer der Bar,  sie mal singen gehört, und seither  trällerte sie zwischendurch ein paar  Liedchen für die Gäste, wenn sie dazu in Stimmung war.  Es ging ihr gut bei Kane. Sie verdiente mehr als die anderen Mädchen und hatte Freiheiten, die nur sie  sich herausnehmen durfte. Wenn sie  zum Beispiel nach Hause gehen  wollte, brauchte sie es Kane nur zu  sagen - ohne Gründe zu nennen.  Er wußte, daß sie dieses Privileg  nicht ausnützte.  Seine Bar hatte rund um die Uhr  auf und war oft schon am Vormittag  so voll, daß man kaum einen Platz  bekam. Die Drinks waren preiswert,  die Snacks hervorragend. Das Lokal  hatte Atmosphäre, und Mortimer  Kane schaute darauf, daß dies so  blieb.  Annette Huntley hatte kürzlich eine Barbra-Streisand-Parodie einstudiert, die sie seither mindestens  dreimal am Tag vortragen mußte.  Sie bekam dafür immer wieder frenetischen Applaus, den sie glücklich  und dankbar entgegennahm.  Der Mann, der am lautesten  klatschte, hieß Lester Scott. Er sah  gut aus, hatte Geld und war verrückt  nach Annette. Sie war ein hübsches Ding von knapp 24 Jahren, hatte eine sehenswerte Figur, und das, was einem am  meisten auffiel, wenn man sie an sah, waren ihre riesigen blauen Augen, die ungewöhnlich hell strahlten.  Ihr Haar war lang, glatt und dunkel und umrahmte ein madonnenhaftes Gesicht. Sie verließ die kleine  Bühne, auf der sie gestanden hatte,  und Lester Scott nahm sie in Empfang.  „Du warst großartig, Annette“,  schwärmte er. „Du hast dich heute  selbst übertroffen. Was hältst du davon, wenn wir ein bißchen ins Grüne  hinausfahren?“  „Hört sich gut an“, fand Annette.  „Wir kaufen unterwegs, was wir  für ein Picknick brauchen.“  „Ich sage Mort Bescheid und ziehe mich um.“  „Okay, aber mach schnell“, drängte  Lester lächelnd.  Sie begab sich zuerst in Mortimer  Kanes Büro und anschließend in einen kleinen Raum, der ihr als Garderobe zur Verfügung stand. Sie schloß  die Tür und trat vor den Spiegel.  Rasch entledigte sie sich ihres Kleides. Nun trug sie nur einen winzigen  Slip. Sie betrachtete sich mit kritischen Augen.  „Du hast immer noch eine gottvolle  Figur“, sagte plötzlich jemand hinter ihr.  Sie fuhr erschrocken herum und  legte die Hände auf ihre großen Brüste. Vor ihr stand Perry Cobb. Er grinste sie an.  „Du brauchst nichts zu verdecken,  meine Schönste“, sagte er. „Es gibt  nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.“  Sie starrte ihn wütend an. „Das  war mal. Heute ist mein Anblick  nicht mehr für deine Augen bestimmt. Mach, daß du rauskommst!“  „Ich guck' dir schon nichts weg“,  sagte Cobb. Er fühlte sich jetzt ein  wenig sicherer. Ganz sicher würde er  sich aber erst in Annettes Apartment  fühlen, denn dort würde ihn niemand vermuten.  „Verschwinde!" verlangte Annette  scharf. „Ich möchte mich anziehen.“  „Ich habe nicht die Absicht, dich daran zu hindern.“  „Ohne daß mir jemand dabei zusieht!“ sagte Annette.  „Freust du dich nicht, mich wiederzusehen?“  „Wenn du's genau wissen willst – nein!“ antwortete Annette aggressiv.  „Wir waren mal zusammen. Es war ein Irrtum. Wir haben das einzig  Richtige getan, haben uns getrennt,  und nun läuft nichts mehr. Ich bin  froh, daß du in meinem Leben keine  Bolle mehr spielst, und da ist auch  kein Platz mehr für dich, Perry. Du  bist für mich ein Fremder. Warum  sollte ich mich freuen, einen Fremden zu sehen? Es ist auch nicht meine  Art, mich Fremden nackt zu präsentieren. Würdest du jetzt bitte gehen?“  „Ich muß mit dir reden, Annette“,  sagte Perry Cobb. Seine Miene verdüsterte sich.  „Warte draußen“, erwiderte die  Frau. „Aber ich sage es dir gleich: Ich  habe nicht viel Zeit für dich.“  „Du wirst sie dir nehmen“, knurrte  Perry. „Ach, und wieso? Etwa um der alten Zeiten willen?“ fragte Annette  schnippisch.  „Auch.“  „Die waren nicht so rosig. Ich habe  sie fast vergessen.“  „Du wirst dich an sie wieder erinnern“, verlangte Perry Cobb. „Und  du wirst mir helfen.“  „Welchen Grund sollte ich haben,  dir zu h . . .“  Er griff blitzschnell nach ihrem  Handgelenk und riß sie an sich. „Weil  ich es will. Verdammt, mach mich nicht wütend, Annette. Ich stecke in einer unangenehmen Klemme. Ich  bin in Gefahr. Sie sind hinter mir her. Sie wollen mich umbringen. Das kann dir doch nicht egal sein.“  „Wer will dich urnbringen?“ fragte  Annette erschrocken.  „Das geht dich nichts an.“  „Ach, aber Hilfe erwartest du  schon von mir.“

„Je weniger du weißt, desto besser ist es für dich“, sagte Perry Cobb.  „Los, zieh dich an. Du wirst mich in  deiner Wohnung verstecken.“ 

„Das kann ich nicht. Draußen wartet jemand auf mich. Er will mit mir ins Grüne fahren.“  „Ein Verehrer?“  „Wenn du so willst - ja.“  „Du stehst auf ihn?“  Sie schwieg. Aber auch das war eine Antwort für Cobb. Er ließ sie los  und forderte sie abermals auf, sich  anzuziehen. Sie schlüpfte in ihre  Jeans und zog eine moderne Bluse  an.  „Wie heißt der Typ, der auf dich wartet?“ wollte Perry Cobb wissen.  „Lester Scott.“  „Er wird vergeblich warten. Du  wirst ihn ein paar Tage nicht sehen.“  Annette sah ihn entgeistert an.  „Wie stellst du dir das vor? Er wird  anrufen.“  „Du wirst nicht ans Telefon gehen.“  „Dann wird er zu mir kommen“,  sagte Annette.  „Wir werden so tun, als wäre niemand zu Hause“, sagte Perry Cobb.  „Wir können uns auch eine glaubhafte Geschichte ausdenken, die du  ihm am Telefon erzählst, damit er  nichts unternimmt. Du mußt mir  helfen, Annette. Wenn du es nicht  freiwillig tust, zwinge ich dich dazu,  also sei vernünftig, und mach mir  keine Schwierigkeiten, denn die  kann ich jetzt nicht brauchen.“  Zorn funkelte in ihren großen Augen. „Wäre ich dir doch bloß nie begegnet.“  „Es ist aber nun mal passiert. Das  läßt sich nicht mehr ändern“, erwiderte Cobb.  Sie griff nach ihrer Handtasche.  „Können wir gehen?“ fragte Cobb.  Sie holte blitzschnell aus und  schlug zu, doch sie traf nicht, denn  Cobb fing ihren Arm ab.  Er war noch nie ein Gentleman gewesen. Er behandelte die Frauen genauso wie die Männer, wenn er wütend war. Sein Faustschlag traf Annette schmerzhaft. Sie fiel auf den  Boden und schluchzte.  „Du Schwein!" schimpfte sie. „Du  verdammter Mistker!“ „Tu das nicht noch mal!" schnauzte  Perry Cobb sie an. „Du weißt nicht,  wozu ich fähig bin. Ich bin ein Mann,  der nichts mehr zu verlieren hat.  Steh auf, wir gehen.“  Es gab eine Hintertür, durch die sie  sich entfernten.  „Wo steht dein Wagen?“ fragte  Perry Cobb.  Sie sagte es ihm.  „Gib mir die Schlüssel!" verlangte  er. „Ich fahre.“  Er stellte fest, daß sie einen neuen  Wagen hatte.  „Bar bezahlt?“ fragte er.  „Ich verdiene gut und lebe genügsam. „Wenn man so aussieht wie du, findest sich immer ein Lester Scott, dem  es ein Vergnügen ist, dir seine Großzügigkeit zu beweisen, nicht wahr?“ sagte Perry Cobb grinsend. „Du meinst, ich lasse mich von  Männern aushalten, um Geld zu sparen?“ sagte Annette wütend. „Warum  sagst du nicht gleich, ich bin eine  Nutte?“  Er schloß die Tür auf. „Steig ein  und halt den Mund. Du weißt, wie ich über Frauen denke. Ich habe keine gute Meinung von euch. Ihr prostituiert euch fast alle auf irgendeine  Weise. Ausnahmen bestätigen die  Regel.“  Er setzte sich ans Steuer und fuhr  los.  Der Wagen, der ihnen folgte, fiel ihm nicht auf. Hinter dem Volant saß  ein Albino, dem man ansah, wie  grausam er war. 

9

„Mr. Heard befindet sich in einer  Besprechung“, sagte die Wasserstoffblonde Sexbombe, deren Kleid aus  allen Nähten zu platzen drohte. „Wie  ist Ihr Name?  „Warner“, sagte Jack Baker. „Jack  Warner, schöne Frau. Wie kann es  sich Malcolm Heard leisten, Sie hier  zu beschäftigen? Sie müßten vor den  Kameras von ,Metropol Pictures' stehen. Der gute Mann kann doch nicht  blind sein.“  Die Blondine fühlte sich ungemein  geschmeichelt. Sie tastete verlegen  nach ihrer Frisur, in der sich so viel  Spray befand, daß selbst der heftigste Sturm sie nur verbiegen, aber  nicht zerstören konnte.  „Ich bin noch in Ausbildung“, verriet sie.  „Du meine Güte, was gibt es an Ihnen denn noch auszubilden?“ fragte  Jack mit gespielter Verblüffung. „Sie  sind doch schon perfekt. Wenn Sie  erst mal auf der Leinwand zu sehen  sind, haben Sie eine ganz steile Karriere vor sich. Denken Sie an Jack  Warners Worte.“  An den Wänden hingen Plakate  von Filmen, die „Metropol Pictures“  herausgebracht hatten. Ein paar von  ihnen waren ganz gut gelaufen. Jack  hatte sogar zwei dieser Streifen gesehen.  Inzwischen gab es die gesamte  Produktion in Videotheken zu holen.  Malcolm Heard setzte auf Action. Bei  Könnern ging diese Rechnung auch  fast immer auf, aber Heard brauchte  zusätzlich Glück, um mit seiner Billigware Erfolg zu haben. Kaum jemand, der für ihn arbeitete, hatte  Talent, und daran krankte es vor allem.  Nach der Besprechung meldete die  Wasserstoffblondine Jack Baker bei  dem Filmproduzenten an. Auch in  Heards Büro hingen Filmplakate.  Hier waren jene Streifen vertreten,  deren Einspielergebnis zufriedenstellend gewesen war.  Heard war exzentrisch gekleidet.  Er war ein attraktiver Mann, trug eine große schwarze Brille und hatte,  wie alle Kettenraucher, nikotinbraune Finger.  „Hallo, Mr. Heard“, sagte Jack und rieb sich grinsend die Hände. Mit federndem Gang näherte er sich dem Schreibtisch, hinter dem der Filmproduzent saß.  Heard nickte. „Mr. Warner“. Er  musterte ihn wahrscheinlich durch  die dunkle Brille. Jack konnte es ,nur  annehmen.  „Arnie Fame sagte, Sie hätten einen Jack B. für mich. Ich mache die gewagtesten Stunts; Man kann mich  mit 'nem Auto anfahren, aus ´nem  Zug werfen oder verbrennen. Ich  überstehe alles. Ich bin sogar schon  mal ohne Fallschirm aus 'nem brennenden Flugzeug gesprungen, ohne  mir den Hals zu brechen.“ 

„Wo sind Sie gelandet'?“ wollte  Heard wissen.  „Auf Pappkartons. War 'n verdammt haariger Zielsprung. Eine  Windbö wäre mir beinahe zum Verhängnis geworden. Es war 'ne echte  Sensation, die wir mit diesem Sprung  in den Kasten bekamen.“  Jack hoffte, daß Heard nicht auf die  glorreiche Idee kam, diesen Stunt in  seinen Film einzubauen.  Malcolm Heard nahm die schwarze  Brille ab. Er hatte eng zusammenstehende Augen und einen stechenden, beinahe hypnotischen Blick. Er  betrachtete Jack sehr aufmerksam und  hüllie sich in Zigarettenrauch ein.  Er sagte Jack, was ihn in etwa erwartete, und als dieser meinte, daß er  sicher den genannten Aufgaben gewachsen fühle, reichte er dem Detektiv die Hand und erklärte: „Sie  haben den Jack B., Mr. Warner.“ 

10

Blake Evans, der Albino, ließ einen  genügend großen Abstand, damit  Perry Cobb nicht merkte, daß er verfolgt wurde. Evans war ein Killer,  herzlos und zuverlässig, vergleichbar mit einer gut funktionierenden  Maschine.  Man drückte auf einen Knopf, und  die Maschine führte aus, was man  wollte. Wenn Blake Evans aktiv  werden sollte, mußte man ihm Geld  geben.  Die Hälfte im voraus, die andere  Hälfte, nachdem der Jack B. erledigt  war.  Diesmal hieß der „Jack B.“ Perry Cobb.  Evans hatte sich an die Fersen seines  Opfers geheftet und ließ es nicht  mehr aus den Augen. Er fuhr rücksichtsvoll und konzentriert, sorgte  dafür, daß er nicht auffiel. Er hielt  sich an die Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbeschränkungen. Er  trug gewissermaßen eine Tarnkappe, um den Auftrag nicht zu gefährden.  Perry Cobb fuhr in Richtung West  Channel. Der Albino vergrößerte  den Sicherheitsabstand. Seine rötlichen Augen, die von weißen Wimpern umgeben waren, waren so  scharf wie die eines Adlers.  Er wußte genau, wie weit er sich  risikolos zurückfallen lassen konnte,  und über diese vertretbare Grenze  ging er niemals hinaus. Cobb stoppte  jetzt vor einem Apartmenthaus.  Der Killer verlangsamte die Fahrt  und sah sich nach einer Parkmöglichkeit um. Sobald er eine entdeckt  hatte, fuhr er seinen Wagen an den  Randstein, stieg aber nicht aus, son-  dern wartete ab.  Cobb verließ Annettes Fahrzeug.  Auch die Frau stieg aus dem Auto.  Cobb griff nach ihrem Handgelenk, und an ihrer Haltung war zu erkennen, daß sie ihm höchst ungern folgte.  Die beiden verschwanden im  Apartmenthaus. Der Albino hatte es  nicht eilig, ihnen zu folgen. Er  brauchte nichts zu überstürzen. Perry Cobb war jetzt schon so gut wie tot.

11

„Wir drehen zur Zeit im Central  Park“', verkündete Malcolm Heard.  „Mochten Sie mitkommen, Mr. Warner?“

„Sehr gern“, sagte Jack Baker. „Bei  der Gelegenheit kann ich die Kollegen kennenlernen.“  „Ist ein gutes Team“, behauptete  Heard. „Die Leute werden Ihnen gefallen, und Sie werden ihnen gefallen.“ „Das hoffe ich“, sagte Jack und verließ mit Heard dessen Büro.  „Ich bin im Central Park,  Sally“  sagte der Filmproduzent im Vorbeigehen zu der wasserstoffblonden  Vorzimmerdame.  „Ist  gut, Mr. Heard“, flötete die  dralle Sekretärin. Der Blick, mit dem sie Jack streifte, war verheißungsvoll.  Sie verließen das schmalbrüstige  Haus.  „Wo steht Ihr Wagen?“ wollte  Heard wissen.  „Ich bin mit dem Taxi gekommen, Mr. Heart“, sagte Jack. „Ich besitze zur  Zeit keinen fahrbaren Untersatz.“ 

Details

Seiten
250
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901740
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311868
Schlagworte
fünf super krimis

Autoren

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Titel: Spitzen-Krimis von Top-Autoren: Fünf Super Krimis #2