Lade Inhalt...

Vier Romantic Thriller, Sammelband #4

2015 450 Seiten

Leseprobe

Vier Romantic Thriller, Sammelband #4

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Alfred Bekker: Vier Romantic Thriller Sammelband 4

Dieser Sammelband enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Die Gruft des bleichen Lords

Alfred Bekker: Die Angst verfolgt dich bis ans Ende

Alfred Bekker: Ein Hauch aus dem Totenland

Alfred Bekker: Das Geheimnis des Tempels

Alfred Bekker schrieb zahlreiche Romantic Thriller. Dunkle Geheimnisse, übernatürliche Bedrohungen, mysteriöse Begebenheiten – und eine Liebe, die sich dem Grauen widersetzt. Darum geht es in diesen packenden romantischen Spannungsromanen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author; Titelbild Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Gruft des bleichen Lords

von Alfred Bekker

––––––––

Eine junge Frau gerät in den Bann okkulter Mächte, als sie die Stellung als Verwalterin eines Landguts antritt – und der geheimnisvolle bleiche Lord wirft seinen dunklen Schatten auf sie...

1

Der Wind heulte klagend um die uralten Mauern von Dellmore Manor. Fensterläden klapperten. Es war bereits weit nach Mitternacht.

Edward Gaskell öffnete die schwere Holztür und trat ins Freie.

Der Wind zerrte an seinen Kleidern. Ihm fröstelte. Er schaute hinaus in die sturmdurchtoste Nacht.

Sein Blick glitt suchend umher. Bizarre Schatten tanzten auf den grauen Wänden der Nebengebäude.

Zögernd schritt Gaskell dann die fünf breiten Steinstufen des Portals hinab.

Wie ein verwaschener Fleck stand der Mond am Himmel und schimmerte durch die schnell dahinziehenden Wolken. Düsteren Schatten gleich erhoben sich die knorrigen, auf groteske Weise verwachsenen Bäume. Grauer Nebel war aus dem nahen See emporgestiegen. In dicken Schwaden kroch er über den Boden.

Immer neue geisterhafte Gestalten und Gesichter schienen sich in den wabernden Nebeln zu bilden. Der Schrei eines Raben durchdrang die Geräusche des Windes für einen kurzen Moment.

Dann sah Gaskell die Gestalt...

Sie hob sich als dunkler Schatten gegen den hellgrauen Nebel ab. Der Gang war schleppend. Ein eisiger Schauder überkam Gaskell, als er die Silhouette eines Dreispitzes erkannte...

Mein Gott!, durchzuckte es ihn. Sein Puls raste.

"Gaskell!", donnerte eine Stimme durch die Nacht. "Gaskell, bleiben Sie stehen, Sie Narr!"

Gaskell drehte sich halb herum. Jemand war auf das Portal getreten. Durch die offene Tür fiel Licht auf einen hochgewachsenen, hageren Mann, dessen falkenhaftes Gesicht Gaskell entgeistert anstarrte.

"Ich habe IHN gesehen, Sir Wilfried!", rief Gaskell. "Ich bin mir sicher. Dahinten..."

"Kommen Sie zurück, Sie Wahnsinniger!"

"Nein!", erwiderte Gaskell mit fester Stimme. "Ich will jetzt wissen, was hier vor sich geht!"

"Gaskell, nein!" Sir Wilfried streckte die Hand aus. Er trat einen Schritt vor, wagte sich aber nur bis zur ersten Stufe des Portals. Dann blieb er wie zur Salzsäule erstarrt stehen. Sein Gesicht war aschfahl geworden.

Auch Gaskell erstarrte.

Die Gestalt mit dem Dreispitz näherte sich. Der Mond beleuchtete ein bleiches Gesicht. Die Augen waren weit aufgerissen und ausdruckslos. Glasig schienen sie ins Nichts zu blicken. Unter dem Dreispitz quollen die Locken einer gepuderten Perücke hervor. Ein dunkler Mantel hing um seine Schultern und reichte beinahe bis zum Boden.

"Der bleiche Lord...", flüsterte Sir Wilfried ergriffen.

Seine Stimme vibrierte. Die knochendürren Finger hielten sich am steinernen Handlauf fest.

"Wer sind Sie?", fragte Gaskell an die düstere Gestalt gewandt. "Was wird hier eigentlich gespielt? Ich habe Sie durch das Fenster gesehen..."

Der Düstere antwortete nicht.

Seine leeren blicklosen Augen richteten sich auf Gaskell.

Dieser erschauerte bis in den tiefsten Grund seiner Seele.

Er wich einen Schritt zurück. Eine eigenartige Schwere fühlte er in den Beinen. Kälte kroch ihm den Rücken hinauf.

Eine Kälte, wie er sie nie zuvor gefühlt hatte...

"Nein", flüsterte Gaskell, während ihn das Grauen erfasste.

Im Gesicht des Düsteren veränderte sich etwas. Der dünnlippige Mund öffnete sich. Mit einem fauchenden Laut kam ein leuchtend weißer Nebel aus seinem Mund heraus und schoss in einer Fontäne auf Gaskell zu.

Gaskell taumelte einen Schritt zurück. Eine unsagbare Kälte erfasste in. Sein schauriger Todesschrei gellte durch die Nacht, während er zu Boden sank. Reglos blieb er am Boden liegen.

Der bleiche Lord senkte den Kopf.

Der Mond tauchte sein hageres Totengesicht in ein fahles Licht.

Sir Wilfried wich zurück zur Tür.

"Nein...", flüsterte er.

Der bleiche Lord hob die Hand.

Das Wiehern eines Pferdes ertönte. Dunkel hob sich die Silhouette des hochbeinigen Reittiers im Nebel ab. Das Pferd galoppierte auf den bleichen Lord zu und blieb dann stehen.

Der bleiche Lord wankte zu dem Reittier hin, schwang sich in den Sattel. Er wandte den Kopf. Einen Augenblick schienen seine leeren Augen Sir Wilfried zu musterten. Dieser war wie gelähmt. Angst kroch ihm wie eine grabeskalte, feuchte Hand den Rücken hinauf.

Dann riss der Reiter die Zügel seines Pferdes herum und ließ es direkt in den Nebel hineingaloppieren. Doch noch ehe die Nebelwand ihn wirklich verschluckt hatte, schien er transparent zu werden. Er löste sich auf. Nur das Getrappel der Hufe war noch eine ganze Weile zu hören und ließ Sir Wilfried bis ins Mark erschauern.

2

Die Scheibenwischer schafften es einfach nicht, für freie Sicht zu sorgen. Rebecca Jennings saß hinter dem Steuer ihres Coupes und blickte angestrengt durch die Frontscheibe.

Es war ziemlich spät geworden.

Die Dämmerung hatte sich erst wie grauer Spinnweben über das Land gelegt und nun war es schon beinahe ganz dunkel.

Ein Blitz zuckte grell aus den tiefhängenden, dunklen Wolken.

Der Regen prasselte nur so hernieder.

Gestehe es dir endlich ein!, dachte Rebecca. Du hast dich verfahren!

Die Straße war sehr schmal. Ihr Zustand war schlecht. Ein Schlagloch folgte dem nächsten. Sie zog sich durch ein Waldstück hindurch, wodurch die Sicht noch schlechter wurde.

Rebecca Jennings atmete tief durch.

Eine Verspätung war alles andere als ein gelungener Einstand in ihrer neuen Stellung!

Aber es war nun einmal nicht zu ändern.

Die Straßen waren immer schmaler und unwegsamer geworden und die Hinweisschilder immer spärlicher.

Geschlagene anderthalb Stunden schon fuhr sie in dieser gottverlassenen Gegend herum, seit sie die Autobahn aus Richtung London verlassen hatte. Und sie war sich nicht sicher, ob sie ihrem Ziel inzwischen ein paar Meilen näher gekommen war.

Wieder zuckte ein Blitz.

Der Donner peitschte kurz hinterher. Das Gewitter musste ganz in der Nähe sein. Der Regen nahm noch einmal an Heftigkeit zu. Der Wind bog Bäume und Büsche unbarmherzig in seine Richtung. Ein knackendes Geräusch übertönte sogar den Motor. Ein dicker Ast brach aus der Krone eines knorrigen Baumes heraus. Er krachte nieder, viel zu schnell, als dass Rebecca noch hätte reagieren können. Der Ast fegte über die Kühlerhaube des Coupes, rutschte ein Stück die Frontscheibe empor und glitt dann zur Seite auf die Straße.

Der Schrecken saß tief.

Rebecca fühlte, wie ihr der Puls bis zum Hals schlug.

Mein Gott, das war knapp!, ging es ihr durch den Kopf. Sie war froh, als sie das Waldstück hinter sich gelassen hatte.

Viel hätte sie in diesem Moment dafür gegeben, wenn diese Höllenfahrt zu Ende gewesen wäre!

Ein Schild tauchte auf.

Rebecca fuhr langsamer, bremste ab und las die verblassten Buchstaben.

Kerryhill, 3 Meilen.

Immerhin etwas!, dachte Rebecca. Sie hielt an, blickte auf ihre Karte. Kerryhill war offenbar so klein, dass es gar nicht verzeichnet war. Aber vielleicht gab es dort eine Tankstelle oder ein Gasthaus, wo sie nach dem Weg fragen konnte.

Sie fuhr weiter.

Wenig später tauchte der düstere Turm einer verwitterten Kirche auf. Als drohende Silhouette stand sie da. Verwachsene Bäume erhoben sich über den angrenzenden Friedhof. Um die Kirche herum gruppierte sich eine Handvoll Häuser.

Das war Kerryhill.

Ein Flecken, kaum ein Dorf zu nennen.

Es gab keine Tankstelle, aber ein Gasthaus mit dem Namen KERRYHILL INN. Rebecca parkte das Coupe vor dem verwittert wirkenden Haus. Der Regen hatte zwar etwas nachgelassen, aber oben, in den Wolken grummelte es nach wie vor.

An einen Schirm hatte Rebecca nicht gedacht.

Sie öffnete die Tür ihres Wagens und lief so schnell sie konnte zum Eingang des KERRYHILL INNs. Das schulterlange, brünette Haar klebte der jungen Frau bereits feucht am Kopf, als sie den Eingang erreichte. Die Tür war durch einen steinernen, moosbewachsenen Bogen geschützt. Die Tür war aus dunklem Holz gefertigt und machte den Eindruck, schon Jahrhunderte alt zu sein.

Rebecca wollte die Türklinke herunterdrücken, da zuckte sie zurück.

Sie starrte auf das fratzenhafte, aus Holz geschnitzte Löwengesicht, das sie hasserfüllt anblickte. Mit den Zähnen hielt das Löwengesicht einen dunklen Metallring, der wohl zum Klopfen gedacht war.

Rebecca öffnete die Tür. Sie trat in einen halbdunklen Raum.

Der Regen prasselte gegen die kleinen, butzenartigen Scheiben.

Außer dem Wirt befanden sich nur noch zwei Männer im Schankraum. Der eine saß an der Theke, der andere an einem Tisch in der Ecke.

Rebecca ging zum Schanktisch. Der Wirt war ein hochgewachsener, hohlwangiger Mann. Er starrte sie an wie einen leibhaftigen Geist.

"Guten Abend", sagte Rebecca.

"Guten Abend, Ma'am", knurrte der Wirt.

Rebecca fühlte sogleich die Blicke aller Anwesenden auf sich gerichtet. Als Fremder fiel man hier wohl sofort auf.

Das war nicht verwunderlich.

"Was wünschen Sie, Ma'am?", fragte der Wirt. Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos dabei. Ein Donner krachte indessen geradezu ohrenbetäubend. Das Licht im Raum flackerte für einen Augenblick. Rebecca zuckte unwillkürlich zusammen.

"Ich fürchte, ich habe mich etwas verfahren", sagte sie dann. Sie strich sich dabei eine feuchte Strähne aus dem Gesicht.

"Wo wollen Sie denn hin?"

"Dellmore Manor!"

"Oh!"

Die drei Männer wechselten bedeutungsvolle Blicke.

Schließlich fragte der Wirt: "Dann sind Sie die neue Verwalterin?"

"Ja", erwiderte Rebecca erstaunt. Die Welt schien hier sehr klein zu sein und Neuigkeiten sprachen sich offenbar schnell herum.

"Sie wirken sehr jung für den Job!", sagte der Wirt dann. Er schien es gewohnt zu sein, seine Gedanken sehr ungeschminkt zum Ausdruck zu bringen.

Rebecca atmete tief durch.

"Nun, ich gebe zu, dass es meine erste Anstellung ist. Aber ich habe meinen Beruf gelernt. Ich bin überzeugt davon, ein Landgut verwalten zu können - und wenn Lord Dellmore anderer Meinung gewesen wäre, hätte er mich wohl kaum eingestellt!"

Der Wirt zuckte die Achseln.

"Geht mich ja nichts an", knurrte er.

"Wie gesagt, ich habe mich etwas verfahren... Wenn Sie vielleicht so freundlich wären und mir den Weg sagen würden..."

"Sie fahren die Straße entlang bis zu einer Weggabelung. Dort geht es links weiter, dann vorbei an einem See. Ist schon fast verlandet, mehr ein Sumpf als ein See. Jedenfalls können Sie es dann nicht mehr verfehlen. Dellmore Manor liegt auf einer Anhöhe, die Straße führt direkt dort hin."

"Ich danke Ihnen... Kann ich mal telefonieren? Ich habe mich nämlich verspätet und möchte..."

"Das Telefon funktioniert im Moment nicht! Muss am Gewitter liegen."

"Trotzdem, vielen Dank."

"Alles Gute, Ma'am!"

Rebecca wandte sich wieder in Richtung der Tür.

Sie hatte sie kaum erreicht, da ließ der Klang einer heiseren Stimme sie zusammenzucken.

"Gehen Sie nicht nach Dellmore Manor", murmelte die Stimme.

Ein Donner folgte - wie ein gewaltiger Paukenschlag.

Rebecca blieb stehen. Sie strich das Haar zurück und blickte zum Tisch in der Ecke. Der Mann, der dort saß war schon älter, sein Gesicht faltig. In den wässrig blauen Augen flackerte es unruhig. Er stand auf, obwohl sein Bierglas noch halb voll war. Dann fasste er den dunklen Stock, den er gegen die Stuhllehne gestellt hatte. Am Griff befand sich ein geschnitzter Hundekopf. Der Alte wankte auf Rebecca zu. Dann blieb er stehen und musterte sie einige Augenblicke lang.

"Wissen Sie, was mit Ihrem Vorgänger geschah?" Der Alte kicherte.

Rebecca schluckte.

Sie spürte plötzlich ein deutliches Unbehagen in der Magengegend.

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Sir", sagte sie dann etwas steif.

Der Alte verzog das Gesicht.

"Ein Mann namens Gaskell war vor Ihnen Verwalter auf Dellmore Manor... Er ist tot, Ma'am!"

"Was soll das Gerede?", fragte sie etwas schroffer, als sie ursprünglich beabsichtigt hatte. "Und vor allem: Was hat das alles mit mir zu tun?"

"Dellmore Manor ist ein verfluchter Ort, Ma'am" sagte der Alte dann in gedämpftem Tonfall. "Ein Ort des Todes und der Verdammnis... Üble Geschichten ranken sich um diesen Herrensitz..."

"Mach der jungen Lady doch keine Angst mit deinen Schauergeschichten!", mischte sich der Wirt ein.

"Es ist die Wahrheit", wisperte der Alte. Sein Blick bohrte sich förmlich in Rebeccas Augen. Ein Schauder überkam sie dabei unwillkürlich. Das ist nur das Geschwätz eines wunderlichen Alten! versuchte sie sich einzureden. Aber ihr Gefühl sagte etwas anders... Das Unbehagen blieb.

"Hör auf, Kelly!", rief der Wirt. "Sei still!"

Der Alte zuckte die Achseln.

"Niemand will etwas von der Wahrheit wissen...", murmelte er. "Niemand..." Er wandte sich wieder herum und wankte zu seinem Tisch. Der Stock klapperte dabei auf den Parkettbohlen.

3

Etwas irritiert ging Rebecca wieder hinaus in die Dunkelheit.

Blitze zuckten in rascher Folge über den Himmel. Ein Donnergrollen folgte dem anderen. Der Regen prasselte mit unverminderter Heftigkeit hernieder. Rebecca schnellte zu ihrem Wagen, riss die Tür auf und setzte sich so schnell sie konnte ans Steuer. Sie startete den Wagen. Dann setzte sie das Coupe zurück und fuhr los.

Nach einiger Zeit erreichte sie die Weggabelung von der der Wirt gesprochen hatte.

Rebecca fuhr nach links.

Der Wagen erreichte kaum mehr als Schritttempo. Links und rechts war finsterste Nacht. Die Straße wurde immer schmaler und schlechter. Die Asphaltierung wich schließlich einer Pflasterung. Rebecca blickte angestrengt in die Nacht hinaus.

Der Beschreibung des Wirtes nach hatte sie eigentlich nicht damit gerechnet, dass sich die Strecke noch so lang hinzog.

Der seltsame Alte namens Kelly ging ihr die ganze Zeit über nicht aus dem Sinn. EIN ORT DES TODES UND DER VERDAMMNIS - das hatte er über Dellmore Manor gesagt. Noch bei der Erinnerung schauderte es ihr.

Rebecca beschleunigte etwas, als sie in der Ferne die Lichter auftauchen sah. Dunkel hoben sich einige Gebäude ab, die auf einer Anhöhe lagen.

Das musste Dellmore Manor sein, dessen Mauern jetzt wie düstere Schatten wirkten.

Endlich!, dachte sie.

Schon keimte Erleichterung in ihr auf.

Doch in der nächsten Sekunde musste sie scharf abbremsen.

Der Wagen rutschte über den regennassen Pflasterweg, ehe er schließlich stand.

Rebecca atmete tief durch.

Ihr Herz schlug wie wild.

Gebannt blickte sie hinaus in die Finsternis. Mitten auf der schmalen Straße erhob sich die Gestalt eines Reiters.

Es wirkte fast so, als wäre er aus dem Nichts heraus aufgetaucht.

Jetzt wurde er durch die grellen Scheinwerfer des Coupes angestrahlt, was ihn aber in keiner Weise zu beeindrucken schien. Er blieb mitten auf der Straße und machte keinerlei Anstalten, den Weg freizumachen.

Rebecca erfasste ein Gefühl des Unbehagens. Eine deutliche Prise Furcht mischte sich hinein. Und Verwunderung.

Mein Gott, was ist das für ein komischer Kauz?, ging es ihr durch den Kopf. Der Reiter sah aus, als ob er einem Kostümfilm entsprungen gewesen wäre. Seine Kleidung entsprach der eines Landedelmannes aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Ein Dreispitz auf dem Kopf, die gepuderte Perücke, deren Haar im Nacken mit einer Schleife zusammengefasst war, der dunkle Mantel um die Schultern, unter dem die blitzenden Knopfreihen seines Rocks ab und zu herschauten...

Von seinem Gesicht sah Rebecca nichts. Die Krempe des Dreispitzes warf einen Schatten darauf, so daß es nur wie ein dunkler Fleck aussah.

Was will der nur von mir?, fragte sie sich. Sie fuhr etwas näher an ihn heran, um deutlich zu machen, dass sie passieren wollte.

Der Reiter rührte sich nicht.

Wie ein Standbild wirkte er. Auf einmal wurde es Rebecca unwahrscheinlich kalt. Sie begann zu zittern. Der Reiter näherte sich jetzt.

Rebecca schluckte.

Was will er?, durchzuckte es sie.

Ein Blitz durchschnitt den wolkenverhangenen Nachthimmel.

Das Pferd wurde unruhig, stellte sich auf die Hinterhand. Und für einen kurzen Moment trat das Gesicht des Reiters aus dem Schatten der Hutkrempe heraus.

Rebecca erfasste ein eisiger Schauer.

Es war, als ob eine kalte Hand nach ihrem Herzen griff und es nicht mehr losließ.

Dieses Gesicht...

Wie das Gesicht eines Toten!, durchfuhr es die junge Frau.

Bleich, fahl und mit leerem Blick...

Der Reiter ließ das Pferd voranpreschen. Dicht an Rebeccas Coupe vorbei galoppierte er die Straße entlang. Rebecca sah ihm nach. Der dunkle Mantel wehte hinter ihm her wie die schwarzen Schwingen eines geisterhaften, gefiederten Fabelwesens. Und dann war er auf einmal nicht mehr da. So sehr sich Rebecca auch anstrengte, sie konnte ihn nicht mehr sehen.

Seltsamer Kauz!, dachte sie.

Doch das Unbehagen in ihrer Magengegend blieb.

4

Kurze Zeit später erreichte sie den auf einer Anhöhe gelegenen Herrensitz Dellmore Manor. Jedenfalls sprach alles dafür, dass sie hier richtig war. Dunkel ragten die Mauern des Haupthauses auf. Es gab noch ein paar Nebengebäude für Stallungen und Personal.

Rebecca stellte den Wagen in unmittelbarer Nähe des mächtigen Portals ab. Noch immer regnete es sehr heftig.

Sie stieg aus, beeilte sich die fünf breiten Steinstufen hinaufzulaufen und stand dann einen Augenblick später vor der großen, zweiflügeligen Holztür.

Sie klopfte an die Tür.

Eine Klingel konnte sie nirgends finden.

Sie klopfte ein zweites Mal. In einigen Räumen des Landsitzes hatte sie Licht brennen sehen, daher nahm sie an, dass auch jemand im Haus war.

Außerdem wurde sie ja auch erwartet - wenn auch vielleicht nicht zu dieser späten Stunde.

Rebecca lauschte. Es war nichts zu hören.

Während sie geklopft hatte, war ihre Hand über eine seltsame Erhebung auf dem Holz der Tür geglitten. Sie fühlte erneut darüber. Es war zu dunkel, um genau zu erkennen, worum es sich handelte. Wahrscheinlich irgend eine kunstvolle Schnitzarbeit, so vermutete sie.

Jetzt hörte sie schleppende Schritte auf der anderen Seite der Tür.

Jemand löste einen schweren Riegel.

Einen Augenblick später wurde der rechte Flügel einen Spalt geöffnet.

"Guten Abend", sagte Rebecca und blickte in das ausdruckslose Gesicht eines kahlköpfigen Mannes, der seiner äußerst konservativen und korrekten Kleidung nach ein Butler war. Der Butler überragte Rebecca um anderthalb Köpfe, obwohl er eine leicht gebeugte Haltung hatte.

"Guten Abend", sagte er.

"Ich bin doch hier richtig - auf Dellmore Manor!"

"Das sind Sie."

"Mein Name ist Rebecca Jennings..."

"Sie werden erwartet."

Der Butler öffnete die Tür zur Gänze und Rebecca trat ein.

Sie ging in einen hohen, fast hallenartigen Empfangsraum. An den Wänden hingen düstere Landschaftsbilder. Das Licht war gedämpft. Manchmal flackerte es nach heftigen Donnerschlägen.

"Bitte folgen Sie mir!", sagte der Butler dann.

Seine Stimme klang ausdruckslos, fast automatenhaft.

Er führte Rebecca eine breite Treppe hinauf, dann einen spärlich beleuchteten Flur entlang.

Der Butler öffnete eine Tür.

Rebecca trat in einen Raum, dessen Wände fast vollständig von Bücherregalen gefüllt waren. Ein dicker, ledergebundener Foliant stand neben dem anderen. Viele der Buchrücken waren von einer feinen Staubschicht bedeckt. Im Kamin brannte Feuer. Es knisterte.

"Sir Wilfried wird Sie gleich begrüßen, Miss Jennings", erklärte der Butler.

"Gut."

"Haben Sie bis dahin noch einen Wunsch?"

"Ja, meine Haare sind ziemlich nass geworden. Wenn Sie vielleicht ein Handtuch hätten..."

"Natürlich."

Mit ausdruckslosem Gesicht ging der Butler aus dem Raum.

Kurze Zeit später kehrte er zurück und reichte Rebecca ein weißes Frotteehandtuch. Sie trocknete sich das feuchte Haar und bemerkte aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Ein Teil der Bücherwand glitt zur Seite. Erst jetzt wurde sichtbar, dass sich dahinter eine zweite Tür befand, durch die nun ein hagerer, hochgewachsener Mann mit falkenhaftem Gesicht trat.

Sein Alter war schwer zu schätzen, aber die fünfzig hatte er deutlich überschritten. Seine Haltung wirkte sehr würdevoll, fast etwas steif. Seinem ganzen Gebaren haftete etwas Aristokratisches an.

Er reichte Rebecca die Hand.

"Guten Abend, Miss Jennings. Es freut mich, dass Sie doch noch zu uns gefunden haben."

"Sie sind..."

"Sir Wilfried Dellmore."

Die Ahnung eines Lächelns huschte über das blasse Gesicht des Herrn von Dellmore Manor. Seine Hand fühlte sich eiskalt an. Rebecca fröstelte unwillkürlich.

"Es tut mir leid, eigentlich ist es nicht meine Art, zu spät zu kommen", sagte sie. "Schon gar nicht, bei einem so wichtigen Termin. Schließlich tritt man nicht jeden Tag eine neue Stellung an."

"Schon gut, Miss Jenning. Es trägt Ihnen niemand etwas nach. Möchten Sie etwas trinken?"

"Nein, danke."

"Ich schlage vor, Sie geben Walter Ihren Wagenschlüssel. Dann kann er das Gepäck schonmal in ihr Quartier bringen."

Rebecca drehte sich zu dem Butler um. Mit reglosem Gesicht stand er da, fast wie eine Wachsfigur. Zunächst gab sie ihm das Handtuch zurück, dann sagte sie: "Der Wagen ist offen."

Walter erwiderte nichts.

Er nickte lediglich. Eine Geste, die schon beinahe an eine Verbeugung heranreichte.

Dann wandte er sich in Richtung der Haupttür und verließ die Bibliothek.

Die Nebentür, durch die Sir Wilfried eingetreten war, hatte sich indessen von selbst geschlossen. Mit einem lauten Klacken fiel sie ins Schloss.

Sir Wilfried verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Einer meiner Vorfahren ließ diese Tür einbauen", erläuterte er dann. "Wissen Sie, im achtzehnten Jahrhundert waren diese Dinge groß in Mode..."

"Nun, ich muss gestehen, dass ich etwas überrascht war."

"Es war keinesfalls meine Absicht, Sie zu erschrecken, Miss Jennings."

"Natürlich nicht."

"Sie hatten Schwierigkeiten, hier her zu finden?"

Rebecca nickte. "Ja, das kann man wohl sagen. Ich war schon ganz verzweifelt, aber zum Glück konnte man mir in Kerryhill weiterhelfen..."

Sir Wilfried beobachtete sie sehr aufmerksam. Rebecca zuckte innerlich zusammen, als sie dies bemerkte. Lord Dellmores Blick war von geradezu hypnotischer Intensität. In seinen Augen flackerte es unruhig.

"Das sind ziemlich verschlossene und abergläubische Leute dort", meinte Sir Wilfried. Dann zuckte er die Schultern. "Aber vermutlich werden die Bewohner von Kerryhill dasselbe über mich sagen!"

"Kurz bevor ich Dellmore Manor erreichte, hatte ich eine ziemlich merkwürdige Begegnung", sagte Rebecca.

"Ach, ja?"

Sir Wilfried hob die Augenbrauen.

"Ein Reiter - wie zu einem Kostümball angezogen. Er stand mitten auf der Straße und zuerst schien es so, als ob er mich nicht weiterfahren lassen wollte..."

Sir Wilfrieds Stirn legte sich in Falten.

"Was ist passiert?"

"Nichts. Er ist davongeritten und verschwand in der Nacht. Haben Sie eine Ahnung, wer das war?"

"Es gibt eine Reihe seltsamer Gestalten in dieser Gegend. Exzentriker ist ein freundlicheres Wort dafür..."

Sir Wilfried trat zu einem der hohen Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Es wirkte fast so, als suchte er nach etwas.

Schließlich drehte er sich wieder herum. Er schluckte.

"Es ist schon spät", stellte er fest. "Sie werden müde sein. Wenn Sie wollen dann, zeigt Walter Ihnen gleich Ihr Quartier. Und sollten Sie noch hungrig oder durstig sein, so wird er Ihnen alles zubereiten, was sich in unserer Küche herstellen lässt."

"Ich danke Ihnen."

"Morgen werde ich Sie dann in Ihre Aufgabe einweisen. Sie werden sich schnell hineinfinden. Mr. Gaskell - Ihr Vorgänger - hat gute Arbeit geleistet."

"Ich habe gehört, dass er verstorben ist..."

Sir Wilfrieds Gesicht versteinerte. Es war jetzt eine starre Maske.

"Hat man Ihnen das in Kerryhill erzählt?", fragte er dann.

Rebecca nickte. "Ja."

"Mr. Gaskell ist tatsächlich verstorben. Was hat man Ihnen noch erzählt?" Sein Ton war drängend. Rebecca irritierte das.

"Das war alles", berichtete sie. "Da war ein alter Mann... Kelly!"

"Ein Schwätzer. Sie sollten keinen Penny auf das geben, was er von sich gibt!"

5

Als der Butler Rebecca wenig später in ihr Zimmer führte, hatte draußen das Gewitter nachgelassen. Nur ab und zu war noch ein leichtes Donnergrollen zu hören. Der Regen verebbte langsam.

Das Zimmer war sehr groß. Die Möbel bestanden überwiegend aus edlen Antiquitäten.

"Wenn Sie etwas wünschen, dann läuten Sie bitte", sagte Walter, der Butler.

"Danke."

Rebecca entdeckte ihre Koffer vor dem Bett.

Sie ging zum Fenster. Als dunkle Umrisse hoben sich Bäume und Hügel ab. Der Regen hatte aufgehört und der Mond schimmerte als ein Oval durch die Wolkendecke hindurch. Aus der Ferne war noch leises Donnergrollen zu hören.

"Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mich jetzt zurückziehen", erklärte Walter.

"Natürlich habe ich nichts dagegen."

Die sehr förmlichen Umgangsformen des Butlers waren für Rebecca ziemlich gewöhnungsbedürftig.

Der Butler hatte die Tür fast erreicht, da hielt ihn Rebeccas Stimme noch einmal auf.

"Sagen Sie, gab es eigentlich viele Bewerber für die Verwalterstelle auf Dellmore Manor?"

Walter drehte sich herum. Sein Gesicht verriet nicht einen Hauch dessen, was in ihm vor sich gehen mochte. Seine Lippen waren ein dünner Strich.

"Diese Dinge besprechen Sie am besten mit Sir Wilfried", gab der Butler dann reserviert zurück.

"Sie möchten diskret sein, das verstehe ich."

"Es ist eines der wichtigsten Merkmale meines Berufes, Miss Jennings!"

"Natürlich, Walter! Aber ich glaube nicht, dass das eine Sache ist, die gewissermaßen der Geheimhaltung unterliegt!"

In Rebeccas Zügen zeigte sich ein gewinnendes, wenn auch etwas mattes Lächeln. Sie war müde.

Walter hielt einen Augenblick lang ihrem Blick stand, dann sagte er: "Soweit ich mich erinnern kann, waren Sie die einzige Bewerberin, Miss Jennings."

"Und warum? Dies ist doch eine hervorragende Chance für jeden Berufsanfänger! Und gut bezahlt wird sie auch! Selbst ein Betriebswirt mit mehrjähriger Erfahrung in seinem Job könnte damit vollauf zufrieden sein!"

"Ich kann mich dazu nicht äußern, Miss Jennings!"

Diesmal blieb er eisern. Er wandte sich herum und verließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Raum. Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Tür ins Schloss.

Ein eigenartiger Ort ist dies! ging es Rebecca durch den Kopf. Alles wirkte hier so alt und dem Verfall preisgegeben... Ein feuchter Modergeruch schien dem gesamten Anwesen anzuhaften - ebenso wie jene düstere Stimmung, von der hier alle befallen zu seinen schienen. Rebecca inzwischen eingeschlossen.

Das macht das schlechte Wetter!, versuchte die junge Frau sich einzureden. Kein Wunder, wenn man bei diesem Wetter trübe Gedanken bekommt!

Aber in ihrem tiefsten Inneren begann sie zu ahnen, dass es nicht so war.

Sie dachte an das, was sie heute schon alles erlebt hatte.

Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge. Der alte Mann namens Kelly mit seinen düsteren Andeutungen und den flackernden, wässrig blaue Augen. Immer wieder musste Rebecca an dieses Augenpaar denken.

Was hatte aus ihm gesprochen?, ging es ihr durch Kopf.

Furcht? Nein, mehr als das...

Stummes Entsetzen.

Rebecca dachte an den düsteren Reiter mit dem Dreispitz, der ihr einen gewaltigen Schrecken eingejagt hatte. Selbst jetzt lief es ihr noch kalt über den Rücken, wenn sie ihn lediglich in ihrer Vorstellung sah.

Mach dir nicht so viele Gedanken, Rebecca!, versuchte sie sich zu sagen. Du bist hundemüde und abgespannt - und vielleicht verstehst du die Hinterwäldler dieser Gegend einfach noch nicht gut genug. Ein paar Exzentriker gibt es schließlich überall. Auch im weltoffenen London...

Rebecca gähnte.

Sie schlug die Bettdecke zur Seite - und schrie aus Leibeskräften!

6

Es dauerte nur wenige Augenblicke, da waren sowohl der Butler als auch Sir Wilfried ins Zimmer gestürzt.

"Was ist geschehen?", fragte Sir Wilfried mit besorgter Miene.

Rebecca starrte entgeistert auf das aufgeschlagene Bett.

Ihre Augen waren schreckgeweitet. Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals. Einige Augenblicke lang war sie unfähig, auch nur eine einzigen Ton herauszubringen.

Dann atmete sie tief durch.

"Es tut mir leid", sagte sie dann. "Ich hätte nicht gleich so hysterisch losschreien dürfen, aber als ich die Decke zur Seite schlug..."

Sir Wilfried sah auf das Bett.

Eine Handvoll Knochen waren dort zu sehen, die zu einem Pentagramm zusammengelegt worden waren.

"Das sind Hasenknochen", stellte Sir Wilfried sachlich fest. Er wandte sich an Rebecca. "ICH bin es, der sich entschuldigen muss, Miss Jennings. Es war keineswegs die Absicht, Sie zu erschrecken."

"Aber - was soll das?"

"Ich kann nur raten", erklärte Sir Wilfried. "Wissen Sie, unser Zimmermädchen Gabrielle ist sehr abergläubisch. Ich nehme an, sie hat es nur gut gemeint - auf ihre Weise..."

"Gut gemeint?", echote Rebecca verständnislos. "Es ist ekelhaft!"

"Selbstverständlich. Walter, sorgen Sie dafür, dass das Zeug wegkommt und bringen Sie ein frisches Laken."

"Sehr wohl, Sir", erwiderte der Butler auf seine gewohnt ausdruckslose Weise.

Sir Wilfried trat auf Rebecca zu. Deren Erschrecken war inzwischen einer guten Portion Ärger gewichen. "Ich werde Gabrielle zur Rede stellen, das verspreche ich Ihnen."

"Was ist das für ein Aberglaube, der diese Gabrielle anhängt?", fragte Rebecca.

"Ich nehme an, sie wollte Sie vor dem Einfluss böser Mächte schützen", erläuterte Sir Wilfried. Sein Lächeln wirkte gekünstelt. "Wissen Sie, ein Fluch soll angeblich über diesem Haus und seinen Bewohnern liegen." Seine Stimme wurde etwas leiser, klang jetzt fast brüchig. "Und vielleicht hat sie sogar recht", setzte er dann düster hinzu. Sein Blick wirkte jetzt nach innen gekehrt. Die Augenbrauen zogen sich sorgenvoll zusammen.

7

Rebecca fand trotz ihrer Müdigkeit keinen erholsamen, tiefen Schlaf. Immer wieder wälzte sie sich hin und her, erwachte schweißgebadet aus wirren Träumen und saß dann kerzengerade im Bett.

Der Puls schlug ihr dann bis zum Hals, sie zitterte vor Angst und erinnerte sich jedesmal dunkel an einen grausigen Reigen phantastischer Fabelwesen, die ihr im Traum erschienen waren. Formlose Ungeheuer, aus denen plötzlich Arme herauswuchsen, weit aufgerissene Mäuler mit scharfen Zähnen, glutäugige Wesen, die aus nichts als reiner Finsternis zu bestehen schienen...

Aber nur an eine dieser Gestalten konnte Rebecca sich hinterher noch in allen Einzelheiten erinnern.

An den düsteren Reiter mit dem Dreispitz - jenen Reiter, der ihr auf dem Weg nach Dellmore Manor begegnet war.

Immer wieder versuchte sie endlich Schlaf zu finden.

Aber ihre Bemühungen waren vergeblich.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als das Klappern eines Fensterladens sie hochfahren ließ. Ein Schwall unklarer Traumerinnerungen wogte in ihrem Kopf, als sie die Bettdecke zur Seite schlug und langsam begriff, dass sie jetzt wach war.

Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, strich sich das schulterlange, brünette Haar in den Nacken. Barfuß und in ihrem weißen Nachthemd ging sie zum Fenster.

Einen Moment lang sah sie vor ihrem inneren Auge wieder jenes Gesicht auftauchen, dass sie auch in ihren chaotischen Träumen gesehen hatte.

Das bleiche Gesicht des düsteren Reiters!

Der Blick seiner toten Augen ließ sie erschauern.

Sie versuchte den Gedanken an dieses Gesicht abzuschütteln, dessen Anblick sie buchstäblich verfolgte.

Es war wohl alles ein bisschen viel für dich in der letzten Zeit!, ging es ihr durch den Kopf. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste sie. Sie glaubte für einen Moment, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Dann erreichte sie das Fenster.

Sie stützte sich mit der Linken gegen den Rahmen. Draußen regnete es längst nicht mehr. Die Wolkendecke war sogar an einigen Stellen aufgerissen. Hier und da waren Sterne zu sehen. Nebel krochen in dicken Schwaden aus den Niederungen empor. Sie ähnelten in erschreckender Weise den formlosen Geschöpfen, die Rebeccas Traumwelt bevölkert hatten.

Ein hartes Klappern riss sie endgültig ins Hier und Jetzt, wie sie glaubte. Der Wind schlug den Fensterladen gegen die Wand. Offenbar hatte sich die Halterung gelöst. Rebecca öffnete das Fenster. Ein kühler Luftzug wehte herein. Eine Gänsehaut bildete sich auf ihren bloßen Unterarmen.

Sie beugte sich hinaus.

Das Geräusch eines galoppierenden Pferdes ließ Rebecca mitten in der Bewegung innehalten.

Noch bevor die düstere Reitergestalt sich durch die Nebelschwaden hindurch abzeichnete, hatte sie geahnt, dass ER es war. Das Mondlicht tauchte den Reiter mit dem Dreispitz in ein fahles Licht und ließ ihn unwirklich und gespenstisch erscheinen.

Vor dem Haupthaus von Dellmore Manor zügelte er sein Pferd.

Einen kurzen Moment blickte er hinauf zu Rebeccas Zimmer.

Dieses bleiche Totengesicht!, durchzuckte es die junge Frau.

Namenloses Entsetzen erfasste sie. Ihr Blick begegnete den toten, starren Augen des Reiters.

Er muss eine sehr gute Maske haben!, dachte sie schaudernd. Aber das Unbehagen, das sie empfand, ließ sich damit nicht verscheuchen.

Der Reiter stieg ab, ließ sein Pferd stehen.

Das Tier stand da, wie ein Standbild, so starr und tot.

Der bleiche Reiter ging gemessenen Schrittes die fünf Stufen des Portals empor.

Dann klopfte er gegen die Tür.

"Sir Wilfried!", rief er. "Öffnet die Tür! Ihr wisst, dass Ihr Euch vor mir nicht verstecken könnt!"

Ein schauderhaftes Lachen folgte, das schließlich in einem röchelnden Laut ausklang.

Und dann sah Rebecca etwas, das ihr schier die Sprache verschlug.

Der Mann mit dem Dreispitz schien transparent zu werden.

Deutlich war der Handlauf der Steintreppe durch ihn hindurch zu sehen. Er trat vor und ging dann einfach durch die Tür hindurchzugehen, so als wäre sie überhaupt nicht vorhanden.

Im nächsten Augenblick war der Düstere verschwunden.

Nur sein Pferd stand noch da, regungslos wie eine Statue.

Rebecca zitterte vor Furcht.

Was geschieht hier?, durchzuckte es sie voller Verzweiflung.

Da war einerseits diese Erscheinung - ein besseres Wort hatte sie dafür im Moment nicht. Eine Erscheinung, die nicht zu erklären war, jedenfalls nicht mit dem, was die Vernunft akzeptierte.

Und andererseits die Furcht davor, vielleicht wahnsinnig zu sein.

Das, was du gesehen hast, KANN es nicht geben!, hämmerte sie sich ein. Es ist unmöglich. Eine Illusion oder...

Der Beginn einer Geisteskrankheit.

Die Antwort, die sie sich selbst gegeben hatte, ließ sie schlucken. Sie war zu plausibel, um sie einfach abtun zu können. Schließlich wäre sie keinesfalls die erste gewesen, bei der sich der drohende Wahnsinn durch eigenartige Erscheinungen angekündigt hatte.

Mein Gott, was soll ich tun?

Für einen Moment erinnerte sie sich an die Worte des alten Kelly. Vielleicht war dies tatsächlich ein verfluchter Ort.

Jedenfalls konnte Rebecca sich nicht erinnern, jemals zuvor unter Wahnvorstellungen oder etwas ähnlichem, gelitten zu haben.

Die junge Frau hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn in diesem Moment gellte ein schauerlicher Schrei durch die düsteren Mauern von Dellmore Manor! Ein Schrei, so heiser und verzweifelt, dass man glauben konnte, er dringe direkt aus der Hölle ins Reich der Lebenden.

8

Einige Augenblicke lang war Rebecca wie gelähmt gewesen. Dann schloss sie das Fenster, verließ das Zimmer und ging hinaus auf den Flur. Lautlos glitten ihre bloßen Füße über den kalten Steinboden.

Schließlich erreichte sie die Eingangshalle.

Als sie oben vom Treppenabsatz aus hinunterblickte, sah sie Sir Wilfried am Boden liegen.

Der Butler beugte sich über ihn.

"Was ist passiert?", fragte Rebecca, während sie die Treppe hinunterging.

Walter drehte sich ruckartig herum.

Sein sonst regungsloses Gesicht drückte Erstaunen aus.

"Sie, Miss Jennings?"

"Ich habe den Schrei gehört..."

"Sir Wilfried hat einen Herzanfall erlitten. Den Arzt habe ich bereits angerufen. Dr. Harris ist auf dem Weg hier her."

Rebecca näherte sich dem am Boden liegenden Lord Dellmore.

Er atmete schwer. Walter hatte ihm den Hemdkragen und die Knöpfe seiner Anzugweste geöffnet. Offenbar war Sir Wilfried trotz der späten Stunde noch gar nicht im Bett gewesen.

Sir Wilfried stöhnte etwas auf.

Walter versuchte, ihm aufzuhelfen.

Rebecca blickte sich um.

"Wo ist der Mann mit dem Dreispitz?"

Sowohl Walter als auch Sir Wilfried bedachten Rebecca mit einem Blick, den die junge Frau nicht zu deuten wusste.

"Hier ist niemand", behauptete Walter.

"Ich habe ihn gesehen!", erwiderte Rebecca. "Durch das Fenster meines Zimmers..."

Das Wiehern eines Pferdes schrillte durch die gespenstische Stille.

Dann war das Getrappel galoppierender Hufe zu hören.

Rebecca schnellte zur Tür.

Ich muss es wissen!, durchzuckte es sie. Ich muss wissen, ob ich verrückt bin oder meinen Sinnen noch trauen kann!

Sie hatte die Tür noch nicht erreicht, da blieb sie plötzlich stehen. Sie erstarrte, blickte mit weit aufgerissenen Augen auf etwas dunkles, das auf dem Fußboden lag. Es befand sich im Schatten, deshalb hatte sie es zunächst nicht bemerkt.

Ein Pentagramm!

Es war - genau, wie jenes, das sie in ihrem Bett gefunden hatte - aus Knochen gelegt worden.

Rebecca hörte, wie das Geräusch des galoppierenden Pferdes schwächer wurde. Sie schnellte vor, schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Tür. Kühl und feucht war es draußen.

Der Wind, der ihr dünnes Nachthemd wie nichts durchdrang, war eisig.

Barfuß ging sie über den kalten Stein, bis zur ersten Stufe des Portals.

Eine geradezu geisterhafte Szenerie bot sich ihr da. Die wallenden Nebel wirkten wie eine formlose Masse, aus der sich immer neue Fabelgestalten zu bilden schien. Gestalten, die dem Reich ihrer Alpträume entstiegen zu sein schienen.

Angestrengt starrte sie in die Dunkelheit.

Das Geräusch der Pferdehufen verlor sich.

Einen Augenblick lang glaubte sie noch, einen schwarzen Umriss durch die hellgrauen Nebelschwaden hindurchschimmern zu sehen. Aber sie war sich nicht vollends sicher, ob sie sich das nicht einbildete.

So sehr sie sich auch anstrengte, es war niemand zu sehen.

"Miss Jennings!", rief Walter ihr nach.

Sie achtete nicht auf den kahlköpfigen Butler. Statt dessen ging sie weiter, die eiskalte Treppe hinab. Die Kälte stieg ihr die Beine empor und erfasste schon nach wenigen Augenblicken jede Faser ihres Körpers. Sie presste die Lippen aufeinander.

Dann blickte sie auf den Boden.

Durch die offenstehende Tür fiel genügend Licht nach draußen, um die Hufspuren im aufgeweichten Boden zu sehen.

Rebecca ging geradewegs darauf zu, beugte sich dann nieder und fühlte mit der Hand nach den Vertiefungen.

Ich bin nicht verrückt!, dachte sie. An dem, was ihre Hände fühlten, konnte es keinen Zweifel geben! Sie hatte einen Reiter gesehen und dies waren ohne jeden Zweifel Pferdespuren!

"Miss Jennings!", rief Walter. Sie hörte seine Schritte die Steinstufen hinuntereilen. Der Butler fasste sie am Arm und zog sie empor. "Kommen Sie herein!"

"Was fällt Ihnen ein!"

"Hören Sie..." Er atmete tief durch und stockte. Zum ersten Mal sah Rebecca so etwas wie eine Regung im Gesicht des Butlers.

Er hat Angst!, dachte sie.

Seine Augen wichen ihrem Blick aus. Walter sah hinaus in die Nacht, so als würde er etwas suchen.

Etwas oder jemanden.

Dann blickte er Rebecca ernst an. "Sie werden sich den Tod holen, Miss Jennings!"

9

Walter hatte Sir Wilfried in den Salon gebracht. Er lag dort auf einem Diwan, den ein Vorfahre des Lords von Dellmore aus Indien mitgebracht hatte. Rebecca zog sich schnell etwas an.

Ein Paar Jeans und einen Pullover. An Schlaf war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken.

Rebecca war gerade fertig, als sie hörte, wie ein Wagen vorfuhr.

Sie blickte aus dem Fenster. Es war ein Geländewagen. Der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann, der aus dem Fahrzeug gestiegen war, hatte eine Arzttasche in der Hand. Rebecca schätzte ihn auf höchstens dreißig Jahre alt.

Die Haustür öffnete sich. Der Butler trat hinaus und wechselte ein paar Worte mit ihm.

Rebecca ging hinunter in den Empfangsraum.

Das erste, was ihr auffiel war, dass das aus Hasenknochen gebildete Pentagramm verschwunden war. Jemand hatte die Knochen weggeräumt - aus welchem Grund auch immer.

Ein Flur führte zum Salon. Walter wartete dort.

"Was ist mit Sir Wilfried?", fragte Rebecca den Butler.

"Dr. Harris untersucht ihn gerade", berichtete Walter.

Rebecca sah den Butler einige Augenblicke lang prüfend an.

"Haben Sie den Mann mit dem Dreispitz wirklich nicht gesehen?"

"Miss Jennings, mir ist im Moment nicht nach Scherzen zu Mute."

"In der Nähe der Tür lagen Knochen auf dem Boden. Es war genau so, wie am Abend, als ich meine Bettdecke aufschlug. Die Knochen bildeten ein Pentagramm..."

"Miss Jennings, meine Gedanken sind im Moment bei meiner Herrschaft. Nirgendwo sonst. Ich bete dafür, dass Sir Wilfried überlebt. Es liegt mir fern, Sie maßregeln zu wollen, aber ich muss schon sagen, dass mich Ihre Fragen sehr befremden!"

Seine Stimme klirrte wie Eis.

Rebecca wusste instinktiv, dass sie gegen eine Mauer anzurennen versuchte. Natürlich vergeblich. Aber sie spürte auch sehr deutlich, dass es irgendein düsteres Geheimnis in den uralten Mauern von Dellmore Manor gab. Ein Geheimnis, über das sie vielleicht besser Bescheid wusste, wollte sie nicht selbst in Gefahr geraten. Ein Kribbeln machte sich in ihrer Bauchgegend bemerkbar. Es war ein unangenehmes Gefühl der Anspannung.

An was für einen Ort bin ich hier nur geraten!, ging es ihr durch den Kopf.

Schließlich öffnete sich die Tür zum Salon.

Der junge Arzt trat heraus. Das weiche Licht, das im Flur herrschte unterstrich die Ebenmäßigkeit seiner Züge. Seine Augen waren grün. Ihre Farbe erinnerte Rebecca unwillkürlich an das Rauschen des Meeres und den Geruch von Seetang.

"Sir Wilfried hat Glück gehabt", sagte Dr. Harris. "Ich habe ihm ein Medikament verabreicht. Morgen früh sehe ich nochmal nach ihm. Auf jeden Fall ist es kein Infarkt..."

"Das beruhigt mich sehr", erklärte Walter.

Dr. Harris sah zu Rebecca hinüber.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke und schienen Augenblicke lang zu verschmelzen.

Harris trat dann auf Rebecca zu und reichte ihr die Hand.

"Mein Name ist Jim Harris. Ich habe hier in der Gegend meine Praxis", erklärte er.

Er lächelte.

Und der Blick, mit dem er Rebecca bedachte, ging ihr durch und durch, ebenso, wie der sonore Klang seiner tiefen Stimme.

"Ich bin Rebecca Jennings, die neue Verwalterin von Dellmore Manor!"

"Das freut mich zu hören", lächelte Harris. "Ich nehme an, dass wir uns dann in Zukunft des öfteren über den Weg laufen. Ich bin nämlich Sir Wilfrieds Hausarzt - und leider benötigt er meine Hilfe recht oft."

Harris hielt Rebeccas Hand eine Augenblick länger, als es notwendig gewesen wäre. Die junge Frau fühlte, wie ihr ein wohliger Schauer den Arm hinauflief.

"Was ist mit Sir Wilfried geschehen?", fragte Rebecca dann.

Jim Harris hob die Augenbrauen.

"Ich nehme an, dass ihn irgend etwas erschreckt hat, Miss Jennings..."

"Der Reiter!", stellte Rebecca fest.

Und Walter erklärte sofort: "Miss Jennings glaubt felsenfest, einen Reiter gesehen zu haben, aber ich denke, da haben ihr ihre überreizten Sinne einen Streich gespielt. Sie ist erst heute - unter gewissen Schwierigkeiten! - hier eingetroffen und..."

"Ich weiß, was ich gesehen habe!", wehrte sich Rebecca. "Und vor dem Haus sind Hufspuren zu sehen!"

"Nun", sagte Harris etwas ausweichend. "Es wird Sir Wilfried sehr bald besser gehen. Vielleicht fragen Sie ihn einfach selbst, was ihn so erschreckt hat!"

"Es war ein Reiter hier! Er stieg von seinem Pferd und ging zur Tür. Dann klopfte er heftig..." Rebecca brach ab. Alles, was sie nun noch hätte sagen können, wäre ihr selbst absurd vorgekommen, wenn es jemand anderer geäußert hätte. Der Mann mit dem Dreispitz hatte die Tür durchdrungen, war auf geheimnisvolle Weise transparent geworden...

Wie ein Geist!, ging es Rebecca durch den Kopf.

"Sie wollten noch etwas sagen, Miss Jennings?", fragte Harris.

Rebecca schüttelte den Kopf.

"Schon gut", murmelte sie.

Harris sah auf die Uhr. "Wir werden uns in Kürze ohnehin alle wiedersehen, wie ich annehme. Dann unterhalte ich mich gerne ausführlicher mit Ihnen, Miss Jennings - falls es Ihre Zeit zulässt. Schließlich werden Sie sich ja auch in Ihre neue Stellung einarbeiten müssen..."

Der Butler brachte Harris zur Tür.

Rebecca folgte ihnen. Gemeinsam gingen sie die steinernen Stufen hinab, die vom Portal hinunterführten.

Rebecca blieb plötzlich wie erstarrt stehen.

Ihr Blick war suchend auf den Boden gerichtet.

Die tiefen Hufspuren, in die sie vor kurzem noch ihre Finger gelegt hatte, waren verschwunden. So, als hätte es sie nie gegeben.

"Was ist los, Miss Jennings?", fragte Harris, der die Veränderung bemerkt hatte, die mit Rebecca geschehen war.

Er ging zu ihr, sah die Verzweiflung im Gesicht der jungen Frau, verstand sie aber nicht.

"Nichts", murmelte Rebecca. "Es ist nichts..."

Sie zwang sich zu einem matten Lächeln.

Jim Harris erwiderte es.

Einen Moment lang versank ihr Blick in seinen sympathischen grünen Augen. Sie atmete tief durch.

"Bis morgen", sagte Harris mit einem dunklen Timbre, das auf sie eine geradezu elektrisierende Wirkung hatte.

"Bis morgen", flüsterte sie.

10

Sonnenstrahlen und das Motorengeräusch von Jim Harris' Geländewagen weckten Rebecca am nächsten Morgen. Ihr erster Gedanke war, dass sie zu spät dran war. Aus irgendeinem Grund hatte der Wecker nicht geklingelt, den sie sich gestellt hatte.

Hastig begann sie sich anzuziehen. Einen Moment lang verweilte sie dann am Fenster und blickte hinaus.

Die grauen Nebelschwaden, die in der Nacht aus den Niederungen und dem nahen See emporgestiegen waren, hatten sich verflüchtigt.

Ein freundlicher Herbsttag hatte begonnen.

Aber trotz des Sonnenscheins lag eine eigenartige Düsternis über der Umgebung von Dellmore Manor. Die Bäume waren verwachsen und wirkten wie bizarre Skulpturen. Das Grün der ausgedehnten Rasenflächen wirkte matt, das Wasser des kleinen Sees grau und modrig.

Jenseits des Sees lag ein Hügel, auf dem sich eine Baumgruppe befand. Selbst auf die Entfernung hin war zu erkennen, das in einige der dicken, verwachsenen Stämme der der Blitz hineingefahren sein musste. Rebeccas Augen wurden schmal. Eine graues Gemäuer glaubte sie auf der Anhöhe zu erkennen.

Rebecca ging wenig später in den Salon.

Der Butler hatte dort bereits das Frühstück aufgedeckt.

"Guten Morgen, Miss Jennings", sagte er. "Bitte setzen Sie sich. Nehmen Sie Zucker in den Tee?"

"Nein, danke. Wie geht es Sir Wilfried?"

"Er braucht noch etwas Ruhe, aber ich denke, dass er Sie im Laufe des Tages in Ihre Aufgabe einweisen wird, Miss Jennings."

"Das freut mich zu hören."

"Darf ich den Tee jetzt einschenken?"

"Gerne..."

Rebeccas Blick wurde durch die Reihe von großformatigen Portraitbildern gefangengenommen, die die hohen Wände des Salons zierten. Sie näherte sich den Portraits. Eine lange Reihe von Männern und Frauen, deren Ähnlichkeit mit Sir Wilfried Dellmore nicht zu leugnen war. Eine Art Ahnengalerie seiner Vorfahren...

Das Bild eines bleichen, hageren Mannes ließ Rebecca vor Schreck erstarren.

Nein, dachte sie. Das kann nicht wahr sein!

Sie musste unwillkürlich schlucken.

Der Mann auf dem Bild war in einen geckenhaften, bunten Anzug aus der Zeit des Rokoko gekleidet. Den Dreispitz hielt er mit eleganter Lässigkeit in der Linken, während die Rechte auf einen Stock mit goldenen Verzierungen gestützt war.

Das Gesicht war es, das Rebecca so fesselte.

Bleich gepuderte Züge, fast so blass wie das Gesicht eines Toten. Die Haut wirkte wie Pergament. Die blutleeren Lippen waren ein dünner Strich.

"Miss Jennings...", sagte Walter.

"Wer ist dieser Mann?", fragte sie.

"Das ist das Portrait von Sir Malcolm Dellmore... Er lebte vor über 250 Jahren."

Das ist er!, durchzuckte es sie. Jener Reiter, der ihr gestern zweimal begegnet war. Sie war sich absolut sicher.

Die Gesichtszüge waren die gleichen.

Das ist unmöglich!, meldete sich eine mahnende Stimme in ihr. Du bewegst dich auf einem schmalen Grat, Rebecca...

Du stehst direkt vor einem dunklen Abgrund...

Ein Schauder erfasste sie.

Was geschieht mit mir?, ging es ihr durch den Kopf. Warum sehe ich Dinge, die es nicht geben kann?

Rebecca drehte sich herum und setzte sich an den Frühstückstisch. Walter rückte ihr dabei den Stuhl zurecht.

Jim Harris betrat jetzt den Raum.

"Möchten Sie auch ein Gedeck, Mr. Harris?", erkundigte sich Walter.

"Nein danke", erwiderte der Arzt. "Aber zu einer Tasse Tee sage ich nicht nein."

"Sehr wohl."

Harris näherte sich dem Tisch, an dem Rebecca saß.

"Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

"Natürlich."

Er setzte sich in einen der zierlichen Polsterstühle, bei denen es sich zweifellos um Antiquitäten handelte. Wenig später kam Walter mit einer Tasse Tee. Anschließend zog er sich diskret zurück.

"Was veranlasst eine junge, lebenslustige Frau dazu, in diese Einöde zu ziehen?", fragte Harris.

"Der Job", erwiderte Rebecca. "Wenn man frisch von der Uni kommt, wird einem in der Regel nicht gleich angeboten, ein Landgut selbstverantwortlich zu verwalten. Eine solche Chance darf man sich nicht entgehen lassen..."

"Das ist ein Argument. Naja, vielleicht bringen Sie ja etwas Leben in dieses graue Gemäuer."

"Und Sie, Mr. Harris?"

"Nennen Sie mich Jim."

Sie lächelte. "Wenn Sie mich Rebecca nennen."

"Ich bestehe darauf!"

Ihrer beider Blicke trafen sich und Rebecca genoss diesen Augenblick. Vorsicht, dachte sie. Du verlierst gerade deinen Kopf... Der junge Arzt gefiel ihr. Seine Ausstrahlung war sympathisch und der Klang seiner Stimme schien eine fast magische Wirkung auf sie zu haben. Rebecca war etwas verwirrt. In ihrem Inneren herrschte ein ziemlich großes Durcheinander unterschiedlicher Empfindungen. Aber eins stand für sie schon jetzt fest: In Jim Harris' Gegenwart fühlte sie sich sehr wohl.

"Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet", stellte sie fest. "Ich nehme an, Landarzt in einer Gegend zu sein, die Sie selbst als Einöde bezeichnet haben, ist nicht gerade das, wovon man träumt, wenn man beginnt, Medizin zu studieren!"

Jim lächelte.

"Das mag sein... Ich habe zunächst in einer Londoner Klinik gearbeitet. Dann starb mein Vater und ich kehrte hier her zurück - dorthin, wo ich aufgewachsen bin. Ich übernahm die Praxis meines Vaters in Kerryhill. Im Grunde ging es mir wie Ihnen, Rebecca."

"In wie fern?"

"Es war eine Chance für mich, die ein Arzt in meinem Alter normalerweise nicht so schnell bekommt. Eine eigene Praxis..."

"Ich verstehe."

"Natürlich übernahm ich auch die Patienten meines Vaters..."

"Wie Sir Wilfried!"

"Sie sagen es."

Das Gespräch plätscherte so dahin. Aber Rebecca genoss Jims Anwesenheit und den Klang seiner Stimme. Der Blick seiner meergrünen Augen faszinierte sie. Sie fühlte sich in diesem Moment rundum wohl. Vielleicht zum ersten Mal, seit sie Dellmore Manor betreten hatte. Für einige Augenblicke konnte sie die düstere Aura vergessen, die über diesem Ort zu hängen schien.

Schließlich sah Jim Harris auf die Uhr und erhob sich.

"Es tut mir leid, Rebecca. Aber ich muss jetzt los. Die Patienten warten..."

"Natürlich."

"Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder."

"Gerne, Jim!"

Er nahm ihre Hand. Und wieder hielt er sie einen Augenblick länger, als notwendig.

11

Der Vormittag verlief mehr oder weniger ereignislos. Sir Wilfried war noch nicht so weit, dass er sich um seine neue Verwalterin kümmern konnte und so erkundete Rebecca auf eigene Faust das Anwesen.

Immer wieder blickte sie dabei zu jenem Gemäuer, das das sich auf der Anhöhe jenseits des Sees befand. Sie fragte Walter, worum es sich dabei handelte.

"Dort ist die Familiengruft derer von Dellmore", erläuterte der Butler mit ausdruckslosem Gesicht. "Seit Jahrhunderten werden dort die Gebeine der Herren von Dellmore Manor zu Grabe getragen." Nach einer kurzen Pause fügte er dann noch hinzu: "Ich hoffe, Sie sind ein wenig beeindruckt, Miss Jennings! So weit Sie jetzt schauen können, gehören die Ländereien zum Besitz von Sir Wilfried. Aber Sie werden sich über all das sicherlich noch einen Überblick verschaffen."

"Hat Sir Wilfried Kinder?", fragte Rebecca.

"Nein, Miss Jennings. Er ist der Letzte der Dellmores..."

Am Nachmittag empfing Sir Wilfried Rebecca dann in der Bibliothek. Er war gerade in die Lektüre eines dicken Folianten vertieft. Vorsichtig blätterte er die brüchig gewordenen Seiten um.

Als Rebecca eintrat, blickte er auf.

"Es tut mir leid, dass ich mich nicht eher um Sie kümmern konnte, Miss Jennings. Aber manchmal treten Dinge ein, die niemand von uns vorherzusagen vermag..." Sein Blick bekam etwas in sich gekehrtes. Er wirkte fast verstört.

Was ist es, das ihn dermaßen erschreckte?, ging es Rebecca durch den Kopf.

Rebeccas Blick blieb an dem aufgeschlagenen Lederfolianten hängen, den Sir Wilfried auf den Knien liegen hatte. Rebecca fielen einige eigenartige Zeichen auf. Pentagramme, Sechsecke, Tierköpfe...

Sir Wilfried klappte das Buch zu. Er erhob sich und stellte es an seinen Platz im Regal. Auf dem Buchrücken las Rebecca den Titel. MAGISCHE RITUALE stand dort in goldgewirkten Lettern zu lesen. Rebeccas Blick glitt die Reihe der ledereingefassten Buchrücken entlang. Sie versuchte die Titel zu lesen. Gestern, als sie zum ersten Mal diesen Raum betreten hatte, hatte sie nicht darauf geachtet. Doch nun wuchs ihr Interesse von Augenblick zu Augenblick.

Zahllose Bände über Okkultismus und übersinnliche Phänomene befanden sich in den Regalen. Dazu Bücher über die Praxis der schwarzen Magie, Geisterbeschwörung und Totenerweckung.

"Sie interessieren sich für Okkultismus?", fragte Rebecca.

Sie dachte an die Knochenpentagramme.

"Wenn man das Interesse für das Ungewöhnliche so nennen will - ja!" Ein Lächeln spielte plötzlich um Sir Wilfrieds dünne Lippen. "Und Sie?", fragte er dann. "Wie stehen Sie zu jenen Dingen, für die unsere Wissenschaft noch keine Erklärung hat, weil sie sich im Grunde seit Jahrhunderten in eingefahrenen Bahnen bewegt und eine ganze Ebene der Existenz einfach ignoriert!"

Rebecca wich aus.

"Sie wissen, dass ich Betriebswirtschaft studiert habe...", sagte sie.

"Gewiss."

"Und Betriebswirten sagt man doch nach, dass sie überaus nüchtern sind."

"Wie schade, Miss Jennings. Wie schade... Allerdings glaube ich Ihnen nicht so recht."

"Ach nein?"

"Vielleicht kenne ich Sie besser, als Sie sich selbst, Miss Jennings."

"Wohl kaum..."

"Wir wollen uns nicht streiten. Dafür bin ich noch nicht kräftig genug. Außerdem liegt mir nichts daran, Sie in irgendeiner Weise zu verärgern." Ein leicht spöttischer Zug erschien nun auf seinem Gesicht. "Schließlich müsste ich mir dann wieder einen neuen Verwalter suchen..."

Rebecca nutzte die Gelegenheit, um auf ihren Vorgänger zu sprechen zu kommen, über dessen Schicksal sie nach wie vor nichts weiter wusste, als düstere Andeutungen und Gerüchte.

Aber nichts Konkretes.

"Ich habe gehört, Mr. Gaskell ist sehr plötzlich verstorben..."

Sir Wilfrieds Gesicht veränderte sich.

"Ja, das ist wahr", gab er zu.

"War er krank?"

"Mancher trägt den Keim seines Untergangs bereits in sich, ohne es zu ahnen."

Sir Wilfried blickte ins Nichts, während diese düsteren Worte mit heiserer Stimme über eine Lippen kamen. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Er wandte den Kopf. "Mr. Gaskell starb an Herzversagen". murmelte er dann. "Aber sprechen wir nicht mehr über diese Dinge..." Er zwang sich zu einem Lächeln. "Wenden wir uns der Gegenwart zu. Ich zeige Ihnen Gaskell Arbeitszimmer, in dem von nun an Sie residieren werden. Dann mache ich Sie mit den Mitarbeitern bekannt."

Sir Wilfried erhob sich.

Sie folgte Sir Wilfried, der sie einen langen Flur entlangführte, der in den Westflügel des Haupthauses von Dellmore Manor führte.

Das Büro, das er ihr dann zeigte, wirkte sehr repräsentativ. Der Schreibtisch war kunstvoll verziert und ohne Zweifel ein Vermögen wert.

"Dies war Gaskells Büro", erläuterte Sir Wilfried. "Er war ein sehr akribischer Mann. Sie werden sicher keinerlei Schwierigkeiten haben, sich in den Unterlagen zurechtzufinden."

"Das denke ich auch."

"Sir Wilfried, darf ich Sie etwas fragen?" Rebecca sah den Letzten der Dellmores sehr ernst an. Sir Wilfried erwiderte ihren Blick. Seine Augenbrauen zogen sich zwischen den Augen zusammen, so dass sein Gesicht etwas Falkenhaftes bekam.

"Fragen Sie!", forderte er dann.

"Was war es, das Sie gestern Nacht gesehen haben?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", stellte Sir Wilfried fest. Das Vibrieren seiner Stimme verriet die Unsicherheit.

Er wandte den Blick.

"Was hat Sie so erschreckt, dass Sie..."

"Fragen Sie mich das nie wieder, Miss Jennings", erwiderte Sir Wilfried schroff. "Tun Sie einfach nur Ihre Arbeit und kümmern Sie sich um sonst nichts. Habe ich mich klar ausgedrückt?"

Rebecca nickte.

"Ja", murmelte sie. "Das war deutlich."

12

Für den Rest des Tages bekam Rebecca Sir Wilfried nicht mehr zu Gesicht. Sein Versprechen, sie den Mitarbeitern vorzustellen, hielt er nicht ein. Statt dessen war Rebecca gezwungen, auf eigene Faust die verschiedenen Betriebe zu besuchen, die zum Landgut der Dellmores gehörten. Da war insbesondere eine Brauerei, aus der der Großteil der Einnahmen stammte.

Nach und nach lernte Rebecca auch, sich besser in der Gegend zurechtzufinden. Bei Tag war das auch um einiges leichter als bei Dunkelheit.

Es war bereits früher Abend, als Rebecca nach Dellmore Manor zurückkehrte. Die Dämmerung hatte sich bereits wie ein graues Leichentuch über die Umgebung gelegt. Die ersten Nebelschwaden krochen vom See empor.

Angst stieg in Rebecca auf. Immer wieder blickte sie sich angestrengt um. Aber von dem geheimnisvollen bleichen Reiter war an diesem Abend nichts zu sehen.

Rebecca stellte ihren Wagen in der Nähe des Portals ab und stieg aus.

Vor einem der erleuchteten Fenster im Obergeschoss sah sie die Silhouette von Sir Wilfrieds hochgewachsener Gestalt. Er hatte die Arme gehoben. Seine heisere Stimme murmelte eigenartige Worte. Er sprach so laut, dass Bruchstücke davon auch draußen noch zu hören waren.

Ein seltsamer Mann!, ging es Rebecca durch den Kopf. Sie hatte während des Studiums mit Freunden an einer Seance teilgenommen. Aber das war mehr oder weniger ein Partygag gewesen. Keiner der Teilnehmer hatte das ernst genommen oder wirklich an die Anwesenheit übernatürlicher Mächte geglaubt.

Aber bei Sir Wilfried war das etwas anderes.

Für ihn schien die Beschäftigung mit dem Okkultismus eine Art Besessenheit zu sein.

Einen Moment noch schaute Rebecca der gestikulierenden Schattengestalt zu.

Dann ging sie die Steinstufen des Portals empor.

Eine junge Frau mit kinnlangem Pagenschnitt kam durch die Tür. Rebecca hatte sie bis dahin noch nie gesehen. Unter dem dünnen Regenmantel schaute die schwarze Uniform eines Zimmermädchens hervor.

Das muss Gabrielle sein!, dachte Rebecca. Jene Gabrielle, die verdächtigt worden war, das Knochenpentagramm in Rebeccas Bett gelegt zu haben.

"Guten Abend", sagte Rebecca.

Die junge Frau sagte nichts. Sie starrte Rebecca nur an, drückte sich dann an ihr vorbei und lief eilig die Stufen hinunter.

Die eigenartigen Worte, die Sir Wilfried ausstieß vermischten sich mit den Geräuschen des Windes.

Die junge Frau blieb stehen, drehte sich herum und rief dann: "Miss Jennings..."

"Ja?"

Das Zimmermädchen atmete heftig.

"Dies ist ein Ort des Unglücks... Verlassen Sie ihn, solange Sie noch können!"

"Sie sind Gabrielle, nicht wahr?"

"Ja."

Sie zögerte etwas mit der Antwort. Wie angewurzelt stand sie da. Rebecca stieg die Stufen zu ihr hinunter.

"Haben Sie das Knochenpentagramm in mein Bett gelegt?"

Sie blickte Rebecca mit weit aufgerissenen Augen an, gab aber keine Antwort.

Rebecca wertete das als Geständnis. "Erklären Sie mir die Bedeutung..."

Gabrielle drehte sich herum, lief mit schnellen Schritten auf eines der Nebengebäude zu, hinter dem sie dann verschwand.

"Gabrielle!", rief Rebecca ihr nach. Sie reagierte nicht.

Einen Augenblick später war das Motorengeräusch eines Wagens zu hören.

"Gabrielle ist etwas wunderlich", erklärte der Butler später gegenüber Rebecca, als er ihr das Diner in den Salon servierte. "Sie wohnt in Kerryhill und gilt als etwas verrückt. Wahrscheinlich würde ihr sonst niemand einen Job geben. Aber Sir Wilfried ist ein gutherziger Mann."

Rebecca begann sich zu fragen, ob Sir Wilfried das wirklich nur aus Nächstenliebe tat - oder ob er vielleicht schlicht und ergreifend niemand sonst gefunden hatte, der bereit war, auf Dellmore Manor zu arbeiten.

13

Es war schon sehr spät, als Dr. Jim Harris noch einmal auf Dellmore Manor auftauchte, um nach seinem Patienten zu sehen.

Rebecca saß in ihrem Zimmer und war in die Bilanzen des letzten Jahres vertieft.

Rebecca legte die Bilanzen zur Seite und lief hinunter in den großzügigen Empfangsraum. Jim konnte sie hier nicht verfehlen. Sie fühlte freudige Erwartung in sich. Ein kribbelndes, aufgekratztes Gefühl, das sie den arbeitsreichen Tag, den sie hinter sich hatte, beinahe völlig vergessen ließ.

Ein Gefühl, das zweifellos durch Jim verursacht wurde.

Der Besuch des Arztes bei Sir Wilfried dauerte nicht lange.

In Begleitung von Walter, dem kahlköpfigen Butler mit den reglosen Zügen, kam er die Treppe hinunter.

Jim Harris lächelte, als er Rebecca sah.

Der Blick seiner meergrünen Augen ließ ihr Herz schneller schlagen.

"Hallo, Jim", sagte sie.

Jim ging auf sie zu, fasste ihre Hand und erwiderte: "Ich fürchtete schon, Ihnen heute Abend gar nicht mehr zu begegnen..."

"Wenn das alles ist, was Sie so an Ängsten plagt, Jim!"

Sie lachten beide. Rebecca fiel auf, dass er noch immer ihre Hand hielt.

Und dann spürte sie, dass irgend etwas nicht stimmte. Eine Sekunde später wusste sie, was es war.

Sein Lachen!, durchzuckte es sie. Es ist nicht so unbeschwert, wie es sein sollte...

Sein Blick musterte sie einen Augenblick.

Dann drehte Jim sich kurz zu dem wie eine Statue dastehenden Butler herum und sagte dann: "Dem Patienten geht es den Umständen entsprechend gut, Walter. Ich denke, ich werde morgen nochmal nach ihm schauen..."

"Sir Wilfried sagte doch, dass das nicht nötig sei", erwiderte Walter schroff.

"Ich kann mich nicht entsinnen, dass Sir Wilfried ein Medizinstudium absolviert hat!", erwiderte Jim augenzwinkernd.

Dann fügte er scherzend hinzu: "Walter, seien Sie nicht so herzlos und nehmen mir meinen einzigen Vorwand, mich mit dieser bezaubernden jungen Lady zu treffen!"

Scherze dieser Art schienen irgendwie nicht auf Walters Wellenlänge zu liegen. Nicht eine einzige Regung zeigte sich in seinem Gesicht.

Rebecca sagte: "Ich werde Dr. Harris zur Tür begleiten..."

"Wie Sie wünschen, Miss Jennings", war die kühle Erwiderung.

14

Gemeinsam stiegen Rebecca und Jim einen Augenblick später die steinernen Stufen des Portals von Dellmore Manor hinab.

Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Der Mond tauchte alles in ein bleiches Licht.

Ein kalter Wind fegte über das Land und ließ Rebecca unwillkürlich frösteln. Suchend glitt ihr aufmerksamer Blick umher.

Nicht den Verstand verlieren!, versuchte sie sich selbst zu sagen. Da ist niemand...

Sie gingen auf den Geländewagen des Arztes zu.

Plötzlich blieb Jim stehen.

Das Mondlicht spiegelte sich seinen Augen.

Seine Hand strich leicht und mit unglaublicher Zärtlichkeit über ihr Kinn.

"Ich mag Sie, Rebecca", sagte er. "Sie sind eine faszinierende Frau..."

Ein Kloß steckte ihr im Hals. Sie war unfähig auch nur einen einzigen Laut hervorzubringen.

Jim fuhr dann in gedämpfter und sehr ernst klingender Tonlage fort: "Ich möchte Ihnen dringend einen Rat geben, was Sir Wilfried angeht... Sir Wilfried und alles, was mit diesem modrigen Gemäuer in Zusammenhang steht..."

Er hob den Blick empor, zu jenen Fenstern im Obergeschoss, hinter denen auch jetzt Sir Wilfrieds schattenhafte Gestalt zu sehen war. Jetzt rief er keine eigenartigen Beschwörungsformeln in längst vergessenen Sprachen. Und er hob auch nicht die Arme wie der Schamane eines abergläubischen Steinzeitvolkes. Er stand einfach am Fenster und schien hinaus in die Dunkelheit zu blicken.

Er beobachtet uns! durchfuhr es Rebecca, während sie fühlte, wie die Gänsehaut sich auf ihrem Körper ausbreitete.

"Glauben Sie an Flüche, Jim?", fragte Rebecca dann.

"Nein. Aber Wahnsinn - das ist eine Realität..."

"Sie meinen..."

"Seien Sie vorsichtig, passen Sie auf sich auf und achten Sie auf jedes Detail, das Ihnen merkwürdig vorkommt." Dann sah er sie einen Augenblick an. "Gute Nacht", fügte er dann hinzu.

"Gute Nacht, Jim."

"Wir unterhalten uns ein anderes Mal. Mit weniger Ohren, die uns zuhören..."

"Okay..."

Rebecca sah Jims Geländewagen noch lange nach, bis er schließlich von der Dunkelheit völlig verschluckt wurde.

15

Am nächsten Tag arbeitete Rebecca den Vormittag über in ihrem Büro. Am Nachmittag besuchte sie noch einmal die zu Dellmore Manor gehörende Brauerei.

Als sie am Spätnachmittag auf dem Weg zurück nach Dellmore Manor war, kam ihr auf der Straße nach Kerryhill ein Geländewagen entgegen, den sie nur zu gut kannte.

Es war der Wagen von Dr. Jim Harris.

Jim hielt den Wagen direkt neben ihrem Coupe. Auch Rebecca hielt an. Die Seitenscheiben wurden heruntergelassen.

"Es freut mich Sie zu sehen, Rebecca!", sagte er mit dem umwerfenden Lächeln und dem unvergleichlichen Blick seiner meergrünen Augen.

"Hallo, Jim!", erwiderte Rebecca.

"Sie haben ein bisschen die Gegend erkundet?"

"Das gehört zu meinem neuen Job. Ich muss mir schließlich einen Überblick verschaffen."

"Verstehe. Ich wohne übrigens ganz in der Nähe. Wenn Sie wollen, dann können Sie eine Tasse Tee bei mir bekommen...

Wenn Sie mich fragen, es ist höchste Zeit dafür."

"Nun..."

"Bitte! Ich muss mit Ihnen sprechen, Rebecca..."

Seine Stimme hatte plötzlich etwas Ernstes, Drängendes.

Rebecca fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Sie nickte schließlich. "Okay, Jim."

"Drehen Sie und fahren Sie hinter mir her! Wie gesagt, es ist nicht weit!"

16

Jims Haus lag am Rande von Kerryhill, gerade noch in Sichtweite der Kirche und des pittoresken Friedhofs. Im Obergeschoss befanden sich die Wohnräume, der untere Teil des Hauses wurde beinahe vollständig von der Praxis eingenommenen.

Eine junge Frau mit rotblondem Haar und Sommersprossen begrüßte Jim. Sie trug einen weißen Kittel und war offensichtlich seine Sprechstundenhilfe. Rebecca warf sie einen misstrauischen Blick zu.

"Das ist Miss Jennings, die neue Verwalterin von Dellmore Manor", erläuterte Jim Harris knapp.

"Eine Patientin?"

"Noch noch nicht. Im Moment geht es ihr Gott sei Dank recht gut", erwiderte Jim. Die Sprechstundenhilfe fand das nicht besonders witzig.

Dann berichtete sie: "Guy McMohan war eben hier. Er fragte, ob sie vielleicht nachher nochmal wegen seiner Kuh vorbeischauen könnten. Leider war Ihr Handy nicht in Betrieb..."

"Der Akku ist wohl leer", erwiderte Jim. "War sonst noch was?"

"Nein."

"Dann können Sie jetzt meinetwegen für heute Schluss machen, Sally."

"Wie Sie meinen."

Bevor sie ging bedachte sie Rebecca noch einmal mit einem abschätzigen Blick.

Als sie nicht mehr im Raum war, fragte Rebecca:; "Ich dachte, Sie wären ein Arzt für Menschen!"

"Das bin ich auch. Aber Guy McMohan meint, dass der Unterschied zwischen Kühen und Menschen nicht groß genug sei, um dafür extra einen Tierarzt herzubemühen. Da müsste er zu weit fahren..." Jim zuckte die Achseln. "Schon mein Vater hat sich um McMohans Kühe gekümmert. Er würde es einfach nicht verstehen, wenn ich das jetzt anders handhaben würde..."

Rebecca blickte in Jims Gesicht und fühlte ein angenehmes Kribbeln.

Gib es zu!, sagte eine Stimme in ihr. Du hast dich bis über beide Ohren verliebt, auch wenn du es vielleicht noch nicht so richtig wahrhaben willst!

Jim nahm sie bei der Hand. Die Berührung bewirkte einen wohligen Schauer, der Rebecca den Arm hinauffuhr. Ihr Blick traf sich mit dem seinen - und für einen Augenblick verschmolzen sie miteinander.

"Kommen Sie", sagte er. "Ich hatte Ihnen eine Tasse Tee versprochen!"

"Allzu lange kann ich nicht bleiben. Ich habe noch eine Menge Arbeit auf Dellmore Manor! Schließlich muss ich mich erst in die Betriebsdaten einarbeiten... Drei Monate lang war das Gut ohne Verwalter..."

"Ja, es war nicht so leicht für Sir Wilfried, einen Nachfolger für Gaskell zu finden."

"Kannten Sie ihn?"

"Natürlich. Das ist eines der Dinge, über die ich mit Ihnen reden möchte..."

Rebecca schluckte und sah ihn entgeistert an.

Sie zog ihre Hand zurück.

"Was meinen Sie?"

"Gaskells Tod. Rebecca, ich will ihnen keineswegs unnötig Angst machen, aber ich bin überzeugt davon, dass Sie in Gefahr sind..."

17

Jim führte sie in ein gediegen eingerichtetes Wohnzimmer, das so wirkte, als würde es nicht sonderlich oft benutzt.

"Um ehrlich zu sein, ich habe nicht oft Gäste", sagte Jim, als er den Tee brachte. "Ich komme einfach nicht dazu. Ich bin der einzige Arzt weit und breit. Und gerade viele ältere Leute misstrauen den Kliniken in der Stadt. Das bedeutet für mich, dass ich im Grunde rund um die Uhr Bereitschaft habe."

"Sie wollten mir etwas über Gaskell sagen", erinnerte ihn Rebecca. "Sir Wilfried sagte mir, er sei an Herzversagen gestorben."

"Ja, das ist richtig. Aber die Umstände waren äußerst merkwürdig. Sehen Sie, Herzversagen ist eigentlich nur ein Symptom, kein Krankheitsbild. Es kann durch alles mögliche ausgelöst werden, unter anderem durch Erfrieren..."

"Erfrieren?", echote Rebecca.

Jim erriet ihre Gedanken. "Als Gaskell starb, war es Sommer. Das wollten Sie doch sagen, oder?"

"Ich verstehe nicht..."

"Das geht mir ebenso. Aber glauben Sie mir, ich habe den Totenschein ausgefüllt. Der tote Gaskell trug Spuren von Erfrierungen, ganz eindeutig. Er war mit Eiskristallen bedeckt."

"Wo starb er?"

"Auf Dellmore Manor. Die Polizei rekonstruierte die Nacht seines Todes schließlich auf folgende Weise: Er erwachte, weil irgend etwas ihn geweckt hatte. Vielleicht einer der furchtbaren Alpträume, die ihn seit einiger Zeit plagten. Er war deswegen bei mir, um sich ein Schlafmittel verschreiben zu lassen. Etwas, von dem niemand weiß, was es war, hat ihn dazu veranlasst, hinaus ins Freie zu gehen. Es war eine sturmdurchtoste Nacht. Die ersten Boten des Frühherbstes fegten über das Land... Es war Sir Wilfried, der ihn fand. Ich versuchte, eine Obduktion zu veranlassen, aber Polizei und Staatsanwaltschaft waren anderer Ansicht. Vielleicht ließ Sir Wilfried seine exzellenten Beziehungen spielen, wer weiß..."

Rebecca sah Jim verständnislos an.

"Warum sollte er so etwas tun?"

"Ich habe keine Ahnung, Rebecca! Ich weiß nur, dass er sich von Anfang an dagegen gesträubt hat."

"Jim, worauf wollen Sie eigentlich hinaus?"

"Auch, wenn ich die Todesursache letztlich nicht genau kenne - ich bin überzeugt davon, dass Gaskell keines natürlichen Todes starb."

"Sie meinen, er wurde ermordet?"

Jim antwortete darauf nicht direkt. Er stand auf, ging zu einem rustikal wirkenden Schrank, holte einen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete ihn. Rebecca blickte auf eine Reihe mit staubigen Akten.

"Was ist das?", fragte Rebecca.

"Das sind die Krankenunterlagen meines Vaters, der über Jahre hinweg jeden Krankheits- und jeden Todesfall akribisch dokumentiert hat, der in dieser Gegend vorgekommen ist. Rebecca, dieser Mr. Gaskell ist nicht der einzige, der im Verlauf der letzten Jahrzehnte unter ebenso seltsamen Umständen gestorben ist. Die Merkmale gleichen sich in mindestens einem Dutzend Fällen, verteilt über viele Jahre."

"Was ist Ihre Erklärung dafür?", fragte Rebecca.

"Ich habe keine", sagte Jim sehr ernst. "Ich weiß nur, dass Gaskell mir gegenüber von einem Geheimnis sprach und, dass Sir Wilfried nicht nur in Gaskells Fall alles dafür tat, eine genauere Untersuchung zu verhindern..."

"Aber..."

"Rebecca, hören Sie mir zu!", sagte Jim geradezu beschwörend. "Ich fand nach langer Suche eine Gemeinsamkeit zwischen all den Toten..."

"Und die wäre?"

"Ich brauchte lange, um das herauszufinden. Ich fragte herum und nach und nach gewann ich das Vertrauen der Leute. Rebecca, die meisten der auf diese seltsame Weise Verstorbenen nahmen mit großer Wahrscheinlichkeit an seltsamen, okkulten Ritualen teil, die Sir Wilfried auf Dellmore Manor durchführte..."

"Ich weiß, dass Sir Wilfried ein ausgesprochenes Interesse für das Übernatürliche hat..."

"Ich bin Arzt, Rebecca. Ich glaube nicht an derlei Unsinn. Aber ich weiß, dass es genug Beispiele dafür gibt, dass Menschen bei solchen Ritualen umgekommen sind! Ich halte Sir Wilfried für..."

"Einen Wahnsinnigen?", fragte Rebecca und erhob sich nun ebenfalls.

Jim zuckte die Achseln. "Verstehen Sie nun, weshalb ich Sie warnen muss? Sir Wilfried betreibt absurde Studien. Sie brauchen sich nur die Literatur anzusehen, mit der seine Bibliothek vollgestopft ist. Ein harmloser Exzentriker, könnte man meinen. Aber er ist nicht allein..."

"Was soll ich machen?", fragte Rebecca. "Meinen Job aufgeben?"

"Auf jeden Fall sollten Sie vorsichtig sein... Ich weiß, dass ich nicht viel mehr in der Hand habe, als die Krankenunterlagen meines Vaters und die Berichte, die mir ein paar Leute aus der Gegend hinter vorgehaltener Hand gegeben haben... Zu wenig für nüchtern denkende Menschen, zu denen ich mich normalerweise zähle. Aber die Toten sind eine Realität, Rebecca! Eine Tatsache, an der niemand vorbeikommt! Irgend etwas geht da oben auf Dellmore Manor vor sich... Etwas Tödliches! Und vielleicht fand Gaskell zu viel über dieses Geheimnis heraus..."

18

In Rebeccas Kopf drehte sich alles. Ein einziger Wirrwarr von Empfindungen herrschte in ihr.

Was ist das nur für ein Alptraum, in den ich da geraten bin! dachte sie. Sie sah auf die Uhr.

"Ich muss jetzt zurück, Jim. Leider. Ich habe noch einiges zu tun..."

"Seien Sie vorsichtig, Rebecca!"

Jim brachte sie hinaus zu ihrem Wagen.

Sie zögerte, ehe sie einstieg.

Jim stand vor ihr, sah sie an. Ihre Blicke verschmolzen miteinander. Wie beiläufig berührten sich ihre Hände. Rebecca spürte die prickelnde Spannung zwischen ihnen beiden. Einen Augenblick später fanden sich ihre Lippen zu einem vorsichtigen, tastenden Kuss. Ein elektrisierendes Gefühl überkam Rebecca und jagte einen wohligen Schauer durch ihren gesamten Körper.

Dann lösten sie sich voneinander.

Ihre Blicke versanken einige Augenblicke ineinander.

"Bis bald", sagte sie dann.

"Bis bald, Rebecca..."

19

Auf dem Weg zurück nach Dellmore Manor hielt Rebeccas Verwirrung an. Ein Konglomerat aus den unterschiedlichsten Gedanken bildete in ihrem Kopf ein wahres Chaos. Das Bild von Jim Harris tauchte immer wieder vor ihrem inneren Auge auf. Sein sympathisches Gesicht, seine meergrünen Augen, der Klang seiner Stimme und sein Lächeln.

Ich habe mich verliebt!, dachte sie. Es gab keine Zweifel mehr daran. Bis über beide Ohren hatte sie sich in diesen jungen Arzt verliebt.

Aber die Gedanken an ihn wurden durch andere überschattet.

Gedanken und Erinnerungen voller Düsternis und unaussprechlichen Geheimnissen. Der bleiche Reiter mit dem Dreispitz, der eigenartige Hausherr von Dellmore Manor und die Frage, ob sie nicht vielleicht selbst auf dem Weg in den Wahnsinn war...

Sie dachte an die verschwundenen Hufspuren.

Ich hatte sie mit den Händen gefühlt!, hämmerte es in ihr.

Sie versuchte den Gedanken daran abzuschütteln. Vielleicht ist es das Beste, sich in die Arbeit zu stürzen!, überlegte sie.

In der Ferne tauchte das graue Gemäuer von Dellmore Manor auf. Drohend lag es auf seiner Anhöhe. Ein abweisend wirkendes Bauwerk, das seit Jahrhunderten über diesem Land zu thronen schien. Von dort aus hatte Sir Wilfrieds Vorfahren die Umgebung beherrscht.

Östlich des immer mehr verlandenden kleinen Sees lag auf einem Hügel jenes Gebäude, von dem der Butler gesagt hatte, daß es sich um die Familiengruft der Dellmores handelte. Ein Stück graues, moosbewachsenes Mauerwerk inmitten einer Gruppe knorriger Bäume - mehr war von hier aus nicht von dieser Familiengrabstätte zu sehen.

Rebecca glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie plötzlich die Gestalt eines Reiters in der Nähe der Hügelkuppe auftauchen sah.

Die junge Frau trat auf die Bremse. Das Coupe hielt mit quietschenden Reifen. Wie entgeistert starrte Rebecca den Hügel hinauf und sah zu, wie der düstere Reiter der Baumgruppe zustrebte.

Das darf doch nicht wahr sein!, durchzuckte es sie.

Ihr Puls begann zu rasen.

Was ist er? Eine Halluzination? Ein Geist? Oder ein Wahnsinniger, der seinen groben Spott mit mir treibt?

Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann war der Reiter zwischen den uralt wirkenden, seltsam verwachsenen Bäumen verschwunden.

Rebecca überlegte.

Angst stieg in ihr auf und lähmte sie einige Augenblicke fast völlig.

Aber auf der anderen Seite war dies vielleicht eine Chance, dieser Erscheinung auf den Grund zu gehen. Ich muss es wissen!, dachte sie. Ich muss wissen, ob ich mich noch auf meine Sinne und meinen Verstand verlassen kann - oder bereits mit einem Bein in den Abgrund des Irrsinns trete...

Rebecca ließ den Wagen wieder nach vorne schnellen. Sie gab Gas, schaltete hoch und bog dann einige hundert Meter weiter in einen kleinen, ungepflasterten Weg, der erst einen Bogen am See entlang machte und dann hinauf zur Gruft führte.

Rebecca fuhr viel zu schnell. Aber sie hatte Angst davor, am Ende wieder mit leeren Händen dazustehen. Nur noch mehr verunsichert. Den Stoßdämpfern und der Federung ihres Coupes mutete sie einiges zu, als sie es den holprigen Weg entlangbrausen ließ. Vorbei an dem dunklen, modrig riechenden Wasser des verlandeten Sees, der aus der Nähe stellenweise eher an einem Tümpel erinnerte. Dann den Hügel hinauf. Sie konnte nicht ganz bis oben hin fahren. Der Weg wurde zu schlecht und zu steil.

Rebecca stellte den Wagen an den Rand, stieg aus und lief zu Fuß weiter.

Die Angst sorgte dafür, dass sich alles in ihr zusammenkrampfte. Aber ihre Neugier war stärker. Suchend starrte Rebecca nieder, suchte mit den Augen den Boden ab und fand schließlich das, wonach sie gesucht hatte.

Pferdespuren!

Ein Gefühl der Erleichterung überkam sie. Sie lief zu den Spuren, beugte sich nieder und ertastete sie.

So, wie sie es schon einmal getan hatte.

Rebecca atmete tief durch. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Ihr Herz hämmerte wie wild.

Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, hier her zu kommen und dem bleichen Reiter zu folgen.

Sie folgte den Spuren.

Ein paar Minuten später erreichte sie die Baumgruppe.

Eigenartige, knorrige Stämme standen dort. Sie verbreiteten die Aura unvorstellbaren Alters. Ihre grotesk verwachsenen Rinden schienen grimassenhafte Geistergesichter zu bilden.

Ein unheimlicher Ort...

Die Dämmerung war indessen fortgeschritten.

Dunkle Wolken bedeckten den Himmel und türmten sich zu drohenden Gebirgen auf.

Ein unangenehm kühler Wind strich durch das Grün der Bäume und ließ es rascheln.

Die Spuren hörten plötzlich auf. Sie verloren sich im Nichts. Rebecca blickte sich um. Irgendwo musste der Reiter doch geblieben sein!, ging es ihr ärgerlich durch den Kopf.

Die Verzweiflung in ihr wuchs erneut. Kurz blickte sie zu dem grauen Gemäuer hin, das zwischen den knorrigen Bäumen lag.

Es sah aus wie eine sehr kleine Kapelle...

Hier also ruhten die Dellmores seit vielen Generationen...

Ein lateinischer Text stand über dem Eingang. Die Buchstaben waren in den Stein gehauen worden und kaum noch zu lesen.

Rebecca umrundete das Gebäude und sah sich überall suchend um. Sie fand weder Spuren, noch den Reiter. Ein paar Schritte nur und sie hatte die andere Seite des Hügels erreicht. Von dieser Stelle aus konnte man die Umgebung überblicken. Ein Reiter war nirgends zu sehen.

Seufzend kehrte Rebecca zu der Kapelle zurück.

Sie wirkte verfallen.

Ein Ort des Todes. Selbst das Moos in den Fugen und Ritzen zwischen dem grauen Gestein wirkte abgestorben.

Ein Schauer überkam Rebecca.

Sie hatte das Gefühl, dem Geheimnis, das sie zu enträtseln suchte, ganz dicht auf den Fersen zu sein...

Mit Erstaunen stellte Rebecca fest, dass die Tür der Kapelle einem Spaltbreit offenstand.

"Hallo?", rief Rebecca. "Ist da jemand?"

Sie trat an die Tür heran und lauschte. Dann öffnete sie sie ein Stück. Es knarrte. Rebecca trat in einen Raum, in dem Halbdunkel herrschte. Durch schmucklose, hohe Fenster fiel das verblassende Tageslicht herein.

Eine Begräbniskapelle, ging es Rebecca durch den Kopf. Der Altar war aus Stein, die einfachen Bänke aus dunklem, uraltem Holz, dessen eigentümliche Maserung an die Strukturen auf den verwachsenen Bäumen erinnerte.

Draußen begann es zu regnen.

Dicke Tropfen klatschten gegen die Fenster der Kapelle und verursachten ein trommelndes Geräusch.

Rebecca seufzte. Auch das noch!, dachte sie. Sie bemerkten einen Ständer mit Kerzen. Streichhölzer waren auf einem Tisch zu finden. Die Kapelle war sehr einfach gehalten, wirkte aber gut gepflegt. Um so verwunderlicher erschien es der jungen Frau, dass der letzte Besucher dieses Gebäudes offenbar vergessen hatte, die Tür zu schließen...

Der Regen draußen wurde immer heftiger. Der Wind heulte um die Mauern herum. Ein Ast barst mit einem harten Knacklaut, der Rebecca zusammenzucken ließ.

Und dann hörte sie die Stimme...

20

Erst hatte sie geglaubt, es sei der Wind oder eines der anderen Geräusche, die das plötzlich hereinbrechende Unwetter verursachte. Aber das war nicht der Fall..

Seitlich von ihr befand sich eine Treppe, die hinab in die Tiefe führte. Ein dunkler Gang schloss sich an. Dort schien nichts als pure Finsternis zu sein.

Von dort unten drang nun erneut ein Laut empor.

Es klang wie ein gequältes Stöhnen.

Ohne Zweifel die Stimme eines menschlichen Wesens. Daran gab es für Rebecca nun nicht einmal mehr den Hauch eines Zweifels. "Wer ist da unten?", rief Rebecca.

Sie bekam keine Antwort.

Das Grauen erfasste Rebecca. Es schien ihr Herz mit eisigen Händen zu umfassen und nicht mehr aus seinem unbarmherzigen Griff zu lassen. Rebecca biss sich auf die Lippe. Was sollte sie tun? Sie konnte sich nicht daran erinnern, je in ihrem Leben eine so entsetzliche Angst empfunden zu haben.

Andererseits brauchte dort unten vielleicht jemand dringend ihre Hilfe. Ein Verletzter womöglich, der unglücklich gestürzt war...

Rebecca ergriff kurz entschlossen eine der Kerzen und entzündete sie.

Dann stieg sie die rutschigen Stufen hinab. Ganz vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Schließlich erreichte sie den dunklen Gang. Das flackernde Kerzenlicht erzeugte tanzende Schatten an den kalten Steinwänden. Modergeruch stieg ihr entgegen.

Sie blieb stehen und lauschte.

Kein Laut drang an ihr Ohr. Nur ein paar Meter über ihr toste das Unwetter.

Dann ging sie weiter. Schließlich erreichte sie das Ende des Ganges.

Er mündete in einen Raum, dessen Ausmaße mindestens jenen der Kapelle entsprachen.

Rebecca hielt die Kerze etwas höher. Der Schein des flackernden Lichtes fiel auf eine lange Reihe steinerner Sarkophage.

Die Gruft!, durchfuhr es Rebecca.

Hier hatten sie also ihre letzte Ruhe gefunden.

Die Lords von Dellmore.

"Ist hier jemand?", fragte Rebecca. Ihre Stimme halte auf eigenartige Weise in dem Raum wider. Der schwere Modergeruch wurde schier unerträglich. Rebecca erreichte den ersten Sarkophag und ging dann die Reihe entlang. Große Steinplatten dienten als Sargdeckel. Die Namen der Verstorbenen und ihre Lebensdaten waren dort eingemeißelt.

"So antworten Sie doch! Ich will Ihnen ja helfen!", sagte Rebecca.

Der Klang der eigenen Stimme schien ihr fremd in diesem Moment. Sie schritt die Reihe der Steinsärge entlang.

Wie weit bin ich schon in die Gefilde des Irrsinns geraten?, dachte sie währenddessen. Ich sehe Reiter, die es nicht gibt, ich fühle Hufspuren, die nicht existieren...

Und ich höre Stimmen...

Dann stockte Rebecca.

Sie starrte entsetzt auf einen der Särge, dessen Deckplatte ein Stück zur Seite geschoben worden war.

Rebecca fröstelte.

Zögernd trat sie an den geöffneten Sarkophag heran. Sie schluckte. Kalte Schauder jagten ihr über den Rücken. Sie hob die Kerze und las den Namen, der auf der Deckplatte eingemeißelt war.

SIR MALCOLM OF DELLMORE

1723-1767

Das Portrait dieses Mannes hatte sie ja bereits in Sir Wilfrieds Ahnengalerie auf Dellmore Manor gesehen. Und Rebecca hatte geglaubt, auf dem Ölbild das Gesicht des bleichen Reiters wiederzuerkennen.

Der Gedanke daran versetzte ihr einen Stich.

Aber viel erschreckender war etwas anderes.

Sie leuchtete in den Sarkophag hinein.

Er war vollkommen leer!

21

Was geht hier vor sich?, fragte sich Rebecca. Es schien etwas zu sein, das den Rahmen des Gewöhnlichen bei weitem überschritt...

Ein knarrendes Geräusch ließ Rebecca zusammenzucken. Es kam von oben.

Aus der Kapelle!

Die Tür!, durchzuckte es sie.

Dann hallten schwere Schritte zwischen den kalten Steinwänden wider.

Rebecca erstarrte. Sie begann leicht zu zittern. Kalte Schauer gingen ihr über den Rücken.

Jemand kam die Treppe herunter. Dann ging der Unbekannte den langen Flur entlang. Nur noch Sekunden, dann würde er die Gruft betreten.

Sie blickte sich um. Es gab keinen Fluchtweg.

Kurz entschlossen blies Rebecca die Kerze aus. Dann duckte sie sich.

Dort, wo der Eingang zum Flur war, sah Rebecca ein flackerndes Licht auftauchen.

"Rebecca Jennings!", sagte eine sonore, etwas heisere Stimme. "Ich weiß, dass Sie hier sind..."

Das Licht wurde von einer bleichen, knorrigen Hand emporgehoben. Das flackernde Kerzenlicht warf Schatten an die Wand.

Rebecca erhob sich.

"Sir Wilfried!", stieß sie hervor.

"Was tun Sie an diesem Ort, Miss Jennings?", fragte der Herr von Dellmore Manor mit eisigem Tonfall. Er bewegte sich auf Rebecca zu. Der Schein der Kerze tauchte ihr Gesicht in ein weiches Licht.

Sir Wilfrieds Gesicht hingegen wirkte so grau wie der Stein, aus dem die Begräbniskapelle errichtet worden war.

Seine Lippen bildeten einen dünnen Strich. Die falkenhaften Augen musterten Rebecca mit einem geradezu stechenden Blick.

Die junge Frau zuckte förmlich darunter zusammen.

Ein Kloß saß ihr im Hals.

Zunächst war sie nicht in der Lage, auch nur einen einzigen Ton herauszubringen. Sie schluckte.

Sir Wilfried trat dicht an sie heran.

Sein Blick wirkte steinern.

"Was ist es, das Sie hier unten an diesem Ort suchen, Miss Jennings? Wollen Sie die Toten in ihrer jahrhundertelangen Ruhe stören? Haben Sie keinen Respekt vor der Ewigkeit?" Er schüttelte den Kopf. "Ich habe von Dellmore Manor aus Ihren Wagen hier oben gesehen... Und da wusste ich, dass Sie Ihre Nase in Dinge zu stecken versuchen, die Sie nichts angehen!"

"So wie Mr. Gaskell?", fragte Rebecca. Sie wunderte sich über ihren Mut. Ihre Stimme klang überraschend fest.

In Sir Wilfrieds Augen funkelte es.

"Was wollen Sie damit sagen?", zischte er zwischen den dünnen Lippen hindurch.

"Wie kam er zu Tode?"

"Was ist los, Miss Jennings? Waren Sie im Dorf? Haben Sie sich die Schauermärchen angehört, die im Umlauf sind? Erkundigen Sie sich doch bei der Polizei, wenn Sie glauben, dass es an Mr. Gaskells Tod irgend etwas Ungeklärtes gibt..."

Plötzlich stockte er mitten im Satz.

Er hob die Kerze ein wenig an.

Auf seiner Stirn erschienen tiefe Furchen. Ein ungläubiges Staunen zeigte sich in seine Zügen. Er starrte auf den offenen Steinsarg...

"Mein Gott", flüsterte er.

"Das Grab von Sir Malcolm", stellte Rebecca fest. "Ich sah sein Portrait in Ihrer Ahnengalerie..."

Sir Wilfried achtete nicht auf Rebeccas Worte. Er stellte die Kerze auf einen der anderen Sarkophage ab. Dann machte er sich in fieberhafter Eile daran, Sir Malcolms Grab wieder zu schließen. Mit verzerrtem Gesicht schob er die schwere Steinplatte wieder über die klaffende Öffnung.

"Der Sarg ist leer", sagte Rebecca.

Sir Wilfried ächzte, dann sah er Rebecca mit offenem Mund an.

Er wirkte verstört.

"Kommen Sie!", sagte er dann. "Wir wollen diesen Ort verlassen..."

Hoch über ihnen grollte der Donner.

Sir Wilfried wirkte auf einmal ziemlich hektisch. Er fasste Rebecca beim Handgelenk, nahm mit der anderen Hand die Kerze und zog die junge Frau mit sich. Widerstrebend folgte sie ihm. Einen letzten Blick wandte sie in Richtung von Sir Malcolms leerem Steinsarkophag...

Ihr Herz schlug wie wild.

Ich habe ihn gesehen!, hämmerte es in ihr. Sir Malcolm war der bleiche Reiter in der Nacht... Und sein Grab ist leer!

An diesen Unsinn solltest du nicht eine Sekunde glauben!, schrillte eine andere Stimme in ihrem Inneren.

Rebecca fühlte den Zweifel in sich.

Sollte sie dem trauen, was sie gesehen hatte? Oder dem, was die Vernunft ihr sagte...

In ihrem Kopf schien sich alles zu drehen. Ein undurchschaubares Konglomerat aus Bildern, Eindrücken, Stimmen...

Es gibt keine Rückkehr der Toten!, durchzuckte es sie. So etwas durfte es einfach nicht geben. Es widersprach allem, was sie wusste oder für vernünftig hielt.

Ein stöhnender Laut hallte durch das Gewölbe der Gruft.

Sir Wilfrieds Finger krampften sich so stark um Rebeccas Handgelenk, dass es schmerzte.

"Was war das?", fragte die junge Frau.

"Kommen Sie..."

"Ich möchte wissen, was das für ein Laut war!"

"Nichts, Miss Jennings... Gar nichts..."

"Halten Sie mich nicht für dumm!"

"Wir müssen hier weg!"

Sir Wilfried zog Rebecca mit sich, während aus der Dunkelheit der Gruft heraus erneut ein stöhnender Laut drang.

22

Rebecca folgte Sir Wilfried durch die Tür der Kapelle ins Freie. Draußen regnete es Bindfäden. Blitze zuckten aus den tiefhängenden Wolken heraus.

"Es tut mir leid, nicht mit einem Schirm dienen zu können", rief Sir Wilfried.

"Ich möchte wissen, was hier vor sich geht!", erwiderte Rebecca.

"Ich werde es Ihnen erklären - später!"

Sir Wilfried hatte seinen Wagen ganz in der Nähe von Rebeccas Coupe abgestellt. Als sie beide dort ankamen, klebten Rebecca die Haare bereits am Kopf.

Sir Wilfried zögerte, ehe er in seinen Wagen stieg. Sein Blick war in Richtung der Kapelle gewandt. Sein Mund war dabei halb geöffnet.

Dann wandte er ruckartig den Kopf. "Fahren Sie endlich, Rebecca! Bitte!"

Es klang geradezu beschwörend.

Ein verräterisches Zittern war in Sir Wilfrieds Stimme zu hören. Angst schwang in seinen Worten mit...

Sie bemerkte, dass Sir Wilfried irgend etwas aus seiner Jackentasche hervorgeholt hatte. Rebecca versetzte es einen Stich als sie begriff, worum es sich handelte.

Knochen!

Sie sahen aus wie jene Hasenknochen, die man ihr ins Bett gelegt hatte.

"Na, los!", rief Sir Wilfried. "Fahren Sie endlich!"

Rebecca gehorchte. Sie setzte sich ans Steuer des Coupes und begann, den Wagen zu wenden.

Mit einiger Mühe gelang ihr das schließlich auch. Sie fuhr los, dann hielt sie abrupt wieder an.

Im Rückspiegel beobachtete sie Sir Wilfried dabei, wie er die Knochen auf den Boden legte. Sie konnte es nicht genau sehen, aber es war anzunehmen, dass der Lord von Dellmore ein Pentagramm aus ihnen legte.

Dann erhob Sir Wilfried sich.

Auf den Regen schien er überhaupt nicht zu achten, obwohl sein konservativer, dreiteiliger Anzug längst vollkommen durchnässt sein musste.

Sir Wilfried stand da, breitete die Arme aus und rief ein paar Worte, die Rebecca nicht verstand. Worte in einer längst vergessenen Sprache... Der grollende Donner verschluckte zusammen mit dem prasselnden Regen den Großteil davon. Er wirkte wie ein archaischer Medizinmann bei einem Zauberritual.

Ein dumpfer, stöhnender Laut ließ Rebecca zusammenzucken.

Sie hatte ein Gefühl, als ob sich ihr eine grabeskalte Hand auf die Schulter legte.

Das Geräusch kam aus der Richtung, in der die Kapelle lag... Vielleicht nur der Wind!, versuchte sie sich einzureden.

Aber sie mochte nicht so recht an diese Möglichkeit glauben.

Dann fuhr Rebecca los.

Wenige Augenblicke später folgte Sir Wilfried ihr mit seinem Wagen.

23

Auf Dellmore Manor angekommen, ging Rebecca in ihr Zimmer, um sich trockene Sachen anzuziehen. Anschließend servierte ihr der Butler eine Tasse Tee im Salon.

"Wo ist Sir Wilfried?", fragte Rebecca.

Walter blickte sie mit seinem ausdruckslosen Gesicht an.

"Er hat sich zurückgezogen", erklärte der Butler ohne irgend eine Regung erkennen zu lassen.

"Er hat mir Erklärungen für einige, gelinde gesagt, ungewöhnliche Ereignisse und Vorfälle versprochen..."

"Ich glaube nicht, dass Sir Wilfried Sie heute noch empfangen wird, Miss Jennings."

"Aber..."

"Sie wissen, dass Sir Wilfried noch sehr geschwächt ist!"

"Ich glaube, dass Sir Wilfried vor etwas Angst hat", erwiderte Rebecca. "Was auch immer das sein mag, er sollte es mir sagen. Oder ich bleibe nicht einen Augenblick länger hier auf Dellmore Manor. Richten Sie ihm das bitte sofort aus!"

Der Butler stand einen Augenblick lang wie erstarrt da.

Dann nickte er. "Wie Sie wünschen, Miss Jennings."

Walter drehte sich auf dem Absatz um und ging davon. Die Treppe knarrte, als er hinaufging. Rebecca nippte an ihrem Tee. Es dauerte einige Minuten, ehe der Butler zurückkehrte.

"Sir Wilfried wünscht Sie zu sehen", erklärte er dann. "Kommen Sie bitte, ich bringen Sie in die Bibliothek!"

Rebecca nickte.

Ein Kloß saß ihr im Hals. Sie musste an die Warnungen denken, die sie von Jim Harris gehört hatte. Jim glaubte nicht an Dinge, für die es keine naturwissenschaftlich nachvollziehbare Erklärung gab. Er glaubte eher an einen Wahnsinnigen, der in der Gegend sein Unwesen trieb...

Und vielleicht war dieser Verrückte Sir Wilfried.

Rebecca dachte an den geradezu panischen Gesichtsausdruck, den der Lord gezeigt hatte, als sie zusammen in der Gruft gewesen waren.

Was ist es, wovor er sich so fürchtet?, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht nur die Furcht vor dem Schritt in den dunklen Abgrund, der Wahnsinn heißt?

Rebecca fröstelte, als sie die Bibliothek betrat.

"Danke, Sie können gehen, Walter!", erklärte Sir Wilfried.

Er saß in einem tiefen Sessel und bot Rebecca mit einer Geste ebenfalls Platz an. Seine Hand hatte sich unter die Weste seines Anzugs geschoben. Er wirkte wie jemand, der unter Schmerzen oder Beklemmungen im Brustbereich litt. Sein Atem ging unregelmäßig und schwer. Seine Lippen waren ein dünner Strich, das Gesicht weiß wie die Wand.

Er blickte Rebecca nachdenklich an. "Sie sind sehr hartnäckig", erklärte er dann.

"Ich halte das nicht für einen Fehler", erwiderte Rebecca.

"Das kommt auf die Situation an..."

"Sir Wilfried, ich..."

"Sie sind verwirrt, Rebecca. Sie wissen nicht, was Sie glauben sollen und was nicht. Ihnen ist unklar, ob Sie die Grenze zum Wahnsinn bereits überschritten haben oder noch davor stehen, auf der vermeintlich sicheren Seite..."

Rebecca war perplex...

Alles in ihr krampfte sich zusammen. Dieser Mann schien in den innersten Bereich ihrer Seele blicken zu können. Es war geradezu gespenstisch...

Sir Wilfried sah ihr Erstaunen. Seine dünnen Lippen formten ein mattes Lächeln. "Man braucht weder über die Fähigkeit, Gedanken zu lesen, noch über eine besondere Kombinationsgabe verfügen, um das bei Ihnen zu erkennen, Miss Jennings", sagte er mit leiser Stimme, die fast im Knistern des Kaminholzes unterzugehen drohte. "Es ergeht nämlich jedem so, der sich in den Grenzbereich des Übernatürlichen begibt. Sei es es durch Zufall, sei es mit Absicht..."

"Der Grenzbereich des Übernatürlichen?", echote Rebecca.

"Sie wissen, dass ich mich mit Okkultismus beschäftigt habe. Diese Beschäftigung macht seit vielen Jahren den eigentlichen Sinn meines Lebens aus. Ich suche nach der Wahrheit hinter den Dingen... Verstehen Sie, was ich meine?"

"Ich weiß es nicht", erwiderte Rebecca.

Sie erbleichte. Und Sir Wilfried bemerkte das.

"Oh, doch, Sie wissen es ganz genau!" Er atmete tief durch, rang dann einen Moment nach Luft und fuhr schließlich fort: "Ich weiß nicht, was Sie dazu bewogen hat, die Gruft derer von Dellmore aufzusuchen... Aber Sie sollten sich über eins im Klaren sein: Es ist nicht ungefährlich einen solchen Ort aufzusuchen. Die Toten sind nicht im Nichts entschwunden, wie viele Menschen glauben. Sie existieren noch, auch wenn ihre Körper längst verwest sind. Eine Wahrheit, die in früheren Zeiten Allgemeingut war und an die heute niemand mehr zu denken wagt..."

"Warum ist das Grab von Sir Malcolm leer?", fragte Rebecca.

"Wer weiß, was im Laufe der Jahrhunderte geschehen ist, Miss Jennings..."

"Erzählen Sie mir von Sir Malcolm! Bitte! Was wissen Sie über ihn?", flüsterte Rebecca.

"Nun, er starb unter sehr unglücklichen Umständen. Vermutlich brachte sein jüngerer Bruder George ihn um, weil er den Familienbesitz an sich bringen wollte. Doch die Tat brachte George kein Glück. Er starb kurze Zeit später bei einem Reitunfall. Sir Malcolms Gattin Edwina war zu dieser Zeit bereits mit einem Sohn schwanger, der die Linie der Dellmores dann fortsetzte... Es gibt eine Reihe von Legenden über Sir Malcolm. Er sei als sogenannter 'bleicher Lord' aus dem Totenreich zurückgekehrt und sei unter anderem für den Reitunfall seines Bruders verantwortlich... Geschichten, die über Jahrhunderte weitererzählt wurden..."

"Sie halten es für möglich, dass Sir Malcolms Geist dort oben, bei der Kapelle herumspukt?"

"Warum nicht?", fragte Sir Wilfried. "Über Jahre hinweg habe ich Literatur zu diesem Thema gesammelt. Berichte, Beschwörungsrituale, magische Geheimschriften... Ich denke, dass es so etwas wie ruhelose Totengeister gibt, die als Phantome durch die Nebel der Nacht ziehen..."

"Und ein Knochenpentagramm schützt gegen ihren Einfluss?"

Sir Wilfried hob erstaunt die Augenbrauen. Dann nickte er schließlich. "Ja", gab er dann zu. "Ich hätte Sie nicht erschrecken sollen und es war auch dumm, das Pentagramm in ihrem Bett Gabrielle anlasten zu wollen... Verzeihen Sie mir, Miss Jennings. Aber ich wollte nicht, dass Sie von mir einen falschen Eindruck bekommen und mich für verrückt halten. Wahrscheinlich tun Sie das jetzt."

Sir Wilfried erhob sich. Er ging zum Kamin, stocherte etwas in der Glut herum und wandte sich dann halb herum.

Schließlich sagte er: "Vergessen Sie den Vorfall in der Gruft. Vermutlich habe ich einfach etwas überreagiert. Ich glaube, dass an Orten wie jenem dort droben unsichtbare Energiefelder vorhanden sind, die uns in einer Weise reagieren lassen, die vielleicht nicht angemessen ist. Überdies war ich etwas aufgebracht, als ich hier am Fenster stand und einen Wagen in der Nähe der Kapelle sah.

Schließlich ist das nicht irgendein beliebiger Ort, sondern die Ruhestätte meiner Vorfahren. Versprechen Sie mir, dort nicht mehr hinzugehen, Miss Jennings!"

"Natürlich", sagte sie. Verwirrung herrschte in ihr. Hatte sie sich die Stimme am Ende nur eingebildet? Genauso wie den bleichen Reiter? Oder waren die Totengeister Realität?

Wenn dieser Mann verrückt ist, dann bin ich es vielleicht auch! durchzuckte es sie wie ein Blitz.

Sir Wilfried fuhr fort: "Walter sagte mir, dass Sie Dellmore Manor eventuell zu verlassen gedenken..."

"Nun, ich..."

"Ich bitte Sie, hier zu bleiben und weiterhin Ihren Job zu tun. Sie scheinen mir für den Posten des Verwalters ausgesprochen geeignet zu sein. Ich habe mit einigen Leuten aus der Brauerei telefoniert und die waren auch ganz angetan von Ihnen. Lassen Sie mich nicht im Stich, Miss Jennings..."

Rebecca erhob sich nun ebenfalls. Sie hielt sich an der Sessellehne fest, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, dass der Boden zu ihren Füßen schwankte.

"Was war mit Gaskell - meinem Vorgänger?", fragte sie dann.

Die Ahnung eines Lächelns huschte über Sir Wilfrieds Gesicht. "Ich wusste, dass Sie mich das noch einmal fragen würden, Miss Jennings. Ich habe deswegen etwas für Sie vorbereitet... Etwas, dass das unbegründete Misstrauen in Ihnen auslöschen soll."

Er ging zu dem reichlich verzierten, klobig wirkenden Schreibtisch, der sich in einer Ecke der Bibliothek befand.

Es musste sich um ein uraltes Stück handeln. Er zog eine Schublade auf. Ein schabendes Geräusch entstand dabei. Mit einem Griff holte Sir Wilfried eine Mappe hervor, schloss die Lade wieder und trat auf Rebecca zu. "Hier!", sagte er und überreichte ihr die Mappe.

"Was ist das?"

"Sie finden darin alles, was es an Presseveröffentlichungen zum Fall Gaskell gab. Wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie mit der Polizei sprechen, obwohl ich bezweifle, dass die Ihnen Auskünfte geben könnten, die über das hinausgehen, was hier festgehalten ist. Alles, was Sie hier vorfinden, lässt nur einen Schluss zu: Edward Gaskell starb eines natürlichen Todes. Auch, wenn im Kerryhill anderslautende Verleumdungen und Gerüchte im Umlauf sind."

24

Rebecca verbrachte den Abend damit, sich die Zeitungsartikel durchzulesen, die Sir Wilfried archiviert hatte.

Zwischendurch erwog sie, Jim Harris anzurufen, um mit ihm über die Ereignisse des Tages zu sprechen. Er war der Einzige weit und breit, dem sie sich anvertraut hätte. Aber dann entschied sie sich dagegen.

Sie dachte an das aufkeimende, einzigartige Gefühl zwischen ihnen beiden. Ein Gefühl, das einer zarten Pflanze glich, die erst noch wachsen musste. Und Rebecca wollte, dass diese Pflanze die Gelegenheit dazu bekam und nicht bereits zu Anfang zertreten wurde.

Was sollte ich ihm auch sagen?, ging es Rebecca verzweifelt durch den Kopf. Etwas von einer Stimme in der Familiengruft der Dellmores und dem leeren Sarkophag von Sir Malcolm?

Sie fürchtete, dass ihr geliebter Jim an ihrem Verstand zu zweifeln begann.

Sie vertiefte sich in die Zeitungsartikel.

Irgendwann schlief sie im Sessel ein und erwachte dann aus einem wirren Traum mitten in der Nacht. Nachdem sie sich ins Bett gelegt hatte, schlief sie bis zum Morgen wie ein Stein.

Dennoch fühlte sie sich am nächsten Tag zerschlagen und müde.

Es wurde ein sonniger Tag.

Den Großteil verbrachte Rebecca in ihrem Arbeitszimmer. Sie versuchte, sich so gut es ging auf die Arbeit zu konzentrieren. Die Erlebnisse des vergangenen Tages erschienen ihr eigenartiger Weise ziemlich unwirklich. Die Kapelle, die Gruft, der leere Steinsarg des bleichen Lords... Wie verblassende Eindrücke eines flüchtigen Traums, so kam ihr das alles jetzt vor.

Gegen Mittag klingelte das Telefon auf ihrem Schreibtisch.

"Hallo, Rebecca!"

Sie war erfreut, Jim Harris' Stimme zu hören.

"Hallo, Jim!"

"Wie geht es Ihnen?"

"Ich stecke bis zum Hals in Arbeit..."

"Rebecca, ich wollte Sie fragen, ob Sie heute Abend mit mir essen gehen würden. Es gibt da ein sehr gemütliches Lokal in Darrenby..."

"Gerne", sagte Rebecca.

"Gut, dann hole ich Sie heute Abend ab. Sagen wir gegen acht?"

"Okay."

"Bis nachher."

"Bis nachher, Jim."

"Ich freue mich, Rebecca!"

25

Jim war pünktlich. Rebecca hatte ein hellblaues Kleid von schlichter Eleganz angezogen und ihre Haare hochgesteckt. Sie genoss Jims bewundernde Blicke, als sie die Stufen des Portals von Dellmor Manor hinabschritt.

Sie ging auf ihn zu. Er nahm ihre Hand und lächelte.

"Sie sehen bezaubernd aus, Rebecca."

"Ich habe mir auch alle Mühe gegeben!"

Jim öffnete ihr die Beifahrertür seines Geländewagens. Dann half er Rebecca beim Einsteigen.

Als sie wenig später die schmale Straße entlangfuhren, über die man nach Kerryhill kam, blickte Rebecca kurz hinüber zur Kapelle.

Wenn in diesem Moment der bleiche Reiter auftauchen würde, so dass auch Jim ihn sehen konnte!, ging es ihr durch den Kopf.

Immerhin würde ich dann wissen, ob ich unter Halluzinationen leide...

"Haben Sie über das nachgedacht, was ich Ihnen über Sir Wilfried Dellmore gesagt habe?", fragte Jim.

"Ja."

"Und?"

"Ich glaube, dass Sir Wilfried eine Art Exzentriker ist. Er glaubt an wiedererstandene Totengeister und meint, sich mit eigenartigen Ritualen gegen sie schützen zu müssen."

"Ich sagte Ihnen ja..."

"Jim!", unterbrach ihn Rebecca. Sie studierte aufmerksam sein Gesicht. "Könnte es nicht sein, dass es Dinge gibt, für die wir im Moment vielleicht noch keine vernünftige Erklärung besitzen..."

"Rebecca, lassen Sie sich auf solche Gedanken gar nicht erst ein!"

"Ich meine ja nur. Wissen Sie, Sir Wilfried mag ja ein Exzentriker sein. Aber andererseits klingt das, was er über diese Dinge sagt, sehr überzeugend und schlüssig!" Sie zuckte die Schultern. Und ehe Jim ihr heftig widersprechen konnte, legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm und meinte: "Lassen wir das Thema, okay, Jim?"

"Meinetwegen."

"Jedenfalls für heute. Dieser Abend soll uns gehören. Uns ganz allein - und nicht irgendwelchen Geistern."

Jim lachte.

"Nichts dagegen, Rebecca!"

26

Darrenby lag etwa 20 Meilen von Dellmore Manor entfernt. Im Gegensatz zu Kerryhill war es eine richtige kleine Stadt.

Jim parkte den Wagen am Straßenrand.

Er stieg aus, öffnete Rebecca die Tür.

"Marquard's Restaurant liegt hinter der nächsten Ecke", sagte Jim. "Soweit ich weiß, ist der Koch Franzose..."

Rebecca hakte sich bei ihm unter. Gemeinsam gingen sie die Straße entlang.

Sie genoss diesen Augenblick.

Wenig später betraten sie Marquard's Restaurant. Der Kellner führte sie zu dem Tisch, den Jim für sie beide reserviert hatte. Kerzen wurden angezündet.

"Es ist schön hier", sagte Rebecca.

"Freut mich, wenn ich Ihren Geschmack getroffen habe... Die gastronomische Auswahl ist in dieser Gegend nämlich nicht gerade überwältigend!"

"Kann ich mir denken."

Sie saßen sich gegenüber, während ihre Blicke miteinander verschmolzen.

Der Kellner brachte den Wein. Ihre Gläser stießen gegeneinander und Rebecca fragte: "Worauf trinken wir?"

"Auf die faszinierendste Frau, die mir je begegnet ist!"

"Jim, Sie übertreiben!"

"Wirklich?" Jim lächelte. In seinen meergrünen Augen blitzte es. "Ich glaube eher, das Gegenteil ist der Fall..."

"Raspeln Sie immer so viel Süßholz?"

"Ich weiß gar nicht was das ist, Rebecca!"

"Sie sind unverbesserlich."

Er berührte ihre Hand. Sie fühlte sich angenehm warm an.

"Erzählen Sie mir etwas über sich", sagte Jim. Der Klang seiner Stimme übte einen eigenartigen Zauber auf Rebecca aus.

Sie fühlte ein angenehmes Prickeln.

"Was soll ich Ihnen denn erzählen?"

"Mich interessiert alles. Alles, was mit Ihnen zu tun hat!"

27

Es wurde ein wunderschöner, romantischer Abend für Rebecca.

Sie lachte viel und versuchte sich daran zu erinnern, wann sie sich das letzte Mal so wohl gefühlt hatte.

Als Jim und Rebecca Marquard's Restaurant verließen, war es draußen bereits dunkel. Sterne funkelten am Himmel und der Moment war als großes Oval zu sehen.

Jim hatte den Arm um sie gelegt, während sie gemeinsam die Straße entlangschlenderten.

Es war kühl geworden.

Rebecca schlang ihren Arm um Jims Taille und seufzte.

Sie blieben stehen, sahen sich an.

"Ich glaube...", flüsterte sie und stockte dann.

"Was?"

"Ich habe mich in dich verliebt, Jim!"

"Rebecca..."

Im nächsten Augenblick berührten sich ihre Lippen. Zuerst tastend und vorsichtig, dann mit immer mehr Leidenschaft. Ein Kuss, der Rebecca für Sekunden alles sonst auf der Welt vergessen ließ. Ein Glücksgefühl durchströmte sie. Ein Gefühl, von dem sie sich wünschte, dass es eine Ewigkeit lang dauern würde.

Dann lösten sie sich voneinander.

Der Mond spiegelte sich in Jims meergrünen Augen. Er strich ihr zärtlich über das Haar.

Rebecca schlang ihre Arme um seinen Hals.

Ich möchte ihn für immer so festhalten!, dachte sie.

Eng umschlungen gingen sie zum Wagen.

Es ist wie ein Traum!, dachte sie. Sie küssten sich noch einmal, bevor sie in den Wagen stiegen. Jim startete den Motor und fuhr los.

Es war spät geworden, als sie Dellmore Manor erreichten.

Das fahle Mondlicht tauchte die uralten Mauern in ein eigenartiges Licht. Rebecca fühlte, wie die düsteren Schatten zurückkehrten, die zuvor auf ihrer Seele gelastet hatten.

"Dieser Ort hat etwas deprimierendes an sich", stellte sie fest. "Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es ist einfach so..."

"Ich weiß", sagte Jim. "Ich habe das auch so empfunden. Jedesmal, wenn ich nach Dellmore Manor gefahren bin." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Erst seitdem du hier bist, ist das etwas anders geworden."

Der Wagen hielt. Schon von weitem war zu sehen gewesen, dass in Sir Wilfrieds Bibliothek noch Licht brannte. Der Lord von Dellmore stand am Fenster. Sein Schattenriss hob sich dunkel gegen die Helligkeit ab. Er schien hinaus in die Nacht zu blicken, dann drehte er sich herum und ging davon.

"Pass gut auf dich auf", sagte Jim.

"Das werde ich..."

Ihre Lippen fanden sich erneut zu einem Kuss. Jim zog Rebecca zu sich heran.

"Bis morgen", sagte er dann.

"Ja, bis morgen."

Sie stiegen aus. Rebecca stieg die Stufe des Portals empor, und Jim sah ihr nach. Sie drehte sich noch einmal herum, während der Butler bereit die Tür geöffnet hatte.

28

Als Rebecca die hohen Räume von Dellmore Manor betrat, senkte sich ein düsterer Schatten über ihr Inneres. Eine lähmende Aura schien von diesen kalten, abweisenden Wänden auszugehen. Gerade noch hatte ein ungeahntes Glücksgefühl sie durchflutet. Sie versuchte die Erinnerung an Jims Umarmungen festzuhalten. Aber in dieser düsteren Umgebung verflüchtigte sich das alles.

"Wünschen Sie noch etwas, Miss Jenning?", fragte der Butler.

"Nein, danke..."

"Dann gestatten Sie, dass ich mich jetzt zurückziehe..."

"Natürlich!"

Er wandte sich herum. Plötzlich sagte Rebecca: "Walter..."

Der Butler wandte den Kopf. "Miss Jennings?"

"Was tut Sir Wilfried eigentlich die ganze Nacht? Er scheint überhaupt keinen Schlaf zu benötigen..."

"Es gibt Menschen, denen es schwerfällt, Ruhe zu finden und die Augen zu schließen", sagte der Butler. "Soweit ich weiß widmet er sich seinen Studien."

"Okkulten Studien?"

"Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich es bereits getan habe, Miss Jennings. Vielleicht erinnern Sie sich, was ich Ihnen über Diskretion gesagt habe."

"Natürlich."

"Dann werden Sie mich verstehen..."

Rebecca trat auf Walter zu. "Was ist es, das Sir Wilfried den Schlaf raubt?"

"Miss Jennings..."

"Hat es vielleicht mit dem leeren Sarg von Sir Malcolm zu tun, der in der Gruft unter der Begräbniskapelle liegt?"

Walter schwieg.

Er weiß es!, durchzuckte es Rebecca. Es musste so sein, sonst hätte selbst bei einem so verschlossenen Mann, wie dem kahlköpfigen Butler irgendeine Reaktion erfolgen müssen!

Davon war Rebecca überzeugt.

Aber wenn Walter es gewusst hatte, dann konnte das eigentlich nur bedeuten, dass diese Tatsache auch für Sir Wilfried keine Neuigkeit gewesen war. Rebecca hatte das schon die ganze Zeit über vermutet. Jetzt war es für Sie fast zur Gewissheit geworden.

"Gute Nacht, Miss Jennings", sagte Walter tonlos, drehte sich herum und ging langsam davon.

29

Rebecca erwachte mitten in der Nacht, nachdem sie in einen tiefen traumlosen Schlaf gefallen war. Der Mond war durch das Fenster zu sehen. Er wirkte auf sie wie ein großes Auge, das sie kühl musterte.

Ein Geräusch an der Tür ließ Rebecca zusammenzucken.

Das war es, was sie aus der Versenkung des Schlafs herausgerissen hatte. Sie war hellwach. Der Schlüssel, den sie von innen ins Schloss gesteckt und herumgedreht hatte, bewegte sich. Einen Augenblick später fiel er mit einem metallischen Geräusch auf den kalten Steinboden.

Rebecca zitterte.

"Wer ist da?", fragte sie.

Keine Antwort. Ein anderer Schlüssel wurde jetzt von außen in die Tür gesteckt. Knarrend öffnete sie sich im nächsten Moment. Eine düstere Gestalt hob sich schattenhaft ab.

Rebecca saß kerzengerade im Bett. Der Puls schlug ihr wie wild.

Die Gestalt näherte sich und griff nach dem Lichtschalter.

Es war Walter, der Butler.

In seiner Rechten hielt er einen Revolver.

Sein Gesicht war so unbeweglich wie eh und je.

"Stehen Sie auf, Miss Jennings!"

Rebecca blickte auf die Mündung der Waffe, schlug die Bettdecke zur Seite und gehorchte. Das weiße Nachthemd reichte ihr bis über die Knie. Ihre Füße berührten den kalten Boden, und ein Kälteschauer durchfuhr ihren gesamten Körper.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Was wollen Sie?", fragte sie mit einem verstörten Ausdruck.

Einen Moment lang dachte sie, vielleicht Gefangene eines ihrer Alpträume zu sein.

"Tun Sie einfach, was ich sage, Miss Jennings. Und zwingen Sie mich nicht dazu, Gewalt anzuwenden." Walters Stimme klirrte wie Eis. Er ließ keinerlei Zweifel daran, dass er es absolut ernst meinte.

"Was haben Sie vor?"

"Kommen Sie!"

Rebecca erhielt keinerlei Antwort. Der Butler bewegte den Revolver seitwärts. Rebecca ging vorsichtig an ihm vorbei.

Walter folgte ihr.

In Rebeccas Kopf arbeitete es fieberhaft. Was konnte sie tun? Sie musste an Jim Harris' Worte denken... Irgendetwas Furchtbares ging hier auf Dellmore Manor vor sich. Und es schien, als sollten ihr nun die letzten Geheimnisse dieses Grauens enthüllt werden.

Vielleicht geht es mir jetzt wie Gaskell!, ging es ihr in panischer Furcht den Kopf. Möglicherweise hatte Jim recht mit seiner Vermutung und ihr Vorgänger im Amt des Verwalters von Dellmore Manor hatte zu tief an düsteren Geheimnissen gerührt, die nicht für ihn bestimmt gewesen waren.

Rebecca trat auf den Flur. Der Lauf des Revolvers zeigte noch immer in ihre Richtung. Der Butler drehte sich halb herum, um die Tür zu schließen.

Diesen Augenblick nutzte Rebecca.

Mit aller Kraft schnellte sie vor und stieß den Butler zur Seite. Walter taumelte gegen den Türrahmen. Ein Schuss löste sich aus seinem Revolver und brannte sich in die Decke.

Rebecca hetzte den Flur entlang.

Der Butler stöhnte und versuchte sich wieder aufzurappeln.

"Stehenbleiben!", krächzte er.

Aus den Augenwinkeln heraus sah Rebecca, wie der Butler hinter ihr herhetzte.

Rebecca keuchte.

Sie kannte sich inzwischen gut genug im Haupthaus aus, um zu wissen, dass ihr der Weg zur Treppe und zum Ausgang abgeschnitten war. Verzweiflung erfasste sie.

Hinter sich hörte sie Walters schnelle Schritte.

Dann sah Rebecca das Ende des Flures vor sich. Ein Erker befand sich dort. Durch die Fenster konnte man hinaus in die sternklare Nacht blicken.

Rebecca zitterte.

Dann wandte sie sich nach links. Der vorletzte Raum an diesem Flur war das Büro, das die junge Verwalterin von ihrem Vorgänger in diesem Amt übernommen hatte. Sie riss die Tür auf, schloss sie hinter sich und drehte von innen den Schlüssel herum. Dann atmete sie tief durch. Es war nicht mehr als ein kurzer Aufschub, den sie erreicht hatte. Das wusste die junge Frau nur zu gut. Der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn.

Walter hatte indessen die Tür erreicht.

Er versuchte sie zu öffnen.

"Machen Sie auf, Miss Jennings! Es hat keinen Sinn!"

Rebecca machte Licht. Dann ging sie zum Schreibtisch, griff nach dem Hörer des Telefons. Auf ihrem Notizblock standen verschiedene Telefonnummern. Unter anderem auch die von Jim Harris.

Mit zitternden Finger drehte sie die altertümliche Wählscheibe herum und wartete jeweils ab, bis sie zurückgefahren war. Quälend langsam ging das vor sich, während draußen auf dem Flur der Butler an der Tür rüttelte.

Dann endlich meldete sich Jim Harris.

"Jim! Hier ist Rebecca..."

"Mein Gott, was ist los?"

"Es ist Walter, der Butler! Er versucht, mich umzubringen... Ich..."

Ein hartes Geräusch ließ Rebecca zusammenzucken. Walter hatte die Tür aufgebrochen. Sie sprang zur Seite. Seine hochgewachsene, breite Gestalt stand in der Tür. Rebecca sah die Revolvermündung in ihre Richtung zeigen und erstarrte.

"Auflegen!", befahl Walter eisig.

Rebecca gehorchte.

Sie schluckte.

"Kommen Sie jetzt!", wies sie der Butler dann an. "Die Zeit drängt..."

30

Rebecca wurde hinunter in den Empfangsraum geführt. Die Tür nach draußen stand offen. Ein kalter Wind wehte herein und ließ die junge Frau frösteln.

Noch immer hatte der Butler ihr nicht gesagt, was er mit ihr vorhatte.

Walter hatte eisern geschwiegen.

"Gehen Sie durch die Tür!", sagte er dann.

Rebecca gehorchte.

Eine Gänsehaut hatte ihren gesamten Körper überzogen. Aber es war nicht nur die Kälte und die Tatsache, dass sie barfuß lief, die sie zittern ließen. Auch in ihrem Inneren breitete sich das Gefühl eisiger Erstarrung aus.

Sie trat hinaus.

Auf dem Platz vor dem Portal brannte ein kleines Feuer in dessen flackerndem Schein Sir Wilfried zu sehen war. Um das Feuer herum waren fünf Knochenpentagramme in einer Art Kreis gruppiert.

Rebecca fühlte den Revolver in ihrem Rücken.

"Gehen Sie weiter!", sagte der Butler.

Sie schritt die Stufen hinab.

Walter führte sie in den Kreis der Pentagramme hinein.

"Sir Wilfried, was wird hier gespielt!", rief Rebecca und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Ich habe Ihnen von den ruhelosen Toten erzählt, nicht wahr, Miss Jennings?", meinte Sir Wilfried. Seine Augen glänzten im Mondlicht. "Seit Jahren habe ich mich mit diesem Problem beschäftigt. Es war geradezu eine Besessenheit geworden. Ist mit dem Tod alles zu Ende? Oder gibt es eine Rückkehr aus dem Reich des Vergessens! Die Legenden über Geister und Gespenster, die es überall gibt, scheinen für die zweite Möglichkeit zu sprechen. Dann stieß ich im Laufe meiner Studien auf das Buch eines anonymen schottischen Okkultisten, der vor zweihundert Jahren lebte. Er beschrieb Rituale, die noch weitaus älteren Ursprungs sind und mit deren Hilfe sich angeblich Totengeister beschwören ließen. Gemeinsam mit einigen Eingeweihten führten wir hier auf Dellmore Manor eine Art Seance durch, in deren Verlauf der Geist von Sir Malcolm beschworen wurde. Sir Malcolm hatte der Legende nach nie seine Ruhe in jenem Steinsarg finden können, der ihm zugedacht gewesen war. Ich habe Ihnen diese Geschichte ja erzählt..."

Eine düstere Ahnung stieg in Rebecca auf. "Was geschah?", fragte sie.

"Es gelang uns, den bleichen Lord aus dem Reich der Toten herbeizurufen. Ein blassgesichtiger Reiter mit Dreispitz und weitem Umhang. Das Problem war nur, dass der Geist von Sir Malcolm sich nicht mehr bannen ließ. Ich habe mein Bestes versucht, aber es gelang einfach nicht. Jahrzehntelang geisterte er als Phantom durch dieses Land und tötete... Ein abgrundtiefer Hass auf alles Menschliche ist in ihm. Gaskell fiel ihm zum Opfer - aus purem Zufall, weil er nicht auf mich hörte und nicht im Haus blieb, das ich mit Hilfe von Pentagrammen notdürftig gesichert hatte. Aber er war nicht der Erste... Die Opfer erfroren, wenn der Eishauch des bleichen Lords sie traf." Er trat nahe an Rebecca heran. "Das ist es, was mir keine Ruhe lässt, was mich Nacht für Nacht nicht in den Schlaf sinken lässt und mich immer wieder antreibt, nach einem Mittel zu suchen, das diesen Geist wieder in seine Schranken weist." Er seufzte. "Aber alles, was ich erreichen konnte, ist ein notdürftiger Schutz dieses Hauses mit Ritualen, die das Böse nur eine gewisse Zeit aufzuhalten vermögen. Nicht mehr."

"Warum erzählen Sie mir das alles?", fragte Rebecca.

"Weil ich Ihre Hilfe brauche!"

"Mit vorgehaltenem Revolver?"

"Ich konnte nicht auf Ihre Freiwilligkeit hoffen. Schließlich werden Sie bei dem, was ich vorhabe unweigerlich den Tod finden, Miss Jennings. Leider gibt es keinen anderen Ausweg..."

"Einen Ausweg?"

Sir Wilfried nickte. "In einer alten Schrift, die ich auf eigene Kosten aus einem seltenen äthiopischen Dialekt übersetzen ließ, fand ich ein Ritual, das möglicherweise stark genug ist, um den bleichen Lord wieder zu bannen... Ein Ritual, bei dem der zu bannende Geist zunächst angelockt wird. Dazu brauchen wir einen Köder..."

"Mich?"

Sein Schweigen war Antwort genug.

31

Rebecca stand starr inmitten des Kreises aus Pentagrammen, der einen Durchmesser von einigen Metern haben mochte. Hinter ihr stand der Butler. Sie wusste, dass der Revolverlauf auf ihren Rücken deutete und das es keinen Sinn machte, irgendwelchen Widerstand zu leisten.

Sir Wilfried stellte sich vor das lodernde Feuer am Boden, breitete die Arme aus und begann eine Folge von Wörtern zu sprechen, die einer unbekannten Sprache zu entstammen schienen.

"Macanuet ceremis Sekorun!", hörte sie ihn rufen. Sir Wilfried wiederholte diese Wortfolge immer wieder, so dass es sich schließlich fast wie eine Art Singsang anhörte. Dabei schloss er die Augen wie unter eine gewaltigen Anstrengung.

Sein vom fahlen Licht des Mondes beschienenes Gesicht wirkte verzerrt. Die Ader an seinem Hals schwoll an. Schließlich schrie Sir Wilfried die geheimnisvollen Worte in die Nacht hinaus. Heiser klang seine Stimme. Und sicherlich schwang ein Stück Verzweiflung in ihnen mit.

Dann bemerkte Rebecca, wie die Tierknochen, aus denn die Pentagramme gelegt worden waren, zu leuchten begannen. Ein grünliches Licht war es, so als würde sie fluoreszieren.

Diese Leuchterscheinung flackerte grell auf und wurde dann schwächer. Schließlich handelte es sich nur noch um einen matten Schimmer. Das Feuer in der Mitte war auf geheimnisvolle Weise verloschen.

Ein Geräusch ließ Rebecca zusammenzucken.

Das Galoppieren eines Pferdes!

Sie starrte in die Nacht hinaus und richtete ihren Blick instinktiv in jene Richtung, in der die Kapelle lag.

Irgend etwas schien sich dort zu bewegen. Für den Bruchteil eines Augenaufschlags glaubte sie die dunkle Silhouette eines Reiters erkennen zu können.

Immer lauter wurden die Hufgeräusche. Man konnte hören, wie der Reiter von dem weichen Boden auf den umgebenden Wiesen auf das harte Pflaster der Straße wechselte.

Aber man konnte nichts von ihm sehen.

Es war gespenstisch.

Rebecca stieß einen kurzen Schrei aus, als sie etwas sah, das schier unglaublich war.

Das Mondlicht tauchte die Erde in sein eigenartiges Licht.

Rebecca sah, wie sich Hufspuren wie von Geisterhand in den Boden eindrückten. Ein lautes Wiehern durchschnitt die Stille.

Und dann tauchte der bleiche Lord aus dem Nichts heraus auf. Erst war nur die transparente Ahnung einer Reitergestalt erkennbar. Innerhalb von Augenblicken gewann diese Gestalt an Substanz und materialisierte sich schließlich vollends.

Der bleiche Lord zügelte sein Pferd.

Das Mondlicht beleuchtete seine Züge und spiegelte sich in den starren, leblosen Augen.

Sein Blick war kalt und unbeteiligt, der Mund ein dünner Strich. Die Haut wirkte wie zerfallendes Pergament.

Er ist es!, dachte Rebecca. Dieser Mann glich in jedem Detail dem Bild von Sir Malcolm, dass Rebecca in der Galerie gesehen hatte.

Sir Malcolm stieg aus dem Sattel. Er brauchte sich um sein Pferd nicht zu kümmern. Es stand wie zu einer Statue erstarrt da. Sein Blick war ebenso leblos wie der seines Reiters.

Sir Wilfried trat etwas zurück. Rebecca wollte das ebenfalls tun.

Aber Walter spannte den Hahn des Revolvers.

"Stehenbleiben!", zischte er, während er rückwärts den Kreis der Pentagramme verließ.

Der bleiche Lord trat auf Rebecca zu.

Das grüne Leuchten der Knochenpentagramme flackerte wieder auf. Es veränderte die Farbe in einen bläulichen Ton.

Rebecca fühlte eine geradezu unmenschliche Kälte in sich aufsteigen.

Die Kälte des Todes!, dachte sie schaudernd.

Sie starrte dem bleichen Lord ins Gesicht und war auf einmal unfähig, sich zu bewegen.

Sir Malcolm kam auf sie zu, blieb in einer Entfernung von wenigen Metern vor ihr stehen. Unbeschreibliche Angst herrschte im Inneren der jungen Frau. Sie spürte, dass ihr Tod nahe bevorstehen musste. Alles in ihr schien vor Kälte erstarrt zu sein. Verzweifelt versuchte sie, sich zu bewegen, davonzulaufen - auch wenn Walter dann auf sie schießen würde!

Nichts konnte schlimmer sein, als eine Begegnung mit dem bleichen Lord.

Etwas, das aussah wie Nebel, kam aus seinem Mund heraus.

Weißer Nebel.

Rebecca versuchte, die Kontrolle über ihren Körper wiederzuerlangen. Aber sie schaffte es nicht. Ein Zittern ging durch ihren Körper.

Nein, dachte sie. Es gibt keine Rettung mehr...

Wie von weitem hörte sie die heisere Stimme Sir Wilfrieds wieder jene eigenartigen Worte sprechen, denen irgendeine magische Bedeutung innezuwohnen schien. Er steigerte sich in einen Singsang hinein. Das blaue Leuchten der Knochenpentagramme flackerte in einem pulsierenden Rhythmus auf, der sich immer mehr zu beschleunigen schien.

Rebecca fühlte, wie die mörderische Kälte von innen her, jeden Winkel ihrer Seele auszufüllen schien.

Der Eishauch!, durchschoss es Rebecca. Der Eishauch des bleichen Lords.

Es war genau so, wie Sir Wilfried es gesagt hatte.

Jetzt, dachte sie, weiß ich wie Edward Gaskell starb...

32

Der Geländewagen stoppte mit quietschenden Reifen. Jim öffnete die Tür und sprang heraus. Dann starrte er ungläubig auf die gespenstische Szenerie, die sich ihm bot...

"Rebecca!", rief er.

Er sah sie wie erstarrt inmitten eines Kreises aus eigenartig leuchtenden Pentagrammen stehen. Sie bewegte sich nicht. Ihr Blick war starr. Sie wandte nicht einmal den Kopf zu ihm herum, sondern stierte in das Gesicht ihres Gegenübers...

Die unheimliche Gestalt, die unmittelbar vor der jungen Frau stand, hob die Hand. Ein eigenartiger weißer Nebel entwich in kleinen Wolken seinem Mund und seiner Nase.

Etwas abseits standen Sir Wilfried und sein Butler.

"Rebecca!", rief Jim noch einmal.

Der kühle Wind bewegte etwas das bis zu den Knien reichende Nachthemd. Ihre Haut wirkte seltsam blass...

Aber vielleicht lag das nur an dem fahlen Licht des Mondes.

Jim zögerte nicht. Er rannte los.

"Halt!", rief der Butler. "Bleiben Sie stehen, Doktor! Sie wissen nicht, was Sie tun!"

Sir Wilfried breitete indessen wieder die Arme aus. Seine Augen geschlossen, das Gesicht zur Grimasse verzerrt. Er stieß unablässig jenen eigenartigen Singsang aus, der ein wesentlicher Bestandteil dieser fremdartigen Beschwörungszeremonie sein musste.

Jim erreichte Rebecca.

Ihr Blick schien vom bleichen Gesicht der gespenstischen Gestalt mit dem Dreispitz geradezu hypnotisiert zu sein.

Jim lief zu Rebecca, fasste sie bei den Schultern. Eine unmenschliche Kälte ging von ihr aus, fuhr seine Arme hoch und durchströmte seinen gesamten Körper.

Weißer Nebel schoss in einer Art Fontäne aus dem Mund des bleichen Lords heraus. Ein zischendes Geräusch war dabei zu hören. Jim riss Rebecca mit sich. Sie war steif und unbeweglich.

Die Fontäne aus weißem Nebel verfehlte sie beide.

Ein stöhnender Laut entrang sich dem düsteren Mann mit dem Dreispitz. Es klang wie ein ärgerliches Knurren.

"Nein!", schrie Sir Wilfried. Er stürzte in den Kreis hinein.

Und dabei murmelte er immer wieder dieselbe Silbenfolge.

Seine Augen traten weit hervor. Sein Gesicht zeigte höchste Anspannung.

Jim hatte Rebecca indessen aus dem Kreis der Pentagramme herausgezogen. Er musste sie festhalten, damit sie nicht einfach zu Boden taumelte.

"Rebecca!", hauchte Jim verzweifelt. Seine Arme hielten sie fest. Ihre Haut wirkte bleich und so pergamenten wie jene von Sir Malcolm. Ihr Blick war zunächst leer und ins Nichts gerichtet. Nur langsam gelang es ihr, aus ihrer unheimlichen Starre zu erwachen.

"Jim..." flüsterte sie. "Oh, Jim..."

Sir Wilfried trat indessen dem Unheimlichen entgegen.

Seine Stimme wurde schrill.

In diesem Augenblick leuchteten die Knochenpentagramme grell auf. Hellblaue Strahlen schossen aus ihnen heraus. Wie Blitze zuckten sie durch die Nacht und trafen Sir Malcolm.

Einen Augenblick lang stand dieser wankend da. Sein Stöhnen wandelte sich in ein ärgerliches Brüllen.

Eine weitere Nebelfontäne schoss aus seinem Mund heraus und traf Sir Wilfried mitten ins Gesicht. Sir Wilfried erstarrte. Er sank zu Boden und blieb reglos liegen.

Der bleiche Lord wandte sich indessen unter den hellblauen Strahlen, die in unverminderter Heftigkeit aus den Knochenpentagrammen herausschossen.

Seine Gestalt schien zu verblassen.

Der Mond leuchtete durch seinen dunklen Umhang hindurch, schließlich auch die Sterne.

Sir Malcolm wurde transparent, wirkte jetzt wie eine immer blasser werdende Projektion, die schließlich ganz verschwand.

Das pulsierende Leuchten in den Pentagrammen erstarb im selben Moment.

"Mein Gott", flüsterte Jim. "Was war das nur..."

Rebecca fühlte, wie langsam die Wärme des Lebens in ihre Gliedmaßen zurückkehrte. Sie schmiegte sich an Jim, blickte ihn an. "Es war furchtbar", sagte sie leise. "Ich konnte mich nicht bewegen und..."

Sie sprach nicht weiter, sondern sah hinüber zu Walter, dem Butler. Er stand mit verstörtem Gesicht da, den Revolver noch immer in der Rechten haltend.

"Das, was wir gerade gesehen haben... Was war das Rebecca?"

"Etwas, für das es vielleicht noch keine vernünftige Erklärung gibt, Jim."

Jim sah sie nachdenklich an und strich ihr zärtlich das Haar aus der Stirn. "Ist mit dir alles in Ordnung, Rebecca?"

"Ich denke schon, Jim..."

"Nachdem du mich angerufen hast, habe ich mich sofort in den Wagen gesetzt. Was hatten die mit dir vor?"

"Ich sollte Teil eines seltsamen Rituals werden, mit dem der Geist eines Mannes besänftigt werden sollte, der eigentlich schon seit Jahrhunderten in einem Steinsarkophag liegen müsste..." Sie atmete tief durch. "Ich weiß selbst noch nicht, was ich von dem, was ich erlebt habe, für wahr halten soll..."

Unterdessen ging Walter auf den am Boden liegenden Sir Wilfried zu. Er beugte sich nieder und drehte ihn herum.

Sein Gesicht war völlig weiß, die Augen starr...

Walter schüttelte stumm den Kopf.

Die Waffe entglitt seiner Hand.

Rebecca und Jim traten zu ihm.

Der jungen Frau war noch etwas schwindelig. Aber ansonsten waren die Lebensgeister bei ihr wieder zurückgekehrt.

"Es ist so viele Jahre her", flüsterte der Butler. "So viele Jahre seit jener Nacht, in der die verhängnisvolle Seance stattfand..." Er sprach mit ausdrucksloser Stimme.

Aber sein Gesicht zeigte die Erschütterung, die in ihm vor sich gegangen war. "Nicht nur der Geist von Sir Malcolm fand seit dem keine Ruhe mehr... Dasselbe könnte man auch von Sir Wilfried sagen. Und erst jetzt hat der Fluch, der seiner unbedachtsamen Tat folgte, seine Auflösung gefunden..."

Walter wandte sich an Rebecca.

"Verzeihen Sie mir, Miss Jennings. Und verzeihen Sie auch Sir Wilfried. Wir handelten aus Verzweiflung - um einer Gefahr zu begegnen, die so furchtbar war, dass es das menschliche Begriffsvermögen beinahe übersteigt..."

Rebecca schluckte. Sie wollte etwas sagen, aber ein Kloß steckte in ihrer Kehle.

Stattdessen sagte Jim: "Sie werden der Polizei eine Menge Fragen zu beantworten haben."

"Der Polizei?", echote Walter.

"Ja, bevor ich hier her fuhr, habe ich sie benachrichtigt! Sie müsste hier bald eintreffen."

Ein mattes Lächeln glitt über Walters Lippen. Das erste Lächeln, das Rebecca bei dem Butler bemerkt hatte. Er sah sie an. "Glauben Sie, irgend jemand wird uns die Wahrheit glauben, Miss Jennings?"

"Vermutlich nicht", flüsterte Rebecca. Dann wandte sie sich an Jim. "Kann ich bei dir übernachten?" Sie deutete auf die düsteren Mauern von Dellmore Manor. "Ich setze keinen Fuß mehr in dieses Haus..."

Jim nickte und küsste sie flüchtig auf die Stirn.

"Natürlich", sagte er.

33

Walter wurde von der Polizei verhört und vorläufig festgenommen. Die angeordnete Obduktion ergab bei Sir Wilfried Herzversagen als Todesursache. So wie bei all den anderen Opfern des bleichen Lords auch.

Die niedrige Körpertemperatur bereitete einige Kopfzerbrechen. Aber vermutlich würde man die Ermittlungen bald einstellen und von einer natürlichen Todesursache ausgehen.

Zwei Tage später fuhren Rebecca und Jim gemeinsam zur Begräbniskapelle der Dellmores. Rebecca hatte Jim inzwischen alle Einzelheiten berichtet. Von ihrer ersten Begegnung mit dem bleichen Lord angefangen.

"Warum hast du so lange geschwiegen?", fragte Jim sie, als sie Hand in Hand die alte Kapelle betraten. Seine Stimme hallte von den kalten Steinwänden wider. Aber irgendwie hatte dieser Ort nun seine furchterregende Aura verloren. Mit Erleichterung nahm Rebecca das zur Kenntnis.

"Ich wollte nicht, dass du mich für verrückt hältst, Jim."

"Aber..."

"Ich habe doch schon an mir selbst gezweifelt. Hufspuren, die plötzlich wieder verschwunden waren, der seltsame Reiter, der aus dem Nichts aufzutauchen schien und dessen Gesicht ganz offensichtlich das eines Toten war..." Allein die Erinnerung daran ließ Rebecca schaudern.

"Es ist seltsam", sagte Jim. "Das, was in dieser furchtbaren Nacht geschah, als Sir Wilfried starb... Es wirkt auf mich jetzt wie die Erinnerung an einen üblen Traum."

"Mir geht es ähnlich, Jim."

"Und doch weiß ich genau, was ich gesehen habe!" Sie blieben stehen. Jim fasste Rebecca zärtlich bei den Schultern.

"Was willst du an diesem Ort, Rebecca? Nachschauen, ob das Grab von Sir Malcolm noch immer leer ist?"

Sie lächelte.

"Um seine Ruhe erneut zu stören?" Rebecca schüttelte den Kopf und fügte dann hinzu: "Aber ich gebe zu, dass ich einen Augenblick darüber nachgedacht habe... Aber ich glaube, es ist nicht mehr wichtig."

"Dann lass uns gehen, Rebecca."

"Gleich..."

Ihre Blicke sogen sich aneinander fest. Eine Welle zärtlicher Gefühle überkam Rebecca. Was immer sie auch an Schrecken hatte aushalten müssen - sie hatte diesen wunderbaren Mann kennengelernt und das glich alles wieder aus, fand sie.

Sie schlang die Arme um ihn und zog ihn zu sich hinab.

Die Lippen der beiden Liebenden fanden sich zu einem Kuss voller Leidenschaft. Danach legte sie den Kopf an seine Schulter, während ihre Arme seine Hüfte umschlangen.

"Wie lange wirst du hier in der Gegend bleiben?", fragte Jim.

"Nun, bis eventuelle Erben von Sir Wilfried verständigt wurden kann es eine Weile dauern. Direkte Nachkommen hatte er ja nicht. So lange zumindest, werde ich weiterhin als Verwalterin des Gutes tätig sein. Was danach kommt - ich weiß es nicht."

"Es könnte ja auch andere Gründe geben, um in dieser Gegend zu bleiben, oder?

Sie lächelte.

"Ja, ich glaube schon, Jim!"

"Ich liebe dich, Rebecca."

"Ich dich auch, Jim."

Eng umschlungen verließen sie die uralte Kapelle. Sie traten hinaus ins Freie. Die Sonne schien und sanfter Wind blies über die hügelige Landschaft. Rebecca atmete tief durch. Sie war glücklich. "Halt mich fest, Jim", flüsterte sie. "Für immer..."

ENDE

Die Angst verfolgt dich bis ans Ende

Thriller von Alfred Bekker

––––––––

Die Radiomoderatorin Lynne bekommt den Anruf eines Hörers, der behauptet, die Wiedergeburt eines Serienmörders zu sein. Nur ein verrückter Wichtigtuer? Oder hat eine zweifelhafte Reinkarnationstherapie tatsächlich dazu geführt, dass der dunkle Drang zu töten die Oberhand gewinnt? Bald scheint Lynne selbst in den Fokus des Mörders zu geraten...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Lynne Davis atmete tief durch.

Die Musik war gleich zu Ende. Sie blickte nach links, wo Clark Grady, der Aufnahmeleiter hinter einem Glasfenster saß und ihr zunickte. Lynne strich sich eine Haarsträhne zurück.

Mein Gott, dachte die junge Frau. Ich mache diese Sendung nun schon fast drei Monate. Allmählich sollte sich wenigstens ein klein bisschen von dem einstellen, was man Routine nennt. Aber Lynne hatte noch immer vor jeder Sendung Schmetterlinge im Bauch.

Die Musik war zu Ende.

Ein rotes Licht ging an.

Jetzt war sie auf dem Äther und mindestens einige hunderttausend Ohrenpaare würden jetzt der Stimme von Lynne Davis lauschen.

"Und hier ist wieder Radio KLM, London und ich begrüße mal wieder alle Nachtschwärmer zur zweiten Hälfte von Lynne's Night-Talk. Heute zum Thema Reinkarnation und Wiedergeburt. Glaubt ihr daran, dass es mehrere Leben gibt, dass die Seele vielleicht nach dem Tod des Körpers weiterexistiert - oder seit ihr der Meinung, dass nach dem Tod alles zu Ende ist? Habt ihr schonmal gelebt? Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind. Ganze Kulturen bauen auf diesem Glauben auf..."

Dann gab Lynne die Telefonnummer über den Sender. Zweimal, zum Mitschreiben.

Eine kurze Musikeinspielung folgte, dann der erste Anruf.

"Hallo, hier ist Lynne Davis. Wer spricht da?"

"Bill."

Die Stimme hatte einen seltsam dumpfen Klang, das fiel Lynne sofort auf. Aber sie dachte zunächst nicht weiter darüber nach.

"Bill, warum rufst du an? Was willst du uns erzählen?"

"Ich habe den ersten Teil der Sendung gehört - vor den Nachrichten. Und da dachte ich..." Er stockte. Seine Stimme klang wirklich merkwürdig... "Ich dachte, da muss ich mal anrufen. Es ist nämlich so, dass ich schonmal gelebt habe..."

"Du glaubst also an die Wiedergeburt."

"Ich weiß es, verdammt noch mal!"

Es war ein kleiner Ausbruch von unterdrückter Wut, der Lynne unwillkürlich einen Schauer über den Rücken jagte. Sie hörte ihn durch das Telefon atmen. "Entschuldigung", sagte er. "Aber es ist immer dasselbe, wenn man darüber redet. Man wird nicht ernst genommen..."

"Ich würde das Thema nicht in meine Sendung nehmen, wenn ich es nicht ernst nähme", erwiderte Lynne. "Aber sag mal, was ist mit deiner Stimme? Man kann dich so schlecht verstehen?"

"Ich spreche durch ein Taschentuch. Ich will nicht, dass jemand, den ich kenne, meine Stimme wiedererkennt..."

"Verstehe", murmelte Lynne. Er war nicht der erste Anrufer, der anonym bleiben wollte. Und natürlich hieß er auch nicht Bill. Aber darauf kam es nicht an.

"Ich hatte viele Leben in verschiedenen Zeitaltern", sagte der Anrufer. "Die meisten waren nichts besonderes. Durchschnittsmenschen, Handwerker, Bauern. Aber vor hundert Jahren wurde ich als William Delaney geboren..."

Lynne verstand nicht, aber Bill hatte das so gesagt, als würde es etwas bedeuten.

"Wer war dieser Delaney?", fragte Lynne.

"Ein Mörder. Er hat neun Frauen der feinen Gesellschaft umgebracht. Ich habe immer die Bilder dieser Frauen vor mir..." In seine Stimme kam ein seltsames Vibrieren hinein.

"Wie kommst du zu der Überzeugung, dass du einmal ein Mörder warst?", fragte Lynne.

"Ich habe eine Reinkarnationstherapie mitgemacht, weil ich psychische Probleme hatte und mir eine normale Therapie nicht helfen konnte..."

Oh, mein Gott! Ein Verrückter!, ging es Lynne unwillkürlich durch den Kopf. Wie hatte ihr Team den nur auf den Sender lassen können? Ein gutes Dutzend Mitarbeiter machten während der Sendung nichts anderes, als solche Anrufer auszufiltern.

"Eine Reinkarnationstherapie?", echote Lynne. "Was ist das?"

"Man geht davon aus, dass die Probleme, die man in diesem Leben hat, durch ungelöste Konflikte in früheren Leben verursacht sind. Der Therapeut versetzt den Patienten in Hypnose und geht mit ihm zunächst in die frühe Kindheit zurück. Dann zur Geburt, anschließend in die Zeit vor der Geburt und in frühere Leben. Ich war William Delaney, der neunfache Frauenmörder... Ich erlebte die Morde, ich sah die Opfer... Ich wurde hingerichtet, Lynne!"

Er brach ab.

"Hat dir diese Therapie denn geholfen?"

"Nein. Ich werde die schrecklichen Bilder nicht mehr los. Jede Nacht sehe ich die Gesichter der Frauen vor mir, die ich umgebracht habe. Ich sehe sie in einer langen Reihe und als letztes sehe ich mein eigenes Gesicht - ich meine, das Gesicht, das ich damals, als William Delaney hatte - in der Reihe..."

"Bist du immer noch in dieser Reinkarnationstherapie?", fragte Lynne.

"Nein. Ich habe sie abgebrochen."

"Bist du zu einem anderen Therapeuten gegangen? Einem Arzt?"

"Mir kann niemand helfen. Das weiß ich. Diese Bilder... Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn man plötzlich erfährt, dass man ein Mörder ist..."

"Ich verstehe dich gut", sagte Lynne.

"Nein, das versteht niemand. Niemand wirklich. Und dann... Da ist noch etwas..." Er stockte und machte eine kleine Pause. Einen Augenblick hatte Lynne schon den Verdacht, der Anrufer könnte raus aus der Leitung sein.

"Was ist da noch, Bill?", hakte sie nach.

"Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Also, ich habe Angst, dass der Mörder, der ich war, wieder hervorbricht... Verstehst du, was ich meine?"

Bill hatte jetzt mit zitternder Stimme gesprochen.

"Erkläre es mir", erwiderte Lynne so sanft und ruhig sie konnte.

"Ich habe Angst, dass ich wieder der werde, der ich in einem früheren Leben schon einmal war! William Delaney, ein Serienmörder! Wenn ich diese High-Society-Frauen mit ihren Klunkern und Ketten um den Hals sehe... Ich beginne zu verstehen, weshalb ich - also ich meine Delaney - sie umbringen musste..."

Er atmete schwer. Die Zeit, die für einen einzelnen Anruf zur Verfügung stand, war längst verbraucht.

Aber Lynne konnte Bill jetzt nicht sich selbst überlassen.

Wenn sie Glück hatte, konnte sie ihn dazu überreden, sich noch mit dem Psychologen, den sie im Sendeteam hatten, zu unterhalten - natürlich ohne, dass davon etwas über den Sender ging. Denn Hilfe brauchte dieser Mann ohne Zweifel.

"Bill, hier warten bereits einige andere Anrufer in der Warteschleife", sagte Lynne. "Vielleicht unterhältst du dich noch ein bisschen mit unserem Psychologen... Hallo?"

Es hatte klick gemacht.

"Bill? Bist du noch dran?"

Die Leitung war tot.

2

"Mein Gott, du bist ja kreideweiß", meinte Clark Grady, der Aufnahmeleiter, als die Sendung zu Ende war.

Lynne schluckte.

"Ich bin froh, dass die Sendung zu Ende ist", gestand sie und fuhr sich mit der Hand über die Augen.

Clark hatte ihr einen schwarzen Kaffee hingestellt. Lynne lächelte matt.

Details

Seiten
450
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901672
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311735
Schlagworte
vier romantic thriller sammelband

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Vier Romantic Thriller, Sammelband #4