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Das Fest der Mörder

2015 720 Seiten

Leseprobe

Das Fest der Mörder

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Alfred Bekker

Das Fest der Mörder: Sieben Krimis

Krimis mit Tatorten in Deutschland und den USA: Von Chicago bis Sonsbeck  am Niederrhein über Düsseldorf und Mönchengladbach zieht sich eine Blutspur bis nach Ostfriesland. Und selbst im Angesicht der alpinen Bergwelt wird skrupellos gemeuchelt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Kommissar Weihnachtsmann

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Alfred Bekker: Hinter Schloss und Riegel

Alfred Bekker: Mord an Bord

Alfred Bekker: Der Armbrustmörder

Alfred Bekker: Eine Kugel für Lorant

Alfred Bekker: Ein Ermordeter taucht unter

Umfang: ca. 700 Seiten

––––––––

Copyright

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

All rights reserved

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

Alfred Bekker: Kommissar Weihnachtsmann

––––––––

„Ich bin gegen einen Verkauf der Firma“, sagte Hans-Joachim Brendel.  „Wir sind der europaweit führende Hersteller von Schokoladenweihnachtsmännern und ich bin fest davon überzeugt, dass uns die neuen Produktreihen  wieder aus der Krise führen werden.“

Wie Zinnsoldaten stand eine Reihe von kleinen Schokoladenweihnachtsmännern vor ihm auf dem Tisch. „Hier liegt unsere Zukunft, Thomas!“

„Wir kriegen so ein Angebot nicht ein zweites Mal“, widersprach Thomas Menzel, Miteigentümer der Super-Schoko Werke.

„So ein Unsinn! Das Weihnachtsgeschäft liegt vor der Tür, und das werden wir nicht jemand anderem überlassen. Tut mir Leid, Thomas, gegen mein Votum kannst du den Verkauf nicht durchsetzen.“

„Es sei denn, dir passiert etwas!“

Thomas Menzel zog eine Pistole mit Schalldämpfer aus dem Jackett.

„Hey, was soll das?“, rief Brendel.

Aber es war zu spät.

Ein Geräusch ertönte, das wie ein kräftiges Niesen klang. Zweimal kurz hintereinander feuerte Menzel. Brendel sackte in sich zusammen.

Menzel erhob sich aus dem tiefen Ledersessel. Er lächelte kalt und nahm sich den äußersten Schokoladenweihnachtsmann. Er biss hinein und verzog gleich darauf das Gesicht. Weihnachtsmänner in Zartbitter! Wer kaufte denn so etwas?

1

Menzel fuhr an eine Flussbrücke und warf die Pistole in die Tiefe. Man würde Brendel erst am nächsten Morgen finden.

Alles perfekt, dachte Menzel.

Wenn er nach Hause kam würde er noch etwas mit seiner Jagdflinte auf Tontauben schießen und dafür sorgen, dass es jemand mitbekam.

Dann hatte er genug Schmauchspuren an seinen Händen,  um eine Erklärung parat zu haben, falls die Polizei einen entsprechenden Test bei ihm durchführte.

2

Kommissar Vanderkamp traf als Letzter am Tatort ein. Zwei Beamten der Spurensicherung waren bereits dort. Außerdem der Gerichtsmediziner, der angab, dass Hans-Joachim Brendel  irgendwann im Verlauf des vorigen Abends erschossen worden war.  Seine Sekretärin hatte ihn am Morgen gefunden.

„Die Firma wird seit einiger Zeit von einem Giftattentäter erpresst“, sagte Brahm von der Spurensicherung. „Das hat mir zumindest einer der Miteigentümer erzählt. Der Täter drohte, Super-Schoko-Produkte in verschiedenen Geschäften zu vergiften, wenn man ihm nicht eine Million Euro zahlen würde.“

„Und Sie denken, das hat etwas mit dem Mord zu tun?“, fragte Vanderkamp.

„Angeblich wurde der Betrag gestern von einem Firmenkonto abgehoben und per Geldboten hier ins Büro gebracht.“

„Dann könnte das Ganze eine gescheiterte Geldübergabe sein“, sagte Vanderkamp. „Nur seltsam, dass Brendel den Erpresser hier her bestellte...“

„Allerdings!“

„Am besten lasse ich Sie mal ihre Arbeit machen und befrage erst einmal die Miteigentümer und die wichtigsten Mitarbeiter.“

3

Vanderkamp befragte die Miteigentümer der Firma. Neben Thomas Menzel war dies ich der Lebensmittelchemiker Dr. Heiner Bertram sowie die Juristin Dr. Martina Fahrner.

„Die Firma steckt in der Krise“, erklärte Martina Fahrner unumwunden. „Ich sage es Ihnen, weil Sie früher oder später doch darauf kämen. Die Meldungen beherrschen ja bereits den Wirtschaftsteil der Zeitungen. Kein Wunder, es geht ja auch um einige tausend Jobs.“ Die attraktive Blondine trug das Haar hochgesteckt und wirkte sehr elegant. „Ich hatte einen hervorragenden Vertrag mit einem Kaufinteressenten vorbereitet. Wir hätten alle ohne finanziellen Schaden aus der Sache herauskommen können. Aber Hans-Joachim – Herr Brendel – wollte die schlechte Lage nicht wahrhaben und redete die Situation immer wieder schön. Leider konnten wir gegen seinen Willen den Verkauf nicht realisieren.“

„Und jetzt?“, fragte Vanderkamp.

Martina Fahrner zuckte mit den Schultern. „Auf der persönlichen Ebene bedauern wir natürlich alle Hans-Joachims Tod. Aber auch wenn es jetzt hart klingt, aber wahrscheinlich werden dadurch einige tausend Arbeitsplätze gerettet.“

„Nicht nur Arbeitsplätze. Auch Ihre Einlagen in die Firma“, stellte Vanderkamp klar.

„Unsere Firma hatte noch ein anderes Problem, das nicht in den Zeitungen stand“, eröffnete Thomas Menzel. „Wir wurden seit Wochen von einem Irren erpresst, der damit drohte, unsere Osterhasen in den Filialen verschiedener Supermarktketten zu vergiften. Das wäre der Todesstoß für die Firma gewesen.“

„Hans-Joachim hat – mit unser aller Zustimmung – eine Million Euro abgehoben und hier in die Firma bringen lassen“, berichtete Dr. Bertram. „Das Geld ist nicht mehr im Safe.“

„Wer kannte die Kombination?“, fragte Vanderkamp.

„Jeder der Eigentümer“, erklärte Bertram.

Eine junge Frau betrat den Raum und sprach Menzel an. „Ich soll Sie fragen, was mit der neuen Zartbitter-Linie bei den Weihnachtsmännern ist.“

„Die hat noch keiner probiert“, mischte sich Martina Fahrner ein. Sie wandte sich an Vanderkamp. „Das war Hans-Joachims Privileg. Die neuen Produkte kamen immer erst zu ihm und wenn er sie für gut befand, verteilte er sie an die anderen.“

„Ich habe die Dinger schon probiert“, sagte Menzel an die junge Frau gerichtet. „Sagen Sie denen in der Produktion, dass die so nicht in den Handel können und stören Sie uns für die nächste Stunde nicht mehr.“

4

„Verdächtige?“, fragte Brahm, als Vanderkamp zu ihm zurückkehrte.

„Sämtliche Miteigentümer hätten ein Motiv“, sagte der Kommissar.

„Eins steht fest: Der Mörder hat sich an den Weihnachtsmännern vergriffen.“

„Wieso?“

„Sehen Sie hier! Wir haben die Schmauchspuren gesichert. Es ist natürlich überall Schmauch auf dem Schreibtisch, nur nicht unmittelbar hinter den aufgereihten Weihnachtsmännern. Aber am Ende der Reihe ist eine völlig schmachfreie Stelle, so als hätte der Täter sich einen der Weihnachtsmänner  genommen, nachdem er geschossen hatte.“

„Ich denke, dann weiß ich, wen ich zu verhaften habe“, sagte Vanderkamp. „Thomas Menzel hatte nämlich als einziger bereits die neuen Zartbitter-Weihnachtsmänner probiert.“

ENDE

Alfred Bekker: Bluternte 1929 - Umgelegt in Chicago

Krimi in der Tradition von Hammett und Chandler, der im Chicago der 20er Jahre spielt.

von Alfred Bekker

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

1

Irgendein kalter Tag in Chicago. Man schrieb das Jahr 1929. Ein böses Jahr, ein böser Tag.

Aber ich will mich nicht beklagen, schließlich lebe ich noch, sonst könnte ich diese Story auch gar nicht erzählen.

2

Es gibt Tage, an denen geht alles schief. Und genau so einer lag gerade hinter mir, als ich Clunkys „Speakeasy“ aufsuchte, eines jener illegalen Schnapslokale, die in Chicago und anderswo aus dem Boden sprießen wie faulige Pilze.

Ich brauchte jetzt einen Drink, sagte am Eingang das Passwort und wurde eingelassen.

Als ich an die Theke trat stellte Clunky, ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren, etwas Hochprozentiges vor mich hin. Der erste Schluck brannte noch etwas in der Kehle, aber um einen Teil meiner Probleme mit hinunter zu spülen, dafür reichte er. Ich stellte das geleerte Glas auf den Tresen und Clunky schenkte nach.

An diesem verfluchten Tag hatte ich einen Mann erschossen, nachdem dieser meinen Klienten erledigt hatte.

Ich fand, dass ich mir ein Recht auf schlechte Laune redlich verdient hatte, nahm meinen Drink und verzog mich damit in die hinterste Ecke. Mir war heute ausnahmsweise nicht nach Theken-Gequatsche.

Falls ich später nicht mehr in der Lage wäre, meinen 1924er Plymouth zu fahren, den ich ganz in der Nähe abgestellt hatte, war das nicht so schlimm. Mein 1-Zimmer-Apartment befand sich nur vier Blocks entfernt und bis dahin schaffte ich es in jedem Fall noch zu Fuß.

Ich schloss für ein paar Momente die Augen und war allein mit mir und meinen Gedanken.

Ein Mann namens Zach Allister hatte mich vor einer Woche angesprochen. Er hatte ein Mitglied des irischen Syndikats um eine Menge Geld geprellt und jetzt fürchtete er um sein Leben. Zur Polizei konnte er nicht gehen, weil die ihm ein paar unangenehme Fragen gestellt hätte. Also wandte er sich an mich, Pat Boulder – Privatermittler und wenn es sein muss auch mal Bodyguard. Eine Woche schaffte ich es, meinen Klienten am Leben zu halten. Ich riet ihm, besser aus der Stadt zu verschwinden. Nach dem, was er verbockt hatte, war die Windy City einfach kein Pflaster mehr für ihn, aber leider hatte er das nicht einsehen wollen.

Wer nicht hören will muss fühlen oder bekommt manchmal auch ein Kugel ab.

Das Gespräch, dass wir in meinem Büro in der Ecke South Franklin/Monroe Street geführt hatten, ging mir in diesem Augenblick durch den Kopf.

„Ich habe hier dringende Geschäfte, Mister Boulder!“

„Kleines Rendezvous mit dem Leibhaftigen – oder was sollen das für Geschäfte sein?“

„Werden Sie nicht zynisch, Boulder!“

„Sie sind so tot wie ein paar eingeschlafene Füße, wenn Sie nicht bald von hier verschwinden. Die Leute, mit denen Sie sich angelegt haben, fackeln nicht lange!“

„Das werden wir ja sehen!“

„Die machen ein Sieb aus Ihnen!“

„Was Sie verhindern werden, Boulder! Ich zahle Ihnen das Doppelte Ihres üblichen Satzes! Hören Sie, ich weiß, dass Sie gut sind. Aber ich weiß auch, dass Sie Geld brauchen.“

Wir hatten beide Recht gehabt und jetzt lag Zach Allister in der städtischen Leichenhalle, voll gepumpt mit Blei. Es war in einem Diner in der Washington Road passiert. Mein Klient war aufgestanden, um sich beim Geschäftsführer über die Qualität des Kaffees zu beschweren, da war ein Kerl mit einer MPi in den Händen herein gestürmt und hatte ihn einfach niedergemäht.

Lange hatte sich dieser Hit-man allerdings nicht darüber freuen können. Ein gezielter Schuss aus meinem 38er war für ihn das Aus gewesen.

Es waren nicht die anschließenden Verhöre bei der Polizei, die mich den letzten Nerv gekostet hatten, sondern die Aussicht, dass sich die Geschichte herumsprach. Ein Mann, den ich hätte schützen sollen, war tot. Eine gute Reklame war das nicht gerade. Welcher Klient sollte da noch Vertrauen fassen?

„Sind Sie Mister Boulder?“, riss mich eine weibliche Stimme aus meinen Gedanken. „Mister Pat Boulder!“, wiederholte sie und betonte dabei meinen Vornamen auf eine Weise, die es in sich hatte.

Ich öffnete die Augen und sah eine Frau von Ende zwanzig. Das Haar war dunkel, ihr feingeschnittenes Gesicht wurde von zwei grünblauen Augen beherrscht und die Silhouette, die man unter dem eng anliegenden Kleid erahnen konnte, war atemberaubend. In der einen Hand hielt sie ein halbleeres Glas, in der anderen eine Zigarette, die allerdings noch nicht brannte.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen, Mister Boulder?“

„Sie dürfen. Aber Sie haben sich einen schlechten Tag ausgesucht, um mit mir anzustoßen.“

„Ach, ja?“

„Erwarten Sie besser nicht, dass ich heute vor Witz nur so sprühe oder Sie sich geistreich mit mir unterhalten könnten!“

„Keine Sorge, Mister Boulder! Aber Feuer haben Sie doch bestimmt noch, oder?“

Ich langte in die Seitentasche meines Jacketts und holte die Streichhölzer hervor. Sie beugte sich vor, damit ich ihr Feuer geben konnte. Anschließend setzte sie sich und ich zündete mir auch eine an.

Nachdem ich den ersten Zug genommen hatte, trank ich mein Glas leer und verzog das Gesicht. „Richtiger Bourbon ist was anderes als dieser Fusel...“

„Mister Boulder...“

„Jetzt reden wir mal Tacheles. Wer sind Sie und wer hat Ihnen meinen Namen gesagt?“

Irgendwo lachte jemand sehr schrill und zog damit die Aufmerksamkeit aller auf sich. Für die junge Lady, die an meinem Tisch Platz genommen hatte, bedeutete dies, dass sie ein paar Sekunden länger Zeit hatte, sich eine vernünftige Antwort zu überlegen.

Sie beugte sich etwas über den Tisch und sprach anschließend mit gedämpfter Stimme.

„Mein Name ist Jessica Rampell. Und wer Sie sind weiß ich von Clunky.“

„Sagen Sie bloß, der redet mit Ihnen!“

„Ja, stellen Sie sich vor!“

„Anscheinend haben Sie das gewisse Etwas!“

Sie lächelte etwas spöttisch. „Das wird es wohl sein.“

Ich grinste zurück. „Da stehe ich einmal nicht an der Theke, sondern verzieh mich gegen meine sonstige Gewohnheit an einen Tisch und schon verpasse ich ein historisches Ereignis: Den Augenblick, in dem Clunky Small Talk macht!“

„So würde ich das nicht bezeichnen.“

„So?“

„Ich fragte ihn nach jemandem, der mir bei einer ziemlich delikaten Sache irgendwie weiterhelfen könnte!“

Ich zog an meiner Lucky Strike und war auf einmal wieder so nüchtern wie ein reformierter Prediger.

„Worum geht es?“

„Clunky hat erzählt, Sie seien ein guter Privatdetektiv.“

„Ich nehme 25 Dollar am Tag plus Spesen. Wenn Sie das aufbringen können, mache ich fast alles für Sie.“

„Gut zu wissen.“

„Aber nur fast alles.“

Ich dachte bei ihr an einen untreuen Ehemann, den es zu beschatten galt. Die Tatsache, dass die Kleine keinen Ehering trug, musste nichts heißen. Vielleicht hatte sie ihn vor lauter Wut schon versetzt. Eigentlich ein Job, den ich hasste wie die Pest. Aber nach der Schießerei in dem Diner sehnte ich mich geradezu nach einem langweiligen Job.

Immerhin schreckte sie mein Preis nicht und das hielt ich schon einmal für ein gutes Omen. Aber wenn ich mir das edle Armband und die Perlenkette so ansah, dann war eigentlich auch nichts anderes zu erwarten gewesen.

Doch im Hinblick auf die Art von Jessica Rampells Auftrag sollte ich mich ziemlich gründlich getäuscht haben.

Sie blies mir ihren Rauch entgegen. Vielleicht hatte sie das im Kino gesehen und hielt es für weltläufig.

„Clunky sagt, Sie würden ńe Menge Leute kennen!“

„Wenn Clunky das sagt...“

„Sie kommen doch viel herum, oder!“

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“

„Ich brauche jemanden, der einen unauffällig über den See nach Kanada bringen könnte. Die Alkoholschmuggler fahren doch diese Route...“

„Ja, und es werden regelmäßig welche von ihnen geschnappt.“

„Dann wäre es besser, wir hätten neue Papiere?“

„Wir? Sie sind zu mehreren?“, hakte ich nach, bekam aber zunächst keine Antwort. „Wahrscheinlich wäre Ihnen eine Reise ohne Fragen und ohne Papiere am liebsten.“

Sie nickte lächelnd.

„Ja, so ähnlich“, gab sie zu.

„Was haben Sie auf dem Kerbholz?“

„Ja oder nein?“ Ihre Stimme hatte jetzt einen harten, metallischen Klang bekommen. Ihre grünblauen Augen erinnerten mich an die Augen einer Katze.

„Ich kann mich ja mal für Sie umhören“, sagte ich vage.

Sonderlich scharf war ich auf diesen Job nicht. Wenn schon die Klientin nicht genau weiß, was sie eigentlich will, gibt so etwas immer nur Komplikationen.

„Da wäre ich Ihnen sehr dankbar, Mister Boulder.“

„Wie kann ich Sie erreichen?“

„Überhaupt nicht. Ich werde Sie in den nächsten Tagen anrufen.“

Ich war etwas überrascht. Aber die Klientin ist Königin und es gab keinen Grund, sich auf ihre Bedingungen nicht einzulassen.

„In Ordnung“, stimmte ich zu. „Ganz wie Sie wollen!“

Ich langte in meine Brieftasche und gab ihr eine meiner Karten.

Sie nahm sie an sich, warf einen kurzen Blick darauf und steckte sie dann in ihre Handtasche.

„Bis wann wollen Sie denn verschwinden?“, fragte ich noch.

„Spätestens Ende der Woche. Im Übrigen brauche ich zwei Plätze!“

„Verstehe“, log ich. Ich witterte irgendeine Romeo- und Julia-Geschichte, aber davon wollte ich im Moment eigentlich nichts weiter hören.

„Im Erfolgsfall bekommen Sie 100 Dollar zusätzlich!“, versprach sie mir. Dann holte sie ihre Brieftasche hervor und legte mir genau 25 Dollar auf den Tisch. „Und das ist dafür, dass Sie auch sofort damit anfangen, sich um meinen Fall zu kümmern!“

Ich lächelte dünn. „Geld beflügelt meinen Einsatzeifer immer ungemein“, gab ich zu, sammelte die Scheine ein, während ich die Lucky Strike im rechten Mundwinkel aufglimmen ließ und steckte die Beute des heutigen Tages in die Jackettinnentasche.

„Es ist wirklich dringend, Mister Boulder!“

„Es hat mich gefreut, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Ma’am!“, sagte ich.

Sie erhob sich und so tat ich es ebenfalls.

„Ich muss jetzt leider gehen“, erklärte sie und rauschte davon. Ich sah ihr noch ein paar Augenblicke nach, ehe sie sich in der Menge von Trinkern, die sich inzwischen in dem Speakeasy eingefunden hatte, verlor.

Ich atmete tief durch und dachte : So endet dieser verdammte Tag ja doch noch einigermaßen erträglich!

Wer hätte das für möglich gehalten?

3

Eine Woche verging, ohne dass sich Jessica Rampell bei mir meldete. Ich tat gerade so viel, wie es mir für 25 Dollar angemessen erschien und erkundigte mich nach Möglichkeiten, ohne Aufsehen über den See zu kommen.

Ansonsten hatte ich in dieser Woche nicht viel zu tun. Die meiste Zeit über saß ich in meinem Büro, legte die Füße auf den Tisch, trank Bourbon und musste mir von meiner Sekretärin Kitty Meyerwitz Vorhaltungen darüber machen lassen, dass bald Ebbe in der Kasse wäre.

„Trösten Sie sich, Kitty! Auf die Ebbe folgt unweigerlich die Flut“, sagte ich.

Sie stemmte ihre schlanken Arme in die Hüften. „Sprechen Sie von einer Bourbon-Flut?“

„Wo bleibt Ihr Optimismus?“

„Den habe ich verloren, seit Joe tot ist und ich darauf angewiesen bin - wir darauf angewiesen sind! -, dass Sie die Fische an Land ziehen.“

Sie spielte damit auf meinen erschossenen Partner Joe Bonadore an, dessen leerer Schreibtisch mich täglich daran erinnerte, dass der Job, den ich machte, nicht ganz ungefährlich war.

Es regnete tagelang Bindfäden. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sich einfach niemand in mein Büro verirrte. Nicht einmal die untreuen Ehemänner schienen bei dieser Witterung vor die Tür zu gehen. Es war wie verhext.

Immerhin hatte ich ausführliche Gelegenheit dazu, die Chicago Tribune von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

Die Sache mit meinem erschossenen Klienten war einmal auf der dritten Seite. Dann gab es in den folgenden Ausgaben noch ein paar Nachberichte auf den Seiten 18 und 19. Hier in Chicago ist eine Schießerei, bei der es nur einen Toten gibt, keine große Sache.

Die verletzten Angestellten des Diners wurden überhaupt nicht erwähnt. Mein Name allerdings leider schon. Na großartig!, dachte ich. Diese Werbung fehlte mir gerade noch.

Es war Sonntag, als der Regen endlich nachließ. Ein kühler Wind fegte jetzt vom Lake Michigan her durch die Straßen.

Ich verschlief den Großteil des Sonntags in meinem Ein- Zimmer-Apartment in der North Side. Die Nacht davor hatte ich in verschiedenen Speakeasys zugebracht. Mein Kopf drohte zu platzen.

Am Nachmittag stand ich auf und versuchte mit Aspirin, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich war gerade angezogen, da klopfte es heftig an der Tür.

„Chicago Police Department! Machen Sie auf!“, knurrte eine heisere Stimme dumpf hinter der Tür.

Ich trat seitlich neben die Tür und öffnete einen Spalt.

Die Vorhängekette verhinderte, dass die Tür durch den Fußtritt, der dann folgte, zur Seite flog.

„Hier Lieutenant Quincer! Machen Sie auf, Boulder!“

Ich atmete tief durch. „Konfuzius sagt: Eile mit Weile!“

„Woher haben Sie denn den Schwachsinn, Boulder?“

„Ich hatte mal einen chinesischen Klienten...“

Ich nahm die Kette weg. Lieutenant James Quincer trat mit zwei weiteren Polizisten ein.

Quincer war blond, Ende dreißig und etwa 1,75 m groß. Das breite Grinsen saß so schief wie sein Hut. Leider brachte es mein Job mit sich, dass ich diesem unsympathischen Kerl mit dem Gemüt eines Schlachters immer wieder über den Weg lief. Seiner Meinung nach gehörten Leute wie ich nicht auf die Straße. Ich redete mir immer ein, dass es der pure Neid auf jemanden war, der nicht vor irgendwelchen Vorgesetzten zu katzbuckeln brauchte, was ihn zu einem Arschloch erster Klasse machte.

Aber wahrscheinlich war es etwas Persönliches.

Oder meine roten Haare. Aber das spielte eigentlich keine Rolle.

Ich nahm mir jedes Mal aufs Neue vor, Lieutenant Quincer hinzunehmen wie schlechtes Wetter.

Es gelang mir nie.

„Kommen Sie mit, Boulder und stellen Sie keine unnützen Fragen!“

„Was liegt vor? Geht’s noch mal um die Schießerei im Diner? Ich dachte, dazu wäre alles gesagt.“

„Halten Sie einfach die Klappe und kommen Sie mit.“

„Bin ich verhaftet?“

„Wenn Sie sich nicht beeilen, hole ich das nach. Captain Chesterfield wartet auf Sie in der Morgue.“

In meinem Hirn arbeitete es fieberhaft. Mit Chesterfield, Quincers Dienstvorgesetzten, verstand ich mich wesentlich besser. Wenn sich der Leiter der Mordkommission mit mir in der Leichenhalle treffen wollte, konnte das nur heißen, dass es jemanden erwischt hatte, von dem er annahm, dass ich ihn kannte.

Ich zog also Weste, Jackett und Mantel über und meinte: „Mein Wagen steht eine Straße weiter.“

„Sie kommen mit uns“, bestimmte Quincer und ließ dabei an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

„Der Privatdetektiv als natürlicher Feind des Polizisten – wer hat Ihnen nur diesen Floh ins Ohr gesetzt, Quincer?“

„Wenn Typen wie Sie uns nicht dauernd ins Handwerk pfuschen würden, könnten wir unseren Job wenigstens richtig machen!“

Ich lächelte dünn. „Und wenn Typen wie Sie Ihren Job richtig machen würden, würde niemand Leuten wir mir Aufträge geben!“

Quincer lief rot an.

Er ballte die Faust und holte aus. Einer seiner beiden Kollegen hielt ihn mit Mühe zurück. Seine Nasenflügel bebten.

„Nur zu!“, sagte ich. „Gewalt gegen unbescholtene Bürger macht sich immer schlecht in den Personalakten – und Chesterfield würde Sie vierteilen, weil das auf seine Abteilung zurückfällt.“

Quincer atmete tief durch und befreite den Arm, den sein Kollege wie in einem Schraubstock gehalten hatte. „Glück gehabt, Boulder!“

„Wer sich so schlecht beherrschen kann, fliegt früher oder später raus, Quincer! Lassen Sie es sich gesagt sein!“

„Sie müssen es ja wissen, Boulder!“, grunzte er und spielte damit auf die Tatsache an, dass ich auch mal Cop gewesen war.

Ich sah ihn an, verzog ironisch die Mundwinkel und trieb es auf die Spitze, indem ich sagte: „Ich habe seit Joe Bonadores Tod immer noch keinen neuen Partner. Wäre das nichts für Sie?“

Quincer trat gegen einen Stuhl. Dann drehte er sich um und ging durch die Tür.

„Übertreiben Sie es nicht!“, meinte einer der beiden Kerle, die mit ihm gekommen waren.

„Wer sind Sie?“, fragte ich. „Ich habe Sie noch nie gesehen!

„Lieutenant Ray Garnett. Ich bin neu in der Abteilung.“

4

Ich wurde von den Polizisten zu einem Ford eskortiert und musste auf der Rückbank Platz nehmen. Garnett saß neben mir.

Quincer saß vorne rechts und fluchte die ganze Fahrt über leise vor sich hin.

Captain Chesterfield erwartete uns in der Morgue.

Die ganze Zeit über kreisten meiner Gedanken nur um eine Frage: Wen hatte es erwischt? Ich machte mich auf eine schlimme Neuigkeit gefasst.

Man führte mich in einen Raum, der von einem süßlichen Geruch erfüllt war. Ein Geruch, den man nicht vergisst. Selbst ein Blinder hätte gewusst, dass er sich in der städtischen Leichenhalle befand.

Nicht ganz das richtige Ziel für Sonntagsausflüge, aber dafür sehr viel sicherer als die Uferpromenaden, wo man sich in einem freien Schussfeld befand.

Captain Chesterfield erwartete uns an einer Bahre. Ein menschlicher Körper hob sich unter einem weißen Tuch ab.

„Wie geht’s, Boulder?“

„Bescheiden.“

„Ich hoffe, Sie haben was gegessen!“

„Danke der Nachfrage!“

Feinfühligkeit war nicht unbedingt die stärkste Disziplin des Police Captain. Er zog das weiße Tuch zur Seite.

Ich sah eine aufgedunsene Wasserleiche, weiß wie die Wand und von Fischen angefressen. Tang hatte sich in ihren Haaren verfangen.

Sie trug einen braunen Wintermantel, der sich voll Wasser gesogen hatte.

Die blaugrünen Augen starrten mich kalt an.

Es hatte sich noch nicht einmal jemand die Mühe gemacht, ihr die Augenlider herunterzudrücken.

„Kennen Sie die Lady, Boulder?“, fragte Chesterfield.

„Wie kommen Sie darauf?“

„In ihrer Manteltasche steckte eine Visitenkarte von Ihnen.“

„Sie wissen doch, dass ich die massenweise unter das Volk bringe, Captain!“ Ich hatte irgendwie ein Gefühl, dass es besser war, sich aus dieser Sache herauszuhalten. Wenn möglich.

„Boulder, das hier ist kein Spaß mehr. War sie Ihre Klientin?“

„Nein, dazu ist es nicht wirklich gekommen.“

„Was soll das heißen?“

„Sie nannte sich Jessica Rampell und suchte eine unauffällige Mitfahrgelegenheit nach Kanada.“

„Ein Platz auf einem Schmugglerschiff?“

„Ich gebe zu, dass ihr etwas Ähnliches vorschwebte.“

„Und? Haben Sie ihr das besorgt?“

„Natürlich nicht. Sie wissen doch, dass ich mich peinlich genau an die Gesetze halte.“

Chesterfield lachte heiser. „Ach kommen Sie, Boulder. Sie brauchen mir gegenüber doch nicht so ein Theater vorzuführen!“

Ich zuckte die Schultern. „Sie wollte sich noch mal bei mir melden, hat es aber nie getan. Was ist mit ihr passiert?“

„Versuchen wir gerade herauszufinden“, erklärte Chesterfield.

„Wir haben sie am Ufer des Lake Michigan gefunden, etwa zwanzig Meilen außerhalb der Stadt. Die Wellen hatten sie an Land gespült.“

„Ist ziemlich einsam dort...“

„Sie starb durch einen Schuss in die Herzgegend. Das Projektil stammt aus einer Waffe vom Kaliber 22. Jemand hat versucht, die Leiche verschwinden zu lassen und sie mit irgendeinem Gewicht beschwert, wie die Male an den Fußgelenken beweisen. Allerdings wurde das Ganze wohl alles andere als fachmännisch durchgeführt.

Die Leiche ist wieder aufgetaucht und schließlich an Land gespült worden, wo sie von einem Spaziergänger gefunden wurde! Wenn wir das Schiff kennen würden, mit dem sie über den See übersetzen wollte...“

„Tut mir leid. Da kann ich nicht helfen“, sagte ich bedauernd.

„Schade.“

„ Sie kriegen es bestimmt heraus!“

Chesterfield verzog das Gesicht. „Lieutenant Quincer freut sich schon darauf, Sie wieder nach Hause zu bringen.“

„Kein Protokoll?“, wunderte ich mich.

„Die einzige Schreibmaschine unserer Abteilung kommt erst Dienstag aus der Reparatur.“

Ich lachte. „Und Quincers Sauklaue kann niemand entziffern, was?“

Chesterfield bemühte sich redlich, ein Grinsen zu unterdrücken.

„So ist es.“

„Habe ich es mir doch gedacht!“

„Schauen Sie ab Dienstag mal bei uns vorbei, damit wir das nachholen können.“

„In Ordnung.“

5

Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Sache damit für mich erledigt sei. Aber da hatte ich mich getäuscht.

Quincer fuhr mich nach Hause und der süßliche Leichengeruch hing mir immer noch in der Nase. Ein Geruch, der mir den Durst auf Bourbon an diesem Abend vergällte.

Am Montag schien die Sonne.

Noch hielt ich das für ein gutes Omen. Als ich um zehn im Büro eintraf, kam mir Kitty Meyerwitz mit einem Dollarzeichen-Blick entgegen.

„Wo waren Sie denn so lange?“, flüsterte sie.

„Ich wusste nicht, dass ich erwartet werde!“

Erst jetzt fiel mir die junge Frau mit den blonden Locken auf. Sie sah aus wie eine der Stummfilm-Göttinnen, die einen von den Kinoplakaten anschmachteten.

Sie stand am Fenster, blickte hinaus auf die Straße und hielt dabei eine Zigarettenspitze in der Hand. Ich schätze, dass der Schmuck, den sie am Leib trug, mehr wert war, als ich in einem Jahr verdiente.

Sie drehte sich um, stemmte dabei eine Hand in die Hüfte und musterte mich von oben bis unten.

Immerhin sah sie zahlungskräftig genug aus, um sich meine Dienste samt Spesen leisten zu können.

Ich ging auf sie zu, um sie zu begrüßen. „Pat Boulder, private Ermittlungen aller Art. Was kann ich für Sie tun?“

„Stehen Sie immer so spät auf?“, fragte sie spitz und hob dabei das Kinn auf eine Weise, die sie arrogant erscheinen ließ.

„Wenn ich die Nacht über auf der Lauer gelegen habe schon“, log ich. Schließlich ist nichts schädlicher für das Image eines Privatdetektivs, wenn er zugeben muss, dass er keine Aufträge hat.

Außerdem animierte das potentielle Klienten nur dazu, den Preis zu drücken. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte ich.

„Ich bin Mrs Cynthia McCormick“, sagte sie und gab mir mit einer so übertriebenen Gestik die Hand, dass ich mich abermals an die Stummfilm-Göttinnen erinnert fühlte. Ich stellte mir einen dazu passenden Untertitel vor. Vielleicht so etwas wie: „Danke, James, Sie können sich entfernen!“

Dass die Lady auf großem Fuß lebte, war nicht zu übersehen. Aber wie es schien, hatte sie auch den nötigen Snobismus, um in der Upper Class nicht aufzufallen.

„Sagen Sie mir einfach, was ich für Sie tun soll, und ich sage Ihnen, ob es machbar ist und wie viel es kosten wird!“, forderte ich.

Sie seufzte. „Die Sache ist ganz einfach – und doch komplizierter, als es auf den ersten Augenblick scheint!“

Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Wenn das ein Vorgeschmack darauf war, wie kapriziös sich meine Klientin geben konnte, dann stand mir ein nervenaufreibender Job bevor.

„Bitte, reden Sie frei von der Leber weg. Alles, was Sie mir anvertrauen, verlässt die vier Wände dieses Büros nicht, was immer es auch sein mag...“

Cynthia McCormick wich meinem Blick aus, während es in meinem Schädel zu arbeiten begann.

Ich begann darüber nachzudenken, wo ich den Namen McCormick schon einmal gehört hatte. Irgendwie brachte ich ihn mit der CHICAGO TRIBUNE in Verbindung und lag damit gar nicht mal so schlecht, wie sich wenig später herausstellte.

„Ich war ein paar Tage in New York um meine Eltern zu besuchen“, berichtete sie. Zwischendurch blies sie mir Rauch entgegen. „Als ich zurückkehrte, hatte man in unsere Villa eingebrochen und allerlei Wertsachen gestohlen. Außerdem war mein Mann war verschwunden.“

„Oh“, sagte ich. „Das muss ein Schock für Sie gewesen sein!“

„Allerdings!“

Also doch nicht der Routinefall des untreuen Ehegatten.

Interessant in welcher Reihenfolge sie die erlittenen Verluste vermerkt!, dachte ich.

„Alles Bargeld, wertvoller Schmuck und was sonst noch an Wertgegenständen im Haus vorhanden war, ist verschwunden.“

Ich hob die Augenbrauen. „Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass Sie in diesem Fall bei der Polizei an der besseren Adresse wären...“

„Ich war dort, aber diese bornierten Beamten glauben einfach nicht, dass mein Mann das Opfer eines Verbrechens wurde.“

„Wieso nicht?“

Sie musterte mich noch einmal prüfend von Kopf bis Fuß. Ich stellte mir vor, dass sie das mit ihren Zimmerpflanzen genauso machte, bevor sie diejenigen, die schon verwelkt waren, aussortierte und in den Abfall bringen ließ.

„Sie haben noch immer keine Ahnung, wer ich bin, oder?“, fragte sie. Die innere Empörung darüber, dass ich sie offenbar nicht gleich in die Schublade superwichtiger Prominenz gesteckt hatte, schien sie beinahe schon beleidigt zu haben. Jetzt war es wohl besser, in die Charme-Offensive zu gehen, wenn ich die empfindliche Kundin nicht wieder verlieren wollte. Nicht, dass es mir unter normalen Umständen etwas ausgemacht hätte, aber in diesem speziellen Fall war ich auf Grund meiner finanziell angespannten Lage nicht in der Position, mir meine Kundschaft aussuchen zu können.

Leider.

„Sie sind sicher eine bemerkenswerte Erscheinung, Mrs McCormick und Ihren Namen...“

Sie unterbrach mich. „Mein Name ist McCormick! Es wundert mich, dass Sie damit nichts anzufangen wissen. Mein Mann ist George McCormick - der Chef der städtischen Abwasserverwaltung von Chicago!“

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Daher kannte ich den Namen also. Aber da McCormick nun nicht gerade ein seltener Name ist, hatte ihn nicht mit dieser Lady in Verbindung gebracht, zumal sie altersmäßig eigentlich gar nicht zu George McCormick passte.

„Über Ihren Mann habe ich tatsächlich eine Menge in der Zeitung gelesen“, erklärte ich.

George McCormick war Mitte fünfzig und wurde verdächtigt, in einen gewaltigen Korruptionsskandal verwickelt zu sein. Allerdings nur in einen von vielen und die Zeitung sprach davon, dass es in den letzten Monaten eigentlich schon verdächtig ruhig in Chicago gewesen war.

„Die Affäre um Ihren Mann köchelt doch schon eine ganze Weile auf Sparflamme dahin“, meinte ich. „Soweit ich weiß, soll er Gelder, die eigentlich für die Instandhaltung der Abwasserkanäle gedacht waren, in den Bau von Wohnblocks umgeleitet haben.“

„George hat mich nie in seine Arbeit eingeweiht - und ich habe mich da auch immer völlig heraus gehalten“, behauptete Cynthia McCormick. „Die Polizei glaubt jetzt, dass mein Mann die Wertsachen zusammengesucht hat und untergetaucht ist, bevor die Justiz zuschlagen konnte.“

Ich hob die Augenbrauen „Und Sie halten das für völlig ausgeschlossen?“

Ihr Lächeln wirkte kühl und geschäftsmäßig. „Wenn Sie mir auch nicht glauben, sind Sie vielleicht der falsche Mann für diesen Job, Boulder.“

„So habe ich das nicht gemeint, Mrs McCormick“, versuchte ich sie sofort wieder zu beruhigen.

„Und wie dann?“, fragte sie.

„Ich dachte nur, dass Sie vielleicht dasselbe denken würden, wenn Sie bei der Polizei wären!“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Mister Boulder, ich bin mir sicher, dass mein Mann einem Verbrechen zum Opfer fiel.“

„Irgendwelche weiteren Anhaltspunkte haben Sie dafür aber nicht, oder?“

„Er hat die besten Anwälte und jede Menge Freunde in der Stadtverwaltung! Ich glaube einfach nicht, dass die Sache mit den –angeblich! – veruntreuten Geldern für die Sanierung der Abwasserrohre ein Grund für ihn gewesen wäre, einfach alles stehen und liegen zu lassen.“

„Wie war Ihr Verhältnis?“, stellte ich jetzt eine heikle Frage, bei der ich bei dieser empfindsamen Mimose damit rechnen musste, dass sie mir den Job gleich wieder entzog. Aber alles hatte seine Grenzen.

Meine Kompromissfähigkeit auch.

Ich halte mich für einen ganz guten Detektiv. Manchmal kann ich sogar Wunder vollbringen – aber immer nur dann, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Und das war ein Stadium, von dem wir in diesem Fall noch weit entfernt waren.

„George liebt mich!“, behauptete sie. „Er weiß, was er an mir hat. Regelrecht auf Rosen gebettet hat er mich...“

„Und was empfinden Sie ihm gegenüber?“, unterbrach ich sie.

„Nun, er...“ Sie zögerte, dann trat sie etwas näher an mich heran.

Ich konnte ihr Parfum riechen. Wahrscheinlich kostete ein Flakon davon mehr, als ich in einer Woche durchschnittlich verdiente. Sie spreizte den Arm mit der Zigarettenspitze etwas ab und sah mich mit ihren dunkelbraunen Rehaugen an.

Eins musste man ihr lassen – den Augenaufschlag hatte sie gut drauf. Wahrscheinlich hatte sie in ihrem langweiligen Luxusleben kaum etwas anderes gemacht, als vor dem Spiegel zu posieren und dabei ihre Wirkung genau zu kalkulieren.

Ein paar Jahre früher und sie hätte es beim Film versuchen können.

Aber sie hatte auf eine andere Option gesetzt und die hieß George McCormick. Ein sorgenfreies Leben an der Seite eines reichen Mannes.

Vielleicht war ihre Entscheidung ganz richtig gewesen, denn für die neumodischen Tonfilme war ihre Stimme einfach entschieden zu schrill.

„Es gibt niemand, der mit George vergleichbar wäre“, sagte sie.

„Und ich weiß genau, dass er mir so etwas nicht angetan hätte!“

„Okay, ich bekomme normalerweise 25 Dollar am Tag plus Spesen. Aber in Ihrem Fall sind die Ermittlungen aufwändiger, da muss ich 40 nehmen.“

Das schien sie nicht weiter zu stören. „Kein Problem. Ich bezahle Sie für eine Woche im Voraus, da ich annehme, dass es eine Weile dauert, bis Sie etwas herausgefunden haben.“

„Gut.“

„Außerdem bekommen Sie zehn Prozent des Wertes für jedes wiederbeschaffte Stück aus der Beute des Einbruchs.“

„Wie viel ist da insgesamt abhanden gekommen?“, fragte ich.

Sie ließ die Zigarette noch einmal aufglimmen und machte eine Pause, um ihren Worten eine größere Wirkung zu verleihen.

Außerdem versuchte sie ihrer Stimme einen betont dunklen Klang zu geben, was in ihrem Fall einfach gegen die Natur war. „Ich denke insgesamt hatte der Schmuck einen Wert von 50 000 Dollar. Mindestens!“

Ich pfiff durch die Zähne und dachte: Vielleicht hätte ich noch mehr verlangen sollen!

Andererseits stiegen mit dem Honorar wahrscheinlich auch Mrs McCormicks Erwartungen ins Unermessliche und da es voraussehbar war, dass ich die am Ende nicht erfüllen konnte, bedeutete das im Endeffekt nur Ärger für mich.

„Machen Sie mir bitte eine möglichst vollständige Liste aller verschwundenen Gegenstände. Je genauer die Beschreibung ist, desto größer die Chance für mich, die Klunker ich irgendwo aufzutreiben.“

„Das habe ich bereits erledigt!“, sagte sie, griff in ihre Handtasche und holte ein Kuvert daraus hervor, das sie mir anschließend übergab. Es enthielt tatsächlich eine beeindruckende Liste von Schmuckstücken. Der Gesamtwert von 50 000 Dollar war dabei eher niedrig angesetzt, wie ich feststellte. Ihre Handschrift beeindruckte mich. Sie war sehr klein und wirkte gestochen scharf. Da war kein überflüssiger Tintenklecks und die Striche ließen nicht einmal den Hauch von Unsicherheit erkennen.

Eine Frau, die genau wusste, was sie tat und sehr penibel war, so sagte mir mein Wissen als Amateurgraphologe.

„Ich denke, damit kann ich etwas anfangen“, sagte ich und drückte damit aber in erster Linie wohl eine Hoffnung aus.

Cynthia McCormick atmete tief durch. Sie trat ans Fenster, blickte hinaus in die Stadt und glaubte sich wohl einen Moment lang unbeobachtet. Aber ich sah von der Seite, wie sich ihre Gesichtszüge entspannten.

Irgendetwas stimmte mit diesem Gesicht nicht. Ich vermochte nicht zu sagen, was genau es war. Ich fand nur, dass eine besorgte Witwe anders aussah.

Aber die Aussicht, zehn Prozent vom Wert des verschwundenen Schmucks meinem Konto gutschreiben zu können, verscheuchte diese Bedenken sehr schnell.

Was den Kopf betraf, ging das ganz schnell.

In der Magengegend hielt sich das ungute Gefühl etwas länger und eigentlich war es besser, seiner Instinkte nicht einfach zu ignorieren.

Sie drehte sich wieder herum und schluckte. Ihre Stimme klang Tränen erstickt und im Ganzen machte ihr Auftritt einen ziemlich theatralischen Eindruck auf mich. Breitwand-Kino für ein Ein-Mann-Publikum.

„Sie verständigen mich doch sofort, wenn Sie etwas herausgefunden haben, oder?“

„Natürlich.“

„Ich wusste gleich, dass der Fall bei Ihnen in guten Händen ist, Mister Boulder.“

„So?“

„Ja, Sie haben... das gewisse Etwas eben, das einen sofort erkennen lässt, es mit jemandem zu tun zu haben, der es ehrlich meint.“

Nach vollkommener Ehrlichkeit war mir an diesem Tag einfach nicht, darum unterließ ich es, ihr zu widersprechen.

„Wie gesagt, ich werde tun, was ich kann!“

„Das ist gut!“

Nachdem Cynthia McCormick gegangen war, beobachtete ich noch durch das Fenster, wie sie in einen grauenhaft geparkten Cadillac einstieg und sich mit einigen Schwierigkeiten schließlich in den Verkehr einfädelte.

6

Ich machte mich gleich an die Arbeit und ließ mich mit der Chicago Tribune verbinden und hatte schließlich Braden Naismith, mit dem ich des Öfteren Informationen austauschte. Wir hatten beide etwas davon.

Ich erwischte ihn im Redaktionsbüro.

„Hallo, Braden! Hier Pat Boulder. Wie geht’s?“

„Willst du mich wieder von der Arbeit abhalten?“

Braden Naismith’ Gebiet war der Sport, aber das hieß ja nicht, dass er sich die Ohren zuhielt, wenn die Kollegen miteinander sprachen.

„Ich dachte, wir könnten uns vielleicht treffen. Ich stecke da in der Klemme.“

Braden seufzte hörbar. „Wie üblich. Was wäre bloß aus dir geworden, wenn dein Dad mich nicht gebeten hätte, auf dich aufzupassen? Steckst du nicht in der Sache mit der Frauenleiche drin, die man aus dem Lake Michigan gefischt hat?“

Ich horchte auf. „Woher weißt du das denn?“

„Mein Kollege Doug Nolan hat mit der Polizei gesprochen. Wir teilen uns zurzeit einen Schreibtisch.“

Ich unterdrückte ein Gähnen. „Als Sportreporter hättest du doch die Chance, dich ausschließlich den schönen Dingen des Lebens zu widmen.“

„Du sagst es. Und stattdessen muss ich dir aus der Klemme helfen! Worum geht’s denn?“

„Nicht hier am Telefon, Braden.“

„So brisant?“

„Ja.“

„Dann am üblichen Ort. In einer Stunde. Dann mache ich sowieso Mittag. Aber sei pünktlich, Pat!“

„Worauf die dich verlassen kannst!“

7

Der übliche Ort war Henry’s Steak Diner in der North Dearborn Street, nicht weit vom Redaktionsgebäude der Chicago Tribune entfernt.

Braden Naismith wartete bereits vor einer Tasse Kaffee auf mich.

Ich wusste, dass die Flüssigkeit in der Tasse zwar braun war, es sich aber um etwas ganz anderes als Kaffee handelte.

Ein Kellner brachte auch mir unaufgefordert eine Tasse und schenkte uns beiden aus einer silbernen Kanne nach.

Mit einem Laut des Wohlbehagens leerte Braden Naismith den Inhalt in einem Zug und ließ sie sich gleich wieder auffüllen.

„Es lebe die Prohibition!“, grinste er.

Vor dem massigen Mann lagen ein Block und ein gespitzter Bleistift.

Braden wartete, bis der Kellner verschwunden war.

„Erzähl mir, was du mit der Kleinen aus dem Lake Michigan zu tun hast! Drohen da Schwierigkeiten? Die Tote hatte eine Visitenkarte von dir bei sich, oder?“

„Gut recherchiert!“, gab ich zu. „Bist du Hellseher geworden oder hat dich dein Kollege soweit erzogen, dass du ihm im Ressort Mord und Totschlag aushilfst?“

„Nein, ich war nur dabei, als er mit Captain Chesterfield telefonierte. Außerdem hat er jemanden bei der Leichenhalle, der ihm ab und zu ein paar Tipps gibt, wenn sich was Interessantes tut.“

„Ich kann dir nicht viel sagen, außer die Kleine aus dem See maximal fünf Minuten mit mir gesprochen hat. Und das liegt auch schon eine Weile zurück.“

„Am Telefon hast du gesagt, du wärst in einer Klemme!“

„Man kann es auch anders ausdrücken. Ich habe einen Riesenfisch an der Angel, aber die Sache ist so heiß, dass man sich daran leicht die Finger verbrennen kann!“

„Dann schieß mal los!“

Ich führte die Tasse zum Mund und grinste. „Ich dachte wirklich, das wäre Kaffee...“

Ich beugte mich etwas vor und sprach in gedämpftem Tonfall. Ein anderer Gast war bereits auf uns aufmerksam geworden. Ein wieselartiger, kleiner, gedrungen wirkender Man mit spitzer, leicht nach oben zeigender Nase und einem Mantel, der aussah, als müsste er ihn für seinen großen Bruder auftragen.

Das Wiesel blickte zu uns hinüber.

Seine Vorderzähne standen etwas vor, wie bei einem Nagetier, was den wieselartigen Eindruck ebenso verstärkte wie die ruckartigen, gehetzten Bewegungen und der unruhige Blick.

Als ich in seine Richtung sah, blickte er sofort zur Seite.

Braden Naismith begriff sofort was los war.

„Der Bursche ist harmlos, Pat.“

„Ach, ja?“

„Du kannst dich auf mich verlassen!“

„Für jemanden, der harmlos ist, glotzt er mich aber ziemlich intensiv an und irgendwie habe ich das Gefühl, dass seine Ohren dabei immer länger werden!“

Braden Naismith lachte leise in sich hinein und trank seine Tasse

„Kaffee“ aus. „Gut beobachtet. Wir warten alle schon darauf, dass ihm die Ohren irgendwann bis auf den Boden fallen. Aber Neugier ist nun einmal eine Voraussetzung für unseren Job, Pat...“

„Dann ist er einer von euch?“

„Ja, er arbeitet seit zwei Wochen bei der Chicago Tribune. Ich würde in seiner Gegenwart nicht gerade über meine dunkelsten Familiengeheimnisse quatschen, aber eigentlich ist gegen ihn nichts zu sagen.“

„Wie heißt er?“

„Dave Mobury. Der kriegt alles mit und wenn man nicht aufpasst, hat er einem die Story wegstibitzt, hinter der man selbst her war!“

„Ach, so einer...“

„Der Chef mag ihn.“

„Verstehe.“

„Glücklicherweise überzieht er immer maßlos seine Mittagspausen, so wird es nicht gar zu innig zwischen den beiden!“

Mobury schob seine Tasse und einen Teller, der aussah wie glatt geleckt zur Seite, legte ein paar Münzen auf den Tisch, dass es klapperte und nahm den Hut vom Haken. Dann ging er hinaus. Kurz bevor er die Tür passierte, blickte er noch mal kurz zu uns herüber und verzog das Gesicht zu einem verlegenen Grinsen, das seine Nagetierzähne freilegte.

Braden nickte ihm zu.

Das Wiesel verschwand.

„Und jetzt pack aus, Pat!“, forderte Braden Naismith. „Worum geht es?“

„Der Name McCormick sagt dir was?“

Braden Naismith musste schlucken.

„ Der McCormick? McCormick, der Herr der Kanalratten?“

„Fast. Seine Frau war bei mir und hat mich beauftragt ihren verschwundenen Mann zu suchen.“

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Sie glaubt, dass da ein Zusammenhang mit einem Wohnungseinbruch besteht, bei dem Schmuck im Wert von 50 000 Dollar abhanden gekommen ist.“

Braden Naismith lachte so laut und schallend, dass der Kellner auf ihn aufmerksam wurde. Er nutzte die Gelegenheit, um sich noch etwas „Kaffee“ nachfüllen zu lassen. Ich nahm auch noch eine Tasse.

So eine Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen. Es geht schließlich nichts über echtes Kaffee-Aroma.

Als der Kellner sich wieder zurückgezogen hatte, beugte sich Braden über den Tisch. Seine Stimme wurde zu einem leisen Wispern.

„Die Kollegen sind an der Sache dran.“

„Und ich nehme an, dass du so einiges mitbekommen hast, Braden!“

„Na ja, ich will nicht übertreiben.“

„Meine Chancen stünden jedenfalls besser, wenn du mich auf die richtige Fährte setzen würdest! Ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht so recht, was ich von Mrs McCormick halten soll. Die Polizei glaubt, dass McCormick den Einbruch selbst in Auftrag gegeben hat, um sich mit dem Schmuck absetzen zu können – offenbar ohne seine Frau in seine Pläne mit einzubeziehen.“

Braden zuckte die Schultern. „Ich sage es ungern, aber ich glaube, die Polizei könnte durchaus Recht haben.“

„Das habe ich befürchtet.“

„McCormick steht das Wasser bis zum Hals. Was mich an der Sache wundert, ist eigentlich nicht, dass McCormick ein korrupter Hund ist, der allerlei krumme Dinger am Laufen hat...“

„Sondern?“

„Verwunderlich ist der Zeitpunkt, da dies alles an die Öffentlichkeit gekommen ist. Dass George McCormick sich illegal bereichert hat, pfiffen doch die Spatzen von den Dächern. Du brauchst nur mal einen Blick in einen x-beliebigen Abwasserkanal zu werfen und dir dann die Summen ansehen, die angeblich für dessen Renovierung ausgegeben worden sind. Dann weißt du, dass da was faul ist!“

„Du meinst, man hat McCormick absichtlich über die Klinge springen lassen?“

„Natürlich!“

„Lass ich raten: Er hat vorher Wind davon bekommen und gerade noch rechtzeitig die Kurve gekratzt, bevor man ihn ins Loch stecken konnte.“

Braden nickte. „Du hast es erfasst, Pat.“

„Und wer steckt deiner Meinung nach dahinter?“

„Ich weiß aus ziemlich zuverlässiger Quelle, was da im Hintergrund abgelaufen ist.“

Ich grinste. „Raus damit! Ich hänge an deinen Lippen wie an einer Flasche Bourbon!“

„O’Donovan – das Fass – hat bisher wohlwollend seine schützenden fetten Patschhändchen über McCormick gehalten. Aber aus irgendeinem Grund ist damit jetzt Schluss...“

Ich pfiff durch die Zähne. Seamus O’Donovan, aufgrund seiner nicht gerade besonders grazilen Erscheinung „The Jar“ – „das Fass“ genannt – war der Boss der irischen Mafia. Sein Einfluss reichte bis in die Spitzen der Stadtverwaltung. Dass McCormick auf der Liste von O’Donovans Günstlingen gestanden hatte, war nicht weiter verwunderlich. Interessanter war der Grund, den „das Fass“ gehabt hatte, ihn ausgerechnet jetzt fallen zu lassen.

Ich hakte bei Braden Naismith noch mal deswegen nach.

Aber der Mann von der Chicagio Tribune hob nur bedauernd die Hände. „Tut mir leid, Pat! Mehr weiß ich auch nicht. Aber ich habe es aus erster Quelle und wenn ich etwas hören sollte, dann lass ich es dich wissen.“

„Wozu hat man Freunde!“

„Eben!“

„Verrätst du mir auch noch, wer die Quelle dieser Story ist?“

„Von dem solltest du die Finger lassen, Pat – sonst bricht er sie dir!“

„Dann nehme ich mal an, dass es sich nicht um einen hoch anständigen Kollegen von der Tribune handelt!“

Braden Naismith seufzte. Er schien zu ahnen, dass jedwede Warnungen an meine Adresse in den Wind gesprochen waren.

„Der Bursche, von dem ich das weiß, heißt Jed Flaherty. Er ist ein Unterführer von O’Donovan.“

„Ich wundere mich über deinen schlechten Umgang, Braden!“

Braden machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich traf ihn neulich bei einem Boxkampf und da habe mich mit ihm so über dies und das unterhalten. Flaherty investiert nämlich gerne sein überschüssiges Geld in hoffnungsvolle Boxtalente, verstehst du?“

„Vollkommen. Wo finde ich diesen Flaherty?“

„Im Cyprus Grove Club.“

„Ist das nicht dieser neue Nachtclub in der South Side?“

„Richtig. Der Laden gehört einem gewissen Peter Stephens, auch ein Ire. Aber das ist nur ein Strohmann. In Wahrheit landet jeder Lincoln, der da umgesetzt wird, irgendwann über ein paar Ecken auf Jed Flahertys dickem Bankkonto.“ Braden Naismith hob die Tasse.

„Leg dich besser nicht mit dem Kerl an.“

„Nicht, wenn es sich vermeiden lässt“, versprach ich.

„Er hat immer einen fiesen Schläger bei sich, vor dem ich mich in Acht nehmen würde.“

„Ich werde mich in Acht nehmen“, versprach ich. „Ach, noch etwas! Wie sieht Flaherty eigentlich aus?“

„Hager, rothaarig, trägt einen Bowler-Hut und die Farbe seiner Einstecktücher beißt sich mit der seiner Krawatten. Er hat einen miserablen Geschmack, was das angeht.“

8

Am Abend zwängte ich mich erst in meinen Smoking und anschließend hinter das Steuerrad meines 24er Plymouth um in die South Side zu fahren.

Von der Cyprus Grove Bar hatte ich schon gehört, aber den Besuch in derartigen Luxus-Läden kann ich mir nur erlauben, wenn ich dafür einem Klienten die Spesen aufs Auge drücken kann.

Den Plymouth stellte ich in einer Nebenstraße ab.

Ich begab mich zum Eingang. Ein großer bulliger Kerl, dessen gewaltige Oberarmmuskeln beinahe die Ärmel seines Jacketts sprengten, ließ mich herein. Vorher musterte er mich von oben bis unten. Kleider machen eben doch keine Leute. Er schien genau zu spüren, dass ich nicht der typischen Klientel des Cyprus Grove Club entsprach. Ich zückte einen Zehndollarschein und verhinderte damit gerade noch wirkungsvoll, dass er weiter darüber nachdachte.

Wenig später gab ich meinen Mantel an der Garderobe ab.

Im Inneren der Bar herrschte dichtes Gedränge.

Eine Jazz-Band spielte.

Der Geruch nach Alkohol hing in der Luft. Er wurde hier ganz offen ausgeschenkt. Der Besitzer und seine Freunde, von denen Seamus O’Donovan sicherlich der Einflussreichste war, hatten gute Kontakte bis nach ganz oben. Über seinen Gönner O’Donovan hatten diese Verbindungen bis in die höchsten Spitzen der Stadtverwaltung gereicht. Zum Büro des Bürgermeisters ebenso wie zur Residenz der Gouverneure von Illinois.

Ich ließ mir einen Bourbon mit Eis geben. Ein guter Tropfen.

Ich kippte ihn hinunter und sah mich um. Niemand richtete sich hier nach den Gesetzen der Prohibition. Ganz im Gegenteil. Hier wurden in so kurzer Zeit so große Mengen vertrunken, dass man auf die Idee kommen konnte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Solange Seamus O’Donovan seine mächtige Pranke über dieser Bar hielt, würde nichts passieren und die Chicago Police zufälligerweise immer nur dann auftauchen, wenn es nichts zu ermitteln gab. Weder an Drogen noch an Hochprozentigem.

Ich hielt mich eine Weile am Schanktisch auf und hörte den Gesprächen der anderen zu. Eine der Ladies, die man dazu angestellt hatte, den Umsatz zu steigern, musterte mich von oben bis unten und paffte dabei mit ihrer Zigarette herum, die sie auf eine Spitze gesteckt hatte.

Sie war dunkelhaarig, trug einen Bubikopf mit irgendeinem Federzeug und ein eng anliegendes, fließendes Kleid, das die Vorzüge ihrer Figur deutlich zur Geltung brachte.

„Sie habe ich hier noch nie gesehen“, stellte sie fest.

Ich grinste.

„Ich Sie auch noch nicht.“

Sie kam etwas näher. Ihre Augen waren grün wie Absinth.

„Geben Sie mir einen Drink aus?“

„Das wird meine Brieftasche gerade noch verkraften.“

„Kommt darauf an, was ich bestelle.“

„Legen Sie es etwa darauf an, mich ruinieren?“

„Was glauben Sie, wofür ich hier bezahlt werde!“

„Reizender Job, den Sie haben.“

Sie bestellte einen Drink, der sich im preislichen Rahmen hielt.

Dafür kippte sie ihn hinunter, als wäre es ein Fruchtsaft. Sie musste eine bemerkenswerte Alkoholresistenz entwickelt haben.

Sie begann, am Revers meines Jacketts herum zu nesteln, aber das ging mir dann doch etwas zu schnell und zu weit. Erstens war ich nicht zum Vergnügen hier und zweitens konnte ich es mir nicht leisten, den Vorschuss, den mir Mrs McCormick gegeben hatte, gleich in eine Nacht mit diesem gefiederten Vögelchen umzusetzen.

„Ich heiße Madeleine“, behauptete sie.

„Aus Kanada, was?“

„Mais oui!“

Wahrscheinlich kam sie aus South Dakota oder Nebraska und war in der Nähe irgendeiner Kuhweide groß geworden, so malte ich mir aus. Aber das klang irgendwie nicht so nach dem, was ein Mann sich vorstellen wollte, der den Cyprus Grove Club besuchte.

„Sind Sie öfter hier?“

„Ich gehöre gewissermaßen zum Inventar des Hauses, wenn Sie verstehen, was ich meine, Mister...“

„Nur zu gut!“

Sie hob das Glas. „Kriege ich noch einen Drink?“

Ich antwortete mit einer Gegenfrage. „Wo finde ich Jed Flaherty?“

Sie wirkte etwas überrascht. „Keine Ahnung.“

„Ich wette, Sie haben sehr wohl eine Ahnung, Madeleine. Wenn Sie hier zum Inventar gehören...“ Ich langte in meine Jackett-Innentasche und holte einen Lincoln aus der Brieftasche.

Den schob ich ihr hin.

Vielleicht liegt es an dem Kinnbart, aber Abraham Lincoln schien einen immer ziemlich missmutig von den Fünf-Dollar-Noten entgegen zu blicken. Wahrscheinlich war es der pure Neid.

Schließlich hatten seine viel unbedeutenderen Amtskollegen Hamilton und Jackson die Zehn- und Zwanzig-Dollarnote bekommen, obwohl heute kaum noch jemand wusste, dass sie mal Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewesen waren.

„Sie unterschätzen mich!“, sagte sie, nahm die Zigarettenspitze mit zwei Fingern und blies mir den Rauch ins Gesicht.

„Sagen Sie Flaherty - wo immer er hier auch stecken mag! -, dass jemand wegen der McCormick-Sache mit ihm reden will!“

Sie steckte jetzt den Lincoln doch ein. So groß war ihr Stolz dann offenbar doch nicht ausgeprägt.

„Was soll ich ihm sagen, wer ihn sprechen will?“

„Tun Sie einfach, was ich gesagt habe.“

„Für einen zweiten Lincoln mache ich das glatt!“

Mir blieb nichts anders übrig, als noch einmal in die Brieftasche zu langen.

Sie nahm den zweiten Lincoln und strich mir damit provozierend über das Revers meines Jacketts. „Sie sollten Ihren Anzug mal bügeln lassen, dann fallen Sie in einem Laden wie diesem auch nicht gleich so auf!“

Ich warf einen Blick auf das Federzeug, das sie am Kopf trug. „Es ist halt nicht jeder mit modischem Feinsinn geboren worden!“

„Sie sagen es!“

Sie rauschte davon. Ich bestellte noch einen Drink und kippte ihn hinunter. Madeleine verschwand durch einen Nebenausgang.

Ich war gespannt, ob ich Flaherty genügend aufgescheucht hatte, sodass er bereit war, sich auch mit mir zu unterhalten.

Wenig später kehrte Madeleine an der Seite eines Mannes zurück, der nun wirklich überhaupt nicht auf die Beschreibung passte, die mir Braden von Flaherty gegeben hatte. Er war ein Hüne, hatte von der Figur her wohl eher Ähnlichkeit mit den zukünftigen Schwergewichtschamps, die Flaherty sponserte. Vielleicht hatte der Kerl mal auf Flahertys Alimentationsliste gestanden, aber die ganz große Karriere trotzdem verpasst. Aber um als Schläger für einen Unterboss für einen irischen Syndikatsboss aufzutreten, reichten seine Künste vielleicht noch.

Ich wettete zehn zu eins, dass dieser Mann jener miese Schläger war, vor dem mich Braden Naismith gewarnt hatte.

Er trat neben mich. Das Feder-Vögelchen hielt sich bewusst abseits, sie winkte mir nur einmal kurz zu. Irgendwie wirkte sie auf einmal ziemlich blass um die Nase und ich fragte mich, ob das wirklich an einem übermäßigen Gebrauch von Puder und Make-up lag oder weil sie genau wusste, was hier gespielt wurde und ich anscheinend der einzige Dumme bei der Sache war.

Aber ich hatte keineswegs vor, diese Rolle anzunehmen.

Der Hüne legte mir eine seiner Pranken auf die Schulter.

Es war die Linke.

Unter seiner Achsel beulte sich das Jackett. Er trug also ein Schulterholster.

„Sie wollen Flaherty sprechen?“

„Ja.“

„Dann - ab die Post.“

„Einen Moment mal. Mit wem habe ich denn das Vergnügen?“

Er verzog das Gesicht. Die obere Reihe seiner Schneidezähne bestand aus Metall, was mir sagte, dass dieser Kerl offenbar doch nicht unüberwindbar war. Irgendwann musste es wohl mal jemand geschafft haben, mitten in seinem grobschlächtigen Gesicht einen Volltreffer zu landen, der es in sich gehabt hatte.

„Ich mag’s nicht, wenn Männer mich anfassen“, sagte ich.

„Ach, was!“

„Und selbst bei Frauen bestimme ich gerne mit.“

„Halten Sie den Rand und kommen Sie einfach mit. Mister Flaherty erwartet Sie nämlich schon sehnsüchtig, Sie Kanalratte!“

Ich fragte mich, ob der Begriff Kanalratte bereits eine Anspielung darauf war, dass ich den Namen McCormick erwähnt hatte. Nach kurzem Überlegen und einem tiefen Blick in die blutunterlaufenen und nicht besonders helle wirkenden Augen des Hünen kam ich allerdings zu dem Schluss, dass das so etwas bei dem Kerl wohl mit Sicherheit auszuschließen war.

Er nahm tatsächlich seine Pranke von meiner Schulter.

„Nach Ihnen!“

„Zu gütig!“

Die Feder besetzte Bubikopf-Schönheit wandte den Kopf und wich meinem Blick aus. Sie hatte sich bereits einem anderen Gast zugewandt und ich war überzeugt davon, dass sie dessen Drink mit derselben Todesverachtung in sich hineinschütten würde, wie ich es bereits bei ihr gesehen hatte.

Der Hüne führte mich zum Nebenausgang.

Ein flaues Gefühl meldete sich in meiner Magengegend. Vielleicht hatte ich bereits zu viel Wind gemacht und der Brecher, der sich für meinen Geschmack einfach zu dicht hinter mir aufhielt, hatte den Auftrag, für eine Stillung des Sturms zu sorgen.

Auf seine Weise natürlich. Mit ein paar Schlägen seiner Eisenpranken, die wie eine Dampframme wirken mussten, wenn er sie einsetzte.

Die Tür fiel hinter dem Hünen ins Schloss. Er hatte mit dem Absatz dabei nachgeholfen. Ein langer, enger Korridor befand sich vor uns.

„Wo ist Mister Flaherty?“

„In einem Separee.“

„Ich dachte, die Separees sind im Obergeschoss?“

„Nein, hier sind auch welche.“

Was er sagte, machte sogar Sinn. Im Obergeschoss hatten die Gäste vermutlich die Gelegenheit sich, mit den Animiermädchen zurückzuziehen, während es im Erdgeschoss wohl hauptsächlich um illegales Glücksspiel ging. Eine ebenerdige Fluchtmöglichkeit war dabei immer von Vorteil.

Mister Flaherty war also ein Spieler. Ich war ihm noch nicht begegnet und wusste schon mehr über ihn, als es dem Iren wahrscheinlich lieb war.

Wir erreichten eine Tür am Ende des Korridors.

Ich blieb stehen.

„Öffnen Sie!“, verlangte der Hüne.

Als ich mit der Rechten zu Klinke griff, erkannte ich aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Der Kerl hatte nur sichergehen wollen, dass meine rechte beschäftigt war und ich ihm nicht seine künstliche Zahnreihe einschlagen konnte. Er packte mich von hinten am Kragen und schleuderte mich gegen die Tür. Ich war benommen. Blut lief mir die Stirn herunter. Ehe ich an der Tür hinunterrutschen konnte, ergriff er mich, zog mich zurück. Er stieß die Tür mit dem Fuß auf und schleuderte mich nach vorn. Ich taumelte ins Freie. Es ging ein paar Stufen hinunter. Ich landete auf dem Pflaster. Der Kopf dröhnte. Alles drehte sich vor meinen Augen.

Ich schmeckte Blut und nahm gerade noch wahr, dass mich der Hüne in einen Hinterhof geführt hatte, wo er mich offenbar in aller Seelenruhe verprügeln wollte.

Ich bekam einen Tritt in die Seite und krümmte mich zusammen wie ein Embryo.

Dann packte mich der Kerl am Kragen und wollte mich offenbar noch mal auf die Füße stellen um mir anschließend noch mal seine Rechte gerade zu geben.

Ich ließ mich erst hängen, erkannte aber ziemlich schnell, dass ich wahrscheinlich nur noch ein paar Sekunden Zeit hatte, wenn ich verhindern wollte, den Rest des Jahres in einer Klinik zu verbringen.

Mit zwei Fingern meiner Rechten stieß ich blitzschnell zu. Ich erwischte seine Augen. Er ließ mich los. Alles, was ich noch an Kraft in mir hatte, konzentrierte ich auf die Kombination aus mehreren Faustschlägen, mit denen ich anschließend auf den Kerl einhämmerte.

Benommen sackte er zu Boden.

Er stöhnte auf und ehe er sich wieder aufzurappeln vermochte, griff ich zu meiner Waffe und riss sie aus dem Schulterholster.

Ich spannte den Hahn des 38ers.

Das Klicken ließ ihn erstarren.

„Keine Dummheiten!“, sagte ich.

Mit der Linken bedeckte er die Augen. Ich hatte ihn offenbar voll erwischt.

Dann nahm er die Hand weg, blinzelte mich an.

Es war relativ hell in dem Hinterhof. Das lag weniger an der spärlichen Laternenbeleuchtung, als vielmehr an den erleuchteten Fenstern in den umliegenden Gebäuden. Eine Mixtur verschiedener Jazzbands erfüllte leise die Luft. In der South Side war abends eben immer was los.

„Nichts für ungut!“, knurrte er.

„Aufstehen!“

„Hey, Mann...“

„Ich sagte aufstehen!“

Er gehorchte. Ich durchsuchte ihn nach Waffen, zog ihm den Revolver heraus. Einhändig öffnete ich die Trommel und ließ die Patronen auf das Kopfsteinpflaster fallen. Es gab jedes Mal ein metallisch klingendes Geräusch dabei. Dann warf ich die Waffe ein paar Yards in Richtung von ein paar überquellenden Mülltonnen.

Etwas Dunkles huschte dahinter hervor. Erst dachte ich, es wäre eine Ratte, aber es war eine Katze, die schwarz wie die Nacht war.

Ich setzte dem Hünen den kurzen Lauf des 38er an den Bauch, der bereits erste Anzeichen eines Fettansatzes zeigte und durchsuchte auch die Taschen. Einen Schlagring und ein Klappmesser fand ich noch. In der rechten Innentasche war außerdem noch ein sehr zierlicher Revolver vom Kaliber 22, den er offenbar als Zweitwaffe verwendete.

Ich nahm an, dass ich den Schlagring wohl noch zu spüren bekommen hätte – vorausgesetzt, ich wäre lange genug bei Bewusstsein geblieben, um davon überhaupt noch etwas mitzubekommen.

In einer seiner Jackett-Taschen fand ich noch ein paar goldene Armreifen, eine Kette, in deren Anhänger Rubin und Bernsteine verarbeitet waren sowie eine Schatulle mit einigen Diamant-Ringen.

Ich brauchte nicht erst in die Kiste zu sehen, die Cynthia McCormick angefertigt hatte, um zu sehen, dass diese Stücke zur Beute aus der McCormick-Villa gehörten.

Ich ließ den Schmuck in die Seitentaschen meines Jacketts rutschen.

„Scheint so, als würde eine schwarze Katze doch kein Pech bedeuten!“, meinte ich.

„Kommt immer darauf an, aus welchem Blickwinkel man das sieht!“, knurrte mein Gegenüber zwischen den Zähnen hindurch.

„Woher haben Sie die Stücke?“, fragte ich und drückte ihm den Lauf etwas kräftiger in den Wanst, um ihn daran zu erinnern, wer im Moment von uns beide das bessere Argument auf seiner Seite hatte.

„Mann, das ist doch bekannt, dass ich mit so etwas hin und wieder hausieren gehe...“

„Mit so heißer Ware? Wem wollen Sie das erzählen?“

„Wieso soll das heiße Ware sein?“

„Stellen Sie sich nicht dümmer als Sie sind! Die Brocken kommen von dem Einbruch in die McCormick Villa und...“

„Ich habe damit nichts zu tun!“, zeterte der Hüne.

„Wo ist Flaherty?“

„Den Korridor zurück, die dritte links und dann wieder links.“

„Danke.“

Ich schlug ihn mit dem Lauf des 38ers nieder. Er sackte wie ein gefällter Baum zu Boden und blieb betäubt liegen. Dass dieser Muskel bepackte Lakai mir noch irgendeine wertvolle Information hätte geben können, glaubte ich nicht. Schließlich wollte der Kerl vermeiden, dass ihm in nächster Zeit unangenehmer Besuch abgestattet wurde. Die Angst vor den höheren Rängen im irischen Syndikat war offenbar größer, als der Respekt, den ich ihm innerhalb der letzten fünf Minuten beigebracht hatte.

Ich ging zurück durch den Korridor, dann kam links eine Tür. Ich öffnete sie, was problemlos möglich war. Dahinter war ein weiterer Korridor zu finden. Er endete nach kaum mehr als zehn Yards.

Mehrere Zimmertüren gingen von diesem Korridor ab. Aber nur aus einem waren Stimmen zu vernehmen.

Ich hatte nicht die Absicht, mich groß anzumelden. Also stieß ich die Tür auf.

Eine Runde von Männern in Smoking und Fliege saßen um einen runden Tisch und spielten Poker. Ich erkannte Flaherty sofort anhand der Beschreibung, die Braden mir von ihm gegeben hatte.

Er blickte mich ziemlich fassungslos an.

Die anderen Männer am Tisch ebenfalls.

„Mister Jed Flaherty?“, sprach ich ihn an.

„Was wollen Sie?“, fragte er gequält.

„Zunächst mal möchte ich Ihnen sagen, dass der Riesengorilla, den Sie mir soeben als Empfangskomitee geschickt haben, vielleicht ärztliche Hilfe bracht. Er liegt beim Hinterausgang und ruht sich ein bisschen aus.“

Flaherty lachte. „Guter Witz, Mann!“

„Das ist kein Witz!“

Seine Augen wurden schmal, als er mich mit seinem Blick geradezu durchbohrte. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Einer der Anwesenden – ein Mann mit einem dünnen Menjou-Bärtchen, schmalem Gesicht und schlecht gebundener Fliege griff unter seine Jacke, aber Flaherty stoppte ihn mit einer Handbewegung.

„Sie haben Buddy wirklich umgehauen?“

„Sehen selbst nach!“

„Alle Achtung! Wenn das stimmt, können Sie seinen Job haben! Ich kann einen Kerl mit so einem Schlag gebrauchen.“

„Danke, aber ich bleibe lieber selbstständig!“

„Ein klarer Standpunkt. Wer sind Sie?“

„Pat Boulder, Privatdetektiv. Ich habe ein paar Fragen an Sie. Es geht um Schmuckstücke und ich weiß wirklich nicht, ob wir das in großer Grunde besprechen sollten.“

Flaherty erhob sich. „Ihr entschuldigt mich mal kurz.“

„Klar, Jed!“, sagte einer der anderen Spieler. Der Mann mit dem Menjou-Bärtchen erhob sich ebenfalls. Er folgte Flaherty wie ein Schatten. Wir gingen auf den Korridor.

„War kein feiner Zug von Ihnen, mir Ihren Gorilla auf den Hals zu hetzen“, sagte ich.

„Sie müssen entschuldigen, aber im Moment sind meine Nerven ziemlich angespannt“, sagte Flaherty.

„Bedroht Sie jemand?“

„Wieso?“

Ich deutete auf den Mann mit dem Menjou-Bärtchen, der die Hand am nach vorne gerichteten Griff seines Revolvers hatte, den er am Gürtel trug. „Na, wer zwei Leibwächter engagiert, hat entweder zu viel Geld oder zu viel Angst!“

„Sie haben gegenüber Madeleine erwähnt, dass Sie mich wegen der McCormick-Sache sprechen wollten.“

„Und das macht Sie dermaßen nervös?“

„Das macht alle nervös, die in diesen Strudel mit hineingezogen werden könnten. Und jetzt will ich wissen für wen Sie arbeiten und wieso Sie mir hinterher schnüffeln?“

„Mrs McCormick hat mich engagiert. Ich soll ihren Mann finden.

Außerdem vermisst Sie Schmuck, der aus ihrem Haus gestohlen wurde.“

Ich griff in die Seitentasche. Der Mann mit dem Menjou-Bärtchen zog seine Waffe und richtete den kurzen Lauf auf mich. „Immer ruhig bleiben!“, sagte ich und zog vorsichtig ein paar der Armreifen hervor. „Eigenartig, dass ich so etwas in der Tasche Ihres Schlägers finden konnte, oder? Sieht aus wie der Anteil an einer Beute... Ich habe zwar noch nicht in der Liste nachgesehen, die Mrs McCormick mir gegeben hat, aber ich habe einen Blick für so etwas und es soll mich sehr wundern, wenn auch nur ein Stück dabei wäre, dass sich nicht ursprünglich in der McCormick Villa befunden hat! Und jetzt glauben Sie ja nicht, dass Sie die Sache aus der Welt schaffen können, indem Sie mich einfach aus dem Weg räumen. So wie ich die Intelligenz Ihres Riesengorillas einschätze, hat der längst versucht, etwas von dem Zeug für Bares an die Clubgäste zu verkaufen.“

„So dumm ist er nun auch nicht.“

„Wollen Sie sich darauf verlassen?“

Flaherty atmete tief durch. Er bedeutete seinem Leibwächter, die Waffe zu senken.

„Stecken Sie das Zeug weg. Ich habe damit nichts zu tun“, sagte Flaherty dann an mich gewandt.

„Irgendwann wird die Polizei Ihnen dieselbe Frage stellen: Wie kommt es, dass Sie nicht wissen, woher der Riese dieses Zeug hatte, wo er doch sonst aufs Wort auf Sie hört! Besser Sie überlegen sich bis dahin eine überzeugendere Antwort!“

„Hören Sie, es ist für Sie am besten Sie halten sich da raus, oder...“

„Oder was?“ Ich deutete mit der Linken, in der ich die Armreifen hielt, auf die Waffe des Leibwächters. Die Rechte steckte in der Seitentasche meines Jacketts und umfasste den Griff des 38ers. Im Notfall konnte ich einfach durch die Jacke schießen, obwohl es schade um den guten Tweed gewesen wäre. „Ich weiß nicht, ob Ihre Pokerfreunde einen Mord decken würden, wenn hier draußen ein Schuss fällt...“

„Die Sache ist etwas anders, als Sie denken, Mister Boulder?“

„Dann wäre es interessant, wenn Sie dazu mal etwas sagen würden. Vielleicht kann ich Ihnen auch weiterhelfen... Geht es zufälligerweise um ein paar Neubau-Blocks, in die eine Reihe reicher Leute Ihr Geld investiert haben?“

Flaherty wurde ziemlich blass. „Okay, die Wahrheit ist, ich habe auch Geld in dem Projekt stecken.“

„So wie McCormick?“

„Ja.“

„Nur dass McCormick das Geld nicht selbst gehörte, sondern er es aus öffentlichen Kanälen umgeleitet hat...“

„Kanäle ist ein gutes Stichwort in dem Zusammenhang. Das Problem ist nur, dass die Behörden jetzt alle Geldgeber genauer unter die Lupe nehmen werden!“

Ich musste grinsen. „Sagen Sie bloß, Sie hätten bei der Herkunft Ihres Kapitals etwas zu verbergen! Was ist denn mit Ihrem großen Gönner Seamus O’Donovan? Hat das Fass seine schützende Hand über Sie zurückgezogen – so wie es bei McCormick der Fall war?“

„Was reden Sie da?“

„Ach kommen Sie, es pfeifen doch die Spatzen von den Dächern, dass McCormicks Machenschaften niemals aufgeflogen wären, wenn O’Donovan das nicht zugelassen hätte!“

„Woher haben Sie das alles?“

„Aus einer guten Quelle. Vielleicht war McCormick einfach ein bisschen schlauer als Sie, denn er hat noch früh genug die Kurve gekriegt und hat sich verdünnisiert!“

„Okay, es gibt im Moment ein par Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und O’Donovan“, gab Flaherty zu. „Aber die werden bald ausgeräumt sein. Was den Schmuck von Mrs McCormick angeht, habe ich keine Ahnung, was es damit auf sich hat.“

„Arbeitet dieser Buddy, oder wie der Riesengorilla auch immer heißen mag, noch für jemand anders als für Sie?“

„Ich habe ihn engagiert, weil er keine Angst kennt und ich ihn früher mal als Boxer gefördert habe. Leider ist aus seiner Karriere nichts Großes geworden. Was er sonst noch macht, weiß ich nicht!“

„Zu schade!“

Ich hörte Schritte hinter mir.

„Sie können Buddy ja gerne selbst fragen!“

Ich drehte den Kopf und sah aus den Augenwinkeln heraus Buddys massige Gestalt den Korridor entlang wanken. Er hatte sich schneller wieder erholt, als ich es für möglich gehalten hätte.

Sein Blick wirkte verzerrt und räumte die letzten Zweifel daran aus, dass er mir den K.O. noch nicht verziehen hatte.

Im selben Moment schnellte etwas von vorn auf mich zu. Der Kerl mit dem Menjou-Bärtchen hatte die Tatsache, dass ich abgelenkt worden war genutzt.

Sein Fausthieb traf mich am Kopf. Ein zweiter mit dem Lauf seines Revolvers ebenfalls und dann begann sich alles vor meinen Augen zu drehen. Ich hörte nur noch ein surrendes Geräusch, das meinen gesamten Kopf zu erfüllen schien und hatte dabei das Gefühl zu taumeln.

Schließlich hörte auch das Geräusch auf.

Nur noch Schwärze umgab mich.

9

„Hey, Boulder! Aufstehen! Sie haben lange genug faul herumgelegen!“

Die Stimme, die mir das ins Ohr fauchte, kannte ich von irgendwoher. Ich konnte mich im Augenblick nur nicht richtig erinnern. Mein Kopf dröhnte. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe ich auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen konnte. Ich versuchte zu blinzeln und kniff die Augen sofort wieder zu. Das Licht war einfach zu grell. Hände packten mich bei den Schultern.

„Na los, Boulder! Machen Sie die Augen auf! Ich habe keine Lust, Sie in die Zelle zu tragen.“

„Was ist mit ihm?“, fragte eine andere Stimme.

„Er sieht so aus als hätte ihn jemand mit einem Vorschlaghammer bearbeitet, Captain!“

„Zur falschen Zeit am falschen Ort!“

„Oder er hat etwas mit der Sache zu tun?“

Jemand stieß mich grob mit dem Fuß an.

Es tat höllisch weh, weil ich dort, wo er mich traf, bereits mit blauen Flecken übersät war.

Jetzt arbeitete mein Verstand immerhin wieder gut genug, um die Stimmen zu erkennen. Diejenige mit dem unangenehmen Klang gehörte niemand anderem als Lieutenant Quincer, der mich gerade noch einmal mit dem Fuß anstoßen wollte, als ich mich bewegte.

„Wenn Sie Ihre spezielle Wiederbelebungstechnik bei mir noch einmal anwenden, sorge ich dafür, dass Sie für die nächsten Jahre weder Fragen in einem Verhör stellen, noch feste Nahrung zu sich nehmen können.“

Ich rappelte mich auf, versuchte aufzustehen, was mir schließlich auch gelang. Mir war schwindelig und es taten mir tausend Stellen am Körper weh. Dunkel erinnerte ich mich jetzt an das, was geschehen war. Vermutlich hatte sich Buddy noch etwas an mir abreagiert, mich als Punching Ball benutzt und sich dabei vielleicht vorgestellt, dass seine missratene Boxkarriere doch noch einen anderen Verlauf gehabt hätte. Ich stützte mich gegen die Wand.

„Wie geht’s Ihnen, Boulder?“, fragte der zweite Mann – Captain Chesterfield.

„Schlecht.“

„Wer hat Sie so bearbeitet, Boulder?“

„Ein Mann, der Bud heißt und für einen gewissen Jed Flaherty als Leibwächter arbeitet.“

„Flaherty ist tot.“

„Was?“

Ich blickte direkt in Chesterfields Gesicht und für einen Moment achtete ich nicht einmal mehr auf meine Kopfschmerzen. „Deswegen sind Sie also hier!“

„So ist es!“

Ich grinste und sah Quincer an. „Ich dachte schon, Sie hätten sich bei einem guten Schluck einen bunten Abend machen wollen, aber bei der üblen Laune, die Sie verbreiten, Quincer, hätte man Sie wahrscheinlich gar nicht hereingelassen.“

„Passen Sie auf, was Sie sagen, Boulder!“

„Nüchtern wie ein reformierter Prediger. Ich verstehe immer noch nicht, wie es Ihre Kollegen mit Ihnen aushalten können!“

„Jetzt reicht es!“

Quincer hatte schon die Fäuste geballt. Aber ein strenger Blick von Chesterfield genügte, um diesen gut dressierten Polizeihund wieder zurückzupfeifen.

Ich betastete vorsichtig mein Kinn und schmeckte Blut. Mein Zahnarzt war zu beglückwünschen. So lange ich im Geschäft war, war er es auch.

Dann griff ich instinktiv in meine Taschen. Die Schmuckstücke waren natürlich weg. Ich hatte keinerlei Beweise und stand ziemlich dämlich da.

„Jed Flaherty wurde erschossen, als er den Club verließ. Zeugen haben einen Ford gesehen, aus dem mit einer Tommy Gun gefeuert wurde. Wir denken, dass es die Italiener waren. Schließlich war Flaherty einer von O’Donovans Gefolgsleuten.“

„So wenig ich die Italiener mag, aber in diesem Fall glaube ich eher, dass der Täter einen irisch klingenden Namen trägt?“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Chesterfield.

„Flaherty hatte eine Meinungsverschiedenheit mit seinem Schutzpatron Seamus O’Donovan. Er glaubte zwar, sie ausräumen zu können, aber Sie wissen doch, wie das Fass reagiert...“

„Wir werden der Spur nachgehen. Und was hatten Sie mit Flaherty zu bereden?“

„Ich habe den Auftrag, nach George McCormick zu suchen und dachte, dass Flaherty mir da irgendwie weiterhelfen könnte!“

Chesterfield verzog das Gesicht. „Sie werden nicht der Einzige sein, der hinter McCormick her ist!“

„Das fürchte ich auch.“

„Glauben Sie, dass der Mord an Flaherty irgendwie mit der Kanalsache in Zusammenhang steht, über die jetzt überall geredet wird?“

Ich zuckte die Schultern und bückte mich vorsichtig, um meinen Hut aufzuheben. „Das würde ich auch gerne wissen! Jedenfalls hatte Flaherty ebenfalls Geld in die Wohnblöcke investiert, in die McCormick das Geld der Stadt fließen ließ.“

„Woher wissen Sie das denn?“

„Hat er mir selber gesagt. Flaherty war ziemlich nervös deswegen. Irgendwie hatte er wohl eine Heidenangst davor, dass man seine Finanzen genauer unter die Lupe nimmt. Immerhin – diese Sorge hat ihm jetzt jemand abgenommen.“

10

Überall im Cyprus Grove Club wimmelte es nur so von Polizisten.

Zeugen wurden befragt. Aussagen aufgenommen. Die Stimmung war natürlich dahin. Die Gäste hatten sich ohnehin vor Eintreffen der Polizei verdrückt. Und den Alkohol hatte man rechtzeitig verschwinden lassen.

Ich suchte Madeleine und fand sie schließlich an einem der Tische.

Sie trank ein Glas Wasser und wirkte ziemlich ernüchtert.

„Was machen Sie den noch hier? Sehen Sie selber zu, dass Sie Land gewinnen und die Polizei Ihnen keine unangenehmen Fragen stellt!“

„Da war immer so ein Kerl in Flahertys Begleitung. Groß, bullig, sah aus wie ein Preisboxer und wurde Buddy genannt. Sie haben mich mit ihm – wie soll ich sagen? - bekannt gemacht, wenn Sie sich erinnern...“

„Buddy Kavanaugh?“

„Genau das wollte ich wissen. Wo finde ich den?“

„Keine Ahnung.“

„Wissen Sie, ob er außer für Flaherty sonst noch für jemanden gearbeitet hat?“

„Er war meistens hier im Club und dafür gesorgt, dass unangenehme Kundschaft den Laden schnell wieder verlässt.“

Ich grinste. „Dann hat mich Flaherty als unangenehme Kundschaft eingestuft?“

„Denken Sie doch was Sie wollen.“

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Warum sollte ich das?!“

Ich deutete auf Quincer und Chesterfield, die gerade eine Befragung durchführten und dabei die Aussage des Barkeepers aufnahmen. „Ich habe einen guten Draht zur Polizei, müssen Sie wissen.“

„Ach, wirklich?“

„Wenn ich denen sage, dass Sie mir noch was Wichtiges über Flaherty sagen wollten, aber nur bereit zu singen waren, wenn Sie dafür einen Lincoln bekämen, dann kassieren die Sie ein und quetschen Sie aus wie eine Zitrone.“

Sie seufzte. „Buddy hatte nie Geldsorgen. Er hat für viele gearbeitet. Alles Leute, die irgendwie Verbindungen zu Seamus O’Donovan hatten. Ob er einen Garten umgraben oder jemanden verprügeln sollte - für Buddy ist das wohl kein großer Unterschied. Manchmal hat er mir leid getan.“

„Der Riesengorilla?“

„Er wurde schlecht behandelt, Mister Boulder. Sehr schlecht. Flaherty hat ihn oft als Fußabtreter benutzt und sich über ihn lustig gemacht. Wenn jemand Buddys Dienste brauchte, wurde er nicht mal selbst gefragt, sondern Flaherty.“

„Wer hat denn da gefragt?“

„Vor kurzem ein Bursche namens Sullivan.“

„Und was sollte er für den tun?“

„Keine Ahnung. Vielleicht Steine klopfen.“

„Wieso?“

„Sullivan ist ein Baulöwe, soweit ich das mitgekriegt habe. Glücklicherweise musste ich nicht mit ihm aufs Zimmer gehen. Er hatte schrecklichen Mundgeruch.“

11

Es war früher Morgen als ich meine Wohnung erreichte und wie ein Stein ins Bett fiel. Als ich ein paar Stunden später durch das hereinfallende Tageslicht geweckt wurde, fühlte ich mich wie ein alter Mann. Ich blickte in den Spiegel und erkannte mich fast nicht wieder. Ein Auge war zu geschwollen. Jede Bewegung tat mir weh und eigentlich hatte ich allen Grund, Buddy aus dem Weg zu gehen.

Aber schließlich hatte ich bei ihm die Schmuckstücke gefunden und so lag für mich auf der Hand, dass er auch etwas mit dem Einbruch zu tun haben musste. Chesterfield und Quincer hatte ich davon nichts gesagt. Mir ging es um die Beute – nicht darum, ob dieser grobschlächtige Schläger in den Knast wanderte und allein eine ganze Mannschaft von Wärtern beschäftigte. Zehn Prozent von jedem wieder beschafftem Stück standen mir schließlich zu, aber wenn die Polizei die Klunker früher einsacken konnte, ging ich eventuell leer aus.

Ein Schluck Bourbon musste an diesem Morgen als Frühstück reichen.

Bevor ich die Wohnung verließ, nahm ich meinen Revolver mit.

Im Moment war es einfach ratsam für mich, nicht ohne das Ding auf die Straße zu gehen. Dazu war die Sache, in der ich herumrührte, einfach zu brisant.

Ich begab mich zum Büro und traf dort Kitty Meyerwitz an, von der ich gerne gesagt hätte, dass sie die gute Seele des Büros war.

Aber davon war sie weit entfernt.

Sie hing am Telefon. Dem schrillen Gekicher nach sprach sie gerade mit ihrer neuesten Eroberung. Die Zahl ihrer wechselnden Männerbekanntschaften war Legion.

„Ich muss Schluss machen, Darling!“, sagte sie und hängte auf.

„Guten Morgen“, knurrte ich.

„Guten Morgen, Mister Boulder. Ich hatte nicht erwartet, dass...“

„...ich schon wach bin?“

Sie gab mir die Zeitung. „Die Tribune ist voll von Spekulationen über das Verschwinden von George McCormick.“

Ich überflog die Schlagzeilen schnell. Viel mehr, als ich von Braden Naismith wusste, und sich wohl bereits herumgesprochen hatte, stand da auch nicht. Und der Mord an Flaherty war für die Morgenausgabe einfach zu spät gewesen.

„Mrs McCormicks Ansichten über das Verschwinden ihres Mannes werden offenbar von so gut wie niemandem geteilt“, meinte ich – mehr zu mir selbst, als zu Kitty.

„Sie ist in einer verzweifelten Lage, da belügt man sich auch schon mal selbst.“

„Sie sprechen aus Erfahrung?“

„Ich arbeite hier, aber ich habe eigentlich nicht vor, das mit meinem Privatleben zu vermischen.“

„Ach – aber bei Ihren Anrufen auf Agenturkosten oder wenn Sie während der Arbeitszeit Ihre Nägel lackieren, haben Sie gegen diese Vermischung nichts einzuwenden.“

„Wenn Sie mit meiner Arbeit unzufrieden sind, sagen Sie es einfach, Mister Boulder.“

Ich sagte nichts. Mit gutem Grund. Sie wusste, dass sie im Moment keinen besseren Job fand und ich wusste, dass ich im Moment niemanden fand, der sie hätte ersetzen können.

Ich ging zum Fenster, sorgte etwas für frische Luft und wechsle dann einfach das Thema. „Ich will wissen, wer hinter den Wohnblock-Investments steckt, in die George McCormick das Geld der Stadt geleitet hat. Vielleicht finden sich da ja noch andere interessante Namen. Außerdem will ich alles über einen gewissen Gilbert Sullivan wissen. Wir werden beide Gelegenheit bekommen, uns am Telefon den Mund fusselig zu reden.“

Kitty verdrehte die Augen.

„Ich weiß nicht so hundertprozentig, worum es jetzt geht, aber vielleicht erklären Sie es mir ja noch!“

12

Ich bekam über die Vermittlungsstelle heraus, dass es in Chicago insgesamt ein Dutzend Personen mit dem Namen Gilbert Sullivan gab, die ein Telefon besaßen. Aber nur einer von ihnen hatte etwas mit der Baubranche zu tun. Den Rest der Telefonate ließ ich Kitty führen. Ich war überzeugt davon, dass ihre kommunikative Art dafür sorgen würde, dass sie noch einiges mehr an Informationen herausbekam. Ich setzte mich in der Zwischenzeit hinter das Steuer meines Plymouth und fuhr in die West Side.

Die West Side von Chicago war ein typisches Arbeiterviertel.

Mietskasernen wechselten mit weitläufigen Industrieanlagen ab, die immer weitere Zuwanderer in die Stadt lockten.

In welche der schnell hochgezogenen Wohnblocks George McCormick das Geld der Steuerzahler hatte fließen lassen, stand inzwischen sogar in der Chicago Tribune.

Ich klapperte sie der Reihe nach ab. An einem der Blocks wurde noch gearbeitet. Der Rohbau war fertig gestellt.

Vor dem Bau gab es eine Tumult artige Versammlung. Ich stellte den Plymouth in der Nähe ab, um mir das aus der Nähe anzusehen.

Ein ziemlich bemitleidenswerter Bauleiter hatte gerade die unangenehme Aufgabe, seinen Leuten zu verkünden, dass es im Moment keinen Job für sie gab.

Ich konnte mir denken, wie das alles zusammenhing. McCormicks Verschwinden hatte das ganze Kartenhaus der Finanzierung dieses einmaligen Renditeobjekts zum Einsturz gebracht. Jeder versuchte jetzt zu retten, was noch zu retten war. Die Geldgeber zogen ihre Einlagen zurück und die Baufirmen stellten die Arbeit ein, weil sie sich nicht sicher sein konnten, dass am Ende nicht sie auf den aufgelaufenen Material und Lohnkosten sitzen blieben.

„Die Situation wird sich in den nächsten Tagen klären!“, versuchte der Bauleier die wütenden Männer zu beschwichtigen.

„Was soll sich da klären?“, rief einer. „Glauben Sie vielleicht, wir lesen nicht auch Zeitung?“

„Ja, dieser McCormick hat sich aus dem Staub gemacht und genießt jetzt irgendwo das Leben – und wir stehen auf der Straße!“

Ich sah mir den ganzen Zirkus eine Weile an.

Der Bauleiter hatte ein bemerkenswertes Durchhaltevermögen.

Hier und da wurden Fäuste geballt. Mir war klar, dass diese Männer jetzt in einer schlimmen Lage waren. Se mussten ihre Familien ernähren und standen plötzlich ohne Job und das bereits einkalkulierte Einkommen dar.

Kurzschlussreaktionen waren angesichts dieser Verzweiflung nicht völlig auszuschließen.

Dann rollten plötzlich mehrere Fahrzeuge an. Ein Packard, ein Ford und ein Dodge.

Ein Dutzend Männer stiegen aus. Alle kräftig gebaut und mit Baseballschlägern bewaffnet.

Ich war gerade damit beschäftigt, mir eine Lucky Strike anzuzünden und verbrannte mir fast die Finger am brennenden Streichholz. Einen der Kerle, die zu diesem Rollkommando gehörte, kam mir nämlich ziemlich bekannt vor.

Es war niemand anderes als Buddy Kavanaugh.

Die Schläger verteilten sich. Etwa fünfzig aufgebrachte Arbeiter gegen ein Dutzend Bluthunde. Einige Augenblicke lang hing alles in der Schwebe, aber dann reichten die Drohgebärden von Buddy Kavanaugh und seinen Komplizen aus, um die aufgebracht Meute auseinander zu treiben. Hie und da gab es ein paar Handgreiflichkeiten und blaue Flecken, dann war die Sache für Kavanaugh und die anderen Schläger erledigt. Wahrscheinlich einer der leichteren Jobs, die diese Burschen zu erledigen hatten.

Die Kerle begannen die Werkzeuge einzusammeln und in einen Wagen zu laden. Eine geschlagene halbe Stunde musste ich mir das ansehen. Zeit genug, sich zu überlegen, wie ich jetzt vorging.

Ich blieb zunächst in meinem Wagen und wartete einfach ab. Der einzige, der mich hätte erkennen können, war Buddy Kavanaugh.

Aber der war schwer beschäftigt. Als die Werkzeuge eingeladen waren, stieg die Schlägermannschaft wieder ein. Der Bauleiter nahm in dem Packard Platz, während Buddy Kavanaugh im Packard zu finden war. Ich musste mich entscheiden, wem ich folgte, falls die Wagen nicht dasselbe Ziel hatten und entschied mich für Kavanaugh.

Er war der entscheidende Mann. Bei ihm hatte ich schließlich die Klunker gefunden. Ich war froh meine Waffe dabei zu haben.

Andernfalls hätte ich einer weiteren Begegnung mit dem Riesen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen gesehen.

Die drei Wagen starteten. Ich ließ sie anfahren und gab ihnen einen kleinen Vorsprung, ehe ich meinen Plymouth startete und ihnen folgte, ich holte sie schon wenige Blocks weiter wieder ein.

Anschließend ging es kreuz und quer durch die West Side. Vor einem mehrstöckigen Gebäude aus roten Ziegelsteinen, dessen Fassade teilweise von Wein zu gewuchert war, hielt der Ford vom Typ Model T an.

Ich verlangsamte das Tempo.

Kavanaugh stieg aus. Er ging auf das Haus zu, dessen Nummer ich mir merkte. Es war immer noch Zeit, Kavanaugh einen Besuch abzustatten. Ob er sich in meinem Fall darüber freute, war ohnehin höchst fraglich.

Ich folgte den beiden anderen Fahrzeugen. Der Ford überholte meinen Plymouth schließlich und holte zu den anderen beiden Fahrzeugen auf.

Ich versuchte einigermaßen unauffällig den drei Fahrzeugen zu folgen.

Schließlich hielten sie bei einem Firmengelände. Madison & Sons hieß die Firma und sie gehörte unzweifelhaft dem Baugewerbe an.

Das war schon anhand der säuberlich geschichteten Stapel an Ziegeln und Sandsteinen zu sehen. Dort wurden die Werkzeuge abgeladen.

Ein Mann mit heller Schiebermütze begrüßte sie. Seine Gehabe nach war er der Chef auf dem Gelände. Ein paar weitere, zumeist recht junge Männer halfen beim Ausladen der Werkzeuge.

Als das erledigt war, fuhren die Wagen samt Insassen wieder davon.

Feine Helden seid ihr!, dachte ich bitter. Welche Kunst gehörte schon dazu, eine Mannschaft anzuheuern, die mit Baseballschlägern dafür sorgt, dass die Unzufriedenheit nicht offen geäußert wird.

Ich wartete, bis alle weg waren. Den Plymouth hatte ich am Straßenrand geparkt. Er wurde halb von einem wuchernden Strauch verdeckt. Außerdem verhielt ich mich so unauffällig wie möglich.

Ich stieg aus und ging auf das Firmengelände.

Ein junger Mann sprach mich an.

„Hey, was wollen Sie hier?“

„Wo finde ich Mister Madison?“, fragte ich.

„Ich bin Mister Madison, Mister Greg Madison junior. Was wollen Sie?“

„Haben Sie den Namen Gilbert Sullivan schon mal gehört?“

Er erschrak sichtlich und sah mich plötzlich an wie ein exotisches Tier.

Ich hatte das Gefühl, in ein Wespennest gestochen zu haben. aber schließlich war ja auch hier, um Wind zu machen.

„Mister Sullivan schickt Sie? Aber...“

Ich widersprach ihm nicht.

„Aber was?“

Er schluckte. „Diese Dinge regelt mein Dad. Ich werde ihn am besten holen gehen.“

„Und ich werde Sie am besten zu ihm begleiten.“

Er schluckte erneut. Der letzte Rest an Gesichtsfarbe war jetzt verschwunden. Der arme Kerl war nicht einmal mehr zu einer Antwort fähig, sondern nickte nur noch stumm. Mister Sullivan musste einen überwältigenden Ruf besitzen.

Madison junior führte mich in das Büro.

Der Seniorchef saß an einem Schreibtisch und ordnete Belege in eine Akte ein.

„Mister Madison?“, fragte ich.

„Das ist ein Mann, den Sullivan schickt!“, sagte der Sohn.

Madison senior war Anfang fünfzig, hatte graues, schütteres Haar, das noch etwas rot durchwirkt war und grüne Augen. Die Sommersprossen um die Nase wirkten ziemlich verblasst. Vor zehn oder zwanzig Jahren hatte er wahrscheinlich wie ein Bilderbuch-Ire ausgesehen. Eine selbst gedrehte Zigarette steckte in seinem rechten Mundwinkel und qualmte vor sich hin. Der volle Aschenbecher verriet, dass der Begriff Zigarettenpause in seinem Fall wahrscheinlich die kurze Pause zwischen zwei Zigaretten bezeichnete.

Seine Augen wurden schmal, als er mich musterte.

„Ich kenne Sie nicht.“

„Es geht um den Block, zu dem Sie gerade Ihr Rollkommando geschickt haben...“

„Ja und? Ich verstehe das jetzt nicht. Mister Sullivan hat mir doch selbst angeboten, dass er seine Jungs schickt, um Ärger zu vermeiden...“

Mir war inzwischen einiges klarer. Sullivan hatte offenbar den Daumen auf Madison & Sons. Es hätte mich gewundert, wenn das die einzige Baufirma gewesen wäre, die unter seiner Kontrolle stand.

Ob Sullivan in direktem Auftrag von Seamus O’Donovan handelte oder einfach nur mit dessen wohlwollender Duldung, kam letztlich auf dasselbe hinaus. Dies und die Tatsache, dass er wahrscheinlich genauso wie McCormick und Flaherty Geld in demselben Wohnungsbauprojekt stecken hatte, schuf eine deutliche Verbindung.

Einer war tot, einer verschwunden.

Der Gedanke lag da nicht ganz so fern, dass ich mich besser beeilte, wenn ich mit Nummer drei noch sprechen wollte.

„Am besten Sie beruhigen sich, Mister Madison“, schlug ich vor.

Die Devise konnte für mich im Moment nur lauten: Nichts Falsches sagen und mein Gegenüber nicht beim reden unterbrechen. Madisons Nerven waren so angespannt, dass mit etwas Glück so einiges aus ihm einfach herausplatzte, was er sich in gemütlicheren Zeiten vielleicht dreimal überlegt hätte.

„Beruhigen?“, echote er.

„Nützt doch keinem was, wenn Sie einen Herzkasper kriegen, oder?“

Madison atmete schwer. „Beruhigen? Sie sind gut!“ Am Rande seines Schreibtischs lag eine zusammengerollte Ausgabe der Chicago Tribune. Er warf sie mir entgegen, ich fing sie auf. „Da steht drin, dass die Stadt die Beträge, die McCormick illegal in die Beteiligungsgesellschaft hat einfließen lassen, zurückfordern wird.

Das Projekt, an dem wir gerade arbeiten, wird nie über den Rohbau hinauskommen und das, was wir schon fertig gestellt haben, wird vermutlich die Hälfte nicht mehr bezahlt werden können.“

„Die Zeiten sind hart“, sagte ich. „Da muss jeder sehen wie er durchkommt!“

„Ja, und das hat dieser McCormick wohl am besten von uns allen verstanden, indem er sich einfach aus dem Staub gemacht hat, dieser Bastard.“

„Wären Sie denn besser dran, wenn er jetzt hinter Gitter säße?“

Madison hatte inzwischen einen hochroten Kopf. „Vermutlich nicht. Es ist immer dasselbe. Leute wie ich bleiben auf dem Mist sitzen und die feinen Herren sehen zu, dass sie irgendwie ungeschoren aus der Sache herauskommen. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was diese Pleite für mich bedeutet! Ich hatte mich auf das Projekt verlassen! Jetzt musste ich meine Leute nach Hause schicken und am Ende darf ich Mister Sullivan auch noch dafür bezahlen, dass er mir sein Rollkommando zur Verfügung gestellt hat!“

Ich zündete mir eine Lucky Strike an. Zwar war der Sauerstoffgehalt von Madisons Büro bereits auf einen Minimalwert gesunken und es hing so viel Rauch in der Luft, dass ich eigentlich nur kräftig atmen brauchte, um genug zu inhalieren, aber irgendwie mag ich Dinge nicht, die aus zweiter Hand sind.

„Mister Sullivan hat die gegenwärtige Krise auch tief getroffen“, sagte ich. „Davon bin ich überzeugt.“

„Seine Krokodilstränen soll er sich sparen und mir stattdessen die Sicherheitsgebühr für die nächsten drei Monate erlassen.“

„Dad!“, versuchte der Junior seinen Vater zu mäßigen.

Aber bei dem waren inzwischen ein paar Nervenstränge gerissen, die wohl nicht so einfach wieder zu flicken waren und ihn jedwede Vorsicht vergessen ließen.

„Ist doch wahr!“, fauchte er. „Schließlich bekomme ich ja auch keine Aufträge mehr von der Stadt, seit McCormick weg ist. Ich schätze, da stehe ich jetzt erstmal auf der schwarzen Liste!“

„Ich werde Mister Sullivan Ihr Anliegen ausrichten“, versprach ich. „Allerdings weiß ich nicht, wie er darauf reagiert.“

„Soll das 'ne Drohung sein?“

„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie zur Polizei gehen!“

13

Ich verließ das Gelände von Madison & Sons wieder und setzte mich hinter das Steuer meines Plymouth. Dieser Sullivan schien in der ganzen Angelegenheit eine zentrale Rolle zu spielen. Leider war es wohl wenig Erfolg versprechend, einfach bei ihm zu Hause vorzufahren und ihm ein paar Fragen zu stellen. In dem Fall musste ich damit rechnen, dass sein Rollkommando mit mir kurzen Prozess machte. Und ich wusste nicht, ob meine zarte Gesundheit einen weiteren Angriff mit den Vorschlaghammer-Fäusten eines Buddy Kavanaugh überleben würde.

Da ein Treffen mit Buddy aber nach Lage der Dinge wohl ohnehin unvermeidlich war, zog ich es vor, Ort und Zeit selbst zu bestimmen.

Ich hatte ja gesehen, wie er vor einer halben Stunde vor seiner Wohnung abgesetzt worden war. Mit etwas Glück hatte der Bursche heute nichts anderes mehr vor und ich traf ihn dort an.

Ich fuhr also hin, parkte den Plymouth aber in einer Seitenstraße, um nicht gleich aufzufallen, falls Buddy Kavanaugh zufällig aus dem Fenster sah und die Aussicht auf eine stark befahrene Hauptstraße genoss.

Das Haus, in dem Kavanaugh wohnte, wirkte von außen ganz proper, aber innen war der Wurm drin. Der Putz blätterte im Treppenhaus von den Wänden und der Lift funktionierte nicht. Ich fand Buddy Kavanaughs Ein-Zimmer-Apartment im dritten Stock und war gezwungen, mich die Treppe hinauf zu quälen.

Bevor ich klopfte, nahm ich die Waffe aus dem Schulterholster und steckte sie in die Seitentasche meines Jacketts, sodass ich im Notfall durch den Stoff schießen konnte. Auf jeden Fall hatte ich die Waffe sofort griffbereit.

Buddy Kavanaugh öffnete und sah mich ziemlich entgeistert an.

Die Überraschung war mir gelungen. Seine Augen wurden groß und quollen aus ihren Höhlen hervor. Die Hände ballten sich zu Fäusten und entspannten sich gleich wieder sichtlich, als ich die Waffe in der Tasche so bewegte, dass meinem Gegenüber klar war, dass sie existierte.

„Ich bin nicht nachtragend, Buddy - und Sie sollten es auch nicht sein“, sagte ich.

„Was wollen Sie?“

„Mit Ihnen über Dinge reden, die Sie wohl kam über den Flur verbreitet haben wollen, wie ich mir vorstellen kann.“

Eine der Nachbartüren hatte sich bereits einen Spalt geöffnet. Ein Auge und der fünf Zentimeter breite, streifenförmige Ausschnitt eines Gesichts waren zu sehen.

„Mach die Tür zu, du neugierige Hexe!“, rief Buddy ärgerlich über den Flur.

„Ist doch schön, wenn man sich in der Nachbarschaft umeinander kümmert!“

„Halten Sie Ihre verdammte Klappe und kommen Sie rein.“

„Wer kann bei einer so freundlichen Einladung schon nein sagen.“

„Schließen Sie die Tür, es zieht sonst wie Hechtsuppe.“

Er drehte sich um. Ich folgte ihm, kickte die Tür mit dem Absatz ins Schloss und blickte mich um. Das Apartment sah aus wie eine Räuberhöhle. Kleidungsstücke lagen herum. Das Bett war nicht gemacht. Von den Sesseln konnte man kaum etwas sehen, da sie unter Schmutzwäsche begraben waren. Kalter Zigarrenrauch hing in der Luft wie ein Gespenst. Von der Decke hing ein Sandsack, mit dem sich Buddy offenbar fit hielt. Dass er sich noch für ein Comeback trainierte hielt ich hingegen für ausgeschlossen, aber dafür, mit einem Baseballschläger ein paar lästige Arbeiter zu vertreiben, reichte es wohl nicht.

Immerhin gab es auch einen vertrauten Anblick.

Auf dem niedrigen Tisch stand eine Flasche Bourbon. Der Korken lag daneben, aber das Aroma konnte sich trotzdem nicht so richtig im Raum verbreiten. Das musste wohl daran liegen, dass Buddy Kavanaugh Schweißfüße hatte und seine Socken im Raum verstreut herumliegen ließ.

„Wie ich sehe, sind Sie stets auf Besuch eingerichtet!“, konnte ich mir eine sarkastische Bemerkung nicht verkneifen.

„Ich bin nicht oft zu Hause.“

„Viel unterwegs, was?“

„Ich versuche zu überleben.“

„Für wen haben Sie denn alles so schon gearbeitet – abgesehen von Flaherty und Sullivan. Was ist mit McCormick? Hat Flaherty Sie auch da weiterempfohlen und gewissermaßen ausgeliehen, wenn es was für grobe Pranken zu erledigen gab? – Sorry, nicht übel nehmen, aber die Handschuhgröße dürfte etwas über der Norm liegen.“

„Sind Sie gekommen, um blöd herum zu quatschen, oder was wollen Sie?“

Er stierte angestrengt auf meine Tasche, in der ich den Revolver hatte. Ich zog sie heraus, um ihm zu zeigen, dass da wirklich eine Kanone war und er sich diesmal vorsehen musste.

„Ich bin vor allem wegen dem Schmuck hier. Er stammt aus dem Einbruch in das Haus von George McCormick und...“

„Ich habe nichts damit zu tun!“

„Wo ist das Zeug jetzt?“

„An einem sicheren Ort...“

„Ich wette, in diesem Durcheinander hier findet sich noch genug von dem Glitzerzeug, um Ihnen die Tatbeteiligung nachzuweisen.

Wer so dämlich ist, die Sachen mit sich herum zu tragen, dem traue ich kein wirklich sicheres Versteck zu.“

„Sie irren sich!“

„Ach ja? Wissen Sie was, Buddy? Ich schlage vor, wir rufen jetzt die Polizei und Sie klären das Ganze mit denen. Wie wäre das denn?

Mir wäre es allerdings lieber, wir könnten uns anders einigen... und Ihnen wahrscheinlich auch! Glauben Sie mir, das ist jetzt kein normaler Kriminalfall mehr. Das ist ein Skandal, der die Stadt erschüttert und da wird jeder sehen, dass er sich selbst rein wäscht und so gut wie möglich aus dem Strudel heraushält. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass Seamus O'Donovan McCormick nicht mehr gedeckt hat. Und was ist mit Flaherty? Wahrscheinlich wollte O'Donovan sein eigenes Risiko minimieren und hat ihn umnieten lassen, bevor er etwas sagen konnte. Könnte natürlich auch sein, dass jemand anderes dahinter steckt. Jemand, der viel näher an der McCormick-Sache dran ist.“

Buddy schluckte.

„Ach, und an wen dachten Sie da?“

„Dieser Sullivan zum Beispiel, der die Baufirmen unter seiner Fuchtel hält und mit McCormicks Geschäften auf das engste verknüpft zu sein scheint.“

„Sie haben keine Ahnung, Drecksschnüffler!“

„Na, dann helfen Sie mir doch auf die Sprünge. Ich sage Ihnen ja nur, was so ein Holzkopf wie Lieutenant Quincer von der Mordkommission irgendwann in nächster Zeit mit der bei ihm üblichen Verspätung denken wird. Mal vorausgesetzt Sullivan hat Mitwisser ausschalten wollen, um nicht im Regen zu stehen, dann wären Sie doch prädestiniert dafür.“

„Verstehe ich nicht!“

„Ach – ich dachte, es wäre ein Vorurteil, dass Boxer dumm sind.

Und so viele Profikämpfe hatten Sie doch gar nicht, dass man Ihnen die Birne weich genug geklopft hat, dass Sie sich damit herausreden könnten!“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Sie haben für Flaherty gearbeitet und für Sullivan. Wenn ich Sullivan wäre und hätte vorgehabt, Flaherty loszuwerden – wen hätte ich da wohl um Hilfe gebeten? Sie haben nicht an der Tommy Gun gesessen, das ist klar. Aber Sie waren mit beteiligt. Das – zusammen mit dem Einbruch bringt Sie lange genug in den Knast, um den Titel eines Anstaltschampions ein paar Jahrzehnte lang halten zu können!

Also kommen Sie, gehen wir! Ich gönne Quincer den Erfolg zwar nicht und hätte die Klunker lieber persönlich bei meiner Auftraggeberin vorbeigebracht, anstatt dies der Polizei überlassen zu müssen, aber...“

„Hören Sie mir zu!“, verlangte Buddy.

Ich zuckte die Schultern. „Nur, wenn Sie nicht zielsicher an der Sache vorbei reden. Ich habe die Nase voll davon, mich an der Nase herumführen zu lassen.“

„Keine Sorge, ich packe aus.“

„Die Rolle des Tanzbären steht Ihnen sowieso viel besser als mir, Buddy!“

14

Buddy nahm einen kräftigen Schluck aus der Bourbon-Flasche und bot auch mir einen Schluck an.

„Danke, aber ich habe einen Grundsatz, den ich fast immer einhalte“, sagte ich.

„So?“

„Ich trinke nicht, so lange ich eine Waffe in der Hand halte.“

„Ich wusste gar nicht, dass man Sie so puritanisch erzogen hat!“

„Na ja, Sie wissen ja, wie das ist. Der Geist ist willig, aber die Kehle trocken und... Aber kommen wir zur Sache zurück.“

Buddy atmete tief durch. Er räumte ein paar Zeitschriften und Wäschestücke von einem der Sessel. Die verknickten Ausgaben von Pulpmagazinen wie „All Story“, „Argosy“ oder „The Black Mask“ wanderten auf den Fußboden, ehe sich der Koloss fallen ließ und sehr tief sank. Der Sessel war so gut wie durchgesessen.

„Von Anfang an also“, sagte er. „Ich war nicht an dem Einbruch bei McCormick beteiligt. Das waren Sullivans Leute.“

„Ich dachte, Sie gehören dazu.“

„Ja, aber solche Jobs vergibt Sullivan nur an Leute, denen er noch etwas mehr vertraut, als das bei mir der Fall ist. Alte Bekannte, die er schon eine Ewigkeit lang kennt.“

„Namen!“, forderte ich.

„Hank Reagan, Brian Sutter und Allan Meath. Reagan erkennen Sie an der Narbe am Kinn. Sutter ist ein Riese mit roten Haaren. Und Allan Meath hat in Belgien ein Auge verloren.“

„Reizendes Trio.“

„Die würden alles für Sullivan tun.“

„Sie nicht?“

Er grinste schief. „Ich muss die Jobs nehmen, die übrig bleiben.“

„Zum Beispiel Arbeiter verprügeln!“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Eine Heldentat war das nicht, aber kommen zu Ihnen vielleicht nur gute Menschen und bezahlen Sie für Ihre Dienste?“

„Das ist alles sehr relativ.“

„Eben!“

„Wie kommt es, dass das reizende Trio ausgerechnet mit Ihnen seine Beute teilt! Da stimmt doch was nicht!“

Buddy schüttelte entschieden den Kopf. „Die haben nicht mit mir geteilt, sondern mir was von dem Zeug angedreht – zu einem extrem günstigen Preis natürlich. Halb geschenkt. Da wusste ich natürlich noch nicht, wie heiß die Klunker sind. Ich wollte sie im Cyprus Grove Club oder sonst wo mit Gewinn weiter verkaufen. Meine ganzen Ersparnisse stecken da drin. Ich dachte, ich könnte sie schnell verdoppeln, jetzt sitze ich auf heißer Ware, die ich wahrscheinlich nicht mehr los werde...“

„Sie Ärmster! Und Sie sind gar nicht sauer auf Ihre Komplizen?“

„Wir sind keine Komplizen. Ich dachte, das hätte ich klargestellt!“

„Das werden wir sehen. Und jetzt heraus mit den Klunkern.“

„Die habe ich nicht mehr.“

„Ah! Jetzt wollen Sie mir plötzlich weismachen, Sie hätten das Zeug doch noch an den Mann bringen können.“

Er nickte. „Heute Morgen war ich bei Elmar Guthrie in der South Side. Er betreibt da einen Laden und handelt mit allem möglichen. Ich habe ihm die Dinger etwas unter meinem Selbstkostenpreis angedreht.“

„Wann soll das gewesen sein?“

„Heute morgen noch.“

„Bevor Sie mit Sullivans Rollkommando ausgerückt sind?“

„Ja.“

„Dann sind Sie aber früh aufgestanden – und dieser Guthrie auch!“

„Fragen Sie ihn doch!“

„Wissen Sie was? Ich glaube Ihnen kein Wort, Buddy! Und der Polizei wird es nicht anders gehen!“

„Es war so!“, zeterte er. „Bei meiner Ehre als Boxer!“

„Die ist ja schon ein bisschen angestaubt, oder?“

„Alles nur unglückliche Umstände. Sonst würde ich um die großen Titel kämpfen und nicht Rummelplatzboxer oder Ausländer wie Jack Sharkey und dieser Max Schmeling.“

„Sicher.“ Es gibt Leute, die geben ihre Illusionen einfach nicht auf.

Vor allem dann, wenn sie sonst nichts haben. Er schnaufte wie eine Lokomotive und erhob sich aus seinem Sessel. „Hören Sie, nachdem Flaherty erschossen wurde, war ich gar nicht zu Hause. Ich habe mich schnurstracks zu Guthrie auf den Weg gemacht und ihn aus dem Bett geklingelt. Und ihm das Zeug angeboten.“

„Sie müssen gut bekannt sein?“

„Es geht. Aber fragen Sie Guthrie doch selbst!“

„Der wird mir was husten. Außerdem – warum sollte ich so etwas tun?“

„Vielleicht, weil Sie mehr über McCormick erfahren wollen.

Deswegen sind Sie doch unterwegs, oder?“

Ich gebe zu, er hatte seinen Köder geschickt gelegt. Jetzt begann mich dieser Guthrie tatsächlich zu interessieren. „Was hat McCormick damit zu tun?“

„Ich habe ein Gespräch zwischen Sullivan und Guthrie mit angehört. Zufällig natürlich.“

„Klar.“

„Es ging um jemanden, bei dem es sich nur um McCormick handeln konnte, auch wenn der Name nicht erwähnt wurde.“

Ich begriff noch nicht, worauf mein Gegenüber hinaus wollte und leider ließ sich Buddy jedes Wort aus der Nase ziehen. „Was soll McCormick bei einem Hehler zu suchen haben?“

„Guthrie ist nicht nur Hehler. Er fabriziert auch falsche Papiere aller Art beziehungsweise vermittelt so etwas.“

Ich pfiff durch die Zähne. Jetzt wurde ein stimmiges Bild daraus.

McCormick hatte tatsächlich den Plan gehabt, sich zu verdrücken und das offenbar von langer Hand vorbereitet.

„Das ist noch was“, sagte Buddy.

„Na, los! Spuck’s aus – oder kommt mir dann dein Blechgebiss gleich ebenfalls entgegen?“

„Sie halten mich aus allem raus!“, verlangte er.

„Wenn es sich machen lässt - und ich nicht von irgend jemandem etwas höre, was Sie als dreckigen Lügner entlarvt.“

„Okay.“

„Ich höre.“

„Es war von zwei kompletten Sätzen Papieren die Rede. Kanadischen Papieren.“

McCormick, du Sauhund!, dachte ich. Und mir überlässt du den undankbaren Job, das alles deiner Frau zu beichten!

15

Ich überlegte, ob ich meiner Auftraggeberin die wenig frohe Botschaft von der Wahrheit, die hinter dem Verschwinden ihres Mannes steckte, jetzt schon überbringen sollte und entschied mich schließlich dagegen.

Vielleicht war es einfach besser, erst noch ein paar Fakten abklären. Und wenn es ging auch etwas von dem Schmuck an mich bringen, was mir vielleicht gelang, wenn ich das Trio, dessen Namen mir Buddy genannt hatte, der Reihe nach abklapperte und etwas unter Druck setzte. Notfalls musste ich die Polizei um Hilfe bitten, aber ich hatte nichts dagegen, das zu vermeiden.

Und so fuhr ich Richtung South Side. Zwischendurch hielt ich bei einem Diner. In erster Linie, weil ich dort ein Telefon vermutete. Ich rief Kitty im Büro an und fragte nach, ob sich bei ihren Telefonaten etwas Neues ergeben hätte.

„Leider nicht, Pat.“

„Sie könnten ein paar Adressen für mich herausfinden, Kitty!“

„Morgen vielleicht. Ich habe meine Zeit für heute abgesessen!“

„Dann kommen Sie morgen eben gar nicht, Kitty.“

„Und mein Termin bei der Maniküre?“

„Den sagen Sie ab.“

Sie seufzte. „Sie wissen gar nicht, welches Opfer ich für Sie bringe!“

„Hören Sie einfach auf, während der Arbeitszeit selber an den Nägeln herumzumachen, dann brauchen Sie auch keine Maniküre, die den Schaden repariert!“

„Charmant sind Sie nicht gerade. Ich weiß überhaupt nicht, weshalb ich noch für Sie arbeite!“

„Ich schon. Und jetzt notieren Sie sich die Namen, die ich Ihnen durchgebe.“

„Versprechen kann ich nichts.“

„Aber versuchen können Sie es.“

Ich gab ihr die Namen der Männer durch von denen Buddy behauptet hatte, sie wären für den Einbruch im McCormick-Haus verantwortlich. Wenn einer von ihnen Telefon besaß, kam Kitty vielleicht über die Vermittlungsstelle weiter. Ansonsten waren die Zulassungsstellen für Kraftfahrzeuge auch immer ganz gute Ansprechpartner. Es war zwar nicht legal, aber wenn eine verzweifelte Frau behauptete einen Unfall mit jemandem gehabt zu haben, wurde einem gerne weitergeholfen. Und falls von den dreien keiner einen Führerschein, ein Auto oder ein Telefon besaß, musste ich eben Mister Sullivan persönlich fragen.

Nachdem ich telefoniert hatte, genehmigte ich mir einen Kaffe und einen Hamburger. Es roch einfach so gut in dem Diner. Der Hamburger konnte dieses Versprechen nicht ganz halten und ich vermisste eine hochprozentige, flüssige Beilage. Aber die gab’s wohl nur für Kunden, die namentlich bekannt waren.

Eine Dreiviertelstunde später erreichte ich Guthries Laden.

Buddy hatte mir zwar die Adresse verraten, aber er war trotzdem nicht einfach zu finden gewesen. Der Laden lag im Souterrain eines heruntergekommenen Sandsteinhauses, dessen Fassade so grau wie Spinnweben war.

Eine Klinge ertönte, als ich den Laden betrat.

Ein kleiner, unscheinbarer Mann mit flaschendicker Brille und schütterem Haar war der Besitzer. Er hatte die wenigen Haare mit dem Versuch eines Mittelscheitels geteilt, was ihn wie eine Kreuzung aus Seehund und Maulwurf wirken ließ.

„Mister Guthrie?“

„Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Indem Sie mir den Schmuck aushändigen, den ein gewisser Buddy Kavanaugh heute Morgen in aller Herrgottsfrühe vorbeigebracht hat.“

Guthrie erstarrte.

„Sie sind nicht bei Trost!“

„Okay, lassen wir die Polizei hier alles auf den Kopf stellen. Den Verlust, den Sie bei dem Schmuck machen, werden Sie verkraften können. Vor allem, wenn ich Sie bei der McCormick-Sache heraushalte.“

Guthrie schluckte.

„Wovon sprechen Sie?“

„Von falschen Papieren für George McCormick und eine weitere Person. Beide wollten nach Kanada. Vorzugsweise mit einem Schiff.

Ein gewisser Sullivan hat den Auftrag dafür erteilt, aber ich wette, die beiden sind auch hier gewesen. Schließlich braucht man für die Papiere eine Originalunterschrift, Lichtbilder und so weiter.“

Guthrie schien zu überlegen, was er tun sollte. „Es hat mich bereits jemand angerufen und mich vor Ihnen gewarnt.“

„Ach, ja?“

„Sie sollten sich aus der Sache heraushalten, Boulder. So heißen Sie doch oder?“

„So heiße ich tatsächlich. Aber wenn Sie schlau sind, dann arbeiten Sie mit mir zusammen. Wer hat Sie angerufen? Buddy Kavanaugh? Der wird sich kaum selbst retten können und wenn die Polizei ihn in die Mangel nimmt, singt er wie ein Vögelchen. Wenn Sie mir den Schmuck vorher geben, kann ich mir was ausdenken, was ich der Polizei erzähle. Und außerdem will ich mehr über McCormick und seiner Begleiterin wissen.“

„Die sind längst in Kanada!“

„Dann kann es doch auch nicht schaden, wenn Sie mich informieren!“

Er drehte sich um und holte den Schmuck aus einer Schublade.

Dann gab er mir die Sachen und ich steckte sie ein. Es war alle dabei, was ich Buddy Kavanaugh schon einmal abgenommen hatte.

„Ich habe die Sachen nur Buddy zu Gefallen genommen“, meinte er. „Er tut manchmal auch was für mich, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Nein – nicht ganz.“

„Müssen Sie auch nicht. Hätte ich an dem Morgen schon die Chicago Tribune gelesen, hätte ich ihn zum Teufel geschickt!“

„Kann ich mir denken. Erzählen Sie mir was über McCormick und seine Begleitung, die vermutlich weiblich und gut aussehend war.“

Guthrie grinste. „McCormick wollte zum anderen Ufer – aber er war nicht von dort. Die Frau hieß Jessica Rampell, blasser Teint, aufregende Figur – und mit Stil, dass muss man ihr lassen.“

Ich glaubte mich verhört zu haben.

„Jessica Rampell?“, vergewisserte ich mich. „Dunkles Haar, feingeschnittenes Gesicht und grüngraue Augen?“

„Genau.“

Die Lady, die mich in Clunkys Speakeasy angesprochen und nachher mit einer Schusswunde ans Ufer des Lake Michigan gespült worden war!

So schloss sich also der Kreis.

„Sie reisten als John und Paula Hamilton.“

„Zumindest einer der beiden hat es nicht bis Kanada geschafft!“, stellte ich fest.

16

Ich verließ Guthries Laden.

Eine Ecke weiter befand sich eine der wenigen Telefonzellen in dieser Gegend von Chicago. Ich überlegte. Dann entschied ich, dass es doch besser war, Mrs McCormick jetzt gleich über den Stand der Dinge zu informieren – bevor sie irgendetwas davon von anderen erfuhr. Erstens war es immer gut, dem Klienten gegenüber die eigenen Erfolge auch hinreichend herauszustellen. Das erhöhte im Allgemeinen die Zahlungsmoral. Und zweitens war ich gespannt auf ihre Reaktion. Ich hatte nicht vergessen, dass sie zuerst die Wiederbeschaffung des Schmuckes und dann erst das Auffinden ihres Ehemanns von mir verlangt hatte.

Ich ließ mich also zu ihr durchstellen.

„Hier spricht Pat Boulder“, sagte ich, als ich sie am Apparat hatte.

„Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Ein Teil des Schmucks ist aufgetaucht. Zwar nur wenige Teile, aber ich bin guten Mutes, auch noch den Rest wiederbeschaffen zu können!“

„Das ist ja großartig, Mister Boulder!“

„Was Ihren Mann angeht, habe ich leider weniger erfreuliche Nachrichten.“

Ich hörte sie schlucken. „Ich bin auf alles gefasst, Mister Boulder. Behandeln Sie mich nicht wie ein Kind. Es ist keinesfalls notwendig, dass Sie mich schonen. Gibt es eine andere Frau, mit der er nach Kanada durchgebrannt ist?“

„Ja.“

„Manchmal dauert es einfach eine Weile, bis man die Wahrheit akzeptieren kann. Vielleicht ist es bei mir jetzt der Fall.“

„Die Frau, mit der Ihr Mann über den See fahren wollte, hat es allerdings nicht bis Kanada geschafft. Sie liegt in der Leichenhalle am Wacker Drive und die Polizei rätselt noch immer darüber, was ihr wohl zugestoßen sein mag.“

„Man weiß nicht, wie sie umgekommen ist?“

„Doch. Sie wurde mit einem 22er erschossen und man fand sie am Seeufer.“

Sie schluckte erneut. Eine Pause entstand.

„Woher wissen Sie diese Einzelheiten?“

„Ich hatte mit dem Fall schon einmal zu tun, aber wusste nicht, dass er mit dem Verschwinden Ihres Mannes zusammenhängt.“

„Halten Sie es für möglich, dass meinem Mann...“

„Dass ihm auch etwas zugestoßen ist?“

„Ja.“

„Nein, dafür gibt es keine Hinweise. Er hat für sich und seine Partnerin falsche Papiere besorgt.“

„Dann ist er wahrscheinlich längst drüben und verfolgt in aller Seelenruhe, was sich hier tut. Dieser Schuft!“

„Genau kann ich Ihnen das noch nicht bestätigen.“

„Mister Boulder, ich betrachte Ihren Auftrag als erledigt. Kommen Sie zu mir, lassen Sie sich auszahlen, was ich Ihnen noch schulde.

Sie bekommen außerdem eine Erfolgsprämie. Die Suche nach meinem Mann hat jetzt keinen Sinn mehr. Dass Sie ihn in Kanada aufspüren, werde ich nicht von Ihnen verlangen. Ich schätze, da wird sich die Polizei schon zu genüge bemühen.“

„Und was ist mit dem restlichen Schmuck?“, hakte ich nach. „Mrs McCormick, lassen Sie mich weitermachen. Ich bekomme den Rest der Geschichte auch noch heraus. Und vor allem kann ich Ihnen dann hoffentlich auch den Rest des Schmucks wieder besorgen!“

„Ich weiß nicht. Sehen Sie, was Sie mir gerade gesagt haben, hat mich zutiefst schockiert. Eigentlich möchte ich mit der ganzen Sache gar nichts mehr zu tun haben und...“

Irgendwie schien sie mir ein bisschen durcheinander zu sein. Ich hörte ihrem Wortschwall zu, nahm ihn wahr, wie Hintergrundmusik oder das Plätschern eines Springbrunnens und hatte dabei das untrügliche Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Ich konnte nur nicht genau sagen, was es eigentlich war.

Schließlich gelang es mir, ihren Redeschwall zu unterbrechen.

„Nachdem die Freundin Ihres Mannes ermordet wurde, ist meiner Ansicht nach die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch Ihr Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist und er es nie bis Kanada schaffte. Und ich denke, trotz der Tatsache, dass er Sie betrogen hat, werde Sie doch sicher wissen wollen, was mit ihm geschehen ist. Er scheint in sehr dubiose Geschäfte verwickelt gewesen zu sein.“

Wieder folgte eine Pause.

Schließlich gab sie nach und meinte: „Gut, machen Sie weiter, Mister Boulder. Vielleicht war das, was ich sagte, etwas unüberlegt.“

Das war es mit Sicherheit!, dachte ich und beendete das Gespräch.

Ich ging die Straße entlang und wollte zurück zu meinem Plymouth.

Ein Wagen hielt am Straßenrand. Es war ein Ford. Die hintere Tür ging auf. Der Lauf der Tommy Gun mit Rundmagazin blickte mir entgegen und ich erwartete in der nächsten Sekunde das blutrote Mündungsfeuer aus dem Lauf heraus züngeln zu sehen.

Überlebenschancen Null Prozent. Der Kerl, der die Tommy Gun im Anschlag hatte, hatte ein Glasauge.

„Einsteigen!“, verlangte der Kerl.

Ich hatte dem kein wirklich überzeugendes Argument entgegen zu setzen und gehorchte. Aus der Vordertür stieg ein großer Kerl mit Sommersprossen und roten Haaren aus. Der Hut hatte aus irgendeinem Grund eine Delle.

Der rote Riese packte mich und drückte mich in den Wagen. Ich bekam einen Faustschlag, der mich benommen zusammensacken ließ. Anschließend landete der Kolben der Tommy Gun in meiner Magengrube. Ich bekam gerade noch mit wie jemand sagte: „Ich hab’ seine Waffe“, dann wurde mir einen Moment schwarz vor Augen.

Ein paar heftige Ohrfeigen sorgten dafür, dass ich nicht ohnmächtig wurde.

„Losfahren!“, rief jemand.

Die Reifen des Fords drehten durch.

17

„Wohin geht die Reise?“, fragte ich, nachdem ich wieder einigermaßen bei mir war. Ich hatte mitgekriegt, dass der Ford mehrfach abgebogen war und es irgendwie aus der Stadt hinausging.

„Maul halten!“, knurrte der Bursche mit dem Glasauge.

Und der Rothaarige fügte hinzu. „Sie werden schon sehen, wohin es geht.“

Der dritte Mann war der Fahrer.

Als er sich halb herumdrehte, sah ich die Narbe an seinem Kinn.

„Diesen Ort nennt man wohl auch Paradies oder so!“, lachte er.

Die beiden anderen lachten ebenfalls.

Ich hatte nach Buddys Beschreibungen keinen Zweifel, es mit dem Trio Meath, Sutter und Reagan zu tun zu haben.

Wenigstens brauchte ich mir keine Mühe mehr geben, ihre Adressen herauszufinden. Leider konnte ich Kitty nichts davon sagen. Vielleicht hätte sie ihren Termin bei der Maniküre ja noch einhalten können.

Eine üble Ahnung beschlich mich und mein Magen rebellierte. Das waren wohl nicht nur der Schlag mit dem Tommy Gun Kolben und der enttäuschende Hamburger, sondern auch der untrügliche Instinkt dafür, dass meine Stunden wohl gezählt waren, wenn mir nicht sehr schnell etwas Gutes einfiel.

Wir ließen schließlich die Stadt hinter uns. Als ich den Schwarm von Möwen und Krähen in der Luft kreisen sah, wusste ich, wo das Ziel dieser Fahrt war.

Eine der Müllkippen rund um Chicago.

Ich sollte Recht behalten.

Ein paar Baracken gab es hier, ansonsten Berge von Müll. Ein erbärmlicher Gestank hing in der Luft und drang auch in das Innere des Ford. Man wagte es kaum, etwa tiefer Luft zu holen. Um diese Zeit wurde hier kein Müll mehr abgeladen. Wir allein, meine Mörder, die Möwen und ich.

Eine gute Ausgangsposition nennt man so etwas wohl nicht.

„Sie machen einen Riesenfehler“, sagte ich.

„Den Riesenfehler haben Sie schon gemacht!“, grinste Meath.

„Und zwar in dem Sie Ihre verdammte Nase zu tief in Dinge gesteckt haben, die Sie nichts angehen.“

„Mister Meath, wenn ich mich nicht irre. Und die anderen beiden Gentlemen heißen Sutter und Reagan, stimmt’s? Eure Reihen sind nicht dicht. Da dringt so einiges nach draußen.“ Ich deutete auf die Tommy Gun. „Ich wette, Jed Flaherty wurde mit diesem Ding erschossen!“

„Schon möglich, aber außer den Möwen wird Ihnen niemand bei Ihren Stories zuhören!“, glaubte Meath.

„Sollen wir ihn mit seiner eigenen Waffe erledigen?“, fragte Sutter.

„Nein, ich mach das schon“, sagte Meath. Mit einem ratschenden Geräusch lud er die Tommy Gun durch.

Der Wagen hielt an.

Der rothaarige Sutter öffnete die Tür. Ich wurde herausgezerrt und auf den Boden geschleudert. Sutter richtete meine eigene Waffe auf mich. „Keine Dummheiten!“, knurrte er.

Wie auch – bei dem Gestank!

Ich war froh, nicht gleich zu ersticken.

„Meath kommt schon wegen des Mordes an Flaherty an den Galgen. Der hat nichts zu verlieren. Aber für die anderen gilt das nicht!“

„Mund halten!“, knurrte Sutter, während Allan Meath in aller Seelenruhe aus dem Wagen stieg, dessen Hinterrad sich in dem matschigen Untergrund festgefahren hatte. Es drehte durch und schleuderte eine Fontäne aus Dreck in die Höhe. Reagan, der Mann mit der Narbe, fluchte lauthals.

„So ein verfluchter Mist!“, rief er und tat genau das Falsche. Er gab noch einmal kräftig Gas, womit er alles nur noch verschlimmerter.

„Na großartig“, knurrte Meath, der inzwischen den Wagen verlassen hatte. Er umrundete ihn allerdings erst, als Reagan den Motor abstellte, um nicht in die Dreckfontäne hinein zu geraten.

Dann stand Meath hinter mir und richtete seine Tommy Gun auf mich. Mir war klar, dass es im Moment weder Sinn noch Zweck hatte, irgendwelche Tricks zu versuchen. Die Tommy Gun machte aus mir innerhalb von Sekunden ein Sieb mit zwanzig, dreißig Löchern.

Also blieb mir nichts anders übrig, als geduldig abzuwarten. Wenn es nicht gerade um das eigene Leben geht, fällt einem das Warten auf den richtigen Augenblick allerdings entschieden leichter. Das muss ich schon zugeben.

„Ich muss mal pinkeln“, meinte Sutter.

„Geh schon!“, forderte ihn Meath auf. „Gleichgültig wo du dich hier hinstellst, du machst nichts dreckig!“

„Sehr witzig!“

„Anschließend hilfst du Hank, damit der Wagen wieder in Gang kommt.“

„Und was ist mit dem Kerl da?“ Damit meinte Sutter mich.

„Das kriege ich schon alleine hin!“, knurrte Meath grimmig.

Er stieß mir die Mündung der Tommy Gun in den Rücken und führte mich hinter die Baracke. Gleich dahinter türmten sich die Müllgebirge. Unter unseren Füßen war ebenfalls Müll.

Verschimmeltes Zeitungspapier, platt gedrückte Blechdosen und irgendeine undefinierbare weiche Masse, die schlecht roch. Ratten liefen hier und da zwischen den Müllbergen umher. Und die Möwen kreischten so laut, dass es in den Ohren wehtat.

„Graben Sie ein Loch!“, forderte mich Meath auf.

„In den Müll hinein?“

„Logisch. Glaubst du, ich habe Lust mir die Gelbsucht an irgendeiner rostigen Konservendose zu holen, nur um Sie zu verscharren?“

„Würde ich an Ihrer Stelle auch so machen!“

Der Müll wurde hier einfach nur abgeladen. Schicht drückte auf Schicht. Alles, was hier einfach hingeworfen wurde, sank im Laufe der Jahre immer tiefer. Und was mich anging, so hatte ich dasselbe Schicksal vor Augen, wie eine gewöhnliche Blechdose, die ausgedient hatte.

Das war keine Aussicht, die mir gefiel.

Meine Pläne für die Zukunft sahen anders aus. Leider hatte der Mann hinter mir eine Tommy Gun, die so etwas wie die moderne Ausgabe eines Zepters sein muss.

„Nun mach schon“, maulte Meath.

Gleichzeitig hörte ich, wie Hank Reagan und Brian Sutter noch einmal versuchten, den Wagen zu starten und aus dem Matschloch herauszuholen. Reagan wies seinen Komplizen lauthals an, doch kräftiger zu schieben.

So etwas wie: „Hast du nur Luft in den Schläuchen oder was ist los?“, konnte man als heiseren Schrei durch das Motorengeräusch hindurch hören.

Ich räumte etwas Müll zur Seite. Aber von dem großen Müllgebirge vor mir rutschte dauernd etwas nach.

„Mach schneller!“, fauchte Meath.

„Warum? Damit ich schneller abgeschossen werde?“

„Mund halten.“

Meath schien mir zunehmend nervös zu werden. Die Aussicht, in Kürze zusammen mit einer Leiche hier festzusitzen, weil der Wagen feststeckte, schien ihm nicht zu schmecken.

Ich vermied es, heftig zu atmen. Irgendwie widerstrebte es mir mit einem derart übel riechenden Aroma als letzten Eindruck von dieser Welt vor den Schöpfer zu treten. Die Welt mochte ein Jammertal sein, aber so schlecht war sie dann auch wieder nicht, dass es gerechtfertigt gewesen wäre, sie eine Ewigkeit lang in schlechter Erinnerung zu behalten.

Ich setzte meine Grabarbeiten fort, schnitt mir die Hand an einer Blechdose und fand dann eine Dose, deren Deckel einfach zur Seite fiel. Der Inhalt bestand aus einer undefinierbaren, glasigen Flüssigkeit, die an sehr dünnflüssigen Honig erinnerte.

Der Geruch war intensiv.

Vermutlich irgendein Lackrest.

Ich packte die Dose, schleuderte sie kurz entschlossen herum, so dass der Inhalt Meath entgegen spritzte.

Ein Teil der Ladung ging ihm ins Gesicht. Er riss die Arme hoch.

Ein paar Schüsse lösten sich dabei aus seiner Tommy Gun, aber die gingen ins Nichts. Er konnte nicht mehr zielen. Das Zeug saß ihm in den Augen und brannte offenbar höllisch. Er schrie auf. Ich schnellte einen Schritt nach vorn, bog den Lauf der Tommy Gun zur Seite und streckte ihn mit einer rechten Graden nieder.

Wie ein gefällter Baum kam Meath zu Boden und blieb in dem Unrat regungslos liegen. Ich nahm ihm die Tommy Gun ab, stieß ihn noch mal an. Aber wie es schien hatte ich Meath erstmal schlafen gelegt. Er würde voraussichtlich für die nächsten zwei Stunden keinen Ton mehr sagen. Ich durchsuchte ihn kurz und nahm ihm meine eigene Waffe ab, die er sich in den Hosenbund gesteckt hatte, außerdem fand ich noch einen 22er bei ihm, den ich ebenfalls an mich nahm. Schließlich bin ich kein Narkosearzt, der die Bewusstlosigkeit eines Menschen genau vorher zu bestimmen vermag. Und vor unliebsamen Überraschungen wollte ich mich schützen, auch wenn ich bezweifelte, dass Meath in seinem fast blinden Zustand noch mit irgendeiner Waffe etwas hätte anfangen können.

Die beiden anderen Gangster waren immer noch mit dem Wagen beschäftigt, den sie jetzt endlich freibekommen hatten.

Als ich hinter den Müllbergen auftauchte, bemerkten die beiden mich erst gar nicht, dann stutzten sie und waren ziemlich überrascht.

Die Schüsse, die gefallen waren, hatten sie bislang nur so interpretieren können, dass Meath gerade meinen Körper voll Blei gepumpt hatte.

Ein Fehlschluss, der sich rächen sollte.

Ich hielt die Tommy Gun im Anschlag.

Die beiden Kerle wussten genau, dass sie mit ihren Revolvern dagegen nicht ankommen konnten. Wenn ich einfach losballerte, waren die beiden weg vom Fenster, ehe einer von ihnen sein Eisen in der Hand hatte.

„Schön die Hände hoch!“, sagte ich. „Und aussteigen!“ Letzteres galt für Reagan, der hinter dem Steuer des Fords saß, während Sutter geschoben hatte. Der Motor lief noch und ich befahl, ihn laufen zu lassen.

Reagan stieg vorsichtig aus.

Er wusste genau, dass das dünne Sperrholz, aus dem der Großteil der Karosserie bestand, kein Schutz gegen ein Bleigewitter darstellte.

Die Kugeln der Tommy Gun wären einfach durchgegangen.

Ich ging auf die beiden Kerle zu. „Ich werde mir nicht die Mühe machen, euch zu fesseln oder dergleichen“, sagte ich. „Die Polizei wird euch kriegen, darauf könnt ihr wetten. Euer Komplize liegt übrigens halbblind hinter dem Berg da vorne und schläft. Vielleicht kümmert ihr euch mal ein bisschen um ihn.“ Ich lud die Tommy Gun durch. „Vielleicht habt ihr aber auch Lust, mir noch ein paar Fragen zu beantworteten.“

Die beiden wechselten einen Blick.

„Wir haben die Morde nicht begangen!“, behauptete Sutter.

„Ach, nein? Wer soll euch das glauben? Wenn die Tatsache, dass Meath zurzeit nichts dagegen sagen kann euer einziges Argument ist, dann überlegt euch besser was anderes.“

„Meath hat Flaherty umgebracht!“, verteidigte sich Sutter.

„Das weiß ich! Und was ist mit Jessica Rampell?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen!“

„Wirklich nicht?“

„Lassen Sie uns laufen! Dann geschieht Ihnen nichts!“

Ich musste lachen. „Zu gütig. Ihr wollt wirklich behaupten, dass ihr nicht gleich zu Sullivan geht, um ihn zu alarmieren. Aber bedenkt, dass der sich wahrscheinlich gleich aus dem Staub machen wird – genau wie McCormick.“

Die beiden wechselten einen Blick.

Und dann fiel mir ein, dass Sutter zwar von „Morden“ gesprochen hatte, aber das damit ja nicht zwangsläufig Jed Flaherty und Jessica Rampell gemeint sein mussten.

„George McCormick?“, fragte ich. „Er ist nicht in Kanada, ihr habt ihn auch alle gemacht.“ Ich hob etwas den Lauf der Tommy Gun. Die Wirkung blieb nicht aus.

„Ich habe nur den Wagen gefahren!“, zeterte Sutter.

„Jetzt will ich die Geschichte genauer wissen!“

„Bist du verrückt?“, rief Reagan.

„Jetzt ist doch sowieso alles egal“, meinte Sutter. „Meath hat die Drecksarbeit gemacht!“

Ich lächelte dünn. „Natürlich.“

„Er stand am Hafen und wollte gerade auf sein Schiff gehen. Wir haben ihn in den Wagen gezogen und einkassiert. Ich wusste nicht warum und habe gedacht, dass wir ihn einfach nur vermöbeln sollten.

Aber dann hat Meath mit ihm kurzen Prozess gemacht.“

„In Sullivans Auftrag?“

„Glauben Sie, wir machen irgendetwas aus eigener Initiative?“

Ich schüttelte den Kopf. „Wenn ich so darüber nachdenke...“

„Keiner von uns hatte mit McCormick eine Rechnung offen!“

„Abgesehen von Sullivan!“, murmelte ich. Das machte Sinn.

Sullivan hatte das Risiko ausschalten wollen, dass man ihn doch noch fand und er vielleicht auspackte, um die eigene Haut zu retten.

Sullivan hatte einfach keine Lust gehabt, mit in den Strudel hineingezogen zu werden. Die Lage für ihn, Flaherty und die anderen Geldgeber des Bauprojekts war schon prekär genug gewesen.

Seamus O’Donovan schützte ihre Schweinereien nicht mehr und so hatten sie ziemlich nackt dagestanden.

„Warum musste Flaherty sterben?“, fragte ich. „Na los, ihr beide seid doch völlig unschuldig und habt wahrscheinlich nur den Wagen gefahren oder Meath die Tommy Gun angereicht, aber mich interessiert das Motiv.“

„Flaherty war drauf und dran die Nerven zu verlieren. O’Donovan hat ihm zugesetzt und jetzt noch die Sache mit McCormick und dem Bauprojekt. Er dachte ernsthaft daran, die Seiten zu wechseln und mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Für ihn wahrscheinlich die einzige Überlebenschance. Außerdem hatte er nicht viel auf dem Kerbholz, da hätte man mit dem Staatsanwalt reden können. Aber dann wäre Sullivan dran gewesen. Dazu wusste Flaherty zu viel über ihn.“

„Hat Buddy Kavanaugh Sullivan so umfassend informiert?“

„Wer sonst! Der Riese war doch in letzter Zeit bei allem dabei, was Flaherty so besprochen hat. Flaherty hat sich doch nicht mal mehr allein aufs Klo getraut, so viel Schiss hatte der davor, dass O’Donovan ihn ausradieren lässt.“

„Kein Ton mehr, Brian!“, mischte sich jetzt Reagan ein, dessen Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren. Sein Gesicht war eine rot angelaufene Maske geworden.

„Eine Frage noch. Als George McCormick am Hafen herumstand und ihr ihn eingesackt habt – war er da allein?“

„Ja, war er“, behauptete Sutter.

Dann bekam er von Reagan einen Faustschlag. Es folgte eine schnelle Links-Rechts-Kombination und Sutter sank bewusstlos zu Boden. Ich ballerte mit der Tommy Gun vor Reagans Füße. Der Mann mit der Narbe sprang zurück und taumelte davon. Er fiel in den Dreck, rappelte sich auf und rannte weiter.

Ich ließ ihn laufen.

Sollte er es nur versuchen!

Bis zum nächsten Telefon brauchte er als Fußgänger mindestens zwei Stunden. Da war ich allemal schneller und früher oder später lief er doch den Cops in die Arme.

Mir ging es um den Mann im Hintergrund.

Sullivan.

18

Ich stieg in den Ford und fuhr zurück in Richtung Stadt.

Zwischendurch hielt ich an einer Tankstelle, in der Hoffnung, telefonieren zu können, aber deren Telefon war defekt. Vielleicht hatte der Tankstellenbesitzer auch nur einfach nicht die Rechnung bezahlt.

Jedenfalls musste ich bis in die Außenbezirke der Windy City fahren, um in einer kleinen Bar am Rande der South Side endlich ein Telefon zu finden.

„Sir oder Madam - mit wem möchten Sie verbunden werden?“, säuselte mich eine Frau mit schmerzhaft hoher Stimme an. Wenn es oberhalb des Soprans noch eine Stimmlage geben sollte, dann war das genau der Bereich, in dem sie die Kunden der Telefongesellschaft anzwitscherten.

„Die Mordkommission der Chicago Police, bitte!“, verlangte ich.

Ich bete selten. Das überlasse ich lieber den Italienern. Aber in diesem Fall betete ich dafür, nicht Quincer an die Strippe zu bekommen, weil ich einfach keine Lust hatte, mich mit ihm herumzuschlagen.

Doch es schien, als hätte ich mein Wohlwollen bei der höchsten Instanz für heute schon ein bisschen überstrapaziert. Schließlich lebte ich noch. Da konnte ich nicht auch noch verlangen, dass mir Quincer erspart blieb.

„Hier Boulder.“

„Was wollen Sie? Uns die Zeit stehlen, weil Sie in Ihren eigenen Fällen nicht weiterkommen und jetzt denken, dass wir irgendwelche Informationen für Sie besorgen? Scheren Sie sich zur Hölle, Boulder!“

„Da war ich beinahe schon.“

„Was?“

„Vielleicht geben Sie mir gleich den Chief. So schwer, wie Sie von Begriff sind, reicht mein Geld nicht aus, um dieses Telefonat zu bezahlen!“

„Auf Wiederhören, Boulder!“

„Dann wollen Sie nicht wissen, weshalb McCormick und Flaherty sterben mussten?“

Ich hatte schon erwartet, dass Quincer einfach einhängte und erwartete jeden Moment das charakteristische Klicken. Aber es kam nicht.

„Woher wissen Sie, dass McCormick in den Schlachthöfen gefunden wurde? Er hing dort zwischen Hunderten von Rinderhälften, die am Vorabend für den Transport fertig gemacht worden waren. Wir kommen gerade von dort.“

„Dann muss McCormick dort bereits in aller Frühe vor Arbeitsbeginn aufgehängt worden sein!“, meinte ich.

„Das meinen auch die Leute beim Schlachthof. Dass man ihn erst erst jetzt bemerkt hat, liegt nur daran, dass die Transportfirma, die die Hälften abholen solle, Verspätung hatte!“

„Nur so aus Interesse: Wurde McCormick mit einer Tommy Gun erschossen?“

„Er sieht aus wie ein Sieb.“

„Das wollte ich nur wissen.“

„Boulder! Woher wissen Sie davon?“

„Ich habe die Tatwaffe. Und falls Sie und Ihre Leute sich beeilen, können Sie sogar die Galgenvögel noch schnappen, die für die Morde an Flaherty und McCormick verantwortlich sind.“

„Ich verstehe nicht...“

„Sehen Sie! Und deswegen will ich jetzt endlich mit Chesterfield sprechen. Und ich schwöre Ihnen, Sie dürfen vielleicht noch die Windschutzscheiben der Polizeifahrzeuge putzen, wenn Sie dass hier vermasseln!“

19

Ich bekam tatsächlich Chesterfield an den Hörer und fasste ihm gegenüber alles so schnell wie möglich zusammen.

Bis zum frühen Abend hatten Chesterfield und seine Beamten Meath, Reagan und Sutter festgesetzt. Meath hatten Beamte halb blind auf der Müllkippe herumirrend gefunden. Er war in eine Klinik eingeliefert worden und stand unter Bewachung. Reagan war erst zu sich gekommen, als die Polizei ihn fand.

Und Sutter hatte versucht, per Anhalter Richtung Süden zu gelangen, war aber nicht weit gekommen.

Reagan und Sutter sangen wie die Vögel und um lästige telefonische Rückfragen zu vermeiden, gestattete man mir, an den Vernehmungen teilzunehmen.

Für Quincer war das zwar schwer erträglich, aber wenn die Lösung eines Falls nur um den Preis des Wohlbefindens seiner Mitarbeiter zu bekommen war, entschied Chesterfield sich immer dafür, den Fall zu lösen.

Interessante Einzelheiten kamen ans Tageslicht.

Der Einbruch in die McCormick Villa war danach von dem furiosen Trio zu dem Zweck verübt worden, eventuell noch vorhandenes Beweismaterial verschwinden zu lassen, denn Gilbert Sullivan war sehr viel stärker in McCormicks illegale Geschäfte verwickelt gewesen, als zunächst angenommen. Es ging nicht nur um das dubiose Wohnungsbau-Projekt, in das die Kanalgelder geflossen waren. Offenbar hatten die Firmen, die unter Sullivans Fuchtel standen bevorzugt städtische Aufträge bekommen und dabei hochwertige Materialien in Rechnung gestellt. In Wahrheit aber die Billigvariante verbaut. Zement von minderer Qualität, zu wenig Metall in den Betondecken, fehlende oder minderwertige Dichtungen an den Abwasserrohren und so weiter.

Der Raub des Schmucks war nur tarnendes Beiwerk gewesen, das die Ermittler auf eine falsche Fährte hatte bringen sollen. Außerdem war es für die Täter selbst natürlich ein lohnendes Zubrot gewesen.

Sullivan hatte ihnen sogar einen Teil der heißen Ware abgenommen und sie dafür in bar ausgezahlt, um das Zeug verkaufen zu können, sobald Gras über die Sache gewachsen war.

Im Verlauf des Gesprächs sah ich meine Chancen immer weiter sinken, doch noch den Rest des Schmucks sicherstellen zu können, denn Reagan wollte einen Mann namens Don O’Daly bei Sullivan vorfahren gesehen haben – ein Mann, der als Großhehler im irischen Syndikat galt. Ich konnte nur hoffen, dass O’Daly Sullivan nicht etwa ein günstiges Angebot gemacht hatte und der Schmuck jetzt verschwunden war.

20

Zusammen mit Chesterfield und seiner Polizistenmeute kam ich bei Sullivans Villa an. Ich musste leider neben Quincer Platz nehmen und da wir ziemlich gedrängt auf der Rückbank saßen, konnte sich Chesterfield, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, eines bissigen Kommentars nicht verkneifen.

„Wie Brüder!“, meinte er ironisch.

Ich löste den ersten Knopf meines Jacketts.

„Ist in der Tat ziemlich warm hier!“, meinte ich und genoss es, die Zornesröte in Quincers Gesicht aufsteigen zu sehen.

Das entschädigte für vieles.

Sehr vieles.

21

Mit gut zwei Dutzend Mann drangen Chesterfields Leute in die Villa ein. Darunter waren die regulären Beamten der Mordkommission genauso wie uniformierte Polizisten.

Ich war auch dabei, da Chesterfield meinte, auf meine sachdienlichen Hinweise bei der Durchsuchung nicht verzichten zu können.

Sullivan, ein großer mindestens hundert Kilo schwerer Mann in den Fünfzigern, dem es gefiel, innerhalb seiner vier Wände eine Hausjacke zu tragen, war weitaus weniger überrascht, als ich erwartet hatte. Jedenfalls waren vor kurzem zahlreiche Papiere im Kamin verbrannt worden, von denen jetzt noch angerusste Fetzen geblieben waren.

Er rauchte an eine dicke Havanna und machte irgendeinen Fehler dabei. Jedenfalls verlosch die Glut an dem dicken Ding. Aber das war im Moment wohl das geringste Problem, mit dem Sullivan zu kämpfen hatte.

Chesterfield eröffnete ihm, dass er vorläufig festgenommen wäre und außerdem ein Beschluss zur Hausdurchsuchung vorläge.

„Sie werden sich wünschen, nie versucht zu haben, mir ans Bein zu pinkeln!“, fauchte Sullivan. „Das haben schon ganz andere versucht!“

Dann wandte er den Kopf und starrte mich an.

„Darf ich mich vorstellen? Pat Boulder, Privatdetektiv. Man sollte grundsätzlich nur Leute umbringen lassen, die man persönlich kennt. Dann kann man auch das Risiko abschätzen, dass die Killer vielleicht versagen.“

Sullivan schluckte die grimmige Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag, wieder hinunter.

„Ich habe Beziehungen, die bis weit in die Spitze der Stadtverwaltung reichen!“, knurrte er.

„Wie McCormick und ein paar andere gierige Zeitgenossen, die es einfach nicht lassen können, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern.“

„Hat der Kerl hier das Recht zu reden?“, fragte Sullivan an Chesterfield gerichtet.

Chesterfield zuckte die Schultern. „Leider fragt er meistens niemanden. Ganz zum Leidwesen meines Kollegen Lieutenant Quincer.“

„Ich glaube nicht, dass Ihnen noch jemand von Ihren Freunden helfen wird. Selbst Seamus O’Donovan hatte doch erkannt, dass Sie den Bogen einfach überspannt hatten und Ihren Machenschaften daher den Segen entzogen!“

„Was wissen Sie schon!“

„Genug, um Sie für lange Zeit hinter Gitter zu bringen!“, sagte Chesterfield entschlossen. „Nehmen Sie besser ein paar Sachen mit.

So schnell werden Sie diese Luxushütte nicht wieder sehen!“

22

Es war etwas umständlich für mich, meinen Wagen aus der South Side abzuholen, wo er immer noch in der Nähe von Guthrie Laden stand. Um dorthin zu gelangen, benutzte ich die Hochbahn und ging ein Stück zu Fuß durch die frische, kühle Abendluft. Um Mrs McCormick das bisschen Schmuck vorbei zu bringen, das ich von der Beute wiederbeschafft hatte, war es ohnehin entschieden zu spät. Bei der Hausdurchsuchung von Sullivans Villa hatten sich meine schlimmsten Befürchtungen allesamt bestätigt. Nur ein paar wenige Stücke waren aufgetaucht. Ein Trostpflaster für mich – aber insgesamt würde ich dennoch eine für meine Verhältnisse ganz beachtliche Summe durch die zehnprozentige Erfolgsprämie einstreichen können. O’Daly, der Großhehler, der wahrscheinlich den Löwenanteil von dem Zeug hatte, wurde von der Polizei gesucht, war aber verschwunden. Ich bezweifelte, dass wir so schnell wieder etwas von ihm hörten.

Wenn er schlau war, befand er sich bereits drüben in Kanada.

Und ein Hehler war per Definition schlau. Sonst konnte er auf einem heiklen Markt keine Geschäfte machen.

Immerhin, ich hatte einen ansehnlichen Spatz und in der Hand und es war vielleicht nicht angemessen, der Taube auf dem Dach nachzutrauern.

Aber da war noch etwas an dem Fall, was mich nicht losließ.

Ich fragte mich, wer Jessica Rampell umgebracht hatte. Dass Flaherty und McCormick mit Meath’s Tommy Gun erschossen worden waren, lag auf der Hand. Da die Aussagen seiner Komplizen Reagan und Sutter in diese Richtung gingen, war es unvernünftig, daran noch irgendeine Zweifel zu hegen.

Aber was eine Tatbeteiligung an dem Mord an Jessica Rampell anging, hatten alle Verdächtigen abgestritten, etwas damit zu tun zu haben. Jessica war mit einem 22r erschossen worden. Eine solche Waffe hatte ich Meath abgenommen.

Das veranlasste Chesterfield und Quincer dazu, anzunehmen, dass Meath auch für den Tod von Jessica Rampell verantwortlich war. Ein Motiv ließ sich schnell zurechtzimmern. Vielleicht war George McCormick gegenüber seiner Freundin einfach zu redselig gewesen und hatte zu sehr mit seinen genialen aber illegalen Geschäften geprahlt.

Dennoch – irgendetwas passte da nicht.

Vielleicht war es einfach nur die Manie, auf jede offene Frage eine Antwort haben zu wollen, die mich in dieser Sache weiter vorwärts trieb.

Später kehrte ich noch bei Clunkys Speakeasy ein. Zu viel Nüchternheit ist manchmal auch nicht gut, um einen klaren Gedanken zu fassen.

Wie genau ich später in meine Wohnung gelangte, daran fehlt mir bis heute die Erinnerung. Alles, was ich noch weiß ist, dass mich die Scheinwerfer eines Wagens blendeten und ich nur ganz knapp einem Zusammenstoß entging, den der Wagen eher überlebt hätte als ich.

Ich wachte auf, leerte die letzten Reste meines gegenwärtigen Borboun-Vorrats und schleppte mich in ein Diner, ein paar Straßen weiter. Eine Tasse Kaffee sorgte dafür, dass ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Von dem lausigen Frühstück, das es hier gab, ließ ich das meiste stehen.

Eine halbe Stunde später war ich im Büro.

Ich rief nach Kitty, bis mir einfiel, dass sie heute ihre Maniküre nachholen wollte. Auf meinem Schreibtisch lag ein Zettel, auf dem die Adresse von Allan Meath stand, die Kitty wohl nach vielen Bemühungen herausgefunden hatte.

„Wenn ich Sie nicht hätte, Kitty – was würde ich dann machen?“, murmelte ich. „Leider hat der Kerl inzwischen schon eine andere Adresse...“ Ich zerknüllte den Zettel und zielte damit auf den Papierkorb. Daneben. Ich war allerdings zu faul, mich noch mal danach zu bücken.

Dann setzte ich mich hinter den Schreibtisch.

Ich telefonierte mit der Polizei. Wieder hatte ich Quincer an der Strippe. Aber diesmal konnte ich ihn überreden, mir seinen Chef an den Hörer zu geben.

„Guten Morgen, Boulder!“, sagte er.

„Guten Morgen.“

„Haben Sie den Schmuck schon bei Mrs McCormick vorbeigebracht?“

„Nein, das mache ich heute noch.“

„Die Stücke, die wir bei der Hausdurchsuchung von Sullivan gefunden haben, müssen leider erst einmal als Beweismittel in der Asservatenkammer bleiben.“

„Das macht nichts. Ich komme später mal vorbei und setze Sie auf die Liste an, die ich von Mrs McCormick bekommen habe. Ich denke, dass wir dann auch finanziell auf einen Nenner kommen.“

„Okay. Aber deswegen haben Sie nicht angerufen, oder?“

„Sie wissen, dass Sie mir was schulden, Chesterfield!“

„Ja. Aber übertreiben Sie es nicht, sonst lasse ich Sie Ihr Anliegen mit Quincer klären!“

„Wer wird denn gleich drohen?“

„Heraus damit, was wollen Sie?“

„Rufen Sie für mich in der Leichenhalle an. Ich möchte mir alle noch einmal ansehen, was es im Fall Jessica Rampell an Beweisen gibt.“

„Die Kleine geht Ihnen nicht aus dem Kopf, was? Ehrlich, ich träume auch manchmal noch schlecht von ihrem aufgeschwemmten Gesicht. Wasserleichen sind immer was Scheußliches.“

„Tun Sie mir einen Gefallen?“

„Wenn’s sein muss.“

„Danke.“

„Tun Sie mir aber auch einen Gefallen und verbeißen Sie sich nicht in die Sache. So wie ich das sehe, ist die Angelegenheit geklärt

– und das, was noch nicht geklärt ist, kann man getrost vernachlässigen.“

„Ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass ich das anders sehe.“

„Absolut. Hören Sie, Boulder, diese Jessica Rampell war eine kleine, hübsche Schlange, die versucht hat, sich einen Superkerl zu angeln und danach ein sorgenfreies Leben zu haben. Davon gibt’s viele.“

„Mag ja sein...“

„Nur hatte Jessica Rampell erstens das Pech, dass der Kerl, den sie sich ausgesucht hat, schon besetzt war und zweitens auch noch so gierig, dass er selbst seinen Gangsterfreunden im Syndikat und in der Stadtverwaltung peinlich wurde!“

„Ja“, murmelte ich nachdenklich. „Das war vielleicht wirklich ihr Pech...“

Ein Gedanke begann sich in den verwirrten Windungen meines Hirns zu bilden. Ich schnipste mit den Fingern und Chesterfield fragte: „Alles in Ordnung mit Ihnen, Boulder?“

„Alles bestens. Erzählen Sie mir alles, was Ihre Leute bis jetzt über Jessica Rampell herausgefunden haben.“

„Außer den Dingen, die Sie schon wissen, nur noch, dass sie im Crystal Hotel gewohnt hat.“

Das Crystal kannte ich. Es lag nur ein paar Blocks von Clunkys Speakeasy entfernt, schräg gegenüber vom Moody Bible Institute.

Kein Wunder, dass ich sie bei Clunky getroffen hatte. Das waren schließlich nur ein paar Schritte für sie gewesen.

Besonders intensiv schienen nur die Ermittlungen der Mordkommission nicht gewesen zu sein. Aber das konnte ich nachholen.

„Ich rufe Sie an, sobald ich etwas weiß“, meinte ich und beendete das Gespräch.

23

Ich fuhr mit dem Plymouth in die Nähe des Crystal und stellte meinen Wagen ab. An der Ecke West Chestnut und North Lasalle Street spielten zwei Violinisten im Duett. Die Tonfilme waren nicht nur für viele Schauspielerinnen mit schriller Stimme eine Katastrophe, sondern hatten auch tausenden von Musiker den Job gekostet. Die Orchestergräben in den Kinos blieben leer, seit der Tonbrei aus Musik, Dialog und Geräuschen aus Lautsprechern kam und nicht mehr der Wohlklang eines Orchesters die Säle erfüllte. In kleineren Häusern war es jedoch oft genug nur das Geklimper eines Barpianisten gewesen, der die Filme auf seinem verstimmten Instrument begleitet hatte.

Ich gab den Violinisten je einen Nickel.

Sie hatten ein Plakat aufgestellt.

„Tonfilm ist kulturelle Verarmung!“, stand darauf. Leider kümmerte das wahrscheinlich niemandem, außer denjenigen, die davon betroffen waren.

Einer der Violinisten bedankte sich akzentschwer.

Ich schätzte, dass die beiden Einwandere aus Osteuropa waren, wo der Überschuss an Künstlern offenbar noch größer war als in der Ära der Stummfilmdämmerung.

Ich war schon einen Schritt an den beiden vorbeigegangen, da drehte ich mich noch mal um.

„Waren Sie auch am 22. dieses Monats hier?“, fragte ich.

„Ja. Wir sind jeden Tag hier“, sagte der kleinere von beiden, der sehr hager war und dem man den Hungerkünstler sofort abnahm.

„Da vorne ist das Crystal Hotel. Sie haben doch sicher gesehen, wer dort aus und einging.“

„Aber wir haben nicht weiter darauf geachtet“, sagte der zweite Geiger, der eher zum Übergewicht neigte. Die beiden erinnerten sich an eine osteuropäische Variante von Laurel und Hardy, nur dass keiner von beiden so schön Grimassen schneiden konnte, wie Stan Laurel. Ich blickte beiläufig in ihren Hut, in dem sich auch mein Nickel befand. Ich warf noch einen weiteren hinzu. Vielleicht hätte das Duo mehr Erfolg gehabt, wenn sie ihr Repertoire um die Laurel-Grimassen erweitert hätten. Dick und Doof im Konzertsaal. Eine Supernummer. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich damit bei den beiden nicht auf Gegenliebe stoßen konnte. Manchen fehlt eben der nötige Erfindungsreichtum für das freie Unternehmertum.

Ich gab eine kurze Beschreibung von Jessica Rampell und fragte, ob sie die gekannt hätten.

„Die ist uns aufgefallen“, sagte der Hagere. „Sie hat uns manchmal einen Lincoln in den Hut getan und ich habe mich immer gefragt, wie jemand, der im Crystal lebt, sich das leisten kann!“

„Später wussten wir es dann“, sagte der Andere. „So ein reicher Onkel hat sie regelmäßig abgeholt.“

„Leider kommt sie jetzt gar nicht mehr.“

„Sie ist tot“, sagte ich. „Und da kann mir vielleicht jede Beobachtung weiterhelfen, die Sie gemacht haben.“

Der Hagere meldete sich wieder zu Wort. „Als wir sie das letzte Mal sahen, stieg sie in ein Taxi. Sie hat versucht, dem Fahrer einen bestimmten Punkt am Ufer des Lake Michigan zu beschreiben.“

„Muss wohl etwas weiter außerhalb gewesen sein.“ Er streckte den Arm aus. Vor dem Crystal Hotel stand ein Taxi. Der Fahrer saß am Steuer und aß ein Sandwich. „Das ist Toby, der Mann der sie gefahren hat. Wir kennen uns.“

„Ich danke Ihnen“, sagte ich.

24

Toby knurrte unwillig, als ich ihn bei seinem Sandwich störte und er begriff, dass ich ihn nicht für eine Fahrt buchen wollte.

„Pat Boulder, private Ermittlungen. Es geht um Jessica Rampell. Sie sind wahrscheinlich einer der letzten Menschen, der sie lebend gesehen hat.“ Ich wiederholte meine Beschreibung. Inzwischen hatte ich ja Übung darin. „Sie wollte an den See.“

„Richtig. Ich erinnre mich“, nickte Toby. „Ich dachte noch, was will die Frau da draußen ganz allein. Ich hatte schon den Verdacht, dass sie irgendwas mit einem Alkoholschmugglerschiff zu tun hätte, aber da, wo sie raus wollte, ist das Wasser am Ufer fiel zu flach. Da kann kein Schiff anlegen. Sie nannte sich übrigens nicht Rampell.“

„Sondern?

„Mrs Hamilton.“

„Ah, ja...“

„Ich bin wieder losgefahren und habe sie stehen lassen.“

„Und da war niemand?“

„Nein. Das heißt.“

„Was?“

Toby kratze sich am Kinn. „Der Cadillac... Aber das war 'ne halbe Meile vorher.“

„Erzählen Sie!“

Er atmete tief durch und erklärte dann: „Eine Meile vor dem Punkt, an dem ich die Kleine absetzen sollte, stand ein Cadillac hinter einer Kurve am Straßenrand. Ich habe ihn gerade noch rechtzeitig gesehen. Also wer den geparkt hat.“ Er schüttelte den Kopf. „Das kann höchstens eine Frau gewesen sein. Der war auch noch unbeleuchtet!“

„Wirklich ein Cadillac?“

„Ja.“

„Ich danke Ihnen, Toby...“

„Toby McInerty. Wenn Sie mal einen Wagen brauchen...“

„...dann wende ich mich an Sie!“

Ich wollte gehen, aber für Toby McInerty war die Sache noch nicht in Ordnung. „Hey, bezahlen Sie mir nicht meinen Verdienstausfall? Für Sie sind das doch Spesen!“

Ich grinste. „Sie hätten doch sowieso hier herum gestanden!“

„Ich schätze, Sie wollen irgendwann, dass ich meine Aussage vor Gericht wiederhole, oder? Ich meine mit dem Gedächtnis ist das so eine Sache. Ich vergesse auch schon mal was.“

Ich warf ihm einen Nickel zu.

Er verzog das Gesicht.

„Besser als nichts“, meinte er.

25

Ich ging ins Hotel und sprach mit einer jungen Frau an der Rezeption. Auch sie erinnerte sich an Jessica Rampell – und an George McCormick.

„Die Polizei war hier und hat ein paar Fragen gestellt, aber dann scheint sich niemand mehr um die Sache gekümmert zu haben“, meinte die junge Frau. „Vor allem wissen sie nicht, was wir mit Jessica Rampells Sachen tun sollen.“

„Am besten, Sie lassen mich mal einen Blick darauf werfen!“

„Natürlich.“

„Wie heißen Sie?“

„Elizabeth Charlton.“

„Mrs oder Miss Charlton.“

„Sie fragen aber viel.“

„Eine Berufskrankheit, würde ich sagen.“

Sie schenkte mir ein hinreißendes Lächeln „Miss Charlton.“

Sie führte mich in einen Nebenraum. Jessica Rampells Habe hatte in einem einzigen Koffer Platz. Ich öffnete ihn und wühlte etwas in den Sachen herum. Da war nichts Weltbewegendes.

Ich nahm an, dass sich die Polizei schon die aussagekräftigsten Stücke herausgenommen hatten.

Ich schloss den Koffer wieder.

„Nichts dabei, was ihnen weiterhilft?“, fragte sie.

„Da weiß man vorher nie so genau. Aber die Tatsache, dass sie den Koffer hier ließ, zeigt mir, dass sie an diesem Abend nicht vereisen wollte.“

„Wieso vereisen?“

„Nur so.“

„Kurz bevor sie das Hotel zum letzten Mal verließ, kam ein Anruf. Daraufhin ist sie mit einem Taxi auf und davon.“

„Wer war der Anrufer?“, hakte ich nach.

„Es war eine Frau. Ich weiß das genau, weil ich Dienst an der Rezeption hatte und dazu gehört auch Telefon.“

„Verstehe. Hat die Frau sich vorgestellt?“

„Sie behauptete die Sekretärin von Mister McCormick zu sein. Aber ich hatte gleich meine Zweifel, ob sie wirklich die Sekretärin war?“

„Wieso?“

„Sie war wenig geschäftsmäßig.“

„Verstehe.“

26

Ich fuhr noch zur Gerichtsmedizin, wo Chesterfield dafür gesorgt hatte, dass man sich noch mal Zeit für mich nahm. Als ich diese übel riechenden Hallen wieder verließ, war ich mehr denn je überzeugt davon, dass keiner der Syndikatshalunken, die in diesem Fall eine Rolle gespielt hatten, für mich in Frage kam. Ob jemand von denen einen Cadillac fuhr, konnte ich natürlich so schnell nicht überprüfen, aber immerhin hielt ich es für ausgeschlossen, dass diese schweren Jungs die Leiche auf so dilettantische Weise versenkt hätten.

Ich nahm eine kleine Mahlzeit in einem Diner. Von dort aus telefonierte ich etwas. Die Zeit drängte. Städtische Bedienstete pflegten im Allgemeinen früh Feierabend zu machen. Immerhin bekam ich heraus, dass die Sekretärin von George McCormick bereits seit zwei Wochen im Urlaub war. Langsam formte sich ein Bild des Ablaufs vor meinem inneren Auge.

Ich rief Chesterfield noch einmal an und erwischte ihn, kurz bevor er das Büro verlassen wollte.

„Tut mit leid, aber aus dem abendlichen Besäufnis wird heute nichts“, sagte ich.

„Reden Sie Klartext, Boulder!“

Das tat ich. Geschlagene zehn Minuten lang.

Dann hörte ich auf der anderen Seite der Leitung eine volle Minute lang gar nichts mehr.

Die Vermittlung vom Amt mischte sich ein.

„Sir, wenn Sie nicht mehr sprechen, dann...“

„Wir sprechen noch“, unterbrach ich sie.

Chesterfield hatte schließlich seine Fassung wiedererlangt. „Ich hoffe, die Sache hat Hand und Fuß, Boulder!“

„Hat sie.“

„Andernfalls kommen wir beide in Teufels Küche!“

„Seit wann so ängstlich, Captain?“

27

Ich fand, dass nun Zeit war, meine Auftraggeberin aufzusuchen.

Die McCormick Villa war eine Sandsteinvilla im nobelsten Teil Chicagos.

In der Einfahrt stand Cynthia McCormicks Cadillac.

Ein Butler öffnete mir die Tür. Die Hausherrin empfing mich in einem weitläufigen, salonartigen Raum, der ganz in blau gehalten war.

„Schön, dass Sie sich doch noch mal bei mir melden, Mister Boulder“, sagte Mrs McCormick. „Ich dachte schon, Sie wollten den Schmuck vielleicht behalten!“

„Kein Gedanke! Nur leider war ich nicht ganz so erfolgreich, wie ich zunächst versprochen hatte!“

Sie zuckte die Schultern. „Das ist halb so schlimm...“

Ich gab ihr den Schmuck, den ich hatte sicherstellen können und händigte ihr die Liste aus, auf der auch die Stücke vermerkt waren, die sich gegenwärtig noch im Polizeibesitz befanden.

Sie rief den Butler herbei, der ihr ein Scheckheft gab. Sie füllte einen davon aus und gab ihn mir. „Ich denke, sie werden zufrieden sein, Mister Boulder...“

„Was das Finanzielle angeht – ja.“

„Und sonst?“

„Ihr Mann ist tot. Man hat ihn an einen Schlachterhaken gehängt...“

„Hören Sie auf, Mister Boulder!“ Sehr theatralisch barg sie ihre Hände vorm Gesicht. „Es reicht schon, dass ich das alles mit anhören musste als die Polizeibeamten deswegen hier waren.“

„Die konnten Sie vielleicht mit Ihren Krokodilstränen täuschen, aber mich nicht.“

Sie sah auf und wirkte auf einmal vollkommen nüchtern. Ihr Blick drückte Entschlossenheit aus. Die Entschlossenheit einer Mörderin.

„Ihr Mann wollte in Kanada ein neues Leben anfangen – zusammen mit einer gewissen Jessica Rampell. Aber das wissen Sie ja.“

„Sie haben es mir gesagt!“

„Nein, Sie müssen es schon vorher gewusst haben. Ich glaube nicht, dass Sie in New York bei Ihren Eltern waren. Sie waren hier in Chicago und haben herausbekommen, was Ihr Mann vorhat.“

„Interessante Story, die Sie da erzählen! Machen Sie ruhig weiter! Das amüsiert mich!“

„Sie haben Jessica Rampell im Hotel Crystal angerufen, das jemand wie Sie wahrscheinlich als Absteige bezeichnen würde.“

„Was Sie nicht sagen!“

„Ich weiß nicht, welchen Vorwand Sie benutzt haben um Jessica ein paar Meilen außerhalb der Stadt ans Seeufer zu locken. Aber ich weiß, dass Sie sich als die Sekretärin Ihres Mannes ausgegeben haben.“

„Ach, hören Sie doch auf!“

„Was haben Sie ihr gesagt? Dass Ihr ursprünglicher Plan, mit einem regulären Schiff und falschen Papieren überzusetzen geändert werden müsste und sie beide nun gezwungen wären, mit einem Schmugglerschiff zu fahren, dass irgendwo an einer einsamen Stelle anlegt?“

Ihr Gesicht wurde ernst.

„Sie haben eine blühende Fantasie!“

„Korrigieren Sie mich doch, wenn ich Falsches gesagt habe!“

„Das hätten Sie wohl gerne.“

„In der Nähe des Tatortes wurde von dem Taxifahrer, der Jessica zum Treffpunkt brachte, ein Cadillac gesehen. Ich wette, dass das Ihrer war. Sie haben Jessica zur Rede gestellt. Es muss zum Streit gekommen sein, als die junge Frau erkannte, dass es gar nicht Ihr Mann gewesen war, der sie herbestellt hatte. George McCormick wartete später vergeblich auf seine Geliebte.“

Cynthia McCormick wich vor mir zurück, drehte sich dann um und lehnte schließlich gegen eine Kommode. Sie versuchte, betont gelangweilt zu wirken.

Als der Butler zwischendurch hereinkam, schickte sie ihn mit ziemlich barschen Worten hinaus. Im nächsten Moment rief sie ihn zurück und erklärte ihm, dass er den Rest des Tages frei hätte und sie nicht mehr stören sollte.

Ich wartete, bis der Butler gegangen war, ehe ich fort fuhr. „Sie haben mit Jessica abgerechnet, nicht wahr? Die Frau, die Ihnen Ihren Mann weggenommen hatte, durfte nicht am Leben bleiben.“

„Was wollen Sie, Boulder?“

„Die Wahrheit!“

„War der Scheck, den ich Ihnen ausgestellt hatte nicht groß genug?“

„Sie hätte besser darüber nachdenken sollen, wie man eine Leiche so versenkt, dass sie auch wirklich nicht wieder an die Oberfläche kommt!“, stellte ich fest. „Das war Ihr Fehler.“

„Wie viel?“

„Geld ist nicht alles, Mrs McCormick.“

Sie öffnete eine Schublade. Im nächsten Moment hatte sie einen Revolver in der Hand.

„Kaliber 22 – wer sagt’s denn!“

„Wissen Sie, wie es ist, wenn einen jemand, den man wirklich geliebt hat, nach all den Jahren einfach zum alten Eisen wirft und mit jemand anderem ein neues Leben anfangen will?“

„Manche Leute treibt es zum Mord.“

Sie spannte den Hahn. „Ja, sehr richtig. Und Sie wissen, dass die Strafe für einen Mord dieselbe ist wie die für zwei...“

Ich trat auf sie zu. „Was soll das denn werden? Captain Chesterfield und seine Leute sind unterwegs hier her. Ich habe ihn über alles informiert und wenn Sie sich in meinem Fall genauso dämlich beim Verschwinden lassen der Leiche anstellen...“

„Keinen Schritt weiter!“, forderte sie. Ihre Stimme überschlug sich.

„Wenn Sie wollen, dass der Butler den Schuss nicht hört, müssen Sie wahrscheinlich noch fünf Minuten warten. Oder geht seine Loyalität so weit, dass er einen Mord decken würde? Ich sage Ihnen, darauf sollte man sich nie verlassen.“

Ich verringerte die Distanz zwischen uns um einen weiteren Schritt.

Sie war unschlüssig darüber, was sie tun sollte.

„Sie bluffen doch!“

„Darauf würde ich nicht wetten!“

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Cynthia McCormick war für einen Moment lang abgelenkt, als der Butler zusammen mit Chesterfield und Quincer eintrat.

„Madam, diese Gentlemen wollten...“

Weiter kam der Butler nicht, den Cynthia McCormick bereits in den Feierabend geschickt hatte.

Ich schnellte nach vorn, griff zu und bog Cynthias McCormicks rechten Arm zur Seite. Der 22er krachte los. Der Schuss ging in das Parkett. Dann gelang es mir, ihr die Waffe zu entwinden.

„Sie haben doch gute Anwälte, Mrs McCormick.“

Den 22er gab ich an Quincer weiter, der ihn unwillig entgegennahm und in ein Taschentuch wickelte. „Schauen Sie nach. Ich wette, dass in der Trommel eine Patrone fehlt. Die Patrone, die Jessica Rampell tötete.“

„Na los, worauf warten Sie?“, fauchte Chesterfield.

Quincer sah nach.

„Es fehlt tatsächlich eine Patrone“, stellte er fest.

28

Am Abend kehrte ich in Clunky’s Speakeasy ein und schüttete den Bourbon nur so in mich hinein. Das Beste war, dass niemand mich ansprach. Ich dachte an Jessica Rampell und ihren Traum von einem besseren Leben, der wie eine Seifenblase geplatzt war. Geplatzt durch die Eifersucht einer anderen Frau.

Ich schlief in dieser Nacht wie ein Stein.

Am nächsten Morgen präsentierte mir Kitty nicht nur ihre hervorragend manikürten Fingernägel, die fast zu schade zum Arbeiten waren, sondern auch die Chicago Tribune.

Der Artikel über Cynthia McCormicks Verhaftung musste noch kurz vor Redaktionsschluss eingeschoben worden sein. Ein kleiner, trockener Text, der sich wie eine Verlautbarung der Polizei las. Ich wurde in dem Artikel gar nicht erwähnt.

Gut so!, dachte ich.

ENDE

Alfred Bekker: HINTER SCHLOSS UND RIEGEL

––––––––

Für den Killer war Joe Grotzky ganz einfach ein Auftrag wie jeder andere. Es hatte ihm niemand gesagt, weshalb die Mafia Grotzky aus dem Weg haben wollte, aber der Killer konnte es sich zusammenreimen. Grotzky war Richter. Das erklärte schon fast alles.

Es war nicht sonderlich kalt, nur regnerisch. Aber der Killer trug dennoch Handschuhe. Er war hochgewachsen und ziemlich kräftig gebaut. Der blonde Kurzhaarschnitt unterstrich die kantigen Gesichtszüge. Seinen blauen Chevy hatte er am Straßenrand abgestellt. Jetzt ging der Blonde die Zeile der Reihenhäuser entlang. Mit der Rechten umklammerte er den Griff der Automatik, die in seiner tiefen Manteltasche verborgen war. Er musste vorsichtig sein, denn der Mann, mit dem er es zu tun haben würde, war nicht irgendwer, sondern einer, der alle Tricks kannte. Der Blonde hielt an, ließ den Blick die Häuserzeile entlanggleiten und hatte dann die richtige Nummer gefunden.

Eine ältere Frau ging die Straße entlang. Der Blonde wartete, bis sie um die nächste Ecke gegangen war und überquerte dann die Fahrbahn.

Einen Augenblick später stand er an der Haustür und klingelte. Wenn es stimmte, was seine Auftraggeber ihm über Joe Grotzky gesagt hatten, dann war er um diese Zeit wahrscheinlich gerade erst aufgestanden und saß jetzt beim Frühstück. Genau die richtige Zeit für solch einen Besuch also... Der Blonde klingelte ein zweites Mal und fasste die Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fester. Endlich kam jemand und machte auf. Aber es war nicht Grotzky. Es war eine Frau, die den Killer ziemlich erstaunt ansah. Sie war hübsch, fand der Blonde. Langes, rostbraunes Haar, dunkle Augen. Schade um sie!, dachte der Killer. Aber es war ziemlich ausgeschlossen, dass er sie am Leben lassen konnte.

"Ist Mister Grotzky nicht da?", fragte er kühl.

"Nein, tut mir leid", erwiderte die Frau, während sie den Killer einer eingehenden Musterung unterzog. Auf ihrer hübschen Stirn erschienen ein paar Falten, die eine deutliche Portion Misstrauen signalisierten. Von der Frau hatte man dem Blonden nichts gesagt. Er fluchte innerlich. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Unprofessionalität. Sie hatten ihm ein Dossier zukommen lassen, in dem alles über Grotzkys Lebensgewohnheiten zusammengetragen war. Der Killer wusste über jede Kleinigkeit Bescheid. Nur die Frau, die war in dem Dossier nicht vorgekommen.

"Was wollen Sie von Joe?", fragte die Frau.

"Ich mussß ihn dringend sprechen."

"Sind Sie ein Bekannter von ihm?"

Der Killer zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit der Antwort.

"Ja", sagte er dann.

"Joe kommt gleich zurück", berichtete die Frau. "Er ist nur kurz Zigaretten holen gefahren."

Sie wusste nicht, wer Grotzky war. Sie konnte nichts von seiner Vergangenheit wissen oder von dem, was er jetzt tat. Das war dem Blonden sofort klar, denn hätte sie Bescheid gewusst, dann wäre ihr Misstrauen größer gewesen. Die andere Möglichkeit war, dass sie hervorragend schauspielern konnte. Der Blonde hob die Schultern.

"Kann ich bei Ihnen auf ihn warten?"

"Nicht so gerne. Ich bin allein und ich kenne Sie gar nicht. Außerdem ist das nicht meine Wohnung und ich weiß nicht, ob es Joe recht wäre, wenn..." Aha!, dachte der Blonde. Grotzky kannte die Frau noch nicht lange. Vielleicht sogar erst seit dem gestrigen Abend. Aber das würde ihr auch nicht helfen.

"Es wäre ihm recht!", behauptete der Blonde.

"Nein, das möchte ich nicht!", sagte sie mit überraschender Bestimmtheit. Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Blonde ahnte das voraus und stellte seinen Fuß dazwischen. Ein schneller Griff und er hatte die Automatik aus der Manteltasche herausgerissen. Der lange Schalldämpfer zeigte direkt auf den Oberkörper der jungen Frau und ließ sie schreckensbleich zurückweichen. Der Blonde trat ein und gab der Tür einen Stoß mit der Hacke, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel. Die Frau schüttelte stumm den Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie wieder soweit beieinander war, dass sie etwas sagen konnte.

"Was wollen Sie?", fragte sie schluckend, während sie noch einen Schritt rückwärts machte und dabei gegen die Kommode stieß, die in dem engen Flur stand. Auf der Kommode stand das Telefon. Sie hatte den Hörer schon fast in der Hand, aber sie begriff, dass sie keine Chance hatte, irgendjemanden anzurufen, bevor ihr Gegenüber sein Geschoss auf die Reise geschickt haben würde.

"Ist noch jemand in der Wohnung?", fragte der Blonde kalt. Sie schüttelte stumm den Kopf. Dann hob der Blonde die Schalldämpferpistole ein wenig an und drückte ab. Es gab ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem kräftigen Niesen hatte und auf der Stirn der jungen Frau erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Sie taumelte rückwärts und schlug der Länge nach hin.

Der Blonde atmete tief durch. Die Sache mit der Frau war nicht eingeplant gewesen, aber sie hatte nun einmal sein Gesicht gesehen. Und das war ihr Todesurteil gewesen. Der Blonde stieg über ihren leblosen Körper hinweg und sah sich im Rest der Wohnung um. Ein Zimmer nach dem anderen nahm er sich vor. Er musste auf Nummer sicher gehen, aber die Frau hatte die Wahrheit gesagt. Sie war tatsächlich allein gewesen. Der Blonde steckte die Waffe ein, fasste die junge Frau unter den Armen und schleifte sie ins Wohnzimmer. Dann ließ er sich in einen der klobigen Ledersessel fallen und wartete. Nicht lange, höchstens zehn Minuten. Dann waren an der Haustür Schritte zu hören. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und jemand trat ein. Das musste Grotzky sein.

"Jennifer?" Sekunden später stand Grotzky in der Wohnzimmertür. Der Blonde erkannte ihn sofort von den Fotos, die man ihm gegeben hatte. Alles was nun geschah, ging blitzschnell. So schnell, dass Joe Grotzky nicht den Hauch einer Chance hatte.

1

Als der Blonde seinen Job erledigt hatte, sah er sich noch ein bisschen im Haus um. Es gab etwas Bargeld. Ein paar Tausender, die steckte er ein. Er zog die Schubladen aus den Schränken und kippte den Inhalt auf den Boden. Es sollte wie ein Einbruch aussehen. Dann ging er ins Kellergeschoss und da erlebte er eine Überraschung. In Grotzkys Keller befand sich ein voll ausgerüsteter Atomschutzraum. Ein Schild an der Wand verriet das. Es standen auch gleich ein paar Verhaltensregeln für den Ernstfall dabei. Die dicke Tür, die diesen Raum Luftdicht von der Außenwelt abschließen konnte, stand offen. Er ging hinein und inspizierte den Raum interessiert. Dabei fragte er sich, ob Grotzky wirklich Angst vor einem Atomkrieg gehabt hatte oder ob er nur auf die Steuervorteile und Fördergelder aus gewesen war, die es für solche Schutzräume früher gegeben hatte. Der Killer zuckte die Schultern. Es konnte ihm gleichgültig sein. Aber auf jeden Fall war dieser Raum ein idealer Platz, um die Leichen unterzubringen. Er konnte die Tür von außen verschließen und dann würde man eine Weile brauchen, um sie zu finden. Das bedeutete auch, dass die Polizei länger brauchen würde, um zu rekonstruieren, was in diesem Haus passiert war.

Für den Killer war das nur von Vorteil.

Er würde Zeit gewinnen, um sich abzusetzen.

So ging er hinauf ins Erdgeschoss. Entschlossen nahm er Grotzkys Leiche über die Schulter und schleppte sie in den Keller. Der Eingang zum Schutzraum war ziemlich eng, wenn man eine Leiche auf den Schultern trug. Einer von Grotzkys Ärmeln verhakte sich im Türgriff und die dicke Sicherheitstür fiel mit einem zischenden Geräusch zu.

Der Killer legte die Leiche auf eine der Liegen, die man hier für den Ernstfall aufgestellt hatte. Dann ging er zurück zur Tür, aber bekam sie nicht auf. Es war wie verhext, aber was er auch versuchte, sie ließ sich nicht öffnen...

ENDE

Alfred Bekker: MORD AN BORD 

––––––––

"Sieh mal, dahinten ist Onkel Jules mit seiner Yacht!" Catherine Laffont deutete mit dem ausgestreckten Arm hinaus auf das glitzernde Mittelmeer. Pierre, ihr Mann nickte und hielt sich die Hand wie einen Schirm vor das Gesicht.

"Ja", murmelte er zwischen den Zähnen hindurch. "Und das schönste ist, dass das alles bald uns gehören wird, Catherine! Die Yacht, die Firma, das Aktienvermögen... Alles!"

"Noch ist es nicht so weit, Pierre!"

Pierre zuckte die Schultern. "Das kann schneller kommen, als man denkt. Onkel Jules ist nicht mehr der jüngste. Eine Bypass-Operation hat er schon hinter sich und letztes Jahr, das mit den Nierensteinen war auch nicht ohne." Pierre lachte hässlich und fuhr fort: "Alles in allem hat er wohl immer schon mehr auf sein Geld geachtet, als auf seine Gesundheit!"

"Da hast du wohl recht! Allerdings könnte er auch auf die Idee kommen, alles an Monique fallen zu lassen... Dann sieht es übel für uns aus." Pierre seufzte.

Monique, Onkel Jules blutjunge Geliebte war drauf und dran, zu einem Problem zu werden. Wenn sie ihn noch lange bearbeitete, würden die beiden vielleicht sogar heiraten.

Die Yacht kam näher, fuhr geradewegs auf den Strand zu.

"Er kommt dem Strand recht nahe", murmelte Catherine verwundert. Bei einer so großen Yacht war das nicht ungefährlich. Man konnte leicht auflaufen.

Inzwischen waren auch andere Strandgäste auf die Yacht aufmerksam geworden und sahen zu, wie das große Boot immer näher an den Strand herankam. Dann gab es einen scharfen Ruck und ein unangenehmes, knarrendes Geräusch. Die Yacht war auf Grund gelaufen und legte sich schräg zur Seite. Der Wind blies noch immer mit unverminderter Kraft ins Segel und drückte auf einer Seite die Reling ins Wasser.

"Da stimmt was nicht!", meinte Pierre. Denselben Gedanken schien offenbar auch der für diesen Strandabschnitt zuständige Bademeister zu haben. Er stand in seinen dunklen Shorts auf dem Beobachtungsstand und rief wild gestikulierend etwas zu seinen Helfern herunter. Wenig später trug er zusammen mit ein paar anderen Männern ein Schlauchboot zum Wasser.

"Ich muss wissen, was da passiert ist", sagte Pierre und lief hinter den Männern mit dem Boot her. Er stand bereits bis zu den Knöcheln im Wasser, als er sie einholte.

"Lassen Sie mich mitfahren! Da auf dem Boot, das ist mein Onkel!"

Der Bademeister blickte Pierre kurz an, dann nickte er. Der Motor wurde angeworfen und anschließend brauste das Schlauchboot auf die gestrandete Segelyacht zu. Der blonde Bademeister war der erste, der an Bord kam. Seine gewaltigen Muskeln spannten sich, als er sich an der Reling hochzog. Die anderen Insassen hatten etwas mehr Mühe, an Bord zu kommen. Als Pierre es schließlich geschafft hatte, fand er Onkel Jules in der großzügigen Kajüte. Er lag auf dem Boden, so als wäre er gestürzt. Der Bademeister hatte sich über ihn gebeugt und machte Wiederbelebungsversuche. Aber schon nach kurzem gab er auf.

"Es hat keinen Sinn", sagte er. "Dieser Mann ist tot!"

"Sollen wir nicht die Polizei rufen?", fragte der Gehilfe des Bademeisters, ein schmächtiger Junge, der höchstens gerade achtzehn war.

"Nach einem Verbrechen sieht das hier ja nun wohl nicht aus", beeilte sich Pierre, die Sache abzubiegen. Der Junge zuckte die Achseln.

Und der Bademeister schien auch nicht gerade wild entschlossen zu sein, die Angelegenheit von einem Kriminalkommissar untersuchen zu lassen.

"Auf jeden Fall müssen wir jemanden kommen lassen, der die Yacht birgt. Die Leiche können wir mit dem Boot an Land bringen."

1

Alles schien so zu laufen, wie Pierre und Catherine es sich gewünscht hatten. Es gab kein Testament und daher war Pierre, als einziger lebender Verwandter von Onkel Jules auch sein Erbe.

"Wir sind reich", sagte er zu ihr und sie mahnte ihn, seine Freude nicht allzu deutlich zu zeigen. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit..."

"Sonst nimmt am Ende doch noch jemand Onkel Jules' Tod genauer unter die Lupe."

Als sie Onkel Jules 12-Zimmer-Villa aufsuchten, trafen sie dort Monique an.

Die junge Frau trug schwarz und war wohl der einziger Mensch weit und breit, der wenigstens so tat, als würde er über Onkel Jules trauern. Denn beliebt war er nicht gerade gewesen.

"Für ein paar Tage kannst du natürlich noch hierbleiben, Monique", meinte Pierre mit großzügiger Geste. "Schließlich stehst du ja jetzt gewissermaßen vor dem Nichts..."

"Keine Sorge", sagte Monique. "Ich habe meine Sachen bereits gepackt und ziehe zu meiner Schwester. Ach übrigens... Ich habe eine Obduktion von Jules Leiche beantragt."

Pierres Augen wurden schmal und Catherine runzelte die Stirn.

"Warum hast du das getan?", fragte Pierre.

"Weil ich wissen möchte, ob Jules einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Meint ihr, ich wüsste nicht, wie lange ihr schon auf seinen Tod gewartet habt? Und wie leicht wäre es gewesen, ihm ein Gift zu verabreichen, das erst dann wirkt, wenn er bereits mit seiner Yacht weit draußen auf dem Meer ist."

"Das ist doch absurd!", rief Pierre.

Monique zuckte die Achseln. "Wirklich? Du warst fast jeden Tag mit ihm zusammen Pierre, und hast Jules bei der Leitung der Firma geholfen. Du kanntest seine Lebensgewohnheiten haargenau und wusstest, dass er bei gutem Wetter immer etwa um dieselbe Zeit hinaussegelte. Und zwar allein, um seine Gedanken zu sammeln."

2

Monique zog noch am selben Tag aus und man hörte nichts mehr von ihr.

Inzwischen machten es sich Pierre und Catherine in der großen Villa gemütlich.

Nach etwa einer Woche bekamen sie Besuch von einem Kriminalkommissar.

"Mein Name ist Amery", sagte er. "Und ich untersuche den Tod von Jules Laffont."

"Was gibt es da zu untersuchen?", fragte Pierre nicht gerade freundlich.

"Bei der Obduktion wurde eine Überdosis Schlafmittel festgestellt. Seine Lebensgefährtin sagte uns aber, dass Monsieur Laffont solche Mittel nie genommen hat, was auch plausibel ist, denn er war herzkrank und das betreffende Medikament ist für solche Leute das reinste Gift!"

"Sie meinen, Onkel Jules wurde ermordet?", fragte Catherine.

Kommissar Amery nickte. "Ja. Ich muss Sie bitten mir zu sagen, wer Ihr Hausarzt ist..."

3

"Er wird alles herausfinden!", zeterte Catherine. "Dass ich mir die Schlafmittel von Dr. Dupont habe verschreiben lassen und sie dann angespart habe, anstatt sie einzunehmen..."

"Aber es gibt keinen Zeugen dafür, dass ich Onkel Jules kurz bevor er mit der Yacht ablegte noch einen Drink gemacht habe!", verteidigte sich Pierre.

"Das hat alles Monique eingefädelt, diese Schlange!", zischte Catherine.

"Sie weiß nichts!"

"Aber sie wird nicht lockerlassen!"

Pierre rief Dr.Dupont an, aber der sagte nur, dass er sich in die Sache nicht hineinziehen lassen wollte. "Wenn dieser Kommissar Amery hier auftaucht, werde ich ihm die Wahrheit sagen müssen."

Pierre fluchte lauthals, als er den Hörer auf die Gabel knallte. Noch am Abend kam Kommissar Amery mit zwei Kollegen, um Pierre und Catherine Laffont festzunehmen. Allerdings nur wegen Mordversuch.

Pierre runzelte erstaunt die Stirn und Amery sagte: "Ja, Sie haben richtig gehört. Zwar haben Sie beide versucht, Ihren Onkel zu vergiften, aber die Dosis war zu gering. Das gerichtsmedizinische Gutachten sagt eindeutig, dass Jules Laffont nicht an dem Schlafmittel gestorben ist, sondern an den sogenannten Wiederbelebungsversuchen von Laroche, dem Bademeister. Er war der Ex Freund von dieser Monique. Vielleicht hoffte er, dass sie zu ihm zurückkehren würde, wenn Ihr Onkel nicht mehr am Leben wäre..."

ENDE

Der Armbrustmörder

Berringer ermittelt in Mönchengladbach

Krimi von Alfred Bekker

© 2008, 2012 by Alfred Bekker, CassiopeiaPress

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

All rights reserved.

Die Printausgabe dieses Titels erschien im Droste-Verlag

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 235 Taschenbuchseiten.

Prolog

Beinahe Mitternacht.

Schatten, die im Licht der spärlichen Beleuchtung dahinhuschten.

Ratten.

Vielleicht ...

Nur in den Büroräumen von EVENT HORIZON, der Event-Agentur von Frank Marwitz, brannte noch Licht. Ansonsten befand sich niemand mehr in dem kastenförmigen dreistöckigen Flachdachbau im Gewerbegebiet Mönchengladbach, in den sich ein paar aufstrebende Selbstständige eingemietet hatten, deren Unternehmen ihre beste Zeit noch vor sich hatten.

Marwitz saß an seinem Schreibtisch und fuhr gerade den Rechner herunter. Er hatte noch einmal den Veranstaltungskalender seiner Homepage überarbeitet. Nun war nichts mehr zu tun. Für diesen Abend hatte selbst ein so hyperdynamischer Jungunternehmer wie er, diese Rampensau des Niederrheins und Conferencier für alle Fälle, bekannt aus Funk, Fernsehen und lokalem Käseblatt, genug getan.

Der Flachbildschirm wurde dunkel. Marwitz stand auf. Sein Haar war gegelt, sah aber aus, als wäre es verschwitzt. Er war Mitte vierzig, fand aber, dass er wie Mitte dreißig aussah, und hatte ein Lebensgefühl, das er für das eines Fünfundzwanzigjährigen hielt.

Allerdings waren die allgewaltigen Unterhaltungschefs in den TV-Sendern in diesem Punkt anderer Meinung gewesen. Seine größten Erfolge war eine Nebenrolle in einer Vorabend-Soap und ein Moderatorenjob in einem Shopping-Sender gewesen. Aber der erste dieser beiden einzigen überregionalen Erfolge lag schon etwa zehn Jahre zurück, und der zweite hatte gerade sein unweigerliches Ende gefunden, weil der Shopping-Sender, für den er Trimmgeräte und Billig-Laptops angepriesen hatte, in Konkurs gegangen war.

So war Marwitz in gewisser Weise ein Opfer der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise geworden. Zumindest sagte er sich das, denn diese Version war leichter mit seinem Ego zu vereinbaren als die, dass seine Moderation möglicherweise einfach an der Zielgruppe vorbeigegangen war.

Genau das hatte man ihm bei einer Reihe von Castings gesagt, die er zwischenzeitlich hinter sich hatte.

Marwitz fragte sich nicht zum ersten Mal, wieso er das eigentlich mitmachte. Er moderierte Veranstaltungen mit mehreren tausend Gästen und half manchmal sogar als Stadionsprecher der Borussia aus – was nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga ja auch richtig Spaß machen konnte. Er brachte ganze Hallen zum Kochen und verwandelte halbtote Rentner in ekstatische, enthemmte Partygänger. Er machte manchmal selbst Butterfahrten und den Tanztee für Senioren zu einem unvergesslichen Bühnenereignis und lief zur Hochform auf, wenn bei der Abschlussfeier einer vierten Grundschulklasse zwar weder der Bär noch Eltern oder Lehrer, aber immerhin die Kinder tobten.

Aber für das Fernsehen schien er einfach nicht gut genug zu sein. Seine Karriere war in dieser Königsdisziplin des Showbiz schon am Ende gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte.

Marwitz nahm ein Kaugummi aus der Tasche seines ausgebeulten Kordjacketts. Er hatte an diesem Tag seit dem spärlichen Frühstück, das aus einem angegessenen Schokoriegel von gestern bestanden hatte, noch nichts zu sich genommen. Es war einfach keine Zeit gewesen. Das Korschenbroicher Schützenfest stand zu Pfingsten vor der Tür, und da musste einiges organisiert werden, was gar nicht so leicht gewesen war. Vor allem war es schwierig gewesen, eine leistungsfähige PA-Anlage zu organisieren, die in der Lage war, ein Festzelt ausreichend zu beschallen.

Marwitz hatte den Job in Korschenbroich kurzfristig annehmen müssen, da ein Kollege ausgefallen war, und zu Pfingsten war so ziemlich jede funktionsfähige PA-Anlage im Land irgendwo im Einsatz. Ob nun beim Tanz in den Mai, einer Ü-30-Party oder beim Gemeindefest einer Pfarrgemeinde, alles was auch nur entfernt nach einem Lautsprecher aussah, wurde gebraucht, und Marwitz war einfach zu spät dran gewesen. Aber er hatte gute Kontakte und es schließlich doch noch auf die Reihe gekriegt.

Es fehlte nur noch eine Sache zu seinem Glück, und die raubte ihm den letzten Nerv.

Marwitz ging zur Fensterfront und drückte die Stirn gegen die Scheibe. Das gab zwar einen Schweißfleck, aber so konnte er hinaus in die Dunkelheit sehen, ohne nur sein eigenes Spiegelbild anzustarren, während er den Kaugummi weiterhin mit nervös mahlenden Kiefern bearbeitete.

Es ging um die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle an der Hohenzollernstraße in zwei Tagen ...

Alles war perfekt organisiert gewesen. Eine Art überdimensionaler Kindergeburtstag für die Teenager der Achtziger, deren Musik durch den Tod von Michael Jackson eine unerwartete Renaissance erlebte. Ausgerechnet da war Marwitz das fest eingeplante Michael-Jackson-Double abgesprungen und hatte den Termin einfach gecancelled.

Angeblich, weil er eine Zerrung hatte.

„Opa-walk mit Krücke statt Moonwalk“, hatte er am Telefon gejammert. „Das will doch keiner sehen.“

Aber Marwitz hatte aus gut unterrichteten Quellen erfahren, dass diese Jackson-Doublette stattdessen ein Engagement in einer Disco in Moers angenommen hatte.

Für die doppelte Gage.

Der Tod eines Popstars konnte zwar die Party-Szene bisweilen gehörig anheizen, aber er verdarb leider sowohl die Preise als auch die Moral der Lookalikes. Es war immer dasselbe. Den Kerl zu verklagen half Marwitz nichts. In zwei Tagen musste ein Jackson-Double in der Kaiser-Friedrich-Halle auf der Bühne stehen, sonst war er erledigt. Der Act war groß angekündigt und überall plakatiert.

Und tatsächlich hatte der Event-Manager es geschafft, einen der wenigen Jackson-Doppelgänger zu finden, die gegenwärtig noch frei waren.

Und der hatte auch versprochen, noch an diesem Abend bei ihm vorbeizuschauen.

Aber er war bisher nicht aufgetaucht, und unter der Handynummer meldete sich nur die Mailbox.

Du schaffst es noch, dass ich wegen dir wieder anfange zu rauchen!, ging es Marwitz erbost durch den Kopf. Fünf Minuten gebe ich dir noch, und wehe du kannst dann den Moonwalk nicht so perfekt wie der King of Pop zu seinen besten Zeiten!

Ein Wagen fuhr auf den Parklatz vor dem Gebäude. Ein Mann stieg aus. Er war groß und schlank, mehr konnte Marwitz von ihm nicht erkennen, denn er war nur für einen kurzen Moment als Schattenriss zu sehen, dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

Wenig später klingelte es an der Tür. Marwitz öffnete.

„Tag. Kann ich reinkommen?“

„Wenn Sie Michael Jackson sind.“

„Bin ich. Sie sind Marwitz, oder? Ich habe Sie in der Zeitung gesehen. ›Bunter Nachmittag für Senioren war ein voller Erfolg‹ oder so ähnlich. Stimmt‘s?“ Nichts, worauf ich stolz bin!, dachte Marwitz. „Kommen Sie rein!“, forderte er barsch. Die Tür fiel zu. Marwitz musterte das Jackson-Double von oben bis unten.

„Sie sehen Jacko überhaupt nicht ähnlich.“

„Mit Maske und Perücke schon. Sie werden mich nicht von ihm unterscheiden können.“

„Na ja ...“

„Krieg ich 'nen Vorschuss?“

„Jetzt?“

„Ich will fünfhundert Eier, gleich auf die Kralle, sonst trete ich nicht auf. Klar?“

„Nun mal langsam!“

„Scheiße, wenn ich gewusst hätte, dass Sie es doch nicht ernst meinen, wäre ich gar nicht erst hier rausgefahren.“

„Wo wohnen Sie denn?“

„Giesenkirchen. Ich habe da als Kellner im Los Morenos gearbeitet, aber die Gebrüder Moreno haben ihr Restaurant dichtgemacht, und nun stehe ich auf der Straße. Deshalb bin ich etwas knapp bei Kasse.“

„Wann sind Sie das letzte Mal aufgetreten?“, fragte Marwitz.

„Ist schon ein paar Jahre her. Nachdem dieser Kinderschänder-Prozess gegen Jacko angefangen hat, wollte plötzlich niemand mehr Jackson-Doubles. War 'ne ziemliche Scheiße für mich, ich hatte mir gerade erst neue Klamotten für Auftritte gekauft, und die sind ja nicht billig ...“

„Singen Sie mal 'nen Ton“, sagte Marwitz. „Irgendwas. ›Billy Jean‹ oder ›Dirty Diana‹ – was Ihnen so einfällt.“

„Oh, hatte ich das nicht gesagt? Ich singe nicht. Ich tanze nur und bewege den Mund.“

Marwitz atmete tief durch. Er singt nicht, er sieht Jackson nicht ähnlich, aber er will 500 Euro im Voraus! Na großartig!, durchfuhr es den Event-Manager, und dabei fühlte er, wie eine blutrote Welle in ihm aufstieg, die zur einen Hälfte aus Wut und zur anderen aus blanker Verzweiflung bestand.

„Aber ein paar Schritte Moonwalk werde ich doch jetzt wohl zu sehen bekommen.“ Marwitz hatte Mühe, das geschäftsmäßige Moderatoren-Lächeln, das bei ihm ansonsten von ganz allein und bei Bedarf auch zu jeder Tages- und Nachtzeit anzuspringen pflegte, nicht wie ein Zähnefletschen aussehen zu lassen.

„Null problemo!“, sagte der falsche Jacko. Er ahmte ein paar Tanzschritte seines großen Meisters nach, und seine Füße glitten dabei einigermaßen gelenkig über den Boden.

„Immerhin – der Griff in den Schritt war stilecht“, sagte Marwitz. „An dem Rest sollten Sie noch arbeiten.“

„Ich hab die falschen Schuhe an. Aber wenn ich verkleidet bin, kommt das gut!“

„Das will ich hoffen, sonst bin ich der Erste, der anfängt, Sie mit faulen Eiern zu bewerfen.“

„Was ist mit den Fünfhundert? Ich hab mehrere Angebote und muss Ihres nicht annehmen. Da laufen noch ein paar andere Partys, die ...“

„Ja, ja, schon gut.“

Marwitz ging zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte eine kleine Geldkassette hervor. Sie war nicht abgeschlossen, den Schlüssel hatte er verbummelt.

Größere Summen bewahrte er im Büro sowieso nicht auf, aber 500 Euro bekam er zusammen.

In diesem Moment zerplatzte die Scheibe. Ein Geschoss schlug durchs Fenster und traf den Flachbildschirm des Computers. Wie die Scheibe wurde auch der einfach durchschlagen, dann riss etwas Marwitz die Geldkassette aus der Hand, die zur gegenüberliegenden Seite des Raums geschleudert wurde. Fünf- und Zehn-Euro-Scheine flogen durch die Luft und sanken nieder.

Marwitz hatte sich zu Boden geworfen. Draußen war ein lauter Knall zu hören, und auch die anderen Fenster von Marwitz’ Büro zerbarsten. Der Event-Manager spürte selbst am Boden liegend noch die Hitzewelle der Explosion, die von draußen hereinfegte.

„Scheiße, mein Auto!“, rief der falsche Jacko.

Währenddessen knatterten draußen mehrere Motorräder, deren Fahrer anschließend – so hörte es sich an – einen Blitzstart hinlegten und davonbrausten.

Verdammt!, dachte Marwitz. Hört das denn niemals auf?

1. Kapitel: Berringer, dein Freund und Helfer

Ein klickendes Geräusch.

Der Geruch von Benzin.

Dann – Feuer!

Gelbrot, heiß ...

Wie die Hölle ...

Aus der einzelnen Flamme eines Feuerzeugs ein Flammenmeer ...

Darin: zwei Gesichter hinter den Scheiben einer Limousine.

Bettina ...

Alexander ...

Seine Frau und sein Kind, die Mienen im Schrecken erstarrt wie die Fratzen von Gargoyles.

Gefroren in der Zeit – und doch versengt im glutheißen Höllenfeuer.

Ich kann es verhindern!, dachte Berringer. Diesmal kann ich es vielleicht verhindern!

Der Gedanke hatte sich noch nicht einmal zur Gänze in seinem Kopf gebildet, als sein Körper längst handelte. Er wirbelte herum, fasste den hoch gewachsenen Mann mit dem Dreitagebart am Handgelenk und an der Schulter und drückte ihn grob gegen die Wand.

Der Kerl schrie auf und ließ das Feuerzeug fallen, und Berringer löste seine Finger vom Handgelenk des Mannes und presste ihm den Unterarm gegen die Kehle.

„Hör auf, Berry!“, rief eine schrille Stimme, die ihn vage an etwas erinnerte. An jemanden. An ein anderes Leben, das nie hätte Wirklichkeit werden dürfen.

Jemand fasste ihn an den Schultern. Er wandte den Kopf, blickte in ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam. Ein Frauengesicht. Fein geschnitten, die Augen weit aufgerissen. Die Frisur hatte Stil, die Ohrringe nicht. Sie klimperten. Über dieses Klimpern hatte sich Berringer schon oft geärgert, aber jetzt rettete es ihn, denn es holte ihn augenblicklich zurück. Zurück ins Hier und Jetzt.

„Willst du unseren Klienten abmurksen, oder was soll der Mist?“, fauchte die Frauenstimme. Sie klang schrill und hoch und war genau richtig, um durch den Panzer aus Watte zu dringen, der Berringer im Moment zu umgeben schien und alle seine Empfindungen und Sinneseindrücke extrem dämpfte.

Er spürte plötzlich wieder den Schweiß auf seiner Stirn. Sein Herz schlug wie ein Hammerwerk. Er hatte einen Puls eines zum Tode Verurteilten, kurz bevor man ihn auf dem Elektrischen Stuhl festschnallte.

„Vanessa ...“, murmelte er.

Seine Stimme klang heiser und entsetzlich schwach. Und dieselbe Schwäche machte sich plötzlich auch in seinen Armen und Beinen breit. Seine Knie begannen zu zittern.

„Na, endlich merkst du es, Berry. Jetzt lass den Kerl los. Zwing mich nicht dazu, dir eins überzubraten. Du kannst von Glück sagen, dass die ›Zehntausend legalen Steuertricks‹ von Konz nicht an ihrem Platz im Regal stehen, warum auch immer.“ Berringer atmete tief durch. Vanessa Karrenbrock, Mitte zwanzig, BWL-Langzeitstudentin ohne den Ehrgeiz, den man Studierenden dieses Fachs für gewöhnlich nachsagte, arbeitete stundenweise in Berringers Detektivbüro, und Berringer fragte sich manchmal, ob das Chaos in seinen Ermittlungen, für das ihr loses Mundwerk stets sorgte, durch die Ordnung aufgewogen wurde, die sie in seine Buchhaltung und Steuerunterlagen brachte.

Aber so sehr Berringer die Erkenntnis auch widerstrebte – in diesem kritischen Moment hatte sie auf ihre rustikal-schrille Art sogar etwas Ordnung in sein zertrümmertes Seelenleben gebracht. Zumindest für den Augenblick.

Berringer wandte den Blick dem völlig verängstigten Dreitagebartträger zu, dessen Nasenflügel vor Angst bebten. Berringer ließ ihn los, strich sein Jackett glatt und trat einen Schritt zurück.

Bei dem Dreitagebartmann übernahm Vanessa das Glattstreichen des Jacketts. „Er hat’s nicht so gemeint“, versicherte sie – Worte, die etwa die gleiche Überzeugungskraft hatten, als wenn ein Lude seinen Mastiff spazieren führte und jedem Passanten versicherte: „Der macht nix. Der will nur spielen.“ Endlich kam der Mann, der vor diesem Ereignis zumindest potenziell als „Klient“ der Detektei Berringer anzusehen gewesen war, zu Atem, während er sich mit einer unbewussten fahrigen Geste erst einmal selbst die Gelfrisur nachhaltig ruinierte, woraufhin ihm die Haare zu Berge standen. „Der Typ ist ja nicht ganz richtig im Kopf! Ich frage mich, wie so ein Psycho frei herumlaufen kann!“

„Sag, dass es dir leid tut, Berry“, forderte Vanessa auf ihre unnachahmliche nachdrückliche Art und Weise. „Fix!“

Berringer schluckte. Allmählich begriff er, was er angerichtet hatte. Er bückte sich, um die Sonnenbrille aufzuheben, die bei dem Handgemenge zu Boden gefallen war.

Ein Billigmodell, das teuer aussehen sollte, erkannte Berringer gleich. Er reichte sie dem Mann. „Es war wirklich nicht meine Absicht, Sie zu erschrecken. Sie müssen verstehen, ich ...“

„Klar, jemand versucht mich umzubringen, vor meinem Büro fliegt ein Wagen in die Luft, die Polizei hilft mir nicht, und der Typ, auf den ich meine letzte Hoffnung setze, nimmt mich in den Schwitzkasten und erwürgt mich fast. Aber ich kann das natürlich alles verstehen und sehe das ganz easy!“

Er schielte zu dem Feuerzeug, das noch am Boden lag.

Berringer hatte es eigentlich genau wie die Brille aufheben wollen, aber er konnte es einfach nicht. Er fühlt sich wie gelähmt.

Nein, du darfst nicht wieder abdriften!, versuchte er sich selbst zurechtzuweisen und mental an die Kandare zu nehmen. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Deine Frau und dein Kind sind tot, und du lebst jetzt!, versuchte er sich selbst auf dem Pfad der Realität zu halten – einem sehr schmalen Pfad. Nimm das Feuerzeug! Überwinde dich! Setz dich dem Trigger aus und erfahre, dass er dich nicht mehr beherrscht!

Aber es ging nicht. Wie zur Salzsäule erstarrt stand Berringer da.

Der Kerl mit der selbst ruinierten Gelfrisur wagte es ebenfalls nicht, sich zu rühren, geschweige denn, das Feuerzeug selbst aufzuheben, denn dazu hätte er dem in seinen Augen völlig unberechenbaren Berringer zu nahe kommen müssen.

Vanessa erfasste die Situation. Seufzend schob sie Berringer noch ein Stück weiter zurück, sodass sich der Abstand zwischen den beiden Männern noch vergrößerte, und bückte sich nach dem Feuerzeug.

Anschließend versuchte sie, ihr Lächeln charmant aussehen zu lassen, als sie das Feuerzeug seinem Eigentümer zurückgab.

„Danke“, murmelte der Mann. „Ich mach mich dann besser vom Acker. Irgendwie bin ich hier anscheinend fehl am Platz.“

„Bleiben Sie“, sagte Berringer. „Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Sie mir gerade so beiläufig entgegengeschleudert haben, dann sind Sie hier sogar genau richtig.“

„Ach ja?“

„Es gibt nur wenige, die Ihnen helfen können. Viele werden das von sich behaupten, aber das sind Kaufhausdetektive und Leute, die nur Ihr Geld wollen, denen Ihre Sicherheit aber vollkommen gleich ist.“

„Ich hatte gerade nicht den Eindruck, dass sie Ihnen was bedeutet.“

„Fangen wir von vorn an. Ich heiße Berringer, und das ist meine Hilfskraft Vanessa Karrenbrock, die Ihnen die Rechnung schreiben wird, wenn wir für Sie tätig werden. Ich bin ehemaliger Polizeihauptkommissar und kenne mich aus. Außerdem habe ich noch einen guten Draht zu den Kollegen und komme so an Informationen heran, die nicht so einfach zugänglich sind.“

„Das war's also. Ein Zwei-Mann-Betrieb. Ich habe gehört, dass amerikanische Detekteien oft mehr als ein Dutzend Mitarbeiter haben, und selbst hier in Deutschland ...“

„Wir haben noch einen dritten Mann“, warf Vanessa ein - wobei sie ihrer Formulierung nach dann ebenfalls ein Mann sein musste, aber die Herausstellung ihrer weiblichen Identität schien ihr wohl im Moment von zweitrangiger Bedeutung.

„Herr Mark Lange ist ein hoch qualifizierter Mitarbeiter aus der Sicherheitsbranche, den wir glücklicherweise abwerben konnten. Tja, Sie sehen, gute Leute sind überall rar. Das ist bei Ihnen wahrscheinlich genauso. Ich ... äh, ich meine ... das schätze ich mal, obwohl ich noch nicht weiß, wer Sie sind und was Sie so machen.“

„Frank Marwitz, Event-Agentur EVENT HORIZON“, stellte er sich vor, und die Geschäftsmäßigkeit, mit der er dies tat, verriet, dass er diesen Halbsatz wahrscheinlich jeden Tag fünfzig Mal am Telefon aufsagte.

„Setzen wir uns“, schlug Berringer vor. „Kaffee ist leider alle, aber mich würde Ihr Problem interessieren.“

Marwitz schien noch nicht so recht entschieden zu haben, ob er dem Braten nun trauen sollte oder ob nicht doch sein ursprünglicher Entschluss, die Detektei fluchtartig wieder zu verlassen, die bessere Idee war.

Berringer ging zum Tisch und setzte sich auf einen der einfachen Stühle. Abgesehen von einer Computeranlage und allem Telekommunikationszubehör, was man in einer Detektei so brauchte, war die Einrichtung eher spärlich. Es gab in diesem etwas heruntergekommen wirkenden Büro im Düsseldorfer Stadtteil Bilk nur das Allernötigste – dafür aber einen großartigen Ausblick auf die uralte, langsam verblassende Blümchentapete, deren unmerkliche Verwandlung vom schrillen Hippie-Design zum zarten Aquarell wohl Jahrzehnte in Anspruch genommen hatte.

Das Telefon klingelte.

Berringer ging ran. Es war Mark Lange, der von Vanessa so hoch gepriesene, hoch qualifizierte dritte Mann der Detektei. In Wahrheit war er ein arbeitslos gewordener Angestellter des Sicherheitsunternehmens Delos, das vor ein paar Jahren in die Insolvenz gegangen war, weil einige leitende Mitarbeiter die Kundengelder von Banken und Versicherungen, die sie eigentlich von A nach B transportieren und dabei bewachen sollten, in die eigene Tasche gesteckt hatten. Das Ganze hatte nach dem berühmten Schneeballprinzip funktioniert, und folgerichtig war diese Blase irgendwann geplatzt. Die Verantwortlichen saßen nun im Knast und die Mitarbeiter auf der Straße, wobei dieses Schicksal alle gleichmäßig unbarmherzig getroffen hatte, die Ehrlichen wie die Halunken.

Mark war im Grunde ein armer Hund und keineswegs ein hochkarätiger Sicherheitsfachmann. Er hatte vor seinem Engagement bei Delos nur eine kurze Umschulung hinter sich gebracht, die aus ihm einen Wachmann hatte machen sollen.

Berringer wusste aus seiner Zeit bei der Düsseldorfer Polizei, wie erbärmlich der Ausbildungsstand dieser Sicherheitsfirmen häufig war. Das qualitativ Hochwertigste an diesen Security Guards, die auch zur Bewachung von Werksanlagen oder als Sicherheitsdienst in Bürohäusern eingesetzt wurden, war oft schon die respekteinflößende Fantasie-Uniform, mit deren martialischer Pseudoautorität sich die Obdachlosen aus den noblen Passagen herausmobben ließen.

„Brauchst du mich heute?“, fragte Mark. „Ich hab da einen lukrativen Schwarzarbeit-Job. Möbelschleppen bei einem Firmenumzug. Da könnt ich mir 'n paar Euro dazuverdienen, damit endlich mal mein Konto wieder im Plus ist.“

„In Ordnung“, sagte Berringer.

„Aber wenn bei dir irgendwas anliegt, dann hat das natürlich Vorrang.“

„Ich hab hier gerade einen Klienten. Du beurteilst die Lage am besten vor Ort und entscheidest dann nach Lage der Dinge“, sagte Berringer in einem Tonfall, der an Ernsthaftigkeit und Bedeutungsschwere kaum zu überbieten war.

„Irgendwie redest du heute komisch“, fand Mark.

„Ist schon in Ordnung.“

„Na ja, wie auch immer. Danke, dass du mir keine Knüppel zwischen die Beine wirfst und mich Geld verdienen lässt. Mein Kühlschrank und mein Bankkonto werden es dir danken.“

„Wiedersehen und alles Gute“, sagte Berringer und beendete das Gespräch. Dann fuhr er – an Vanessa gewandt, in Wahrheit aber mehr an Marwitz gerichtet – fort: „Auf Mark werden wir im Moment verzichten müssen. Die Observation zieht sich noch etwas hin. Aber er ist zuversichtlich, dass wir die Angelegenheit heute noch zum Abschluss bringen können.“

„Wunderbar!“, sagte Vanessa etwas zu übertrieben, als dass es wirklich überzeugend gewesen wäre. Doch Marwitz war dennoch beeindruckt. Vielleicht war auch seine Furcht vor dem, weswegen er die Detektei aufgesucht hatte, größer als die Angst davor, von Berringer noch einmal in den Würgegriff genommen zu werden.

Zögernd setzte auch er sich. „Ihr Laden scheint gut zu laufen. Offenbar behandeln Sie nicht alle Ihre Klienten so grob wie mich.“

„Ich kann mich gern noch dreimal entschuldigen, wenn Sie wollen“, erwiderte Berringer knurrig. Die Situation hatte ihn mindestens genauso mitgenommen wie das „Opfer“ seiner Attacke. „Aber es wird Ihnen wahrscheinlich kaum ein Trost sein, wenn ich Ihnen den Grund dafür erkläre, weshalb ich mich Ihnen gegenüber – wie soll ich sagen? – etwas merkwürdig benommen habe.“

„Das ist reichlich untertrieben“, erwiderte Marwitz. „Ich betrete Ihr Büro und denk mir nichts Böses, da fällt der Herr des Hauses mich an, als ob ich ein Einbrecher oder was weiß ich wäre! Ich habe Ihnen weder etwas getan, noch Sie provoziert oder beleidigt. Ja, genau genommen hatte ich ja noch nicht einmal die Möglichkeit, überhaupt ein Wort zu sagen, da haben Sie mich schon angegriffen!“ Er betastete seinen Hals, insbesondere die Gegend um den Adamsapfel. „Glauben Sie mir, wenn ich nicht so verzweifelt wäre, ich wäre schon weg. Davon abgesehen ...“ Er räusperte sich. „Ein Bekannter hat Sie mir empfohlen, den Sie offenbar nicht so traktiert haben.“

„Darf ich fragen, wer dieser Bekannte ist?“

„Frank Meier. Besser bekannt als Paul Pauke.“

Berringer nickte. „Ja, da klingelt’s bei mir.“

Frank Meier trat unter dem Namen Paul Pauke als Partysänger in den Clubs von Mallorca auf und hatte unter den Nachstellungen einer Stalkerin gelitten, bis Berringer dem ein Ende gesetzt hatte.

Marwitz wurde etwas lockerer. „Ich war es ja, der Paul Pauke dazu überredet hat, auch in Deutschland aufzutreten. Schließlich gibt es genügend Leute, die ihre Urlaubserinnerungen von der Sonneninsel in der Heimat gern wieder auffrischen lassen, und wo immer wir zusammen aufgetreten sind, sind wir auch hervorragend angekommen. Und ... nun, wenn Sie nicht gewesen wären, würde diese Spinnerin Paul noch immer belästigen. Aber Sie haben genug Beweise sammeln können, um sie schließlich juristisch an den Eiern zu kriegen und ...“ Marwitz stockte. Offenbar war ihm die Absurdität seines Sprachbilds selbst aufgefallen. „Also, Sie wissen schon, was ich meine.“

„Klar“, sagte Berringer.

„Wussten Sie, dass Paul Pauke wegen dieser Verrückten schon fast so weit war, die Auftritte in Deutschland abzublasen?“

Berringer nickte. „Ja, das hat er mir gesagt, und ich habe ihm damals erklärt, dass ihm das sehr wahrscheinlich nichts nützen würde, weil dieser Täter-Typ notfalls auch den letzten Cent dafür ausgibt, dem Opfer zu folgen. Oder in diesem Fall Dauerurlaub auf Mallorca zu machen.“

„Nun, jedenfalls hat mir Paul Pauke so ziemlich alles erzählt, was Sie für ihn getan haben, und ich bin natürlich froh, dass er weitermacht und ich ihn weiterhin als Party-Act in hiesigen Discos einsetzen kann. Na ja, daher wusste ich auch, dass Sie bei der Polizei waren und auf Ihrem Gebiet wirklich gut sind. Mein Problem ist ja so ähnlich wie das von Pauke. Nur, dass diese Stalkerin nicht versucht hat ihn umzubringen.“ Während Marwitz redete, hatte er wieder sein Feuerzeug hervorgezogen und spielte damit herum. Wie ein Taschenspieler ließ er es durch die Finger wandern, bis es ihm zu Boden fiel. Dabei bewegte sich der Mund des Event-Managers unablässig, er machte nicht einmal eine Komma-Pause, auch nicht, als er sich nach vorn beugte, um das Feuerzeug wieder vom Boden aufzunehmen, woraufhin er anfing, damit herumzuklicken.

Berringer spürte, wie sich wieder Schweiß auf seiner Stirn bildete. „Hören Sie auf damit!“, unterbrach er Marwitz so barsch, dass sich dagegen jeder Unteroffizier morgens auf dem Kasernenhof wie ein säuselnder Sozialpädagoge ausnahm.

„Wie ...?“, fragte Marwitz.

„Tun Sie besser, was er sagt“, bat Vanessa und verdrehte genervt die Augen.

Marwitz blickte auf sein Feuerzeug, runzelte die Stirn und steckte es ein. „Seitdem man versucht, mich umzubringen, rauche ich wieder, obwohl ich es seit meinem Engagement beim Shopping-Sender drangegeben hatte, weil es die Haut ruiniert. Aber dass Sie so ein militanter Nichtraucher sind, Herr Berringer ...“

„Der Reihe nach“, unterbrach ihn Berringer. „Wenn Sie schon wissen, dass ich bei der Polizei war, dann sollten Sie auch wissen, warum ich den Dienst dort geschmissen hab. Vor ein paar Jahren ermittelte ich gegen das organisierte Verbrechen, und diese Schweinehunde haben sich an meiner Familie vergriffen. Meine Frau und mein Kind wurden in unserem Wagen in die Luft gesprengt. Ich habe mit angesehen, wie sie darin verbrannten. Ob die Gangster dachten, dass ich auch drin sitze, weiß ich nicht. Jedenfalls ...“

Als er stockte, führte Vanessa den Satz für ihn zu Ende: „... leidet er seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.“

„Ich habe davon gehört“, erklärte Marwitz, und er sagte es in einem fast mitleidigen Tonfall. Genau deswegen erzählte Berringer normalerweise niemandem etwas davon.

Aber in diesem Fall ließ es sich nicht vermeiden. Schließlich hatte Marwitz ein Recht darauf zu erfahren, weshalb Berringer scheinbar grundlos auf ihn losgegangen war.

„Ich konnte nicht länger bei der Polizei bleiben. Es ging einfach nicht“, sagte Berringer, „und deswegen habe ich damals den Dienst quittiert.“

„Ich verstehe. Wie bei den Afghanistan-Soldaten, die erlebt haben, wie ihre Kameraden in die Luft gesprengt wurden.“

„So ähnlich“, bestätigte Berringer. „Als Sie plötzlich mit dem Feuerzeug herumspielten, hat es in mir ausgesetzt. Normalerweise habe ich das im Griff. Diesmal war’s leider nicht so. Ich kann nur nochmals versichern, wie leid mir das tut – aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass es nicht wieder geschieht, wenn Sie hier unbedingt den Feuerteufel spielen wollen. Wenn Sie jetzt denken, dass ich vielleicht doch nicht der Richtige wäre, um Ihr Problem zu lösen, dann hätte ich Verständnis dafür und Sie sollten sich jemand anderen suchen.“ Marwitz zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie sagen, Sie haben das im Griff ...“ Er warf einen Blick auf das Feuerzeug in seiner Hand und ließ es dann schnell in seiner Hosentasche verschwinden. „Paul Pauke haben Sie ja auch helfen können.“

„Gut, dann wird Ihnen Vanessa mal unsere aktuelle Preisliste raussuchen, damit Sie wissen, was finanziell auf Sie zukommt, wenn ich für Sie tätig werde.“

„Geld ist kein Problem“, behauptete Marwitz.

Vanessa hatte inzwischen ein Exemplar der Preisliste aus einer Schublade hervorgeholt und gab sie Marwitz, dessen Augenbrauen sich zunächst etwas zusammenzogen, dann aber nickte er. „Okay.“

„Nun erzählen Sie mal, worum es geht“, forderte Berringer.

Marwitz atmete tief durch und bewegte nun nervös den großen Zeh, der sich durch das weiche Leder seines spitz zulaufenden Schuhs drückte. Auch der Schuh bewegte sich ein wenig, und das erzeugte ein nerviges leises Geräusch.

Der Mann ist vollkommen fertig, dachte Berringer, der allmählich wieder eine Antenne für seine Umgebung bekam. Eigentlich waren die genaue Beobachtungsgabe und die instinktsichere Interpretation von Kleinigkeiten in Mimik, Gestik, Körpersprache und Tonfall eine seiner Stärken. Er konnte Personen sehr schnell und sehr sicher einschätzen, und gerade seit er als privater Ermittler tätig war und ihm der erkennungsdienstliche Apparat der Düsseldorfer Polizei nicht mehr zur Verfügung stand (auf jeden Fall nicht mehr in gleicher Weise wie früher), war er auf diese Fähigkeit mehr denn je angewiesen.

Allerdings gab es gewisse Momente, in denen sie vollkommen aussetzten. Und einer dieser Momente war gewesen, als er Marwitz angegriffen hatte. Dann war er ein Gefangener der Vergangenheit und seine Gedanken nur auf diesen einen Augenblick konzentriert, an dem sich für ihn alles verändert hatte. Nichts war so geblieben, wie es war. Es gab ein Leben davor und eines danach, und beide hatten nicht allzu viel miteinander zu tun.

Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt!, ermahnte er sich. Laut der Anzeige an deinem Rechner ist es 12 Uhr 29. Du sitzt in deinem Büro im Stadtteil Bilk einem Klienten gegenüber, der sich trotz der abschreckenden Geschichten, die du über dich selbst kundgetan hast, noch von dir helfen lassen will, was wohl nur bedeuteten kann, dass ihm niemand anderes helfen kann oder will.

Die Vergegenwärtigung der Realität anhand von fassbaren Details war eine Strategie, die von Psychologen empfohlen wurde, um ein Trauma unter Kontrolle zu halten. Es sollte verhindern, dass ein Geruch, ein Geräusch, ein Lichtreflex oder irgendetwas anderes sonst als Trigger wirkte und man wieder anfallartig in den Moment versetzt wurde, in dem das traumatisierende Ereignis stattgefunden hatte. Ganz verhindern ließ es sich nicht. Der Körper hatte sein eigenes Gedächtnis, so hatte man es Berringer erklärt. Ein Gedächtnis, das sich vom Gehirn wenig vorschreiben ließ und in der Lage war, sich an eine Raumtemperatur bis auf ein Zehntel Grad genau zu erinnern – um damit einen Anfall auszulösen.

„Also“, begann Marwitz, „gestern Abend war ich in meinem Büro und habe auf so einen Blödmann gewartet, der heute bei der großen Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle von Mönchengladbach als Michael-Jackson-Double einspringen soll.“

„Wieso Blödmann?“, fragte Berringer.

„Der Typ kann nichts und wollte gleich Geld im Voraus. Aber ich hab keine Wahl, als ihn zu nehmen, weil mich sein Vorgänger ziemlich kurzfristig sitzen gelassen hat. Seit der King of Pop tot ist, können sich seine Lookalikes und Imitatoren vor Auftrittsangeboten kaum retten, und das macht die Sache für jemanden wie mich leider nicht leichter. Aber egal. Es war schon Mitternacht, und der Typ kam und kam nicht. Dann taucht er schließlich doch noch auf, und es stellt sich heraus, dass er nicht singen kann, Michael Jackson so ähnlich sieht wie eine Salatgurke einer Karotte und auch den Moonwalk kaum hinkriegt. Na ja“, Marwitz verzog das Gesicht zu einem säuerlichen Grinsen, „er kann ja vielleicht mit Mundschutz auftreten, dann fällt die nicht vorhandene Ähnlichkeit nicht so auf, und wenn er beim Playback die Lippen nicht synchron bewegt, kriegt das auch keiner mit. Und jetzt, da alle Welt um Jacko trauert, erhält er dafür wahrscheinlich trotzdem Applaus. Mit hoher Stimme ›I love you‹ ins Mikro hauchen, wird ja wohl nicht so schwer sein ...“

„Was passierte an dem Abend?“, versuchte Berringer das Gespräch wieder auf den Kern der Sache zu bringen. Er konnte sich inzwischen lebhaft vorstellen, wie Marwitz als Plaudertasche vom Dienst nacheinander einen Kindergeburtstag, einen Seniorennachmittag, eine Karnevalssitzung und eine Ü-30-Party über die Bühne brachte und vielleicht noch zwischendurch eine Amateur-Modenschau für ein Kaufhaus moderierte.

„Ich wollte dem Jacko-Double gerade fünfhundert Euro geben, hab meine Geldkassette aus der Schublade geholt, da gibt es plötzlich einen Knall. Eins der Bürofenster zerspringt, und ein Stahlbolzen zischt an mir vorbei und haut mit einer Wucht in die Wand rein – ich sag Ihnen, so was haben auch Sie noch nicht erlebt. Tja, und im nächsten Moment fliegt der Wagen des Jackson-Doubles in die Luft, und man hört laut und deutlich, wie ein paar Motorräder davonbrausen.“ Als er erwähnte, dass das Auto des Lookalikes explodiert war, zuckte Berringer merklich zusammen. Das Feuer ... Die verzerrten Gesichter seiner Frau und seines Sohnes in den Flammen ... Berringer riss sich am Riemen und fragte: „Und dann?“

„Na, was und dann? Das war‘s im Wesentlichen. Ich hab die Feuerwehr und die Polizei gerufen und kann jetzt nur beten, dass der falsche Jackson heute Abend auch auftaucht. Ich hätte mir ja schon längst selbst den Moonwalk beigebracht, wenn ich nicht seit meinem Skiunfall im letzten Jahr Probleme mit dem Knie hätte. Die fünfhundert Euro hat er jedenfalls mitgenommen, aber nachdem sein Wagen ausgebrannt ist, hat er ja vielleicht einen so großen Bedarf an Geld, dass er heute Abend wirklich auftritt.“

„Name und Adresse des Jacko-Doubles“, forderte Berringer.

„Arno Schwekendiek. Adresse, Telefonnummer und so weiter hab ich hier aufgeschrieben.“ Er kramte einen Zettel aus der Jacketttasche hervor und schob ihn Berringer über den Tisch. „Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was Sie von dem Kerl wollen.“

„Er ist ein wichtiger Zeuge, und da sein Auto bei diesem Anschlag in die Luft gesprengt wurde, könnte es sein, dass er das eigentliche Ziel der Attacke war und nicht Sie.“

„Nein, das glaub ich nicht“, widersprach Marwitz. „Sehen Sie, seit Wochen werde ich immer wieder von einer Rockergang bedroht. Die haben Veranstaltungen gesprengt, bei denen ich moderiert hab. Das Fest der Landjugend in Knickelsdorf zum Beispiel. Da haben die mit ihren Maschinen einen Riesen-Tumult veranstaltet.“

„Und da Sie vergangene Nacht Motorräder gehört haben, glauben Sie, dass diese Bande dahintersteckt?“

„Genau! MEAN DEVVILS nennen die sich. DEVVILS mit Doppel-V. Die sind in der ganzen Gegend berüchtigt.“

„Hat sich die Polizei die Typen nicht vorgenommen nach der Sache in Knickelsdorf?“, fragte Berringer.

„Nun, da laufen ein paar Verfahren, aber die Typen waren maskiert, und es ist wohl nicht so leicht, da Einzelnen was nachzuweisen. Und ich fürchte, dass wird jetzt wieder so sein.“

„Und weshalb meinen Sie, haben es die Burschen auf Sie abgesehen?“ Marwitz zuckte mit den Schultern. „Ich habe bisher immer gedacht, dass mir da jemand von der Konkurrenz richtig schaden will. Mich aus dem Job drängen oder so.

Verstehen Sie? Wenn sich herumspricht, dass es bei Veranstaltungen, bei denen ich auftrete, stets zu Krawallen kommt, engagiert mich niemand mehr.“

„Ich nehme an, die Polizei war am Tatort und hat sich alles angesehen“, vermutete Berringer.

„In Knickelsdorf?“

„Nein, bei dem Anschlag letzte Nacht.“

„Ja, sicher. Aber einen richtig kompetenten Eindruck haben die mir nicht gemacht.

Ich habe denen gesagt: Was soll denn noch passieren, damit Sie endlich ein paar von der Bande festnehmen? Aber dieser rothaarige Typ meinte nur, dass ich ganz beruhigt sein könnte, sie würden ihre Arbeit schon machen. Na großartig! Ich darf gar nicht an heute Abend denken ...“

„Wieso?“

„Na, die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle. Können Sie da nicht mit Ihren Leuten hinkommen?“

„Und Sie beschützen?“

„Vielleicht fällt Ihnen ja was auf. Wenn da heute Abend was passiert, dann ...“

„Was dann?“

Marwitz sah Berringer an und schluckte. „Dann bin ich draußen, verstehen Sie?“ Die Augen des Event-Managers flackerten unruhig. „Jetzt steht das Schützenfest in Korschenbroich an und dann das große internationale Feldhockey-Turnier, wo ich den Stadionsprecher machen werde und natürlich durch das Vorprogramm moderiere. Das ist ein Riesending! Ich weiß nicht, ob Sie’s wissen, aber der Hockeypark in Mönchengladbach ist das größte Feldhockey-Stadion Europas und ...“

„Ich verfolge eigentlich mehr das Schicksal der Borussia“, unterbrach Berringer, um Marwitz‘ Abschweifungen zu stoppen.

„Was ich sagen wollte, ist: Es gab da im Vorfeld einen sehr starken Konkurrenzkampf“, erklärte Marwitz, „und ich habe bei beiden Veranstaltungen die Sache für mich entschieden. Ich habe einfach überzeugt. Gutes Konzept, gute Probemoderation, ein rundes Paket eben. Aber es gab da noch jemand anderen, und den hat das sehr gewurmt: Eckart Krassow, meinen lokalen Konkurrenten. Wir machen so ziemlich das Gleiche, nur ist er in jeder Hinsicht etwas schlechter als ich. Schlechter bei der Moderation und schlechter im Preis ...“

Berringer runzelte die Stirn. „Und Sie glauben, dass dieser Krassow etwas mit dem Anschlag auf Sie zu tun hat? Ist der etwa nach Feierabend Rocker und fährt mit den MEAN DEVVILS auf 'ner Harley durch die Gladbacher City?“

„Nein, natürlich nicht. Aber erstens könnte es doch sein, dass die MEAN DEVVILS von Krassow bezahlt werden, um mich aus dem Markt zu drängen ...“

„Das glauben Sie wirklich?“

„... und zweitens ist Krassow Armbrust-Schütze in einem Verein.“

„Ich glaube, das müssen Sie mir erklären.“

„Na, der Stahlbolzen, der mich fast umgenietet hätte! Das war ein Armbrustbolzen! Das hat die Polizei herausgefunden. Wussten Sie, dass diese Dinger, wenn sie aus einer heutigen Hightech-Armbrust abgeschossen werden, sogar Panzerplatten durchschlagen können? Die Durchschlagskraft ist höher als bei den meisten Schusswaffen, und – jetzt kommt‘s! – sie zählen zwar als Schusswaffen, aber sie unterliegen nicht den dafür eigentlich infrage kommenden Gesetzen. Niemand braucht sich irgendwo anzumelden oder muss einen Waffenschein beantragen, wenn er so ein Ding erwirbt. Und wenn man wirklich auf Nummer sicher gehen will, geht man in die Schweiz, da zählen Armbrüste noch nicht mal als Waffe, und es gibt überhaupt keine Beschränkungen beim Erwerb, beim Verkauf, beim Besitz und so weiter.“

Klar, ist ja auch das Land von Wilhelm Tell, dachte Berringer, enthielt sich aber eines Kommentars auf Marwitz‘ gesammeltes Google-Wissen, das dieser sich offenbar auf die Schnelle angeeignet hatte, um sich schlau zu machen.

„Na, dann geben Sie mir sicherheitshalber auch die Adresse Ihres Konkurrenten“, sagte Berringer stattdessen. Er drehte den Zettel um, auf dem schon die Daten des Jacko-Doubels standen, und holte einen Kugelschreiber aus der Jackettinnentasche.

„Eckart Krassow hat sein Büro in der Landgrabenstraße. Nummer habe ich vergessen. Aber er hat 'ne Homepage, da steht alles drauf. Übrigens, soweit ich gehört habe, wäre es nicht das erste Mal, dass die MEAN DEVVILS solche Aufträge ausführen. Allerdings haben sie das bisher eher für das Rotlichtmilieu, Drogenhändler oder Inkasso-Büros getan. Nur will Ihr ehemaliger Kollege meinen diesbezüglichen Hinweisen nicht nachgehen. Den hat das gar nicht interessiert, diesen Ignoranten. Stattdessen wollte er dafür sorgen, dass bei mir jetzt häufiger Streifenwagen vorbeifahren, aber das glaube ich ihm nicht. Wäre ohnehin auch Blödsinn, weil ich ja ständig auf Achse bin. Ja, aber so ist das: Da wird man mit dem Tod bedroht und bekommt noch nicht mal anständigen Personenschutz! Das sind eben Beamte. Die haben ja ihre Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre, und was für Sorgen ein Selbstständiger wie ich so hat, das können die sich nicht mal ansatzweise vorstellen. Ich sage Ihnen, schon unser Steuersystem und die Pensionen ...“

Nein, bitte nicht!, dachte Berringer. Nicht diese Leier! „Sie sagten, mein Ex-Kollege war rothaarig. Hieß der zufällig Anderson?“

„Ja, so hieß er.“

„Sie haben Glück.“

„Als ich mit diesem Kerl zu tun hatte, hatte ich den Eindruck nicht gerade. Das ist ja einer der Gründe, warum ich zu Ihnen gekommen bin.“

„Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson, früher Kripo Düsseldorf, jetzt Kripo Mönchengladbach“, murmelte Berringer. „Ich kenne ihn gut. Wir waren zusammen in der Ausbildung, und Sie sollten wirklich nicht zu schlecht über ihn denken.“

„Wieso?“

„Als ich Paul Paukes Stalkerin überführt hab, brauchte ich ein paar Informationen, an die ich ohne Anderson nicht herangekommen wäre.“

„Na ja ...“, gab sich Marwitz nun etwas kleinlaut. „Ich will ja nichts gesagt haben. Und ganz bestimmt will ich Ihren ehemaligen Kollegen nicht schlechter reden, als er ist ...“

Berringer lächelte kühl. „Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen, Herr Marwitz.“

„Aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich bin mit den Nerven ziemlich am Ende.

Tja, und heute Abend muss ich natürlich wieder megagut drauf sein, wenn die ergrauten Achtzigerjahre-Teenies abfeiern wollen und so tun, als wäre die Zeit an ihnen vorbeigegangen und nur sie selbst jung und geil geblieben.“ Da passt du doch ganz gut dazwischen!, dachte Berringer.

„Klingt nach einem wirklich harten Job“, sagte er laut und mit einigermaßen überzeugend geheucheltem Mitleid.

„Kann ich heute Abend mit Ihnen und Ihrer Truppe rechnen?“, vergewisserte sich Marwitz.

„Ja, Sie können sich auf uns verlassen“, versprach Berringer. „Hundertprozentig.“

„Ich rede mit dem Veranstalter, damit man Sie hereinlässt.“

Wäre ja noch schöner, wenn ich für diesen Mist noch bezahlen müsste!, dachte Berringer. Alle Formen des organisierten Frohsinns waren ihm verhasst, und das hatte ausnahmsweise nichts mit seinem Trauma zu tun, sondern lag in seiner tiefsten Natur begründet. Das hatte er feststellen müssen, als es ihn vor Jahren aus dem heimatlichen, komplett frohsinnsfreien, von muffigen Sturköpfen dominierten Münsterland in das karnevalsverrückte Düsseldorf verschlagen hatte.

Marwitz wandte sich an Vanessa. „Ich werde sogar versuchen, Sonderkarten für Sie aufzutreiben. Für den Backstagebereich und so.“ Er schenkte Vanessa ein öliges Lächeln, und zu Berringers Entsetzen schien Marwitz damit bei ihr sogar zu punkten.

Jedenfalls kicherte sie.

Bevor die Situation noch peinlicher werden konnte, meldete sich Marwitz’ Handy, indem es in reichlich scheppernden Akkorden den Triumphmarsch aus Aida schmetterte.

Viel Schein, wenig Sein, dachte Berringer. Aber unglücklicherweise schien sich genau diese besondere Angeber-Spezies bestens zu vermehren.

„Marwitz, Agentur Event Horizon – Motto: Wir machen alles möglich, aber Wunder dauern fünf Minuten länger. Was kann ich für Sie tun?“ Berringer überlegte, wie oft Marwitz diesen Spruch wohl schon heruntergerattert hatte, um ihn in dieser exorbitanten Geschwindigkeit fehlerfrei und immer noch deutlich akzentuiert über die Lippen zu bringen. Da zeigt sich der wahre Profi, dachte Berringer.

Marwitz schien das größte Schnellsprechtalent seit Dieter Thomas Heck zu sein, doch der Fluch der späten Geburt hatte dafür gesorgt, dass seine Zeit schon vorbei gewesen war, bevor er seine Karriere hatte starten können. Der Mantel der Geschichte hatte diesen Moderatorentyp gestreift und war an ihm vorbeigegangen, und nun mussten Männer wie Frank Marwitz auf Ü-30-Partys grölende Massen unterhalten anstatt eine Samstagabendshow im ZDF zu moderieren.

Marwitz sagte ein paar Mal knapp, zackig und ganz gegen seine ansonsten ausschweifende Diktion „Ja!“ und beendete dann das Gespräch. Dann stand er auf und sah gewichtig auf seine Armbanduhr, die zwar aussah wie eine Rolex, aber nur ein preiswertes Imitat war, wie Berringer auf den ersten Blick erkannte. In der Zeit, als er noch mit einer Polizeimarke gegen das organisierte Verbrechen gekämpft hatte, hatte er unzählige solcher Fälschungen sichergestellt. Sie wurden von kriminellen Banden über die EU-Grenzen geschleust und dann für einen Bruchteil des Preises angeboten, den ein Originalprodukt kostete.

„Ich muss leider weg. Ich habe wider Erwarten jemanden gefunden, der mir eine PA-Anlage liefern kann.“

„Wie ...?“, fragte Berringer.

„PA – Public Adress. Eine Anlage zur Beschallung einer öffentlichen Veranstaltung – also mit genügend Leistung.“

Marwitz hatte Berringer gründlich missverstanden. Berringer wusste durchaus, was eine PA-Anlage war. Er wunderte sich nur, dass sie Marwitz plötzlich wichtiger war als seine Sicherheit. Jedenfalls schien er auf einmal keinerlei Furcht mehr davor zu haben, dass man noch einen weiteren Anschlag auf ihn verüben könnte.

„Wir sehen uns also heute Abend in der Kaiser-Friedrich-Halle“, sagte Marwitz und eilte schon Richtung Tür.

„Wann fängt die Party denn an?“, fragte Berringer schnell.

„Um acht. Aber ich bin schon um sieben da, und es wäre schön ...“ Den Rest bekam Berringer nicht mehr mit.

„Seltsamer Typ“, sagte Berringer, als der Event-Manager weg war.

„Ich fand ihn nett“, meinte Vanessa.

„Na ja ...“ Berringer bemühte sich, nicht mit den Augen zu rollen.

Als nächstes versuchte er Mark Lange anzurufen, um ihm zu sagen, dass er ihn am Abend unbedingt brauche. Aber Mark war nicht erreichbar. „Hat bestimmt das Handy abgestellt, damit ich ihn nicht belästige“, brummte Berringer.

„Schreib ihm doch 'ne SMS“, schlug Vanessa vor.

Berringer seufzte. „Bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, knurrte er. Er hoffte nur, dass sich Mark die Nachricht auch rechtzeitig ansah. „Mit dir rechne ich natürlich auch ganz fest“, fügte er an Vanessa gerichtet hinzu.

„Kein Problem.“

Na, da hat der Charme des Möchtegern-Medienstars aber volle Wirkung gezeigt!, ging es Berringer durch den Kopf, denn ansonsten brachte Vanessa ganz obligatorisch ein paar Widerworte vor, wenn er eine Aufgabe für sie hatte.

Die nächste Nummer, die Berringer wählte, gehörte Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson. Sie war im Adressbuch der Telefonanlage gespeichert.

„Kann ich gleich mal vorbeikommen?“, fragte der Detektiv. „Wie, was heißt hier: Es ist im Moment gerade schlecht? Die Sache ist sehr wichtig, und eine Hand wäscht die andere, das weißt du doch.“

Berringer lauschte der Antwort, sagte dann „Ja, ja – schon gut“ und legte auf.

„Na, meiden dich jetzt schon alte Freunde, Berry?“, fragte Vanessa spitz.

„Nein, das nicht. Allerdings muss ich in einer halben Stunde in Gladbach sein. Thomas muss in die Drachenhöhle.“

Vanessa runzelte die Stirn. „Ist dein Kommissar-Kumpel nicht ein bisschen zu alt für Fantasy-Rollenspiele?“

„Drachenhöhle wird im Gladbacher Polizeipräsidium das Büro der Staatsanwaltschaft genannt, insbesondere das von Frau Dr. Müller-Steffenhagen. Und bei der soll der arme Thomas in 'ner Stunde antanzen.“

„Klingt ja richtig gruselig“, neckte Vanessa.

„Ja, da bin ich richtig froh, mit dem ganzen Laden nichts mehr zu tun zu haben“, seufzte Berringer.

2. Kapitel: In den Straßen von Mönchengladbach

Die Treppe zu Berringers Büro im vierten Stock mehrmals täglich hoch- und dann wieder auf Erdgeschossniveau hinabzusteigen, war gegenwärtig der einzige Sport, den er betrieb – vom Denksport mal abgesehen, den sein Job manchmal mit sich brachte.

Angeblich war Bilk der Stadtteil mit den meisten Frauen und der höchsten Geburtenrate in ganz Düsseldorf; nirgends in der Landeshauptstadt gab es mehr Kinder. In den vielen Kneipen wurde aber trotzdem Alt und nicht Malzbier ausgeschenkt. Eingefleischte Lokalpatrioten behaupteten sogar, dass man in der Bilker Lorettostraße viel besser shoppen könnte als auf der Kö.

Berringer allerdings nahm eher an, dass Leute, die so etwas von sich gaben, einfach nur schon zu lange nicht mehr aus Bilk herausgekommen waren, vielleicht weil sie den ganzen Tag über einen Kinderwagen vor sich herschoben. So toll dieser Stadtteil mit seinen schmucken Altbauten, den kleinen Straßen und den vielen Bäumen auch war, in Bilk zu wohnen hätte sich Berringer nicht vorstellen können. Sein privates Domizil lag im Düsseldorfer Hafen, fünfzehn Gehminuten entfernt, und war ein Hausboot, für das er noch immer keinen richtigen Namen gefunden hatte. So hieß der umgebaute Frachter einfach DIE NAMENLOSE.

Auch bis zu seinem Wagen musste Berringer an diesem Tag fast eine Viertelstunde gehen, nur in die andere Richtung. Parkplätze waren in Bilk so knapp wie überall in der Landeshauptstadt. Die legalen Parkplätze waren sogar noch knapper und die, für man nichts bezahlen musste, eigentlich immer besetzt.

Aber für Berringer hatte das sein Gutes. Manchmal wachte er morgens auf, und es schien keinen Grund zu geben, das Bett zu verlassen. Doch bevor man sich der Depression ergab, riss einen der Gedanke aus den Federn, dass man vielleicht keinen Parkplatz mehr bekam, wenn man sich nicht sputete, und in Berringers Job konnte es mitunter ziemlich wichtig sein, den Wagen in unmittelbarer Nähe des Büros zu haben.

So angenehm ein Spaziergang durch das malerische Bilk bei gutem Wetter auch sein mochte, manchmal musste es eben einfach sehr schnell gehen. Und dies war so ein Moment.

Berringer ging mit großen Schritten durch die Straßen und zog schließlich das Longjackett aus, weil er ins Schwitzen geriet. Schließlich fand er die Stelle wieder, wo er den Wagen, einen Opel, geparkt hatte. Er war neu, denn der fahrbare Untersatz, den er bis vor zwei Monaten noch benutzt hatte, hatte den Geist aufgegeben.

Berringer stieg ein.

MEAN DEVVILS mit Doppel-V ... Er versuchte sich daran zu erinnern, ob er schon irgendwann mal etwas von dieser Rockergruppe gehört hatte. Etwas, das ihn weiterbringen konnte. Aber ihm fiel nichts ein. Außer ein paar Zeitungsartikeln, an die er sich vage erinnerte und in denen es um die üblichen Randale gegangen war: Schlägereien, einen Türsteherkrieg, Drogen ... Aber das hatte alles in Mönchengladbach stattgefunden, also schon fast im Ausland.

Bestimmt konnte ihm Thomas Anderson weiterhelfen.

Berringer warf das Jackett auf den Beifahrersitz. Von Düsseldorf-Bilk bis Gladbach war es eine knappe halbe Stunde. Berringer stellte fest, dass er sein Navi vergessen hatte, fand das aber nicht weiter schlimm. Erstens war es noch nicht lange her, dass er zuletzt dem Polizeipräsidium von Mönchengladbach einen Besuch abgestattet hatte, und zweitens hatte Berringer als Ex-Polizist einen exzellenten und gut trainierten Orientierungssinn, und so traute er sich zu, die Theodor-Heuss-Straße in Mönchengladbach im Schlaf zu finden. Das Polizeipräsidium war ein so großer Gebäudekomplex, dass man ihn kaum übersehen konnte.

Während er damals Paul Pauke vor den Nachstellungen dieser verrückten Stalkerin beschützt hatte, war er mehrmals die Woche in Thomas Andersons Büro gewesen. So oft, dass er dem Herrn Kriminalhauptkommissar damit wohl schon ziemlich auf die Nerven gegangen war, Freundschaft hin oder her.

Und jetzt bin ich leider gezwungen, Thomas schon wieder auf den Wecker zu fallen, dachte Berringer. Kein Wunder, dass Anderson alles andere als erfreut geklungen hatte, als er Berringers Stimme am Telefon vernommen hatte.

Er fuhr auf die Kopernikusstraße und gelangte schließlich zum Düsseldorfer Südring, wo sich der Verkehr bereits auf verdächtige Weise verlangsamte. Stau? Baustelle?

Berringer rechnete jeden Moment damit, dass bei den Fahrzeugen vor ihm die Warnblinkanlagen angingen.

Der Aggregatzustand des Verkehrs veränderte sich von fließend in zähflüssig.

Berringer trommelte mit den Fingern nervös auf dem Lenkrad herum. Wenn das so weiterging, würde Anderson bereits in der staatsanwaltschaftlichen Drachenhöhle hocken, wenn er die Theodor-Heuss-Straße in Mönchengladbach erreichte. Anders als in Märchen und Fantasy-Romanen bestimmten dort allerdings die Drachen die Regeln, nicht die aufrechten Recken, die für Recht und Gerechtigkeit eintraten.

Berringer erinnerte sich noch gut daran. Von diesen Büros war mitunter ein enormer Ermittlungsdruck ausgegangen, was bisweilen dafür gesorgt hatte, dass letztendlich niemand mit dem Ergebnis der jeweiligen Untersuchung hatte zufrieden sein können.

Insbesondere geschah das immer dann, wenn ein Fall Aufsehen in der Öffentlichkeit erregte. Dann schrien Medien und Politik jedes Mal auf, wenn nicht umgehend Erfolge präsentiert wurden, und dadurch reagierten alle Beteiligten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und taten in erste Linie das, was öffentlichkeitswirksam nach entschlossenem Handeln aussah, aber nicht das, was wirklich zur Lösung des Falls beitrug. So mancher Massen-Gentest gehörte in diese Rubrik und war in Wahrheit eher ein Akt der Verzweiflung als Teil überlegter Ermittlungstaktik.

Manchmal brauchte man eben Geduld, um zu Ergebnissen zu kommen. Jeder Jäger, der tagelang auf dem Hochsitz zubrachte, wusste das, aber diese Tugend vertrug sich irgendwie nicht mit der Kurzatmigkeit der Medien.

Wie geduldig man mitunter sein musste, hatte Berringer am eigenen Leib erfahren, und das auf sehr schmerzhafte Weise. Der Tod seiner Familie war auch nach Jahren noch immer nicht vollständig aufgeklärt, und es war fraglich, ob das überhaupt jemals geschehen würde. Zwar saß ein Mann wegen dieses Verbrechens im Gefängnis, aber der Killer war bestenfalls ein Werkzeug gewesen, und man hätte ihn genauso gut zusammen mit anderen Tatwaffen in der Asservatenkammer aufbewahren können, hätte das nicht gegen die Menschenwürde verstoßen. Wer diesen Mann beauftragt und damals aus dem Hintergrund die Fäden gezogen hatte, war bislang unbekannt.

Es gab nur einen nom de guerre, einen Kampfnamen.

Die Eminenz!

Anscheinend spielte diese Eminenz eine gewichtige Rolle in der organisierten Kriminalität des Niederrheins, und so hatte Berringer damals gegen dieses Phantom ermittelt. Vielleicht war er dem unbekannten Paten dabei näher gekommen, als er geahnt hatte. So nahe, dass man ihn als Gefahr eingestuft hatte – als jemanden, der kaltgestellt werden musste.

Und obwohl die Autobombe aufgrund nie wirklich geklärter Umstände nicht ihn, sondern seine Familie getötet hatte, hatte die andere Seite damit ihr Ziel erreicht.

Vorerst zumindest.

Denn auch wenn sich Berringer in dieser Sache zunächst geschlagen geben musste, so war er doch entschlossen, irgendwann Licht ins Dunkel zu bringen. Irgendwann, das hatte er sich fest vorgenommen, würde er alle Teile des Puzzles zusammengefügt haben. Irgendwann würde vielleicht auch der eingebuchtete Killer sein Schweigen brechen.

Irgendwann ...

Sie sollten aufhören, in der Vergangenheit zu leben!

Er hatte den markigen Satz eines dieser Psychologen noch im Ohr, bei denen er in Behandlung gewesen war. Berringer mochte dem noch nicht einmal widersprechen.

Manchmal wiederholte er diesen Satz sogar leise, sprach ihn vor sich hin wie ein Mantra, wenn er innerlich abzudriften drohte und Gefahr lief, den Anforderungen im Hier und Jetzt nicht mehr gerecht zu werden. Sein Verstand sagte ihm, dass der Doc recht hatte, aber da war etwas anderes, viel Stärkeres in ihm, das seine Gedanken trotzdem immer wieder rückwärts richtete.

Er konnte nichts dagegen tun. Und oft wollte er es auch gar nicht.

Der Verkehr quälte sich langsam an einem Lastwagen vorbei, dem wohl ein Reifen geplatzt war. Jedenfalls hing der Geruch von angeschmortem Gummi in der Luft und gelangte über die Belüftung des Opel auch in Berringers Nase.

Der Lastwagen war offenbar die Ursache für den zähfließenden Verkehr gewesen, denn danach ging es schneller voran. Auf dem Südring nahm Berringer die Ausfahrt zur A57 und trat dann das Gaspedal voll durch, in der Hoffnung, dass er nicht von den Ex-Kollegen der Autobahnpolizei gestoppt wurde.

Er nahm die Route über die A52 Richtung Mönchengladbach. Drei Baustellen ließen ihn beinahe jeden Zukunftsglauben begraben, noch pünktlich beim Polizeipräsidium anzukommen.

Durch die veränderte Verkehrsführung im Baustellenbereich verpasste Berringer dann beinahe noch die Abfahrt Nord. Vielleicht war auch der Umstand Schuld, dass er sich nicht richtig auf die Fahrt konzentrierte. Ein Detail aus Frank Marwitz’ Bericht schwirrte ihm immer wieder im Kopf herum.

MEAN DEVVILS – mit Doppel-V ...

Berringer war sich plötzlich sicher, schon einmal in einem anderen Zusammenhang das Wort DEVVIL mit Doppel-V gesehen zu haben. Es lag schon länger zurück, in jenem so fern erscheinenden Abschnitt seines Lebens, in dem noch alles in Ordnung gewesen war.

Vor seinem inneren Auge tauchte ein grobschlächtiges Gesicht auf, das ihm jedoch nur nebulös in Erinnerung geblieben war, obwohl er eigentlich darauf trainiert war, sich Gesichter zu merken. Aber offenbar war dieses nicht wichtig genug gewesen, und so hatten es diese Züge nicht in den permanent abrufbaren Bereich des Langzeitgedächtnisses geschafft.

Dafür war da dieses Detail, das sich dort aus irgendeinem Grund festgesetzt hatte und nun wieder aus der Versenkung auftauchte, in der es einige Jahre lang geschlummert hatte.

DEVVILISH – mit zwei V! Ein Tattoo, das am Halsansatz aus dem Muskelshirt eines Türstehers geschaut hatte. Die einzelnen Buchstaben waren in altdeutscher Frakturschrift gewesen.

Und auf einmal fiel Berringer auch wieder ein, bei welcher Gelegenheit er das Tattoo gesehen hatte.

Es war bei einer Razzia gewesen, an der er vor Jahren teilgenommen hatte. Der Türsteher mit dem Tattoo am Halsansatz hatte ein ziemlich verdutztes Gesicht gemacht, als ihm die Dienstmarke der Kripo unter die Nase gehalten wurde.

Wahrscheinlich waren seine Personalien von Kollegen aufgenommen worden; an den Namen des Burschen erinnerte sich Berringer jedenfalls nicht mehr. Aber an den Namen der Diskothek. Und daran, dass die Razzia ein Reinfall gewesen war.

BLUE LIGHT ...

Ein Glitzerschuppen, der über ein paar Strohmänner unter der Kontrolle des organisierten Verbrechens gestanden und der Geldwäsche sowie als Drogenumschlagsplatz gedient hatte. Berringer und seine Kollegen hatten gehofft, eine Spur zu finden, die sie der Eminenz ein Stück näher hätte bringen können. Die Düsseldorfer Kripo hatte Insidertipps gehabt, aber die andere Seite hatte von der geplanten Razzia Wind bekommen. Jedenfalls war am entsprechenden Abend noch nicht einmal ein Joint gefunden worden.

Devvilish ... Mean Devvils ...

Das doppelte V bei beiden Wörtern stellte nun wirklich keine besonders augenfällige Verbindung zwischen beiden Sachverhalten dar.

Dennoch ...

Glaubst du an Zufälle?, fragte sich Berringer.

Er wusste, dass er dieser Spur folgen würde. Geduldig und ohne eine Ahnung zu haben, wohin sie ihn führen würde.

Gut möglich, dass er damit wieder mal nur nach einem Strohhalm griff, um den Mord an seiner Familie aufklären zu können ...

Mit Mühe und Not und einem Tritt in die Eisen, der einen dicht auffahrenden Mercedes-Fahrer zu der allgemein unter der Bezeichnung „Einen Vogel zeigen“ bekannten Geste verleitete, zog Berringer den Opel auf die Abbiegerspur nach Viersen. Er sah auf die Uhr. Er brauchte schon eine grüne Welle, um es noch mit einer einigermaßen vertretbaren Verspätung zum Präsidium zu schaffen.

An der nächsten Gabelung hielt er sich rechts und folgte den Schildern, die nach Mönchengladbach wiesen. Wo auch immer das sein mag, dachte Berringer leicht amüsiert. Im Grunde war Mönchengladbach eine Gruppe von Kleinstädten und Dörfern, um welche die allmächtigen Herren der Gebietsreform irgendwann einmal einen Kreis gezogen hatten, um dann zu verkünden: Es werde eine Stadt! Und es ward eine Stadt. Mit einem Lokalpatriotismus, der zumindest solange gehalten hatte, wie die Borussia den Bayern die Meisterschaft hatte wegschnappen können. Aber das war in den seligen Siebzigern gewesen, und die waren lange vorbei.

Berringer folgte der Kaldenkirchener Straße und wurde von ein paar Motorrädern überholt, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Überholmanöver durchführten und die anderen Verkehrsteilnehmer offenbar als Slalomstangen in einem Biker-Rallye-Park ansahen. In solchen Augenblicken hätte Berringer am liebsten die rote Kelle rausgehalten oder die Leuchtanzeige mit der Aufschrift BITTE FOLGEN! eingeschaltet, um wenigstens ein paar dieser Verrückten die Leviten zu lesen.

Nein, du bist kein Polizist mehr!, musste er sich dann jedes Mal eindringlich selbst erinnern. Seine Befugnisse waren nicht größer als die jedes anderen Bürgers. Er konnte Nummernschilder aufschreiben und Anzeige erstatten, mehr nicht.

Nun ja, der Nutzen all der Appelle an die Vernunft war bei solchen Typen ohnehin kaum messbar.

Dieses Mal achtete Berringer besonders auf die Embleme und Schriftzüge auf den Jacken und den Maschinen der Biker. Einer von den Kerlen fuhr sogar provozierend lange neben ihm her und zeigte ihm den Stinkefinger, anstatt seinen Überholvorgang zügig abzuschließen.

An diesem Tag wurde das bisschen, das von Berringers psychischer Stabilität geblieben war, auf eine harte Probe gestellt.

Bei keinem der Rocker war ein DEVVIL mit zwei V auszumachen, auch nicht in irgendwelchen Abwandlungen oder Kombinationen. Stattdessen registrierte er jede Menge Totenköpfe und ein paar Mal die Aufschrift EAGLES OF TERROR. War wohl die Konkurrenz der MEAN DEVVILS.

Die Motoren heulten auf, und auch der Stinkefinger-Zeiger brauste davon, mit einer Geschwindigkeit, dass es den überwiegend altersschwachen Fahrzeugen der Einsatzwagenflotte des Landes NRW wohl schwer gefallen wäre, die Verfolgung aufzunehmen. Der Spuk war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte.

Komische Schreckensvögel, dachte Berringer.

Noch bevor er den Bismarckplatz erreichte, meldete sich sein Handy. Er nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

„Herbolzheimer, Hafenverwaltung“, stellte sich eine schleppend sprechende Frauenstimme vor. „Spreche ich mit Herrn Robert Berringer?“

„Ja.“

„Sie sind der Eigner eines Boots, das die Bezeichnung NAMENLOSE trägt?“

„Richtig.“

„Im Bereich des Liegeplatzes, den Sie zurzeit haben, müssen Ausbesserungsarbeiten an der Kaimauer durchgeführt werden. Dazu ist es nötig, dass Ihr Boot an einen anderen Liegeplatz verlegt wird.“

Der Gedanke, dass die NAMENLOSE an einem anderen Platz festmachen sollte, gefiel Berringer nicht. Er konnte nicht genau sagen, weshalb eigentlich. War es nicht völlig normal, dass Boote ab und zu mal ihren Liegeplatz änderten?

Aber in diesem Fall war das etwas anderes. Seitdem Berringer die NAMENLOSE

besaß und als seinen Wohnsitz nutzte, hatte sie ihren Liegeplatz nicht mehr gewechselt.

„Ich habe nirgends Schäden an der Kaimauer bemerkt“, sagte der Detektiv.

„Wir führen die Arbeiten ja auch durch, bevor sichtbare Schäden auftreten“, erläuterte ihm die Stimme am anderen Ende der Verbindung. „Im Übrigen sind Sie bereits schriftlich auf die anstehenden Maßnahmen hingewiesen worden.“ Berringer konnte sich nicht erinnern, einen entsprechenden Bescheid erhalten zu haben. „Tut mir leid, Ihre Post hat mich nicht erreicht.“

„Wie dem auch sei, Sie müssen bis morgen mit der ... äh, mit der NAMENLOSEN den jetzigen Liegeplatz verlassen haben.“

„Ich habe die Gebühren im Voraus bezahlt!“, empörte sich Berringer.

„Dafür ist Ihnen ja auch für die Zeit der Baumaßnahmen ein Ersatzliegeplatz zugewiesen worden. Nummer ... Einen Moment!“

„Mailen Sie mir die Nummer zu“, bat Berringer. „Dann weiß ich zumindest, wo es hingeht.“ Er gab seine E-Mail-Adresse durch.

„Ich rufe Sie eigentlich nur an, weil ich mich vergewissern wollte, dass Sie Ihren Liegeplatz tatsächlich freigemacht haben, damit die Arbeiten wie geplant beginnen können.“

„Ja“, knurrte Berringer wenig begeistert.

„Vorsorglich weise ich Sie darauf hin, dass man Sie in Regress nehmen kann, falls durch ...“

„Ist schon klar“, schnitt Berringer ihr das Wort ab.

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, rief er in der Detektei an. Vanessa war am Apparat.

„Ruf Werner van Leye an. Seine Nummer steht in unserem Adressverzeichnis. Sag ihm, meine NAMENLOSE muss bis morgen auf einen anderen Liegeplatz verlegt werden, dessen Nummer gleich per E-Mail durchgegeben wird.“ Werner van Leye war ein ehemaliger Binnenschiffer, der sich zu seiner Frührente hier und da etwas schwarz dazuverdiente. Er war es gewesen, der die NAMENLOSE überhaupt an ihren Liegeplatz manövriert hatte. Schließlich hatte Berringer zwar manche Qualifikation, aber eine Fahrberechtigung für Binnenschiffe gehörte nicht dazu. Noch schwerer wog, dass er sich zu einem solchen Manöver gar nicht in der Lage sah. Bevor er also selbst sein Kapitänsglück versuchte, war es besser, dass sich jemand darum kümmerte, der die nötige Erfahrung hatte. Schließlich wollte Berringer nicht, dass am Ende nicht nur Ausbesserungsarbeiten an der Kaimauer, sondern auch noch an seinem Boot durchgeführt werden mussten.

„Ich kann dir jetzt keine Einzelheiten erklären“, sagte Berringer zu Vanessa. Aber wie sich herausstellte, war das auch gar nicht nötig.

„Ach, du meinst wegen der Ausbesserungsarbeiten des Hafenamts“, hörte er ihre helle Stimme ganz beiläufig daherflöten.

Für einen Moment glaubte er, sich verhört zu haben, und war sprachlos. Dann brach es aus ihm hervor: „Du weißt davon?“

„Ich habe dir den Brief mehrfach vor die Nase gehalten, aber du hast die Sache wohl irgendwie nicht zur Kenntnis genommen. Na ja, das ist ein Weilchen her. Ich dachte, du hättest das längst geregelt.“

„Tja, das habe ich dann offensichtlich nicht“, murmelte Berringer.

„Ich kümmere mich darum.“

„Danke.“

Vanessa beendete das Gespräch.

Berringer nahm mechanisch die Südeinfahrt des Mönchengladbacher Polizeipräsidiums an der Ecke Theodor-Heuss-Straße/Webschulstraße. So kam man auf dem schnellsten Weg zum Besucherparkplatz, und außerdem war das Gebäude nicht weit, in dem sich das Kommissariat 11 befand, dem Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson angehörte.

Berringer ließ sich vom Pförtner durchwinken, der ihn kannte und wusste, dass sich Berringer zurechtfand. Nach links ging es auf den Besucherparkplatz, der an eine Grünfläche mit Teich angrenzte. Die Gebäude waren von A bis P durchnummeriert, woran man allein schon ermessen konnte, welche Ausmaße die Anlage hatte.

Berringer konnte sich immer nur wundern, dass diese Ansammlung von beschaulichen Dörfern, die sich Mönchengladbach nannte und, seit die Borussia nicht mehr am Bökelberg spielte, ihr „Zentrum der Herzen“ verloren hatte, ein so großes Polizeipräsidium brauchte. Lokalpatrioten aus Rheydt, die sich noch lange gegen die Eingemeindung im Jahre 1975 gewehrt hatten, sahen darin wahrscheinlich noch immer eine geballte Demonstration der kommunalen Zentralmacht.

Aber vielleicht war der Grund für die bauliche Zurschaustellung polizeilicher Stärke auch der, dass die Gegend gar nicht so besinnlich war, wie sie Berringer bei der ersten Durchfahrt erschien. Die Nähe zur holländischen Grenze brachte es natürlich mit sich, dass die Drogenfahnder immer gut zu tun hatten. Trotz europäischer Union und Schengener Abkommen, trotz des gemeinsamen Wirtschaftsraumes, gemeinsamer Verteidigung und des Euros als gemeinsame Währung – die unterschiedliche gesetzliche Behandlung sogenannter weicher Drogen in den Niederlanden und dem Rest der Welt sorgte dafür, dass diese Grenze auf absehbare Zeit mehr bleiben würde als nur eine Verwaltungsgrenze.

Berringer eilte im Laufschritt zum Gebäude, das sich entlang der Theodor-Heuss-Straße wie ein lang gezogener Schlauch erstreckte. Unglücklicherweise war das Kriminalkommissariat im Westteil untergebracht, was bedeutete, dass Berringer einen längeren Weg hatte.

Er stürmte durch den Eingang, nachdem man ihm dort geöffnet hatte. Jetzt nur nicht ungeduldig oder gar aggressiv-erregt wirken, dachte Berringer. Sonst bestand die Gefahr, dass man ihn nicht weiter vorließ.

„Zu wem wollen Sie denn?“, fragte eine Frau in einem Glaskasten.

„Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson. Wir haben einen Termin.“

„Davon ist mir nichts bekannt.“

„Rufen Sie doch bitte kurz durch.“

„Ja, aber ...“

„Bitte, es ist dringend.“

Der größte Fehler, den Berringer in so einer Situation machen konnte, war zu erwähnen, dass er Privatdetektiv war. Irgendwie wurde er dann immer als unlautere Konkurrenz angesehen, als etwas, das es eigentlich gar nicht geben durfte.

Schließlich war die Bekämpfung des Verbrechens eine staatliche Aufgabe, da hatte sich die Privatwirtschaft rauszuhalten. So oder so ähnlich lautete die in Hallen wie dieser weit verbreitete Ansicht. Kaufhausdetektive, Nachtwächter und Personenschützer – das war noch statthaft. Aber um den Rest – wenn’s denn nicht gerade um Ehebruch ging – kümmerte sich bitte schön die Staatsmacht selbst.

Früher hatte Berringer diese schlechte Meinung über Privatdetektive und alles, was sich sonst noch im sogenannten Security-Business tummelte, durchaus geteilt. Die Tatsache, dass man keine Ausbildung, sondern nur einen Gewerbeschein brauchte, um sich „Privater Ermittler“ nennen zu dürfen, trug sicher nicht zum guten Ruf der Branche bei.

Abgesehen davon war jeder Private, der in der Sicherheitsbranche tätig war, eine stille Anklage gegen die Unzulänglichkeit von Justiz und Polizei.

„Herr Anderson erwartet Sie“, sagte die Frau im Glaskasten schließlich, nachdem sie aufgelegt hatte.

„Danke“, knurrte Berringer, was eigentlich mehr wie „Na endlich“ klang.

„Sie sollen sich beeilen!“

„Witzbold!“

„Was meinten Sie?“

„Nichts.“

Berringer nahm immer drei Stufen auf einmal. Auf diese Weise war er schneller, als wenn er auf den Lift gewartet hätte.

Augenblicke später stand er vor Andersons Büro und klopfte.

„Herein!“

Berringer trat ein.

Thomas Anderson stand hinter seinem Schreibtisch. Er trug sein Jackett, den mittleren Knopf zugeknöpft, den Schlips hochgezogen und eine Mappe unter dem Arm. Das alles zusammengenommen konnte eigentlich nur bedeuten, dass er bereits auf dem Sprung war. Fertig zum Kampf in der Drachenhöhle.

Er sah auf die Uhr. Eine Geste, die man nur auf eine Weise verstehen konnte: als Vorwurf.

„Berry, du bist spät.“

„Tut mir leid.“

„Ich hatte dir doch gesagt, was gleich für mich ansteht.“

„Und ich sagte, dass es mir leid tut. Der verdammte Verkehr, du weißt schon. Sieht aus, als soll buchstäblich jeder Autobahnkilometer in und um Mönchengladbach verbreitert, ausgebessert oder aus anderen Gründen neu geteert werden.“

„Vorwiegend sind das wohl andere Gründe“, sagte Anderson. „Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung zeigt Wirkung. Die Gelder müssen von den Kommunen noch rechtzeitig ausgegeben werden, und da wird jetzt asphaltiert, was das Zeug hält. Für unsere Kollegen von der Verkehrspolizei ist das natürlich mit erheblicher Mehrarbeit verbunden. Die Unfallzahlen sind gerade in den Baustellenbereichen alarmierend gestiegen.“

„Kann ich mir denken.“

„Aber nun zur Sache, Berry. Meine Zeit ist knapp, und ich hoffe, du kommst mir mit etwas wirklich Wichtigem“

„Frank Marwitz war bei mir.“

„Dieser Wichtigtuer vom Dienst? Die Rampensau von Mönchengladbach? Keine Party ohne die dummen Sprüche von Frank Marwitz. Na ja, ich kann mir schon denken, was er wollte.“

„So?“

Anderson legte die Mappe auf den Tisch. Eins zu null für mich, dachte Berringer, denn das bedeutete, dass sich Anderson ein wenig Zeit nehmen würde. Und das Dunkelrot, das sein Gesicht plötzlich angenommen hatte, deutete auf einen Zustand hin, den man neudeutsch als „emotionale Betroffenheit“ bezeichnete. Kein Zweifel, der Fall Marwitz hatte Anderson ziemlich auf die Palme gebracht, und Berringer wollte unbedingt wissen, warum.

„Der Kerl weiß alles besser“, erklärte Anderson dann auch gleich ungefragt, „gibt uns aber keine vernünftigen Hinweise und denkt, die ganze Welt drehe sich nur um ihn.

Details

Seiten
720
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901580
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310480
Schlagworte
fest mörder

Autor

Zurück

Titel: Das Fest der Mörder