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Schnelle Colts #4

von Alfred Bekker (Autor) Pete Hackett (Autor) A. F. Morland (Autor)
2015 360 Seiten

Leseprobe

Schnelle Colts #4: Vier Western

von Alfred Bekker, A. F. Morland & Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 314 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende vier Western:

Pete Hackett: McQuade jagt die Sheriffmörder

A. F. Morland: Drei Särge warten in Amarillo

Alfred Bekker: Der Geächtete

Alfred Bekker: Ein Mann Namens Bradford

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors/ Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

McQuade jagt die Sheriffmörder

Western von Pete Hackett

1

„Gib auf, Benedikt!“, rief McQuade und duckte sich hinter den Felsen, der ihm Schutz vor den Kugeln des Banditen bot. Roy Benedikt war tiefer in die Schlucht hineingeflohen und steckte irgendwo zwischen den Felsblöcken, die sich am Fuß einer der steilen Felswände übereinandertürmten.

Roy Benedikt war dem Sheriff des Pima Countys fünfhundert Dollar wert. Er hatte bei einem Überfall einen Postkutschenfahrer erschossen und den Begleitmann schwer verletzt und war mit einer Beute von ganzen dreiundzwanzig Dollar entkommen.

Hier, in der Unwegsamkeit der Mule Mountains hatte ihn der Kopfgeldjäger gestellt. Als Benedikt Hals über Kopf zu fliehen versuchte, hatte sich sein Pferd ein Bein gebrochen. Er ließ das Tier einfach zurück und versuchte zu Fuß zu entkommen. McQuade erlöste es von seinen Qualen.

Die Schlucht endete nach hundert Yard vor einer steilen Geröllhalde, die zu erklimmen unmöglich war. Als der Bandit zum Maul der Schlucht zurückkehrte, um sich einen anderen Weg zu suchen, rannte er dem Kopfgeldjäger fast in die Arme.

Jetzt belauerten sich McQuade und Roy Benedikt. Gray Wolf war zwischen den Felsen verschwunden, die in allen Größen und Formen die Sohle der Schlucht bedeckten und diese geradezu unbegehbar machten.

„Eher friert die Hölle ein, dreckiger Hund!“, brüllte Benedikt mit vom Hass verzerrter Stimme. „Verschwinde lieber, Menschenjäger! Ansonsten schicke ich dich zur Hölle, und um deinen Kadaver werden sich die wilden Tiere streiten.“

McQuade gab keine Antwort. Die letzten Worte des Banditen waren verhallt und in der Schlucht herrschte wieder drückende Stille. Es war ein heißer Hochsommertag, der sich seinem Ende näherte. Die Sonne stand dicht über dem Horizont im Westen und würde innerhalb der nächsten halben Stunde hinter der bizarren Kulisse einer Felsenkette verschwinden, die sich in rauchiger Ferne von Norden nach Süden erstreckte. Der Kopfgeldjäger sagte sich, dass er den Outlaw erwischen musste, ehe sich die Dunkelheit zwischen die Felsen senkte.

Die Hitze war noch immer quälend, Schweiß rann über das hohlwangige, stoppelbärtige Gesicht des Texaners und hinterließ helle Spuren in der dünnen Schicht aus Staub, die sich auf seine Haut gelegt hatte. Eine Unzahl von winzigen Stechmücken sorgte im Übrigen dafür, dass der Kopfgeldjäger ungeduldig dem Moment entgegenfieberte, in welchem er diesem höllischen Spiel ein Ende bereiten konnte.

Plötzlich erklang ein wütender Fluch, ein Schuss peitschte, und dann erfüllte das zornige Bellen Gray Wolfs die Schlucht und verschmolz mit der verebbenden Detonation. Und in die geisterhaft raunenden Echos hinein brüllte der Bandit: „Du solltest dieses graue Mistvieh zurückpfeifen, Menschenjäger. Sollte es mir noch einmal vor die Mündung laufen, hat es seinen letzten Dreck gemacht!“

McQuade setzte sich in Bewegung, schob sich geduckt um den Felsen herum, der ihm bis jetzt Deckung geboten hatte, ließ sich auf alle viere nieder und kroch zwischen die zum Teil nur kniehohen Felsbrocken. Er war bemüht, keine unnötigen Geräusche zu verursachen, und verspürte nervenzerrende Anspannung. Ihm war nämlich klar, dass der Bandit ausgesprochen gefährlich war und nicht unterschätzt werden durfte. Die Tatsache, dass Roy Benedikt nichts mehr zu verlieren hatte, machte ihn äußerst unberechenbar. Er würde reagieren wie ein in die Enge getriebenes Raubtier.

Das Bellen des Wolfshundes war verstummt. Doch dass er nach dem Schuss noch Laut gegeben hatte, sagte dem Kopfgeldjäger, dass Benedikt sein Stück Blei wohl vergeudet hatte. Die Sorge um seinen treuen, vierbeinigen Partner, die nach dem Schuss in McQuade wie ein heißes Feuer aufgeflammt war, legte sich.

Der Bandit war irgendwo vor ihm zwischen den Felsblöcken. Hier wucherte überall dorniges Gestrüpp und die Schlucht war aber sicherlich auch ein Hort für Skorpione und Klapperschlangen. Vorsicht war geboten. McQuade musste sich also nicht nur auf den Outlaw konzentrieren.

Plötzlich vernahm er ein leises Schaben, wie wenn Stoff gegen rauen Fels reibt. Sofort verharrte er, lauschte und witterte und sandte seinen Instinkt aus – jenen fast untrüglichen sechsten Sinn für die unmittelbare Gefahr.

McQuade nahm den Hut ab und hob den Kopf etwas an, um über den Felsen hinwegspähen zu können, hinter dem er kauerte. Das Geräusch war nicht wieder entstanden und der Texaner sagte sich schon, dass ihm seine überreizten Sinne einen Streich gespielt hatten, als er ein kaum wahrnehmbares Klirren hörte, wie es nur Sternradsporen verursachten.

McQuade staute den Atem, legte das Gewehr zur Seite und zog den Colt. Wie hineingeschmiedet lag die schwere Waffe in seiner Faust, den Daumen hatte der Texaner auf der Hammerplatte liegen, sein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug.

Das leise Klirren war in der Lautlosigkeit der Bergwelt versunken, die Gefahr war allgegenwärtig – der Tod streckte die knöcherne Klaue aus. Die Karten in dem höllischen Spiel waren verteilt ...

Ein Schatten fiel hinter dem Felsen hervor, der nicht ganz mannshoch zehn Schritte tiefer in der Schlucht aus dem Boden ragte. Die Anspannung in McQuade wuchs. Seine Augen begannen zu schmerzen, denn die Schlucht verlief von Osten nach Westen und das grelle Licht der Sonne, die direkt über dem Schluchtende weit im Westen zu stehen schien, blendete ihn.

McQuade blinzelte, schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen – öffnete sie aber sogleich wieder, weil er einen erschreckten Aufschrei vernahm, und er sah Benedikt hinter dem Felsen hervorkippen. Gray Wolf hatte erneut eingegriffen, war an den Banditen herangeschlichen und hatte ihn angefallen.

Doch Roy Benedikt reagierte mit der Schnelligkeit einer zustoßenden Klapperschlange, warf sich noch im Fallen halb herum und schlug mit dem Colt nach dem Wolfshund. Gray Wolf heulte auf, wurde zurückgeschleudert, rutschte ein Stück auf dem Bauch dahin, kam aber sofort wieder auf die Beine und schnellte herum.

Benedikt hatte sich - von Panik getrieben - in eine kniende Haltung erhoben und riss die Faust mit dem Sechsschüsser hoch, doch ehe er abdrücken konnte, bäumte sich der Coltrevolver in der Hand McQuades auf, der Schuss dröhnte und die schwere 45er Kugel warf den Banditen um, als hätte ihn die Faust einer erzürnten Gottheit getroffen.

Sofort war Gray Wolf über ihm, die Lefzen des Tieres, von denen Geifer tropfte, hatten sich über den gefährlichen Fang gehoben, der dermaßen dicht vor dem Gesicht des Banditen war, dass es der schale Atem des Wolfshundes wie ein höllischer Hauch streifte. Ein bedrohliches Knurren stieg aus der Kehle Gray Wolfs.

McQuade erhob sich und ging, den Sechsschüsser im Anschlag, langsam auf den leise röchelnden Banditen zu. Roy Benedikt waren sowohl der Colt als auch das Gewehr, das er links am langen Arm getragen hatte, entfallen, als ihn der Wolfshund angriff und aus dem Gleichgewicht brachte. McQuade hob die Waffen auf und schleuderte sie zwischen die Felsbrocken, dann gebot er Gray Wolf, von dem Outlaw abzulassen. Der Wolfshund wich zurück, ließ sich auf die Hinterläufe nieder und sein Knurren verstummte, doch er ließ Benedikt nicht aus den Augen.

Der Kopfgeldjäger konnte sehen, dass seine Kugel dem Banditen die rechte Schulter zerschmettert hatte. Blut pulsierte aus der Wunde. McQuade beugte sich über Benedikt und sagte: „Daran stirbst du nicht, Hombre. Ich werde dich nach Bisbee zum Arzt bringen, und wenn der dich wieder zusammengeflickt hat, nehmen wir den Weg nach Tucson unter die Hufe unsere Pferde. Die Schlinge, die sie dir dort um den Hals legen werden, ist sicherlich schon geknüpft.“

McQuade hatte kein Mitleid mit Kerlen von der Sorte Roy Benedikts. Ihnen war nichts heilig, sie nahmen sich einfach, was ihnen gefiel, und ein Menschenleben war ihnen gerade mal den Preis für eine Patrone wert.

Aus blutunterlaufenen Augen, in denen erschreckender Hass tobte, starrte der Mörder zu McQuade in die Höhe. „Zur Hölle mit dir, dreckiger Bastard!“, knirschte er.

Es beeindruckte den Texaner nicht im Geringsten. „Gib auf ihn acht, Partner“, befahl er Gray Wolf, dann stiefelte er davon, um sein Pferd zu holen. In der Satteltasche befand sich Verbandszeug, und die Verwundung des Banditen musste versorgt werden, wenn er die zehn Meilen bis Bisbee durchhalten sollte.

2

Es war finster, als der Texaner mit seinem verwunderten Gefangenen die Grenzstadt erreichte. Die meisten der Wohnhäuser lagen in völliger Dunkelheit. Nur aus den beiden Saloons trieb noch verworrener Lärm. McQuade passierte das Sheriff‘s Office und registrierte, dass hinter dem Fenster Dunkelheit herrschte.

Vor dem Paradise Saloon saß er ab, dann half er Benedikt, der vor ihm auf dem Falben gesessen hatte, vom Pferderücken, schnappte sich die Henry Rifle und dirigierte den Banditen in den Schankraum.

Die beiden Männer und der große, graue Hund, der McQuade nicht von der Seite wich, erregten Aufmerksamkeit. Nach und nach vererbte der Lärm, stechende Blicke waren auf sie gerichtet, und Sekunden lang war es still wie in einem Leichenschauhaus um Mitternacht. Schließlich sprengte McQuade die Stille mit seiner Stimme, indem er rief: „Ich brauche für diesen Mann hier einen Arzt. Kann mir jemand sagen, wo ich ihn finde?“

Roy Benedikt stand nach vorne gekrümmt halb rechts vor dem Kopfgeldjäger, unter der dünnen Schicht aus Staub und Schweiß war sein Gesicht bleich wie ein Leinentuch, seine Augen glitzerten fiebrig und in ihnen wühlte der Schmerz. Er war vollkommen am Ende. Der Blutverlust hatte ihm den Rest gegeben.

„Du bist McQuade, nicht wahr?“, rief ein Mann, der am Schanktisch lehnte. „Es gibt nur einen Mann im Territorium, der von einem grauen Wolfshund begleitet wird. Was hat der Kerl, den du halbtot nach Bisbee geschleppt bringst, ausgefressen?“

„Er ist ein Mörder, und in Tucson wartet auf ihn der Galgen.“

Ein weißhaariger Mann, dessen Koteletts bis zum Kinn reichten und unter dessen Nase ein dicker, ebenfalls weißer Schnurrbart prangte, trat vor und sagte: „Sie haben Glück, McQuade. Ich bin Doc Brennan. Der Hombre sieht ziemlich fertig aus. Am besten, sie beide kommen mit in mein Haus, wo ich ihn adäquat versorgen kann.“

„Gut“, knurrte McQuade und etwas lauter fügte er hinzu: „Danach brauche ich den Sheriff oder einen Deputy, damit er Benedikt hinter Schloss und Riegel bringt, bis er fit genug ist, um bis Tucson durchzuhalten.“

Die Gesichter in der Runde verfinsterten sich, und der Mann, der sich dem Kopfgeldjäger als Doc Brennan vorgestellt hatte, stieß hervor: „Es gibt seit vorgestern in Bisbee keinen Gesetzeshüter mehr, nachdem eine Bande in die Stadt eingefallen ist, die Bank ausraubte und den Kassierer erschoss. Kenneth Barner, er trug hier den Stern, stellte sich den Banditen in den Weg und musste seinen Einsatz ebenfalls mit dem Leben bezahlen. Allerdings hat er noch einen der Schufte in die Hölle geschickt und einen zweiten verwundet. Dem haben allerdings seine Kumpane geholfen, so dass nur der Tote zurückgeblieben ist. Allerdings kennt den Kerl keiner hier. Und da der Rest der Bande maskiert war, weiß nur der Himmel, um wen es sich bei den Sheriffmördern handelte.“

McQuade nagte kurz an seiner Unterlippe, dann fragte er: „Wie viele Banditen waren es?“

„Fünf“, antwortete der Arzt. „Jetzt sind es noch vier. Sie haben über sechstausend Dollar erbeutet. Aber dass sie das Geld geraubt haben, ist nicht das Schlimmste. Schlimm ist, dass zwei Männer – gute Männer wegen dieses verdammten Geldes sterben mussten.“

„Ist der Bande ein Aufgebot gefolgt?“, erkundigte sich der Kopfgeldjäger.

Doc Brennan nickte. „Der Town Mayor hat sofort die Bürgerwehr mobilisiert, und ein Dutzend entschlossener Burschen haben sich in die Sättel geschwungen. Aber die Männer kamen gestern unverrichteter Dinge zurück. Die Spur der Bande verlor sich weiter nördlich im Sulphur Spring Valley.“

„Es gibt eine Bande von Bank-und Postkutschenräubern, die aus fünf Mann besteht, die bisher allerdings viel weiter nördlich, in der Nähe von Globe, aktiv war. Es handelt sich um die Fleming-Gang, der Anführer heißt Joe Fleming und auf seinen Kopf sind tausend Dollar Belohnung ausgesetzt. Ich habe die Steckbriefe der Kerle draußen in meiner Satteltasche. Wurde jener Bandit, den der Sheriff erschossen hat, schon beerdigt?“

„Nein, er liegt im Leichenschauhaus.“

„Besitzt der Salon einen Stall?“, so wandte sich der Kopfgeldjäger an den Keeper.

„Ja“, erhielt er zur Antwort. „Ich vermiete auch Zimmer, und wenn sie möchten, können Sie gerne eins haben.“

„In Ordnung, angenommen. Haben Sie jemand, der sich um mein Pferd kümmert und meine Satteltaschen auf das Zimmer bringt?“

„Sicher, McQuade, mein Sohn erledigt das.“

„Vielen Dank. Ich komme zurück, sobald Benedikt ärztlich versorgt ist.“ McQuade nickte dem Arzt zu. „Gehen wir, Doc.“

Als McQuade eine Stunde später mit dem Banditen in den Saloon zurückkehrte, hatte sich die Anzahl der Gäste nahezu verdoppelt. Wahrscheinlich hatte sich die Nachricht, dass der bekannte Kopfgeldjäger einen Banditen in die Stadt gebracht hatte, in der Stadt wie ein Lauffeuer verbreitet und die Sensationshungrigen angelockt.

Der Texaner und sein Gefangener sowie Gray Wolf wurden angestarrt wie Außerirdische. McQuade hielt sich jedoch nicht im Schankraum auf, sondern ließ sich das Zimmer zeigen und beschloss, es nicht mehr zu verlassen. Er fesselte Roy Benedikt mit Handschellen an das Fußende des metallenen Bettgestells und kümmerte sich nicht um die lästerlichen Flüche und mörderischen Verwünschungen des Banditen. Doch Roy Benedikt wurde sehr schnell still, als sich Gray Wolf vor ihm bäuchlings auf den Boden legte, die Zähne fletschte und drohend knurrte.

McQuade warf seinen verstaubten Stetson auf den Tisch, zog den Staubmantel und die Stiefel aus, hängte den Revolvergurt über die Lehne eines Stuhls und legte sich aufs Bett. Wenig später schlief er.

Als der Kopfgeldjäger aufwachte, war es hell. Er erhob sich und registrierte, dass Gray Wolf nach wie vor den Banditen in Schach hielt. Auch Roy Benedikt war wach. Ein Blick voll tödlichem Hass traf McQuade, doch das ließ diesen kalt. Er ging zum Fenster, beugte sich ein wenig hinaus, schwenkte den Blick nach links und nach rechts und stellte fest, dass die Stadt bereits zum Leben erwacht und der Alltag angebrochen war.

Der Körper des Texaners hatte seinen Tribut nach einem tagelangen Ritt durch die Wildnis gefordert. Doch nun fühlte sich McQuade ausgeruht und wie neu geboren. Er zog den Kopf zurück und drehte sich um. „Wie geht es dir, Benedikt?“

„Das interessiert dich verdammten Spürhund doch nicht im Geringsten!“, blaffte der Bandit wütend.

„Wie du meinst.“ McQuade zog sich an, holte die Steckbriefe der Fleming-Bande aus der Satteltasche und steckte sie in die Tasche seines braunen, zerschlissenen Staubmantels, dann schloss er die Handschellen auf, mit der Roy Benedikt ans Bett gefesselt war, packte den Banditen am Westenkragen und zerrte ihn auf die Beine. „Irgendjemand in dieser Stadt hat sicher einen Schlüssel für das Sheriff‘s Office. – Schwing die Hufe, Bandit!“

McQuade nahm die Henrygun vom Tisch und dirigierte den Banditen vor sich her nach unten in den Schankraum. Der Salooner war dabei, den Fußboden zu fegen. Die Stühle hatte er mit den Sitzflächen auf die Tische gekippt. Er wandte sich McQuade zu und sagte: „Frühstücken können Sie in Joannas Restaurant, McQuade.“

„Besitzt jemand einen Schlüssel für das Sheriff‘s Office?“, wollte der Kopfgeldjäger wissen.

„Der Town Mayor“, erwiderte der Mann nickend.

„Könnten Sie ihren Jungen nach ihm schicken?“

„Natürlich. Einen Augenblick.“ Der Salooner lehnte den Besen weg und ging in die Küche. McQuade vernahm seine grollende Stimme und gleich darauf sah er einen halbwüchsigen aus der Küche kommen, nach einem freundlichen Gruß in seine Richtung den Schankraum durchqueren und durch die Pendeltür nach draußen verschwinden. Quietschend und knarrend schlugen die Türpendel. Der Salooner kam ebenfalls zurück und sagte: „Es dauert höchstens zehn Minuten, McQuade. Sie können sich, wenn Sie wollen, setzen. Nehmen Sie sich einfach einen Stuhl vom Tisch.“

McQuade winkte ab. „Vielen Dank. Wir gehen in der Zwischenzeit schon zum Sheriff‘s Office. Der Town Mayor soll nachkommen.“ Nach dem letzten Wort versetzte der Kopfgeldjäger dem Banditen mit dem Gewehr einen leichten Stoß und knurrte: „Vorwärts, Benedikt.“

Sie verließen den Saloon und McQuade trieb den Banditen am Fahrbahnrand entlang bis zum Büro des Sheriffs, wo sie auf den Town Mayor warteten. Der Mann kam tatsächlich nach wenigen Minuten. Er war um die fünfzig Jahre alt, besaß graue Haare und einen grauen Bart und stellte sich dem Kopfgeldjäger mit dem Namen Norman Draeger vor.

Von beiden Seiten näherten sich auf der staubigen Straße, die im grellen Sonnenschein lag, Stadtbewohner. Unter ihnen befanden sich viele Mexikaner. McQuade sagte zu Draeger: „Ich bitte Sie, Town Mayor, diesen Mann in Verwahrung zu nehmen, bis er wieder soweit hergestellt ist, dass ich ihn nach Tucson schaffen kann. Er ist ein Mörder und wird vom Sheriff des Pima Countys gesucht. Für seine Ergreifung – tot oder lebendig – sind fünfhundert Dollar Prämie ausgesetzt. Hier ist der Steckbrief.“

McQuade holte einige zusammengefaltete Blätter aus der Manteltasche, unter ihnen auch die Steckbriefe der Mitglieder der Fleming-Bande, die er vorhin eingesteckt hatte. Er hielt dem Town Mayor den Steckbrief von Roy Benedikt hin. Norman Draeger las, nickte wiederholt und sagte: „Einsperren kann ich ihn für Sie, McQuade. Bewachen müssen Sie ihn allerdings selbst, denn wie Sie wissen, wurde Kenneth Barnes von den Banditen ermordet, die die Bank ausgeraubt haben, und nach seinem Tod ist Bisbee ohne Ordnungshüter.“

„Gut, Mister Draeger, dann bringen wir den Burschen auf Nummer sicher.“

Der Town Mayor wandte sich um und schloss die Tür des Office auf. Zwei Minuten später sperrte er die Zellentür hinter dem Banditen zu und reichte McQuade wortlos den Schlüssel. McQuade steckte ihn in die Tasche und sagte: „Ich möchte mir den getöteten Banditen ansehen, Bürgermeister. Vielleicht können Sie mich zum Leichenschauhaus begleiten.“

„Gern. Gehen wir.“

Zehn Minuten später war klar, dass es sich bei dem Toten um Lewis Howard handelte, und er war tatsächlich Mitglied der Bande, die Joe Fleming um sich geschart und mit der er bisher in der Gegend von Globe geraubt und gemordet hatte. Joe Fleming war fünfzehnhundert Dollar wert, jedes Mitglied seiner Gang siebenhundert. Die Namen der drei Banditen, die noch mit ihm ritten, waren Stacy Lloyd, Doug Walton und Jeff Wilson. Fleming und seine drei Komplizen waren also dreitausendsechshundert Dollar wert.

„Sie haben geraubt, vergewaltigt und gemordet“, sagte McQuade, nachdem er und der Town Mayor wieder das Leichenschauhaus verlassen hatten. „Und das Gesetz scheint nicht in der Lage zu sein, ihnen das blutige Handwerk zu legen.“ Er holte den Schlüssel zu der Zelle, in die sie Roy Benedikt eingeschlossen hatten, aus der Manteltasche und hielt ihn dem Bürgermeister hin. „Ich bitte Sie, zusammen mit der Bürgerwehr die Bewachung Benedikts zu übernehmen, Mister Draeger. Ich reite und bringe die Banditen nach Bisbee zurück.“

Es hatte wie ein Versprechen, fast wie ein Schwur geklungen.

„Reiten Sie, McQuade“, presste der Town Mayor zwischen den Zähnen hervor und nahm den Schlüssel wieder an sich. „Jagen Sie die Sheriffmörder und stellen Sie diese Halsabschneider, damit wir sie für Ihre Verbrechen mit aller Härte zur Rechenschaft ziehen können. Gott beschütze Sie, McQuade.“

3

McQuade und sein treuer Begleiter, Gray Wolf, waren auf dem Trail. Die Stadt lag längst hinter ihnen und schien in einem flirrenden Hitzeschleier versunken zu sein. Vor dem Blick des Kopfgeldjägers lag die schier endlose Ebene des Sulphur Spring Valleys. Sowohl im Westen als auch im Norden und Osten erhoben sich – nur als graue Umrisse erkennbar – Felsketten. Die Ebene war mit ungenießbarem Büschelgras, niedrigwucherndem Dornengestrüpp, Kreosot, hüfthohen Kakteen und riesigen Ocotillos bewachsen. Hier und dort ragte ein vom Zahn der Zeit rundgeschliffener Felsen aus dem Boden.

Die Sonne stand im Südosten. McQuade hatte angehalten und ließ seinen Blick über das Terrain vor sich schweifen; totes, wie ausgestorben anmutendes Land lag vor ihm, in der vor Hitze wabernden Luft schienen die Konturen zu verschwimmen wie hinter einer Wand aus Wasser, sogar die Vögel schwiegen, weil die Hitze sie lähmte.

Gray Wolf hatte sich auf die Hinterläufe niedergelassen und witterte mit erhobener Nase nach Norden.

Der Kopfgeldjäger versuchte sich in die Lage der Banditen zu versetzen. Einer der Männer war vom später getöteten Sheriff angeschossen worden und benötigte wahrscheinlich ärztliche Hilfe. Diese fand er jedoch im Norden nicht. Zwischen den Dragoons im Westen und den Chiricahua Bergen im Osten machte Cochise mit seinen Apachen-Guerillas das Land unsicher und der Skalp eines weißen Mannes, der sich in diese Gegend verirrte, saß verdammt locker.

Die nächste Stadt, in der der Verwundete ärztliche Hilfe erhalten konnte, war Douglas, ein wilder Grenzort etwa drei Meilen im Südwesten von Bisbee. McQuade zerrte entschlossen den Falben um die rechte Hand, ruckte im Sattel und schnalzte mit der Zunge. Das Tier setzte sich in Bewegung und Gray Wolf bedurfte keiner gesonderten Aufforderung, seinem Herrn zu folgen. Er erhob sich, dehnte seinen muskulösen Körper und gähnte laut, und dann trottete er hinter dem Falben her.

Der Kopfgeldjäger schonte sein Pferd, und so benötigte er ungefähr eine Stunde, um Douglas zu erreichen. Die Stadt unterschied sich kaum von Bisbee. Der mexikanische Einfluss war nicht zu übersehen. Und wahrscheinlich lebten hier mehr Bürger mexikanischer Herkunft als Amerikaner.

McQuade ritt das Sheriff‘s Office an. Es war ein niedriger Bau mit flachem Dach, der keinen Vorbau besaß sondern ebenerdig war und vom Gehsteig aus betreten werden konnte. Der Kopfgeldjäger band den Falben am Hitchrack fest, schnappte sich die Henrygun und klopfte gegen die Tür des Office. „Treten Sie ein!“, rief jemand mit dunkler, rauer Stimme und McQuade öffnete die Tür. Als er das Office betrat, stieg ihm der Geruch von Bohnerwachs und Tabakrauch in die Nase. Neben dem verstaubten Fenster stand ein mittelgroßer Mann, an dessen Weste ein Sechszack befestigt war und der nun sagte: „Ich hab Sie kommen sehen, McQuade. Wer ist das arme Schwein, auf dessen Fährte Sie nach Douglas gekommen sind?“

McQuade hatte sich im Süden des Arizona-Territoriums einen geradezu legendären Ruf erworben, und die Gesetzeshüter in den Städten kannten ihn.

Dem Kopfgeldjäger war der Deputy ebenfalls nicht unbekannt. Sein Name war Don Haddock. Er war noch keine dreißig Jahre alt, musste aber von einem besonderen Kaliber sein, wenn er sich in dieser zügellosen, lasterhaften Grenzstadt durchzusetzen vermochte.

McQuade berichtete und der Deputy unterbrach ihn kein einziges Mal. Doch mit jedem Wort, das über die Lippen des Texaners gekommen war, hatte sich sein Gesichtsausdruck verfinstert. Und als der Kopfgeldjäger geendet hatte, presste er zwischen den Zähnen hervor: „Kenneth Barner war mein Vorgesetzter, und er war ein Mann, wie es nur wenige gibt in diesem Landstrich. Die Pest an den Hals seiner Mörder! – Den Weg nach Douglas haben sie wohl umsonst gemacht, McQuade. Die vier Kerle wären mir aufgefallen, wenn sie in die Ortschaft gekommen wären. Nach Douglas kommen zwar täglich irgendwelche Fremden, aber vier Reiter, unter denen sich ein Verwundeter befindet, wären mir ganz sicher nicht entgangen.“

„Ich werde trotzdem mal beim Doc nachfragen, ob jemand mit einer Kugel im Leib bei ihm aufgekreuzt ist. Vielleicht kommen die Banditen erst noch. Wenn es dem so sein sollte, Deputy, dann wissen Sie auf jeden Fall Bescheid.“

McQuade verließ das Office, führte den Falben zu einem Tränketrog und ließ ihn saufen. Auch Gray Wolf löschte laut schlabbernd seinen Durst, während sich der Kopfgeldjäger Staub und Schweiß aus dem Gesicht wusch und es anschließend mit seinem Halstuch abtrocknete.

Auf der Straße waren kaum Menschen zu sehen. Die quälende Hitze veranlasste sie, in der Kühle ihrer Behausungen zu bleiben. Von irgendwo her drang Kindergeschrei an das Gehör des Texaners, auch das wütende Kläffen eines Hundes war zu hören, verstummte aber schnell und wiederholte sich nicht. McQuade führte den Falben in den Schatten eines Gebäudes und band ihn an. Begleitet von Gray Wolf schritt er zum Haus des Arztes. Der Mann war Mexikaner und McQuade bezweifelte, dass er tatsächlich Medizin studiert hatte. Aber jeder in der Stadt und im Umland suchte ihn auf, wenn ärztliche Hilfe erforderlich war, und er hatte immer eine Tinktur oder einen guten Rat parat, außerdem verstand er sich auf die Behandlung von Schusswunden. Sein Name war José Esteban.

„Si, Señor“, sagte Esteban, nachdem McQuade vorgetragen hatte, was ihn herführte, „bei mir erschien gestern ein Mann, der mich bat, ihn zu einem Verwundeten zu begleiten. Er sah ziemlich gefährlich aus und ich wagte nicht zu widersprechen. Also ritt ich mit ihm und er brachte mich zu einem Lagerplatz am Whitewater Draw, wo einer mit einer Kugel in der Hüfte wartete. Ich holte ihm das Stück Blei heraus und empfahl ihm, ein paar Tage abzuwarten, ehe er wieder in den Sattel steigt.“

„Es waren nur die zwei?“, erkundigte sich McQuade.

„Si, Señor, nur die beiden. Ich stellte auch keine Fragen, denn der Hombre, der mich zu dem Verwundeten gebracht hatte, war mir unheimlich. Ich habe von ihm auch kein Geld für meine Hilfe gefordert. Es reichte mir schon, ungeschoren davonzukommen.“

Der Kopfgeldjäger holte die Steckbriefe der Mitglieder der Fleming-Gang aus der Manteltasche, faltete sie auseinander und reichte sie Esteban. „Sehen Sie sich die Bilder an, Médico, vielleicht erkennen sie die beiden Männer vom Whitewater Draw wieder.“

Aufmerksam studierte Esteban die Fahndungsblätter, dann nickte er, reichte McQuade einen der Steckbriefe und sagte: „Das ist der Hombre mit der Kugel in der Hüfte. Und der hier –“ er hielt dem Kopfgeldjäger einen weiteren der Steckbriefe hin, „– ist der Mann, der mich gezwungen hat, mit ihm zum Whitewater Draw zu reiten.“

„Danke. Was meinen Sie: Befinden sich die beiden noch bei dem Fluss?“

„Mit der zerschossenen Hüfte wird es dem Verwundeten kaum möglich sein, vor Ablauf einer Woche in den Sattel zu steigen“, antwortete der Mexikaner. „Außerdem war er ziemlich schwach, und allein von daher wird er kaum einen längeren Ritt durchhalten können. Si, si, die beiden kampieren ganz sicher noch am Whitewater.“

McQuade bedankte sich, begab sich in den nächsten Saloon, der an seinem Weg lag, aß etwas und trank einen Krug Wasser, sorgte auch dafür, dass Gray Wolf ein großes Stück Fleisch erhielt und verließ schon bald wieder Douglas in Richtung Norden. Er war zufrieden. Bei dem Verwundeten handelte es sich um Jeff Wilson, der andere Bandit, der sich bei ihm befand, war Doug Walton.

Der Kopfgeldjäger ritt mit tödlicher Entschlossenheit im Herzen. Das Gesetz hatte im Fall der Fleming-Bande versagt, und so fühlte er sich gefordert. McQuade sorgte auf seine Art für Gerechtigkeit. Die Steckbriefe legitimierten ihn.

Im Schritttempo trug ihn der Falbe nach Norden. Die stampfenden Hufe rissen kleine Staubfahnen in die heiße Luft. In das Pochen mischten sich das leise Klirren der Gebisskette und das Knarren des Sattelleders. Neben dem Pferd trottete mit seitlich aus dem Maul hängender Zunge Gray Wolf her. In seinem Kampf gegen die Gesetzlosigkeit war der große, graue Wolfshund dem harten und kompromisslosen Texaner eine nicht zu ersetzende Hilfe.

4

McQuade hatte sein Pferd unterhalb eines Hügelkammes zurückgelassen und beobachtete aus dem Schutz eines Strauches mit einem Fernglas den Fluss unten in der Senke. Und er entdeckte die beiden Banditen. Sie hatten ihr Lager am Rand des Ufergebüsches aufgeschlagen. Ihre Pferde waren an dem Strauchwerk angebunden, ein kleines Feuer brannte und über den Flammen briet ein Hase oder Präriehund, der an einem Stock aufgespießt war. Einer der Banditen lag auf seiner Decke am Boden – McQuade vermutete, dass es sich um den Verwundeten Jeff Wilson handelte –, der andere kauerte beim Lagerfeuer und drehte das Stück Wild, damit es gleichmäßig gar wurde und nicht verbrannte.

Das Camp der Banditen befand sich etwa fünfhundert Yards von McQuade entfernt im Westen der Senke, in die er blickte und durch die der Whitewater Draw sein Bett gegraben hatte.

Die beiden legten keine besondere Vorsicht an den Tag. Sicherlich rechneten sie nicht damit, verfolgt zu werden.

McQuade ließ die Hand mit dem Fernglas sinken, zog sich zurück, und als er von unten nicht mehr gesehen werden konnte richtete er sich auf und lief zu seinem Pferd. Wenig später ritt er im Schutz der Hügel nach Osten, wandte sich am Rand der Senke, die sich zum Whitewater hin erstreckte, ebenfalls im Schutz der Hügel, die den Perrilla Mountains vorgelagert waren, nach Norden und erreichte schließlich den Creek. Im Ufergebüsch stellte er den Falben ab und band ihn an, dann pirschte er auf dem sandigen Saum zwischen Flussufer und Buschgürtel in westliche Richtung. Gray Wolf hielt sich dicht neben ihm.

Infolge der sengenden Hitze, die seit vielen Wochen anhielt, war der Fluss nahezu ausgetrocknet. Auf dem Ufersaum lagen angeschwemmte Äste, von denen die Rinde längst abgefallen war und die an ausgebleichte Gebeine erinnerten. Der trockene Schwemmsand knirschte kaum vernehmbar unter den Stiefelsohlen des Kopfgeldjägers. Je näher McQuade den beiden Banditen kam, umso vorsichtiger bewegte er sich. Und als er eines Ihrer Pferde prusten hörte, war er nur noch ein Bündel angespannter Aufmerksamkeit und jeder seiner Sinne war auf das Äußerste konzentriert. Er ging auf alle viere nieder und kroch wie eine riesige Eidechse vorsichtig zwischen das Strauchwerk, und plötzlich vernahm er eine dunkle Stimme. Was der Mann sprach, konnte er zwar nicht verstehen, aber das spielte auch gar keine Rolle.

McQuade kroch noch vier – fünf Yard in die Richtung, aus der die Stimme herangesickert war, dann konnte er durch das Zweiggespinst den am Feuer kauernden Banditen sehen.

„Okay, Partner, schnappen wir sie uns“, raunte der Kopfgeldjäger dem Wolfshund neben sich zu und erhob sich, repetierte und setzte sich in Bewegung. „Keine falsche Bewegung!“

Das metallische Geräusch des Repetierens und die mit klirrender Stimme hervorgestoßene Warnung ließen Doug Walton beim Feuer in die Höhe schnellen und herumfahren, seine Hand sauste zum Knauf des Revolvers, doch da trat McQuade schon aus dem Buschgürtel und der Verstand des Banditen holte den Reflex ein. Gray Wolf war sofort zu dem am Boden liegenden Mann hingelaufen, duckte sich, legt die Ohren an und fletschte die Ehrfurcht gebietenden Zähne, zugleich stieg ein bedrohliches Knurren aus seiner Kehle und seine Nackenhaare hatten sich aufgestellt.

Die rechte Hand Doug Waltons hing dicht über dem Revolverkolben, der Bandit war in der Mitte eingeknickt und hatte den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. In seinen Augen war ein unruhiges Flackern zu erkennen. „Was willst du und wer bist du?“, fragte er und bewegte beim Sprechen die Lippen kam. Die Unruhe in seinem Blick begann mehr und mehr einem forschenden Lauern zu weichen. Seine Backenknochen begannen zu mahlen.

„Ich bin der, der dich und deinen Komplizen nach Bisbee zurückbringt, damit man euch dort vor Gericht stellen und hängen kann. Jetzt nimm die Hände hoch und dreh dich um. Bei der geringsten falschen Bewegung serviere ich dir ein Stück heißes Blei. Dem Gesetz ist es nämlich egal, in welchem Zustand ich dich abgebe.“

„Ich verstehe kein Wort, Mister!“, stieß Walton hervor. Es mutete an, als würde sich seine Gestalt noch mehr zusammenziehen, und in McQuade begannen die Alarmglocken zu läuten. „Ich war mein Leben lang noch nicht in Bisbee“, fügte der Bandit hinzu und versuchte seiner Stimme einen überzeugenden Klang zu verleihen. „Du hast dir die falschen ...“

McQuade schnitt ihm schroff das Wort ab, indem er Gebot: „Hände hoch und umdrehen! Ich zähle bis drei. – Eins!“

Aus den Augenwinkeln sah der Kopfgeldjäger, dass Jeff Wilson, der verwunderte Bandit, wie erstarrt auf seiner Decke lag und sich kaum zu atmen wagte, weil von Gray Wolf eine derart gefährliche und unberechenbare Aggression ausging, die den Banditen geradezu lähmte.

Jetzt entspannte sich Doug Walton, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und zeigte McQuade die Handflächen. „Aber so hör doch, Mister, wir sind auf dem Weg nach ...“

Erneut ließ der Kopfgeldjäger den Banditen nicht aussprechen. „Zwei!“ Das Wort fiel wie ein Hammerschlag.

Ein Leben jenseits von Recht und Ordnung hatte Doug Walton einen untrüglichen Instinkt für unmittelbare Gefahr verliehen. Es war der Instinkt des Gesetzlosen, des ständig Gehetzten, der allem und jedem gegenüber misstrauisch war und der das harte, mitleidlose und unerbittliche Gesetz des Überlebens mit all seinen Facetten kennengelernt hatte. Härte und Kompromisslosigkeit, die von dem Kopfgeldjäger ausgingen, prallten regelrecht gegen ihn und er kam dem Befehl nach. Schließlich wandte er dem Texaner den Rücken zu, die Hände hatte er in Schulterhöhe erhoben.

McQuade trat von hinten an ihn heran und schlug ihn mit dem Gewehr nieder. Bei dieser Sorte ging er kein Risiko ein, denn sie war hinterhältig, skrupellos und absolut tödlich. Ein Ehrenkodex war ihr fremd.

Der Kopfgeldjäger nahm ein Handschellenpaar aus der Manteltasche und fesselte Walton die Hände auf den Rücken. Dann wandte er sich Jeff Wilson zu und sagte zu Gray Wolf: „Es ist in Ordnung, Partner. Ich habe alles im Griff.“

Der Wolfshund legte sich bäuchlings auf den Boden, sein Knurren verstummte, seine Nackenhaare legten sich zurück und er stellte die Ohren auf. Der Schatten McQuades fiel über den verwundeten Banditen, der Kopfgeldjäger schaute in das maskenhaft erstarrte Gesicht und nahm die Rastlosigkeit auf dem Grund der Augen Wilsons wahr. Jeder Zug in diesem Gesicht war von einem zügellosen Leben geprägt, drückte Verkommenheit aus und der brutale Zug um den Mund des Burschen verriet eine Menge über seinen Charakter.

McQuade hielt die Henrygun an der Seite, hatte sich den Kolben unter die Achsel geklemmt und ließ den Banditen in die Mündung blicken. „Wo warten Joe Fleming und Stacy Lloyd auf euch beide?“

„Wer ...?“

„Stell dich nicht dumm, mein Freund! In Bisbee wartet auf euch der Galgen. Versuch also nicht, mir irgendwelche Märchen zu erzählen. – Ich weiß, dass du eine Kugel in die Hüfte bekommen hast und nicht reiten kannst. Ich werde also eine Schleppbahre fertigen und dich damit nach Bisbee befördern.“

Ein langgezogenes Stöhnen hinter McQuade zeigte diesem an, dass Doug Walton aus der Besinnungslosigkeit erwachte. „Gib auf ihn acht, Partner!“, befahl der Kopfgeldjäger und ging zu Walton hin. Die Lider des Banditen zuckten, ein erneutes Stöhnen kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach sich Bahn über seine Lippen, schließlich öffnete er die Augen und schaute verständnislos.

Nach einiger Zeit aber stellte sich bei ihm die Erinnerung ein und das Begreifen kam wie ein Guss eiskalten Wassers. Er begann an den Handschellen zu zerren, knirschte mit den Zähnen und keuchte schließlich: „Du dreckiger Bastard hast mir fast den Schädel eingeschlagen!“

„Du solltest dir deinen Atem fürs Hängen sparen, Bandit!“, versetzte McQuade ungerührt. „Und nun nimm die Zähne auseinander, Walton: Wo wolltet ihr euch mit Fleming und Lloyd treffen?“

„Du kannst mich mal, elender Hurensohn. Wer bist du überhaupt? Wenn du für das Gesetz reiten würdest, hättest du sicher einen Stern an deinem dreckigen Mantel.“

McQuade gab keine Antwort, sondern zog ein Bowie Knife aus seinem Stiefelschaft, schlug sich zwischen die Büsche und suchte nach passenden Stangen und Ästen für eine Schleppbahre. Er fand, was er suchte, und mit Hilfe eines Lassos vom Sattel eines der Banditenpferde und einer Decke fabrizierte er die Bahre, die er am Sattel des Pferdes von Jeff Wilson befestigte. Er legte den Banditen darauf und band in fest. Dann half er Doug Walton aufs Pferd und schwang sich schließlich selbst in den Sattel. Das Tier, das die Bahre zog, nahm er an die Longe. „Vorwärts, Walton!“, kommandierte der Kopfgeldjäger und der Bandit trieb sein Pferd an.

Anderthalb Stunden später erreichten sie bis Bisbee. Menschen sahen den Kopfgeldjäger und seine beiden Gefangenen, und als McQuade vor dem Sheriff‘s Office den Falben zügelte, hatte sich schon eine ganze Rotte gebildet. Murmeln und Flüstern hing in der Luft. Aus dem Büro trat ein Mann, der eine Schrotflinte links am langen Arm trug.

„Ich bringe Walton und Wilson zurück“, erklärte McQuade und stieg vom Pferd. „Die beiden haben einen Abstecher nach Douglas unternommen, da Wilson eine Kugel in die Hüfte bekommen hat und ärztliche Hilfe benötigte.“

„Mein Name ist Jack Sherman“, stellte sich der Mann mit der Schrotflinte vor. „Der Town Mayor hat mich gebeten, auf Ihren Gefangenen Obacht zu geben. Ich gehöre zur Bürgermiliz des Ortes.“

„Freut mich, Sherman“, antwortete McQuade. „Helfen Sie mir, die beiden hinter Schloss und Riegel zu bringen.“

Ein Mann kam schnell die Straße entlanggeeilt und McQuade erkannte den Bürgermeister. Der Kopfgeldjäger zerrte Doug Walton vom Pferd, während Jack Sherman dabei war, den Strick aufzuknüpfen, mit dem der Texaner den verwundeten Banditen auf der Schleppbahre festgebunden hatte. Der Kopfgeldjäger wandte sich dem Town Mayor zu, der etwas außer Atem vor dem Office ankam, und sagte: „Das sind Wilson und Walton, Mister Draeger. Sie haben sich von Joe Fleming und Stacy Lloyd getrennt, aber ich denke, dass sie mir erzählen, wo sie sich mit den beiden treffen wollten.“

In der Menschenmeute, die sich in der Zwischenzeit angesammelt hatte, schrie jemand wild: „Wir sollten mit den beiden Sheriffmördern kurzen Prozess machen und sie am nächsten Baum aufhängen! Es bedarf keines langen Prozesses! Beschafft zwei Stricke, Leute, und dann bringen wir die beiden Halsabschneider zu der alten Eiche am Stadtrand. Das ist die Sprache, die diese Sorte versteht!“

Zustimmendes und beifälliges Geschrei wurde laut.

Der Bürgermeister schoss McQuade einen gehetzten, um nicht zu sagen fast verzweifelten Blick zu, und der Kopfgeldjäger sagte: „Sprechen Sie zu den Leuten, Mister Draeger, und machen Sie Ihnen klar, dass uns die beiden nicht sagen können, wo sich ihre Kumpane versteckt halten, wenn sie tot sind.“

Der Town Mayor nickte, schluckte würgend und rief: „Ruhe, Leute, beruhigt euch! Die beiden erhalten, was sie verdienen. Doch wir sind weder Richter noch Henker, und wenn wir sie einfach lynchen, stellen wir uns mit Ihnen auf eine Stufe. Wir brauchen die beiden lebend, damit sie uns verraten, wo sich ihre Kumpane aufhalten. Es waren nämlich fünf, die nach bis Bisbee kamen und hier für blutige Furore sorgten. Drei von ihnen haben wir. Aber wir wollen sie alle, und darum ist es wichtig, dass diese beiden hier am Leben bleiben. Hört also auf, nach einem Strick für sie zu brüllen, seid aber versichert, dass sie hier in Bisbee hängen werden.“

Der Lärm war abgeebbt und nachdem der Bürgermeister das letzte Wort gerufen hatte, wurde es still. Dennoch ging von der Menschenrotte eine Bedrohung aus, die zwar nicht zu sehen und nicht zu hören, die aber deutlich zu fühlen war. Die Atmosphäre auf der Straße war angespannt und gefährlich, sie mutete an wie ein Pulverfass, in das nur der berühmte Funke zu fallen brauchte. Der geringste Anlass würde genügen, um die Stimmung der Menschen zum überkochen zu bringen.

„Beeilen wir uns“, drängte McQuade. „Wenn die beiden Kerle aus den Augen der Meute sind, beruhigt sie sich wahrscheinlich.“

Jack Sherman hatte Jeff Wilson von der Bahre losgebunden und half ihm nun beim Aufstehen. Die beiden Banditen wurden ins Office bugsiert, der Bürgermeister betrat es als letzter und zog hinter sich die Tür zu, rammte den Riegel in die Halterung und atmete auf.

Währenddessen hatte Sherman schon die Tür zum Zellentrakt geöffnet, jetzt trat er zur Seite und McQuade dirigierte die beiden Gefangenen in den Raum mit den vier Zellen, von denen eine mit Roy Benedikt besetzt war. Der Bandit hatte auf der Pritsche gelegen, doch nun erhob er sich, kam zur Gitterwand und umklammerte mit den Händen zwei der zolldicken Eisenstangen. Wortlos beobachtete er dann, wie Jeff Wilson und Doug Walton in die Nachbarzelle gesperrt wurden.

McQuade sagte: „Ihr solltet euch überlegen, ob ihr nicht doch den Mund aufmachen und verraten wollt, wo Fleming und Lloyd auf euch warten. Ich denke, dass man hier in Bisbee in den nächsten Tagen kommissarisch einen Sheriff einsetzen wird, der Anklage gegen euch erhebt. Er wird ganz sicher die Todesstrafe beantragen, und das Gericht wird seinem Antrag folgen. Wenn ihr jedoch sprecht, wird der neue Sheriff vielleicht davon absehen, für euch die Höchststrafe zu fordern. Denkt darüber nach.“

McQuade, der Town Mayor und Jack Sherman verließen den Zellentrakt.

5

Es wurde dunkel, als McQuade das Sheriff‘s s Office betrat. Jack Sherman hielt nach wie vor hier die Stellung. Er hatte die Petroleumlampe angezündet, die über dem Schreibtisch an einer dünnen Kette von der Decke hing, das Licht reichte aber nicht aus, um den Raum bis in die Ecken auszuleuchten. Der Schatten des Kopfgeldjägers wurde groß und verzerrt auf den Fußboden und gegen die Wand geworfen. „Alles in Ordnung?“, fragte McQuade.

Gray Wolf, der mit dem Kopfgeldjäger in den Raum geglitten war, legte sich neben der Tür auf den Fußboden und bettete seinen mächtigen Kopf zwischen die Vorderläufe.

Sherman nickte. „Ja. Allerdings streiten sich Wilson und Walton auf Teufel komm raus, denn Wilson ist drauf und dran, uns zu verraten, wo sie vereinbart haben, sich wieder mit Fleming und Lloyd zu treffen.“

„Es wäre wahrscheinlich gut, wenn wir die beiden trennen würden“, meinte McQuade. „Wenn Wilson dem Zugriff seines Kumpels entzogen ist, entschließt er sich wahrscheinlich leichter, mit uns zu reden.“

„Keine schlechte Idee“, lobte Sherman und nahm die Zellenschlüssel aus dem Schreibtischschub. Mit der Lampe in der Hand begab er sich in den Zellentrakt, McQuade folgte ihm. Das Licht kroch vor ihnen her in die Zellen und zerrte die drei Gefangenen aus der Dunkelheit.

Sherman schloss die Zellentür auf. Sie quietschte leise in den Angeln, als er sie öffnete. „Hoch mit dir, Walton.“

Der Bandit, der auf der Pritsche gelegen hatte, schwang die Füße auf den Boden und setzte sich. „Was soll das?“

„Es steht dir nicht zu, Fragen zu stellen!“, versetzte Jack Sherman mit metallisch klingender Stimme. „Steh auf und komm heraus!“

„Verdammt, ich ...!“

Mit zwei Schritten erreichte Sherman die Pritsche, packte den Banditen an der Weste und zerrte ihn hoch, wirbelte ihn halb herum und versetzte ihm einen Stoß, der ihn zur Zellentür taumeln ließ. McQuade nahm ihn in Empfang, packte ihn mit der linken Hand und schleuderte ihn hinaus in den Gang zwischen den Zellen. „Du übst schlechten Einfluss auf Wilson aus, mein Freund“, knurrte der Kopfgeldjäger.

Sherman verließ die Zelle, schloss die Tür hinter sich ab und öffnete die Tür eines der Käfige auf der anderen Seite des Flurs. „Da hinein, Walton.“

Als Doug Walton wieder eingeschlossen war, zischte er: „Wenn er Joe und Stacy verrät, unterschreibt er sein eigenes Todesurteil. Mein Wort drauf.“

„Allerdings wird es am Vollstrecker fehlen, wenn er mir verrät, wo ich Joe Fleming und Stacy Lloyd aufstöbern kann“, versetzte McQuade unbeeindruckt. „Denn von den beiden wird keiner mehr die Gelegenheit bekommen, Wilson für seinen Verrat zu bestrafen, ebenso wenig wie du, mein Freund.“

Doug Walton spukte zwischen zwei Gitterstäben hindurch auf den Fußboden des Flurs. „Dich werden wir zusammen mit Wilson zum Satan schicken, Menschenjäger!“, brach es gehässig über seine Lippen.

McQuade wandte sich ab, trat an die Gitterwand der Zelle heran, in der sich Jeff Wilson befand, und sagte: „Ich garantiere dir, Wilson, dass man dich nicht hängen wird, wenn du dich als kooperativ erweist. Also nimm die Zähne auseinander und sag mir, wo ich Fleming und Lloyd finde.“

„Nach dem Coup in Bisbee haben wir beschlossen, in die Gegend von Globe zurückzukehren“, antwortete Wilson nach kurzem Zögern, einer Zeitspanne, die er benötigte, um sich dazu zu überwinden, seine Kumpane zu verraten. „Sehr schnell war klar, dass ich den Ritt nach Norden mit der Wunde an der Hüfte nicht schaffen würde und ärztliche Hilfe benötigte. Doug erklärte sich bereit, mich in die Nähe von Douglas zu begleiten und sich darum zu kümmern, dass ich fachmännisch versorgt werde. Joe und Stacy wollten in Hayden am Gila River auf uns warten.“

„Hayden liegt ungefähr achtzig Meilen nördlich von Tucson“, erklärte McQuade an Jack Sherman gewandt. „Das trifft sich gut. Auf meinem Weg nach Hayden kann ich Roy Benedikt mitnehmen und in Tucson beim County Sheriff abliefern.“

„Es ist fraglich, ob er mit seiner Schulterverletzung die Strecke bis Tucson schafft“, gab Sherman zu bedenken. „Er ist noch ziemlich geschwächt von dem Blutverlust.“

„Wir nehmen die Postkutsche“, versetzte der Kopfgeldjäger. „Mein Pferd lasse ich hier im Mietstall zurück und holte es ab, wenn ich Joe Fleming und Stacy Lloyd bringe.“

Es war ein ziemlich verblüffter Blick, den Jack Sherman dem Kopfgeldjäger zuschoss, dann stieß der Mann hervor: „Sie scheinen sich ja ziemlich sicher zu sein, McQuade, dass sie die beiden Banditen überwinden können und nach Bisbee schaffen.“

„Ich bringe sie“, versicherte der Texaner, „wenn es sein muss, quer über dem Rücken eines Pferdes. Aber ich bringe die beiden nach Bisbee.“

„Joe und Stacy werden dir die Haut streifenweise abziehen, Menschenjäger!“, giftete in seiner Zelle Doug Walton. „Und dann werden sie nach Bisbee kommen und Schwachköpfe wie dich –“ der Blick des Banditen hatte sich regelrecht an Jack Sherman verkrallt, „– so klein machen.“ Walton zeigte einen winzigen Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger. „Und Wilson, diesen niederträchtigen Verräter, wird Joe am Lasso hinter seinem Pferd her bis nach Feuerland schleifen.“

„Freu dich nicht zu früh, Bandit“, gab McQuade vollkommen gelassen zu verstehen. „Mach dich bereit Benedikt“, so wandte er sich an den Banditen, auf dessen Fährte er so weit nach Süden gekommen war, „wir nehmen die nächste Kutsche, die nach Tucson fährt.“

Er und Sherman verließen den Zellentrakt, Jack Sherman verriegelte die Tür und sagte. „Wenn ich richtig informiert bin, fährt die Stage Coach übermorgen um die Mittagszeit nach Tucson. Ich bin mir aber nicht sicher, darum rate ich Ihnen, sich im Büro von Wells Fargo nach der genauen Abfahrtszeit zu erkundigen.“

„Das werde ich“, murmelte McQuade, dann verabschiedete er sich von Sherman. Gray Wolf wich dem Kopfgeldjäger, als er schräg über die Straße marschierte, nicht von der Seite.

6

Die Postkutsche fuhr tatsächlich am übernächsten Tag kurz nach Mittag los. Da Wells Fargo alle zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen eine Relaisstation eingerichtet hatte, auf denen jeweils sechs frische Pferde vor die Stage Coach gespannt wurden, erreichten sie schon am Abend des zweiten Tages nach ihrem Aufbruch Tucson.

McQuade brachte seinen Gefangenen sofort ins Sheriff‘s Office, wo er Troy Howell, den County Sheriff, persönlich antraf. Er übergab ihm den Banditen, erhielt einen Scheck über fünfhundert Dollar und erzählte Howell von dem Überfall in Bisbee und verschwieg ihm auch nicht, dass er den Weg nach Hayden unter die Hufe eines Pferdes nehmen wollte, um Joe Fleming und Stacy Lloyd das blutige Handwerk zu legen.

Der Kopfgeldjäger übernachtete in Maria Alvarez‘ Boardinghouse, lieh sich am folgenden Morgen im Mietstall einen Fuchswallach aus, versorgte sich mit etwas Proviant und machte sich dann auf den Weg nach Norden. Bis Hayden lagen etwa achtzig Meilen Wildnis vor ihm. Er musste mitten durch die Unwegsamkeit der Tortellita Mountains und er gab sich keinen Illusionen hin: Vor ihm lag ein Weg voller Entbehrungen und Strapazen.

Der Morgendunst verhieß wieder einen heißen Tag. Über dem Santa Cruz River hingen weiße Nebelbänke. Die Hufe des Fuchswallach dröhnten auf den Bohlen der Brücke, die über dem Fluss errichtet worden war, weil an seinem nördlichen Ufer die Überlandstraße nach Maricopa verlief, Tucson jedoch südlich des Flusses lag.

Jenseits der staubigen Straße, deren graues Band sich wie der Leib einer riesigen Schlange nach Nordwesten wand, begann die Ödnis. McQuade musste durch die westlichen Ausläufer der Santa Catalina Mountains. Hitze, Staub, totes Gestein und dorniges Strauchwerk – mehr hatte dieses Land nicht zu bieten. Aber der Texaner ließ sich davon nicht abschrecken. Er fühlte sich wohl in der Einsamkeit – und vollkommen alleine war er ja nicht. Bei ihm war Gray Wolf, dessen Gesellschaft der harte Mann, den dieses gnadenlose Land innerhalb kürzester Zeit geformt hatte, nicht mehr missen wollte.

Die Hitze nahm zu, wurde unerträglich und quälend, sie verwandelte das Land geradezu in einen Glutofen. McQuade ritt durch ein Gewirr von Felsen, Hügeln, Schluchten und staubigen Senken, rastete gegen Mittag, als die Sonne senkrecht über ihm stand, an einem Rinnsal, das einmal ein wohl fünfzehn Fuß breiter Creek gewesen war, an dem jedoch sowohl der Mann als auch seine Tiere ihren Durst löschen konnten. Der Kopfgeldjäger aß etwas Pemmikan, rauchte eine Zigarette und setzte dann seinen Weg fort.

Stechmücken setzten ihm und dem Pferd zu, es gab kaum Schatten und sogar in den Schluchten brütete die Hitze.

Es war unmöglich, das Pferd schneller als im Schritttempo gehen zu lassen. Und so kam McQuade nicht sehr schnell vorwärts. Aber mit jedem Schritt des Fuchswallachs kam er seinem Ziel ein kleines Stück näher, und der Gedanke, zwei skrupellose Kerle unschädlich zu machen, motivierte den Texaner, der auf der Fährte der Mörder seiner Familie ins Arizona-Territorium gekommen und geblieben war.

Er ritt, bis es finster war, übernachtete zwischen einigen Felsen, verbrachte einen weiteren Tag im Sattel, schlug in der zweiten Nacht am Camp Grant Wash sein Lager auf und wurde auf den letzten Meilen bis Hayden von einem Sandsturm überrascht. Er kam wie eine graue, alles verschlingende Flut über die Felswände und Hügelflanken herabgefegt und trieb eine wogende Wand aus Staub und Sand vor sich her, die alles unter sich zu begraben drohte. Ein bretterharter Wind trieb dichte Staubschleier über das Land, der scharfe Wind nahm McQuade fast den Atem, das Pferd unter dem Kopfgeldjäger stemmte sich dagegen und kämpfte gegen ihn wie gegen einen leibhaftigen Feind.

Der Texaner hatte sich das Halstuch über Mund und Nase gezogen und den Stetson weit in die Stirn gerückt, doch schon bald knirschte zwischen seinen Zähnen der feine Sand und seine Augen brannten wie Feuer. Die scharfen Kristalle peitschten seine ungeschützte Haut wie winzige Nadelspitzen, über sein Gesicht schienen Flammenzungen zu lecken.

Die Wildnis hatte sich in einen tosenden Hexenkessel verwandelt, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien. Immer neue Massen von Sand und Staub jagte das entfesselte Element über die Hügelkuppen und Felsen heran. Der Staub wirbelte so dicht, dass McQuade fast die Hand vor den Augen nicht mehr erkennen konnte.

Der Kopfgeldjäger hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, als der graue Schleier für einen Moment riss und er verschwommen die Konturen einiger Häuser erkennen konnte. McQuade vermutete, dass er Hayden erreicht hatte. Der Sturm heulte wie ein hungriges Raubtier durch die Main Street und riss den Sand vom Boden, die Windstöße beugten die Wipfel der Bäume in den Gärten, wirbelten um die Häuser und fauchten und stöhnten in den Passagen und Gassen. Es war, als meldeten sich die alten, längst verklungenen Stimmen dieses rauen, gnadenlosen Landes.

Immer wieder hüllten Sand- und Staubwolken den Kopfgeldjäger ein, Staub und Sand krochen unter seine Kleidung und klebten in seinem Gesicht.

Doch wie es schien, war er der Hölle des Sandsturms entronnen.

Mit einer erneuten Böe peitschte der Sturm eine vernichtende Woge von Staub und Sand heran und die vagen Umrisse der Gebäude versanken wieder in dem grauen, wirbelnden Chaos.

Dann flaute die Böe ab und McQuade nahm wieder seine nächste Umgebung wahr. Da er nicht zum ersten Mal in Hayden war, konnte er sich an dem, was sein Blick erfasste, einigermaßen orientieren und er fand den Mietstall. Das Tor war geschlossen. McQuade saß im Hof ab, nahm das Pferd am Kopfgeschirr, zog einen Flügel des Tores auf und zerrte das Tier hinter sich her in den Stall. Sofort schloss er das Tor wieder. Der Sturm rüttelte daran und Sand prasselte dagegen wie eine gewaltige Ladung Schrot. Typischer Stallgeruch stieg dem Mann in die Nase. Das Pferd prustete. Seine Nasenlöcher waren mit feinkörnigem Sand verklebt. Sand und Staub rieselten auch von seinem Rücken und von den Schultern des Kopfgeldjägers sowie der Krempe seines Stetsons.

Gleich beim Eingang brannte eine Laterne, die an einem Nagel hing, der in einen der Tragebalken geschlagen worden war. Tiefer im Stall brannte ebenfalls eine Lampe. Die Laternen warfen gelbe Lichtkleckse auf den Mittelgang.

Der Stallmann kam aus seinem Aufenthaltsraum, und als er mit McQuade zusammentraf, knurrte er: „Wo kommen Sie denn her bei diesem Dreckwetter? Da jagt man doch keinen Hund vor die Tür.“ Sein Blick richtete sich auf Gray Wolf, auf dessen Rücken dick der Sand lag. „Apropos Hund – ist der graue Bursche gefährlich?“

In diesem Moment schüttelte Gray Wolf Sand und Staub aus seinem Fell. McQuade zog sich das Halstuch vom Gesicht, dann nahm er seinen Stetson ab und klopfte ihn an seinem rechten Bein aus. „Wenn man meinen vierbeinigen Partner nicht herausfordert, ist er absolut friedlich. – Ich komme von Tucson herauf und reite auf der Fährte ...“

Der Stallbursche schlug sich mit der flachen Hand leicht vor die Stirn und stieß hervor: „Natürlich! Ich muss blind gewesen sein. Ein Mann, der einen braunen Staubmantel trägt und von einem grauen Wolfshund begleitet wird. Sie können nur McQuade, der Kopfgeldjäger sein.“

„Richtig erkannt“, versetzte der Texaner. „Ich bin hinter diesen beiden Kerlen her.“

McQuade zog die Steckbriefe von Fleming und Lloyd aus der Manteltasche, faltete sie auseinander und gab sie dem Stallburschen, der die Konterfeis eingehend studierte und dann nickte. „Ja, die beiden sind vor ein paar Tagen hier angekommen. Ich ahnte doch gleich, dass es sich um zwei Galgenvögel handelt.“ Der Stallmann pfiff durch die Zähne. „Sehen höllisch gefährlich aus die beiden, und die Verworfenheit schaut ihnen regelrecht aus den Augen. Es sind zweibeinige Wölfe, McQuade.“

„Ich werde das Überraschungsmoment auf meiner Seite haben“, gab McQuade zu verstehen und nahm die Streckbriefe, die ihm der Stallmann reichte, faltete sie zusammen und schob sie wieder in die Tasche. „Vorausgesetzt, Sie behalten für sich, dass ich wegen der beiden nach Hayden gekommen bin.“

„Das ist doch Ehrensache. Solche Kerle sind Furunkel im Angesicht unserer schönen Erde, man muss sie wie Eitergeschwüre bekämpfen und ausrotten.“

McQuade nickte. „Ich vermute, dass sie sich im Hotel einquartiert haben.“

„Es ist jetzt Mittag“, erwiderte der Stallbursche, „und möglicherweise sind sie jetzt im Saloon, um zu essen – vorausgesetzt, der Sandsturm hat sie nicht davon abgehalten, das Hotel zu verlassen.“

McQuade stülpte sich den Hut auf den Kopf, griff nach der Henry Rifle und zog sie mit einem Ruck aus dem Scabbard. „Geben Sie dem Pferd ausreichend Wasser und Futter“, sagte er. „Ich schließe nicht aus, dass ich noch in der nächsten Stunde den Rückweg antrete. Und – satteln Sie die Pferde der beiden Banditen.“

„Sie scheinen sich Ihrer Sache ja höllisch sicher zu sein, McQuade.“

Darauf antwortete der Kopfgeldjäger nicht, sondern schwang herum und strebte – gefolgt von Gray Wolf - dem Ausgang zu. Der Sturm riss ihm das Stalltor fast aus den Händen und griff wie mit zornigen Klauen nach ihm. Er hatte Mühe, den Torflügel zuzudrücken, wurde vom wirbelnden Sand eingehüllt und zog sich wieder das Halstuch über Mund und Nase.

Der Sandsturm wütete mit brachialer, unverminderter Wucht, zerrte an McQuades Mantel und der Kopfgeldjäger hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben. An den Zäunen und Hauswänden hatten sich regelrechte Sand- und Staubwechten gebildet. Nach wenigen Zoll endete das Blickfeld. McQuade, der die örtlichen Gegebenheiten der Stadt nur ungefähr im Kopf hatte, konnte nur hoffen, den richtigen Weg zum Saloon eingeschlagen zu haben, nachdem er das Hoftor des Mietstalles durchschritten hatte.

Das Orgeln, Heulen und Jaulen in den Ohren kämpfte sich der Kopfgeldjäger durch den stellenweise knietief aufgehäuften Sand. McQuade stieß gegen ein Geländer und tauchte hindurch, befand sich auf einem Gehsteig und folgte ihm bis zu einigen Stufen, die auf einen Vorbau führten.

Schließlich stand McQuade vor der Pendeltür des Saloons. Die Sicherheitstür dahinter war geschlossen. Aber sie ließ sich öffnen. McQuade schob sie gerade so weit auf, dass er und Gray Wolf hindurchpassten, und als er im Schankraum war, drückte er sie sofort wieder zu.

Hier war außer dem Keeper niemand. Der saß an einem Tisch beim Tresen und las in einer Zeitung. Nun aber fesselte der Ankömmling seine Aufmerksamkeit. McQuade zog das Halstuch nach unten, und jetzt erkannte ihn der Keeper. „Großer Gott, McQuade!“, entfuhr es ihm verblüfft. Mehr brachte er nicht hervor.

Der Kopfgeldjäger setzte sich zu dem Mann an den Tisch, Gray Wolf legte sich zu seinen Füßen auf den Fußboden. „Bitte, geben Sie mir einen Krug Wasser. Ich hab das Gefühl, vom Mietstall bis hierher trotz des Halstuchs einen Eimer voll Sand und Staub geschluckt zu haben.“

„Da draußen – das ist die Hölle“, entrang es sich dem Keeper.

„Und sie hat mich ausgespuckt“, knurrte der Texaner grimmig. „Geben Sie auch dem Hund einen Eimer voll Wasser, damit er sich den Sand aus der Kehle spülen kann.“

Der Keeper beeilte sich. Nachdem McQuade einen kräftigen Schluck zu sich genommen hatte, drehte er sich eine Zigarette, als sie brannte und er den ersten Zug inhaliert hatte, sagte er: „Ich warte auf die beiden Kerle, die vor zwei oder drei Tagen in Hayden angekommen sind. Vom Stallmann weiß ich, dass sie mittags immer zum Essen zu Ihnen kommen.“

Der Keeper nickte. „Normalerweise – ja. Ob sie bei diesem Sturm jedoch das Hotel verlassen, ist fraglich.“

„Wir werden es sehen“, knurrte der Kopfgeldjäger.

7

Fleming und Lloyd kamen nicht. Nachdem McQuade die dritte Zigarette geraucht hatte, verlor er die Geduld, erhob sich und ging zur Tür. Draußen wütete noch immer der Sturm. Der Keeper, den der Kopfgeldjäger über die beiden Kerle aufgeklärt hatte, rief: „Wenn der Sturm abflaut, kommen die beiden sicher, McQuade. Warum wollen Sie nicht warten?“

„Sie haben recht“, murmelte McQuade und kehrte zum Tisch zurück. Und das Warten ging weiter. Obwohl sich die Minuten aneinanderreihten, hatte der Kopfgeldjäger das Gefühl, dass die Zeit stillstand. Irgendwann aber ließ das Heulen und Brüllen des Sturmes nach, und schließlich war das tobende Element nach Osten verschwunden. Die Stille, die folgte, mutete bleischwer und erdrückend an. Nach dem Jaulen und Orgeln des Sturms wirkte sie geradezu unecht, fast gespenstisch.

Durch die großen Frontfenster reichte der Blick jetzt wieder bis zur anderen Seite der Fahrbahn. Wolken aus winzigen Staubpartikeln hingen zwar noch in der Luft, aber der viel schwerere Sand, der das Blickfeld wie ein Vorhang begrenzte, hatte sich gelegt.

Der Keeper zog die Sicherheitstüre auf und trat hinaus auf den Vorbau. Der wolkenüberzogene Himmel, das düstere Grau, die Reglosigkeit der Hügel und Felsen rings um die Ortschaft, die eingetretene Stille - das alles wirkte unheimlich und bedrückend.

Als der Keeper in den Schankraum zurückkehrte, stand McQuade beim Fenster rechts neben der Tür. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite war das Hotel. Der Kopfgeldjäger wartete darauf, dass der Hunger die beiden Banditen veranlasste, den Saloon aufzusuchen.

Die ersten Menschen kamen aus ihren Häusern, bewaffnet mit Besen und Schaufeln, und begannen, Vorbauten und Gehsteige von Sand und Staub zu befreien.

Und dann traten zwei hochgewachsene Männer aus dem Hotel. Die nach wie vor vorübergleitenden Staubschleier verhinderten, dass McQuade Einzelheiten erkennen konnte, er war sich aber fast sicher, dass es sich um Joe Fleming und Stacy Lloyd handelte. Um den Mund des Kopfgeldjägers setzte sich ein entschlossener Zug fest und in seine Augen trat der Ausdruck unerbittlicher Härte. Mit der rechten Hand rückte er das Holster mit dem Sechsschüsser zurecht, dann nahm er die Henrygun mit beiden Händen und hebelte eine Patrone ins Patronenlager. „Der Tanz beginnt, Partner“, presste McQuade zwischen den Zähnen hervor.

Die beiden Männer überquerten die Fahrbahn und gelangten zu McQuade in einen toten Winkel. Aber bald erschienen sie wieder in seinem Blickfeld. Und dann wurden die Batwings der Pendeltür aufgestoßen und die beiden betraten den Schankraum.

McQuade hielt das Gewehr an der Hüfte. Die beiden sahen ihn und – begriffen. Fast gleichzeitig fuhren ihre Hände zu den Revolvern. McQuades Gewehr knallte und die Kugel warf einen der Banditen um. Er kippte gegen seinen Kumpan, der dadurch gehindert wurde, zu feuern, der sich aber geistesgegenwärtig herumwarf und wieder nach draußen rannte.

Pulverdampf wogte vor McQuades Gesicht. Er repetierte und setzte sich in Bewegung, in diesem Moment aber hob der Bursche am Boden vor der Tür den Kopf und seine Hand mit dem Colt schwang herum. Der Texaner kannte keinen Pardon. Sein Gewehr peitschte, der Kopf des Banditen fiel nach vorn und lag schließlich seitlich mit dem Gesicht am Boden, die Hand mit dem Schießeisen sank haltlos nach unten und öffnete sich.

Der Kopfgeldjäger stieg ohne die Spur einer Gemütsregung über den Banditen hinweg. Dass es sich um Stacy Lloyd handelte, hatte er schon registriert, als beide den Saloon betraten. Über die geschwungenen Ränder der Pendeltür spähte McQuade nach draußen. Die Menschen auf den Vorbauten und Gehsteigen hatten ihre Arbeit mit Besen und Schaufeln unterbrochen und starrten herüber. Doch von Joe Fleming war nichts zu sehen.

McQuade schob mit dem Körper die Türpendel auf und trat auf den Vorbau hinaus. Er hatte nach seinem Schuss sofort wieder nachgeladen. Fest hielt er das Gewehr mit dem Kolben an die Seite gepresst, sein Zeigefinger lag um den Abzug. Sein hellwacher Blick tastete sich in die Runde, er war angespannt bis in die letzte Faser seines Körpers und darauf eingestellt, gedankenschnell zu reagieren.

Und McQuades Gedanken arbeiteten. Keiner der beiden Banditen hatte sein Gewehr bei sich, als sie das Hotel verließen, um im Saloon zu essen. Flemings Bestreben würde es sein, es sich zu holen, um gegen den Fremden, der sie im Saloon erwartet hatte, eine Chance zu haben.

Sie hatten die Gewehre im Hotelzimmer zurückgelassen.

McQuade gab sich einen Ruck, sprang vom Vorbau und stapfte über die Straße.

Nun kam Joe Fleming aus dem Hotel, sah die große, hagere Gestalt im Staubmantel und dem schwarzen Stetson auf dem Kopf und riss das Gewehr an die Hüfte.

McQuade ging blitzschnell auf das linke Knie nieder.

Die Gewehre schleuderten ihren Knall über die Fahrbahn, die Detonationen verschmolzen ineinander und stauten sich zwischen den Gebäuden.

Fleming hatte sich mit dem Brechen seines Schusses zur Seite geworfen, und so streifte ihn die Kugel des Kopfgeldjägers nur am Oberarm.

Gray Wolf hatte sich abgestoßen und jagte mit kraftvollen Sätzen auf das Hotel zu; er schien regelrecht dicht über dem Boden dahinzufliegen und die Schwerkraft überwunden zu haben.

Die Banditenkugel war dicht vor McQuades Füßen in den Staub gepflügt.

Die Detonationen waren noch nicht verhallt, als der Kopfgeldjäger schon wieder durchgeladen hatte. In dem Moment, als er aber feuerte, hechtete Fleming durch die Tür zurück in die Hotelhalle. Mit dem Fuß warf er die Tür zu.

Bellend stieg Gray Wolf an der Tür auf, kratzte mit den Vorderpfoten daran und gebärdete sich wie von Sinnen. McQuade hatte sich aufgerichtet und rannte geduckt nach rechts, verschwand in einer Häuserlücke und lehnte sich mit dem Rücken gegen eine Wand, das Gewehr mit beiden Händen schräg vor dem Oberkörper haltend.

Einige Sekunden verstrichen. Gray Wolf gab es auf, an der Tür zu kratzen, lief nach links davon und verschwand um die Ecke des Hotels.

McQuade spähte um die Ecke des Gebäudes, an dem er stand, und er sah den Banditen an einem Fenster in der oberen Etage des Hotels. Er nahm das Gewehr an die Schulter, trat um die Ecke herum, zielte zwei Herzschläge lang und drückte dann ab. Ein spitzer Aufschrei erklang und Fleming verschwand.

Sofort spurtete McQuade los. Die Sandwechten auf der Straße behinderten ihn, jeden Moment wartete er darauf, dass er vom Hotel aus unter Feuer genommen wurde, seine Nerven waren zum Zerreißen angespannt. Unwillkürlich schlug er Haken wie ein Hase.

Ziemlich atemlos und schwitzend kam er beim Hotel an, betrat vorsichtig die Halle und glitt sofort an die Wand neben der Tür, mit einer gleitenden Bewegung zog er den Colt und spannte den Hahn. Mit dem leisen Knacken bewegte sich die Trommel um eine Kammer weiter.

Die Rezeption war verwaist. Der Owner hatte sich in Sicherheit gebracht. McQuades Blick wanderte die Treppe empor. Seine Lippen waren fest zusammengepresst, hart traten die Backenknochen hervor, der Kopfgeldjäger verströmte Entschlossenheit, Kompromisslosigkeit und stählerne Härte. Er hatte keine Ahnung, ob er Fleming mit seinem letzten Schuss getroffen hatte, ging aber davon aus, dass das nicht der Fall war und dass von dem Banditen nach wie vor tödliche Gefahr ausging. Einen Fehler konnte er sich nicht leisten. Den Blick auf die Stelle gerichtet, an der der Bandit in sein Blickfeld treten musste, wenn er aus dem Flur kam, der bei der Treppe endete, setzte sich McQuade in Bewegung. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen, seine Schritte waren kurz und abgezirkelt, er bewegte sich furchtlos und unerschrocken.

Langsam stieg er die Treppe nach oben. Die Mündung des Sechsschüssers wies auf die Stelle, an der sich auch sein Blick verkrallt hatte.

Nichts!

In dem Flur oben war es düster. Es gab auf beiden Seiten drei Türen. Die letzte Tür auf der rechten Flurseite musste es sein, gemessen an der Verteilung der Fenster in der Frontseite des Gebäudes.

Ein Teppich schluckte die Schritte des Kopfgeldjägers. Nur das brüchige Leder seiner verstaubten Stiefel knarrte leise und vermischte sich mit dem melodiösen Klirren der Sporenräder.

Neben der Tür hielt McQuade an und lauschte. Im Raum dahinter war es absolut still. Der Kopfgeldjäger drehte am Türknauf, doch die Tür war von innen verschlossen. Er benutzte das rechte Bein wie einen Rammbock, die Tür hielt nicht stand und flog krachend auf. Ein Revolver dröhnte, der Knall drohte den Raum aus allen Fugen zu sprengen, die Kugeln durchschlugen die der Tür gegenüberliegende Wand. McQuade aber war sofort, als die Tür aufflog, zur Seite gewichen und stand im Schutz der Wand.

Drin erklang ein wüster Fluch.

Und jetzt trat der Texaner in Aktion. Ein kurzer Schritt brachte ihn in die Tür und er feuerte. Fleming, der neben dem Fenster stand, wurde überrascht, denn damit, dass sein Gegner alles auf eine Karte setzte, hatte er nicht gerechnet. Es gelang dem Banditen nicht mehr, den Finger zu krümmen. Seine Augen weiteten sich, er stolperte zwei Schritte von der Wand weg und kippte vornüber auf das Bett, seine Beine zuckten kurze Zeit unkontrolliert, dann starb er mit einem zerrinnenden Röcheln in der Kehle.

Pulverdampf wölkte, der beißende Geruch des verbrannten Pulvers legte sich auf McQuades Schleimhäute. Aus der Mündung seines Coltrevolvers kräuselte ein dünner Rauchfaden.

Der Kopfgeldjäger trat vor das Bett hin, griff mit der Linken in die Haare des Banditen und hob seinen Kopf etwas an. In seinen Zügen las er nur die absolute Leere des Todes. McQuade rammte seinen Sechsschüsser ins Holster und knurrte: „Ich bringe euch nach Bisbee, Bandit, wie ich es versprochen habe. Der Zustand, in dem ich euch abliefere, spielt dabei keine Rolle.“

8

Eine Stunde später verließ der Kopfgeldjäger die Stadt. Er saß auf dem Bock eines leichten Farmwagens, den er gegen die beiden Banditenpferde samt der Sättel und Zaumzeuge eingetauscht hatte. Das Pferd, das er in Tucson ausgeliehen hatte, zog das Fuhrwerk, auf dessen Ladefläche zwei einfache Särge aus Fichtenholz standen.

Und wieder lagen viele Meilen voller Strapazen und Unbilden vor McQuade. Aber es galt, ein Versprechen einzulösen. Und außerdem wartete in Bisbee der Falbe darauf, von ihm abgeholt zu werden.

„Hüh!“, rief der Kopfgeldjäger und ließ die Peitschenschnur knallen. Das Pferd legte sich ins Geschirr. Vor McQuade lag die Wildnis im roten Abendsonnenschein. Ein einsamer Mann, der nur vom Stampfen der Hufe und vom Rumpeln des Fuhrwerks umgeben war und der das Recht ein weiteres Mal zum Triumph geführt hatte.

Nun, völlig einsam war er nicht. Zu seinen Füßen lag Gray Wolf auf dem Boden des Wagenbocks. Er hatte den Kopf zwischen die Vorderpfoten gebettet und schielte zu seinem Herrn in die Höhe.

Ein Mann und sein Hund! Sie bildeten ein nahezu unschlagbares Duo im Kampf gegen das Unrecht.

E N D E

DREI SÄRGE WARTEN IN AMARILLO

von A. F. MORLAND

In alter Rechtschreibung

Frank Bunuel spürte einen harten Schlag an der Brust. Er wurde zurückgeworfen. Mit zusammengepreßten Kiefern wollte er endlich abdrücken, doch seltsamerweise hatte er keine Kraft mehr im Zeigefinger. Die Stille wurde immer wieder von Detonationen zerrissen. Das letzte Geschoß schleuderte Frank Bunuel zu Boden, direkt vor Fannys Füße. Die junge Frau war kreidebleich geworden. „Frank!“ schrie sie kreischend. „Frank!“ Sie fiel neben ihrem toten Mann auf die Knie. Tränen quollen aus ihren Augen, die den Leichnam fassungslos anschauten. Die Hufschläge entfernten sich, waren bald nicht mehr zu hören. Wie ein Spuk waren die vier Killer aufgetaucht und wieder verschwunden und hatten einen Toten zurückgelassen, den seine verzweifelte Frau beweinte...

1

Sie kämpften hinter dem Saloon. Johnny Puma brauchte keine Zuschauer, wenn er eine Sache, die ihm nicht paßte, mit den Fäusten bereinigte. Sein Gegner war ein schwerer Brocken mit fleischigen Augenlidern und kantigem Schädel. Dennoch war von der ersten Minute an zu erkennen, daß der Mann gegen Johnny keine Chance hatte.

Puma zog einen Aufwärtshaken mit großer Kraft nach oben. Er traf voll. Den anderen hob es beinahe aus den Stiefeln. Er rollte mit den Augen und schüttelte benommen, den Kopf.

Knurrend wollte er zum Gegenangriff übergehen. Er nahm seine großen Hände hoch, krampfte sie zu harten Fäusten zusammen und schlug damit nach Johnnys Bauch.

Puma blockte den Hammer ab und konterte blitzschnell. Der Mann torkelte. Seine kleinen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Na warte, du Bastard!“ zischte er und griff nach seinem Messer.

Auf der langen Klinge tanzten blitzende Reflexe. Johnny Puma starrte den Gegner eiskalt an. Er fürchtete den Mann, der größer und schwerer als er war, nicht. Es gab wohl niemanden auf der Welt, vor dem Johnny Angst gehabt hätte.

Der angeschlagene Kerl wollte das Blatt nun wenden. „Ich mach’ dich fertig, du Strolch!“ fauchte er.

„Mann, du solltest das Messer schnell wieder wegstecken, sonst kriegst du mehr ,Ärger, als du verkraften kannst“, sagte Johnny.

Der Kerl stach zu. Johnny brachte sich mit einem federnden Satz in Sicherheit. Die Klinge fegte an seinem Gürtel vorbei. Johnny Puma fing den Messerarm geschickt ab, rammte dem Mann seinen Ellenbogen gegen die Brust, drehte den Arm kraftvoll herum. Ein Aufschrei. Das Messer fiel in den Staub.

Und nun gab Johnny dem Kerl mit ein paar wuchtigen, präzise gesetzten Hieben den Rest.

Der Mann fiel. Johnny schickte ihm. noch einen Faustschlag nach. Der Kerl landete auf dem Bauch und streckte alle viere von sich. Er keuchte schwer, war unfähig, sich zu erheben.

„So“, sagte Johnny Puma kalt. „Ich denke, das sollte. reichen. Vielleicht hast du daraus etwas gelernt: Kein Mann darf ungestraft behaupten, Johnny Puma wäre ein Feigling, bloß, weil er keine Waffe trägt!“

Damit war Johnny mit dem Kerl fertig. Er ließ ihn liegen, kümmerte sich nicht weiter um ihn, machte auf den hohen Hacken seiner Halbstiefel kehrt und ging in den Saloon zurück.

Der Mann rappelte sich schwitzend auf. Er hob sein Messer auf, torkelte zur gegenüberliegenden Tränke, steckte den Kopf ins Wasser, kam prustend hoch und rief in Richtung Saloon: „Warte nur, du dämlicher Angeber! Eines Tages wird dich einer Feigling nennen, und du wirst es dir gefallen lassen müssen!“

Im Saloon ging es hoch her. Der Klavierspieler hatte einen seiner besten Tage. Zudem war er besoffen, und so ließ er die Finger zu seinem eigenen Vergnügen über die Tasten tanzen. Dazu grölte er all die Ohrwürmer, die landauf, landab gern gehört wurden.

Cowboys und Farmer saßen an getrennten Tischen, wollten nichts voneinander wissen, ließen einander an diesem Tag ausnahmsweise in Ruhe. Die Girls, leicht geschürzt, mit tiefen Ausschnitten, in denen allerhand wogte, setzten sich mal auf diesen, dann auf jenen Schoß, um den Umsatz zu heben, und er hob sich tatsächlich.

Das nahm der feiste Wirt mit fröhlicher Miene zur Kenntnis. Wenn er Zeit hatte, überschlug er immer wieder kurz die Einnahmen, und er kam zu dem Schluß, daß er seit Monaten kein so gutes Geschäft mehr gemacht hatte.

Johnny Puma kehrte an seinen Platz an der Theke zurück. Der Wirt blickte ihn prüfend an. Kein Kratzer war an Johnny. Auch kein Staubfleck. Also war die Auseinandersetzung hinter dem Saloon für ihn eine glatte Sache gewesen.

„Darf’s noch was sein, Johnny?“ fragte der Wirt mit einem freundlichen Grinsen. Er war bekannt dafür, daß er sich immer hinter den Sieger und niemals hinter den Verlierer stellte.

„Einen Whisky könnte ich auf den Ärger schon vertragen“, erwiderte Johnny Puma schmunzelnd.

„Gab’s Probleme?“ erkundigte sich der Wirt.

„Nicht die geringsten.“

„Das hört man gern. Du hast einiges los, mein Junge ,das darf dir ein alter Hase wie ich doch sagen, oder. Und du bist verdammt fair, was man nicht vor jedem Mann behaupten kann.“

Johnny bleckte die Zähne. „Okay, okay. Wenn du mir schon so schön tust, dann gieß dir auch einen Whisky ein.“

„Oh, deshalb habe ich es nicht gesagt. Ehrlich nicht. Aber wenn du mich einlädst, wäre es unklug von mir, abzulehnen.“

Flugs stand ein zweites Glas auf dem Tresen. Der Whisky gluckste ins Glas. Nachdem der Wirt die Flasche weggestellt hatte, hob er sein Glas und sagte: „Auf dich, Johnny. Auf einen Mann von Format!“ Dann trat er, als wollte er sich im Whisky ersäufen.

Johnny nippte nur an seinem Glas. Er zeigte dem Wirt die kalte Schulter, und der Feiste nahm sich seiner anderen Gäste an.

An zwei Tischen wurde gepokert. Es ging erstaunlich ruhig dabei zu. Eine Menge Geld lag im Pott. Dicker Rauch hing darüber.

Johnny Puma war ein schlanker Bursche, stets in Schwarz gekleidet, was nichts mit penetranter Trauer zu tun hatte. Er liebte diese Farbe einfach. Auch seine Locken waren schwarz. Sie wuchsen ihm über den Hemdkragen. Johnny hatte ein scharfgeschnittenes, von der Sonne kupferbraun gefärbtes Gesicht. Seine Hände waren schmal und feinnervig. Die Finger konnten einen Colt blitzschnell ziehen und zielsicher abfeuern, doch seit einiger Zeit hing Johnnys Revolvergurt zu Hause am Nagel.

Johnny war Kopfgeldjäger gewesen.

Er hatte einen Haufen Geld mit diesem gefährlichen Job verdient, und als er die Summe beisammen gehabt hatte, die er sich vorgestellt hatte, hatte er gesagt: „Jetzt ist es genug. Das reicht. Von nun an wird nichts mehr gearbeitet.“

Und das mit vierzig, denn älter war Johnny Puma noch nicht.

Er sah aus wie dreißig, hatte kaum Falten um die Augen, war wendig und blitzschnell. Und er konnte sich auch ohne Colt sehr gut behaupten.

Er kannte Kopfgeldjäger, die hatten so lange weitergemacht, bis ihre Gegner schneller gewesen waren als sie.

Heute erinnerte bestenfalls ein Grabstein an diese habgierigen Leute. Nein, man muß beizeiten aufhören können, und Johnny Puma hatte das gekonnt. Er hatte sein Geld gut angelegt und lebte nun davon ohne Sorgen.

Ein Mann schob sich an Johnny heran. Er war klein und mickrig, trug abgewetzte Hosen, hatte buschige Brauen und kreuz und quer stehende Stacheln im Gesicht. Johnny verglich ihn insgeheim mit einem Kaktus.

Der Mann lächelte. Er hatte gelbe Zähne, unregelmäßig und abgenutzt.

Er schien mit Johnny ins Gespräch kommen zu wollen, suchte aber noch nach den geeigneten Worten, mit denen er beginnen sollte.

„Darf man gratulieren?“ fragte er schließlich.

„Wozu?“ fragte Johnny. „Ich hab’ nicht Geburtstag.“

„Ich möchte Ihnen zu Ihrem Sieg von vorhin gratulieren.“ Der Mann senkte den Blick. „Ich habe zugesehen, wie Sie den Kerl fertiggemacht haben. Habe hinter der Ecke gestanden und ein Auge riskiert. Ich war neugierig, verstehen Sie? Weil ich schon viel von Ihnen gehört habe, Mr. Puma. Mein Name ist Gus Howard. Sie sind für mich zu Lebzeiten schon so etwas wie eine Legende, wenn ich das sagen darf. Ich erinnere mich noch gut daran, wie man mir erzählte, wie Sie Georgie the Shooter und Revolver Kelly zur Strecke brachten.

„Die Story, die man Ihnen erzählte, war bestimmt aufgebauscht“, sagte Johnny schmunzelnd.

„Seither sind Sie für mich einer der Größten, ,Mr. Puma, das lasse ich mir nicht nehmen. Sie hatten ganz recht, den verdammten Kerl zu verdreschen. Johnny Puma ist alles mögliche, aber nie und nimmer ein Feigling.“

„Sie teilen wohl gern Lob aus, wie?“

„Ganz im Gegenteil. Ich bin bloß objektiv. Da, wo ich herkomme, könnte man einen Mann wie Sie verdammt gut gebrauchen.“

„So? Wo kommen Sie denn her?“

Gus Howard zögerte einen Augenblick. Dann sagte er: „Amarillo!“

Johnny blickte Howard aufhorchend an. „Soviel mir bekannt ist, habt ihr in Amarillo den besten Mann, den ich mir als Vertreter des Gesetzes vorstellen kann: Red Portland.“

Johnny kannte Red Portland persönlich. Nicht nur das. Er war mit Red über viele Jahre befreundet gewesen, ehe sich ihre Wege getrennt hatten.

Gus Howard kräuselte die Stirn. Er winkte ab. „Das war mal, Mr. Puma. Red Portland war mal eine ganz große Nummer.“

„Wieso ist er’s nicht mehr?“ fragte Johnny interessiert.

„Sheriff Portland ist am Ende. Er taugt nichts mehr.“

„Das gibt’s doch nicht. Red ist nicht älter, als ich.“

„Ja. Aber Sie wissen heute immer noch, wann Sie genug getrunken haben. Red Portland weiß das schon lange nicht mehr. Er säuft wie ein Loch. Er ist heute schon so weit, daß er keinen Revolver mehr halten kann. Haben Sie schon mal einen solchen Sheriff gesehen, Mr. Puma?“

„Dann und wann.“

„Wenn Portland zur Waffe greift, besteht die Gefahr, daß er sich selbst verletzt. Ein solcher Mann ist heute der Hüter des Gesetzes in Amarillo.“

2

Johnny Puma dachte an die Zeit, die er da verbracht hatte. Er hatte sich in dieser Ecke von Texas sehr wohlgefühlt, und er fragte sich jetzt, warum er eigentlich nicht dorthin zurückgekehrt war, als er vom ewigen Herumstreunen die Nase voll gehabt hatte.

„Vor sieben Jahren war Sheriff Portland noch ein ganzer Mann“, erzählte Gus Howard weiter. „Vor sieben Jahren hat er die Campbell-Brüder. Ty, Lex und Jack ins Loch gebracht“

Johnny nickte. „Ja, davon habe ich gehört. Das war damals eine Glanzleistung von Red.“

„Kurz darauf hat er angefangen sich an der Whiskyflasche festzuhalten“, knirschte Gus Howard.

„Aus welchem Grund?“

„Keine Ahnung. Die Campbell-Brüder haben ihm damals Rache geschworen. Der Richter hat sie zu sieben Jahren verdonnert. Die sieben Jahre sind jetzt um“, sagte Howard mit sorgenvoller Miene. „Verstehen Sie, worauf ich hinaus will, Mr Puma?“

„Ich glaube, ich kann Ihnen folgen“, erwiderte Johnny lächelnd „Red Portland wird in absehbarer Zeit bis zum Halstuch in Schwierigkeiten stecken.“

Howard nickte betrüblich. „So ist es... Die Campbell-Brüder werdet demnächst in Amarillo wieder auftauchen. Dann wird Red Portland für sie nicht mehr als eine lebend Zielscheibe sein. Diese Banditen werden ihn fertigmachen, und kein Mann in Amarillo wird den Mut haben, sie daran zu hindern.“

„Das sind vielleicht üble Aussichten.“

„Das kann man wohl sagen“, seufzte Gus Howard. „Tony Warlock wartet voll brennender Ungeduld auf den Moment, wo der Sheriff ins Gras beißt. Ihm gehört bereits die halbe Stadt.“

„Soviel ich von Warlock weiß, geht der doch über Leichen. Wenn es um Red Portland schon so schlecht bestellt ist, warum läßt Warlock ihn dann nicht von einem Revolverschwinger fertigmachen?“

„Das würden ihm die Campbell-Brüder sehr übelnehmen, denn damit würde er sie um ihre Rache bringen. Deshalb läßt er die Finger von Sheriff Portland. Sobald die Campbell-Brüder ihn fertiggemacht haben, ist Warlock der lachende Dritte bei der Geschichte.“

Johnny Puma wandte sich dem mickrigen Mann nun ganz zu. Er musterte ihn von Kopf bis Fuß und fragte dann: „Sagen Sie mal, warum erzählen Sie mir das alles, Gus?“

„Ich bin hier nur auf der Durchreise...“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

„Die Antwort kommt sofort. Als Graubart-Joe hörte, daß ich hier vorbeikommen würde, bat er mich, mit Ihnen über Red Portland zu reden. Das habe ich hiermit getan. Joe läßt Sie herzlich grüßen.“ „Sonst Nichts?“ fragte Johnny Puma erstaunt.

Gus Howard schüttelte den Kopf. „Er sagte, alles andere wüßten Sie von selbst.“

Johnny grinste. Der alte, listige Graubart- Joe. Er ließ ihn nicht bitten, nach Amarillo zu kommen, damit er Red Portland beistand. Nein, Joe, der schlaue Fuchs drehte es anders. Er bat Gus nur, zu erzählen, wie dreckig es Red ging. Alles andere würde sich dann gewiß von selbst ergeben.

Johnny Puma massierte sein Kinn. „Red braucht also dringend Hilfe.“

„Wenn ihm niemand hilft, ist er in Kürze ein toter Mann.“

Johnny schmunzelte. ‚„Wer will das schon? Sie nicht, Graubart-Joe nicht und ich natürlich auch nicht, schließlich ist Red immer noch mein Freund.“

Er war zwei Tage im Sattel.

Dann hatte er Amarillo erreicht Das erste Haus, noch außerhalb .der Stadt, tauchte auf. Es war Abend. Der Himmel war schwarz, und ein gelber Mond erhellte dürftig den Trail.

Irgendwo bellte ein Hund. Weiter draußen heulten Kojoten.

Johnny Puma stieg vor dem ersten Haus von Amarillo aus dem Sattel. Rechts befand sich der Stall. Vor dem Haus gab es einen von Steinen eingefaßten Brunnen. Drinnen im Haus brannten die Kerosinlampen.

Johnny hielt die Zügel seines drahtigen Mustangs locker in der Hand. Plötzlich stellte das Tier die Ohren auf. Es machte einige tänzelnde Schritte und schnaubte nervös. Gleichzeitig vernahm Johnny Puma ein metallisches Knacken.

Der Hahn eines Revolvers war gespannt worden!

Johnny blieb augenblicklich stehen.

„Keine Bewegung!“ zischte jemand hinter ihm. „Hände hoch!“

Johnny gehorchte. Es wäre leichtsinnig gewesen, anders zu handeln. Vielleicht ließ sich die Sache in wenigen Augenblicken in Johnnys Sinn bereinigen. Aber dazu mußte die Person mit dem Colt erst mal näher an ihn herankommen.

Schritte.

Sie näherten sich ihm. Er lauschte konzentriert. Es waren leichte Schritte. Von einem Fliegengewicht. Johnny wartete auf seine Möglichkeit.

Jetzt war die Person bei ihm. Er spürte die Kanone zwischen seinen Schulterblättern und murrte: „Ein herzlicher Empfang ist das, das muß ich schon sagen.“

Es wurde ihm zischend befohlen, den Mund zu halten.

Er wollte sich diese Behandlung ,nicht mehr länger bieten lassen, schließlich war er kein Sattelstrolch. Blitzschnell wirbelte er herum. Seine Rechte fegte die Waffe zur Seite, die Finger umschlossen sie sofort, ein jäher Ruck, die Kanone gehörte ihm.

Er erhielt einen Schlag ins Gesicht, packte zu und ließ sich mit dem keuchenden Gegner fallen.

Er fiel weich. Langes blondes Haar flatterte ihm um die Nase. Das war ein Mädchen, das da unter ihm so wild fauchte und wie eine. Katze kämpfte!

Er ließ sie los und erhob sich. Sie trug hautenge Hosen und eine karierte Bluse, die reichlich gefüllt war. Das Mädchen konnte nicht älter als achtzehn sein. Ihr hübscher Mund leuchtete rot und in ihren himmelblauen Augen funkelte unverhohlener Zorn.

Johnny wußte sofort, wen er vor sich hatte. Das war Letitia Murphy, die Tochter von Graubart-Joe.

„Habe ich Ihnen weh getan, Miß?“ fragte er amüsiert.

„Geben Sie mir meinen Revolver wieder!“ verlangte Letitia zornig.

„Wissen Sie, ich habe etwas gegen Waffen, die auf mich gerichtet sind.“

„Es war mein gutes Recht, Sie damit zu bedrohen!“ sagte Letitia trotzig. „Sie sind wie ein Verbrecher auf unser Haus zugeschlichen.“

„Oh, da haben Sie aber noch keinen echten Verbrecher schleichen gesehen, Miß“, sagte Johnny schmunzelnd. „Wo kamen Sie eigentlich so plötzlich her?“

„Ich war im Stall. Unsere Stute soll bald fohlen.“

In diesem Augenblick wurde die Haustür aufgestoßen. Ein Mann mit Gewehr trat auf die Veranda. Ebenso breit wie hoch. Das Hemd spannte über dem kugelrunden Bauch. Und ein graues Gestrüpp stand in dem Gesicht mit den listigen Augen.

„Letitia!“ rief Graubart-Joe. „He Mädchen! Mit wem sprichst du da’

„Mit mir“, sagte Johnny grinsend. Der Gewehrlauf zuckte sofort hoch. „Mit mir? Was heißt mit mir. Das ist kein Name!“

Johnny lachte. „Ich dachte, du würdest mich sofort an der Stimme wiedererkennen, alter Kartoffelsack!“

„Johnny!“ Es war ein Freudengebrüll. „Johnny Puma! Ich werd’ verrückt! Mann, ich verliere vor Freude doch tatsächlich gleich den Verstand.“

Graubart-Joe stellte das Gewehr beiseite und stolperte die Verandastufen herunter. Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als wolle er lästige Fliegen verscheuchen.

„Johnny! Johnny! Laß dich ansehen! Ich kann’s nicht fassen!“

Letitia trat mit verwunderten Blick von Johnny Puma zurück. Sie hatte schon viel über diesen Mann gehört. Ihr Vater sprach fast jeden Tag von Johnny Puma, der für ihn seit eh und je das Vorbild eines aufrechten, mutigen Mannes gewesen war.

Graubart-Joe sah Letitias Waffe in Johnnys Hand. „Was geht hier vor?“ fragte er verdutzt.

„Letitia hat mir das Ding zwischen die Schulterblätter gedrückt“, sagte Johnny.

„Kind, bist du noch zu retten? Wolltest du den einzigen wahren Freund,. den dein Vater auf dieser Welt hat, erschießen?“

„Ich...“ stieß Letitia verlegen hervor, „ich konnte doch nicht ahnen, wer das ist.“

„Sie konnte es nicht ahnen.“ Graubart-Joe lachte aus vollem Halse. Er schlug Johnny begeistert auf die Schulter. „Das ist der Mann, der dich immer auf seinen Knien geschaukelt hat, Mädchen. Ja, ja. Er ist tatsächlich der erste Mann, auf dessen Knien du gesessen hast, Letitia. Und Onkel Johnny hast du zu ihm immer gesagt.“ Voller Vaterstolz wies Graubart-Joe auf seine Tochter. „Sieh sie dir an, Johnny. Ist sie nicht ein prachtvolles Mädchen geworden? So etwas findest du in ganz Texas kein zweitesmal, das sage ich dir. Und ich würde Gott weiß was dafür geben, wenn du und Letitia  ich meine, du bist noch nicht verheiratet. Sie ist eine Frau, die einen Mann braucht...“

„Vater!“ rief Letitia verlegen aus. Sie wandte sich um und rannte ins Haus.

Graubart-Joe lachte schallend. „Sie ist noch schüchtern.“

„Das ist kein Fehler.“

„Aber schießen kann sie wie ein Mann, mein Wort drauf, Johnny.“ Das Gesicht von Graubart-Joe verfinsterte sich für einen Augenblick. „Schießen muß man neuerdings auch in Amarillo können. Am besten, man bringt es gleich den Säuglingen bei, damit sie sich ihrer Haut Wehren können. Verdammt, Johnny, es ist viel passiert in dieser, Stadt, seit du ihr den Rücken gekehrt hast. Wenn man nicht in der Lage ist, selbst auf sich achtzugeben, ist man hier seines Lebens nicht mehr sicher. Oh, Johnny. Mann, laß dich umarmen. Ehrlich gesagt, ich habe nicht zu hoffen gewagt, daß du kommen würdest. Schließlich ist das hier nicht deine Stadt. Du lebst nicht hier, was hier geschieht, geht dich nichts an.“

„Ich habe meine Freunde hier“, widersprach Johnny. „Und wenn es denen nicht gutgeht, ist das wohl auch meine Sache.“

„Du bist großartig“, sagte Graubart-Joe.

Seit Johnny ihn kannte, und das war nun schon eine ganze Weile, hatte Joe Murphy diesen grauen Bart. Wenn Johnny den rundlichen Burschen so ansah, mußte er feststellen, daß sich Graubart-Joe überhaupt nicht verändert hatte. Er besaß immer noch diese überschwängliche Herzlichkeit von früher, war quirlig, lachte gern und wirkte furchtbar schusselig.

Graubart-Joe stemmte Johnny von sich weg, um ihn zu betrachten. „Du siehst prima aus, Johnny Boy.“

„Es geht mir gut. Und dir?“

„Im großen und ganzen kann ich auch nicht klagen. Letitia ist ein braves Mädchen...“

„Weiß sie, wer ihre Mutter ist? Du wolltest es ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag erzählen.“

Graubart-Joe schüttelte mit zusammengezogenen Brauen den Kopf. „Davon bin ich wieder abgekommen. Für Letitia ist ihre Mutter bedauerlicherweise bei der Geburt gestorben. Ich finde, dabei sollte man es bewenden lassen. Muß sie wirklich unbedingt erfahren, daß ihre Mutter „Neely the Cat“, die bekannteste Edelnutte von Texas ist?“

„Wo lebt Neely heute?“

„In San Antonio. Also weit genug vom Schuß weg. Außerdem hat Neely mir ihr Wort gegeben, darüber den Mund zu halten. Man kann über sie denken, wie man will, aber dieses Wort wird sie halten, davon bin ich überzeugt. Sie wird niemals mütterliche Gefühle entwickeln und mir mein Kleines streitig machen. Folglich ist alles in Butter  und für Letitia ist und bleibt ihre Mutter tot. Aber was stehen wir hier draußen herum? Warum gehen wir nicht ins Haus?“

Johnny schlang die Zügel seines Pferdes über die Holmenstange.

Graubart-Joe sagte ihm, Letitia würde sich später um den Mustang kümmern.

Als Johnny mit seinem alten Freund ins Haus kam, bemerkte er ,sofort, daß Letitia sich gekämmt hatte. Sie war immer noch verlegen und senkte den Blick, sobald er in ihre Richtung schaute.

„Mach uns eine anständige Portion Bohnen mit Speck!“ verlangte Graubart-Joe von seiner Tochter. „Wir haben Hunger!“ Die Männer setzten sich an einen rohgezimmerten Tisch. Joe Murphy seufzte. „Wenn ich Letitia einmal hergeben muß, wird mein Magen wie in früheren Zeiten jammernd gegen meine Kochkünste protestieren. Aber ich werde meinem Kind deswegen keine Sekunde im Wege stehen. Wenn sie ihr Glück machen kann, bin ich der Letzte, der das verhindern möchte.“

Letitia war dieses Thema sichtlich peinlich.

Sie lief immer wieder rot an.

Johnny brachte das Gespräch deshalb in eine andere Richtung. Letitia dankte es ihm mit einem innigen Blick. Ihr Colt lag vor ihm auf dem Tisch. Als sie die randvoll gefüllten Teller brachte, nahm sie die Waffe mit.

Nach dem Essen, das vorzüglich geschmeckt hatte, drehte Johnny für seinen Freund und für sich eine Zigarette.

Sie rauchten genießend und tranken guten Whisky dazu.

Letitia zog sich zurück, nachdem sie Johnnys Mustang in den Stall gebracht hatte.

„Erzähl mir von Red“, verlangte Johnny.

Graubart-Joe kräuselte die Nase „Mit dem ist es in letzter Zeit verdammt schnell bergab gegangen. An manchen Tagen kriegt man ihn überhaupt nicht zu sehen. Er liegt dann meistens in einer der Zellen und schläft seinen Rausch aus.

Es gibt kaum noch jemanden, der Achtung vor ihm hat. Die anständigen Leute von Amarillo machen einen großen Bogen um ihn, und die andern verhöhnen und verspotten ihn, ohne daß er fähig wäre, ihnen das abzustellen. Er ist einfach erledigt und alle wissen es. Sie sagen es ihm offen ins Gesicht, daß sein Leben in dem Augenblick zu Ende geht, wo die Campbell-Brüder die Stadt betreten.“

„Hast du mal mit Red gesprochen?“

„ Natürlich. Ziemlich oft sogar.“

„Und?“

„Er hat mich eines Tages rausgeschmissen und mir gedroht, mir ein Loch in den Wanst zu ballern, falls ich noch einmal in sein Office kommen würde.“

„Was sagt Tony Warlock zu alldem?“ erkundigte sich Johnny Puma.

,,Warlock wartet ab. Er haßt Red. Du weißt, daß Red früher alles getan hat, damit Warlock nicht groß werden konnte. Das hat Warlock nicht vergessen. Er wartet nun voll brennender Ungeduld auf die Campbell-Brüder, damit sie Red fertigmachen. Dann setzt er einen Sheriff ein, der zu allem, was er tut und sagt, seinen Segen gibt, und damit kann der brave Mann von Amarillo das schöne Leben ein für allemal vergessen.“

„Hat außer Red Portland denn niemand den Mut, Tony Warlock entgegenzutreten?“

Graubart-Joe ächzte. „Unser Friedhof ist voll von solchen mutigen Männern. Seither überlegen es sich die andern, ob es nicht doch besser ist, den Mund zu halten und am Leben zu bleiben.“

Was war aus dieser Stadt geworden?

Aus dieser Stadt und aus ihrem Sheriff. Beide drohten in einem gefährlichen. Sumpf zu ersticken.

„Wirst du Red Portland helfen, Johnny?“ fragte Graubart-Joe zaghaft.

„Ich kann ihn doch nicht einfach untergehen lassen, nicht wahr?“

Graubart-Joe atmete erleichtert auf. „Du hast ein goldenes Herz, mein Junge. Du gehörst nicht zu jener Sorte von Männern, die ihre Freunde im Stich lassen, wenn diese in Not sind.“

„Du hast recht“, sagte Johnny.

Sie gingen bald darauf zu Bett.

Aber es gab eine Unterbrechung in dieser Nacht. Die Stute bekam ihr Fohlen. Letitia wollte mit ihrem Vater in den Stall eilen, doch Johnny schickte das Mädchen wieder, ins Bett und vertrat sie drüben im Stall.

Das Fohlen war ein schönes Tier, und Graubart-Joe behauptete, es würde eines Tages der schönste Hengst von ganz Texas werden.

Am nächsten Vormittag ritt Johnny Puma in die Stadt. An ihrem Aussehen hatte sich nicht sehr viel verändert. Ab und zu entdeckte Johnny ein neues Geschäft ödet ein Haus, das früher noch nicht dagestanden hatte, aber dlas änderte kaum etwas am Gesamteindruck von Amarillo.

Was sich stark verändert hatte, waren die Gesichter der Leute. Angst und Mißtrauen prägten ihre Züge. Die meisten Männer waren bewaffnet und hatten einen unsteten Blick, der immerzu nach irgend etwas auf der Suche zu sein schien.

Einige Gesichter erkannte Johnny Puma wieder.

Gewiß erkannten ihn auch die Leute wieder, aber sie grüßten ihn nicht, drehten schnell den Kopf weg, wollten ihre Ruhe haben, hatten Angst, dem Herrn dieser Stadt, Tony Warlock, unangenehm aufzufallen und mit ihm Ärger zu kriegen.

Und man mußte Warlock unangenehm auffallen, wenn man den Freund des Sheriffs, einen bekannten ehemaligen Kopfgeldjäger, auf offener Straße freundlich begrüßte.

Johnny Puma ritt am düsteren Magazingebäude vorbei.

Plötzlich traten ihm auf der Main Street vier Männer entgegen.

Er zügelte sein Pferd.

Niemand sah etwas. Jedenfalls blickten die Leute alle in eine andere Richtung.

„Hallo, Johnny Puma!“ sagte einer der vier. Ein großer Mann mit breiten Schultern und blutunterlaufenen Augen. Er roch auf viele Meilen gegen den Wind nach Gefahr. Der Coltgriff, der aus dem Leder ragte, glänzte. Er griff nach den Zügeln.

„Auf der Durchreise?“ fragte der zweite Mann. Er trug ein knallrotes Halstuch, hatte eine wulstige Narbe unter dem rechten Auge und einen unangenehm stechenden Blick.

„Nein“, sagte Johnny kurz angebunden. Und zu dem Kerl mit den blutunterlaufenen Augen: „Laß die Zügel los.“

„Sofort“, erwiderte dieser knochentrocken. „Erst möchten wir dich noch um einen kleinen Gefallen bitten. Steig ab!“

Johnny dachte nicht daran. Er starrte die Männer hart an.

„Hast du was mit den Ohren?“ fragte der dritte Bursche lispelnd. Er hatte brandrotes Haar und abstehende Ohren. 

Der vierte Mann sagte nichts. Seine Lippen waren dick. Die Nase ebenfalls. Er trug einen kleinen Bart auf der Oberlippe. Es sah aus, als wäre er dort dreckig.

Dieser Mann zog schweigsam seinen Colt, um den Worten des ersten mehr Gewicht zu verleihen. Johnny wollte seinen Mustang blitzschnell in die Weichen treten, um die Kerle einfach über den Haufen zu reiten.

Doch als der vierte Mann den Hahn seiner Waffe spannte und mit grimmiger Miene erkennen ließ, daß er Johnny aus dem Sattel schießen würde, wenn er nicht gehorchte, stieg dieser wortlos ab.

„Sehr, vernünftig“, sagte der mit den blutunterlaufenen Augen.

„War doch von vornherein klar, daß Johnny Puma kein Dummkopf ist“, höhnte der Kerl mit dem knallroten Halstuch.

„Was wollt ihr?“ fragte Johnny die Männer scharf.

„Wir haben mit dir zu reden“, sagte der Lispler.

„Ich höre.“

„Nicht hier“, brummte der mit der Narbe. Jetzt holte auch er seinen Colt aus dem Leder. Sie drängten Johnny Puma in eine schmale Gasse hinein.

„Gibt es in dieser Stadt mehr von eurer Sorte?“ fragte Johnny.

„Kann schon sein“, erhielt er zu Antwort.

„Dann ist Amarillo neuerdings zum Kotzen.“

Dieser Satz trug Johnny ohne Vorwarnung einen Faustschlag ein. Das war der Auftakt. Danach ging es richtig los. Die Kerle steckten ihre Schießeisen weg, bauten sich im Quadrat um Johnny herum auf und feuerten ihre Fäuste auf ihn ab.

Viele ihrer Schläge blieben in Johnnys Deckung hängen.

Mehrmals könnte Johnny Puma sogar einen schmerzhaften Treffer landen. Doch mehr als er austeilen konnte, mußte er einstecken. Aber Johnny Puma war hart im Nehmen.

Seine Faust erwischte den Schweigsamen am Ohr. Der Kerl heulte auf und verzerrte schmerzlich das Gesicht.

Johnny spürte den süßlichen Geschmack von Blut auf der Zunge. Er versuchte den Ring, der ihn einschloß, zu durchbrechen, warf sich auf den Burschen mit den blutunterlaufenen Augen, rammte ihm die Faust in den Bauch, schickte einen Schwinger hinterher, und federte anschließend durch die entstandene Lücke. Aber so einfach wollten ihn seine Gegner nicht ziehen lassen.

Ein schwerer Treffer landete in seinem Nacken.

Er spürte einen stechenden Schmerz durch seinen Kopf zucken. Seine Reaktion war dadurch einen Augenblick beeinträchtigt, und genau das hatte man mit diesem Schlag bezweckt.

Die Kerle nützten ihre Chance.

Sie schlugen so lange auf Johnny Puma ein, bis dieser weiche Knie bekam und zu Boden sank.

Er hörte sie keuchen.

Der mit den blutunterlaufenen Augen sagte: „Das geschah bloß, damit dir von Anfang an die Lust auf einen längeren Aufenthalt in dieser Stadt vergeht, Johnny Puma. Solltest du trotzdem die Absicht haben, zu bleiben, werden wir uns Wiedersehen. Dann allerdings fahren wir mit schwereren Geschützen auf, und es ist fraglich, ob du das überleben wirst.“

Der Kerl holte aus und trat.

Johnny sah den Stiefel auf seinen Kopf zurasen.

Er warf sich zur Seite und schwächte den Treffer so ab. Der Tritt raubte ihm dennoch beinahe die Besinnung. Er fiel mit dem Gesicht in den Staub. Sand knirschte zwischen seinen Zähnen.

Aber wenn diese verdammten Kerle glaubten, ihn auf diese Weise aus der Stadt vertreiben zu können, hatten sie sich gehörig geschnitten. Sie hatten ihn mit diesen Prügeln trotzig gemacht. Jetzt würde er auf alle Fälle bleiben.

Es war nicht mehr weit bis zum Office des Sheriffs. Johnny ging den Rest des Weges zu Fuß. Er hatte Schmerzen im Bauch, ein Würgen im Hals, Blut auf, der Zunge, geschwollene Lippen und eine breite Nase, in der gleichfalls ein Schmerz hämmerte.

Details

Seiten
360
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901566
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Oktober)
Schlagworte
schnelle colts

Autoren

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Titel: Schnelle Colts #4