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Kugel im Kopf: Vier Krimis

von Alfred Bekker (Autor) Horst Bieber (Autor)

2015 800 Seiten

Leseprobe

Kugel im Kopf: Vier Krimis

Alfred Bekker's Krimi Stunde, Volume 2

Alfred Bekker and Horst Bieber

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Kugel im Kopf: Vier Krimis

Vier Krimis von Horst Bieber und Alfred Bekker

Cover: Firuz Askin

© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

Horst Bieber: Niemand kommt so leicht davon

Horst Bieber: Mord beginnt im Herzen

Alfred Bekker: Killer ohne Namen

Alfred Bekker: Killer ohne Reue

Der Umfang dieses Ebook entspricht 800 Taschenbuchseiten.

NIEMAND KOMMT SO LEICHT DAVON!

von Horst Bieber

© dieser Digitalausgabe 2014 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

NIEMAND KOMMT SO LEICHT DAVON!, Krimi/Thriller von Horst Bieber, 2011/2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

––––––––

Der Autor Peter Marholt hat sich in dem spanischen Küstenstädtchen Laredo de la boca eingemietet, um einen Dokuroman über seinen früheren Schulkameraden „Hako“ zu schreiben, der kurz vor dem Abitur bis heute spurlos verschwunden ist.

Am Strand lernt er zufällig die deutsche Touristin Karin Demus kennen, für die sich auffällig viele Männer interessieren. Einheimische und Deutsche – sie haben aber alle etwas gemeinsam: Männer mit einer kriminellen Vergangenheit und den Hang zu eindeutiger Gewaltbereitschaft.

Marholt, vom „Autoren-Ekel“ vor den Schlusskapiteln gepackt, lässt sich nur zu gerne durch Karins Schicksal ablenken, das sich aber unmerklich immer mehr mit der früheren Geschichte des verschwundenen „Hako“ verknüpft.

Und dabei stören sie die Kreise der CADI , der „Nachfolge-Organisation“, einer vormals mächtigen und einflussreichen katholisch-konservativen Vereinigung.

Zurückgekehrt nach Deutschland muss Peter Marholt erkennen, dass er sich mit den Falschen angelegt hat. Dieser „Schuh“ ist tatsächlich eine Nummer zu groß für einen einzelnen Mann. Doch einfach aufgeben gilt nicht, oder?

––––––––

Personenverzeichnis

Peter Marholt Schriftsteller (Anfang 30), macht "Arbeitsurlaub" an der spanischen Mittelmeerküste in dem von Touristen noch nicht überlaufenen Ort Laredo de la boca

Karin Demus (Mitte 30), macht nach langer Krankheit Urlaub in Laredo

Ohana MacGregor (33), die geheimnisvolle Schöne des Örtchens Laredo

Debby MacGregor (31), Ohanas Schwester, hat schlechte Erinnerungen an Deutschland.

Miguel stammt aus Asturien und bedient im Granada.

Maricarmen (Anfang 20) die zukünftige Eigentümerin des Granada.

Paco (Ende 40) betreibt eine Bar und zankt oft mit seiner Frau Maria Jesus

Axel Kunz (Anfang 30) ist im Auftrag unterwegs und eckt mehrmals an.

Kurt Leuscha (Anfang 50) kommt aus Leverkusen und sucht in Spanien nach einem Schatz.

Vanessa Niegel, Leuschas Freundin, früher im Palais d'amour tätig.

Achim van Borgh (Ende 60) Juwelier, von den Frauen faszinierter Lebemann mit Geld, fürchtet um seinen Ruf und seine Ruhe.

Uwe Zindler (Ende 40) ist ebenfalls auf Suche nach seinem Glück, fällt durch seinen schwarzen Kinnbart auf und wird von einem Stein bös getroffen

Brigitte Landau (Mitte 30) würde zu gerne wissen, was aus ihrem Bruder Hans Konradin geworden ist.

Helmut Thielen ist mit Peter Marholt und Hans Konradin auf ein Gymnasium gegangen und amtiert jetzt als Staatsanwalt.

Sir Ralph Sheridan, genannt „Lord Jim“, besitzt Geld und hat ein schlechtes Gewissen.

1.

Die beiden Männer warteten schon zwei Stunden auf dem einsamen Waldparkplatz. Sie mochten beide zweite Hälfte zwanzig sein, der eine hatte noch volle schwarze, lockige Haare, der andere war schon fast kahl, bis auf einen schütteren Haarkranz undefinierbarer Farbe. Die Männer unterhielten sich in einer unbekannten Sprache. So lange sie warteten, waren nur vier Autos an der Einmündung des Waldparkplatzes vorbeigefahren. Jetzt dämmerte es stark, es hatte zu nieseln begonnen und der Schwarzhaarige rieb sich die klammen Hände: "Hoffentlich kommt er bald, es wird verdammt kalt."

"Er ist zuverlässig, aber nie pünktlich", bemerkte der Kahle gelassen.

"Kennst du ihn schon länger?"

"Seit er als Kurier fährt." Und Kurier wurde man erst, wenn man der Organisation jahrelang gedient und seine "Treue und Verschwiegenheit" bewiesen hatte. Und selbst dann reichte ein einziger Fehler, um in den Verdacht zu geraten, ein Verräter zu sein, mit denen ziemlich schnell kurzer Prozess gemacht wurde. Anders als die Mafia legte die Organisation Wert darauf, nicht bekannt zu werden. Seit er zwei Mordanschläge überlebet hatte, sann der Kahle auf Rache und hatte mit viel Mühe den Schwarzhaarigen aufgetrieben, der auch ein Interesse hatte, der Organisation was heimzuzahlen.

Eine halbe Stunde später hörten sie ein Motorgeräusch, ein unauffälliger Wagen mit einem belgischen Kennzeichen bog auf den Parkplatz ein. Die beiden Männer stiegen aus und stellten sich so hin, dass der Kurier sie im Scheinwerferlicht gut erkennen konnte. Der Schwarzhaarige holte ein Aktenköfferchen von der Hinterbank, klappte es auf und legte es auf die Motorhaube.

Der Kurier hatte einen Rucksack dabei, aus dem er ein Stoffbeutelchen herausholte, das er neben das Aktenköfferchen stellte. Dann zog er demonstrativ vorsichtig und offen einen Schein von einem der Geldbündel ab, prüfte ihn auf Marken und Zeichen, leuchtete den Hunderter mit einer Schwarzlichtlampe ab und trat dann zur Seite, nickte den beiden zu. Der Schwarzhaarige nahm sich den Beutel, holte einen schmutzig aussehenden kleinen Kiesel heraus und rieb den Kiesel über einen mit Metall eingefassten Glasstreifen, den er in der Hosentasche trug.

"Alles in Ordnung?", fragte der Kurier und drehte sich weg. Der Schwarzhaarige zog blitzschnell eine Waffe mit Schalldämpfer hinter seinem Rück hervor und schoss zweimal auf den Kurier. Schon der erste Schuss warf den Mann nach rückwärts auf die Erde, und bevor der Kahle einen Schreckenslaut herausgebracht hatte, wurde auch er von einer tödlichen Kugel getroffen. Der Schwarzhaarige legte den Rucksack des Kuriers auf die Rückbank und fuhr los. Den anderen Wagen und die beiden Toten rührte er nicht an. Bis Düsseldorf brauchte er knapp zwei Stunden.

In dem kleinen Hotel am S-Bahnhof Wehrhahn kannte man ihn. Und erst als er die Tür hinter sich verschlossen und die dichten Vorhänge vorgezogen hatte, öffnete er den Rucksack und schaute nach, was der Kurier noch dabei gehabt hatte. Der Inhalt des Rucksacks passte noch oben auf die Geldbündel im Aktenköfferchen und das brachte er am nächsten Morgen zuallererst in sein Bankschließfach.

Die beiden Toten und das Auto des Kuriers wurden erst drei Tage später gefunden, als der tagelange Nieselregen aufhörte und sich wieder Spaziergänger in den Wald nahe der deutsch-belgischen Grenze trauten. Beide Männer waren aus einer Waffe erschossen worden, die Gerichtsmedizin konnte die Kugeln sicherstellen und die Waffe wurde identifiziert: Eine Beretta 92,9 x 19 mm, für ein anderes Verbrechen offenbar noch nicht benutzt, nirgendwo waren Vergleichsprojektile archiviert. Einer der Toten hatte in Brüssel unter falschen Namen einen Wagen gemietet, der andere Mann blieb namenlos, konnte weder anhand seiner Fingerabdrücke noch durch sein Gebiss oder seine DNA identifiziert werden. Die Organisation vermisste ihren zuverlässigen, aber unpünktlichen Kurier erst nach einer Woche und gab sich Mühe herauszufinden, was ihr Mann auf seiner letzten Fahrt an wen verteilen sollte. Den Verlust konnte die Organisation verschmerzen. Aber sie wollte den Täter fassen und bestrafen, um allen zu zeigen, wer sich mit ihr anlegte, musste mit dem Tod rechnen. Und weil es ums Prinzip ging, ließ sie jahrelang nicht locker, dachte aber nicht daran, zum Schluss ihre Erkenntnisse der Polizei mitzuteilen.

2.

Kurz vor elf Uhr schaltete er den Computer aus. Zu der Zeit wanderte die Sonne um die Hausecke, spätestens jetzt musste er das Fenster schließen und die Läden vorlegen, für Juni war es ungewöhnlich heiß und trocken. Außerdem wurde er nach vier oder manchmal auch fünf Stunden Schreiben müde und spürte, dass ihm jeder Satz schwerer fiel und mehr Konzentration abverlangte. In den beiden vergangenen Wochen war er gut vorangekommen, er hatte sich schneller in den Rhythmus hineingefunden als angenommen, er musste sich nicht hetzen.

Ins Dorf ging er über den Strand. Ein besserer Trampelpfad führte im Zickzack den steilen, felsigen Hang hinunter. Touristen verirrten sich selten hierhin, und von den vier weißgekalkten Häusern standen drei noch leer, Türen und Läden fest verrammelt und mit Vorhängeschlössern gesichert, die Familien erschienen erst in den deutschen Schulferien. Die Gärten waren verwildert, in den ersten Tagen hatten die Väter gut zu tun, und Antonio, der alte Mann aus dem Ort, der zur Aushilfe geholt wurde, riss sich kein Bein aus, sondern knurrte, schimpfte und brabbelte vor sich hin, während er im Zeitlupentempo hackte und ächzend Unkraut jätete. Vor allem mussten sie den Pfad zum Strand hinunter befestigen, der Winterregen hatte auch die letzten Trittsteine seitlich unterspült und Lehm aus den Stufenfugen geschwemmt, und in diesem Jahr, so hatten die Nachbarn beschlossen, sollten die letzten Stufen auf den Sand hinunter fest einbetoniert und mit einem Geländer gesichert werden. Es gab immer etwas zu tun, und wenn sie nicht scharf aufpassten und selber Hand anlegten, zahlten sie viel Geld für schlampige Arbeit.

Keine dreißig Meter neben den Stufen lag wieder die Frau in dem weißen Bikini auf ihrer Badematte. Seit einer Woche kam sie regelmäßig mit ihrem Sonnenschutz, so, als sei es ihr auf dem Hauptstrand zu laut oder zu lebhaft, und auch heute war sie allein. Er nickte ihr freundlich zu, und sie lächelte unsicher zurück, während sie sich über die kurzen rotblonden Haare strich. Eine schlanke Frau mit einem angenehmen Gesicht.

Irgendwie hatte Laredo de la Boca den großen Bauboom an der Mittelmeerküste verschlafen. Jenseits des Flüsschens Sirina, das hier mündete und schon jetzt kaum noch Wasser führte, lagen zwei größere Hotels direkt über dem Strand, eines ein Pfuschbau aus den siebziger Jahren, der bereits deutliche Verfallsspuren zeigte, das andere Gebäude solider, ein drittes sollte wohl noch gebaut werden, aber nachdem die Baugrube ausgehoben worden war, ging dem Investor entweder das Geld aus oder er verlor die Lust, das war nicht so ganz klar, und die Gründe, warum es nicht weiterging, boten endlosen Gesprächsstoff. Er balancierte über die schon trocken liegenden Steine im Flussbett und stapfte durch den Sand auf die Rampe an der Kaimauer zu. Spanische Bau- und Kommunalpolitik besaß ihre Besonderheiten, die er immer noch nicht völlig durchschaute, und er hütete sich, seine Freude über die Rettung eines kleinen Stückes ursprünglicher Küste zu deutlich zu zeigen. Man wusste nie, wer gerade auf welcher Seite stand, und nicht alle teilten seine Begeisterung über das malerische Örtchen, das zwar seinen Charakter bewahrt hatte, in dem jedoch Arbeitsplätze fehlten. Allerdings dachte kaum einer daran, in die Stein- und Betonburgen der Touristenzentren östlich und westlich von Laredo de la Boca zu ziehen. Die guten Jobs waren schon lange vergeben, und die schlechten brachten nicht genug ein für das Leben, das hier wegen der Touristen spürbar teurer war als etwa in Laredo.

Seine Einkäufe hatte er schnell erledigt. Weißwein, Agua con gas, zwei große Tomaten, Oliven, Zwiebeln, Brot, eine Dose Sardinen oder Thunfisch oder auch mal ein Stück Chorizo, er prüfte, wählte aus, feilschte und beschwerte sich, die Frauen kannten ihn und empfingen ihn mit derbem Spott, der ihn nicht störte, weil er dadurch in den Kreis der beinahe Einheimischen aufgenommen war, jedenfalls nicht wie ein ausbeutungswürdiger Tourist behandelt wurde. Ihm war klar, dass sie ihn nicht ganz ernst nahmen; dass ein Mann sein Geld nur mit Büchern und Stücken für den Rundfunk und das Fernsehen verdiente, zählte schon zu den Merkwürdigkeiten, die sich wohl nur ein aleman leistete. Oder ein Kastilier, der den "Premio Asturias" gewonnen hatte. Doch dass er offenbar genug einnahm, um sich ein Häuschen zu mieten und mehrere Monate nicht zu arbeiten, machte die ganze Sache irgendwie vertretbar oder entschuldbar, eine brotlose Kunst betrieb er jedenfalls nicht, und wie alle Küstenbewohner, die hart schufteten und schlecht bezahlt wurden, besaßen die Laredanos gehörigen Respekt vor Geld, der bei wirklich reichen Leuten schnell in Unterwürfigkeit mündete.

Zurück marschierte er über die Straße und die Sirina-Brücke. Gleich hinter der Brücke lag Pacos Bar, dort trank er seine zwei Blancos und aß entweder Tostadas oder, wenn Maria Jesus früh aufgestanden und gut gelaunt war, auch Tapas, die sie mit viel Mühe und Geduld zubereitete, freilich nur, wenn sie Lust hatte und nicht mit Ehemann Paco zankte. Gegen Mittag, vor der Siesta, war Pacos Bar gut besucht, hier wurden die neuesten Informationen ausgetauscht und die jüngsten Gerüchte verbreitet; wer wissen wollte, was sich in Laredo de la Boca abspielte, fand sich in dem dunklen, kühlen Raum ein.

Juanito hatte sich ein Motorrad gekauft, woher nahm der Junge bloß das Geld? Denn Arbeit hatte er nicht gefunden. Ob er die wirklich suchte? Lazaro hatte sich den Fuß gebrochen, der Junge war wirklich ein Pechvogel.

Heute maulte Maria Jesus, er hörte sie schon unter der Tür, und Paco blinzelte ihm zu. Heute also keine Tapas, er schob sich an die Bar und wartete auf seinen Blanco.

"Wie geht's?"

"Danke, gut, und dir?"

"Bis auf das schreckliche Weib in der Küche kann ich nicht klagen."

Auch das gehört zum Ritual. Er grüßte nach links und rechts, die Männer nickten langsam, aber beachteten ihn nicht weiter. Ganz vorne an der Tür stand ein neuer Gast, der sich mit einem Ellbogen auf die Bar stützte und auf Ohana einredete. Groß, bestimmt 1,90 Meter, breitschultrig, dicke blonde Haare, blaue Augen, tief gebräunt, das Hemd weit aufgeknöpft und auf der behaarten Brust das unvermeidliche Goldamulett. Ein Deutscher wahrscheinlich, er redete in einem wüsten Gemisch aus Deutsch, Spanisch und Englisch auf die Schwarzhaarige ein, wobei er siegessicher grinste und perfekte Zähne zeigte. Einer dieser Hoppla-jetzt-komm-ich-Typen, unverwüstlich gut gelaunt und voll lärmigen Selbstbewusstseins, das den Spaniern schwer auf die Nerven ging, auch wenn sie es nicht zeigten. Dass sie von ihm weggerückt waren, schien der Blonde nicht zu bemerken, und Ohana hatte ihr Sphinx-Gesicht aufgesetzt.

"Wer ist das?", fragte er Paco halblaut.

"Neu hier. Kenne ihn nicht."

"Ohana wird sich freuen."

Darauf zwinkerte Paco nur. Ohana war ein Kind der Liebe, gezeugt von einem melancholischen Iren und einer bildschönen Italienerin, und die Mischung war so faszinierend wie brisant. Vor Jahren hatte es Ohana in eines der Hotels als Rezeptionistin verschlagen, der Geschäftsführer feuerte sie nach drei Wochen, weil sie nicht mit ihm ins Bett gehen wollte, und sie blieb hier in Laredo hängen, betrieb inzwischen ein Souvenir-Geschäft mit einer Abteilung für Haushaltsgeräte, das sogar ganz ordentlich lief, und angelte sich immer neue Freunde, meist Touristen in der Feriensaison. Von den Frauen angegiftet, von den Männern heimlich umworben und von allen Einheimischen wegen ihres unberechenbaren Temperaments gefürchtet, das war Ohana. Als Paco das zweite Glas abstellte, murmelte er: "Ein Landsmann von dir."

"Vielen Dank, die Sorte mag ich nicht, die schenke ich dir."

Paco hatte elf Jahre in Deutschland gearbeitet, bis ihn das Heimweh überwältigte, und seit der Zeit wohnten zwei Seelen in seiner Brust. Er sprach und verstand sehr gut Deutsch, aber er mochte die Deutschen nicht und hatte doch zu lange unter ihnen gelebt, um sich noch mit allen Angewohnheiten seiner Landsleute abzufinden. Ihm fiel auf, dass Paco den großen Blonden konsequent auf Spanisch ansprach, was seine Art war, seine Missbilligung auszudrücken. Ohana sagte nichts, sondern lächelte unergründlich. Sie hatte Katzenaugen, die sie gerne schloss. Nur Schnurren musste sie noch lernen.

"Bis morgen, Paco."

"Mach's gut, Pedro."

Die Hitze über Mittag war abenteuerlich, und während er aß, studierte er die Zeitung. Die ersten Warnungen, mit Wasser sparsam umzugehen. Und vorsichtig mit offenem Feuer! Sie würden nicht viel nutzen. Waldbrände gehörten in dem waldarmen Land zum Sommer.

Nach der Siesta faulenzte er bis zur Dämmerung. In den ersten Tagen hatte er versucht, am späten Nachmittag noch ein oder zwei Stunden zu schreiben, aber weil er morgens regelmäßig verwarf, was er in der Zeit am Vortag formuliert hatte, gab er es bald erleichtert auf. Trotz der geschlossenen Läden war es warm geworden, selbst Lesen wurde anstrengend.

Abends traf er seine hübsche Rotblonde vom Strand wieder. Sie saß im Granada und studierte mit hilflosem Gesicht die Speisekarte. Als er am Nebentisch Platz nahm, blickte sie auf und lächelte ihn verlegen an, er nickte wieder freundlich, kümmerte sich aber nicht weiter um sie.

Miguel brachte ihm ohne Aufforderung seinen Sherry und blieb gelangweilt neben seinem Stuhl stehen.

"Was empfiehlst du heute?" Auf die Speisekarte verließ er sich schon lange nicht mehr.

"Escalopes." Miguel hatte die Stenographie der Kommunikation erfunden, er stammte aus Asturien und begriff nicht, wie man Wörter verschwenden konnte.

"Bueno. Rotwein. Gemischter Salat."

Wortlos machte Miguel kehrt, er liebte es kurz und knapp, und schließlich kannten sie sich. Außer dem Granada gab es nur noch ein Restaurant in Laredo, das sich nicht auf Feriengäste eingestellt und Preise wie Qualität entsprechend verändert hatte. Man muss die Ziegen, die man melkt, nicht in sein Wohnzimmer holen, pflegte Paco zu sagen, und das war genau so unfreundlich gemeint, wie es klang.

"Entschuldigen Sie bitte, sprechen Sie Deutsch?"

Er fuhr zusammen. Seine Rotblonde hatte resigniert und sah ihn flehend an.

"Ja", antwortete er lustlos.

"Oh, das ist fein. Können Sie – könnten Sie mir bitte beim Bestellen helfen?"

"Sicher." Er wollte nicht unhöflich sein, aber wenn sie kein Spanisch verstand, hätte sie in ihrem Hotel bleiben sollen. "Was wollen Sie denn essen?"

"Was ich ... ich dachte, hier, auf der Karte ..."

"Vergessen Sie die Karte. Die Hälfte gibt es heute bestimmt nicht, und wenn Sie mir sagen, auf was Sie Hunger haben, werde ich mich bei Miguel erkundigen, ob es vorrätig ist."

Ihr verwirrtes Gesicht reizte zum Lachen, er zerkaute ein Schmunzeln, und sie holte plötzlich tief Luft: "Was haben Sie denn bestellt?"

"Kalbsschnitzel, dazu gemischten Salat."

Das überlegte sie sich einen Moment ernsthaft, dann nickte sie: "Ja, das würde ich auch gern nehmen."

"Okay, ich sag Miguel Bescheid."

Miguel betrachtete abwechselnd ihn und sie düster, hinter seiner gerunzelten Stirn wälzte er finstere Gedanken, und dann schnappte er sich unvermittelt das Sherry-Glas und stellte es auf ihren Tisch, drehte auf dem Absatz um und verzog sich Richtung Küche.

"Was ... was ..." Sie stammelte, und er hätte den Asturier erwürgen können.

"Miguel hat die Schweigsamkeit neu erfunden", knurrte er und stand auf. "Er will, dass ich mich zu Ihnen setze, es macht ihm weniger Arbeit."

"Das ist ... das wollte ich ..." Jetzt lief sie glühend rot an, und er biss einen Moment die Zähne zusammen. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

"Bitte ... ja ... natürlich ... gerne ... es ist mir schrecklich peinlich ..."

Sie hatte immer noch nicht verstanden. Miguel kehrte ihnen den Rücken zu und sprach auf die kleine, bucklige Maricarmen ein, die hinter der Theke stand und die Getränke ausgab. Sie hielt eine Hand vor den Mund, wobei sie zu ihnen herüberschielte. Dieser alte Kuppler! Morgen würde ganz Laredo darüber klatschen: Pedro hatte im Granada eine deutsche rubia kennengelernt. Wie schön! Wie ist sie denn so, Pedro? Gefällt sie dir?

"Keine Ursache", sagte er brummig. "Ich heiße übrigens Marholt, Peter Marholt."

"Karin Demus." Die Röte wollte nicht weichen, und er brüllte durch den Raum: "Du fauler Maulwurf, wo bleibt der Sherry für die Dame?"

"Bin schon unterwegs!" Miguel war richtig empört, Maulwurf war eine schlimme Kränkung, weil es nicht nur auf den Bergbau in seiner Heimat Asturien anspielte, sondern auch auf die Terroristen zu Francos Zeiten. Und blind wie ein Maulwurf war er auch nicht! Seine Hand zitterte, als er das Glas abstellte, und sein Blick verriet tiefste Kränkung, erst recht, als Marholt ihn angrinste. Aber Rache musste sein, und an den anderen Tischen wurde anerkennend gelacht. Dieser Miguel! Der Deutsche hatte es ihm aber gut gegeben. Auch das würde man morgen bei Paco lang und breit besprechen.

Sie schaute ihn verständnislos an, aber er verspürte keine Lust, große Erklärungen abzugeben, und erkundigte sich deshalb nüchtern: "Sind Sie schon lange hier?"

"Gut eine Woche."

"Und gefällt es Ihnen?"

"Ich weiß nicht", zögerte sie und errötete wieder. "Es ist sehr – einsam. Ich meine, für mich."

"Waren Sie noch nie in Spanien?"

"Nein. Nein, es ist das erste Mal."

"Die Saison hat noch nicht begonnen. In einer Woche, wenn in Deutschland die Schulferien beginnen, wird's hier voller."

"Ja", stimmte sie zu, und es klang, als empfinde sie es mehr als Bedrohung denn Erleichterung. Viel Selbstsicherheit schien sie nicht zu besitzen, und zum unverbindlichen Plaudern fehlte ihr eindeutig das Talent. Ihn störte es nicht, er konnte gut schweigen und vermisste die Unterhaltung nicht. Miguel hatte die Beleidigung noch nicht verkraftet und knallte die Salat-Teller auf den Tisch: "Mit einer Empfehlung vom Chef."

"Vergiss das Öl und den Essig nicht."

"Ist er immer so schlecht gelaunt?", fragte sie schüchtern, und jetzt musste er Miguels Ehre doch verteidigen.

"Nein, aber er hat seinen eigenen Humor. Wissen Sie, in Spanien setzt man sich nicht zu anderen Leuten an einen Tisch, sondern wartet lieber, bis etwas frei wird. Nachdem er aber meinen Sherry bei Ihnen abgestellt hatte, wäre es eine schlimme öffentliche Beleidigung für Sie gewesen, wenn ich nicht an Ihren Tisch gekommen wäre."

"Oh!", machte sie und senkte den Kopf. Wider Willen musste er lachen, und als sie zaghaft lächelte, riss er sich zusammen.

Ihr Alter war schwer zu schätzen, Ende dreißig, Anfang vierzig vielleicht. Sie hatte ein hübsches, sehr ebenmäßiges, ovales Gesicht und große, dunkelbraune Augen, eine entzückende Stupsnase und einen vollen Mund, sie erinnerte auf den ersten Blick an einen lustigen Kobold, wozu aber ihre Schüchternheit nicht passte. Jedenfalls war sie keine Frau, die sich aufdrängte oder flirtete, im Gegenteil, sie schien sehr auf Abstand bedacht, und er erinnerte sich, dass sie am Strand immer allein lag. Kein Ring. Der Henker mochte wissen, wie es sie ausgerechnet nach Laredo de la Boca verschlagen hatte, das wahrlich nicht zu den bekannten Tourismus-Zielen zählte.

Bis zum Kaffee hatten sie keine zwanzig Sätze gewechselt, und ihre unruhigen Blicke gaben ihm den richtigen Gedanken ein. "Nein, Sie dürfen nicht für sich zahlen, und Sie dürfen mich auch nicht einladen."

"Aber das geht – das habe ich nicht ..."

"Keine Angst, Sie ruinieren mich nicht, und ich muss Miguel noch eine kleine Lektion erteilen."

Die Rechnungssumme half ihm, er legte einen Schein hin und wartete. Dreißig Cent blieben nach, Miguel kaute auf den Lippen, und Marholt sagte laut: "Die Dame bedankt sich, es hat sehr gut geschmeckt."

"Ich sag's dem Chef", erwiderte Miguel endlich mürrisch und bemühte sich, die anschwellende Heiterkeit an den anderen Tischen zu überhören. Diese Runde ging an den Deutschen!

Auf der Straße wollte sie sich verabschieden, er schüttelte den Kopf und sagte bestimmt: "Nein, ich bringe Sie noch zum Hotel."

"Das gehört sich so?"

Weil es eine Spur aufsässig klang, grummelte er: "Genau so."

Vor dem Hotel überraschte sie ihn, als sie die Hand ausstreckte und spontan dankte: "Das war ein netter Abend. Und es hat wirklich gut geschmeckt, viel besser als hier in diesem Schuppen."

"Das freut mich. Gute Nacht, Frau Demus."

3.

Am nächsten Mittag traf er sie wieder am Strand, sie grüßte herzlich: "Guten Morgen, Herr Marholt", machte aber keine Anstalten, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, was ihm nur recht war.

Bei Paco führte wieder der große Blonde das Wort, Ohana hatte wohl beschlossen, es mit ihm zu versuchen, und unterbrach ihr Sphinx-Lächeln gelegentlich durch schmachtende Blicke, die ihm sichtlich schmeichelten. Dann zupfte sie an ihrem spitzen, tiefen Ausschnitt.

Maria Jesus hatte eine Pause im Ehekrieg eingelegt und Tapas gerichtet, Paco setzte das kleine, vor Kälte beschlagene Glas vor ihm ab und stichelte: "Miguel ist sehr, sehr zornig auf dich."

"Und ich erst auf ihn!"

"Ist sie nett, die Blonde?"

"Sehr schweigsam, Paco. Ich weiß nicht, was ich mit ihr reden soll!"

"Nein!" Paco glaubte ihm keine Silbe.

"Nicht jeder redet so gern wie dein neuer Gast."

"Das stimmt." Pacos Gesicht verdüsterte sich. "Er redet sehr viel und sagt dabei sehr wenig."

"Weiß er, dass du Deutsch verstehst?"

"Ich hoffe nicht."

"Ohana hat angebissen, wie?"

"Der arme Junge!" Nein, so wenig er den Blonden leiden konnte, bei Frauen wie Ohana mussten Männer zusammenhalten, aber der Blonde sah nicht so aus, als würde er einen gut gemeinten Rat annehmen. Sie lehnte sehr dekorativ an der Theke, das schwarze Oberteil war verheißungsvoll über eine Schulter gerutscht, aber das bedeutete noch gar nichts. Erst wenn sie den superkurzen, engen Rock anzog und dazu in ihre Sandalen mit den abenteuerlich hohen Absätzen stieg, durfte sich der Blonde wirkliche Chancen ausrechnen, und auch dann hing es im entscheidenden Moment von ihrer Laune ab, wie nah er ihr kommen würde. Das war viel zu spannend, um es durch einen guten Rat oder eine Warnung abzukürzen oder gar zu verhindern.

Diesmal verwickelten ihn zwei Männer in ein Gespräch, und wieder einmal spürte er, dass man ihn brauchte, gelegentlich ausnutzte, aber dass er nicht wirklich dazu zählte. Die Konjunktur in Deutschland. Sollte der arbeitslose Neffe in Spanien wie viele junge arbeitslose Leute auf einen Job warten oder sein Glück in Deutschland bei seinem Onkel in Hannover versuchen? Gab es dort wirklich Lehrstellen für Ausländer? Bekamen die wirklich kostenlosen Deutschunterricht?

Als er ging, redete ihn der Blonde an: "Du bist doch auch Deutscher?"

Wie angenagelt blieb er stehen und starrte den Grinsenden an, die Wut war so heiß in ihm hochgeschossen, dass sich seine trockene Kehle zusammenzog. Offenbar verriet sein Blick genug, der Blonde wich unwillkürlich einen Schritt zurück, und als Marholt sich endlich wieder unter Kontrolle hatte, flüsterte er: "Kennen wir uns?"

Ohana zupfte gelangweilt an ihrem Oberteil. Marholt wartete und presste die Lippen zusammen, bis der Blonde hörbar unsicher murmelte: "Nein."

"Na also!"

Noch auf der Straße musste Marholt sich zusammenreißen. Dieser blöde Hund! Wenn er eines hasste, dann war es diese plumpe Vertraulichkeit. Dieses Duzen! Solchen Kerlen würde er am liebsten links und rechts in die Schnauze schlagen!

Am Abend traf er Karin Demus wieder. Sie marschierte entschlossen auf den Eingang des Granada zu und stockte, als sie ihn bemerkte, sagte fröhlich "Guten Abend" und hielt ihm wortlos ein kleines Buch hin.

"Guten Abend. Was haben Sie denn da?"

"Raten Sie mal!"

"Es sieht aus wie ein Wörterbuch."

"Ist es auch. Heute im Laden von Ohana gekauft und heute bestelle ich, und wehe, Miguel versteht mich nicht."

"Das möchte ich erleben. Machen Sie mir das Vergnügen, mit mir zu essen?"

Bei seinem feierlichen Ton zwinkerte sie verlegen, er lachte, nahm ihren Arm und tröstete: "Das war nicht so ernst gemeint. Kommen Sie, ich helfe mit ein paar Schimpfworten aus, falls Miguel nicht spurt."

Doch Miguel ahnte wohl, welches Unheil sich über seinen schwarzen Locken zusammenbraute, er überschlug sich fast vor Höflichkeit und stellte die beiden Sherrys ab, bevor sie richtig saßen.

"Donnerwetter", murmelte sie verblüfft. "Können Sie schimpfen, auf Spanisch, meine ich?"

"Doch, ja, für mittelschwere Beleidigungen reicht es schon."

"Ich muss noch viel lernen", gab sie zu und schlug ihr Wörterbuch auf. Miguel riss die Augen weit auf und sprach so langsam und deutlich, als habe er es mit einer debilen Schwerhörigen zu tun, die von seinen Lippen ablesen musste. Offenbar hatte sie sich schon im Hotel überlegt, was sie bestellen wollte, Marholt klemmte die Mundwinkel ein und schwieg eisern. Hinterher lachte sie erleichtert, Miguel schnaufte und zuckte zusammen, als Marholt kurz sagte: "Für mich dasselbe bitte."

"Natürlich, natürlich", stotterte er und drehte sich auf dem Weg zur Theke zweimal ungläubig um. Maricarmen, das kleine Luder, kicherte.

Der Erfolg hatte sie ermutigt, sie schaute ihn offen an. "Leben Sie hier in Laredo?"

"Nein, ich habe hier nur ein Häuschen gemietet, für drei Monate."

"Aber Sie sprechen sehr gut Spanisch."

"Es geht. Ich bin sehr oft hier."

"Sie haben es gut, wenn Sie sich drei Monate Ferien erlauben können."

Nicht schlecht, lobte er sie heimlich, diese indirekte Frage hatte sie gut vorgebracht.

"Es sind nicht reine Ferien", erwiderte er deshalb amüsiert. "Ich arbeite, doch, ja, allerdings nur am Vormittag."

"Arbeiten?"

"Ich schreibe", erklärte er. "Und dafür habe ich mir drei Monate Freizeit zusammengespart."

"Dann schreiben Sie also etwas Größeres?"

"Ja, das habe ich vor."

Sie nickte und wechselte zu seinem Erstaunen das Thema. Wie er sich gedacht hatte – sie war auf Distanz bedacht und scheute sich, einen Fremden mit neugierigen Fragen unter Umständen zu belästigen.

Auf dem Weg zum Hotel schlug sie vor: "Darf ich Sie wenigstens zu einem Wein einladen? Es geht doch nicht, dass Sie mich immer zum Abendessen ausführen."

"Es war mir ein Vergnügen, Frau Demus."

Unwillig schüttelte sie den Kopf: "Danke. Trotzdem – ach, ich würde mich – Herr Marholt, den ganzen Tag mit keinem Menschen reden zu können, ist auch nicht schön."

"Gibt es keine Deutschen im Hotel?"

"Doch, doch, aber die – die gefallen mir nicht."

"Gut, dann schlage ich Ihnen eine Bar vor. Nicht erschrecken, der Wein dort ist ausgezeichnet, und die Leute sind zwar laut, aber nett."

Trotz dieser Warnung schnappte sie nach Luft. Alfonsos Bar konnte in jedem Spielfilm als wüste Poker-Spelunke und Banditen-Hauptquartier benutzt werden, der Lärm war ohrenbetäubend, der Boden übersät mit Papier, Zahnstochern und Erdnussschalen, früher hatten auch die Kippen zentimeterhoch am Boden gelegen. Die Männer brüllten, um sich zu verständigen, gestikulierten wie vor einer Schlägerei. Der Fernseher, von niemandem beachtet, dröhnte auf höchster Lautstärke.

"Die Treppe rauf!"

In das kleine Zimmer über der Bar passten gerade drei winzige Tischchen, aber die Fenstertür stand weit offen, und um diese Tageszeit kühlte es angenehm ab. Von dem Betrieb unten war erstaunlich wenig zu hören, noch hatten sie den Raum für sich, und sie prustete erleichtert.

"Da hätte ich mich nicht reingetraut", gestand sie.

"Es wäre Ihnen nichts passiert, man hätte Sie nur so lange stumm angestarrt, bis Sie freiwillig gegangen wären."

"Ein Treffpunkt für Machos."

Das Wort ärgerte ihn ein wenig. "Nein, für Männer. Es gibt Lokale, in die man die Familie mitnimmt, wo zum Bespiel Kinder sehr willkommen sind, und es gibt Lokale, in denen Männer unter sich sein wollen. In Madrid und Barcelona haben schon Cafés nur für Frauen eröffnet."

Einen Moment runzelte sie die Stirn, bevor sie kläglich lächelte: "Ich muss wirklich noch viel lernen."

Luisa war erst acht Jahre alt, aber bediente mit dem Ernst einer Erwachsenen, und er lobte sie angemessen, wofür sie sich würdevoll bedankte: "Es muy amable, Don Pedro." Den Wein hatte er durch Zufall entdeckt, auf der verstaubten Flasche klebte nur ein Zettel mit einer Jahreszahl, und bisher hatte ihm keiner verraten wollen, woher dieses Gewächs stammte und wer es so perfekt kelterte. Man bestellte nur "den guten Weißen", und auch er hatte sich angewöhnt, dabei leise zu sprechen, wenn Fremde zuhören konnten. Selbst Paco kam ab und zu hierher, um "den Guten" zu trinken, und litt unter massiven Anfällen von Schwerhörigkeit, wenn Marholt sich bei ihm ganz beiläufig nach "dem guten Weißen" erkundigte. So weit ging seine Liebe zu seinem Pedro nun doch nicht.

"Den ersten Schluck ganz langsam trinken", empfahl er ihr, und sie gehorchte.

"Phantastisch", urteilte sie, sichtbar beeindruckt. "Wenn ich den mit dem Tischwein im Hotel vergleiche ..."

"Besser nicht." Er lachte sie an, und diesmal senkte sie den Blick nicht. Wenn sie wollte, war sie eine sehr hübsche Frau, die auf Männer wirkte.

Wie war sie ausgerechnet nach Laredo gekommen? Eine Freundin hatte es ihr empfohlen, vor vielen Jahren schon, sie hatte auch gewarnt, dort sei nicht viel los, und als sie das Bedürfnis nach Ruhe und vor allem nach Wärme und Sonne verspürte, war ihr der Name Laredo de la Boca wieder eingefallen. Weil er sie prüfend anschaute, erklärte sie leise: "Ich bin lange krank gewesen", und ihr Tonfall verbot weitere Fragen. Aber wie hatte es ihn hierhin verschlagen?

"Ein Kollege hat sich hier ein Haus gebaut. Da war das dritte Kind unterwegs, und nach der Geburt fand seine Frau, er sei doch nicht der rechte Mann für sie. Aber der andere entsprach auch nicht allen ihren Erwartungen, also legte sie sich eine Freundin zu, bis sie entdeckte, dass sie vielleicht doch keine Lesbe sei. Jetzt himmelt sie irgendeinen Sektenguru an, hat sich scheiden lassen, mein Kollege zahlt sich tot für sie und drei schulpflichtige Kinder und vermietet das Haus, das er bei seinem Kontostand eigentlich verkaufen müsste. Aber davon bekäme sie die Hälfte."

"Das ist bitter", murmelte sie. "Ich bin auch geschieden, er hat sich eine Jüngere zugelegt, die dem Alter nach seine Tochter sein könnte."

"Und? Ist er glücklich geworden?"

"Ich weiß es nicht, ich habe seit Jahren nichts mehr von ihm gehört."

Danach trat eine unbehagliche Pause ein, sie trank hastig und seufzte schließlich auf. "Wie sind wir darauf gekommen?"

"Sie wollten wissen, was mich nach Laredo geführt hat."

"Ja. Das Haus Ihres Kollegen." Ganz echt klang ihre Heiterkeit nicht, und er begann von dem dritten, dem nie gebauten Hotel zu erzählen, mit dem sich die Laredanos stundenlang aufhalten konnten.

Eine zweite Flasche lehnte sie nach reiflichem Überlegen ab: "Ich spüre den Alkohol schon."

"Dann bringe ich Sie zum Hotel."

Die Brise hatte sich gelegt, das Meer lag fast regungslos glatt und der zunehmende Mond spiegelte sich auf dem Wasser wider. Die Stille rauschte in seinen Ohren. Sie ging sehr langsam und schwieg, schaute manchmal zu den Sternen hoch und hatte wieder ihr trauriges, verschüchtertes Gesicht aufgesetzt.

"Es war ein wunderschöner Abend, vielen Dank", verabschiedete sie sich und sah dabei wieder zu Boden.

"Schlafen Sie gut!"

"Danke, auch für Sie eine gute Nacht."

Kurz vor der Brücke hörte er zum ersten Mal die Schritte hinter sich, aber als er sich umdrehte, war niemand zu sehen. Achselzuckend ging er weiter, aber lauschte auf der Brücke nach hinten. Kein Geräusch. Um diese Zeit war hier normalerweise kein Mensch mehr unterwegs, und ein Laredano hätte ihn erkannt und angerufen. Am Horizont funkelten ein paar Lichter von den Fischerbooten, die nachts hinausfuhren. Jenseits von Pacos Bar verlief die Straße in einer Kurve, und kaum war die Brücke hinter den Häusern verschwunden, vernahm er eilige Schritte; jemand sprintete über die Brücke. Wieder blieb er stehen, das Geräusch verstummte, und als er den Kopf drehte, glaubte er für den Bruchteil einer Sekunde einen Schatten zu sehen, der mit dem Dunkel eines Hauses verschmolz. Er überlegte, ob er zurückgehen und sich den Spaß verbitten sollte, aber die Mühe schien es nun doch nicht wert. Bis zu seinem Haus horchte er aber auf das, was sich in seinem Rücken abspielte. Keine Schritte mehr.

In der Nacht fuhr er hoch, alarmiert von einem scharfen Knacken und Rauschen, das sich aber nicht wiederholte.

Am nächsten Morgen bemerkte er, dass zwei starke Zweige seines Orangenbäumchens abgebrochen waren, und neben den Bougainvillien, die sich an der Hauswand hochrankten, fand er zwei tiefe Schuhabdrücke in der weichen Erde.

4.

Die Idee zu dem Buch war ihm vor zwei Jahren gekommen. Oder richtiger: Sie war ihm eingeredet worden. Nach dem Abitur und der feierlichen Verleihung der Zeugnisse hatte sich seine ehemalige Klasse nie wieder getroffen; die ehemals achtzehn Klassenkameraden waren kurz vor dem Abi aus nichtigen Gründen in zwei Fraktionen zerfallen, die nicht gut miteinander konnten, so dass keiner großen Wert darauf legte, mit den anderen Kontakt zu halten. Doch dann raffte sich Heiner Friese auf und organisierte eine Zusammenkunft, 20 Jahre danach. Von den achtzehn Ehemaligen waren dreizehn gekommen, einer hatte in der Zwischenzeit Selbstmord begangen, zwei waren nicht aufzufinden, und zwei erklärten brieflich, sie hätten noch jetzt die Schnauze voll von der verdammten Penne und verbäten sich jede weitere Belästigung oder Erinnerung an diese Zeit. Trotzdem wurde es ein gelungenes Treffen, die Schatten des letzten Jahres in der Oberstufe schienen vergessen. Bis das Bier die Dämme, die alle um ihre Vergangenheit errichtet hatten, fortspülte und die alten Wunden und Verletzungen freilegte. Besonders eine Frage hatte er nicht vergessen: 'Was war eigentlich mit Hako passiert?' Alle wussten noch genau, wie sehr sich Hans Konradin, Hako genannt, plötzlich verändert hatte, erst recht nach dem Artikel seines Vaters in den Tremonia, aber keiner hatte ihm helfen wollen, aus Gründen, die auch jetzt nicht so recht deutlich wurden oder immer noch nicht deutlich ausgesprochen wurden. Ein Gerücht wollte wissen, es habe etwas mit Heiner Frieses zwei Jahre jüngerer Schwester Sonja zu tun, die mit vielen Freunden ihres Bruders eng befreundet und mehr gewesen war, nicht nur mit Hako, sondern für kurze Zeit sehr intensiv auch mit Peter Marholt. Eines Tages war Hako weg, fort, verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, und noch 20 Jahre danach wiesen sich die alten Fraktionen gegenseitig Schuld zu, verdächtigten sich, äußerten die alten Sympathien und Antipathien. Zuerst staunend, dann betrübt, schließlich bedrückt hatte Marholt in einer Ecke gesessen und nur zugehört; damals, als Hako verschwand, war Marholt nicht gerade beliebt und nur mit zwei Mitschülern befreundet gewesen, aber er hätte nie geglaubt, dass sich um ihn herum so viel abgespielt hatte, an Beziehungen, Zwischenfällen, Freund- und Feindschaften, von dem er nichts erfahren und nichts bemerkt hatte. Was wohl auch, wie er sich heute dachte, auf Hako zugetroffen hatte. Und nicht alle hatten die damals erlittenen Verletzungen und Kränkungen überwunden. Doch weil sie älter und vielleicht sogar klüger geworden waren, konnten sie das Thema Hako auch wieder verlassen, die Runde wurde, anders als wohl vor 20 Jahren, dadurch nicht aufgesprengt, und am nächsten Morgen, beim Abschiedsschoppen im Alten Fährhaus, stellte sich neue Einigkeit ein: Daraus musste er – Peter Marholt – ein Fernsehstück machen. Oder ein Buch schreiben. Vielleicht einen Krimi, obwohl zu dem alles zu fehlen schien: kein Täter, keine Tat, kein Motiv. Wozu hatten sie einen in ihren Reihen, der vom Schreiben lebte? Hako und ihr Gymnasium – na, Holti, wie wär's? Los, ran an die Buletten! Versprochen hatte er nichts, aber auf der Fahrt nach Hause im Zug angefangen, sich Notizen zu machen, festzuhalten, was er am Abend zuvor gelernt und trotz des reichlich genossenen Bieres nicht vergessen hatte. Monate lagen die Skizzen in einer Mappe, dann begann er systematisch zu recherchieren, und nun schrieb er ein Buch darüber. Die Geschichte von Hans Konradins Verschwinden aus einer fiktiven Klasse in einem fiktiven Gymnasium in einer fiktiven Stadt. Seine Producerin, mit der er früher nicht nur beruflich zusammenarbeitete, hatte das Buch-Exposé gelesen und ihm einen Vertrag über ein Fernsehspiel verschafft. Sie war zehn Jahre jünger als Marholt und regelrecht fasziniert von einer Zeit, die für sie schon graue Geschichte war, ohne Handys, ohne SMS, ohne Internet, ohne Mails, ohne Google; ihre staunende Begeisterung hatte ihn verstummen, aber auch zum ersten Mal sein Alter spüren lassen.

5.

Karin Demus packte ihre Sachen zusammen, als er auf den Strand hinunterkam, und schloss sich ihm an: "Diese Hitze ist doch nicht normal – oder?"

"Nein", sagte er besorgt. "Es hat im Winter und Frühjahr viel zu wenig geregnet, und es gibt immer noch Verrückte, die Waldbrände legen."

"Zwei meiner Wasserhähne im Bad schließen auch nicht richtig. Ich möcht' nicht wissen, wieviel Wasser hier verschwendet wird."

"Wasser ist ein Riesen-Problem, aber zu viele Spanier weigern sich immer noch, es ernst zu nehmen."

Mittlerweile hatte sie etwas Farbe bekommen, und mit einer Hand hielt sie einen großen Strohhut fest. Er musste langsamer gehen, auf dem heißen, trockenen Sand lief es sich schwer und ihr Sonnenschutz war unhandlich. Ihre Haut glänzte vor Sonnenschutzcreme, und an ihrer Badetasche schleppte sie regelrecht. Aber sie schien ihm vergnügter als die Tage zuvor, und vor dem Hotel vertraute sie ihm an, dass die Erfindung der Siesta doch eine großartige Sache sei, auch für Menschen vor dem Rentner-Dasein. Er lachte und ging weiter.

Ohana wollte ihren Laden gerade abschließen und musterte ihn finster. Noch trug sie einen langen, weiten Rock und flache Stoffschuhe, der Blonde musste sich also noch etwas gedulden.

"Was willst du?"

"Tinte und zwei Schreibblocks."

Während sie in den Schränken kramte, las er die Schlagzeilen der ausländischen Zeitungen.

"Du hast Axel schwer gekränkt."

"Wen?"

"Axel."

"Ach, du meinst den großen Blonden?" Sie nickte knapp, und er sah sie erstaunt an. "Wieso denn das?"

"Er wollte sich nur mit dir unterhalten."

"Kann er. Jederzeit. Aber wir haben im Deutschen ein Sprichwort: Der Ton bestimmt die Musik."

Das musste sie eine Weile bedenken, er wusste, dass sie etwas Deutsch sprach, aber nicht verraten wollte, wo und wie sie es gelernt hatte, und natürlich sprach sie fließend Englisch und ein stark libanesisch gefärbtes Französisch, sie kannte Sitten und Manieren anderer Länder gut genug, um seine Abneigung gegen plumpe Anbiederung zu verstehen. Und dass viele Touristen die Lebhaftigkeit der Spanier als Distanzlosigkeit missverstanden, ärgerte sie, die irische Italienerin oder italienische Irin, ebenfalls.

"Gehst du zu Paco?"

"Ja."

"Warte einen Moment, ich komme mit."

"Dann wird dein Axel noch wütender auf mich."

Über ihre verächtliche Handbewegung musste er dann doch lachen. Offensichtlich überschätzte der liebe Axel seine Anziehungskraft auf erfahrene Frauen wie Ohana.

"Wie ist sie denn, deine Blonde?"

Ach ja, so etwas hatte er erwartet. Soviel Neugierde betrachtete sie als ihr gutes Recht, schließlich kannten sie sich seit mehr als drei Jahren. Marholt war das erste Mal nach Laredo de la boca gekommen, als die Frau seines Kollegen noch mit einem normalen Mann und Familienvater zufrieden war.

"Sie ist nicht meine Blondine. Übrigens heißt sie Karin."

"Sie ist einsam und hat Kummer, nicht wahr?"

"Beides kann sein."

"Gefällt sie dir?"

Die Antwort musste er sich gut überlegen. "Ja, sie gefällt mir. Weil sie nichts von mir will und nicht so viel redet."

"Und du? Willst du nichts von ihr?"

"Nein." Natürlich hatte sie sich mehr erhofft als die eine Silbe, das verriet ihr schneller Seitenblick, doch er griente spöttisch und schwieg.

Kurz vor der Brücke sagte sie nachdenklich: "Ich werde dich abends mal besuchen, Pedro!"

Diese Drohung hatte er nicht verdient, deswegen erwiderte er erschrocken: "Denk an deinen guten Ruf, Ohana." Dass an dem nichts mehr zu verderben war, wussten sie beide.

Sie tat so, als hätte sie nichts gehört. "Dann kann Axel sich mal in Ruhe mit deiner Blonden aussprechen."

Erstaunt blieb er stehen, doch sie ging weiter, ohne sich nach ihm umzudrehen, und er begriff, was sie ihm hatte stecken wollen. Als er nach ihr die Bar betrat, hatte sie sich schon zu dem großen Blonden an die Bar gestellt und lächelte wieder sphinxhaft. Axel beachtete ihn nicht.

Abends saß er allein im Granada, Karin Demus erschien nicht, und er versöhnte sich mit Miguel.

6.

Am nächsten Morgen fuhr er nach Malaga. Einmal in der Woche leistete er sich den Luxus, unter fremden Menschen zu sein und beim Einkaufen wirkliche Auswahl zu haben, manche Dinge gab es in Laredo einfach nicht. Außerdem war heute Telefontag, und Punkt elf Uhr rief er Brigitte in ihrem Büro an. Sie arbeitete als Rechercheurin und Dokumentaristin für eine Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft.

"Na, wie geht's denn der schuftenden Bevölkerung im kalten Norden?"

"Hallo, Peter, gut, dass du anrufst." Ihr ernster Ton irritierte ihn.

"Was ist los, Gitte?"

"Peter, bei dir ist eingebrochen worden."

"Wie bitte?" Der Satz traf ihn hart, wie ein Schlag unter die Gürtellinie. "Eingebrochen?"

"Ja, irgendwann in der vorigen Woche. Ich hab's erst am Wochenende bemerkt."

"Wieso eingebrochen?" Er konnte es immer noch nicht glauben.

"Das weiß ich doch nicht. Eingebrochen irgendwie ... nein, nein, so weit ich das sehe, ist nichts gestohlen worden, aber der oder die Kerle haben deine ganze Wohnung durchwühlt und dabei auf den Kopf gestellt, ich kann dir sagen, es war das reinste Schlachtfeld."

"Wieso durchwühlt?"

"Alle Schränke, dein Archiv, deine Ordner, alles."

"Was hat er denn gesucht?"

"Peter, woher soll ich das wissen? Ich hab' aufgeräumt, so gut ich konnte, und von deinen Wertsachen und den Bildern und Grafiken und deinen Büchern fehlt wohl nichts."

"Wie ist er denn in die Wohnung reingekommen?"

"Du, entweder hat er Schlüssel gehabt oder einen Dietrich benutzt. Das Schloss ist heil, ich hab' extra einen Schlosser kommen lassen, der hat ein neues eingebaut, aber behauptet, das alte wäre nicht beschädigt. Auch die Tür und die Fenster sind in Ordnung, kein Kratzer, nichts."

"Verdammt." Noch immer schnürte es ihm die Kehle zu.

"Blöd, was? Aber mach' dir keine Sorgen, ich hab' die Nachbarn gebeten, in Zukunft etwas aufzupassen, und morgen wird der Schlosser von draußen einen gewaltigen Riegel anbringen, mit einem Sicherheitshängeschloss der Marke Fort Knox."

"Mensch, Gitte – soll ich nach Hause kommen?"

"Nein, Peter, wirklich nicht, ich sag' dir doch, gestohlen scheint nichts, ich wüsste nicht, was du hier tun könntest."

"Was ist mit dem Computer?"

"Heil und unversehrt. Auch deine CDs." Sie zögerte und holte tief Luft: "Also, auf Geld oder Wertsachen hatten der oder die es bestimmt nicht abgesehen. Und von Kunst, Grafiken etwa, verstand er auch nichts."

"Hast du es der Polizei gemeldet?"

"Ja, die war da und hat ein Protokoll aufgesetzt. Ich hab' auch deiner Versicherung geschrieben und dann mit einem Herrn Kruse telefoniert. Der meinte auch, du solltest nicht extra deswegen deinen Urlaub abbrechen, wenn sich doch noch herausstellen sollte, dass etwas gestohlen worden ist, kannst du das später nachmelden und regeln."

"Ja, ja, gut", sagte er, immer noch wie in Trance. "Vielen Dank für die Mühe, die du gehabt hast."

"Keine Ursache. Und Kopf hoch, Peter, du kannst dich auf mich verlassen."

"Tschüss, bis zur nächsten Woche, Gitte." Sie las auch seine Post, damit er keine wichtigen Termine versäumte oder sie beim Finanzamt Fristverlängerung beantragen konnte. Gitte war eine echte Freundin und wenn sie nicht verheiratet gewesen wäre – wer weiß, was aus ihnen hätte werden können.

Seine Einkäufe erledigte er anschließend wie im Traum. Ein Einbruch – natürlich hatte er Gitte, Hakos verheiratete Schwester, gebeten, sich während seiner Abwesenheit um seine Wohnung zu kümmern, aber da hatte er an einen Wasserrohrbruch oder Orkanschäden gedacht oder an einen Brand im Haus, aber doch nie an einen Einbrecher in einem Sechs-Parteien-Miethaus. Wer sollte bei ihm etwas holen?

Ob er doch nach Hause flog? Nur für ein paar Tage? Dann entschied er sich: Brigitte Landau war tüchtig, energisch, umsichtig; wenn sie sagte, das sei nicht nötig, durfte er sich darauf verlassen, auch wenn ein Rest von Unruhe blieb. Und was sollte er schon tun oder veranlassen?

Auf der Bank ließ er seine Chipkarte liegen, die junge Frau am Schalter musste ihm nachlaufen und kniff wütend die Lippen zusammen, weil er sich sichtlich geistesabwesend bei ihr bedankte. Wahrscheinlich war ja wirklich nichts passiert. Nur eine kleine dunkle Wolke schien am Himmel aufgezogen.

Mit der ganzen Computerei hatte er spät angefangen und sich nur schweren Herzens von seiner mechanischen Schreibmaschine getrennt, als es keine Ersatzteile mehr gab. Deswegen brachte er es auch jetzt nicht übers Herz, Notizen, Entwürfe, Briefe nur auf der Festplatte abzuspeichern; vieles druckte er aus und stellte es ganz altmodisch in Ordnern zu Dossiers zusammen. Die Ergebnisse der Recherchen für das Hako-Buch füllten drei Ordner, die er im Auto nach Laredo mitgenommen hatte, und zu Hause hatte er alles zusätzlich auf CD gesichert, die er in Brigittes Büro aufbewahrte. Gitte verlachte ihn, er sei der typische Hosenträger-Gürtel-Gummibund-Mann, aber in dem Punkt stellte er sich stur und taub.

Aber CDs ließen sich einspielen und am Bildschirm lesen. Und eine Möglichkeit festzustellen, ob der oder die Einbrecher sich CDs von seiner Festplatte gezogen hatten, gab es nicht. Dass er an einem Buch über Hakos Verschwinden arbeitete, war kein Geheimnis, aber über die Ergebnisse seiner Recherchen hatte er bis jetzt striktes Stillschweigen bewahrt.

In seinen Gedanken verpasste er die Ausfahrt zum Flughafen, musste umkehren und stand nachher auf dem Parkplatz, als habe er vergessen, was er hier eigentlich wollte.

Am Schalter herrschte noch viel Betrieb, er winkte Monika zu und wartete, bis die letzte Familie ihr Gepäck aufgegeben hatte. Warum die Menschen ihren halben Hausrat mit in die Ferien schleppten, verstand er nicht; er hasste Charterflüge, weil die Seltenflieger lärmten, pausenlos auf- und abliefen, sich und anderen das Leben erschwerten und einfach nicht begreifen wollten, dass man die vier oder fünf Stunden Sammelhaft in der engen Metallröhre nur durch Ruhe und Gelassenheit ertragen konnte. Auf Linienflügen schlief er oft schon, wenn die Maschine abhob, und mehr als einmal war er nach der Landung geweckt worden; an Schlaf war auf Charterflügen nicht zu denken.

"Hei, Peter." Monika lachte über das ganze Gesicht und kramte einen Zettel aus ihrer Umhängetasche. "Bine bleibt am kommenden Montag in Malaga. Ankunft 21 Uhr 30 aus München."

"Na, prima. Danke."

"He, he, ist das alles?"

"Meine ewige Verehrung umschlingt deine unvergleichlich hübschen Beine und Figur."

"Das klingt schon besser. Tschüss dann."

Monika – wie hieß sie eigentlich mit Nachnamen? – und Sabine Förster waren Kolleginnen und gute Freundinnen, aber Monika wollte nicht mehr fliegen und hatte sich für diese Saison in Malaga einsetzen lassen. Auch Bine klagte, dass sie sich schönere Tätigkeiten als den harten Job einer Stewardess vorstellen könne, und er hatte ihr versprochen, bei der Suche nach einem Job zu helfen. Sobald sie sich entschieden hatte, was sie in Zukunft machen wollte, und das fiel ihr schwerer, als sie zugab.

Auf der Rückfahrt hing ihm ein grauer Kleinwagen aufreizend dicht an der Stoßstange; zweimal fuhr er nach rechts, um ihn vorbeizulassen, aber der Fahrer nutzte die Chance nicht. Er oder sie trug eine übergroße Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, die das Gesicht so gut wie eine Maske bedeckte. Erst als er für die Abfahrt nach Laredo de la Boca blinkte, gab der Verfolger Gas und schoss in einem waghalsigen Überholmanöver an ihm vorbei. Marholts Hände waren schweißnass geworden.

Während er seine Einkäufe verstaute, schaute er zufällig aus dem Fenster und begann leise zu fluchen. Der große Blonde kam den Pfad vom Strand hochgestiegen und schlenderte an seinem Grundstück vorbei, wobei er sich provozierend viel Zeit ließ und jede Einzelheit von Haus und Garten fast impertinent gründlich inspizierte. Dabei verriet seine Miene große Bereitschaft, Streit anzufangen, ganz gleich, mit wem und aus welchem Grund.

Wie das Schicksal so spielte, begegnete ihm der Blonde an dem Tag noch einmal. Marholt hatte Karin Demus vor ihrem Hotel getroffen, und sie hatte ihn auf einen Drink an die Hotelbar eingeladen. Noch in der Lobby überholte sie der Blonde, der an die Rezeption stürzte und lautstark seinen Zimmerschlüssel verlangte.

"Kennen Sie den Angeber?", fragte er seine Begleiterin.

"Nein, ich weiß nur, dass er auch hier im Hotel wohnt."

"Angeblich heißt er Axel und führt in Pacos Bar das große Wort." Er lachte leise: "Offenbar versucht er, die Ortsschöne zu erobern."

"Wird es ihm gelingen?"

"Möglich. Ohana ist nicht prüde, aber wählerisch, sie nimmt kein Geld, aber erwartet Geschenke."

"Wie heißt die Ortsschöne?"

"Ohana."

"Wissen Sie zufällig ihren Familiennamen?"

Er sah sie erstaunt an: "Ja. MacGregor. Der Vater war Ire."

"Das ist gut zu wissen", bemerkte sie geistesabwesend. "Wenn der Vater Ire war, spricht sie bestimmt Englisch."

"Ja, tut sie." Was sollte das? Aber Karin Demus registrierte wohl sein fragendes Gesicht, aber wollte nichts erklären.

Sie trafen die Ortsschöne in der Hotel-Bar; Ohana unterhielt sich eifrig mit einem älteren Mann, den Marholt nicht kannte, hatte – was alle Laredanos zu deuten wussten – den kurzen Rock und die Sandalen mit den waghalsig hohen Absätzen angezogen. Der Mann und sie sprachen Englisch miteinander. Er war groß und hager, hatte nur noch einen dünnen, grauen Flaum auf seinem Schädel und erinnerte mit seinem länglichen Gesicht und seinem breiten Kinn an ein Pferd. Seit wann interessierte sich Ohana für Männer jenseits der sechzig?

"Das ist Ohana", sagte er leise zu Karin Demus und deutete auf die eifrig plaudernde Ortsschöne. "Eine hochbrisante Mischung aus Irisch und Italienisch."

"Die gibt's beim Euro auch."

Sie tranken sich zu. Der Sherry war trocken und genau richtig temperiert, er erzählte ihr, dass die Briten in Gibraltar diesen Wein als Aperitif schätzten, aber den Name der Stadt Jerez de la frontera nicht aussprechen konnten und zu Sherry zusammenzogen.

Miguel empfahl einen plato combinado; sie lachte lange, zum Glück leise über die Bezeichnung, hatte alles Mögliche erwartet. Immerhin langte sie kräftig zu und als er ihr riet, zum Nachtisch einen Flan zu nehmen, zögerte sie zuerst. "Im Hotel schmeckt der sehr nach Chemie."

"Hier nicht, den Flan macht Maricarmen eigenhändig jeden Tag frisch."

"Tatsächlich", lobte sie dann, "ein Unterschied wie Tag und Nacht."

Das übersetzte er Maricarmen, die sich aufrichtig freute und sofort Miguel vergatterte, die deutsche rubia in Zukunft immer besonders höflich und zuvorkommend zu behandeln. Miguel nickte, er wusste, wann und wem er zu gehorchen hatte, und Maricarmen war, das stand fest, seine zukünftige Chefin.

Marholt brachte Karin Demus noch ins Hotel und ging dann über die Straße nach Hause. Heute ließ er Pacos Bar links liegen; die alte Frau, bei der er seinen Schinken kaufte, hatte ihn heute Morgen zu einer Flasche Rotwein überredet, den ihr Sohn für die Familie anbaute. Dabei hatte sie ihm wieder einmal das Leid aller Frauen geklagt, die hier vormittags verkauften. Im Ort sollte ein Supermercado entstehen, angeblich von einer deutschen Discounter-Kette, wie es hieß, und zwar in der Baugrube, die für das dritte Hotel ausgehoben worden war und nun als wilde Abfallkippe langsam verfüllt wurde. Er versprach, die Ohren aufzusperren.

Der Rote war nicht schlecht, und Marholt hatte die Flasche zur Hälfte geleert, als es an seine Tür klopfte. Ohana strahlte ihn an und ließ ihr Top verheißungsvoll über eine Schulter gleiten: "Was habe ich dir versprochen?"

Sie nahm ein Glas an und war seiner Meinung: "Er hat viel gelernt."

"Wer?"

"Alonso, der Sohn von Dona Subia."

"Was kann ich für dich tun?" Der enge, kurze Rock und die Schuhe galten mit Sicherheit nicht ihm, aber wo war der Glückliche?

"Ich wollte dich um was bitten."

"Ja?"

"Axel möchte mit dir reden, aber er hat Angst, dass du sauer auf ihn bist und ihn nicht reinlässt."

"Weißt du auch, was er von mir will?"

"Nein", zögerte sie und er glaubte ihr nicht so ganz. "Bitte, Pedro, rede mit ihm. Wenn du mit ihm redest, will er mir fünfzig Euro geben. Und das ist viel Geld für mich, jetzt, wo noch keine Touristen da sind."

"Na schön", gab er nach. "Sag ihm, er soll morgen Abend zu mir kommen, nach dem Essen."

"Du bist ein Schatz", jubelte sie und sprang auf. Ob aus Versehen oder von Ohana geschickt geübt – das über die eine Schulter geglittene Topteil rutschte noch etwas weiter und weil Ohana es nicht nötig hatte, einen BH zu tragen, wurde ihm ein kurzer Blick auf einen prachtvollen Busen vergönnt. Er sagte nichts, und sie zog wortlos das Top hoch. Dabei lächelte sie vergnügt.

"Sag mal, Ohana, wer war eigentlich das Englisch sprechende Pferdegesicht, mit dem du dich in der Hotelbar unterhalten hast?"

"Das war Jim", erklärte sie unbefangen. "Wir kennen uns aus meiner Heimat."

Es stellte sich heraus, dass sie mit "Heimat" jetzt London meinte, wo sie drei oder vier Jahre gelebt hatte und wo Jim sein Geld, viel Geld sogar, an der Börse verdiente. Marholt wollte sie nicht fragen, ob sie mit Jim schlief, und sie machte keinerlei Andeutung, wie eng ihre Beziehung zu dem alten Mann war.

"Und was treibt ihn ausgerechnet nach Laredo de la boca?"

"Irgendwas Privates." Das konnte man, aber das musste man nicht glauben.

Als Ohana dann ging, war die Rotweinflasche leer.

7.

Am nächsten Vormittag traf ein Ferienpaar ein, das das Häuschen am andern Ende der Reihe bezog. Marholt schaute verwundert in seinem Kalender nach. Tatsächlich, in Deutschland hatten in zwei Bundesländern die Sommerferien begonnen. Das Paar kannte er nicht. Er lernte zuerst die Frau kennen; Vanessa Niegel traf er am Abgang zum Strand und sie erkundigte sich, wo man hier etwas zum Mittag einkaufen könne. Er gab höflich Auskunft, dachte aber nicht daran, sie mitzunehmen und sich mit ihr im Ort sehen zu lassen – sie gefiel ihm auf den ersten Blick nicht: eine aufgedonnerte, ordinäre, billige Schlampe. Der Freund, der nachkam und dem Marholt nicht ausweichen konnte, war keinen Deut besser oder angenehmer – Kurt Leuscha nannte er sich und sah aus wie die Karikatur eines böswilligen Bordell-Ökonomen.

Auch im Hotel waren die ersten Feriengäste eingetroffen. Er holte Karin Demus in der Lobby ab und wunderte sich über den Andrang. Miguel riet ihnen zu Tortilla und schob ein Angebot nach: kalter gekochter Spargel mit einer Vinagretta à la Maricarmen. Marholt drehte sich nachher zu der jungen Frau um: "Ein Gedicht, Maricarmen."

"Gracias, Don Pedro, es muy amable."

Axel Kunz kam gegen elf – hier eine nicht ungewöhnliche Besuchszeit, klopfte diskret und benahm sich ausgesprochen höflich und bescheiden, stellte sich vor und bat, Marholt ein paar Fragen stellen zu dürfen.

"Würden Sie mir auch verraten, warum Sie das tun möchten?"

"Natürlich." Er arbeitete in Düsseldorf als Privatdetektiv – was Marholt nicht beeindruckte, Privatdetektiv durfte sich jeder nennen, wie auch Autor oder Journalist. Ein Achim van Borgh hatte ihn engagiert, ein im Rheinland nicht unbekannter Juwelier und Schmuckhändler, bei dem vor dreizehn Jahren eingebrochen worden war, die Täter erbeuteten Schmuck, Gold, Platin, Uhren und ungeschliffene Edelsteine im Wert von mehr als drei Millionen Euro.

"Das nennt man einen Schluck aus der Pulle", merkte Marholt gemütlich an, doch Kunz schüttelte den Kopf. "Nein, Herr Marholt, nicht wirklich. Es waren mehrere Täter, und die hatten nicht mitbekommen, dass an dem Montag ausnahmsweise das Au-Pair-Mädchen in seinem Zimmer geblieben war, weil es sich eine fürchterliche Erkältung eingefangen hatte. Das Mädchen hörte wohl ein Geräusch, kam aus seinem Zimmer und einer der Täter geriet in Panik und schoss. Er traf nur zu gut, das Mädchen ist seitdem querschnittsgelähmt. Schütze und Tresorknacker flohen mit der Beute, die bis heute verschwunden ist. Den Tresor hat höchstwahrscheinlich ein Holger Udokeit aufgeschweißt, ein vorbestrafter Schränker. Als ihm die Kripo auf der Spur war und ihn festnehmen wollte, hat er auf einen Polizisten geschossen, dessen Kollege hat zurückgeschossen und Udokeit so schwer getroffen, dass der wenige Tage später in der Klinik gestorben ist. Leider hat er in der Zeit, in der auch noch reden konntet, nicht gesagt, wo die Beute versteckt ist und wer den Schuss auf das Au-Pair-Mädchen abgegeben hat. Auch die Namen der wenigstens zwei Komplicen sind unbekannt."

"Okay. Warum erzählen Sie mir das?"

"Warum nicht? Ich suche im Auftrag eines Mannes eine Deborah MacGregor."

"Der Name sagt mir nichts."

"Erstaunlich."

"Wie meinen Sie das?"

"Sie kennen doch Oriana MacGregor."

"Nein."

"Doch, das tun Sie, Herr Marholt. Oriana nennt sich hier allerdings Ohana."

"Nein."

"Doch, ja. Sie hat's mir gestanden. Und es war ihr gar nicht recht, dass ich sie hier aufgetrieben habe."

"Versteckt sie sich hier?"

"Ich fürchte, ja."

"Würden Sie mir auch sagen, warum?"

"Das weiß ich nicht, ich habe nur eine Vermutung. Debby – Deborah – ist wohl ihre Schwester. Aber ehrlich gesagt, ich möchte Ihnen nicht, wenigstens im Augenblick noch nicht verraten, was ich so vermute." Marholt sah ihn stumm von der Seite an: In Wahrheit befürchtete Kunz, dass Marholt Ohana verriet, was er vom blonden Axel erfahren hatte. Zweifellos trieb der Mann sein eigenes Spiel und wollte nur sicherstellen, dass Marholt ihm nicht dazwischenfunkte.

"Hat sie Ihnen mal erzählt, woher sie kommt, wer ihre Eltern waren und wie es sie nach Laredo verschlagen hat?"

Marholt wiederholte, was Ohana ihm erzählt hatte. Irischer Vater, melancholisch oder depressiv, trifft eine Italienerin im Libanon. Heftige Affäre mit Folgen, nach einiger Zeit und zwei Kindern trennt man sich. Ob sie Marholt damit einen Bären aufgebunden hatte oder nicht, konnte er ohnehin nicht beurteilen, und der Blonde grinste verständnisvoll in sich hinein, als amüsiere er sich königlich. Nach Wanderung durch mehrere Länder Europas landete Ohana hier in Laredo und beschloss, hier zu bleiben. Zuerst hatte sie Arbeit im Hotel, wurde dann gefeuert, kannte jemanden, der ihr dann irgendwie das Geschäft finanzierte, mit dem sie sich gerade so über Wasser hielt.

Um Mitternacht verabschiedete sich Axel von Kunz und Marholt – der wälzte sich noch lange schlaflos hin und her. Eine verrückte Geschichte. Und vor allem völlig unlogisch. Wenn Ohana ihrem Axel gestehen musste, dass sie hier unter falschem – oder wie sie es formulieren würde, unter geringfügig korrigiertem – Namen lebte, warum bedankte sie sich dann noch bei Marholt dafür, dass der sich bereit fand, mit "ihrem Axel" zu reden?

8.

Er schlief sehr unruhig und leicht und hörte deswegen wohl auch so deutlich das Geräusch eines Schlüssels, der ins Schloss der Haustür gesteckt wurde. Ein Schlüssel? Woher sollte einer seinen Schlüssel haben? Marholt hatte keinen weggegeben. Dann fiel ihm ein, was Brigitte Landau am Telefon erzählt hatte; ein Dietrich tat es auch, also kletterte er leise aus dem Bett, zog sich eine Hose an und stieg in seine Laufschuhe. Mit den Schnürsenkeln wurde er keine Sekunde zu früh fertig. Er hatte sich eben aus dem Schlafzimmer in den großen Wohn- und Arbeitsraum geschlichen, als die Tür zum Flur aufgeklinkt wurde, er konnte sich eben noch neben einen hohen Schrank an die Wand flüchten, als ein Paar hereinkam, beide trugen Trainingsanzüge und tief in die Stirn gezogene Baseballkappen. Dass die eine Person eine Frau war, erkannte er nur an ihrer Stimme.

"Glaubst du wirklich, er hatte alle Sachen mitgebracht?"

"Ja, das denke ich", murrte der Mann. "In seiner Bude war ja nichts mehr – oder?"

"Was soll dieses 'oder?' heißen?"

"Ich war ja nicht dabei."

"Du traust auch wirklich keinem."

"Nein, ich habe zu viele schlechte Erfahrungen gemacht."

Während des leisen, flüsterlauten Sprechens hatten beide angefangen, Fächer, Schubladen und Schränke, die sie erreichen konnten, leise und vorsichtig auszuräumen. Im Halbdunkel konnten sie nicht viel erkennen, das von draußen hereinfallende Licht war zu schwach, aber die Deckenlampe anzuknipsen, wagten sie offenbar nicht. Marholt lauschte und beobachtete, so gut es eben ging, es würde nicht mehr lange dauern, und einer der beiden musste den Schrank erreichen, an dessen eine Seitenwand er sich presste, um nicht gesehen zu werden. Immerhin hatte er ihnen einen Vorteil voraus. Er kannte den Grundriss des Häuschens, und deshalb ließ er sich geräuschlos auf den Boden nieder. Dann nahmen sich beide ein Regal vor, auf dem er ablegte, was er gerade nicht oder nicht mehr brauchte, Bücher, Papiere, Süßstoff, Staubtuch, es herrschte auf den Brettern in bequemer Griffhöhe ein wildes Durcheinander. Und prompt beschwerte sie sich: "Von Aufräumen hält er wohl nichts."

"Nein, er lebt ja auch nicht mit dir zusammen."

Marholt konnte sich jetzt in voller Länge auf dem Boden ausstrecken. Alte Erinnerungen an Indianertage seiner Jugend tauchten auf. Der erfahrene Apache stützte sich nur auf Fingerspitzen und Zehen ab. Dazu langten seine Kräfte nicht mehr, aber unhörbar leise konnte er immer noch voranrobben. Zum Glück war die Tür nur angelehnt und knarrte nicht, als er sie aufzog und sich auf den kleinen Flur hinausschlängelte. Warum sie auch die Haustür nur angelehnt hatten, konnte er sich nicht vorstellen – bloß keine Verzögerung, kein Hindernis, wenn sie fliehen mussten? Er kroch nach draußen und richtete sich auf. Was mochten sie bei ihm suchen? Geld? Danach sah er doch wirklich nicht aus, und das wenige Bargeld, das er für seine täglichen Einkäufe immer im Hause hatte, lohnte wahrlich keinen Einbruch.

Einkäufe! Endlich fiel ein Groschen. Ja, genau, das war die Stimme der Frau gewesen, die sich heute Morgen bei ihm erkundigt hatte, wo man denn hier im Ort was zum Mittagessen einkaufen könne. Wie hatte sie sich noch genannt? Eva? Nein, Vera? Nein, Vanessa, richtig, Vanessa Niegel. Und er, der sie später eingeholt hatte, hatte sich als Kurt Leuscha oder so ähnlich vorgestellt. Gefallen hatten sie ihm beide nicht. Aber das war die Chance, den Spieß umzudrehen. Sie hatten gestern das letzte Häuschen in der Viererreihe bezogen. Wenn sie sich unbefugt in seinem Haus umsahen, durfte er das auch in ihrem tun. Oder besser nicht? Wie würden sie reagieren, wenn sie ihn in ihrem Haus überraschten? Auch fortkriechen oder zuschlagen? Kurt hatte ganz den Eindruck gemacht, als pflege er Probleme bevorzugt mit der Faust oder dem Schlagring zu lösen. Aber ihr Autokennzeichen konnte er sich mal in aller Ruhe anschauen.

Der Himmel war dank der Sterne, des zunehmenden Mondes und fehlenden Wolken hell genug, um aufrecht über die Straße zu laufen. Sie hatten in dem Häuschen ein kleines Licht brennen lassen, und Marholt verzichtete auf den Versuch einzusteigen. LEV-XX 9387, ein grauer, schon etwas älterer Polo. Marholt machte kehrt und versteckte sich in der Nähe seines Hauses so, dass er den Eingang beobachten konnte. Gut eine Viertelstunde späte kamen sie heraus und er war jetzt sicher, dass es sich um Vanessa Niegel und Kurt Leuscha handelte. So weit er das beurteilen konnte, trugen sie nichts fort, und nach zwanzig Minuten traute er sich, sein Haus zu betreten und Licht zu machen. Nichts deutete darauf hin, dass hier zwei Menschen im Dunkeln was gesucht hatten, alles war tipptopp auf-, zusammen- und weggeräumt. Hatten sie nicht kontrolliert, ob er in seinem Bett lag? Oder scheuten sie das Risiko, ihn dabei aufzuwecken?

9.

Den Rest der Nacht schlief er nicht gut, und ziemlich müde schlich er früher als sonst über den Strand in den Ort und musste dann nach warten, bis Ohana endlich kam und ihr Geschäft aufschloss.

"Du siehst nicht gut aus", murmelte sie, und es klang sogar echt mitfühlend.

"Nein, ich habe sehr schlecht geschlafen", räumte er ein.

"Und was kann ich für dich tun?"

"Ich brauche einen festen starken Riegel für meine Haustür. Und ein gutes Schloss."

Sie kramte ein paar Minuten in einem Hinterzimmer und brachte dann, was er wünschte.

"War Axel bei dir?"

"Ja. Wir haben uns sehr nett unterhalten, ohne Zank und ohne Ärger."

"Verrätst du mir, was er von dir wollte?"

Marholt sah sie scharf an: "Er wollte wissen, ob ich eine Deborah MacGregor kenne."

"Und wieso das?"

"Ich würde doch eine Oriana MacGregor kennen."

"Ach, diese Kisten hat er also aufgemacht! Hat er dir auch erzählt, dass er im Auftrage eines Mannes eine Deborah MacGregor sucht?"

"Ja, hat er. Weißt du, was das soll?"

"Nein. Aber er ist nicht der erste Typ, der mir deswegen auf die Pelle rückt."

"Hat er dir denn verraten, warum er diese Deborah MacGregor sucht?"

"Er hat eine Menge erzählt, aber ehrlich gesagt, ich habe es nicht immer verstanden. Das Dumme ist, dass ich tatsächlich eine Schwester habe, die Deborah heißt."

"Deborah MacGregor?"

"Ja. Debby ist gelähmt, und nachdem sie in Deutschland aus einer Klinik abgehauen war, habe ich meinen Vornamen in Ohana verändert und bin hier auf Dauer untergekrochen in der Hoffnung, dass mich hier keiner findet. Was leider getrogen hat. Die sind hinter mir respektive meiner hilflosen Schwester her."

"Wer sind die und was wollen 'die' denn von euch?"

"Geld, Schmuck, Uhren, Gold, Platin und ungeschliffene Edelsteine. Im Wert von mehreren Millionen Euro."

"Und wie sollt ihr daran gekommen sein?" Marholt war weit davon entfernt, Ohana alles zu glauben, aber er hatte gelernt, dass auch Lügen viel über Wünsche und Vorstellungen verraten konnten. Manchmal sogar mehr als langatmige wahre Geschichten mit gezielten Lücken.

"Das ist eine mehr als komplizierte Geschichte. Die erzähle ich dir ein anderes Mal, ja, Pedro? Da kommen Kunden, und ich muss mit diesem Laden tatsächlich Geld verdienen."

Die vier alten Schachteln, unverkennbar Britinnen mit waghalsig gefärbten Haaren, kamen Ohana gerade recht. Er legte sein Geld auf den Tisch und verzog sich.

Heute schrieb er vormittags nicht, sondern montierte seinen Riegel nach allen Regeln der Kunst. Wer ihn und das massive Vorhängeschloss aufsprengen wollte, brauchte wenigstens ein Stemmeisen oder einen Bolzenschneider, und damit liefen nur wenige in Laredo de la boca herum. Auch den täglichen Imbiss schenkte er sich, kletterte zum Strand hinunter, nahm Karin Demus mit, die sich freute, als er ihr erklärte, dass er sie in den Ort in eine Bar entführen wolle.

"So früh am Tag schon Alkohol?", erkundigte sie sich tadelnd.

"Wie kommen Sie denn darauf?"

"Sie wollen doch in eine Bar."

"Um etwas zu essen." Er musste laut lachen und erteilte dann auf dem Marsch durch die engen und schattigen Gassen des Ortskerns Nachhilfeunterricht, zeigte ihr, wie sie ein Lokal erkennen konnte, in denen Frauen weniger erwünscht waren, und wo man was zu essen bekam. Als sie Durst verspürte, lud er sie zu einem Milchkaffee ein, spendierte ein bocadillo con jamon und paukte mit ihr Zahlen, schloss einen kleinen Lehrgang an, wieviel Trinkgeld man wann gab und auf welche Anmache-Tricks eine Ausländerin nicht hereinfallen sollte. Sie sah ihn mit immer größeren Augen an, als eröffne er ihr eine neue, eine ganz andere Welt. War sie in ihrer Ehe und vor ihrer Krankheit nie gereist? Nie in Urlaub gefahren? Sie schien seine Verwunderung zu spüren und sagte unvermittelt leise: "Bis er mich verließ, bin ich immer mit meinem Mann verreist. Er hat immer alles geregelt."

Weil sie gleich danach demonstrativ an ihm vorbeiblickte, antwortete er nicht. Als sie aufbrachen, begegnete ihnen am Eingang der Bar ein Mann, um die vierzig Jahre alt, mit einem auffälligen dichten, schwarzen Kinnbart und einer großen, sehr dunklen Sonnenbrille. "Was machst du denn hier?", fragte sie ihn erstaunt und hörbar nicht erfreut.

"Urlaub, was sonst? Und du?"

"Auch Urlaub."

"Wie schön."

"Ohne dich wäre es hier schöner", fauchte sie, und Schwarzbart lacht hämisch.

"Ein Bekannter?", fragte Marholt neugierig, als sie Richtung Strand zurückgingen.

"Leider ja", knurrte sie. "Sehen wir uns heute Abend im Granada?"

"Nein, tut mir leid, ich muss nach Malaga zum Flughafen, jemanden abholen."

"Schade. Dann vielen Dank für die Unterrichtsstunde und die Einladung."

Er fuhr so rechtzeitig los, dass er am Flughafen Zeit fand, in Monikas Büro eine längere Mail an Brigitte Landau zu tippen.

"Liebe Gitte, mir geht es gut, ich erhole mich, das Buch macht Fortschritte, aber um mich herum passieren einige merkwürdige Dinge, so dass ich Dich bitten möchte, für mich etwas zu recherchieren und an diese Adresse zu mailen. Auf wen ist ein Auto mit dem Kennzeichen LEV-XX 9387 zugelassen? Kannst Du zu den Namen Oriana und Deborah MacGregor (Schwestern!) etwas herausfinden? Wer sind und was treiben Axel Kunz, Vanessa Niegel und Kurt Leuscha in Deutschland oder hier? Sabines Maschine landet gleich, ich muss aufhören, weil Monika ihr Büro besetzen möchte. Vielen Dank im Voraus und viele Grüße von Peter, hier voller Respekt Don Pedro genannt."

Sabine schwitzte vor Müdigkeit. "Einen so schlimmen Flug habe ich noch nie gehabt", stöhnte sie zur Begrüßung. "Nur Verrückte an Bord und Jugendliche aus dem Erziehungsheim. Das ist die letzte Saison für mich."

"Hat du denn schon was gefunden?", fragte Monika mitleidig.

"Vielleicht. Am Tegernsee, in einem kleines Hotel. Der Eigentümer hat seinen Gesundheitscheck nicht mehr bestanden und seine CPL verloren. Zumindest verstehen wir uns bei Katzen." Cats, die unschönen Clean Air Turbulences, wurden von den meisten Paxen Luftlöcher genannt, und selbst Ehefrauen verabschiedeten ihre fliegende Ehemänner gelegentlich mit "Beware of cats", wobei aber meist zweibeinige Katzen gemeint waren, die gefürchteten Schmuse- und Schnurr-Katzen. "Sie arbeitet in Fürstenfeldbruch auf dem Tower."

"Uniform oder zivil?", fragte Monika beeindruckt.

"Drei Sterne auf der Schulter."

Marholt wollte zeigen, dass er auch noch da war: "Also ein Problemfall?"

Der Witz hatte einen eisengrauen Bart. Wie redete man einen weiblichen Offizier im Range eines Hauptmannes korrekt an: "Frau Hauptmann? Frau Hauptfrau? Oder Herr Hauptfrau?"

Sabine Förster kam nicht mehr dazu zu antworten: Sie musste gähnen, dass es ihr die Mundwinkel zerreißen wollte, und auf der Fahrt von Malaga nach Laredo schlief sie ein. Er musste sie vor seinem Häuschen wachrütteln, und sie stolperte ins Haus, als wolle sie gleich ins Bett fallen. Was eine Viertelstunde später auch geschah, und er war für diese Nacht abgemeldet. Was ihm zwar nicht gefiel, ihn aber auch nicht erschütterte. Er kannte aus eigener Erfahrung diese Erschöpfungsphasen, wo man sich eben noch wach und aufrecht hielt; aber in der Sekunde, in der man wusste, dass man abschalten durfte, rissen die Fäden und die Marionette klappte in sich zusammen.

Bis Mitternacht setzte er sich auf die Bank vor seinem Haus und schaute auf das Meer hinunter. Um Mitternacht wurde ihm kühl, er ging ins Haus und kroch zu ihr unter das Leintuch. Sie drehte sich auf die Seite und murmelte nur: "Mañana."

10.

Am nächsten Vormittag erlebte er eine Überraschung. Sabine und er wollten zum Strand hinunter und zum Einkaufen laufen. Karin Demus lag zwar auf dem gewohnten Platz, doch diesmal war sie nicht alleine, um sie herum saßen, lagen und hockten fünf Personen, die Marholt alle kannte. Axel Kunz, Vanessa Niegel und Kurt Leuscha, Ohana und der Kinnbärtige, den sie gestern im Ort getroffen hatten, als sie die Bar verließen.

"Kennst du die Leute?", wollte Sabine wissen.

"Ja."

"Und was ist mit denen?"

"Nichts Besonderes. Komm, sonst schlagen wir hier Wurzeln." Sie marschierten offen und wortlos an dem Sextett vorbei, keiner grüßte, und er sah keinen Grund, als erster "Buenos dias“ oder "Guten Tag" zu sagen. Auf dem Rückweg genehmigte er sich einen blanco und ein paar Tapas, Paco gefiel der neue Gast, was man daran erkannte, dass er sie auf Deutsch begrüßte und aus dem Staunen nicht mehr herauskam, als sie in fließendem Spanisch antwortete. Nach einem frugalen Mittagessen schlossen sie eine ausgedehnte Siesta an, schliefen endlich miteinander, schwammen eine Stunde und duschten gemeinsam: "Wasser ist knapp", mahnte er, "getrennt Duschen ist ein nicht angebrachter Luxus." Er freute sich auf das Granada und auf Miguels verblüfftes Gesicht, wenn er mit einer anderen Frau hereinkam. Der Asturier bewies seine unhöfliche Unberechenbarkeit: "Diesmal nicht mit der rubia?"

Sabine verschluckte sich: "Wer ist die Blonde, von der er da gequatscht hat?", zischte sie, sobald Miguel, ihnen den Rücken zukehrend, die Neuigkeit mit Maricarmen beredete.

"Eine Deutsche, die hier im Hotel wohnt und kein Spanisch spricht. Ich habe ihr geholfen, bei diesem Holzkopf da Essen zu bestellen. Du hast sie übrigens schon gesehen. Als wir zum Strand herunterkamen, lag sie in dem weißen Bikini auf der Badematte und die andern um sie herum."

"Ach, die!", meinte sie lakonisch und etwas geringschätzig, als sei damit aller Dampf aus dem Misstrauens-Ballon raus. Anders hätte es ihn auch verwundert. Er hatte Sabine im wahrsten Sinne des Wortes über dem Abgrund kennengelernt. Sie war mit gefährlich dünnen Absätzen in Frankfurt eilig auf der Zeil gestöckelt und dabei auf einen Gully-Deckel getreten und hängen geblieben. Der Kavalier kam der Schönen zu Hilfe, befreite sie und ihren Schuh aus der misslichen Lage und lud sie zu einem Eiskaffee ein; abends trafen sie sich zu einem Essen im Hennigerturm und beim nächsten Mal landeten sie in seiner Wohnung in Sachsenhausen. Sie verstanden sich gut, auch im Bett, aber waren sich von Anfang an einig, dass es bei einem lockeren Verhältnis bleiben sollte, dessen Höhepunkte vom Flug- und Einsatzplan ihrer Airline bestimmt wurden.

Auf der Sirinabrücke begann sie dann zögernd: "Ich wollte heute Mittag nicht gleich die Eifersüchtige und Neugierige raushängen. Aber die rotblonde Frau mit dem weißen Bikini auf der Badematte kenne ich, die habe ich vor kurzem irgendwo gesehen. Irgendwas war mit ihr."

"Was Aufregendes?"

"Peter, ich weiß es einfach nicht mehr. Vielleicht fällt es mir wieder ein. Und bis dahin darfst du mir erzählen, welche Bereicherung der Weltliteratur du hier verfasst."

Über das Roman-Projekt Hako sprach er eigentlich nicht gerne. Aber sie drängelte und quengelte und lockte, bis er nachgab.

"Ich habe vor einiger Zeit mit meinen früheren Klassenkameraden 20 Jahre Abitur gefeiert. Dabei haben wir uns wieder einmal über das Schicksal eines Freundes und Mitschülers ereifert und gestritten, dem man ein halbes Jahr vor dem Abitur mitgeteilt hatte, dass er zum Abi nicht zugelassen würde. Hans Konradin – so heißt er – hat daraufhin alles hingeschmissen und ist etwas später spurlos verschwunden. Sie haben mich herumgekriegt, aus Hakos Geschichte ein Buch zu machen, weißt du, halb Tatsachen, halb Erfindung, ich habe lange recherchiert und bin nun dabei, das Meisterwerk der fiktiven Fakten zusammenzuschreiben."

"Und? Was ist aus ihm geworden? Hat du das herausgefunden?"

"Liebe Bine, Bücher werden zum Lesen geschrieben, nicht zum Erzählen. Ich werd dir selbstverständlich ein Exemplar mit Widmung schenken, wenn es fertig ist, und dann musst du es schon lesen."

"Faulpelz." Den Vorwurf nahm er schweigend hin, faul war er nicht, aber was hätte er ihr sagen sollen: Dass er zwar zu wissen glaubte, warum Hans Konradin untergetaucht war, aber beim besten Willen nicht sagen konnte, wohin er gegangen und was aus ihm geworden war.

11.

Am nächsten Morgen ließ sie ihn an seinen geliebten Computer, turnte allein zum Strand hinunter und erschien pünktlich in seinem Häuschen. "Deine Rotblonde liegt unten wieder auf der Matte und scheint auf dich zu warten."

"Wie kommst du darauf?"

"Sie hat mich gemustert wie der Rausschmeißer einen mittellosen Krakeeler vor der Oben-Ohne-Bar."

"Wahrscheinlich hat sie nur deinen Bikini bewundert und sich gefragt, wie's kommt, dass der nicht rutscht."

"Das hättest du gerne, was?"

"Soll ich lügen?"

Als sie sich hinterher anzogen, meinte sie beiläufig. "Ich weiß wieder, wo ich deine Rotblonde gesehen habe. Ihr Bild, ihr Foto, meine ich."

"Und wo?"

"In der BILDzeitung, die ein Pax gelesen hat."

"Und? Aus welchem Grund war sie abgebildet?"

"Das habe ich vergessen." Dabei streifte ihn ein so merkwürdiger Blick, dass er sofort davon überzeugt war, Bine hatte ihn gerade belogen. Sie wusste ganz genau, warum Karins Bild in der Zeitung gestanden hatte, aber sie wollte es ihm nicht verraten. So, wie er sie kannte, war es zwecklos, von ihr hören zu wollen, warum sie damit hinter dem Berg hielt.

Als er mit Bine über den Strand Richtung Hotels lief, saß Vanessa Niegel neben Karin Demus im Sand und redete heftig auf sie ein. Beide Frauen nickten ihnen nur zu und er blieb absichtlich nicht stehen. Auf dem Rückweg nahm er Bine schweren Herzens mit in Pacos Bar, alle Männer verstummten sofort wie auf Befehl, aber Bine hatte den Vorteil, dass sie erstens nicht auf den Mund gefallen war und zweitens fast perfekt Spanisch sprach.

"Ich habe gehört, dass es hier die besten Tapas der Küste gibt. Warum sollen nur Männer, die doch alle nichts vom Essen verstehen und lieber saufen, so was Gutes bekommen?"

Damit hatte sie Marias Herz gewonnen, und alle wussten: Wenn sie jetzt protestierten und damit indirekt Maria beleidigten, hatte die tapa-Herrlichkeit ein Ende. Ohana stand mit dem Blonden an der Theke und sagte laut: "Tienes razon." Axel Kunz verstand nichts und sah etwa dümmlich, aber männlich entschlossen in die Gegend. Nach zweimal sechs Tapas und zweimal zwei blancos zogen Marholt und Bine ab. Vor der Tür begegneten sie zwei Männern, die er kannte: Leuscha und der Schwarzbärtige aus der Bar, über den Karin Demus so wenig erfreut gewesen war. Leuscha brummte "Buenos", der Bärtige knurrte nur unverständlich. Nach der Siesta bracht Marholt Bine zum Flughafen nach Malaga. Sie war überpünktlich da und er folgte Monika ins Büro. Für ihn war eine Mail eingetroffen. Gitte hatte sehr rasch gearbeitet.

"Lieber Peter, habe auf die Schnelle leider nicht alles herausbekommen, auch meine Leute machen Urlaub." Mit "meine Leute" meinte Brigitte die zahlreichen Informanten und Quellen, die sie anzapfen konnte. "Also: Das Auto ist zugelassen auf einen Kurt Leuscha, aus Leverkusen, mehrfach vorbestraft wegen Einbruch, schwerer Körperverletzung, Erpressung, Nötigung. Hat zuletzt in Rheinbach gesessen. Ihm droht beim nächsten Mal Sicherungsverwahrung. Axel Kunz biete ich zweimal an, einmal in Düsseldorf, gescheiterter Akademie-Maler, nennt sich heute Privatdetektiv, soll ein loverboy sein, steckt mitten in einer Privatinsolvenz, ein zweites dubioses Exemplar bevölkert Hamburg, gelernter Grafiker, Hochstapler und unter Vertrag bei einer Begleitservice-Agentur. Bis bald, Gruß, Gitte."

"Interessant?", fragte Monika, die an der Tür stand.

"Unter Umständen hilfreich."

"Es wird Zeit, Bine muss sich verabschieden."

"Wird es ein schlimmer Flug?"

"Mittelprächtig. In der Mehrzahl eher gesetztes Alter."

"Na dann, vielen Dank für das Mailen. Du hast was gut."

"Du könntest mich ja mal einladen in dein Laredo."

"Warum nicht? Ich gebe dir meine Handynummer und du rufst an, wenn du Zeit hast."

"Du müsstest mich aber abholen, ich habe kein Auto. Bine kommt so schnell nicht wieder nach Malaga. Sie muss ab Samstag auf die Kanarentour."

Immer noch besser als der Einsatz auf der Mallorca-Tour; die war immer stressig, wie er wusste. Aber dass Monika so betont hatte, Bine würde in nächster Zeit nicht mehr nach Malaga kommen, gefiel ihm nur mäßig. Die jungen Frauen taten zwar immer so, als seien sie die besten Freundinnen, aber einige gönnten der anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln.

Mit Gittes ausgedruckter Mail fuhr er zurück. Nachdem man ihn herumbekommen hatte, sich ernsthaft mit Hakos Schicksal zu beschäftigen, hatte er zuerst Hakos Schwester Brigitte gesucht. Was nicht ganz einfach war, Vater Konradin war bereits an Krebs gestorben und neben seiner Frau beigesetzt worden.

Die Nachbarn wussten von nichts, und erst über die Todesanzeige für Dr. Waldemar Konradin bekam er den Namen der Schwester heraus. Brigitte Landau, geborene Konradin, Aachen. Sie bestätigte Marholt, nachdem sie Vertrauen gefasst hatte, was Marholt bereits in der Schulzeit vermutet hatte: Hako hatte sich verliebt, aber aus irgendwelchen Gründen diese Tatsache und den Namen des Mädchens vor so ziemlich jedermann geheim gehalten. Seiner Schwester hatte er nur vorgeschwärmt, sie sei ein selten wunderbares, ehrliches, begehrenswertes Geschöpf mit einem Engelsgesicht und einer Figur, die man gar nicht beschreiben könne, weil sie einem jungen Mann die Sprache verschlage. Gitte hatte nur gelächelt, von der Objektivität dieser Beschreibung ebenso wenig überzeugt wie ihr Zuhörer. Kein Name? Nein, kein Name. Und wo lebte dieses Wunder der Schöpfung? Also, nicht in Mülheim. Um sie zu sehen, lieh sich Bruder Hans regelmäßig ihr Auto und sie vermutete, dass er jeden Tag nach Düsseldorf fuhr. Bei einer späteren Sitzung wagte Marholt zu fragen, wie weit es denn zwischen Bruder Hans und der schönen Unbekannten gekommen sei, und Gitte wurde ganz komisch. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass es zwischen den beiden noch nicht einmal zu einem Kuss gekommen ist, geschweige denn zum Petting oder so."

"Merkwürdig, finden Sie nicht auch?" Damals siezten sie sich noch und duzten sich erst, nachdem Brigitte mit ihrem Mann in das Haus ihrer verstorbenen Eltern nach Mülheim zurückgezogen war. Brigitte Landau war offenkundig bemüht, das Ansehen ihres Bruders zu wahren.

"Sehr merkwürdig."

"Eine verrückte Frage, Frau Landau. Wie nah kamen sich die beiden eigentlich körperlich bei seinen täglichen Besuchen?"

"Wenn ich das wüsste! Hoffentlich ist es nicht nur eine Schwärmerei aus der Ferne."

Marholt hatte nicht gesagt, dass er das mittlerweile auch vermutete, weil es vor allem erklären würde, warum Hans Konradin von dieser engelsgleichen Freundin unter den alten Klassenkameraden keine Silbe verlor – aus Angst, sich lächerlich zu machen oder sich als Weichei darzustellen? Viel später hatte Hako seiner Schwester gestanden, dass es sich bei der Angebeteten um eine Ausländerin handele, die wohl nicht für immer in Deutschland bleiben werde.

"Wissen Sie, aus welchem Ausland?"

"Nein, tut mir leid."

"Aber sie lebt in Düsseldorf?"

"Das vermute ich stark nach den Veränderungen auf dem Kilometerzähler meines Autos."

"Japanerin?" Düsseldorf hatte schon damals eine große japanische Kolonie. Brigitte Landau hatte nur die Achseln gezuckt.

Marholt kam noch rechtzeitig ins Granada, um den nächsten Laredo-Skandal höchstpersönlich zu erleben. Ohana saß mit dem Schwarzbärtigen an einem Tisch, sie diskutierten erregt miteinander, bis Ohana Glas und Teller zurückschob, mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und aufsprang, sich wild im Restaurant umsah und dann auf Marholt zustürzte, als müsse er sie vor ihrem Mörder schützen. Natürlich stand er auf, rückte ihr einen Stuhl zurecht und lud sie ein, Platz zu nehmen. "Danke, Pedro."

"Was ist los?"

"Das ist vielleicht ein Arschloch."

Das "ojo de culo", stieß sie mit einer Lautstärke heraus, dass sich alle Einheimischen das laute Lachen verkneifen mussten. während sie auf den Bärtigen schauten, der bedrohlich langsam aufgestanden war und nun auf Ohana zukam. Er blieb neben ihr stehen und knurrte etwas Unverständliches. Marholt schaute hoch und sagte höflich: "Sie sehen doch, Sie sind hier unerwünscht."

"Halt's Maul, du Wichser, und misch' dich nicht in Sachen ein, die dich nichts angehen."

Marholt sah rot: "Hau ab und fick dich, du Hurensohn."

Der Bärtige traute seinen Ohren nicht und schöpfte tief Luft. Das dauerte zu lange; als er dann mit einem Arm ausholte, stieß ihm Marholt die Gabel in den Bauch. Der Bärtige jaulte auf, ging aber nicht zu Boden, das besorgte dann Miguel, der plötzlich hinter dem Mann aufgetaucht war und ihm mit der Handkante ins Genick schlug, als wollte er ihm die Wirbelsäule brechen. Marholt sprang auf und riss das Knie hoch. Dem Doppelschlag von hinten und vorn war der Bärtige nicht gewachsen, er ging zu Boden, riss mehrere Stühle und einen Tisch mit und legte sich inmitten des gesplitterten Holzes zum Schlafen nieder.

"Danke, Miguel!"

"Keine Ursache, Don Pedro, ist doch gern geschehen. Beim nächsten Mal lasse ich ihn gar nicht erst rein." Und als Marholt etwas skeptisch auf den Asturier blickte, griff Miguel in die Tasche und zeigte einen Totschläger vor. Zwei Gäste kamen ihnen zu Hilfe, zu viert schleppten sie den Bewegungslosen vor die Tür des Granada und legten ihn sorgfältig auf der Gasse ab. Marholt bückte sich und fischte aus einer Tasche eine Geldbörse, die tatsächlich einen deutschen Personalausweis enthielt. Er schrieb sich die Angabe auf. Uwe Zindler, 48 Jahre alt, mit einer Adresse in Essen, Ruhrtalstraße. Ausweis und Börse steckte er zurück und ging mit Miguel ins Granada, wo sie erst einmal auf Einladung Maricarmens jeder einen Schluck tranken.

Miguel hatte noch was auf dem Herzen: "Deine rubia war heute schon zum Essen da."

"Alleine?"

"Nein, mit einer Frau, die aussah und sich benahm wie eine puta." "Hure" war ein sehr harter Ausdruck und die Frau musste sich bös daneben benommen haben, wenn Miguel einen Gast des Granda so titulierte. Nach seiner Beschreibung handelte es sich um Vanessa Niegel aus Leverkusen.

"Sie hat übrigens plato combinado bestellt, perfekt, ohne Fehler. Nur beim Trinkgeld war sie plötzlich sehr deutsch." Marholt machte es gut und glich den Demus‘schen Fehler aus, als er zahlte. Ohana hatte im Granada nichts erzählen wollen, sondern ihn in ihre Wohnung eingeladen, wo eine Flasche bereitstand.

Ohanas Wohnung lag im ersten Stock eines sehr an eine Mischung aus Bürogebäude und Fabrik erinnernden langgestreckten Baus, der wohl einmal ein Einkaufszentrum werden sollte, als Laredo noch von großen Hotelbauten und Touristenströmen träumte. Für Marholt war es eine große Ehre, ihre Wohnung betreten zu dürfen; Ohana hielt es sonst mit der spanischen Sitte, sich mit Freunden und Bekannten in Restaurants und Bars zu verabreden und nicht in den eigenen vier Wänden. Aber sie gab zu, dass sie Angst gehabt hatte, Zindler würde wieder im Granada auftauchen, allein oder mit seinem Freund.

"Welcher Freund?"

"Auch ein Deutscher. Er heißt Leuscha und ist mit der Frau nach Laredo gekommen, die heute deine Freundin ins Granada begleitet hat."

Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass mit "Freundin" Karin Demus gemeint war.

"Was wollte dieser Zindler von dir?"

"Er hat wissen wollen, wo meine Schwester ist."

"Ach nee. Und warum wollte er das wissen?"

"Das hat er mir nicht verraten", sagte Ohana fest und feierlich, "und ich hätte es ihm auch nicht sagen können. Ich weiß nämlich nicht, wo meine Schwester lebt." Obwohl sie ihn dabei fest ansah, glaubt er ihr kein Wort. Ohana brauchte vielleicht seine Hilfe, aber sie war nicht bereit, dafür im Gegenzug offen zu reden. Fassade, man ließ niemanden hinter die Fassade blicken, wenn der nicht zur Familie gehörte. Zindler und Leuscha kannten sich also, das immerhin hatte er erfahren, und Ohana hatte tatsächlich eine Schwester. Sabine war schon in der Luft Richtung Deutschland unterwegs und Monika würde ihn anrufen. Eigentlich war er nicht nach Laredo gekommen, um sich um so viele anderen Menschen zu kümmern. Hans Konradin respektive die spärlichen Zeugnisse seines Lebens warteten auf ihn. Er winkte ab, als Ohana den Korkenzieher ansetzen wollte, und ging. Er hörte noch, dass sie hinter ihm gründlich abschloss und einen Riegel vorschob. Ob er bei Paco noch irgendetwas Essbares bekommen würde?

Maria Jesus bot ihm an, noch eine Tortilla zu zaubern. Wenn sie wollte, konnte sie hervorragend kochen.

Marholt fuhr herum, als ein Mann plötzlich neben ihm auf Deutsch sagte: "Wie machen Sie das, so verwöhnt zu werden?"

Axel Kunz grinste neidisch.

"Ich kenne Paco und Maria schon lange", erklärte Marholt friedlich.

"Aha, ich bin das erste Mal in Laredo, und wie es aussieht, auch das letzte Mal."

"Wie hat es Sie überhaupt in diesen Ort verschlagen?" Dann fiel ihm ein, was Gitte gemailt hatte: "Kommen Sie aus Düsseldorf?"

"Woher wissen Sie das?"

"Eine Bekannte am Flughafen in Malaga hat sich an Sie erinnert", log er dreist. "Sie sind doch als Privatdetektiv tätig, nicht wahr?"

"Richtig. Und um gleich Ihre nächste Frage zu beantworten, ja, ich bin beruflich hier."

"Ausgerechnet in Laredo de la boca?"

"Ja. Die geschiedene Frau eines Kunden macht hier Urlaub, und der Ex möchte gerne wissen, mit wem sie sich so trifft und wohin der Unterhalt fließt, den er ihr zahlt." Danach sah er Marholt von der Seite an: "Aber den Namen meines Kunden und seiner Ex kann ich Ihnen nicht verraten, das verstehen Sie doch?"

"Na klar", sagt Marholt, der nichts verstand und vor allem nicht begriff, warum Kunz ihm das alles auf die Nase band.

"Que approveche", sagte Paco und stellte den Teller mit der Tortilla vor ihm ab.

"Vielen Dank, Paco. Soll ich versuchen, für Sie auch noch eine Tortilla zu bestellen?"

"Nein, vielen Dank für das Angebot. Guten Appetit."

Marholt wunderte sich über die plötzliche Höflichkeit seines Nachbarn, der noch einen blanco bestellte und dann ging. Paco sah ihm nach. "Ein ganz krummer Hund, Pedro."

Marholt ging ein Licht auf. Kunz wusste also immer noch nicht, dass Paco sehr gut Deutsch verstand. "Ist was passiert, Paco?"

Es dauert etwas, bis alle Unklarheiten ausgeräumt waren. Heute Nachmittag hatten sich zwei Deutsche an der Bar angeregt unterhalten, höchstwahrscheinlich Kurt Leuscha und Uwe Zindler. Wenn nun wirklich keine der Frauen etwas wusste? Holger, dieser krumme Hund, hatte ja Zeit genug gehabt, das Zeugs zu verstecken, bevor die Tussi in dem Haus auftauchte, und wer konnte schon wissen, wer noch Holger im Krankenhaus besucht hatte, bevor der abnippelte. Sie hätten ihn in der Nacht nie gehen lassen dürfen, Holger war schließlich bekannt dafür, dass er jeden über's Ohr haute, mit dem er zu tun hatte. Der Bärtige hatte daraufhin gesagt: "Hinterher ist man immer klüger." So hatte sich Paco völlig zutreffend den Satz des Bärtigen übersetzt "Wenn man vom Rathaus kommt, ist man klüger." Dann kamen kurz hintereinander zwei weitere Deutsche in die Bar. Die eine Frau setzte sich zu Kurt Leuscha und versuchte, wenn Paco alles richtig verstanden hatte, ihn zu überreden, noch einmal mit "der Frau" zu reden. "Das hat doch keinen Sinn", wehrte sich Leuscha hartnäckig, worauf die Frau erbost meinte: "Wenn du zu faul bist, soll sich Uwe mal um diese kleine Hure kümmern." Danach war sie aus der Bar gerauscht und der Blonde, Ohanas Verehrer, hatte sich an Leuscha gewandt: "Seid ihr auch hinter der Tussi her?"

"Was geht dich das an, du Schleimscheißer?", hatte Leuscha ihn abgefertigt.

"Ich dachte, wir können vielleicht ins Geschäft kommen."

"Verpiss dich!", hatte Leuscha gebrüllt. Paco war extra in die Wohnung hochgegangen und hatte in seinem Wörterbuch nachgeschlagen, was das hieß, und Marholt wunderte sich, welche Begriffe heutzutage in Wörterbücher aufgenommen wurden.

Leuscha und Zindler hatten also mit Axel Kunz nichts zu tun, so sah es zumindest aus. Aber alle drei Männer plus Vanessa Niegel wollten was von Karin Demus, vielleicht nicht alle dasselbe, aber verrückt war es schon. Und wie Ohana da hineinpasste, blieb ebenfalls ein Rätsel.

Marholt schlief unruhig und wurde mitten in der Nacht geweckt, weil jemand versuchte, seine Haustür einzutreten oder aus den Angeln zu brechen. Mit Mühe schleppte er sich zur Tür und brüllte: "Hau' ab!"

Eine Frauenstimme antwortete auf Deutsch: "Bitte machen Sie auf! Ich brauche Hilfe."

"Wer sind Sie?"

"Ich bin Karin Demus."

Ein vorsichtiger Mann würde jetzt in sein Bett zurückgegangen sein, aber wer hatte je behauptet, dass Peter Marholt ein vorsichtiger, vernünftiger Mann sei? Er öffnete die Tür und eine schluchzende Karin Demus fiel ihm in die Arme, verschmierte mit ihrer blutenden Nase und ihrer blutigen Stirn sein schönes, weißes Shirt, und wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Er setzte sie in einen Sessel, weil sie schwankte, als würde sie jeden Moment hinfallen.

"Was ist Ihnen denn zugestoßen?", fragte er und holte einen feuchten Waschlappen und die Schachtel mit dem Pflaster. Es brauchte Zeit und Geduld, bis er aus ihren etwas wirren Sätzen die Geschichte rekonstruiert hatte. Sie war in ihrem Hotelzimmer überfallen worden. Jemand hatte heftig an ihre Zimmertür geklopft und mehrfach laut gesagt: Una carta, una carta, bis sie endlich öffnete. Vor ihr standen drei Personen, alle maskiert, aber sie hätte schwören können, dass es sich um zwei Männer und eine Frau handelte. Eine der Figuren hatte ihr sofort, ohne jede Warnung oder Grund, einen schweren Gegenstand über den Kopf geschlagen, sie war rückwärts ins Zimmer gefallen und dann hatten sich die unerwünschte Besucher über ihre Schränke, Koffer und Taschen hergemacht. Was sie suchten, hatten sie nicht gesagt, nur, als sie gingen, nachdem sie nichts gefunden hatten, sagte einer der Männer: "Wir kommen wieder, verlass' dich drauf. Wir finden, was dein Holger eingesackt hat, darauf kannst du Gift nehmen."

"Wer soll dieser Holger sein?"

"Hätten Sie vielleicht einen Schluck zu trinken für mich?"

Er hatte, er hatte aber auch verstanden, dass sie vor der Antwort Zeit gewinnen wollte. Also holte er eine Flasche, zwei Gläser und hockte sich vor ihr nieder. "Stillhalten!", befahl er, wischte ihr das Blut ab, so gut es ging und klebte dann ungeschickt zwei Pflaster über die Wunden auf der Stirn. Für die Nase, die zwar nur noch schwach, aber immer noch blutete, opferte er einen zweiten mit kaltem Wasser angefeuchteten Waschlappen. Nach zwei großen Schlucken Weißwein ging es ihr besser, und er sah sie lange an, bis sie merkte, dass jetzt an einem Geständnis kein Weg mehr vorbeiführte. Er zog sich einen Sessel heran, füllte sich auch ein Glas und wartete. Anfangs versuchte sie, in einer Art Telegrammstil möglichst wenig zu sagen, aber er blieb hartnäckig und fragte immer wieder nach, und sie musste schließlich doch auspacken.

Ihr Mann Achim hatte sie verlassen, als ein irisches Au-Pair-Mädchen ins Haus gekommen war. Sehr jung, sehr schön, sehr naiv und sehr sexy für Männer, die auf jung standen, mit einer unschuldige Art und einem naiven Stolz auf ihre Figur, denen Achim nicht widerstehen konnte.

"Achim und wie weiter?"

"Achim van Borgh", buchstabierte sie. "Seine Familie ist aus den Niederlanden zugewandert."

Karin trennte sich von ihm und verließ sein Haus.

"Wo stand denn dieses Haus?"

"In Düsseldorf." Achim hatte sich sehr rasch bereit erklärt, für sie Unterhalt zu zahlen und einer Scheidung zuzustimmen, womit er ihren Eindruck verstärkte: Ihm schien es in erster Linie darauf anzukommen, einen Skandal zu vermeiden. Sie lernte dann sehr schnell einen gescheiterten Künstler kennen, Holger Udokeit, der einmal auf der Kunstakademie gewesen war, aber mit Gemälden nie eine Mark verdienen konnte, und sich auf Diebstahl und Einbruch verlegt hatte.

"Tolle Karriere!"

Holger hatte ihr verschwiegen, dass er wegen seiner neue "Berufs"-Tätigkeit bereits zweimal im Knast gesessen hatte. Er verheimlichte auch, dass er die beiden "alten Freunde" Kurt und Uwe, die er dann mit zu ihr brachte, in der JVA kennengelernt hatte. Und weil sie glaubte, er sei ein armer und erfolgloser, aber ehrlicher Mann, hatte sie ihm erzählt, dass Noch-Ehemann Achim, gelernter Goldschmied, der sein Geld hauptsächlich mit Schmuck- und Juwelenhandel verdiente, die wichtigsten und wertvollsten Stücke in einem verborgenen Tresor in seinem Haus in Oberkassel aufbewahrte, was Holger mit Vergnügen hörte, vor allem, als sie ihm genau zu erklären wusste, wo sich der Geldschrank befand, nämlich in einem fensterlosen Raum, den man nur durch eine hinter einem beweglichen Bücherregal versteckte Schiebetür erreichen konnte.

"So naiv waren Sie doch nicht wirklich", zweifelte er.

Das hatte ihr das Gericht auch nicht geglaubt.

"Gericht?"

"Eine große Strafkammer. Gleich, wenn schon, denn schon alles der Reihe nach."

Irgendwann war sie dann wohl selbst misstrauisch geworden und befürchtete, dass sie da was Dummes angerichtet hatte, worauf sie beschloss, Achim – Schuft hin, Seitenspringer her – zu warnen.

Marholt hörte fasziniert zu. Die besten Geschichten konnte man nicht erfinden, die – so der alberne Spruch – schrieb das Leben.

Es hätte ganz anders kommen können. Denn als sie eines Abends spät vor dem Haus stand, um Achim zu warnen und gleichzeitig etwas zu holen, was sie bei ihrem Auszug vergessen hatte, musste sie feststellen, dass ihre alten Schlüssel nicht mehr passten, der schuftige Seitenspringer hatte nach ihrem Auszug offenbar die Schlösser ausgewechselt. Aber dann gab sie sich einen Ruck, nun war sie schon einmal hier, also konnte sie auch klingeln. Was sie dann auch tat. Mehrfach sogar. Etwa eine Minute später hörte sie im Haus einen Schrei, unmittelbar danach einen Knall, den sie sich nicht erklären konnte, wenig später wurde die Haustür aufgerissen und ein maskierter Mann stürmte an ihr vorbei nach draußen, stieß sie dabei so heftig zur Seite, dass sie in die Blumenrabatten stürzte. Als sie sich wieder aufgerappelt hatte, war der Maskierte über alle Berge. Die Haustür war hinter dem Flüchtenden nicht richtig ins Schloss gefallen, und sie ging hinein. Was, wie sie damals schon wusste, nicht sehr klug war. Aber irgendwie war der Drang, drinnen nachzuschauen, unwiderstehlich. Die Tür zu Achims Arbeitszimmer stand weit offen, und ein Blick genügte, ihre schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Das Bücherregal, das auf versteckten Schienen fuhr und den Eingang zu einem kleinen, fensterlosen Raum verbarg, war zur Seite geschoben, in dem Kämmerchen hatte der Maskierte den Tresor aufgeschweißt, die Safetür hing nur noch an einer Angel, und der Tresor war augenscheinlich leer. Das erschütterte sie weniger als das laute Stöhnen einer unbekannten Person, die am Fuße der Treppe in den ersten Stock lag und vor Schmerzen jammerte und wimmerte. Sie war zu der Gestalt hingegangen und hatte sich zu ihr gebückt. Es war Debby.

"Wer zum Henker ist oder war Debby?"

"Das Au-Pair-Mädchen aus Irland. Deborah, genannt Debby. Ein wirklich sehr hübsches Mädchen, in das sich mein Mann Achim so verguckt hatte."

"Offenbar wohl nicht nur verguckt."

"Nein, ihretwegen wollte er mich ja verlassen. Debby lag am Fuß der Treppe und konnte sich nicht bewegen, und ich bin einfach weggelaufen, ohne ihr zu helfen oder Hilfe zu holen."

"War sie die Treppe hinuntergefallen?"

"Ja, die letzten Stufen, nachdem Holger, wie sich später herausstellte, sie angeschossen und so unglücklich getroffen hatte, dass sie querschnittsgelähmt war. Und mehr noch, sie war zu der Zeit schwanger und hat das Kind in den nächsten Tagen verloren."

"Das heißt, sie hat Holgers Schuss und den Treppensturz überlebt?"

"Ja, wenig später, nachdem ich aus der Villa geflüchtet war, kam Achim nach Hause und hat Notarzt und Polizei alarmiert." Sie griff hastig nach dem Glas, aber Marholt fand, dass bis jetzt höchstens eine Hälfte der Geschichte erzählt war. Sie wollte sich sträuben, aber er blieb unerbittlich. Wer seine Nachtruhe so massiv störte, seine Pflastervorräte aufbrauchte, und seinen Weinvorrat reduziere, durfte und musste sich revanchieren.

"Wie es weiterging?"

Holger, dieser vorbestrafte Vollidiot, hatte soviel Spuren am Tresor und seinem zurückgelassenen Werkzeug verbreitet, dass ihn die Polizei wenig später festnahm. Und das Ferkel sagte auch prompt aus, dass seine Freundin Karin Demus, damals noch verheiratete van Borgh, ihm den Tipp mit dem Tresor und der verborgenen Kammer neben dem Arbeitszimmer gegeben, ihm aber verschwiegen habe, dass sich im Haus noch Achims schwangere Freundin Debby aufhielt. Wenn er das gewusst hätte, wäre er doch nie und nimmer eingebrochen. Van Borgh war an dem Abend bei einem Treffen des Verbandes der Schmuck- und Edelsteinhändler; das hatte er – Holger – aus dem Büro van Borgh gehört. Natürlich war er höllisch erschrocken, als es dann zwei-, dreimal an der Haustür klingelte. Und noch erschrockener, als wenig später im oberen Stockwerk eine Tür klappte und eine Frauenstimme rief: "Moment, ich komme ja schon."

Er – Holger Udokeit – habe noch versucht, die Tür zum Arbeitszimmer von innen zu verschließen, aber da war es schon zu spät, eine junge Frau kam die Treppe heruntergehuscht, bemerkte ihn und schrie auf. Da hatte er in einer Kurzschlusshandlung geschossen. Die Kugel verfehlte sie wohl, aber der Querschläger traf sie unglücklich in den Rücken. Sie stürzte die letzten Stufen hinunter und rührte sich nicht mehr. Daraufhin hatte er alles stehen und liegen lassen und war geflohen.

Als sie später der Polizei erzählte, der flüchtende Holger habe sie vor der Haustür über den Haufen gerannt, hatte der Kommissar nur schmal gelächelt, davon habe Holger nichts gesagt. Und selbst wenn das so gewesen war, sie war doch im Haus gewesen, man hatten ihre Schuhabdrücke direkt neben der verwundeten Debby gesichert. Hatte Karin sich überzeugen wollen, dass Holger seinen Auftrag richtig erledigt hatte, die Rivalin zu beseitigen?

Auftrag? Was denn sonst, zur Belohnung oder als Honorar habe sie ihm doch verraten, wie und wo er den Tresor finden und die Alarmanlage ausschalten könne. Für diese Interpretation der Vorgänge konnten sich später auch der Staatsanwalt und eine große Strafkammer erwärmen. Unter anderem wegen ihrer Aussage, der Flüchtende habe nichts in Händen getragen: Da aber der Inhalt des Tresors verschwunden war, lag der Verdacht doch sehr nahe, dass sie sich zuerst die am Boden liegenden Debby angeschaut und dann aus der Bunkerkammer den Beutel oder Koffer mit dem Tresorinhalt genommen und für ihren Freund und Geliebten Holger in Sicherheit gebracht hatte. Was Holger Udokeit bei allen Verhören bestritt, er habe den Tresorinhalt bei seiner Flucht zurückgelassen und nie mehr gesehen. Der Tresorinhalt aber blieb verschwunden. Und eine Chance, Holger vor Gericht dazu zu bringen, die Wahrheit auszusagen, gab es dann nicht mehr. Das zurückgelassene Werkzeug vor dem aufgeschweißten Tresor war so gut wie eine Visitenkarte mit schriftlichem Geständnis. Holger wurde mit Haftbefehl gesucht, und als zwei Zivilfahnder ihn stellten, zog der Idiot eine Pistole und schoss auf die Beamten. Er traf einen, der andere schoss zurück und verletzte Holger schwer. Der kam zwar noch lebend im Krankenhaus an, verstarb aber keine Woche später.

"Hat er vor seinem Tod noch gesagt, was aus der Beute geworden ist?"

"Keine Silbe. Er hat bei einer Vernehmung nur noch gesagt, dass ich ihm geraten hätte, an dem bewussten Tag in das Borgh-Haus einzubrechen und den Tresor auszuräumen. Damit sei er gerade beschäftigt gewesen, als es klingelte und wenig später zu seiner maßlosen Verblüffung eine junge Frau im Nachthemd die Treppe hinuntergekommen sei und ihn in der Bunkerkammer vor dem Tresor gesehen habe. Deswegen habe er auf sie geschossen.

"Er war nicht intelligent, dein Holger?"

"Das verstehe ich nicht?"

"Der Versuch, einen Zeugen für eine eigene Straftat zu beseitigen, führt automatisch zu einer Mordanklage."

"Das hat mein Anwalt mir später auch erzählt. Aber diese Anklage gegen Holger Udokeit wurde nicht mehr erhoben, weil er vorher starb."

Doch sie musste vor eine große Strafkammer. Holger hatte in den Tagen, in denen er noch im Krankenhaus zwischen Leben und Tod schwebte, seinem Besucher erzählt, dass seine Freundin Karin Demus respektive van Borgh ihn angestiftet hatte, bei ihrem Noch-Ehemann einzubrechen. An diesem Abend. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass sich eine junge schwangere Frau im Hause aufhielt. Und genau im "richtigen" Moment stand Karin dann vor der Haustür, klingelte Sturm und weckte damit die junge Schwangere. Womit, so hatte der todkranke Holger seinem Besucher erläutert, sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen habe. Holger erledigte die Rivalin und besorgte Karin eine "Abfindung", die Achim van Borgh in dieser Höhe nicht zu zahlen bereit war.

"Hat man denn bei Ihnen den Tresor-Inhalt gefunden?"

"Nein, kein Stück."

"Diese Debby kann ihn ja wohl nicht beiseite geschafft haben."

"Nein, allenfalls Achim, als der wenig später nach Hause kam. Bis Notarzt und Polizei eintrafen, hatte er Zeit genug, den Beutel, die Tasche, den Koffer vorübergehend zu verstecken. Irgendwann hat er den Inhalt dann in sein Geschäft auf der Schadowstraße mitgenommen und dort unauffällig verschwinden lassen. So, jetzt bekomme ich noch einen Schluck, und dann muss ich schlafen."

"Soll ich Sie ins Hotel bringen?"

"Um Gottes willen, damit die mich dort noch einmal überfallen? Nein, ich bleibe heute Nacht hier."

Eine Frau, ein Wort, ein Mann, ein "Zu Befehl".

Sie beschlagnahmte sein schönes Bett, er holte seine Luftmatratze und schlief eher schlecht als recht auf dem Fußboden in seinem Arbeits- und Wohnzimmer. Ihre Nachtruhe wurde nicht gestört. Was er insgeheim befürchtet hatte, nämlich dass die Eindringlinge aus dem Hotel Karin Demus zu seinem Häuschen gefolgt wären, war nicht eingetroffen.

12.

Doch die Nacht war zu kurz gewesen, der Schlaf hatte nicht ausgereicht, er musste die doppelte Menge Kaffee in die Filtertüte schütten, und trotzdem gähnten sie um die Wette. Ihre Wunden waren gut verheilt, und stöhnend zwar, aber dann doch bereitwillig, berichtete sie Teil zwei der Geschichte. Sie war wegen Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge zu sieben Jahren verurteilt worden, die sie auch voll und ganz abgesessen hatte, weil sie sich beharrlich "weigerte", das Versteck des Tresorinhalts anzugeben.

"Sie hatten den Inhalt nicht", sagte er ungeduldig. "Aber wieso Körperverletzung mit Todesfolge?"

"Debby hatte doch ihr Kind verloren. Und zwar, wie alle Sachverständigen beteuerten, als Folge des Schusses, den Holger auf Debby abgegeben hatte."

"Hm. Was ist aus Debby eigentlich geworden?"

"Sie hat lange in der Klink gelegen, und dann hat Achim sie in alle möglichen Spezialkliniken geschickt, in der Hoffnung, sie würde sich doch wieder bewegen können. War aber alles vergeblich. Und aus einer dieser Kliniken ist Debby dann spurlos verschwunden."

"Das gibt's doch nicht. Sie war doch gelähmt."

"Das ist sie wohl immer noch. Natürlich hat ihr jemand geholfen. Aber fragen Sie mich nicht, wer."

"Hm, hm. Verraten Sie mir nun noch, was Sie wirklich nach Laredo de la boca verschlagen hat?"

"Eine Verwandte Debbys, eine Cousine oder so. Sie hatte Debby in der Uni-Klinik in Düsseldorf besucht, von ihr meinen Namen gehört und erfahren, dass ich im Gefängnis saß. Wie sie es geschafft hat, eine Besuchserlaubnis zu bekommen, weiß ich nicht. Aber bei unserer Unterhaltung erwähnte sie beiläufig, dass sie in Spanien lebe, in Laredo. Ein wenig Geografie habe ich schon im Kopf, ich wusste, dass es ein Laredo an der Biskayaküste gibt. Nein, nicht dort, sondern in einem besseren Nest Laredo an der Mittelmeerküste. Laredo de la boca. Und wenn ich aus dem Knast entlassen würde, sollte ich sie mal besuchen, sie hätte mir dann vielleicht was zu erzählen, was mich sehr interessieren könnte. Nein, darüber würde sie erst nach Ende meiner Haft sprechen."

"Deswegen bist du – Entschuldigung, sind Sie hier?"

"Also, ich denke, eine Frau sollte einen Mann, der sie vor dem Verhungern und dem Sterben an Langeweile gerettet hat, ihr dann in bester Samariter-Manier Bett, Pflaster und Wein spendiert hat, ruhig duzen. Ich heiße Karin. Und du heißt Peter, nicht wahr?"

Er beugte sich über den Tisch und gab ihr einen sehr formellen Kuss auf die Wange.

"Auf gute Nachbarschaft. Du bist also hier, weil dir Ohana versprochen hat, etwas zu erzählen, was dich interessieren würde. Okay. Aber warum sind die anderen hier? Axel Kunz. Kurt Leuscha, Vanessa Niegel, Uwe Zindler?"

"Ich glaube, sie sind alle hinter dem her, was im Tresor war. Sie wissen nur nicht, ob ich es nicht doch habe oder ob es bei Debby gebunkert war, die es ihrer Verwandten Ohana anvertraut hat, als die sie in der Klinik besuchte."

Das klang logisch. Aber ihm war sofort eine andere Idee gekommen. "Gab es denn überhaupt einen Tresor-Inhalt? Dein Achim wäre nicht der erste, der auf die Idee gekommen ist, beim Finanzamt oder bei seiner Bank, seinen Gläubigern, seiner Versicherung einen großen Verlust vorzutäuschen, wenn schon ein Schränker so deutlich seinen Tresor zerlegt."

Sie schälte sorgfältig eine Orange. "Mein Anwalt hat sich viel Mühe gegeben und mich nicht vergessen, als ich saß. Er hat alles unternommen, um deinen Verdacht zu beweisen oder glaubhaft zu machen, aber es ist ihm nicht gelungen."

"Ich habe noch eine Idee."

"Hast du auch noch Kaffee?"

"Aber ja."

"Dann erzähl' mal, ich höre von der Küche aus zu."

"Du hast dich aus dem Blumenbeet aufgerappelt und bist ins Haus gegangen, bis an die Treppe, wo Debby lag."

"Ja."

"Und dann?"

"Dann habe ich von der Eingangstür einen Blick in die Bunkerkammer geworfen, habe den zerstörten Tresor gesehen und bin weggelaufen."

"Nach draußen?"

"Sicher, wohin sonst?"

"Hast du die Haustür hinter dir ins Schloss gezogen?"

"Wahrscheinlich, das haben mich alle möglichen Leute schon zigmal gefragt."

"Aber sicher bist du dir nicht?"

"Nein, ich weiß, worauf du hinauswillst, natürlich hätte jemand ins Haus kommen können, wenn ich die Tür nicht zugezogen hätte und der oder die hätte dann mit der Beute verschwinden können."

"Ganz ausgeschlossen?"

Sie überlegte und zuckte schließlich die Achseln: "Nein, ich war sehr aufgeregt, als ich aus dem Haus weggelaufen bin, denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass ich die Tür hinter mir nicht richtig zugezogen habe."

"Wusstest du, dass die junge Frau schwanger war?

"Nein."

"Hatte sie Freunde?"

"Nein, wenigstens nicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Villa verlassen habe. Als sie da unten an der Treppe lag, hat sie gestöhnt, eine Hand auf ihren Bauch gepresst und gejammert: 'Mein Baby, mein Kind, mein Baby': Da habe ich mir gedacht, sie könnte schwanger sein."

"Aber da hatte sie schon was mit deinem Achim?"

"Da bin ich gar nicht mal so sicher. Okay, er war bis über beide Ohren verliebt in sie und strich auch wie ein verliebter Kater um sie herum, aber sie war eine junge Frau mit eigenen Zukunftsplänen, streng katholisch, er war noch nicht mal geschieden, und sie wird sehr genau gewusst haben, dass ohne eine Heirat mit einem Deutschen ihre Aufenthaltserlaubnis bald erlöschen würde."

"Warum kommt eine junge Irin als Au-Pair-Mädchen nach Düsseldorf?"

"Sie wollte Deutsch lernen, weil ein Onkel ein Reiseunternehmen in Irland besitzt, bei dem viele deutsche Gäste buchen. Aber können wir nicht mal das Thema wechseln?"

Während des Abwaschens war er in Gedanken versunken. Die lange Krankheit, die sie anfangs erzählt hatte, war also ein Aufenthalt hinter Gefängnismauern gewesen, und sie war nach ihrer Entlassung nach Laredo gekommen, weil ihr Ohana versprochen hatte, etwas zu erzählen, was sie interessieren würde. Dass Ohana – mit richtigem Namen Oriana – Debbys Schwester sein konnte, schien Karin Demus nicht gewusst zu haben. Auch so eine merkwürdige Geschichte. Und woher hatte dieser Udokeit eigentlich die Waffe, aus der er auf Debby schießen konnte; war er so verrückt, zu einem Einbruch eine Waffe mitzunehmen? Oder hatte er die Pistole, den Revolver im Tresor gefunden, gehörte die Waffe also Achim van Borgh? Legal mit Waffenschein und Waffenerwerbskarte beschafft oder illegal?

"Sag mal, eine letzte Frage zu dem Thema. Wie hieß Debby eigentlich vollständig?"

"Deborah MacGregor."

Also doch. Er schaute auf die Uhr. Mit dem Schreiben wurde heute nichts mehr. "Gehen wir in den Ort, etwas einkaufen. Bei mir gibt es mittags nur einen kalten Imbiss."

"Einverstanden."

"Und was machen wir mit dir heute Nacht?"

Sie blieb ruckartig stehen und hätte fast die Tasse fallen lassen, die sie gerade abtrocknete. "Ich dachte, ich könnte bei dir bleiben."

Er schaute sie groß an: "So bequem ist die Luftmatratze nun nicht, Karin."

Sie schluckte, um die Kehle freizubekommen, und krächzte regelrecht: "Aber dein Bett ist breit und bequem."

"Das brauche ich auch bald wieder."

"Wie meinst du das?"

"Ich erwarte Besuch."

"Weiblichen Besuch?"

"Ja."

"Und dazu brauchst du dein Bett?"

"Eigentlich ja."

"Verstehe ich. Aber du kannst mich nicht ins Hotel zurückschicken. Da komme ich um vor Angst. Kannst du mich nicht irgendwo anders unterbringen?"

Er überlegte ernsthaft. Jetzt, nach allgemeinem Ferienbeginn, würde es mit Hotelzimmern selbst in Laredo de la boca schwierig sein. Ob Paco und Maria Jesus ein Gäste-Zimmer hatten? Oder wie war es mit Ohana?

"Komm, lass uns losgehen, vielleicht fällt mir unterwegs noch was ein." Dann kam ihm eine Idee: "Du weißt, dass dein Ex gern erfahren möchte, mit wem du dich hier triffst?"

"Dein Ernst?"

"Ja, er hat sogar einen Privatdetektiv in Marsch gesetzt. Ich finde, der kann was für deinen Schutz tun."

Sie betrachtete ihn mit einer Mischung aus Widerwillen, Ekel und Unglauben. "Warum sollte Achim mir nachspionieren?"

"Spontan fallen mir da die Sachen ein, die er in seinem Tresor aufbewahrt hatte."

Das überlegte sie sich gut, und er sah ihr an, dass sich da hinter ihrer Stirn etwas breit machte, was der scharfe Beobachter Misstrauen oder Verdacht nennen konnte.

"Kennt dein Achim eigentlich Ohana oder Oriana MacGregor?"

"Ja, er hat sie mal an Debbys Bett in der Klinik getroffen."

"Woher weißt du?

"Ab und zu hat er mir einen Brief ins Gefängnis geschickt."

Danach räumte sie so energisch das letzte gespülte Geschirr in den Schrank, dass er seine Fragerei einstellte.

13.

Auf dem Fleck, auf dem sonst Karin Demus gelegen hatte, sonnte sich heute Vanessa Niegel; sie hatte Marholt und Karin Demus neugierig beobachtet, als sie auf den Strand hinunterturnten. Kurt Leuscha war ins Wasser gegangen und schwamm sichtlich lustlos hin und her, immer in Vanessas Sichtweite.

"Also doch", sagte Vanessa laut, als sie an ihrem Badetuch vorbeigingen, und Marholt ahnte, was sie damit sagen wollte. Aber Vanessa interessierte ihn nicht, und Karin zahlte es ihr heim, sagte ebenfalls sehr laut: "So ein winziger Tanga steht einer so fetten Frau nicht."

Sachlich war an dem Satz nichts auszusetzen, Marholt hätte ihn freilich nicht ausgesprochen, sondern für sich behalten. Karin kicherte zufrieden.

Sie kauften Schinken, Chorizo, Käse, Oliven, Brot und Wein.

Ohana war in ihrem Geschäft und hatte schon gehört, was Karin zugestoßen war.

"Wohnt sie jetzt bei dir?", wollte Ohna wissen.

"Nein, nur diese eine Nacht."

"Und dann?"

"Sie hat Angst, ins Hotel zurückzugehen."

Ohana schaltete schnell. "Nein, Pedro, das bitte nicht. Nicht sie."

"Sie hat deiner Schwester nichts getan."

"Das weiß ich, aber sie zieht das Unglück an wie das Licht die Motten."

"Wo sonst, Ohana MacGregor? Glaubst du, Paco und Maria Jesus können Karin aufnehmen? Gegen Bezahlung natürlich."

"Setz dich da mal hin, ich rufe an und rede mit Maria."

Er schaute ihr versonnen zu. Schwarz und eng und kurz stand ihr; wenn sie Maria und Paco überreden konnte, hatte sie auch freie Fahrt für ihren blonden Axel. Ohana zwinkerte ihm zu, als habe sie seine Gedanken gelesen und legte mit einem strahlenden Lächeln auf: "Sie sind einverstanden. Am besten kämen wir gleich."

Karin Demus sperrte sich und gab erst nach, als Marholt ihr verriet, dass Paco nach mehr als zehn Jahren in Deutschland sehr gut Deutsch sprach und Maria Jesus zwar gelegentlich knurrte und meuterte, aber eine Seele von Mensch sei. Von Pacos Bar bis zu Marholts Haus waren es nur gut hundert Meter auf einer beleuchteten Straße; wenn sie es nicht mehr aushielt, sollte sie halt zu ihm kommen. Karin ging halbwegs getröstet mit ihnen Richtung Pacos Bar.

"Was wolltest du Karin denn erzählen, wenn sie aus der Haft entlassen ist?", fragte Marholt neugierig.

"Nicht jetzt und nicht hier. Karin und ich werden dich abends einmal besuchen und eine Flasche von dem guten Weißen mitbringen."

"Zwei Flaschen", verbesserte er energisch.

"Auch das."

Marholt schickte Karin, Paco und Ohana nach hinten zu Maria Jesus; der Blonde, der wieder am Tresen lehnte, sollte nicht erfahren, wie gut Paco Deutsch sprach und verstand.

"Na, wie geht's?", begann Marholt jovialer, als ihm eigentlich zumute war.

"So lala", antwortete Kunz melancholisch.

"Haben Sie schon davon gehört, dass Karin Demus gestern in ihrem Hotelzimmer überfallen worden ist?"

"Waa ... as?"

Marholt erzählte, was ihm Karin berichtet hatte und Kunz regte sich mächtig auf. Wer aus dem Hotel habe da mitgespielt? Der Gedanke war gar nicht so schlecht.

"Können Sie sich nicht mal umhören?", schlug Marholt vor. "Ich finde, Karin kann etwas Schutz gebrauchen."

"Denken Sie an jemanden Bestimmtes?"

"An einen alten Knacker, der auch im Hotel wohnt. Engländer oder Schotte, leider kenne ich nur seinen Vornamen Jim."

"Geht in Ordnung. Was geschieht nun mit Karin Demus?"

"Ich verstecke sie bei Freunden", sagte Marholt schnell. "Nein, nicht hier am Ort. Tagsüber ist sie wohl sicher, denke ich mir, vor allem, wenn jetzt mehr Touristen kommen und den Strand bevölkern. Und nachts schläft sie woanders. Aber Sie könnten mir auch einen Gefallen tun."

"Ja?"

"Warum will Achim van Borgh wissen, mit wem sich seine Ex-Frau hier trifft?"

Kunz zögerte eine lange Minute, bis sich Marholt räusperte. "Also, ich denke mir, er will das, was alle wollen, die hier hinter Karin Demus herschleichen.

"Und das wäre?"

"Das, was der Einbrecher vor Jahren aus dem Tresor herausgeholt hat."

"Hat van Borgh den Verlust immer noch nicht verschmerzt?"

"Finanziell sicher schon lange. Aber im Tresor muss auch noch was gelegen haben, was er immer noch zurückhaben will oder muss – wie auch immer. Wissen Sie, die Aufrichtigkeit hat dieser Typ nicht erfunden, die Offenheit auch nicht, und Wahrheit betrachtet er als eine relative Größe."

'Ganz anders als du', hätte Marholt am liebten gespottet.

"Können Sie sich vorstellen, was das sein könnte?"

"Vielleicht eine Heiratsurkunde, die vor seiner Heirat mit Karin Demus ausgestellt wurde ..."

"... und dann niemals durch eine Scheidung ungültig wurde?"

"Sie sagen es. So was in der Art. Es ist immer noch ein Gesellschaftslöwe, und muss auf seinen Ruf achten, nicht nur wegen der Geschäfte und Beziehungen, die er auf diesem Weg anbahnt." Sein Lächeln fiel etwas schmierig aus, dafür aber unmissverständlich.

"Sie mögen Ihren Auftraggeber nicht sonderlich?"

"Nein. Überhaupt nicht. Aber er zahlt gut, er kennt Gott und die halbe Welt, hat überall Freunde und Beziehungen. Ich wünschte, ich hätte ein Hundertstel davon und könnte daraus so wie er Geld machen."

Paco war zurückgekommen, blinzelte Marholt zu und kam dann zu ihnen.

"Dos mas?" Wobei er auf die leeren Gläser deutete.

Marholt nickte.

Keine zehn Sekunden später erschien Maria Jesus mit zwei großen Tabletts in den Händen. Die mit Zahnstochern gekrönten Tapas waren wieder einmal köstlich. Zwei riesige Tabletts waren im Handumdrehen leer.

"Sagen Sie mal, Herr Kunz, aber hier treiben sich doch noch andere Knaben herum, die es auf Karin Demus respektive van Borgh abgesehen haben."

"Nicht auf Frau Demus, sondern auf den Tresorinhalt. Van Borgh hat mir erzählt, dass die Kripo immer vermutet hat, dass Holger Udokeit zwar alleine ins Haus eingebrochen ist, aber dass zwei Kumpel, die er aus dem Knast gut kannte, ihm geholfen haben, vielleicht Schmiere gestanden oder ihn später weggebracht haben. Van Borgh kannte sogar ihre Namen."

"Wissen Sie die?"

"Ja, die Kerle treiben sich hier herum: Kurt Leuscha und Uwe Zindler."

"Dazu gehört aber noch eine Frau: Vanessa Niegel."

"Ja, ich weiß, eine ehemaligen Puffmutter. Ein enttäuschter Kunde hat ihr den Laden abgefackelt, und die Versicherungssumme war viel zu klein, um ein neues Palais d'amour zu bauen."

"War van Borgh dort Kunde?"

"Das hat er mir nicht verraten, aber ich würde mal denken, er war, und zwar regelmäßig."

"Eine Frage noch, Herr Kunz: Was hat Sie so an Ohana fasziniert?"

"Van Borgh meinte, sie könnte unter Umständen den Inhalt des Tresors besitzen."

"Und wie sollte sie daran gekommen sein?"

"Über ihre Schwester Deborah."

"Die lag doch angeschossen und gelähmt vor der Treppe."

"Klar. Aber sie soll immer ein Handy bei sich gehabt haben, denkbar, dass sie Freunde alarmiert hatte, bevor van Borgh sein Haus betrat."

"Wo war denn Ohana zu diesem Zeitpunkt?"

"Wenn ich mich nicht irre, in Düsseldorf."

Die Geschichte wurde immer verrückter. Aber vielleicht lag das auch an den drei blancos, die er getrunken hatte und den guten Tapas. Maria Jesus hatte sich selbst übertroffen. Karin war einverstanden, die gastliche Stätte zu verlassen und Marholt in sein Häuschen zu begleiten, Ohana stellte sich neben ihren blonden Axel und beschwerte sich nicht, als er ihr sofort einen Arm um die Taille legte. Paco flüsterte mit seinem angetrauten Weibe, der das, was er ihr ins Ohr hauchte, so zu gefallen schien, dass sie näher an ihn heranrückte. Allenthalben Friede, Freude, Eierkuchen.

Karin Demus und Peter Marholt hatten noch viel Schlaf nachzuholen und schliefen tief und fest, sobald sie sich mit keuschem Abstand auf dem Bett ausgestreckt hatten. Als er die Augen aufschlug, fuhrwerkte sie schon in der Küche herum. "Hallo!", rief er halblaut.

"Hallo! Kaffee?"

"Gerne."

"Service arbeitet schon."

Sie konnten draußen einen Tisch und zwei Sessel in den Schatten rücken und dösten dann entspannt, bewunderten das kaum gekräuselte Meer und wurden, wie er seufzte, wehrlose Opfer der Faulheit. Einmal liefen Vanessa Niegel und Kurt Leuscha in Bikini und Badehose an ihrem Grundstück vorbei und turnten dann den Kletterpfad zum Strand hinunter, fluchten am Ende über die schwankenden und unsicheren Stufen, was Marholt an seine Verabredung mit den Nachbarn erinnerte. Zwei Minuten später folgte der schwarzbärtige Uwe Zindler dem Paar, ebenfalls schon in Badehose, über der einen Schulter trug er ein Badetuch, auf der andern ein Metallgestell, das mit bunten Segeltuchbahnen bezogen war. Er blieb einen Moment oben stehen, um das verrutschte Gestell zurechtzurücken. In dem Moment traf ihn etwas, was Marholt und Karin nicht erkennen konnten, in den Rücken. Zindler schrie auf, zuckte zusammen, verlor das Gleichgewicht und stürzte kopfüber den Pfad hinunter. Sekunden später wurde auf der Straße ein Motorrad angelassen, das dann mit Vollgas davonfuhr.

"Was war das?", fragte Karin entsetzt.

"Jemand hat ihm einen Stein oder ein Holz in den Rücken geworfen. Komm, wir gehen mal runter und schauen nach, ob ihm was passiert ist."

Der Stein lag in der Mitte des Pfades, sie fassten ihn nicht an und balancierten nach unten. Zindler war was passiert, er lag auf dem Rücken, brüllte vor Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Marholt hatte sein Handy dabei, er telefonierte nach Hilfe und nach der Polizei. Das Ganze geriet zu einem gewaltigen Auftrieb. Ein Hubschrauber kam nach sehr langer Zeit und lud den verunglückten Zindler ein. Zwei Polizisten betrachteten den Stein mitten auf dem Pfad und ließen sich erzählen, was Marholt und Karin beobachtet hatten, machten bedenkliche Gesichter, als Marholt von dem startenden Motorrad erzählte, schienen aber nicht geneigt, an ein Verbrechen zu glauben. Den Stein ließen sie liegen, weitere Untersuchungen wurden nicht angestellt, und als Karin Demus und er das Granada betraten, lag alles schon Ewigkeiten zurück. Miguel grinste breit, endlich kamen sie zusammen, setzten sich wie zivilisierte Menschen an einen Tisch und bestellten gemeinsam.

Das Unglück am Strand hatte sich schon herumgesprochen. Maricarmen kam hinter ihrer Theke hervor, hinkte zu ihnen und berichtete Marholt, dass es dem Deutschen, der da den Weg und die Stufen heruntergefallen sei, sehr schlecht ginge. Er müsse am Rückgrat operiert werden, aber es sei noch nicht sicher, ob man das in Malaga tun könne oder ob man ihn weiter nach Sevilla oder gar nach Madrid bringen müsse.

Sehr viel später erschienen noch Vanessa Niegel und Kurt Leuscha. Zu Marholts großem Erstaunen kam Leuscha an ihren Tisch, nickte Karin kurz zu, so, als kenne man sich schon lange, und bedankte sich – Marholt fielen vor Staunen fast die Ohren ab – für die Kommunikationshilfe mit Arzt und Polizei am Strand. Zum Dank berichtete er, was sie von Maricarmen gehört hatten, und Leuscha stimmte bekümmert zu. Sie würden sich um alles Weitere bemühen. Damit ging er zum Tisch zurück, an dem Vanessa Niegel saß und neugierig zu ihnen herüberschaute.

"Kennst du ihn?", fragte Marholt.

"Ja. Holger Udokeit hat ihn mitgebracht zu mir nach Hause und als alten Freund vorgestellt." Sie lachte bitter. "So alt war die Freundschaft nicht, eher neu. Geschlossen im Knast, was ich leider zu spät erfahren habe. Und Zindler war der dritte im Trio. Drei ausgekochte Gauner." Miguel brachte den gemischten Salat. Er war heute seltsam still und auf eine beflissene Art höflich, die so gar nicht zu ihm passte.

Nachher begleitete er Karin Demus ins Hotel und heizte dem Personal am Empfang ein. Das tat erst so, als verstünde es weder sein Spanisch noch ihr Englisch, und bequemte sich zu Auskünften erst, nachdem er dreist gelogen hatte, er sei Reise-Journalist einer großen deutschen Zeitung und würde dringend vom Besuch des Ortes Laredo de la boca und erst recht von einer Buchung in diesem Haus abraten, in dem Feriengäste in ihren Zimmern überfallen würden. Die Debatte wurde hitzig, er konnte endlich einmal sein Repertoire mittelschwerer Beleidigungen anwenden, was tatsächlich einen gewissen Eindruck machte. Marholt vermutete, dass die Eigentümer gerade mit einem oder mehreren deutschen Reiseunternehmen über Pauschalreisen verhandelten und keine Störung dieses Dialogs wünschten. Karin verlangte die Rechnung, und der zweite Teil des Krachs begann, als sie sich weigerte für die Nacht zu bezahlen, in der sie aus dem Hotel geflüchtet war. Das Geschrei lockte einen der Eigentümer an, der sich also doch im Ort aufhielt, und der wollte in einer großen Geste die Rechnung zerreißen, doch Marholt, durch schlechte Erfahrungen mit Gentleman-Gaunern gewitzt, hinderte ihn daran. Selbstverständlich würde die Señora zahlen, was sie schuldete, aber eben nicht mehr, und vor allem würde sie nicht auf ihr Recht verzichten, wahrheitsgemäß über das zu berichten, was ihr in diesem Hause zugestoßen war. Es stellte sich heraus, dass die Rezeption der Verwaltung nicht gemeldet hatte, dass ein weiblicher Gast überfallen worden war, und als Karin und er gingen, war der erste Verantwortliche fristlos entlassen worden.

"Der Mann tut mir leid", sagte sie, als sie auf die Sirina-Brücke zugingen.

"Mir nicht, das kommt von dieser Amigo-Wirtschaft. Da hat einer dem andern einen Gefallen getan, und ein dritter, in diesem Falle du, sollte die Zeche bezahlen. Warum, glaubst du, hat das Opus Dei hier solchen Einfluss gewinnen können?"

Paco hatte seine Bar schon geschlossen und Marholt verzog sich in sein Häuschen, sobald er Karin abgeliefert hatte.

14.

Am nächsten Morgen konnte er sich zum ersten Mal wieder ungestört an sein belletristisches Meisterwerk setzen. Vor dem Kapitel über Hakos Vater hatte er sich lange gedrückt. Konradin senior war nach allem, was Marholt so zusammengetragen hatte, wohl ein guter Arzt, aber kein angenehmer Zeitgenosse gewesen, ein Rechthaber an den Grenzen zum Fanatismus und Querulantentum. Sein Aufsatz in der Tremonia über das Kollegium seines und dann seines Sohnes Gymnasiums von 1935 bis 1955 diente nicht nur der wissenschaftlichen Aufarbeitung eines dunklen Kapitels, sondern verriet Häme, Hass und Rachsucht.

Andererseits hatte nie ein Mitschüler bezweifelt, dass Hako ohne diesen Aufsatz seines Vaters zum Abitur zugelassen worden wäre, er war kein hervorragender, eher ein mittelmäßiger Schüler, aber andere, weit schlechtere, hatten es problemlos bis zum Abi geschafft. Das Kollegium gegen Ende des vorigen Jahrhunderts "bewies" auf fatale Art, dass die Vorwürfe gegen ihre Vorgänger berechtigt waren. Warum Hans und Eberhard Konradin das hingenommen hatten, konnte sich keiner erklären.

Marholt hatte für den Aufsatz zwei Erklärungen von Zeit- und Berufsgenossen Eberhards gehört. Der eine reduzierte die Motive auf persönliche Kränkung. Im Jahr 1938 war nicht Eberhard Konradin die Leitung des Kinderkrankenhauses Toglerbarg übertragen worden, sondern einem jüngeren Kollegen mit weniger Erfahrung und schlechterer Qualifikation, aber mit dem Goldenen Parteiabzeichen. Gegen diesen Kollegen wurden unmittelbar nach Kriegsende schwere Vorwürfe erhoben, er hatte im Rahmen der Tötung der sogenannten Reichsausschusskinder massiv Dreck am Stecken, aber ein Verfahren gegen ihn kam nicht zustande, er verlor nicht einmal seinen Job, weil er mit einem Päckchen "Persilscheine" seine "Unschuld bewies". Konradin senior musste seinen Job dagegen aufgeben und hatte große Mühe, sich als niedergelassener Kinderarzt durchzuschlagen. Als dann am Gymnasium seines Sohnes ein Unbelehrbarer auftauchte und im Biologieunterricht Euthanasieprogramme verteidigte (Volksgesundheit in Zeiten sozialer Not und wirtschaftlicher Enge), begann Eberhard Konradin einen privaten Feldzug, der in dem Tremonia-Aufsatz gipfelte; der Amateurhistoriker hatte so gründlich gearbeitet, dass keine der gegen ihn angestrengten Klagen vor Gericht Erfolg hatte.

Nach dem ersten holprigen Absatz, den er nicht gleich wieder löschte, erschien Karin, um ihn zum Einkauf abzuholen, und er speicherte erleichtert ab. Es lief gar nicht flott, geschweige denn gut.

Bei Paco hörte er, dass sich heute Morgen zwei Männer den Weg den Abgang hinunter und die letzten Stufen angesehen hätten. Also wurde es höchste Zeit, sich mit den Nachbarn zu verabreden und den Abstieg samt Stufen in Ordnung zu bringen. Zum Schluss kam noch Ohana herein, winkte Karin zu, flüsterte mit ihr und beglückte dann ihn mit der Nachricht. "Ich habe zwei Flaschen von dem guten Weißen besorgt. Heute Abend sind wir bei dir."

Sie kamen gegen neun, Ohana mit einem Beutel und zwei Flaschen von dem "Guten Weißen", Karin mit leeren Händen und einer bedrückten Miene. Ohana eröffnete das Gespräch mit einer merkwürdigen Frage: "Hat du dich eigentlich auch schon mal im Hinterland umgesehen?"

Mit Rücksicht auf Karin Demus sprach sie Englisch.

"Ja, habe ich, warum fragst du?"

"Hat du mal gesehen, wie die Männer auf den Weiden das Vieh dirigieren?"

Das hatte er. Viele vermieden es, den Kühen und den Rieseneseln nahe zu kommen. Stiere wurden grundsätzlich auf abgesperrten Flächen gehalten, die kein Fremder betreten durfte. Statt einen Stock zu benutzen, warfen die Männer Steine. Große und kleine, mit viel und wenig Wucht, immer ausgesprochen treffsicher. Marholt nickte. "Das habe ich mir schon gedacht. Und gleich hinterher ist ein Motorrad weggefahren."

"Miguel besitzt ein Motorrad und war heute Morgen in der Nähe von Pacos Bar." Marholt kannte diese kurzschlüssige Beweisführung aus vielen Gesprächen an der Bar über alle möglichen Themen und schüttelte deshalb nur ablehnend den Kopf.

Gegen Ende der ersten Flasche des guten Weißen kam Ohana endlich zur Sache. "Meine Schwester Debby hatte mich gebeten, nach Düsseldorf zu kommen, es gäbe ein Problem. Aber als ich endlich kam, lag sie schon im Krankenhaus und das 'Problem' hatte sich wenig später erledigt."

"Welches Problem hatte sich erledigt?"

"Sie hatte nach der Schießerei in der Villa van Borgh das Kind verloren, das sie erwartete. Ich war, ehrlich gesagt, ziemlich entsetzt."

"Über was?", fragte Karin Demus scharf.

"Dass Debby schwanger gewesen war."

"Das kommt bei Frauen manchmal vor", bemerkte Karin spöttisch, und Marholt wunderte sich über ihren Ton. Offenbar herrschte zwischen den beiden Frauen doch nicht die reine Harmonie.

"Debby war strenggläubig. Sie hatte sogar überlegt, ins Kloster zu gehen. Mit einem verheirateten Mann zu schlafen, ohne Ehe und den Segen der Kirche – das hätte ich von Debby nie geglaubt."

"Und dann noch mit einem protestantischen Ausländer", stichelte Karin.

Auf diese deutliche Provokation ging Ohana nicht ein.

"Debby hat mir geschworen, dass sie nie etwas mit ihrem Chef, diesem Achim, gehabt habe. Nie. Sie hat es bei allen Heiligen geschworen."

"Und du hast ihr geglaubt?" Karin schüttelte ob solcher Naivität den Kopf. "Von wem sollte denn das Kind sonst sein?"

Ohana schaute Karin grimmig an: "Debby hatte einen deutschen Verehrer. Einen jungen Mann, ungefähr so alt wie sie. Sie hat immer geglaubt, er sei noch Schüler. Jeden Nachmittag trieb er sich um die Villa herum, um sie zu sehen, und wenn sie dann mal zur katholischen Gemeinde ging, wo sich viele junge Leute aus Irland und Schottland trafen, war er auch schon dort und wartete auf sie. Er muss sehr treu und hartnäckig gewesen sein, Debby hat sich in ihn verliebt und eines Tages ist es dann passiert."

"Das kann man, muss man aber nicht glauben", höhnte Karin auf Deutsch, und seltsamerweise schien Ohana diesen Satz genau zu verstehen. "Warum sollte Debby mich anlügen. Oder ich jetzt dich? Debby hatte ihr Kind verloren, sie lag allein im Krankenhaus und wusste, dass sie gelähmt war. Sie brauchte jede Hilfe, die sie kriegen konnte, auch die von ihrer Schwester."

Karin zuckte die Achseln, und Marholt griff ein, bevor seine Gäste sich in die Haare gerieten. "Weißt du, wer dieser Verehrer und Vater von Debbys Kind war?"

"Nein, sie hat ihn immer nur Hans genannt oder manchmal auch the poor Jack of Naples."

"Das verstehe ich nicht", sagte Karin kurz.

Ohana schnaufte aufgebracht. "Sie hat nie einen Familiennamen genannt, ich weiß nicht einmal, ob sie den überhaupt kannte."

"Aber geschlafen hat sie mit ihm, mit dem poor Jack of Naples. Oder vielleicht doch mit meinem Mann?"

"Den habe ich einmal im Krankenhaus getroffen, als er Debby besuchte. Er hat mir geschworen, dass er meine Schwester nie angefasst habe. Geliebt, verehrt, vergöttert, angebetet ja, aber nie sexuell berührt."

"Vor Gericht hat Achim behauptet, er habe alle Krankenhauskosten für Debby übernommen."

"Ja, und auch alle anderen Kliniken bezahlt, das hat Debby mir bestätigt."

Karin holte tief Luft: "Ohana, ich habe nie erlebt, dass Achim etwas gegeben oder getan hat, ohne eine Gegenleistung zu verlangen."

"Gut möglich, und weil er das Prinzip auch auf dich angewendet hat, war er ja bereit, dich zu verlassen."

"Stopp!", unterbrach Marholt energisch. "Wenn ihr euch zanken wollt, geht vor die Tür und lasst mich mit dem guten Weißen allein."

Einen Moment sah es so aus, als wollten sie seinem Vorschlag folgen, dann sagte Ohana müde: "Das wäre sinnlos. Das war es, was ich dir sagen wollte, Karin: Dein Mann hat dich nicht mit Debby betrogen. Vielleicht mit anderen Frauen, aber nicht mit meiner Schwester."

"Und das soll ich glauben?"

"Lass es, wenn du dich dann besser fühlst. So, und jetzt möchte ich gerne gehen."

Sie brachen fünf Minuten später auf. Marholt bestand darauf, Ohana nach Hause zu bringen. Vorher lieferten sie Karin bei Paco ab, und auf der Sirina-Brücke blieben sie stehen, lehnten sich an die Brüstung und bewunderten das stille Meer.

"Ohana, bekomme ich noch Antwort auf zwei, drei Fragen?"

"Das hängt davon ab."

"Wie alt ist Debby und wo lebt sie heute?"

Sie musste einen Moment rechnen. "Debby ist 31, und wo sie lebt, weiß ich nicht. Ich bin mit ihr damals von Klinik zu Klinik gezogen, wir waren in Berlin, in der Charité, in München, in Heidelberg-Schlierbach. Debby hat hunderte von Untersuchungen über sich ergehen lassen. Achim hat zigtausende bezahlt ... doch, doch! Aber kein Arzt konnte ihr helfen, keiner hat ihr Hoffnung gemacht. Und aus Schlierbach ist sie dann spurlos verschwunden."

"Was heißt das?"

"Eines Tages war sie nicht mehr in ihrem Zimmer, als ich vormittags kam. Man hat sie überall gesucht, in Heidelberg, in den Wäldern, im Neckar. Aber Debby ist nicht wieder aufgetaucht, nicht lebend und nicht als Leiche. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt und wenn ja, wo. Sie wäre heute 31 Jahre alt. Noch eine Frage?"

"Ja. Wenn sie gelähmt ist, hat sie doch Hilfe gebraucht, um aus der Klinik zu verschwinden. Hast du eine Ahnung, wer da mitgewirkt hat?"

"Nicht die geringste. Noch eine Frage?"

"Hast du ein Foto von deiner Schwester? Es sollte möglichst spät aufgenommen sein."

"Ich habe sie im Krankenhaus fotografiert. Da hing sie aber noch an Schläuchen und so."

"Das macht gar nichts, Hauptsache, man kann ihr Gesicht deutlich erkennen."

"Doch ja, das kann man, wenn du mitkommst, kann ich es dir gleich geben."

"Wie alt war Debby bei dem Foto?"

"Moment – 17 oder gerade achtzehn."

"Danke, das war's auch schon."

"Dann komm. Lass uns weitergehen."

Ohana kramte eine ganze Weile in einer Schublade und zog dann mit einem leisen Triumphlaut ein Päckchen Fotos heraus, blätterte und gab endlich Marholt zwei Aufnahmen. "Ich denke, auf denen kann man sie am besten erkennen." Ein, wie er fand, recht hübsches, aber nicht aufregend attraktives Mädchen, das eine gewisse, aber nicht auffällige Ähnlichkeit mit Ohana MacGregor hatte. Deborah MacGregor sah irgendwie brav und gehorsam aus. Dann überlegte er – nein "gehorsam" war der falsche Begriff, "gefügig" traf es besser. Doch Ohana gähnte so unverhohlen, dass er auf weitere Fragen verzichtete.

Zurück ging er ausnahmsweise über den Strand. Ein wagemutiger Meteorologe hatte für die nächsten Tage winzige Regenmengen angekündigt, aber im Moment war es noch warm und windstill, die Wellen plätscherten so diskret auf den Strand, dass er die leisen Stimmen schon aus größerer Entfernung vernahm. Und wenn der Mann und die Frau nicht Deutsch gesprochen hätten, wäre er einfach weitergegangen. Doch als er hörte, wie sie empört sagte: "Her mit den Mäusen, oder glaubst du, es macht mir Spaß, mich von dem Ferkel abtatschen zu lassen?"

Die Stimme kannte er, das war Vanessa Niegel.

Der Mann protestierte: "Aber du hast nichts herausgekriegt."

"Nein, und ich bin mir ziemlich sicher, er weiß auch nichts."

Auch den Sprecher hatte Marholt sofort erkannt, das war Axel Kunz, Ohanas blonder Verehrer. Die beiden standen offenbar ein ganzes Ende entfernt Richtung Wasser. Dorthin senkte sich der Strand, so dass er sie nicht sehen konnte; ihn würden sie nur erkennen, wenn sie sich zufällig umdrehten.

"Wie hast du eigentlich den Alten kennengelernt?", wollte Kunz wissen.

"Er kam gelegentlich ins Palais, als es das noch gab. Und du, wie bist du an den Alten geraten?"

"Er hat mich mal engagiert, um Geld einzutreiben." Offenbar hatte sie was gemurmelt; denn der Blonde fuhr schnell fort: "Nein, nicht auf die harte Tour. Die hat er, so viel ich weiß, nie benutzt."

"Hat diese blöde Demus eigentlich von seinen Nebengeschäften gewusst?"

"Das weiß ich nicht, aber ich glaube, nein."

"Das ist vielleicht ein Stockfisch."

"Kann sein. Aber mir hat Achim mal gestanden, er habe sie gerade deswegen geheiratet. Der Name Demus steht für Solidität und Ehrbarkeit." Dabei lachte er schadenfroh, und sie stimmte bald ein.

"Ganz anders als der Name Niegel, wie?"

Jetzt kicherte sie so laut wie ordinär. "Wem steht denn hier der Niegel? Soll ich mich ausziehen?"

"Ich bitte darum."

"Okay, das letzte Mal, ich fahre morgen."

"Aber wir sehen uns doch am Rhein wieder?"

"Wenn du magst."

Marholt bog ab, Richtung Straße, quälte sich den Hang hoch und lief dann über Straße und Brücke bis zu einem Häuschen. Heute hatte er viel erfahren, auch wenn ihm das wenig nutzte.

15.

Karin Demus kam am nächsten Morgen pünktlich zu ihm. Er hatte gerade fertig gefrühstückt, als sein unmittelbarer Nachbar eintraf. Lothar Drescher war noch in der Nacht aus Malaga losgefahren und erkundigte sich, ob Marholt schon ausgeruht und kräftig genug sei, mit der Ausbesserung des Pfades und der Treppenstufen zum Strand zu beginnen. Soviel Tatendrang so früh am Tag war Marholt eigentlich suspekt und zuwider, aber er hatte nun mal zugesagt, mitzuhelfen. Und Drescher war geschickt, erfahren und konnte zupacken. Sogar seine Frau Luise half mit, und der zehnjährige Sohn füllte begeistert die Lücken zwischen den Trittsteinen mit einem Gemisch aus Sand und Zement aus und wässerte anschließend sein Werk mit der gebotenen Gründlichkeit und Sorgfalt. Als Karin am Strand erschien, um mit Marholt im Ort für den Mittagsimbiss einzukaufen, trockneten die drei unteren einbetonierten Stufen schon in ihren Holzverschalungen. "Donnerwetter!", staunte sie, ehrlich beeindruckt.

Pacos Bar war wie jeden Tag gut besucht. Marholt erkundigte sich nach Zindler und hörte, dass man ihn doch nach Madrid hatte fliegen müssen, es ging ihm gar nicht gut. Inzwischen hatte das Gerücht die Runde gemacht, Zindler sei von einem Stein in den Rücken getroffen worden und deswegen kopfüber nach unten gestürzt. Kunz schien auf Ohana zu warten und fragte Marholt nach Einzelheiten zu Zindlers Unfall, Marholt übersetzte allerdings nur, was alle anderen Gäste erzählten.

"Ich reise auch bald ab", sagte Kunz zum Schluss.

"Da wird Ohana aber traurig sein", meinte Marholt etwas boshaft und Kunz musterte ihn von der Seite: "Glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Sie wird sich sehr schnell mit einem anderen trösten, so, wie ich sie einschätze."

Marholt widersprach nicht. Während Paco den zweiten blanco vor ihm abstellte, klingelte sein Handy. Monika fragte, ob er sie noch heute in Malaga abholen und für zwei, drei Nächte unterbringen könne. Sie habe mit einer spanischen Kollegin die Dienste tauschen können. Für seinen Geschmack läuteten die Glocken etwas zu deutlich, aber er hatte weder Sabine noch Karin noch einer anderen Frau Treue versprochen. Karin Demus hatte mitbekommen, dass er mit einer Bodenstewardess in Malaga sprach und bat ihn nachzufragen, wann sie möglichst bald einen Flug nach Düsseldorf bekommen könne. Monika wollte zurückrufen, was sie auch eine halbe Stunde später tat. Karin konnte noch heute Abend mit der Iberia fliegen, er würde sie zum Flughafen mitnehmen, wenn er Monika abholte. Der Nachmittag verging mit Packen, Adressentausch und Abschiednehmen – der Asturier und Maricarmen waren sichtlich gerührt, dass Karin eigens ins Granada kam, um "Auf Wiedersehen" zu sagen. Ohana schien es gleichgültig zu sein, dass Karin Demus abreiste. Paco und Maria Jesus verloren ungern einen zahlenden Logiergast, was Paco ihr laut auf Deutsch erklärte, worauf Kunz die Kinnlade nach unten fiel.

Sie kamen so rechtzeitig auf dem Flughafen an, dass Karin Demus in alle Ruhe ihr Ticket besorgen und ihr Gepäck aufgeben konnte, was am Liniencounter sehr viel angenehmer war als an den überfüllten Schaltern der Pauschal- und Charterflieger.

Derweil saß Marholt in Monikas kleinem, überhitztem Büro und mailte an Brigitte Landau. "Bitte alles zusammenkratzen, was Du über einen Achim van Borgh herausbekommen kannst. Dieser Computer ist für längere Zeit nicht besetzt, deswegen bitte erst mailen, wenn ich Dich von diesem Apparat aus darum bitte."

Der Abschied verlief einigermaßen förmlich und kühl. Karin Demus bedankte sich für seine Hilfe; er versprach, sie nach seinem Urlaub zu besuchen; sie wünschte ihm noch viel Glück und gutes Vorankommen mit seinem Roman, und dann begann das boarding. Monika hatte schon eine kleine gepackte Tasche geholt und etwa zwanzig Kilometer hinter Malaga begann das Wunder, auf das der ganze spanische Süden hoffte: Die ersten zaghaften Tropfen fielen. Ein richtiger Regen wurde es nicht, aber es kühlte etwas ab.

"Wurde auch höchste Zeit", meinte Monika erleichtert. Sie hatte sich in Freizeitschale geworfen und verbreitete den Duft einer Seife mit dem Markennamen Maja um sich herum, die es viele Jahre lang nur in Spanien zu kaufen gab und für ihn untrennbar mit Urlaub und Sonne in Spanien zusammenhing.

"Hast du was von Sabine gehört?", fragte er harmlos.

"He, du, was soll das?", stieß sie hervor, "Sabine ist weit weg, jetzt bin ich hier." Dabei zupfte sie so an ihrem Shirt, dass für ihn kein Zweifel an der Botschaft bestand.

Eine gute halbe Stunde später hörte dieser zaghafte Versuch eines Regens schon wieder auf, und als sie in Laredo vor seinem Häuschen ausstiegen, war die Straße bereits wieder trocken. Drescher wartete auf ihn: "Den Stufen hat es nichts ausgemacht, aber als Sie weg waren, wollte sich ein gewissen Leuscha von Ihnen verabschieden."

Marholt grinste, sagte aber nichts. Wahrscheinlich hatte Leuscha nicht Adieu sagen, sondern irgendeine Drohung hinterlassen wollen. "Das war aber ein kurzer Urlaub", bemerkte er deshalb nur und Drescher nickte. "Hab' ich auch gesagt, aber er meinte, hier in diesem Nest käme er ohnehin vor Langeweile um, er brauche etwas mehr Leben und Trubel und Heiterkeit um sich herum." Dabei schaute er so intensiv auf Monika, dass Marholt nicht umhinkam, sie vorzustellen, was er gern vermieden hätte. "Lothar Drescher – Monika Lemke."

Drescher war taktvoll genug, sich nicht zu erkundigen, ob Karin Demus ihren Flieger noch erreicht habe, aber sein Gesicht verriet eine gewisse verwunderte Anerkennung. Einen so schnellen und reibungslosen Austausch der weiblichen Begleitung hatte er dem Nachbarn anscheinend nicht zugetraut. So ähnlich stand es auch Miguel und Maricarmen ins Gesicht geschrieben, als Marholt und Monika das Granada betraten. Eines war anders. Monika sprach genug Spanisch, um Miguel genau zu verklickern, wie sie ihre entremeses bilbainas haben wollte, und beim ersten Schluck des Rotweins beschimpfte sie Miguel. "Da haben die aus dem Rioja euch das angedreht, was das Vieh dort nicht saufen wollte." Miguel fiel fast rückwärts um und schaute hilfesuchend auf Marholt, der ihm nur zuzwinkern konnte. "Die Ziegen haben schon getrunken, ich hol' mal was aus dem anderen Trog", sagte der Asturier dann geistesgegenwärtig und war fast versöhnt, als Monika laut lachte: "Aber unterwegs nicht verdünnen!"

Sozusagen zum Einstand lud er Monika in die Bar ein, um in dem Zimmer im ersten Stock eine Flasche von dem "Guten Weißen" zu trinken, von dem sie sehr angetan war. Weil sie wohl keine Verlegenheits-Pause aufkommen lassen wollte, erkundigte sie sich angelegentlich nach dem Roman, den er hier zu schreiben gedachte und von dem Sabine erzählt hatte. Ohne allzugroße Lust erzählte er von Hako und der Abitur-Jubiläumsfeier, nach der man ihn überredet hatte, einen Doku-Roman über das Schicksal ihres alten Klassenkameraden Hans Konradin zu verfassen. "Und? Hast du herausgefunden, was aus ihm geworden ist?"

"Nein. Habe ich nicht."

"Aber wie es im Roman mit ihm ausgehen soll, weißt du schon?"

"Auch das noch nicht."

Erst als er die vier Wörtchen ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, dass er damit eine Wahrheit gestanden hatte, die ihn insgeheim schon seit Tagen quälte. Er hatte sich von Karin Demus, Ohana und Debby Mac Gregor nur zu gerne ablenken lassen. Und jetzt von Monika Lemke. So ganz unbekannt war ihm das Phänomen nicht, auch bei Geschichten und Texten, die er vorher in allen Einzelheiten konzipiert hatte, für die er ein logisches, überzeugendes Ende bereits ausgedacht und zum Teil formuliert hatte, überfiel ihn kurz vor Schluss eine Art Depression, ein müder Ekel, in dem Moment fand er alles schlecht, unausgegoren, langweilig, nur geeignet für die Löschtaste oder den Papierkorb. Dann begann er planlos mit neuen Stücken, korrigierte und redigierte an fertigen Dateien herum und tat alles, um sich vor den letzten Seiten oder Szenen zu drücken. Karin Demus, Ohana und Debby MacGregor waren doch nichts anders als solche Manöver gewesen, ablenken, nicht an die wirkliche Aufgabe denken, Zeit gewinnen. Sie schien zu ahnen, was in ihm vorging und schlug vor: "Komm, lass uns gehen, Bewegung tut uns jetzt beiden gut."

Sie bestand darauf, über den Strand nach Hause zu laufen, und er willigte ein, weil er an die neun Stufen und den reparierten Kletterpfad dachte. Über den Himmel zogen dünne, zerfaserte Wolken, es war dunkler, als an den Tagen zuvor. Sie setzte sich plötzlich und zog ihn neben sich auf den Sand. An ihren Bewegungen spürte er, dass sie sich auszog. Sie legte sich auf den Rücken. "Komm!", flüsterte sie. "Ich möchte jetzt mit dir schlafen." Sie ließen sich Zeit und erreichten zur selben Zeit ihren Höhepunkt.

Im Schlafzimmer sagte sie energisch: "Du musst dir wegen Sabine keine Gedanken machen."

"Und warum nicht?"

"Sie hat sich für ihren Ex-Piloten am Tegernsee entschieden."

"Ich denke, der ist mit drei Sternen auf den Schultern verheiratet."

"Bine meint, das würde sie schon ändern."

Komisch, genau das hatte er Sabine nicht zugetraut. Sie spürte seine Zweifel und sagte, während sie ihre Klamotten zu Boden fallen ließ: "Täusch' dich nicht, sie ist egoistischer und rücksichtsloser, als sie sich so gibt."

"Glaubst du?"

"Ich weiß es!", beschied sie ihn kurz und huschte ins Bad. Als sie im Evakostüm zurückkam, wünschte sie ihm gute Nacht und murmelte: "Es war sehr schön mit dir am Strand, wir werden es wiederholen, aber du bist zu gutmütig, Peter."

Diese Bemerkung ließ ihn lange nicht schlafen, und deswegen hörte er um Mitternacht herum die beiden leisen Männerstimmen in der Nähe des Schlafzimmerfensters: "Bestimmt, die eine ist heute zurückgeflogen und die andere will 50 Euro."

"Die spinnt doch."

"Kann sein, aber ihr Kerl ist heute Nachmittag ohne sie abgehauen und sie muss Geld zusammenbringen, um nach Deutschland zurückzukommen."

Von wem war da die Rede? Marholt hörte noch zischende Geräusche und dann kehrte Ruhe ein. Er schlief bald ein.

16.

Was da gezischt hatte, entdeckte er am nächsten Morgen rein zufällig. Jemand hatte drei Reifen seines Autos aufgeschlitzt. Er stand noch fassungslos vor seinem schräg zur Seite geneigten Auto und ärgerte sich die Krätze an den Hals, als Nachbar Lothar Drescher erschien. "Da ist ja ein Ding", legte er los. "Haben Sie eine Ahnung, wer das war?"

"Nein, aber wir Deutschen sind im Moment hier nicht sehr beliebt." Drescher beherrschte die aufmunternde Form des Zynismus: "Verstehe, 30 Milliarden sind verdammt wenig und dann noch sparen müssen, das geht zu weit. Was machen Sie jetzt?"

"Ich habe einen Freund hier in der Nähe, der wird mir sicher helfen."

So geschah es, Paco kam sofort, schämte sich für seine Landsleute und lud Monika, Drescher und Marholt zum blanco ein. "Maria Jesus macht auch Tapas." Dann bemerkt er Dreschers etwas hilflose Miene und wiederholte seine frohe Botschaft auf Deutsch.

"Geht schon mal vor, mir ist eine Idee gekommen, ich bin bald da." Angesichts seiner zerstörten Reifen war ihm wieder eingefallen, wer sich gestern von ihm hatte verabschieden wollen.

Vor dem vierten und letzten Häuschen an der Straße war der graue, schon in die Jahre gekommene Polo mit dem Kennzeichen LEV-XX 9387 verschwunden. Die Tür zur Veranda stand einen Spalt offen, und als Marholt lauschte, hörte er unverwechselbare Geräusche, die er kannte. Er schmunzelte, ließ sich auf alle Viere nieder und kroch geräuschlos an die Tür heran. Die beiden waren mit ihrem Geschäft gerade fertig geworden, er konnte sehen, wie der nackte Mann vom Bett aufstand, sich anzog und dann aus seiner Jacke eine Brieftasche herausholte. Für einen Menschen, der gerade von seinem Hotel fristlos entlassen worden war, eine Brieftasche mit erstaunlich vielen Scheinen. "Wirklich nur zwanzig?", wollte er wissen und Vanessa Niegel richtete sich auf. "Wenn es dabei bleibt, dass ich mich im Hotel umsehen kann."

"Wie vereinbart", sagte der Mann knapp.

"Dann nur zwanzig."

"Du darfst aber nicht auffallen, sonst müssen wir noch mit einem anderen teilen", erwiderte der Mann und Marholt fragte sich, ob die abgetakelte Puffmutter ihren Lover wirklich verstanden hatte. Aber das sollte nicht seine Sorge sein, er kroch lautlos zurück, bis er sich aufrichten konnte, und als der Mann das Häuschen verließ, lehnte Marholt neben der Tür und streckte einen Arm aus.

"Was soll das?"

"Der Preis der Dame hat sich erhöht. Um drei neue Autoreifen, Lieferung und Montage. Insgesamt 150 Euro."

"Yo en la tuya", murmelte der Mann, und weil Marholt den Fluch kannte, trat er zu, traf auch sehr schön genau zwischen die Beine und freute sich über ein Großmaul, das laut schreiend zu Boden ging. Eine Minute später wurde die Haustür aufgerissen.

"Was ist denn hier los?", kreischte Vanessa Niegel, die mit beiden Händen ihren schweren Busen festhalten musste.

"Ich habe gerade nur deine Tarife erhöht", gab Marholt lautstark zurück. "Zwanzig Euro ist wirklich etwas wenig. Da bleibt dir ja nichts, wenn ich meine Provision kassiert habe!" "Du hast ja den Arsch offen."

"Ich reiße dir deinen gleich bis obenhin auf."

Der Mann wollte den für ihn unverständlichen Dialog nutzen, sich heimlich zu entfernen, aber Marholt riss ihn zurück und drückte ihn gegen die Hauswand. "Hundertfünfzig", bellte er den Knaben an, "aber schnell."

Er bekam seine Hundertfünfzig und versprach dem Eingeschüchterten: "Wenn wir uns noch einmal begegnen, kostet es dreihundert." Und der nur leicht bekleideten Vanessa empfahl er: "Du ziehst dich am besten an und verschwindest sofort aus Laredo." Was sie vielleicht auch getan hätte, wenn sie nicht in der Sekunde ein mittelgroßer Stein an der Schulter getroffen hätte. Sie fiel um und hielt sich schreiend das Gelenk. Marholt war herumgefahren, hatte aber den Werfer nicht mehr sehen können. Der verbarg sich irgendwo und entfernte sich auf einem Motorrad. Vanessas Kunde half Marholt, die vor Schmerzen wie betäubte Frau ins Haus aufs Bett zu tragen.

"Soll ich dich zu einem Arzt bringen?", erkundigte sich Marholt, doch sie schüttelte den Kopf. "Nein. Aber einen Eimer mit kaltem Wasser und einen oder zwei Lappen könnte ich gebrauchen."

Den Gefallen konnten die Männer ihr tun, und als sie das Häuschen verließen, kühlte Vanessa Niegel ihre nur noch schwach blutende Schulterwunde und wimmerte noch leise.

Dass Pacos Wort im Ort was galt, wusste Marholt. Aber wieviel, das erkannte er jetzt, als er an seinem Auto vorbeilief. Da hielt schon ein Kleintransporter neben seinem fußkranken Gefährt, drei Männer sprangen ab und begannen, Marholts Auto aufzubocken, um drei neue Reifen aufzuziehen. Der Spaß sollte zweihundert Euro kosten, er drückte dem Ältesten dreihundert in die Hand und beruhigte ihn: "Der Täter hat gezahlt, ihr könnte es ruhig nehmen." Dabei war es gar nicht sicher, dass der Mann aus dem Hotel, der bei Vanessa Niegel gewesen war, auch die Reifen zerschnitten hatte. Wem war Marholt auf die Füße getreten?

In der Bar hatten sich die drei inzwischen mit blancos und Tapas amüsiert, Drescher erprobte seinen bescheidenen Wortschatz in einer Unterhaltung mit Maria Jesus, die ihn geduldig verbesserte und sich freute, wie sehr ihm ihre Tapas schmeckten, und Paco debattierte mit Monika über die Vorzüge von Olivenöl gegenüber tierischen Fetten. In Teilen Südspaniens hatten die Bauern nach der Vertreibung der Araber ihre Olivenhaine absichtlich vernachlässigt, weil sie sich völlig auf Schweinefett umstellten, um bei der Inquisition ja nicht in den Verdacht zu geraten, sie seien heimliche Muslime. Der blonde Axel fehlte, Ohana ließ sich auch nicht blicken, von Uwe Zindler gab es keine klinischen Neuigkeiten zu vermelden, und die jetzt zahlreichen Urlauber aus Deutschland, England und Dänemark wurden elegant übersehen. Fast satt und einigermaßen angedudelt verzichteten Monika und Marholt auf Einkäufe im Ort, wankten fröhlich über die Straße (sein Auto stand fahrbereit auf vier Rädern vor dem Haus) und fielen wie erschlagen auf das Bett. Es wurde eine lange Siesta, sie tranken Kaffee, als es schon zu dämmern begann und dann erforderte es eine gewaltige Anstrengung aufzustehen und sich anzuziehen.

Im Granada empfahl Miguel Paelle sevillana. Hinterher bestand Marholt darauf, am Hotel vorbeizuschauen. Die junge Frau an der Rezeption begann zu telefonieren, nachdem Monika und er an ihr Richtung Bar vorbeigegangen waren. Ohana schaute ihm unfreundlich entgegen, als er sie begrüßen wollte. Sie stand mit dem weißhaarigen Briten zusammen, der wohl Jim hieß und ausgesprochen sauer reagierte, als Marholt versuchte, Monika und sich vorzustellen. "Ihr könnt ruhig wieder gehen", hauchte Ohana. "Und sag' deiner Neuen ruhig, dass sie hier nicht erwünscht ist."

"Spinnt die, oder was ist in die gefahren?", regte sich Monika auf dem Rückweg auf.

"Ich weiß es nicht und verstehe es auch nicht", musste er zugeben.

"Er heißt Sheridan und wird hinter seinem Rücken Lord Jim genannt."

"Wer heißt Sheridan?"

"Der Weißhaarige, der dich so ruppig hat abfahren lassen."

"Woher kennst du ihn?"

"Überhaupt nicht; aber ich war gerade zum Dienst gekommen, als er mit einer Privatmaschine in Malaga landete."

"Donnerwetter!"

"Großer Auftrieb, kann ich dir sagen. Kennst du die casa distinta?"

"Nie gehört."

"Dort kriegst du alles. Großes Auto mit Chauffeur und Leibwächtern, weibliche Begleitung im Auto und im Bett, Frack, Zylinder. Trauzeugen, Leibwächter, Alibis, alles, was das Herz begehrt."

"Nur das Herz?"

"Ferkel."

"Und was die dicke Brieftasche zahlen kann."

"Du sagst es. Ich kenne zufällig den Piloten, der da gelandet war. Und der hat mir verraten, woher sie kamen."

"Nämlich?"

"Aus Tanger. Mr. Ralph Sheridan, genannt Lord Jim."

"Gehört das Flugzeug auch dieser casa distinta?"

"Nein, das gehört dem Multimillionär Ralph Sheridan respektive seiner Firma. Registriert in Zypern. Ein Doppelheuler."

Marholt hatte lernen müssen, dass damit ein Geschäftsreiseflugzeug mit zwei Turbinen gemeint war. "Eine Cessna Citation." Ein Mann gesetzten Alters flog nicht einmotorig über das Mittelmeer von Tanger nach Malaga.

"Mein Bekannter ist Angestellter der Sheridan Mining Company und fliegt die SMC-Öberen rundum die Welt. Und landet überall dort, wo es Erze gibt oder Erz vermutet wird. Peter, wir haben bei unserer Berufswahl irgendwas falsch gemacht."

"Schon möglich. Reg' dich nicht auf ..." Nach einer Weile fügte er halblaut hinzu: "Aber mich würde schon interessieren, was Ohana MacGregor mit Ralph Sheridans SMC zu tun hat."

„Oder umgekehrt", bemerkte sie etwas spitz. Doch darauf ging er nicht ein.

Nach den spärlichen Regentropfen war die alte Hitze zurückgekehrt, auch nachts kühlte es nicht mehr richtig ab. Weil sie ohnehin kein Betttuch zum Zudecken brauchten, schliefen sie nackt, was zu gewollten und zufälligen Unterbrechungen führte. Monika liebte Sex, was sie ihm auch tagsüber zu beweisen trachtete.

17.

In den beiden Tagen, die sie noch bleiben konnte, freundeten sie sich mit den Nachbarn Lothar und Luise Drescher an, die sie vormittags zum Einkaufen in den Ort und abends ins Granada begleiteten.

Am dritten Tag brachte er Monika nach Malaga, setzte sich an ihren Computer und mailte mit Brigitte Landau, die ein ganzes Dossier auf die elektronische Reise schickte. Er konnte noch in aller Ruhe einkaufen fahren und holte sich abends den ausgedruckten Text am Flughafen ab. Das allwissende Google hatte einen ganzen Roman über Achim van Borgh gesammelt und Marholt wagte angesichts dieser Mengen nicht, Brigitte auch noch nach Ralph Sheridan zu fragen. Auf der Rückfahrt hatte er ein rotes Motorrad an der Stoßstange, das ihn bis nach Laredo verfolgte, dort aber in den Ortskern hinein abbog. Er las abends noch etwas über den Juwelier, Edelsteinhändler, Geschäftsmann und Gesellschaftslöwen Achim van Borgh, von seiner Heirat mit Karin Demus, dem Prozess gegen Karin Demus, ihrer Verurteilung und Entlassung aus der JVA. Der Einbruch in die Villa van Borgh und die Verletzung des Au-Pair-Mädchens Deborah MacGregor aus dem irischen Drogheda waren in verschiedenen Artikeln ausführlich beschrieben. Der Name Oriana oder Ohana MacGregor tauchte allerdings nicht auf. Dagegen traf er lesend auf alte Bekannte: Holger Udokeit, Kurt Leuscha, Uwe Zindler, sogar Vanessa Niegel war einem Reporter aufgefallen. Bis tief in die Nacht las er, sortierte überflüssige Berichte und Doubletten aus und vernichtete nebenbei einen roten Condego, der echt teuer, aber sein Geld auch wert gewesen war. Hinterher fragte er sich allerdings, was ihm das alles gebracht hatte, und nahm sich fest vor, morgen Vormittag wieder über seinem Hako-Manuskript zu brüten. Monika war eine sehr angenehme Unterbrechung gewesen, aber eben auch eine, die zur Fortsetzung reizte und damit sein "Projekt Hako" gefährdete. Dann rief er doch seinen Freund Juan Moreno in Madrid an, der zu Hause war und auch Zeit hatte, Marholt an der Cibeles zu treffen.

18.

Marholt hatte Moreno vor fünf Jahren kennengelernt, als der spanische Fernsehjournalist in Deutschland einen Film über spanische Gastarbeiter recherchierte. Sie hatten sich gut verstanden und angefreundet.

"Schön, dich mal wieder zu sehen", sagte Moreno vergnügt. "Was führt dich nach Madrid?"

"Die Neugier. Und die Hoffnung, dass du mir was über eine Organisation erzählen kannst, von der ich noch nie was gehört hatte."

"Und welche?"

"Sie nennt sich CADI."

Moreno sah sich unruhig um. "Nicht hier, amigo. Lass uns in den Retiro gehen. Bei diesem Thema hat mir selbst die Cibeles zu große Ohren."

Im Park sah er sich immer wieder um, ob jemand sie belauschen und verstehen konnte.

"Ich fange mal am besten damit an, was sie nicht ist. Die Casa Distinta ist keine spanische Mafia oder Cosa Nostra. Sie scheut vor Gewalt zurück, weil Gewalt mitunter Gegengewalt und fast immer Aufmerksamkeit erzeugt. Und Aufmerksamkeit ist das Letzte, was CADI sich wünscht. Sie handelt nicht mit Drogen oder Waffen, sie erpresst kein Geld oder entführt keine harmlose Menschen. Sie macht ihr Geld mit Geschäften, die nicht immer ganz sauber sind. Sie zahlt auch Schmiergelder und haut harmlose Partner gnadenlos übers Ohr. Sie betrügt, solange sie damit nicht auffällt. Sie ist immer leise und legt großen Wert darauf, dass man nicht über sie spricht oder Mitglieder enttarnt. Sie ist weit verbreitet in Mittel- und Südamerika, wo ein Spanisch sprechender Mann mit dunklen Haaren und dunklen Augen noch weniger auffällt als ein Italienisch sprechender Mann in Nordamerika."

Marholt sah ihn erstaunt an: "Das klingt ja alles sehr harmlos, Juan."

"Richtig, deswegen jetzt Teil zwei. Viele CADI-Mitglieder waren Opus-Dei-Mitglieder und nutzen alte Bekanntschaften und Beziehungen. An der Spitze von CADI soll ein Ehepaar stehen. Er kommt aus dem Clan Juan Villar Reyes ..."

"Matesa-Skandal?"

"Ganz recht. Sie soll aus der großen Familie José M. Ruiz-Mateos stammen. In beiden Familien und Clans glauben viele, der Staat schulde ihnen noch was für die Art, wie man sie zuerst hochgepäppelt und dann hat fallen lassen."

"Also auch keine Freunde der PSOE?"

"Nein, in keiner Weise. Du hattest mir doch versprochen, mal meine Dissertation über die Illuminaten zu lesen."

"Was ich auch getan habe." Er erinnerte sich gut an die schwierige Urlaubslektüre, weil er viele Wörter nachschlagen musste.

"Die CADIsten sind die Illuminaten des elektronischen Zeitalters."

Marholt wusste aus vielen Gesprächen, dass Freund Juan Verschwörungstheorien über alles liebte und auch überall Verschwörungen witterte. Und die Illuminaten hatten es ihm besonders angetan.

"Na schön", sagte Marholt etwas enttäuscht. "Und was wollen deine geheimnisvollen Cadisten?"

"Erst einmal Geld verdienen. Viel und unauffällig."

"Mehr nicht?"

"Ich weiß es nicht. Ich vermute mal, dass sie es darauf anlegen, langfristig Staaten und Verwaltungen zu unterwandern. Wenn es ginge, weltweit."

"Also ganz normale Kapitalisten?"

Moreno lachte. "Mit einem Unterschied, Pedro. Sie vergessen nicht und kennen keine Hemmungen, jemanden zu beseitigen, der ihre Kreise stört oder sie betrogen hat. Und sie halten es mit einem römischen Kaiser: 'Non olet'."

"Gehören nur Spanier zu diesem System?"

"Nein, es gibt auch Ausländer."

"Auch in Deutschland?"

"Aber ja. Und es gibt überall viele Handlanger, die für kleine Münze große schmutzige Geschäfte für CADI erledigen."

"Du meinst, auch in der riesigen Touristenmetropole Laredo de la boca?"

"Warum nicht?"

Marholt brummte, von Juans Darstellung wenig überzeugt, der tief Luft holte: "Lieber Freund, darf ich dir einen guten Rat geben? Je weniger du von CADI weißt oder wissen willst, desto gesünder und länger lebst du."

"Hat man dich auch schon bedroht?"

"Mehr als einmal. Und seit man mir an einem Vorderrad die Mutter so weit gelockert hat, dass sich das Rad bei Tempo 80 selbständig gemacht hat, bin ich sehr bereit, sie ernst zu nehmen."

"Okay, ich habe verstanden."

"Prima. Dann erzähl' mal, was dich wirklich nach Laredo de la boca getrieben hat."

Sie bummelten noch eine Stunde durch den Retiro, gingen anschließend essen und Moreno lieferte ihn dann im Hotel ab.

19.

Eine Woche später klingelte er an der Haustür von Brigitte Landau. Mit der Heimfahrt hatte er sich viel Zeit gelassen, nach Madrid noch mehrfach in Spanien übernachtet, Burgos und Santillana besucht und zum Schluss in Blois für eine Nacht ein Hotelzimmer genommen und als das schlimmste Stück Autobahn empfand er die kurze Strecke vom Kreuz Breitscheid bis Duisburg-Kaiserberg. Nach zwei Unfällen ein einziger Stau, der sich partout nicht auflösen wollte.

Die Landaus wohnten oberhalb des Duisburgers Zoos in einem Haus mit, wie sie immer spottete, Waldanschluss und Funkturm-Sichtverbindung, nicht weit von der katholischen Akademie Wolfsburg entfernt.

"Komm rein!", sagte sie burschikos. "Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee vertragen."

"Einer reicht nicht", stellte er sofort klar und sie kochte gleich zwei Kannen.

"Fertig geworden?"

"Nein, der große Schlussakkord fehlt noch."

"Und was brauchst da dazu?"

"Einen, und sei er noch so winzig, Hinweis darauf, wohin Hans gegangen sein kann."

Dieses Detail hatten sie schon oft besprochen. Hans Konradin war eines Tages wie immer am frühen Nachmittag aus dem Haus gegangen, hatte sich von Schwester Brigitte Autoschlüssel und Wagenpapiere ausgeliehen und war nicht wiedergekommen. Das Auto wurde nie gefunden, so wenig wie Hans Konradin, Hako genannt. Vater und Tochter zerbrachen sich den Kopf, warum und wohin Bruder respektive Sohn gegangen sein könnte, warum ohne Abschied und Begründung. Hatte er gewusst oder geahnt, dass einen Tag später das Direktorium und Kollegium seines Gymnasiums ihm mit fadenscheinigen Gründen die Zulassung zum Abitur nun auch schriftlich verweigern würden? Vater Eberhard war wohl bereit, gegen diese Entscheidung bis zur letzten Instanz zu kämpfen, aber für wen? Der Sohn tauchte nicht mehr auf, der ungerechte Ausschluss vom Abitur habe seinen Sohn zu einer Verzweiflungstat getrieben, machte sich gut in der Reihe seiner Vorwürfe, war aber nie zu beweisen. Dann schaute er hoch und sagte unvermittelt: "Übrigens vielen Dank für deine Mails und die Recherchen."

"Wer ist dieser Achim van Borgh?"

Ihm blieb nichts übrige, als seinen last-minute-Ekel zu gestehen und die sogar willkommene Ablenkung durch Karin Demus, Ohana MacGregor und Holger Udokeits Kumpel zu schildern.

"Bei dir gibt es nichts Neues in Sachen Hans?"

"Nein", schüttelte sie den Kopf, hielt aber plötzlich inne und korrigierte sich. "Doch, eine Kleinigkeit. Ich hab den Dachboden aufgeräumt und in einem uralten Koffer Fotos und Bücher von Hans gefunden."

"Interessante Sachen?"

"Nein. Willst du sie mal sehen?"

"Ja. Wenn es nicht zu viel Mühe macht."

Was sie gefunden hatte, war in der Tat nicht interessant. Alte Schulbücher, alte Schulhefte, Zeichnungen und kindliche Manuskripte. Hans hatte sehr früh angefangen zu schreiben, zu "dichten", wie er das nannte. Immerhin hatte er es mit Sorgfalt und mit Blick auf eine spätere Gesamtausgabe seiner Werke betrieben, auf jedem Manuskript standen säuberlich Ort und Datum der Entstehung.

"Verrückt", murmelte Marholt, der zum ersten Mal die "frühen Werke" seines Freundes Hans sah.

"Darauf hat unser Vater bestanden", erklärte Brigitte nachsichtig. "Er hat immer behauptet, Krankenakten könnten nicht sorgfältig genug geführt werden, besonders bei Kindern, die alles gern vergäßen oder durcheinanderbrächten."

Marholt erkannte viele Gesichter und Motive wieder. Mitschüler und Mitschülerinnen, Lehrer, ihre alte Penne, der glorreiche Moment, als ihnen der Pokal überreicht wurde, sie hatten die Fußball-Schulmeisterschaft der Oberstufen in Nordrhein-Westfalen errungen. Auftritte mit dem Schulorchester, Hako war der einzige Fagottspieler auf der ganzen Penne gewesen und hatte so bei fast jedem Auftritt mitgewirkt. Freundinnen, Freundinnen seiner Schwester. Urlaubstage am Meer, in den Bergen, auf einem Reiterhof. Zum Schluss hatte Hako die Bilder nicht mehr so sorgfältig beschriftet oder chronologisch in Alben geklebt, sondern in Prospekthüllen gesteckt, auf die er mit Fettstift eine Jahreszahl gemalt hatte. Die Hüllen waren in einem Ordner gesammelt. "Suchst du was Bestimmtes?", erkundigte sich Brigitte Landau amüsiert.

"Ja und Nein. Du warst doch auch der Meinung, dass Hako eine Freundin besuchte, wenn er sich nachmittags dein Auto auslieh und fortfuhr."

Sie zuckte die Achseln: "Es würde zumindest erklären, warum er es so regelmäßig getan hat."

"Eben. Aber von Freundinnen, in die man so verschossen war, wollte man wenigstens ein Bild haben, um es guten Freunden zeigen zu können ..."

"... oder sich in düsteren Stunden damit zu trösten", ergänzte sie. "Peter, auf die Idee bin ich auch schon gekommen, und habe mir daraufhin alle Freundinnen, tatsächlichen oder umschwärmten, genau angesehen, aber niemanden gefunden. Das heißt", sie stockte, "ein Foto ist darunter, das zeigt eine junge Frau, die ich nirgendwo unterbringen kann."

"Zeig doch mal."

"Moment!" Sie sprang auf und sauste aus dem Zimmer. Marholt sah ihr voller Bewunderung nach. So gelenkig und schnell wäre er auch gerne gewesen, aber sie hatte auch sehr viel weniger Kilos auf den Rippen und trieb mehr und regelmäßiger Sport als er. Nach einer Minute war sie zurück und setzte sich schwungvoll neben ihn auf den Boden.

"Das Bild meine ich."

Das Foto zeigte eine junge Frau Anfang zwanzig, nett, aber weder auffällig hübsch noch auffallend attraktiv. Nach dem ersten Blick hätte er wohl gesagt "Kenne ich nicht." Dann plagte ihn plötzlich das dumme Gefühl, "diese junge Frau hast du schon mal gesehen, und zwar vor kurzer Zeit. Verdammt, wann und wo und in welchem Zusammenhang?"

"Wo hast du das Bild gefunden?"

"In den Autopapieren."

"Wie kommt das, Gitte?"

"Er war wieder mal spät nach Hause gekommen und hatte Schlüssel und Wagenpapiere, wie immer, auf ein Schränkchen in der Garderobe gelegt. Ich brauchte am nächsten Morgen den Wagen, habe mir Schlüssel und Papiere gegriffen und bin losgerannt. Erst als ich im Büro das Mäppchen in meine Handtasche räumen wollte, ist mir das Foto aufgefallen."

"Kein Name, kein Datum, kein Ort", bedauerte Marholt. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an: "Vielleicht doch, Peter. Zuhause habe ich etwas getan, was große Schwestern bei kleineren Brüdern nie tun sollen, wie sehr sie auch die Neugier zwickt. Ich habe mir seine Jacke angesehen, die zum Lüften an Hakos Schrank hing. Peter, es hat eindeutig nach Weihrauch gerochen."

Marholt sah sie verblüfft an. Wie sollte der protestantische Atheist Hans Konradin an Weihrauch geraten? Dann zuckte ein Gedanke durch seinen Kopf, "Albern, absurd, unglaublich unwahrscheinlich. Wer hatte ihm von wem erzählt, dass er oder sie sogar daran gedacht hatte, in ein Kloster zu gehen. Sehr viel mühsamer als sie quälte er sich auf die Füße. "So, jetzt musst du mal warten, Gitte. Bin gleich wieder da."

Er brachte eine ganze Aktenmappe aus seinem Auto ins Haus und kippte den Inhalt vor ihr aus.

"He, was soll das?"

"Ich suche ein Foto, das mir eine Freundin in Laredo de la boca gegeben hat. Ein Foto von ihrer Schwester ... Ach, da ist es ja schon." Als er das Bild von Deborah MacGregor neben das Foto gelegt hatte, das Brigitte in den Wagenpapieren gefunden hatte, wurde Brigitte Landau sehr still. "Na, was meinst du?", stieß er sie an. "Ist das die Frau?"

Sie kaute lange auf ihren Lippen, bevor sie zaghaft nickte. "Gut möglich, Peter. Wer ist sie?"

"Sie heißt Deborah MacGregor, war Au-Pair-Mädchen in Düsseldorf und ist von einem Einbrecher angeschossen worden, so dass sie ihr Kind verloren hat und heute gelähmt ist."

"Und du meinst ...?"

"Nun, ich halte es für möglich. Und das werden wir jetzt herausfinden. Du kennst doch bei jeder Zeitung einen Mann, eine Frau, die uns allen örtlichen Prominentenklatsch erzählen kann."

"Bei jeder Zeitung ...?", wehrte sie ab.

"In Düsseldorf."

"Da wüsste ich jemanden."

"Los, ans Telefon, stell mir eine Verbindung her und hör zu, was ich ihr oder ihm erzähle."

Ihr Blick verriet, dass sie im Moment Zweifel an seiner geistigen Gesundheit hegte, aber er scheuchte sie zum Telefon, sie suchte brav eine Nummer heraus und tastete.

"Wen rufst du an?"

"Er heißt Wolfgang Stücken und arbeite bei der Rheinischen Post."

"Weiß er von Hako?"

"Ja. Wolf? Guten Tag, hier ist Gitte. Du, ich habe eine große Bitte. Neben mir steht Peter Marholt, der an einem Buch über Hans schreibt ... Ja. Bei seinen Recherchen ist er auf einen Düsseldorfer gestoßen und brauchte nun allen Klatsch und Tratsch, der über diesen Knaben in Umlauf ist ... Natürlich bist du der richtige Mann dafür ... für Peter lege ich meine Hand ins Feuer." Damit reichte sie Marholt den Hörer.

"Guten Tag, Herr Stücken. Hier ist Peter Marholt. Ich war auf dem Gymnasium mit Hans Konradin befreundet und bei einem Abi-Jubiläum haben mich die anderen herumgekriegt, einen Doku-Roman über Hakos Verschwinden zu schreiben ... Nein, keine reine Doku, ich habe keine Lust, mich monatelang mit Gerichten, Anwälten und so herumzuzanken. Wer Hako kannte, wird ihn wohl wiedererkennen, sonst läuft alles unter Tarn-Namen. Fein. Gitte kommt mit und wird mich bestimmt zum Restaurant lotsen. Vielen Dank, 20 Uhr."

"Zwanzig Uhr bei Grützmacher. Angeblich weißt du, wo das Restaurant liegt. Du kommst doch mit?"

"Aber sicher."

Wolfgang Stücken war ein großer, breitschultriger Mann, jovial und immer gut gelaunt, er musste sich richtig Mühe geben, so leise zu sprechen, dass ihn nicht das gesamte Lokal verstand. Nach den Blicken zu urteilen, die er Brigitte Landau zuwarf, vermutete Marholt, dass sich hier ein Ex-Paar wiedertraf. Stückens Gedächtnis funktionierte hervorragend. Ja, einen Achim van Borgh gab es immer noch, mit einem Juweliergeschäft auf der Schadowstraße. Zweite Hälfte sechzig, aber unverändert ein Schürzenjäger höchster Potenz im doppelten Sinne des Wortes. Marholt grinste. Ja, er hatte eine Karin Demus geheiratet. Demus, was so an Demut erinnerte. Früher mal eine reiche Familie, schon vor den braunen Zeiten verarmt und nach dem Krieg arm geblieben, aber irgendwie immer noch Teil der Düsseldorfer Snobiety. Inbegriff von Anstand, Moral und Ehrlichkeit. Karin war ein hübsches Mädchen gewesen, aber von ihren Eltern darauf dressiert, nur einen reichen Mann zu heiraten, der der gesamten Familie aus dem erbärmlichen Alltags-Sumpf heraushalf. Was auch gelungen schien, bis die Borghs sich ein Au-pair-Mädchen zulegten, das von einem Einbrecher, der Borghs häuslichen Tresor ausräumte, angeschossen wurde und ein Kind verlor, von dem alle Welt – auch er, Stücken, meinte – es stamme von Borgh. Großer Skandal, als sich herausstellte, dass Karin von Borgh ein Verhältnis mit dem Einbrecher und Schützen hatte.

"Aber Achim hat sich von dem Einbruch und Skandal erholt?", unterbrach Marholt.

"Finanziell allemal, gesellschaftlich noch nicht völlig. Zu bestimmten Familien und Feiern wird er nicht mehr eingeladen."

"Ist die Beute des Einbrechers mal gefunden worden?"

"So weit ich weiß, nie."

"Und die Waffe, aus der das Au-Pair-Mädchen angeschossen wurde?"

"Nein, die ist bis heute verschwunden geblieben."

"Kann man mit diesem Achim van Borgh sprechen?"

"Jederzeit in seinem Geschäft."

"Umgänglicher Mensch?"

"Kommt darauf an. Geschäftlich knochentrocken und eisern, privatim mehr so ein Kumpeltyp, der einem mit seinem Gehabe auf den Senkel geht und viel verspricht, weil er wenig halten will."

"Hat er dieses Au-pair-Mädchen geschwängert?"

"Er bestreitet es immer noch, seine Ex-Frau sagte allerdings das Gegenteil."

"In solchen Fällen hilft ein DNA-Vergleich."

Stücken sah ihn verblüfft an "Na klar, aber ich weiß nicht, ob je einer gemacht worden ist. Warum auch?"

"Eben", pflichtete Marholt bei, "es gab ja keinen Anlass dazu. Herr Stücken, können Sie mir noch etwas mehr über van Borgh erzählen?"

"Angeblich ist er ein Niederländer aus Enschede. Aber so genau weiß das keiner, darüber spricht er auch nicht. Wir hatten auf der Schadowstraße einen uralt eingesessenen Juwelier, der sich aus Altersgründen zur Ruhe setzen wollte, aber keinen Erben hatte. Van Borgh erschien wie Kai aus der Kiste und konnte den geforderten Preis lässig bezahlen. Kein Mensch hätte geglaubt, dass der Laden so aufblühen würde. Es war unglaublich. Aber der Bursche hat Charme und Geschäftssinn, das muss man ihm lassen und ob er immer absolut ehrlich ist – wer ist das schon?"

"Ist nie bekannt geworden, woher er das Geld hatte, um den Laden auf der Schadowstraße zu kaufen?"

"Nein", sagte Stücken betrübt, "ich habe nur eine private Vermutung ohne den geringsten Beweis."

"Und die wäre?"

"Er wird wohl Niederländer sein und irgendwo in den früheren Kolonien Geld gemacht haben. Wenn nicht er, dann seine Familie. Und an solchem Geld klebte wie immer nicht nur Schweiß, sondern ab und zu neben Tränen auch Blut. Aber davon ist bei unserem Salonlöwen nichts mehr zu riechen."

Sie trennten sich in bester Laune, Marholt brachte Brigitte noch nach Hause und fuhr weiter in seine Wohnung. Brigitte hatte in letzter Minute noch daran gedacht, ihm die Schlüssel für die neuen Schlösser auszuhändigen. Seine Wohnung sah sehr ordentlich aus, Brigitte hatte viel und gründlich aufgeräumt, von einem Einbruch waren keine Spuren mehr zu erkennen.

20.

Am nächsten Vormittag war er wieder nach Düsseldorf unterwegs und betrat gegen 11 Uhr das Juweliergeschäft van Borgh an der Schadowstraße. Sein Wunsch, den Chef unter vier Augen zu sprechen, wurde sofort erfüllt. Van Borgh schien ein günstiges Geschäft zu wittern und musterte Marholt freundlich.

"Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Marholt?"

"Indem Sie mir sagen, ob Sie diese junge Frau kennen." Er hielt dem Juwelier das Foto hin, das Ohana ihm gegeben hatte. Van Borg schaute nur einmal hin, nickte und meinte: "Ich vermute mal, es geht nicht um einen Kauf oder ein Geschäft?"

"Nein, es geht mir um Debby MacGregor."

"Dann würde ich vorschlagen, wir gehen nach oben, da sind wir ungestört. Moment, ich sage nur eben im Geschäft Bescheid."

Über dem Geschäft lag eine kleine Wohnung mit einem Wohnraum, einer winzigen Küche und einem Bad für Zwerge. Nichts zum Wohnen, sondern zum Ausruhen nach einem langen Arbeitstag, bevor man nach Hause oder zu einem abendlichen Geschäftstermin fuhr.

"Es braucht wohl eine große Kanne Kaffee?"

"Die wäre sehr hilfreich."

"Sie sind erst vor kurzem aus Spanien zurückgekommen?"

"Ja."

"Axel Kunz hat mir bereits einen Bericht geschickt, Sie sind der Deutsche, mit dem sich meine Ex-Frau Karin angefreundet hat."

"Ja, der bin ich."

"Und möchten jetzt herausfinden, wo ein Einbrecher die Beute aus meinem Tresor versteckt hat?"

"Nein, daran bin ich nicht interessiert. Ich habe in Laredo zwei Frauen häufiger getroffen, Karin Demus und Ohana – richtiger wohl Oriana Mac Gregor. Ich bin auch nicht nach Laredo de la boca gefahren, um eine der beiden Frauen dort zu treffen, sondern, um ein Buch fertigzustellen, das sich mit dem Schicksal eines ehemaligen Klassenkameraden, Hans Konradin, beschäftigt. Durch eine Kette fast unglaublicher Zufälle habe ich herausgefunden, dass Hako, so wurde er auf der Penne allgemein genannt, kurz vor seinem Verschwinden mit einem aus Irland stammenden Au-Pair-Mädchen Deborah – Debby – Mac Gregor bekannt war, die bei einem Einbruch in Ihr Haus verletzt wurde und deswegen ein Kind verloren hat ..."

"... von dem nicht nur meine Ex-Frau Karin vermutet, dass es von mir stammte", führte van Borgh den Satz zu Ende.

"Richtig, ja."

"Nutzt es was, wenn ich Ihnen hoch und heilig versichere, dass ich Debby nie angefasst, geschweige denn geschwängert habe?"

"Aber Sie waren in sie verliebt?"

"Unsterblich verschossen, verknallt wie ein Pennäler, wie geblendet ja, alles richtig. Aber Debby hat mich nicht erhört. Ein älterer Mann, verheiratet, Protestant und Ausländer. Während sie noch immer schwankte, ob sie in das Touristik-Geschäft ihres Onkels einsteigen oder doch lieber in ein Kloster gehen sollte."

"Debbys Schwester hat es mir erzählt."

"Ohana, die Geheimnisvolle, ja. Ich bin ihr einmal hier in der Uni-Klinik begegnet. Sie hat sich überzeugen lassen. Dann wurde Debby entlassen, und wir sind mehrere Wochen zu dritt durch Deutschland gezogen, von Klinik zu Klinik, von Spezialist zu Spezialist, die aber alle nur abgewunken haben. Debby würde ein lebenslanger Pflegefall bleiben. Und der Schuldige wurde bei seiner Festnahme bei einem Schusswechsel mit der Polizei so verletzt, dass er wenig später im Krankenhaus starb."

"Und Sie haben die Krankenhausrechnungen für Debby bezahlt?"

"Ja. So ein Au-Pair-Mädchen war geradezu lächerlich niedrig versichert. Aber glauben Sie man ja nicht, dass man mir das als Samariterdienst ausgelegt hätte – nein, nie, im Gegenteil: Siehste, der Alte hat 'nen schlechtes Gewissen, deswegen löhnt er für ein Hausmädchen."

"Herr van Borgh, wenn Sie nicht der Vater von Debbys Kind waren, wer hat sie dann geschwängert?"

"Ich weiß es nicht, das hat sie nie verraten wollen. Sie hatte mir nur noch vor dem Einbruch mal erzählt, dass sie an ihren freien Abenden oft in das Gemeindehaus der Thomaskirche gehe, weil sich dort viele Männer und Frauen aus Irland trafen. Dort ist ihr wohl jemand über den Weg gelaufen, in den sie sich verguckt hat."

"Ein Deutscher oder ein Ire?"

"Tut mir leid, auch das weiß ich nicht, das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen."

"Und wo ist Debby dann spurlos verschwunden?"

"Aus der Orthopädischen Klinik in Heidelberg-Schlierbach." Van Borgh schüttelte bedenklich seufzend die Kaffeekanne. "Leer, das grenzt an Vergiftung. Sie saß zu der Zeit im Rollstuhl, konnte sich aber mit dem Ding sehr geschickt ohne fremde Hilfe bewegen. Oriana und ich kamen wie üblich gegen Mittag, da war sie bereits weg, schon vor dem Frühstück abgehauen und hatte nur einen Zettel hinterlassen. ‚Ich danke von Herzen allen, die sich mit mir soviel Mühe gegeben haben, aber es wird Zeit, dass ich lerne, mein Leben selbst zu organisieren. Bitte sucht mich nicht. Alles Gute, in Liebe, Eure Debby.‘“

"Aber sie hatte doch fremde Hilfe gebraucht, Geschicklichkeit hin oder her."

"Natürlich, ohne fremde Hilfe wäre sie nicht einmal vom Klinikgelände gekommen, geschweige denn nach Heidelberg oder wohin auch immer."

"Und wer ihr dabei geholfen hat ...?"

"Nicht die geringste Ahnung oder Spur, nicht einmal eine Vermutung. Doch bedenken Sie bitte eines, Herr Marholt. Debby war das Opfer eines Verbrechens, keine Täterin, sie war nicht vorbestraft, wurde nicht verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben, hielt sich rechtmäßig in der Bundesrepublik auf. Es bestand keinerlei Anlass, nach ihr zu fahnden. Verstehen Sie? Ohne die Hartnäckigkeit der Schwester hätte man nicht einmal nach ihr gesucht. Sie war geistig gesund, nicht entmündigt, sprach mittlerweile genug Deutsch, um bei jeder Polizeidienst-Stelle Hilfe zu erbitten. Die Klinik hat Ohana dann helfen wollen und war sogar bereit, pro forma eine Strafanzeige wegen Betrugs zu erstatten ..."

"... Wie bitte?"

"Die Rechnung für den Klinikaufenthalt war ja noch nicht bezahlt. Es sollte die Polizei auf Trab bringen. Aber das wollten Ohana und ich dann doch nicht, ich habe also damals die letzte Rechnung für Debby bezahlt. Und seitdem nie wieder was von ihr gehört."

Irgendwie ging Borgh ihm mit seiner Samariterpose mächtig auf den Geist.

"Dann helfen Sie mir doch bitte bei einem letzten ungeklärten Problem. Ihre Frau wird aus der Haft entlassen und beschließt, Ohana MacGregor in Laredo zu besuchen. Wenig später sind ein von Ihnen engagierter Privatdetektiv und zwei ehemalige Knastkumpel von Holger Udokeit zur Stelle, alle auf der Suche nach dem, was Udokeit seinerzeit aus dem Tresor Ihres Privathauses geholt hat. War das so wertvoll, dass es immer noch lohnt, danach zu suchen? Und wenn ja, warum hat Udokeit es nicht mitgenommen, als er flüchtete?"

"Sie wissen, wie der Einbruch abgelaufen ist?"

"Aus der Erzählung Ihrer früheren Frau, ja."

"Karin hat nie den Verdacht entkräften können, sie habe Udokeit zu dem Einbruch angestiftet oder auch zu dem Mordversuch an Debby Mac Gregor. Udokeit sollte die Nebenbuhlerin beseitigen und sich den Lohn dafür aus dem Tresor holen. So hatte sich der Staatsanwalt das zurechtgelegt, und das Gericht ist ihm darin gefolgt."

"Wieso eigentlich?"

"Weil Udokeit nur von ihr wissen konnte, wo sich der Tresor befand und wie er gesichert war. Und bevor Sie weiterfragen: Ja, es hätte sich gelohnt. Geld, D-Mark, Dollar, Schweizer Franken, Gold, Platin, Schmuck, Armbanduhren, ungefasste, ungeschliffene Edelsteine. Und die Versicherung hat nicht gezahlt, weil ich einen Passus im Vertrag für den Firmentresor übersehen hatte. An dem Verlust habe ich lange knabbern müssen."

Marholt ging eine Viertelstunde später und fragte sich zur St. Thomas-Kirche durch. Der Geistliche war erst seit drei Jahren dort, wusste aber, wo sein Vorgänger jetzt in Köln amtierte und arrangierte telefonisch ein Treffen zum Mittagessen. Pfarrer Eduard Bröcker brauchte nur einen flüchtigen Blick. "Deborah – Moment, Debby MacGregor. Aus Irland, sie wurde später Opfer eines Verbrechens."

"Sie hat es überlebt", stellte Marholt klar, "sie ist seitdem gelähmt. Als Folge der Verletzung hat sie das Kind, das sie damals erwartete, verloren."

"Richtig, ja, ich erinnere mich. So stand es den Zeitungen, aber ehrlich gesagt, ich habe es nicht geglaubt. Debby war sehr gläubig und sehr konservativ. Sex vor der Ehe war eine Todsünde."

"Die sie dann doch eines Tages aus Liebe zu einem Mann begangen hat, den sie in Ihrer alten Kirchengemeinde kennengelernt hatte."

"Kann ich mir nicht vorstellen."

Marholts Blutdruck stieg. "Schlimmer noch, er war Protestant und eigentlich sogar Atheist."

"Dann hat sie ihre gerechte Strafe ja bald ereilt."

Marholt ging, bevor er vor Zeugen in einem vollen Restaurant einen Totschlag verübte.

Zwei Tage vertrödelte er in seiner Wohnung, packte aus, räumte ein, bediente die Waschmaschine und schaute selbst noch einmal nach – aber es stimmte, bei dem Einbruch war nichts gestohlen worden. Den letzten Nachmittag verbrachte er mit Telefon und Google, stellte abends eine Art Bewegungsdiagramm aller Personen her, die sich vor, während oder nach Udokeits Einbruch in die Villa van Borgh um das Haus herum aufgehalten hatten. Dabei fiel ihm eine sehr interessante Lücke auf.

21.

Am nächsten Morgen rief er Karin Demus an. Sie war von Düsseldorf nach Kettwig umgezogen, und weil das Wetter ausgesprochen angenehm war, überredete sie ihn, mit dem Boot von Mülheim nach Kettwig-Unterwasser zu fahren; wenn er sie dort über Handy anrief und in paar Minuten wartete, würde sie ihn am Anleger abholen.

Er war erstaunt, als sie auf ihn zukam. Eine Frau, die sich völlig verändert hatte, nicht mehr bedrückt und mit gesenktem Kopf daherschlurfend, sondern lebhaft, selbstbewusst, attraktiv und stolz. Aus Laredo hatte sie viel Bräune mitgebracht, die ihr gut stand, und Marholt registrierte eine Reihe neidischer Blicke, nachdem sie ihm um den Hals gefallen war. Er zog sie auf eine Bank herunter. "Bevor wir losgehen, muss ich dir was zeigen."

"Und was?"

"Kennst du diese junge Frau?"

"Ja", antwortete sie zögernd, "das ist doch Debby – oder?"

"Genau, das ist Deborah MacGregor. Und dieser junge Mann ist oder war mein Schulfreund Hans Konradin, allgemein nur Hako genannt. Hako war übrigens unsterblich in Debby verknallt. Er ist jeden Tag nach Düsseldorf gefahren, um sie wenigstens zu sehen oder an ihren freien Abenden in der St.Thomas Gemeinde zu treffen."

"Was willst du damit sagen?"

"Dass ich inzwischen glaube, nicht dein Mann Achim, sondern Hako war der Erzeuger des Kindes, das Debby nach dem Einbruch verloren hat."

"Du hast also mit Achim gesprochen!", sagte sie hart, fast anklagend.

"Ja."

"Er lügt, er hat immer gelogen."

"Kein Widerspruch. Aber das heißt nicht, dass er auch in dieser Sache gelogen haben muss. Dein Ex bestreitet ja nicht, dass er unsterblich in Debby verknallt war, aber sie habe ihn auf Distanz gehalten. Eure Ehe war nicht glücklich, was?"

"Nein", gab sie ohne Zögern zu.

"Er ist fast dreißig Jahre älter als du, nicht wahr?"

"Stimmt."

"Warum hast du ihn geheiratet?"

"Was soll das hier werden? Eine Beichtstunde?"

"Nein, nur der Anfang der Ehrlichkeit."

Sie kaute eine Weile auf ihren Lippen, musste immer wieder ihren großen Strohhut festhalten, weil es vom Wasser in kurzen Böen heraufwehte, und grübelte. Endlich holte sie tief Luft.

"Warum? Ich bin in einer Atmosphäre würdevoller Armut aufgewachsen, zelebriert von zwei verbitterten Menschen, die sich von aller Welt ungerecht behandelt fühlten und für die deshalb der Schein immer wichtiger war als die Wirklichkeit und die Wahrheit. Für den sogenannten guten Ruf opferten sie alles, und das Ergebnis war mir eines Tages nicht mehr genug. Ich wollte mich nicht mit dem Ruf, ehrlich und aufrichtig zu sein, darüber hinwegtrösten, dass ich nie in Ferien gefahren bin und nie die Alpen und das Meer gesehen hatte. Und dann kam da einer, der mir alles bieten konnte, der meine Eltern anflehte, mich heiraten zu dürfen und die mich nur zu gerne an einen Mann verkuppelt haben, der Geld besaß, eine Rolle in der Gesellschaft spielte und mich wie ein kostbares Schmuckstück präsentierte. Seht her, das ist meine Frau, meine Schöne, Unberührte, Kostbare. Im Bett habe ich ihn nicht interessiert, da kannte und besuchte er genug andere, willige, die mehr Erfahrung hatten als ich. Und dann holte er Debby ins Haus. Was sie ihm geboten hat, weiß ich bis heute nicht, aber die Art, wie er um sie herumbalzte, wurde bald unerträglich für mich. Dann fiel mir auf, dass es ihr gar nicht gut ging; ich hatte einen Verdacht und sie hat ihn bestätigt: 'Ja, ich bin schwanger, nein, nicht von Achim. Von wem dann? Das geht niemand was an. Kein Wort habe ich ihr geglaubt und bin bald danach ausgezogen. Na, den Rest mit Holger Udokeit habe ich dir schon erzählt. Warum reden wir über das Thema? Was willst du von mir?

"Ich wollte dich fragen, ob du mir hilfst, Debby zu suchen."

"Wie sollte das gelingen?"

"Dein Ex-Mann hat mir die letzte Rechnung zugefaxt, die er für Debby bezahlt hat. Wir haben einen Termin, und einen Ort, an dem Debby zuletzt gesehen worden ist."

"Das hatte die Polizei auch und hat sie nicht gefunden."

"Ich habe noch etwas mehr als die Polizei damals."

"Was sollte das sein?"

"Den Namen und das Bild des Mannes, der ihr damals wohl geholfen hat."

"Zeig' mal!" Sie riss ihm Hakos Bild aus der Hand und verschluckte sich vor Aufregung: "Wer soll das denn sein?"

"Er heißt Hans Konradin und hatte sich unsterblich in Debby verliebt. Er ist jeden Tag von Mülheim nach Düsseldorf gefahren, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen, und wenigstens einmal ist es nicht beim Sprechen und bei zärtlichen Worten geblieben."

"Na los, Mädchen, nun mach' schon!", knurrte ein Mann, der offenbar schon eine ganze Weile unbemerkt hinter ihrer Bank gestanden und gelauscht hatte. Beide fuhren sie erschrocken herum. Kurt Leuscha grinste sie an und zeigte dabei viele gelblich verfärbte Zähne." Los, auf, auf! Merkst du nicht, dass er den Schatz heben will und dich dazu braucht?"

"Zieh Leine, du Arschloch!", pfiff sie ihn an. Leuscha lachte nur und holte eine kurzläufige Pistole aus einer Jackentasche. "Auf, ihr Hübschen, ich habe lange genug hier gestanden, mir tun die Füße schon weh."

"Und wohin soll es gehen?", erkundigte sich Marholt, dem es vor Wut fast die Kehle zuschnürte.

"Erst einmal in die Wohnung deiner Hübschen. Sie muss doch packen. Schon vergessen!? Ihr fahrt jetzt gleich nach Heidelberg, da ist für die Übernachtung ein kleiner Koffer wohl angesagt."

Notgedrungen gehorchten sie. Das Boot war abgefahren, im Moment gab es kaum Menschen in der Nähe des Anlegers und Leuscha schien zu allem bereit. Sie gingen nebeneinander voran, er folgte ihnen. Es war wirklich nicht weit. Das mehrstöckige Haus lag nur einige hundert Meter vom Ufer entfernt, hinter einigen prachtvollen weißen Villen versteckt. Von den Balkonen der oberen Wohnungen hatte man dennoch einen Blick aufs Wasser. Sie schloss die Haustür auf und schob sie auf, nicht ganz bis nach hinten, sondern gerade nur so weit, dass sie sich nebeneinander hineindrängeln konnten. Drinnen schubste sie Marholt plötzlich unerwartet heftig zur Seite, er taumelte gegen die Reihe von Hausbriefkästen, und sie warf sich mit Wucht gegen die Haustür, die ins Schloss fallen wollte. Leuscha hatte sich von dem Manöver überrumpeln lassen und bekam die Tür-Kante genau ins Gesicht, stolperte nach hinten und verlor das Gleichgewicht, als er mit dem Fuß von der einen Stufe vor dem Hauseingang abrutschte. Dabei kippte er so gelungen nach hinten, dass er mit dem Hinterkopf gegen eine imitierte Marmor-Bodenvase knallte: Die Blumen nahmen Schaden, die Vase nicht, aber wahrscheinlich Leuschas Hinterkopf. Denn als er ganz zu Boden gerutschte war und ausgestreckt dort lag, rührte er sich nicht mehr.

"Toll!", sagte Marholt anerkennend. "Ich muss noch mal raus."

"Warum denn das?"

"Wir können eine Pistole gebrauchen, die auf einen anderen Namen registriert ist."

Kurt der Vorausschauende bewahrte sogar ein zweites voll bestücktes Magazin in der andern Jackentasche. Gut ging es ihm nicht, aber er lebte noch, und Hilfe hatte er nicht verdient. Als sie auf den Aufzug warteten, überlegte Marholt, woher Kurt gewusst hatte, dass es nach Heidelberg gehen sollte.

Karin Demus hatte eine Wohnung im fünften Stock, groß, hell, modern und elegant eingerichtet. Finanziell schien sie wirklich keine Not zu leiden und er erkundigte sich nicht, womit sie sich die Zeit vertrieb. Während sie sich umzog und ein kleines Köfferchen packte, durfte er als gelernter Junggeselle in der Küche die Kaffeemaschine bedienen. "Ob Leuscha unten auf uns wartet?", fragte er sie.

"Soll er, wir fahren in die Tiefgarage durch, und die Ausfahrt liegt auf der anderen Seite des Hauses."

"Falls doch was schiefgeht, könntest du mir vorsichtshalber einen Gefallen tun."

"Und welchen?"

"Du könntest den Anwalt anrufen, der dich seinerzeit vor Gericht verteidigt hat und ihn bitten, mir Auskünfte über den Prozess zu geben, wenn ich bei ihm aufkreuze."

"Warum denn das?"

"Ich habe eine Idee, was die ganzen Ereignisse in Laredo ausgelöst hat und würde mich gerne bei ihm erkundigen, ob sie im Prozess damals eine Rolle gespielt haben."

Das verstand sie zwar nicht, aber sie schrieb ihm Namen und Anschrift und Telefonnummer des Anwaltes auf, und telefonierte dann mit ihm. Er war bereit, "in Grenzen" Auskunft über den Prozess seiner früheren Mandantin zu geben.

Sie kamen ohne Gefolge nach Mülheim, wo er in sein Auto umstieg und sie ihm zu seiner Wohnung folgte. Sie stellte ihren Wagen auf seinen Platz in der Garage. Beim Kofferpacken besaß er Routine, und keine Stunde später steuerten sie schon auf der A 3 an Köln vorbei Richtung Süden.

Nach dem Einchecken im Hotel fuhren sie gleich weiter. Er hatte bei seiner Recherche einen Autoverleih gefunden, der über speziell für Rollstuhlfahrer hergerichtete Autos verfügte. Der Eigentümer besaß eine EDV-Anlage, die auf solche Anfragen geeicht schien. Sie hatten tatsächlich im Handumdrehen einen Konradin auf dem Bildschirm, allerdings keinen Hans, sondern einen Eberhard, was ihnen auch recht war. Ob Eberhard oder Hako, Hauptsache, das Datum stimmte, und der große Meister wollte sich sogar darauf festlegen, das Foto könne durchaus den Mieter Eberhard Konradin vor gut zwanzig Jahren zeigen. Nein, die gelähmte Schwester Dorina, für die der Bruder den Wagen mietete, war nie im Verleih gewesen, dazu konnte er leider nichts sagen. Der junge Mann hatte den Wagen für sechs Wochen gemietet, ohne Protest eine beträchtliche Kaution hingelegt und das Auto schon nach fünf Wochen zurückgebracht. Denn da war, wie er ohne Aufforderung erklärte, von der Werkstatt in Mannheim-Käfertal, die ihm der Verleiher empfohlen hatte, der Neuwagen umgebaut und zugelassen worden. Der redselige Meister rief sogar bei der Firma an und kündigte an, da werde sich ein Paar nach dem Käufer eines Rollstuhltransporters namens Eberhard Konradin erkundigen.

Nach dem Abendessen setzten sie sich an die Hotelbar. Karin Demus war schwer beeindruckt, wie weit Marholt allein mit Telefon- und Internetrecherche gekommen war.

"Danke für die Blumen, aber mich beschäftigt was anderes", sagte er abwehrend.

"Und was?"

"Wo hat Hako die Zeit zwischen dem Einbruch bei deinem Ex und der Flucht mit Debby gesteckt, und woher hatte er das Geld für den Leihwagen und den Kauf und Umbau eines eigenen Gefährts? Vater Konradin war zu der Zeit kein armer Mann, aber die Schwester Brigitte hat mir gegenüber nie erwähnt, dass der Vater oder sie größere Summen an Hans überwiesen haben."

"Du kennst die Schwester?"

"Sicher, Hans und ich waren auf dem Gymnasium befreundet, ich habe natürlich seinen Vater und seine Schwester kennengelernt, und als man mich überredet hatte, das Buch über Hako zu schreiben, habe ich sie gesucht und gefunden. Sie ist verheiratet und heißt Landau."

Sie trank ihr Glas aus und zuckte die Achseln. Sie trieb kein großer Eifer an, Debby oder Hako zu finden. Er hatte im Gegenteil sogar manchmal den Eindruck. dass es ihr unangenehm wäre, wenn sie einen Beweis dafür erhalten würden, dass ihr Ex tatsächlich nichts mit Deborah Mac Gregor gehabt hatte. Und weil Peter Marholt der Mann mit den großen Ideen und dem zielsicheren Tritt in den nächsten Fettnapf war, fragte er halblaut: "Hast du keinen Freund?"

"Was geht dich das an?!", zischte sie.

"Gar nichts."

"Dann erwartest du nicht im Ernst eine Antwort?"

"Nein."

"Das ist gut. Denn dann wirst du nicht zu enttäuscht sein, wenn ich meine Zimmertür heute Nacht absperre."

"Nein."

Was zum Teufel war in sie gefahren?

22.

Beim Frühstück am nächsten Morgen tat sie so, als sei gestern nichts vorgefallen. Marholt hatte sich noch vor seinem Besuch bei Karin Demus mit einem ehemaligen Klassenkameraden verabredet, der am Krebsforschungszentrum arbeitete und sich für sie eine Stunde freigenommen hatte. Er kannte Hako noch persönlich und staunte nicht schlecht, als Marholt seine Theorie vortrug, Hako sei mit seiner querschnittsgelähmten Freundin unterwegs.

"Ist Hako Mediziner?", fragte er schließlich.

"Nein, nicht, dass ich wüsste", erwiderte Marholt verwundert.

"Hat er einen Beruf aus dem Pflegebereich? Physiotherapeut, Krankengymnast oder Ergotherapeut?"

"Glaube ich nicht. Warum fragst du?"

"Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Laie mit einer querschnittsgelähmten Frau einfach so durch die Lande zieht. Er wird bald professionelle Hilfe brauchen. Und nach Schlierbach traut er sich wohl nicht mehr so bald."

"Du meinst also ..."

"Dass er mit seiner Freundin nicht weit von einer medizinischen Einrichtung lebt, bei der er rasch Hilfe finden kann."

Der Gedanke war nicht schlecht und deshalb fuhren Marholt und Karin Demus nach Mannheim, fanden dank des Navis auch die Werkstatt in Käfertal und unterhielten sich mit Meister Johann Lönns, der den Computer anwarf und ihnen nicht viel weiter helfen konnte. Das umgebaute Auto war zugelassen worden auf Hans Konradin mit einer Wohnanschrift in Mülheim/Ruhr und hatte ein Übergangskennzeichen erhalten.

"So ein Transporter plus Umbau war doch bestimmt nicht billig", fragte Marholt und der Meister lachte auf: "Das dürfen Sie laut singen."

"Ob Ihre Unterlagen noch hergeben, wie Hako – das war der Spitzname des jungen Mannes – das Wunderwerk bezahlt hat?"

"Gar nicht", brummte Lönns.

"Wie bitte?"

"Als er kam, um den fertigen und zugelassenen Wagen abzuholen, war er in Begleitung. Ein Paar kam mit. Der ältere Mann und die jüngere Frau sprachen Englisch. Dieser Konradin musste dolmetschen. Der Engländer hat bar bezahlt."

"Daran können Sie sich noch erinnern?"

"Und ob. Ich hatte noch nie fast vierzigtausend Mark in Scheinen gesehen. Den Haufen hat hier keiner vergessen. Und ich musste das Geld hinterher zu unserer Bank bringen. Der Kassierer, so ein Scherzkeks, hat mich noch gefragt, welche Sparkasse ich gerade überfallen hätte."

"Den Namen des englischen Barzahlers wissen Sie nicht mehr zufällig noch?"

"Nein ..." Dann zögerte er und fuhr unsicher fort: "Halt, doch, da war was Komisches. Der junge Mann, auf den der Wagen zugelassen worden war, fragte die Frau, ob das alles nicht viel zu teuer gewesen geworden sei. Aber sie hat ihn beruhigt: 'Erstens hat der Lord genug Geld, und zweitens schuldet er uns Mädchen noch eine Menge.'"

"Das haben Sie richtig verstanden?"

"Ja, doch", sagte Meister Lönns etwas gekränkt. "Die Frau sprach Deutsch, zwar schlecht und mit Fehlern, aber man konnte sie gut verstehen."

Wer mochte das Paar gewesen sein?

Die richtige Idee kam Marholt auf der Fahrt zurück nach Heidelberg. Vom Hotel aus rief er sofort Ohana MacGregor in Laredo an. Sie stand schon bei Paco an der Bar und hatte, wie sie leise erläuterte, einen Neuen "zur Probe" geangelt. "Que hay?"

"Kannst du dich noch an eine Werkstatt in Mannheim-Käfertal erinnern? Und an einen Meister Johann Lönns?"

"Möglich."

"Wer war der Lord, der das Auto für deine Schwester bezahlt hat?"

Sie lachte: "Das war Lord Jim. Ralph Sheridan. Der Bruder meiner Mutter und Debbys Patenonkel."

"Ach nee. Und wieso hat er euch Mädchen Geld geschuldet?"

"Kein Geld, muchacho. Entschädigung. Er hat uns beiden so oft unter die Röckchen gegriffen, dass meine Mutter ihn rausgeworfen hat. Erbschaft und Reichtum ade. So, und nun ist Schluss, Paco bringt gerade eine neue Ladung Tapas. Viel Glück." Und damit war das Gespräch unterbrochen.

"Das hätte das Luder auch ruhig früher erzählen können!", schimpfte er so laut vor sich hin, dass Karin ihn verstand.

"Wer hätte was früher erzählen sollen?", fragte sie neugierig.

"Ohana. Dass sie meinen Freund Hako so gut kannte."

"Wer ist Hako?"

"Hans Konradin."

Sie zuckte zusammen und schaute dann so angestrengt an ihm vorbei, dass er auf gut Glück einen Pfeil abschoss.

"Sag' bloß, du hast Hako auch gekannt!"

Sie überlegte lange und murmelte dann: "Ja, habe ich."

"Mich laust der Affe. Wann, wo und wie hast du ihn kennengelernt?"

"Er hat mir geholfen, aus einem Blumenbeet aufzustehen."

"In das ein gewisser Holger Udokeit dich gestoßen hatte, als er aus dem Haus van Borgh stürmte?"

"Woher weißt du?"

"Ich habe mich erkundigt", sagte er trocken. Er hatte keine Lust, ihr in allen Einzelheiten zu erzählen, was er in den vergangenen Wochen getrieben und mit wem er gesprochen hatte.

"Würdest du mir noch verraten, ob es bei der einmaligen Begegnung mit Hako geblieben ist."

"Ist das wichtig?", zierte sie sich.

"Nein. Aber je mehr ich über Hako erfahre, desto rascher kann ich mein Buch abschließen."

"Nein, wir haben uns auch nach dem Abend noch gesehen", gab sie zu und vermied es, ihn anzusehen. Nun war seine Neugier endgültig geweckt. "Wenn du Kaffee bestellst, könnten wir mal versuchen, gemeinsam ein paar Lücken in meiner Geschichte zu schließen."

Sie brauchte mehrere Minuten, sich zu entscheiden, dann nahm sie das Telefon hoch und bestellte Kaffee aufs Zimmer. Marholt rückte Tisch und Stühle zurecht, baute sein kleines Tonband auf und legte sich die Unterlagen parat. Sie betrachtete ihn gespannt.

Auf die ersten Fragen antwortete sie ohne Zögern. Nein, Achim ging nicht jede Woche zum Treffen seiner, wie er es nannte, "Zunftkollegen", sondern nur jeden zweiten Montag.

"Debby hatte am Montag ihren freien Abend?"

"Ja."

"Ist sie jeden freien Abend weggegangen?"

"Meistens. Aber an dem Montag, an dem eingebrochen wurde, war sie nicht weggegangen, sie lag mit einer schweren Erkältung im Bett."

"Das hast du gewusst?"

"Nein, geahnt. Ich hatte morgens bei Achim angerufen, sie hat abgenommen und hatte eine Stimme so dick von Schnupfen, dass ich sie kaum verstanden habe."

"Hast du das deinem Freund Holger mitgeteilt?"

"Nein, an dem Tag habe ich ihn gar nicht gesprochen oder gesehen."

Andernfalls, so vermutete Marholt, wäre Udokeit wohl nicht bei van Borgh eingestiegen.

"Wann bist du denn zur Villa deines Mannes gefahren?"

"Ich bin dort gegen 22 Uhr eingetroffen."

"War Achim denn zu der Zeit schon zu Hause?"

"Manchmal. Wenn der Abend langweilig wurde oder er einen harten Tag im Geschäft gehabt hatte. Aber manchmal ist er auch erst gegen Mitternacht nach Hause gekommen, dann hatte er oft starke Schlagseite und leichte Sprachprobleme."

"Frauen waren auf diesen Abenden nicht zugelassen?"

"Doch, wenn sie Meisterinnen waren und ein eigenes Geschäft betrieben."

"Aber du bist dort nie eingeladen gewesen?"

"Nein."

"Du hast dann gegen 22 Uhr mehrmals an der Haustür geklingelt. Dachtest du, Achim würde öffnen?"

"Nein. Dass Achim schon zurück war, habe ich nicht angenommen. Aber Debby war, wie ich mir dachte, zu Hause und würde an die Tür kommen."

"Was wolltest du denn in der Villa?"

"Mir ein paar Sachen aus meinem Zimmer holen, die ich beim Auszug vergessen hatte."

Er musterte sie ein paar Sekunden skeptisch, beschloss dann aber, nicht zu sagen, was er vermutete.

"Okay. Im Hause gab es Geräusche, schließlich wurde die Tür aufgerissen, ein Mann kam herausgestürmt und hat dich über den Haufen gerannt. Richtig?"

"Richtig!"

"Der Mann war Holger Udokeit?"

"Ja."

"Er hat dich nicht erkannt?"

"Nein."

"Und du hast ihn auch nicht erkannt?"

"Nein."

"Na schön. Er ist fortgelaufen. Hatte er was in der Hand?"

"Wie meinst du das?"

"Hör mal! Er war in die Villa eingebrochen, um einen Tresor auszuräumen. Da sollte man doch vermuten, dass er einen Sack, eine Tasche, einen Beutel mit der Beute mitgenommen hat. Oder mit seinem Werkzeug."

"Das hat man mich schon hundert Mal gefragt. Ich weiß es nicht. Schlicht und einfach, ich weiß es nicht. Es ging alles so schnell. Ich war auch mächtig erschrocken, das kannst du mir glauben, darauf habe ich am wenigsten geachtet."

"Aber daran, dass mein Freund Hako dir auf die Beine geholfen hat, kannst du dich wieder erinnern?"

"Ja, das kann ich."

"Versuche doch mal zu schätzen, wie viele Minuten zwischen dem Anrempler und deinem Sturz in das Blumenbeet und Hakos Erscheinen vergangen waren."

Sie gab sich Mühe, zuckte aber nach einiger Zeit hilflos die Achseln. "Tut mir leid, Peter, das kann ich nicht. Ein, zwei Minuten, mehr wohl nicht."

"Das würde heißen, als alles passierte, hielt sich Hako nicht weit entfernt von der Villa auf."

"Bestimmt nicht weit. Vielleicht auf der anderen Seite im Garten oder auf der Veranda."

"Hm."

"Glaubst du mir nicht?"

"Hm. Aber wie es weiterging, daran kannst du dich noch erinnern?"

Seine unverhohlene Skepsis ärgerte sie. Ihr Blick verfinsterte sich, und als er keine Anstalten machte, sich zu entschuldigen oder etwas zu erklären, schob sie ihren Stuhl zurück: "Das Verhör ist beendet. Jetzt bin ich müde und möchte etwas schlafen. Bis heute Abend."

Marholt grinste erst, als sich die Zimmertür hinter ihr geschlossen hatte. Sie konnte nicht wissen, dass sie seinen Verdacht durch ihr Verhalten ungewollt bestätigt hatte. In der Zeittafel des bewussten Montags war ihm für eine Person eine Lücke aufgefallen, und genau, als er diese Lücke ansteuerte, begann sie zu mauern.

Er rief Brigitte Landau an und erreichte sie noch in ihrer Mittagspause: "Sag mal, Gitte, an dem bewussten Montag ist Hans abends nicht mehr nach Hause gekommen?"

"Nein, das weißt du doch!"

"Hat er dir irgendeine Nachricht zukommen lassen, was mit deinem Auto geschehen war oder geschehen sollte?"

"Nein, nichts und nie."

"Ist der Wagen je gefunden worden?"

"Nein."

"Was ist mit den Wagenpapieren? Sind die je aufgetaucht?"

"Nein."

Als Marholt eineinhalb Stunden später auf ihrem Zimmer anrief, nahm niemand ab. Nach mehreren Versuchen gab er es auf und ging zur Rezeption hinunter. Frau Karin Demus hatte das Hotel vor einer Stunde verlassen, ihr Zimmer bezahlt, aber für ihn keine Nachricht hinterlassen. Na schön, ganz, wie sie wollte. Er würde ihr nicht nachlaufen.

Immerhin geruhte sie, sich am Handy einzustellen, als er sie anrief.

"Wo ich in Düsseldorf gewohnt habe, als ich aus der Villa weggezogen war? Warum willst du das wissen?"

"Nur so." Auf die Schnelle war ihm keine vernünftige Ausrede eingefallen.

"'Nur so' meine ich, das geht dich nichts an." Donnerwetter, da schmollte jemand noch mächtig. Aber er brauchte sie nicht unbedingt. Der Redakteur Wolfgang Stücken saß an seinem Platz und hatte Zeit, in seinen Computer zu schauen.

"Vor und während ihres Prozesses? Moment, gleich hab' ich's ... Uhlandstraße 39."

"Danke. Ich melde mich bald wieder bei Ihnen."

23.

Am nächsten Vormittag fuhr er nach Mülheim zurück. Und diesmal wurde ihm um Köln herum der berüchtigte Stau zuteil, der seine Laune nachhaltig beeinträchtigte. Kurzentschlossen bog er später nach Düsseldorf ab und ließ ich vom Navi in die Uhlandstraße führen. Die nächste sicher erfolgreiche Erfindung für den Autofahrer wäre ein Parkplatz-Navi mit bevorzugter Darstellung der gebührenfreien Plätze. Im Haus Nummer 39 klingelte er auf gut Glück und die ältere Frau, die ihm öffnete, gab bereitwillig Auskunft. Nein, die Frau Demus war schon vor "langer Zeit" nach Kettwig verzogen, hatte ganz oben gewohnt, im vierter Stock, bis ...

"Ja, bis wann?"

"Sie musste doch ins Gefängnis."

Marholt starrte sie an. Daran hätte er denken sollen. "Was ist denn mit den Sachen aus ihrer Wohnung geschehen?"

"Die hat der Mann abholen lassen und irgendwo eingelagert. Aber das weiß ich nicht so genau. Fragen Sie doch mal die Frau Niegel, die ist in die Wohnung eingezogen, die kann Ihnen vielleicht helfen."

Mit einem seltsamen Gefühl im Magen stieg er in den letzten Stock hoch und klingelte mehrfach an der Wohnungstür. Drinnen klappte eine Zimmertür und eine Frau rief ärgerlich: "Ja, ja, ich komm' ja schon."

Dann wurde die Wohnungstür geöffnet und ihm fiel vor Erstaunen die Kinnlade herunter. Vor ihm stand, nur mit einem winzigen schwarzen Bikini bekleidet, Verena Niegel und schwenkte einen Arm, an der rechten Schulter behindert durch ein massives Metallgestell und einen riesigen Gipsverband, die ihren rechten Arm ruhig stellten.

"Ach nee, du!", sagte sie zur Begrüßung, über Marholt alles andere als erfreut.

"Wen hattest du erwartet? Leuscha?"

"Der ist zwar auch ein Saftarsch, aber mir immer noch lieber als du."

Marholt deutet fragend auf ihren Arm: "Der Stein in Laredo de la boca?"

"Ja."

"Ich glaube, ich weiß, wer ihn geworfen hat, aber das ist ein arbeitsloser Landarbeiter, bei dem ist, abgesehen von einem Motorrad, wenig zu holen."

"Was willst du?"

"Eigentlich möchte ich nur von dir hören, wie du in diese Wohnung gekommen bist."

"Ich habe im Moment nichts zu verschenken, weder Auskünfte noch Zeit. Und gleich kommt ein Kunde."

"Ein Perverser?", rutschte Marholt heraus.

"Willst du zuschauen? Das kostet aber."

"Nein, danke."

"Komm schon rein, ich stehe nicht so gern so lange. Aber jede Auskunft kostet."

"Einverstanden."

Sie grinste zufrieden. In dem kleinen Wohnraum hatte sie sich neben einem Sessel eine Art Gerüst aus Kisten und Getränkekästen zusammengeschoben, auf dem sie ihren Arm ablegte, sobald sie saß.

"Also?"

"Wann bist du hier eingezogen?"

"Sobald die Demus in U-Haft saß."

"Hat dich jemand aufgefordert oder gebeten, hier einzuziehen?"

"Ja."

"Und wer?"

"Der Name kostet fünfzig Euro."

Er holte den Schein heraus und sie grinste wieder. "Den darfst du mir tief in den BH schieben."

"Danke, darauf verzichte ich gerne."

"Achim van Borgh hat mich gebeten, hier einzuziehen, er wollte die Möbel und Karins Klamotten abholen lassen."

"Und was solltest du hier?"

"Nachsehen, ob Karin hier versteckt hatte, was man ihm aus dem Tresor gestohlen hatte."

"Dann kanntest du Borgh. Woher?"

"Noch mal fünfzig?"

Notgedrungen nickte er. Es gab halt Manuskripte, an denen man einfach nichts verdiente.

"Achim war nicht nur Kunde im Palais d'amour, sondern über einen Strohmann auch Miteigentümer."

"Fünfzig für den Namen des Miteigentümers?"

"Okay. Karl August Schimmel, genannt der Schwarze Hengst."

Marholts Brieftasche würde bald an Schwindsucht den Geist aufgeben.

"Und. Hast du gefunden, was Borgh hier suchte?"

"Nein, kein Stück."

"Wie passt dein Freund Kurt Leuscha in diese Geschichte?"

"Borgh hat ihn angeheuert, damit er nach Laredo fährt und Karin in die Mangel nimmt. Ich wurde als Kurts Freundin engagiert, damit er nicht so auffiel."

"Und woher kannte Borgh ihn?"

"Das weiß ich nicht. Ich glaube, Leuscha war ein harter Hausmeister und -Techniker im Bienenkorb."

"Bienenkorb?"

"So wurde ein Puff direkt neben der Bahn kurz vor dem Hauptbahnhof bezeichnet. Man konnte vom Zug aus in die Fenster schauen."

"Und der Bienenkorb gehörte ..."

"Zu einem Drittel Achim van Borgh, ja, das wolltest du doch hören."

"Nicht direkt, sondern über den Schwarzen Hengst."

"Richtig. Und jetzt musst du abhauen, ich kriege gleich Besuch." Einen Moment schaute sie nicht wie eine Nutte drein, sondern wie eine kranke Frau mit Schmerzen: "Mit dem Arm bin ich zu nichts mehr nutze, und deshalb darf ich zusehen, wie ich ohne Hilfe über die Runden komme."

"Eine letzte Frage noch: Was ist aus Uwe Lindner geworden?

"Er ist trotz der Operation in Madrid gestorben."

Auf der Treppe begegnete ihm eine auffällig hübsche junge Dame, die ihn neugierig musterte. Sie war höchstens zwanzig, sehr diskret gekleidet, was ihre attraktive Figur nur noch herausstrich. Weil es nach Vanessas Wohnung nicht weiter nach oben ging, blieb er einen Absatz tiefer stehen und lauschte. Die Schöne klingelte bei Vanessa Niegel, die sehr rasch öffnete.

"Hei, Vanessa."

"Hei Jessi."

"Störe ich?"

"Ehrlich gesagt, ja. Ich erwarte jeden Moment einen Kunden."

"Tut mir leid. Aber Achim hat gedrängt, dir das sofort zu bringen."

Achim? Marholt spitzte die Ohren – ein zugeklebter Briefumschlag wurde aufgerissen, Papier raschelte, dann sagte Vanessa halblaut: "Scheiße. Du kannst Achim bestellen, dass ich den Brief eine halbe Stunde zu spät gelesen habe. Der Scheißkerl war heute schon hier."

"Pech! Ich werd's ihm ausrichten."

Ob er mit "Scheißkerl" gemeint war? Marholt lief leise die Treppe hinunter und hatte sich gerade auf der Straße in einen Hauseingang verzogen, als die Hübsche aus dem Haus Nummer Nr. 39 trat und über die Straße auf ein dunkles Coupé zuging und sich hinter das Steuer setzte. Solche Chancen sollte man sich nicht entgehen lassen, er wendete halsbrecherisch über die Fahrbahn und hing sich hinter den dunklen BMW. Zum Glück fuhr die junge Dame sehr langsam und sehr vorsichtig. Die Reise ging Richtung Innenstadt, der Verkehr wurde dichter und er riskierte, näher aufzuschließen.

In der Schadowstraße bremste sie in der zweiten Reihe, ein älterer Mann warf sich auf den Beifahrersitz, beugte sich zu Jessi hinüber und küsste sie kurz. Nach dem ersten Hupen des Hintermannes fuhr sie los. Den Mann, der zugestiegen war, kannte Marholt: Das war Achim van Borgh gewesen. Eine weitere Verfolgung schenkte er sich, der Juwelier wohnte in Oberkassel, wie er von Borghs Visitenkarte wusste. Das Navi führte ihn auf, wie er fand, abenteuerlichen Wegen nach Mülheim in sein trautes, aber leeres Heim, in dem nur das Faxgerät gerade Geräusche produzierte. Meister Lönns hielt Wort und faxte ihm alles zu, was er an Unterlagen über Hakos Behindertenwagen besaß. Darunter befand sich auch das Übergangskennzeichen, mit dem Hako in Mannheim-Käfertal losgefahren war.

Brigitte Landau traute sich zu herauszufinden, wo das vorläufige Kennzeichen gegen ein endgültiges ausgetauscht worden war, und wo der Wagenhalter jetzt lebte. "Wohnt da mein Bruder?"

"Möglich", sagte er vorsichtig.

"Wenn du hinfährst, nimmst du mich doch mit?!"

"Gitte, darüber müssen wir reden, wenn ich weiß, was uns dort erwartet."

"Versprochen?"

"Hundert pro!"

Karin Demus grummelte: "Ganz recht, ich habe wenig Interesse daran, diese Debby zu finden; mit der hat doch mein Unglück begonnen."

"Wirklich? Oder hat das nicht in dem Moment begonnen, als du einen älteren Mann geheiratet hast, den du nicht geliebt hast, aber dessen Geld dir und deinen Eltern gefallen hat?"

Sie fauchte nur etwas Unverständliches und knallte den Hörer hin. Da hatte er ja einen bemerkenswert großen Fettnapf erwischt.

24.

Karl-August Schimmel war sogar im Internet vertreten. "Carolus-Augustus Finanzmakler GmbH Eugen Schimmel" mit einer Adresse in der Essener Innenstadt.

Das letzte Telefonat des Tages führte er mit Vanessa Niegel in der Uhlandstraße: "Was willst du denn noch?", knurrte sie ihn gereizt an.

"Als ich gerade gegangen war, hast du Besuch von einer Jessi bekommen. Ich hab euch zufällig noch sprechen hören."

"Ja, und?"

"Wer ist diese Jessi, wie heißt sie richtig und wo kann ich sie finden?"

Die Antwort überlegte sie sich lange. Dann schlug sie vor: "Eine Hand wäscht die andere?"

"So sagt man, ja."

"Du hast doch Bekannte in Laredo. Irgendwo muss noch Lindners Auto stehen. Ob deine Bekannten das in Sicherheit bringen können, bevor die Polizei es findet und beschlagnahmt?"

"Okay, geht in Ordnung." Was sie gerne mit dem Auto machen würde, konnte er sich gut vorstellen.

"Sie heißt Jessica Vogel und ist die momentane Bettwärmerin des lieben Achim van Borgh. Wo sie wohnt, weiß ich nicht. Angeblich studiert sie in Düsseldorf."

"Dem Alter nach könnte sie doch Achims Tochter sein!"

"Tochter?... Enkelin." Boshaftigkeit kannte keine Grenzen.

25.

Marholt erreichte am nächsten Vormittag tatsächlich Paco und konnte seinen Wunsch vortragen. Paco versprach, sein Bestes zu tun, gab sich aber eher pessimistisch. Lindners Tod hatte sich herumgesprochen und das mittägliche news-Gerücht in seiner Bar behauptete, die Polizei verdächtige Juanito und seine Freundin Pola, den tödlichen Stein geworfen zu haben.

"Moment, Pedro, ich muss nach hinten. Hier sind gerade Deutsche gekommen."

Paco ging durch die Hintertür aus der Küche auf den Hof, um ungestört sprechen zu können: "Kannst du dir vorstellen, warum Juanito, dieser Schwachkopf, mit Steinen auf Menschen schmeißt?"

"Man wird ihm dafür Geld geboten haben, denke ich mir."

"Das könnte sein. Aber wer?"

"Das kann ich nicht sagen. Aber hier ist noch eine Menge los. Wir reden mal darüber, ich komme sicher noch einmal nach Laredo."

"Okay, Pedro, und bis dahin versuche ich, ein Auto zu finden und zu verstecken."

"Grüße Maria Jesus von mit und sage ihr, so gute Tapas wie bei euch findet man nirgends."

Danach rief er Karin Demus an, aber dort meldete sich nur der Anrufbeantworter. Zu tun hatte er genug. Er liebte das einschläfernde Rotieren der Waschmaschinentrommel und als er zum ersten Mal hochschreckte, weil er tatsächlich eingenickt war, ließ er die restliche Wäsche Wäsche sein und gönnte sich eine Bötchenfahrt auf der Ruhr nach Kettwig. Karins Haus fand er auf Anhieb wieder, aber auch nach mehrmaligem Klingeln öffnete sie nicht. Warum er plötzlich auf die benachbarte Klingel drückte, wusste er nicht. Eine seltsame Unruhe hatte ihn gepackt. Der Nachbarin spielte er Theater vor: Er verstehe das nicht, er sei fest mit Karin Demus verabredet und bis jetzt habe sie sich noch nie verspätet. Was immer die Nachbarin sich dabei dachte, sie war so entschieden wie energisch und hatte für alle Fälle einen Schlüssel zur Nachbarwohnung.

"Ich möchte nur sicher sein, dass ihr nichts passiert ist. In Spanien hatte sie manchmal merkwürdige Anfälle und ist einfach umgekippt."

"Sie haben Karin in Spanien kennengelernt?"

"Ja, in Laredo de la boca."

"Himmel, wo liegt denn das?!"

26.

Karin Demus war nicht nach einem erfundenen Anfall umgekippt, sondern nach einem Messer- oder Dolchstich in die Brust, schätzungsweise vor einer Stunde. Sie lag im Wohnzimmer vor der Couch auf dem Boden und eine umgestürzte Vase hatte zuerst das Wasser und dann die Blumen dekorativ über sie verteilt.

"Viel später hätten Sie nicht kommen dürfen", meinte der Notarzt, als die Patientin abtransportiert wurde. Der Rest des Tages war gelaufen. Die Polizei nahm ihn mit ins Präsidium, und dort erzählte er, wann und wie er Karin Demus an einem spanischen Mittelmeerstrand kennengelernt hatte. Die ganze Geschichte von Ohana und Debby MacGregor, Achim van Borgh, von dem in Madrid verstorbenen Deutschen Uwe Zindler verschwieg er. Gut möglich, dass die junge Kommissarin, die das Protokoll aufnahm, argwöhnte, er verschweige etwas oder auch viel. Er hatte auf die Frage, ob er vorher schon einmal in der Wohnung gewesen sei, prompt mit "Ja" geantwortet, aber auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, wer und warum Karin Demus niedergestochen habe, genau so prompt "Nein" erwidert. Er wollte raus hier, und die Rettung kam überraschend in Form eines gleichaltrigen Mannes, der den Raum betrat und staunte: "Ich glaube es nicht, Peter Marholt. Was machst du denn hier?"

"Helmut Thielen, das gibt es doch nicht, was hast du hier zu suchen?"

Die junge Kommissarin mischte sich voller Missbilligung ein: "Herr Thielen ist der zuständige Staatsanwalt."

Das unerwartete Auftauchen des früheren Schulkameraden rettete wenigstens den Abend. Sie tauschten Adressen und Telefon-Nummer, Marholt schwor bei allen Schulgeistern, dass er das Ruhrgebiet nicht verlassen werde, ohne vorher Bescheid zu geben.

Ohne Auto zum Anlieger nach Mülheim zu kommen, wo er seinen Wagen abgestellt hatte, war eine regelrechte Expedition. Ziemlich erschlagen kam er in seine Wohnung und gönnte seiner Wäsche noch eine Nacht in schmutzigem Zustand.

27.

Brigitte Landau rief während des Frühstücks an: "Ich habe einen Namen und eine Anschrift in Miltenberg."

"Dann lass mal hören ... nein, wie versprochen, ich melde mich bei dir."

Die Telefonauskunft verband ihn sofort mit Hans Konradin in Miltenberg, und nach dem dritten Klingeln hob eine Frau ab und sagte: "Ja, hallo!"

Das zweite Wörtchen verriet, dass ihre Muttersprache nicht Deutsch gewesen war und deshalb bemühte Marholt sein bestes Englisch: "Guten Tag, mein Name ist Peter Marholt, ich würde gerne mit Hako sprechen."

"Mit wem?"

"Mit Hans Konradin."

"Einen Moment, ich muss meinen Mann erst rufen."

Drei Minuten später sagte ein Mann erstaunt: "Konradin. Wer sind Sie?"

"Hei, Hako, ich bin Peter, Peter Marholt."

"Ich werd' verrückt. Wie hast du mich gefunden?"

"Über den behindertengerechten Wagen aus einer Werkstatt in Mannheim-Käfertal."

"Und warum hast du mich gesucht?"

Die Frage verwunderte ihn, aber er blieb lieber bei der Wahrheit: "Weil ich in Spanien im Urlaub zufällig eine Deutsche kennengelernt habe, Karin Demus."

"Ach nee. Wie geht es denn der?" Das klang ziemlich mürrisch und abweisend.

"Schlecht, sie ist gestern in ihrer Wohnung überfallen und niedergestochen worden."

"Verdammt, weiß man, wer es war? Und warum?"

"Nein, bisher noch nicht. Hako, ich würde mich gern mit dir einmal länger unterhalten. Es gibt eine Menge zu erzählen und wenn es dir recht wäre, würde ich gerne Brigitte mitbringen."

"Hm."

"Keine Sorge, sie weiß von Debby MacGregor und eurem glorreichen Abgang aus der Klinik in Schlierbach."

"Weiß sie auch, dass ich mit Debby verheiratet bin?"

"Nein, das weiß wohl keiner deiner früheren Freunde und Bekannten. Auch Ohana nicht."

"Du kennst Ohana?"

"Ja, sie lebt in Laredo de la boca und dort habe ich auch Karin Demus kennengelernt."

"Hm. Hast du eine Anschrift und eine Telefonnummer meiner Schwester?"

"Sie hat geheiratet und heißt jetzt Landau, Brigitte Landau. Hast du was zu schreiben?"

"Ja. Leg los!"

Er diktierte Gittes Anschrift und Telefonnummer. Hako murmelte: "Ich denke, ich sollte zuerst sie mal anrufen."

"Tu das!"

"Gib mir deine Nummer und deine Anschrift bitte."

Marholt schnaufte erleichtert, als er auflegte. Hako hatte die Frage, warum Peter ihn gesucht hatte, zum Glück nicht wiederholt. Eine Ausrede hatte er nicht vorbereitet und alles am Telefon zu erklären, wäre verdammt mühselig geworden. Dann stutzte er. Aber seltsam war es doch. Da rief nach gut zwanzig Jahren ein alter Schulfreund aus heiterem Himmel an und erklärte auch noch, er habe ihn gesucht. Und Hako wollte mit keiner Silbe wissen, warum Freund Peter jetzt, nach dieser langen Zeit, ihn ausfindig machte. Marholt setzte sich, schüttete den Rest kalt gewordenen Kaffee ein und grübelte. Es gab eine logische Erklärung für alles, doch die war so unglaublich, dass er sie zwar notierte – gute Einfälle sollte man nicht verloren geben – aber sofort zur Seite legte.

Mit seinem Versuch, am Telefon etwas über Karins Zustand zu erfahren, scheiterte er grandios und nahm sich deswegen den letzten Namen in seinem Vergangenheitspuzzle vor, den Schwarzen Hengst oder Karl-August Schimmel, der sich lieber Eugen nannte.

Diesmal ließ er absichtlich das Auto stehen und nahm die Bahn nach Essen. In Schimmels Büro, das in Sichtweite des Grillo-Theaters lag, begegnete ihm ebenfalls ein bekanntes Gesicht. Das heißt, sie erkannte ihn sofort, er musste einige Zeit überlegen, bis das Zehn-Cent-Stück fiel. Sonja Friese, Schwester seines ehemaligen Klassenkameraden Heiner Friese, der das letzte Treffen organisiert hatte. Sie trug eine Art Bürouniform der erfolgreichen Managerin, einen extrem kurzen und engen Rock, den sie sich bein- wie hüftmäßig leisten konnte, und ein teuer aussehendes Seidenshirt, das ihre prachtvolle Oberweite sehr vorteilhaft modellierte. Als sie ihn sah, deutete sie einen Knicks an und spottete: "Alte Liebe rostet doch nicht."

Er brauchte ein paar Sekunden, bis er sie wiedererkannte, was ihr nicht entging, und konnte gerade noch rechtzeitig, bevor daraus eine Verstimmung erwuchs, ebenfalls flaxen. "Nein, auch hier gilt der weise Spruch: 'Besser spät als nie; wo habe ich das vor kurzem gehört?'"

"Vor Weihnachten. Im Fernsehen. Der kleine Lord."

"Treffer. Hei, Sonja." Sie umarmten sich und die junge Frau am Empfang amüsierte sich.

"Was führt dich nun wirklich zu mir?"

"Zu Karl-August Schimmel."

"Der hat gerade zwei schwierige Kunden im Zimmer. Kannst du nicht mit mir vorliebnehmen?"

"Kommt darauf an." Er winkte sie heran, dass er ihr ins Ohr flüstern konnte: "Bienenkorb und palais d'amour und Achim van Borgh."

"Ach du meine Güte, alle unsere Sünden auf einmal." Sie trat einen Schritt zurück und musterte ihn streng. "Hast du etwas Zeit? Dann würde ich dir vorschlagen, wir fahren zu mir. Da können wir ungestört reden."

Fast hätte er gelacht. Mit genau dem Satz hatte sie ihn in das Wochenendhaus ihrer Eltern gelockt. Es war nicht beim Reden geblieben. Sie stellte noch Wasser für Assam-Tee auf, der damals angesagt war, setzte sich schwungvoll auf seinen Schoß und knöpfte ihre Bluse auf. Als die letzten Hüllen fielen, war es gerade Zeit, den Tee aus der Kanne abzugießen. Sie verbrühten sich noch die Zungen beim Probeschluck und sausten dann nach nebenan, wo die Betten standen. Es wurde ein langer Nachmittag, an dem sie mehrfach Tee kochten und sie ihm erotische Tricks und Techniken beibrachte, die er noch nicht kannte, so dass sie schließlich auch zu ihrem Höhepunkt kam. Den Nachmittag hatte er nie vergessen, aber die Beziehung zu Sonja Friese hielt nicht lange. Warum sie auseinandergingen, wusste er schon gar nicht mehr. Vielleicht hatte es gar keinen bestimmten Anlass gegeben, aber immer nur Sex, Sexspielchen und gemeinsame Pornaufnahmen mit Selbstauslöser reichten ihm auf Dauer nicht. Sie trennten sich ohne Verstimmung, er vergaß sie bald und wunderte sich, als Bruder Heiner ihm beim Jubiläumstreffen herzliche Grüße von seiner Schwester Sonja ausrichtete. Marholt war ja, wie er genau wusste, nicht der einzige gewesen, dem Sonja lebensnahen Unterricht erteilte. Und Hako, dem sie auch Unterricht erteilt hatte, meinte sogar, sie nähme Geld von älteren Männern. Das fand Marholt etwas gehässig, aber Gerüchte dieser Art liefen schon lange um. Sonja liebte das Geld, das war allgemein bekannt. Und sie war zwar unverfroren, aber auch eine gute Schülerin.

Heute wohnte sie in Stadtwald in einem kleinen Einfamilienbungalow. Als sie vor ihm herging und die Türen öffnete, schwenkte sie verführerisch ihre ansehnliche Hinterfront, drehte dabei den Kopf zu ihm um und lachte ihn offen an. Sie wusste und hatte es gewollt, dass er ihren Po bewunderte. Und als sie dann sagte: "Dieser Rock ist doch verdammt unbequem, ich hoffe, es stört dich nicht" und mit diesen Worten begann, sich aus der engen Stoffröhre herauszuwinden. Marholt fand, dass es an der Zeit war, möglichen Missverständnissen vorzubeugen: "Sonja, ich bin nicht mitgekommen, um mit dir zu bumsen, sondern weil ich mich mit dir über den Schwarzen Hengst und über Achim van Borgh unterhalten wollte."

"Aha. Aber das eine schließt das andere doch nicht aus."

"Nein. Können wir zuerst reden?"

"Meinetwegen." Sie deutete auf eine Couch. "Was zu trinken?"

"Ja, gerne, hast du einen Sherry?"

"Nichts Härteres?"

"Nein, lieber nicht." Sie setzte sich auf Tuchfühlung neben ihn, und legte, nachdem sie sich zugetrunken hatte, seine Hand auf ihren nackten Oberschenkel. "Also, was willst du wissen?"

"Ich war in Laredo de la boca, um ein Manuskript zu Ende zu schreiben, und habe am Strand eine Karin Demus kennengelernt."

"Geschenkt, mein Lieber, das wissen wir alles schon."

"Wir?"

"Achin van Borgh und mein Geschäftspartner Karl-August Schimmel. Borgh hat, als er hörte, dass Karin aus dem Gefängnis entlassen worden war, einen Privatdetektiv auf sie angesetzt."

"Axel Kunz."

"Richtig."

"Und warum hat Borgh das getan?"

"Hast du davon gehört, dass man bei ihm eingebrochen ist und der Einbrecher bei der Gelegenheit eine junge Frau angeschossen hat?"

"Eine Debby MacGregor."

"Richtig. Und diese Debby hat eine Schwester, die in – wie heißt das Nest noch mal?"

"Laredo de la boca."

"Genau. Die Schwester hat Debby noch in Düsseldorf im Krankenhaus besucht und einige Leute vermuten, dass Debby ihrer Schwester bei dieser Gelegenheit entweder das übergeben hat, was bei dem Einbruch aus Borghs Tresor geklaut wurde, oder ihr verraten hat, wo das Zeugs gebunkert ist."

"Eine wertvolle Beute?"

"Oh ja. Bargeld, Schmuck, teure Uhren, Gold, Platin und ungeschliffene Diamanten. Selbst in Euro mehrere Millionen."

"Und? Hat Kunz was herausbekommen?"

"Nein, diese trübe Tasse ist mit leeren Händen und einem langen Spesenzettel zurückgekommen und hat uns nur berichtet, dass sich auch andere Typen für Karin Demus und Debbys Schwester interessieren."

"Das weiß ich. Einmal ein gewisser Peter Marholt, den du lustigerweise von früher kanntest, dann ein Kurt Leuscha in Begleitung von Vanessa Niegel und ein Uwe Lindner, der dann durch einem unglücklichen Sturz ums Leben gekommen ist."

"Du bist ja gut informiert", sagte sie eine Spur misstrauisch und schlug die Beine übereinander. Er zog seine jetzt eingeklemmte Hand heraus und sie murmelte: "Lass deine Hand ruhig da liegen, mir gefällt es." Marholt litt nicht an Minderwertigkeitskomplexen, aber soviel Entgegenkommen stimmte ihn misstrauisch.

"Natürlich bin ich gut informiert. Weil ich Karin Demus zufällig kennengelernt hatte, hingen mir alle an den Hacken, weil sie mir unterstellten, ich sei auch hinter der Beute her."

"Was dich wohl nicht erstaunt hat."

"Nein. Aber es gibt noch eine Gruppe, die sich für den Inhalt des Tresors interessiert. Sagt dir der Begriff casa distinta etwas?"

"Und ob!", seufzte sie trocken. "So eine Art Intelligenz-Mafia. Sehr effektiv, sehr gefährlich. Arbeitet europaweit. Wie bist du mit den Typen zusammengestoßen?"

"Die haben sich um mich bemüht und in Laredo Hilfskräfte angeheuert, die Karin Demus und mir das Leben erschwert haben."

Sie kicherte schadenfroh, bis er sie fragte: "Aber woher kennst du die casa?"

"Die haben gelegentlich viel Bargeld, das sie waschen müssen. Dann stehen sie bei Eugen oder mir auf der Matte, wollen anlegen oder deutsche Immobilien kaufen. Es ist gar nicht so leicht, sie loszuwerden und sie dabei nicht merken zu lassen, dass man sie durchschaut hat. Denn das kann gefährlich werden."

"So hat jeder Beruf seine Risiken", hänselte er sie. "Aber ich habe dir einige Namen ins hübsche Öhrchen geflüstert."

"Den Bienenkorb hat ein gewisser Erich Falter gebaut."

"Erich Falter." Er angelte nach seinem Notizblock und sie schüttelte den Kopf.

"Den Namen musst du dir nicht merken, Falter schmort seit einigen Jahren hoffentlich in der tiefsten Hölle, Verkehrsunfall auf der A 40. Aber weil der Bau teurer wurde als kalkuliert, brauchte er einen finanzkräftigen Partner und kam zu uns. Wir konnten ihm Achim van Borgh vermitteln. Schimmel ist dann als Strohmann für Borgh bei Falter eingestiegen."

"Und wie kommt Leuscha ins Spiel?"

"Ganz normal, er wurde als eine Art Hausmeister und Haustechniker eingestellt. Einen anderen Job hätte er mit seinen Vorstrafen auch nicht mehr gefunden."

"So war das also. Und das palais d'amour?"

"Vanessa Niegel war dort eine ganz normale Nutte, hat sich sozusagen hochgearbeitet zur Puffmutter und hatte den Erben den Laden abgekauft, als Berti, das rosa Schweinchen, von einem Stricher erschlagen wurde. Vanessa brauchte Geld für eine gründliche Renovierung und Borgh hatte sein fortdauerndes Interesse an Investitionen im Rotlichtmilieu angemeldet. Schimmel ist auch beim palais als Borghs Strohmann aufgetreten. Wer den Bau abgefackelt hat, ist nie zweifelsfrei geklärt worden. Die Kripo hat immer von einem unzufriedenen Kunden gesprochen. Das kann, aber muss nicht stimmen. Die Versicherung reichte nicht aus, den Palast wieder aufzubauen. Borgh hat sich noch nicht entschieden, ob er bei einem Neubau einsteigen will. Er hat Vanessa dafür bezahlt, dass sie mit Leuscha nach Laredo fährt."

"Du weißt, dass sie dort durch einen Steinwurf schwer verletzt worden ist?"

"Ja. Borgh schickt ihr regelmäßig Geld. Er hat auch dafür gesorgt, dass sie in Karins alte Wohnung gezogen ist, sobald Karin in U-Haft gekommen war."

"Warum denn das?"

"Du weißt, dass Karin bei dem berühmten Einbruch vor dreizehn Jahren ungewollt eine Schießerei im Haus ausgelöst hat? Der Einbrecher ist geflohen und sie hat wenig später die Villa Borgh betreten. Hat sie von dort die Beute aus dem Tresor mitgenommen und bei sich in der Uhlandstraße versteckt?"

"Und?"

"Nichts, Fehlanzeige."

Er hatte zuletzt schweigend zugehört und mit wachsender Unruhe gekämpft. Warum erzählte sie ihm das alles? Sie wollte was von ihm, daran zweifelte er nicht, aber was? In dem Moment bremste ein Auto vor dem Haus und wenige Sekunden später klingelte es. "Wer ist das?", fragte er unruhig.

"Keine Ahnung! Gehst du mal und schaust nach? Ich ziehe mir wohl besser was an."

Vor der Haustür stand eine junge, sehr attraktive Frau und musterte ihn verblüfft. Auch er brauchte einige Sekunden, bis der Groschen fiel.

"Jessi? Jessica Vogel?"

Sie nickte nur. "Ist Sonja da? Im Büro hat man mir gesagt, sie sei nach Hause gefahren."

"Ja. Sie kommt sofort."

Sonja hatte sich eine Art Trainingshose aus einem durchsichtigen Stoff angezogen, die nicht viel verbarg. Jessi lächelte, als ahne sie, was Sonja vorher getragen oder nicht getragen hatte.

"Hallo, Jessi. Wie geht's dir?", erkundigte sich Sonja.

"Hei, Sonja. Besser."

"Also nicht mehr jeden Morgen Übelkeit und Brechen?"

"Nein, das haben wir zum Glück hinter uns."

Jessi war also wohl schwanger. Sie trug an einem langen Lederriemen eine Umhängetasche aus einem karierten Stoff, aus der sie mehrere Bündel Geldscheine holte und Sonja hinhielt. Die zählte flüchtig nach und unterschrieb dann eine Art Quittung. Das unterschriebene Original steckte Jessi wieder ein, der Durchschlag war für Sonja bestimmt. "Wie war's Geschäft?", wollte sie wissen, und Jessi zuckte die Achseln: "Normal, wie immer. Ich will nicht länger stören, tschüss, bis bald dann." Damit machte sie kehrt, sie hörten, wie draußen ein Motor angelassen wurde und ein Wagen fortfuhr.

"Wer ist diese Jessi?", wollte Marholt wissen.

"Achims neueste Flamme." Wieso brachte sie so viel Bargeld zu Sonja? Das musste doch Diebe und Einbrecher anlocken wie der Kuchen auf der Veranda die Wespen. Marholt hatte nicht genau hingeschaut, aber er würde denken, es waren zwischen 50 und 60 000 Euro. Wer schleppte warum so viel Bargeld durch die Gegend? Sonja betrachtete ihn aufmerksam.

"Ist sie von Borgh schwanger?"

Sonja nickte gelangweilt. "Das kleine Luder hat es darauf angelegt."

"Sie ist doch selbst noch ein halbes Kind."

"Alt genug, um die Erbschafts- und Scheidungsgesetze und Versorgungsansprüche zu kennen." Damit schubste sie Marholt in ein anders Zimmer. Die Geldbündel verstaute sie in einem festen Schrank. "So, ich habe alle deine Fragen beantwortet. Jetzt bin ich an der Reihe, okay?"

"Nichts dagegen."

"Was macht dein Buch? Hast du entdeckt, wohin Hako gegangen oder verschwunden ist?"

"Hako?"

"Tu' doch nicht so harmlos. Du hast doch gewusst, dass Hako dein Vorgänger in meinem Bett gewesen ist." Dann schaute sie Marholt ins Gesicht und begann lauthals zu lachen. "Sag' bloß, das hast du nicht gewusst."

"Nein, wirklich nicht!", beteuerte er. "Ich habe immer vermutet, das war Helmut Thielen."

"Diese Pfeife? Der hätte gerne, aber den wollte ich nicht. Was ist aus dem eigentlich geworden?"

"Er ist Staatsanwalt und so bin ich ihm begegnet."

"Ach nee!", machte sie und es klang sehr geringschätzig. "Nein, mit Thielen hab' ich nichts am Hut und erst recht nicht am BH."

"Das wird ihn mächtig enttäuschen."

"Und wenn schon! Was meinst du, warum mein Bruder dich so bekniet hat, über Hakos Schicksal ein Buch zu schreiben."

Er betrachtete ihren strammen Busen und ihm fiel wieder ein, dass er sich auf dem Jubiläumstreffen tatsächlich über Heiner Friese gewundert hatte, der sich zum hartnäckigen Wortführer der Hako-Roman-Gruppe aufschwang. Was ihn damals schon erstaunt hatte, weil ihm nie aufgefallen war, dass Heiner Friese während der Schulzeit je eine ausgeprägte Sympathie für Hans Konradin gezeigt hatte. Aber wenn der Bruder der Schwester damit einen Gefallen tat? Sie kicherte etwas abschätzig und ihm kam ein hässlicher Gedanke: "Dann hast du mich unter deine Decke zerren wollen, um von mir zu hören, wo Hako abgeblieben war?"

"Nicht nur, aber auch", gab sie ungerührt zu und nestelte seinen Gürtel auf. "Los, wo steckt der Kerl?"

"Liebst du ihn noch?"

"Nein, aber ich möchte dem Schuft gerne an den Kopf knallen, dass ich seinetwegen bei einer Engelmacherin abtreiben musste und jetzt keine Kinder mehr bekommen kann."

Er dachte, alle Dachziegel fielen ihm auf den Kopf. So war das also. Hatte Hako sie wirklich so verletzt, dass sie kaltschnäuzig und skrupellos geworden war? Ihre Rücksichtslosigkeit bewies sie alleine dadurch, dass sie bei Karl August Schimmel als Partnerin eingestiegen war. Kaltschnäuzig und auch rachsüchtig? Sie ahnte wohl, was in seinem Kopf vorging, und sagte ungerührt: "Ganz recht, der Schwarze Hengst möchte einen Sohn und Erben von mir. Aber es klappt einfach nicht, und er weiß nicht, warum nicht. Du kannst also ruhig mit mir bumsen, auch ohne Kondom, es passiert nichts."

"Ich habe nicht herausbekommen, was aus Hako geworden ist." Erst nach diesem Satz lobte er sich selbst für seine Lüge. "Mein letzter Zeuge ist ein Autohändler in Süddeutschland, bei dem sich Hako einen Geländewagen gekauft und für eine Tour durch Afrika und Asien hat umbauen lassen. Damals war er mit einer Amerikanerin befreundet, die alles bar bezahlt hat und mit der er dann Richtung Balkan losgedüst ist. Danach hat man nie wieder was von ihm gehört."

"Kennst du diese Amerikanerin?"

"Nein."

"Gefalle ich dir eigentlich?"

"Doch, ja, Heute so gut wie früher."

"Bei dir ist weit und breit keine Freundin in Sicht?"

"Nein."

"Kunz hat was anderes berichtet."

"Ja, eine flüchtige Beziehung, nichts Ernstes. Zwischenlandung einer Stewardess."

"Könntest du dir vorstellen, mit mir was Ernstes anzufangen?"

"Hm. Und was ist mit Schimmel?"

"Gar nichts. Wir sind Geschäfts-Partner und gehen ab und zu miteinander ins Bett. Mehr nicht."

Sie stand vor ihm und wiegte sich in den Hüften. Marholt schüttelte den Kopf. "Sonja, wir würden nur etwas aufwärmen, was längst erkaltet ist." Sie hatte eine perfekte Figur, sicher auch sehr viel Erfahrung im Bett zu bieten, aber mehr auch nicht.

"Wenn du meinst." Sollte er ihr ins Gesicht sagen, dass er sie für eine bessere Nutte hielt, deren Preise eben sehr viel höher lag als bei den Mädchen und Frauen, die sie im Bienenkorb und im Palais d'amour ausbeuteten? Er glaubte ihr auch nicht, dass sie Hako wirklich abgeschrieben hatte.

Offenbar verriet sein Gesicht einen Teil seiner Gedanken, denn plötzlich deutete sie auf die Tür. "Es war nett, dich wieder einmal gesehen zu haben."

"Finde ich auch. Alles Gute und herzliche Grüße an deinen Bruder."

Sie donnerte die Haustür hinter ihm zu und er musste sich an den nächsten Passanten wenden und den Weg zum Bahnhof erfragen. Bis zum Zug hatte er noch eine Viertelstunde Zeit, aber er saß kaum auf einer Holzbank, als das Handy bimmelte.

Brigitte Landau war den Tränen nahe. "Er hat angerufen, Peter.“

"Wer? Hako?"

"Ja. Er will nicht, dass ich mitkomme, wenn du zu ihm fährst. Verstehst du das?"

"Hat er dir von Debby erzählt?"

"Dass er sie geheiratet hat? Ja. Aber warum will er nicht, dass ich zu ihm komme? Hast du eine Ahnung, was das soll?"

Die Ahnung hatte er, aber die wollte er ihr nicht am Telefon erklären, nicht auf einem Bahnsteig, wo viele zuhören konnten. Und diese beiden Typen in geflickten Jeans und LederJacken und Springerstiefeln, die seit einiger Zeit hinter ihm hergingen, gefielen ihm überhaupt nicht. Wenn er es sich recht überlegte, folgten sie ihm, seit er Sonjas Häuschen verlassen hatte.

"Können wir uns heute Abend unter vier Augen sehen? Ich brauche noch etwas Zeit."

"Ich melde mich."

Dann gab er sich einen Ruck und rief Sonja doch an: "Was willst du denn noch von mir?", maulte sie.

"Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Eindruck, dass mehrere Männer vor deinem Haus auf mich gewartet haben. Die sehen alle nicht sehr friedfertig aus."

"Und was bedeutet das praktisch?"

"Ich wäre an deiner Stelle sehr vorsichtig, wenn es an deiner Haustür läutet."

Er hatte den Satz gerade zu Ende gebracht, als er im Telefon hörte, dass irgendwo im Haus eine Menge Glas splitterte, gleichzeitig schrie Sonja entsetzt auf, eine dunkle Männerstimme brüllte was Unverständliches, aber auf jeden Fall Unfreundliches. Ein zweiter Mann, mit einer helleren Stimme, schrie: "Mädchen, lass den Scheiß!" Unmittelbar darauf knallte und krachte es zweimal, einmal dumpf-grollend, dass andere Mal scharf und peitschend und danach schrie eine Frau – wahrscheinlich Sonja – vor Schmerzen laut auf. Marholt unterbrach die Verbindung und rief 110 an: "Im Haus Waldrand 55 wird geschossen, eine Frau ist getroffen."

"Wir kommen. Wer sind Sie?"

"Ich heiße Peter Marholt und habe gerade mit Sonja Friese telefoniert, als Glas splitterte und zwei Männer gewaltsam ins Haus eindrangen und schossen."

"Und wo sind Sie jetzt?"

"Auf dem Bahnhof Stadtwald. Und da läuft auch schon mein Zug ein. Tut mir leid, ich kann nicht auf Sie warten."

Natürlich hätte er können, aber er wollte nicht. Er war an Hakos Schicksal interessiert und wollte sich nicht länger von der Unordnung drum herum ablenken lassen. Aber verrückt war es schon. Gestern Karin Demus, heute höchstwahrscheinlich Sonja Friese. Wurden da alte Rechnungen gewalttätig beglichen?

Die Frage stellte er auch Karin, nachdem er sie in der Uni-Klinik gefunden hatte. Sie lag in einem Einbettzimmer, sah noch schlecht und blass aus, versicherte aber, es bestehe keinerlei Lebensgefahr mehr für sie. "Weißt du, wer das warum getan hat?"

"Nein. Es war eine sehr junge, sehr hübsche Frau, die mich an der Wohnungstür nur gefragt hat: 'Bist du Karin Demus?' Und als ich 'Ja' gesagt habe, hat sie mit einem Dolch oder einem Brieföffner, den sie auf dem Rücken verborgen hielt, zugestochen und ist gleich weggelaufen."

Das klang sehr dramatisch, aber musste nicht stimmen.

"Kanntest du die junge Frau?"

"Nein."

"Und warum sie das getan hat – keine Vermutung? Keine Idee?"

"Nein, tut mir leid."

Beides glaubte er ihr nicht – erstens, dass sie keine Vermutung hegte, und zweitens, dass es ihr leid tat. Sie wollte ihn so schnell wie möglich loswerden, und den Gefallen konnte er ihr tun. Weil er annahm, dass ihm die Ärzte keine Auskunft geben würden, rief er vor dem Klinik-Eingang den Staatsanwalt Helmut Thielen an: "Sag mal, ich war gerade bei Karin Demus, und so, wie sie mir das geschildert hat, ist sie von der jungen Frau direkt an der Wohnungstür angegriffen worden. Aber die Nachbarin und ich haben sie im Wohnzimmer gefunden. Hätte sie mit ihrer Wunde noch bis dahin kriechen können?"

"Ausgeschlossen. Solche Kriechspuren und unvermeidliche Blutflecken existieren auch nicht. Uns hat sie übrigens erzählt, dass sie die junge Frau selbst ins Wohnzimmer geführt hat ..."

"Erstaunlich."

"Wie meinst du das?"

"Dann hat die liebe Karin entweder die Polizei oder mich angelogen oder es war noch jemand bei der Täterin, der geholfen hat, die verletzte Karin von der Wohnungstür ins Wohnzimmer zu bringen, zu schleifen, zu tragen, was weiß ich."

"Und warum das?"

"Wahrscheinlich sollte Karin Demus gar nicht so schnell gefunden werden."

"Karin Demus oder die Leiche einer Karin Demus?"

"Das herauszufinden überlasse ich dem kriminalistischen Scharfsinn deiner Behörde."

"Danke für das Vertrauen. Aber wenn ich dich schon mal an der Strippe habe – kennst du eine gewisse Sonja Friese, wohnhaft im Waldrand 55?"

"Ja, und du kennst sie auch. Angeblich wolltest du in der Schulzeit ihr mal an die Wäsche."

"Du meinst Sonja Friese, die Schwester unserer Klassen-Trantüte Heiner Friese?"

"Eben diese."

"Lange her. Die Zentrale meint, du hättest die Polizei alarmiert."

"Das ist richtig, ja, habe ich."

"Mein Verlangen nach einem ordentlichen Bier mit dir wird immer größer."

"Verstehe ich gut. Aber heute Abend muss ich mit Hakos Schwester essen gehen."

"Morgen 19 Uhr im Steigerhof? Das ist neben dem RAG-Gebäude gegenüber dem Essener Hauptbahnhof."

"Einverstanden."

Brigitte sträubte sich lange, aber er ließ nicht locker und so konnte er doch einen Tisch im Mendener Fährhaus bestellen. Es duftete schon vor der Tür verheißungsvoll nach gegrillten Steaks und Rotwein. Das Fachwerkgebäude war bis auf den letzten Platz besetzt, und ohne Reservierung hätten sie umkehren müssen. Brigitte hatte sich in Schale geworfen, wohl weniger, um Marholt zu gefallen als ihren Mann zu ärgern, der die Suche nach dem Schwager für übertrieben hielt. Er schätzte auch Marholt nicht, was auf Gegenseitigkeit beruhte.

Nach dem Bestellen erkundigte er sich: "Kennst du eigentlich eine Sonja Friese?"

"Ist das die Schwester eures früheren Klassenkameraden Heiner Friese?"

"Ja."

"Ja, die kenne ich. Was ist mit ihr?"

"Wusstest du, dass Hans mit ihr ein Verhältnis hatte?"

"Unsinn."

"Doch, doch." Er erzählte, was er heute von Sonja Friese gehört hatte und Brigitte Landau musterte ihn spöttisch und antwortete, als serviert worden war, nur trocken: "Hör mal, Peter, du bist doch sonst kein so welt- und frauenfremder Mann."

"Wie meinst du das?"

"Hat du einen Beweis für die Geschichte und die Abtreibung, die Sonja behauptet hat?"

"Nein, natürlich nicht."

"Und dass eine Frau kein Kind bekommt, kann zum Beispiel daran liegen, dass sie die Pille nimmt. Oder sich die Eileiter hat unterbrechen lassen. Oder aus medizinischen Gründen, wegen eines krankhaften Defekts, keine Kinder bekommen kann. Und ob der Schwarze Hengst, wie sie ihn nennt, überhaupt fertil ist und wirklich ein Kind von ihr haben will, weißt du noch weniger. Kann er überhaupt Kinder zeugen? Oder muss ich dir hier und jetzt den Unterschied zwischen Potenz und Fertilität erklären?"

"Danke, nein", sagte er, von ihrem herablassenden Ton doch verletzt. "Aber warum sollte sie mir solch einen Bären aufbinden?"

"Weil sie schon in der Schulzeit ein verlogenes Luder war. Sie hat pausenlos Geschichten verbreitet, die andere Menschen in Schwierigkeiten gebracht haben. So weit ich weiß, ist sie aus mehreren Internaten als permanente Unruhestifterin rausgeflogen. Hans brachte sie eines Tages nach Hause und unser Vater hat etwas getan, was ihn den Job hätte kosten können – er hat Hans die Akten über Sonja Friese lesen lassen. Danach war Schluss und Sonja Friese ward bei uns nicht mehr gesehen."

Brigittes Vater war, wie Marholt wusste, häufig als Gutachter für das Jugendamt und das Landgericht tätig gewesen – wegen seiner weithin bekannten Haltung zu Kollegen und Institutionen mit braunen Flecken auf den weißen Westen sehr umstritten. Nach dem Aufsatz in der Tremonia war auch mit der Gutachtertätigkeit Schluss.

"Wie bist du an sie gekommen? Hattet ihr in deiner Schulzeit was miteinander?"

"Ja. Wiedergetroffen haben wir uns durch einen Zufall. Ich wollte mit einem Karl-August Schimmel sprechen und wusste nicht, dass Sonja Schimmels Geschäftspartnerin ist."

"Ich glaube, das kann ... Moment!" Sie unterbrach sich und hielt eine Bedienung an. "Ich hätte gerne noch eine Extraportion von diesen schönen Bohnen."

"Bringe ich Ihnen sofort!"

"Friese Senior war schon Partner bei Schimmel. Sie kennen sich von irgendwelchen krummen Geschäften aus dem vorigen Jahrhundert. Sonja hat quasi die Beteiligung von ihrem Vater geerbt."

"Vater Friese lebt nicht mehr?"

"Nein. Er ist im Knast gestorben."

"Im Gefängnis."

"Ja, die Mühlen der Gerechtigkeit haben zwar sehr langsam gemahlen, aber eines Tages standen Friese, Schimmel und noch einer – verflixt, wie hieß der noch? Hilf mir mal, tun so wie Schmetterlinge, sind aber keine ..."

"Meinst du Falter?"

"Genau. Erich Falter. Das Essener Landgericht hat sie wegen gewerbsmäßigen Betrugs, Unterschlagung und Urkundenfälschung in -zig Fällen zu je sechs Jahren verurteilt."

"Woher weißt du?"

"Aus der Zeitung, mein Gutester."

"Ach so. Also so viel zum Fall Sonja Friese. Steuern wir ein anderes, heikles Thema an. Hat Hans einen Beruf gelernt? Oder reich geerbt?"

"Weder – noch. Und du möchtest jetzt wissen, wovon er und seine Frau Debby leben."

"Du nicht?"

"Doch, schon. Denn der Einbrecher, der Debby angeschossen hat, ist ja noch vor seinem Prozess gestorben."

"Wobei ja noch nicht einmal feststeht, dass er den Schuss abgegeben hat. Die Waffe ist nie gefunden worden. Einen Teil der Klinikrechnungen hat Achim van Borgh gezahlt – sagt er wenigstens. Debby hat einen stinkreichen Onkel, mit Spitznamen Lord Jim, aber weil der seinen Nichten Ohana und Deborah zu oft unter die Röckchen gegriffen hat, wurde er von seiner Schwester, der Mutter der beiden Mädchen, vor die Tür gesetzt. Es sieht nicht so aus, als würde er für Debby und deren Ehemann löhnen."

Sie ließ ihr Besteck sinken und flüsterte: "Wenn du wüsstest, wie viele Gedanken ich mir darüber schon gemacht habe."

"Ich habe das dumpfe Gefühl, dass Hans mir in diesem Punkt erstens ein Geständnis ablegen will und zweitens darauf wartet, dass ich ihm helfe, aus diesem Sumpf herauszukommen. Dabei kann man neugierige Schwestern, die einem unter Umstände nur Vorwürfe machen, nicht so gut gebrauchen."

"Meinst du?"

"Ich vermute es. Oder hoffe, dass das der einzige Grund ist, warum er zuerst allein mit mir sprechen will."

"Muss ich erst das ganze Buch lesen, um die Antwort auf diese Frage zu bekommen?"

"Nein. Für morgen habe ich noch ein wichtiges Gespräch vereinbart, übermorgen will ich versuchen, zu Hans zu fahren. Gitte, noch eine Frage: Bin ich der erste von Hans' Schulfreunden, der sich nach seinem Verbleib erkundigt?"

"Ja, eigentlich erschreckend, nicht wahr? Er muss geahnt haben, dass er mehr Gegner als Freunde hatte, sonst hätte er seine Freundin nicht vor allen so geheimgehalten."

"Und sonst ein Mensch?"

"Nein."

Marholt brachte sie nach Hause und fuhr dann gleich weiter in seine Wohnung. Das Urteil "mehr Gegner als Freunde" hatte ihn getroffen, aber es stimmte. Einen Grund dafür konnte er sich nicht vorstellen, konnte sich auch nicht daran erinnern, dass Hans mal eine Vermutung geäußert hatte, warum er so unbeliebt war. "Einzelgänger" war eine so häufige wie nichtssagende Erklärung, und in den ersten Wochen seiner Recherche hatte er manchmal überlegt, ob die Pro-Hako-Buch-Fraktion etwas gutmachen wollte, das sie heute als Versagen oder Schuld empfand. Erst als Marholt seine Unterlagen sichtete, die er mit nach Laredo nehmen wolle, war ihm aufgefallen, dass er mit keinem der früheren Klassenkameraden gesprochen und ihn nach seiner Meinung über Hako befragt hatte. Auch nicht mit den Lehren, die jene Konferenz bildeten, die Hako nicht zum Abitur zulassen wollte.

Wahrscheinlich hätten sie ein Gespräch über dieses Thema verweigert. Aber er hätte es versuchen müssen und hatte sich auf der langen Autofahrt an die spanische Mittelmeerküste eine Entschuldigung zurechtgelegt. Je länger er recherchierte, desto mehr verfestigte sich seine Überzeugung, dass Hakos Verhalten nichts mit seinen Problemen auf dem Gymnasium zu tun hatte.

28.

Staatsanwalt Helmut Thielen hatte sich in der Zwischenzeit gut informiert und sich sogar die Akte Demus besorgt. Und weil er von Marholts Buchprojekt wusste, kamen sie gleich zur Sache. Marholt begann mit der jungen Frau auf "seinem" Strand in Laredo und Thielen konnte sofort ergänzen, dass Karin Demus keinerlei finanzielle Sorgen hatte, als sie entlassen wurde. Noch vor dem Urteil und der Rechtskraft der Scheidung hatte sie mit Achim van Borgh einen Unterhaltsvertrag geschlossen, den der Ex auf Punkt und Komma eingehalten hatte; er hatte sogar in der Zeit ihrer Haft gelöhnt und das Geld war auf einem Konto zu einer beachtlichen Summe angewachsen, mit er sie die Eigentumswohnung in Kettwig zum großen Teil bezahlen konnte.

"Ungewöhnlich", murmelte Marholt, "findest du nicht auch?"

"Doch, ja."

"Sieht sehr nach Schweigegeld aus", urteilte er zögernd.

Thielen musterte ihn gespannt: "Aber wofür?"

"Nach Lage der Dinge doch wohl nur für eine Sache, die bei dem Einbruch im Tresor gelegen hatte."

"Okay. Aber das würde doch voraussetzen, dass Karin Demus den Inhalt des Tresors besitzt."

"Oder dass van Borgh eben das befürchtet, vermutet. Schließlich war sie mit dem Einbrecher liiert."

"Hast du eine Vermutung, wer die Demus niedergestochen hat und warum?"

"Nein. Gibt es deines Wissens einen Zusammenhang mit der Schießerei bei der Friese?"

Marholt erzählte, was recht lange dauerte, wie er an Sonja Friese geraten war, und Thielen konnte eine Neuigkeit beisteuern. Sie hatte einen schmerzhaften, aber nicht gefährlichen Streifschuss abbekommen und ihrer Wohnung hatten sie 55 000 Euro Bargeld in einem Schrank gefunden. "Ob die beiden Mädchen oder jungen Frauen identisch sind?" fragte Thielen zögernd; kein Zweifel, mit ihren Ermittlungen waren sie nicht weitergekommen. Daran hatte Marholt auch schon gedacht: "Frag sie doch, ob sie einmal Karin Demus niedergestochen und Sonja Friese mehrere tausend Euro Bargeld gebracht hat."

"Wen soll ich fragen?"

"Jessica Vogel. Sie ist die neueste Flamme des Salonlöwen Achim van Borgh."

"Woher weißt du das denn nun schon wieder?"

Also musste er auch beichten, was er gerne verschwiegen hätte. Thielen machte sich eifrig Notizen und sagte nachher zu Marholts Freude: "Dieser Borgh scheint ja in vielen Dingen seine Finger zu haben. Ich denke, ich werde mal eine längere Dienstreise nach Düsseldorf antreten."

"Wenn dein Leitender damit einverstanden ist. Borgh hat viele Freunde."

"Das wage ich zu bezweifeln. Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot. Sagt mein Leitender immer."

"Solche Chefs wünscht man sich."

"Der Leitende kommt aus Köln und freut sich über jede Chance, einen Düsseldorfer zu ärgern."

"Dann bist du als Mülheimer ja aus der Schusslinie. Viel Vergnügen am Rhein."

"Danke. Übrigens hattest du Recht. Ich wollte der Sonja mal an die Wäsche, aber sie hat mich grausam abblitzen lassen."

Also hatte Sonja wenigstens in einem Punkt die Wahrheit erzählt.

29.

Noch fast nüchtern fuhr Marholt mit dem Zug nach Duisburg. Für ihn war es bequemer und sogar billiger, vom Duisburger Hauptbahnhof ein Taxi zu seinem Haus zu nehmen als vom Bahnhof Mülheim Stadt. Es hatte zu nieseln begonnen und war früh dunkel geworden. Er nestelte noch den richtigen Schlüssel aus dem Ledermäppchen, als er hinter sich Schritte hörte. Ohne jede Vorwarnung bekam er einen harten Schlag auf den Kopf und ging zu Boden. Zwei Männer beugten sich über ihn. Der eine klebte Marholt, bevor der noch einen Ton herausbringen konnte, ein klebriges Band über den Mund, der andere krempelte seinen Jackenärmel hoch und stach ihm in den Oberarm. Es brannte anfangs höllisch, der Schmerz verwandelte sich in eine erträgliche Wärme, die in eine unangenehme Taubheit überging. Wortlos schleppten ihn die beiden Männer zu einem Auto und verstauten ihn auf der Hinterbank. Marholt wehrte sich verzweifelt gegen die alles überschwemmende Müdigkeit, aber sobald der Wagen auf die Autobahn einbog, schlief er ein.

Als er aufwachte, lag er auf einer Art Liege. Sein Kopf schmerzte, auch dort, wo ihn der schwere Gegenstand getroffen hatte. Vor seinen Augen tanzten schleierähnliche graue Gebilde; er hatte Mühe, seine Umgebung so zu fixieren, dass er etwas wahrnahm. Nicht weit entfernt gab es eine Straße, auf der im Moment reger Verkehr herrschte. Er lag in einem Zimmerchen unter einem Dach, in eine Schräge war ein Dach-Kippfenster eingebaut, das einen Spalt offen stand. Er richtete sich auf, was er sofort bereute. Das Zimmer begann zu schwanken wie ein kleines Schiff in einem Orkan auf hoher See. Vorsichtig ließ er sich zurücksinken und schaute sich erst einmal das Zimmer an. Eine Tür, kein Schlüssel im Schloss. Die Tapete war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts als Restposten erstanden und aufgeklebt, seitdem dunkelte sie nach. Kein Bild, kein Schrank, außer der Liege gab es nur noch einen Stuhl, über den man seine Kleidung geworfen hatte. Und an einer Wand war etwas befestigt, das er nur aus Filmen und Fernsehen über alte Schiffe kannte, eine Rohr mit einem Mundstück, die Öffnung verschlossen mit einer Art Korken, der an einem Metallkettchen befestigt war. Bei seinem nächsten Versuch, sich auf die Füße zu stellen, hatte der Orkan nachgelassen, das Schiff schwankte sehr viel weniger und vor allem gleichmäßiger. Zwar musste er sich an der Wand abstützen, aber er schaffte es, ohne hinzufallen, das Rohr zu erreichen, und im Vorbeitaumeln die Tür zu kontrollieren – natürlich abgeschlossen. Er zog den Korken ab und brüllte in das Mundstück des Hörrohrs: "Hallo! Zimmerservice!"

Nach einer Weile antwortete eine Männerstimme: "Witzbold! Was ist los?"

"Ich habe Hunger und Durst und muss dringend auf den Topf."

"Wir kommen, sobald wir Zeit haben. So lange musst du noch aushalten."

Sie ließen sich sehr viel Zeit, bis er hörte, dass ein Schlüssel im Türschloss umgedreht wurde. In der Zeit hatte er seine Sachen kontrolliert – natürlich fehlten Portemonnaie und Brieftasche, sein Handy und alle seine Schlüssel. Den Stuhl hatte er unter das Kippfenster gerückt und rausgeschaut. Weit reichte der Blick nicht. Auf der anderen Straßenseite stand ein mehrstöckiges, gelb geklinkertes Gebäude mit leeren Fensteröffnungen und Brandspuren. Der Dachstuhl war zum Teil eingestürzt, das Haus war seit Jahren unbewohnt und unbenutzt. Dann endlich rasselten draußen Schlüssel.

Marholt setzte sich auf den Stuhl und schaute sich seine Gefängniswärter genau an. Beide waren sie maskiert, trugen dunkelblaue Trainingsanzüge und Laufschuhe. Der eine hielt eine Art Plastikhenkelkörbchen in der Hand, der andere fuchtelte mit einer kurzläufigen Pistole herum.

"Na", schnarrte er, "was ist, Arschloch? Ich denke, du musst so dringend pinkeln."

Nach ihren Figuren und Bewegungen schätzte er beide Typen auf Anfang oder Mitte dreißig. Sie hatten die Intelligenz nicht gepachtet und kannten die Wörter Mitleid und Geduld wohl gar nicht. Marholt ahnte, dass es sinnlos war, sie zu fragen, warum man ihn hierhin entführt hatte, ein halbwegs intelligenter Kopf der Bande würde ihnen auch so wenig wie möglich verraten. Also stand er auf und humpelte übertrieben schwerfällig zur Tür. Sie sollten nicht den Eindruck bekommen, dass er sich topfit fühlte. Vor der Tür lag ein schmaler Korridor, an dessen einem Ende eine Treppe in das untere Stockwerk führte. Ein Schwall warmer, abgestandener Luft kam ihnen entgegen, Zigarettenrauch, schwüles Parfüm und Schweiß. Doch "lüften" schien den beiden ebenfalls ein Fremdwort zu sein. Die Treppe erhielt Licht von einem in die Giebelwand eingelassenen Fenster, und Marholt schätzte nach einem Blick nach draußen, dass es kurz nach Mittag war. Die Treppe endete auf einem etwas breiteren Gang und jetzt bestand kein Zweifel mehr, wo er gefangen gehalten wurde: nämlich auf dem Dachboden über einem Bordell. Roter Plüschteppich, eine rote Blumentapete, großformatige Bilder und Fotos von leicht oder gar nicht bekleideten jungen Damen. Der Pistolenträger riss eine Tür auf und brüllte in den Raum: "Raus, du dummes Vieh!"

Ein Zimmermädchen kam herausgestürzt und schaute erschrocken auf Marholt und seine beiden Begleiter. Der andere versetzte ihm einen Stoß in den Rücken: "Los, beeil dich!" Er stolperte in das Zimmer und hörte, während er um sein Gleichgewicht kämpfte, wie ein Schlüssel abgezogen und außen wieder aufgesteckt wurde. Die Tür knallte ins Schloss, der Schlüssel wurde von außen gedreht und dann durfte er sich den Zugang zu dem winzigen Bad suchen. Es stank nach Urin und Sperma. Marholt erleichterte seine Blase und stöberte dann schnell den Wäschewagen durch, den das Zimmermädchen neben dem Bett hatte stehen lassen. Die Ausbeute war nicht großartig. Er nahm mehrere abgepackte Seifenstückchen, zehn oder zwanzig abgerissene Blatt von einer Toilettenpapierrolle und einen aus Draht gebogenen Kleiderbügel mit, dazu zwei Metallröhrchen, die entfernt an Lippenstifte erinnerten, aber merkwürdige Aufdruckte besaßen, die er nicht verstand. Mehr konnte er nicht in seinen Sachen verstecken, und draußen wurde einer sein Wärter ungeduldig und bummerte gegen die Tür: "Beeil' dich, du Idiot!"

"Mach doch endlich auf, du Schwachkopf!", schrie er zurück und prompt wurde die Zimmertür aufgeschlossen und knallte innen gegen den Stopper. Der andere machte sich einen Spaß daraus, das Zimmermädchen so heftig in den Raum zu stoßen, dass die junge Frau stolperte und erst mit einem Schmerzensschrei gegen den Wagen stieß und dann auf das Bett fiel, wo sie hilflos mit den Beinen strampelte. Die beiden Idioten krümmten sich vor Lachen, und Marholt wusste, wo und bei wem er notfalls Hilfe finden konnte.

Mit Stößen und Schlägen wurde er in seine Dachkammer zurückgetrieben und ließ sich auf seine Liege fallen; sein Magen kniff und schmerzte vor Hass und hilfloser Wut. Beides legte sich nicht bei der Inspektion seines Frühstücks: zwei Flaschen Mineralwasser, ein labbrig gewordenes Croissant und eine winzige Frühstücksportion Marmelade. Kein Messer, keine Gabel, nur ein dreckig aussehender Kaffeelöffel. Der Hunger trieb es hinein und bis Mittag ärgerte er sich darüber, dass er im Mendener Fährhaus einen Teil seiner Bohnenportion hatte stehen lassen.

Doch fast noch schlimmer als der bald nagende Hunger wurde die unendliche Langeweile. Wenn er hier wirklich in einem Bordell steckte; dann begann der Betrieb sicherlich erst in der Dämmerung. Er legte sich auf seine Liege und versuchte nachzudenken. Was wollte man von ihm? Geld? Das wäre lächerlich, er hatte keines. Wertsachen? Er besaß keine, selbst sein Auto war in die Jahre gekommen und würde bald mehr Reparaturkosten erzeugen als ein Verkauf einbrachte. Wenn sie seine Wohnung noch einmal auf den Kopf stellten, würden sie seine Recherche-Ergebnisse im Fall Hako finden. Wie man was daraus zu Geld machen konnte, ging ihm einfach nicht auf. Ein Lösegeld für ihn? Wer sollte das aufbringen? Und wem nutzte es, wenn er mehrere Tage lang von der Bildfläche verschwand? Hoffentlich mochte der Leitende aus Köln die Düsseldorfer wirklich so wenig leiden, dass Freund Helmut Thielen seine Dienstreise machen konnte. Wer musste das Hako-Buch fürchten? – Da gab es doch ernstlich niemanden. Blieb noch ein unschöne Möglichkeit: Man hatte ihn verwechselt. Aber das sollte sich doch bald herausstellen.

Nach seiner Schätzung war es gegen 14 Uhr, als aus dem Rohr seltsame Geräusche ertönten. Er stand auf, zog den Korken ab und hörte eine Stimme: "He, Arschloch, kannst du mich hören?"

"Ja", brüllte er in das Mundstück. Aber das war nun auch nicht recht: "Bist du plemplem? Willst du mir das Trommelfell zerstören?"

"Nicht nur das!", gab Marholt ehrlich zurück.

"Angeber. Wir bringen dir was zu essen."

"Zu freundlich."

"Denke ich auch. Man sollte Schnüffler wie dich verhungern lassen."

Schnüffler?! Wo hatte er geschnüffelt? Wem war er, ohne es zu wollen und zu merken, auf die Zehen und Hühneraugen getreten? Er lauschte an der Tür und hörte bald Schritte von zwei Personen. Es waren die beiden Fuzzis vom Vormittag, der eine blieb unter der Tür stehen und richtete seine Pistole auf Marholt; der andere stellte einen Plastikkorb neben der Liege ab und machte, dass er wieder aus dem Zimmer kam. Eine Currywurst mit einem Stück Brot und eine Schale mit halb verwelktem Salat. Doch eine Gabel lag dabei, Komfort und Gastlichkeit nahmen sichtlich zu. Nach dem tollen Essen schlief er, was sollte er auch anderes tun?

Am Nachmittag erschien unaufgefordert der Trupp, um ihn zur Toilette zu geleiten. Diesmal befand sich kein Zimmermädchen in dem Raum, den man ihm öffnete, aber auf der Ablage über dem Waschbecken lagen mehrere kleine Plastikkissen mit Shampoo, und ihm kam eine Idee. Auf dem schmalen Flur roch es jetzt intensiver nach billigem Parfüm als heute Morgen; der Puff hatte anscheinend den Betrieb aufgenommen. Für alle Fälle riss er noch einmal eine große Ladung Toilettenpapier von der Rolle ab, und als sie auf die Treppe zugingen, hörte er in seinem Rücken eine Frauenstimme: "Dreißig Minuten, Darling, mehr Zeit habe ich heute nicht."

"Und ich nicht mehr Geld, meine Süße." Wie schön, wenn man sich so ergänzte.

In seiner Kammer stellte er sich unter das Lukenfenster und hörte tatsächlich, dass mehrere Autos vorfuhren, Türen klappten und im Haus schrillte eine laute Klingel, als gebe es Alarm: "Achtung, die Titanic sinkt."

Bevor er sich dran machen konnte, seine Idee in die Tat umzusetzen, erklangen schwere Schritte auf der Treppe. Jemand schlug gegen seine Tür, als wolle er sie zu Feuerholz zerlegen.

Marholt brüllte: "Herein, wenn's kein Schneider ist", doch der Ziegenbärtige, der dann eintrat, schien den Scherz nicht zu verstehen. Und die Pistole in seiner Hand war kein Scherzartikel, davon war Marholt sofort überzeugt.

"Hei, du Wichser!", sagte der Mann zur Begrüßung.

"Hei, du Hurensohn", grüßte Marholt höflich zurück.

Der Bärtige okkupierte den Stuhl und Marholt musste sich auf die Liege setzen. Der Pistolenlauf war die ganze Zeit genau auf seinen Bauch gerichtet. "Wir haben uns in deiner Wohnung gründlich umgesehen, aber nicht gefunden, was wir suchen. Du musst das bisschen Unordnung schon entschuldigen!"

"Ich würde ja gerne helfen, schon, um euch loszuwerden, wenn ich wüsste, was ihr sucht."

"Etwas, was deine Freundin Karin Demus besitzt."

"Da muss ich dich enttäuschen. Sie ist nicht meine Freundin."

"Das habe ich anders gehört."

"Von wem?"

"Das spielt keine Rolle."

"Na schön, wie du meinst, aber er oder sie hat dir einen Bären aufgebunden. Ich habe Karin Demus zufällig an einem Strand in Spanien kennengelernt. Sie ist schon vor mir nach Deutschland zurückgeflogen."

"Und hat dir als Pfand ihrer unverbrüchlichen Treue und ewigen Liebe etwas gegeben, was wir gerne hätten." Ein Gauner mit Witz und Wortschatz, das kannte Marholt eigentlich nur aus der Politik. Doch die Parlamentarier hatten selten diesen merkwürdigen Akzent und die manchmal kehlige Betonung – na klar, Ziegenbart war Ausländer, der allerdings hervorragend Deutsch sprach. Marholt verkniff sich die Frage, wer sich hinter dem "Wir" verbarg. "Sie hat mir einen Zettel mit Anschrift und Telefonnummern gegeben. Mehr nicht. Was sucht ihr denn?"

Der Bärtige sah ihn lauernd an. Er hatte Zeit und würde sich nicht aufregen, so lange er eine Chance sah, etwas von seinem Gefangenen zu erfahren. "Ein Schmuckstück und ein Aluminiumdöschen mit Schraubverschluss; sie hat das Schmuckstück an einer langen goldenen Halskette getragen."

"Wertvoll?"

"Sehr sogar."

Marholt war echt verblüfft. Wenn er sich recht erinnerte, hatte sie nie eine Kette oder Collier oder wie das Zeugs genau hieß, getragen. "Hör mal, keine Frau nimmt ein wertvolles Stück mit an den Strand. Beim Schwimmen kann man es verlieren, und wenn man es bei seinen Sachen auf dem Strand zurücklässt, kann es gestohlen werden."

"Oder ein guter Bekannter und Freund, der etwas wasserscheu ist, bewacht ihre Sachen und bringt die auch nach Deutschland zurück."

"Warum nimmt sie ihren Schmuck nicht selbst nach Hause?"

"Weil sie Angst hat, dass jemand ihr den Schmuck abnehmen will. Zum Beispiel beim boarding."

"Du oder deine Kumpel etwa?"

"Zum Beispiel."

"Gehört ihr der Schmuck nicht?"

"Nein, der gehört uns. Er ist uns gestohlen worden und der Dieb hat ihn ihr vielleicht geschenkt. Gut möglich, dass sie gar nicht weiß, dass sie einen geklauten Schmuck auf dem Busen trägt." Marholt erkannte eine Brücke, wenn sie ihm gebaut wurde. "Tut mir leid, eine lange goldene Kette mit einem Stein oder einem Anhänger oder so habe ich an ihr nie gesehen. Aber sie ist eines Abends zu mir gekommen, weil sie in ihrem Hotelzimmer überfallen worden war."

"Die Geschichte kennen wir!", brummte der Bärtige und Marholt verschluckte gerade noch rechtzeitig die Frage: "Von wem? Warst du etwa dabei?"

"Da haben dumme Leute einen dummen Fehler begangen", sagte der Mann ruhig.

"Und du meinst, ich wäre so ein Freund von Karin?"

"Warum nicht, wie und warum bist du sonst in das Nest Laredo gekommen?"

Also erzählte er die Geschichte seines Kollegen und seiner Frau auf dem Absprung und des Ferienhäuschens in Laredo de la boca. Der Bärtige hörte aufmerksam zu und schien sogar zu akzeptieren, dass sich Marholt in dem Häuschen verkrochen hatte, um ein Buch zu schreiben. "Du hast dich nicht mit Karin Demus dort verabredet?"

"Nein, wir haben uns zufällig dort getroffen."

"Und wie ist sie in dieses Nest gekommen?"

"Eine Freundin hat es ihr empfohlen."

"Kennst du diese Freundin?"

"Nein, ich weiß auch ihren Namen nicht."

"Und warum versteckt sich Karin Demus jetzt?"

"Sie versteckt sich nicht."

"Doch, in ihrer Wohnung ist sie nicht mehr."

Es klang so, als habe er sich durch Augenschein selbst davon überzeugt. Was galt schon ein Polizeisiegel an der Wohnungstür?

"Nein, sie liegt im Krankenhaus, eine unbekannte Frau hat sie niedergestochen."

"Was für eine Frau?"

Marholt sah eine Chance, das zu tun, was in seiner Lage vielleicht half – Zwietracht und Verdacht säen.

"Ihren Namen kennen Karin und ich und die Kripo nicht. Aber sie sucht auch nach einem Schmuckstück, und als Karin sagte, so was habe sie nicht, hat die junge Frau sie ohne Vorwarnung niedergestochen."

"Du spinnst." Damit kam er der Wahrheit gefährlich nahe und Marholt leugnete heftig.

"Nein, eine Nachbarin und ich haben Karin gefunden und die Polizei gerufen. Wir haben zugehört, was sie den Beamten erzählt hat, bevor die Sanitäter sie eingesammelt haben. Du kannst ja nachfragen. Der zuständige Staatsanwalt heißt Helmut Thielen." Und weil doppelt genäht in der Regel besser hält, setzte er noch eins drauf: "Die Kripo sucht noch aus einem anderen Grund nach so einer jungen Frau. Sie hat einer alten Bekannte aus meiner Schulzeit eine Menge Bargeld gebracht und kaum war sie weg, da wollten mehrere Männer bei meiner Bekannten einbrechen, sie haben geschossen und meine Bekannte hat einen heftigen Streifschuss abbekommen."

"Wie heißt denn deine alte Bekannte?"

"Sonja Friese."

Der Bärtige grinste gehässig, und Marholt hatte das unbehagliche Gefühl, dass der Mann den Namen kannte, aber nicht schätzte. Nach einer Weile sah der Bärtige Marholt zweifelnd an. Der Stachel saß – so etwa wie bei einem Fisch, der den Köder samt Haken ins Maul genommen, aber die Spitze noch nicht fest im Kiefer verankert hatte. Noch konnte er den Haken ausspucken, und deshalb verhielt sich Marholt still. Der Bärtige seufzte und stand auf: "Ich würde dir eher glauben, wenn du nicht dein Geld mit Geschichten und Artikeln verdienen würdest, also mit Fantasie."

Sieh mal einer an. Sein Ruhm war sogar schon in diese Kreise vorgedrungen, obwohl der Bärtige nicht so aussah, als würde er in einem Buchladen korrekt an der Kasse bezahlen. Aber manchmal täuschte das Aussehen eben doch.

Im Sprechrohr war nichts zu hören. Marholt beeilte sich, mit seinen Vorbereitungen fertig zu werden. Eine der Wasserflaschen leerte er durch das Lukenfenster so weit, dass er die Flasche mit Seifenstücken, die er mühselig zerbrach und Shampoo auffüllen und dann alles gut schütteln konnte. Es dauerte etwas, aber mit der Zeit entstand ein prächtiges Gemisch aus Lauge und Schaum in der Flasche. Den Kleiderbügel bog er so weit zurecht, dass aus den Teilen für die Schultern ein passabler, fester Griff wurde und aus dem Halbbogen des Aufhängers ein scharfer und spitzer Stachel, der im Gesicht eines Angreifers zumindest schmerzhafte Schäden und Wunden anrichten sollte. Inzwischen fuhren immer mehr Autos vor, und die Schiffsuntergangsklingel lärmte im Minutenabstand. Jetzt waren auch, wenn er das Ohr fest an die Tür presste, Stimmen, Gelächter und merkwürdige Geräusche vom Flur im Stockwerk unter ihm zu hören. Marholt formte aus dem organisierten Toilettenpapier feste Kugeln, die er in das Sprechrohr schob und mit seinem Bügeldegen so weit wie möglich nach unten stieß. Dann füllte er sein Seifenlaugen-Schaum-Gemisch in das Sprachrohr, warf zum Schluss die beiden "Lippenstifthülsen" hinterher und wartete ungeduldig, was geschehen würde.

Schätzungsweise dreißig Minuten passierte nichts. Marholt schreckte zweimal aus seinem Dösen hoch und entschied, dass es keine Schüsse gewesen waren, sondern Sektkorken. Dann hatte sich die Laugen-Schaum-Mischung wohl einen Weg an dem Verschlussstück vorbeigebahnt, es begann zu tröpfeln und ein Übereifriger riss den "Quasikorken von Mundstück. Natürlich sauste der Pfropfen aus Papier, Seife und Shampooschaum in einem Rutsch heraus; jemand schrie unüberhörbar: "Verdammte Scheiße!" ein anderer antwortete kaum weniger laut: "Das Arschloch da oben!"

Marholt verzog sich an die Tür und stellte sich so auf, dass die auffahrende Tür ihn nicht treffen konnte, und hielt seine Wunderwaffe schlagbereit, als die Tür aufgerissen wurde. Es klappte schöner, als er sich das ausgerechnet hatte: Der Mann, blind vor Wut, stürmte herein, blieb stehen, das Gesicht zu Marholt gewandt, und der schlug nicht zu, sondern stach zu. Es wurde ein grausam präziser Treffer genau in ein Auge, der Mann brüllte auf, dass die Dachziegel abheben wollten, machte kehrt und fiel die Treppe hinunter mit dem ungeplanten, aber hilfreichen Erfolg, dass er alle, die hinter ihm ebenfalls hatten hochrasen wollte, mitriss. Die Treppe überlebte, aber nach dem Schmerzensgebrüll zu urteilen, einige Beine, Arme und Sprunggelenke nicht. Marholt wartet ein, zwei Minuten, bis er sicher sein konnte, dass im Moment alle nur mit ihren Verletzungen beschäftigt waren, und sauste dann die Treppe hinunter. Zwei Stockwerke tiefer traten nackte Männer und Frauen auf den Korridor, um nach der Quelle und dem Anlass des tierischen Gebrülls über ihnen zu hören. Marholt raste, sprang, quetschte sich und hüpfte an ihnen vorbei, nur raus hier, und weil alles so schnell gegangen war, kam keiner auf die Idee, ihn festzuhalten oder sich ihm in den Weg zu stellen. Nur eine Halbnackte stolperte, von ihrem Freier unglücklich gestoßen, ihm in den Weg; er stach mit seiner Bügellanze zu und sie taumelte schreiend und blutend zurück, riss ihren Freier bei ihrem Sturz nach hinten in das Zimmer zurück, wo er in das Gebrüll einstimmte. Der letzte Teil der Treppe führte in einen großen Saal mit grüngedeckten Tischen, an denen im Moment nur wenige Männer und Frauen saßen, die Spielkarten oder Würfelbecher in den Händen hielten.

Den einzigen echten Widerstand leistete der Koberer, der gerade hereingekommen war und die Arm ausbreitete, um Marholt festzuhalten. Er senkte seine Lanze und warf sich mit aller Wucht gegen den Trumm von Mann, der den Treffer in seine edleren Teile unterhalb der Gürtellinie auch nicht klaglos hinnahm, sondern sich fallen ließ und wimmernd versuchte, den Ausgang zu versperren. Nach zwei Tritten ins Gesicht war der Weg frei und Marholt stürzte auf die Straße, bei der die Ortsverwaltung an Beleuchtung gespart hatte. Er hätte noch mehr wertvolle Zeit bei dem Versuch verloren, wenn nicht eine junge Frau aus dem Bordell herausgekommen wäre, die ihm zurief: "Los, komm schnell!" Dabei rannte sie auf ein Auto zu und entriegelte die Türen mit der Fernbedienung. Was blieb ihm anderes übrig? Er ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und sie startet hastig den Motor: "Wohin soll's gehen?"

"Keine Ahnung, ich weiß nicht einmal, wo wir sind."

"Wir müssen weg, die rappeln sich bald alle wieder auf und wenn sie dich kriegen, geht's dir dreckig." Das konnte er sich vorstellen. Aber wohin, ohne Geld, ohne Handy, ohne Gepäck? Brigitte Landau würde ihn aufnehmen, aber durfte er der Frau trauen, die gerade losfuhr?

"Erst einmal unter Menschen."

"Okay."

"Wer bist du eigentlich?", erkundigte sie sich, nachdem sie eine stark befahrene vierspurig Straße erreich hatten. Jetzt dämmerte es mächtig, die meisten Fahrer hatten schon das Licht eingeschaltet.

"Ich heiße Peter Marholt."

"Und wie bist du in die Glücksspalte geraten?"

"Glücksspalte. Heißt so der Puff?"

"Ja. Die Glücksspalte. Weil du da nicht nur bumsen, sondern auch pokern und würfeln kannst."

"Und wie heißt du?"

"Pamela Uhlig", antwortete sie unbefangen.

"Arbeitest du in dem Schuppen?"

"Ja", seufzte sie, "notgedrungen. Meine frühere Firma hat Insolvenz angemeldet. Tagsüber putze ich den Laden und abends spiele ich Bankhalterin an einem BlackJack-Tisch. Manchmal darf ich auch die Seite wechseln, dann spiele ich mit – nein, Geld dazu habe ich nicht, aber Kleider am Leib. Wenn ich nicht sofort alles verliere, was auch schon vorgekommen ist."

"Das klingt nicht schön", sagte er mitleidig, und sie warf ihm nur einen kurzen Blick von der Seite zu. Er zögerte. Das alles konnte, aber musste nicht stimmen, und er hatte wenig Lust, am eigenen Leibe zu spüren, dass es eben doch nur gelogen und eine Falle war.

"Na, kannst du dich entscheiden? Wo soll ich dich absetzen?"

"Kennst du hier in der Nähe ein Polizeirevier?"

"Ja, vier-, fünfhundert Meter vor uns liegt eines."

"Wenn du mich da rauslässt ... Und mir deine Anschrift gibst, damit ich mich ordentlich bedanken kann, wenn ich wieder in meinen Klamotten stecke."

Sie lachte, hielt bald an und schrieb ihm Namen, Anschrift und Telefonnummer auf ein Stück Papier. Das blaue Schild "Polizei" war schon zu sehen.

Auf dem Revier war nichts los.

Marholt sagte höflich: "Guten Abend. Ich möchte Sie um Ihre Hilfe bitten."

"Ja?"

"Dazu muss ich Ihnen leider eine so lange wie unglaubliche Geschichte erzählen. Und sage lieber gleich, dass ich mich nicht ausweisen kann."

"Na, dann legen Sie mal los!", forderte ihn die einzige Polizistin auf.

Es wurde eine lange Sitzung. Als er den Namen Glücksspalte nannte und erzählte, dass man ihn in Mülheim entführt und dort gefangen gehalten hatte, setzte sich die Polizistin aufrecht hin. Kein Zweifel, der Name sagte ihr etwas. Marholt gab eine Kurzversion der letzten Stunden und vermied es, Art und Umfang der Verletzungen, die er den Glücksspaltern zugefügt hatte, genauer zu beschreiben. Auf viel Glauben stieß er nicht. Und als er bat, einen Staatsanwalt aus Essen anzurufen, damit der ihn hier herausholte, erntete er offene Heiterkeit. Aber die Polizistin hatte ein weiches Herz, rief die Auskunft an und ließ sich mit der Privatwohnung Thielen verbinden. Helmut Thielen war nicht da, aber zum Glück hatte er seiner Frau erzählt, dass er mit einem alten Schulkameraden im Steigerhof gewesen war. Sie gab ihm Helmuts Handynummer, der Teure war heute nach Düsseldorf gefahren und hatte angerufen, dass es spät werden würde. Marholt erwischte ihn in einer Altstadtkneipe und schilderte sein Problem. Ohne Geld, ohne Ausweise, ohne Auto hatte er sich in ein Revier geflüchtet und traute sich nach dem, was er in einem Puff angerichtet hatte, jetzt nicht nach Hause, weil die Bordellbetreiber seine Anschrift kannten und seine Schlüssel besaßen. Die Polizistin hörte mit großen Ohren zu.

"Und wie sind Sie hergekommen?"

"Eine junge Frau hat mich auf der Flucht aufgelesen und hier in der Nähe abgesetzt."

"Solche Geschichten hören wir nicht jeden Tag", gab sie zu und zeigte noch einmal Herz, als sie aufstand, um Kaffee zu organisieren.

Freund Helmut war so klug gewesen, einen Düsseldorfer Staatsanwalt aus der Altstadtkneipe mitzubringen. Durch sein Erscheinen gab es keinerlei Komplikationen, als sich Marholt nach mehreren Stunden von der Reviermannschaft verabschiedete. Da war, wie sie verriet, die Razzia der Leverkusener Polizei in der Glücksspalte bereits angelaufen.

Marholt schlief die Nacht bei Helmut Thielen, der ihn rechtzeitig daran erinnerte, seine Kredit- und Scheckkarten sperren zu lassen.

"Ich danke dir vielmals. Und wie versprochen, melde ich mich hiermit aus dem Ruhrgebiet ab."

"Wohin soll es denn gehen?"

"In den Odenwald."

"Für das Hako-Buch?"

"Ja. Hoffentlich für das letzte Kapitel."

Marholt verabredete sich mit Brigitte Landau in seiner Wohnung, Gunda Thielen brachte ihn dorthin, er konnte ungestört seinen Koffer und seinen Aktenkoffer packen und die Reserveschlüssel für das Auto suchen. Gitte versprach, wieder einmal einen Schlosser zu bestellen, um den Schlosszylinder an seiner Wohnungstür auszuwechseln, langsam war Mengenrabatt fällig, er holte in seiner Bank ganz altmodisch Bargeld persönlich an der Kasse ab, wo man ihn zum Glück noch erkannte, und erledigte die Formalitäten nach dem Verlust seines Portemonnaies und seiner Brieftasche.

Der Stau um Köln herum löste sich gerade auf; am meisten vermisste er sein Handy, er hätte gerne vorher bei Hako angerufen. Bis Heidelberg kam er glatt durch, und dass er im Neckartal langsamer fahren musste, störte ihn nicht. Jetzt hatte er Zeit.

In Miltenberg musste er eineinhalb Stunden vor dem Haus Konradin warten, bis ein heller Transporter vorfuhr. Das Rollstuhlproblem war technisch aufwendig und elegant gelöst. Hans schob eine Schiebetür nach hinten, Debby rollte sich auf eine Plattform, verankerte dort ihren Rollstuhl, die Plattform schwenkte nach außen und senkte sich bis auf die Straße.

Marholt kannte Debby MacGregor bisher nur von älteren Bildern und war von ihrem Aussehen angenehm überrascht. Verständlich, dass sich Hako in sie verliebt hatte.

"Du bist also Hakos Freund Peter ... Ich darf doch du sagen?"

"Aber ja. Ich freue mich, dich kennenzulernen."

Er trat näher heran und sie vollzogen unter Verrenkungen die übliche Begrüßungsumarmung. "Ohana hat uns angerufen und gemeint, wir sollten dir vertrauen."

In der für sie umgebauten Küche bewegte sie sich mit ihrem Rollstuhl sehr schnell und geschickt und kochte Kaffee, während Hans die Einkäufe ein- und wegräumte. Er hatte sich ziemlich verändert und hatte schon mit Anfang dreißig die ersten grauen Strähnen im Haar. Nach dem ersten Becher meinte Debby: "Ihr wollt sicher unter vier Augen ernste Dinge besprechen. Ich gehe nach nebenan."

Marholt sah ihr versonnen nach und als er aufblickte, bemerkte er, dass Hako ihn nicht aus den Augen gelassen hatte.

"Hast du alles herausgefunden?"

"Nein. Es gibt immer noch Lücken. Ich vermute, dass du Debby geschwängert hast."

"Während Karin Demus vermutete, ihr Mann sei der Vater, ja."

"An dem Abend des Einbruchs warst du in der Nähe der Borgh-Villa."

"Ja. Debby war nicht zum Gemeindeabend gekommen, wo wir uns sonst immer getroffen hatten. Ich habe mir Sorgen gemacht, und bin zur Borgh-Villa gefahren."

"Sie hatte eine so schwere Erkältung, dass sie im Bett bleiben wollte."

"Ja, aber das wusste ich nicht. Ich war in der Nähe der Haustür, als Karin versuchte hineinzukommen. Aber mit ihren Schlüssel war wohl was nicht in Ordnung, jedenfalls hat sie nach einer Weile mehrfach lange geklingelt. Im Haus hat es daraufhin mehrere Geräusche gegeben, die ich mir nicht erklären konnte, dann wurde die Haustür aufgerissen, ein Mann stürzte heraus und rannte Karin einfach über den Haufen. Der Mann verschwand dann im Dunkeln und ward nicht mehr gesehen.“

"Du hast dann Karin Demus geholfen, wieder aufzustehen."

"Ja."

"Der Unbekannte hatte die Haustür nicht richtig hinter sich zugezogen."

"Nein."

"Hako, wie ging's dann weiter?"

"Wir waren anfangs beide verdutzt und standen da wie die Ölgötzen. Dann haben wir im Haus jemanden jammern hören."

"Und seid zusammen ins Haus gegangen."

"Ja."

Marholt holte tief Luft. Das war es, das hatte er die ganze Zeit vermutet.

"Kanntest du Karin Demus zu der Zeit schon?"

"Nein. Debby hatte mir erzählt, dass die Ehefrau Karin van Borgh ausgezogen war. Dass Achim van Borgh ein Auge auf sie geworfen hatte, wusste sie natürlich und sie vermutete, dass Ehefrau Karin deswegen ausgezogen war."

"So, und nun weiter. Was geschah im Haus?"

"Karin lief auf die Treppe zu, weil von dort das Stöhnen und Wimmern kam. Dafür musste sie an der offenstehenden Tür des Arbeitzimmers vorbei. Sie hat wohl einen Blick hineingeworfen und hat laut aufgeschrien, ich war hinter ihr, habe den Schrei gehört und bin in das Arbeitszimmer gerannt. Das war komisch, Peter. Ein ganzes Bücherregal war zur Seite geschoben, so dass man durch eine Türöffnung in einen kleinen fensterlosern Raum sehen konnte, in dem eine Lampe brannte. In diesem Raum gab es einen Wandtresor, und der war aufgebrochen."

"Aufgebrochen?"

"Die Tresortür hing nur noch an einer Angel. Und vor der Tür zu diesem Raum lag eine Pistole auf dem Fußboden. Auf dem Boden vor dem Tresor lag viel Werkzeug, ein Schweißgerät und zwei kleine Stahlflaschen für Gas und Sauerstoff. Der Einbrecher hatte den Inhalt des Tresors schon in einen festen Plastiksack geräumt. Warum ich später die Pistole hochgenommen und in den Sack gesteckt habe, weiß ich nicht mehr. Ich wollte mir gerade anschauen, was der Einbrecher erbeutet hatte, als Karin laut schrie: ‚Einen Notarzt, rasch! Beeil dich. Debby ist schwer verletzt.‘ Deshalb habe ich den Sack nicht angefasst, bin in das Arbeitszimmer gerannt und habe von dem Telefon auf dem Schreibtisch 112 angerufen."

"Okay. Und dann?"

"Der Mann in der Zentrale hat nur gesagt, ‚Notruf. Was ist passiert?‘"

"Hat er nicht gefragt, wer du bist?"

"Nein! Ich habe nur gebrüllt: ‚Rasch, eine Schwerverletzte. Van Borgh, Delfter Weg 25.‘ Der Mann hat wiederholt: van Borgh, Delfter Weg 25. In welchem Stockwerk?‘ Heute weiß ich, dass es für die Sanitäter wichtig ist zu wissen, wieviel Treppen sie mit einem Verletzten rauf oder runter müssen, damals habe ich nur ganz verblüfft gesagt: ‚Im Parterre natürlich.‘ Der Mann hat kurz gelacht und dann gesagt: ‚Wir sind schon unterwegs.‘“

"Erst danach bist du rausgegangen, zu Debby und Karin?"

"Ja. Debby lag am Fuß der Treppe, seltsam verkrümmt, wimmerte und blutete. Auf der Wand hinter ihr gab es verwischte rote Streifen. 'Was ist passiert?', habe ich sie gefragt, aber ich glaube, sie hat mich gar nicht verstanden. Karin sagte nur: 'Das sieht gar nicht gut aus. Hast du den Notarzt erreicht?'"

'Ja, die sind schon unterwegs.'

'Und was ist in dem Arbeitszimmer?'

Wir sind gemeinsam hingegangen und sie wusste sofort Bescheid: ‚Der Tresor.‘

‚Der Einbrecher hat die Beute nicht mitgenommen', habe ich ich gesagt und auf den Plastiksack gezeigt. Sie war gar nicht überrascht, sondern hat ganz ruhig gemeint: 'Dann sollten wir von hier verschwinden, bevor Notarzt und Polizei auftauchen', hat sich den Sack genommen und mich zur Haustür gezogen. Im Vorbeigehen habe ich Debby noch zugerufen: ‚Keine Angst, mein Schatz, ich helfe dir. Der Arzt ist unterwegs.‘“

Marholt sah seinen alten Freund unruhig an. Das war ja nun verdammt ungewöhnlich. Geht so einfach an seiner verletzten Freundin vorbei und wartet nicht, bis der Arzt gekommen ist?

Hako spürte seine Zweifel und verteidigte sich: "Ich wollte bleiben, aber Karin hat mich nach draußen gezogen: Es wäre besser, wenn man sie und mich nicht bei der verletzten Debby und dem aufgebrochenen Tresor fände. Ich habe mich gewehrt, aber sie wurde sehr energisch. ‚Komm, ich erkläre dir alles, sobald wir ungestört reden können.‘ Sie hat mich dann auch daran gehindert, die Haustür ins Schloss zu ziehen – für den Notarzt wäre das nur eine Verzögerung und jetzt zähle für Debby jede Sekunde." Hako schluckte und fuhr leise fort: "Später ist mir dann klar geworden, dass sie Angst hatte, in Verdacht zu geraten, sie habe Debby die Treppe hinuntergestoßen. Dass Debby von einem Querschläger getroffen worden war, konnten wir ja nicht sehen."

"Wusstest du, dass Debby schwanger war?"

"Wir haben es beide nicht gewusst, aber geahnt. Oder befürchtet."

"Und das Kind war von dir? Nicht von Achim van Borgh?"

"Debby hat immer geschworen, dass van Borgh sie nie angefasst, also auch nie mit ihr geschlafen habe. Eine DNA-Kontrolle oder wie man das nennen soll, ist nie gemacht worden."

"Na schön. Dein Kind, das Debby dann verloren hat. Wie ging's an dem Abend weiter?"

"Karin hat mir vorgeschlagen, wir sollten zu ihr fahren, damit sie mir alles erklären könne. Sie ist vorausgefahren, ich bin hinter ihr hergefahren."

"In die Uhlandstraße."

"Ja. Karin hatte den Plastiksack mitgenommen. In Ihrer Wohnung haben wir Bier getrunken, ich hatte plötzlich einen wahnsinnigen Durst. Karin auch. Sie hat mir erzählt, dass ihre Eltern sie gedrängt haben, den reichen Achim zu heiraten, obwohl sie den gar nicht leiden mochte. Im Bett wollte er wenig von ihr wissen, meinte nur, das sei ganz normal. Sie sollte sich keine Gedanken deswegen machen. Aber sie fing dann an, trotzdem darüber nachzudenken, als ihr der Verdacht kam, dass er sie im Ehebett nicht anfasste, aber immer wieder ins Bordell ging."

"In den Bienenkorb und das Palais d'amour."

"Woher weißt du das denn?"

"Borgh war oder ist an den beiden Bordellen finanziell beteiligt."

"Das stimmt. Das wusste sie aber nicht. Das hat sie erst an dem Abend erfahren."

"Wie das?"

"Unter den Sachen, die wir aus dem Beutesack holten, befanden sich auch zwei Verträge, aus denen hervorging, dass van Borg über einen Strohmann am Bienenkorb beteiligt und am Palais d'amour interessiert war.

"Na prächtig. Und was war noch in der Wundertüte?"

Hako grinste: "Bargeld in verschiedenen Währungen, ein Barren Gold, ein Barren Platin, Armbanduhren für Angeber, ein Säckchen mit ungeschliffenen Diamanten, ein Goldanhänger und ..." Er stockte und Marholt musterte ihn grimmig: "Hako, was noch?"

"Nichts mehr."

"Natürlich war da noch mehr drin. Etwas, mit dem du Borgh seitdem erpresst."

"Sag mal, spinnst du? Erpressen?"

"Komm runter vom Ross. Du hast keinen Beruf, du arbeitest nicht, du kümmerst dich nur um deine Frau. Geerbt hast du nicht, deine Schwester unterstützt dich nicht. Ohana kann Debby auch nicht helfen. Der reiche Onkel, genannt Lord Jim, hat wohl noch den Karren da draußen bezahlt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht daran denkt, Debby und dich zu finanzieren. Wovon lebt ihr, und – wenn der Augenschein nicht täuscht – nicht einmal schlecht?"

Hako krümmte sich, aber antwortete nicht. Dann sagte eine Frau von der Tür ins Nebenzimmer her: "My poor Jack from Naples, was habe ich dir immer prophezeit? Du kannst es nicht auf ewig verbergen." Debby schob die Tür weit auf und kam hereingerollt. "Du hast nur zum Teil Recht, Peter. Wir erpressen Achim van Borgh nicht, könnten es aber. Im Tresor lag nämlich noch eine andere Pistole, die Hans in den Sack gesteckt hatte. Borgh hat Angst, dass diese Waffe der Polizei in die Hände fällt."

Marholt blieb der Mund offen stehen. "Weißt du, was das bedeutet?"

"Ja, die zweite Pistole ist wohl zu einem Verbrechen benutzt worden, das auch nach dieser langen Zeit nicht verjährt ist. Und da kommen nicht viele Verbrechen in Frage."

"Nein, in erster Linie Mord."

"Ja. Und wenn die Kripo im Körper des Mordopfers ein Projektil gefunden hat, kann man auch noch nach Jahren feststellen, ob es aus dieser Pistole abgefeuert worden ist."

Marholt überlegte. Das passte zusammen, aber noch musste er eine Lücke schließen, und wahrscheinlich war es besser, wenn Debby nicht zuhörte. Sie missverstand sein Zögern und sagte eifrig: "Weißt du, was wir beide uns noch gedacht haben? Warum hat er soviel Wert daraus gelegt, alle meine Krankenhausrechnungen zu bezahlen? Das waren immense Summen."

"Und? Zu welchem Schluss seid ihr gekommen?"

"Er wollte wohl den Eindruck erwecken, ich hätte sein Kind verloren."

Das schien eine sehr kühne Interpretation eines allerdings in der Tat schwer verständlichen Verhaltens zu sein; Marholt nickte und murmelte: "Wie hast du Hako eben genannt? Auf Englisch, meine ich."

"My poor Jack from naples?"

"Ja."

Jetzt antwortete Hako: "Mein armes Hänschen aus Neapel."

"Und was bedeutet das?"

"Konrad, den die Italiener corradino nannten, war der letzte Staufer. Er wurde 1268 in Neapel hingerichtet. Mit der Zeit wurde aus seinem italienischen Namen der deutsche Konradin. Hans Konradin."

"My poor Jack", sagte Debby und fuhr wieder in das Nebenzimmer. Marholt bemerkte, dass sie die Verbindungstür einen kleinen Spalt weit offen ließ. Hako achtete nicht darauf.

"Ach so. Sag mal, Hako: In der Wundertüte muss noch etwas gewesen sein, was bestimmte Leute zurzeit heftig suchen. Etwas, was man an einer langen Kette um den Hals tragen kann."

Hako kratzte sich den Kopf. "Die Schmuckstücke habe ich alle zurückgegeben. Was soll das denn sein?"

"Hat sich Karin diese Medaille genommen?"

"Vermutlich, sie wollte sie wohl als Halskette tragen."

"Du hast den Inhalt des Sacks behalten. War Karin mit dieser Aufteilung einverstanden?"

"Anfangs nicht ... aber in den nächsten Tagen hat sie zugestimmt."

"Du bist über Nacht bei ihr geblieben?"

"Ja, ich wollte eigentlich nicht, aber ich wusste nicht, wohin. Wir waren beide müde, ziemlich durcheinander und dann das Bier auf nüchternen Magen ..."

Marholt schaltete mit ziemlicher Verspätung: "Ihr habt also miteinander geschlafen?"

"Ja, verdammt. Ja, haben wir. Es hat sich so ergeben. Keiner hatte es wirklich gewollt, aber es kam halt so ... Bist du nun zufrieden?"

"Weiß Debby davon?"

"Nein, und sie darf es auch nie erfahren. Versprichst du mir das?"

"Ja. Ich werde nichts sagen."

"Danke."

"Bedanke dich nicht zu früh. Wir sind noch nicht fertig. Zu Anfang hat also van Borgh für euch gezahlt?"

"Ja. Unsere letzte Hoffnung war Schlierbach, und als man uns dort sagte, es gebe für Debby keine Hoffnung mehr und auch keine mechanische Hilfe, wurde er nervös. Er habe keinen Goldesel im Keller stehen. Und da ist mir der Sack mit dem Inhalt des Tresors wieder eingefallen. Ganz vorsichtig habe ich ihm verklickert, es könnten sich auch noch andere für den Inhalt seines Tresors interessieren. Da wurde er sehr aufgeregt. Und weißt du, wonach er sich als erstes erkundigt hat?"

"Nein."

"Nach der Pistole und den beiden Verträgen. Wir haben uns auf eine monatliche Summe geeinigt. Das Bargeld aus dem Sack hatte ich inzwischen für Debby, für uns, ausgegeben."

"Aber diesen behindertengerechten Kombi wollte er nicht mehr bezahlen?"

"Nein. Als Debby zum ersten Mal merkte, dass Borgh hinter ihr her war, hatte sie ihre Schwester Oriana angerufen. Die kam dann auch nach Düsseldorf, da lag Debby aber schon in der Klinik, und Oriana hat bei der Gelegenheit Karin und Achim van Borgh kennengelernt. Sie meinte dann, wenn Borgh wirklich nicht der Vater des Kindes sei, das Debby erwartete, hätte er genug getan. Jetzt sollte 'Lord Jim' mal ran. Der kam dann auch, hat den Wagen und den Umbau bezahlt und ist dann gleich wieder abgedüst. Kannst du dich noch an Wolfgang Fröhlich erinnern?"

"Ja."

"Der ist jetzt Arzt und Onkologe am Krebsforschungszentrum. Ich hatte ihn zufällig auf der Hauptstraße in Heidelberg getroffen und ihm meine Probleme geschildert. Er hat mir dann Miltenberg empfohlen, hier gibt es ein kleines, spezialisiertes Rehazentrum, und er hat mir geholfen, hier ein Haus zu finden, das wir dann noch gemeinsam umgebaut haben, um Debby möglichst viele Treppen zu ersparen."

'Du krummer Hund', dachte Marholt erbost, der sich an seine Gespräche mit dem harmlosen, nichts wissenden Fröhlich noch sehr genau erinnerte.

"Seit fast zwölf Jahren leben wir jetzt hier."

"Deine Frau hat sehr gut Deutsch gelernt."

"Ja. Sie macht Übersetzungen aus dem und ins Englische. Und in Amorbach unterrichtet sie ehrenamtlich einen Schülerkreis in Englisch. Sie hat gut zu tun und langweilt sich nicht."

"Und du? Was treibst du den lieben langen Tag?"

Hako schnitt eine Grimasse. Er wollte mit der Sprache nicht raus, das war deutlich.

"In diesem Schatzsack befand sich doch auch Schmuck und Edelmetall. Was ist damit geschehen?"

"Das habe ich Borgh zurückgeschickt, als seine erste monatliche Zahlung eingegangen war."

"Dann hat er immer gewusst, wo ihr seid?"

"Natürlich."

"Hat er nie versucht, sich die Pistole und die Verträge gewaltsam zu beschaffen? Entweder selbst oder durch einen bezahlten Einbrecher?"

"Einmal haben wir mit viel Glück einen Typen im Haus gestellt, der gerade alles durchwühlte. Debbys Rollstuhl machte Probleme, deshalb hat ein Nachbar sie ins Haus getragen, und dieser Nachbar ist ein Herkules, er hat den Einbrecher verprügelt, dass wir schon dachten, der ist hin. Ein Kurt Leuscha aus Leverkusen laut Führerschein und Wagenpapieren. Ich habe Borgh angerufen und ihn gewarnt. Danach war Ruhe."

Die Lücken schlossen sich. "Was ist mit den Rohdiamanten?"

"Die liegen in Heidelberg in einem Banksafe. Übrigens war da noch was in dem Wundersack, ein verschraubbares Metalldöschen, das irgendwelche Steine und Erden enthielt. Dafür hat sich Lord Jim, Debbys Onkel, sehr interessiert; ich habe es ihm gegen eine monatliche Rente verkauft, die er auch pünktlich zahlt."

"Was für Steine und Erden?"

"Das weiß ich nicht. Lord Jim hat was erklärt, das ich – ehrlich gesagt – nicht verstanden habe. Du weißt ja, Chemie und Physik waren nie meine Stärken."

"Kannst du das Metalldöschen mit dem Schraubverschluss beschreiben?"

"Schlecht, aber ich habe es fotografiert, bevor ich es an Lord Jim geschickt habe."

"Darf ich die Aufnahme mal sehen?"

"Moment, die habe ich im Keller gut versteckt." Hako verließ das Zimmer durch die zweite Tür und bemerkte nicht, dass Debby die andere Tür einen Spalt hinter sich offen gelassen hatte. Eine Minute später war Hako zurück und legte eine gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Aufnahme vor Marholt hin. Sie zeigte den Deckel eines Döschens aus hellem Metall. Jemand hatte auf den Deckel mit einem Nagel oder einem scharfen Stein etwas eingeritzt, und Hako hatte die Vertiefungen vor dem Fotografieren mit Ruß oder Farbpulver gefüllt. Das Gekrakel war nicht leicht zu erkennen. (Fe,Mn)(Nb,Ta,Sb)2 O6. Man hätte im Chemieunterricht doch besser aufpassen sollen. In der zweiten Reihe stand auf dem Deckel eingeritzt:

1 G, 36' 5''N.9 G,45' 8''E. 465 NN.

"Verstehst du das?", fragte Hako neugierig.

"So ungefähr. Die erste Reihe könnte eine chemische Summenformel sein und ein Erz beschreiben, das auf der Position gefunden wird, die in der zweiten Reihe beschrieben wird. Hast du mal einen ordentlichen Atlas?"

"Sofort."

Ein Grad nördlicher Breite und neun Grad östlicher Länge beschrieben annähernd einen Ort in Äquatorialafrika, das mal eine spanische Kolonie gewesen war und damals noch – wie sich Marholt erinnere – Río Muni hieß. Ein Erz, und Lord Jim hieß Sheridan und war für die Sheridan Mining Company unterwegs. Eine Idee brachte gleich die andere hervor.

"Kannst du mir von diesem Foto eine Kopie herstellen, die ich mitnehmen kann?"

"Sofort." Technisch war der Haushalt auf das Modernste ausgerüstet.

"Hako, als Karin in U-Haft kam, hat eine andere Frau die Wohnung übernommen, nicht wahr?"

"Ja, eine Vanessa Niegel. Sie war auf der Suche nach dem Sack mit der Beute aus dem Tresor. Aber der Sack war längst in einem Schließfach."

"Du hast doch nicht mit ihr zusammengelebt?"

"Nein. Aber ich wusste immer noch nicht, wohin, und da hat sie mir eine Art Hausboot am Hafen besorgt. Der Eigentümer hatte es aufgegeben und dort habe ich gewohnt, gehaust, bis Debby aus der Klinik entlassen wurde, und wir auf unsere Krankenhausrundreise durch Deutschland gingen."

"Mit Ohana – so nennt sich Oriana heute."

"Nein, ohne. Sie ist zurückgefahren nach – wie heißt das Nest noch?"

"Laredo de la boca."

Die Verbindungstür wurde aufgeschoben, und Debby rief: "Essen ist fertig."

Sie hatte in der Essecke der Küche den Tisch gedeckt. Es roch sehr gut und Hako schmunzelte: "Eine Bekehrte hat gekocht. Es gibt Käsespätzle."

Während des Essens fragte Marholt beiläufig: "Sag mal, Hako, bist du in der Zeit zwischen dem Einbruch und dem Prozess gegen Karin Demus dem Ex-Ehemann Achim van Borgh mal begegnet?"

Details

Seiten
800
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901436
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308711
Schlagworte
kugel kopf vier krimis

Autoren

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Titel: Kugel im Kopf: Vier Krimis