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Detektive killt man nicht: Drei Krimis

von Alfred Bekker (Autor) A. F. Morland (Autor)

2015 400 Seiten

Leseprobe

Detektive killt man nicht: Drei Krimis

von Alfred Bekker & A.F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 400 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Alfred Bekker: Mord am East River

A. F. Morland: Ausgetrickst in Rio

Alfred Bekker: Die Waffe

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors, Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Mord am East River

von Alfred Bekker

Ein neuer Fall für Bount Reiniger, New York Citys besten Ermittler: Ein junger Hacker wird ermordet, der sich in eine Firma gehackt hat, die Raketenbauteile herstellt. Kurz darauf stirbt einer der Geschäftsführer dieser Firma. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Bount muss Kopf und Kragen riskieren, um das herauszufinden.

1

Ted Hughes hatte Todesangst. Er saß stumm und nachdenklich vor dem Computerschirm, dessen Licht sein Gesicht noch grauer erscheinen ließ, als es im Augenblick ohnehin schon war. Seine Finger gingen wie mechanisch über die Tastatur, aber das, was sich da auf dem Schirm tat, interessierte ihn jetzt nicht mehr wirklich. Er hatte andere Sorgen. Er stand auf und fingerte nervös nach einer Schachtel Zigaretten. Dann ging er zum Fenster, griff nach dem Feuerzeug in seiner Hosentasche und zündete sich eine an. Er bemerkte das Zittern seiner Hände und erschrak.

Nur ruhig bleiben!, dachte er. Ruhig bleiben und kühlen Kopf bewahren! Er blickte aus dem Fenster. Draußen war es Nacht, aber auf der Straße herrschte noch immer reger Betrieb. Ted wusste, dass die Sache, auf die er sich da eingelassen hatte, zu groß für ihn war. Aber jetzt war es zu spät.

Ich hätte es vorher wissen müssen!, dachte er. Aber vielleicht hatte er es insgeheim sogar gewusst und die Wahrheit nur mehr oder weniger erfolgreich verdrängt. Er zog an seiner Zigarette und ließ sie in dem Halbdunkel, dass in dem Zimmer herrschte, aufglimmen.

Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken und herumfahren. Beinahe wäre ihm dabei der Glimmstängel auf den Teppichboden gesegelt. Er schluckte. Mein Gott!, dachte er. Ich bin schon völlig hysterisch! Er ging wieder zum Bildschirm. Da er keinen Aschenbecher fand, wandte er sich erneut herum und erstarrte dann zur Salzsäule.

Eine dunkle Gestalt stand da in der Tür. Ted konnte das Gesicht nicht sehen. Es befand sich im Schatten.

Dafür sah Ted etwas anderes, etwas, das ihm den Puls bis zum Hals trieb. Er wich zurück und stieß dabei gegen den Tisch, auf dem sein Computer-Equipment aufgebaut und verkabelt war.

Alles ging sehr schnell. Zwei Sekunden dauerte es. Kaum länger.

Die Gestalt im Schatten winkelte den rechten Arm an. Dann blitzte es. Ein trockenes 'Plop!' war zu hören. Ted bekam die Kugel aus der Schalldämpferpistole mitten in die Stirn. Er taumelte zurück, rutschte am Tisch entlang zu Boden und räumte dabei den Bildschirm und eine Diskettenbox ab. Indessen machte der Killer Licht. Er verlor nicht einen einzigen Augenblick, steckte die Waffe weg und begann zu suchen.

2

Bount Reiniger, der bekannte New Yorker Privatdetektiv, hatte Glück gehabt, gleich einen Parkplatz zu finden, auf dem er seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL abstellen konnte. Es war zwar eine Frage von Zentimetern gewesen, aber Bount ging das Risiko ein.

Er stieg aus und schlug sich den Mantelkragen hoch. Ein verdammt frostiger Abend war das. Und der Wetterbericht behauptete, dass die Quecksilbersäule noch weiter in den Keller sacken würde.

Der Privatdetektiv sah noch einmal nach der Hausnummer und nickte stumm. Hier muss es sein!, dachte er. Fast einen ganzen Monat lang war er hinter dem Kerl hergewesen. Und jetzt hatte er Name und Adresse.

Er hieß Ted Hughes und wohnte im fünften Stock.

Reiniger kam ins Treppenhaus und wollte den Aufzug nehmen. Aber der war defekt, wie ein Hinweisschild freundlicherweise verriet. So musste er laufen, aber das war halb so schlimm. Schließlich hatte er eine gute Kondition. Viel ärgerlicher war etwas ganz anderes. Als er vor Ted Hughes' Wohnungstür stand, bemerkte, dass sie einen kleinen Spalt weit offen stand.

Das konnte alles Mögliche bedeuten, nur wahrscheinlich nichts Gutes und so ging Bount auf Nummer sicher. Er griff unter Mantel und Jackett nach der Automatik, die er im Schulterholster trug und lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch.

Von drinnen war ein Geräusch zu hören.

Bount schob die Tür ein Stück auf und kam in einen dunklen Flur. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er, dass im Nachbarraum Licht brannte. Aber das Licht ging aus und das konnte kein Zufall sein.

Bount sah einen Mündungsblitz aufleuchten, aber da war kein Schussgeräusch. Der Privatdetektiv warf sich flach auf den Boden, rollte sich herum und ließ die Automatik loskrachen. An der Tür, die von dem Flur aus vermutlich ins Wohnzimmer führte, war nichts mehr zu sehen. Nur Finsternis. Bount war blitzschnell wieder auf den Beinen und presste sich gegen die Wand.

"Kommen Sie heraus!", rief Bount. "Sie sitzen in einer Mausefalle!"

Keine Antwort.

Bount tastete sich bis zum Türrahmen vor und riskierte schließlich einen Blick. Er sah, dass die Balkontür offen stand. Mit der Waffe im Anschlag stürmte Bount in den Raum, aber da war niemand mehr zu sehen. Er machte Licht und sah Ted Hughes' Leiche am Boden liegen. Jedenfalls nahm er an, dass es Hughes war, denn gesehen hatte er ihn bis dahin noch nicht. Aber er passte einfach zu genau auf die Beschreibungen, die man ihm geliefert hatte. Ein junger Kerl, neunzehn oder zwanzig, lang, schlaksig, mageres Gesicht, unreine Haut und dicke Brille. Die Brille war ihm heruntergerutscht und hing nur noch an einem Ohr. Seine Augen blickten starr und kalt ins Nichts. Die Kugel hatte mitten auf der Stirn ein kleines, rundes Loch produziert, aus dem jetzt langsam Blut sickerte. Ein Profi!, dachte Bount. Oder jedenfalls ein sehr guter Schütze. Wenn im Flur mehr Licht gewesen wäre, hätte es mich wahrscheinlich erwischt!

Bount ging durch die Balkontür hinaus. Aber er hatte kaum seine Nase vorgestreckt, da pfiff ihm bereits wieder eine Kugel um die Ohren. Reiniger duckte sich. Das Projektil durchschlug eine Fensterscheibe und ließ sie in tausend Scherben zerspringen.

Der Killer, der Ted Hughes offenbar auf dem Gewissen hatte, war von dessen Balkon auf den der Nachbarwohnung und von dort aus auf das Flachdach des niedrigeren Hauses nebenan gelangt. Jetzt stand er neben einem dicken Schornstein und schoss ein paar Mal in Bounts Richtung, so dass dem Privatdetektiv nichts anderes übrig blieb, als den Kopf einzuziehen. Dann tauchte Reiniger hervor und feuerte mit der Automatik zurück. Aber er wusste nur zu gut, dass es fast unmöglich war, den Kerl in seiner Deckung zu erwischen. Bount hörte er ein klackerndes Geräusch. Es verriet ihm, dass sein Gegenüber die Flucht über die Dächer fortsetzte. Bount folgte ihm. Er schwang auf den Nachbarbalkon und dann auf das Flachdach. Die Automatik hielt er dabei schussbereit in der Rechten, aber er brauchte sie nicht, denn es war niemand zu sehen.

Aber Bount war klug genug, vorsichtig zu bleiben. Schließlich hatte er es vermutlich mit einem Mann zu tun, der Erfahrung in seinem Geschäft hatte und nicht die geringsten Skrupel kannte. Der Kerl würde vermutlich das Risiko scheuen, aber in dem Moment, in dem er die Chance hatte, sein Gegenüber zu töten, würde er nicht den Bruchteil einer Sekunde lang zögern, es auch zu tun.

Das Dach zog sich ziemlich lang hin. Bount kam bis zum Schornstein und sah den Flüchtenden am Schrägdach des angrenzenden Hauses empor krabbeln. Wenigstens konnte er sein Schießeisen nicht gleichzeitig benutzen, denn er brauchte beide Hände, um die Steigung zu bewältigen.

Bount setzte nach. Sein Spurt war gewaltig und er holte auf. Der Killer drehte sich herum. Bount sah sein Gesicht im Mondlicht. Es war hartgeschnitten und kantig - und jetzt zu einer Grimasse verzogen. Der Mann keuchte. Als er sah, dass er keine Chance hatte, den First zu erreichen, bevor Bount ihn zu fassen kriegte, hielt er an und griff wieder nach der Waffe. Das Dach war sehr steil und durch die Stellen mit gefrorener Nässe ziemlich tückisch für jemanden, der darauf herumzulaufen versuchte. Der Killer hatte also alles andere als einen sicheren Stand, als er den Schalldämpfer seiner Pistole auf Bount richtete.

Dennoch - sein Gesicht entspannte sich ein wenig. Er fühlte sich überlegen und glaubte, die Sache wäre gelaufen. Der Finger spannte sich um den Abzug. Eine Kugel mehr oder weniger in irgendeinem Schädel, welche Rolle spielte schon für einen wie ihn?

Der Schuss ging los, aber der Killer hatte sich verrechnet. Die Kugel ging in den klaren Nachthimmel.

Bount hatte sich hingeworfen und nach dem Fuß des Killers gelangt.

Wenn er ihn verpasst hätte, wäre der Privatdetektiv ein toter Mann gewesen. Aber Bount verpasste ihn nicht.

Als er den Fuß des Killers zu fassen bekam, verlor dieser das Gleichgewicht. Beide rollten sie die Steigung hinunter und bevor der Killer wieder auf den Beinen war, hatte Bount ihm die Waffe aus der Hand gekickt. Sie flog ein paar Meter über das Flachdach. Der Killer machte ein ziemlich grimmiges Gesicht, als Bount ihm die Automatik unter die Nase hielt.

"Schön ruhig!", warnte Bount. "Oder du bekommt eine Kugel in den Kopf!"

Der Killer atmete tief durch. Ein begehrlicher Blick ging zur Seite, in jene Richtung, in die seine Pistole geflogen war. Aber es war aussichtslos, sie zurückzubekommen.

Der Kerl war klug genug, es auch gar nicht erst zu versuchen.

"Wer bist du?", fragte Bount.

Um das Gesicht des Killers spielte ein zynischer Zug. Er hatte nicht die Absicht, irgendetwas zu sagen. "Na schön", meinte Bount. "Du bist nicht sehr gesprächig, was?"

"Wundert dich das?", brummte er.

Bount lächelte dünn.

"Die Polizei wird das Puzzle schon Stückchen für Stückchen zusammensetzen. Ich weiß nicht, wie viele Schädel du vorher schon durchlöchert hast, aber dieser Mord wird dir das Genick brechen."

Der Killer verzog das Gesicht.

"Abwarten!", knurrte er.

Bount zuckte mit den Schultern und machte eine eindeutige Bewegung mit der Automatik. "Zieh deinen Mantel aus!", sagte er.

Der Killer kniff die Augen ein wenig zusammen.

"Es ist kalt", brummte er.

"Du kannst den Mantel gleich wieder anziehen, ich will nur überprüfen, was du außer deinem Schießeisen vielleicht noch so an tödlichen Spielzeugen bei dir hast!"

Er zuckte mit den Schultern und begann damit, den Mantel aufzuknöpfen. Bount fixierte ihn dabei mit den Augen. Nicht eine Sekunde durfte er diesen Mann aus den Augen lassen, das wusste er.

"Bist du ein Bulle?", fragte der Killer.

"Die Fragen stelle ich! Das solltest du inzwischen gemerkt haben!"

"Nein", murmelte er. "Wenn du ein Bulle wärst, hättest du mir sicher schon deine Marke gezeigt und die Rechte vorgelesen - damit es am Ende nicht einen Verfahrensfehler gibt, den die Verteidigung ausnutzen kann!"

Bount winkte ab.

"Dein Fall ist so eindeutig, dass du damit auch nichts mehr herausholen würdest!"

"Warten wir's ab!"

Der Unterton, mit dem er das sagte, gefiel Bount nicht. Der Killer zog den Mantel aus. Es war ein dunkler Wollmantel, der ganz nach Schurwolle oder Cashmere, auf jeden Fall aber elegant und teuer aussah. Dieser Mann hatte also sein blutiges Auskommen...

Er nahm den Mantel hoch und warf ihn zu Boden. Aber gleichzeitig kam aus seinem Jackett-Ärmel blitzschnell ein Messer heraus, das er Bount entgegenschleuderte.

Es war ein gut gezielter Wurf.

Den Bruchteil einer Sekunde hatte Bount, um die Linke hochzureißen und die Klinge abzufangen. Das Messer zerschnitt dabei schmerzhaft seine Hand. Es blutete schrecklich. Der Killer setzte sofort nach schnellte blitzartig nach vorne. Bount wollte ihm einen Schuss ins Bein verpassen, aber dazu kam er nicht mehr. Ein Karate-Tritt ließ seine Automatik über das Flachdach segeln, ein zweiter Fußtritt traf ihn mitten auf dem Solar Plexus.

Bount blieb einen Augenblick lang die Luft weg. Er war dem K.O. sehr nahe und taumelte rückwärts, konnte sich aber halten. Er verengte die Augen ein wenig und sah, wie der Killer zu dem am Boden liegenden Messer gesprungen war, das Bount abgewehrt hatte.

Der Killer hob es auf, wog es in der Rechten und kam dann langsam näher, Bount machte sich auf das Schlimmste gefasst. Zu seiner Automatik zu rennen, war aussichtslos. Sobald Bount losspurtete, würde sein Gegner ihm das Messer einfach in den Rücken schleudern.

Es blieb dem Privatdetektiv also nichts anderes übrig, als den Messer-Mann ruhig zu erwarten und zu versuchen, seinen Angriff so gut es ging abzuwehren. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich und es war beiden klar, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod war - zumindest von Seiten Killers aus.

Der Kerl kam heran und ließ die Messerklinge giftig vorschnellen, so dass Bount ausweichen musste. Ein paar Mal ging das so und Bount musste immer weiter zurückweichen. Der Killer lächelte siegesgewiss.

"Mach's mir nicht so schwer!", zischte er. "Es hat doch sowieso keinen Zweck..."

Bount merkte, dass sein Gegner ihn immer mehr an den Rand des Daches drängte. Ein paar Meter noch, dann würde Bount nicht mehr zurückweichen können, aber der Killer trieb ihn unbarmherzig vor sich her.

Dann schnellte das Messer zum entscheidenden Stoß auf Bount zu. Der Privatdetektiv bog dem Kerl den Arm zur Seite, so dass der Stoß ins Leere ging. Der Killer fiel zu Boden und riss Bount dabei mit sich. Sie rollten übereinander und bewegten sich dabei gefährlich auf den Rand des Daches zu. Unten brauste der Verkehr.

Bount gewann schließlich die Oberhand, packte den rechten Unterarm seines Gegenübers und schlug diesen roh gegen die Betonkante, die sie beide noch vom Abgrund trennte. Es fehlte nicht viel und der Arm wäre gebrochen gewesen, aber der Killer war eine harte Nuss. Zweimal musste Bount die Übung wiederholen, dann erst löste sich der Griff um das Messer. Die Klinge segelte in die Tiefe, aber im selben Moment gelang es dem Killer, Bount auszuhebeln und wegzustoßen. Der Killer war derjenige, der schneller wieder auf den Beinen war. Er rannte davon und Bount setzte nach.

Der Killer lief den Weg zurück, den er gekommen war und Bount war ihm auf den Fersen und holte auf.

Dann hatte der Kerl den Balkon von Ted Hughes' Nachbarwohnung erreicht und sprang durch die gläserne Balkontür. Von drinnen waren Stimmen zu hören.

Augenblicke später hatte auch Bount den Balkon erreicht und wollte gerade durch die zerschlagene Tür treten, da bekam er einen furchtbaren Hieb, der ihn nach hinten taumeln und mit dem Hinterkopf gegen das gusseiserne Geländer schlagen ließ. Alles begann sich vor seinen Augen zu drehen. Ihm war schwindelig und hundeelend. Bount wollte sich wieder hochrappeln, aber der Versuch endete damit, dass er völlig zusammensackte.

3

"Bleiben Sie, wo Sie sind!"

Die helle Frauenstimme schnitt wie ein Messer durch die Finsternis und bewahrte Bount vielleicht davor, vollends in die Bewusstlosigkeit hinüberzugleiten. Für einen Moment war er ziemlich weggetreten gewesen, aber jetzt wurde es besser. Der Killer war über alle Berge, soviel dämmerte ihm.

Er blickte auf und sah eine junge Frau, die mit zitternden Händen einen Baseballschläger hielt.

"Haben Sie damit zugeschlagen, Miss? Wenn man danach geht, wie sehr mir meine Rippen im Moment wehtun, dann haben Sie mir ganz schön einen verpasst!"

"Ja! Und ich werde ich noch einmal tun, wenn Sie sich rühren, bis die Polizei da ist!"

Bount befühlte seinen Hinterkopf, mit dem er gegen das Geländer geknallt war. Bohrende Kopfschmerzen ließen ihn das Gesicht etwas verziehen.

"Sie brauchen keine Angst zu haben", erklärte er.

"Ihr Freund hat mich über den Haufen gerannt. Ich wollte zum Fenster, um zu sehen, was da draußen auf dem Dach los ist! Sie haben sich die falsche Wohnung für einen Einbruch ausgesucht, Mister! Ich habe weder Geld noch Schmuck!"

"Erstens hätte ich mir sicher eine andere Gegend für einen Einbruch ausgesucht, eine, die in dieser Hinsicht vielversprechender ist..." Bount machte eine kurze Pause und rieb sich über das Gesicht. Er war noch nicht wieder hundertprozentig da.

Die junge Frau hob die Augenbrauen, aber der Baseballschläger in ihren schlanken, aber kräftigen Armen blieb eine latente Drohung.

"Und zweitens?", fragte sie.

"Zweitens ist der Kerl, der durch Ihre Wohnung gestürmt ist, nicht mein Freund. Noch nicht einmal mein Partner."

"Kann man leicht behaupten."

"Der Mann ist ein Mörder", sagte Bount ruhig. "Ihr Nachbar - Ted Hughes - ist von ihm erschossen worden. Ich kam leider zu spät, um ihn noch zu retten!"

Bount griff in die Innentasche, um seine Private Eye-Lizenz herauszufingern. Er warf sie ihr hin. "Hier, Sie können doch sicher lesen!"

Einen Augenblick lang sah sie Bount misstrauisch an. Dann bückte sie sich, nahm den Ausweis und entspannte sich etwas.

"Bount Reiniger, Privatdetektiv", murmelte sie. Sie zuckte mit den Schultern. "Wie gesagt, ich habe die Polizei schon gerufen. Die wird dann alles klären!"

"Tun Sie mir einen Gefallen und rufen Sie auch gleich die Mordkommission." Bount versuchte ein Lächeln. "Ich verspreche Ihnen auch, dass ich mich nicht vom Fleck rühre." Sie musterte Bount noch ein paar Sekunden lang prüfend, warf noch einen Blick auf die Lizenz und gab sie Bount zurück.

"Sie wissen, wie viel Gewalt es in den Straßen gibt. Und dies hier ist nicht gerade die beste Gegend!"

"Ich weiß."

"Einmal dem Falschen vertraut und schon ist man das Haushaltsgeld los oder tot."

"Ich will weder Ihr Leben, noch Ihr Geld. Nur ihr Telefon. Und wenn ich eine falsche Bewegung mache, dann können Sie mir ja immer noch auf die Finger hauen."

Sie atmete tief durch. "Na gut."

4

"Du siehst ja ziemlich ramponiert aus, Bount!", dröhnte Toby Rogers, Captain des Morddezernats C/II von Manhattan, als er seinen alten Freund Bount Reiniger erblickte.

Bount lächelte schwach. Er hatte sich inzwischen notdürftig die Messerwunde an der Hand verbunden.

"Ließ sich leider nicht vermeiden", brummte er. "Und zu allem Überdruss ist mir der Kerl auch noch durch die Lappen gegangen!"

Rogers’ Grinsen ging von einem Ohr zum anderen.

"Schon lange her, dass dir so etwas passiert ist, was?" Bount deutete auf die junge Frau.

"Der Kerl hatte leider einen unschlagbaren Verbündeten!", meinte er.

Die Frau errötete. "Tut mir schrecklich leid", meinte sie. "Ich konnte ja nicht wissen, dass..."

"Schon gut", erwiderte Bount. "Hätte ja auch noch schlimmer kommen können!" Er wandte sich an Rogers. "Sind die Leute von der Spurensicherung schon über die Nachbarwohnung hergefallen?"

"Sind noch unterwegs, Bount. Was wird hier eigentlich gespielt? Das hörte sich am Telefon ja ziemlich dramatisch an..."

"Lass uns rübergehen!"

Der ziemlich korpulente Polizei-Captain zuckte die breiten Schultern. "Wie du willst!"

Wenig später waren sie in der Wohnung von Ted Hughes. Es war kein schöner Anblick, den jungen Mann dort so liegen zu sehen.

"Das Werk eines Profis, nicht wahr?", schloss der dicke Rogers, wobei er es sichtlich vermied, allzu oft zu dem toten Hughes hinzusehen.

Bount nickte. "Das war auch mein erster Gedanke", meinte er. "Wie schon am Telefon erwähnt - ich bin dem Killer noch begegnet!"

"Hast du sein Gesicht gesehen?"

"Ich würde ihn wiedererkennen - wenn es das ist, worauf du hinaus willst, Toby!"

"Und was hast du hier zu suchen, Bount?"

"Ich war hinter Hughes her. Leider kam ich zu spät."

"Was wolltest du von Hughes?"

Bount machte eine unbestimmte Geste und fragte dann zurück: "Sagt dir der Name Jupiter Electronics etwas?" Toby überlegte ein paar Sekunden und schüttelte dann sehr energisch den Kopf. "Nein, Bount. Tut mir leid."

"Ein aufstrebendes Elektronik-Unternehmen, das sich in den letzten Jahren von sich reden gemacht hat."

"Und diese Firma ist dein Klient!", schloss der Captain.

"So ist es. Ein Hacker ist in die EDV der Firma eingedrungen und hat sich dort wahrscheinlich großzügig bedient." Toby Rogers hob die Augenbrauen. "Kommt so etwas nicht jeden Tag vor? Einige dieser Computer-Kids sollen doch schon bis in die Großrechner von Pentagon und NASA vorgedrungen sein!"

"Mag sein", räumte Bount ein. "Aber dieser Hacker könnte eventuell wirklich großen Schaden angerichtet haben. Es geht um Produktdaten für Raketenbauteile... Es war gar nicht so einfach in diese Hackerkreise einzudringen, aber schließlich habe ich dort die Spur von Hughes gefunden. Er hat sich einem dieser Leute nämlich anvertraut damit geprahlt, dass er bei Jupiter Electronics hineingekommen ist. Bis heute dachte ich, dass es sich bei Ted Hughes einfach nur um einen Freak handelt, der das ganze mehr oder weniger als Sport betrachtet und sich gar nicht darüber im Klaren ist, was er da tut."

"Und das denkst du jetzt nicht mehr."

"Richtig."

In diesem Moment kamen zwei Männer von der Spurensicherung.

"Ihr seht ja, was es hier zu tun gibt", meinte Rogers. Die beiden knurrten etwas Unverständliches vor sich hin. Wahrscheinlich hatten sie eigentlich längst frei und waren alles andere als begeistert davon, zu dieser späten Stunde noch einmal ran zu müssen.

"Sieht aus, als hätte der Killer hier etwas gesucht", meinte Rogers. "Fragt sich nur, was!"

Bount deutete auf Hughes' Computeranlage. "Ich möchte wissen, was auf den Disketten ist!", meinte er.

"Erst sind meine Leute dran."

"Ich weiß. Aber ich hoffe, du vergisst mich nicht!" Bount klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Mach's gut", meinte er. "Das wird sicher noch 'ne lange Nacht..." Toby Rogers’ Stirn legte sich in tiefe Falten.

"Und wohin willst du dich jetzt verflüchtigen?"

"Ich muss noch einmal auf das Dach des Nachbarhauses. Da liegt irgendwo meine Automatik herum. Und dann geht's nach Hause."

"Na, meinetwegen. Aber morgen kommst du zu mir und siehst dir Fotos an! Wenn das wirklich ein Profi war, dann haben wir ihn vermutlich auch in der Kartei."

5

"Sie haben gute Arbeit geleistet, Mister Reiniger", erklärte Ross Malrone, einer der leitenden Angestellten von Jupiter Electronics, während er nervös seine Zigarette in den Aschenbecher drückte. "Schließlich war es ja nicht so einfach, den Kerl aufzutreiben."

"Das ist allerdings wahr", meinte Bount.

"Natürlich interessiert uns, ob dieser Hacker die Daten abspeichern konnte, die er gestohlen hat", warf Gary Soames ein, ein dicklicher Mann in einem viel zu knappen weinroten Jackett, das ihm vielleicht vor zehn Jahren noch gepasst hätte. Bount machte eine unbestimmte Geste. "Alles, was Ted Hughes besaß, wird im Augenblick von der Polizei unter die Lupe genommen. Auch seine Disketten und Festplatten."

"Was wollen wir eigentlich?", meinte Soames. "Dieser Hacker kann ja nun schließlich keinen Schaden mehr anrichten. Das ist doch die Hauptsache, oder vielleicht nicht?"

"Schon", brummte Malrone.

"Na, also! Ich schlage vor, dass wir dem Aufsichtsrat berichten, dass die Sache abgeschlossen ist." Soames zuckte mit den Schultern. "Zivilrechtlich werden wir gegen den Jungen wohl nicht mehr vorgehen können..."

"Mister Soames, das ist pietätlos!", meinte Grace Manninger, die in ihrem eng sitzenden, grauen Kostüm und den schlichten, aber sehr exquisiten Accessoires dem Leitbild einer dynamischen Managerin entsprach. "Und im Grunde ist der Schaden ja jetzt auch begrenzt", fügte sie hinzu. Sie lächelte Bount Reiniger geschäftsmäßig an. "Das Loch ist gestopft und damit ist Ihr Auftrag beendet, Mister Reiniger!" Reiniger zuckte mit den Schultern.

"Wie Sie meinen."

"Wir werden auf Ihren Scheck noch etwas drauflegen", meldete sich Soames zu Wort. "Wie gesagt, Sie haben hervorragende Arbeit geleistet."

Aber Bount Reiniger schien anderer Ansicht zu sein. Er erhob sich von seinem Platz und meinte: "Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie Sie, die Sie hier sitzen, zufrieden sein können! Ich bin es jedenfalls nicht!"

Gary Soames zupfte nervös an seinem weinroten Jackett und musterte den Privatdetektiv misstrauisch.

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Nun, ich habe es in dem Bericht, den ich Ihnen geliefert habe, doch schon angedeutet! Ted Hughes wurde wahrscheinlich von einem Profi-Killer ermordet und..."

"Ja, das überaus tragisch, Mister Reiniger. Aber was hat das mit Jupiter Electronics zu tun?", unterbrach der dickliche Soames den Privatdetektiv. Er machte auf einmal einen merkwürdig gereizten Eindruck.

"Hughes wäre nicht der erste Hacker, der gezielt angeworben wurde", meinte Bount. "Der KGB hat so etwas schon versucht. Warum sollte es nicht auch zum Beispiel einer Ihrer Konkurrenten tun? Es geht ja schließlich um Produktdaten von Raketenbauteilen - und diese Ware ist mindestens so heiß wie Rauschgift!"

"Worauf wollen Sie hinaus, Mister Reiniger?", fragte Grace Manninger deutlich unbefangener als ihr Kollege Soames. Reiniger machte eine unbestimmte Geste. "Nun", meinte er. "Wer es einmal versucht, wird vielleicht weiterbohren. Wenn ich Sie wäre, würde ich der Sache auf den Grund gehen und herauszufinden versuchen, wer dahintersteckt!"

"Das ist ganz allein unsere Entscheidung!", erklärte Soames und Bount wusste, dass die Sache damit gelaufen war. Gegen Ignoranz war kein Kraut gewachsen. Da war nichts zu machen. Er lächelte dünn.

"Am Ende ist es allerdings auch Ihre Firma, die die Zeche bezahlen muss. Aber das müssen Sie wissen!"

6

Als Bount wenig später in seinem champagnerfarbenen 500 SL saß, konnte er sich eines unguten Gefühls nicht erwehren. Und daran konnte auch der Scheck in seiner Innentasche kaum etwas ändern.

Bount fühlte sich wie einer, den man hinausexpediert und mit ein paar Extra-Dollars geschmiert hatte, um ihn möglichst schnell loszuwerden.

Er zuckte mit den Schultern, ließ den Motor an und fädelte sich in den Verkehr ein. Vielleicht wollten die Leute von Jupiter Electronics einfach kein Aufsehen. Das konnte ihnen nur schaden und würde die Kurse ihrer Aktien in den Keller treiben.

Für Bount war die Sache damit erledigt.

Jedenfalls fast, denn sein nächster Weg würde ihn zum Morddezernat Manhattan C/II führen.

Als Bount eine Viertelstunde später Toby Rogers’ Büro betrat, verzehrte der dicke Captain gerade sein zweites Frühstück.

Rogers hob die Kaffeetasse zur Begrüßung, konnte aber nichts weiter, als einen unterdrückten Laut von sich geben, da er den Mund voll hatte. Übervoll.

Bount grinste.

"Schon gut, Toby. Ich kann mir denken, was du sagen willst!"

Toby drückte den Bissen etwas schneller herunter, als er es eigentlich wohl vorgehabt hatte und ächzte dann: "Auch einen Kaffee?"

"Wenn er richtig stark ist!"

"Ist er. Zum Schlafen hatte ich kaum Gelegenheit."

"Ich auch nicht. Mein Schädel hat gebrummt!"

"Oh, tut mir Leid."

"Ist schon besser geworden."

Bount bekam eine Tasse mit rabenschwarzem Kaffee in die Hand gedrückt.

"Hier, Bount! Und setz dich gar nicht erst, wir gehen rüber zu Lieutenant Carey."

Lieutenant Carey war zierlich, brünett und eine sehr attraktive junge Frau. Sie schenkte Bount ein entzückendes Lächeln, aber ihr Blick verriet auch, dass sie jemand mit starkem Willen und viel Durchsetzungskraft war.

"Ah, Sie müssen Bount Reiniger sein!", meinte sie. "Der Captain hat mir gesagt, dass Sie heute vorbeikommen würden."

"Allerdings glaube ich, dass wir noch nicht das Vergnügen hatten."

"Ich habe von Ihnen gehört, Mister Reiniger."

"Ich hoffe nur Gutes!"

"Was dachten Sie denn!"

"Zur Sache!", forderte Rogers und deutete auf den Computerschirm, der vor Lieutenant Carey auf dem Tisch stand.

"Ich habe alles vorbereitet", sagte Carey und warf dabei ihre Haare in den Nacken. "Die Killer-Parade kann beginnen. Ich hoffe nur, dass es überhaupt ein Bild von ihm gibt!" Und dann drückte Carey auf die Tasten. Ein Bild nach dem anderen ließ Bount über sich ergehen. Manchmal waren es nicht einmal Fotografien, sondern nur Phantombilder.

Aber der Mörder von Ted Hughes war nicht darunter. Toby Rogers musterte angestrengt das Gesicht seines Freundes und schien jedesmal innerlich zu seufzen, wenn dieser wieder den Kopf schüttelte.

Als Bount seinen Kaffee geleert hatte, waren sie dem Killer noch immer nicht einen Millimeter mehr auf den Pelz gerückt. Die Zeit ging quälend langsam dahin, aber bei so einer Sache musste man Geduld haben. Eine zweite und eine dritte Tasse Kaffee schüttete Bount in sich hinein. Schließlich waren sie endlich durch.

"Das sind alle?", fragte Bount.

"Findest du nicht, dass es viel zu viele sind?", raunte Toby zurück.

Bount zuckte mit den Schultern. "So kann man es natürlich auch sehen!"

"Das waren nur die, von denen wir Bilder haben!" Das war Carey. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl herum. "Die wirklich geschickten Profikiller sorgen dafür, dass sie nie fotografiert oder erkennungsdienstlich behandelt werden!" Toby Rogers ballte die Hände unwillkürlich zu Fäusten. "So ein verdammter Mist!", schimpfte er. "Außer dem Gesicht dieses Kerls haben wir kaum etwas in der Hand!"

"Was ist mit der Tatwaffe?", fragte Bount. "Deine Leute müssten sie auf dem Dach des Nachbarhauses gefunden haben!"

"Richtig."

"Und?"

"Das übliche, Bount. Die Seriennummer ist abgefeilt. Wahrscheinlich hat der Kerl sich das Eisen extra für seinen Auftrag besorgt und hätte sie anschließend in den East River geworfen oder anderswo verschwinden lassen. Wir sind mit der Überprüfung noch nicht durch, aber wenn der Mann clever war, dann kommen wir mit der Pistole nicht viel weiter! Einmal benutzt und dann weg damit, so machen die Brüder das!"

"Und das Messer?", fragte Bount. "Ich sage dir, der konnte damit umgehen wie nur wenige!" Er hob seine bandagierte Linke. "Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er mich damit erledigt!"

Rogers atmete tief durch, blickte erst Bount an und dann den Bildschirm. "Gehen wir doch einmal die Killer durch, von denen wir kein Bild haben, Lieutenant!"

"Ist einer dabei, der mit dem Messer arbeitet?"

"Einen Moment, haben wir gleich." Lieutenant Careys flinke Finger flogen über die Tastatur. Vier Namen blieben auf dem Schirm stehen.

"Vielleicht ist unser Mann ja dabei!", meinte Bount.

"Wir werden sie überprüfen."

"Viel Erfolg!"

Toby Rogers runzelte die Stirn. "Ich dachte, du ermittelst in dieser Sache?"

"Meine Aufgabe war es, den Hacker aufzutreiben, der in die EDV von Jupiter Electronics hineingekommen ist. Das habe ich gemacht."

"Glaubst du, dass die beiden Sachen zusammenhängen?" Bount zuckte mit den Schultern. "Warum nicht? Es könnte aber auch etwas ganz anders dahinterstecken." Bount lachte und klopfte Toby Rogers mit der flachen Rechten auf die Schulter.

"Du wirst es schon heraus bekommen!" Er wandte sich an Carey. "Wiedersehen, Lieutenant!"

Reiniger wandte sich schon zum Gehen, aber Rogers war sofort bei ihm und packte ihn am Arm. "Hey, so einfach kommst du mir nicht davon?"

"Was ist denn noch? Überprüft doch erst einmal die vier Namen da auf dem Schirm!"

"Erzähl mir, was du über diesen Ted Hughes herausgefunden hast! Außerdem brauchen wir dich noch für das Phantombild."

"Ich weiß nur, dass er in einschlägigen Hacker-Kreisen als ganz besonders talentiert gilt."

"Wovon lebte er?"

"Er hat neue Computer-Spiele für ein halbes Dutzend Zeitschriften besprochen!"

Rogers kratzte sich am Hinterkopf. "Zahlen diese Blätter so miese Honorare oder weshalb lebte er in so einer Gegend?"

"Ich schätze, dass er möglichst preiswert wohnen wollte und sein ganzes Geld in das Equipment gesteckt hat. Ich kenne mich ja nun ein bisschen in dieser Szene aus. Das ist dort nichts Ungewöhnliches."

"Hatte er eine Freundin? Und Bekannte, Freunde?"

"Ich glaube nicht, dass es viele waren. Zumindest nicht außerhalb der Szene. Von einer Freundin weiß ich nichts. Habt ihr übrigens schon überprüft, was auf Hughes' Disketten war?"

"Ja. Spiele und selbstgeschriebene Programme."

"Nicht zufällig etwas, das mit Bauteilen für Raketen zu tun hat?"

"Nein, bis jetzt nicht. Aber du kannst dich darauf verlassen, dass wir alles noch einmal unter die Lupe nehmen werden!" Bount nickte.

Die beiden Freunde gingen ein Stück zusammen, und als sie weit genug von Lieutenant Carey entfernt waren, meinte Bount: "Für einen Lieutenant ist sie noch ziemlich jung, oder?"

"Stimmt. Aber sie ist verdammt gut. Sowohl am Computer, wie auch auf dem Schießplatz."

"Ich sehe sie hier zum ersten Mal."

"Sie ist auch erst seit letzter Woche hier - und ich fürchte, sie wird mir nicht allzu lang erhalten bleiben." Bount runzelte die Stirn. "Weshalb?"

"Weil sie Karriere machen wird. Überall, wo sie bis jetzt war, war sie ziemlich bald die Beste. Wenn nichts dazwischen kommt, wird sie die Leiter hinauffallen!"

7

Für den Mittag hatte Reiniger sich mit June March, seiner attraktiven Assistentin, zum Essen verabredet. Bount hatte einen Tisch im 'Windows of the World', reservieren lassen, das im obersten Stockwerk des World Trade Center zu finden war. Der Blick, den man von hier aus hatte war an einem so kalten und klaren Tag geradezu fantastisch.

"Womit habe ich das denn verdient?", fragte June, die ihre blonde Mähne durch ein paar Nadeln gebändigt und kunstvoll hochgesteckt hatte.

Bount hob die Augenbrauen. "Was meinst du?"

"Na, dass du mich in diesen Luxusladen ausführst! Ich schätze, hier herrscht Krawattenzwang. Jedenfalls habe ich noch niemanden ohne Schlips gesehen."

"Gut beobachtet. Es ist tatsächlich so, ohne Schlips kommt hier keiner herein." Er hob das Glas. "Ich dachte mir, nach dem letzten Fall könnten wir beide einmal einen anderen Anblick vertragen, als den von flimmernden Computerschirmen..."

"...und pickeligen, dickbebrillten Jungs, die nichts Besseres zu tun haben, als mit diesen Dingern Unfug zu treiben!"

Bount nippte an seinem Glas und lächelte. "Das mit den Pickeln und den dicken Brillen ist ein Vorurteil, June!"

"Ach! Sag bloß, es sind auch welche in der Szene, die Kontaktlinsen tragen!" Sie nahm einen Schluck. "Was ist eigentlich mit dem Killer? Ist Toby und seine Mannschaft ihm schon auf der Spur?"

Bount machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Im Augenblick stehen vier Namen zur Auswahl und am Ende könnte sich herausstellen, dass keiner von ihnen unser Mann ist. Es gibt kein Bild von ihm in den Akten."

8

Bount und June ließen sich Zeit beim Essen und so dauerte es gut zwei Stunden, ehe sie sich auf den Weg in die 7th Avenue machten, an deren nördlichen Ende der Privatdetektiv seine Residenz hatte. Bount Reinigers Büro und Wohnung lagen in einer Traumetage mit Blick auf den Himmel über dem Central Park. Der Aufzug trug die beiden hinauf, aber schon als sie die aufgebrochene Tür sahen, war klar, dass hier etwas nicht in Ordnung war.

Bount holte mit einer schnellen, sicheren Bewegung die Automatik aus dem Schulterholster und bedeutete June wortlos, etwas zurückzubleiben. Dann schob er mit dem Fuß die Tür etwas weiter auf und trat mit der Pistole im Anschlag ein. Es machte den Eindruck, hätte ein Orkan durch die Agentur gewütet. Alles war durchwühlt worden und nun herrschte grenzenloses Chaos.

Bount durchquerte leichtfüßig den Flur und warf einen kurzen Blick in jeden Raum. Aber von dem unfreundlichen Besucher, der das hier verursacht hatte, war nichts mehr zu sehen.

Inzwischen war June ihm gefolgt. Bount steckte die Waffe ein, ließ sich auf einer Couch nieder, deren Polster mit einem Messer zerschnitten waren, und atmete einmal tief durch.

"Wir hatten Besuch!", meinte er.

"Ich hoffe, es fehlt nichts!" June ließ den Blick schweifen, aber Bount schüttelte den Kopf.

"Ein gewöhnlicher Räuber war das nicht! Alles, was sich zu Geld machen lässt, scheint noch da zu sein." Er deutete auf den halb offenen Safe. "Nur das bisschen Bargeld ist weg!" June verschränkte die Arme vor der Brust.

Bount erhob sich wieder, zog seinen Mantel aus und warf ihn in einen Sessel. Einen Augenblick später stand Bount vor den abschließbaren Metallschränken, in denen die Ermittlungsunterlagen der Agentur aufbewahrt wurden. Die Schränke waren allesamt gewaltsam aufgebrochen worden und dabei war der Einbrecher war alles andere als zimperlich vorgegangen.

"Scheint, als wäre eine neue Büroausstattung fällig, was?", meinte June, die neben ihn getreten war.

Bount machte eine Handbewegung und deutete auf die Schränke. "Vielleicht war er daran interessiert!"

"Du meinst, es könnte irgendjemand sein, gegen, den wir mal ermittelt haben?"

"Wenn wir wissen ob und was fehlt, werden wir schlauer sein! Du könntest übrigens die Polizei anrufen. Kann ja nicht schaden, wenn die sich die Sache auch einmal ansehen!"

9

Der Mann vom Einbruchsdezernat hieß McGuire und trug eine dicke Hornbrille, die seinem blassen, schmalen Gesicht eine Struktur gab. Er rückte mit zwei Kollegen an, aber viel kam bei der Spurensuche nicht heraus. Keine Fingerabdrücke oder dergleichen, nichts was der Täter unbeabsichtigt zurückgelassen hatte. Es war zum Verzweifeln.

"Fehlt irgendetwas außer dem Bargeld, Mister Reiniger?", fragte McGuire. Der Privatdetektiv zuckte die Achseln.

"Wir sind noch nicht ganz durch."

"Der Täter hat scheinbar irgendetwas Bestimmtes gesucht und in großer Eile gearbeitet - das sind wohl Tatsachen", meinte McGuire. "Haben Sie sich mit irgendjemandem angelegt? So etwas passiert einem wie Ihnen doch schon mal, oder?"

"Ach, hören Sie auf!"

"Wir nehmen die Sache zu Protokoll, aber machen Sie sich nicht allzu große Hoffnungen. Wissen Sie, wie viele Einbrüche jeden Tag in New York passieren?"

"Ich weiß schon, was Sie mir damit sagen wollen. Sie sind überlastet und haben einen Haufen ungelöster Fälle!" McGuire machte eine hilflose Geste. "Was erwarten Sie von mir? Wunder? Was ist mit ihrer Kundenkartei?"

"Durchgewühlt, aber das Interesse des Einbrechers scheint gleichmäßig verteilt gewesen zu sein. Ich glaube nicht, dass dort etwas fehlt."

McGuire kratzte sich am Kinn und meinte dann ziemlich unvermittelt: "Sind Sie eigentlich versichert, Mister Reiniger?"

"Ja."

"Dann vergessen Sie die Sache am besten." Es dauerte noch ein bisschen, dann hatten die Leute vom Einbruchsdezernat ihre Arbeit beendet. Sie waren schnell verschwunden und Bount konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, dass bei den Ermittlungen nicht viel herauskommen würde. Ein Vorgang in den Akten, das würde davon bleiben. Sonst nichts.

"Denk doch mal nach, Bount", schnitt Junes Stimme in sein Bewusstsein. "Könnte dieser Einbruch nicht mit der Geschichte von gestern Abend zusammenhängen?"

"Du meinst..."

"Dieser Killer, ja genau!"

"Aber dieser Mann weiß von mir nicht mehr als ich von ihm! Jeder kennt vom anderen das Gesicht, das ist alles!" June trat etwas näher an ihn heran und blickte zu ihm auf.

"Der Unterschied ist der, dass dein Bild ab und zu mal in der Zeitung steht, während er peinlich darauf bedacht sein muss, dass es kein Bild gibt!"

Bount schüttelte den Kopf.

"Nein, das ist mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen."

10

Zwei Tage später sah es in Bount Reinigers Residenz schon wieder ganz passabel aus. Die beschädigten Möbel waren erneuert worden und Bount und June hatten sich alle Mühe gegeben, Wohnung und Office wieder in ihren Urzustand zu versetzen.

Die Klientin, die Bount an diesem Morgen aufsuchte, war ohne Anmeldung gekommen und machte einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Sie war nicht älter als fünfundzwanzig und hatte aschblondes, gelocktes Haar, das zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengefasst war. Ihre Kleidung war sportlich und praktisch, verriet aber doch Stil.

"Sie sind Mister Reiniger?", fragte sie, obwohl sie das längst erraten hatte. Bount bot ihr einen Platz an und nickte.

"Ja, der bin ich, Miss..."

"Hughes. Charlene Hughes"

Bount hob die Augenbrauen und sie musterte ihn mit ihren graugrünen Augen. Ihr feingeschnittenes Gesicht machte einen angestrengten, etwas traurigen Eindruck. Das Lächeln, das über ihre Lippen flog war kurz und flüchtig.

"Was möchten Sie von mir?"

"Mein Name kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr?"

"Nun..."

"Sie vermuten richtig. Ich bin die Schwester von Ted Hughes, dem Mann, den Sie im Auftrag von Jupiter Electronics im Visier hatten."

"Woher wissen Sie das?"

"Ich habe mit seinen Freunden aus der Hacker-Szene gesprochen. Und außerdem war ich bei Jupiter Electronics."

"Wissen Sie auch, was Ihr Bruder dort angerichtet hat?"

"Man hat es mir nicht gesagt. Aber worum soll es schon gehen? Er wird sich in die EDV hingehackt haben. Jupiter Electronics stellt das her, was eine Rakete intelligent macht, was ihr sagt, wo ihr Ziel ist und dafür sorgt, dass sie es auch über Tausende von Kilometern hinweg noch sicher findet! Also wird es um irgendetwas gegangen sein, das damit zusammenhängt. Da habe ich richtig kombiniert, oder?"

"Ja, ganz genau", bestätigte Bount. "Ich frage mich, was Sie von einem Detektiv wollen, wenn Sie doch selbst schlau genug sind, um Sinn in die Sache zu bringen und sich das Nötige zusammenzureimen?"

"Mein Bruder ist ermordet worden. Deshalb bin ich bei Ihnen, Mister Reiniger."

"Nennen Sie mich ruhig Bount."

"Meinetwegen."

"Leider bin ich zu spät gekommen, um Ihrem Bruder noch helfen zu können", sagte Bount mit Bedauern "Manchmal spielt das Leben so. Hätte ich auf meinem Weg ein bisschen öfter grün bei den Ampeln gehabt, so hätte ich ihn vielleicht noch retten können!"

"Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf, Bount." Bount Reiniger lehnte sich etwas zurück, holte seine Zigaretten hervor und bot seinem Gast ebenfalls eine an. Aber Charlene Hughes lehnte ab.

Bount meinte: "Die Polizei ermittelt in der Sache. Ein Profi hat Ihren Bruder auf dem Gewissen."

"Ja, und man hat mir gesagt, wie toll die Chancen sind, dass die Polizei den Kerl erwischt."

Bount zuckte die Achseln. "Glauben Sie, meine sind größer?"

"Ich weiß nicht. Aber ich möchte auch nichts unversucht lassen. Außerdem interessiert mich dieser Killer gar nicht in erster Linie."

"Sondern?"

"Ich will, dass diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die diesen Kerl geschickt haben!" Sie atmete tief durch. "Ich bin Geschäftsführerin einer gutgehenden Boutique in der Bronx und habe einige Rücklagen. Um Ihr Honorar brauchen Sie sich also keine Sorgen zu machen!"

Bount lächelte dünn. "Mache ich mir auch nicht. Haben Sie einen Verdacht, wer hinter dem Mord stecken könnte?"

"Ted war ein verschlossener Mensch. Er war nicht sehr gesprächig."

"Es ging um Produktdaten für Raketenbauteile - und die sind so wertvoll wie Rauschgift oder Gold. Er könnte versucht haben, diese Sachen zu verkaufen. Interessenten gibt es rund um den Globus! Es könnte sein, dass er dabei jemandem in die Quere gekommen ist!"

Aber Charlene schüttelte ganz energisch den Kopf. "Sehen Sie, Mister Reiniger, Sie kannten Ted nicht."

"Ich weiß nur wenig über Ihren Bruder, das ist richtig. Und alles nur zweiter Hand."

"Sein Leben war der Computer. Früher war es für ihn eine Art Sport in alle möglichen EDV-Anlagen einzudringen, Datenbanken anzuzapfen, sich bei Versandhäusern Sachen zu bestellen, ohne dafür bezahlen zu müssen..." Ja, dachte Bount. Aber am Ende hat er doch bezahlen müssen. Und zwar sehr teuer. "Wie reimen Sie sich die Sache zusammen, Charlene - nachdem Sie meine Version nicht akzeptieren können."

"Ted stand in letzter Zeit sehr unter Druck. Er wollte nicht darüber reden, obwohl ich es mehrmals versucht habe. Er war nicht wie sonst, Bount, da bin ich mir sicher!"

"Sie glauben, Ted handelte nicht aus eigenem Antrieb, als er in die EDV von Jupiter Electronics eindrang?"

"Ja."

"Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?"

"Vor einer Woche. Ich bin bei ihm vorbeigefahren, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht habe. Unsere Unterhaltung war nicht sehr ausführlich. Ted hat mich gleich an der Tür wieder weggeschickt."

"Warum?"

"Er hatte jemanden zu Besuch und war sehr nervös. Das war schon merkwürdig. Wenn er sonst mal Freunde da hatte - was selten genug vorkam - hat er sie nie versteckt. Ich habe dann im Auto gesessen und gewartet. Eine Viertelstunde später kam ein gutgekleideter Mann."

"Wie sah er aus?"

"Dunkler Teint, Schnurrbart und nicht größer als eins siebzig."

Bount lächelte. "Sein Autokennzeichen haben Sie nicht zufällig auch aufgeschrieben?"

"Er hat ein Taxi benutzt. Ich bin dann noch einmal hinauf zu Ted gelaufen und habe ihn zur Rede gestellt. Er hat mich beschworen, ihn in nächster Zeit nicht mehr aufzusuchen. Zu meiner eigenen und seiner Sicherheit. Mehr hat er nicht gesagt." Sie seufzte. "Ich hätte früher zu Ihnen kommen sollen, nicht wahr? Ich mache mir Vorwürfe."

"Machen Sie sich nicht selbst verrückt, Charlene!"

"Übernehmen Sie den Fall?"

"Ich tue immer mein Bestes, aber ich kann niemandem Wunder versprechen."

11

In der Tiefgarage, in der Bount seinen 500 SL abgestellt hatte, herrschte eine Art Dämmerlicht. Er hatte ein paar Leuten, die er bei seinen Ermittlungen in der Hacker-Szene kennen gelernt hatte, einen Besuch abgestattet, aber plötzlich schien niemand mehr mit Bount reden zu wollen.

Vielleicht hatte Ted Hughes' Ableben ihnen einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie plötzlich die Sprache verloren hatten. Hughes war ja auch kaum der Einzige von ihnen, der in krummen Sachen drinsteckte.

Es waren ein paar verlorene Stunden für Bount gewesen. Bount öffnete die Tür des Mercedes und stieg ein. Er hatte noch nicht einmal den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt, da spürte er etwas Hartes im Nacken. Er erstarrte mitten in der Bewegung.

"Nicht umdrehen!", raunte ihm eine Männerstimme ins Ohr. "Sonst haben Sie ein Loch um Kopf!"

"Was wollen Sie?", fragte Bount gelassen.

"Erst einmal nur, dass Sie still sitzen bleiben!" Bount schielte zum Rückspiegel. Aber der Kerl, der hinter dem Fahrersitz emporgekommen war, trug bis zur Nase einen Wollschal und darüber eine Mütze. Immerhin konnte Bount sehen, dass der Kerl blaue Augen hatte, aber das nützte ihm im Moment kaum etwas.

Eine Hand langte nach der Automatik, die Bount im Schulterholster trug, und nahm ihm die Waffe ab.

"Und nun?", fragte Bount.

"Wir machen eine kleine Ausfahrt. Ich werde Ihnen sagen wohin. Tun Sie einfach nur, was ich Ihnen sage." Bount zuckte mit den Schultern.

"Ich schätze, mir bleibt ohnehin nichts anderes übrig!"

"Fahren Sie los."

Bount lenkte den Wagen aus dem Parkhaus heraus und reihte sich in die rollende Blechlawine ein.

"Die nächste rechts und dann links!", befahl der Mann mit den blauen Augen knapp.

"Sie sind der Boss!"

"Wenn Sie das einsehen, leben Sie länger, Reiniger!"

"Oh, meinen Namen kennen Sie auch!"

"Maulhalten!"

"Vielleicht sagen Sie mir einfach, worum es geht!"

"Ich sagte: Maulhalten!"

Dann herrschte eine ganze Zeitlang eisiges Schweigen. Erst als Bount erneut abbiegen sollte, meldete sich der Entführer wieder zu Wort. In der Zwischenzeit hatte er mit seiner freien Hand das Magazin aus Bounts Automatik gefingert und ließ die Patronen herausrieseln. Dann warf er die Waffe auf den Boden. Die Fahrt ging über die George Washington Bridge nach New Jersey hinüber. Und dann waren sie waren sie auch bald am Ziel. Der Mann mit den blauen Augen lotste Bount auf einen offenbar stillgelegten Schrottplatz. Nicht nur die abgestellten Wagen, sondern auch die Kräne und Pressen hatten Rost angesetzt und waren vermutlich kaum noch funktionsfähig.

"Halten Sie an, Reiniger!"

Bount gehorchte.

"Und was nun? Haben Sie sich diesen Ort ausgesucht, um mich ungestört erschießen zu können?"

"Wäre schon möglich." Er lachte hässlich. "Beunruhigt Sie dieser Gedanke?" Er drückte Bount den Lauf seiner Waffe jetzt besonders heftig in den Nacken. "Denken Sie immer daran, dass Ihr Leben hier nichts wert ist. Ich kann hier mit Ihnen anstellen, was immer mir beliebt. Keiner würde einen Schuss oder einen Schrei hören. Wissen Sie, wie weit der nächste Mensch entfernt ist, der Ihnen helfen könnte? Eine Meile, zwei Meilen... Vielleicht noch weiter."

Unweit der eingerosteten Schrottpresse war eine Holzbaracke, in der vermutlich früher das Büro untergebracht gewesen war.

Zwei Kerle kamen jetzt hinter der Baracke hervor und gingen schnellen Schrittes direkt auf den Wagen zu. Beide trugen Motorradhelme mit heruntergelassenen Visieren. Von ihren Gesichtern waren kaum die Augen zu sehen. Dafür konnte Bount um so besser die Ketten und Schlagringe sehen, die sie in ihren behandschuhten Händen hielten. Vor der Motorhaube des 500 SL blieben die beiden stehen. Einer setzte seinen Fuß auf die Stoßstange, der andere drückte den Stern nieder.

"Ich verabscheue Gewalt", sagte der Mann mit den blauen Augen Bount direkt ins Ohr. Es klang allerdings wenig glaubwürdig. "Es hängt alles von Ihnen ab, Reiniger! Ich hoffe, Sie sind kooperativ!" Einer der beiden behelmten Gorillas strich jetzt provozierend mit dem Schlagring über die Motorhaube und kratzte den Lack herunter. "Sie haben etwas an sich gebracht, dass Ihnen nicht gehört, Mister Reiniger..." Bount hob die Augenbrauen.

"Das ist mir neu!"

"Es geht um Daten, vermutlich auf einer Diskette gespeichert. Sie waren in Ted Hughes' Wohnung."

"Alles, was in der Wohnung an Datenträgern war, befindet sich jetzt bei der Polizei!"

Der Mann mit den blauen Augen lachte heiser.

"Aber Sie waren eher dort und haben sich bedient. Das wollen Sie doch nicht im Ernst abstreiten, Reiniger!" Bount verzog das Gesicht zu einem müden Lächeln. "Es ist interessant, dass Sie überhaupt davon wissen, dass in Ted Hughes' Wohnung war!"

Langsam wurde der Kerl sauer.

"Nun ist es aber genug! Heraus damit, wo ist das Zeug?"

"Stecken Sie hinter dem Einbruch in meine Wohnung?"

"Ich habe keine Lust, meine Frage ein zweites Mal zu stellen!"

Reiniger zuckte ungerührt mit den Schultern und erwiderte sachlich: "Ich habe keine Ahnung, worum es geht!"

"Um das Know-how für bestimmte Raketenbauteile. Wenn Sie denken, dass Sie handeln können, Reiniger, dann vermuten Sie völlig falsch. Ihr Leben, das ist alles, was wir Ihnen bieten können. Wenn Ihnen das nicht genug ist, können wir es auch nicht ändern!"

"Ich glaube eher, dass Sie mich in jedem Fall töten werden"

"Und wissen Sie, was ich glaube, Reiniger? Sie brauchen erst eine Abreibung, um zu begreifen, welches Spiel hier gespielt wird!" Er winkte den beiden Gorillas zu, und die hatten schon lange ungeduldig auf ihren Auftritt gewartet. Die Fahrertür des 500 SL wurde aufgerissen und Bount herausgezerrt. Er bekam einen mörderischen Hieb mit der Kette und taumelte auf den hart gefrorenen Boden. Inzwischen kletterte auch der Mann mit den blauen Augen aus dem Mercedes heraus, die Waffe nach wie vor im Anschlag.

Bount richtete sich halb auf. Die drei Kerle standen um ihn herum. Im Hintergrund war eine kalte, kraftlose Wintersonne am Himmel. Das Rasseln der Kette mischte sich mit den Schreien einiger Krähen, die oben auf dem Kran Platz genommen hatten.

"Sagen Sie uns einfach, wo das ist, was wir haben wollen. Sie haben keine andere Chance, Reiniger!", knurrte der Mann mit den blauen Augen. Bei ihm klang das wie die Verkündung eines Todesurteils. Er hob den Revolver, richtete die Waffe auf Bount und spannte den Hahn. "Mischt ihn noch ein bisschen auf, Leute!", zischte er unter seinem Schal hervor.

12

Einer der Helm-Gorillas holte zu einem Schlag mit seiner Kette aus und trat dabei einen Schritt vor. Im letzten Moment konnte Bount zur Seite weichen. Der Schlag traf ihn nicht voll, und die Kette glitt seitlich ab. Bount bekam sie zu fassen und nutzte die Gelegenheit. Mit einem kräftigen Ruck zog er den Kerl zu sich heran, rammte ihm das Knie in den Magen und gab ihm einen kräftigen Stoß. Der Mann mit den blauen Augen sah seinen Komplizen auf sich zu taumeln und konnte deshalb nicht schießen. Als er dann doch losballerte, hatte Bount sich hinter einen rostigen Packard gerettet, dessen Dach an der Fahrerseite ziemlich plattgedrückt war.

Bount kauerte in seiner Deckung, während zwei Schüsse durch das dünne Blech hindurchschlugen, um dann in den von Ratten angefressenen Polstern steckenzubleiben.

"Na, los, hinterher!", rief der Kerl mit den blauen Augen.

"Aber fangt ihn möglichst lebend. Wir wollen noch etwas von ihm wissen!"

Bount hörte schnelle Schritte.

Einer der Gorillas hatte den Packard umrundet und stand drohend mit dem Schlagring vor ihm. Bount wusste, dass er nicht warten durfte, bis die anderen auch bei ihm waren. Er schnellte aus seiner kauernden Stellung empor, packte blitzartig den Schlagarm seines Gegners und drehte ihn roh herum. Dann schleuderte Bount den behelmten Kopf seines Gegners mit voller Wucht gegen die Beifahrertür des Packard, die daraufhin eine weitere Beule aufwies. Bount ließ den Mann los. Der Kerl war etwas benommen, was nach diesem Schlag auch nicht verwundern konnte. Er sackte in sich zusammen und hielt sich dabei den Kopf, während Bount sich unter einem Buick hinwegrollte, sich dann wieder hoch rappelte und in geduckter Haltung die Reihen der abgewrackten Blechruinen entlangrannte, die ein unübersichtliches Labyrinth bildeten. Ein Schuss wurde ihm hinterhergeschickt, ging aber ins Nichts. Bount sah den Kerl mit den blauen Augen hinter sich herhetzen. Die beiden Helm-Gorillas hatten sich inzwischen noch nicht von der Abreibung erholt, die Bount ihnen verpasst hatte und so hatte er es jetzt nur noch mit dem Blauäugigen zu tun. Aber der hatte einen Revolver.

Bount erreichte inzwischen einen der angerosteten Kräne. Er ließ den Blick über die Blechwüste schweifen und suchte mit den Augen nach seinem Gegner.

Ein paar Sekunden später und Bount hatte ihn gefunden. Bount sah gerade noch, wie der Kerl hinter einem geräumigen Lieferwagen hervortauchte, an dem sämtliche Türen und Reifen fehlten, und erneut den Revolver loskrachen ließ. Das Projektil kratzte an der dicken Rostschicht des Krans.

Bount setzte zu einem Spurt in Richtung der Baracke an, während rechts und links die Schüsse in den hartgefrorenen Boden gingen.

"Bleiben Sie stehen, oder ich zerschieße Ihnen Ihre Beine!", rief der Mann mit den blauen, dessen Schal inzwischen etwas nach unten gerutscht war. Aber Bount hörte nicht auf ihn. Er hatte mitgezählt und wusste, dass sein Gegner den sechsschüssigen Revolver erst nachladen musste. Und bis dahin war Bount längst bei der Baracke.

Die Tür stand auf.

Bount warf einen kurzen Blick ins Innere. Er sah einen Tisch, der umgestürzt war. Zwei herausgebrochene Tischbeine lagen auf dem Boden, auf dem auch jede Menge Papier zu finden war. Formulare, die hier wohl schon jahrelang lagen. Selbst die Ratten hatten kaum Geschmack an ihnen gefunden. Bount ging hinein, nahm sich eines der Tischbeine und presste sich dann neben einem der eingeschlagenen Fenster an die Wand. Er brauchte gar nicht erst hinauszusehen, um zu wissen, dass sein Verfolger sich näherte. Bount hörte Schritte. Der Mann mit den blauen Augen musste gesehen haben, dass Bount bei der Baracke verschwunden war. Ob der Privatdetektiv sich auch wirklich in ihrem Inneren versteckte, konnte der Kerl nicht wissen, denn der Eingang war auf der anderen Seite gelegen.

Aber es lag nahe.

Bount konnte davon ausgehen, dass sein Gegner in der Baracke nach ihm suchen würde. Fragte sich nur, ob der Kerl seinen Revolver durch das Fenster oder durch die Tür steckte. Er kam durch die Tür.

Bount zögerte nicht einen Augenaufschlag lang und schlug mit dem Tischbein zu, noch ehe der Kerl gemerkt hatte, wohin der Hase lief. Bount erwischte ihn am Kopf, das Blut schoss dem Entführer aus der Nase und er taumelte rückwärts. Ächzend ging er zu Boden und noch ehe er wieder alle Sinne beieinander hatte, war Bount über ihm und nahm ihm die Waffe ab.

Bount wog sie in der Hand.

Eine 38er Special, wie er angenommen hatte. Der Mann mit den blauen Augen hielt sich die Nase und versuchte, die Blutung zu stillen. Er schluckte und atmete heftig. Der Blick, den er Bount hinaufsandte, konnte töten.

"So hat sich das Blatt gewendet!", stellte Bount fest, holte ein Taschentuch hervor und ließ es zu dem Mann mit den blauen Augen hinuntersegeln, dessen Schal jetzt gänzlich heruntergerutscht war. Bount schätzte ihn auf fünfunddreißig oder vierzig. Er war sich ziemlich sicher, ihm noch nie begegnet zu sein. Aus den Augenwinkeln sah Bount, wie sich die beiden Gorillas von ferne näherten. Als sie sahen, was geschehen war und dass derjenige, den sie sich eigentlich zum Opfer auserkoren hatten, nun die Waffe in der Hand hielt, erstarrten sie. Aber nur einige Sekunden lang. Dann machten sie plötzlich, dass sie so schnell wie möglich davonkamen. Bount unternahm nichts dagegen. Schließlich hatte er ja denjenigen, der ohne Zweifel der Kopf dieser Aktion war. Kurz hintereinander wurden dann in einiger Entfernung zwei Motorräder gestartet.

"Ihre Komplizen brausen davon!", stellte Reiniger fest.

"Verfluchte Hunde!", zischte der am Boden liegende Entführer, der sich jetzt aufsetzte. Er blickte in den Lauf seines eigenen 38ers und fragte dabei: "Was haben Sie mit mir vor, Reiniger?"

"Wer sind Sie?"

"Kein Kommentar."

Bount packte den Mann am Arm und zog ihn hoch, so dass er einen Augenblick später wieder auf zwei Beinen stand. Er hielt sich noch immer die Nase. "Ich glaube, da ist was gebrochen", stöhnte er.

Bount zuckte die Achseln. "Seien Sie froh, dass Sie an mich geraten sind und nicht an jemanden Ihrer Sorte." Der Privatdetektiv durchsuchte die Taschen seines Gegenübers. Er fand etwas Munition für den 38er und einen Führerschein, ausgestellt auf den Namen Frank Thompson.

Bount steckte das Dokument ein.

"Ich nehme mal an, dass Sie nur für irgendjemand anderen den Laufburschen spielen, Thompson!"

"Erwarten Sie darauf wirklich eine Antwort?"

"Wer so eine Entführung durchziehen kann, sollte wenigstens über einen Funken Verstand verfügen. Und wenn Sie die Sache noch mal durchdenken, werden Sie feststellen, dass es auch für Sie das Beste ist, wenn Sie auspacken."

Frank Thompson verzog das Gesicht. "Was können Sie mir denn bieten?"

"Vielleicht lasse ich Sie laufen!"

"Und wenn mir das zu wenig ist?"

"Dann machen wir eine kleine Fahrt zur Polizei. Mordkommission und Einbruchsdezernat werden sich darum reißen, wer Sie als erster in die Mangel nehmen darf!"

"Haben Sie noch ein Taschentuch?"

"Nein."

Er schluckte und sah Bount nachdenklich an. "Wieso Mord?" Bount zuckte mit den Schultern. "Wenn Sie wirklich glauben, Sie könnten der Polizei weismachen, dass Sie nicht mit dem Tod von Ted Hughes zu tun haben... Bitte! Versuchen Sie Ihr Glück!"

"Ich habe Hughes nicht umgebracht!"

"Sie haben sich aber für etwas interessiert, von dem Sie glauben, dass ich es aus Hughes' Wohnung mitgenommen habe! Das macht Sie zu einem Verdächtigen erster Klasse!" Bount machte eine unbestimmte Geste und lächelte dünn, während er mit Befriedigung wahrnahm, wie Frank Thompson immer unsicherer wurde. Reiniger setzte noch einen drauf. "Sie wissen doch, wie das ist. Wenn die Sie erst einmal in den Fingern haben, wird man sie so schnell nicht wieder loslassen. Selbst wenn Sie nichts damit zu tun haben - man wird sich an den halten, den man in der Zelle sitzen hat!"

Ein schwaches Lächeln zeigte sich auf Thompsons Gesicht.

"Sie bluffen!", meinte er, glaubte aber wohl selbst nicht so recht daran. Bount blieb hartnäckig.

"Ich will einen Namen."

"Wie wollen Sie sichergehen, dass ich Sie nicht hereinlege!"

"Das würde Ihnen schlecht bekommen, verlassen Sie sich drauf! Meine Beziehungen zur New Yorker Polizei sind ausgezeichnet und wenn ich denen einrede, dass man Sie unbedingt einfangen muss, werden Sie binnen Kurzem per Großfahndung gesucht."

Frank Thompson dachte einen Augenblick lang nach. Dann schüttelte er entschieden den Kopf.

"Nein", sagte er. "Mich legen Sie nicht herein!"

"Sie sind nicht in einer Position, in der man pokern sollte, Thompson!"

"Ich pokere nicht!"

Bount verstand. Die eine Möglichkeit war, dass dieser Kerl mehr Angst vor seinen Auftraggebern hatte, als davor, einen Mord angehängt zu bekommen. Die andere bestand darin, dass er vielleicht glaubte, dass man ihn schon heraushauen würde. Bount machte eine Bewegung mit dem Lauf des 38er.

"Vorwärts!", zischte er, packte Thompson beim Mantelkragen und schob ihn vor sich her. Kurze Zeit später hatten sie Bounts 500 SL erreicht. "Ich habe übrigens den Killer, der Hughes auf dem Gewissen hat, noch angetroffen", sagte Bount, als wäre es eine Beiläufigkeit. "Und ich habe sein Gesicht gesehen. Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der irgendetwas über ihn sagen kann!"

Die beiden Männer wechselten einen vielsagenden Blick.

"Dann wissen Sie, dass ich es nicht wahr", flüsterte Thompson. Er atmete tief durch. "Ich verstehe", murmelte er dann. "Sie drohen mir. Wenn ich nichts sage, werde Sie behaupten, mich als den Killer wiedererkannt zu haben, der Hughes umgebracht hat."

"Das ist ihre Schlussfolgerung."

"Ist sie falsch?"

Bount schwieg. Sein Blick ruhte gelassen auf Thompson. Ein, zwei Sekunden verstrichen, ohne dass irgendetwas geschah. Dann sagte Thompson: "Sprechen Sie mal mit Phil Holding." Er flüsterte es fast.

"Wo finde ich den?"

"Er ist Anwalt. Sein Office liegt in der Third Avenue. Aber mehr sage ich nicht!"

"Trotzdem, besten Dank." Er deutete auf den Beifahrersitz des Mercedes 500 SL. "Steigen Sie ein!"

"Aber... Sie haben doch gesagt, dass..."

"Ich habe gelogen", schnitt Bount ihm das Wort ab.

13

Frank Thompson kauerte die ganze Fahrt über wie ein begossener Pudel auf dem Beifahrersitz. Bount behielt ihn im Auge, besonders dann, wenn er an einer Ampel kurz anhalten musste. Aber Thompson versuchte nichts. Er wusste, dass er Bount nur mit einer Waffe in der Hand gewachsen war. Außerdem war jetzt war Rushhour und da wäre ein solcher Fluchtversuch mitten im New Yorker Verkehrsgewühl sowieso eine ziemlich mörderische Sache gewesen. Zusätzlich machte Thompson die Nase zu schaffen, mit der wirklich etwas nicht in Ordnung zu sein schien. Sie hörte nicht auf zu bluten und schien ihrem Besitzer erhebliche Schmerzen zu verursachen.

"Sie sind ein gemeiner Hund, Reiniger!"

"Haben Sie im Ernst geglaubt, dass ich Sie abhauen lasse, wo Sie mir fast nichts geboten haben?"

"Nichts geboten? Sie wollten einen Namen hören und ich habe Ihnen einen Namen gesagt!"

"Dieser Anwalt wird vermutlich der erste sein, den Sie gleich anrufen werden, wenn wir auf dem Revier sind, was? Ich hätte ihn also sowieso kennengelernt."

"Wissen Sie, was ich gedacht habe, Reiniger?"

"Ich bin gespannt!"

"Ich dachte, Sie würden mir anbieten, dass wir halbe halbe machen. Verstehen Sie, was ich meine?"

"Sicher."

Toby Rogers staunte kurze Zeit später nicht schlecht, als Bount mit Thompson bei ihm auftauchte. "Was soll ich mit dem?", fragte der Dicke ziemlich unwirsch. "Der sieht aus, als müsste erst einmal zum Arzt und nicht zu mir!"

"Deine Leute können ihn hinbringen, wo immer sie wollen", meinte Bount. "Hauptsache, sie lassen ihn nicht laufen!" Rogers legte die Stirn in Falten und stemmte die massigen Arme dorthin, wo sich bei anderen Leuten die Taille befand.

"Bount, bei aller Freundschaft, was hat das zu bedeuten!" Reiniger erzählte seinem Freund in knappen Sätzen, was passiert war. "Versuchte Entführung dürfte ja wohl als Haftgrund ausreichen. Die beiden anderen Kerle sind mir leider entwischt. Wenn deine Spurensicherer noch hinaus zu dem Schrottplatz fahren wollen, um die Kugeln einzusammeln, die dieser Gentleman hier auf mich abgefeuert hat, beschreibe ich ihnen gerne den Weg." Bount reichte Toby die Waffe von Frank Thompson. "Am besten, du liest ihm seine Rechte vor!" Rogers fühlte sich unangenehm überrumpelt, das konnte man ihm wohl ansehen, aber der dicke Captain machte, was Bount ihm gesagt hatte. Als Thompson abgeführt worden war, fügte der Privatdetektiv noch hinzu:

"Ich wette mit dir, dass dieselben Drahtzieher, die hinter dieser Aktion stecken, auch den Killer geschickt haben, der Ted Hughes umgebracht hat! Du solltest ihm gründlich auf den Zahn fühlen."

"Bount, ich dachte, du wärst aus dem Fall 'raus!" Reiniger zuckte mit den Achseln und grinste.

"Jetzt bin ich im Auftrag der Schwester des Toten wieder drin. Und wie es scheint, auch in eigener Sache! Wer immer dahinter stecken mag, die denken, dass ich mir das Datenmaterial geschnappt habe, auf das sie so scharf sind. Sie haben meine Wohnung und das Office durchwühlt und mir dann diesen Thompson mit seinen Gorillas auf den Hals gehetzt."

"...und du denkst, dass sie nicht lockerlassen werden!"

"So ist es."

Bount rieb sich die Schulter. So ein Schlag mit einer Kette war nicht ohne. Wahrscheinlich würde er noch eine ganze Weile etwas davon merken.

"Was macht eigentlich unser Killer?", fragte Bount nach einer kurzen Pause. Er konnte es Rogers schon am Gesichtsausdruck ansehen, wie groß der bisherige Fahndungserfolg gewesen war. Null Komma Null.

"Der Kerl löst sich mehr oder weniger in Luft auf!", knurrte der Captain missmutig.

"Da standen doch vier Namen auf dem Bildschirm. Alles Leute, die auch schon mit Messern gearbeitet haben!"

"Ja. Einer ist zwei Tage vor Ted Hughes' Ermordung bei einer Schießerei ums Leben gekommen. Die Identifizierung hat etwas länger gedauert, deshalb stand er noch auf unserer Liste. Bei Nummer zwei hat sich herausgestellt, dass er schon seit zwei Jahren in einem thailändischen Knast sitzt, weil man ihm einen Prostituiertenmord vorwirft."

"Und die anderen beiden?" Toby Rogers machte eine hilflose Geste. "Nummer drei ist wahrscheinlich für einen Mord verantwortlich, der fast zur selben Zeit in L.A. passiert ist und genau seine Handschrift trägt. Er kann aber nicht gleichzeitig hier in New York City und in Los Angeles gewesen sein."

"Wie wahr!"

"Und von Nummer vier hat man seit Jahren nichts mehr gehört. Wahrscheinlich hat er sich zur Ruhe gesetzt."

"Aber sicher ist das nicht?"

"Was ist schon sicher, Bount? Aber aller Wahrscheinlichkeit ist der Kerl ebenfalls eine Niete und lebt irgendwo unter falschem Namen als braver Bürger von dem Geld, das er sich während seiner aktiven Zeit verdient hat!"

"Mit anderen Worten: Wir haben nicht eine einzige Spur, die etwas taugt!", fasste Bount zusammen. Er schlug mit der flachen Hand gegen einen der Aktenschränke.

"Ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht", erwiderte Toby Rogers mit einem Lächeln, bei dem seine Augen ganz klein wurden.

Bount machte ein erstauntes Gesicht.

"Sag bloß, du hast noch was in petto!"

"Ja, da ist noch der Mantel, der auf dem Dach lag. Wir haben ihn genauer untersucht."

"Und?"

"Keine Etiketten, nichts, was auf seine Herkunft hindeutet. Aber es handelt sich um eine Spezialanfertigung. Im Futter befinden sich einige Extra-Taschen, die wahrscheinlich dafür gemacht wurden, ein zerlegbares Präzisionsgewehr mitzuführen."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Und jetzt sucht ihr den Schneider!"

"So ist es."

"Vielleicht kann der Killer selbst ganz gut nähen."

"Bount, der Mantel ist aus einem Schurwolle/Cashmere Gemisch. Da hätte ein Laie seine Schwierigkeiten bei der Verarbeitung. Außerdem steht es so gut wie fest, dass dies kein Stück von der Stange ist, das einfach umgeändert wurde. Wenn der Killer ihn genäht hätte, müsste er alles daran gemacht haben - und zwar mit einer Maschine, wie man an den Nähten sieht. Das halte ich für unwahrscheinlich."

Bount zuckte die Achseln.

"Wenn man von allen Schneidern in den Vereinigten Staaten diejenigen abzieht, die sich nur mit Damenmode befassen oder sich auf Anzüge spezialisiert haben, kommt man immer noch auf eine ziemlich große Zahl."

"Ja", bestätigte der Captain. "Und wenn der Mantel irgendwo anders in der Welt gemacht wurde, dann sehen wir ganz alt aus! Aber so ist das eben! Wenn man keine vernünftige Spur hat, muss man jedem Strohhalm nachjagen!"

Bount blickte sich um.

"Wo ist eigentlich Lieutenant Carey? Ich habe sie heute noch gar nicht gesehen?"

"Ich habe sie mit der Schneider-Suche beauftragt!"

"Die Arme!"

"Aber, Bount! Das weißt du doch: Die aussichtslosesten Jobs bringen die meisten Lorbeeren. Und sie ist sehr ehrgeizig!"

"Ach, ehe ich es vergesse, Toby..."

"Ja?"

"Ist dir der Name Phil Holding ein Begriff?"

"Warte mal... Ein Anwalt, habe ich recht?"

"Stimmt."

"Und was hat das mit dem Killer zu tun?"

"Es hat etwas mit dem Kerl zu tun, der mich entführt hat. Was weißt du über ihn?"

"Früher - aber das ist Jahre her, da hat er mal einige Mafiagrößen verteidigt. Es gab da einen Skandal. Er soll ein Gespräch mit einem Mandanten dazu genutzt haben, um ihm eine Giftpille ins Gefängnis zu schmuggeln. Der Mann hat dann Selbstmord begangen, aber man konnte Holding nie nachweisen, dass er damit zu tun hatte. Seitdem ist es etwas stiller um ihn geworden."

Bount grinste.

"Vielleicht wird er bald hier auftauchen, um diesen Thompson herauszupauken!"

Toby Rogers hob fast beschwörend die Arme. "Nur das nicht! Dieser Holding ist ein furchtbarer Querulant, der einem das Wort im Mund herumdreht und die Haftrichter reihenweise aufs Kreuz legt!"

"Sieh zu, dass erst mal Thompsons Nase gerichtet wird, bevor er mit Holding telefoniert."

Der dicke Captain verstand sofort, was sein Freund vorhatte.

"Du willst Holding auf den Zahn fühlen?"

"Ja, und zwar bevor man ihn kopfscheu gemacht hat!" Bount sah auf seine Armbanduhr. "Wenn ich mich beeile, klappt das gerade noch."

14

Als Bount das Vorzimmer von Phil Holdings Büro in der Third Avenue betrat, sah er schon am Blick der dunkelhaarigen, energisch wirkenden Sekretärin, dass er hier im Augenblick unerwünscht war.

"Ich möchte zu Mister Holding."

"Haben Sie einen Termin?"

"Ist er da drin?" Bount deutete auf die Tür, die höchstwahrscheinlich zum eigentlichen Büro führte. Bount hatte schon einen Schritt dorthin gemacht, da war die Dunkelhaarige aufgesprungen und hatte sich ihm in den Weg gestellt. "So geht das hier nicht, Mister..."

"Reiniger."

"Wenn Sie zu Mister Holding wollen, müssen Sie einen Termin abmachen. Allerdings nicht vor übernächster Woche! Außerdem haben wir gleich Büroschluss!"

"Ich will Ihnen nicht den Feierabend stehlen, sondern nur zu Ihrem Boss..."

"Ich habe Ihnen doch gesagt, dass..."

"Bestellen Sie ihm schöne Grüße von Frank Thompson. Na, los! Gehen Sie schon hinein! Ich verwette meinen Schlips, dass er mich unbedingt sprechen will, wenn Sie ihm das sagen!" Die Dunkelhaarige sah Bount an, als wäre bei ihm eine Schraube locker. Dann warf sie ihren Haarschopf pikiert in den Nacken und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal kurz herum, fast so, als wollte sie sich davon überzeugen, dass Bount auch wirklich dort blieb, wo er jetzt war und sich nicht an ihr vorbei durch die Tür zu drängen versuchte.

Es dauerte kaum fünf Sekunden, dann war sie zurück.

"Und?", fragte Bount.

"Mister Holding erwartet Sie. Gehen Sie hinein!" Das Gesicht, das sie dabei machte war ziemlich sauertöpfisch. Und auch Phil Holding machte keineswegs einen froheren Eindruck. Holding war ein schlanker, hochgewachsener Mann mit blasser, unreiner Haut. Sein Gesicht versteckte er hinter einer auffälligen Hornbrille, an der er fortwährend herumfummelte. Wahrscheinlich zeigte das nur seine Nervosität. "Machen Sie die Tür zu, Miss Garrison!", wies der Anwalt die Dunkelhaarige an. "Ich möchte mit dem Mann unter vier Augen sprechen." Dann wandte er sich an Reiniger: "Was wollen Sie?"

"Schon sehr interessant, wie Sie auf den Namen Frank Thompson reagiert haben!"

"Ihr Name war wie, Mister..."

"Reiniger. Aber ich schätze, das wissen Sie bereits."

"Hören Sie, ich bin ein vielbeschäftigter Mann, wie wäre es, wenn Sie einfach sagen, was Sie wollen und dann wieder verschwinden! In Ordnung?" Er schien überaus gereizt zu sein. Bount ließ sich in einen der klobigen Sessel fallen, während Holding stehen blieb.

"Ihre Sekretärin sagte mir, dass Sie Ihren Terminkalender voll hätten. Schon erstaunlich, dass es noch Mandanten für jemanden wie Sie gibt. Ich meine, nach der Sache mit der Giftpille!"

"So, dass wissen Sie also auch..."

"Ein Geheimnis ist das nicht gerade. Aber sicherlich gibt es Klienten, die Anwälte bevorzugen, die keine Skrupel haben!"

"Die Sache ist im Sande verlaufen, der Kerl hat sich selbst umgebracht. Also, was soll's? Wollen Sie die Geschichte etwa noch einmal aufrollen?"

Bount schüttelte den Kopf. "Kein Gedanke. Wenn man Ihnen damals schon nichts nachweisen konnte, dann sind die Spuren in der Zwischenzeit sicher völlig erkaltet."

"Was wollen Sie dann?"

"Ich suche den Mörder von Ted Hughes."

"Und da kommen Sie zu mir?"

"Bin da etwa an der falschen Adresse?"

"Allerdings! Ich weiß nicht einmal, wer dieser Hughes ist!"

"Aber Sie kennen Frank Thompson."

Phil Holding zögerte. Dann fuhr er sich mit der Rechten durch das schon etwas lichter werdende Haar. "Ich kenne viele Leute, Mister Reiniger. Und Sie, wie mir scheint, auch."

"Thompson glaubt, dass sich etwas in meinem Besitz befindet, das er selbst gerne hätte - beziehungsweise seine Auftraggeber. Er ist wahrscheinlich in meine Wohnung eingebrochen, hat mich zwei Tage später auf einen Schrottplatz entführt und zusammen mit seinen Gorillas versucht, mich aufzumischen."

"Interessante Story, die Sie da erzählen, Reiniger. Und? Wie ist das Ende vom Lied?"

"Ich habe den Spieß umgedreht. Ich wollte wissen, wer hinter der Aktion steckt."

Holding wurde sichtlich unruhig. Sein Gesicht verlor jetzt den letzten Rest von Farbe. Er beugte sich etwas vor. "Und was hat Thompson gesagt?"

"Er hat Ihren Namen erwähnt, Mister Holding." Ein gezwungenes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Anwalts. Dann schüttelte er den Kopf. "Das ist alles?"

"Für mich Grund genug, um hierher zu kommen!"

"Und Sie denken wirklich, dass ich nichts Besseres tun habe, als Entführungen zu organisieren?"

"Ich habe keine Ahnung, welche Rolle Sie in der Sache spielen, Holding! Aber Sie hängen da mit drin." Holding wedelte verzweifelt mit den Armen in der Luft und lief ein paar Schritte in seinem Büro auf und ab.

"Also gut", sagte er schließlich.

"Ich kenne Frank Thompson, weil ich ihn mal in einem Prozess vertreten habe. Das ist alles." Er zuckte mit den Achseln. "Sie müssen da irgendetwas missverstanden haben!"

"Das glaube ich kaum!"

"Was Sie glauben, ist mir ziemlich gleichgültig, Mister Reiniger! Im übrigen dürfte unser Gespräch hiermit beendet sein."

Bount erhob sich.

"Wir sehen uns bestimmt wieder."

"Ich hoffe nicht."

"Und wenn Sie das nächste Mal ein paar Leute engagieren, sollte Sie darauf achten, dass es nicht solche Hasenfüße sind wie beim letzten Mal!"

"Eine schwere Anschuldigung, Mister Reiniger. Falls Sie auf die Idee kommen sollten, dass öffentlich zu wiederholen, dann werde ich gerichtlich gegen Sie vorgehen!"

"Ich wiederhole nur, was Thompson gesagt hat."

"Ich bitte Sie! Sie glauben einem vorbestraften Kriminellen mehr als einem seriösen Anwalt?"

"In diesem Fall ja."

Das Telefon klingelte.

Holdings Hand ging instinktiv zum Hörer, aber er brach die Bewegung abrupt ab. Bount wandte sich zum Gehen. "Das wird Thompson sein", meinte er. "Wenn Sie sich heute Abend etwas vorgenommen haben, werden Sie es verschieben müssen!"

15

Ross Malrone blickte aus dem Fenster seines Büros bei Jupiter Electronics hinaus auf die Skyline von Manhattan, die bei Nacht wie ein Sternenmeer wirkte. Er ließ die Zigarette kurz aufglimmen, die zwischen seinen Lippen steckte. Er hatte keine Ahnung, die wievielte es an diesem Abend war.

Aber er spürte, wie seine Hand zitterte. Und das war für ihn ein Alarmzeichen. So geht es nicht weiter!, dachte er. Er stand noch eine Weile so da und grübelte vor sich. Wahrscheinlich war er der letzte von den Jupiter-Managern, der um diese Zeit noch im Büro war. Er dachte daran, nach Hause zu fahren, ließ den Gedanken aber sehr schnell wieder fallen. Dort war niemand, mit dem er seine düsteren Gedanken teilen konnte. Er dachte an seine Frau und an seine beiden Kinder und plötzlich kam ihm in den Sinn, dass er seine Familie auf keinen Fall in die Dinge hineinziehen durfte, die ihn jetzt quälten. Ich bin allein, dachte er und erschrak. Die Erkenntnis wirkte wie eine kalte Hand, die sich plötzlich auf seine Schulter gelegt hatte. Auf einmal fror er, obwohl der Büroraum eher überheizt war.

"Buenas noches, Señor!"

Die Stimme der puertoricanischen Raumpflegerin riss ihn aus seinen Grübeleien heraus. Er hatte sie gar nicht eintreten hören, so weit weg war er mit seinen Gedanken gewesen.

Er nickte ihr zu. Sie verstand kein Englisch, das wusste er. Zeit zu gehen, dachte er.

Ross Malrone nahm sein Aktenköfferchen und den Mantel und bewegte sich hinaus auf den Flur. Es wird schon alles gut gehen!, dachte er, während er zu den Aufzügen ging. Er hämmerte es sich förmlich ein. Positiv denken!, wies er sich an. Nur Positiv denken, sich nicht von den düsteren Schatten übermannen lassen!

Der Aufzug kam und als er dann abwärts fuhr, hatte Ross Malrone plötzlich den absurden Gedanken, sich in einem Sarg zu befinden, der gerade in die Tiefe gelassen wurde. Auf irgendeiner Etage stieg dann ein Mann zu. Malrone nickte ihm freundlich, aber im Grunde abwesend zu, aber der andere blieb regungslos, fast abweisend.

Malrone hatte diesen Mann noch nie in der Firma gesehen. Er war hochgewachsen, athletisch gebaut und gut gekleidet. Vielleicht einer der Nachtwächter, das war Malrones erster Gedanke gewesen.

Aber dann sah er die Uhr am Handgelenk seines Gegenübers. Sie war aus Gold. Malrone hatte selbst ein Faible für wertvolle Uhren und konnte sich daher leicht in Dollars umrechnen, was der andere dort an der Linken trug.

Und er kannte auch den Verdienst eines Nachtwächters bei Jupiter Electronics. Da passte etwas nicht zusammen!

"Sind Sie neu hier?", fragte Malrone - plötzlich interessiert und aus seiner Lethargie herausgerissen.

Keine Antwort.

Stattdessen kam der Kerl etwas näher. Er überragte Malrone um gut einen Kopf und wirkte schon allein auf Grund dieses Unterschieds bedrohlich auf den Manager.

Der Fremde führte eine schnelle Bewegung mit der Rechten aus, während sein Gesicht eiskalt blieb. Malrone sah für den Bruchteil einer Sekunde etwas Blankes, Metallisches. Es war das letzte, was er sah, bevor ein grausamer Schmerz seinen Körper durchflutete.

16

Der Anruf erreichte Bount noch vor dem Frühstück. Es war Toby Rogers von der Manhattaner Mordkommission.

"Ich habe etwas für dich, das dich interessieren wird, Bount!"

"Da bin ich gespannt!"

"Ist dir der Name Ross Malrone ein Begriff?"

"Ein Manager bei Jupiter Electronics."

"Er ist ermordet worden! Und zwar von jemandem, der verdammt genau weiß, wie man ein Messer führt!" Wenig später war Bount am Tatort. Ross Malrone war da allerdings schon eingesargt und abtransportiert worden.

"Du hast nichts verpasst, Bount. Es war kein schöner Anblick!"

"Kann ich mir denken."

"Der Mörder war ein Profi. Er wusste ganz genau, wie man mit einem Messer so tötet, dass es schnell geht man sich nicht schmutzig macht!"

"Spricht für den Killer, der Hughes getötet hat, nicht wahr?"

"So sehe ich das auch, Bount."

"Hat irgendjemand etwas gesehen?"

"Es waren nur ein paar puertoricanische Putzfrauen und die Nachtwächter hier. Die Nachtwächter haben niemanden gesehen, der ihnen aufgefallen ist, die Putzfrauen werden noch vernommen. Ich warte noch auf jemanden, der gut genug Spanisch kann, um aus ihnen schlau zu werden." Bount überlegte. Ein Hacker und ein Manager. Beide tot. Beide ermordet. Wenn sich herausstellte, dass es wirklich derselbe Killer war, dann steckten hinter beiden Morden vermutlich auch dieselben Auftraggeber.

Aber da war noch eine Sache, die Malrone und Hughes miteinander verband: Jupiter Electronics und das, was diese Firma herstellte: Raketenbauteile.

"Mister Soames erwartet mich", sagte Rogers. "Er ist einer der führenden Leute hier."

"Ich weiß, ich kenne ihn."

"Dann wird er ja kaum etwas dagegen haben, wenn du mitkommst!"

Es war, als hätte Gary Soames geahnt, dass etwas Tragisches geschehen würde. Jedenfalls trug er heute ein wesentlich schlichteres Jackett als an jenem Tag, an dem Bount ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er hob die Arme.

"Eine furchtbare Sache", meinte er an Captain Rogers gewandt. Ob seine Gedanken allerdings wirklich bei dem Toten Ross Malrone waren oder er an etwas ganz anderes dachte, konnte man nicht sagen.

Er wandte den Kopf und begrüßte auch Bount. "Ist irgendetwas mit Ihrem Honorarscheck nicht in Ordnung, Mister Reiniger?"

"Nein, alles okay."

"Was machen Sie dann hier?"

"Ich suche einen Mörder."

Einen Augenblick lang begegneten sich die Augenpaare von Reiniger und Soames. Ein oder zwei Sekunden lang geschah überhaupt nichts und Bount hatte das Gefühl, dass Gary Soames sich auf einmal aus irgendeinem Grund unbehaglich fühlte.

"Hat Mrs. Malrone Sie engagiert?"

Bount ließ die Frage unbeantwortet, holte seine Zigaretten hervor und zündete sich erst einmal eine an. "Sie haben doch nichts dagegen, oder?"

"Nein." Soames seufzte. "Die arme Frau. Wussten Sie, dass Malrone zwei Kinder hinterlässt?"

"Nein."

"Hatte Malrone vielleicht Feinde?" Das war Toby Rogers und Bount war ihm dankbar dafür, dass er ihm die Stafette abnahm.

Soames zuckte mit den Achseln. "Nicht, dass ich wüsste. Er war ein erfolgreicher, überall geachteter Geschäftsmann. Das muss die Tat eines Wahnsinnigen gewesen sein!"

"Keine Rivalitäten innerhalb von Jupiter Electronics?"

"Na ja, was soll ich da sagen?"

"Am besten die Wahrheit."

"Malrone war sehr gewissenhaft und tüchtig. Und wenn es etwas zu kritisieren gab war er immer ziemlich direkt. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass jemand verschnupft war. Aber deshalb bringt doch niemand einen Menschen um." Gary Soames holte eine Flasche und Gläser aus dem Schrank. "Einen Drink, meine Herren?" Bount lehnte ab, Rogers nahm gerne an. "Der Tod von Mister Malrone ist ein herber Verlust für unsere Firma", murmelte er dabei, aber Bount konnte sich des Eindrucks einfach nicht erwehren, dass der Manager das einfach nur sagte, weil er es für seine Pflicht hielt, etwas Trauer zu zeigen.

Aber Heuchelei war nicht strafbar.

"Ich habe Ross Malrone vor zwei Jahren einmal zufällig auf einer Party gesehen", berichtete der Privatdetektiv dann. "Er sah damals aus wie blühende Leben. Als ich jetzt wieder begegnet bin, habe ich mich fast ein wenig erschrocken." Soames verengte ein wenig die Augen. "Was meinen Sie damit?"

"Mich würde interessieren, was ihn wohl so heruntergewirtschaftet hat! Als ich vor ein paar Tagen hier meinen Bericht über diesen Hacker abgeliefert habe, hatte ich den Eindruck, einen Mann vor mir zu haben, der völlig am Ende ist."

Soames zuckte mit den Achseln.

"Ich keine privaten Kontakte mit ihm, Mister Reiniger. Deshalb kann ich auch nicht viel dazu sagen."

"Was sagt Ihnen der Name Phil Holding?" Sowohl Soames als auch Rogers machten ein erstauntes Gesicht. Aber Bount dachte sich, dass es nicht schaden konnte, einfach mal zu fragen. Vielleicht bestand ja irgendein Zusammenhang.

"Ich höre den Namen zum ersten Mal", erklärte Gary Soames. "Wer soll das sein?"

"Ein Anwalt. Vielleicht schauen Sie mal nach, ob er für Ihre Firma tätig ist."

"Ist er nicht. Da bin ich mir sicher."

17

Eine halbe Stunde später gab es auch eine Beschreibung des mutmaßlichen Killers. Eine der puertoricanischen Frauen hatte einen Mann gesehen, der vor dem Aufzug wartete. Vielleicht war er es, vielleicht auch nicht. Die Beschreibung war recht vage. Der Frau daraufhin ein Phantombild vorgehalten worden, dass auf Grund von Bounts Angaben entstanden war.

Sie glaubte, ihn zu wiederzuerkennen.

"Immerhin etwas", meinte Bount dazu.

Rogers blieb skeptisch. "Was glaubst du, wie oft ich schon erlebt habe, dass solche Zeugen sich plötzlich geirrt hatten, als sie den Mann, um den es ging, dann tatsächlich vor sich sahen..."

"Weiß eigentlich schon Malrones Familie Bescheid?"

"Nein. Ich fahre gleich zu ihr. Willst du mit?"

"Wir können meinen Wagen nehmen."

"Meinetwegen, Bount."

Ein paar Minuten später saßen sie zusammen in Reinigers Mercedes 500 SL und quälten sich durch den Stadtverkehr von Manhattan. "Wo geht die Reise hin, Toby?"

"Richtung Jersey City durch den Holland Tunnel." Rogers räusperte sich und fügte dann hinzu: "Du hast Soames nach Holding gefragt..."

"Ja, der hängt wahrscheinlich in dieser Sache mit drin. Ich weiß nur noch nicht wie. Was hat übrigens die Befragung von Frank Thompson ergeben?"

"Nichts. Er ist jetzt wieder auf freiem Fuß!"

"Das darf doch nicht wahr sein!"

Bount blickte zu seinem Freund hinüber, aber dieser zuckte nur hilflos mit den Schultern. "Was soll ich machen, Bount? Ich bin nicht der liebe Gott! Dieser Anwalt namens Holding tauchte auf und hat den Haftrichter bequatscht! Ich habe keinen Stich bekommen!"

Bount schlug mit der flachen Rechten gegen das Lenkrad.

"Dieser Kerl ist ein Entführer, der seine Revolvertrommel in meine Richtung leergeschossen hat! Den muss man doch festhalten können!"

Toby atmete tief durch. "Dem Haftrichter konnte Holding weismachen, dass es ganz anders war."

"Auf die Story bin ich aber gespannt!"

"Nach seiner Version hast du Thompson auf den Schrottplatz gebracht, um ihn ungestört unter Druck setzen und ihn zu einer Aussage zwingen zu können."

"Was ist mit der Waffe?"

"Es waren Fingerabdrücke drauf, aber nicht von Thompson. Ich schätze, sie stammen von dir, Bount."

"Natürlich, ich habe sie ihm ja abgenommen!"

"Die beiden Gorillas, von denen du berichtet hast, hat außer dir niemand gesehen und die Kratzer an deinem Wagen hast du selbst nachträglich angebracht. Du wirst dich vielleicht auf ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung einstellen müssen. Jedenfalls hat Holding so etwas angekündigt..."

"Na, das kann ja heiter werden."

"Du hättest seinem Mandanten brutal das Nasenbein zertrümmert!"

"Von der Vorgeschichte will dieser Winkeladvokat natürlich nichts wissen!"

"Am Ende wird Aussage gegen Aussage stehen, Bount!" Bount schüttelte den Kopf und lachte matt. "Thompson ist nur ein kleiner Handlanger, das ist für mich ziemlich klar. Ich hatte gedacht, dass man über ihn vielleicht eine Etage höher gelangt!"

"Das Spiel ist noch nicht verloren, Bount. Ich lasse Thompson beschatten!"

Bount grinste. "Das ist eine gute Nachricht. Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus."

Eine halbe Stunde später standen sie vor Malrones Haustür. Mrs. Malrone war einige Jahre jünger als ihr Mann. Rogers zeigte ihr seine Dienstmarke und machte es so kurz und schmerzlos wie möglich. Die Kinder waren um diese Tageszeit in der Schule - und das war gut so.

Der Schock stand Mrs. Malrone im Gesicht geschrieben. Sie schluckte, öffnete den Mund, konnte aber nichts herausbringen. Rogers hatte Erfahrung in solchen Dingen. Er gab ihr Zeit.

"Entschuldigen Sie", murmelte sie, als sie sich etwas gefasst hatte. Sie bat Rogers und Reiniger ins Wohnzimmer. "Wollen Sie etwas trinken?"

"Machen Sie sich keine Umstände", wehrte Rogers ab. Dann begann der dicke Captain mit der Fragerei, aber es drehte sich alles im Kreis. Mrs. Malrone wirkte fast apathisch und beantwortete alles mehr oder weniger automatenhaft. Sie blieb erstaunlich gefasst.

"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht sehr helfen", meinte sie bedauernd.

"Kannte Ihr Mann jemanden, der Phil Holding heißt?", fragte Bount. "Ein Anwalt, dicke Brille, recht groß."

"Ich weiß nicht..."

Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann hob sie die Arme.

"Überlegen Sie genau."

"Ja, einmal... Das ist schon ein paar Wochen her. Ich wollte eigentlich in die Stadt fahren, hatte aber mein Portemonnaie vergessen und musste noch einmal zurück. Mein Mann hatte Besuch von jemandem, auf den Ihre Beschreibung paßt."

"Hat er Ihnen den Besuch nicht vorgestellt?"

"Nein. Das hat mich auch gewundert. Im Gegenteil, er hat zugesehen, dass es zu keinem Kontakt kam. Bevor ich wegfuhr, habe ich aber durch die Tür gehört, dass er ihn Phil nannte."

"Haben Sie sonst noch irgendetwas verstanden?", hakte Bount nach.

"Glauben Sie vielleicht, dass ich lausche?"

"Das wäre in diesem Fall nicht schlecht gewesen." Sie zuckte mit den Schultern. "Es wird um Dinge gegangen sein, die mit Jupiter Electronics zusammenhängen. Dinge, die nicht sehr spannend sind. Warum sollte ich darauf achten? Mein Mann hatte des öfteren ähnliche Besuche."

"War dieser Mann auch des öfteren hier?"

Sie schüttelte energisch den Kopf. "Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich habe ihn jedenfalls nur das eine Mal gesehen. Glauben Sie, dass dieser Phil - wie war doch noch der Name?"

"Holding."

"...dass dieser Holding der Mörder ist?"

"Nein", mischte sich Rogers jetzt wieder ein. "Aber er könnte damit zu tun haben."

"Ach da fällt mir noch ein, dass dieser Phil nicht allein gekommen war. Da war noch jemand anderes..." Bount hakte sofort nach. "Wie sah er aus."

"Er hatte einen ziemlich dunklen Teint. Und einen Oberlippenbart. Sie kennen sicher diesen Schauspieler... Omar Sharif! An den erinnerte mich der Mann. Ich dachte noch: Der sieht aber gut aus! Diesen Mann habe ich übrigens später noch einmal getroffen."

"Bei welcher Gelegenheit?", fragte Bount.

"Nun, ich glaube, es war der Geburtstag von Senator Jeffers..." Sie zögerte und rieb sich einen Augenblick lang das Kinn. Dann schüttelte sie den Kopf und fragte: "Oder war es der Empfang des Bürgermeisters? Wissen Sie, wir sind zu so vielen Partys und Empfängen eingeladen gewesen. Ich habe wirklich keine Ahnung mehr. Ich weiß nur noch, dass mir vom Aperitif schlecht geworden ist und dass..." Sie blickte auf und sah Bount direkt an.

"Ja?"

"Ich habe gehört, wie jemand ihn Georges nannte. Ich weiß nicht, ob ich das richtig ausspreche. Es klang französisch, wissen Sie?"

Rogers fragte: "Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns die persönlichen Sachen Ihres Mannes einmal ansehen?"

"Nein. Natürlich nicht. Wenn es Ihnen hilft..." Der Captain zuckte die massigen Schultern, wobei sein ganzer Körper vibrierte. "Das kann man vorher nie wissen. Kann ich mal telefonieren?"

"Bitte!"

Während Rogers noch personelle Verstärkung herbeirief, ließ Bount Reiniger sich von Mrs. Malrone in das Arbeitszimmer des Ermordeten führen. Der Schreibtisch war ein repräsentatives, klobig wirkendes Eichenteil. Die Oberfläche wirkte wie glattgeleckt. Eine makellose Schreibunterlage mit einer Weltkarte darauf. Davor ein Lederetui mit Schreibzeug. Es war kein Schreibtisch, an dem oft gearbeitet wurde, das war deutlich zu sehen.

Indessen kam Rogers zurück.

Mrs. Malrone wandte sich an den Captain. "Sie entschuldigen mich doch jetzt sicher."

"Natürlich."

"Ich möchte etwas allein sein, ich..." Sie stockte.

"Ist schon gut", meinte Rogers verständnisvoll. Mrs. Malrone blickte noch einmal kurz zu Bount und ließ die beiden Freunde dann allein. Bount machte die Schublade auf. Malrones Ordnungssinn schien schon fast an Pedanterie gegrenzt zu haben, aber das machte nun vieles leichter. Bount fand einen Schnellhefter mit Kontoauszügen. Den warf er Rogers hin.

"Hier!", meinte Bount. "Vielleicht eine interessante Lektüre!"

18

Zwei Stunden später befanden sich Reiniger und Rogers auf dem Rückweg durch den Holland Tunnel nach Manhattan. Ross Malrone hatte ein Schweizer Bankkonto, das hatten die beiden herausgefunden. Malrone hatte die Auszüge peinlich genau abgeheftet - und die Einzahlungen waren beachtlich. Sie überstiegen das Gehalt, das Jupiter Electronics ihm zahlte, erheblich. Seine Witwe konnte sich die Herkunft des Geldes nicht erklären. Für Finanzielles sei Ihr Mann zuständig gewesen.

Aber da war noch etwas anderes. Eine Telefonnummer, die Malrone sich auf einen kleinen Zettel notiert und unter der Schreibunterlage deponiert hatte. Sie musste ihm sehr wichtig gewesen sein. Als Bount die Nummer in den Apparat getippt hatte, hatte sich auf der anderen Seite der automatische Anrufbeantworter eines Callgirls gemeldet.

"Ich möchte zu gerne wissen, von wem die Einzahlungen auf dem Schweizer Konto kamen", meinte Rogers.

Bount lachte. "Ich fürchte, das wird uns niemand sagen wollen!"

Rogers knurrte vor sich hin. "Und ich fürchte, dass du leider recht hast, Bount. Das Schweizer Bankgeheimnis ist schwerer zu knacken, als die Tresore von Fort Knox!"

"Bleibt die andere Spur", meinte Bount.

"Das Callgirl?"

"Genau."

"Vielleicht ist das gar keine Spur, Bount! Ich will damit sagen, dass so etwas ja nun wirklich nichts Ungewöhnliches ist! Er wollte etwas Abwechslung im Bett - aber das hat wohl nichts damit zu tun, dass ein Profikiller ihn eiskalt ins Jenseits befördert hat!"

Reiniger zuckte die Achseln.

"Vorher weiß man selten, was wie zusammenhängt."

"Trotzdem, Bount. Ich sage dir, diese Richtung geht in die Sackgasse!"

"Wir wissen nicht viel über Malrone. Und es gibt da offenbar einiges, worüber auch seine Frau nicht Bescheid wusste."

"Und du meinst, dass er diesem Callgirl mehr erzählt hat?"

"Das wäre nicht das erste Mal, Toby."

"Wie auch immer, Bount. Du kannst mich im Revier absetzen."

Bount zuckte die Schultern.

"Wie du willst. Dann kannst du mal nachsehen, ob ihr einen 'Georges' in eurer Kartei habt. So häufig ist der Name ja nun auch wieder nicht."

"Ein Franzose..."

"Vielleicht. Ein Mann au den genau dieselbe Beschreibung paßt, wurde von Charlene Hughes bei ihrem Bruder gesehen. Wenn er auch noch Holding kennt - was ja wohl der Fall sein muss, den er zusammen mit diesem Rechtsverdreher Malrone besucht hat - dann bekommt die ganze Sache langsam Konturen!"

Rogers lachte. "Fragt sich nur, welche! Und wenn Mrs. Malrone sich zu erinnern glaubt, diesen Omar Sharif-Typ Georges - auf einem der Empfänge gesehen zu haben, zu denen die Malrones gewöhnlich eingeladen wurden, dann wird er sicher kein typischer Kunde von uns sein!"

"Oder einer, der Karriere gemacht hat."

"Auch möglich."

19

"Ihr Job ist beendet!"

"Das sehe ich anders."

"Sie haben ihr Geld bekommen. Jetzt verschwinden Sie. Mit diesem Reiniger werden wir selbst fertig. Auf unsere Weise."

"Leben Sie wohl!"

"Wollen Sie noch mehr Aufsehen erregen? Sind zwei Tote nicht genug?"

"Dieser Reiniger hat mein Gesicht gesehen. Ich kann ihn nicht am Leben lassen! Auf Ihre Interessen kann ich dabei keine Rücksicht nehmen!" Eine kleine Pause folgte. Dann: "Unsere Unterhaltung ist damit beendet. Wir werden nicht mehr miteinander sprechen."

"Wo sind Sie jetzt?"

"Das braucht Sie nicht zu interessieren!"

"Warten Sie! Hängen Sie nicht ein!"

"Leben Sie wohl!"

Der Mann mit dem kantigen Gesicht hängte den Hörer ein, blickte sich kurz um und verließ die Telefonzelle. Diese Sache musste er zu Ende bringen. Sonst konnte es ihm eines Tages das Genick brechen.

Ganz gleich, ob dieser Privatdetektiv nun zufällig in Ted Hughes' Wohnung aufgetaucht war, er konnte ihn nicht davonkommen lassen. Niemand, der ihn identifizieren konnte, durfte am Leben bleiben. Das war eine Art eisernes Gesetz, nach dem er lebte, solange er in diesem Geschäft tätig gewesen war.

In der Hand hielt der Mann eine Sporttasche mit blauen Streifen. Er hatte sie nicht aus der Hand gelassen, nicht einmal beim telefonieren. Jetzt ging er zurück zu dem Chevy, den er in Sichtweite abgestellt hatte. Hier, in der berüchtigten South Bronx war es besser, den Wagen nicht aus den Augen zu lassen. Der Mann hatte die Kids gesehen, die mit gierigen Augen an der Ecke standen und in seine Richtung schielten. Als er den Wagen aufschloss, kamen sie heran. Sie waren zu dritt. Der Älteste kaum zwanzig, der jüngste keine fünfzehn. Das kantige Gesicht des Mannes blieb unbewegt, als einer der Kerle plötzlich eine Pistole unter der Jacke hervorzog. Die beiden anderen hatten Messer und Totschläger.

"Was wollt ihr?", fragte der Mann überflüssigerweise, aber es gab im ein paar Sekunden. In den Augenwinkeln sah er einige Passanten vorbeieilen. Es war immer dasselbe. Niemand würde eingreifen und wahrscheinlich rief auch niemand die Polizei. Dem Killer war das in diesem Fall nur recht. Mit diesen Jungs würde er selbst fertig werden. Auf seine Weise.

"Die Brieftasche her!", sagt der Benjamin von ihnen. Er hatte noch nicht einmal den Stimmbruch richtig hinter sich gebracht, schwang aber seinen Totschläger hin und her, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht.

Der Killer griff in die Tasche und hatte einen Moment später dreißig Dollar in der Hand. Genau abgezählt.

"Hier!", sagte er. "Ihr könnt mein Geld haben." Der Kleine mit dem Totschläger nahm das Geld und wollte sich schon davonmachen, aber der mit der Pistole runzelte die Stirn. Er schien damit ganz und gar nicht zufrieden zu sein.

"Willst du uns für dumm verkaufen!" Er kam näher heran und hielt dem Killer die Waffe direkt unter die Nase. "Diese Masche ist doch so alt wie die Subway! Wir wollen alles! Nicht nur die paar Dollar, mit denen Sie uns da abzuspeisen wollten!"

"Und die Sporttasche auch!", ergänzte der Kleine in gekünstelt wirkender Vollmundigkeit.

Jetzt wurde es gefährlich. Aber der Killer reagierte blitzschnell. Eine Sekunde, dann war alles vorbei. Der Kerl mit der Pistole wusste nicht einmal, was es war, das ihm da in Leib gefahren war. Er sackte mit einem dumpfen Ächzen in sich zusammen, während der Killer mit einem Ruck das Messer herauszog.

Die beiden anderen standen wie erstarrt da. Der Kleine mit dem Totschläger schluckte. Dann machten die beiden, dass sie wegkamen. Genau dasselbe tat auch der Killer. Sein Blick ging über ein paar Neugierige, die aus sicherer Entfernung zugeschaut hatten. Dann stieg er in den Chevy, ließ den Motor an und fuhr davon.

20

Das Callgirl nannte sich Madeleine, aber das war vermutlich nur ihr Künstlername, mit dem sie sich per Anrufbeantworter meldete und unter dem sie vielleicht auch Anzeigen in der Presse aufgab.

An der Tür ihres Apartments stand Dorothy Browne - ein Name der auf jeden Fall sehr viel weniger geheimnisvoll klang als Madeleine.

Bount musste zweimal klingeln, bis ihm jemand öffnete. Dieser jemand war ein hochgewachsenes, graziles Geschöpf in einem körpereng anliegenden Kleid, das nichts verbarg, aber einiges hervorhob.

"Madeleine?", fragte Bount.

Sie musterte Bount eingehend, dann nickte sie leicht. "Komm rein", sagte sie, als würden sie sich eine Ewigkeit kennen. Eines sah Bount schon auf den ersten Blick, als er das Apartment betrat: Madeleine war zweifellos ein Callgirl der gehobenen Klasse. Und vermutlich arbeitete sie auf eigene Rechnung.

Sie hatte die Tür geschlossen und fragte dann: "Eigentlich geht bei mir nichts ohne Voranmeldung", erklärte sie. "Ich habe einen Anrufbeantworter..."

"Ich weiß", erwiderte Bount.

"In anderthalb Stunden habe ich die nächste Verabredung." Bount lächelte. "Ich hoffe nicht, dass es so lange dauert." Sie erwiderte das Lächeln. Es war ein professionelles Lächeln, aber ein sehr gekonntes. Eines, bei dem man fast vergessen konnte, dass es zu ihrem Job gehörte.

"Bitte, nimm Platz! Wie heißt du?"

"Bount Reiniger."

"Hübscher Name! Wollen wir vorher noch etwas trinken?"

"Was hast du denn da?"

"Champagner, Bourbon, was du willst!"

"Dann Champagner."

"Okay." Sie zwinkerte ihm zu. "Bis gleich..." Sie ging in den Nebenraum und diesen Augenblick nutzte Bount. Er hörte sie mit Gläsern und Flaschen hantieren und etwas suchen und wusste auf diese Weise, dass er noch etwas Zeit hatte. Seine Hand ging zu dem Register neben ihrem Telefon.

Das Register war alphabetisch geordnet. Das erleichterte die Sache ganz erheblich. Bount sah unter M nach. Malrone stand drin. Reinigers Finger glitten schnell und geschickt über die Seiten. Unter 'H' schaute er noch Holding, fand ihn aber nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen!, ging es ihm durch den Kopf. Dafür fand er unter demselben Buchstaben einen anderen Namen, hinter dem vielleicht auch ein alter Bekannter steckte. Der Name war Hamid, Vorname Georges.

Er konnte das Telefonregister noch schnell genug zurücklegen, um nicht von seiner Gastgeberin erwischt zu werden. Sie kam mit einer Flasche und Gläsern.

"Schöne Grüße von Georges", sagte Bount Reiniger wie beiläufig. Madeleine war nicht dumm. Sie stockte mitten in der Bewegung und schien zu spüren, dass dieses Treffen anders ablaufen würde, als sie es sich gedacht hatte.

"Welcher Georges?", fragte sie betont kühl und gleichgültig. Sie hatte sich gut in der Gewalt, dass musste der Neid ihr lassen. Ihr Augenaufschlag blieb professionell.

"Gibt es davon denn so viele?", fragte Bount. In seiner Stimme klang ein wenig Sarkasmus mit und Madeleine schaltete von einem zum anderen Moment um.

"Georges soll mich in Ruhe lassen", erklärte sie und wich etwas von Bount weg. Sie hatte sich eigentlich setzen wollen, blieb jetzt aber stehen. "Du bist nicht einfach nur hier, um dein Vergnügen zu haben", meinte sie und Bount dachte: Sie kombiniert rasiermesserscharf. Wahrscheinlich hätte sie auch in einem anderen Job über die Mittelklasse hinaus kommen können.

Bount hob die Augenbrauen und goss sich etwas von dem Champagner ein.

"Was beunruhigt dich so?"

"Georges hat dich geschickt, nicht wahr?"

"Warum sollte er?"

"Er hat Angst, dass ich rede. Das hatte er von Anfang an." Sie seufzte. "Ich habe meinen Job gemacht, kassiert und damit fertig. Das kannst du ihm bestellen. Von allem anderen weiß ich nichts. Und es interessiert mich auch nicht. Und wenn Georges noch einmal jemanden für so eine Sache wie bei diesem Malrone braucht, dann soll er sich jemand anderen suchen." Bount horchte auf.

"Malrone ist tot", sagte er. Es war eine einfache Feststellung gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Aber Madeleine alias Dorothy Browne sah den Privatdetektiv an, als wäre er ein exotisches Tier.

Sie flüsterte: "Wie...? Ich meine..."

"Er wurde mit einem Messer aufgeschlitzt." Zwei ganze Schritte wich sie zurück und stolperte fast über den Teppichrand. Sie schüttelte stumm den Kopf. Vielleicht ist jetzt die Zeit reif, die Karten auf den Tisch zu legen!, überlegte Bount, griff in die Innentasche und warf ihr seinen Ausweis auf den Tisch. "Ich komme auch nicht von Georges Hamid." Sie nahm Bounts Ausweis und blickte dann zu ihm auf. Abscheu war in Ihren Augen zu lesen. "Ein Schnüffler... Verdammter Bastard!"

"Sei froh, dass ich nicht einer von denen bin, mit denen du dich eingelassen hast. Die gehen nämlich notfalls über Leichen."

Sie schluckte, fand dann eine Schachtel Zigaretten und zündete sich mit hastigen, nervös wirkenden Bewegungen eine an.

"Was weißt du, Schnüffler?"

"Ich weiß, dass du ziemlich dick drinsteckst."

"Wo drin?"

"Im Schlamassel. In einem Mordfall, verstehst du? Deine Telefonnummer befand sich unter den Sachen des toten Malrone."

"Ich habe ihn aber nicht ermordet! Ich höre jetzt zum ersten Mal davon!"

"Mag sein, aber wenn die Sache Kreise zieht, dann wird man dir hier dein Apartment einrennen! Ross Malrone war ein Mann, der in der Öffentlichkeit stand. Die Zeitungen werden über den Fall berichten und wenn dein Name - dein wirklicher Name - dort fällt..." Bount zuckte die Achseln, stand auf und nahm seinen Ausweis wieder an sich. "Ich weiß nicht, ob diese Art Publicity gut für dich wäre..."

Sie ihn wütend ab, aber sie war nicht auf ihn wütend. Nicht in erster Linie jedenfalls. Sie begriff. Wenn es Aufsehen gab, dann würde damit auch andere auf sie aufmerksam werden: Das Finanzamt, ihre Vermieter, ihre Nachbarschaft. Das konnte nicht in ihrem Interesse sein, also sagte sie: "Du hast gewonnen! Was willst du hören?"

"Die Wahrheit!"

"Ich weiß nicht viel. Ich habe auch nicht die geringste Ahnung, weshalb Malrone umgebracht wurde." Sie ging ein paar Schritte auf und ab, zog an ihrer Zigarette und goss sich dann ein Glas ihres eigenen Champagners ein. Vielleicht brauchte sie jetzt einfach einen Schluck Bount wartete geduldig ab.

Dann begann sie zu erzählen. "Eines Tages tauchte hier ein Mann namens Georges Hamid auf - ein Mann mit viel Geld. Ich glaube, er nannte sich Import/Export-Kaufmann." Sie zuckte die Achseln und stieß nachdenklich den Rauch aus. "Ich kenne viele, die sich so nennen und in Wahrheit etwas ganz anderes sind."

"Und?", fragte Bount. "Ist Hamid etwas anderes?"

"Für jemanden wie mich ist es besser, das nicht zu wissen", erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln, das müde wirkte, aber nicht mehr ganz so ängstlich. Sie fuhr fort: "Er war zuvor noch nie bei mir gewesen. Weiß der Teufel, wie er gerade auf mich gekommen ist! Ich bekam einen Batzen Geld, um mich an einen Mann namens Ross Malrone heranzumachen. Auf einer Party, zu der Hamid mich mitgenommen hatte, funkte es dann."

"Was bezweckte Hamid mit der Sache?"

"Er wollte Malrone erpressbar machen, so einfach ist das! Es wurden heimlich Video-Aufzeichnung von Malrone und mir gemacht." Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und zuckte mit den Schultern. "Seine Frau soll sehr eifersüchtig sein. Sie hätte ihm das nicht verziehen. Vermutlich hätte er bei einer Scheidung auch die Kinder verloren, und das wäre für ihn das Allerschlimmste gewesen, wie er mir mal in einer stillen Stunde anvertraut hat. An den Kindern hing Ross wirklich sehr." Bount verstand. Ross Malrone war in eine Falle gegangen, aus der es kein Entkommen mehr für ihn gegeben hatte.

"Sie wissen nicht, was dieser Hamid von Malrone erpresste?"

"Nein. Geld, nehme ich an. Obwohl Georges Hamid den Eindruck machte, selbst genug davon zu haben."

"Die Bänder sind im Besitz von Hamid?"

"So ist es." Sie trat näher an Bount heran und wandte ihm einen ziemlich ernsten Blick zu. "Du wirst doch keinen großen Zirkus von der Sache machen, oder?"

"Nicht, wenn es sich vermeiden lässt."

"Dann ist es ja gut."

21

Kurz nachdem Bount Madeleines Apartment verlassen hatte, und er wieder hinter dem Steuer seines champagnerfarbenen 500 SL saß, kam ein Anruf von June aus der Agentur.

"Was gibt's?", fragte Bount.

"Deine Klientin hat sich hier gemeldet. Sie war ganz aufgelöst und wollte dich unbedingt persönlich sprechen. Am besten, du fährst mal bei ihr vorbei."

"Wo ist sie denn?"

"Sie hat von der Boutique aus angerufen, in der sie Geschäftsführerin ist."

"Okay. Ach, wo ich dich schon mal an der Leitung habe..."

"Ja?"

"Versuch doch mal etwas über einen Mann namens Georges Hamid herauszufinden. Er nennt sich Import/Export-Kaufmann!"

"Ich werde sehen, was ich tun kann, Bount." Der Privatdetektiv legte auf.

Anschließend versuchte Bount die Nummer der Boutique, in der seine Klientin mit der Geschäftsführung betraut war. Und dann Charlene Hughes' Privatnummer. Die erste war besetzt, bei der zweiten nahm niemand ab. Bount trat aufs Gas und ging auf die Überholspur.

Die Boutique, die Charlene leitete, war ein kleiner aber zumindest den Preisen nach - recht feiner Laden. Etwas abseits gelegen, aber dafür mit eigenem Parkplatz.

Charlene schien ihn bereits zu erwarten.

Sie ging ihm entgegen und führte ihn gleich in ihr Büro, das durch eine Tür im hinteren Teil des Ladens erreichbar war.

"Kommen Sie, Bount. Ich muss Ihnen etwas zeigen!", Bount spürte sofort, dass Charlene Angst hatte. Ihre frische Gesichtsfarbe war verschwunden und da hätte auch kein Make-up mehr etwas retten können.

"Was ist geschehen, Charlene?"

"Ich hatte einen sehr merkwürdigen Anruf."

"Von wem?"

"Anonym. Es war niemand dessen Stimme ich kenne. Aber hören Sie selbst! Nach den ersten Sätzen habe ich die Stimme mit dem Anrufbeantworter aufgenommen. Es ist nicht viel, weil das Ganze sehr schnell vorbei war."

"Lassen Sie hören!"

Charlene spulte das Band zurück und ließ es dann laufen. Die Botschaft war zwar unvollständig, aber ziemlich eindeutig.

"...und Sie haben etwas, das Ihnen nicht gehört und das sich im Besitz Ihres Bruders befand", schnarrte eine stark verfremdete Stimme, von der noch nicht einmal zu sagen war, ob sie einer Frau oder einem Mann gehörte. "Kommen Sie morgen Mittag in Crawley's Café. Dort werden Sie neue Anweisungen bekommen", fuhr die Stimme in gleichförmigem Tonfall fort. Dann war das Band zu Ende.

"Das Schlimmste war zu Anfang", berichtete Charlene.

"Dieser Kerl - oder wer immer es auch sein mag - hat mich vor die Alternative gestellt. Entweder ich pariere oder es würde mir ähnlich gehen, wie meinem Bruder!"

"Haben Sie das, was diese Leute wollen?"

"Wie kommen Sie darauf?"

"Es ist nur eine Frage, Charlene. Und wenn Sie daran interessiert sind, noch ein Weilchen am, Leben zu bleiben, wäre es besser, sie mir wahrheitsgemäß zu beantworten."

"Gut." Sie verzog das Gesicht. "Dann hören Sie sich jetzt meine wahrheitsgemäße Antwort an: Ich weiß noch nicht einmal worum es eigentlich geht!"

"Um das, was Ihr Bruder aus der EDV von Jupiter Electronics herausgezogen hat natürlich."

"Ich sage doch, ich habe keine Ahnung! Ich..." Bount packte sie bei den Schultern, um sie etwas zu beruhigen. Charlene war mit den Nerven völlig am Ende und irgendwie war das ja auch zu verstehen. "Was soll ich tun?", flüsterte sie. "Diese Leute haben nicht davor zurückgeschreckt, Ted umzubringen und sie werden auch bei mir keinerlei Pardon kennen!"

"Das fürchte ich auch", sagte Bount, wohl wissend, dass sie das nicht gerade ermutigen konnte. Aber es hatte keinen Sinn, ihr etwas vorzumachen. Die Lage war ernst und es war besser, wenn sie das so schnell wie möglich in ihren Kopf hineinbekam.

"Oh, mein Gott..." Bount sah ein paar Tränen ihren Augen glitzern.

"Denken Sie noch einmal genau mach, Charlene!", forderte Bount. "Vielleicht hat Ihnen Ted einmal etwas zur Aufbewahrung gegeben. Eine Diskette vielleicht... Einen Briefumschlag, irgendetwas... Versuchen Sie, sich zu erinnern!"

Ihr dezentes Make-up war ein wenig verlaufen. Sie sah Bount nachdenklich an und schüttelte dann den Kopf.

"Da war nichts."

"Haben Sie zu Hause einen Computer?"

"Ja, sicher. Ted hat mir oft ein paar von den Spielen kopiert, die er besprechen musste."

"Könnte ja sein, dass auf den Spieldisketten auch noch andere Sachen waren! Ein perfektes Versteck!"

Sie nickte.

"Daran hätte ich nie gedacht!"

"Haben Sie etwas Zeit?"

"Ja, ich kann mir frei nehmen. Der Laden wird schon auch ohne mich laufen! Ich sage nur eben noch Bescheid."

"Gut. Und dann fahren wir zu Ihrer Wohnung."

22

"Sie sind ziemlich jung für Ihren Posten", meinte Bount nicht ohne eine gehörige Portion Anerkennung zu Charlene, als sie neben ihm auf dem Beifahrersitz des 500 SL saß. Sie zuckte mit den Schultern. "Ich bin eben tüchtig", meinte sie. "Es war eine einmalige Chance. Der Besitzer meinte, dass ein bisschen frischer Wind nicht schaden könnte. Der Laden war ziemlich heruntergewirtschaftet, als ich die Aufgabe übernahm."

"Und jetzt?"

"Es geht bergauf."

"Wie schön für Sie!"

Sie zuckte die Achseln. "Vielleicht liegt es daran, dass ich schon früh auf eigenen Füßen stehen musste", meinte sie. "Meine Eltern sind bei einer Massenkarambolage auf dem Highway ums Leben gekommen."

"Das tut mir Leid."

"Ich glaube, Ted hat darunter noch mehr gelitten, als ich. Ich stand ja schon auf eigenen Füßen, aber Ted ging noch zur Schule. Er hat bei mir gewohnt, aber ich konnte ihm natürlich nicht ersetzen, was er verloren hatte."

Bount zog an einem Lkw vorbei und schwenkte dann wieder nach rechts.

"Haben Sie eigentlich diesen Mann noch einmal gesehen, der bei Ted zu Besuch war..."

"Der mit dem dunklen Teint?"

"Ja, genau den meine ich."

"Nein. Nie wieder. Weshalb?"

"Nur so. Hätte ja sein können. Er heißt wahrscheinlich Georges Hamid. Sagt Ihnen der Name etwas?"

Sie überlegte kurz und schüttelte dann energisch den Kopf.

"Nein. Der Name klingt nicht gerade sehr alltäglich. Er wäre mir sicher aufgefallen."

"Vielleicht hat Ted ihn mal erwähnt. Denken Sie gut nach!"

"Was glauben Sie eigentlich, was ich die ganze Zeit über tue, Bount!", erwiderte sie ein paar Stufen heftiger, als sie es selbst beabsichtigt hatte. Sie fasste sich an die Schläfen. "Ich zermartere mir schon die ganze Zeit das Gehirn und bin halb verrückt davon!"

"Okay, okay...", versuchte Bount sie wieder zu beruhigen. Sie atmete tief durch. "Sie können ja nichts dafür."

"Stimmt."

Ihre Hände wanderten nervös herum. Sie war fix und fertig, aber Bount konnte darauf jetzt keine übertriebene Rücksicht nehmen. Letztlich war es in ihrem eigenen Interesse. Den Rest der Fahrt redeten sie kaum noch. Charlene saß in Gedanken versunken auf ihrem Platz und blickte hinaus in den klaren, kalten Tag. Als sie dann etwas später ihr Ziel erreicht hatten, erlebten sie eine unangenehme Überraschung. Charlene bewohnte ein schmuckes Apartment. Sie lebte noch nicht lange dort, wie sie Bount zuvor berichtet hatte, aber jetzt konnte sie es sich leisten.

"Ich nehme an, dass Sie Ihre Tür für gewöhnlich abschließen!", meinte Bount und griff nach der Automatik. Mit dem Lauf der Waffe schob er die Tür gänzlich auf. Jemand hatte sie ziemlich roh aufgebrochen - offenbar in großer Eile. Bount ging voran und bedeutete Charlene, zunächst etwas zurückzubleiben, aber es dauerte nur ein paar Augenblicke, dann war klar, dass sich niemand mehr in der Wohnung befand. Bount steckte die Automatik weg, während Charlene Hughes mit offenem Mund dastand und sich ihre zuvor sicherlich sehr penibel aufgeräumte Wohnung betrachtete. Jetzt glich sie einem einzigen Trümmerhaufen.

"Trösten Sie sich", meinte Bount. "Mein Allerheiligstes hat man auch nicht besser behandelt!"

Aber sie schien es kaum zu hören.

Als sie sich ein wenig gefasst hatte, stellte sie fest: "Die Disketten mit den Computerspielen sind nicht mehr da!"

"Sind Sie sicher?"

"Ja. Sie waren in einer abschließbaren Box, die ich genau hier hin gestellt habe, neben den Bildschirm. Wenn die Box heruntergefallen wäre, müsste sie hier irgendwo im Umkreis liegen. Tut sie aber nicht."

Bount verzog das Gesicht zu einem müden Lächeln.

"Dann hatte jemand wohl denselben Gedanken wie wir."

"Scheint so."

"Aber Ihr Besucher scheint nichts gefunden zu haben."

"Woher wollen Sie das wissen, Bount?"

"Man hätte sich sonst nicht mehr bei Ihnen gemeldet!" Sie atmete tief durch. "Stimmt auch wieder", meinte sie. Während dessen ging Bount zum Fenster und blickte hinab auf die Straße. Eine Autos parkten auf der gegenüberliegenden Seite. In einem Citroen, dessen Stoßstange eine gut sichtbare Delle aufwies, schien sich für den Bruchteil einer Sekunde etwas bewegt zu haben.

Als Reiniger zum zweiten Mal hinsah, war er sich schon nicht mehr hundertprozentig sicher, überhaupt etwas gesehen zu haben. Vielleicht habe ich mich ja getäuscht!, ging es ihm durch den Kopf.

Aber die Vermutung, dass diese Wohnung überwacht wurde, lag eigentlich nahe.

"Was soll jetzt geschehen?", hörte Bount die Stimme von Charlene. Er drehte sich zu ihr herum.

"Sie werden morgen in Crawley's Café erscheinen, genau so wie dieser Anrufer es verlangt hat."

"Aber..."

"Natürlich werden Sie nicht allein sein. Ich werde mit Captain Rogers sprechen. Vielleicht wir Glück und können jemanden verhaften!" Charlene schien noch immer ziemlich verzweifelt und ohne Mut und so legte Bount ihr den Arm um die Schulter und setzte hinzu: "Vielleicht ist morgen Mittag schon alles ausgestanden."

Sie sah ihn mit ihren ausdrucksstarken Augen offen an, in deren Blick überdeutlich zu lesen war, dass sie Reinigers Zuversicht nicht im Geringsten teilte. "Glauben Sie das wirklich, Bount?"

"Es besteht die Chance!"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist!"

"Und was wäre Ihr Vorschlag?"

"Ich habe Bekannte oben in Maine. Dort könnte ich sicher eine Weile bleiben. Zumindest, solange Gras über die Sache gewachsen ist."

Sie wollte sich von ihm abwenden, aber Bount hielt sie an den Schultern fest. "Über so eine Sache wächst kein Gras, Charlene! Glauben Sie mir! In diesen Dingen kenne ich mich nun wirklich besser aus als Sie!"

"Ich habe Angst!"

"Das verstehe ich!"

"Bount! Ich habe das nicht, wonach diese Leute suchen!"

"Aber wenn Sie morgen nicht in Crawley's Café erscheinen, sondern stattdessen unterzutauchen versuchen, wird man erst recht denken, dass Sie es haben! Und verlassen Sie sich drauf, die werden Sie finden! Dazu geht es um zuviel!" Sie atmete tief durch und strich sich mit einer nachlässigen Bewegung eine Haarsträhne hinter das Ohr. "Ich bin wohl mit den Nerven völlig am Ende", meinte sie und hatte damit vermutlich recht. "Sehen Sie, ich bin zum ersten Mal in einer solchen Lage..."

"Trotzdem - Sie müssen jetzt kühlen Kopf bewahren!" Sie zuckte mit den Schultern und blickte zu Bount auf.

"Okay", sagte sie und nickte dabei.

"Heute Nacht können Sie in meiner Residenz in der 7th Avenue übernachten. Da sind Sie einigermaßen sicher!"

"Ich danke Ihnen. Ich packe nur das Nötigste zusammen."

"Tun Sie das!"

"Und wenn die Sache morgen schief geht? Schließlich haben wir nichts, was wir diesen Leuten anbieten können." Bount lächelte. "Es gibt Dinge, die dürfen einfach nicht schief gehen, Charlene."

Ein Geräusch an der Tür ließ Bount herumwirbeln und zur Automatik greifen. Es klingelte.

"Erwarten Sie jemanden, Charlene?"

"Nein. Um diese Zeit sowieso nicht. Da bin ich normalerweise im Geschäft - und von meinen Bekannten weiß das auch jeder."

"Bleiben Sie hier!"

Einen Moment später stand Bount einem Mann gegenüber, der seiner Uniform nach Bediensteter eines privaten Paket-Dienstes war. Bount kannte die Firma dem Namen nach. Die aufgebrochene Tür stand halb offen und der Kerl runzelte die Stirn, als er in den Lauf von Bounts Pistole sah.

"Schon, gut", sagte der Mann. "Sie können das Päckchen ja haben! Und die Kasse von mir aus auch!"

Bount lächelte.

"Sorry", meinte er und steckte die Waffe weg. "Kommen Sie herein!"

"Ich möchte zu Miss Charlene Hughes." Der Mann hatte offenbar seine Fassung sehr schnell zurückerlangt und grinste über das ganze Gesicht. "Sie sind das ja wohl nicht!"

"Ich bin das!", meldete sich jetzt Charlene aus dem Hintergrund. Sie war hinzugetreten und ging jetzt in Richtung Tür. Der Mann gab ihr ein kleines Päckchen.

"Eine Unterschrift noch!"

"Bitteschön!"

Dann war der Mann weg.

Charlene wollte das Päckchen gleich öffnen, aber Bount nahm es ihr aus der Hand. "Solche Sachen sollen schon ab und zu explodiert sein", meinte er und erstickte damit ihren Protest im Keim. Bount sah sich das kleine, sehr sorgfältig verpackte etwas von allen Seiten an. "Kein Absender", stellte er fest. Und außerdem war es unwahrscheinlich leicht.

"Aber ich erkenne die Schrift, vorne wo meine Adresse steht."

"So?"

"Ich kann mich täuschen, aber das ist Teds Schrift! Er muss die Sendung noch aufgegeben, bevor er umgebracht wurde..." Bount begann, sehr vorsichtig damit, das Päckchen zu öffnen. Es explodierte nichts. Neunzig Prozent von allem diente nur der Verpackung und dem Schutz des eigentlichen Inhalts, der aus zwei Disketten bestand. Sonst nichts. Kein Brief, kein Hinweis, keine Beschriftung auf der Schutzhülle.

Bount pfiff durch die Zähne.

"Sagten Sie nicht, Sie hätten einen Computer?"

"Ja."

"Dann wollen wir uns mal ansehen, was auf diesen Dingern hier drauf ist!"

Aber sie hatten Pech. Sofern Ted Hughes wirklich der Absender dieser Disketten war, dann hatte er gut vorgesorgt. Auf Charlenes Schirm erschienen nur scheinbar sinnlose Zeichenkombinationen. Die Daten waren offenbar verschlüsselt.

"Was nun?", fragte Charlene.

"Ich kenne jemanden, der uns vielleicht weiterhelfen kann!"

23

Bevor Bount seine Klientin zu seiner Residenz brachte, stattete er noch einem gewissen Mike Elmore einen Besuch ab, einer ebenfalls in der Hacker-Szene bekannten Persönlichkeit, die Bount bei seinen Ermittlungen für Jupiter Electronics kennengelernt hatte.

Elmore sollte das Material entschlüsseln. Er hatte selbst spezielle Programme dafür entwickelt.

"Warum sind Sie mit den Dingern nicht zur Polizei gegangen?", erkundigte sich Charlene dann etwas später.

"Weil es dort ewig dauern kann, bis wir ein Ergebnis haben!"

"Das verstehe ich nicht."

"Die Spezialisten für solche Entschlüsselungen sitzen doch vornehmlich beim FBI."

"Spionage-Abwehr?"

"Zum Beispiel. Die Kollegen dort machen ihren Job zwar sehr gut, haben aber die unangenehme Eigenschaft, vorrangig ihre eigenen Sachen zu bearbeiten."

June hatte die Beine übereinandergeschlagen und legte gerade den Telefonhörer auf, als Bount mit Charlene Hughes das Office betrat.

"Schon etwas herausgefunden?", fragte Bount.

"Georges Hamid hat ein Kontor am Hafen."

"Ist er Franzose?"

"Libanese. Ich habe ein bisschen herumtelefoniert. Du weißt doch, eine Freundin von mir arbeitet in der Wirtschaftsredaktion des Herald. Ich habe sie gebeten, mal im Archiv nachzusehen..."

Bount lachte. "Ich wusste gar nicht, dass Hamids Firma so groß ist!"

June strich sich den Rock glatt und schenkte Charlene, Bount und sich selbst eine Tasse Kaffee ein. "Das ist nicht der einzige Weg, um im Wirtschaftsteil erwähnt zu werden, Bount!"

"Und welcher ist der, den Hamid gegangen ist?"

"Seine Unternehmen hatten die seltsame Eigenschaft, schnell Pleite zu machen, während er selbst immer reicher wurde. Das letzte Mal hat man ihm dabei Betrug nachweisen können, in den ersten beiden war es wahrscheinlich ähnlich, aber die Beweise reichten nicht und er hatte hervorragende Anwälte." June warf ihren Blondschopf in den Nacken und fuhr fort: "Betrügerischer Konkurs heißt das wohl. Nach seinem letzten Coup stand er dann mit einem Berg Schulden da. Eigentümer seiner jetzigen Firma ist er deshalb auch nicht selbst, sondern ein Strohmann. Und rate mal, wie der heißt!"

"Da bin ich aber gespannt!"

"Ein Anwalt namens Holding!"

Bount pfiff durch die Zähne. "Da schließt sich der Kreis. Langsam bekommt alles einen Sinn. Nehmen wir an, Hamid und Holding wollten an das Raketen-Know-how herankommen, das in der EDV von Jupiter Electronics zu finden war... Dann haben sie einen Hacker angeworben. Einen Jungen, der das ganze nur unter sportlichem Aspekt sah und nichts dabei fand, vielleicht auch zunächst gar nicht wusste, worum es letztlich ging."

"Dass bedeutet aber, dass Hamid von irgendjemandem gewusst hat, was da an Lohnendem bei Jupiter Electronics zu holen war!", schloss June messerscharf. "Oder glaubst du, er ist selbst darauf gekommen?"

"Ein Komplize in der Firma, der die Tipps gab, aber ansonsten nicht in Aktion treten wollte, weil es für ihn zu risikovoll gewesen wäre! Du hast völlig Recht. Hamids Mann bei Jupiter war vermutlich Ross Malrone. Hamid hatte ihn in der Hand aber vielleicht wollte Malrone dann auf einmal nicht mehr so, wie die Leute, denen er diente."

"Deshalb musste er sterben, das leuchtet ein, Bount. Und dasselbe könnte für Ted Hughes gelten."

Bount zündete sich eine Zigarette an. Er blickte nachdenklich hinaus auf den Himmel über dem Central Park. Die Sonne stand tief und war milchig geworden. Die Tage waren immer noch sehr kurz.

June fragte: "Worüber denkst du nach?"

"Ich kenne Hamid nicht, aber wie kommt er auf die Idee, dass gerade bei Jupiter Electronics etwas zu holen ist, das auf dem internationalen Markt für solche Sachen gerade gefragt ist? Die hüten doch ihr Know-how wie ihren Augapfel..." Er schüttelte den Kopf. "Jupiter Electronics ist ein Unternehmen mittlerer Größe. Warum ist Ted Hughes nicht in einen Branchenriesen eingedrungen? Warum hat er nicht dort dafür gesorgt, dass einer der Manager in seiner Hand ist? Nein, June, da ist noch ein Denkfehler drin!"

"Hinter Hamid könnten noch Größere stecken", meinte June.

"Geheimdienste, die für ihre Regierungen die Daten an sich bringen wollen, um sie für militärische Zwecke zu nutzen. Vielleicht sogar die Konkurrenz, die wissen will, wie weit Jupiter Electronics ist."

Bount hörte gar nicht richtig zu. Er sah ins nichts und zog lustlos an seinem Glimmstängel. Dann drehte er sich herum und meinte: "Wir können uns hier ausdenken, was wir wollen, June. Bis jetzt haben wissen wir nur, dass Ross Malrone von Hamid erpresst wurde. Ansonsten haben wir nur zwei Tote, einen Profikiller, der noch frei herumläuft und zwei Disketten, von denen wir noch nicht einmal wissen, ob sie überhaupt etwas mit der Sache zu tun haben!"

24

Bount musste Rogers noch einen Besuch abstatten, das war unumgänglich. Morgen Mittag in Crawley Café sollte Charlene Hughes etwas übergeben, dass sie gar nicht besaß.

Wenn man die Sache gut vorbereitete, dann konnte man bei der Gelegenheit vielleicht ein Stück weiter kommen. Bount sog die eiskalte Luft in sich hinein und schlug den Mantelkragen hoch. Schnellen Schrittes ging er in Richtung des 500 SL, den er unweit seiner Residenz an der Straßenseite abgestellt hatte. Sein Blick ging zur Parkuhr, von der er annahm, dass sie bereits abgelaufen war. Er spürte etwas sehr schnelles Zentimeter an seinem Gesicht vorbeizischen und sah es dann einen Sekundenbruchteil später in die Parkuhr einschlagen. Das Glas splitterte, die Skala bekam ein sauberes, rundes Loch, dass eigentlich in Bount Reinigers Kopf gehört hätte.

Bount wusste nicht, was ihn vor dieser Kugel gerettet hatte. Vielleicht die Tatsache, dass er ziemlich abrupt in seinem Gang gestoppt hatte, vielleicht eine unwillkürliche Kopfbewegung... Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken und duckte sich hinter den 500 SL. Er war noch nicht in Deckung, da pfiff schon der nächste Schuss - wieder so gut wie geräuschlos und nur um den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Bount zog seine Automatik heraus, aber sein Gegner war praktisch unsichtbar. Er konnte überall lauern, vermutlich irgendwo auf der anderen Straßenseite. Jemand schrie. Es war eine Frau in den mittleren Jahren, aber sie schrie nicht, weil sie getroffen worden wäre, sondern, weil sie Bount mit der Automatik im Anschlag hinter dem Kotflügel seines Wagens kauern sah.

Einige Passanten stoben auseinander, andere blieben völlig orientierungslos stehen und sahen sich nach der unsichtbaren Gefahr um, ohne zu ahnen, in welcher Lebensgefahr sie sich befanden.

Bount hörte quietschenden Reifen, tauchte hinter dem Mercedes hervor und sah einen gerade aus einer Parklücke gestarteten Chevy rücksichtslos in den Verkehr hineinbrechen. Nur einen Sekundenbruchteil lang sah Bount den Fahrer. Aber das genügte schon, um ihn zu erkennen. Dies war der Mann, den er in Ted Hughes' Wohnung überrascht hatte. Ein Lieferwagen musste stoppen und zwei, drei Pkw stießen ihn von hinten ziemlich unsanft an. Der Chevy war im Verkehrsstrom drin, aber dann sprang eine Ampel auf rot und er saß fest. Wie in einer Mausefalle. Er konnte weder vor noch zurück. Bount setzte kurzentschlossen zu einem Spurt an. Er wusste, dass er nicht viel Zeit hatte. Die Rotphase wurde vorbei gehen und bis dahin musste er den Chevy erreicht haben. Spätestens. Die Wagen standen fast Stoßstange an Stoßstange. Bount zwängte sich mit der Automatik im Anschlag zwischen ihnen hindurch und kletterte auch schon mal auf eine Kühlerhaube. Der Killer merkte natürlich, in welcher Falle er saß. Bount saß die Mündung eines kurzläufigen Gewehrs aus dem Seitenfenster des Chevys herausragen und tauchte blitzartig hinter einen Kastenwagen, in dessen Plane dann kurz hintereinander zwei kleine Löcher gerissen wurden. Bount wusste, dass er nicht zurückfeuern konnte, wenn er nicht Unbeteiligte gefährden wollte. Sein Gegner nahm darauf keine Rücksicht. Als Bount sich mit einen Blick hinter dem Kastenwagen hervorwagte, feuerte der Killer wild drauflos. Er hatte die Tür des Chevys geöffnet und stieg aus. Mit dem kurzläufigen, vermutlich zerlegbaren Spezialgewehr in der Rechten rannte er dann davon.

Inzwischen war die Rotphase vorüber.

Die Blechlawine setzte sich zögernd aber unerbittlich wieder in Bewegung. Ein paar Ungeduldige hupten. Der Killer wurde von einem Sportwagen beinahe auf die Hörner genommen, rettete sich mit einem Sprung auf die Kühlerhaube und rollte sich zur anderen Seite herunter.

Bount sah zu, dass er den Flüchtenden nicht aus den Augen verlor. Es war ein höllisches Vabanque-Spiel, sich zwischen den anfahrenden Autos hindurch bis zum Bürgersteig zu mogeln.

Bount sah den Killer davonspurten.

Der Privatdetektiv konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, wo dessen Ziel jetzt war. Wenn der Kerl sich ein bisschen in der Gegend auskannte, dann würde er versuchen zu der nahegelegenen U-Bahnstation zu gelangen. Der Killer drehte sich beim Laufen um und rannte dabei einen Passanten über den Haufen. Der wollte erst lautstark protestieren, ließ das aber, als er das Spezialgewehr sah.

Der Flüchtende legte seine Waffe kurz an und schoss, aber er traf Bount nicht. Das Schussgeräusch war stark gedämpft und wurde durch den Straßenlärm fast gänzlich verschluckt. Und doch verbreitete der Killer Panik.

Bount holte auf, aber da war die U-Bahn-Station schon in Sichtweite.

Um diese Zeit hatten viele Firmen in Midtown Manhattan Büroschluss. Die Rolltreppen, die hinunter zur Subway führten waren dicht besetzt. Aber der Killer arbeitete sich ohne Rücksicht durch die Massen. Er wusste nur zu gut, dass diese Menschen für ihn einen idealen Schutz darstellten. Als sie dann beide durch die kahlen Korridore hetzten, gelang es Bount, etwas aufzuholen. Der Killer suchte sich einen Bahnsteig aus, kletterte über die Barriere mit dem Drehkreuz und hatte Glück. Ein Zug war eingefahren, die Menschen drängten hinein. Als Bount ebenfalls das Drehkreuz überwunden hatte, sah er den Killer gerade noch hinter einer sich automatisch schließenden Schiebetür verschwinden. Der Zug fuhr ab und Bount fluchte.

Er steckte die Automatik beiseite.

Diese Partie hatte Bount nicht gewinnen können. Immerhin, dachte er. Ein Remis ist ja auch etwas. Für den Killer war ja ebenfalls nicht alles nach Plan gegangen.

Er will mich tot sehen!, dachte Bount. Das war durch diesen Mordversuch überdeutlich geworden. Mit dem Kampf um Raketentechnologie hatte das wahrscheinlich nichts mehr zu tun, sondern damit, dass dieser Kerl sich bedroht fühlte. Ein vorsichtiger Mann, überlegte Bount. Wenn er wüsste, wie sehr man bei der Polizei über seine Identität im Dunkeln tappt!

25

"Ich hatte ein Rendezvous mit unserem unbekannten Freund", meinte Bount an Captain Rogers und Lieutenant Carey gewandt. "Du kannst von Glück sagen, mich jetzt hier zu sehen. Da fehlten nur Millimeter!"

Captain Rogers blies sich auf und fragte dann: "Hast du eine Ahnung, wo der Kerl jetzt sein könnte?"

"Nein. Leider ist er mir durch die Lappen gegangen. Ich habe nur noch gesehen, wie er die Subway genommen hat. Richtung Norden. Aber er könnte auf jeder Station ausgestiegen sein!" Bount drückte seine Zigarette in den Aschenbecher. "Sein Wagen steht noch mitten auf der Kreuzung 7th Avenue 56.Straße - sofern er nicht schon abgeschleppt wurde. Vielleicht finden deine Spurensicherer ja etwas."

"Wenn der Killer so vorsichtig ist wie bisher, wird man nichts finden können", meinte jetzt Lieutenant Carey. Bount hob die Augenbrauen.

"Was ist eigentlich aus der Spur mit dem Mantel geworden?", erkundigte er sich.

Carey machte eine wegwerfende Geste, die im Grunde schon alles sagte. "Ich habe den Schneider ausfindig machen können. Gar nicht weit von hier, drüben in Newark."

"Und?"

"Der Mantel wurde per Expressboten an ein Hotelzimmer geliefert."

"Auf welchen Namen war das Zimmer war das Zimmer eingetragen?"

"Smith"

"Oh..."

"Das habe ich auch gedacht, Bount!"

"Mit anderen Worten", resümierte Bount. "Wir haben nichts!"

Rogers machte einen hilflosen Eindruck. "Tut mir Leid, Bount."

"Vielleicht kommen wir ja wenigstens an die Auftraggeber heran!"

Rogers grinste. "Du meinst unsere Operation morgen Mittag?"

"Ja, genau!"

Dann ging Rogers’ Telefon. Der dicke Captain hob den Hörer etwas unwillig ab, aber sein Gesicht veränderte sich rasch. Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich.

"In der South Bronx ist ein Straßenräuber niedergestochen worden - und zwar auf dieselbe Art und Weise wie Ross Malrone!"

Bount hob die Augenbrauen.

"Bist du sicher?"

"Es gibt wirklich nicht viele Leute, die eine solche Schnittführung haben, Bount. Ich habe alle nur in Frage kommenden Leute angespitzt, auf Leichen zu achten, die auf diese Weise getötet wurden. Ein Zeuge will übrigens gesehen haben, dass der Mann einen Chevy fuhr. Unser Phantombild hat allerdings weniger Anklang gefunden..."

"Ein Chevey, sagst du? Dann war er es."

"Vielleicht wohnt er in einer dieser anonymen Absteigen in der South-Bronx", meinte Lieutenant Carey. "Ich schlage vor, mal die entsprechenden Etablissements abzuklappern!" Rogers nickte. "Nehmen Sie sich ein paar Leute und tun Sie das Lieutenant! Aber was glauben Sie, wie lange Sie damit beschäftigt sind!"

Carey ließ das ungerührt.

"Ich weiß, eine Sisyphus-Arbeit. Aber irgendwo muss man ja anfangen!"

"Und wenn er in einer der unzähligen, nichtregistrierten Privatvermietungen untergekommen ist?"

"Dann haben wir Pech gehabt."

Bount meinte: "Vielleicht bekommen wir ja morgen Mittag jemanden in die Finger, der uns auch näher an den Killer heranbringt! Irgendjemand muss ihm ja schließlich beauftragt haben!"

26

Crawley's Café war ein feiner Laden, in dem man frühstücken oder einen leichten Imbiss nehmen konnte. Die Eigenschaft, die Bount als zuerst ins Auge stach, als er zusammen mit Lieutenant Carey eintrat, war die Tatsache, dass alles sehr übersichtlich angelegt war. Ein Blick und man hatte alles im Auge. Vielleicht hatte der Anrufer Crawley's Café genau aus diesem Grund ausgesucht.

Bount nahm eine der ausliegenden Zeitungen und setzte sich zusammen mit Carey in eine Ecke. Ein dicker Mann im grauen Flanell verzehrte gerade die letzten Bissen eines opulenten Frühstücks. Er warf zwischendurch einen stirnrunzelnden Blick zu Bount.

Ansonsten war im Augenblick kein Gast anwesend.

Diejenigen, die hier gewöhnlich frühstückten, waren wohl schon gegangen. Und bis die ersten zur Mittagspause hierher aus ihren Büros strömten, würde es noch ein bisschen dauern. Bount blickte auf die Uhr.

Er war etwas früher gekommen. Wenig später würde Rogers folgen und ganz zum Schluss erst Charlene Hughes. Es sollte kein Verdacht erregt werden, denn vielleicht überwachte der Anrufer ja die ganze Zeit über, was sich in Crawleys Café tat. Bount bestellte sich einen Kaffee, während fast gleichzeitig Captain Rogers eintrat, um auf der anderen Seite des Cafés Platz zu nehmen.

"Und was möchten Sie?", wandte sich der hochgewachsene Kellner an Carey, während er sie mit dem Blick seiner intelligenten Augen förmlich zu durchdringen schien.

"Tee."

Der Kellner verschwand wieder. Als er glaubte, unbeobachtet zu sein, sah er sich noch einmal nach Bount und Carey um. Als er Careys wütendem Blick begegnete, sah er zu, dass er weiterkam.

"Was glotzt der so?"

"Sie sind eine schöne Frau."

"Oder er hat etwas gemerkt!"

"Sagen Sie, haben Sie eigentlich auch einen Vornamen, Lieutenant!"

Carey lächelte schwach. Ihre Züge entspannten sich ein wenig.

"Georgette-Josephine", flüsterte sie, als wäre es etwas Unanständiges und zuckte dabei mit den Schultern.

"Oh", schmunzelte Bount.

"Sehen Sie! Besser Sie nennen mich einfach Carey. Das machen alle auf dem Revier." Sie seufzte. "Ich habe wirklich Glück, dass meine Eltern mir nicht auch noch den Nachnamen aussuchen durften, was?"

"Jeder hat sein Päckchen zu tragen!", lächelte Bount. Unterdessen kam ein weiterer Gast herein. Es war ein junger Kerl, höchstens fünfundzwanzig. Er hatte den Kragen seiner Wildlederjacke hochgeschlagen, besaß aber offenbar keine Handschuhe, denn er rieb sich wie wild die Hände. Wenig später bestellte er ein Frühstück.

"Sie haben Glück", meinte der Kellner. "In ein paar Minuten hätten Sie kein Frühstück mehr bekommen!"

Der junge Mann zuckte mit den Schultern und wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. "Ja", meinte er. "Ich, weiß, dass ich spät dran bin..."

Eine ganze Weile lang geschah nichts Aufregendes. Der Mann mit der Wildlederjacke bekam sein Frühstück, der Dicke zahlte und ging. Und dann kam Charlene herein. Ihre Bewegungen wirkten unsicher. Sie versuchte, an Bount vorbeizuschauen, legte den Mantel ab und ließ sich vom Kellner zu einem Platz am Fenster führen, von dem aus man einen Blick hinab auf das Verkehrsgewühl hatte.

Ein paar Minuten später wurde Charlene zum Telefon an den Tresen gerufen. Sie sagte zweimal "Ja!", und legte dann wieder auf. Bount sah ihrem Gesicht an, dass es der Anrufer mit der verfremdeten Stimme gewesen war. Sie sah ganz bleich aus, versuchte aber nach wie vor, sich nichts anmerken zu lassen.

"Wo sind die Toiletten?", fragte sie den Kellner.

"Die Treppe hinunter."

Sie nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg. Bount senkte die Zeitung, die er indessen ausgebreitet hatte und gab Carey ein knappes, kaum merkliches Zeichen, dass ihr bedeutete, Charlene zu folgen. Carey begriff sofort. Charlene hatte eine Diskette bei sich, auf der allerdings nur Datenmüll war. Aber selbst wenn der Anrufer die Diskette in die Hände bekam, würde es jedoch eine Weile dauern, bis er herausfinden würde, da er nur sinnlose Zeichenfolgen vor sich hatte - und nicht etwa einen verschlüsselten Text. Es dauerte nicht lange, bis Charlene wieder auftauchte. Sie nickte Bount unmerklich zu. Das hieß, dass sie von dem Anrufer die Anweisung bekommen hatte, die Diskette irgendwo dort unten zu deponieren. Charlene zahlte umgehend ihre Rechnung und ging dann zur Tür hinaus. Draußen würde sie den Zivilbeamter unter seine Fittiche nehmen und Sicherheit bringen. Jetzt hieß es nur noch abwarten. Der Anrufer würde irgendwann auftauchen, um die Diskette abzuholen. Fragte sich nur, wann. Inzwischen kam Carey wieder herauf und setzte sich zu Bount.

"Es ist niemand unten", flüsterte sie. "Weder bei den Damen- noch bei den Herrentoiletten." Bount verzichtete darauf, sie zu fragen, wie sie das herausgekriegt hatte. Sie war clever und hatte sicher ihre Methode.

"Wo ist es?"

"Hinter dem Zigarettenautomaten."

In diesem Moment stand der Blondschopf mit der Wildlederjacke auf, drehte sich ziemlich auffällig um und ging dann in Richtung Toiletten.

Carey grinste und zeigte dabei ihre zwei Reihen strahlend weißer Zähne. "Jetzt sind Sie dran, Bount! Vielleicht ist das ja unser Mann!"

27

Der Blondschopf erstarrte, als Bount mit schnellen Schritten die Treppe hinunterkam. Der Kerl hatte tatsächlich seine Finger am Zigarettenautomaten.

Er zog sich eine Packung und behielt dabei sein Gegenüber genauestens im Auge. Bount trat näher. Zwischen Wand und Automat war ein kleiner Schlitz, weil die Halterung nicht ganz sauber angebracht worden war. Dort hätte die Diskette noch sein müssen, aber dort war sie nicht mehr. Der Blondschopf studierte Bounts Gesicht, folgte dessen Blickrichtung und begriff sofort. Mit panisch verzerrtem Gesicht setzte der Blonde zu einem Spurt an, stürzte an Bount vorbei und wollte die Treppe hoch, aber da war Bount schon hinter ihm und riss ihn an der Jacke herum. Einem gekonnt angesetzten Handkantenschlag konnte Bount nicht mehr voll ausweichen und so bekam er ihn schmerzhaft an Nacken und Schulter zu spüren.

Bount taumelte einen halben Schritt zurück, währenddessen der Blonde die ersten drei Treppenstufen mit einem einzigen Schritt überwand.

Aber Bount hatte sich sofort wieder gefangen und erwischte den Mann mit der ausgestreckten Rechten am Fuß. Der Blonde schlug ächzend hin. Und dann kam von oben auch schon Lieutenant Carey mit dem Dienstrevolver in der Hand.

"Was wollen Sie?", fragte der Blonde.

Bount sagte nichts, sondern handelte erst einmal. Seine Finger wanderten durch die Taschen der Wildlederjacke des Blonden und dann hatte er auch schon, was er wollte. Er hob die Diskette hoch.

"Die Sache wird immer interessanter", meinte er. Indessen zeigte Carey ihm den Dienstausweis und erklärte ihm, dass er vorläufig festgenommen sei. Sie war noch nicht damit fertig, ihm seine Rechte herunterzubeten, da kaum auch Rogers die Treppe heruntergewalzt.

"Hören Sie", meinte der Blonde. "Ich habe keine Ahnung, um was es hier geht!"

"Aber Sie wussten ganz genau, wonach Sie hier zu suchen hatten!", stellte Bount sachlich fest. Der Blonde wirkte hilflos.

"Das kann ja wohl kaum ein Zufall sein."

"Ich weiß nichts!", rief der Blonde, fast wie von Sinnen. "Ich weiß nicht einmal, was das da ist!" Dabei deutete er auf die Diskette in Bounts Hand. "Was wollen Sie mir denn vorwerfen? Rauschgift? Ich bin sauber! Seit zwei Jahren bin ich clean und ihr Bullen verfolgt mich immer noch!"

"Vielleicht erzählen Sie uns einfach Ihre Version der Geschichte!", meinte Bount. "Könnte ja sein, dass uns das ein Stück weiterbringt!"

Der Blonde atmete tief durch und schnappte förmlich nach Luft. Er war ziemlich aufgeregt. "Man hat mir nur gesagt, dass ich in Crawley's Café gehen, ein Frühstück nehmen und dann etwas abholen soll, das hinter dem Zigarettenautomaten bei den Toiletten deponiert sei. Dafür bekomme ich tausend Dollar. Fünfhundert im Voraus, den Rest bei Ablieferung."

"Wann und wo soll die sein?", hakte Bount nach.

"Wie spät haben wir es jetzt?"

"Kurz nach zwölf."

"In einer Stunde am Fulton Fish Market, Pier 18." Jetzt mischte sich Rogers ein. "Da bietet Ihnen irgendjemand tausend Dollar für einen Kurier-Dienst an und Ihnen kommt nicht der Gedanke, dass da etwas faul ist?"

Der Blonde machte eine hilflose Geste und verdrehte die Augen. "Ich habe gefragt, ob es mit Drogen zu tun hätte. Schließlich wollte ich meine Bewährung nicht in Gefahr bringen!"

Rogers verzog das Gesicht.

"Haben Sie aber. Wie heißen Sie? Na kommen Sie, wir kriegen es sowieso heraus!"

Der Blonde zögerte eine Sekunde. Dann presste er seinen Namen hervor. "Jack Browning." Er zuckte mit den Achseln.

"Warum nehmen Sie mich nicht mit und schauen in Ihre Akten!  Da steht doch alles haarklein über mich drin! Mit Foto und allem drum und dran! Und jetzt möchte ich verdammt nochmal endlich wissen, was hier gespielt wird!"

"Zum Beispiel Mord!" Das war Bount. Er sah Browning offen an.

"Was?"

"Sie haben richtig gehört!"

"Ich habe nichts damit zu tun! Ich weiß ja noch nicht einmal, wer umgebracht wurde!"

Bount zuckte die Achseln. "Dann beweisen Sie es uns, indem Sie uns helfen. Andernfalls könnte mein Freund Rogers hier neben mir Ihnen vielleicht Mittäterschaft anhängen."

"Ich habe alles gesagt!"

"Wie sah der Kerl aus, der Ihnen den Auftrag gegeben hat?"

"Er hat mich auf der Straße angesprochen. Es war auf der Bowery. Ich stand mit ein paar Kumpeln da herum und hatte gerade ein Bier geschnorrt, da sprach er mich an."

"Wie sah er aus?"

"Keine Ahnung."

"Sie müssen ihn doch gesehen haben!"

"Der Kerl hatte einen Ferrari mit Spiegelgläsern. Er hat das Seitenfenster nur einen kleinen Spalt heruntergelassen. Ich konnte ihn nicht sehen."

Bount wandte sich an Rogers. "Wie wär's?", meinte er.

"Eigentlich könnte unser Freund hier sich die zweite Hälfte seines Honorars noch abholen - oder bist du anderer Ansicht?" Rogers grinste von einem Ohr zum anderen und dabei war es schwer zu sagen, ob seine Augen offen oder geschlossen waren. Er hatte nichts dagegen und so gab Bount die Diskette an Browning. "Sie wollten uns doch helfen, oder?"

28

In einem viersitzigen Dienstwagen ging es auf direktem Weg zum Fulton Fish Market auf dem in den East River hineinragenden Pier 18. In einem zweiten Wagen saßen noch ein paar von Rogers’ Leuten zu Verstärkung.

Browning wurde etwas früher herausgelassen. Es war besser, wenn er - so wie abgemacht - allein zum Treffpunkt kam. Carey saß am Steuer und sie lenkte den Wagen möglichst nahe an den Fischmarkt heran und stiegen aus.

"Selbst mit verbundenen Augen wüsste ich jetzt, wo ich bin!", dröhnte Toby Rogers in Anspielung auf die kräftigen Gerüche, die der kalte Wind herüberwehte.

"Wir sollten diesen windigen Typen namens Browning im Auge behalten", meinte Carey. "Am Ende legt der uns noch alle aufs Kreuz!"

Aber schüttelte den Kopf.

"Das glaube ich nicht."

"Und warum nicht?"

"Instinkt. Browning hat eine Heidenangst! Wenn er uns hereinlegt, hätte er selbst die größten Nachteile." Rogers wies unterdessen seine Leute an, sich im Gewühl des Marktes zu verteilen.

Browning schien sich umzusehen, aber noch nicht gefunden zu haben, wonach er suchte. Er sah auf seine Uhr und schlenderte etwas auf und ab. Der Ferrari war überfällig, aber ein bisschen Zeit konnte man ihm noch geben. Und dann sah man ihn vom East Side Express Highway herunterkommen. Der Insasse blieb wegen der spiegelnden Gläser unsichtbar. Er bremste ab und stoppte schließlich. Browning trat zögernd heran. Die Scheibe öffnete sich einen Spalt, Browning steckte die Diskette hindurch und bekam die zweite Hälfte seines Honorars.

Und dann war der Wagen plötzlich umringt Rogers’ Leuten, die mit der Waffe im Anschlag herangestürmt waren. Aber darauf nahm der Fahrer keine Rücksicht. Er trat auf das Gaspedal und ließ den Ferrari mit durchdrehenden Reifen nach vorne schnellen. Einer der Detectives konnte sich nur per Hechtsprung zur Seite retten.

Der Ferrari brauste los, aber er kam nicht weit.

Rogers hatte mit zwei wohlgezielten Schüssen aus seinem Revolver die Hinterreifen zerplatzen lassen. Der Ferrari kam zum Stehen, die Tür ging auf und der Fahrer blickte in ungefähr ein halbes Dutzend Mündungen. Bount erkannte ihn sofort, obwohl er ihm ersten Mal begegnete. Die Ähnlichkeit mit Omar Sharif war zu frappierend, die Beschreibungen zu eindeutig. Spätestens bei der Gegenüberstellung mit Charlene Hughes würde sich erweisen, dass dies der Mann war, der das Bindeglied zwischen ihrem toten Bruder Ted, Ross Malrone und dem Anwalt Holding war.

"Mister Georges Hamid, nehme ich an", als Bount ihn erreichte. Seine Rechte hatte man ihm schon vorgelesen.

"Müsste ich Sie kennen, Mister?", knurrte er. Bount zuckte mit den Achseln. "Offenbar kennen Sie mich gut genug, um einen Killer auf mich ansetzen!" Er verzog keine Miene. Sein feingeschnittenes Gesicht mit den wachen, dunklen Augen blieb regungslos. "Ich sage kein Wort mehr, bevor ich nicht mit meinem Anwalt gesprochen habe!"

"Sprechen Sie da zufällig von Mister Holding? Ich will ja nicht vorgreifen, aber vielleicht werden Sie sich einen anderen Anwalt nehmen müssen. Holding könnte genug damit zu tun bekommen, sich selbst zu verteidigen!"

Inzwischen machte Lieutenant Carey in dem Ferrari einen interessanten Fund. Es handelte sich um einen rechteckigen, flachen Apparat mit Mikrofon und einem Tastenmanual.

"Was ist das?", fragte Rogers.

Carey lächelte. "Ein Vocoder", erklärte sie. "Eigentlich ein Musikinstrument, das in der Pop-Musik eingesetzt wird. Aber es eignet sich auch hervorragend dazu, eine Stimme unkenntlich zu machen, wenn man das möchte. Dieses Ding hat Mister Hamid wohl benutzt, als er von seinem Wagen aus in Crawley's Cafe anrief, um seine Anweisungen zu geben."

29

Hamid wurde auf das Revier verfrachtet und dort ausführlich verhört. Es würde ziemlich schwer sein, ihm mehr nachzuweisen, als die Morddrohung gegen Charlene. Aber ihm anzuhängen, dass die Mordaufträge, die Ted Hughes und Ross Malrone das Leben gekostet hatten, auf sein Konto gingen, das würde sehr schwer werden. So etwas war immer kniffelig.

"Sobald ich einen Durchsuchungsbefehl habe, werde ich ein paar Leute losschicken, um Hamids Geschäftsräume zu durchsuchen", meinte Rogers. "Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus..."

"Hoffentlich", raunte Bount.

"Aber er ist ein harter Brocken! Lieutenant Myers beißt sich gerade die Zähne an ihm aus! Hast du Lust, dabei zu sein?"

"Nein", sagte Bount "Mich interessiert der Killer. Verstehst du doch sicher, oder?"

"Klar. Schließlich hatte der Kerl es ja auch auf dich abgesehen. Hamid behauptet, ihn nicht zu kennen und ihn auch nicht beauftragt zu haben."

Bount zuckte die Achseln. "Das erste könnte sogar stimmen. Wenn dieser Killer so vorsichtig ist, wie wir ihn bisher erlebt haben, dann hat er vielleicht nur telefonisch mit seinen Auftraggebern gesprochen!"

"Oder es war der Job von jemand anderem, die Sache zu vermitteln!"

"Auch möglich."

Plötzlich rief jemand Rogers’ Namen. Der Dicke wirbelte herum. Es war Lieutenant Carey.

"Was schreien Sie so, Lieutenant!", dröhnte Rogers zurück.

"Gerade kam ein Anruf. Es gibt eine weitere Leiche in der South Bronx. Auch erstochen."

"Von unserem Freund?"

"Vermutlich. Das Opfer ist übrigens Frank Thompson. Sie haben doch angeordnet, ihn zu beschatten, Captain."

"Richtig!"

"Zwei Kollegen sind ihm bis zu einer Pension in der Bronx gefolgt. Er ging hinein, kam aber nicht wieder heraus - stattdessen aber ein Mann, der dem Phantombild ähnlich sieht und der ziemlich überstürzt abreisen wollte."

Rogers hatte den Mantel schon zur Hälfte an, als er knurrte: "Ich hoffe, unsere Leute haben ihn nicht aus den Augen gelassen!"

Wenig später saßen sie in Rogers’ Dienstwagen. Der dicke Captain saß am Steuer und kurvte halsbrecherisch durch das Verkehrsgewühl. Aber natürlich ging es viel zu langsam.

"Wir hätten meinen Wagen nehmen sollen", meinte Bount. Rogers verzog das Gesicht. "Deiner ist zwar schneller, hat aber weder Blaulicht noch Sirene!"

Als sie den Franklin-Roosevelt-Drive erreicht hatten, ging es dann etwas schneller.

Unterdessen meldete sich Detective Logan, der zusammen mit seinem Partner dem Killer auf den Fersen war und gab seine Position durch. Der Killer fuhr mit einem gestohlenen BMW in Richtung Süden.

"Haben Sie eine Ahnung, wo sein Ziel ist?", fragte Rogers.

"Ich glaube nicht, dass er überhaupt eins hat! Er will nur weg und versucht, uns zum Narren zu halten! Aber er hat keine Chance. Jeder Streifenwagen in der Gegend kennt seine Autonummer und wird ihm bald auf den Pelz rücken!"

"Ich frage mich nur, warum Thompson sterben musste", meinte Bount nachdenklich. "Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Kleinkrimineller wie Thompson der große Zampano im Hintergrund ist! Dazu hat er nicht die nötige Klasse. Eine Entführung, jemanden auf einem Schrottplatz vermöbeln lassen, vielleicht auch ein Einbruch - das sind Dinge die Thompson ähnlich sehen!"

"Vielleicht war Thompson der Laufbursche für Hamid und hat in dessen Auftrag den Killer engagiert." Das war Carey, die auf der Rückbank saß. Aber was sie sagte, überzeugte Bount nicht.

"Und weshalb sollte der Killer Thompson dann umbringen?"

"Kann ja sein, dass er uns das noch sagen wird!", meinte Carey.

"Meinst du? Wenn er so schweigsam ist wie Hamid..."

"Man soll die Hoffnung nie aufgeben, Bount."

"Thompson hat doch den Killer aufgesucht, nicht umgekehrt", stellte Bount fest. "Ich nehme an, Thompson hatte den Verdacht, dass der Killer sich vielleicht das Datenmaterial unter den Nagel gerissen haben könnte. Schließlich war er in der Wohnung von Ted Hughes und kam ebenso in Frage wie ich. Thompson hat den Killer zur Rede gestellt und wollte ihn unter Druck setzen..."

"...was eine Nummer zu groß für ihn war", schloss Carey.

"Das klingt plausibel. Aber genau wissen wir das alles erst, wenn die Spurensicherung am Tatort war."

Rogers runzelte die Stirn.

"Aber Hamid glaubte doch offensichtlich, dass Charlene im Besitz der Daten war! Warum sollte sein Laufbursche dann eine andere Spur verfolgen?"

Bount hob die Augenbrauen. "Ich schätze, Thompson wollte auf eigene Rechnung arbeiten."

Wenig später gab Logan noch einmal seine Position durch. Ein altes, stillgelegtes Fabrikgelände zwischen Bruckner Expressway und East River.

30

"Hier muss es sein!", stellte Rogers fest und drosselte die Geschwindigkeit etwas.

"Da, ist das nicht Logans Wagen?", rief Carey und deutete mit dem schlanken Arm auf den Buick mit dem flimmernden Blaulicht auf dem Dach. Die Türen standen offen. Von Logan oder seinem Partner war nichts zu sehen.

Rogers stoppte ziemlich abrupt. Sie stiegen alle drei aus. Mit ein paar Sätzen war Bount bei dem Buick. Rogers und Carey folgten ihm.

"Der Motor ist noch warm", stellte er fest. Was immer hier auch geschehen sein mochte, es war seitdem noch nicht viel Zeit vergangen.

Hundert Meter weiter stand der BMW, den der Killer nach Detective Logans Angaben benutzt hatte. Ebenfalls ohne Insasse.

"Kannst du dir da einen Reim drauf machen, Bount?", fragt Rogers.

"Allerdings!", meinte Bount düster und zog die Automatik heraus.

Er ließ den Blick über das Gelände schweifen. Die Fabrikhalle musste schon jahrelang leer stehen. Die oberen Glasscheiben waren zerstört. Es sah ganz nach Hagelschlag aus. In einer Baracke waren wohl ehedem die Büros untergebracht gewesen. Die Tür stand offen. Jemand hatte sie aufgebrochen und das Innere vermutlich geplündert. Das Tor zur Halle stand auch offen. Etwa einen Meter weit. Der Killer musste ganz in der Nähe sein...

Dann sah Bount die Mündung beim Tor.

"Runter!", rief er, aber da war es schon zu spät. Ein Schuss pfiff über das Fabrikgelände und traf Carey, die gerade ihre Dienstwaffe herausgerissen hatte. Die Kugel fuhr ihr in die Schulter, riss sie herum und ließ sie rückwärts taumeln, bevor sie dann nieder stürzte.

Im selben Moment warf Reiniger sich mit einem Hechtsprung zu Boden und gab kurz hintereinander drei Schüsse in Richtung des Hallentors ab. Rogers, der das Glück gehabt hatte, auf der anderen Seite des BMW zu stehen, ließ ebenfalls seine Waffe losbellen. Das Tor war aus Stahl und so verursachten die Projektile nur ein paar Kratzer und Beulen. Die Gewehrmündung, die gerade noch aufgeblitzt hatte, war allerdings verschwunden.

Bount rappelte sich hoch, blieb aber geduckt. Mit den Augenwinkeln sah er zuerst Rogers und dann Carey, die an der Schulter blutete. "Kümmere dich um sie, Toby!", zischte der Privatdetektiv. Carey wollte protestieren, aber es kam kaum mehr als ein schwaches Ächzen über ihre Lippen. Es hatte sie schwerer erwischt, als sie wahrhaben wollte.

Bount setzte zu einem Spurt an und war wenige Augenblicke später am Hallentor angelangt.

Mit der Mündung seiner Automatik voran tastete sich der Privatdetektiv in die Halle hinein.

Drinnen herrschte das reinste Chaos. Da standen halbverrostete Werkzeugmaschinen, Haufen von ausgedienten Stahlträgern, Holzkisten, zwei oder drei Gabelstapler, die sicher keinen Zentimeter mehr fuhren - und das alles bildete einen einzigen Irrgarten.

Von dem Killer sah Bount nichts.

Dafür sah er etwas anderes. Es war etwas, dass ihm nicht gefiel, womit er aber insgeheim schon gerechnet hatte. Auf dem nackten Betonboden lagen zwei männliche Leichen, beide erschossen. Dem einen Mann war die Polizeimarke halb aus der Jackentasche gerutscht. Er lag auf dem Bauch. Der andere lang hingestreckt auf dem Rücken, ein Treffer mitten im Gesicht, der andere in der Brust. Der Killer war auf Nummer Sicher gegangen.

Er hat sie in eine Falle gelockt, als er merkte, dass er sie nicht abschütteln konnte!, durchzuckte es Bount. Die beiden hatten den Killer anscheinend bis auf das Fabrikgelände verfolgt. Der Killer war dann in die Halle gelaufen und hatte seine Verfolger dort erwartet.

So wie jetzt mich!, dachte Bount.

Hinter einer der ausgedienten Maschinen nahm er Deckung und ließ den Blick umherschweifen. Zwei, drei, Sekunden lang war alles ruhig und nichts geschah. Aber Bount fühlte, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm sein konnte. Etwas bewegte sich. Bount ging in Deckung während ein Schuss krachte. Er prallte gegen massives Metall und wurde als gefährlicher Querschläger auf eine ungewisse Reise geschickt.

Bount verzichtete darauf zurückzuballern. Er versuchte, ungefähr zu orten, wo sich sein Gegner jetzt wohl befinden mochte und schlich dann in geduckter Haltung zur nächsten Maschine.

Bevor er dann einen Stapel von Holzkisten erreicht hatte, krachte es erneut. Bount glaubte, für den Bruchteil einer Sekunde eine Gestalt zu erkennen und feuerte sofort zurück. Dann fiel er in die Kisten hinein. Es gab einen Riesenkrach. Beim Tor hörte Bount Schritte. Das musste Toby Rogers sein. Der Killer brannte erst einmal ein paar Schüsse in Richtung Tor, so dass der Eindringling den Kopf einziehen musste. Bount versuchte, so schnell wie möglich wieder hochzukommen. Er hörte schnelle Schritte aber den Betonboden laufen und dann schlug eine Stahltür.

Der Hinterausgang!, durchschoss es Bount. Es musste einen Hinterausgang geben. Bount konnte ihn nicht sehen, sondern nur vom Klang der Stahltür her ungefähr beurteilen, wo er sich befand. Er spurtete los und arbeitete sich durch das Labyrinth aus Schrott und Gerümpel. Er wusste, dass er schnell sein musste. Sehr schnell. Es durfte einfach nicht sein, dass dieser Killer ihm noch einmal durch die Lappen ging.

Und außerdem war es allemal besser, diesem Kerl hier und jetzt zu begegnen und nicht zu einem späteren Zeitpunkt, den er bestimmte.

Dann sah Bount die Stahltür, die hinaus führte.

Die Falle bemerkte er allerdings erst, als es fast schon zu spät war.

Der Killer war ein ausgebuffter Profi. Wenn er etwas tat, verfolgte er damit in der Regel eine sehr konkrete Absicht selbst wenn es nur eine Tür war, die er gut hörbar zuschlug. Bount sollte denken, dass er hinausgelaufen war.

In Wahrheit befand der Killer sich in einer Nische zwischen einem Kistenstapel und der Außenwand. Sobald Bount die Tür erreichte, war er in seinem Schussfeld. Aber in buchstäblich letzter Sekunde wirbelte Bount herum und ließ sich dabei zur Seite fallen. Die beiden Männer schossen fast gleichzeitig. Bount erwischte den Killer an der Schulter. Das Gewehr, dass er auf den Privatdetektiv gerichtet hatte, sank nach unten. Ein Ächzen ging über seine Lippen. Es war ein Geräusch, das je zur Hälfte aus Schmerz und Wut geboren war.

"Geben Sie auf!", warnte Bount ihn.

Aber er gab nicht auf. Bount wusste es schon, als er das Flackern in den Augen seines Gegenübers sah. Mit der Linken hielt er sich die Schulter, an der das Blut durch die Kleidung kam und ihm zwischen den Fingern hindurchrann.

Mit der Rechten aber versuchte der Killer, erneut die Waffe hochzureißen. Er ließ Bount keine andere Wahl, als zum zweiten Mal abzudrücken.

31

Es war gegen Mittag des folgenden Tages, als Bount Reiniger die Büros von Jupiter Electronics betrat. Zunächst war er bei Lieutenant Carey im Krankenhaus gewesen. Es ging ihr den Umständen entsprechend gut.

Und dann hatte Bount Mike Elmore einen Besuch abgestattet, der inzwischen den Inhalt der Disketten entschlüsselt hatte.

Die Disketten stammten tatsächlich von Ted Hughes, sowie seine Schwester vermutet hatte. Ob es sich bei dem Gros des gespeicherten Materials letztlich um Produktdaten für Raketenbauteile handelten, würde wohl nur beurteilen können, der etwas von Raketen verstand. Doch das würde sich bald nachholen lassen.

Viel interessanter war das, was sonst noch gespeichert war... Der Vorzimmerdrachen sprang auf, als Bount geradewegs in das Büro von Gary Soames marschieren wollte.

Details

Seiten
400
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901429
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308710
Schlagworte
detektive drei krimis

Autoren

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Titel: Detektive killt man nicht: Drei Krimis