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Trapperjahre und Indianeraufstände

Kit Carson Sammelband 1

2015 350 Seiten

Leseprobe

Trapperjahre und Indianeraufstände

Kit Carson Sammelband, Volume 1

Leslie West

Published by BEKKERpublishing, 2015.

TRAPPERJAHRE UND INDIANERAUFSTÄNDE

AMERICAN FRONTIER KIT CARSON – der legendäre Scout

Sammelband 1

by LESLIE WEST

Der Umfang dieses Buchs entspricht 327 Taschenbuchseiten.

American Frontier - Kit Carson, der legendäre Trapper ist die große Saga von Leslie West.

Der junge Kit Carson bricht in den bis dahin noch unerschlossenen Westen der Vereinigten Staaten auf, als Helfer eines Handelszuges auf dem berühmten Santa Fe Trail. Ab 1829 arbeitet er schließlich selbst als Trapper und Pelzhändler.

Unsere Geschichte beginnt mit dem jährlichen Treffen der Trapper und Pelzhändler am Green River im Jahre 1834. Der junge Kit Carson fordert einen mächtigen Trapper namens Shumar zum Duell.

„Trapperjahre und Indianeraufstände“ enthält die zwei romanlangen Erzählungen  „DUELL DER MOUNTAIN MEN“ und „DAS GEHEIMNIS DER CHIPPEWA“.

Weitere Bände werden folgen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

American Frontier Kit Carson – der legendäre Scout, Sammelband 1

Romane © by Leslie West und Edition Bärenklau 2015

Nachwort by Leslie West, 2015

Cover ©  by Steve Mayer, 2015

Zum Geleit

Mit Leslie West’s Kit Carson Saga bietet die Edition erstmals gedruckte Bücher an, die nicht mehr den gewohnten Mechanismen der klassischen Buchbranche folgen. Das Metier der Edition Bärenklau ist schwerpunktmäßig bislang das eBook gewesen. Natürlich gibt es für eine Auswahl der Titel Lizenzen, aber eine gedruckte Ausgabe unserer Publikationen, wie die hier vorliegende – damit betreten wir noch einmal Neuland. Kein Lagerbestand, kein Vertrieb, keine Auslieferung an Grossisten. Unser Schaufenster sind die Plattformen des Internets und jeder Kunde bestimmt die Auflage durch seinen Kauf, ohne das es Lagerbestände gibt. Die Edition geht da neue Wege. Wenn der Kauf des Buches aber nicht mehr in der wirklichen Welt geschieht, nachdem man das gedruckte Werk beäugt und den Klappentext auf der Rückseite gelesen hat, sondern zur Buchabbildung eine Klappentext-Info und eine Leseprobe auf seinem Bildschirm bekam, dann kann man doch diese im Internet bestellte Ausgabe auch ein wenig anders gestalten.

So verzichten wir bei unseren Romane auf einen beschrifteten Buchrücken und den Klappentext auf der hinteren Umschlagseite. Wer nach dem Kauf dennoch einen Überblick über den Romaninhalt haben möchte, findet ihn gleich am Anfang, vor Beginn des Romans.

Jörg Martin Munsonius

Duell der Mountain Men

Beim jährlichen “Rendezvous“ der Trapper und Pelzhändler, das 1834 am Green River stattfindet, fordert der junge Kit Carson den riesenhaften Trapper Shumar zum Duell. Shumar hat die schöne junge Arapaho-Indianerin Waa-nibe belästigt, und Kit will dieses Vergehen sühnen, um einen Krieg mit den Arapaho zu vermeiden. Im Indianerdorf verliebt er sich selbst in Waa-nibe.

In den Stunden vor dem Duell erinnert sich Kit an drei frühere Begegnungen mit Shumar, aus denen ihre zunehmende Feindschaft erwuchs: Wie er zwei Jahre zuvor am winterlichen Arkansas River als junger Heißsporn einer Übermacht von Crow-Kriegern die aus dem Winterlager der Trapper geraubten Pferde wieder abnahm. Wie er im unwirtlichen Jagdgebiet des Colorado River seine Männer und die gemeinsame Ausbeute immer wieder gegen einen Gegner verteidigen musste, der sich nie sehen ließ. Und wie er in den nördlichen Rocky Mountains, in die er mit Jim Bridger zur Biberjagd gezogen war, zuletzt am erbitterten Widerstand der dort lebenden Blackfeet-Indianer scheiterte, der geradezu organisiert schien.

Dann beginnt das Duell ...

––––––––

Der Mann an der Theke überragte die meisten anderen Trapper in diesem windschiefen Behelfssaloon um einen ganzen Kopf. Die verrutschte Fellmütze auf seinem gewaltigen Schädel und der ungepflegte dunkle Bart, der in alle Richtungen wucherte, ließen ihn noch riesenhafter und vorzeitlicher erscheinen.

Urplötzlich wischte er mit seiner Pranke ein Dutzend Gläser vom Tresen. Klirrend zersprangen sie auf dem Boden. Die Scherben flogen in alle Richtungen.

Der Hüne riss eine volle Whiskeyflasche an sich, jagte ihren halben Inhalt seinen Schlund hinunter und schleuderte den Rest samt Flasche hinter die Theke. Der schäbige halbblinde Spiegel zersprang klirrend, blieb jedoch größtenteils im Rahmen hängen.

Aus Angst vor dem Riesen waren alle weit zurückgewichen. Als er mit seiner mächtigen Faust auf den Tresen schlug, schien der Saloon bis in die Dielenbretter zu erbeben.

“Verdammtes feiges Pack! Ich habe gute Lust, einen ganzen Haufen eurer morschen amerikanischen Knochen zu brechen. Und ich werde auch sofort damit anfangen!”

*

Draußen ging es kaum weniger hoch her. Das große jährliche Trappertreffen am Green River, das berühmte “Rendezvous”, war in vollem Gange. Ein entbehrungsreiches und anstrengendes Dreivierteljahr - Herbstjagd, Winterlager, Frühlingsjagd - wurde hier für wenige glückliche Wochen vergessen. Mountain Men, Pelzhändler und Indianer trafen sich zum Feilschen um Felle, zum Kauf von Ausrüstung und zum Vergnügen. Bei Pferderennen, Wettschießen und Geschicklichkeitsspielen floss Alkohol in Strömen. Squaws wurden massenweise gekauft und weiterverkauft. Sie galten als zuverlässige Arbeitskräfte und halfen über die Einsamkeit in der unermesslichen Weite der Gebirge und Wälder hinweg.

Der sehnige junge Trapper, der sein dichtes blondes Haar schulterlang trug, hatte die Drohungen aus dem Saloon noch auf der anderen Straßenseite vernommen. Er kannte diese Stimme nur allzu gut. Und er wusste, dass  der Sprecher jedes seiner Worte ernst meinte.

Mit wenigen Sätzen hatte er die schmutzige Straße überquert. Als er sich eben anschickte, in den Saloon zu stürmen, fühlte er sich am linken Arm gepackt und zurückgehalten.

“Hier geblieben, Kit.”

Der junge Trapper riss sich mit einem Ruck los. Wütend starrte er den anderen an, einen kleinen wendigen Mann mit roten Haaren.

“Was soll das, Rusty? Alle da drin haben offensichtlich den Schwanz eingezogen. Irgendjemand aber muss Shumar doch zur Räson bringen.”

“Du nicht, Kit. Du musst zu den Arapaho. Und zwar auf der Stelle.”

“Erst werde ich  ...  ”

“Nichts wirst du. Uns droht ein Blutbad.”

“Was ist geschehen?”

“Shumar, dieser verdammte frankokanadische Raufbold, ist gestern sturzbetrunken ins Lager der Arapaho getorkelt. Zuerst hat er einige junge Krieger umgehauen und die Stammesältesten wüst beschimpft. Dann hat er das hübscheste Mädchen gepackt und zu küssen versucht. Die Kleine war glücklicherweise schnell genug, ihm ins Gesicht zu schlagen, sich ihm zu entwinden und in den dichten Waldstreifen am Green River zu fliehen. Dort hat er noch eine Ewigkeit lang brüllend nach ihr gesucht, bis er endlich aufgegeben hat.

Und du und Jim Bridger - ihr wart weg! Aber keiner außer euch kann mit diesen roten Burschen reden. Seit heute morgen dröhnen die Kriegslieder aus den Wigwams der Arapaho über den Fluss, und die Wehrfähigen des Stammes gießen geschmolzenes Blei in die Kugelformen.”

“Wo ist Old Gabe?”, wollte Kit Carson wissen.

Old Gabe war Jim Bridgers Spitzname, von seinem zweiten Vornamen Gabriel abgeleitet. Der berühmte Trapper war vor Jahren Kits Lehrmeister in der Wildnis gewesen, und seitdem waren sie enge Freunde geblieben.

Rusty Forsythe zuckte die Schultern.

“Was weiß ich? Wäre er da, so hätten wir ihn längst gebeten, ins Indianerlager zu reiten. Du bist zwar der Jüngere von euch beiden, und dein Wort mag bei den Roten noch nicht ganz so viel gelten. Aber außer Jim bist du auch der Einzige, der in dieser Lage jetzt überhaupt noch mit den Arapaho verhandeln kann.”

Kit schluckte. Er wusste sehr wohl, dass die Indianer im Green-River-Tal den Trappern gegenüber in zehnfacher Übermacht waren. Das konnte schrecklich ausgehen.

“Meine Pferde sind erschöpft. Wo hast du ... ?”

“Du kommst am besten gleich mit.”

Rusty Forsythe kannte Kit Carson seit dessen fünfzehntem Lebensjahr. Damals war Kit Sattlergehilfe in Missouri gewesen und ausgebüxt, weil er einen unstillbaren Drang nach dem fernen Westen verspürt hatte. Schuld daran waren die Trapper gewesen, die bei David Workman, seinem Meister, verkehrt hatten. Stundenlang hatten sie die unerschlossene Wildnis in den prächtigsten Farben geschildert. Von Wundertieren war die Rede gewesen, von im Herbstwind rauschenden Wäldern und wogenden Prärien, die sich schier unendlich in alle Himmelsrichtungen erstreckten. Den Jungen hatte ein geradezu unerträgliches Fernweh gepackt. Er war einfach abgehauen.

David Workman aber hatte Verständnis für seinen Lehrling gehabt. Er war zwar gezwungen, dessen Flucht zur Anzeige zu bringen, doch als Belohnung für Kits Ergreifung hatte er gerade mal einen einzigen Cent ausgesetzt ...

Zu seinem Glück war Kit bei Charles Bent untergekommen, einem Pionier und Handelsmann, der gerade dabei gewesen war, einen Treck in den Westen zu führen. Rusty Forsythe war schon damals Charles Bents rechte Hand gewesen. Bent und Forsythe hatten sich des Jungen erbarmt und ihn mit auf den Trail genommen. Kit hatte nur allzu bald seine mannigfaltigen Fähigkeiten als Koch, Treiber und Junge für alles unter Beweis stellen können.

Rasch hatten Kit Carson und Rusty Forsythe den Stall erreicht. Kit schnallte seinen Sattel einem ausgeruhten Tier auf.

Rusty hielt den jungen Trapper noch kurz zurück.

“Denkst du, diese Narren hier hätten mir geglaubt, was für schlimme Folgen Shumars Dummheit nach sich ziehen kann? Die meinen doch glatt, die Arapaho würden so friedlich bleiben wie immer. Dabei droht uns ein Blutbad! Sieh zu, dass du das Schlimmste verhindern kannst, Junge!”

“Ich werde mein Bestes versuchen, Rusty.”

Wie von Furien gehetzt jagte Kit Carson auf seinem Pferd den Green River entlang.

*

Ein Stück vom Lager entfernt zügelte er sein Tier.

Der Fluss lag nah. Weiden und Erlen schlossen sich zu kleinen Wäldern zusammen, Binsen bildeten mit Sauergräsern dichte Rasen, auf denen die Indianer sich abends versammelten.

Für gewöhnlich zählten die Arapaho zu den freundlichsten und friedlichsten Indianern überhaupt. Kit kannte ihr behagliches Leben, ihre fröhlichen und schönen Gesänge. Hier am Green River pflegten sie jeden Abend auf einer Wiese am Fluss zu tanzen.

Sie hielten jedoch auch streng auf ihre Sitten. So verbot zum Beispiel eines ihrer Stammesgesetze sogar den jungen Männern des eigenen Dorfes, sich einer ledigen jungen Frau zu nähern, ohne dass ihr Vater dies erlaubt hätte.

Im allgemeinen waren die Trapper dennoch beim Tanz bisher immer als Gäste willkommen gewesen. Nur mussten sie sich eben an die Stammesregeln halten ...

Kit war angst und bange bei dem Gedanken, was geschehen würde, wenn die Arapaho mit vereinten Kräften gegen die Trapper ziehen würden. In ihren Augen hatte Shumar einen Frevel begangen, der viele Weiße das Leben kosten konnte ... 

Kit straffte sich.

Nein! Das durfte einfach nicht geschehen!

Als er endlich allein auf das Lager der Arapaho zuritt, war ihm in seiner Haut alles andere als wohl. Die Kriegsvorbereitungen waren tatsächlich in vollem Gange.

Die ersten Stammesmitglieder wurden auf ihn aufmerksam. Im Nu drangen ihre Rufe bis ins Herz der Ansiedlung.

Kit Carson ließ sich von den feindseligen Blicken und Rufen nicht davon abhalten, sein Pferd bis vor den Häuptlingswigwam trotten zu lassen und erst dort abzusteigen.

Das Gesicht des Stammesführers, den der Lärm aus seinem Zelt hatte treten lassen, verhieß nichts Gutes.

“Sei gegrüßt, Häuptling.” Kit neigte leicht den Kopf. “Es tut uns Weißen leid, was geschehen ist.”

“Soll das eine Entschuldigung sein?”

“Genau das soll es sein. Was können wir tun, um euch davon zu überzeugen?”

Kit wagte nicht, direkt Geschenke anzubieten. In dieser Phase des Gesprächs wäre das sofort als Beleidigung ausgelegt worden.

“Komm mit.”

Nach einem halben Hundert Schritten verhielt das Oberhaupt der Arapaho vor einem Zelt, dessen Klappe sofort zurückgeschlagen wurde. Ein Krieger im besten Mannesalter trat heraus.

“Erzähle ihm, was deiner Tochter widerfahren ist.”

Der Mann musterte Kit mit kritischem Blick und gerunzelter Stirn, bevor er zu sprechen begann.

“Waa-nibe hat mit den anderen Mädchen getanzt, als dieser bärtige Riese wie ein Grizzly aus dem Dickicht brach und mit unverschämten Reden auf sie zu stürmte. Er hatte Feuerwasser getrunken und stank. Dennoch hat er sie umschlungen, bis sie sich endlich losreißen und in den Flusswald fliehen konnte. Mit lauten Rufen folgte er ihr noch ins Dickicht. Erst als unsere nichtsahnenden Krieger heran waren, zog er es vor, das Weite zu suchen.”

“Es ist euer Recht, ihn für seine Unverschämtheit zu bestrafen. Aber warum die anderen Weißen?”

Der Häuptling übernahm die Antwort.

“Weil sie ihn jedenfalls nicht bestrafen werden! Sie haben ihn wieder in ihre Reihen aufgenommen, als sei überhaupt nichts geschehen. Für sie hat er kein Unrecht getan, weil sie alle wie er denken!

Bisher haben wir eure kleine Schar nicht nur geduldet, sondern waren euch sogar freundschaftlich gesonnen. Nun sind wir nicht nur enttäuscht, sondern zornig. Wie sollen unsere Frauen künftig vor solch schmachvoller Belästigung sicher sein, wenn ihr solch tierhaftes Verhalten duldet? Waa-nibe konnte sich einzig durch ihre gedankenschnelle Flucht retten, denn bisher wussten wir nicht, dass wir unsere Frauen vor euch bewachen und schützen müssen. Wir dulden euer lasterhaftes Treiben nicht länger! Das werdet ihr am eigenen Leib erfahren, und zwar sehr bald!”

Kit schluckte. Er wollte es noch auf eine andere, behutsamere Weise versuchen.

“Ich kann nur wiederholen, dass wir anderen alle sehr bedauern, was vorgefallen ist.” Der blonde Trapper wandte sich an den Vater des Mädchens. “Deine Tochter muss sehr schön sein, wenn einer der unseren ihretwegen seinen Verstand verloren hat.”

Die gerunzelte Stirn des Kriegers hellte sich ein wenig auf.

“Urteile selbst.”

Er wandte sich um und rief ins Zeltinnere:

“Komm heraus, Waa-nibe.”

Seine Tochter gehorchte. Und Kit war, als hätte ihn ein Blitz getroffen.

Er hatte in der Tat noch nie eine Indianerin von solcher Schönheit gesehen. Sie war schlank, hochgewachsen und grazil. Hinter ihren Bewegungen steckte Wendigkeit, Anmut und verborgene Kraft.

Dann das ebenmäßige Gesicht! Ihr Profil strahlte klassische Schönheit aus.

Und erst die Augen! Sie bannten Kit. Er musste sich zwingen, seinen Blick von ihr abzuwenden.

“Dann hatte ich also recht mit ihrer Schönheit”, sagte er leise.

Seine Reaktion entspannte die Situation auf seltsame Weise. Wieder trafen seine Blicke die der jungen Indianerin, die leicht errötete. Er riss sich zusammen.

“Was ist, wenn Shumar bestraft wird?”

“Von wem? Von euch Weißen?”

“Von mir.”

“Welchen Grund solltest du dafür haben?”

“Euch zu überzeugen, dass wir Weißen Unrecht einzusehen vermögen.”

Weder dem Häuptling noch Waa-nibes Vater waren die Blicke entgangen, die der blonde Trapper und die indianische Jungfrau gewechselt hatten.

“Das ist bereits ein guter Grund”, erklärte das Stammesoberhaupt. “Du sollst einen Tag Zeit bekommen, deine Absicht in die Tat umzusetzen.”

“Danke, Häuptling. Dann lebt wohl, damit ich keine Zeit verliere.”

Er wandte sich noch einmal um und fasste den Vater der Indianerin ins Auge.

“Wirst du mir gestatten, deiner Tochter persönlich vom Ausgang dieser Angelegenheit zu berichten?”

Wieder runzelte der ältere Krieger die Stirn, doch dieses Mal wirkte es beinahe amüsiert.

“Das hängt wohl ganz vom Ausgang dieser Angelegenheit ab, Vih‘hiu-Nis.”

Er war nicht der erste Arapaho, der Kit Carson gegenüber dessen indianischen Namen gebrauchte. Der junge Trapper hatte ihn von Gelbem Wolf erhalten - dem Häuptling eines Cheyenne-Stammes, der damals Charles Bents Handelsposten aufgesucht hatte.

“Du wirst nicht enttäuscht sein. Bis morgen dann.”

Im Davonreiten fühlte Kit die Augen aller Indianer auf seinen Rücken gerichtet.

Ganz besonders aber ein Augenpaar, das er nie mehr vergessen würde ...

*

Auf dem Rückweg kam Kit Carson zu der Überzeugung, dass wenige Augenblicke im Lebens eines Menschen ausreichen konnten, sein Schicksal und seine Zukunft in andere Bahnen zu lenken.

Auf einer Anhöhe zügelte er zwischen kupferfarbenen Erdbeerbäumen und mannshohem Rhododendron-Gestrüpp sein Pferd, um seine Gedanken wieder in klare Bahnen zu lenken.

Insgeheim hatte er meist die Nase gerümpft, wenn andere Trapper ihm von ihren Ehen mit Indianerinnen erzählt hatten.

Nicht der Indianerinnen wegen. Beileibe nicht!

Aber Kit hatte fast immer den Eindruck gehabt, dass es sich überwiegend um Zweckgemeinschaften gehandelt hatte. Manche Trapper waren mit mehreren Indianerinnen zugleich verheiratet, und bei einigen war Kit überzeugt gewesen, dass deren Qualitäten als Arbeitskräfte weit höher geschätzt wurden als alle sonstigen.

Oder gar Häuptlingstöchter: Diese wurden nur allzu bereitwillig von leitenden Männern der Pelzhandelskompanien geehelicht. Damit konnten sie ihre Schwiegerväter bewegen, den eigenen Trappern Schutz und Jagdgebiete zu gewähren. Sie konnten aber auch bewirken, dass der ganze Stamm ihrer Gattin gegen rivalisierende Gesellschaften und Trapper mit äußerster Härte vorging. Die Handelsgesellschaften schenkten sich nichts. So war zum Beispiel vor wenigen Jahren erst - 1830 - die Missouri Fur Company von der Rocky Mountain Fur Company geschluckt worden.

Waa-nibe. Was für ein Name.

Ihr Gesicht und ihre Gestalt hatten sich Kit unauslöschlich eingeprägt.

Er zwang sich, an die Aufgabe zu denken, die vor ihm lag.

Shumar.

Ihre Wege hatten sich des öfteren gekreuzt, als habe es das Schicksal so bestimmt. Und immer unter anderen Vorzeichen.

Freunde hätten sie nie werden können. Ihr Verhältnis zueinander hatte sich von Konflikt zu Konflikt drastisch verschlechtert.

Und jetzt? Würden sie sich bald auf Leben und Tod gegenüber stehen?

Nur wenig später hatte er die Ansiedlung erreicht.

*

Aus dem Saloon war kein Laut zu vernehmen. Dies war Kit unheimlicher als wenn ihm das Brüllen raufender Männer und das Krachen berstender Stühle und Tische entgegen gedrungen wäre.

Als er den Saloon betrat, sah er warum. Außer dem Barkeeper befanden sich nur noch drei weitere Männer darin.

Einer davon war Shumar. Er wandte den Kopf, als er die Geräusche am Eingang vernahm. Seine beiden Kumpane taten es ihm nach.

“Hallo, Runt. Ich habe dich erwartet.”

Runt - Zwerg. So hatte Shumar Kit Carson von Anfang an bezeichnet. Doch gegen Shumar war jeder Mann ein Zwerg.

Der frankokanadische Riese war bei weitem nicht so betrunken wie er tat. Um das zu bemerken, kannte Kit ihn lange genug.

“Hallo, Shumar. Ich hörte, du wolltest ein paar amerikanische Knochen brechen. Nun biete ich dir die meinigen an.”

Der Hüne lachte hämisch auf.

“Sie hat dir eine hübsche Fratze gemacht. Du hast dich in dieses unschuldige Reh verknallt, was?”

Kit merkte insgeheim, dass sich seine Gesichtsfarbe verdunkelte. Er spürte, wie ein gewaltiger Zorn in ihm anstieg, doch er nahm sich zusammen.

“Selbst wenn es so wäre?”

Hart knallte der bärenhafte Trapper die Whiskeyflasche auf den Tisch.

“Dass wir uns nach all den Jahren wegen einer hübschen Indianerlarve in die Wolle bekommen ... ist das nicht eine Ironie des Schicksals?”

“Du magst es dafür halten. Es ändert nichts am Stand der Dinge. Ich denke, für einen von uns ist die Zeit jetzt gekommen.”

Shumar spuckte auf den Boden.

“Wir machen es draußen, damit es alle mitbekommen. Geh schon vor.”

“Warum gehen wir nicht gleich zusammen?”

“Ich habe hier noch etwas zu regeln.”

“Verarschen kannst du dich selbst, Shumar. Ich gebe dir eine Viertelstunde. Wenn du dann nicht vor dem Saloon stehst, komme ich rein und knalle dich wie einen Hund über den Haufen.”

Der Riese grinste abfällig.

“Es hat irgendwann soweit kommen müssen, Runt. Für einen von uns beiden ist die Zeit jetzt wohl reif.”

“Frag die anderen Trapper, wem die Stunde eher schlagen soll, Shumar. Oder frag gleich die Arapaho.”

Shumar lachte.

“Um diesen roten Abschaum werde ich mich scheren. Keine Sorge, ich komme. In genau einer Stunde - ab jetzt! Lass uns allein.”

Beim Verlassen des Saloons ließ Kit keinen der drei Männer aus den Augen. Er traute ihnen etliche Heimtücken zu. Nachdem er die Straße überquert hatte, ließ er sich auf dem Hitchrack nieder.

Keiner ließ sich sehen. Alle Leute spürten, dass etwas in der Luft lag.

Die Gedanken des hochgewachsenen jungen Trapper glitten zurück in die Vergangenheit.

Er erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem alles begonnen hatte. Als er Shumar zum ersten Mal begegnet war. Damals, als die Stürme des Winters über die Steppen nördlich des Arkansas River heulten ... 

*

“Alle Pferde sind weg! Alle! Die Maultiere auch! Nur die beiden Ponys von Schwarzer Schlange und Flinkem Falken stehen noch draußen.”

Kit war, als hätte er einen Schlag auf die Stirn bekommen. Auf seinen Schultern lastete die gesamte Verantwortung für dieses Unglück.

Die beiden Cheyenne-Krieger, von denen die Rede gewesen war, standen hinter ihm.

Rusty Forsythe wischte sich die Nase. Diese Kälte! Draußen stob Schnee in dichten Wolken um die Hütte, schuf Wellenberge von glitzernder weißer Pracht auf den endlosen Steppen, hatte auch die Behausung der Trapper schon zur Hälfte vergraben.

Der rothaarige kleine Mann zuckte die Schultern.

“Irgendjemand muss John Gantt entgegen reiten und ihn warnen, dass diebisches Crow-Volk unterwegs ist. Und Charles Bent muss es erfahren. Gelber Wolf, der Häuptling der Cheyenne, hält sich in Bents Niederlassung auf. Ihr seid doch von seinem Stamm, Schwarze Schlange und Flinker Falke. Wollt ihr das übernehmen?”

Die beiden Krieger bejahten eifrig, doch Kit winkte ab.

“Wenn ich hinter den Crow her will, brauche ich zuverlässige Spurenleser - und Männer, die das Anschleichen verstehen.”

Rusty Forsythe glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

“Du willst hinter den Crow her, Kit? Mitten im Winter? Bist du von Sinnen oder lebensmüde? Geschehen ist geschehen. Keine hundert Pferde wiegen ein Menschenleben auf!”

“Charles Bent hat mir die Tiere anvertraut, Rusty. Ich habe sein Vertrauen in mich enttäuscht, indem ich keine Wachen aufgestellt habe, weil das Wetter gar so entsetzlich getobt hat.”

“Das kann jedem passieren; Kit. Du bist noch jung. Mach keine Dummheiten!”

“Es ist mir passiert, Rusty. Es war bereits meine Dummheit, dass so etwas geschehen konnte.”

“Es ist absoluter Wahnsinn, bei diesem Wetter hinter den Crow herzuziehen.”

“Gerade deshalb werden sie am wenigsten damit rechnen. Wollt ihr mit mir kommen, Schwarze Schlange und Flinker Falke?”

Die beiden Krieger wechselten kurz einige Worte.

“Ich werde mit dir kommen”, erklärte Flinker Falke dann. “Schwarze Schlange wird Gelben Wolf und Charles Bent im Fort benachrichtigen. Rusty muss Gantt entgegen reiten und ihn warnen. Gantt kommt mit den Wintervorräten aus Taos zurück, ohne die ihr hier verhungern werdet. Er darf nicht auch noch diese Vorräte an diese Hunde von Crow verlieren.”

Kit nickte kurz seine Zustimmung. Die herbstliche Pelzjagd hier am oberen Arkansas war äußerst erfolgreich gewesen, doch seit dem Beziehen des Winterlagers gingen ihre Vorräte allmählich zur Neige. John Gantt hatte für seinen Weg nach Taos und zurück zwei Monate kalkuliert, die bald um sein würden. Noch hatten sie Bisonfleisch, aber die Pferde fanden unter der hohen und dichten Schneedecke kein Gras mehr. Zuletzt hatten die Trapper die Borken von Süßholzpappeln an sie verfüttert.

“Du bist verrückt.” Rusty Forsythe schüttelte den Kopf. “Damit bringst du aber nicht nur dich in Gefahr. Nur kann ich dir dieses Himmelfahrtskommando wohl doch nicht ausreden. Ich muss los.”

Nachdenklich sah Kit Carson dem Mann hinterher, der zusammen mit seinem Boss Charles Bent sein Lehrmeister gewesen war und der ihm alles beigebracht hatte, was ein Mann im Westen zu Überleben wissen musste.

Nachdem er damals mit Charles Bent und Rusty Forsythe seinen ersten Trail in die Wildnis unbeschadet hinter sich gebracht hatte, waren Charles Bent und Kit sich jahrelang nicht mehr über den Weg gelaufen. Es hatte dem jungen Trapper sehr viel bedeutet, mit welch großer Freude ihn Charles Bent nach all den Jahren im Herbst in seiner Handelsniederlassung begrüßt hatte - obwohl Bent inzwischen erfahren hatte, dass Kit sich seinem Rivalen John Gantt auf die Dauer eines Jahres verpflichtet hatte.

Bent hatte das freilich nachvollziehen können. Kit war möglicherweise einer der besten Trapper überhaupt, doch eben einfach noch zu jung, um einen eigenen Trupp zu führen.

Tom Fitzpatrick, Kits vorheriger Arbeitgeber, hatte die Hälfte der von seinen Männern erjagten Pelze für sich beansprucht. John Gantt aus Taos dagegen forderte nur ein Viertel der Beute. Leider standen ihre Forderungen in direktem Verhältnis zu ihren Führungsqualitäten und Erfahrungen: Fitzpatrick war der weit bessere Truppführer, bei dem man sich auf eine gewisse Sicherheit verlassen konnte. Bei Gantt hatte Kit hingegen gehofft, seine eigenen Fähigkeiten mehr in der Vordergrund stellen zu können. Viele andere Trapper schätzten Kit bereits als geeigneten Anführer und waren bereit, ihm zu folgen, sobald es soweit war.

Charles Bent hatte das Vertrauen dieser Männer geteilt und ihnen entsprechend Pferde zur Verfügung gestellt - eben jene Pferde, die in dieser winterkalten Nacht von den Crow-Indianern gestohlen worden waren.

Kit schlug Flinkem Falken auf die Schulter.

“Ich sammle einige Männer”, erklärte er. “Kümmere du dich bitte um den Proviant für unterwegs.”

*

Kit war mit seiner Aufgabe schneller fertig als Flinker Falke. Die Begeisterung der anderen Männer darüber, zu Fuß einer Überzahl berittener Indianer durch Schnee und Eis zu folgen, hatte sich verständlicherweise arg in Grenzen gehalten. Nur seiner Persönlichkeit hatte es der blonde Trapper zu verdanken, dass er dennoch genügend zusammen bekommen hatte.

Der Cheyenne fand Kit in der Umgebung des Pferdelagers beim Spurenlesen. Der junge Trapper wies auf den Boden.

“Du hast mehr Kenntnisse als ich. Verbessere mich, wenn ich irre.”

“So beginne”, forderte ihn Flinker Falke auf.

“Den Schnee- und Windverhältnissen nach sind die Pferde und Maulesel wohl unglücklicherweise gestern bereits bald nach Einbruch der Dunkelheit davon getrieben worden.”

“Das ist richtig”, bestätigte ihm der Cheyenne-Krieger. “Und wohin?”

“Auf das Gebirge zu. Nicht auf die Heimstätten der Crow.”

“Die Spuren sprechen aber eine andere Sprache.”

“Ich bin mir sicher, dass sie abbiegen, sobald wir ihnen ein Stück gefolgt sind”, widersprach Kit. “Wäre ich ein diebischer Crow, würde ich meine Beute im Winterlager in Sicherheit bringen.”

“Wir werden sehen, Gelbhaar.”

“Diese verdammten Hunde könnten inzwischen einen Vorsprung von zwanzig Meilen haben, wenn nicht mehr.”

“Es ist schiere Vermessenheit, sie zu Fuß durch die Wintersteppe zu verfolgen.”

“Das ist richtig. Die Crow teilen deine Ansicht, Flinker Falke. Wie jeder vernünftige Mensch. Also hinterher! Dann ist die Überraschung auf unserer Seite!”

Kit verschwieg eine weitere Vermutung, um den Pessimismus des Gefährten nicht noch weiter zu verstärken. Es konnte durchaus sein, dass die Crow mitbekommen hatten, dass Kit und seine Männer berittene Verstärkung aus Taos erwarteten. In diesem Fall würden sie nicht nur das schnellstmögliche Tempo einschlagen, sondern auch immer einen Blick nach hinten werfen oder sogar Wachen auf dem Trail zurücklassen.

Himmel, er durfte gar nicht daran denken. Es war wirklich kompletter Irrsinn, was er vorhatte. Und das alles, um sich des Vertrauens, das Charles Bents ihm erwiesen hatte, letztendlich doch noch als würdig zu erweisen - nachdem er jetzt gerade jämmerlich versagt hatte.

Der junge Trapper erinnerte sich aber auch, dass er in Kalifornien einst mit nur zehn Begleitern Ewing Youngs etliche Pferde einer Übermacht von Dutzenden von Indianern hatte entreißen können. Aber das war unter anderen Umständen gelungen. Erheblich günstigeren ... 

Kit überzeugte sich, dass jeder seiner Begleiter sein Pulverhorn gefüllt und ein paar Pfund gedörrten Büffelfleisches in seine gerollte Decke gepackt hatte.

“Lasst nicht schon jetzt die Köpfe hängen, verdammt!”, ermunterte er sie, bevor sie los ritten. “Wir werden diesen verdammten Krähen ihre Schnäbel schon ordentlich polieren.”

*

Seit zwei Tagen zogen sie bereits quer durch die Prärie, der Fährte der Crow hinterher. Immer noch heulten die Stürme des Winters über die Steppe, fraßen sich in die Falten von Kits mit langen Fransen verzierter Wapitilederjacke und in deren Kragen.

Den anderen erging es natürlich keinen Deut besser. Die meisten waren inzwischen davon überzeugt, dass ihnen bald nichts anderes mehr übrig bleiben würde als unverrichteter Dinge wieder den Rückweg anzutreten.

Aber keiner wagte das Kit Carson zu sagen. Der junge Truppführer legte eine so finstere Entschlossenheit an den Tag, dass jedem beim Versuch, Kit umzustimmen, das Wort im Munde steckenblieb, wenn er ihn nur ansah.

Sie trafen auch nicht auf zurückgelassene Wachposten der Crow. Immer tiefer zogen sie in das Vorgebirge der urgewaltigen Rocky Mountains hinein.

Dann aber, im Dämmerschein des zweiten Tages, sah Kit, der von allen die schärfsten Augen hatte, als erster Rauchwolken aus einem noch fernen Hain steigen. Er ließ unverzüglich in Deckung gehen.

Bereits auf der letzten Wegstrecke hatten sie sich im Schatten einer Hügelkette gehalten, von der sie aus der Richtung, auf die sie zuhielten, nicht gesehen werden konnten. Nun holten sie ihre Vorräte heraus und machten sich heißhungrig darüber her, weil sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatten. Die Männer waren todmüde. Kit sah das deutlich. Dementsprechend fiel sein Vorschlag aus, obwohl er sich kein bisschen frischer fühlte.

“Ihr bleibt hier. Du, Flinker Falke, sicherst die Umgebung. Ich selbst werde mich zu dem Hügel da vorne hoch pirschen. Er überragt alle anderen und trägt auf seinem Kamm eine Waldinsel. Die idealen Bedingungen, um diese Rauchwolken aus der Nähe zu beobachten. Haltet alle die Augen offen!”

Mit diesen Worten verschwand er.

*

Kits Instinkt riet ihm, sich möglichst im Schatten der Waldinsel zu halten, auf die er zustrebte. Also schlug er trotz seiner brennenden Ungeduld einen weiten Bogen durch den hüfthohen Schnee. Doch dann erstarrte er.

Eine Spur!

Mensch oder Tier?

Nach einigen Yards stieß er auf Pelzhaare, die an den Astspitzen eines im Schnee vergrabenen Busches hängengeblieben waren.

Das half ihm nicht weiter. Neuer Schnee hatte die Spuren vergraben.

Der Breite der Schneise nach hätte es eher ein Bär als ein Mensch sein können. Zu riechen war in der Kälte nichts.

Die Spur führte jedenfalls nach oben. Möglicherweise hätte Kit sich mehr Klarheit verschaffen können, wenn er sie zu ihrem Ursprung verfolgt hätte. Doch dazu fehlte ihm die Zeit.

Einen Vorteil hatte diese Schneise: Er konnte sich in ihr verbergen und ungesehen weiter hoch pirschen.

Dann hatte er die kleine Waldinsel erreicht. Jetzt musste er beim Verfolgen der Spur auf andere Einzelheiten achten.

Kit war fast am anderen Ende des Baumbestandes angelangt, das in jener Richtung abbrach, aus der die Rauchwolken zu sehen gewesen waren, als plötzlich die Spur zu Ende war.

Ein Rascheln ... über ihm.

Der junge Trapper blickte hoch - und sprang blitzschnell zur Seite, als er den gewaltigen Schatten auf sich zufallen sah. Doch die Pranke erwischte ihn gerade noch und riss ihn um.

Eine Pranke, wahrlich - doch sie gehörte einem Menschen!

Aber was für einem! Dieser Berg aus Muskeln und Masse hatte die Gestalt eines ungeschlachten Riesen. Der wilde Bart stand in alle Richtungen ab. Die mächtige Pelzmütze bedeckte einen Kopf, wie Kit in ihn solcher Größe noch nie gesehen hatte.

Sein Überlebensinstinkt ließ den jungen Trapper trotz seines Schreckens sofort reagieren. Er hechtete zurück, bevor die Pranke erneut nach ihm greifen konnte.

Bei seiner Größe war es kein Wunder, dass der riesige Mann keine Waffe in der Hand hatte. Mit seiner urweltlichen Kraft hatte er mit Sicherheit nicht die geringsten Schwierigkeiten, einen Gegner mit bloßen Händen zu erledigen.

Aber Kit griff nach seiner Rappahannock-Holsterpistole. Er hatte sich auf den Riesen angeschlagen, bevor dieser nachsetzen konnte.

Zunächst fiel kein Wort. Sie starrten sich nur an.

“Bist du allein, Runt?”, fragte der andere schließlich mit kehliger Stimme. Bei ihrem Klang lief Kit ein Schauer über den Rücken.

“Ich führe einen Trupp, Riese”, entgegnete er - und hoffte, dass dem anderen das Beben in seiner Stimme verborgen blieb.

“Mit diesem lächerlichen Schießeisen willst du mich aufhalten?”

“Mir ist klar, dass die erste Kugel sitzen muss. Danach kann mir mein Messer weiterhelfen.”

Der andere lachte verhalten. Es klang wie das Brummen eines Grizzlys.

“Mut hast du ja, das muss man sagen. Was treibst du hier?”

“Ich will herausfinden, wer da unten ein Feuer brennen hat. Oder weißt du das bereits?”

“Es sind Indianer”, verriet der hünenhafte Mann in Pelzkleidung. “Mit einer ganzen Menge Pferde. Ich habe keine Lust, ihnen in die Arme zu laufen. Hier oben wollte ich abwarten, bis sie weiterziehen.”

“Crow?”

“Kann sein. Kenne mich mit den Indsmen nicht so recht aus.”

“Es sind unsere Pferde, die sie sich zugelegt haben. Wir wollen sie uns wiederholen.”

“Dann viel Glück.”

“Du könntest uns helfen. Du bekommst dafür eines der Pferde.”

“Danke, ich komme alleine zurecht. Und ich will auch alleine bleiben.”

“Gut, dann bleib hier.”

Der Mann war Kit unheimlich. Er behielt ihn im Auge, als er seinen Rückzug antrat.

“He, Runt.”

Der junge Trapper fuhr noch einmal herum.

“Nichts für ungut. Bleiben wir trotzdem Freunde.”

Kit zuckte die Schultern und ging weiter.

So endete damals seine erste Begegnung mit Shumar.

*

Seine Männer hatten Kit Carson bereits sehnlichst erwartet.

“Sind sie es?”, fragte der erste.

“Sie sind es.”

“Und wie soll’ s weitergehen?”

“Hinten herum”, erklärte der blonde Mountain Man. “Wir schleichen uns nicht von hier, sondern von der gegenüberliegenden Seite an ihr Lager ran.”

“Warum dieser Aufwand?”

“Damit wir unsere Tiere schneller in die Richtung bekommen, die wir wollen.”

Keiner fragte weiter, was Kit erleichterte. Seinen wahren Grund wollte er nämlich nicht nennen.

Sie brauchten über eine Stunde, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wie sie dabei feststellten, befand sich das Lager der Crow in einem aufgelockerten Baumbestand, in den es ungesehen einzudringen galt.

“Dumm”, flüsterte einer der Trapper. “So lässt sich nicht feststellen, mit wie vielen dieser Schakale wir es zu tun haben.”

“Wichtig ist, dass wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite haben”, versuchte ein anderer, die Gefahr herunterzuspielen.

Kit selbst war nicht mehr wohl in seiner Haut. Er hatte für alles, was ihnen bevorstand, die Verantwortung auf sich genommen und somit auch zu tragen.

Das letzte Stück kamen sie nur mit quälender Langsamkeit voran. Alles war verloren, wenn sie zu früh bemerkt wurden.

Zunächst ging alles gut.

Dann aber schlug ein Hund an, kaum dass sie den Rand des Gehölzes hinter sich hatten. Mit wütendem Bellen sprang er ihnen entgegen, bis ihn eine Kugel niederstreckte.

Im Lager der diebischen Rothäute erhob sich wildes Kriegsgeschrei. Bald sahen die Männer, dass es ungefähr fünf Dutzend Krähen-Indianer waren, die grimmig und entschlossen nach ihren Bögen und Skalpiermessern griffen. Wie eine tödliche Welle wälzten sie sich über die mittlere Lichtung und durch Bäume und Unterholz auf die Weißen zu.

“Allmächtiger, steh uns bei!”, stöhnte einer der Trapper. “Das kann nicht gut ausgehen.”

“Ist doch beinahe wie beim großen jährlichen Trapper-Rendezvous”, versetzte Kit. “Es geht darum, das Fell so teuer wie möglich zu verkaufen. Nur ist es diesmal unser eigenes! Aber hier stehen wir wie auf dem Präsentierteller. Zurück auf besseres Gelände, Männer, sofort! Sucht Deckung hinter Büschen und Erdhügeln und feuert von dort zurück. Aber wartet erst auf meinen Befehl zum Schießen!”

Kit ließ seine Männer nach hinten stürmen. Er selbst aber verbarg sich im Schatten eines nahegelegenen Felsblocks von günstiger Größe, der außerhalb der Lichtung lag. Von dort schoss er auf die näher stürmenden Crow. Er erwischte einen und hielt damit und mit einem weiteren Schuss aus seiner Rappahannock-Holsterpistole die anderen Krieger so lange auf Distanz, bis alle seine Männer eine halbwegs sichere Deckung gefunden hatten.

Schon aber hatten die Crow ihre Schrecksekunde überwunden. Mit ohrenbetäubendem Kriegsgeschrei stürmten sie erneut los.

Kit hatte lediglich Zeit gehabt, seine Pistole nachzuladen, als die ersten Reihen der Indianer bis auf wenige Fuß an ihn herangekommen waren.

“Feuer!”, schrie er.

Elf Flinten knallten beinahe gleichzeitig. Tatsächlich ergriffen die Crow die Flucht und stoben in das Gehölz zurück, aus dem sie gekommen waren.

“Nachladen!”, befahl Kit. “Und dann sofort hinterher!”

Pulverschaden trieben über den Schnee. Der scharfe Geruch stieg Kit in die Nase. Der blonde Trapper musste husten.

Ermutigt durch ihren Erfolg, formierten sich die Trapper hinter Kit zu einer geradezu militärischen Angriffslinie, ohne dass ihnen dies bewusst wurde. Mit lautem Johlen, als wollten sie den Crow nun ihr eigenes Kriegsgeschrei zurückgeben, stürmten sie ein zweites Mal auf die Lichtung zu, den flüchtenden Indianern hinterher.

Dabei flohen die Crow keineswegs kopflos. Sie wussten sehr wohl, dass sie beritten ungleich bessere Chancen gegen die Weißen haben würden. Diese mochten das Überraschungsmoment wohl auf ihrer Seite gehabt haben. Doch waren sie selbst unberitten - und das sollte diesen verfluchten Angreifern zum Verderben werden!

Also rannten die Crow zu der Lichtung innerhalb des Hains zurück, wo sie ihre eigenen Ponys zusammen mit den gestohlenen Tieren eingefriedet hatten. Sie hatten die Absicht, sich auf die Ponys zu schwingen, um dieses lächerliche Häuflein von Angreifern mit den Hufen der Pferde in den Schnee zu stampfen, der sich unter ihren zertrampelten Leibern blutig färben sollte.

Dann schreckten sie entsetzt zurück?

Wo waren die Pferde?

Sie waren einfach nicht mehr da!

*

Die Crow konnten nicht wissen, was Kit Carson vor dem Anschleichen mit Flinker Falke abgesprochen hatte.

Der Cheyenne-Krieger hatte sich mit zwei weiteren Trappern von hinten an den Hain herangeschlichen. Während Kit und die anderen mit ihrer Schießerei die Crow abgelenkt hatten, hatten Flinker Falke und seine Helfer - wie mit dem jungen Trapper abgesprochen - alle Pferde aus dem Wäldchen abwärts in die Steppe getrieben. Der Schnee hatte den Hufschlag gedämpft.

Dass die Entführung der Pferde gelungen war, hatte einen weiteren, nicht einkalkulierten Effekt.

“Es sind weit mehr weiße Hunde um das Lager als die wenigen, die sich gezeigt haben!”, rief einer der Crow-Krieger. “Durch ihre geringe Zahl wollten sie uns ablenken, während andere die Pferde befreit haben.”

“Wir können nicht wissen, wie viele es sind.” In der Stimme des Anführers klang unterschwellige Panik. “Ein solches Unternehmen mit so wenigen Männern zu wagen wäre Selbstmord, und dafür lieben die Weißen ihr Leben zu sehr. Also müssen sich noch etliche mehr verborgen halten! Eine weitere Gruppe, und sie können uns in die Zange nehmen! Bestimmt lauern sie bereits darauf, loszuschlagen. Zusammen mit den Pferden sind sie uns hoffnungslos überlegen. Also flieht!”

Wie kopflos gaben sie Fersengeld, brachen durch das Gehölz ins Freie und jagten in alle Richtungen in die Prärie hinaus.

Die Trapper konnten ihr Glück zunächst gar nicht glauben. Fassungslos starrten sie den Davonrennenden nach.

“Verteilt euch weiter!”, befahl Kit, der die Lage als erster erfasste. “Lauft so weit wie möglich auseinander, möglichst ohne euch sehen zu lassen, und schießt erst dann hinter ihnen her!”

Die anderen Trapper kamen seiner Weisung nach. Kit selbst sicherte nach allen Seiten, bevor er der tiefen Schneise folgte, die die fliehenden Pferde in den zum Teil yardhohen Schnee getrieben hatten. In ihr war er somit weitgehend feindlichen Blicken verborgen. Jedoch sah es überhaupt nicht so aus, als hätten die Crow an etwas anderem Interesse als an Flucht.

Dennoch schlug er seine Flinte an, als er Hufgeräusche vernahm. Es war jedoch nur Flinker Falke mit einem Begleitpferd.

“Spring auf!”, forderte er den blonden jungen Trapper auf.

“Das ist ja meines!”, staunte Kit. “Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit, Flinker Falke.”

“Ich höre keine Schüsse mehr, Gelbhaar.”

“Die Crow sind in alle Richtungen davon, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Offensichtlich fühlten sie sich ohne die Pferde schutzlos.”

“Wie soll es weitergehen?”

Als Antwort feuerte Kit Carson zwei Schüsse in die Luft. Sie waren das verabredete Signal zum Sammeln.

Ihm folgten nicht nur die Männer, die beim Anschleichen an das Lager der Crow dabei gewesen waren, sondern auch jene, die mit Flinker Falke die Pferde in gebührender Entfernung vor der räuberischen Indianerbande in Sicherheit gebracht hatten. Nun trieben sie die Tiere in jener Schneise, die sie vorhin selbst ausgetreten hatten, wieder zurück.

Eine Viertelstunde späten saßen alle Männer im Sattel. Die übrigen Pferde wurden an der Leine genommen.

“Sollen wir diesen diebischen roten Hunden hinterher?”, fragte einer der Trapper.

Kit überlegte.

Mit ihrer reichen Beute hatten sich die Krähen-Indianer mit Bestimmtheit auf ihr Winterlager zubewegt. So kopflos sie jetzt auch noch durch die schneebedeckte Prärie fliehen mochten, so sicher würde den meisten von ihnen bald dämmern, dass sie nur dort eine Chance zum Überleben hatten. Die Rückkehr zu ihrem Ausgangslager war ihnen abgeschnitten, da sie sicher sein konnten, dass die nun berittenen Weißen diesen Rückweg zu ihrem eigenen Lager nehmen würden.

Die einzelne Verfolgung der in alle Richtungen geflohenen Pferdediebe brachte in keinem Fall etwas. Kit und die Seinen wussten aber auch nicht, wie weit es bis zum Winterlager der Crow in den Rockies war, und wie viele Krieger und Pferde sich bereits eben dort befanden. Möglicherweise genug, um den Spieß umzudrehen. Dann würden die Weißen von Jägern wieder zu Gejagten werden.

“Wir reiten zügig zurück!”, erklärte der junge Trapper kurz.

“Den gleichen Weg?”

“Wir werden einen großen Bogen schlagen. Um den Hügel herum, von dem ich das Lager der Crow beobachtet habe. So weit, dass man uns von dort nicht sehen kann.”

“Warum das, würde meine Schwiegermutter fragen?”

“Nenne es eine dumme Vermutung, Caggins. Akzeptiert es einfach. Wir verlieren damit so gut wie keine Zeit.”

*

In John Gantts Lager brach ein Jubelsturm aus, als der Trupp zurückkehrte. Kit und die Seinen waren erschrocken zurückgewichen und hatten instinktiv zu ihren Waffen gegriffen, als eine unerwartet hohe Zahl von Männern aus den Hütten stürmte - bis ihnen klar wurde, dass es John Gantt selbst und seine Begleiter waren, die endlich von Taos zurückgekehrt waren. Mit festen und flüssigen Nahrungsbeständen, die sie alle sicher über den Winter bringen würden!

Abends gab es ein großes Fest, bei dem die Männer ihre Erlebnisse und Abenteuer austauschten.

“Wo ist Kit?”, wollte John Gantt von seinem Trapper Edwards wissen. “Er ist doch nicht als Wache eingeteilt worden und soll seinen Erfolg gefälligst mitfeiern!”

“Vorhin habe ich ihn rausgehen sehen”, erwiderte Caggins. “Seltsam - irgendwie hat er keinen sehr glücklichen Eindruck gemacht. Als hätte er meine Schwiegermutter beschert bekommen, nicht ich.”

Sein Blick fiel auf den Cheyenne.

“Weiß du, was er hast, Flinker Falke?”

Dieser schüttelte zuerst den Kopf, überlegte es sich dann jedoch anders.

“Gelbhaar ist nicht zufrieden mit sich”, verriet er.

“Was soll das heißen?”

“Er sagt sich, dass er Fehler gemacht hat. Das setzt ihm zu.”

“Was für ein Unsinn!”, blökte John Gantt. “Passieren hätte das jedem von uns können, aber die Sache wieder so hin zu kriegen und sogar noch einen Vorteil daraus zu schlagen - das bringt nicht jeder fertig! Ihr wart zwar mehr als tollkühn, aber es hat alles hingehauen. Und nur das zählt!”

“Es würde ihm vielleicht helfen, wenn Sie ihm das selbst sagen, Mr. Gantt”, schlug Caggins vor. “Sonst fühlt er sich wie ich mit meiner Schwiegermutter, die mich bestenfalls dann lobt, wenn ich tausend Meilen weg bin.”

“Dann sage ich es ihm auch selbst. Sobald er wieder da ist.”

*

In der Tat kam Kit nicht mit sich ins Reine. In seiner mit Fransen verzierten Kleidung aus Wapitileder strich der junge Trapper ruhelos durch einen nahegelegenen Nusskiefernwald:

Aus halb verschneiten Wacholderbüschen stoben schimpfend blaue Tannenhäher auf. Tiefer gelegenes Rascheln verriet fliehende Waldhühner, die sich im Winter von Kiefern- und Fichtennadeln nährten. Schließlich lehnte er sich an einen Baum und starrte voll trüber Gedanken zu den Trapperhäusern hinüber.

So glücklich Kits Begleiter über den Ausgang des Scharmützels mit den Krähen-Indianern und so stolz sie auf Kit selbst gewesen waren, der sie erfolgreich gegen einen weit überlegenen Feind geführt hatte - es war Kit selbst, der sich die heftigsten Vorwürfe machte.

Dass das Unternehmen erfolgreich gewesen war, war reines Glück gewesen. Eine Tollkühnheit, die gerade noch einmal gut ausgegangen war.

Feig war es gewesen, nicht unverzüglich zu Charles Bent zu reiten und ihm seine Unachtsamkeit einzugestehen - und was deswegen passiert war. Bent, der ihm jungen Spund die ganzen Tiere bedenkenlos anvertraut hatte! Wie erleichtert war er doch gewesen, dass Rusty Forsythe sich bereit erklärt hatte, diese peinliche Aufgabe an seiner Stelle zu übernehmen  ... 

Er hatte das Leben von Menschen aufs Spiel gesetzt - von Menschen, die älter als er und schon länger in der Wildnis waren, von Männern, die Väter waren. Sie hatten ihm vertraut, bedingungslos vertraut. Sie waren von seinen Fähigkeiten weit stärker überzeugt gewesen als Kit selbst.

Er hätte einige von ihnen ... er hätte alle von ihnen in den Tod führen können!

Aber das war noch nicht alles.

Er hatte den Angriff nicht richtig vorbereitet. Ihm war sehr wohl bekannt gewesen, dass die meisten Indianer sich Hunde hielten. Folglich hätten sie sich dem Hain gegen den Wind nähern müssen!

Ganz falsch war es auch gewesen, dass er alle seine Gefährten hatte gleichzeitig feuern lassen. Wären die Indianer vor der Heftigkeit der Schüsse nicht voller Entsetzen Hals über Kopf ins Gehölz zurück gerannt, so hätten sie in ihrer starken Überzahl den Sieg davongetragen. Als nahezu alle Trapper mit leeren Flinten praktisch wehrlos dagestanden hatten, hätten die Krähen-Indianer jeden einzelnen von ihnen zu mehreren niedermetzeln können - und das mühelos, weil keinem von ihnen zum Nachladen noch genügend Zeit geblieben wäre!

Nein - Kit war alles andere als mit sich zufrieden. Er dankte seinem Schöpfer, dass alles so glimpflich abgelaufen war.

Daher sah er für sich auch keinen Grund zum Feiern. Deshalb hatte er sich in die Einsamkeit des Waldes zurückgezogen. Er wollte mit sich allein sein.

*

Vier Wochen später kam Gelber Wolf in Bents Handelsfort. Er war der Häuptling jenes Cheyenne-Stammes, dem auch Flinker Falke und Schwarze Schlange angehörten - die beiden Indianer, die bei Kit Carsons Jagdtrupp dabei gewesen und inzwischen längst zu ihren heimatlichen Zelten zurückgekehrt waren. Wieder daheim, hatte Flinker Falke seinen Gefährten von seinen Abenteuern mit dem jungen blonden Trapper erzählt.

Der Zufall wollte es, dass Kit sich gerade bei Charles Bent befand, als Gelber Wolf das Fort besuchte. Die drei Männer begrüßten sich in einem Hinterzimmer, in dem sie allein waren.

“Sei willkommen, Häuptling.” Charles Bents offensichtliche Freude über den unerwarteten Besuch war aufrichtig. “Was führt dich zu mir?”

Kit Carsons väterlicher Freund hatte das Stammesoberhaupt der Cheyenne als zuverlässigen und treuen Handelspartner kennen gelernt. Umgekehrt wusste Gelber Wolf Bents Fairness und Aufrichtigkeit sehr zu schätzen. Unter den weißen Händlern gehörte er zu jener Minderheit, die die Ureinwohner des Kontinents bei ihren Geschäften nicht über den Tisch zogen.

“Nichts von Bedeutung.” Gelber Wolf winkte ab. “Ein Besuch unter Freunden. Seien wir froh, dass wieder alles ruhig ist. Hat dein junger Freund Gelbhaar von seinen Abenteuern mit den Crow erzählt?”

Kit spürte, dass er rot wurde. Bent aber lachte laut auf.

“So wie dir sicher Flinker Falke und Schwarze Schlange davon berichtet haben!”

“Und was hältst du davon?”

Bent wurde wieder ernst und sah Kit und Gelben Wolf nacheinander an.

“Sein Handeln war ebenso tollkühn wie unüberlegt, Gelber Wolf. Doch lag diesem Handeln ein hohes Maß an Verantwortungsbereitschaft zugrunde, die über seine Verpflichtung hinaus ging. Flinker Falke hat Kits Entscheidung gutgeheißen, sonst wäre er nicht freiwillig mit ihm geritten.”

“Das ist allerdings richtig, Freund Bent.” Gelber Wolf nickte zustimmend. “Schwarze Schlange hat sich tags darauf an die Kampfstätte herangeschlichen. Den Donnerstöcken Gelbhaars und seiner Gefährten, denen ein wahres Gewitter entfuhr, sind indessen nur ganze zwei Crow zum Opfer gefallen, die selbst nur mit Bogen, Messer und Pfeilen bewaffnet waren.”

Kit vermochte den Gesichtsausdruck des Cheyenne-Häuptlings bei diesen Worten nicht klar zu deuten. Waren Spott oder Schadenfreude dahinter verborgen?

“Es ging um die Pferde, Gelber Wolf”, widersprach Charles Bent vorsichtig. “Nicht um Menschenleben.”

Gänzlich unerwartet ließ das Oberhaupt des Cheyenne-Stammes ein listig-verschmitztes Lächeln aufblitzen.

“Du kennst uns Ureinwohner wohl immer noch nicht lange genug, Freund Bent, um zu merken, wann wir im Scherz sprechen und wann nicht. So seid denn beide beruhigt! Ich weiß sehr wohl, wie viel ungeheure Zuversicht und Ausdauer und welch hoher Grad an Tapferkeit vonnöten war, um mit so wenigen Männern so vielen Feinden die Stirn zu bieten. Hör auf, noch weiter zu erröten, Gelbhaar! Du sollst auch mit deiner gewöhnlichen Gesichtsfarbe einer von uns werden.”

Bei den letzten Worten hob er seinen Arm über den jungen Trapper, in der feierlichen Art, die bei der Weihe eines neuen Cheyenne-Häuptlings Brauch war. Gelber Wolfs tiefe Stimme hallte von den Holzwänden wieder, als er weitersprach.

“Mein Sohn: Vom heutigen Tag an wird dich unser Volk Vih’hiu-Nis nennen. Bewahre diesen Ehrennamen bis an dein Lebensende!”

Dann verabschiedete er sich.

“Na?”, wandte sich Charles Bent lächelnd an seinen jungen Freund. “Immer noch zerknirscht?”

“Ich kann es nicht glauben.” Fassungslos schüttelte der sehnige junge Trapper den Kopf. “Zunächst fürchtete ich, er wollte mich zurechtstutzen, weil ich seine beiden Krieger dermaßen in Gefahr gebracht habe. Aber das ... alles hätte ich erwartet, nur das nicht.”

Charles Bent zuckte lächelnd die Schultern.

“Wie du siehst, gelten im Westen ganz andere Maßstäbe. Willkommen unter den gestandenen Männern, Sohn!”

*

Kit Carsons Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück.

Auf dem weitläufigen Rendezvous-Gelände sprach sich das bevorstehende Duell wie ein Lauffeuer herum. Das Lärmen, der Handel und das Saufen gingen weiter wie gewohnt, und doch lag bereits eine gewisse Spannung in der Luft. Auch bei den zahlreichen Pferderennen ging das Interesse zurück. Besonders eifrige Zuschauer begannen rasch Wetten gänzlich anderer Art abzuschließen.

Wieder war es Rusty Forsythe, der Kit mitten im Gedränge am Arm ergriff.

“Hast du dir das überhaupt gründlich überlegt, Sohn? Shumar ist schließlich nicht nur für seine Bärenkräfte, sondern auch für seine Wut und seine Heimtücke bekannt.”

“Und für sein Saufen.”

“Verlass dich nicht darauf. Wenn’ s drauf ankommt, ist er stocknüchtern. Ich fürchte, du hast dir ein bisschen zuviel vorgenommen.”

“Ich hab’ s den Arapaho versprochen. Die rücken uns auf den Pelz, wenn Shumar nicht eins auf den Deckel bekommt.”

“Nur eins auf den Deckel bekommt? Das wird ein Zweikampf auf Leben und Tod, Kit!”

“Das kann ich dann auch nicht mehr ändern.”

Charles Bents Faktotum schüttelte den Kopf.

“Wie kannst du nur so ruhig dastehen? In weniger als einer Stunde kann Shumar dir das Lebenslicht ausgeblasen haben, und du tust, als wäre nichts!”

“Früher oder später musste es so kommen, Rusty”, bequemte sich der junge Trapper schließlich zu einer Erklärung. “Damals, als ich Charles Bents Pferde zurückgebracht hatte, ahnte ich noch keine Zusammenhänge. Erst später, am Colorado River, wurde mir einiges klarer ... ”

“Und was?”, wollte Rusty Forsythe wissen.

Kit begann zu erzählen.

*

Längst war es Frühling geworden. Aus den Tiefen der Wälder erdröhnten die Brunftschreie der Großohrhirsche, aus Nusskiefern und Wacholderbüschen stob der Blaue Tannenhäher, um seinem Nachwuchs Nahrung zu bringen. Auf saftigen Wiesen leuchtete das Gelb der Dotterblumen und Rittersporne, das Blau des Eisenhuts und des Borretsch und das Scharlachrot der Robelien.

Die Frühjahrsexpedition John Gantts geriet indes zu einem Fehlschlag. Ständig waren ihnen Indianer auf den Fersen. Keine Woche verging, in der sie nichts raubten oder stahlen - Pferde, Fallen, Vorräte, Ausrüstung. Die Ausbeute lohnte sich kaum noch.

Caggins und die anderen bedrängten Kit Carson, Gantt zu verlassen und mit Fitzpatrick oder Jim Bridger ins Gebirge zu ziehen und dort auf Biberjagd zu gehen. Der junge Trapper aber hielt sich an sein Versprechen gebunden, das er John Gantt gegeben hatte. Bedrückt stellte er fest, dass seine waghalsige Winteraktion gänzliche unerwartete Folgen hatte: Die Männer blieben bei Gantt, weil Kit blieb. Er zog sie in etwas hinein, was er wegen seines Versprechens eigentlich allein hatte ausbaden wollen.

Dann kam es, wie es kommen musste.

Beim folgenden Sommertreffen der Mountain Men war Gantt in solche Zahlungsschwierigkeiten geraten, dass er seiner Crew den gesamten Gewinnanteil schuldig bleiben musste. Das gab den Ausschlag.

Kits Ansehen war ständig gewachsen. Leicht hätte er an jede Expedition Anschluss gefunden, die in diesem Herbst nach der Zusammenkunft am Green River zum Fang aufbrach. Doch die letzten Monate hatten in seiner Einstellung einen großen Wandel bewirkt. Er war bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen, die Fallenstellerei auf eigene Faust zu betreiben. Und es gab Männer, die nicht mehr von seiner Seite weichen wollten.

Caggins war einer von ihnen.

“Du hast das Zeug zu einem Truppführer, Kit”, redete er auf den Jüngeren ein. “Keiner lernt so schnell wie du, keiner kann sich soviel Wege und Gelände merken. Du kannst inzwischen besser als wir alle mit den Indsmen in ihrer Muttersprache reden. Du wagst waghalsig sein, bleibst aber besonnen, solange es nötig ist. Und wir mögen dich, verdammt nochmal! Sei also unser Anführer!”

“Ihr seid bereit, mir auch dorthin zu folgen, wo noch niemand Biber gejagt hat?”

“Das darfst du glauben.” Caggins hatte keine Sekunde mit der Antwort gezögert. “Denn das muss dann ein Ort sein, an dem sich auch meine Schwiegermutter bestimmt niemals blicken lässt. Wo soll ’s deiner Meinung nach denn hingehen?”

Die Augen des jungen Trappers mit der schulterlangen blonden Mähne bekamen einen Augenblick lang einen versonnenen Ausdruck.

“Kennst du den Colorado River, Caggins? Seine tausend und abertausend Windungen und Schlunde? Stell dir den schier unermesslichen Grand Canyon vor! Der Colorado ist sein einziger großer Abfluss. Seine Nebenflüsse bringen ihm alles Wasser zu, das von den Schneefeldern auf den Gipfeln des Colorado- und des Utah-Massivs  und von den Niederschlägen aus dem riesigen Raum zwischen den Uinta-Bergen und dem Arizona-Massiv stammt! Ein Paradies für Biber!”

“Der Colorado ist endlos lang”, wandte Caggins ein. “Wie eine Standpauke meiner Schwiegermutter. Welchen Abschnitt hast du im Auge, Kit?”

Der junge Mountain Man hatte die Antwort längst parat.

“Es gibt da ein weitläufiges Areal, auf dem der Colorado River über mehr als eine Meile ein äußerst starkes Gefälle hat. Dort braust er reißend und schäumend zwischen den Felswänden von tausend Fuß tiefen Cañons dahin. An seinen dortigen Nebenflüssen - dem Williams, Sawatch, Blue, Eagle, Roaring Fork, Frying Pan und Gunnison-River - sind bis auf den heutigen Tag noch niemals Biber gejagt worden!”

“Das ist völlig unbekannte Wildnis, Kit!”

“Wir werden sie erkunden, Caggins. Und wir werden eine Ausbeute machen, bei der alle anderen vor Neid erblassen. Also - bist du dabei?”

Caggins kratzte sich aufgeregt den Hinterkopf.

“Junge, du hast vielleicht Ideen. Wie viele sollen wir sein?

“Eine Handvoll entschlossener Männer genügt. Wir wissen bereits, wer mitmachen will, nicht wahr?”

*

Im Nachhinein hatte Kit sich gewundert, wie reibungslos dieser Sprung ins kalte Wasser, dieser Weg ins Ungewisse und in die Selbständigkeit zugleich gelungen war. Doch er kannte jeden einzelnen Schritt der Vorbereitungen einer Trapper-Expedition. Nur hatte er sie bisher stets für andere vollzogen und nie in eigener Verantwortung für sich selbst. Und für seinen ersten eigenen Trupp dazu.

Er konnte sich nicht nur, er musste sich vorwiegend auf seine eigenen Kenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten verlassen. Als die Handvoll Männer in Richtung des Hochgebirges zwischen dem heutigen südwestlichen Colorado und dem östlichen Utah losgezogen war, blieb ihr neuer Name zurück: “Kit Carson Men”. Kit Carson selbst bekam ihn überhaupt nicht mehr zu hören.

Ohne Kompass oder Karte bahnten sich der junge Truppführer und seine Männer den Weg durch die unbekannte Wildnis der Gipfel und Schründe. Nur vom angeborenen Orts- und Orientierungssinn geleitet drangen sie in ein unberührtes Land voll wilder Schönheit ein, dem Lauf des Colorado ins Hochgebirge folgend - bis dorthin, wo vor alpinen Matten wieder Gelbkiefern, Fichten, Tannen und Espen die Hochtäler bewuchsen, wo Wacholder und Nusskiefer ihre Ränder säumten. Wapiti- und Virginia-Hirsche, Pumas und Baribals durchstreiften Buschwerk und Wiesen. Braune Schneefinken, die kaum bewachsene Hänge und Halden in kalten Höhen liebten, zogen ihre schnellen, hektischen Bahnen über den Köpfen der Pelzjäger. Mit wechselnden Lagern zogen die Pelzjäger von Revier zu Revier.

Das Fleisch des Bibers spielte bei der Jagd keine Rolle. Gegessen wurde es wirklich nur in Notfällen, wenn kein anderes jagdbares Wild in Reichweite war. Allein der Schwanz des Bibers galt unter erfahrenen Jägern als große Delikatesse.

Was allerdings noch von den Bibern verwertet wurde, war die Moschusdrüse am After. Sie konnte für ganze drei Dollar weiterverkauft werden, da ihr Inhalt ein unverzichtbarer Köder für die Biberjagd war.

Zum wichtigsten Teil einer Trapperausrüstung gehörte die eiserne Schnappfalle. Jeder Trapper nannte mindestens ein halbes Dutzend sein Eigen. Eine solche Falle kostete zwischen 12 und 16 Dollar und wog ungefähr fünf Pfund. An der Falle war eine ungefähr anderthalb Meter lange Kette befestigt, mit einem Drehgelenk, damit sie sich nicht verwickeln konnte.

Zum Setzen der Fallen watete ein Trapper im Fluss dort, wo das Wasser ungefähr knietief war, Flussaufwärts - also gegen die Strömung. Die Ufer mussten von menschlichem Geruch frei bleiben, um die scheuen Tiere nicht zu warnen. Dies war auch ein Grund dafür, dass Fallen auch dann unter Wasser aufbewahrt wurden, wenn sie gerade nicht gebraucht wurden. So nahmen sie nicht den Geruch der Menschen an.

Ebenso vermied jeder erfahrene Trapper, mit seinen Pferden und Packtieren zu nahe an Biberbauten heran zu reiten. Denn bereits die durch den Hufschlag ausgelöste Bodenvibration konnte die Biber verscheuchen.

Die Fallen wurden auf Uferbänken gesetzt, ungefähr eine Handbreit unter Wasser. Zu diesem Zweck wurde ein starker Stock in das Flussbett gerammt, an dem die Kette befestigt wurde. Dieser Stock markierte zugleich die Position der Falle. Direkt neben ihr wurde ein Zweig in das Flussbett gesteckt, dessen oberes Ende über der Falle aus dem Wasser ragte. Und dieses Teil wurde mit „Castor Castorum“ bestrichen - dem Moschus aus der Moschusdrüse des Bibers. Unter Trappern wurde diese Substanz schlicht „Bibergeil“ genannt. Diese grüngelbe, schleimige Flüssigkeit zog die Biber geradezu  magnetisch an.

Und wie überall war Erfahrung wichtig. Ein gestandener Mountain Man konnte bereits aus Größe und Beschaffenheit eines Biberbaus schließen, wie viele Biber dort lebten und wie sie am erfolgreichsten zu jagen waren. Ein frisch gefällter Cottonwoodbaum wurde stets untersucht, um festzustellen, ob er für den Bau eines Damms oder zur Ernährung gefällt worden war. Alle Fährten, Abdrücke, Wildwechsel und Schleifspuren von Tieren wurden genau überprüft.

Für die Verpackung der Felle entwickelten die Trapper eine einfache und zweckmäßige Presse aus Holz, mit der die Pelze zu einem steinharten Bündel gepackt werden konnten. Sie wogen ungefähr hundert Pfund, enthielten etwa sechzig bis achtzig Felle und wurden in Lederhäute oder festes, wasserdichtes Segeltuch eingenäht. Dabei kamen die besten Pelze nach innen. So ein Packen konnte gut und gerne seine fünfhundert Dollar wert sein.

Dies war ein Grund, sie besonders sorgfältig zu bewachen - zumal ein einziger Mann genügte, um ein solches Bündel zu stehlen und sich damit davonzumachen. An den langen Abenden am Lagerfeuer wurden stets die neuesten und wichtigsten Erfahrungen ausgetauscht. Sie schweißten die Männer noch enger zusammen. Immer mehr zeichnete sich ab, dass unter dem jungen Kit Carson eine Schar zusammengefunden hatte, die jahrelang so bestehen konnte und auf jeden Fall wollte, soweit es die Umstände zulassen würden.

*

Die Wochen vergingen. Längst betrug ihre Ausbeute ein Vielfaches von dem, was sie jemals auf einer früheren Jagdsaison zusammengebracht hatten.

An diesem frühen Morgen war der kleine, vierschrötige Vance Reynolds als Wache im Lager der Kit-Carson-Männer zurückgeblieben. Er war ein alter Hase, der sein Fell oft genug dem kalten, reißenden Gefälle schneller Gebirgsflüsse ausgesetzt und der Lawinen, Felsstürze und Kuguare überlebt hatte. Seine Stärke war seine Verlässlichkeit. Er war aber auch lange genug im Geschäft, um keine Illusionen mehr zu haben.

Es hatte bisher kein Rendezvous gegeben, auf dem er nicht sein mühsam verdientes Geld stets aufs Neue und zur Gänze sinnlos verprasst hatte. Einmal Trapper, immer Trapper  ...  ein Sommerparadies, das wenige Wochen währte, mit allen Vergnügungen, die Weiber und Whiskey nur geben konnten. Davor und danach: Ungefähr zehn Monate kaltes Wasser und gefährliche Strudel. Kälte, die bis auf die Knochen drang. Angst vor feindlichen Indianern. Angst davor, dass Rivalen die eigenen Vorräte fanden und plünderten oder die Cachés, die Fellverstecke entdeckten. Und die unendliche Monotonie der Winterlager.

Vance Reynolds lag in einer Fellmatte, die er zwischen zwei Bäume gespannt hatte. Von hier aus hatte er einen guten Blick den Colorado hinunter. Doch seine schwermütigen Gedanken hatten ihn müde gemacht, ihm die Augenlider herunter sinken lassen.

Als er die Stahlklinge an seinem Adamsapfel spürte, wäre ihm vor Schreck beinahe das Herz stehengeblieben.

“Du sprichst nur, wenn ich frage.”

Reynolds entfuhr ein Angstlaut. Sofort verstärkte sich der Druck der Klinge.

“Wo sind die anderen?”

Was Reynolds die meiste Furcht einjagte, war die Größe der Pranke, in der der langgezogene Griff des Pennsylvania-Jagdmessers geradezu verschwand. Ihrem Besitzer musste es ein Leichtes sein, einen Menschen mit roher Kraft zu töten. Und er stank. Es war der Körpergeruch eines rohen, gewalttätigen Riesen.

Vance Reynolds bangte um sein Leben. Er begann zu reden. Erst stockend, dann immer schneller.

“Zähl alle auf”, knurrte der unheimliche Bedroher zwischendurch. “Es ist deine einzige Chance mit dem Leben davonzukommen.”

Angstschweiß lief Reynolds in Strömen herunter. Wieder fiel sein Blick auf die Pennsylvania-Klinge, die an seiner Kehle lag. Ein Tier war daraufhin eingraviert, halb Pferd, halb Alligator. Es entstammte der Fabelwelt der Trapper, die in der Zivilisation mit seiner Existenz geprahlt hatten.

Vance Reynolds kannte diese Waffe.

“Das ist Wesleys Klinge!”, brach es aus ihm heraus. Jähe Angst um den Kameraden durchzuckte ihn.

“Er war etwas weniger entgegenkommend als du”, ließ sich der Riese in seinem Rücken vernehmen. "Deshalb braucht er sie jetzt dort, wo er ist, nicht mehr.”

In diesem Moment gelang es Reynolds, sich loszureißen.

*

Caggins und Duncan Forbisher waren von Kit Carson den Roaring Fork River hinauf geschickt worden, um nach weiteren Bibersiedlungen Ausschau zu halten. Der temperamentvolle Fluss hatte sich ein abwechslungsreiches Bett gegraben. Wo es ging, vermieden die Kameraden die Nähe des Ufers, um die Tiere nicht aufzuscheuchen. Deren Bauwerke und andere Spuren ihrer Aktivitäten waren auch noch aus größerer Entfernung zu erkennen.

Caggins blieb unvermittelt stehen.

“Sieht aus, als müssten wir uns doch nasse Füße holen, Partner.”

Duncan schüttelte den Kopf.

“Da”, wies er schräg nach oben. “Vom Steilufer ist weiter oben ein ewig langes Stück herausgebrochen und ganz runtergerutscht. Die obere Kante des Bruchstücks könnte bis da hinter führen, wo das Ufer wieder flacher wird. Aber man kann ’s von hier aus nicht einsehen.”

“Probieren wir ’s”, stimmte Caggins zu.

Sie mussten streckenweise mühsam balancieren, doch keiner verlor den Tritt. Dann kam eine Stelle, an der der Untergrund so stabil wie überall aussah. Doch als Duncan seinen Fuß darauf setzte, brach ein yardbreites Stück heraus, und der Trapper rutschte nach unten, dem Fluss entgegen.

Caggins setzte zu einer schadenfrohen Lache an, als der Schuss fiel. Er riss dort ein Stück aus dem Steilufer, wo sich eben noch sein Oberkörper befunden hatte.

Der zweite saß noch näher.

Caggins fühlte sich wie auf dem Präsentierteller. Hektisch hielt er nach einer Deckungsmöglichkeit Ausschau, egal, wie klein sie sein mochte. Doch er sah nichts.

Mit einem kleinen Sprung und zusammengebissenen Zähnen folgte er seinem Kameraden nach unten. Während er sich bald den Hosenboden versengte, fiel ein dritter Schuss, der ihn wieder nur knapp verfehlte.

Unten bemühte sich Duncan mit hektischer Anstrengung, im Flussbett mittelgroße Felsen aufeinander zu häufen.

“Halte deine Waffen trocken!”, warnte er den herabrutschenden Caggins. “Gib mir Feuerschutz, damit ich noch mehr Brocken aufschichten kann!”

Caggins fing sich gerade noch rechtzeitig ab. Duncans Wall war in der kurzen Zeit immerhin schon so weit angewachsen, dass sie eng zusammengekauert gerade einmal zu zweit dahinter Platz fanden. Forbisher war bereits bis auf die Haut durchnässt.

“Eine Falle!” Caggins machte seine Ridout-Flinte aus Neu-England schussfertig, während Duncan Forbisher weiter schichtete. “Eine gottverdammte Falle! Und offensichtlich keine Indsmen.”

“Also Konkurrenz”, vermutete Duncan. “Wie können sie uns nur gefolgt sein, ohne dass wir sie bemerkt haben?”

Ein weiterer Schuss riss ihm beinahe die Pelzmütze vom Kopf.

“O verdammt!”, zischte Caggins, der die Schussrichtung verfolgt hatte. “Es sind mindestens zwei.”

“Das heißt, sie können uns sauber in die Zange nehmen.” Duncans Worte verrieten, dass ihm die Konsequenz sofort klar geworden war.

“Lange können wir uns bestimmt nicht halten”, stellte Caggins fest. “Ich hoffe nur, dass einer der unseren die Schüsse gehört hat.”

“Und ich hoffe erst recht, dass sie nicht in vergleichbaren Schwierigkeiten stecken.”

“Du meinst ... ”

“Allerdings.” Duncan spuckte aus. “Das sieht mir ein wenig arg abgekartet aus.”

Wieder schlug direkt neben ihnen ein Schuss ins Wasser.

*

Kit Carson war viel zu weit entfernt, um die Schüsse hören zu können. Er hatte an diesem Morgen gerade sieben seiner Newhouse-Biberfallen im Fluss verteilt und war soweit, den Rückweg ins Lager anzutreten.

Sonnenlicht und Wolkenfetzen zauberten die unterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Farben auf die Canyonwände, ließen sie wie lebendig erscheinen. Rosiger und malvenfarbiger Dunst lag über dem Colorado. Es fiel Kit schwer, seinen Blick von diesen Naturschauspielen abzuwenden.

Als er dabei war, ans Ufer zu waten und ihm das Wasser nur noch bis an die Oberschenkel stand, sah er ein Aufblitzen an den Canyonwänden. Im nächsten Moment fiel ein Schuss.

Vor Kit lag ein hüfthoher Felsen im Fluss. Wie getroffen ließ sich der junge Trapper mit dem Vorderleib darauf sacken. Wie zufällig kam sein Oberkörper so zu liegen, dass er der Richtung abgewandt war, aus der geschossen worden war.

Der heimtückische Schütze konnte von seiner Position aus nicht erkennen, wie tief das Wasser hinter dem hüfthohen Felsen war. Kit fand halb kniend festen Stand, ohne seinen Oberkörper zu bewegen, und öffnete sein linkes Auge nur einen Spalt.

Es wurde eine harte Geduldsprobe. Bald würde er einen Krampf bekommen.

Endlich zeigte sich zwischen den höhergelegenen Uferfelsen Bewegung. Zuerst erschien der Lauf einer großkalibrigen Slotter-Flinte, die in Philadelphia hergestellt wurden, dann ihr Besitzer. Sein hageres Schurkengesicht passte zu seiner gewissenlosen Vorgehensweise.

Zögernd verharrte er. Offensichtlich war er sich seines Treffers doch nicht so sicher. Er lud nach.

Mühsam versuchte Kit, sein Gewicht auf das andere Bein im Fluss zu verlagern, ohne sich über Wasser zu bewegen. Die Strömung war gerade an dieser Stelle besonders stark.

Zugleich tastete er mit dem Arm, der dem hinterhältigen Angreifer abgewandt war, nach seiner Rappahannock-Holsterpistole. Er hatte sie sich vor der Arbeit um die Brust gebunden, damit sie im Fluss nicht nass wurde.

Der andere hatte nachgeladen und kam näher. Am Ufer blieb er stehen. Die Entfernung zu Kit mochte ungefähr noch ein Dutzend Schritte betragen. Er schien dem Frieden immer noch nicht zu trauen.

Kit war mit der tastenden Hand schon beinahe am Pistolengriff, als er erstarrte.

Der andere legte erneut an! Offensichtlich wollte er sichergehen.

Und aus dieser Entfernung konnte er nicht mehr daneben schießen!

Der Felsen bot zu wenig Deckung, um sich dahinter verschanzen zu können. An die Pistole kam er nicht mehr rechtzeitig, um sie einsetzen zu können. Ihm blieb eine einzige Möglichkeit.

Er ließ sich ins Wasser gleiten. Da er sich dabei nicht weiter bewegte, sah es eher so aus, als habe ihn die starke Strömung vom Felsen gerissen.

Kein Schuss fiel. Mit angehaltener Luft ließ Kit sich bewegungslos treiben.

Die Rappahannock-Holsterpistole war unbrauchbar geworden. Die Wapitilederkleidung sog sich langsam voll und wurde schwerer. Lange konnte er dieses Spiel nicht durchhalten.

Er ließ sich “zufällig” so gegen einen weiteren Felsen treiben, dass er Luft holen und es riskieren konnte, die Augen erneut ein wenig aufzumachen.

Der andere folgte ihm am Ufer entlang!

Kit kannte diesen Flussabschnitt wie seine Westentasche. Sein Pech setzte ein, als ein felsenfreier Flussabschnitt kam und er nach Luft schnappen musste. Er versuchte, dies so unauffällig wie möglich zu tun, aber der andere hatte ihn genau beobachtet.

“Du lebst noch, du Hund! Du hast mich getäuscht, verdammt!”

Kit tauchte in den Fluss. Die nächste Kugel zog dort eine quirlende Bahn durch das Wasser, wo er sich soeben noch befunden hatte.

Das Ufer wurde zerklüfteter und schwerer zu begehen. Durch das Nachladen verlor der Verfolger ebenfalls wertvolle Sekunden. Aber das Gelände war so beschaffen, dass er den jungen Trapper nicht mehr aus den Augen verlieren würde. Und der war trotz der Strömung im Fluss langsamer als er an Land.

Kit musste nach oben und schnappte keuchend nach Luft. Der andere hatte bereits nachgeladen.

Wieder ragten mehrere größere Felsen aus dem Wasser. Sie waren alles andere als großartige Deckungsmöglichkeiten. Aber sie waren groß genug, um einen Vorteil zu haben: Sie lagen nahe am anderen Ufer. Der Verfolger musste ins Wasser, um einen sicheren Schuss anbringen zu können.

Und Kit kannte diese Stelle genau.

Sehr genau.

Der junge Trapper hatte gerade den nächstgelegenen Felsen erreicht, als wieder ein Schuss fiel. Die Kugel schrammte so knapp vorbei, dass Splitter aus dem Felsen schlugen. Einige trafen seine Wange, die zu bluten begann.

Der schmalgesichtige Schurke ließ sich jetzt Zeit. Kit konnte ihm niemals schnell genug nahe kommen, um ihm gefährlich zu werden, ehe er nachgeladen hatte. Das tat er jetzt wieder.

Das Gelände war übersichtlich. Kit konnte ihm nicht entkommen. Es war nur eine Frage der Zeit.

“Wer bist du Hund?”, rief der blonde junge Trapper über den Fluss.

“Das geht dich nichts an”, gab der Halunke zurück.

“American Fur?”

“Glaub ’s, wenn du willst. Hilft dir auch nichts mehr!”

Die Konkurrenz im Pelzgeschäft war unerbittlich und wurde gnadenlos und ohne Bandagen ausgetragen. Kit Carsons Lehrmeister und Freund Jim Bridger jagte seit Jahren für die Rocky Mountain Fur Company, und Kit war ihm dorthin gefolgt.

“Von da drüben kriegst du mich nicht!”, ließ Kit sich vernehmen. “Da schlägst du eher Wurzeln.”

Das sah der hinterhältige Schurke ebenso. Und allzu viel Zeit wollte er offensichtlich nicht verlieren. Er stieg aus seinen Stiefeln. Folglich hatte er die Absicht, nach getaner Arbeit mit trockenen Füßen zu verschwinden. So ersparte er sich womöglich eine Erkältung.

“Das würde ich nicht tun!”, gellte die Stimme des jungen Trappers herüber.

“Dich umlegen?”

“Ohne Stiefel ins Wasser gehen. Es mag eine prima Idee sein, wenn du dir deine Teile mal wäschst, aber danach würde ich mir die Klotzer wieder anziehen.”

“Und warum?”

“Ist verdammt unangenehm, auf Kieseln zu gehen. Einige sind recht kantig. Und du rutscht leichter weg.”

“Du bist ja richtig hilfreich, Grünschnabel. Dein Pech, dass ich Fußsohlen wie Leder habe. Bin jahrelang barfuß gelaufen.”

“Deinem Gesichtsausdruck ist davon etwas geblieben. Aber ich warne dich noch einmal, ohne Stiefel ins Wasser zu gehen.”

“Sprich du lieber dein letztes Gebet, Jüngelchen.”

“Letzte Warnung.”

“Halt die Klappe.”

Mit nackten Füßen stieß der hagere Verfolger seine Stiefel noch weiter an Land, damit der unruhige Fluss sie nicht doch noch erwischen konnte. Dann stieg er ins Flussbett.

Er ließ sich Zeit. Kit sah, dass er nicht übertrieben hatte. Die Steine schienen ihm wirklich so gut wie nichts auszumachen.

Rasch wurde es knapp. Kit huschte von einem Felsen zum anderen. Er beschrieb dabei eine Bahn, die ihn wieder vom Ufer wegführte.

“Jetzt kriegst du doch Panik, was?” Der hagere Schurke lachte. “Bleib stehen, dann hast du es schneller hinter dir.”

“Bleib lieber du stehen.”

“Ich werde dein Mundwerk extra erschießen. Hasta la vista.”

Wieder prallte der Schuss vom Felsen ab. Diesmal jedoch erwischte er Kits Schenkel. Die Furche in der Hose füllte sich rasch mit Blut. Und im Nu hatte der andere wieder nachgeladen.

Kit wusste, dass er nächste Schuss sitzen würde. Trotz des brennenden Schmerzes hinkte er weiter in den Colorado hinein.

Der andere folgte ihm, um ihm den Gnadenschuss zu geben.

Noch ein Schritt ... 

Der Halunke stieß urplötzlich einen grauenvollen Schrei aus. Er taumelte, versank, und ließ auch unter Wasser die Flinte nicht los. Prustend kam er wieder hoch und schrie erneut vor Schmerzen.

Mit zusammengebissenen Zähnen watete der junge Trapper auf ihn zu.

Der andere versuchte noch, sein Messer zu ziehen. Kit verdrehte ihm den Arm, dass der Schurke erneut vor Pein laut aufjaulte.

“Kein Vergnügen, barfuß in eine Newhouse-Biberfalle zu steigen, was? Ich hatte dir doch gesagt, du sollst die Stiefel anlassen!”

*

Was Kit mit Nachdruck aus seinem heimtückischen Verfolger herausgepresst hatte, hatte ihn keine Sekunde länger verharren lassen.

Der Kerl war nicht allein gekommen. Offensichtlich war man ihnen schon seit längerer Zeit auf den Fersen.

Dass die Sache von langer Hand geplant war, war so gut wie sicher. Die Verfolgung war mit größter Umsicht geschehen. Das erforderte ein hohes Maß an Vorsicht und Geduld. Und eben Zeit, die man erst einmal haben musste.

Aber es war natürlich nicht dumm, so lange hinterher zu spähen, bis man die wechselnden Lager der Verfolgten ausfindig gemacht hatte. Und vor allem deren Pelzverstecke - die “Cachés”, wie sie von französisch-stämmigen Waldläufern - coureurs des bois - auch genannt wurden. Das lohnte die Mühe.

Den brennenden Schmerz auf seinem Oberschenkel steckte der blonde junge Trapper weg, so gut er konnte. Die blutige Wunde, die der Streifschuss gerissen hatte, würde so schnell nicht verkrusten. Nicht bei der Geschwindigkeit, mit der Kit Carson sich flussaufwärts bewegte.

Er benötigte über eine Dreiviertelstunde, bis er in der Ferne das Lager erkennen konnte. Und die zusammengekrümmte Gestalt auf Flussufer. Doch Vance Reynolds war nicht mehr zu helfen.

“Er war ... ein Hüne”, brachte der Sterbende mühsam hervor. “Ich konnte mich losreißen, Kit. Aber dann ... hat er mich wieder eingeholt. Und mit dem Messer ... mit dem Messer ... du siehst es ja. Er wusste bereits, wo Caggins und Duncan ihre Fallen aufstellen. Aber dann ... dann musste ich ihm noch unser Caché verraten. Du ahnst nicht, was er getan hat, um mir dieses Geheimnis abzupressen ... ”

“Der Sauhund.” Kit presste die Lippen zusammen. “Gib Ruhe, Vance. Ich will versuchen, das Blut ... ”

Es hat keinen Sinn mehr, Kit.” Vance Reynolds stöhnte schmerzerfüllt auf. “Das siehst du doch.”

“Er wird es büßen, Vance. Und wenn ich ihn bis ans Ende der Welt jagen muss.”

“Er ... ich habe noch nie einen solchen Riesen von Menschen gesehen, Kit. Das Caché! Du musst es erreichen, bevor dieser Schweinekerl ... aber auch Caggins und Duncan sind in größter Gefahr!”

Kit entschied selbst, was wichtiger war.

*

Mit Vance Reynolds’ trockener Pistole und Munition eilte Kit das Ufer des Roaring Fork hinauf so schnell er nur konnte. Nachdem er ohnehin schon zur Gänze durchnässt war, kühlte er so wenigstens nicht ab.

Als er die ersten Schüsse hörte, fand er seine schlimmsten Ahnungen bestätigt. Und doch waren sie auch ein gutes Zeichen. Wo Schüsse gewechselt wurden, standen sich noch feindliche Parteien gegenüber. Caggins und Duncan Forbisher waren folglich noch am Leben. Zumindest aber einer von ihnen.

Die Zahl der Angreifer und Belagerer aber blieb ungewiss. Daher musste er sich - bei aller Eile, die geboten sein mochte - so lange wie nur möglich ungesehen näher pirschen.

Die Hochufer waren eher spärlich bewachsen. Kit konnte nur hoffen, dass die gegnerische Partei durch den Schusswechsel weitgehend abgelenkt war.

Also hinauf!

Nur wenige Minuten später sah er, was sich abspielte. Caggins und Duncan wurden von einer höher gelegenen Stelle unten im Flussbett beschossen. Die geringe Deckung, die sie sich mühsam und unter höchsten Gefahren aufgehäuft hatten, würde nicht lange standhalten.

Trotzdem war Kit gezwungen, sich soviel Zeit zu nehmen wie nötig war, um festzustellen mit wie vielen Gegnern sie zu tun hatten.

Er wartete ab, bis wieder geschossen wurde. Danach war er sicher, dass Caggins und Duncan es nur mit zwei Gegnern zu tun hatten. Die aber lagen in einer weit vorteilhafteren Position. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Kits Kameraden den Garaus gemacht hatten.

An die beiden war nicht heranzukommen. Es sei denn ... 

Schräg über ihnen wuchs eine Drehkiefer aus dem Hochufer. Ein anspruchsloser Nadelbaum, der noch auf Bimsstein und Gerölllawinen sein Auskommen finden konnte.

Dieses Exemplar mochte bereits mehrere Mannesalter auf dem Buckel haben. Das war wörtlich zu nehmen: Da sie ihre Wurzeln ins Steilufer geschlagen und der Wipfel im Wachsen nach oben gestrebt hatte, bildete sie einen ausladenden Bogen wie ein gigantisches Blashorn. Das Geäst war nicht sonderlich dicht, aber Kit hatte keine andere Wahl.

Der Baum rankte so hoch und so weit ins Freie, dass man weiter oben die Gegner ins Visier bekam!

Es war kein Vergnügen, sich mit bloßen Händen durch das kratzige Astwerk nach oben durchzukämpfen.

Kit stieg mit äußerster Umsicht höher. Der Baum durfte sich so wenig wie möglich bewegen. Schräg über den beiden Angreifern empor ragend, lag er auch in deren Blickwinkel.

Endlich hatte er schwitzend und zerkratzt die richtige Position erreicht. In dieser Zeit waren weitere Schüsse auf Caggins und Duncan abgefeuert worden, die jedoch keinen Schaden angerichtet hatten. Noch nicht.

Kit zog Vance’ Pistole und brachte sie in Anschlag. Hier oben lag das heimtückische und lästige Astwerk noch näher zusammen. Der junge Trapper musste sich vorsehen, dass ihm keiner der dürren kleinen Zweige, von denen die Rinde bröselte und staubte, ins Auge stach.

Er hatte sein Ziel mit Reynolds’ Pistole perfekt anvisiert und war dabei, abzudrücken, als ein Knirschen und Krachen sein Herz vor Schreck beinahe stillstehen ließ.

Der Baum trug Kits zusätzliches Gewicht nicht mehr! Kit fühlte sich mit dem Stamm nach unten sacken, geradezu auf die Gegner zu!

Diese fuhren jäh herum und schossen. Eine Kugel schlug in den Stamm ein, die zweite fuhr zwischen den Ästen hindurch.

Kit sah, dass der Baum, der seinen Halt erst teilweise verloren hatte, an den hinterhältigen Schurken vorbei nach unten fallen würde - Richtung Fluss, und ihnen damit direkt vor die Füße. Dort würde er eine ebenso gute Zielscheibe abgeben wie Duncan und Caggins.

Instinktiv warf sich der junge Trapper mit seinem ganzen Körpergewicht nach links, ohne den Stamm der Drehkiefer loszulassen. Diese machte daraufhin ihrem Namen unfreiwillig Ehre. Während die letzten Wurzeln rissen, wand Kit sich und den Stamm im Uhrzeigersinn halb herum. Als sie völlig von der Felswand gelöst im Gepolter von Steinen und Erdklumpen nach unten sackten, fielen Mann und Baum voll auf die beiden Halunken zu!

Diese fanden keine Zeit zum Nachladen. Der Baumwipfel fuhr über sie hinweg, alles darunter krachte mit voller Wucht auf ihre geschützte Stellung. Mit Kit am oberen Stammende voraus, glitt der Baum weiter ins Flusstal. Die Wurzeln der Drehkiefer aber rissen die beiden Schurken mit sich!

Kit sah sich kopfüber auf einige mannshohe Uferfelsen zu rutschen und drehte sich rasch, um den Aufprall mit den Füßen abfangen zu können. Überall wo er keine Wapitilederkleidung trug, war er inzwischen aufgeschürft.

Zwei der Riesenfelsen waren so ineinander verkeilt, dass unten ein armlanges Dreieck frei blieb. Wenn Kit die Drehfichte nicht rechtzeitig losließ, würde sie ihn mit ihrem eigenen Gewicht und dem der beiden Halunken voll in diese Spalte schieben.

Als der Wipfel in die Öffnung hinein fuhr, stieß Kit sich ab. Rutschend glitt er zur Seite und landete mit großer Wucht auf dem linken der beiden Felsen.

Der krumme Drehfichtenstamm glitt in die Spalte. Einen Moment sah er aus, als würde er dort steckenbleiben.

Der Rutsch das steile Felswandgefälle hinab aber hatte ihm eine solche Geschwindigkeit und Wucht mitgegeben, dass seine Wurzel, kaum dass der Wipfel in der Felsspalte steckte, nach vorne kippte und mit ihrem zusätzlichen Gewicht genau senkrecht über Kit einen fast quälend langsamen halbkreisförmigen Bogen auf das Flussufer hin beschrieb, während Äste und Kot auf den jungen Trapper herunter prasselten.

Der Stamm aber brach nicht. Sein lebenslanger schiefer Wuchs an der Steilwand hatte ihn besonders hart und widerstandsfähig werden lassen. Mit Krachen und Dröhnen hebelte er die beiden mannshohen Felsen aus ihrem Standort. Und während Kit seinen Halt verlor, schlug die Wurzel mit den beiden Halunken im Fluss auf.

Caggins und Duncan hatten den ganzen Vorgang mit aufgerissenen Augen und Mündern verfolgt. Duncan stieß seinem Kameraden den Ellbogen in die Seite.

“Auf, Caggins! Jetzt gilt es! Gut, dass wir beide gerade nachgeladen haben. Der Boss braucht Hilfe!”

Der Fluss hatte Kit Carsons Fall gebremst. Rasch tauchte der junge Trapper wieder an die Oberfläche.

Der Baum! Er hatte sich nun zur Gänze losgerissen und trieb genau über ihm. Und einer der beiden Schurken klammerte sich immer noch an ihn.

Kit schoss so hoch, dass er dem Burschen von hinten unter den Achseln fassen konnte. Bevor der Kerl wusste, was ihm geschah, verschränkte Kit seine Hände im Genick des Halunken. Dieser schrie erschrocken auf, aber der blonde Mountain Man ließ nicht los. Mit kräftigen Schwimmstößen sorgte Kit mit seinen Beinen dafür, dass sie dem Ufer näherkamen.

“Er schafft es!”, rief Caggins, der die Absicht ihres Anführers erkannt hatte. “Rasch, Duncan! Wir gehen ihm besser zur Hand.”

Sie folgten dem treibenden Baum und den Männern auf ihm, bis er nach genug heran war, dass sie nach ihm greifen konnten.

“Sauberer Fang, Boss!”, stellte Duncan anerkennend fest. “Dich kann man schon angeln schicken.”

“Wo ist der andere?”, fragte Kit, während er den erschöpften Schurken mit Stößen ans Ufer trieb.

“Abgetrieben und abgesoffen”, gab Caggins zur Antwort. “Sein Pech.”

“Ganz sicher?”, wollte Kit wissen.

“Sicherer als die Hand meiner Schwiegermutter beim Plätten von Hackfleisch”, wagte Caggins zu behaupten. “Von hier aus hat man beide Ufer Hunderte von Yards im Auge. Kein Mensch kann so lange unter Wasser bleiben. Auch mit keinem Trappertrick. Schilfrohr wächst hier ebenfalls keines.”

“Ich frage deshalb”, entgegnete der blonde junge Trapper, “weil wir schleunigst weiter müssen. Dieser Halunke wäre uns dabei nur hinderlich. Aber wenn wir ihn hier nur festbinden und der andere lebt noch, dann sitzen wir in Bälde wieder von zwei Seiten in der Zange. Dann können wir den Kerl hier nur auf der Stelle umlegen, um uns selbst zu schützen.”

“Ich laufe rasch ein Stück den Fluss entlang”, bot sich Duncan an. “Damit wir sicher sein können.”

“Nimm das steilere Hochufer”, empfahl ihm Kit.

Duncan rannte los.

“He, Bursche, lass dich binden!”, knurrte Caggins und machte sich sofort ans Werk. “Und keine Fisimatenten! Ausgesprochen blöd, was? Hoffen zu müssen, dass der eigene Kumpan tot bei den Fischen liegt, damit man selbst am Leben bleibt. Schau mal, ob alles richtig sitzt, Kit.”

Bis Kit sich davon überzeugt hatte, war auch Duncan Forbisher wieder zurück.

“Toter geht’s nicht”, berichtete er. “Klemmt zwischen zwei Felsen unter Wasser. Hab’s von oben genau gesehen und lange genug hingeschaut.”

“Dann dürfen wir keine Zeit mehr verlieren”, erwiderte Kit. “Sonst finden wir unser Caché leer vor. Los!”

*

“Mein Gott!”, stieß Duncan Forbisher hervor, als sie wieder im Lager waren. “Vance ist tot - und die Pferde sind weg!”

“Hätte nicht schlimmer kommen können”, stimmte Kit ihm zu. Seine Stimme ließ ebenfalls keinen Zweifel an seinem Gemütszustand. “Bleiben nur beiden müden Gäule im Ersatzlager, die wir unbewacht zurückgelassen haben. Den Caché-Räubern damit noch rechtzeitig nachzustellen dürfte mit ihnen kein Zuckerlecken sein.”

“Bleib du hier, Duncan”, mischte sich Caggins ein. “Du siehst ja, was zu tun ist. Ich mache mich mit dem Boss auf den Weg.”

Forbisher schüttelte energisch den Kopf.

“Was hier zu tun ist, kann immer noch getan werden. Es geht um unsere gesamte Ausbeute! Wer weiß, mit wie vielen Kerlen wir es zu tun haben? Jeder Mann und jede Waffe zählt.”

“Wir haben aber nur zwei müde alte Klepper zur Verfügung. Keiner davon kann zwei Mann tragen.”

“Dann komme ich zu Fuß nach.” Forbisher ließ sich nicht beirren. “Auf Schusters Rappen bin ich schneller als du, Caggins. Nun macht euch schon auf die Socken.”

Der Lauf zum Tal, in dem die Ersatzpferde standen, das Aufsatteln, der Ritt auf den müden Gäulen - zäh wie Blei zogen sich die ganzen Vorgänge hin, angesichts des zeitlichen Vorsprungs der heimtückischen Angreifer, der mit jeder Verzögerung noch größer werden mochte. Kit und Caggins schwitzten Blut und Wasser. Trotzdem hatte Kit noch einen leichten Sack mit Reserve-Utensilien mitgenommen, der bereits gepackt war und auch Ersatz-Munition enthielt. Es hätte zu lange gedauert, sie extra heraus zu wühlen. Sogar Schneeschuhe waren darin, deren Geflecht fast nichts wog. Sie spreizten den Sack, damit mehr hinein ging.

Eine Meile vor dem Caché zügelte der blonde Trapper unvermittelt sein Tier.

“Was denn noch, Boss?”, ächzte Caggins, dem der Hintern auf Grundeis ging. “Austreten? Hast du die Blase meiner Schwiegermutter?”

“Ausweichen”, erwiderte Kit. “Lieber ein längerer Anritt und wir bleiben dafür außer Sicht. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.”

Es war in der Tat ein Umweg, aber so hielten sie sich im Schatten der Wälder. Es gab eine Mulde mit einer hohen Nordostwand, die weniger als hundert Yards vor dem buschbewachsenen Hügel lag, hinter dem wiederum das Caché versteckt war. Ihr oberer Rand war so steil, dass Caggins Kit an der Räuberleiter hochsteigen und ihn auf seinen Schultern tragen musste. Denn Kit hatte die besseren Augen.

“Caggins, wir sind nicht zu spät!”, gab Kit nach unten. “Gerade sind sie mit dem Ausräumen fertig geworden. Da - jetzt steigt einer auf seinen eigenen Gaul, die ganzen Packpferde hinter sich, auf die sie unsere Ausbeute geschnallt haben. Er reitet allein los! Ein Hüne, ein verdammter Hüne - das muss der Kerl sein, den Vance noch beschreiben konnte. Und da, drei andere! Während der Riese mit unseren Fellen los reitet, verteilen sie sich oben im Buschwerk, das den oberen Hügelrand säumt. Die sollen uns bestimmt auflauern!”

Der junge Trapper prägte sich noch die jeweiligen Büsche ein, hinter denen sich die Fellräuber verbargen, und stieg dann von Caggins’ Schultern. Der hockte sich erst mal hin und streckte seine Glieder.

“Die sind genial, Boss, was? Die machen das, was wir auch gemacht hätten. Genau deshalb haben wir dieses Caché auch ausgesucht, verdammt! Dahinter die Talschneise, die stundenlang so hoch und so steil ist, dass kein Indsman oder sonstiger Schurke von oben was ausrichten kann. Davor aber die Buschkette, von der aus man einen nahenden Gegner früh genug erkennt. Und von der aus eine Handvoll Leute mindestens ein Dutzend Gegner auf Stunden vom Ansturm abhalten kann! Ein besseres Fellversteck und eine bessere Verteidigungslage hätte man im Leben kaum finden können, Boss! Du warst Spitze! Wie dumm nur, dass sich diese idealen Voraussetzungen einer Verteidigung jetzt ausgerechnet gegen uns selbst richten. Früher Nachmittag - Stunden, in den man hier noch einen problemlosen Überblick hat. Keine Maus kann sich ungesehen dem Hügel nähern! Und bis dahin ist dieser Riese mit unseren Fellen im Schlepptau längst nicht mehr einzuholen. Nicht mit unseren lahmen Zossen.”

“Er nicht. Seine Lasttiere eher.”

“Aber wie? Wir können diese Schneise nicht umgehen, ohne wiederum die entscheidenden Stunden zu verlieren. Gott allmächtiger! Was glauben Sie, Boss, was mir meine Schwiegermutter für ein Feuer unten den Hintern machen wird, wenn ich ohne Halbjahres-Ausbeute in die Schwiegerhütte zurückkehre? Was glauben Sie?”

Kit runzelte eine Zeitlang angestrengt die Stirn. Dann lachte er auf und schlug Caggins auf die Schulter.

“Feuer, Caggins! Feuer, das ist es!”

“Feuer?” Man konnte geradezu sehen, wie es hinter Caggins’ Stirn arbeitete. “Ja, gut, die Säfte der Büsche und Bäume hat der Herbst bereits in die Wurzeln gezogen. Und die letzten Wochen war trockenes Wetter. Aber die Entfernung von hier bis dort! Das schafft kein Brandpfeil. Und anschleichen können wir uns frühestens im Dunkeln. Aber bis dahin ... ”

“ ... sind die Felle dahin.” Kit stimmte ihm zu. “Also muss es schneller gehen. Die Hemlock-Tannen hinter uns. Der Sack mit den Reserve-Utensilien. Unsere Schneeschuhe - einer davon. Einige Lappen. Öl, Pech. Und einen Lasso. Rasch.”

Noch während Kit sein Vorhaben erklärte, gingen sie ans Werk. Kit bestieg die höchste Tanne, befestigte dicht unter dem Wipfel den Schneeschuh und knüpfte ein Stück tiefer das hintere Ende des Lassos um den Stamm. Er bedeutete Caggins nach unten, am Schlingenende zu ziehen. Zugleich hing er sich auf der Seite, in deren Richtung Caggins das Seil zog, selbst an den Stamm, um dem Gefährten die Arbeit zu erleichtern. Dies alles konnte vom höher gelegenen Caché aus nicht gesehen werden, weil die beiden Verfolger in der hohen Mulde verborgen blieben.

Unten schlang Caggins den Lasso endlich um Wurzeln einer anderen Hemlock-Tanne, wo sie aus dem Boden kamen, und verknotete alles. Dann schnürte er ein mit Öl und Pech getränktes Stoffbündel zu einem etwa kopfgroßen Ball und warf diesen zu Kit hinauf.

Der blonde Trapper erwischte ihn beim zweiten Versuch. Er platzierte ihn sorgfältig auf der beinahe waagrechten Oberfläche des Schneeschuhs und entzündete ihn. Dann stieg er so behutsam hinunter, dass der langsam anbrennende Stoffball auf dem Schneeschuh liegen blieb.

Unten stellte er sich zu Caggins und verfolgte, wie immer mehr Rauchfäden aus dem Stoffbündel stiegen, bis schließlich auch offene Flammen zu sehen waren. Er zog sein Messer.

“Jetzt”, sagte er zu sich selbst und Caggins. “Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, haben wir endgültig zu viel Zeit verloren, um unsere Felle noch einzuholen.”

Mit dem Messer durchtrennte er den Lasso. Der Tannenstamm schnellte brausend nach oben. Der brennende Stoffball rollte durch die Aufwärtsbewegung den Schneeschuh hoch und wurde von ihm geschleudert, kurz bevor der Stamm wieder in die Senkrechte ging. Wie ein feuriger Komet schoss die Stoffkugel hoch über die Mulde hinaus.

Kit und Caggins stürmten erneut an den vorderen Rand der Mulde. Dieses Mal machte Kit am oberen Rand ihrer Wölbung die Räuberleiter.

“Diesmal schaust du”, sagte der junge Trapper. “Mir würde es zu sehr stinken, wenn dieser Versuch danebengegangen wäre.”

“Verhasster Bote, der Verhasstes meldet, Boss.” Caggins setzte den rechten Fuß in Kits Handbrücke. “Gleich wissen wir mehr.”

Doch Kits Geduld wurde auf eine längere Probe gestellt. Caggins sah eben doch nicht so gut wie er. Doch gerade als er vorschlagen wollte, die Positionen zu wechseln, ging ein Ruck durch Caggins’ Leib.

“Jetzt, Boss, jetzt sehe ich was! Da beginnen einige der unteren Büsche zu glimmen. Ah, die ersten Flammen. Und wie schnell das auf einmal geht! Aber die Burschen oben schlafen natürlich auch nicht. Haben bestimmt den Ball fliegen sehen! Jetzt schnuppern sie nach unten und laufen hin und her wie die Rosskäfer. Das Feuer breitet sich rasch nach links und rechts aus.”

Caggins entlastete Kit, indem er endlich herunter stieg. Bald war das Prasseln der Flammen sogar bis in die Mulde zu vernehmen, und dann rochen sie ihr Werk auch.

“Und jetzt, Boss?”

“Die Büsche gehen nicht bis an den Rand. Selbst wenn alles abbrennt, bleibt noch ein Streifen, an dem wir und die Pferde hochkommen, ohne uns die Beine zu versengen. Aber wir müssen die Ablenkung durch Feuer und Rauch nutzen, um zu sehen, was die Burschen treiben. Auf!”

Mit gezogenen Waffen verließen sie ihr sicheres Versteck. Sie stürmten den Hügel.

Erst im oberen Drittel pfiffen einige Kugeln herab. Also hatten sich die Kerle nicht völlig ablenken lassen!

Wie für diese leicht voraussehbare Situation verabredet, “fiel” zuerst Caggins, während geschossen wurde, dann noch einige Yards weiter oben Kit.

Die Halunken waren freilich keine heurigen Hasen. Sie ließen sich mit dem Näherkommen Zeit und bildeten dabei keine Linie, sondern schlichen versetzt.

Bewegungslos musterte Kit seine Umgebung, um eine Entscheidung zu treffen. Währenddessen umklammerte sein rechte Hand die Rappanhannock-Holsterpistole, deren Lauf wie zufällig auf die Herankommenden wies. Dann schoss er und traf. Der vorderste Schurke bekam die Kugel links in die Brust.

Kit schnellte hoch und hechtete auf den Feuerwall zu. Er hatte darin eine Schneise entdeckt, auf die die Flammen nicht übergreifen konnten. Lange würde er es dort bestimmt nicht aushalten, aber es genügte als erste Deckung.

Während er loslief, schoss Caggins mit seiner Pistole, doch seine Kugel ging fehl. Danach musste er den Kopf einziehen, weil wütendes Gegenfeuer erfolgte.

Indessen war Kit hinter Buschwerk verschwunden. Den Schuss im Gewehr wollte er nicht vergeuden. Würde die Zeit reichen, die Pistole nachzuladen? Heiß drang die Ausstrahlung der Feuerwand durch die Wapitilederkleidung bis auf die Haut.

Caggins war in Bedrängnis, weil sich beide Gegner zunächst auf ihn konzentrierten. Eine Kugel streifte ihn an der Schulter. Blitzschnell rollte er weg, brachte sein Gewehr in Anschlag und feuerte. Der zweite Schurke ging in die Knie.

Details

Seiten
350
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901337
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308429
Schlagworte
trapperjahre indianeraufstände carson sammelband

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Titel: Trapperjahre und Indianeraufstände