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Eroberer der Galaxis #4: Die Entfesselung der Kriegshunde

2015 120 Seiten

Leseprobe

Eroberer der Galaxis #4: Die Entfesselung der Kriegshunde

Hendrik M. Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Eroberer der Galaxis 4: Die Entfesselung der Kriegshunde

von Hendrik M. Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

Jahrtausende in der Zukunft: Die Menschen haben große Teile der Galaxis besiedelt. Manche von ihnen haben sich über lange Zeiträume hinweg so sehr an ihre Umgebung angepasst, dass sie kaum noch als Angehörige derselben Spezies erkennbar sind. Galaktische Reiche rivalisieren um Macht, Einfluss und Vorherrschaft:

Das Galaktische Kaiserreich, überzeugt davon, dass der Mensch nicht nur die edelste Schöpfung der Evolution ist, sondern auch, dass er bereits vollkommen ist und nicht in irgendeiner Form manipuliert werden darf.

Die Terranische Allianz freier Völker, die sich einst bildete, weil die Traniatische Föderation in einem langsamen Zerfallsprozess den Mitgliedswelten zu schwach wurde. Das galaktische Reich mit der größten Ausdehnung. Wie der Name andeutet, gehört die Erde, Terra, zu den Gründungswelten. Trotz unzähliger Mitgliedsspezies stellen die Menschen und all ihre Abkömmlinge einen Großteil der Bevölkerung.

Die Traniatische Föderation freier Welten, der klägliche Rest eines gigantischen Reiches, das lange vor den ersten raumfahrenden Menschen bereits existierte. Heute eher ein Schutz- und Trutzbündnissystem, als eine echte galaktische Größe.

Das Kratische Konsortium, ein Bündnisgeflecht von Verbrecherlords, Unterweltbossen und Alleinherrschern. Manche sagen, nirgendwo in der Galaxis sei mehr Verkommenheit finden.

Und für diejenigen, die sich keinem von ihnen unterordnen wollen, gibt es nur die Flucht in die Weite des Anarchistischen Raums.

Niemand ahnt, dass im Hintergrund Entwicklungen in Gang gesetzt wurden, die möglicherweise das empfindliche Gleichgewicht der Machtverhältnisse im All für immer verändern werden.

Ohne dass das Leben in der Galaxis es weiß, steht die momentane Phase der Ruhe und Ordnung in der Galaxie vor ihrem Ende ...

Isaak Sanders ist mitten in die Wirren des Angriffs eines unbekannten Feindes auf Chutala gelandet.

Jerel Rimasen wurde zu seinen dratikanischen Brüdern in die Heimat gerufen, denn große Entscheidungen stehen an.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover: Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog:

Vanadis Poe hatte schon einiges gesehen, von Plünderungen und marodierenden Banden bis hin zu systematischer Hinrichtung oder Vergewaltigung. Doch es war immer nur um die Banden gegangen, die in den Untiefen von Chutala-Stadt ihr Unwesen trieben und hier unten den Staat ersetzten. Sie lieferten Stabilität in vielen Gebieten, errichteten Marktplätze und setzten ihre Auffassung von einem guten Leben und Grundrechten durch. Manche waren der Meinung, Frauen waren etwas wert, andere meinten, dass sie nur etwas wert waren, wenn sie Angehörige ihrer eigenen Spezies waren. Wieder anderen war das Geschlecht egal, weil sie in noch anderen Kategorien dachten.

Doch nie, da war sich Vanadis sicher, hatte sie solches Entsetzen gespürt.

Sie erinnerten an silbrige Tropfen, als sie auf einer freien Fläche von oben herabkamen. Vanadis hatte solche Schiffe noch nie gesehen. Sie waren herabgeschossen, nahe der Stelle, an der Nataniel Sirt und sie lagerten. Ein alter Balkon hatte ihnen als Raststätte gedient. Von dort hatte man auf das Gebiet einer kleinen Bande namens Zakra blicken können. Eine alte Einkaufsstraße hatten sie zu einem Marktplatz ausgebaut und verteidigten seine Eingänge. Dort herrschten ihre Regeln und bis auf Nichtmenschen wurden alle gut behandelt.

Dann ertönte ein Brummen und die Tropfen kamen herab. Sie flogen geschickt zwischen den Gebäuden und Plattformen hindurch. Erst kurz vor Kollisionen bremsten sie massiv ab.

Dann verharrten sie.

Es gab keine Sichtluken, wer immer im Inneren war wollte nicht gesehen werden.

Nat, der Dratikaner in Vanadis Begleitung flüsterte, dass sie vermutlich die Umgebung scannten. Er wusste aber auch nicht, wer das war.

„Vielleicht eine Regierungstruppe, die nun für Ordnung sorgen will“, sagte Vanadis und spie das Wort Ordnung beinahe aus.

Nat lachte. Er richtete sein noch funktionierendes Auge auf sie.

„Vielleicht“, setzte er an, doch Vanadis erfuhr nie, was er vorhatte zu sagen.

Er verstummte, als die tropfenförmigen Schiffe Schotten an ihren Seiten öffneten, aus denen einzelne Personen sprangen. Sie waren feingliedrig und humanoid. Die zwei Meter großen Fremden besaßen dünne Extremitäten und ihre Außenhaut schimmerte silbrig matt wie das Schiff. Auf ihren Rücken hatten sie rohrartige Dinge angebracht und ihre grünen Augen blickten rastlos umher, während sie sich aufrichteten.

Ihre Köpfe waren im Profil halbmondförmig.

„Sind das Lebewesen oder Roboter?“, murmelte der alte Dratikaner.

„Kann man nicht beides sein?“, erwiderte Vanadis. Dann griff einer der silbernen Fremden auf den Rücken und zog das Rohr hervor. Es erinnerte Vanadis an ein Gewehr, auch wenn es viel stromlinienförmiger gestaltet war und für etwas anderes als fünffingrige Hände designt schien.

Wie viele Finger an den Enden der Arme waren, konnte sie nicht sagen auf die Entfernung.

Dann ertönte eine Stimme in der Standardsprache.

„Die Chadrana nehmen diesen Planeten. Sie sind hier entgegen der Anweisung, die Ihre Regierung ereilte.“

Soldaten einer fremden Macht?, dachte Vanadis erstaunt.

Dann richtete der Kämpfer seine Waffe auf den ersten nahestehenden Menschen und schoss.

Ein Energiestrahl schoss hervor und verbrannte den Mann dort, wo er getroffen wurde.

Er schrie auf und stürzte.

Sofort waren alle auf den Beinen. Die Kämpfer der Zakra zogen ihre Waffen und begannen das Feuer. Mehrere Dutzend Soldaten strömten nun aus dem tropfenförmigen Schiff. Sie alle waren so feingliedrig. Doch prallten viele der Kugeln an ihnen ab. Nur die größeren Kaliber und die mit viel Kraft schafften es die Panzerung zu durchschlagen.

Funken sprühten, wann immer eine Kugel die Panzerung der feingliedrigen durchschlug.

Nat und Vanadis duckten sich unter die Brüstung und packten ihre wenigen Habseligkeiten. Das Feuer, das sie entzündet hatten, traten sie sofort aus. Noch feuerte niemand auf sie, weil man sie in ihrer erhöhten Position nicht sehen konnte. Zumindest niemand mit einer optischen Ortung im Bereich dessen, was für einen Menschen sichtbares Licht war. Wenn die feindlichen Soldaten dort unten irgendeine andere Form von Licht sahen, so wie Infrarot, dann wusste man von ihnen.

„Wir sollten uns mit dem Aufstieg beeilen“, entschied Nat.

„Wenn da oben noch jemand ist. Du hast diese Chadrana doch gehört. Wir scheinen uns widerrechtlich auf ihrem Grund zu befinden“, erwiderte Vanadis. „Ich hasse es, wenn meine Bande plötzlich schlecht dasteht“, fügte sie hinzu. „Auch wenn es in dem Fall die Allianzbande ist.“

Kapitel 1: Die Heimat

Ort: Drokta-System

Zeit: 4699,3 NSüdK (Nach Sieg über die Kilkarra)

Genormte Galaktische Zeitrechnung

Das Raumschiff KRÄHENKÖNIG trat im Drokta-System aus dem Lazaris-Raum aus.

Auf der kleinen Kommandobrücke blickten zwei Menschen aus dem Sichtfenster, vor dem ein schweres Schott hochfuhr und die Sicht freigab auf das Sternensystem.

Die Sonne war stark rotstichig und schien weit entfernt aus Narlies Sicht. Jerel drehte das Schiff und wandte es zu einer Welt, deren helle Tundrasteppen bis ins Weltall zu sehen waren. Im Äquatorbereich hob sich eine dunkle Reihe sichtbar ab.

„Was ist das?“, fragte sie.

Jerel deutete auf den dunklen Ring. „Der Todesgürtel. Eine Reihe aktiver Vulkane, sie umziehen unseren Äquator mehr oder weniger gleichmäßig. Aufgrund der Winde bleibt die Asche in diesem Bereich und so siehst du hier oben nur ein schwarzes Band.“

Das Schiff sank tiefer in die Atmosphäre.

„Ich dachte, du kommst von einer Farmerwelt“, sagte Narlie skeptisch.

„Erstens bewohnen wir nicht nur diese Welt und zweitens, wieso muss eine Welt grün sein, um für den Anbau geeignet zu sein?“

„Auch wieder wahr. Aber viele Pflanzen sind grün, wenn sie Photosynthese betreiben.“

„Es gibt tief liegende Speicher. Von dort pumpen wir Wasser herauf“, erklärte Jerel.

Dabei überflogen sie nun eine schier unendlich große Fläche der Tundra, auf der man wabenartig sechseckige Kuppeln erbaut hatte. Sie waren milchig weiß und nicht durchsichtig.

„Da drin bauen wir dann an. Die Atmosphäre von Lis Fara ist sowieso nicht so appetitlich. Wenn die Winde wechseln, fällt tagelang Ascheregen.“

Er wandte sich an die Kommunikationsanlage.

„Hier Jerel Rimasen, Rückkehrcode Lis Fara 149. Bitte um Landeerlaubnis für mein Schiff“, sagte er auf Dratikanisch.

„Bestätige ihren Rückkehrcode. Gäste?“

„Einen, ich verbürge mich für sie.“

Narlie konnte dem Gespräch inzwischen gut genug folgen, auch wenn der dratikanische Akzent des anderen ihr fremd klang.

„Hangar 433. Zu Verzollendes dort angeben. Kleintiereinfuhr und Lebensmittel in Quarantäne. Ein sinnerfülltes Leben.“

„Ein sinnerfülltes Leben.“

„Ein was?“, fragte Narlie, nachdem Jerel die Verbindung beendet hatte.

„Ein sinnerfülltes Leben, das sagt man bei uns so. Ihr wünscht auch einen guten Tag, auf Eidum.“

Sie nickte langsam. „Nur ist ein Tag doch eine andere Spanne als ein Leben.“

„Trotzdem. Ist doch ein netter Gruß“, sagte Jerel. Er lächelte dabei schelmisch. „Erwartest du, dass wir uns immer einen ehrenhaften Tod wünschen? Oder einen, bei dem man möglichst viele Gegner tötet?“

Sie lachte und nickte. „Man erwartet es.“

Während Jerel schweigend das Schiff zum Hangar lenkte, sagte er leise und mit einem hintergründigen Lächeln, so dass Narlie nicht sicher war, wie er das meinte: „Man redet ja auch nur über das, was Klärungsbedarf hat.“

*

Das Schiff landete in einer Kuppel, die an einer Seite schwere Schotten hatte.

Im Hangar standen bereits ein Dutzend kleinerer und größerer Schiffe, so dass Jerel einige Mühe hatte das Schiff zu landen ohne einem anderen zu nahe zu kommen. Schließlich würden diese nicht in der Reihenfolge starten, wie sie gelandet waren.

„Es wird hier sicher einiges auf dich einwirken, was dir fremd erscheint“, sagte Jerel.

„Keine Sorge. Ich werde still warten bis die Gelegenheit zu fragen ist“, sagte Narlie und zwinkerte.

Sie trug ein dunkles knapp geschnittenes Sweatshirt, dazu eine eng anliegende Hose, an der sowohl ihr Schwert als auch eine Pistole im Halfter baumelten. Darüber hatte sie eine Jacke in militärischem Uniformschnitt an.

Jerel hingegen trug seine übliche Rüstung.

Sie stiegen die Aufstiegsrampe der KRÄHENKÖNIG herunter und wurden von einem Dratikaner in roter Rüstung begrüßt. Er saß in einem Rollstuhl auf dem Landefeld.

„Der kleine Jerel kommt nach Hause“, klang es dumpf durch den Helm auf Dratikanisch.

Der Helm war eine Fratze mit Tentakeln statt einem Unterkiefer und sah furchteinflößend aus.

„Das ist Penokan Comm“, erklärte Jerel freundlich lachend, so dass Narlie das Grinsen sogar hören konnte, ohne es auch nur zu sehen. „Ein alter Freund der Familie und Mitglied meines Clans. Penokan, das ist Narlie. Meine zukünftige Frau.“

„Es freut mich sehr“, sagte sie und er winkte sie heran.

„Wer Jerel heiratet, wird auch umarmt. Auch wenn du nur ein Mensch bist“, sagte er. Sie hätte gerne seinen Gesichtsausdruck dabei gesehen. Meinte er das spöttisch oder ernst?

„Weißt du Näheres, was auf uns zukommt? Der Rat ruft alle, nehme ich an?“, lenkte Jerel ohne Umschweife das Thema auf die Einberufung.

„Nur wegen dir machen wir das nicht, Jerel. Da ist ein Feind aufgetaucht im Territorium der Allianz“, erklärte nun Penokan. Er ignorierte nun Narlie völlig.

Sie gingen gemeinsam durch ein Wirrwarr von Korridoren, bei dem Narlie schon schnell die Übersicht verlor. Penokan rollte seinen Rollstuhl dabei mit den Händen, die er an die Räder legte. Eine Automatik schien es zwar zu geben, aber er ignorierte sie.

Einige der Gänge hatten große Fensterfronten, so dass man die umliegenden Gewächshauskomplexe bewundern konnte. Viele verschiedene Leute waren schemenhaft zu erkennen beim Arbeiten.

„Was geht uns dieser Feind der Allianz an?“, fragte Jerel. „Die Allianz hat uns doch noch nie geschert.“

„Das Oberhaupt aller Clans wird bei der Versammlung Beweise vorlegen, dass wir auch von diesen Fremden angegriffen wurden.“

„Wurden wir das wirklich?“

Penokan nickte bedächtig. „Wir hatten Verluste, sie haben grundlos angegriffen, ohne auf unsere Kommunikation zu reagieren.“

„Haben sie uns vielleicht verwechselt? Es heißt, sie kommen durch ein Portal auf dem Territorium der Allianz. Vielleicht sieht ein Schiff hier für sie wie das andere aus und sie kennen die Hoheitszeichen nicht.“

„Nein, sie haben auch zivile und Handelsschiffe angegriffen, die uns gehören. Sie haben sogar eine unserer Ausgrabungen auf Liliram vernichtet.“

„Ausgrabungen?“, fragte Narlie neugierig.

„Natürlich, das Archäologie-Korps ist dem Militär unterstellt. Wir erforschen die Ausbreitung der verschiedenen Spezies dieses Universums“, erklärte Jerel, der sich ihre Neugierde denken konnte.

„Was genau will er?“, fügte Jerel nun an Penokan hinzu. „Krieg?“

„Vielleicht hat man uns ein Angebot gemacht“, stimmte Penokan zu.

„Wieso ist es wichtig, dass er euch einberuft für eine Kriegsentscheidung?“, fragte Narlie.

„Weil er nur mit Zustimmung der Clans einen Krieg beginnen kann. Jeder von uns kann Söldner sein, aber einen Krieg mit Beteiligung aller Clans unter Ausschluss von Fehden, das heißt, dass wir alle zusammenarbeiten, das ist selten“, erklärte Jerel.

„Es gibt ja die abenteuerlichsten Geschichten über eure Beteiligung im Krieg gegen die Kilkarra“, sagte Narlie.

„Manches ist wahr, manches übertrieben. Es stimmt nicht, dass wir die Kilkarra ausrotten wollten, das war nicht unsere Entscheidung. Ein Genozid ist unsinnig“, ereiferte sich Penokan. „Die Kilkarra waren zu höherer Denkfähigkeit in der Lage. Man rottet keine Spezies aus, die Raumschiffe bauen kann.“

„Klingt nach einem guten Lebensmotto“, lachte Jerel und schlug dem älteren freundschaftlich auf den Schulterpanzer.

„In etwas mehr als einer Standardstunde geht es los. Willst du vorher noch in die Halle?“

Jerel nickte. Narlie merkte wie sich seine Züge verschlossen.

„Alles okay?“, flüsterte sie ihm in der Standardsprache zu.

„Ja. Ich werde dir meinen Vater vorstellen“, erklärte er. Sie bogen ab in eine große kuppelartige Halle.

Sie war in unregelmäßigen Abständen mit Wandsegmenten versehen, auf denen Metallstücke befestigt waren.

„Teile von Raumschiffsrümpfen, wenn man in seinem Schiff starb“, erklärte Jerel mit gedämpftem Tonfall. Seinen Helm legte er am Eingang in ein Regal, in dem ein gutes Dutzend anderer bereits lagen.

Penokan tat es ihm gleich.

„Hier drin ist es verboten, den Helm zu tragen. Wir sehen unsere Rüstung als Schutz gegen eine feindliche Welt, hier sind nur die Vorfahren“, erklärte Jerel.

Er führte sie zu einem Wandsegment, vor dem eine lebensechte dreidimensionale Darstellung eines Mannes in den sechziger Jahren projiziert wurde. Er sah freundlich direkt zu ihnen. Es musste ein Kameraauge geben, mit dem die Projektion ausgerichtet wurde.

„Jerel“, stellte der Mann fest.

„Vater“, sagte Jerel auf Dratikanisch. Es schien eine Aufzeichnung abgespielt zu werden.

Penokan wandte sich demonstrativ ab und fuhr ein Stück weg.

Narlie war unsicher, was sie tun sollte und trat einen Schritt zur Seite.

Dennoch konnte sie, aufgrund ihrer Verbesserungen, immer noch hören, was gesagt wurde.

„Es tut mir leid, dass ich so spät komme. Telia habe ich nie allein lassen wollen“, sagte Jerel nun leise.

Das System musste auf Jerels Gesicht fixiert sein, überlegte Narlie. Ein anderes, dem sie nahe stand, sah sie nur stumm an.

Die Aufzeichnung fuhr fort: „Mein Junge, ich weiß nicht genau, wobei ich sterben werde, aber ich hoffe, es wird nichts sein, dessen ich mich schämen muss. Ein Anfängerfehler wäre doch wirklich tragisch. Es tut mir leid, dass du nun meinen Platz im Rat als Vertreter des Clans nehmen musst. Du hast nie Ambitionen gezeigt, dich auf die endlosen Diskussionen mit diesen Sturköpfen einzulassen. Das kann ich verstehen. Aber ich denke, du wirst das Beste daraus machen. Mein Vater gab mir in so einer Aufzeichnung einen Ratschlag mit auf den Weg. Großvaters Ratschlag war aber für dich nicht passend. Also möchte ich dir eine andere Weisheit mitgeben. Du weißt, dass ich mich schwertat, nach dem Tod deiner Mutter neu zu lieben. Ich weiß, dass deine Kindheit nicht leicht war, als du anfangs einen solchen Vater wie mich hattest. Begehe nicht dieselben Fehler wie ich. Dieses Leben ist kurz.“

Narlie trat noch einige Schritte weiter weg bis sie schließlich nichts mehr von dem Gespräch hören konnte.

Es war ihr unwohl dabei, Jerel zu belauschen.

Schließlich schien Jerel fertig zu sein und kam zu ihr herüber.

Seine Augen glitzerten.

„Komm“, sagte er und ging direkt zu dem Regal, um seinen Helm zurückzuholen. Er setzte ihn auf und verschwand in die Sicherheit seiner Rüstung.

Die Versammlung der Clanvertreter war überwältigend für Narlie. Sie fand statt in einem gigantischen Saal, geformt wie ein Bienenstock. Überall gab es Plattformen, auf denen Vertreter von Clans saßen. Jeder Balkon hatte eine Flagge mit einem Wappen. Manches waren Zeichen, andere Piktogramme. Alle Dratikaner waren gerüstet, hatten ihre Helme aber abgelegt. Jeder Balkon hatte ein Rednerpult. Wer sich daran stellte, wurde live auf einem Bildschirm in der Mitte für alle sichtbar übertragen. So wurde gewährleistet, dass stets nur einer sprach und alle zuhörten, meinte Jerel.

Jerel stand am Rednerpult. Er war von seinem Clan, den Schibuk, zum neuen Vorsteher gewählt worden. Das Amt hatte er von seinem Vater bekommen. Nachdem dieser verstorben war, hatte Telia es nicht gewollt. Sie hätte vermutlich auch nicht genug Unterstützer im Clan gehabt. Penokan hatte den Clan provisorisch geführt, doch war er froh, als er von Telia die Nachricht bekam, dass Jerel lebte. Damit hatte man sich im Clan in dessen Abwesenheit geeinigt, ihn zum Anführer zu bestimmen.

Natürlich hätte er ablehnen können, als er von der Wahl erfuhr. Doch Narlie nahm an, dass das für einen Dratikaner gar nicht in Frage kam, das Vertrauen, das die anderen in ihn setzten, so zurückzuweisen.

Penokan saß in seinem Rollstuhl nahe bei Narlie und hatte ihr angeboten, ihr zu erklären was sie nicht verstand.

Viele Wörter wurden in den Reden gebraucht, die archaische Formen der Sprache waren. Es war eine gestelzte Art zu reden und sie war noch nicht gut genug im Dratikanischen, um jedes Wort zu begreifen.

„Die Schibuk haben mich gewählt. Sofern die anderen Clans dem zustimmen, werde ich dieses Amt erfüllen, bis ein Würdigerer kommt oder ich sterbe“, beendete Jerel nun seine Antrittsansprache. Formal durfte ein anderer Clan jederzeit Protest einlegen, gegen einen neuen Anführer der ihm nicht passte.

Dabei hatte aber, so hatte Penokan es gesagt, ein Angehöriger eines anderen Clans dabei nur eine Art Protestrecht, kein Vetorecht.

Allgemeines Schlagen mit behandschuhten Fäusten auf die Balustraden der Balkone signalisierte die Zustimmung der anwesenden Clans.

Und es waren nicht mal alle, die es gab. Viele waren nur über Überlichtkommunikation verbunden, weil sie zu weit weg waren.

„Somit ist deine Wahl bestätigt. Du bist nun ein Draktak“, erklärte Kel‘Alaz. Penokan hatte Narlie erklärt er wäre ein He‘Draktak, der Anführer aller Clans. Kel‘Alaz war ein Mann mit einem weißen Bart und vollkommen kahlem Schädel. Dieser war tätowiert. Eines seiner Augen war gegen ein mechanisches ausgetauscht worden und auch seine linke Hand war eine Prothese. Er stand aufrecht, wenn auch die schlaff hängende Haut sein Alter zeigte.

„Was ist ein Draktak genau?“, fragte Narlie.

„Das heißt so viel wie Anführer, genauer eigentlich ist es ein Überlegener.“

„Stammt Dratikaner von dem Wort ab?“

Penokan nickte. „Wir sind, ganz bescheiden, ‚die Überlegenen‘“, sagte er und schenkte ihr ein breites Grinsen, das ihn um Jahre jünger aussehen ließ.

„Damit will ich zum Hauptpunkt dieser Versammlung kommen, meine Geschwister“, sagte nun Kel‘Alaz und schien damit offiziell seine Sitzung zu eröffnen.

Es wurde sofort totenstill in dem Saal.

Selbst jenes Gemurmel, das bei Jerels Rede geblieben war, verstummte augenblicklich.

Dieser Mann schien entweder sehr respektiert oder wirklich gefürchtet zu werden. Vielleicht aber auch beides.

„Meine Geschwister“, sagte nun Kel‘Alaz. Narlie hatte inzwischen begriffen, dass das Wort für Bruder und Schwester dasselbe war. Es schien hier nicht wichtig. „Wir stehen an einem Scheideweg. Heute Morgen erreichte uns diese Aufzeichnung.“

Auf dem Hauptschirm, in der Mitte des Saals angebracht, sahen sie nun alle einen Zusammenschnitt. Es waren Aufnahmen von Außenkameras eines Schiffes. Mehrere andere Schiffe eines Verbandes waren zu sehen, die sich im Weltall einem quaderförmigen Schiff näherten. Dabei wurde eine Funkaufzeichnung abgespielt. Jemand forderte die fremden Schiffe auf Dratikanisch auf, sich zu entfernen. Dies sei der Raum über einer Militäraktion der Dratikaner, wurde erklärt, es müsse ein Mindestabstand eingehalten werden. Bei Interesse an der Grabung könne man an den Zuständigen weiterleiten. Die Forderung wurde anschließend noch in einer Reihe anderer Sprachen wiederholt. Jedes Mal blieb sie unbeantwortet.

„Diese Allianzschiffe waren auf Liliram, einem unbewohnten Planeten, auf dem wir Ausgrabungen betreiben. Wir wissen, dass dieses quaderförmige Schiff zu einem Verband gehört, der bereits bei Kraanum für Verwüstung gesorgt hat.“

Man sah nun in der Aufzeichnung, wie das Quaderschiff einen Energiestrahl feuerte. Ein kleinerer Kreuzer des Verbandes wurde zerteilt.

Die anderen eröffneten das Feuer, doch das fremde Schiff nahm nur geringen Schaden. Der zweite Schuss des Quaderschiffes traf das Schiff, dessen Aufzeichnung sie sahen. Sie endete abrupt.

„Die Allianz hat einen überlegenen Feind auf eigenem Gebiet. Er ist skrupellos und nimmt keine Gefangenen. Seine Motive sind unklar, die Allianz hat ihn aber allen unseren Erkenntnissen nach nie provoziert. Er weigert sich zu verhandeln. Eines Tages könnten sie auch zu einer Gefahr für uns werden, denn ihre Technologie scheint sie zu einem wahrhaft mächtigen Gegner zu machen. Nun will uns die Allianz anwerben.“

Gemurmel wurde laut.

Penokan lachte leise vor sich hin, während Jerel die Stirn in Falten legte.

„Können sie sich das überhaupt leisten“, rief jemand hinein, den Narlie nicht kannte. Gelächter breitete sich aus und auch Kel‘Alaz grinste, als er erwiderte: „Das können sie. Ihr Problem ist tatsächlich nicht, dass sie mittellos wären. Notfalls könnten sie in Ressourcen zahlen. Es ist tatsächlich die Größe ihres Reiches. Das Kaiserreich entschied sich zu einem Angriff. Es gibt nun also einen Zwei-Fronten-Krieg für die Allianz. Sie braucht schnell Truppen und wir alle wissen, dass das Teuerste an einem Krieger seine Ausbildung ist.“

„Und in wenigen unachtsamen Sekunden ist das durch einen gezielten Schuss auch futsch“, lachte Penokan neben Narlie. „Die sind echt verzweifelt, uns so ein Angebot zu machen.“

„Sie müssen mehr Ärger haben als der, von dem wir wissen“, erwiderte Jerel an ihn und nickte.

„So frage ich euch, wollt ihr mir Folge leisten?“

Zustimmende Rufe kamen. Einige riefen Fragen nach der Art der Bezahlung.

Der He‘Draktak antwortete ruhig auf die Fragen.

„Damit du das richtig verstehst, Narlie: Wir haben keine Armee in dem Sinne wie ein stehendes Heer. Jeder Clan hat seine Armee, wir sind nur alle dem He‘Draktak zur Folge verpflichtetet, wenn er den Krieg ausruft. Aber das hier ist ein Grenzfall. Die Allianz könnte auch einzelne Clans kaufen. Dann aber würden andere Clans nicht mehr kaufbar sein. Viele Clans haben Streit mit anderen. Aber wenn wir im Namen des He‘Draktak in die Schlacht ziehen, eint uns das. Das kann er gut gebrauchen, die Reinblüter machen Ärger und spalten.“

Jerel nickte. „Er will einen Bürgerkrieg verhindern durch Krieg nach außen. Obwohl wir das alle verstehen, könnte es funktionieren.“

„Ist das nicht der beste Plan?“, fragte Penokan. „Die Falle, in die die Beute sehenden Auges rennt?“

Die Verhandlungen waren inzwischen beendet. Die Clanvertreter schienen zufrieden zu sein. „Dann“, so rief Kel‘Alaz feierlich aus: „Lasst die Hörner erschallen. Die Dratikaner ziehen in den Krieg.“

Tosender Applaus erschallte. Die Mehrheit der Clanführer schlug ihre geballten Fäuste auf die Brüstung der Plattformen, auf denen sie standen.

Während der Lärm anschwoll, sagte Penokan: „Ich hätte Farbe horten sollen. So eine Versammlung gibt doch immer nur ein Ergebnis.“

„Wieso?“, fragte Narlie.

Der Alte grinste sie an. „Weil jetzt alle Clans auf ihre Schlachtschiffe das Zeichen der Dratikanischen Armee lackieren müssen. Tausende von Schiffen. Die Preise werden explodieren. Das ist wie mit gefragten Kriegern.“

*

Admiral Maximilian Leg Jerague war ein Mann, der sein Alter bald nicht mehr verbergen konnte. Sein dunkles kurzgeschorenes Haar begann graustichig zu werden und er war es leid, es zu färben.

Er wusste, dass der ein oder andere an seinem Admiralsstuhl sägte, während er älter wurde und vermeintlich nachließ.

Doch er lebte für diesen Beruf, etwas, das nie jemand wirklich zu würdigen gewusst hatte. Weder seine erste noch seine zweite Frau hatten das begriffen.

Er sah in den Spiegel und musterte die dunklen Ringe unter den Augen. Sie hatten aber auch nie gefragt, durchzuckte es ihn dann. Sie hatten ihn nie nach dem ‚warum‘ gefragt. Warum er so dafür brannte.

Er zog seine Uniformjacke über und knöpfte sie wieder zu.

Er wünschte eines Tages Großadmiral zu sein. Das würde ihm die Möglichkeit geben, das Reich für lange Zeit zu sichern.

Unter der Kaiserin wäre das möglich gewesen, sie verließ sich auf seine Expertise. Doch unter diesem Emporkömmling, der die im Koma liegende Kaiserin geehelicht hatte? Maximilian verzog angewidert das Gesicht bei der Vorstellung, dass der Adel dabei auch noch zugestimmt hatte. Nun regierte der neue Kaiser.

Er benutzte den Krieg mit der Allianz nicht als Möglichkeit, die Zukunft zu sichern, indem man einen mächtigen Feind ausschaltete. Nein, für ihn war es nur die Konsolidierung seiner Macht, indem er Spannungen nach außen lenkte.

Maximilian Leg Jerague fühlte zu der kleinen Narbe auf der Schläfe. Einst hatte ihn dort das Messer eines Wilden erwischt. Er war nur so ein Dickkopf, dass er daran nicht gestorben war, hatte der Arzt damals gesagt. Doch für ihn war das lehrreich gewesen. Er wusste nun, dass man einen Feind nicht unterschätzen durfte. Solange er nicht in Ketten war, konnte jeder Wilde eine Verzweiflungstat begehen.

Doch sein neuer Feind war eine Bedrohung, die vom neuen Kaiser nicht wahrgenommen wurde. Man hatte ihm Schiffe weggenommen, die er doch so dringend brauchte!

Seine Gegner nannten sich selbst die Union.

Er hatte nur wenige Stunden geschlafen, da gab es bereits wieder neue Meldungen.

Er hatte einfach zu wenig Schiffe für diesen Feind, dachte er ärgerlich.

Kapitel 2: Die neue Ordnung

Ort: Chutala-Stadt in den unteren Ebenen

Zeit: 4699,4 NSüdK (Nach Sieg über die Kilkarra)

Genormte Galaktische Zeitrechnung

Isaak kroch vorwärts. Er lag auf den Resten eines Balkons und blickte auf eine Plattform herunter.

Seine einzige Waffe war ein unterarmlanges Metallschrapnell, aus dem er mit einigen Bändern eine Art Schwert gebaut hatte. Es war scharf, keine Frage. Dennoch fühlte er sich unbewaffnet.

Die Nanobots in seinem Blut beunruhigten ihn noch immer etwas.

Sie hatten Wunder vollbracht, als sie ihn vom Rand des Todes zurückgeholt hatten. Dennoch war er sich nicht sicher, wie unverwundbar er nun war.

Er hörte auch besser und fühlte anderes. Jede Verschleißerscheinung des Alters schien gewichen. Es war verwirrend, die Gewöhnung daran nur langsam.

Er wusste noch nicht genau, was er tun sollte. Schließlich war die eigentliche Mission, mit den Allianztruppen den Planeten zu erobern, wohl mehr oder weniger hinfällig.

Andererseits hatte er noch eine Sprengladung im Körper, die bei Fahnenflucht aktiviert würde.

Die Frage war nur, wann das war. Würde man ihn vergessen, einfach davonkommen lassen?

Er spähte auf die Plattform unter ihm. Niemand da.

Was er wirklich brauchte, dachte er, war ein Kommunikationsgerät. Irgendwas, um die Allianzkräfte zu erreichen.

Er kletterte vorsichtig die zerbrochene Fassade des Gebäudes herunter. Schwarze Kanten schnitten ihm in die Hände. Es heilte zwar schnell, tat aber trotzdem höllisch weh.

Dann stieß er sich ab und sprang mit einem Satz auf die Plattform gegenüber.

Er war sich ziemlich sicher, dass er nie wieder freiwillig nach Chutala-Stadt gehen würde. Nicht dass er das Chaos dieser Mutter aller Metropolen nicht mochte. Er hatte es nur satt immer klettern zu müssen. Treppen rauf, Treppen runter.

Während Isaak düsteren Gedanken nachhing, hörte er auf einmal ein Geräusch. Schritte, nicht weit von ihm.

Er ging in Deckung. Eine Gruppe Menschen in zusammengewürfelter Kleidung war in einem der Korridore zu sehen, die zu der Plattform führten, auf der er stand. Er verbarg sich in den Schatten eines Trümmerstücks. Die Gruppe kam näher.

„Komm raus“, rief einer von ihnen. Er hatte eine lispelnde Aussprache. „Wir haben dich gesehen.“

„Nicht schießen“, rief Isaak und hoffte, dass sie seinen Wunsch beherzigten. Er trat aus der Deckung und zeigte seine leeren Hände. Die Klinge hatte er im Gürtel stecken.

„Lass die Klinge fallen“, sagte der Mittlere der Gruppe. Es waren fünf, die ihrem zusammengewürfelten Aussehen nach Plünderer waren.

„Wenn ihr eure Gewehre fallen lasst“, erwiderte Isaak trocken.

Sie lachten.

„Du zuerst“, erwiderte der Lispelnde.

„Nein. Ich will keinen Ärger. Lasst mich ziehen und wir alle können uns unseren eigenen Problemen widmen“, erklärte Isaak ruhig.

Der Lispelnde kam näher, ein Gewehr im Anschlag. Seine Kumpane hatten ebenfalls kurzläufige Gewehre auf Isaak gerichtet.

„Du tust, was ich sage oder ich lass dich mit einer Kugel im Bauch hier verenden“, zischte der Anführer.

Isaak nickte. „Letzte Warnung. Waffe runter, weitergehen. Ansonsten seid ihr tot.“

Mehrere von der Gruppe lachten, doch der Anführer leckte sich nervös über die Lippen.

Die Sekunden verstrichen.

„Was is‘ nun, knall ihn ab“, sagte einer der anderen und der Lispler blickte kurz zur Seite.

Das reichte Isaak.

In einer fließenden Bewegung zog er das Messer und warf die Klinge nach dem Anführer. Sie schlug ihm tief in die Stirn ein. Völlig verdutzt sahen die anderen ihrem Anführer beim Umfallen zu.

Isaak überbrückte die Distanz zu ihnen mit einigen schnellen Schritten.

Er griff sich die Waffe eines der Männer, richtete sie auf den Nebenmann und feuerte. Dann duckte er sich unter dem schlechtgezielten Schuss eines dritten weg und feuerte zwei weitere kurze Salven.

Dann war es vorbei, fünf tote Plünderer lagen am Boden.

Isaak betrachtete seine Hände. Er war immer schon schnell gewesen. Doch das hier war selbst für ihn gut, wie er bei aller Bescheidenheit fand.

Er begann die Toten zu durchsuchen.

Eines der Gewehre schnallte er sich auf den Rücken, bei den anderen nahm er passende Munition mit. Eine Notration fand er, die er gierig aufriss und verschlang. Es war ein Nährstoffriegel, der alles Nötige enthielt, was man zum Überleben eines weiteren Tages brauchte.

Dann fand er endlich, was er wirklich zu finden gehofft hatte: einen Kommunikator.

Er aktivierte ihn und sah sich die Einstellungsmöglichkeiten an.

Die verschiedenen öffentlichen Frequenzen waren alle tot. Hin und wieder fand das Gerät eine verschlüsselte Kommunikation. Das waren sicher Verbrecher oder die Militärtruppen der Allianz. Er bereute, kein entsprechendes Gerät zu haben, um diese mitzuhören.

Dann endlich fand er eine offene Nachrichten-Frequenz. Es wurde eine Dauerschleife gesendet. Durchhalteparolen, dass die Kämpfe im Orbit andauerten und auf dem Boden der Widerstand immer koordinierter würde.

Isaak wusste nicht, ob es wirklich so gut lief. Bisher kannte er auch nicht die Bodentruppen des Feindes.

Es wurde von Sammelpunkten in den oberen Ebenen geredet.

Vermutlich eher geordnete Rückzugspunkte, dachte Isaak. Andererseits war diese Stadt wirklich so groß, dass Kämpfe und eine Invasion Jahre dauern konnten. Er wusste nicht, ob diese Stadt jemals angegriffen worden war, um sie dann zu besetzen. Er war sich recht sicher, dass das noch niemand gewagt hatte.

Plötzlich hörte er ein Geräusch. Eine humanoide Gestalt, metallisch glänzend wie ein Roboter, stakste mit Gewehr im Anschlag durch einen der Korridore. Ein halbmondförmiger Kopf bewegte sich dabei.

Sie zielte und schoss. Das Projektil schlug wenige Zentimeter neben Isaak in die Wand ein. Sofort warf er sich zu Boden und zog sein Gewehr. Eine schnelle Salve ließ den Gegner zerspringen. Doch er hörte weitere Schritte, die nun schnell näherkamen. Gleichschritt, ging es ihm durch den Kopf.

Er stand auf und nahm die nächste Treppe nach oben, weg von den Geräuschen.

Weiter ging es durch die trostlosen verwahrlosten tiefen Ebenen Chutalas.

Inzwischen hatte er ein Gespür für die Gefahren. Doch obwohl er gut vorankam und bald in die bewohnten Schichten kam, traf er keine Plünderer.

Isaak befand, dass das kein gutes Zeichen war. Die Plünderer waren so etwas wie die Maden in dieser Stadt, sie fraßen das tote Gewebe weg, verwerteten, was zu verwerten war, und erneuerten die toten Wurzeln der Stadt auf ihre Weise.

Niemand, der den Planeten angreifen oder besetzen wollte, würde sich an ihnen stören.

Dieser Feind schien aber keinen Platz für alle Bewohner dieses Planeten in seiner neuen Ordnung zu haben.

Schließlich fand er ein Apartment, dessen Eingangstür noch funktionierte. Er durchsuchte es kurz und systematisch. Keine Nahrung, keine Waffen und nicht mal Möbel. Doch die Heizung funktionierte noch und so verriegelte er die Tür und setzte sich davor.

Hier unten wurde es nachts ziemlich kalt, je nachdem ob man weit weg war von irgendwelchen Abluftanlagen. Viele Heizanlagen in den oberen Ebenen bliesen ihre Abgase in die unteren Ebenen, so dass sie die staatlichen Vorgaben für ihren Schadstoffausstoß umgehen konnten. Man musste nur zusehen, dass die Schadstoffe so tief kamen, dass erst mal vom Staat nachgewiesen werden musste, dass es die eigenen waren. Das zog sich oft über Jahrzehnte, was es zu einer lukrativen Kostenvermeidung hatte werden lassen.

Am nächsten Morgen erwachte Isaak mit knurrendem Magen. Er war schlecht gelaunt, doch er hoffte, die Nanobots würden ihn eine Weile auf den Beinen halten. Er fragte sich, ob er die Moose, die hier unten wuchsen, essen konnte. Etwaige Vergiftungen würden doch von den kleinen Maschinen in seinem Blut bereinigt werden. Vielleicht halfen sie sogar, das Moos in seinem Magen zu zerlegen.

Er verwarf den Gedanken amüsiert. So hungrig war er doch noch nicht.

Als er auf den Korridor hinaustrat, sah er plötzlich eine Kreatur vor sich. Es war ein vierbeiniges Wesen mit dicken Schuppen und spitzen Hörnern, die aus einem langen V-förmigen Schädel ragten.

Langsam wanderte Isaaks Hand zum Gewehr, das er über der Schulter hatte. Er wusste nicht, ob er es schnell genug ziehen könnte.

„Ruhig. Ich will dir nichts, also zieh weiter. Zum Essen bist du mir zu groß“, sagte Isaak langsam und versuchte seiner Stimme einen sonoren Klang zu verpassen.

Er wusste, dass es Tiere gab, die sich so tatsächlich beruhigen ließen und davonzogen. Er nahm an, dass etwas so Großes ein Räuber sein musste, denn es ragten spitze Zähne aus dem Maul. Räuber, da war er sich sicher, griffen nie aus Spaß an. Immerhin konnte man immer an einen stärkeren Gegner kommen.

Die Kreatur brummte. Schüsse waren weiter oben zu hören. Erst jetzt bemerkte Isaak, dass sie verbrannte Bereiche auf ihrem Panzer hatte. Nichts, was die Haut geöffnet hatte, doch verschmort war es schon.

„Sie haben dir wehgetan. Ich werde das nicht. Geh einfach.“

Er trat zur Seite, zurück in einen Zimmereingang, und machte den Weg frei.

Das Wesen kam näher. Es zog die Luft tief ein durch seine mächtigen Nüstern. Dann grunzte es und rannte mit einer Schnelligkeit fort, die Isaak verblüffte.

Während er weiterging, merkte er, wie er zusehends nervös wurde. Er war müde und fühlte sich ausgelaugt. Er war sich nicht sicher, wie gut die Nanobots arbeiteten, anderseits wusste er auch nicht, woran sie gerade arbeiteten.

Möglicherweise hatte er innere Blutungen.

„Keine Bewegung“, zischte eine Stimme nahe bei ihm. Zu nahe, wie er fand. Etwas fuhr über seine Nacken. Es war kalt und scharf. Er spürte, wie es seine Haut ritzte.

Ein Dutzend Wesen trat aus Verstecken um ihn herum. Sie hielten Waffen in Händen, lange Gewehre. Sie wirkten primitiv und archaisch, Gasdruck-Gewehre. Tödlich waren die nach Isaaks Meinung trotzdem.

Ihre Körper waren langgezogen, wobei ihre Oberkörper an Humanoide erinnerten, ihre Unterkörper aber in eine Art Schlangenschwanz ausliefen.

Vier Finger, von denen keiner als Daumen funktionierte, hatten sie an jeder Hand, mit der sie eines ihrer Gewehre hielten.

Dass es Waffen waren, war für Isaak durch die Haltung der Rohre zu erkennen. Statt eines Abzuges hatten sie einen Bügel, den man an das Rohr drücken konnte.

Sie unterhielten sich zischend.

Dann fragte einer von ihnen: „Bist du ein Plünderer?“

„Nein, ich gehöre zum Militär der Allianz“, sagte Isaak.

Er hoffte inständig, dass er damit für diese Wesen höher stand als ein Plünderer. Sicher sein konnte er sich da nicht.

Wieder stritten sie in ihrer befremdlichen Sprache. Zischlaute und nach Isaaks Meinung auch einiges an Spucke flogen umher. Dabei gestikulierten einige der Wesen sehr eindringlich mit ihren Gewehren. So eindringlich, dass Isaak Sorge hatte, ein Schuss könnte sich lösen. Einige Aussagen klangen aggressiver als andere, doch Isaak hütete sich davor zu viel in nicht-menschliche Verhaltensweisen reinzuinterpretieren, wo er nichts darüber wusste.

„Komm“, sagte nun ein anderer. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn durch ein Gewirr von Gängen. Sie führten ihn in eine alte Lagerhalle, die voll mit Gerümpel stand. Einiges war willkürlich angeordnet, anderes erkannte er als Barrikade. Hier und dort sah er eines der seltsamen Wesen, das ihn misstrauisch beäugte.

Sie setzten ihn an eine Feuerstelle und ließen ihn warten. Niemand sprach mit ihm und er wartete darauf, was nun passierte. Er musterte neugierig die Umgebung, suchte einen Fluchtweg. Doch sie hatten ihn durchgehend umzingelt.

Bald kamen einige der Wesen und schichteten ein Feuer auf. Die Holzscheite waren aus allerlei Dingen herausgebrochen worden. Meist war nicht zu erkennen, woher das Material stammte. Einiges war auch sicherlich nicht brennbar sondern ein Kunststoffgemisch.

Isaak hatte ein ungutes Gefühl dabei. Wollten sie ihn vielleicht braten? Er verwarf den Gedanken.

„Setzen Sie sich ruhig“, sagte jemand hinter ihm. Diese Worte waren in der Standardsprache gesprochen. Isaak wirbelte herum.

Ein Mensch stand dort, in abgewetzter Hose und einem Hemd. Er hatte einen Mantel über den Arm gelegt. Er sah aus wie ein normaler Terraner, die verbreitete Menschenart im Universum.

Das Auffälligste aber war, dass er unbewaffnet war, tatsächlich völlig unbewaffnet. Nicht einmal ein Messer war zu erkennen.

Isaak hatte in den Jahren ein Auge dafür entwickelt.

Er hatte kurzes, grau werdendes Haar und freundliche, graue Augen. Sein Gesicht war um die Augen und im Stirnbereich faltig. Er sah aus wie jemand, der große Freude und Trauer erlebt hatte und seine Augen blickten ihn mit einer gewissen Ruhe an. Isaak blickte sich misstrauisch um. Ein völlig Unbewaffneter machte ihn unruhig.

„Diese Wesen gehorchen ihnen?“

„Wieso glauben Sie das?“, sagte der Mann und setzte sich ans Feuer. „Bitte“, er deutete neben sich.

Isaak setzte sich langsam.

„Weil sie unbewaffnet sind“, sagte Isaak geradeheraus.

„Und das sind nur mächtige Leute, die ihre Macht dadurch zur Schau stellen, dass sie selbst gar keine Waffe in der Hand haben müssen? Oder natürlich dumme Leute“, nickte der Fremde. Es war ein normaler terranischer Mensch, wie sie überall auf Chutala vorkamen. Seine Haut war nicht hell genug, er war sicherlich nur einige Zeit hier unten gewesen. Die, die hier Jahre verbrachten, veränderten sich dadurch deutlich.

Isaak zögerte und nickte dann.

So was in der Art hatte er gedacht.

Details

Seiten
120
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901214
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307543
Schlagworte
eroberer galaxis entfesselung kriegshunde

Autor

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Titel: Eroberer der Galaxis #4: Die Entfesselung der Kriegshunde