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Ein geduldiger Jäger findet sein Ziel

2015 145 Seiten

Zusammenfassung

EIN GEDULDIGER JÄGER FINDET SEIN ZIEL
7 Fälle für Arne Wilster und Anja „die Nadel“ Stich

von Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 145 Taschenbuchseiten.

Arne Wilster, 47 Jahre als, Kriminalhauptkommissar, Zielfahnder, ist von einem betrunkenen Autofahrer schwer verletzt worden. Seinen alten Job kann er nicht mehr ausüben, doch im Präsidium findet sich eine Möglichkeit für ihn.

Formell übernimmt er die Leitung des Archivs, zusammen mit seiner Assistentin Anja Stich (die Nadel); hauptsächlich hilft er bei schwierigen Fällen oder ungeklärten Verbrechen, bei denen Verjährung droht. Akten statt Fahndung: Wilster ist froh, dass er etwas zu tun hat. Und zwar erfolgreich.

Leseprobe

EIN GEDULDIGER JÄGER FINDET SEIN ZIEL

7 Fälle für Arne Wilster und Anja „die Nadel“ Stich

von Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 145 Taschenbuchseiten.

Arne Wilster, 47 Jahre als, Kriminalhauptkommissar, Zielfahnder, ist von einem betrunkenen Autofahrer schwer verletzt worden. Seinen alten Job kann er nicht mehr ausüben, doch im Präsidium findet sich eine Möglichkeit für ihn.

Formell übernimmt er die Leitung des Archivs, zusammen mit seiner Assistentin Anja Stich (die Nadel); hauptsächlich hilft er bei schwierigen Fällen oder ungeklärten Verbrechen, bei denen Verjährung droht. Akten statt Fahndung: Wilster ist froh, dass er etwas zu tun hat. Und zwar erfolgreich.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Storysammlung © by Horst Bieber und Edition Bärenklau, 2015

Cover  ©  by Steve Mayer / mit Motiven von Pixabay, 2015

1.

Kriminalhauptkommissar Arne Wilster ging nicht mehr gerne ins Büro. Aber weil es gleichgültig war, wo er sich langweilte und auf eine Entscheidung der Personalabteilung wartete und weil er in seiner neuen Eigentumswohnung Schwiegersohn und Tochter plus Freunden beim Einrichten und Einräumen nur störte, hinkte er jeden Vormittag in sein altes Büro im Präsidium, trank zuviel Kaffee, las die Zeitung bis hin zu den Kleinanzeigen und wartete geduldig. Was blieb ihm schon anderes übrig? Natürlich war es nicht einfach, für einen 47jährigen Kriminalhauptkommissar eine passende Position zu finden, der nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall ein steifes linkes Bein zurückbehalten hatte, am Stock humpelte und ab und zu vor Schmerzen laut aufstöhnte, wobei er abenteuerliche Grimassen schnitt, weil das linke Ilio-Sakral-Gelenk mal wieder ohne Vorwarnung gnadenlos so zubiss, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb. Mit seiner alten Funktion - Zielfahnder - war es vorbei, aber womit sollte man ihn im Präsidium sinnvoll beschäftigen? Eine Frühpensionierung mit 47 wäre eine ungerechtfertigte Bestrafung für das Opfer eines angetrunkenen Fahrers gewesen. Aber wo in der Organisation Kripo sollte Arne Wilster künftig arbeiten. Sein Problem waren Treppen und längere Fußwege. Und für seine unveränderten Fähigkeiten - Englisch, Französisch und Italienisch - gab es in der Alltagsroutine nicht genügend Beschäftigung.

Am frühen Nachmittag klopfte Kollege Max Becker an Arnes Tür.

"Komm rein!"

"Hei, Arne. Hast du einen Moment Zeit für mich?"

"So viel, wie du willst. Zeit ist im Moment das Einzige, das ich im Überfluss besitze."

"Also immer noch keine Entscheidung?"

"Nein. Und ich fürchte, das wird auch noch eine ganze Weile dauern."

"Hm. Dann könntest du doch bitte mal einen Blick auf diese Fallakte werfen. Ich komm' damit nicht voran. Und der Schnauzbart hat mir heute Vormittag deswegen eine dicke Zigarre verpasst."

Der Schnauzbart war Kriminalrat Herbert Füllgraf, Leiter der Abteilung Eins - Gewaltkriminalität.

Auf dem Aktendeckel stand: "Tötung zum Nachteil von Waldemar Hochfeld."

Von dem Fall hatte Wilster in der Zeitung gelesen. "Das ist dieser klavierspielende Ex-Kaufmann aus dem Magdalenenviertel?"

"Genau. Ganz blöder Fall. Und das Ärgerlichste: Der PP wohnt nur drei Häuser weiter."

"Ach du armer Kerl." Der PP war der Polizeipräsident, ein wegen seine Ungeduld und aufbrausende Ungerechtigkeit wenig beliebter Vorgesetzter, der seinen Posten nicht seinen Fähigkeiten, sondern seinem Parteibuch verdankte.

"Na, dann lass mal sehen. Kaffee müsstest du dir selber besorgen."

"Kein Problem, Arne. Für dich auch noch?"

"Irgendwelche Komplikationen?", erkundigte sich Wilster nach der ersten Tasse.

"Nee. Ich komm' einfach nicht weiter. Ein richtig schöner runder Raubmord, aber kein Hinweis auf den Täter."

"Erzählst du mir was über das Opfer?"

"Waldemar Hochfeld. 71 Jahre alt, verwitwet, steinreich und ziemlich schrullig."

"Was verstehst du unter schrullig?"

"Erstens machte er Hausmusik. Seit Jahren, er war angeblich ein hervorragender Klavierspieler. Jeden Mittwoch Punkt 19.00 Uhr wurde bei ihm gefidelt."

"Das ist nicht schrullig, sondern kultiviert."

Kollege Max Becker schnitt eine Grimasse. Unter Kultur verstand er etwas anderes, aber über manche Sachen konnte man mit dem Kollegen Arne Wilster nicht diskutieren.

"Zweitens sammelte er alte Taschenuhren. Wertvolle Stücke, man soll gar nicht glauben, was für solchen Schrott gezahlt wird. Und drittens hatte er eine gefährliche - für ihn gefährliche - Marotte, er wollte immer ausreichend Bargeld im Hause haben."

"Daraus schließe ich, dass der Raubmörder Bargeld und Uhren eingesackt hat."

"Sicher, wenigstens zwei Dutzend Uhren und eine Summe zwischen 5000 und 15 000 Euro."

"Genauer weiß man's nicht?"

"Nee. Leider nicht. Ich sagte doch, er war schrullig, und selbst seine Haushälterin kann nur schätzen, wie viel Geld er im Hause aufbewahrte. Und eine kleine Tischdecke aus dem Esszimmer ist verschwunden. Behauptet die Haushälterin steif und fest."

"Wie bitte?"

"Ja, eine Tischdecke. Sechzig mal sechzig Zentimeter ungefähr. Frag' mich bitte nicht, warum und weshalb."

Wilster zog die Akte heran und sah Max aufmerksam an.

"Hochfeld hatte ein schönes Haus in der Magdalenenstraße 57. Du kennst das Viertel? - okay, alles schmale Straßen und nach hinten raus riesige Gärten, zwischen deren Schmalseiten öffentliche Fußwege verlaufen. Hochfelds Garten ist mit einer recht hohen Mauer umgeben, über die wahrscheinlich der Täter geklettert und eingedrungen ist."

"Was heißt das?"

"Eine Glasscheibe in der Tür zum Garten war von außen eingeschlagen, der Schlüssel steckte innen. Ach so, ja, die Scherben lagen im Haus."

"Und du hast keinen Nachbarn, keinen Spaziergänger gefunden, der gesehen hat, wie der Täter über die Mauer in den Garten gestiegen ist?"

"So ist es, Arne. Passiert ist das alles am 5. Mai zwischen 18.00 und 19.00 Uhr."

"Sagt der Arzt?"

"Klar, aber auch die anderen Zeugen."

"Welche anderen Zeugen?"

"Der 5. Mai war ein Mittwoch, Arne."

"Kapiert. Also ein Hausmusikabend. Und wie ist Hochfeld umgebracht worden?"

"Erschlagen. Mit einem Schürhaken vom Kamin des Musikzimmers. Aber das war wohl nicht beabsichtigt."

"Wie meinst du das?"

"In der Diele haben wir einen großen Wattebausch, getränkt mit Chloroform, gefunden. Außerdem Anzeichen, dass ein Kampf stattgefunden hat, verrutschte Teppiche, Risse in der Tapete und ein heruntergefallenes Bild. Deswegen denke ich mir, der Unbekannte hat Hochfeld in der Diele betäuben wollen, Hochfeld hat sich gewehrt, ist dann in das Musikzimmer geflüchtet, und dort hat der Täter ihn niedergeschlagen."

"Ist das sicher?"

"Sagen wir mal so: In diesem Punkt gibt es zwischen mir und der Kriminaltechnik und Rechtsmedizin keinen Dissens."

"Aha!" Wilster kannte Becker; mit den Kollegen von der Spurensicherung stand er auf Kriegsfuß. "Und die Zeugen helfen nicht weiter?"

"Eine Zeugin fehlt mir noch, sie kommt jede Minute, aber die anderen..."

"Gib mir doch mal die Aussagen."

Max strahlte. Das und nichts anderes hatte er beabsichtigt. "Vier Gäste und die Haushälterin."

"Dann fange ich mit der mal an."

Caroline Knudsen, 58 Jahre alt, verwitwet, wohnhaft Magdalenenstraße 57, seit elf Jahren Haushälterin bei Waldemar Hochfeld.

"Diese Hausmusikabende fanden schon statt, als ich vor elf Jahren bei Herrn Hochfeld anfing. Jeden Mittwoch um Punkt 19.00 Uhr, Herr Hochfeld legte größten Wert auf Pünktlichkeit.

Den Mittwochabend hatte ich regelmäßig frei. Nachmittags bereitete ich einen kalten Imbiss für die Gäste vor und stellte Gläser bereit."

Auf Nachfrage: "Nein, wieviel Musiker kamen, wusste ich nicht immer. Das schwankte, manche sagten erst kurz vorher telefonisch ab, in der Regel waren es drei bis fünf Besucher."

Wilster schaute nachdenklich hoch: "Das verstehe ich nicht, Max."

"Was meinst du?"

"Nehmen wir mal an, am ersten Mittwoch hatte Hochfeld mit zwei Gästen ein Trio geübt. Oder meinetwegen gespielt. Am nächsten Mittwoch kommen plötzlich vier Gäste. Also zwei zuviel für das Trio. Was haben die beiden anderen dann gemacht?"

"Das habe ich diese Perle des Haushalts auch gefragt. Sie sagt, dann wurde entweder kurzfristig ein Quintett gespielt, wenn alle Anwesenden ihren Part einigermaßen beherrschten - ach so, ich kapiere. Hochfeld hatte eine riesige Notensammlung in seinem Musikzimmer. Kammermusik mit allen Einzelstimmen - so nennt man das ja wohl. Und wenn sich partout nichts Passendes fand, setzte sich einer auch mal in die Bibliothek und stimmte sich innerlich ein."

"Wie bitte?"

"Hochfelds Weinkeller genoss einen exzellenten Ruf."

Wilster lachte und las weiter. Auf Nachfrage: "Nein, am 5. Mai hatte mir Herr Hochfeld nicht gesagt, wie viele Gäste er erwartete. Ich hatte vier Gläser im Musikzimmer bereitgestellt; denn in der Woche davor hatte ich die Noten eines Klavierquartetts von Mozart weggeräumt. Ich nahm an, dieses Stück würde wieder gespielt.

Wenn ich alles vorbereitet hatte, ging ich gegen 18.00 Uhr fort und war meistens gegen 22.00 Uhr wieder zurück."

Auf Nachfrage: "Ja, es ist richtig, Herr Hochfeld verwahrte immer viel Bargeld im Hause auf, in seinem Arbeitszimmer im ersten Stock. Das war kein Geheimnis. Auch von seiner Uhrensammlung erzählte er oft. Den genauen Wert der Sammlung kenne ich nicht, aber Herr Hochfeld hatte mir mal verraten, dass er ihn auf eine Viertelmillion schätze.“

Auf Vorhalt: "Ja, wenn Sie mich so fragen - ich habe es für leichtsinnig gehalten. Aber Herr Hochfeld wollte nicht auf mich hören. Er war stolz darauf, ein gastfreies Haus zu führen. Um mich zu ärgern, sagte er immer, in anderen Häusern würden die Hausherren einladen, bei ihm lade sich jeder selbst dadurch ein, dass er ein Instrument spiele und Kammermusik liebe.

Am 5. Mai habe ich das Haus kurz vor 18.00 Uhr verlassen, aber noch vor der Bushaltestelle bemerkt, dass ich meine Brille vergessen hatte. Ich wollte nämlich mit meiner Nichte ins Kino gehen. Ich bin in das Haus zurückgegangen und hörte das Telefon in der Diele läuten, als ich die Haustür aufschloss. Meine Nichte rief an, sehr aufgeregt, sie könne sich nicht mit mir treffen, eine Freundin habe einen Verkehrsunfall gehabt, und sie müsse zu ihr ins Krankenhaus fahren. Deshalb habe ich herumtelefoniert und mich mit einer früheren Nachbarin verabredet. Gegen 18.40 Uhr habe ich das Haus wieder verlassen und bin gegen 23.00 Uhr zurückgekommen."

"Max, diese Nichte und die verunglückte Freundin...?"

"Alles paletti und geprüft."

Befragt zu den Besuchern am 5. Mai: "Astrid Schäfer kommt seit acht oder neun Jahren, ziemlich regelmäßig. Markus Riddel kenne ich nicht. Erika Dercks nimmt seit etwa fünf Jahren an den Hausmusikabenden teil. Karl Simson war schon ständiger Mittwochsgast, als ich im Hochfeld-Haus anfing."

"Max, diese Haushälterin..."

"Astrein, Arne. Perfektes Alibi, absolut wasserdicht. Und weil ich dein Misstrauen kenne - keine Geldsorgen, nie unehrlich. Eine echte Perle."

"Wenn du das sagst! Also weiter."

Karl Simson, 53 Jahre alt, wohnhaft Schönbusch 11, ledig, Leiter der Personalabteilung der Westenholz AG.

"Ich kannte Waldemar Hochfeld seit gut 20 Jahren. An den Hausmusikabenden nehme ich seit etwa 15 Jahren teil."

Auf Nachfrage: "Ja, ich wusste von dem Bargeld-Fimmel und der Uhrensammlung. Beides im Haus aufzubewahren hielt ich für leichtsinnig, aber in diesem Punkt stellte sich Hochfeld taub.

Am 5. Mai bin ich gegen 19.05 Uhr vor dem Haus in der Magdalenenstraße eingetroffen. Weil das Wetter so schön war, habe ich meinen Wagen oben auf der Mertenstraße geparkt und bin noch ein Stück zu Fuß herumgelaufen, deshalb hatte ich mich ein wenig verspätet. Ja, es stimmt, Hochfeld legte großen Wert auf Pünktlichkeit. Vor der Haustür traf ich auf Erika Dercks, die ich seit gut fünf Jahren von den gemeinsamen Musikabenden kenne. Sie erschien mir aufgeregt zu sein und erklärte, sie sei vor etwa einer Viertelstunde eingetroffen und habe seitdem mehrfach geläutet, aber niemand habe ihr aufgemacht."

Auf Nachfrage: "Ja, ich wusste, dass Frau Knudsen, die Haushälterin, mittwochs einen freien Abend hatte, aber ich hatte es noch nie erlebt, dass Hochfeld nicht zu Hause war. Wenn die Musikabende nicht stattfinden konnten, hatte er immer rechtzeitig telefonisch abgesagt.

Nach vielleicht drei oder vier Minuten wies Frau Dercks plötzlich auf einen Mann, der auf uns zugelaufen kam. Er trug einen Geigenkasten und stellte sich als Markus Riddel vor. Er sei zum ersten Mal von Hochfeld zu einem Musikabend eingeladen worden, und zwar durch Vermittlung seiner Bekannten Astrid Schäfer, mit der er sich um 19.00 Uhr vor dem Haus treffen wollte, die sich aber offenkundig verspätet habe. Wir haben noch zwei- oder dreimal vergeblich geläutet, bis ich unruhig wurde. Auch Frau Dercks meinte, da müsse etwas passiert sein, deshalb schlug ich vor, wir sollten in das Haus eindringen und nachsehen."

Auf Nachfrage: "Nein, die Haustür war ins Schloß gezogen.

Frau Dercks meinte, dass wir es über die Gartenmauer versuchen sollte, und Herr Riddel bot sich an, über die Mauer zu steigen. Ich bin mit ihm die Magdalenenstraße hinuntergelaufen und habe ihm den Weg zwischen den Gärten gezeigt, dann über die Mauer in den Hochfeld-Garten geholfen. Frau Dercks war vor der Haustür geblieben und wollte dort auf uns warten. Riddel stieg über die Mauer, ich bin sofort in die Magdalenenstraße zurückgelaufen, und als ich dort ankam, hatte Riddel schon die Haustür von innen geöffnet. Zu dritt haben wir das Haus betreten und laut nach Waldemar Hochfeld gerufen."

Auf Nachfrage: "Ja, die Unordnung in der Diele ist mir aufgefallen. Nein, einen Wattebausch habe ich in der Aufregung nicht bemerkt. Ich bin dann in das Musikzimmer gegangen und habe Hochfeld gefunden. Er lag nahe dem Kamin auf dem Boden, mit einer schweren Kopfwunde, die stark geblutet hatte. Ich habe vor Schreck geschrien, und daraufhin sind Erika Dercks und Markus Riddel in das Musikzimmer gekommen. Während wir noch auf den Toten starrten, hörten wir Astrid Schäfer in der Diele rufen. Unmittelbar danach betrat sie das Musikzimmer. Ich habe dann die Polizei und den Notarzt alarmiert, vom Telefonapparat im Wohnzimmer aus."

"Was hast du über diesen Simson herausgefunden?"

"Ein komischer Kauz, Arne."

"Zufällig weiß ich, dass du mich in der Kantine auch so nennst."

Gegen solche Nadelstiche bewährte sich Maxens dickes Fell: "Du hast auch viel mit Simson gemeinsam."

"Du meinst, dass ich anderen gelegentlich einen Dämpfer verpasse?"

"Das auch. Simson ist Junggeselle, die Verknöcherung auf zwei Beinen, und seine Bekannten meinen, er lebe in seelischer Bigamie. Einerseits ist er mit seinen Personalakten verheiratet, andererseits mit seinen Musik-Noten."

An Maxens lockere Sprüche hatte Arne sich gewöhnt, deshalb schmunzelte er nur.

"Als Personalleiter verdient er doch wohl mehr als den Hartz-Vier-Satz."

"Anzunehmen. Aber er haust in einer winzigen Wohnung in einer scheußlichen Gegend, fährt einen durchgerosteten Kleinwagen - wie der beim letzten Mal durch den TÜV gekommen sein mag - und trägt Anzüge, also, die würdest selbst du nicht einmal mehr als Putzlappen benutzen."

"Hat er Schulden?"

"Nein, das wohl nicht. Aber er ist immer knapp bei Kasse, und unsere Haushaltsperle hat mir - übrigens hochrot vor Verlegenheit - gestanden, dass sich Simson von ihrem Brötchengeber Hochfeld mehr als einmal Geld geliehen hat."

"Woher weiß sie das?"

"Sie sagt, von Hochfeld."

"Wofür gibt Simson soviel Geld aus?"

"Keine Ahnung. Wenn er irgendeinem teuren Hobby frönt, so haben wir's noch nicht entdeckt."

Aussage Erika Dercks, 42 Jahre alt, ledig, wohnhaft Saarlandstraße 45, Studienrätin für Französisch, Sport und Musik am Pauline-Mälzer-Gymnasium.

"Ich kannte Waldemar Hochfeld seit gut fünf Jahren. Seitdem habe ich ziemlich regelmäßig an den Musikabenden teilgenommen. Ich spiele Bratsche.Am 5. Mai hat mich eine Nachbarin im Auto mitgenommen, und deshalb bin ich schon gegen 18.50 Uhr vor der Magdalenenstraße 57 eingetroffen. Auf mein Klingeln hat niemand geöffnet, was mich verwunderte. Natürlich wusste ich, dass die Haushälterin ihren freien Abend hatte, aber es war noch nie vorgekommen, dass Hochfeld einen Musikabend versäumt oder nicht rechtzeitig abgesagt hatte. Meine Unruhe wuchs. Kurz nach 19 Uhr kam Karl Simson auf mich zu; ich kenne ihn seit fünf Jahren von den Musikabenden. Ich erklärte ihm, was mich beunruhigte; auch er wunderte sich. Wenig später bemerkte ich einen Mann mit einem Geigenkasten, der die Magdalenenstraße heraufkam. Er sprach uns an und stellte sich als Markus Riddel vor. Er sei Geiger und zum ersten Mal von Herrn Hochfeld eingeladen worden, durch Vermittlung seiner Bekannten Astrid Schäfer, mit der er sich vor dem Haus verabredet habe. Astrid Schäfer kenne ich, seit ich Musikgast bei Hochfeld bin.

Simson schlug vor, in das Haus einzudringen. Ich riet den Männern, es auf der Rückseite über die Gartenmauer zu versuchen. Karl Simson und Markus Riddel liefen los, ich wartete vor der Haustür. Nach vielleicht vier Minuten öffnete Herr Riddel die Haustür von innen und erklärte mir, an der offenstehenden Tür zum Garten sei eine Scheibe eingeschlagen, der Bund mit dem Schlüssel für die Haustür habe in der Diele auf dem Boden gelegen. In dem Moment kam Karl Simson zurück. Zu dritt haben wir das Haus betreten und laut nach Herrn Hochfeld gerufen."

Auf Nachfrage: "Ja, die Unordnung in der Diele und der Wattebausch sind mir sofort aufgefallen. Herr Simson war schon in das Musikzimmer gelaufen und schrie dort laut auf. Wir folgten ihm und fanden den erschlagenen Waldemar Hochfeld nahe dem Kamin. Während wir noch um Fassung rangen, rief Astrid Schäfer von der Diele nach 'Waldemar' und kam ins Musikzimmer. Als sie den Toten sah, wurde ihr schlecht. Herr Riddel hat sich um sie gekümmert und in die Küche geschleift, damit sie etwas Kaltes trank. Herr Simson hat darauf gedrungen, dass wir das Musikzimmer verließen und hat vom Telefon im Wohnzimmer Polizei und Notarzt angerufen."

Auf Nachfrage: "Nein, im Musikzimmer waren keine Anzeichen eines Kampfes sichtbar. Hochfeld hatte schon vier Stühle und vier Notenpulte aufgestellt. Der Imbiss war wie jeden Mittwochabend in der Pantry neben dem Wohnzimmer vorbereitet."

Auf Nachfrage: "Normalerweise spielten wir zwischen eineinhalb und zwei Stunden. Danach gab es den Imbiss und Wein. Weil wir alle berufstätig sind, dauerten die Treffen selten länger als bis 22 Uhr."

Auf Nachfrage: "Ja, ich wusste von dem Bargeld und der wertvollen Uhrensammlung in Hochfelds Arbeitszimmer."

"Es lebe die Gewohnheit", murmelte Wilster. Max hielt die Klappe, obwohl er die Bemerkung nicht verstanden hatte.

"Wieviele Telefone gibt es eigentlich in dem Haus?"

"Einen Hauptanschluss, aber fünf Apparate, Arne."

"Hast du die Dercks gefragt, welches Stück am 5. Mai gespielt werden sollte?"

"Ja, hab' ich. So ganz klar hat sie sich nicht ausgedrückt. Am Mittwoch zuvor hatten sie ein Klavierquartett von Mozart gespielt, und deswegen sei sie davon ausgegangen, dass sie am 5. Mai noch einmal diesen Mozart spielen würden."

"Aber das stand nicht fest?"

"Nein, eben nicht. Manchmal fehlte einer der Spieler, manchmal waren neue, andere dazugekommen, und dann wurde von allen Anwesenden entschieden, was sie spielen oder üben wollten."

"Dann hatte sie also keine Noten dabei?"

"Wieso Noten? - ach so, nein, nein, wie gesagt, Hochfeld stellte die Noten zur Verfügung, für sich und die anderen Spieler."

"Verstanden, okay. Und was ist dein Eindruck von dieser Erika Dercks?"

"Sie sollte sich mit Simson zusammentun."

"Warum denn das?"

"Simson hat scheint's immer wieder Geldsorgen, und sie hat eine Menge Kies auf der Bank." Max kicherte gehässig oder neidisch. "Und wenn ich mal raten soll: Sie hat seit langem ein Auge auf diesen Stoffel Simson geworfen."

"Nur eines?"

"Das andere braucht sie doch für die Noten, Arne. Die reinste Verschwendung."

"Du drückst dich wieder mal sehr klar aus."

"Arne, diese Dercks ist eine hübsche Frau. Und im Turnunterricht macht sie bestimmt jede Übung mit oder vor, will sagen, sie hat auch die Figur, die zu diesem Gesicht passt."

"Warum steht das nicht im Protokoll?"

"Blöd...hm. Also, ich nehme jede Wette darauf an, dass sie sich in diesen Simson verguckt hat."

"Was er nicht bemerkt?"

"Offenbar nicht."

"Na schön. Wen haben wir noch?"

Markus Riddel, 35 Jahre alt, in Scheidung lebend, wohnhaft Bohlens Wiese 3, Handelsvertreter.

"Ich kannte Herrn Hochfeld nicht persönlich. Am Montag, das war also der 3. Mai, hat er mich abends zu Hause angerufen und eingeladen, am nächsten Mittwochabend zu kommen. Meine Bekannte Astrid Schäfer hatte ihm am Mittwoch zuvor erzählt, dass ich Geige spiele und vielleicht in den Kreis passen würde. Daraufhin hat er mich eingeladen. Frau Schäfer kenne ich seit gut vier Monaten.

Am 5. Mai bin ich mit dem Auto in die Magdalenenstraße gefahren und dort gegen 18.45 Uhr eingetroffen. Ich hatte mich mit Astrid Schäfer verabredet und habe vor dem Hochfeld-Haus auf der anderen Straßenseite im Auto auf sie gewartet. Wenige Minuten später bemerkte ich eine Frau, die ich später als Erika Dercks kennenlernte; sie klingelte mehrmals vergeblich am Haus. Vielleicht eine Viertelstunde danach kam ein Mann dazu, den ich später als Karl Simson kennenlernte. Auch er klingelte vergeblich. Ich bin dann ausgestiegen und habe mich den beiden vorgestellt; beide waren sehr beunruhigt und meinten, da müsse etwas passiert sein, Hochfeld sei sonst die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in Person. Herr Simson wollte in das Haus einsteigen, Frau Dercks schlug vor, einer von uns sollte versuchen, hinter dem Haus über die Gartenmauer zu klettern. Ich habe mich dazu bereiterklärt, und Herr Simson ist mit mir um den Block in den Weg zwischen den Gärten gelaufen. An der Rückseite des Grundstücks hat er mir über die Mauer geholfen, und ich bin durch den Garten auf das Haus zugelaufen. Dort stand die Tür zum Garten einen Spalt offen, und mir ist sofort aufgefallen, dass eine Scheibe eingeschlagen war."

Auf Nachfrage: "Ja, die Scherben lagen innen, im Haus. Und der Schlüssel für die Tür aus der Diele in den Garten steckte ebenfalls innen."

Auf Nachfrage: "Ja, die Verwüstung in der Diele ist mir sofort aufgefallen. Auch der Wattebausch. Nein, an der Haustür steckte innen kein Schlüssel, sie war abgeschlossen, wie ich feststellte und ließ sich nicht mit der Innenklinke öffnen. Aber vielleicht einen Meter von dem Wattebausch entfernt lag ein Schlüsselbund auf dem Boden. Ich habe diverse Schlüssel am Schloss der Haustür ausprobiert, der dritte oder vierte fasste, und ich habe die Tür geöffnet. Frau Dercks wartete auf mich, und in dem Moment kam dann auch schon Herr Simson dazu. Gemeinsam haben wir nach Herrn Hochfeld gerufen, Herr Simson ist sofort in das Musikzimmer gelaufen und hat dort laut geschrien. Wir sind ebenfalls hineingelaufen und haben Herrn Hochfeld in der Nähe des Kamins gefunden. Er lag auf dem Boden. Während wir noch nach Luft schnappten, rief Astrid Schäfer aus der Diele nach 'Waldemar' und kam ebenfalls in das Musikzimmer."

Wilster schüttelte unwillig den Kopf: "Sag' mal, Max, wie steht's eigentlich mit Fingerabdrücken?"

"Bescheiden, lieber Kollege. Kein einziger hilft uns weiter. Weder im Musikzimmer noch an dem Schürhaken noch in Hochfelds Arbeitszimmer. Der Schürhaken ist allerdings abgewischt worden - behauptet die Spurensicherung. Wer hinterlässt heute schon noch Fingerabdrücke!"

"Das Bargeld und diese Uhrensammlung waren doch sicherlich eingeschlossen?"

"Na klar doch. Im Schreibtisch - sagt die Haushälterin - und in einem festen Holzschrank im Arbeitszimmer. Und bevor du weiterbohrst: Nein, nichts aufgebrochen. Die Schlüssel zum - nennen wir ihn Uhrenschrank - und zum Schreibtisch befanden sich an dem Bund, den Riddel in der Diele gefunden hat."

"Das heißt also doch, der Täter wusste, wo er Geld und Uhren suchen musste?"

"Sieht ganz so aus. Aber zu allem Elend hat Hochfeld alle seine Gäste früher oder später in sein Arbeitszimmer geführt und ihnen voller Stolz seine Sammlung gezeigt."

"So lockt man Einbrecher an. Wo hielt sich Hochfeld denn auf, als der Einbrecher die Scheibe an der Hintertür einschlug?"

"Die Haushälterin meint, im Musikzimmer. Um am Flügel zu üben - ja, ja, ganz blöd bin ich auch nicht, Arne. Die Tür des Musikzimmers hat eine spezielle Lärmdämmung. Wenn sie geschlossen war, konnte er das Klirren der Glasscheibe in der Diele nicht hören."

"Aber weil er Gäste erwartete, wird er sie wohl offen gelassen haben."

"Vermutlich."

"Dann ist er wohl aufgestanden und in die Diele...hm."

"Genau da liegt der Hund begraben, Arne. Der Täter hatte die Watte mit Chloroform vorbereitet, was doch wohl den Schluss erlaubt, dass er Hochfeld überrumpeln und betäuben wollte."

"Moment, Max. Warum riskiert er dann den Krach, indem er eine Scheibe einschlägt?"

"Tja, wenn ich das wüsste! Logischerweise gibt's zwei Erklärungen. Erstens: Der Täter wusste, dass Hochfeld vor dem Eintreffen seiner Musikgäste am Flügel saß und übte. Ob bei offenen oder geschlossener Tür, spielt vielleicht keine Rolle, so ein Flügel macht ja gewaltigen Lärm, wenn man ihn richtig bedient."

Wilster zuckte entsetzt zusammen, worauf Max begeistert nickte: "Oder zweitens: Es war ein Missgeschick, er wollte die Scheibe leise herausschneiden, und das ist misslungen."

Eine Weile herrschte Schweigen, Wilster kaute auf den Lippen, und Max wurde warm. Hatte er etwas übersehen?

Endlich schüttelte Wilster den Kopf: "Du hast die dritte Möglichkeit vergessen."

"Welche?"

"Die Haustür."

"Wieso die Haustür? Der Täter ist doch durch die Gartentür..." Max hatte immer langsamer gesprochen, und sein Gesicht wurde unter Wilsters amüsiertem Blick ausgesprochen lang.

"Richtig, Max. Wenn ich erst mal im Haus bin, brauche ich keine Minute, die Tür zum Garten aufzuschließen und von außen eine Scheibe einzuschlagen."

"Und warum tust du..."

"Max! Damit die Kripo annimmt, ich sei gewaltsam durch die Gartentür eingedrungen. Was du ja auch prompt vermutet hast."

"Du meinst, der Täter ist durch die Haustür...?"

"Warum nicht? Übrigens: Warum der Täter? Warum nicht die Täter?"

"Willst du mich unglücklich machen?"

"Nein, nur aufwecken. Wer hat denn vor der Haustür, auf der Magdalenenstraße gewartet?"

"Karl Simson und Erika Dercks."

"Der eine steckt in Geldnöten, die andere hat ein Auge auf ihn geworfen - deine Worte. Und vor dem Hochfeld-Haus konnte sie beide Augen benutzen."

Max begann zu ächzen, aber Wilster winkte rasch ab. "Wir dürfen diesen Riddel nicht vergessen. Ist dir der Widerspruch in den Aussagen nicht aufgefallen?"

"Welcher Widerspruch?" fragte Max nervös, doch Wilster grinste nur hässlich und griff nach dem schnarrenden Telefon: "Wilster...gut, ja, schicken Sie sie rauf zu mir. Becker ist noch bei mir im Zimmer. Ende." Er legte auf und runzelte die Stirn: "Und noch eine Ungereimtheit, Max. Die Haustür war abgeschlossen. Nicht nur ins Schloss gezogen."

"Ja, aber was soll daran..."

"Hochfeld erwartete Gäste. Warum hat er, nachdem seine Haushälterin gegangen war, die Tür abgeschlossen?"

Bevor Max antworten konnte, klopfte es, und Wilster rief laut: "Ja, bitte."

Astrid Schäfer war 32 Jahre alt, ledig, und wohnte in der Moorstraße 78. Auf die Frage nach ihrem Beruf antwortete sie: "Galeristin. Ich habe ein eigenes Geschäft im Lyckencenter."

Wilster nickte freundlich, um sie zu beruhigen. Max hatte seinen Stuhl zurückgerückt, er schmollte noch, weil Wilster ihm nicht auf die Sprünge helfen wollte.

"Und wie läuft das Geschäft?"

"So lala, Herr Kommissar. Ich könnte klagen, aber ich muss ja nicht - oder?"

Wilster schmunzelte. "Nein, wir sind hier nicht im Finanzamt. Frau Schäfer, wie lange kannten Sie Waldemar Hochfeld?"

"Seit mehr als 25 Jahren, ja, doch, kein Flax, meine Eltern haben früher hier in der Magdalenenstraße nebenan gewohnt."

"So lange verkehren Sie also schon im Hause Hochfeld?"

"Jein", erwiderte sie zögernd. "Als ich fünfzehn war, sind wir weggezogen, ich habe danach Waldemar gelegentlich besucht, aber nicht regelmäßig."

"Aber später wieder."

"Ja." Einen Seufzer konnte sie nicht unterdrücken. "Ich bin zur Musikhochschule gegangen. Cello, ja. Aber es hat - nun ja, es hat nicht gelangt. Verstehen Sie? Zur Solistin ohnehin nicht, und irgendwo am letzten Pult in einem Kurparkorchester - nein, ich hab's aufgesteckt."

"Das verstehe ich. Aber Sie haben bei Hochfeld regelmäßig an diesen Musikabenden teilgenommen?"

"Seit etwa acht Jahren, das stimmt. Waldemar war enttäuscht, dass ich aufgegeben hatte. Und dann hat er mich erpresst." Sie verzog das Gesicht und lachte leise. "Auf die sanfte Tour."

"Wie bitte?"

"Ich brauchte Geld. Um die Galerie zu übernehmen. Und er hat es mir unter der Bedingung geliehen, dass ich bei ihm Hausmusik machte." Sie wischte sich eine Träne weg. "Zuerst war ich - ach, ich hab's akzeptiert."

"Nur akzeptiert?"

"Nein, nicht nur. Zur Hausmusik hat's gelangt, und mit der Zeit ist auch der Spaß am Instrument zurückgekommen."

"Fein. Ich vermute also, Sie haben nicht nur wegen des Darlehens regelmäßig teilgenommen?"

"Nein. Obwohl" - jetzt wurde sie rot - "alles habe ich noch nicht zurückgezahlt. Seit einiger Zeit läuft die Galerie nicht mehr so gut."

"Aber Hochfeld hat nicht gedrängt?"

"Nein. Er ist - war großzügig."

"Das interessiert mich. Großzügig gegenüber allen Menschen?"

"Nei...ein", zögerte sie und schaute geistesabwesend auf Max. "Er half gerne, vor allem, wenn sich jemand für klassische und romantische Musik interessierte. Das war für ihn so eine Art Ausweis, dass es sich um einen anständigen, ordentlichen Menschen handelte."

Wilster erwiderte ihr Lächeln: "Also war er auch gastfreundlich?"

"Natürlich. Jeder, der ein Instrument spielte, genoss sozusagen Verkehrsrecht im Hause Hochfeld."

"Sie sagten eben, solchen Musikliebhabern gegenüber war er großzügig. Bei anderen Menschen nicht?"

"Doch, schon. Aber er ließ sich nicht gerne für dumm verkaufen. Wenn ihn jemand leimen wollte, konnte er sehr hart, sehr unangenehm werden. Er war nicht naiv, verstehen Sie? Und außerdem war er ein erfolgreicher Kaufmann, dem man in puncto Geld und Geschäft wenig vormachen konnte."

"Schön, das ist mir jetzt klar. Erzählen Sie uns etwas über die anderen Gäste vom 5. Mai?"

"Erika Dercks musiziert seit etwa fünf Jahren mit, Karl Simson war schon dabei, als ich zu dem Kreis stieß."

"Gute Musiker?"

"Doch, ja. Erika ist technisch schlechter als Karl, aber dafür hat sie mehr musikalisches Gefühl. Karl spielt, wie ich es empfinde, etwas automatenhaft."

"Ah ja. Mein Kollege hat angedeutet, Frau Dercks empfinde etwas mehr als nur kollegiale Gefühle für Herrn Simson."

"Ja, das stimmt. Es ist ein richtiges Trauerspiel."

"Wie meinen Sie das?"

"Erika zeigt offen, was sie für Karl empfindet, aber der Stoffel kennt Frauen offenbar nur aus seinen Personalakten."

"Womit beschäftigt er sich denn, wenn er nicht dienstlich in Personalakten blättert?"

"Das wissen die Götter. Erika weiß es jedenfalls nicht. Und ich auch nicht."

"Gut, dann zu diesem Markus Riddel."

"Markus Riddel habe ich vor gut vier Monaten in der Galerie kennengelernt, wir sind seitdem befreundet."

"Nur befreundet?", erkundigte sich Wilster sachlich, und sie holte tief Luft: "Nein, mehr."

"Ich verstehe."

"Eines Tages hat er mir erzählt, dass er geige, und ich habe ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte, mittwochs zu Waldemar Hochfeld zu kommen."

Wilster legte den Kopf schräg: "Weil Sie noch einen Geiger in der Runde gebrauchen konnten - oder weil Sie ihn Waldemar Hochfeld vorstellen wollten?"

Gelassen erwiderte sie und wich seinem Blick nicht aus: "Aus beiden Gründen. Aber der zweite zählte mehr. Also habe ich Waldemar angerufen und einen neuen Spieler angekündigt, und Markus und ich haben wir uns für den Mittwoch - den 5. Mai - vor Waldemars Haus verabredet."

"Sie sind aber nicht pünktlich gewesen."

"Nein, ein Kunde hat mich aufgehalten, und dann war der erste Bus so voll, dass ich mit meinem Cellokasten nicht einsteigen wollte und auf den nächsten warten musste. Wann ich in der Magdalenenstraße genau eingetroffen bin, weiß ich nicht, aber ich habe Markus Riddel nicht entdeckt. Mir fiel sofort auf, dass die Haustür einen Spalt offenstand. Ich bin in das Haus gegangen und habe in der Diele laut nach Waldemar gerufen. Dann hörte ich Stimmen im Musikzimmer und bin hineingegangen. Dort waren Karl - also Karl Simson, Markus Riddel und Erika Dercks. Waldemar lag vor dem Kamin. Simson hat darauf bestanden, dass wir das Musikzimmer verließen. Mir wurde ziemlich übel, und Markus hat mich in die Küche geschleift, ich sollte etwas Kaltes trinken." Sie hatte mit tonloser Stimme gesprochen, und Wilster sah, dass sie jetzt mit den Tränen kämpfte.

"Vielen Dank", sagte er deshalb fest, "ich glaube, wir sind fertig."

"Merkwürdig", brummte Wilster, als Max zurückkam, der Astrid Schäfer zum Ausgang gebracht hatte.

"Sag bloß, dir ist was aufgefallen."

"Dir nicht?"

"Nee", gab Max sehr kleinlaut zu.

"An dem Abend war einiges nicht wie sonst."

"Das stimmt, die anderen Abende hat Hochfeld überlebt."

"Quatschkopf! Nein, die Haushälterin ist fast vierzig Minuten später weggegangen als üblich. Erika Dercks kam wegen der hilfreichen Nachbarin zehn Minuten vor der Zeit. Karl Simson hatte sich um fünf Minuten verspätet, und Astrid Schäfer um mindestens eine Viertelstunde, wenn nicht zwanzig Minuten. Richtig?"

"Richtig", murmelte Max.

"Du unterstellst doch auch, dass der Einbrecher die Abläufe dieser Hausmusikabende kannte?"

"Davon gehe ich aus", erwiderte Max steif.

"Schön. Dann durfte der Unbekannte damit rechnen, dass er zwischen 18 Uhr, wenn normalerweise die Haushälterin fortging, und 19 Uhr, dem Eintreffen der Musiker, eine Stunde Zeit hatte."

"Kein Widerspruch."

"Aber die Haushälterin ist später als sonst endgültig weggegangen. Glaubst du, dass er gewaltsam in das Haus eingedrungen ist, während sie drin nach der Absage ihrer Nichte noch herumtelefonierte?"

"Ziemlich unwahrscheinlich."

"Denke ich auch. Okay, sie geht, wie sie sagt, um 18.40 Uhr, er gibt eine Minute zu, läuft die Straße hinunter, biegt in den Weg ein, rennt bis zum Hochfeldschen Grundstück, steigt über die Mauer, schlägt die Scheibe in der Hintertür ein, dreht den Schlüssel. Sagen wir mal: Er stand um 18.45 Uhr in der Diele."

"Meinst du, er hat wirklich gewartet, bis die Haushälterin gegangen war?"

"Wenn er den Verlauf dieser Musikabende kannte - bestimmt. Und in fünf Minuten konnte er es bis ins Haus schaffen."

"Knapp gerechnet, Arne, aber meinetwegen."

"Hochfeld hat das Klirren der Scheibe gehört, kommt in die Diele. Dann ein Kampf, die Betäubung mit Chloroform gelingt nicht, Hochfeld reißt sich los und flüchtet ins Musikzimmer, der Täter folgt ihm, schlägt ihn mit dem Schürhaken nieder. Zwei Minuten?"

"Eher drei bis vier."

"Meinetwegen. Dann musste der Täter ins Arbeitszimmer hoch, Schrank und Schreibtisch aufschließen, Geld und Uhren einpacken. Unterstellen wir mal, der Schlüsselbund hing innen an der Haustür, der Einbrecher musste also nicht danach suchen - was hat er dann trotzdem gehört, als er sich oben im Arbeitszimmer zu schaffen machte?"

Maxens Gesicht wurde wieder lang: "Die Haustürklingel. Erika Dercks schellte zum ersten Mal."

"Das denke ich auch. Er war noch im Haus."

"Verdammt. Ein kaltblütiger Bursche."

"Okay, nach dem Schellen wusste er, dass er nicht mehr durch die Haustür verschwinden konnte. Also ab durch die Hintertür, durch den Garten und wieder über die Mauer."

Max seufzte. "Bevor du mich löcherst - keine Spuren. Der Mittelweg im Garten ist bis an die Quermauer hinten mit Platten belegt, und an der Mauer haben wir keine Textil-Fasern gefunden."

"Das kann ich mir kaum vorstellen. Bei einer hohen Steinmauer? - dieser Riddel ist nur mit Hilfe von diesem Simson rübergekommen."

"Trotzdem, keine Spuren", beharrte Max gekränkt. Seit wann verteidigte er die Spusi?

"Meinetwegen. Das spricht ja auch dafür, dass es ganz anders gewesen sein kann."

"Wie bitte?"

"Bis jetzt haben wir über einen Einzeltäter geredet. Aber nach ihren eigenen Aussagen kommen auch zwei Personen in Betracht."

Max staunte mit offenem Mund: "Zwei? - verdammt, du hast recht. Karl Simson und Erika Dercks."

"Eben. Vielleicht hatte Simson ja doch bemerkt, dass Erika ihn anhimmelte, so sehr, dass sie bereit war, ihm bei einem Raub zu helfen. Beide waren vor der üblichen Zeit eingetroffen, was spricht dagegen, dass sie..."

"Moment, Simson behauptet, er habe sich verspätet."

"Sagt er, richtig. Aber kann er das beweisen?"

"Nein, er war ja mit dem Auto auf der Mertenstraße - halt, Arne. Dieser Riddel hat ihn doch nach der Dercks bemerkt."

"Stimmt", gab Wilster zu, hörbar mürrisch. "Aber Riddels Aussage gefällt mir auch nicht."

"Ach nee!"

"Ach ja! Riddels Freundin oder Geliebte oder was weiß ich - hast du übrigens mitbekommen, dass sie bei Hochfeld noch in der Kreide steht? - spielt Cello, und das ist ein ziemliches Trumm, wenn man damit in der Hauptverkehrszeit in einen voll besetzten Bus steigen muss. Einen hat sie deswegen ja wegfahren lassen, sagt sie. Aber er kommt mit dem Auto, will angeblich in der Magdalenenstraße auf sie warten. Warum zum Teufel hat er sie nicht in der Galerie abgeholt, wenn sie mit ihrem Instrument Bus fahren muss?"

Max zuckte hilflos die Achseln.

"Da ist mir noch ein Widerspruch aufgefallen. Die Dercks und dieser Simson haben ihn bemerkt, als er mit dem Geigenkasten in der Hand die Straße heraufkam. 'Heraufkam', Max, also nicht aus seinem Auto stieg, das er schräg gegenüber dem Hochfeld-Haus auf der anderen Straßenseite geparkt hatte, wie er es im Protokoll behauptet hat."

"Verdächtigst du etwa diesen Riddel?"

Wilster knurrte nur etwas Unverständliches und griff nach dem Stapel Tatort-Photos. Plötzlich stutzte er und runzelte die Stirn.

"Das gibt's doch nicht, das glaub' ich nicht, das kann doch nicht sein."

"Was ist?"

"Das ist doch im Musikzimmer aufgenommen?"

"Sicher, ja. Was soll..."

"Schau dir dieses Photo mal genau an. Fällt dir nichts auf?"

Max gehorchte, drehte das Bild hin und her, aber sein ratloser Ausdruck verriet, dass er nicht begriff, worauf Wilster hinaus wollte.

"Tut mir leid, Arne, das sagt mir gar nichts."

"Aber mir. Ich weiß, dass der Täter einer unserer fünf Zeugen ist, dass er in Zeitnot geraten war und improvisieren musste, dass er wahrscheinlich gar nicht viel von Musik versteht."

"Du spinnst."

"Nein, das zeigt mir das Bild."

"Meinst du etwa unsere Perle, die treue Haushälterin?"

"Hast du sie je danach gefragt?"

"Nein, warum auch?"

"Na ja. Nach dem Fehler, den du auf diesem Photo erkennen kannst, bin ich ziemlich sicher, dass unser Täter jedenfalls von Kammermusik wenig versteht."

"Wieso?"

"Max, ich empfehle dir ein Musiklexikon, um deine Wissenslücken zu schließen. Oder du gehst in der Mittagspause vor die Tür und kaufst eine CD."

"Warum denn das?"

"Damit wir uns mal gemeinsam anhören, was an diesem 5. Mai im Hause Hochfeld gespielt werden sollte."

"Und was war das?"

"Hier hast du meine Lupe, schau dir genau an, was da auf dem Notenhalter des Flügels steht, noch nicht aufgeschlagen."

Becker nahm die Lupe und schaute sich das Detail auf dem Foto an. Dann buchstabierte er: "Franz Schubert. Quintett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass A-Dur, "Forellenquintett" D 667."

"Na? Fällt der Groschen?" fragte Wilster freundlich.

"Wieso? Ich versteh' nur Bahnhof."

"Max! Welche Instrumente waren denn am 5. Mai im Hause Hochfeld anwesend?"

"Wie meinst du das?"

"Wer von den Anwesenden spielt welches Instrument?"

"Arne! Was soll das?"

"Langsam, Max. Waldemar Hochfeld- Klavier. Karl Simson - Geige.

Details

Seiten
145
Jahr
2015
ISBN (ePUB)
9783738901207
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Dezember)
Schlagworte
jäger ziel

Autor

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Titel: Ein geduldiger Jäger findet sein Ziel