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Dunkle Mächte um Mitternacht

2015 700 Seiten

Leseprobe

Dunkle Mächte um Mitternacht

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

––––––––

Dunkle Geheimnisse, übernatürliche Bedrohungen, mysteriöse Begebenheiten - und eine Liebe, die sich dem Grauen widersetzt. Darum geht in den packenden romantischen Spannungsromanen von Alfred Bekker.

Dieses Buch enthält die Romane:

Das unheimliche Schloss

Vampirblut

Dunkle Priesterin

Wolfsmagie

Die Schattengruft

Fluch der Steine

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Cover: Firuz Askin

First edition. August 19, 2015.

Copyright © 2015 Alfred Bekker.

Written by Alfred Bekker.

Das unheimliche Schloss

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

Eine junge Frau verliebt sich in den Nachkommen eines alten Adelsgeschlechts. Doch das Schloss der Familie scheint von einem dunklen Fluch erfüllt zu sein...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Hoch ragten die sandfarbenen Mauern von Schloss Eichenbach empor.

Der milchige Schein der Abendsonne tauchte das imposante, auf einer Anhöhe gelegene herrschaftliche Bauwerk mit seinen Erkern und Türmen in ein weiches Licht.

Wenn man von unten aus dem Tal hinaufblickte, konnte man gar nicht anders, als eine gewisse Ehrfurcht zu empfinden.

Von dort droben aus war jahrhundertelang über das Umland geherrscht worden. Von seiner erhabenen Ausstrahlung hatte das Schloss bis heute nichts verloren.

Dies wird also deine Heimat werden!, dachte die junge Baroness Susanne von Radvanyi nicht ohne einen leichten Schauder.

Sie saß auf dem Rücksitz einer großen Mercedes-Limousine, mit der der Chauffeur des Fürsten von Eichenbach sie abgeholt hatte, um sie auf das Schloss ihres zukünftigen Verlobten Wilfried von Eichenbach zu bringen. Er wollte sie seinen Eltern vorstellen. Susannes Herz klopfte schneller, als die Limousine nun in die schmale Straße einbog, die in Serpentinen hinauf zum Schloss führte. Zu beiden Seiten befanden sich auf Terrassen angelegte Parkanlagen.

Vor ihrem inneren Auge erschien Wilfrieds von dunklen Haaren umrahmtes Gesicht. Sie hatte ihn bei der Hochzeitsfeier einer entfernten Verwandten kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Seine dunkelgrauen Augen, die ebenmäßigen Züge und das verhaltene, sympathisch wirkende Lächeln - das alles hatte sie von Anfang an verzaubert.

Ein Zauber, der auch bei weiteren Treffen nicht nachgelassen hatte.

Und nun war sie auf Wilfrieds Einladung hin hierher gekommen, auf den Stammsitz seiner Vorfahren.

Sie freute sich schon darauf. Sie und Wilfried hatten bereits Pläne für eine Verlobung...

Ein Glücksgefühl überkam Susanne bei dem Gedanken an Wilfried und die Zukunft, die vor ihnen lag. Sie konnte sich gut vorstellen, an seiner Seite dereinst das Fürstenhaus zu führen und die Mutter einer zukünftigen Generation von Eichenbachs zu werden.

Die Limousine erreichte das prächtige Rundbogentor, in welches ein kundiger Steinmetz das Familienwappen derer von Eichenbach vor Jahrhunderten mit beachtlicher Kunstfertigkeit eingemeißelt hatte. Der Wagen fuhr in den weitläufigen Schlosshof ein. Dort befanden sich ein Parkplatz sowie parkähnliche Grünanlagen. Überall fanden sich prachtvolle Blumenbeete und akkurat gepflanzte Sträucher. Die Blumenbeete hatten die Form von Dreiecken, zwischen denen gepflasterte Wege herführten.

Die Blumen blühten in den Farben rot, weiß und gelb - den Wappenfarben des Hauses Eichenbach. Springbrunnen plätscherten.

Sie waren in dem gleichen, leicht gelblichen Sandstein gehalten wie das Mauerwerk der Brüstung, die das gesamte Anwesen umgab. Das Schloss bestand aus einem imposanten, mehrstöckigen Haupthaus und mehreren kleineren Gebäuden, in denen die Wohnungen der Bediensteten zu finden waren.

Außerdem gab es Stallungen für Reitpferde und eine eigene Kapelle.

"Da wären wir, Baroness Susanne", sagte Ferdinand, der in den Diensten des Fürstenhauses Eichenbach grau gewordene Chauffeur. Er hatte den Wagen mit ruhiger Hand gelenkt, so dass man sich fast wie von einer Sänfte getragen vorkommen konnte.

Susanne lächelte.

"Ich danke Ihnen, Ferdinand."

Wilfrieds Vater, Fürst Friedrich von Eichenbach, hatte darauf bestanden, Susanne mit seiner Limousine abholen und nicht mit dem eigenen Wagen anreisen zu lassen. Und Wilfried hatte ihr geraten, dieses Zeichen freundlicher Zuwendung nicht auszuschlagen. Der Fürst zeigte damit nichts anderes, als dass die junge Baroness ihm herzlich willkommen war.

Ferdinand stieg aus und öffnete Susanne die Tür.

"Um Ihr Gepäck wird sich unser Kammerdiener Johann kümmern", erklärte er dazu.

Ein schmucker zweisitziger Sportwagen brauste in diesem Moment durch das erhabene Schlosstor und hielt neben der dunklen Limousine des Fürsten. Das Verdeck war an diesem herrlichen sonnigen Tag nach hinten geklappt. Susanne erkannte den Mann am Steuer sofort.

"Wilfried!", rief sie begeistert.

Wilfried stieg aus und kam auf sie zu. Gut sah er aus, fand Susanne. Wie man sich nur einen Märchenprinzen vorstellen konnte! Der zweireihige Blazer mit dem dezent angebrachten fürstlichen Wappen sowie dem elegant getragenen Einstecktuch saß wie angegossen.

Auch in der Verzierung der kostbaren Krawattennadel fand sich das Familienwappen wieder.

Wilfried nahm Susannes Hand, vollführte einen vollendeten Handkuss und sagte dann mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen: "Baroness Susanne, ich möchte Sie herzlich auf Schloss Eichenbach willkommen heißen..."

Und dabei zwinkerte er ihr vergnügt zu.

Sie beschloss, das Spiel mitzumachen. Aber nur für einen Moment...

"So förmlich?", fragte Susanne lächelnd.

Wilfried hielt ihre Hand eine Nuance länger, als es eigentlich notwendig gewesen wäre.

Ihrer beider Blicke trafen sich, verschmolzen für einige Momente miteinander. Susanne seufzte glücklich. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken, und ihr Herz machte einen Sprung.

"Ich bin sehr froh, dass du da bist, Susanne", sagte Wilfried dann. "Und ich habe es ja auch gerade noch rechtzeitig geschafft, wieder zurück im Schloss zu sein, um dich zu begrüßen..."

"Wo bist du gewesen?"

"Du weißt ja, dass ich viel mit der Verwaltung der Familienbetriebe zu tun habe... und ausgerechnet heute hatte sich ein Steuerprüfer kurzfristig angemeldet, der die Bücher unserer Winzerei einzusehen wünschte."

"Ich hoffe, es hat keinen Ärger gegeben..."

"Nein, unsere Bücher sind in Ordnung. Aber das ist jetzt alles zweitrangig... Jetzt, da du da bist!"

Unterdessen kam der Kammerdiener die Treppen des gewaltigen Portals hinunter. Ferdinand öffnete den Kofferraum, und trug ihm Susannes Gepäck - einen Koffer und eine Tasche - ein Stück entgegen.

"Deine Räumlichkeiten sind bereits hergerichtet, Susanne", sagte Wilfried. "Ich hoffe, dass alles zu deiner Zufriedenheit sein wird..."

"Gewiss, Wilfried..." Susanne lächelte versonnen und hakte sich bei ihrem Liebsten unter. "Und eigentlich braucht es dazu auch nicht viel. Keine prachtvollen Räume oder dergleichen. Wenn ich in deiner Nähe bin, fühle ich mich wohl, Wilfried..."

Er sah sie an.

Sein Gesicht hatte jetzt einen ernsten Zug bekommen.

"Mir geht es umgekehrt genauso", erwiderte er dann.

Für einen kurzen Moment hatte Susanne den Eindruck, dass ein Schatten sich über Wilfried von Eichenbachs Gesicht legte.

Dass der zukünftige Fürst hin und wieder leicht melancholisch wirkte, hatte Susanne schon bei ihren früheren Zusammenkünften festgestellt. So, als ob irgendetwas aus der Vergangenheit hin und wieder auf seine Seele drückte. Susanne wusste nicht, was das sein konnte. Und als sie einmal direkt danach gefragt hatte, war Wilfrieds Antwort mehr oder minder ausweichend gewesen.

Eines Tages wird er mir genug vertrauen, um mir auch sei Innerstes zu offenbaren, dachte Susanne. Sie war in dieser Hinsicht sehr zuversichtlich. Denn sowohl ihrer eigenen als auch der Liebe ihres zukünftigen Verlobten war sie sich vollkommen sicher.

"Lass uns reingehen", sagte Wilfried."Ich möchte dich so schnell wie möglich meinen Eltern vorstellen. Denen habe ich zwar schon so manches über dich erzählt, aber..."

Susanne blickte an sich herab.

"Ich weiß nicht - sollte ich mir nicht erst einmal etwas Standesgemäßeres anziehen?", fragte sie.

Susanne trug ein schlichtes, lindgrünes Sommerkleid. Das brünette Haar war hochgesteckt und wurde hinten mit einer Spange zusammengehalten. Eine dezente Perlenkette hing um ihren Hals.

"Du siehst bezaubernd aus, Susanne", fand Wilfried. Und der Blick, den er ihr zuwarf, sprach von ehrlicher Bewunderung.

Susanne zuckte die schmalen Schultern.

"Wenn du meinst..."

"Bestimmt!"

Gemeinsam gingen sie die Stufen des imposanten Steinportals empor. Löwenköpfe aus Marmor befanden sich am Ende der Handläufe.

Sie traten durch die zweiflügelige Tür in eine hohe, mit Barockmöbeln und kostbaren Wandteppichen ausgestattete Eingangshalle.

Kronleuchter hingen von der gewölbten Decke herab. Das Kristallglas glitzerte im Schein der Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster hereinfielen. Wie prächtig mussten diese Leuchter erst am Abend aussehen, wenn sie in ihrem herrschaftlichen Glanz erstrahlten.

"Wo sind der Fürst und die Fürstin?", fragte Wilfried ein Zimmermädchen, das gerade die Treppe hinunterkam, die in die oberen Stockwerke führte.

"Die Durchlauchten befinden sich im Augenblick im Salon..."

"Danke."

Susanne ließ sich von Wilfried durch einen langgezogenen, hohen Flur führen.

Wie erhaben und beinahe einschüchternd dieses riesige Schloss doch wirkt, dachte Susanne fast ein wenig schaudernd, als sie die großformatigen Gemälde an den Wänden sah, auf denen die Vorfahren der Fürstenfamilie abgebildet waren.

Große Meister verschiedener Epochen hatten die jeweiligen Fürsten von Eichenbach auf Leinwand gebannt. Und jetzt säumten sie als eine Art Galerie diesen hohen Flur. Die Rahmen waren mit Gold überzogen.

Susanne, die Tochter des Barons von Radvanyi, war durchaus auch großzügige Verhältnisse gewohnt und auf einem ausgedehnten Landgut aufgewachsen. Aber das hochherrschaftliche Schloss derer von Eichenbach stellte das, was sie bisher gewohnt war, doch gehörig in den Schatten. Die Last der Jahrhunderte schien auf diesen uralten Mauern zu liegen. Etwas, was Susanne als bedrückend empfand - so sehr sie es auch genoss, in Wilfrieds Nähe zu sein.

Sie erreichten den Salon. Auch der war prächtig eingerichtet. Die zierlichen Stühle und der Diwan waren mit kostbar bestickten Polstern besetzt. Die kunstvollen Stickereien stellten romantische Jagdszenen dar. Und die edlen Kronleuchter, die von der Decke hingen, glitzerten wie Diamantcolliers.

Fürst Friedrich von Eichenbach war eine imposante Erscheinung. Er trug einen ähnlichen Zweireiher wie sein Sohn. Das Haar war zwar schon ergraut, aber noch immer voll.

Und Susanne sah, dass Wilfried seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Fürstin Margarethe hatte ein gütiges, sanftes Lächeln im Gesicht. Nur ihren blaugrauen Augen war anzusehen, dass sie sicher gewohnt war, Autorität auszuüben. Sie trug ein graues Kleid von schlichter Eleganz, dazu eine mit roten Rubinen besetzte Kette sowie eine dazu passende Brosche und einen Armreifen. Die Fürstin war einige Jahre jünger als ihr Mann, aber auch ihr ansonsten dunkles Haar zeigte die ersten silbrigen Spuren.

Aber Susanne fand, dass das ihrer Schönheit keinen Abbruch tat. Es unterstrich sogar noch die Würde und Erhabenheit, die sie ausstrahlte.

Wilfried begrüßte seine Eltern sehr herzlich. Dann sagte er entschuldigend: "Verzeiht, wenn ich unseren Besuch nicht durch Johann anmelden ließ, aber unser Kammerdiener ist im Moment mit dem Gepäck dieser bezaubernden jungen Dame beschäftigt..." Er schenkte Susanne ein Lächeln, das ihr ganz warm ums Herz werden ließ. "Darf ich vorstellen? Baroness Susanne von Radvanyi... Susanne, dies sind meine Eltern, der Fürst und die Fürstin von Eichenbach!"

Susanne klopfte das Herz wie rasend, als sie mit einem traditionellen Hofknicks dem Fürstenpaar ihre Ehrerbietung erwies.

Aber sie hatte vom ersten Moment an den Eindruck, dass die beiden ihr wohlgesonnen waren.

"Mein Sohn hat uns schon viel von Ihnen berichtet", sagte die Fürstin. "Und es freut uns außerordentlich, dass wir Sie nun endlich auch einmal von Angesicht zu Angesicht kennenlernen."

"Das geht mir ganz genauso, Durchlaucht", erwiderte Susanne.

Fürstin Margarethe lächelte milde.

"Ich hoffe sehr, dass Sie sich auf Schloss Eichenbach wohlfühlen. Und falls Sie irgendetwas auf dem Herzen haben, so zögern Sie nicht, sich damit auch an mich zu wenden."

Nun meldete sich Fürst Friedrich zu Wort.

"Ich habe lange darüber nachgedacht, ob wir uns nicht doch schon irgendwann begegnet sind, Baroness Susanne... Schließlich kenne ich Ihren Vater recht gut, auch wenn ich zugeben muss, dass wir uns in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren haben..."

"Nicht, dass ich mich erinnern könnte", sagte Susanne bedauernd.

Der Fürst wirkte nachdenklich.

"Es mag schon mehr als zwanzig Jahre her sein, da waren wir zur Hochzeit der Prinzessin von Sarnheim eingeladen. Es war eine prächtige Feier, von der noch jahrelang geredet wurde. Ich sah damals den Baron von Radvanyi ein kleines Kind an der Hand führen, das gerade mit wackeligen Beinen die ersten Schritte machte..."

Susanne lächelte.

"Möglich, dass ich das gewesen bin", gestand sie zu. "Aber Sie mögen verzeihen, wenn mir dieser Augenblick nicht in Erinnerung geblieben ist..."

Fürst Friedrich erwiderte das Lächeln.

"Nun, hätte ich damals geahnt, möglicherweise meiner künftigen Schwiegertochter gegenüberzustehen, hätte ich Ihnen natürlich auch mehr Aufmerksamkeit gewidmet."

Susanne hörte Schritte in ihrem Rücken.

Sie drehte sich herum.

Die Blicke aller wandten sich zur zweiflügeligen Salontür, deren dunkler Holzrahmen mit kostbaren Schnitzereien verziert war. Eine junge Frau in Susannes Alter hatte den Raum betreten. Ihr Kleid raschelte leicht. Das dunkle, beinahe pechschwarze Haar trug sie zu einer strengen Knotenfrisur zusammengefasst. Ihr Gesicht wirkte angestrengt.

"Oh, ich hoffe, ich störe nicht", sagte die junge Frau. Sie musterte Susanne in einer Art und Weise, die dieser nicht gefiel.

"Darf ich dir Baroness Susanne von Radvanyi vorstellen", sagte Wilfried, als die junge Frau sich mit misstrauischem, beinahe feindseligem Blick genähert hatte. "Susanne, dies ist Komtesse Christiane von Buchenberg-Selm. Sie lebt ebenfalls auf Schloss Eichenbach..."

Das Lächeln, das nun auf Christianes Gesicht erschien, war eisig.

"Sie sind also Wilfrieds neue Verlobte", sagte sie dann mit geringschätzigem Unterton. "Oh, Verzeihung - zukünftige Verlobte muss es wohl heißen, denn soweit ich mich erinnere, hat es ja noch keine entsprechende Feier gegeben. Oder wurde ich nur nicht eingeladen?"

"Christiane, bitte!", meldete sich empört die Fürstin zu Wort. Ihre Missbilligung von Christianes Bemerkungen war unüberhörbar.

Christiane hob die Augenbrauen und tat so, als wüsste sie nicht, was den Unwillen der Fürstin erregt hatte.

"Habe ich etwas Falsches gesagt?"

"Christiane!"

"Aber es entspricht doch der Wahrheit, dass Wilfried schon einmal verlobt war", setzte Christiane noch hinzu. Sie hob dabei das Kinn etwas an. Dann wandte sie sich an Susanne.

"Hat man Ihnen etwa noch nichts davon gesagt, Baroness?"

"Jetzt reicht es!", sagte Fürst Friedrich, dem es sichtlich schwerfiel, die Ruhe zu bewahren. "Baroness Susanne ist Gast auf Schloss Eichenbach. Und ich möchte, dass sie von jedem in diesem Schloss auch so behandelt wird..."

Der Ton, den der Fürst anschlug, war streng und bestimmt, aber dennoch nicht unhöflich. Und offenbar verfehlte Friedrich damit auch nicht seine beabsichtigte Wirkung.

Christianes Gesicht wurde dunkelrot.

"Ich bitte vielmals um Verzeihung, falls ich etwas Unpassendes gesagt haben sollte", murmelte sie. "Anscheinend habe ich ein Talent dazu..."

Damit drehte sie sich um und verließ den Salon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Susanne war leicht verstört.

Sie war sich nicht bewusst, wodurch sie den Zorn dieser jungen Frau erregt haben mochte.

Dass Wilfried bereits einmal verlobt gewesen war, hatte sie nicht gewusst.

Für einen kurzen Moment hatten die Worte der jungen Komtesse ihr einen leichten Stich versetzt, doch dann siegte rasch die Vernunft.

Wilfried ist kein Teenager mehr, ging es ihr durch den Kopf. Und daher kannst du auch nicht ernsthaft erwarten, dass du die erste Frau bist, auf die er ein Auge geworfen hat!

Und wenn Wilfried eine vorherige Verbindung gelöst hatte, dann hatte es dafür sicher gute Gründe gegeben.

"Christiane meint es nicht wirklich so", versuchte die Fürstin die Wogen zu glätten. "Sie müssen den Worten der Komtesse nicht allzu viel Gewicht beimessen. Eigentlich bin ich niemand, der so etwas weiterträgt, aber ich glaube es bleibt mir keine andere Wahl, als Ihnen die Wahrheit zu sagen."

"In wie fern?", fragte Susanne.

"Christiane ist psychisch krank. Sie leidet unter Wahnvorstellungen und depressiven Verstimmungen. Anwandlungen, wie Sie sie gerade bei ihr gesehen haben, zeigt sie leider nicht zum ersten Mal. Außer uns hat sie niemanden. Darum haben wir sie auf Schloss Eichenbach aufgenommen... Ich möchte Sie herzlich bitten, diesen unziemlichen Vorfall zu vergessen und sich Ihren Aufenthalt auf Schloss Eichenbach dadurch nicht verleiden zu lassen."

Susanne wandte Wilfried einen verliebten Blick zu.

"Das wird sicher nicht geschehen", sagte sie dann.

2

Wilfried zeigte Susanne die Räumlichkeiten, die für die junge Baroness vorgesehen waren.

Eine weitläufige Suite im Westflügel war für sie vorbereitet worden. Und Wilfried hatte dafür gesorgt, das überall rote Rosen in den kostbaren, mit Mosaiken besetzten Vasen standen.

Ein herrlicher Blumenduft erfüllte die gesamte Suite. Er ließ Susanne für einige Augenblicke sowohl die Düsternis dieses Schlossgemäuers als auch den Vorfall mit Christiane vergessen.

Wilfried nahm ihre Hand und drückte sie zärtlich.

"Ich werde alles tun, damit du dich hier wohlfühlst", erklärte er.

"Ja, ich weiß, du hast an alles gedacht..." Sie seufzte glücklich. "Es ist alles so wundervoll..."

"Du bist wundervoll", erwiderte Wilfried mit einem charmanten Lächeln um den Lippen.

Susanne löste sich von ihm, roch an einem der prachtvollen Rosensträuße.

Ein Traum, dachte sie ergriffen. Es könnte alles so schön sein...

Und dann kam sie doch noch einmal auf das zurück, was soeben im Salon geschehen war.

"Diese Christiane scheint mich nicht zu mögen", stellte sie dann fest. "Vielleicht kannst du mir einen Rat geben, wie ich mit ihr umgehen sollte..."

"Wenn es da ein Patentrezept gäbe, dann hätten die Ärzte, bei denen Christiane in Behandlung war, das sicher schon gefunden", seufzte Wilfried. "Christiane hat ein sehr schwere Schicksal hinter sich - und wenn man das weiß, ist es vielleicht etwas leichter, ihre manchmal recht verletzende Art zu ertragen. Sie ist eine sehr weitläufige Verwandte meiner Mutter. Als sie 15 Jahre alt war, kam es zu einem furchtbaren Brand auf der argentinischen Besitzung der Buchenberg-Selms. Ihre gesamte Familie kam dabei ums Leben. Christiane war die einzige Überlebende. Seit jener Zeit ist sie krank..."

"Ich würde gerne mit ihr auskommen..."

"Ich denke, früher oder später wird sie sich an dich gewöhnen."

"Ja, das hoffe ich."

"Da ist noch etwas anderes", sagte Wilfried von Eichenbach dann nach einer kurzen Pause. Susanne sah ihn erstaunt an.

"Ja?"

"Christiane erwähnte etwas davon, dass ich schon einmal verlobt war... Ich möchte nicht, dass du denkst, ich hätte dir etwas verschweigen wollen."

"Nein, das habe ich auch nicht gedacht", entgegnete Susanne sogleich.

"Es ist nur so", fuhr Wilfried fort, "dass dieses Kapitel für mich gewissermaßen abgeschlossen war..."

"Das ist schon in Ordnung", erwiderte Susanne.

"Wirklich?"

"Wirklich!"

Wilfried nahm zärtlich ihre Hände. Ihre Blicke verschmolzen für einige Augenblicke miteinander. Dann gab er er ihr einen Kuss und sagte: "Ich liebe dich, Susanne. Und ich bin mir sicher, dass du die Frau bist, mit der ich mein Leben teilen möchte..."

"Und ich liebe dich, Wilfried", hauchte Susanne mit belegter Stimme.

Sie war in diesem Moment felsenfest davon überzeugt, dass die Verbindung zwischen ihnen viel zu stark und innig war, als dass die Missgunst einer seelisch kranken Komtesse einen Keil dazwischentreiben konnte.

In diesem Augenblick ahnte Susanne noch nichts von den bohrenden Zweifeln, die schon bald an ihr nagen würden...

3

In den nächsten Tagen hing für Susanne der Himmel voller Geigen. Ein strahlender Sonnentag reihte sich an den nächsten.

Oft unternahm sie zusammen mit Wilfried ausgedehnte Spaziergänge in den weitläufigen Parkanlagen, die Schloss Eichenbach in Form von bepflanzten Terrassen umgaben. Hand in Hand führten sie dann lange Gespräche und ehe sie sich versahen, waren die Stunden nur so dahingeflogen.

Christiane schien Susanne während dieser Zeit regelrecht aus dem Weg zu gehen.

Manchmal stand die Komtesse oben an der steinernen Brüstung und schaute hinab auf die Parkanlagen; dorthin, wo Susanne und Wilfried spazieren gingen. Ihre Augen wurden schmal, ihre eigentlich so hübschen Züge bekamen etwas Hartes und Unerbittliches.

Als Susanne die Komtesse einmal dort so stehen sah, erschrak sie unwillkürlich. Wie ein böser Geist steht sie dort, durchzuckte es die Baroness.

Als Christiane den Blick der anderen bemerkte, wandte sie sich sofort um und verschwand hinter der Brüstung.

Ich muss mich mit ihr aussprechen, nahm sie sich vor. Aber das war leichter gesagt als getan.

An den Mahlzeiten nahm Christiane oft nicht teil - und wenn, dann verhinderte ihr eisiges Schweigen, dass irgendwer sie anzusprechen wagte.

Eines Abends ließen Fürst und Fürstin von Eichenbach Wilfried und Susanne zu sich rufen.

Kammerdiener Johann schenkte einen edlen Burgunder ein und im Salon erstrahlten die Kronleuchter zu festlichem Glanz, während draußen die Sonne ihre letzten Strahlen über den Horizont schickte.

Der Fürst wandte sich an Susanne.

"Mein Sohn sagte mir, dass ihr beide euch verloben wollt. Ist das richtig?"

"Ja", sagte Susanne mit bebendem Herzen und wandte kurz den Blick an Wilfried. "Das ist unser Wunsch..."

"Nun, eine Feier vorzubereiten dürfte einige Zeit in Anspruch nehmen..."

"Wir dachten an eine Feier in kleinem Rahmen", sagte Wilfried und drückte dabei kurz Susannes Hand. Während ihren langen Gesprächen im Park hatten sie unter anderem auch über diesen Punkt gesprochen. "Nur die engsten Verwandten und Freunde, vielleicht so dreißig oder vierzig Personen."

"Das ließe sich arrangieren", meinte Fürstin Margarethe.

"Die Hochzeit kann dann ja in einem um so größeren Rahmen gefeiert werden", erklärte Wilfried.

Und Susanne ergänzte: "Es geht uns eigentlich nur darum, möglichst rasch vor der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir zusammengehören..."

Fürstin Margarethe nickte verständnisvoll. "Dann sollten wir uns bei nächster Gelegenheit zusammensetzen, um die Gästeliste zu erstellen", wandte sie sich dann an die junge Baroness.

Fürst Friedrich erhob das Glas.

Er sah Susanne und Wilfried nacheinander an und sagte dann feierlich: "Auf eine glückliche Zukunft! Wir kennen Baroness Susanne zwar erst seit kurzem, aber ich glaube, unser Sohn hätte kaum eine glücklichere Wahl treffen können."

"Das denke ich auch", fügte Fürstin Margarethe hinzu, während sie das Weinglas mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hielt und dabei lächelte.

4

Wilfried geleitete Susanne später zu ihren Räumen im Westflügel. Es war sehr spät geworden. Noch lange hatten sie mit Fürst Friedrich und Fürstin Margarethe zusammengesessen.

Und Fürstin Margarethe hatte dabei nicht lockergelassen, ehe nicht wenigstens eine provisorische Gästeliste erstellt worden war.

"Ich kann sonst einfach nicht ruhig schlafen", hatte sie bemerkt.

Nun gingen Wilfried und Susanne durch die hohen Flure des fürstlichen Schlosses, bis sie schließlich die Suite erreichten.

"Ich wünsche dir eine gute Nacht", sagte Wilfried mit sonorer Stimme.

"Ich dir auch..."

Sie sahen sich an und Susanne schaute in Wilfrieds dunkelgraue Augen. Augen sind Fenster zu Seele, überlegte Susanne. Und sie fragte sich gleichzeitig, was es noch an Geheimnissen hinter diesen Fenstern zu entdecken gab.

Wilfried drehte sich um, ließ den Blick umherschweifen.

"Was ist?", fragte Susanne.

"Ich möchte nicht, dass jemand vom Personal sieht, wie ich die zukünftige Herrin von Schloss Eichenbach küsse", lächelte er.

Dann nahm er sie in den Arm. Susanne schmiegte sich an ihn und fühlte, wie sich der Schlag ihres Herzens mit dem seinen mischte. Ihre Lippen berührten sich erst vorsichtig tastend, dann voller Leidenschaft.

Nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten, strich Wilfried ihr eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, die sich irgendwie aus ihrer Frisur herausgestohlen hatte.

"Schlaf gut...", murmelte er. Und seine Stimme hatte einen angenehm vibrierenden Klang dabei.

"Du auch...." Sie strich sanft über seinen Arm. Dann wandte sie sich zur Tür. Sie drehte sich noch einmal herum und schenkte ihm einen verliebten Blick, ehe sie die Tür hinter sich schloss.

Susanne trat ans Fenster und blickte hinaus in den prächtig erleuchteten Schlosshof.

Es klopfte an der Tür.

Sie drehte sich herum. Wer mochte das sein? War Wilfried noch einmal zurückgekehrt?

"Herein", sagte Susanne mit klarer Stimme.

Die Tür öffnete sich.

Susanne erschrak im ersten Moment ein wenig. Es war nicht Wilfried, der da im hohen Türrahmen stand, sondern Christiane von Buchenberg-Selm.

"Guten Abend, Baroness Susanne", sagte sie. Ihre Stimme hatte einen harten Klang. Wie klirrendes Eis, dachte Susanne.

"Darf ich hereinkommen?"

"Sicher."

Christiane schloss die Tür hinter sich. "Ich muss mit Ihnen reden, Susanne."

"Ja, das geht mir umgekehrt auch so. Es wird dringend Zeit, dass wir miteinander sprechen", sprudelte es aus Susanne heraus. Sie war froh, dass Christiane auf sie zugekommen war.

Das enthob sie von der Notwendigkeit, umgekehrt den ersten Schritt auf die verschlossene Komtesse zuzugehen. Susanne atmete tief durch und fuhr dann fort: "Ich hatte bislang den Eindruck, dass Ihnen mein Aufenthalt auf Schloss Eichenbach nicht recht ist. Ich möchte Ihnen dazu sagen, dass mir sehr viel daran liegen würde, wenn ich Ihre Freundschaft erringen könnte..."

Christianes Gesicht blieb hart. Nur ein mattes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Ein Lächeln ohne Herzlichkeit, dessen Härte Susanne erschreckte.

"Ja, ich habe etwas gegen Ihren Aufenthalt hier... Aber nicht, weil ich irgendetwas gegen Sie hätte, Baroness Susanne!"

"Aber..."

"Sie sind gewiss eine herzensgute Person. Und der Grund dafür, dass ich es lieber heute als Morgen sehen würde, wenn Sie Schloss Eichenbach verließen, liegt nicht bei Ihnen..."

Susanne sah ihr Gegenüber verständnislos an. "Tut mir leid, Christiane, Sie sprechen in Rätseln."

"Dann muss ich vielleicht etwas deutlicher werden", erklärte Christiane. Sie rieb dabei die Handflächen nervös aneinander. Dann blickte sie Susanne an und hob die Augenbrauen. "Ich muss Sie vor Wilfried warnen, Susanne..."

"Warnen?", echote Susanne.

"Er war bereits einmal verlobt."

"Nun, das weiß ich ja inzwischen!"

"Aber was Sie noch nicht wissen ist, dass Lisa Reindorf, Wilfrieds erste Verlobte unter mysteriösen Umständen verschwand. Es hatte einen heftigen Streit zwischen den beiden gegeben. Danach tauchte die junge Frau nicht wieder auf. Eine Vermisstenanzeige bei der Polizei blieb ergebnislos..."

Christiane trat nahe an sie heran. Sie war etwas größer als Susanne, hob das Kinn einige Zentimeter und blickte auf die und Komtesse herab. Dann fuhr sie mit bedeutungsschwerer Stimme fort: "Es gibt in diesem Schloss zahlreiche Geheimgänge und unterirdische Verliese... Sie gleichen einem Labyrinth in dem sich heute kein Mensch mehr wirklich auskennt. Dort hat Wilfried sie hingelockt und umgebracht..."

Diese Worte waren für Susanne wie ein Schlag vor den Kopf.

"Das glaube ich nicht!", stieß sie spontan hervor.

"Es ist die Wahrheit..."

"Welche Beweise haben Sie dafür!"

"Beweise?" Christiane lachte. "Glauben Sie, Wilfried hätte nicht dafür gesorgt, dass alle Beweise verschwinden... Und wenn es solche noch gibt, dann tief unter dem Schloss in den grauen Verliesen..."

Christiane wandte sich zum Gehen.

Sie hatte die Tür schon erreicht, da hielt Susanne sie am Arm.

"Warten Sie!", forderte die junge Komtesse.

"Ich habe schon viel zu viel gesagt", murmelte Christiane.

"Aber Sie können jetzt nicht einfach so gehen, Christiane!"

"Gute Nacht, Baronesse..."

Mit diesen Worten öffnete Christiane die Tür und trat hinaus auf den Flur. Ohne sich noch einmal umzudrehen ging sie davon. Und Susanne blickte ihr mit wild pochendem Herzen nach. Sie war fassungslos.

5

In dieser Nacht fand Susanne keinen Schlaf. Immer wieder wälzte sie sich in den Kissen herum, ohne, dass sie wirklich Ruhe finden konnte.

Christiane ist eine kranke Frau, ging es ihr durch den Kopf. An dem, was sie sagt, kann nichts dran sein!

Susanne konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Wilfried zu einem Mord fähig gewesen wäre.

Ich werde ihm morgen von dem Vorfall berichten, sagte sich die junge Baroness. Und dann würde sie ja sehen, wie er darauf reagierte.

Wahrscheinlich wird sich alles in Wohlgefallen und unbegründeten Zweifel auflösen, dachte sie. Du wirst dir völlig umsonst Sorgen gemacht haben...

Sie atmete tief durch.

Wie sehr hoffte sie darauf, dass sich alles nur als die haltlose Anschuldigung einer seelisch Gestörten herausstellte!

Und im Grunde ihres Herzens war Susanne auch überzeugt davon, dass es so kommen musste.

Aber ein Rest von Zweifel blieb, nagte an ihrem Inneren und an ihrem Vertrauen zu dem Mann, mit dem sie sich verloben wollte.

Schließlich fiel die junge Frau doch noch in einen tiefen, traumlosen Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie erst durch die Sonnenstrahlen des nächsten Morgens geweckt wurde.

Viel zu spät, wie sie im Übrigen feststellte.

Den Wecker hatte sie glatt überhört.

Beim Frühstück war sie zunächst allein. Kammerdiener Johann servierte es ihr auf dem Balkon des Esszimmers, so dass sie eine Aussicht über die das Schloss umgebenden Parkanlagen und die Ländereien der Eichenbachs hatte. Wälder gehörten ebenso dazu wie Wiesen und ein Pferdegestüt. In der Ferne sah sie die Tiere auf den Weiden herumtollen.

Von Johann erfuhr sie dann auch, dass Wilfried am Morgen bereits einen Termin in der Winzerei zu erledigen gehabt hätte. "Eigentlich hoffte der junge Herr bis zum Frühstück wieder zurück zu sein, aber offensichtlich hat er sich etwas verspätet..."

Susanne nahm einen Schluck Kaffee. Dann fragte sie Johann nach den Geheimgängen und unterirdischen Gewölben, die es auf Schloss Eichenbach gab.

"Nun, es gibt diese Gänge tatsächlich, Baroness Susanne. Auf Geheiß von Fürst Friedrich wurde der Zugang nach Möglichkeit verschlossen, da man sich dort unten leicht verirren kann - und dann gewiss rettungslos verloren wäre!"

"Waren Sie schon einmal dort unten, Johann?"

"Einmal - wenn auch nur kurz. Es gibt nichts besonderes dort zu sehen. Und natürlich kursieren in der Umgebung einige Schauergeschichten und Legenden, was die Geheimgänge angeht..."

Wenig später sah Susanne Wilfrieds Sportwagen die schmale Serpentinen-Straße in Richtung Schloss hinauffahren.

Als er sich näherte und sie sah, winkte er ihr zu.

Sie erwiderte den Gruß.

Nur wenige Minuten später erschien er auf dem Balkon, nahm ihre Hand und begrüßte sie. Sein Blick war voller Zärtlichkeit und Liebe.

"Entschuldige, dass ich es nicht ganz rechtzeitig geschafft habe..."

"Das ist nicht so schlimm", fand Susanne. Dann berichtete sie von Christianes Besuch am vergangenen Abend und den Anschuldigungen, die sie vorgebracht hatte.

Das Gesicht des Fürstensohns verfinsterte sich.

"Ich kann nur hoffen, dass du nichts von dem, was Christiane gesagt hat, für wahr hältst."

"Ich vertraue dir, Wilfried."

"Vielleicht sollte ich dich nun doch in einige Einzelheiten einweihen, was meine frühere Verlobte angeht. Ihr Name war Lisa Reindorf und ich liebte sie sehr. Anfangs hatten meine Eltern Bedenken auf Grund ihrer bürgerlichen Herkunft. Aber das natürliche, freundliche Wesen dieser jungen Frau wischte die Bedenken rasch hinweg. Allerdings fühlte sie sich nie so recht wohl auf Schloss Eichenbach. Ich kann nicht sagen, woran dies eigentlich lag..."

"Christiane sagte, dass es einen Streit zwischen euch gegeben habe, bevor sie..." Susanne sprach es nicht aus.

"...bevor sie verschwand", vollendete Wilfried. "Ja, das ist wahr. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Am nächsten Morgen war sie nicht mehr im Schloss. Niemand weiß, wohin sie gegangen ist. Meine Mutter will damals einen Wagen gehört haben, der Lisa möglicherweise abholte. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Auch die Untersuchungen der Polizei, die wir eingeschaltet hatten, haben nichts ergeben."

Susanne sah den gequälten Gesichtsausdruck, der sich nun auf dem Gesicht des Fürstensohnes zeigte.

Johann erschien nun auf dem Balkon, um auch Wilfried ein Frühstück zu servieren.

Das Gespräch brach ab.

"Wie kommt Christiane dazu, dich in so schlimmer Weise zu beschuldigen?", fragte Susanne dann, nach einer längeren Pause des Schweigens.

"Nun, über ihre Krankheit weißt du ja inzwischen Bescheid. Sie hat Wahnvorstellungen, redet mit Personen, die es nicht gibt und lebt manchmal tagelang in ihrer eigenen Welt. Angesichts ihres schweren Schicksals kann man durchaus nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist. Aber da ist auch noch etwas anderes..."

"Was?", hakte Susanne nach.

"Sie war eifersüchtig. Schon als ich mich mit Lisa verlobte, versuchte sie immer wieder einen Keil zwischen uns zu treiben. Ich glaube, insgeheim hat sie immer gehofft, dass ich mich eines Tages ihr zuwenden würde..."

6

In den folgenden Tagen begegneten sich Susanne und Christiane nicht mehr. Nur einmal, an einem späten Nachmittag, als Susanne sich in ihre Suite zurückgezogen hatte, um sich für das bevorstehende Abendessen umzuziehen, sah sie die Komtesse bei einem Blick durchs Fenster. Christiane stand gedankenverloren im Schlosshof, nahe der Kapelle. Sie wirkt beinahe wie eine Statue, dachte Susanne. So regungslos stand sie da.

Susanne hatte versucht, zu vergessen, was sie gehört hatte.

Und Wilfrieds Erklärungen, was seine erste Verlobte anging, klangen ja auch durchaus plausibel. Und doch... auch, wenn sie es sich nur schwer eingestehen mochte, so hatte es Christiane doch geschafft, den Keim des Misstrauens in ihr zu säen.

Wenn wirklich Eifersucht die treibende Kraft bei ihr ist, dann ist das vielleicht genau ihre Absicht gewesen, ging es Susanne durch den Kopf. Ich darf nicht zulassen, dass sie damit Erfolg hat...

Susanne seufzte, wandte sich vom Fenster ab und dem großen Himmelbett zu, auf das sie ein halbes Dutzend Kleider ausgebreitet hatte. Sie wusste einfach nicht, was sie anziehen sollte, geschweige denn, welchen Schmuck sie dazu anlegen würde.

Sie hielt sich ein rotes Kleid vor den Körper, trat damit vor die Spiegelwand und betrachtete sich kritisch.

Vielleicht ein bisschen zu aufgedonnert, ging es ihr durch den Kopf.

Einerseits wollte sie ihre Garderobe variieren und nicht immer dasselbe anziehen. Andererseits fand sie es aber auch wichtig, Stilsicherheit und eine gewisse, wiedererkennbare Linie in der Auswahl ihrer Sachen zu zeigen.

Die Spiegelwand wurde durch einen goldenen, mit zahlreichen Verzierungen versehenen Rahmen begrenzt, der dem Betrachter den Eindruck vermittelte, Teil eines gewaltigen Gemäldes zu sein.

Susanne trat noch etwas näher an den Spiegel heran.

Plötzlich schob sich mit einem brummenden Geräusch die Spiegelwand ein Stück zur Seite. Dahinter befand sich der Eingang zu einem dunklen Gewölbe.

Susanne erschrak, dann begriff sie.

Es musste sich hier um einen jener Geheimgänge handeln, die auf Schloss Eichenbach so zahlreich vorhanden waren.

Wie erstarrt blieb die junge Frau stehen. Jetzt blickte sie an sich herab und stellte fest, dass die Parkettleiste, auf der sie stand, deutlich dunkler war, als die übrigen...

Ihr war das zunächst nicht aufgefallen, weil sich dieser Unterschied im Rahmen ganz normaler Farbnuancen bewegte, wie man sie bei Holz immer vorfindet.

Doch jetzt glaubte sie, vielleicht eine Absicht dahinter entdecken zu können.

Sie trat von der Parkettplatte herunter.

Nichts geschah.

Rasch legte sie das rote Kleid zu den anderen und kehrte zurück zur Spiegelwand.

Auf der rechten Seite befand sich am Rahmen des Spiegels ein Knauf, der die Form eines Löwenkopfs hatte. Sie ergriff ihn und war überrascht mit welcher Leichtigkeit sich die Geheimtür wieder schließen ließ. Ein Schloss schnappte ein und und danach war es unmöglich, sie durch Druck auf den Knauf wieder zu öffnen.

Susanne trat erneut auf die dunkle Parkettplatte.

Wieder öffnete sich die Geheimtür.

Die Baumeister vergangener Epochen hatten ihr Handwerk schon verstanden. Wer immer in dieser Suite früher auch einmal residiert haben mochte - er hatte offenbar einen schnellen und sicheren Fluchtweg gebraucht. Susanne trat an den Eingang des dunklen Ganges heran. Eine schmale, gewundene Treppe führte in die Tiefe.

Christianes Worte klangen in Susannes Innerem wider. Ihre düsteren Andeutungen, dass Beweise für Wilfrieds Schuld - wenn überhaupt - nur noch dort unten, in den finsteren Gängen zu finden wären.

Susanne fühlte, wie die Neugier in ihr aufkeimte.

Sei keine Närrin, schalt sie sich selbst. Du wirst doch wohl nicht auf Grund des Geredes einer Wahnsinnigen dort hinabsteigen?

Sie überlegte einen Moment, schwankte innerlich hin und her. Aber dieser Gang übte auf sie eine starke Anziehungskraft aus, und sie war sich gar nicht sicher, ob das wirklich nur mit Christianes düsteren Andeutungen zu tun hatte. Susanne sah auf die Uhr. Bis zum Abendessen hatte sie noch Zeit genug. Und im Moment wusste sie ohnehin nicht, was sie anziehen sollte. Warum also nicht ein bisschen auf Entdeckungsreise gehen und sich umsehen?

Ich brauche eine Lichtquelle, erkannte Susanne. Sie blickte sich um. Eine Taschenlampe besaß sie nicht. Aber auf einer antiken Kommode befand sich ein kostbarer silberner, dreiarmiger Kerzenleuchter. In einer der oberen Schubladen fand Susanne auch Streichhölzer. Sie entzündete die Kerzen und trat dann durch die Geheimtür. Vorsichtig schritt sie die rutschigen Stufen der Steintreppe hinab, die nach unten führte. Der Schein des Kerzenlichtes flackerte an den massiven Steinwänden.

Schließlich erreichte sie einen Absatz, von wo eine weitere Treppe hinunterführte.

Nachdem sie auch diese Stufen hinter sich gebracht hatte, befand sie sich in einem gewölbeartigen Raum. Kühl war es hier unten und eine leichte Gänsehaut überzog Susannes Unterarme.

Vorsichtig schritt sie den dunklen Gang entlang, der von diesem Raum ausging und sich schließlich teilte.

Susanne entschied sich für die rechte Abzweigung.

Vorsichtig ging sie weiter voran.

Dann spürte sie plötzlich einen kühlen Luftzug. Die Kerzen des Leuchters flackerten auf und erloschen.

"Nein!", entfuhr es Susanne, und der Pulsschlag raste ihr bis zum Hals.

Aber es war zu spät.

Um sie herum war es vollkommen dunkel.

Susanne tastete vorsichtig an den kalten Steinwänden entlang. Wie dumm ich war, hier hinabzusteigen, ging es ihr durch den Kopf. Jetzt würde es sehr schwer sein, aus diesem Labyrinth wieder zurückzufinden - ohne Licht!

Susanne konnte nicht die Hand vor Augen sehen.

Um Hilfe zu rufen hatte keinen Sinn, denn wer konnte sie hier schon hören? Und die Mauern waren so massiv, dass bestimmt kein Ton nach außen drang.

Angst stieg in Susanne auf, je länger sie in der Dunkelheit umherirrte.

Zunächst glaubte sie, sich am Verlauf der Wände orientieren zu können. Doch dann wurde sie unsicher. Lief sie überhaupt noch in die richtige Richtung? Hatte sie die richtige Abzweigung genommen oder verirrte sie sich in Wahrheit nur immer tiefer in diesem steinernen Labyrinth. Warum war da keine Treppe, die hinaufführte?

Susanne zitterte leicht.

Tränen rannen ihr über das Gesicht.

Sie hatte inzwischen nicht einmal mehr die leiseste Ahnung, wo sie sich eigentlich befand. Irgendwo, tief unter den Mauern von Schloss Eichenbach, dachte sie. Aber das Schloss war so groß...

Die Zeit verstrich quälend langsam.

Was soll ich nur tun?, dachte Susanne. Verzweiflung hatte sie gepackt.

Sie erreichte eine weitere Abzweigung und tastete sich um die Mauerecke herum.

Dann sank sie schluchzend zu Boden.

7

Susanne hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. In der absoluten Dunkelheit hatte sie das Gefühl dafür verloren. Aber irgendwann hörte eine Stimme zwischen den uralten Mauern widerhallen. Eine Stimme, die ihren Namen rief.

"Susanne!"

Sofort erwachten in ihr wieder die Lebensgeister.

"Wilfried!", rief sie. "Ich bin hier!"

Sie erhob sich. Dann hörte sie Schritte und wenige Augenblicke später sah sie den Schein einer Taschenlampe.

Der Lichtkegel wanderte suchend den Gang entlang.

"Susanne!", hörte sie Wilfrieds Stimme.

"Oh, Wilfried, ich hatte solche Angst..."

Wilfried nahm Susanne in den Arm und sie schmiegte sich an ihn.

"Susanne, was um alles in der Welt suchst du hier unten?"

"Ich weiß, was für eine Närrin ich war, aber..."

"Was glaubst du, was für Sorgen ich mir gemacht habe, als du nicht zum Essen erschienst..."

"Es tut mir leid, Wilfried. Aber als sich plötzlich die Geheimtür hinter dem Spiegel öffnete, da konnte ich einfach nicht widerstehen."

Ihre Blicke begegneten sich.

"Ich verstehe nicht, wie das geschehen konnte", murmelte Wilfried dann. "Johann hatte die Anweisung, sämtliche Zugänge zu den Geheimgängen zu verschließen... Die Gefahr ist doch viel zu groß, dass sich jemand verlaufen kann!" Wilfried nahm ihre Hand. "Komm jetzt", fuhr er dann sanfter fort. "Wir wollen froh sein, dass nichts passiert ist!"

Sie ließ sich von ihm den Gang entlangführen.

Warum hat er so heftig reagiert?, fragte sich Susanne. Nur aus Besorgnis um mich? Oder fürchtete er am Ende gar, dass man hier unten etwa finden konnte. Etwas, das Christianes Anschuldigungen vielleicht weitere Nahrung gab?

Susanne erschrak über ihre eigenen Gedanken.

"Was ist los?", fragte Wilfried, der ihre Verkrampfung durchaus wahrnahm.

"Nichts", behauptete sie.

Einige Augenblicke lang schwiegen sie, dann stellte Wilfried plötzlich fest: "Du hast über Christianes Anschuldigungen nachgedacht, nicht wahr?"

"Nun, vielleicht ein bisschen..."

"Bist du deswegen hier unten gewesen? Um zu überprüfen, ob nicht doch etwas an ihren Worten dran ist?"

"Wilfried!", stieß Susanne hervor. Sie wollte noch etwas sagen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Hat er nicht im Grunde genommen recht?, ging es ihr durch den Kopf.

Wilfrieds letzte Worte hatten ungewohnt scharf geklungen.

In deutlich sanfterem Tonfall fuhr er nun fort: "Ich kann es dir nicht verdenken, Susanne. Vielleicht würde ich an deiner Stelle genauso handeln..."

"Ich vertraue dir!"

"Aber du zweifelst auch! Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um dich wirklich zu überzeugen..."

"Das brauchst du nicht, Wilfried."

8

Später hörte Susanne zufällig ein Gespräch mit an, das Wilfried mit dem Kammerdiener Johann führte.

"Wie konnte es passieren, dass die Geheimtür hinter dem Spiegel zu öffnen war?", fragte Wilfried.

"Durchlaucht, ich habe keine Erklärung dafür. Ich war der Überzeugung, dass sämtliche Zugänge zu den Gewölben verschlossen sind!"

"Aber das waren sie ganz offensichtlich nicht!"

"Ich bin untröstlich!"

"Überprüfen Sie bitte noch einmal alle Geheimtüren... Ich möchte nicht, dass irgendjemand zu Schaden kommt."

"Sehr wohl..."

In den nächsten Tagen sprachen Wilfried und Susanne nicht mehr über den Vorfall. Wilfried und Susanne flogen nach Mailand, um für ein Kleid maßnehmen zu lassen, dass ein mit dem Haus Eichenbach befreundeter Modeschöpfer eigens für die Verlobungsfeier anfertigen würde.

"Hatten wir uns mit deinen Eltern nicht darauf geeinigt, dass wir eine Feier im kleinen Rahmen bevorzugen?", fragte Susanne später, als sie gemeinsam durch die Straßen Mailands schlenderten.

"Nun, der kleine Rahmen bezog sich doch nur auf die Zahl der Gäste - nicht auf die Qualität der Garderobe!", erwiderte Wilfried lächelnd. "Oder gefällt dir der Entwurf für das Kleid nicht?"

"Es ist ein Traum, Wilfried."

Er sah sie an.

"Du bist ein Traum, Susanne..."

Die junge Baroness genoss die Zeit, die sie in Mailand verbrachten. Sie fühlte sich freier und unbeschwerter, als in den Mauern von Schloss Eichenbach. Woran mag das nur liegen?, überlegte sie. Die Antwort lag eigentlich auf der Hand.

Der Grund für das Unbehagen, das sie auf Schloss Eichenbach mitunter empfand, trug einen Namen.

Komtesse Christiane von Buchenberg-Selm.

Ihre Anwesenheit wirkte wie ein dunkler Schatten, der Susannes Glück verdunkelte.

Sie kann nichts für das, was sie getan hat, hatte Susanne sich oft genug gesagt. Christiane war schließlich krank...

Aber der Keim des Zweifels war gelegt - und seine Saat drohte langsam aufzugehen.

Doch hier, in Mailand, konnte Susanne all das vergessen.

All das, was sich an düsteren Andeutungen um das Schicksal von Wilfrieds erster Verlobten herumrankte.

Als sie von dieser Kurzreise zurückkehrten, empfand sie ein Gefühl der Beklemmung, während sie die Mauern von Schloss Eichenbach in der Ferne auftauchen sah. Ferdinand, der getreue Chauffeur des Fürsten, hatte sie vom Flughafen abgeholt. Und als die dunkle Limousine nun in den Schlosshof einfahren wollte, da stand eine Gestalt unter dem Torbogen und versperrte den Weg.

Es war niemand anderes als Christiane.

Starr wie aus Stein gemeißelt stand sie da.

So als wollte sie verhindern, dass ich je nach Schloss Eichenbach zurückkehre!, durchzuckte es Susanne. Ferdinand stieg aus. Er versuchte die Komtesse mit beruhigenden Worten dazu zu bewegen, den Weg freizumachen.

Doch Christiane beachtete ihn nicht.

Ihr Blick war starr auf Susanne gerichtet.

"Kehren Sie nicht zurück, Susanne!", schrie sie dann. "Sie werden hier Ihr Unglück finden!"

Damit drehte sie sich um und ging eiligen Schrittes davon.

"Du darfst dem keine Bedeutung zumessen, Susanne... Sie ist nunmal so, wie sie ist - und daran wird vermutlich niemand etwas zu ändern vermögen. Die Ärzte, die sie bisher behandelten, haben in dieser Hinsicht jedenfalls wenig Hoffnung gemacht..."

Susanne atmete tief durch und nickte.

"Ja, ich weiß, Wilfried. Und dennoch... was diese Frau sagt, nagt an meinen Nerven."

"Das verstehe ich nur zu gut", gab der Sohn des Fürsten von Eichenbach zurück. "Ich habe versucht, mit Christiane zu reden, sie zur Vernunft zu bringen... Aber das war alles vergeblich. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, Susanne."

"Ja, ich weiß, Wilfried."

Ferdinand fuhr die Limousine jetzt in den Schlosshof hinein und hielt sie vor dem Portal an.

Er öffnete den beiden jungen Leuten die Türen. Und während sie die steinernen Stufen des Portals hinaufschritten, spürte Susanne, wie ein kalter Wind die Schlossmauern umwehte.

9

Die Vorbereitungen für die Verlobung liefen auf Hochtouren.

Susanne kehrte zwischendurch für ein paar Tage auf das heimatliche Gut des Barons von Radvanyi zurück, allerdings nur, um so bald wir möglich wieder nach Schloss Eichenbach zurückzukehren.

Denn erstens wollte sie nicht zu lange von Wilfried getrennt sein und zweitens war auf Schloss Eichenbach auch noch einiges im Hinblick auf die Verlobung zu tun - selbst wenn es sich nur um eine Feier im bescheidenen Rahmen handelte.

Wilfried begleitete Susanne auf Gut Radvanyi, stellte sich beim Baron und der Baronin vor und machte einen überaus positiven Eindruck auf Susannes Eltern.

Leider musste er schon am nächsten Tag zurückkehren, da seine Anwesenheit in den verschiedenen Unternehmungen seines Vaters vonnöten war.

"Bist du glücklich?", fragte Baronin Viola von Radvanyi ihre Tochter, während eines sonnigen Nachmittags, den sie im Schatten hochgewachsener Platanen an einem Teich verbrachten, der zu den Gartenanlagen von Gut Radvanyi gehörte.

"Oh, ja, ich bin sehr glücklich. Wilfried ist ganz bestimmt der richtige Mann für mich..."

"Ja, das glaube ich auch. Auf mich hat er einen ganz ausgezeichneten Eindruck gemacht..." Die Baronin musterte aufmerksam das Gesicht ihrer Tochter und fuhr dann fort: "Und dennoch scheint da irgendetwas zu sein, was du mir noch nicht gesagt hast... Als ob irgendein Schatten auf deinem Glück liegt..."

Susanne erschrak.

Ihre Mutter kannte sie gut. So gut, dass es ihr immer sehr schwer gefallen war, irgendetwas vor ihr geheimzuhalten. An kleinsten Regungen ihres Gesichts, am Klang ihrer Stimme und anderen, für andere kaum wahrnehmbaren Anzeichen konnte sie ihre Stimmung ablesen. Manchmal grenzte das beinahe an Telepathie.

Susanne wich dem Blick ihrer Mutter aus.

Was sollte sie ihr antworten?

Ihr vielleicht von den gemeinen Verdächtigungen einer seelisch Kranken berichten?

"Es ist nicht so wichtig", behauptete sie.

Aber das ließ die Baronin natürlich nicht durchgehen.

"Wenn es dich bedrückt, dann ist es auch wichtig", stellte sie klar.

Susanne seufzte schwer. Und dann berichtete sie ihrer Mutter schließlich von Christianes Anschuldigungen und der Ablehnung, mit der die junge Komtesse sie geradezu verfolgte.

"Und es gibt keine Beweise dafür, dass das, was Christiane sagt, der Wahrheit entspricht?", hakte die Baronin nach.

Susanne schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Dann solltest du dich von dem Gerede dieser Komtesse nicht beirren lassen..."

"Das werde ich auch nicht", sagte Susanne entschlossen.

"Mein Glück werde ich mir nicht zerstören lassen - auch nicht von dieser eifersüchtigen Kranken."

"Wenn wirklich etwas an den Anschuldigungen dran wäre, würde Wilfried kaum so gelassen reagiert haben", gab die Baronin zu bedenken. Und in dem Punkt musste Susanne ihr recht geben.

Aber da war die Szene, unten in den Kellergewölben, zu denen man über die Geheimgänge gelangen konnte...

Einen kurzen Augenblick lang tauchte bei Susanne wieder die Frage auf, ob es wirklich nur ehrliche Besorgtheit gewesen war, die Wilfried zu seiner recht heftigen Reaktion veranlasst hatte...

Natürlich war es das!, wies sich die Baroness sofort selbst zu recht. Was soll es dort unten noch für Beweise geben? Und hätten dann nicht die Nachforschungen der Polizei etwas ans Tageslicht bringen müssen?

Ein etwas gezwungen wirkendes Lächeln zeigte sich nun um ihre vollen Lippen herum.

"Lass uns von etwas anderem reden", schlug sie dann vor.

10

Als Susanne nach Schloss Eichenbach zurückkehrte, war inzwischen das Kleid eingetroffen, das in Mailand in Auftrag gegeben worden war.

Susanne fand es in ihrer Suite vor und probierte es gleich an.

Es war ein Traum in weinrot, besetzt mit kostbaren Spitzen. Und es passte wie angegossen. Susanne trat vor die große Spiegelwand in ihrer Suite, hinter der sich die Geheimtür befand...

Ja, so würde sie dem Anlass entsprechend gekleidet sein, wenn sie und Wilfried einander die Ehe versprachen.

Es klopfte an der Tür zu ihrer Suite.

Wilfried konnte es nicht sein.

Er würde erst in ein oder zwei Stunden von einem geschäftlichen Termin zurückkehren.

Zögernd ging Susanne von Radvanyi zur Tür.

"Wer ist da?", fragte sie.

"Ich bin es, Christiane", kam die Antwort von der anderen Seite der massiven Holztür.

Was mag sie von mir wollen?, fragte Susanne sich und spürte dabei, wie ein mulmiges Gefühl sich in ihrer Magengegend breitmachte. Sie öffnete. Christiane musterte sie mit einem abschätzigen Blick von oben bis unten. Die sehr strenge Knotenfrisur, die die junge Komtesse trug, verstärkte den abweisenden Ausdruck ihres eigentlich sehr hübschen und feingeschnittenen Gesichtes noch.

"Ist das das Kleid, das Wilfried für Sie hat anfertigen lassen?", erkundigte sie sich mit klirrend kalter Stimme.

"Ja."

"Es steht Ihnen..."

Susanne atmete tief durch. Sie musste sich sehr beherrschen um ihre Fassung zu behalten. "Was wollen Sie von mir, Christiane?"

Christiane sah ihr Gegenüber beschwörend an. "Ich muss mit Ihnen reden, Susanne. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie sich befinden..."

"Wenn Sie Ihre abstrusen Anschuldigungen gegenüber Wilfried nur wiederholen wollen, gehen Sie besser. Ich möchte mir das nicht noch einmal anhören müssen..."

"Baroness Susanne..."

"Ich meine es ernst. Was auch immer Sie versuchen, Sie werden Wilfried und mich nicht auseinanderbringen. Gleichgültig, wie viel Misstrauen Sie auch zu streuen versuchen."

"Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück, Susanne. Es könnte Ihnen genauso ergehen, wie Lisa Reindorf..."

"Warum sollte das geschehen?"

"Wilfried ist ein Mörder!"

"Das behaupten Sie - ohne auch nur den Hauch eins Beweises dafür vorbringen zu können!" Susanne fixierte Christiane mit einem durchdringenden Blick. "Warum verfolgen Sie ihn und mich mit Ihrem Hass, Christiane. Was habe ich Ihnen getan? Kann ich etwas dafür, dass er mich liebt und nicht Sie?"

Christianes Gesicht wurde dunkelrot.

"Wissen Sie, wer dafür gesorgt hat, dass sich die Geheimtür hinter dem Spiegel öffnen ließ?"

"Sie waren das?", entfuhr es Susanne von Radvanyi.

Christiane nickte.

"So ist es."

"Aber warum das alles?"

"Um Ihnen die Augen zu öffnen, Susanne. Sie sollen erkennen, wer der Mann wirklich ist, dessen Namen Sie tragen wollen... Die Wahrheit liegt dort unten, in den alten Gewölben, in den dunklen, kalten Verliesen unter dem Schloss..."

Damit drehte sie sich herum und ging.

"Und was sollte ich dort finden?", rief Susanne der Komtesse hinterher.

Diese drehte sich noch einmal kurz um. Ihr Lächeln wirkte mechanisch. "Das müssen Sie schon mit eigenen Augen sehen, Baroness. Mir glauben Sie ja ohnehin nicht!", und damit wandte sich um und ging. "Seien Sie keine Närrin und verschließen Sie nicht die Augen vor der Wahrheit!", rief sie noch.

Schnelle Schritte waren jetzt von der anderen Seite her zu hören und hallten in dem hohen Flur wider.

Mit fragendem Gesichtsausdruck eilte Wilfried von Eichenbach herbei.

Er sah erst Susanne an, dann die davoneilende Komtesse Christiane.

Diese blieb vor einem großformatigen, goldgerahmten Gemälde stehen, das den Flur zierte. Es zeigte eine Landschaft in sturmdurchtoster Nacht.

"Was ist passiert?", wandte sich Wilfried an Susanne.

Christiane drehte sich zu ihm herum. Die dezenten Ohrringe, die sie trug, bewegten sich dabei, so dass sie in dem gedämpften Licht des Flures glitzerten.

"Die Wahrheit kommt ans Tageslicht, Wilfried", sagte sie leise. "Du wirst es nicht verhindern können... Es sei denn, du tust mit mir dasselbe, was du mit dieser armen jungen Frau getan hast."

"Das ist alles nicht wahr, Christiane!", erwiderte Wilfried, sichtlich um seine Fassung bemüht.

"Ach, nein?"

"Was du behauptest, ist nie geschehen. Vielleicht glaubst du sogar selbst an das, was du sagst, Christiane. Aber es ist eine Einbildung. Eine fixe Idee, von der du besessen bist!"

"Lisa Reindorf wollte zu einer Freundin in Köln. Aber dort ist sie nie angekommen, denn zuvor verschwand sie..."

"Das ist doch nur Gerede!"

"Sie hatte es mir zuvor gesagt, Wilfried! Soll ich dir Einzelheiten sagen? Die damalige Adresse dieser Freundin? Ihr Name war Carina Mehler und sie wohnte..."

Wilfried trat auf Christiane zu. "Ich glaube nicht, dass Lisa dir erzählt hat, was sie vorhatte... Jetzt hast du den Bogen wirklich überspannt, in dem du eine so aberwitzige Behauptung aufstellst!"

"Verzeih mir bitte, wenn ich dir nicht so recht zu folgen vermag, Wilfried!"

"Lisa und du - ihr habt euch von Anfang an nicht besonders gemocht. Warum sollte sie ausgerechnet dich über ihre Pläne informiert haben, Christiane? Das ist doch lächerlich!"

Christiane seufzte.

"Wie groß muss ihre Verzweiflung wohl gewesen sein, dass sie sich an mich wandte - einen Menschen, der ihr zugegebenermaßen alles andere als nahe stand..."

Wilfried machte noch einige Schritte auf die junge Komtesse zu und blieb dann stehen. "War es nicht in Wahrheit ganz anders, Christiane?", fragte Wilfried dann in einem Tonfall, der sehr ruhig und gefasst klang. "Wenn Lisa verzweifelt gewesen ist und sich auf Schloss Eichenbach nicht so recht wohlzufühlen vermochte, so lag dies doch wohl daran, dass du sie von Anfang an mit deinem Hass verfolgt hast!"

"Nein!"

"Jede Gelegenheit hast du wahrgenommen, um ihr das Leben schwer zu machen?"

"Sie war eine Bürgerliche und passte einfach nicht hier her, Wilfried. Wahrscheinlich hat sie das irgendwann auch selbst erkannt." Sie wandte sich mir zu, musterte mich einige Augenblicke lang und sagte dann: "Ich habe mir Sorgen um Lisa Reindorf gemacht - so wie ich mir jetzt Sorgen um Sie mache, Baroness." Dann begann Christiane zu schluchzen. "Ich weiß doch, was ich gesehen habe... Den Schrei... Mein Gott, es ist so gegenwärtig, als wäre es erst gestern gewesen. aber mir glaubt ja niemand. Mich nimmt man nicht für voll, weil ich angeblich ein seelisches Leiden habe..."

"Christiane!", rief Wilfried.

Aber die Komtesse wandte sich - immer wieder aufschluchzend - um und lief den Flur entlang. Hinter der nächsten Biegung verschwand sie.

Susanne stand wie betäubt da.

Christianes Worte hatten Wunden in ihr aufgerissen, von denen sie geglaubt hatte, dass sie gerade dabei waren, zu verheilen. Susanne nahm sich fest vor, dem Rat ihrer Mutter zu folgen. Sie wollte sich ihre Liebe zu Wilfried nicht zerstören lassen. Durch nichts - auch nicht durch die nagenden Zweifel, die die junge Komtesse gesät hatte.

Andererseits konnte sie die Möglichkeit wirklich ausschließen, dass doch etwas an Christianes Worten dran war.

Eigentlich hielt Susanne das für ausgeschlossen. Aber ein Rest von Unsicherheit blieb.

Wilfried berührte Susanne sanft bei den Schultern.

"Es tut mir leid, dass es zu dieser hässlichen Szene gekommen ist", sagte er dann. "Aber Angesichts dieses perfiden Spiels, das Christiane treibt, fällt es zunehmend schwerer, die Contenance zu bewahren..."

Susanne blickte zu ihm auf, studierte genau den Blick seiner grauen Augen. "War es bei Lisa Reindorf genauso?", fragte sie dann, fast flüsternd.

Wilfried nickte.

"Christiane blickte von Anfang an auf sie mit außerordentlicher Geringschätzung herab. Sie ließ Lisa spüren, dass sie nicht von adeliger Herkunft war..." Ein angestrengter Zug machte sich jetzt im Gesicht des Fürstensohnes bemerkbar. Seine Augen blitzten entschlossen.

"Christiane ist krank - das mag vieles entschuldigen und ich bin sicher der Letzte, der ihr schweres Schicksal nicht anzuerkennen wüsste. Aber irgendwo gibt es eine Grenze... und ich finde, Christiane hat sie eindeutig überschritten."

Dann blickte Wilfried an seiner zukünftigen Frau herab.

Die Bewunderung, die er empfand, war ihm deutlich anzusehen.

"Dies ist also das Kleid aus Mailand..", murmelte er.

"Ja. Gefällt es dir?"

"Wie du schon in Mailand sagtest: Es ist ein Traum. Aber zu diesem Traum wird es erst, wenn du es trägst, Susanne..."

11

Am Abend suchte Wilfried von Eichenbach seinen Vater auf, der sich in der Schlossbibliothek aufhielt.

Fürst Friedrich war in die Lektüre eines ledergebundenen Bandes vertieft. Er war ein leidenschaftlicher Sammler von wertvollen Erstausgaben, die sich in großer Zahl in den langen Regalreihen befanden.

Im Kamin prasselte ein Feuer, denn es war etwas kühler geworden.

Der Fürst blickte von seiner Lektüre auf und sah seinen Sohn etwas erstaunt an.

"Hast du ein Anliegen?", erkundigte er sich. "Jedenfalls glaube ich kaum, dass es die alten Bücher sind, die dich heute hier her locken..."

Wilfried druckste etwas herum.

Einige Augenblicke lang blickte er dann nachdenklich in die prasselnde Kaminglut. Noch suchte er nach den richtigen Worten, um dem Fürsten sein Anliegen vorzutragen.

"Du hast recht", gestand er schließlich ein. "Es gibt da etwas, worüber ich unbedingt mit dir sprechen muss..."

"Nur zu", ermunterte Fürst Friedrich seinen Sohn. Dabei legte er das Buch nun endgültig zur Seite.

Wilfried atmete tief durch, nahm den gusseisernen Schürhaken und stocherte etwas in der Glut herum.

Dann drehte er sich herum und sagte: "Es geht um Komtesse Christiane... So geht es einfach nicht weiter, Vater. Sie streut haltlose Verdächtigungen und macht meiner zukünftigen Verlobten das Leben hier zur Hölle..."

Fürst Friedrich hob die buschigen Augenbrauen.

"Übertreibst du nicht vielleicht ein wenig?", meinte er.

"Ich war immer sehr duldsam ihr gegenüber. Schließlich weiß ich nur zu gut, was für ein schweres Schicksal Christiane hinter sich hat. Ganz gewiss kann man es ihr nicht anlasten, dass sie seelisch krank geworden ist... Aber nun hat sie den Bogen entschieden überspannt!"

"Wilfried..."

Die Stimme Fürst Friedrichs klang ruhig und besonnen.

"Vater, es ist wie damals... bei Lisa!" Wilfried setzte sich in einen der großen Sessel und beugte sich etwas vor.

"Was meinst du damit?"

"Christiane versucht systematisch, mein Glück zu zerstören. Aber ich bin nicht gewillt, das hinzunehmen..."

Der Fürst machte ein nachdenkliches Gesicht. "Und was sollte deiner Meinung nach getan werden? Du weißt, dass deine Mutter es nicht zulassen würde, Christiane in einem Sanatorium unterbringen zu lassen..."

"Und wenn man ihr dort besser helfen könnte, als dies auf Schloss Eichenbach möglich ist?"

"Niemand kann ihr im Moment helfen, Wilfried. Das ist leider die traurige Wahrheit. Wenn es eine Heilung für sie gibt, dann dauert sie sehr lange. Du weißt doch, was die Ärzte darüber gesagt haben..."

"Aber es geht nicht an, dass diese Person versucht, mein Leben zu zerstören. Sei sie nun krank oder nicht!"

"Deine Mutter kann ja noch einmal mit ihr reden. Auf sie hört sie noch ehesten..."

Wilfried seufzte. "Gut", sagte er schließlich. "Man kann es ja wenigstens versuchen..." Die Schatten des lodernden Feuers tanzten auf dem Gesicht des Fürstensohnes. Er wirkte nachdenklich und in sich gekehrt. Sein Vater bemerkte die düstere Stimmung seines Sohnes sehr wohl. Er beugte sich etwas vor.

"Worüber denkst du nach, Wilfried?", fragte er schließlich vorsichtig.

Wilfried fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Haar.

Sein Gesicht bekam einen beinahe verzweifelten Ausdruck.

"Christianes Verhalten geht mir ziemlich an die Nieren", erklärte er dann. "Einerseits natürlich, weil es um das Wohlbefinden meiner zukünftigen Frau geht. Und das ist mir sehr wichtig. Aber andererseits..."

Er stockte und sprach nicht weiter.

"Was?", hakte Fürst Friedrich nach.

Er musterte seinen Sohn sehr aufmerksam.

"Jedesmal wenn Christiane ihre absurden Anschuldigungen ausstößt, dann reißt das alte Wunden wieder auf. Wunden, die ich längst vernarbt glaubte..."

"Ich verstehe dich gut, mein Sohn. Und ich kann auch nachvollziehen, dass du dir eher heute als morgen wünschen würdest, dass Christiane Schloss Eichenbach verlässt...."

"So habe ich das nie gesagt!", unterbrach Wilfried sogleich seinen Vater.

Dieser hob beschwichtigend die Hand. "Ja, gewiss. Aber ich bin sicher, dass du es gedacht hast. Dafür brauchst du dich nicht zu schämen, das ist nur natürlich. Aber du solltest auch bedenken, dass wir eine Verantwortung gegenüber Christiane haben. So schwierig sie manchmal sein mag - sie gehört zur Familie." Fürst Friedrich atmete tief durch und fügte dann nach kurzer Pause hinzu: "Aber natürlich hat alles seine Grenzen..."

12

Wirre Träume plagten Susanne in der folgenden Nacht. Sie konnte einfach keine Ruhe finden und wand sich immer wieder in den Kissen. Am Morgen fühlte sie sich wie gerädert.

Eigentlich war für den Vormittag ein Ausritt geplant, aber Susanne war nicht sicher, ob sie das nicht lieber absagen sollte. Die junge Baroness machte sich frisch und zog zunächst ein schlichtes blaues Sommerkleid an. Vielleicht weckt das Frühstück ja deine Lebensgeister wieder, dann kannst du dich ja hinterher noch passend zum reiten umziehen, dachte Susanne.

Das Frühstück sollte an diesem Morgen im Salon serviert werden.

Auf dem Weg dorthin hörte Susanne zufällig Bruchstücke eines Gesprächs mit an, als sie die Treppe zur Eingangshalle erreichte. Ein Mann und eine Frau unterhielten sich. Der Mann war Johann, der Kammerdiener der Eichenbachs.

Bei der Frau handelte es sich um eines der Zimmermädchen, die jeden Vormittag die Räume des Schlosses in Ordnung brachten.

"Ich kann Wilfried von Eichenbach verstehen, wenn er Komtesse Christiane so schnell wie möglich loswerden will", tuschelte das Zimmermädchen. "Er wäre dann doch auch endlich diese Anschuldigungen los, mit denen die Komtesse ihn immer wieder behelligt..."

"Nadine, woher wissen Sie denn, dass Wilfried solche Pläne hegt?", fragte Johann mit empörtem Unterton.

"Ich sage nur, was ich so gehört habe... und die Gerüchte des Personals sind doch oft verlässlichere Informationsquellen als die offiziellen Verlautbarungen eines Fürstenhauses!"

Susanne hielt an und wartete. Die beiden konnten sie noch nicht sehen. Eigentlich war es nicht ihre Art, andere bei privaten Gesprächen zu belauschen. Aber in diesem Fall konnte sie einfach nicht widerstehen. Sie hatte das Gefühl, einem düsteren Geheimnis, ganz nah auf der Spur zu sein.

Einem Geheimnis, das vielleicht besser nicht aufgedeckt wurde...

Susanne hielt den Atem an.

"Etwas eigenartig sind die Umstände ja schon, unter denen die erste Verlobte des jungen Fürsten verschwand. Wie hieß sie doch noch gleich? Lisa Reindorf oder so ähnlich..."

"Nun Tatsache ist, dass nie wieder jemand etwas von ihr hörte..."

"Sie waren doch damals schon hier, auf Schloss Eichenbach..."

"Ja, das ist richtig..."

"Ein Wagen soll Lisa Reindorf abgeholt haben..."

"Ich war in jener Nacht sehr lange auf, weil ich wegen des Vollmondes nicht einschlafen konnte. Aber von einem Wagen habe ich nichts bemerkt..."

"Die Fürstin hat ihn gehört!"

"Das ist richtig."

"Vielleicht wollte sie mit ihrer Behauptung ihrem Sohn unangenehme Fragen der Polizei ersparen und die Ermittlungen von ihm ablenken."

"Ich glaube, Sie gehen jetzt zu weit, Nadine!"

"Wirklich?"

Eine Pause entstand.

Susanne erwog bereits, nun endlich die Treppe zur Eingangshalle hinabzusteigen und sich bemerkbar zu machen. Einen Moment später war sie froh, es nicht getan zu haben.

Das Zimmermädchen Nadine sprach jetzt sehr gedämpft. Ihre Worte waren kaum lauter als ein Wispern. "Haben Sie schonmal über die Möglichkeit nachgedacht, dass Wilfried vielleicht doch etwas mit dem Verschwinden seiner ersten Verlobten zu tun haben könnte?"

"Nadine!", entfuhr es Johann geradezu empört.

"Hat Christiane sich mit ihren Behauptungen irgendwann einmal an die Polizei gewandt!"

"Natürlich. Aber..."

"...auf Grund Ihrer Krankheit hat man sie dort nicht ernst genommen, nicht wahr?"

"So ist es", bestätigte Johann.

"Vielleicht hätten die Ermittlungen einen ganz anderen Lauf genommen, wenn man das getan hätte!"

Ein Geräusch ließ die beiden augenblicklich verstummen.

Es war Fürstin Margarethe, die aus einem der Flure in die Empfangshalle trat.

"Johann, gut, dass ich Sie treffe. Haben Sie eine Ahnung, wo sich Baroness Susanne befindet?"

"Leider nein, Durchlaucht..."

Dies war für Susanne das Stichwort, nun endlich die Treppe hinunterzuschreiten.

Die Fürstin begrüßte sie sehr herzlich, aber es entging Susanne nicht, dass sie ihr gegenüber etwas angespannt wirkte. "Nun, das Frühstück wartet bereits auf Sie, Susanne... aber ich möchte vorher kurz mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen."

"Gewiss", sagte Susanne.

"Dann lassen Sie uns ins Musikzimmer gehen."

Fürstin Margarethe führte Susanne in einen Raum, in dem sie zuvor noch noch nie gewesen war. Angesichts der Vielzahl der Zimmer auf Schloss Eichenbach war das alles andere als verwunderlich. Immer wieder gab es in diesem ausgedehnten Bauwerk neue Räumlichkeiten zu entdecken.

Das Musikzimmer wurde farblich von Holztönen beherrscht.

Durch die hohen Fenster fiel Sonnenlicht und tauchte die Einrichtung in ein mildes Licht. Ein Flügel aus Nussbaum befand sich in der Mitte des Raumes und an den Wänden waren mehrere Dutzend alter Instrumente aufgehängt. Geigen, Bratschen und verschiedene Querflöten.

"Hierher ziehe ich mich für gewöhnlich zurück, wenn ich etwas Erholung brauche", berichtete die Fürstin. "Spielen Sie ein Instrument, Susanne?"

"Ich hatte Klavierunterricht - allerdings ohne sagen zu können, dadurch eine Virtuosin geworden zu sein!"

Fürstin Margarethe lächelte.

"Nun, ob Virtuosin oder nicht - vielleicht können Sie mich bei Gelegenheit ja beim Geigenspiel begleiten..."

"Gerne..."

Mit den Gedanken war Susanne ganz woanders. Das, was sie soeben von dem Gespräch zwischen Johann und Nadine mitbekommen hatte, wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Wenn kein Wagen Lisa Reindorf abgeholt hatte - wie hatte sie dann verschwinden können? Etwa zu Fuß. Das war absurd.

Und wenn sie Burg Eichenbach nie verlassen hat?, ging es Susanne schaudernd durch den Kopf. Wenn sie dort unten, in den schrecklichen Verliesen dieses Schlosses einen jämmerlichen Tod fand, so wie Christiane es behauptete?

Susanne versuchte, diese Gedanken zu verscheuchen.

Aber das war vergeblich.

"Susanne, ich muss über etwas sehr ernstes mit Ihnen reden....", begann Fürstin Margarethe dann. Sie trug ein grauweißes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen, was sie sehr vornehm erscheinen ließ. Auf ihrer Stirn hatten sich tiefe Falten gebildet. Sie schien verzweifelt nach den richtigen Worten zu suchen. "Sie wissen von Komtesse Christianes Krankheit", begann sie dann.

"Ja", nickte Susanne.

"Ich möchte, dass Sie etwas mehr darüber wissen, damit Sie ihre Äußerungen besser einschätzen können. Schließlich ist es Ihnen wohl nicht verborgen geblieben, dass Christiane Ihnen von Anfang an nicht gerade mit Sympathie begegnete..."

"Das ist leider wahr, obwohl ich mich sehr darum bemüht habe, wenn schon nicht ihre Freundschaft, so doch wenigstens ihre Achtung zu gewinnen. Leider waren meine Bemühungen vergebens."

"Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf, Susanne. Sie können nichts dafür. Die Schuld liegt einzig und allein bei einem ungnädigen Schicksal, das aus Christiane das gemacht hat, was sie heute ist..." Fürstin Margarethe rieb die Handflächen gegeneinander und wandte sich dann einem der hohen Fenster zu. Einen kurzen, gedankenverlorenen Blick warf sie hinaus auf die imposante Parklandschaft, die Schloss Eichenbach umgab. "Christiane lebt in ihrer eigenen Welt. Sie erfindet sich das Leben so, wie es ihr passt. Und es gibt nichts, was sie von der Wahrheit überzeugen könnte. Für sie zählt nur ihre eigene Wirklichkeit. Sie glaubt an das, was sie sagt und es hat keinen Sinn, sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen..."

"Ich verstehe, was Sie meinen", erklärte Susanne.

"Ich sage Ihnen das, damit Sie sich nicht von den wüsten Anschuldigungen beirren lassen, die Komtesse Christiane gegen meinen Sohn verbreitet..." Fürstin Margarethe seufzte hörbar.

"Christiane ist eine Verwandte und da ich ihr einziger Halt bin, fühle ich mich ihr gegenüber verpflichtet. Ich kann sie nicht einfach davonschicken... Das brächte ich nicht übers Herz."

"Und ich würde es niemals von Ihnen verlangen, Durchlaucht."

"Ich sehe, dass Sie mich verstehen, Susanne." Fürstin Margarethe lächelte matt. "Es wird Zeit, dass wir etwas weniger förmlich miteinander umgehen", erklärte sie.

"Und nun gehen Sie bitte endlich zum Frühstück. Wilfried wartet sicher schon sehnsüchtig auf Sie..."

"Das will ich hoffen!", sagte Susanne.

Fürstin Margarethe trat auf die junge Frau zu und nahm ihre Hand. Sie war eiskalt.

"Sie müssen mir glauben, dass Wilfried niemals dazu im Stande wäre, einen Mord zu begehen."

"Ich habe an diese Möglichkeit nicht einen einzigen Gedanken verschwendet", hörte Susanne sich selbst sagen. Es war eine glatte Lüge. In ihr herrschte in Wahrheit ein unerbittlicher Kampf, dessen Sieger noch keineswegs feststand.

"Es freut mich, dass Sie das sagen, Susanne", hörte sie die Stimme der Fürstin. "Es freut mich vor allem auch für meinen Sohn. Er braucht in seiner Position, eine Partnerin der er absolut vertrauen kann. Eine, die zu ihm hält, auch wenn es mal ein bisschen stürmisch wird."

"Und da halten Sie mich für die Richtige?"

"Ich glaube schon, Susanne..."

Susannes Lächeln wirkte ein wenig verkrampft. Die Fürstin würde unter allen Umständen zu ihrem Sohn halten, dachte sie.

Aber war das verwunderlich? Die junge Baroness fragte sich, wie weit die Treue der Fürstin zu ihrem Sohn wohl gehen mochte...

13

Als Susanne den Salon erreichte, wartete Wilfried dort noch immer. Er begrüßte sie liebevoll und ohne ein Wort über ihre Verspätung zu verlieren. Sie stellte fest, dass er mit Rücksicht auf sie, noch nicht mit dem Essen begonnen hatte.

Wilfried trug bereits einen engsitzenden Reiteranzug.

Er musterte Susanne mit skeptischem Blick.

"Was ist?", fragte Susanne. "Gefalle ich dir etwa nicht?"

Ein sympathisches Lächeln umspielte seine Lippen, während er erwiderte: "Natürlich gefällst du mir... Das Kleid steht dir hervorragend, aber..."

Susanne hob die Augenbrauen.

"Aber was?"

"Es scheint, als ob du mir durch die Blume zu verstehen geben wolltest, dass dir unser Reitausflug heute nicht passt!"

"Du meinst, weil ich noch nicht entsprechen angezogen bin?"

Susanne war perplex, wie genau er sie beobachtete. Sie musste unwillkürlich lächeln.

Wilfried beugte sich etwas vor. Er schien überhaupt nicht ungehalten darüber zu sein. "Vergessen wir den Ausritt, Susanne. Wir können ihn jederzeit nachholen - oder auch nicht. Ganz wie du willst."

Er nahm zärtlich ihre Hand. Das Timbre seiner Stimme hatte einen vibrierenden Klang. Wie sensibel er ist, dachte Susanne ergriffen. Und in diesem Moment erschienen ihr Christianes Verdächtigungen um so absurder.

"Ich habe nichts gegen einen Ausritt", sagte die junge Baroness dann. "Auch wenn ich allenfalls eine mittelmäßige Reiterin bin!"

"Ich habe nicht vor, ein Turnier zu veranstalten", lächelte Wilfried.

"Dafür wäre ich auch sicher nicht die Richtige. Meine ältere Schwester Verena war immer diejenige bei uns, die sich für Pferde interessierte. Sie ist oft mit einem Vater ausgeritten. Da spielten Wind und Wetter keine Rolle... Aber ich denke nicht, dass ich aus dem Sattel fallen werde!"

"Dann wäre es mir ein Vergnügen, dich aufzufangen... Wenn du keine passenden Sachen dabeihaben solltest, so haben wir hier auf Schloss Eichenbach gewiss etwas Passendes..."

"Nein, das ist kein Problem", erwiderte Susanne. Dann sah sie Wilfried einige Augenblicke lang nachdenklich an. Ihre Lippen waren halb geöffnet, so als wollte sie noch etwas sagen. Wilfried erwiderte diesen Blick.

"Was ist?", fragte er. "Hast du noch etwas auf dem Herzen?"

Ich muss mehr wissen, dachte sie. Mehr über Lisa Reindorf und die Dinge, die damals geschehen sind.

Aber Susanne zögerte, Wilfried jetzt darauf anzusprechen.

Es ist vielleicht nicht der richtige Moment, entschied sie.

Und so sah sie ihn nur lächelnd an.

"Es ist nichts", behauptete sie.

Alles hätte so schön und harmonisch sein können, ging es ihr währenddessen durch den Kopf. Warum musste dieser düstere Schatten der Ungewissheit auch gerade über ihrem Leben und ihrem Glück liegen?

Eine Stunde später half Wilfried ihr auf den Rücken eines ruhigen Apfelschimmels, den der Stallbursche für sie gesattelt hatte. Anschließend bestieg Wilfried den Rappen, der für ihn bestimmt war und ritt es im gemäßigten Trab über die befestigten Wege, die die Schloss Eichenbach umgebende Parklandschaft durchzogen. Schließlich ließen sie das erhrfurchtsgebietende Schloss hinter sich, ritten über weite Wiesen und durch kleine Waldstücke hindurch, die ebenfalls noch zum Besitz des Fürsten von Eichenbach zählten. Es waren gut gepflegte Forstwälder, deren Erhalt besonders Fürst Friedrich am Herzen lag, wie Wilfried berichtete.

Schließlich erreichten sie einen idyllisch gelegenen Teich.

Dort stiegen sie ab. Das Sonnenlicht glitzerte im Wasser.

Das Quaken von Fröschen mischte sich mit den Geräuschen der Wasservögel.

"Man hat hier das Gefühl sehr weit weg von allem zu sein", murmelte Susanne, nachdem sie dem Konzert der Natur eine Weile lang gelauscht hatte.

Wilfried nickte. Er legte zärtlich einen Arm um sie.

Und Susanne ließ es geschehen.

"Ja", sagte er dann. "Wenn ich nachdenken muss, dann komme ich oft hier her..."

"Das kann ich gut verstehen..."

"Aber diesmal bin ich nicht deswegen hier", erklärte Wilfried.

Susanne sah ihn erstaunt an.

"Weshalb hast du uns dann hier her geführt?"

"Weil ich denke, dass dies der richtige Ort ist..."

"Der richtige Ort wofür?"

Wilfried griff in die Innentasche seiner Reiterjacke und holte ein kleines Kästchen hervor. Es war in schlichtem blauschwarzem Samt eingeschlagen.

"Das ist für dich", sagte er und gab es ihr. Etwas zögernd ergriff sie das Kästchen. Es ließ sich leicht öffnen. Darin blinkte ihr ein goldener Ring entgegen. Der eingefasste Stein schimmerte rötlich. Er war klein und dezent, wirkte in keiner Weise protzig, sondern sehr elegant. Der Ring selbst war mit kunstvollen Gravuren versehen.

Susanne steckte ein Kloß im Hals. Sie war unfähig, auch nur eine einzigen Ton herauszubringen, so gerührt war sie.

Wilfried nahm den Ring aus dem Kästchen heraus und steckte ihn ihr an den Ringfinger der linken Hand.

"Dies ist ein kleines Zeichen meiner Liebe", sagte er. "Ich möchte, dass wir für immer beisammen bleiben. In guten und in schweren Zeiten..."

Susanne konnte nichts gegen die Tränen machen, die ihr über die Wangen liefen. Sie schlang ihre Arme um ihn, und er drückte sie zärtlich an sich.

14

"Du bist so schweigsam", stellte Wilfried fest, als sie sich schon auf dem Rückweg befanden. Sie ließen die Pferde im langsamen Schritt gehen. Beide hatten sie keine Eile, sich den in der Ferne aufragenden Mauern von Schloss Eichenbach allzu schnell zu nähern.

Den Ring trug Susanne am Finger. Die Sonne ließ den Stein funkeln.

"Ich möchte dich etwas fragen, Wilfried", brachte Susanne schließlich heraus.

"Nur zu", erwiderte dieser.

"Hast du diese Lisa Reindorf sehr geliebt?"

"Ich wollte, dass sie meine Frau wird", erklärte er. Ihre Blicke trafen sich. Dann ging ein Lächeln über sein Gesicht.

"Ich bin deiner Frage ausgewichen", gab er dann zu.

"Aber das war nicht richtig. Nach allem, was geschehen ist, hast du das Recht auf eine ehrliche, vorbehaltlose Antwort. Auch, wenn es mir nach wie vor schwerfällt, darüber zu reden." Ein Schatten fiel über Wilfrieds Gesicht. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Ich habe Lisa geliebt. Und lange Zeit konnte ich es kaum verwinden, sie verloren zu haben... Sie wurde einfach aus meinem Leben gerissen. Jedenfalls habe ich das so empfunden. Oft habe ich mich gefragt, wo sie wohl sein mag. Was wohl aus ihr geworden ist... Besonders belastete mich die Tatsache, dass wir einen ziemlich heftigen Streit hatten, als wir uns zum letzten Mal sahen..."

"Und du hast wirklich keine Ahnung, wo sie geblieben ist?"

"Ich erhielt nie wieder eine Nachricht von ihr. Es scheint, als habe sie damals alle Verbindungen zu ihrem früheren Leben abgebrochen."

"Wollte sie nicht zu einer Freundin in Köln?"

"Möglich, aber dort ist sie nie aufgetaucht. Jedenfalls nicht meines Wissens..." Er sah sie an. seine Augenbrauen zogen sich etwas zusammen. Dann seufzte er. "Wie kann ich dich nur überzeugen, Susanne..."

"Aber..."

"Nein, widersprich mir nicht", unterbrach er sie, noch ehe sie ihren Satz auch nur halbwegs hatte beginnen können.

"Christianes Gift hat seine Wirkung gründlich getan. Du denkst noch immer darüber nach, ob ich nicht doch etwas mit Lisas Verschwinden zu tun haben könnte. Vielleicht willst du dir diese Zweifel nicht einmal selbst eingestehen. Aber sie sind da. Ich sehe sie in deinen Augen, ich höre sie in deinen Fragen mitschwingen... Du kannst es nicht leugnen. Nicht, wenn du so ehrlich zu dir selbst bist, wie ich es zu dir bin..."

"Wilfried..."

Susanne fühlte sich unbehaglich. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Sie atmete schwer. Was sollte sie ihm sagen? Hatte er nicht recht? Hatte er nicht mit großer Klarsicht genau das in Worte gefasst, was in ihrem Inneren vorging?

"Ich habe Lisa Reindorf nicht umgebracht", erklärte Wilfried unterdessen. "Und damit du siehst, das an Christianes Behauptungen nichts - aber auch wirklich gar nichts! - dran ist, möchte ich, das du mit mir in die unterirdischen Verliese von Schloss Eichenbach steigst. Damit du siehst, dass es dort unten keinerlei Beweise für Christianes Verdächtigungen gibt..."

Susanne schüttelte den Kopf.

"Nein", sagte sie sehr schnell und sehr entschieden. "Ich möchte auf keinen Fall noch einmal dort hinabsteigen... Mein letzter Aufenthalt dort unten verfolgt mich jetzt noch hin und wieder bis in meine Träume..."

"War es so schlimm?"

"Ja."

"Aber ich wäre bei dir... sieh dir an, was dort unten ist. Ich glaube, dass dir das helfen wird..."

"Nein!", erwiderte Susanne etwas heftiger, als sie es eigentlich geplant hatte. Dann schränkte sie ein: "Vielleicht später..."

"Du solltest noch einmal darüber nachdenken, Susanne..."

"Vielleicht... Aber fürs erste werden mich keine zehn Pferde dazu bekommen, noch einmal diese finsteren Gänge zu betreten..."

15

Sie ritten zurück zum Schloss.

Nachdem der Stallbursche ihnen die Pferde abgenommen hatte, standen sie sich gegenüber und ihre Blicke verschmolzen für einige Momente miteinander.

Wilfried lächelte.

"Du bist eine viel bessere Reiterin, als du mich hast glauben machen wollen..."

"Und du weißt genau, wann eine Frau ein Kompliment hören möchte!"

Wilfried nahm ihre Hand.

"Ich habe diesen Ausritt sehr genossen."

"Das habe ich auch", erwiderte Susanne. "Auch wenn ich morgen wahrscheinlich schrecklichen Muskelkater in den Oberschenkeln haben werde..."

Wilfried nahm jetzt auch ihre andere Hand. Sein Blick wurde etwas ernster. "Ich bin in meinem Leben noch nie so glücklich gewesen, wie seit dem Tag, als du auf Schloss Eichenbach eintrafst. Um ehrlich zu sein, ich könnte mir ein Leben ohne dich kaum noch vorstellen, Susanne... Und ich werde dich nicht wieder gehen lassen!"

Susanne zuckte bei dieser letzten Bemerkung förmlich zusammen. Die Gedanken rasten nur so durch ihren Kopf. Es ist nur ein freundliches Kompliment, sagte die eine Stimme in ihr. Ein Kompliment, das nicht mehr und nicht weniger besagen soll, als dass du die Frau seines Lebens bist.

Aber konnte man das nicht auch anders verstehen?

Schwang da nicht etwas mit, vor dem man sich vielleicht sogar fürchten musste?

Vielleicht hat er das einst auch zu Lisa Reindorf gesagt, ging es Susanne durch den Kopf. Und dann war der Tag gekommen, an dem sie Schloss Eichenbach hatte verlassen wollen...

Und ich werde dich nie wieder gehen lassen!, echoten Wilfrieds Worte in Susannes Innerem wider. Bekam dieser Satz in diesem Zusammenhang nicht eine ganz andere, unheilvolle Bedeutung?

"Lass uns reingehen", sagte Susanne. "Ich möchte mich vor dem Essen noch frischmachen."

"Natürlich."

Und während sie auf das Portal zustrebten, blickte Susanne zufällig zu den Zinnen des hohen Turms auf der Westseite des Schlosses. Christiane stand dort und blickte auf sie herab.

Sie hat uns die ganze Zeit beobachtet, ging es Susanne durch den Kopf. Die ganze Zeit, da wir auf dem Heimritt waren...

16

Susanne zog sich zunächst in ihre Suite zurück, um sich für das Essen umzuziehen. Schließlich wollte sie nicht in verschwitzten Reitsachen an der Tafel sitzen. Als sie die Tür zu ihrer Suite öffnete, stellte sie fest, dass bereits jemand dort war.

Es handelte sich um das Zimmermädchen Nadine, die gerade damit beschäftigt war, die Suite in Ordnung zu bringen.

Nadine zuckte etwas zusammen, als sie Susanne sah.

"Entschuldigen Sie, ich hatte angenommen, dass Ihr Ausritt etwas länger dauert und..."

"Es ist schon gut", erwiderte Susanne. Nadine war in etwa im selben Alter wie sie und hatte dichtes, dunkles Haar, das zu einem Zopf zusammengefasst war.

"Sie wollen sich jetzt sicherlich umziehen, Baroness. Ich werde dann nachher weitermachen..."

Sie war bereits im Begriff zu gehen.

Aber Susanne hielt sie zurück.

"Bleiben Sie, Nadine", forderte die junge Baroness.

Nadine sah Susanne fragend an. "Was ist?"

Die Baroness wusste nicht so recht, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Sie wollte auf das hinaus, was Nadine mit dem Kammerdiener Johann besprochen hatte. Aber das ging nur, indem sie zugab, das Gespräch belauscht zu haben.

Um überhaupt einen Anfang zu haben, stellte Susanne ihrem Gegenüber eine unverfängliche Frage.

"Sie wohnen hier auf Schloss Eichenbach, Nadine?"

"Ja."

"Seit wann?"

"Seit anderthalb Jahren."

"Und Sie sind zufrieden mit Ihrer Stellung hier?"

Nadine nickte und schien nicht so recht zu wissen, wohin das Ganze führen sollte. "Gewiss", sagte sie. "Ich bin mit allem sehr zufrieden..."

"Sie haben Wilfried von Eichenbachs erste Verlobte niemals kennengelernt, nehme ich an - wenn sie erst seit anderthalb Jahren hier auf dem Schloss sind."

"Das ist richtig, aber..."

Nadine brach plötzlich ab. Sie stockte, sprach nicht weiter.

"Aber was?", hakte Susanne nach.

Nadine presste die Lippen zusammen. Ihr Gesicht verlor etwas an Farbe. Sie schüttelte energisch den Kopf. "Nichts", behauptete sie.

Susanne blickte ihr Gegenüber einen Moment lang nachdenklich an, legte erst die Reitgerte zur Seite und fragte dann: "Verzeihen Sie mir bitte, Nadine, aber ich wurde heute Morgen zufällig Zeuge eines Gespräches zwischen Ihnen und dem Kammerdiener Johann."

Eine leichte Röte überzog das Gesicht des Zimmermädchens.

Sie wurde sichtlich nervös. Es schien ihr unangenehm zu sein, dass Susanne die Dinge mitangehört hatte, die eigentlich nur für Johanns Ohren bestimmt gewesen waren.

"Seien Sie versichert, dass ich nicht mit Absicht gelauscht habe. Aber es war einfach unvermeidlich, dass ich einen Teil des Gesprächs mitanhörte..."

Nadine drehte nervös an einer verirrten Haarlocke herum, die sich aus ihrem Zopf herausgestohlen hatte.

"Ich weiß nicht genau, worauf Sie hinauswollen, Baroness, aber..."

"Es ging um das Schicksal von Wilfrieds erster Verlobten!", stellte Susanne fest. "Sie äußerten, dass niemand außer der Fürstin selbst in der entscheidenden Nacht den Wagen gehört hat, der Lisa Reindorf angeblich abgeholt hat..."

"Nun, ich..." Nadine schluckte."Ich habe nur ein paar Vermutungen geäußert... Sie sollten das, was ich gesagt habe, nicht so ernst nehmen..."

"Ach, nein?", versetzte Susanne. "Das klang heute Morgen aber ganz anders..."

"Es tut mit leid, aber ich kann nicht weiter darüber reden. Wenn Sie ansonsten keinen Wunsch mehr haben, möchte ich Sie bitten, mich gehen zu lassen."

"Was Sie wissen, ist vielleicht sehr wichtig für mich, Nadine..."

"Es tut mir leid", sagte Nadine eilig und verließ mit schnellen Schritten die Suite.

Susanne atmete tief durch.

Ihr Blick fiel auf den Ring an ihrem Finger. Mit den Fingern der rechten Hand berührte sie ihn leicht. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Was soll ich von all dem halten?, dachte sie. Mache ich mich am Ende selbst zur Närrin?

Sie ging in das zur Suite gehörende Schlafzimmer und trat vor die große Spiegelwand, hinter der eine der zahlreichen Geheimtüren dieses Schlosses lag.

Vielleicht hat Wilfried recht, dachte sie in diesem Moment.

Möglicherweise war es wirklich das Beste, wenn sie ihre Angst überwand und noch einmal dort hinunter ging, in die düsteren, kalten Gänge unter dem Schloss.

Aber sie scheuchte diesen Gedanken sogleich wieder fort.

Zu lebendig war noch die Erinnerung an ihr erstes Erlebnis dort unten, in der Tiefe.

Susanne zog ihre Reitsachen aus und entschied sich für ein graues Kleid aus einem leichten Wollstoff. Es war elegant, aber nicht überzogen, und es war etwas wärmer als die anderen Kleider, die sie dabei hatte. Und das war auch gut so, denn mittlerweile war ein kühler Wind aufgekommen.

Schon auf dem Heimweg zum Schloss hatte sie ihn bemerkt.

Jetzt war er noch etwas heftiger geworden. Bei einem Blick durch eines der hohen Fenster stellte Susanne fest, wie Sträucher und Bäume der Parkanlagen geschüttelt wurden.

Dunkle Wolken waren am Horizont aufgezogen.

Ein Wetterwechsel schien unmittelbar bevorzustehen.

Susanne legte noch eine Kette an, die sehr gut mit dem Ring harmonierte, den Wilfried ihr am Teich geschenkt hatte.

Einige Augenblicke lang hing sie noch der Erinnerung an diesen romantischen Augenblick nach.

Kann es sein, dass ein Mensch zwei Gesichter hat?, ging es ihr durch den Kopf. War es möglich, dass jemand, der so liebevoll sein konnte, zu einem Mord fähig war?

Deine Gedanken sind töricht!, schalt sie sich selbst. Und sie führen zu nichts...

Wie sehr sie die Zweifel auch verwünschte, die die junge Baroness innerlich schier zerrissen, so konnte sie doch nichts dagegen tun, dass sie immer wieder an ihr nagten.

Beim Essen wurden letzte Details der bevorstehenden Verlobung besprochen, die in wenigen Tagen stattfinden sollte. Fürstin Margarethe hatte bereits einen Vorschlag für die Sitzordnung ausgearbeitet und eine Gruppe von Musikern engagiert, die dem Fest einen stilvollen Rahmen geben sollten.

Christiane erschien nicht zum Essen.

Johann meldete, die Komtesse habe angegeben, dass sie sich nicht wohl fühle und keinen Appetit habe.

Niemand am Tisch nahm diese Erklärung mit besonderem Bedauern zur Kenntnis. Es schien eher so, als wären alle Anwesenden im Grunde froh darüber, dass Komtesse Christiane nicht am Tisch saß und mit ihrer säuerlichen Art die Stimmung verdarb.

"Der Tag eurer Verlobung soll für euch unvergesslich sein", sagte die Fürstin. Und dabei legte sie ihre Hand auf die des Fürsten und setzte hinzu: "So, wie es bei uns auch der Fall gewesen ist, nicht wahr?"

Fürst Friedrich nickte leicht.

"Ja, du hast recht, Margarethe... Ich erinnere mich immer wieder gerne daran zurück. Du hattest ein entzückendes Kleid an... Aber ich muss sagen, dass du seitdem nur noch schöner geworden bist!"

"Du bist ein Schmeichler", erwiderte die Fürstin. Dann wandte sie sich an Susanne und fuhr fort: "Ich hoffe nicht, dass unser Sohn diese Eigenschaft geerbt hat!"

"Oh, wäre das wirklich das schlimmste Erbe?", entgegnete Susanne.

Fürstin Margarete hob die Augenbrauen.

"Nun, ich gebe zu, dass man manchmal ganz gerne eine liebevolle Übertreibung zu Ohren bekommt."

Johann servierte unterdessen den ersten Gang. Es war etwas Leichtes mit viel Salat - aber sehr kunstvoll arrangiert.

"Ich muss sagen, unser neuer Koch versteht sein Handwerk", sagte Fürst Friedrich recht angetan. Dann setzte er an Susanne gerichtet hinzu: "Sein Vorgänger diente siebenunddreißig Jahre lang dem Haus Eichenbach, bevor er sich in den verdienten Ruhestand zurückzog - und ich dachte schon, dass es unmöglich wäre, je einen geeigneten Nachfolger für ihn zu finden. Aber wie mir scheint, habe ich mich da geirrt..."

Das Gespräch plätscherte so dahin.

Susanne ertappte sich dabei, dass sie manchmal gar nicht hinhörte. Äußerlich versuchte sie den Anschein zu erwecken, mit den Gedanken dabei zu sein. Aber ihre Gedanken waren ganz woanders. Es waren immer dieselben quälenden Fragen, die sie bedrängten.

Sie waren bereits beim Dessert, als Christiane von Buchenberg-Selm den Raum betrat. Sie trug ein schlichtes dunkles Kleid ohne jeglichen Schmuck. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Ein Lächeln erschien auf ihrem blassen Gesicht. Sie schien die Aufmerksamkeit, die sie im Augenblick bekam regelrecht zu genießen.

"Nun", fragte sie dann und stemmte dabei provozierend den Arm in die Hüfte, "hat man sich in diesem kleinen Kreis bereits darüber geeinigt, wie man mich loswerden will?"

Sie ging auf die Tafel zu, musterte alle Anwesenden kurz und sagte dann schneidend: "Das ist es doch, was ihr euch alle wünscht, dass die Wahrheit unter den Teppich gekehrt wird!"

"Was soll dieser Auftritt!", unterbrach nun der Fürst den Redefluss der Komtesse. "Das ist absolut unwürdig, Christiane. Du solltest..."

"...schweigen?", Christiane lachte. "Das könnte euch so passen. Vor allem dir, Wilfried..." Ihr Gesicht versteinerte.

"Aber diesen Gefallen werde ich euch nicht tun. Niemals. Ihr könnt mich vielleicht in einem fernen Sanatorium einsperren. Aber in euren Gedanken werdet ihr immer mein Gesicht vor euch sehen."

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Beinahe wäre sie dabei mit dem herein eilenden Johann zusammengestoßen. Der Kammerdiener wich ihr im letzten Moment aus.

17

An diesem Tag war Susanne sehr erschöpft und so zog sie sich bereits früh am Abend in ihre Suite zurück. Sie schlief rasch ein.

Als schließlich ein heftiges Klopfen an der Tür sie weckte, war es bereits dunkel. Das Mondlicht schien durch die hohen Fenster herein.

Susanne fuhr auf.

"Ja, wer ist dort?", rief sie, schlug die Bettdecke zur Seite und ging auf den Eingang der Suite zu. Von der anderen Seite her hörte sie Schritte auf dem Flur.

Schritte, die sich rasch entfernten.

Wer mochte das sein?

Susanne dachte an die Möglichkeit, dass es vielleicht Komtesse Christiane war, die ihr wieder einen ihrer Besuche hatte abstatten wollen. Susanne öffnet die Tür, trat dann barfuß hinaus auf den Flur. Es war niemand zu sehen. Dann entdeckte sie den Brief auf dem kalten Steinboden. Er war offenbar unter der schweren Holztür hindurchgeschoben worden. Susanne trat zurück in die Suite, schloß die Tür und machte Licht.

Dann hob sie den Brief auf.

Das Kuvert war unverschlossen.

Sie öffnete es und entfaltete den darin enthaltenen Bogen Papier. In hastig dahingeschriebenen Zeilen stand dort: Kommen Sie zum Westturm. Nadine.

Susanne ging zum Fenster und blickte zum hoch aufragenden Westturm von Schloss Eichenbach hinüber. Nichts Ungewöhnliches schien sich dort zu tun.

Susannes Herz raste.

Was mochte das Zimmermädchen jetzt, um diese Zeit da draußen von ihr wollen? Ob sie doch mehr wusste, als sie zunächst vorgegeben hatte.

Susanne blickte angestrengt hinaus. Aber beim Turm war weder eine Bewegung, noch irgendein Licht zu sehen. Der größte Teil des alten Gebäudes lag im Moment ohnehin im Schatten des Mondlichts und war daher ziemlich dunkel. Das Gebäude selbst war nur im Umriss zu sehen. Es hob sich beinahe schwarz gegen den Nachthimmel ab, der etwas wolkenverhangen war.

Was soll ich jetzt tun?, fragte sich Susanne einen Augenblick lang, aber dann obsiegte ihre Neugier.

Sie musste einfach wissen, was hier vor sich ging...

So drehte sie sich um und zog sich etwas Praktisches über.

In Windeseile geschah dies, denn Susanne dachte gar nicht daran, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Als sie fertig war, trat sie ans Fenster und warf noch einen Blick zum Westturm. Groß und gewaltig stand er da. In früheren Zeiten war er wohl so etwas wie die letzte

Rückzugsmöglichkeit für den Fall gewesen, dass Angreifer den Rest des Schlosses bereits eingenommen hatten. Susanne blickte hinauf zu den Zinnen, aber dort war niemand. Sie atmete tief durch.

Etwas merkwürdig war das ganze schon? Warum machte Nadine so ein Geheimnis aus der Sache?

Natürlich wollte sie es sich auf keinen Fall mit ihrer Herrschaft verderben. Das konnte Susanne verstehen. Aber war es deshalb notwendig, einen derart ungemütlichen Treffpunkt zu wählen?

Susanne verließ das Zimmer, ging über die langen, hohen Flure des Schlosses. Schließlich erreichte sie die Eingangshalle. Alles war ruhig. Im Schloss schien jeder zu schlafen.

Susanne öffnete die Haupttür und trat hinaus ins Freie.

Sie stieg die steinernen Stufen des Portals hinab. Es war eine mondhelle Nacht. Und der Schlosshof war wie immer gut beleuchtet. Das Schloss wirkte bei Nacht beinahe noch prächtiger als am Tag.

Susanne blickte sich um.

Nirgends war jemand zu sehen.

Aber ein kühler Wind strich um die Mauern herum.

Susanne fröstelte leicht.

Ich hätte mir etwas Wärmeres anziehen sollen, ging es ihr durch den Kopf. Dann trat sie auf den Turm zu. Die hölzerne Tür war verschlossen. Aber eine schmale Treppe führte außen am Gemäuer des Turms empor. Seitlich war eine brusthohe Mauer. Die Stufen waren schmal und rutschig.

Susanne ging hinauf. Immer höher, bis sie schließlich die von einer steinernen Brustwehr umrandete Turmspitze erreicht hatte. Von hier aus hatte man einen überwältigenden Ausblick über das gesamte Schloss und die umliegenden Ländereien.

Aber es war niemand hier oben.

Niemand, der auf Susanne gewartet hatte, um mit ihr zu sprechen.

Den Brief, den man ihr unter der Zimmertür hindurchgeschoben hatte, hielt sie in der Hand. Immerhin ein Beweis dafür, dass ich mir das nicht alles nur eingebildet habe, dachte Susanne.

"Nadine?", fragte die junge Baroness schließlich laut.

In der Mitte des Turms befand sich ein kleiner steinerner Aufbau. Die Tür stand offen und das Mondlicht fiel genau so, dass Susanne die Treppe sehen konnte, die hinab ins Innere des Turms führte.

Sie glaubte ein Geräusch gehört zu haben und zuckte zusammen.

"Ist da jemand?", rief sie.

Oder hatten ihre überreizten Sinne ihr einen Streich gespielt?

"Nadine!", rief Susanne noch einmal.

Aber niemand gab ihr Antwort. Sie ging auf die Tür zu.

"Nadine, sind Sie dort?"

"Kommen Sie!", wisperte eine Stimme. "Kommen Sie die Treppe hinunter..."

"Aber..."

"Man darf uns nicht sehen, Baroness! Sonst verliere ich meine Stellung..."

"Machen Sie doch Licht, Nadine!"

"Das könnte man im ganzen Schloss sehen, wenn es durch die Fenster dringt... Nein, das kommt nicht in Frage. Nun machen Sie schon!"

Susanne hatte Mühe, die Worte zu verstehen. Der Wind verschluckte einen Teil des Wisperns. Nun bist du schon so weit gegangen, jetzt kannst auch die Treppe in den Turm hinabsteigen, dachte Susanne. Aber es dauerte einen Moment, bis sie sich überwunden hatte. Diese Treppe in die Tiefe erinnerte sie doch sehr stark an jene Treppen, die in die unterirdischen Verliese führten. Und allein die Erinnerung an das, was sie bei ihrem letzten Abstieg erlebt hatte, ließ sie unwillkürlich zittern. Sie versuchte, diese Erinnerung zu verdrängen. Einfach nicht daran denken, sagte sie zu sich selbst.

Und dann setzte sie den ersten Schritt in die Dunkelheit.

Man musste sehr vorsichtig sein. Die Steinstufen waren noch glatter und abgenutzter als jene der äußeren Treppe. Es gab ein hölzernes Geländer. Susanne klammerte sich am Handlauf fest. Vom Inneren des Turms konnte sie nicht viel sehen.

Sternenlicht fiel durch eines der Fenster und sorgte dafür, dass sie einige schattenhafte Umrisse ausmachte. Mehr nicht.

"Nadine, wo sind Sie?"

Die Baroness bekam keinerlei Antwort. Sie hielt einen Augenblick lang inne, tastete sich dann noch etwas weiter vor und zögerte schließlich.

Sie hörte Schritte.

Jemand steigt die äußere Treppe empor! erkannte sie schlagartig. Susanne erstarrte. Wer auch immer das sein mochte, er durfte weder Nadine noch Susanne hier finden...

"Susanne?"

Es war Wilfrieds Stimme.

Susannes Herz klopfte wie wild. Woher wusste er, dass sie hier im Turm war? Hatte er sie beobachtet? Hatte er auf irgendeine Weise mitbekommen, dass Nadine sich mit ihr zu treffen beabsichtigte...

Vielleicht wollte er genau dieses Treffen verhindern!

Der Gedanke raubte Susanne beinahe den Atem. Wenn man davon ausging, dass Wilfried doch etwas mit dem Tod seiner ersten Verlobten zu tun gehabt hatte, dann ergab das Sinn. Ansonsten war es absurd...

Die Gedanken jagten nur so durch Susannes Kopf. Ihr Inneres war in diesem Augenblick ein einziges Chaos. Sie wusste ebenso wenig, was sie von Wilfrieds Auftauchen zu halten hatte, wie ihr Nadines Vorgehensweise reichlich eigenartig erschien.

Vorsichtig machte sie ein paar Schritte weiter die schmale Wendeltreppe hinab, die ins Innere des Turms führte. Ihre rechte Hand krampfte sich um den Handlauf, die Linke hielt den eigenartigen Brief, mit dem dieser nächtliche Ausflug begonnen hatte. Sie wollte verhindern, dass Wilfried sie sehen konnte, sobald er die obere Brustwehr des Turms erreicht hatte. Schritt um Schritt ging es tiefer. Dann durchschnitt ein durchdringendes, hartes Geräusch die Stille der Nacht.

Etwas brach. Holz splitterte. Der Handlauf, um den sie sich geklammert hatte gab nach. Susanne rutsche ab und stieß einen kurzen, schrillen Schrei des Entsetzens hervor.

"Susanne!"

Die schnellen Schritte in ihrem Rücken bemerkte sie kaum.

Bevor sie ins Bodenlose stürzen konnte, hatten starke Hände sie an den Schultern gefasst und zurückgerissen, während das Geländer in die Tiefe krachte. Die Dunkelheit verschluckte es. Polternd kam es auf dem Boden an.

"Susanne!", hörte sie Wilfrieds Stimme. Sie atmete schwer, drehte sich halb herum. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Es hob sich als dunkler Schatten gegen das hereinfallende Mondlicht ab.

"Susanne, was machst du hier?"

Er hielt sie fest. Sie zitterte.

Allmählich wurde ihr klar, dass nicht viel gefehlt hätte und sie wäre hinabgestürzt.

"Weißt du, wie tief das ist? Da kann man sich den Hals brechen!", sagte Wilfried. "Das Geländer ist uralt und völlig morsch. Es hätte schon längst renoviert werden müssen, aber dazu ist es bislang nicht gekommen..."

Wilfried ergriff ihre Hände.

Sie wollte etwas sagen, öffnete halb den Mund und schwieg dann doch. Ihr Hals war wie ausgedörrt. Sie war unfähig auch nur irgendeinen Laut herauszubringen. Wilfried führte sie die Stufen hinauf. Wenige Augenblicke später befanden sie sich auf dem Turm. Der kühle Wind fuhr ihr durch die Haare und trocknete den kalten Angstschweiß, der ihr auf der Stirn stand.

"Alles in Ordnung, Susanne?"

Susanne nickte.

Sie sah zu Wilfried empor, blickte in seine Augen, in denen sich das Mondlicht spiegelte.

"Ich glaube schon", brachte sie schließlich heraus. "Mir ist nichts passiert...."

"Das war ganz schön knapp!"

"Du hast mir das Leben gerettet, Wilfried!"

"Sag mal, was machst du eigentlich hier oben? Ich habe dich durch das Fenster gesehen. Irgendwie konnte ich nicht schlafen. Muss wohl am Vollmond liegen. Und da sah ich dich den Turm hinaufsteigen..."

"Ich... Ich weiß auch nicht!" Susanne überlegte einen Moment. Sie wollte nichts von ihrem Treffen mit Nadine sagen.

Wenn sie das tat, dann würde das Zimmermädchen ihr nichts mehr von dem verraten, was sie vielleicht wusste. Susanne wandte einen kurzen Blick zu der Tür, von wo aus die Treppe hinabführte.

"Ist dort irgendetwas?", erkundigte sich Wilfried.

Er ließ sie los und machte ein paar Schritte zurück zur Tür. Aber Susanne hielt ihn geistesgegenwärtig am Arm.

"Wilfried", sagte sie. "Da ist nichts..."

Er sah sie an. In seinen Zügen stand deutlich der Zweifel geschrieben. "Aber es muss doch einen Grund dafür gegeben haben, dass du hier hinaufgegangen bist! Und dann noch zu dieser nachtschlafenden Zeit..."

Wilfried durfte Nadine nicht finden. Das wollte Susanne auf jeden Fall verhindern. Sie nahm Wilfrieds Hand. "Lass uns hier weggehen", sagte sie dann. "Bitte..."

"Wie du willst..."

Sie gingen die Außentreppe hinunter. Einmal drehte sich Susanne noch kurz um, blickte nach oben, so als erwartete sie, dort jemanden zu sehen. Jemanden, der ihnen beiden nachblickte... aber da war niemand.

In diesem Moment wurde Susanne bewusst, dass sie Nadines Brief verloren hatte. Er war ihr in dem Moment entglitten, als das Geländer brach und war dann in die Tiefe gesegelt.

Jetzt habe ich noch nicht einmal einen Beweis, für das, was wirklich geschehen ist, dachte sie.

Morgen würde sie Nadine auf die Sache ansprechen, wenn sich eine Gelegenheit ergab. Morgen...

Und je nach dem, was dieses Gespräch dann ergab, würde sie Wilfried einweihen.

Er hat dich gerettet!, rief Susanne sich in Erinnerung. Das solltest du nicht vergessen - bei all den Verdächtigungen, die in deinem Kopf herumspuken!

Gemeinsam gingen sie auf das große Portal zu.

Als sie die Stufen hinaufschritten, blickte Susanne noch einmal kurz zurück zum Turm.

18

Am nächsten Morgen fuhr Wilfried bereits früh in die Stadt.

Er hatte einen Termin bei einem Notar. Es ging um den Verkauf eines Landstücks. Wilfried hatte nicht viel Zeit. Beim Frühstück erläuterte er Susanne knapp, worum es ging.

Susanne hörte kaum zu.

Schließlich nahm Wilfried ihre Hand und sagte: "Tu mir einen Gefallen, Susanne."

"Und der wäre?"

"Komm nicht wieder auf den Gedanken, den Turm auf eigene Faust zu erforschen. Ein Schloss wie dieses ist ein Anwesen, dass nur mit großem Aufwand erhalten werden kann. Ständig ist irgendetwas zu renovieren oder in Stand zu setzen. Der Zahn der Zeit nagt manchmal schneller, als man dagegen an arbeiten kann. Der Turm ist nicht umsonst abgeschlossen. Es ist gefährlich da drinnen. Aber das hast du ja wohl gemerkt..."

"Ja."

"Ich hatte bereits mehrfach mit Vater über die Renovierung der Turmtreppen gesprochen, aber fürs erste hatten andere Dinge Vorrang. Ich werde mich allerdings jetzt schnellstmöglich darum kümmern..."

Wilfried musste dann ziemlich eilig aufbrechen. Susanne frühstückte allein zu Ende.

Als Johann die Gedecke abräumte, fragte sie: "Haben Sie eine Ahnung, wo Nadine ist?"

Johann sah sie etwas verwundert an und schüttelte dann den Kopf.

"Nein, tut mir leid. Ich denke, sie wird mit den Zimmern beschäftigt sein."

"Wenn Sie sie sehen, dann richten sie ihr doch bitte aus, dass ich sie unbedingt sprechen muss."

"Sehr wohl, Baroness Susanne. Sind Sie mit irgendetwas nicht zufrieden oder was ist der Anlass dieser Bitte?"

"Nein, nein... ganz im Gegenteil."

Bis zum Mittag begegnete Susanne dem Zimmermädchen nicht.

Fast hatte sie den Eindruck, dass Nadine ihr regelrecht aus dem Weg ging. Einmal sah sie sie kurz um eine Flurecke huschen.

Schließlich sah Susanne das Zimmermädchen dann, als sie von einem kleinen Spaziergang zurückkehrte. Sie kam gerade die Stufen des Portals hinunter und hielt mitten in der Bewegung inne, als sie Susanne bemerkte. Aber jetzt konnte Nadine nicht zurück. Das wäre zu offensichtlich gewesen. Sie trat die Stufen hinab. Wahrscheinlich hatte sie jetzt Pause und wollte zu ihrer Unterkunft in einem der Nebengebäude.

Sie grüßte die Baroness knapp und strebte dann genau dorthin.

"Nadine! So warten Sie doch!", rief Susanne.

Nadine blieb stehen.

Sie drehte sich etwas zögernd herum.

Es dauerte einige Augenblicke, bis Susanne das Zimmermädchen erreicht hatte. Dieses wich den Blicken der Baroness aus.

"Nadine, ich bitte Sie: Sagen Sie mir jetzt, was Sie gestern Nacht im Turm von mir wollten."

"Im Turm?", erwiderte sie.

"Wir sollten das Versteckspiel aufgeben. Ich habe mir dort beinahe den Hals gebrochen... Und wenn Wilfried nicht gekommen wäre, um..."

"Verzeihen Sie, Baroness, aber ich weiß nicht, wovon Sie sprechen."

"Aber Sie haben mir doch einen Brief zukommen lassen und unter der Tür meiner Suite hindurchgeschoben!"

"Tut mir leid, das muss ein Irrtum sein!"

Susanne sah ihr Gegenüber vollkommen fassungslos an. "Soll das heißen, Sie leugnen, sich mit mir gestern Nacht verabredet zu haben!"

"Natürlich leugne ich das! Warum sollte ich das auch tun? Es ist Wahnsinn, den baufälligen Turm bei Nacht zu betreten. Schon am Tag dürfte es gefährlich genug sein. Was glauben Sie, warum die Türen verschlossen sind?"

Die Blicke der beiden jungen Frauen begegneten sich.

Am liebsten hätte Susanne ihr jetzt den Brief präsentiert.

Aber das war ja nicht mehr möglich, denn der befand sich jetzt irgendwo im Turm.

"Es tut mir wirklich leid, Baroness, aber sie müssen sich irren. Ich habe mich niemals mit Ihnen dort treffen wollen und Ihnen auch keinerlei Briefe geschrieben..."

"Aber..."

"...und wenn Sie ansonsten keinen Wunsch an mich haben, dann bitte ich Sie, mich jetzt zu entschuldigen..."

Susanne sah Nadine noch einige Augenblicke mehr oder minder fassungslos nach, während das Zimmermädchen davonging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nadine beschleunigte ihren Schritt noch etwas.

Was geht hier nur vor sich?, fragte sich Susanne. Wollte ihr jemand einen üblen Streich spielen.

Sie wandte sich noch einmal dem Turm zu.

Und dann entschloss sie sich dazu, sich einmal bei Tageslicht anzusehen, wo sie in der Nacht gewesen war. Sie lief zum Turm, stieg die äußere Treppe hinauf. Es dauerte nicht lange, bis sie die obere Brustwehr erreicht hatte.

Susanne sah sich um. Sie fand alles so vor wie in der letzten Nacht.

Mit einem einzigen Unterschied.

Die Tür, die ins Innere des Turms hinabführte, war verschlossen.

Die Erinnerungen der letzten Nacht erschienen Susanne mit einem Mal so unwirklich. Was war wirklich geschehen?

Ich habe doch mit ihr gesprochen!, durchzuckte es sie.

Aber was hatte sie wirklich gehört, außer einem undeutlichen Flüstern. Sie hatte geglaubt, Nadines Stimme zu hören - aber konnte es nicht auch jemand anderes gewesen sein?

Das ist absurd!, sagte sie sich selbst.

Noch ein anderer Gedanke kam ihr und begann, an ihrer Seele zu nagen.

Alle außer mir wissen, was mit den Treppen im Turm los ist!, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Was, wenn man mich absichtlich dorthin gelockt hat?

Susanne hatte ein Gefühl, als ob sich eine eiskalte Hand um ihr Herz legte und es nicht wieder losließ.

19

Am Nachmittag begleitete Susanne die Fürstin auf dem Flügel.

Fürstin Margarethe spielte Violine und war hoch erfreut, jemanden gefunden zu haben, der mit ihr musizierte.

Die Fürstin hatte extra ein einfacheres Stück ausgesucht und so gelang das Zusammenspiel recht gut. Während des Musizierens war Susanne von ihren düsteren Gedanken abgelenkt. Und das tat ihr gut.

"Ich muss sagen, es hat mir große Freude gemacht, mit Ihnen zu musizieren, Susanne", ließ sich Fürstin Margarethe anschließend vernehmen, während sie seufzend die Violine wieder an ihren Ort hing.

"Mir geht es umgekehrt genauso..."

"Ich würde das gerne bei Gelegenheit wiederholen, Susanne."

"Gerne."

Die Fürstin sah die junge Baroness fragend an. "Sie sehen etwas abgespannt aus, Susanne..."

"Das muss das Wetter sein..."

"Möglich. Nun, die bevorstehende Verlobung wird Sie sicher auch gedanklich nicht loslassen. Mir geht das zumindest so, schließlich habe ich nur einen Sohn. Mehr Kinder sind uns leider nicht vergönnt gewesen."

Susanne hob den Kopf.

Ihr Blick traf sich mit dem ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Eine entschlossene, entscheidungsfreudige Frau, überlegte Susanne. Sie war es gewohnt, Anweisungen zu geben und die Dinge - oft auch aus dem Hintergrund - in ihrem Sinne zu lenken. Zweifellos musste die Frau an der Seite des Chefs eines Fürstenhauses über solche Eigenschaften verfügen.

Das war unabdingbar.

"Sie würden alles für Ihren Sohn tun, nicht wahr?", sagte Susanne dann plötzlich.

"Natürlich würde ich das. Ich verstehe Ihre Frage nicht so recht..."

"Es ist nicht so wichtig!", erwiderte Susanne schnell.

Alles?, fragte sie sich dabei. Auch einen Wagen erfinden, der Schloss Eichenbach nie erreicht hatte? - Nur, um den Sohn zu entlasten?

"Würden Sie für Ihr Kind nicht auch alles tun, Susanne?", hörte die Baroness dann die Stimme der Fürstin. Susanne war in ihre eigene Gedankenwelt versunken. Sie vernahm die Stimme der Fürstin wie aus weiter Entfernung. "Ich finde das nur natürlich", setzte Margarethe dann noch hinzu, als Susanne nicht sofort reagierte.

"Ja, das ist es auch", nickte die Baroness dann.

Sie ließ einen letzten Akkord im Appeggio auf dem Flügel erklingen und schloss dann die Klappe, die die Tasten schützte.

Was mache ich nur?, fragte sich Susanne in diesem Moment.

Sie konnte Wilfried nichts von dem verschwundenen Brief und dem gescheiterten Treffen mit Nadine sagen.

Das war unmöglich.

Was würde er sonst denken?, ging es ihr durch den Kopf. Wenn sie ihm davon erzählte, würde sie ihm dadurch gleichzeitig signalisieren, dass ihr Misstrauen weiterhin übermächtig war.

Was auch immer in der Vergangenheit gewesen sein mag - soll es deine Zukunft vergiften?, durchfuhr es sie siedend heiß.

Aber das war nur eine Seite der Medaille.

Die andere Seite war, dass sie niemanden würde lieben können, der einen anderen Menschen kaltblütig ermordet hatte...

20

Die nächsten Tage standen ganz im Zeichen der kommenden Verlobung. Einige der Gäste reisten von sehr weit an, etwa Wilfrieds Patenonkel Carl von Eichenbach, ein jüngerer Bruder des Fürsten, der eine Karriere als Archäologe beschritten hatte und für die Verlobungsfeier seine Ausgrabungen in der syrischen Wüste unterbrach. Er quartierte sich ebenso auf Schloss Eichenbach ein, wie Susannes ältere Schwester Madeleine, die in Princeton studierte.

Der Baron und die Baronin von Radvanyi reisten erst am Tag des großen Ereignisses an.

Nach und nach wurden immer weitere Räume in den weitläufigen Flügeln von Schloss Eichenbach mit Gästen belegt. Aber trotz einer immer größer werdenden Zahl von Gästen hatte man weder den Eindruck, dass das Personal dadurch in Schwierigkeiten kam, noch, dass Schloss Eichenbach dadurch einen übervölkerten Eindruck machte.

Ganz das Gegenteil war der Fall.

Die Gäste verloren sich mehr oder minder in dem gewaltigen Anwesen.

Und da ihre Zahl insgesamt nur etwa vierzig betrug, konnte man kaum einen Unterschied zum gewohnten Leben im Schloss feststellen. Vielleicht einmal davon abgesehen, dass jetzt hin und wieder ein paar Fahrzeuge mehr im Schlosshof zu finden waren.

"Wir hatten ja eine Verlobung in bescheidenem Rahmen verabredet - aber ich muss sagen, dass mir der Trubel bereits völlig genügt", gestand Susanne Wilfried einmal während dieser Zeit.

"Bei unserer Hochzeit werden wir um ein wirklich großes Fest nicht herumkommen", erwiderte Wilfried lächelnd.

Susanne seufzte.

"Ja, da wirst du wohl recht haben..."

Der große Tag kam. Die Feier fand nicht im Salon statt, sondern im großen Festsaal von Schloss Eichenbach. Die Kronleuchter tauchten den Raum in ihr funkelndes Licht.

Johann hatte das kostbarste Geschirr aufgedeckt und eigenhändig arrangiert. Susanne hatte zusammen mit der Fürstin letzte Hand an die Sitzordnung gelegt, damit es nicht durch unglückliche Gäste-Kombinationen zu Missstimmungen kam.

Susanne glänzte in ihrem maßgeschneiderten Mailänder Kleid und ließ nicht nur Wilfried, sondern auch einige der anwesenden Gäste den Atem anhalten.

"Du siehst bezaubernd aus", flüsterte Wilfried ihr zu, während sie den Festsaal betraten und im Hintergrund die Musiker ein Menuett zu spielen begannen, als das Verlobungspaar durch die großen Flügeltüren trat.

Die Gäste erhoben sich für das Paar, das einen Ehrenplatz an der Tafel bekam.

Die Musik verstummte und Fürst Friedrich begann mit einer kurzen, aber bewegenden Rede, bevor Wilfried seiner Verlobten schließlich den Verlobungsring an den Finger stecken konnte.

Die Gläser wurden gehoben und man stieß auf das junge Paar an.

"Auf euer Wohl", sagte Fürst Friedrich an Wilfried und Susanne gewandt. "Euer Wohl, das - wie ich überzeugt bin - auch das des Hauses Eichenbach sein wird..."

Die Musik spielte während des Essens wieder im Hintergrund.

Susanne bemerkte, dass Christiane von Buchenberg-Selm nicht zugegen war. Fürstin Margarethe entschuldigte sie. "Es geht ihr nicht gut. Sie hat sich wohl eine Infektion zugezogen. Jedenfalls liegt sie jetzt im Bett. Der Arzt hat nach ihr gesehen..."

Für Susanne stand ziemlich fest, dass diese angebliche 'Krankheit' nur vorgeschoben war.

Vielleicht ist es so am besten, dachte Susanne. Niemand wäre damit gedient gewesen, wenn die Komtesse dieses Fest zum Anlass genommen hätte, eine Szene zu liefern.

Susanne hielt es sogar für möglich, dass die Fürstin selbst dafür gesorgt hatte, dass es nicht dazu kommen konnte.

Susanne sah den Verlobungsring an ihrem Finger blinken.

Ein schlichter Ring aus Gold, nicht zu dünn und nicht zu breit.

"Wie lange soll die Verlobungszeit denn dauern?", fragte Carl von Eichenbach, dessen dunkel braun gebrannter Teint davon zeugte, dass er noch vor wenigen Tagen in der syrischen Wüste nach den Überresten vergangener Kulturen gegraben hatte. Susanne wurde durch seine Worte aus ihren Gedanken herausgerissen.

Sie war etwas verlegen und wusste im ersten Moment nicht, was sie sagen sollte.

"Allzu lang jedenfalls nicht", antworte Wilfried an ihrer Stelle. Er wandte Susanne ein Lächeln zu. "Ich hoffe, dass das auch deine Meinung ist - andernfalls würde meine Leidensfähigkeit auf eine harte Probe gestellt!"

Das Fest zog sich dahin.

Die Gespräche wurden im Laufe des Abends lockerer. Susanne lernte einige Personen aus Wilfrieds Familie kennen, die sie bislang nur aus Erzählungen gekannt hatte. Umgekehrt unterhielt sich Wilfried sehr angeregt mit seinem zukünftigen Schwiegervater. Der Baron von Radvanyi äußerste sich später sehr anerkennend über Wilfried und meinte, er sei überzeugt davon, einen geradezu wunschgemäßen Schwiegersohn zu bekommen.

Es wurde ein gelungenes Fest und als Susanne sich später, als getanzt wurde in Wilfrieds Armen im Walzer-Rhythmus drehte, hatte sie ein Gefühl der Leichtigkeit, dass sie schon lange nicht mehr so empfunden hatte.

In diesen Armen konnte man sich sicher und geborgen fühlen, dachte sie.

Das Fest dauerte bis tief in die Nacht.

Als die meisten Gäste sich längst auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, und nur noch einige Nimmermüde sich von Johann einen Mitternachtsimbiss im Salon servieren ließen, gingen Susanne und Wilfried ins Freie, um ein wenig frische Nachtluft zu schnuppern. Die Sterne blinkten am Himmel, während sie die Stufen des Portal in den Schlosshof hinunterschritten. Es war angenehm kühl.

"Es war ein wunderbares Fest", sagte Susanne. "So schön, wie man sich eine Verlobung nur vorstellen kann..."

Hand in Hand gingen sie durch den hell erleuchteten Schlosshof.

Immer wieder blickte Susanne zu dem Westturm hin.

Es war einfach nicht zu vermeiden, dass er, dass dieser Anblick sie wieder an jenes verhinderte Treffen mit Nadine erinnerte, bei dem sie beinahe zu Tode gestürzt war. Wilfried bemerkte ihre Blicke.

Sie blieben stehen.

Wilfried sah sie an. "Vielleicht sagst du mir jetzt, was du dort gesucht hast, in jener Nacht", sagte er dann.

Warum eigentlich nicht?, dachte Susanne. Sie fühlte sich Wilfried so nahe wie selten zuvor. Wenn ich mich jetzt ihm nicht anvertraue, dann finde ich vielleicht niemals den Mut!, sorgte sich die junge Baroness. Und sollte ihre Verbindung mit Wilfried von Eichenbach etwa auf einem Fundament aus Lügen aufgebaut werden.

Du musst es ihm sagen, sagte sie zu sich selbst.

"Ich muss dir ein Geständnis machen", brachte sie heraus.

Er hob die Augenbrauen. Ein sympathisches, wohlwollendes Lächeln spielte um seine Lippen, während er sie verliebt ansah. "So dramatisch?"

"Ja."

Und dann berichtete sie ihm alles. Von dem Gespräch, das sie zwischen Nadine und Johann belauscht hatte und über den Brief, den ihr das Zimmermädchen zukommen ließ bis hin zu den dramatischen Ereignissen im Turm.

Wilfried hörte ruhig zu.

Er unterbrach sie nicht ein einziges Mal.

"Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee war, dir das alles zu sagen," meinte sie schließlich. "Was musst du nun von mir denken? Dass das Misstrauen mich innerlich zerfrisst und ich dir nicht vertraue..." Sie seufzte.

"Aber das ist doch nur zu verständlich", sagte Wilfried. "Nach all dem, was passiert ist, wäre es ein Wunder, wenn es anders wäre..."

"Ich weiß nicht..."

"Hast du Nadine zur Rede gestellt?"

"Sicherlich. Sie hat natürlich abgestritten, diesen Brief geschrieben zu haben. Und ich habe ihn dort oben im Turm verloren, so dass ich dir jetzt nicht einmal mehr einen Beweis liefern kann..."

"Ich habe keinen Grund, dir nicht zu glauben", erklärte er.

"Und vielleicht können wir bei Tag mal im Turm nachsehen, ob er sich dort irgendwo findet!"

"Nadine hatte alle Zeit der Welt, um ihn verschwinden zu lassen."

"Das ist natürlich wahr..."

"Wilfried..."

Sie sah ihn an. Er hob die Augenbrauen. Sie zögerte, ehe sie weitersprach.

"Ja?", fragte er.

"Gehst du mit mir in die Verliese unter dem Schloss."

"Jetzt?", fragte Wilfried. Er machte einen ziemlich erstaunten Eindruck. Susanne nickte.

"Ja, jetzt. Ich habe lange über das nachgedacht, was du mir während unseres Ausrittes gesagt hast. Ich glaube, wenn ich dort unten bin und sehe, dass dort nichts ist, was irgendetwas mit Lisa Reindorf zu tun hat, nichts von den Dingen, die ich mir in meinen Alpträumen ausmale, dann hört dieser Spuk endlich auf und ich muss nicht dauernd darüber nachdenken, ob mein zukünftiger Mann vielleicht..."

"Ein Mörder ist? Du kannst es ruhig aussprechen."

"Verstehe mich nicht falsch, Wilfried. Ich möchte, dass dieser Schatten, der sich über mein Lebensglück gelegt hat, endlich verschwindet... und ich weiß nicht, wann ich je wieder den Mut finden würde, dort hinunterzusteigen... wenn nicht jetzt!"

Wilfried nickte.

"Also gut", meinte er. "Ich hatte es dir angeboten und ich bin jemand, der zu seinem Wort steht. Auch wenn es zu nachtschlafender Zeit von ihm eingefordert wird..."

Aus den Augenwinkeln heraus sah Susanne eine Gestalt. Sie schrak zusammen, denn sie hatte diese Gestalt nicht kommen hören. Vielleicht hatte sie schon eine ganze Zeit im Schatten der hohen Sträucher gestanden, die eine kleine Grünfläche mit Springbrunnen inmitten des Schlosshofs umsäumten.

"Christiane!", entfuhr es Wilfried, der die Gestalt auch gesehen hatte.

Christiane von Buchenberg-Selm trat aus dem Schatten. Im Schein der Schlossbeleuchtung wirkte ihr Teint blass.

"Ich wollte niemanden erschrecken", sagte sie.

Susanne atmete tief durch.

"Ich hoffe, es geht Ihnen inzwischen etwas besser!"

"Es geht so. Der Arzt hat mir etwas Bettruhe verschrieben, aber wenn ich mich immer an das gehalten hätte, was Ärzte mir geraten haben..." Christiane von Buchenberg-Selm machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann fuhr sie nach kurzer Pause fort: "Ich wollte etwas an die frische Luft und da sah ich euch beide ... Ich möchte euch zu eurer Verlobung gratulieren."

"Danke", sagte Wilfried etwas reserviert.

Dann drehte Christiane sich um und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Was mag sie nur im Schilde führen?, dachte Susanne von Radvanyi dabei.

21

"Es ist also wirklich dein Ernst?", vergewisserte sich Wilfried von Eichenbach noch einmal. "Du willst hinab in die alten Verliese und Gänge unter dem Schloss?"

"Ja", flüsterte Susanne.

Wilfried hatte inzwischen für sie beide zwei starke Taschenlampen besorgt.

In der Eingangshalle gab es eine verschlossene Tür, die hinunter in die unterirdischen Gänge führte. Wilfried schloss diese Tür auf. Sie stiegen eine schmale Wendeltreppe hinab. Dann erreichten sie einen gewölbeartigen Gang, der sich nach einigen Metern schließlich verzweigte.

"Du kennst dich hier unten aus?", fragte Susanne.

"Ein wenig", erwiderte Wilfried. "Als Junge bin ich manchmal hier unten herumgestromert, obwohl mein Vater mir das eigentlich strikt verboten hatte, weil es natürlich viel zu gefährlich war... aber das war mir gleichgültig." Wilfried zuckte die Achseln. "Heute bin ich natürlich ein bisschen klüger - hoffe ich zumindest!"

"Wie begraben fühlt man sich hier unten!", meinte die junge Baroness ergriffen, während sich der Gang erneut verzweigte.

Der feuchte Modergeruch stieg ihr in die Nase.

"Vor sehr langer Zeit, hat man hier unten Gefangene eingesperrt. Sie mögen sich wirklich lebendig begraben gefühlt haben", sagte Wilfried. "Hier unten gibt es ein regelrechtes Labyrinth aus verschiedenen Gängen. In der Bibliothek gibt es sogar einen Plan davon, der aber nur die Hälfte stimmt. Ursprünglich gab es von hier unten aus wohl auch mal einen Fluchttunnel, der im Falle einer Belagerung benutzt werden konnte. Aber der ist in späteren, friedlicheren Zeiten zugemauert worden..."

Wie viel er über die Katakomben weiß, ging es ihr durch den Kopf. Und auf einmal war die Leichtigkeit, die sie noch vor kurzem empfunden hatte, wie weggeblasen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Und insgeheim bereute sie bereits, hier her gekommen zu sein....

Was dachtest du, hier zu finden?, fragte sie sich selbst.

Du bist von einer fixen Idee besessen. Sie ist es, die dein Glück zu zerstören droht, Susanne! Sie - und nichts anderes!

Dieser Gedanke hämmerte geradezu in ihrem Kopf. Sie konnte nichts dagegen tun.

Währenddessen wanderten die Lichtkegel ihrer Lampen an den kahlen Steinwänden entlang, die vor vielen Jahrhunderten errichtet worden waren.

Dann hielt Susanne plötzlich inne.

Blankes Entsetzen packte sie, als der Schein ihrer Lampe einen Armreif beleuchtete, der auf dem feuchten Boden lag.

Das Schmuckstück einer Frau!, ging es Susanne schaudernd durch den Kopf. Sie bückte sich und hob den Reif auf.

"Was hast du da?", fragte Wilfried.

Susanne beleuchtete die Innenseite des Armreifs.

Dort war eine Gravierung. In schwungvollen Buchstaben stand dort: Lisa. In Liebe.

Susanne sah Wilfried an.

Einen Augenblick lang wurde sein Licht durch den Schein der Lampen beleuchtet, bevor es im Schatten versank. Aber dieser eine Augenblick reichte Susanne. Er weiß ganz genau, was ich in der Hand halte!, ging es ihr schaudernd durch den Kopf.

Ein Schmuckstück der unglücklichen Lisa Reindorf...

Sie war hier unten!, durchzuckte es Susanne. Welch eine andere Erklärung konnte es dafür geben, dass dieses Schmuckstück hier unten zu finden gewesen war?

Susanne wich einen Schritt vor Wilfried zurück.

Das Glück, das noch vor kurzem so überwältigend gewesen war, dass Susanne es kaum hatte fassen können, war nun wie fortgeweht...

Nichts schien davon übrig geblieben zu sein.

"Susanne, gib mir den Armreif", sagte Wilfried ruhig.

Er streckte die Hand aus.

"Nein", flüsterte Susanne.

"Aber, warum nicht? Komm, sei vernünftig..."

"Sie war hier unten, nicht wahr?"

"Susanne!"

"Wilfried, was hast du mit ihr getan?"

Wilfried näherte sich noch einen weiteren Schritt.

"Bleib, wo du bist!", rief Susanne, während sie ein Stück den Gang entlangstolperte. Angst hatte sie erfasst. Ich habe Christiane Unrecht getan, dachte sie. Die Komtesse mochte unter einer psychischen Erkrankung leiden, so dass sie kaum jemand für voll nahm. Aber offensichtlich war die Geschichte, die sie erzählt hatte, nicht bloß ein Produkt der reinen Fantasie.

Den Beweis halte ich hier in der Hand, dachte Susanne.

"Susanne, bleib hier!", rief Wilfried, als sich die junge Baroness noch weiter in den dunklen Gang hinein flüchtete.

"Was hast du jetzt vor, Wilfried? Jetzt, da ich die Wahrheit erkannt habe..."

"Susanne!"

"Soll ich auch verschwinden? So wie Lisa Reindorf?"

"Susanne! So sei doch vernünftig!"

Doch längst schon regierte die Panik in der jungen Baroness.

Sie stolperte weiter vorwärts, den Gang entlang. Sie begann zu rennen und hörte hinter sich Schritte. Wilfrieds Schritte. Er folgte ihr offenbar. Niemals hätte ich hier hinabsteigen sollen!, ging es ihr durch den Kopf. Jetzt, da ich die Wahrheit kenne, bleibt ihm eigentlich nichts anderes übrig, als auch mich umzubringen - wenn er nicht riskieren will, überführt zu werden.

Susanne rannte um ihr Leben.

Die Kraft der Verzweiflung verlieh ihr mehr Atem, als sie je in sich gespürt hatte.

Der Gang teilte sich.

Sie rannte kurz entschlossen eine der Abzweigungen entlang.

Er teilte sich erneut. Längst schon hatte sie die Orientierung völlig verloren. Sie fühlte sich ähnlich verzweifelt wie in jener Situation, als sie in vollkommener Dunkelheit gewesen war, nachdem ein Luftzug ihren Kerzenleuchter gelöscht hatte.

Nur diesmal war es noch schlimmer.

Denn sie wurde verfolgt.

"Susanne!", hörte sie Wilfrieds Rufe.

Seine Schritte halten in den dunklen Mauern wider. Sie machte die Lampe aus, damit man sie nicht sofort sah. Es war stockdunkel um sie herum.

Susanne tastete sich vorwärts. Nur, wenn sie allzu unsicher geworden war, machte sie kurz die Lampe an, um sich einigermaßen orientieren zu können.

Was soll ich nur machen?, hämmerte es in ihr.

Sie hörte Wilfrieds Stimme noch immer, aber sie schien sich von ihrem Standort zu entfernen.

Susanne atmete tief durch.

Wie habe ich mich nur täuschen können!, ging es ihr durch den Kopf. Ihre Linke umklammerte noch immer den Armreif mit der Gravur. Der einzige handfeste Beweis, den es bislang dafür gab, dass Lisa Reindorf wirklich hier unten gewesen war. Susanne nahm sich vor, diesen Reif deswegen auch auf keinen Fall aus der Hand zu geben. Es sollte nicht ein zweites Mal so gehen, wie mit dem Brief.

Wie habe ich mich in Wilfried nur so täuschen können!, ging es ihr durch den Kopf.

Sie ging weiter, ohne zu wissen wohin.

In diesem unterirdischen Labyrinth war man tatsächlich wie lebendig begraben. Selbst wenn Susanne aus Leibeskräften geschrien hätte, so wäre das durch das dicke Gemäuer kaum in den oberen Etagen zu hören gewesen.

Susanne fühlte sich so allein und verloren wie nie zuvor in ihrem Leben. Aber es half nichts. Sie durfte jetzt einfach die Hände in den Schoß legen.

Immer weiter tastete sie sich in den dunklen Gängen voran.

Als sie Wilfrieds Stimme eine Weile überhaupt nicht mehr gehört hatte, wagte sie es auch, die Lampe wieder anzumachen.

Sie folgte einem langen Gang, der schließlich eine Biegung machte.

Es muss hier irgendwo auch einen Weg hinaus geben!, ging es Susanne durch den Kopf, während ihr Herz wie wild pochte.

Schließlich erreichte Susanne eine Tür aus fingerdickem Eisengitter. Sie ließ sich leicht öffnen und knarrte etwas dabei. Zu ihrer Überraschung gab es hier etwas Licht. Es fiel von draußen herein, durch vergitterte Fensteröffnungen, die sich vielleicht einen halben Meter über dem Boden auf der Ostseite des Schlosses befanden. Susanne hatte sie bei den ausgedehnten Spaziergängen, die sie mit Wilfried unternommen hatte, hin und wieder bemerkt. Das Licht selbst wurde wohl durch die üppige Außenbeleuchtung von Schloss Eichenbach verursacht.

Ein gespenstischer Ort, dachte Susanne.

Wahrscheinlich ein uraltes Gefängnis.

Ein Verlies, dessen vergitterte Fenster so hoch lagen, dass es unmöglich war, durch sie hinauszusehen. Trotzdem sah Susanne jetzt eine Chance. Sie rief, so laut sie konnte.

"Hilfe!", schrie sie, in der Hoffnung, dass da draußen irgendjemand in der Nähe war oder einer der im Ostflügel des Schlosses untergebrachten Gäste vielleicht sein Fenster geöffnet hatte. "Hilfe!" Ihre Stimme hallte zwischen den Mauern des Verlieses wider und dröhnte dadurch so laut, dass Susanne darüber erschrak.

Aber sie bekam keine Antwort.

Zu dieser nachtschlafenden Zeit war sie hier unten verloren.

Sie schritt in Richtung jener Wand, in der sich die hochgelegenen, vergitterten Fenster befanden.

Ein dumpfer Klang ließ sie stoppen. Der Untergrund, auf dem sie ging, hatte sich verändert. Zunächst war es - wie sonst überall in diesen düsteren Kellern - glatter Stein gewesen. Aber jetzt stand sie auf einer staubbedeckten Holzplatte.

"Niemand wird Ihnen helfen", sagte eine kalte Stimme aus dem Hintergrund. Susanne fuhr herum.

Christiane von Buchenberg-Selm trat aus dem Schatten. Das von außen hereinfallende Licht beleuchtete ihr blasses Gesicht. Sie lächelte überlegen. Triumph stand in ihren Zügen.

"Christiane!", entfuhr es Susanne.

"Was ist es, was Sie da in der Hand halten und so krampfhaft umklammern, als hinge Ihr Leben davon ab. Ein Armreif?"

"Ja. Er gehörte Lisa Reindorf."

"Ich weiß. Schließlich habe ich ihn dorthin gelegt, wo Sie ihn schließlich auch gefunden haben..."

"Was?" Susannes Stimme klang tonlos. Langsam begriff sie, welch furchtbarem Irrtum sie anheimgefallen war... "Nicht Wilfried hat Lisa Reindorf umgebracht, sondern Sie!", entfuhr es ihr.

"Ich liebe Wilfried", sagte Christiane mit einem entschlossenen Unterton. "Und ich werde nicht gestatten, dass irgendwer mir den Mann wegnimmt, der für mich bestimmt ist. Glauben Sie an das Schicksal, Susanne? Ich tue es..."

Christiane lachte auf eine Weise, die Susanne schaudern ließ. "Niemand wird Sie hier unten finden, Susanne. In hundert Jahren nicht - so wie auch niemand die arme Lisa Reindorf gefunden hat. Ihre Spur verliert sich hier unten so wie sich auch die Ihre verlieren wird... Wer weiß, vielleicht wird wieder jemand glauben, einen Wagen gehört zu haben... So etwas lässt sich leicht arrangieren."

"Sie wollen mich auch umbringen?", flüsterte Susanne.

Christianes Blick blieb kühl.

Triumph leuchtete in ihren Augen.

"Sie haben mir keine andere Wahl gelassen... genau wie Lisa..."

Susanne trat einen Schritt zurück, während Christiane sich zur Seite bewegte und mit der Rechten eine schnelle Bewegung vollführte. Undeutlich sah Susanne etwas Dunkles schattenhaft aufragen. Es wirkte wie eine Art Hebel. Im nächsten Moment bewegte Christiane diesen Hebel.

Susanne schrie, als sich unter ihr der Boden teilte.

Eine mörderische Fallgrube öffnete sich mit einem durchdringenden, knarrenden Geräusch...

22

Susanne stürzte in die Tiefe, als von einem Augenblick zum anderen kein Boden mehr unter ihren Füßen war. Genau dasselbe war vermutlich mit Lisa Reindorf geschehen, damals, in jener Nacht, als sie spurlos verschwunden war.

Die Grube war tief genug, um sich bei einem Sturz den Hals zu brechen.

Doch Susanne hatte Glück im Unglück, da sie am Rand der Fallgrube gestanden hatte. Mit letzter Kraft gelang es ihr, sich an der Kante festzuhalten. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen. Ihr Blick ging hinauf, während sie tief unter sich die Taschenlampe und den Armreif aufschlagen hörte, die sie in den Händen getragen hatte.

Christianes Gestalt tauchte über ihr an der Kante der Fallgrube auf.

"Es gibt kein Entrinnen für Sie, Susanne", sagte die Komtesse mit vibrierender Stimme.

Der Wahn ließ ihre Worte verzerrt klingen.

"Bitte!", rief Susanne keuchend.

"Sie werden einen leichten Tod haben, Susanne...", war Christianes kalte Erwiderung.

"Ich kann mich kaum noch halten..."

"Quälen Sie sich nicht, Susanne!"

Dann beugte Christiane sich nieder, um Susannes zitternde Hände von der Kante zu lösen und sie endgültig in den Abgrund zu stürzen.

"Nein!", schrie Susanne in höchster Verzweiflung.

Das Geräusch schneller Schritte ließ Christiane sich umdrehen. Wilfried lief im Laufschritt durch die offenstehende Gittertür. Er rannte auf die Fallgrube zu.

"Susanne!", rief er.

"Wilfried! Hier bin ich!", schrie die Baroness in höchster Verzweiflung.

Nur noch Augenblicke würde sie sich mit der Kraft ihrer Hände halten können. Und selbst diese kurze Zeitspanne konnte sich noch dadurch verkürzen, dass Christiane sie einfach in die Tiefe stürzte.

Christiane blickte Wilfried entgeistert an.

Wilfried blickte hinab in die Fallgrube. Er sah Susannes verzweifelten Blick.

"Ich kann nicht mehr!", rief Susanne.

Wilfried schnellte vor, wollte sich niederbeugen, um Susanne seinen Arm entgegenzustrecken. Aber Christiane stellte sich ihm in den Weg.

"Lass mich vorbei!", rief dieser. Er ergriff sie bei den Schultern, um sie zur Seite zu schieben. Er wusste, dass jede Sekunde zählte.

"Lass sie sterben! Sie hat den Tod verdient!", rief Christiane mit verzerrter Stimme.

Christiane versuchte, sich Wilfrieds Griff zu entwinden.

Sie stieß ihn von sich, setzte dabei alles ein, was sie an Kraft mobilisieren konnte und schaffte es tatsächlich Wilfrieds festen Griff abzuschütteln.

Sie taumelte zurück, versuchte verzweifelt das Gleichgewicht zu halten und stolperte dann rückwärts in die offene Fallgrube. Mit einem Schrei verschwand sie in dem finsteren Abgrund.

Susanne schlug der Puls bis zum Hals.

Ihre Kräfte waren erschöpft.

Ihre Finger fanden an der glatten Kante nicht länger halt.

Sie spürte, wie sie abrutschte. Langsam, aber unaufhaltsam.

Ihr Atem ging schneller.

Sollte es wirklich so sein, dass auch sie dort unten, in dem düsteren Schlund ihr kaltes Grab fand?

Und dass, kurz bevor die Rettung möglich gewesen wäre?

So hätte Christiane am Ende doch noch triumphiert...

Dann verloren Susannes Finger den Kontakt mit der Steinkante...

Jetzt ist es aus, dachte Susanne.

Da spürte sie einen Augenaufschlag später einen festen Griff um ihr linkes Handgelenk.

Sie blickte hinauf. Wilfried kniete am Rand der Fallgrube.

Seinem Gesicht war die Anstrengung anzusehen. "Du musst durchhalten!", rief er. "Hörst du?"

"Ja..."

Und dann begann Wilfried, sie Stück für Stück emporzuziehen. Susanne half dabei so gut es ging mit. Ihr erschien es, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis sie endlich oben angelangt war.

Erschöpft sank sie in Wilfrieds Arme. Er strich ihr über das Haar und ersuchte sie zu beruhigen.

"Es ist jetzt alles vorbei", sagte er.

"Es war so schrecklich!", schluchzte Susanne.

"Ja, ich weiß..."

"Ich habe dir großes Unrecht getan, Wilfried. Erst hier, im Verlies, habe ich erkannt, dass Christiane all das eingefädelt hat, was sie dir zu Last legte..."

Wilfried nickte.

"Sie war ein verwirrter Geist", sagte er ruhig.

Susanne sah ihren Liebsten an. "Christiane hat Lisa umgebracht. Genau hier, an diesem Ort. Sie hat es mir selbst gestanden..."

"Komm", sagte Wilfried und half Susanne auf die Beine. Sie warf einen kurzen Blick in die Tiefe. Nichts war dort zu sehen, außer Finsternis.

"Ich habe Christiane einiges zugetraut, aber nicht das", gestand Wilfried dann. Er sah Susanne in die Augen. "Ich hoffe, jetzt wird alles gut, Susanne." Sie schmiegte wortlos den Kopf an seine Schulter und Wilfried legte den Arm um sie.

"Lass uns diesen furchtbaren Ort verlassen", murmelte Susanne.

23

Es gab eine polizeiliche Untersuchung der Ereignisse auf Schloss Eichenbach.

Unter anderem kamen die Tagebücher der Komtesse Christiane von Buchenberg-Selm dabei zu Tage, in denen sie akribisch über alles Buch geführt hatte.

Über Lisas Tod berichtete sie ebenso ausführlich wie über ihre Pläne, was Susanne anging.

Unsterblich war sie in Wilfried verliebt gewesen und mit ihrer wahnhaften Eifersucht hatte sie jede Frau verfolgt, die sich den Platz an der Seite des Fürstensohnes zu erobern drohte.

Lisa Reindorfs Überreste wurden geborgen und der Familie übergeben.

Christiane von Buchenberg-Selm wurde in aller Stille in der Familiengruft beigesetzt.

Die Tage gingen dahin.

Es brauchte eine Weile, bis Susannes Stimmung sich wieder aufhellte. Auch wenn sie erleichtert darüber war, dass der Schrecken nun ein Ende hatte und sich all ihre Ängste und Befürchtungen nicht bewahrheitet hatten, so hatten sie die jüngsten Ereignisse auf Schloss Eichenbach doch mehr mitgenommen, als sie es sich zunächst hatte eingestehen wollen.

Wilfried schlug vor, eine kleine Reise zu unternehmen, um etwas Abstand von den Dingen zu gewinnen, die geschehen waren.

Susanne zögerte zunächst, doch dann gelang es Wilfried, sie zu überzeugen. Ein paar Wochen waren sie unterwegs: Mailand, Venedig, Paris... Schon in den ersten Tagen merkte Susanne, wie gut Wilfrieds Vorschlag gewesen war. Und nach und nach gewann sie ihre ursprüngliche Fröhlichkeit und Unbeschwertheit zurück. Als sie dann zurückkehrten, stellte Susanne überrascht fest, dass Schloss Eichenbach jetzt keinen bedrohlichen oder einschüchternden Eindruck mehr auf sie machte.

"Ich wollte die Wahrheit erfahren", sagte Susanne einmal, als sie mit Wilfried zusammen ausritt und sie ganz in der Nähe jenes Teiches, an dem Wilfried ihr einen Ring geschenkt hatte, ein Picknick machten. "Aber ich ahnte nicht, was dabei herauskommen würde... und es schmerzt mich noch immer, dir nicht genug vertraut zu haben, obwohl du es sicher verdient gehabt hättest."

Wilfried lächelte.

Dabei ergriff er zärtlich Susannes Hand und sagte dann: "Lass uns das, was geschehen ist, so gut es geht vergessen. Es ist von nun an Vergangenheit. Und unser Leben sollte der Zukunft gewidmet sein und nicht im Schatten der Dinge stehen, die hinter uns liegen."

"Ja, du hast recht, Wilfried."

Und dabei blickte sie verträumt auf den Teich hinaus, auf dem einige Enten und Schwäne elegant dahinglitten. Eine traumhafte Hochzeit lag vor ihr und für einige Momente malte sie sich aus, was sie in der Zukunft erwartete. Sie sah sich und Wilfried inmitten einer fröhlichen Kinderschar durch den Hof von Schloss Eichenbach schreiten.

"Wir sollten wirklich das Vergangene vergessen und an das vor uns liegende denken", sagte Susanne schließlich, nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hatten. "Und ich finde, wir sollten die Verlobungszeit nicht allzu lang ausdehnen..."

ENDE

Vampirblut

Alfred Bekker

© by Alfred Bekker

www.AlfredBekker.de

www.Postmaster@AlfredBekker.de

All rights reserved

Ein CassiopeiaPress Ebook

Ausgabejahr dieser Edition: 2015

*

Es waren Tausende...

Der Flügelschlag schwarzer Schwingen verdichtete sich zu einem Rascheln, dessen Klang einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Einer dunklen Wolke gleich erhob sich der Schwarm der Fledermäuse aus den grauen Nebelbänken heraus, die aus den Wiesen emporkrochen. Ihre Körper hoben sich als dunkle Schatten gegen das Fahle des Vollmonds ab, der als runde Scheibe am dunklen Nachthimmel stand.

Der Schwarm wirkte wie ein einziger Organismus.

Er bewegte sich erst nordwärts, über die bewaldeten Anhöhen hinweg, dann ging es weiter über nebelverhangene Wiesen.

Und wie auf ein geheimes Zeichen hin, stürzten sie hinab in die Schicht aus dichtem Bodennebel hinein. Ohrenbetäubende, schrille Kreischlaute stießen sie dabei hervor.

Es war ein Angriff.

Und während sie im Sturzflug auf den Boden zuschossen, setzte eine gespenstische Verwandlung ein. Ihre zierlichen Körper wuchsen ins Monströse und bildeten menschenähnliche Formen. Zusätzlich zu den Flügeln wuchsen ihnen Arme, die mit messerscharfen Krallen bewehrt waren.

Ihre Köpfe erinnerten jetzt an Affenschädel. Die Mäuler waren weit aufgerissen, so daß die überlangen Eckzähne zum Vorschein kamen. In den dunklen Augen dieser Kreaturen der Nacht spiegelte sich das Mondlicht. Ein unheimlicher, schier unersättlicher Hunger sprach aus ihnen.

Die ersten dieser Monstren verschwanden in der grauen Nebelschicht...

Schreie gellten.

Furchtbare Todesschreie, die so verzerrt waren, daß kaum zu bestimmen war, ob sie menschlichen oder tierischen Ursprungs waren...

*

"Hast du das gehört?"

"Was denn?"

"Diesen... Schrei!"

"Ein Tier!"

"Ich weiß nicht..."

"Irgend etwas ist da draußen in der Dunkelheit", meinte Pat McRory. "Etwas Grauenhaftes..." Er schluckte. Ein unangenehmer Druck machte sich in seiner Magengegend breit.

Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Sein Gesicht wirkte angestrengt. Furcht stand in seinen Zügen. Und nach den Vorkommnissen der letzten Zeit, war die auch angebracht...

Der breitschultrige Mann schob sich die Schiebermütze aus Tweed in den Nacken. Er umfaßte das doppelläufige Jagdgewehr fester.

Ein Pferd wieherte.

Der andere Mann war etwas jünger.

Auch er trug ein Gewehr. Sein Blick suchte angestrengt den dunklen Horizont ab. Graue Nebelschwaden erhoben sich aus den Wiesen und krochen wie vielarmige Wesen über den feuchten Boden. Der Himmel war sternenklar. Nur der Vollmond tauchte alles in sein fahles Licht.

"Gary!" zischte Pat McRory seinem Gefährten zu. Pats Gesicht war aschfahl geworden. Sein Mund war vor Schrecken geöffnet.

Gary hob das Gewehr.

Am Horizont erhob sich mit einem unheimlichen, raschelnden Geräusch etwas Dunkles...

"Was ist das?" flüsterte Pat.

"Es sieht aus wie ein Vogelschwarm..."

"Nein, Gary, das sind keine Vögel..."

"Aber was dann?"

"Fledermäuse!"

"So viele? Mein Gott..."

Die dunkle Wolke bestand aus vielen kleineren, schwarzen Flecken. Der Schwarm bewegte sich wie auf geheime Zeichen hin. Mißtrauisch beobachteten die beiden Männer die Fledermäuse. Hin und wieder drangen schrille Piepslaute an ihre Ohren, die auf das Trommelfell wie Nadelstiche wirkten.

Nächtelang hatten Gary und Pat auf der Lauer gelegen, denjenigen - oder besser: dasjenige - zu stellen, das es in letzter Zeit auf Pferde und Rinder abgesehen hatte. Furchtbar zugerichtete Tiere waren von den Farmern der Umgebung in letzter Zeit immer wieder aufgefunden worden. Spekulationen hatten die Runde gemacht. In ihnen wurde von Krähenschwärmen gemunkelt, die seit Schließung einer nahen Müllhalde keine Nahrungsgrundlage mehr hatten. Aber Krähen waren - selbst wenn es sich um Dutzende von Vögeln handelte - nur in der Lage, kleinere Tiere zu erlegen. Kaninchen, vielleicht Ziegen oder Lämmer. Aber kein ausgewachsenes Kaltblutpferd, dessen Stockmaß den Scheitel der meisten Männer der Gegend überstieg! Und auch keines der wilden, robusten Hochlandrindern mit ihren zotteligen braun-schwarzen Fellen.

Jemand hatte die Theorie aufgestellt, daß ein Perverser unterwegs war, der des Nachts Tiere auf bestialische Weise abschlachtete. Die Polizei war der Sache nachgegangen, aber sie tappte bis heute im Dunkeln.

Und so hatten Gary O'Bolan und sein Schwager Pat McRory zur Selbsthilfe gegriffen. Mit ihren Jagdgewehren lagen sie nun auf der Lauer.

Und sie blickten dem Unfaßbaren entgegen.

Die Pferde trabten unruhig auf der Weide umher. Sie wieherten aufgeregt. Die Tiere spürten die Gefahr, die förmlich in der Luft lag.

Dann erfolgte der Angriff.

Als ob ein gemeinsamer Wille die vielen Fledermäuse leitete, stürzten sie sich hinab. Die Pferde stoben auseinander. Ihr Wiehern glich einem furchtbaren Schrei der Verzweiflung. Die schwarze Wolke aus kleinen, dunklen, geflügelten Leibern senkte sich nieder. Eines der Pferde versuchte, über einen der Zäune zu springen, blieb mit der Hinterhand hängen und riß den Zaun mit sich. Das Tier strauchelte. Die geflügelten Jäger der Nacht waren über ihm.

Gary hob das Gewehr, legte an und schoß zweimal kurz hintereinander.

Pat tat dasselbe.

Die Männer schossen, so schnell sie konnten, obgleich die Chance, auch einen der kleinen dunklen Leiber zu treffen, nicht gerade groß war. Kalte Wut hatte die beiden Männer gepackt. Die Pferde stellten den Großteil ihres Vermögens dar. Und das würden sie sich nicht tatenlos wegnehmen lassen. Mit zitternden Fingern luden die Männer nach.

Pat hielt mitten in der Bewegung inne.

Ihm stockte der Atem.

"Nein...", flüsterte er, als er sah, was im fahlen Schein des Mondes geschah.

Unmöglich...

Kurz bevor die kleinen, geflügelten Angreifer den Boden berührten, ging eine gespenstische Verwandlung mit ihnen vor sich. Sie wurden größer. Die ovalen Körper streckten sich, Arme wuchsen aus ihnen heraus.

Sie erinnerten an affenartige Wesen oder...

Menschen.

Einen durchdringenden, grollenden Laut stieß eines dieser Ungeheuer aus, wandte den Kopf so ins Mondlicht, daß die überlangen Eckzähne sichtbar wurden.

Das Zerrbild eines Menschen...

Eines der Wesen stürzte sich mit aufgerissenem Maul auf das gestürzte Pferd, dessen verzweifeltes Wiehern die Nacht durchdrang.

Mit entschlossenen Handbewegungen spannte Gary die beiden Hähne der doppelläufigen Jagdflinte. Er zielte genau, obwohl er dabei ein Zittern in seinen Händen mit aller Macht unterdrücken mußte.

Die erste Kugel ging daneben, aber das zweite Projektil erwischte eine der Nachtkreaturen mitten im Oberkörper. Das Wesen taumelte, hielt sich dann aber doch auf den Beinen.

Die Kugel hatte ein Loch in die Brust gerissen. Eine furchtbare Wunde, etwas oberhalb des gut erkennbaren linken Rippenbogens.

Also ungefähr dort, wo sich bei allen Säugetierspezies das Herz befand!

Aber die Wunde blutete nicht.

Ein halbes Dutzend dieser unheimlichen Bestien stürzten sich indessen auf das am Boden liegende Pferd. Hin und wieder, wenn sich eines der Wesen erhob, war zu erkennen, wie das Blut von den Eckzähnen troff.

Weitere Fledermäuse stürzten herab, jagten den

davonpreschenden Pferden im Tiefflug nach, um dann auf ihnen zu landen und sie niederzureißen. Auf den letzten Metern vor der Landung verwandelten sie sich und wurden zu gewaltigen, affenartigen Kreaturen. Mit scharfkralligen Pranken rissen sie ihre Beute nieder, bevor sie dann ihre spitzen Eckzähne in sie hineinsenkten. Ein Bild des Grauens, untermalt von den Schreckenslauten der Pferde.

Eine der Fledermäuse näherte sich den beiden Männern.

Pat schlug mit dem Gewehrkolben nach ihr und traf sie sogar.

Das Tier war bereits in seiner Verwandlung begriffen, die aber noch nicht abgeschlossen war. Die Fledermaus vollführte eine seitliche Flugbewegung und gewann wieder an Höhe. Die begonnene Verwandlung bildete sich innerhalb von Sekunden zurück. Schneller, als Gary sein Gewehr anlegen und das Wesen treffen konnte. Denn um ein Tier von der Größe einer Fledermaus zu treffen, mußte man schon ein sehr guter Schütze sein. Und Gary war eigentlich schon froh, wenn er ein dickes Kaninchen traf.

"Wir müssen hier weg!" rief Gary.

"Und die Pferde!" schrie Pat. "Verdammt nochmal die Pferde!" Und dabei feuerte er mehr oder weniger ziellos in den Pulk der Schattenkreaturen hinein, die sich zu Dutzenden niederließen.

"Für die können wir nichts mehr tun!" war Garys düstere Erwiderung.

Er begann zu laufen.

"Los, Pat!"

Pat stand noch einen Moment lang unentschlossen da, ehe er sich in Bewegung setzte. Gary war ihm einige Meter voraus.

Sie liefen jetzt durch hohes, feuchtes Gras, aus dem der Nebel nur so herausquoll. Es war kühl geworden. Eine feuchte Kühle, die alles durchdrang und von der man glauben konnte, daß sie in Wahrheit von "innen" kam.

Immer weitere Fledermäuse setzten zum Landeanflug an und verwandelten sich. Es waren jetzt hunderte.

Eine furchtbare Horde der Dunkelheit, die über alles Lebendige wahllos herfiel.

Pat schlug um sich, als eine der Fledermäuse sich ihm näherte. Das Tier wich aus, verwandelte sich und Pats zweiter Schlag ging ins Leere. Sekunden später stürzte sich die verwandelte Nachtkreatur auf ihn und warf den Mann nieder.

Pat fiel rücklings zu Boden, während ihn mit messerscharfen Krallen bewehrte Pranken an den Schultern hielten. Die Krallen durchdrangen mit Leichtigkeit den dicken Tweed-Stoff seiner Jacke. So leicht, als wäre es nichts. Pat blickte in das verzerrte, gleichermaßen aus tierischen und menschlichen Anteilen bestehende Gesicht seines unheimlichen Gegners. Das weit aufgerissene Maul mit den langen Eckzähnen öffnete sich weit und der Atem des Todes hauchte ihn an. Ein Geruch, der an Fäulnis und Verwesung erinnerte, an halbvermoderte Särge und zu Staub zerfallene Gebeine. Mit der Kraft der Verzweiflung wehrte sich Pat gegen den unheimlichen Feind. Die spitzen Eckzähne näherten sich. Pat schrie wie von Sinnen. Seine Hand krallte sich am Körper des Monstrums fest.

Er war ein kräftiger Mann, aber der übermenschlichen Energie dieser Nachtkreatur hatte er nicht das Geringste entgegenzusetzen.

Die Zähne senkten sich nieder, auf seinen Hals zu.

Pats Augen quollen vor Angst aus ihren Höhlen hervor.

Ein Schuß donnerte.

Das war Gary.

Die Kugel traf das Wesen mitten zwischen die dämonisch leuchtenden Augen.

Im Mondlicht war das Einschußloch zu sehen.

Aber der Treffer machte dem Wesen nichts aus. Die Kreatur der Nacht schlug ihre furchtbaren Eckzähne in den Hals des Mannes.

Pat drehte den Kopf, wand sich verzweifelt, schrie wie von Sinnen. Das Letzte, was er dann aus den Augenwinkeln heraus sah, war Gary.

Er lief taumelnd davon, schlug mit dem Gewehrkolben auf die landenden Fledermäuse ein, deren gespenstische Verwandlung sie zu grauenhaften Monstren machte. Garys Schreie gingen im Tumult unter, als ein halbes Dutzend der Nachtkreaturen sich auf ihn stürzte, und er unter ihren Leibern förmlich begraben wurde.

*

"...und ich möchte im Namen der gesamten Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS sagen, daß wir alle unseren

Kollegen

Jim Field nicht vergessen werden. Ganz gleich, in welcher

- vielleicht besseren - Welt er sich nun befinden mag..."

Die bewegenden Worte, die unser Chefredakteur Michael T. Swann an die versammelte NEWS-Mannschaft richtete, ließen eine tiefe Traurigkeit in mir aufsteigen.

Ich gebe gerne zu, in diesen Momenten den Tränen sehr nahe gewesen zu sein.

Tom Hamilton, der Mann, den ich liebte und der wie ich Teil der NEWS-Redaktion war, spürte das.

Er nahm meine Hand.

Und ich fühlte mich ein wenig geborgener.

"Miss Vanhelsings Recherchen legen nahe, daß unser Starfotograph Jim Field am Oberlauf des Stoeng Sen-Flusses im nördlichen Kambodscha durch Machenschaften ums Leben kam, in die wohl auch der ORDEN DER MASKE verwickelt ist, jene sektenähnliche Geheimorganisation, die in letzter Zeit immer wieder versucht hat, durch Druck auf unsere Inserenten unsere Berichterstattung über sie und ihre Verbrechen zu beeinflussen. Dank der mutigen Haltung unsere Verlegers Arnold Reed ist das bislang fehlgeschlagen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann man es wieder versuchen wird. Von einem Reporter erwarte ich Mut - Mut, wie Jim Field ihn zweifellos hatte. Ganz gleich, wie nun die wahren Hintergründe seines Todes sein mögen - er starb zweifellos im Dienst des Journalismus, der immer auch ein Dienst an der Wahrheit sein muß..."

Michael T. Swann, unser manchmal etwas bärbeißiger Chefredakteur machte eine Pause. Die Hände waren in den Hosentaschen verschwunden. Der Schlips hing ihm wie ein Strick um den Hals und die Hemdsärmel waren bis zu den Ellen-bogen hochgekrempelt.

Tiefe Furchen durchzogen im Augenblick seine Stirn. Es war ihm deutlich anzusehen, wie sehr ihn Jims Tod mitgenommen hatte.

"Was ich jetzt sage, fällt mir nicht leicht", murmelte er dann. Sein Tonfall war etwas gedämpfter, sein Blick nach innen gekehrt. Er sah förmlich durch die im Großraumbüro der NEWS-Redaktion versammelten Reporter-Mannschaft hindurch.

Er schluckte zweimal, bevor er in der Lage war,

fortzufahren. "Wie keinem von Ihnen entgangen sein dürfte, gab es in letzter Zeit des öfteren Meinungsverschiedenheiten zwischen Mr. Field und mir. Differenzen, die so

schwerwiegend waren, daß Mr. Field mit dem Gedanken spielte, unsere Redaktion zu verlassen. Ich wollte es nicht dazu kommen lassen, denn ungeachtet allen Streits war ich entschlossen, alles zu tun, um ihn bei uns zu halten. Auch das war für mich ein Grund, ihm den Auftrag mit der Kambodscha-Story zu geben...Können Sie sich vorstellen, was ich jetzt empfinde, da er nicht von dort zurückkehrt?" Er schüttelte den Kopf. "Ich werde mir ewig Vorwürfe machen und nichts und niemand wird mich davon befreien können..." Er hob den Kopf. Sein Blick wurde etwas heller. "Ich glaube, niemand von uns wird Jim Field je vergessen..."

Nein, dachte ich. Ich bestimmt nicht.

Eine Flut von Bildern ging mir in diesem Moment durch den Kopf. Erinnerungen an die Abenteuer, die wir gemeinsam bestanden hatten. Eine Zeitlang hatten Jim und ich sehr eng zusammengearbeitet. Und für eine gewisse Weile war der unkonventionelle Starfotograph, mit seiner geflickten Jeans und dem ausgebeulten Jackett sogar insgeheim in mich verliebt gewesen, auch wenn ich diese Gefühle nie erwidert hatte.

Tom Hamilton und ich waren Jim nach Kambodscha

nachgereist.

Der ORDEN DER MASKE hatte dort versucht, furchtbare Monstren

zu beschwören, die dem altindischen Gott Ganandravan glichen

- einer Gottheit der Zerstörung. Wir hatten die Pläne des Ordens durchkreuzen können. Aber um Jim zu retten, waren wir zu spät gekommen. Möglicherweise existierte er in einer anderen Wirklichkeit, zusammen mit den Mönchen des rätselhaften Klosters von Pa Tam Ran, das eigenartigerweise wie vom Erdboden verschwunden war, als wir zusammen mit kambodschanischem Militär an den Ort des Geschehens zurückkehrten.

Die Reporter der NEWS gingen auseinander. Jeder zurück an seinen Schreibtisch, ins Archiv oder an irgendeinen Ort in London und Umgebung, wo etwas Sensationelles geschehen war, das auf die Seiten dieses Boulevardblattes gebracht werden mußte.

Ich sah nachdenkliche Gesichter.

Mir war kalt. Ich fühlte eine Gänsehaut meine Unterarme überziehen.

Tom legte mir den Arm um die Schulter. Ich blickte in seine meergrünen Augen, die mich stets an das Meer und den Geruch von Seetang erinnerten.

"Du machst dir auch Vorwürfe, nicht wahr, Patti?", fragte er.

"Verwundert dich das?"

"Was hätten wir tun können?"

Ich zuckte die Schultern. "Was glaubst du, wie oft ich mir seit unserer Rückkehr aus Asien schon den Kopf darüber zerbrochen habe..."

"Und? Bist du zu irgendeinem Schluß gekommen?"

"Nein." Ich atmete tief durch. "Ich glaube, daß wir Jim Field irgendwann wiedersehen werden", meinte ich dann.

Tom nickte.

Ich brauchte ihm nichts zu erklären. Er wußte von meiner leichten, übersinnlichen Begabung, die sich vornehmlich in Ahnungen, Träumen und Visionen offenbarte.

"Irgendwann...", flüsterte ich.

"Sicher."

Ich versuchte ein Lächeln.

"Wie auch immer. Für Selbstmitleid ist keine Zeit, Tom."

Für uns galt das in besonderer Weise.

In einer Redaktion laufen täglich unzählige Nachrichten ein. Katastrophen, Kriege, Wahnsinnstaten. In letzter Zeit waren es vor allem die schrecklichen Ereignisse im Kosovo, die unsere Ticker nicht zur Ruhe kommen ließen. Und so schlimm es manchmal sein konnte, immer mit den Horrormeldungen aus aller Welt direkt konfrontiert zu sein, von denen schließlich nur ein Bruchteil in unserer Zeitung Platz haben würden - es hatte auch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil.

Das eigene Unglück erschien einem plötzlich nicht mehr so bedeutend, wenn man es im Verhältnis zu dem betrachtete, was sich anderswo tagtäglich abspielte.

*

Es war ein regnerischer Tag.

London lag unter einer Dunstglocke, aus der es immer wieder nieselte. Jeder Blick aus den Fenstern des Verlagsgebäudes an der Lupus Street konnte einen nur depressiv machen.

Der Regen wurde in mehr oder minder gleichmäßigen Intervallen heftiger oder ließ nach. Aber der Wind trieb immer neue graue Wolken heran, die dafür sorgten, daß die Feuchtigkeit nicht versiegte.

Es war kurz nach der Mittagspause, als eine Meldung auf meinen Schreibtisch flatterte, die mich etwas meiner Agonie herausriß.

Ich überflog sie schnell.

Es ging um eine Reihe seltsamer Vorfälle in Schottland.

Rinder und Pferde waren durch eine bislang unbekannte Ursache ums Leben gekommen.

In der vergangenen Nacht waren nun zwei Farmer

hinzugekommen, die ihre Tiere mit der Waffe in der Hand gegen das Unbekannte verteidigen wollten. Die Fotos, die man uns zugefaxt hatte, waren ziemlich grobkörnig und außerdem an manchen Stellen etwas verschwommen. Aber es war genug zu erkennen, um erahnen zu können, wie schrecklich die Männner zugerichtet worden waren.

Ein besonderer Umstand ließ mich aufmerken.

Die Leichen hatten keinen einzigen Tropfen Blut

enthalten...

*

An diesem Tag hatte ich Glück und kam recht früh nach Hause.

Tante Lizzys Villa, wo ich noch immer wohnte, war ein verwinkelter viktorianischer Bau, umgeben von einem etwas verwilderten Garten. Es dämmerte bereits - aber an diesem verregneten Tag fiel das kaum auf. Man hatte den Eindruck, daß bereits seit den Morgenstunden ein Zustand ständiger Dämmerung geherrscht hatte.

Ich fuhr meinen kirschroten Mercedes 190 in die Einfahrt und stieg aus.

Ganz kurz nur - es mochte der Bruchteil einer Sekunde gewesen sein - hatte ich ein Bild vor meinem inneren Auge, das mich aus irgendeinem Grund zutiefst erschrak. Ich sah eine Art Herrenhaus oder Schloß, das auf einem Hügel errichtet worden war. Der graue Stein war moosbewachsen und wirkte abweisend. Die Aura unvorstellbar hohen Alters haftete diesem Gebäude an - und der Geruch, den ich in der Nase zu fühlen glaubte, kündete von Verwesung, Tod und Verfall. Das Schloß hatte zahllose Erker und einige kleinere und größere Türme. Eine eigenartige, sehr verschnörkelte Architektur, die sich mit keinem Stil in Verbindung bringen ließ, den ich kannte, während mich die Landschaft an die schottischen Highlands erinnerte. Nebel umwaberten das eigenartige Schloß.

Etwas dunkles, sehr kleines flog aus einem der Turmfenster heraus und erhob sich in den grauen Himmel.

Das Bild war verschwunden, und ich versuchte verzweifelt, mich an Einzelheiten zu erinnern.

Eine Vision, dachte ich. Das stand für mich fest. In dieser Hinsicht war ich inzwischen ziemlich sicher. Träume und Visionen, die in Wahrheit übersinnliche Wahrnehmungen darstellten, konnte ich relativ sicher von gewöhnlichen Traumbildern unterscheiden, auch wenn es lange gedauert hatte, bis ich meine Gabe gut genug unter Kontrolle gehabt hatte.

Meine Gabe.

Das war immer Tante Lizzys Ausdruck für meine übersinnliche Begabung gewesen, die ich von meiner viel zu früh verstorbenen Mutter geerbt hatte.

Was mochte nur dieses Bild eines Schlosses in den schottischen Highlands - oder einer vergleichbaren Landschaft - bedeuten? fragte ich mich. Es war nicht das erste Mal, daß ich dieses Bauwerk vor meinem innere Auge sah.

Am Tag nach unserer Rückkehr aus Kambodscha hatte ich es zum ersten Mal gesehen und gleich gewußt, daß es irgend etwas zu bedeuten hatte. Es hatte mit meinem Schicksal zu tun.

Ich war mir so gut wie sicher.

Schottland, dachte ich. Wie komme ich eigentlich auf Schottland? Vielleicht durch die Meldung, die heute auf meinem Schreibtisch gelegen hat?

Ich atmete tief durch und ging dann zur Tür.

Ein Gefühl der inneren Unruhe hatte mich erfaßt.

Ich schloß die Tür auf.

Tante Lizzy - eigentlich Mrs. Elizabeth Vanhelsing - traf ich im Flur. Die alte Dame war gerade damit beschäftigt, einen Pappkarton in Richtung der halboffenen Tür zur Bibliothek zu schieben.

"Hallo, Patti!" meinte sie etwas atemlos. Sie richtete sich auf, lächelte matt und griff sich mit der Hand an den Rücken. "Uh!", stöhnte sie, "ich glaube, das hätte ich nicht tun sollen.... Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer etwas klüger..."

"Tante Lizzy!" rief ich tadelnd. "Du hast doch nicht etwa die schwere Kiste aus dem Keller hier heraufgehievt?"

"Nun..."

"Das ist nicht dein Ernst!"

"Was soll ich machen? Ich beschäftige mich zwar den ganzen Tag mit nichts anderem, als okkulten Beschwörungen und übersinnlichen Phänomenen, aber das bedeutet leider nicht, daß ich selbst in dieser Hinsicht irgendeine Begabung hätte... so etwas wie Telekinese oder Levitation wäre manchmal ganz praktisch. Andererseits würden mir dann die Geheimdienste die Türen einrennen, um mich als Geheimwaffe in internationalen Konflikten einzusetzen - und das möchte ich nun eigentlich nun wieder nicht so gerne!"

"Tante Lizzy, du hättest doch warten können. Ich trag dir doch gerne mal so eine Kleinigkeit..."

Ich hob die Kiste an.

Sie war wirklich sehr schwer...

Tante Lizzy griff ebenfalls nach der Kiste.

"Sag jetzt nicht: Laß los, Kind, du mußt noch wachsen!"

brachte ich ächzend heraus.

Aber ich war ganz froh, daß sie mit anfaßte. Wir schleppten die Kiste in die Bibliothek, was im Fall der

Vanhelsing-Bibliothek ein irreführender Begriff war. Denn in Wahrheit war die gesamte Villa - mit Ausnahme meiner Räumlichkeiten - nichts anderes als ein einziges Archiv. Die Wände waren überall mit Regalen bedeckt, in denen sich uralte Folianten drängten. Unterbrochen wurden diese Bücherreihen hin und wieder von archäologischen Fundstücken, die Tante Lizzys auf einer Forschungsreise verschollener Mann Frederik von seinen Reisen mitgebracht hatte und okkulten Gegenständen, die zusammen mit den Büchern zu ihrer

'Sammlung' gehörten.

Tante Lizzy hatte ihr Leben der Erforschung des

Ungewöhnlichen in all seinen Facetten gewidmet. Übersinnliche Wahrnehmung gehörte ebenso dazu wie Geisterbeschwörungen und

Magie.

"Leider weiß man nie genau, wann du nach Hause kommst, Patricia", meinte sie. "Darauf wollte ich einfach nicht warten. Ich habe nämlich eine Entdeckung gemacht... Du erinnerst dich an die Notizen, die sich in dem Geheimfach meines Schreibtischs fanden..."

Natürlich erinnerte ich mich daran. Tante Lizzy hatte vor einiger Zeit einen antiken Schreibtisch erworben, dessen Herkunft unklar und dessen Geschichte äußerst verwickelt war.

In einem Geheimfach hatten sich fragmentarische Notizen des deutschen Okkultisten Hermann von Schlichten befunden, der um die Jahrhundertwende herum mit dem Buch ABSONDERLICHE

KULTE so etwas wie DAS Kompendium des Okkulten

geschaffen

hatte. Legenden und Gerüchten nach hatte von Schlichten auch einen zweiten Band angefangen, möglicherweise sogar vollendet, aber das Manuskript ging sehr wahrscheinlich bei einem Hausbrand verloren. Tante Lizzy hatte nun in ihrem Schreibtisch Notizen zu diesem legendären zweiten Band gefunden.

Sie blickte mich an und in ihren Augen brannte ein Feuer, das einer viel jüngeren Frau zur Ehre gereicht hätte. Was ihre Energie anging, so hatte ich das Gefühl, konnte es Tante Lizzy mit den meisten Jüngeren spielend aufnehmen. Nur ihr krankes Herz grenzte sie bei ihren Aktivitäten manchmal ein.

Und dann berichtete sie mir von den aufregenden Studien, die sie gerade betrieb. Davon, daß sie zu der Überzeugung gelangt war, daß es einen engen Zusammenhang zwischen dem legendären zweiten Band und einem Buch mit dem Namen ZEICHEN

DER GEHEIMEN MACHT des ungarischen von-SchlichtenSchülers

Ferenz Borsody geben mußte. "Ich glaube, Borsody hat den zweiten Band der absonderlichen Kulte gekannt!" war sie überzeugt. "Jedenfalls habe ich eine ganze Reihe von Belegen dafür gefunden. Und das nicht nur in von Schlichtens Notizen, sondern auch in seiner Korrespondenz!"

"Und was ist hier drin?", fragte ich und deutete auf den Karton.

Tante Lizzy öffnete ihn.

"Kopien aus dem Nachlaß Ferenz Borsodys. Ein Bekannter bei der britischen Botschaft in Wien war so freundlich, die entsprechenden Kontakte herzustellen..." Tante Lizzy rieb die Handflächen aneinander und setzte dann hinzu: "Ich habe nicht eine einzige Minute zu verlieren, Patti..."

"Wieso diese Eile?"

"Ich möchte die Sache unbedingt noch fertig haben, bevor..."

Sie sah mich etwas erstaunt an, runzelte dann die Stirn und kratzte sich nachdenklich am Kinn.

Ich hob die Augenbrauen.

"Was ist?"

"Mein Gott, das habe ich dir ja noch gar nicht gesagt!"

"Wovon sprichst du?"

"Davon, daß ich eine kleine Reise machen werde..." Sie sah mich an und genoß sichtlich mein Erstaunen. Ein nachsichtiges Lächeln glitt über ihre freundlichen Züge. An den Augen hatte sie Lachfalten. "Nein, keine Sorge, ich mache nicht so ausgefallene Dinge wie du. Zum Beispiel deine Expedition in den kambodschanischen Regenwald... Solche Dinge würde mein Herz auch nicht mehr mitmachen. Aber, was eine Reise in die schottischen Highlands angeht, ist das etwa anderes..."

"Schottland?" fragte ich.

Es versetzte mir einen Stich.

Ich dachte an das düstere Schloß, sah es wieder deutlich vor meinem inneren Auge. Dunkel und drohend thronte es auf einer Anhöhe, während die Nebelschwaden wie böse Geister über den Boden krochen.

"Was ist los, Patti? Du machst ja ein Gesicht, als hätte Mr. Swann dich rausgeworfen!"

"Es... es ist nur, ich hatte eine Vision."

"Sie hat etwas... mit mir zu tun?"

"Ja, das heißt..." Ich stockte, schloß kurz die Augen und schüttelte dann den Kopf. "Ich weiß es nicht genau. Aber ich sah ein Schloß, das im schottischen Hochland liegen könnte.

Und ich spürte eine unheimliche Bedrohung, die von jenem Ort ausging..." Ich seufzte hörbar und spürte dabei, wie mein Puls zu rasen begonnen hatte. Ich preßte die Lippen aufeinander und versuchte, ein leichtes Zittern zu unterdrücken.

Dein Körper reagiert sensibler, unverfälschter auf das, was deine Gabe wahrgenommen hat, als dein Verstand! ging es mir durch den Kopf. Ich mußte diese Sache ernstnehmen...

Tante Lizzy spannte mich nun nicht länger auf die Folter.

"Arnold Reed hat mich auf seinen Landsitz in der Nähe von Inverness eingeladen. Na - was sagst du nun? Morgen geht's los..."

Arnold Reed, allgewaltiger Verleger der LONDON EXPRESS

NEWS war ein alter Freund meiner Großtante. Soweit ich wußte, hätte Reed sogar um ein Haar um Tante Lizzys Hand angehalten, wäre ihm nicht ein junger Archäologe namens Frederik Vanhelsing zuvorgekommen. Zumindest pflegte Reed diese Version immer zu erzählen, während Tante Lizzy sich dazu ausschwieg.

Der Tatsache, daß Tante Lizzy eine gute Bekannte des NEWS-Verlegers war, war es im übrigen wohl auch zu verdanken, daß ich den Job als Reporterin überhaupt bekommen hatte. Michael T. Swann war anfangs alles andere als begeistert gewesen, eine Anfängerin, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatte, gewissermaßen von oben aufs Auge gedrückt zu bekommen. Den Reporterberuf, so war Swann immer überzeugt gewesen, mußte man sich von der Pieke auf erarbeiten. Inzwischen hatte sich Swanns Einstellung mir gegenüber längst geändert. Denn was man ansonsten auch immer über ihn sagen mochte - Leistung fand stets seine Anerkennung. Da war er unbestechlich.

"Ich wußte gar nicht, daß Mr. Reed einen Landsitz in der Nähe von Inverness besitzt", meinte ich.

"Er hat es vor einigen Jahren erworben, als er sich nach dem Tod seiner Frau für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte. Lange hat der gute Arnold die Einsamkeit der Highlands allerdings nicht ausgehalten... Immerhin schreibt er immer noch regelmäßig Leitartikel in den LONDON

EXPRESS NEWS..."

"Was will Mr. Reed von dir?"

"Nun, ich wünschte, er hätte diese Einladung nur der alten Zeiten wegen ausgesprochen. Aber es gibt da wohl noch einen anderen Grund..."

"Und der wäre?"

"Es geht um einige eigenartige Vorfälle in der Umgebung seines Landsitzes..."

"Etwa um die Tierkadaver, die keinen Blutstropfen mehr enthielten?"

Tante Lizzy sah mich erstaunt an. "Du weißt davon?"

"Ich bekam heute eine entsprechende Meldung auf den Tisch.

Allerdings sind inzwischen auch Menschen dem Unbekannten zum

Opfer gefallen..."

Tante Lizzy nickte. "Ja... gestern Nacht starben zwei Farmer unter entsetzlichen Umständen. Die beiden Männer versuchten, ihre Tiere zu schützen. Wer auch immer sie angegriffen haben mag, sie hatten nicht den Hauch einer Chance... Arnold hat mich im Verlauf des Vormittags angerufen. Er schien sehr besorgt zu sein und wollte unbedingt, daß eine Expertin für Okkultismus und Übersinnliches sich der Sache annimmt, da die örtliche Kriminalpolizei wohl ziemlich auf der Stelle tritt..."

Ich schluckte.

"Vielleicht war es Mr. Reeds Anwesen, daß ich in der Vision sah..."

"Ich habe ein Foto. Arnold hatte es vor Jahren einem Brief beigelegt, kurz nachdem er den Landsitz erwarb. Es heißt Mondrich Manor und machte wirklich einen sehr stilvollen Eindruck."

"Zeig mir das Bild", forderte ich eindringlich. "Bitte."

Tante Lizzy sah mich nachdenklich an.

"Du glaubst, daß es jenes Anwesen ist, daß du in deiner Vision vor Augen hattest..."

"Ja..."

"Würde es etwas ändern, wenn es so wäre?"

"Tante Lizzy, ich spüre..."

"Was?"

"Die Gefahr..." Ich zuckte die Achseln. "Ich weiß auch nicht."

Tante Lizzy lächelte. "Ob du es nun glaubst oder nicht: Ich bin eine erwachsene Frau, Patti. Und ich kann durchaus auf mich aufpassen..."

Ich mußte lächeln.

Als Jugendliche hatte ich mich gegen Tante Lizzys Bevormundung wehren müssen - jetzt kehrte die alte Dame den Spieß kurzerhand um. Sie ging an den Schreibtisch, der in einer Ecke der Bibliothek stand. Es handelte sich schon optisch um ein besonderes Möbelstück. An den Ecken befanden sich eigenartige Schnitzereien, die tierhafte Gesichter von Fabelwesen darstellten. Tante Lizzy öffnete eine Schublade, holte einen Umschlag hervor und nahm ein Foto heraus. Sie reichte es mir.

"Nun?" fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein", sagte ich, "Das ist ganz sicher nicht das Anwesen, das ich gesehen habe..."

Aus irgend einem Grund beruhigte mich diese Tatsache etwas.

Aber ein leichtes Unbehagen blieb...

"Ich werde dich natürlich über alles unterrichten, was ich herausfinde", versprach Tante Lizzy.

"Darum möchte ich gebeten haben!"

*

Tante Lizzy brach am nächsten Tag nach Schottland auf. Arnold Reed mußte die Anwesenheit meiner Großtante wirklich überaus wichtig sein, denn er ließ sie mit einem Privatflugzeug von London Heathrow aus abholen.

"Einen derartigen Luxus läßt Mr. Reed eben nur seinen langjährigen Bekannten zukommen - und nicht den

Angestellten seines Verlages", meinte Tom dazu, als ich ihm davon berichtete.

Tom Hamilton und ich hatten einen Termin bei Scotland Yard, der indirekt mit unserer Kambodscha-Reise in Zusammenhang stand.

Als wir den dortigen Machenschaften des ORDENS DER

MASKE

auf die Spur kamen, hatten wir unter anderem feststellen müssen, daß der berüchtigte Kriminelle und ehemalige Gesichtschirurg Dr. Skull dort eine wichtige Position eingenommen hatte. Angesichts der Tatsache, daß Skull über erhebliche okkulte Kenntnisse verfügte, konnte sein rascher Aufstieg in der Organisation des ORDENS eigentlich nicht weiter verwundern.

Dr. Skull wurde auch im Vereinigten Königreich gesucht und so interessierte sich natürlich auch Scotland Yard für sein Verbleiben.

Wir konnten nur aussagen, daß Dr. Skull aller

Wahrscheinlichkeit nach tot war.

Inspektor Craven, den ich durch einige Gerichtsreportagen kannte, hörte nachdenklich unserem Bericht zu.

Selbstverständlich ließen wir darin alles aus, was nach übersinnlichen Kräften oder anderen, nicht auf Anhieb erklärbaren Dingen aussah. Schließlich hatten wir keine Lust, uns langwierigen psychiatrischen Untersuchungen stellen zu müssen.

"Haben Sie eine Ahnung, was für eine Funktion Dr. Skull letztlich innerhalb des ORDENS ausübte?" erkundigte sich Craven mit nachdenklichem Gesicht.

"Nein", meinte ich. "Aber ich vermute, man muß jederzeit mit weiteren Aktionen dieser Weltuntergangs-Sekte rechnen..."

Craven nickte.

"Ja, das steht zu befürchten", gab er zu.

Das Wissen, daß Scotland Yard über den ORDEN besaß, war sehr gering. Und es gelang eher den Maskenträgern, sich bei der Polizei und den Behörden einzuschleichen als umgekehrt.

Scotland Yard Inspector Gregory Barnes war dafür vor kurzem ein erschreckendes Beispiel gewesen. Es hatte sich herausgestellt, daß er ein Mitglied des ORDENS gewesen war.

Inzwischen fehlte von ihm jede Spur.

Nachdem die Befragung zu Ende war, fuhren wir nicht gleich zurück zum Verlagsgebäude in der Lupus Street. Stattdessen machten wir einen Abstecher in die Außenbezirke und gingen Arm in Arm an der Themse spazieren.

Irgendwann blieben wir am Ufer stehen und sahen den Schiffen zu, die sich flußaufwärts quälten.

Ich schmiegte mich an Tom, während ein kühler Wind über die Flußniederungen strich.

"Es gefällt dir nicht, daß deine Tante Lizzy sich selbständig nach Schottland aufmacht, was?" meinte er.

Ich drehte mich zu ihm herum, blickte in seine meergrünen Augen.

Tom grinste.

"Unsinn", meinte ich. "Das ist es nicht... Es ist nur diese Vision, von der ich dir erzählt habe... Und was diese Todesfälle unter den Farmern angeht, so finde ich das ziemlich beunruhigend."

"Sieht nicht so aus, als würde Mr. Swann uns als Verstärkung nach Schottland fahren lassen!"

"Nein."

"Was denkt denn Tante Lizzy, was diesen Vorfällen zu Grunde liegt?"

Ich zuckte die Achseln. "Ich weiß nur, daß sie einige Bücher eingepackt hat, die sich mit verschiedenen Formen des Vampirismus beschäftigen..."

Eine Vermutung, die im übrigen auf Grund der Tatsache, daß sich weder in den Tierkadavern noch in den menschlichen Leichen auch nur ein einziger Tropfen Blut gefunden hätte, sehr wahrscheinlich war.

Wir gingen ein Stück weiter, während der Wind immer stärker wurde. Ein durchdringender Seewind, gegen den es keine Kleidung zu geben schien. Als wir dann erneut stehen blieben, fanden sich unsere Lippen zu einem Kuß voll inniger Leidenschaft. Wenigstes für einige Momente gelang es mir, all die düsteren Dinge zu vergessen, die wie drohende Schatten über mir hingen.

Rare Augenblicke des Glücks...

*

Mondrich Manor war ein prächtiges Anwesen, bestehend aus einem gewaltigen Haupthaus und mehreren Nebengebäuden. Die grauen Steinquader, aus denen sie im 16. Jahrhundert errichtet worden waren, ließen sie wie Überbleibsel aus einer anderen Zeit erscheinen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß die Gebäude sehr gründlich restauriert waren und das gesamte Anwesen über jeden nur erdenklichen modernen Komfort verfügte.

Mondrich Manor wurde von einem Park umgeben, der an von geometrischen Formen geprägten Barockgärten orientiert war.

Klare Linien, das paßte zu Arnold Reed, dem Herrn dieses imposanten Landsitzes, zu dem außerdem noch einige ausgedehnte Fischteiche, ein Golfplatz und eine Landebahn für private Flugzeuge gehörte.

Arnold Reed holte Tante Lizzy persönlich ab, als der Privatflieger auf der gut ausgebauten Piste landete.

Reed war ein hochgewachsener, aristokratisch wirkender Mann mit vollem, aber ergrautem Haar. Er trug einen dünnen, ebenfalls grauen Oberlippenbart und seine konservativ geschnittenen dreiteiligen Anzüge saßen ihm wie angegossen.

Der erfolgreiche Verleger war ein Mann des vollendeten Stils. Er begrüßte Tante Lizzy mit einem formvollendeten Handkuß.

"Ich freue mich wirklich außerordentlich, daß du meiner Bitte, so schnell wie möglich hier her zu kommen, entsprochen hast!"

"Das war doch selbstverständlich, Arnold..."

Reeds Lächeln war verhalten. Es war ihm deutlich

anzusehen, daß er sich nicht wohlfühlte. Irgend etwas nagte offenbar an seiner Seele. Tante Lizzy kannte ihn gut genug, um das sofort zu bemerken.

Tante Lizzy seufzte hörbar und sog dann die frische, klare Luft der Highlands ein.

Kurz ließ sie den Blick über das beeindruckende

landschaftliche Panorama schweifen. "Du hast einen imposanten Besitz, Arnold!" mußte sie anerkennend feststellen. "Ich hatte ja Gelegenheit, mir aus der Luft einen Überblick zu verschaffen..."

"Leider warst du noch nie hier, Elizabeth..."

"Es hat sich nie die Gelegenheit ergeben!"

"Gelegenheit? Elizabeth, du hattest nie Zeit..."

"Nun, ich bin zwar eigentlich in einem Alter, in dem man geruhsam seinen Lebensabend genießen sollte, aber irgendwie liegt es mir nicht, untätig herumzusitzen..."

"Da geht es dir wie mir!" Er machte eine ausholende Bewegung. "Da habe ich mir dieses wunderbare Refugium erworben und meine Gedanken sind doch oft in der Londoner Lupus Street..." Er deutete auf ein Cabriolet, das ganz in der Nähe stand. "Steig ein, Elizabeth!"

"Danke..."

Einer der Bediensteten, die dafür sorgten, daß Arnold Reeds Anwesen reibungslos geführt wurde, nahm Tante Lizzys Koffer und schleppte sie hinter das Cabriolet. Es machte ihm sichtlich Mühe, sie in den Kofferraum zu hieven. Reed half ihm.

"Meine Güte, was hast du denn alles mitgenommen, Elizabeth?"

"Nur das Wichtigste!"

"Das ist schwer wie Stein!"

"Ein paar Schriften zum Thema Vampirismus." Tante Lizzy zuckte mit den Achseln. "Schließlich muß man sein Handwerkszeug dabeihaben..."

Reeds Gesicht wurde sehr ernst. Er nickte leicht.

"Ja, das ist wahr", murmelte er. Und Tante Lizzy dachte darüber nach, weshalb Arnolds Reeds Gesicht auf einmal so blaß geworden war. Er trat etwas näher an sie heran. Bevor er etwas sagte, wartete er, bis sein Bediensteter sich entfernt hatte. "Hier geht etwas Schreckliches vor sich, Elizabeth...

Etwas Unfaßbares..."

*

Es war Nacht.

Das dunkle Schloß - gezeichnet vom Verfall und der Last der Jahrhunderte - schimmerte als dunkler Schatten durch eine Nebelbank hindurch.

Etwas flog aus den Fenstern eines Turms heraus. Schwarze Punkte, die sich sammelten, einen Schwarm bildeten und dann erst nach links, dann nach rechts drifteten. Sie schwebten durch die Nebelbänke hindurch, erhoben sich zeitweise darüber und verbreiteten durch ihren Flügelschlag einen raschelnden Laut.

Es war windstill.

Beinahe hatte man den Eindruck, als ob das Land den Atem anhielt, während die geflügelten dunklen Schatten ausschwärmten...

"Was ist das für ein Ort, an den du mich gebracht hast?"

fragte Tante Lizzy an die dunkle, nur als schwarzen Umriss erkennbare Gestalt gewand, die zu ihrer Linken stand.

Keine Antwort.

"Diese Ruine...", murmelte Tante Lizzy nachdenklich. "Ich glaube ich weiß, was das ist..."

Die Fledermäuse kamen näher. Für Augenblicke drang das fahle Mondlicht als verwaschener Fleck durch den Nebel hindurch und strahlte sie an. In diesem fahlem Licht sahen sie ausgetrockneten Präparaten ähnlich.

Tante Lizzy preßte die Lippen aufeinander.

Sie fühlte ihr Herz stärker klopfen, griff sich an die Brust... Mein Gott, was geschieht hier? ging es ihr durch den Kopf.

Der Schwarm der Fledermäuse hatte sich unterdessen fast völlig aufgelöst. Die Tiere waren in alle Richtungen zerstoben. Manche von ihnen tauchten hin und wieder als dunkle Punkte im Nebel auf. Es hatte den Anschein, als ob sie zwischenzeitlich zu einer Art Sturzflug ansetzten, hinab zur Erde tauchten, um...

Sie sind Jäger, dachte Tante Lizzy.

Tierische Schreie durchdrangen hier und da die

beunruhigende Stille, die über diesem Land lag. Schreie, die ein Sinnbild der Verzweiflung und der Todesangst waren...

Tante Lizzy wandte den Kopf und blickte die hochgewachsene Schattengestalt an, die neben ihr stand. Den Umrissen nach, war es vermutlich ein Mann. Zumindest sprachen die breiten Schultern dafür.

"Es hat seinen Grund, daß du mich her geführt hast, nicht wahr?"

"Ja."

Die Stimme war kaum mehr als ein Wispern.

"Ist dies der Ort, von dem aus das Übel ausgeht?"

fragte Tante Lizzy.

Die Gestalt trat zurück, drehte sich und ging ein paar Schritte. Vor dem Cabrio blieb sie stehen und lehnte sich an den Kotflügel. "Ich weiß es nicht..."

Auf Tante Lizzys Stirn bildete sich eine tiefe Furche zwischen den Augen.

"Was ist plötzlich mit dir?"

Ein Geräusch lenkte sie ab.

Es war das charakteristische Rascheln von

Fledermausflügeln. Sie drehte sich herum und sah eines der Tiere auf sich zu flattern. Rasch näherte es sich. Sie wich einen Schritt zurück. Die Fledermaus setzte zur Landung an.

Auf den letzten Metern begann die Verwandlung...

Der Leib wuchs auf ein Vielfaches seiner ursprünglichen Größe. Ein affenartiges Gesicht mit dicken Augenwülsten und einem zahnbewehrten Maul bildeten sich vor Tante Lizzys Augen.

Das Wesen, das nun vor ihr stand hatte die Größe eines Menschen. Die meisten Details wurden jedoch durch die Dunkelheit versteckt.

Mondlicht spiegelte sich in den Augen.

Tante Lizzy war starr vor Schrecken.

Sie schrie in der nächsten Sekunde auf, als zwei mit Krallen ausgestattete Pranken nach ihr griffen. Das Maul des Wesens öffnete sich weit. Ein Geruch von Moder und Verwesung drang daraus hervor.

Und dann waren da die langen, leicht gebogenen Eckzähne, deren Form Ähnlichkeiten mit dem Gebiß einer Königskobra hatten...

*

Schweißgebadet und mit einem Schrei auf den Lippen tauchte ich aus der Dunkelheit empor. Ich war hellwah, saß kerzengerade im Bett und zitterte am ganzen Köper. Zu deutlich standen mir noch die Bilder meiner letzten Traumvision vor Augen...

Ich zuckte zusammen, als mich von hinten zwei Hände an den Schultern berührten. Obwohl es eine zärtliche Berührung war.

"Patti...", murmelte Tom meinen Namen. Und der Klang seiner Stimme beruhigte mich etwas. Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und blickte mich um. Es war fast so, als müßte ich mich erst wieder der Tatsache vergewissern, daß ich mich im Hier und Jetzt befand.

In der Wirklichkeit, dachte ich. Aber das war eigentlich nicht der richtige Begriff. Denn das, was ich in meiner Vision gesehen hatte, war auf seine Weise auch Wirklichkeit. Vielleicht eine zukünftige Realität - oder ein Geschehen an einem anderen, weit entfernten Ort...

Ich schluckte.

Immer wieder sah ich das fratzenhafte Gesicht des Wesens vor mir, in das sich die Fledermaus verwandelt hatte. Ich glaubte beinahe jetzt noch spüren zu können, wie die mit Krallen bewehrten Pranken mich an den Schultern packten...

Ich bin hier, in Toms Wohnung an der Ladbroke Grove Road in London, sagte ich mir.

Tom nahm mich in den Arm.

Ich schmiegte mich an ihn, spürte seinen Herzschlag und versuchte einige Augenblicke lang, ruhig zu atmen.

Tom strich mir über das Haar.

Augenblicke vergingen.

Schließlich sagte Tom irgendwann: "Erzähl es mir, Patti...

Was hast du gesehen?"

Ich brauchte ihm gar nicht erst zu erklären, daß es eine meiner Traumvisionen war, die mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Er kannte mich gut genug, um Bescheid zu wissen, ohne daß es dafür noch irgendeiner Erklärung bedurft hätte. Und er war bereit, auch mit den Schattenseiten meiner Gabe zu leben. Etwas, was ich ihm sehr hoch anrechnete.

Ich setzte mich auf, blickte ihn an. Dann stand ich auf, ging zum Lichtschalter und knipste es an. Ich wollte einfach, daß es jetzt hell war - und nicht so dunkel wie in meinem Alptraum. Tom blinzelte zunächst etwas.

Ich ging zurück, setzte mich auf die Bettkante und blickte in seine meergrünen Augen.

"Es war Tante Lizzy", sagte ich. "Und dann war da ein dunkles Schloß... ein Schloß, daß ich zuvor schon einmal in einer Vision gesehen habe. Fledermäuse entwichen aus den Türmen dieses Schlosses. Wenn sie landeten, verwandelten sie sich in furchtbare Bestien..." Ich strich mir über das Gesicht. "Ich glaube, Tante Lizzy ist etwas Furchtbares geschehen. Und wenn nicht, dann wird es bald geschehen..."

Ich griff nach dem Telefon auf dem Nachttisch und wählte die Nummer von Tante Lizzys Handy.

Zunächst war sie nicht begeistert davon gewesen, so ein Ding mit sich herumzuschleppen, aber ich hatte sie schließlich überzeugen können. Ihr Herz bereitete ihr ja schon seit längerem gewisse Probleme. Und da konnte es gut sein, daß sie plötzlich auf sehr schnelle Hilfe angewiesen war...

Ein Handy konnte in einer solchen Situation lebensrettend sein.

Nach einigen Schwierigkeiten, die ihr die kleinen Knöpfe und das in ihren Augen komplizierte Menue bereiteten, kam sie jetzt gut damit zurecht.

Ich wartete ungeduldig auf ein Freizeichen.

Stattdessen erklang eine Stimme mit dem monoton

gesprochenen Satz: "Die Person, die sie angerufen haben, ist nicht erreichbar. Die Person, die sie anger..." Ich unterbrach die Verbindung.

"Was ist?" fragte Tom. "Meldet sich niemand?"

"Nein..."

Es gab viele Möglichkeiten, die die Tatsache erklären konnten, daß Tante Lizzy nicht zu erreichen war. Vielleicht war der Akku ihres Handys leer, oder Mondrich Manor befand sich in einem sogenannten Funkloch...

Eine dunkle Ahnung sagte mir, daß dem nicht so war...

Ich atmete tief durch und versuchte es noch einmal.

Wieder meldete sich niemand.

Ich wählte erneut, diesmal die Nummer der Auskunft.

"Hallo? Ja, ich hätte gerne die Nummer von Arnold Reed auf Mondrich Manor bei Inverness..."

"Bist du wahnsinnig?" fragte Tom, nachdem ich mir die Nummer notiert und wieder aufgelegt hatte. "Du hast hoffentlich nicht vor, Mr. Reed um diese Zeit aus den Federn zu klingeln..."

"Wenn es sein muß..."

"Patti... bist du dir darüber bewußt, daß dieser Mr. Reed es ist, der uns das Gehalt zahlt?"

"Tom, da ist etwas Furchtbares geschehen.. mit Tante Lizzy!"

Tom stand auf, umrundete das Bett und sah mich nachdenklich an. "Du bist dir wirklich sicher?"

"Ziemlich."

Er verschränkte die Arme vor der Brust. "Naja, notfalls gibt es ja noch andere Zeitungen in London..."

"Sehr witzig..."

Ich versuchte, jemanden auf Mondrich Manor zu erreichen.

Eine Art Verwalter namens Wilkins meldete sich schließlich.

Er hatte eine scharf klingende, schneidende Stimme, deren Timbre immer eine versteckte Drohung zu enthalten schien.

"Miss Vanhelsing, Ihre Großtante schläft jetzt und ich möchte nicht..."

"Sie wird weder Ihnen noch mir in irgendeiner Weise böse sein, wenn Sie sie jetzt ans Telefon holen", unterbrach ich ihn. "Tante Lizzy schläft ohnehin nicht lange, fünf, sechs Stunden, das ist für sie ganz normal..."

"Es tut mir leid, aber das ist unmöglich..."

"Bitte. Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit...“

"...die doch sicher bis morgen früh Zeit hat."

"Ganz und gar nicht", widersprach ich. "Im übrigen werde ich mich bei Mr. Reed persönlich beschweren, wenn Sie mir weiter Steine in den Weg legen..."

"Warum denn gleich so unhöflich, Miss Vanhelsing", war die kühle Erwiderung. "Ich kann noch nicht einmal nachprüfen, wer Sie in Wahrheit sind..."

"Hören Sie..."

"Wie gesagt, ich versichere Ihnen, daß Mrs. Vanhelsing wohlauf ist."

"Aber..."

"Rufen Sie morgen wieder an, wenn Sie Ihre Großtante sprechen wollen. Auf Wiederhören."

Ehe ich noch etwas erwidern konnte, machte es 'klick' und die Verbindung war unterbrochen.

"Ich komme an diesem Wilkins einfach nicht vorbei!" seufzte ich an Tom gewandt.

"Vielleicht versucht du es wirklich morgen noch einmal", meinte er.

"Morgen", murmelte ich, "kann es zu spät sein... vielleicht ist es das auch schon."

"Und was schlägst du vor? Urlaub nehmen und nach Schottland fahren?"

"Warum nicht? Tom, von dem Schloß, daß ich gesehen habe, geht irgendein Verhängnis aus. Das spüre ich ganz deutlich.

Und Tante Lizzy ist vielleicht schon..."

Ich stockte.

"Was?" fragte Tom.

"Ich weiß es nicht..." Ich stand auf, ging barfuß zum Fenster und blickte hinaus. Tom Hamiltons Wohnung lag in einem

Altbau. Man hatte eine gute Aussicht auf das Lichtermeer des nächtlichen London. Ich schloß die Augen und versuchte, mich an das Gesehene zu erinnern, es festzuhalten. Jede Einzelheit. Auch das kleinste Detail konnte eine Bedeutung haben, das wußte ich inzwischen.

Ich sah die Szene wieder vor mir, Tante Lizzy, das dunkle Schloß...

Und dann war da noch die Gestalt im Dunkeln, von der ich vermutete, daß es sich um einen Mann handelte. Verzweifelt versuchte ich mich an den Klang seiner Stimme zu erinnern.

Aber es gelang mir nicht. Die Erinnerung verflüchtigte sich.

Und je verzweifelter ich mich darum bemühte, sie

festzuhalten, desto schneller löste sie sich in Nichts auf...

Aber da war noch eine Einzelheit, die klar und deutlich vor mir stand.

Ein Cabriolet.

"Weißt du etwas näheres darüber, weshalb Arnold Reed deine Tante Lizzy nach Mondrich Manor gerufen hat?" fragte Tom.

"Ich weiß nur, daß es eine Art Notruf war und irgendwie wohl mit eigenartigen Todesfällen in Verbindung stand, die in der Gegend geschehen sind. Ich hatte eine Meldung darüber auf dem Schreibtisch."

"Im Moment können wir jedenfalls nichts tun", stellte Tom fest.

Am nächsten Morgen versuchte ich erneut, Tante Lizzy zu erreichen. Ihr Handy reagierte noch immer nicht. Und über die Leitung nach Mondrich Manor geriet ich wieder an Wilkins.

"Es tut mir sehr leid, Miss Vanhelsing, aber Ihre Großtante ist gegenwärtig nicht im Haus..."

"Wo ist sie?" hakte ich nach.

"Sie ist in der Umgebung unterwegs... Zusammen mit Mr.

Reed. Aber ich habe heute morgen mit ihr gesprochen und ihr mitgeteilt, daß Sie in der Nacht angerufen haben. Ich soll Ihnen ausrichten, daß alles in Ordnung sei."

Ich hatte ein drückendes, unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Hier stimmt etwas nicht...

Warum hatte Tante Lizzy nicht ihrerseits versucht, mich zu erreichen? Das war mehr als ungewöhnlich. Mich mit einer nichtssagenden Botschaft abzuspeisen, wenn ich sie mitten in der Nacht zu erreichen versuchte! Nein, das sah wirklich nicht nach Tante Lizzy aus...

Was ist dort auf Mondrich Manor nur geschehen? dachte ich. Und für Sekunden standen mir wieder die Schreckensbilder meiner Traumvision vor Augen.

Was, wenn Tante Lizzy sich nicht mehr melden konnte?

Ein Frösteln überkam mich.

Und Wilkins' kalte, wie klirrendes Eis klingende

Telefonstimme tat dazu ein übriges.

"Ich nehme an, Mr. Reed verfügt über ein Mobiltelefon!"

meinte ich.

"Gewiß", war Wilkins' Erwiderung.

"Vielleicht geben Sie mir die Nummer, dann könnte ich..."

Er schnitt mir das Wort ab.

"Diese Nummer ist nur für einen ausgewählten Personenkreis, Miss Vanhelsing. Einen Personenkreis, zu dem Sie ganz gewiß nicht gehören..."

"Aber..."

"Es tut mir leid, Ihnen nicht weiterhelfen zu können."

Er unterbrach das Gespräch.

"Versuchen wir's über Swann", meinte Tom etwas später. "Der Chefredakteur der LONDON EXPRESS NEWS muß über einen direkten Draht zu Arnold Reed verfügen..."

*

Es war später Vormittag, als Tom und ich in Michael T. Swanns Büro saßen. Ich hatte bis dahin immer wieder vergeblich versucht, Tante Lizzy zu erreichen. Mittlerweile ließ sich selbst der Verwalter Wilkins verleugnen.

Michael T. Swann hörte sich meine Geschichte geduldig an.

Natürlich erwähnte ich darin nichts von meiner Vision oder den dunklen Ahnungen, für die meine mysteriöse Gabe verantwortlich war.

Aber ich stellte einen Bezug zu den geheimnisvollen Todesfällen in Schottland her. Am Morgen war im übrigen wieder eine Meldung über die Ticker gegangen, nach der erneut einige schrecklich zugerichtete Leichen in der Nähe von Inverness gefunden worden waren.

Michael T. Swann lehnte sich mit der Hüfte gegen seinen Schreibtisch und warf dabei um ein Haar einen der großen Manuskriptstapel herunter, die sich darauf in geradezu schwindelerregende Höhe stapelten. "Warum genau meinen Sie, Ihre Großtante unbedingt erreichen zu müssen..."

"Ich weiß nicht genau..."

"Weibliche Intuition?"

Ich hätte ihn für diesen Ausspruch verfluchen können. Aber die Hauptsache war, daß wir an Reeds Nummer kamen.

Swann atmete tief durch, verschränkte die Arme und überlegte.

"Wissen Sie, ich mach meinen Job gerne... besonders, weil ich in Mr. Reed einen Verleger habe, der hundertprozentig hinter mir steht und mich nicht in die Pfanne haut, wenn irgendein Anzeigenkunde meint, daß er bestimmen könnte, was in den NEWS zu stehen hat und was nicht... Sie können sich also denken, daß ich Mr. Reed ungern auf die Nerven gehen möchte."

"Geben Sie uns einfach die Nummer. Dann gehen wir ihm auf die Nerven."

Swann lachte heiser auf. "Aber er wird wissen, wer Ihnen dazu die Möglichkeit gegeben hat..."

"Nun..."

Swann griff kurz entschlossen zum Telefon und wählte eine Nummer. Einige Augenblicke lang stand er da und lauschte. Dann legte er wieder auf.

"Mr. Reed ist nicht erreichbar", erklärte er. "Seltsam..."

"Geben Sie uns Urlaub", schlug Tom Hamilton vor. "Oder schicken Sie uns nach Inverness, um diese geheimnisvollen Todesfälle zu untersuchen..."

Swann hob die Augenbrauen.

"Sind Sie nicht etwas voreilig?" Der Chefredakteur zuckte die Achseln und fuhr dann fort: "Ich denke darüber nach...

Schließlich sind diese Vorfälle in der Gegend von Inverness auch eine Story für die LONDON EXPRESS NEWS..."

*

Tom und ich versuchten, im Archiv etwas mehr darüber herauszubekommen, seit wann es in der Umgebung Inverness Todesfälle dieser Art gab. Wir stießen nur auf

bruchstückhafte Informationen. Hier und da verstreute Meldungen über Tiere, die unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen waren. Außerdem ein Bericht über eine bisher unbekannte Fledermaus-Art, die in der Gegend offenbar heimisch geworden war...

Es war gegen Mittag, als ich wieder an meinen Schreibtisch saß und ziemlich lustlos die Meldung einer Nachrichtenagentur so umschrieb, daß daraus ein lesbarer Artikel wurde. Ich machte schrecklich viele Fehler, weil ich mit den Gedanken nicht so recht bei der Sache war.

Immer wieder dachte ich an die furchtbare Szene, die ich in meiner Vision gesehen hatte.

Tante Lizzy...

Sie hatte mir in all den Jahren nach dem Tod meiner Eltern die Mutter ersetzt. Und daher fühlte ich mich ihr in ganz besonderer Weise verbunden. Der Gedanke, daß ihr möglicherweise etwas Furchtbares zugestoßen war, ließ mich einfach nicht zur Ruhe kommen.

Wenn du inzwischen etwas über deine Gabe gelernt hast, dann daß du ihr trauen mußt! ging es mir durch den Kopf.

Ich versuchte nochmals, Tante Lizzy zu erreichen.

Vergeblich.

Im Grunde hatte ich auch gar nicht mehr damit gerechnet, damit Erfolg zu haben.

Irgendwann trat Mr. Swann an meinen Schreibtisch. Ich schrak zusammen, weil ich ihn nicht gleich bemerkt hatte.

"Die Sache mit Ihrer Großtante scheint Ihnen wirklich sehr nahe zu gehen", stellte er nachdenklich fest.

"Sie halten mich sicher für hysterisch."

"Den Eindruck hatte ich bisher von Ihnen nicht", erwiderte er. "Ganz im Gegenteil."

Ich atmete tief durch und trank den Pappbecher mit dünnem Automatenkaffee leer, der neben dem Computer stand. Es war ein bißchen riskant, ihn dort abzustellen. Mr. Swann sah das auch nicht gerne, aber diesmal sagte er nichts.

"Wo ist Mr. Hamilton?" fragte er.

"Er macht ein paar Bilder von dem Unfall in der Kensington Street."

"Ja, richtig..."

Swann kratzte sich am Hinterkopf. Ich hatte den Eindruck, als ob er mir irgend etwas zu sagen versuchte, aber nicht so recht wußte, wie er es anstellen sollte.

Als er schließlich die Sache ansprach, war sein Tonfall sehr gedämpft.

"Ich habe den ganzen Morgen über versucht, Mr. Reed zu erreichen... leider vergeblich. Natürlich könnte sein Handy defekt sein, aber normalerweise sorgt Mr. Reed immer dafür, erreichbar zu sein. Schließlich muß er die Entscheidungen treffen, wenn hier im Verlag etwas zu brennen beginnt.

Besonders seltsam ist dieser Verwalter namens Wilkins, an den man gerät, wenn man direkt in Mondrich Manor anruft. Er muß neu sein. Jedenfalls kenne ich ihn nicht. Normalerweise hätte er dafür sorgen müssen, daß meine Bitte um dringenden Rückruf Mr. Reed umgehend erreicht, aber das war offenbar nicht der Fall."

"Sie glauben also auch, daß da etwas nicht stimmt?"

"Sagen wir so, ich halte es für möglich. Sie wissen ja, daß Tarnorganisationen des ORDENS DER MASKE auf die LONDON

EXPRESS NEWS Einfluß zu nehmen versuchten, aber Mr. Reed ihnen Paroli geboten hat."

Ich begriff sofort, was Swann meinte.

"Sie denken, der ORDEN hat Mr. Reed in seiner Gewalt?"

"Das haben Sie gesagt."

"Und Sie gedacht!"

"Die Gedanken sind frei, Patricia. Jedenfalls lasse ich Sie und Tom nach Schottland fahren. Offiziell sind Sie dort, um eine Reportage über die rätselhaften Morde zu schreiben. Aber ich habe natürlich nichts dagegen, wenn Sie Mondrich Manor einen Besuch abstatten würden..."

"Ich verstehe."

"Sie können hier gleich Schluß machen und alles vorbereiten... Aber passen Sie auf sich auf!"

Nachdem Swann sich umgedreht hatte und zurück in Richtung seiner Bürotür ging, sah ich ihm einen Augenblick lang erstaunt nach. Von einer derart fürsorglichen Seite konnte man Swann selten erleben.

Vielleicht lag es daran, daß eine Organisation wie der ORDEN DER MASKE selbst einem hartgesottenen Journalisten wie

ihm Respekt einflößte.

Ich griff zum Telefon, um Tom über Handy zu erreichen.

*

Es war später Nachmittag. Meine Sachen standen gepackt im Flur, während ich auf dem Fußboden der Bibliothek in Tante Lizzys Villa kniete und in verschiedenen dicken Folianten hermstöberte.

Ich hatte in der Küche eine Liste gefunden, auf der die Werke aufgeführt waren, die Tante Lizzy mit nach Mondrich Manor hatte nehmen wollen. Sie hatte sie sorgfältig abgestrichen.

Es handelte sich um die wichtigsten Standardwerke zur Erforschung des Vampirismus und diese standen mir nun natürlich für meine Recherchen nicht zur Verfügung. Ich war darauf angewiesen, in anderen Werken Querverweise und Verbindungen zu finden. Ein mühsames Unterfangen, für das man eigentlich viel mehr Zeit benötigte, als mir zur Verfügung stand.

Tom und ich wollten den Abendzug nehmen, so daß wir am nächsten Morgen in Inverness eintreffen würden. Dort konnten wir uns dann einen Wagen leihen.

Es klingelte an der Tür. Ich stand auf, lief durch den Flur und öffnete schließlich. Tom stand draußen. Er hielt eine Pizza-Schachtel in der Linken.

"Hier, das sollten wir uns noch genehmigen, bevor es losgeht", meinte er.

Wir gingen zusammen in die Bibliothek.

"Leider habe ich noch nicht viel herausbekommen können", stellte ich fest. "Aber Tante Lizzy war wohl ziemlich fest davon überzeugt, es in Schottland mit Vampiren zu tun zu bekommen..."

Es gab Vampirismus in unterschiedlichsten Formen und bei den verschiedensten Wesen.

"Tante Lizzy hat sich besonders für die Tuha-na-Dhyss interessiert", erklärte ich Tom, während ich bereits einen Bissen der Pizza kaute. "Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Volk der Nacht, wie es in zahlreichen keltischen Legenden beschrieben wird. Geflügelte Schattenwesen, die die Gestalt von Fledermäusen anzunehmen vermögen... Leider hat Tante Lizzy alles, was wir an Literatur darüber haben, mitgenommen. Aber das wenige, das ich anderswo über die Tuha-na-Dhyss erfahren habe, klingt sehr beunruhigend..."

"Und? Was wäre das?"

"Zum Beispiel, daß die Tuha-na-Dhyss ihre Opfer zumeist auf dieselbe Weise zurichten, wie wir das aus den Meldungen aus Inverness kennen. Nur wenige der Opfer werden nicht gleich zerfleischt und all ihres Blutes beraubt, sondern stattdessen immer wieder leicht gebissen, bis sie schließlich sich selbst in jene Schattenwesen verwandeln..."

"Gibt es irgendein Mittel gegen diese Kreaturen?" fragte Tom.

"Jedenfalls nicht Silberkugeln und Knoblauch", erwiderte ich düster. "Um ehrlich zu ein, ich weiß es nicht, Tom..."

*

Der raschelnde Schlag schwarzer Schwingen erfüllte das enge, dunkle Tal, über dem der bleiche Mond wie das kalte Auge eines riesigen Götzen schwebte.

Es war windstill, während Hunderte von Fledermäusen in kleinen Gruppen heranflatterten. Hier und da drangen schrille Piepslaute durch die Nacht. Aber der Großteil dessen, was diese Wesen von sich gaben, war für menschliche Ohren nicht hörbar.

Die Fledermäuse kreisten eine Weile über dem Tal, sammelten sich zu einem gewaltigen Schwarm. Eine geheime Macht hielt sie offenbar zusammen, dirigierte die Bewegungen des Schwarms auf beinahe magische Weise.

Es hatte den Anschein, als ob diese Wesen auf etwas warteten.

Sie folgten einem Plan.

Dem Plan ihres Herrn und Meisters...

Tief unter ihnen verlief die Bahnlinie nach Inverness. Sie lag im Schatten. Es war kaum etwas von den Gleisanlagen zu sehen. Nur hier und da beleuchtete das Mondlicht die elektrischen Oberleitungen.

Der dunkle Schwarm wuchs immer weiter an, wogte hin und her. Ein Vorgang, der sich eine ganze Weile lang hinzog. Dann schließlich, als kaum noch Neuankömmlinge zum Schwarm stießen, setzten die Fledermäuse gleichzeitig zum Sinkflug an.

Die kleinen geflügelten Wesen krallten sich an den Oberleitungen fest. Es dauerte nur Augenblicke, dann hingen sie zu Hunderten kopfüber an den Drähten.

Hier und da blitzte ein Funke auf.

Aber das machte diesen Tieren nichts aus.

Eine gespenstische Ruhe legte sich über das Tal.

Die geflügelten Wesen warteten.

Auf den Zug.

*

Wir hatten ein Liegeabteil im Nachtzug nach Inverness genommen. Am nächsten Morgen würden wir in aller Frühe unser Ziel erreichen. Der Tag lag dann vor uns. Ein Tag, der - wie ich hoffte - Klarheit über das bringen würde, was mit Tante Lizzy geschehen war.

Ich hatte Angst davor, einzuschlafen.

Denn immer, wenn ich die Augen auch nur für Sekunden schloß, hatte ich wieder die schrecklichen Traumbilder vor Augen... Jene unheimlichen Wesen, die sich aus Fledermäusen heraus entwickelt hatten und des Nachts auf eine grausame Jagd gingen.

Wer war der Mann beim Cabriolet? fragte ich mich noch immer verzweifelt. Ich hatte immer wieder versucht, mich an weitere Einzelheiten zu erinnern.

Vergebens.

Die Details verblaßten.

Ich hatte ein paar Bände aus Tante Lizzys Bibliothek mitgenommen, in denen ich mehr oder minder ausführliche Hinweise auf die Tuha-na-Dhyss gefunden hatte.

So befanden sich unter anderem eine Übersetzung von Ferenz Borsodys Buch ZEICHEN DER GEHEIMEN MACHT sowie

eine

englische Übertragung der ABSONDERLICHEN KULTE von Hermann

von Schlichten in meinem Gepäck.

Ich folgte jedem auch noch so kleinen Hinweis.

Aber jeder dieser Hinweise vergrößerte das Rätsel nur...

"Die Tuha-na-Dhyss werden vor allem in alten keltischen Quellen erwähnt", meinte ich an Tom gewandt. "Über die Jahrhunderte hinweg sollen sie immer wieder auf Menschenjagd gegangen sein..."

"Fledermäuse stehen ja klassischerweise mit dem Vampir-Mythos in Zusammenhang", erwiderte Tom.

"Eigentlich habe ich bisher eher eine nüchterne Erklärung dafür bevorzugt und die Sache mit den Fledermäusen nicht als Kern des Vampir-Mythos gesehen..."

"...sondern als reine Legende."

"Wenn du so willst, ja. Aber das Auftauchen dieser neuen Fledermausart in der Gegend um Inverness gibt mir zu denken... Außerdem glaube ich, daß das, was ich gesehen habe, wirklich passiert ist. Es war keine Zukunftsvision, sondern etwas, was sich im selben Moment abspielte... Da bin ich mir ziemlich sicher."

"Es handelt sich also um eine Spezies von

Gestaltwandlern..."

"Sieht so aus, Tom..."

"Wo sollen die her kommen?"

"Was weiß ich? Aus anderen Welten herbeigerufen vielleicht. Oder sie waren schon immer da und lebten nur im Verborgenen... Es gibt so viele Möglichkiten. Noch heute werden dauernd neue Spezies entdeckt, von deren Existenz nie jemand etwas auch nur ahnte. Lebensformen, die in irgendwelchen abgelegenen Winkeln lange Zeit unbehelligt existierten, bevor sie dem Menschen begegneten..."

Tom zuckte die Schultern und warf einen Blick hinaus.

"Meinst du wirklich, das Schottland ein so abgelegener Ort ist?"

"Ich habe keine Ahnung."

"Worauf ich hinaus will ist, daß es einen Grund dafür geben muß, daß es ausgerechnet in letzter Zeit zu diesen gräßlichen Morden kam? Warum waren bis dahin nur Tiere betroffen?"

Ich hob die Augenbrauen.

"Wer sagt uns, daß es wirklich so ist? Vielleicht wissen wir einfach nur nicht genug darüber... und besonders viel Zeit für die Recherche hatten wir ja auch nicht."

"Das stimmt allerdings..."

"Jedenfalls werden wir diesen Gegner wohl kaum durch Pfählen oder das Kreuzeszeichen besiegen können, wie es in vielen Vampirlegenden behauptet wird. Ferenz Borsody weißt schlüssig nach, daß solche Praktiken in Bezug auf die Tuha-na-Dhyss völlig wirkungslos seien..."

Tom nahm mir das staubige, vergilbte Exemplar der ZEICHEN DER GEHEIMEN MACHT aus den Händen und

klappte das

Buch zu. Eine kleine Staubwolke löste sich und ich mußte unwillkürlich niesen. "Laß uns jetzt Schluß machen für heute", meinte Tom. "Sonst sind wir eher in Inverness, als daß wir diesen Liegewagen so genutzt haben, wie die britische Bahn es eigentlich vorgesehen hat..."

Ich seufzte, blickte Tom in die Augen und murmelte dann in gedämpftem Tonfall: "Ich habe Angst vor dem Schlaf, Tom..."

Er umfaßte meine Hände, drückte sie zärtlich. Dann gab er mir einen Kuß und sagte: "Ich bin bei dir, Patti..."

"Ja, ich weiß..."

Aber andererseits wußten wir beide, daß mich niemand vor den Bildern zu schützen vermochte, die in meinem Kopf herumspukten.

Niemand...

*

Das Geräusch des herannahenden Nachtzugs drang durch die Stille der Nacht und erweckte die wie tot an den

Oberleitungen hängenden Fledermäuse zum Leben. Ihre Augen leuchteten hell auf. Wie kleine Leuchten wirkten sie.

Spitze, schrille Laute drangen aus ihren Kehlen. Laute, die auf ein menschliches Ohr wie Nadelstiche wirken konnten.

Ein Licht tauchte auf, bewegte sich entlang des

Schienenverlaufs.

Der Zug...

Er war pünktlich.

Und er wurde keineswegs nur im Bahnhof von Inverness erwartet.

Es raschelte. Die Fledermäuse flogen empor, stoben davon, ehe sie durch die Lokomotive erfaßt und zerrissen werden konnten.

Sie bildeten wieder einen Schwarm. Ihre leuchtenden Augen studierten aufmerksam das Gelände. Jedenfalls machte es den Anschein. In Wahrheit brauchten sie sie kaum zur Orientierung. Die Dunkelheit war Element. Mit Hilfe ihres Ultraschallsinnes konnten sie sich hier problemlos orientieren.

Der Zug brauste heran.

Das war der Moment des Angriffs.

*

Da war ein Geräusch.

Es hatte etwas von zerspringendem Glas, aber da war noch etwas anderes, das nicht so recht zu identifizieren war.

Ich war wach, schlug die Augen auf und vernahm das regelmäßige, einschläfernde der Gleisschwellen. Ein ewig gleicher Rhythmus, der sich nur mit der Geschwindigkeit des Zuges änderte.

Das Herz schlug mir bis zum Hals.

Ich drehte den Kopf und blickte zu Tom. Ich sah ihn nur als schattenhaften Umriß.

"Du bist wach, Patti?"

"Ja..."

In diesem Moment wußte ich, daß ich nicht geträumt hatte.

Tom war durch dasselbe Geräusch geweckt worden wie ich.

"Was kann das gewesen sein?" fragte ich.

"Keine Ahnung."

"Als ob etwas eine Scheibe zertrümmert hätte!"

"Weißt du, wie schwierig das ist?"

"Wir haben es beide gehört...", erinnerte ich ihn.

Er nickte.

"Das stimmt."

Tom zog sich die Schuhe an und stopfte sich das Hemd in die Hose. Ich machte mich ebenfalls zurecht.

Es herrschte ein stilles Einvernehmen zwischen uns beiden, daß wir uns nach der Ursache des Geräusches umsehen würden.

Wir öffneten die Tür unseres Liegeabteils und traten auf den Flur. Das Rattern der Schwellen war hier noch wesentlich lauter. Ein ewiger Rhythmus, den Trommeln einer archaischen Beschwörung ähnlich.

"Es kam von dort", erklärte ich und streckte den Arm aus.

"Wenn du meinst..."

"Ich bin mir sicher."

Wir folgten dem schmalen Gang bis zum Ende des Waggons.

Tom

öffnete die Schiebetür.

Der folgende Waggon war kein Liegewagen.

Die Abteile waren nicht belegt, was eigentlich auch nicht verwundern konnte. Wer um diese Zeit mit dem Zug reiste, nahm in der Regel einen Platz im Liege- oder Schlafwagen.

Im letzten Abteil des Wagen erwartete uns dann ein Bild des Grauens.

Das Fenster war zerstört. Eine immense Kraft mußte auf das Kunstoffglas eingewirkt haben. Kühle Nachtluft drang herein.

Und überall war es rot...

Der Schaffner lag ausgestreckt auf der Sitzbank. Die Augen waren starr und vor Schrecken weit aufgerissen. Mit Blut besudelte Geldscheine lagen herum.

Der Hals des Mannes war regelrecht zerfleischt worden.

Aber die Wunde blutete nicht.

"Wer hat das nur getan!" flüsterte Tom.

Ein Schrei gellte in diesem Moment durch den Zug und wurde durch das Geräusch der Schwellen beinahe verschluckt.

Etwas Furchtbares war hier im Gang...

Ich griff mir unwillkürlich an die Schläfe. Ein

pulsierendes Druckgefühl machte sich bemerkbar. Ich spürte die Anwesenheit übersinnlicher Energien.

Für Sekundenbruchteile hatte ich das affenartige Gesicht jenes Monstrums vor meinem inneren Auge, daß ich in meiner Vision gesehen hatte.

"Es ist ganz in der Nähe, glaube ich!" murmelte ich.

"Wovon sprichst du?"

"Von unserem Feind..." Ich schluckte.

Wir verließen das Abteil, gingen den Gang entlang und gelangten in den nächsten Waggon. Es war der Speisewagen. Ein kühler Luftzug wehte durch ein zerschlagenes Fenster. Einige Tischdecken waren heruntergerissen worden, eine Lampe aus der Halterung gerissen. Hier hatte ein furchtbarer Kampf stattgefunden.

Überall war Blut.

Auf dem Boden lag ein Mann.

Es war der Koch. Er mußte an einer der letzten Stationen den Nachtzug bestiegen haben, um damit zu beginnen das Frühstück vorzubereiten, das man ab 6 Uhr morgens bekommen konnte.

Auch seine Kehle war auf grausige Weise zerrissen.

Aus dem benachbarten Küchenraum heraus war ein

scheppernder Laut zu hören.

Dazu ein geradezu tierisches Knurren.

Die Tür wurde mit roher Kraft zur Seite geschleudert und brach dabei teilweise aus den Scharnieren heraus.

Eine Gestalt trat heraus. Sie erinnerte entfernt an einen Menschen. Der Körper war von einem dichten, dunklen Fell bedeckt. Der Kopf erinnerte an einen Affen. Nur die spitz zulaufenden Ohren paßten nicht dazu. Als das Wesen sich vorwärtsbewegte und sich dabei einen Moment lang zur Seite wandte, sah ich die winzigen, wie verkümmert wirkenden Fledermausflügel auf dem Rücken...

Es war jenes Monstrum, das ich im Traum gesehen hatte...

Ein Tuha-na-Dhyss!

Wesen, die sich der Legende nach in Fledermäuse verwandeln konnten.

Die Kreatur riß das monströse Affenmaul auf und die langen Eckzähne wurden sichtbar. Das Blut troff noch von ihnen herunter. Und der grauenhafte Durst, den dieses Wesen vorwärtstrieb, schien noch nicht gestillt zu sein.

Ich nahm starke übersinnliche Impulse wahr.

Ein schwall düsterster Emotionen, ungeordneter Haßgedanken und Tötungsphantasien. Ich mußte mich dagegen abschirmen, hatte einige Augenblicke lang Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Schwindel erfaßte mich. Tom riß mich zurück. Der Tuha-na-Dhyss schnellte vor.

Die mit Krallen bewehrten Pranken, die nur entfernt an menschliche Hände erinnerten, ruderten durch die Luft.

Wir rannten zur Waggontür.

Tom ergriff einen Stapel von Tabletts und schleuderte ihn der Kreatur entgegen. Das Wesen wehrte die Tabletts mit den Pranken ab. Bei der Schiebetür, die den Speisewagen von den anderen Waggons trennte, hatte das Wesen uns eingeholt.

Ich war bereits durch die Tür.

Eine der Pranken packte Tom bei der Schulter, riß ihn herum. Tom rammte dem Tuha-na-Dhyss mit voller Wucht den Fuß

in den Leib. Ein gewaltiger Tritt, in den er alle Kraft und das gesamte Körpergewicht legte. Die Gestalt wankte nur wenige Zentimeter zurück. Tom riß sich los, taumelte durch die Tür an mir vorbei.

Ich riß die Schiebetür zur Seite, so daß sie sich schloß.

Der Tuha-na-Dhyss machte sich nicht die Mühe, sie wieder zu öffnen. Er stieg einfach durch das Glas hindurch. Es splitterte auseinander, platzte aus dem Rahmen heraus.

Wir stolperten vor dem Monstrum davon.

Mit einem barbarischen Schrei auf den wulstigen Lippen stürzte sich das Wesen auf uns.

Ich griff nach dem Feuerlöscher, der an der Wand befestigt war, entsicherte ihn und drückte ab. Ich hielt direkt auf den Kopf des Wesens zu. Der weiße Schaum setzte sich auf Augen und Ohren. Das Wesen ruderte orientierungslos mit den Armen, stolperte brüllend vorwärts.

Tom duckte sich und griff nach dem Hebel, mit der die Außentür gesichert war. Er riß ihn herum, öffnete mit einer ruckartigen Bewegung die Tür und versetzte dem

vorwärtstaumelnden Wesen einen Stoß.

Der Tuha-na-Dhyss fiel brüllend hinaus in die Nacht.

Noch ehe er den Boden erreicht hatte, verwandelte er sich.

Der Körper schrumpfte auf ein Maß zusammen, das zu den kleinen, wild um sich schlagenden Fledermausflügeln paßte.

Für Sekundenbruchteile war ein kleines, schwarzes Etwas sichtbar, daß sich emporschwang und im Licht des Mondes deutlich zu sehen war.

Tom atmete tief durch.

"Das war verdammt knapp!" meinte er.

Er richtete sich auf und streckte den Arm aus, um die Außentür wieder zu schließen.

"Sei vorsichtig", rief ich.

Ein kühler Hauch wehte von draußen herein. Eine düstere, nur in Umrissen sichtbare Landschaft jagte an uns vorbei.

Tom zog die Tür zu.

Etwas prallte mit voller Wucht gegen eine der Scheiben.

Das Glas zersprang. Ein schriller Laut ließ beinahe mein Trommelfell zerplatzen. Eine Fledermaus kam direkt auf mich zu. Ich riß den Feuerlöscher empor, drückte ab. Aber der weiße Schaum versiegte rasch. Ich ließ den Feuerlöscher fallen, hob die Hände zum Schutz und spürte etwas Hartes an meiner Hand.

Mit aller Kraft schlug ich zu.

Der Fledermaus ließ von mir ab, trudelte seitwärts. Für Sekundenbruchteile wuchs ihr kleiner Körper. Aber die Verwandlung wurde nicht vollendet. Stattdessen schrumpfte das Wesen wieder auf Fledermausgröße zusammen. Pfeilschnell schoß es empor und flog geradewegs auf eines der Fenster zu.

Unter dem Aufprall zerplatzte es.

Tom stürzte auf mich zu.

"Alles in Ordnung?"

"Ich denke schon..."

An meiner Hand schmerzte etwas. Ich warf einen Blick dorthin. Tom bemerkte es auch...

"Was ist das?"

"Ein Kratzer, Tom. Mehr nicht..."

Er nahm meine Hand. Wir blickten beide auf den

Handballen, wo sich zwei kleine, runde Wunden befanden. Es waren Bißspuren. Die Fledermaus hatte mich mit ihren scharfen Eckzähnen verletzt...

Ein Gefühl innerer Kälte breitete sich innerhalb der nächsten Sekunden in mir aus.

Ich fröstelte.

"Es sieht harmlos aus", flüsterte ich.

Tom sah mich ernst an.

"Aber das ist es nicht..."

"Ich weiß..."

*

Scheiben klirrten jetzt dutzendweise. Schauerliche Schreckensschreie gellten.

Über uns barst Metall. In der Decke des Waggons bildete sich zunächst eine Beule, dann platzte das Metall und die gewaltige Pranke eines Tuha-na-Dhyss streckte sich uns entgegen.

Tom zog mich mit sich.

Aber es blieb uns kein Fluchtweg.

Auf dem Flur des Waggons, der vor uns lag, war gerade ein Fenster zertrümmert worden. Eine hereinfliegende Fledermaus verwandelte sich, wurde größer und strebte dann als affenartige Gestalt in unsere Richtung.

In der anderen Richtung zeigte sich ein ähnliches Bild.

Eine der Abteiltüren platzte plötzlich auseinander. Das Glas zersplitterte.

Ein Tuha-na-Dhyss trat heraus.

Sowohl von den mit messerscharfen Krallen ausgestatteten Pranken, als auch von den überlangen Eckzähnen troff das Blut herunter.

Gleichzeitig brandete eine Welle von Haßgedanken über mein Bewußtsein nieder.

Ich konnte mich kaum dagegen wehren.

All meine Kraft mußte ich zusammennehmen, um mich einigermaßen gegen diesen Einfluß abzuschirmen.

Von allen Seiten kamen die Bestien näher.

Über uns wurde das Loch in der Decke größer. Die Pranken der Kreatur, die dort oben auf dem Dach des Zuges saß, bogen das Metall immer weiter auseinander.

Eine weitere Beule entstand etwas weiter links.

Wir wichen zur Seite, bevor die Pranke mit den

messerscharfen Krallen hinunterlangte.

"Raus hier!" rief Tom.

Er deutete auf die Notbremse. Mit einer schnellen Bewegung hatte er sie gezogen. Ein ohrenbetäubendes, quietschendes Geräusch ertönte. Ein Geräusch, so schrill, daß es die Tuha-na-Dhyss aufbrüllen ließ. Wenn sie in ihrer verwandelten Gestalt auch nur ein bißchen von einer Fledermaus hatten, dann verfügten sie vermutlich über äußerst empfindliche Ohren, für die ein Laut wie dieser die reinste Folter darstellen mußte.

Die Vollbremsung ließ mich zurücktaumeln. Hart kam ich mit der Schulter gegen die Wand. Tom konnte sich an der Bremse gerade noch festhalten.

Und einer der beiden Tuha-na-Dhyss oben auf dem Dach war plötzlich nicht mehr da.

Die Fliehkraft hatte die Kreatur offenbar fortgerissen.

Endlich kam der Zug zum Stehen.

Tom öffnete die Tür. Ich rappelte mich wieder hoch. Meine Schulter schmerzte. Tom drehte sich um, reichte mir die Hand.

Ich ergriff sie. Und dann sprangen wir beide hinaus.

Etwas Dunkles flatterte hoch über uns.

Wir rannten ins Dunkel hinein und stolperten die Böschung des Bahndamms hinunter. Dahinter befand sich ein

verwildertes Waldstück mit dichtem Unterholz. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen der Tuha-na-Dhyss sich als Fledermaus vom Dach des Nachtzugs erheben. Weitere folgten diesem Beispiel.

Wir erreichten die ersten Bäume, während hinter uns Fledermäuse landeten und sich kurz, bevor sie den Boden berührten, verwandelten. Mit ausholenden Bewegungen ihrer Pranken räumten sie das Gestrüpp zur Seite.

"Oh, Tom, wir werden es nicht schaffen..." keuchte ich.

Wir blieben stehen und hielten den Atem an.

Hoch über den Baumkronen stand der Mond, dessen fahles Leuchten nun durch einen Schwarm aus Dutzenden von Fledermäusen verdunkelt wurde. Sie verteilten sich, landeten rings um uns herum in den Bäumen.

"Sie kreisen uns ein", stellte Tom fest.

Ich wirbelte herum. Irgendwo im dichten Unterholz knackten Äste. Als schwarze Schemen sichtbare Gestalten näherten sich von allen Seiten. Hin und wieder beleuchtete sie der Mond für Augenblicke, spiegelte sich in ihren Augen und zeigte die fratzenhaften Gesichter dieser Ungeheuer.

Ein Geräusch unmittelbar vor uns ließ uns einen schnellen Schritt rückwärts machen.

Unsere Lage war aussichtslos.

Von allen Seiten hatten uns die Tuha-na-Dhyss

eingekreist und ich hatte fast den Eindruck, als ob sie es besonders auf uns abgesehen hatten. Warum sind so viele von ihnen uns gefolgt, anstatt beim Zug zu bleiben? ging es mir durch den Kopf.

Wenn diese Vampirwesen es nur auf Beute ausgewesen wären, hätten sie diese auch in den verbleibenden

Liegewagen-Abteilen des Nachtzuges finden können.

Sind sie dort vielleicht schon überall gewesen?

durchzuckte es mich kalt.

Ein grauenvoller Gedanke.

Selbst wenn der Nachtzug traditionell auf dem letzten Stück seiner Strecke bis Inverness nicht gut belegt war, so mußte die Zahl der Opfer immens sein.

Und was, wenn sie unseretwegen hier sind? dachte ich dann plötzlich. Der Gedanke war einfach da und ließ sich auch nicht wieder verscheuchen. Ich hatte das Gefühl, daß wir gewissermaßen erwartet worden waren. Aus welchem Grund auch immer.

Die Tuha-na-Dhyss kämpften sich durch das Unterholz. Sie traten zwischen den Sträuchern hervor. Bedrohliche Knurrlaute durchdrangen den Wald, vermischt mit sehr hohen Tönen, die von jenen Kreaturen verursacht wurden, die sich noch nicht verwandelt hatten. Manche von ihnen hingen kopfüber in den Ästen über uns. Von den Baumkronen aus blickten sie auf uns hernieder.

Sie warteten.

Auf unseren Tod.

*

Die Flammen loderten hoch empor. Eine Gruppe von vielleicht zweihundert Menschen bildete einen Halbkreis. Männer, Frauen und Kinder, gekleidet in grobe Fellkleidung. Hier und da blitzten primitive Metallwaffen auf. Schwerter, Streitäxte, Speere.

Der weiche Schein des Feuers ließ die Schatten unruhig tanzen, während der Mond hoch über ihren Himmel stand.

In den Augen der Menschen leuchtete gespannte, angstvolle Erwartung.

Die Mundwinkel waren aufeinandergepreßt.

Niemand sagte etwas.

Die Frauen hatten ihre Kinder an die Hand genommen. Die Hände der Männer waren um die Griffe ihrer Waffen geklammert.

Aber jeder von ihnen wußte, daß ihre Schwerter und Äxte gegen den furchtbaren Feind, mit dem sie es nun zu tun hatten, nichts auszurichten vermochten.

Viele von ihnen hatten das schon bitter erfahren müssen und mit dem Leben für diese Erkenntnis bezahlt...

Nahe am Feuer stand der Druide. Er hatte langes, verfilztes Haar, das ihm bis zu den Schultern hinabreichte. Sein üppiger, drahtiger Bart, der bereits von grauen Strähnen durchwirkt war, reichte bis in Brusthöhe.

Wie gebannt starrten die Menschen auf den Druiden, der die Hände zum Himmel hob und Worte in einer Sprache zum Mond hinaufrief, die so alt war, daß keiner aus dem 'Volk von Carrach' - den Tuha-na-Carrach - sich daran erinnerte.

Die Stimme des Druiden zitterte.

Schweiß stand auf seiner Stirn.

Er schloß die Augen und sein Gesicht sah aus, wie unter einer schier unmenschlichen Qual.

Ein kleiner Junge stand etwas abseits mit seiner Mutter, die ein noch kleineres Kind auf dem Arm trug. Der Junge war höchstens fünf Jahre alt. Aber er hatte genug Verstand, um zu begreifen, daß sein Stamm, die Tuha-na-Carrach einen furchtbaren Gegner hatten.

Einen Gegner, dem die tapferen Krieger, die Söhne des Ahnherrn Carrach, von dessen Taten die Legende berichtete, mit ihren Schwertern nicht besiegen konnten.

Die Tuha-na-Dhyss...

Nichtmenschliche Dämonenwesen, die in die einfache Welt von

'Carrachs Volk' eingebrochen waren.

Ihr Ahnherr war Dhyss....

Eine Schattenkreatur.

Die bloße Aussprache dieses Namens verursachte bei jedem Angehörigen von 'Carrachs Volk' ein eiskaltes Schaudern.

Und der Junge hatte schon gehört, das selbst die Stimme des furchtlosen Druiden unsicher vibrierte, wenn er von Dhyss sprach. Dhyss, dem Herrn der Schatten und der Verdammten...

Das Oval des Mondes verdunkelte sich.

Ein Schwarm von Fledermäusen kam herangerauscht. Der raschelnde Flügelschlag ließ selbst die mutigsten Krieger den Atem anhalten.

Da waren sie...

Das Volk der Verwandlung und der immerwährenden Nacht...

In ganz alten Geschichten wurde es erwähnt, aber nie hatte einer dieser Männer und Frauen aus Carrachs Volk damit gerechnet, auch nur einem dieser Schreckensgestalten leibhaftig zu begegnen.

Der Schwarm wogte hin und her, sammelte sich und vergrößerte sich noch. Immer weitere Tuha-na-Dhyss folgten ihren Artgenossen über den Horizont. Hier und da waren ihre schrillen Piepslaute zu hören.

Der Junge stand mit weit aufgerissenen Augen da.

Ihm stockte der Atem.

Er wußte genug, um zu ahnen, daß der Angriff dieser furchtbaren Feinde unmittelbar bevorstand. Tiere und Menschen hatten sie schon niedergerissen und zerfleischt, ihr Blut getrunken und ihren unheimlichen Durst an ihnen gestillt...

Grauenerregende Szenen waren dem Jungen noch im Gedächtnis.

Er schluckte.

Und starrte auf den Druiden.

Auf ihm lagen die Hoffnungen der Tuha-na-Carrach. Auf ihm und der Kraft der Ahnengeister.

Die Schattenkreaturen setzten derweil zum Sturzflug an. Auf den letzten Metern, bevor sie die Erde erreichten, würde die gespenstische Verwandlung einsetzen, die aus den Fledermäusen furchtbare Monstren machte, gegen die es kaum eine Gegenwehr gab.

Der Druide schrie eine Folge von dumpf klingenden Silben in die Nacht hinaus.

"MARACES-NA KTORRAAR PWLL CARRACH!" donnerte er.

Und dann wiederholte er diese Worte immer wieder, wie in einem Singsang.

*

"Maraces-na ktorraar pwll Carrach!" murmelte Tom, während über uns die Tuha-na-Dhyss lauerten...

Nur Augenblicke konnte es noch dauern, bis sie sich auf uns stürzen und zerfleischen würden.

Ich wandte den Kopf.

Tom wirkte wie entrückt.

Das Mondlicht spiegele sich in seinen weit aufgerissenen Augen, die ins Nichts zu blicken schienen. "Tom...", flüsterte ich.

"Maraces-na ktorraar pwll Carrach!"

"Tom, was soll das?"

Er hörte mich nicht.

In diesem Augenblick, so hatte ich das Gefühl, war er ein anderer.

Er schrie diese eigenartigen Silben jetzt nur so heraus, öffnete dabei die Arme und schloß die Augen.. Sein Gesicht verzog sich wie unter unsagbarer Qual.

Eine der Fledermäuse schoß genau auf ihn zu.

Der durchdringende, das Trommelfell wie eine Nadel malträtierende Piepslaut, der von dem kleinen Wesen ausging, war kaum erträglich...

*

Etwas sehr Helles kam wie ein Blitz auf den Druiden zu.

Dieses grelle Etwas schien direkt aus dem bleichen Oval des des Mondes herauszuschießen, dessen Farbgebung sich für einige Augenblicke auf seltsame Weise veränderte.

Sein Grauweiß bekam einen deutlich Stich ins Grünliche.

Der Druide hatte noch immer die Arme ausgebreitet. Die Hände waren indessen zu Fäusten geworden. Der Blitz teilte sich, kurz bevor er den Druiden erreichte. Je ein Zweig dieser zuckenden Linie aus purem Licht fuhr in einen Arm.

Lichtblitze umfingen seinen Körper vom Kopf bis zu den Füßen.

Dann zischten Dutzende von giftgrünen Strahlen aus seinen Fäusten heraus. Sie verzweigten sich wie das Delta eines Flusses, der sich ins Meer ergießt und zuvor Hunderte von kleinen Nebenarmen bildet. Jeder dieser Verzweigungen traf einen der Tuha-na-Dhyss.

Die Piepslaute wurden derart schrill, daß die anwesenden Männer, Frauen und Kinder sich die Ohren zuhielten. Manche von ihnen verzogen schmerzhaft das Gesicht.

Der Junge starrte nur auf den Druiden.

Gleichzeitig schützte er die Ohren mit den Händen. Er wußte, daß dies ein besonderer Augenblick war. Ein Moment, wie er ihn vielleicht nie wieder erleben würde.

Die Tuha-na-Dhyss stoben auseinander, der Schwarm löste sich auf. Nach allen Seiten flogen die Kreaturen der Nacht davon.

Ich darf niemals vergessen, was hier geschehen ist, dachte der Junge. Niemals...

Verschiedene kleinere Teilschwärme der Tuha-na-Dhyss wogten am Himmel hin und her und machen insgesamt einen ziemlich orientierungslosen Eindruck. Sie verschwanden schließlich hinter dem Horizont.

Niemand sagte ein Wort. Die meisten wagten nicht einmal, heftig zu atmen. Sie waren Zeuge eines großen Zaubers geworden. Aber jedem von ihnen war auch klar, daß die Tuha-na-Dhyss nicht besiegt waren. Eine kurzfristige Errettung vor dem Grauen. Mehr hatte der Druide nicht für das Volk Carrachs erreichen können.

Schweigen herrschte.

Der Mond hatte inzwischen wieder seine gewöhnliche Farbe angenommen.

Der Druide sank indessen zu Boden.

Neben dem Feuer blieb er liegen.

Einer der Männer trat vor, beugte sich über den am Boden Liegenden und drehte ihn herum. Das Gesicht des Kriegers war bleich geworden. Er sah auf und verkündete dann mit belegter Stimme: "Er ist tot..."

*

Der Energiestrom erfaßte Tom. Kleine Blitze umschmeichelten seinen Körper, während der Mond sich grünlich verfärbte.

Dann schossen aus seinen zu Fäusten geballten Händen Strahlen heraus und verzweigten sich Dutzendfach. Jede dieser Verzweigungen suchte sich eine der Fledermäuse.

Einer der Tuha-na-Dhyss war bereits halb verwandelt, als ihn diese geheimnisvolle Energie mit voller Wucht traf. Eine Mischung aus dumpfem Brüllen und ohrenbetäubenden Piepslauten entrang sich dem Maul mit den spitz zulaufenden Eckzähnen.

Das Wesen taumelte nieder, schrumpfte und flog dann torkelnd davon.

Auch die anderen getroffenen Nachtkreaturen stoben auseinander.

Die geheimnisvolle Kraft, über die Tom auf einmal verfügte, ließ sie auseinanderfliegen. Sie wirkten orientierungslos, sammelten sich zu kleineren Schwärmen, die sich aber rasch wieder auflösten.

Wenn sie sich neu sammelten, trudelten sie unruhig hin und her, so als wüßten sie nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollen.

Binnen weniger Augenblicke war der ganze Spuk vorbei.

Die Nachtkreaturen entschwanden über den Horizont.

Der Mond verlor seine grünlich schimmernde Farbe.

Beinahe gleichzeitig krochen die ersten Strahlen der Sonne über den Horizont.

"Tom", flüsterte ich.

Er antwortete nicht, wandte den Kopf, blickte in meine Richtung, aber...

Er nahm mich nicht wirklich wahr, das war mir sofort klar.

Sein Blick ging durch mich hindurch. Er schien sich in einer anderen Realität zu befinden. Die Augen waren glasig. Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Hände sanken nieder, lösten sich.

Dann brach er zusammen. Ich versuchte ihn so gut es ging aufzufangen.

"Tom, was ist mit dir! So sag doch was!"

Mein Puls raste.

Was war mit ihm geschehen?

Ich legte ihn auf den Boden.

Seine Hand war kalt.

Eine Totenhand, durchschoß es mich, und ich hatte ein Gefühl, als ob etwas Kaltes, Glitschiges mir den Rücken hinaufkroch. Verzweiflung ergriff mich. Nein, dachte ich voller Schrecken. Das durfte nicht sein... nicht er! Nicht der Mann, den ich über alles liebte!

Ich berührte seine Brust, seinen Bauch.

Ich konnte keinerlei Atmung feststellen, auch nicht, als ich mich über sein Gesicht beugte und ein Auge an seine Nase hielt. Ich versuchte den Puls am Hals zu erfühlen. Auch Fehlanzeige.

Ich unterdrückte die Tränen, die mir in die Augen zu schießen drohten. Jetzt mußte ich einen kühlen Kopf bewahren.

Was auch immer mit Tom geschehen sein mochte. Ich hatte vielleicht noch eine winzige Chance, ihn zu retten.

Schließlich hatte ich - wie jeder Führerscheininhaber irgendwann mal einen Erste-Hilfe-Kurs mitgemacht und gelernt, wie man eine Wiederbelebung nach Herz-Kreislauf-Stillstand durchführt.

Ich hoffte nur, daß ich das Richtige tat...

*

"Maraces-na ktorraar pwll Carrach!" sagte der Junge vor sich hin, während er in die tanzenden Flammen des Lagerfeuers blickte.

"Schweig", brauste die Stimme seiner Mutter auf. "Hast du nicht gesehen, was diese Beschwörung bewirkt hat? Hast du nicht gesehen, was mit dem Druiden passiert ist?"

Der Junge blickte auf.

"Warum ist der Druide jetzt tot?"

"Die Kräfte, die er mit seinem Zauber entfesselt hat, waren zu stark..."

"Und wer wird uns jetzt vor den Tuha-na-Dhyss schützen?"

Die Mutter seufzte. Sie strich sich das rotstichige, lange Haar zurück. Ihr Lächeln wirkte matt. Es war nicht zu übersehen, daß sie sich Sorgen machte. Sie schluckte. "Ich weiß es nicht, Symran... Ich weiß es wirklich nicht."

"Sie gehen in der Nacht wieder auf Jagd, nicht wahr?"

"Ich fürchte,ja..."

"Warum bewirken die Worte des Druiden nichts, wenn ich sie sage?"

"Es sind nicht nur die Worte, die die geheimen Kräfte entfesseln..."

"Muß man ein Druide sein?"

"Ja."

"Dann möchte ich auch einer werden..."

Die Frau sah ihren Sohn nachdenklich an. "Das ist ein langer Weg, Symran", sagte sie dann. "Ein sehr langer Weg..."

*

Tom schlug die Augen auf, während in einiger Entfernung ein Hubschrauber in der Nähe des Zuges zu landen versuchte.

Der Lokführer mußte ihn gerufen haben. Inzwischen waren auch einige überlebende Zugreisende ausgestiegen. Sie irrten orientierungslos in der Umgebung umher.

Doch all das kümmerte mich im Moment nur am Rande.

"Tom", flüsterte ich und strich ihm zärtlich über das Gesicht. Er atmete wieder. Er lebte. Ich konnte nicht verhindern, daß mir eine Träne über die Wange lief.

"Patti..."

Er griff sich in die Brustgegend.

"Ich hoffe nur, daß ich dir bei meinen

Wiederbelebungsversuchen nicht sämtliche Rippen gebrochen habe..."

Tom grinste etwas gequält. "Fühlt sich fast so an...", meinte er lächelnd. Er richtete sich auf, blickte sich ruckartig um.

"Sie sind weg", beruhigte ich ihn. "Du suchst doch die Tuha-na-Dhyss..."

"Ja", nickte er. "Dann hat es also geklappt..."

Ich faßte ihn bei den Schultern.

"Tom, was ist da vor sich gegangen..."

Tom atmete tief durch. Er versuchte aufzustehen. Ich half ihm. Er faßte sich an den Kopf. Ihm war scheinbar noch etwas schwindelig.

"Es ist lange her, Patti..."

"Eine Erinnerung aus einem anderen Leben?"

"Ja. Ich kann dir nichtmal genau sagen, wie lange das alles vergangen ist. Ich war ein kleiner Junge aus dem Volk der Tuha-na-Carrach, das hier einst lebte. Irgend ein keltischer Stamm. Mein Name war Symran..." Tom wandte den Kopf. Er sah mich an, aber sein Gesicht lag im Schatten. Ich konnte kaum etwas davon sehen. "Die Erinnerung war sehr vage und unsicher... Die Erinnerung eines Kindes eben. Ich beobachtete eine Zeremonie des Druiden, mit der dieser die Tuha-na-Dhyss abwehrte. Es gelang ihm auch - zumindest für kurze Zeit, aber er starb dabei. Die Kräfte, die das Ritual freisetzte, waren zu stark für ihn..."

"Oh, Tom... du wußtest das!"

"Ja."

"Aber..."

"Patti, mir ist nichts passiert! Ich glaube, es liegt an den besonderen Konzentrationstechniken, die ich im Kloster von Pa Tam Ran erlernte..."

"Oder an der Tatsache, daß das erste Tageslicht über den Horizont schien..." Ich zuckte die Achseln. "Jedenfalls könnte ich mir denken, daß diese Vampirwesen auch auf Licht reagieren... In den Schriften, die mir zugängig waren, ist leider nichts genaues darüber zu finden..."

"Das Tageslicht tötet sie", sagte Tom Hamilton mit Bestimmtheit. Dann schwächte er ab: "Zumindest der Legende nach, die man sich an den Lagerfeuern der Tuha-na-Carrach erzählte..." Er rieb sich die Stirn. "Nach und nach fällt es mir alles wieder ein... Mein Gott, es ist lange her.

Erinnerungen, die regelrecht verschüttet waren.

Tuha-na-Dhyss... Mir kam dieser Begriff gleich irgendwie bekannt vor, aber ich konnte ihn einfach nicht einordnen."

"Haben die Tuha-na-Carrach ihren Kampf gegen die Vampirwesen gewonnen?" fragte ich.

"Ich weiß es nicht."

"Wieso nicht?" hakte ich nach.

"Symran wurde nicht alt. Ein paar Monate später starb er an einer Durchfallerkrankung, so wie viele Kinder damals... Ich hatte damals den Wunsch, Druide zu werden und meine Mutter entgegnete mir, daß dies ein sehr langer Weg sei...

Vielleicht hat er viele Leben hindurch gedauert. Bis zu jenem Moment, in dem ich im Dschungel Südostasiens das Kloster von Pa Tam Ran entdeckte..."

Der Hubschrauber war unterdessen gelandet.

Ein weiterer war hinzugekommen.

Polizei und Notarzt kümmerten sich um die Überlebenden dieses furchtbaren Überfalls. Die Menschen standen unter Schock. Manche von ihnen brabbelten Unverständliches vor sich hin. Ich hörte, wie einer der uniformierten Polizisten über Funk dringend nach einem Psychologen rief.

Ein Beamter kam auf uns zu.

"Ist mit Ihnen alles in Ordnung?" erkundigte er sich.

"Es geht einigermaßen", erwiderte Tom.

"Können Sie uns vielleicht etwas darüber sagen, was hier geschehen ist?"

Diesmal war ich diejenige, die antwortete.

"Das wüßten wir selbst auch gerne ", murmelte ich. Und Tom Hamilton fügte dem nicht eine Silbe hinzu. Keiner von uns hatte Lust darauf, sich auf einem mittelgroßen

Polizeipräsidium stundenlang über solche Dinge wie Wahrheit, Einbildung, Realität - und Wahnsinn! - unterhalten zu müssen. Niemand hätte uns geglaubt.

Niemand...

Jenem Feind, mit dem wir es hier zu tun hatten, standen Tom und ich völlig auf uns allein gestellt gegenüber. Es gab niemand, der hinter uns stand, niemand, der auch einen Hauch dessen für wahr halten würde, was wir gesehen hatten.

Es war deprimierend.

Aber wir taten gut daran, uns dieser Tatsache zu stellen.

*

Es dauerte einige Stunden, bis der Zug endlich weiterfahren konnte und den Bahnhof von Inverness erreichte.

Spurensicherungsteams der Kriminalpolizei suchten die gesamte Umgebung ab. Und soweit die überlebenden Fahrgäste noch dazu in der Lage waren, wurden sie einer eingehenden Befragung unterzogen.

Das Ergebnis war vorhersehbar.

Es würde sich ein vager Zusammenhang mit den anderen mysteriösen Todesfällen ergeben, die sich in letzter Zeit in der Umgebung von Inverness zugetragen hatten.

Mehr nicht.

Wir liehen uns einen Geländewagen, so wie wir es

ursprünglich vorgehabt hatten. Dann sandten wir einen kurzen Bericht über die Ereignisse der vergangenen Nacht an die Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS und genehmigten uns ein ausgiebiges Frühstück in einem altehrwürdigen Gasthaus.

Die meiste Zeit über schwiegen wir.

Wir standen noch unter dem Schock des Geschehenen.

Wahrscheinlich würde es sich erst im Laufe des Tages herausstellen, wie viele Opfer es in dem Nachtzug wirklich gegeben hatte. Eine Bilanz des Grauens. Aber diese Toten würden nicht die Letzten sein, wenn dem Übel nicht Einhalt geboten wurde. Wieder und wieder würden die Tuha-na-Dhyss in Fledermausgestalt ausschwärmen und sich ihre Opfer suchen.

Mir schauderte bei dem Gedanken.

Tom nahm zärtlich meine Hand.

Unser beider Blick fiel dabei auf die Bißwunde am Handballen...

"Der Legende nach wird der, der von einem Tuha-na-Dhyss gebissen wurde, so lange dieser noch Fledermausgestalt besitzt, selbst zu einer Kreatur der Nacht", murmelte Tom.

"Ja, ich weiß", nickte ich. Ich hatte davon gelesen. "Tom, vielleicht ist es nur eine Legende..."

"Ja, vielleicht."

Aber sein Gesicht sagte etwas anderes.

Er brauchte kein Wort über die Lippen zu bringen. Er wußte mehr darüber, als er im Moment mit Rücksicht auf mich preisgeben wollte. Ich ahnte, daß die Legende der Wahrheit entsprach.

Eine Stunde später brachen wir mit dem Geländewagen auf.

Es handelte sich um einen ziemlich geräumigen Landrover, mit dem man notfalls auch einmal die Straße verlassen konnte, ohne sich dabei gleich einen Achsenbruch zu holen.

Tom saß am Steuer.

Ich fühlte mich wie erschlagen und wäre in diesem Moment nicht in der Lage gewesen, den Wagen über die immer kleiner werdenden Straßen und Wege zu fahren, auf denen wir uns dem Anwesen von Arnold Reed näherten.

Nebel krochen über die Anhöhen.

Es war ein grauer, wolkenverhangener Tag.

Und irgendwie paßte dieses Wetter zu der düsteren Stimmung, die sich in mir breitgemacht hatte. Während Tom den Landrover weiter durch die verwunschene Landschaft der schottischen Highlands steuerte, blickte ich auf die Bißstelle an meinem Handballen.

Sie brannte wie Feuer.

Angst kroch mir den Rücken hinauf. Mir war kalt, beinahe so, als hätte ich Fieber.

Was geschieht mit mir? fragte ich mich.

Es gab keinen Arzt, der mir helfen konnte.

Du bist eine Verdammte, Patricia Vanhelsing! sagte eine Stimme in mir. Eine verfluchte Seele...

Die Zeit kroch dahin und irgendwann sah ich ein Anwesen aus den Nebeln auftauchen.

Mondrich Manor, die Residenz von Arnold Reed, dem furchtlosen Verleger der LONDON EXPRESS NEWS.

Das große Herrenhaus und seine Nebengebäude lagen herrschaftlich auf einer Anhöhe umgeben von einer Parklandschaft und einem Golfplatz. Der private Flugplatz lag etwas abseits.

Als wir auf den Vorplatz vor dem großen, ausladenden Portal vorfuhren, kamen uns bereits finster aussehende Männer in dunklen Anzügen entgegen. Sie wirkten blaß. Hier und da glaubte ich, eine Wölbung im Jackett sehen zu können, die vermutlich durch Schulterholster verursacht wurden.

"Das sind Bodyguards", stellte ich fest.

"Verwundert dich das?" erwiderte Tom. "Es gibt sicher den Einen oder Anderen, der Arnold Reed gerne an den Kragen gehen würde... Nicht nur der ORDEN DER MASKE!"

Wir stiegen aus.

Einer der Leibwächter trat auf uns zu, die anderen blieben im Hintergrund.

"Wer sind Sie?" fragte der schmallippige Mann mit hoher Stirn. Seine eisgrauen Augen musterten mich durchdringend.

"Patricia Vanhelsing und Tom Hamilton von den LONDON

EXPRESS

NEWS... Wir möchten mit Mr. Reed sprechen."

"Das ist leider nicht möglich. Ich schlage vor, Sie wenden sich an Mr. Reeds Sekretariat und lassen sich da einen Termin geben."

Seine Stimme klirrte wie Eis.

Aber ich hatte nicht die Absicht, mich so einfach abspeisen zu lassen.

"Unser Besuch hat eher privaten Charakter", erklärte ich.

Mein Gegenüber hob die Augenbrauen.

Das Erstaunen war ihm deutlich anzusehen.

Mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet.

"Kann ich mir kaum vorstellen, Miss Vanhelsing..."

Details

Seiten
700
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901092
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307142
Schlagworte
dunkle mächte mitternacht

Autor

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Titel: Dunkle Mächte um Mitternacht