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Dämonenjäger

von Alfred Bekker (Autor) W. A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2015 400 Seiten

Leseprobe

Alfred Bekker, M.Munsonius, W.A.Hary

Dämonenjäger

Zwei Dämonenjäger Murphy Abenteuer

Der Umfang entspricht ca. 400 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält die Romane:

Dämonen der Furcht

Dämonen der Dämmerung

Ein verborgener Krieg wütet auf der Erde. Die Dämonen der Dämmerung übernehmen aus dem Hintergrund heraus die Macht, das Böse steht vor seinem endgültigen Sieg und Apokalypse hat längst begonnen. Ein Dämonenjäger stellt sich dem Übel entgegen. Doch es gibt nichts, worauf er vertrauen könnte: Nicht auf Gott, nicht auf seine Gefährten und nicht einmal auf seine eigenen Fähigkeiten...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Cover: Firuz Askin

DÄMONEN DER FURCHT

Ein Dämonenjäger Murphy Roman

von Alfred Bekker, W.A.Hary und Marten Munsonius

© by authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Eine Adresse: 1 West 72nd Steet, New York...

Ein Renaissance Schloss an einem See.

Nicht unbedingt etwas, was man mit dem Big Apple verbinden würde. Aber genau das waren die Dakota Apartments mit Blick auf "The Lake" im Central Park, eingerahmt von viel größeren Gebäuden, nämlich dem Langham und den Majestic Apartments.

Eine Nobelherberge mitten in einem Slum? Genau das war die West Side nämlich früher...

Man hätte so ein Anwesen genauso gut in Dakota bauen können, so pflegten die Leute ehedem zu sagen. Aber sie hatten sich getäuscht.

Das Dakota war längst eine der besten Adressen der Stadt geworden.

Und ein Haus des Grauens....

2

Murphy schauderte, als er einen der Aufzüge in den Dakota Apartments betrat.

Dieses Haus hat eine düstere Aura, dachte er.

Er sah die Männer und Frauen an, die sich mit ihm zusammen in die enge Kabine gequetscht hatten.

Er schwitzte.

Seit drei Wochen wohnte er in Apartment 234 D, 12. Stock. Vorgeblich war er ein ganz normaler Mieter. In Wahrheit war er im Auftrag des Ordens vom Weißen Licht hier, der auch das Apartment für ihn angemietet hatte.

Ein blassgesichtiger Mann lockerte die Krawatte und stierte Murphy an.

Ein Blick von geradezu beunruhigender Intensität...

So dunkle Augen, ging es Murphy durch den Kopf. Wie schwarze Löcher mitten in einem Cluster heller Riesensonnen.

Murphy glaubte die Anwesenheit magischer Energien zu spüren. Ganz kurz nur. Diese Empfindung dauerte nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde.

Irgend etwas stimmt nicht mit diesem Mann, dachte Murphy.

Er sah Murphy direkt an, verzog das Gesicht und bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

Seine Augen!, durchzuckte es Murphy.

Im nächsten Moment waren sie vollkommen schwarz. Nichts Weißes war mehr in ihnen zu sehen. Ein dumpfes Knurren drang aus seiner Kehle. Ein Laut, wie man ihn kaum einem menschlichen Wesen zuordnen mochte. In dieses Knurren hinein mischten sich Worte.

"NATANETA PARANODOR EYET..."

Murphy schluckte.

Eine Schrecksekunde verging, ehe er begriff. Die Worte - Murphy kannte sie nur zu gut. Sie stellten eine Beschwörung aus dem BUCH DES WISSENS dar.

Murphy fühlte, wie ETWAS nach seinem Inneren griff. Dieses ETWAS berührte sein Bewusstsein, lastete wie ein unheimlicher Druck auf ihm.

Rasender Kopfschmerz durchzuckte ihn.

Murphy konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Wie zur Salzsäule erstarrt, blickte er in das Gesicht des blassgesichtigen Mannes.

Es hatte sich verändert, war jetzt kaum noch wiederzuerkennen. Tierhafte Wülste bildeten sich über den Augenbrauen. Die Wangenknochen und die Kinnpartie traten hervor.

"NATANETA PARANODOR EYET...", wiederholte er.

Mit Schrecken registrierte Murphy, dass die anderen Aufzugbenutzer von alledem nichts mitzubekommen schienen.

Ihre Gesichter wirkten seltsam verzückt, die Augen weit aufgerissen. Wie unter Drogeneinfluss standen sie da, teilnahmslos, wie aus der Welt gerissen.

Es ging ihnen nicht anders als Murphy selbst - mit dem Unterschied, dass Murphy genau mitbekam, was vor sich ging.

Die Dämonen der Dämmerung und ihre Diener!, ging es Murphy durch den Kopf. Im Grunde hatte er seit dem Tag, als er hier eingezogen war, mit einem Angriff dieser Wesen gerechnet. Ihretwegen war er schließlich hier her gekommen, in dieses Haus...

Ein besonderes Haus.

Ein Haus, in dem sich dunkle Kräfte konzentrierten wie sonst an kaum einem anderen Ort.

Konzentriere dich!, versuchte Murphy sich zu sagen. Er schloss die Augen. Sein dämonisches Gegenüber sah er jetzt noch immer völlig klar vor sich - diesmal vor seinem inneren Auge. Murphy besaß nur sehr geringe magische Fähigkeiten. Sein Wissen war äußerst begrenzt. In keinem Fall konnte er es mit seinen Gegnern aufnehmen - jenen Jüngern der Dämmerdämonen, die diesen Kreaturen der Finsternis zur Herrschaft verhelfen wollten.

Konzentriere dich!, durchzuckte es ihn erneut.

Ein höhnisches Lachen hallte in seinem Kopf tausendfach wider, während eine erneute Welle des Schmerzes ihn durchflutete.

Er hörte Schreie.

Helle Schreie.

Wie von Kindern.

Du musst dich wehren!, rief eine Stimme in Murphys Innerem. Eine Stimme, deren Klang beinahe im Geschrei der Kinder unterging. Geschrei, das Murphys Kopf fast zerspringen ließ.

Wehr dich oder es wird zu spät sein!, schrie es in ihm. Versuche deine Kräfte zu bündeln...

Eisige Kälte lief Murphy den Rücken hinunter.

Jede einzelne Schweißperle auf seiner Stirn spürte er jetzt.

Die Zeit, dachte er. Sie ist wie eingefroren.

Murphy murmelte eine Beschwörung, um sich vor den Energie seines Gegenübers zu schützen. Seine Lippen waren so unsagbar schwer geworden. Wie betäubt.

Was ist es für ein Gift, das in dir wirkt, Murphy?, durchfuhr es ihn.

Eine andere Stimme meldete sich: Kennst du es wirklich nicht? Oder ist es nur die namenlose Furcht, die deinen Geist betäubt. Du weißt es. Du kennst diese Kraft. Und du weißt, dass du ihr nichts entgegenzusetzen hast.

Murphy wiederholte die Beschwörung immer wieder, murmelte sie vor sich in wie einen Singsang.

Er fühlte die Kraft in seinen Körper zurückkehren. Ein Gefühl, als ob ein ganz leichter elektrischer Stromfluss seinen Körper durchlief.

Der blassgesichtige Mann brüllte auf.

Ein Laut, dem nichts Menschliches mehr anhaftete.

Murphy konnte beobachten, wie ihm Haut von den Knochen herunterschrumpfte. Innerhalb von Augenblicken wirkte er wie eine mumifizierte Leiche. Die Haut schmiegte sich wie ein enganliegender Lederüberzug über die Gebeine.

Die Augen hatten die Farbe gewechselt.

Die Schwärze war einem dunklen Rot gewichen. Sie leuchteten pulsierend.

Wieder überfiel Murphy eine Welle des Schmerzes. Er glaubte eine Sekunde lang zu fallen, einfach in einen tiefen Schlund hineinzusinken... Aber dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Die Formel, die er unablässig murmelte, half ihm dabei.

Der blassgesichtige Mann streckte Murphy seine Knochenhände etwa in Schulterhöhe entgegen.

Kinder!, dachte Murphy. Diese Schreie. Unsagbare Pein. Grauen. Bilder flackerten vor Murphys innerem Auge auf. Bilder scheußlicher Details. Abgetrennte Gliedmaßen. Blut. Ein Schwall von Blut...

Und Knochen.

Ein Geruch der Verwesung und der Fäulnis breitete sich aus. Er war so schwer, dass Murphy glaubte, ersticken zu müssen.

Wie grotesk!, dachte er im Angesicht der euphorischen Gesichter der anderen Fahrstuhlbenutzer.

Der blassgesichte Mann begann zu zittern. In immerwährender Wiederholung murmelte er die bekannten Worte "NATANETA PARANODOR EYET... NATANETA PARANODOR EYET..." Die Beschwörung übertönte jetzt das tierische Knurren, das gleichzeitig - wie von einer zweiten Stimme! - aus seiner Kehle herausgepresst wurde.

Die Haut an den mumienhaften Händen platzte auf.

Knochen schossen heraus.

Wie Armbrustbolzen schnellten sie heraus.

Direkt auf Murphy zu.

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Murphy die Kontrolle über seinen Körper wieder.

Er hob die Hände ganz instinktiv.

Eines der Knochengeschosse traf Murphys Linke, bohrte sich in die Hand, riss sie zurück und nagelte sie förmlich an die Wand. Ehe Murphy auch nur einen Schrei ausstoßen konnte, war dasselbe mit seiner anderen Hand geschehen. Wie ein Gekreuzigter stand Murphy nun da. Durch jede seiner Handflächen bohrte sich einer der Fingerknochen des blassgesichtigen Mannes. Blut rann Murphy von den Händen herab, tropfte auf den Boden, bildete auf jeder Seite eine kleine Lache.

Ein scheußliches Gelächter ertönte.

Murphy starrte voller Grauen auf die linke Hand jener Kreatur, die zuvor der blassgesichtige Mann gewesen war.

An zwei Fingern seiner Linken hing pergamentartige Haut hinab. Kein Knochen stabilisierte sie.

Wieder platzte die Haut. Diesmal an der anderen Hand.

Er hielt sie Murphy in Augenhöhe hin.

'Nein!', wollte Murphy schreien.

Aber nicht ein einziger Laut kam über seine Lippen.

Ein Fingerknochen schoss ihm mitten ins Auge.

Eine Welle des Schmerzes überflutete Murphy.

Dann folgte der zweite Knochen. Er traf direkt in die Pupille des anderen Auges.

Murphy glaubte, wahnsinnig zu werden. Der Schmerz war übermächtig. Er sah nur noch rot. Rot. Rot. Rot. Wie Blut.

Und dann kam die Finsternis, die sich wie ein dunkles Leichentuch über ihn senkte.

3

"Heh, Sie! Aufwachen!"

Der Lichtstrahl war schmerzhaft grell. Murphy hob schützend die Hand vor die Augen, dann betastete er sie ungläubig.

Mein Gott, ich kann sehen!

Er blickte auf seine Hände.

Wo sind die Wundmale? Die Knochen? Was ist nur geschehen?

"Alles in Ordnung, Mister?", drang eine etwas ungeduldig klingende Männerstimme erneut in Murphys Bewusstsein. Ein Mann in den mittleren Jahren sah ihn an. Er hockte vor ihm und machte ein besorgtes Gesicht.

Ich erinnere mich an ihn, dachte Murphy. Er war unter den Leuten im Fahrstuhl!

"Es geht schon", murmelte Murphy.

Er betastete nacheinander seine Handflächen.

Unversehrt.

Es muss eine magische Suggestion gewesen sein!, ging es ihm durch den Kopf.

Erinnerungsfetzen geisterten durch sein Hirn. Die Knochen. Die Kreatur, in die sich der Blassgesichtige verwandelt hatte, dieses tierhafte Dämonenwesen...

Ein Diener der Dämonen der Dämmerung... Sie wissen, dass ich hier bin. Sie wissen, was hier meine Aufgabe ist... Das wird es nicht leichter machen.

Der Mann in den mittleren Jahren half Murphy auf. Murphy fühlte sich noch etwas wackelig auf den Beinen. Ein Gefühl, als ob du wochenlang mit Fieber im Bett gelegen hättest. Das ist es doch, oder?

Er musste sich an der Wand festhalten.

"Wo wohnen Sie?", fragte der Mann in den mittleren Jahren.

"234 D."

"So'n Zufall."

"Wieso?"

"Ich wohne zwei Türen weiter. Ist also kein Problem, wenn ich Sie nach Hause bringe."

"Geht schon."

"Nein, nein, keine Widerrede. Mein Name ist übrigens Stanton. DOKTOR Stanton."

Die Art und Weise, wie er den DOKTOR betonte, war autoritätsgewohnt.

"Sie sind Arzt?" fragte Murphy überflüssigerweise.

"Ja. Am St. Joseph's Hospital, gegenüber vom Tompkins Square Park in der Avenue A." Stanton atmete tief durch. "Mit dem Kreislauf sollte man nicht spaßen. Sie sollten sich mal durchchecken lassen."

"Sicher."

Murphy blickte sich um, sah in die Gesichter der anderen Fahrstuhlbenutzer. Der blassgesichtige Mann war nicht mehr unter ihnen.

Nichts ist passiert. Gar nichts. Jedenfalls nicht in dem Bereich des Multiversums, das der Mensch als Realität bezeichnet und aus dem ich mich wohl für ein paar Augenblicke entfernt habe...

Dann fiel sein Blick auf die Flecken auf dem Boden - direkt neben der Wand.

Jeweils eine Armlänge rechts und links von ihm.

Murphy hatte das Gefühl, als ob eine kalte Hand sich auf seinen Rücken legte.

Plötzlich hing dieser schwere Geruch wieder in der Luft.

Verwesung, Verfall, Tod, Moder...

Blut...

Es war angetrocknet, sehr dunkel geworden und kaum noch als das zu erkennen, was es wirklich war. Der Saft des Lebens und nach Auffassung mancher religiöser Gruppen der Sitz der menschlichen Seele. Niemand achtete darauf. Dr. Stanton warf einen flüchtigen Blick auf die Flecken und meinte: "Man sollte den Hausmeistern das Streikrecht aberkennen, verdammt nochmal!"

4

Ein verfluchtes Haus, dachte Murphy, als er gemeinsam mit Dr. Stanton die langen, düsteren Korridore des zwölften Stocks entlangging. Dunkles Holz war an den Wänden. Ein Ort, an dem besondere Energien wirksam sind. Das war dir noch von Anfang an klar!

"Bestimmt war es das Wetter, das Sie gerade zusammenklappen ließ", meinte Dr. Stanton.

Murphy hörte die Stimme des Arztes wie aus weiter Ferne.

"Ja, ja..."

"Das New Yorker Wetter ist höllisch. Besonders im Sommer. Was glauben Sie, was da in den Arztpraxen und Ambulanzen los ist!"

"Ich verstehe, was Sie meinen."

"Ich kann Ihnen sagen..."

In Murphys Kopf rasten die Gedanken.

John Lennon ist vor den Stufen des Dakota erschossen worden. Und Roman Polanski drehte hier Rosemaries Baby. Wurden auch der Mörder des Beatles und der stets jungenhaft wirkende Regisseur von der düsteren Aura dieses Gebäudes angezogen?

Murphy hatte seine Apartmenttür erreicht. Dr. Stanton zögerte.

"Ich komme schon klar", versprach Murphy.

Die Art und Weise, in der ihn der Arzt musterte, empfand Murphy irgendwie als 'seltsam'. Er konnte nicht erklären, was die Seltsamkeit eigentlich letztlich ausmachte. Etwas stimmte da nicht. Irgend etwas. Murphy fühlte sich innerlich leer und müde. Er kam einfach nicht drauf, obwohl er meinte, ganz dicht an der Erkenntnis zu sein.

Ein Kinderschreien ließ Murphy regelrecht zusammenzucken.

Dr. Stanton lächelte.

"Das ist das Kind der Familie Sarrasco. Ist vorgestern hier eingezogen..."

"Ah, ja..."

"Schätze, der kleine Balg wird Ihnen noch einige Mal die Nachtruhe rauben. Die Wände sind hier ja wie Papier. Ich habe schon hundertmal deswegen mit der Hausverwaltung gesprochen, aber die unternehmen ja nichts. Die Sanierung ist wohl zu teuer."

Murphy hörte gar nicht richtig zu.

Nichts würde sein, wie es gewesen war.

Das war sein beherrschender Gedanke.

Seit dem Erlebnis im Fahrstuhl hatte etwas NEUES begonnen. Worin immer auch das NEUE bestehen mochte.

5

Murphy hatte sich lange nicht so müde gefühlt, wie in jener Nacht. Bleiern fühlte er sich. Wie unter der Last von zentnerschweren Mühlsteinen. Er verschlief einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Wirre Träume suchten ihn in dieser Zeit heim. Hin und wieder drang das Geschrei von Kindern in sein Bewusstsein, ließ ihn kurz bis an die Oberfläche auftauchen. Anschließend sank er dann in um so unergründlichere Tiefen.

Als er dann erwachte, fühle er sich zerschlagen.

Der Schlaf hatte keine erholsame Wirkung. Eher das Gegenteil schien der Fall zu sein.

Selbst magische Beschwörungen, die Murphy hin und wieder zur Kräftigung durchführte, hatten keinerlei positive Wirkung mehr. Die Macht der weißen Magie scheint hier irgendwie gedämpft zu sein!, durchzuckte es ihn. Und du weißt warum. Die Dämonendiener sind hier...

Von nebenan war wieder das Kind zu hören.

Zwei Tage später hörte er es nicht mehr.

Nie mehr.

Es schien nicht mehr da zu sein, obwohl Murphy den Eltern täglich auf dem Flur begegnete.

6

Murphy sah sich nach und nach im gesamten Dakota-Building um. Mit einem speziellen Pendel versuchte er herauszubekommen, wo in diesem Haus die magischen Energien besonders stark waren.

Jene Stelle in der Aufzugskabine, an der sich die getrockneten Blutflecken befanden, war der Ausschlag besonders stark.

Dort, wo ich gekreuzigt worden bin, ging es Murphy schaudernd durch den Kopf. An die Wand genagelt mit menschlichen Fingerknochen...

Dem blassgesichtigen Mann begegnete Murphy in der nächsten Zeit nicht mehr - geschweige denn der Kreatur, in die dieser Mann sich verwandelt hatte.

Manchmal glaubte Murphy, im hintersten Winkel seines Bewusstseins das höhnische Lachen des Blassgesichtigen zu hören.

Nur ein Reflex deiner Erinnerung. Nichts weiter. Wirklich nicht.

7

Tief, tief, im Gewölbe...

Kalter Modergeruch hing in der Luft. Der Schein unruhig hin und her tanzender Flammen erfüllte den Raum. Fackeln hingen an der Wand. In der Mitte des Raumes befand sich ein quaderförmiger Altar. Von der Decke hingen bleiche Totenschädel. Beinahe unsichtbare, hauchdünne Nylonschnüre hielten sie. Und beim leisesten Hauch von Zugluft begannen sie sich wie ein groteskes Mobile zu bewegen.

Eine Art Totentanz...

Auch sehr kleine Schädel waren darunter.

Kinderschädel.

Ein Dutzend in Kutten gehüllte Gestalten standen in einem Halbkreis um den quaderförmigen Altar herum. Die Kapuzen verdeckten die Gesichter. Nur winzige Löcher blieben für die Augen. Ein dumpfer Singsang erfüllte den Raum in immerwährender Wiederholung.

"NATANETA PARANODOR EYET..."

Worte einer Sprache, die älter war als die Menschheit.

Einer der Kuttenträger trat aus dem Halbkreis hervor. Er kniete sich vor den quaderförmigen Altar, hielt dabei die Arme vor der Brust gekreuzt. Die Hände waren zu Fäusten geballt.

"NATANETA PARANODOR EYET..."

Gespenstisch hallte der Singsang in dem modrigen Gemäuer wider.

Eine Gestalt trat jetzt aus dem dunklen Schatten hinter dem Altar hervor. Das flackernde Licht der Fackeln erfasste sie. Sie trug ebenfalls eine Kutte, so wie alle anderen im Raum. Nur, dass diese Kutte von blutroter Farbe war.

Der Singsang schwoll an, bekam jetzt eine geradezu hysterische Note.

Der rote Kuttenträger trug ein Bündel im Arm, eingewickelt in weißes Tuch.

Der rote Kuttenträger trat an den Altar heran.

Als er das Bündel auf den Stein legte, verstummte abrupt der Singsang.

In dem Bündel bewegte sich etwas. Der Umriss eines Fußes drückte sich durch das weiße Tuch.

Eine helle Stimme meldete sich mit Gluckslauten.

Füße strampelten.

Aber das Bündel war gut verschnürt.

"Tazilaar!", rief der rote Kuttenträger. "Deine Jünger rufen dich. Dein sei der Tribut."

Und die anderen antworteten: "Es lebe Tazilaar, der Gott der Knochen und Gebeine!"

Die kleinen Schädel, die von der Decke herabhingen, begannen zu vibrieren. Zunächst nur ganz leicht, dann immer stärker.

"Tazilaar! Du Abgesandter der Dämonen der Dämmerung, Herr der Gebeine und des Blutes, Vollender des Todes und der Fäulnis..."

Das gespenstische Knochenmobile geriet jetzt in immer stärkere Bewegungen. Schädeldecken stießen aneinander. Geräusche, die entfernt an die akustische Kulisse eines Billardsaals erinnerten.

Einer der anderen Kuttenträger trat jetzt an den roten Zeremonienmeister heran und reichte diesem zwei Dinge.

Einen meißelartig zugespitzten Knochen, der vielleicht einst ein menschlicher Oberschenkel gewesen war und einen Steinhammer, dessen Schaft ebenfalls aus Knochen geformt war.

Der Mann in Rot setzte die Spitze des Knochenmeißels in die Mitte des zappelnden Bündels.

Dann holte er mit dem Knochenhammer zu einem Schlag aus.

Die glucksende Stimme erstarb.

Das weiße Tuch, in das das Bündel eingeschnürt war, verfärbte sich rot.

Rot wie Blut. Eine Lache bildete sich und dann rann es den kalten Stein hinunter bis zum Boden.

8

"Was machen Sie da?"

Murphy zuckte herum. Er befand sich in den düsteren Kellern unterhalb des Dakota-Buildings. Waschräume waren hier zu finden. Einer davon hatte in Roman Polanskis Filmversion von ROSEMARIES BABY als Kulisse gedient.

Der Mann, der so plötzlich aufgetaucht war, trug die Uniform der New Yorker Cops. Sein Gesicht war pockennarbig.

In seiner Begleitung befand sich ein Security Guard, der dem privaten Sicherheitsdienst angehörte zu dessen Aufgaben die Überwachung des Dakota Buildings gehörte. An seinem grauen Uniformhemd stand sein Name: Burton.

Murphy hob die Augenbrauen. Er ließ das Pendel sinken.

"Braucht man jetzt schon eine Genehmigung, um in den Waschkeller zu gehen?"

"Das kommt ganz darauf an!", knurrte der pockennarbige Cop.

"Ich bin Mieter hier."

Der Pockennarbige wandte sich Burton. "Stimmt das?"

Burton musterte Murphy einige Augenblicke lang.

Murphy sagte: "Ich bin David Murphy von 234 D. Allerdings bin ich noch nicht sehr lange hier im Haus."

Burton nickte schließlich. "Ich erinnere mich an das Gesicht - das kann schon sein."

"Was haben Sie da in der Hand?", fragte der Cop und deutete auf Murphys Pendel.

Murphy hob es hoch. Es hing an einer messingfarbenen Kette. Der Cop nahm das Metallstück am Ende in die Hand, sah stirnrunzelnd auf die magischen Symbole. Für ihn vielleicht nichts weiter als skurrile Ornamente.

"Wir suchen einen Säugling", erklärte der Cop dann.

"Das Kind der Sarrascos?", fragte Murphy.

"Woher wissen Sie das?"

"Es war nur so ein Gedanke. Die Sarrascos sind meine Nachbarn. Normalerweise hat das Kind immer viel geschrien, aber seit kurzem hat das aufgehört..."

Der Cop nickte.

"Es ist Natalie Sarrasco. Haben Sie irgend etwas Verdächtiges bemerkt?"

"Verdächtig - was meinen Sie damit?"

"Kommen Sie bitte mit, ich möchte mir mal Ihre Wohnung ansehen."

"Haben Sie denn einen Durchsuchungsbefehl?"

Der Cop kratzte sich an einer seiner hässlichen Pockennarben und grinste breit. Ihm fehlten die oberen Schneidezähne und so sah er jetzt wie eine Art Mike Tyson nach ausgiebigem Bleichbad.

"Haben Sie denn was zu verbergen, Murray?"

"Murphy", korrigierte Murphy.

"Wie auch immer."

Er blickte sich um. Das Pendel hielt er jetzt wieder mit beiden Händen. Es schwang hin und her. Murphy spürte die KRAFT. Ich muss hier her zurückkehren, dachte er. Hier unten lag der Schlüssel. Der Schlüssel zu einer Tür, die in ein düsteres Reich der Finsternis führte.

Er war ganz nahe dran, das spürte er.

9

Zehn Minuten später waren Burton, der Security Guard und der narbengesichtige Cop mit Murphy in dessen Wohnung gegangen.

Auf den Fluren waren weitere Polizisten - mit und ohne Uniform - zu sehen.

Wenigstens war es tröstlich zu sehen, dass Murphy nicht der Einzige war, der befragt wurde.

Das Narbengesicht sah sich in 234 D um, fasste allerdings nichts an. Er schien nach etwas ganz bestimmtem zu suchen, fand es aber nicht.

"Wie stehen Sie zu okkultistischen Praktiken?", fragte er dann unvermittelt.

"Wieso?", fragte Murphy zurück.

"Nicht 'wieso'. Beantworten Sie einfach meine Fragen."

"Sie werden hier nichts finden, was auf derartige Praktiken hinweist", erklärte Murphy ausweichend. Er konnte sich den Hintergrund der Frage zusammenreimen. Die ermittelnden Beamten des NYPD vermuteten hinter dem Verschwinden des Babys offenbar okkultistische Zirkel, die irgendwelche magischen Rituale - Opferrituale vielleicht - durchführten.

Jetzt meldete sich Burton zu Wort. Sein Tonfall war etwas versöhnlicher. Kein Wunder, dachte Murphy. Schließlich wusste Burton ganz genau, wer ihn letztlich bezahlte. Die Bewohner des Dakota-House nämlich.

Burton sagte: "Sie sind noch nicht lange her, Mister Murphy..."

"Um so mehr verwundert mich die Art und Weise der Befragung!"

"...aber das Baby der Sarrascos ist der letzte von insgesamt fünf Säuglingen, die innerhalb des letzten Jahres in dieser Gegend verschwunden sind."

"Was haben die Ermittlungen ergeben?", fragte Murphy pro Forma. Er kannte die Antwort nämlich, wusste sehr viel mehr darüber als dieser kleine Security Guard, der davon nur aus der Presse und aus zweiter Hand erfahren haben konnte.

Dieser Kinder wegen war Murphy nämlich unter anderem hier.

Ihretwegen - und um der vielen anderen willen, die zweifellos noch folgen würden, wenn man der finsteren Macht nicht Einhalt gebot, die hier am Werke war.

Den Dienern der DÄMONEN DER DÄMMERUNG.

Kaum zu glauben, aber dieses unsympathische Narbengesicht ist eigentlich dein Verbündeter!, dachte Murphy mit Blick auf den Cop. Aber ich werde mich hüten, ihm auch nur eine Silbe von dem zu sagen, was ich weiß... Dieser Mann ist völlig ahnungslos, so wie das ganze Police Department, wie diese Stadt, die angeblich nie schläft -—ja, wie die ganze Welt. Was wissen sie von der Bedrohung, die im Begriff ist, die gesamte Menschheit zu bedrohen? Nichts. Sie sind nichts weiter als Bauern in einem Schachspiel, das sie nicht durchschauen, ja, von dessen Existenz sie nicht einmal etwas ahnen.

"Wir haben die Knochen eines der Kinder am Hielscher Playground gefunden", sagte der narbengesichtige Cop. "Ist schon ein Vierteljahr her, vielleicht haben Sie davon gehört."

Murphy sagte: "Es gibt so viele Leichen im Fernsehen."

Der Cop grinste. "Ich verstehe, was Sie meinen."

Dass die Knochen auf dem Hielscher Playground im Central Park gefunden worden waren, wusste Murphy. Der Schädel hatte gefehlt. Nur der Schädel. Der Torso war zerlegt worden. Die Knochen hatte der Täter in einer ganz bestimmten Form angeordnet. Sie hatten ein pfeilartiges Zeichen gebildet, das exakt so ausgerichtet gewesen war, dass es auf das Dakota Building gezeigt hatte. Der Hinweis eines perversen Täters, so war in der Presse zu lesen gewesen. Ein DNA-Vergleich mit Blutproben der Eltern hatte dann einwandfrei erwiesen, dass die Knochen wirklich von einem der gesuchten Säuglinge stammen.

Der narbengesichtige Cop schob sich ein Kaugummi in den Mund.

"Halten Sie die Augen offen, Murray!" sagte er dann, bevor er ging.

"Ich hoffe, dass Sie den oder die Täter kriegen!", gab Murphy seiner Hoffnung Ausdruck und verzichtete dabei darauf, den Cop wegen des 'Murray' zu korrigieren.

"Ich habe kein Verständnis für Schweine, die so etwas tun!", meinte der Cop. Seine Stimme klang etwas anders als sonst. Ein Tonfall, der zum ersten Mal erkennen ließ, dass dieser Fall für ihn kein Job wie jeder andere. "Man muss sich das mal vorstellen", murmelte er dann. "Die Knochen abzuschaben, das ganze Fleisch herunterzukratzen... Furchtbar. Und wir wissen bis heute nicht, wo das abgeblieben ist!"

10

Später sah Murphy in einem der zahllosen New Yorker Lokal-TV-Sender den verzweifelten Aufruf von Martin Sarrasco. Der Vater des verschwundenen Säuglings wandte sich via TV an den oder die Täter. Tränenüberströmt bat er um das Leben seines Babys, immer wieder unterbrochen vom Schluchzen seiner Frau. Die Kamera hielt direkt drauf. Der Quotenrenner des Mittags. Im Laufe des Nachmittags würde man diese Szenen noch in dutzendfacher Wiederholung sehen können. Auf das Wesentliche zusammengeschnitten natürlich.

11

"Wir hatten keine andere Wahl", sagte Martin Sarrasco.

"Man hat immer eine Wahl!", erwiderte seine Frau.

"Du redest Unsinn."

"So?"

"Herrgott nochmal!"

"Nimm dessen Namen nicht in den Mund, Martin."

"Wie?"

"Sprich nicht von Gott. Das klingt irgendwie..."

Sie stockte.

Begann zu weinen.

Wieder und wieder.

Martin Sarrasco atmete tief durch. Er verdrehte die Augen. Scheiße, hat sie nicht Recht? Hat sie nicht verdammt noch mal Recht?

Seine Frau saß heulend auf der Bettkante. Sie schluchzte zum Steinerweichen. Immer wieder wurde sie von Heulkrämpfen geschüttelt.

Die Tränen rannen ihr nur so das Gesicht hinunter.

Das dezente Make-up war völlig zerlaufen. Ein Aquarell der Verzweiflung.

"Ich glaube, es war ein Fehler", brachte sie schließlich heraus. "Es war ein gottverdammter Fehler. Wir hätten uns niemals auf diese Sache einlassen dürfen."

"Das sagt sich jetzt leicht."

"Habe ich vielleicht unrecht?"

"Nein...Quatsch... Verdammt, ich weiß es nicht!" Martin Sarrasco raufte sich die Haare. Die ganze Situation ist verfahren. Völlig verfahren.

Sie sah ihn an.

Er dachte: Mein Gott, sieh mich nicht so an. Ich könnte dich für diesen Blick töten. Bin ich denn allein Schuld an dem, was geschehen ist? Jetzt können wir nicht mehr heraus aus dem Schlamassel. Wir können einfach nicht. Einmal in die Sackgasse gelaufen und Schluss...

Ihr Gesicht veränderte sich, verzog sich zu einer Grimasse.

"Ich hasse dich dafür, Martin", sagte sie.

"Mach's dir nicht so einfach."

"ICH mache es mir NICHT einfach, Martin."

"Ach komm, Sue."

"So ist es doch!"

"Sue..."

"Sue...", äffte sie ihn nach. "Sue...Sue...Sue... Du willst doch alles nur unter einer süßen Soße aus beruhigenden Worten zudecken. Verdammt, ich scheiß darauf, hörst du? Ich scheiß darauf!"

"Laut genug war's zumindest."

"Aber angekommen ist es bei dir wohl noch lange nicht."

Pause.

Eine lange, unangenehme Pause, schwer wie Blei.

Er wich ihrem Blick aus, sah zur Seite. "Was hätten wir denn tun können?", erwiderte er. "Wir haben von Tazilaars Kraft profitiert. Und jetzt waren wir mit dem Opfer an der Reihe. Unser Kind, es gehörte gewissermaßen von Anfang an nicht uns. Verstehst du das, Sue?"

Sie verstand es nicht.

Sie antwortete ihm auch nicht.

Sie schüttelte nur stumm den Kopf. "Sprich diesen Namen nicht wieder aus!", brachte sie dann hervor. "Den Namen dieses... dieses Monstrums, des Knochengottes!"

An der Wohnungstür klingelte es.

Sie sahen sich an.

"Das ist bestimmt irgend so ein Medienfritze", meinte Martin Sarrasco. "Ich wimmle die ab!"

Er lief zur Schlafzimmertür.

Sue meldete sich noch einmal zu Wort und der Klang ihrer Stimme ließ Martin Sarrasco erstarren.

"Es ist nicht zu fassen", sagte sie. "Du heuchelst dem Fernsehen den besorgten Vater vor und in Wahrheit weißt du ganz genau, was mit deinem Kind geschehen ist! Du weißt, dass nichts als ein paar Knochen übrig sind... sein Schädel wird jetzt bei den anderen hängen. Bei den vielen anderen. Mein Gott..."

Sie schluchzte erneut und sagte noch etwas, wovon Martin Sarrasco beim besten Willen nicht ein Wort zu verstehen vermochte.

Er öffnete halb die Lippen, wollte etwas erwidern, aber dann klingelte es ein zweites Mal. Diesmal ungeduldiger.

"Ja, ja", murmelte er vor sich hin.

Sein Gesicht wirkte angespannt.

Wie zur Maske erstarrt.

Während Martin Sarrasco durch den Flur ging, bemerkte er, dass er zitterte.

Tazilaar, dachte er.

Gott der Knochen.

Dämon der Gebeine.

Bleicher Herr leerer Augenhöhlen...

Gebieter!

Und immer wieder hallten gebetsmühlenartig Worte einer längst vergessenen Sprache in seinem Inneren wieder: 'Makator latam! Makator latam!'

Schluss damit!, durchzuckte es ihn.

Ich kann es nicht mehr hören!

Ich kann es einfach nicht mehr.

'Hast du vergessen, wem du dienst?' fragte eine unerbittliche Stimme in ihm.

In diesem Moment glaubte er, ein höllisches Gelächter in seinem Schädel widerhallen zu hören. 'Etwas' berührte sein Inneres. Eine 'Kraft', eine 'Macht', etwas Unheimliches, Unerklärbares.

Tazilaar...

'Hast du nicht gewusst, dass es kein Zurück mehr für dich gibt? Hat man es dir nicht hundertmal gesagt? Steht es nicht in den alten Schriften? Hast du das alles vergessen, Martin Sarrasco?'

Martin Sarrasco erreichte die Tür.

Bevor er sie öffnete, warf er kurz einen Blick auf die Rolex an seinem Handgelenk.

Kurz vor Mitternacht.

Selbst die Leute vom Fernsehen waren nicht so dreist, jetzt noch hier aufzutauchen.

Wer konnte es also sonst sein?

'Sie', dachte er.

Seine Brüder, seine Schwestern in diesem unheiligen Glauben, der sie alle zu Sklaven Tazilaars machte.

Zu Sklaven jenes Tazilaar, der alten Überlieferungen nach selbst ein Sklave noch mächtigerer Wesen war.

Ein Sklave der Dämmerdämonen.

'Hast du Schuld auf dich geladen?', fragte Martin Sarrasco sich selbst. 'Kannst du wirklich sagen, dass du immer im Dienst unserer Gemeinschaft gehandelt hast, so wie man es von dir erwartet, so wie du es geschworen hast, dort unten, in den Tiefen des Gewölbes unter dem Dakota House?'

'Verdammt!', sagte eine andere Stimme in ihm. 'Verdammt, es war mein Kind! MEIN Kind!'

Kaum war dieser Gedanke in seinem Bewusstsein aufgetaucht, glaubte Martin Sarrasco wieder das höhnische Lachen zu hören.

Seid still!, schrie es in ihm.

Seid endlich still, ihr Teufel!

Zitternd öffnete Martin Sarrasco die Tür.

Er verzichtete darauf, durch den Spion zu sehen, denn er glaubte zu wissen, wer dort draußen auf ihn wartete. Irgendein sensationsgeiler Reporter, das Mikro in der ausgestreckten Hand, neben sich ein Kameramann.

Doch er irrte sich.

Sarrasco stutzte.

Er blickte in das Gesicht eines korpulenten, rothaarigen Mannes. Die Augen, die Sarrasco ansahen, brannten wie Feuer. Eine geradezu gespenstische Intensität war ihrem Blick eigen.

"Mr. Sarrasco?", fragte der Rothaarige.

"Ja?"

"Mein Name ist David Murphy. Ich möchte mit Ihnen über Ihr verschwundenes Kind sprechen."

"Danke, kein Bedarf!"

Sarrasco wollte die Tür zuknallen, aber Murphy hatte bereits seinen Fuß dazwischengestellt.

"Ich habe Ihren Auftritt im Fernsehen gesehen", sagte Murphy. "Ich bin weder von der Presse, noch vom Fernsehen."

"Was wollen Sie von mir?"

"Sagte ich das nicht bereits?" Murphy machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. "Sie wissen so gut wie ich, dass es für Ihr Kind vermutlich bereits zu spät ist... aber andere werden ihm folgen. Andere werden ebenfalls als abgeschabte Knochen enden, die man zu seltsamen Zeichen zusammengelegt auf dem Hielscher Playground im Central Park auffinden wird."

Martin Sarrasco sah Murphy völlig perplex an.

"Helfen Sie mir", sagte Murphy. "Helfen Sie mir, diesem Spuk ein Ende zu machen!"

"Wer sind Sie um Himmels Willen?"

Jetzt meldete sich Susan Sarrasco zu Wort.

Sie war in den Flur gekommen.

"Kommen Sie herein, Sir!", sagte sie.

Murphy betrat die Wohnung.

Martin Sarrasco wich zurück, stellte sich dann neben seine Frau. Murphy schloss die Wohnungstür hinter sich. Martin Sarrasco registrierte ein unruhiges Zucken seiner Finger. Er krallte die Hände krampfhaft zusammen.

Die Kraft Tazilaars, dachte er. Sie übernimmt langsam die Kontrolle über dich! Du wirst es nicht verhindern können. So oft hast du gesehen, wie dies bei anderen vor sich ging, jetzt bist du an der Reihe.

"Wer schickt sie?", fragte Sue Sarrasco indessen an Murphy gewandt.

"Das ist nicht wichtig", sagte Murphy. "Wichtig ist nur, dass keine Kinder mehr getötet werden."

"Ja", flüsterte sie.

"Wo finden die Rituale statt? Im Keller? Ich habe den gesamten Keller abgesucht. Aber dort irgendwo unter der Erde muss es irgendwo sein. Das weiß ich."

"Woher—-", stammelte sie.

"Auch das spielt keine Rolle", sagte Murphy.

Sue Sarrasco wischte sich über das Gesicht, wischte das verlaufene Make-up an ihren Ärmel. "Es...es gibt...", stammelte sie.

"So reden Sie schon!", forderte Murphy ungeduldig.

Er trat einen Schritt näher.

Irgend etwas ließ ihn dann stoppen.

Vielleicht ein inneres Gefühl - eine Art Instinkt - für die Gefahr. Vielleicht auch die verkrampfte Haltung, die Martin Sarrasco plötzlich einnahm. Jeder Muskel, jede Sehne seines Körpers schien auf einmal angespannt zu sein. Wie bei einem zum Sprung bereiten Raubtier. Sue Sarrasco fuhr fort. Sie hatte offensichtlich Mühe beim Sprechen.

'Etwas' hinderte sie anscheinend daran, klar zu formulieren.

Sie kämpft, dachte Murphy. Sie kämpft mit der Macht ihres dämonischen Gebieters.

Murphy murmelte eine Beschwörung, um die junge Frau zu unterstützen.

"Ein geheimer Eingang!", stammelte sie. "Es gibt einen geheimen Eingang! Unten... im Keller! Man findet ihn nicht gleich... ein Schacht... tief... Abwasser... nein!" Sie fasste sich an den Kopf, so als spürte sie plötzlich einen heftigen Schmerz.

An dem, was Sue Sarrasco gesagt hatte, konnte etwas dran sein, überlegte Murphy. New York war mehr als zehn Stockwerke tief unterhöhlt. Der Untergrund von Manhattan glich dem verzweigten Bau eines Maulwurfs, der längst ganze Abschnitte seiner Wohnung schlicht vergessen hatte.

Stillgelegte Abwasserkanäle und nicht mehr benutzte U-Bahn-Schächte bildeten ein weit verzweigtes Netz.

Es war durchaus denkbar, dass es vom Keller des Dakota House aus dorthin eine Verbindung gab.

Ein idealer Ort, um monströse Rituale durchzuführen.

Kein Schrei konnte die Oberfläche erreichen.

Kein einziger verzweifelter Todesschrei.

Mit Martin Sarrasco ging unterdessen eine erschreckende Verwandlung vor sich.

In seinen Augen entstand ein rotes Leuchten.

Seine Züge waren tierisch verzerrt. Er riss den Mund auf, bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

Die Macht seines Gebieters ist in ihm, wurde es Murphy klar.

Martin Sarrasco stieß seine Frau von sich.

Sie knallte gegen die Wand, rutschte zu Boden.

Martin Sarrasco hob die Hände.

Murphy spürte eine mörderische Kraft, die ihn erfasste und zurück schleuderte. Er flog mit einer derartigen Wucht gegen die Wohnungstür, dass das Holz splitterte. Sein Körper drang durch die Tür hindurch.

Erst auf dem Flur kam Murphy zu Boden. Die Schultern und der Hinterkopf schmerzten höllisch.

In der Wohnungstür der Sarrascos befand sich ein mannsgroßes Loch.

Benommen stand Murphy auf...

Ich hätte damit rechnen müssen, dachte er. Ich war einfach nicht genügend auf der Hut.

Murphy war etwas benommen.

Martin Sarrascos Gesicht hatte sich auf erschreckende Weise verändert. Es wirkte Tierhaft. Die Augenwülste waren überdimensional gewachsen, ebenso die Mundpartie. Die Augen traten aus den Höhlen hervor.

Das WESEN, zu dem Martin Sarrasco geworden war, schnellte vor.

Schneller, als Murphy irgend etwas dagegen tun konnte. Die Zähne schlugen sich in Murphys Hals, zerfetzen ihn. Er würgte noch den Anfang einer Beschwörungsformel hervor, aber es war zu spät. Martin Sarrasco beziehungsweise das, was aus ihm geworden war, zerfetzte den Dämonenjäger buchstäblich. Blut spritzte bis zur Decke. Der Kopf wurde abgerissen, gegen die Wand geschleudert. Er zerplatzte wie eine Melone. Hirnmasse tropfte von der Wand.

12

Eine andere Welt, eine andere Dimension...

Vielleicht nur eine andere Variante der Wirklichkeit oder ein Schatten der Realität...

Murphy saß in einer Londoner Sushi-Bar, hatte schon zum dritten Male nach bestellt und wischte sich gerade den Mund ab, als ein Mann in einer Mönchskutte eintrat. Schon auf Grund seines Aufzugs lenkte dieser Neuankömmling alle Blicke auf sich. Für das Publikum der Sushi-Bar war dieser Mönch sogar noch auffälliger, als Murphy mit seinem Knöchellangen Ledermantel.

Der Mönch hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Murphy hatte noch ein paar Stücke der Sushi Portion in seinem roten Bart hängen, was nicht sehr appetitlich aussah.

Der Mönch trat näher an ihn heran.

Das Gesicht lag im Schatten.

Für einen Moment glaubte Murphy, glühende Augen in der Dunkelheit unter der Kapuze sehen zu können.

Meister Darenius!, durchzuckte es Murphy. Das Glühen der Augen waren durch eine übermäßige Einnahme jener Substanz verursacht, die als Salz des Lebens bekannt war. Eine Droge, mit deren Hilfe man Raum und Zeit überwinden konnte. Murphy hatte diese Substanz durch Darenius, den legendären Großmeister des Ordens vom Weißen Licht, kennen gelernt. Seitdem war der Dämonenjäger selbst mehr oder weniger süchtig nach diese Substanz.

Darenius schlug seine Kapuze zu zurück.

Das Glühen in seinen Augen verschwand.

"Hallo Murphy. Du hast dich ziemlich rar gemacht ", sagte er.

„Seit wann duzen wir uns?“

„In der einen Welt tun wir es, in der anderen nicht. Ist das so wesentlich?“

„Nein.“

„Na, also!“

Murphy grinste.

"Sei gegrüßt, Meister Darenius ", gab Murphy etwas verlegen zurück." Dass ich nicht mehr ins Kloster Clairmont zurückgekehrt bin, hat natürlich seine Gründe. "

"Ja, ich weiß. Du traust unseren Mitbrüdern nicht ", stellte Meister Darenius fest.

"Wenn du einen gewisse Vorkommnisse zurück denkst, dann musst du zugeben, dass mein Misstrauen durchaus begründet ist. Schließlich haben die in den Orden eingesickerten Agenten der Dämonenjünger dafür gesorgt, dass mein Fahrzeug abstürzte."

"Und wer rettete dir das Leben?"

"Ich weiß, dass ich tief in deiner Schuld stehe, Meister Darenius."

"Darauf will ich nicht hinaus, Bruder Murphy!"

"Ach nein?"

"Nein. Aber du solltest dich darin vielleicht erinnern. Vielleicht wird dir dann ja klar, dass jegliches Misstrauen mir gegenüber vollkommen unbegründet ist."

Murphy hatte das Gefühl als ob ihm jemand seinen geweihten Dolch in die fette Wampe gestoßen hätte.

Genau das genau das ist der entscheidende Punkt!, ging es Murphy durch den Kopf.

"Wie kommt zu darauf, dass ich dir Misstrauen könnte?", fragte Murphy.

"Versuchen keine Ausflüchte" sagte Meister Darenius. "Du weißt, dass es sinnlos ist."

"Meister..."

"ich kann in deine Seele schauen. Vergiss das nicht."

"Wie könnte ich das?"

"Wie auch immer - so muss ich mich eben zu dir bemühen. Es gibt Wichtiges zu besprechen. Lass dir gesagt sein, dass es einen Unterschied zwischen Wachsamkeit und Paranoia gibt."

13

Elmore sah aus dem Wagenfenster, während er mit dem großen Chevy aus der Fahrbereitschaft der Homicide Squad über die Broooklyn Bridge fuhr. Die Silhouette New Yorks hatte sich seit dem 11. September 2001 verändert. Eine Lücke klaffte in der Skyline.

Eine Lücke, die mal das World Trade Center gewesen war.

Diese verdammten Terroristen!, ging es Elmore durch den Kopf.

Das dachten viele im Moment.

Bei manchen wurde daraus: Diese verdammten Araber.

So etwas nennt man dann auch wohl Patriotismus.

Elmore rülpste.

Ein Mundvoll Heineken Bier landete auf dem Comic-Heft, das sein Partner gerade auf dem Schoß hatte.

"Ey, was soll das, du Sack?"

"Häh?"

"Das Heft ist wertvoll!"

"Scheiße!"

"Das ist die Spider-man-Ausgabe zum Attentat auf das WTC!"

"Krieg dich ein!"

"Arschloch."

"Es waren doch nicht die Kronjuwelen!"

"Leck mich doch."

"Weißt du, das ist für mich der Hauptgrund, sich bei der City Police zu bewerben. "

"Wovon sprichst du? "

"Na, vom Betriebsklima bei der New Yorker Polizei - wovon denn sonst, du Sackgesicht!"

14

Ein neuer Tag.

Derselbe Mist.

Dieselbe Stadt.

New York City, auch bekannt als Big Apple oder bescheidener: der Nabel der Welt.

James "Jim" Elmore, Lieutenant der Homicide Squad II des 23. Precinct des New York Police Department machte das Radio aus und beraubte YER BLUES des letzten Refrains. Sekundenlang blieb er unbeweglich sitzen und schaute hinaus.

Er schluckte.

Das ist mal wieder Tag, dachte er. Ein Tag zum Wegwerfen. Ein Tag für die Mülltonne. Eigentlich ein ganz normaler Tag.

Es war deprimierend.

Immer wieder dasselbe.

Routine allerdings im schlechten Sinne.

Irgendwann, so hoffte, würde er das alles hinter sich lassen können.

Wahrscheinlich erst, wenn du in Pension gehst!, dachte er. Aber bis dahin waren es noch ein paar Jahre. Mehr als ihm lieb waren. Leider nicht zu ändern!, ging es ihm durch den Kopf. So ist es nunmal.

15

"Scheiße!", murmelte er unfein vor sich hin. Ach, wie er seinen Job manchmal hasste! Kein Wunder: Wenn man ihn zu einem Tatort rief, begann stets aufs Neue das Wühlen im Dreck - im schlimmsten Dreck, den man sich denken konnte. Dafür war er schließlich da. Wie ein Kanalarbeiter, den man nur dann brauchte, wenn der Dreck zum Himmel stank und allen natürlichen Ablauf behinderte.

Gut, er hatte es sich schließlich ausgesucht. Nicht nur, weil es auch Kanalarbeiter geben musste, sondern weil es ihn irgendwie befriedigte, Dreck zu beseitigen. Ein Erfolgserlebnis besonderer Art halt. Auch wenn er dabei in Kauf nehmen musste, dass vielleicht immer auch ein wenig Dreck an ihm selber hängenblieb. Denn wie hieß es treffend im Sprichwort: "Wer im Dreck wühlt, macht sich selber schmutzig!"

Brummig stieg er aus. Wieso kamen ihm solche fast philosophischen Überlegungen ausgerechnet hier und jetzt?

Eine Ahnung vom Übel, das ihn erwartete. Eine Ahnung davon, dass es diesmal schlimmer sein würde als jemals zuvor. Viel, viel schlimmer!

Eine Ahnung vom - HORROR!

Er schloss die Wagentür nicht ab, sondern bahnte sich seinen Weg durch die Menge der schaulustigen Gaffer.

Überall waren Beamte der City Police: Sie verwandelte die Nacht in eine Orgie aus Farben und Sirenen, die die Gesichter in zuckendes, unwirkliches Rot und Blau tauchten.

Schlecht geschminkt, dachte Jim sarkastisch und schob eine jüngere, blonde Frau beiseite, die sich in schierer Gier, nur ja nichts zu verpassen, rücksichtslos bis fast zur Absperrung vorgedrängt hatte.

Zwei Uniformierte erkannten ihn endlich und ließen ihn hinter die Absperrung.

"Schaffen Sie mir den Mob vom Hals!", befahl er ihnen angewidert. Sie kannten ihren Boss Elmore nur zu gut, um zu wissen, dass es besser war, den Befehl sofort in die Tat umzusetzen.

Sie würden sich zumindest emsig bemühen!

Jim fingerte an seinem schlechtgebundenen Schlips herum, denn die drückende Schwüle machte ihm zu schaffen. Verflucht, es war doch die ganze Zeit über nicht so schwül gewesen? Er schaute sich kurz um. Als wären die Hundertschaften des Mobs dafür verantwortlich.

Um seine Mundwinkel zuckte es. Er sah, dass sich seine Leute tatsächlich nach Kräften bemühten, den Mob zu zerstreuen. Der große Erfolg, wie Jim es sich gewünscht hätte, blieb trotzdem leider aus.

"Captain!", rief der diensthöchste Cop ihm zu. "Jim, komm doch bitte hier herüber."

Konnte es sei, dass er sich gerade davor regelrecht - drückte? Sonst hätte er nicht soviel Wert auf den Mob gelegt. Der störte ihn doch sonst nie. Zumindest bei weitem nicht in solchem Maße...

Als hätte er - Angst vor dem Kommenden!

Der dunkelhaarige und übernächtigt aussehende Officer, Mitte Dreißig, geschieden, und seit mehr als zwölf Jahren beim New Yorker Morddezernat, kannte Jim schon seit vielen Jahren, war sogar am Anfang mit ihm Streife gefahren.

"'n Abend, Mac, gib mir bitte einen Bericht. Ich bin müde und habe schlechte Laune, also mach's bitte kurz...", sagte Jim mürrisch.

"Wird Dir nicht gefallen, Jim."

"Kann ich mir sowieso nicht anders vorstellen..."

"Also gut. Wir erhielten gegen 23:48 Uhr einen NEUN EINS EINS. Der zuständige Dispatcher beorderte uns hier zur Ostseite des Central-Parks. Nahe der Brücke hatte eine nächtliche Spaziergängerin mit ihrem Hund eine Kiste im Wasser treibend entdeckt. Ihr Hund gebärdete sich wie verrückt, und die Frau hatte Mühe, ihn von der Kiste da hinten fernzuhalten. Sie wurde von ihrem Hund regelrecht der Kiste hinterhergezerrt. Die Kiste blieb schließlich an einem der angelegten Felsvorsprünge hängen, und die Zeugin zog sie ans Ufer - äh, nachdem es ihr gelungen war, ihren Hund irgendwo festzubinden. Die Kiste war nicht verschlossen, und so öffnete sie die Riegel und... Nun, das, was sie zu sehen bekommen hat, solltest Du Dir besser selbst anschauen."

Da war sie wieder: Die Angst vor dem Bevorstehenden! Verdammt, wenn es eine Leiche war - und davon musste er ja wohl ausgehen... Ja, wenn es eine Leiche war, dann war es wahrhaftig nicht seine erste. Was hatte er schon alles gesehen und erlebt... Nein, eine Steigerung war einfach nicht mehr möglich.

Dachte er jedenfalls - und machte sich damit selber Mut.

Jim vergrub die Hände in die Hosentaschen und begann, noch mehr zu schwitzen.

"Geschlecht, Alter?", fragte er routinemäßig, bevor er einen Blick hineinwarf.

Mac sagte stockend: "Die Leiche eines Kindes. Etwa vier bis sechs Jahre alt, vermutlich männlich."

"Ein... Kind? Verdammt!" Ja, verdammt! Das war nämlich das Schlimmste von allem. Gott, wie er seinen Job hasste. Andererseits... Leute zur Strecke bringen, die solches taten... Einer musste schließlich die Drecksarbeit machen, und er galt darin als besonders gut. Ja, manchmal glaubte er das selber. Dann kam er wieder über die Runden und schmiss seinen Vorgesetzten den ganzen Kram doch nicht vor die Füße.

Jim blieb vor der Kiste stehen. Sie war bedeckt. Die Spurensicherung war wieder abgezogen, der Gerichtsfotograf hatte seine Arbeit abgeschlossen. Er sah ganz blass um die Nase aus. Ein so abgebrühter Bursche?

"Was, zum Kuckuck, Mac, meinst du mit 'vermutlich männlich'?", herrschte Jim den Officer an - härter als beabsichtigt. "Gibt's denn noch was anderes außer männlich oder weiblich?"

Mac reagierte gar nicht darauf. Er zog die Plane beiseite und zerrte vorsorglich ein frisches Taschentuch aus seiner Hosentasche. Wieso eigentlich?

Jim kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und trat vorsichtig einen weiteren Schritt nach vorn. Später bereute er, das getan zu haben. Mac trat zur Seite. Seine Augen waren starr auf Jim gerichtet und vermieden es, den Inhalt der Kiste noch einmal anschauen zu müssen.

Jim hatte in New York wirklich schon eine ganze Menge gesehen, doch beinahe hätte ihn der Anblick dessen, was die Kiste beinhaltete, von den Beinen gehauen. Es würgte ihn. Er rang nach Atem. Mac reichte ihm das frische Taschentuch, damit er es sich vor Mund und Nase pressen konnte, um wenigstens den Verwesungsgestank zu mildern.

Gott, was hatten die mit dem kleinen Körper denn angestellt...? Nein, da war wirklich nicht mehr feststellbar, ob männlich oder weiblich... So etwas Grausiges... Einfach unbeschreiblich.

In den Ekel mischte sich... Hass auf die Täter!

Jim taumelte zurück. Vor seinem geistigen Auge erschien seine schwangere Freundin Jessica. Sie würde ihr gemeinsames Kind bald bekommen.

Das Bild von der schwangeren Freundin vermischte sich mit dem Anblick vom Kisteninhalt. Jim dachte an Gott, der dies hier zugelassen hatte, an das unendliche Leid der unbekannten Eltern, an Jessica, an ihr eigenes Kind, das bald auf eine solche, gottverlassene Welt kommen sollte...

Gott? Ja, vielleicht war der ja gar nicht so allmächtig wie man es ihm allgemein unterstellte? Vielleicht brauchte er Leute wie ihn, Jim, um wenigstens den gröbsten Dreck zu beseitigen? Vielleicht waren Menschen wie Jim deshalb so unersetzbar, weil es nicht nur die Macht Gottes, sondern auch... die Macht des Bösen gab? Beide Mächte in Konkurrenz zueinander, und der Mensch... mittendrin, als permanentes Opfer!

"Scheiße!", fluchte Jim und hatte überhaupt keine Gewissensbisse darum, dass er sich als erfahrener Captain der Mordkommission hier so gehenließ.

Nein, diesem Kind hier konnte niemand mehr helfen. Jedenfalls kein Mensch mehr. Es war an Gott, sich der gepeinigten Seele anzunehmen.

Er runzelte die Stirn. Falls Gott wenigstens das ohne fremde Hilfe schaffte...? He, was waren das eigentlich für verrückte Gedanken? Gab es denn noch Schlimmeres für einen Menschen - wie hier, für dieses Kind - als einen solchen Tod?

Nein, ich kann ihm nicht mehr helfen! redete er sich ein. Aber ich schwöre, diesen Fall zu lösen und diesen Tod zu sühnen...

Und die Seele?, drängte sich ihm schon wieder dieser Gedanke auf. Was ist mit der Seele dieses Kindes? Wie sollte sie das Erlebte jemals vergessen, wenn niemand sich bemühte, sie zu läutern?

Ich werde verrückt!, konstatierte Jim verwirrt und schaute sich nach Mac um. Der Officer betrachtete ihn voller Mitgefühl. Natürlich, der Officer war für den Fall sozusagen nur in zweiter Linie verantwortlich. In erster Linie war es sein Captain. Und jetzt wartete er auf die ersten Anordnungen, denen er folgen konnte, den Tatort betreffend und überhaupt...

Ja, was war jetzt zu tun?

Jim durfte es auf keinen Fall zugeben, als der zuständige Captain bei der Mordkommission, als der Mann für die besonders scheußlichen Fälle: Aber er hatte keinen blassen Schimmer im Moment!

Er schaute zum Himmel hinauf, als könnte er dort eine Antwort finden, irgendein Zeichen, ein Hinweis.

Wieso dachte er nicht mehr an die scheußlich verstümmelte Leiche in der Kiste, sondern nur noch an... die Seele des so grausig geschundenen Kindes, die es zu läutern galt?

Ein Ritualmord!, durchfuhr es ihn. Ja, keines der üblichen Dreckschweine, die sich an Kindern vergehen, sondern eine Tat, die anders motiviert ist!

Wer waren die Täter?

Ja, er war auf einmal fest überzeugt davon, dass es sich um mehrere handelte. Wie? Nun, sein Instinkt. Sonst hätte er niemals die Karriere geschafft, die hinter ihm lag: Eine Karriere, in der der absolute Dreck der Gesellschaft die Hauptrolle spielte, eine Karriere, die sich stets um Mord und Totschlag drehte. Bis jetzt war seine Erfolgsquote verdammt hoch gewesen, und er wollte dafür sorgen, das dies auch so blieb.

Ja, sein Instinkt...

Jetzt konnte er in die Kiste schauen, ohne dass es ihm übel wurde. Er sah die grausam verstümmelten sterblichen Überreste und sah sie dennoch nicht. Vor seinem geistigen Auge war auch nicht mehr seine schwangere Freundin, sondern das lebendige Gesicht des Kindes da, das ihn flehentlich anschaute.

Es bettelte um Hilfe, denn mit dem Tod war die grauenvolle Tat noch längst nicht abgeschlossen. Es galt, keine Zeit zu verlieren...

Es war verrückt, und Jim hätte zurecht an seinem Verstand zweifeln müssen.

Aber er zweifelte nicht, denn er wusste, dass auf seinen Instinkt Verlass war. Bisher jedenfalls war das immer der Fall gewesen. Also - warum diesmal eigentlich nicht, auch wenn alles noch so verrückt erschien?

Sein Blick ging wieder zum Himmel, der von schwarzen, Unheil kündenden Wolken bedeckt wurde, und dann zur Seite. Er betrachtete das Dakota-Building, das hinter den vom Wind gepeitschten, hohen Bäumen hervorschaute, als würde es neugierig auf die grausige Szene herabstarren.

16

"Gerichtsmedizin, Gelände abriegeln, bewachen!", waren endlich seine Anordnungen. Er hatte sich gefangen. Wenigstens äußerlich.

Er schaute zum Mob hinüber. Trotz aller Bemühungen wurde der kaum weniger. Hatten die Leute zur nachtschlafenden Zeit denn nichts Besseres zu tun, als sich am Elend anderer zu ergötzen?

Er spürte den aufkeimenden Zorn und konnte ihn kaum unterdrücken. Es gab einfach Dinge, an die man sich nicht gewöhnen konnte. Nicht einmal dann, wenn man Cop in New York war. Nein, nicht einmal dann.

Jetzt hatte er auf einmal alles im Griff, wie man es von ihm erwartete. Er gab seine Anweisungen und machte Andeutungen, dass er sich alles noch einmal bei Tageslicht anschauen wollte.

Und seine Andeutungen waren für seine Leute Befehle!

Spuren würde er außerhalb der Absperrung keine mehr finden können. Jetzt nicht mehr, wo der sensationslüsterne Mob alles plattgewalzt hatte, was nur der Hauch einer Spur gewesen wäre.

Andererseits: War die Kiste nicht auf dem Wasser getrieben? Dann war die Tat ja wohl nicht hier erfolgt, sondern flussaufwärts!

Auch in dieser Beziehung gab Jim seine Anweisungen. Dann fragte er nach der einzigen Zeugin.

Die war nicht mehr hier. Der Anblick des Kisteninhalts hatte sie zu einem Fall für den Psychiater gemacht. Zur Zeit war sie nicht vernehmungsfähig.

Und auch über ihren Hund erfuhr Jim etwas: Der Hund hatte vor irgend etwas panische Angst. Er nahm jede Gelegenheit wahr, sich irgendwo zu verkriechen. Ein großer deutscher Schäferhund, mit dem es eine einsame Frau problemlos wagen konnte, nachts allein im Park spazierenzugehen - als zitterndes Nervenbündel? Wie konnte ein Hund über einen solchen Anblick denn so reagieren wie ein - Mensch?

Nein!, konstatierte Jim bitter, das ist nicht der Anblick, sondern etwas anderes. Nämlich das, was meinen Instinkt geweckt hat.

Er schaute sich um. Es gab niemanden, mit dem er sich über das unterhalten konnte, was ihn bewegte. Er wagte es nicht einmal, sich Mac gegenüber so zu äußern. Obwohl er sagen musste, dass Mac eher sein Freund als sein Untergebener war.

James "Jim" Elmore konzentrierte sich viel lieber auf die notwendige Routinearbeit. Zunächst. Damit hatte er jedenfalls mehr als genug zu tun. Denn wenn da schon auch nur der geringste Fehler begangen wurde, waren die späteren Ermittlungen nachhaltig gefährdet.

Und die würden sofort anschließend erfolgen.

Jim leitete auch in dieser Beziehung genau die erforderlichen Maßnahmen ein - so, wie man es von ihm gewöhnt war: kühl, überlegen, unerschütterlich - zumindest nach außen hin.

Nur Mac wusste es besser. Er kannte Jim ja auch besser...

17

Als David Murphy nach New York kam, wusste er, dass er mal wieder ziemlich spät dran war. Und er kannte einen Namen, obwohl er die Person, die zu diesem Namen passte, noch nie zuvor gesehen hatte: James "Jim" Elmore! Was war das für ein Mann? Der Täter gar? Und bei welcher Tat?

Murphy schaute sich in seinem New Yorker Büro um. Er hatte es schon im Frühjahr 1980 eingerichtet, ohne eigentlich zu wissen, wieso eigentlich. Aber das wusste er in der Regel nicht so genau, warum er das eine tat und das andere unterließ. Weil er darauf vertraute, dass die Mächte des Guten ihn schon richtig leiteten. Auch wenn sie das ohne viel Erklärungen taten.

Ich bin ihr Werkzeug, mehr nicht, dachte er ein wenig zerknirscht. Und was brauchen Werkzeuge zu wissen, was ihr Meister mit ihnen vorhat - und warum?

Es gibt nicht nur mich als Werkzeug! Auch das wusste er definitiv. Er hatte im Laufe seines Lebens einige kennengelernt, große, erfolgreiche genauso wie andere, die an ihrer Aufgabe früher oder später elendig zugrunde gingen.

Alle kämpfen wir als - Werkzeuge. Den einen ist es klar, dass sie nur Werkzeuge sind, den anderen nicht. Und jeder hat seine eigene Methode.

Es waren Frauen und Männer - im Dienste des Guten. Nicht im heiligen Gewand und Segnungen auf den Lippen, sondern grob fluchend und mit Flammenschwert, wenn es die Situation erforderte. Sie waren die Kanalarbeiter des Guten. Nicht diejenigen, die oben in der Sonne den Gläubigen etwas vorbeteten, sondern diejenigen, die im Untergrund wühlten. Eben in den stinkenden Abwässern der seelischen Ausscheidungen.

Wie dieser... Elmore!, durchzuckte es Murphy.

Jetzt wusste er, dass dieser Mann besonders wichtig war. Irgendwie wusste er es. Eine Eingebung. Er konnte nicht genau sagen, wie er zu solchen Eingebungen kam. Ihm erschien weder ein Engel, noch spürte er etwa die Anwesenheit des Heiligen Geistes. Ja, die Unwissenheit von Murphy - zumindest in dieser Beziehung - war sogar noch viel wesentlicher: Er wusste nicht einmal definitiv, ob sein eigentlicher Auftraggeber wirklich Gott selber war? Genauer gesagt: Er wusste nicht, ob es sich nun um den christlichen Gott oder gar um irgendeinen anderen handelte?

Vielleicht liegt es ja auch einfach nur daran, dass es keinen besonderen Gott nur für die Christen gibt! sagte sich Murphy, und dieses Urteil traute er sich nun ganz und gar zu. Es liegt daran, dass es Gott nicht als irgendeine Person gibt, sondern dass es sich um die Macht des Guten handelt, was wir Gott nennen. Um die Kräfte des Positiven. Und wo sie sind, da gibt es auch den Gegenpol, eben die Mächte des Bösen.

Wie Licht und Schatten: Je greller das Licht, desto dunkler der Schatten!

Und wir, die wir uns manchmal Dämonenjäger nennen, sind dazu da, die Grenzen zu überschreiten und vom Licht in den finsteren Schatten zu treten, um dort unser grausiges Handwerk zu erledigen.

Du auch, Elmore! Obwohl du kein Dämonenjäger bist, so wie ich, sondern du jagst Menschen, die das Böse verkörpern. Eigentlich sind die sogar schlimmer als die Dämonen. In meinen Augen zumindest. Denn Menschen können sich mehr oder weniger entscheiden zwischen Gut und Böse. Dämonen jedoch nicht. Sie sind von Natur aus das, was sie sind. Sie sind eben... Dämonen!

Er schaute sich in seinem Büro um. Es war hochmodern eingerichtet, wie in den achtziger Jahren üblich.

Dann wanderte sein Blick hinüber zur Wanduhr.

Nun, auf eine Uhr zu schauen ist an sich nichts Ungewöhnliches, auch wenn der Sekundenzeiger stand, aber als er kopfschüttelnd an den Schreibtisch ging, um die Zeit an der Uhr dort abzulesen, war er verblüfft.

Er wusste haargenau, dass er dieses Büro erst im Frühling eingerichtet hatte. Das war jetzt gut ein Vierteljahr her. Das Büro war frisch renoviert worden. Da konnte die Uhr an der Wand doch nicht schon kaputt sein? Überhaupt - es war merkwürdig still auf dieser Büroetage.

Als er vor wenigen Minuten das Büro betreten hatte, war das noch ganz anders gewesen. Er hatte sich in den Sessel gesetzt und den Schlips geöffnet. Gedankenverloren hatte er in seinen Notizen gekramt...

Er horchte noch einmal in sich hinein, stellte aber keine magischen Aktivitäten in seiner Nähe fest.

Er schaute auf seine Uhr am Handgelenk. Nach oben zur Wanduhr und weiter zur Uhr auf dem Schreibtisch. Alle zeigten dieselbe Zeit: ZWÖLF UHR EINS und keine Sekunde mehr.

Murphy bekam ein ungutes Gefühl im Magen. Er stand auf und ging zum Fenster und teilte die dichten Übergardinen. Er wollte einfach einen Blick hinauswerfen.

Es sollte draußen der frühe Morgen sein, im Sommer 1980. Eigentlich. Ihm war jedenfalls nichts aufgefallen, als er sein Büro betreten hatte. Zunächst jedenfalls nicht. Bis jetzt.

Und als er jetzt aus dem Fenster schauen wollte, um sich davon zu überzeugen, ob das Leben draußen immer noch geschäftig pulsierte, musste er feststellen, dass dort keineswegs die frühe Morgensonne über New York war - keineswegs das bunte Treiben auf den Straßen, keineswegs der gewohnte Anblick der vielen Hochhäuser! Er sah ungläubig hinaus. Die Stadt war sozusagen verschwunden. Zumindest für ihn. Denn draußen war eine schwarze Nebelwand, direkt vor seinem Fenster!

18

Er riss das Fenster auf und starrte in die schwarze Nebelwand hinein. In ihm regte sich etwas. Es war die Kraft, die ihn manchmal durchfloss, aus ihm nicht so ohne weiteres zugänglichen und deshalb kaum begreiflichen Quellen.

Murphy schloss die Augen, und seine geistigen Fühler strebten hinaus in die wabernde Schwärze.

Er beugte sich vor. Sein Büro lag im zwanzigsten Stockwerk eines dieser mächtigen Bürogebäude. Hier war es in seiner relativen Winzigkeit absolut anonym. Aber man hätte selbst hier oben das Brausen der Großstadt tief dort unten hören müssen. Nur... der schwarze Nebel verschluckte alles. Auch Geräusche.

Im zwanzigsten Stockwerk? Schwarzer Nebel, der alles von mir fernhält?, überlegte Murphy, wandte sich vom Fenster ab und lief hinüber zum Eingang.

Hier war er eingetreten, erst vor Minuten. Er hatte das Büro genauso vorgefunden, wie es zur Zeit war. Es war sein Büro, zweifelsfrei, aber seit seiner Ankunft musste irgend etwas passiert sein, unbemerkt - auch für seine manchmal plötzlich und ohne sein Zutun wirkenden, magischen Sinne. Die Dämonen der Dämmerung schienen ihre Finger nicht im Spiel zu haben, denn dann wäre er sicherlich gleich auf ihre magischen Aktivitäten aufmerksam geworden. Denn auf sie war er sozusagen spezialisiert. Was also - zum Kuckuck noch eins! - war hier passiert?

David Murphy riss die Tür auf. Der kleine Korridor gähnte ihn an. Die Garderobe. Ein leichter Trenchcoat. Mit dem auf dem Arm war er hergekommen.

Er ging weiter, öffnete die Tür zum Stockwerk.

Niemand da.

Er schaute nach beiden Seiten, aber niemand lief in diesem Stockwerk umher.

Unmöglich, dachte er irritiert. Hier war doch immer ein Trubel wie auf dem Broadway bei einer neuen Musical-Premiere?

Er ging rasch an den stehenden Expressfahrstühlen vorbei.

David Murphy riss die Tür zum Treppenhaus auf.

Doch das Treppenhaus war leer, und der Staub lag einige Zentimeter dick. Er schaute zurück, und erst jetzt fielen ihm seine deutlichen Fußspuren auf: Auch hier dicker Staub, als sei er der erste Besucher seit Jahren...

"Ich verstehe!", sagte er laut zu sich selbst - oder zu der Kraft, die ihn durchfloss. Es war die Kraft des Guten. Sie schützte ihn im Moment vor Schlimmerem. Aber gab es Schlimmeres, als entführt zu werden in eine namenlose Schwärze, zusammen mit einem ganzen Haus?

"Scheiße!", fluchte er und kehrte zurück zum Eingang in sein Büro.

Ohne die Tür hinter sich wieder zu schließen, ging er quer durch den kleinen Korridor, der als Bürovorraum diente. Er wollte gerade wieder sein Büro betreten, als er das erste Mal ein Geräusch hörte.

Das Geräusch wurde lauter, und Murphy blickte unbehaglich zum Fenster. Aus der wabernden Schwärze, die das ganze Gebäude schier undurchdringlich umhüllte, schälte sich ein für Murphy zunächst undefinierbares Etwas.

Murphy unterdrückte einen saftigen Fluch und eilte zum Fenster, um es rasch zu schließen. Gerade noch rechtzeitig: Es kribbelte unangenehm in ihm. Er kannte die Zeichen: Schwarze Magie ist hier im Spiel! stellte er fest. Und zwar von der schlimmsten Sorte.

Das Etwas wurde deutlicher: Eine Vogelbestie, die ganz aus Krallen und mächtigen Zahnreihen im Schnabel zu bestehen schien, prallte gegen das Fenster, dessen Scheiben unter der Wucht des Anpralls sofort barsten. Murphy katapultierte sich rückwärts aus der Reichweite der umherfliegenden Scherben. Ohrenbetäubendes Kreischen erfüllte die Luft. Er tastete nach seinem heiligen Messer und zog es, obwohl das monströse Wesen damit möglicherweise wohl kaum zu beeindrucken war.

Er zeichnete blitzschnell mit einem Stück besonderer Kreide einen Bannkreis um sich herum, in der Hoffnung, dass das geflügelte Ungeheuer ihm dadurch nicht zu nahe kam.

Er ließ den Bannkreis zwischen sich und dem Monster, das sich inzwischen anschickte, die Fensteröffnung ganz zu durchbrechen. Das war nicht so einfach für es, weil das Monstrum zu groß war.

Gesteinsfetzen flogen Murphy um die Ohren, als er sich weiter in den Korridor zurückzog.

Ich werde mich tiefer ins Gebäude zurückziehen müssen, überlegte er. Vielleicht gibt es doch noch mehr Menschen hier? Und die dürften alle in Gefahr sein - wie, ja, wie Elmore, dem er wohl oder übel nicht weiterhelfen konnte. Wenigstens zur Zeit nicht.

"Kein Wunder, dass ich so oft zu spät komme: Es sind die negativen Kräfte, die mich behindern. Logisch. Denn sie wollen natürlich nicht, dass ich ihnen ins Handwerk pfusche. Genauso wenig, wie die Mörder es wollen, dass Elmore sich einmischt. Nicht war, Captain?

Und diesmal sind wir sogar beide gefragt: Du an deiner Front und ich an meiner. Oder ist es diesmal... ein und dieselbe?"

Wie dem auch sei: Murphy war abgeschnitten vom realen New York. Er und wahrscheinlich noch andere Menschen waren entführt worden ins Nichts, in eine magische Zwischenwelt vielleicht. Wer wusste das schon so genau?

"Jimmy" würde vergebens auf Hilfe warten müssen. Selbst wenn er gewusst hätte, dass es diese Hilfe überhaupt gab. Irgendwo, entführt ins Nichts, vielleicht sogar... ins Zentrum des Bösen selbst?

19

"Also, Mac", sagte James Elmore zu seinem direkten Untergebenen und persönlichen Freund Malcolm "Mac" Cloud, kein Mensch wusste mehr, wieso man bei ihm den Namen Malcolm abkürzte zu Mac; er selbst hatte es eigentlich auch noch nie gewusst, "was hast Du noch herausbekommen können?"

Der Officer saß ihm gegenüber im Büro, kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf und warf noch einen prüfenden Blick auf seine Notizen, die er in der rechten Hand hielt. Er sah übernächtigt aus, genauso wie Jim, genauso wie eigentlich alle, die mit diesem Fall zu tun hatten.

"Wird Dir wieder nicht gefallen, Jimmy. Dr. Swanson, vom Straton-Hospital, hält die Zeugin weiterhin nicht für vernehmungsfähig und..."

"Bitte, Mac", fiel ihm Jim ins Wort, "du hast dich doch wenigstens darüber hinweggesetzt, wie ich Dich kenne? Du hast wirklich nicht mit der Zeugin gesprochen?"

James Elmore schüttelte mit leicht ungläubigem Gesichtsausdruck den Kopf.

Mac nickte. "Selbstverständlich, Jimmy, kennst mich ja. Aber der Arzt war auch nicht ohne. Er hat unsere Zeugin so mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt, dass sie tatsächlich nicht im geringsten ansprechbar war."

Er zuckte bedauernd die Achseln.

Die morgendliche Sonne brannte um diese Zeit schon unbarmherzig ins Büro hinein. Jim stand auf und drehte an den Jalousien, um den Raum stärker vor den unbarmherzigen Sonnenstrahlen zu schützen. Er stellte auch die Klimaanlage etwas höher ein.

"Holst Du uns einen Kaffee, Mac? Ich breite inzwischen die vorliegenden Tatortfotos aus. Wir müssen die Zeugenprotokolle durchgehen und - verdammt noch einmal - irgend etwas finden, was uns weiterhilft..."

Mac nickte nur und verließ das Büro, um etwas später mit frisch aufgebrühtem Kaffee wieder zurückzukehren. Er hatte das Schulterhalfter nicht abgeschnallt. Sein Hemd hatte kreisrunde Schweißstellen dort und unter den Armen. Er kratzte sich die Bartstoppeln, die dringend nach einer Rasur verlangten. Aber wie sollte er zur Zeit dafür einen Gedanken haben?

"Ich hab's mir anders überlegt", sagte Jim und betrachtete ihn besorgt. "Geh lieber nach Hause und schlafe erst mal ein paar Stunden. Ich lasse Dir die Schreibtischarbeit für später und sehe mich noch einmal im Central-Park ein wenig um."

Er nahm dem verdutzten Mac den dampfenden Becher aus der Hand und ging.

Manchmal hatte sein Chef richtig unheimliche Anwandlungen, fand Mac.

20

Jim parkte seinen Wagen, und dieses Mal schloss er ab, nachdem er dem Wagen entstiegen war. Die Sonne glich einem flammenden Fanal und brannte auf seine beginnende Stirnglatze.

Alles sah wieder fast normal aus hier. Er ging ein paar Schritte und konnte vom Sims, der die Straße vom Park trennte, hinein in den Park sehen. Zwischen den Bäumen sah er die Absperrbänder der Kollegen. Aber niemand schien sich dafür zu interessieren. Die Schaulustigen von heute Nacht hatten sich jedenfalls total verlaufen. Außer den Absperrbändern deutete gar nichts mehr auf den Tatort hin.

Der Tatort wurde ansonsten auch nicht mehr bewacht, nachdem sämtliche Spuren gesichert waren.

Jim selber hatte angeordnet, dass die Wachen abgezogen wurden, denn erfahrungsgemäß erreichte man mit einer bewachten Absperrung das genaue Gegenteil von dem, was man erreichen wollte: Es wirkte nur noch mehr wie ein Magnet auf weitere Schaulustige.

Im Moment jedenfalls war alles total verwaist. Jim konnte das nur recht sein.

Ein paar Meter weiter war ein kleiner Stand, der im Moment voll auf seinen Waren sitzenblieb. Jim war zur Zeit der einzige Kunde, und auch nur, weil er seit dem Vorabend nichts zu sich genommen hatte. Irgend etwas musste es schließlich sein.

Ohne rechten Appetit kaufte er sich einen Hot Dog, auf dem er wie auf zähem Gummi herumkaute.

Er ging einige Treppenstufen und folgte dann dem Pfad, der sich einer Schlange gleich durch den Park wand.

Gedankenverloren lief er am Fundort der Kiste vorbei und folgte dem künstlich angelegten Kanal bis zu einer kleinen Steinbrücke.

Er versuchte, das, was er wusste, in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Die Tat gestern Nacht, die Recherchen... Dabei hatte es sich herausgestellt, dass es in den letzten zwei Jahren mindestens sechs weitere, durchaus ähnliche Morde an kleinen Kindern gegeben hatte. Von denen Jim allerdings bisher nichts gewusst hatte, weil sie erstens anscheinend außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs passiert waren und weil zweitens längst eine Sonderkommission daran arbeitete.

Jim hegte den berechtigten Verdacht, dass die Morde absichtlich all die zwei Jahre vor der Öffentlichkeit genauso wie vor den bezirklich unbeteiligten Mordkommissionen verheimlicht worden waren, weil man trotz aller Bemühungen auch nach zwei Jahren nicht einen Schritt weitergekommen war.

Ja, trotz dieser längst aktiven Sonderkommission war für New Yorks Polizei jede bisherige Spur ins Leere gegangen. Deshalb und vor allem, weil durch die zivile Zeugin und die vielen Schaulustigen heute Nacht die Angelegenheit nicht mehr länger so absolut stillschweigend behandelt werden konnte, hatte wohl niemand etwas dagegen, dass James "Jim" Elmore ebenfalls am Ball blieb. Er hatte nur versprechen müssen, sich mit der Sonderkommission abzusprechen und außerdem auf keinen Fall der Öffentlichkeit gegenüber zuzugeben, dass es mehr als nur seinen Fall gab.

Oder war er seit letzter Nacht sogar so etwas wie ein Vollmitglied bei denen von der Sonderkommission geworden?

So deutlich hatte man es ihm nicht gesagt.

Im Moment kümmerten die ihn sowieso nicht. Weil sie ihm keine neuen Erkenntnisse bringen konnten. Er war im Grunde genommen ganz auf sich allein gestellt - nach wie vor. Und das war eigentlich gut so, fand er.

Er erwachte aus seinen Gedankengängen: Was willst Du hier eigentlich?, fragte er sich und blieb mitten unter der Brücke im Halbdunkeln stehen. Hier war es etwas angenehmer - temperaturmäßig. Jim konnte das Flirren der Luft auf dem Weg weiter vorn, außerhalb des Brückenschattens, genau beobachten. Diese Hitze aber auch!

Er wollte gerade weitergehen, als er ein unterdrücktes Husten hörte. Er fuhr herum und hatte augenblicklich die Waffe in der Hand.

Bist etwas übernervös, wie?, dachte er im stillen, behielt die Waffe aber trotzdem drohend im Anschlag, und laut sagte er: "Wer ist da? Zeigen Sie sich - und das mit erhobenen Händen. Schnell!"

Jim ging auf die sich dürftig im Halbdunkel abzeichnende Gestalt zu. Ein Penner, ein Straßenfixer oder...?

Jim betrachtete die schmutzige Frau mit abschätzendem Blick, steckte aber die Waffe wieder weg. "Kommen Sie her. Kommen Sie!"

Die Frau trat ins Licht am Rand der Brückenunterführung. Sie hielt etwas mit der Hand umklammert.

Jim betrachtete die zerlumpte Gestalt. Unter dem wirren und fettigen, schwarzen Haar starrten ihn aus einem verhärmten Gesicht zwei ängstliche, misstrauische Augen an. Die Frau war nicht leicht zu schätzen. Vielleicht Ende Dreißig bis Mitte Vierzig? Sie war kleinwüchsig, steckte in zerlumpten Sachen und ausgelatschten Turnschuhen.

"Kommen Sie", brummte Jim, "ich tu ihnen nichts. Ich bin von der Polizei. Ich muss Sie befragen, weil Sie sich innerhalb der Absperrung befinden. Ich..." Doch weiter kam Jim nicht, denn die Stumme machte auf dem Absatz kehrt, schneller als Jim ihr das zugetraut hätte, und rannte durch die Brückenunterführung davon.

Er hetzte zwar sofort hinterher, aber außer dem Stoff, den die Unbekannte in den Händen gehalten hatte, bekam er nichts mehr von ihr zu fassen.

Jim war schnell aus der Puste. Schneller als gewohnt, viel schneller sogar. Zu wenig Schlaf, dachte er, und weiter: Ich werde wohl allmählich zu alt für dieses Scheißspiel.

Er achtete nicht sofort auf den im Stoff eingewickelten Inhalt, den er der Unbekannten abgenommen hatte. Aus ungewissen Gründen steckte er das kleine Päckchen einfach ein. Missmutig und enttäuscht wie er war.

Erst später, im Büro, würde Mac durch einen puren Zufall endlich die erste heiße Spur dieser Morde finden. Mit diesem kleinen Stoffpäckchen. Doch bis dahin vergingen noch mehrere Stunden ermüdender Polizeiroutine.

21

Jeanette und Steve waren Arbeitskollegen. Naja, nicht nur Arbeitskollegen, sondern auch ein Pärchen. Jeanette, eine Brünette, Anfang Dreißig, überzeugter Single und ungeheuer stolz auf ihre totale Selbständigkeit, die eigentlich nur einen einzigen Makel hatte: Steve!

Ja, und eben Steve, verheiratet und zwei Kinder. Er fühlte sich leider nicht in jeder Hinsicht von seiner Frau verstanden. Konkreter sogar noch: Ihre Ehe bestand schon länger eigentlich nur noch auf dem Papier, seit seine Frau lieber eigene Wege ging.

Sie waren trotzdem zusammengeblieben - wenigstens offiziell. Schon wegen der Kinder. Und obwohl seine Frau es geschafft hatte, ihm die eigenen Kinder weitgehend zu entfremden.

Steve war groß, mit leichtem Bierbauchansatz, aber immer noch ausreichend attraktiv. Steve war ein netter Kerl, zuvorkommend und hilfsbereit - für Jeanettes Geschmack viel zu gutmütig, vor allem was seine Frau betraf - und eigentlich grundanständig, außer - ja, außer wenn es eben um Jeanette ging. Manchmal hatte er in der Kantine eine Beule in der Hose gehabt, wenn er Jeanette gesehen und sich vorgestellt hatte, wie er die "Superbraut", wie er sie insgeheim zu nennen pflegte, auf dem Schreibtisch seines winzigen Büros... Wo doch daheim sowieso sich in solcher Hinsicht für ihn überhaupt nichts mehr abspielte.

Allerdings: Steve hatte am Ende - wie er fand - dann doch noch unwahrscheinliches Glück gehabt, denn eines Tages wurden seine feuchten Träume doch tatsächlich wahr. Zwar nicht ganz so, wie er es sich vielleicht gewünscht hätte, also nicht so richtig offiziell halt, aber immerhin kam er bei seiner Kollegin doch noch zum Zug. Und sogar mehr oder weniger regelmäßig. Das hieß, aus dem ersten Abenteuer entwickelte sich eine heimliche Dauerbeziehung, in der Jeanette eigentlich die Hosen anhatte und nicht Steve, aber das ignorierte der Kerl einfach.

So wie heute Morgen, als sie sich in eine kleine, in letzter Zeit ansonsten unbenutzte, fensterlose Hilfsküche im siebten Stock, wo unweit ihr Brötchengeber "TELE-SOFT" in diesem riesigen Building residierte, zurückziehen konnten. Jeanette schloss die Tür hinter ihnen ab, um Steve einen zu blasen, dass dem Hören und Sehen verging. Dabei rieb sie sich selber mit den Fingern der linken Hand in ihrem Höschen, und beide explodierten förmlich in ihren Orgasmen... als der ÜBERGANG geschah, für sie zunächst unbewusst.

Wie hätten sie es sich auch bewusst machen sollen - während ihren gemeinsamen Orgasmen?

Vielleicht hatten sie ja auch irgendwie geglaubt, es gehörte diesmal mit dazu?

Jeanette wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und Steve rückte gerade seinen Gürtel zurecht, als das Deckenlicht einen Moment flackerte.

"Da spielt einer mit dem Licht", grinste Steve, immer noch zufrieden. "Ich spiele lieber mit Deinen Möpsen." Er griff auch prompt nach ihren Brüsten, doch Jeanette entzog sich ihm spielerisch.

"Komm schon, Schatz, ich muss zurück an meinen Arbeitsplatz, ehe man mein Fehlen noch bemerkt."

"Du wirst ja wohl mal zur Toilette dürfen, um Dir Dein Näschen zu pudern, oder?", fragte Steve. "Und wer weiß dann schon, dass da mehr war als nur die Puderdose?"

"Ja, ja, schon, aber nicht zwanzig Minuten oder länger."

Flüchtig hauchte sie einen Kuss auf seine Lippen, drehte sich um, öffnete die Tür und... schrie gellend!

22

Murphy befand sich zu diesem Zeitpunkt dreizehn Stockwerke höher im Bereich außerhalb seines Büros und überlegte, was zu tun sei. Noch war er ziemlich ratlos, was diese mysteriöse Sache hier betraf. Es war alles so atypisch - nicht die Handschrift der Dämonen der Dämmerung jedenfalls. Aber schwarzmagische Praktiken wurden schließlich ja auch von anderen Mächten durchgeführt...

Auch in einem solchen Umfang? Nur um einen einzelnen Mann wie ihn kaltzustellen?

Murphy wischte sich eine Strähne seines rötlichblonden Haars aus der Stirn. Er rieb sich seinen gerade erst böse angestoßenen Knöchel und bewegte sich humpelnd noch einige Meter weiter von seinem Büro weg.

Aus seinem Büro erklang ein unheimliches Stöhnen. Eine Serie von Stößen. Möbel bewegten sich. Das vogelähnliche Wesen schien aber die Tür oder auch die magische Kreidebarriere nicht überwinden zu können.

Murphy entschied, sich durch das Gebäude auf die Suche nach anderen Menschen zu machen, und dann erst in seinem Büro dem Geheimnis dieser Versetzung in eine andere Sphäre auf den Grund zu gehen. Es konnte kein Zufall sein, dass er gerade zu der Zeit, als er in Kontakt mit Captain Elmore hatte treten wollen, von den Geschehnissen in New York abgeschnitten worden war. Das war nun mal als einziges völlig klar. Dass er sich im Moment mitsamt dem Gebäude in einer anderen Sphäre befand, war leider nur eine Annahme von ihm. Konnte es denn auch sein, dass sich nur eine magische Barriere um das Gebäude herum befand, die eben nur so aussah wie eine schwarze Sphäre?

Er glaubte nicht daran. Er glaubte vielmehr, dass dies hier ein anderes Gebäude war, genau nach dem Muster des Gebäudes, das es im richtigen New York gab. Eine Kopie in dieser anderen Sphäre, zu welchem Zweck auch immer.

Vielleicht nur, um einzelne Menschen zu... entführen? So wie ihn?

Das ganze wie eine... Parallelwelt, vielleicht nur in Miniatur?

Ja, wie groß war diese Sphäre, diese Welt? Nur so groß wie dieses Gebäude? Gab es sein Büro zweimal, nämlich hier und in der "richtigen" Welt?

Oder war er mitsamt seinem Büro herentführt worden?

Seine Gedanken begannen, sich im Kreis zu drehen.

Nein, was die Größe dieser Sphäre betraf, das konnte er nur feststellen, wenn er das Gebäude durchstreifte. Soweit war das auch klar. Und er überlegte dabei erneut, wer die Macht besaß, so etwas zu tun?

Ihm fiel niemand ein, außer zunächst eben den Jüngern der Dämonen der Dämmerung. Welche weiteren Gruppen versuchten, mit schwarzmagischen Fähigkeiten die Vormacht auf der Erde zu erringen?

Dazu fielen ihm dann einige Feinde des Zirkels vom weißen Lichte ein, aber auf keinen passte letztlich das Profil dieser Ortsversetzung. Und in keinem seiner vielen alten magischen Büchern hatte er jemals von einem Ort der wabernden Schwärze gelesen.

Er nahm sich vor, wirklich auf der Hut zu sein, denn der unbekannte Feind konnte überall lauern.

Murphy hatte ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend, während er die angrenzenden Büros durchsuchte.

Doch überall nur Leere und Staub. Der Zeitfaktor muss auch eine Rolle spielen, vermutete Murphy. Seine Sinne waren bis zum äußersten angespannt, das heilige Messer lag fest in seiner linken Hand. Er war allzeit bereit, einen auftretenden Gegner sofort unschädlich zu machen, notfalls sogar zu töten.

Neugierde und Angst hielten sich bei ihm die Waage. Er vermutete immer stärker, dass er es nur mit Menschen zu tun bekommen würde, wenn überhaupt mit jemandem hier. Und die brauchte er wohl nur kampfunfähig zu machen, um von ihnen mehr zu erfahren.

Die Situation war trotzdem schwierig für ihn, denn er musste sich auf seine hier sehr schwachen magischen Fähigkeiten verlassen, wenn jemand unvermittelt auftauchte. Es würde jedesmal eine Entscheidung innerhalb von Sekundenbruchteilen sein, ob es sich um Opfer wie ihn handelte, oder ob es die Hintermänner dieses Anschlags waren, die ihn und die anderen Opfer suchten und zusammentrieben. Sicher würde er nie sein können.

Deshalb hatte er im Grunde genommen mehr Angst vor der Möglichkeit, dass er Unschuldigen unnötig Gewalt antat... mehr Angst jedenfalls als um sein eigenes Leben!

Das war typisch für David Murphy!

Murphy gelangte zum Ende des Korridors. Er war ganz allein auf dieser Etage.

Nichts funktionierte mehr. Die Expressfahrstühle standen genauso still wie die automatischen Türen einiger Großraumbüros, die - wenn sie geschlossen waren - sich nur mit vehementer Gewalt öffnen ließen.

Es musste schon eine längere Zeit vergangen sein, in der hier niemand mehr gewesen war, denn der Staub war schier allgegenwärtig. Und nirgends funktionierte auch nur eine einzige Uhr.

Murphy fand die Atmosphäre in einigen Büros geradezu grotesk. Der Rückzug der Leute musste von einem Augenblick zum anderen erfolgt sein, denn er fand Tassen mit den eingetrockneten Resten einer Flüssigkeit, die einmal Kaffee gewesen war, Keksdosen, die offenlagen, aber der Inhalt war längst zu Staub zerfallen.

Niemals gab es Anzeichen irgendeiner Gewalt oder zumindest eines hastigen Aufbruchs. Doch Murphy wusste, dass Anzeichen trügen konnten. Sie gaukelten einem etwas vor, um ihn zu falschen Schlussfolgerungen zu verleiten.

Eigentlich konnte Murphy sich noch immer keinen genauen Reim auf die ganze Sache machen. Es sind meist die kleinen "Unscheinbarkeiten", die nur ein geübtes Auge erkennen kann und die einen schließlich zu den richtigen Schlussfolgerungen führen können. Und das eben auch nicht immer. Murphy seufzte bei dieser bitteren Erkenntnis, und nur jemand, der völlig ratlos war, konnte so einen Seufzer hervorbringen.

Vielleicht war alles auch auf andere Weise ganz einfach zu erklären: Dieses Gebäude hier wurde komplett kopiert, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in einer ganz bestimmten Situation. Vielleicht zu genau diesem Zeitpunkt, den alle Uhren anzeigten, bevor sie stehengeblieben waren, weil in dieser Sphäre hier keine Zeit mehr galt?

Das gesamte Gebäude als haargenaue Kopie, ganz ohne allerdings das lebende Inventar!

Und so gab es auch sein Büro zweimal: In der Wirklichkeit und hier oben.

Und deshalb war er, Murphy, ganz einfach aus seinem Büro in der Wirklichkeit in die Kopie entführt worden.

Ganz einfach so!

Aber wenn eine Macht es wirklich fertigbrachte, ein ganzes Hochhaus mit zig Stockwerken einfach so in eine andere Sphäre zu projizieren, um es dabei sozusagen komplett zu verdoppeln, mit sämtlichem toten Inventar... Dann war das durchaus eine so enorme Macht, dass es Murphy beim Gedanken daran unwillkürlich einen Schauder nach dem anderen über den Rücken jagen ließ.

Deshalb versuchte er ja auch alles, diese Theorie nicht glauben zu müssen. Er suchte verzweifelt nach einer Erklärung, die weniger spektakulär erschien.

Und deshalb suchte er auch nach anderen Entführten. So es sie gab! Vielleicht würden die zwangsläufig zu einer für ihn akzeptableren Erklärung führen?

Murphy dachte noch einmal an das unheimliche Wesen, das aus der wabernden Finsternis in das Gebäude eingedrungen war. Er lauschte. Aber nichts, wirklich nichts war mehr zu hören.

Ich bin wieder allein, dachte er resignierend, ganz allein, nur umgeben von wabernder Schwärze und geflügelten Monströsitäten, die nur darauf lauern, dass ich mich wieder zeige. Sie belauern vielleicht das Hochhaus, das so gar nicht hierher passt, weil sie auf Beute hoffen?

Allein, ja, aber... das würde nicht so bleiben!

Murphy wusste es plötzlich ganz tief in seinem Inneren. Er spürte es. Und er sehnte es andererseits sogar herbei. Irgendwie.

Er spürte noch etwas: Irgend etwas schien sich über ihm zusammenzubrauen. Sie hatten ihm seine Ruhe gelassen, bisher. Abgesehen von der Vogelbestie, die sich offensichtlich wieder zurückgezogen hatte. Murphy war halbwegs überzeugt davon, dass jetzt sein Büro wieder so aussah, als sei nichts dergleichen passiert.

Ja, sie hatten ihm seine Ruhe gelassen, aber es konnte und würde nicht von Dauer sein.

Sie wollten mehr, als ihn nur von Elmore und den Geschehnissen im New York des Jahres 1980 fernzuhalten.

Er hatte einen vagen Verdacht: Das hier stand in irgendeinem Zusammenhang mit dem, was in New York an schlimmen Dingen vorging.

Obwohl er keine Ahnung hatte, was dort überhaupt vor sich ging. Denn Murphy wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den Kindermorden. Er wusste gar nichts. Nur, dass er nach New York gekommen war, um einem Mann namens James "Jim" Elmore beizustehen.

Und jetzt war er hier. Als Gefangener. Er fühlte sich irgendwie ausgeliefert wie kaum jemals in seinem Leben zuvor.

Außerdem fühlte er sich innerlich seltsam leer und ausgehöhlt. Etwas stimmte mit seinen magischen Fähigkeiten nicht. Ja, eine ganze Menge sogar stimmte ganz und gar nicht. Er war nicht nur einfach nach hier entführt worden, sondern damit war eine Art Nabelschnur durchtrennt worden, über die ihn die Macht des Guten bisher meist recht gut versorgt hatte. Sonst wäre er längst nicht mehr am Leben.

Hier war er abgeschnitten von allem, auf sich allein gestellt.

Dabei hatte er keine Ahnung, wer sein Gegner war, noch, was dieser gegen ihn im Schilde führte.

Obwohl, vielleicht war er schon ganz nahe dran? Ganz nahe! Näher, als ihm lieb sein würde?

Er hatte... Angst davor!

Ja, auch David Murphy war dazu fähig... Angst zu empfinden, panische, eklige, quälende Angst, die aus seinem Innern hervorkroch wie eine Bestie, um ihn zu lähmen, willenlos, ja, widerstandslos zu machen...

23

Mac trat frischrasiert und sogar halbwegs ausgeschlafen seinem Chef gegenüber.

"Ich habe die Daten durch den Computer gejagt", sagte er anstatt einer Begrüßung. "Es gibt da vielleicht einige Parallelen. Aber es ist leider mit Sicherheit nichts dabei, was uns im Augenblick weiterbringt."

"Jimmy" dachte zurück: Er war noch einmal ins Büro gefahren, am Morgen, hatte dort gedankenverloren und missmutig seine Taschen geleert (das in Stoff eingewickelte kleine Päckchen hatte ihn leider immer noch nicht interessiert) und hatte sich wortlos wieder zum Gehen gewandt.

Mac schüttelte mal wieder den Kopf über ihn. Der wird tatsächlich immer wunderlicher!, dachte er im stillen. Der ist ja gar nicht mehr ansprechbar.

Er wagte gar nicht, daran zu denken, dass sein Chef in diesem einen Fall vielleicht hoffnungslos überfordert war. Nein, daran wagte er nicht zu denken. Dann hätte er ja gleich selber den ganzen Krempel hinschmeißen können...

Na, Jim war jedenfalls nach der seltsamen Begegnung in der Nähe des Tatorts und nach seinem Kurzbesuch im Büro direkt zu "seiner" Jessica gefahren, die ihm verschlafen die Tür aufgemacht hatte. Jessica, die zehn Jahre jünger war als er, freute sich ungemein auf das gemeinsame Kind, wenngleich sie noch nicht bereit war, mit "Jimmy" zusammenzuziehen. In letzter Zeit kriselte es zwischen ihnen ein wenig, aber Jessica hatte genügend über die Schwangerschaft und das Verhalten von Männern und Frauen während einer Schwangerschaft gelesen, um nachsichtig genug zu sein und vorsichtig genug im Rahmen ihrer Beziehung mit "Jimmy".

"Du hast noch geschlafen?", wunderte sich James "Jim" Elmore.

Jessica ging gar nicht darauf ein. Ihr Jim war müde und gereizt. Deshalb bugsierte sie ihn sofort in Richtung Bett. Mit viel zu wenig Energie setzte er sich zur Wehr, um eine Chance gegen sie zu haben. Sie kitzelte ihn. Na, wenigstens war er noch nicht zu müde dazu, kitzlig zu sein. Er lachte ein wenig albern und ließ sich einfach auf die Matratze fallen. Jessica kuschelte sich kurz neben ihn. Ein letzter Kuss, dessen Leidenschaft verflog wie Staub im auffrischenden Wind, weil Jim bald am Einschlafen war. Und dann verrieten seine regelmäßigen Atemzüge, dass er den Übergang geschafft hatte, hinüber ins Reich der Träume.

Jessica betrachtete den Schläfer mit einem wohlwollenden und zugleich liebevollen Lächeln. Sie wartete noch eine Weile, bis die Atemzüge so regelmäßig waren, dass sie sicher war, ohne ihn zu stören das Zimmer verlassen zu können. Vorher zog sie ihm aber doch noch Hosen und Strümpfe aus.

James öffnete noch einmal die Augen, unbemerkt von ihr. Er sah gerade noch, wie sich hinter ihrem Rücken die Tür schloss.

24

Später hatte James "Jim" Elmore einen intensiven Traum.

Er träumte davon, mit Jessica in einem Kabriolett zu fahren. Er war nicht in der Lage, seine Freundin anzuschauen. Etwas hinderte ihn daran, den Kopf in ihre Richtung zu drehen.

Sie hielten vor einem Tor. Ein Mann kam heraus. Er hatte eine Mütze auf und eine gespiegelte Sonnenbrille auf der Nase, obwohl es zu regnen anfing. Niemanden schien das zu stören.

Jessica stieg aus. Einen Moment lang konnte er sie sehen, schwanger, nackt, und die geschwollenen Brüste wippten im Takt ihres Schrittes. Sie bemerkte seine Blicke und drehte sich brüsk von ihm ab. Er hatte das Gefühl, dass sie etwas vor ihm verbergen wollte.

Der Wachmann lachte gemein und hinterhältig und langte besitzergreifend nach ihr. Er nahm sie großspurig in die Arme. Dabei verdeckte er teilweise die Sicht auf ihren Körper.

Verzweifelt versuchte Jim, herauszubekommen, was die beiden vor ihm verheimlichen wollten.

Sie bewegten sich von ihm fort, als würden sie schweben. Rufend lief er den beiden hinterher.

Er sah, wie der Wachmann ungeniert ihren nackten Hintern tätschelte. Jessica wehrte sich nicht dagegen. Ganz im Gegenteil. Sie drängte sich jetzt fordernd gegen ihn. Der Wachmann zog die Pobacken auseinander. Seine Hand glitt tiefer...

"Nein!", schrie Jim aufgebracht. Er lief schneller, aber er hatte keine Chance, sie zu erreichen. Je schneller er rannte, desto schneller entfernten sie sich von ihm.

"Wartet!", schrie Jim, "um Gottes Willen, wartet doch auf mich. Wo...?"

Jessica und der Wachmann, der mit der Hand massiv ihre Pobacken bearbeitete und auch mal seine Hand hart zwischen ihren Beinen verschwinden ließ, verschwanden in dem plötzlich vor ihm auftauchenden Gebäude durch ein halbgeöffnetes Tor.

Jim rannte die letzten Meter so schnell er konnte, ehe sich das Tor vollends schließen konnte, und schaffte es tatsächlich, in letzter Sekunde durch die sich schließende Lücke zu schlüpfen. Dabei verlor er allerdings ein Bein. Das eiserne Tor war so scharfkantig, dass das Bein einfach glatt abgetrennt wurde. Es blieb draußen, und Jim war drinnen. Das Blut schoss aus dem zuckenden Stumpf. Der Schmerz raubte ihm schier den Verstand.

Aber er dachte an Jessica, an seine Jessica, und hüpfte auf dem gesunden Bein durch menschenleere Hallen, vorbei an Fließbändern, bis zur Decke gestapelten Kartons und stillstehenden Verpackungsmaschinen.

Plötzlich fand er Jessica. Sie lag auf einer Art Plastikverpackungsmaschine, hilflos, von irgend etwas festgehalten, was unsichtbar war.

"Jim", sagte sie mit tränenerstickter Stimme, "Jimmy, mein Jimmy, so hilf mir doch, bitte!"

Jim sah in ihr Gesicht, und irgend etwas war mit ihrem Körper, aber er konnte es nicht recht deuten.

Plötzlich fingen die Förderbänder an zu rucken. Die Halle wurde in ein gespenstisch gelbes Neonlicht getaucht. Überall waren Stimmen. Jemand kam und griff in die Verpackungsmaschine.

Er sah Jessica dabei nicht an, aber seine Hände griffen in ihr Schamhaar und rissen mit einem Ruck viele von ihnen aus.

Jessica schrie.

Auf den Fließbändern kamen Teile von menschlichen Körpern vorbei. Gesichter, Hände, ein Bauch, Armteile und Beine. Sie bluteten...

Jim erwachte mit einem unterdrückten Stöhnen.

"Oh, mein Gott!", murmelte er, noch immer unter dem Eindruck dieses grausigen Traumes.

Denn er wusste haargenau, dass dieser Traum eine Botschaft war. Irgendeine verdammte Botschaft! Aber... was bedeutete sie?

"Jessica!" Er sagte es ganz verzweifelt, denn eine dunkle Ahnung stieg in ihm auf.

Jessica, das Kind, eine böse Macht... Jessica!

Kein Wunder, dass er jetzt vor Mac stand, völlig geistesabwesend wirkte, und Mac zu der Meinung tendierte, sein Boss sei allmählich nicht mehr ganz bei Trost.

Und das bei einem so schlimmen und dringlichen Fall. Schließlich wusste man ja nicht, ob es nicht bald weitere Opfer gab!

Wenn sie nicht endlich voran kamen mit ihren Ermittlungen...

25

Steve konnte im ersten Moment selbst nicht sehen, was Jeanette so erschreckte.

Jeanette stand jedenfalls in der offenen Tür, verdeckte ihm die Sicht und schrie wie am Spieß.

Zunächst dachte er: Die Superbraut dreht super durch!

Aber der Grund war ganz und gar nicht witzig! Das würde sich auch für Steve bald herausstellen:

Jeanette stolperte einen, zwei Schritte zurück und trat mit ihren Pumps recht schmerzhaft auf Steves Hühnerauge. Er fluchte laut und riss sie zur Seite.

Das hätte er lieber bleiben lassen sollen, aber genutzt hätte es ihm auch nicht sehr viel.

So jedoch konnte er zum ersten Mal seit Jeanettes Hysterieanfall ungehindert einen Blick auf den blutenden Mann werfen, der vor ihrer Tür stand und nur noch ein hilfloses Gurgeln aus seiner zerfetzten Kehle hervorbrachte.

Es hörte sich an wie "Brittteeee älfffnnn ng, thee mrrrr", aber einen Teil der Konsonanten und Vokale konnte der blutende Mann nicht mehr durch sein zerrissenes Gesicht und den halb abgetrennten Mund hervorbringen. Ein Schwall von Blut begleitete seine Worte.

Der müsste doch eigentlich längst tot sein, bei solchen Verletzungen!, dachte Steve völlig entgeistert. Warum lebt der denn eigentlich noch? Was - was hat den denn überhaupt so fürchterlich zugerichtet?

Seine Augen verengten sich. Er bemerkte nur noch am Rande, wie Jeanette zu Boden rutschte. Das Kleid glitt dabei nach oben, aber keiner der beiden Männer hätte ihren rosafarbenen Tanga auch nur eine Sekunde eines Blickes gegönnt - in einer solchen Situation.

Als der tödlich verletzte, blutende Mann noch seine Hände flehentlich nach Steve ausstreckte, hätte dieser beinahe eine Herzattacke gekriegt. Dank seiner sportlichen Konstitution, trotz Bauchansatz, entging er aber diesem Schicksal noch knapp.

Der blutende Mann sank in seine Arme, ehe Steve es verhindern konnte, und Steve konnte nichts mehr für ihn tun. Endgültig nichts mehr! Es ging schnell jetzt, verdammt schnell, dass der blutende Mann, der Steves Fünfhundert-Dollar-Anzug ruinierte, in seinen Armen starb.

Und Steve betete, dass ihnen dasselbe Schicksal erspart blieb. Weil sein Instinkt ihm sagte: Die Verwundung hat der Mann gerade eben erst abbekommen, vielleicht nicht mal eine Sekunde bevor Jeanette die Tür geöffnet hat. Sonst hätte er nicht noch gelebt. Obwohl er mehr tot als lebendig gewesen war... Aber wie und - vor allem! - DURCH WAS war er - VERDAMMT NOCH EINS! - so zugerichtet worden?

Die Hoffnung, dass diese Gefahr nicht mehr draußen lauerte - vielleicht sogar auf sie! Eine Hoffnung, die allerdings böse trügen konnte.

Steve hatte einen Arm um den blutenden Mann gelegt, den toten blutenden Mann, der alles hinter sich gebracht hatte, was möglicherweise vor ihnen lag, und Steve fragte sich ernsthaft, was in den paar Minuten, als er von der Superbraut lustvoll mit vollem Mund und emsiger Zunge so herrlich verwöhnt worden war, in diesem verdammten Gebäude geschehen war?

Warum hörte er immer noch keinen Alarm, kein Sirenengeheul, ja noch nicht einmal die Schreie entsetzter Menschen? Da waren doch immer genug auf den Gängen. Jede Menge Zeugen müsste es eigentlich geben. Hier ging es doch schließlich während der Bürostunden jeden Tag zu wie in einem Taubenschlag!

Waren etwa Terroristen in das Gebäude eingedrungen und hatten alles lahmgelegt, während sie beide hier zugange gewesen waren?

Der Mann sah aus, als wäre er vielleicht mit einer Handgranate in Konflikt geraten?

Immer noch besser als mit sonst was!

Ob es noch mehr Tote und Verletzte gab?

Und noch einmal: Warum war es so ruhig, um alles in der Welt?

Nein, keine Handgranate. Sie hätten doch die Explosion hören müssen. Trotz aller Orgasmen der Welt...

Aber: Was - was lauerte denn sonst da draußen?

Ehe Steve noch völlig durchdrehen konnte, in lauter Erwartung vor dem Grauen, das seiner Meinung nach da draußen noch auf sie beide lauerte, zog er den blutenden Mann endlich ganz in die Küche hinein und schloss die Tür wieder.

Er verrammelte sie mit einem Stuhl und einem Tisch. Dabei hämmerte ihm das Herz bis zum Hals.

Es gruselte ihn nicht, mit einem übel zugerichteten Leichnam zusammen sein zu müssen. Er hatte einfach nur Angst vor draußen und wollte alles tun, um hier drinnen sicherer zu sein.

Den Eisschrank schaffte er nicht allein, um ihn bis zur Tür zu schieben; dafür kotzte er sein Frühstück und 'ne Menge Galle hinterher ins Spülbecken direkt neben dem Eisschrank. Er hatte dabei das Gefühl, sein Innerstes kehre sich völlig nach außen.

Jeanette begann, sich langsam zu regen. Ihre Augenlider flatterten.

Er legte ihr seine von dem Toten blutige Hand auf den Mund, ehe sie vollends bei Bewusstsein war, denn er wollte auf keinen Fall, dass sie mit einem unbedachten Schreckensschrei doch noch irgend jemanden auf sie beide aufmerksam machte.

Ängstlich starrte er in ihre aufgerissenen Augen. Er merkte gar nicht, was für einen grausigen Anblick er dabei bot, in seiner Angst, seiner Panik, seiner Besudeltheit mit Blut...

Aber Jeanette sah inzwischen nicht viel besser aus, und den toten, blutenden Mann kümmerte das Ganze sowieso nicht mehr...

Da hörten die beiden endlich ein Geräusch. Nein, kein Geräusch, sondern ein wütendes Schnauben. Es kam von draußen.

Steve ließ Jeanette los. Die schrie jetzt sowieso nicht, weil ihr die Stimme versagte.

Sie starrten beide auf die Barriere an der Tür und ahnten, dass sie völlig unzureichend war.

Die Tür erzitterte. Etwas warf sich mit Brachialgewalt dagegen.

Aus dem wütenden Schnauben wurde ein grauenvoller, kreischender Schrei, wie von einem Urtier.

Nein, das war kein Mensch. Das war noch nicht einmal ein Wesen, wie es sie auf der Erde gab.

Das war der reine Horror.

Hier im Gebäude, wo ich schon seit Jahren arbeite?

Steve schaute sich unwillkürlich um. Er war sicher, das war dieselbe Hilfsküche, wo sie es schon oft genug getrieben hatten.

Aber jetzt fiel ihm auf einmal der viele Staub auf. Alles sah aus, als hätte man sie seit langer Zeit überhaupt nicht mehr benutzt.

Wurde sie ja auch nicht!, schob er nach. Sonst hätten wir es ja nicht immer wieder hier so schön ungestört treiben können!

Aber: Es war noch nicht einmal sauber gemacht worden!

Soviel Staub war hier doch noch nie gewesen? Auch nicht vor zwei Tagen, als sie das letzte Mal hier...

Scheiße!, dachte er. Das ist entweder ein anderer Ort, der nur genauso aussieht, oder...? Ja, was sonst?

Wie ist das denn überhaupt alles möglich?, schrien seine Gedanken.

Sein Blick ging hin und her. Er verdrehte den Kopf und achtete im Moment gar nicht darauf, dass die Tür dem Ansturm von draußen nicht mehr lange standhalten würde.

Und noch etwas fiel ihm auf: Die Küche hatte doch gar kein Fenster, und außerdem war die Deckenbeleuchtung ausgefallen. Es schien überhaupt keinen Strom mehr zu geben, hier. Aber trotzdem konnte er alles sehen, jede Kleinigkeit, jede Einzelheit.

Es ist stockdunkel hier, wenn kein Licht brennt, muss es doch logischerweise sein, zum Teufel, aber ich kann sehen, als wäre hier drinnen helllichter Tag! Das ist doch völlig widersinnig!

Zum Teufel?

Es ist etwas geschehen!, sagten seine Gedanken, und das ist etwas, was ich nicht begreifen kann, nie und nimmer. Weil es allem widerspricht, was ich jemals kennengelernt habe: Wir sind nicht mehr da, wo wir sein sollten. Und hier, wo wir jetzt sind, ist es vielleicht ganz normal, dass Dinge passieren wie mit dem armen Mann und... sehr bald auch mit uns beiden?

Jeanette war diejenige, die wieder mal die Initiative ergriff: Sie schnappte sich Steve und brachte ihn zu Fall. Sie fielen beide in Deckung hinter der Anrichte und kamen dadurch aus dem Blickfeld von der Tür.

Gerade in dem Augenblick, als die Tür zerfetzt wurde und die dürftige Barriere, die Steve errichtet hatte, ebenfalls in Fetzen durch die Hilfsküche flog.

Aus dem Kreischen und Röhren wurde ein zufriedenes Grunzen, als irgend etwas den blutigen Leichnam entdeckte - wie ein Ding, das einem bereits gehörte und das man jetzt endlich wiedergefunden hatte.

Und dieses Etwas machte sich sogleich über den blutenden Leichnam her. Die beiden konnten es nicht sehen, weil sie sich so fest in Deckung drückten, dass sie sich selbst die Luft abdrückten. Aber sie hörten das eklige Schmatzen. Knochen zerbarsten, wurden zerkaut. Ein Schleifen. Das Opfer oder das, was inzwischen noch davon übriggeblieben war, wurde nach draußen gezerrt.

Ruhe kehrte ein.

Aber die beiden waren längst noch nicht in der Lage, auch nur einen Finger zu rühren. Das Grauen hielt sie wie gelähmt.

Sie hörten nichts mehr weiter, aber sie spürten irgendwie, dass das Monster noch da war, draußen, lauernd.

Vielleicht hatte es ja auch noch Hunger?

Steve schaute aus weit aufgerissenen Augen Jeanette an und sah, dass sie den Mund zu einem verzweifelten Schrei öffnete.

Bloß nicht,! wollte er sie warnen. Aber er war einfach nicht in der Lage dazu. Ja, auch nicht, ihr die Hand wieder vor den Mund zu halten.

Sie klappte den Mund wieder zu. Ganz von allein. Dem Himmel sei Dank!

Doch da flog etwas durch die geborstene Tür herein. Es prallte auf die Anrichte, hinter der sie kauerten, kullerte darüber und fiel direkt zwischen sie beide.

Es war der abgetrennte Kopf des blutigen Mannes. Seine Augen starrten sie an, wie vorwurfsvoll. Nervenfasern, blutige Adern und Sehnenenden hingen aus dem zerfranzten Halsstumpf. Als wäre der Kopf einfach mit Brachialgewalt vom Rumpf abgerissen worden.

An der Tür war ein Schnauben. Das Monster hatte sein grausiges Mahl beendet und wollte jetzt anscheinend seine Zeit mit Spielen vertreiben. Vielleicht um besser zu verdauen?

Dafür benutzte es halt den abgerissenen Kopf. Wie einen Ball. Ganz offensichtlich.

Und jetzt näherte es sich der Deckung von Steve und Jeanette, weil dort sein Spielzeug war. Um sich dieses Spielzeug wieder zurückzuholen.

Die Entdeckung der beiden war dadurch wohl nicht mehr aufzuschieben.

Aber auch angesichts dieser Tatsache gelang es jetzt Jeanette nicht mehr, loszuschreien. Weil die Todesangst und das Grauen ihr wieder die Luft wegnahmen.

Wenn es nur dabei bleiben könnte.

Verdammt!, haderte Steve innerlich, hätte ich mir heute nur keinen von ihr hier blasen lassen! Ausgerechnet!

Seltsam, was für Gedanken einem kommen können - angesichts eines so grausamen Todes, wie er ihnen unmittelbar bevorstand...

26

"He, Jimmy, wo hast du denn das hier gefunden?", fragte Mac erstaunt, während er den schmutzigen Stofffetzen auswickelte.

Ein Finger war darin eingewickelt. Der Finger eines Menschen. Der Fingernagel war lang und spitz zugefeilt. Dieser Fingernagel war schon zu einer Zeit total verhärtet gewesen, als er noch seinem Besitzer gehört hatte. Er war nicht im nachhinein so zugefeilt worden.

Ein grausiger Fund, aber Mac war abgebrüht genug, sich das Fundstück von allen Seiten zu betrachten. Bei seinem Beruf bei der Mordkommission...

"Verdammt, wieso habe ich nicht gleich darauf geachtet?", wunderte sich Jim ärgerlich.

Er erinnerte sich deutlich. Die zerlumpte Frau unter der Brücke im Park, ganz in der Nähe des Ortes, wo die Kiste mit der Kinderleiche gefunden worden war. Die Frau hatte dieses Ding in der Hand gehalten. Wie einen kostbaren Besitz. Er hatte es ihr trotzdem entwinden können. Aber sie war geflohen, mit einer Behändigkeit, als sei sie eine durchtrainierte Leichtathletin und dabei Angehörige der Weltelite und nicht irgendeine heruntergekommene Stadtstreicherin, von den Drogen und von Krankheiten an Leib und Seele zerfressen.

Er hatte es an sich genommen und achtlos weggesteckt?

Das war doch nun ganz und gar nicht seine Art, oder? Er als Captain der Mordkommission ging so nachlässig mit diesen Dingen um?

Es war praktisch völlig unmöglich, aber trotzdem war es passiert. Jim erinnerte sich auch daran, dass er anschließend hierher ins Büro gefahren war. Er hatte die Taschen entleert, den Stoff mit dem eingewickelten Inhalt einfach auf den Schreibtisch platziert... und war wieder gegangen. Als sei er nur deshalb hergekommen, um sich dieses Dings hier zu entledigen.

Er schaute Mac an und Mac schaute ihn an, forschend, fragend. Mac ahnte etwas.

Jim sagte es ihm lieber gleich: "Ich habe es mitgebracht, heute Morgen schon..." Und dann erzählte er die Geschichte einfach, und zwar ganz genauso, wie er sie erlebt hatte. Mac unterbrach ihn mit keinem einzigen Wort. Er hing an seinen Lippen, mit unbewegtem Gesicht, dem man nicht ansehen konnte, ob er der skurrilen Geschichte überhaupt Glauben schenken konnte.

Denn Jim endete auch noch mit der Behauptung: "Dieses Ding ist ein Fetisch, und es hat Einfluss auf mich genommen. Sonst hätte ich es gleich ausgepackt."

"Du meinst, dass die Frau es in der Nähe des eigentlichen Tatorts gefunden hat, ja, vielleicht sogar ganz genau am tatsächlichen Tatort?", fragte Mac ungerührt.

Ja, glaubte er denn Jim, was er ihm erzählt hatte?

Jim schüttelte den Kopf. Er winkte mit beiden Händen ab. "Mac, hör mir zu und versuche, einfach so zu tun, als sei ich doch noch der alte James Elmore und nicht ein Captain, der durchgedreht ist und mit blödsinnigen Ausflüchten verschleiern will, dass er nicht mehr alle beisammen hat!"

Mac grinste ihn an. Dieses Grinsen zeigte Jim endlich, dass Mac keineswegs solches von ihm annahm. Aber er war andererseits doch noch nicht ganz mit der Erklärung einverstanden.

"Ich habe mich gewundert, wieso diese Stadtstreicherin so plötzlich verschwinden konnte. Ich hatte nicht die geringste Chance, sie einzuholen. Und trotzdem gelang es mir, dieses Ding an mich zu reißen. Als hätte sie es in Wirklichkeit ganz genau darauf angelegt..." Jim runzelte die Stirn. Sein kriminalistisches Gespür arbeitete längst auf Hochtouren.

Er schenkte Mac einen durchdringenden Blick. "Ich bin tatsächlich extra hierher ins Büro gekommen, um mich dieses Fetischs zu entledigen, Mac, begreifst du das? Ich wusste nicht, was ich tat -, irgendwie unbewusst, aber vielleicht doch oder wie? Scheiße, ich weiß selbst, wie verworren und idiotisch das alles klingt. Aber es ist, als wären da zwei verschiedene Arten von Kräften, die gegeneinander wirken. Einmal nimmt die eine Überhand, dann die andere. Ich bin ihr Spielball. Einmal kriege ich dieses Ding, unter ziemlich seltsamen Umständen, zugegeben, um es einzustecken, damit es bei mir ist, wenn ich dorthin fahre, wo ich ursprünglich hin wollte..."

"Wohin wolltest du denn eigentlich, Jim?"

"Na, zu Jessica, meiner schwangeren Freundin!", sagte Jim atemlos. Er brauchte viel Kraft, um sich zu beherrschen. "Diese Frau hat mir das Ding überbracht, damit ich es meinerseits Jessica überbringe. Das hätte ich normalerweise ja auch getan. Ich war am Fundort der Kiste und wollte anschließend zu Jessica. Aber eigentlich hatte ich ja gar nicht zum Fundort gehen wollen. Ursprünglich jedenfalls nicht. Wollten wir beide uns denn nicht die Tatortfotos ansehen - hier, im Büro?"

"Ja, Jim", bestätigte Mac. "Du hast mich nur zum Kaffee holen geschickt, und als ich zurückkam, hast du irgendwie verändert gewirkt. Ich habe mir dessentwegen sogar Sorgen um dich gemacht. Du hast mich weggeschickt, weil ich mich angeblich erst einmal ausruhen sollte, nach dieser schrecklichen Nacht. Und du wolltest inzwischen erst einmal allein zum Tatort, wie du sagtest."

"Als hätte mich etwas dorthingelockt!", sagte Jim. Er hatte sich jetzt wieder völlig im Griff. "Ja, ich musste hin, um diesen Fetisch zu bekommen. Diese Frau... Sie ist in Wirklichkeit irgend so eine verdammte Priesterin des Bösen. Irgendein unheilvoller Kult. Mein Gott, was für eine Macht... Können die denn mit Menschen einfach alles machen, was sie wollen?"

Diesmal wirkte sein Blick allerdings ein wenig ratlos.

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, Jim, nicht alles! Sonst hättest du es nicht geschafft, deine Jessica vor diesem Fetisch zu schützen. Du hast ihn hier erst mal deponiert, bevor du weitergefahren bist. Und jetzt wissen wir durch diesen Fetisch, mit wem wir es zu tun haben."

"Wissen wir das denn tatsächlich? Wozu dient dieses Ding?"

"Es ist kein Finger, Jim, sondern es sieht nur so aus. Es ist zumindest kein menschlicher Finger!"

Mac reichte ihn Jim. Der nahm ihn zögernd entgegen. Und auch er betrachtete ihn jetzt von allen Seiten. Es gab keine Fingerwurzel. Es sah einfach nicht so aus, als sei dieser Finger von einer Hand abgetrennt worden. Es war aber trotzdem ein Finger, ganz offensichtlich. Er war steif und trocken. Es gab viele Methoden, um Leichenteile so zu präparieren. Aber auch die größte Kunst eins Präparators konnte einen Finger nicht so herrichten, dass er so wirkte, als sei er... Ja, als sei er völlig ohne Hand gewachsen und habe - gelebt!

"Er - er war zu Lebzeiten selbständig!", entfuhr es Jim. Und kaum waren ihm diese Worte entschlüpft, bereute er sie zugleich. Mac musste nun doch wirklich annehmen, er sei am Überschnappen?

Aber Mac nahm überhaupt nichts dergleichen an. Er hatte sich den Stofffetzen vorgenommen. Der hatte ganz schön schmutzig gewirkt. Aber das war überhaupt kein Schmutz, sondern eine Art Staub, fettig, klebrig, der den Stoff durchdrängte.

Mac rieb daran, während er den Stofffetzen hochnahm und ihn genau betrachtete.

Da waren irgendwelche Zeichen, die er nicht entziffern konnte.

Stirnrunzelnd schaute er sie sich genauer an. Er brachte sein Gesicht immer näher, bis der Stofffetzen sein Gesichtsfeld ausfüllte.

Und da griff die Schwärze zu. Sie klatschte in sein Gesicht, erstickte seine Schreie, saugte an ihm, schickte sich an, ihn in sich hineinzusaugen.

Die Schwärze der schwarzen Hölle!

Sie wollte ihn als das nächste Opfer!

Und er hatte nicht die geringste Chance einer Gegenwehr. Dafür war er zu unvorsichtig gewesen!

27

Zum ersten Mal konnten Steve und Jeanette das Monster sehen, das den blutenden Mann erst so zugerichtet und danach verspeist hatte.

Das heißt, sie sahen das Monster nicht ganz, sondern nur ein Stück davon.

Es war eine Art Wurm, dick wie der Oberkörper eines Mannes, auf vier stämmigen Auswüchsen pendelnd, die im hinteren Drittel aus dem monströsen Leib wuchsen. Das Maul war groß genug, um einem Menschen bequem den Kopf abzubeißen. Rings um das Maul war ein Ring aus Tentakeln, die ständig in Bewegung waren, als wollten sie nach etwas greifen.

Sie suchten den Kopf.

Und das einzige Auge oberhalb des Mauls hatte die beiden angstschlotternden Menschen noch nicht entdeckt. Es glotzte in die verkehrte Richtung.

Steve überwand sein Grauen und nahm den abgerissenen Kopf auf. Er packte ihn an den beiden Ohren und kugelte ihn davon, von sich weg, in den Sichtbereich des Monsters, während er sich wieder tiefer duckte, gemeinsam mit Jeanette.

Er sah nicht mehr, dass das Monster herumzuckte, den Kopf entdeckte und danach schnappte.

Es nahm den Kopf jedoch nicht ins Maul, sondern packte ihn mit den Tentakeln und schleuderte ihn durch die geborstene Tür nach draußen.

Gottlob ist das Biest total blöde und wundert sich kein bisschen, wieso der Kopf plötzlich hinter der Anrichte herausgekugelt kam, scheinbar ganz von allein, hoffte Steve, und das hoffte Jeanette scheinbar auch.

Allerdings nur so lange, bis das Monstrum an dem Kopf alles Interesse verlor und wieder näherkam.

Wieder zuckte das Maul mit dem Glotzauge darüber herbei. Diesmal allerdings nicht, um den Kopf aufzunehmen. Weil der gar nicht mehr da war. Diesmal offensichtlich, weil die Bestie sich doch darüber wunderte, wieso der Kopf ganz ohne fremdes Zutun hinter der Anrichte hervorgekugelt sein sollte.

Es schaute nach dem Rechten - und sah Steve und Jeanette.

Jeanette schaute direkt an ihrem Steve vorbei auf das Glotzauge des Monsters.

Sie warf Steve beiseite, schrie gellend und schickte sich an, die Flucht zu ergreifen. Aber wohin? Sie saßen in der Falle. Es gab kein Entrinnen. Der einzige Ausweg wäre die Tür gewesen, aber die wurde von dem Monster blockiert.

Auch Steve schrie jetzt aus Leibeskräften. Er konnte gar nichts dafür. Vielleicht war es ihm auch gar nicht mal bewusst.

Das Maul war direkt über ihnen. Der Wurm pendelte unschlüssig hin und her. Er hatte deshalb noch nicht zugebissen, weil er sich anscheinend nicht ganz entscheiden konnte, wer als erster von den beiden dran war. Entweder Steve oder Jeanette?

Und die schrien derweil aus Leibeskräften.

Als könnte ihnen das überhaupt noch etwas nutzen...

28

Murphy war dreizehn Stockwerke von diesen Geschehnissen entfernt. Nein, inzwischen eigentlich nur noch zwölf, denn er war über das Treppenhaus aus dem zwanzigsten Stockwerk hinunter in das neunzehnte gestiegen.

Auch hier wollte er alles durchsuchen, auf der Suche nach Spuren der Anwesenheit von anderen Menschen - oder von den Wesen, die ihn in diese Sphäre hier entführt hatten. Ob das nun Menschen waren oder Dämonen. Er wusste es nicht. Noch nicht! Aber er wollte es halt herausfinden.

Er kam gar nicht dazu, lange zu suchen, denn er spürte auf einmal eine Veränderung, und er wusste gleichzeitig, dass er nicht mehr allein im Gebäude war. Es gab auch noch andere Menschen in dem Gebäude.

Ja, das wusste er definitiv: Von einer Sekunde zur anderen war für ihn diese Änderung eingetreten: Weitere Menschen waren aus der realen Welt in diese dämonische Sphäre entführt worden - und die spürte er jetzt endlich.

Aber die waren nicht deshalb hier, um diese Sphäre zu stärken, denn Murphy spürte darüber hinaus auch, dass eine gewisse energetische Schwächung mit dem Übergang einhergegangen war.

Und gleichzeitig spürte er seine magischen Kräfte erstarken!

Sie waren nach wie vor da. Sie waren wach. Er hatte die Kraft schon von Anfang an gespürt, aber sie war übertroffen worden von der Macht, die hier herrschte.

Eine Schwächung dieser Macht, die ihn andererseits stärkte.

Er konzentrierte sich stärker.

Und er sah die zwei Menschen. Er wusste sogar ihre Vornamen: Steve und Jeanette. Und er wusste auch, dass sie in tödlicher Gefahr waren.

War da denn nicht noch jemand?

Jemand war tot, gerade erst umgekommen, unter grausigen Umständen. Wer?

Murphy hatte dessen Übergang genauso wenig gespürt wie den von Steve und Jeanette, die er nur jetzt ortete, im Nachhinein.

Eigentlich hätte die Zeit bis zu seinem Tod reichen müssen, um ihn genauso zu identifizieren wie die anderen beiden. Ja, eigentlich. Und weshalb gelang es Murphy dennoch nicht?

Er konzentrierte sich wieder auf die beiden.

Der Wurm! Er sah ihn deutlich vor seinem geistigen Auge. Er stellte sich vor, hinter diesem Wurm zu stehen, mit erhobenem heiligen Messer.

Der Wurm reagierte! Er ließ ab von den beiden schreienden Menschenbündeln und wandte sich ihm zu. Obwohl sich David Murphy in Wirklichkeit im neunzehnten Stock und der Wurm im siebten Stock befand.

Der Wurm wollte nach ihm schnappen, aber Murphy zog sich zurück. Er lockte damit den Wurm aus der Reichweite der beiden Unglücklichen.

Erst als er einigermaßen sicher sein konnte, dass die beiden nicht mehr direkt gefährdet waren, schickte er den beiden einen Gedankenimpuls: "Bleibt, wo ihr seid! Folgt dem Wurm auf keinen Fall!"

Hoffentlich nahmen sie diesen Gedankenimpuls auf? Denn er wollte so schnell wie möglich zu ihnen, ehe der Wurm merkte, dass er nur genarrt worden war...

29

"Hast du die Stimme auch gehört?", fragte Steve überrascht.

Jeanette nickte nur. Sie brachte keinen Ton mehr hervor. Nicht nur, weil sie von der Schreierei völlig heiser war.

"Da war jemand, der den Wurm abgelenkt hat. Aber ich habe überhaupt niemanden gesehen?" Steve schüttelte verwundert den Kopf.

Jeanette dachte: Der spinnt! Gerade eben erst sind wir beinahe von einem Monster gefressen worden, und jetzt macht er sich Gedanken darüber, wieso das Monster es doch nicht gemacht hat. Das ist doch eigentlich scheißegal, oder? Hauptsache, es ist uns nichts passiert!

Sie klammerte sich an der Anrichte fest und versuchte, einen klareren Kopf zu bekommen.

Was tun jetzt? Abhauen? Aber wohin?

Sie war genauso wie Steve inzwischen zu der Ansicht gelangt, dass sie sich nicht mehr in dem Bürogebäude befanden. Sie waren weg aus der realen Welt. Irgendwie.

Es muss während unserem Orgasmus passiert sein!, vermutete sie. Gott, wie kann ein Mensch denn einen solchen Orgasmus bekommen?

Sie schüttelte den Kopf. Geil war es ja schon gewesen... Ach, so ein Blödsinn, als würde es damit zusammenhängen können...

Aber noch etwas: Kein Licht brannte hier. Die geborstene Tür ließ wahrscheinlich Licht herein, aber das konnte nicht der Grund für diese scheinbar totale Helligkeit hier drinnen sein.

Nein, wir sehen in der Dunkelheit! Tatsächlich!

Sie wandte sich zur Tür. Ob der Wurm noch dort draußen lauerte?

Er lauerte! Niemand brauchte ihr das zu sagen, denn sie spürte es. Und deshalb blieb sie, wo sie war, während Steve an ihrer Seite immer noch halblaut vor sich hin philosophierte: "Ich habe seine Stimme gehört, und er hat doch irgendwie gemeint, wir sollten hierbleiben, nicht wahr? Weil vielleicht der Wurm draußen noch lauert? Sollen wir wirklich auf ihn warten? Falls er überhaupt zu uns kommt..."

Mann, halte endlich den Rand!, dachte Jeanette, aber immer noch kam kein Laut über ihre Lippen.

So standen sie hinter der Anrichte in der Hilfsküche und warteten, während draußen irgendwo der gefräßige Wurm herumschnaubte, auf der Suche nach seinen Opfern.

Er war abgelenkt worden. Das hielt vielleicht noch eine Weile an. Aber bestimmt nicht mehr lange. Dann begann der Horrortrip für die beiden wieder von neuem.

Wenn nicht doch noch ein Wunder geschah.

Und dieses Wunder stand plötzlich in der Tür! Es war aber keineswegs ein Wunder, über das man sich freuen konnte.

Oh, nein, ganz und gar nicht.

Jedenfalls nicht für Steve und Jeanette.

Sie sahen den Mann, der ihnen freundlich zunickte und sich vorstellte: "Mein Name ist Murphy, David Murphy! Wir sollten gemeinsam etwas gegen diesen Wurm unternehmen, ehe er doch noch gefährlich werden kann."

Sie starrten ihn an und schrien wieder. Denn dieser Mann, der sich ihnen als David Murphy vorgestellt hatte, das war doch haargenau der gleiche, den sie als den blutenden Mann erlebt hatten! Und der war schließlich gestorben und anschließend von dem Wurm gefressen worden. Und sein Kopf hatte...

Der Kopf musste sogar noch irgendwo draußen liegen, oder?

Aber nein, er saß wieder ganz fest auf den Schultern des Mannes, der sich David Murphy nannte und sie freundlich anlächelte.

Dieselbe Kleidung, dasselbe Gesicht, auch wenn es vorher ziemlich verletzt gewesen war.

Aber unverkennbar.

Die beiden schrien wieder mal um die Wette. Was wunder?

Nur Murphy konnte das nicht verstehen.

Noch nicht!

30

Jim reagierte sofort, indem er blitzschnell nach dem Stofffetzen griff, der seinen Freund Mac regelrecht angesprungen hatte. Er hatte sich an dessen Gesicht festgesaugt und die Schreie von Mac erstickt. Und er schickte sich an, Mac regelrecht wegzusaugen.

Jim machte sich keine Gedanken darüber, wie so etwas überhaupt möglich sein konnte. Er handelte einfach.

Dabei machte er nur einen winzigen Fehler: Er legte vorher den Finger nicht aus der Hand. Er behielt ihn in der Rechten, ohne sich dessen im Moment bewusst zu sein, und griff mit der freien Linken nach dem Stofffetzen.

Er riss ihn von Macs Gesicht.

Das gelang ihm tatsächlich!

Mac schrie und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Deshalb konnte Jim auch nicht sehen, ob er irgendeine Verletzung davongetragen hatte.

Er hatte im Moment auch keine Gelegenheit mehr, sich darum zu kümmern, weil der Finger in seiner Rechten aktiv wurde.

Er hatte den Stofffetzen in der Linken und den Finger in der Rechten. Der Finger bewegte sich. Er krümmte sich in seiner Hand, bis der zugefeilte, stahlharte Nagel genau auf Jim zeigte.

Der Stofffetzen begann zu flattern, wie unter einem starken Luftzug. Er wollte Jim ins Gesicht flattern. Das war offensichtlich.

Jim schaute ihn unwillkürlich an. Da breitete er sich aus, wurde zu einer Fläche - und öffnete dabei gleichzeitig ein Fenster zu einer anderen Welt.

Jim sah in dieser anderen Welt - David Murphy. Er hatte diesen Mann noch niemals zuvor gesehen. Das wusste er haargenau. Trotzdem wusste er auf Anhieb, wen er da sah.

Aber David Murphy konnte ihn dabei nicht sehen. Er sah Murphy in einer Tür stehen. Er hörte die Schreie von Steve und Jeanette, sah auch diese beiden - und wusste gleichzeitig deren Namen. Sie waren über irgend etwas völlig entsetzt, und das hatte unmittelbar mit David Murphy zu tun, wie es schien.

Aber auch Murphy selber schien nicht zu wissen, was die beiden so sehr an ihm erschreckte. Dabei sah er doch ganz normal aus?

Hinter Murphy jedoch lauerte der Tod, ein schrecklicher, grausamer Tod. Den konnte Jim zwar nicht direkt sehen, aber er spürte ihn, und er spürte auch irgendwie, dass er sich näherte, um Murphy hinterrücks zu überfallen.

Er wollte Murphy zuschreien, dass er vorsichtig sein sollte, aber der achtete immer noch nicht auf ihn. Er wusste gar nicht, dass James "Jim" Elmore ihn in diesem Augenblick so deutlich sah, weil sich für diesen dieses Fenster in die Sphäre der schwarzen Hölle geöffnet hatte.

Der Fetzen in Jims Linken wurde unruhiger. Die Vision, die sich auf seine Oberfläche projizierte, strebte näher zu Jim. Sein Arm wurde gekrümmt. Sein Gesicht kam der Vision immer näher.

Er wollte sich dagegen wehren, aber sein linker Arm war zu schwach dazu.

Jim wollte den rechten Arm zu Hilfe nehmen, aber dazu hätte er diesen Finger, diesen Fetisch des Unheimlichen, aus der Hand legen müssen.

Der hatte etwas dagegen. Er ließ sich nicht aus der Hand legen. Er blieb darin, als sei er mit seiner Hand inzwischen fest verwachsen.

Jim sah es nicht, weil er den Blick von der Vision nicht wenden konnte. Er spürte es aber. Der Finger war wie ein Bestandteil seiner eigenen Hand geworden. Er hatte jetzt sechs Finger, und dieser eine zeigte genau auf seinen Kopf. Als würde er darauf zielen, um sich im nächsten Moment von der Hand zu lösen, sich selbst loszukatapultieren, um sich in Jims Kopf zu bohren.

Und Mac konnte ihm dabei überhaupt nicht helfen. Er hielt immer noch sein Gesicht mit beiden Händen verborgen und wimmerte und schrie vor sich hin, als hätte er unsagbare Schmerzen.

Jim schrie jetzt auch, aber nur kurz und nicht vor Angst oder vor Panik, sondern weil er sich so anstrengte. Es war ein wütender Schrei, bei dem er alle Kräfte mobilisierte, um wenigstens den Stofffetzen davon abzuhalten, in sein Gesicht zu springen, um mit ihm das zu tun, was er vorher mit Mac hatte tun wollen.

Und es gelang ihm tatsächlich!

Der Stofffetzen flatterte aus seiner Hand auf den Schreibtisch, wie ein ganz normaler, schmutziger Stofffetzen eben.

Nur dieser vermaledeite Finger blieb aktiv. Er löste sich jetzt tatsächlich von der Hand und raste auf Jim zu.

Jim schaute ihm direkt entgegen, mit starrem, unbewegtem Blick. Er machte gar keine Anstalten, dem Finger auszuweichen, der genau zwischen seine Augen zielte.

Ein Zoll vor seinem Gesicht stoppte dieser Finger. Und dann fiel er haltlos auf den Schreibtisch, als hätte ihn jegliche Kraft verlassen.

Jim blinzelte überrascht.

Die fremde Macht war gegenwärtig. Er spürte sie immer noch. Es war eine schreckliche, grausame Macht des Bösen. Ihren Ursprung kannten sie noch nicht. Ja, sie ahnten ihn noch nicht einmal. Denn alle Erkenntnisse, die diese Macht zuließ, dienten eher der Verwirrung als einer besseren Aufklärung.

Aber es gab nicht nur diese negative Macht, sondern gleichzeitig einen Gegenpol. Und der war ganz eindeutig auf der Seite von Jim.

Vielleicht war diese Vision von Murphy sowieso überhaupt nicht im Sinne der bösen Macht gewesen? Waren es Kräfte des Guten, die den Mächten der Finsternis sozusagen ein Schnippchen geschlagen hatten und Jim an dem Geschehen in dieser anderen Sphäre hatten teilnehmen lassen?

Wozu auch immer...

Jedenfalls, Jim war nicht völlig allein, und er war vor allem auch nicht hilflos.

Sonst wäre er wahrscheinlich längst nicht mehr am Leben!

Er hatte sein Leben lang nichts anderes gemacht, als das Böse zu bekämpfen. All die Jahre zwar nur das Böse, das von Menschen ausging, aber jetzt hatte sich das geändert. Sein Aufgabenbereich war sozusagen um eine weitere Dimension bereichert worden.

Das unterscheidet mich von der Sonderkommission, die seit zwei Jahren im Dunkeln tappt, was die Ritualmorde an den Kindern betrifft.

Und das waren ganz eindeutig Ritualmorde gewesen. Er wusste es deutlich als je zuvor.

Und endlich hatte er Zeit, sich um seinen Freund Mac zu kümmern.

Dieser nahm jetzt wieder die Hände herunter.

Jim schaute in sein Gesicht. Aber da... war überhaupt kein Gesicht mehr.

Dort, wo Mac vorher sein Gesicht gehabt hatte, war ein blutiges Loch, aus dem das Schreien und Wimmern von Mac drang, von einem Schwall Blut begleitet...

31

Murphy war mehr als nur irritiert darüber, dass die beiden Leutchen, denen er praktisch das Leben gerettet hatte, jetzt so auf seine Erscheinung reagierten. Wie hätte er auch den Grund ahnen können?

"Was ist los mit euch beiden? Vor wem fürchtet ihr euch mehr: Vor mir oder vor dem Wurm?"

Sie verstummten gleichzeitig.

Steve brauchte alle Kraft, um sich zusammenzunehmen und auf Murphy zuzugehen.

Murphy wich nicht zur Seite. Bis Steve ihn erreichte und wortlos zur Seite drängte.

Steve warf einen Blick hinaus.

Und da sah er den abgerissenen Kopf von dem blutenden Mann.

Er war immer noch überzeugt davon, dass dieser Mann Murphy gewesen war. Aber wie war es dann möglich, dass dieser Murphy völlig unversehrt vor ihnen stand, während gleichzeitig sein abgerissener Kopf...?

Er deutete stumm auf den Kopf.

Murphy sah ihn jetzt erst. Weil er vorher nicht darauf geachtet hatte.

"Das - das sind doch... Sie?" stotterte Steve.

"Kann ja wohl kaum sein!", widersprach Murphy kopfschüttelnd und trat näher an das grausige Utensil heran. Er beugte sich nieder und betrachtete das verzerrte Gesicht. Der Mann war vor seiner Enthauptung böse verletzt worden. Kein Wunder, dass Murphy ihn nicht sofort erkannte. Aber dann...

Die Ähnlichkeit war mehr als nur verblüffend. Murphy hatte das Gefühl, in einen Spiegel zu sehen, quasi. Genauso hätte sein Kopf ausgesehen, würde er nicht mehr auf den Schultern sitzen, also dort, wohin er normalerweise gehörte.

Er wollte sich wieder aufrichten, aber das misslang ihm. Eine unbegreifliche Macht zwang ihn dazu, in die toten Augen zu schauen. Gleichzeitig wusste er, dass der Übergang von Steve und Jeanette in diese Sphäre der wabernden Schwärze keineswegs ein Zufall gewesen war. Und die Energien, die dafür eingesetzt worden waren, hatten auch überhaupt nicht die Macht in irgendeiner Weise geschwächt, die hier wirkte. Ganz im Gegenteil: Sie hatte Murphy diesen Eindruck nur vermittelt, damit er hier in die Falle ging.

Steve und Jeanette... Sie waren nur hier, weil dies hier eine besondere Falle für Murphy war.

Damit wollte die unbekannte Macht demonstrieren, wozu sie überhaupt in der Lage war.

Als würde es nicht schon genügen, dass sie ein ganzes Bürogebäude, mitsamt allem toten Inventar, mehrere zig Stockwerke groß sogar, komplett in eine andere Sphäre kopiert hatte. Es hatte dieser Macht auch kaum Mühe bereitet, Murphy hierher zu entführen.

Murphy war jetzt erst recht ihr Opfer. Er hatte sich überschätzt - und trotz aller Anzeichen den Gegner dabei gleichzeitig unterschätzt.

Die toten Augen saugten ihn regelrecht auf. Er konnte sich nicht dagegen wehren.

Die haben dieses Bürogebäude nicht in diese Sphäre projiziert, ursprünglich, um mich zu entführen. Das war unabhängig davon erfolgt!

Seltsam, dass ihm diese Erkenntnis genau jetzt, zu diesem Zeitpunkt, kam!

Ich habe im Frühjahr, also etwa vor drei Monaten, deshalb mein Büro hier eröffnet, eben von den Mächten des Guten dazu getrieben. Weil die Mächte des Bösen die Projektion längst durchgeführt hatten - wozu auch immer! Das war sogar lange vor der Eröffnung meines Büros in diesem Gebäude geschehen. Mein Büro - als Gegenmaßnahme!

Die wenig nutzte!

Das war sein letzter Gedanke, bevor ihm die Sinne schwanden.

Obwohl dieser Zustand nur sekundenlang andauerte.

Sekundenlang? Wie hätte er das wirklich zu sagen vermocht?

Als er wieder klarer denken konnte, wusste er ganz definitiv, wie die Falle des Gegners wirklich für ihn aussah. Noch schlimmer hätte es gar nicht kommen können...

32

Steve stand da und starrte nur. Er sah es und wollte seinen eigenen Augen nicht glauben.

Und Jeanette war hinter ihn getreten. Auch sie hatte die Hilfsküche verlassen und stand da, um auf das zu starren, was sich vor ihren Augen abspielte.

Dieser Murphy hatte sich nach dem Kopf gebückt, um ihn sich genauer zu betrachten. Plötzlich hatte sich seine Haltung versteift. Er war vornüber gekippt, genau auf den Kopf zu - und hatte sich mit dem Kopf vereinigt.

Das heißt, eigentlich hatte der Kopf sich einfach aufgelöst. Oder war er in Murphy eingedrungen? Oder war Murphy umgekehrt in ihn eingedrungen, um ihn zu der Gestalt zu machen, zu der der Kopf ursprünglich gehörte?

Jedenfalls stand Murphy danach wieder auf, taumelnd, verwirrt, wie betrunken.

Steves Kopf flog herum.

Die Tür zur Hilfsküche war geschlossen, und irgendwie glaubte er, dass sich dort drin... er selbst gemeinsam mit Jeanette befand. Ganz plötzlich.

Denn es war nicht mehr derselbe Zeitpunkt, sondern genau der Zeitpunkt des Übergangs, als es sie in diese Sphäre verschlagen hatte.

Noch während Murphy sich taumelnd auf die Tür zubewegte, tauchte noch ein Wesen auf, das gerade den Übergang gemacht hatte.

Oder war es genau zu diesem Zeitpunkt erst erschaffen worden?

Wer von den beiden hätte das wohl gültig zu sagen vermocht?

Murphy hatte jedenfalls keine Chance. Der Wurm, und um den handelte es sich bei diesem Wesen eindeutig, schnappte zu.

Murphy machte zwar eine Abwehrbewegung, was dazu führte, dass er die nächsten Sekunden noch überleben würde, aber zu mehr reichte sie nicht.

Der Wurm fuhr zurück, weil etwas von Murphy ausging, was ihn abschreckte.

Auch Steve und Jeanette spürten es: Es ging eine magische Aura von Murphy aus, die jedoch sogleich zu flackern begann, wie eine erlöschende Kerze.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zur Hilfsküche. Jeanette tauchte auf.

Sie sah nicht den Wurm, der ein wenig abseits stand, als sei er jetzt total verwirrt, halt beeinträchtigt von der magischen Aura. Sie sah nur den tödlich verletzten Mann, der auf sie zu taumelte.

Sie prallte zurück.

Steve sah sich selbst, sah, dass der sterbende Mann in seine Arme fiel und seinen letzten Seufzer tat.

Es war Murphy, völlig ohne Zweifel.

Und die beiden waren sie selbst: Steve und Jeanette!

Der Wurm achtete überhaupt nicht auf sie beide hier draußen. Er interessierte sich nur für den Mann, den er als sein Opfer ansah. Als sei der Wurm eigens nur zur Vernichtung von Murphy erschaffen worden. Um Murphy zu zerfetzen, ihn zu verspeisen, mit seinem abgerissenen Kopf anschließend Ball zu spielen...

Er wollte Murphy wiederhaben, nachdem er sich anscheinend von seiner Verwirrung erholt hatte. Er bewegte sich mit einer schleifenden Bewegung auf die geschlossene Tür zu, und Steve und Jeanette wurden zum zweiten Mal Zeugen von dem, was sich danach tat. Nur eben aus einer völlig anderen Perspektive.

Sie standen da, regungslos, vor Entsetzen erstarrt.

Alles lief haargenau so ab, wie sie es bereits persönlich erlebt hatten. Nur waren sie jetzt zusätzlich abseits stehende, unbeteiligte Zeugen. Und sie waren diesmal gezwungen, zuzusehen, wie der Wurm den blutenden Mann verspeiste!

Sie bekamen auch mit, wie danach ein lebender, unversehrter Murphy mit seiner Magie den Wurm von ihnen weglockte, ehe es für sie tödlich enden konnte.

Murphy kam anschließend persönlich, und die beiden begriffen, dass die fremde Macht, die hier alles inszenierte, nur deshalb Murphy erlaubt hatte, den Wurm wegzulocken, damit er ihr hier in die Falle ging.

Sie blieben beide unbeteiligte Zeugen, bis Steve sich selbst zuschaute, wie er die Küche verließ und Murphy auf den abgerissenen Kopf aufmerksam machte. Und da kam auf einmal Leben in Steve.

"Nein!", schrie er entsetzt, als Murphy auf seinen eigenen Kopf zuging. Was würde geschehen, wenn er sich danach bückte? Begann dadurch alles wieder von vorn?

Eine schreckliche Macht!, dachte Steve. Eine unheimliche Macht, unbeschreiblich, aber nicht... unfehlbar! Es ist wie eine Zeitschleife, die sie geschaffen hat, um diesen Murphy für immer kaltzustellen. Er war in der Zeitschleife gefangen. Wenn die ihn nicht völlig vernichten konnten - aus welchen Gründen auch immer - dann war das sozusagen eine Quasivernichtung!

Aber denen ist ein Fehler dabei unterlaufen. Sonst würden wir beide hier nicht stehen, um das ganze Geschehen zu beobachten. Wir hätten genauso in der Zeit zurückversetzt werden müssen, um aktiv alles erneut mitzuerleben, immer wieder, immer wieder, bis in alle Ewigkeit, als Bestandteil dessen, was Murphy für alle Zeiten binden sollte.

Aber es ist nicht so, denn wir stehen hier und haben uns quasi verdoppelt.

"Nein!", schrie Steve eins, und das Unglaubliche geschah: Steve zwei schaute überrascht... und sah ihn. Er schaute sich selbst ins Gesicht. Ihre Blicke begegneten sich, und der Teufelskreis wurde durchbrochen: Sie verschmolzen wieder zu einer und derselben Person.

Allerdings mit dem Unterschied, dass Steve jetzt ein erweitertes Wissen hatte: Er wusste nämlich, dass Murphy seinen eigenen Kopf nicht betrachten durfte.

Er sprang vor und warf sich gegen Murphy, ehe der so richtig nach dem abgerissenen Kopf schauen und bevor er noch eine Abwehrbewegung machen konnte.

Jeanette und Jeanette standen sich gegenüber, mit aufgerissenen Augen - und verschmolzen ebenfalls wieder zu einem einzigen Wesen.

Der Teufelskreis war auch für sie nicht länger geschlossen, sondern durchbrochen. Es würde niemals einen ewigen Kreis geben, der sie alle drei für ewig gefangenhielt, sondern Murphy hatte eine Chance. Er brauchte nicht millionenfach diesen grausamen Tod zu sterben, immer wieder verspeist von diesem ekligen Wurm.

"Was...?", murmelte Murphy, als er sich vom Boden aufrappelte.

Steve ließ von ihm ab und packte den abgerissenen Kopf an beiden Ohren.

Er hätte niemals für möglich gehalten, dass er jemals so abgebrüht sein könnte, um so etwas tun zu können.

Dabei hatte er diesmal gleich zwei Gründe, das zu tun: Erstens, damit Murphy nicht doch in Versuchung geriet, in seine eigenen, toten Augen zu schauen, und auch deshalb, weil gerade der Wurm wieder aufgetaucht war. Murphy hatte ihn lange genug abgelenkt. Jetzt griff er an.

Steve schleuderte ihm den Kopf entgegen.

Der Wurm schnappte unwillkürlich danach. Der Kopf wurde von ihm verschlungen und runtergeschluckt.

"Verdammt!", fluchte Murphy, der anscheinend immer noch nicht begriff, was hier überhaupt vor sich ging. Und Steve hatte im Moment auch keine Gelegenheit, ihn darüber aufzuklären.

Murphy hatte schon sein heiliges Messer in der Hand und schleuderte es in Richtung Wurm.

Das Messer bohrte sich in den monströsen Leib bis zum Schaft.

Der Wurm begann, vor Schmerz zu röhren. Er bewegte sich wild zuckend, um das Messer wider loszubekommen, aber immer, wenn der Tentakelkranz um das monströse Maul danach greifen wollte, zuckte ein Blitz aus dem Messergriff und trieb die Tentakel wieder zurück.

Der Wurm fiel zu Boden und wand sich dort noch eine halbe Minute mit wilden Zuckungen, die jedoch allmählich erlahmten.

Und dann geschah das Unglaubliche: Der Wurm begann, sich flimmernd aufzulösen. Bis er verschwunden war.

Das Messer fiel klirrend zu Boden. Es gab nicht mehr die geringste Spur von dem Monster.

Murphy ging hin, um sein Messer wieder an sich zu nehmen.

"Na, wer sagt es denn?"

Steve schüttelte den Kopf, wie um einen Alpdruck loszuwerden. Aber er erholte sich erstaunlich schnell und konnte bald wieder ganz klar denken.

Sein Blick kreuzte sich mit dem von Jeanette. Die machte auch einen ungewöhnlich gefassten Eindruck. Bei allem, was sie in den letzten Minuten erlebt hatten...

Sowieso: Was könnte uns denn jetzt überhaupt noch in Erstaunen bringen oder gar erschüttern?, überlegte Steve.

Er schüttelte abermals den Kopf und erwiderte Murphys forschenden Blick.

"Warum wollten Sie nicht, dass ich nach dem Kopf sah?", fragte Murphy.

Steve erklärte es ihm, mit ganz ruhiger, sachlicher Stimme. Als wäre es die selbstverständlichste Angelegenheit von der Welt. Es war ihm dabei scheißegal, dass seine Erklärung in Wahrheit ganz und gar unglaubwürdig klang.

In den Ohren Murphys offensichtlich ganz und gar überhaupt nicht!

Der wirkte erschüttert: "Dann habe ich diese Macht tatsächlich sogar noch unterschätzt!" Er schaute Steve an. "Und Sie haben mir das Leben gerettet!"

Steve grinste schief. "Wieso auch nicht, Mr. Murphy? Schließlich haben wir hier doch sonst niemanden, nicht wahr? Und außerdem: Auf alle Ewigkeit immer in Angst und Schrecken mit einem Toten und einem hässlichen Wurm zu verbringen... Da wüsste ich wirklich eine ganze Menge, was mir lieber wäre!"

Murphy wechselte das Thema: "Sie waren in diesem Gebäude, als Sie entführt wurden?"

Steve und Jeanette nickten. Jeanette sagte: "Wir waren in der gleichen Hilfsküche. Alles hier sieht gleich aus."

Murphy nickte. "Immer noch sogar!" Er deutete auf die Tür zur Hilfsküche. Sie erschien völlig unversehrt, als hätte es nie einen Wurm gegeben, der sie zerfetzt hatte. "Alles passt sich wieder an. Ich nehme an, dass alles vor etwa zwei Jahren begann. Vor zwei Jahren hat sich diese Macht in New York manifestiert. Ich habe zwar keine Ahnung, wo ihr Ursprung ist, ihr Zentrum, aber ich habe so eine Ahnung, dass wir nicht weit davon entfernt uns befinden."

"Ist das hier eine andere Sphäre, so eine Art Dämonenwelt?", fragte Jeanette.

Murphy bestätigte dies: "Ja, so ist es. Und ich glaube, dass dieses Gebäude hier die Verbindung zum Diesseits darstellt. Deshalb wurde es hierher kopiert."

"Vor etwa zwei Jahren? Wie kommen Sie eigentlich darauf, Mr. Murphy?", erkundigte sich Steve.

"Ich weiß es nicht", gab Murphy zu. "Es ist eigentlich nur so ein Gefühl." Er fixierte Steve. "Es ist recht ungewöhnlich, dass ein Laie wie Sie sich so schnell auf eine solche Situation einstellt. Andere Menschen würden darüber wahnsinnig werden."

Steve zuckte verlegen die Achseln. "Na, vielleicht war ich es vorher schon? Sowieso?"

Jeanette lachte. Es klang eine Spur zu hysterisch.

"Wahnsinnig werden?" Sie lachte abermals. "Na, genauer betrachtet, wäre das gar nicht mal so schlecht. Dann würden wir wenigstens nicht voll bewusst wissen, in welcher beschissenen Situation wir uns befinden. Oder haben Sie eine Idee, wie wir hier wieder herauskommen?"

"Es würde mich interessieren, ob Sie die ersten Menschen sind, die hierher entführt wurden", lenkte Murphy auf ein anderes Thema - anstelle einer Antwort. "Ist Ihnen etwas bekannt?"

"Nein, niemals davon gehört. Auch in den letzten beiden Jahren nichts. Ich glaube kaum, dass es auch nur einen Menschen gibt, der in diesem Gebäude Tag für Tag verkehrt, der auch nur ahnt, dass es so etwas wie eine haargenaue Kopie in einer anderen Sphäre von diesem Gebäude hier überhaupt gibt."

"Nun, dann müssen wir wohl davon ausgehen, dass wir tatsächlich die einzigen hier sind. Und Sie beide sind sowieso ja auch nur deshalb hierher entführt worden... wegen mir! Das tut mir leid für Sie, ganz ehrlich."

"Na, Ihre Schuld ist das ja nun wahrhaftig nicht", sagte Steve und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Er legte leicht den Kopf schief und betrachtete Murphy forschend. "Aber einmal eine andere Frage, Mr. Murphy: Wieso ist diese fremde Macht denn eigentlich so umständlich vorgegangen, um Sie kaltzustellen? Ich meine, warum werden Sie nicht von der einfach so vernichtet?"

Murphy zuckte die Achseln. "Aus demselben Grund, wieso Sie beide hier noch leben - jetzt, wo Sie nicht mehr gebraucht werden. Quasi!", fügte er rasch hinzu, als er das Erschrecken der beiden sah. "Es dürfte der gleiche Grund sein, wieso die Falle letztlich nicht so recht gewirkt hat, wie die sich das vorgestellt haben. Ich will damit Ihre Rettungsbemühungen ganz und gar nicht schmälern, Steve, aber es ist wohl schon so, dass es kein Zufall war, dass Sie überhaupt Gelegenheit dazu bekamen! Sie haben die Gelegenheit halt eben nur genutzt - genau zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Art und Weise, was allein schon höchste Bewunderung verdient!"

"Das beantwortet allerdings immer noch nicht ganz meine Frage, Mr. Murphy. Aber vielleicht sollte ich sie anders stellen: Was für eine Type sind Sie eigentlich?"

Murphy musste unwillkürlich lachen.

"Ich bin David Murphy, der Dämonenjäger!"

"Was denn, so ein richtiger Dämonenjäger?", wunderte sich Jeanette. "Das heißt, Sie reisen umher und kämpfen mit irgendwelchen bösen Geistern? Aber von wem kriegen Sie Ihre Aufträge? Wieso leben Sie überhaupt noch? Oder sind die bösen Geister doch nicht ganz so mächtig?"

Murphy nickte: "Gewiss, mächtig sind sie schon. Das können Sie selbst hier sehen. Bedenken Sie, welche Macht nötig ist, um solches zu bewerkstelligen. Aber es gibt eben nicht nur die bösen Mächte, sondern auch die guten, und denen diene ich. Sie unterstützen mich. Ich bin sozusagen ihr Werkzeug. Und deshalb können mich die bösen Mächte nicht so ohne weiteres vernichten, wie es ihnen beliebt. Leute wie ich sind eine Art Ausgleich.

Sehen Sie, das ist wie bei Licht und Schatten. Wo Licht, da ist auch Schatten. Aber wenn es dem Schatten gelingt, das Licht ganz zu verdrängen, was ist dann? Dann ist nur noch das Nichts! Es wäre das Ende von allem, das Ende des Universums, das Ende von allem Wirken. Nichts würde es mehr geben. Auch das Böse nicht mehr.

So widersinnig es in Ihren Ohren vielleicht auch klingen mag: Das Böse wird es immer geben müssen, genauso wie das Gute. Weil das eine ohne das andere nicht existieren kann. Und wir Menschen sind dazwischen. Wir sind die Opfer, wenn Sie so wollen. Aber wir sind dabei nicht völlig hilflos. Eben, weil es halt diese beiden Gegenpole gibt - und nicht nur einen."

"Und deshalb leben wir noch? Weil Sie das Werkzeug des positiven Pols sind und... so nahe bei uns?"

"So ist es - wahrscheinlich!"

"Wahrscheinlich?"

"Wer kann da denn so ganz genau sicher sein?"

"Na, dann wollen wir es doch einmal auf einen guten Nenner bringen, Mr. Murphy." Jetzt bewies Jeanette endgültig, dass sie sich total gefangen hatte. Ihre ausgeprägte Fähigkeit zum praktischen Denken kam überdeutlich durch: "Wir brauchen Sie und Sie vielleicht auch uns. Also bleiben wir zusammen, und Sie sorgen dafür, dass wir hier wieder heil rauskommen, Sie Werkzeug des Positiven, Sie!"

"Nun, so lange Sie keine Garantien von mir verlangen, die ich Ihnen leider nicht geben kann..."

"Na los, hören Sie endlich auf zu quatschen und handeln Sie, wie auch immer. Sie sind doch hier der Experte, oder?"

Steve lächelte verlegen. "Nehmen Sie es ihr bitte nicht übel, Mr. Murphy. Jeanette ist halt so. Aber sie meint es bestimmt nicht böse!"

Murphy lachte nur humorlos. Er wandte sich zum Gehen.

Wenn ich bloß wüsste wohin!, dachte er dabei, ohne sich das allerdings anmerken zu lassen. Er wollte nicht auch noch den letzten Rest von Vertrauen zerstören, das die beiden in ihn setzten.

Denn in Wahrheit sah auch Murphy ihre gegenwärtige Situation als eigentlich völlig ausweglos an.

Wer wusste denn, was alles sie hier noch erwartete?

Etwas Gutes konnte es ja wohl kaum sein. Denn schließlich waren sie hier - in der SCHWARZEN HÖLLE!

33

Jim tat es, ohne eigentlich zu wissen, wieso eigentlich: Er streckte beide Hände vor und bedeckte damit das blutende Loch in Macs Kopf, dort, wo dieser sein Gesicht gehabt hatte.

Kaum berührte er es, als er die Kraft spürte, die durch seine Arme floss.

Es war kein Zufall, dass er dabei an Murphy dachte: Murphy war verschollen, in einer anderen Sphäre. Aber die Kraft, die ihm sonst half, war noch da. Vielleicht ging nur ein Teil mit Murphy hinüber? Wer wusste das schon? Aber sie war jedenfalls auch hier gegenwärtig und... in Jim! Deshalb lebte er noch. Deshalb hatte er diesen verdammten Fetisch nicht zu seiner Freundin gebracht.

Und deshalb floss diese Kraft jetzt durch seine Arme in den Kopf von Mac.

Und als er die Hände wegnahm, schaute ihn Mac verdutzt an... mit seinem gewohnten Gesicht.

"Was - was...?"

"Es gibt einen alten Grundsatz, Mac: Was das Böse bewirkt, kann das Gute wieder richten. Alles also, was schwarzmagische Kräfte anrichten, kann von weißmagischen Kräften wieder ungeschehen gemacht werden. Bis zu einem gewissen Grad zumindest, damit der Ausgleich zwischen den guten und bösen Kräften gewahrt bleibt. Es ist das berühmte Gleichgewicht der Kräfte."

"He, woher hast du denn auf einmal solche Weisheiten?"

Jim schaute jetzt ebenfalls verdutzt drein. "Wenn ich das wüsste!"

Aber er wusste es doch! Es war diese Kraft, die ihn eben noch durchflossen hatte, jetzt aber nicht mehr spürbar war.

Murphy!, dachte Jim, er ist die Schlüsselfigur. Mir muss es irgendwie gelingen, an ihn heranzukommen. Vielleicht kommt er ohne mich niemals mehr frei?

Aber was sollte er zur Rettung von Murphy tun?

Mac lenkte ihn ab. "Was, was ist eigentlich passiert, Jim? Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich dieses blöde Stück Stoff..."

Jim winkte ab. "Ist inzwischen egal. Es ist überstanden. Nur das zählt."

Mac deutete auf den Finger, der auf dem Schreibtisch lag.

"Wieso solltest du den eigentlich zu Jessica bringen?"

Jim zuckte die Achseln. "Es gibt dafür nur eine Erklärung: Diese fremde Macht, die wir diesmal als Gegner haben, kommt nicht direkt an Jessica heran. Deshalb musste sie diesen komplizierten Weg beschreiten."

"Sie kommt nicht an Jessica heran?", wunderte sich Mac. "Ja, was ist denn an deiner Jessica so besonders?" Er erschrak über seine eigenen Worte. "Äh, Jim, nicht dass du mich falsch verstehst: Sie ist natürlich etwas Besonderes, vor allem für dich, aber..."

"Schon in Ordnung", unterbrach ihn Jim und lachte hart und humorlos. "Jessica ist ziemlich religiös, musst du wissen. Ihr Haus ist voll von diesen Dingen, und ich nehme an, dass das sie jetzt schützt."

"Und trotzdem ist sie für diese Macht so wichtig?", wunderte sich Mac schon wieder.

"Nun, vielleicht gerade dessentwegen, Mac? Ich bin zur Zeit ihr Hauptgegner, so lange Murphy nicht da ist. Jessica ist meine Freundin. Und außerdem ist sie schwanger."

"Welcher Murphy?"

Jim winkte ab. "Komm, Mac, ich erkläre dir alles unterwegs."

"Wo gehen wir denn hin?"

"Auch das... lieber unterwegs. Ich habe da nämlich so eine Idee. Und die hängt mit den Kindermorden zusammen. Das waren eindeutig rituelle Morde. Das haben die mit ganz bestimmter Absicht gemacht, und wir haben doch eine Karte gefertigt, in die für jeden Mord ein Fähnchen gesteckt wurde, nicht wahr? Hast du denn nicht das gemeinsame Zentrum gesehen? Selbst wenn es mehr als diese sieben Morde in zwei Jahren gab, weil man die anderen Leichenteile niemals gefunden hat... Wir sollten uns dort vielleicht doch einmal umsehen?"

"Das hat die Sonderkommission doch auch schon längst getan!", gab Mac zu bedenken.

Jim winkte ab: "Ich sagte es schon: Alles weitere unterwegs!"

Als sie auf die Straße traten, um zu Jims Dienstwagen zu eilen, sah Jim auf einmal die schmächtige Gestalt der Stadtstreicherin. Sie stand am Straßenrand und schaute ihn provozierend an. Sie öffnete den Mund zu einem lautlosen Gelächter.

Jim schaute in diesen Mund hinein. Anstelle einer Zunge glaubte er wimmelndes Gewürm zu sehen.

Von einem Augenblick zum anderen war die Erscheinung wieder verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.

Ein Seitenblick zu Mac überzeugte Jim davon, dass dieser anscheinend überhaupt nichts bemerkt hatte.

Jim ließ sich nicht beeindrucken. Ganz im Gegenteil. Diese Begegnung hatte ihn nur noch entschlossener gemacht...

34

Murphy war abgebrüht. Bei allem, was er schon alles hinter sich gebracht hatte - manchmal als ein einzelner Kämpfer für das Gute, manchmal mit Unterstützung durch andere Dämonenjäger oder auch mehr oder weniger starke Vereinigungen des Guten - und viel zu oft auch als Spielball zwischen Raum und Zeit, wo es unerheblich wurde, wann sein Leben begonnen hatte und wann es enden würde, wo Jahrhunderte zu Minuten schrumpfen konnten, wo selbst sein normales irdisches Dasein wie ein unbedeutender Klecks in der Ewigkeit erschien...

David Murphy, der Mann mit den ungezählten Facetten.

David Murphy hatte im Moment, obwohl er vorhin erst unter so schrecklichen Umständen "gestorben" war... schlicht und ergreifend Hunger!

Ja, richtig, ihm knurrte der Magen. Und genau das brachte ihn auf die Idee, wie er die beiden erst einmal beschäftigte, damit er in Ruhe über ihr weiteres Vorgehen nachdenken konnte, ohne vielleicht ständig dumme Fragen beantworten zu müssen wie zum Beispiel: "Welche Pläne haben Sie?"

Und so blieb er wieder stehen, drehte sich den beiden zu und sagte, dabei gab er sich Mühe, überzeugend zu wirken:

"Wenn wir hier wirklich überleben wollen, müssten wir etwas Essbares auftreiben. Bevor ich unterwegs zu ihnen war, streifte ich durch die Korridore des 20. Stocks, wo ich mein Büro habe. Dann auch im neunzehnten... Jedenfalls: Es sah nicht gut aus, aber ich habe Hoffnung, da es ja noch viele andere Firmen in diesem Bürokomplex gab, dass... Nun, irgendwer wird schon noch etwas für uns haben."

Jeanette und Steve sahen ihn an, als würden sie ihn jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben sehen.

"Essen?", echote Steve und wollte es anscheinend gar nicht glauben, dass Murphy überhaupt auf diese Idee gekommen war - in einer solchen Situation!

"Ich will hier nicht überleben!", sagte Jeanette deutlicher, was sie beide über diesen Vorschlag dachten: "Ich will hier raus! Und zwar so schnell wie möglich! Bevor noch mehr von diesen Monstern aufkreuzen. Wie könnte ich an Essen denken - in einer solchen Gefahr?"

Murphy verzog das Gesicht. Er war zu lange schon Dämonenjäger. Anscheinend konnte er inzwischen Dämonen besser einschätzen als normale Menschen. Er hatte genau das Falsche vorgeschlagen, wie es schien.

Details

Seiten
400
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738901061
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307122
Schlagworte
dämonenjäger

Autoren

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Titel: Dämonenjäger