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Schnelle Colts #1

von Alfred Bekker (Autor) Timothy Kid (Autor)
2015 400 Seiten

Leseprobe

Schnelle Colts #1

von Alfred Bekker & Timothy Kid

Der Umfang dieses Buches entspricht 347 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Timothy Kid: Zum Sterben nach Montana

Alfred Bekker: Das Gesetz des Don Turner

Alfred Bekker: Nelsons Rache

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors ; Cover: Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

ZUM STERBEN NACH MONTANA

Die Schlacht am Little Big Horn

Die ungekürzte Version!

von Timothy Kid

Steve und Phil Mitchell waren Brüder – Söhne eines weißen Trappers und einer Squaw vom Stamm der Sioux. Doch während Steve sich als Indianer fühlte und bei den Sioux lebte, zog es Phil zu den Weißen. Die Jahre zogen ins Land, und die Auseinandersetzungen zwischen Weißen und Indianern wurden härter und härter. Schließlich erfassten sie auch Steve und Phil Mitchell, und aus Brüdern wurden Todfeinde, deren Fährten sich am Little Big Horn kreuzten – an den Ufern jenes Flusses, der zum Schauplatz der legendärsten Schlacht zwischen Indianern und US-Kavallerie werden sollte...

1

Tief im Herzen der Black Hills lauerten drei Sioux auf einen einsamen Reiter. Der Mann lenkte sein Tier im Schritt, beiderseits des gewundenen Weges erstreckten sich dichtes Gestrüpp und in der Sonne gleißendes Gestein. Am Horizont ragten bewaldete Höhenkämme und schroffe Berggipfel ins Tiefblau des Himmels.

Zwei der Krieger waren links und rechts des Pfades verborgen, der dritte hatte hinter der nächsten Wegbiegung Stellung bezogen, um den Überraschungsangriff auch von der anderen Seite her zu sichern.

Noch ahnte der Reiter nichts von der tödlichen Gefahr. Er wusste nicht, dass dunkle Augenpaare in bemalten Gesichtern aufmerksam jede seiner Bewegungen verfolgten, und er wusste nicht, dass sich sehnige Fäuste fester um Lanzenschäfte und Messergriffe schlossen.

Die drei Sioux verharrten reglos in ihren Verstecken. Zwei Krieger konnten den Weißen bereits sehen, der dritte, der etwas entfernt lauerte, hörte nur den gleichmäßigen Hufschlag des Pferdes.

Das schulterlange Haar dieses Kriegers war schwarz und seine Augen tiefbraun, doch seine Haut wies eine etwas hellere Tönung auf, als es bei einem Sioux normalerweise der Fall war. Auch sein Name entsprach nicht den üblichen Bezeichnungen für einen indianischen Krieger, sondern war amerikanisch: Steve Mitchell.

Steve war ein Halbblut, ein Mestize – der Sohn eines weißen Trappers und einer Squaw vom Stamm der Sioux, die sein Vater einst zur Frau genommen hatte – damals, vor mehr als zwanzig Jahren, als die Büffel noch so zahlreich gewesen waren wie die Grashalme der Prärie und kaum eines weißen Mannes Fuß dieses Land betreten hatte.

Steve war mit den Indianern gleichsam als Nachbarn aufgewachsen, die Wildnis hatte er immer schon als seine eigentliche Heimat empfunden. Das abgelegene Blockhaus in den Black Hills und die nahezu endlose Weite der Wälder, Schluchten und Flüsse waren ihm stets der Inbegriff der Freiheit gewesen. Wenn ihn sein Vater Lee jedoch in die Städte der Weißen mitgenommen hatte, hatten diese ihn regelrecht erdrückt. Zu lärmend und schmutzig waren sie ihm gewesen, und auch mit ihren Bewohnern hatte er nie Gemeinsamkeiten entdeckt. Bald schon war klar geworden, dass Steve sich der roten Rasse wesentlich mehr verbunden fühlte als der weißen, dass es das Indianerblut in seinen Adern war, das sein Denken und Handeln bestimmte  – sehr zum Gefallen seines Vaters, der der sogenannten Zivilisation nicht ohne Grund den Rücken gekehrt hatte. So war Steve herangewachsen, und seine Ausflüge zu den Dörfern der befreundeten Sioux waren häufiger und länger geworden, bis er die elterliche Blockhütte schließlich für immer verlassen hatte. Seither lebte er als Krieger in einem Tipi der Hunkpapa-Sioux, kleidete sich wie ein Indianer, sprach fließend ihre Sprache – und beteiligte sich an ihrem Kampf gegen die Bleichgesichter.

Längst schon war ein friedliches Nebeneinander von Weißen und Roten Geschichte, kam es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Völkern. Weiße Einwanderer fielen wie Heuschrecken ins Land der Indianer, und die Stämme des Nordens, allen voran die stolzen Sioux, waren fest entschlossen, nicht weiter zurückzuweichen. Sie griffen erbarmungslos jeden Weißen an, der in ihre Jagdgründe eindrang, und die Intensität ihres Widerstandes machte auch der Kavallerie stark zu schaffen. Der Armee der Vereinigten Staaten war in den Sioux ein ebenbürtiger und gefürchteter Gegner erwachsen, und in den Grenzstädten von Montana erzählte man sich die blutrünstigsten Geschichten über Sitting Bull und Crazy Horse, die beiden berühmtesten Häuptlinge dieses Volkes. Von den Massakern der US-Kavallerie an den Frauen und Kindern der Indianer erzählte man sich dort natürlich nichts, sie wurden als »Siege der weißen Zivilisation« gefeiert.

Manchmal war Steve fast froh, dass seine Mutter das alles nicht mehr miterleben musste. White Cloud war vor drei Jahren gestorben, nachdem sie an der Seite von Steves Vater ein glückliches und erfülltes Leben geführt hatte.

Ein gellender Schrei zu seiner Linken riss Steve Mitchell aus seinen Gedanken. Er war von einem der beiden Sioux ausgestoßen worden, der bisher geduckt auf einem Felsen auf der anderen Seite des Weges gelauert hatte. Gleich darauf drang das schrille Wiehern eines Pferdes an Steves Ohren, hörte er den dumpfen Aufprall zweier Körper und anschwellenden Hufschlag.

Seine Stammesbrüder waren zum Angriff übergegangen!

Das Trommeln der Pferdehufe wurde lauter, im nächsten Moment sprengte das ledige Pferd des Weißen um eine Biegung des Weges. Nach einigen Yards hielt das Tier wieder an.

Steve blickte über das Pferd hinweg nach rechts. Nichts regte sich dort, der Weg lag menschenleer im Licht der Sonne. Ein weiterer Weißer, der sich zufällig von der anderen Seite her genähert hätte, war nirgends zu sehen.

Wenn er seinen Stammesbrüdern jetzt helfen wollte, dann konnte er das am besten tun, indem er ebenfalls in den Kampf eingriff!

Der Mestize huschte hinter seinem Felsen hervor und wandte sich nach links. Nahezu lautlos folgte er in seinen Mokassins dem schmalen Pfad, in der Rechten einen klobigen Tomahawk. Das reiterlose Pferd beachtete er nicht, diese Beute war nicht so wichtig wie der Skalp des verhassten weißen Eindringlings!

Nachdem Steve knapp eine Minute gelaufen war, wichen die Bäume zu seiner Linken zurück und gaben den Blick frei auf die Kampfhandlung, in die inzwischen auch sein zweiter Stammesbruder eingegriffen hatte. In einer Entfernung von annähernd hundert Yards rangen die beiden Indianer mit dem Weißen, der sich erbittert wehrte.

Der Sioux, der den Reiter vorhin angesprungen war, lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, benommen von dem Faustschlag, den ihm der Weiße verpasst haben musste. Nun wirbelte der Mann zu dem zweiten Indianer herum, der nur wenige Schritte von ihm entfernt stand, eine zum Stoß bereite Lanze in den Fäusten. Der Colt des Weißen, den er während des Kampfes verloren hatte, lag etwas abseits, das Metall glänzte silbern im Schein der Sonne.

Der Krieger stieß seinen Speer nach vorne, nahezu zeitgleich sprang der Weiße zur Seite. Noch im Ausweichen packte er die haarscharf an ihm vorbeifahrende Lanze.

Er zog den Speer zu sich heran, der Indianer wurde vom eigenen Schwung nach vorne getragen. Seiner Kehle entrang sich ein wütender Schrei, ehe er bäuchlings zu Boden stürzte.

Der Weiße fuhr auf den Absätzen herum und wirbelte die Lanze in die richtige Lage. Zeit zum Aufheben seines Colts blieb ihm jetzt keine mehr, nun entschieden Sekunden über Leben und Tod.

Der Mann hob die Rechte mit dem Speer, bereit, den am Boden liegenden Sioux mit seiner eigenen Waffe zu töten. Dass sich der andere Krieger inzwischen aufgerappelt hatte und verschwunden war, schien er in diesen dramatischen Sekunden nicht zu registrieren.

Die Gegenwart des zweiten Sioux kam ihm erst wieder zu Bewusstsein, als sich von hinten ein kräftiger Arm um seinen Hals schlang und ihm die Luft abschnürte.

Der Weiße ließ den Speer fallen, winkelte den rechten Unterarm an und stieß ihn nach hinten, genau zwischen die Rippen des Sioux. Der stieß einen Schmerzensschrei aus, löste seinen Würgegriff und knickte in den Knien ein. Noch im Fallen riss er den Weißen mit zu Boden.

Der Mann wälzte sich über den Pfad, kroch auf allen vieren in fieberhafter Eile auf seinen Colt zu.

Der Sioux, dem er vorhin den Speer entwunden hatte, war schneller. Er griff wieder nach seiner Lanze, brachte sich mit weiten Schritten an den Weißen heran und stellte sich genau zwischen ihn und seine Waffe. Kalt sah er auf den Mann hinab, den er im nächsten Moment am Boden festnageln würde. Nun gab es kein Entkommen mehr, war der Weiße endgültig verloren!

Während Steve auf die Kämpfenden zugelaufen war, hatte er ihre Gestalten nur ungenau wahrgenommen. Nun aber, da er nur mehr wenige Yards von ihnen entfernt war, sah er sie ganz genau. Die ihm trotz der Kriegsbemalung bekannten und vertrauten Gesichter der Sioux – und das Gesicht des Weißen, das ihm nicht weniger bekannt und vertraut war.

Die jähe Erkenntnis, wer hier von seinen Stammesbrüdern gleich getötet werden würde, traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

»Halt, lasst ihn leben!«, rief Steve in der Sprache der Hunkpapas. Seine Stimme schnitt wie ein Messer durch die vor Spannung förmlich knisternde Atmosphäre.

Der Krieger mit dem Speer sah verdutzt zu Steve hinüber und ließ die Lanze wieder sinken. Auch der zweite Sioux, der bereits sein Skalpmesser gezogen hatte, verhielt abrupt in der Bewegung.

Keuchend hielt Steve vor den dreien an. Sein Blick traf den am Boden liegenden Mann, und nun war er völlig sicher, dass er sich vorhin nicht getäuscht hatte.

Der Mann war niemand anderer als sein Bruder Phil!

Steve Mitchell starrte seinen Bruder an, als wäre er ein Gespenst. Phil seinerseits war von der unerwarteten Begegnung nicht weniger erstaunt und musste erst einmal hart schlucken, ehe er sich wieder aufrappelte. Die beiden Krieger, die ihn eben noch töten hatten wollten, ließen ihn unbehelligt, hielten ihre Waffen aber nach wie vor kampfbereit in Händen. Misstrauisch glitten ihre Blicke zwischen Steve und seinem Bruder hin und her.

Dessen Haut besaß annähernd die gleiche Tönung wie die Steves, aber sein Haar war blond und seine Augen tiefblau. Auch waren seine Backenknochen nicht so hoch angesetzt wie bei Steve. Und während Steve Mokassins, fransenverzierte Leggins, einen Lendenschurz sowie einen knöchernen Brustharnisch trug und eine Feder im Haar stecken hatte, war Phil mit einem ausgewaschenen Hemd, Levis-Hosen und Cowboystiefeln bekleidet. Beide Brüder waren schlank, mittelgroß und Anfang zwanzig, Steve war etwas älter als Phil. 

Dass Phil sich immer schon mehr als Weißer gefühlt hatte, war für Steve nichts Neues. Dieser grundlegende Charakterunterschied zwischen den beiden Brüdern hatte sich schon früh herausgestellt und war mit den Jahren stärker und stärker geworden. Dem Leben in der Wildnis hatte Phil ebenso wenig abgewinnen können wie den Bräuchen der Indianer, ihn hatte es immer schon zu den Weißen gezogen. Noch vor Steve hatte er die elterliche Blockhütte verlassen, um in den Städten des Grenzlandes sein Glück zu versuchen – sehr zum Missfallen ihres Vaters Lee Mitchell. Und im Gegensatz zu Steve hatte er ihren Vater auch nur sporadisch besucht. Zu Steve selbst pflegte er schon seit Jahren keinen Kontakt mehr, denn dazu hätte er in die Dörfer der Sioux reiten müssen – und dort hatte er sich noch nie wohlgefühlt.

Steve trat dicht an Phil heran und sah ihn mit unbewegter Miene an.

»Erstaunt, Bruder? Willkommen in den Jagdgründen der Sioux«, begrüßte er ihn schließlich spöttisch.

Phil war von der Situation noch immer völlig verwirrt. Nicht nur, dass ihm sein unerwartet aufgetauchter Bruder das Leben gerettet hatte – nein, Steve war auch noch zum Indianer geworden! Als Phil vor Jahren das gemeinsame Zuhause verlassen hatte, war Steve im Herzen zwar auch schon ein Sioux gewesen, aber er hatte sich wenigstens noch gekleidet wie ein Weißer.

»Steve, ich... ich danke dir«, stammelte Phil, sichtlich verlegen und nach Worten suchend. »Wenn du nicht gewesen wärst, dann wäre ich... dann wäre ich...«

»Dann wärst du jetzt tot, ein Fressen für die Bussarde«, vollendete Steve ungerührt den Satz seines Bruders. »So wie alle Weißen, die in die Jagdgründe der Sioux eindringen. Hat es sich bei deinem Volk noch nicht herumgesprochen, dass in den Black Hills auf alle Wasichun der Tod wartet? Auch dieser Tomahawk«, Steve hob kurz die Rechte mit der Waffe, »ist bereits einigen Weißen zum Verhängnis geworden. Du kannst von Glück reden, dass ich dich im letzten Moment erkannt habe.«

Steves Worte hallten in Phils Gehirn wider und entfalteten erst nach und nach ihre Wirkung.  Wenn es noch irgendeinen Zweifel gegeben hatte, dass Steve vollständig zu einem Indianer geworden war, dann war dieser Zweifel jetzt beseitigt.

Obwohl Steve von einem weißen Vater abstammte, sprach er nicht von seinem Volk, sondern von Wasichun – so lautete die Bezeichnung der Sioux für die Weißen. Und in seinen Worten vom Tod, der alle Weißen in den Black Hills erwartete, klang nicht die Spur eines Bedauerns mit, sondern die felsenfeste Überzeugung, dass dies das einzige Richtige sei! Phil zweifelte keine Sekunde daran, dass Steve ihn nicht gerettet hätte, wäre er ein anderer gewesen. Und obwohl er Steve das Leben verdankte, spürte Phil jetzt in seinem Inneren eine Abneigung gegen seinen Bruder. Es war ihm schlichtweg unbegreiflich, dass jemand freiwillig wie ein Indianer lebte, die Phil eigentlich nur als primitive Wilde ansah.

Die beiden Sioux bedrohten Phil nun nicht mehr mit ihren Waffen. Offenbar verstanden sie so viel Amerikanisch, dass sie begriffen, in welchem Verhältnis Steve und Phil zueinander standen. Immer aber noch musterten sie Phil mit finsteren Blicken.

»Du musst verstehen, dass ich etwas erstaunt bin.« Phil zwang sich ein Lächeln ab, um so die Situation etwas zu entkrampfen. »Immerhin habe ich dich seit Jahren nicht mehr gesehen, und du hast dich doch... nun, etwas verändert.«

»Dass du mich seit Jahren nicht mehr gesehen hast, liegt alleine an dir«, erwiderte Steve frostig. »Und dass du dich verändert hättest, kann man wirklich nicht behaupten. All die Bemühungen unserer Eltern haben bei dir nichts gefruchtet, du hast dich schlussendlich doch für die falsche Seite entschieden!«

Phil zuckte die Achseln, hob seinen Revolver auf und ließ ihn ins Holster gleiten. »Die falsche Seite vielleicht für dich – aber nicht für mich, Steve. Jeder Mann muss wissen, wo er hingehört – und zu Männern sind wir ja mittlerweile geworden, wenn wir uns auch sonst sehr voneinander unterscheiden.«

»Die weißen Männer gehören jedenfalls nicht in die Jagdgründe der Sioux – auch wenn es hier Unmengen des gelben Gesteins gibt, nach dem die Wasichun so verrückt sind«, beharrte Steve. »Das ist doch der wahre Grund für das Eindringen der Weißen  – seit General Langhaar im Sommer des Vorjahres von riesigen Goldvorkommen in den Black Hills berichtet hat.«

Phil überlegte. Mit General Langhaar konnte Steve eigentlich nur George Armstrong Custer meinen, den Kommandeur der siebenten Kavallerie. Eigentlich war er kein General, sondern Oberstleutnant, den Rang eines Generals hatte er nur während des Bürgerkrieges innegehabt. Dennoch ließ er sich immer noch liebend gerne mit »General« ansprechen, wie ihm überhaupt ein äußerst arroganter und eitler Ruf vorauseilte. Heute galt Custer als bester Indianer-Kämpfer der Armee, seit er 1868 bei der so genannten  »Schlacht am Washita River« das Dorf des friedfertigen Cheyenne-Häuptlings Black Kettle dem Erdboden gleichgemacht hatte. In Wahrheit war es keine Schlacht gewesen, sondern ein blutiges Massaker an Frauen, Kindern und Greisen. Sogar die Ponys der Indianer hatte Custer erschießen lassen, nachdem die ahnungslosen Cheyennes unter dem Kugelhagel der Soldaten gestorben und die Tipis ein Raub der Flammen geworden waren. Die Stämme des Nordens hassten ihn seither wie keinen anderen Offizier der Kavallerie, er verkörperte für sie den Inbegriff des »schlechten weißen Mannes«.

Vor einem Jahr nun, 1874, hatte Custer eine so genannte »wissenschaftliche Expedition« in die Black Hills geführt, um den Tier- und Pflanzenbestand dieser Gegend zu erforschen. Allerdings waren an dem Unternehmen wesentlich mehr Geologen als Naturkundler beteiligt gewesen, und die hatten bald gefunden, wonach man eigentlich suchte: Gold!

Erst einmal öffentlich geworden, hatte sich die Nachricht vom Goldfund wie ein Lauffeuer verbreitet. Ausgerüstet mit Waschpfanne und Pickel, strömten seither Tausende Weiße in die Black Hills, von der Armee am Vordringen ins Indianerland nur halbherzig gehindert. Und das war ein glatter Bruch des einst feierlich abgeschlossenen Vertrages, der den Sioux das nördliche Montana für alle Zeiten zugesichert hatte.

Die nahezu unerschlossene Wildnis bis zur kanadischen Grenze war nicht nur reich an Wildtieren und fruchtbarem Land, hier lagen auch die den Sioux heiligen Black Hills, die Schwarzen Berge, die sie ehrfurchtsvoll »Paha Sapa« nannten. Sie stellten den Mittelpunkt ihrer spirituellen Welt dar, sie waren nach dem Glauben der Indianer der Sitz Manitous. Wer hier eindrang, war nicht nur ein Landräuber und Vertragsbrecher – er war auch ein Frevler!

Das alles wusste Phil Mitchell, trotzdem glaubte er sich nicht im Unrecht. Abgesehen davon, dass er den Glauben der Sioux für lächerlichen Hokspokus hielt – war nicht auch er hier aufgewachsen? Floss nicht auch in seinen Adern das indianische Blut seiner Mutter? Und schließlich war er auch nicht in die Black Hills gekommen, um hier nach Gold zu schürfen, sondern um seinen Vater zu besuchen.

»Der Grund meines Erscheinens ist nicht das Gold«, antwortete er trotzig und sprach damit die Wahrheit. »Ich möchte unseren Vater besuchen, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe.«

»Du warst lange fort, Bruder, zu lange«, erwiderte Steve, und seine Worte klangen seltsam mehrdeutig. »Seit deinem letzten Besuch ist vieles geschehen, was du noch nicht weißt. Vieles, was sich nicht mehr ändern lässt.«

Phil sah Steve misstrauisch an. Was wollte ihm sein Bruder sagen?

Einen Moment später gab ihm Steve die Antwort auf die unausgesprochene Frage.

»Unser Vater ist tot, Phil. Er starb letzten Winter und weilt seitdem bei White Cloud, unserer Mutter.«

Die Worte seines Bruders trafen Phil Mitchell wie ein Guss kalten Wassers. Zum zweiten Mal innerhalb eines Tages, zum weiten Mal innerhalb von Minuten, wurde er mit einer Wahrheit konfrontiert, die ihn bis in sein Innerstes erschütterte.

Zuerst hatte er feststellen müssen, dass Steve zum Indianer geworden war – und nun teilte ihm sein Bruder auch noch mit, dass ihr Vater gestorben war!

»Wie ist er... gestorben?«, wollte Phil zögerlich wissen. Immer noch bereitete es ihm Mühe, das Unfassbare auszusprechen. »Haben ihn die Sioux... «

»Nein, die Sioux haben ihn nicht getötet!«, fiel Steve ihm zornig ins Wort. »Warum hätten sie ihn auch als ihren Feind ansehen sollen? Unser Vater war einer der wenigen Weißen, den sie in ihren Jagdgründen respektierten. Er lebte mit einer indianischen Frau zusammen und jagte stets nur so viel Wild, wie er für sich und seine Familie brauchte. Das alles weißt du ganz genau.«

»Warum aber musste er dann sterben?«, setzte Phil nach. »Er war erst Anfang fünfzig und strotzte immer nur so vor Gesundheit!«

»Man merkt, dass du dich lange Zeit keinen Deut um ihn geschert hast«, sagte Steve, und der Vorwurf in seinen Worten war unüberhörbar. »Was die feigen Crows nicht schafften, was weder Bären noch Wölfen gelang, schaffte ein einziger harter Winter voll Schnee und Frost. Vater ist an einer Lungenentzündung gestorben.«

»Wo liegt er begraben?«

Steve beschrieb mit seiner Linken eine weit ausholende Geste. »Er ist nirgends begraben. Sein Geist ist hier, überall in den Black Hills, in den Wipfeln der Bäume genauso wie an den Ufern der klaren Bäche! Die tapferen Hunkpapa-Sioux, deren Stamm auch ich angehöre, haben unseren Vater auf einem indianischen Totenbett verbrannt. Ich nahm an diesem Begräbnis teil, und meine Hand hielt auch die Fackel, mit der seine letzte Ruhestätte in Brand gesteckt wurde, auf dass sein Geist eingehen könne in die Ewigen Jagdgründe!« Das Gesicht des Halbbluts nahm bei diesen Worten einen stolzen Ausdruck an.

»Ich werde meinen Weg trotzdem fortsetzen«, erklärte Phil entschlossen und wies voraus, wo sich sein Pferd befinden musste.  »Wenigstens einmal möchte ich noch den Ort sehen, an dem ich aufwuchs – auch wenn ich mich dazu entschlossen habe, dieser Welt den Rücken zu kehren.«

Steve nickte. »Dieser Wunsch sei dir gestattet. Reite zur verlassenen Blockhütte unseres Vaters, sprich mit seinem Geist, wenn du dazu als Weißer überhaupt fähig bist und deine Sinne noch nicht völlig abgestumpft sind – und verlasse dann die Black Hills für immer. Ich bin ein Sioux, du aber bist ein Wasichu, und zwischen diesen beiden Völkern ist kein Friede mehr möglich. Die Hunkpapas werden dich ungestört ziehen lassen, bis der Zweck deiner Reise erfüllt ist und du die Paha Sapa wieder verlassen hast. Solltest du in Zukunft allerdings noch einmal unsere Jagdgründe betreten, liegt dein Schicksal in Manitous Hand.«

4

Wenige Tage nach jener schicksalshaften Begegnung befand sich Steve Mitchell viele Meilen entfernt von seinem Dorf in der Wildnis der Black Hills. An seinen Bruder Phil, den er so unverhofft wieder getroffen hatte, verschwendete er keinen Gedanken mehr. Phil hatte sich für die Weißen entschieden, und Steve hatte ihm das Leben gerettet, damit er noch einmal an den Ort ihrer gemeinsamen Kindheit zurückkehren konnte – damit war die Angelegenheit erledigt. Für Steve gab es jetzt Wichtigeres, denn auch er wollte seinen eingeschlagenen Weg fortsetzen – im Sinne eines Siouxkriegers. An Kampf dachte er jetzt jedoch nicht, sein Vorhaben war geistiger Natur.

Der Mestize saß mit untergeschlagenen Beinen auf der Kuppe eines Felsens, den Oberkörper gerade aufgerichtet, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln liegend. Vor ihm fiel das Land flach ab, erstreckte sich ein grasbewachsenes Tal, das an drei Seiten von dichtem Wald gesäumt wurde. Die Sonne brannte heiß vom wolkenlosen Himmel, Steves nackter Oberkörper glänzte vor Schweiß.

Während der letzten drei Tage hatte Steve keinen Bissen zu sich genommen und nur spärlich getrunken. Er war völlig allein durch die Wildnis gestrichen, hatte fast nicht geschlafen und kein Wort gesprochen – nur gelauscht hatte er. Auf das Rauschen der Wälder, das Murmeln der Bäche – und auf die Stimme Manitous. Diese hatte ihm schließlich den Platz auf dem Felsen zugewiesen, wo das Halbblut schon seit Stunden verharrte, entspannt und doch auch konzentriert zugleich.

Dass Steve all das tat, hatte seinen Grund in den Bräuchen der Sioux. Ein junger Mann, der zum Krieger werden wollte, musste nicht nur seinen Mut beweisen, er musste sich auch in den Zustand der Trance versetzen, um vom Großen Geist eine Vision zu empfangen. Vom Inhalt dieser Vision leitete sich der zukünftige Name des Kriegers ab, und sie gab ihm oft auch zu verstehen, in welchen Bahnen sein Leben von nun an verlaufen würde.

Seine Tapferkeit hatte Steve bereits unter Beweis gestellt – er hatte die Krieger der feigen Crows ebenso im Kampf besiegt wie einige Wasichun, die in die heiligen Berge der Sioux eingedrungen waren. Nun harrte er seiner Offenbarung durch den Großen Geist, die ihn endgültig zu einem Indianer machen sollte. Denn nur wer im Herzen ein Sioux war, zu dem sprach auch Manitou.

Steve wusste nicht, wie lange er schon auf dem Felsen saß, als er einige hundert Yards voraus am Waldrand eine Bewegung wahrnahm. Zuerst schien es, als würden sich die Bäume zu regen beginnen, dann aber erkannte er, dass zwischen ihren Stämmen Gestalten auftauchten und in den Sonnenschein eines grünen Tals traten.

Es waren vierbeinige Gestalten mit pelzigen grauen Körpern und zottigen Schwänzen, Hunden nicht unähnlich, nur deutlich größer.

Es waren Wölfe! Ein ganzes Rudel Wölfe, wie sie in jenen Tagen überall durch das Land strichen.

Steve wusste nicht, dass die Wölfe dort vorne nicht wirklich existierten, dass sie nur ein Produkt seines Gehirns waren, entstanden durch die Trance, die nun bei ihm einsetzte. Aber das war für das Halbblut jetzt auch nicht wichtig. Die Grenze zwischen Illusion und Realität gab es für Steve nicht mehr, er starrte nur wie gebannt voraus, wo die Wölfe in das Tal schlichen, misstrauisch nach allen Seiten witternd.

Eines der Tiere fiel Steve besonders auf. Sein Fell war nicht grau wie das seiner Artgenossen, sondern wies eine rot-weiße Zeichnung auf, wie Steve sie noch nie bei einem Wolf gesehen hatte. Nur der Schädel des Tier war komplett mit rotem Fell bedeckt.

Der gefleckte Wolf schien unter seinen Artgenossen eine besondere Stellung einzunehmen, denn die übrigen Wölfe hielten sich ständig in seiner Nähe und wichen nicht von seiner Seite. Immer wieder richteten sie ihre Blicke auf das rot-weiße Tier, das auch Steve so faszinierte.

Plötzlich kam Unruhe in das Rudel. Die Wölfe drängten sich dicht zusammen, begannen bedrohlich zu knurren und wandten ihre Schädel dem Waldrand auf der anderen Seite der Lichtung zu.

Dort trat nun ebenfalls ein Wolfsrudel zwischen den Bäumen hervor! So wie vorher die anderen Tiere, pirschten auch diese Jäger der Wildnis in das Tal, näherten sich langsam ihren Artgenossen.

Obwohl beide Rudel der gleichen Tierart angehörten, begegneten sie einander mit offenkundiger Feinseligkeit. Die Wölfe beider Gruppen sträubten ihr Fell, knurrten und fletschten die scharfen Zähne.

Nun erkannte Steve, dass sich auch bei dem neu aufgetauchten Rudel ein rot-weiß gezeichnetes Tier befand, dessen Schädel allerdings ein komplett weißes Fell aufwies. Und ebenso wie der andere gefleckte Wolf, musste auch dieses Exemplar bei dem Rudel eine besondere Rolle spielen. Vermutlich handelte es sich bei den beiden Gefleckten um die Leitwölfe.

Die Wolfsrudel schlichen aufeinander zu, bis nur noch wenige Yards sie voneinander trennten. Dann hielten sie an und verstärkten noch ihre Drohgebärden.

Der Wolf mit dem weißen Schädel verließ nun sein Rudel und strich vor den gegnerischen Wölfen knurrend auf und ab, so als wollte er sie zum Kampf auffordern. Und das Raubtier, dem diese Herausforderung galt, nahm sie auch an.

Der Körper des anderen gefleckten Wolfes löste sich aus der Mauer der grauen Leiber. Die zurückgezogenen Lefzen des Tieres ließen ein mächtiges Gebiss erkennen, seine Augen funkelten wie Bernstein im Schein der Sonne.

Die beiden Wölfe umkreisten einander mit eingezogenen Schwänzen, knurrten und geiferten, bis der Wolf mit dem weißen Schädel plötzlich zum Angriff überging.

Er machte einen Satz nach vorne, schlug mit einer Pfote nach dem Rivalen und verletzte ihn leicht mit seinen Krallen. Das andere Raubtier jaulte kurz auf, schlug zurück und sprang dann nach rechts, um den Artgenossen von der Seite her anzugreifen.

Der Wolf verbiss sich im Fell seines Gegners, der nun ebenfalls nach ihm schnappte, und die Tiere rollten zu zweit wie ein riesiges rot-weißes Fellknäuel durch das Präriegras. Zuweilen richteten sie sich auch kurz auf den Läufen auf, stützten sich mit den Vorderbeinen am Körper des Gegner ab und schlugen gleichzeitig mit ihren Pfoten nach ihm, dass es aussah, als würden sie einen makabren Tanz aufführen. Aber es war kein Tanz, der hier stattfand, es war ein Kampf auf Leben und Tod. Jedes Tier versuchte die Kehle des anderen zu zerreißen, und die dabei gerissenen Wunden und der Geruch des warmen Blutes machten die beiden Wölfe noch rasender. Die übrigen Tiere der beiden Rudel verfolgten gespannt den Kampf der beiden Leitwölfe, ohne selbst einzugreifen.

Als der Wolf mit dem weißen Schädel von seinem Gegner plötzlich abließ und davonhetzte, schien es schon, als hätte er sich geschlagen gegeben. Dann aber kehrte er plötzlich um, federte sich vom Boden ab und sprang mit einem gewaltigen Satz auf den anderen Wolf.

Der jedoch presste sich ins Gras, und sein Angreifer flog mit einem Jaulen über ihn hinweg. Feuchte Erdbrocken wirbelten durch die Luft, als sich die Pfoten des aufsetzenden Wolfes in die Grasnarbe gruben.

Der Wolf mit dem roten Schädel fuhr herum und sprang seinen Rivalen an, noch ehe sich dieser wieder auf die Beine stemmen konnte. Mit weit aufgerissenem Rachen schnappte er nach der Kehle seines Gegners, seine Pfoten drückten das andere Raubtier fest zu Boden.

Das wollte noch zurückbeißen, aber es blieb beim Versuch. Die Zähne des Wolfes mit dem roten Schädel gruben sich in den Hals des anderen, zerfetzten seine Kehle, und ein Blutschwall floss aus der Wunde, tränkte das Fell der Wölfe ebenso wie das ringsum wachsende Gras. Durch den Körper des unterlegenen Tieres ging noch ein kurzes Zucken, dann war der Zweikampf entschieden.

Der siegreiche Wolf ließ von seinem toten Artgenossen ab, warf den Schädel in den Nacken und stieß ein durchdringendes Heulen aus, das weit über das Land hallte. Die übrigen Tiere seines Rudels fielen in dieses Heulen ein, und es klang wie ein Konzert des Triumphes.

Als wäre es für sie ein Kommando, zog sich das Rudel des getöteten Wolfes nun zurück und verschwand kläglich winselnd zwischen den Bäumen am Rand des Tals.

Die Tiere waren kaum verschwunden, als sich die Welt um Steve Mitchell auf einmal zu drehen begann. Er erkannte noch, wie die Sonne plötzlich auf ihn herabstürzte und dabei immer größer wurde, dann wurde es schwarz vor seinen Augen, und er versank in einer Ohnmacht.

Am Abend desselben Tages saß Steve im Tipi von Sitting Bull, dem Häuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Sioux. Von ihm wollte er sich seine Vision deuten lassen.

Nachdem er aus seiner Ohnmacht wieder erwacht war, war Steve ins Dorf der Sioux geritten. Er hatte gegessen, seinen Durst gelöscht und sich anschließend sofort zum Zelt des Häuptlings begeben. Erst wenn ihm dieser alles erklärt hatte, wollte sich Steve den ersehnten Schlaf gönnen, denn die körperliche und geistige Anstrengung der letzten Tage ließ ihn rechtschaffen erschöpft sein.

Steve und der Häuptling saßen einander an einem niedrigen Feuer gegenüber. Im Inneren des Tipis herrschte ein dämmriges Halbdunkel, in der Luft hing der aromatische Geruch verbrannter Kräuter. Es war ein Ort, an dem das Übersinnliche nahezu körperlich spürbar war, ein Ort, der eine Pforte in die Welt der indianischen Geister und Götter darzustellen schien. Die leise knisternden Flammen warfen tanzende Schatten auf die Zelthäute und überzogen das Gesicht des Häuptlings mit einem rötlichen Schein, was ihn noch ehrfurchtsvoller als sonst wirken ließ.

Wie viele Jahre Sitting Bull zählte, war schwer zu schätzen. Auf jeden Fall verkörperte er aber die Würde und Erfahrung des Alters und galt bei den Sioux schon jetzt als Legende.

Der Häuptling trug fransenverzierte Leggins und ein ledernes Jagdhemd, das mit bunten indianischen Stickereien verziert war. Sein leicht ergrautes Haar war in der Mitte gescheitelt und zu zwei Zöpfen geflochten, die ihm bis auf die Brust reichten, das breitflächige Gesicht mit den vereinzelten, tief eingekerbten Falten wurde vor allem von der gewaltigen Hakennase bestimmt. Der Blick seiner Augen schien einem Menschen bis in die verborgensten Tiefen der Seele zu dringen.

Sitting Bull nickte nachdenklich, als Steve seine Schilderung beendet hatte. Dann begann er mit der Deutung der Vision. Der Häuptling benutzte dabei die Sprache der Sioux, die Steve ebenso vertraut war wie das Amerikanische und die er auch immer benützte, wenn er mit Menschen seines Stammes sprach.

»Der Wolf lebt seit ewigen Zeiten in diesem Land. Er verkörpert Stärke, Ausdauer und Schläue, und er ist ein Tier, das stets in einer festen Gemeinschaft lebt – Eigenschaften, die auch auf manche Menschen zutreffen. Die beiden Wolfsrudel, die du sahst, symbolisieren die beiden Völker dieses Landes, die Sioux und die Wasichun. Bei jedem dieser Völker leben auch Menschen, in deren Adern das Blut zweier Rassen fließt, das der roten und das der weißen Rasse. Für diese Menschen standen nun die beiden gefleckten Wölfe deiner Vision. Der Wolf mit dem roten Schädel warst du, denn in deinem Herzen bist du ein Sioux, auch wenn deine Haut etwas heller ist als die unsere. Das Tier mit dem weißen Schädel hingegen war jemand, der dir von der Abstammung her ähnlich ist, in seinem Herzen aber ein Weißer ist.«

Der Häuptling legte eine kurze Pause ein, und Steve kam es vor wie eine Ewigkeit, so hing er förmlich an den Lippen Sitting Bulls. Dennoch hütete er sich, den Medizinmann zum Weitersprechen zu drängen, denn das hätte als grobe Verletzung des Respekts gegolten, den er Sitting Bull schuldete.

»Der Kampf zwischen den gefleckten Wölfen steht für den Krieg zwischen Indianern und Weißen, der schon seit Jahren dauert und bei dem sich ein neuer, blutiger Höhepunkt abzeichnet – ein entscheidender Höhepunkt, denn nun geht es für die Kinder Manitous darum, ob sie ihre letzten Jagdgründe behalten werden, um darin als freie Menschen zu leben«, fuhr der Häuptling fort. »In diesem Krieg wirst du eine wichtige Rolle spielen – auf  der Seite der Sioux. Und du wirst dabei siegreich sein, denn der rote Wolf tötete den weißen.«

»Wann wird dieser Höhepunkt des Krieges eintreten?«, wollte Steve wissen. Er war begierig, mehr von Sitting Bull zu erfahren. »Und werde ich dabei auch einem bestimmten Menschen begegnen, der mir von der Abstammung her näher steht als sonst jemand?«

Es war mehr als eine Ahnung, die Steve empfand – es war eine konkrete Vermutung, ein bestimmter Verdacht, aber noch wollte er ihn nicht aussprechen.

»Ich habe dir gesagt, was dir der Große Geist mitteilen wollte«, verkündete Sitting Bull nur mit ruhiger Stimme. »Alles Weitere wird das Schicksal zeigen. Geh nun deinen vorgezeigten Weg und erkenne die Zeichen deiner Vision. Was immer aber auch geschehen mag – von heute an lautet dein Name Gefleckter Wolf !«

Während Steve Mitchell in die spirituelle Welt der Sioux vordrang und fortan »Gefleckter Wolf« hieß, verlief das Leben seines Bruders Phil in durchaus irdischen Bahnen.

Phil Mitchell erreichte die Hütte seines toten Vaters zwei Tage nach seinem unerwarteten Zusammentreffen mit seinem Bruder Steve.

Obwohl sie noch nicht lange leer stand, hatte der Verfall bereits eingesetzt. Schlingpflanzen und Sträucher verdeckten die Außenwände fast vollständig, so als wollte sich die Natur zurückholen, was man ihr einst mühsam abgetrotzt hatte. Die offene Tür hing in brüchig gewordenen Lederangeln, die leeren Fensterhöhlen gähnten düster. Ein Teil des Schindeldaches war eingestürzt.

Phil betrat das Innere der Hütte. Auch hier herrschte Ruin vor, bedeckte fingerdicker Staub verrostete Fallen und wurmstichige, umgestürzte Holzmöbel. Spinnweben hingen wie Schleier von der niedrigen Decke. In absehbarerer Zeit würde hier nichts mehr daran erinnern, dass an diesem Ort einst Menschen gelebt hatten.

Es gab keinen Zweifel – mit dem Tod seines Vaters und dem Zerfall seiner Hütte war auch ein Teil von Phils Vergangenheit gestorben. Dieser Abschnitt seines Lebens lag für immer hinter ihm.

Das Halbblut verließ die Black Hills, ohne auch nur einem einzigen Indianer zu begegnen. Lediglich die Leiche eines skalpierten Weißen, den man mit nacktem Oberkörper rücklings auf einen Ameisenhaufen gelegt hatte, die Arme und Beine an in den Boden getriebene Pflöcke gebunden, erinnerte ihn daran, dass die Sioux ständig anwesend waren. Der grässliche Anblick des Toten bestärkte Phil in seiner Meinung, dass die Indianer im Grunde genommen eben doch nur Wilde waren. Dass sein eigener Bruder nun in einem Tipi lebte, sich Federn ins Haar steckte und mit Pfeil und Bogen Büffel jagte, war dem Mestizen völlig unbegreiflich.

Nach knapp einer Woche erreichte Phil schließlich Deadwood. Obwohl erst kürzlich aus dem Boden gestampft, wuchs die Grenzstadt zum Indianerland stetig. Bretterbuden mit erhöhten Gehsteigen reihten sich dort, wo sich einst saftige Prärie erstreckt hatte. Saloons und General Stores säumten die ausgefahrenen Straßen, die sich nach jedem Regen in einem Schlammpfuhl verwandelten. Überall brodelte das Leben, hasteten die unterschiedlichsten Menschen umher.

Doch so unterschiedlich diese Menschen auch sein mochten  – eines waren ihnen gemein: die Gier nach Gold.

Sie war der Grund, weshalb Deadwood überhaupt entstanden war. Angelockt von den Berichten über das Gold der Black Hills, sammelten sich hier alle, die in der Wildnis zu schnellem Reichtum gelangen wollten. Die einen zogen von der Stadt aus mit Waschpfanne und Pickel nach Norden, die anderen nahmen ihnen die letzten Dollars oder die spärliche Ausbeute ihrer Goldsuche ab – in Saloons, Spielhöllen oder Geschäften, die ihre Waren zu Wucherpreisen anboten. Schießereien waren an der Tagesordnung, Mord und Totschlag die wahren Herrscher der Stadt. Einen Sheriff oder Marshal suchte man in Deadwood vergebens.

Phil lenkte sein Pferd zum erstbesten Saloon der Ansiedlung und band es dort an den Hitchrack neben einige andere Tiere. Das Stimmengewirr aus dem Saloon drang bis zur Straße heraus, vor dem überdachten Sidewalk stand ein schwerer hölzerner Conestoga-Wagen, auf dem sich die blutigen Häute erschossener Bisons in der Hitze türmten. Schwärme von Fliegen umschwirrten den Wagen und erfüllten die Luft mit ihrem Flügelschlag.

Phil hielt kurz inne und sah den Wagen mit seiner blutigen Fracht nachdenklich an.

Das massenhafte Abschlachten der Bisons nur ihrer Häute wegen hatte die einst so mächtigen Herden bereits erheblich dezimiert. Wo noch vor einigen Jahren Tausende Büffel gegrast hatten, lagen jetzt von der Sonne gebleichte und von Bussarden und Kojoten abgenagte Tierskelette, die die Prärie mancherorts in einen riesigen unheimlichen Friedhof verwandelten – und den Hass der um ihr Land betrogenen Indianer noch steigerten. Der Bison gab ihnen alles, was sie zum Leben brauchten – Fleisch als Nahrung, Felle und Häute für Kleidung und Zeltbahnen, Knochen und Sehnen für Werkzeuge und Waffen. Die weißen Büffeljäger aber zogen den Tieren nur ihre Häute ab, ließen den restlichen Kadaver ungenutzt in der Prärie verwesen und leisteten so ihren fragwürdigen Beitrag zur systematischen Ausrottung eines ganzen Volkes.

Phil wusste um diese Zusammenhänge, wollte sich jetzt darüber aber nicht weiter den Kopf zerbrechen. War es nicht das Voranschreiten der Zivilisation, das solche Opfer verlangte? Forderte der Fortschritt nicht immer seinen Preis? Er verscheuchte die ihn umschwirrenden Fliegen mit einer Bewegung seiner rechten Hand, und unbewusst vertrieb er damit auch seine Bedenken am Vorgehen der Weißen, zu denen er sich doch eigentlich zählte. Dann stieg er rasch die Stufen zum Saloon hinauf und stieß die beiden Flügeltüren auf. Während sie knarrend wieder ausschwangen, blieb Phil kurz stehen und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.

Obwohl es noch Vormittag war, herrschte im Saloon reger Betrieb. Seine Rückseite wurde von einer langen Theke eingenommen, davor standen einige runde Tische. Der Dielenboden war mit Sägemehl bestreut, die Luft roch nach Tabaksqualm, Schweiß und verschüttetem Whisky. An den Wänden hingen Ölgemälde, die in romantisierender Weise Szenen des amerikanischen Westens sowie verführerische halb nackte Frauen zeigten.

Phil ging zum Tresen und bestellte sich ein Glas Bier. Die verstohlenen Blicke, mit denen man ihn rasch musterte, bemerkte er zwar, ignorierte sie aber. Die Reaktion der Leute war für ihn nichts Neues, er hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt.

Phil war ein Mestize, ein Halbblut, der Sohn eines Weißen und einer Indianerin – und das stieß bei vielen Amerikanern auf Misstrauen und Ablehnung. Auf eine Ablehnung, die vor allem in letzter Zeit immer deutlicher spürbar wurde, seit die Auseinandersetzungen zwischen Sioux und Weißen an Härte zunahmen.

Die Indianer hätten Phil sicher akzeptiert – so wie sie auch seinen Bruder akzeptiert hatten. Aber, zum Teufel noch mal, Phil wollte kein Indianer sein! Er fühlte sich als Weißer, auch wenn in seinen Adern Sioux-Blut floss. Und außerdem war es ja nicht seine Schuld, dass er ein Mestize war, er hatte sich das nicht ausgesucht.

Egal, jetzt wollte Phil nicht über Gott und die Welt grübeln, er wollte nur ein kühles Bier!

Er bestellte es beim Barkeeper, einem untersetzten Kerl mit Halbglatze und Schnauzbart.

»Macht dreißig Cent«, schnarrte der Barkeeper und gab Phil so zu verstehen, dass er auf Vorauszahlung bestand.

Ob er das wohl von allen Gästen verlangte? Auch von den Weißen?

Phil knallte dem Mann eine Dollarmünze auf den Tresen und brachte so zum Ausdruck, dass er nicht nur bezahlen, sondern sich auch durchaus mehr als ein Bier leisten konnte.

Der Barkeeper griff rasch nach der Münze, gab Phil das Restgeld heraus und stellte ihm das Bier auf den Tresen.

Phil leerte ein Drittel des Glases mit einigen kräftigen Schlucken und fuhr sich dann mit dem Handrücken über die Lippen. Verdammt, tat das gut, sich den Staub endlich aus der Kehle zu spülen!

»Der Kerl scheint ziemlich durstig zu sein«, dröhnte da ein Bass von einer Stimme durch den Schankraum. »Tja, bei den Rothäuten gibt es nun mal kein Bier, da hat der Bursche einiges nachzuholen!«

»Ich frage mich nur, seit wann hier Bier an Indianer ausgeschenkt wird«, meinte nun ein anderer Mann. Es klang wie das Meckern eines Ziegenbocks. »Ich mag die Rothäute schon nicht, wenn sie in den Black Hills sitzen. In einem Saloon in Deadwood kann ich sie noch weniger leiden.«

Phil hob etwas den Kopf und sah über die Theke hinweg, in das Spiegelglas an der Rückseite der Flaschenregale.

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Die beiden Kerle, die zweifelsfrei ihn gemeint hatten, saßen etwa vier Yards entfernt an einem Tisch und starrten ihn höhnisch an. Ihrer ledernen Fransenkleidung nach zu schließen handelte es sich bei ihnen um Büffeljäger, bestimmt gehörte ihnen auch der Conestoga-Wagen vor dem Eingang des Saloons. Der eine der beiden, der auch über die Bass-Stimme verfügen musste, war von massiger Gestalt, ein ungepflegter Vollbart bedeckte sein Gesicht fast vollständig. Sein klapperdürrer Kumpan verkörperte das komplette Gegenteil, mit seiner hohlwangigen Visage hätte er jeder Ratte zur Ehre gereicht.

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Eine auf dem Tisch stehende fast leere Whiskyflasche sowie zwei Schnapsgläser verrieten Phil, dass die Kerle bereits eine beträchtliche Menge Alkohol getrunken haben mussten. Der begann nun seine Wirkung zu zeigen und machte die beiden streitsüchtig und aggressiv. Ein in ihren Augen dreckiges Halbblut kam ihnen da gerade recht, diesen Aggressionen freien Lauf zu lassen.

»Der Kerl redet offenbar nicht mit jedem«, setzte das Klappergestell mit der Ziegenbockstimme die Sticheleien fort. »Hält sich wohl für was Besseres!« 

»Eigentlich ist er ja keine lausige Rothaut, sondern ein lausiges Halbblut«, sagte nun der Fettwanst mit der Bass-Stimme, nachdem er ein lautes Rülpsen von sich gegeben hatte. »Und das ist noch schlimmer, als wenn er nur eine Rothaut wäre!«

»So verdreckt, wie ihr seid, fühlen sich Läuse wohl nur bei euch wohl«, konterte Phil, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war bis in den letzten Winkel des Saloons zu hören, in dem mittlerweile jede Unterhaltung verstummt war.

»Riskierst du jetzt ´ne große Lippe?« Der Bärtige erhob sich von seinem Stuhl und stützte die mächtigen Pranken auf die Tischplatte.

»Da staunst du, was?» Phil gab sich weiterhin unbeeindruckt. »Tja, Büffel reden normalerweise nicht zurück, da ist so etwas schon ungewohnt.«

»Ich glaube, das Halbblut ist tatsächlich auf Ärger scharf«, knurrte der Rattengesichtige und stand ebenfalls auf. »Nun, wenn er unbedingt will, kann er Ärger haben.«

Phil sah im Spiegelglas hinter der Theke, wie die beiden langsam näher kamen. Der konsumierte Whisky ließ sie leicht schwanken, aber in ihren vom Alkohol geröteten Augen stand brutale Entschlossenheit.

Immer noch wandte Phil sich nicht um. Er wirkte völlig gelassen, aber all seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt.

Die Büffeljäger blieben dicht hinter Phil stehen. Ihr Whiskyatem stieg dem Mestizen unangenehm in die Nase. Der Barkeeper hatte sich inzwischen eilig entfernt und stand am anderen Ende der Theke.

»Wir lassen uns nicht ungestraft beleidigen«, knurrte der Dickwanst. »Von keinem Weißen – und erst recht nicht von einem halben Indianer.« Er hob die Rechte, um Phil am Kragen seines Hemdes zu packen.

Phil sah es und reagierte augenblicklich.

Er wirbelte herum, schlug den Arm des Büffeljägers mit der Linken zur Seite und verpasste ihm mit der Rechten einen Kinnhaken.

Die Wucht des Treffers stieß den Mann zurück, warf ihn aber nicht zu Boden. Er schüttelte sich nur wie ein aus dem Winterschlaf erwachter Grizzly und ballte dann die Fäuste.

Vorerst konnte sich Phil nicht weiter um den Kerl kümmern, denn nun ging auch der zweite Büffeljäger zum Angriff über. Schon hob er die Rechte zum Schlag gegen den Mestizen.

»Wasch dir deine widerliche Visage«, stieß Phil hervor, griff nach dem Bierglas und schüttete den Inhalt dem verdutzten Büffeljäger ins Gesicht.

Eine unmittelbar folgende rechte Gerade ließ den Kerl mehrere Schritte rückwärtstaumeln, bis ihn ein Tisch stoppte. Der Büffeljäger krachte mit ausgebreiteten Armen auf die Tischplatte, Gläser und Flaschen fielen zu Boden, wo sie klirrend zerbrachen. Die um den Tisch sitzenden Männer sprangen fluchend auf.

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Der Bärtige stürmte mit einem Aufschrei auf Phil zu. Dieser schleuderte sein leeres Glas nach dem Mann, traf ihn aber nur an der Schulter.

Der Büffeljäger hielt nicht einmal inne, sondern stapfte näher wie einer der gehörnten Kolosse, die er normalerweise jagte. Entweder besaß der Mann einen Körper aus Stahl, oder der Alkohol ließ ihn die Schmerzen nicht spüren.

Phil stützte sich beidhändig am Tresen in seinem Rücken ab, zog sich kurz in die Höhe und stieß dann seine Beine nach vorne. Seine Stiefel donnerten dem Büffeljäger in den Brustkorb, und diesmal fiel er prustend auf den Rücken.

Phils Füße standen kaum auf festem Boden, als er sich auch schon wieder gegen den zweiten Gegner verteidigen musste.

Die Rechte des Rattengesichtigen schoss nach vorne, genau auf Phils Kinn zu. Phil riss den Kopf zur Seite, wollte den Schlag abblocken und kontern – und merkte Sekunden später, dass er auf eine Finte hereingefallen war.

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Die linke Faust des Büffeljägers bohrte sich in Phils Magengrube, in der im selben Moment ein Feuerwerk zu explodieren schien. Der Mestize griff sich instinktiv mit beiden Händen auf den schmerzenden Unterleib, der nächste Faustschlag seines Gegners erwischte ihn am ungeschützten Kinn.

Phil schmeckte Blut auf seinen Lippen und ging zu Boden. Er sah die Stiefel des Büffeljägers, holte im Liegen kurz mit dem linken Bein aus und fegte dem Mann die Beine unter dem Körper weg.

Der vom Whisky benebelte Büffeljäger verlor sein Gleichgewicht und krachte ebenfalls auf die Dielen, Phil sprang wieder auf und hielt nach dem anderen Kerl Ausschau.

Der hatte sich inzwischen aufgerappelt und stand breitbeinig da, etwa drei Yards von Phil entfernt. Sein bärtiges Gesicht glich einer Maske des Zorns.

»Das reicht endgültig!«, knurrte er. »Schluck Blei, verdammtes Halbblut!«

Die Rechte des Büffeljägers stieß zum Holster und riss den Colt aus dem Leder – entschlossen, aber in Folge des Alkoholgenusses ungelenk und zu langsam.

Der Bärtige legte noch auf Phil an, als dieser seine Waffe schon gezogen hatte und hochschwang. Ein blitzschnelles Spannen des Hahns, eine rasches Krümmen des Zeigefingers – dann stach eine fahlrote Feuerlanze aus dem Lauf von Phils Colt, begleitet vom donnernden Krachen eines Schusses.

Das Projektil traf den Büffeljäger in den rechten Unterarm, der Mann brüllte auf und ließ den Revolver fallen. Sofort griff er sich mit der Linken auf die Wunde, Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor.

Der Pulverdampf zog noch durch den Saloon, als Phil schon herumwirbelte. Noch in der Drehung spannte er den Hahn des Colts.

Der Rattengesichtige, der mit erhobenem Kopf immer noch am Boden lag, hatte ebenfalls zum Eisen greifen wollen, ließ es aber bleiben, als er plötzlich genau in das Mündungsauge von Phils Revolver blickte.

Stattdessen hob er beide Unterarme, ehe ihn die Schwere des konsumierten Whiskys vollends zurücksinken ließ. Es gab ein verdächtig hohles Geräusch, als sein Hinterkopf auf die Dielen krachte.

Ohne dass es dazu noch einer Aufforderung bedurft hätte, hob auch der Barkeeper beide Hände. Er wagte nicht nach der Schrotflinte mit den abgesägten Läufen zu greifen, die er unter dem Tresen aufbewahrte.

»Wer nicht ebenfalls eine blaue Bohne abbekommen will, verhält sich jetzt ruhig!«, warnte Phil die übrigen Männer im Schankraum. Dann ging er rücklings auf die Flügeltüren zu, seine Waffe zwischen den Besuchern des Saloons hin- und herschwenkend. Die starrten ihn mit einer Mischung aus Furcht und Feindseligkeit an.

Wem ihre Sympathie galt, darüber gab sich Phil keiner Illusion hin. Auch wenn er sich nur gewehrt hatte, so war er in den Augen dieser Männer doch der wahre Schuldige an dem Vorfall. Einfach deshalb, weil er es als Halbblut gewagt hatte, sich nicht alles gefallen zu lassen!

Erst als Phil die Flügeltüren zwischen sich und die Menge im Saloon gebracht hatte, feuerte er in die Luft und holsterte seinen Colt. Er überwand die Treppe zur Straße im Sprung, band sein Pferd vom Holm und schwang sich in den Sattel. Ohne auf die vom Hall der Schüsse aufmerksam gewordenen Passanten zu achten, jagte er im gestreckten Galopp auf den Stadtrand zu. 

Als die ersten Gäste aus dem Saloon ins Freie stürmten, waren Reiter und Pferd bereits zwischen den Hügeln außerhalb Deadwoods verschwunden.

Für Phils Bruder Steve, der nun bei den Sioux  »Gefleckter Wolf« hieß, war das Leben zur selben Zeit nicht von Kampf und Gewalt, sondern von körperlicher Zuneigung und Liebe erfüllt. Der Mestize lag im Schatten eines mächtigen Ahorns, neben ihm hatte sich eine junge hübsche Squaw auf dem weichen Moos ausgestreckt, das hier den Waldboden bedeckte.

Die Sioux war zwei Jahre jünger als Gefleckter Wolf und so schön wie der junge Morgen über der Prärie.  Lang und schlank waren ihre Beine unter dem nach oben verrutschten Saum des Kleides, flach der Bauch, fest die Brüste, die sich unter dem mit bunten Stickereien verzierten Lederkleid deutlich abzeichneten. Das schwarze Haar der Indianerin glänzte wie das Gefieder eines Raben und reichte ihr bis auf den Rücken, ihr Gesicht wurde vor allem von den großen, mandelförmigen Augen bestimmt.

»Ich kenne dich erst seit kurzer Zeit, dennoch erscheint es mir wie eine Ewigkeit«, sagte die Squaw mit sanfter Stimme und strich Gefleckter Wolf dabei zärtlich über die muskulöse Brust. »Und ich möchte dich nie mehr missen!«

»Mir ergeht es ebenso«, brachte Gefleckter Wolf die gleichen Gefühle zum Ausdruck. »Ich habe nicht nur die für mich richtige Welt gefunden – die Welt der Sioux – ich habe in dieser Welt auch die für mich richtige Frau gefunden. Keine Weiße könnte deinen Platz einnehmen, Little Bird!« Bei diesen Worten wanderte seine Linke langsam über die wohlgeformte Taille der Squaw.

»Und dennoch ist unsere Welt bedroht«, meinte die Indianerin nachdenklich. »In den Paha Sapa treiben sich so viele Bleichgesichter herum wie nie zuvor. Die gelben Steine, die sie Gold nennen, lassen sie alle Abmachungen vergessen, die sie je mit uns getroffen haben.«

»Wir werden sie lehren, diese Abmachungen nicht zu vergessen!«, sagte Gefleckter Wolf grimmig und musste unwillkürlich wieder an Phil denken. Seine Hand hielt jäh in der liebkosenden Bewegung inne.

Little Bird bemerkte sofort, dass im Kopf ihres Geliebten irgendetwas vor sich ging.

»Woran denkst du?«, fragte sie und sah den Mestizen aus ihren großen Augen neugierig an.

»Es ist nichts«, wiegelte Gefleckter Wolf ab, und seine Züge hellten sich wieder auf. »Kein Weißer kann uns die Freiheit nehmen, kein Wasichu wird uns unser Land rauben. Und wer immer auch versuchen sollte, dir ein Leid anzutun, wird es bitter bereuen. Aber lass uns jetzt nicht mehr davon sprechen –  lass uns besser unser Glück genießen!«

Die linke Hand des Mestizen strich zärtlich über die strammen Schenkel der Indianerin bis zu ihren Brüsten, während er sich zu der geliebten Squaw hinabbeugte und ihre Lippen mit einem Kuss verschloss. Little Bird erwiderte den Kuss, schlang ihre Arme um den Nacken des Gefleckten Wolfes und zog ihn über sich. Das Blut der beiden geriet in Wallung, und sie gaben sich inmitten der Natur der schrankenlosen Ekstase hin, die sie alles andere um sich herum vergessen ließ.

Die Squaw, mit der Gefleckter Wolf nun in körperlicher Leidenschaft versank, hatte er erst vor wenigen Tagen nach den Bräuchen der Hunkpapas zur Frau genommen. Und es war eine rauschende Hochzeit gewesen, wie es sie bei den Sioux nur selten gab.

Selten deshalb, weil es nicht eine Hochzeit zwischen zwei Indianern gewesen war, sondern eine Vermählung zwischen einer Sioux und einem Halbblut. Selten aber auch wegen des Umstandes, dass Little Bird keine gewöhnliche Indianerin war.

Die Frau des Gefleckten Wolfes war niemand anderes als die Tochter von Sitting Bull, dem berühmten Häuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Sioux!

8

Phil Mitchell ließ derweil Deadwood hinter sich und ritt mehrere Meilen nach Osten, wo er sich nach Arbeit umsah.

Schließlich bekam er einen Job als Waldarbeiter und schuftete sich nun seit einigen Wochen für ein Sägewerk ab, das die größeren Ansiedlungen im Grenzgebiet zum Indianerland mit Holz versorgte. Phil musste gemeinsam mit einigen anderen Männern die ausgesuchten Bäume fällen, den Abtransport der Stämme übernahm das weit verzweigte Flusssystem, das hier überall die Wildnis durchschnitt und mittels dem die Bäume in die Täler geschwemmt wurden, wo man sie wieder aus dem Wasser holte. Die Arbeit war anstrengend und schweißtreibend, aber Phil brauchte die Dollars, und eine andere Beschäftigung bot sich ihm nicht an. Außerdem störte sich hier auch niemand an seiner Herkunft, solange er kräftig zulangte.

»Verdammte Plackerei!« Luke Farrell, der gemeinsam mit Phil den Stamm  einer gefällten Douglas-Tanne zersägte, unterbrach seine Arbeit und wischte 

sich den Schweiß von den Stirn. »Ich habe schon mehr Schwielen an den Händen, als hier Bäume wachsen.« Luke war ein schlanker Mann Anfang dreißig und hatte dichtes schwarzes Haar.

»Mir geht es nicht besser«, keuchte Phil, ließ seinen Griff der Zugsäge los und betrachtete verärgert seine Handflächen. »Tagsüber schwitzt du dir die Seele aus dem Leib, und am Abend brauchst du eine Stunde, um dir das Sägemehl und das Harz vom Körper zu waschen. Dabei ginge alles viel leichter«, fügte er schließlich noch hinzu und sah nachdenklich zum Horizont, wo sich die grünen Flanken der Berge erhoben. »Dort oben liegt so viel Gold, dass man davon hundert Sägewerke errichten könnte, für die sich dann andere abrackern müssten. Selbst bräuchte man nur die Greenbucks einzukassieren.«

»Glaubst du, du bist der Einzige, dem diese Idee schon gekommen ist?« Luke sah seinen Kumpel zweifelnd an. »In den Black Hills gibt es nicht nur Gold, dort gibt es auch Sioux. Und die haben einiges dagegen, wenn man in ihre Jagdgründe eindringt. Über Nacht reich zu werden, haben schon viele versucht. Ihre skalpierten Leichen vermodern als Rabenfutter in den Black Hills.«

»Schon richtig«, pflichtete Phil bei. »Einige haben es aber auch geschafft. Und wer nichts wagt, kann auch nicht gewinnen.«

»Ich weiß nicht«, blieb Luke Farrell skeptisch. »Besser arm und dafür ’nen Skalp am Kopf als umgekehrt.«

»Das darfst du nicht so eng sehen«, meinte Phil, und in seiner Stimme schwang jetzt ein lockender Unterton mit. »Wie du bestimmt schon bemerkt hast, fließt in meinen Adern auch indianisches Blut. Und im konkreten Fall könnte das einige Vorteile bringen.«

»Könntest du nicht etwas deutlicher werden?«

»Ein Weißer, der in den Black Hills nach Gold sucht, weiß tatsächlich nie, ob er am nächsten Morgen noch mit seinem Skalp aufwacht. Ich aber bin ein halber Indianer, ich gehöre irgendwie zu ihrem Volk, und deshalb habe ich von ihnen auch weniger zu befürchten als ein anderer Goldsucher. Wenn wir also gemeinsam in die Black Hills aufbrechen, stehen unsere Chancen nicht schlecht, dort nicht nur auf Gold zu stoßen, sondern die Berge auch unbeschadet wieder zu verlassen.«

Was Phil da sagte, war natürlich maßlos übertrieben. Ja, er hatte lange Zeit bei den Sioux gelebt – aber sein Bruder Steve hatte ihn ausdrücklich gewarnt, die Black Hills wieder zu betreten. Phil ging es schlicht und einfach darum, im Ansehen eines Weißen zu steigen, indem er vorgab, ihn sicher zu Gold führen zu können. Und die Aussicht auf das Gold der Schwarzen Berge ging Phil schon lange nicht mehr aus dem Kopf.

Die Suche nach dem gelben Metall  konnte zwar ganz schön anstrengend sein, aber sie war immer noch wesentlich lukrativer als das Fällen von Bäumen – und außerdem war Phil dabei sein eigener Herr, dem niemand vorschrieb, was er zu tun oder zu lassen hatte. Dass er dabei gültige Verträge brach, war ihm völlig gleichgültig. Was scherte es ihn, wenn man den Indianern ihr Land raubte und ihre heiligen Stätten entweihte, solange er dabei ein reicher Mann wurde? Mochte sein durchgedrehter Bruder auch wie ein Sioux leben, mochten sich seine Eltern auch mit frischer Luft und unberührter Natur begnügt haben – ihm reichte das nicht! Er wollte Gold – und er wollte Ansehen bei den Weißen erlangen!

»Ich muss zugeben, auch schon an diese Möglichkeit gedacht zu haben«, räumte Luke ein. »Alleine wollte ich dieses Wagnis aber nicht auf mich nehmen.«

»Alleine mit Waschpfanne und Pickel in die Black Hills zu ziehen, wäre tatsächlich nur etwas für Verrückte«, erklang nun eine Stimme hinter Phil und Luke. »Wenn man allerdings zu dritt reitet und sich ordentlich bewaffnet, ist man für alle Schwierigkeiten gewappnet.«

Phil und Luke fuhren herum. Die Stimme gehörte Sid Wayne, einem grobschlächtigen, unrasierten Kerl, der ebenfalls hier in den Wäldern arbeitete. Sid trat an die beiden heran und ließ die Schneide seiner Axt in den Stamm der gefällten Douglas-Tanne fahren.

»Der Dritte im Bunde wäre natürlich ich«, räumte er jeden diesbezüglichen Zweifel aus.

Phil frohlockte innerlich. Nun hatte er es schon so weit gebracht, dass sich ihm andere freiwillig anschließen wollten! Er war nicht mehr länger ein lausiges Halbblut, das man davonjagte wie einen Straßenköter – nein, nun war seine Abstammung der Grund, weshalb man sich für ihn interessierte!

»Da ich in den Black Hills aufgewachsen bin, kenne ich nicht nur die Sioux, ich kenne auch die Wildnis wie kein Zweiter«, setzte er sich weiterhin gekonnt in Szene. »Es gibt in den Bergen kaum einen Pfad oder eine Stelle, wo ich noch nicht gewesen bin. Und ich weiß natürlich auch, wo wir nach Gold suchen müssten!«

»Also was ist, braucht ihr einen dritten Mann, der mit dem Colt umgehen kann?«, fragte Sid Wayne ungeduldig.

Phil und Luke warfen einander einen raschen Blick zu und nickten.

Sid Wayne sah misstrauisch um sich, ob auch niemand ihre Unterhaltung belauschte, und fügte dann rasch hinzu: »Mehr dürften wir allerdings nicht sein. Ein zu großer Trupp würde den Sioux bestimmt auffallen!«

Das war zwar richtig, in Wahrheit ging es dem Mann aber nur darum, das Gold nicht mit zu vielen anderen teilen zu müssen – und Phil Mitchell und Luke Farrell hegten die gleiche Absicht.

»Dann ist so weit alles klar«, erklärte Phil, der wie selbstverständlich in die Rolle des Anführers der drei geschlüpft war. »Heute Abend lassen wir uns die Dollars auszahlen, die uns bereits zustehen, kaufen uns davon Munition und Goldsucherausrüstung, und dann nichts wie ab in die Black Hills!«

»Was steht ihr hier eigentlich herum?«, drang plötzlich eine zornige Stimme an die Ohren der drei Männer. Sie wandten ihre Köpfe und sahen den Vorarbeiter, der wütend zu ihnen herüberblickte. »Ihr werdet für’s Arbeiten bezahlt, nicht für’s Faulenzen! Los, macht weiter!«

Die drei griffen wieder nach Axt und Säge und setzten grinsend ihre Arbeit fort. Noch ein paar Stunden, dann gehörte die Plackerei hier endgültig der Vergangenheit an.

Die von den düsteren Bergkämmen ausgehende unsichtbare Drohung spürte keiner von ihnen...

Zehn Tage später hatten die drei Männer ihren Plan in die Wirklichkeit umgesetzt.

Angeführt von Phil Mitchell, waren sie tief in die Wildnis der Black Hills eingedrungen – abseits der bekannten Pfade, die von den Goldsuchern sonst benutzt wurden. Die sie aufnehmende Landschaft war immer urtümlicher geworden – und immer beeindruckender.

Felsige Schluchten zerrissen dichte Wälder, schroffe Bergkämme reihten sich bis zum Horizont. Zuweilen bahnten sich schäumende Flüsse ihren Weg in die Täler, gesäumt von hüfthohem Farn, aus dem moosbewachsene Felsen emporragten. Alles glich einem unerforschten, an Wildtieren überreichen Paradies – und dennoch lauerte hier der Tod auf jeden weißen Eindringling. 

Wer konnte schon sagen, ob nicht bereits hinter dem nächsten Baum ein Indianer verborgen war? Wer wollte ausschließen, dass er von dunklen Augenpaaren in bemalten Gesichtern nicht schon längst beobachtet wurde? Und wer konnte wissen, ob der Ruf der Eule, der nachts durch die Wälder drang, wirklich von einem Vogel stammte – und nicht von einem Krieger, dessen begehrteste Beute menschliche Skalpe waren? Bisher war von den Sioux allerdings nichts zu hören und nichts zu sehen gewesen.

Zurzeit hielten sich die drei an einem Creek auf, wo sie auch ihr Lager errichtet hatten. An beiden Seiten des Flusses wuchsen Weiden und Erlen, das klare Wasser floss in einem Bett aus Schotter und Felsen dahin.

»Wie ich es erwartet habe«, röhrte Sid Wayne, der bis zu den Waden mit hochgekrempelten Hosenbeinen  im Wasser stand, eine Waschpfanne in den Händen haltend. »In dem Creek gibt’s mehr Gold als Fische, man braucht nur danach zu greifen!«

»Ja, wir waren wirklich Idioten, dass wir nicht schon früher in die Black Hills gekommen sind«, meinte Luke Farrell. Er stand am Ufer des Gewässers, wo er gerade einen mit Gold gefüllten Beutel verschnürte.

»Früher habt ihr auch mich nicht gekannt«, ließ nun Phil Mitchell vernehmen, der auf einem niedrigen Felsen neben dem Zelt der drei saß und eine Zigarette rauchte. Neben dem Zelt waren die Tiere der Männer und ein Packpferd angeleint. »Ohne mich hättet ihr diese Stelle nie gefunden.«

»Hoffentlich finden sie auch die Sioux nicht«, sagte Sid Wayne und ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. »Bist du dir auch wirklich sicher, Phil, dass dir die Rothäute nichts tun?«

»Bevor die merken, was hier gespielt wird, sind wir längst auf und davon«, antwortete Phil ärgerlich. »Ich hab’ euch doch gesa... «

Der Mestize brach mitten im Satz ab. In nur geringer Entfernung zu den Männern, flussaufwärts zu ihrer Rechten, war hinter einer Biegung des Flusses plötzlich ein Plätschern zu hören, das nicht vom Fließen des Wassers stammen konnte. Dort musste sich etwas oder jemand im Wasser aufhalten.

Es konnte ein Tier sein – vielleicht nur ein harmloser Waschbär – oder auch ein Mensch.

Ein Indianer, zum Beispiel!

Auch Luke Farrell und Sid Wayne hatten das Plätschern gehört. Sie erstarrten in der Bewegung und sahen Phil erschrocken an.

»Die Sioux!«, stieß Sid Wayne panisch hervor. Alle Zuversicht, dass ihm in Begleitung des Habbluts nichts passieren könnte, war plötzlich wie weggewischt.

»Halt die Klappe, wir müssen uns nicht vorzeitig selbst verraten!«, fuhr Phil ihn mit gesenkter Stimme an. »Los, schnappt euch jeder eine Waffe, und dann sehen wir nach, was da los ist!«

Der Mestize warf seine Zigarette ins Wasser, erhob sich von dem Felsen, griff nach seinem Gewehr und lief geduckt am Ufer entlang. Luke Farrell und Sid Wayne folgten ihm mit gezückten Colts, nachdem Letzterer zuvor noch rasch aus dem Wasser gewatet und in seine Stiefel geschlüpft war.

Die Männer setzten vorsichtig einen Fuß vor den anderen, pirschten sich durch Unterholz und Gestein. Das eigenartige Plätschern wurde mit jedem ihrer zurückgelegten Schritte lauter.

Schließlich wichen die Bäume an einer Schleife des Flusses zurück und gaben den Blick frei auf eine breitere Stelle des Creeks. An seinem diesseitigen Ufer erstreckten sich flache Sandbänke, auf der anderen Seite ragte eine steile Felswand empor. Und in der Mitte des Flusses, dort, wo das Wasser am tiefsten war, schwamm eine junge Indianerin!

Die Sioux war nackt, ihre Kleider und ein Paar Mokassins lagen am Ufer, nur wenige Yards von den Männern entfernt. Deutlich war in dem klaren Wasser der vollendete Körper der Schwimmerin zu erkennen. Die Indianerin bewegte sich mit geschmeidiger Anmutigkeit durch den Creek, und wenn ihre Schultern und Arme jeweils kurz aus dem Wasser auftauchten, glitzerten unzählige Tropfen im Schein der Sonne wie Diamanten auf ihrer makellosen braunen Haut. Noch wusste die Squaw nicht, dass sie beobachtet wurde, verbargen dichte Sträucher die drei Männer. 

»Da habt ihr eure Indianer!«, verspottete Phil seine Kumpane. »Zum Fürchten sieht die aber nicht aus, wenn ihr mich fragt.«

»Ganz im Gegenteil.« Luke Farrell leckte sich mit der Zunge über die Lippen. »Und sie scheint allein zu sein. Was meint ihr, ob das hübsche Kind uns verstehen kann?«

»Probieren wir es aus.« Sid Wayne grinste anzüglich. »Reden müssen wir mit der Squaw ja nicht.«

Die drei erhoben sich und verließen ihr Versteck. Beim Knirschen des Kieses unter ihren Stiefelsohlen fuhr die Indianerin im Wasser erschrocken herum. Sie begriff sofort, dass die weißen Männer nichts Gutes im Schilde führten.

»Wie lange willst du eigentlich noch im Wasser bleiben? Dir muss doch schon mächtig kalt sein?«, rief Phil der Squaw hämisch zu. »Warum kommst du nicht an Land, hier ist es angenehm warm!«

Die junge Indianerin verstand zwar die Worte der Männer nicht, aber sie wusste auch so, was die Kerle von ihr wollten. Und sie war fest entschlossen, den Fluss nicht zu verlassen, sondern sich ihrer Haut mit allen Kräften zu wehren.

»Die rote Lady scheint von unserem Vorschlag nichts zu halten«, meinte Luke Farrell, während er die am Ufer liegenden Kleidungsstücke der Squaw betrachtete.

»Macht auch nichts, wir sind nicht wählerisch«, stellte Phil fest. »Wenn sie nicht ans Land kommen will, gehen wir eben zu ihr ins Wasser!«

Er warf sein Gewehr zu Boden, die beiden anderen Goldsucher holsterten ihre Colts und schnallten die Revolvergürtel ab. Dann wateten die Männer ins Wasser.

Dort schwamm die Indianerin verzweifelt im Kreis. An den steilen Felswänden am jenseitigen Ufer gab es kein Entkommen, und von der flachen anderen Seite her näherten sich ihr die drei Weißen. In ihren Augen leuchtete unverhohlene Gier.

»Du kleine Wildkatze bist zwar nicht so einfach zu bekommen wie das Gold, trotzdem bist du mir wesentlich... «

Der Redefluss Sid Waynes brach abrupt ab. Er starrte die Squaw mit weit aus den Höhlen tretenden Augen an, richtete sich langsam auf den Zehenspitzen auf und kippte schließlich kopfüber in das aufspritzende Wasser.

Fassungslos vor Entsetzen starrten Phil Mitchell und Luke Farrell auf den Schaft des gefiederten Pfeils, der aus dem Rücken ihres toten Kumpels ragte.

10 

Erfüllt von quälender Unruhe, ritt Gefleckter Wolf durch die Black Hills.

Der Mestize war heute Morgen zur Jagd aufgebrochen, kaum dass die Sonne über den Bergen aufgegangen war. Eine knappe Meile außerhalb des Hunkpapa-Lagers hatte er schließlich einen Wapiti erlegt und war beladen mit den Fleischstücken des Hirsches in das Dorf zurückgekehrt. Eigentlich hatte er Little Bird mit dem saftigen Braten überraschen wollen, die Squaw jedoch war in dem Lager nicht mehr anzutreffen gewesen! Mit Little Bird befreundete Frauen hatten Gefleckter Wolf mitgeteilt, dass die Sioux aus dem Dorf geritten war, um in einem weiter entfernten Creek zu baden.

Die Nachricht hatte den Mestizen in helle Aufregung versetzt. Es war für eine Squaw nie ungefährlich, alleine das schützende Lager zu verlassen – und in unruhigen Zeiten wie diesen war es erst recht gefährlich. Weiße Goldsucher strichen überall durch die Black Hills, und wenn sie dabei auf Indianer trafen, ließen sie meist sofort die Waffen sprechen. Little Bird befand sich also in höchster Gefahr – weil sie wahrscheinlich wieder einmal ihren hübschen Kopf um jeden Preis hatte durchsetzen müssen!

Für Gefleckter Wolf hatte es kein langes Zögern gegeben. Er war wie der Teufel wieder aus dem Lager geritten, in Richtung des Creeks, den er auch selbst kannte, weil er dort schon öfters zum Fischfang gewesen war. Der Mestize hatte sein Pferd zu höchster Eile angetrieben und befand sich nun in unmittelbarer Nähe des Gewässers. Schon konnte er das Rauschen des Flusses hören, der sich durch das felsige, mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Gelände wälzte.

Die Vegetation wich zurück, als Gefleckter Wolf endlich das blaue Band des Creeks erreichte. Der Mestize zügelte sein Pony auf einem im gleißenden Sonnenschein liegenden Kiesstreifen, der bis zum Ufer reichte, und blickte sich suchend um.

Durch seinen Körper ging ein Ruck, als er Little Bird endlich entdeckte. Die Squaw befand sich etwa hundert Yards flussabwärts im Wasser des Creeks. Aber sie schwamm nicht wie jemand, der sich an einem heißen Sommertag bei einem Bad erfrischte, sie schwamm vielmehr wie ein Mensch, der das Wasser nicht verlassen konnte, weil an Land eine Gefahr lauerte. Ihr Blick war ängstlich in Richtung des Ufers gerichtet.

Gefleckter Wolf trieb sein Pferd mit einem Schenkeldruck aus dem Schatten einiger Weiden wandte den Kopf nach links. Und nun, da er ein erweitertes Blickfeld besaß, sah er auch die drei Weißen, die soeben in den Creek wateten. Ihre Absicht war nur unschwer zu erraten.

Noch hatten die Männer den Mestizen nicht entdeckt, galt ihre ganze Aufmerksamkeit der Squaw. Gleich jedoch sollten sie ihn bemerken!

Gefleckter Wolf zog einen Pfeil aus dem Köcher und spannte ihn auf die Sehne des Bogens. Er zielte kurz, ließ die Sehne los, und während ihr Vibrieren noch in seinen Ohren klang, drang der Pfeil in den Rücken des vordersten Weißen. Der Mann richtete sich auf und kippte kopfüber ins Wasser, wo er langsam den Creek hinabtrieb, hinter sich eine dünne rote Spur herziehend.

Sofort ruckten die Köpfe der beiden anderen herum, auch Little Bird

blickte flussaufwärts. Doch während sie nun gerettet war, mussten die Goldsucher um ihr Leben kämpfen.

Gefleckter Wolf stieß einen gellenden Schrei aus, die Rechte mit dem Bogen drohend emporgereckt. Auf die zwei Goldsucher musste er in diesem Moment wie ein indianischer Rachegeist wirken, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, um einen Frevel am Volk der Sioux zu sühnen.

Der Schrei des Gefleckten Wolfes brach im selben Moment ab, in dem er seinem Pony die Hacken in die Weichen stieß und den Bogen in den Köcher auf seinem Rücken schob. Das Pferd preschte los, jagte am Ufer entlang durch das flache Wasser, das in Fontänen unter seinen Hufen aufspritzte.

Der Mestize hörte den blonden der beiden Goldsucher etwas brüllen, aber der Hufschlag seines Ponys und das Klatschen des Wassers ließen ihn die Worte auf die Entfernung hin nicht verstehen. Er sah nur, dass sich der Blonde, der sich näher zum Ufer befand, herumwarf und durch das aufschäumende Wasser ans Ufer kämpfte. Er verließ den Creek, ließ sein Gewehr vor lauter Hast liegen und hetzte flussabwärts weiter.

Der andere Mann stand derweil wie gelähmt bis zu den Schenkeln im Wasser und starrte auf Gefleckter Wolf, der mittlerweile seinen Tomahawk gezogen hatte. Das stählerne Blatt glitzerte frostig im Schein der Sonne.

Der Goldsucher überwand seine Lähmung und hastete zum Ufer. Wahrscheinlich lag dort sein Colt, mit dem er den Mestizen vom Pferd holen wollte.

Die Gestalt des Weißen wurde größer und größer, je näher Gefleckter Wolf an ihn heranpreschte. Nun konnte der Mestize auch den Revolver erkennen, der dort vorne am Ufer lag. Schon hatte der Goldsucher seine Füße auf trockenen Boden gesetzt, bückte er sich mit ausgestreckten Armen nach der Waffe.

Kurz bevor er nach dem Revolver greifen konnte, ereilte ihn der tödliche Hieb mit dem Kriegsbeil. Luke Farrell stieß noch einen gurgelnden Schrei aus, dann stürzte er bäuchlings nieder.

Gefleckter Wolf preschte weiter. Der letzte noch lebende Goldsucher musste den Todesschrei seines Kumpels gehört haben, aber er achtete nicht darauf. Er hetzte weiter am Ufer entlang, wollte wahrscheinlich zu seinem Pferd gelangen, das irgendwo flussabwärts stehen musste. Dass er es tatsächlich noch erreichte, war allerdings ausgeschlossen. Gefleckter Wolf hatte den Fliehenden beinahe eingeholt, die Distanz zwischen den beiden betrug nur noch knapp fünfzehn Yards.

Plötzlich glaubte Gefleckter Wolf seinen Augen nicht zu trauen. Der blonde Goldsucher, der da vor ihm floh, war niemand anderer als sein Bruder Phil!

Die Überraschung des zum Sioux gewordenen Mestizen hielt nur Sekunden an. Einen Herzschlag später wich sie unbändiger Wut. Wut darüber, dass Phil zur Goldsuche in die Paha Sapa gekommen war – und Wut darüber, dass sich sein eigener Bruder über seine, Gefleckten Wolfes Frau, hatte hermachen wollen!

»Bleib stehen, Phil, und stell dich zum Kampf!«, brüllte Gefleckter Wolf wie von Sinnen.

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Phil hielt inne, als wäre er gegen eine unsichtbare Mauer gerannt – allerdings nicht, weil er der Aufforderung nachkommen wollte. Es war die Überraschung, die ihn anhalten ließ. Die Überraschung darüber, dass ihn der Sioux auf Englisch anrief – und die Überraschung darüber, dass die Stimme seinem Bruder Steve gehörte!

Phil fuhr herum.

Gefleckter Wolf, der ihn fast schon eingeholt hatte, zügelte sein Pony und sprang mit einem Satz vom Pferd. Den blutbeschmierten Tomahawk in der Rechten, kam er wie ein zum Sprung bereiter Puma mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper näher.

»Steve, Bruder... «, stammelte Phil, der Steve vorhin gar nicht erkannt hatte.

»Nenn mich nicht Bruder!«, fauchte Gefleckter Wolf. »Und nenn mich auch nicht Steve – mein Name lautet Gefleckter Wolf! Du wärst beinahe über eine Angehörige meines Volkes hergefallen – über meine Frau!«

»Ich... ich konnte doch nicht wissen, dass die Squaw deine Frau ist«, versuchte Phil sich zu rechtfertigen. Auf seiner Stirn schimmerte Angstschweiß.

»Das ändert nichts daran, dass du in die Paha Sapa eingedrungen bist, in die heiligen Berge meines Volkes!« Das Gesicht des Gefleckten Wolfes glich einer vom Zorn verzerrten Grimasse. »Du hast die beiden anderen Bleichgesichter geführt, ohne deine Hilfe hätten sie diese Stelle nie gefunden, und das lässt deinen Frevel noch schwerer wiegen! Ich habe dich bei unserer letzten Begegnung gewarnt, doch du hast meine Warnung in den Wind geschlagen. Damals waren es nur Worte, die ich an dich gerichtet habe, heute aber werden diesen Worten auch Taten folgen! Schnall deinen Revolvergurt ab, wirf ihn ins Wasser, zieh dein Messer und kämpfe! Wir werden sehen, ob du im ehrlichen Zweikampf gegen einen Krieger ebenso mutig bist, wie wenn du mit zwei anderen Wasichun über eine wehrlose Squaw herfällst!« Mit diesen Worten entledigte sich Gefleckter Wolf seines Köchers, der ihn beim Nahkampf nur behindert hätte, und warf ihn zu Boden.

Phil erwog kurz, zum Colt zu greifen, ließ es dann aber sein. Steve wäre mit einem Wurf seines Tomahawks zweifellos schneller gewesen. So schnallte er seinen Revolvergurt ab, warf ihn in den Fluss und zog das Messer, das in einer Lederscheide an seinem Gürtel steckte.

Nun standen die beiden feindlichen Brüder einander gegenüber – auf dem schmalen Schotterstreifen, der hier das Ufer bildete. Die Sonne brannte heiß vom Himmel, nur das Rauschen des Wassers durchbrach die Stille. Auf der Oberfläche des Creeks trieb die Leiche Sid Waynes vorbei.

Mit einem gellenden Aufschrei ging Gefleckter Wolf zum Angriff über. Die Rechte zum Schlag mit dem Kriegsbeil erhoben, stürzte er sich auf Phil, der der Attacke seines Bruders mit einem Sidestep auswich. Der Tomahawk fuhr ins Leere, und Phil umrundete seinen Bruder, um ihm das Messer zwischen die Rippen zu stoßen.

Gefleckter Wolf fuhr herum und griff mit seiner Linken nach Phils Waffenarm. Seine Rechte riss abermals den Tomahawk empor, doch nun packte auch Phil das Handgelenk seines Bruders und hinderte ihn so am tödlichen Schlag.

Jeder der beiden Kämpfer versuchte, die umschlossene Hand zu befreien und gleichzeitig die eigene Waffe zum Einsatz zu bringen. Ihre Gesichter waren vor Anstrengung verzerrt, ihre Beine stemmten sich fest gegen den Boden. So taumelten sie ineinander verkrallt am Ufer entlang und näherten sich immer mehr dem Fluss.

Gefleckter Wolf spürte, wie die Kräfte seines Kontrahenten allmählich nachließen. Die hinterhältige List, die sein  Bruder jetzt jedoch anwandte, durchschaute er zu spät.

Phil ließ sich absichtlich bis zum Rand des Ufers drängen, dann warf er sich rücklings zu Boden. Gefleckter Wolf wurde mitgerissen und von Phils rechtem Bein ins Wasser katapultiert, das plötzlich mit rasender Geschwindigkeit auf ihn zukam. Er ließ seinen Bruder los, und beide stürzten in den Fluss.

Voller Wut fuhr Gefleckter Wolf wieder aus der schäumenden Gischt empor, die seinen Körper bis zum Lendenschurz umspülte. Er spie einen Wasserstrahl aus, warf sein nasses Haar in den Nacken – und bemerkte, dass er bei dem Sturz seinen Tomahawk verloren hatte! Die Waffe befand sich irgendwo am Grund des Flusses, unerreichbar für ihn, denn zum Suchen blieb jetzt keine Zeit.

Phil, der ebenfalls wieder aufgetaucht war und aufrecht stand, trug sein Messer noch bei sich. Er packte es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze der Klinge, dann schleuderte er die Waffe nach Steve.

Der sah, wie das Messer, sich mehrmals überschlagend, auf ihn zuflog, und warf sich zurück. Er verschwand im aufschäumenden Wasser des Creeks, und die Waffe sauste über ihn hinweg, um in den Fluten zu versinken.

Phil zerbiss einen Fluch auf den Lippen und wirbelte herum. So schnell es ihm möglich war, kämpfte er sich durch das Wasser auf das Ufer zu.

Gefleckter Wolf tauchte wieder auf, sah sich kurz um und nahm dann die Verfolgung auf.

»Bleib hier, du Feigling!«, brüllte er voller Zorn.  Er warf sich mit einem Hechtsprung nach vorne, rappelte sich wieder auf, sprang erneut – und bekam Phil an den Hüften zu fassen. Die Wucht des Aufpralls riss Phil nieder, ehe er den Creek verlassen konnte.

Es gelang Phil noch, sich auf den Rücken zu wälzen, dann packte Gefleckter Wolf den Kopf seines Bruders und drückte ihn unter Wasser. Phil  versuchte sich verzweifelt zu befreien, aber Gefleckter Wolf ließ nicht los. Erbarmungslos drückte er Phil auf den Grund des Creeks, wollte ihn so ertränken. Schon spürte Gefleckter Wolf, wie Phils Widerstand nachließ. Wahrscheinlich hatte er auch schon Wasser geschluckt, sodass ihm nun die Luft rasend schnell ausging.

Plötzlich fuhr Phils Rechte aus dem Wasser empor, in der Faust einen glatten Stein, den er vom Grund des Creeks aufgehoben haben musste.

Gefleckter Wolf bemerkte Phils Vorhaben aus den Augenwinkeln heraus. Er wollte noch nach Phils Arm greifen und ihn unter Wasser drücken, als ihm der Stein schon an die Schläfe krachte.

Im Gehirn des Gefleckten Wolfes schien plötzlich ein Feuerwerk zu explodieren, eine Schmerzwelle raste durch seinen Kopf.

Augenblicklich löste Gefleckter Wolf seine Hände von Phils Hals. Er griff sich an die Schläfe, sank rücklings ins seichte Wasser und hörte, wie Phil prustend und keuchend hochkam, das geschluckte Wasser ausspie und gierig nach Luft schnappte. Gleich darauf drang an seine Ohren das Geräusch hastiger Schritte, die sich zuerst durch das Wasser kämpften und unter denen dann der Kies des Ufers knirschte.

Der Mestize richtete sich ächzend auf den Ellenbogen auf. Er verzog schmerzverzerrt sein Gesicht, über das blutiges Wasser lief, und öffnete langsam die Lider. Einige Sekunden wallten noch milchige Schleier vor seinen Augen, dann sah er wieder klar.

Phil torkelte am Ufer entlang, immer noch benommen, aber vorangetrieben von einem unbändigen Überlebenswillen. Auf wackligen Beinen stolperte er um eine Biegung des Creeks, hinter der wenig später lautes Wiehern erklang.

Phil hatte sein Pferd also doch noch erreicht und wollte fliehen!

Gefleckter Wolf ignorierte die bereits schwächer werdenden Schmerzen an seiner Schläfe und stemmte sich empor. Er hastete aus dem Wasser, hin zu Pfeil und Bogen, derer er sich vorhin entledigt hatte. Den Köcher auf den Rücken werfen und den Bogen in die Rechte nehmen waren nahezu eins.

Noch im Laufen zog Gefleckter Wolf einen Pfeil. Er jagte um die Flussbiegung und sah plötzlich ein Zelt sowie drei angebundene Pferde. Phil, der das vierte Tier bereits losgeleint hatte, sprengte soeben auf das schützende Unterholz zu, das das Lager an drei Seiten umgab. Als er seinen Bruder bemerkte, duckte er sich augenblicklich tief über den Pferdehals.

Gefleckter Wolf hielt in der Bewegung inne und ließ die Bogensehne singen. Der Pfeil schnitt durch die Luft, sauste über Phil hinweg und bohrte sich einen Atemzug später in den Stamm einer Erle, wo er mit vibrierendem Schaft stecken blieb.

Im nächsten Moment hatte das Grün der Vegetation Phil Mitchell verschluckt.

12 

Gefleckter Wolf hörte den rasch leiser werdenden Hufschlag und ließ seinen Bogen wieder sinken. Ein gezielter Schuss war jetzt nicht mehr möglich, jeder weitere von der Sehne geschnellte Pfeil wäre reine Verschwendung gewesen.

Heute war ihm sein Bruder entkommen – aber wenn sich ihre Wege noch einmal kreuzten, würde Phil ein toter Mann sein. Das schwor sich der Mestize, in dem jegliche Bruderliebe endgültig gestorben war. Vorerst galten seine Gedanken aber Little Bird, die er mit seinem mutigen Eingreifen vor den Goldsuchern gerettet hatte.

Wo war seine Squaw geblieben?

Gefleckter Wolf lief flussaufwärts, vorbei an seinem Pony und der Leiche Luke Farrels, dessen Körper zur Hälfte im Wasser lag, das an seiner Kleidung und seinem Haar zerrte. Als er die Stelle erreichte, wo Litte Bird ihr Bad genommen hatte, stand die Indianerin bereits angekleidet am Ufer und erwartete ihn.

»Bist du in Ordnung?«, keuchte Gefleckter Wolf.

Little Bird nickte. »Mir ist nichts geschehen, du hast rechtzeitig eingegriffen, um Schlimmeres zu verhindern.«

Gefleckter Wolf wurde von einer Woge der Erleichterung erfasst. Er schlang die Linke um Little Birds Rücken, sie legte ihre Hände auf seine breiten Schultern, dann versiegelten sich ihre Lippen unter einem langen, leidenschaftlichen Kuss. 

»Du bist verletzt«, stellte die Squaw anschließend fest und betrachtete besorgt die Wunde an der Schläfe des Mestizen.

»Das wird schon wieder, es ist nur eine Platzwunde«, beruhigte Gefleckter Wolf die Sioux. »Diese Wunde wird heilen – aber zwei der weißen Männer sind tot und werden mir in den Ewigen Jagdgründen dienen müssen.«

»Der dritte Mann – derjenige, der dir entkommen ist – du kanntest ihn, nicht wahr?«, fragte Little Bird jetzt leise. »Ich habe gehört, wie du ihn mit seinem Namen anriefst.«

»Er ist mein Bruder«, sagte Gefleckter Wolf, und seine Stimme klang bitter. Gleich darauf verbesserte er sich.  »Er war mein Bruder. Aber alle Bruderliebe zwischen uns wurde von den Wassern des Creeks hinweggeschwemmt, in dem er endgültig zum Verräter wurde!«

13

Im Verlauf des Sommers 1875 erfuhr nicht nur das Leben des Gefleckten Wolfes einige entscheidende Wendungen. Auch das Leben aller freien Stämme des Nordens – Sioux, Cheyennes und Arapahoes – stand vor großen Veränderungen. 

Nachdem mehr und mehr Goldsucher in die Black Hills eingedrungen waren und dort die Kämpfe zwischen Weißen und Indianern an Härte zugenommen hatten, sah sich die Regierung in Washington zum Handeln gezwungen.

Einerseits konnte man die den Missouri überquerenden Einwanderer nicht länger zurückhalten – andererseits gab es immer noch den Vertrag, der den Prärieindianern ihre angestammten Jagdgründe für alle Zeiten zusicherte. Zwischen diesen beiden Interessen galt es zu vermitteln.

Im September kam es deshalb zu Verhandlungen mit dem Ziel, den Sioux ihre Jagdgründe abzukaufen. Wie nicht anders zu erwarten, scheiterte dieses Vorhaben der Regierung. Die Indianer waren nicht bereit, um ihr Land zu feilschen, sodass beide Seite ohne Kompromiss auseinandergingen. Im Dezember erging aus Washington schließlich eine Anweisung an alle Stämme des Nordens: Wer sich nicht bis spätestens 31. Januar 1876 bei den zuständigen Indianeragenturen einfand, würde künftig als Feind betrachtet und dementsprechend behandelt werden.

Der erste Monat des Jahres 1876 verstrich, und die Indianer kamen nicht. Stattdessen zogen sie weiter nach Norden, um sich unter Sitting Bull zu sammeln, der alle freien Stämme zum großen Krieg gegen den weißen Mann aufgerufen hatte.

Im Frühjahr 1876 fiel in Washington die Entscheidung zu einem großen Sommerfeldzug. Das Indianerproblem sollte mit Hilfe der Kavallerie ein für

allemal gewaltsam gelöst werden.

Ein Mann hatte auf diesen Zeitpunkt schon lange gewartet. Er hatte sich seine ersten Auszeichnungen auf Seiten der Nordstaaten im Bürgerkrieg verdient, galt als erfahrener Indianerkämpfer und rechnete damit, nach einem Sieg über die Sioux Präsident der Vereinigten Staaten werden zu können: General George Armstrong Custer.

14 

»General!«

Die Stimme riss George Armstrong Custer aus seinen Gedanken und ließ ihn von der Karte hochblicken, die vor ihm auf dem Feldtisch lag und das riesige Gebiet zwischen dem Montana-Territorium und der kanadischen Grenze zeigte. Irgendwo in dieser Wildnis aus Wäldern, Flüssen und hügeliger Prärie hatte Sitting Bull seine Krieger versammelt – und irgendwo in dieser Wildnis würde es auch zum großen Kampf gegen die Indianer kommen.

Es schien, als bereite es dem General Schwierigkeiten, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er starrte die im Zelteingang stehende Ordonnanz kurz an, ehe er fragte: 

»Was gibt es, Soldat?«

»Im Lager ist ein Mann erschienen, ein Zivilist, Sir«, meldete der Soldat und salutierte mit zusammengeschlagenen Hacken. »Er will Sie unbedingt sprechen.«

»In welcher Angelegenheit?«, schnarrte Custer, dem es überhaupt nicht gefiel, von einem Zivilisten bei seiner Arbeit gestört zu werden.

»Der Mann sagt nur, es ginge um den Feldzug gegen die Sioux.«

»Gut, schicken Sie ihn rein!«

Die Ordonnanz verließ das Zelt und kehrte gleich darauf mit dem Zivilisten wieder zurück.

»Das ist der Mann, Sir.«

»Danke, Sie können wieder gehen«. Custer winkte den Soldaten aus dem Zelt und betrachtete den vor ihm stehenden Mann.

Wie der General sofort erkannte, handelte es sich bei ihm um ein Halbblut, um einen Mestizen. Seine Haut erinnerte an einen Indianer, aber das blonde Haar und die blauen Augen verrieten, dass in seinen Adern auch das Blut eines Weißen floss.

Das Halbblut war niemand anderes als Phil Mitchell!

15

Nach dem Kampf mit seinem Bruder hatte Phil die Black Hills wieder verlassen und den Winter in einer Ansiedlung in Dakota verbracht, wo er in einem General Store ausgeholfen hatte. Dabei war ihm zu Ohren gekommen, dass die Armee einen großen Feldzug gegen die Sioux plante – und Phil hatte einen Plan gefasst, der ihm endgültig die Anerkennung der Weißen sichern würde.

Der Schnee war kaum geschmolzen, das Eis auf den Flüssen kaum getaut, als Phil auch schon losgeritten war, der siebenten Kavallerie hinterher, die von Fort Lincoln aus nach Westen zog. Anfang Juni hatte er die Soldaten an der Grenze zum Montana-Territorium schließlich eingeholt – und nun stand er endlich vor jenem Mann, über den man in allen Zeitungen des Landes so viel schrieb: General George Armstrong Custer!

Custer war zweifellos eine imposante Erscheinung, wenn er auch eine unverhohlene Arroganz ausstrahlte. Das blonde gewellte Haar fiel ihm bis auf die Schultern, seine Oberlippe und die Kinnpartie zierte ein sorgfältig gestutzter Bart. Obwohl er sich schon seit Wochen hauptsächlich im Freien aufhielt, wies seine Haut eine geradezu unnatürliche Blässe auf. In seinen rauchgrauen Augen, aus denen er Phil jetzt musterte, glomm jenes unstete Feuer, wie man es gemeinhin von Fanatikern kennt.

»Nun, was wollen Sie von mir?«, wandte sich Custer an seinen Besucher. »Fassen Sie sich kurz, meine Zeit ist knapp!«

Ohne sich von der barschen Art seines Gegenübers verunsichern zu lassen, begann Phil zu sprechen.

»General, Ihr Regiment befindet sich auf einem Feldzug gegen die Sioux. Ich bin überzeugt, Ihnen dabei eine wertvolle Hilfe sein zu können.«

Custer zog zweifelnd seine Augenbrauen hoch. »Sie Sind Zivilist, wie wollen Sie mir da beim Kampf gegen die Indianer helfen?«

»Ganz einfach. Ich bin zwar Zivilist, aber wie Sie bestimmt schon erkannt haben, bin ich auch ein Halbblut. Ich bin mit den Sioux aufgewachsen, sie waren gleichsam meine Nachbarn. Deshalb kenne ich nicht nur ihr Land, sondern ich kenne auch ihre Lebensweise – kurz, ich wäre ein idealer Scout für das siebente Regiment. Und als solcher möchte ich Ihnen meine Dienste anbieten.«

»Die siebente Kavallerie verfügt bereits über genügend Scouts«, antwortete Custer schroff. »Wir brauchen keine weiteren Kundschafter.«

»Ihre Scouts sind Indianer vom Stamm der Crows, und die sind seit jeher die Erzfeinde der Sioux«, entgegnete Phil. »Bei mir hingegen verhält es sich anders, meine Mutter war eine Hunkpapa! Wenn Sie so wollen, bin ich also ein halber Sioux – und gerade das würde mich als Scout so wertvoll machen! Ich kundschafte für Ihre Seite, aber ich weiß gleichzeitig auch, wie Ihr Feind denkt und handelt, weil in meinen Adern auch Siouxblut fließt!«

Custer überlegte. Was der Mann da sagte, entbehrte nicht einer gewissen Logik. Der General erkannte wohl den Eifer, der aus den Ausführungen des Halbbluts sprach – aber gerade dieser Eifer gefiel ihm auch.

»Nun gut«, meinte er schließlich. »Melden Sie sich bei der Ordonnanz und lassen Sie sich als Scout anmustern!« Dann widmete er sich wieder dem Studium der Landkarte, war die Angelegenheit für ihn erledigt.

Phil Mitchell aber blühte regelrecht auf. General Custer persönlich hatte ihn in sein Regiment geholt, und das war ein Vertrauensbeweis sondergleichen! Nun konnte er den Weißen endlich beweisen, dass er im Grunde einer von ihnen war, dass die Sioux auch seine Feinde waren. Sein Bruder, der ihm die schmähliche Niederlage in den Black Hills zugefügt hatte, sollte sich noch wundern! Steve hatte ihn im Zweikampf besiegt – aber er, Phil, würde dazu beitragen, dass die gesamte Siouxnation besiegt wurde!

16 

Zum selben Zeitpunkt, als die siebente Kavallerie nach Montana vorrückte, traf auch Sitting Bull seine Vorbereitungen.

Berittene Kuriere der Hunkpapas schwärmten zu allen Dörfern aus.  Rauchzeichen wirbelten über den Bergen empor, indianische Trommeln sandten ihren dumpfen Rhythmus über die Prärie. Doch egal ob Reiter, Trommelklänge oder Rauchzeichen, der Inhalt der Botschaften war immer der gleiche: Zieht nach Norden und vereinigt euch, sammelt euch zum großen Krieg gegen die Blauröcke!

Und die Botschaft wurde erhört. Überall brachen die Stämme ihre Zelte ab, um sich auf den langen Weg zu machen. Krieger, Frauen, Kinder und Greise zogen los, überquerten reißende Flüsse ebenso wie steile Berge.  Die Liebe zur Freiheit und den alten Jagdgründen ließ jegliche Rivalität zwischen den Stämmen verschwinden und schweißte sie alle zusammen.

So kam es, dass Mitte Juni 1876 an die tausend Indianer am Ufer des Rosebud River in Montana lagerten – Sioux, aber auch Cheyennes und Arapahoes. Neue Sippen und Familien kamen täglich hinzu.

Der Gefleckte Wolf war von den Ausmaßen der Zusammenkunft überwältigt. Es war die größte Ansammlung von Indianern, die er je gesehen hatte.

»Ich kann es kaum glauben, so viele Indianer an einem Ort«, sagte er zu Little Bird. Die beiden standen am Rand eines Platzes, der auch von zahlreichen anderen Indianern umringt wurde. Im Zentrum der freien Fläche ragten mit skelettierten Tierschädeln, Bändern und Federn geschmückte Pfähle aus dem Boden, befand sich ein Kreis aus Steinen. Und inmitten dieses Kreises tanzte Sitting Bull mit geschlossenen Augen ekstatisch in der gleißenden Sonne, blutend aus zahlreichen Wunden, die er sich an Armen und Beinen hatte zufügen lassen. So führte er bereits seit Stunden den sogenannten »Sonnentanz« auf und hielt stumme Zwiesprache mit Wakan Tanka, dem Großen Geist, der dem Medizinmann eine Vision offenbaren sollte. 

»Sie alle sind dem Aufruf meines Vaters gefolgt«, meinte die Squaw ohne Überheblichkeit und ließ ihren Blick durch das Lager schweifen. »Und sie alle sind auch jetzt begierig, seine Worte zu hören, durch die Manitou zu ihm sprechen wird. Vor allem dieser Krieger dort.« 

Little Bird wies zur Seite, wo ein hochgewachsener, schlanker Krieger durch das Lager eilte. Über seine Wange verlief eine grellgelb geschminkte Narbe, und von seinem linken Ohr baumelte ein Kieselstein. 

»Wer ist dieser Mann?«, wollte Gefleckter Wolf wissen.

»Sein Name ist Crazy Horse, und er ist der Häuptling der Oglala-Sioux«, antwortete Little Bird. »Er war bereits in mehreren Kämpfen gegen die Blauröcke erfolgreich und brennt nun förmlich darauf, auch General Langhaar für immer zu besiegen.«

Gefleckter Wolf nickte. Von Crazy Horse hatte er bereits gehört, dieser Häuptling war nicht minder angesehen als Sitting Bull. Ein Held seines Volkes – und gefürchtet bei allen Wasichun!

»Was für eine Bedeutung hat der Kiesel an seinem Ohr?«, erkundigte sich Gefleckter Wolf neugierig.

»Es ist ein Talisman«, erklärte Little Bird. »Der Stein wird umso schwerer, je mehr sich sein Träger einer Gefahr nähert. Eher würde Crazy Horse unter dem Gewicht des Kiesels zusammenbrechen, als dass er im Kampf fällt.«

Aufgeregte Rufe ließen Gefleckter Wolf und Little Bird wieder zu Sitting Bull blicken.

Der Häuptling stieß plötzlich einen Schrei aus, im nächsten Moment sank er zu Boden, wo er bewusstlos liegen blieb. Manitou hatte zu ihm gesprochen!

Sofort eilten einige Krieger zu Sitting Bull und schütteten ihm Wasser über das Gesicht. Die Lider des Häuptlings begannen zu flattern, dann schlug er benommen die Augen wieder auf.  Die Krieger gaben Sitting Bull zu trinken, anschließend halfen sie ihm beim Aufstehen.

Obwohl noch sichtlich geschwächt, begann der Häuptling zu sprechen, und die um den Platz gedrängten Indianer lauschten gebannt seinen Worten. Gefleckter Wolf hing in diesem Moment förmlich an den Lippen Sitting Bulls, denn für ihn sprach jetzt nicht nur der Häuptling seines Stammes, für ihn sprach auch der Vater seiner Frau!

»Meine roten Kinder, die ihr aus allen Teilen unserer Jagdgründe hierher gekommen seid, um euch zum Kampf gegen die Langmesser-Soldaten des Weißen Vaters in Washington zu vereinen, hört, was Manitou mir offenbart hat!«, sprach Sitting Bull mit lauter Stimme. »Ich sah viele Blauröcke kopfüber vom Himmel stürzen, wie Heuschrecken fielen sie in unser Lager ein. Dann aber hörte ich eine Stimme, die Stimme des Großen Geistes, und er sagte: Ich gebe sie euch, denn sie haben keine Ohren!«

Unter den ringsum stehenden Zuhörern setzte ein vielstimmiges Gemurmel  ein, Erleichterung und Freude machten sich breit. Auch Gefleckter Wolf, der gelernt hatte, die Prophezeiungen des Häuptlings ernst zu nehmen, wurde von einem Gefühl des Triumphes erfasst. Diese Vision war so eindeutig, dass sie keiner langen Erklärung bedurfte.

Wie Heuschrecken würden die Blauröcke über die vereinigten Stämme herfallen – und dabei allesamt den Tod finden, weil sie die Warnungen der Indianer nicht hatten hören wollen!

17 

Vier Tage später waren es keine Fantasiebilder, sondern Soldaten aus Fleisch und Blut, die in dem Lager am Rosebud eintrafen. Abgesehen von den Soldaten und Scouts, befand sich niemand in dem abgebrochenen Lager. Die Stämme waren weitergezogen, kaum dass Sitting Bull seinen Sonnentanz beendet hatte.

»Wann sind die Indianer hier gewesen?«, wollte Custer von einem seiner Crow-Scouts wissen. Der General, einige Offiziere sowie die Scouts waren von ihren Pferden gestiegen und verhielten nun am Rand jenes Platzes, wo Sitting Bull seinen Sonnentanz aufgeführt hatte.

»Spuren drei, vielleicht auch vier Tage alt«, erklärte der Scout. »Aber Sioux nicht vor uns geflohen.«

Custer sah den Mann erstaunt an. »Was soll das heißen, sie sind nicht geflohen? Wenn sie nicht geflohen wären, müssten sie doch noch hier sein!«

»Indianer hätten ihr Lager sowieso abgebrochen«, sagte der Crow. »Stämme sich hier nur getroffen, um Sonnentanz zu feiern.« Der Scout wies auf die geschmückten Pfähle und die kreisförmig aufgelegten Steine im Zentrum des Platzes.

»Das reden sich die vielleicht selbst ein, um sich Mut zu machen«, blieb Custer bei seiner Ansicht. »Ich behaupte, die Kerle haben es mit der Angst zu tun bekommen und sind geflohen!«

»Nein!« Der Scout schüttelte entschlossen den Kopf. »Sioux nicht geflohen, haben nicht einmal ihre Spuren verwischt. Riesige Fährte in Richtung der untergehenden Sonne nicht zu übersehen. Sioux wollen, dass Blauröcke wissen, wohin sie ziehen.«

»Was meinen Sie, Mitchell?«, wandte sich Custer an Phil. »Sie behaupten doch immer, wie ein Sioux denken zu können. Sind Sitting Bulls Krieger nun vor uns geflohen oder nicht?«

»Geflohen ist vielleicht der falsche Ausdruck«, meinte Phil. »Sitting Bull will nur einen zu frühen Zusammenstoß mit uns vermeiden. Der Häuptling erwartet noch weitere Stämme, um seine Streitmacht zu vergrößern, und diese Stämme werden von Westen und Norden zu ihm stoßen.«

»Da wird sich der große Häuptling aber noch wundern«, spottete Custer. »Unsere Einheiten rücken nämlich auch von allen Seiten vor. Ich hoffe nur, die verbündeten Truppen sind dabei nicht zu schnell, sonst bleibt nämlich für mein Regiment kein Feind mehr übrig!«

Custer lachte gekünstelt auf und schlug dem Crow-Scout auf die Schulter. Der allerdings konnte der Heiterkeit des Generals nichts abgewinnen und starrte nur düster auf die Pfähle und Steine im Zentrum des Platzes.

»Was ist los, roter Freund, ist an dem Mummenschanz da etwas Besonderes?«

»Kein guter Ort – nicht für Crows, und auch nicht für General Langhaar und seine Ponysoldaten«, erklärte der Scout ernst, und es war die uralte Furcht der Crows vor ihren Erzfeinden, den Sioux, die nun aus ihm sprach.

Auch Phil Mitchell beschlich jetzt ein unangenehmes Gefühl. Er blickte wie gebannt auf die in den Boden getriebenen Pfähle, deren Schatten bedrohlich auf den Tanzplatz fielen. Die auf den Stämmen angebrachten Tierschädel schienen Phil aus ihren leeren Augenhöhlen anzustarren, und die im Wind flatternden Federn und bunten Bänder raschelten leise. Und dann hörte Phil noch etwas – eine Stimme, leise, aber zugleich auch mächtig.

Ich gebe sie euch, denn sie haben keine Ohren!

Erschrocken zuckte Phil zusammen. Er blickte sich um, aber außer ihm schien niemand die Stimme gehört zu haben. War es vielleicht das in seinen Adern fließende Siouxblut, das ihn an diesem kultischen Ort überempfindlich machte und ihn Stimmen hören ließ, für die andere Ohren taub waren?

»Was ist los, Mitchell, sehen Sie auch schon Gespenster?«

Die Stimme des Generals riss Phil zurück in die Realität. Er blickte zu Custer, schluckte und schüttelte dann den Kopf.

»Nein, General, mit mir ist alles in Ordnung«, sagte er hastig. »Habe mir nur gerade gedacht, dass wir den Sioux demnächst keinen Sonnentanz, sondern einen Kugeltanz bereiten werden!«

»Diese Einstellung gefällt mir«, gab sich Custer zufrieden und wandte sich dann wieder seinen Offizieren zu. »Captain, lassen Sie aufsitzen, wir reiten unverzüglich weiter und folgen dieser Spur!«

Der Befehl wurde weitergegeben, Soldaten und Scouts schwangen sich in die Sättel. Auch Phil stieg auf sein Pferd, und er verspürte Erleichterung, dass er diesen unheimlichen Platz wieder verlassen konnte.

Die Sonne brannte heiß vom Himmel, dennoch fror Phil Mitchell plötzlich. Die Worte, die er vorhin zu hören geglaubt hatte, wollten ihm einfach nicht aus dem Sinn.

Ich gebe sie euch, denn sie haben keine Ohren! 

18

Zwei Tage später – man schrieb Sonntag, den 25 Juni 1876 – kauerten  Custer und seine Scouts am höchsten Punkt einer Felsklippe, die nahezu hundert Fuß in die Tiefe fiel. Am Fuß des Steilhanges erstreckte sich hügelige und von Waldstreifen durchzogene Prärie, verlief in einer Entfernung von einigen Meilen ein schmaler, flacher Fluss. Zwischen den Sträuchern an seinem linken Ufer war eine Unzahl von Zelten zu erkennen. Aufgrund der Distanz wirkten sie winzig klein, erstreckten sich aber bis zum Horizont.

»Little Big Horn«, erklärte einer der indianischen Scouts und wies auf den Fluss. »Großes Lager Sitting Bulls!«

»Wie viele Krieger?«, wollte Custer wissen, den eine eigenartige Unruhe gepackt hatte.

»Zu viele!«, meinte der Scout knapp. »Mehr Krieger als Grashalme in Tal wachsen! Und nicht nur Sioux – auch Cheyennes und Arapahoes!«

»Wenn unsere Schätzungen stimmen, halten sich dort unten ungefähr dreitausend Indianer auf«, wurde Phil Mitchell etwas exakter. »Darunter etwa tausend Krieger. Wie ich bereits vermutet habe, sind noch weitere Stämme zu Sitting Bull gestoßen. Am Little Big Horn lagert die größte indianische Streitmacht, die jemals ein Häuptling um sich gesammelt hat.«

»Gut.« Custer nickte zufrieden. »Dann haben wir sie also alle zusammengetrieben. Unser Plan läuft wie am Schnürchen.«

Während der General noch mit funkelnden Augen in das Tal starrte, stimmten die Crow-Scouts plötzlich einen leisen, monotonen Gesang an, dabei mit den Oberkörpern leicht hin- und herwiegend. Es klang wie ein Klagelied.

»Was soll das bedeuten?«, wollte Custer wissen, der sich auf das Verhalten seiner Kundschafter keinen Reim machen konnte.

»Sie stimmen ihre Totenlieder an«, erklärte Phil. »Das machen Indianer immer, wenn sie in eine Schlacht ziehen, von der sie glauben, dass sie in ihr den Tod finden werden.«

»Unfug!« Custer erhob sich wieder und sah die Crows zornig an. »Hört sofort mit der Singerei auf! Seid ihr Weiber oder Krieger?«

Die Crows verstummten, aber der angsterfüllte Ausdruck auf ihren Gesichtern blieb.

»Wir kehren in unser Lager zurück«, befahl Custer. »Ich muss unverzüglich alle Offiziere sprechen!«

Die Männer verließen die Felsklippe und ritten zu ihrem Regiment, das nur unweit entfernt auf einem bewaldeten Hochplateau verhielt. Keine zehn Minuten später waren dort alle Offiziere um Custer versammelt. Der erklärte die neu eingetretene Lage, erteilte mit befehlsgewohnter Stimme seine Anweisungen, und die in seinen Worten mitklingende Erregung war ihm dabei deutlich anzusehen.

»Gentlemen, unsere Scouts haben soeben das Lager Sittung Bulls erspäht«, verkündete er. »Wie wir bereits vermutet haben, sind weitere feindliche Stämme zu ihm gestoßen und halten sich nun am Westufer des Little Big Horn auf, etwa drei Meilen voraus. Wie Ihnen bekannt ist, bildet unsere siebente Kavallerie die Vorhut von General Terry, der von Osten her vorrückt. Von Süden her nähert sich General Crook, der mit seinen Männern dem Lauf des Powder River folgt. Colonel Gibbon schließlich reitet von Westen her gegen den Feind und folgt dabei dem Yellowstone River. Unser ursprünglicher Plan bestand darin, die Ankunft der verbündeten Regimenter abzuwarten, um dann die Indianer von allen Seiten zusammenzutreiben und sie gemeinsam zu schlagen. Nach dem aktuellen Stand der Dinge wird die siebente Kavallerie von dieser Taktik allerdings abweichen.«

Custer, der sich der Wirkung seiner Worte durchaus bewusst war, legte eine kurze Pause ein, während der sich die Spannung seiner Offiziere schier ins Grenzenlose steigerte. Was, zum Teufel, hatte der General vor?

»Unser Regiment wird das Eintreffen der weiteren Truppen nicht abwarten, sondern alleine losschlagen«, ließ Custer die Katze aus dem Sack. »Diese Entscheidung mag Sie überraschen, ist aber durchaus kalkuliert. Wenn wir die Indianer entdeckt haben, werden sie über kurz oder lang auch über uns Bescheid wissen! Es kann Tage dauern, bis Crook, Terry und Gibbon hier eintreffen, während dieser Zeitspanne könnten sich die Rothäute optimal auf einen Kampf vorbereiten oder sogar von sich aus den ersten Schlag landen – und genau das gilt es zu  verhindern! Wir werden deshalb den Feind sofort attackieren und ihn mit einem Überraschungsangriff vernichten!« 

Auf den Gesichtern der umstehenden Offiziere machten sich Erstaunen und Zweifel breit – und diese Zweifel wuchsen noch, als Custer seine Pläne konkretisierte.

»Major Reno!« Custer wandte sich an den nach ihm ranghöchsten Offizier des Regiments. »Ihre Kompanien überqueren den Fluss noch außerhalb der Sichtweite des Indianerlagers und greifen den Feind von Süden her an! Das Ganze ist ein Ablenkungsmanöver, um mir die Möglichkeit zu geben, von Norden her den Hauptschlag zu führen! Nun zu Ihnen, Captain Benteen. Sie werden Ihre Männer am diesseitigen Flussufer nach Südosten führen und allfälligen vor Reno fliehenden Indianern den Weg abschneiden. Ist so weit alles klar?«

Marcus Reno und Frederic Benteen nickten. Ja, es war alles klar – aber ob es richtig war, alleine loszuschlagen und das Regiment auch noch zu teilen, daran hegten die erfahrenen Offiziere ihre Zweifel.

»Wäre es nicht besser, unsere Kräfte zu bündeln?« Reno, ein etwas untersetzter Mann mit dunklem Oberlippenbart, sah Custer skeptisch an – und es gab niemanden unter den Offizieren, der über den Widerspruch des Majors erstaunt gewesen wäre. Reno galt nicht gerade als Custers Freund, die Rivalität zwischen den beiden war im siebenten Regiment ein offenes Geheimnis.

»Ich hielte es überhaupt für ratsam, vor einem allfälligen Angriff das Eintreffen der weiteren Regimenter abzuwarten«, brachte auch Benteen seine Bedenken zum Ausdruck. Der Captain war von schlanker Statur und hatte dichtes blondes Haar. Im Gegensatz zu Reno hegte er gegenüber Custer keine persönliche Abneigung, seine Einwände waren rein militärischer Natur. 

»Major Reno, Captain Benteen, ich habe Ihnen meine Beweggründe ausreichend erklärt!«, schnarrte Custer gereizt. »Nun erwarte ich von Ihnen, dass Sie Ihre Befehle auch ausführen! Wir sind die siebente Kavallerie, das berühmteste Regiment im ganzen Westen, vergessen Sie das nicht! Keine indianische Streitmacht kann unserer Attacke standhalten, auch nicht, wenn sie von Sitting Bull angeführt wird! Haben Sie mich verstanden?«

»Jawohl, Sir!« Reno und Benteen salutierten wie ein Mann. Gleichzeitig begriffen sie, dass es Custer nur um eines ging: alleine als großer Sieger vom Little Big Horn in die Geschichte einzugehen.

»Die Scouts müssen an den Kämpfen natürlich nicht teilnehmen«, fügte Custer noch hinzu, der seine kurz aufkeimende Wut mittlerweile wieder niedergerungen hatte. »Sie haben uns zu dem Lager geführt, damit ist ihre Aufgabe erfüllt.«

»Crows keine Feiglinge, werden kämpfen mit General Langhaar! Sioux nicht nur seine Feinde – Sioux auch immer schon unsere Feinde!« Der Anführer der Scouts reckte zornig die geballte Rechte empor.

»Für mich gilt dasselbe«, stellte Phil entschlossen fest. »Auch ich werde kämpfen – und siegen!«

Custer nickte anerkennend. Das war eine Einstellung, die ihm gefiel, aus diesem Holz musste ein Mann geschnitzt sein, wenn er die Achtung des Generals erringen wollte! Für Feiglinge und Memmen war im Westen einfach kein Platz – und im glorreichen siebenten Regiment schon gar nicht!

Phil Mitchells Entscheidung entsprang durchaus logischen Überlegungen. Was hätte er auch anderes tun sollen, als an den Kämpfen teilzunehmen? Alleine hier abwarten, während das siebente Regiment die Indianer angriff? Das hätte keinen Sinn ergeben. Außerdem aber – und das war Phils eigentliche Motivation – sollte ihm später niemand nachsagen können, er wäre ein Feigling, der sich in der Stunde der Entscheidung vor der Gefahr gedrückt hätte!

Sobald Custer aber erst Sitting Bull besiegt hatte, würde etwas von dem Ruhm auch auf ihn, Phil, abfallen. Dann konnte er noch Jahre später von der siegreichen Schlag am Little Big Horn berichten, und kein Weißer würde ihn mehr als Halbblut missachten! Der 25. Juni 1876 würde nicht nur ein Wendepunkt in der Geschichte der Indianerkriege werden – er würde auch ein Wendepunkt im Leben Phil Mitchells werden!

19

Seit der Little Big Horn sein malerisches Tal durchfloss, um sich schließlich mit dem Big Horn River zu vereinen, hatten an seinen Ufern noch nicht so viele Indianer gelagert wie jetzt. Das Dorf erstreckte sich über eine Länge von mehreren Meilen entlang des flachen Westufers, wo sich Tipi an Tipi reihte. Östlich des Flusses erhoben sich von Schluchten zerrissene bewaldete Hügel.

Die Anzahl der Indianer war seit dem Treffen am Rosebud noch gewachsen. Mehr und mehr Stämme waren hinzugekommen, sodass nun mehr als dreitausend Indianer das Dorf bevölkerten, darunter weit über tausend Krieger. Sitting Bull hatte die größte rote Streitmacht hinter sich, die das Land je gesehen hatte: sämtliche freien Stämme der Sioux, aber auch der Cheyennes und Arapahoes. Überall herrschte ein emsiges Treiben, spannten die Squaws Fleisch auf die Trockengerüste, während die Kinder spielten und die Krieger zu Erkundungsritten auszogen.

Der 25. Juni 1876 war ein heißer, sonniger Tag. Gefleckter Wolf und Little Bird standen vor ihrem Tipi, das sie weit im Norden des Dorfes aufgeschlagen hatten, wo der Stamm der Hunkpapa-Sioux lagerte. Der Mestize hatte sein Gesicht mit den Farben des Krieges bemalt, entsprechend seinem indianischen Namen war er in ein vor der Brust verknotetes Wolfsfell gehüllt, das seinen Rücken wie ein Umhang bedeckte. Der Schädel des Tieres saß auf dem Kopf des Gefleckten Wolfes, was ihm ein makabres Aussehen verlieh.

Nur unweit von den beiden entfernt ragte ein besonders prächtiges Zelt auf, das alle anderen an Größe überragte: das Tipi Sitting Bulls. Die Häute des Wigwams waren mit Bildern jener Vision bemalt, die der Medizinmann während seines Sonnentanzes empfangen hatte.

Der Häuptling selbst marschierte ständig durch das Dorf, sprach seinen Kriegern Mut zu und stärkte die Zuversicht der Stämme schon durch seine bloße Anwesenheit. Soeben kehrte er wieder zu seinem Tipi zurück.

»Was machen die Wunden an deinen Armen und Beinen?«, fragte Little Bird besorgt.

»Sie vernarben bereits«, beruhigte Sitting Bull seine Tochter. »Diese Narben werden bleiben, aber sie werden mich stets an den großen Sieg meines Volkes erinnern, den mir der Große Geist prophezeite.«

»Wann wird die Schlacht beginnen?«, wollte Gefleckter Wolf wissen.

Details

Seiten
400
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900941
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
schnelle colts

Autoren

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Titel: Schnelle Colts #1