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Wetterleuchten in der Bergwelt

von Alfred Bekker (Autor) Anna Martach (Autor)

2015 400 Seiten

Leseprobe

Wetterleuchten in der Bergwelt

von Alfred Bekker & Anna Martach

Der Umfang dieses Buchs entspricht 403 Taschenbuchseiten.

Drama und Schicksal vor dem Hintergrund der alpinen Bergwelt. Hass, Neid und Missgunst regieren auch in den Tälern und an den Berghängen, aber am Ende siegt die Liebe.

Dieses Buch enthält folgende vier Romane:

Alfred Bekker: Die Fehde am Bergsee

Anna Martach: Alpendoktor Daniel Ingold – Band 16  Zwei Herzen in Bedrängnis

Anna Martach: Alpendoktor Daniel Ingold – Band 17  Vater zu verschenken

Anna Martach: Alpendoktor Daniel Ingold – Band 18  Verhängnisvolle Lügen

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Fehde am Bergsee

von Alfred Bekker

Die beiden Töchter des Waldner Franzl, eines Bergsee-Fischers, stehen im Mittelpunkt dieses Romans um ein dramatisches Schicksal in den Bergen.

1

"Vorsicht!", rief der Waldner Franzl, als das Boot plötzlich heftig hin und her schaukelte. "Franziska! Lisa! Seid ihr denn jetzt ganz narrisch geworden! Wo habt ihr denn eure Gedanken?"

Sie waren zu dritt auf dem kleinen Boot - der Waldner Franzl und seine beiden Töchter. Und das bedeutete nicht nur, dass es ziemlich eng war, sondern dass jeder der drei auch sehr genau auf seine Bewegungen achtgeben musste, damit das Fischerboot nicht kenterte. Zwar waren sie alle drei gute Schwimmer, aber nach einem unfreiwilligen Bad im eiskaltem Wasser des Bergsees stand dem Waldner nicht der Sinn.

Und von seinen Töchtern war das eigentlich auch nicht anzunehmen.

Die beiden bildschönen Madln sahen ihren Vater etwas erschrocken an.

"Mei, was ist denn los mit euch?", fragte der Waldner. "Wenn man mit dem Fischerboot auf den See fährt, ist das net gerad' der rechte Moment, um herumzuträumen..."

"Geh, Vater! Reg dich net auf, es ist ja nochmal gutgegangen", erwiderte Franziska.

Der Waldner atmete tief durch.

"So gerade eben", gab er dann zu. Seine umwölkte Stirn hatte sich unterdessen aber schon wieder sichtbar geglättet.

Wirklich böse sein konnte er den beiden Dirndln sowieso nicht.

Die Sonne stand schon tief über den schneebedeckten Gipfel, die den Kreuztaler See umgaben. Das Abendrot spiegelte sich auf der azurblauen Wasseroberfläche.

Der Waldner Franzl genoss diesen Anblick jedesmal aufs Neue, wenn er mit seinem Boot hinausfuhr. Das gewaltige Panorama der Bergwelt beeindruckte ihn immer wieder.

Daran hatte sich in all den Jahrzehnten nichts geändert, in denen er nun schon seine Fischerei auf diesem malerischen Bergsee betrieb, dessen glasklares Wasser überall seinesgleichen suchte.

Zusammen mit seinen Töchtern Franziska und Lisa war er mit dem Boot hinausgefahren, um die Reusen zu leeren. Die beiden Madln waren zu hübschen, jungen Frauen herangewachsen und halfen fleißig im elterlichen Fischerei-Betrieb mit.

Franziska war die jüngere der beiden. Sie hatte blondes, leicht gelocktes Haar, das sie mit einem Haarband zu bändigen pflegte. Ihre himmelblauen Augen waren von derselben Farbe wie die Oberfläche des Kreuztaler Sees bei gutem Wetter.

Ihre ältere Schwester Lisa hatte etwas dunkleres, aber immer noch blondes Haar, das ihr bis auf die Schultern herabfiel. Sie galt allenthalben als die Temperamentvollere und Mutigere der beiden. Und so hatte Franziska nicht selten das Gefühl, etwas ins Hintertreffen zu geraten - besonders wenn es darum ging, einen der feschen Burschen aus der Gegend anzusprechen.

Lisa wagte mehr und aufgrund ihrer charmanten Art gewann sie auch fast immer. Sich einen Korb einzufangen, davor hatte das Madl keine Angst. Außerdem spielte sie ganz gerne mit dem Feuer. Franziska war da von etwas vorsichtigerer und nachdenklicherer Natur.

Im ganzen waren die beiden Schwestern allerdings meistens ein Herz und eine Seele - trotz oder gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit.

Der Waldner mochte gar nicht daran denken, was geschehen würde, wenn die beiden Madln irgendwann einmal nicht mehr im Betrieb mithalfen. In diesem Fall musste er dann einen Gehilfen anstellen. Auch wenn seine Frau ihm schon seit längerem riet, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, so wollte der Fischer davon doch erst einmal nichts wissen.

"Geh, Vater, du musst schon ein bisserl aufpassen, dass du net vom Kurs abkommst!", sagte die Franziska plötzlich.

Franzl Waldner stellte fest, dass seine Jüngere recht hatte.

Er war so in Gedanken gewesen, dass das Boot jene Uferstelle mit ziemlicher Sicherheit verfehlt hätte, an der die Reusen festgemacht waren. Selbst ohne Fernglas konnte man sie jetzt bereits sehen. Die Pflöcke, an denen sie befestigt waren, ragten leicht über die Wasseroberfläche.

Der Waldner riss die Pinne des Außenbordmotors herum, so dass das Boot auf Kurs kam.

"Mei, ich war halt ein bisserl in Gedanken", sagte der Waldner. "Aber das gilt heute ja wohl net allein für mich, geh?"

Sie erreichten gerade die Reusen, da tauchte in der Ferne ein weißes Kajütboot auf und die drei blickten einige Augenblicke lang wie gebannt dorthin.

"Das ist die BERGSEE-KÖNIGIN", stellte Lisa fest und begann zu winken.

"Geh, Lisa!", meinte die Schwester. "Auf die Entfernung sieht dich doch sowieso niemand!"

"Der Martin wird mich schon bemerken", meinte Lisa selbstbewusst. "Wer weiß, vielleicht schaut er gerade jetzt mit dem Fernglasl in unsere Richtung..."

"Das ist doch Schmarrn!", stieß Franziska hervor.

"Mei, was bist denn so kratzbürstig!"

"Du tust ja gerade so, als wärst gut bekannt mit dem Martin!"

"Und was würdest du sagen, wenn ich's wär?"

"Dann würde ich sagen, dass du da gewiss net allein bist, Schwesterherz!"

"Ich weiß gar net, was du hast, Franziska! Du hast doch deinen Peter! Was ist denn dagegen einzuwenden, dass ich's mir genau anschau, wenn ein neues Mannsbild in der Gegend auftaucht!"

"Gegen das Schauen hat auch keiner was gesagt, Lisa!"

Der Waldner hatte seinen beiden Töchtern eine Weile erstaunt zugehört. "Mei, was ereifert ihr euch denn? Der Brandner Martin hat scheinbar einen nachhaltigen Eindruck auf euch gemacht...."

Lisa zuckte die Achseln. "Ganz fesch ist er ja..."

"...aber wie man so hört, lässt er ja nix anbrennen", ergänzte Franziska.

Lisa sah ihre Schwester mit erstauntem Gesicht an.

"Das braucht ja deine Sorge net zu sein - oder?"

Martin Brandner war vor einiger Zeit am Kreuztaler See aufgetaucht und hatte eine Tauchschule eröffnet. Dem Waldner hatte es erst gar nicht gefallen, dass dadurch mehr Touristen in die Gegend gezogen wurden. Misstrauisch hatte er das Kajütboot des Brandners betrachtet und schon geargwöhnt, dass das Treiben des Neulings vielleicht negative Folgen für den Fischfang haben könnte. Inzwischen war er zu der Erkenntnis gelangt, dass der strahlend blaue Kreuztaler See vielleicht doch groß genug für sie beide war.

"Nun verdreht mal net vollends eure Hälse", meinte der Waldner schließlich, während seine beiden Töchter dem weißen Kajütboot nachblickten. "Oder wollen wir den Fang heute in der Reuse lassen?"

Die beiden Madln lachten und dann machten sich die drei ans Werk.

2

Es dämmerte schon, als der Waldner mit seinen Töchtern zum heimatlichen Fischerhaus zurückkehrte. Es lag idyllisch am Seeufer. Ein schmucker Bootssteg führte ins Wasser hinein.

Und ganz in der Nähe befanden sich ein paar Räucherstuben.

Schon von weitem sah Franzl Waldner, dass zwei Personen auf dem Bootssteg waren und ihnen zuwinkten. Die eine Person war seine Frau. Und bei der anderen handelte sich um den Niedermayer Peter.

"Scheint, als wäre Besuch für dich da", brummte der Waldner zu Franziska. "Jedenfalls nehme ich an, dass der Niedermayer deinetwegen gekommen ist..." Der Waldner seufzte. "Mei, musste es den ausgerechnet einer von denen sein?"

"Geh, Vater! Hast irgendetwas gegen den Peter vorzubringen? Er ist ein rechtschaffener Bursche - und für das, was damals unserem Bruder passiert ist, kann er nix!"

Das Gesicht des Waldners wurde düster.

"Eingebildet ist er, der Sohn des Großbauern! Hält sich wohl für was Besseres als unser eins!"

"Das ist net gerecht, was du jetzt sagst!", entgegnete Franziska sehr ernst.

Vor Jahren hatte der Waldner neben seinen beiden schmucken Töchtern auch einen Sohn gehabt. Xaver hatte er geheißen.

Zusammen mit Hans, dem älteren Sohn des Niedermayer-Bauern, war er zu einer waghalsigen Bergtour aufgebrochen. Die beiden jungen Männer waren in ein Unwetter hineingeraten und nicht zurückgekehrt. Später hatte man sie beide nur noch tot bergen können. Seitdem war der Waldner nicht gut auf alles zu sprechen, was den Namen Niedermayer trug, denn er machte Hans' Leichtsinn für den Tod seines Sohnes verantwortlich.

Allein, so pflegte er immer zu sagen, hätte der Xaver sich niemals auf ein so riskantes Unternehmen eingelassen.

Und nun ging seine Tochter mit dem jüngeren Sohn des Großbauern! Selbst von einer Verlobung war schon die Rede!

Der Waldner konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass ihre beiden Familien auf diese Weise miteinander verbunden sein sollten. Allein der Gedanke daran war ihm schon unerträglich, denn jedesmal, wenn er den Peter sah, wurde er an diese tragische Geschichte erinnert. Die Wunde in seinem Inneren, die nur sehr langsam heilen wollte, wurde dann immer wieder aufs Neue aufgerissen.

Erschwerend kam noch hinzu, dass Peter Niedermayer seinem älteren Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten war und sich darüber hinaus in seiner Freizeit auch, genau wie dieser, als eifriger Kletterer betätigte.

Unwillkürlich ballte der Waldner die Hände zu Fäusten, als er den Peter auf dem Steg stehen sah.

Kann der sich net ein anderes Dirndl aussuchen?, ging es dem Fischer ärgerlich durch den Kopf. Muss es denn ausgerechnet meine Franziska sein?

Andererseits war Franzl Waldner Realist genug, um zu wissen, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Aber vielleicht, so hoffte er nach wie vor, würde das Madl doch noch zur Besinnung kommen und sich anderswo nach einem geeigneten Mann umschauen.

Manchmal wünschte er sich sogar, dass Franziska etwas mehr von der Leichtlebigkeit ihrer Schwester gehabt hätte. Dann hätte sie den Bauernsohn gewiss längst vergessen gehabt, war er überzeugt.

"Ich sag dir, der ist nix für dich!", meinte er, obwohl er wusste, dass Franziska ihm kaum zuhören würde. "Der Peter ist genauso leichtsinnig wie sein Bruder war. Du willst es nur net wahrhaben!"

"Weil es auch net der Wahrheit entspricht, Vater!", versetzte Franziska bestimmt.

"Geh, Madl! So gut kannst ihn noch gar net kennen", schüttelte der Waldner den Kopf. "Der Peter ist doch mit dem goldenen Löffel geboren. Genau wie sein Bruder! Und nur deshalb ist er so leichtsinnig. Lass es dir gesagt sein."

"Ach Vater! Wenn du die Vergangenheit doch nur vergessen könntest!"

"Vergessen?", fragte der Waldner etwas unwirsch. "Du sprichst von deinem Bruder!"

Franziska seufzte.

"Das vergesse ich schon net. Darauf kannst dich verlassen! Aber ein bisserl freundlicher könntest trotz alledem zum Peter sein..."

Das Boot erreichte bald den Steg. Franziska sprang an Land und machte es mit geschickten Handgriffen fest.

Ihre Mutter begrüßte die Ankömmlinge mit einem herzlichen Lächeln. "Früh seid ihr diesmal zurück", stellte Maria Waldner fest. "Ich hoffe nur, dass auch etwas in den Reusen war!"

"Mei, ein bisserl war es schon", murmelte die Franziska und blickte geradewegs an ihrer Mutter vorbei.

"Ja, du hast Besuch, mein Kind", kommentierte die Waldnerin. Dann beugte sie sich etwas vor und murmelte in gedämpftem Tonfall: "Tu mir einen Gefallen und lass es heut' Abend net zu spät werden..."

"Na, das wird es schon net", erwiderte Franziska.

Und diese Erwiderung hatte ihren guten Grund.

In letzter Zeit hing zwischen den beiden nämlich ein bisschen der Haussegen schief. Nicht, dass sie sich lauthals gestritten hätten, aber der Peter redete dauernd vom Heiraten und das Madl war sich einfach nicht sicher, ob sie dazu schon bereit war. Irgendwie fühlte sie sich für solche Gedanken noch ein bisschen zu jung. Erst einmal etwas vom Leben haben, bevor man sich die ganze Verantwortung auf den Hals lädt!, so sagte eine Stimme in Franziska. Es gab da noch eine zweite, widerstreitende Stimme, der es eigentlich kaum schnell genug damit gehen konnte, vor den Altar zu treten und einen eigenen Hausstand zu gründen. Aber die zweite Stimme war im Moment noch die Schwächere.

"Grüß dich, Peter", seufzte sie, als sie dem Sohn des Niedermayer-Bauern gegenüberstand. "Das ist nett, dass du vorbeischaust..."

Einträchtig gingen sie den Steg entlang und erreichten schließlich das feste Land. Weil das Seeufer recht flach war, ragte der Steg ziemlich weit in den See hinein.

Der Niedermayer Peter war ein fescher Bursche.

Hochgewachsen, mit breiten Schultern und hellwachen Augen, mit denen er das Madl begehrlich anblickte.

"Mei, selbst in deiner Arbeitskleidung siehst hübsch aus, Franziska", meinte er anerkennend. "Und die ist ja nun net gerade figurbetont..."

"Geh, Peter..."

"Das war als Kompliment gemeint!"

Franziska lächelte.

"Ich hab's auch so aufgefasst. Aber du übertreibst damit ein bisserl!"

"Ich seh das schon richtig..."

"Ich werde mich trotzdem erstmal umziehen, bevor wir zwei was unternehmen... und ich denke, da wirst wohl kaum etwas dagegen einzuwenden haben!"

Eine halbe Stunde später spazierten die beiden etwas abseits des Fischerhauses am Seeufer entlang. Die Berge rings um den Kreuztaler See herum strahlten in den unterschiedlichsten Rottönen. Die weißen Flächen der hochgelegenen Schneehänge leuchteten hell. Die Sonne sank immer tiefer und würde bald hinter den gezackten Gipfeln verschwinden. Schon lagen große Schatten auf dem Hochwald und den Almen.

Hand in Hand gingen die beiden jungen Leute eine ganze Weile lang schweigend am Ufer entlang. Ein aufkommender Fallwind kräuselte die Wasseroberfläche und begann, kleinere Wellen zu erzeugen.

"Mei, ich versteh net, warum du die Sache noch so weit hinauszögern musst, Franziska", begann schließlich der Peter mit dem Thema, das das Madl schon die ganze Zeit über gefürchtet hatte und dessentwegen sie sich auch gar nicht mehr so richtig auf die Treffen mit dem feschen Bauernsohn freute. "In ein oder zwei Monaten könnte Verlobung sein und im Herbst dann die Hochzeit! Bei uns auf dem Hof ist Platz genug, um das ganze Dorf einzuladen! Mei, das würde ein Fest..."

"Geh, Peter - hat das net noch Zeit?"

"Aber wenn man sich doch liebt!"

"Auf der einen Seite hast ja recht - aber..."

Franziska sprach nicht weiter. Sie stockte und brach ab. Zu ungeordnet waren die Gedanken in ihr, als dass nicht etwas über ihre Lippen kommen würde, das sie später vielleicht bereut hätte.

Sie wollte Peter nicht verletzen. Und eigentlich mochte sie ihn ja auch wirklich gern.

Könnte er mir net einfach ein bisserl mehr Zeit lassen?, ging es dem Madl durch den Kopf. Sie konnte es nicht ausstehen, zu etwas gedrängt zu werden. Das war schon als Kind so gewesen und ihre Eltern hatten das hin und wieder seufzend zur Kenntnis nehmen müssen.

"Aber was?", hakte Peter jetzt nach.

Sie blieben stehen.

Ihre Blicke trafen sich. Peter fasste sie bei den Schultern.

Auf seiner Stirn stand eine ernste Falte.

Franziska öffnete halb die Lippen. Sie wollte etwas sagen, brachte aber nicht einen einzigen Ton heraus. Ein Kloß saß ihr im Hals.

"Es ist wegen deines Vaters, net wahr?", stellte Peter dann fest.

"Na..."

"Gib's doch ruhig zu! Wir zwei können doch ehrlich miteinander sein! Ich nehme net an, dass dein Vater dir gegenüber anders redet, als er es sonst im Dorf tut, wenn er zum Beispiel beim Wirt am Schanktisch sitzt!"

"Peter..." versuchte Franziska ihren Liebsten zu beruhigen.

Aber das war im Grunde sinnlos.

Eigentlich hatte er ja recht, was die Einstellung des Waldners anging.

Nur stimmte es nicht, dass diese nun etwa der tiefere Grund dafür gewesen wäre, dass Franziska bislang auf Peters Heiratsabsicht eher zurückhaltend reagiert hatte. Über die Ablehnung ihres Vaters hätte sich das willensstarke Madl notfalls hinweggesetzt. Irgendwann, so war ihre Überzeugung, hätte der dann schon seinen Groll aufgegeben. Spätestens dann, wenn sich Enkel einstellten.

"Dein Vater glaubt, dass ich genauso wär wie mein Bruder. Das ist doch richtig, oder? Und den macht er für den Tod seines Sohnes verantwortlich - obwohl der Xaver gewiss ein genauso risikofreudiger Kletterer gewesen ist wie der Hansi!"

"Mei, das mag schon sein, Peter!"

"Mach ich vielleicht deine ganze Familie dafür verantwortlich, dass mein Bruder in den Bergen ums Leben gekommen ist? Das ist doch einfach lächerlich so etwas. Die zwei waren Freunde, haben sich in Gefahr begeben und leider das Risiko falsch eingeschätzt. Das ist alles. Und so traurig das auch sein mag - aber soll diese Geschichte vielleicht die Zukunft vergiften? Unser Leben?"

"Ach, Peter..."

"Dein Vater wird schon über seinen Schatten springen...", war der Bauernsohn überzeugt. Ihrer beider Blicke trafen sich, verschmolzen für Augenblicke miteinander. Franziska hatte in diesem Moment fast das Gefühl, seine Gedanken lesen zu können. Er hingegen schien nichts von dem erfasst zu haben, was in ihr vorging.

Franziska seufzte.

"Mit meinem Vater hat das nix zu tun", sagte sie dann.

Peter sah sie etwas erstaunt an.

Einen Augenblick lang sagte er kein Wort. Dann ließ er ihre Schultern los.

"Womit dann?", fragte er nach. "Bist dir vielleicht doch net so sicher, ob du mich liebst? Glaubst vielleicht, dass da noch was Besseres kommt?"

Peter atmete tief durch. Es war ihm anzusehen, wie sehr er innerlich aufgewühlt war.

"Peter, wie kannst nur so etwas denken!", erwiderte Franziska. "Natürlich liebe ich dich... Ich möchte halt nur, dass wir uns etwas mehr Zeit geben. Wir sind doch jung! Läuft uns die Hochzeit vielleicht davon?"

Peter schüttelte den Kopf.

"Ich versteh dich net, Franziska. Tut mir leid." Er schüttelte wütend den Kopf.

Nun war es also richtig zum Hader zwischen ihnen beiden gekommen. Das hatte Franziska immer befürchtet. Deswegen war sie auch Peter gegenüber bislang nicht mit der vollen Wahrheit herausgekommen.

Doch nun war es geschehen. Und Worte, die einmal gesprochen waren, konnte man nicht wieder zurückholen.

"Ich frage mich, was wirklich hinter deiner Zögerlichkeit steckt, Franziska... oder besser gesagt: wer!"

"Peter!"

"Mei, man muss doch nur eins und eins zusammenzählen, um darauf zu kommen..." Peter fasste sich an den Kopf. "Nun ergibt alles plötzlich einen Sinn..."

"Peter! Das ist doch net wahr, was du da sagst!"

"Ach, nein?"

Peter hatte die Hände zu Fäusten geballt.

"Lass uns doch in Ruhe über alles reden. Mei, was ist schon dabei, wenn wir die Sache net so überstürzen?"

"Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir alles noch einmal überdenken, Franziska."

"Was soll das heißen?", fragte Franziska tonlos.

"Genau das, was ich gesagt habe. Net mehr und net weniger..."

"Aber da ist wirklich kein anderer, Peter! Das musst du mir glauben!"

Franziska nestelte am Jackenkragen des Niedermayer Peters herum.

Dieser knurrte etwas Unverständliches vor sich hin.

"Mei, lange kannst mir doch sowieso net bös sein, Peter! Also lass es besser ganz!"

"Ganz narrisch machst einen!", erwiderte Peter. Aber sein Gesicht war schon wesentlich weniger ärgerlich. Doch ein gewisses Misstrauen blieb. Und Franziska wusste nur zu gut, dass sie dies auch nicht im Handumdrehen ausräumen konnte.

Schließlich gab sich Peter einen Ruck. Er legte den Arm um Franziska, und sie schmiegte sich an seine Schulter.

"Musst net alles so ernst nehmen, was ich daherrede", meinte er dann. "Aber die Sache hat mich halt so aufgewühlt... Im Grunde will ich doch nix anderes, als mit dir zusammen glücklich werden, Franziska..."

3

Martin Brandner blickte von der Veranda seiner Tauchschule aus auf den abendlichen Bergsee. Das Kajütboot, mit dem er seine Tauchschüler hinausfuhr, lag gut vertäut an der Anlegestelle. Thomas Hofer, sein Gehilfe, hielt eine Angel in der Hand, aber das Glück war ihm nicht hold. Immer wieder warf er den Köder aus, aber an diesem Abend war es wie verhext. Er bekam nichts an den Haken.

"Lass es gut sein, Thomas!", rief Martin. "Heute fängst du doch nix mehr!"

Thomas Hofer sah das etwas später selbst ein. Er rollte die Angelschnur ein und kehrte in Richtung der Tauchschule zurück.

Martin Brandner hatte sie in einem leerstehenden Fachwerkhaus eingerichtet, das zuvor schon jahrelang leer gestanden hatte.

"Mei, was machst denn für ein griesgrämiges Gesicht, Martin?", meinte Thomas. Er war einige Jahre älter als sein Arbeitgeber und hatte zuvor als Großknecht auf einem der umliegenden Höfe gearbeitet. "Das Geschäft geht doch net schlecht!"

"Hast du eine Ahnung", murmelte Martin, und sein Gesicht verfinsterte sich dabei etwas.

Thomas sah Martin verwundert an.

"Mei, was soll das denn heißen? Waren denn net genug Touristen auf dem Boot, die sich die Taucherei zeigen lassen wollten? Mehr hätten wir doch kaum verkraften können - es sei denn du stellst noch ein paar Hilfskräfte ein. Aber so leicht wird wohl niemand zu finden sein, der genug vom Tauchen versteht..."

"Unsere Kosten sind einfach zu hoch, Thomas. Und jetzt am Anfang drückt natürlich auch noch ein Berg Schulden. Ich muss mir was überlegen."

"Ich versteh das net", schüttelte Thomas den Kopf. "Die Tauchschule ist doch gut angelaufen..."

"Nicht gut genug, Thomas", entgegnete Martin Brandner. "Ich will dir keine Angst machen, aber die Situation ist so ernst, dass es im Handumdrehen vorbei sein kann."

"Ich würde das sehr bedauern", meinte Thomas dann, nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte. "Schon deshalb, weil ich die Arbeit sehr gerne mache... aber wenn's hart auf hart kommt, dann kann ich jederzeit beim Bauern wieder anfangen!"

"Ich hoffe net, dass es soweit kommt!"

Thomas Hofer nickte. "Es wird sich schon eine Lösung ergeben."

"Dein Wort in Gottes Ohr!"

"Mit ein bisserl mehr Zuversicht lebt es sich doch entschieden leichter!"

Martin Brandner schwieg dazu, dachte sich aber seinen Teil. Du hast gut reden!, ging es ihm durch den Kopf. Dein Geld ist es ja auch net, von dem alle Ausgaben bestritten werden müssen!

Dass es am Anfang nicht leicht sein würde, so ein Geschäft aufzubauen, damit hatte er gerechnet.

Aber dass er schon nach so kurzer Zeit mit einem Bein im Ruin stand, das konnt er selbst noch kaum glauben. Aber die Zahlen waren eindeutig.

So oft er darin auch herumrechnete, sie wurden dadurch einfach nicht rosiger. Sollte ich mich wirklich so verschätzt haben?, ging es ihm durch den Kopf. Das Tauchen war seine Leidenschaft und vielleicht hatte ihn das blind und leichtsinnig gemacht.

"Vergiss net, das das größte Kapital für uns dort liegt", hörte er nun die ermunternde Stimme seines Gehilfen, der bei diesen Worten hinaus auf den See deutete. "Es dürfte kaum ein Gewässer mit so klarem Wasser geben. Ein Paradies für jeden Taucher!"

"Mei, ich weiß", seufzte Martin. "Aber was auch immer werden wird - dieser Tag ist erstmal vorbei... Für heute ist jedenfalls Feierabend und ich werde versuchen, keinen Gedanken mehr an die Zahlen zu verschwenden!"

Das war natürlich ein Wunsch, der sich wahrscheinlich nicht realisieren ließ. Die Sorgen würden Martin Brandner nicht loslassen, so sehr er sich das auch gewünscht hätte.

Thomas nickte und verabschiedete sich.

Einen Augenblick später hörte Martin ihn mit dem Wagen davonfahren.

Nachdenklich blickte der Brandner Martin dann eine ganze Weile auf das weiße Kajütboot. Ein schöner Anblick, wie es da am Steg lag. Martin hatte viel in das Boot investiert. Ich hoffe nur, dass ich das alles halten kann!, ging es ihm durch den Kopf.

4

Als Lisa Waldner die Tauchschule an diesem Abend erreichte, sah sie den Brandner Martin in der Nähe des Stegs. Lisa war am Flussufer entlanggegangen.

Aber es war durchaus kein Zufall, dass ihr Spazierweg sie geradewegs an der Tauchschule vorbeiführte. Sie hatte gehofft, den Martin hier zu treffen. Natürlich sollte es ganz zufällig aussehen.

Und wie es schien, sollte das Madl Glück haben.

Martin Brandner war sogar allein!

Lisas Herz schlug etwas schneller.

Seit sie den Martin zum ersten Mal gesehen hatte, musste sie dauernd an ihn denken. Immer wieder kreisten ihre Gedanken und Empfindungen um diesen Fremden, der zum Kreuztaler See gekommen war, um hier Touristen das Tauchen beizubringen. Gut sieht er aus!, dachte Lisa. Das dunkelblonde, leicht gewellte Haar, die hochgewachsene Gestalt...

Jetzt nur net den Mut verlieren!, ging es ihr durch den Kopf.

Die Madln aus Kreuztal waren ganz narrisch, seit Martin Brandner in die Gegend gekommen war. Und fast immer sah man ihn in Begleitung. Beim Dorftanz rissen sich die Dirndln geradezu um die Chance, mit dem Martin über den Tanzboden zu wirbeln. Er war inzwischen überall als heiterer, geselliger Mensch bekannt, der gerne scherzte und ein gekonnter Süßholzraspler war. Aber so recht festgelegt hatte er sich bislang wohl noch nicht. Jedenfalls hoffte Lisa, dass es so war.

Sie fasste sich ein Herz und ging weiter.

"Servus", grüßte sie, als er sich eher zufällig nach ihr umdrehte.

Er nickte ihr zu.

"Servus....!" Sein Lächeln wirkte sympathisch. Der Blick seiner braunen Augen ging Lisa durch und durch. "So allein am Abend?"

"Mei, es ist halt nix los heute im Dorf."

"Freilich, da sprichst ein wahres Wort!"

"Aber das größte Schauspiel findet hier sowieso täglich statt." Sie deutete zu der Kette schroffer Gipfel, hinter der die Sonne inzwischen versunken war.

"Du meinst den Sonnenuntergang am Kreuztaler See?"

"Ja. Ich glaub, mir wird es auch in Jahren noch net lang, das anzuschauen!"

Martin zuckte die Achseln. "Ich bin zwar noch net so lang hier, aber ich kann wohl nachempfinden, was du meinst..."

Er zog ein wenig die Augenbrauen zusammen, als er sie musterte.

"Bist du net die Waldner Franziska?", fragte er dann. "Die Tochter des Fischers?"

Lisas Gesicht wurde dunkelrot, teilweise vor Scham, zum anderen Teil aus Wut.

"Na, ich bin net die Franziska!", erwiderte sie, wobei sie sich große Mühe geben musste, einen gekränkten Unterton zu verbergen. Das fing ja gut an! Verwechselte dieses Mannsbild sie einfach mit ihrer Schwester!

Bin ich denn so unscheinbar?, ging es ihr ärgerlich durch den Kopf.

Im Allgemeinen war es so, dass sie die Kontaktfreudigere und Mutigere von beiden war, so dass man ihren Namen daher auch schneller in Erinnerung behielt. Dass es mal umgekehrt sein könnte, passte Lisa überhaupt nicht.

"Mei, aber..."

"Ich bin Lisa Waldner, net Franziska. Das ist meine Schwester!"

"Tut mir leid, dann habe ich euch wohl verwechselt!"

Lisa versuchte so zu tun, als hätte ihr das überhaupt nichts ausgemacht. Sie zuckte die schmalen Schultern und meinte: "Woher solltest du dich auch an mich erinnern? Wir haben uns ja auch auf dem Dorftanz letzte Woche nur einen Tanz lang in den Armen gehalten..."

Ein bisschen Verschnupftheit klang nun aber doch aus ihren Worten heraus.

Und Martin bemerkte das.

Er sah sie an.

"Mei, ich hab vielleicht den Namen verwechselt - aber das Gesicht, das hab ich net vergessen!", behauptete er. "Ich meine, was ist schon ein Name? Es gibt sogar hier in Kreuztal mehrere Madln, die Franziska oder Lisa heißen! Aber mit einem Gesicht ist das ganz etwas anderes... Das ist einmalig. Und deins ganz besonders..."

Lisa hob den Kopf.

"Ach, dass sagst jetzt so..."

"Ich sag nix, was ich net auch so meine!", erwiderte Martin im Brustton der Überzeugung.

"Ach, wirklich?"

Sie mussten beide lächeln.

"Freilich!", bekräftigte Martin.

"Komisch, aber dir geht da ein ganz anderer Ruf voraus, Martin!"

Er näherte sich ihr etwas. Sie standen jetzt nur noch etwa einen Schritt voneinander entfernt. Der Anfang ist gemacht!, dachte Lisa. Er sah sie auf eine Weise an, die ihr gefiel.

Sie glaubte Schmetterlinge in ihrem Bauch zu haben.

Und gleichzeitig erhob sich eine warnende Stimme in ihrem Inneren. Sei auf der Hut!, sagte diese Stimme. Du wärst net die Erste, die auf dieses umwerfende Lächeln schon hereingefallen ist und anschließend keinen freien Willen mehr hatte.

"Mei, wie das halt so ist, wenn ein Fremder in ein Dorf wie Kreuztal kommt", meinte Martin dann, während Lisa wie gebannt an seinen Lippen hing. Der Klang seiner Stimme schien sie zu verzaubern. "Es wird eben viel geredet über den, der als Fremder kommt! Das ist gewissermaßen ein Naturgesetz. Aber ich kann dich beruhigen! Das meiste von dem, was du wahrscheinlich gehört hast, stimmt net!"

"Dass du ein Süßholzraspler erster Klasse bist, stimmt aber!", erwiderte Lisa in gedämpftem Tonfall. "Davon habe ich mich heuer selbst überzeugen können..."

Martin zuckte die Achseln.

"Was bleibt mir anderes übrig - wenn ich unverhofft einem so schönen Dirndl begegne?"

"Jetzt tust du es wieder!"

"Freilich - ich werde durch deine Anwesenheit förmlich dazu gezwungen!"

Sie lachten beide.

Und dann verschmolzen für einem Moment ihrer beider Blicke miteinander.

Sie schwiegen, lauschten einen Augenblick den kleinen Wellen, die der von den Bergen herabwehende Fallwind auf der Seeoberfläche bildete und die in einem steten Rhythmus ans Ufer spülten.

"Es freut mich sehr, dass wir uns heute Abend hier getroffen haben", sagte Martin dann. Und das meinte er wirklich so, denn Lisas Anwesenheit hatte genau das bewirkt, wonach er sich zuvor so gesehnt hatte.

Martin hatte die Sorgen, die ihn plagten, für eine kurze Zeit vollkommen vergessen.

"Es muss dabei net bleiben", sagte sie dann. "Ich komme öfter hier vorbei..."

"Warum habe ich dich dann nie bemerkt?"

"Vielleicht, weil du die Abende gewöhnlich im Wirtshaus verbringst!" Lisa atmete tief durch. "Jetzt muss ich jedenfalls wieder gehen", sagte sie, obwohl sie eigentlich noch ganz gerne geblieben wäre. Aber sie wollte sich ihm auf keinen Fall aufdrängen. Umgekehrt sollte es sein! Martin sollte an ihrer Angel zappeln wie ein geköderter Fisch! Sie berührte ihn leicht am Arm. "Servus", sagte sie und wandte sich zum Gehen.

"Bis Morgen!", rief ihr der Brandner Martin nach, nachdem sie schon einige Meter hinter sich gebracht hatte. Lisa drehte sich noch einmal um, sagte nichts, sondern lächelte nur.

5

Es war schon spät, als der Niedermayer Peter an diesem Abend heim auf den elterlichen Hof kam. Die Sonne war längst untergegangen, und die Niedermayerin hatte sich schon ein wenig Sorgen gemacht.

Ihr Mann hatte sie zu beruhigen versucht.

"Der Bub ist alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Brauchst dich deswegen net narrisch machen!"

Aber inzwischen war Mitternacht vorbei. Und selbst, wenn Peter ins Wirtshaus ging, war er nie so lange weggeblieben.

Als er die Stube betrat, wirkte Peter sehr in sich gekehrt und niedergeschlagen.

Der Bauer und seine Frau saßen an einem großen, rustikalen Holztisch und sahen ihn fragend an.

"Mei, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?", fragte der Niedermayer.

"Es ist nix", brummte der Peter.

Mit dem Vater konnte er nicht darüber reden, dass der Abend mit Franziska nicht so verlaufen war, wie der junge Bauernsohn sich das eigentlich vorgestellt hatte. Zwar wusste der Niedermayer, dass sein Sohn sich hin und wieder mit der Tochter des Fischers traf, aber begeistert war er davon nicht.

Allein der Name Waldner erinnerte ihn an den schmerzlichen Verlust seines älteren Sohnes. Ein Verlust, der durch nichts zu ersetzen war.

Die Bäuerin sah ihren Sohn prüfend an.

"Ist es wegen dem Madl?", schloss sie messerscharf.

Peter wich ihrem Blick aus.

Aber seine Mutter kannte ihn nur zu gut. Ihr etwas vorzumachen war für den Peter nahezu unmöglich.

"Mei..."

"Nun setz dich mal und heraus mit der Sprache!", forderte die Niedermayerin. "Habt ihr Streit, die Franziska und du?"

"Ich woas net..."

"Was woast net, Bub?"

"Sie meint, dass wir uns noch Zeit lassen sollen mit dem Heiraten. Aber ich bin da ganz anderer Ansicht. Und mittlerweile weiß ich net mehr so recht, ob ihre plötzliche Zurückhaltung net einen anderen Grund hat..."

Die Niedermayerin hob die Augenbrauen.

"Was meinst denn damit?"

Er zuckte die Achseln. "Vielleicht muss ich auch erstmal eine Nacht über alles schlafen...", meinte er dann. Aber insgeheim wusste, dass er am nächsten Morgen auch nicht glücklicher sein würde. Nachdem er und Franziska am See auseinandergegangen waren, hatte Peter noch einen weiten Umweg gemacht, war über Wiesen und Felder gegangen und hatte dabei nachgedacht. Zu einem Ergebnis war er allerdings bislang nicht gekommen.

Was soll ich tun?, fragte er sich.

Er liebte die Franziska von ganzem Herzen.

Aber auf der anderen Seite fraß das Misstrauen an ihm. Er glaubte ihr einfach nicht, dass die Tatsache, dass das Madl mit dem Heiraten noch warten wollte, nichts mit der Person des jungen Bauern zu tun hatte.

"Mei, such dir ein anderes Madl, Bub!", meinte der Vater. "Es gibt doch genug fesche Dirndln hier im Tal, da bist doch net auf die Waldnerin angewiesen!"

Peter seufzte.

"Wenn das so einfach wäre", meinte er. Aber sein Herz hatte da auch ein Wörtchen mitzureden und das sprach eine ganz eindeutige Sprache.

Der Peter wünschte seinen Eltern eine gute Nacht.

Er hatte keine Lust, sich noch länger über die leidige Angelegenheit zu unterhalten.

"Willst net noch etwas essen?", fragte die Bäuerin. Peter schüttelte energisch den Kopf.

"Na, ich hab keinen Hunger", behauptete er und ging dann die Treppe hinauf, die zu seiner Kammer führte.

Die Niedermayerin sah ihren Mann mit besorgtem Gesicht an.

"Der Junge ist net wiederzuerkennen!", meinte sie. "Früher hat er solche Dinge doch immer viel leichter genommen..."

"Ja, die Waldner Franziska hat ihm wohl ganz gehörig den Kopf verdreht. Viel mehr, als wir vielleicht ahnen..."

"Wenn man mal davon absieht, dass sie aus einer Familie kommt, gegen die du gewisse Vorbehalte hast, dann ist doch eigentlich gegen das Madl auch nix einzuwenden, finde ich", meinte die Bäuerin. Und dann legte sie, als sie den erstaunten Gesichtsausdruck ihres Mannes sah, ihre schmale Hand auf die seine und lächelte ihn zärtlich an. "Ich glaub, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. So, wie's ausschaut, wird sowieso nix aus den beiden! Jedenfalls kein Paar!"

6

"Erzähl mal, Schwesterherz! Wo bist du denn mit dem Peter gewesen?", erkundigte sich die Lisa aufgeregt, als die beiden Schwestern noch sehr spät bei der Franziska auf der Kammer saßen. Das taten sie oft. Und dann teilten sie ihre großen und kleinen Geheimnisse miteinander.

"Ach, nix besonderes", meinte die Franziska mit einer wegwerfenden Handbewegung. "Es ist halt so, dass es der Peter einfach net abwarten kann..."

"Was - abwarten?"

"Na, dass wir zusammen vor den Altar treten. Er redet von nix anderem."

"Er hat dich also gefragt!"

"Mei..."

"Und was hast ihm gesagt? Die Hochzeit werdet ihr dann wohl auf dem Niedermayer-Hof feiern müssen. Ich glaub net, dass der Vater so schnell seine Meinung über den Peter ändern wird..."

"Geh, Lisa!", erwiderte Franziska mit tadelndem Unterton.

Die spontane, lebendige Art und Weise ihrer Schwester ging ihr manchmal auch etwas auf die Nerven. Vor allem hatte sie so eine Art des Auftretens, dass man ihr nach und nach alles erzählte, was sie wissen wollte.

"Du hast ihm doch keinen Korb gegeben, oder?", fragte Lisa. "Der Peter ist der reichste Bauernsohn in der Umgebung. Und fesch ist er noch obendrein!"

"Nein, aber ich will noch net heiraten, Lisa. Erst noch...etwas erleben, verstehst, was ich meine?"

Lisa lächelte hintergründig. "Natürlich verstehe ich das."

Franziska zuckte die Achseln.

"Ich glaube, der Peter versteht das gar net. Ich hab's versucht, ihm zu erklären, aber..."

"Ich wollte dir das nie so direkt sagen, aber..."

"Was?", hakte Franziska nach.

Lisa drehte mit dem Zeigefinger in ihrem Haar herum. Sie zuckte die Schultern.

"Vielleicht ist er auch net der Richtige für dich!"

Franziska machte eine wegwerfende Geste. "Mei, bei jeder anderen würde ich darüber jetzt sehr ernsthaft nachdenken, aber bei dir..."

Lisa tat sehr empört.

"Wieso?"

"Geh, Lisa, das sagst du mir doch nur, weil du den feschen Peter am Ende für dich selbst willst! Ich kenn' dich doch!"

Die Madln lachten beide herzhaft und ziemlich laut.

Dann schraken sie plötzlich zusammen, und Lisa legte einen Finger vor ihre Lippen. "Net ganz so laut, Schwesterherz, wir sind schließlich die Einzigen, die im Moment in diesem Haus noch auf den Beinen sind!"

"Also gut."

Lisa seufzte.

Sie sah ihre Schwester unverwandt an und wurde wieder ernst.

"Du kannst ganz beruhigt sein, aber für mich ist der Peter nix. Ganz bestimmt net!"

Franziska atmete tief durch. Ihr Blick war jetzt nach innen gerichtet.

"Ich weiß ja im Moment net einmal mehr, ob ich ihn selbst noch möchte..." Dann hob sie den Kopf und blickte ihrer Schwester direkt in die Augen. "Aber was ist mir dir?", fragte sie. "Wo warst du denn heute Abend?"

"Mei..."

"Was heißt hier 'mei'? Irgendwo wirst doch gewesen sein, auch wenn die Mutter den Eindruck hatte, du wärst wie vom Erdboden verschluckt gewesen... Und erzähl mir jetzt bloß net, dass du mutterseelenallein am Seestrand spazierengegangen bist und den Anblick der Berge genossen hast!"

Lisas Gesichtsausdruck veränderte sich.

Ihre Augen begannen zu leuchten und eine sanfte Röte überzog ihre Haut. So manchem mag sie ja etwas vormachen können, dachte Franziska bei ihrem Anblick. Aber mir nicht. Bis über beide Ohren verliebt ist sie! Fragt sich nur in wen...

"Wer ist es?", fragte Franziska dann. "Etwa der Brandner Martin?"

Lisa zuckte zusammen.

"Geh, Franziska, wo denkst du hin? Meinst, ich hab Lust, mich in eine lange Schlange zu stellen, um mal abgebusselt zu werden? Na, na..."

"Und wer dann?"

"Einstweilen ein Geheimnis, Schwesterherz!"

"Das ist net fair!", protestierte Franziska. "Ich offenbare dir mein Innerstes und du..."

"Gib mir noch ein bisserl Zeit damit, Franziska. Was du vom Peter verlangst, wirst mir ja jetzt wohl auch net abschlagen können, oder?"

Lisa sah auf die Uhr.

Dann meinte sie: "Es ist schon spät. In aller Frühe müssen wir raus und die Reusen kontrollieren. Besser wir schlafen jetzt ein bisserl, sonst fallen wir morgen vielleicht tatsächlich ins Wasser..."

Franziska nickte und erhob sich von dem groben Holzstuhl, auf dem sie gesessen hatte.

"Gute Nacht, Schwesterherz", sagte sie.

"Gute Nacht."

Als Franziska die Kammer ihrer Schwester verlassen hatte, lag Lisa noch lange wach da, starrte gegen die Decke und sah vor ihrem inneren Auge sein Gesicht.

Das Gesicht Martin Brandners.

Mei, was für ein Mannsbild!, dachte sie.

Aber ihr war klar, dass sie noch einiges auf die Beine stellen musste, wenn sie den wirklich für sich gewinnen wollte. Und so lange sie das noch nicht hundertprozentig geschafft hatte, wollte sie auch mit niemandem darüber reden. Nichteinmal mit ihrer Schwester, mit der sie sonst alles teilte.

7

Als Lisa am Morgen erwachte, hatte sie das Gefühl, die ganze Nacht kein Auge zugemacht zu haben. Ihr Kopf war voll von Gedanken. Und die meisten davon drehten sich um den Brandner Martin.

Mei, sei net narrisch!, versuchte sich selbst zu sagen. So verliebt sie auf der einen Seite auch war, so gefiel es ihr doch andererseits nicht, dass ein Mannsbild sie derart konfus machte.

Der Morgen verging mit Arbeit auf der Fischerei. Aber alle, die ihr begegneten, bemerkten sehr wohl den besonderen Glanz ihrer Augen und das verhaltene Lächeln, das ständig um ihre Lippen herum zu sehen war.

"Geh, nun sag schon, wer es ist", raunte die Franziska ihr zwischendurch einmal zu, als die Beiden allein waren.

Aber Lisa weigerte sich.

"Es ist und bleibt ein Geheimnis", erklärte sie. "Und dabei wird's auch bleiben, ganz gleich, wie oft du mich noch mit deinen Fragen löcherst."

Am Nachmittag war die Arbeit getan, und Lisa war irgendwann einfach verschwunden. Da das aber bei nichts ungewöhnliches war, machte sich auch niemand weiter Sorgen darüber.

Sie hatte nur gesagt, dass sie etwas am See spazieren gehen wollte, aber das nahm ihr ohnehin niemand ab.

Franziska saß in sich gekehrt in der Stube. Erst hatte sie mit einer Handarbeit angefangen, sie dann aber zur Seite gelegt und versucht, sich in ein Buch zu vertiefen. Auch darauf hatte sie ihre Gedanken nicht sammeln können. Immer wieder ging ihr das gestrige Gespräch mit dem Niedermayer Peter durch den Kopf.

Er war sehr verärgert gewesen, das war dem Madl wohl klar.

Andererseits konnte sie auch nicht einfach seinem Verlangen nachgeben, wenn sie das nicht auch selbst wollte.

Irgendwie werden wir uns schon sicherlich wieder miteinander versöhnen! machte sie sich selbst Mut. Ganz bestimmt, du wirst sehen!

Sie seufzte.

Und dann ging ihr eine andere Frage durch den Kopf, die ihr seit gestern ununterbrochen im Hirn herumspukte.

Liebst du ihn eigentlich noch?, fragte sie sich. Und selbst wenn - hatte es Sinn, wenn sie ein Paar wurden, da ihre Vorstellungen vom Leben doch offensichtlich viel unterschiedlicher waren, als sie ursprünglich gedacht hatte?

"Mei, was sitzt denn hier in der Stube wie ein begossener Pudel?", drang die Stimme ihrer Mutter in ihre Gedanken.

Franziska schreckte auf.

Die Waldnerin setzte sich zu ihr an den Tisch.

"Ich bin ein bisschen müde von der Arbeit, das ist alles", meinte Franziska. "Das Einholen der Reusen ist ganz schön anstrengend... Richtig Muskelkater habe ich gehabt!"

"Aber darüber hast du doch sonst nie geklagt!"

"Ich weiß auch net..."

Mit ihrer Mutter konnte sie unmöglich über das reden, was ihr an schweren Gedanken im Kopf herumspukte. Schließlich war der Peter im Hause Waldner nicht gerade wohlgelitten.

"Du, vielleicht solltest es deiner Schwester nachmachen und net immer daheim in der Stube hocken! Ist im Dorf nix los?"

"Geh, Mama!"

"Aber wenn du schon nix zu tun hast, dann könntest den Wagen nehmen und ein paar Besorgungen machen. Der Vater will den Räucherschuppen reparieren, aber ihm fehlen die passenden Nägel... Na, was ist?"

Franziska seufzte, dann nickte sie. Sie konnte das eigentlich nicht abschlagen. Andererseits fürchtete sie, dem Peter im Dorf vielleicht zu begegnen.

Aus dem Weg gehen konnte sie ihm ja schlecht...

Franziska erhob sich und ihre Mutter nahm sie bei den Händen.

"Madl, wenn du irgendeinen ersnthaften Kummer hättest, dann würdest du doch mit mir darüber reden, net wahr?"

"Freilich."

"Dann ist es ja gut."

8

Franziska nahm den Wagen und fuhr ins Dorf. Der Gröbinger Gustav hatte dort einen Laden, in dem es von allem ein bisschen gab. Von der Nudelkonserve bis zum Werkzeug, vom warmen Pullover bis zum Nagel. Und selbst das eine oder andere Buch konnte man in den völlig überfüllten Regalständern des Gröbingers finden.

Für ein zweites Geschäft reichte im Ort einfach der Umsatz nicht, da waren sich eigentlich alle einig. Und wenn ihm auch die großen Warenhäuser in der Stadt arge Konkurrenz machten, so hatte sich der Gröbinger doch in all den Jahren auf seine treuen Stammkunden verlassen können. Und das, obwohl bei ihm natürlich alles ein bisschen teurer war.

Franziska parkte den Wagen vor dem Laden und stieg aus.

Es war ein sonniger Spätnachmittag.

Richtig warm war es geworden, auch wenn sich hoch über den Gipfeln ein paar düstere Gewitterwolken aufgetürmt hatten.

Mit schnellen Schritten und immer noch in Gedanken ging Franziska auf den Eingang des Gröbinger-Geschäftes zu. Ehe sie sich versah, tauchte ein Schatten vor ihr auf. Sie prallte gegen den Oberkörper eines hochgewachsenen, breitschultrigen Mannes, der gerade aus der Tür gekommen war.

"Hoppla", sagte eine tiefe, angenehm klingende Stimme.

Um ein Haar wäre Franziska zu Boden gefallen, aber der Mann hielt sie an den Oberarmen.

Sie blickte auf.

Franziska erkannte den jungen Mann sofort.

Jeder im Dorf kannte ihn, seit er mit seiner Tauchschule hier in der Gegend von sich Reden gemacht hatte.

Es war der Brandner Martin.

"Entschuldigung, ich wollte dich keineswegs über den Haufen rennen, aber..."

"Schon gut", sagte Franziska. "Es ist ja auch nix ernsthaftes passiert..."

"Na, das freut mich aber zu hören. Habe ich dich net irgendwo schonmal gesehen?"

So ein Hallodri!, dachte die Franziska ärgerlich. Das war doch wirklich die billigste Art und Weise, eine Frau anzusprechen!

"Mei, ich kann mich net erinnern, dass wir zwei per du sind", erwiderte Franziska etwas spitz.

Martin sah sie erstaunt an.

Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass Franziska gleich seinem umwerfenden Charme erlag. Aber den Gefallen wollte ihm das Madl net tun. So eingebildet, wie der ist, braucht der mal einen gehörigen Dämpfer!, ging es Franziska durch den Kopf.

Ihre Blicke trafen sich.

Einen Moment lang verschmolzen sie sogar miteinander.

Franziska schluckte unwillkürlich.

Martin lächelte gewinnend.

Er hob die Augenbrauen.

"Mei, so reserviert?"

Was bist doch für eine Närrin!, dachte Franziska. Alle Madln im Tal würden dich darum beneiden, dass dieses Mannsbild dich anspricht und du lässt ihn am langen Arm verhungern! Aber ihr war nicht nach Flirten zu Mute. Schließlich war da ja noch die Sache mit Peter...

Sie zupfte ihr Kleid zurecht. "Auf Wiedersehen, Herr Brandner!", sagte sie und wollte an ihm vorbei in den Laden des Gröbingers hinein.

Aber Martin hielt sie am Arm.

"Einen Moment, Fräulein Unbekannt!"

"Mei, was wollen's denn noch? Reicht es net, dass Sie mich fast umgerannt haben?"

"Ich möchte, dass du mir Gelegenheit gibst, das wieder gut zu machen."

"Sie sagen schon wieder du, Herr Brandner!"

"Ich bin Taucher, wir duzen uns alle. Außerdem, wir sind schätzungsweise etwa im selben Alter und sollten die Sach' net komplizierter machen, als nötig. Mein Name ist Martin. Und wie soll ich dich nennen?"

"Sie hatten mir doch schon einen Namen gegeben", erwiderte Franziska.

Und langsam verflog der Ärger, den sie im ersten Moment empfunden hatte. Selbst die Gedanken an den Hader, den sie mit ihrem Peter gehabt hatte, war im Augenblick nicht mehr präsent. Jetzt war es ein Spiel für sie, das der Martin angefangen und auf das sie sich eingelassen hatte. Warum eigentlich nicht? dachte sie. Mal sehen, wie schlagfertig dieser Süßholzraspler wirklich ist... Ich werde ihm jedenfalls net so leicht auf den Leim gehen!

Martin lächelte.

"Fräulein Unbekannt - soll ich dich wirklich weiterhin so nennen?"

"Klingt doch gut, oder net?"

"Lass mich raten, wie du heißt: Resi? Oder Maria?"

"Du wirst es schon noch herausfinden, wenn du dir ein bisserl Mühe gibst!"

"Immerhin hast jetzt auch 'du' gesagt!"

"Soll aber net zur Gewohnheit werden... Ich muss jetzt wirklich weiter. Mein Vater braucht die Nägel, die ich ihm bringen soll heute noch - und net zum St. Nimmerleinstag."

Einen Augenblick lang nahm er ihre Hand und nickte dann.

"Vielleicht sehen wir uns ja in nächster Zeit mal, schöne Unbekannte..."

"Das glaube ich kaum."

"Ich hoffe doch!"

"Bei deinem Namensgedächtnis würdest du vermutlich auch beim nächsten Mal net wissen, mit wem du es zu tun hast - selbst, wenn ich dir meinen Namen jetzt gesagt hätte!"

Er lachte kurz auf.

Seine Augen leuchteten.

Und seine Stimme hatte jetzt ein ganz besonderes Timbre, dessen Klang Franziska durch und durch ging - auch wenn sich eigentlich alles in ihr dagegen sträubte, sich so von diesem Mann verzaubern zu lassen.

"Dieses wundervolle Gesicht werde ich ganz sicher nicht vergessen", erklärte er.

Einen Augenblick noch blickten sie sich an, dann wandte Franziska den Kopf, sagte ein schnelles "Servus" und ging in den Laden des Gröbingers hinein.

9

Unterdessen hatte Lisa die Tauchschule des Brandners erreicht. Sie war am Ufer entlanggegangen, wie am vergangenen Abend und als sie sah, dass die BERGSEE-KÖNIGIN am Steg vertäut lag, da machte ihr Herz einen Sprung.

Er ist also net hinaus zu einer Tauchfahrt!, ging es ihr durch den Kopf.

Guten Mutes ging sie zum Steg.

Thomas Hofer, der Gehilfe des Brandner Martins kam gerade von Bord. Er hatte Werkzeug in den ölverschmierten Händen.

Offenbar hatte er irgendetwas an der BERGSEE-KÖNIGIN repariert.

"Servus, Lisa", sagte der Thomas etwas erstaunt, wobei er gegen die Sonne blinzelte. "Scheint, als kämst du in letzter Zeit ziemlich häufig hier her!"

"Ist Martin net da?"

"Na, der ist kurz ins Dorf gefahren."

"Oh, da habe ich mir wohl den falschen Zeitpunkt ausgesucht, um hier aufzutauchen."

Thomas schüttelte den Kopf.

"Na, der Martin müsste eigentlich schon längst zurück sein. Lang kann's wirklich net mehr dauern. Wenn du was von ihm willst, so wartest du am besten hier."

Der Thomas musterte sie eingehend. Und Lisa war dieser Blick unangenehm. Sie hatte das Gefühl, als ob man ihr jede Gefühlsregung an der Nasenspitze ansehen konnte. Natürlich war das Unsinn, aber sie wollte auf keinen Fall, dass der Hofer Thomas im Dorf herumerzählte, wie narrisch sie auf Martin war. Das musste nun wirklich nicht sein.

"Ist irgendetwas net in Ordnung mit der BERGSEE-KÖNIGIN?", erkundigte sich Lisa und deutete dabei auf das Werkzeug in Thomas Hofers Händen.

"Nur eine Kleinigkeit", meinte er. "Ich hoffe, dass jetzt wieder alles funktioniert. Da du die Tochter des Fischers bist, wirst dich ja wohl ein bisserl mit Motoren auskennen."

"Gewiss!"

"Dann kannst mir eben helfen. Brauchst nur einen Schalter umzulegen, damit ich den Motor ausprobieren kann. Nur kann ich dabei net gleichzeitig hineinblicken - wenn du verstehst, was ich meine!"

"Na sicher!"

Lisa stieg über die Reling und kam an Bord. "Matrose zu Ihren Diensten!", lachte sie.

Der Schalter, den sie umzulegen hatte, befand sich direkt neben dem Ruder. Thomas ging indessen zu einer geöffneten Luke am Heck, kniete sich nieder und blickte angestrengt hinein. Auf ein Zeichen hin legte Lisa den Schalter um. Der Motor begann erst zu brummen, dann knatterte er eine Weile vor sich hin, bevor er schließlich erbärmlich zu stottern begann. Ein paar Augenblicke später war die Maschine wieder aus. Der Thomas fluchte leise vor sich hin.

"Ich hab' doch wohl nix verkehrt gemacht!", meinte Lisa besorgt.

Thomas schüttelte den Kopf.

"Na, das net! Aber ich hab' halt gedacht, dass ich mit der Maschine, dieser elenden, nun endlich fertig wäre! Aber wie es scheint muss ich nochmal ran!"

Lisa verließ ihren Platz am Ruder und näherte sich der Motorluke, in die Thomas sich jetzt tief hineinbeugte.

"Muss eine ziemlich Umstellung für dich gewesen sein, Thomas...", meinte Lisa. Sie hatte das Bedürfnis, irgendein Gespräch mit ihm anzufangen, um sich die Zeit zu vertreiben.

"Ich versteh net ganz, was du meinst!", dröhnte Thomas aus der Luke heraus.

"Na, von der Landwirtschaft zum Seefahrer!"

Thomas musste lachen.

"Ich bin froh, dass ich hier mein Auskommen habe."

"Wann werdet ihr das nächste Mal hinausfahren?"

"Wenn ich das wüsste!"

Lisa hob die Augenbrauen. "Mei, was soll das denn heißen?"

"Das Geschäft geht net so gut, wie der Martin und ich uns das vorgestellt haben... Und dabei ist dieser Bergsee wirklich eine Perle. Niemand, der einmal hinabgetaucht ist, in diese wunderbare Welt da unten, kann das je wieder vergessen..."

Lisa seufzte.

"Ich würde das auch gerne mal sehen", sagte sie. "In die Tiefe tauchen und..." Lisa brach ab und setzte dann hinzu: "Aber das wird wohl fürs erste ein geheimer Traum bleiben."

"Nicht unbedingt!", sagte plötzlich eine sonore, angenehm klingende Stimme in Lisas Rücken.

Sie wirbelte herum und blickte direkt in die ruhigen, dunklen Augen von Martin Brandner. Er lächelte sie an.

"Mei", entfuhr es Lisa. "Ich habe dich net herankommen hören."

"Ihr wahrt ja so ins Gespräch vertieft", lachte Martin. "Außerdem bin ich das letzte Stück zu Fuß gegangen..."

Jetzt tauchte der Hofer Thomas aus der Motorluke hervor und sah seinen Arbeitgeber mit gerunzelter Stirn an.

"Wieso das denn?", erkundigte er sich.

"Eine Reifenpanne!", berichtete Martin.

"Geh, hattest du denn keinen Ersatzreifen?"

"Na, Thomas. Den Ersatzreifen hatte ich ja schon längst aufgezogen. Und genau der ist mir nun geplatzt."

Thomas seufzte hörbar und wischte sich mit der Hand über die Stirn. "Scheint, als wär'n wir im Moment net gerad' vom Glück verfolgt, was?"

Einen Augenblick lang bemerkte Lisa auch auf Martins Gesicht einen düsteren Zug, aber der glättete sich sogleich.

"Immer optimistisch sein", meinte er. Er wandte sich dem Madl zu. "Jedenfalls ist das mein Motto. Was ist, möchtest du nachher gleich mit hinausfahren? Der Thomas und ich haben sowieso noch eine Probefahrt mit der BERGSEE KÖNIGIN vor. Schließlich wollen wir sicher sein, das alles funktioniert, wenn wir morgen wieder für Touristen hinausfahren."

"Nun, ich hätte nix dagegen."

Martin zwinkerte ihr verschwörerisch zu. "Ein kleiner Tauchgang wäre natürlich inklusive..."

Der Blick, mit dem Martin sie bedachte, ließ Lisa schlucken. Das ist doch alles viel zu schön, um wahr zu sein!, ging es ihr durch den Kopf. Alles schien wie von selbst genau in jene Richtung zu laufen, die Lisa im Sinn gehabt hatte.

Ein bisserl musst du diesen vollendeten Charmeur aber noch zappeln lassen, dachte Lisa bei sich.

Sie erwiderte sein Lächeln.

Dabei deutete sie in Thomas' Richtung.

"Es dürfte aber noch ein kleines Problem dabei geben", erklärte sie.

Martin hob die Augenbrauen. Er schwang sich über die Reling, kam an Bord und war mit wenigen Schritten bei Lisa.

Ein leichter Wind kam auf und fuhr ihm durch das blonde Haar.

"Probleme sind dazu da, dass man sie löst, oder?"

"Freilich...", nickte Lisa.

Jetzt meldete sich der Hofer Thomas zu Wort. "Ich werde nochmal an den Motor heranmüssen", meinte er. "Aus der Probefahrt wird frühestens in einer halben Stunde etwas - vorausgesetzt diesmal geht nix daneben."

10

"Mei, was bist du denn so aufgekratzt, seit du aus dem Dorf zurück bist?", fragte die Waldnerin, nachdem Franziska zurückgekehrt war. "Eine richtig rosige Gesichtsfarbe hast du!"

"Geh, du übertreibst, Mutter!", schüttelte Franziska den Kopf. Es war ihr peinlich, dass man ihr Innerstes so deutlich sehen konnte.

Das gefiel ihr ganz und gar nicht.

Genauso wenig wie die Tatsache, dass Martin Brandner ihr seit ihrer Begegnung vor dem Laden des Gröbingers nicht mehr aus dem Sinn gegangen war. Immer wieder stieg in ihr die Erinnerung an sein braungebranntes Gesicht auf, an das herausfordernde Lächeln und das geradezu provozierende Selbstbewusstsein, mit dem er aufzutreten pflegte. Im ersten Moment, als sie beide vor dem Laden zusammengestoßen waren, da hatte sie ihn innerlich verwünscht. Aber jetzt war sie etwas milder gestimmt.

Irgendwie hatte der junge Tauchlehrer es geschafft, sie mit seinem Charme einzuwickeln. Und das wiederum weckte zwiespältige Gefühle in ihr.

"War irgendetwas besonderes beim Gröbinger?", fragte die Waldnerin.

"Geh, Mutter! Was soll in unserem verschlafenen Dorf schon besonders geschehen!", wehrte das Madl ab.

Die Mutter musste schmunzeln. "Da hast auch wieder recht, Franziska."

Jetzt kam Franzl Waldner von draußen in die Stube.

Franziska sah gleich, dass dem Vater irgendeine Laus über die Leber gelaufen sein musste. Jedenfalls zerfurchten tiefe Falten sein Gesicht.

Ehe der Waldner etwas sagen konnte, hatte seine Frau bereits das Wort ergriffen.

"Das Schlosshotel in Markstein hat angerufen! Sie möchten, dass du ihnen wieder deine Forellen lieferst...Warte, ich hab' alles aufgeschrieben."

Der Waldner nickte und kratzte sich nachdenklich am Kinn.

Dann wandte er sich an Franziska. "Der Niedermayer Peter ist da. Er wartet draußen auf dich und will dich unbedingt sprechen - so als ginge es um sein Leben!"

"Der Peter?", echote Franziska. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht damit, dass der Peter so schnell wieder bei ihr auftauchen würde. Und irgendwie war ihr die Aussicht, ihm gleich gegenübertreten zu müssen, unangenehm. Was sollte sie ihm sagen?

"Wenn's nach mir ginge, dann wäre der Niedermayer längst auf dem Rückweg...", meinte der Vater unterdessen.

"Mei, was hast du ihm denn gesagt?", fragte Franziska aufgebracht. Sie traute ihrem Vater durchaus zu, dass er mit seiner polternden Art wie ein Elefant im Porzellanladen gewütet und dafür gesorgt hatte, dass das Band zwischen ihnen nun vollständig zerschnitten war.

Der Fischer zuckte die Achseln.

"Was soll ich ihm schon gesagt haben", knurrte er, "nach mir geht es in diesem Haus ja zuletzt. Und wie ich dich kenne, wirst dich net davon abhalten lassen, ihm auf den Leim zu gehen! Ich habe gesagt, dass du gleich kommst!"

Franziskas Herz klopfte wie wild.

"Hättest ihn auch hereinbitten können, wie es sich gehört!", versetzte sie dann und lief zur Tür hinaus.

Da stand der Peter vor ihr.

Franziska stutzte, als sie ihn erblickte. Richtig herausgeputzt hatte er sich. Er trug ein Jackett mit Krawatte und Hemd. So elegant pflegte er sich noch nicht einmal zum Dorftanz herauszuputzen.

"Peter", murmelte Franziska leicht verwirrt.

"Ich dacht halt, das wir uns wieder versöhnen könnten, Franziska. Vielleicht war ich bei unserem letzten Zusammentreffen ein bisserl voreilig und..." Er zuckte mit den Schultern und wirkte etwas verlegen dabei. "Ich dachte, es wär das Beste, die Uhr einfach wieder zurückzudrehen..."

Wenn das nur so einfach möglich wäre!, ging der Franziska durch den Kopf. Aber was geschehen war, war geschehen. Und sie wusste nicht, ob der Riss zwischen ihr und Peter wieder zu kitten sein würde.

Und dann war da das Gesicht des Brandners, das ihr einfach nicht aus dem Sinn gehen wollte.

So sehr sie sich auch über Martin geärgert hatte, so sehr hatte sie doch auch das prickelnde Gefühl des Flirtens mit ihm genossen.

"Hör mal, Peter", begann sie, sprach dann aber nicht weiter. Ihr Kopf war plötzlich so leer. Sie wusste nicht, was sie ihm sagen sollte. Vielleicht wusste sie auch nur nicht, wie sie es ihm beibringen sollte, dass sie beide vielleicht doch nicht füreinander bestimmt waren. So genau wusste sie das nämlich nicht mehr.

"Nein, hör du mir erst einmal zu", sagte Peter. "Was hältst von einem stilvollen romantischen Abend in einem schönen Lokal. Net hier in der Gegend, wo uns Hinz und Kunz kennen. Ich dachte, wir fahren nach Markstein rüber. Du weißt doch, wir waren schonmal bei diesem Italiener..."

"Ich weiß, Peter, aber..."

"Ein romantischer Abend bei Kerzenschein, Franziska. Vielleicht bringt uns das wieder zusammen." Er ging auf sie zum, nahm ihre Hände. Ihr Herz klopfte. "Komm, zieh dir etwas Hübsches an und dann lass uns fahren..." Er deutete auf seinen Wagen, den er in respektvoller Entfernung vom Fischerhaus abgestellt hatte.

Franziska seufzte hörbar.

Ich kann es ihm in keinem Fall abschlagen, dachte sie. Aber ob es die richtige Entscheidung war, sich von Peter Niedermayer ausführen zu lassen, wusste sie nicht.

11

Lisa tauchte aus dem Wasser empor. Martin war kurz zuvor aus der Tiefe aufgestiegen und hatte bereits die erste Sprosse der Leiter erklommen, die von der BERGSEE KÖNIGIN hinab führte.

Jetzt reichte er Lisa seinen Arm und zog sie empor.

Nachdem es Thomas gelungen war, den Motor der BERGSEE-KÖNIGIN doch noch in Gang zu bekommen, waren sie zu einer 'Probefahrt' hinausgefahren. Natürlich hatte Lisa sich nicht lange bitten lassen, als Martin ihr einen der Tauchanzüge angeboten hatte, die sich an Bord der BERGSEE-KÖNIGIN befanden.

Und es war in der Tat ein phantastisches Erlebnis gewesen.

Das flirrende Licht der Sonne, das durch die Wasseroberfläche drang und Fauna und Flora unter Wasser erstrahlen ließ... Das würde Lisa nicht so schnell vergessen.

Das Wasser war kristallklar.

Ein paradiesisches Revier für jeden Taucher.

Allzu tief hatten sie nicht hinabtauchen können. Dazu war Lisa einfach noch zu unerfahren.

Martin half Lisa dabei, über die Reling an Bord zu klettern und die Druckflasche vom Rücken zu nehmen. Fast eine Stunde waren sie unter Wasser gewesen. Eine Zeit, die Lisa jetzt, im Rückblick, kaum mehr als ein Augenblick gewesen zu sein schien.

"Oh, Martin, es war wunderbar!", stieß sie beeindruckt hervor, als sie das Mundstück herausgenommen hatte und wieder sprechen konnte.

Martin, der nun auch seine eigene Druckflasche abgelegt hatte, stand vor ihr.

Ihre Blicke begegneten sich und Lisa spürte die elektrisierende Spannung zwischen ihnen. Im nächsten Moment gab Martin ihr einen Kuss. Ihre Lippen trafen sich schüchtern, dann fordernder. Lisa schlang ihre Arme um seinen Hals, und Martin fasste sie um die Taille.

Ein Ruck ging in diesem Moment durch die BERGSEE-KÖNIGIN und riss die Beiden ein Stück auseinander. Thomas hatte den Motor gezündet und das Boot setzte sich in Bewegung.

Lisa taumelte einen Schritt zurück, hielt sich dann aber an der Reling fest.

"Ein bisserl mehr mit Gefühl!", rief Martin zum Thomas hinüber.

"Mei, das ist die fehlende Feinabstimmung!", gab Thomas schulterzuckend und etwas hilflos zurück.

"Ja, ja!" Martin wandte sich wieder an Lisa. "Alles in Ordnung?"

"Freilich..."

"Hat dir jemand schonmal gesagt, dass du ein wunderschönes Madl bist?"

"Kaum jemand so charmant wie du, Martin..."

Er strich ihr mit einer zärtlichen Geste eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. "Schon, als ich dich das erste Mal gesehen habe, hast du mich regelrecht verzaubert..."

Lisa näherte sich ihm wieder etwas. Sie sah ihm direkt in die Augen.

"Als du mich zum ersten Mal gesehen hast, da hast mich überhaupt net bemerkt!", erwiderte sie dann. Aber die Empörung, die sie in diese Worte hineinzulegen versuchte, war nur gespielt. Und Martin spürte das natürlich.

Er hob die Augenbrauen.

"Ich - und dich nicht bemerken?"

"Natürlich! Ich war mit meiner Schwester dabei, als die Tauchschule mit großartigem Brimborium eröffnet wurde."

"Mei, da waren so viele Leute da..."

Lisa schlang wieder die Arme um seinen Hals, zog ihn sanft zu sich herab und küsste ihn. "Und eine bessere Ausrede bin ich dir net wert?", fragte sie dann.

"Was heißt hier Ausrede?"

"Vielleicht will ich auch einfach nur, dass du net damit aufhörst, mir so nette Sachen zu sagen...", murmelte Lisa.

"Das kannst du haben... So oft du möchtest, Lisa..."

Sie gingen unter Deck, wo Lisa sich in einer der Kabinen des Taucheranzugs entledigte und sich wieder anzog. Später saß sie mit Martin zusammen am Bug der BERGSEE-KÖNIGIN. Er nahm sie in den Arm und sie lehnte den Kopf an seine Schulter, während sie sich gemeinsam den faszinierenden Sonnenuntergang ansahen.

Ein einmaliges Farbenspiel war auf den schneebedeckten Hängen des Hochgebirges zu sehen.

Es war schon spät, als sie schließlich zurück zum Steg an der Tauchschule kamen. Die Dämmerung hatte längst eingesetzt und der Mond ging bereits als weiße Halbkugel über den Gipfeln auf.

"Ich möchte, dass wir uns wiedersehen", sagte Martin.

Er sah Lisa dabei auf eine Art und Weise an, die ihr wohlige Schauer über den Rücken jagte.

"Nix dagegen", flüsterte sie.

Sie legten schließlich an. Martin sprang an Land und vertäute die BERGSEE-KÖNIGIN provisorisch. Lisa sah ihm dabei zu. Mei, das ist ein anderes Mannsbild, als die Bauernsöhne in der Umgebung!, dachte sie. Irgendwie weltläufiger und gewandter wirkte er. Und das gefiel ihr.

Er half ihr über die Reling und nahm ihre Hand dabei.

Dann standen sie sich auf dem schmalen Steg gegenüber.

Ein leichter Wind war aufgekommen und kräuselte das zuletzt spiegelglatte Wasser des Bergsees.

"Soll ich dich nach Hause bringen, Lisa?", bot Martin Brandner an.

Lisa schüttelte den Kopf und ordnete dabei mit ein paar geschickten Handbewegungen ihr langes Haar.

"Nein, ich gehe zu Fuß", erklärte sie. "So, wie ich gekommen bin. Ein Stück den See entlang..."

"Aber es würde mir nichts ausmachen!"

"Ein anderes Mal, Martin." Sie strich mit einer zärtlichen Handbewegung über sein Kinn. "Gute Nacht", hauchte sie.

Und damit war sie auch schon ein paar Schritte gegangen, verließ nun den Steg und befand sich mit einem Sprung an Land.

Martin folgte ihr ein paar Schritte.

"Wann sehen wir uns wieder?", rief er.

Lisa lächelte zufrieden. Zwischenzeitlich hatte sie schon das Gefühl gehabt, das Heft des Handelns ganz aus der Hand gegeben zu haben. Wie Wachs war sie unter dem Einfluss seines Charmes zerflossen. Aber jetzt glaubte sie, die Fäden in diesem Spiel wieder in Händen zu halten.

Er hat angebissen!, dachte sie.

Eine andere Erklärung konnte es für sein Verhalten nicht geben.

Gut so!, überlegte sie. Aber auch wenn es mir sehr schwer fällt und ich mich arg zurückhalten muss - allzu sehr will ich ich mich ihm net an den Hals werfen!

"Lisa!", rief er.

Sie winkte ihm zu.

"Bis bald!", rief sie dann ziemlich unbestimmt, winkte noch einmal und lief dann am Seestrand entlang.

12

Für Franziska verlief der Abend nicht so schön. Auch Kerzenschein und das romantische Ambiente des italienischen Restaurants 'Carlo', dass vor allem bei vielen Bergtouristen regen Zulauf fand, konnte sie nicht wirklich einander näherbringen.

Die meiste Zeit über war Franziska mit Gedanken woanders...

Sie unterhielten sich kaum. Beide waren sie verlegen und verkrampft. Peter gab sich sichtlich Mühe, nicht in irgendein Fettnäpfchen zu treten.

Er ist ja ein netter Kerl, dachte Franziska. Aber ob er auch der Mann fürs Leben war?

Da hatte sie inzwischen doch ihre argen Zweifel.

Während der Autofahrt hatten sie die meiste Zeit über geschwiegen.

Jetzt erreichten sie das Waldner-Haus am Seeufer. Peter stoppte den Wagen.

"Sehen wir uns in den nächsten Tagen mal?", fragte er dann.

"Mei, bei uns ist zur Zeit eine Menge zu tun", sagte Franziska ausweichend. "Ich muss halt mal schauen..."

"Ja, ich versteh schon", sagte Peter.

Aber Franziska bezweifelte das.

"Peter...", murmelte sie, sprach aber nicht weiter. Sie sahen sich an.

Peter nahm ihre Hand und drückte sie.

"Ich liebe dich von ganzem Herzen, Franziska. Und ganz gleich, wie es im Moment auch zwischen uns aussehen mag - daran wird sich nie etwas ändern", erklärte er.

"Lass uns gegenseitig ein bisserl Zeit geben, Peter!"

Er nickte.

"Ich geb' dir alle Zeit der Welt, Franziska."

"Servus, Peter!"

"Gute Nacht, Franziska!"

Sie stieg aus und sah ihm noch einige Augenblicke lang nach, als er mit seinem Wagen in der Dunkelheit verschwand.

Dann wandte sie sich zum Haus.

Später am Abend traf sie ihre Schwester noch. Sie bemerkte wie aufgekratzt diese war, aber alles Nachfragen half nichts.

Lisa wollte einfach nicht damit heraus, warum sie so guter Laune war - und vor allem, um wen ihre Gedanken im Moment kreisten.

"Ich werde es dir irgendwann sicher alles haarklein erzählen, Schwesterherz", sagte sie. "Aber net jetzt! Der Zeitpunkt ist einfach noch net gekommen!"

"Schade", entgegnete Franziska. "Ein bisserl Aufheiterung hätte ich schon vertragen können..."

"Hattest du denn keinen schönen Abend?"

Franziska zuckte die Achseln. Warum sollte sie jetzt ihrer Schwester gegenüber das Herz ausschütten, wenn diese umgekehrt es vorzog, sie nicht mehr ins Vertrauen zu ziehen?

Sie wird sicher einen einleuchtenden Grund dafür haben!, meldete sich eine andere Stimme in Franziskas Innerem zu Wort.

Aber diese Stimme konnte nicht verhindern, dass ein Gefühl der Enttäuschung bei Franziska zurückblieb. Vertrauen war schließlich keine Einbahnstraße! Auch unter Schwestern nicht!

"Wir reden ein andernmal darüber, ja?", schlug sie dann an Lisa gewandt vor.

Diese zuckte nur mit den Achseln.

Das Glück leuchtete ihr geradezu aus den Augen und Franziska hätte in diesem Moment regelrecht neidisch werden können.

13

Einige Zeit ging ins Land. Der Sommer neigte sich langsam dem Ende zu. Lisa traf sich regelmäßig mit dem Brandner Martin, ohne dass irgendjemand anderes davon auch nur etwas geahnt hätte. Ihre Beziehung vertiefte sich zusehends.

Der einzige, der davon wusste war Thomas Hofer - aber hatte gelernt über die Eskapaden seines Arbeitgebers zu schweigen.

Franziska begegnete Martin Brandner auch hin und wieder und zunächst glaubte sie auch, dass es sich dabei um zufällige Zusammentreffen handelte.

Doch mit der Zeit bekam sie Zweifel.

Es kam ihr seltsam vor, dass Martin immer genau dann, wenn sie etwas beim Gröbinger zu besorgen hatte, auch dort auftauchte. Von der Tauchschule aus konnte er beobachten, wenn sie mit dem Wagen zum Dorf fuhr.

Wenn sie ihn auch zunächst als ziemlich aufdringlich und viel zu sehr von sich selbst überzeugt empfunden hatte, so änderte sich das doch nach und nach. Der Gedanke, dass dieser von allen umschwärmte Mann so viel dafür einsetzte, um ihr zu begegnen, schmeichelte ihr.

Und so wurde sie auch gegenüber seinen Annäherungsversuchen auch zunehmend weniger abweisend.

Einmal sprach sie ihn sogar auf die eigenartige Häufung von zufälligen Zusammentreffen an.

Er lächelte sie daraufhin schelmisch an und meinte nur: "Ob du's nun glaubst oder net - ich habe halt einen sechsten Sinn für dich!"

"Mei, jetzt übertreiben Sie aber schon ein bisserl!", versetzte das Madl daraufhin.

Sie siezte ihn bis dahin immer noch demonstrativ. Und außerdem hatte sie sich nach wie vor geweigert, ihm ihren Namen zu nennen - obwohl er vermutlich längst wusste, wer sie war.

Aber inzwischen wart das zu einer Art neckischem Spiel zwischen ihnen geworden.

Ein Spiel, auf das Franziska sich immer bereitwilliger einließ.

An einem der folgenden Tage fuhr Franziska in die Stadt.

Es war schon lange mal wieder an der Zeit gewesen, sich etwas Neues zum Anziehen zu kaufen. Sie war einfach nicht dazu gekommen. Normalerweise zogen die beiden Schwestern dann gemeinsam los, aber diesmal hatte Lisa etwas besseres zu tun.

Sie hatte keine Zeit, deutete vage etwas von einer Verabredung an und wollte ihm übrigen nichts weiter dazu sagen.

So fuhr Franziska schließlich allein. Sie brauchte einfach etwas Ablenkung.

Und vielleicht, so dachte sie, war es sogar ganz gut, dass ihre Schwester nicht mitkam. Schließlich war es für Franziska nicht ganz leicht, ständig die vor Glück leuchtenden Augen ihrer Schwester zu sehen, während sie selbst nicht so recht wusste, was nun werden sollte.

Franziska kaufte sich in Markstein ein Paar Schuhe und ein Kleid. Das Dorffest nahte heran und da wollte sie etwas Vernünftiges zum anziehen haben. Sich dort jedes Jahr im selben Dirndl zu präsentieren, danach stand ihr nicht der Sinn. Etwas, das gleichzeitig zünftig und doch mit Pfiff gearbeitet war, das hatte ihr vorgeschwebt. Nach langem Suchen fand sie das auch.

Nun war sie auf dem Rückweg.

Schon, als sie in Markstein losgefahren war, hatte sie das veränderte Wetter bemerkt. Gewaltige Wolkenberge hatten sich aufgetürmt und umsäumten die schneebedeckten Gipfel der Berge. Hier und da hörte man es bereits in der Höhe grummeln.

Da braut sich ganz schön etwas zusammen!, ging es ihr durch den Kopf.

Die ersten Regentropfen pladderten schon hernieder. Und innerhalb kürzester Zeit brach ein regelrechtes Unwetter los. Die Scheibenwischer schafften es bald kaum noch, für freie Sicht zu sorgen.

Franziska drosselte die Geschwindigkeit.

Blitze zuckten über den düster gewordenen Himmel, und der Donner folgte oft nur Sekundenbruchteile später. Dazu blies nun ein heftiger Wind, der Sträucher und Bäume grob hin und her wedelte.

Die schmale Bergstraße, die Franziska befuhr, war bei diesen Witterungsbedingungen alles andere als ungefährlich.

Ihr Wagen war der vollen Wucht des Windes ausgesetzt und sie musste sehr vorsichtig fahren, um nicht in einer der Steilkurven von der Fahrbahn gefegt zu werden. Die Hänge waren steil und rutschig.

In immer rascherer Folge waren die Donnerschläge zu hören.

Und der Regen nahm an Heftigkeit noch zu. Aus dem Wind wurde ein regelrechter Sturm.

Endlich tauchte der vertraute Bergsee in der Ferne auf - jetzt nur eine graue Fläche.

Franziska fuhr ins Tal hinab, durchquerte das Dorf und fuhr dann auf der Uferstraße, die geradewegs nach Hause führte.

Die Straße führte nicht immer dicht am Ufer entlang, manchmal schlug sie einen Bogen, entfernte sich etwas vom See, um dann einige hundert Meter wieder zu ihm zurückzukehren. Zur Rechten sah Franziska steil aufragende Hänge, teilweise mit Sträuchern und Bäumen bewachsen. Hier und da waren bereits Äste gebrochen.

Und dann blinkte plötzlich etwas rot auf.

Franziska verlangsamte das Tempo noch weiter und stoppte schließlich. Auf der Fahrbahn befand sich eine Straßensperre. Warnleuchten blinkten auf.

Ein Mann in der Kluft der freiwilligen Feuerwehr kam dem Wagen entgegen. Der Regen tropfte ihm von dem weißen Helm herunter.

Franziska erkannte ihn.

Es war der Hunzinger Ludwig, einer der drei Söhne des örtlichen Schreiners. Er klopfte gegen die Seitenscheibe.

Franziska ließ sie hinunter.

"Mei, Ludwig! Was ist denn los?", rief das Madel, während es gleichzeitig über ihnen dumpf grollte.

"Grüß dich, Franziska! Es hat einen gewaltigen Erdrutsch gegeben, der einen Teil der Straße mit Schlamm und Geröll bedeckt hat. Du kannst hier unmöglich weiterfahren!"

Franziska atmete tief durch.

"Das bedeutet, dass ich noch einmal ganz um den See herumfahren muss!", stieß sie hervor.

"Tut mir leid! Aber hier ist es lebensgefährlich! Der Peter ist übrigens auch bei uns... Wenn du noch mit ihm sprechen willst, ich habe hier ein Funkgerät..."

"Na, das ist net nötig", erwiderte Franziska rasch.

Der Ludwig Hunzinger zuckte die breiten Schultern. "War nur ein Angebot..."

"Servus, Ludwig... Ich werde dann mal drehen und zurückfahren!"

Es war gar nicht so einfach, auf der engen Fahrbahn zu drehen. Aber Ludwig half ihr dabei, indem er ihr zuwinkte.

Dann fuhr Franziska zurück.

Das Gewitter ließ inzwischen nach, der Regen ebenfalls.

Nur der Sturm peitschte mit unverminderter Heftigkeit von den Berghängen herab.

Franziska war alles andere als begeistert von der Aussicht, den Umweg um den See herum machen zu müssen. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Die Uferstraße würde sicherlich noch mehrere tagelang gesperrt bleiben.

Schon nach etwas mehr als einem Kilometer war Franziskas Fahrt allerdings auch jetzt wieder zu Ende. Die Wucht des Sturms hatte mehrere Bäume entwurzelt, die nun quer über der Straße lagen.

Es gab kein Weiterkommen mehr.

Franziska überlegte.

Sie saß praktisch in der Falle. Bis die Feuerwehr die Bäume weggeräumt hatte, war es Abend.

Sie blickte hinaus in Richtung des Sees, dessen Wassermassen durch den Wind aufgepeitscht worden waren.

Richtige kleine Wellen mit Schaumkronen drauf brachen sich an Land. Hinter einer Baumgruppe fiel ihr der Umriss eines Gebäudes auf.

Die Tauchschule von diesem Brandner Martin!, durchfuhr es sie. Es brannte Licht dort. Also war vermutlich auch jemand zu Hause.

Der Brandner wird die Bäume zwar auch net weghieven können - aber ich kann von dort aus wenigstens zu Hause anrufen und Bescheid sagen, dass es etwas später wird...

Außerdem war es besser, als hier zu bleiben.

Franziska war schließlich in der Bergwelt aufgewachsen und wusste, dass es gefährlich sein konnte, an dieser Stelle einfach im Wagen auszuharren bis alles vorbei war. Ein paar Meter oberhalb der Uferstraße wuchsen weitere Baumgruppen, von denen niemand vorhersagen konnte, ob sie der Macht des Sturms noch lange würden widerstehen können.

Franziska setzte den Wagen zurück und parkte ihn am Straßenrand. Dann stieg sie aus und lief los, so schnell sie konnte.

Behände überwand sie die Bäume. Dann rannte sie so schnell sie konnte auf die Tauchschule zu.

Wenig später klopfte sie an der Tür.

Sie war inzwischen schon völlig durchnässt. Das Haar klebte ihr am Kopf.

Martin Brandner öffnete ihr und sah sie verwundert an. Dann lächelte er.

"Mei, Fräulein Unbekannt... Komm schon rein! Bist ja triefnass!"

Franziska betrat das Haus.

In knappen Worten begann sie, zu berichten, was los war.

Martin hörte ihr zu. Schließlich sagte er: "Dich aufwärmen kannst hier gerne - nur telefonieren, das wird wohl nix!"

"Wieso net?"

"Die Leitung ist tot. Muss wohl auch eine Folge des Unwetters sein."

Martin führte sie in die Stube.

"Mein Gehilfe, der Hofer Thomas, ist gerade nach Hause gefahren, als das Unwetter begann", berichtete Martin jetzt.

"Ich hoffe nur, dass er da auch gut angekommen ist..."

"Das hoffe ich für dich mit!"

In Martins Augen blitzte es. "Schön, dass du die elende Siezerei aufgegeben hast - aber deinen Namen weiß ich noch immer net!"

Franziska lächelte etwas verlegen. "Ich bin Franziska Waldner", sagte sie und wollte dem Martin die Hand reichen.

Aber zuvor ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie musste lautstark niesen.

"Gesundheit, Franziska!"

"Danke", beeilte sich das Madl zu sagen, aber sie hatte es kaum ausgesprochen, da schüttelte es sie gleich noch einmal.

"Scheint, als hätte es dich ganz schön erwischt, was?", meinte Martin.

"Kein Wunder, bei dem Wetter!"

"Du musst dir was anderes anziehen, sonst bist du spätestens morgen krank..."

"Na, das geht schon!", wehrte Franziska ab, obwohl ihr eigentlich wohl klar war, dass Martin recht hatte.

"Ein fesches Dirndl hab ich zwar net im Kleiderschrank, aber wenn du mit einem Hemd und einer Hose zufrieden bist? Du sitzt hier mindestens zwei Stunden fest - und bis dahin sind deine Sachen trocken, wenn wir sie an den Kamin hängen..."

Franziska blickte Martin unschlüssig an.

Das sympathische Lächeln ihres Gegenübers ließ sie dann ebenfalls schmunzeln.

"Was schaust mich so an, Franziska? Ein Unhold bin ich net! Und die Kammer kannst ja hinter dir Abschließen, wenn du dich umziehst!"

Sie mussten beide lachen.

Franziska atmete tief durch.

"Es ist schon seltsam", meinte sie. "Da war ich gerade in Markstein in einer Boutique und habe mich neu eingekleidet - aber die Sachen sind natürlich im Wagen..."

"...und da musst du jetzt Sachen in einer völlig verkehrten Größe nehmen", ergänzte Martin. "Aber ein Gürtel wird das ganze schon zusammenhalten. Und ein so schönes Madl wie du sähe sogar noch in Lumpen fesch aus!"

"Der Süßholzraspler in dir kennt wohl kein Aufgeben, gell?"

"Was ich sage ist die reine Wahrheit!"

Ihre Blicke begegneten sich und verschmolzen für Momente miteinander.

Ein Schmeichler ist er!, dachte Franziska. Aber einer, dessen Charme einen verzaubern kann!

14

"Im Moment können wir hier nicht mehr tun", meinte der Einsatzleiter des Feuerwehrtrupps. "Es ist alles abgesperrt und gesichert..."

"Na wunderbar!", stieß der Hunzinger Ludwig hervor. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen.

Die ersten Löcher zeigten sich in der Wolkendecke.

Ludwig wandte sich an Peter Niedermayer, der neben ihm stand.

"Vorhin, da hab' ich übrigens dein Madel gesehen...", meinte er.

Peter sah den Hunzinger ungläubig an.

"Die Franziska? Mein, willst mich auf den Arm nehmen oder was ist los?"

"Geh, Peter! Ich sprech nix als die reine Wahrheit. Sie war mit dem Wagen unterwegs. Ich hab sie umgeschickt!"

"Warum hast mir das net eher gesagt?"

"Mei, wir hatten doch alle Hände voll zu tun."

"Ja schon, aber..."

"Außerdem hat sie es auch net gewollt!"

"Wie bitte?"

Peter runzelte die Stirn.

"Ja, ich hab' sie gefragt, ob sie mit dir net ein paar Wörtl über Funk wechseln möchte. Aber das wollte sie net. Ist es mit euch beiden net mehr zum besten - oder was ist los?"

Der Peter blickte etwas düster drein.

"Das geht dich nix an, Hunzinger!"

"Geh, Peter, ich wollt' dir net zu nahe treten!"

"Dann ist es ja gut."

Sie gingen auf die Straßensperre zu, an der der Hunzinger Franziska Waldner angehalten hatte.

Ein Einsatzwagen der Feuerwehr kam langsam um die Biegung, die die Uferstraße ein Stück weiter in Richtung des Dorfes machte.

Der Fahrer steckte den Kopf aus dem Seitenfenster. "Die umgestürzten Bäume haben wir notdürftig zur Seite geräumt. Aber da steht noch ein Wagen! Dass muss das Fahrzeug vom Waldner sein!"

"Vom Waldner?", echote Peter.

"Ja, aber es war niemand drin..."

Die Sache kam Peter jetzt reichlich mysteriös vor.

"Dafür kann es nur eine Erklärung geben", meinte Ludwig Hunzinger. "Als ich das Madl zurückgeschickt hab', waren die Bäume schon umgestürzt. Sie konnte net weiter!"

"Und wo ist sie dann?", rief Peter.

"Vielleicht ist sie zur Tauchschule gelaufen. Sie kann ja wohl net vom Erdboden verschluckt sein!"

Der Peter sah Ludwig wütend an. "Ich hoffe, dass genau das net passiert ist!", zischte er düster hervor. Und dann ging er mit schnellen Schritten voran.

"Warte!", rief der Hunzinger.

Aber der Niedermayer Peter achtete nicht auf ihn.

Er ging einfach weiter.

Ludwig Hunzinger seufzte hörbar und folgte ihm. Es dauerte nicht lange, dann hatten sie den Wagen erreicht. Er wirkte unversehrt.

Der Hunzinger deutete zur nahen Tauchschule hinüber.

"Eigentlich kann sie nur dort sein, Peter", meinte er.

"Ja, ja...", murmelte er und sah zu dem nahen Gebäude hinüber, dessen beleuchtete Fenster hinter ein Paar Bäumen gut zu sehen waren.

Peter sah plötzlich sehr nachdenklich aus.

Ludwig schlug ihm auf die Schulter.

"Komm, lass uns dort mal an der Tür klopfen! Wirst sehen, es ist ihr nix passiert!"

"Lass nur, ich geh schon allein...", erwiderte Peter.

"Wie du willst!"

Peter ging durch den aufgeweichten Boden in Richtung Seeufer - direkt auf die Tauchschule zu.

Er ging zur Tür, suchte nach einer Klingel und klopfte dann schließlich, als er keine fand. Als niemand öffnete, umrundete er das Haus und erreichte die Veranda auf der Seeseite. Auch hier gab es eine Tür. Er klopfte ziemlich heftig dagegen.

Martin Brandner öffnete ihm.

Peter mochte den Brandner nicht. Schon vom erste Tag an, da er in der Gegend aufgetaucht war, hatte er ihn abgelehnt.

Irgendwie hielt er ihn für einen Angeber und Schaumschläger.

Einen, dessen Gewohnheit es war, die Leute zu blenden. Und so etwas war ihm unsympathisch.

Außerdem missfiel ihm natürlich, dass die Madln des Dorfes ganz narrisch auf den Fremden waren.

Das ging ihm gegen den Strich.

"Servus", sagte der Brandner. "Bist du net der Peter Niedermayer?"

"Ja, der bin ich", nickte Peter.

"Ich hab schon von dir gehört..."

"Ich hoffe nur Gutes!"

"Mei..."

Peter wollte kein langes Palaver. Außerdem hörte er Schritte im Inneren des Hauses. Und das Prasseln eines Kaminfeuers.

"Ich bin wegen der Franziska hier...", erklärte er und deutete nach hinten. "Da droben auf der Uferstraße habe ich ihr Auto gesehen..."

"Peter!", kam ein erstaunter Ausruf aus dem Hausinneren.

Peter ging einen Schritt hinein, dicht am Brandner vorbei.

Und was der junge Bauernsohn dann sah, trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht.

Franziska stand vor ihm.

Ihre Kleider waren in der Nähe des Kamins fein säuberlich aufgehängt worden. Und sie trug Sachen, die ihr augenscheinlich viel zu groß waren. Unverkennbar Männerkleidung, die wohl dem Brandner gehörte! Das weite Hemd und die ebenfalls viel zu große Hose hatte sie mit einem Gürtel zusammengerafft.

Der Peter zählte eins und eins zusammen.

"Jetzt versteh ich", murmelte er düster.

"Peter, du solltest jetzt nix Falsches denken!", rief Franziska.

"Nix Falsches? Da gibt's doch wohl net besonders viele Möglichkeiten, wenn du mich fragst!" Peter fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Haar. "Mei, jetzt begreif ich alles! Deine Zurückhaltung! Deine plötzlichen Zweifel, was eine bevorstehende Hochzeit angeht... Und auch das, was du dem Hunzinger gesagt hast..."

"Dem Hunzinger?", echote Franziska ziemlich verständnislos.

Sie ging auf Peter zu, aber er wich vor ihr zurück.

"Klar, dass du mich net hast sprechen wollen! Du kamst ja wohl gerade von hier. Und da in Richtung Dorf ein paar Bäume umgestürzt waren, konntest auch schlecht behaupten..."

"Das ist doch alles net wahr!", rief das Madl.

"Hab ich nun Augen im Kopf oder net?", ereiferte sich Peter.

"Ich hoffe nur, dass du einen schönen Nachmittag hattest!" Er wandte sich herum in Richtung Tür, funkelte den Brandner mit einem giftigen Blick an und ballte dabei die Hände zu Fäusten.

"Wirst schon sehen, dass dir dieser ausgemachte Hallodri nur Unglück bringen wird!", stieß er dann hervor.

"Peter!"

Franziska fasste ihn am Arm.

Er sah sie an.

"Leb wohl, Franziska. Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir von nun an getrennte Wege gehen. Aber du hast das ja ohnehin schon wohl seit einiger Zeit getan..."

Und mit diesen Worten stürzte Peter hinaus.

Franziska folgte ihm.

Atemlos rannte sie hinaus und blieb dann schließlich stehen. Der Regen prasselte immer noch beständig vom Himmel, wenn auch nicht mehr ganz so heftig.

Der Peter ging ohne sich noch einmal umzudrehen davon.

"So warte doch, ich will dir erklären..."

"Es ist alles gesagt zwischen uns!", rief er zurück.

Franziska seufzte. Wohl hatte sie in letzter Zeit daran gezweifelt, dass der Peter wirklich der Richtige für sie war.

Aber dass es so mit ihnen endete, das hatte sie nun wirklich nicht gewollt.

Vielleicht hatte ich recht mit meinem Gefühl, dachte sie dann. Denn was sollte das für Liebe sein, der das Vertrauen fehlte!

Net einmal angehört hat er mich!, ging es dem Madl ärgerlich durch den Kopf. Und dabei hatte sich zwischen ihr und dem Brandner ja nun wirklich nichts abgespielt. Am Kamin hatten sie gesessen und sich etwas unterhalten. Und natürlich hatte sie die Aufmerksamkeit genossen, die dieser Mann ihr entgegengebracht hatte. Aber das war auch schon alles gewesen.

Sie ging zurück zum Haus.

Martin Brandner wartete auf der Veranda auf sie.

Vielleicht sollte ich meine Meinung über den Martin noch einmal überdenken, dachte sie.

Was auch immer sie anfangs über ihn gedacht haben mochte - in seiner Gegenwart hatte sie sich unbeschwert und glücklich gefühlt.

"Ich wollte dir bestimmt keine Schwierigkeiten machen, Franziska", sagte Martin sanft.

Franziska nickte und atmete dann tief durch.

Einen letzten Blick warf sie dem Niedermayer Peter nach, ehe sie sich wieder Martin zuwandte.

"Alles, was hier an Schwierigkeiten zu Tage getreten ist, war schon vorher da!", erklärte sie dann. "Darüber brauchst dir keine Gedanken zu machen..."

"Dann ist es ja gut."

Sie gingen wieder ins Haus, während draußen der Regen wieder heftiger zu prasseln begann.

15

"Ich würde dich gerne wiedersehen", sagte Martin, als der Regen endlich aufgehört hatte und er sie zu ihrem Wagen brachte.

Franziska sah ihn erstaunt an.

Warum sollte sie sich eigentlich nicht mit diesem Mann verabreden?, dachte sie. Schließlich hatte sie den gemeinsamen Nachmittag mit ihm sehr genossen.

Sie blieben stehen und sahen sich an.

"Vielleicht", sagte Franziska dann, getreu ihrer Devise, es dem Martin nicht zu leicht zu machen. Aber dann musste sie über sich selbst schmunzeln und verbesserte sich: "Ich würde mich freuen, Martin."

Martin nahm ihre Hand und sie ließ es geschehen.

"Mei, unsere erste Begegnung beim Gröbinger sah vielleicht net gerad' nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft aus, aber was net ist..."

"...das kann noch werden? Meinst du das?"

"Willst das wirklich ausschließen, Franziska?"

Nein, das konnte sie nicht.

Dazu hatte Martin sie mit seinem Charme schon viel zu sehr verzaubert. Richtig eingewickelt hat er mich!, dachte sie.

Aber es hatte ihr gefallen.

"Nur um eins möchte ich dich bitten", sagte der Brandner Martin dann noch.

Er sah sie dabei plötzlich sehr ernst an.

"Und worum?"

"Wenn wir uns nochmal treffen, dann wäre es nett, wenn du es net gerade überall herumerzählen würdest!"

Franziska runzelte die Stirn.

Was sollte der Sinn sein, der zweifellos dahinterstecken musste?

Martin sah dem Madl sofort an, was sie dachte. "Mei, du weißt doch selbst, wie sich die Leute hier im Tal das Maul zerreißen!"

"Ja, sicher, aber..."

"Und bei manchen hier ist mein Ruf jetzt schon net der Beste! Ich möchte dem net weiter Vorschub leisten."

Franziska seufzte. "Das verstehe ich", nickte sie.

Sie erreichten den Wagen, der noch immer dort stand, wie sie ihn abgestellt hatte.

Zum Abschied erdreistete Martin sich und gab ihr frecherweise einfach einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

Franziska war viel zu überrascht, um darauf etwas sagen zu können.

"Bis bald", murmelte Martin mit sanfter Stimme.

Die Verwirrung hielt noch an, als Franziska am Steuer ihres Wagens saß und die Uferstraße in Richtung Dorf davonfuhr. Alles drehte sich in ihr. In ihrem Herzen herrschte ein so vollkommenes Chaos wie schon seit langem nicht mehr.

Sie musste den Umweg um den See herum machen, um nach Hause zu gelangen.

Franziska stellte den Wagen vor das Fischerhaus und als sie dann die Stube betrat, freuten sich alle, dass sie unversehrt zurückgekehrt war.

Lisa bemerkte sofort den glücklichen Glanz in den Augen ihrer Schwester.

"Wenn du so ausschaust, musst du ja wohl etwas ganz besonders Schönes zum Anziehen gefunden haben!", meinte Lisa etwas spitz.

"Das habe ich auch", lächelte Franziska und genoss es nun, ihrerseits ein Geheimnis vor ihrer Schwester zu haben. Denn sie dachte nicht im Traum daran, der Lisa auch nur ein einziges Wort darüber zu sagen, dass sie mit dem Brandner Martin zusammen einträglich vor dem Kamin gesessen hatte, bis ihre Sachen getrocknet waren...

Später einmal werde ich es ihr erzählen, überlegte sie sich. Aber einstweilen war dafür noch nicht der rechte Zeitpunkt gekommen.

Franziska berichtete nur, dass sie den Umweg um den See machen musste, da der Sturm einen Erdrutsch verursacht hatte.

Der Waldner nickte.

"Ja, ich hab wohl gehört, wie die freiwillige Feuerwehr ausgerückt ist!", erklärte er. "Das war aber auch ein Unwetter! Und fast aus heiterem Himmel - wenn man das so sagen kann!"

"Mei, es wird halt langsam Herbst, Franzl!", gab seine Frau zu bedenken. "Und den ersten Vorboten haben wir heute zu spüren gekriegt!"

Das Gesicht des Vaters wurde ernst.

"Wir haben ein paar böse Schäden am Räucherhaus", sagte er dann. "Das wird noch eine Heidenarbeit werden, das wieder einigermaßen so hinzubekommen, wie es war! Außerdem ist eins der Boote so voll Wasser gelaufen, dass es jetzt auf Grund liegt..."

"Mei!", stieß Franziska hervor.

"Ich habe versucht, zu retten, was zu retten war - und deine Schwester hat mir dabei geholfen!", berichtete der Waldner dann.

Franziska wandte sich an ihre Schwester.

"Dann warst du heute gar net weg?"

Schließlich hatte sie es doch einer angeblichen Verabredung wegen abgelehnt, zusammen mit Franziska in die Stadt zu fahren.

Lisa zuckte die Achseln.

"Das Unwetter ist mir leider dazwischen gekommen", meinte sie.

Und die Mutter ergänzte: "Den ganze Tag hat sie ein Kleid nach dem anderen anprobiert, aber für wen sie diesen Aufwand treibt, damit will sie einfach net heraus!"

"Alles zu seiner Zeit!", versetzte Lisa.

16

"Das kannst du dir net bieten lassen, Peter!", sagte der Ludwig Hunzinger, nachdem er zusammen mit dem Sohn des Niedermayer-Bauern schon fast zwei Stunden im Wirtshaus gesessen hatte. Erst nach mehreren Maß Bier hatte Peter sich dem Ludwig anvertraut und ihm berichtet, das zwischen ihm und der Franziska Waldner der Haussegen schief hing.

"Ich weiß auch net", meinte Peter und schüttelte verzweifelt den Kopf. "irgendetwas muss ich ganz entschieden falsch gemacht haben! Aber im Augenblick habe ich kein Glück..."

"Schmarrn", meinte der Ludwig und schlug dem Peter auf die Schultern. "Dieser Hallodri hat dem Madl den Kopf verdreht. Aber das soll ja net der erste derartige Fall hier im Tal sein, soweit ich gehört habe!"

"Jedenfalls ist es jetzt zwischen mir und der Franziska wohl endgültig aus..."

"Mei, willst etwa so schnell aufgeben, Peter? Das ist doch sonst net deine Art!"

Peter zuckte die Achseln.

Er war ratlos.

Und gleichzeitig kochte die Wut in ihm. Wut auf den Brandner Martin, der überall den großen Mann gab und ihm jetzt auch noch das Madl ausgespannt hatte.

"Ich hab den Brandner auch von Anfang an net so recht gut leiden können", berichtete Ludwig Hunzinger. "Irgendwie war mir dieser Angeber unsympathisch. Und ich kann mir auch net denken, dass seine Tauchschule auf die Dauer eine Goldgrube sein wird! Die Handvoll von Touristen, die sich bislang von ihm über den See haben fahren lassen, kann ihn kaum über Wasser halten, wenn ich richtig rechnen kann!"

"Von mir aus soll der Brandner sein Geschäft lieber heute als morgen dicht machen", schimpfte Peter. "Aber was nützt mir das?"

"Gib das Madl noch net verloren, Peter! An deiner Stelle würde ich dem Brandner mal einen Besuch abstatten, um ihm deutlich die Meinung zu sagen!"

Peter atmete tief durch.

"Ja, das hätte ich wohl besser schon tun sollen, als ich die Beiden zusammen erwischt habe! Aber das lässt sich ja noch nachholen..."

Der Niedermayer Peter trank seine Maß leer und setzte sie dann geräuschvoll auf den Schanktisch, das es krachte.

Ludwig fasste ihn bei der Schulter.

"Warte, Peter!"

"Ich habe schon zu lange gewartet! Du hast mir in dem Punkt die Augen geöffnet, Ludwig!"

Aber Ludwig schüttelte ganz energisch den Kopf.

"Geh net jetzt zum Brandner. Das bringt nix! Dazu hast du jetzt auch mindestens zwei Maß zuviel getrunken."

Peter hob die Augenbrauen.

"Ich versteh dich net... Gerade hast du mir noch geraten, es dem Brandner zu zeigen und nun..."

"Man muss immer den rechten Zeitpunkt abwarten - und der ist heute ganz bestimmt net mehr... Außerdem solltest du vielleicht doch erst noch einmal mit der Franziska zu reden versuchen... Willst sie denn überhaupt noch wiedergewinnen?"

"Ja freilich", nickte der Peter. "Für mich gibt's nur die eine! Und dem Brandner werde ich schon die Meinung geigen!"

Der Peter bestellte sich eine weitere Maß. Sein Wagenschlüssel lag auf dem Schanktisch und der Hunzinger Ludwig nutzte einen günstigen Moment, um sie einfach einzustecken.

Es wäre in jedem Fall nicht mehr gut gewesen, wenn sich der Niedermayer an diesem Abend noch einmal ans Steuer gesetzt hätte...

17

Dem Niedermayer Peter ging es am nächsten Morgen nicht gut.

Der Schädel brummte ihm, und er erinnerte sich dunkel daran, dass Ludwig Hunzinger ihn heimgebracht hatte.

Und als sein Vater auf ein einredete, dass er den Dingen seine Lauf lassen und akzeptieren müsste, dass sich die Franziska nun einmal anderweitig entschieden habe, hörte er überhaupt nicht hin.

Das wollte er nicht hören.

Und er dachte auch gar nicht daran, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

"Wer weiß - wenn du net immer diese unsinnigen Vorbehalte gegen das Madl gehabt hättest..."

"Du meinst, dann wäre alles anders?", unterbrach ihn der Niedermayer-Bauer.

"Ja, das wäre schon möglich"

"Das ist doch eine Illusion, Bub!"

"Nur weil sie den Namen Waldner trägt - als ob das ein Grund wäre sie abzulehnen! Schließlich hat der Fischer bei dem tragischen Bergunfall damals einen genauso großen Verlust erlitten wie du!"

Der Bauer lief im Gesicht dunkelrot an. Dann stand er stumm auf und ging zur Tür hinaus.

Peter saß jetzt allein mit seiner Mutter in der Stube.

"Mei, war denn das nötig?", fragte sie, nachdem ihr Mann hinausgegangen war.

"Ich glaub schon", erwiderte Peter. "Wahrscheinlich hätte ich es ihm schon viel früher einmal ins Gesicht sagen sollen!"

Er atmete tief durch. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

"Der Brandner, dieser Hallodri, kriegt die Franziska jedenfalls net!"

Düstere Entschlossenheit schwang in diesen Worten mit.

Und das spürte auch die Niedermayerin.

"Geh, Bub, mach keinen Unsinn, hörst du?"

"Ich weiß schon, was ich tue!", gab er kurz angebunden zurück. "Etwas, das ich gestern Abend schon hätte tun sollen... Aber da war ich einfach zu wütend, um klar denken zu können!"

Am Nachmittag fuhr Peter zunächst noch einmal zu den Waldners. Seine gestrige Begegnung mit Franziska hatte unter einem sehr ungünstigen Stern gestanden und der junge Mann hoffte, dass er den Bruch zwischen ihnen beiden vielleicht doch noch kitten konnte. Die Aussichten dafür standen zwar nicht besonders gut, aber Peter wollte nichts unversucht lassen.

Aber bei den Waldners traf er nur die Lisa an.

Sie saß auf dem Bootssteg, ließ die Beine hinabbaumeln und wirkte sehr nachdenklich.

"Die Franziska ist net hier", gab sie ihm etwas abwesend Auskunft. "Zusammen mit dem Vater ist sie mit unseren Forellen zum Schlosshotel in Markstein gefahren... Und meine Mutter trifft sich mit der Großhuberin zum Kaffee. Aber mit meiner Mutter hast dich ja wohl ohnehin net unterhalten wollen, oder?"

"Nein", murmelte Peter niedergeschlagen.

Lisa sah dem Burschen an, wie aufgewühlt er innerlich war.

Hatte sie auch gerade noch sehr in sich selbst und ihren eigenen Gedanken versunken dagesessen, so wirkte sie im nächsten Moment viel wacher. Sie erhob sich und ging auf Peter zu.

"Mei, es geht mich ja nix an...", begann sie dann etwas zögernd und studierte dabei ganz genau, was sich im Gesicht ihres Gegenübers regte. "Zwischen dir und der Franziska steht es im Moment net zum besten, gell?"

Peter atmete tief durch.

"Das kann man wohl laut sagen", gestand er ein. "So hat die Franziska dir also von der ganzen Sache erzählt..."

"Wir sind halt Schwestern und haben schon seit jeher alles miteinander geteilt..."

"Ich verstehe schon. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass ich dich hier antreffe - und net die Franziska."

Lisa sah Peter Niedermayer überrascht an.

"Wieso denn das?", fragte sie verwundert.

Peter zuckte die Schultern. Und dabei quetschte er etwas verlegen die großen Hände in die kleinen Taschen seiner Krachledernen.

"Ganz einfach! Vielleicht weißt du ja, was mit dem Madl los ist. Gut, ich bin ihr vielleicht mit meinem Heiratswunsch ein bisserl schnell gewesen. Aber dass ich sie damit so verschreckt hab, dass ich sie geradewegs dem größten Hallodri rund um den See herum in die Arme getrieben haben soll, das kann ich noch immer net akzeptieren!"

"Geh, Peter, wen meinst du denn damit?"

"Na, den Brandner Martin, wen denn sonst!" Peter fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das helle Haar. "Es ist doch allseits bekannt, dass dieser Tauchlehrer - oder was immer er nun auch beruflich tun mag - jedem Dirndl hinterherstarrt und versucht, bei ihr anzubandeln." Martin machte eine wegwerfende Handbewegung, in die er seinen Ärger hineinlegte.

"Ein gewisses Talent in diesen Dingen kann man ihm ja wohl net absprechen! Jedenfalls wär' die Franziska ja wohl kaum die erste, die auf ihn reingefallen ist!"

Lisa war völlig konsterniert.

Sie starrte Peter ungläubig an.

"Die Franziska und der Brandner Martin?", fragte sie dann und dabei stockte ihre Stimme.

Ihr Gesicht wurde dunkelrot.

"Ja, mei, wovon red' ich denn die ganze Zeit! Ich dachte, darüber wüsstest du Bescheid! Schließlich hast du doch gesagt, dass ihr beiden über solche Dinge miteinander reden würdet..."

"Ja, das tun wir auch", murmelte Lisa und es machte ihr große Mühe, ihre Gefühle dabei einigermaßen im Zaum zu halten. "Aber das wusste ich net..."

"Ich versteh die Madln net! Man sieht doch auf den ersten Blick, dass der Brandner nix weiter zu bieten hat als flotte Sprüche und ein nettes Lächeln! Aber letzteres ist falsch! Und wer weiß, was noch alles net an dem Kerl stimmt..."

Lisa schluckte.

Konnte es wahr sein? Der Brandner hatte, während er ihr schöne Augen machte, mehr oder minder gleichzeitig etwas mit ihrer Schwester angefangen?

Das war fast nicht zu glauben.

Andererseits gab es für Peter Niedermayer nun wirklich keinen Grund, ihr ein Märchen zu erzählen.

"Woher weiß du das, Peter?", fragte Lisa dann drängend. "Das mit Franziska und dem Brandner?"

"Na, überrascht habe ich sie beide - mehr oder weniger jedenfalls! Wir haben mit der freiwilligen Feuerwehr die Uferstraße passierbar gemacht..." Mit bebender Stimme fasste der junge Bauernsohn die Ereignisse zusammen, wie sie sich aus seiner Sicht zugetragen hatten. "Seine Kleider hatte sie an! Spricht das net Bände..."

"Ja, da hast du wohl recht", murmelte Lisa.

Solltest du net erst einmal den Martin dazu anhören?, meldete sich sofort eine innere Stimme bei Lisa. Vielleicht beruht ja alles auf einem Missverständnis...

Aber wenn man die Sache nüchtern betrachtete, dann sprach eigentlich so gut wie nichts für diese Möglichkeit.

"Nun sag mir ehrlich, Lisa: Glaubst du, es besteht noch eine reelle Chance, deine Schwester von diesem Hallodri loszueisen? Vielleicht könntest du ihr einmal ein bisserl die Augen über diesen Kerl öffnen..."

"Das will ich gerne tun", nickte Lisa.

Aber mit den Gedanken war sie ganz woanders.

Die rechte Hand wanderte empor. Sie legte sie etwa in Höhe des Nabels auf den Bauch und schluckte. Tränen glänzten in ihren Augen.

Wer hätte das gedacht, Franziska!, dachte sie grimmig. Immer so brav und bieder tun - und nun das!

Peter merkte, dass das Madl ihm kaum noch zuhörte.

Und er selbst hatte ja auch noch etwas anderes vor.

"Ich werde dann mal wieder fahren", erklärte er.

"Vielleicht ist es besser, wenn du erstmal mit der Franziska redest, bevor ich es wieder versuche... Kannst ihr ausrichten, dass ich sie nach wie vor von ganzem Herzen liebe."

"Das mache ich", versprach Lisa.

Dem Peter rasten die Gedanken nur so durch den Kopf. Und ein paar davon sprach er unvorsichtigerweise auch aus...

"Heimzahlen sollte man es dem Brandner Martin!", knurrte er düster. "Ihm die BERGSEE KÖNIGIN versenken oder diese sogenannte Tauchschule über dem Kopf anzünden!"

"Peter!", entfuhr es der Lisa erschrocken. "Mei, was sagst du denn da?"

"Ist doch wahr! Jedenfalls würde der Kerl dann wohl endgültig aus der Gegend verschwinden! Musst du net auch zugeben, dass er schon genug durcheinandergebracht hat? Das Maß ist langsam voll, wie ich finde!"

"Peter, du wirst doch wohl net ernsthaft daran denken..."

Er lachte heiser auf.

"Mach dir um mich mal keine Sorgen, Lisa!", erwiderte er dann.

Peter ging zurück zu seinem Wagen. Die Hände ballte er dabei zu Fäusten.

Die blanke Wut fühlte er in sich aufsteigen. Er setzte sich ans Steuer seines Wagens und brauste los.

Lisa blickte ihm einen Augenblick lang nach.

Wohl war ihr nicht dabei, ihn so gehen zu lassen.

Peter fuhr geradewegs zur Tauchschule des Brandners. Er stellte den Wagen ab und stieg aus. Der Hunzinger hatte am Vorabend zwar gemeint, dass man so etwas nicht mit heißer Wut im Herzen anfangen sollte, aber da war Peter jetzt ganz anderer Meinung. Der sollte ruhig etwas davon zu spüren kriegen!

Peter ging auf das Haus zu.

Der Hofer Thomas kam von Bootssteg her und begrüßte ihn.

"Wo ist der Brandner?", fauchte Peter. Er ging auf Thomas zu und packte ihn bei den Schultern.

Thomas Hofer verstand die Welt nicht mehr.

Er blickte sein Gegenüber an.

"Nun lass schon gut sein, Niedermayer! Seit wann haben wir zwei denn Streit miteinander!"

"Wir zwei net - aber ich hab welchen mit dem Brandner! Wo ist er?"

"Am besten, du beruhigst dich erst einmal, bevor du noch einen Herzinfarkt bekommst!"

"Abwimmeln sollst mich wohl, was?"

Peter ging auf die Veranda zu, stieß polternd die Tür auf und ging hinein.

Thomas Hofer folgte ihm.

Er seufzte hörbar.

"Der Brandner ist net hier! Du kannst hier gerne überall nachsehen! Er ist in Markstein, um ein paar Ersatzteile für die BERGSEE KÖNIGIN zu besorgen."

Peter betrat noch ziemlich ungestüm einen Nachbarraum, ehe er sich endlich etwas beruhigte.

"Ich komme wieder!", erklärte er. "Das kannst deinem feinen Arbeitgeber ruhig ausrichten!"

18

Lisa überlegte lange, was sie tun sollte. Zuerst dachte sie darüber nach, ihre Schwester bei der Rückkehr sofort zur Rede zu stellen. Aber dann entschied sie sich doch dagegen, denn dann hätte sie ja auch offenbaren müssen, dass sie selbst etwas mit dem Brandner hatte.

Und das wollte sie nicht.

Noch nicht.

Denn da gab es noch etwas anderes, was dann hätte zur Sprache kommen müssen. Etwas, das Lisa selbst erst seit dem Morgen mit letzter Sicherheit wusste, nachdem sie in Markstein bei ihrem Arzt gewesen war.

Sie war schwanger.

Das Kind vom Martin Brandner trug sie unter dem Herzen - eine Tatsache, von der der auch der Tauchlehrer noch nichts ahnte.

Nein, dachte sie, es geht net anders. Zuerst muss ich mit ihm sprechen. Auch wenn es ihr schwer fiel.

Als Franziska nach Hause kam, richtete sie ihr aus, dass der Peter Niedermayer nach ihr gefragt hatte.

"Mei, er ist wirklich äußerst hartnäckig", seufzte Franziska.

"Er ist ein netter Kerl, Franziska. Vielleicht ein bisserl langweilig für meinen Geschmack, aber für dich doch gerade richtig!"

Franziska sah ihre Schwester verständnislos an.

Die unterschwellige Bosheit in der letzten Bemerkung ihrer Schwester war nicht zu überhören gewesen.

"Was redest du denn da?", fragte sie etwas verwirrt.

"Am besten, du vergisst es so schnell wie möglich wieder... Ich hab nix gesagt."

"Mei, eine richtige Giftspritzerin bist ja heute."

Und dann konnte Lisa der Versuchung nicht widerstehen.

"Der Peter hat behauptet, du hättest mit dem Brandner Martin angebandelt?"

Franziska seufzte.

Sie fühlte sich ertappt. Natürlich fand sie den Martin sympathisch und wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie sich vielleicht sogar in ihn verliebt. Ganz sicher war sie sich da nicht. Auf jeden Fall war sie sehr gerne mit ihm zusammen.

Aber da von einem Verhältnis oder etwas ähnlichem zu sprechen - das war natürlich verfrüht.

"Du kennst doch den Peter", sagte Franziska etwas unbestimmt. "Er ist beinahe krankhaft eifersüchtig..."

Das Gespräch brach ab, als der Waldner den Raum betrat.

"Nanu, plötzlich so schweigsam?", wunderte sich der Fischer. "Sonst redet ihr zwei Madln doch in einem fort, ohne dass es da irgendwann eine nennenswerte Pause geben tät..."

19

Es war schon ziemlich dunkel, als Lisa an diesem Abend zur Tauchschule fuhr. Den Wagen stellte sie an der Straße ab, um das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Sie wollte ihre Gedanken noch etwas sammeln bevor sie mit Martin zusammentraf.

Am Nachmittag hatte sie versucht, ihn telefonisch zu erreichen.

Aber es war niemand an den Apparat gegangen, Mit Franziska hatte sich bislang keine weitere Gesprächsmöglichkeit ergeben. Fast hatte Lisa den Eindruck, dass ihre Schwester ihr aus dem Weg ging. Ein untrüglicher Instinkt sagte ihr, dass an der Aussage des Niedermayer Peters wahrscheinlich doch mehr dran war, als sie es zunächst hatte wahrhaben wollen.

Normalerweise hätte Lisa das - wenn schon nicht auf die leichte Schulter - so doch auch nicht sonderlich schwer genommen. Schließlich war ihr von Anfang an klar gewesen, dass Martin Brandner von den Dirndln im Tal nur so umschwärmt wurde. So war es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit gewesen, das genau das passierte, was nun allem Anschein nach auch geschehen war.

Andererseits - dass es ausgerechnet ihre eigene Schwester sein musste, die ihr in die Parade fuhr, das machte ihr doch sehr zu schaffen.

Und dann war da natürlich noch die Tatsache, dass sie schwanger war.

Geplant war dieses Kind natürlich nicht, und auch wenn es bislang nicht mehr als einen mikroskopisch kleines Gebilde war, so veränderte es doch bereits jetzt alles. Ich muss es ihm sagen, dachte sie. Ganz gleich, wie er dann auch reagieren mag.

Sie näherte sich der Tauchschule.

Ein kühler Wind blies von den Bergen herab und ließ Lisa leicht frösteln. Das Nahen des Herbstes kündigte sich mehr als deutlich an. Weit draußen auf dem See hatte sich eine graue Nebelbank gebildet, die vom Mondlicht angestrahlt wurde. Sie wirkte wie ein grauweißer Saum um den Fuß der Berge, die sich drüben, am anderen Ufer, wie große dunkle Schatten erhoben.

Ein eigenartiger Geruch stieg ihr in die Nase.

Brandgeruch.

Lisa stand mitten auf dem schmalen Weg, der um das Haus der Tauchschule herum zum Seeufer führte. Sie war wie erstarrt.

irgendetwas stimmte hier nicht, das spürte sie ganz deutlich. Sie vernahm ein verdächtiges Knacken und Knistern.

Dann gab es einen Knall. Fensterscheiben zerbarsten klirrend.

Aus einem der Fenster im Untergeschoss züngelten Flammen heraus.

In der Tauchschule brannte es!

Deutlich konnte Lisa dann schnelle Schritte von der anderen Hausseite her vernehmen. Jemand lief über die Veranda, dann vom Haus weg auf den Weg. Im Mondlicht sah Lisa sein Gesicht.

Es war niemand anderes als Peter Niedermayer!

So hatte er seine Drohung also tatsächlich wahrgemacht und dem Martin die Tauchschule über dem Kopf angezündet! So, wie er mir's gesagt hat!

Lisa sah den Peter jetzt als dunklen Schatten in ihre Richtung rennen. Er keuchte und hustete. Offenbar hatte er etwas vom Rauch abbekommen.

Lisa duckte sich und schlug sich seitwärts in die dichten Büsche. Dem Peter wollte sie jetzt nicht begegnen. Wer konnte schon wissen, wozu der jetzt, in dieser Situation fähig war?

Wer ein Haus anzündete und dabei ertappt wurde, der mochte vielleicht auch zu einer Kurzschlusshandlung im Stande sein.

Lisa kauerte sich nieder.

Der Peter rannte an ihr vorbei, hielt noch einmal an, um sich sein schändliches Werk noch einmal anzusehen. Man konnte hören, wie erneut Scheiben barsten.

Bis die Feuerwehr eintraf, würde vermutlich nichts mehr an dem Gebäude zu retten sein.

Eine ausgebrannte Ruine würde bleiben und Martin Brandner konnte dann so gut wie von vorn anfangen.

Lisa hoffte nur, dass niemand mehr im Haus gewesen war.

Schließlich diente die Tauchschule Martin ja auch als Wohnung.

Das Madl wartete ab, bis Peter Niedermayer an ihr vorbei und seine Schritte verklungen waren. Sie erhob sich. Aus der Ferne konnte sie hören, wie ein Wagen gestartet wurde.

Offenbar hatte der Peter sein Auto etwas weiter entfernt abgestellt.

Vermutlich, um sich nicht bei zufälligen Beobachtern verdächtig zu machen. Schließlich konnte der Brandstifter ja nicht sicher sein, ob nicht ein Angler von seinem Boot aus gerade zufällig beobachtete, was sich rings um die Tauchschule so tat.

Dort loderten die Flammen jetzt überall aus den Fenstern heraus. Ein wahres Inferno war dort ausgebrochen. Und wenn Martin sich dort drinnen befunden hatte, dann konnte es wohl kaum eine Rettung für ihn geben.

Und wenn du hundertmal mit meiner Schwester angebandelt hättest - das hast auf keinen Fall verdient gehabt!, ging es Lisa besorgt durch den Kopf.

Einen Augenblick stand sie wie erstarrt da und blickte gebannt auf den Tanz der Flammen.

Ich muss so schnell wie möglich Hilfe holen!, durchzuckte es sie dann.

Ihr Atem ging schneller. Der Puls schlug ihr bis zum Hals.

Sie war derart aufgewühlt, dass sie das Motorengeräusch nur ganz am Rande wahrnahm.

Etwas Dunkles kam auf sie zu.

Ein unbeleuchteter Wagen, der vermutlich bei einer Baumgruppe am Seeufer geparkt hatte. Es ging blitzschnell.

Lisa wirbelte herum, da war der Wagen schon heran. Dessen Scheinwerfer leuchteten nun plötzlich auf. Das letzte, was Lisa sah, war ein Meer aus gleißendem Licht. Dann umgab sie nur noch Dunkelheit.

20

Als Lisa erwachte, sah sie als erstes das Gesicht einer Krankenschwester, die sie mit einem besorgten Blick bedachte.

Lisa öffnete den Mund und versuchte zu sprechen. Ihre Stimme klang entsetzlich schwach.

"Wo bin ich?", fragte sie ganz leise.

"Im Hospital", erklärte die Schwester. "Sie haben großes Glück gehabt..."

"Glück?"

"Ruhen Sie sich jetzt aus, damit Sie so schnell wie möglich wieder zu Kräften kommen..."

Lisa atmete schwer. Sie dachte daran, ob dem Kind, dass sie unter dem Herzen trug, wohl etwas geschehen war. Aber noch ehe sie die Frage ausgesprochen hatte, hatte die Krankenschwester das Zimmer bereits verlassen.

Sie versuchte, sich an das zu erinnern, was geschehen war. Immer wieder sah sie den dunklen Umriss des unbekannten Wagens auf sich zurasen, sah das grelle Licht der Scheinwerfer.

Dann endete ihre Erinnerung.

Später erfuhr sie, dass es der Thomas Hofer gewesen war, der sie gefunden und den Rettungsdienst verständigt hatte. Der Hofer hatte seine Jacke in der Tauchschule vergessen und war deswegen noch einmal zurückgekehrt. Jedenfalls erzählte er das im Dorf herum, wie Lisa von ihrem Vater berichtet wurde.

Die Waldners besuchten ihre Tochter natürlich so schnell wie möglich. Eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen, das war alles, was das Madl von dem Unfall davongetragen hatte.

"Wir sind so froh, dass dir nix Ernsthaftes passiert ist", stieß Franzl Waldner hervor, als er mit seiner Frau und Franziska an Lisas Bett stand. "Aber dieser vermaledeite Verkehrsrowdi, der dich über den Haufen gefahren hat, der soll dafür büßen! Ist doch eine Hundsgemeinheit, einfach jemanden anzufahren und dann net den Anstand zu haben, sich um den Verletzten zu kümmern!"

Lisa seufzte.

"Vielleicht hat er mich gar net gesehen", sagte Lisa.

"Im Scheinwerferlicht? Mei, das ist doch ausgeschlossen!

Der muss doch was gemerkt haben!"

"Der Fahrer hatte die Scheinwerfer ausgeschaltet."

"Was?" Der Waldner runzelte die Stirn.

"Ja, wie ein Gespenst kam der Wagen zwischen den Bäumen hervor. Und erst im letzten Moment gingen die Lichter an. Ich war schon ein Stückerl zur Seite gesprungen und..."

"Und was?" Der Waldner sah seine Tochter aufmerksam an.

Lisa schloss die Augen und schüttelte dann den Kopf.

"Ich weiß net.."

"Was heißt hier 'ich weiß net'?"

"Ich kann mich an nix mehr erinnern... Von diesem Zeitpunkt an ist da nur noch Dunkelheit in meinem Gedächtnis."

Die Waldnerin fasste ihren Mann am Arm. "Wir wollen das Madl jetzt net überfordern, hörst du? Die Polizei kümmert sich um die Sache. Die wird schon herausfinden, was sich wirklich zugetragen hat!"

"Was ist mit der Tauchschule?", fragte Lisa dann. "Und mit dem Brandner? Ist er bei dem Brand..."

"Dem ist nix passiert", mischte sich Franziska ein.

"Was den Brandner angeht, scheinst ja ganz genau Bescheid zu wissen!", erwiderte Lisa etwas gereizt.

Die beiden Schwestern wechselten einen Blick miteinander.

Franziska erwiderte nichts. Sie wollte mit Lisa jetzt keinen Hader anfangen.

Indessen meldete sich der Waldner zu Wort. "Die Polizei rätselt noch darüber, wer wohl den Brand gelegt hat. Denn, dass es Brandstiftung war steht eindeutig fest. Das ganze Haus ist eine verkohlte Ruine. Ich kann net behaupten, jemals besondere Sympathie für den Brandner gehabt zu haben - aber dass er nun seine Tauchschule auf diese Weise aufgeben muss, das ist schon recht hart. Mei, wenn ich mir vorstelle, jemand würde etwas ähnliches mit meinem Geschäft anstellen! Der Sturmschaden am Räucherhaus ist schon ein Schlag, der mich schwer genug trifft..."

"Ich weiß, wer den Brand gelegt hat", erklärte Lisa mit tonloser Stimme.

Alle sahen sie fragend an.

"Du weißt das?", fragte der Waldner Franzl entsetzt.

"Es war der Niedermayer Peter! Ich habe ihn beobachtet, als ich mich der Tauchschule näherte. Er kam aus dem Haus, ich habe ihn kurz im Mondlicht gesehen, bin mir aber hundertprozentig sicher, dass er es war. Augenblicke später schlugen die ersten Flammen aus den Fenstern... Die Scheiben zerbarsten... Es war so furchtbar!"

"Der Peter?", flüsterte Franziska. "Bist du dir da wirklich sicher?"

"Mei, ich hab ihn doch gesehen! Wie ein Dieb war er auf der Flucht, damit ihn ja niemand in der Nähe des Hauses sieht!" Und dann berichtete Lisa über die Begegnung, die sie zuvor mit ihm gehabt hatte. Wie er beim Waldner-Haus aufgetaucht war, um mit Franziska zu sprechen und statt dessen nur ihre Schwester angetroffen hatte. "Mei, ich hätte dem Peter niemals zugetraut, dass er seine wüsten Drohungen wirklich in die Tat umsetzt!", sagte sie dann. Sie sah ihre Schwester an. "Er muss dich wirklich sehr lieben, Franziska, auch wenn du seine Gefühle wohl net mehr so recht erwidern kannst."

"Die Polizei wird dich auch befragen", erklärte jetzt der Waldner. "Und du wirst ihr wohl die Wahrheit sagen müssen."

Lisa nickte leicht.

In diesem Moment ging die Tür des Krankenzimmers auf. Der Arzt kam mit einer Schwester herein. "Die Patientin braucht noch viel Ruhe", erklärte er. "Ich glaube, für heute reicht die Anstrengung..."

So verabschiedeten sich die Waldners von ihrer Lisa.

Franziska hätte Lisa gerne noch gefragt, was sie denn eigentlich zu dieser späten Stunde bei der Tauchschule gesucht hatte. Aber das wollte sie natürlich nicht in Anwesenheit der Eltern tun. Ein Verdacht stieg in ihr auf...

21

Lisa wurde später auch von der Polizei befragt - genau wie ihr Vater es vermutet hatte. Das Madl sagte aus, was es gesehen hatte. Das war zwar insgesamt nicht viel, aber dass der Niedermayer Peter von der Veranda der Tauchschule her gekommen war, als die ersten Flammen emporschlugen, daran gab es für Lisa keinen Zweifel.

Natürlich wurde daraufhin auch Peter Niedermayer von den Gendarmen angehört. Peter bestritt, irgendetwas mit dem Brand zu tun gehabt zu haben. Trotz der wütenden Aussprüche, die er Lisa gegenüber von sich gegeben hatte.

"Ja, haben Sie nun gesagt, dass Sie den Brandner am liebsten die Tauchschule über dem Kopf anzünden würden oder net?", fragte der Beamte, der sich zum Niedermayer-Hof hinausbemüht hatte.

Sie saßen in der guten Stube des Haupthauses und der Niedermayer-Bauer und seine Frau sahen ihren Sohn mit sorgenvollem Gesicht dabei zu, wie er sich hin und her wandt.

Aber alles, was er sagte, klang nach schwachen Ausflüchten.

Nein, was für eine Schande!, dachte der Bauer. Unser Sohn - vermutlich ein gemeiner Brandstifter! Einer, dem aus Eifersucht die Sicherungen durchbrannten!

Ich hab's doch geahnt, dachte der Bauer zornig und biss sich auf die Lippe. Der Name Waldner bringt unserer Familie nix als Unglück...

Peter seufzte unterdessen.

"Ja", gab er ehrlich zu. "Ich habe da im Zorn das eine oder andere gegenüber der Lisa so dahingesagt... Ich war halt ziemlich aufgebracht und da redet man schonmal etwas daher, was man hernach gar net so meint!"

"Aber wenn dann genau das eintritt, was man zuvor ankündigt, sieht die Sache schon etwas anders aus!", gab der Beamte zu bedenken.

"Aber ich hab die Tauchschule net angezündet! Mei, ich war schon recht wütend auf den Brandner, diesen arroganten Kerl..."

"Und da haben Sie's ihm mal so richtig zeigen wollen, net wahr?", vermutete der Beamte.

"Aber, nein!", brauste der Peter auf. "So wahr ich hier vor Ihnen sitze, das habe ich net getan!"

Der Beamte sah ihn ernst an. "Jedenfalls werden Sie sich erstmal zur Verfügung halten müssen, Herr Niedermayer. Und außerdem müssen Sie damit rechnen, dass es zu einem Prozess kommt. Brandstiftung ist schließlich kein Kavaliersdelikt! Und es hätte gut und gerne jemand dabei zu Schaden kommen können!"

22

Die Besuchszeit im Hospital war längst vorbei, als die Tür zu Lisas Krankenzimmer sich öffnete. Herein schlich Martin Brandner mit einem Blumenstrauß auf dem Arm.

"Martin!", stieß Lisa hervor, als sie den Tauchlehrer freudestrahlend ansah.

"Servus, Lisa!"

Er überreichte ihr den duftenden Blumenstrauß und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

"Mei, wie kommt's denn, dass dich die Schwestern überhaupt noch hereingelassen haben!"

"Ach, das war net schwer, sie davon zu überzeugen..."

"Hast deinen Charme spielen lassen?"

"Naja, ein bisserl schon..."

"Aber net zuviel, wie ich hoffe!"

"Geh, Lisa, wo denkst denn hin." Er atmete tief durch und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. "Ich habe gehört, du hattest einen Unfall, direkt vor der Tauchschule..."

"Unfall! Du bist gut! Ein rücksichtsloser Fahrer brauste mit seinem Wagen daher, und ich konnte nur im letzten Moment ausweichen. Wer weiß, was sonst geschehen wäre!"

"Hast du ihn erkannt - den Fahrer?"

"Nix hab ich gesehen. Genauso wenig wie dieser Unbekannte wohl von mir. Sonst kann ich mir net vorstellen, dass er so dahergerast wäre! Wie vom Teufel gejagt kam er mir vor!"

Martin strich ihr zart über das Gesicht. "Mei, was machst auch gerade in einer solchen Nacht bei der Tauchschule..."

"Ich hab dir etwas wichtiges sagen wollen... Und den vermutlichen Brandstifter, den habe ich gesehen!"

Martin nickte leicht. Aber dieses Thema schien ihn seltsamerweise gar nicht so sonderlich zu interessieren.

"Ja, ich hab schon gehört", sagte er etwas schleppend.

"Das ganze Dorf redet von nix anderem, als dass der Niedermayer Peter ein Brandstifter ist..."

"Und du hast keine Idee, weshalb der Peter einen solchen Hass auf dich haben könnt', dass er dir buchstäblich das Dach über dem Kopf anzünden wollte?"

"Na, da hab' ich keine Ahnung", behauptete Martin.

"Aber ich weiß es."

"Und? Was war der Grund?"

"Der Peter hat gedacht, dass du etwas mit meiner Schwester Franziska hättest." Das Madl legte ihre Hand auf Martins Unterarm. "Aber das ist doch net wahr, oder?"

Martin schüttelte hastig den Kopf. "Geh, auf was für Ideen du kommst!", sagte er, vermied es aber dabei, Lisa anzusehen.

"Bist deshalb in jener Nacht zur Tauchschule gekommen? Um mich das zu fragen?"

"Net in erster Linie", sagte Lisa dann leise. Ihr Herzschlag ging jetzt etwas schneller. "Obwohl ich dich das sicher auch gefragt hätte. Nein, da ist noch etwas anders, was ich dir mitteilen muss. Etwas, das du als erster erfahren sollst - vor allen anderen im Dorf, meine Familie eingeschlossen."

Martin hob die Augenbrauen.

Lisa nahm unterdessen seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.

"Unserem Kind hat dieser Unfall zum Glück keinen Schaden zugefügt."

"Unserem Kind?", echote Martin ungläubig und starrte Lisa entgeistert an. Ihrer beider Blicke begegneten sich, dann entspannte sich Martins Gesicht. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er nahm ihre Hände und fragte dann: "Hab ich das jetzt richtig verstanden?"

"Ja, Martin, ich bin schwanger!"

Martin atmete tief durch.

Einige Augenblicke lang schien er gar nichts sagen zu können. Er schluckte und atmete tief durch.

"Mei!", stieß er dann hervor.

Lisa studierte sehr genau seine Züge, beobachtete die kleinste Regung in seinem Gesicht. Jetzt wird es sich herausstellen, dachte sie. Hält er zu mir und steht zu seiner Verantwortung oder lässt er mich fallen wie eine heiße Kartoffel.

"Ich weiß, dass du net gerad begeistert sein wirst", sagte Lisa.

Aber Martin schüttelte den Kopf.

Sein Gesichtsausdruck entspannte sich etwas.

Er strich Lisa zärtlich über das Haar.

"Ich muss mich halt erst ein bisserl an den Gedanken gewöhnen, Vater zu werden", meinte er. "Und außerdem..."

"Außerdem was?", hakte das Madl nach.

"Ein günstiger Moment ist das auch net gerade, eine Familie zu gründen... Ich stehe mehr oder weniger vor dem Nichts. Die Tauchschule ist abgebrannt und trotz der zu erwartenden Versicherungssumme wird es net leicht sein, das Geschäft wieder auf die Beine zu bringen..."

Misstrauen wuchs in Lisas Herzen.

"Was soll das heißen - 'kein günstiger Augenblick'?"

Martin zuckte die Achseln. "Nur, dass ich mir im Moment ein Zimmer im Dorf genommen hab' und alles andere als eine vermögende Partie bin! Aber es wird schon alles gut werden..."

Lisa sah Martin mit ernstem Blick an. "Ich weiß, dass du dir gern ein Hintertürchen offenlässt, Martin..."

"Aber, hör mal...", versuchte er abzuwehren.

"Nein, nein, nun lass mich mal reden. Es ist schon so, wie ich sage! Warum sonst die ganze Geheimhalterei bei unseren Treffen? Ich hab ja genauso gedacht, Martin..."

"Geh, Lisa!"

"...aber jetzt müssen wir uns entscheiden, was aus unserer Zukunft werden soll. Und allzuviel Zeit können wir uns damit net mehr lassen!"

23

Franziska besuchte ihre Schwester in den nächsten Tagen regelmäßig. Und schließlich sprachen sie auch über das, was zwischen ihnen beiden stand: Lisas Verhältnis mit Martin Brandner.

Schließlich redete das ganze Dorf darüber, dass ein dahingehender Verdacht das Motiv für die angebliche Brandstiftung des Niedermayer Peters gewesen war.

"Ich muss dir etwas sagen", erklärte Lisa ihrer Schwester. "Bald werden es ohnehin alle wissen... Ich bekomme ein Kind vom Martin.

"Oh!", stieß Franziska hervor.

Sie musste unwillkürlich schlucken.

Dann war es also wahr! Ihre Schwester hatte ein Verhältnis mit dem attraktiven Tauchlehrer. Aber das es schon so weit zwischen beiden war, damit hätte Franziska niemals gerechnet.

Ich hatte von Anfang an Recht!, dachte sie. Ein Hallodri ist er! Während er mit meiner Schwester bereits verbandelt war, hat er gleichzeitig versucht, mit mir etwas anzufangen!

"Und... was hat der Martin dazu gesagt?", erkundigte sich Franziska dann, während ihr Gesicht eine dunkelrote Färbung angenommen hatte. Sie wollte jetzt etwas Zeit gewinnen.

Denn nun stand sie vor der Frage, ob sie ihrer Schwester die volle Wahrheit sagen sollte?

"Ja. Mei, ich weiß, dass sich das ganze Dorf jetzt das Maul über Martin und mich zerreißen wird! Aber er steht zu mir und dem Kind..." Lisa setzte sich auf und nahm Franziskas Hände.

"Weißt du, warum ich an jenem Abend bei der Tauchschule war?"

"Nein."

"Ich wollte den Martin zur Rede stellen, weil der Peter mir gegenüber doch behauptet hatte, dass zwischen dir und dem Martin wäre auch etwas..."

"Und? Hast den Martin inzwischen zur Rede gestellt?"

Sie nickte.

"Ja. Er hat gesagt, dass er dich zwar sehr sympathisch fände, aber nix Weitergehendes zwischen euch wäre. Auch wenn der Peter das behaupten würde!"

Franziska nickte. "Ich verstehe...", murmelte sie.

"Ist es so, wie der Martin mir gesagt hat?", hakte Lisa dann nach.

"Ja", nickte Lisa und versuchte ihrem Tonfall einen entschiedenen Klang zu geben. "Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich schon ein bisserl in den Martin verliebt hatte... Aber das wird dich ja wohl kaum wundern, gell?"

"Nein", lächelte Lisa.

"Keine Sorge", sagte Franziska. "Ich werde ihn dir net streitig machen, den Brandner Martin..."

Lisa atmete tief durch.

"Der Peter", begann sie dann, sprach aber nicht weiter.

"Was ist mit ihm?", hakte Franziska nach.

"Er muss dich sehr lieben, wenn er deinetwegen dem Martin die Tauchschule über dem Kopf anzündet. Net, dass ich so einen Eifersuchtsanfall gutheißen kann, aber..."

"Peter hat es im Moment net leicht", berichtete Franziska. "Die meisten Leute schneiden ihn. Nach dem, was du gesagt hast, halten sie ihn für den Brandstifter!"

"Aber ich musste doch die Wahrheit sagen!", stieß Lisa hervor.

"Natürlich... Aber nun wird ihn wahrscheinlich ein Prozess erwarten."

Lisa hob die Augenbrauen. "Hat er den denn net auch verdient, wenn er den Brand gelegt hat?"

"Und wenn er es gar net war? Ich kann mir so etwas beim Peter eigentlich gar net vorstellen! Das passt überhaupt net zu ihm. Selbst wenn er wütend war!"

Ein Lächeln glitt über Lisas Gesicht.

"Dafür, dass du doch eigentlich nix mehr von ihm wissen willst, legst dich aber ganz schön für ihn ins Zeug!"

Franziska blickte ihre Schwester überrascht an.

An dem , was sie sagte, war durchaus etwas dran.

Sie hatte in den letzten Tagen des öfteren an den Peter denken müssen.

Franziska blickte auf die Uhr an der Wand und meinte dann: "Ich hab noch einiges zu tun. Morgen komme ich dich natürlich wieder besuchen..."

"Franziska..."

"Ja?"

"Tu mir einen Gefallen und bring du unseren Eltern bei, dass sie bald Großeltern werden. Ich glaub net, dass die sonderlich begeistert darüber sind!"

"Ich glaube, da machst du dir aber unbegründete Sorgen. Wer würde sich denn an ihrer Stelle net über einen Enkel freuen?"

24

Franziska tat ihrer Schwester diesen Gefallen. Franzl Waldner regte sich zwar erst ein bisschen darüber auf, dass ausgerechnet jemand wie Martin Brandner der Vater seines ersten Enkels werden musste, aber der Waldnerin gelang es rasch, ihren Mann wieder zu beruhigen.

"Mei, unsere Madln haben's auch net leicht!", schalt sie ihren Mann. "Bei der Franziska sollte es auf keinen Fall der Niedermayer Peter sein und und bei der Lisa ist der Brandner net recht! Gibt's überhaupt irgendein Mannsbild hier im Tal, das deinen hohen Ansprüchen genügen könnte?"

"Kann ich was dafür, dass die alle nix taugen?", gab der Waldner zurück, aber diese Bemerkung war schon nicht mehr ganz ernst gemeint. Ein Schmunzeln stand in seinem Gesicht.

Später fuhr Franziska noch hinauf zum Niedermayer-Hof.

Peter war gerade damit beschäftigt, einen Heu-Stadl auszubessern, als Franziska auf dem Hof anlangte. Er blickte sie abwartend an und stieg dann von der Leiter herunter, mit deren Hilfe er hinauf zum Dach des Stadls gelangt war.

Er wirkte etwas verlegen und unsicher. Aber Franziska ging es nicht anders.

"Na, willst mal einem echten Brandstifter in die Augen schauen - oder was führt dich hier her?", fragte er dann mit bitterem Unterton.

"Geh, Peter", murmelte sie.

"Viel Besuch hatten wir net hier oben - jedenfalls keinen erfreulichen."

Franziska ging auf ihn zu.

"Hast du den Brand gelegt oder hast du es net?", fragte sie.

"Aber nein! So etwas würde ich net tun - so groß mein Ärger über den Brandner auch gewesen sein mag! Aber das ist ja jetzt auch egal... Ich hoffe nur, dass du und dieser Tauchlehrer auch glücklich werdet und er dich net enttäuscht..."

Franziska seufzte.

"Glücklich wird er bestimmt - aber net mit mir."

"Ach, nein?"

Peter legte die Stirn in Falten.

Franziska sah ihn an und schüttelte den Kopf. "Meine Schwester bekommt ein Kind von ihm... Ich habe mich eine Weile von ihm blenden lassen, aber inzwischen weiß ich, dass er net der Richtige für mich gewesen wäre! Zur Lisa paßt er viel besser..."

"Mei...", stieß Peter etwas ungläubig hervor.

"Und was die Sache mit der Brandstiftung angeht..."

"Ich weiß, dass meine Version der Ereignisse schwer zu glauben ist! Zumal deine Schwester mich ja kurz nachdem das Feuer ausbrach gesehen hat!"

"Du warst also wirklich bei der Tauchschule!"

Er hob die Schultern. "Mei, ich hab ihm halt die Meinung sagen wollen! Wir zwei - wir gehören doch zusammen! Und da kommt dieser Hallodri, macht dir schöne Augen und du fällst gleich auf ihn rein!"

"Charmant ist er unbestrittenermaßen", entschuldigte sich Franziska. "Aber was geschah denn, als du bei der Tauchschule ankamst?"

"Ich rief nach dem Brandner. Aber der war offenbar net da. Die Tür zum Haus stand halb offen. Ich blickte hinein. Der Brandgeruch war unverkennbar... Im Inneren tobte schon das Feuer! Ich wollte so schnell wie möglich die Feuerwehr verständigen, bin ins Auto gesprungen und sofort losgefahren. So etwas wie ein Handy hab' ich ja net." Peter seufzte. "Mei, das wird mir nun nur keiner mehr glauben... Die Polizei net und im Dorf auch niemand..."

Peter hielt inne.

Sein Blick traf sich mit dem Franziskas.

Sie trat auf ihn zu und nahm seine Hände.

"Ich glaube dir", sagte sie.

"Auch dann noch, wenn ich bald vor dem Richter stehe und der angesichts der Tatsachen wohl kaum anders kann, als mich zu verurteilen?"

Sie schlang die Arme um seinen Hals. "Ach, Peter", sagte sie. "Wir gehören zusammen. Auch wenn es etwas länger gedauert hat, bis ich das erkannt habe... Aber du hast mich halt auch so bedrängt, dass ich darüber ganz narrisch geworden bin und selbst kaum noch wusste, was ich eigentlich wollte..."

Peter ah sie überrascht an.

Dann lächelte er.

"Mei, ich hätte halt auch net so ungeduldig sein sollen!", gab der Peter zu. "Du hast ja im Grunde recht gehabt! Das ganze Leben haben wir vor uns - da braucht man wirklich nix überstürzen..."

Einen Augenblick später trafen sich ihre Lippen zu einem Kuss.

25

Martin Brandner hatte sich nach der furchtbaren Brandnacht in der Tauchschule ein Zimmer im Dorf genommen. Es lag im Obergeschoss des Ladens, den der Gröbinger betrieb. Unruhig ging er an diesem Abend darin hin und her. Er hasste es, zur Untätigkeit verurteilt zu sein. Zwar war die BERGSEE-KÖNIGIN nach wie vor einsatzfähig, aber ein Teil seiner Ausrüstung war mit verbrannt. Und außerdem saß Martin Brandner finanziell so sehr auf dem Trockenen, dass er kaum die Treibstoffkosten für die BERGSEE-KÖNIGIN hätte aufbringen können.

Davon abgesehen standen die Touristen ja ohnehin nicht gerade Schlange an der Anlegestelle.

Und jetzt, nachdem sich der Brand längst herumgesprochen hatte, natürlich erst recht nicht.

Martin raufte sich das blonde Haar.

Manchmal stürzt auch alles auf einmal auf einen herein!, ging es ihm durch den Kopf. Ausgerechnet jetzt wurde er Vater! Einen ungünstigeren Moment hätte es kaum geben können.

Und doch der Gedanke, mit Lisa Waldner eine Familie zu gründen gefiel ihm auf der anderen Seite auch. Eine bessere kannst net finden!, ging es ihm durch den Kopf. Und im Grunde deines Herzens weißt du das auch!

Das Klopfen an der Tür riss Martin aus seinen Gedanken heraus.

"Ja?", fragte er etwas unwirscher, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. "Wer ist da?"

"Ich bin's! Der Hofer Thomas!"

"Komm rein!"

Die Tür öffnete sich und der Hofer trat ein.

"Hier steckst also!", stieß er hervor. "Regelrecht verkrochen hast dich ja!"

"Geh, Thomas!"

"Ich möchte langsam wissen, wie's nun weitergeht. Der Hunzinger-Bauer hat mir eine Stellung angeboten, und ich frag mich nun..."

"...ob du sie vielleicht doch besser annehmen solltest, net wahr?", vollendete Martin mit bitterem Unterton.

"Ja, genau!"

Martin atmete tief durch.

"Hör zu, Thomas", sagte er dann in gedämpfterem Tonfall.

"Es gibt Probleme... Die Versicherung will net so ohne weiteres zahlen. Es wird noch ermittelt... Wer weiß, wie lang sich die ganze Sache hinzieht. Vielleicht nimmst die Stellung beim Hunzinger doch sicherheitshalber an..."

Thomas nickte.

Er druckste ein wenig herum. Dann brachte er schließlich gepresst hervor. "Der Niedermayer Peter ist ziemlich stark in Verdacht geraten..."

"Die Polizei wird schon darauf kommen, dass das ein Irrtum ist!"

"Ich bin auch verhört worden", sagte Thomas Hofer. Es war ihm anzusehen, wie sehr ihn das aufgewühlt hatte. "Die haben gesagt, dass es vielleicht Brandstiftung war! Und alle Indizien laufen doch auf den Peter heraus! Am Ende muss er dafür vor Gericht! Aber soweit darfst du es net kommen lassen, Martin!"

"Geh, Thomas! Es wird selten so heiß gegessen wie gekocht wird!", versuchte er den anderen zu beschwichtigen.

Aber Thomas schüttelte energisch den Kopf.

"Also entweder du rückst mit der Wahrheit heraus und gibst zu, dass du..."

"Sei still!", rief Martin. "Du weißt, in was für einer verzweifelten Lage ich war, Thomas! Du weißt es am aller besten! Bis über beide Ohren habe ich mich verschuldet, um die Tauchschule gründen zu können und dann läuft alles net so glatt wie ich es erhofft hatte! Ich wusste weder ein noch aus!", Er wischte sich mit einer hektischen Geste über das Gesicht.

Thomas legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Ich versteh doch", sagte er. "Und ich hänge ja selbst mit drin! Schließlich habe ich dir bei den Vorbereitungen geholfen... Aber das wäre mir in dem Fall gleichgültig! Ich will net, dass da ein Unschuldiger reingezogen wird! Und dass der Peter unschuldig ist, dass weißt du doch am besten! Schließlich hast ihn beobachtet, wie er mit seinem Wagen angekommen ist, ausstieg und zur Veranda ging..."

Martin atmete tief durch.

"Mach reinen Tisch, Martin. Auch deiner Lisa wegen. Oder willst dein neues Familienglück auf einer Lüge aufbauen?"

Daran dachte Martin Brandner mit Grausen.

Wie sollte er Lisa erklären, dass er es war, der sie um ein Haar angefahren hatte, als er in heller Panik davonfuhr. Nur einen dunklen Schatten hatte er gesehen und erst später war ihm klargeworden, was passiert war.

"Wenn du keinen reinen Tisch machst, dann mach ich es allein!", sagte Thomas Hofer mit Bestimmtheit.

"Du setzt mir die Pistole auf die Brust!"

"Glaub mir, Martin! Für dich ist's auch am besten - net allein für den armen Niedermayer! Der hat schon genug leiden müssen, nur weil ihn die ganzen Deppen der Umgebung für einen Brandstifter halten! Naja, die wissen's ja auch net besser..."

Martin Brandner ging zum Fenster und blickte hinaus.

Vor seinem inneren Auge sah er Lisas Gesicht.

Der Thomas hat recht!, dachte er. Am Ende wird der Niedermayer doch noch mein Schwager - und durch meine Schwierigkeiten kommt er vor Gericht!

"Das wird ein schwerer Gang", sagte er dann leise. "Und die Versicherungssumme ist dann wohl endgültig verloren!"

"Zur Polizei gehe ich ja mit", sagte Thomas. "Nur das mit der Waldner Lisa, dass musst schon allein durchstehen!"

26

Einige Tage später wurde Lisa aus dem Spital entlassen.

Martin Brandner holte sie mit seinem Wagen ab und Lisa freute sich sehr darüber. Mit einer innigen Umarmung begrüßte sie ihn. Er hatte einen Blumenstrauß für sie mitgebracht.

Auf dem Weg nach Hause hielt Martin dann plötzlich an.

Sie befanden sich auf einer hohen Bergstraße. Man hatte einen phantastischen Blick über den See, der blau in der Sonne schimmerte.

Martin stellte Motor ab.

"Mei, was ist denn los?", fragte Lisa. "Wollen wir hier oben Wurzeln schlagen?"

"Geh, Lisa..."

"Warum fährst dann net weiter ins Tal hinab?"

"Weil wir miteinander reden müssen", erklärte er. "Es geht um das, was wir über unsere Zukunft besprochen haben..."

Das Madl sah ihn erstaunt an. "Du willst doch jetzt net etwa einen Rückzieher machen?", fragte sie - halb im Scherz.

"Na, ich net. Aber du vielleicht..."

"Ich?"

"Ja, wenn ich dir alles erzählt habe, was ich jetzt auf dem Herzen hab'. Vielleicht willst mich dann gar net mehr haben!"

"Geh, Martin! Red net so einen Schmarrn!"

"Leider ist es ganz und gar kein Schmarrn, Lisa! Weißt du, ich hatte vor, die Tauchschule anzuzünden, um die Versicherungssumme einstreichen zu können."

"Was?", entfuhr es Lisa.

Martin nickte und berichtete ihr von der verzweifelten finanziellen und geschäftlichen Situation, in der sich befunden hatte. "Ich war mit dem Hofer Thomas gestern bei der Polizei und habe meine Aussage gemacht. Schließlich sollte net der Niedermayer dafür büßen müssen..."

"Aber... Ich habe ihn doch gesehen, den Peter!"

"Ja, er war dort."

"Dass verstehe ich net!"

Martin atmete tief durch. "Also alles von Anfang an. Der Thomas und ich hatten damit begonnen, alles vorzubereiten. Eigentlich sollte die Tauchschule erst zwei Tage später brennen, denn ich hätte dann noch meine Ausrüstung in Sicherheit bringen können. Durch einen Defekt im Sicherungskasten brach dann tatsächlich unbeabsichtigt ein Brand aus. Die Versuchung war einfach zu groß, die Feuerwehr net gleich zu rufen, sondern erstmal abzuwarten, bis nix mehr zu retten war. Ich saß in meinem Wagen, den ich zwischen den Bäumen geparkt hatte und wartete ab... Dann kam der Peter, dieser Narr! Er ist dann schnell wieder davongefahren. Und ich bekam Panik! Ich musste so rasch wie möglich weg!" Martin stockte. Er sah Lisa an und musste schlucken. "Ich habe dich net gesehen, Lisa... Erst später, als ich hörte, dass du bei der Tauchschule verunglückt warst, dämmerte mir, dass ich daran Schuld sein könnt'. Auch deswegen musste ich nun reinen Tisch machen."

"Martin...", flüsterte Lisa.

"Um ein Haar hätte ich aus Leichtsinnigkeit meine zukünftige Frau und mein Kind überfahren... und was die andere Geschicht' angeht, so wirst mir wahrscheinlich die Entstehung des Feuers genauso wenig abnehmen wie die Polizei oder die Versicherung... Und irgendwie geschieht es mir auch recht! Schließlich war ich ja kurz davor, wirklich selbst Feuer zu legen. Und wenn ich net absichtlich so lange gezögert hätte, wäre es kein Problem für mich gewesen, den Brand zu löschen..."

"Martin", flüsterte Lisa. "Wie konntest du nur!"

Martin seufzte.

"Ja, mittlerweile stelle ich mir selbst dieselbe Frage. Ich habe meine Lage dadurch nur verschlimmert. Dass das kein Ausweg aus meiner verzweifelten Situation war, das ist mir inzwischen auch klar..."

Lisa beugte sich zu Martin herüber und küsste ihn. Dann sah sie ihn einige Augenblicke lang an.

"Was auch geschehen ist", sagte sie dann. "An meiner Liebe zu dir wird das nix ändern..."

"Ich glaub, was die Zukunft angeht, da muss einiges mit mir anders werden. Und das wird es auch!", versprach Martin.

Sie küssten sich noch einmal, diesmal noch inniger. Martin strich Lisa mit der Hand zärtlich über das Haar. Es hat net gut angefangen, dachte Lisa dabei. Aber deshalb konnte es doch gut enden!

27

Einige Wochen später wurde im Dorfgasthaus die Hochzeit von Martin und Lisa gefeiert. Franzl Waldner war zwar anfangs von der Aussicht, den Brandner Martin zum Schwiegersohn zu bekommen, alles andere als begeistert gewesen, aber auf Drängen seiner Frau hatte er sich dann doch breitschlagen lassen, seinen Groll endgültig zu vergessen und ein großes Fest auszurichten, zu dem das halbe Dorf geladen war. So, wie der Waldner es sich eigentlich immer vorgestellt hatte.

Eine zünftige Kapelle spielte auf und die Paare drehten sich auf dem Tanzboden.

"Franzl, gib's doch zu, sie sind ein schönes Paar", sagte die Waldnerin an ihren Mann gewandt, während sie den Tanzenden zusah.

"Mei, das schon..."

"Und da du dem Martin ja die Arbeit als Gehilfe in der Fischerei gegeben hast, wird die junge Familie auch finanziell wohl wieder auf die Beine kommen... Fand ich übrigens sehr nobel von dir, Franzl! Allerdings wird ein Großteil von seinem Verdienst ja wohl für das Abzahlen der Schulden und die zu erwartenden Prozesskosten draufgehen..."

Der Waldner brummte etwas Unverständliches vor sich hin.

"Was sollte ich denn machen, wo du doch so unbarmherzig auf mich eingeredet hat!", erwiderte er. Aber an den Falten in seinen Augenwinkeln konnte man erkennen, dass das im Scherz gesagt war.

"Geh, Franzl! Aber da du dich zur Zeit gerade schon so sehr in Großzügigkeit übst, könntest eigentlich mal zum Niedermayer-Bauern hinübergehen und dich mit ihm aussprechen!"

"Ich? Wieso?"

Die Waldnerin deutete auf eines der anderen Paare, das sich im Kreis drehten und verliebte Blicke tauschte. "Weil die nächste Hochzeit, die ins Haus steht doch vermutlich die zwischen Franziska und Peter ist - auch wenn die zwei es mit dem Heiraten noch net ganz so eilig haben. Aber auf diese Weise hast du auch Zeit genug, mit denen ins Reine zu kommen..."

Der Waldner trank sein Glas leer und nickte. "Also gut", sagte er. "Dann mach ich reinen Tisch..."

Er erhob sich und ging in Richtung des Niedermayer-Bauern, der an einem der anderen Tische Platz genommen hatte.

In diesem Augenblick hörte die Musik auf.

Die Tanzpaare standen auf der Stelle und der Zufall wollte es, dass sich Franziska und Peter in unmittelbarer Nähe des Brautpaares befanden.

Peter und Martin wechselten Blick miteinander, der schwer zu deuten war, während der Kapellmeister die nächsten Stücke ansagte und die Stimmung etwas anzuheizen versuchte.

Seit durch Martins Aussage Peter von jedem Verdacht reingewaschen worden war, war der Bauernsohn wieder überall hoch angesehen.

Er streckte Martin die Hand entgegen.

"Nix für ungut", meinte er. "Das was war, vergessen wir am besten beide!"

"Einverstanden", nickte Martin und schlug ein - gerade noch rechtzeitig, bevor die Musik wieder zu spielen begann.

ENDE

Zwei Herzen in Bedrängnis

Alpendoktor Daniel Ingold – Band 16

von Anna Martach

Die fesche Annemarie kommt zu Besuch nach Hindelfingen, nicht ahnend, dass sie hier die große Liebe finden wird. Aber wer von den beiden Brüdern meint es ehrlich, Wolfgang oder Martin? Als sich das Madl bedrängt fühlt, läuft es außer sich davon und gerät in eine äußerst gefährliche Situation. Schafft es der zufällig vorbeikommende Daniel Ingold, ihr Retter in letzter Minute zu sein?

1

Ein paar verirrte Sonnenstrahlen fielen durch die Vorhänge in der Praxis von Dr. Daniel Ingold. Hier in der Anmeldung waren die beiden tüchtigen Helferinnen Minchen Walther und Maria Schwetzinger eifrig bei der Arbeit. Die jüngere von ihnen starrte gebannt auf den Monitor des Computers, auf dem sich unverständliche Schriftzeichen in rascher Folge abwechselten. Minchen, die ältere Frau, die mehr als ihr halbes Leben in dieser Praxis verbracht hatte, lächelte verständnisvoll. Der Fortschritt der Technik war nirgendwo aufzuhalten, was aber nicht hieß, dass sie selbst sich mit dem „Blechkasten“ herumquälen musste. Dafür gab es halt die jungen Leute, obwohl auch die nicht immer damit zurechtkamen, wie das Durcheinander auf dem Bildschirm bewies.

„Hast mal wieder Nummernsalat?“, fragte sie mitfühlend und bemerkte, dass Maria aus ihren Gedanken gerissen aufschreckte. Da war es wohl nicht nur der Computer, der die Aufmerksamkeit der jungen Frau fesselte.

„Ach, Madl, träumst am End doch net gar wieder vom Doktor?“

Die flammende Röte, die in das hübsche Gesicht des feschen Madls zog, war Antwort genug. Minchen strich ihr mütterlich über den Kopf.

„Träumen darfst, aber mach’ dir mal keine Hoffnungen. Unser Doktor ist in festen Händen, und da ist er auch gut aufgehoben. Die Bernie ist das Beste, was er kriegen kann. Nun drück` mal lieber den Knopf an deinem Apparat, damit er weiß, wer hier das Sagen hat. Bis der sich dann wieder zum Dienst meldet, kannst schon mal den Ignatz Adlhuber ins Sprechzimmer schicken. Der wartet schon eine ganze Weile geduldig, nur weil der Sebastian mit seinen eingebildeten Wehwehchen net fertig wird.“

Maria überspielte ihre Verlegenheit. Außer Minchen wusste wohl niemand, dass sie sich hoffnungslos in den sympathischen Alpendoktor verliebt hatte. Die ältere Frau schwieg darüber, schließlich war es ihr damals mit dem alten Doktor Huber nicht anders gegangen. Sie hatte Verständnis und schaute dem Madl hinterher, als es mit der Karteikarte in der Hand den älteren, etwas übergewichtigen Patienten ins freie Sprechzimmer führte. Ach ja, die Liebe, sie konnte zum Himmel erheben oder auch vernichten.

Du meine Güte, was sollte denn das? Minchen rief sich selbst zur Ordnung, bevor sie ins Grübeln kam. Schließlich war sie hier, um zu arbeiten.

Der Computer meldete sich mit einem schrillen Piepsen betriebsbereit. „Und du bist auch stad“, fuhr sie das Gerät an, was sich von ihren Worten allerdings nicht beeindrucken ließ.

2

„Adipositas“, meinte Doktor Daniel Ingold nach einer gründlichen Untersuchung mit ernstem Gesicht. Der etwas füllige Mann auf der Untersuchungsliege starrte den Arzt so erschreckt an, als hätte der gerade sein Todesurteil verkündet.

„Ist das was sehr Schlimmes, Doktor? Ich mein, da muss ich mir doch hoffentlich net schon Gedanken über mein Testament machen?“

Der gutmütige Ignatz Adlhuber war mit etwas unklaren Beschwerden in die Praxis des Alpendoktors gekommen und hatte um eine gründliche Untersuchung gebeten. Er litt unter Atemnot, Herzrasen, unerklärlichen Schweißausbrüchen und allgemeiner Schwäche.

Schon auf den ersten Blick hatte Daniel einen Verdacht, der jetzt durch die Untersuchung bestätigt worden war.

„Wenn du denn was zu vererben hast, ist es nie ein Fehler, ein Testament zu machen. Dafür braucht’s diese Diagnose net erst. Ist auch nix so Schlimmes, wie du glaubst, Ignatz. Adipositas bezeichnet ganz einfach Übergewicht, Fettleibigkeit, mein Lieber. Und da zieht eines das andere nach sich.“

Ignatz, der als Knecht auf dem Gut Dornhuber arbeitete, seit er überhaupt arbeiten konnte, kratzte sich am Kopf und schaute an seiner üppigen Statur herunter.

„Das ist aber ein hartes Wort für ein bisserl zuviel an Gewicht“, meinte er unwillig. „Und außerdem – wie soll denn dadurch die Schwäche kommen?“

Daniel lachte auf. „Das ist eine Wechselwirkung, die ich dir wohl erklären kann. Der Körper, und vor allem das Herz, sind eifrig damit beschäftigt, all diese vielen Pfunde zu bewegen. Das erschöpft natürlich die Muskeln. Auch das Herz ist ja ein Muskel. Es muss immer mehr und heftiger arbeiten, dadurch kommen auch die Schweißausbrüche und die Kurzatmigkeit, das wiederum zieht dann die Erschöpfung nach sich. Du glaubst, dass der Körper eine Stärkung braucht, und lässt dir die nächste Mahlzeit von der Berta doppelt so gut schmecken. Und glaub` mir, ich weiß, wie gut die Berta kochen kann, da würd’ selbst ich net lang brauchen, um kugelrund zu werden.“

Ignatz schnaufte ein bisschen, als er jetzt wieder in seine Kleidung stieg. „Ist ja schön und gut, aber jetzt willst mir doch wohl net vorschlagen, dass ich auf das gute Essen von der Berta verzichten soll?“ In den Augen das Mannes stand Entsetzen, als er daran dachte, was ihm in Zukunft entgehen würde, sollte es soweit kommen: Semmelknödel, Kalbshaxen, eine schöne dicke Sauce, und natürlich Pudding – gar nicht zu reden von dem köstlichen Kuchen, den die Berta wie aus dem Handgelenk zaubern konnte.

Daniel verbarg recht gut, dass er etwas belustigt war. Die Sache war denn doch zu ernst, um damit zu spaßen, auch wenn die Empörung des Mannes ein bisschen zum Lachen reizte. Der Ignatz musste aufpassen, denn auch wenn etwas Übergewicht nicht unbedingt zu schweren Herz- oder Gefäßkrankheiten führen musste, so war es doch unbestreitbar, dass eine Vielzahl von Beschwerden darin ihren Anfang fand.

„Ich will’s dir gar net ganz verbieten“, tröstete der Arzt. „Aber wirst deine Portionen schon ein bisserl kleiner machen müssen. Ich weiß ja, dass du viel und hart arbeitest, musst aber mal statt des leckeren Puddings frisches Obst und Gemüse essen. Nimm keine Sauce zum Fleisch und zu den Kartoffeln, und vermeide es, abends noch viel zu essen, und lass auch mal eine Maß Bier im Kreuzkrug aus, das sind leere Kalorien, die setzen nur an.“

Der Mann verzog das Gesicht. „Darf ich denn überhaupt noch was?“

„Ach, komm, nun übertreibt mal net. Ich denk’, im Lauf der Zeit sollten wir das eine oder andere Pfund wieder herunterbekommen. Aber denk’ immer daran, dass dein Herz es gar net mag, wenn es zuviel tun muss. Dir geht’s doch wohl auch so, oder magst am End gern extra arbeiten, für nix und wieder nix?“

Das Kopfschütteln des Mannes bewies Daniel, dass er den richtigen Ton getroffen hatte.

„Aber versprechen kann ich da nix“, meinte Ignatz vorsichtig und ließ sich damit ein Hintertürchen offen. „Schau nur, wenn die Berta wieder so eine Köstlichkeit aus dem Ofen nimmt ...“

„Dann wird's schwer zu widerstehen, ich weiß“, stimmte der Doktor zu. „Musst aber trotzdem immer daran denken, so geht’s net weiter. Ich will dir keine Angst machen, aber ein bisserl aufpassen musst auf jeden Fall. Denk’ immer dran, jedes Pfund zuviel ist für dein Herz, als müsstest jeden Tag selbst zwanzig Ballen Stroh extra über den ganzen Hof bewegen.“

„Ganz bestimmt werd` ich dran denken“, versprach der Ignatz, doch der Arzt war noch nicht ganz von dieser Einsicht überzeugt. Vielleicht sollte er mal mit der Berta reden. Wenn die Köchin über das Problem Bescheid wusste, konnte sie auch ein bisschen darauf achten, dass der Mann nicht zuviel fette und süße Speisen zu sich nahm. Es würde vermutlich allen auf dem Hof gut tun, wenn der Speiseplan sich etwas änderte. Dabei war doch wirklich alles so lecker ...

3

Eines der schönsten Zimmer im Hotel, das mitten im Feriendorf stand, war das sogenannte Rosenzimmer. Eigentlich waren es zwei Zimmer und ein Bad, aber die Bezeichnung war einfach geblieben. Der Name war ursprünglich entstanden, weil die Tapeten über und über mit Rosen bedeckt war, ein Anblick, der sicherlich auch ein bisschen zuviel des Guten gewesen war. Mittlerweile trugen die meisten Wände einen zarten Pastellton, angenehm für Auge und Seele, nur an einer Wand hatte der Besitzer der Anlage, Anderl Schwarz, einen wundervollen Rosenstrauch malen lassen. Er wirkte so echt, dass man fast hingehen und eine der Blüten pflücken mochte.

Dieses Zimmer war gerade vorbereitet worden für einen neuen Gast. Der Hauptgewinn in einem Preisausschreiben war ein einwöchiger Aufenthalt in diesem Zimmer, und der Anderl war recht froh, dass er es um einen guten Preis an die Firma hatte vermieten können, die das Preisausschreiben veranstaltete. Gerade weil es ja schon mehr eine Suite war, lag der Preis natürlich höher als für ein einfaches Zimmer, und oft genug stand es leer.

Aber nun sollte sich jemand daran erfreuen. Es handelte sich um eine Gewinnerin, mehr als das und den Namen wusste man bis jetzt noch nicht. Annemarie Hubschmidt würde ganz stilecht mit einer Luxuslimousine vom Bahnhof in der Stadt abgeholt und hier an der Rezeption wie eine Prominente empfangen werden. Eine solche Ehre kam nicht alle Tage vor, doch solange der Auftraggeber bezahlte, wurde hier fast jeder Wunsch erfüllt.

Anderl überzeugte sich noch einmal, dass wirklich alles in Ordnung war und schloss zufrieden die Tür. Er war nicht unglücklich in seinem Leben, doch er wünschte sich für einen verrückten kurzen Augenblick ebenfalls mal so verwöhnt zu werden, wie es diese Frau Hubschmidt heute erleben würde. Wirklich nur einen kurzen Augenblick, nicht länger, dann lachte er über sich selbst. Was sollte er dann schon den ganzen Tag anfangen? Wenn der Anderl nicht ständig etwas zu tun hatte, fühlte er sich nicht wohl. Nein, so ein Preis war ganz sicher nichts für ihn.

Als er zur Rezeption zurückging, bemerkte er drüben auf der anderen Straßenseite die Vreni Kollmannberger. Diese Frau ließ sich tatsächlich nicht die geringste Kleinigkeit entgehen. Woher wusste sie denn wohl von dem Ehrengast, und vor allem, woher hatte sie die Ankunftszeit? Es konnten jetzt nur noch ein paar Minuten sein, bis der Wagen hier eintraf. Und Vreni stand parat, um nichts zu verpassen. Kurz überlegte er, ob er zu ihr hingehen und sie praktisch einladen sollte an die Rezeption, damit sie auch kein Wort verpasste, aber das wäre sicher zuviel der Ironie gewesen.

„Oh, nein.“ Anderl fluchte lautlos und ausgiebig in sich hinein, aber das nutzte nicht viel. Gerade waren drei große Reisebusse auf die Zufahrt eingebogen, die Türen öffneten sich, und Unmengen an Gästen strömten heraus. Damit war die gesamte Zufahrt blockiert, die Limousine würde keinen Platz haben, um den Ehrengast direkt vor der Tür aussteigen zu lassen.

Der Beauftragte der Firma Winkler Milchprodukte, die das Preisausschreiben veranstaltet hatte, kam mit allen Anzeichen von Aufregung auf den Anderl zugelaufen. Seine Augen funkelten wütend, und seine ganze Körperhaltung drückte Unmut aus.

„Herr Schwarz? Herr Schwarz! So geht’s aber net“, rief Theo Hackforth und deutete mit heftigen Bewegungen auf die Busse und die Menschen. Die ganze schöne Planung war dahin.

Anderl schaute etwas unglücklich drein, schüttelte dann aber den Kopf. Was dachte der Depp denn eigentlich, was man jetzt noch tun sollte? Da sah man’s wieder mal, dass die sogenannten Manager aus der Geschäftsführung, die den ganzen Tag am Schreibtisch verbrachten, überhaupt keine Ahnung von der Arbeit im täglichen Leben hatten.

„Und wie stellen S’ sich vor, dass ich was tu?“, fragte der Hotelier spöttisch. „Soll ich vielleicht mit dem Finger schnippen wie ein Geist aus der Flasche, damit die Busse verschwinden? Schaun S`, Herr Hackforth, wir haben alles perfekt geplant, da sind S’ ja schließlich auch dabei gewesen und haben das meiste getan. Aber niemand kann vorhersagen, wann genau so eine Busladung ankommt. Die haben schließlich eine lange Strecke auf der Autobahn hinter sich, und da lässt sich nix genaues sagen. Ich kann die Leut’ doch jetzt net wieder in den Bus stopfen. Die sind schließlich auch angemeldet und haben ein Recht ihre Sachen auszupacken und ihre Zimmer zu beziehen.“

„Aber – das geht doch net.“ Theo Hackforth war wirklich empört. „Ich kann doch die Frau Hubschmidt net mitten auf der Straße aussteigen lassen, damit’s dann die ganze Auffahrt zu Fuß hier entlang gehen muss.“

„Soll ich vielleicht einen Rollstuhl besorgen?“, fragte der Anderl und verbiss sich ein Lachen. Theo schickte ihm einen vernichtenden Blick. Der Hotelier hatte diese Bemerkung eigentlich als Scherz gemeint, aber der Manager schien so humorlos zu sein, dass er darauf nicht einging und diese Worte für bare Münze nahm. Wahrscheinlich ging er sogar zum Lachen in den Keller. Außerdem war es eh zu spät, wie Anderl mit einem Blick aus dem Augenwinkeln feststellte.

Details

Seiten
400
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900880
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306684
Schlagworte
wetterleuchten bergwelt

Autoren

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Titel: Wetterleuchten in der Bergwelt