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Lokal betötet

von Alfred Bekker (Autor) Karl Plepelits (Autor) Carsten Zehm (Autor)

2015 580 Seiten

Leseprobe

Lokal betötet – Vier Krimis

von Alfred Bekker, Carsten Zehm & Karl Plepelits

Der Umfang dieses Buchs entspricht 578 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende vier Krimis:

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Carsten Zehm: Büttners Totschlag

Karl Plepelits: Von Mord zu Mord

Alfred Bekker: Blumen auf das Grab

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors, Cover: STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Münster-Wölfe

von Alfred Bekker

Tatort: Ein Mietshaus in Münster. Michael Hellmer schreibt unter dem Pseudonym Mike Hell Groschenromane. Ein Stromausfall, der seinen Computer lahmlegt, vernichtet die letzten Seiten seines Western-Romans GNADENLOSE WÖLFE. Ursache ist der Föhn eines Mannes, der bereits seit einer Stunde tot in seiner Badewanne liegt... Damit beginnt für Hellmer eine Kette aberwitziger Verwicklungen. Ein inkompetenter Kommissar verdächtigt ihn und so hat Hellmer bald nur noch eine Wahl: Die Sache selbst aufklären!

1

Meine Finger glitten wie von selbst über die leichtgängige Computertastatur. Ein leises Klackern war dabei zu hören und vermischte sich mit dem unablässigen Summen des Ventilators, der meinen Rechner kühl hielt. Der Cursor blinkte auf, rutschte über die Benutzeroberfläche und zog eine Schriftspur hinter sich her.

Ich schrieb:

Jake McCord kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als er die drei Reiter herannahen sah.

Das muss Dickson mit seinen Bluthunden sein!, ging es ihm durch den Kopf.

Er erhob sich von seinem Lagerplatz und nahm noch einen tiefen Schluck aus der mit heißem Kaffee gefüllten Blechtasse.

Die Tasse hielt er mit der Linken, die Rechte glitt unterdessen zur Seite - dorthin, wo der Griff seines 45er Colts aus dem tiefgeschnallten Revolverholster ragte.

Als die drei Reiter näher heran waren, konnte er deutlich Barry Dicksons blasses Gesicht erkennen, das von einem dünnen, schwarzen Bart umrahmt wurde.

Das wird Ärger geben!, dachte McCord.

Doch er ließ sich keineswegs aus der Ruhe bringen und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Indessen waren die Reiter herangekommen. In einer Entfernung von kaum mehr als einem Dutzend Yards zügelten sie ihre Pferde.

McCords Augen begegneten Dicksons kaltem Blick.

"Hatte ich Ihnen nicht gesagt, dass es besser wäre, aus der Gegend zu verschwinden?", zischte Dickson dann, während seine beiden Begleiter ihre Hände zu den Revolvern gleiten ließen.

McCord nickte. "Das hatten Sie gesagt. Aber so leicht bin ich nicht einzuschüchtern!"

"Wenn Sie glauben, dass ich mir von einem Satteltramp wie Ihnen auf der Nase herumtanzen lasse, dann sind Sie schief gewickelt, McCord!"

"Das Gesetz ist auf meiner Seite", erwiderte McCord ruhig. "Und das wissen Sie auch!"

Dickson verzog höhnisch das Gesicht. "Das Gesetz? Ich bin das Gesetz hier in der Gegend!"

McCord ließ den Blick von einem zum anderen schweifen. In den Augen dieser Männer las er den Tod. Seinen Tod. Er sah die Anspannung in den Gesichtern von Dicksons Leuten. Die Hände waren bei den Revolvern, bereit, sie jeden Augenblick zu ziehen. Die Männer warteten nur noch auf ein Zeichen, um loszuschlagen.

Und dieses Zeichen kam schließlich auch. Es war ein kaum merkliches Nicken, mit dem Barry Dickson die Hölle losbrechen ließ.

Die Männer rissen ihre Eisen aus den Holstern. Sie waren schnelle, aber lausige Schützen. McCord zog ebenfalls blitzartig den Revolver und feuerte.

Der Kerl rechts von Dickson schrie auf, als ihm McCords Kugel in die Schulter fuhr, ihn nach hinten riss, und er die Waffe fallen ließ.

McCord warf sich zu Boden, während der Kugelhagel seiner Gegner über ihn hinwegpfiff. Noch im Fallen feuerte er ein zweites Mal und holte damit Barry Dickson aus dem Sattel. Schwer stürzte der Vormann der Morton-Ranch zu Boden und blieb reglos auf dem Rücken liegen. Ein kleines, rotes Loch hatte sich mitten auf seiner Stirn gebildet, während seine Augen starr in den Himmel blickten.

Dicht neben sich fühlte Jake McCord eine Kugel in den Boden einschlagen, die den Sand zu einer kleinen Fontäne aufwirbelte. Er rollte sich herum, riss dann den Revolverlauf empor und jagte dem dritten Kerl eine Kugel mitten in die Brust.

Ich lehnte mich zurück und war zufrieden mit mir. Zwanzig Seiten hatte ich heute schon geschrieben, die letzten zehn davon in einem Zug.

Es war einfach so aus mir herausgeflossen. Durch meine Finger hindurch in die Computertastatur.

'Gnadenlose Wölfe' sollte das Werk heißen. Heute Morgen hatte ich nichts weiter als diesen Titel gehabt. 'Gnadenlose Wölfe'! Ich fand, dass das gut klang.

Wenn alles glatt ging, würde ich in einer Woche die 120 Manuskriptseiten in die Tastatur gehackt haben.

In zirka sechs Monaten konnte man es dann aller Voraussicht nach an jedem Kiosk als Romanheft kaufen. Mit einem knalligen Titelbild versehen.

'GNADENLOSE WÖLFE' - Untertitel vielleicht: 'Sie kannten kein Erbarmen - ein neuer, ungewöhnlich faszinierender Roman von MIKE HELL.'

Aber davor hatten der Herrgott und der Redakteur noch ein bisschen Schweiß gesetzt. Seite Zwanzig. Heute war ich gut in Form, und vielleicht würde ich nachher noch einmal zehn Seiten schreiben.

Doch im Augenblick war mir mehr nach einer Tasse Kaffee.

Ich wollte gerade den Text sichern, da wurde der Bildschirm plötzlich dunkel.

Auch das Licht war ausgegangen.

Ein Kurzschluss! Ich fluchte innerlich. Die letzten fünf Seiten waren nicht gesichert gewesen und damit unwiederbringlich verloren.

Wahrscheinlich war es wieder der defekte Föhn von dem Kerl, der die Wohnung eine Treppe höher bewohnte.

Es war immer dasselbe. Der Kerl benutzte das Gerät, und wenn ich Pech hatte, sprang die Hauptsicherung raus.

Das Leitungsnetz in diesem Haus war völlig veraltet. Baujahr irgendwann vor dem Krieg oder kurz danach. Eigentlich hätten hier alle Leitungen herausgerissen und erneuert werden müssen. Abends, wenn die Fernseher nach und nach angingen, wurde es immer besonders kritisch.

Am besten ließ sich zwischen Mitternacht und Frühstück arbeiten. Dann war man relativ sicher davor, dass der Strom auf einmal weg war. Nur weil zwei Dutzend Idioten plötzlich alle gleichzeitig ihre sämtlichen elektrischen Geräte anstellen mussten. Und selbst der Typ mit dem kaputten Föhn trocknete sich dann seltener die Haare.

Ich war sauer.

Der blöde Kerl über mir - vorausgesetzt mein Zorn traf ihn in diesem Fall zu Recht - hatte mir fünf Seiten vernichtet.

Beim nächsten Mal sollte ich ihn auf Schadensersatz verklagen!, dachte ich.

Diese Seiten waren schließlich bares Geld für mich gewesen!

Andererseits war der Kerl aber selbst offensichtlich zu geizig, um sich endlich einen neuen Föhn zu besorgen, der sich mit der Hauptsicherung besser vertrug!

Ich atmete tief durch. So lange ich in diesem Haus lebte, würde ich mich mit diesen Zuständen abfinden müssen.

Ich knipste Bildschirm und Zentraleinheit des Computers off, damit - wenn die Sicherung wieder eingeschaltet war - der Strom nicht mit voller Wucht in die Geräte schlug. Das soll nämlich schädlich sein.

Dann erhob ich mich und überlegte einen Moment, was ich tun sollte.

Es gab mehrere Möglichkeiten.

Ich konnte in den Keller gehen, um die Sicherung wieder einzuschalten.

Ich konnte aber auch abwarten, bis einer der anderen Hausbewohner in den Keller ging, um die Sicherung wieder einzuschalten.

Ich sah auf die Uhr. Genau 17.30 Uhr.

Das bedeutete, dass schon eine ganze Reihe von Leuten zu Hause war, vor dem Fernseher saß, Radio hörte und so weiter. Meine Chancen, mich nicht selber aufmachen zu müssen, weil sich jemand anders durch den stromlosen Zustand noch mehr genervt fühlte als ich, standen also gar nicht so schlecht.

Ich ging in die Küche.

Da stand noch Kaffee in der Maschine. Die war natürlich auch ohne Strom, also war klar, dass der Kaffee bald kalt sein würde. So entschloss ich mich, mir erst einmal eine Tasse einzuschenken und abzuwarten.

Draußen, vom Treppenhaus her, hörte ich Geräusche und Stimmen. Da hatte sich also tatsächlich jemand in den Keller aufgemacht, genau wie ich vermutet hatte.

Ich schlürfte meinen Kaffee und wartete ab.

Dann war plötzlich wieder Strom da. Das Licht ging an, das Kontrolllämpchen der Kaffeemaschine leuchtete wieder, und das Radio in der Küche, das ich abzuschalten vergessen hatte, murmelte vor sich hin.

Doch das währte keine zwei Sekunden.

Dann war es schon wieder vorbei. Der Strom war erneut weg, was nur daran liegen konnte, dass der Kurzschluss immer noch bestand.

Wahrscheinlich hat dieser Idiot seinen Haartrockner einfach wieder eingeschaltet und versucht, sich zu Ende zu föhnen!, dachte ich grimmig.

Er war ein Ignorant.

Ich hatte ihn schon einmal wegen dieses verdammten Föhns angesprochen, aber er meinte, es liege an meinem Computer. Der ziehe zuviel Strom, und deshalb könne das Leitungsnetz seinen Föhn nicht verkraften. So ein Blödsinn!

Ich glaube, ich muss nicht besonders betonen, dass ich ihn nicht leiden kann. Wie sollte es anders sein, da er mir ja schließlich in mehr oder minder regelmäßigen Abständen Geld stahl.

Nein, pardon, ›stahl‹ ist nicht richtig ausgedrückt. Er vernichtete es. Er vernichtete Geld - und dummerweise gehörte dieses Geld mir.

Zur Hölle mit ihm!‹, oder so etwas in der Art hätte Jake McCord aus GNADENLOSE WÖLFE, diesem ungewöhnlich spannenden, wenn auch noch ziemlich unfertigen Western-Roman, in einem solchen Fall gesagt! ›Zur Hölle mit ihm ...‹ Wenn ich in jenem Augenblick gewusst hätte, dass er sich dort vielleicht schon befand ...

Aber es ist müßig, über solche Dinge nachzudenken.

Wieder kam für einen Augenblick Strom durch die Leitungen, der abermals sofort versiegte. Irgendjemand hatte es also ein zweites Mal versucht. Und ebenso erfolglos.

Ich trank meinen Kaffee aus.

Wie es aussah, würde ich mich doch selbst um die Sache kümmern müssen, wenn ich heute noch eine Seite in die Tasten bringen wollte!

Verdammt, ich war so gut drin gewesen, und dann das!

Die Probleme von Jake McCord lösten sich auf Seite 120, das war von vorn herein klar. Meine eigenen Probleme musste ich selbst meistern.

Kein gottgleicher Autor löste sie für mich in Wohlgefallen und einem Happy-End inklusive einem schönen Mädchen und dem Ende aller Schurken auf!

Ich ging in den Flur, öffnete meine Wohnungstür und trat hinaus ins Treppenhaus.

Von unten hörte ich Stimmen.

Es waren Frauenstimmen, und zwar mindestens zwei.

Sie kamen aus dem Keller die Treppe herauf und hatten wohl eingesehen, dass es so einfach, wie sie gedacht hatten, nicht war.

Indessen schloss ich sorgfältig die Tür hinter mir ab. Auch wenn man nur kurz aus der Wohnung ist, sollte man das tun. Es ist hier schon passiert, dass jemand nur den Mülleimer hinausgebracht hat, ohne abzuschließen, und dann das Familiensilber vermisste.

Ich warf einen Blick hinunter zu den Frauen.

Aber auch von oben kam jemand. Und auch das war eine Frau, das hörte ich an den Schuhen.

Ich wirbelte herum und blickte in ein fein geschnittenes, von dunkelbraunen Haaren umrahmtes Gesicht mit grüngrauen Augen. Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig.

Sie war hübsch, aber das war nicht der Hauptgrund, weshalb mein Blick an ihr haften blieb.

Für einen kurzen Moment sahen wir uns an.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine Sekunde lang blieb sie stehen und trat dann an mir vorbei. Sie wirkte irgendwie gehetzt, so als sei ihr jemand auf den Fersen. Aber ein kurzer Blick die Treppe hinauf sagte mir, dass dort niemand war.

"Hey!", rief ich ihr hinterher.

Sie blieb auf dem Absatz stehen, atmete tief durch und drehte sich dann zu mir herum. Es lag auf der Hand, dass sie nur aus der Wohnung jenes Mannes kommen konnte, dessen verfluchter Föhn vermutlich dafür verantwortlich war, dass ich jetzt hier im Treppenhaus stand, anstatt an den Tasten zu sitzen!

"Was ist?", rief sie ziemlich außer Atem.

Als sich unsere Blicke begegneten, wusste ich, dass sie Angst hatte. Schweiß stand ihr auf der Stirn, und ich konnte mir bei ihrer sportlichen Figur einfach nicht vorstellen, dass dieser durch die paar Stufen bis zum Absatz entstanden war.

Und für eine Herzkranke hatte sie einfach noch nicht das richtige Alter.

Ich deutete mit dem Daumen hinauf zur Wohnung meines Intimfeindes, der mit Vorliebe das Geld eines armen Romanschreibers vernichtete.

"Hat er sich wieder die Haare gewaschen?"

"Wer?"

Sie schien wirklich nicht zu begreifen. Ihre Augen verengten sich ein wenig.

"Na, der Kerl, der da oben wohnt. Ich weiß nicht, wie er heißt, aber sein Föhn ..."

"Föhn?"

Das Wort schien etwas in ihr auszulösen. Ich begriff noch nicht, was. Später sollte es mir klarer werden. "Was wollen Sie eigentlich?", meinte sie dann etwas unwirsch.

"Ich wollte nur wissen, ob er zu Hause ist!", erwiderte ich dann. Wenn nicht, konnte er auch logischerweise nicht seinen Föhn eingeschaltet haben, und dann musste der Stromausfall durch etwas anderes verursacht worden sein.

"Was weiß ich ..." murmelte sie, dann wandte sie sich um und rannte weiter. Sie hastete die Treppen hinunter, als ob buchstäblich der Teufel hinter ihr her sei.

Ich verzog das Gesicht.

Der Kerl mit dem Föhn − dessen Name mir nicht einmal mehr einfallen wollte − war sicher ein Ekel. Wen wunderte es schon, wenn jemand Reißaus vor ihm nahm? Mich jedenfalls nicht.

Eine Viertelstunde später sollte mich überhaupt nichts mehr wundern!

2

Unterdessen kamen die Frauen von unten zu mir herauf. Der davoneilenden Schönen warfen sie einen kurzen, kritischen Blick hinterher.

Dann waren sie bei mir angelangt.

Ich kannte sie flüchtig und wusste, dass sie in der Wohnung unter mir wohnten. Sie hießen beide Meyer und waren Mutter und Tochter. Meyer mit Ypsilon, so stand es an ihrer Wohnungstür, an der ich zwangsläufig vorbeikam, wenn ich hinunter zur Straße wollte.

Die Mutter war klein, gedrungen und ziemlich dick. Deshalb schnaufte sie jetzt auch gut hörbar. Sie pfiff wie eine Dampflok. Aber das war kein Wunder.

Ich hätte auch so gepfiffen, hätte ich ihr Gewicht die vielen Stufen hinaufschleppen müssen.

Die Tochter war schon fast dreißig und hatte immer noch Akne. Ihr selbst gemachter Kurzhaarschnitt stand ihr nicht besonders. Zudem waren ihre Haare eigentlich immer fettig und ungewaschen, wenn sie mir begegnete.

Ich weiß nicht, ob meine Begegnungen mit ihr repräsentativ für ihr äußeres Erscheinungsbild waren, aber ich denke schon.

Die beiden machten unzufriedene Gesichter. Bei der Tochter war das eigentlich immer so. Es war gewissermaßen ihr Markenzeichen.

Aber die Mutter war sonst immer ganz fröhlich, besonders wenn sie in der Pizzeria gewesen war und man ihr dann auf der Treppe mit einem Turm von Schachteln vor der Brust begegnete. Irgendwoher mussten die Pfunde ja auch schließlich kommen, die sie sich angefressen hatte.

"Es wird wieder der Kerl mit dem defekten Föhn sein!", meinte die Tochter, während sie auf ihrem Kaugummi kaute.

Fehlte nur noch, dass sie eine Blase machte, aber dazu war sie dann doch vielleicht schon etwas zu erwachsen.

Selbst sie.

Trotzdem, wenn ich sie sah, fragte ich mich immer, ob es so etwas wie lebenslange Pubertät geben konnte.

"Jedenfalls haben wir nichts gemacht, was den Kurzen verursacht haben könnte", fügte die Mutter hinzu. Sie setzte trotz ihres Ärgers jetzt ein überaus freundliches Gesicht auf und meinte dann: "Machen Sie das?"

"Was?"

"Dem Kerl Bescheid stoßen! Sie sind schließlich ein Mann!"

"Was hat das damit zu tun?"

"Naja, der da oben ist doch immer so unfreundlich. Und wenn man ihn mal trifft, dann grüßt er einen noch nicht einmal!"

Ich vollführte eine hilflose Geste. Das war nun wirklich nicht das Schlimmste an ihm! Und wenn man es genau nahm, dann grüßte sich in diesem Haus ohnehin fast niemand. In dem Punkt unterschied er sich kaum von den anderen Bewohnern.

"Wir hatten schon ein paar Begegnungen der unerfreulichen Art", meinte ich. "Ich fürchte, er reagiert auf mich allergisch ..."

"Nicht allergischer als auf den ganzen Rest der Menschheit", murmelte die pickelige Tochter und drückte dabei völlig ungeniert an einer ihrer unappetitlichen Eiterbeulen herum.

Wir gingen also die Treppe zu seiner Wohnung hinauf.

Ich wusste, dass es darauf hinauslaufen würde, dass ich dem guten Mann klarmachen musste, sich endlich einen neuen Föhn zu kaufen. Die beiden Frauen trauten sich nicht, den Kotzbrocken anzusprechen.

Bei der Mutter war mir das plausibel. Ihre ganze Art war eher zurückhaltend.

Aber bei der Tochter verstand ich das nicht. Ich wusste nämlich zufällig, dass sie ziemlich laut schreien konnte, um ihre Interessen durchzusetzen. Doch das galt anscheinend nur im Umgang mit ihrer Mutter, die wirklich keinen einfachen Stand ihr gegenüber hatte. Ansonsten spielte sie den verschüchterten Hasen.

Am liebsten hätte ich ihr in diesem Augenblick vorgeschlagen: ›Schrei den Kerl von oben doch nur einmal so an, wie du das bei deiner Mutter schaffst − wahrscheinlich hätten wir dann für ein Jahr Ruhe!

Aber ich verkniff es mir.

Dann waren wir oben, vor seiner Tür.

Ich warf erst einmal einen Blick auf das Namensschild an der Klingel. Er hieß Jürgen Lammers. Irgendwo in einem hinteren Winkel meines Gedächtnisses schien sich etwas zu regen. Ich kannte diesen Namen irgendwoher, aber er wäre mir jetzt nicht mehr eingefallen.

"Na, los!", sagte die Mutter und drückte auch schon auf die Klingel.

"Klopfen Sie lieber", riet ich ihr. Die gute Frau hatte wohl vergessen, dass wir gegenwärtig keinen Strom hatten und Jürgen Lammers schon aus diesem Grund nichts von der Klingelei hören konnte.

"Häh?", meinte sie, und so klopfte ich selber, anstatt darauf zu warten, dass sie es begriff.

Ich erwartete, dass er jetzt jeden Moment aufmachte, wahrscheinlich in seinem speckigen Jogging-Anzug, der den Bierbauch besonders gut zur Geltung brachte. Ich erwartete, in seine böse blitzenden Augen zu blicken, die in dem grobschlächtigen Gesicht mit der dicken Nase, den dunklen Augenbrauen und den knorrigen Wangen einen überaus passenden Platz hatten.

Aber nichts dergleichen geschah.

Jürgen Lammers machte nicht auf, und ich klopfte noch einmal, diesmal schon deutlich ungeduldiger.

Und dabei gab die Tür plötzlich nach. Offenbar war sie nur angelehnt gewesen.

"Wenn die Tür offen ist, wird er ja wohl zu Hause sein", meinte die Tochter.

Ich nickte, öffnete dabei die Tür vollends und trat zögernd ein.

Die beiden Frauen folgten mir, und dann staunten wir alle drei erst einmal über das außergewöhnliche Chaos, das sich uns bot.

Mein erster spontaner Gedanke war, hier hat jemand das Unterste zuoberst gekehrt! Aber dann schalt ich mich einen Narren. Dies ist kein Roman!, sagte ich mir. Dies ist die Wirklichkeit.

Und in Wirklichkeit war die Ursache für eine chaotische Wohnung meistens die, dass der Inhaber nicht aufgeräumt hatte. Ich kannte das aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Hinter mir hörte ich die Mutter aufatmen, während wir alle den Blick zu Boden gerichtet hatten, verzweifelt auf der Suche nach freien Stellen, auf die man die Füße setzen konnte. Die Kleidung, die man an sich an der Garderobe vermutet hätte, bedeckte den Fußboden des kleinen Flures. Die Schubladen der Kommode waren herausgerissen und ausgeleert.

Als wir schließlich ins Wohnzimmer kamen, sah es dort ebenso schlimm aus.

"Das ist nicht normal!", meinte die Mutter. "Hier ist etwas passiert. Vielleicht ein Einbruch ..."

Die pickelige Tochter verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Einbruch? Mama!", meinte sie dann spöttisch. Sie zuckte mit den Schultern und machte eine ziemlich herablassende Geste. "Die Tür war unversehrt! Wie soll der Dieb gekommen sein? Durch das Fenster vielleicht? Warum nicht. Mit einer Bergsteigerausrüstung an der Fassade hoch bis in den fünften Stock! Dann durch das Fenster und alles durchwühlen und schließlich auf demselben Weg wieder hinaus − natürlich nicht, ohne das Fenster zuvor von innen wieder sorgfältig zu schließen! Und selbstverständlich hat der Einbrecher dann noch absichtlich einen Kurzschluss verursacht, um uns alle zu ärgern!"

Sie kam sich sehr scharfsinnig vor, aber ihrer Mutter war das Ganze eher peinlich. Das war nicht zu übersehen.

Ich achtete nicht weiter auf das Gerede der beiden, sondern sah mich stattdessen lieber ein bisschen um.

Zwei Minuten später hörte ich plötzlich einen markerschütternden Schrei − einen Schrei, der selbst für die darin ansonsten recht geübte pickelige Tochter erstaunlich war.

Sie war ins Bad gegangen und hatte dort offenbar etwas entdeckt − oder war vielleicht auch einfach nur ausgerutscht. Ich traute ihr das Letztere zu. Besonders geschickt war sie nämlich nicht.

Jedenfalls beeilte ich mich, nach ihr zu sehen.

Die Mutter schnaufte hinter mir her.

Die Tatsache, dass kein zweiter Schrei folgte, legte ich für mich so aus, dass sie sich nichts Ernstes angetan hatte.

Einen Augenblick später sah ich sie mit offenem Mund und starr vor Schreck auf die Badewanne blicken.

In der bis über den Rand gefüllten Wanne lag ein Mann, den wir alle immerhin gut genug kannten, um ihn identifizieren zu können. Es war Jürgen Lammers, und bezeichnenderweise trug er auch jetzt seinen geschmacklosen Jogging-Anzug, der den runden Bierbauch stramm umspannte.

Seine Augen waren so giftig, wie sie es immer schon gewesen waren, aber diesmal hatten sie wahrlich Grund dazu, so zu schauen.

Lammers war nämlich mausetot.

Und dann sah ich auch die Ursache für den Kurzschluss.

Es war tatsächlich der Föhn, wie wir alle vermutet hatten. Jürgen Lammers musste ziemlich schlecht beraten gewesen sein, als er den defekten Apparat mit in die Wanne genommen hatte ...

"Mein Gott!", stieß die dicke Mutter hervor und schlug dann die Hände vor ihren offenen Mund. Sie schüttelte anschließend stumm den Kopf.

"Wir werden die Polizei rufen müssen", murmelte ich.

In meinen Romanen gibt es alle paar Seiten eine Leiche, aber dies war die Wirklichkeit. Und die ist dann doch ein bisschen anders.

"Mein Gott, wie furchtbar!", seufzte die dicke Mutter noch einmal aus tiefster Seele.

"Rühren Sie nichts an!", meinte ich.

"Wieso?"

"Damit keine Spuren verloren gehen!"

"Es ist doch Selbstmord, oder?"

"Das weiß ich nicht. Aber ich denke, die Polizei wird das herausbekommen − vorausgesetzt, wir lassen ihr die Chance dazu und bringen nicht alles durcheinander."

Irgendwie klang das seltsam angesichts der zerwühlten Wohnung. Was sollte da noch durcheinander zu bringen sein? Eine Fehlleistung von mir, ganz klar. Und eine Sekunde, nachdem dieser Schwachsinn über meine Lippen gegangen war, wurde es mir auch bewusst.

Aber wer wägt in einer solchen Situation schon so genau seine Worte ab? Nicht einmal ein Autor. Und ein Autor von Western-Romanen tut es sowieso nie.

Ich verließ also das Bad und suchte im Wohnzimmer nach dem Telefon, das sich zunächst einfach nicht auftreiben lassen wollte.

Die beiden Frauen harrten indessen in andächtiger Stille bei Lammers Leiche aus.

Schließlich fand ich das Telefon unter dem Sofa, aber die Schnur war herausgerissen.

Ich fluchte innerlich. Hier hatte jemand wirklich ganze Arbeit geleistet!

Mein Blick glitt über das Durcheinander, das auf mich jetzt wie ein völlig überladenes Stillleben wirkte.

Nein, je länger ich die Sache betrachtete, desto unwahrscheinlicher schien es mir, dass Lammers für dieses Chaos selbst verantwortlich war.

Hier hatte entweder einer gezielt etwas gesucht − und war dann vom Besitzer dieser Räuberhöhle überrascht worden. Oder jemand hatte einen Einbruch vorzutäuschen versucht, um die Polizei bei der Suche nach dem Mörder auf die falsche Spur zu locken.

Und um Mord handelte es sich meiner Ansicht nach.

Lammers war zwar ein ziemlich begriffsstutziger Kerl gewesen, aber dass er freiwillig in voller Bekleidung in eine Badewanne stieg und dann auch noch so bescheuert war, den Föhn mit ins Wasser zu nehmen − das mochte ich einfach nicht so recht glauben. Es erschien mir zu unwahrscheinlich.

Kein Redakteur hätte mir so etwas durchgehen lassen, wenn ich auf die Idee gekommen wäre, es in einem der Kurz-Krimis zu bringen, die ich hin und wieder für Illustrierte fabriziere. Es war einfach zu absurd.

Blieb also nur Mord.

In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, während ich die Lammers-Wohnung verließ, die Treppe hinunter eilte, um dann zu meinem eigenen Telefon zu gelangen.

Ich nahm den Hörer ab und hatte ein paar Augenblicke später einen tranig klingenden Beamten an der Strippe, der alles andere als einen besonders aufgeweckten Eindruck machte.

Aber schließlich konnte ich ihm doch klarmachen, was los war. Die Trantüte auf der anderen Seite der Leitung brauchte dann eine halbe Ewigkeit, um meine Personalien aufzunehmen. Ich war froh, als der Hörer wieder in der Gabel hing.

Ich atmete tief durch.

Und dann fiel mir wieder die junge Frau im Treppenhaus ein, die an mir vorbei gerannt war, als ob der Teufel hinter ihr her gewesen sei.

Vielleicht war ja auch genau das der Fall gewesen, wer konnte das schon sagen? Vielleicht hatte sie Angst vor Lammers bösem Geist gehabt (wofür ich Verständnis gehabt hätte); vielleicht konnte sie auch einfach keine Leichen sehen (vorausgesetzt, sie war auch in der Wohnung gewesen).

Vielleicht war sie auch seine Mörderin ...

Nachdenklich ging ich wieder hinauf. Ich sah mir die Tür genauer an, die zu Lammers Wohnung führte.

Kein Kratzer. Nicht die geringsten Spuren irgendeiner Manipulation − von Gewalteinwirkung gar nicht zu reden.

In diesem Augenblick hätte es mich brennend interessiert, ob Lammers noch am Leben gewesen war, als ihm die Schöne mit den grüngrauen Augen einen Besuch abgestattet hatte. Lammers schien mir nicht der Typ Mann zu sein, auf den die Frauen nur so fliegen. Aber der äußere Schein mochte ja durchaus trügen.

Vielleicht hatte er unter seiner ätzenden Fassade noch irgendwelche besonderen Qualitäten verborgen, die diese Frau dazu gebracht hatten, sich mit ihm abzugeben.

Aber, halt!, sagte ich mir eindringlich, du gehst jetzt schon entschieden ein Stück zu weit! Ist wohl eine Berufskrankheit.

Eins, zwei, drei, und es ist gleich eine Story aus ein paar dürftigen Versatzstücken gezimmert. So arbeitet mein Gehirn eben.

Und das hat auch sein Gutes! Es muss so sein, sonst würde ich längst am Hungertuch nagen und selbst die Miete für diese schäbige Wohnung nicht mehr aufbringen können!

Andererseits − falls sich bestätigte, dass dies ein Mordfall war, war die Schöne natürlich eine Verdächtige ersten Ranges!

Als ich ins Wohnzimmer kam, traf ich dort auf die beiden Frauen, die inzwischen offenbar genug davon hatten, den toten Lammers anzustarren. So schön war er ja auch wirklich nicht anzusehen. Weder im Leben, noch im Tode.

"Kommt die Polizei?", fragte die Mutter.

Ich nickte. "Ja. Sie schicken jemanden."

"So etwas hat es hier noch nie gegeben", meinte die Mutter. "Vor zwei Jahren wurde in der Disco im Erdgeschoss mal eingebrochen. Und die Bombendrohung vor zwei Monaten, die haben Sie ja auch mitgekriegt. Ich weiß noch, wie wir alle mitten in der Nacht auf die Straße mussten. Ich habe auch den Rest der Nacht kaum ein Auge zumachen können, obwohl ich doch am nächsten Morgen wieder früh raus musste ..."

Ich hatte von dieser Sache gehört, war aber keineswegs dabei gewesen. Vor zwei Monaten hatte ich mich unter spanischer Sonne im Urlaub befunden. Aber das sagte ich ihr nicht.

Es spielte keine Rolle, und ich hatte auch wenig Lust dazu, diese Sache länger als unbedingt notwendig zu diskutieren.

Ich murmelte irgendetwas Zustimmendes. Aus Höflichkeit.

"Wir könnten wenigstens den Föhn aus der Steckdose ziehen, damit wir endlich wieder Strom bekommen!", nörgelte indessen die Tochter.

"Davon würde ich abraten. Wir sollten wirklich alles so lassen, wie es ist!", meinte ich dazu.

"Woher wissen Sie soviel über diese Dinge?", meldete sich die Mutter wieder zu Wort.

Ich verzog das Gesicht. "Ich sehe mir immer den 'Tatort' im Fernsehen an!"

"Im Ernst?"

"Ja."

Manche Menschen beruhigen sich dadurch, dass sie unablässig Worte produzieren. Bei anderen wirkt genau das Gegenteil. Die dicke Mutter gehörte leider zur ersten Gruppe.

"Das Ganze erinnert mich an diesen Politiker. Wie war doch noch mal der Name ...? Der, der sich auch in einer Badewanne umgebracht hat! Ich denke, das hier war auch Selbstmord."

Ich ließ den Blick umherschweifen. "Einen Abschiedsbrief habe ich nicht gesehen", erwiderte ich sachlich.

"Muss es denn einen geben?" Die Mutter machte eine unbestimmte Geste und holte dann tief Luft. Das gab immer ein besonderes, unnachahmliches Geräusch. Eines, an dem man sie mit hundertprozentiger Sicherheit akustisch identifizieren konnte.

Ich zuckte mit den Schultern. "Ich will nicht ausschließen, dass es auch Leute gibt, die sich ohne Abschiedsbrief umbringen!"

"Ja, so wie der Politiker! Der lag auch angezogen in einer Wanne. Allerdings hatte er vorher Tabletten geschluckt. Ein Föhn spielte dabei keine Rolle."

"Und warum sollte Lammers das gemacht haben?"

"Vielleicht war er einfach verzweifelt!", meinte die Tochter, und ich dachte, wenn ich so ein Gesicht hätte, wäre ich auch verzweifelt. Und wenn sie mit mir in einer Wohnung gewohnt hätte, noch viel mehr. Und wenn sich alle Verzweifelten dieser Welt wirklich umbringen würden, dann wären diese beiden Frauen kaum noch am Leben.

"Warum sollte er verzweifelt gewesen sein?", murmelte ich schulterzuckend.

"Vielleicht war er unheilbar krank!", meinte die Tochter. "Manche Leute drehen dann durch. Ich habe neulich noch einen Fernsehfilm darüber gesehen."

"Sie haben doch auch diese Frau gesehen ..." ließ ich dann einen Versuchsballon aufsteigen.

Die beiden sahen mich an. "Welche Frau?", fragte die Tochter vorlaut.

Oh, Mann!, dachte ich. Blind ist sie auch noch! Welch ein Schicksal! "Ich meine die Frau, die von oben gekommen ist und so fluchtartig davonrannte."

"Ja, richtig ..." sagte die Mutter gedehnt. "Und Sie meinen, dass sie hier bei Lammers war?"

"Woher sollte sie sonst gekommen sein? Hier oben ist doch nur diese eine Wohnung. Und die Tür stand offen."

"Ja, das stimmt."

"Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?"

"Nein!", sagte die Mutter.

"Nein!", grunzte die Tochter.

Sie schüttelten beide den Kopf, die pickelige Tochter etwas heftiger als ihre Mutter − vielleicht deswegen, weil die Mutter ihre Wasserwelle nicht durcheinanderbringen wollte. Die Tochter konnte ihren Kurzhaarschnitt so doll schütteln, wie sie wollte. Er sah immer gleich schlecht aus.

"Und Sie?", fragte die Mutter an mich gewandt.

"Was ist mit mir?"

"Kennen Sie vielleicht diese Frau?"

"Nein. Und es wundert mich ehrlich gesagt, dass es diesem Ekel gelungen ist, so eine Lady für sich zu interessieren!" Ich seufzte. "Mannomann, da komme ich einfach nicht drüber hinweg!"

"Er ist tot!", meinte die Tochter tadelnd.

Das durfte ja nicht wahr sein! Jetzt machte sie auch noch einen auf Pietät! Das passte nun wirklich nicht zu ihr! Absolut nicht!

MEGAunpassend sozusagen.

Aber was passte denn überhaupt schon zu ihr? Mir fiel da spontan nichts ein.

Vielleicht irrte ich da aber auch, und es war genau umgekehrt: Sie selbst war es, die ihrerseits zu nichts und niemandem passte!

Eine andere Möglichkeit war, dass ich sie einfach nicht leiden konnte. Schlechte Schwingungen, neudeutsch: bad vibrations. Ein übelriechendes Karma. Man kann das nennen, wie man will, es läuft immer auf dasselbe hinaus.

"Er ist tot", bestätigte ich mit einem dünnen Lächeln. "Aber das ändert doch nichts daran, dass er ein Kotzbrocken war!"

"Trotzdem", meinte die Tochter.

"... und bei einem solchen Ekelpaket gibt es vermutlich jede Menge Leute, die ihn lieber heute als morgen aus dem Weg haben würden", fuhr ich fort.

Die Tochter kratzte sich wieder an einem ihrer zahllosen Pickel. Und jetzt war mir auch klar, warum es immer mehr wurden und die Vorhandenen nicht abheilen konnten, sondern sich nicht selten zu üblen Geschwüren auswuchsen.

Sie kratzte und drückte halt gerne dran. Was ließ sich auch sonst schon mit Pickeln anfangen? Und sie − als geborene Kratzbürste ...

"Es ist doch schon erstaunlich", meinte die Mutter.

Ich hob die Augenbrauen. "Was ist erstaunlich?", fragte ich.

"Dass wir hier zusammenleben, ohne etwas voneinander zu wissen!" Sie hob die Hände zu einer hilflosen Geste. "Das ist doch furchtbar, finden Sie nicht?"

Ich nickte leicht, obwohl ich ihre Meinung nicht unbedingt teilte. Ich empfand die Anonymität, die hier herrschte, nicht als unangenehm.

Vielleicht hatte ich sie sogar gesucht.

Niemand, der sich dauernd in irgendwelche Privatangelegenheiten einmischte. Niemand, der sich dafür interessierte, was man tat oder ließ, ob man Besuch über Nacht hatte und welcher politischen Partei man zuzurechnen war, oder ob man gar nicht wählte.

Aber wenn man dann starb, so wie Jürgen Lammers, wusste natürlich auch niemand, weshalb das geschehen war. Ich glaubte nicht an Selbstmord, von Anfang an nicht, aber angenommen, es wäre Selbstmord gewesen ...

Angenommen, Jürgen Lammers litt tatsächlich an einer unheilbaren Krankheit, oder seine Freundin hatte ihn verlassen (wobei ich mir nicht vorstellen konnte, dass er eine hatte), oder ihm war gekündigt worden, und er hatte sich anschließend nach allen Regeln der Kunst umgebracht ...

Wäre da nicht dieser verfluchte Föhn gewesen, der uns alle zu seinen Geiseln machte, selbst jetzt noch, da er tot war − er hätte wochenlang in seiner Räuberhöhle vor sich hinfaulen können, ohne dass irgendjemand das zur Kenntnis genommen hätte. Die Miete wäre automatisch von seinem Konto abgebucht worden ... Vielleicht hätte sich sein Arbeitgeber eines Tages um sein Verbleiben gekümmert.

Vorausgesetzt, es gab überhaupt einen Arbeitgeber.

Auch das wusste ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, woher er sein Geld bekam. Ich wusste noch nicht einmal, ob er regelmäßig aus dem Haus ging, um irgendeiner Tätigkeit nachzugehen − und mochte sie auch nur darin bestehen, im Stehcafe zu frühstücken.

Das Einzige, was sicher zu sein schien, war, dass er sich regelmäßig sein schütteres Haar geföhnt hatte!

Verdammt noch mal, das war wirklich eine feste Größe in seinem und unser aller Leben gewesen! Aus den Seiten, die er mir zerstört hatte, konnte man sicher einen ganzen Roman zusammenstellen!

Es dauerte noch eine geschlagene Viertelstunde, bis die Polizei in Gestalt von zwei Männern auftauchte, die mich unwillkürlich an Dick und Doof erinnerten.

Dick war wohl der Boss hier und stellte sich mit "Rehfeld, Mordkommission!" vor. Irgendwie schien er nicht besonders gute Laune zu haben. Keine Ahnung, welche Laus ihm über die Leber gelaufen war.

Doof sagte erst einmal gar nichts und dackelte mit eingezogenen Schultern hinter seinem Herrn und Meister her. Er hätte auch größte Schwierigkeiten gehabt, etwas über die Lippen zu bringen, denn er kaute auf irgendetwas herum. Erdnüsse, schätzte ich, denn nach einem schwachen Händedruck hatte ich Öl und Salz an den Fingern.

Dann hielt er mir wortlos seinen Ausweis unter die Nase.

Und dort konnte ich es dann schwarz auf weiß lesen: Doof hieß Lehmann.

Lehmann trug ein preiswertes Polyester-Longjackett, in dessen rechter Tasche er genug Platz für seinen Erdnuss-Vorrat hatte. Im Ganzen wirkte er wie ein ausgehungerter Schimanski-Verschnitt. Er war dürr und schlaksig, wenn auch zwei Köpfe länger als ich.

Seine Körperhaltung gab ihm die Gestalt eines Fragezeichens. Nur nicht zu tief Luft holen!, dachte ich. Sonst bläst es ihn um!

Bei dem dicken Rehfeld bestand da keinerlei Gefahr. Er war kugelrund und trug einen Mantel, bei dem er nur hoffen konnte, dass Regen und Wind immer von hinten kamen, denn es war einfach undenkbar, dass es ihm jemals gelingen konnte, die Knopfreihe zu schließen.

Rehfeld ging ins Bad, nachdem ihn die beiden Frauen darüber aufgeklärt hatten, dass dort die eigentliche Musik spielte.

Lehmann musterte uns einen nach dem anderen mit seinen verschlafenen Augen.

Dann nahm er noch eine weitere Handvoll Erdnüsse aus der Jackentasche heraus und stopfte sie ziemlich ungeschickt in den Mund, so dass ihm ein halbes Dutzend davon auf den Boden fiel.

Er grunzte ärgerlich und mit vollem Mund, wobei ihm um ein Haar noch etwas herausgefallen wäre. Dann dackelte er erneut hinter seinem dicken Herrn und Meister her, diesmal ins Bad. Ich folgte den beiden. Die Frauen schienen ihrerseits genug von Lammers Anblick zu haben. Sie hatten ihn ja schließlich auch lange genug angestiert.

"Schlimm, schlimm", murmelte der dicke Rehfeld vor sich hin und schnaufte. Aber er fand es nicht wirklich schlimm.

Es berührte ihn überhaupt nicht, davon war ich felsenfest überzeugt. Ich sah, wie er kurz in der Nase bohrte. Aber als er mich bemerkte, hörte er sofort damit auf. Es war ihm peinlich.

Er wollte eine nicht vorhandene Pietät raushängen lassen. Schließlich wusste er ja nicht, dass er das bei mir nicht brauchte. Ich war nämlich keineswegs unangenehm berührt durch sein Verhalten. Irgendwie verstand ich ihn sogar ganz gut.

Wenn man den ganzen Tag nichts anderes tut, als Leichen zu besichtigen und herauszufinden, wie sie zu Tode gekommen sind, muss man abgebrüht werden, wenn man nicht den Verstand verlieren will. Das ist ganz natürlich.

Jedenfalls sehe ich das so.

"Wer sind Sie eigentlich?", fragte Rehfeld.

"Ich heiße Michael Hellmer und wohne eine Etage tiefer."

"Und in welcher Beziehung standen Sie zu ..." er räusperte sich und hustete dann geräuschvoll in das riesenhafte Taschentuch, das er blitzschnell aus der Manteltasche gezogen hatte, "... zu dem Toten?"

"In gar keiner."

"Wie?"

"Ich hatte keine ›Beziehung‹ zu ihm. Ich mochte ihn nicht − und vor allem nicht seinen Föhn."

Er deutete in die Wanne. "Meinen Sie den da?"

"Ja. Den da!"

"Verstehe ich nicht."

"Ist auch nicht so wichtig!"

Oh, da war ich ihm aber auf seine überbreite Krawatte mit dem geschmackvollen grellen Blumenmuster und dem überdicken Windsorknoten getreten.

"Was hier wichtig ist, bestimme ich!", stellte er barsch und genau in der Art und Weise, die zum Klischeebild eines hässlichen, herrschsüchtigen, deutschen Beamten passte, fest.

"Okay, okay!", meinte ich. "Was wichtig ist, bestimmen Sie! Wer denn auch sonst!"

"Nicht frech werden!"

"Würde mir nie einfallen!"

Er blitzte mich böse an. Tja, dachte ich, jetzt weißt du nicht mehr, was du sagen sollst!

Er machte das einzig Vernünftige. Er schnaufte erst einmal ausgiebig. Und bevor er danach etwas sagen konnte, fing ich an, ihm von der Schönen mit den graugrünen Augen zu erzählen, die an mir vorbeigerannt war und allem Anschein nach geradewegs aus Lammers Wohnung gekommen war!

"Hm", brummte Rehfeld, jetzt schon etwas versöhnlicher. "Haben Sie eine Ahnung, wer die Frau war?"

"Nein."

"Hatte der Ermordete eine Freundin?"

"Kann ich mir nicht vorstellen. Er war ein Ekelsack! Aber ausschließen will ich das nicht. Es gibt schließlich auch Frauen mit schlechtem Geschmack."

"Er lebte allein in dieser Wohnung?"

"Soweit ich das sagen kann, ja. Jedenfalls ist mir nie etwas Gegenteiliges aufgefallen. Aber um ehrlich zu sein, ich habe mich auch nie besonders um das Liebesleben dieses Mannes gekümmert."

"Was machte er beruflich?"

"Keine Ahnung."

"Was wissen Sie überhaupt über ihn?"

"Zum Beispiel, dass er bestimmt keine Haustiere hatte, denn Haustiere sind hier verboten. Aber ansonsten weiß ich fast nichts."

"Sie lebten unter einem Dach, Herr Hellmer!"

"Ja, traurig, nicht? Das ist die Anonymität der Großstadt."

Er nickte, und dabei bildete sich ein imposantes Doppelkinn. Es war so groß, dass es fast den gesamten MEGAdicken Windsorknoten verdeckte.

"Das wird es wohl sein ..." murmelte er griesgrämig.

Und dann einigten wir uns darauf, dass er später noch einmal bei mir vorbeischauen werde, wenn er noch Fragen habe.

Mir war das recht.

Ich fürchtete nur, dass sich an dem Grundproblem zwischen uns bis dahin nicht viel geändert haben würde. Er hatte jede Menge Fragen, auf die weder ich noch irgendjemand sonst eine Antwort hatte.

Mir fiel ein, dass ich noch irgendetwas Essbares fürs Abendbrot brauchte. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich mich beeilen musste, wenn ich die Bäckerei auf der anderen Straßenseite noch vor Geschäftsschluss erreichen wollte.

Also ging ich gar nicht erst in meine Wohnung, sondern die Treppe hinunter und nach draußen.

Der Hauseingang wurde durch zwei uniformierte Schutzpolizisten gesichert, deren Dienstwagen mit Blaulicht am Straßenrand stand und bereits einen kleinen Pulk von Schaulustigen herbeigelockt hatte. Dieses blaue Licht wirkte auf sie wie weißes Licht auf Motten. Es war einfach unwiderstehlich, verhieß es doch nicht weniger als die Aussicht auf irgendeine Sensation.

Vielleicht sogar eine grässliche Sensation, bei der man dann sagen konnte: "Oh, wie grauenvoll! Hol mal den Willi, der hat sowas Schlimmes auch noch nicht gesehen!"

Der eine der beiden Polizisten war in meinem Alter und hatte einen dünnen Oberlippenbart in Errol-Flynn-Manier. Aber statt auf ein feines Rapier vertraute er anscheinend eher der weitaus weniger sportlichen Dienstwaffe an seiner Seite.

Sein Partner war mindestens fünfzehn Jahre älter und wirkte wie ein Landpolizist, der aus irgendeinem Grund ganz unten an der Karriereleiter kleben geblieben war. Über die Art des Klebstoffs konnte man nur spekulieren. Seiner roten Nase und dem strammen Bauch nach zu urteilen war er ein ziemlich gutmütiger, ziemlich oft ziemlich viel Bier trinkender Kneipengänger, was ihn wohl leider nur für eine Karriere im Schützenverein prädestinierte.

"Wer sind Sie?", fragte mich Errol Flynn. Seinem Blick fehlte dabei allerdings jeglicher Schmalz. Er war nur müde, misstrauisch und etwas genervt.

"Ich wohne hier", sagte ich und hatte mich schon halb an ihm vorbeigedrückt.

"Hat der Kommissar schon ihre Personalien?", fragte Errol, während sein rotnasiger Kollege verstohlen in der Nase bohrte und offensichtlich glaubte, dass das niemand mitbekomme.

"Er kann sie an meinem Türschild abschreiben, wenn er Lust hat!"

"Ha, ha." Errol Flynn verstand keinen Spaß. Vielleicht lag es daran, dass ich keine Piraten-Lady mit offenem Dekolleté war. Bei mir war nur der erste Hemdknopf offen. Errol wollte noch etwas sagen und hatte auch schon gehörig Luft dafür geholt, aber sein Partner kam ihm zuvor und meinte: "Lass ihn, Heinz!"

Ich war draußen und arbeitete mich zielstrebig durch den kleinen Pulk von Schaulustigen, die auf dem Bürgersteig herumstanden und eine Art Halbkreis dabei bildeten.

Sie stierten auf die beiden Schutzpolizisten wie Lourdes-Pilger auf das heilende Wasser und erwarteten offenbar jede Sekunde, dass etwas geschah. Wenn schon kein Wunder, dann wenigstens etwas, das man nicht alle Tage sah. Und wenn man schon nichts sah, dann hörte man ja vielleicht etwas.

Ich hatte mich gerade bis zum Bordstein durchgekämpft und wollte über die Straße, da fiel mein Blick auf einen jungen Mann mit verfilzten, fast schulterlangen Haaren, wie ich sie selbst vor einer halben Ewigkeit mal getragen hatte. In seinem handgestrickten Pullover, seinen Turnschuhen und den schmuddeligen Jeans sah er modisch so MEGAout aus, dass er vermutlich schon wieder ein Vorläufer des allerneuesten Trends war.

Trotz seines dicken Pullovers schien der arme Kerl zu frieren. Seine Augen flackerten unruhig, und er drehte sich ständig nach allen Seiten um wie ein Dieb, der den Mundgeruch des Kaufhausdetektivs zu riechen glaubte.

Plötzlich schrumpfte der Kerl ein Stück zusammen, und ich bemerkte, dass er bislang auf Zehenspitzen gestanden hatte.

Mit seinem hohlwangigen Gesicht, den dunkelbraunen Augen, deren Blick ständig umherirrte, und den abstehenden Ohren, die sich durch seine Haarpracht hindurchstahlen, wirkte er auf mich wie ein ausgezehrtes, gehetztes Nagetier. Ein Hase, der auf einem Kohlfeld sitzt und genau weiß, dass er dort eigentlich nicht sein dürfte ...

"Heh, Sie! Wissen Sie, was hier eigentlich los ist?", trällerte eine energische Stimme, die entweder einer Marktfrau oder einer Lehrerin gehören musste. Eine unscheinbare, grauhaarige, recht hagere Endfünfzigerin hatte sich an den hasenartigen jungen Mann gewandt.

Also doch: eine Lehrerin!

Der junge Mann zuckte zusammen. Vielleicht kannte er diesen Tonfall noch aus der Schule und war immer noch darauf konditioniert. Jedenfalls stand er starr und steif da, und sein Gesicht hatte den letzten Rest von Farbe verloren.

Seine Stimme war ein heiseres Krächzen, wie ich es in meinen Romanen immer Leuten andichte, die schon mit anderthalb Beinen im Grab stehen.

"Was?"

"Heißt der Tote nicht Lammers oder Lamus?", fragte die Lehrerin, und ich dachte: Das hat sich ja schnell herumgesprochen.

"Jürgen Lammers?", vergewisserte sich der Filzlockige, was entweder bedeutete, dass er ihn kannte, oder dass er ein besserer Lauscher war.

Die Lehrerin runzelte die Stirn. "Wohnen Sie denn nicht hier?"

"Ich?"

"Mit wem rede ich denn? Die Polizisten sagen ja nichts! Aber es muss wohl jemand umgebracht worden sein! Sie standen doch noch näher am Polizeifunk. Ich dachte, Sie hätten etwas mehr mitgekriegt als ich!"

Er sah sie mit offenem Mund an. Aus seinen Augen sprach dabei eine Mischung aus Entsetzen und namenloser Angst.

"Was?", krächzte er.

"Haben Sie gesehen, ob die Leiche schon rausgetragen wurde?"

Er rang nach Luft und wich vor der Lehrerin zurück. Dabei rempelte er einen älteren Mann hart an, der nur verständnislos mit dem Kopf schütteln konnte.

Die Lehrerin fragte: "Was ist denn los? Ist Ihnen nicht gut?"

Er schluckte. "Nein ..." flüsterte er und schüttelte wie von Sinnen den Kopf.

Was dann folgte, war eine Art heilloser Flucht. Kopfschüttelnd rannte er los, strauchelte dabei und stolperte dann über die Straße. Ein Wagen wich ihm aus, ein zweiter bremste. Dass er bis zum Mittelstreifen kam, war wie ein Wunder. Dort warf er einen gehetzten Blick zurück und nutzte anschließend die nächste Gelegenheit, um die andere Seite zu erreichen.

Wenig später war er in einer Seitenstraße verschwunden, und die Blicke der Schaulustigen hafteten bis zum letzten Moment an seinen Fersen.

"Was war denn mit dem?", fragte der ältere Mann.

"Ich weiß es nicht", murmelte die Lehrerin.

"Ein Irrer!"

"Wahrscheinlich einer aus der Anstalt. Die haben wohl mal wieder Ausgang!"

5

Ich schaffte schließlich auch noch die Überquerung des reißenden Verkehrsstroms, wenn auch nicht so schnell wie der filzlockige junge Mann, der so fluchtartig verschwunden war.

Aber im Gegensatz zu ihm hatte ich nicht den geringsten Hang zum Selbstmord.

Ich fragte mich, weswegen er so plötzlich getürmt war. Es war eine Flucht gewesen, das stand für mich fest. Er hatte aus irgendeinem Grund eine Höllenangst bekommen, ein furchtbares Panikgefühl, das ihn dazu veranlasst hatte, blindlings davonzulaufen.

Ein Spinner. Das war aber nur eine Möglichkeit.

Ich betrat die Bäckerei gerade in dem Augenblick, als die Verkäuferin hinter dem Tresen hervorgekommen war, um die Ladentür abzuschließen.

"Ich wollte gerade ..."

"Drei belegte Brötchen!", brachte ich heraus und schenkte ihr das charmanteste Lächeln, das ich nach diesem Tag noch zustande bringen konnte.

Ich wusste, dass es bei ihr in der Regel ganz gut wirkte.

Als sie anhielt und die Arme in die Hüften stützte und dabei das Grübchen auf ihrer linken Wange erschien, wusste ich, dass ich heute doch noch satt werden würde.

"Hören Sie mal, wenn jetzt jeder ..."

"Bin ich denn jeder?"

"Na, jedenfalls ..."

"... wollen Sie sicher nicht eine Hungerkatastrophe auf Ihr Gewissen nehmen, oder? Morgen sind Ihre Sachen doch sowieso schlecht, und Sie werden sie wegwerfen!"

Letzteres war ihr vermutlich völlig egal, weil sie nicht die Besitzerin des Ladens war, aber ich hatte das Gefühl, dass ich irgendetwas sagen musste, um sie restlos zu überzeugen. Und solange ich irgendetwas sagte, hatte sie wenigstens keine Gelegenheit, nein zu sagen.

Sie seufzte. "Also gut."

Sie ging an mir vorbei und schloss die Ladentür. Einen Augenblick schaute sie hinüber zu dem Theater, das sich auf der anderen Seite abspielte. Inzwischen war noch ein Wagen hinzugekommen und versuchte verzweifelt, sich in eine Parklücke zu quetschen. Vielleicht die Spurensicherung, dachte ich.

"Was ist denn da bei Ihnen los?", fragte sie mich.

Ich sagte es ihr. Sie würde es morgen sowieso in der Zeitung lesen.

"Haben Sie den Mann gut gekannt?"

"Nein. Und Sie?"

"Einmal die Woche hat er ein Weißbrot gekauft. Und Sahnetorte. Darauf stand er."

"Hm." Ich hörte nur halb hin, während sie munter weitererzählte und mir drei belegte Brötchen machte.

"Er stank oft morgens schon nach Bier."

"So, so ..."

"Wollen Sie Käse oder Wurst?"

"Käse."

Mein Blick ging über die Schlagzeilen einer ausliegenden Boulevardzeitung. RUDI, WAS NUN?, stand da in so großen Lettern, dass man erst einmal einen Schritt zurückgehen musste, um es richtig lesen zu können. Zwischen den Monsterbuchstaben war ein kleines Bild des Bundestrainers, das ihn mit einem schier verzweifelten Gesichtsausdruck zeigte.

Ich sah kurz zu der Verkäuferin hinüber. Sie hatte mit den Brötchen noch eine Weile zu tun, daher drehte ich die Zeitung um. Mein Blick fiel auf die ausgezogene Schöne mit der Überschrift CINDY IST ES AUCH IM WINTER HEISS, wurde dann aber Cindys Schwindelerregender Kurven zum Trotz von etwas anderem abgelenkt.

Es war ein kleiner Artikel in der Ecke, der zu zwei Dritteln aus seiner Überschrift bestand.

Irgendein Splitter meines Bewusstseins hatte das Wort MÜNSTER wahrgenommen, was für mich Anlass genug war, mal nachzusehen.

Wenn Münster in diesem nationwide vertriebenen Revolverblatt erwähnt wurde, bedeutete das nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass hier mal wieder etwas geschehen war, was die Nation bewegte.

Dass Boris Becker hier noch ein uneheliches Kind hatte, wagte ich nicht zu hoffen, aber vielleicht war der Geisterfahrer von vorgestern drin.

Seit dem Westfälischen Frieden von 1648, der den dreißigjährigen Krieg beendet hatte, war die Stadt ziemlich aus den Schlagzeilen raus. Wurde also Zeit, dass hier mal wieder Geschichte geschrieben wurde.

EMPÖREND: DEUTSCHLANDS GEIZIGSTER POLITIKER!, stand da mit schreiendem Ausrufezeichen zu lesen. Und dann, etwas kleiner: ›Miese Tricks! Münsters OB zahlt keinen Cent an verarmte Ex-Frau!

Zwei kleine Fotos daneben. Eines zeigte die arme Ex-Frau mit einem hinlänglich verzweifelten Gesicht. Auf dem anderen war unser aller Oberbürgermeister zu sehen. Ich erkannte ihn jedoch erst auf den dritten Blick. Das Bild war schon ziemlich alt und stammte vermutlich aus dem Archiv der Ex-Frau. Ein Ausschnitt aus dem Hochzeitsfoto vielleicht.

Ich begann, den Artikel zu lesen: "Dr. Jürgen Werneck (52) hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist Oberbürgermeister im westfälischen Münster und Inhaber einer Immobilienfirma. In der Großgarage seines schmucken Bungalows stehen ein silberfarbener Mercedes und ein blauer Jaguar. Doch seine Ex-Frau Brigitte (50) lebt in bitterer Armut. Seit ihr die Ein-Zimmer-Wohnung gekündigt wurde, muss sie in einem Obdachlosenasyl übernachten. Brigitte Werneck sagt: >Er hat kein Herz mehr für die Mutter seiner Kinder!<“

Danach war die Zeile unleserlich.

Irgendjemand hatte mit Schokoladenfingern auf die Zeitung gefasst. Aber morgen war das Blatt sowieso Altpapier.

"Hier sind die Brötchen!", drang die Stimme der Verkäuferin wie ein Messer durch meine butterweichen Gedanken.

Ich fuhr hoch. "Was?"

"Ja, dann bezahlen Sie jetzt wenigstens, damit ich endlich nach Hause komme!"

"Konfuzius sagt: Eile mit Weile", erwiderte ich, während ich die Euromünzen aus dem Portemonnaie kratzte.

Sie verzog das Gesicht. "Eile mit Weile − Langeweile!", versetzte sie schlagfertig.

Ich nahm die Brötchen. "Wiedersehen."

"Tschüss. Erzählen Sie mir morgen, was da drüben bei Ihnen genau passiert ist, ja? Das sind Sie mir schuldig!"

6

Das Haus glich einem wahren Taubenschlag. Ich saß in meiner Küche und hörte vom Treppenhaus her Stimmen und Schritte. Da war einiges los, aber ich hatte wenig Lust, mir das ausgiebig anzusehen, wie es zweifellos die beiden Frauen mit dem überaus ungewöhnlichen Namen Meyer jetzt taten. Nicht lange, und es gab auch wieder Strom.

Ich schüttete den Rest Kaffee, der sich noch in der Maschine befand, ins Spülbecken und setzte mir frischen auf.

Dann packte ich meine Brötchen aus und fragte mich, welches ich zuerst essen sollte.

Erst jetzt wurde mir bewusst, wie hungrig ich war. Seit dem ausgiebigen Frühstück, das ich in einem Kaufhausrestaurant genossen hatte, hatte ich außer reichlich Kaffee nichts zu mir genommen.

Manchmal ist das so.

Man sitzt an der Tastatur, sieht den Cursor auf dem Bildschirm blinken und es scheint einem so, als würde er einem unablässig zurufen: "Noch eine Zeile, noch eine Zeile! Nicht stehenbleiben! Nicht stehenbleiben!"

Und dann ist man wie unter Hypnose. Ein Wort nach dem anderen erscheint auf dem Bildschirm, bis der Strom der Bilder und Wörter (und manchmal leider auch jener der Elektrizität) plötzlich versiegt. Dann wird einem erst bewusst, wie viel Zeit vergangen ist und wann man zum letzten Mal etwas gegessen hat.

Ich habe oft darüber nachgedacht, was es ist, das einen treibt, eine Zeile nach der anderen zu füllen.

Sicher, da ist die Gewissheit, dass man letztlich immer nur soviel Geld auf seinem Konto finden wird, wie man Seiten geschrieben hat.

Außerdem weiß man nie, ob einem auch morgen noch etwas einfällt. Wenn die Einfälle also da sind, muss man das ausnutzen. Es könnte ja sein, dass man irgendwann mal in eine Krise kommt. Keine Bilder, keine Wörter, nichts mehr; Ende. Blackout.

So etwas gibt es. Aber es hat bei mir noch nie sehr lange gedauert. Ein paar Tage, meistens weniger.

Nein, das allein kann es nicht sein, was einen immer wieder treibt. Denn die Wahrheit ist, dass mir eigentlich immer etwas einfällt, wenn ich einigermaßen ausgeruht bin. Nicht unbedingt jedes Mal ein dichterischer Geniestreich, aber das erwartet auch niemand von mir.

Was ich mache, ist Handwerk, keine Kunst. Aber auch das will gut gemacht sein, oder?

Ich denke, es ist eine Form der Besessenheit, die einen immer wieder an die Tasten treibt.

Besessenheit, genau das ist das richtige Wort.

Ich fühle mich gut, wenn ich geschrieben habe. Ich fühle mich einfach gut, obwohl ich hinterher oft völlig fertig bin. Aber ich fühle mich gut. Und das ist es, worauf es ankommt, so sehe ich das.

Es ist eine Besessenheit. Ein Dämon, gegen den es keinen Exorzismus gibt.

Es gibt Leute, die bringen Menschen um und fühlen sich hinterher vielleicht auch gut. Oder hoffen zumindest, sich dadurch besser zu fühlen. Solche Leute nennt man Psychopathen, und man sperrt sie in Irrenanstalten ein. Andernorts kommen sie auf den elektrischen Stuhl.

Im Prinzip tun diese Leute nichts anderes als ich. Sie geben ihrer Besessenheit nach. Aber so ist das eben. Die eine Besessenheit bringt einen ins Loch, die andere lässt sich vermarkten.

Während ich mir ein Brötchen in den Rachen schob und ein kräftiges Stück davon abbiss, gingen meine Gedanken zurück zu Jake McCord und seinen Problemen mit einem furchtbar miesen und skrupellosen Rancher, der einen ganzen County unter seiner Knute hält ...

Fünf Seiten hatte Jürgen Lammers mir gestohlen, dieser dumme Hund! Er war jetzt tot, aber irgendwie hatte ich ihm deshalb trotzdem nur zur Hälfte verziehen. So bin ich eben: nachtragend und ungerecht.

Auch gegenüber Toten.

Aber es war nicht zu ändern, und ich würde gut daran tun, mich darauf zu konzentrieren, die Szene möglichst schnell wieder so hinzukriegen, wie ich sie schon einmal auf dem Papier gehabt hatte.

Ich nahm also die Kaffeetasse und ein Brötchen und ging zum Computer, schaltete Zentraleinheit und Bildschirm wieder an, wartete, bis der Computer seinen Scan-Disk durchgeführt hatte und wieder hochgefahren war, um schließlich die Datei mit dem überaus spannenden Anfang von ›Gnadenlose Wölfe‹ zu öffnen, diesem ›brandneuen Top-Western unseres beliebten Autors MIKE HELL. Realistisch, hart und voller Dramatik!

Ich schlürfte noch einmal an meinem Kaffee und stopfte den Rest meines Brötchens in mich hinein. Wahrscheinlich würde ich später noch eine Pizzeria heimsuchen.

Ich fing also wieder an, in die Tasten zu hauen. Ich mag so etwas nicht. Es ist eine Qual, eine Szene, die man geistig schon abgelegt hat, noch einmal erfinden zu müssen. Es ist einfach nicht kreativ, es ist nur ärgerlich. Und noch ärgerlicher ist es, wenn man nicht so recht voran kommt, weil die Gedanken woanders sind.

Ich konnte mich eigentlich immer schon gut konzentrieren und um mich herum die Welt vergessen. Man muss das können, wenn man etwas zustande bringen will. Man muss die Welt um sich herum vergessen, um kurzfristig in eine andere eintauchen zu können. Ich habe diese Fähigkeit ganz gut trainiert und dennoch − manchmal ist es einfach nicht zu verhindern, dass die Gedanken ihre eigenen Wege gehen.

Und genau dieses Problem hatte ich im Moment.

Zeile um Zeile quälte ich mich voran. ›McCord kniff die Augen zusammen, so dass sie nichts weiter waren als enge Schlitze‹, so hackte ich lustlos in die Tasten. Aber schon in der nächsten Sekunde war mir klar, dass ich diese Zeile wieder löschen musste. Jake McCord hatte die Augen im Verlauf der letzten halben Seite schon einmal zusammengekniffen, und das war entschieden genug.

Ich atmete tief durch.

Und dann löschte ich die Zeile und suchte nach etwas Neuem. Ich tat es nicht nur aus stilistischen Gründen, sondern auch um McCords Willen. Er sollte ja schließlich vom dauernden Zusammenkneifen keinen Krampf in den Augenwinkeln bekommen!

7

Fünf Minuten später klingelte es an meiner Tür. Ich ging hin und öffnete.

Vor mir stand der dicke Rehfeld mit seiner dicken Krawatte und seinem MEGAdicken Doppelkinn.

Sein Bauch drängte durch seinen offenen Mantel schon fast bis in meine Wohnung hinein. Beinahe so, als hätte er ihn direkt gegen die Tür gedrückt, bevor ich geöffnet hatte.

Wahrscheinlich war es sogar genau so gewesen! Schließlich hatte er kurze Arme und hätte sonst gar nicht die Klingel erreichen können!

"Kann ich kurz zu Ihnen hereinkommen, Herr, äh ..." Er schaute auf seinen schmierigen Zettel. Vielleicht sollte er es mal mit einem Diktiergerät versuchen!, dachte ich. Aber es würde wohl noch geraume Zeit verstreichen, ehe bei der Polizei das Zeitalter der modernen Technik anbrechen würde. "Herr Hellmer!", kam es schließlich über seine dünnen aufgesprungenen Lippen, die er wiederholt mit seiner Zunge benetzte.

"Kommen Sie herein!", sagte ich.

Unterdessen sah ich aus dem Augenwinkel, wie zwei Uniformierte einen Metallsarg die Treppe hinuntertrugen und sich an Rehfeld vorbeiquetschten.

"Warum benutzt ihr nicht den Fahrstuhl?", knurrte der Dicke.

"Ist kaputt!", knurrte es zurück.

Mein Blick blieb unwillkürlich an dem Metallsarg haften und folgte ihm weiter die Treppe hinab. Da liegt er nun also drin!, dachte ich. Ob man ihm wenigstens zur Beerdigung etwas anderes als einen Jogging-Anzug anziehen würde?

"Kommen Sie!", hörte ich Rehfeld sagen. "So interessant ist so ein Sarg doch auch nicht!"

Ich zuckte mit den Schultern. "Kommt drauf an."

"Wo drauf?"

"Darauf, wer drin liegt zum Beispiel. Oder ..."

"Oder?"

"Oder wie derjenige gestorben ist."

"Sie meinen, ob friedlich im Bett oder unfriedlich in der Badewanne?"

Ich nickte. "Ja, so oder so ähnlich."

Er sah mich an. Er hatte wässrig blaue Augen und fast genau den Blick, den ich in meinen Romanen immer den Saloonkeepern gebe. Ein bisschen misstrauisch, ein bisschen feige und ein bisschen voll vorgespielter Entschlossenheit. Aber wenn die Schießerei kam, dann pflegten sie sich blitzschnell hinter die Theke zu ducken und tauchten für gewöhnlich erst wieder auf, wenn alles vorbei war.

"Was wollen Sie wissen?", wandte ich mich an den dicken Kripo-Mann.

"Ich wollte Sie kennen lernen."

"Bin ich so interessant?"

"Kann man vorher nie sagen, Herr Hellmer."

"Das stimmt auch wieder."

"Für mich ist alles interessant, was irgendwie mit Jürgen Lammers zusammenhängt."

"Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich nicht mit ihm zusammenhänge."

"Ja, das habe ich zur Kenntnis genommen. Es wäre übrigens nett, wenn Sie sich gleich noch Zeit nehmen könnten, um mit einem unserer Beamten ein Phantombild von der Frau zu erstellen, die Sie gesehen haben."

"Muss ich dazu aufs Präsidium?"

"Nein. Der Kollege kommt hier bei Ihnen vorbei. Vielleicht in einer halben Stunde. Haben Sie heute Abend noch was vor?"

"Nein."

"Das ist gut. Wie ist Ihre Telefonnummer?"

Ich nannte sie ihm, und er schrieb sie sich auf.

Bis jetzt hatten wir im Flur gestanden, jetzt machte ich mich ins Wohnzimmer auf, in dem ich auch arbeitete. Rehfeld folgte mir, ohne auf eine Einladung meinerseits zu warten.

Sein Blick ging sofort zum Computer. "Sind Sie ein Spiele-Freak oder ein Hacker?"

"Ich brauche das Ding beruflich."

Er ließ sich auf einem meiner Sessel nieder. Dann beugte er sich nach vorne, zu dem niedrigen Tisch, wo ein Packen Belegexemplare lag, der gestern mit der Post gekommen war und den ich noch immer nicht weggeräumt hatte.

Logan, der Unerbittliche‹, so hieß dieser ›ungewöhnlich dramatische Western-Roman von MIKE HELL.

Ein breites Grinsen ging über sein Gesicht. Es zog sich an seinem Doppelkinn entlang von einem Ohr zum anderen.

Dann nahm er sich ein Exemplar des ›Unerbittlichen‹, blätterte ein wenig darin herum und legte den Roman schließlich wieder zurück auf den Packen.

"Sie sehen mir eigentlich ein bisschen zu erwachsen für so etwas aus", meinte er.

"Ich lese das Zeug ja auch nicht", meinte ich.

"Aber ..."

"Es ist viel schlimmer: Ich schreibe es!"

"Da steht aber ein gewisser Mike Hell als Autor angegeben."

"Das ist mein Pseudonym. Mike Hell - Michael Hellmer."

"Verstehe ..." murmelte er, und ich dachte, als Polizei-Detektiv hättest du eigentlich selber drauf kommen müssen, Dicker!

Aber vielleicht war das logische Kombinieren ja inzwischen aus der Mode gekommen und durch modernere Ermittlungsmethoden ersetzt worden.

Ich sah Rehfeld an. "Ich lebe davon, Leute umzubringen. Allerdings nur auf dem Papier. Alle paar Seiten eine Schießerei. Ich komme locker auf fünfzig Leichen im Monat, bin also ein Wiederholungstäter, oder?"

Rehfeld schlug sich auf seine sicher unwahrscheinlich wabbeligen Schenkel und lachte. "Ja", prustete er. "Kann man wohl so sehen ..."

"Ich schätze, wenn Lammers nicht in der Badewanne umgekommen wäre, sondern Sie ihn mit einer Kugel im Kopf gefunden hätten − dann wäre ich wohl auf Ihrer Verdächtigenliste ganz oben!"

Er verzog sein Gesicht. "Wer sagt, dass Sie es nicht auch jetzt sind?"

Ich nickte. "Sicher", bestätigte ich. "Ich traue Ihnen alles zu."

"Verdienen Sie eigentlich gut?"

"Nein. Nicht besonders. Leider bin ich nicht Konsalik oder Stephen King."

"... und ich bin nicht so ein netter Kerl wie Derrick oder Columbo!"

"Habe ich mir fast gedacht!"

Schließlich kam er doch noch zur Sache. Ich hatte schon befürchtet, dass er tatsächlich nur gekommen sei, um mir erstens den Besuch seines Kollegen anzukündigen und mir zweitens meine kostbare Zeit zu stehlen.

Aber ganz so schlimm war es dann doch nicht.

"Haben Sie etwas gehört? Irgendetwas, ganz gleich was?"

Ich überlegte. "Ich war bei der Arbeit, als das oben mit Lammers passiert sein muss. Und dann war plötzlich die Sicherung raus. Genau in dem Moment muss der Föhn in die Wanne gelangt sein. Ungefähr 17.30 Uhr, würde ich sagen. Ich wollte gerade eine Pause machen und habe deswegen geschaut, wie spät es war."

"Sie haben nichts gehört?"

"Nein."

"Keine Schritte, niemanden, der nach oben gegangen ist?"

"Die Frau ..." begann ich, aber das war im Moment nicht das, was der Dicke von mir hören wollte, und so unterbrach er mich ziemlich abrupt.

"Ja, von der haben Sie uns bereits erzählt", knurrte er unwirsch.

"Sonst niemand ... aber ..."

"Ja?"

"Warten Sie mal eine Sekunde."

"Na?"

"Da war etwas, aber das war zwei Stunden früher!"

"Erzählen Sie!", forderte er.

"Ich war im Flur, da habe ich gehört, wie mindestens zwei Personen die Treppe zu Lammers hinaufgegangen sind! Aber ich glaube nicht, dass das etwas mit der Sache zu tun hat! Schließlich war der Stromausfall erst viel später."

Rehfeld atmete tief durch und lehnte sich zurück. "Wahrscheinlich hat es mehr damit zu tun, als Sie für möglich halten!"

"Was meinen Sie damit?"

"Als der Strom ausfiel, war Lammers schon mindestens eine Stunde tot."

"Ist das sicher?"

"Ziemlich sicher. Und er starb auch nicht an dem elektrischen Schlag!"

"Was?" Ich war erstaunt.

"Jemand hat ihm mit einem stumpfen Gegenstand von hinten auf den Schädel geschlagen."

"Das heißt, Lammers wurde erst in die Wanne befördert, nachdem er schon tot war!"

"Ja."

Das ließ natürlich alles in einem neuen Licht erscheinen. Selbstmord, so schien es, war damit wohl endgültig ausgeschlossen.

"Naja", meinte ich. "Sie werden sicher alles herausbekommen."

"Allerdings, das werde ich!", kündigte er an. Und bei ihm klang das fast wie eine Drohung.

Im nächsten Moment klingelte es an der Tür. Zweimal kurz hintereinander. Da schien jemand ziemlich ungeduldig zu sein.

Ich meinte: "Das wird wohl Ihr Kollege sein."

Rehfeld nickte langsam. "Ja, vermutlich." Er erhob sich. "Es wäre nett, wenn Sie in den nächsten Tagen im Präsidium vorbeischauen würden, damit wir Ihre Aussage zu Protokoll nehmen können."

"Meinetwegen", sagte ich.

Ich öffnete die Tür, und davor stand ein junger Mann mit dicker Brille und fettigen langen Haaren, die ihm am Kopf klebten. Er sah wie ein Seehund aus, der gerade aus dem Wasser getaucht war. Der dünne, blonde Schnurrbart trug zu diesem Eindruck ein Übriges bei.

Rehfeld schien den Seehund zu kennen. Jedenfalls musste sich dieser von dem Dicken einen Schlag auf die Schulter gefallen lassen. "Dann sehen Sie mal zu, dass Sie ein schönes Bild zurechtkriegen!"

8

Ich schrieb: ›Jake McCord ließ die Flügeltüren des Saloons auseinanderfliegen und trat ein. Zu dieser Tageszeit war an diesem Ort noch nicht viel los. Ein paar Zecher hingen an der Theke.

An einem der Tische wurde gespielt.

Als McCord eingetreten war, verstummten fast augenblicklich die Gespräche. Verstohlene Blicke wurden ihm zugewandt, wobei die Männer es vermieden, McCord offen anzusehen. Jake McCord kannte diese Blicke. Es waren Blicke, die einem Mann galten, von dem jedermann annahm, dass er bald sterben werde − durchsiebt von einem halben Dutzend Bleikugeln.

McCord kümmerte das nicht. Er hatte nicht vor, sich erschießen zu lassen.

Mit weiten Schritten ging er zur Theke, hinter der der Saloonkeeper wie erstarrt stand. Er war dick und rotwangig und machte ganz den Eindruck, sich häufiger an seinem eigenen Whiskey zu vergreifen.

"Sie können Ihren Mund wieder zumachen!", wandte sich McCord an den Salooner. "Und wenn Sie das geschafft haben, dann schenken Sie mir doch bitte etwas ins Glas!"

"Whiskey?"

"Was sonst!"

"Ich hätte nicht gedacht, dass Sie noch hier sind, Mister McCord! Wenn ich Sie wäre, hätte ich mir ein schnelles Pferd besorgt und zugesehen, ein paar Meilen zwischen mich und John Morton zu legen!"

"Ich fürchte mich nicht vor John Morton!"

"Das sollten Sie aber! Sie haben seinen Vormann erschossen!"

"Das war Notwehr!"

"Für Morton spielt das keine Rolle!" Der Keeper stellte ein Glas auf den Tisch und goss es bis zum Rand voll. McCord nahm es und spülte den braunen Saft in einem Zug hinunter, dann ging sein Blick zur Seite.

Er sah eine junge Frau die Treppe hinunterkommen. Ihre Blicke trafen sich. Sie hatte graugrüne Augen und dichtes, dunkelbraunes Haar, das sie kunstvoll hochgesteckt hatte.

Sie lächelte.

Als McCord zu ihr hingehen wollte, hielt der Keeper ihn am Arm fest. "Ich warne Sie, McCord! Das ist John Mortons Mädchen!"

Ich sicherte meinen Text, erhob mich und ging zum Fenster. Unten auf der Straße hupte irgendein Lieferwagen, weil man ihn zugeparkt hatte.

Ja, diese graugrünen Augen gingen mir nicht mehr aus dem Sinn, und jetzt begann ich sogar schon, damit mein Western-Alter-Ego Jake McCord zu plagen! Und dabei hatte McCord eigentlich schon genug Probleme! Dass sich diese geheimnisvolle Schöne verdünnisiert hatte und sich bis jetzt standhaft weigerte, wieder aufzutauchen, war ja schließlich nicht seine Schuld.

Zwei Tage waren vergangen, seit Lammers zu Tode gekommen war. Die Polizei hatte sich nicht mehr bei mir gemeldet, und ich dachte mit Schrecken daran, dass ich noch zu Rehfeld aufs Präsidium musste, um meine Aussage zu Protokoll zu geben. Ich hatte das bisher vor mir hergeschoben, aber das ging nicht bis in alle Ewigkeit.

Ein Phantombild war erstellt worden, mit dessen Hilfe nun nach jener Frau gefahndet wurde, der ich im Treppenhaus kurz nach dem Stromausfall begegnet war. Wahrscheinlich bis zur Stunde erfolglos.

Seltsam, ich hatte sie nur für wenige Augenblicke gesehen, aber ihr Gesicht stand noch immer in jeder Einzelheit vor meinem inneren Auge.

Hätte ich versucht, mir Jürgen Lammers Gesicht vorzustellen, hätte ich viel größere Schwierigkeiten gehabt, obgleich ich ihm mehr als ein Dutzend Mal begegnet war, um mich mit ihm zu streiten.

Lammers Wohnung war von der Kripo versiegelt worden. Niemand konnte dort hinein, ohne dass man es hinterher sehen konnte.

Ansonsten war wieder so etwas wie Normalität in dieses nicht mehr ganz taufrische Mietshaus eingekehrt. Die Bässe der Disco im Erdgeschoss dröhnten wie eh und je oft bis weit nach Mitternacht, die dicke Mutter schaffte es immer noch mit letzter Kraft, ihre eingepackten Pizza-Köstlichkeiten bis hinauf in ihre Wohnung zu bringen, und ihre pickelige Tochter wirkte so unzufrieden wie stets.

Aber es hatte seitdem keinen Stromausfall mehr gegeben. Und das hielt ich für ein gutes Zeichen.

Mit den ›Gnadenlosen Wölfen‹ war ich gut vorangekommen, und es war, wie es meistens bei mir ist: Noch während ich an einem Roman arbeitete, kristallisierte sich bereits der nächste heraus.

Ich klappte ein wenig das Fenster ab, um ein bisschen frische Luft hereinzulassen, obwohl frisch für das, was da hereinblies, vielleicht doch nicht der richtige Ausdruck war.

Und dann glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen!

Auf der anderen Straßenseite sah ich sie. Ich musste zweimal hinschauen, um es wirklich glauben zu können, aber dann hatte ich nicht mehr den geringsten Zweifel.

Sie wandte den Kopf, sah nach den Autos und versuchte über die Straße zu kommen, was ihr schließlich auch gelang. Ich war gespannt, wohin sie ihr Weg jetzt führen würde. Aber war das wirklich eine Frage?

Nein, ich hatte es im Gefühl.

Sie würde hinauf zu Lammers Wohnung wollen, aus einem Grund, der die Polizei vermutlich noch um einiges mehr interessierte als mich − und den weder Rehfeld noch ich bis jetzt kannten.

Ich blickte hinab, sie blickte hinauf, aber sie sah mich nicht. Immer wieder drehte sie den Kopf, so als glaube sie, verfolgt oder beobachtet zu werden.

Wurde sie ja auch: von mir.

Doch das war sicher nicht der Grund für ihre Vorsicht.

Und dann verschwand sie unten im Eingang. Meine Vermutung hatte sich also bewahrheitet.

Ich ging in den Flur und dachte, gleich müsste ich sie das Treppenhaus hinaufklappern hören.

Sie trug Schuhe mit Absätzen, damit konnte man sich nicht leise hinaufschleichen.

Es dauerte nicht lange, bis ich sie tatsächlich hörte. Ich wollte schon die Tür öffnen und hinausgehen, aber im letzten Moment hielt ich inne.

Unterdessen hatte es die Frau gerade bis zum ersten Treppenabsatz geschafft.

Was sollte ich tun?

Einfach hinausgehen, sie anquatschen und ihr sagen, sie möge doch bitteschön so freundlich sein, sich bei der Polizei zu melden?

Wie kam ich dazu? Und wie würde sie reagieren?

Vielleicht genau so, wie bei unserer ersten, allzu kurzen Begegnung. Möglicherweise würde sie einfach auf dem Absatz kehrtmachen und wieder davonrennen.

Ich beschloss, erst einmal abzuwarten, ob sie wirklich hinauf zu Lammers Wohnung gehen würde.

In diesem Moment kam sie an meiner Tür vorbei, und dann trippelte sie die nächste Treppe hinauf. Ich wartete darauf, dass sie unverrichteter Dinge zurückkehrte, aber sie kam nicht.

Ich öffnete die Tür und ging hinaus ins Treppenhaus. Und dann lauschte ich, hörte aber nichts. Ich schloss meine Wohnungstür und ging dann auf leisen Sohlen die Treppe zu Lammers hinauf.

Oben angekommen, war von der Schönen nichts zu sehen.

Sie hatte sich einfach in Luft aufgelöst, und eine Sekunde lang glaubte ich schon, einer Fata Morgana aufgesessen zu sein. So etwas kommt ja vor.

Man ist von etwas so besessen, dass man Dinge sieht und hört, die gar nicht existieren, und sich irgendetwas einbildet, sich aus kleinen Versatzstücken der Wirklichkeit etwas zurechtlegt, das dann nichts als Erfindung ist.

Aber die junge Frau hatte sich keineswegs in Luft aufgelöst. Mein Blick fiel auf das zerstörte Siegel der Kripo.

Die Lady, der ich auf den Fersen war, befand sich in der Wohnung!

Jake McCord hätte jetzt an die Hüfte gegriffen, blitzartig seinen 45er aus dem Holster gerissen und dann mit einem kraftvollen Tritt die Tür geöffnet.

Ich ging da entschieden ziviler vor, schon deshalb, weil ich keinen 45er Colt an der Seite hatte. Vor allem war ich keineswegs scharf darauf, irgendwelche Reparaturrechnungen begleichen zu müssen.

So drückte ich also ganz einfach die Klinke herunter, machte auf, blickte in den noch immer völlig chaotischen Flur, und dann sah ich sie.

Ihr hübsches, fein geschnittenes Gesicht war bleich wie die Wand geworden. Fast so bleich wie das Gesicht von Lammers, als ich ihn in der Badewanne gesehen hatte. Aber sie hatte es besser.

Sie hatte sich nur zu Tode erschrocken, Lammers war tot. Ein nicht unbeträchtlicher Unterschied, den sie im Moment aber wohl nicht so recht zu würdigen wusste.

Sie machte ihren hübschen roten Mund erst auf und dann wieder zu. Und dann schluckte sie.

Und ich?

Jake McCord blieb so gelassen, wie es in dieser Lage nur möglich war.

Ich nickte ihr zu. "Tag", murmelte ich. "So sieht man sich wieder!"

Sie schien nicht zu begreifen. "Wer...?"

"Erinnerst du dich nicht?" Ich duzte sie einfach.

"Woran?", fragte sie unsinnigerweise.

Ich erklärte ihr: "Wir sind uns schon einmal begegnet. Eine Treppe tiefer vor meiner Wohnungstür. Du hattest es ziemlich eilig ..."

Sie atmete tief durch, und irgendwie machte es ganz den Eindruck, als sei ihr eine Zentnerlast vom Herzen gefallen. "Ja", sagte sie. "Ich erinnere mich."

"Hattest du mit jemand anderem gerechnet?"

"Wieso?"

"Es war nur eine Frage."

"Hör mal, ich ..." Sie brach ab und kam etwas näher. Ich blieb in der Tür stehen.

"Bist du eine Freundin von Jürgen Lammers?"

"Wieso?"

Auskunftsfreudig war sie jedenfalls nicht.

"Weil es einen Grund dafür geben muss, dass du in seiner Wohnung bist. Wie bist du überhaupt hineingekommen? Hattest du einen Schlüssel?"

"Was geht dich das alles an?"

"Eigentlich nichts, da hast du Recht."

"Na, also!"

"Trotzdem, es ist doch irgendwie merkwürdig, nicht wahr? Wir treffen uns hier schließlich in der Wohnung eines Mannes, der vor zwei Tagen ermordet wurde und dessen Wohnung von der Polizei versiegelt war. Die Polizei ist ganz wild darauf, sich mit dir zu unterhalten!"

Sie wollte etwas erwidern, aber dann wurde sie durch irgendetwas abgelenkt. Von unten aus dem Treppenhaus waren Schritte zu hören.

"Mein Gott ..." Sie flüsterte es so vor sich hin. Sie hatte Angst. Höllische Angst.

"Was ist los?", fragte ich unnötigerweise.

"Raus hier!", rief sie, und dann lief sie an mir vorbei. Zusammen stolperten wir die Stufen hinab, obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, worum es hier ging.

Die Schritte von unten kamen bedrohlich näher.

Sie fragte: "Ist das deine Wohnung dort?"

"Ja."

"Dann mach auf! Schnell!"

Ich beschloss, erst einmal zu handeln und dann darüber nachzudenken, obwohl ich es eigentlich lieber anders herum halte. Manchmal kann man es sich eben nicht aussuchen. Ich drehte also den Schlüssel in meinem Schloss herum, und zwei Sekunden später war die junge Frau bereits in meine Wohnung gehuscht.

Gerade noch rechtzeitig.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich zwei Männer die Stufen hinaufhetzen. Der Erste, der die Treppe hochgestürmt kam, wirkte wie eine Kopie von Flash Gordon, dem unerschrockenen Sternenkämpfer und Feind aller intergalaktischen Fieslinge, bekannt aus Comic, Film und Roman-zum-Film.

Ich sah allerdings eine Version des Weltraum-Helden, die man offenbar einem zusätzlichen Bodybuilding-Programm und einer erfolgreichen Gehirnamputation unterzogen hatte.

Er war mindestens einen Meter neunzig groß, und seine hellblonden Haare waren kurz geschoren wie bei einem Fremdenlegionär. Aber seine hellblauen Augen leuchteten lange nicht so hellwach wie die von Flash Gordon. Sie waren trübe und wirkten stumpfsinnig. Sein Gesicht war rot angelaufen, und er keuchte wie ein belgisches Kaltblutpferd.

Durch den verzogenen Mund konnte man seine blitzenden Zähne sehen. Sie schienen noch alle da zu sein, zumindest die vordere Reihe, was bei einem wie ihm wohl nur bedeuten konnte, dass er stets als Erster zugeschlagen hatte.

Vielleicht trug er auch ein Gebiss.

Der Zweite war etwa ein Dutzend Stufen im Rückstand, und dieser Rückstand würde sich wohl eher noch vergrößern. Er hatte einfach nicht die Kondition, um mit der Dampfwalze, die ihm vorauseilte, mitzuhalten. Und das, obwohl Flash Gordon ja schließlich noch seine gesammelten Muskelpakete mit sich herumtragen musste.

Der zweite Mann war vom Äußeren her so etwas wie ein exaktes Gegenstück zu seinem Partner.

Er war klein und drahtig und hatte dunkles Haar. Er wirkte fast wie ein südländischer Typ, wozu aber die verhältnismäßig bleiche Haut nicht passte.

Seine Wangen wurden von einem ungepflegten, dünnen Bart bedeckt, von dem man nicht sagen konnte, ob er absichtlich als Eine-Woche-Bart stehengelassen worden war oder einfach nicht üppiger sprießen wollte.

Flash Gordon würdigte mich nur eines kurzen, dumpfen Blickes, und ich musste einen Schritt zur Seite springen, um von ihm nicht umgerannt zu werden.

Er blieb zwei Sekunden auf dem Treppenabsatz vor meiner Tür stehen und warf einen Blick an mir vorbei in meine Wohnung.

Ich widerstand der Versuchung, mich auch dorthin umzublicken. Ich hoffte nur, dass dort niemand zu sehen sei − aber was immer man auch über die junge Frau sagen konnte, dämlich schien sie nicht zu sein.

Der Kerl hetzte weiter nach oben, und ich ging in meine Wohnung und schloss die Tür hinter mir.

Sicherheitshalber schob ich sogar den Riegel vor. Man konnte ja nie wissen.

Wenn die beiden Wölfe ihre Beute oben bei Lammers nicht vorfanden, kamen sie möglicherweise auf die Idee, woanders nachzusuchen.

Ich ging ins Wohnzimmer und sah sie am Fenster stehen. Sie hatte sich noch nicht so recht beruhigt, das war ihr deutlich anzumerken.

Eine sanfte Röte überzog ihr fein geschnittenes Gesicht, das ich jetzt im Profil zu sehen bekam.

Ich musterte sie, und zwar in diesem Moment wohl erstmalig mit Verstand. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Das lindgrüne Kleid, das sie trug, war schlicht, wirkte aber elegant. Und der dezente Schmuck, den sie angelegt hatte, schien echt zu sein.

Im Ganzen machte sie den Eindruck einer Frau, für die Geld kein allzugroßes Problem darstellte. Ich konnte mich täuschen, aber ich glaubte, da richtig zu liegen. Natürlich mochte alles nur Maske sein, aber wenn dem so war, dann war es eine sehr gute. Sie trug ihre Sachen mit großer Selbstverständlichkeit, die darauf hindeutete, dass sie daran gewöhnt war.

Ihre Brust hob sich, als sie tief durchatmete. Langsam schien sie sich wieder zu fassen. Sie wandte sich zu mir um. "Wo sind sie?"

"Deine ... äh ... Bekannten?"

"Für Sarkasmus ist jetzt wohl nicht der richtige Zeitpunkt!"

Eins zu null für sie!, dachte ich. Wo sie Recht hatte, hatte sie sicher auch Recht. Aber ich für meinen Teil hatte wenig Lust, in etwas hineingezogen zu werden, bei dem ich nicht abschätzen konnte, worum es sich handelte. Ich dachte, ich hätte ein Recht auf etwas mehr Information. Es schien allerdings ganz so, als stünde ich mit dieser Auffassung allein da.

"Die beiden sind oben bei Lammers", sagte ich.

Sie fragte: "Was glaubst du? Haben die mich gesehen?"

"Ich hoffe nicht."

"Wieso?"

"Weil es dann wohl Ärger gibt, oder liege ich da falsch?"

"Nein ..."

Wieso − das schien eines ihrer Lieblingswörter zu sein, soviel hatte ich schon begriffen. Wieso, weshalb, warum? − Wer nicht fragt, bleibt dumm! Aber dumm war sie bestimmt nicht. Ob sie allerdings ausgebufft genug war, um es mit denjenigen aufnehmen zu können, deren Ärger sie sich da auf irgendeine Art und Weise zugezogen hatte, das musste einstweilen offen bleiben.

"Wer sind die beiden?", fragte ich.

"Keine Ahnung."

Sie brachte das viel zu prompt und zu schnell heraus, um die Wahrheit sagen zu können. Sie hatte mir schon halb geantwortet, als ich meine Frage noch gar nicht vollständig über die Lippen gebracht hatte. So etwas war einfach verdächtig. Um da stutzig zu werden, brauchte man weder Schimanski zu heißen, noch einen Lügendetektor zu haben!

Ich ging zum Telefon.

"Was hast du vor?", fragte sie.

Da war sie, die berühmt-berüchtigte Daumenschraube. Und ich wollte sie jetzt ein bisschen andrehen.

"Die Polizei interessiert sich für dich. Ich werde sie anrufen."

"Nein, nicht!"

"Warum nicht?"

Ich begann schon einmal zu wählen. Sie musste mir etwas wirklich Einleuchtendes anbieten, um mich zum Aufhören zu bewegen.

"Ich habe Lammers nicht umgebracht!", behauptete sie.

Ich zuckte die Schultern. "Mag schon sein, aber das solltest du nicht mir, sondern der Polizei erzählen!"

"Würde mir dort irgendjemand glauben?"

Ich blickte sie offen an. "Bisher hast du nicht allzuviel zu deiner Glaubwürdigkeit beigetragen!"

"Na, und? Was geht dich das an?"

Das ließ ich abprallen.

Ich sagte: "Du hast einen Wohnungsschlüssel, nicht wahr? Du kannst es ruhig zugeben. Wie hättest du sonst eben in die Wohnung kommen können?"

Als sie antwortete, bekam ihre Stimme einen trotzigen Unterton. Sie klang wie ein ungezogenes Kind, das erwischt worden war. Man hätte darüber lachen können, wenn die Sache nicht so ernst gewesen wäre.

"Ja, ich habe einen Wohnungsschlüssel!", gab sie zu.

"Na, also! Und der Mörder von Lammers hatte wahrscheinlich auch einen!"

"Aber ich bin doch nicht die Einzige, die einen Schlüssel zu seiner Wohnung hat!"

"Nein?"

"Außerdem gibt es andere Wege, eine Tür zu öffnen."

"Richtig. Aber es gab keinerlei Spuren."

"Auch ohne Spuren!"

Ich pfiff durch die Zähne. "Na, du kennst dich ja aus!"

"Ha, ha!", machte sie.

"Wenn du wirklich verhindern willst, dass ich die Polizei anrufe, musst du mir schon Überzeugenderes auf den Tisch legen!"

Sie atmete tief durch, verschränkte die Arme vor der Brust und wirkte dann einen Moment so, als schlucke sie einen Kloß herunter, der ihr im Hals steckte.

"Hör zu, ich bin in der Klemme", begann sie dann und trat an mich heran. Ihre Hand legte sich auf die meine und drückte sie sanft gemeinsam mit dem Hörer hinunter.

"Das klingt ehrlich", sagte ich.

"Was soll das heißen?"

"Das soll heißen, dass du jetzt wahrscheinlich zum ersten Mal die Wahrheit sagst. Du sitzt in der Klemme. Aber das sieht ein Blinder mit Krückstock!"

"Die beiden wollen mich umbringen!"

"Haben die auch Lammers auf dem Gewissen?"

"Vielleicht. Ich weiß es nicht."

"Mich kannst du ruhig belügen", meinte ich. "Es macht mir nicht das Geringste aus."

Sie verzog das Gesicht. "Was beklagst du dich dann?" Sie machte eine hilflose Geste. "Hör zu", meinte sie dann. "Wenn du die Polizei anrufst, gehe ich augenblicklich nach draußen ins Treppenhaus."

"Ich dachte, die beiden wollen dich umbringen!"

"Das werden sie auch, aber dasselbe werden sie dann auch mit dir tun, denn sie können keinen Zeugen am Leben lassen!"

"Du kommst dir wohl besonders cool vor!"

"Nein", murmelte sie. "Ich bin nur besonders verzweifelt!"

"Und wie soll es jetzt weitergehen?"

"Was weiß ich! Erstmal abwarten, bis die Kerle weg sind!"

9

Wir standen beide da und blickten hinab auf die Straße. Und dann sahen wir die zwei Männer auftauchen, den Blonden und den Dunklen. Flash Gordon machte eine ärgerliche Geste und bewegte dabei den Mund.

Es war bestimmt nichts Freundliches, was da über seine Lippen kam.

Die beiden gingen zu einem schwarzen Mitsubishi und fuhren davon. Ich merkte mir die Nummer und hörte die junge Frau neben mir aufatmen.

Ich kannte nicht einmal ihren Namen.

Schade, dachte ich. Schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen getroffen hatten. Irgendwie schien sie Klasse zu haben.

Sie wandte sich zu mir herum. Ihr Gesicht wirkte jetzt etwas entspannter, ihr Blick sanfter. Schließlich lächelte sie sogar ein wenig. Sie sah entzückend aus, wenn sie das tat.

"Danke", sagte sie.

"Wofür?", fragte ich blödsinnigerweise.

"Wahrscheinlich hast du mir das Leben gerettet. Zumindest erheblichen Ärger erspart."

Ich lächelte dünn. "Und jetzt willst du dich aus dem Staub machen, nicht wahr?"

"Natürlich. Was denkst du denn? Ich will weder warten, bis du doch noch die Polizei gerufen hast, noch bis die beiden Typen vielleicht zurückkommen!"

"Glaubst du, sie kommen zurück?"

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, eigentlich nicht."

"Wenn die beiden so gefährlich sind, wie du sagst, dann solltest du erst recht zur Polizei gehen", gab ich zu bedenken.

"Du kannst das nicht verstehen."

"Mag schon sein. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass du weißt, was du tust!"

"Ich weiß es sehr genau!"

"Na prima! Jeder stirbt für sich allein!"

"Deinen Sarkasmus könntest du dir abgewöhnen!"

"Ich glaube nicht, dass meine Manieren wirklich so viel schlechter sind als deine!"

Sie lächelte wieder. Ganz kurz nur, aber sie tat es. Und es sah bezaubernd aus. Dann sagten wir beide zwei Sekunden lang gar nichts.

Wir sahen uns nur an, und ich blickte in diese geheimnisvollen graugrünen Augen. Ich weiß auch nicht warum, aber mir kam sofort die Assoziation von Meeresrauschen, meterhohen Wellen und grünem Tang.

Augen sind Fenster der Seele, so heißt es doch immer. Aber leider waren ihre Fenster im Augenblick wohl ziemlich beschlagen. Jedenfalls sah ich bei weitem nicht so viel, wie ich gerne gesehen hätte.

"Du wärst nicht wirklich hinausgelaufen, nicht wahr?", meinte ich.

"Nein", sagte sie. "Das stimmt."

"Ich wusste es."

"Und warum hast du die Polizei dann nicht angerufen?"

"Das wiederum weiß ich nicht."

"Aber du wirst es jetzt tun, nicht wahr?"

"Ja. Ich habe keine Lust, mich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Und ich habe noch weniger Lust, etwas zu decken, von dem ich nicht weiß, ob ich es decken möchte!"

"Das hast du doch schon getan!"

"Stimmt auch wieder. Aber heißt das, dass ich das dauernd tun muss? Ich wollte dich diesen Hyänen nicht in den Rachen werfen."

"Das ist nett von dir."

"Nein, ich habe nur etwas dagegen, wenn jemand umgebracht wird. Ganz gleich aus welchem Grund. Das gilt sowohl für dich, als auch für ..."

"... für Lammers!"

"Du hast es erfasst!"

"Dann werde ich mich jetzt mal aus dem Staub machen! Oder willst du mich daran hindern?"

"Kein Gedanke! Das ist Sache der Polizei. Die machen ihren Job, ich meinen."

Sie ging zur Tür, die vom Wohnzimmer in den Flur führte. Ich folgte ihr nicht. Im Türrahmen blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu mir herum.

"Und was ist dein Job?", fragte sie. "Was machst du?"

"Ich bringe Leute um."

Sie runzelte die Stirn. "Machst du Witze?"

"Ja."

"War aber kein besonders Guter!"

"Es verlangt ja auch niemand, dass du darüber lachst!"

Schließlich lachte sie doch. "Na, dann ist es ja gut!", meinte sie und ging zur Tür.

Ich hörte sie den Schlüssel herumdrehen, der dort noch steckte, und den Riegel zur Seite schieben.

Dann war sie draußen. Ihre Schuhe klapperten über die Treppe.

Ich griff zum Telefon.

10

Eine Stunde später saß ich im Präsidium.

"Dann wollen wir mal das Protokoll aufnehmen", meinte der bebrillte Endfünfziger auf der anderen Seite des Schreibtisches, der sich mir mit Müller-Sowieso vorgestellt hatte. Die zweite Hälfte des Namens hatte ich zwar verstanden, aber sogleich wieder vergessen. Einzig der Müller war mir im Gedächtnis haften geblieben. Reichte ja auch völlig.

"Herr Rehfeld möchte gleich noch mit Ihnen reden, aber wir können ja schon einmal anfangen!"

Ich deutete auf die uralte mechanische Schreibmaschine, die er sich bereitgestellt hatte und in die er nun umständlich ein Blatt einspannte − nicht ohne sich dabei die Finger am Farbband zu schwärzen. Seine Fingerabdrücke würden am Ende wohl das Protokoll mit meiner Aussage zieren.

"Mit dieser alten Schraxe?", fragte ich.

"So etwas nennt man Schreibmaschine!"

"Was Sie nicht sagen!"

"Ja, denken Sie mal an!"

"Meines Wissens gibt es inzwischen schon Moderneres!"

"Ja, aber bis das technische Zeitalter bei der Polizei Einzug hält, wird's wohl noch ein paar Jahrhunderte dauern! Wir haben hier für zwanzig Mann drei Diktiergeräte!"

"Und der PC da vorne?"

Er grinste. "Das Programm zur Protokoll-Erstellung hakt, und der System-Administrator hat Urlaub."

Ich grinste auch. "Schon doof."

"Tja."

"Wie wär's damit, die alte Kiste auf den Schrott zu werfen und was Neues zu kaufen?"

"Unser Etat für innere Modernisierung ist auf Jahre ausgeschöpft."

Jetzt tat er mir fast Leid. "Vielleicht sollten Sie und Ihre Leute mal ein bisschen öfter in die Spielzimmer Ihrer Kids schauen. Ich schätze, da werden Sie alles finden, was Sie brauchen!"

"Kann schon sein. Aber wir müssen so viele Überstunden machen, dass wir kaum dazu kommen, einen Blick in irgendwelche Spielzimmer zu werfen!"

Da war er also! Des Pudels Kern, der bei jedem Missstand als Argumente-Knüppel aus dem Sack geholt wurde! Die personelle Unterbesetzung, die vielen Überstunden! Zum fünfhundertsten Mal mussten sie für alles herhalten, was nicht stimmte.

Es dauerte schier endlos, bis meine Aussage endlich auf dem Papier war, denn Müller-Sowieso beherrschte sein Zwei-Finger-Suchsystem nicht besonders gut.

Ich bot ihm an, selbst in die Tasten zu hauen. Schließlich hatte ich meine ersten Romane auf einer Maschine getippt, die noch schlechter war als die, die da jetzt zwischen uns auf dem Schreibtisch stand.

Aber das lehnte er ab. Warum, das sagte er mir nicht. Vermutlich ging es ihm gegen die Ehre. Zu dumm, dass mich sein Stolz so viel Zeit kostete. Zeit genug, um ein paar Seiten an den ›Gnadenlosen Wölfen‹ herunterzureißen. Im Kopf rechnete ich den Verlust aus.

Ich sollte Müller-Sowieso auch auf Schadensersatz verklagen!, dachte ich. Ihn und den toten Lammers - posthum sozusagen - und vielleicht auch noch die unbekannte Schöne mit den grüngrauen Augen und noch ein paar andere Leute, die mir in letzter Zeit auf die Nerven gegangen waren oder mich sonstwie von meiner Arbeit abgelenkt hatten!

Leider würde sich meine Rechtsschutzversicherung wohl weigern, solche Fälle zu übernehmen!

Stück um Stück kamen wir vorwärts, und endlich konnte ich dann meine drei Kreuze unter das Schriftstück setzen.

Müller-Sowieso seufzte erleichtert. Ich seufzte auch.

Und dann kam Rehfeld. Müller-Sowieso verzog sich und nahm die Schreibmaschine mit, während Rehfeld seinen Mantel auszog und an einen Haken hängte. Dann setzte er sich dorthin, wo zuvor Müller-Sowieso gesessen hatte.

Die Hydraulik des Bürostuhls gab einen seltsamen Laut von sich, als er niederplumpste.

"Sie war also bei Ihnen, Herr Hellmer."

"Richtig. Das habe ich Ihnen ja am Telefon gesagt."

"Sie hat sich nicht zufällig vorgestellt und Ihnen ihre Adresse gegeben?"

"Nein."

"Zu schade!"

"Sie war nicht sehr gesprächig! Und sie wollte sich partout nicht mit Ihnen unterhalten!"

Rehfeld lachte heiser und kehlig, wobei sein Doppelkinn vibrierte. "Wird wohl einen Grund dafür haben, die Dame ..."

Und dann zog er ein Foto hervor und legte es mir unter die Nase. Ich sah kurz hin. Dort war ein junges Mädchen zu sehen mit Punk-Frisur und einer Sicherheitsnadel im linken Ohrläppchen. Das Gesicht war zu einer Fratze verzogen.

"Wer soll das sein?"

"Schauen Sie mal genau hin! Könnte das nicht die Frau sein?"

"Die, die mir begegnet ist, war besser angezogen! Und auch älter."

"Das Foto ist acht Jahre alt!"

Ich nahm das Bild mit zwei Fingern und sah es mir noch einmal an. Und dann sah ich es auch. Ja, sie war es. Ein paar Jahre jünger und furchtbar zurechtgemacht, aber sie war es, da konnte es nicht den Hauch eines Zweifels geben. Ich weiß nicht, was es war, das mich so sicher machte. Vielleicht ihre Augen. Die hatten sich nicht verändert, nicht ein bisschen. Ein Gesicht kann man schminken, Haare können gefärbt, gerollt, gewickelt oder sonstwas werden.

Aber Augen?

Ich nickte also. "Sie ist es."

"Gott sei Dank", seufzte Rehfeld.

"Warum?"

"Weil wir dann wenigstens etwas haben."

"Wer ist sie?"

"Sie heißt Annette Friedrichs und hat ein ziemlich trauriges Leben hinter sich. Erziehungsheim, Ausbruch, Ladendiebstahl, ein anderes Erziehungsheim, Motoraddiebstahl, Einbruch, Prostitution und so weiter und so fort. Dieses Foto wurde gemacht, als sie gerade angefangen hatte, mit Koks zu dealen."

"War sie süchtig?"

"Es würde mich wundern, wenn es anders wäre!"

"Wie haben Sie sie so schnell ausfindig machen können?"

"Ihre Telefonnummer stand in Jürgen Lammers Adressbuch."

"Dann wissen Sie doch sicher auch, wo sie wohnt."

"Nur, wo sie gemeldet ist."

"Verstehe ich nicht."

"Wir haben ihrer Wohnung einen Besuch abgestattet."

"Und?"

"Sie war nicht da. Die Post von Wochen stapelte sich im Briefkasten."

"Merkwürdig ..."

"Ja, nicht?"

Ich legte das Foto wieder auf den Tisch. "Kaum zu glauben, dass das dieselbe Frau ist. Sie scheint Karriere gemacht zu haben. Ihr Outfit war nicht von schlechten Eltern."

Rehfeld zog sich den dicken Windsorknoten an seiner Gurgel zurecht.

"Fragt sich nur, womit sie Karriere gemacht hat. Gelernt hat sie nämlich nichts. Und sie hat auch weder zum Einbrecher noch zum Koks-Dealer viel Talent bewiesen! Schließlich ist sie bei beidem erwischt worden."

"Wer weiß, vielleicht hat sie ja dazugelernt."

"Glaube ich nicht."

"Dann hat sie wohl noch andere Talente."

"Was meinen Sie damit?"

Ich zuckte mit den Schultern. "Sie sieht gut aus. Sie wird sich jemanden angelacht haben, dessen Brieftasche dick genug war, um sie auszuhalten."

Damit stand allerdings wohl fest, dass es sich bei diesem Jemand auf keinen Fall um einen Schreiber von Heftromanen handeln konnte!

"Wenn sie sich bei Ihnen meldet ..."

Ich runzelte die Stirn. "Weshalb sollte sie das?", fiel ich dem dicken Rehfeld ins Wort.

"Was weiß ich? Sie ist einmal in Ihrer Wohnung gewesen. Vielleicht laufen Sie ihr ja noch mal über den Weg."

"Was soll ich dann tun? Ihr Ihre freundliche Einladung überbringen? Das habe ich bereits einmal versucht. Ohne viel Erfolg."

Ich erhob mich.

Irgendwie verstand ich Rehfelds Dilemma. Er konnte schließlich nicht die Betten sämtlicher vermögenderer Herren im Umkreis von 20 Kilometern durchsuchen.

"Was hat diese Annette eigentlich mit Lammers zu tun?", fragte ich.

Rehfeld zuckte mit den Schultern. "Nichts. Außer, dass sie in seinem Adressbuch stand."

"Vielleicht war Lammers ja derjenige, der sie aushielt."

Diese Vermutung klang ziemlich behämmert, aber jetzt war sie einmal ausgesprochen und ließ sich nicht wieder rückgängig machen.

Lammers schien mir nicht zu jenen zu gehören, die finanziell in der Lage waren, sich eine Geliebte zu halten, mit Exklusivrechten, sozusagen.

Wenn er vermögend gewesen wäre, hätte er sicherlich eine andere Wohnung gehabt.

Nein, zu jemandem wie Lammers passte es eher, sich zweimal im Jahr einen Besuch im Eros-Center zu leisten. Und wahrscheinlich musste er da schon fleißig drauf sparen!

Aber genau in dem Punkt irrte ich mich, wie sich herausstellen sollte.

"Seltsam, dass Sie das sagen", meinte Rehfeld und stand jetzt ebenfalls auf.

Der Unterton, in dem er das gesagt hatte, gefiel mir nicht. Es war der Pass-nur-auf-ich-krieg-dich-schon-Ton, den die Fernsehkommissare immer dann an sich hatten, wenn sie sich ganz sicher waren, dass ihr Gegenüber Dreck am Stecken hatte.

Rehfeld kam zu mir herüber, blies sich auf wie ein Heißluftballon und streckte mir dabei seine stramme Wampe entgegen. "Mir scheint, Sie wissen mehr, als Sie mir weismachen wollen!"

"Ich habe Ihnen alles gesagt."

"So?"

"Ja!"

"Wie kommen Sie dann darauf, dass sich Lammers eine Geliebte leisten konnte? Er ist arbeitslos und lebt von der Sozialhilfe. Wie sind Sie darauf gekommen, dass er trotzdem genug Geld hatte, um ..."

Ich hob die Schultern und machte ein Gesicht, das möglichst unschuldig wirken sollte. "Es war einfach nur ein Gedanke!"

"Allerdings einer, der genau ins Schwarze trifft!"

"Ich verstehe nur Bahnhof!"

"Lammers verfügte über ein Nummernkonto in der Schweiz. Schon merkwürdig, nicht? Aber, dass Sie davon wussten, Hellmer, das ist noch merkwürdiger!"

Jetzt schlug es aber dreizehn! Eine ganze Sekunde brauchte ich, um diesen Verbalschlag zu verdauen. "Ich wusste nichts davon!", behauptete ich und fand mich selbst nicht so recht überzeugend dabei.

Rehfeld rollte genervt mit den Augen. "Ach, kommen Sie, Hellmer, Sie haben sich verplappert!"

Ich lächelte dünn. "Irgendwie scheinen Sie was gegen mich zu haben. Mögen Sie keine Western-Romane?"

Rehfeld grinste schief. "Nein, mag ich nicht. Ist das ein Fehler?"

"Das ist eine Sache des Standpunktes!"

"Ich weiß, dass der Trend zum Zweitbuch geht, aber man muss ja nicht jede Mode mitmachen, oder?" Rehfeld machte eine hilflose Geste und ging dann ein paar Schritte auf und ab.

Schließlich wirbelte er wieder zu mir herum und hielt mir beschwörend seinen dicken, fleischigen Zeigefinger unter die Nase.

Mir fiel auf, dass er abgekaute Nägel hatte. Aber womit sollte er sich auch in seinen vielen Überstunden beschäftigen, die er hier, zwischen seinen Akten verbrachte, der Arme!

"Ich habe mich bei den anderen Hausbewohnern über Sie erkundigt, Hellmer!"

"Herr Hellmer für Sie. Soviel Zeit muss sein!"

"Sie hatten noch am Tag vor Lammers Tod einen heftigen Streit im Treppenhaus mit ihm, Herr Hellmer. Nicht wahr? Einen Streit, der so laut war, dass man ihn ..."

"... bei Meyers noch hören konnte, obwohl sie Fernseher und Stereoanlage gleichzeitig eingeschaltet hatten!", schnitt ich ihm das Wort ab.

Er nickte. "So ähnlich, ja."

"Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?", fragte ich.

"Ich glaube, dass Sie uns einiges verschweigen, Herr Hellmer."

"Und was zum Beispiel?"

"Ich hätte zum Beispiel gerne gewusst, worum es bei Ihrem Streit am Tag vor dem Mord ging."

"Haben Ihnen das die Meyers nicht gesagt?"

"Ich möchte es von Ihnen hören."

"So gute Ohren haben die beiden dann wohl doch nicht, was?"

"Also ..."

"Es ging um den kaputten Föhn von Lammers. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm einen Neuen kaufen würde. Das wäre für mich am Ende billiger, als wenn er mit seinem alten Ding laufend Stromausfälle provoziert."

"Ich glaube, es ging um etwas Wichtigeres."

Ich zog die Augenbrauen hoch. "Um was zum Beispiel? Ich bin wirklich gespannt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich derjenige von uns beiden bin, der dabeigewesen ist."

Rehfeld atmete tief durch. "Diese Frau stand in irgendeinem Zusammenhang mit Lammers. Aber ich vermute, auch mit Ihnen. Schließlich ist sie in ihre Wohnung geflüchtet, wie Sie mir am Telefon erzählt haben!"

"Was soll das denn für ein Zusammenhang gewesen sein?"

"Sagen Sie es mir!"

"Sie sind auf dem Holzweg!"

"Vielleicht. Aber genauso gut ist das Gegenteil möglich! Es ist besser, wenn Sie uns alles sagen, was Sie wissen, Herr Hellmer."

"Habe ich bereits!"

Er zuckte die Achseln. "Wie Sie wollen. Wir kriegen es am Ende doch heraus. Verlassen Sie sich darauf!"

"Dann strengen Sie sich mal schön an und tun Sie was für Ihr Geld! Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei!"

Unsere Unterhaltung endete grußlos und ziemlich unerfreulich. Rehfeld hatte einen Narren an mir gefressen. Er hatte nichts außer einem Namen. Annette Friedrichs, die aus ihrem Nest wohl schon seit geraumer Zeit ausgeflogen war − ob aus Furcht vor der Polizei oder aus Angst vor anderem ungebetenen Besuch.

Und er hatte mich. Und irgendwie bastelte er sich daraus jetzt in seinem Beamtenhirn eine Story zusammen, die so an den Haaren herbeigezogen war, dass jemand, der einen Roman daraus gemacht hätte, vermutlich in einer Flut von empörten Leserbriefen ertrunken wäre.

Das war eben der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit!

Ein Roman muss stimmig sein, in der Wirklichkeit schert sich niemand um irgendeine Logik. Alles Zufall, alles Chaos, alles ausgewürfelt. Eine schreckliche Erkenntnis, nicht wahr?

Zu schrecklich für viele.

Aber es gibt ja Auswege.

Religion zum Beispiel. Was ist Religion im Kern anderes, als die Vorstellung, dass da doch irgendwo ein Autor im Himmel sitzt, ein übergroßer Dramaturg des Universums, von dem man hofft, dass er alles zu einem Happy End führt?

Jake McCord würde von mir aus jedem Schlamassel herausgeholt werden.

Jürgen Lammers war von niemandem gerettet worden.

11 

Rehfeld warf mir noch einen bösen Blick zu. Kurze Zeit später tauchte Müller-Sowieso auf und zeigte mir ein paar Bilder. Aber die Kerle, die hinter Annette Friedrichs hergewesen waren, befanden sich leider nicht unter den Abgebildeten.

Doch das musste ja nichts heißen.

Schließlich wurde ich entlassen, wahrscheinlich deswegen, weil Müller-Sowiesos Schicht zu Ende war und er einfach keine Lust mehr hatte, sich mit mir noch weitere Fotos anzuschauen.

Jedenfalls sah ich ihn in einen Privatwagen steigen, als ich das Gebäude verließ und über den Parkplatz ging.

Später, als ich nach Hause kam, ging ich zunächst einmal hinauf zu Lammers Wohnung. Ich hätte gerne noch einmal hineingeschaut, einfach so aus Neugier. Vielleicht konnte ich irgendeinen Hinweis finden.

Ich hatte eigentlich keinen guten Grund, das zu tun. Ich tat es trotzdem. Es war einfach eine spontane Regung. Aber die Wohnung von Lammers war bereits wieder versiegelt. Wie es schien, hatte Rehfeld einen seiner Leute vorbeigeschickt.

War also nichts mit dem Detektivspielen.

Als ich dann wieder die Treppe hinabgestiegen war und schon fast vor meiner Wohnungstür stand, hörte ich von unten Schritte.

Ich beugte mich über das Treppengeländer.

Es war Frau Meyer − die dicke Mutter. Mit ihren Schweinsäuglein konnte sie gerade noch über die aufgetürmten Schachteln blicken, die sie mit einem ihrer kurzen, wabbeligen Arme balancierte, während ihre andere Hand den Schlüssel aus der Manteltasche zu fingern versuchte, was sich ganz offensichtlich als ziemlich schwieriges Unterfangen gestaltete.

Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass sie die Schachteln mit rechts hielt, ihr Schlüssel in der rechten Manteltasche klimperte und sie nun versuchen musste, mit ihrer kurzen Linken um ihren eigenen, massigen Körper herumzulangen.

Sie hatte es fast geschafft, eine Handbreit fehlte noch. Dann blickte sie zu mir herauf und sah mich. Fast wäre ihr der Schachtelberg eingestürzt, aber das konnte sie noch verhindern.

Sie grüßte. Ich grüßte zurück. Und dann fragte sie: "War die Polizei auch schon bei Ihnen, um Sie zu vernehmen? Sie wissen doch, wegen des armen Herrn Lammers!"

"Ja", brummte ich.

"Ist doch schon seltsam, wenn man so etwas hautnah miterlebt, finden Sie nicht auch?"

Ich sagte: "Ja, das finde ich auch!" Und dabei dachte ich, na, so hautnah hast du es ja nun auch wieder nicht miterlebt. Schließlich lebst du ja noch!

"Was wollten sie von Ihnen wissen? Und vor allem: Was haben Sie gesagt?"

Ich verzog das Gesicht. Und dann sagte ich spöttisch: "Ich habe diesem Rehfeld gesagt, dass Sie ein Verhältnis mit Lammers hatten, dass er Sie verlassen wollte und Sie ihn deswegen umgebracht haben!"

Das hatte gesessen.

Sie stand mit offenem Mund da und konnte keinen Laut mehr herausbringen.

12

Bis zum nächsten Abend geschah nichts Besonderes.

Ich schlief schlecht, stand mitten in der Nacht auf und setzte mich an den Computer. Das war so gegen drei Uhr, und ich arbeitete dann bis in den Morgen hinein. Ich kam ganz gut vorwärts.

Am Abend ging ich zu einer Ausstellungseröffnung. Der Grund dafür war nicht etwa, dass die Bilder so toll waren. Sie waren gar nicht toll, jedenfalls nicht für meinen Geschmack. Geometrische Figuren, sorgfältig in verschiedenen Farben angemalt und in riesigem Format.

Naja, wer es mag ...

Und wer es dann noch für Kunst hält und kauft! Es musste solche Leute geben. Aber über Geschmack soll man ja bekanntlich nicht streiten.

Auch nicht über schlechten.

Ich hatte gute Gründe, zu dieser Ausstellungseröffnung zu gehen, aber die hatten nichts mit den Bildern zu tun. Der erste Grund war der, dass ich die Künstlerin kannte. Und der zweite war, dass das für mich eine Gelegenheit war, mal wieder unter Leute zu kommen, ein paar Freunde zu treffen und so weiter und so fort.

Das Schreiben ist ein einsamer Job, den man ganz für sich allein erledigt.

Wenn man in einer Bank oder einem Geschäft oder sonstwo arbeitet, dann kann man seinen Job dazu benutzen, Kontakte zu knüpfen. Die Leute, mit denen ich durch meinen Job in Kontakt komme, habe ich zum größeren Teil nie persönlich kennen gelernt.

Arbeitsessen mit Redakteuren gibt es relativ selten, obwohl es auch vorkommt. Aber den Agenten zum Beispiel, der sich bemüht, Kurz-Krimis von mir bei Illustrierten unterzubringen, kenne ich nur als eine Stimme im Telefonhörer und eine Unterschrift unter Vertragsexemplaren.

Ich hatte eine formelle Einladung zu dieser Eröffnung mit der Post am Morgen bekommen.

Gerade noch rechtzeitig. Ich wusste, dass Christine − die Künstlerin − sie selbst abgeschickt hatte. Aber so war Christine schon so lange ich sie kannte. Den letzten Bus, auf die letzte Minute oder auch danach, die letzte Möglichkeit, auf dem fünften Bildungsweg das Abitur nachzumachen.

Auf ihrer Uhr war es immer fünf vor zwölf und manchmal auch fünf nach zwölf. Aber noch rechtzeitig; gerade noch rechtzeitig oder zumindest das, was sie darunter verstand.

Sie hatte es schließlich geschafft, aus dem Mist, der ihr im Kopf herumspukte, wenigstens etwas Geld zu machen. Leben konnte sie nicht davon, das hatte ich ihr nach wie vor voraus.

Sie hatte mir hingegen voraus, dass der Oberbürgermeister ihre Ausstellung mit ein paar salbungsvollen Worten eröffnen würde, während er sicher nicht zum nächsten Kiosk rannte, wenn dort die ›Gnadenlosen Wölfe‹ ausgeliefert wurden!

Ich war etwas spät dran und bekam so nur den letzten Rest von Dr. Wernecks Worten mit. Mit diesem Verlust konnte ich aber leben.

Dr. Werneck hatte ein scharf geschnittenes, fast schon hart wirkendes Gesicht mit leicht verkniffenen Mundwinkeln, grauen Schläfen und beginnender Glatze.

Die verkniffenen Mundwinkel waren vermutlich eine Art Berufskrankheit.

Sein Körper war hager und wirkte trotz seiner 52 Jahre recht sportlich. Er machte den Eindruck eines Mannes, der jeden seiner Muskeln exakt unter Kontrolle hatte.

Insbesondere galt das wohl für seine Gesichtsmuskulatur, denn er konnte sein Lächeln schneller ein- und wieder ausschalten als viele Leute ihren Fernseher.

Ich war froh, als geklatscht wurde.

Ein Beifall der Erleichterung darüber, dass es vorbei war.

Anscheinend war ich nicht der Einzige hier, der von Dr. Wernecks rhetorischen Künsten nicht gerade vom Hocker gerissen wurde.

Ich klatschte nur deshalb nicht mit, weil man mir in eine Hand ein Sektglas gedrückt hatte. Wie hätte ich da klatschen sollen? Ich habe ja schließlich Manieren, was in diesem Fall hieß, dass ich es vermeiden wollte zu plempern.

Das Publikum zerstreute sich in alle Winde, um sich dann vor einzelnen Gemälden in Trauben zu sammeln. Ich hörte Fetzen von Fachsimpelei. Ich schlürfte an meinem Sekt und sah mich nach Bekannten um.

Und dann schnurrte Christine herself an mir vorbei, ebenfalls mit einem Sektglas in der Hand, aber mit schlechteren Manieren als jenen, die man mir in grauer Vorzeit mal beigebracht hatte.

Sie plemperte nämlich ganz gewaltig!

"Hallo, Michi!"

Mein Gott, Michi! Für das -ael wäre nun wirklich noch Zeit genug gewesen. Aber Christine konnte sich den Michi einfach nicht abgewöhnen. Es hatte mich schon damals genervt, als wir noch zusammen in einer Beziehungskiste gesteckt hatten, die dann irgendwann den Weg alles Sterblichen gegangen war.

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Woran hatte es gelegen? Daran, dass sie es nicht lassen konnte, mich Michi zu nennen?

Nein, wohl kaum.

Eher schon an dem grauenhaften Kaffee aus Nicaragua, den ich in unserer gemeinsamen Zeit immer hatte trinken müssen. Aus Solidarität.

Am Ende war die Solidarität zu meinen Geschmacksnerven allerdings doch stärker gewesen als die zum Volk von Nicaragua.

Aber, was soll's!

Die Asche dieser von Anfang an wohl etwas morschen Kiste ruhte in Frieden. Wir waren Freunde geblieben, oder sollte ich richtigerweise vielleicht besser sagen geworden? Jedenfalls verstanden wir uns hervorragend, seit wir nicht mehr zusammen waren.

Kaffee aus Nicaragua hatte ich danach nie wieder angerührt und um jeden Dritte-Welt-Laden einen meilenweiten Bogen gemacht.

Aber der Michi war geblieben.

Wie würde ein Mann vom rhetorischen Schlag eines OB Dr. Werneck doch gleich dazu sagen? Ein Stück Kontinuität ...

Ich lächelte.

Und dieses Lächeln war vermutlich ein klein wenig gezwungener, als ihm gut tat. Wahrscheinlich hatte ich in diesem Punkt jetzt eine fatale Ähnlichkeit zu Oberkrampfmeister Dr. Werneck, doch zum Glück war kein Spiegel in der Nähe, so dass mir dieser Anblick erspart blieb.

Christine runzelte die Stirn, als sie mir die Hand drückte.

Ich sagte: "Auf so eine Chance hast du immer gewartet, nicht wahr, Christine?"

"Ja, Michi!"

Sie nickte und schwenkte dabei ihr Sektglas so schwungvoll zur Seite, dass mindestens ein Drittel des Inhalts zu Boden ging.

Aber so war sie nun einmal.

Auf der nächsten Demo würde sie sicher mitmarschieren und sich für die Rechte von Minderheiten und sozial Unterprivilegierten einsetzen. Und hier und jetzt sorgte sie schon einmal dafür, dass für die türkischen Putzfrauen − sorry, Raumpflegerinnen natürlich − auch in Zukunft noch genug Arbeit blieb.

So lobe ich mir eine politisch engagierte Künstlerin! Ein ABM-Programm aus dem eigenen, ohnehin nur gerade noch halbvollen Glas!

Nobel, nobel!

Sie lachte und zeigte dabei ihre zwei Reihen makelloser und mit Zahnweiß auf Hochglanz polierter Zähne. Sie schien mir ziemlich aufgedreht zu sein, und ich verstand sie nur allzu gut.

Sie hatte allen Grund, sich großartig zu fühlen.

Sie kam näher zu mir heran, und ich befürchtete schon, dass sie mir mein gutes Sakko beplempern würde, aber ich hatte Glück. Christine bekleckerte erst einmal sich selbst. Dann machte sie mich auf einen windigen Jüngling mit strähnigen hellblonden Haaren aufmerksam, der gerade ein Foto von Dr. Werneck machte.

"Der kommt von der Zeitung!", meinte Christine.

"Vom Lokalteil?"

"Nein, vom Feuilleton!"

Wahrscheinlich ein Volontär, dachte ich mir. Und wahrscheinlich doch von der Lokalredaktion − ganz gleich, was er vielleicht herumerzählt hatte, um sich wichtig zu machen. Weshalb sollte er sonst ein Foto vom OB schießen?

Hier in der Gegend war Dr. Werneck ja vielleicht eine große Nummer, aber nationwide war er natürlich bedeutungslos.

Doch ich behielt meine Gedanken für mich. Ich wollte Christine schließlich nicht die Freude verderben.

"Wir haben uns 'ne Weile nicht gesehen", meinte sie.

"Stimmt", nickte ich und grinste. "Und? Wie geht's mit der brotlosen Kunst?"

"Sie ist nicht mehr ganz so brotlos. Aber berückend ist es auch nicht."

"So heißt du also immer noch nicht van Gogh oder Picasso?"

"Ich wäre schon zufrieden, wenn ich Immendorf oder Penck hieße!"

Wir lachten beide. Und dann stießen wir unsere Gläser an.

"Und du?", fragte sie.

"Was ist mit mir?"

"Heißt du inzwischen Konsalik oder Stephen King?"

"Nein, immer noch Mike Hell."

Sie ahmte mit der freien Hand einen Revolver nach. "Peng!"

Wir lachten erneut, und in dem Moment wusste ich, dass es wirklich eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen.

"Was ist mit deinem großen deutschen Gesellschaftsroman?", fragte sie dann nicht ohne Ironie.

"Der? Der ist noch immer nicht über Seite fünfundvierzig hinaus. Und diese fünfundvierzig Seiten mag ich inzwischen nicht mehr."

"So bist du also ein geldgieriger Kommerzschreiber und Zeilenschinder geblieben!"

"So ist es."

"Ich wusste nicht, dass es überhaupt noch jemanden gibt, der Western kauft!"

"Och, ein paar hunderttausend sind es immer noch. Aber sie werden weniger, da hast du Recht. Über kurz oder lang werde ich mich in etwas anderes hineinarbeiten müssen."

"Und woran dachtest du da?"

"Bergromane zum Beispiel."

Ich hatte das ganz cool dahergesagt und dann ihre Reaktion abgewartet. Und die kam auch prompt. Ihre Augen quollen hervor und sie sah mich an, als sei ich ein Alien aus den Tiefen des Weltraums. Ich genoss diesen raren Augenblick, denn es ist gar nicht so einfach, jemanden in echtes Erstaunen zu versetzen, der selbst schon so schrill wie Christine ist.

Sie fragte: "Bergromane? Habe ich das richtig verstanden?"

"Ja, Bergromane, das hast du richtig verstanden."

"Aber, wenn Western out sind, dann sind Bergromane doch mindestens MEGAout!"

"Falsch. Bergromane sind MEGAin."

"Hätte ich nicht gedacht."

"Sozusagen der MEGAhit. Liebe und Schicksal vor dem Hintergrund einer ungezähmten Bergwelt, Menschen, die in ihrer Heimat fest verwurzelt sind. Darauf fahren die Leute regelrecht ab. Vor allem in den so genannten neuen Bundesländern!"

"Ich werd' verrückt! Ein norddeutscher Protestant schreibt über süddeutsche Katholiken ..."

"... für Atheisten aus dem flachen Mecklenburg."

"Verrückt!"

"Wenn man sich den Wilden Westen vorstellen kann, dann kann man sich auch die bayerischen Alpen vorstellen."

"Warst du denn wenigstens schon mal dort?"

"Wo?"

"In den Alpen, wovon sprechen wir denn?"

"War ich vielleicht schon einmal im Wilden Westen?"

"Keine Ahnung. Aber den gibt es ja auch nicht mehr. Das ist doch eine Märchenwelt."

"Das eine ist genauso eine Märchenwelt wie das andere. So sehe ich das. Von den Alpen weiß ich nur, dass man da drüber muss, wenn man an die Adria will."

"Oh, mein Gott ..."

"Ob der damit nun allzuviel zu tun hat, weiß ich nicht."

"Hast du bei dieser Art von Volksverdummung eigentlich gar keine Gewissensbisse?"

"Nicht mehr als du, wenn du dich von einem OB hofieren lässt, von dem ich annehme, dass er den Unterschied zwischen Malen und Anstreichen kaum kennt."

Ob Christine diesen Unterschied noch kannte? Während mein Blick die mit großen Formaten voll gehängten Wände entlangglitt, kamen mir da doch leichte Zweifel.

Aber vielleicht lag das auch einfach nur an der Tatsache, dass Christine rein künstlerisch gesehen eigentlich nie zu meinen Favoriten gezählt hatte − selbst zu der Zeit nicht, als sie es auf privater Ebene zweifellos noch war.

Wir hatten beide nicht bemerkt, wie sich der OB Dr. Werneck an uns herangeschlichen hatte. Sein Goldzahn blitzte, als er den Mund zu einem Lächeln aufriss und Christine dann die Hand schüttelte.

Ein paar Nettigkeiten folgten.

Ob der OB etwas von Kunst verstand, kann ich nicht beurteilen. Ich verstehe ja selbst nicht viel davon, obwohl ich mir manche Sachen gerne anschaue.

Max Ernst oder Salvador Dali oder Hieronymus Bosch zum Beispiel. Aber im Fall von Dr. Werneck tippte ich eher darauf, dass er hier war, um sich mit der Kunst zu schmücken.

Der Fotograf mit den strähnigen Haaren war auch bald zur Stelle, und dann blitzte es grell, und wenn wir Pech hatten, würden wir uns alle drei − Christine, Werneck und ich − am nächsten Tag auf der Lokalseite wiederfinden.

Meinetwegen konnte man mich ruhig wegretouchieren. Vielleicht würde man es sogar tun, falls ich irgendwie etwas Wichtiges verdecken sollte. Schließlich war ich alles andere als eine Person des öffentlichen Interesses.

Der Pressemann schwirrte schließlich wieder ab, und nun endlich fand Dr. Werneck auch noch ein öliges Lächeln für mich und drückte mir fest die Hand.

Sehr fest.

Es war der Händedruck von jemandem, der seinen Gegenübern gleich klarzumachen versuchte, wer der Boss war.

Ich sah ihn mir noch einmal genauer an und dachte dann, ja, genau so hätte John Morton aussehen können. Dem, dem ich die Rolle des finsteren Widerlings in ›Gnadenlose Wölfe‹ gegeben hatte.

Vielleicht nicht ganz so bleich. Schließlich war Morton ja Rancher und viel an der frischen Luft. Aber sonst stimmte alles. Die markanten Züge, das erbarmungslose Raubtierlächeln ...

Ja, wenn es Morton/Werneck nicht schon gegeben hätte, man hätte ihn zwecks Verwendung in einem Roman erfinden müssen! Er war der geborene Oberschurke!

Wenn ich tatsächlich meinen ersten Bergroman anfing, würde ich ihn mir für die Rolle des bösen Wilderers vormerken, der die arme, vom Schicksal gebeutelte Bauerstochter um den Hof ihrer Eltern bringen wollte! Und im Geiste sah ich ihn schon mit einem Sepplhut mit Gamsbart vor mir.

"Haben wir nicht bald Kommunalwahlen?", meinte ich, als der glattzüngige Vogel wieder davongeflogen war.

Christine nickte. "Ja, ein paar Wochen sind es aber noch hin."

"Kein Wunder, dass er sich tummelt, der OB!"

"Das muss er auch, Michi."

"Wieso?"

"Weil der Vorsprung seiner Partei im Rat nur ganz knapp ist." Sie zuckte mit den Schultern. "Vermutlich wird er es dennoch schaffen. Und dann ..."

Sie machte eine Pause, nahm den letzten Tropfen Sekt aus ihrem Glas und verschluckte sich daran.

"Was ›und dann‹?", hakte ich nach, nachdem ich ihr mit einem Schlag zwischen die Schulterblätter geholfen hatte. Sie atmete heftig und geräuschvoll.

Als sie sich wieder gefangen hatte, fuhr sie fort: "Sag bloß, das weißt du nicht?"

"Was denn?"

"Na, das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern und Journalisten aus den Redaktionsstuben! Für Dr. Werneck ist der Posten des OB doch nur eine Durchgangsstation."

"Was du nicht sagst."

"Werneck will höher hinaus. Landtag, Bundestag et cetera pp. Kannst du dir ja denken. Der Fraktionsvorsitz im Landtag wird von einem ziemlich alten Knochen besetzt. Man kann sich an zwei Fingern ausrechnen, dass der bald in Rente geschickt wird. Und die Hyänen sitzen bereits in den Startlöchern. Wart's ab! Bis dahin wird sich unser OB noch entsprechend ins Gespräch bringen! Voraussetzung ist natürlich, dass er bei den Wahlen seinen Sessel verteidigt."

"Sonst kommt ein jäher Fall!"

"So ist das nun einmal."

Ich zuckte mit den Schultern. "Im Grunde interessiere ich mich kaum für Kommunalpolitik!"

Christines Gesicht bekam jetzt einen tadelnden Ausdruck. "Solltest du aber!"

"Ich weiß. Es ist aber nun einmal so."

"Eine Schande! Und dabei erinnere ich mich, dass wir früher mal zusammen auf einer Friedensdemo waren."

"Ich sagte Kommunalpolitik. Was politisch so am Südpol läuft, interessiert mich zum Beispiel brennend."

Das Lächeln, das jetzt auf ihrem Gesicht erschien, wirkte ungewohnt sanft. "Du bist ein verdammter Zyniker geworden, scheint mir!"

"Nein, das war ich immer schon."

"Das glaube ich nicht."

Ich hob die Augenbrauen und mein Sektglas. "Ach, nein? Und was bitte schön glaubst du?"

"Dass du nur so tust!", war ihre knappe Antwort.

Ich zuckte die Achseln. "Vielleicht hast du sogar Recht."

13

Ein Rudel von ziemlich flippigen Bekannten entführte mir Christine, aber ich hatte nichts dagegen.

"Man sieht sich, Michi!", säuselte sie und hob dabei ihr inzwischen leeres Glas.

Ich grinste. "Man sieht sich."

Aber das hörte sie wohl kaum noch.

Ich ging ein bisschen zwischen den Trauben von tatsächlichen und eingebildeten Kunstfreunden oder solchen, die wegen dem Sekt gekommen waren, hin und her und ließ den Blick über Christines Werke schweifen.

Eine gepflegte Langeweile, die das Auge entlastete. "Ein Fanal der Einfachheit, das mit seiner Klarheit direkt in das multimediale Herz jenes wüsten Bildermeeres trifft, in dessen Fluten wir alle zu versinken drohen", so hätte das ein Aspekte-Moderator vielleicht mit geschwollener Kehle über den Sender gebracht.

Mein Blick blieb an einer buckligen Endfünfzigerin haften, die eine Lesebrille mit halben Gläsern vorne auf der Nasenspitze trug und ihrem Begleiter mit großer Gestik die Bilder erklärte.

Universitätsdozentin, tippte ich.

Sie glaubte wahrscheinlich, dass sie in ihrem engen Strickkleid hip aussehe, aber es wirkte nur lächerlich. Dahinter sah ich Dr. Werneck stehen. Er schien den Bildern etwas ratlos gegenüberzustehen, aber die Leute um ihn herum interessierten sich ohnehin mehr für den OB als für Kunst.

Der Presse-Mann blitzte eifrig.

Und Dr. Wernecks Tiger-Lächeln blitzte im selben Rhythmus mit.

Ich sah diesem Basar der Eitelkeiten eine Weile amüsiert zu und überlegte, welche dieser gockelartigen Geschöpfe ich zu jenen heiteren Kurzgeschichten verarbeiten würde, die man an Tageszeitungen verkaufen kann.

Dann sah ich Dr. Werneck plötzlich herumwirbeln. Ein junger Mann hatte sich durch die Menschentraube von hinten an den Oberbürgermeister herangearbeitet und ihn bei der Schulter gefasst.

Ich staunte nicht schlecht.

Der junge Mann war ein Bekannter. Es war der Filzlockige, der nach Lammers Tod unter den Schaulustigen gewesen und dann wie von Sinnen geflüchtet war, nachdem ihn eine Passantin angesprochen hatte.

Ich sah wieder dieses unruhige, panische Flackern in seinen Augen.

Auf Dr. Wernecks Gesicht stand ein fragendes Stirnrunzeln. Er schien den jungen Mann zu kennen, denn er beugte sich sofort zu ihm.

"Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment!", wandte er sich dann an sein Rudel und ließ sich von der Filzlocke davonziehen.

Ich sah auf die Uhr.

Es wurde Zeit für mich, fand ich. Meine tägliche Dosis Kultur hatte ich schon deutlich überschritten.

Ich sah zu, dass ich irgendwo mein Glas loswurde und machte mich aus dem Staub.

Als ich hinaus in die Nacht trat, kam mir ein Schwall kalter Luft entgegen. Es war eine sternklare Nacht, und ein paar Straßen weiter bewies ein verhinderter Porschepilot, dass man mit einem Opel auch richtig Gas geben kann.

Ich hatte meinen Fiat in einer nahen Seitenstraße geparkt, wahrscheinlich im Halteverbot, aber ich setzte darauf, dass Münsters Politessen bei Nacht nicht unterwegs waren.

Ich hoffte es jedenfalls.

"Was willst du?", durchschnitt eine harte Männerstimme die klare Nachtluft.

Ich erkannte sie sofort.

Sie gehörte Dr. Werneck, den ich in einiger Entfernung zusammen mit dem Filzlockigen unter einer Straßenlaterne stehen sah.

Ich blieb stehen.

Die beiden hatten mich nicht bemerkt, so intensiv waren sie damit beschäftigt, mal etwas leiser und dann wieder ziemlich laut aufeinander einzureden.

"Ich brauche das Geld!", sagte der Filzlockige.

"Hartmut!"

"Papa, jetzt mach doch nicht so'n Theater!"

"Bist du in Schwierigkeiten?"

"Gib mir einfach die Scheine und frag mir nicht dauernd Löcher in den Bauch, hörst du?"

Dr. Werneck griff in die Jackettinnentasche und holte seine Brieftasche hervor. Er nahm alle Scheine heraus, die darin waren. "Hier", sagte er. "Mehr habe ich im Moment nicht!"

"Ein Scheck!"

"Hat das nicht bis morgen Zeit, Junge?"

"Es hat nicht bis morgen Zeit, kapiert! Ich brauche es jetzt!"

"Schrei doch nicht so!"

"Fünftausend Euro sind doch für dich nicht viel. Ich weiß nicht, was du darum so ein Brimborium machst!"

Dr. Werneck seufzte. "Wenn ich deine Einstellung hätte, glaubst du, da wäre ich je nach oben gekommen?"

"Nein, dann wärst du wahrscheinlich so 'ne Niete wie ich. Das wolltest du doch sagen, oder?", versetzte der filzlockige Hartmut ätzend.

Der OB wand sich hin und her. "So war's nicht gemeint!"

"Doch, das war's!"

Dr. Werneck seufzte schwer, blickte sich flüchtig um, wobei er aber nicht zu mir herüberschaute, und holte dann etwas hervor, das offenbar sein Scheckheft war. Er legte es auf die Kühlerhaube eines parkenden BMW, fingerte seinen Parteikuli aus der Tasche und krakelte etwas dahin. Dann riss er das Papier aus der Mappe und streckte es seinem Sohn hin.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn sich in diesem Augenblick über Dr. Wernecks Kopf eine große Denkblase gebildet hätte, in der stand: Hoffentlich ist mein missratener Sohn morgen nicht mit mir auf einem Foto in der Zeitung zu sehen. Schon wegen des hässlichen Pullovers!

"Hier!", fauchte der OB. "Jetzt zufrieden?"

Hartmut wandte sich um und ging ohne ein Wort zu sagen davon.

"Wenigstens danke könntest du sagen. Kostet doch nichts!"

Hartmut ging weiter, die Hände hielt er in den Hosentaschen vergraben.

"Kann ich dir nicht irgendwie helfen?", rief sein Vater ihm nach.

Der Filzlockige blieb stehen. Dann drehte er sich kurz herum und sagte: "Bemüh dich nicht!"

Wenig später war er in eine Seitenstraße eingebogen und verschwunden. Ein paar Augenblicke hörte man noch die schlurfenden Schritte seiner Turnschuhe.

Werneck drehte sich in meine Richtung und kam mir entgegen. Er wirkte sehr niedergeschlagen und so ganz anders als auf seinen Wahlplakaten. Mit der Hand fuhr er sich über die Stirn und seufzte.

Nach ein paar Schritten sah er auf und mir direkt ins Gesicht. Er runzelte die Stirn, und ich sagte: "Einen schönen Abend noch, Dr. Werneck!"

Er schien etwas irritiert.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er in dieser Sekunde überhaupt noch wusste, wer ich war.

"Danke, gleichfalls", quetschte er zwischen seinen Lippen hervor und ging an mir vorbei.

14

Am nächsten Tag holte mich jemand in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. Und dieser Jemand war ziemlich ungeduldig, klingelte und klopfte abwechselnd. Ich hörte eine Männerstimme irgendetwas grunzen, als ich im Morgenmantel in den Flur taumelte und mir die Augen rieb.

Dann blickte ich durch den Spion hinaus ins Treppenhaus, und was ich dort sah, war nicht unbedingt dazu angetan, meine Stimmung zu verbessern. Ich blickte direkt in Rehfelds fettes Gesicht, das sich zu einer Maske des Missmuts verzogen hatte.

What a shock in the morning before breakfast!, pflegte mein Englischlehrer immer zu sagen, wenn jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht oder sonst irgendwelchen Mist verzapft hatte. Genau dasselbe dachte ich jetzt, in diesem Augenblick.

In Erwartung des Schlimmsten machte ich die Tür auf.

Aber es kam noch schlimmer.

"Guten Tag", murmelte ich, und Rehfeld zeigte mir im ganz figürlichen Sinn des Wortes die Zähne. Hätte er in diesem Moment zwei daumenlange Vampir-Fänge entblößt − es hätte mich nur mäßig gewundert.

"Ob es für Sie ein guter Tag wird, weiß ich noch nicht, Herr Hellmer! Das wird sich noch herausstellen müssen!", zischte er mir entgegen.

"Wenn Sie es nicht gerade darauf anlegen, ihn mir zu verleiden, könnte er vielleicht doch noch ganz nett werden!"

Er zuckte mit den Schultern. "Tut mir leid!", log er.

Rehfeld war nicht allein gekommen. Ich sah noch den schlaksigen Lehmann, der wieder auf ein paar Erdnüssen herumkaute, und Müller-Sowieso.

Dazu kamen noch zwei Mann in Uniform. Man hätte denken können, dass ein ganzes Gangster-Syndikat ausgehoben werden sollte.

Aber hier wohnten nicht Ali Baba und die vierzig Räuber, hier wohnte nur ich − Michael Hellmer alias Mike Hell, trotz des gefährlich klingenden Pseudonyms ein relativ friedlicher Zeitgenosse, der keiner Fliege je einen Flügel ausgerissen hatte!

Rehfeld streckte seinen dicken, kurzen Arm aus und hielt mir ein Blatt Papier unter die Nase.

Es war ein Durchsuchungsbefehl.

"Ich hoffe, Sie werden uns keine Schwierigkeiten machen!"

Ich winkte ab. "Kein Gedanke!"

"Das ist gut. Kommt, Leute, an die Arbeit!"

15

Sie stürmten meine Wohnung und begannen an fünf verschiedenen Stellen gleichzeitig, das Unterste zuoberst zu kehren.

Rehfeld selbst stand nur daneben und schaute seinen Leuten zu. Wahrscheinlich war es ihm bei seiner Figur einfach zu anstrengend und schweißtreibend, sich zu bücken.

"Haben Sie was dagegen, wenn ich mich dusche?", fragte ich ihn. Aber er schüttelte energisch den Kopf.

"Erst, wenn das Bad durchsucht ist."

"Scheiße."

"Ein wahres Wort."

"Wonach suchen Sie eigentlich?"

"Das wissen wir, wenn wir es gefunden haben."

"Wie viel haben Sie dem Richter dafür geben müssen, dass er Ihnen den Durchsuchungsbefehl unterschrieben hat?"

Rehfeld grinste breit. "Wir leben in einem Rechtsstaat", meinte er.

"Kaum zu glauben!"

Ich ging in die Küche, und er dackelte hinter mir her, wahrscheinlich, um mich im Auge zu behalten. Glaubte er vielleicht, ich wollte noch schnell meine nicht vorhandenen Schnee-Vorräte in den Ausguss spülen?

Er schien mir jede Schandtat zuzutrauen. Ich stellte die Kaffeemaschine an. Ich brauchte jetzt einfach etwas, um wirklich wach zu werden.

"Anstatt mich zu belästigen, könnten Sie sich besser mal um die beiden Typen kümmern, die hinter der Frau her waren."

"Das tun wir."

"Ich habe mir übrigens die Nummer ihres Mitsubishi gemerkt."

"Was Sie nicht sagen ... vorgestern haben Sie davon allerdings kein Sterbenswörtchen gesagt."

"Vorgestern habe ich es vergessen."

"Einfach so, ja?"

"Nein, nicht einfach so. Sie haben so auf mich eingeredet, da habe ich nicht mehr daran gedacht, es zu erwähnen."

"Und jetzt, da wir Ihnen auf den Pelz rücken, fällt es Ihnen urplötzlich wieder ein!"

Ich verzog das Gesicht. "So ist es."

"Wahrscheinlich genauso erfunden, wie die Kerle selbst erfunden sind!"

"Glauben Sie, was Sie wollen!"

"Ich halte es zumindest für möglich!"

Ich hob die Hände. "Okay, okay, ich geb's zu!"

"Was geben Sie zu?"

"Dass ich alles erfunden habe. Auch den Tod von Jürgen Lammers. Habe ich alles nur erfunden. Und Annette Friedrichs. Auch nur eine Erfindung von mir."

Er brauchte fast eine halbe Sekunde, um die Ironie zu bemerken. Er war eben eine Beamtenseele. Langsam, aber gründlich. "Hören Sie auf, mich zu verarschen!", schimpfte er dann ziemlich ungehalten.

"Das brauche ich gar nicht, das besorgen Sie schon selbst!"

Der Kaffee war durchgelaufen. Ich schenkte mir eine Tasse ein, suchte unter Rehfelds gestrengen Augen im Kühlschrank nach der Milch und trank das Gebräu schließlich doch schwarz, als ich sie nicht fand.

Und dann kam Müller-Sowieso herbeigeeilt.

An seiner überaus wichtigen Miene konnte ich schon sehen, dass etwas eingetreten war, das für mich nur ungünstig sein konnte. Aber solange diese Kommission von Rehfeld angeführt wurde, schien passieren zu können, was wollte.

Es würde immer ungünstig für mich sein. Der Dicke würde es schon so hindrehen. Und das alles nur, weil er keine Western mochte ...

Wenn ich Würstchenverkäufer gewesen wäre − wahrscheinlich hätte er mich gemocht.

Bestimmt sogar.

Zumindest, wenn ihm die Würstchen geschmeckt hätten, aber ich schätzte ihn so ein, dass er da nicht besonders wählerisch war. Feinschmecker sind nämlich meistens entschieden schlanker.

Müller-Sowieso hielt eine grüne Handtasche in der Hand. Lindgrün war sie und ich erinnerte mich sofort an diesen Farbton. Diese Tasche passte perfekt zu dem Kleid, das Annette Friedrichs getragen hatte, als sie vor ihren Verfolgern in meine Wohnung geflohen war.

Ich schluckte, als ich Rehfeld die Handtasche mit triumphierendem Gesichtsausdruck ergreifen sah.

Und im selben Moment wurde auch der letzte Rest meiner kleinen grauen Zellen endlich wach. Unwillkürlich fragte ich mich, ob sie die Tasche wirklich bei mir vergessen oder vielmehr absichtlich in meiner Wohnung deponiert hatte, um etwas aufzubewahren, das sie im Moment lieber nicht bei sich haben wollte.

"Wo kommt das her?", fragte ich.

"Das fragen Sie?" Rehfeld schüttelte den Kopf. "Den Dummen haben Sie lange genug gespielt."

"Es kommt aus der Kommode im Flur", meinte Müller-Sowieso.

"Wem gehört diese Tasche?", fragte Rehfeld.

"Sie gehört Annette Friedrichs."

Rehfeld ging zum Tisch und schüttete den Inhalt der Handtasche darauf aus.

Einige Tablettenröhrchen kamen da zum Vorschein: Beruhigungsmittel, Aufputscher, Kopfschmerztabletten, Mittel gegen Migräne.

Ein paar Kleinbildfilme waren auch dabei.

Eine Packung mit Tampons lag neben einem Schlüsselbund. Und dann war da noch ein kleines Briefchen, dessen Inhalt wie Waschpulver wirkte.

Ich hatte kein gutes Gefühl, als Rehfeld das Briefchen nahm, es öffnete und zur Nase führte. "Kokain, schätze ich", sagte er dann. Und er sprach dieses Wort wie ein Todesurteil aus. Er blickte in meine Richtung, sagte aber nichts.

In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Triumph und Ernst. Humor war nicht dabei. Nicht eine Unze, aber wen konnte das wundern? Wo Rehfeld auftauchte, da hörte der Spaß eben auf.

"Das Zeug gehört nicht mir", erklärte ich einigermaßen gelassen.

"Ich hatte nicht erwartet, dass Sie etwas anderes sagen würden, Hellmer."

Ich deutete mit dem Finger auf das Briefchen in Rehfelds Hand.

"Glauben Sie, dass die Friedrichs wieder versucht hat, damit zu dealen?"

Er schüttelte den Kopf.

"Nein, das glaube ich nicht. Diese Menge ist wohl eher für den Eigenbedarf gedacht."

"Sie können ja Fingerabdrücke von der Tasche nehmen, wenn Sie mir nicht glauben, dass es wirklich die Tasche der Friedrichs ist", schlug ich respektloserweise vor.

Rehfeld verzog das Gesicht und reichte das Briefchen an Müller-Sowieso.

"Das werden wir auch. Darauf können Sie Gift nehmen!"

"Lieber nicht."

"Was?"

"Gift nehmen!"

"Ich mag Ihre Witze nicht, Hellmer."

"Ich Ihre auch nicht!"

"Ich mache nie welche, falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist."

"Es gibt auch so etwas wie unfreiwillige Komik."

"Wollen Sie mich beleidigen? So etwas ist strafbar, und ich habe hier jede Menge Zeugen dabei."

Ich winkte ab. "Es war eine allgemeine Feststellung. Wenn Sie sich den Schuh anziehen, ist das nicht mein Problem."

Er atmete tief durch. "Ich könnte Sie festnehmen, Hellmer!"

"Wegen dem Kokain?"

"Ja."

"Ich dachte schon wegen Beamtenbeleidigung."

"In dem Punkt wurden die Gesetze in den letzten hundert Jahren leider sehr liberalisiert", murmelte er.

Ich zuckte die Schultern. "Tun Sie's oder lassen Sie's. Ich werde Ihre Entscheidung wohl kaum beeinflussen können."

"Ich lasse Sie auf freiem Fuß."

"Und das wollen Sie mir jetzt als besondere Gnade Ihrerseits verkaufen?"

"Nehmen Sie es, als was Sie wollen! Aber seien Sie auf der Hut!"

"Sie wissen genau, dass das nicht reicht, was Sie gegen mich zu haben glauben, Rehfeld. Und ich würde Ihnen empfehlen, sich auf andere Spuren zu konzentrieren!"

"Ihre scheint mir aber besonders interessant zu sein!"

"Dass ich nicht lache!"

"Das Lachen wird Ihnen noch früh genug vergehen!"

"Ich zergehe vor Furcht!"

"Wie kommt die Friedrichs dazu, Ihnen ihr Kokain zur Aufbewahrung zu geben? − Vorausgesetzt, es ist wirklich ihre Tasche und Sie benutzen sie nicht als eine besonders schlaue Tarnung. Wäre doch auch möglich, oder? Vielleicht nehmen Sie selbst ab und zu eine Prise von dem weißen Zeug, wenn Sie in einem Ihrer Schundromane nicht weiter wissen oder mit den Terminen unter Druck sind."

"Träumen Sie ruhig weiter!"

"... und was macht so ein Kerl, der sich für besonders schlau hält wie Sie? Er kauft sich eine Damenhandtasche und kann dann jederzeit behaupten, dass das Zeug nicht ihm gehört."

"Überprüfen Sie die Fingerabdrücke und lassen Sie mich zufrieden, bis das passiert ist."

"Na schön. Aber meine Frage können Sie eigentlich trotzdem beantworten."

"Welche Frage?"

"Warum die Friedrichs Ihnen ihre Sachen zur Aufbewahrung gibt?"

"Das wüsste ich selber gerne. Vielleicht hat sie sie einfach vergessen."

"Tattrig ist sie doch wohl noch nicht!"

"Haben Sie eine bessere Erklärung?"

"Ich wollte eine von Ihnen hören!"

"Da muss ich Sie leider enttäuschen."

Er schnaufte heftig und blies mir dabei seinen abgestandenen Atem ins Gesicht.

Irgendwann in den letzten Stunden musste er Zwiebeln gegessen haben. Jedenfalls roch er danach. Nicht, dass ich etwas gegen Zwiebeln hätte, aber so aus zweiter Hand ist das nicht das Wahre ...

16

Ich war froh, als die Bande endlich fertig war. Jetzt konnte ich wenigstens duschen. Rehfeld zog ziemlich knurrig ab. Ich weiß nicht, was er erwartet hatte.

Berge von Kokain vielleicht? Koffer voll Schwarzgeld?

Glaubte er, dass ich Annette Friedrichs mit Drogen belieferte − wenn vielleicht auch nur für den eigenen Bedarf?

Rehfeld schien mir ein kompletter Idiot zu sein. Aber die Idioten sind immer die Gefährlichsten. Man kann nie im Voraus sagen, auf welche absurden Ideen sie als Nächstes kommen.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Fall in den Händen dieses dicken Mannes nicht besonders zügig einer wie auch immer gearteten Auflösung entgegenging.

Ich hämmerte ein paar Seiten von den ›Gnadenlosen Wölfen‹ in die Tastatur, aber heute Morgen ging es wirklich äußerst zäh voran. Und als ich das, was ich geschrieben hatte, noch einmal überflog, bemerkte ich, dass ich so wenig bei der Sache gewesen war, dass ich doch glatt einen Toten hatte wiederauferstehen lassen!

Man kann den Lesern eine Menge erzählen und es ihnen plausibel machen. Sie glauben es einem, weil sie es glauben wollen.

Außerdem wissen sie selbst auch nicht so genau Bescheid, was Geographie und Geschichte des amerikanischen Westens angeht.

Ich nehme im Allgemeinen nur wenig Rücksicht auf die Fakten. Ich schaue mir auch nur selten einmal eine Landkarte vorher an. Wenn ich Berge brauche, lasse ich Berge auftauchen. Wenn ich einen Fluss brauche, lasse ich ihn fließen.

Kein Mensch prüft nach, ob es diesen Fluss und diese Berge gibt, oder ob man in einem Tagesritt wirklich von A nach B gelangen kann und so weiter und so fort.

Aber einen Mann wieder auftauchen zu lassen, der schon erschossen wurde − einen derart freien Lauf durfte ich der Phantasie nun auch wieder nicht lassen.

Ich hatte die Sache gerade einigermaßen bereinigt, da bekam ich einen Anruf, mit dem ich nun wirklich nicht gerechnet hatte.

Es war die Friedrichs, ich erkannte sie sofort an der Stimme.

"Hallo", sagte sie. "Kennst du mich noch?"

"Klar kenne ich dich noch, Annette", gab ich ihr den ersten Schuss vor den Bug. Ich war einfach mal gespannt darauf, wie sie reagieren würde. Außerdem wollte ich ihr deutlich machen, dass ich kein Dummkopf war. So ausgeschlafen wie sie war ich nämlich schon lange. Jedenfalls glaubte ich das.

Ich hörte sie durch das Telefon schlucken. Dann fragte sie: "Woher kennst du meinen Namen?"

"Ich habe einfach geraten. Annette passt zu dir."

"Du nimmst mich auf den Arm!"

"Was willst du?"

"Ich ..." Sie stockte und brach ab. Ich hörte ihren Atem durch den Hörer. Der Akustik nach schien sie aus einer Telefonzelle heraus anzurufen. "Ich habe etwas bei dir vergessen", sagte sie dann. "Meine Handtasche."

"Ich weiß."

"Ich brauche sie ziemlich dringend!"

"Du kannst ja kommen, um sie dir abzuholen!"

Ich sagte ihr nichts davon, dass die Tasche längst im Besitz der Polizei war, denn ich dachte, dass ich so vielleicht etwas mehr von dem erfahren konnte, was hier gespielt wurde − auch mit mir.

Ich war längst ein Teil dieser ganzen Affäre geworden, viel mehr, als mir gefiel, und auch viel zu sehr, als dass es mich nicht zu interessieren brauchte.

Und wenn ich ehrlich war, lag das auch keineswegs nur an Rehfeld und seinen Hirngespinsten. Es war gewissermaßen Zufall. Schicksal, wenn man ein vornehmeres Wort verwenden will.

"Ich kann nicht zu dir kommen!", sagte sie.

"Warum nicht?"

"Weil ..."

Sie stockte wieder. Offenbar hatte sie ihre Ausreden nicht sorgfältig genug vorbereitet. Oder es war nur geschickte Schauspielerei.

Ich wusste es nicht. Es war mir im Augenblick auch gleichgültig. "Na?"

"Ich vermute, dass das Haus, in dem du wohnst, unter Beobachtung steht", erklärte sie dann mit fester Stimme.

"Weshalb?"

"Wäre doch logisch, oder?"

"Du meinst die Polizei?"

"Wenn ich Kriminalkommissar wäre, würde es mich brennend interessieren, wer zu Lammers oben in die Wohnung will!"

Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. Was sie sagte, war wirklich einleuchtend.

Vielleicht hatte Rehfeld tatsächlich jemanden abgestellt, um das Haus zu beobachten. Aber nicht wegen der Wohnung des Ermordeten.

Nein, höchstens meinetwegen ...

"Bei deinem ersten Besuch hier hat dich das allerdings wohl kaum gestört", gab ich zurück.

"Ist ja auch beinahe ins Auge gegangen!"

"Jetzt erzähl mir nicht, dass das Polizisten waren, die dich abmurksen wollten!"

Sie ging darauf nicht ein. Stattdessen fragte sie: "Was ist, können wir uns irgendwo treffen?"

Jetzt war für mich der Augenblick der Wahrheit gekommen. Ich konnte ihr sagen, wo die Handtasche war und dass sie sich an die Polizei wenden möge, um sie wiederzubekommen. Dann wäre ihr Interesse an einem Treffen mit mir vermutlich gleich null gewesen − ebenso wie meine Chance, etwas mehr über die Sache zu erfahren.

Ich würde sie vielleicht nie wiedersehen, was mir andererseits vielleicht manchen Ärger ersparte.

Wenn ich mit ihr zusammentraf und Rehfeld bekam Wind davon − auf welch phantastischen Wegen auch immer −, hatte ich mit einem Schlag seine gesamten Vorurteile gegen mich bestätigt.

Ich beschloss, das Risiko einzugehen.

Vielleicht war auch ein Schuss Abenteuerlust dabei. Ich dachte in jenem Augenblick nicht weiter darüber nach, sondern fragte, wo wir uns treffen sollten.

Sie nannte mir ein Stehcafé in der Stadt, das ich auch kannte.

In einer halben Stunde, so machten wir es ab.

"Du wirst als Erster dort ankommen", sagte sie. "Warte dort auf mich!"

"Reichlich konspirativ, was?"

"Vergiss die Tasche nicht!"

Ich legte auf.

Bis in die Innenstadt war es nur ein paar Minuten mit dem Wagen.

Ich hatte also mehr als genug Zeit. Ich ging zum Fenster und blickte hinaus. Es interessierte mich einfach, ob sie mit ihrer Behauptung Recht hatte, dass dieses Haus beobachtet wurde.

Zu beiden Seiten der Straße parkten Autos, darunter irgendwo auch mein gebrauchter Fiat.

Ich schaute mir jedes Auto genau an, obwohl es aus meiner Perspektive zumeist nicht ganz einfach zu beurteilen war, ob jemand drin saß oder nicht.

Und dann sah ich den schwarzen Mitsubishi ...

17

Von meinem Fenster aus hatte ich das Nummernschild nicht sehen können, und als ich die Treppe hinunterstieg, sagte ich mir, dass es Tausende von schwarzen Mitsubishis gab und der, den ich gesehen hatte, nicht unbedingt mit jenem identisch sein musste, den die beiden Kerle benutzt hatten, vor denen die Friedrichs geflohen war. Als ich draußen war, warf ich nur einen kurzen Blick in Richtung des Mitsubishi. Aber für mich genügte diese eine Sekunde, um zu sehen, wer hinter dem Steuer saß und direkt in meine Richtung blickte.

Es waren Flash Gordons trübe Augen. Sein etwas mickriger geratener Partner war nicht dabei. Vielleicht hatte er sich irgendwo in der Nähe postiert.

Ich entschied mich dafür, so zu tun, als hätte ich nichts bemerkt, was mir einigermaßen gelang, wie ich mir einredete.

Außerdem war der Kerl ja hinter der Friedrichs her. Und nicht hinter mir.

Jedenfalls war mir beim Anblick des blonden Riesen erst einmal wohler, als wenn ich, sagen wir Rehfeld oder Müller-Sowieso vorgefunden hätte, denn die hätten es mit Sicherheit auf mich abgesehen gehabt.

Mein Fiat stand auf der anderen Straßenseite, und dorthin zu gelangen, war nicht so einfach, wie es sich zunächst anhören mag. In zwei Etappen kam ich schließlich heil über die Straße.

Ein BMW-Fahrer zeigte mir den Vogel.

Zum Glück hatte er hier keine Gelegenheit, anzuhalten und auszusteigen, wollte er nicht Gefahr laufen, von den nachfolgenden Automobilisten dafür gelyncht zu werden.

Spannungsromanen wird ja oft ein Hang zur Gewalt nachgesagt, und zwar mit Vorliebe von Leuten, die solche Romane gar nicht lesen.

Dabei ist alles das, was man dort in dieser Richtung finden kann, mehr als harmlos dem gegenüber, was man mitunter direkt vor der eigenen Haustür vorfindet.

Man nehme eine Filmkamera und lasse sie − vorzugsweise während der Rush Hour − anderthalb Stunden lang auf jene Fahrbahn gerichtet laufen, die ich gerade überwunden hatte.

Das Resultat könnte durchaus ein Spielfilm sein, zu dem der Titel Gnadenlose Wölfe so gut passt wie die Faust aufs Auge oder ein Fiat Uno unter das Hinterrad eines Zwanzig-Tonners.

Ich ließ den Fiat an und fädelte mich in den Verkehr ein. Und − o Wunder! − der kahlgeschorene blonde Todesengel in dem schwarzen Mitsubishi tat dasselbe und fuhr zu allem Überfluss auch noch in dieselbe Richtung wie ich, was für ihn gar nicht so einfach war, weil er dazu auf die ihm gegenüberliegende Fahrbahn wechseln musste.

Und das war auch der Hauptgrund, weshalb es mir überhaupt auffiel, dass er mir folgte.

Er hupte nämlich wie wild, als ihn niemand vorbeilassen wollte. Kein Zweifel, Flash Gordon wusste, wie man sich im Straßenverkehr durchzusetzen hatte!

Dir möchte ich nicht in der Rush Hour begegnen, dachte ich bei mir. Eigentlich wollte ich ihm überhaupt nicht begegnen.

Er war ziemlich dreist.

Irgendwo quietschten Bremsen, aber ich konnte nicht hinschauen, sonst hätte es an einer meiner Stoßstangen womöglich gekracht, und das wollte ich verständlicherweise vermeiden.

Ich schaute in den Rückspiegel und sah, dass zwischen ihm und mir gut ein halbes Dutzend Pkw waren.

Er versuchte zu überholen, scheiterte aber beim ersten Anlauf. Dann gelang es ihm endlich, zwei Wagen aufzuholen. Mir war klar, dass ich ihn abschütteln musste, bevor ich mich mit Annette Friedrichs treffen konnte.

Unterdessen erreichte ich eine Ampel, und ich hoffte, dass sich nun der Abstand zwischen uns vergrößern würde. Vielleicht konnte ich den Kerl sogar gänzlich abschütteln − mit etwas Glück.

Aber ich hatte keines.

Die Ampel war grün und blieb auch grün, als mein Fiat sie bereits passiert hatte.

Drei der Wagen, die uns trennten, bogen zur Seite ab, und wir waren jetzt noch näher zusammen.

Ich atmete erst einmal tief durch und warf dabei einen Blick auf die Tankanzeige. Halbvoll. Damit konnte man eine ganze Weile lang herumgurken.

Aber ich hatte so im Gefühl, dass der Kerl, der mir auf den Fersen war, nicht so schnell aufgeben würde. Mochte der Teufel wissen, warum er mich verfolgte!

Bei der nächsten Gelegenheit bog ich ab, aber der blonde Hund folgte mir.

Ich schlug noch ein paar weitere Haken, doch ich war in dieser Sache eindeutig der Amateur von uns beiden. Ich hatte keine Ahnung, wie man einen Verfolger abschüttelte, ich war immer schon heilfroh, wenn ich den Fiat ohne Beulen in die Stadt bekam und dann vielleicht sogar noch einen Parkplatz fand, auf den nicht schon ein paar Leute lauerten, die bereit waren, sich dafür zu schlagen.

In einer etwas weniger befahrenen Seitenstraße drückte ich dann ein bisschen mehr auf die Tube, aber insgeheim wusste ich, dass diese Jagd über meine Fähigkeiten als Autofahrer ging.

So kam ich auf den Gedanken, mein Rendezvous mit Annette Friedrichs erst einmal abzublasen. Was ich von ihr erfahren konnte, ging mir nicht verloren.

Sie würde sich wieder bei mir melden, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber bisher war sie nicht allzu gesprächig gewesen, und ich hatte das dumme Gefühl, dass es auch diesmal nicht anders gelaufen wäre. Sie hatte einiges zu verbergen und würde den Teufel tun, mir auch nur ein Gramm davon freiwillig auf die Nase zu binden.

Doch sie würde sich wieder melden, denn sie glaubte, dass ich etwas hatte, das ihr gehörte. Andererseits war es vielleicht ebenso interessant, zu erfahren, warum sich Flash Gordon so an meine Fährte klammerte ...

Warum sich nicht die andere Seite einmal anhören? Ich halte mich für liberal. Wahrheit ist ein Standpunkt, auf dem man steht, heißt es bei Proust. Glaube ich jedenfalls.

Und dann traf ich eine Entscheidung, von der ich noch nicht wusste, was sie mir einbringen würde. Im ungünstigen Fall vielleicht ein paar blaue Flecken, möglicherweise auch Schlimmeres.

Jedenfalls sah Flash Gordon nicht gerade so aus, als sei er besonders zimperlich, wenn er sich mit jemandem unterhielt; vor allem, wenn ihm die Antworten nicht passten. Aber ich hatte keineswegs vor, mich ihm einfach so auszuliefern.

Ich würde Vorsorge treffen.

Zunächst einmal lenkte ich meinen Fiat bei nächster Gelegenheit wieder Richtung Stadtzentrum, während sich mein Schatten alle Mühe gab, mich nicht aus den Augen zu verlieren. Ich wollte es ihm nicht leichter machen als unbedingt nötig.

Gleichzeitig war ich neugierig, wie stark sein Interesse an mir wohl sein mochte.

Ich suchte einen der gebührenpflichtigen Parkplätze im Zentrum auf. Ein Parkhaus war mir zu gefährlich. Ich warf einen kurzen Blick zurück, als ich die Schranke passierte und meine Karte gezogen hatte. Ja, da war er. Er folgte mir noch immer, musste sich aber etwas gedulden. Vor ihm waren drei Wagen, die auch durch die Schranke auf den Parkplatz wollten.

Zeit genug für mich, um auszusteigen und dann mit einem gewissen Vorsprung den Parkplatz zu verlassen.

Ich stellte den Wagen in eine der wenigen Parklücken.

Mein kahlgeschorener Schatten musste indessen auf einen älteren Herrn im Mercedes warten, der mit der Ausgabe der Parkscheine seine Schwierigkeiten hatte.

So konnte ich in aller Ruhe meinen Wagen abstellen, aussteigen und dann in Richtung Fußgängerzone davongehen. Ich bog in eine Passage ein, war mir aber ziemlich sicher, dass er das gesehen hatte.

Aber flashing Flash Gordon war wirklich schnell, denn kaum hatte ich die Passage wieder verlassen, da sah ich ihn hinter mir auftauchen, halb versteckt hinter einer Würstchenbude.

Ich bekam mit, wie er eine Oma anrempelte, die sich daraufhin lautstark beschwerte.

Flash Gordon hatte ziemlich lange Beine, und mit diesen ziemlich langen Beinen machte er ziemlich lange Schritte. Er holte auf, aber das konnte mir keine Angst machen.

Ich hatte mein Ziel fast erreicht. Es war die Zweigstelle einer Genossenschaftsbank, bei der ich zwar kein Konto hatte, deren Inneres für mich aber so etwas wie eine Art Schutzraum darstellte.

Ich blickte mich um.

Lange Schlangen an den Schaltern.

In der Mitte befand sich ein Pulk von Sesseln, in denen man warten oder sich ausruhen konnte. Etwas abseits war ein Video-Gerät mit Kopfhörern, das Trickfilme für die lieben Kleinen abspielte.

Ich ließ mich in einem der Sessel nieder.

Flash Gordon ließ nicht lange auf sich warten. Sein Gesicht war grimmig verzogen. Er atmete tief durch, wobei sich sein gewaltiger Brustkorb hob und senkte. Seine wässrig blauen Augen mit dem trüben Blick schweiften suchend durch den Raum, und dann hatten sie mich fixiert.

Ich erwiderte diesen Blick.

Das Erschrecken auf seiner Seite war um einiges größer als das auf der meinigen. Ich lächelte. Sein Gesicht bekam einen rötlichen Ton.

Dann wandte er sich zur Seite, tat, als habe er mich nie gesehen und nie gesucht, und als wolle er sich bei einem der Schalter anstellen.

Es schien ganz, als wolle er gar nicht mit mir reden, sondern nur wissen, wohin ich wollte. Vielleicht erwartete er, dass ich ihn direkt zu Annette Friedrichs führen würde − was ja auch gar nicht so außerhalb des Möglichen lag.

Den dicken Rehfeld hielt ich für bescheuert, weil er fast zwanghaft einen Zusammenhang zwischen mir und dieser Friedrichs konstruierte (den ich im übrigen herzustellen im Begriff gewesen war).

Aber Rehfeld schien nicht der einzige Idiot auf der Welt zu sein. Flash Gordon schien denselben Gedanken gehabt zu haben, was für mich Grund genug war, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen.

Und welch besseren Ort als diesen konnte es dafür geben? Der Raum war voller Menschen und wurde von Video-Kameras überwacht.

Der Knopfdruck eines Angestellten genügte, um die Polizei herbeizuholen.

Ehe Flash es noch so richtig fassen konnte, war ich auch schon bei ihm und grinste ihn an. Er schaute weg, tat noch immer so, als ob er mich nicht kenne.

"Ich hoffe, ich habe Ihnen bei unserer kleinen Verfolgungsjagd nicht allzuviel Schwierigkeiten gemacht", erklärte ich ihm. "Aber wie ich sehe, ist das nicht der Fall, schließlich haben Sie mich ja gefunden."

Als er mir dann seinen Kopf zuwandte und auf mich herabblickte, sah er im ersten Moment ziemlich belämmert aus. "Häh?", machte Flash.

"Tun Sie nicht so. Weshalb sind Sie mir gefolgt?"

"Ich weiß nicht, was Sie wollen, Mann!", grunzte er.

"Ich schätze, Sie haben bei dieser Bank ebenso wenig ein Konto wie ich!"

Er kniff die Augen etwas zusammen, so dass sie zu schmalen Schlitzen wurden. Wie ein Gunslinger vor dem Duell. Und dabei ging seine Linke hinüber zum rechten Ohr, um sich dort zu kratzen.

Das dauerte kaum länger als eine Sekunde, aber das war lang genug. Lang genug, um zu bemerken, wie sich seine Jacke spannte. Eine kleine Ausbuchtung, die einem flüchtigen Beobachter kaum auffiel, wurde sichtbar. Aber ich glaubte zu wissen, was sie bedeutete: eine Pistole im Schulterholster.

"Besser, Sie lassen mich in Frieden", sagte der Kerl. "Ist wirklich besser. Ich kenne Sie nicht und will Sie auch nicht kennen lernen!"

"Aber ich brenne darauf, mich mit Ihnen zu unterhalten! Kommen Sie, gehen wir zu den Sesseln dort drüben. Es muss ja nicht jeder mithören, was wir zu besprechen haben."

"Leck mich!"

Er zeigte mir sein makelloses Gebiss, während sich schon einige der in der Schlange stehenden Leute nach uns umdrehten.

Er wollte sich bereits abwenden und gehen, aber ich kam die paar Schritte hinter ihm her, überholte ihn und stellte mich ihm in den Weg.

Dann sagte ich: "Was glauben Sie, was passiert, wenn ich jetzt rufe: 'Überfall! Dieser Mann hat eine Waffe!'"

"Das würdest du nicht tun, du Wurm!"

"Doch, das würde ich!"

Er hielt an und schnaufte wie eine Dampfwalze. "Ich würde dich gerne zerquetschen, du Wanze!"

"Kannst du im Moment aber nicht. Es sei denn, du willst alles auf Video haben und dann für die nächsten Jahre in den Knast wandern." Ich zuckte mit den Schultern. "Ich schätze, einer wie du bekommt keine Bewährung mehr!"

Ich fühlte seine mächtige Pranke an meinem Kragen. Seine blassblauen Augen funkelten mich böse an. "Eines Tages kriege ich dich in die Finger, und dann hast du nichts zu lachen!"

"Im Augenblick habe ich dich in den Fingern, und wie es scheint, hast du nichts zu lachen, sonst würdest du nicht so ein verkniffenes Gesicht machen."

"So, denkst du ..." knurrte es zwischen seinen vollen Lippen hervor.

"Ich schätze, für die Waffe unter deiner Achsel hast du nicht einmal einen Schein." Ich deutete zu den Video-Kameras an der Decke, die suchend umher schwenkten. "An deiner Stelle würde ich mich weniger auffällig verhalten!"

Er ließ mich los, und dann gingen wir zu den Sesseln, um uns zu setzen.

"Warum bist du mir gefolgt?", fragte ich ungerührt.

"Leck mich!"

"Das kann nicht der Grund sein."

"Ach, scheiß drauf, was willst du von mir?"

"Das ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Was wolltest du von Annette Friedrichs?"

"Wusste ich es doch!"

"Was?"

"Dass du mit ihr unter einer Decke steckst!"

"Nein, soweit ist es leider noch nicht gekommen!"

"Haha, sehr witzig!"

"Sie ist vor dir und deinem Spießgesellen in meine Wohnung geflüchtet", erklärte ich. "Reiner Zufall."

"Erzähl das deiner Großmutter."

"Es ist die Wahrheit, und ich erzähle sie erst einmal dir. Was hat Annette Friedrichs euch getan, dass ihr so hinter ihr her seid?"

Flash atmete tief durch. Seine trüben Augen blickten dabei himmelwärts, so als wolle er damit sagen: ›Ist der Kerl behämmert!

"Vielleicht ist es wirklich keine schlechte Idee, dass wir uns mal unterhalten. Die Sache ist ganz einfach. Annette hat etwas, dass ihr − wie soll ich es ausdrücken? − nicht gehört. Verstehst du, was ich meine?"

"Und dafür wollt ihr sie umlegen."

"Was?"

"Ja, du hast schon richtig verstanden. Umlegen."

"Hat die Friedrichs dir das weiszumachen versucht?"

"Wer auch immer!"

Er schüttelte den Kopf und lachte heiser. Dann griff er unter sein Jackett.

"Das würde ich nicht tun!", warnte ich ihn.

"Keine Sorge, ich ziehe keine Knarre hervor."

"Was dann?"

"Hier!"

Blitzartig riss der Blondschopf den 45er Colt aus dem tiefgeschnallten Holster. Nur der knappe Bruchteil einer Sekunde blieb Jake McCord, um zu reagieren − aber für einen wie ihn genügte das.

Es war weder eine Knarre noch ein Springmesser noch eine Handgranate oder irgendetwas anderes Gefährliches, was Flash Gordon da aus seiner Tasche zog.

Es war einfach eine Visitenkarte.

Ich nahm die Karte und glotzte ziemlich ungläubig auf den weißen, feinen Karton.

Raimund Schmidt GmbH, las ich da. Private Ermittlungen aller Art, Objekt- und Personenschutz.

"Das haut mich um", bekannte ich freimütig.

"Das sollte es auch."

Ich sah ihn an und runzelte die Stirn. "Bist du Schmidt?", fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. "Nein. Mein Name ist Oswald. Ich bin dort angestellt."

"Der Andere, der, mit dem ich dich die Treppe habe hochflitzen sehen ..."

"Der auch nicht. Schmidt braucht sich nicht mehr selbst die Hände dreckig zu machen. Observationen und so etwas, dafür hat er seine Leute."

"So wie dich."

"Genau."

"Das wirft natürlich ein anderes Licht auf die Sache."

"Ja. Die Kleine ist ein gerissenes Luder, die hat dir einen Bären aufgebunden." Er lachte. "Wahrscheinlich gleich mehrere."

Ich hielt die Karte hoch. "Kann ich die behalten?"

"Klar. Wenn du mal ein Problem hast ..."

"Wahrscheinlich kann ich eure Spesen nicht zahlen."

"Das schätze ich auch. Ich nehme an, du wirst überprüfen, ob es diese Firma wirklich gibt und ob ich dir die Wahrheit gesagt habe."

"Natürlich."

"Tu das nur!"

"Eine Frage noch."

"Ja?"

"Für wen arbeitet ihr?"

"Vergiss es! Wenn ich dir das sage, schmeißt mich mein Boss raus!"

"Und wer hat Jürgen Lammers ermordet?"

Er zuckte mit seinen überbreiten Schultern. "Was weiß ich!"

"Du hast wirklich keine Ahnung?"

"Wenn ich eine hätte, würde ich dir sowieso nichts davon sagen." Er sah mich mit einen merkwürdigen Blick an. Dann zuckte er die Schultern.

"War Lammers ein Freund von dir?", fragte er.

"Nein."

"Was soll dann die Frage? Kann dir doch egal sein, wer's war, oder?"

Aber darüber wollte ich mit ihm nicht diskutieren.

18

Unsere Unterhaltung hatte sich irgendwie totgelaufen, und so beendeten wir sie dann in stillschweigendem beiderseitigem Einvernehmen.

Wir hatten jeder etwas erfahren, das wir zuvor noch nicht gewusst hatten. Und jeder von uns hatte dafür auch etwas bieten müssen.

Doch dieses Spiel war jetzt ausgereizt. Keiner wollte mehr drauflegen.

Ich für mein Teil blieb skeptisch, als ich die Bank verließ und Flash Gordon nachsah, der eigentlich Oswald hieß und anscheinend ein nicht so schlimmer Finger war, wie ich bisher geglaubt hatte.

Eines stand wohl fest: Vor Oswald würde ich in Zukunft Ruhe haben − zumindest wenn er wirklich ein Profi-Schnüffler war, denn dann musste ihm klar sein, dass seine Rolle als mein Schatten zu Ende war. Er war aufgeflogen, sozusagen verbrannt.

Wahrscheinlich würde sich in Zukunft einer seiner Kollegen meiner annehmen.

Ich dachte an mein Rendezvous mit der Friedrichs, und mein Blick ging unwillkürlich zur Uhr am Handgelenk.

Ich war zu spät dran. Vermutlich war sie nicht mehr am Treffpunkt.

Aber egal, eine Tasse Kaffee konnte ich jetzt ohnehin vertragen. Und so konnte ich sie dort einnehmen, wo wir uns verabredet hatten.

Es war ein Stehcafé der besseren Sorte, schon deshalb, weil es nicht so zog und an ein paar Haken Zeitungen für die Gäste hingen. Dafür war der Kuchen nicht besonders toll, aber man kann ja nicht alles haben.

Mein Blick ging die runden Tische entlang.

Ich sah ein paar Frauen in den Wechseljahren lebhaft schnattern und in einer so atemberaubenden Schnelligkeit Wörter und Sätze produzieren, dass es selbst mich, immerhin einen Profi auf diesem Gebiet, in Erstaunen versetzte.

Und dann waren da noch ein paar Schüler, vielleicht fünfzehn oder sechzehn, von denen man kaum etwas hörte. Ab und zu ein schrilles Gekicher von einem der Mädchen oder ein sonores Brummen von einem der Jungen, aber es blieb recht verhalten.

Jedenfalls, bis einer plötzlich ausrief: "Mann, das ist ja echt geil! Endgeil sogar!"

Die Entwicklung der deutschen Sprache ist halt noch nicht ganz abgeschlossen!, dachte ich.

Ein anderer Tisch wurde von drei Türken besetzt. Sie hatten alle drei Schirmmützen und schwarze Schnurrbärte. Und jeder von ihnen nannte zusätzlich auch eine stramme, dicht oberhalb des Gürtels gelegene Kugel sein Eigen, die man gemeinhin wohl Bauch nennt.

Von ihrer Unterhaltung verstand ich kein Wort. Von den mittelalten Frauen dafür mehr, als mir lieb war.

Sie hatten furchtbar penetrante, eindringliche Stimmen, und in diesem Moment hätte ich mir kaum etwas so sehr gewünscht, als dass sie ihre Unterhaltung auf Türkisch geführt hätten.

Ich blieb in der Nähe des Eingangs stehen und sah mich eingehend um.

Von Annette war nirgends eine Spur zu entdecken, und ich wusste im Augenblick nicht so recht, ob ich das wirklich bedauern sollte. Schließlich schien es ja ganz so, als seien diejenigen, die sie mir als die bösen Buben hingestellt hatte, in Wahrheit gar nicht so böse, während sie selbst entschieden fauler sein musste, als ich bisher angenommen hatte.

Ich ließ mir einen Kaffee geben und balancierte meine bis zum Rand gefüllte Tasse schließlich an einen Tisch, an dem noch Platz war.

Der aufgedunsene, hoch aufgeschossene und im Gesicht puterrote Mann, mit dem ich diesen Tisch nun teilte, schien von meiner Anwesenheit alles andere als begeistert. Er musterte mich kritisch, und ich revanchierte mich, indem ich mit ihm dasselbe tat. Jägerhut, Jägerjacke, ein dickes Jägerfernglas ...

Ich war froh, dass er im Moment nicht auch noch seine Flinte dabei hatte. Er schaute mich ziemlich böse an. Aber in dieser Beziehung bin ich hart im Nehmen.

Er schnaufte unüberhörbar und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Meine Güte, du trinkst Kaffee? Siehst aber ganz danach aus, als würdest du schon von einer halben Tasse Malzkaffee an den Rand des Herzinfarkts gebracht!

Während sich der Jäger dann in die Überschriften der Bildzeitung vertiefte, kehrten meine Gedanken zu Annette Friedrichs zurück. Vielmehr zu ihrer Handtasche, die in diesem ganzen Drama − oder war es vielleicht nicht doch eher eine groteske Komödie? − eine wie auch immer geartete Schlüsselrolle zu spielen schien.

Ich versuchte, mir noch einmal die Dinge zu vergegenwärtigen, die Rehfeld aus der Tasche herausgeholt hatte. Da waren der Schlüsselbund, die Pillen, die Tampons, die Filme für eine Kleinbildkamera und das Kokain.

Rehfeld, diese bornierte und etwas zu fett geratene Kopie von Batman, dem Schrecken aller Supergangster, hatte natürlich nur auf das Kokain geschaut und triumphiert. Er hatte das weiße Zeug genommen, um es mir dann in Form einer Schlinge um den Hals zu legen.

Aber was die Substanz der ganzen Geschichte anging, hatte ihn dieses Manöver nicht einen Zentimeter weitergebracht.

Nicht einen!

Was war es, das − nach Oswalds Worten, nicht ihr gehörte?

Das bisschen Kokain konnte es kaum sein. Dafür veranstaltete niemand ein solches Theater. Das galt sowohl für Annette als auch für denjenigen, der Oswald und seine Spießgesellen engagiert hatte.

Aber was dann?

Vielleicht war Rehfeld inzwischen schon schlauer, vorausgesetzt, er hatte die Filme entwickeln lassen. Möglich, dass es nur Urlaubsfotos waren, vielleicht aber auch etwas anderes. Etwas, das solch einen Aufstand lohnte und auch noch die Spesen eines Privatdetektivs trug.

Etwas, das vielleicht auch den Mord an Jürgen Lammers gelohnt hatte!

Dasselbe galt auch für den Schlüsselbund. Vielleicht nur Wohnungs- und Autoschlüssel, vielleicht aber auch Schlüssel für ein Bankschließfach oder Ähnliches, in dem düstere Geheimnisse begraben lagen!

Die Tampons schienen mir alles in allem am wenigsten verdächtig zu sein. Was konnte man damit schon anstellen − mit Ausnahme dessen, wofür sie gemacht waren?

19

Ich hatte meinen Kaffee gerade ausgetrunken, und der rot angelaufene Jäger an meinem Tisch war indessen in andere Reviere entfleucht.

Schließlich kam sie doch noch.

Sie trug einen hellen, dünnen Mantel, den Kragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen. Um ihren Mund machte sich ein verkrampfter, angespannter Zug bemerkbar. Ihre Augen wurden durch eine ultraschwarze Sonnenbrille bedeckt, deren Machart einfach nicht zu ihrem sonstigen Outfit passte.

Wahrscheinlich war es eines der Billigangebote gewesen, die ab und zu verramscht wurden. Sie wirkte wie jemand, der nicht erkannt werden wollte − und wirkte damit um so auffälliger.

Sie trat zu mir an den Tisch, und ich nickte ihr zu. "Ich wollte gerade schon gehen!", sagte ich.

"Warum bist du so spät?"

"Was dazwischen gekommen."

Sie atmete tief durch und fuhr sich mit der Zunge über ihre vollen Lippen. Dann fragte sie: "Wo ist sie?"

"Was meinst du?"

"Die Handtasche natürlich!"

"Hm ..."

"Gib sie mir!"

Ich ließ die Katze aus dem Sack. "Ich habe sie nicht!"

"Was?"

Ebensogut hätte ich ihr einen Schlag vor den Kopf geben können. Vermutlich wäre sie ähnlich konsterniert gewesen wie in diesem Augenblick.

Ich sah es ihr an, obwohl die schwarzen Gläser ihrer Sonnenbrille den Großteil des Gesichtes verbargen und das meiste an Gefühlsregungen abfilterten.

Sie war schockiert, vielleicht sogar mehr als das. Bei so mancher Beerdigung hatte ich schon wesentlich fröhlichere Gesichter gesehen.

Sie nahm ihre Brille ab und sah mich dann fest an. Ihre grün-grauen Augen funkelten dabei gefährlich, fast wie bei einer in die Enge getriebenen Raubkatze.

Ich war es, der sie in die Enge getrieben hatte, ohne es zu wollen, aber auch ohne es verhindern zu können.

Sie sagte: "Du willst also eine Art ... Finderlohn! Verstehe."

Ich schüttelte den Kopf. "Du verstehst gar nichts!"

Um ihren Mund zuckte es. Das, was ich im Moment von ihrem hübschen Gesicht zu sehen bekam, trug jetzt den Ausdruck von Bitterkeit und Verzweiflung.

"Du bist also auch so ein schmieriger Absahner!", meinte sie tonlos.

"Du kennst also noch mehr von der Sorte?"

"Ach, hör doch auf!"

"Hieß einer dieser schmierigen Absahner vielleicht Jürgen Lammers?"

Ich hatte keine Ahnung, wovon ich da redete. Aber das spielte im Moment auch gar keine Rolle. Es war einfach ein Schuss aus der Hüfte, blind, ohne zu zielen ...

Und ich hatte mitten ins Schwarze getroffen!

Annette Friedrichs schluckte, hatte sich aber ansonsten ziemlich gut in der Gewalt.

"Absahnen kann gefährlich werden, nicht wahr?", meinte ich.

"Nur, wenn man zu unverschämt wird!"

Ich nickte leicht. "Ja, genau das meine ich!"

"Hör zu, sag mir einfach, wie viel du willst, und ich sage dir dann, ob das in meinem Rahmen liegt und dann ..."

"Und dann?"

"Dann gibst du mir die Tasche!"

"Hast du den Schnee so nötig?"

"Verdammt!"

"Sag jetzt nicht, du brauchst die Tasche wegen der Tampons so dringend, als hänge dein Leben davon ab!"

Ihr Gesicht wurde jetzt sehr ernst. So hatte ich es noch nie gesehen.

Ich hatte überhaupt noch kein Gesicht mit einem so verzweifelten Blick gesehen. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Und gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wenig ich von dem begriff, was hier eigentlich vor sich ging. Hinter den Kulissen.

Sie sagte es mir nicht, weil sie glaubte, handeln zu können.

Aber ihr Blick sprach eine eindeutige Sprache. Was, wenn mein Leben tatsächlich davon abhängt, diese Tasche wiederzubekommen?, schien sie mich stumm zu fragen.

Ich entschied, dass es jetzt Zeit für die Wahrheit sei. Jedenfalls für die von meiner Seite. "Ich habe die Tasche nicht mehr", erklärte ich zum zweiten Mal, während sie mich ansah, als sei ich ein Alien, das gerade mit seinem Ufo in Omas Vorgarten gelandet ist und dabei die Stiefmütterchen plattgemacht hat.

Sie schluckte und begann dann wie unter Schock: "Ich sagte doch, dass ..."

"Es ist die Wahrheit", unterbrach ich sie.

"Wo ist die Tasche?"

"Die Polizei hat sie. Sie haben meine Wohnung durchsucht, und dabei ist sie aufgetaucht. Wahrscheinlich werde ich noch Schwierigkeiten wegen dem Koks bekommen, denn bisher glaubt mir niemand, dass es nicht mir gehört!"

Sie hob den Kopf.

"Und weshalb hast du dich dann hier mit mir verabredet?"

"Weil ich ein paar Dinge wissen möchte!"

"Dinge, die dich nichts angehen!"

"Wenn jemand mich durch einen Privatdetektiv beschatten lässt, der sich darüber hinaus mit mir noch eine wahre Verfolgungsjagd liefert ..."

"Ein Privatdetektiv?"

"Ja."

"Für wen sollte der arbeiten?" Sie schien diese Frage mehr an sich selbst, als an mich zu richten.

"Gute Frage. Ich wüsste die Antwort am liebsten von dir!"

"Ich habe keine Ahnung."

"Du kennst den Mann."

"So?"

"Du musst ihn kennen. Als wir uns zum ersten Mal trafen, oben in Lammers Wohnung ..."

"Was soll da gewesen sein?"

"Da waren doch zwei Typen hinter dir her!"

"Ja, stimmt."

"Und einer der beiden war hinter mir her, weil er dachte, dass ich ihn zu dir führe!"

"Wann war das?"

"Noch nicht lange her, als ich auf dem Weg zu dieser Verabredung war!"

"Es scheint, als hättest du ihn abgeschüttelt. Ich habe lange genug im Geschäft gegenüber gewartet, um zu sehen, ob dir jemand gefolgt ist!"

"Ich habe ihn keineswegs abgeschüttelt. Wir hatten ein nettes Gespräch miteinander. Sagt dir der Name Oswald etwas?"

"Nein, was sollte er mir sagen?"

"Und Raimund Schmidt GmbH − Ermittlungen aller Art? Sagt dir das etwas?"

"Nein."

"Das ist seine Firma."

"Was hat er dir gesagt?"

"Dass du mir einen Bären aufgebunden hast!"

"Er dir allerdings wohl auch!"

"Kümmern wir uns erst einmal um deinen Bären. Wie wäre das?"

Sie war nicht sonderlich begeistert. "Hör zu", sagte sie. "Ich kenne keinen Oswald und keinen Schmidt. Und falls die Schwierigkeiten, die du hast, wirklich etwas mit mir zu tun haben sollten, dann tut es mir Leid, aber ich kann dir da im Moment nicht helfen." Sie seufzte. "Im Augenblick kann ich mir nicht einmal selbst helfen", murmelte sie dann noch, und ich dachte, genau so siehst du auch aus!

"Von jedem Misthaufen gibt es auch einen Weg hinunter", meinte ich.

Sie verzog den Mund. "Ach ja?"

"Ja!"

"Na, du hast sicher die große Ahnung auf diesem Gebiet, was?"

Ich nahm ihre Hand. Sie war eiskalt, und ich wurde unwillkürlich an die Hand einer Toten erinnert.

Ich weiß, wie sich Tote anfühlen. Ich habe sechzehn Monate Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims abgeleistet.

Sie zog die Hand erst nach einigen Sekunden weg und schien gehen zu wollen. Aber ich hatte das Gefühl, sie so nicht gehen lassen zu dürfen.

Ein Gefühl, mehr nicht.

"Wie wär's mit ein bisschen Vertrauen?", meinte ich, aber auf dem Ohr schien sie nicht besonders hellhörig zu sein. Aus ihrer Sicht war das vielleicht sogar ein wenig verständlich.

"Vertrauen?", fragte sie mit einem Unterton, der von einer Art verzweifeltem Zynismus sprach. "Ich bin unter der Voraussetzung hierher gekommen, dass du mir helfen kannst. Aber du hast mich angelogen! Du hast die Tasche nicht mehr und wusstest nichts Besseres zu tun, als sie der Polizei zu ..." Sie brach ab. "Naja, dafür konntest du ja wohl nichts."

"Dafür und für das schlechte Wetter auch nichts."

Sie blickte auf. "Mach's gut", sagte sie.

Einen Augenblicke später hatte sie das Stehcafé verlassen.

Sie hatte einen unsagbar traurigen Blick, als sie ging. Ich habe diesen Blick in jenem Moment nur ansatzweise zu deuten gewusst.

Später verstand ich ihn besser. Es war exakt jener Blick, den eine junge Frau haben mochte, der gerade das Todesurteil verkündet worden war.

20

Ich wusste nicht, was sie für ein Spiel spielte, aber mir war klar, dass sie wohl längst nicht mehr diejenige war, die die Regeln bestimmte. Vielleicht war sie es auch nie gewesen.

Der Entschluss, ihr zu folgen, war sehr spontan und sehr falsch. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Der Abstand zwischen uns war ziemlich groß, und ich musste höllisch aufpassen, dass sie nicht auf mich aufmerksam wurde. Immer wieder drehte sie sich um und ließ den Blick über die Scharen von Menschen streifen, die sich da dicht gedrängt durch die Fußgängerzone schoben.

Was das Verfolgen anging, war ich ein Amateur, aber sie war es ebenso, was das Flüchten und Untertauchen betraf. Und so glich sich das am Ende wieder aus.

Ich folgte ihr durch eine Straße und dann durch noch eine und schließlich bog sie in eine enge Passage ein, die voll von Spiegeln war. Das war für mich besonders unangenehm, denn ich befürchtete ständig, dass sie mich in einem der vielen Spiegel sehen konnte, ohne dass ich selbst es merkte.

Als ich die Passage hinter mich gebracht hatte, glaubte ich schon, sie verloren zu haben. Mein Blick ging fieberhaft über das hektische Menschenmeer, und ich war nahe daran aufzugeben.

Dann fand ich sie doch noch.

Sie versuchte gerade, die stark befahrene Straße zu überqueren und hatte bereits die Hälfte geschafft. Es war lebensgefährlich, was sie da veranstaltete, aber für Lebensgefährliches schien sie Talent zu haben.

Sie schaffte es auf die andere Seite. Ein BMW hupte. Ein Mercedes-Fahrer zeigte ihr den Vogel. Aber sie hatte es geschafft, und ich konnte jetzt sehen, wie ich hinter ihr her kam.

Der Abstand zwischen uns wurde größer. Ich folgte ihr in eine Nebenstraße und dann in noch eine. Schließlich sah ich sie in einem Hauseingang verschwinden.

Ich wartete eine Weile. Sie kam nicht zurück, und ich beschloss, mal nachzusehen.

Der Hauseingang war nicht abgeschlossen, die Tür nur angelehnt. Es war ein Altbau. Wahrscheinlich würde in absehbarer Zeit die Abrissbirne anrücken.

Ein paar türkische Kinder rannten eine Treppe hinunter und dann hinaus auf die Straße.

Ihnen auf den Fersen war ein sehr dicker Mann, vielleicht Mitte fünfzig. Er pustete wie eine Dampflok und schimpfte wie ein Rohrspatz auf die Kinder, die ihn wahrscheinlich damit geärgert hatten, an seiner Wohnungstür zu klingeln.

"Diese verdammten Kanaken!", prustete er, als sie ihm schließlich endgültig entwischt waren und er keine Chance mehr sah, hinter ihnen herzukommen. "Bälger in die Welt setzen, das ist alles, was die können! Und dann das dicke Kindergeld kassieren!"

Ich war versucht, ihm zu sagen, dass diese Kinder mal seine Rente bezahlen würden, verkniff mir aber jede bissige Bemerkung und fragte ihn stattdessen nach Annette Friedrichs.

Er fragte unwirsch zurück: "Sind Sie Polizist oder so?"

"Nee - nur ›oder so‹." Ich hob die Schultern. "Also sagen Sie schon!"

Der Mann musterte mich kritisch, und ich wartete voller Ungeduld auf das Ergebnis der Prüfung. Bestanden oder durchgefallen?

Und wenn ich die Niete erster Klasse erwischt hatte, wusste er vielleicht gar nichts.

Der dicke Saloonkeeper kniff die Augen zusammen.

"Verschwinden Sie besser aus der Stadt, McCord!"

"Ich brauche Ihre Hilfe!", sagte McCord gelassen.

Der Keeper machte eine wegwerfende Handbewegung. "Vergessen Sie's!", meinte er. "Glauben Sie, ich bin scharf darauf, mir Ärger einzuhandeln?"

"Ich kenne keine Frau, wie Sie sie beschreiben", erklärte der Mittfünfziger schließlich. "Hier wohnt jedenfalls keine. Die wäre mir aufgefallen."

Richtig, dachte ich. In dieser Umgebung wäre Annette zweifellos aufgefallen. Aber als ich einen Schritt näher an mein Gegenüber herankam, merkte ich, dass der Kerl eine Bierfahne hatte.

Vielleicht war es also besser, nicht allzuviel auf sein Geschwätz zu geben.

Ich ließ den Mann stehen, durchschritt den Flur und war dann an einem Fenster, durch das man in einen Hinterhof sehen konnte. Besonders gepflegt sah es da nicht aus.

"Ich kann Ihnen nicht helfen", hörte ich den Mann sagen und fühlte dabei immer noch seinen misstrauischen Blick auf mich gerichtet.

"Wo ist der Ausgang nach hinten?", fragte ich, denn ich nahm an, dass Annette Friedrichs schon längst nicht mehr hier war. Möglicherweise hatte sie mich doch bemerkt und diesen Hinterhof dazu genutzt, um mich hereinzulegen und abzuschütteln.

Wahrscheinlich hatte ich sie also verloren. Endgültig. Aber ich bin einer, der nicht so schnell aufgibt.

"Meinen Sie, wie es in den Hof geht?", fragte der Dicke.

"Ja, das meine ich!", gab ich genervt zurück.

"Den Gang runter, dann links und nochmal links. Sie werden es schon sehen."

"Danke."

"Nichts zu danken."

Ich ging los, und der Kerl stand noch immer da, als ich um die Ecke bog.

Wenig später gelangte ich in den Hinterhof, und da sah ich ihn am Fenster, und fast schien es mir so, als wolle er sich vergewissern, dass ich auch wirklich ging.

Ich sah mich in dem Hinterhof ein bisschen um. Eine schmale Gasse führte zwischen zwei moosbewachsenen Wänden zur nächsten Straße.

Völlig entnervt kam ich dort an.

Ich fluchte innerlich und ließ den Blick über die Masse der Passanten schweifen.

Dieses Spiel musste ich verloren geben. Annette Friedrichs würde ich nie wiedersehen.

Stattdessen sah ich einen anderen Bekannten. Hartmut Werneck, der sich seine Filzlocken gerade mit einer nervösen Bewegung nach hinten strich. Er blickte sich kurz um, als glaube er, vielleicht verfolgt zu werden. Sein Blick ging dabei in meine Richtung, aber er sah gewissermaßen durch mich hindurch.

Dann ging er schnellen Schrittes davon.

In diesem Augenblick glaubte ich noch an einen Zufall.

21

Als ich nach Hause kam, erlebte ich eine Überraschung. Und zwar eine der unangenehmen Art.

Ich hatte mir auf dem Rückweg noch ein paar Lebensmittel besorgt und wollte mir jetzt eigentlich etwas kochen. Mit der Tüte in der Hand stand ich vor meiner Wohnungstür, wollte den Schlüssel schon ins Schloss stecken, da bemerkte ich, dass die Tür aufgebrochen war.

Ziemlich ungeschickt sogar. Wahrscheinlich mit einem Stemmeisen oder etwas Ähnlichem.

Offenbar war der ungebetene Gast ein Amateur − zumindest, was das Aufbrechen von Wohnungstüren betraf.

Ich stellte die Tüte ab und stieß die Tür vollends auf. Ich blickte in den Flur und lauschte.

Nichts zu hören.

Wahrscheinlich war der Kerl schon lange auf und davon.

(Vielleicht war es ja auch eine Frau.)

Ich ging hinein. Obwohl ich es zu vermeiden suchte, knarrte der Fußboden unter meinen Schuhen.

Die Schubladen der Kommode, auf der das Telefon stand, waren herausgerissen, der Inhalt auf dem Boden verstreut. Ich kam zur Wohnzimmertür und warf einen Blick hinein, der mir einen kalten Schauder über den Rücken jagte.

Jemand hatte sich mit einem Messer in der Hand an meiner Sitzgarnitur vergriffen und alles aufgeschlitzt. Ich atmete tief durch, ein Seufzer ohnmächtiger Verzweiflung sozusagen.

Hier hatte jemand gründlich nachgeschaut. Sehr gründlich.

Und vor allem wesentlich weniger rücksichtsvoll, als die Polizei das gemacht hatte. Ich hoffte nur, dass sich dieser unbekannte Irre nicht aus lauter Frust darüber, dass er nichts gefunden hatte − was hätte er bei mir auch finden sollen? − auch noch meinen PC vorgenommen hatte!

Ich machte zwei Schritte nach vorne, und jeder von ihnen war ein schwerer Fehler. Aber um so etwas im Voraus zu wissen, braucht man einen sechsten Sinn. Und den gibt‘s leider nur in Romanen und bei anderen Leuten. Ich konnte damit jedenfalls nicht dienen.

Von links sah ich aus dem Augenwinkel eine plötzliche Bewegung. In letzter Sekunde konnte ich noch etwas ausweichen, aber es reichte nicht, um dem Schlag vollends zu entgehen. Ich bekam immer noch genug ab, um zu Boden geschleudert zu werden und der Länge nach hinzufliegen.

Ich kam hart auf und stieß mit dem Kopf gegen irgendeine Kante. Für einen Sekundenbruchteil sah ich Sterne oder so etwas Ähnliches.

Ich blickte auf und erblickte die untere Hälfte eines Rückens, bekleidet mit Jeans und einer braunen Lederjacke, auf der jede Menge Embleme prangten.

Und eine Sekunde später war auch der Rücken auf und davon.

Ich hörte nur noch Schritte.

Jemand rannte den Flur entlang zu meiner Wohnungstür, stolperte über die Plastiktasche, die ich dort abgestellt hatte, und rannte dann nach unten. Ich hörte das Klappern von harten Sohlen, das aber schließlich verhallte.

Vorsichtig befühlte ich die Stelle an meinem Kopf, die etwas abbekommen hatte.

Ich fühlte die deutliche Wölbung. Eine Beule, aber mehr nicht, so schien es. Ich rappelte mich so schnell ich konnte hoch und taumelte zum Fenster. Mir war schwindelig und auch etwas benommen.

Dann blickte ich endlich hinunter auf die Straße. Aber natürlich viel zu spät.

Verdammt!

Ich ging in die Küche, nahm ein Tafelmesser und kühlte mit dem Metall meine Beule.

Mein Kopf brummte, ich musste mich hinsetzen.

Manchmal kommt alles zusammen!, dachte ich. Hatte ich vielleicht irgendjemandem etwas zu Leide getan?

Als ich meine Gedanken wieder etwas besser bei mir hatte, ging ich in den Flur zum Telefon. Zum Glück war es noch angeschlossen.

Ich rief die Polizei an, um Anzeige zu erstatten. Und da ein Zusammenhang mit dem Mord an Jürgen Lammers mehr als nahe lag, würde ich mit tödlicher Sicherheit wieder an Rehfeld und seine Bande geraten.

Es ließ sich leider nicht vermeiden. Ich hatte einfach keine andere Wahl. Denn wenn ich die Sache nicht meldete, stand ich noch schlechter da.

Die Polizei wollte jemanden zur Beweisaufnahme schicken. Ich hoffte, dass das nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, und rief vorsorglich auch gleich einen Schlüsseldienst an, denn das Schloss in meiner Wohnungstür konnte ich wohl vergessen. Da hatte jemand ganze Arbeit geleistet.

Einstweilen nahm ich dann den Inhalt meiner Plastiktüte und begann, mir etwas zu kochen.

Ich hatte einen Mordshunger. Und in der Küche schien mir die Gefahr noch am geringsten zu sein, dass ich irgendwelche Beweise oder Spuren vernichtete.

Ich schüttete den Inhalt einer Dose Nasi Goreng in die Pfanne und ließ ein Ei darüber zerlaufen.

Dann aß ich in aller Ruhe, ohne mich dabei mehr als gewöhnlich zu beeilen, und wunderte mich nur, dass noch immer niemand eingetroffen war. Als ich fertig war, klingelte schließlich jemand an meiner Tür.

Wer immer es auch sein mochte, er war zumindest in dieser Beziehung höflicher als der vorhergehende Gast.

Ich hatte mit einem Polizisten gerechnet, aber es war der Mann vom Schlüsseldienst.

"Na, da sieht man ja gleich, was zu tun ist!", meinte er, wollte schon seinen Koffer mit dem Werkzeug öffnen, da versuchte ich ihm vorsichtig klarzumachen, dass er noch nicht dran war, sondern auf die Polizei warten müsse.

Er war sauer. Stocksauer.

Und ich konnte ihn nur zu gut verstehen, schließlich war für Leute wie ihn Zeit Geld.

"Wissen Sie, dass ich eigentlich schon seit einer halben Stunde Feierabend habe?", schnaubte er verdrossen und fuhr sich mit der Hand über die braungebrannte Meister-Proper-Glatze, in der sich das Licht spiegelte, so als habe er sie frisch poliert.

"Das tut mir Leid, die Polizei sollte eigentlich schon längst hier gewesen sein!"

"Diese Brüder sind ja auch Beamte!", zischte er dann und verzog dabei den Mund, als sei das etwas sehr Unanständiges. "Für die ist es völlig gleichgültig, wie viele Einbrüche die am Tag bearbeiten, aber ich bin selbstständig! Ich kann auf meinem Girokonto sehen, wie viele Schlösser ich ausgewechselt habe!"

Ich bot ihm eine Tasse Kaffee an, die ich allerdings erst noch aufbrühen musste.

Er nahm knurrend an.

22

Es dauerte noch eine Weile, bis sich jemand von der Polizei zeigte. Schließlich konnte der völlig genervte Schlüsselmann dann aber doch noch sein Werk in Angriff nehmen und mir ein schönes, neues Schloss anbringen.

Ich schlug ihm vor, er solle mir die zusätzliche Zeit auf die Rechnung schreiben.

"Das hätte ich sowieso getan!", grunzte er mich daraufhin unfreundlich an.

Der Schlüsselmann war gerade fertig, da tauchte dann sogar noch Rehfeld persönlich auf.

Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln. "Sie haben mir heute zu meinem Glück gerade noch gefehlt!"

Aber heute schien Rehfeld einen schlechten Tag zu haben. Jedenfalls verstand er keinen Spaß. Sein Gesicht war eine einzige Leichenbittermine, und ich fragte mich, welche Laus ihm wohl über die Leber gelaufen sein mochte.

Seine Nasenflügel bebten etwas, als er sich vor mir aufbaute und seine Hose hochzog. Sie würde bald wieder hinuntergerutscht sein. An der strammen, runden Kugel, die er vor sich her trug, konnte sie einfach nicht den rechten Halt finden. Wahrscheinlich wären Hosenträger für ihn eine Lösung gewesen.

Er blickte mir finster ins Gesicht, und ich ahnte schon, dass jetzt irgendetwas folgen werde, das mir nicht gefallen würde.

"Wo waren Sie heute Nachmittag?"

"Was soll das?"

Ich war wirklich völlig perplex. Mit allem hatte ich gerechnet, aber ...

"Beantworten Sie meine Frage!" Er grinste höhnisch. "Oder wollen Sie vorher vielleicht lieber einen Anwalt sprechen?"

"Ich verstehe nicht ..."

"Gut, Sie wollen auf meine Frage nicht antworten, Hellmer. Nehme ich zur Kenntnis. Einverstanden. Dann stelle ich Ihnen eine neue. Wann haben Sie Annette Friedrichs zum letzten Mal gesehen?"

"Vor ..." Ich schaute auf die Uhr. "Vor etwa anderthalb Stunden. Wir hatten uns in der Stadt getroffen."

"Warum?"

"Sie wollte ihre Handtasche wiederhaben. Sie werden ja sicher inzwischen herausgefunden haben, dass es wirklich ihre Handtasche war!"

Er nickte. "Haben wir."

Ich atmete auf. Wenigstens etwas. Aber ich hatte in Wahrheit keinen Anlass zum Aufatmen, das sollte mir einen Moment später klarwerden.

"Herr Hellmer, es ist mir ein Vergnügen, Sie vorläufig festzunehmen!"

"Was?"

"Hören Sie schlecht?"

"Was soll das? Wegen dem bisschen Kokain, das mir nicht gehört?"

"Nein. Nicht wegen des Kokains."

"Aber weswegen dann?"

"Wegen Mordes!" Irgendwie sah sein schwabbeliges Gesicht in diesem Moment höchst zufrieden aus. "Wegen Mordes an Annette Friedrichs! Sie mag ja ein Luder gewesen sein, aber das gibt trotzdem niemandem das Recht, sie einfach umzubringen! Finden Sie nicht auch, Hellmer?" Er zuckte mit den Schultern. "Ihre Western-Methoden taugen für die wirkliche Welt nichts, Hellmer! Wir leben nicht in der Prärie!"

23

Das Verhör war zäh und wenig ergiebig. Immer wieder dieselben Fragen und keine Antworten. Jedenfalls keine, die meinem Gegenüber gefielen.

"Haben Sie eine Pistole?"

"Nein."

"Wahrscheinlich haben Sie sie gleich nach der Tat irgendwo verschwinden lassen."

"Warum stellen Sie mir Fragen, wenn Sie die Antworten in Wahrheit gar nicht hören wollen, Rehfeld?"

"Die Friedrichs wohnte in einem schäbigen Zimmer, Kaiserstr.123."

"Wurde sie dort aufgefunden?"

"Sie kennen das Haus?"

"Kenne ich nicht."

"Sie waren dort."

"Quatsch."

"Der Hauswirt hat einen Mann gesehen, dessen Beschreibung so gut auf Sie passt wie die berühmte Faust aufs Auge. Sie haben sich nach der Friedrichs erkundigt, aber die hatte ihm eingeschärft, niemandem etwas zu sagen."

Ich atmete tief durch und knurrte etwas Unverständliches vor mich hin. So lag die Sache also.

"Ich höre", sagte ich. "Erzählen Sie ruhig weiter, ich bin sehr gespannt." Und das war kein Witz.

Rehfeld knibbelte an seinen Fingernägeln herum. Wahrscheinlich das einzige Hobby, zu dem ein vielbeschäftigter Mann wie er noch Zeit hatte.

"Was wollten Sie von ihr, Hellmer?"

"Ach, kommen Sie! Was soll das?"

"Der Hauswirt hat Sie abgewimmelt."

"Und wenn es so wäre?"

"Eine Viertelstunde später kam die Freundin, bei der Annette Friedrichs untergekrochen war, zurück, und fand ihre Untermieterin tot auf. Erschossen. Offensichtlich mit einer Waffe, die einen Schalldämpfer hatte, denn es hat niemand einen Schuss gehört."

Ich blickte auf. "Und das soll ich gewesen sein?"

"Ja." Rehfeld beugte sich vor und sah mich mit seinen Hundeaugen durchdringend an. "Man kann vieles über Sie sagen, Hellmer. Aber bescheuert sind Sie nicht. Der Hauswirt hat Sie zwar abgewimmelt, aber Ihnen dürfte schon ziemlich bald klar gewesen sein, dass sie hereingelegt worden sind. Dann sind Sie zurückgekehrt ..."

"Das heißt, ich hätte schon von Anfang an gewusst, wo Annette wohnte."

"Vielleicht haben Sie das ja auch."

"Und warum hätte ich dann den dicken Hauswirt nach ihr fragen sollen?"

"Sie geben also zu, dass sie mit ihm zusammengetroffen sind! Schön, dann können wir auf die Gegenüberstellung vielleicht verzichten − obwohl der Mann inzwischen auf dem Weg hierher sein dürfte."

"Ich gebe gar nichts zu", erklärte ich böse. "Ich weise Sie nur auf einen Widerspruch hin, den Ihre Version der Geschichte hat."

"Eine Lücke", verbesserte Rehfeld mich. "Eine Lücke, die noch geschlossen wird, das ist alles. Aber das kriegen wir schon hin, mein Lieber! Meinen Sie, ich mache so etwas zum ersten Mal?"

"Es interessiert Sie ja doch nicht, was ich meine", grunzte ich.

"Sie werden noch weich werden, Hellmer."

"Ich sage nichts, bevor nicht mein Anwalt hier ist."

"Das können Sie halten, wie Sie wollen."

"Aber vielleicht können Sie sich in der Zwischenzeit mal ein paar Gedanken machen, Rehfeld!"

"Und worüber?"

"Über das Motiv. Warum sollte ich Annette umbringen?"

"Sie sprechen über sie, wie über jemanden, den man gut kennt."

"Ich kannte sie nicht gut. Leider."

Rehfeld verzog das Gesicht. "Mir kommen die Tränen."

"Ich glaube nicht, dass Sie wissen, was das ist."

"Was?"

"Tränen."

Er verdrehte die Augen. "Also, zum Motiv", meinte er.

Ich nickte. "Ja, da wäre ich sehr gespannt. Ich hatte genauso wenig einen Grund, sie umzubringen wie zum Beispiel Sie, Rehfeld!"

"Mit dem Unterschied, dass ich zur Tatzeit nicht am Tatort war, Hellmer."

"Kommen Sie zur Sache!"

"Gut."

Rehfeld nickte. Dann stand er auf und walzte zum Aktenschrank. Er zeigte mir anschließend mehrere Fotos von einer Wohnung.

"War das die Wohnung, in der sie zuletzt untergekrochen ist?", fragte ich. Er gab mir darauf keine Antwort. Auf den Bildern waren Illustrierte zu sehen, aus denen Buchstaben herausgeschnitten worden waren.

"Na und?", meinte ich.

"Annette war vermutlich eine Erpresserin", sagte Rehfeld. "Und ich nehme an, dass ihr Tod damit zusammenhängt. Auf ihrem Konto gingen unverhältnismäßig hohe Zahlungen ein. Immer in bar. Und zwar regelmäßig."

"Na gut", sagte ich, "sie hat ein bisschen in den bunten Blättern herumgeschnippelt. Und welchen Zusammenhang stellt das mit mir her?"

"In fünf dieser Blätter waren Kurz-Krimis von Ihnen, Hellmer alias Mike Hell!"

Ich fasste mir an den Kopf. "Wissen Sie, was für eine Auflage eine gesunde Illustrierte hat?"

"Nein."

"Fast zwei Millionen!"

"Ich glaube, dass Sie mit dieser Erpressung zusammenhängen. Und zwar als Komplize! Wahrscheinlich haben Sie der Friedrichs einen Stapel überzähliger Belegexemplare überlassen."

Ich atmete tief durch. Es wurde immer phantastischer, was man mir da auftischte.

"So viele Haare haben Sie doch gar nicht, Rehfeld, dass Sie daran eine solche Story herbeiziehen könnten!"

"Kurz vor ihrem Tod hat sich Annette Friedrichs am Telefon mit jemandem heftig gestritten, den sie Mike nannte."

"Ich heiße Michael", gab ich zu bedenken.

"Und Mike ist die englische Kurzform davon und außerdem Ihr Pseudonym. Wollen Sie mich wieder für dumm verkaufen, oder was bilden Sie sich ein? Zwei und zwei kann ich wohl noch zusammenzählen!"

"Na, prima. Und wer hat Ihnen diesen Bären aufgebunden?"

"Die Freundin, bei der Annette gewohnt hat. Die hat den Streit am Telefon nämlich mitgekriegt. Und als sie die Friedrichs hinterher gefragt hat, worum es denn ging, hat die nur gesagt: ›Um viel Geld!‹“

"Ich sehe immer noch kein Motiv."

"Das ist doch nicht schwer, Hellmer! Gemeinsam haben Sie jemanden erpresst, dann hatte die Friedrichs keine Lust mehr, mit Ihnen zu teilen, und da haben Sie kurzen Prozess gemacht."

"Und wie passt Jürgen Lammers in diese Story?"

"Vielleicht hat er von Ihren Umtrieben Wind bekommen und musste deswegen in seine Wanne fallen."

Was sollte ich dazu noch sagen? "Mal was anderes", meinte ich. "Was war eigentlich auf den Filmen?"

"Was für Filme?", fragte Rehfeld.

"Die in der Handtasche waren. Die Kleinbildfilme. Ich wette, Sie haben Sie längst entwickeln lassen."

"Sicher ... Aber warum sollte ich Ihnen das sagen?"

"Aus Freundlichkeit, zum Beispiel."

Er seufzte. Und dann kratzte er tatsächlich seinen letzten Rest Freundlichkeit zusammen. Vielleicht war es in Wahrheit aber auch reine Bosheit, ich war mir da nicht so sicher. Jedenfalls machte mir seine Antwort nicht gerade Mut.

"Auf den Filmen war nichts", sagte er.

"Was?"

"Nicht belichtet. Fabrikneu."

Was zum Teufel war am Inhalt dieser Tasche dann so wertvoll, dass jemand einen Privatdetektiv beauftragt hatte, um sie wiederzubesorgen?

Kleinbildfilme und Tampons konnte man doch nun wirklich an jeder Ecke bekommen.

Und eine Prise Kokain auch, nur nicht an derselben.

24

Später folgte noch die Gegenüberstellung mit dem Hauswirt. Der erkannte mich natürlich sofort.

Die Sache ging ihren Gang.

Eine Nacht im Knast, und am Morgen kam der Anwalt, den ich angerufen hatte, um mich bei dem Haftprüfungstermin zu vertreten.

Der Kerl hieß Knilch. Erwin Knilch.

Er war klein, fett und hatte dicke Tränensäcke. Auf mich wirkte er wie einer, der mehrere Nächte lang nicht richtig durchgeschlafen hatte. Vielleicht hatte der Knilch ja so viel zu tun, dass er für so triviale und wenig einträgliche Dinge wie Schlafen keine Zeit mehr hatte.

Seine Aufgabe, mich hinter schwedischen Gardinen wegzuholen, löste er jedenfalls mit Bravour. Und für seinen Namen kann schließlich niemand etwas. Ich konnte mir ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen, als der Knilch Rehfeld und den Staatsanwalt mit dem kleinen Finger auseinandernahm.

Hinter Rehfelds Schädeldecke kochte es sicher. Aber damit musste er fertig werden.

"Wird da noch was auf mich zukommen?", fragte ich Knilch, als ich mit ihm zusammen ins Freie ging.

Seine müden Augen sahen mich an, dann zuckte er mit den Schultern. "Eine Rechnung von mir!"

"Und sonst?"

"Das hängt davon ab, was noch auf den Tisch des Hauses kommt", meinte er gedehnt. "Dieser Polizist mag Sie nicht, was?"

"Na, wenn Sie das auch schon gemerkt haben, dann weiß ich zumindest, dass ich nicht unter Halluzinationen leide und meine Sinne noch einigermaßen klar beisammen habe!"

Der Knilch hatte keinen Sinn für Humor. Er war eine staubtrockene Advokatenseele.

Nicht einmal ein Zucken konnte ich im Bereich seiner Mundwinkel erkennen.

Naja, so schlimm war es auch nicht. Wenigstens ich hatte mich amüsiert. Und angesichts der Tatsache, dass ich jetzt keine kahlen Zellenwände, sondern die Straße vor mir sah, konnte mir nichts und niemand die Laune verderben. Nein, heute nicht.

Bevor ich nach Hause ging, frühstückte ich noch in einem Café der Mittelklasse.

Die Brötchen waren nur halb so groß wie normal, dafür gab es so viel Aufschnitt, dass man jede Hälfte dreifach belegen konnte. Nur machte das niemand, und so konnten sie dieselbe Wurstscheibe mehrmals auslegen.

Der, der den Kaffee gekocht hatte, meinte es gut mit der Geschäftskasse und schlecht mit meinem müden Kopf. Das Gebräu war nämlich so dünn, dass man den Tassengrund sehen konnte.

Ich dachte über Jake McCord nach und wie er mit den Finsterlingen fertig werden würde, die ihm im Wege standen. Und über die schöne Annette, die jetzt tot war, und die ich umgebracht haben sollte, wenn man nach Rehfelds abstruser Phantasie ging.

"Kann ich bitte bezahlen?", fragte ich die mürrische Bedienung, weil ich wusste, dass sie die nächste halbe Stunde nicht mehr in die Nähe meines Tisches kommen würde.

"Ein bisschen Geduld bitte, ja? Wo sind wir denn hier? Auf Arbeit oder auf der Flucht?"

"Whiskey!", knirschte McCord zwischen den Zähnen hindurch, während ihm der Barkeeper das Glas vollschüttete. Und dabei hatte er das Bild der grünäugigen Schönen vor Augen, die Morton auf dem Gewissen hatte. Aber dafür würde er bezahlen, der Hund! Das hatte sich Jake McCord geschworen!

Ich musste der Sache schon aus eigenem Interesse auf den Grund gehen. Und leider hatte ich niemanden, der dabei auf meiner Seite war.

Zumindest konnte ich davon ausgehen, niemals wirklich allein zu sein, denn wenn ich richtig rechnete, dann ließ mich Rehfeld beschatten. Jedenfalls hätte ich das an seiner Stelle getan, wenn ich derart felsenfest davon überzeugt gewesen wäre, einen Mörder vor mir zu haben.

Als ich nach Hause kam, klingelte das Telefon.

Es war mein Redakteur, der die Western redigierte und zumindest ein paar von den Fehlern ausmerzte, die ich machte.

"Ja, hallo, Herr Hellmer, wie geht es Ihnen denn?", fragte er gedehnt und mit rheinischem Akzent.

So fing er immer an. Bis er auf den Punkt kam, dauerte es meistens ein bisschen.

"Es geht so", murmelte ich, während mein Blick immer noch über das Chaos ging, das nach wie vor in meiner Wohnung herrschte. Bei meinem Ordnungstalent würde es Wochen dauern, bis es hier wieder wie in einer menschlichen Behausung aussah.

Auf der anderen Seite der Leitung hörte ich ein Räuspern. "Also, die Sache ist die", kam es umständlich zu mir herüber. "Ich habe hier Ihren Roman Die Höllenhunde vom Sacramento-River vorliegen. Der Titel ist schon mal sehr gut, und der Roman wird ja sicher auch prima sein. Ich bin noch nicht dazu gekommen, ihn zu lesen."

"Hm", machte ich, um die entstehende Pause zu überbrücken.

"Es geht darum, Herr Hellmer: Ich muss heute schon die Titelbilder einplanen."

"Ach so."

"Können Sie mir mal kurz sagen, was in dem Roman so vorkommt?"

Da brachte er mich in Verlegenheit.

Ich musste mich sehr konzentrieren, damit es mir wieder einfiel, denn bei mir gibt es so eine Art Vergess-Automatik, sobald ich eine Geschichte abgeschickt habe. ›Delete Memory‹ sozusagen.

Nach einigen Schrecksekunden begann ich dann ziemlich schleppend: "Also, es geht um einen Marshal, der eine Bande von Desperados verfolgt ..."

Während ich redete, merkte ich, dass er mir nicht zuhörte. Schließlich fragte er: "Kommt eine Eisenbahn in dem Roman vor? Ich habe hier nämlich ein schönes Titelbild mit einer Eisenbahn."

"Nein."

"Keine Eisenbahn?"

"Keine Eisenbahn."

"Schade." Er seufzte. Ich hörte, wie er mit ein paar Blättern hantierte. "Und wie steht's mit Indianern?"

"Auch keine Indianer", musste ich ihn abermals enttäuschen.

"Tja", machte er. "Und wie steht's mit einem Mexikaner?"

"Meinetwegen", meinte ich. "Ein Mexikaner kommt vor."

"Na, prima. Dann hätten wir das ja auch noch geschafft! Das wär's. Alles Gute noch!"

"Wiederhören." Ich legte auf und überlegte einen Moment. Dann griff ich erneut zum Hörer. Mit der Linken fingerte ich die Visitenkarte aus der Hosentasche, die Oswald alias Flash Gordon mir gegeben hatte, und wählte die Nummer, die darauf angegeben war.

"Hier ist die Raimund Schmidt GmbH, Private Ermittlungen, Objekt- und Personenschutz, guten Tag", säuselte eine helle Frauenstimme mit einer solchen Schnelligkeit, dass es schon einigermaßen erstaunlich war, wie sie ihren Text so fehlerfrei herunterleierte und nicht irgendwo auf halber Strecke hängenblieb.

"Ist bei Ihnen jemand namens Oswald beschäftigt?", fragte ich.

"Herr Oswald ist im Moment nicht im Hause. Kann ich etwas ausrichten?", säuselte die Stimme.

"Nein, können Sie nicht."

"Wie war noch mal Ihr Name? Dann könnte ich eine Notiz hinterlassen?"

Ich hatte meinen Namen gar nicht genannt, aber meine Gesprächspartnerin schien ihn unbedingt wissen zu wollen. Auf dieselbe Tour versuchen es die Sachbearbeiter der Sozialversicherungen immer, wenn man anruft, um einfach mal unverbindlich eine Auskunft zu bekommen.

"Kann ich Herrn Schmidt sprechen?", fragte ich.

Die Antwort war so reserviert, wie ich befürchtet hatte. "Was wollen Sie denn von Herrn Schmidt?"

"Das muss ich ihm schon selbst sagen."

"Hören Sie, guter Mann: Herr Schmidt ist sehr beschäftigt und ..."

"Ist ja schon gut!", meinte ich und legte einfach auf. Die Geschichte von dem stiernackigen Blondschopf schien zu stimmen. Er war wohl wirklich Angestellter einer Privatdetektei. Nur hätte ich zu gern gewusst, in wessen Auftrag er hinter mir her gewesen war.

Ich nahm mir vor, dem Laden mal einen Besuch abzustatten. Vielleicht gelang es mir ja sogar, Mister Raimund Schmidt himself zu erwischen, wobei ich nur hoffen konnte, dass er umgänglicher war als seine Handlanger.

Und noch ein anderer Besuch stand auf meiner Liste. Ich wollte mich mit der Freundin unterhalten, bei der Annette zuletzt gewohnt hatte. Vielleicht hatte die das Telefonat zwischen Annette und mir mitgekriegt, doch daran glaubte ich schon deswegen nicht, weil Annette mich nie Mike genannt hatte.

Aber es gab ja schließlich Leute, die wirklich Mike hießen und sich nicht nur so nannten, wie ich.

Die Story, die Rehfeld mir unter die Nase gerieben hatte, war gar nicht so dumm, wurde mir bei weiterem Nachdenken klar. Er machte nur den schwerwiegenden Fehler, mir darin die falsche Rolle zuzuweisen. Aber zumindest etwas konnte dran sein.

Einen kurzen Gedanken verschwendete ich noch an Jake McCord und die Probleme, die er mit ein paar gnadenlosen Wölfen hatte, die natürlich allesamt Zweibeiner waren. Aber der Gedanke war wirklich nur ganz kurz und auch nicht besonders ergiebig.

Ich musste mit dem Roman fertig werden, sagte die eine Hälfte von mir. Aber die andere wusste, dass ich im Moment keine vernünftige Zeile zustande bringen würde. Ich brauchte es gar nicht erst zu versuchen.

Ich musste diese Sache wohl schon deswegen möglichst schnell aufklären, damit ich mich bald wieder auf meinen Job konzentrieren und Geld verdienen konnte!

Wenn es sich um eine Erpressergeschichte handelte, dann war es bislang eine ohne Opfer, und so etwas gibt es nicht einmal in MEGAschlechten Romanen ...

Wenn das Opfer gefunden war, löste sich der ganze Knäuel vielleicht von selbst auf.

Ich rieb mir die Schläfen. Logisch vorgehen, Cowboy!, hämmerte ich mir ein. Was muss ein Erpressungsopfer an Eigenschaften mitbringen? Erstens: eine Sünde, von der niemand etwas wissen darf.

Und zweitens?

Geld ...

Arme Leute werden nicht erpresst, je ärmer, desto seltener. Lohnt sich einfach nicht.

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich dachte an den filzlockigen Hartmut Werneck, den Sohn unseres OB, der nach dem Mord in der Nähe des Tatorts herumgelungert und sich so merkwürdig benommen hatte ...

Hartmut brachte alle Eigenschaften mit. Er hatte zwar selbst kein Geld, dafür aber unbegrenzten Zugang zur Geldbörse seines Vaters, und das war genauso gut.

Außerdem steckte Hartmut offenbar in Schwierigkeiten, wenn man danach ging, was ich aus dem Gespräch mit Dr. Werneck aufgeschnappt hatte.

Vielleicht nahm er Drogen oder daddelte zuviel an den Automaten in den Spielhallen herum und hatte sich dafür bei Leuten Geld geliehen, die beim Eintreiben ihrer Schulden nicht sehr zimperlich waren.

Und wie passten Annette Friedrichs und Lammers da hinein?

Hartmuts merkwürdigem Auftritt am Tatort nach musste es da irgendeine Verbindung geben, zumindest was Jürgen Lammers anbetraf, nur hatte ich noch keine Ahnung, welche.

Für die Schritte, die ich zwei Stunden vor dem Stromausfall im Treppenhaus gehört hatte, konnte auch Hartmut verantwortlich gewesen sein − eventuell zusammen mit einem Komplizen. Er wäre nicht der erste Mörder gewesen, den es kurz nach der Tat zum Tatort zurückgetrieben hatte. Zumindest hatte ihn das Ganze sichtlich aufgewühlt. Er war in einer Ausnahmesituation gewesen. Einen Versuch war diese Spur in meiner verzwickten Lage jedenfalls wert, fand ich. Ich musste jetzt allem nachgehen. Nur so ein bisschen in der Sache herumzustochern genügte nicht, um zu verhindern, dass Rehfeld mir seelenruhig nach und nach eine Indizienschlinge um den Hals legte.

Ich schaute ins Telefonbuch, aber Hartmut Werneck stand nicht drin.

Irgendwie hatte ich kaum etwas anderes erwartet.

Nur die Nummer seines Vaters stand dort, und so wählte ich nach kurzem Zögern erst einmal die.

"Hier bei Dr. Werneck", meldete sich eine ziemlich junge Frauenstimme. Eine Haushaltshilfe wahrscheinlich. Der Chef des Hauses war wohl noch nicht zu Hause. Und wenn er nicht auf irgendeiner wichtigen Sitzung seinen Stuhl wärmte, gab es mit Sicherheit irgendwo in Münster einen 75. oder 90. oder 102. Geburtstag, auf dem er pflichtgemäß sein Schnapsglas zu heben hatte.

"Herr Dr. Werneck ist leider nicht da, kann ich etwas ausrichten?", fragte die Frauenstimme.

"Ich hätte gerne den jungen Herrn Werneck gesprochen", sagte ich. "Hartmut."

"Der? Der wohnt aber nicht hier."

Ich holte tief Luft und steigerte mich in eine Rolle als Lügenbaron hinein.

"Tja, ich dachte, er wohnt vielleicht noch zu Hause oder dass man mir dort wenigstens weiterhelfen könnte. Sie müssen wissen, ich bin nämlich ein alter Freund von ihm. Aber ich bin drei Jahre in den USA gewesen, und da haben wir uns ein bisschen aus den Augen verloren."

"Nee, der Hartmut ist hier ausgezogen, kurz nachdem ich die Stelle als Haushaltshilfe hier angenommen habe. Da ist schon ein paar Jahre her."

"Sie wissen nicht, wo er wohnt?"

"Ich? Nein. Tut mir Leid."

"Vielleicht könnten Sie mal nachschauen, ob Sie nicht Hartmuts Adresse finden können. Es wäre sehr wichtig."

"Hören Sie, vielleicht rufen Sie später noch mal an, Herr ..."

"Später? Ich bin nur kurz hier und fliege dann wieder weiter. Und da würde ich Hartmut halt gerne Guten Tag sagen. Naja, schön wär's gewesen!" Und in die letzten paar Worte legte ich soviel Mitleid erregendes Bedauern, wie ich nur konnte. "Wissen Sie, Hartmut und ich, wir haben uns immer sehr nahe gestanden."

"Ich verstehe schon", murmelte die Frauenstimme auf der anderen Seite der Leitung, und ich konnte förmlich spüren, wie die gute Frau mit sich rang. Sollte sie nun im Telefonregister ihres Herrn und Meisters nachsehen oder nicht?

Ich hörte sie blättern. Innerlich jubelte ich. Tor! Eins zu null für mich!

"Eine Adresse habe ich hier nicht", erklärte sie mir. "Aber eine Telefonnummer."

"Na, das ist doch schon etwas!"

Sie gab sie mir durch, und ich bedankte mich.

Es war eine Münsteraner Nummer.

Ich wählte sie.

Auf der anderen Seite meldete sich eine verschlafene Frauenstimme. "Häh, wer is'n da?"

"Kann ich mal den Hartmut sprechen?"

"Der is nich da!"

"Wann kommt er denn wieder?"

"Weiß nich. Kann ich echt nich sagen! Ich weiß nich, opper überhaupt zurückkommt."

"Schade, ich ..."

"Ich kann dir nich helfen. Echt nich!"

Damit legte sie auf, und ich stand da wie ein begossener Pudel. Echt.

Ich hatte noch nicht einmal eine Adresse.

Also wählte ich die Nummer gleich noch einmal und hatte wieder die Dame mit der nachlässigen Sprechweise dran.

"Häh?"

"Ich bin's noch mal."

"Mann, kapierste nich, was ich gesagt habe?"

"Ich würde gern mal vorbeischauen."

"Spinnst wohl!"

"Nicht auflegen! Es geht um Geld, das ..."

Sie unterbrach mich und wechselte plötzlich zum distanzierteren Sie. "Hartmut hat kein Geld, und wenn Sie hier alles auf den Kopf stellen und ihn windelweich prügeln! Und ich habe auch nix!"

"Nein, Moment mal!"

"Tschüss!"

"Ich schulde ihm etwas, nicht umgekehrt!"

Einen Augenblick lang hörte ich gar nichts und hegte schon die Befürchtung, dass sie wieder den Hörer auf die Gabel geknallt habe.

Aber sie war noch dran. Und ziemlich perplex. "Häh?"

"Ja, ich schulde ihm noch ein paar Kröten und möchte sie ihm gerne vorbeibringen. Also sag mir, wie ich zu euch hinkomme, ich habe nämlich nur diese Nummer."

"Aber Hartmut ist nicht da."

"Ich gebe das Geld dir, und du gibst es Hartmut. Ich habe keine Lust, darauf zu warten, bis er wieder auftaucht."

Ich hörte sie atmen. "Gut", sagte sie dann, und ich bekam die Adresse. "Wann kommst du?"

"So schnell, wie mein Fiat mich hinbringt!"

25

Die Adresse gehörte zu einem sechsgeschossigen Altbau in der Maximilianstraße. Mein Blick ging die Klingelknöpfe entlang, aber ich fand Hartmut Wernecks Namen nicht.

Ich versuchte es auf gut Glück mit dem untersten Knopf. Es surrte, die Tür ging auf, und ich war drinnen. Ein Mann im Unterhemd und mit einer Zigarette im Mundwinkel kam mir im Treppenhaus entgegen. Er roch nach Schweiß und Bier.

"Wollen Sie zu mir?"

"Entschuldigung, da habe ich wohl auf den falschen Knopf gedrückt."

"Scheint mir auch so."

Er drehte sich schon wieder herum.

"Ich suche Hartmut Werneck. Der soll hier wohnen."

"Bei mir nicht", grunzte der Kerl im Unterhemd.

"Nein, aber hier im Haus."

"Haben Sie mal bei den Klingeln geguckt?"

"Sein Name ist nicht dabei. Er wohnt mit einer Frau zusammen."

Er rülpste. "Keine Ahnung", murmelte er dann. "Wissen Sie, mit den anderen hier habe ich nicht so viel zu tun, verstehen Sie?"

Ich nickte. "Verstehe..." log ich.

Ich gab ihm eine Kurzbeschreibung von Hartmut, und mein Gegenüber runzelte die Stirn. Fast konnte man meinen, er würde wirklich nachdenken.

"Vielleicht ist es einer von den jungen Leuten, die oben im Fünften wohnen. Eine Wohngemeinschaft oder so etwas. Da weiß man nie so genau, wer da nun gerade wohnt. Das scheint öfter zu wechseln."

"Ja, dann werde ich's mal dort probieren."

"Sind wohl Studenten oder so etwas."

"Danke für Ihre Hilfe."

"Ich frage mich, wann die je etwas fürs Studium tun oder etwas anderes arbeiten. Aber wahrscheinlich sind das die Kinder von so reichen Pinkeln, und deshalb können sie wie die Grafen in den Tag hineinleben."

Ich ließ ihn stehen und war schon einen Treppenabsatz höher, da hörte ich ihn immer noch vor sich hin grummeln.

Die Treppen nahm ich in Zweierschritten und befand mich schließlich vor jener Wohnung, deren Mieter dem Mann im Unterhemd offenbar aus irgendeinem Grund suspekt schienen.

Die Klingel war kaputt, also klopfte ich.

Ein kleines, blasses und ziemlich zerbrechliches Wesen machte mir auf. "Ja?"

Ich erkannte die tranige Stimme sofort wieder. "Wir haben eben miteinander telefoniert."

"Ey du, du bist ja echt schnell", meinte sie und schlürfte dann etwas von dem penetrant riechenden Kräutertee, von dem sie eine Tasse voll in der Linken balancierte.

Das ›Ey du‹ zur Begrüßung wies auf ein Studium im Bereich Sozialwesen hin, was bedeutete, dass sie Abitur haben musste und vermutlich nur so tat, als könne sie nicht richtig sprechen.

Sie war barfuß und trug einen dicken Pullover, der ihr fast bis zu den Knien reichte. Hinter ihr drückte sich ein kuscheliger Alf-artiger Hund herum, bei dem man schon genau hinschauen musste, um zu wissen, wo vorne und wo hinten war. Sein Zottelfell harmonierte gut mit dem Pullover seines Frauchens, und ich fragte mich, ob sie das Tier vielleicht regelmäßig schor, um Wolle zu gewinnen.

Das Tier knurrte.

"Der macht nichts!", behauptete sie. "Der ist echt total lieb!"

"Na, hoffentlich", murmelte ich. Es war irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt, um hier und jetzt mein wahres Ich als Tierhasser zu outen.

Sie streckte mir eine ihrer zarten Hände entgegen und meinte: "Du wolltest Geld vorbeibringen ..."

Ich verzog das Gesicht. "Weiß ich, ob Hartmut es überhaupt bekommt, wenn ich es dir gebe?"

"Gerade war das noch kein Problem für dich!"

"As time goes by ..."

"Hör mal, du ..."

"Es war ein Vorwand."

Sie runzelte die Stirn. Schnell im Denken war sie nicht, nicht so schnell jedenfalls wie ihr Zottelhund. Der hatte sofort gemerkt, dass jetzt Gefahr bestand und die Stimmung schlechter wurde. Er trottete davon. Mutig, mutig!, dachte ich. So verteidigt man sein Frauchen!

"Hättest mir sonst bestimmt nicht deine Adresse verraten."

"Richtig!"

Sie wollte die Tür zuschlagen, aber ich hatte den Fuß drin. Sie schrie auf, aber das hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit dem heißen Tee, der ihr auf die nackten Füße geplempert war.

Ich nutzte ihre Schrecksekunde. "Ich muss Hartmut unbedingt finden. Er ist in großen Schwierigkeiten, und vielleicht kann ich ihm helfen, aus der Scheiße herauszukommen, in der er bis zum Hals steckt."

Sie sah mich mit großen Augen an.

Die Tür stand auf einmal wieder offen. Und ich wusste, dass ich die Signalwörter getroffen hatte, die auf ihre Ohren wie ein ›Sesam öffne dich!‹ wirkten: Helfen und Scheiße.

"Echt?", fragte sie.

"Na, klar!"

"Klingt ja ziemlich dringend!"

"Ist es auch. Aber müssen wir das hier draußen auf dem Flur besprechen?"

Sie seufzte. "Komm rein."

Ich folgte ihr in eine ziemlich unaufgeräumte Küche. Sie bot mir einen Stuhl an. Auf einem Teller lag ein angegessener Tofu von gestern.

"Eigentlich sind wir ja alle im Moment echt sauer auf ihn", meinte sie, während sie sich streckte, so als sei sie gerade aus dem Bett gestiegen.

"Wieso?"

"Weil er seit zwei Monaten nicht mehr seinen Anteil zur Miete gezahlt hat. Und dann hat er sich einfach verdrückt und vorher unsere Haushaltskasse geplündert. Es hat uns echt betroffen gemacht, wie jemand so fies sein kann ... Wir haben ihm ja schließlich vertraut."

"Seit wann ist er weg?"

"Drei Tage."

"Du hast keine Ahnung, wohin?"

"Nein. Meinst du, ihm ist was passiert? Ich meine, ab und zu bleibt er schon mal 'ne Nacht weg, und ich bin ja keine Anstandsoma, die hinter ihm her spioniert."

"Könnte sein, dass ihm was passiert ist."

"Echt?"

"Ich sagte doch, dass er Schwierigkeiten hat."

Sie runzelte ein wenig ihre bleiche Stirn. "Wer bist du?", fragte sie.

"Ich heiße Michael."

"Ich bin die Nele. Kennst du Hartmut vom Studium?"

"Ja", log ich.

Ich hatte einige Semester Germanistik hinter mir, und das reichte immerhin, um meinem Gegenüber die Mensa von innen beschreiben zu können.

"Dann weißt du ja sicher, dass es schon eine Ewigkeit her ist, seit Hartmut in einer Vorlesung war", erklärte sie. "Aber Diplompädagogik ist ja auch ein Studiengang für Bescheuerte."

"Ach, ja?"

"Echt. Ein Studium ohne Job. Entweder man studiert Lehramtsstudiengänge, dann wird man logischerweise Lehrer; oder Sozialpädagogik, dann wird man Sozialarbeiter. Aber wenn man ein Diplom in Pädagogik macht, wird man buchstäblich gar nichts." Sie zuckte die schmalen Schultern und stellte endlich ihre Tasse ab. "Als man den Studiengang erfunden hat, hat man einfach vergessen, einen Job dazu zu erfinden."

"Hartmut hat das nicht gestört."

"Ich glaube, er will das gar nicht."

"Was will er nicht?"

"Einen Abschluss machen, einen Job bekommen." Sie zögerte ein wenig, bevor sie weiter sprach. Ihr Blick war in sich gekehrt, als sie den Kopf drehte und hinzufügte: "... und erwachsen werden. Das hängt wohl auch mit seinem Alten zusammen."

"Unserem OB."

"Ja." Sie nickte, aber leider sprach sie nicht weiter und verriet mir nicht, wie sie das meinte. Immerhin schien sie die Tatsache, dass ich wusste, wer Hartmuts Vater war, als eine Art Bestätigung dafür zu akzeptieren, dass ich ihn wirklich kannte, sein Freund war und ihm helfen wollte.

Für den Roman, den ich da erfand, wurde ich noch nicht einmal bezahlt.

"Vor ein paar Tagen habe ich die beiden noch zusammen gesehen", sagte ich, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

"Echt?"

"Ja."

"Er hasst seinen Alten wie die Pest. Er konnte noch nicht einmal ertragen, ein Bild von ihm in der Zeitung zu sehen."

"Ich weiß. Aber sie haben sich getroffen, ich habe sie zufällig gesehen."

"Hat wahrscheinlich einen ziemlichen Zank gegeben, was?"

"Und fünftausend Euro."

"Was?"

Das hatte sie wohl betroffen gemacht. Echt betroffen, um genau zu sein. Jedenfalls stierte sie mich ziemlich ungläubig an. "Du meinst, sein Alter hat ihm einfach so fünftausend Eier gegeben, und hier zahlt er nich mal seinen Anteil?"

"Hast du eine Ahnung, wozu er das Geld gebraucht hat?"

"Was weiß ich! Um zu kiffen, vielleicht."

"Hat er denn?"

"Sicher hat er."

"Hat er an der Nadel gehangen?"

"Nicht, dass ich wüsste. Aber wenn du mich so fragst: So genau weiß ich das nicht. Das würde natürlich einiges erklären."

"Was, zum Beispiel?"

"Dass er nie Geld hatte. Dass er manchmal so komisch war. Er hat tagelang im Bett gelegen und niemanden in sein Zimmer gelassen."

"Kann es sein, dass er von jemandem erpresst wurde?"

"Wie kommst du darauf?"

"Ist doch egal, oder? Nur eine Vermutung!"

Nele atmete tief durch. "Wenn du sagst, dass er bei seinem Vater war, um ihn um Geld anzuhauen ... Das muss ihn eine ziemlich große Überwindung gekostet haben. Sein Alter hat hier oft angerufen. Hartmut ließ sich aber immer verleugnen. Er wollte einfach nichts mit ihm zu tun haben."

Jake McCord warf einen kühlen Blick auf die junge Frau.

Das Gespräch drehte sich im Kreis, und McCords untrüglicher Instinkt sagte ihm, dass er jetzt endlich zur Sache kommen musste.

"Kann ich mal sein Zimmer sehen?", fragte ich. "Vielleicht kommen wir so weiter."

Sie überlegte kurz und nickte. "Klar."

Sie ging voran und fragte dabei: "Warum sollte jemand Hartmut erpressen?"

"Weil er Geld hat!"

"Er hatte nie welches."

"Er kann aber jederzeit welches bekommen. Von seinem Daddy. Und das ist genauso gut."

Das schien sie zu kapieren.

Wir gingen an einer offen Tür vorbei. Ich warf einen Blick hinein und sah einen Mann ausgestreckt auf einer Couch liegen und vor sich hin schnarchen.

"Weiß der was über Hartmut?"

"Ich glaube, für die nächsten vierundzwanzig Stunden weiß der nich mal mehr seinen Namen. Echt!"

Was den Kerl so fertiggemacht hatte, verriet sie mir allerdings nicht.

Hartmuts Zimmer glich einer Räuberhöhle. Hätte es hier ein Klo gegeben, dann wäre der Eindruck einer Knastzelle, wie man sie aus schlechten Filmen kennt, komplett gewesen.

Es stand fast nichts im Raum. Nur eine Matratze und eine Stereoanlage. Und an der Stereoanlage fehlten die Boxen. Im ganzen Raum lagen Kleidungsstücke verstreut, die man ziemlich lange nicht gewaschen hatte.

In einer Ecke stand ein gutes Dutzend leerer Flaschen. Alles harte Sachen.

Kein Wunder, dass Hartmuts Teint zu wünschen übrig ließ.

"Ich mach mir doch jetzt echt Sorgen ..." hörte ich das bleiche Geschöpf namens Nele sagen.

Reichlich spät, dachte ich. Drei Tage waren eine lange Zeit.

Ich schaute ein bisschen herum. Hinter der Stereoanlage stand ein kleiner Stapel Bücher, alle mit der Signatur der Uni-Bibliothek. In eins schaute ich hinein. Vor einem halben Jahr hätte er sie abgeben müssen.

"Er war immer so depressiv", fuhr Nele indessen fort.

"Ja, war er", murmelte ich. "Richtig verzweifelt."

"Glaubst du, er könnte ..."

"Was?"

"Na, sich umgebracht haben!"

"Was weiß ich!"

"Er hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Hat er jedenfalls erzählt. Aber das liegt schon länger zurück, und er war deswegen auch in Behandlung."

"Umso wichtiger, ihn zu finden", knurrte ich.

Es konnte nicht schaden, ihr Echt-betroffen-Sein noch ein bisschen anzuheizen. Umso bereitwilliger würde sie mir helfen.

Ich stöberte noch etwas in den Büchern herum. Es war Instinkt, keine Logik, die mich dazu veranlasste. Und dann fiel plötzlich ein Foto aus einem der Schinken heraus, das Hartmut offenbar als Lesezeichen verwandt hatte.

Auf dem Bild war eine junge Frau mit braunen Locken, die ihr wirr im Gesicht herumhingen. Sie hatte ein Nasenpiercing und große dunkle Augen.

"Wer ist das?", fragte ich und zeigte ihr dabei das Foto.

Sie zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung."

"Nie gesehen?"

"Könnte sein, dass es seine Ex-Freundin ist. Jedenfalls hatte die auch so'n Ding in der Nase. Aber andere Haare. Blond, glaube ich."

"Haare kann man färben."

"Klar. Aber die beiden sind schon lange nicht mehr zusammen."

"Wie heißt sie?"

"Franziska, glaube ich. Oder Doris?"

Auf der Rückseite hatte sich Hartmut eine Adresse notiert. Ohne Namen. Ich hoffte, dass sie zu der jungen Frau gehörte. Jedenfalls war es noch nicht allzu lange her, dass er sie sich notiert hatte. Er hatte mit Bleistift geschrieben, und das Grafit stand noch sehr schwarz da und war überhaupt nicht abgegriffen. Jedenfalls nicht so abgegriffen wie das Bild.

Die barfüßige Nele ließ ich einfach stehen.

"Heh, was is' nun?"

"Ich sage dir Bescheid, wenn ich mehr weiß!"

"Echt?"

"Unecht."

"Häh?"

"Nicht so wichtig."

26 

Bevor ich die Adresse auf der Rückseite des Fotos anfuhr, wollte ich mir erst einmal etwas zu essen gönnen. Ich hoffte nur, dass ich mit der Adresse keine Niete gezogen hatte.

Aber irgendwo musste Hartmut ja stecken. Und warum nicht bei seiner Ex-Freundin? Vielleicht war sie ja auch schon seine Ex-Ex-Freundin. Jedenfalls hatte er ihr Foto aufbewahrt und sich ihre neue Adresse aufgeschrieben.

Und wenn er nicht bei ihr war, wusste sie vielleicht mehr als die bleiche Nele.

Echt.

Ich aß bei Horten, denn um zum südlich gelegenen Berg Fidel zu gelangen, wo die Adresse lag, musste ich ohnehin mehr oder weniger mitten durch die Stadt.

Auf dem Weg zu meinem Parkplatz kam ich am Friedenssaal vorbei, vor dessen Toren sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet hatte.

Ich sah eine Traube kleinwüchsiger Männer unter den Rundbögen am Eingang des Saales. Es waren Chinesen, sofort erkennbar an der besonders unmodischen Passform ihrer volkseigenen Anzüge. Und mittendrin stand eine hoch gewachsene, hagere Gestalt, die fleißig Hände schüttelte und sich unwahrscheinlich wichtig vorzukommen schien: Es war niemand anderes als unser aller Oberbürgermeister.

Dr. Wernecks Tigerlächeln blitzte meilenweit. Es war noch grimassenhafter als normalerweise. Er hampelte zwischen den Chinesen her, als habe man ihm versehentlich hochhackige Damenschuhe angezogen, und ich fragte mich, was seine Gäste wohl von dieser Show hielten.

Ihren regungslosen Gesichtern war nichts anzumerken. Sie waren wohl einfach zu höflich.

Für einen kurzen Moment ging der Blick Seiner Herrlichkeit des Oberbürgermeisters in meine Richtung.

Zufall.

Ich winkte ihm zu und sah in der nächsten Sekunde ein Stirnrunzeln bei ihm.

Er erinnerte sich nicht an mich, was niemanden wundern konnte. Aber er grüßte trotzdem. Sicher war schließlich sicher.

Ein OB, der einigermaßen bürgernah war, musste ja wenigstens den Anschein erwecken, als kenne er jeden einzelnen seiner 250 000 Untertanen persönlich.

27

Die Adresse, die ich auf der Rückseite des Fotos gefunden hatte, gehörte zu einer Erdgeschosswohnung in einem Haus, dessen graue Fassade einen Anstrich dringend nötig gehabt hätte, das aber von innen ganz gepflegt aussah.

Die junge Frau auf dem Foto erkannte ich kaum wieder, als sie mir die Tür öffnete. Sie war auf die blödsinnige Idee gekommen, sich die Haare rot färben zu lassen, was weder zu ihrem Typ noch zu ihrer Kleidung so richtig passte. "Ja?" Sie strich sich die Mähne zurück und sah mich stirnrunzelnd an.

Details

Seiten
580
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900811
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305941
Schlagworte
lokal vier Krimis Münster Wien

Autoren

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Titel: Lokal betötet