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Die Magie der Patricia Vanhelsing

Drei Abenteuer

2015 360 Seiten

Leseprobe

Die Magie der Patricia Vanhelsing: Drei Abenteuer

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Die Magie der Patricia Vanhelsing

Drei Abenteuer von Alfred Bekker

Copyright

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Umfang dieses entspricht 360 Taschenbuchseiten.

Drei Abenteuer mit Patricia Vanhelsing: Jägerin der Nacht – der Anfang/ Das Juwel des Dämons/ Engel des Bösen

––––––––

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen?

Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Patricia Vanhelsing, Jägerin der Nacht – Der Anfang

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen?

Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Wie ein graues Leichentuch hatte sich der Nebel über die düsteren Straßen gelegt. Graue Löwen aus kaltem Stein blickten grimmig ins Nichts. In ihre Mitte das erstarrte Standbild eines Reiters...

Ein kalter Hauch wehte über den Londoner Trafalgar Square, in dessen Mitte sich die berühmte Nelson-Säule befand. Jetzt wirkte die Reiter-Statue des Admirals, der vor ungefähr zweihundert Jahren Napoleons Flotte besiegte, wie ein düsterer Schatten aus einer anderen Welt...

Harold Carrington schlug seinen Mantelkragen hoch, während er an den übergroßen Löwenköpfen vorbeischlenderte, deren kalter Blick ihn zu mustern schien.

Carrington hatte gerade in einer Snack Bar einen schnellen Lunch zu sich genommen. Nun war er auf dem Weg zurück zu den Büros seiner Anwaltskanzlei, die nur wenige Minuten entfernt lagen. In Gedanken war er bereits bei seinen nächsten Terminen. Sein Blick ging zwischendurch kurz zur Uhr. Er hatte seine Mittagspause eigentlich schon überzogen.

Als Senior-Chef der Kanzlei kannst du dir das ruhig mal herausnehmen, sagte er sich selbst. Schließlich bist du ja auch nicht mehr der Jüngste...

Carrington trat an den Straßenrand.

Wie riesige Schatten, dunkle, brummende Ungetüme, kamen zwei der großen Doppeldecker-Busse heran. Sie tauchten plötzlich aus dem Nebel heraus auf. Ihre karminrote Farbe wurde sichtbar. Carrington trat einen Schritt zurück, als die beiden Ungetüme an ihm vorbeiknatterten. Ein paar Pkw folgten noch. Carrington blickte zur anderen Seite. Von dort kamen eine ganze Reihe von Wagen. Er konnte sie noch nicht sehen, aber er hörte ihre Motorengeräusche.

Er musste noch warten.

Und dann schälte sich plötzlich der dunkle, langgezogene Wagen aus dem Nebel heraus.

Wie ein dunkler Schatten hob er sich gegen das Grau des Nebels ab. Im ersten Moment dachte Carrington an eines der charakteristischen, etwas altmodisch wirkenden Londoner Taxis mit ihrer schwarzen Lackierung und den runden Formen.

Aber es war kein Taxi.

Der Wagen näherte sich.

Es war eine langgezogene Limousine, deren Baujahr so um 1950 herum liegen musste. Ein Oldtimer, aber erstaunlich gut erhalten. Er war vollkommen schwarz. Die wenigen Chromteile blitzten, als wären sie gerade poliert worden.

Carrington registrierte, dass es vorne zwei Türen gab.

Der hintere Teil des Wagens konnte nur über das Heck erreicht werden.

Ein Leichenwagen, ging es Carrington durch den Kopf.

Aus irgendeinem Grund fühlte er auf einmal eine seltsame Beklemmung. Carrington war alles andere als ein abergläubischer Mensch. Er glaubte nicht daran, dass schwarze Katzen oder Leichenwagen Unglück brachten...

Und doch...

Er hatte das Gefühl, dass mit diesem Wagen etwas nicht stimmte.

Der Wagen hielt. Keine fünf Meter von Carrington entfernt, der auf einmal völlig in den Bann dieses Oldtimers gezogen wurde. Er achtete nicht mehr darauf, wann er endlich die Straße überqueren konnte. Verzweifelt versuchte er durch die Frontscheibe ins Innere zu blicken.

Die Sicht war schlecht.

Und doch...

Nein!, durchzuckte es ihn. Das darf nicht wahr sein!

Carrington sah das große, elfenbeinweiße Steuerrad. Er konnte sogar die Griffrillen für die Finger des Fahrers erkennen.

Aber da war keine Hand am Steuer.

Und dahinter...

Niemand!

Der Motor heulte in diesem Moment ohne erkennbaren Grund auf. Ein Laut, der an das Brüllen eines Löwen erinnerte. Es klang wütend, fast, als ob dieses Geräusch nicht von einer toten Maschine verursacht worden wäre, sondern von einem lebenden Wesen.

Schauder erfasste den Anwalt.

Und eine Furcht begann von Innen heraus an ihm zu nagen, für die es keinen vernünftigen Grund zu geben schien.

Sei kein Narr!, sagte er sich.

Erneut heulte der Motor auf.

Carrington hatte es die ganze Zeit geahnt, aber jetzt wurde es Gewissheit für ihn.

Der Kerl meint mich!, durchzuckte es ihn. Er runzelte die Stirn.

Er nahm sich ein Herz und wollte an den Leichenwagen herantreten, um durch die Seitenscheibe zu sehen. Er musste wissen, wer diesen Wagen fuhr...

Schließlich war es absurd zu glauben, dass sich ein solches Gefährt von allein bewegte!

Den ersten Schritt hatte er noch nicht gemacht, da ertönte auf einmal ein zischendes Geräusch. Carrington erstarrte. In der Fahrerkabine wurde es vollkommen schwarz. Einem geheimnisvollen Gas gleich, begann sich etwas auszubreiten, dass wie dicker Rauch aussah.

Pure Finsternis!

Carrington schluckte.

Etwas Ähnliches hatte er nie zuvor in seinem Leben gesehen. Er hatte sich immer für einen nüchternen, nur dem Verstand und dem Gesetz verpflichteten Menschen gesehen, der durch übersinnlichen Hokuspokus nicht zu beeindrucken war.

Aber jetzt konnte er nur wie gebannt zusehen...

Schwarzes Licht drang in einem gebündelten Strahl aus der Frontscheibe des Leichenwagens heraus. Carrington wollte im letzten Moment auswichen, doch der Strahl erfasste ihn voll.

Finsternis hüllte ihn ein. Carrington sah aus wie ein Schattenriss seiner selbst. Das dunkle Etwas, das aus dem Leichenwagen herausgeschossen war, hüllte ihn vollkommen ein.

Für Carrington war es von einer Sekunde zur nächsten eiskalte Nacht. Er konnte nicht mehr die Hand vor Augen sehen. Er wollte fliehen, einfach wegrennen...

Wohin auch immer.

Er hatte das Gefühl, alles sei besser, als an diesem Ort zu verharren.

Blankes Entsetzen hatte ihn gepackt und zerriss seine Seele.

Panik schüttelte ihn, als er eine Sekunde später feststellte, dass er sich nicht bewegen konnte. Er war wie erstarrt. Wie die Löwen, die Admiral Nelson bewachten.

Nein!

Der Schrei seiner Seele blieb ungehört. Er kam nie über seine Lippen, denn auch die waren unfähig zur geringsten Bewegung.

Und dann hörte er das Fauchen des Motors.

Entfernt erinnerte es an den Laut eines zum Sprung bereiten dunklen Panthers.

Das Geräusch wurde lauter, drohender.

Der Leichenwagen schien loszufahren und auf Carrington zuzuhalten, der dies nur hören, aber nicht sehen konnte. Ein schrecklicher Augenblick der Furcht noch, dann fühlte Harold Carrington nichts mehr. Alle Geräusche verstummten für ihn.

Für immer.

2

Ein großer Menschenauflauf war am Trafalgar Square entstanden. Die Polizei hatte Mühe, die Neugierigen etwas fernzuhalten.

"Wahrscheinlich kommen wir viel zu spät", sagte Jim Field, der neben mir, auf dem Beifahrersitz meines roten Mercedes 190 saß. Jim und ich waren bei der LONDON EXPRESS NEWS angestellt, er als Fotograf und ich als Reporterin.

In der Redaktion waren einige Anrufe eingegangen, denen zu Folge am Trafalgar Square etwas Seltsames geschehen war. Ein Leichenwagen hatte offenbar mit voller Absicht einen Passanten überfahren und war dann verschwunden.

Was dahintersteckte war schleierhaft. Zweifellos fahndete die Polizei zur Zeit nach dem Leichenwagen und sobald man ihn hatte, würde man vielleicht mehr wissen.

Den Mercedes stellte ich in einer Nebenstraße um den Trafalgar Square herum ab. Jim und ich stiegen aus. Er strich sich das ungebändigte blonde Haar zurück und blickte kritisch in den Himmel. "Nicht gerade ein Idealwetter zum Fotografieren", meinte er.

Er trug verwaschene Jeans und ein ziemlich zerknittertes Jackett, dessen Revers durch die Fototasche ziemlich ruiniert war, die er ständig um den Hals hängen hatte. Das Longjackett, das er darüber trug, wirkte auch schon ziemlich angejahrt. Bei jedem Schritt klapperten irgendwelche Utensilien, die er in den zahlreichen Taschen verstaut hatte.

Er wirkte äußerlich etwas unkonventionell. Das zusammen mit seinem jungenhaften Charme führte manchmal dazu, dass er etwas unterschätzt wurde. Aber er war auf seinem Gebiet ein Spitzenkönner. Einer der Starfotografen der LONDON EXPRESS NEWS. Wir hatten schon oft zusammengearbeitet und uns dabei ausgezeichnet verstanden. Wir waren Freunde - allerdings auch nicht mehr, obwohl Jim sich das insgeheim eine ganze Zeitlang gewünscht hatte. Vielleicht tat er das auch noch immer. Aber Jim war einfach nicht das, was ich mir unter einem Traummann vorstellte.

Zusammen gingen wir zum Ort des Geschehens. Ein Teil der Straße war abgesperrt. Der Verkehr wurde auf den verbleibenden Fahrspuren vorbeigeführt. Spurensicherer verrichteten ihr anstrengendes und penibles Geschäft.

Jim knipste schon einmal wild drauflos. Was im Kasten war, war im Kasten.

Wir zeigten einem der uniformierten Officers, die die Schaulustigen in Schach zu halten versuchten, unsere Presseausweise, woraufhin sie uns passieren ließen.

Mir fiel ein junger Mann mit roten Haaren auf. Er trug einen Trenchcoat, aus dessen rechter Tasche ein Walkie-Talkie herausragte.

Ich sprach ihn an.

"Ich bin Patricia Vanhelsing von der LONDON EXPRESS NEWS. Sie müssen Inspektor Grant von Scotland Yard sein..." Ich hatte keine Ahnung, wer er war. Aber irgendwie wollte ich ihn dazu bringen, sich mit mir zu unterhalten.

Er musterte mich.

Dann brummte er: "Mein Name ist Jenkins. Und Inspektor werde ich frühestens in... Ach, ich habe mir abgewöhnt, darüber nachzudenken!"

Sein Gesicht wirkte jetzt entspannter.

"Was ist hier geschehen?", fragte ich. "Ein Mord? Oder doch nur ein Verkehrsunfall?"

"Vielleicht wollen Sie lieber mit meinem Vorgesetzten reden. Inspektor Barnes. Der müsste gleich wieder hier sein..."

Ich kannte Barnes zu gut. Ein Inspektor, der mir schon so manches mal das Leben schwergemacht hatte. Ein knochentrockener Polizist, für den jemand wie ich kein ernstzunehmender Gesprächspartner war. Nicht nur, weil ich als Reporterin für eine Boulevardzeitung arbeitete. Das wäre allein schon schlimm genug gewesen, denn Barnes' Verhältnis zur Presse war mehr als gespalten. Hinzu kam, dass ich mich in meinen Artikeln und Reportagen immer wieder mit übersinnlichen Phänomenen beschäftigt hatte. An deren Existenz gab es für mich keinen Zweifel - schon deshalb nicht, weil ich selbst eine leichte übersinnliche Gabe besaß, die sich in seherischen Träumen und Vision zeigte. Immer wieder hatte ich über mysteriöse Geschehnisse recherchiert - und immer wenn ich dabei auf Inspektor Barnes gestoßen war, hatte er mich nichts als Knüppel zwischen die Beine geworfen.

"Lassen Sie nur. Sie können mir sicher genauso gut weiterhelfen", sagte ich an Jenkins gewandt.

"Also gut", sagte er. "Bei dem Opfer handelt es sich um Harold Carrington, den Senior-Chef der Kanzlei Carrington, Nevins & Brolin, gleich hier um die Ecke. Wie es scheint wurde er von dem Leichenwagen absichtlich überfahren. Der Wagen hielt am Straßenrand an und fuhr dann auf den Bürgersteig... Das wissen wir von Zeugen..."

"Wie sah der Wagen aus?"

"Wie ein Oldtimer. An das Fabrikat konnte sich niemand erinnern. Aber es muss ein ganz auffälliger Wagen sein, wie man ihn normalerweise wohl nur noch im Museum oder im Fuhrpark Ihrer Majestät findet."

"Dann werden Sie den Wagen sicher schnell ermitteln..."

"Davon gehen wir aus."

"Hat es vor ein paar Wochen nicht schon einmal einen Fall gegeben, bei dem ein Leichenwagen von Zeugen gesehen worden sein soll?"

Jenkins nickte. "Ja. Es ist der dritte Fall, Miss Vanhelsing. Wobei noch nicht klar ist, ob es sich wirklich um denselben Wagen handelt. Zuerst hing die Sache bei der Verkehrspolizei, weil es so aussah, als würde es sich um Fälle von Fahrerflucht handeln..."

"Und jetzt?"

Jenkins zuckte die Achseln.

Er deutete auf sich.

"Sie sehen ja, wer die Angelegenheit jetzt bearbeitet. Scotland Yard."

"Das spricht für sich", stellte ich fest.

Er hob die Hände. "Hören Sie, ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, Miss Vanhelsing. Vor allem sollen Sie die nicht in Ihrem Blatt verbreiten. Wir wissen nicht, was hinter diesen Todesfällen steckt. Vielleicht sind es wirklich nur Unfälle..."

"...oder aber ein Wahnsinniger, der seinen Wagen als Waffe benutzt?"

"Ja, das wäre auch denkbar", gab Jenkins schließlich zögernd zu. "Aber noch ist das Spekulation..."

3

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen großen, düsteren Schatten auftauchen. Ich drehte mich herum und sah die massige Gestalt von Inspektor Gregory Barnes. Allein seine körperliche Erscheinung wirkte schon einschüchternd. Sein Haar war kurzgeschoren. Sein Gesicht sehr breit und etwas aufgeschwemmt.

"Sieh an, Miss Vanhelsing... Hätte ich mir ja denken können, dass Sie hier auftauchen."

"Die Freude ist ganz meinerseits, Inspektor Barnes."

"Haben Sie sich schon eine sensationsheischende Story ausgedacht, die Sie ihren Lesern als Wahrheit verkaufen werden?"

"Warum so feindselig, Inspektor?"

Er zuckte die Achseln.

"Habe ich je einen Hehl daraus gemacht, dass ich weder Sie, noch Ihren abgerissenen Kollegen, noch ihr Schmierblatt sonderlich schätze?"

"Und ich dachte immer, dass ich Ihren Namen schon einmal in unserer Abonnentenkartei gesehen hätte!"

"Das muss wohl ein Irrtum sein."

"Vermutlich."

"Heute werden Sie jedenfalls bei mir auf Granit beißen, Miss Vanhelsing. Schreiben Sie, was Sie wollen, aber behindern Sie unsere Arbeit nicht!"

"Keine Sorge!"

"Dann möchte ich Sie bitten, uns jetzt in Ruhe unsere Arbeit machen zu lassen..."

Jim, der in der Zwischenzeit fleißig herumgeknipst hatte, trat nun zu uns und machte eine Aufnahme von Barnes.

Barnes kniff die Augen zusammen. Der Blitz blendete ihn.

"Was soll das?", rief er.

Jim zuckte die Achseln. "Wussten Sie noch nichts von unserer neuen Serie 'Scotland Yard - dein Freund und Helfer', in der wir besonders hilfsbereite Kriminalbeamte porträtieren?"

"Unterstehen Sie sich!", knurrte Barnes, der jetzt hochrot anlief.

4

"Sie sind von der Presse?", sprach mich eine etwas ältere Frau an, als wir den Ort des Geschehens verlassen wollten.

Sie hatte unmittelbar vor einem der steinernen Löwen gestanden, die Admiral Nelson bewachen und es machte ganz den Anschein, als hätte sie uns regelrecht abgepasst.

Ich schätzte sie auf Mitte sechzig. Ihr Pelzmantel war ziemlich altmodisch und ließ sie nicht gerade jünger erscheinen. Sie schien ziemlich aufgeregt zu sein. Ihre dürren Hände krallten sich um meinen Unterarm. Ihre Augen flackerten.

Furcht sah ich in diesen Augen.

"Ich habe alles mit angesehen!", sagte sie dann. Ihre Stimme war dabei kaum mehr als ein Wispern. Sie blickte sich um, so als wollte sie nicht, dass uns jemand belauschte. "Ich habe das alles auch den Polizisten gesagt, aber die... Ich glaube nicht, dass die mir glauben! Aber Sie...." Ihr Griff wurde schmerzhaft, so sehr drückte sie meinen Unterarm. Sie sah mich beschwörend an. "Wenn Sie darüber schreiben, Miss..."

"Vanhelsing!"

"...dann werden Sie das ernst nehmen müssen!"

"Was?", fragte ich. "Wovon sprechen Sie?"

Sie schluckte.

Ein Zittern ging durch ihren gesamten Körper. Aus den Augenwinkeln heraus ich Jims mitleidigen Blick. Es war ihm deutlich anzusehen, was er von dieser Frau hielt. Für ihn war sie eine verrückte Alte, die Wahn und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderzuhalten wusste. Auf jeden Fall jemand, auf dessen Aussagen nicht allzu viel Verlass war. Jim verdrehte die blauen Augen, um mir deutlich zu machen, dass die Unterhaltung mit der alten Dame reine Zeitverschwendung war.

Aber ich hatte ein anderes Gefühl.

Ich hatte da so eine Ahnung. Nichts Greifbares, nur ein unbestimmtes Gefühl, dass ich dieser Frau unbedingt zuhören musste...

Es war nicht näher zu erklären, aber ich hatte mir inzwischen angewöhnt, meine Ahnungen ernst zu nehmen.

"Satan", flüsterte sie. "Es muss der Teufel gewesen sein... Mein Gott, ich habe nie zuvor etwas Derartiges gesehen, Miss Vanhelsing! Nie... Und ich bin auch nie besonders gläubig gewesen, aber..."

"Beschreiben Sie es mir!", verlangte ich.

Der Schrecken stand ihr noch immer buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

"Da war dieser Wagen. Ein Leichenwagen..."

"Den haben offenbar noch mehr Zeugen gesehen!"

"Ja, ja! Ein ganz alter Wagen war das! Und dann hielt er an. Plötzlich schoss schwarzes Licht aus ihm heraus und hat diesen Mann völlig eingehüllt..."

"Den Mann, der anschließend überfahren wurde!"

"Ja. Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Ganz bestimmt nicht! Ich habe so etwas noch nie gesehen! Sie müssen darüber schreiben..."

Sie sah mich an.

Und plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge den Leichenwagen, von dem sie gesprochen hatte. Jede Einzelheit konnte ich wahrnehmen, so als hätte der Wagen in diesem Augenblick vor mir gestanden. Von geradezu unglaublicher Intensität waren diese Bilder aus meinem Inneren, und ich wusste sofort, dass es sich um eine meiner Tagtraumvisionen handelte, in denen ich für wenige Augenblicke die engen Grenzen von Raum und Zeit zu überschreiten vermochte.

Niemand saß am Steuer dieses altertümlichen Leichenwagens.

Ich sah, wie in der Fahrerkabine sich eine Art dunkles Gas ausbreitete. Wie schwerer Rauch. Und dann sah die schwarzen Strahlen, die durch die Frontscheibe schossen...

Für einen Augenblick schienen mir die Sinne zu schwinden.

Sekundenlang konnte ich nichts sehen.

Dunkelheit umhüllte mich und ich hatte das Gefühl, zu taumeln.

"Patricia!"

Von sehr weit her drang Jim Fields Stimme in mein Bewusstsein.

Einen Moment später wurde es wieder hell vor meinen Augen.

"Was ist los mit dir, Patti?"

"Ich weiß es nicht", sagte ich, obwohl ich es ganz genau wusste. Aber Jim gegenüber hatte ich nie von meiner übersinnlichen Begabung gesprochen. Und daran wollte ich auch vorerst nichts ändern.

Ich atmete tief durch.

Mit einer fahrigen Handbewegung fuhr ich mir über das Gesicht.

"Schreiben Sie darüber!", beschwor mich die alte Dame abermals. "Sie müssen es tun!"

Ich schaute sie an.

"Das werde ich!", versprach ich ihr. "Ganz bestimmt."

5

"Du glaubst doch nicht, dass an dem Gerede alten Frau etwas dran ist?", fragte Jim Field mich, als wir bereits wieder auf dem Weg zurück in die Redaktion waren.

"Das wird sich herausstellen, Jim!"

"Patti!"

"Haben wir nicht beide bereits Dinge erlebt, die sich mit den Methoden der herkömmlichen Wissenschaft nicht erklären lassen, Jim?" Gemeinsam waren wir wiederholt Zeuge übersinnlicher Phänomene geworden. Und doch blieb Jim diesem Thema gegenüber grundsätzlich skeptisch eingestellt.

"Mag sein", räumte er ein. "Aber ich bin immer dafür, zunächst das Nächstliegendste anzunehmen..."

"Und das wäre in diesem Fall, dass diese Frau nicht mehr alle Tassen im Schrank hat..."

"Findest du nicht?"

Ich seufzte. "Auf jeden Fall werde ich versuchen, an der Geschichte dranzubleiben."

"Sofern unser allgewaltiger Chefredakteur nichts dagegen hat", schränkte Jim ein.

"Das wird er schon nicht."

"Ach nein? Sag bloß, du kannst die Gedanken von Michael T. Swann lesen?"

Ich schüttelte den Kopf. "Das nun nicht gerade... Aber er hat den Instinkt eines guten Reporters und wird erkennen, dass das eine vielversprechende Story ist..."

Jim zuckte die Achseln.

"Du musst es ja wissen!"

"Ganz bestimmt!"

Wir erreichten eine rote Ampel, und ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ich erinnerte mich an die Vision, die ich am Trafalgar Square gehabt hatte und allein diese Erinnerung verursachte eine leichte Gänsehaut auf meinen Unterarmen. Diese alte Dame hat recht, ging es mir durch den Kopf.

"Du wirkst etwas abgespannt, Patricia", hörte ich Jims Stimme neben mir. "Soll ich fahren?"

"Die Plätze tauschen? Mitten auf der Kreuzung?"

"Nun..."

"Es ist schon alles in Ordnung, Jim."

"Ganz bestimmt?"

"Ja."

Wir quälten uns durch den zähflüssigen Londoner Verkehr, bis wir schließlich die Lupus Street erreichten, wo der Verlag der LONDON EXPRESS NEWS seinen Sitz hatte. Das Verlagsgebäude war ein riesiger Hochhauskomplex. Unsere Redaktion nahm darin ein ganzes Stockwerk ein. Außerdem gab es dann noch das Archiv im Keller - von vielen Mitarbeitern einfach ' die Katakomben' genannt.

Ich parkte den roten 190er auf dem großen Parkplatz.

Inzwischen hatte es sogar zu nieseln begonnen. Londoner Wetter der schlimmsten Sorte. Wir beeilten uns ziemlich, um den Eingang zu erreichen, aber dort angekommen klebten mir die Haare trotzdem am Kopf. Ich war so schlau gewesen, meinen Schirm in der Redaktion zu lassen. Und Jim besaß so etwas überhaupt nicht.

Durch einen langen Korridor ging zu den Aufzügen. Dann hinauf zur Etage der LONDON EXPRESS NEWS. Den größten Teil davon füllte ein Großraumbüro aus, in dem auch ich einen Schreibtisch hatte.

Michael T. Swann, unser leicht cholerischer Chefredakteur, besaß ein eigenes Büro, dessen Tür im Moment gerade offenstand.

Er unterhielt sich so lautstark mit dem Spesenprüfer der Rechnungsabteilung, dass man es durch das ganze Büro hören konnte. Nicht einmal das dauernde Geticke der Fernschreiber konnte das übertönen.

"Ja, glauben Sie vielleicht, man kann ein Millionenblatt zum Nulltarif machen! Was denken Sie denn, wovon wir alle leben? Davon, dass unsere Reporter ihren Job machen können - und zwar vernünftig! Ohne um jeden Liter Benzin feilschen zu müssen!"

Jim Field sah mich grinsend an.

"Na, da geht's ja mal wieder hoch her!" Er zuckte die Schultern und setzte dann noch mit einem schelmischen Lächeln hinzu: "Es wäre vielleicht nicht gerade klug, jetzt dazwischenzuplatzen und nach einer Gehaltserhöhung zu fragen..."

"Das wäre wirklich schlechtes Timing!", erwiderte ich.

Der Spesenprüfer verließ in diesem Augenblick Swanns Büro mit hochrotem Kopf und knallte die Tür hinter sich zu.

Einen Augenblick später ging die Tür wieder auf und Swann trat heraus.

Er war breitschultrig und etwas untersetzt. Die Ärmel seines Hemdes waren hochgekrempelt, die Krawatte gelockert.

Swann war mit ganzer Seele Zeitungsmann. Die LONDON EXPRESS NEWS war sein Lebensinhalt. Dem Ziel, diese Zeitung oben zu halten, ordnete er alles andere in seinem Leben unter. Und diesen Einsatz verlangte er auch von seinen Mitarbeitern.

Morgens war Swann oft der erste in der Redaktion, abends ging er als letzter. Zu Anfang meiner Zeit bei den LONDON EXPRESS NEWS war er mir gegenüber ziemlich skeptisch gewesen.

Aber Leistung erkannte er stets an und so hatten wir uns bald gut verstanden.

Er ließ den Blick durch das Großraumbüro gleiten. Als er mich gefunden hatte, bewegte er sich in meine Richtung.

Mit schnellen Schritten hatte er mich erreicht.

"Was ist mit der Trafalgar-Square-Story?", fragte er.

Ich fasste es kurz zusammen. Swann runzelte die Stirn. "Eine Mordserie?", echote er.

"Scotland Yard schließt das nicht aus."

"Okay, Sie haben 50 Zeilen, Patti!"

"Sechzig."

"Patti, wir sind hier in einer Zeitungsredaktion, nicht auf dem Basar!"

Ich zuckte die Achseln. "Wir können die Bilder kleiner machen", schlug ich vor. "Es dürfte ohnehin nicht viel darauf zu sehen sein, außer einer Menschenmenge und ein paar Kriminalbeamten - und den Trafalgar Square kann sich jeder im Reiseführer ansehen, sofern man ihn nicht schon kennt!"

Swann seufzte.

Ein nachsichtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht, während er die kräftigen Arme in die Hüften stemmte.

"Sie wissen genau, dass Ihren Text niemand liest, wenn kein vernünftiges Bild daneben zu sehen ist, Patti!"

Jim grinste zufrieden. "Es freut mich, dass wenigstens Sie meine Arbeit zu schätzen wissen, Mr. Swann!"

Swann wandte den Kopf zu Jim herum und hob die Augenbrauen.

"Ich schätze Ihre Arbeit sehr, Jim! Allerdings hoffe ich auch, dass sie heute noch fertig wird!"

"Ein Becher Kaffee und ich bin schon unterwegs ins Labor, um die Bilder entwickeln zu lassen!", versprach Jim.

"Na, schön. Wenn einer von Ihnen beiden Mr. Hamilton sehen sollte, so sagen Sie ihm, dass er sofort zu mir kommen soll!"

Damit drehte Swann sich um und verschwand wenig später wieder in seinem Büro. Jim machte sich indessen an der Kaffeemaschine zu schaffen. Er reichte auch mir einen Pappbecher mit dampfenden Kaffee.

"Nur ein Becher", erinnerte ich ihn.

"Klar doch! Aber der Inhalt ist ja noch sehr heiß. Da brauche ich eine Weile!"

Wir lachten beide.

6

Jim hatte seinen Kaffee gerade ausgetrunken, da betrat Tom Hamilton das Redaktionsbüro. Jim winkte ihn herbei.

Und dabei beugte er sich zu mir und raunte: "Soll ich dir sagen, was für einen Auftrag Swann ihm gegeben hat?"

"Nein."

"Er durfte Jürgen Klinsmann interviewen, der die Tottenham Hotspurs vor dem Abstieg retten soll..."

"Das klingt ja nach Neid", stellte ich fest.

"Das klingt nicht nur so", erwiderte Jim.

Tom Hamilton war ein großer, dunkelhaariger Mann von etwa 35 Jahren, der seit einiger Zeit zur Reportermannschaft der LONDON EXPRESS NEWS gehörte. Zuvor war er Korrespondent einer großen Nachrichtenagentur in Übersee gewesen. Ein Job, von dem viele bei uns nur träumen konnten. Für Tom war die Stelle bei der NEWS ein Rückschritt in der Karriere und nicht wenige bei uns fragten sich, was dahintersteckte.

Aber Tom war - was seine Person betraf - alles andere als gesprächig. Ich hatte mal ein Gerücht aufgeschnappt, wonach er in Asien monatelang verschollen gewesen war. Man munkelte, dass die Tatsache, dass er jetzt nicht mehr für seine ehemalige Agentur arbeitete, damit zusammenhing. Aber etwas Genaues wusste ich nicht.

Tom begrüßte uns kurz.

Der Blick seiner grün-grauen Augen ruhte einen Augenblick auf mir. Ein verhaltenes Lächeln spielte um seine Lippen. Er war ein Mann mit großer Ausstrahlung. Ein sympathischer Kollege, den allerdings immer die Aura des Geheimnisvollen umgab. Er war schwer zu durchschauen und tat selbst nicht das Geringste dafür, dass sich daran etwas änderte.

Jim konnte ihn deshalb nicht besonders gut leiden.

Ich selbst hatte noch nicht so recht entschieden, was ich von ihm halten sollte.

"Mr. Swann will Sie sprechen, Tom", hörte ich Jim sagen. In seinen blauen Augen blitzte es angriffslustig. "Ich weiß zwar nicht genau, worum es geht, aber ich glaube, dass Ihr Klinsmann-Interview leider aus dem Blatt fliegt. Aus aktuellem Anlass!" Er warf den Pappbecher in den Papierkorb und wandte sich kurz in meine Richtung. "Bis nachher, Patti!"

Tom sah ihm amüsiert nach.

"Welche Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen?"

"Er meint es nicht so."

"Ich fürchte doch, Patricia." Sein Lächeln wirkte nachsichtig. Er schien das Ganze mit einer Art überlegenen Gelassenheit zu betrachten.

"Aus irgendeinem Grund scheint Jim mich nicht sonderlich leiden zu können", stellte er dann fest.

Ich hob die Augenbrauen.

"Sensible Männer sind schon was Feines", erwiderte ich, woraufhin wir beide lachten.

Und dann verschmolzen unsere Blicke für einen Moment. Seine ruhigen, grün-grauen Augen musterten mich auf eine Weise, die mich verwirrte.

Wir schwiegen einige Augenblicke, während um uns herum Chaos und Hektik herrschten. Schließlich befanden wir uns nach wie vor inmitten eines Großraumbüros. Aber für diese kurzen Momente schien das alles in den Hintergrund zu treten.

Was soll ich von diesem Kerl nur halten?, ging es mir durch den Kopf. Ich wusste es einfach nicht. Seine Augen waren keine Fenster zur Seele, sondern nur der vage Hinweis auf ein unentdecktes Land.

Ich schluckte.

"Vielleicht gehen Sie jetzt besser zu Mr. Swann", meinte ich dann mit fast tonloser Stimme. Ich versuchte ein Lächeln.

Vielleicht geriet es mir etwas zu verkrampft. Ich war froh darüber, mich nicht selbst dabei beobachten zu können.

"Glauben Sie mir, Tom: Es ist für Sie noch viel unangenehmer, wenn Mr. Swann Sie auch nicht mehr mag..."

Er grinste.

"Da haben Sie allerdings recht", gab er zu.

7

Ich schrieb meinen Artikel schnell herunter. Später musste er dann doch noch um 10 Zeilen gekürzt werden, weil noch Platz für den 'Witz der Woche' bleiben musste. Der Layouter hatte das zunächst verschlafen.

Dann gab es noch jede Menge Routine-Aufgaben, die zu erledigen waren. Später fand ich dann etwas Zeit, um hinunter in die Katakomben zu gehen. Ich wollte mich näher mit den Hintergründen des mysteriösen Todesfalls beschäftigen, über den ich heute zu berichten gehabt hatte.

Todesfälle, bei denen ein Leichenwagen in irgendeiner Form eine Rolle spielte... Fälle, die Scotland von einer Serie sprechen ließen. Da musste etwas im Archiv sein. Wenn etwas derartiges in London oder der Umgebung vorgekommen war, war es völlig undenkbar, dass davon nichts in der NEWS gestanden hatte. Auch wenn es nur eine kleine Notiz gewesen war.

Unter den Kollegen hatte ich mich natürlich auch umgehört.

Aber von denen wusste niemand etwas Genaues. Aber das hieß nur, dass sich bis jetzt keiner unserer Leute näher damit beschäftigt hatte. Auf die Dauer konnte eine Zeitung wie die LONDON EXPRESS NEWS sich natürlich nicht damit begnügen, nur Agenturmeldungen über diese geheimnisvollen Vorfälle nachzudrucken...

Es war mein Job, in dieser Hinsicht etwas zu tun. Den Segen vom Chefredakteur hatte ich ja.

Als ich in den Katakomben die entsprechenden Jahrgangsbände der NEWS suchte, erwartete mich eine Überraschung. Sie fehlten! Und auch unter den zahllosen Dossiers, die in Tausenden von Hängemappen untergebracht waren, schien etwas zu fehlen. So suchte ich vergebens Informationen über Harold Carrington, den Anwalt, der bei dem Attentat - vorausgesetzt es war eins - ums Leben gekommen war.

Laut Computerregister hätte eine Mappe über ihn dagewesen sein müssen. Carringtons Kanzlei war zumindest unserem Gerichtsreporter Allan Lester sofort ein Begriff gewesen.

Eine Kanzlei, deren Anwälte zu den Stars des britischen Strafprozesswesens zählten und in einigen spektakulären Mordfällen als Verteidiger gewirkt hatten.

Ein Fluch scheint über meinen Recherchen zu liegen!, ging es mir ärgerlich durch den Kopf.

Ich war nahe daran, aufzugeben, als ich mir schließlich aus einem Getränke-Automaten einen Kaffee ziehen wollte. Der Automat war in einem kleinen Leseraum angebracht, in dem ansonsten nur ein paar Tische mit ziemlich unbequemen Stühlen standen. Gerüchten zu Folge handelte es sich um ausrangiertes Mobiliar, das in grauer Vorzeit mal in unserem Redaktionsbüro dafür gesorgt hatte, dass unverhältnismäßig viele Reporter mit Rückenproblemen in den vorzeitigen Ruhestand gingen. Aber das alles war lange vor meiner Zeit. Gerüchte eben.

In diesem Leseraum erlebte ich eine Überraschung.

"Tom!", entfuhr es mir unwillkürlich.

Niemand anderes als Tom Hamilton hatte dort platzgenommen, intensiv in die Lektüre vertieft.

Er blickte auf.

Ein Lächeln umspielte für einen kurzen Moment seine Lippen.

Er schaute mich an. "Hallo, Patti! Die Stühle hier unten sind eine wahre Folter! Wahrscheinlich will der Verlag verhindern, dass wir zu gründlich recherchieren und unsere wertvolle Arbeitszeit damit vertun..."

Ich holte mir einen Kaffee.

Die zweite Überraschung folgte dann im nächsten Moment auf dem Fuß. Ich näherte mich dem Tisch, an dem Tom saß und sah auf die riesigen Folianten, in denen Tom gelesen hatte.

Jeder dieser übergroßen Wälzer enthielt genau einen Jahrgang der LONDON EXPRESS NEWS. Daneben lag eine Hängemappe. Auf einem kleinen Schild stand Carrington, Nevins und Brolin!

"Komisch", sagte ich.

Er blickte auf.

"Was?"

Ich deutete auf seine Lektüre. "Genau die Sachen habe ich auch gesucht..."

"So ein Zufall."

Ich umrundete den Tisch und wollte sehen, für welche Ausgabe und welchen Artikel er sich interessierte.

Vorher schlug er den Band zu.

"Bitte!", sagte er. "Sie können die Sachen haben."

Ich deutete auf die Mappe mit der Aufschrift Carrington, Nevins und Brolin.

"Sagen Sie bloß, die haben Jürgen Klinsmann bei seinen Vertragsverhandlungen beraten... Ich dachte immer, die würden sich nur mit Strafrecht befassen."

"Auch wenn jemand, der unsere Zeitung aufschlägt es kaum glauben mag - es gibt noch ein paar andere Dinge als Fußball!"

"Zum Beispiel?"

Er erhob sich. Wir standen genau gegenüber. So dicht, dass ich sein After Shave riechen konnte. Ich blickte ihm in die Augen. Und er erwiderte diesen Blick auf seine ruhige, Gelassenheit ausstrahlende Art und Weise.

"Langsam begreife ich, weshalb Sie bei Mr. Swann so ein Stein im Brett haben..."

"Ach, ja?"

"Sie sind eine wirklich gute Reporterin."

"Sie schmeicheln!"

"Aber nein! Wer so fragen kann wie Sie! Ich wette, wer von Ihnen in einem Interview in Ihre charmante Zange genommen wird, hat schon alles verraten, ehe er es selbst gemerkt hat!" Ich schenkte ihm ein Lächeln. Er erwiderte es.

Dann sagte ich: "Und bei Ihnen könnte man denken, dass Sie mal auf der anderen Seite tätig waren..."

"Was für eine andere Seite?"

Ich zuckte die Schultern. "Politiker, Prominente, Sportler, all die Leute, denen wir Fragen stellen. Sie scheinen perfekt darin zu sein, solchen Fragen auszuweichen!"

Tom hob die Hände.

"Aber wie ich sehe, hätte ich bei Ihrem Scharfsinn keine Chance... Nur gut, dass Sie mich nicht interviewen!"

"Vielleicht sollte ich das mal..."

Er sah auf die Uhr. "Tut mir leid, ich habe jetzt noch einen dringenden Termin."

"Oh, jetzt enttäuschen Sie mich aber!"

"Tut mir leid..."

Er fasste mich bei den Schulten und schob mich sanft zur Seite.

"Tom?"

Er war schon bei der Tür und drehte sich nun noch einmal herum.

"Ja?"

"Diese Art, einer Frage auszuweichen ist doch eigentlich unter Ihrem Niveau!"

Er lachte.

"Bis dann, Patricia!"

8

An diesem Abend kam ich relativ früh aus der Redaktion nach Hause. Ich parkte den roten Mercedes 190 in der Einfahrt von Tante Lizzys viktorianischer Villa und stieg aus. Der Nieselregen, der über den Tag hinweg immer mal wieder von dem grauen, unfreundlichen Himmel heruntergekommen war, war inzwischen verebbt. Dafür wurde der Nebel dichter.

Unterwegs hatte ich kurz die Wettervorhersage gehört und so wusste ich, dass kaum ein Anlass zur Hoffnung bestand.

Zumindest, was das Wetter anging.

Ich ging zur Haustür.

Einen Augenblick brauchte ich noch, ehe ich den Schlüssel aus meiner übervollen Handtasche herausgekramt hatte. Dann steckte ich ihn ins Schloss und öffnete. Ich trat ein und ging einen langgezogenen Flur entlang. Zu beiden Seiten waren Bücherregale, in denen sich dicke, staubige Folianten Aneinander drängten. Dazwischen waren immer wieder eigenartige Gegenstände zu sehen. Geistermasken, kleine Totemstatuen aus tropischem Hartholz, deren tierhafte Gesichter den Betrachter grimmig anstarrten und ein seltsames Mobile aus kleinen Kristallkugeln.

Für jeden Fremden musste diese Villa und ihr Inneres befremdlich wirken. Eine Mischung aus überquellender Bibliothek und Geisterbahn. Aber mir war das alles nur zu gut vertraut. Seit meinem zwölften Lebensjahr lebte ich bei meiner Großtante Elizabeth Vanhelsing, die ich Tante Lizzy nannte.

Seit dem frühen Tod meiner Eltern hatte sie mich wie eine eigene Tochter großgezogen.

Und auch jetzt, da ich längst eine junge, selbstständige Frau war, die durch ihren Job auch finanziell auf eigenen Füßen stand, lebte ich noch hier. Das Verhältnis zwischen Tante Lizzy und mir hatte sich mit den Jahren gewandelt. War sie zunächst der fürsorgliche Mutterersatz gewesen, so war sie längst mehr zu einer Art Vertrauten und Freundin geworden. Und oft half sie mir bei meinen Recherchen, insbesondere dann, wenn es um Stories ging, bei denen übersinnliche Phänomene oder mysteriöse Erscheinungen im Mittelpunkt standen.

Dafür hatte Tante Lizzy nämlich von jeher ein besonderes Faible gehabt - möglicherweise auch durch die Studien ihres verschollenen Mannes Frederik geweckt, der ein berühmter Archäologe gewesen war. Zahlreiche seiner Fundstücke zierten die Räume der Villa und unterbrachen die langen Bücherreihen oft sehr obskurer Schriften. Die meisten befassten sich mit okkulten Themen, mit Geisterbeschwörung, Magie und Parapsychologie. Tante Lizzy war fasziniert von diesen Dingen, hatte aber niemals ihre gesunde Skepsis deswegen aufgegeben. Sie wusste sehr wohl, dass das Meiste, was auf diesem Gebiet auf dem Markt war, nichts als Betrug war.

Scharlatane machten sich die Neugier des Menschen zu Nutze, die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen, nach Dingen, für die es - noch - keine befriedigende Erklärung durch die Wissenschaft gab.

Tante Lizzy war von der Existenz des Übersinnlichen überzeugt. Und daher hatte sie eine der größten Privatsammlungen, die es in Großbritannien auf diesem Gebiet gab, zusammengetragen. Sie wollte, dass die rätselhaften Phänomene wenigstens dokumentiert würden. Okkulte Schrift und uraltes Wissen über parapsychische Phänomene durften nicht verloren gehen. Für vieles gab es mit den Methoden der heutigen Wissenschaft noch keine hinreichende Erklärung. Aber für Tante Lizzy war das kein Grund, diese Phänomene einfach zu ignorieren.

Die Spreu vom Weizen auf diesem Gebiet zu trennen, das war die Lebensaufgabe, der sie sich gewidmet hatte.

Und dementsprechend sah das Innere ihrer verwinkelten und eigentlich sehr weitläufig angelegten Villa auch aus. Jeder Winkel war mit Exponaten ihrer sogenannten 'Sammlung'   vollgestopft. Dazu gehörten neben okkulten Büchern und Gegenständen auch unzählige Zeitungsartikel aus dem In- und und Ausland, die sie sehr sorgfältig archivierte.

Lediglich meine Räume, die in der oberen Etage lagen, waren eine 'okkultfreie Zone', wie ich es oft scherzhaft genannt hatte.

Am Ende des Flures stand eine Tür halb offen. Licht drang heraus. Dort war die Bibliothek, wo sich der wichtigste Teil von Tante Lizzys Sammlung befand. Wohlgemerkt nur der Wichtigste - und nicht etwa der Größte!

Ich nahm an, dass sie in einem der Sessel saß, versunken in die Lektüre irgendeiner obskuren Schrift vertieft, in der ein verschlüsseltes Geheimwissen zu entdecken war.

Ich trat an die Tür und blickte hinein.

Aber von Tante Lizzy war dort keine Spur.

Auf den zierlichen Stühlen lagen aufgeschlagene Bücher herum. Manche waren auch auf dem Fußboden verstreut. Und der eigenartige Schreibtisch, den sie auf einer Auktion erworben hatte, quoll von merkwürdigen, gelblichen Pergamentrollen über, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Offenbar eine Neuerwerbung. Der Schreibtisch hatte es ebenfalls in sich. An allen vier Ecken befanden sich seltsame Tierköpfe. Grimmige, zahnbewehrte Mäuler geisterhafter Fantasiewesen, die einen giftig anblickten. Angeblich sollte es in dem Tisch ein Geheimfach geben, dass aber - sofern es überhaupt existierte -  derart raffiniert angelegt war, dass Tante Lizzy es bislang vergeblich gesucht hatte.

Ich hörte Schritte und drehte mich herum.

Tante Lizzy kam die düstere Kellertreppe herauf.

In ihrem Arm trug sie zwei dicke Lederbände.

Sie schaute zu mir herauf.

"Oh, du bist schon da, Kind...", ächzte sie.

Ich trat auf sie zu und nahm ihr die schweren Bücher ab.

Kurz blickte ich auf den Titel des oberen Buches.

Magische Reisen - die okkulten Schriften des Mahmud al-Kebir in der Übersetzung George Francis McMahon.

Tante Lizzy seufzte hörbar.

"Meine Güte, ich werde auch nicht jünger", meinte sie, aber auf ihrem Gesicht stand ein Lächeln. "Ich bin richtig ein bisschen k.o.!"

"Kein Wunder, Tante Lizzy!"

"Ach, nein?"

"Bei dem Pensum, das du dir aufhalst! Das würde manche Jüngere in den Herzinfarkt treiben!"

Tante Lizzys Lächeln wirkte etwas matt.

"Es ist nett, dass du das sagst... Aber die Wahrheit ist es trotzdem nicht, Patti!"

Wir gingen zusammen in die Bibliothek.

Ich legte die Bücher an einem freien Platz ab. Und plötzlich meinte Tante Lizzy: "Was hältst du von einer Tasse Tee?"

"Da habe ich noch nie nein gesagt, Tante Lizzy!"

9

Wir tranken den Tee nicht in der Bibliothek, wie wir es sonst taten. Es war einfach kein Platz dort. Stattdessen blieben wir in der Küche.

Tante Lizzy berichtete mir voller Enthusiasmus über die Studien, die sie momentan anstellte. Sie versuchte nicht mehr und nicht weniger, als den geheimen Schlüssel zu entziffern, der in den Schriften des arabischen Okkultisten Mahmud al-Kebir enthalten sein sollte...

Eine Idee, die sie seit einiger Zeit völlig gefangennahm.

Plötzlich versiegte ihr Redefluss. Sie sah mich an und fragte dann: "Ich glaube, du bist mit den Gedanken ganz woanders, mein Kind. Und ich kann es dir nicht einmal verübeln..."

"Ach, Tante Lizzy..."

"Nein, nein! Ich habe einfach drauflos geredet, ohne darauf zu achten, ob du das nach deinem anstrengenden Tag in der Redaktion überhaupt hören willst!"

"Du weißt, dass deine Studien mich immer fasziniert haben...", sagte ich sanft. Tante Lizzy war es gewesen, die mich auf meine übersinnliche Begabung hingewiesen hatte.

Lange bevor ich diese Fähigkeit akzeptieren wollte.

Sie schaute mich an.

"Dir liegt irgendetwas auf der Seele", sagte sie. "Streite es nicht ab! Ich weiß, dass es so ist! Und das hat nun wirklich nichts mit übersinnlicher Begabung zu tun, sondern einfach nur damit, dass ich dich sehr gut kenne, mein Kind..."

Ich zuckte die Achseln.

"Vielleicht hast du recht", gab ich schließlich zu.

"Nun?"

Ich erzählte ihr von dem mysteriösen Todesfall, bei dem dieser geheimnisvolle Leichenwagen eine Rolle gespielt hatte.

"Von wie vielen Leuten wurde der Wagen gesehen?"

"Genau weiß ich es nicht. Aber es müssen einige gewesen sein, deren Aussagen die Polizei aufgenommen hat. Von den schwarzen Strahlen sprach allerdings nur diese Frau."

"Hast du ihre Adresse?"

"Natürlich. Ich hätte sie für komplett verrückt gehalten, wenn..."

"Wenn was?", hakte Tante Lizzy nach.

"Wenn ich es nicht vor meinem inneren Auge gesehen hätte, Tante Lizzy. Verstehst du, was ich meine?"

"Du sprichst von deiner Gabe, nicht wahr?"

Ich nickte heftig.

"Ja. Ich konnte mir die Szene so genau und in allen Einzelheiten vorstellen, als wäre ich selbst dabei gewesen. Es war furchtbar..." Ich atmete tief durch und fügte dann hinzu: "Es gab in letzter Zeit mehrere mysteriöse Todesfälle, bei denen ein Leichenwagen eine Rolle spielte... Ich frage mich, was da vor sich geht... Die Frau sagte, dass niemand am Steuer saß, Tante Lizzy. Sie glaubte, dass Satan persönlich erschienen sei."

"Sie war verwirrt", sagte Tante Lizzy. "Sie sah etwas, was völlig unglaublich war... Und sie suchte nach einer Erklärung."

Ich nickte.

"Ja", murmelte ich.

"Ich werde mal in meinem Pressearchiv nachsehen, ob ich etwas über Morde finde, die ein Leichenwagen ohne Fahrer begangen haben könnte. In Ordnung, Patti?"

Ich trank meine Teetasse leer.

Und dann sagte ich voller Dankbarkeit: "Weißt du, manchmal denke ich darüber nach, wie viel Prozent meines Reportergehalts eigentlich dir für deine Recherchendienste zustehen, Tante Lizzy!"

10

Eine dunkle Gasse. Nebel kroch wie ein grauer, unheimlicher Riesenwurm durch die Straßen. Es war Nacht, und das Licht der wenigen Straßenlaternen wirkte diffus. Wie verwaschene Lichtflecke im Nebel.

Ich ging den schmalen Bürgersteig entlang. Es war eisig kalt.

Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch, aber diese Art von Kälte schien durch jeden Stoff hindurchzukriechen. Sie kam einem den Rücken hinauf, ließ einen bis ins Innerste Frösteln und drang bis in Mark und Bein.

Eine Kälte, die aus dem Inneren kommt!, ging es mir durch den Kopf. Die Kälte des Todes...

Irgendein kaum hörbares Geräusch ließ mich zusammenfahren.

Ich drehte mich herum. Aber da war nichts zu sehen. Nicht einmal der fliehende Schatten irgendeiner Gestalt.

Hier bin ich schon gewesen!, dachte ich und versuchte mich zu erinnern. Ich kannte diese Straße oder glaubte es zumindest.

Aber woher?

Ich zermarterte mir das Hirn darüber, ohne eine Lösung zu finden. Das Unbehagen wuchs. Ich hatte das untrügliche Gefühl, beobachtet zu werden. Mein Blick glitt die verwinkelten Hauseingänge entlang. Es waren ziemlich alte Häuser, die da aneinandergereiht waren. Graues, brüchiges Mauerwerk, in dessen bröckelnde Fugen sich Moos gesetzt hatte.

Ich erreichte eine der Straßenlaternen, deren gebogene Form mich unwillkürlich an einen Galgen erinnert hatte, so lange nur der schattenhafte Umriss sichtbar gewesen war.

Jetzt sah ich die Spinnweben, die sich zwischen den gusseisernen Streben der Lampe spannten. Sie zitterten leicht im kühlen Nachtwind.

Und dann...

Ich erstarrte vor Schreck, als das knurrende Motorengeräusch aufbrauste. Wie das Fauchen einer Großkatze, so klang es beinahe. Nur viel stärker, unheimlicher, metallischer...

Wie der Laut eines grotesken Zwitters zwischen Tier und Maschine. Eine Ausgeburt des Wahnsinns..

Grauen erfasste mich.

Ich stand wie angewurzelt da, unfähig etwas zu tun.

Ein Kloß steckte mir im Hals und ich war kaum in der Lage zu schlucken. Gänsehaut breitete sich über meinen gesamten Körper aus.

Nein!, schrie es in mir.

Denn ich ahnte, was nun kommen würde. Ich ahnte es im Voraus und das machte die Qual und das Grauen um so schlimmer.

Das Motorengeräusch wurde lauter und höher und nahm jetzt eine beinahe schrille Tonlage an.

Wie die Augen eines geisterhaften Untiers blinkten die Scheinwerfer aus dem Nebel heraus. Etwas Dunkles tauchte auf...

Ich wich zurück.

Und dann schien das Licht der Straßenlaterne auf den schwarz lackierten Leichenwagen und die blitzenden Chromteile. Ich versuchte verzweifelt zu sehen, wer hinter dem Steuer saß...

Ich konnte niemanden erkennen.

Ein Spiel aus Licht und Schatten machte die Sache allerdings auch nicht leicht.

Ich wich weiter zurück.

Ich wusste, dass ich jetzt augenblicklich fliehen musste.

Fliehen, so schnell meine Beine mich trugen. Dieses Etwas dort im Wagen wollte nicht mehr, aber auch nicht weniger als... ...meinen Tod!

Aus den Augenwinkel heraus glaubte ich etwas Schattenhaftes, Dunkles in der Fahrerkabine des Leichenwagens zu sehen. Es war keine Gestalt und schon gar kein Mensch.

Es war...

Ein Gas?

Etwas Schwarzes, wie reine Finsternis, die sich in die Luft hinein ergoss und schließlich die gesamte Fahrerkabine einzunehmen schien. Eine tiefere Schwärze hatte ich nie zuvor gesehen. Ich begann zu laufen.

Aber der Wagen folgte mir.

Er fuhr leicht an.

Sein Motorengeräusch klang wie das Brummen einer Katze, die mit ihrer Beute spielt. Ich hatte nicht einmal den Hauch einer Chance und ich wusste es.

Verzweiflung erfasste mich. Ich zitterte am ganzen Körper und rannte in heller Panik die schmale Gasse entlang. Ich dachte daran, in einem der Häuser Zuflucht zu suchen und sprang über einen der niedrigen Gartenzäune. Mit wenigen Sätzen war ich bei der Haustür und klingelte. Ich trommelte mit den Fäusten gegen die Tür...

Und doch wusste ich im tiefsten Inneren, dass es zu spät war.

Längst zu spät.

Etwas unsagbar Dunkles schoss wie ein schwarzer Blitz durch den Nebel. Etwas erfasste mich und im nächsten Moment war ich unfähig zur geringsten Bewegung. Wie steingeworden stand ich da. Nicht einmal die Hand vor Augen konnte ich sehen.

Namenlose Finsternis umhüllte mich wie ein schwarzes Leichentuch.

Nein!

Ich wollte schreien, aber meine Lippen bewegten sich nicht.

Eisige Kälte ließ mich von innen heraus erzittern. Ich war in einem furchtbaren Gefängnis aus reiner Finsternis gefesselt.

So, dachte ich, muss der Tod sein!

11

Ich zitterte. Kalter Angstschweiß rann mir die Stirn herunter und mein Herz raste wie wild.

Das Erste, was ich sah, war ein großes, rundes Licht. Ich brauchte einige Augenblicke, um zu erkennen, dass es der Mond war, der durch das Fenster meines Schlafzimmers hereinschien.

Du hast geträumt, Patti! Es war einer deiner Alpträume, in denen sich deine Gabe manifestiert...

Meine Hand umkrallte die Bettdecke, so als müsste ich mich erst darüber versichern, dass dies die Realität war.

Du bist wirklich hier, in Tante Lizzys Villa, versuchte ich mir einzureden. Ich atmete tief durch.

Dann strich ich mir das Haar aus dem Gesicht und schlug die Decke zur Seite.

Barfuß ging ich über den glatten Holzboden bis zum Fenster.

Der kalte Fußboden unter meinen Füßen schien mir zu beweisen, dass dies alles real war - und nicht jene Hölle, die ich eben erlebt hatte.

Ich drückte die Stirn gegen die Fensterscheibe. Dabei schloss ich einen Moment lang die Augen.

Ganz genau erinnerte ich mich an den Leichenwagen und an das schwarze Licht, das aus der Fahrerkabine herausgedrungen war.

"Oh, mein Gott", flüsterte ich.

Meine eigene Stimme kam mir entsetzlich schwach und zaghaft vor. Der Ton vibrierte vor Angst. Das Grauen hielt mein Inneres noch immer in seinem unerbittlichen Würgegriff.

Ich presste Zeige- und Mittelfinger gegen die Schläfen und versuchte mich dann verzweifelt an die Straße zu erinnern, in der ich im Traum gewesen war.

Ich war überzeugt davon, dass sie existierte.

Irgendwann wirst du sie betreten!, wurde es mir dann schaudernd klar. Irgendwann, in nächster Zeit... Und wenn du dort bist, wirst du es wissen, Patti!

Ich rang nach Luft.

Aber dann, dachte ich, wird es zu spät sein!

12

Am nächsten Morgen fühlte ich mich scheußlich. Den Rest der Nacht hatte ich schlecht geschlafen und mich immer wieder von einer Seite zur anderen gewälzt, ohne wirklich den Frieden des Schlafs zu finden.

Als ich in der Redaktion eintraf, wurde ich sofort in das Büro von Michael T. Swann bestellt.

Jim hatte dort bereits in einem der breiten Ledersessel platzgenommen. Ich schloss die Tür hinter mir.

"Nehmen Sie Platz", hörte ich Swann sagen, der gerade in einem Manuskript herumstrich, dass er dann nach einem wütenden Ächzen in den großen Papierkorb beförderte, der unter dem Schreibtisch stand.

Swann erhob sich.

Sein Schreibtisch war völlig überladen. Stapel von Manuskripten, Aktenordnern und Papieren schichteten sich dort zu riesigen, stets einsturzgefährdeten Gebirgen auf. Immer wenn Swann eine etwas heftigere Bewegung machte, hatte man den Eindruck, dass einer dieser Türme allein schon durch den dadurch entstehenden Luftzug einstürzen müsste.

Erstaunlicherweise geschah das nie.

Jedenfalls hatte ich es in meiner Zeit bei der NEWS noch nie erlebt und ich wusste von Kollegen, die schon weitaus länger auf diesen Augenblick warteten.

Jim spielte etwas desinteressiert an der Kamera herum, die er um den Hals trug.

Nachdem Swann ihm einen strengen Blick zugeworfen hatte, erstarrte Jim mitten in der Bewegung. Der Fotograf zuckte mit den Schultern.

Swann musterte mich.

"Ich will gleich zur Sache kommen, Patti. Es hat in der Nacht einen weiteren Todesfall gegeben... Ein Anwohner hat die Szene beobachtet."

Ein kalter Schauder ergriff mich. Die Müdigkeit, die mich gerade noch fest im Griff gehabt hatte, war wie weggeblasen.

"Wieder der Leichenwagen?", fragte ich.

In Wahrheit wusste ich es - durch meine Gabe. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, absolut sicher zu sein.

Und ich ahnte noch etwas anderes...

Etwas, das noch viel furchtbarer war!

"Ja", sagte Mr. Swann und studierte dabei eingehend mein Gesicht. Ich erwiderte seinen Blick. "Ein Anwohner hat den Wagen gesehen und der Polizei eine sehr gute Beschreibung geliefert. Sie deckt sich mit der, die es von dem Wagen am Trafalgar Square gibt. Inzwischen hat Scotland Yard auch eine Art Phantombild dieses Geisterwagens anfertigen lassen..."

Swann drehte sich herum und hatte das Bild mit einem sicheren Griff von seinem Schreibtisch gefischt. Er reichte es mir.

Ja, das ist er!, ging es mir schaudernd durch den Kopf. Ich hatte ihn bereits gesehen. Zweimal, vor meinem inneren Auge.

Ihn jetzt auf Papier gebannt vor mir zu haben, war ein seltsames Gefühl. Gedanken wirbelten in mir wild durcheinander.

Dein Traum...

Letzte Nacht...

Es war alles so verwirrend...

Michael T. Swann sagte indessen: "Das Ganze ist in der Mildoon-Street passiert. Einen Stadtplan besitzen Sie ja, also werden Sie hinkommen. Ich glaube nicht, dass es Sinn hat, jetzt schon bei Scotland Yard aufzutauchen. Die scheinen mir momentan sehr gereizt zu sein!"

"Misserfolg ist halt kein sanftes Ruhekissen!", mischte sich jetzt Jim Field ein.

"Sie sagen es, Jim!"

"Was schlagen Sie also vor, Mr. Swann?", wandte ich mich an den Chefredakteur.

"Sprechen Sie mit dem Augenzeugen. Ich habe Ihnen die Adresse aufgeschrieben und Sie beide auch schon mal gewissermaßen angemeldet. Der Mann heißt Tomkins und ist bereit, Ihnen Auskunft zu geben...

"Okay", murmelte ich.

"Wer ist denn das Opfer?", fragte Jim.

"Eine junge Frau", erklärte Swann. "Noch nicht identifiziert."

13

"Kein gutes Gefühl, dass da so ein Wahnsinniger durch die Straßen Londons fährt...", meinte Jim, kurz bevor wir die Mildoon-Street erreichten.

Ich erwiderte nichts.

Zu sehr war ich von dem gefangen, was ich sah...

Nebel kroch durch die enge Gasse. Ein dunkler grauer Tag, an dem die Wolken beinahe den Boden zu berühren schienen.

Ein trostloser Tag.

Ich blickte die lange Reihe der alten Häuser entlang. Mit wachsendem Entsetzen registrierte ich die bröckelnden Fugen...

Das Moos, das sich in sie hineingesetzt hatte und bizarre Muster bildete, die entfernt an eine alte Inschrift erinnerten...

Dies ist der Ort!, durchzuckte es mich.

Es gab keinerlei Zweifel. Dies war jener Ort, von dem ich in der vergangenen Nacht geträumt hatte.

Ich schluckte.

Mir war, als ob eine kalte Hand sich auf meine Schulter legen würde. Ich fuhr den Wagen an den Straßenrand und atmete tief durch.

Jim beobachtete mich skeptisch.

"Scheint, als wärst du nicht ganz fit", meinte er.

"Danke der Nachfrage", erwiderte ich mit einem matten Lächeln. "Es geht mir gut. War halt ein bisschen spät gestern Abend."

"Mit wem hast du denn den vergangenen Abend verbracht - beziehungsweise den Rest davon?"

"Mit meiner Großtante."

"Oh." Jim hob die Augenbrauen. "Sehr aufregend klingt das ja nicht..."

"Los, lass uns an die Arbeit gehen!"

"Wie du meinst!"

Wir stiegen aus. Die Adresse, die wir suchten, war nicht zu verfehlen. Der niedrige Gartenzaun war zerstört worden. Das gleiche galt für die Rosenbeete, die jemand mit viel Liebe angelegt hatte und die jetzt von Reifen zerwühlt waren.

Ich erschrak bis ins Mark. Nein, es konnte keinen Zweifel mehr geben. Dies war jene Tür, an die ich im Traum der vergangenen Nacht geklopft hatte. Wie von Sinnen vor Angst...

Wir klingelten an der Tür

Ein etwas älterer Herr mit grauem Haarkranz und blauer Strickjacke machte uns auf.

"Sind Sie Mr. Tomkins?", fragte ich.

Er reichte mir die Hand. "Der bin ich. Sie müssen die Dame von der Zeitung sein."

"Ganz recht. Mein Name ist Patricia Vanhelsing und dies ist mein Kollege Jim Field. Er ist für die Fotos zuständig."

Tomkins reichte auch ihm die Hand.

"Angenehm", murmelte der Augenzeuge.

Ich kam sofort auf den Punkt. "Sie haben gesehen, was sich hier heute Nacht abgespielt hat?"

"Ja", nickte er. "Ich konnte es erst überhaupt nicht glauben. Wissen Sie, ich leide seit Jahren unter Schlafstörungen. Besonders seit Dr. Arrows - ich weiß nicht, ob Sie den vielleicht kennen - mir die falschen Tropfen aufgeschrieben hat und..."

Ich unterbrach ihn und hoffte, dass sein Redefluss einigermaßen zu lenken sein würde. Schließlich waren Jim und ich nicht hier, um uns die vermutlich ellenlange Krankengeschichte dieses Mannes anzuhören.

"Sie waren also wach", sagte ich.

"Ja."

"Wissen sie noch in etwa die Uhrzeit?"

"So gegen drei Uhr morgens. Ich habe Scrabble gespielt. Das beruhigt mich. Manchmal kann ich dann wieder einschlafen."

"Wo waren Sie?"

Er trat aus der Tür heraus und deutete hinauf zum Obergeschoss.

"Das dritte Fenster von links... Da! Sehen Sie?"

"Ja."

"Ich hörte dieses eigenartige Motorengeräusch. Es klang, so als wolle jemand absichtlich Krach mit seinem Wagen machen. So ein Verrückter, habe ich gedacht. Schließlich ist das doch Ruhestörung, oder finden Sie nicht?"

"Sicher."

"Ich ging zum Fenster und dann sah ich diese unheimliche schwarze Limousine. Ein Leichenwagen, muss schon uralt gewesen sein, aber sehr gepflegt. Ein richtiger Oldtimer. Wissen Sie ich bin ein bisschen abergläubisch. Ich weiche schwarzen Katzen aus - und eben auch Leichenwagen. Soll Unglück bringen, wenn man ihnen begegnet, vor allem, wenn sie von links kommen. Das gilt für schwarze Katzen genauso wie für Leichenwagen und Fledermäuse..."

"Was passierte dann?", fragte ich tonlos. Ich konnte es mir gut vorstellen. Ich brauchte nur an die Bilder aus meinem Traum zu denken.

Während Mr. Tomkins sprach, blickte ich zur Seite und schaute mir die Häuser auf der anderen Straßenseite an.

Der Traum der vergangenen Nacht musste in irgendeinem Zusammenhang mit den Geschehnissen stehen, die sich hier abgespielt hatten...

"Ich dachte noch, sitzt denn da niemand am Steuer?", hörte ich Tomkins sagen. "Ich wollte schon meine Brille holen, da klopfte es wie wild an der Tür. Schwarze Strahlen schienen aus dem Wagen herauszukommen... Irgend so ein neumodisches Licht oder so... Und dann..." Tomkins' Stimme vibrierte leicht. Er schluckte, bevor er weitersprach. "Dann ist der Leichenwagen einfach losgefahren, mitten durch den Vorgarten durch. Er hat diese junge Frau voll erwischt. Wie Sie sehen, haben wir keine Stufe vor der Tür. Meine Frau hat immer schon gesagt, dass wir mal eine anlegen lassen sollten, weil's doch besser aussieht. Aber wir hatten nicht das nötige Geld. Ich glaube, die junge Frau könnte noch leben, wenn..."

Ich hörte nicht mehr hin.

Jim verknipste einen halben Film.

"Ich habe nichts dagegen, wenn ich in der Zeitung zu sehen bin, aber vielleicht sollte ich eine andere Jacke anziehen..."

"Ist schon in Ordnung", sagte Jim.

"Wie hieß das Blatt noch mal?",

Jim brummte: "LONDON EXPRESS NEWS."

"Komisch", murmelte Mr. Tomkins.

Ich schaute ihn wieder an. "Was ist komisch daran?", fragte ich. "Das ist eine der auflagenstärksten Zeitungen Londons."

"Ich wollte nichts gegen Ihre Zeitung sagen", erwiderte Tomkins und hob dabei beschwichtigend die Hände. "Nein, wirklich nicht. Ich kaufe mir die NEWS täglich. Seltsam finde ich nur, dass heute morgen schon mal jemand hier war. Und zwar auch von der LONDON EXPRESS NEWS."

"Was?"

"Ja. Erst war dieser Mann hier, dann kam eine halbe Stunde später ein Anruf Ihrer Redaktion. Und jetzt sind Sie hier."

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Jim.

"Und Sie sind sich sicher, was den Namen der Zeitung angeht?"

"Ja."

"Wie sah der Mann aus?"

"Groß, dunkelhaarig."

"Hat er seinen Namen genannt?"

"Ja, aber ich erinnere mich nicht mehr so genau... Hamilt oder so ähnlich. Ist das wichtig?"

"Wer weiß..."

14

"Ich frage mich, was Tom Hamilton mit dieser Sache zu tun hat", meinte Jim Field, als wir wieder in meinem roten Mercedes platzgenommen hatten. Ich atmete tief durch. "Ist doch sonnenklar, dass er das war! Die Beschreibung passt auch..."

"Ich habe keine Ahnung", sagte ich.

"Aber, dass es seltsam ist, musst du zugeben! Würde mich nicht wundern, wenn er auf eigene Faust recherchiert und dann einen Artikel an die Konkurrenz verkauft..."

"Was hat er dir getan, Jim?"

Jim sah mich erstaunt an. "Was hat er mit dir getan, dass du derart blind für diese Dinge bist! Vielleicht hat er das auch schon öfter gemacht..."

"Was?"

"Stories an die Konkurrenz verkauft!"

"Jim!", sagte ich tadelnd.

"Überleg doch mal: Warum ist er nicht bei seiner Agentur geblieben. Er hatte einen Bombenjob dort..."

"...den er sicher nicht durch eine solche Dummheit aufs Spiel gesetzt hätte!"

"Bist du dir da sicher?"

Ich schwieg.

Im Moment gingen mir auch noch ganz andere Dinge durch den Kopf. Nach den Aussagen von Mr. Tomkins hatte sich der Mordanschlag genau so abgespielt, wie ich es geträumt hatte.

Im Traum hatte ich die Rolle des Opfers innegehabt...

Die Rolle jener jungen Frau, der der geheimnisvolle Leichenwagen aufgelauert hatte...

Du bist sie gewesen!, ging es mir schaudernd durch den Kopf. Einen furchtbaren Traum lang...

Ich würde Tante Lizzy darauf ansprechen.

Durch meine Gabe war ich hin und wieder in der Lage schlaglichtartig die Abgründe von Raum und Zeit zu überbrücken. Zukünftiges, Vergangenes oder Geschehnisse an weit entfernten Orten konnten in den Visionen und Alpträumen eine Rolle spielen. Tante Lizzy vertrat dabei die Theorie, dass diese Träume nicht exakt in Erfüllung gehen mussten. Es gab keine Zwangsläufigkeit, keinen ausgetretenen Pfad des Schicksals, von dem es keine Abweichung geben konnte. Vielmehr zeigte meine Gabe mir so etwas wie eine Wahrscheinlichkeit, die vermutlich Realität werden würde.

Das Erlebnis des Alptraums der letzten Nacht unterschied sich von allem, was ich zuvor in dieser Hinsicht erfahren hatte.

Und wenn die Szene aus dem Traum mir erst noch bevorsteht? , ging es mir schaudernd durch den Kopf.

"Wohin fahren wir jetzt?", fragte Jim.

Seine Stimme riss mich aus meinen düsteren Gedanken heraus. Zumindest für den Augenblick.

"Zur Anwaltskanzlei Carrington, Nevins und Brolin", sagte ich.

"Du suchst nach einem Grund für diese Morde... Einem Motiv!"

"Vielleicht kommt man dadurch ein Stück weiter. Dieser Leichenwagen scheint planmäßig vorzugehen..."

"Wie du von dieser Karre sprichst..."

"Wie denn?"

"Wie von einem lebenden Wesen", stellte Jim fest. Und er hatte recht. Wann immer ich über diesen Leichenwagen nachdachte, ich empfand ihn als etwas, das auf unheimliche Weise lebendig war. Nicht als ein von Menschen gesteuertes Fahrzeug.

Aber das war nur eine vage Empfindung.

15

In der Nähe der Kanzlei Carrington, Nevins und Brolin stellte ich den Mercedes ab. Die Kanzlei residierte in einem altehrwürdigen Gebäude aus viktorianischer Zeit. Ein Treppenaufgang führte hinauf zum Eingang.

Jim wollte gerade aussteigen, aber ich hielt ihn zurück.

"Warte!", sagte ich.

Jim runzelte die Stirn.

Ein Mann kam aus dem Eingang zur Kanzlei. Er trug einen grauen Wollmantel. Seine breitschultrige, hochgewachsene Silhouette kam mir vom ersten Augenblick an bekannt vor.

Dann drehte er für einen kurzen Moment den Kopf.

Kein Zweifel!, durchfuhr es mich.

"Tom Hamilton!", zischte Jim zwischen den Zähnen hindurch. "Wer hätte das gedacht... Ich frage mich, was er hier sucht..."

"Auf jeden Fall scheint er immer etwas schneller zu sein, als wir", stellte ich fest.

"Ganz wie in der Geschichte vom Hasen und vom Igel: Unser Igel heißt Tom und war immer schon da!"

Wir stiegen aus.

Tom Hamilton schien uns nicht bemerkt zu haben.

Jim knipste ein paar Bilder.

Tom ging die Straße entlang. Offenbar hatte er seinen Wagen am anderen Ende der Straße geparkt. Den Kragen seines Mantels hatte er hochgeschlagen. Er ging direkt in den Nebel hinein, der in dicken Schwaden dahinkroch. Einen Augenblick später war er nur noch ein dunkler Schemen. Ein Schattenriss, der sich schwarz gegen das Grau des Nebels abhob.

Das kann kein Zufall sein!, ging es mir durch den Kopf. Tom war in der Mildoon-Street und jetzt hier...

"Was hast du jetzt vor?", fragte Jim. "Wollen wir dem Kerl das durchgehen lassen?"

"Ich werde ihn schon zur Rede stellen!"

"Gegen seinen Charme hast du doch gar keine Chance. Der schmiert dir soviel Honig dorthin, wo bei anderen der Bart ist, dass du vergessen hast, was du eigentlich von ihm wolltest!"

"Da kennst du mich schlecht, Jim!"

"Ach, ja?"

Ein dumpfes Geräusch ließ uns beide zusammenzucken. Es war ein aufheulendes Motorengeräusch, das wie das Brummen einer großen Hornisse klang.

Ich kannte dieses Geräusch nur zu gut.

Aus meinem Traum.

Der Puls schlug mir bis zum Hals, als ich herumwirbelte und das schattenhafte Ungetüm aus dem Nebel heraus auftauchen sah. Die Scheinwerfer wirkten wie große, glühende Augen.

Wie erstarrt stand ich da.

Ein Kloß steckte mir im Hals, als ich im nächsten Moment den dunklen, langgezogenen Leichenwagen sich aus dem Nebel herausschälen sah.

Wie ein Wahnsinniger raste er die Straße entlang. Ich versuchte zu erkennen, ob jemand am Steuer saß...

Vergeblich.

Das dunkle Ungetüm jagte die Fahrbahn entlang. Passanten blieben stehen und sahen ihm nach.

Im nächsten Moment erkannte ich, was geschehen würde.

Der Leichenwagen hielt direkt auf Tom Hamilton zu!

"Nein!"

Ich schrie aus Leibeskräften und begann zu laufen.

Tom hatte sich herumgedreht. Blitzschnell warf er sich dann seitwärts, während der Leichenwagen an ihm vorbeizog. Die Geschwindigkeit dieses kostbaren Gefährts war mörderisch. Der dunkle Wagen kam wie ein finsterer Schatten heran. Er schrammte über den Bürgersteig. Nur wenige Zentimeter lagen zwischen Tom und diesem grauenhaften Wagen.

Mit quietschenden Reifen drehte das Gefährt dann wieder auf die Straße.

Einem verblassenden Schatten gleich verschwand es im Nebel, während Jim versuchte, es auf den Film seiner Kamera zu bannen.

Ich rannte zu Tom, der etwas benommen am Boden lag. Er rappelte sich hoch und blickte in den Nebel hinein - dem schwarzen Wagen nach. In der Ferne vermischte sich sein Motorengeräusch mit dem Straßenlärm.

Tom schien mich zunächst gar nicht zu bemerken. Auch als ich ihn ansprach, reagierte er nicht gleich. Langsam drehte er den Kopf herum. Seine Gedanken schienen weit, weit weg zu sein.

"Ist alles in Ordnung mit Ihnen?", fragte ich Tom.

Er nickte. Ich sah, dass er eine Schürfung an der Hand und eine weitere an der Stirn hatte. Er würdigte diese Verletzungen keines Blickes. Er beachtete sie nicht. Tom atmete tief durch. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und in seinen grün-grauen Augen sah ich eine seltsame Unruhe, die sonst völlig untypisch für ihn war.

Sein Lächeln wirkte matt.

"Ein Verrückter", meinte er.

"Wir möchten gerne wissen, was Sie in unserer Story zu suchen haben, Tom!", sagte Jim. Seine Stimme hatte jetzt einen schneidenden Unterton.

"Ihre Story, Jim?", erwiderte Tom nichtssagend.

"Sie waren in der Mildoon-Street und haben den Augenzeugen befragt. Und Sie waren in Carringtons Kanzlei..."

"Ist das verboten?"

"Mr. Swann wird es sicher interessieren, wenn Sie an die Konkurrenz unsere Stories verkaufen!"

"Und Sie wird es vielleicht interessieren, dass ich so etwas nie tun würde, Jim! Ich habe die Arbeitsverträge nämlich genau gelesen, die wir alle unterschrieben haben! Und ich werde mich daran halten!" Er seufzte. Und dann sah er uns an.

"Spionieren Sie beide mir jetzt nach?"

"Nein, Tom!", widersprach ich. "Aber ich habe das Gefühl, dass Sie..."

"Was?", seine Stimme klang hart.

Er sah mich an. Ich blickte in seine Augen und fragte mich, was jetzt, in diesem Augenblick wohl in ihm vorgehen mochte.

Tom Hamilton war mir stets sehr sympathisch gewesen. Vom ersten Augenblick an, da ich ihn kennengelernt hatte. Aber jetzt kam er mir fremd vor - nicht wie ein guter Bekannter, mit dem man täglich dasselbe Großraumbüro teilte.

"Was wissen Sie über den Leichenwagen, Tom?"

"Was sollte ich schon darüber wissen?", erwiderte er leise.

Ich hörte so etwas wie stille Verzweiflung aus seinen Worten heraus. Und Schmerz. Unendlichen seelischen Schmerz.

Er vertraut dir nicht!, wurde mir klar. Und so lange das der Fall ist, wird er nicht ein einziges Sterbenswörtchen sagen...

Ich wusste, dass er ein ausdauernder Schweiger war.

"Hören Sie, Patti. Ich habe für den heutigen Tag Urlaub genommen. Ich war hier, weil ich in einer bestimmten Sache einen Rechtsbeistand brauche..."

"Einen Strafverteidiger?", warf Jim erstaunt dazwischen.

Tom ließ sich nicht beirren.

"...und der Rest ist reine Privatsache. Schreiben Sie Ihre Story, Patti! Es wird sicher ein Bombenerfolg - exklusiv in der NEWS."

Ich hatte das Gefühl, dass er das Wesentliche nach wie vor vor mir verbarg. Aber ich wusste auch, dass ich behutsamer vorgehen musste, wenn ich etwas aus ihm herausbekommen wollte.

Mit der Brechstange ging da gar nichts.

Und dann sah Tom mich auf eine Weise an, die mich verwirrte. Er lächelte. Und dieses Lächeln hatte eine ganz eigentümliche Wirkung auf mich. Ich empfand ein eigenartiges Prickeln.

Gib es zu, du bist fasziniert von diesem Mann!, sagte eine Stimme in mir. Gesteh es dir ein, dann ist es leichter...

"Bis morgen, Patti", sagte Tom. Ich glaube, es war das erste Mal, dass er mich so nannte.

"Bis morgen", murmelte ich tonlos.

16

Polizeisirenen ertönten. Anwohner hatten offenbar bei Scotland Yard angerufen. Schließlich war die Sache mit dem Leichenwagen inzwischen durch die Medien gegangen und mancherorts konnte man schon gehässige Kommentare darüber hören, dass die Ordnungshüter es offenbar nicht schafften, diesen geheimnisvollen Wagen dingfest zu machen.

Die Einsatzwagen kamen heran. Uniformierte Beamte sprangen heraus. Tom deutete in die Richtung, in die der Leichenwagen verschwunden war.

Der ist sicher auf und davon..., ging es mir durch den Kopf. Ich sah Tom noch einen Moment lang zu, wie er mit den Polizisten sprach. Jim machte ein paar Bilder.

"Komm", sagte ich zu ihm. "Hier haben wir nichts mehr verloren."

"Du willst Tom wirklich so davonkommen lassen?"

"Ich bin kein Inspektor bei Scotland Yard", erinnerte ich ihn.

Jim fasste mich bei den Schulten und stoppte mich auf diese Weise. Ich sah ihn erstaunt an. Sein Blick war sehr ernst und besorgt.

"Patti, mit diesem Kerl stimmt irgendetwas nicht... Ich weiß nicht was, aber..."

"Lass uns zu dieser Kanzlei gehen, Jim. Vielleicht erfahren wir da mehr."

"Glaubst du das wirklich? Mich würde eher interessieren, wohin unser Freund Tom Hamilton jetzt entschwindet..."

"Jim..."

Er zuckte die Schultern. Dann deutete er auf die Kamera, die ihm an einem Lederriemen um den Hals hing. "Ich hoffe, dass uns wenigstens die Bilder weiterbringen, die von diesem Leichenwagen gemacht habe..."

17

In der Kanzlei empfing uns eine kühl wirkende Blondine, die uns nach einigem Hin und Her zu Mr. Clyde Nevins vorließ.

"Glauben Sie ja nicht, dass wir uns nicht im Presserecht auskennen, Miss Vanhelsing", unterbrach er mich, nachdem wir uns vorgestellt hatten.

Nur mit einem Halbsatz hatte ich das Attentat auf Harold Carrington erwähnt, aber das schien Nevins bereits genug zu reizen, um uns gleich einen Prozess anzudrohen, falls wir irgendetwas veröffentlichen würden, was sich nicht einwandfrei belegen ließe.

"Keine Sorge", erwiderte ich ziemlich kühl. "Wir verstehen unser Handwerk."

Nevins lächelte dünn.

Dabei rückte er sich seine markante Brille zurecht.

"Davon bin ich überzeugt", erklärte er dann mit säuerlichem Unterton.

"Wir wollten von Ihnen eigentlich nur wissen, ob Sie sich vorstellen können, weshalb ausgerechnet Ihr Senior-Partner Harold Carrington diesem furchtbaren Attentat zum Opfer fiel?"

Er verzog das Gesicht.

"Wenn ich darüber etwas wüsste, würde ich es Scotland Yard sagen, Miss Vanhelsing. Aber auf keinen Fall Ihnen."

"Man freut sich doch immer, wenn einem gleich Vertrauen entgegengebracht wird", mischte sich Jim an dieser Stelle mit einer ironischen Bemerkung ein.

Nevins warf ihm dafür einen giftigen Blick zu. Dann wandte er sich wieder an mich. Ich mochte seine abweisende Art nicht. In der Gegenwart dieses Mannes fühlte man sich sofort unbehaglich, und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie er vor Gericht wirken musste. Selbst Perücke und Robe, wie sie vor den Gerichten Ihrer Majestät getragen wurden, konnten vermutlich seine unangenehme Erscheinung nicht abmildern.

"Ich weiß nicht, ob das die spezielle Methode Ihres Gossenblattes ist, aber..."

"Ich glaube, Sie vergessen sich jetzt, Mr. Nevins!", unterbrach ich ihn.

"...aber Sie sollen wissen, dass ich Ihnen auf Ihre Fragen nichts anderes antworten kann, als ich es bereits gegenüber Ihrem Kollegen getan habe!"

"Sie sprechen von Mr. Hamilton..."

"So war sein Name, ja. Sollte es Ihnen einfallen, die Familie Bascomb zu belästigen, so..."

"Ich höre den Namen Bascomb zum ersten Mal", erklärte ich.

Nevins hob die Augenbrauen.

"Ach, wirklich? Sie sind eine miese Schauspielerin, Miss Vanhelsing. Im Übrigen denke ich, dass wir uns alles gesagt haben. Guten Tag."

Das war nichts anderes, als ein glatter Rauswurf.

Aber es war ohnehin unwahrscheinlich, dass wir von diesem verknöcherten Anwalt noch etwas erfahren konnten, das uns weiterbrachte.

"Eine Sache geht mir nicht aus dem Kopf", sagte ich, als ich mit Jim wieder in meinem roten Mercedes saß und auf dem Weg zurück zur Redaktion war.

"Ich bin gespannt, Patti!"

"Ich frage mich, was Tom hier wollte - und wer sich hinter dem Namen Bascomb verbirgt. Irgendwie scheint Tom mehr zu wissen, als wir..."

"Ich sage doch, dass mit dem was nicht stimmt. Der ist mir immer schon so komisch vorgekommen..."

"Jedenfalls werde ich mal sehen, ob ich im Archiv etwas über jemanden finde, der Bascomb heißt..."

Jim verzog das Gesicht.

"Wäre nicht schlecht, wenn wir auch etwas über einen Mann namens Tom Hamilton finden würden!"

18

"Sandra?"

Die junge Frau hatte das lange, rotbraune Haar hochgesteckt. Ihre Augen blickten traurig aus dem Fenster.

Sie drehte sich weder herum, noch schien sie die Stimme überhaupt wahrzunehmen.

Verzweiflung spiegelte sich in ihren Zügen wieder.

Der Mann, der gerade den weitläufigen und mit antiken Möbeln ausgestatteten Salon betrat, hatte ebenfalls deutlich rotstichiges Haar. Seine Augen waren dunkel und aufmerksam. Er war sehr förmlich gekleidet. Der dreiteilige Anzug, den er trug, ließ ihn älter erscheinen, als er in Wahrheit war.

Er seufzte.

Dann trat er auf Sandra zu. Nochmals flüsterte er ihren Namen. "Mr. Milton ist gekommen", sagte er dann. "Du wolltest doch unbedingt mit ihm sprechen. Komm, er wartet unten in der Empfangshalle..."

Die Nennung dieses Namens schien in der jungen Frau etwas auszulösen. Für einen Moment schien sich die Erstarrung zu lösen, in der sie gefangen war. Sie wandte sich herum.

Eine Träne glitzerte auf ihrer Wange.

"Oh, Eric", flüsterte sie. "Es ist so... so grauenvoll!"

"Sandra..."

"Das Töten wird immer weitergehen, Eric!"

"Das ist nicht gesagt!"

"Ich fühle es, Eric... Ich fühle es!"

"Komm jetzt!"

"Auch Mr. Milton wird uns nicht helfen können!" Sie schluchzte auf, und Eric nahm sie etwas zögerlich in den Arm.

Ein Zittern ging durch ihren gesamten Körper. Für Augenblicke war sie unfähig, etwas zu sagen.

Schließlich blickte sie auf.

Ihre tränenverhangenen Augen musterten Eric einen Moment, der beinahe unbeteiligt wirkte. Sie löste sich von ihm und wich einen Schritt zurück. Dann schluckte sie.

"Es hat wieder eine Tote gegeben", flüsterte sie dann. "Eine junge Frau. Ich habe es in den Nachrichten gehört...

"Man hat sie noch nicht identifiziert!"

"Sandra..." Eric rang mit den Armen, aber Sandra wollte nicht hören, was er zu sagen hatte. Sie hob abwehrend die Hände.

"Nein, lass mich ausreden. Bitte!"

"Was soll das denn! Das führt doch alles zu nichts!" Erics Gesicht hatte einen dunkelroten Ton bekommen. Er wirkte gleichermaßen ärgerlich und besorgt. Unsicherheit klang in seinem Tonfall mit. Er hatte Angst - selbst Sandra konnte das in ihrem Zustand spüren. Aber irgendwie tröstete es sie, dass sie nicht die einzige war, die so empfand.

Sie schluckte. Ein Kloß schien ihr im Hals zu stecken, der sie zunächst daran hinderte, zu reden. Sie öffnete halb den Mund, aber nicht ein einziger Laut kam über ihre vollen Lippen. Ihr Make-up war derweil durch die Tränen verwischt und ließ sie wie ein trauriger Pierrot erscheinen.

"Es ist wie damals", flüsterte sie dann. "Ein unheimlicher Todesfluch..."

"Sandra!"

"Wir hätten es nicht tun dürfen", flüsterte sie dann.

"Aber warst du es nicht, die unbedingt die Wahrheit erfahren wollte, Sandra?"

Sie nickte.

"Ja, das stimmt", gab sie dann zu. "Aber diesen Preis ist es nicht wert gewesen..." Sie atmete dann tief durch. "Nichts kann diesen unheimlichen Wagen stoppen, Eric! Du weißt es und ich weiß es. Auch ein Alexander Milton hat dazu nicht die Macht!"

"Das wird sich zeigen, Sandra!"

"Nichts wird sich zeigen! Es ist hoffnungslos... Wir hätten uns niemals auf die Mächte der Finsternis einlassen dürfen..."

"Für solche Überlegungen ist es jetzt zu spät", gab Eric zu bedenken. Er nahm Sandra sanft bei der Hand. Dann führte er sie behutsam mit sich. Ihr Blick wirkte abwesend, beinahe wie in Trance. Sie schaute ins Nichts und ihre Augen wirkten wie im Angesicht eines unsichtbaren Schreckens.

Bevor sie die Tür des Salons erreichten, kamen sie an einem großformatigen Gemälde vorbei. Es zeigte einen Mann in den Fünfzigern. Das Gesicht wirkte entschlossen, das Profil kühn. Und das Haar wies unverkennbar einen Stich ins Rötliche auf - dort, wo es noch nicht ergraut war.

Sandra blieb stehen.

Ihr Blick hing wie gebannt an diesem Gemälde.

Sie schaute in die dunklen, energisch wirkenden Augen.

"Großvater", flüsterte sie dann. "Mit deinem Tod begann das Verhängnis..."

"Sandra!", fuhr Eric mit tadelndem Unterton dazwischen.

Widerstrebend folgte sie ihm dann. Er öffnete die Tür des Salons. Eine breiter Treppenaufgang führte hinab in die Eingangshalle, wo ein dunkel gekleideter Mann mit rabenschwarzen Haaren auf sie wartete. Der Bart ließ ihn noch düsterer erscheinen. Der Blick seiner Augen war von ungewöhnlicher Intensität.

"Entschuldigen Sie, dass wir Sie haben warten lassen, Mr. Milton", sagte Eric beinahe unterwürfig.

Milton erwiderte nichts. Sein Blick hing an Sandra.

"Wie geht es Ihnen?", fragte er die junge Frau, nachdem sie die Treppe hinabgestiegen und ihm entgegengetreten war. Sie schaute ihn an und hielt seinem stechenden Blick stand.

"Wie viele Unschuldige müssen noch sterben, Mr. Milton?"

"Unschuldige?", echote dieser. Während er lächelte entblößte er zwei Reihen makellos weiß blitzender Zähne. "Gibt es so etwas denn, verehrte Sandra?"

Eine grausame Unerbittlichkeit klang in diesen Worten mit.

Seine Augen leuchteten auf eine Weise, die Sandra unwillkürlich schaudern ließ.

Ein leises Kichern ging über Miltons dünne, blutleer wirkenden Lippen. Sein Gesicht verzog sich und bildete eine teuflische Grimasse.

"Ihre Skrupel hätten Ihnen etwas früher einfallen können, Sandra! Sie waren doch vollkommen besessen von dem Gedanken, die Wahrheit zu erfahren... Und auf die Risiken, die immer dann entstehen, wenn man die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich auf eine Weise überschreitet, die nicht der Natur entspricht, habe ich Sie hingewiesen!"

"Warum quälen Sie sie, Mr. Milton?“ fuhr Eric ärgerlich dazwischen.

"Ich quäle Ihre Schwester nicht, Eric! Ich nicht! Die Qual kommt aus Ihrer eigenen Seele..." Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Ein Muskel zuckte unruhig oberhalb des Wangenknochens. "Diese Qual wird Sie von innen heraus langsam zerfressen, Sandra."

"Hören Sie auf!", forderte Eric.

"Mir scheint, Ihrer beider Sehnsucht nach Wahrheit hat etwas nachgelassen", stellte Milton mit einem satanisch wirkenden Lächeln fest.

Eric schluckte eine ärgerliche Erwiderung hinunter.

"Werden Sie uns helfen oder nicht?", fragte er dann.

Milton schaute ihn an. Sein stechender Blick fixierte Eric geradezu. Dieser düstere Mann schien es zu genießen, wie sein Gegenüber in seiner Gegenwart innerlich zu einem kleinen Wurm zusammenschrumpfte.

"Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung", erklärte er dann. "Aber ich garantiere für nichts!"

19

Jim hatte die Fotos im Schnellverfahren entwickelt. Das Ergebnis war ernüchternd. Auf keinem der Abzüge war irgendetwas von einem Leichenwagen zu sehen, obwohl die Fotos sonst von guter Qualität waren.

Es war gespenstisch.

Als ob es diesen Wagen nie gegeben hätte, ging es mir schaudernd durch den Kopf.

Am Abend fuhr ich nicht wie sonst direkt nach Hause, sondern machte einen Umweg über die Ladbroke Grove Road, wo Tom Hamilton eine großzügige Altbauwohnung gemietet hatte.

Ich musste ihn jetzt einfach zur Rede stellen.

Er sah mich etwas erstaunt an, als ich vor seiner Wohnungstür stand.

Seine grün-grauen Augen musterten mich fragend. Dann bildete sich ein verhaltenes Lächeln um seine schmalen Lippen herum.

"So spät noch, Patricia?"

"Ich bin nicht hier, um..."

"Um mit mir Essen zu gehen?" Er lachte. "Das ist schade, Patti. Ich habe nämlich einen wahnsinnigen Hunger."

Unsere Blicke verschmolzen für einige Augenblicke miteinander. Er ist ein wahnsinnig attraktiver Mann!, ging es mir in dieser Sekunde durch den Kopf. Zu dumm, dass ich ihn unter diesen Umständen aufsuchen musste.

"Warum schnüffeln Sie in dem Leichenwagen-Fall herum? Was haben Sie in der Anwaltskanzlei zu suchen gehabt und was bedeutet der Name Bascomb?"

Er trat etwas näher an mich heran.

Sein Lächeln war entwaffnend. In diesem Augenblick gefiel mir das allerdings ganz und gar nicht.

Ich hatte mir fest vorgenommen, mich nicht von seinem Charme einwickeln zu lassen.

"So viele Fragen?", erwiderte er.

"Weichen Sie mir diesmal nicht aus, Tom!

"Kommen Sie herein, Patricia", sagte er. "Oder noch besser: Sie gehen mit mir in das italienische Restaurant um die Ecke... Man kann dort vorzüglich essen!"

"Bekomme ich dann ein paar Antworten?"

"Lassen Sie sich überraschen!"

"Sie wollen mir nur wieder ausweichen, Tom! Morgen gehe ich zu Swann und..."

Er drehte sich um und griff nach seiner Jacke. Auf das, was ich sagte, achtete er überhaupt nicht. Statt dessen lachte er mich an und meinte: "Schön, dass Sie mich begleiten, Patti... Um ehrlich zu sein: Auf diese Gelegenheit warte ich schon lange!"

"Ach, ja?"

Er schloss die Tür hinter sich.

Dann musterte er mich.

"Sie sehen mich an, wie das berühmte Kaninchen, das vor der Schlange steht, Patti!"

Ich zuckte die Achseln.

"Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht weiß, was ich von Ihnen halten soll, Tom!"

"Wirklich nicht?"

Ich schluckte.

Ich hatte eine Erwiderung auf den Lippen, aber plötzlich schien mir ein Kloß im Hals zu stecken. Für Bruchteile von Sekunden sah ich zwei Bilder vor meinem inneren Auge. Bilder von geradezu unheimlicher Intensität, von denen ich sofort wusste, dass sie mit meiner Gabe zusammenhingen.

Das erste Bild war Toms Gestalt. Er stand am Rand einer nächtlichen Straße. Nebel senkte sich bis zum Asphalt herab.

Seine Züge waren kaum zu erkennen. Schatten fiel in sein Gesicht. Und doch wusste ich sofort, dass es Tom war.

Das Bild das weniger als einen Augenaufschlag darauf folgte, versetzte mir einen Stich ins Herz.

Mein Puls beschleunigte sich und eine Gänsehaut überzog Unterarme und Nacken.

Der Leichenwagen...

Wie ein düsteres, fauchendes Ungeheuer sah ich ihn aus dem Dunkel heraus auftauchen.

Ein springender Panther...

Ich fühlte Toms Hände meine Schultern berühren. Und das riss mich wieder zurück ins Hier und Jetzt.

"Hey, was ist los mit Ihnen, Patti?", fragte er.

Ich blickte auf.

Unsere Blicke begegneten sich erneut. Ich las Unverständnis und Verwirrung in seinen Augen.

"Ich weiß nicht", murmelte ich. In meinem Kopf schien sich alles zu drehen.

Mir war schwindelig.

"So blass?" Sein Lächeln konnte ich nicht erwidern. Er fuhr fort: "Bin ich vielleicht eine jener geisterhaften Erscheinungen, über die Sie manchmal schreiben, Patti?"

Seine Bemerkung war als Scherz gemeint, aber ich konnte darüber in diesem Moment nicht lachen.

20

"Wussten Sie, dass es 200 000 Italiener in London gibt?", hörte ich Tom Hamilton sagen, als wir hinaus in die kalte Nacht traten.

"Sollen wir meinen Wagen nehmen?", fragte ich.

"Lohnt nicht. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß. Außerdem gibt es hier jede Menge Einbahnstraßen. Wir müssten einen großen Bogen fahren..."

Hinter uns heulte ein Motor auf.

Ein Geräusch, dass mich sofort zusammenzucken ließ. Ich wirbelte herum und sah einen Lieferwagen die Straße entlang fahren.

Tom bedachte mich mit einem rätselhaften Blick.

"Sie haben Angst", stellte er fest.

"Sie nicht?", erwiderte ich und hob den Kopf. Ich hielt seinem Blick stand.

"Doch", sagte er mit dunkler, fast tonloser Stimme. Er lächelte verhalten.

Ich sah ihn fragend an.

Dieses Eingeständnis überraschte mich.

"Was wissen Sie?", fragte ich.

"Sie können es nicht lassen, was?"

"Vertrauen Sie mir, Tom..."

"Gehen wir, Patricia..."

Wir bogen in eine Seitenstraße ein und wenig später in eine weitere. Unsere Schritte waren deutlich auf den glatten Pflastersteinen des Bürgersteigs zu hören. Die Straßenlaternen wirkten pittoresk.

Im Nebel sahen die Laternen wie geisterhafte Irrlichter aus. Langsam kroch einem die Kälte die Beine und den Rücken empor.

"Wir sind gleich da", sagte Tom.

Wie aus dem Nichts tauchte dann ein dunkler Schatten vor uns auf. Die Scheinwerfer wirkten wie die gelblichen Augen einer riesenhaften Katze. Der Motor brummte dumpf und drohend.

Wir blieben stehen.

Das ist er!, ging es mir schaudernd durch den Kopf. Der Leichenwagen...

Wir blieben stehen. Tom blickte wie gebannt in Richtung des dunklen Ungetüms, das beinahe den Eindruck erweckte, zu warten.

Ich fragte mich, worauf.

Oder auf wen!

Ich musste schlucken, als dieser Gedanke mich durchzuckte.

Dann fühlte ich, wie Tom nach meiner Hand griff.

"Schnell", flüsterte er und zog mich mit sich.

Im gleichen Moment setzte sich der Leichenwagen in Bewegung. Der Motor heulte auf. Und dann schnellte der schwarze Wagen auf uns zu.

An seiner Absicht konnte nicht der geringste Zweifel bestehen.

Er will uns töten!, durchfuhr es mich und diese Erkenntnis war wie der Griff einer grabeskalten Hand auf meinen Rücken.

Pures Entsetzen packte mich.

Alles ging unwahrscheinlich schnell.

Der Leichenwagen beschleunigte auf schier unglaubliche Weise. Er raste auf uns zu. Tom zog mich mit sich. Wir taumelten zu Boden, während ich dicht neben uns einen eisigen Luftzug zu spüren glaubte.

Um Haaresbreite hatte uns das unheimliche Gefährt verfehlt.

Es raste über den Bürgersteig und schrammte an einer der Laternen vorbei. Mit quietschenden Reifen bremste der Wagen und drehte anschließend.

Tom rappelte sich hoch und zog mich mit hinauf.

"Komm, Patti!", rief er.

Ich war starr vor Schrecken.

Tom zog mich mit sich und wir rannten die düstere Straße entlang, hinein in den dunkelgrauen Nebel. Hinter uns hörten wir den Motor aufbrausen.

Wir rannten um unser Leben.

Zwischendurch wandte ich kurz den Kopf. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich den Leichenwagen herannahen. Ein dunkler Schatten des Todes, der uns jagte.

Wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielt! Daran musste ich in dieser Sekunde unwillkürlich denken.

Der Wagen näherte sich. Ich schrie auf, als ich wieder den eisigen Hauch zu spüren glaubte. Tom riss mich zur Seite. Ich stolperte, dann konnte mich auf den Beinen halten. Etwas Dunkles zischte an mir vorbei.

Nur einen Sekundenbruchteil lang konnte ich sehen, was es war, dann hatte Tom mich in den nächsten Hauseingang hineingezogen.

Schwarzes Licht!

Es zischte mit einem hässlichen Geräusch an mir vorbei und brannte sich in das Mauerwerk ein.

Dann verebbte der Strahl. Wir pressten uns an die Tür. Tom hämmerte mit der Faust dagegen.

Und dann erstarrten wir beide in der nächsten Sekunde.

Ein leises Gelächter trug der leichte Wind zu uns herüber, der zwischen den Häuserblocks hindurchwehte. Es klang schauderhaft.

"Aufmachen!", rief Tom laut. Er riss am Türknauf. Morsches Holz splitterte und einen Augenblick später ließ sich die Tür öffnen. Dahinter waren ein paar Bretter vor den Eingang genagelt.

Mit schnellen, kräftigen Stößen und Tritten schlug Tom sie zur Seite.

Dann nahm er mich bei der Hand und zog mich in die namenlose Dunkelheit hinein, die im Inneren des Gebäudes herrschte.

Ich drehte mich kurz herum, bevor wir im Haus verschwanden.

Der Leichenwagen war ein Stück vorgefahren. Der vordere Teil einschließlich der Fahrerkabine war deutlich im Schein der Straßenlaternen zu sehen. Etwas Dunkles erfüllte das Innere des Wagens. Es sah aus wie pure Finsternis. Eine Art Gas, schwärzer als die dunkelste Nacht. Der Motor brummte wie eine drohende, unheimliche Begleitmusik.

Und dann sah ich, dass ein wenig von diesem schwarzen Etwas, dass das Wageninnere wie ein Schatten erfüllte, durch die Türspalten hindurchdrang.

Ein schwarzer Nebel, der wie ein dunkler Dämon über den gepflasterten Boden kroch.

Diese schwarze Substanz kam auf den Hauseingang zu...

Und im Hintergrund verhallte das heisere Gelächter...

Schauder erfasste mich. Der Puls schlug mir bis zum Hals.

Warum nur?, fragte ich mich. Was will dieses Wesen - oder was immer dort auch in diesem unheimlichen Wagen lauern mag?

Tom und ich hetzten in das Innere des Hauses hinein. Vor uns war zunächst nur Dunkelheit. Ich stieß irgendwo ziemlich unsanft an. Die Schulter schmerzte. Ich stolperte und griff nach irgendetwas.

Toms Arm hielt mich.

"Alles in Ordnung, Patti?"

"Wenn man das so sagen kann..."

Ich sah mich um.

"Mein Gott, wo sind wir hier?", fragte ich.

"In einem Abbruchhaus!"

Ich ließ den Blick umherschweifen. Nach ein paar Augenblicken hatte ich mich an die Dunkelheit etwas besser gewöhnt. Die Fenster waren großteils von innen vernagelt. Das Licht der Straßenlaternen drang durch die Spalte zwischen den Sperrholzplatten. Jetzt sah ich auch, wogegen ich zuvor gestoßen war. Es handelte sich um eine Art provisorische Stützpfeiler aus Stahl. Es gab hier eine ganze Reihe davon, die die Decke des Obergeschosses offenbar davor bewahren sollte, niederzustürzen.

"Was hat das alles zu bedeuten, Tom?"

"Nicht jetzt, Patti!"

"Aber..."

"Dieses Wesen wird uns töten, wenn..."

Er stockte und sprach nicht weiter.

"Wenn was?", hakte ich nach.

Tom fasste mich bei den Schultern. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Er war für mich in diesem Moment nur ein dunkler Umriss.

Ich musste schlucken.

Was verbarg dieser Mann vor mir? Zweifellos gab es irgendeinen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen ihm und diesem unheimlichen Wesen oder Ding, das da aus dem Leichenwagen herausquoll.

Ich fühlte es.

Und dann sah ich das schwarze Etwas ins Haus eindringen. Es kroch durch die Tür und zwischen die Sperrholzplatten hindurch, die den Großteil der Fenster abdeckten.

Lichtstreifen, die durch die Helligkeit der Laternen verursacht wurden, verschwanden einer nach dem anderen.

Ich schrie kurz auf.

Ein eisiger Hauch schien plötzlich das gesamte Gebäude zu erfüllen.

Als ob der Tod selbst in dieses Gemäuer eindringt!, ging es mir schaudernd durch den Kopf.

21

Auf unserer Flucht durch das abbruchreife Haus mussten wir uns beinahe tastend vorwärts bewegen. Ich folgte Tom durch einen Flur, der fast stockdunkel war. Er zog mich mit sich und ich vertraute ihm.

Schließlich erreichten wir die Rückfront des Hauses. Auch hier waren die Fenster von innen vernagelt.

Tom riss kurzerhand ein paar Platten herunter, nahm ein herumliegendes Brett und hebelte damit ein paar weitere aus.

Seine Vorgehensweise war schnell und grob. Ich half ihm, so gut ich konnte. Dann öffnete er das Fenster.

Ich blickte auf eine mäßig befahrene Einbahnstraße.

Das Licht einiger Neonreklamen drang bis zu uns herüber.

Tom sah mich an.

"Du zuerst!", sagte er und deutete auf das Fenster. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Ich konnte nicht sagen, weshalb. Es war eine jener düsteren Ahnungen, für die es eigentlich keinen vernünftigen Grund zu geben schien...

Tom hob mich einfach hoch, als wäre ich eine Feder gewesen.

Ein Arm umfasste mich am Rücken, der andere in den Kniekehlen.

Es war sehr schnell gegangen. Einen Augenblick später war ich auf der anderen Seite des Fensters.

Tom atmete tief durch.

Ich schaute ihn an.

Das Licht der Reklamen spiegelte sich in seinen grün-grauen Augen, die mich ruhig musterten.

"Lauf, Patti..."

"Aber..."

"Lauf und dreh dich nicht um! Ich bitte dich! Es geht um dein Leben!"

"Tom, was geht hier eigentlich vor?"

"Dieses Wesen ist hinter mir her, Patti! Es wird dich in Ruhe lassen, wenn..." Er sprach nicht weiter. Es war, als ob ein kalter Wind durch das Haus blies. Als ob jemand für einen Augenblick eine Tiefkühlkammer geöffnet hätte... Tom drehte sich um.

"Ich habe keine Zeit mehr! Bitte geh!"

"Tom! Lass mich dir helfen!"

"Geh, Patricia!", sagte er geradezu beschwörend.

Ich fühlte auf einmal einen unsagbaren Druck hinter den Schläfen.

"Warum hast du kein Vertrauen zu mir, Tom?"

"Ich will, dass du am Leben bleibst, Patti!"

Der Druck wurde stärker. Ich sah, wie Tom sich abwandte und zurück in die Dunkelheit dieses Abbruchhauses ging. Ich taumelte vorwärts, lehnte mich über die Fensterbank, streckte die Hand aus. Schwindel hatte mich erfasst. Alles drehte sich vor meinen Augen. Der Druck hinter den Schläfen wurde immer stärker und begann zu pulsieren.

Es war eine Art geistiger Energie, die ich da spürte.

Ich taumelte, fühlte den kalten Stein des Gemäuers und rutschte an ihm zu Boden. Ich hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen.

Und als ich hinaufblickte, sah ich etwas Dunkles aus dem Fenster herausquellen.

Wie ein sehr schweres Gas wirkte es.

Einen Augenblick später füllte es mein gesamtes Blickfeld aus.

Nichts als die Finsternis des Tode umgab mich.

Und Kälte.

Von Panik geschüttelt schrie ich laut auf und dann schwanden mir die Sinne.

Ich fühlte - nichts.

22

Das erste, was ich sah, war das gütige Gesicht von Tante Lizzy. Ich schlug die Augen auf und sah sie verwirrt an. Dann schreckte ich hoch und stellte fest, dass ich mich auf einem Diwan befand, den ich schon seit meiner Kindheit kannte. Es handelte sich um das Geschenk eines orientalischen Fürsten an Onkel Frederik, Tante Lizzys verschollenen Ehemann.

Das gute Möbelstück mochte gut und gerne doppelt so alt sein wie ich und hatte inzwischen sicherlich antiquarischen Wert.

Tante Lizzy hatte den Diwan in einen Raum gestellt, den sie noch immer als Salon bezeichnete - obwohl er so gar nicht danach aussah. Und das lag natürlich an ihrem ausufernden Okkultismus-Archiv. Auch hier waren die Wände mit Regalen bedeckt, so dass es kaum eine freie Stelle gab, an der man einen Blick auf die Tapete hätte werfen können. Dicht drängten sich die dicken Bände, auf denen sich der Staub der Jahre gesammelt hatte.

Ganze Stapel von Bänden und Mappen voller Presseartikel harrten noch ihrer Einordnung in dieses gewaltige und in seiner Art einzigartige Archiv.

"Wie geht es dir?", fragte Tante Lizzy. "Alles in Ordnung?"

"Ja, ich glaube schon...", murmelte ich und erhob mich. Ich fuhr mir mit der Handfläche über das Gesicht und strich die Haare zurück.

Tante Lizzy setzte sich zu mir auf den Diwan.

"Was ist geschehen, Patti?", fragte sie dann.

"Dasselbe wollte ich dich gerade fragen!"

"Mich? Aber..."

"Wie komme ich hier her?"

"Ein Mann hat dich mit seinem Wagen hier hergefahren", berichtete Tante Lizzy.

"Tom?"

"Er stellte sich mit dem Namen Hamilton vor."

"Ja, das ist er. Tom Hamilton."

"Er hat dich hier hereingetragen. Du warst ohnmächtig. Aber Mr. Hamilton war fest davon überzeugt, dass dir nichts fehlt und du bald wieder erwachen würdest! Ich habe trotzdem Dr. Madison angerufen. Er muss gleich eintreffen..."

"Wo ist Tom?", fragte ich.

"Er sagte, er hätte etwas zu tun. Etwas, das keinen Aufschub duldet." Tante Lizzy sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, der eine Mischung aus Erleichterung und Sorge zu sein schien. "Ist wirklich alles in Ordnung?", fragte sie dann abermals.

Ich nickte.

"Ich denke schon..."

Und dann berichtete ich ihr von dem, was ich am Abend erlebt hatte. Bilder des Grauens, die mir jetzt, in der Erinnerung beinahe wie ein Alptraum schienen...

Tante Lizzy hörte mir geduldig zu.

Ihre ruhigen Augen musterten mich dabei.

Ich blickte sie hilfesuchend an. "Ich komme in der Sache mit diesem geheimnisvollen Leichenwagen nicht weiter!", sagte ich mit einem deutlichen Schuss Verzweiflung in der Stimme.

"Und dann..."

Ich sprach nicht weiter.

Ich biss mir auf die Unterlippe.

Sag, wie es ist!, ging es mir durch den Kopf. Warum denn nicht?

"Ich glaube, ich habe mich verliebt", erklärte ich dann.

"In diesen Mr. Hamilton", folgerte Tante Lizzy messerscharf.

Ich nickte. "Er war mir von Anfang an sympathisch, aber erst jetzt spüre ich, dass da vielleicht mehr sein könnte. Aber auf der anderen Seite...."

"Was?", hakte Tante Lizzy nach.

"Ich frage mich, was er mit diesem furchtbaren Leichenwagen zu tun hat! Tante Lizzy, dieses furchtbare schwarze Etwas, das aus dem Inneren des Wagens herausdrang lebte! Mein Gott - und es wollte uns töten! Da bin ich mir sicher!"

"Wirklich?"

"Du selbst hast mir stets geraten, meiner Gabe zu vertrauen, Tante Lizzy!"

"Das stimmt", gab sie zu, aber in ihrem Blick sah ich jetzt leise Zweifel.

"Dieses Wesen - oder was immer es auch gewesen sein mag - hätte uns beide töten müssen, Tante Lizzy!"

"Aber das hat es nicht getan."

"Es muss eine Erklärung dafür geben!"

In diesem Moment klingelte es an der Tür.

"Das wird Dr. Madison sein", erklärte Tante Lizzy.

"Er ist umsonst gekommen!"

"Oh, nein!", widersprach Tante Lizzy energisch. "Ich bestehe darauf, dass er dich einer kurzen Untersuchung unterzieht."

"Dafür habe ich keine Zeit!"

"Nimm sie dir, Patti. Dann werde ich dir nachher etwas zeigen, auf das ich bei meinen Recherchen gestoßen bin..."

23

Dr. Madison war ein freundlicher, bereits weißhaariger Mann, der Tante Lizzy schon seit Jahrzehnten aufsuchte. Vor allem dann, wenn ihr das schwache Herz mal wieder Sorgen bereitete.

"Sie können beruhigt sein, Mrs. Vanhelsing, mit Miss Vanhelsing ist alles in Ordnung. Sie ist vielleicht ein bisschen überanstrengt. Aber es dürfte wohl zwecklos sein, jemandem, der im hektischen Medien-Business arbeitet zu empfehlen, mal etwas kürzer zu treten..."

Er verabschiedete sich in aller Höflichkeit.

Dann wandte sich Tante Lizzy an mich und führte mich in die Bibliothek. Auf einem der runden, zierlich wirkenden Tische lag eine offene Mappe mit vergilbten Zeitungsausschnitten.

"Ich bin auf etwas sehr Interessantes gestoßen", erklärte sie dann. "Es gab bereits in den Fünfzigern eine Serie von Todesfällen, die mit einem Leichenwagen in Zusammenhang zu stehen schienen..."

Ich nahm einen der Ausschnitte. Und das erste, was mir ins Auge fiel, war ein Name.

"Bascomb", flüsterte ich.

Tante Lizzy hob die Augenbrauen. "Sagt dir der Name vielleicht etwas?"

"Und ob! Mr. Nevins von der Kanzlei Carrington, Nevins & Brolin erwähnte ihn..."

"Es gab einen Mordfall Zachary Bascomb", erklärte Tante Lizzy. "Bascomb hatte sein ererbtes Vermögen durch Spekulationen erheblich vermehrt. Als er unerwartet starb, verdächtigte man seine erheblich jüngere, zweite Frau Clarissa und Bascombs Neffen George, Zachery vergiftet zu haben. George hatte versucht, durch betrügerische Machenschaften Zachary in seinem eigenen Unternehmen zu entmachten, was ihm beinahe auch gelungen wäre. Außerdem hatten er und Clarissa ein Verhältnis. Nur kurze Zeit nach Zacharys Tod heirateten die beiden. Der Mordvorwurf, den Scotland Yard erhob, ließ sich nicht beweisen. Es kam zwar zum Prozess, aber sowohl Clarissa als auch George wurden freigesprochen. Allerdings starben sie kurze Zeit später unter mysteriösen Umständen. Zeugen wollten gesehen haben, wie sie von einem Leichenwagen überfahren wurden..."

Tante Lizzy zeigte mir die Ausschnitte. Ich überflog den Text.

"Interessant", murmelte ich. "Harold Carrington war damals ein junger Strafverteidiger..."

"Die Kanzlei seines Vaters war sehr renommiert", stellte Tante Lizzy fest. "Sie wurde mit der Verteidigung von George Bascomb beauftragt. Clarissa musste sich einen anderen Anwalt nehmen, da ja ein Interessenkonflikt möglich war..."

"Philip Nolan", las ich.

"Ich weiß es nicht mehr auswendig", gestand Tante Lizzy.

"Aber über die Bascomb-Geschichte hinaus habe ich noch etwas anderes. Allerdings muss ich, was das betrifft noch einige Nachforschungen anstellen..."

"Wovon sprichst du?"

Tante Lizzy ging auf die andere Seite der Bibliothek. Ihr Blick glitt suchend über die langen Reihen der dicken Lederfolianten, um dann zielsicher eine dünne, geradezu unscheinbare Broschüre herauszuziehen.

Ich trat zu Tante Lizzy hin und blickte ihr über die Schulter.

Der Titel der Broschüre lautete: Geister der Rache - Spekulationen über einige mysteriöse Todesfälle Als Verfasser war ein gewisser A.M. angegeben.

"Der Autor - bei dem es sich vermutlich um einen relativ bekannten Okkultisten namens Alexander Milton handelt - befasst sich kaum verschlüsselt mit dem Tod von George und Clarissa Bascomb. Milton bezieht sich unter anderem auf Hermann von Schlichtens Buch Absonderliche Kulte und glaubt nachweisen zu können, dass Clarissa und George durch das Wirken eines Rachegeistes gestorben sind..."

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Tante Lizzy legte die Broschüre zur Seite und ging an den Apparat, ein altertümliches Ding mit Gabel und Wählscheibe.

Es handelte sich inzwischen beinahe um ein Museumsstück.

Wenig später reichte sie mir den Hörer entgegen.

"Für dich, mein Kind", sagte sie.

Ein stilles Lächeln stand auf ihrem Gesicht. Ich nahm den Hörer.

"Hier Patricia Vanhelsing", meldete ich mich.

"Es freut mich, dass du wieder auf den Beinen bist, Patricia", sagte eine vertraute, dunkle Stimme, deren Klang ein seltsames Kribbeln in meiner Bauchgegend auslöste.

"Tom!", entfuhr es mir.

"Wir sehen uns morgen", sagte er.

"Ich möchte wissen, was geschehen ist, Tom."

"Hat Mrs. Vanhelsing dir nicht..."

"Ich will wissen, was wirklich dort in diesem Abbruchhaus geschehen ist. Und zwar alles..."

Eine Pause folgte. Einen Augenblick dachte ich schon, dass am anderen Ende der Leitung niemand mehr war.

Doch dann meldete sich Tom wieder.

"Wir reden morgen", sagte er. "Ich werde dich abholen. Schließlich steht dein Wagen noch hier bei mir... Und ich denke nicht, dass du es vorziehst, mit dem Taxi zum Verlagsgebäude zu fahren!"

Ich atmete tief durch.

"Gute Nacht", flüsterte ich.

"Gute Nacht."

24

Am nächsten Tag regnete es Bindfäden. Ich stieg zu Tom in den Wagen. Er begrüßte mich mit einem charmanten Lächeln. Er fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein.

"Ich werde dich in die Ladbroke Grove Road fahren", erklärte er. "Dort steht dein rotes Mercedes-Schätzchen. Ich denke, du wirst noch pünktlich in die Redaktion gelangen."

"Und du?", fragte ich.

"Ich habe mich krank gemeldet."

"Was hast du vor?"

Er antwortete mir nicht. Ich beobachtete seine große, kräftige Hand, die die Gangschaltung betätigte. Sein Gesicht wirkte angestrengt.

Er sah aus, als hätte er nicht viel geschlafen.

"Nach dem, was gestern geschehen ist, wirst du dir sicher einige Fragen stellen, Patricia...", begann er dann.

"Nicht erst seit gestern Abend!", erwiderte ich - nicht ohne eine gewisse Portion Ärger im Tonfall. Ich sah ihn an, versuchte in seinem Gesicht irgendeinen Hinweis zu finden.

Aber diese ebenmäßigen Züge blieben für mich rätselhaft wie eine Sphinx.

"Du kannst mir vertrauen, Tom", sagte ich.

Er zuckte die Achseln, während wir eine Ampel erreichten, die auf rot stand. Der Regen pladderte heftig gegen die Frontscheibe. Die Wischblätter der Scheibenwischer konnten kaum für ausreichende Sicht sorgen. Ein grauer Tag mit einem Wetter, dass einen deprimieren musste.

"Es hat nicht unbedingt damit zu tun, dass ich dir nicht vertraue, Patricia..."

"Nein, womit dann?"

"Es ist... schwer." Er schluckte. "Ich möchte niemanden in Gefahr bringen. Und schon gar nicht eine junge Frau, an der mir viel liegt." Er drehte den Kopf und der Blick seiner grün-grauen Augen ging mir durch und durch.

Ich sah Zuneigung in diesem Blick.

Vielleicht auch mehr, wobei ich mich fragte, ob mir da nicht vielleicht meine innersten Wünsche einen Streich spielten, in dem sie mich das sehen ließen, was ich sehen wollte. Ich war verwirrt. Ich atmete tief durch und fühlte das unruhige Pochen meines Herzens.

In seinem Blick war aber auch noch etwas anderes.

Seelischer Schmerz...

"Von was für einer Gefahr sprichst du, Tom?", fragte ich.

Und dann begriff ich.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.

"Der Leichenwagen", flüsterte ich. "Dieses seltsame Wesen aus schwarzem Licht oder Gas, das darin wohnt... Er hat dich gejagt!"

"Ja", gab er zu, während die Ampel auf grün sprang und der Wagen wieder anfuhr.

"Erklär es mir, Tom. Bitte! Wir müssen einen Weg finden, dieses mörderische Ding zu stoppen..."

"Es ist kein Ding, Patti. Es lebt."

"Was ist es?"

"Wirklich erklären kann ich es auch nicht. Ich bin kein Okkultist oder Parapsychologe. Es scheint eine Kreatur zu sein, die wie ein Rachegeist durch die Straßen Londons zieht und den Tod bringt..."

"Was hat das alles mit dem Namen Bascomb zu tun? Und weshalb hat uns dieses Wesen gestern nicht getötet?"

"Um auf deine letzte Frage zuerst zu antworten: Weil ich es aufgehalten habe."

"Was?"

Ich sah ihn erstaunt an.

Er zuckte die Schultern.

"Ich kann es nicht erklären, aber ich habe festgestellt, dass dieser Leichenwagen sich durch Konzentration aufhalten lässt. Nicht für immer, sondern nur für kurze Zeit. Und es kostet gewaltige Kräfte..."

"Geistige Kräfte?"

"Man kann es so nennen."

"Hast du schon einmal darüber nachgedacht, ob du vielleicht übersinnlich begabt bist?"

Tom lächelte.

"Nein, das glaube ich nicht..." Er machte eine Pause. "Du bist der erste Mensch, mit dem ich über diese Dinge spreche", sagte er dann. "Und vermutlich wirst du mir meine Geschichte auch kaum abnehmen..."

"Käme es nicht auf einen Versuch an?", erwiderte ich.

"Vielleicht. Und dieser Leichenwagen ist ja immerhin eine Realität, an der keiner von uns beiden zweifeln würde..."

"Das ist wahr, Tom!"

Ich schaute ihn aufmerksam an.

Er atmete tief durch.

"Weißt du, ich habe während meiner Zeit in Asien ein paar Monate in einem Tempel zugebracht, der irgendwo im Dschungel zwischen Laos, Thailand und Kambodscha liegt... Ich war sozusagen für ein paar Monate verschwunden, obwohl ich eigentlich nur für eine Reportage dorthin gekommen war."

Seine Stimme bekam jetzt ein eigenartiges, vibrierendes Timbre. Ich erfasste sofort, dass die Geschehnisse, über die er nun berichtete, ihn sehr stark beeindruckt haben mussten. Er war innerlich tief bewegt.

"Es gibt eine Reihe Gerüchte darüber", sagte ich.

Sein Lächeln war verhalten.

"Ja, ich weiß. Weiß der Himmel, wie die in Umlauf gekommen sind. Vermutlich hat irgendeine Schwatztante in der Personalabteilung nicht den Mund halten können. Aber das ist mir ziemlich gleichgültig. Eines dieser Gerüchte besagt, dass mein Aufenthalt in jenem Tempel der Grund dafür war, dass ich meinen Job bei einer der größten Nachrichtenagenturen der Welt verlor..."

"Ja, das sagt man."

"Das Gerücht ist wahr."

"Was geschah dort?", fragte ich, während wir die Ladbroke Grove Road erreichten. Ich hatte auf einmal das Gefühl, ganz nahe an etwas sehr entscheidendem zu sein.

Tom stellte den Wagen am Straßenrand ab. Der Regen wurde noch heftiger. In einem gleichförmigen Rhythmus prasselten die Tropfen auf das Dach. Ein ständiges Getrommel.

Tom wirkte nachdenklich. Sein Blick schien ins Nichts gerichtet zu sein. Ich legte vorsichtig meine Hand auf seinen Arm. Er schien es kaum zu bemerken.

"Im Tempel von Pa Tam Ran lernte ich in strenger Abgeschiedenheit lebende Mönche kennen, die mir zunächst mit großem Misstrauen begegneten... Von ihnen lernte ich besondere Konzentrationstechniken, mit deren Hilfe man die mentalen Energien bündeln kann und..."

"Und was?", hakte ich nach.

Ich sah ihm an, wie schwer es ihm fiel weiterzusprechen.

"Diese Mönche glauben an die Wiedergeburt. Der menschliche Geist ist nach ihrer Lehre nur vorübergehend mit einem Körper verbunden. Wenn der Körper stirbt, bleibt die Seele erhalten und begibt sich auf eine Art Wanderschaft, um irgendwann wieder im Körper eines Neugeborenen zu erwachen..."

"Teilst du diese Überzeugung?", fragte ich.

Er nickte.

"Für mich gibt es inzwischen nicht den geringsten Zweifel daran, dass das wahr ist. Du wirst als Expertin für das Übersinnliche sicher von diesen sogenannten Reinkarnationstherapien gehört haben, bei denen Menschen unter Hypnose in frühere Leben versetzt werden."

"Ja, aber das hat nichts mit Übersinnlichem zu tun. Hypnose ist eine gebräuchliche Praxis. Und es scheint auch keinen Zweifel daran zu bestehen, dass die auf diese Weise zurückgeführten tatsächlich etwas sehen und empfinden. Allerdings ist fraglich, ob das wirklich verschüttete Erinnerungen an vorhergehende Inkarnationen sind oder einfach nur traumartige Widerspiegelungen im Gehirn..."

"Vielleicht hatten die Konzentrationstechniken der Mönche von Pa Tam Ran eine ähnliche Wirkung wie die Hypnose, wie sie in unseren Breiten angewendet wird - wer weiß!"

"Du meinst..."

Er nickte.

"Seit meiner Kindheit litt ich unter seltsamen Träumen, die ich nicht zu deuten wusste. Aber seit ich die Konzentrationstechniken der Mönche von Pa Tam Ran erlernte, erkannte ich mehr und mehr, worum es sich bei diesen Träumen handelte: Es waren Erinnerungsfetzen aus früheren Leben..."

Sein Blick musterte mich.

Er schien meine Reaktion abzuwarten. Vielleicht sah er die Skepsis, die sich in mir aufgebaut hatte. Es war schon ziemlich ungewöhnlich, was er mir da erzählte. Ich erinnerte mich daran, einmal mit Tante Lizzy über ein Buch gesprochen zu haben, das sich mit Träumen aus früheren Leben befasste. Ich konnte mich an den genauen Titel nicht erinnern.

Der Verfasser war anonym, aber gab Untersuchungen, die diese Schrift dem berühmten Okkultisten Hermann von Schlichten zuschrieben, der sie in seinen letzten Lebensjahren seinem jungen Assistenten diktiert haben soll.

Jedenfalls dokumentierte diese Schrift einige Fälle dieser Art, die jedoch außerordentlich selten zu sein schienen.

"Ich habe Dutzende von Leben geführt, Patricia", fügte er dann hinzu. "Und ich erinnere mich an immer mehr von ihnen... Manchmal erschreckt es mich. So wie die Erinnerung an meine Existenz als George Bascomb..."

"Ich habe von dem Mordfall Bascomb gehört... Zachary Bascombs Geist ist in dem Leichenwagen, nicht wahr?"

"Ja, Patricia. Und er will mich töten...Nicht nur in einem körperlichen Sinn. Er will meine mentale Energie in sich aufnehmen... Deshalb musst du dich von mir fernhalten, Patti! Das Wesen aus dem Leichenwagen ist ein mordgieriges Ungeheuer... Ein blindwütiger Rachegeist..."

Ich schwieg.

Wir sahen uns nur an.

"Kannst du dich an irgendwelche Einzelheiten aus George Bascombs Leben erinnern?"

"An jede, Patti!" Er lächelte matt. "Du willst mich auf die Probe stellen, nicht wahr? Ich nehme dir das nicht übel. Ich würde genauso handeln." Er atmete tief durch und setzte dann hinzu: "Vielleicht möchtest du einen Beweis... Wenn ich dir jetzt sage, dass ich tatsächlich an dem Mordkomplott gegen Zachary Bascomb beteiligt war, dann wird dich das kaum zufriedenstellen. Meine Komplizin und ich wurden freigesprochen, ein junger Anwalt hat uns sehr effektiv verteidigt..."

"Harold Carrington!", vollendete ich. "Musste er deswegen sterben?"

"Vielleicht. Diese junge Frau, die von dem Wagen umgebracht wurde, könnte eine Wiedergeburt meiner damaligen Komplizin sein... Onkel Zacharys junge Frau Clarissa. Genau wird sich das nicht mehr feststellen lassen. Ich habe ein bisschen nachgeforscht. Die Tote hieß Lori Garnett und es gibt einige augenfällige Parallelen zwischen ihrem und Clarissas Leben."

"Ich dachte, die Identität der Toten sei noch nicht geklärt!"

"Ich habe ganz gute Kontakte zu Scotland Yard", erklärte er lächelnd. "Aber es spielt auch keine Rolle, wer sie jetzt war..."

"Du sprachst eben von einem Beweis!", hakte ich nochmals nach.

Er nickte.

"Als George Bascomb führte ich einige Jahre lang Tagebuch. Diese Tagebücher müssen sich nach wie vor in der Villa der Bascombs befinden. In einem Geheimfach. All die Jahre waren sie dort, ohne dass jemand etwas davon wissen konnte... Ich kenne den Inhalt. An jede Zeile erinnere ich mich. Ich habe heute Vormittag einen Termin deswegen."

"Einen Termin?"

"Ja, mit Sandra und Eric Bascomb, den jetzigen Herren der Bascomb-Villa. Sie sind Nachfahren von Jason Bascomb, Zacharys Sohn aus erster Ehe, der bereits vor Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall starb..." Er ballte die Hände zu Fäusten und fügte dann noch in gedämpftem Tonfall hinzu: "Wenn ich dieses Tagebuch in der Villa auffinden würde - genau dort, wo ich es in einem früheren Leben versteckte - dann wäre das auch für mich selbst endlich so etwas wie Gewissheit."

Er schluckte.

Wie hätte er ahnen können, dass ihn nur zu gut verstand.

Wenn es tatsächlich der Wahrheit entsprach, was er mir berichtet hatte, mussten die Zweifel in seinem Inneren ihn schier zerreißen.

Mir selbst war es mit jener Fähigkeit, die Tante Lizzy meine Gabe genannt hatte, nicht anders gegangen.

Ich schaute ihn an.

Zweifel war auch in mir.

Ich war hin- und hergerissen.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als die moderne Wissenschaft bis heute zu erklären vermag!, ging es mir durch den Kopf.

Dennoch...

Das Misstrauen blieb.

Es mischte sich jedoch mit einer anderen, immer stärker werdenden Empfindung, so dass es mehr und mehr verwässert wurde.

Unsere Blicke verschmolzen miteinander. Ich fühle mich ihm in diesem Augenblick sehr nahe. Was er mir berichtet hatte, war nicht ungewöhnlicher als das, was wir zusammen in dem baufälligen Haus erlebt hatten. Ich glaubte ihm. Und ich wusste wie er, was es bedeutete, durch Träume gequält zu werden, deren Bedeutung man zunächst nicht zu entschlüsseln weiß. Es kann eine furchtbare Qual sein, mit den Bruchstücken einer fremdartigen Wirklichkeit konfrontiert zu werden.

Er strich mir sanft über die Stirn und wischte ein paar Haare aus meinem Gesicht, die sich aus der Frisur gestohlen hatte. Ein angenehmer Schauder überlief mich.

Während unsere Blicke sich ineinander festgesogen hatten, war der Abstand zwischen uns immer kleiner geworden, ohne dass mir das zunächst aufgefallen wäre.

Ich wollte etwas sagen, aber mein Kopf schien leer zu sein.

Worauf lässt du dich nur ein, Patti?, fragte eine Stimme in meinem Inneren und ich fragte mich, ob sie vielleicht ein ganz bisschen so klang wie die von Tante Lizzy.

Aber darüber dachte ich im nächsten Moment schon nicht mehr nach, als sich unsere Lippen zum erste Mal berührten. Ein Kuss, der zunächst voller Vorsicht war, dann aber immer leidenschaftlicher wurde.

25

"Was hat du jetzt vor?", fragte ich etwas später. Er sah mich fragend an und ich setzte hinzu: "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich jetzt in meinen Mercedes steige und seelenruhig in die Redaktion fahre... Tom, lass uns zusammen nach einem Weg suchen, dieses Wesen aus dem Totenreich zu stoppen!"

Wer würde es sonst auch tun?, ging es mir im gleichen Moment durch den Kopf. Der knochentrockene Scotland Yard-Inspektor Gregory Barnes vielleicht? Wohl kaum.

Tom sah mich an.

"Also gut", sagte er. Ein nachsichtiges Lächeln spielte um seine Lippen. "Vermutlich würdest du mir ohnehin folgen..."

"Ganz sicher!"

"Aber ich weiß nicht, ob ich dich das nächste Mal schützen kann, wenn der Leichenwagen auftaucht. Dieses Wesen scheint immer stärker zu werden..."

Und so fädelte er sich wieder in den Verkehr ein.

"Wohin geht es?", fragte ich.

"Zur Villa der Bascombs!"

26

Die Villa der Bascombs lag in den Außenbezirken der Riesenstadt London, die sich im Laufe der Zeit immer weiter ins Umland hineingefressen hatte.

Wir brauchten eine Weile, bis wir aus dem City-Bereich heraus waren. In diesem Moment stellte ich mir Michael T. Swann vor, wie er in seinem Büro auf und ab tigerte, ab und zu auf die Uhr blickte und mich vielleicht verwünschte, weil ich nicht pünktlich war.

Für einen Moment erwog ich in der Redaktion anzurufen. Aber dann entschied ich mich dagegen.

Ich wollte mich in diesem Moment nicht mit irgendwelchen Einwänden auseinandersetzen müssen.

Die Villa der Bascombs lag auf einem weitläufigen, beinahe parkähnlichen Grundstück in landschaftlich traumhafter Lage. Das Themseufer war ganz in der Nähe. Das Grundstück grenzte daran.

Wir fuhren durch ein gusseisernes Tor, das sich selbsttätig öffnete, nachdem Tom sich über eine Gegensprechanlage gemeldet hatte.

Die Villa selbst war ein Bau aus hellem, angegrauten Sandstein. Das Gebäude wirkte protzig und hatte nichts von verwinkelter Gemütlichkeit viktorianischer Villen.

Der Regen hatte indessen nachgelassen. Nebel erhob sich vom Fluss und kroch langsam das Ufer empor.

Wir parkten auf dem gepflasterten Platz neben dem Haus und stiegen aus dem Wagen.

Ich blickte hinüber zu dem repräsentativen Portal mit den Löwenköpfen am Ende der steinernen Treppengeländer.

Sie waren ganz offensichtlich jenen Löwen am Trafalgar Square nachgebildet, die Admiral Nelson bewachten.

Ein Mann, der seiner Kleidung nach der Butler war, stieg die Stufen hinunter.

Sein Gesicht wirkte regungslos, sein Alter war schwer zu schätzen. Von 60 Jahren aufwärts schien alles möglich zu sein. Die Haare waren zu einem strengen Scheitel gekämmt.

Sein faltiges Gesicht hatte etwas Mumienhaftes an sich.

Der Butler kam auf uns zu.

Er musterte uns kühl.

Auf Toms Gesicht zeigte sich ein eigenartiges Lächeln. Es dauerte nur einen winzigen Augenblick...

"Hallo, Cyril!", sagte er.

Der Butler hob die Augenbrauen und wirkte etwas peinlich berührt.

"Kennen wir uns, Sir?",

"Allerdings, auch waren Sie vielleicht..."

"Das muss ein Irrtum sein, Sir. Meine Ansicht nach sind wir uns nie begegnet, Mister...."

Tom verzog das Gesicht.

"Zumindest kenne ich Sie: Sie sind Cyril Porter. Bei Zachary Bascomb traten Sie einst Ihre erste Stelle an. Wir sind uns oft begegnet, als ich ..."

Der Butler sah Tom ungerührt an.

"Sie müssen Mr. Hamilton sein - der Mann, den meine Herrschaften erwarten", unterbrach Cyril ihn. Er wandte sich an mich. "Sie sind nicht angemeldet, Miss..."

"Vanhelsing. Patricia Vanhelsing."

"Ich bestehe auf der Anwesenheit von Miss Vanhelsing bei diesem Gespräch", erklärte Tom.

Der Butler verzog keine Miene.

"Darüber habe ich nicht zu entscheiden, Sir", erklärte er, ohne die geringste Emotion dabei mitschwingen zu lassen.

"Verstehe", murmelte Tom.

"Wenn Sie mir bitte folgen würden."

"Natürlich."

Wir folgten dem Butler die Stufen des Portals hinauf.

An der zweiflügligen Tür prangten messingfarbene Löwen, die uns grimmig anzustarren schienen. Ein beklemmende Gefühl, machte sich in mir breit, als wir die Villa betraten. Ich konnte nicht genau sagen, worin es eigentlich begründet lag.

Eine düstere Aura schien über diesem Ort und dieser Villa zu liegen.

Wir traten in einen hohen Empfangsraum. An den Wänden hingen großformatige Jagdbilder. Eine Sitzgruppe mit zierlichen Sesseln und einem kleinen Sofa war um einen runden Tisch herum gruppiert.

Der Butler schloss die Tür.

"Bitte warten Sie hier", sagte er.

Tom fragte: "Was ist eigentlich aus Gonzo geworden?"

Der Butler runzelte die Stirn. Zum ersten Mal gab es so etwas wie eine Regung in seinem Gesicht. Er schien verwirrt zu sein.

"Gonzo?", echote er.

"War das nicht der Name von Onkel Zacharys Hund? Er hat mir mal ins Bein gebissen, als ich mich erdreistete, eine der Jagdflinten von der Wand zu nehmen..."

"Wie können Sie von Gonzo wissen?", stieß der Butler dann hervor. Für einen Moment schien er sämtliche Regeln seines Berufsstandes vergessen zu haben.

Doch nur für einen einzigen Augenblick.

Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle.

Er atmete tief durch.

"Ich werde den Herrschaften Ihre Ankunft melden, Mr. Hamilton", kündigte er dann wieder auf seine gewohnt unterkühlte Art und Weise an.

"Tun Sie das!", nickte Tom.

Der Butler drehte sich herum und verschwand durch eine von insgesamt fünf völlig gleich aussehenden Türen, durch die man diesen Raum verlassen konnte.

Wir waren allein.

Tom ergriff meine Hand und drückte sie voller Zärtlichkeit.

Es war ihm anzusehen, wie sehr in der Anblick dieses Raumes überwältigte.

"Es ist seltsam, jetzt wieder an diesem Ort zu stehen, Patti. Ich bin noch völlig fassungslos. Jeden Winkel kenne ich in diesem Haus... Ich war George Bascomb - und in gewissem Sinn bin ich es jetzt auch noch."

Wir standen dicht nebeneinander. So dicht, dass ich sein After Shave riechen konnte. Unsere Blicke begegneten sich.

"Du wirst mir glauben, Patti", war er überzeugt. "Eines Tages jedenfalls...

27

Der Butler führte uns wenige Augenblicke später in einen weitläufigen Salon. Eine Frau und zwei Männer hatten um einen runden, zierlich wirkenden Tisch herum platzgenommen. Die Frau hatte rotstichiges Haar und ein trauriges Gesicht. Ihr Blick wirkte nach innen gewandt. Sie schien uns kaum zu bemerken. Der Butler stellte uns einander vor. Die junge Frau war Sandra Bascomb.

Ihr Bruder Eric sah ihr wie aus dem Gesicht geschnitten aus. In seinem dreiteiligen Anzug wirkte er sehr förmlich.

Seine Züge waren ernst und voller Sorge.

Die dritte Person trug einen dunklen Bart. Seine Kleidung war ebenfalls völlig in grau und schwarz gehalten, so dass er beinahe wie eine Art Priester wirkte. Ein eigenartiges Amulett trug er um den Hals.

Details

Seiten
360
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900798
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305510
Schlagworte
magie patricia vanhelsing drei abenteuer

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Titel: Die Magie der Patricia Vanhelsing