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Die Schattengruft & Fluch der Steine: Zwei Romantic Thriller

2015 240 Seiten

Leseprobe

Die Schattengruft & Fluch der Steine

2 Romantic Thriller

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 207 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende zwei Romane:

Die Schattengruft

Fluch der Steine

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover: Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Schattengruft

Ein Dämon aus dem Totenreich sucht die Lebenden heim - und eine übersinnlich begabte junge Frau muss um ihre Liebe kämpfen.

1

Ein Leuchter mit fünf Kerzen war die einzige Lichtquelle in der dunklen Gruft. Die Kerzen flackerten leicht in der kühlen Zugluft, während der dürre Mann den Leuchter auf den mittleren der fünf großen Steinsarkophage stellte, die sich in diesem gespenstischen Raum befanden.

"Die Kraft der Toten", flüsterten die blutleer wirkenden Lippen des dürren Mannes und er lächelte matt. "Was wären wir ohne sie."

"Beginnen wir!", sagte eine andere Stimme aus der Dunkelheit heraus.

Der dürre Mann drehte sich halb herum. In seinem Gesicht zuckte ein Muskel, dann bekam es einen harten, entschlossen wirkenden Zug.

Schritte hallten durch die Gruft. Dunkle Gestalten, die nach und nach in den weichen Schein des Kerzenlichts traten, bildeten einen Halbkreis um die Sarkophage.

Sie fassten sich bei den Händen und begannen seltsame Worte vor sich hinzumurmeln.

Der dürre Mann nahm indessen ein in kostbares Leder gebundenes Buch hervor, auf dessen Einband kalligraphisch verzierte Worte in arabischer Sprache aufgestickt waren. Er schlug das Buch auf und begann, eine bestimmte Wortfolge immer wieder zu sprechen. Seine Stimme klang zunächst leise und wispernd, dann wurde sie lauter und schwoll an. Das Gesicht des dürren Mannes veränderte sich. Es wurde angespannt. Die Augen traten hervor, so als würde er unter einer großen Anstrengung stehen. An seiner Schläfe war das Pulsieren einer dicken Ader zu beobachten. Sein Mund verzog sich zu einer raubtierhaften Grimasse, während er immer lauter sprach.

Schließlich schrie er fast, während der Chor der anderen kaum mehr als ein leises Summen geworden war.

Der dürre Mann hielt jetzt das Buch mit einer Hand, während er mit der anderen begann, eigentümliche Zeichen in die Luft zu malen, was an der kalten Steinwand in Form von tanzenden Schatten sichtbar war.

Fünf Kreise waren dort so in den Stein hineingeritzt worden, dass sie ihrerseits wiederum einen Kreis bildeten. Der Blick des dürren Mannes war wie gebannt auf diese Stelle gerichtet, während seine Lippen unablässig vor sich hin murmelten.

Ein phosphoreszierendes Leuchten bildete sich dann um den ersten der großen Steinsarkophage und ließ die Anwesenden schaudernd einen Schritt zurücktreten.

Nur der dürre Mann blieb ungerührt wo er war.

In seinen Augen blitzte der Triumph, denn nun wusste er, dass ihm sein Vorhaben gelingen würde.

Das leicht grünlich wirkende Leuchten breitete sich auch auf die anderen Steinsärge aus und innerhalb weniger Augenblicke war es in der Gruft derart hell, dass die Anwesenden ihre Gesichter schützen mussten.

Dies ist der Augenblick, ging es dem dürren Mann durch den Kopf. Die Energie der Totengeister war aktiviert und stand zur Verfügung. Eine der stärksten Kraftquellen, die es gibt, dachte der dürre Mann schaudernd. Aber es gibt noch stärkere Mächte... Noch viel Stärkere! Und eine dieser Mächte kenne ich beim Namen!

"Quarma'an!", rief er dann aus vollem Halse und der gespenstische Ruf hallte in dem düsteren Gemäuer wieder.

"Quarma'an!" Dann folgte noch eine Folge schier unaussprechlicher Worte in einer Sprache, die sich aus dunkler Vergangenheit in das Hier und Jetzt gerettet haben musste. Das Leuchten, das die steinernen Särge dieser Gruft umgab, ließ dann langsam nach. Es war jetzt nicht mehr grell, sondern wurde matter und matter. Schließlich wirkte der kalte Stein der Särge kaum noch beeindruckender als ein Ausstellungsstück aus einem Fluoreszenz-Kabinett, wie es jedes naturkundliche Museum enthielt.

Dafür tat sich um so mehr an der Wand...

Etwas Dunkles - dunkler noch, als die Nacht - hatte sich dort inmitten der fünf Kreise gebildet und wurde rasch größer. Nicht lange und es überragte die Größe eines Menschen. Ein Schatten von etwa zwei Meter fünfzig war zu sehen und bewegte sich.

Jetzt wich sogar der dürre Mann ein kleines Stück zurück.

"Mein Gott", flüsterte er - und es war schon lange her, dass diese Worte über seine Lippen gegangen waren. "Quarma'an..." Der Schatten hob den Arm und eine riesenhafte Hand war als Umriss zu erkennen. Ein tierhaftes, dumpfes Geräusch erschütterte die Gruft und fuhr allen Anwesenden durch Mark und Bein. Das nur schemenhaft sichtbare Schattenwesen wandte den Kopf, an dem sich die Umrisse übergroßer, spitz zulaufender Ohren abzeichneten. Das Wesen, das aus nichts anderem als reiner Finsternis zu bestehen schien, bewegte sich abrupt. Erneut ging ein knurrender, bedrohlicher Laut von ihm aus.

"Halt, Quarma'an!", rief der dürre Mann und sein Gesicht verriet dabei äußerste Anspannung. "Halt!" Das Schattenwesen schien tatsächlich innezuhalten.

"Ich bin dein Herr!", fuhr der dürre Mann dann fort, während er seinem nichtmenschlichen Gegenüber die Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger entgegenhielt. "Und du, Quarma'an, wirst gehorchen!"

Die Antwort war ein dumpfes Knurren.

Ein Laut, der nicht schwer zu deuten war...

2

Ich hatte das Redaktionsbüro des London City Telegraphs kaum erreicht, da rief mir auch schon einer meiner Reporterkollegen mit wedelnden Armen zu: "Telefon, Jennifer!" Es war Harry Warren, ein schon etwas älterer Kollege aus der Sportredaktion.

Er kam auf mich zu und fuhr dann fort: "Es rappelt schon die ganze Zeit auf Ihrem Schreibtisch."

"Hat denn niemand abgenommen?", fragte ich.

"Doch, aber es wurde gleich wieder aufgelegt."

"Oh!"

Warren zuckte die breiten Schultern und während ich an ihm vorbeiging, meinte er noch: "Da scheint jemand nur mit Ihnen sprechen zu wollen..."

Der Tag begann also mit Stress und nicht mit einer Tasse Kaffee.

Einen Augenblick später erreichte ich meinen Schreibtisch, legte hastig die Handtasche ab und griff zum Hörer.

"Jennifer Dexter, London City Telegraph", meldete ich mich und versuchte dabei nicht so zu klingen, als sei ich völlig außer Atem.

Auf der anderen Seite der Leitung hörte ich zunächst nichts und so hielt ich mir das andere Ohr zu, um nicht durch die Geräusche im Großraumbüro der Telegraph-Redaktion abgelenkt zu werden.

Ich ließ mich in den Drehsessel gleiten, der vor dem Schreibtisch stand und horchte angestrengt.

"Hallo?", fragte ich.

Wollte sich da jemand einen üblen Scherz erlauben?

In dieser Hinsicht musste man heutzutage leider mit allem rechnen. Im Hintergrund hörte ich Straßengeräusche durch den Hörer. Der Akustik nach wurde aus einer Telefonzelle angerufen.

"Sind Sie wirklich Jennifer Dexter?", fragte dann eine ängstlich klingende Frauenstimme.

"Ja", bestätigte ich.

"Ich habe Ihre Durchwahl aus dem Impressum des Telegraphs", murmelte sie. Sie sprach sehr leise, fast so, wie jemand der Angst davor hat, dass ihm jemand zuhören könnte. "Ich habe oft Ihre Artikel gelesen, Miss Dexter... Sie beschäftigen sich darin häufig mit ungewöhnlichen Phänomenen..." Sie stockte.

"Mit dem Übersinnlichen... Ich weiß deshalb, dass Sie mich nicht für verrückt erklären werden, wenn ich Sie vor einer furchtbaren Gefahr warne... Einer Gefahr, die sonst von niemandem ernstgenommen wird!"

"Wer sind Sie?", fragte ich, bekam aber keine Antwort darauf.

"Ich habe große Angst", flüsterte die Frau in der Telefonzelle.

Ich atmete tief durch und versuchte, ganz ruhig zu werden. Derweil gingen mir die verschiedensten Möglichkeiten durch den Kopf, um wen es sich bei der Frau wohl handeln konnte. Eine Hysterikerin, die sich wichtig machen wollte und im Grunde nur jemanden brauchte, der ihr zuhörte? Jemand, der in die Zeitung wollte? Oder steckte mehr dahinter?

"Wovor wollen Sie mich warnen?", fragte ich. Schweres Atmen drang durch die Leitung.

Ich hoffte nur, dass die Frau nicht einfach einhängte und man am nächsten Tag vielleicht etwas von einer Selbstmörderin hörte, die sich vom Dach irgend eines Hochhauses gestürzt hatte...

"Hören Sie mich noch?", hakte ich nach. "Was ist das für eine Gefahr, von der Sie sprachen?"

Ruhig bleiben!

"Quarma'an", kam es leise wispernd über die Telefonleitung und ich war mir im ersten Moment noch nicht einmal sicher, ob ich dieses seltsame Wort überhaupt richtig verstanden hatte.

"Was ist das – Quarma'an?", fragte ich.

"Ein Wesen", kam es zurück. "Ein sehr mächtiges Wesen mächtiger, als sich die meisten Menschen das überhaupt nur vorstellen können... Quarma'an ist ein Mörder... Ein Teufel, der vor nichts halt macht."

"Wie heißen Sie?", fragte ich noch einmal.

"Pamela", sagte sie nach einigem Zögern.

"Und weiter?"

Eine Pause folgte. Dann fragte Sie: "Ich kann Ihnen vertrauen?"

"Natürlich", erwiderte ich.

"Pamela Green. Miss Dexter, ich kann jetzt nicht weiterreden... Könnten wir uns nicht irgendwo treffen? Bitte!"

Sie schien sehr verzweifelt zu sein und so stimmte ich schließlich zu. "Und wann?", fragte ich anschließend. "Jetzt gleich?"

"Nein, jetzt kann ich nicht. Morgen. Morgen früh. Kennen Sie Bewley's Restaurant in der Ladbroke Grove Road?"

"Ich werde es sicher finden."

"Um zehn."

"In Ordnung!"

Für einen kurzen Moment glaubte ich, den Klang einer zweiten, dunkleren Stimme zu hören. Aber dann klickte es und das Gespräch war zu Ende.

Quarma'an...

Der Name ging mir nicht aus dem Kopf.

3

"Hey, was machst du für ein sauertöpfisches Gesicht, Jenny?" Die Stimme, die mich abrupt aus meinen Gedanken herausriss, gehörte Joe Carmodie, der als Fotograf beim London City Telegraph angestellt war. Joe und ich hatten oft zusammengearbeitet und bildeten ein wirklich gutes Team. Genau wie ich war er sechsundzwanzig Jahre alt. Seine unkonventionelle Art hatte unseren Chefredakteur schon so manches Mal zur Weißglut gebracht. Aber er war ein guter Fotograf, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Joe setzte sich frech auf meinen Schreibtisch. Mit einem Seitenblick bemerkte ich, dass seine Jeans einen neuen Flicken hatte.

Das Revers seines Jacketts war ziemlich ramponiert, was durch die Kameras kam, die für gewöhnlich wie Mühlsteine an seinem Hals hingen.

Mit einer lässigen Handbewegung fegte er sich das etwas zu lange blonde Haar nach hinten und meinte dann: "Nun sag schon, welche Laus ist dir über die Leber gelaufen? Hat der Chef im Zuge von Sparmaßnahmen dein Gehalt gekürzt oder an deinem letzten Artikel so gründlich redigiert, dass du nur noch an der Namenszeile erkennen konntest, dass es deine Story war?"

Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel fast wie automatisch hochzogen. Dem jungenhaften Charme dieses Mannes konnte man sich kaum entziehen und es war schwer, in seiner Gegenwart schlechtgelaunt zu bleiben.

Mir gelang das zumindest nur selten.

Joe sah mich an und zog die Augenbrauen hoch.

"Oder sollte es vielleicht sogar möglich sein, dass du dir ein paar ernsthafte Gedanken machst, Jenny?" Ich war verwirrt.

"Ernsthafte Gedanken?", fragte ich zurück. "Und worüber?" Joe zuckte die Achseln.

"Was weiß ich? Über die Zukunft, dein Leben, und darüber, dass da in deiner Nähe seit langem ein überaus sympathischer, gutaussehender, intelligenter Mann ist, der es wert wäre, mal genauer betrachtet zu werden ..."

"Du sprichst doch nicht etwa von dir selbst, Joe!"

"...und der außerdem in derselben Branche arbeitet wie du, was es erheblich erleichtert, sich zu verabreden. Schließlich hättet ihr in etwa dieselben Arbeitszeiten." Ich unterbrach ihn.

"Joe!", tadelte ich ihn.

Er hob beschwichtigend die Hände.

"Schon gut, Jenny! Ich weiß, dass ich mir bei dir immer wieder einen Korb abholen kann. Aber ich versuche es halt trotzdem ab und zu!"

Seit ich beim Telegraph angefangen hatte, war Joe ein bisschen verliebt in mich. Aber für mich war er einfach nur ein guter Freund und Kollege. Privat waren wir kein Paar und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass wir irgendwann in der Zukunft eines werden würden. Er war mir einfach zu unreif und sprunghaft und entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von einem Traummann.

Nett war er trotzdem.

"Ich hatte einen merkwürdigen Anruf", sagte ich schließlich und fasste ihm in knappen Worten mein Gespräch mit Pamela Green zusammen.

"Ihr wurdet unterbrochen?", fragte er dann stirnrunzelnd zurück.

"Ich weiß es nicht", erwiderte ich. "Zumindest war das Gespräch ziemlich abrupt zu Ende..." Ich zuckte die Schultern. "Sie klang so verzweifelt..."

"Du glaubst, dass an dieser wirren Geschichte auch nur etwas dran ist?" Joe sah mich ziemlich verständnislos an. "Eine Verrückte, wenn du mich fragst. Sie hat sich wahrscheinlich in der Nummer geirrt und brauchte eher jemanden von der Bahnhofsmission..."

"Joe, ich weiß nicht. Ich habe schon ins Telefonbuch geschaut, aber weißt du, wie viele Eintragungen es unter Pamela Green gibt?"

"Lass mich raten: Ein Dutzend? Noch mehr? Und die meisten Frauen dieses Namens stehen vielleicht gar nicht im Telefonbuch, weil nur der Name ihrer Männer dort angegeben ist. Oder sie nennen sich P. Green, damit irgendwelche kranken Geister, die Frauen mit Telefon-Terror in den Wahnsinn treiben, nicht wissen, welches Geschlecht der Besitzer des Anschlusses hat."

Ich zuckte die Schultern.

"Morgen werde ich schlauer sein."

"Komm", sagte Joe und nahm meine Hand. Er zog mich halb aus dem Sessel heraus und ich stand einen Moment später etwas verwirrt vor ihm.

"Wohin?"

"Hör auf zu grübeln!"

"Leichter gesagt als getan!"

"Wie wär's zur Abwechslung mit Arbeiten, Jenny?" Joe grinste.

Ich ahnte schon, dass er irgendwie etwas zu wissen schien, was sich noch nicht bis zu mir herumgesprochen hatte. Einen Moment noch ließ er mich zappeln, aber dann rückte er endlich mit der Sprache heraus.

Martin T. Stanford, der leicht cholerische Chefredakteur des London City Telegraphs, hatte vor, uns beide auf eine brisante Story anzusetzen. "Es geht um diesen geheimnisvollen Killer, der seit einiger Zeit in London sein Unwesen treibt", sagte Joe.

"Gibt es denn da schon etwas Neues?", fragte ich überrascht, denn meines Wissens tappten die Ermittler in diesem Fall schon seit geraumer Zeit im Dunkeln.

Der geheimnisvolle Mörder, bei dem es sich vermutlich um einen Psychopathen handelte, war ihnen offenbar immer einen Schritt voraus.

"Abwarten, Jenny. In einer halben Stunde gibt es eine Pressekonferenz bei Scotland Yard. Und wenn wir deinen Wagen neben, anstatt meiner Rostlaube, dann kommen wir nicht nur pünktlich, sondern haben vielleicht sogar noch Chancen auf einen Sitzplatz!"

Ich lächelte.

"Okay", sagte ich. "Dann los!"

"Nach Ihnen, Ma'am!"

"Das solltest du dir nicht angewöhnen, Joe. Es passt nicht zu dir!"

"Ach, nein?"

"Nein!"

Wir lachten beide.

4

Die Pressekonferenz bei Scotland Yard war ein Reinfall. Wortreich wurde der Öffentlichkeit erklärt, dass man, was diese Reihe rätselhafter Morde anging, im Grunde noch keinen Schritt weiter war.

Das waren Augenblicke, in denen ich mir wünschte Joes Job machen zu dürfen, denn der konnte natürlich auf jeden Fall seine Bilder machen. Dabei spielte es keine Rolle, wie inhaltsleer die Verlautbarungen waren, die ich dann anschließend mühsam zu einem Artikel verarbeiten musste. Das ging natürlich dementsprechend zäh vonstatten und daher kam ich etwas später aus der Redaktion als üblich. Außerdem ging die Anruferin mir nicht aus dem Kopf. Pamela Green, die mich vor dieser mysteriösen Gefahr mit dem Namen Quarma'an gewarnt hatte. Noch immer schwankte ich zwischen Besorgnis und der Frage, ob ich diese Frau überhaupt ernst nehmen konnte.

Ich fuhr mit meinem roten, ziemlich altmodischen Mercedes nach Hause.

Nach Hause, das gleichbedeutend mit der verwinkelten Villa war von Tante Marge, wie ich sie nannte. Ihr eigentlicher Name war Margret Johnson und ich lebte seit dem frühen Tod meiner Eltern bei ihr. Wie eine Tochter hatte sie sich um mich gekümmert.

Ich traf Tante Marge in ihrem völlig überladenen Arbeitszimmer, dessen Regale und Büroschränke nur so überquollen.

"Schön, dass du kommst, Jenny", sagte sie ohne aufzublicken. Sie schien gerade sehr intensiv mit dem Ordnen von Zeitungsausschnitten beschäftigt zu sein.

Tante Marges Steckenpferd war die Erforschung übersinnlicher Phänomene und okkulter Erscheinungen.

Sie hatte auf diesem Gebiet eine der größten Privatsammlungen Englands. Alle möglichen seltsamen Schriften und uralten Folianten stapelten sich in ihrer Bibliothek und bildeten zusammen mit den zum Teil recht absonderlichen archäologischen Fundstücken, die ihr verschollener Mann Franklin in die Villa gebracht hatte, eine seltsame Mischung. Franklin war ein weithin anerkannter Archäologe gewesen, der von kaum einer seiner zahlreichen Reisen zurückgekehrt war, ohne diesem Kuriositätenkabinett irgend etwas hinzuzufügen. Tante Marge erweiterte das Archiv ständig. Kein Zeitungsartikel, der ihr in die Hände fiel und auch nur entfernt mit diesem Bereich zu tun hatte, konnte ihrer Sammelleidenschaft entgehen.

Tante Marge seufzte und lächelte mich an.

"Ich glaube, ich sollte für heute auch Schluss machen. Hast du Hunger, Jenny? Ich mach uns was zum Abendessen. Hattest du einen schönen Tag?"

"Es ging."

"Was heißt, es ging?"

"Naja, eine Pressekonferenz, bei der nichts herauskam und..."

"Was?"

"Ein merkwürdiger Anruf. Eine Frau wollte mich vor einem Wesen mit dem Namen Quarma'an warnen, von dem eine unglaubliche Gefahr ausginge..." Ich zuckte die Achseln. "Vermutlich nur eine Spinnerin, aber irgendwie ging mir dieser Anruf die ganze Zeit nicht aus dem Kopf...."

"Quarma'an...", murmelte Tante Marge gedehnt, Silbe für Silbe. Sie schien nachdenklich,

"Sag bloß, du hast diesen Namen schon einmal gehört?", fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein", meinte sie.

"Ist auch sicher nicht so wichtig", erwiderte ich, obwohl ich selbst nicht wirklich davon überzeugt war.

5

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Zuerst glaubte ich, dass es etwas mit dem Mond zu tun hatte, der durch das Fenster in meinem Zimmer als fahles Oval hereinschien. Ich wälzte mich hin und her und konnte einfach keine Ruhe finden... Im Innersten ahnte ich längst, dass es mit etwas anderem zu tun hatte...

Dann hatte ich einen Traum und ich wusste sofort, dass es einer jener Träume war.

Auch wenn ich mich lange gesträubt hatte es anzuerkennen, aber ich besaß eine leichte übersinnliche Gabe, die sich in Ahnungen, Tagtraumvisionen oder Träumen zu äußern pflegte, die mir einen winzigen Blick auf die Zukunft gestatteten, wenn ich Glück hatte. Glück?

Manchmal empfand ich diese Gabe eher als Fluch... Ich sah eine Frau in einem roten Kleid, die Hand leicht auf etwas gestützt, das aussah wie ein steinerner Sarkophag. Sie schien sich in einer Art Mausoleum oder Totengruft zu befinden. Ihre Augen waren weit aufgerissen. An die Brust gepresst hielt sie ein Buch, auf dessen ledernem Deckel seltsame Schriftzeichen aufgestickt waren.

Arabische Schriftzeichen...

Ich war mir dessen plötzlich sicher.

Ein Leuchter mit fünf Kerzen schien die einzige Lichtquelle im Raum zu sein. Die Augen der Frau gingen erst starr an die Wand, dann wirbelte sie herum. Sie hatte Furcht. Große Furcht.

An der kalten Steinwand dieses grauen Gemäuers sah ich dann eine Bewegung. Namenloses Entsetzen stieg in mir hoch und griff nach meinem Herzen.

Ein düsterer Schatten erschien an der Steinwand und der Umriss einer geradezu monströsen Hand wurde sichtbar. Ein drohendes, tierisch klingendes Knurren ging von dem schattenhaften Wesen oder Ding aus. Die riesenhafte Hand schnellte blitzartig vor und legte sich um den Hals der Frau...

Schweißgebadet erwachte ich und saß schon einen Augenblick später kerzengerade im Bett.

Ich schluckte und atmete tief durch.

Mit der Hand kämmte ich mir dann das Haar zurück und stand auf. Barfuß ging ich zum Fenster und blickte hinaus. Wolken waren aufgezogen und verdunkelten den Mond, der nur noch wie ein verwaschener Fleck wirkte. Langsam beruhigte sich mein Puls. Ich wusste, dass dieser Traum etwas zu bedeuten hatte... Fragte sich nur, was.

Ein Name lag mir auf der Zunge.

Ein Name, den ich am vergangenen Tag zum ersten Mal gehört hatte und der mir seitdem einfach nicht aus den Ohren gehen wollte.

Quarma'an...

6

Ich fand einen Vorwand, um am nächsten Morgen um zehn in Bewley's Restaurant sein zu können.

Offiziell recherchierte ich auf eigene Faust in dem Fall des rätselhaften Serientäters, der zur Zeit die Londoner erschauern ließ. Ich wartete vergebens auf Pamela Green.

Sie tauchte nicht auf.

Als ich in die Redaktion des London City Telegraphs zurückkehrte, wurde ich gleich ins Büro von Martin T. Stanford, unserem Chefredakteur gerufen. Joe Carmodie hatte bereits in einem der breiten Sessel platzgenommen, die dort zu finden waren. Stanford erhob sich hinter seinem völlig überladenen Schreibtisch, auf dem sich die Manuskripte nur so stapelten. Er lockerte sich die ziemlich grelle Krawatte so, dass sie Ähnlichkeit mit einem Strick bekam und krempelte sich die Ärmel hoch.

"Schön, dass Sie kommen, Jennifer. Haben Sie schon etwas herausgefunden?"

"Nein", musste ich kleinlaut zugeben.

Stanford zuckte die Achseln. "Naja, warum sollen Sie besser sein, als Scotland Yard?"

"Sie sagen es!"

Heute schien er seinen gnädigen Tag zu haben, denn für gewöhnlich verlangte er genau das von uns. Die Crew des Telegraphs hatte besser zu sein, als jede andere.

"Um es kurz zu machen", sagte Stanford. "Es gibt wieder eine Tote, die vermutlich in die Reihe des geheimnisvollen Serienmörders gehört, vor der zur Zeit ganz London zittert. Sie wurde erwürgt und heute morgen am Themseufer gefunden. Jedenfalls meldet das eine Agentur..."

Unter seinen Manuskripten holte Stanford ein Foto hervor und hielt es mir unter die Nase. Joe stand auf und blickte mir über die Schulter.

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen.

Die Frau erkannte ich sofort wieder.

Ich hatte sie in meinem Traum gesehen!

"Ist Ihnen nicht gut?", fragte Stanford besorgt. "Sie sehen so blass aus, Jennifer..."

"Nein, schon gut", murmelte ich.

"Ja, an den Anblick von Toten - auch wenn es nur auf Fotos ist - kann ich mich auch nicht gewöhnen, Jenny. Auch nach den vielen Jahren, die ich schon im Geschäft nicht. Und ich will es auch gar nicht!"

"Ich frage mich, wie viele Menschen noch sterben müssen, ehe dieser kranken Seele endlich das Handwerk gelegt ist!", hörte ich Joe wütend sagen.

Stanfords Blick ging von einem zum anderen. Seine Miene war sehr ernst, fast feierlich.

"Ich weiß, dass Sie beide ein gutes Team sind und nur deswegen habe ich Sie an so eine Sache überhaupt herangelassen! Sehen Sie zu, dass Sie etwas herauskriegen!" Dann holte er noch einen Zettel hervor, auf dem noch ein paar Einzelheiten standen und reichte ihn mir.

Es überraschte mich kaum noch, als ich den Namen der Toten dort las: Pamela Green!

7

Inspektor Gregory Barnes von Scotland Yard war ein ziemlich massiger Hüne. Ich hatte Glück, dass er den Fall bearbeitete, den ich kannte ihn ganz gut und daher war er auch bereit, ohne große Umstände mit mir zu sprechen.

Am frühen Nachmittag saßen Joe und ich in seinem spartanisch eingerichteten Büro. Der Kaffee, der uns angeboten wurde, war so dünn, dass man ihn schon kosten musste, um ihn nicht für Tee zu halten.

Barnes lehnte sich in seinem Rollsessel zurück und sah mich prüfend an.

"Diese Pamela Green hat also bei Ihnen in der Redaktion angerufen", murmelte er gedehnt, nachdem ich ihm einen knappen Bericht gegeben hatte. "Und was ist das für eine Gefahr, vor der diese Dame so eindringlich warnen wollte?"

"Ich habe keine Ahnung", erwiderte ich. "Da ist nur dieser Name, den sie nannte..."

"Quarma'an", brummte Barnes. "Ich hoffe, ich habe das richtig ausgesprochen."

"Als ich mich heute Morgen mit Pamela Green treffen wollte, wartete ich vergebens..."

"Da war sie schon längst tot", erklärte Barnes. "Der Gerichtsmediziner nimmt an, dass sie am Abend umgebracht wurde."

"Todesursache?", fragte ich.

"Sie wurde erwürgt", erklärte Barnes und beugte sich dann etwas vor. Er trank seine Kaffeetasse leer und fügte dann hinzu: "Und zwar durch jemanden mit abnorm großen Händen!" Ich horchte auf und musste unwillkürlich an die schattenhafte Gestalt aus meinem Traum denken...

"Ist das sicher?", murmelte ich.

Er zuckte die breiten Schultern.

"Was ist schon sicher?", erwiderte Barnes. "Der Gerichtsmediziner ist jedenfalls der Ansicht, dass man das aus den Würgemalen herauslesen könnte..."

"Waren Sie schon in der Wohnung der Ermordeten?", fragte ich.

"Ich persönlich noch nicht, aber ein Team der Spurensicherung ist gerade dort."

"Können Sie mir die Adresse geben, Inspektor Barnes?" Er grinste mich ziemlich unverschämt an. "Sie können eine zweite Tasse Kaffee bekommen, wenn Sie wollen. Aber ich will nicht, dass die Fotos von dieser Wohnung morgen schon die Seiten des London City Telegraphs zieren..."

"Das heißt also nein", stellte ich etwas ärgerlich fest.

"So ist es. Aus fahndungstaktischen Gründen!" Ich atmete tief durch und musste mich sehr beherrschen, um mir den Ärger nicht anmerken zu lassen. Schließlich würde ich sicher nicht zum letzten Mal mit ihm zusammenarbeiten müssen.

"Sie könnten ruhig etwas entgegenkommender sein", meinte ich säuerlich, aber Joe fasste mich leicht am Arm.

"Scheint, als müssten wir uns dem Inspektor beugen", meinte er.

Ich glaubte schon, mich verhört zu haben und sah ihn erstaunt an.

"Was?"

"Komm, Jenny, wir haben 'ne Menge zu tun!" Indessen sagte Barnes: "Schade, dass Sie meinen Kaffee so wenig zu schätzen wissen!

"Wir kommen bestimmt wieder, wenn Sie gelernt haben, wie man ihn kocht", erwiderte Joe spitz und zog mich ziemlich fassungslos mit sich.

Draußen auf dem Flur stellte ich ihn zur Rede. "Ich hätte nie gedacht, dass du mir so in den Rücken fallen könntest, Joe!", fuhr ich ihn an, aber er legte nur den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete mir zu schweigen.

"Psst!"

"Ich bin sofort still, wenn du mir jetzt sagst, wie wir in der Sache weiterkommen - ohne Barnes' Hilfe!" Ich stemmte die Arme in die Hüften.

Joe lächelte überlegen. Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte mir dann zu: "Wie wär's, wenn wir einfach in deinen wunderbaren Oldtimer steigen und uns zu Pamela Greens Adresse fährst? Ich glaube, das wäre das einfachste."

"Und wie sollen wir diese Adresse herausfinden, wenn ich fragen darf?"

"Du bekommst sogar eine Antwort - und zwar sobald wir im Wagen sind!"

Jetzt war ich ziemlich perplex.

8

"Woher weißt du Pamela Greens Adresse?", fragte ich Joe, während ich mich in den dichten Londoner Verkehr einzufädeln versuchte, was mir schließlich auch gelang.

Joe lachte.

"Vielleicht habe ich parapsychische Kräfte", witzelte er. "Telepathie oder so etwas..."

"Ich kann darüber nicht lachen Joe", erwiderte ich.

"Schon gut, Jenny! Ich sehe schon, du hast heute nicht deinen humorvollen Tag!"

Ich seufzte. "Jemand war in schrecklicher Bedrängnis und hat mich angerufen, so als sei ich eine Art letzter Ausweg... Wenig später wird diese Person ermordet, aber der zuständige Inspektor ist überhaupt nicht an meinen Angaben interessiert! Das ist ein Skandal, Joe!"

"Jenny..."

"Ist doch wahr! Der Kerl hat sich seine Theorie bereits zurechtgelegt, noch bevor er sich überhaupt auch nur die Wohnung der Toten persönlich angesehen hat!"

"Du hast ja recht, Jenny."

Wir schwiegen eine Weile.

Und dann sagte mir Joe doch noch, woher er die Adresse hatte. Sie hatte auf einem Zettel gestanden, der auf Barnes Schreibtisch gelegen hatte.

Als er mir das erzählte, überfuhr ich beinahe eine rote Ampel.

"Joe!", fuhr ich ihn an. "Du hast doch nicht..." Joe lachte.

"Einen Scotland Yard-Inspektor bestohlen?"

"Du bist unmöglich!"

"Ach, ja?" Er erzählte mir dann, wie es gewesen war. Bei der Begrüßung hatte Joe sich so ungeschickt darüber gebeugt, dass der Zettel hinuntergefallen war. "Ich habe dann in aller Ruhe abgewartet, bis sich eine Gelegenheit ergab, ihn aufzuheben! Aber da ich ein ganz gutes Gedächtnis habe, brauchte ich ihn nicht mitzunehmen..."

Wenig später erreichten wir das Mietshaus, in dem Pamela Green eine schmucke Eigentumswohnung besaß.

Sie lag im obersten Stock und als wir dort anlangten, stand die Tür offen. Wir gingen einfach hinein. Joe machte ein paar Fotos von den mit recht eigentümlichen Zeichen bemalten Wänden... Einige dieser Zeichen kannte ich.

Es waren okkultistische Zeichen, magische Symbole. Pentagramme und umgedrehte Kreuze waren darunter, aber auch Zeichen, deren Bedeutung mir völlig unbekannt war.

"Was machen Sie da?", fragte eine barsche Männerstimme. Ein untersetzt wirkender Mann, an dessen Händen sich Latexhandschuhe befanden, trat auf uns zu. Offenbar gehörte er der Spurensicherung an, und wir hatten ihn gerade bei der Arbeit gestört.

"Das ist schon in Ordnung", erwiderte ich. Der Mann von der Spurensicherung runzelte die Stirn und im nächsten Moment tauchte auch noch ein recht großer und schlaksiger Kollege auf, der uns gleich seine Dienstmarke entgegenhielt.

Dem Ausweis nach hieß er Smith.

"Wieso soll das in Ordnung sein", meinte Smith gallig. "Sie dringen hier einfach ein und..."

"Die Tür war offen!", warf Joe ein, aber die beiden Spurensicherer beeindruckte das nicht.

"Sie sind sicher von der Presse", stellte dann der Untersetzte fest.

"Inspektor Barnes hat uns hier her geschickt!", meinte Joe. "Sie können ihn ja gerne anrufen, wenn Sie ihn bei seiner Unterredung mit dem Staatsanwalt ihrer Majestät stören wollen... Er meinte, Sie seien ein unkomplizierter Mann, Mr. Smith!"

"So, meinte er das...", brummte dieser. Die beiden wechselten einen kurzen Blick miteinander. "Von den Vorschriften hat er wohl noch nichts gehört..."

"Ich bin wahrscheinlich einer der letzten Zeugen, die Pamela Green lebend gesprochen haben", kam ich Joe dann zu Hilfe und berichtete von dem Anruf.

Smith wurde dann etwas zugänglicher. "Sie sehen ja selbst, wie die Wohnung aussieht", meinte er. "Sie gehörte offenbar irgend einer okkulten Gruppe an und wenn nicht alle anderen Umstände auf diesen geheimnisvollen Serienmörder deuten würden, dann..."

"Dann was?", hakte ich nach.

Smith sah mich an.

"Dann würde ich auf Selbstmord tippen."

"Wieso das?"

"Na, wegen der Literatur, die die junge Dame bevorzugte. Alles so düstere Sachen voller Todessehnsucht..."

"Können wir uns vielleicht noch ein bisschen umsehen?" Smith schien unschlüssig, aber sein untersetzter Kollege schüttelte energisch den Kopf. "Nein, kommt nicht in Frage!", knurrte er. "Bitte gehen Sie jetzt und lassen Sie uns in Ruhe unsere Arbeit zu Ende machen!"

9

In den nächsten Tagen recherchierte ich auf eigene Faust. Martin T. Stanford hatte dazu offiziell seine Zustimmung gegeben, schließlich schien der Fall Pamela Green nach Auffassung von Scotland Yard irgendwie mit dem des geheimnisvollen Serienkillers zusammenzuhängen.

Allerdings war ich in meinen Ermittlungen auch nicht viel erfolgreicher als die Polizei.

Und auf Joe musste ich in den nächsten Tagen auch verzichten, da er für einen erkrankten Kollegen einspringen musste. Stanford hatte ihn für ein paar Tage auf den Kontinent geschickt.

Ich befragte Nachbarn, versuchte Kontakt zu Bekannten zu bekommen, was sich aber als schwierig herausstellte. Von ihren Hausnachbarn schien sie kaum jemand wirklich zu kennen. Für die meisten war sie nur eine ziemlich merkwürdige Person gewesen zu sein, aus deren Wohnung es oft nach Räucherstäbchen gerochen hatte, so dass einmal jemand die Feuerwehr verständigt hatte.

Pamela schien sehr zurückgezogen gelebt zu haben. Freunde schien es so gut wie gar keine zu geben. Der Hausmeister des Mietshauses, ein kräftiger Mann in den Vierzigern, dessen Haar jedoch schon schütter wirkte, war recht auskunftsfreudig. Er lud mich in seine Wohnung ein und seine Frau machte einen ziemlich starken Tee.

"Ich habe Miss Green einmal in Begleitung eines etwas seltsam wirkenden Mannes gesehen. So ein dürrer Kerl, schon etwas älter. Er wirkte irgendwie..."

"Ja?"

"Unheimlich!", entfuhr es ihm dann und er nickte heftig.

"Ja, genau! Das ist das richtige Wort!"

"Wann war das?", hakte ich nach.

Er zuckte die Achseln und schien zu überlegen. Dann meinte er: "Vor ein paar Tagen. Ihr Vater kann es nicht sein, obwohl das altersmäßig hinkäme. Aber Miss Greens Eltern starben schon vor etlichen Jahren. Zumindest hat sie mir das mal gesagt."

"Haben Sie eine Ahnung, von wem Miss Green sich bedroht gefühlt haben könnte?", erkundigte ich mich. Der Hausmeister kratzte sich am Hinterkopf, während seine Frau sich setzte und aufmerksam zuhörte.

"In letzter Zeit sah sie etwas mitgenommen aus", meinte er dann gedehnt. "Und sie hat sich oft umgedreht, so als befürchtete sie, dass ihr jemand folgte..."

Er hielt abrupt inne.

Wir blickten alle drei zur Decke. Über uns waren Geräusche zu hören. Der Hausmeister wechselte einem Blick mit seiner Frau. Dann mit mir.

"Ist das über uns nicht die Wohnung von Pamela Green?", vergewisserte ich mich, obwohl ich mir eigentlich sicher war.

Er nickte.

"Ja, und eigentlich hat die Polizei sie doch versiegelt! Da dürfte niemand drin sein!"

10

Nur ein paar Minuten später befanden wir uns vor Pamelas Wohnungstür. Das Siegel von Scotland Yard war erbrochen, aber die Tür war geschlossen.

"Ich habe für Notfälle einen Generalschlüssel", sagte der Hausmeister.

"Warum versuchen wir es nicht erst einmal auf die nette Art?", erwiderte ich und drückte einfach auf die Klingel. Es dauerte einen Moment, bis von der anderen Seite der Tür eine Reaktion kam. Die Tür öffnete sich dann und vor mir stand ein gutaussehender Mann Anfang dreißig. Er trug eine Jeans und dazu einen Blouson.

Das Haar war dunkel blond und seine Augen leuchten meergrün. Er sah aus, als hätte er sich zwei Tage nicht rasiert, wirkte aber sonst sehr gepflegt.

Er hob die Augenbrauen.

In seinen Zügen stand ein Ausdruck der Überraschung.

"Haben Sie das nicht gesehen?", fragte der Hausmeister etwas unwirsch.

Der Fremde sah ihn verwirrt an.

"Was?"

"Das Polizeisiegel? Was suchen Sie hier? Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor..."

"Gut möglich", erwiderte der Mann. "Ich war nämlich schon mal hier, auch wenn das nun schon einige Monate her ist."

Ich öffnete die Lippen und sagte schnell: "Kannten Sie Pamela Green?"

Unsere Blicke begegneten sich. Er sah mich ziemlich prüfend an, bevor er antwortete: "Ich bin Kevin Green, Pamelas Bruder und komme gerade aus New York. Und vielleicht erklärt mir hier jetzt endlich mal jemand, was hier eigentlich los ist!"

"Sie wissen noch nicht Bescheid, nicht wahr?", murmelte ich.

Seine Augenbrauen bildeten jetzt eine Schlangenlinie.

"Bescheid?", echote e. "Worüber?" Ich atmete tief durch.

"Können wir hereinkommen?"

11

Wir ließen uns in die etwas unbequemen, ziemlich modernen Sitzmöbel nieder, die in Pamelas Wohnung standen. Die vorherrschende Farbe war schwarz.

Ich versuchte Kevin Green so knapp und schonend wie möglich über das in Kenntnis zu setzen, was geschehen war.

"Pamela – tot?", flüsterte er.

Er fasste sich mit der Hand vor das Gesicht und wischte sich über die Augen. Dann schüttelte er den Kopf und schluckte. Die Nachricht vom Tod seiner Schwester schien ihn ziemlich zu treffen. Eine ganze Weile lang schwieg er.

Dem Hausmeister wurde es zu unbehaglich.

Unter dem Vorwand, dass er noch etwas zu tun habe, ging er davon und verließ die Wohnung.

"Und wer sind Sie?", fragte er mich schließlich.

"Jennifer Dexter, London City Telegraph..."

"Ah, dann geht es Ihnen wahrscheinlich um eine Sensationsstory, was?", meinte Kevin ziemlich gallig. Der Schmerz ließ ihn so reden.

"Nein", sagte ich. "Ich bin aus einem persönlicheren Grund hier..." Ich berichtete ihm von Pamelas Anruf. "Sie warnte mich vor einer Gefahr mit dem Namen Quarma'an. Haben Sie eine Ahnung, was dieses Wort bedeutet, Mr. Green?" Er schüttelte den Kopf und raufte sich die Haare.

"Nein", sagte er. "Aber wie Sie dieser Wohnung ja sicher ansehen, hatte Pamela so ihre eigenen Ansichten über jene Mächte, die die Welt beherrschen..." Er lachte heiser auf und eine deutliche Spur von Verzweiflung klang darin mit. "Für Sie war die Welt voller Geister, Dämonen und rätselhafter Kräfte... Ich weiß nicht, vielleicht war sie wahnsinnig... Jedenfalls glaube ich nicht, dass diese Warnung irgend einen realen Hintergrund hat..."

Er stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging dann zum Fenster. Sein etwas melancholisch wirkender Blick ging ins Nichts.

"Da bin ich mir nicht so sicher", erwiderte ich.

"Ach, nein?"

"Nein."

Von meinen Träumen konnte ich ihm natürlich nichts sagen. Aber seitdem ich Pamela Green als die Frau in Rot erkannt hatte, die in meinem Traum eine Rolle spielte, war ich überzeugt davon, dass alles möglicherweise einen wirklichen Hintergrund hatte.

Quarma'an...

Ich fühlte, dass dieser düster klingende Name der Schlüssel zu allem war.

Für einen Sekundenbruchteil sah ich den Schatten einer riesigen, beinahe nicht, menschlichen Hand vor meinem inneren Auge und erschauderte...

Bislang schien in diesem Fall nichts einen auch nur annähernd plausiblen Zusammenhang zu ergeben.

Er drehte sich zu mir herum. Sein Lächeln wirkte matt. "Wie ich Sie einschätze, haben Sie auch längst mit der Polizei geredet!"

"Sicher."

"Und?"

"Scotland Yard glaubt, dass ein ominöser Serientäter Ihre Schwester erwürgt hat, aber man hat sich da, wie ich finde, etwas zu schnell festgelegt und verfolgt andere Spuren überhaupt nicht mehr..."

"Ich frage mich, weshalb mich niemand von Pamelas Tod verständigt hat. " Dann zuckte er die breiten Schultern und gab sich selbst die Antwort. "Naja, vermutlich hat mich niemand erreicht. Ich bin nämlich verdammt viel unterwegs."

"Was machen Sie?", fragte ich.

"Ich bin Studiomusiker, ein Beruf, der einen kreuz und quer über den Globus führt. Überall dorthin, wo gerade eine Platte eingespielt wird, auf der ein Saxophon zu hören sein soll..." Er atmete tief durch und wandte dann wieder den Kopf in Richtung Fenster.

Fast schien es, als würde er zu sich selbst reden, als er fort fuhr. Seine Stimme war leise, beinahe ein wenig brüchig.

"Ich glaube, der frühe Tod unserer Eltern hat Pam ein bisschen aus der Bahn geworfen. Sie war zwar bereits siebzehn und ich habe versucht, mich so gut es ging um sie zu kümmern, aber..."

Er schüttelte den Kopf und brach ab.

"Sie machen sich Vorwürfe?", fragte ich.

"Ich habe sie später viel allein gelassen, als es in meiner Musikerkarriere aufwärts ging. Viel zu viel allein... Sie hätte vielleicht etwas mehr Halt gebraucht, den ich ihr nicht geben konnte."

Ich erhob mich ebenfalls und trat etwas näher an ihn heran.

"Ich bin überzeugt davon, dass Sie getan haben, was Sie konnten, Mr. Green."

"Ach ja?", rief er etwas unwirscher, als er es wohl geplant hatte. "Aber offensichtlich hat es nicht gereicht - oder sehen Sie das anders?"

Einen Moment lag herrschte Schweigen. Dann fragte ich ihn: "Möchten Sie wissen, wer Ihre Schwester auf dem Gewissen hat?"

Er drehte sich um und sah mich überrascht an.

"Natürlich!", meinte er schließlich nach einer gewissen Pause.

Ich berührte ganz leicht seinen Arm und sagte: "Dann helfen Sie mir, Mr. Green! Bitte!"

12

"Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, was das Wort Quarma'an bedeutet, oder?", fragte ich Kevin später, nachdem wir die Wohnung längst verlassen hatten und in einem Lokal saßen, das zwei Straßen weiter lag. Immerhin war es einigermaßen gemütlich.

Kevin sah mich fragend an.

"Was soll das sein?"

"Mit diesem Namen bezeichnete Pamela die Gefahr, vor der sie warnen wollte..."

Er zuckte die Achseln.

"Wie ich Ihnen schon sagte, habe ich Pamela in den letzten Jahren viel allein gelassen. Ich dachte, sie sei eigentlich alt genug, um ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Jedenfalls redete ich mir das ein. Aber das war wohl ein Irrtum..." Er nippte an seinem Glas und seine sympathischen Züge bekamen etwas Düsteres. Schließlich fuhr er fort: "Haben Sie die Bücher bemerkt? Und die seltsamen Zeichen, mit denen ihre Wohnung bemalt war?"

"Ja."

"Sie hat sich anscheinend in der letzten Zeit immer mehr mit Okkultismus, Magie und ähnlichen Dingen befasst. Ja, man kann sagen, sie hat sich vermutlich darin verrannt und den Kontakt zur Realität verloren... Sie konnte wohl zeitweise kaum noch eine Entscheidung treffen, ohne vorher die Tarotkarten zu legen oder die Sache auszupendeln... "

"Sie glauben also, das nichts dahintersteckt..."

"Ja, ich halte es für eine ihrer wahnhaften Ideen. Miss Dexter, ich rede ungern schlecht über meine tote Schwester, aber sie wurde zunehmend zu einer Person, mit der man nicht leicht umgehen konnte. Es ist kein Wunder, dass sie nach und nach ihr Leben in Unordnung brachte. Sie verlor sogar ihren Job bei einer Import/Export-Firma, wie ich bei meinem letzten Besuch erfahren habe..."

"Könnte es sei, dass Sie Mitglied irgend einer Sekte oder dergleichen gewesen ist?"

Kevins Blick war nicht einmal sonderlich überrascht.

"Daran musste ich auch denken, als Sie mir von dem Anruf erzählten." Er griff in die Innentasche seines Blousons und holte ein schwarzes Büchlein heraus.

Ein Adressbuch.

"Haben Sie das aus der Wohnung?", fragte ich und er nickte.

"Ja. Die Polizei scheint das nicht sehr interessiert zu haben..."

"Wenn dieser geheimnisvolle Serientäter Ihre Schwester getötet hat, dann dürfte er ja auch wohl kaum darin stehen", erwiderte ich. "Schließlich nimmt man an, dass er seine Opfer ziemlich wahllos aussucht..." Ich streckte die Hand aus.

"Darf ich das Buch mal sehen?"

"Sicher."

Er gab es mir.

Ich blätterte etwas darin herum. Viele Adressen standen nicht darin. Die meisten Eintragungen waren im übrigen auch unvollständig. Ein Vorname und eine Telefonnummer zum Beispiel. Eine besondere Ordnung schienen die Eintragungen nicht zu haben.

Eine Adresse war schwarz eingerahmt und schien Pamela besonders wichtig gewesen zu sein.

"Kennen Sie einen Morris Bulmer?", fragte ich Kevin. Er schüttelte den Kopf.

"Nein, keine Ahnung, wer das ist. Ich kenne auch von den anderen in dem Buch verzeichneten Personen kaum jemanden, mit Ausnahme einiger Schulfreundinnen. Aber mit denen hatte Pam schon seit längerem keinen Kontakt mehr... Wie gesagt, sie wurde immer seltsamer in ihren Ansichten. Nach und nach müssen die meisten ihrer alten Kontakte abgebrochen sein..." Ich gab Kevin Green das Adressbuch zurück und er steckte es wieder ein.

"Hier", murmelte ich etwas abwesend. Er sah mich an und ich merkte erst einen Augenblick später, wie intensiv er mich musterte. Ich schluckte und war etwas verlegen.

Der Blick dieser meergrünen Augen jagte mir unwillkürlich einen wohligen Schauer über den Rücken.

Für eine Weile herrschte Schweigen, ehe Kevin schließlich sagte: "Es tut gut, mit jemandem über Pam reden zu können, Miss Dexter... Und wenn sie am Ende vermutlich auch nur auf Ihre Sensationsstory aus sind, scheint Ihnen das Schicksal meiner Schwester zumindest ein wenig nahezugehen. Ich bilde es mir wenigstens ein..."

"Sie irren sich, Mr. Green", sagte ich.

"Nennen Sie mich Kevin."

"Meinetwegen", nickte ich.

"Und wie war Ihr Vorname? Jennifer, nicht wahr?"

"Ja."

Seine Augen verengten sich etwas, als er mich dann nach kurzer Pause fragte: "Ich hätte Sie nicht unterbrechen sollen, Jennifer. Inwiefern irre ich mich?"

"Sie schätzen mich falsch ein", erklärte ich. "In diesem Fall steht bei mir keineswegs die Story an erster Stelle, auch wenn mein Chef mich in die Kreuzworträtsel-Redaktion versetzen würde, wenn er das wüsste."

Kevin hob die Augenbrauen.

"Sondern?"

"Ich sagte es Ihnen bereits einmal. Pamela rief mich in höchster Verzweiflung an, weil sie glaubte, dass ich sie ernst nehmen würde und ihr vielleicht helfen könnte. Darum fühle ich mich ihr gegenüber in gewisser Weise verpflichtet." Ich brach ab, atmete tief durch und fuhr schließlich in gedämpften Tonfall fort: "Wissen Sie, was mir manchmal im Kopf herumspukt?"

"Was?"

"Dass sie vielleicht noch leben könnte, wenn ich mich sofort mit ihr getroffen hätte."

Ein mattes Lächeln ging über sein markantes Gesicht. Er ließ mich dabei nicht aus den Augen.

"Es scheint, als hätten wir einiges gemeinsam", stellte er fest.

"Sie sagen es", murmelte ich.

"Ich hoffe mehr, als nur die fixe Idee einer schuldhaften Verstrickung", entgegnete er und nahm sein Glas. Ich nahm das meine und wir tranken fast im gleichen Moment.

13

Kevin gab mir seine gegenwärtige Adresse in London. Er residierte in einem Hotel. Ein fester Wohnsitz lohnte sich für ihn hier nicht.

Dazu war er einfach zu selten in der Themse-Metropole. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und außerdem gab ich ihm meine Handy-Nummer, damit er mich jederzeit erreichen konnte, falls sich etwas Neues ergab.

Da er Pamela Greens einziger Angehöriger war, würde er in den nächsten Tagen ihre Angelegenheiten zu regeln haben, was sicher keine ganz angenehme Pflicht war. Möglicherweise jedoch kam dabei noch etwas zu Tage, was einen Hinweis auf ihren Mörder geben konnte...

Als ich am Abend aus der Redaktion des Telegraphs kam und in meinen roten Mercedes stieg, stand mir plötzlich wieder jene unheimliche Alptraumszene vor Augen, in der ich Pamela zum ersten Mal gesehen hatte, noch bevor ich ihr begegnet war. Für den Bruchteil einer Sekunde war wieder alles gegenwärtig.

Das schreckensbleiche Gesicht der jungen Frau, ihr rotes Kleid und das Buch, das sie an sich gepresst hielt... Und im Hintergrund der unheimliche Schatten mit seiner monströsen Hand.

Der Hand eines Würgers!, wie es mir mit Schaudern durch den Kopf ging. Ich konnte Kevin verstehen, dass er Pamelas Warnung vor einer mysteriösen Gefahr für absurd hielt. Noch war es gar nicht so furchtbar lange her, da hätte ich selbst jeden für verrückt erklärt, der so hysterisch wie Pamela von einem geheimnisvollen Wesen geredet hätte, das eine nicht näher genannte Bedrohung darstellte...

Und das diese Frau am Rand des Wahnsinns gesegelt hatte, das hatten meine bisherigen Recherchen ja ziemlich eindeutig ergeben. Die Kontrolle über ihr Leben schien Pamela nach und nach ziemlich entglitten zu sein.

Andererseits war da diese Traumvision und die Tatsache, dass ich inzwischen schon so manches erlebt hatte, was sich den Erklärungen entzieht, die die Wissenschaft bis heute bietet. Ich hatte gelernt, meiner Gabe zu trauen und wusste, wie gefährlich es sein konnte, diese Visionen, die mich wie Schlaglichter auf die Zukunft heimsuchten, nicht ernst zu nehmen...

Quarma'an...

Ich wusste noch immer nicht, was sich hinter diesem geheimnisvollen Namen verbarg. Irgendein düsteres, vielleicht sogar tödliches Geheimnis.

Auf dem Weg zu Tante Marges Villa ging mir das Buch nicht aus dem Kopf, das Pamela in meiner Vision bei sich getragen hatte. Und ich hatte auf einmal das Gefühl, dass dieses Buch eine wichtige Bedeutung in der ganzen Sache hatte... Ich fand Tante Marge im Garten, wo sie gerade einige Rosensträucher beschnitt.

Im Garten ihrer Villa herrschte teilweise ein ähnlicher Wildwuchs wie in den Bücherregalen ihrer Bibliothek. Nur den Rasen pflegte sie immer so kurz wie auf einem noblen Tennisplatz zu halten. Sie sah von ihren Rosen auf und wischte sich über die Stirn. In der Rechten hielt sie ihre Heckenschere.

"Jenny!", entfuhr es ihr. "Du siehst ziemlich geschafft aus!"

"Das bin ich auch", gab ich zu.

"Was ist es, was dich bedrückt?"

"Ich glaube, ich brauche deine Hilfe, Tante Marge..." Sie lächelte nachsichtig. "Ich weiß zwar nicht, worum es geht, aber du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst, mein Kind!"

14

Dichter Nebel war in der zweiten Nachthälfte von der Themse her aufgestiegen und hatte ganz London einen grauen Schleier übergeworfen.

Nur ab und zu drang noch das verwaschene Licht des Mondes durch die Wolken hindurch und warf sein fahles Licht auf das graue Gemäuer des Mausoleums.

Mit einem Knarren wurde das gusseiserne, beinahe durchgerostete Gittertor geöffnet, dessen Schloss schon seit Dutzenden von Jahren nicht mehr funktionierte. Ein dürrer, hochgewachsener Mann trat ins Freie und blickte sich suchend um.

Ihm folgten noch einige weitere Gestalten.

Ein dumpfes Knurren, fast wie von einem Tier, ließ sie alle zusammenzucken.

Die Augen des dürren Mannes wurden schmal.

Er starrte in den Nebel hinein. In seinem Gesicht stand die Verzweiflung, während er vorsichtig ein paar Schritte nach vorne machte. Fast geräuschlos trat er durch das hohe, feuchte Gras dieses ziemlich verwilderten Grundstücks. Als dunkle Umrisse hoben sich Bäume und Büsche gegen das Grau des Nebels ab.

"Er muss hier irgendwo sein", flüsterte der dürre Mann, in dessen Gesicht ein Muskel oberhalb des linken Wangenknochens unruhig zuckte.

Er atmete heftig.

Kalter Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, obwohl die Nacht allein schon kühl genug war, um einen frösteln zu lassen.

"Wir hätten es nicht tun sollen", sagte jetzt einer der anderen. "Pamelas Schicksal hätte uns eine Warnung sein sollen!"

"Pamela war eine Närrin!", erwiderte der dürre Mann kalt und seine blutleer wirkenden Lippen wurden danach zu einem schmalen, geraden Strich.

Er ging voran und kümmerte sich dabei nicht weiter darum, ob die anderen ihm folgten.

"Warte!", rief ihm jemand hinterher.

Der dürre Mann drehte sich nicht um.

"Wir dürfen ihn nicht gehen lassen", murmelten seine Lippen fast tonlos und wie automatisch. Sein Blick studierte aufmerksam die Umgebung, registrierte jede Bewegung, jeden dunklen Fleck in den wabernden Nebelschwaden.

Die anderen hatten ihn inzwischen eingeholt.

Wieder war ein knurrender Laut zu hören, diesmal leiser und verhaltener.

Der dürre Mann schluckte.

Sein Blick hing starr an einer ganz bestimmten Stelle neben einem großen und etwas verwilderten Busch. Dort hob sich ein Schatten gegen den Nebel ab.

Der Schatten bewegte sich, erhob sich aus einer kauernden Haltung richtete sich zu ganzer Größe auf.

"Quarma'an", flüsterte der dürre Mann in einer Mischung aus Ehrfurcht und Schrecken.

Er streckte beschwörend die Hand in Richtung des Düsteren aus. Mit heiserer, brüchiger Stimme murmelte der dürre Mann einige Worte in einer fremden Sprache, die er immerzu wiederholte...

Der Schatten hielt einen Moment lang inne, schien den monströsen Kopf ein wenig zur Seite zu wenden und hob eine der riesenhaften Hände...

Dann ertönte ein dumpfer, fauchender Laut.

Dem dürren Mann lief es kalt den Rücken hinunter. Seine Stimme wurde schriller und in seine Beschwörungsformeln schien sich ein Unterton von Verzweiflung hineinzumischen...

"Es hat keinen Sinn", sagte einer der anderen.

"Schweig!", zischte der dürre Mann.

Währenddessen setzte sich der Schatten in Bewegung. Ohnmächtig sah der dürre Mann ihm nach, wie er in Richtung der hohen Mauer rannte, die dieses Grundstück von der Umgebung abgrenzte.

"Nein!", rief der dürre Mann und machte ein paar schnelle Schritte vorwärts. Beinahe stolperte er dabei, als er in eine Vertiefung hineintrat.

Er atmete schwer, während er beobachtete, wie der Schatten verschwand. Es schien gerade so, als würde er durch den grauen Stein der Mauer hindurchlaufen, ohne dass diese ein Hindernis für ihn bedeutet hätte.

Der dürre Mann schüttelte stumm den Kopf und ein Gefühl grenzenloser Ohnmacht überkam ihn.

Er ist frei, ging es ihm schaudernd durch den Kopf. Quarma'an ist frei...

15

Als am Morgen der Wecker schrillte, glaubte ich, gerade erst ins Bett gegangen zu sein. Tatsächlich hatte ich auch kaum mehr als drei Stunden Schlaf hinter mir. Gemeinsam mit Tante Marge hatte ich in ihrem Archiv recherchiert, in der Hoffnung irgend einen Hinweis auf die Bedeutung jenes Namens zu finden, der mir einfach nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Quarma'an...

Ich hatte Tante Marge inzwischen von meinem Traum erzählt und sie teilte meine Ansicht, diese Angelegenheit sehr ernst zu nehmen.

"Wenn ich nur wüsste, was für eine Gefahr von Quarma'an ausgeht, Tante Marge!"

"Ich habe nicht die geringste Ahnung, Jenny!"

"In dem Traum spielte auch ein Buch eine Rolle. Und wenn ich mich nicht irre, waren auf dem Deckel arabische Schriftzeichen... Hilft dir das nicht weiter?"

"Jenny! Wir suchen eine Nadel in einem Heuhaufen! Und es kann durchaus sein, dass wir uns sogar im falschen Heuhaufen befinden!"

Als ich am Morgen aufstand und mich anzog, klangen diese Wortwechsel aus der vergangenen Nacht noch einmal in mir wider. Es schien, als hätten Tante Marge und ich uns die Nacht umsonst um die Ohren geschlagen, denn wir hatten nicht das geringste über jene mysteriöse Gefahr herausfinden vermocht, von der Pamela Green gesprochen hatte.

Ich gähnte, als ich die Küche im Erdgeschoss betrat. Tante Marge war längst hellwach und auf den Beinen. Und sie hatte das Frühstück fertig.

"Mein Gott, ich frage mich, wie du das machst", meinte ich.

"In meinem Alter braucht man nicht mehr viel Schlaf", meinte sie, während sie den Tee eingoss. Dann deutete sie mit der Hand auf einen Zeitungsausschnitt, den sie neben mein Gedeck platziert hatte. "Hier, das habe ich gefunden", meinte sie dazu. "Es ist nicht viel, und ich bin mir auch nicht sicher, ob es dir überhaupt weiterhilft, aber..." Der Artikel war ungefähr zehn Jahre alt. Als erstes blickte ich auf das grobkörnige Foto, auf dem ein Friedhof in Cambridge zu sehen war. Einige der Grabsteine waren mit seltsamen Zeichen bemalt worden...

Ich überflog schnell die wenigen Zeilen des Artikels. Es ging um einen Wissenschaftler der Universität Cambridge, der kurz vor seiner Emeritierung stand. Er gehörte einem ominösen Zirkel an, der sich die HERREN QUARMA'ANS nannte. Dem Artikel nach war das eine Gesellschaft von Okkultisten und Geisterbeschwörern, deren Mitglieder in Verdacht geraten waren, an Friedhofsschändungen in der Gegend um Cambridge beteiligt gewesen zu sein.

Der Wissenschaftler war zu einem Bußgeld verurteilt worden und musste sich nun vermutlich auch disziplinarisch verantworten.

Sein Name ließ mich meine Müdigkeit vollends vergessen, denn denselben Namen hatte ich bereits in Pamela Greens Adressbuch gelesen.

Er hieß Morris Bulmer!

16

Ich rief Kevin Green in seinem Hotel an und zum Glück bekam ich ihn auch gleich an die Leitung.

"Guten Morgen, Jennifer", hörte ich seine angenehm klingende Stimme sagen. "Es freut mich, von Ihnen zu hören..."

"Kevin! Wir müssen uns unbedingt treffen!"

"Jetzt?"

"Ja. Haben Sie Pamelas Adressbuch noch?"

"Sicher."

"Gut. Dann bringen Sie es mit. Ich habe vielleicht etwas herausgefunden..."

Ich hörte ihn atmen. Einen Moment lang schwieg er, dann erklärte er: "Sie scheinen die Sache wirklich sehr ernst zu nehmen, Jennifer."

"Das sollte Sie nicht überraschen. Ich bin in einer Viertelstunde im Foyer ihres Hotels. In Ordnung?"

"Einverstanden."

Ich verlor keine Zeit, setzte mich hinter das Steuer meines Mercedes und quälte mich durch den dichten Stadtverkehr Londons. Ich brauchte länger als eine Viertelstunde, hoffte aber dass Kevin trotzdem auf mich warten würde.

Als er mir dann im Foyer seines Hotels entgegenging, atmete ich auf.

Er schien etwas gereizt zu sein. Sein Blick ging auf die Uhr. "Wissen Sie eigentlich, dass ich Ihretwegen einen wichtigen Termin verschoben habe?"

"Tut mir leid!"

Ich machte keine Umschweife, griff in die Handtasche und zeigte ihm den Zeitungsartikel.

"Die HERREN QUARMA'ANS..." murmelte Kevin kopfschüttelnd.

"Quarma'an - war das nicht das Wort, das Pam Ihnen gegenüber erwähnte?"

"Ja. Und in Ihrem Adressbuch stand ein Morris Bulmer. Ich glaube kaum, dass es sich dabei um eine zufällige Namensgleichheit handelt!"

Kevin atmete tief durch.

"Möglich, dass Pam sich einer solchen okkulten Gesellschaft angeschlossen hat. Ich verstehe nichts davon, aber die Schmierereien auf den Gräbern sehen denen ziemlich ähnlich, die man ihrer Wohnung bewundern kann... Grässlich!"

"Es ist eine Spur, Kevin", stellte ich fest. "Und ich schlage Ihnen vor, dass wir diesem Mr. Bulmer mal einen Besuch abstatten..."

Kevin Green zögerte einen Moment.

Er sah mich an und unsere Blicke trafen sich. Schließlich nickte er. "Ihnen kann man einfach nichts abschlagen, Jennifer", lächelte er dann.

Ich erwiderte sein Lächeln und sagte: "Das freut mich!"

"Vermutlich sagt man Ihnen des öfteren, dass Sie eine faszinierende Frau sind", meinte er dann etwas gedämpfter. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass wir recht nahe beieinanderstanden. Aber diese Nähe war mir keineswegs unangenehm. Ein attraktiver Mann, dachte ich. Das einzige, was mir nicht gefiel, waren die Umstände, unter denen ich ihn kennengelernt hatte.

Aber für die konnte keiner von uns etwas,

Ich blickte zu ihm auf.

Sein After Shave roch gut.

"Wir sollten keine Zeit verlieren, Kevin", sagte ich dann nach einem Moment des Schweigens.

17

Morris Bulmer bewohnte eine pittoreske Villa am Rande Londons. Sie war von einer hohen Mauer umgeben. Ein gusseisernes Tor versperrte den Weg zur Haustür. Wilder Wein rankte an dem grauen Stein hinauf.

Ich drückte auf den Klingelknopf der Sprechanlage. Wenig später meldete sich eine etwas gereizt klingende Männerstimme mit einem unverbindlichen "Ja?"

"Mein Name ist Jennifer Dexter. Ich hätte gerne mit Mr. Bulmer gesprochen..."

Einen Augenblick lang kam nichts als ein undefinierbares Knacken aus dem Lautsprecher heraus.

Schließlich sagte die Männerstimme: "Mr. Bulmer empfängt zur Zeit keinen Besuch..."

"Aber..."

"Auf Wiedersehen."

Das Gespräch war unterbrochen.

"Kein sehr warmer Empfang", war Kevin Greens trockener Kommentar. "Sollen wir uns das bieten lassen?" Ich zuckte die Schultern. "Was sollen wir machen. Dieser Morris Bulmer scheint gerade besonders gastfreundlich zu sein."

Ich klingelte noch einmal. Es folgte keinerlei Reaktion. Offenbar wollte man einfach abwarten, bis wir wieder gegangen waren. Aber schließlich war ich Reporterin und als solche daran gewöhnt, dass man hartnäckig sein musste, wenn man Erfolg haben wollte.

Das, was man wissen wollte, wurde einem selten freundlich auf dem Silbertablett serviert. Um so mehr galt das, wenn dieser Bulmer tatsächlich Anführer einer okkulten, vielleicht sogar sektenartigen Geheimorganisation war.

Die HERREN QUARMA'ANS...

Ich fragte mich, ob Pamelas Warnung sich vielleicht darauf bezog.

"Geben Sie es auf, Jennifer", meinte Kevin schließlich.

"Oder wollen Sie mit mir über die Mauer dort klettern?"

"Nein, sicher nicht."

Ich versuchte ein letztes Mal mein Glück mit der Klingel. Wieder meldete sich die gereizte Männerstimme, die jetzt ziemlich ärgerlich klang.

"Hören Sie, wenn Sie..."

"Nein, jetzt hören Sie mir zu!", unterbrach ich. "Sagen Sie Mr. Bulmer, dass ich ihn wegen Quarma'an sprechen muss... Und zwar sofort!"

Auf der anderen Seite der Leitung war es einen Moment lang still. Aber die Verbindung war keineswegs unterbrochen. Ich atmete tief durch und wechselte einen kurzen Blick mit Kevin, der mir anerkennend zuzwinkerte.

Schließlich war mein Gesprächspartner auf der anderen Seite der Leitung zu einer Entscheidung gelangt.

"Ich werde Mr. Bulmer persönlich fragen", sagte er dann.

"Vielleicht kann er ein paar Minuten für Sie erübrigen, Miss Dexter."

Wir warteten noch ein paar Augenblicke, dann öffnete sich plötzlich selbsttätig das gusseiserne Tor und wir traten in den weitläufigen Garten ein, der die Villa umgab. Der Rasen war schon lange nicht mehr geschnitten worden und stand dementsprechend hoch. Außerdem war er von Unkraut durchwuchert. Dunkle, dichte Hecken und seltsam verkrüppelte, zum Teil wohl uralte Bäume gaben dem ganzen Anwesen eine eigenartige Ausstrahlung.

Die verwachsenen Stämme wirkten zum Teil wie geisterhafte, verzerrte Gesichter, aus den Qual und Entsetzen zu sprechen schienen.

Die Aura von Alter und Verfall schien über allem zu schweben und ich blieb unwillkürlich einen Augenblick stehen.

"Was ist?", fragte Kevin. Seine Hand berührte leicht meine Schulter, während mich seine meergrünen Augen verständnislos musterten.

"Nichts", murmelte ich.

"Jennifer..."

Es war noch nicht einmal eine Ahnung, die mich auf einmal beschlichen hatte. Eher ein unbestimmtes, unbehagliches Gefühl, das ich nicht näher zu deuten wusste. Für einen Moment hatte ich die Szene aus meinem Traum vor Augen. Ich sah die monströse Schattenhand...

Ein Geräusch holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Die Haustür hatte sich geöffnet und ein Mann in den mittleren Jahren kam die wenigen Stufen hinab.

Er hatte ein hartes, etwas blasses Gesicht und rotstichige Haare. Der Blick seiner Augen hatte etwas unangenehm Aufdringliches.

Er war nicht alt genug, um Bulmer zu sein. Daher fragte ich ihn: "Sie arbeiten für Mr. Bulmer?"

"Ja. Mein Name ist Jenkins, ich bin sein Sekretär." Er wandte sich an Kevin. "Und wer sind Sie?"

"Kevin Green", stellte dieser sich vor. In Jenkins' Gesicht regte sich nichts. Nur einen Sekundenbruchteil lang war am Flackern seiner Augen erkennbar, dass der Name Green in ihm etwas auslöste. Seine Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie. "Sie..."

"Ich bin Pamelas Bruder", erklärte Kevin ernst. Jenkins Lächeln war maskenhaft und verkrampft. Dann erwiderte er: "Ich habe keine Ahnung, was Sie damit sagen wollen. Aber vielleicht können Sie das ja im Gespräch mit Mr. Bulmer klären..."

Wir folgten ihm die Stufen hinauf zur Haustür. Im Innern herrschte Halbdunkel.

Durch einen engen hohen Flur wurden wir in eine Art Salon geführt.

Die Einrichtung war recht eigenwillig.

Neben zierlich wirkenden runden Tischen und dazugehörigen Sesseln, wobei es sich vermutlich um Antiquitäten aus dem letzten Jahrhundert handelte, waren da eigentümliche Wandteppiche, die mit dem Rest des Inventars überhaupt nicht harmonieren wollten. Es waren offenkundig orientalische Wandteppiche mit eingearbeiteten arabischen Schriftzeichen. Das grelle Farbenspiel der Arabesken wirkte als starker Gegensatz zu dem bleichen Totenschädel, der mich aus einem der völlig überladenen Bücherregale heraus angrinste und mich für einen Moment zusammenfahren ließ.

"Setzen Sie sich bitte", sagte Jenkins indessen, ohne uns dabei anzusehen. "Möchten Sie etwas trinken?"

Details

Seiten
240
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900682
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (August)
Schlagworte
schattengruft fluch steine zwei romantic thriller

Autor

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Titel: Die Schattengruft & Fluch der Steine: Zwei Romantic Thriller