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Dunkle Flüche #5

von Alfred Bekker (Autor) Ann Murdoch (Autor) Alfred Wallon (Autor)

2015 320 Seiten

Leseprobe

Dunkle Flüche #5 - Drei Romantic Thriller

von Alfred Bekker & Ann Murdoch & Alfred Wallon

Der Umfang dieses Buchs entspricht 319 Taschenbuchseiten.

Drei dramatische Romantic Thriller in einem Band: Dunkle Geheimnisse, übernatürliche Bedrohungen, mysteriöse Begebenheiten - und eine Liebe, die sich dem Grauen widersetzt. Darum geht in diesen packenden romantischen Spannungsromanen.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Alfred Bekker: Schreckensgalerie

Ann Murdoch: Der Fluch des Totengottes

Alfred Wallon: Entscheidung in der Königsgruft

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Schreckensgalerie

von Alfred Bekker

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

1

Die Augen des Dämons leuchteten weiß. Sein tierhaftes, grünlich schimmerndes Gesicht wirkte verzerrt. Die Mundpartie wölbte sich wie bei einem Affen hervor. Zwei Reihen furchterregender Raubtierzähne wurden durch die dunkelroten Lippen entblößt. Eine seiner gewaltigen, mit messerscharfen Krallen bewehrten Pranken hielt das ganz und gar von einer schuppig wirkenden Haut bedeckte Wesen wie zum Schlag erhoben.

Grace Waters schluckte, als sie dem mordlüsternen Blick des Ungeheuers begegnete.

Sie schüttelte leicht den Kopf, öffnete halb den Mund und versuchte etwas zu sagen. Aber kein Ton kam über ihre Lippen.

Stummer Schrecken ließ sie schweigen.

"Meine Güte, Grace! Du bist ja ganz bleich geworden!", hörte sie wie aus weiter Ferne die Stimme ihres Mannes. "Es ist ein Bild, Darling. Nur ein Bild..."

Mit einer beinahe zärtlichen Geste rückte Ray Waters den aufwendigen Holzrahmen zurecht, der das großformatige Ölgemälde umrandete. Waters war 55 und ein erfolgreicher Industrieller. Eine hochgewachsene Erscheinung mit grauen Schläfen und stets in einen dreiteiligen Maßanzug gekleidet.

Er musterte seine um einige Jahre jüngere Frau nachdenklich.

Sie ist wie hypnotisiert durch dieses Gemälde!, ging es ihm durch den Kopf. Grace war eine hübsche Mitvierzigerin mit aparten Gesichtszügen. Eine kühle Blonde - so der äußere Anschein. Zumindest wirkte sie stets beherrscht. Um so mehr wunderte sich Waters, dass der Anblick dieses Bildes seine Frau derart mitnahm.

Er trat zu ihr, legte den Arm um sie und sagte: "Ich hänge es wieder ab, wenn du willst!"

Grace drehte langsam den Kopf zu ihm herum.

Ihr Gesicht wirkte beinahe verstört.

"Ray, ich..."

"Ich habe es vor zwei Wochen in dieser kleinen Galerie erworben... Hier in London!"

"Aber, um alles in der Welt, warum?"

"Ich kann es dir nicht genau sagen", erwiderte er. Tiefe Furchen bildeten sich auf Waters' Stirn. Er wirkte nachdenklich. Sein Blick war nach innen gerichtet. "Es faszinierte mich einfach... Ich war wie gebannt vom Anblick dieses Dämons - oder was immer das auch für eine Kreatur sein mag, die der Künstler darzustellen versuchte..."

"Es wirkt so... realistisch", murmelte Grace. "So, als würde dieses Wesen jeden Augenblick aus dem Bild heraustreten..." Sie atmete tief durch. Waters legte den Arm um sie, und sie lehnte sich gegen ihn. "Wahrscheinlich hältst du mich jetzt für hysterisch und überspannt. Aber irgendwie glaube ich kaum, dass ich mich im Angesicht dieses Bildes je wohlfühlen kann..."

"Dann kommt es in den Speicher, Darling."

"Nein, das kann ich nicht von dir verlangen!"

"Du kannst alles von mir verlangen", erklärte er und küsste sie leicht auf die Stirn. "Ich liebe dich nämlich und für mich ist das Wichtigste, dass du glücklich bist!" Sie sah ihn an. Für Augenblicke verschmolzen ihrer beider Blicke miteinander.

Dann schüttelte sie den Kopf, lächelte dabei verhalten und nestelte am Revers seines Jacketts herum. "Macht es dir wirklich nichts aus?"

"Ich werde einfach an den Wertzuwachs denken, den das Bild durchmacht, wenn ich es lagere", lächelte er.

"Wer ist denn der Künstler?"

"Ein gewisser Allan Brennan."

"Kein Name, den du schonmal erwähnt hättest..."

"Mir war er bislang auch kein Begriff - bis ich in der Galerie Sounders & McInnerty durch Zufall eines seiner Bilder sah..."

Waters ließ seine Frau los, wandte sich dem Gemälde zu und trat mit leichtem Schaudern dem Bild entgegen. "Es ist so plastisch, so.... lebendig..." Die Faszination hatte ihn vollkommen gefangengenommen. Sein Blick bekam einen eigenartigen Glanz. "Ich habe so etwas noch nie gesehen! Bei keinem mir bekannten Maler! Diese geradezu unheimliche Intensität..."

In diesem Moment betrat das Hausmädchen den Raum.

"Mrs. Waters, da ist jemand an der Tür, der Sie sprechen möchte..."

"Ich komme sofort, Bridget", murmelte Grace Waters etwas abwesend. Sie blickte ihren Mann an, der noch immer in sich versunken vor dem Gemälde stand. Wenn es sich um eine Frau handeln würde, wäre ich jetzt wohl eifersüchtig!, dachte sie.

Sie folgte Bridget und verließ den Raum.

Unterdessen hob Waters die Hand, berührte vorsichtig den Rahmen. Ein eigenartiger, prickelnder Schauder durchfuhr seinen Arm bis hinauf zur Schulter und breitete sich dann über den gesamten Körper aus.

Waters schluckte.

Er war unfähig, sich auch nur Zentimeter weit zu bewegen.

Irgendeine Kraft hielt ihn gefangen und fesselte ihn mit unsichtbaren Banden.

Was geht hier nur vor?, durchschoss es ihn. Zunächst hatte die Faszination im Angesicht dieses unheimlichen Gemäldes überwogen. Doch jetzt war es etwas anderes. Furcht...

Der Dämon bewegte sich.

Seine krallenbewehrte Pranke hob sich wie zum Schlag. Dann ragte der grünlich schimmernde, schuppige Arm aus dem Gemälde heraus.

Blitzschnell packte die Krallenhand zu und schloss sich um Ray Waters's Kehle. Das Maul des Dämons öffnete sich. Die langen Reißzähne schimmerten matt im gedämpften Licht, das den Raum erfüllte. Das Wesen stürzte aus dem Bild heraus und warf sich brüllend auf Waters. Beide fielen zu Boden.

Waters's Augen waren schreckgeweitet. Der Dämon aus dem Ölbild saß auf der Brust des Industriellen. Erneut ertönte ein markerschütterndes, tierhaftes Brüllen. Die gewaltigen Pranken würgten unbarmherzig, während aus Waters Gesicht jegliche Farbe floh. Seiner Augen brachen und starrten ins Nichts.

Und noch während der Dämon von dem Toten herunterstieg, wurde er transparent. Nur Augenblicke vergingen und er wirkte wie eine schwache Dia-Projektion. Er richtete seine tierhafte Gestalt vollends auf. Sie reichte beinahe bis zu den hohen Kronleuchtern. Sein Maul öffnete sich, und ein grollender Laut kam aus seiner Kehle. Allerdings klang er jetzt auf seltsame Weise gedämpft. So als ob sich eine unsichtbare Wand zwischen ihm und seiner Umgebung aufgebaut hatte.

Grace Waters kam zurück.

Bridget folgte ihr dicht auf dem Fuß.

Sie hatten die Schreie gehört.

"Nein!", stieß Grace hervor, als sie ihren Mann am Boden liegen sah. Dann erstarrte sie mitten in der Bewegung. Das verblassende Monstrum stieß einen Zischlaut in ihre Richtung aus. Das Wesen war kaum noch zu sehen...

"Mein Gott, was geht hier vor?", schrie Bridget mit offenem Mund.

Einen Augenblick später war der Dämon verschwunden.

Mit zitternden Knien stand Grace da, blickte auf ihren toten Mann und fühlte, wie ihr Tränen über die Wangen liefen.

Einige Augenblicke lang dachte sie, Gefangene eines furchtbaren Alptraums zu sein. Aber es gab kein Erwachen. Sie hob den Kopf und sah dann, dass das Ölgemälde leer war.

Nichts war von dem furchterregenden Dämon zu sehen, den ein mit einem düsteren Talent begnadeter Künstler in furchterregender Plastizität auf die Leinwand gebannt hatte.

Da war nur noch die Grundierung zu sehen.

Und die Signatur des Künstlers.

Allan Brennan.

2

Tante Lizzys Augen leuchteten, als sie mich ansah. In der Bibliothek der alten Dame gab es kaum noch einen freien Platz, weder auf dem Fußboden noch auf den kleinen runden Tischchen, die sie im Raum verteilt aufgestellt hatte.

Überall lagen Papiere und aufgeschlagene Bücher herum. Auf dem eigenartigen antiken Schreibtisch, der sich in einer Ecke des Raumes befand und durch die geschnitzten Dämonenköpfe an allen vier Ecken auffiel, türmten sich Stapel von dicken, staubigen Lederfolianten in die Höhe.

Elizabeth Vanhelsing - für mich Tante Lizzy - war in ihrem Element. Wenn der Forscherdrang die alte Dame gepackt hatte, dann konnte sich nichts mehr bremsen. Nächtelang saß sie dann über den okkulten Schriften und den Unmengen Pressematerial, privaten Briefwechseln und Geheimschriften, die sie in ihrem Okkultismus-Archiv im Laufe von vielen Jahren zusammengetragen hatte. Seitdem ihr Mann - der bekannte Archäologe Frederik Vanhelsing - vor Jahren bei einer Expedition im südamerikanischen Regenwald verschollen war, hatte sie sich ganz der Erforschung des Ungewöhnlichen gewidmet.

Tante Lizzy war nicht allein in der Bibliothek.

In einem der Sessel hatte Professor Hugh St.John platzgenommen, ein Chemiker, dessen Hilfe Tante Lizzy in letzter Zeit für die eine oder andere Analyse in Anspruch genommen hatte. St.John war ein rundlicher, freundlich wirkender älterer Herr, der stets in einem sehr stilvollen maßgeschneiderten Dreiteiler daherkam. Ein Mann, der gleichermaßen intellektuelle Brillanz und gediegenen Stil verkörperte. In letzter Zeit tauchte Professor St. John immer häufiger als Gast in der Vanhelsing-Villa auf. Neuerdings schien er sogar ein gewisses Faible für den Okkultismus entdeckt zu haben, was bei einem nüchternen Naturwissenschaftler wie St.John natürlich verwunderte.

Zumindest auf den ersten Blick.

Auf den zweiten musste jeder Beobachter zu der Erkenntnis kommen, dass Tante Lizzy auf ihre Art eine ebenso akribische Forscherin war, die in paranormalen oder außersinnlichen Phänomenen nichts anderes sah, als Geschehnisse, für die die moderne Wissenschaft - noch - keine Erklärung zu liefern in der Lage war. Ihr war dabei sehr wohl bewusst, wie viele Scharlatane und Geldschinder sich auf diesem Gebiet tummelten und die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen ausnutzten.

Tante Lizzy wollte nichts anderes, als die Spreu auf diesem Gebiet vom Weizen zu trennen.

Mochte der Weizen - echte okkulte Phänomene - auch noch so rar sein, wenn man ihn mit der Menge der Spreu verglich: er war da. Ich selbst hatte es erlebt... Und nicht nur einmal!

An diesem Tag hatte ich einen ziemlich stressigen Tag in der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS hinter mir. Am Abend wollte mein geliebter Tom Hamilton mich abholen, um mich in ein neues italienisches Restaurant im West End zu entführen.

Dafür hatte ich mich ein bisschen aufgebrezelt. Ein schlichtes, aber sehr elegantes hellblaues Kleid, dazu Pumps und hochgesteckte Haare. Mit meiner Frisur war ich irgendwie noch nicht hundertprozentig zufrieden gewesen, aber dann war Tante Lizzy in mein Schlafzimmer geplatzt und hatte gemeint, dass ich ihr unbedingt in die Bibliothek folgen müsse. Sie hätte eine Entdeckung gemacht...

"Patti", murmelte sie und hielt mir ein vergilbtes Stück Papier entgegen, beschrieben mit einer eigenartigen, grau schimmernden Tinte. "Ich habe endlich einen Hinweis auf dieses Buch gefunden, auf das du in Darnby-on-Sea gestoßen bist..."

Gerade noch hatte ich ein Gähnen unterdrücken müssen.

Jetzt war ich hellwach. Und an meine Frisur verschwendete ich keinen Gedanken mehr.

"Du meinst..."

"...das LIBRUM HEXAVIRATUM", vollendete Tante Lizzy.

Tom und ich waren bei der Aufklärung einer Serie mysteriöser Todesfälle in einem kleinen Ort in Northumberland auf ein Buch gestoßen, das auf jeden, der in ihm las, eine wahrhaft magische Wirkung ausübte. Verfasst war es von einem geheimnisvollen Rat der Sechs - Wesenheiten, die aus dem Hintergrund angeblich seit Urzeiten die Geschicke der Welt lenken. Und ihr Buch, das LIBRUM HEXAVIRATUM wirkte direkt auf das menschliche Bewusstsein. Innerhalb einer Sekunde war die Erinnerung an jenen Augenblick wieder lebendig, in dem ich das Buch aufgeschlagen und mein Blick die langen Reihen der unbekannten Schriftzeichen entlanggewandert waren...

Das Exemplar des LIBRUMS, das wir auf Darnby Castle gefunden hatten, war zu Staub zerfallen. Aber es musste weitere geben. Ich war überzeugt davon. Niemand, der einmal in einem Exemplar dieses Buches gelesen hatte, würde es je vergessen können. Jedenfalls hatte das Lord Darnby gesagt, jener düstere Unsterbliche, der sich der finsteren Magie des LIBRUMS bedient hatte.

Jetzt war auch er längst zu Staub zerfallen.

Aber er hatte Recht behalten.

Der Gedanke an das Buch hatte mich seit unserer Rückkehr aus Northumberland nicht mehr losgelassen.

Tante Lizzy reichte mir das Schriftstück.

Es war ein Brief, soviel konnte ich erkennen. Die Schrift war ziemlich verschnörkelt. "Das ist französisch", stellte ich fest.

"Das Papier stammt aus einem Briefwechsel, den Hermann von Schlichten mit dem französischen Okkultisten Francois Salasar führte... Ich habe die Papiere letzte Woche bei einer Haushaltsauflösung in Southampton erworben. Auf irgendwelchen verschlungenen Pfaden sind sie in den Besitz einer englischen Lady gefallen, die vor kurzem im Alter von 103 Jahren verstarb. Glücklicherweise wussten ihre Angehörigen den Wert dieser Dokumente nicht im mindesten zu schätzen..."

"Ich fürchte, mein Schulfranzösisch ist nicht gut genug, um diesen Brief zu verstehen", erklärte ich.

"Bei mir ist das nicht anders", lächelte Tante Lizzy. "Aber glücklicherweise habe ich einen Bekannten, der exzellent Französisch spricht!" Tante Lizzy deutete auf Hugh St.

John, der mir mit einem freundlichen Lächeln zunickte.

"Ich hatte eine Gastprofessur in der französischen Schweiz", erklärte der Chemiker.

Tante Lizzy ergriff wieder das Wort.

"Patti, von Schlichten berichtet hier davon, dass ein Buch in seinen Besitz gelangt sei, auf das genau jene Eigenschaften zutreffen, die du mir vom LIBRUM HEXAVIRATUM geschildert hast!"

"Aber es wird nicht beim Namen genannt!"

"Nein, das nicht! Aber die Einzelheiten stimmen überein. Es ist vom Symbol des Sechsecks die Rede. Außerdem spekuliert von Schlichten darüber, wer die Sechs sein könnten..."

"Der Rat der Sechs?"

"Liegt das nicht nahe, Patti?" Tante Lizzy atmete tief durch. "Es ist ein erster Hinweis, Patti. Mehr nicht, das ist mir klar. Aber immerhin eine erste Spur."

In diesem Augenblick läutete der Türgong.

Tante Lizzy lächelte und nickte mir zu. "Das wird Tom sein", meinte sie. "Ich will dich auch nicht länger aufhalten..."

Ich erhob mich. "Tante Lizzy, ich hoffe nicht, dass du wieder die ganze Nacht..."

"Lass nur, Patti!", schnitt sie mir das Wort ab. "Einer der wenigen Vorzüge des Alters ist es, dass man nicht mehr so viel Schlaf braucht..."

"Gehen Sie ruhig, Miss Vanhelsing", erklärte nun Hugh St.John mit ruhiger, tiefer Stimme. "Ich werde auf Ihre Großtante schon aufpassen..."

"Dann wären Sie der Erste, der sie zu bremsen versteht!"

"Nein, das werde ich gar nicht erst versuchen", erklärte St.John. "Das wäre wohl auch völlig sinnlos."

Ich ging wie ein Storch zwischen den Papieren und aufgeschlagenen Büchern hindurch. Tante Lizzy hatte ihre eigene Ordnung, nach der sie ihr Archiv sortierte. Das System, das dahintersteckte musste sehr individuell sein. Ich hatte es bis heute nicht verstanden, obwohl ich seit meinem zwölften Lebensjahr in ihrer Villa wohnte und sie nach dem frühen Tod meiner Eltern mir so nahegestanden hatte wie es sonst nur eine Mutter gekonnt hätte.

Aber es war eine Tatsache, dass sie stets in erstaunlich kurzer Zeit ein bestimmtes Buch oder eine Handschrift aus dem Wust ihrer unermesslich großen Sammlung herausfischen konnte.

Schon oft hatte sie mich bei meinen Recherchen wirkungsvoll unterstützt.

Tante Lizzy trat auf mich zu.

Sie berührte mich leicht am Arm.

"Ich wünsche euch beiden einen schönen Abend", sagte sie dann in gedämpftem Tonfall. "Und im übrigen bin ich kein bisschen böse, dass du mich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten lässt..."

Sie zwinkerte mir zu.

Ich wusste genau, wie sie das meinte.

Der Türgong läutete bereits zum zweiten Mal, als ich endlich öffnete.

Tom Hamilton stand draußen in der regnerischen Nacht. Seine meergrünen Augen blickten mich an. Auch er hatte sich für den Abend in Schale geworfen. Unter einem offenen Regenmantel sah ich ein zweireihiges, dunkelblaues Jackett mit Krawatte.

"Hallo, Patricia", sagte er und der sonore Klang seiner Stimme jagte mir einen wohligen Schauder über den Rücken.

Vielleicht waren es diese geheimnisvollen Augen gewesen, die mich verzauberten, als ich Tom zum ersten Mal begegnet war.

"Tom...", flüsterte ich.

Wir näherten uns. Und während hinter mir die Tür ins Schloss fiel, legte er seinen Arm um mich und drückte mich zärtlich.

Unsere Lippen fanden sich zu einem Kuss voller Leidenschaft.

Der Nieselregen sorgte dafür, dass mein Haar ganz nass wurde und die Strähnen bald feucht am Kopf klebten. Ich bemerkte es nicht.

"Ich muss nochmal ins Haus", meinte ich schließlich, als wir uns voneinander gelöst hatten. "Mein Regenmantel..."

Wortlos strich er mir mit der Hand über das Kinn.

"Du siehst bezaubernd aus, Patti..."

3

Wenig später saßen wir beide in Toms Volvo. Mit sicherer Hand lenkte er den Wagen durch das nächtliche London, ein Meer aus sternengleichen, manchmal durch den Regen verwaschenen Lichtern.

Wir brauchten fast eine Dreiviertelstunde, um das Restaurant zu erreichen, in das wir gehen wollten. Es handelte sich um das MANZONI, eine Neueröffnung. London ist berühmt für seine italienischen Restaurants, jedenfalls bei Kennern. Und Tom und ich teilten neben vielen anderen Vorlieben auch die für die italienische Küche.

Während der Fahrt erzählte ich ihm von der Spur, die Tante Lizzy in Bezug auf das mysteriöse LIBRUM HEXAVIRATUM gefunden hatte.

Wenn es eine Spur war.

Nach Lage der Dinge war das nämlich noch keineswegs sicher.

Ein vager Hinweis, mehr war es nicht.

Seit unserem Abenteuer in Northumberland, hatten wir uns oft darüber unterhalten, was an der Legende über dieses Buch und den Rat der Sechs wohl dran war.

"Dieses Buch scheint noch immer deine Gedanken zu beeinflussen", sagte Tom lächelnd. "Selbst jetzt, da das einzige bekannte Exemplar zu Staub zerfallen ist. Du selbst warst dabei..."

"Es wird weitere geben", flüsterte ich. "Und dieser Rat der Sechs..." Mir schauderte bei dem Gedanken. Ein scheinbar unbegründetes Gefühl des Unbehagens machte sich in meiner Magengegend breit. Jetzt nicht!, durchfuhr es mich. Ich wollte nichts weiter, als einen schönen Abend bei Kerzenlicht, ohne einen Gedanken daran, ob irgendwo, an einem verborgenen Ort, geheimnisvolle Wesen schlummerten, die angeblich in der Lage waren, die Geschicke der Welt zu lenken. Aber ich konnte einfach nicht anders, als immer wieder daran zu denken.

Ich atmete tief durch.

Ein dumpfes Druckgefühl meldete sich für Augenblicke hinter meinen Schläfen. Es wurde zu einem unangenehmen Pochen und verschwand dann.

Eine übersinnliche Kraft...

Mein Para-Sinn zeigte mir derartige mentale Energien auf diese Weise an.

Nach einem Augenaufschlag war es bereits wieder vorbei.

Was war das?

Tom parkte den Volvo in einer Nebenstraße. Er öffnete mir die Tür und hielt seinen Schirm über mich. Eine nette Geste, auch wenn sie mich vor der Nässe des Nieselregens kaum schützen konnte. Die Luft schien mehr oder weniger von Feuchtigkeit gesättigt zu sein. Das berüchtigte Londoner Wetter eben...

Arm in Arm gingen wir die Seitenstraße entlang. Hier und da brannte eine Neonreklame. Die feuchte Kühle drang durch meine Kleider. Ich fröstelte etwas und drängte mich nahe an Tom heran.

Schließlich erreichten wir das MANZONI.

Tom war als Reporter auf der Eröffnungsfeier dieses In-Lokals gewesen. Das Ergebnis war eine Zehn-Zeilen-Lobeshymne in den LONDON EXPRESS NEWS gewesen, jenem großen englischen Boulevardblatt, bei dem wir beide unser Geld verdienten.

Innen herrschte gedämpftes Licht.

Die Einrichtung war traditionell und wirkte rustikal. Der Innenraum war in Holz gehalten. Die kunstvollen Kronleuchter, die von der Decke hingen, verbreiteten ein mondänes Flair. Im Hintergrund lief rauschend und kratzend eine uralte Caruso-Platte.

Ich sah Tom an.

"Sehr romantisch", sagte ich.

"Ist das nicht genau das, wonach wir uns im Moment beide sehnen?"

"Natürlich..."

Er nahm mir den Mantel ab und hängte ihn auf. Ein Kellner brachte uns zum Tisch. Tom hatte ihn reservieren lassen.

Kerzen wurden entzündet. Ihr weiches Licht ließ Toms markante, von dunklem Haar umrahmte Züge etwas weicher erscheinen als sonst.

Seine Hand legte sich auf die meine.

"Ich liebe dich, Patti", sagte er. Das Timbre seiner Stimme vibrierte. Ein wohliger Schauder überlief mich dabei.

"Ich dich auch", flüsterte ich.

Mein Hals war trocken. Ich war kaum in der Lage, etwas zu sagen und versuchte zu schlucken. Unsere Liebe war im Laufe der Zeit noch tiefer geworden.

Toms meergrüne Augen musterten mich. Ich brauchte nichts zu sagen. Er wusste, was in mir vorging.

Der Kellner kam und schenkte den Wein ein. Wir hoben die Gläser, ließen sie mit einem kurzen Klirren aneinanderstoßen und ich fragte: "Worauf sollen wir trinken?"

"Auf die Zukunft?"

"Auf unsere Zukunft!"

Ich nippte an dem Glas, nahm einen Schluck des süßen Lambrusco und stellte das Glas wieder hin.

"Gehen wir nachher noch zu dir?", fragte ich.

"Gerne. Wenn deine Großtante dich nicht allzu sehr vermisst..."

"Das glaube ich kaum. Sie hat Besuch. Es ist Professor St. John..."

"Er ist in letzter Zeit ziemlich oft in der Vanhelsing-Villa", stellte Tom Hamilton fest und lehnte sich etwas zurück.

Ich musste unwillkürlich lächeln. "Nicht mehr lange und Tante Lizzy hat aus einem nüchternen Naturwissenschaftler einen kräutergläubigen New Ager gemacht!" Ich machte eine kurze Pause, senkte den Blick und sah einige Sekunden lang in das dunkle Rot des Lambruscos in meinem Glas. "St. John ist Witwer. Seine Frau starb vor Jahren durch einen mysteriösen Verkehrsunfall... Das heißt, der Unfall selbst war nicht sonderlich mysteriös, nur die Umstände!"

"Welche Umstände?"

"Eine Geisterseherin auf dem Jahrmarkt in Southgate sagte ihr den nahen Tod voraus. Mrs. St. John nahm das natürlich nicht ernst. Als sie und ihr Mann wenig später an einem Spiegelkabinett vorbeikamen, sahen sie beide dort für Sekunden das Unfallgeschehen voraus..." Ich zuckte die Achseln. "Jedenfalls versteht Tante Lizzy sich sehr gut mit Professor St. John..."

Unsere Blicke begegneten sich und verschmolzen förmlich miteinander.

Später fuhren wir zu Toms Wohnung in der Ladbroke Grove Road. Ich wollte in dieser Nacht einfach nicht allein sein.

4

Michael T. Swann erhob sich hinter seinem völlig überladenen Schreibtisch und reichte mir eine dünne Mappe. Unser Chefredakteur hatte Tom und mich in sein Büro gerufen, noch bevor sich einer von uns an seinen Schreibtisch hatte setzen können. Es musste sich um etwas Dringendes handeln. Und Swann war ziemlich ein Eile. Er verzichtete sogar auf ein "Guten Morgen", so ohne Umschweife kam er zur Sache.

"Der Industrielle Ray Waters ist auf sehr mysteriöse Weise gestorben", erklärte er. Der Name Waters war mir ein Begriff.

Er war nicht nur ein wichtiger Industriekapitän, sondern auch eine bekannte Jet-Set-Größe. In den letzten Jahren war er darüber hinaus als Kunstmäzen hervorgetreten, der auf zahlreichen Auktionen als Käufer von sich reden gemacht hatte.

Swann deutete auf die Mappe.

"Alles, was ich an Informationen habe, ist da drin. Eine dürre Pressemitteilung der Polizei und der Waters Industrial Holding Group... Ja, und dann war da noch ein Anruf der Witwe, Mrs. Grace Waters."

Ich hob die Augenbrauen und strich mir mit einer beiläufigen Handbewegung eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. "Hier bei den LONDON EXPRESS NEWS?", vergewisserte ich mich etwas überrascht.

Swann nickte.

"Mrs. Waters wollte Sie sprechen, Patricia. Ich habe vereinbart, dass Sie so schnell wie möglich bei ihr vorbeischauen. Die Adresse der Waters liegt der Mappe bei..."

Swann atmete tief durch. Er umrundete den Schreibtisch. Wir standen ihm direkt gegenüber. An diesem Morgen hatte er uns nicht einmal einen Sitzplatz angeboten. Er tickte mit dem Zeigefinger auf die Mappe, die er mir gegeben hatte. "Es geht im Kern darum, dass Mr. Waters durch die Hand einer unbekannten Kreatur erwürgt worden sein soll... Sie sehen, dass fällt in Ihr Spezialgebiet, Patricia."

"Eine unbekannte Kreatur?", echote ich.

Swann nickte.

"Ja, jedenfalls nach Aussage des Hausmädchens. Die Polizei gibt sich bedeckter. Aber auch sie kommt um die Tatsache nicht herum, dass die Würgemale am Hals von ungewöhnlich großen Händen stammen. Von Händen, die Krallen gehabt haben müssen..." Swann zuckte die Achseln. "Wie auch immer... Versuchen Sie Ihr Glück bei Mrs. Waters!"

Zehn Minuten später saßen wir in Toms Volvo und quälten uns durch den Londoner Stadtverkehr. Eine graue Dunstglocke hing über der Stadt und sorgte dafür, dass man zwischendurch auf die Uhr schauen musste, um nicht auf den Gedanken zu kommen, dass dies vielleicht schon die hereinbrechende Dämmerung war.

Während der Fahrt versuchte ich per Handy Mrs. Waters zurückzurufen.

Vergeblich.

Der Anschluss war laufend besetzt.

"Wahrscheinlich wird die arme Frau jetzt von der Presse geradezu gejagt", vermutete Tom. "Jetzt will doch jeder ein Foto der Trauernden auf Seite 1...."

Ich seufzte.

"Ich fürchte, du hast recht", gestand ich ein, während ich zum vierten Mal auf die Wahlwiederholungstaste drückte. Auch diesmal wieder ohne Erfolg. Ich legte den Apparat zurück in meine Handtasche.

"Um so seltsamer ist, dass sich Mrs. Waters von sich aus an die NEWS wendet", hörte ich Tom sagen.

Die Waters-Villa befand sich in der Templeton Street. Sie wurde von einem hohen gusseisernen Zaun umgeben. Wir hatten Schwierigkeiten, einen Parkplatz zu finden, denn die Templeton Street war bereits durch die Fahrzeuge mehrerer Reporterteams von Radio, Fernsehen und den Printmedien zugestellt. Wir ernteten jede Menge böser Blicke, als wir durch die lauernden Journalisten hindurchmarschierten, die Gegensprechanlage am Tor betätigten und sofort hereingelassen wurden, als ich meinen Namen nannte.

Ein stummer Leibwächter in dunklem Sakko holte uns vom Tor ab. Die giftigen Kommentare der Kollegen hatten wir im Nacken. Jemand vermutete einen Exklusivvertrag und empörte sich darüber, dass Mrs. Waters offenbar selbst den Tod ihres Mannes finanziell auszuschlachten hoffte.

Die Witwe empfing uns dann wenig später in einem weitläufigen Raum, der an eine Kunstgalerie erinnerte. Die Wände waren mit Ölgemälden unterschiedlichster Epochen vollgehängt. Werke der Moderne waren hier ebenso zu finden wie naturalistische Landschaftsbilder des 19. Jahrhunderts.

Ein Bild fiel mir sofort ins Auge.

Es zeigte nicht mehr als eine schlammfarbene Farbgrundierung und die Signatur des Malers.

Allan Brennan.

Für Sekundenbruchteile hatte ich eine Vision.

Ich sah vor meinem inneren Auge die in Öl gemalte grauenerregende Gestalt eines tierhaften Dämons. Die Krallenhand war wie zum tödlichen Schlag erhoben. Furchtbare Reißzähne schimmerten aus dem sich affenartig vorwölbenden Maul heraus.

"Guten Tag, ich bin Grace Waters", sagte die Mitvierzigerin im schwarzen Kostüm. Ihre Augen waren gerötet. Sie hatte offensichtlich geweint.

"Patricia Vanhelsing", stellte ich mich vor. Dann deutete ich auf Tom. "Dies ist mein Kollege Tom Hamilton. Wir kommen von den LONDON EXPRESS NEWS."

"Es ist schön, dass Sie da sind..."

Tom deutete auf die Kamera, die ihm um den Hals hing und fragte: "Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Bilder mache?"

Mrs. Waters zögerte.

Schließlich sagte sie: "Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie darauf verzichten würden, Mr. Hamilton. Sie haben gesehen, was draußen los ist. Ich möchte nicht mehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesse stehen, als unbedingt nötig."

"Das verstehe ich", sagte Tom.

"Fotografieren Sie den Tatort - aber nicht mich!"

"Einverstanden."

Auf dem Boden waren noch die Reste der Kreidemarkierung zu sehen, die wohl von den Spurensicherern Scotland Yards angebracht worden war. "Dort hat er gelegen", sagte Grace Waters schluckend. Sie hatte Mühe, die Tränen zu unterdrücken. "Und auf ihm dieses Monstrum..." Sie wischte sich über die Augen und wandte den Kopf, so als sähe sie die Szene erneut vor sich. Ihre Züge wurden zu einer Maske der Qual. "Es war so furchtbar... Ich habe niemals etwas derartig Grauenhaftes erlebt."

Ich trat zu ihr.

Einige Augenblicke lang schwiegen wir.

Es war totenstill im Raum. Gib ihr etwas Zeit, Patti...

Diese Frau steht offensichtlich unter einem schweren Schock!

Ich berührte sie leicht am Unterarm.

"Sie müssen Furchtbares durchmachen", sagte ich sehr leise.

Indessen hatte Mrs. Waters sich wieder einigermaßen gefasst.

Sie sah mich an. Ihr Blick war prüfend. "Ich habe mich ganz bewusst an Sie gewandt, Miss Vanhelsing. Ich lese zwar die LONDON EXPRESS NEWS nicht oft, aber dennoch sind mir Ihre Artikel aufgefallen. Sie beschäftigen sich des öfteren mit Geschehnissen, die am Rande dessen liegen, was die menschliche Vernunft noch akzeptieren kann. Aber ich habe immer das Gefühl gehabt, dass es Ihnen nicht um die reine Sensation ging, sondern dass Sie sich wirklich ernsthaft mit den Dingen beschäftigt haben."

"Ja, das entspricht der Wahrheit."

"Sehen Sie, ich bin verzweifelt, Miss Vanhelsing. Unvorsichtigerweise hat mein Hausmädchen die Kreatur erwähnt, die meinen Mann erwürgte. Wissen Sie, was das Resultat sein wird? Sie werden es sich denken können! Im besten Fall wird man sagen, es war der Schock! Und ansonsten bringt einen das nur in die Obhut eines Neurologen, der dann nach unendlich langwierigen Untersuchungen feststellen wird, dass man überreizt ist und dringend Ruhe braucht. Aber das weiß ich selber..."

"Was war das für eine Kreatur?", fragte ich. "Versuchen Sie sie zu beschreiben..."

"Sie war..." Mrs. Waters schluckte. Ihr Gesicht verlor jegliche Farbe. Sie wirkte jetzt bleich und grau wie eine unverputzte Betonwand. Das pure Grauen spiegelte sich im Blick ihrer glanzlos gewordenen Augen. Mrs. Waters hob den Kopf und deutete dann auf das Allan Brennan- Gemälde. "Dort war sie zu sehen!", stieß sie dann hervor. "In Öl gemalt, so plastisch, dass man auf den Gedanken kommen konnte, dass dieses Wesen jeden Augenblick aus dem Bild heraustreten könnte... Ein tierhafter Dämon mit schuppiger, grünlich schimmernder Haut und einem furchtbaren Raubtiermaul. Die Augen leuchteten wie Feuer. Als ich und Bridget - unser Hausmädchen - den Raum betraten, saß die Kreatur auf der Brust meines Mannes, die schrecklichen Krallenpranken waren um seinen Hals gelegt..." Mrs. Waters schlug die Hände vor das Gesicht. Die Erinnerung an das furchtbare Geschehen ließ sie zittern. Ich legte den Arm um ihre schmalen Schultern.

Einige Augenblicke später war sie fähig weiterzusprechen.

"Sie werden mich auch für verrückt halten, oder? Selbst Sie..."

"Nein, Mrs. Waters. Davon kann keine Rede sein..."

Wieder sah ich für einen kurzen Moment das Gemälde vor mir - so wie es offenbar vor dem Mord an Ray Waters ausgesehen hatte. Meine Gabe sagte mir, dass es so war. Es war mehr als nur eine Ahnung. Es reichte schon beinahe an Gewissheit heran.

"Was geschah mit der Kreatur?", fragte ich, während ich unverwandt auf das Gemälde an der Wand starrte, dessen schlammfarbene Grundierung mir recht hastig aufgetragen zu sein schien. Der Maler muss ein ungeheures Arbeitstempo gehabt haben!, ging es mir durch den Kopf. Auf Sorgfalt hatte er offenbar nicht soviel Wert gelegt. Jedenfalls wies die Grundierung Lücken auf, durch die die Leinwand durchschimmerte. Und doch hatte dieses Bild eine so beeindruckende Wirkung!

"Der Dämon verblasste vor unseren Augen", erklärte Mrs. Waters. "Es war gespenstisch. Mein Hausmädchen Bridget könnte Ihnen alles bestätigen, was ich gesagt habe - aber sie ist im Moment krankgeschrieben und befindet sich wegen psychischer Erschöpfung in ärztlicher Behandlung..."

"Ich verstehe", murmelte ich, obwohl das reichlich übertrieben war.

Ich trat vor das Bild, hob die Hand und berührte leicht den kunstvoll verzierten Holzrahmen. Ein eigenartiges Prickeln durchlief meinen Arm, hinauf bis zur Schulter. Im selben Moment spürte ich einen leichten Druck hinter der Schläfe.

Kleine Reste mentaler Energien, dachte ich. Eine Art übersinnlicher Restspannung. Mehr nicht.

"Woher hatte Ihr Mann das Gemälde?"

"Der Name und die Adresse der Galerie stehen auf einem kleinen Schild, dass auf der Rückseite klebt", erklärte Mrs.

Waters. Sie seufzte. "Vielleicht ist es etwas zuviel verlangt, aber ich möchte, dass irgend jemand Licht in den Todesfall meines Mannes bringt. Zu Scotland Yard habe ich in dieser Beziehung keinerlei Zutrauen. Die kümmern sich um Fingerabdrücke und Gewebespuren. Und selbst wenn die ein Ergebnis zeigen, dass das gewohnte Bild sprengt, dann nehmen sie es gar nicht erst zur Kenntnis..."

5

Die Galerie Sounders & McInnerty lag in einer kleinen Seitenstraße in der Nähe des Picadilly Circus. Es war illusorisch, in der Nähe einen Parkplatz zu finden und so musste wir fast eine Viertelstunde zu Fuß gehen, um schließlich vor dem Eingang des unscheinbaren Altbaus zu stehen, in dessen unterer Etage die Galerie eingerichtet war.

Eine freundliche, etwas streng dreinschauende Dame in einem grauen, sehr konservativ wirkenden Kostüm begrüßte uns und führte uns in die hohen Räume, in denen die Bilder jener Künstler ausgestellt waren, die bei Sounders & McInnerty unter Vertrag waren.

Wir stellten uns vor. Als ich erwähnte, dass wir für die LONDON EXPRESS NEWS arbeiteten, hoben sich verwundert ihre Augenbrauen. "Seit wann beschäftigt man sich auf den Seiten Ihres Blattes mit Kunst?"

Tom ignorierte ihre Bemerkung.

"Ihre Galerie gibt es noch nicht besonders lange, oder irre ich mich?", fragte er statt dessen. Tom Hamilton ging hin und wieder auf Vernissagen und verfasste Kunstkritiken - allerdings für die Konkurrenz und unter Pseudonym, denn die Leser eines Massenblattes, wie es die LONDON EXPRESS NEWS nun einmal war, interessierten sich dafür mehrheitlich nicht.

Die Dame in grau, die sich als Evelyn Sounders vorgestellt hatte und offenbar eine Miteigentümerin der Galerie war, bestätigte Toms Vermutung.

"Sie haben Recht", erklärte sie. "Wir haben vor drei Jahren angefangen - und der Erfolg war anfangs eher bescheiden, wie ich zugestehen muss..."

Tom lächelte.

"Es kann genauso gut mein Fehler sein, dass ich bislang noch nichts von Ihnen gehört habe..."

"In Zukunft werden Sie mehr von uns hören, dass kann ich Ihnen versprechen."

Tom hob die Augenbrauen und musterte Evelyn Sounders fragend.

"Kunst zu verkaufen ist nicht einfach, vor allem, wenn es sich um moderne Kunst handelt", hielt er ihr entgegen. "Woher nehmen Sie Ihren Optimismus..."

"Weil wir in jüngster Zeit einen Maler unter Vertrag genommen haben, der sich zweifellos durchsetzen und für gehöriges Aufsehen sorgen wird. Bei einigen Kritikern gilt er jetzt schon als Geheimtip - und wenn Sie sich seine Bilder ansehen, dann werden Sie diese Faszination zweifellos teilen. Er heißt Allan Brennan!"

Tom und ich wechselten einen kurzen Blick, als dieser Name fiel.

"Ein junges Talent?", fragte ich.

"Oh nein, Mr. Brennan ist alles andere als das! Er malt bereits seit Jahren, allerdings hatte er es bisher nicht nötig, seine Bilder zu verkaufen. Erst in letzter Zeit scheint sich daran etwas geändert zu haben, und so schneite er eines Tages in unser Büro..." Evelyn Sounders zuckte die schmalen Schultern. "Es gibt tatsächlich Künstler, denen es sehr schwerfällt, sich von ihren Werken zu trennen. Sie lassen sie lieber im heimischen Atelier verstauben, als sie in fremde Hände zu geben... Ich kann das zwar nicht nachvollziehen, aber ich bin ja auch keine Künstlerin. Nur eine Geschäftsfrau, die versucht, Bilder an den Mann zu bringen!"

Während Tom sich noch etwas mit der Galeristin unterhielt, schritt ich an den Gemälden vorbei, die in diesem ersten von insgesamt fünf Ausstellungsräumen untergebracht waren. Den Namen Allan Brennan suchte ich vergeblich.

Also sagte ich schließlich: "Zeigen Sie uns doch etwas von Mr. Brennan! - Falls Sie noch etwas vorrätig haben!"

"Gerne."

Evelyn Sounders ging uns voran. Ihre hochhackigen Schuhe klapperten auf dem dunklen Parkettboden. Die Galeristin führte uns in einen anderen Raum, der, wie sie sagte, ganz der Kunst des Allan Brennan gewidmet sei.

Der erste Eindruck war in der Tat überwältigend.

Dämonengesichter, Kreaturen von unbeschreiblicher Fremdartigkeit, krakenähnliche Ungeheuer, eigenartige Mischwesen aus Tier und Mensch... Das waren die Themen, die dieser Maler sich gestellt hatte. Mit geradezu gespenstischer Plastizität vermochte er es, diese Schreckenswesen auf die Leinwand zu bannen. Die Augen dieser Kreaturen leuchteten regelrecht. Ihre Blicke waren so intensiv, dass einem schaudern musste. Als ob sie dich wirklich beobachten!, ging es mir fröstelnd durch den Kopf.

Grausame, kalte Blicke waren es, aus denen die blanke Mordlust herausleuchtete. Fratzenhafte Gesichter, deren Anblick einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Nur ein Bild schien nicht zu den anderen zu passen.

Es stellte einen jungen Mann in einem zerknitterten Jackett und mit dutzendfach geflickten Jeans dar. Das blonde Haar war leicht gelockt und hing ihm auf Kinnlänge herunter.

Dieses Gesicht...

Blaue Augen sahen mich mit einem Ausdruck an, der eine Mischung aus Verzweiflung und tiefstem Schmerz darstellte.

Ich musste unwillkürlich schlucken, als ich das Gesicht erkannte.

Jim Field!, durchzuckte es mich. Dieser Mann sieht aus wie Jim Field...

Ich blickte auf das Datum. Das Bild war keine drei Wochen alt, wenn man nach der Signatur ging...

6

Jim Field war der Starfotograf der LONDON EXPRESS NEWS gewesen. Durch Machenschaften einer verbrecherischen Weltuntergangssekte mit der Bezeichnung ORDEN DER MASKE war Jim im Dschungel von Kambodscha ums Leben gekommen. In den Klosterruinen von Pa Tam Ran hatte uns der Geist von Meister Heng Tem damals vage Hoffnungen darauf eröffnet, dass Jim Field möglicherweise noch irgendwo jenseits von Raum und Zeit weiterexistierte. "Nichts geht verloren", so hatten die Worte des Meisters damals gelautet.

Tom und ich hatten noch oft daran denken müssen. Zu Anfang meiner Zeit bei den LONDON EXPRESS NEWS hatte ich oft mit Jim zusammengearbeitet und ein Team gebildet. So manches Abenteuer hatten wir gemeinsam bestanden und eine Zeitlang war Jim sogar insgeheim in mich verliebt gewesen. Ein Gefühl, dass ich nie erwidert hatte, denn obwohl ich die witzige, sehr offene und unkonventionelle Art dieses Blondschopfs sehr mochte, war er doch alles andere als der Mann meiner Träume gewesen.

Eine tiefe Freundschaft hatte uns verbunden.

Um so schmerzlicher war der Verlust damals gewesen, als Tom und ich ihm nach Kambodscha nachreisten, um sein Schicksal aufzuklären.

"Nichts geht verloren..."

Immer wieder hallte dieser Satz des Mönchs aus Pa Tam Ran in diesen Sekunden in meinem Kopf wieder. Es schien mehr Weisheit darin zu liegen, als ich in jenem Moment hatte glauben wollen.

Wie um alles in der Welt kommt Jims Gesicht auf dieses Bild?, durchzuckte es mich. Das Bild war nach seinem Tod gemalt worden. Blieb nur die Möglichkeit, dass der Künstler eine Fotografie des ehemaligen Starfotografs besaß...

Allerdings erschien mir auch das reichlich unwahrscheinlich, denn es waren zwar Tausende von Fotos im Umlauf, die Jim Field geschossen hatte - aber so gut wie überhaupt keins, auf dem er selbst zu sehen war.

Und außerdem war da dieser Ausdruck seines Gesichts.

Dieser Schmerz, diese Qual...

"Ich kann es nicht glauben", flüsterte Tom neben mir, der Jim ebenfalls sofort erkannt hatte.

Ich wandte mich an die Galeristin.

"Dieses Bild unterscheidet sich stark von den anderen", stellte ich fest.

Auf Evelyn Sounders' Gesicht erschien ein etwas verkrampftes, fast verlegen wirkendes Lächeln.

"Ja, das mag schon sein...Möglicherweise hat der Künstler seine - wie soll ich sagen? - Dämonenphase mittlerweile hinter sich, beziehungsweise ist gerade dabei, sie zu überwinden. Wer kann schon wissen, was im Gehirn eines Genies vor sich geht, welche Kräfte letztlich dafür verantwortlich sind, dass es sich in die eine oder andere Richtung entwickelt..."

"Wie kann ich den Künstler erreichen?"

"Ich fürchte gar nicht. Er lebt sehr zurückgezogen..."

"Hier in London?"

"Ja, aber..."

"Ich muss mit ihm sprechen, Mrs. Sounders." Ich versuchte, meiner Stimme, einen sehr eindringlichen Klang zu geben. Auf die Geschehnisse in der Waters-Villa kam ich nicht zu sprechen. Noch nicht...

"Wie ich schon sagte", erwiderte Evelyn Sounders, deren Gesicht jetzt wie aus Stein gemeißelt wirkte. "Mr. Brennan lebt sehr zurückgezogen. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass er sich mit Ihnen unterhalten möchte - ganz gleich, wie kunstsinnig Sie sein mögen. Um es ganz offen zu sagen, Mr. Brennan ist ein etwas verschrobener Mann, der der Welt fast völlig entrückt ist." Sie deutete mit weit ausholender Geste auf die lange Reihe der großformatigen Öl-Gemälde. "Wo sie auch hinschauen, wenn Sie auf die Strichführung achten, dann werden Sie feststellen, dass dieser Mann wie ein wahnsinniger arbeiten muss. Sehr schnell und wie von einer unheimlichen Kraft vorangetrieben. Einem Besessenen gleich... Aber nur so kann wahrhaftige Kunst entstehen, Miss Vanhelsing!" Sie atmete tief durch. Die tiefe Bewunderung, die die Galeristin für das Werk dieses Malers empfand, war deutlich herauszuhören.

"Mein Interesse hat einen sehr persönlichen Grund", erklärte ich. "Ich kenne den Mann, der Mr. Brennan offenbar Modell gestanden haben muss... Allerdings hielt ich ihn bislang für tot, aber wenn er zu dem Zeitpunkt, der bei der Signatur des Bildes vermerkt ist, noch gelebt hat..."

"Mr. Brennan malt, soweit ich weiß, nie nach Vorlage."

"Bitte, ich muss diesen Strohhalm ergreifen!"

Evelyn Sounders seufzte hörbar.

"Gut", sagte sie schließlich. "Ich werde Ihnen die Adresse geben. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich mit Mr. Brennan einen Exklusivvertrag habe. Es hat also keinen Sinn, wenn Sie meine Gutmütigkeit auszunutzen versuchen, um unter Umgehung unseres Hauses direkt mit dem Künstler ins Geschäft zu kommen!"

"Keine Sorge", versprach ich.

"Dann kommen Sie..."

Wir folgten ihr in ein kleines, ziemlich enges Büro, in dem sich ein penibel aufgeräumter Schreibtisch befand. Mit einer sehr kleinen Handschrift schrieb sie die Adresse auf einen Zettel und reichte ihn mir.

"Seien Sie nicht zu enttäuscht, wenn Mr. Brennan sich weigert, Sie zu empfangen..."

"Da wäre noch etwas."

"Und das wäre?"

"Vielleicht haben Sie es noch nicht gehört, aber ein Käufer eines Brennan-Bildes ist ermordet worden... Mr. Ray Waters!"

Das Gesicht der Galeristin blieb unbewegt. Sie war sichtlich darum bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.

"Ich habe in den Radionachrichten davon erfahren. Allerdings wüsste ich nicht, in welchem Zusammenhang dieser Mord mit meiner Galerie steht."

"Sie haben Waters ein Bild verkauft."

"Ja..."

"Haben Sie eine Fotografie?"

"Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, Miss Vanhelsing!"

Die Abwehr war deutlich herauszuhören. Warum ist sie auf einmal so abweisend?, ging es mir durch den Kopf. Eigentlich bestand dazu kein Grund.

"Auf dem Gemälde war eine dämonische Kreatur abgebildet", erklärte ich. "Aber nach dem Mord hing nur noch eine grundierte Leinwand am Haken, die jedoch zweifellos von Allan Brennan signiert war! So als wäre das Ungeheuer aus dem Bild herausgestiegen..."

Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie mich postwendend für verrückt erklärte oder wenigstens, dass sie ein erstauntes Gesicht machte. Aber das tat sie nicht.

Ihr Blick war nach innen gerichtet.

Einige Sekunden lang schien er völlig abwesend zu sein, wie in einem tranceähnlichen Zustand.

Sie weiß mehr, als sie zugibt, Patti!

Ein Ruck ging durch ihren Körper.

"Sagen Sie, sind Sie die Patricia Vanhelsing, die mit ihren Berichten von außergewöhnlichen Phänomenen von sich reden macht?"

"Ja, die bin ich."

Sie schwieg einen Moment.

"Bitte gehen Sie jetzt", murmelte sie dann. "Ich kann Ihnen in dieser Sache nicht weiterhelfen..."

Bleich war ihr Gesicht geworden.

In dieser Sekunde hätte ich viel darum gegeben, zu wissen, was in ihren Gedanken vor sich ging.

7

Du hättest es ihnen sagen sollen!, durchzuckte es sie wie ein greller Blitz. Evelyn Sounders durchschritt jenen hohen Raum, der vollkommen dem Werk von Allan Brennan gewidmet war.

Sie rieb die Hände gegeneinander.

Kalt war ihr geworden.

Aber das konnte nicht an der tatsächlich in den Räumen der Galerie herrschenden Temperatur liegen, denn auf den Thermostat der Zentralheizung war absolut Verlass. Es war eine schleichende, innere Kälte, die die Galeristin schaudern ließ.

Warum hast du es nicht getan? Hat dir der Mut gefehlt?

Sie atmete tief durch.

Wie wird es jetzt weitergehen? Es gibt niemanden, an den ich mich wenden könnte... Niemanden, der auch nur glauben würde, was hier vor sich geht...

Eine Gänsehaut hatte sich auf ihren Unterarmen gebildet.

Sie ging die lange Reihe der Gemälde entlang.

Ihr Blick war starr und konzentriert.

Es ist nicht wahr! Es darf nicht wahr sein! Das alles kann nur ein furchtbarer Alptraum sein, aus dem du irgendwann erwachen wirst...

Sie versuchte etwas ruhiger zu atmen. Aber ihr Pulsschlag erhöhte sich dennoch von Augenblick zu Augenblick. Es ist die Angst, erkannte sie. Die Angst kriecht wie eine glitschige, kalte Schlange in den hintersten Winkel deiner Seele und ehe du dich versiehst, hat ihr Gift bereits zu wirken begonnen...

Ihr Blick glitt an der langen Reihe von Dämonengesichtern vorbei, eins verzerrter als das andere. Mäuler, aus denen lange Reißzähne hervorragten, wölbten sich aus den Gesichtern heraus. Krallenbewehrte Pranken waren drohend erhoben...

Dann starrte sie das Bildnis des jungen Mannes an.

Es sticht wirklich unter den anderen hervor! Evelyn Sounders' Atemfrequenz erhöhte sich.

Ein eisiger Schrecken durchfuhr sie, als sie plötzlich bemerkte, wie in dem Gesicht des jungen Mannes ein Muskel zuckte...

Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück.

Seine Augen!

Der Blick folgte ihr, ehe das Gesicht wieder vollkommen starr wurde.

Wie lange willst du deine Augen noch vor dem verschließen, was hier geschieht?

8

Allan Brennans Adresse gehörte zu einer in den Außenbezirken gelegenen Villa. Es handelte sich um einen verwitterten, düster aussehenden Bau, sehr verwinkelt und mit vielen Erkern. Tom parkte den Volvo in der Nähe der Einfahrt. Wir stiegen aus. Nebelschwaden krochen um das graue Gemäuer herum, das hier und da von sich verästelnden Rissen durchzogen wurde. Die Fassade der Villa musste schon sehr lange nicht mehr renoviert worden sein. Auf dem Dach hatte sich Moos gebildet.

Der Schrei einer Krähe durchschnitt die Stille.

Und ganz leise hörte man im Hintergrund Klaviermusik.

Düstere Akkorde im Largo-Tempo.

"Irgendwer scheint hier recht musikalisch zu sein" meinte Tom. Er drückte kurz meine Hand, bevor wir uns dem Eingang zuwandten. Ein rutschiger Weg aus Natursteinen führte zum Treppenaufgang, der zur zweiflügeligen Haustür führte. Der Vorgarten wirkte ziemlich verkommen. Im Rasen hätte man selbst hochhackige Schuhe komplett verstecken können und die Bäume und Sträucher wirkten morsch und leblos.

Wir erreichten die Tür.

Ich fasste mir unwillkürlich an die Schläfe, als ich dort einen leichten Druck spürte.

"Mentale Energie?", fragte Tom.

Ich nickte.

"Ja... Aber nur ganz schwach!"

"Meinst du, ihr Ursprung liegt hier, in diesem Haus?"

"Ich weiß es nicht..."

Ich hatte übersinnliche Energien bereits um den halben Globus herum erspürt. Und die Intensität dieser Empfindungen stand nicht immer mit der räumlichen Nähe ihrer Ursprungsquelle in Zusammenhang.

Tom betätigte die Klingel.

Zunächst geschah überhaupt nichts.

Wir warteten, während sich die feuchte Kühle dieses grauen, dämmrigen Tages durch unsere Kleider fraß.

Dann versuchte Tom es noch einmal.

"Die Galeristin scheint Recht gehabt zu haben", meinte er ungeduldig. "Dieser Mr. Brennan ist offenbar kein Freund von unangemeldet auftauchenden Gästen!"

"Kann ich ihm im Grunde nicht einmal verdenken", erwiderte ich.

"Hast du Jim je Brennans Namen erwähnen hören, Patti? Versuch dich mal zu erinnern, ob es da doch irgend einen Zusammenhang gibt, den wir bislang übersehen haben..."

Ich schüttelte energisch den Kopf.

"Was glaubst du, was ich die ganze Zeit über getan habe, seit ich dieses Bild bei Sounders & McInnerty gesehen habe... Ich zermarterte mir das Gehirn über genau diese Frage. Aber mir fällt in der Hinsicht einfach nichts ein."

"Soweit ich Jim kannte, interessierte er sich eher für Rock'n Roll als für Malerei..."

Ich konnte das nur bestätigen.

"Es ist schon lange her, da äußerte er mir gegenüber mal, dass er die Malerei seit der Erfindung der Fotografie für tot hält... Sicher eine eigenwillige Auffassung, aber..."

Ich stockte, als nun endlich doch ein Geräusch hinter der Tür dieser verfallenen Villa ertönte. Es handelte sich um ein schabendes Geräusch. So wie die Schritte von jemandem klingen mochten, der seine Füße beim Gehen nicht weit genug vom Boden anhob.

Ein Schlüssel wurde herumgedreht, mehrere Riegel zur Seite geschoben.

Dann endlich öffnete sich die Tür für einen Spalt breit.

Eine knorrige Hand kam hervor, dann ein faltiges Gesicht, dessen blassblaue Augen uns voller Misstrauen musterten.

"Guten Tag, Sie wünschen?"

Der Mann, der uns gegenüberstand war mindestens sechzig.

Seine Haltung war gebeugt. Der Kopf schien beinahe direkt auf den Schultern aufzusitzen. Es wirkte so, als hätte er überhaupt keinen Hals. Da er die Uniform eine Butlers trug, nahm ich nicht an, Allan Brennan persönlich vor mir zu haben.

"Wir möchten zu Mr. Brennan", erklärte ich.

"Wollen Sie etwas abgeben? Wenn etwas unterschrieben werden muss, kann ich das machen, Madam..."

"Nein, nein", wehrte ich ab.

"Dann leben Sie wohl. Mr. Brennan empfängt keinen Besuch, Madam..."

Aus dem Flur hörte ich nun die Klaviermusik. Das langsame Largo wechselte in ein Allegro. Die Intensität des Spiel schwoll an, aber die Akkorde waren noch immer düster, mitunter dissonant. Wie ein fernes Donnergrollen klang es.

Eine Musik, die voller Schmerz, voller Sehnsucht und voll von abgrundtiefer Düsternis war...

Wie geschaffen, um Allan Brennans furchteinflößende Gemälde musikalisch zu untermalen...

Vielleicht war der Künstler es selbst, der in sein Spiel vertieft an den Tasten saß.

Oder zumindest ein ihm sehr verwandter Geist.

"Warten Sie!", rief ich, ehe der Butler die Tür wieder zuschlagen konnte.

Sein Blick wirkte müde und desinteressiert.

"Was ist noch?", fragte er.

"Wir müssen Mr. Brennan wirklich dringend sprechen. Es geht um eines seiner Bilder..."

"Auskünfte aller Art erteilt die Galerie Sounders & McInnerty..."

"Da waren wir längst! Wir müssen Mr. Brennan persönlich sprechen. Und wenn er nicht mit uns reden will, dann wird es in Kürze die Polizei wollen..."

Die buschigen weißen Augenbrauen des Butlers hoben sich.

Auf einmal wirkte der Blick seiner blassblauen Augen etwas aufmerksamer und interessierter.

"Die Polizei?", vergewisserte er sich noch einmal.

Er schaute uns nachdenklich an.

Ich hatte hoch gepokert. Und vielleicht würde ich alles verlieren, was bedeutete, dass dieser Butler uns die Tür einfach vor der Nase zuschlug und wir nie wieder Gelegenheit bekamen, mit Brennan in Verbindung zu treten.

"Schildern Sie mir genauer, worum es geht, Miss..."

"Vanhelsing. Patricia Vanhelsing - und dies ist mein Kollege Tom Hamilton. Wir kommen von den LONDON EXPRESS NEWS."

"Presse?"

"Wir werden nur Mr. Brennan persönlich sagen, worum geht. Aber es liegt durchaus auch in seinem Interesse, mit uns zu reden", mischte sich nun Tom in das Gespräch ein.

Der Butler atmete tief durch.

Dann erklärte er: "Ich muss Mr. Brennan fragen, was weiter geschehen soll. Warten Sie bitte hier!"

Ohne irgendeine Reaktion unsererseits abzuwarten, schlug er die Tür zu, die krachend ins Schloss fiel.

Seine schlurfenden Schritte waren noch einen Augenblick lang zu hören, dann geschah eine ganze Weile gar nichts. Wir warteten und wurden dabei immer ungeduldiger.

Das Klavierspiel schwoll indessen zu einem furiosen Crescendo an. Der unbekannte Pianist überschlug sich geradezu in wahnwitzigen Läufen, die technisch brillant. aber harmonisch äußerst gewagt waren.

Schließlich beruhigte sich das Spiel wieder.

So wie der Wind nach einem Unwetter langsam nachließ.

Der Butler kehrte zurück und öffnete erneut die Tür. "Wenn Sie mir bitte folgen wollen", sagte er dann knapp. "Mr. Brennan erwartet Sie..."

Der Butler drehte sich herum.

Wir gingen hinter ihm her, betraten eine sehr hohe Eingangshalle. Auch hier waren die Risse im Mauerwerk nur mühsam durch Wandbehang und Gemälde verdeckt worden.

Brennans Gemälde...

Dutzende grauenhafte Dämonenköpfe starten uns an, fratzenhafte Gesichter, die direkt den furchtbarsten Alpträumen entstiegen zu sein schienen. Wir durchquerten diesen Raum, während hinter uns die Haustür knarrend ins Schloss fiel.

Mein Blick wanderte an den Wänden entlang und ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit.

Diese Dämonenaugen... Sie sehen dich an! Gleichgültig, wo du in diesem Raum stehst: Ihre Blicke folgen dir...

Ganz ohne Zweifel war Allan Brennan vom rein handwerklichen Standpunkt aus gesehen ein wahrer Meister seines Fachs.

Ich fragte mich, wie man nur inmitten all dieser unheimlichen Fratzen leben konnte, ohne in Depressionen oder Wahnsinn zu verfallen.

Der Butler führte uns durch einen Flur, in dem ein dämmriges Halbdunkel herrschte.

Die Villa musste ziemlich weitläufig sein. Ich schätzte, dass die Wohnfläche diejenige der Vanhelsing-Villa um mindestens das zweieinhalbfache überstieg.

Auch in den Fluren hingen Brennans Dämonenbilder.

Die Tatsache, dass man die verzerrten Gesichtszüge auf Grund des gedämpften Lichts nur erahnen konnte, erhöhte das Grauen nur, dass ich beim Anblick dieser Schreckensgalerie empfand.

Anschließend ging es durch einen Salon.

Auch dessen Wände waren dicht mit Brennan-Gemälden behängt.

Im Hintergrund war wieder das Klavierspiel zu hören, das zwischendurch verstummt war. Dunkle Akkorde reihten sich aneinander, behutsam und leise gespielt. Eine unterschwellige Drohung lag in der Luft. Eine mentale Spannung, die nicht zu erklären war. Das Klavierspiel klang durch eine halb offenstehende Tür zu einem Nebenraum hindurch.

Der Butler beeilte sich, die Tür zu schließen. Dann kehrte er zurück und deutete auf eine antike Sitzgruppe.

"Bitte setzen Sie sich", forderte er uns auf und wir kamen dem nach.

Ohne noch ein Wort zu sagen, verschwand er durch eine andere Tür, die er sorgfältig hinter sich schloss.

"Allan Brennan legt eine geradezu unglaubliche Produktivität an den Tag", erklärte Tom, als der Butler gegangen war. "Er muss Hunderte von Gemälden geschaffen haben... Allerdings ist er etwas einseitig, was die Auswahl seiner Motive angeht..."

Ein leichter Druck machte sich hinter meinen Schläfen bemerkbar.

Mentale Energie.

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür, und ein Mann von mittlerer Größe trat ein. Er trug ein weißes, mit Farbklecksen übersätes Hemd, das er beinahe bis zum Brustbein offen trug. Die Hose war dunkel und lag eng an. Auch sie wies Farbflecke auf.

Brennan hatte gelocktes, dunkles Haar, das offensichtlich ungekämmt war. Ein schmaler Oberlippenbart gab seinem Gesicht etwas Aristokratisches. Seine Haut war Porzellanfarben.

Brennan wirkte insgesamt sehr zerbrechlich.

Seine Augen flackerten unruhig.

Schon beim ersten Anblick spürte man die immense Unruhe, die in der Seele dieses Mannes tobte. Innere Stürme, von denen sich ein Außenstehender wohl kaum ein wirkliches Bild machen konnte.

"Sie wollten mich sprechen, Miss..."

"Vanhelsing", sagte ich.

Er nickte knapp.

Dann trat er auf uns zu, musterte uns nacheinander voller Misstrauen und deutete dann auf Toms Kamera. "Unterstehen Sie sich, das Ding innerhalb dieses Hauses zu benutzen!"

"Keine Sorge..."

"Sie sind Mr. Hamilton?"

"Ja."

Sein Blick war abschätzig. Er atmete schließlich tief durch, drehte den Kopf und wandte sich an mich. "Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir möglichst ohne Umschweife sagen würden, worum es geht. Ich habe nicht viel Zeit..."

"Sie sind ein Künstler von ungewöhnlich großer Produktivität", stellte ich fest.

Ein mattes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

"Jemand wie Sie kann es sicher nicht verstehen, was einen dazu treibt, sich immer wieder vor die Leinwand zu setzen, die Farben zu mischen und zu malen. Strich für Strich... Es ist wie eine Besessenheit. Wer einmal Feuer gefangen hat, den lässt es nicht mehr los..." Brennans Hände hatten sich in diesem Moment zu Fäusten geballt. "Was wollen Sie?", hakte er dann nach. "Mir ist nicht nach Small Talk zu Mute. Mein Butler erwähnte die Polizei..."

"Eines Ihrer Bilder steht möglicherweise im Zusammenhang mit einem Mord", erklärte ich.

Ein unruhiges Zucken machte sich in Brennans Gesicht bemerkbar. Für Sekunden wirkte er völlig verunsichert. Ein gequälter Zug zeichnete sich um seine Mundwinkel herum ab.

"Ein Mord?", wiederholte er, während ein eigenartig wirkender Ruck seinen Körper durchzuckte. "Wer ist ermordet worden?"

"Ein gewisser Ray Waters. Der Name müsste Ihnen ein Begriff sein... Schließlich war er für seinen Kunstsinn bekannt. Er erwarb ein Gemälde von Ihnen, das eine dämonenartige Kreatur abbildete..."

"Ich hoffe nicht, dass Sie hier hergekommen sind, um an meiner Motivwahl etwas auszusetzen", erwiderte Brennan kalt. "Über derartige Fragen setze ich mich nämlich ausschließlich mit Personen auseinander, die auf diesem Gebiet zumindest ein Minimum an Sachverstand besitzen."

"Mr. Waters war kurze Zeit nachdem er das Gemälde erwarb, tot. Und nach Aussage eines - vielleicht hysterischen - Hausmädchens saß eine Dämonenkreatur auf seiner Brust. Genau jene Kreatur, die zuvor auf dem Bild zu sehen gewesen war."

Die Tatsache, dass Mrs. Waters die treibende Kraft dabei gewesen war, diese Story aufzugreifen, erwähnte ich nicht.

Ebenso wenig, dass sie die Kreatur gesehen hatte, die ihren Angaben zufolge Ray Waters ermordet hatte. Ich wollte Allan Brennan nicht in die Enge treiben, sonst lief ich Gefahr, dass er dieses Gespräch einfach beendete und wir nie wieder die Chance bekamen, diesen Fall mit ihm zu besprechen.

Und ich spürte, dass ich genau hier, in diesem Haus, an einem Ort war, an dem zweifellos übersinnliche Kräfte aktiv waren.

Vielleicht ist Brennan parapsychisch begabt!, ging es mir durch den Kopf.

Das Gesicht des Malers zeigte einen erschrockenen Ausdruck.

Fast so, als hätte er meinen Gedanken lesen können!, dachte ich schaudernd.

Vielleicht kann er es!

Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Brennan trat einen Schritt näher, blieb dann stehen und musterte mich auf eine Art und Weise, die mir unangenehm war. Ich spürte wieder jenes charakteristische, leichte Pochen hinter meinen Schläfen...

Ja, so muss es sein!

Ein verkrampftes Lächeln erschien auf Brennans Gesicht.

"Eine eigenartige Geschichte, die Sie mir da erzählen..."

"Eigenartige Geschichten sind mein Spezialgebiet" erwiderte ich.

"Was Sie nicht sagen. Sie scheinen eine interessante Frau zu sein, Miss Vanhelsing. Jedenfalls interessanter als die hohlen Langeweiler, die mir in letzter Zeit, seit ich auf dem Kunstmarkt einige Erfolge hatte, das Haus einzurennen versuchen..."

Er trat auf mich zu, blickte abschätzig auf mich herab und ich hatte im selben Moment das Gefühl, dass etwas in mein Bewusstsein einzudringen versuchte. Es war nicht mehr, als ein ganz kurzer, fast zaghafter Versuch, gegen den ich mich reflexartig abzuschirmen versuchte.

Er nahm meine Hand, aber ich zog sie sofort zurück.

"Ich würde mich gerne ein anderes Mal weiter mit Ihnen über Kunst unterhalten", wisperte er. Sein Blick bekam eine geradezu unangenehme Intensität. "Im Moment wüsste ich allerdings nicht, wie ich Ihnen bei dieser Mordsache weiterhelfen sollte..."

"Vielleicht haben Sie eine Erklärung dafür, dass das Brennan-Original, das Waters sich angeschafft hatte, nach dem Mord buchstäblich leer war. Lediglich die Grundierung und Ihre Signatur waren noch zu sehen", mischte sich jetzt Tom in das Gespräch ein, der die ganze Situation mit sichtlichem Unbehagen betrachtete.

Brennan wandte sich zu ihm herum.

Im selben Moment erklang aus dem Nachbarraum ein dissonanter Akkord, den der uns bis dahin verborgen gebliebene Pianist zu einem genau abgestimmten Zeitpunkt gesetzt zu haben schien.

"Nein, tut mir leid, Mr. Hamilton. Dafür habe ich keine Erklärung..." Sein Blick war plötzlich nach innen gerichtet.

Toms Bemerkung hatte irgend etwas in ihm ausgelöst, auch wenn der Maler sich sichtlich darum bemühte, nichts von dieser Regung nach außen dringen zu lassen. Sein Gesicht wurde maskenhaft. "Wenn Sie mich jetzt allerdings bitte entschuldigen würden. Ich muss wieder an die Arbeit..."

"Da wäre noch eine eher private Angelegenheit, Mr. Brennan...", erklärte ich.

"Kommen Sie bitte ein anderes Mal wieder!"

Seine Hand wanderte hinauf zur Schläfe. Ein gequälter Gesichtsausdruck zeichnete dann seine Züge. Was ist es, das ihn so mitnimmt? Ist seine Gabe ebenso ausgeprägt wie die meine? Sind es am Ende gar meine übersinnliche Kräfte, die ihn derartig leiden lassen?

Ich hatte keine Antworten auf diese Fragen.

Brennan hatte sich bereits zur Tür hin umgewandt, als ich sagte: "Sie stellen auf Ihren Bildern vorrangig Dämonen und andere Kreaturen des Schreckens dar..."

"Ich sagte schon, dass ich darüber mit Ihnen nicht diskutieren werde!"

"...aber es gibt eine Ausnahme. Sie hängt in der Galerie Sounders & McInnerty. Das Bild stellt einen jungen Mann mit langem blonden Haar und geflickter Jeans dar. Die Art und Weise, wie Sie ihn auf die Leinwand gebannt haben ist beinahe fotorealistisch zu nennen. Ich frage mich, ob Sie eine Vorlage hatten. Ein Foto, ein Modell - was auch immer!"

Er schüttelte den Kopf.

"Nein, Miss Vanhelsing. Ich lehne das Malen nach Vorlagen grundsätzlich ab. Es hemmt den Strom der Fantasie. Alles, was ich male, steht vorher ganz deutlich vor meinem inneren Auge. Ich weiß nicht, ob Sie verstehen können, was ich meine. In gewisser Weise gibt es also Modelle, aber sie existieren hier oben!" Und während er das aussprach, fasste er sich mit der flachen Hand an den Kopf.

"Sie erinnern sich doch an dieses Gemälde", vergewisserte ich mich. "Schließlich sticht es aus Ihrem sonstigen Schaffen doch sehr heraus..."

Brennans Züge versteinerten. Er wirkte jetzt sehr düster und abweisend.

"Ich erinnerte mich an jedes meiner Bilder. Und ganz besonders auch an dieses... Dessen können Sie gewiss sein!"

"Ich kenne den jungen Mann, den Sie abgebildet haben", stellte ich dann fest.

Brennans Gesicht verriet Verwunderung.

"So?"

"Es handelt sich um meinen Kollegen Jim Field. Die Ähnlichkeit ist zu groß, um auf Zufälligkeiten beruhen zu können..."

"Manchmal interpretiert der Betrachter seine eigenen Vorstellungen in ein Gemälde hinein. Das geschieht immer wieder."

"Mein Kollege ist tot und ich frage mich, wie sein Gesicht auf dieses Bild gekommen ist..."

"Sehen Sie!" Brennans Zeigefinger schnellte in die Höhe.

In seinen Augen blitzte es. "Sie müssen sich täuschen, Miss Vanhelsing. Es sei denn..."

Seine Augenbrauen bildeten jetzt eine geschwungene Linie.

Falten bildeten sich auf seiner Stirn.

"Was?", hakte ich nach.

Er schüttelte den Kopf.

"Nichts ", murmelte er. "Gar nichts... Und jetzt gehen Sie bitte!"

9

Das Klavierspiel hatte aufgehört. Die Tür zum Nachbarraum öffnete sich knarrend. Tom und ich drehten uns herum und auch Allan Brennans Augen waren auf die junge Frau mit dem langen, rotblonden Haar, das ihr offen über die Schultern fiel, gerichtet. Das helle Kleid, das sie trug, bestand aus einem fließenden Stoff, der sich jeder ihrer grazilen Bewegungen anpasste. Ihr blasses Gesicht war sehr hübsch und ebenmäßig, ihr Blick verträumt und fast wie in Trance.

"Wir haben Besuch, Allan?", fragte sie und ein sanftes, verhaltenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

"Rovenna!", stieß Brennan hervor. "Was tust du hier?"

"Willst du mir deine Gäste nicht vorstellen?", fragte die junge Frau zurück. "Es kommt so selten vor, dass wir Besuch haben..."

"Du weißt, woran das liegt!"

"Natürlich weiß ich es..."

"Dann geh jetzt bitte wieder, Rovenna!"

Rovenna hob den Kopf. Eine Spur von Trotz zeigte sich in ihren sanften Zügen. Brennan trat zu ihr, fasst sie bei den Schultern. Aber sie achtete nicht auf ihn. Sie entwand sich den Händen des Künstlers und schritt direkt auf mich zu, nahm meine Hand und sagte: "Miss Vanhelsing..."

"Woher kennen Sie meinen Namen?"

"...und Mr. Hamilton!" Dabei drehte sie sich zu Tom herum.

"Die Wände dieses Hauses sind hellhörig wie Papier, müssen Sie wissen. Ein unbedachtes Wort, das zu heftig ausgesprochen wird, kann überall mitgehört werden. Und außerdem bin ich Musikerin und im akustischen Bereich besonders empfindlich, wie Sie sich denken können..."

"Wir haben Ihr Klavierspiel gehört", sagte Tom. "Sie haben einen sehr ausdrucksstarken Anschlag..."

"Vor einigen Jahren noch bin ich öffentlich in großen Konzertsälen aufgetreten. Aber das ist nun Vergangenheit..."

Ein wehmütiges Lächeln zeigte sich kurz um ihre geschwungenen Lippen. Dann, nach kurzer Pause fuhr sie schließlich fort: "Da mein Bruder sich beharrlich weigert, mich Ihnen vorzustellen, werde ich das wohl selbst tun müssen. Ich bin Rovenna Brennan, die Schwester dieses Malergenies..." Sie sah ihren Bruder an. "Du kannst ruhig an deine Arbeit gehen, Allan... Ich weiß doch, wie sehr die Dämonen in dir dich dazu treiben, wieder zu deiner weißen Leinwand zurückzukehren...

Tu es ruhig! Aber wenn du nichts dagegen hast, dann werde ich mich noch ein wenig mit unseren Gästen unterhalten!"

"Ich habe etwas dagegen!", erklärte Brennan mit blecherner Stimme. Der Blick, mit dem er seine Schwester bedachte, war vernichtend. Sie hingegen nahm es mit Gleichmut hin.

"Allan...", sagte sie mit halb tadelndem, halb nachsichtig klingenden Unterton.

"Ich dachte, dass wir uns einig waren!"

"Geh jetzt, Allan!"

Die Hände des Malers ballten sich zu Fäusten. Der Blick, mit dem er uns jetzt bedachte, konnte einem kalte Schauder über den Rücken jagen. Ohne sich zu verabschieden, drehte sich der Künstler um und verließ den Raum. Ziemlich geräuschvoll fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Rovenna lächelte.

"Ich bitte das unhöfliche Verhalten meines Bruders zu entschuldigen! Soll der Butler Ihnen etwas zu trinken bringen?"

Wir schüttelten beide die Köpfe.

"Nein, danke", sagte ich. "Wissen Sie etwas über..."

"...diesen jungen Mann auf dem Gemälde?", vollendete Rovenna meinen Satz, noch bevor ich Gelegenheit dazu hatte, es auszusprechen. "Nein, es tut mir leid. Aber mit Sicherheit hat meinem Bruder niemand Modell gesessen. Dieser Mann ist tot?" Sie zuckte die Achseln. "Es gibt Dinge, die bleiben unerklärlich, Miss Vanhelsing. Ich habe einige Ihrer Artikel gelesen. Sie müssten das doch am besten wissen..."

10

Jason MacInnerty, einer der beiden Mitinhaber der Galerie McInnerty & Sounders, war ein hochgewachsener, grauhaariger Mann, dessen Gesicht durch ein hervorspringendes Kinn und buschige Augenbrauen gekennzeichnet wurde.

"Ich weiß nicht, was Sie meinen, Mrs. Sounders", erklärte er, während er den Blick die lange Reihe der Dämonenbilder entlanggleiten ließ, die Allan Brennan der Galerie zum Verkauf überlassen hatte. "Was soll denn mit diesen Bildern nicht stimmen?"

Evelyn Sounders war bleich wie die Wand.

Sie musste sich Mühe geben, ihr Zittern zu unterdrücken. Der Puls schlug ihr bis zum Hals.

"Ich habe keine Erklärung dafür, Mr. McInnerty, aber bitte sehen Sie in unseren Katalog. Einige dieser Gemälde haben sich..."

"Was?", fragte McInnerty, nachdem seine Geschäftspartnerin plötzlich stockte und nicht weitersprach.

Evelyn Sounders schluckte.

"Sie haben sich verändert, Mr. McInnerty. Daran gibt es keinen Zweifel..."

"Das ist unmöglich, Mrs. Sounders!"

"Sehen Sie doch!"

Sie reichte ihm den Katalog. Eine bestimmte Seite war aufgeschlagen und Evelyn Sounders hatte darauf ein paar Abbildungen angekreuzt.

McInnerty musterte Evelyn mit einem befremdeten Blick.

Zögernd nahm er den Katalog entgegen, hielt ihn mit der Linken, während er mit der Rechten seine Lesebrille aus der Jacketttasche herauszog.

Mein Gott, ich habe es sogar GESEHEN!, ging es Evelyn derweil durch den Kopf. Sie hätte es am liebsten herausgeschrien, dass sich die Brennan-Gemälde vor ihren Augen bewegt hatten.

Nur die Angst davor, für verrückt gehalten zu werden, hatte dafür gesorgt, dass das bislang nicht geschehen war.

"Sie hatten in letzter Zeit eine Menge um die Ohren", hörte sie McInnerty verständnisvoll sagen. In ihr kochte es. Genau das hatte sie befürchtet! McInnerty fuhr unterdessen fort: "Vielleicht ist das alles ein bisschen viel für Sie geworden und Sie brauchen einfach mal ein paar Tage Ruhe.

Ich kenne das, glauben Sie mir!"

"Sehen doch genau hin!", rief Evelyn viel impulsiver, als sie es ursprünglich beabsichtigt hatte.

Sie atmete tief durch, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte ruhiger zu werden. Du kannst es ihm nicht übel nehmen!, dachte sie dabei. War es nicht auch dein erster Gedanke, dass etwas mit dir nicht stimmt?

Aber die Abbildungen im Katalog waren ein Beweis, den man nicht so einfach übergehen konnte.

"Tatsächlich", murmelte McInnerty.

Er wandte sich einem der furchterregenden Dämonenbilder zu, betrachtete es noch einmal genau, und sah dann erneut in den Katalog. Schließlich zuckte er mit den Schultern. "Das müssen Verzerrungen bei der Bildwiedergabe sein..."

"Das ist unmöglich, McInnerty! Sehen Sie doch nur! Es sieht eher aus, als hätten diese Wesen sich bewegt..."

McInnerty lachte.

"Wenn ich nicht wüsste, dass das nicht sein kann, dann..." Er sah Evelyn Sounders an und brach abrupt ab. "Meine Güte, die Sache nimmt sie richtig mit!"

"Ich bin dafür, die Bilder so schnell wie möglich aus der Galerie zu entfernen!"

"Aber, Mrs. Sounders! Das ist unmöglich!"

"Ich bitte Sie!"

"Wir haben erstens einen Vertrag mit dem Künstler, der uns bindet und zum zweiten verkaufen sich die Sachen sehr gut! Auch wenn diese fürchterlichen Horror-Bilder nicht unbedingt meinem persönlichen Geschmack entsprechen, kann ich an dieser Tatsache einfach nicht vorbei!"

"Haben Sie schon von den eigenartigen Umständen gehört, unter denen ein prominenter Kunde unserer Galerie ums Leben kam?"

"Sie sprechen von Ray Waters?"

"So ist es."

McInnerty klappte den Katalog zusammen und legte ihn auf einen durchsichtigen Glastisch, der sich in der Mitte des Raums befand. Dann wandte er sich Evelyn zu. Er fasste sie bei den Schultern. "Beruhigen Sie sich, Mrs. Sounders. Ich habe keine Ahnung, was diese Veränderungen auf den Bildern zu bedeuten haben, aber ich bin sicher, dass die Erklärung dafür eher bei unserem Fotografen zu suchen ist, als..."

McInnerty brach mitten im Satz ab.

Sein Gesicht wurde kreidebleich.

Er starrte entgeistert auf das Bild eines schuppigen Wesens, das eine groteske Mischung aus dem Kopf einer Schlange und dem Körper eines Menschen darstellte.

"Nein..", flüsterte er.

Evelyn drehte sich herum.

Der Schlangenkopf hatte eine geradezu gespenstische Plastizität. Die Zunge zuckte daraus hervor. Die kalten Facettenaugen blitzten auf.

Die beiden Galeristen wichen erschrocken einen Schritt zurück.

"Das ist es, was ich meine", flüsterte Evelyn tonlos.

"Sie haben so etwas schon einmal erlebt und mir nichts davon gesagt?", murmelte McInnerty.

"Vielleicht glauben Sie mir jetzt. Ich habe keine Ahnung, was mit diesen Bildern ist, aber für mich steht fest, dass hier einiges nicht mit rechten Dingen zugeht!"

Ein Zischlaut ertönte.

Der lippenlose Mund des Schlangenwesens entblößte zwei spitze Zahnpaare.

Dann schnellte die Kreatur aus dem Bild heraus und erwachte zu einem unheimlichen Leben. Lautlos und mit der Behändigkeit eines wilden Tiers kam das Wesen auf die Beiden zu. Der Weg zur Tür war den beiden Galeristen abgeschnitten.

Wie gebannt standen sie da.

McInnerty gewann als erster die Fassung wieder. Er nahm den niedrigen Glastisch in beide Hände. Der Katalog, den er gerade noch darauf abgelegt hatte, fiel geräuschvoll zu Boden. Die Kreatur ließ erneut zischend die Zunge hervorschnellen. Sie streckte Hände aus. Von der Form her wirkten sie wie die Hände eines Menschen, nur waren sie von Schuppen bedeckt und wiesen messerscharfe, überlange Nägel auf, die eher an Krallen erinnerten.

McInnerty schleuderte der Kreatur den Tisch entgegen. Das Schlangenwesen wich aus und schnellte dann blitzschnell nach vorn. Mit einem gewaltigen Sprung war es bei McInnerty und packte ihn mit den Krallenhänden an den Schultern. Die beiden stürzten zu Boden.

Evelyn Sounders schrie. Sie war halb wahnsinnig vor Angst. Sie taumelte zurück, griff zur Seite und riss dabei eines der Brennan-Gemälde von der Wand.

Das Schlangenwesen beugte sich inzwischen über den am Boden liegenden McInnerty. Gegen die ungeheure Kraft dieser gespenstischen Kreatur hatte der Galerist nicht den Hauch einer Chance. Er schrie. Seine Augen waren vor Entsetzen geweitet, während sich die schuppigen Hände des Ungeheuers um seinen Hals legten.

McInnertys Schrei verstummte.

Seine Augen erstarrten.

"Nein!", rief Evelyn. "Mr. McInnerty!"

Der Galerist war tot. Das Schlangenwesen erhob sich. Es wandte den reptilienhaften Kopf. Die kalten Facettenaugen musterten Evelyn Sounders einen Augenblick lang. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. Sie war kaum fähig zu atmen.

Und dann sah sie, wie eines der Gemälde im Hintergrund durch das Schlangenwesen hindurchzuschimmern begann.

Die Kreatur wurde transparent.

Atemlos sah Evelyn dem Phänomen zu. Die Gestalt des Schlangenwesens verblasste zusehends und löste sich innerhalb weniger Augenblicke völlig auf. So als hätte es niemals existiert.

Evelyn machte zögernd einen Schritt nach vorn. Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie öffnete halb den Mund, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals. Sie blickte auf McInnerty hinunter, dessen tote Augen sie entsetzt anzustarren schienen.

11

"Ich bin mir sicher, dass Brennan parapsychisch begabt ist", sagte ich zu Tom, während wir unsere knappe Mittagspause in einer Sushi Bar in der Nähe des Trafalgar Square verbrachten.

Der Trafalgar Square mit seinem Nelson-Denkmal und den gewaltigen Steinlöwen hatten für mich eine besondere Bedeutung. Das hing mit Tom zusammen. Kurz nachdem er in der Redaktion der NEWS als Reporter angefangen hatte, hatte ich ihn hier zufällig getroffen... Fasziniert hatte er mich vom ersten Augenblick, aber zunächst war er mir äußerst zwielichtig erschienen.

"Bist du dir sicher?", fragte Tom.

"Ich habe die übersinnlichen Energien eindeutig gespürt, daran gibt es keinen Zweifel. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie stark diese Begabung ist..."

"Rovenna Brennan - wenn sie wirklich eine bekannte Pianistin war, dann müsste sich im Archiv der NEWS doch etwas über sie finden", war Tom überzeugt. Er zuckte die Achseln. "Im Augenblick müssen wir nach jedem Strohhalm greifen, Patti. Wir treten ziemlich auf der Stelle..."

Einen Moment lang schwiegen wir.

Dann sagte ich: "Allan Brennan ist dir nicht gerade sympathisch, oder?"

Tom sah mich überrascht an und hob die Augenbrauen. Dann lächelte er verhalten. "War das so offensichtlich?"

"Ich glaube nicht, dass er davon etwas bemerkt hat", tröstete ich ihn. "Sehr sensibel ist dieser Egozentriker ja nicht!"

"Vielleicht mochte ich einfach nicht die Art und Weise, in der er dich angesehen hat, Patti..."

"Eifersüchtig?"

Tom lächelte. Er berührte mich leicht am Arm. "So erstaunt darüber?"

"Nun..."

"Oder glaubst du, dass ich solcher Gefühle nicht mehr fähig wäre, nur weil wir uns schon etwas länger kennen..."

Wir sahen uns an, und ich verlor mich in diesem unvergleichlichen Blick seiner meergrünen Augen, die mich stets an den Geruch von Seetang erinnerten. An gemeinsame Stunden voller Zärtlichkeit an einem einsamen Strand in Cornwall. An so vieles, das uns für immer verbinden würde...

Diese Augen hatten immer noch etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes für mich. Und ich hoffte, dass das auch in Zukunft so blieb.

"Ich glaube, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe, Tom", flüsterte ich.

"Bist du sicher?"

"Ich werde mich nicht mit dir darüber streiten..."

Fast unmerklich hatten wir uns einander angenähert. Unsere Lippen trafen sich nun zu einem Kuss. Für Augenblicke hatte ich das Gefühl, in eine andere Welt entführt zu werden. Ich fühlte mich federleicht und beschwingt. Ein angenehmes Kribbeln machte sich in meiner Magengegend bemerkbar.

Das Schrillen meines Handys unterbrach diese wunderbar romantische Stimmung auf grausame Weise.

Wir tauschten noch einen verliebten Blick. Ich ließ das Handy noch zweimal schrillen, ehe ich endlich zur Handtasche griff und den Apparat herausholte.

Ich meldete mich.

Es war die Redaktion. Evelyn Sounders hatte dort angerufen.

In der Galerie Sounders & McInnerty war etwas Furchtbares geschehen...

12

Es mussten Hunderte von Kerzen sein, die das vollkommen gegen das Tageslicht abgedunkelte Atelier Allan Brennans mit einem weichen, flackernden Licht erfüllten.

Brennan stand vor seiner Staffelei und ließ mit hektischen Bewegungen den farbgetränkten Pinsel über die Leinwand fahren. In seinen Augen glänzte es fiebrig. Ein starrer Zug zeichnete sein Gesicht.

Noch nie hatte Rovenna ihren Bruder bei der Arbeit zu stören gewagt. Das Atelier war immer sein privates Reich gewesen, dass sie nur in Notfällen zu betreten gewagt hatte.

Ein Reich der Dunkelheit und des Kerzenscheins...

Nur Kerzenlicht duldete der Meister bei der Arbeit. Denn nur dieses würde die Farben so erscheinen lassen, wie Allan Brennan sie sehen wollte...

Rovenna hatte mehrmals geklopft, aber Allan war derartig in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er sie nicht gehört hatte. Die junge Frau kannte das.

Es war durchaus normal, dass ihr Bruder in einen rauschhaften, fast tranceartigen Zustand verfiel, in dem er dann ein Gemälde nach dem anderen auf die Leinwand brachte, bis er schließlich völlig erschöpft war.

Rovenna öffnete vorsichtig die Tür zum Atelier. Sie knarrte etwas, aber das hörte der Maler ebenso wenig, wie er ihr Klopfen registriert hatte.

"Allan", sagte sie, doch auch darauf reagierte er nicht.

Pinselstrich um Pinselstrich brachte er auf die grundierte Fläche auf. Die geradezu fieberhafte Eile, die er dabei an den Tag legte, wirkte so, als glaubte er, nicht mehr genug Zeit zu haben, um all das, was ihm an Bildern im Kopf umherschwirrte, auf die Leinwand zu bringen.

Er arbeitet wie ein Besessener!, ging es Rovenna durch den Kopf. Ein eisiger Schauder überlief sie bei dem Anblick ihres Bruders. Besessen - dieses Wort trifft es genauer, als viele glauben, die in ihm nur einen verschrobenen Künstler sehen...

Rovenna ging in den Raum hinein, ließ den Blick über ein halbes Dutzend verzerrter Dämonengesichter kreisen, die als fertige Gemälde dastanden. Der Kerzenschein ließ diese fratzenhaften, zur Hälfte tierischen Gesichter noch gespenstischer erscheinen. Die Tür fiel ins Schloss. Rovenna trat an ihren Bruder heran und berührte ihn leicht an der Schulter.

Er wirbelte herum, sah sie mit einem entsetzten Gesichtsausdruck an, sagte aber nichts.

"Entschuldige, Allan... Ich wollte dich nicht aus deiner Welt herausreißen..."

"Rovenna!", stieß er schließlich nach einer Pause hervor. Er atmete tief durch. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Er ist vollkommen erschöpft!, dachte die junge Frau mit Besorgnis. Wenn er so weitermacht, wird er sich völlig zu Grunde richten...

"Wir müssen miteinander reden, Allan!", sagte sie dann drängend.

"Nicht jetzt, Rovenna... Nicht jetzt..."

Er legte die Farbpalette und den Pinsel auf einen groben, hölzernen Tisch. Ein in Leinen gebundenes Buch mit einer Aufschrift aus goldenen Lettern lag dort.

Das LIBRUM HEXAVIRATUM!, durchzuckte es Rovenna. Hat damit das Verhängnis begonnen? Ich weiß es nicht...

"Es kann so nicht weitergehen", sagte Rovenna entschieden.

"Oder willst du, dass es noch weitere Tote gibt..."

"Wer sagt, dass wir dafür verantwortlich sind.."

"Allan!"

"Lass dich nicht durch Zweifel verunsichern! Ich weiß, dass ich es schaffe! Ich weiß es einfach..."

"Und wenn nicht? Allan, komm zu dir!"

Sie fasste ihn bei den Schultern. Er blickte förmlich durch sie hindurch.

"Ich kann nicht anders", murmelte er. "Diese Dämonen...

Sie sind hier drin!" Er ballte die Faust und berührte damit die Stirn. Dabei schloss er die Augen.

Rovenna ging an den Tisch. Mit der Hand berührte sie leicht den Leineneinband des LIBRUM HEXAVIRATUM. "Alles hat damit angefangen, dass du einen Blick in dieses verfluchte Buch geworfen hast, Allan..."

"Nein, das ist nicht wahr", widersprach Allan Brennan.

"Die Kräfte, die in uns beiden wirksam sind, waren schon viel früher vorhanden... Und du weißt es!"

13

Als wir die Galerie Sounders & McInnerty erreichten, goss es wie aus Eimern. Mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei verstellten die Zufahrt und so mussten wir den Volvo in einer Nebenstraße abstellen. Die Haare klebten mir am Kopf und meine Frisur war ziemlich ruiniert, als wir den Eingang erreichten. Ein Polizist in der charakteristischen Bobby-Uniform wollte uns gleich wieder hinauskomplimentieren, aber glücklicherweise tauchte Evelyn Sounders genau im richtigen Moment auf.

"Das hat schon seine Richtigkeit, Officer!", erklärte sie.

Bevor sie uns begrüßte, rieb sie sich mit einem edlen Spitzentaschentuch die geröteten Augen. Sie wirkte völlig verstört. "Kommen Sie...", murmelte sie und fasste mich am Ellbogen. "Mein Partner Mr. McInnerty ist erwürgt worden, Miss Vanhelsing. Und jetzt sucht Scotland Yard hier nach Spuren des Täters..."

Dann beugte sie sich ganz nahe zu mir.

Ihre Worte waren kaum mehr als ein leises Wispern.

"Wir müssen miteinander sprechen, Miss Vanhelsing. Allein!"

Ich nickte nur.

Sie wirkte ein wenig erleichtert, obgleich das matte Lächeln, das nun für einen kurzen Moment um ihre Lippen herum spielte, sehr verkrampft wirkte.

Sie braucht jemanden, Patti. Jemanden, der ihr zuhört und sie nicht gleich für verrückt erklärt, sobald sie das ausspricht, was sie gesehen hat...

Von Anfang an hatte ich das Gefühl gehabt, dass die Galeristin uns einiges verschwiegen hatte.

Sie führte uns in jenen Raum, in dem die Werke des Allan Brennan ausgestellt waren.

Einige Scotland Yard-Beamte waren damit beschäftigt, Spuren zu sichern. Eine weiße Kreidezeichnung deutete die Lage des Toten an - so, wie er aufgefunden worden war. Offenbar war er bereits von der Gerichtsmedizin abgeholt worden. Ich ließ den Blick umherschweifen, während Tom die Gelegenheit nutzte und ein paar Bilder schoss.

"Heh, lassen Sie das!", rief eine autoritätsgewohnte Stimme.

Ich achtete nicht darauf.

Mein Blick wurde von einem Gemälde in seinen Bann gezogen, dass jenem glich, welches ich in der Waters-Villa gesehen hatte.

Es bestand nur aus einer Grundierung und der Signatur des Künstlers.

Hast du etwas anderes erwartet, Patti?

Ich fühlte, wie mein Puls sich beschleunigte. Und für Sekundenbruchteile hatte ich eine Vision. Vor meinem inneren Auge sah ich, was geschehen war, sah den schlangenköpfigen Dämon aus dem Bild heraussteigen und sich auf McInnerty stürzen.

"Alles in Ordnung, Patti?", fragte Tom.

Er hatte mich am Arm gefasst.

Ich nickte stumm, unfähig dazu, auch nur einen einzigen Ton herauszubringen. Mein Blick glitt die lange Reihe der Dämonenköpfe entlang. Was, wenn auch sie nach und nach zum Leben erwachten, aus den Holzrahmen herausstiegen und zu mörderischen Bestien wurden? Ein Gedanke, bei dem einem das Blut in den Adern gefrieren konnte.

Ich atmete tief durch.

Dann wandte ich mich an Tom, blickte in die meergrünen Augen, die ich über alles in der Welt liebte, und wusste im nächsten Moment, dass er mich verstand. Er wusste Bescheid, er ahnte, dass ich eine Vision gehabt hatte. Wir würden später darüber sprechen, wenn wir unter uns waren. Er nahm meine Hand und drückte sie zärtlich.

"Miss Vanhelsing, ich weiß nicht, wer Sie hier hereingelassen hat, aber ich möchte Sie dringend bitten, uns unsere Arbeit machen zu lassen!", drang erneut die autoritätsgewohnte Stimme in mein Bewusstsein, die Tom das Fotografieren untersagt hatte.

Ein Mann in einem zerknitterten karierten Jackett warf uns einen misstrauischen Blick zu. Der Pepita-Hut hing ihm fast auf der Nase, so dass die Augenpartie im Schatten lag.

"Inspector Craven!", stieß ich hervor, nun wieder ganz im Hier und Jetzt. Ich kannte Craven. Früher hatte ich einige Male mit ihm zu tun gehabt. Im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen, war ich mit Inspector Craven immer ganz gut ausgekommen, auch wenn es natürlich gewisse Interessengegensätze zwischen ihm und mir gab.

"Persönlich freut es mich, Sie mal wieder zu sehen, Miss Vanhelsing. Aber rein dienstlich betrachtet stören Sie hier..."

"Mr. Hamilton und ich sind auf ausdrücklichen Wunsch von Mrs. Sounders hier."

"Hm", brummte er. Er nahm mich etwas zur Seite. Dann fragte er: "Mal ehrlich, Miss Vanhelsing, was wissen Sie über die Sache? Haben Sie irgendeine Ahnung, ob Mr. McInnerty Feinde hatte? Mrs. Sounders ist leider nicht sehr auskunftsfreudig..."

"Tut mir leid, Mr. Craven. Ich habe keine Ahnung, worum es hier geht."

"Wenn ich herausfinden sollte, dass Sie irgend etwas an Informationen zurückhalten, dann..."

"Was dann?"

Inspector Craven hob die Augenbrauen und versuchte dabei ein strenges Gesicht aufzusetzen. Ich kannte diese Masche bei ihm.

"Ich will Ihnen nicht drohen, aber wenn Sie etwas wissen, dann lassen Sie es mich besser wissen, okay?"

Ich erwiderte seinen Blick. "Sie können sich darauf verlassen, Inspector Craven", erklärte ich. Und in Gedanken setzte ich noch hinzu: Fragt sich nur, ob Sie das, was ich dann zu sagen habe auch hören wollen... Inspector Craven war nämlich ein knochentrockener Beamter, der nicht bereit war, über Dinge, die etwas abseits von den gewöhnlichen Denkpfaden angesiedelt waren, überhaupt nachzudenken. Morde geschahen in seiner Welt aus Eifersucht oder Habgier - aber nicht durch unheimliche, dämonenhafte Wesen oder Kräften aus dem Jenseits.

"Haben Sie denn schon eine Theorie über das, was hier geschehen ist?", mischte sich Tom in das Gespräch ein.

Ich hörte Cravens Erwiderung nur am Rande. Im Grunde bestand sie nur aus Floskeln, die überdecken sollten, dass er völlig im Dunkeln tappte. Anstatt mir das anzuhören, ging ich auf das Gemälde zu, das meiner Überzeugung nach Jim Field zeigte.

Täuschte ich mich, oder hatte es sich leicht verändert?

Ich sah es mir genau an.

Wieder fiel mir die geradezu unheimliche Plastizität auf, mit der Allan Brennan meinen Kollegen auf die Leinwand gebannt hatte. Mein Gott, Jim, was machst du unter all diesen Schreckensgestalten?

Ich sah ihm ins Gesicht und Jim Fields himmelblaue Augen schienen diesen Blick zu erwidern.

Ich musste unwillkürlich schlucken.

Wie kam Jim Field auf dieses Bild? Der einzige, der diese Frage beantworten konnte, war der Künstler selbst. Und der weigerte sich unglückseligerweise, darüber zu reden.

Während ich vor dem Gemälde stand, verlor ich das Gefühl für Zeit. Augenblicke dehnten sich zu kleinen Ewigkeiten und plötzlich war ich voll von Erinnerungen an jene Zeit, in der Jim Field noch unter uns geweilt hatte. Dann berührte mich etwas an den Schultern und riss mich aus diesen Träumereien heraus. Es waren Toms Hände.

"Er wirkt so, als könnte er mich sehen", stellte ich fest.

"Es ist gespenstisch..."

"Vielleicht existiert er - irgendwo, jenseits von Raum und Zeit", murmelte Tom. "Du erinnerst dich an die Worte von Meister Heng Tem..."

"Nichts geht verloren..."

"Ja, das hat er gesagt. Und ich bin mir sicher, dass es eine Bedeutung hatte, Patti..."

Ich umfasste seine Hand, drückte sie und nickte dann leicht.

"Tom, ich mache mir Vorwürfe..."

"Weshalb?"

"Vielleicht sind wir damals zu voreilig aus Kambodscha abgereist. Möglicherweise hätten wir doch noch irgend etwas für Jim tun können..."

Tom schüttelte den Kopf. "Patti, es gab nichts, was wir noch hätten tun können... Er starb durch die Dschungelmonstren, die der ORDEN DER MASKE beschwor. Und wenn Meister Heng Tems Worte auch wahr sein mögen, so haben wir einfach nicht die Macht, ihn zurück in die Welt der Lebenden zu holen, Patti."

Ich sah ihn an, unsere Blicke verschmolzen für einige Momente miteinander. Er hatte recht. Die Stimme der Vernunft in mir wusste das. Aber da gab es auch noch eine andere Stimme, die sich immer drängender zu Wort meldete. "Du weißt, was ich über Allan Brennan denke...", flüsterte ich.

Tom nickte.

"Du meinst, dass er begabt ist."

"Was, wenn er auf irgendeine Weise Kontakt zu dem hatte, was von Jim Field nach den Ereignissen in Pa Tam Ran geblieben ist? Seiner Seele, seinem Astralkörper, du kannst es nennen wie du willst!"

"Möglich."

"Warum sollte ich nicht dasselbe schaffen und mit ihm Kontakt aufnehmen können?"

14

Gemeinsam mit Evelyn Sounders gingen wir in ein Café in der Nähe der Galerie. Es gehörte einem naturalisierten Österreicher, der den Ruf hatte, den besten Apfelstrudel in ganz London zu servieren. Die Adresse galt als Geheimtipp und unser Reporterkollege Kelly J. Maddox behauptete sogar, dass die Apfelstrudel, die es hier gab, das Original ohne Schwierigkeiten ausstachen.

Evelyn Sounders bestellte nicht mehr als ein Glas Wasser.

Die Galeristin war totenbleich.

"Ich wusste einfach nicht, an wen ich mich wenden sollte", bekannte sie. "Ich weiß, dass Sie alles für Ihre reißerischen Artikel ausschlachten werden, aber..."

"Nein, da irren Sie sich", erwiderte ich. "Mr. Hamilton und ich sind keineswegs so skrupellos, wie Sie befürchten..."

Sie nickte.

"Zumindest hoffe ich bei Ihnen, dass Sie mir wenigstens glauben werden..."

"Haben Sie gesehen, wie Ihr Partner ums Leben gebracht wurde?", fragte ich.

Evelyn Sounders nickte zögernd. Sie biss die Lippen aufeinander und wich meinem Blick aus. "Ja", murmelte sie dann.

"Eine dieser Dämonengestalten ist aus seinem Bilderrahmen herausgestiegen, nicht wahr?", versuchte ich es ihr zu erleichtern. Sie sah mich erstaunt an.

"Woher wissen Sie das?"

"So war es doch, oder?"

"Ja, genau so wahr es!" Sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann aufzuschluchzen. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie sich wieder gefasst hatte. Mit tränenumflorten Augen sah sie mich an. Sie wirkte wirklich verzweifelt.

"Ich bin eine nüchterne Geschäftsfrau, Miss Vanhelsing. Eine Frau, der man eher den Vorwurf macht, etwas spröde und phantasielos zu sein... Ich litt auch niemals unter Wahnvorstellungen oder dergleichen! Aber als das mit den Bildern begann, glaubte ich schon, ich sei drauf und dran, den Verstand zu verlieren!"

Ich hob die Augenbrauen. "Als was begann?", hakte ich nach.

"Nun, es begann eigentlich schon, als ich zum ersten Mal ein Brennan-Gemälde zu Gesicht bekam. Sehen Sie, Allan Brennan ist sicher ein handwerklich sehr geschickter Maler. Ich persönlich halte seine Werke allerdings nicht für künstlerisch besonders wertvoll. In seinem Werk gibt es nichts, was man als relevante Aussage betrachten könnte, wenn Sie wissen was ich meine. Und doch... Da war etwas, das mich von Anfang an gefangennahm. Die Blicke dieser unheimlichen Wesen, die er auf die Leinwand bannte, schienen den Betrachter regelrecht zu verfolgen..." Evelyn Sounders'

Blick war nach innen gekehrt. Die Erinnerung an das Geschehene nahm sie sichtbar mit. "Ich kann es nicht erklären, aber ich hatte sofort ein ungutes Gefühl. Am liebsten hätte ich Brennans Bilder überhaupt nicht in unser Programm aufgenommen!"

"Und warum haben Sie es doch getan?", fragte Tom.

Sie zuckte die Achseln.

"Mr. McInnerty war sehr dafür. Er hatte immer eine Nase für das Geschäftliche - und er sollte ja auch recht behalten! Die Bilder verkauften sich blendend." Sie hob den Kopf und fuhr fort: "Wenn man sich einmal wirklich in eins dieser Bilder hineinvertieft hat, dann kommt man nicht mehr heraus... Es ist wie eine düstere Art von Magie. Ein unheimliche Anziehungskraft geht von den Brennan-Gemälden aus, die bewirkt, dass man sie wieder und wieder anstarren muss."

"Ich verstehe sehr gut, was Sie meinen, Mrs. Sounders", nickte ich.

Sie sah mich zweifelnd an, ging aber nicht weiter darauf ein. Statt dessen fuhr sie fort: "Ich bemerkte schließlich, dass diese Bilder sich bewegten. Manchmal waren es nur Nuancen, die verändert waren. Aber zweifellos ging da etwas unerklärliches vor sich. Unser Galerie-Katalog ist der Beweis. Dort sind die Bilder nämlich so zu sehen, wie sie anfangs waren. Ich wollte es erst nicht wahrhaben, überlegte schon, ob ich vielleicht den Rat eines Psychologen aufsuchen müsste. In meinem Job ist man einem großen Druck und viel Stress ausgesetzt, wie sie sich sicher denken können. Jedenfalls wäre ich nicht die Erste, die da durchdreht..."

"Haben Sie den Katalog noch?", fragte ich.

Sie nickte. "Ja, er liegt in der Galerie. Ich nehme nicht an, dass dieser Inspector Craven ihn als Beweisstück mitnehmen wird."

"Sie haben ihm nichts von diesen Dingen gesagt, nehme ich an."

"Glauben Sie vielleicht, dass das klug gewesen wäre, Miss Vanhelsing?"

"Um ehrlich zu sein, ich hätte vermutlich genauso gehandelt wie Sie."

Sie atmete tief durch. "Wenigstens verstehen Sie mich. Ich dachte schon, ich wäre mit dieser Sache völlig allein auf der Welt. Wissen Sie, es ist ein furchtbares Gefühl, sich niemandem anvertrauen zu können."

"Sie haben auch McInnerty nichts gesagt?", erkundigte ich mich.

"Heute habe ich es versucht. Er hat mir natürlich nicht geglaubt. Ich beschwor ihn, die Bilder wegzuschaffen, da geschah es..." Sie schlug erneut die Hände vor das Gesicht.

Sie war völlig am Ende mit ihren Nerven. Und nach dem, was ihr widerfahren war, konnte ich das auch gut verstehen.

Sie sah mich an. In ihren Augen flackerte es angstvoll.

"Ich darf gar nicht daran denken, was noch geschehen kann, Miss Vanhelsing... All diese grauenhaften Kreaturen, die Brennan auf seinen Gemälden dargestellt hat... Ich will nicht hoffen, dass sie eine nach der anderen lebendig werden, von der Leinwand herabsteigen und zu morden beginnen..."

Sie nahm meine Hände.

Die ihren fühlten sich eiskalt an.

"Helfen Sie mir, Miss Vanhelsing!"

"Ich werde tun, was ich kann, aber..."

"Ich wüsste niemand anderen, der die Sache überhaupt ernstnehmen würde!"

Ich seufzte hörbar, wechselte einen Blick mit Tom und sagte dann: "Geben Sie mir bitte einen Schlüssel zur Galerie. Ich muss jederzeit an die Gemälde gehen können..."

Sie wirkte im ersten Augenblick etwas überrascht.

Aber dann stimmte sie doch zu.

"Gut, wenn Sie wollen...", murmelte sie.

"Im übrigen kann ich Ihnen nichts versprechen..."

"Ich weiß. Aber ich danke Ihnen trotzdem."

15

Später, in der Redaktion, versuchten wir noch etwas mehr über Rovenna und Allan Brennan herauszufinden. Mehrere Stunden verbrachten wir im Archiv und Harry Warren, der neue Computerspezialist der LONDON EXPRESS NEWS, zauberte einige interessante Details aus unserer Datenbank und dem Internet hervor. Demnach war Rovenna Brennan tatsächlich eine sehr begabte Pianistin gewesen, deren Karriere ein jähes Ende gefunden hatte. Über die genauen Umstände ihres Karriereendes war allerdings nichts herauszubekommen. Es gab lediglich hier und da in Pressenotizen der Boulevardzeitungen einige Andeutungen über psychische Probleme. Auch von einem möglichen Drogenmissbrauch war die Rede und davon, dass Rovenna die Praxis eines Geistersehers aufgesucht habe. Jedenfalls war es fortan still um die junge Musikerin geworden.

Finanzielle Sorgen kannten beide Brennans nicht, waren sie doch als Erben eines erheblichen Vermögens auf die Welt gekommen, das ihnen aufgrund des frühen Unfalltodes ihrer Eltern in recht jungen Jahren zugefallen war. Jeder von ihnen hatte sich - ohne finanzielle Sorgen - seiner künstlerischen Arbeit vollends widmen können.

Während Tom noch in den Katakomben des NEWS-Archivs weilte, begab ich mich schließlich an den Schreibtisch, um wenigstens noch einen kleinen Artikel über die bisherigen Ergebnisse in den Mordfällen Waters und McInnerty zustande zu bringen.

Die Arbeit ging quälend langsam vonstatten.

Immer wieder schweiften meine Gedanken ab, und ich sah dann das Gemälde vor mir, das Jim Field zeigte.

Tom hatte es fotografiert. Einen Abzug hatte er mir überlassen. Ich hatte ihn in meine Handtasche gesteckt.

Michael T. Swann hatte ich noch kein Wort davon gesagt, und ich dachte auch nicht daran, ihn in nächster Zeit einzuweihen. Noch war diese Sache zu rätselhaft. Alles, was ich hatte, waren Vermutungen, "Ahnungen" und eine kurze Tagtraumvision, für die meine leichte übersinnliche Begabung verantwortlich war. Nichts, was einen Mann wie Michael T. Swann überzeugen konnte. In den Artikel ließ ich nur das einfließen, was sich zweifelsfrei belegen ließ.

Details

Seiten
320
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900453
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303988
Schlagworte
dunkle flüche

Autoren

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Titel: Dunkle Flüche #5