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Mutige Reiter

von Alfred Wallon (Autor) Timothy Stahl (Autor)
2015 427 Seiten

Leseprobe

Mutige Reiter

4 Romane in einem Band

von Alfred Wallon & Timothy Stahl

Der Umfang dieses Buchs entspricht 427 Taschenbuchseiten.

Manchmal tauchten die Reiter auf, weil sie auf den Farmen Arbeit suchten. Für eine warme Mahlzeit und einen trockenen Schlafplatz boten sie die Arbeit ihrer Hände an – manchmal aber auch mit der Waffe.

Der Wilde Westen in einer Zeit, als seine Grenzen immer weiter in das unbekannte Land verschoben wurden – Männer und Frauen als Pioniere. Doch es gab auch Desperados, Indianer, Rinderbarone und kaltblütige Killer wie Jesse James oder Billy the Kid.

Timothy Stahl und Alfred Wallon erzählen in ihren Geschichten von diesen Männern und Frauen, die den amerikanischen Westen erobert haben.

––––––––

Dieses Buch enthält folgende vier Romane:

Alfred Wallon: Du musst sterben, Albert Fountain!

Alfred Wallon: Die Hölle von Julesburg

Timothy Stahl: Die Legende vom goldenen Mustang

Timothy Stahl: Ein Greenhorn auf gefährlicher Spur

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Romane © by Alfred Wallon und Edition Bärenklau sowie Timothy Stahl/ CassiopeiaPress, 2015

Cover  ©  by Firuz Askin und Edition Bärenklau, 2015

Du musst sterben, Albert Fountain!

von Alfred Wallon

Der Geschäftsmann Albert J. Fountain steht dem einflussreichen Santa-Fé-Ring schon seit längerer Zeit im Weg. Deshalb hat man seinen Tod beschlossen. Auf dem Weg von Lincoln nach Mesilla geraten Fountain und sein achtjähriger Sohn Henry in einen Hinterhalt und werden umgebracht. Sheriff Pat Garret setzt sich daraufhin auf die Spur der Mörder. Er weiß natürlich, wie gefährlich dieser Job ist, denn die Macht des Santa-Fé-Rings reicht sehr weit. Aber dieser heimtückische Mord hat viele Menschen erschüttert, und deshalb erhält der Gesetzeshüter auch unerwartete Hilfe, als er selbst in eine brenzlige Situation gerät.

1

»Das wird Ärger geben, Mr. Fountain«, meinte Sheriff Pat Garret, während er die beiden Rancher beobachtete, die mit ihren Männern Lincoln verließen. »Sie haben sich heute Feinde geschaffen.«

»Und wenn schon«, antwortete Albert J. Fountain. »Ich werde Jim Gilliand und Oliver Lee jedenfalls auch weiterhin im Auge behalten. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort, Sheriff.« »Jemanden des Viehdiebstahls zu bezichtigen, ist eine schwere Anschuldigung«, gab Garret zu bedenken. »Ich wundere mich nur, dass die Strafe nicht höher ausgefallen ist. 200 Dollar sind doch für diese Männer eine geradezu lächerliche Summe.«

»Da kann ich Ihnen nur zustimmen, Sheriff«, sagte der 53-jährige Geschäftsmann und Politiker. »Aber solange Gilliand und Lee von Staatsanwalt Tom Catron und dem Santa-Fé-Ring geschützt werden, komme ich nicht weiter. Irgendwann aber kriege ich diese Halunken. Ich lasse nicht zu, dass sie weiterhin ihre krummen Geschäfte betreiben!«

»Der Santa-Fé-Ring ...«, meinte Garret nachdenklich. Als diese Vereinigung, die sich ein Transport- und Handelsmonopol aufgebaut hatte, vor knapp zwanzig Jahren auch den Viehhandel hatte beherrschen wollen, war der »Lincoln County Krieg« ausgebrochen. In dessen Verlauf hatte Pat Garret den berüchtigten William Bonney alias Billy the Kid erschossen, der einst sein Freund gewesen war. Später hatte Garret seinen Ruhestand genossen - bis man ihn wieder in sein Amt zurückgeholt und zum Sheriff des Dona Ana Countys ernannt hatte.

»Sie wurden von den Behörden beauftragt, im Dona Ana County für Recht und Ordnung zu sorgen«, riss Fountain den Sheriff aus seinen Gedanken. »Die Dog Canyon Ranch von Lee und Gilliand gehört zu Ihrem Amtsbezirk. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, Sheriff: Durchkämmen Sie mal mit einem Aufgebot das Gelände rings um diese Ranch. Sie ist ein Treffpunkt für übles Gesindel diesseits und jenseits der Grenze.«

»Ohne einen triftigen Grund kann ich das nicht«, erwiderte Garret achselzuckend. »Aber ich werde mir Ihre Worte durch den Kopf gehen lassen. Wann verlassen Sie Lincoln, Mr. Fountain?«

»Morgen früh. Der Weg nach Mesilla dauert fast drei Tage. Henry und ich werden uns Zeit lassen.«

»Ihr Sohn ist noch sehr jung, Mr. Fountain«, gab der Sheriff zu bedenken. »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diese lange Reise nicht allein zurücklegen. Nicht nach diesem Prozess.«

»Glauben Sie etwa, mir würde jemand auflauern?« Fountain spuckte verächtlich aus. »Das werden sie nicht wagen. Ich habe meinen achtjährigen Sohn dabei. Das ist meine Lebensversicherung, Sheriff . Niemand wird einem Kind Gewalt antun.«

»Ich wäre mir da nicht so sicher«, sagte Garret und strich sich gedankenverloren über seinen schwarzen Oberlippenbart, der dem braun gebrannten Gesicht einen markanten Ausdruck verlieh. »Sie finden bestimmt jemanden in der Stadt, der Sie gegen Bezahlung begleitet. Wenn Sie wollen, kann ich mich mal umhören.«

»Malen Sie den Teufel nicht an die Wand.« Fountain winkte ab. »Von solchen Bastarden wie Gilliand und Lee lasse ich mich nicht einschüchtern.«

»Der Santa Fé-Ring ist noch aktiv, Mr. Fountain«, warnte ihn Garret. »Auch wenn Sie vor Gericht den einen oder anderen Gauner überführt haben, an dieser Vereinigung werden Sie sich letztendlich die Zähne ausbeißen.«

»Einer muss gegen diese Machenschaften ankämpfen«, beharrte Fountain. »Mitansehen zu müssen, wie Viehdiebe von einem Gericht freigesprochen werden, macht mich einfach wütend.«

»Überlegen Sie es sich noch einmal. Der Weg nach Mesilla ist weit und nicht ungefährlich.«

»Ich bin nicht unbewaffnet, falls Sie das meinen«, antwortete Fountain. »Außer meinem Revolver habe ich noch eine Winchester dabei. Wer mich angreift, muss damit rechnen, dass ich mich auch wehre.«

Garret behielt seine Gedanken für sich. Er musste einsehen, dass er den Geschäftsmann von seinen Plänen nicht abbringen konnte.

Hoffentlich geht das nur gut!, grübelte er, während sich Fountain mit einem kurzen Händedruck von ihm verabschiedete und die Straße mit schnellen Schritten in Richtung Mietstall überquerte. Fountain war ein ausgesprochener Dickkopf, der sich von nichts abbringen ließ, was er sich einmal vorgenommen hatte.

2

Fountain war nur noch wenige Schritte vom Mietstall entfernt, als es dort im Licht der Nachmittagssonne plötzlich kurz aufblitzte. Instinktiv duckte er sich und wich einen Schritt zur Seite. Gleichzeitig donnerte ein Schuss, und die Kugel jaulte genau dort durch die Luft, wo Fountain eben noch gestanden hatte.

Der Geschäftsmann riss den Colt aus dem Holster und gab zwei Schüsse in jene Richtung ab, wo ein Metalllauf eben noch das Sonnenlicht reflektiert hatte.

Eine weitere Kugel streifte Fountain am linken Oberarm und zerfetzte dort den Stoff seiner Jacke. Fountain sprang nach vorn und suchte Schutz hinter einer Pferdetränke. Während er sich flach auf den Boden presste, drangen die erschrockenen Rufe einiger Stadtbewohner an seine Ohren.

Der Geschäftsmann hob den Kopf und sah den Sheriff herbeieilen, den gezückten Revolver in der Rechten. Garret feuerte ebenfalls in Richtung des Mietstalls, aber dort fielen keine Schüsse mehr. Dennoch blieb Fountain hinter der Pferdetränke liegen. In seinem Magen breitete sich ein mulmiges Gefühl aus, seine Hand mit dem Revolver zitterte.

»Bleiben Sie in Deckung!«, rief Garret. »Sie rühren sich nicht von der. Stelle, verstanden?«

Fountain hörte, wie Garret zum Mietstall rannte. Zwei weitere Schüsse krachten, gefolgt von den Hufschlägen eines davon galoppierenden Pferdes. Dann war es wieder still.

Vorsichtig riskierte Fountain einen Blick über die Pferdetränke. Er atmete auf, als er Pat Garret aus dem Mietstall kommen sah. Der Sheriff verzog wütend das Gesicht.

»Zu spät!«, rief er Fountain zu. »Der Hundesohn ist mir entwischt.«

»Konnten Sie erkennen, wer es war?«, wollte Fountain wissen, während er aufstand, seinen Colt holsterte und sich den Staub von seinem dunklen Anzug klopfte.

»Nein«, erwiderte Garret. »Es ging zu schnell. Der Halunke hat frühzeitig Lunte gerochen und das Weite gesucht. Sind Sie verletzt, Mr. Fountain?«

»Bis auf meinen ramponierten Anzug fehlt mir nichts«, erwiderte der Politiker. »Sieht ganz so aus, als könnte mich jemand nicht leiden. Ich ahne, wer das ist.«

»Das sind nur Spekulationen - mehr aber auch nicht«, ermahnte ihn Garret. »Wir wissen nur, dass es ein einzelner Mann war. Ich habe ihn kurz gesehen, er trug Cowboykleidung und schoss mit einem Gewehr auf Sie. Können Sie sich vorstellen, auf wie viele Männer so eine Beschreibung zutrifft?«

»Sie wissen genauso gut wie ich, wer dahintersteckt, Sheriff«, sagte Fountain. »Manchmal frage ich mich wirklich, ob es richtig ist, dass Recht und Gesetz buchstabengetreu befolgt werden. Mein Großvater hat solche Dinge noch ganz anders geregelt ...«

»Gehen Sie ins Hotel zu Ihrem Sohn, Mr. Fountain«, schlug Garret vor, ohne auf Fountains Bemerkung einzugehen. »Henry hat die Schüsse bestimmt auch gehört. Kümmern Sie sich um ihn und überlassen Sie alles andere mir.«

Der Blick des Sheriffs richtete sich auf die Neugierigen, die sich links und rechts der Main Street versammelt hatten.

»Hier gibt es nichts zu sehen!«, rief er den Gaffern zu. »Geht nach Hause. Worauf wartet ihr noch?«

Garrets im Lincoln County Krieg erworbene Autorität wirkte noch immer, die Menschen zogen sich augenblicklich zurück.

»Was werden Sie jetzt unternehmen?«, erkundigte sich Fountain.

»Ich werde mein Pferd aus dem Stall holen und versuchen, die Fährte des Flüchtigen zu verfolgen - was sonst?«, erwiderte Garret gereizt. »Aber das ist einzig und allein mein Job. Gehen Sie endlich zu Ihrem Jungen!«

Fountain nickte und machte sich auf den Weg zum Hotel.

3

»Was ist denn passiert, Pa?«

Die Stimme des achtjährigen Henry Fountain klang besorgt, seine Augen waren gerötet vom Weinen. Auch Mrs. Chester, die während des Aufenthaltes der Fountains in Lincoln auf den Jungen aufpasste, war sehr aufgeregt. Vermutlich hatte sie vom Hotelfenster im ersten Stock aus mitbekommen, was unten auf der Straße geschehen war.

»Nichts Besonderes, Henry.« Fountain bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen. »Ein betrunkener Cowboy hat einige Schüsse abgegeben. Das ist alles. Der Sheriff wird ihn erwischen und dafür einsperren. Mach dir keine Sorgen.«

Er ging auf Henry zu und schloss ihn in die Arme. Dabei warf er Mrs. Chester einen raschen Blick zu, der ihr signalisieren sollte, den Jungen so rasch wie möglich auf andere Gedanken zu bringen.

»Mir gefällt es hier nicht, Pa«, beklagte sich der Junge. »Wann fahren wir wieder nach Hause?«

»Morgen früh«, sagte Fountain. »Deshalb musst du heute zeitig schlafen gehen. Du weißt doch, dass wir eine anstrengende Reise vor uns haben. Hast du Hunger?« Er sah, wie Henry nickte. »Dann lass uns etwas essen gehen, und dann ist Schluss für heute.«

»Ich werde in der Zwischenzeit die Sachen zusammenpacken«, bot sich Mrs. Chester an. »Sie haben einen sehr aufgeweckten Sohn, Mr. Fountain. Ich werde ihn vermissen.«

»Sie können uns ja mal in Mesilla besuchen, Mrs. Chester.« Henry lächelte. »Das darf sie doch, Pa - oder?«

»Aber sicher«, erwiderte Fountain und griff nach der Hand seines Sohns. »Wir sind in zwei Stunden wieder zurück, Mrs. Chester.« •

Vater und Sohn verließen das Zimmer, gingen über die Treppe nach unten und suchten das Restaurant auf, das nur unweit entfernt war. Die beiden ließen sich an einem der Tische nieder, Fountain gab die Bestellung auf. Er versuchte, ungezwungen zu wirken, aber das war gar nicht so leicht. Allmählich wurde ihm bewusst, was für ein unverschämtes Glück er vorhin gehabt hatte.

Die Bedienung brachte das Essen, und Henry ließ es sich schmecken. Der Junge hatte einen guten Appetit. Aber was noch viel wichtiger war: Er schien die Schüsse bereits vergessen zu haben. Fountain wünschte sich insgeheim, dass ihm das auch gelingen würde, aber so einfach war das nicht. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er durch die Fenster des Restaurants die Straße beobachtete. Allerdings konnte er nichts Auffälliges entdecken.

Mittlerweile war die Sonne untergegangen, und die ersten Schatten

der Abenddämmerung breiteten sich über Lincoln aus. Unzählige Saloons und Bars boten den Cowboys der umliegenden Ranches aber auch jetzt genügend Möglichkeiten, den rauen und harten Alltag wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen.

Fountain sah einen kleinen Reitertrupp, der vor einem der Saloons auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhielt. Die Männer stiegen von den Pferden und banden die Zügel der Tiere fest, bevor sie sich dem Eingang des Saloons näherten. Zwei von ihnen schauten kurz zum Restaurant hinüber, und Fountain gewann den Eindruck, dass ihre Blicke ihm galten. Seine Miene wurde angespannt, was Henry sofort bemerkte.

»Was ist mit dir, Pa?«, wollte der Junge wissen. »Du schaust auf einmal so böse.«

Fountain zuckte kurz zusammen und entspannte sich wieder. Er setzte demonstrativ ein Lächeln auf, um Henry zu zeigen, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte.

»Es war ein langer Tag für mich, Henry«, sagte Fountain. »Ich glaube, es ist besser, wenn auch ich heute zeitig schlafen gehe. Ich werde langsam müde.«

Diese Aussage beruhigte den Jungen. Die beiden beendeten ihre Mahlzeit, Fountain bezahlte und verließ dann mit seinem Jungen das Restaurant. Hätte sich der Geschäftsmann in diesem Moment nur einmal kurz umgedreht, wäre ihm sicher der Reiter aufgefallen, der den betreffenden Saloon nicht betreten hatte. Der Mann zog es stattdessen vor, einen Spaziergang durch das abendliche Lincoln zu unternehmen - und zwar mit ganz bestimmten Absichten ...

4

Pat Garret hatte wenig geschlafen in der letzten Nacht. Im »Cattlemen’ s Saloon« war es zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei betrunkenen Hitzköpfen gekommen, die der Sheriff aber rasch hatte schlichten können. Er hatte die beiden Cowboys kurzerhand mit vorgehaltener Waffe hinüber ins Gefängnis dirigiert und jeden von ihnen in eine Zelle gesperrt, wo sie ihren Rausch ausschlafen konnten.

Zwar war das der einzige Vorfall in dieser Nacht gewesen, aber Garret hatte dennoch keine Ruhe finden können. Immer wieder hatte er daran denken müssen, was am frühen Nachmittag geschehen war. Männer wie Albert J. Fountain lebten in diesen unruhigen Zeiten sehr gefährlich. Es gab immer Menschen, die ihm seinen Erfolg als Politiker und Geschäftsmann nicht gönnten - und Fountain war daran nicht ganz unschuldig. Er war bekannt dafür, dass er seinen Weg zielstrebig verfolgte und seine Gegner nicht schonte. Dabei hielt er sich jedoch immer an das Gesetz.

Viehdiebe hatten in dieser Gegend schon zu Zeiten des Lincoln Country Krieges Hochkonjunktur gehabt. Mit dem Tod Billy the Kids und dem Ende dieser blutigen Epoche hatten sich die Wogen ein wenig geglättet. Aber seit knapp einem Vierteljahr nahmen die nächtlichen Diebstähle auf den Weiden wieder zu, und einige Rancher hatten bereits angekündigt, eine Vigilantentruppe zu bilden.

Was das bedeutete, wusste Garret natürlich. Er musste jetzt dafür sorgen, dass dieses Pulverfass nicht zum Explodieren gebracht wurde. Der Zwischenfall mit Fountain war nur ein weiterer Beweis für die Nervosität und die Entschlossenheit einiger skrupelloser Dunkelmänner, die sich von dem Politiker nicht in die Suppe spucken lassen wollten.

Die Sonne war gerade aufgegangen, als Garret sein Office betrat und nach den beiden Gefangenen im Zellentrakt schaute.

»Los, aufstehen!«, riss er sie mit lauter Stimme unsanft aus dem Schlaf. »Es wird Zeit für euch!«

Einer der beiden Cowboys fuhr so jäh von seiner Pritsche hoch, dass er auf den harten Boden der Zelle fiel. Fluchend rappelte er sich wieder auf. Sein Kumpan schaffte es zwar ohne Sturz aus dem Bett, hatte aber noch immer Mühe, fest auf beiden Beinen zu stehen.

»Wenn ihr wieder nach Lincoln kommt, dann haltet euch zurück«, riet Garret den beiden, während er die Zellen aufschloss. »Ich dulde hier keinerlei Krawalle. Beim nächsten Mal sperre ich euch so lange ein, bis ihr schwarz werdet. Habt ihr das begriffen?«

»Ja, Sheriff«, murmelte einer der Cowboys. »Wir machen keinen Ärger - versprochen.«

»Dann ist es ja gut.« Garret schmunzelte. »Eure Pferde sind im Mietstall. Das kostet euch jeweils einen zusätzlichen Dollar. Und nun verschwindet!«

Er händigte den beiden Männern ihre Waffen aus, die sie wortlos entgegennahmen. Anschließend verließen die Cowboys das Office und gingen in Richtung Mietstall. Garret wusste, dass sie noch zusätzlichen Ärger mit ihrem Rancher bekommen würden, weil sie an diesem Tag zu spät zur Arbeit erschienen, aber das war nicht sein Problem.

Sein Ziel war jetzt das Hotel, das die Fountains vorübergehend bezogen hatten. Garret wollte zugegen sein, wenn die beiden Lincoln verließen. Seine Präsenz sollte eindrucksvoll klarstellen, dass er für auffällige Zwischenfälle gewappnet war.

Er hatte die Hotelhalle kaum betreten, als er schon Fountains zornige Stimme vernahm. Der Geschäftsmann stand an der Rezeption und warf dem Bediensteten einen wütenden Blick zu.

»Sie müssen doch wissen, wer dieser Mann war!«, empörte sich Fountain. »Verdammt, versuchen Sie sich zu erinnern!«

»Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, dass ich es nicht weiß, Mr. Fountain«, verteidigte sich der eingeschüchterte Hotelangestellte. »Der Mann sah aus wie ein Cowboy, aber ich habe ihn noch nie in Lincoln gesehen. Das muss allerdings nichts bedeuten. Die Rancher stellen ständig neue Cowboys ein, diese Weidereiter kommen und gehen. Glauben Sie, ich kann mir jedes einzelne Gesicht merken?«

»Gibt es ein Problem?«, ergriff nun Garret das Wort, während er auf die Rezeption zuschritt.

»Das will ich meinen«, knurrte Fountain, der ein Blatt Papier in der Hand hielt. Er streckte es dem Sheriff entgegen. »Hier - lesen Sie das.«

Garret runzelte die Stirn und nahm den Zettel entgegen. Was er dann las, bestätigte die Vermutungen, die er schon die ganze Zeit über gehegt hatte.

DU BIST BALD TOT, FOUNTAIN! ELENDE SCHNÜFFLER WIE DU WERDEN AUSRADIERT!, war in großen Buchstaben auf das Papier gekritzelt.'

»Sheriff«, wandte sich Fountain mit funkelndem Blick an Garret. »Ich würde vorschlagen, dass Sie endlich Ihren Job erledigen und dafür sorgen, dass Halunken wie dieser elende Schmierfink hinter Schloss und Riegel kommen! Wenn Ihnen der Heckenschütze gestern nicht entkommen wäre, hätte er diesen unglaublichen Brief gar nicht schreiben können!« Der Vorwurf in Fountains Stimme war unüberhörbar.

»Ich kann keine Wunder vollbringen, Mr. Fountain«, erwiderte Garret. »Außerdem steht nicht fest, dass der Schütze und der Verfasser dieses Briefes ein und dieselbe Person sind. Aber ich habe Sie bereits einmal davor gewarnt, ohne Begleitschutz nach Mesilla zu reisen, und diese Warnung wiederhole ich jetzt. Der Weg ist weit, und Sie könnten unterwegs leicht in einen Hinterhalt geraten.«

»Darüber haben wir schon gestern schon gesprochen, Sheriff«, antwortete Fountain. »Meine diesbezügliche Meinung hat sich nicht geändert. Allerdings gehe ich nun davon aus, dass ich mich nach meiner Rückkehr direkt an den Gouverneur wenden muss. Sonst finden diese Zustände nie ein Ende. Sie sind jetzt drei Monate im Amt, Sheriff - und ich muss feststellen, dass sich an der Situation nicht das Geringste geändert hat. Vielleicht sind Sie für diesen Job nicht mehr der Richtige.«

Garret ließ sich von diesen Vorwürfen nicht aus der Ruhe bringen. Er wusste, dass Fountain mit den Nerven völlig fertig war und wollte deshalb mit ihm keinen Streit vom Zaun brechen. Dazu bot sich allerdings sowieso keine Gelegenheit mehr, denn Fountains Sohn Henry kam soeben in Begleitung einer Frau die Treppe herab. Es war jene Frau, die den Jungen während der letzten drei Tage beaufsichtigt hatte.

»Komm, Henry!«, forderte Fountain den Jungen auf. »Es wird Zeit, dass wir Lincoln verlassen. In Mesilla wartet deine Mutter schon ungeduldig auf uns.«

Als Henry das hörte, begann er zu strahlen. Garret verabschiedete sich mit einem Händedruck von Fountain und wünschte ihm viel Glück auf seiner Reise. Der anonyme Drohbrief gab dem Sheriff zu denken, aber schließlich konnte er Fountain nicht daran hindern, die Rückreise nach Mesilla anzutreten.

Ein Bediensteter des Hotels hatte inzwischen dafür gesorgt, dass der Wagen des Geschäftsmanns abfahrbereit vor dem Hotel stand. Die Pferde waren gestriegelt, das Gepäck verstaut. Fountain half seinem Sohn beim Aufsteigen und nahm dann selbst auf dem Kutschbock Platz. Er griff nach dem Zügeln des Gespanns und trieb die beiden Pferde an, die den Wagen Richtung Westen aus der Stadt zogen.

»Sie müssen mir glauben, Sheriff«, wandte sich nun der Hotelangestellte an Garret. »Ich konnte Mr. Fountain wirklich nicht weiterhelfen.«

»Schon gut, Barcley.« Garret winkte seufzend ab. »Natürlich können Sie nichts dafür. Ich werde mich um die Sache kümmern, aber reden Sie mit niemandem auch nur ein Wort darüber, verstanden?«

»Klar, Sheriff«, versicherte Barcley. »Hoffentlich stößt Fountain auf dem Weg nach Mesilla nichts zu.«

Garret verabschiedete sich von dem Clerk und verließ das Hotel. Insgeheim dachte er das Gleiche wie der Mann an der Rezeption.

5

Fountain hatte eine Decke über den Teil der Kutschbank gelegt, den Henry einnahm. Zusätzlich hatte er den Jungen noch in eine weitere wärmende Decke gehüllt und ihm einen Schal um den Hals gebunden. Um diese Jahreszeit war es in den Ausläufern der Sacramento Mountains noch sehr kalt, und er wollte verhindern, dass sich Henry erkältete oder gar eine Lungenentzündung holte.

Der Junge hatte den Kopf an Fountains Schulter gelehnt und döste vor sich hin. Der Geschäftsmann war froh darüber, dass Henry jetzt wieder schlief, denn so konnte er sich in Ruhe noch einmal alles durch den Kopf gehen lassen. Der anonyme Drohbrief beschäftigte ihn mehr, als er sich selbst eingestehen wollte.

Immer wieder blickte er sich um und schaute zurück in Richtung Lincoln. Aber die Stadt war längst am Horizont verschwunden, rings um Fountain erstreckte sich menschenleeres Land unter dem Licht der Morgensonne. Noch war das Gelände eben und gut einsehbar. Aber das würde sich ändern, sobald die Straße höher in die Sacramento Mountains führte. Für einen heimtückischen Hinterhalt war die Gegend dort wie geschaffen!

An so etwas darf ich erst gar nicht denken, versuchte sich Fountain zu beruhigen. Niemand wird es wagen, uns anzugreifen, solange Henry bei mir ist. Der Junge ist die Garantie dafür, dass nichts passiert.

Immerhin besaß er einen Revolver und ein Gewehr, und dieser Umstand stärkte Fountains Selbstvertrauen. Natürlich hätte er sich in der Gegenwart eines bezahlten und bewaffneten Begleitschutzes sicherer gefühlt, aber damit hätte er klar zu erkennen gegeben, dass er sich von seinen unbekannten Gegnern einschüchtern ließ.

So weit darf es niemals kommen, dachte Fountain grimmig. Wenn man erst einmal Schwäche zeigt, hat man schon verloren. Das zwielichtiges Gesindel um Gilliand und Lee soll ruhig wissen, dass ich mich nicht einschüchtern lasse! Ich werde diese Bastarde auch weiterhin im Auge behalten - und sobald ich dahinterkomme, dass sie wieder Vieh über die Grenze schaffen lassen, sind sie fällig!

Diese Gedanken gingen Fountain immer wieder durch den Kopf, während er den Wagen in Richtung Mesilla lenkte. Die alte Poststraße war an manchen Stellen ziemlich holprig und zusätzlich vom Frost der letzten Tage gezeichnet, aber Fountain hatte das Pferdegespann gut unter Kontrolle.

Nach zwei Stunden - es war jetzt zehn Uhr vormittags - kam am Horizont Blazer’ s Mill in Sicht. Hier wollte der Geschäftsmann den ersten Zwischenstopp einlegen und gemeinsam mit Henry etwas essen. Blazer’ s Mill war früher eine Mühle gewesen, in der der gleichnamige Besitzer das Getreide der umliegenden Farmer gemahlen hatte - bis ihm die Apachen das Dach über dem Kopf angezündet und ihn massakriert hatten.

Nach dem Ende der Apachenkriege hatte Wells Fargo auf den geschwärzten Ruinen eine Postkutschenstation errichtet, die Indianer befanden sich längst in der Mescalero-Reservation, die sich zehn Meilen weiter östlich erstreckte. Jetzt war Blazer’ s Mill eine Postkutschenstation, den Namen aber hatte man praktischerweise beibehalten.

»Wach auf, Henry«, weckte Fountain seinen Sohn mit sanfter Stimme. »Wir legen eine kleine Pause ein. Du hast doch bestimmt Hunger und Durst, oder?«

Im ersten Moment blickte Henry verwirrt um sich, weil er so plötzlich aus dem Schlaf gerissen worden war. Dann aber sah er die nahe Poststation und lächelte bei dem Gedanken an einen wärmenden Ofen. Er packte seine Decke zusammen und wollte sie gerade auf dem Rücksitz verstauen, als er etwas entdeckte, was sofort seine Neugierde weckte.

»Da hinten, Pa!«, rief er. »Da sind drei Reiter!«

Fountain zuckte zusammen und fuhr herum. Nun sah auch er die drei Reiter, die genau in diesem Augenblick ihre Pferde wendeten und wenige Sekunden später hinter einer Hügelkuppe verschwunden waren.

»Die haben es aber eilig!«, staunte der kleine Henry. »Werden sie verfolgt, Pa?«

»Ich ... ich weiß es nicht, Junge«, antwortete sein Vater und blickte bei diesen Worten auf das geladene Gewehr zu seinen Füßen. »Denke nicht weiter an sie. Wir sind gleich bei der Poststation.«

Wie erleichtert er war, dass Blazer' s Mill nur noch fünfzig Yards entfernt war, verschwieg er seinem Sohn.

6

Als Fountain das Pferdegespann auf den Hof der Station lenkte, fielen ihm sofort die sechs Pferde auf, die vor dem Gebäude angeleint waren. Er zügelte seine Tiere unweit des Eingangs, stieg ab und half dann seinem Sohn vom Wagen.

»Es riecht nach Bohnen, Pa«, stellte Henry schmunzelnd fest. »Jetzt merke ich erst, wie hungrig ich bin.«

»Dann sollten wir rasch etwas dagegen tun, Henry.«

Fountain grinste und öffnete die Tür zum Stationsgebäude. Der Raum war karg, aber zweckmäßig eingerichtet. Sechs Tische standen darin, und an zweien saßen einige Männer, die einen rauen Eindruck vermittelten. Sie blickten sofort auf, als Fountain und sein Sohn den Raum betraten.

»Hallo, Mr. Fountain!«, begrüßte ihn Wes Hartford, der Stationsagent, mit einem freundlichen Lächeln. »Schön, Sie hier wieder zu sehen. Haben Sie Ihre Geschäfte in Lincoln zur Zufriedenheit erledigen können?«

»Wie man’ s nimmt«, erwiderte der Geschäftsmann und bemerkte, wie die Cowboys an den Tischen auf einmal ihre Haltung änderten, kaum dass Hartford Fountains Namen ausgesprochen hatte. Was für ein seltsamer Zufall!

Der Geschäftsmann beschloss, sich nichts anmerken zu lassen. »Was gibt es zu essen, Mr. Hartford?«, erkundigte er sich. »Mein Sohn hat einen Bärenhunger.«

»Bohnen mit Speck«, kam prompt die Antwort. »Zwei Portionen?«

»Und Kaffee dazu«, bestätigte Fountain. »Haben Sie auch Limonade da?«

»Natürlich. Jungs wie Ihr Sohn Henry zählen zwar nicht unbedingt zu unseren Stammkunden, aber sie könnten es ja noch werden. Nehmen Sie schon mal Platz. Das Essen kommt gleich.«

Fountain ging mit seinem Sohn zu einem der freien Tische. Als sie sich setzten, verzog einer der Männer angewidert das Gesicht, bevor er einen bräunlichen Strahl Tabaksaft auf den Bretterboden spuckte.

»Ist irgend etwas?«, wandte sich Fountain an den Mann. Er war nicht bereit, ein derartiges Verhalten kommentarlos hinzunehmen.

»Sicher«, erwiderte der Cowboy. »Ich habe gerade bemerkt, dass die Luft hier drinnen zu stinken beginnt.«

Der Mann, der neben ihm saß, redete mit leiser Stimme auf ihn ein und versuchte ihn zu beruhigen. Schließlich ließ der Cowboy Fountain wieder in Ruhe.

Der Geschäftsmann bemerkte, dass Henry ängstlich zu den Männern blickte. Er strich ihm beruhigend über den Kopf.

»Keine Sorge, mein Junge«, murmelte er. »Es ist alles in Ordnung.«

»Haben die Männer etwas gegen dich, Pa?«, fragte Henry. »Sie schauen dich so böse an.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Fountain. »Aber sie werden schon Ruhe geben. Ah, da kommt ja schon unser Essen.«

Hartford kam aus der Küche und brachte zwei Teller Bohnen mit Speck. Er stellte die beiden Portionen auf den Tisch und warf den Cowboys einen zornigen Blick zu. Es war ihm nicht entgangen, dass die Kerle versucht hatten, Fountain zu reizen. Anschließend brachte er noch den Kaffee und die Limonade an den Tisch.

Zum Glück erhoben sich die Cowboys jetzt, bezahlten ihre Drinks und verließen die Station. Der Bursche, der Fountain vorhin wütend angesehen hatte, warf ihm auch jetzt wieder einen eindeutigen Blick zu. Aber davon ließ sich Fountain nicht aus der Ruhe bringen.

»Die Jungs sind nicht so ungehobelt, wie sie aussehen, Mr. Fountain«, ergriff nun Hartford das Wort. »Sie haben einen harten Job und sitzen jeden Tag zehn Stunden im Sattel. Wahrscheinlich haben sie von dem Prozess in Lincoln erfahren, und bei so etwas halten Cowboys natürlich zusammen - wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Das Essen schmeckt ausgezeichnet«, meinte Fountain nur, weil er über den Prozess nicht sprechen wollte. Hartford begriff und schwieg von nun an. Eine knappe Viertelstunde später bezahlte Fountain seine Zeche und nickte Henry zu.

»Wir müssen weiter, Junge«, sagte er »Komm jetzt.«

»Gute Reise, Mr. Fountain!«, rief ihm der Stationsbesitzer hinterher, als Fountain und Henry ins Freie gingen. Der Geschäftsmann hörte es nicht mehr. Er erinnerte sich jetzt wieder an Sheriff Pat Garrets Worte. Und seine Nervosität wuchs.

7

Sam Callahan erwachte aus seinem Schlaf, weil er Stimmen zu hören glaubte. Als er die Augen öffnete und in das grelle Licht der Mittagssonne blickte, stöhnte er gequält auf. In seinem Kopf schien ein Heer von kleinen Teufeln unentwegt zu hämmern, die Schmerzen waren kaum zu ertragen. Rasch schloss Callahan die Augen wieder.

Als er die Lider zum zweiten Mal aufschlug, konnte er wenigstens die Helligkeit ertragen. Die Kopfschmerzen jedoch plagten ihn noch immer. Die Ursache dafür war der Inhalt einer Whiskeyflasche, die er gestern Abend bis auf den letzten Tropfen geleert hatte. Er hatte seinen sechzigsten Geburtstag in aller Stille ganz für sich allein gefeiert, denn die Menschen ihn Lincoln betrachteten ihn ohnehin als Abschaum, mit dem kaum jemand etwas zu tun haben wollte.

Callahan war der Trunkenbold der Stadt. Er lebte allein in einer jämmerlichen Hütte am Stadtrand und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Aber auch die bekam er in letzter Zeit kaum noch, weil er die ihm aufgetragenen Arbeiten nicht ordentlich erledigte. Mittlerweile schlug sich Callahan mehr schlecht als recht durchs Leben - aber zumindest seinen Geburtstag hatte er ordentlich feiern wollen. Dafür hatte er das letzte Geld ausgegeben, das ihm noch geblieben war. Die erwünschte Trunkenheit war eingetreten, allerdings mit dem Resultat, dass er es nicht mehr bis zu seiner Hütte geschafft hatte. Es war ihm gerade noch gelungen, bis zum Mietstall zu torkeln, wo er es sich im Heu hinter den letzten Boxen gemütlich gemacht hatte.

Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Mühsam versuchte er sich zu erheben, aber es gelang ihm nicht. Einen zweiten Versuch unterließ er, als die Stimmen, die er vorhin gehört hatte, immer deutlicher wurden. Schließlich brauchte niemand zu wissen, dass Callahan hier die Nacht verbracht hatte. Wenn man ihn entdeckte, würde er sicher eine Tracht Prügel kassieren. Gleich darauf begriff er trotz seines angeschlagenen Zustandes, dass eine Tracht Prügel noch das Mindeste war, was er im Falle einer Entdeckung zu befürchten hatte.

Welche Männer sich auch immer hier getroffen haben mochten - sie sprachen über ein geplantes Verbrechen! Und dass sie dabei keine Mitwisser gebrauchen konnten, lag auf der Hand. Callahan verhielt augenblicklich in der Bewegung, während er dem Gespräch gespannt lauschte.

»Es wird Zeit, dass etwas unternommen wird«, sagte eine raue Stimme. »Wir können nicht länger zusehen, wie dieser Bastard Fountain uns das Leben schwer macht.«

»Völlig richtig«, hörte Callahan nun eine zweite Stimme. Diese kam ihm irgendwie bekannt vor, ohne dass er sie dem Sprecher zuordnen hätte können. »Dieser Hund gibt nicht auf, bis er etwas gefunden hat, das er gegen uns verwenden kann.«

»Dazu dürfen wir ihm keine Gelegenheit geben. Jetzt bietet sich uns die Möglichkeit, ein für allemal dafür zu sorgen, dass er den Mund hält.«

Callahan begriff schlagartig, worüber die beiden Männer sprachen. Auch er hatte am Rande den Prozess mitbekommen, der in Lincoln geführt worden war, und er wusste auch von dem Urteil gegen die beiden Rancher Oliver Lee und Jim Gilliand.

Die Neugierde in Callahan wurde stärker und stärker. Er erhob sich vorsichtig, um einen Blick nach vorne zu werfen und Einzelheiten zu erkennen. Dabei geriet er abermals in den Schein des grellen Sonnenlichts, das durch die halb geöffnete Stalltür fiel und Callahan so sehr blendete, dass er die beiden Männer nur konturenhaft wahrnehmen konnte.

»Der Weg nach Mesilla ist weit«, erklang wieder die erste Stimme. »Und bis dahin ist noch viel Zeit, um etwas zu tun.«

»Gut - ich sehe, dass du verstehst, worauf ich hinaus will«, sagte der andere Mann. »Ich denke, die Zeit des Redens ist vorbei. Jetzt folgen die Taten. Wenn ich meine Angelegenheiten in der Bank geregelt habe, reiten wir los. Sind deine Leute bereit, uns den Rücken freizuhalten?«

»Verlass dich drauf. Das ist gar kein Problem. Ich habe schon drei Männer losgeschickt, die Fountain auf den Fersen bleiben. Sie werden ihn auf Schritt und Tritt überwachen und stets in seiner Nähe bleiben.«

Callahan war mittlerweile stocknüchtern. Seine Hände zitterten, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, aber das war keine Folge des gestrigen übermäßigen Alkoholkonsums. Diese beiden Männer planten einen Mord. Und ihr Opfer sollte Albert J. Fountain sein!

Als Callahan abermals einen vorsichtigen Blick riskierte, sah er nur noch einen der beiden Männer, der ihm jetzt den Rücken zukehrte. Der andere hatte zwischenzeitlich den Stall verlassen, und Sekunden später trat auch der zweite Mann ins Freie. Trotzdem blieb Callahan noch einen Moment im Heu liegen, ehe er sich aus seinem Versteck wagte. Dutzende von Gedanken gingen ihm in diesen Sekunden durch den Kopf.

»Der Sheriff«, murmelte Callahan. »Er muss es erfahren!«

Er wankte stark, als er durch den Hintereingang den Mietstall verließ, dennoch kämpfte er sich unbeirrt vorwärts. Sein Ziel war das Office des Sheriffs.

8

Pat Garret hob den Kopf, als von einer Sekunde zur anderen die Tür aufgerissen wurde. Erstaunt betrachtete er den unerwarteten Besucher.

»Ich muss mit Ihnen sprechen, Sheriff«, stammelte Callahan. »Es ist wichtig.«

Das Gesicht des stadtbekannten Trunkenboldes war gerötet, seine Alkoholfahne war deutlich zu riechen. Garret rümpfte die Nase.

»Ich glaube, du solltest erst einmal deinen Rausch ausschlafen und ein Bad nehmen, Sam«, erwiderte der Sheriff.

»Dafür ist später noch genügend Zeit«, sprudelte es aus Callahan hervor. Er trat rasch zum Schreibtisch und stützte sich mit beiden Händen an der Kante ab. »Sie ... Sie müssen etwas unternehmen, Sheriff. Jetzt gleich!«

»Hat irgendjemand deine Schnapsflasche geklaut, Sam?«, fragte ihn Garret.

»Verdammt noch mal - es geht um Leben und Tod!«, rief Callahan. »Jetzt ist keine Zeit für Witze. Fountain soll umgelegt werden.«

»Wie bitte?« Garret wurde auf einmal hellhörig.

»Ich hab’ s genau gehört, Sheriff«, beharrte Callahan und berichtete Garret aufgeregt, wie er im Mietstall zum Ohrenzeugen des betreffenden Gesprächs geworden war. Garret hörte schweigend zu, seine Miene verdüsterte sich zusehends.

»Stimmt das wirklich, was du gerade gesagt hast, Sam?« Garret sah Callahan fest in die Augen.

»Das ist nicht fair, Sheriff«, empörte sich Callahan. »Ich weiß selbst, dass es das Leben nicht gut mit mir gemeint hat und ich verdammt viel Pech hatte. Ja, ich bin ein Trinker, aber trotzdem weiß ich genau, was ich gehört habe - und es ist meine Pflicht als Bürger, Ihnen das zu sagen. So verkommen bin ich auch nicht, dass ich zuhöre, wie jemand einen Mord plant, und nichts dagegen unternehme.«

»Hast du die beiden Männer erkannt, Sam?«

»Nein«, erwiderte Callahan. »Ich schaute genau in die Sonne, die mich blendete. Außerdem dauerte das Gespräch ja nicht lange. Der eine Kerl sagte, er wolle in der Bank noch etwas erledigen. Aber das tut hier fast jeder - außer mir. Ich bekomme da nämlich keinen Kredit mehr.«

»Danke, Sam«, sagte Garret. »Du hast mir sehr geholfen. Trinke auf meine Rechnung im Saloon und sag dem Keeper, dass er großzügig sein soll.«

Callahan grinste breit. »Was haben Sie jetzt vor, Sheriff?«

»Verhindern, dass ein Unglück geschieht«, antwortete Garret. »Geh jetzt, Sam.«

Callahan wusste, dass er seine Pflicht getan und den Sheriff informiert hatte. Also befolgte er Garrets Anweisung und verzog sich rasch wieder, um sich in den Saloon zu begeben. Während er mit schnellen Schritten dem auf der anderen Straßenseite gelegenen Saloon zustrebte, nahm Garret schon eine Winchester aus dem Gewehrschrank. Er griff nach Jacke und Hut, steckte sich noch zwei Schachteln Munition ein und verließ wenige Minuten später ebenfalls das Haus.

»Ich hätte Fountain begleiten sollen«, murmelte Garret, als er zum Mietstall lief, wo er sein Pferd untergestellt hatte. »Hoffentlich ist es noch nicht zu spät ...«

9

Der Wind kam von Nordwesten und trieb dunkle Wolken vor sich her. Es sah nach Regen aus, der Himmel musste jeden Moment seine Schleusen öffnen.

»Mir ist kalt, Pa!«, beklagte sich Henry, der sich in seine Decke gekuschelt hatte. Aber selbst das vermochte nicht die schneidende Kalte des Windes abzuhalten, der von den Sacramento Mountains herab wehte und die beiden Menschen auf dem Wagen frösteln ließ.

Fountain zügelte das Pferdegespann, stieg rasch ab und machte sich am hinteren Teil des Wagens zu schaffen, wo das Gepäck verstaut war. Er öffnete einen der beiden Koffer, entnahm ihm einen Regenmantel und reichte ihn seinem Jungen.

»Schlüpfe in den Mantel, Henry«, forderte Fountain seinen Sohn auf. »Komm, beeile dich. Es fängt gleich an zu regnen.«

Der Junge schlüpfte in den Mantel. In dem großen Kleidungsstück sah Henry irgendwie verloren aus, aber er lächelte tapfer, um seinem Vater zu zeigen, dass er bereit war, alle Strapazen auf sich zu nehmen. Hauptsache, sie kamen so schnell wie möglich ans Ziel.

Fountain streifte sich eine Ölhaut über und stieg dann wieder auf den Wagen. Mittlerweile war der Himmel so dunkel geworden, dass man glauben konnte, die Abenddämmerung stünde bevor.

Fountain trieb das Pferdegespann an. Er verzog das Gesicht, als ihm der Wind die ersten Regentropfen ins Gesicht wehte. Wenige Minuten später fiel der Regen so heftig, dass Fountain kaum noch die Straße erkennen konnte. Er fluchte, Henry begann zu jammern und verkroch sich noch tiefer in seinem klitschnassen Regenmantel.

Zum Glück hielt der Wolkenbruch nicht lange an. Er hörte so schnell wieder auf, wie er begonnen hatte, die dunklen Wolken verzogen sich. Bald zeigte sich wieder die Sonne am Himmel, ihre Strahlen reflektierten auf den zahlreichen Pfützen, die während des Regens entstanden waren. Auch der eisige Wind ließ wieder etwas nach.

Fountain fror trotzdem. Die Ölhaut hatte ihn nicht vollständig vor der Nässe geschützt, seine Hosen wären feucht und klamm. Henry erging es nicht anders.

»Halte durch, Henry«, sagte Fountain. »Sobald wir eine geeignete Stelle erreichen, machen wir ein Feuer und wärmen uns erst mal auf.«

»Hoffentlich ist das bald, Pa«, murmelte der Achtjährige. »Mir ist furchtbar kalt.«

»Pa!«, rief Henry kurz darauf aufgeregt. »Da drüben kommt jemand!« Der Junge zeigte auf die Kuppe eines Hügels.

Fountains Blick richtete sich auf die betreffende Stelle, und nun sah auch er den Reiter, der jetzt sein Pferd antrieb und auf die beiden zuritt. Sofort griff Fountain nach seinem Gewehr.

»Bleib ruhig, Henry«, sprach er auf seinen Sohn ein. »Solange ich bei dir bin, kann dir nichts geschehen.«

Der Geschäftsmann bemühte sich, selbstsicher und gelassen zu wirken. In Wahrheit jedoch waren seine Nerven bis zum Zerreißen gespannt. Vorsichtig nahm er das Gewehr in die Armbeuge, während der einsame Reiter langsam näher kam. Fountains Nervosität legte sich erst, als er den Mann im Sattel des Rappen erkannte.

»Humphrey Hill!«, rief er sichtlich erstaunt. »Was in Dreiteufelsnamen machen Sie denn in dieser Einöde?«

»Albert Fountain! « Der Angesprochene war nicht weniger erstaunt. »Das ist aber ein Zufall. Mit Ihnen hätte ich hier wirklich nicht gerechnet.«

Fountain kannte den Mann, der außerhalb von La Luz eine Ranch besaß und in der Vergangenheit ebenfalls immer wieder Probleme mit dem Santa-Fé-Ring bekommen hatte. Fountain schätzte Hill wegen seiner ehrlichen und kompromisslosen Haltung.

»Drei meiner Leute und ich sind auf der Suche nach versprengten Rindern«, erklärte Hill. »Weiter südlich gab es ein heftiges Gewitter, und das hat einen Teil der Rinderherde panisch das Weite suchen lassen. Und was treibt Sie hierher?«

»Wir sind auf dem Rückweg nach Mesilla«, erwiderte Fountain. »Dabei sind wir in den Wolkenbruch geraten.« Er zeigte auf sich und Henry. »Wie Sie sehen, haben wir jede Menge Regen abbekommen. Ein wärmendes Feuer wäre jetzt genau das Richtige.«

»Dann kommen Sie doch einfach mit«, schlug Hill vor. »Eine halbe Meile von hier entfernt haben wir unser Camp aufgeschlagen, dort gibt es auch ein Feuer.«

Als Henry das hörte, trat sofort ein begehrliches Leuchten in seine Augen.

»Danke, Mr. Hill, wir nehmen Ihre Einladung gerne an«, sagte Fountain.

10

Das Lager des Ranchers befand sich unter einem überhängenden Felsen in der Nähe eines Arroyos. Hills Leute hatten ihren Boss schon erwartet und winkten ihm zu, als er an der Seite des Wagens ins Camp ritt. Hill stellte Fountain und seinen Sohn kurz vor, und die drei Cowboys nickten ihnen freundlich zu.

»Es gibt heißen Kaffee«, sagte einer der Cowboys, ein hagerer Mann namens Slim Catton. »Der vertreibt die Kälte zusätzlich noch von innen. Kommen Sie, ich schenke Ihnen und Ihrem Sohn etwas ein.«

Kurz darauf kauerten Fountain und der Junge beim Feuer und genossen die Wärme. Der Geschäftsmann hielt einen Metallbecher dampfenden Kaffees in den Händen, auch Henry ließ sich das heiße Getränk schmecken und fühlte sich jetzt wieder sichtlich wohler.

»Wir hatten in den letzten Wochen ziemlichen Ärger mit Viehdieben, Mr. Fountain«, ergriff nun der Rancher das Wort, während Fountains Sohn zu den Cowboys ging. Einer von ihnen hatte seine Mundharmonika aus der Tasche geholt und Henry damit neugierig gemacht. Fasziniert lauschte er der Melodie, die der Cowboy dem Instrument entlockte. Fountain war erleichtert darüber, denn er wollte vermeiden, dass sein Sohn das folgende Gespräch mit anhörte.

»Dieser Ärger wird schon bald vorüber sein«, erwiderte Fountain. »Der Prozess in Lincoln war da nur ein erster Schritt.«

»Ich habe davon gehört, dass Sie Lee und Gilliand an den Pranger stellen wollen. Nun ja, mit den beiden ist das so eine Sache. Von ihrer Ranch im Dog Canyon können sie nicht leben, die wirft nicht viel ab. Also müssen sie sich auf andere Weise über Wasser halten. Außerdem haben sie mächtige Freunde im Hintergrund.«

»Es wäre gut gewesen, wenn Sie das als Zeuge während des Prozesses ausgesagt hätten«, meinte Fountain.

Hill winkte sofort ab. »Mit der Justiz und den Anwälten will ich nichts zu tun haben. Ich bin nur ein Rancher, der seiner Arbeit nachgeht und versucht, sich und seiner Familie etwas aufzubauen. Und das soll auch so bleiben. Sie verstehen, was ich meine?«

»Das war deutlich genug«, erwiderte Fountain. »Hat man Ihnen etwa gedroht?«

»Noch nicht. Aber in diesem Land kann man verdammt schnell unter die Räder geraten, wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt. Hier treibt sich manchmal zwielichtiges Gesindel herum. Vor einer Stunde erst haben wir drei Reiter gesehen. Aber als sie mitbekamen, dass wir sie entdeckt hatten, suchten sie sofort das Weite. So verhält sich doch nur jemand, der Dreck am Stecken hat.«

»Wo haben Sie die Männer gesehen, Mr. Hill?« Fountain hatte Mühe, seine Aufregung unter Kontrolle zu halten.

»Einige Meilen nordöstlich von hier«, sagte Hill. »Warum wollen Sie das wissen?«

»Ich habe die Männer auch gesehen und wurde den Eindruck nicht los, dass sie mich verfolgten.« Fountain senkte die Stimme, um sicherzugehen, dass Henry ihn nicht hören konnte. »Mr. Hill, ich beginne mir Sorgen zu machen. Ich habe meinen Sohn bei mir, und ich möchte unter allen Umständen verhindern, dass er in Gefahr gerät.«

Hill nickte nachdenklich. »Sie haben sich offensichtlich den Unmut gewisser Leute zugezogen. Ich glaube, es wäre besser, wenn Sie Ihren Weg nicht allein fortsetzen. Wenn Sie wollen, können meine Männer und ich Sie ein Stück begleiten. Zumindest so lange, bis sicher ist, dass Ihnen diese Kerle nicht mehr folgen.«

»Wenn Ihnen das keine Umstände bereitet ...« Fountain wirkte plötzlich ein wenig verlegen.

Hill winkte ab. »Lächerlich. Die Rinder laufen uns schon nicht davon, um die können wir uns auch morgen noch kümmern. Wichtig ist, dass Sie heil und sicher in Mesilla ankommen.«

»Vielleicht sollten Sie zusätzlich noch den Sheriff in La Luz informieren«, schlug Fountain vor. »Wenn er mit ein paar Männern das Gelände durchkämmt, wirkt das auf diese Kerle bestimmt abschreckend.«

»Stimmt«, pflichtete Hill ihm bei. »Und jetzt trinken Sie in Ruhe Ihren Kaffee. Ich rede kurz mit meinen Leuten, und dann geht die Sache klar.«

»Danke«, murmelte Fountain erleichtert. Tief in seinem Inneren fiel ihm ein Stein vom Herzen.

11

Der aschblonde Mann, der durch sein Fernglas die Ebene beobachtete, stieß einen leisen Fluch aus.

»Was ist?«, fragte sein stoppelbärtiger Kumpan. »Kannst du etwas erkennen?«

»Sicher«, sagte der Blonde und drückte dem anderen das Fernglas in die Hand. »Sieh selbst. Die Sache wird kompliziert. Ausgerechnet jetzt ...«

Der Stoppelbärtige setzte das Fernglas an die Augen.

»Verdammt«, kam es gleich darauf über seine Lippen. »Fountain ist nicht mehr allein. Ob er Lunte gerochen hat? Das sieht ganz nach Begleitschutz aus. Wo er die Männer wohl so schnell aufgetrieben hat?«

»Woher soll ich das wissen? Auf jeden Fall bedeutet das, dass wir unseren Plan ändern müssen. Geh rüber zu Clovis und sag ihm, dass er sofort los reiten und den Boss informieren soll. Er muss jetzt entscheiden, was wir tun sollen. Schau mich nicht so erstaunt an! Oder willst du dich mit den Burschen anlegen, die Fountain bei sich hat?«

»Sicher nicht«, erwiderte der Stoppelbärtige. »Es ist nur, weil der Boss von einem leichten Job gesprochen hat - und jetzt entpuppt sich das als Irrtum.«

»Jetzt geh schon zu Clovis«, drängte der .Aschblonde. »Wir folgen inzwischen dem Wagen und behalten ihn weiterhin im Auge. Noch ist Fountain nicht am Ziel angekommen.«

Sein Kumpan gab ihm das Fernglas zurück und spurtete zu den drei Pferden, die etwas abseits hinter einem Hügelrücken standen und von Clovis bewacht wurden. Der Aschblonde atmete erleichtert auf, als er kurze Zeit später Hufschläge hörte und Clovis davon reiten sah. Nach wenigen Minuten kehrte der Stoppelbärtige wieder zurück.

»Er hat gesagt, dass er reiten wird wie der Teufel. Wir sollen aber nichts unternehmen, bis er wieder zurück ist.«

»Das werden wir auch nicht«, beruhigte ihn der Aschblonde. »Wir werden Fountain nur begleiten - ohne dass er etwas davon bemerkt .. .«

12

»Hast du Spuren gefunden, Slim?«, wollte Hill von dem Cowboy wissen, der sein Pferd soeben vor dem Rancher zügelte. Hill hatte ihm aufgetragen, voraus zu reiten und das Gelände zu erkunden.

»Ja, aber ich weiß nicht, wie alt sie sind«, erwiderte Cätton. »Einen Tag, vielleicht aber auch zwei. Das muss nichts zu bedeuten haben.«

»Auf jeden Fall ist es ein Beweis dafür, dass diese Gegend doch nicht so einsam ist«, antwortete der Rancher. »Und wenn uns jetzt jemand beobachten sollte, dann soll er ruhig wissen, dass Sie nicht mehr allein sind, Mr. Fountain.«

»Dafür haben Sie bei mir etwas gut«, versprach Fountain. »Sollten Sie wieder einmal Probleme mit den Leuten vom Santa-Fe-Ring bekommen, dann wenden Sie sich an mich. Ich hetze diesen Hundesöhnen meine besten Anwälte auf den Hals. Darauf können Sie Gift nehmen!«

Für einen winzigen Augenblick hatte er nicht an Henry gedacht und seinen Unmut offen ausgesprochen. Als der Junge die zornigen Worte seines Vaters vernahm, zuckte er kurz zusammen und schaute Fountain ängstlich an. Sofort lächelte der Geschäftsmann wieder und redete beruhigend auf Henry ein.

Die Sonne neigte sich allmählich gen Westen. La Luz war nicht mehr weit entfernt. Hill und seine Cowboys begleiteten Fountain nun schon seit Stunden, und niemand hatte sich blicken lassen.

»Ich glaube, den Rest des Weges schaffen Henry und ich allein«, wandte sich Fountain an den Rancher, als eine Abzweigung in Sicht kam. »Sie und Ihre Männer haben schon genug Zeit geopfert. Sie können wieder umkehren und sich um Ihre Rinder kümmern.«

»Sind Sie sicher?«, wollte Hill wissen.

»Ja«, bestätigte Fountain. Er fühlte sich wirklich besser, seit sich die drei Reiter nicht mehr hatten blicken lassen. Bestimmt waren all seine düsteren Vermutungen nur seinen aufgekratzten Nerven zuzuschreiben gewesen, gab es in Wirklichkeit für alles eine harmlose Erklärung. Je länger Fountain darüber nachdachte, desto mehr verfestigte sich in ihm die Überzeugung, dass er die Hilfe Hills und seiner Männer nicht mehr benötigte.

»Wie Sie wollen«, meinte Hill. »Ich werde jedenfalls dem Sheriff in La Luz Bescheid sagen. Die Stadt ist ja nur noch wenige Meilen entfernt. An Ihrer Stelle würde ich dort übernachten.«

»Bis es dunkel ist, sind wir längst in Luna’ s Well«, entgegnete Fountain. »Dort werden wir übernachten.«

»Sie sind von Ihrem Vorhaben wohl nicht abzubringen«, seufzte Hill. »Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Glück, Mr. Fountain.«

»Ich Ihnen auch«, sagte Fountain. »Und mein Angebot steht, Hill. Die Tage des Santa- Fé-Rings sind bald gezählt. Daran wird auch ein Staatsanwalt wie Tom Catron nichts ändern können. Ich glaube an die Gerechtigkeit. Verstehen Sie?«

Hill erwiderte nichts darauf. Er sah die Dinge anders, wollte Fountain aber nicht beunruhigen.

»Gute Reise, Henry!«, rief Slim Catton dem Jungen zu. »Wenn wir uns das nächste Mal sehen, spiele ich dir wieder etwas auf meiner Mundharmonika vor ...«

Der Junge lächelte, und die Cowboys winkten ihm zu. Weder Slim Catton noch die übrigen Männer , konnten ahnen, dass von an ein unerbittliches Schicksal seine Melodie spielen würde.

13

»Was ist mit dir, Henry?«, erkundigte sich Fountain. Ihm war aufgefallen, dass Henry immer wieder zurückblickte, obwohl Hill und seine Cowboys schon längst nicht mehr zu sehen waren.

»Sam ist nett«, murmelte Henry traurig. »Wann sehen wir ihn wieder?«

»Wenn ich das nächste Mal nach Lincoln fahre, kommst du einfach wieder mit, Henry«, erwiderte sein Vater. »Wir brechen einen Tag früher auf, dann haben wir Zeit genug, Mr. Hill auf seiner Ranch zu besuchen. Dort wirst du auch die Cowboys treffen.«

»Das ist gut!« Der Junge strahlte plötzlich wieder. »Und wann fahren wir wieder nach Lincoln?«

»Wir sind ja noch nicht einmal zu Hause, Henry, und du denkst schon wieder ans Reisen!«, antwortete Fountain lachend. »Das wird schon noch ein wenig dauern. Aber ich verspreche dir, dass ich dich wieder mitnehme. Großes Ehrenwort.«

Damit gab sich Henry zufrieden, und seine Laune besserte sich wieder. Augenblicke wie dieser zeigten Fountain, dass der Junge wirklich nicht viel von ihm hatte. Fountain war zu sehr mit seinen Geschäften und der Politik beschäftigt, und der Ärger mit dem Santa-Fë-Ring trug auch nicht gerade dazu bei, dass er und Henry viel Zeit miteinander verbringen konnten.

Seine Gedanken brachen jäh ab, als hinter einer Felsengruppe auf einmal ein Vogelschwarm aufstieg und sich rasch entfernte. Misstrauisch blickte Fountain zu der betreffenden Stelle, konnte aber nichts Verdächtiges erkennen.

Fountain empfand die Stille ringsum plötzlich als bedrückend. Misstrauisch griff er nach seinem Gewehr und legte es zwischen sich und Henry. Der Junge sah seinen Vater erstaunt an, sagte aber nichts. Auch er schien zu spüren, dass eine unsichtbare Bedrohung in der Luft lag.

Fountain ließ seine wachsamen Blicke über das Gelände schweifen, während er das Pferdegespann mit der linken Hand lenkte. Seine Rechte lag auf dem Gewehr.

Hätte ich doch auf Hill gehört, ging es ihm durch den Kopf. Irgendjemand ist in der Nähe - ich spüre es ...

»Pa!«, rief Henry plötzlich aufgeregt. »Da oben ist jemand!«

Fountains Kopf ruckte nach links. Im Licht der weit im Westen stehenden Nachmittagssonne erkannte er die Silhouette eines Reiters. Wie eine Statue verhielt der Reiter auf der Kuppe eines Hügels und beobachtete Fountain und dessen Sohn.

Panik erfasste den Geschäftsmann aus Mesilla. Er wollte sein Gewehr hochreißen, als plötzlich etwas in seinen Rücken schlug. Der Knall des Schusses hallte über das Land, in Fountains Rücken wütete auf einmal ein brennender Schmerz, der ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ.

Fountain konnte sich nicht mehr länger auf dem Wagen halten. Er hörte noch den verzweifelten Schrei Henrys, dann entglitt das Gewehr seinen Händen. Fountain prallte hart auf den steinigen Boden. Die Welt um ihn herum begann sich mit rasender Geschwindigkeit zu drehen, ein heiseres Stöhnen drang über Fountains Lippen.

Weitere Schüsse fielen, wieder schlug etwas Heißes in seinen Körper. Fountain hörte Huf Schläge und laute Stimmen und versuchte verzweifelt, sich hoch zu stemmen. Es blieb beim Versuch. Er war schon zu schwach, das Leben rann mit beängstigender Geschwindigkeit aus seinem Körper. Milchige Schleier wallten vor seinen Augen und ließen ihn seine Umgebung nur noch undeutlich erkennen.

Henry schrie abermals auf - aber diesmal klang in seiner Stimme keine Verzweiflung mit, sondern Schmerz. Das Krachen weiterer Schüsse überlagerte Henrys Stimme. Als die Detonationen verhallt waren, war auch der Junge verstummt.

»Henry...«, murmelte Fountain und rang verzweifelt nach Atem. Die Schmerzen in seinem Körper wurden immer heftiger, aus den milchigen Schleiern vor Fountains Augen schälten sich die Gesichter von Männern - verwaschene Schemen ohne erkennbare Züge.

»Er lebt noch«, drang eine gehässige Stimme an Fountains Ohren.

»Dann mach endlich Schluss«, erklang eine zweite Stimme. »Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Fountain sah noch undeutlich, wie sich jemand über ihn beugte, und er spürte, wie sich etwas Kaltes, Hartes an seine Schläfe presste. Sekunden später war der Geschäftsmann tot.

14

Der Reiter auf der Hügelkuppe beobachtete mit steinerner Miene, wie seine Männer den letzten Akt des Dramas vollzogen. Als das Echo der Schüsse verhallt war, luden die Mörder die blutigen Leichen auf den Wagen. Anschließend ritt einer von ihnen zu dem Reiter auf der Hügelkuppe.

»Es ging schnell«, berichtete der Mörder. »Der Junge hat nicht das Geringste mitbekommen.«

»Sein Pech, dass er seinen Vater begleiten wollte«, sagte der Anführer der Männer, ohne mit der Wimper zu zucken. »Aber wir konnten nun mal keine Zeugen am Leben lassen. Bringt die Leichen weg und verscharrt sie draußen in der Wüste. Den Wagen könnt ihr anschließend zurücklassen, die Pferde nehmen wir mit.«

»Geht in Ordnung«, versicherte der andere. »Der Wagen weist allerdings Blutspuren auf, das ließ sich nicht vermeiden.«

»Na und?«, entgegnete der Anführer. »Wichtig ist nur, dass die Leichen verschwinden. Ohne Leichen kein Mord, so einfach ist das. Beeilt euch jetzt, wir treffen uns später am vereinbarten Ort. Und seht zu, dass ihr eure Fährte gut verwischt. Von mir aus kann man den blutbefleckten Wagen finden - aber die Leichen müssen verschwinden, als hätten Fountain und sein Sohn niemals existiert.«

Der Mörder nickte. Als die Kugeln das Kind getroffen hatten, waren ihm kurz Zweifel gekommen, ob er dieses Verbrechen wirklich mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Aber diese Zweifel waren rasch wieder verflogen. Manchmal gab es eben Dinge, die man nicht ändern konnte, und ein Zeuge war das Letzte, was ein Mörder gebrauchen konnte - auch wenn es sich bei dem Zeugen um ein Kind handelte.

»Bis später«, verabschiedete sich der Killer. Er zog sein Pferd herum und ritt wieder zurück zu den anderen Männern. Den beiden auf dem Wagen liegenden Toten gönnte er nur einen kurzen Blick.

»Beeilen wir uns!«, rief er seinen Komplizen zu. »Wir haben keine Zeit zu verlieren!«

Die übrigen Männer schwangen sich auf die Pferde, nur einer der Mörder stieg auf den Bock des Wagens. Sein eigenes Pferd wurde von einem anderen Mann am Zügel genommen. Dann setzte sich der Trupp in Bewegung. Die Pferde im Gespann waren nervös und schnaubten, weil sie das Blut der Toten rochen, aber der Fahrer nahm darauf keine Rücksicht und trieb die Tiere unbarmherzig an.

Rasch entfernten sich die Mörder vom Ort des Hinterhalts.

Als die Sonne als glühender Feuerball am Horizont versank, erreichten die Killer eine zerklüftete Felslandschaft. Dort hielten sie an, hoben die Toten vom Wagen und legten sie zu Boden. Einer der Männer schirrte die Pferde aus und hielt sie an den Zügeln fest, während ihr Anführer weitere Befehle erteilte.

Zwei der Killer packten den toten Fountain und trugen ihn über einen verwitterten Pfad hinauf in die Felsen. Ein dritter Mann folgte, Henrys Leiche auf den Armen tragend. Nach knapp einer Viertelstunde erreichten sie eine kleine Höhle.

Die Männer drangen in die Höhle ein, deponierten dort die Leichen und kehrten anschließend wieder unter freien Himmel zurück. Ihr Anführer hatte inzwischen ein kleines Plateau oberhalb des Höhleneingangs erklommen und winkte den Männern zu, ihm zu folgen. Die Mörder stiegen zu ihm empor und machten sich dann mit vereinten Kräften an einem schweren Felsbrocken zu schaffen, der sich oberhalb des Höhleneingangs befand, nur unweit entfernt vom Rand des Plateaus.

Es gelang ihnen, den Stein in Bewegung zu setzen. Der Felsbrocken rollte los, zunächst langsam, dann aber immer schneller werdend. Dabei riss er weiteres Gestein mit sich.

Staub stieg empor, als die Steinlawine über die Felskante stürzte und den Eingang der Höhle verschüttete. Nichts wies mehr darauf hin, dass sich hinter dem Geröll ein Hohlraum befand. Wind und Regen, die um diese Jahreszeit häufig das Wetter bestimmten, würden zusätzlich dafür sorgen, dass bald niemand mehr erkennen würde, dass hier erst kürzlich eine Lawine herabgestürzt war.

»Perfekt«, murmelte der Anführer und grinste. »Hier findet keiner die Leichen.«

Die Mörder verwischten sorgfältig ihre Spuren, dann ließen sie das Grab der Fountains in der Einsamkeit der Berge zurück.

15

Die Sonne stand weit im Westen, als Pat Garret La Luz erreichte. Der Sheriff war ohne Rast geritten und fühlte sich nun müde und ausgelaugt. Noch aber durfte er sich keine Ruhe gönnen. Zuerst musste er mit dem hiesigen Sheriff sprechen und ihn dazu bewegen, so schnell wie möglich ein Aufgebot zusammenzustellen.

Garrets dunkle Kleidung war mit Staub bedeckt, als er die Main Street entlang ritt. Er bemerkte die misstrauischen Blicke, die ihm einige Stadtbewohner zuwarfen, aber das interessierte ihn nicht. Sein Ziel war das Sheriff' s Office, das er in einer Entfernung von etwa dreißig Yards am linken Straßenrand ausmachte.

Der Sheriff des Dona Ana Countys zügelte sein Pferd vor dem Office und stieg aus dem Sattel. Unwillkürlich stöhnte er auf. Garret war in die Jahre gekommen, der lange Ritt und die kühle Witterung ließen ihn das deutlich spüren. Dennoch dachte er nicht daran, den Stern abzulegen und seinen Ruhestand zu genießen. Solange der Santa-Fé-Ring seine Fäden zog, würde er in Garret einen unerbittlichen Gegner finden - darüber war sich auch der Gouverneur im Klaren gewesen, der mit Garrets erneuter Ernennung als Sheriff ein deutliches Zeichen hatte setzen wollen.

Garret leinte sein Pferd an und betrat das Office. Als er die Tür öffnete, drangen sofort aufgeregte Stimmen an seine Ohren. Die Stimmen verstummten, kaum dass Garret den Raum betreten hatte. Er blickte in die erstaunten Gesichter von fünf Männern, die ihm nun die Köpfe zuwandten.

»Wer von Ihnen ist der Sheriff?«, wollte Garret wissen, während er die Tür hinter sich schloss.

»Mister, Sie haben sich einen verdammt ungünstigen Zeitpunkt für Ihren Besuch ausgewählt«, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch. Er war in Garrets Alter, von hagerer Gestalt und hatte eine ausgeprägte Stirnglatze. Argwöhnisch musterte er den Besucher.

»Mein Name ist Garret. Pat Garret«, stellte sich der Sheriff des Dona Ana Countys vor. Das überraschte Aufblitzen in den Augen der übrigen Männer entging ihm nicht. »Ich habe keine Zeit für unnötige Diskussionen, Sheriff. Ich muss Sie um Amtshilfe bitten. Es geht um Albert J. Fountain. Ich vermute, er steckt in Schwierigkeiten und ...«

»Ich wusste es«, fiel einer der Männer Garret ins Wort. »Wir hätten ihn niemals allein weiterfahren lassen sollen! Ich bin Humphrey Hill, Mr. Garret. Mir gehört eine Ranch weiter östlich, Fountain ist mit mir befreundet. Meine Männer und ich sind ihm vor Kurzem begegnet. Er erzählte uns von Reitern, die ihm auf den Fersen waren, und deshalb haben wir ihn ein Stück des Weges begleitet.«

»Welche Reiter?«, hakte Garret sofort nach. »Sagen Sie, was Sie wissen, Mr. Hill. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.«

»Das befürchte ich mittlerweile auch«, seufzte der Rancher und berichtete Garret dasselbe wie vorhin dem Sheriff von La Luz.

»Es besteht Grund zur Annahme, dass Fountain in Lebensgefahr schwebt«, fuhr Garret fort. Er erzählte den Anwesenden von dem anonymen Drohbrief, den Fountain erhalten hatte, sowie von dem Gespräch, das Sam Callahan im Mietstall belauscht hatte. »Sheriff«, wandte er sich anschließend an den Gesetzeshüter von La Luz, »wie lange brauchen Sie, um ein Aufgebot zusammenzustellen? Wir müssen Fountain einholen, bevor ihm etwas zustößt.«

»Auf mich und meine Cowboys können Sie sofort zählen«, bot der Rancher an. »Sie haben doch nichts dagegen, Sheriff Masters?«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf und erhob sich. »Mir ist jeder Freiwillige willkommen. Ich trommele noch einige Männer zusammen, dann können wir los reiten.«

Sheriff Masters schnallte sich den Revolvergurt um, streifte sich die Jacke über und griff nach seinem Hut.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte er zu Garret und den anderen Männern. Sekunden später hatte er das Office schon verlassen und überquerte die Straße mit schnellen Schritten. Garret sah durch eines der Fester, wie er im Saloon verschwand.

»Ich mache mir Sorgen um den Jungen, Sheriff«, wandte sich einer der Cowboys an Garret. »Henry wird doch hoffentlich nichts passiert sein?«

»Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen sagen«, brummte Garret und blickte ungeduldig durch das Fenster. Es kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, bis Sheriff Masters in Begleitung von sieben Männern wieder auftauchte.

Der Rancher, seine Cowboys und die sieben Männer wurden als Deputies vereidigt, eine Viertelstunde später ritt das Aufgebot aus der Stadt. Angeführt wurden es von Pat Garret, dem sich Masters sofort untergeordnet hatte. Schließlich kannte auch er den Ruf dieses Mannes, der seit dem Lincoln County Krieg als lebende Legende galt.

16

Die Nacht war mondhell, und das erleichterte dem Aufgebot die Sicht über das felsige Gelände. An der Spitze des Trupps ritt Humphrey Hill, denn er und seine Männer hatten Fountain und seinen Sohn zuletzt gesehen.

Nach knapp einer Stunde erreichte das Aufgebot jene Stelle, wo sich Hill von Fountain getrennt hatte. Garret und seine Männer folgten den Spuren des Wagens mehrere Meilen. Schließlich erkannten sie, dass Fountain von seiner ursprünglich geplanten Route abgewichen war.

»Das ist seltsam«, murmelte Hill. »Er wollte doch nach Mesilla. Diese Richtung jedoch führt nach Chalk Hill. Was will er dort nur?«

»Hier drüben ist der Boden aufgewühlt!«, rief einer der vereidigten Deputys, ein Mann namens Kent Kearney. »Jemand hat versucht, seine Spuren zu verwischen!«

Garret dirigierte sein Pferd zu der betreffenden Stelle, stieg rasch aus dem Sattel und betrachtete im Mondlicht die nur unzureichend verwischten Spuren. Misstrauisch runzelte er die Stirn. Seine Befürchtungen erwiesen sich offensichtlich als gerechtfertigt.

»Diese Spuren führen ebenfalls in die Richtung, die Fountain eingeschlagen hat«, sagte er nachdenklich. »Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Los, wir folgen weiterhin der Spur des Wagens.«

Garret stieg wieder in den Sattel und gab den Männern das Zeichen zum Weiterreiten. Seine Augen tasteten unermüdlich über den felsigen Boden, der vom Vollmond in ein silbernes Licht getaucht wurde.

»Da drüben!«, rief Sheriff Masters plötzlich. »Da ist etwas!«

Garret blickte auf. In einer Entfernung von vielleicht zwanzig Yards hoben sich dunkle Konturen vom helleren Nachthimmel ab. Die Männer ritten näher und erkannten schließlich den Wagen, der unweit eines Felsmassives stand. Die Deichsel lag lose am Boden, die Pferde waren verschwunden.

Garret und Hill erreichten den Wagen als Erste. Der Sheriff stieg ab, schritt zu dem Gefährt und zuckte zusammen, als ihm ein süßlicher Geruch in die Nase stieg, den er nur zu gut kannte. Sekunden später erkannte er im Schein des Mondes einige feuchte Flecken auf dem Sitz des Wagens. Er berührte mit seinem Zeigefinger kurz einen der Flecken und führte den Finger dann an seine Nase.

»Blut«, murmelte Garret. »Das ist Blut.«

»Gütiger Himmel!«, entfuhr es dem Rancher. »Wo um alles in der Welt sind Fountain und der Junge?«

Die Männer waren ratlos. Ihre Unruhe verstärkte sich noch, als sie im hinteren Teil des Wagens das Gepäck der beiden Fountains fanden und außerdem noch einen Hut, der dem kleinen Henry gehörte. Slim Catton erinnerte sich wieder daran, wie sehr er Henry mit seiner Mundharmonika beeindruckt hatte, und die Gesichtszüge des Cowboys erstarrten. Noch aber wagte niemand, den furchtbaren Verdacht laut auszusprechen.

»Sucht das Gelände ab!«, befahl Garret. »Wer Spuren oder sonstige Hinweise findet, alarmiert sofort die anderen. Worauf wartet ihr noch?«

Die Männer schwärmten aus, nur Garrett und Hill blieben bei dem Wagen. Der Sheriff schritt nervös auf und ab, tief in seinem Inneren verfestigte sich die Überzeugung, dass Fountain und sein Sohn einem Verbrechen zum Opfer gefallen wären. Es sah ganz danach aus, als wäre das Aufgebot zu spät gekommen. Gleichzeitig wollte Garret einfach nicht begreifen, dass es Heckenschützen gab, die nicht einmal Rücksicht auf das Leben eines unschuldigen Kindes nahmen.

»Glauben Sie, dass wir sie finden werden?«, riss Hills Stimme den Sheriff aus seinen düsteren Gedanken. »Vielleicht sind sie ja nur verletzt und ...«

»Ich wünschte, ich hätte Ihre Zuversicht, Mr. Hill.« Garret stieß einen lauten Seufzer aus. »Sie haben doch auch das viele Blut gesehen, oder?«

»Ja«, erwiderte Hill leise. »Aber das muss doch nicht bedeuten, dass die beiden Fountains tot sind. Vielleicht gab es ja einen Kampf, bei dem sie sich gewehrt haben und schließlich geflohen sind.«

»Nein«, sagte Garret. »Dann würden die Spuren anders aussehen. Es geschah alles plötzlich und ohne jede Warnung. Fountain hatte keine Chance. Ich kann nur hoffen, dass der Junge von all dem nichts gespürt hat.«

»Sie sind ein Pessimist, Garret«, warf ihm Hill vor.

»Nein, ich bin kein Pessimist«, widersprach Garret. »Aber ich habe in meinem Leben schon genug Banditen kennengelernt und weiß deshalb, wozu manche dieser Kerle fähig sind. Aber eines schwöre ich Ihnen, Mr. Hill: Wenn das eingetreten ist, was ich befürchte, werde ich mir diese Bastarde greifen - und wenn es meine letzte Amtshandlung als Sheriff ist!«

Die Männer suchten das Gelände ringsum eine Stunde ab, ohne auch nur auf den geringsten Hinweis auf die beiden Vermissten zu stoßen. Die Fountains waren wie vom Erdboden verschluckt.

»So kommen wir nicht weiter«, sagte Garret zu Hill. »Wir müssen abwarten, bis es wieder hell ist, und dann durchkämmen wir das gesamte Gelände erneut. Irgendwo muss es doch einen Hinweis auf die beiden geben.«

Hill wollte schon zu einer Antwort ansetzen, als plötzlich Deputy Kearney zu den beiden Männern lief. Er zeigte aufgeregt nach Nordwesten.

»Wir haben Spuren gefunden, Sheriff«, berichtete er. »Sie führen weiter hinauf in die Berge. Eine halbe Meile weiter oben hat sich die Fährte getrennt. Eine führt nach Westen, die andere weiter in die Jarilla Mountains.«

»Gut gemacht, Kearney«, lobte ihn Garret. »Wir werden uns aufteilen. Sie kommen mit mir, gleichfalls Hill und seine Männer. Wir folgen der Fährte, die weiter in die Berge führt, Sheriff Masters und die übrigen Deputies übernehmen die andere Fährte. Sheriff«, wandte er sich anschließend direkt an Masters, »schicken Sie einen Ihrer Leute zurück nach La Luz. Gleich morgen früh bei Sonnenaufgang sollen weitere Männer das Gelände hier absuchen. Wir brauchen jeden Freiwilligen.«

»Wir haben doch schon genug Männer«, wandte Masters ein. »Wenn wir nichts gefunden haben, wird ein größeres Aufgebot auch nichts finden.«

»Ich möchte nichts unversucht lassen«, entgegnete Garret scharf. »Und ich hoffe, Sie denken ebenso!«

Masters nickte nur und beauftragte einen seiner Deputies mit dem Ritt. Der Mann zog sein Pferd herum und galoppierte los.

Garrets Blicke richteten sich auf das Felsmassiv, das sich vor ihm wie drohend erhob.

»Ich bin schon sehr gespannt darauf, was uns in den Jarilla Mountains erwartet. Immerhin befindet sich weiter nördlich die Dog Canyon Ranch von Jim Gilliand und Oliver Lee. Was für ein eigenartiger Zufall!«

»Glauben Sie, dass die beiden hinter dieser furchtbaren Sache stecken?«, wollte Hill wissen.

»Ich werde sie mir vorknöpfen«, antwortete Garret düster. »Und ich hoffe für sie, dass sie mit dieser Angelegenheit nichts zu tun haben.«

17

Garret zügelte sein Pferd, als am Horizont die ersten rötlichen Schimmer der Morgendämmerung zu sehen waren. Der Pass, der zum Dog Canyon führte, lag mittlerweile hinter ihm und seinen Begleitern.

Der Sheriff griff nach der Feldflasche, die er am Sattelhorn mit sich führte, schraubte sie auf und trank einige Schluck. Nachdem er die Flasche wieder ans Sattelhorn gehängt hatte, warf er den Männern des Aufgebots einen knappen Blick zu. Hill, seine Cowboys und Deputy Kearney waren ebenso von den Strapazen des langen und anstrengenden Rittes gezeichnet wie auch Garrett selbst.

Dennoch war der Gedanke an Ruhe war fern. Die Männer hatten einen Auftrag zu erfüllen, sie wollten herausfinden, was aus Fountain und seinem kleinen Jungen geworden war, und das trieb sie voran. Sie ritten weiter und gelangten bald schon auf ein Hochplateau, von dem mehrere Wege in die Felsen abzweigten.

»Es ist schon einige Zeit her, seit ich hier oben Wildpferde gejagt habe«, erklärte Hill. »Aber ich habe mich schon damals gefragt, wie man es schaffen kann, ausgerechnet hier eine Ranch zu betreiben.«

»Sie halten Gilliand und Lee wohl nicht für ehrbare Rancher, was?« Garret sah Hill fragend an.

»Ich traue den beiden nicht«, sagte Hill. »Es gehen Gerüchte um, dass sie Pferde mit verschiedenen Brandzeichen in ihren Corrals stehen haben. Und den Männern, die auf der Ranch als Cowboys arbeiten, sollte man nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht begegnen.«

»Das stimmt, Boss«, meldete sich Slim Catton zu Wort. »Mit einem der Kerle hatte ich mal Streit bekommen, als ich in La Luz war. Zum Glück ist Sheriff Masters rechtzeitig eingeschritten. Wer weiß, was sonst noch geschehen wäre.«

»Und was hat Sheriff Masters sonst noch unternommen?«, fragte Garret.

Hill winkte ab. »Gar nichts. Der ist froh, wenn er La Luz nicht verlassen muss. Was sich außerhalb der Stadtgrenzen ereignet, interessiert ihn doch gar nicht. Was glauben Sie, wie wütend der ist, weil er jetzt endlich mal was tun muss.«

»So kam mir das auch vor«, sagte Garret. »Wenn die Sache hier vorbei ist, werde ich mit dem Gouverneur reden. Der soll sich diesen Sheriff mal zur Brust nehmen und ihm klarmachen, was der Stern an seiner Jacke eigentlich bedeutet. Reiten wir weiter.«

Garret gab seinem Pferd die Zügel frei und folgte dem steinigen Pfad, der in Richtung Dog Canyon führte. Die Männer des Aufgebots schlossen sich ihm an.

Der Weg führte durch einen engen Felseinschnitt in ein Tal, das an drei Seiten von Gesteinshängen begrenzt wurde. Im Zentrum der Talsohle befand sich Dog Canyon Ranch! Von hier oben aus wirkten die Gebäude der Ranch winzig klein.

Hier also lebten Oliver Lee und Jim Gilliand! Garret musste zugeben, dass dies ein idealer Ort war, um krumme Geschäften zu betreiben. Die Ranch war weit entfernt von den großen Städten und bekannten Straßen, wenn hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging, so bekam niemand etwas davon mit.

Als Garret und seine Männer näher ritten, erkannten sie Einzelheiten. Die Ranch bedurfte dringend einer Renovierung, sowohl das Hauptgebäude als auch die Schuppen und die Corrals machten einen mehr als desolaten Eindruck. Stellenweise fehlten ganze Bretter in den Wänden, auch die Dächer wiesen Lücken auf.

»Meine Güte!«, seufzte Deputy Kearney. »Das sind ja die reinsten Bruchbuden. Wohnt hier überhaupt noch jemand?«

Eine Antwort auf diese Frage bekam er wenig später. Vom Hufschlag der Pferde waren zwei Männer ins Freie gelockt worden, stoppelbärtige Burschen, deren Kleidung genauso heruntergekommen aussah wie die Gebäude der Ranch. Garret musterte die Männer kurz. Sie trugen zwar Cowboykleidung, wirkten aber ansonsten wie Wölfe, die nur auf eine Gelegenheit warteten, um völlig überraschend anzugreifen. Diese Kerle waren mit Vorsicht zu genießen, so viel war dem Sheriff sofort klar.

»Guten Morgen, Gentlemen!«, ergriff einer der beiden das Wort und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was verschafft uns die Ehre des frühen Besuchs?«

»Wo sind Lee und Gilliand?«, fragte Garret barsch, ohne sich von der falschen Freundlichkeit des aschblonden Mannes beeindrucken zu lassen. »Ich möchte mit ihnen sprechen.«

»Wer sind Sie überhaupt?«, wollte der zweite Mann wissen. »Üblicherweise stellt man sich vor, wenn man fremden Grund und Boden betritt.«

»Mein Name ist Pat Garret«, sagte der Sheriff. Die beiden rissen erstaunt die Augen auf und warfen einander einen kurzen Blick zu. Jedes Kind in diesem Land wusste, dass Pat Garret jener Mann war, der Billy the Kid erschossen hatte - und Billy the Kid war nicht irgendein Outlaw gewesen.

Der Sheriff wollte den Kerlen keine Gelegenheit geben, ihre Verblüffung zu überwinden.

»Ich warte auf eine Antwort!«, knurrte er.

»Sie ... sie sind im Moment nicht hier, Sheriff«, erwiderte der Aschblonde. »Uns sind einige Pferde aus dem Corral ausgebrochen, und jetzt suchen sie nach ihnen.«

»Dann wissen Sie doch sicher, in welche Richtung sie geritten sind?«, fragte Garret weiter.

Der Angesproche zögerte kurz, rang sich dann aber doch zu einer Antwort durch.

»Ich glaube, Mr. Gilliand und Mr. Lee wollten hinauf zum Wildy Well.«

»Wo ist das?«

»Ich kenne die Gegend«, meldete sich nun Slim Catton zu Wort. »Vor Jahren war ich einmal dort, damals stand dort eine alte Weidehütte, in der die Cowboys übernachten konnten, wenn sie Wildpferde einfingen. Stimmt doch, oder?«

Die beiden Cowboys nickten.

»Wie weit ist das von hier entfernt?«, wollte Garret wissen.

»Vielleicht zwei Reitstunden«, klärte ihn Catton auf. »Der Weg dahin ist jedoch ziemlich steil. Es wäre gut, wenn wir unsere Tieren vorher rasten lassen.«

»Ich bin sicher, die beiden Gentlemen haben nichts dagegen, dass wir unsere Pferde hier tränken«, meinte Garret. Bevor die Cowboys etwas darauf erwidern konnten, war er auch schon abgestiegen und führte sein Tier zu einem Pferdetrog, der zwischen dem Haus und einem Schuppen stand. Garret gab sich bewusst lässig,. beobachtete die beiden Männer aber aus den Augenwinkeln. Er wusste, dass die Ruhe der Kerle nur gespielt war, ihre Nerven mussten bis zum Zerreißen gespannt sein.

Nachdem Garret sein Pferd getränkt hatte, führten auch die übrigen Männer ihre Pferde an den Trog.

»Mr. Hill, was glauben Sie?«, wandte sich Garret an den Rancher und sprach dabei absichtlich so laut, dass ihn auch die beiden Cowboys hören konnten. »Wie verhalten sich skrupellose Mörder, die zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben? Werden sie weiterhin die ehrbaren Bürger spielen oder irgendwann die Nerven verlieren, wenn ihnen ein Vertreter des Gesetzes im Nacken sitzt?«

»Keine Ahnung, Sheriff«, antwortete Hill. »Aber wenn diese elenden Hundesöhne wirklich ein Kind umgebracht haben, sollte man sie auf der Stelle aufhängen, sobald man sie geschnappt hat. Kein Prozess, kein Richter und auch kein Urteil - nur der Strick. Das wäre das Beste!«

»Nun, vielleicht geschieht das wirklich, wenn die Mörder der aufgebrachten Bevölkerung in die Hände fallen«, meinte Garret. »Ich bin zwar als Sheriff verpflichtet, gegebenenfalls auch Verbrecher zu beschützen, aber gegen eine wütende und zu allem entschlossene Menschenmenge bin vermutlich auch ich machtlos. Für die Mörder wäre es am besten, das Dona Ana County so schnell wie möglich zu verlassen. Am besten noch heute.«

Garret stieg wieder in den Sattel.

»Danke für das Wasser, und einen schönen Tag noch«, sagte er zu den Cowboys. Auch die übrigen Männer schwangen sich wieder auf ihre Tiere.

Angeführt von Slim Catton, entfernte sich das Aufgebot von der Dog Canyon Ranch. Als sie eine halbe Meile von dem Anwesen entfernt waren und schon fast das andere Ende des Tals erreicht hatten, drehte sich Garret noch einmal im Sattel um. Er bemerkte eine kleine Staubwolke und holte sein Fernglas aus der Satteltasche. Ein Lächeln schlich sich in seine Züge, als er das Fernglas an Hill weiter gab.

»Die Ratten verlassen das sinkende Schiff«, sagte er.

»Ich weiß nicht so recht«, meinte Hill. »Die beiden sehen zwar nicht sehr vertrauenserweckend aus, aber ich traue ihnen nicht zu, dass sie kaltblütig ein Kind ermorden.«

»Würden Sie Gilliand und Lee zutrauen, dass sie einen derartigen Mord in Auftrag geben oder ihn gar selbst begehen?«, antwortete Garret mit einer Gegenfrage. »Vermutlich auch nicht. Dennoch spricht alles für einen Mord. Wenn ein Mord geschehen ist, muss es aber auch Mörder geben. Und diese Mörder werde ich ihrer gerechten Strafe zuführen, darauf können Sie sich verlassen!«

18

Der Weg zum Wildy Well war in der Tat so beschwerlich, wie Slim Catton ihn beschrieben hatte. Beiderseits des steil ansteigenden Pfades wuchsen Felswände empor, die Vegetation beschränkte sich auf einige dürre Sträucher. Garret fragte sich im Stillen, wer zum Teufel auf die Idee gekommen war, in dieser Wildnis eine Weidehütte zu errichten. Die Dog Canyon Ranch war schon abgelegen genug - aber diese Gegend hier mutete an wie das sprichwörtliche Ende der Welt.

Eine Zeit lang mussten die Männer ihren Weg zu Fuß fortsetzen und die Pferde an den Zügeln führen. Schließlich ließ die Steigung etwas nach, und der Pfad verbreiterte sich, sodass das Aufgebot seinen Weg wieder im Sattel fortsetzen konnte.

Kearney ritt auf Garrets Befehl hin ein Stück voraus, um die nähere Umgebung zu inspizieren. Falls er etwas Verdächtiges bemerkte, sollte er sofort wieder umkehren und die anderen davon informieren. Garret wollte unbedingt vermeiden, Gilliand und Lee in eine Falle zu tappen, der Sheriff zog wie immer alles in Erwägung, was eventuell eintreten konnte.

Eines allerdings hatte Garret nicht berücksichtigt - den Zorn des Cowboys Slim Catton. Er hatte den kleinen Henry gemocht, sein Lächeln stand immer noch vor Cattons geistigem Auge, genauso wie der blutige Bock des Wagens, auf dessen Ladefläche Henrys Hut gelegen war. Die Vorfälle der letzten Stunden hatten Catton einen Schock fürs Leben versetzt. Diesem Schock war stille Wut gefolgt, die schließlich in Zorn übergegangen war, der sein gesamtes Denken und Handeln bestimmte. Wie es in Catton wirklich aussah, wussten allerdings weder Garret noch Hill, und auch die übrigen Cowboys hatten davon nicht die leiseste Ahnung.

Eine halbe Stunde nach seinem Aufbruch kehrte Deputy Kearney wieder zurück. Er zügelte sein Pferd vor Garret.

»Ich habe die Hütte entdeckt. Zwei Männer sind dort oben«, berichtete Kearney.

»Gut«, sagte Garret. »Wir müssen zu der Hütte gelangen, ohne dass uns jemand bemerkt. Wie sind die Gegebenheiten vor Ort, Deputy?«

»Die Hütte ist von dichtem Gestrüpp umgeben«, erwiderte Keamey. »Der Weg dorthin ist ebenfalls von Sträuchern gesäumt. Wenn wir es geschickt anstellen und leise ans Werk gehen, müssten wir unbemerkt bis zu der Hütte vordringen können.«

»Das klingt gut«, antwortete Garret. »Dann lasst uns die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Catton ritt wieder voraus, und die anderen folgten ihm. Während Garret das zerklüftete Gelände durchquerte, dachte er an den Mann, den Sheriff Masters zurück nach La Luz geschickt hatte, um zusätzliche Leute zu mobilisieren. Vermutlich waren diese schon längst vor Ort und suchten weiter nach den Vermissten. Aber sein Gefühl verriet Garret, dass die Suche erfolglos bleiben würde.

Kurz darauf erreichten Garret und seine Männer eine Stelle, von der aus man einen guten Überblick über das umliegende Gelände hatte. Catton zeigte dem Sheriff die abgelegene Hütte, und Garret nickte zufrieden.

»Wie sollen wir jetzt vorgehen, Sheriff?«, wollte Hill wissen.

»Wir schleichen uns zu Fuß an die Hütte heran«, antwortete Garret. »Jeder hört auf mein Kommando, verstanden?«

Die Männer nickten. Auch Catton signalisierte so sein Einverständnis, aber das Wissen, dass die mutmaßlichen Mörder des kleinen Jungen in greifbarer Nähe waren, ließ den Hass in ihm noch größer werden. Diese Bastarde mussten für ihre schreckliche Tat bestraft werden - und zwar so schnell wie möglich!

»Jeffrey, du bleibst hier und passt auf die Pferde auf ! «, befahl Hill einem seiner Cowboys, Dann schlichen die Männer los.

19

Vor der rechten Seitenwand der Weidehütte standen zwei ungesattelte Pferde. Bei ihnen befand sich ein Mann, der die Tiere soeben fütterte. Er kehrte Garret und seinen Deputys zwar den Rücken zu, aber als kurz seinen Hut abnahm und eine Glatze zum Vorschein kam, erkannte ihn Garret als Oliver Lee..

Plötzlich warf eines der Pferde den Kopf hoch und begann zu schnauben. Garret murmelte einen leisen Fluch und deutete seinen Leuten, sich nicht von der Stelle zu rühren. Gleichzeitig, hielt Lee in der Bewegung inne und wandte den Kopf langsam in Richtung des Gestrüpps, in dem Garret und die Deputies kauerten und wie gebannt nach vorne starrten.

»Jim!«, rief Lee. »Komm raus - schnell!«

»Was ist denn los, zum Teufel?«, erklang eine mürrische Stimme aus dem Inneren der Hütte. Kurz darauf trat Jim Gilliand ins Freie. Er war ein großer hagerer Mann mit schwarzen Haaren und einem gleichfarbigen Oberlippenbart. Verärgert sah er Lee an. »Kann man denn nicht einmal hier in Ruhe ein Nickerchen machen?«, fragte er unwirsch.

»Eines der Pferde ist plötzlich so nervös«, sagte Lee. »Es muss etwas wittern.«

Gilliand beobachtete kurz das Tier und blickte dann zu den Büschen hinüber. Garret wagte in diesen Sekunden kaum zu atmen. Er dachte schon, dass Gilliand etwas entdeckt hätte, als sich dieser wieder abwandte.

»Halte weiterhin die Augen offen«, trug Gilliand seinem Kumpel auf. »Ich hole mein Gewehr. Vielleicht schleicht hier ein Puma herum, der es auf die Pferde abgesehen hat.« Mit diesen Worten kehrte er wieder in die Hütte zurück.

Garret fiel ein Stein vom Herzen. Die beiden Rancher dachten offenbar nicht im Traum daran, dass sich hier oben noch weitere Menschen aufhielten. Umso überraschter würden sie sein, wenn sie begriffen, dass sie in der Falle saßen und umzingelt waren.

Im nächsten Moment war es mit der Erleichterung des Sheriffs vorbei. Er nahm aus den Augenwinkeln heraus eine hastige Bewegung wahr, wirbelte den Kopf herum und sah, wie Slim Catton das Gewehr hochriss. Der Cowboy, der Henry Fountain so sehr gemocht und ihn mit den Melodien seiner Mundharmonika so beeindruckt hatte, konnte sich einfach nicht mehr länger beherrschen. Garret wollte den Cowboy zurückhalten, aber dafür war es schon zu spät.

»Du elender Kindermörder!«, brüllte Catton und drückte Sekundenbruchteile später ab. Sein unbeherrschter Zorn ließ ihn das Ziel allerdings verfehlen. Die Kugel traf nicht den Rancher, sondern schlug neben Oliver Lee in die Wand der Hütte, aus der sie einige Späne fetzte.

Lee duckte sich sofort und schlug sich in die Büsche, die Pferde begannen unruhig umher zu tänzeln. Catton jagte eine zweite Kugel aus dem Lauf, aber das Projektil riss nur einige Zweige von den Sträuchern. Nun war die Chance, die beiden Männer zu überrumpeln, unweigerlich vertan.

»Verdammter Idiot!«, fuhr Garret den Cowboy an und zog gleich darauf den Kopf ein, als Gilliand von der Hütte aus mit seinem Gewehr das Feuer eröffnete. »Warum konnten Sie nicht warten, Catton?«

Der Cowboy erwiderte nichts, sondern starrte nur grimmig zu der Stelle, wo Lee eben noch gestanden hatte. Erst als unweit davon entfernt ein Colt krachte und eine Kugel durch das Dickicht jaulte, schien Catton wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er sah Garret kurz an, setzte an zu sprechen, atmete dann aber nur heftig aus.

»Teilt euch in zwei Gruppen auf und erwidert das Feuer!«, befahl Garret mit sich überschlagender Stimme. Im nächsten Moment nahmen einige Männer, unter ihnen auch der Sheriff, die Hütte in Beschuss, die übrigen feuerten dorthin, wo sie Lee vermuteten.'

Deputy Kearny riss sein Gewehr an die Schulter, zog den Stecher durch und verließ dann geduckt seine Deckung, um näher an die Hütte zu gelangen. Garret bemerkte es und ließ seine Waffe kurz schweigen.

»Kearney!«, rief er dem Deputy aus La Luz zu. »Passen Sie auf!«

Im Türrahmen tauchte plötzlich ein Schatten auf, dann peitschten vier Schüsse hintereinander .Mündungsblitze stachen ins Freie, Pulverdampf wölkte auf.

Der Deputy wurde vom Einschlag dreier Kugeln herumgeschleudert und schrie gellend auf. Er ließ sein Gewehr fallen, brach zusammen und blieb blutüberströmt am Boden liegen. Er versuchte zwar, von der Hütte weg zu kriechen, war dazu aber nicht mehr in der Lage. Hilflos lag er im Staub, während mehr und mehr Blut aus seinem Körper strömte.

Oliver Lee hatte den getroffenen Deputy stürzen sehen und nutzte seine Chance. Als er erkannte, dass die Aufmerksamkeit Garrets und seiner Männer dem Verwundeten galt, der sich stöhnend am Boden wälzte, verließ er seine Deckung wieder und hetzte geduckt zu den Pferden, den Colt in der Rechten.

Garret wollte auf den Rancher feuern, aber das nun einsetzende gezielte Sperrfeuer Jim Gilliands hinderte ihn daran. Gilliands Kugeln umschwirrten die Männer des Aufgebots wie wütende Hornissen und trieben sie weiter in die Büsche zurück. Das Krachen des letzten Schusses war kaum verhallt, als Gilliand plötzlich hinter der Rückseite der Hütte hervor lief, die er durch ein Fenster verlassen haben musste. Mit eingezogenem Kopf hetzte er zu seinem Komplizen, der bereits im Sattel seines umher tänzelnden Pferdes saß und nun seinen Colt auf die Männer des Aufgebots entleerte. Einen Herzschlag später saß auch Gilliand im Sattel.

»Haltet sie auf!«, rief Garret, aber da preschten die beiden Rancher schon davon, nachdem sie den Tieren kurz die Sporen gegeben hatten. Die Oberkörper dicht über die Mähnen der Pferde gebeugt, ritten sie in die Büsche. Garret und seine Männer jagten den Fliehenden einige Projektile hinterher, aber keines von ihnen traf.

Garret eilte zu dem schwer verletzten Deputy, unter dessen Körper sich mittlerweile eine Blutlache ausgebreitet hatte, und ließ sich neben dem Verwundeten auf den Knien nieder. Als der Sheriff die Wunden des Deputys sah, begriff er, dass hier jede Hilfe zu spät kam.

»Sind ... sie entkommen?«, röchelte Kearney, dessen Gesicht jetzt wächsern bleich war. Ein Hustenanfall schüttelte seinen Körper.

Garret nickte nur schweigend.

Kearney wollte noch etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. Seiner Kehle entrang sich ein heiseres Röcheln, die Augen traten ihm weit aus den Höhlen und verloren plötzlich jeden Glanz. Dann fiel der Kopf des Deputys zur Seite.

Garret zerbiss einen Fluch auf den Lippen und erhob sich wieder. Er sah zu den übrigen Männern des Aufgebots hinüber, die inzwischen allesamt ihre Deckungen verlassen hatten, und schüttelte stumm den Kopf.

»Es ... es tut mir leid, Sheriff«, stammelte Catton, der mit schmerzhafter Klarheit begriff, dass er die Schuld an Kearneys Tod trug. »Ich wusste doch nicht, dass ...«

Garret ging auf den Cowboy zu, seine Augen funkelten vor Wut. Als er vor Catton innehielt, zuckte seine linke Hand vor und packte den Mann am Kragen seines verwaschenen Hemdes.

»Idiot!«, fuhr ihn Garret an. »Weil Sie sich nicht unter Kontrolle hatten, musste ein Mann sterben! Darauf können Sie wirklich stolz sein!«

»Ich wollte das nicht«, versuchte sich Catton zu verteidigen. »Wirklich.«

»Das macht Kearney auch nicht wieder lebendig«, antwortete Garret und ließ den Cowboy wieder los. »Ich hoffe, Sie ziehen daraus für den Rest Ihres Lebens eine Lehre.« Anschließend wandte sich der Sheriff an Hill.

»Sie und Ihre Leute bringen den toten Deputy zurück nach La Luz. Wenn Ihnen unterwegs Sheriff Masters und die anderen Männer begegnen, dann sagen Sie ihnen, dass ich weiter hinauf in die Berge reite und die Flüchtenden verfolge. Masters und seine Leute sollen mir folgen.«

»Aber Sie können doch nicht alleine weiter reiten«, wandte Hill ein. »Was ist, wenn Sie in einen Hinterhalt geraten und ...?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein«, schnitt ihm Garret das Wort ab. »Ich weiß schon, was ich zu tun habe - und ich mache es auf meine Weise. Allein! Die Tatsache, dass Gilliand und Lee vor uns die Flucht ergriffen haben, ist schon so gut wie ein Geständnis. «

Er wartete nicht ab, ob der Rancher oder einer seiner Leute darauf etwas zu erwidern hatten, sondern wandte sich einfach ab und ging zurück zu seinem Pferd. Kurze Zeit später hörten Hill und seine Männer die sich rasch entfernenden Hufschläge.

»Hoffentlich hat er Erfolg«, murmelte Hill. »Kommt, Leute - wir kümmern uns um den Toten und reiten dann zurück nach La Luz.«

Ein Blick in die Gesichter des Cowboys zeigte ihm, wie erleichtert die Männer darüber waren, dass diese Jagd für sie ein Ende gefunden hatte. Aber für Pat Garret hatte sie erst richtig begonnen!

20

Als Hill und seine Cowboys tiefer gelegenes Gelände erreichten, hörten sie plötzlich Hufschläge. Sie kamen aus der Richtung, in der sie Sheriff Masters und die anderen Männer des Aufgebotes vermuteten. Wenige Minuten später tauchte zwischen den Felsen voraus ein Reitertrupp auf, der rasch näher kam.

»Das ist Sheriff Masters«, stellte Hill fest. »Er hat einen Gefangenen bei sich.«

Masters und seine Leute hatten Hill ebenfalls bemerkt. Sie ritten auf das Aufgebot zu und zügelten ihre Pferde. Als Masters den Toten sah, der bäuchlings quer über dem Sattel des Pferdes lag, verdüsterte sich sofort seine Miene.

»Das ist ja Kearney!«, rief er. »Gütiger Himmel, was ist passiert? Wo ist Garret?«

»Es gab einen Kampf bei Wildy Well«, klärte Hill den Sheriff auf. »Durch ein Versehen wurden Gilliand und Lee gewarnt und eröffneten das Feuer auf uns.«

Er blickte kurz zu Catton, der betreten den Kopf hängen ließ.

»Garret verfolgt Gilliand und Lee«, fuhr Hill fort. »Er ist fest entschlossen, die beiden Männer zu stellen. Er lässt Ihnen ausrichten, dass Sie ihm folgen sollen.«

»Und wohin?«, fragte Sheriff Masters seufzend. Die Vorstellung, ein weiteres Risiko einzugehen, versetzte ihn nicht gerade in Begeisterung. »Hat er gesagt, welche Richtung er einschlägt?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Hill. »Er ist weiter hinauf in die Berge geritten.«

»Wir werden erst einmal unseren Gefangenen nach La Luz bringen und dann Richter Frank Parker entscheiden lassen, was weiter unternommen werden soll«, meinte Masters und wies dabei auf den gefesselten Mann, der auf einem braunen Hengst saß. »Das ist Billy McNew. Warum sehen Sie den Mann so eigenartig an, Mr. Hill?«

»Weil ich weiß, dass McNew öfters mit den Leuten von der Dog Canyon Ranch zu tun hat, Sheriff«, erwiderte der Rancher. »Wo haben Sie ihn erwischt?«

»In der Nähe der alten Escosa-Mine«, antwortete Masters. »Dorthin führte die Spur eines der beiden Pferde von Fountains Wagen. Wenig später haben wir auch das Tier gefunden. Es war sehr nervös, wir brauchten einige Zeit, um es einzufangen und wieder zu beruhigen. Unweit des Pferdes stießen wir dann auf eine zweite Spur - und sie führte uns rasch zu McNew.«

»Verdammt, ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun!«, protestierte der Gefangene. »Mr. Hill, Sie kennen mich doch. Trauen Sie mir einen Mord zu?«

»Das muss der Richter entscheiden«, antwortete der Rancher ausweichend. »Was hatten Sie denn bei der alten Mine zu suchen, McNew?«

»Ist es verboten, durch die Berge zu reiten?«, stellte McNew eine Gegenfrage. »Das ist doch ein freies Land, oder?«

»Halten Sie den Mund, McNew!«, wies ihn Sheriff Masters zurecht. »Wenn Sie was sagen wollen, dann warten Sie damit, bis Sie vor dem Richter stehen. Ich bin sicher, dass er sich für Ihre Geschichte interessieren wird.«

McNew wollte zu einer Erwiderung ansetzen, zog es dann aber vor, zu schweigen.

»Wenn Sie den Gefangenen nach La Luz bringen wollen, werden Sie Garret also nicht folgen?«, fragte Hill.

Masters winkte ab. »Ich bin zuständig für das La Luz County«, erwiderte er. »Das heißt, ich kümmere mich um die Stadt und die nähere Umgebung. Hier draußen ist Niemandsland, Mr. Hill - und das hat schon einen Deputy das Leben gekostet. Weitere Menschenleben werde ich sicher nicht unnötig aufs Spiel setzen. Es reicht mir schon, dass ich Kearneys Frau vom Tod Ihres Mannes unterrichten muss.«

»Also wollen Sie die Mörder einfach entkommen lassen?«

»Passen Sie auf, was Sie da sagen!«, ermahnte ihn der Sheriff. »Falls Sie es vergessen haben sollten: Fountain und sein Sohn gelten als vermisst, noch kann von Mord keine Rede sein. Wir werden uns darauf konzentrieren, die Suche fortzusetzen. Wenn die beiden noch am Leben und womöglich verletzt sind, dann zählt jede Minute. Sheriff Garret soll das tun, was er für richtig hält - und ich mache das, was mir wichtig erscheint.«

Hill sah ein, dass er Masters nicht überzeugen konnte, Garret zu folgen. Also schlossen er und seine Leute sich dem Sheriff an und ritten wieder zurück nach La Luz.

21

Oliver Lee zügelte immer wieder sein Pferd, um kurz zurückzublicken. Seine Miene verriet deutlich die Anspannung, unter der er stand.

»Was ist denn?«, wollte Jim Gilliand gereizt wissen und zog sein Pferd ebenfalls am Zügel. »Komm endlich, Oliver. Wir müssen weiter «

»Und wohin?«, seufzte Lee. »Es ging alles so schnell, außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass wir verfolgt werden.«

»Sei froh, dass wir den Hundesöhnen entkommen sind, und reite endlich weiter«, drängte Gilliand und gab seinem Pferd wieder die Zügel frei.

»Ich habe einen der Männer erkannt«, sagte Lee und trieb sein Tier ebenfalls wieder an. »Es war Pat Garret. Ich habe ihn zwar nur kurz gesehen, aber ich bin mir sicher, dass er es war «

»Garret ist gefährlich«, meinte Gilliand. »Er hat schon Billy the Kid aufs Kreuz gelegt. Wir müssen jetzt noch vorsichtiger sein.«

»Glaubst du, dass er uns folgt?«

»Natürlich. Einer wie der gibt so schnell nicht auf. Aber ich tue das auch nicht, Oliver.«

»Und was willst du jetzt tun? Auf der Dog Canyon Ranch können wir uns nicht mehr blicken lassen, dort wird man sicher zuerst nach uns suchen.«

»Dorthin werden wir auch nicht reiten«, entschied Gilliand. »Aber weiter südöstlich, genau an der Grenze zum Otero County, gibt es eine kleine Pferderanch. Sie gehört einem Mann namens Eugene Manlove Rhodes. Der Kerl schuldet mir noch einen kleinen Gefallen. Es wird höchste Zeit, ihn daran zu erinnern.«

»Rhodes?« Lee blickte seinen Kumpan verwundert an. »Von dem hast du mir noch nie erzählt. Woher kennst du ihn?«

»Ich habe mal Pferde von ihm gekauft - vor einem knappen Jahr«, klärte Gilliand seinen Partner auf. »Ich wusste, dass sie gestohlen waren, habe Rhodes aber versichert, das für mich zu behalten «,

»Und was soll Rhodes jetzt für uns tun?«

»Unsere Tiere sind erschöpft, wir brauchen dringend zwei neue Pferde - und zwar gesattelte«, sagte Gilliand. »Also werden wir uns auf der Ranch mit den Pferden versorgen, uns dort für eine Nacht einquartieren und dann weiter ins Otero County reiten. Wenn wir das geschafft haben, sind wir auch vor Garret sicher, denn seine Zuständigkeit als Sheriff endet an den Grenzen des Dona Ana Countys.«

»Darauf willst du also hinaus.« Lee grinste. »Ja, ich muss zugeben, dieser Plan ist nicht schlecht.«

»Dieser Plan ist sogar sehr gut«, fuhr Gilliand fort. »Die Sache mit Fountain wird noch jede Menge Staub aufwirbeln. Aber Miguel Otero, der Gouverneur des Otero Countys, ist eng mit Staatsanwalt Tom Catron befreundet, und der war uns ja schon während des Prozesses äußerst wohlgesonnen. Du siehst also, wie wichtig es ist, die richtigen Leute zu kennen. Und jetzt zerbrich dir nicht weiter den Kopf über diese Dinge, Oliver. Wir haben die Sache begonnen und werden sie auch gemeinsam zu Ende bringen. Verlass dich darauf, dass Garret keine Chance hat. Der Sheriff steht auf der Seite der Verlierer, er hat es nur noch nicht begriffen.«

22

Die Sonne war bereits weit nach Westen gewandert, als Pat Garret sein Pferd zügelte und aus dem Sattel stieg. Das Tier war erschöpft und brauchte Ruhe, denn der Weg in die Berge war steil und beschwerlich. In dieser Region waren die Jarilla Mountains zerklüftet und teilweise kaum passierbar.

Garret nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche und blickte auf den steinigen Pfad zurück, dem er bis hierher gefolgt war. Ein ungeübtes Auge hätte die Spur der beiden Rancher wahrscheinlich längst verloren, aber Garret war ein erfahrener Banditenjäger, der genau wusste, worauf er achten musste. Hufabdrücke an jenen Stellen, wo kein Geröll lag, hatten ihm die Fährte der beiden ebenso verraten wie Pferdekot, der von den Strahlen der Sonne noch nicht getrocknet war. Letzteres war ein Zeichen dafür, dass der Vorsprung von Gilliand und Lee zu schwinden begann.

Der Sheriff hängte die Feldflasche wieder an den Sattel, schwang sich auf den Rücken des Pferdes und ritt weiter. Er wusste nicht genau, wie weit der Pfad noch in die Berge hinaufführte oder ob er unterhalb der Klippen, die allmählich in Sichtweite rückten, ein jähes Ende fand. Er wusste nur eines: Dass es bestimmt kein Zufall war, dass Lee und Gilliand ausgerechnet diese Richtung eingeschlagen hatten. Jenseits der Berge erstreckte sich das Otero County, das nach dem Mexikaner Miguel Otero benannt worden war, unter dessen Verwaltung es auch stand.

Garret war Otero schon einmal begegnet und hatte sofort eine Abneigung gegen diesen Mann verspürt. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Gouverneur über exzellente Beziehungen zu einflussreichen politischen Kreisen verfügte und diese Beziehungen schamlos ausnützte. Man sagte ihm Kontakte zum Santa-Fé-Ring nach, gegen den Albert J. Fountain bereits mehrfach vergeblich angekämpft hatte. Wenn sich die beiden mutmaßlichen Killer nun in den Schutz Oteros begaben, konnte das eigentlich nur bedeuten, dass letztendlich der Santa-Fé-Ring hinter dem Attentat auf Albert und Henry Fountain steckte.

Je länger Garret darüber nachdachte, umso mehr kam er zu dem Schluss, dass solch eine Vermutung nicht von der Hand zu weisen war. Nur Beweise für diesen Verdacht hatte er bis jetzt nicht finden können. Nun, vielleicht würden ihm ja Gilliand und Lee diese Beweise liefern - aber dazu musste er diese Halunken erst einmal schnappen. Dass die beiden Dreck am Stecken hatten, war klar, andernfalls hätten sie Garret und seinen Deputys nicht einen derart heftigen Kampf geliefert.

Nach knapp einer Viertelstunde erreichte Garret ein von schroffen Felsen gesäumtes Hochplateau, das von den Strahlen der Sonne in einen goldenen Glanz getaucht wurde. Hier war wieder ein rascheres Vorwärtskommen möglich, sodass Garret sein Pferd zum Galopp antrieb.

Plötzlich bemerkte er in einiger Entfernung ein kurzes Aufblitzen zwischen zwei höher gelegenen Felskuppen. Zuerst glaubte er sich getäuscht zu haben, aber gleich darauf sah er es wieder. Garret zügelte das Pferd, stieg aus dem Sattel und brachte das Tier hinter eine Buschgruppe, wo er es anleinte. Dann zog er das Gewehr aus dem Scabbard und setzte seinen Weg zu Fuß fort, dabei sich jede ihm bietende Deckung nutzend.

Das Aufblitzen, das Garret vorhin wahrgenommen hatte, wies auf einen metallischen Gegenstand hin - zum Beispiel auf einen Gewehrlauf, der das Licht der Sonne widerspiegelte. Ob sich dort oben jemand versteckt hatte, um Garret aufzulauern?

Garret hatte im Laufe seiner Amtszeit als Sheriff des Lincoln County am eigenen Leibe erfahren müssen, dass Misstrauen manchmal lebensrettend sein konnte. Das galt erst recht hier oben, in der Einsamkeit der zerklüfteten Berge. In dieser Abgeschiedenheit zählte nicht der Stern des Gesetzes, sondern nur die Vorsicht und die Erfahrung desjenigen, der dieses Abzeichen trug.

Während sich Garret voran schlich, musste er an die Zeit denken, als er Billy the Kid und dessen Bande verfolgt hatte. Diese jungen Burschen waren verdammt schnell mit den Colts gewesen, aber schließlich hatte Garret auch sie besiegt. Damals war er zwar noch jünger gewesen, aber seinen eisernen Willen, dem Gesetz zur Geltung verhelfen, besaß Garret noch immer. Und dieser Wille machte ihn auch heute noch zu einem gefährlichen Gegner, den niemand unterschätzen durfte.

Sheriff Masters hingegen schien aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt zu sein. Er und seine Deputies hatten sich bis jetzt nicht hier blicken lassen, was bestimmt bloß daran lag, dass Masters das gar nicht wollte. Er war ein Mann, der stets den Weg des geringsten Widerstandes ging und nichts Unnötiges riskierte. Sein Amtsbezirk war La Luz, die angrenzenden San Andreas Mountains schienen ihn nicht zu interessieren.

Wahrscheinlich ließ er seine Leute nur das Gelände rund um jene Stelle absuchen, wo man den Wagen der Fountains gefunden hatte. Es war wirklich notwendig, dass Garret den Gouverneur von Masters Amtsverständnis informierte, wenn er all das hinter sich gebracht hatte. Masters war ein Mann, der den Stern nicht verdiente und das Ansehen der Gesetzesvertreter nur schädigte.

Erneut bemerkte der Sheriff das Aufblitzen in der Sonne. Die stand nun als glutroter Feuerball dicht über dem westlichen Horizont, der Abend war nicht mehr fern. Jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren. Garret musste sich an seinen Gegner heranschleichen und ihn überrumpeln, bevor es dunkel wurde.

Der Sheriff kämpfte sich durch das Gewirr der ansteigenden Felsen und kletterte zielstrebig höher. Dabei schlug er einen weiten Bogen nach links, um in den Rücken des Kerls zu gelangen, den das Funkeln seines Gewehrlaufes verraten hatte.

Weiter oben in den Felsen rührte sich nichts. Wer auch immer dort stecken mochte, er hatte nicht die geringste Ahnung, dass sich Garret nun seinerseits an ihn heranpirschte. Plötzlich hörte der Sheriff ein trockenes Husten. Er hielt geduckt inne, schlich in jene Richtung, aus der das Husten erklungen war, und entdeckte dann vom Schutz eines Felsbrockens aus einen älteren Mann, der mit einer Winchester bewaffnet war. Die Aufmerksamkeit des Mannes, der Garret den Rücken zuwandte, galt dem tiefer liegenden Plateau.

Nun erhob sich der Mann. Er war groß und hager, sein Gesicht wies eine auffallende Blässe auf. Der Körper des Mannes wurde erneut von einem Hustenfall durchgeschüttelt. Daraufhin stellte er sein Gewehr ab und zog stattdessen ein Taschentuch aus seiner Jacke. Er presste es vor den Mund, wieder befiel ihn ein kurzer, aber heftiger Hustenanfall. Anschließend warf er das Taschentuch zu Boden lehnte sich erschöpft gegen einen Felsen, den Blick wieder auf das Plateau richtend.

Garret lehnte sein Gewehr an den Felsbrocken, da im Fall eines möglichen Schusswechsels der Colt auf diese Entfernung die bessere Waffe war. Dann verließ er seine Deckung und schlich näher. Er hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, aber irgendetwas musste er mit Gilliand und Lee zu tun haben, sonst hätte er sich nicht an dieser Stelle verborgen, um Garret zu beobachten.

Nur noch zwei Yards trennten den Sheriff von dem ahnungslosen Mann. Nun erkannte der Sheriff, dass das Taschentuch, das der Mann vorhin zu Boden geworfen hatte, blutige Flecken aufwies - ein Zeichen dafür, dass er an Schwindsucht litt.

Garret brachte sich mit zwei raschen Schritten an seinen Gegner heran. Der hörte das Geräusch und wirbelte herum. Er wollte noch nach seinem Gewehr greifen, aber dafür war es schon zu spät.

Der Sheriff packte den Colt am Lauf und schlug dem Mann den Kolben der Waffe über den Schädel. Der Mann stöhnte auf und brach dann zusammen. Reglos und flach atmend streckte er alle Viere von sich.

Der Sheriff fesselte dem Bewusstlosen mit dessen eigenem Gürtel die Arme auf den Rücken und stopfte ihm dann das Halstuch in den Mund, damit er keinen Alarm schlagen konnte, falls er wieder aus seiner Ohnmacht erwachte. Anschließend nahm er noch die Waffen des Mannes an sich und schleuderte sie zwischen die Felsen.

23

»Bist du wirklich sicher, dass man sich auf Quincy verlassen kann?«, fragte Lee den Besitzer der abgelegenen Ranch. »Rhodes, dieser Garret ist gefährlich. Wir dürfen nichts riskieren.«

»Nun reg dich mal ab«, versuchte der Rancher den nervösen Lee zu beruhigen. »Da oben in den Felsen hat man einen hervorragenden Überblick. Wenn sich jemand der Ranch nähern sollte, bekommt Quincy das mit und wird uns sofort verständigen. Auch Garret kann sich nicht unsichtbar machen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, meinte Lee. »Mir wäre wohler, wenn Jim und ich schon drüben im Otero County wären.«

»Jetzt male den Teufel nicht an die Wand, Oliver«, sagte Gilliand. »Die Pferde stehen gesattelt im Stall, wir können also jederzeit aufbrechen, wenn das notwendig sein sollte. Du tust ja gerade so, als würde Garret schon hinter dem nächsten Felsen hocken.«

»Deinen Optimismus möchte ich haben«, brummte Lee. »Ich habe jedenfalls ein mulmiges Gefühl im Magen. Glaub mir, wir sind noch lange nicht in Sicherheit. Lass uns weiter reiten - noch heute.«

»Gütiger Himmel«, seufzte Gilliand. »Also gut. Bevor du auch noch von Albträumen geplagt wirst, brechen wir auf. Aber vorher möchte ich mich noch einmal stärken. Dagegen wird ja wohl nichts einzuwenden sein, oder?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Lee und schaute dabei noch einmal zu dem Rancher. Lee kannte Eugene Manlove Rhodes nicht näher, hatte aber den Eindruck, dass der Mann genau wusste, was er wollte. Er war ein recht schweigsamer Zeitgenosse, und das galt auch für Quiricy, der jetzt oben in den Felsen hockte und Ausschau nach möglichen Verfolgern hielt.

»Gehen wir ins Haus«, schlug Rhodes den beiden Besuchern vor und deutete ihnen, ihm zu folgen.

Die Männer gingen ins Haus. Als Gilliand über die Schwelle trat, musste er unwillkürlich die Nase rümpfen. Rhodes und sein Gehilfe Quincy hielten offensichtlich nicht viel davon, ihre Behausung regelmäßig zu säubern. So betrachtet, war es auch Gilliand ganz recht, wenn sie so rasch wie möglich weiter ritten,

Rhodes Ranchhaus war genauso verwahrlost wie die Nebengebäude, die beim nächsten kräftigen Sturm einzustürzen drohten. Eine Pferderanch konnte man das Gehöft wirklich nicht nennen. Rhodes und sein Gehilfe Quincy schienen Wert auf andere Dinge zu legen-zum Beispiel auf die Nähe zum benachbarten Otero County.

Gilliand und Lee nahmen auf zwei wackeligen Stühlen Platz, während Rhodes am Herd hantierte und in einer verbeulten Pfanne eine Portionen Bohnen mit Speck erwärmte. Auch jetzt blickte Lee immer wieder durch das Fenster, als habe er Angst, da draußen irgendetwas zu verpassen.

»Was bin ich dir schuldig, Eugene?«, fragte Gilliand, als Rhodes die heiße Pfanne auf den Tisch stellte und Besteck sowie zwei Teller holte, die er beim letzten Abwasch wohl übersehen hatte. Anschließend verteilte er den Inhalt der Pfanne auf die beiden Teller.

»Die beiden Pferde, die ihr von mir bekommen habt, sind kräftig und ausdauernd«, erwiderte der Rancher. »Quincy und ich haben sie erst vor einem halben Jahr eingefangen und zugeritten. Sie sind ihren Preis wert ...«

»Eugene, ich will nicht feilschen«, drängte Gilliand ungeduldig. »Sag einfach, was du für die Tiere haben willst.«

»Wenn du mich so direkt fragst ...« Rhodes kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. »Hundert Dollar wären ein fairer Preis. Die Sättel bekommt ihr umsonst mit dazu - und das Essen hier natürlich auch.«

Gilliand fingerte in seiner Jackentasche herum, bis er fündig geworden war. Er legte einige Geldscheine auf den Tisch, die Rhodes mit beeindruckender Geschwindigkeit an sich riss und rasch in seiner abgetragenen Hose verstaute. Dabei setzte er ein unschuldiges Grinsen auf.

»Es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, mit dir Geschäfte zu machen, Jim«, sagte er. »Ich hoffe, ich konnte dir und deinem Partner weiterhelfen. Ihr könnt sicher sein, dass ich von nichts weiß, falls Garret hier vorbeikommen sollte.«

»Das will ich dir auch geraten haben«, meinte Lee und schaufelte den Rest seiner Bohnen in sich hinein. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen, so feurig war das Essen gewürzt. Anschließend erhob er sich und ging zum Fenster, wo auf einer kleinen Anrichte ein Krug mit Wasser stand, das Rhodes vor einer guten Stunde aus dem Brunnen geholt hatte.

Neben dem Krug lag eine Kelle. Lee tauchte die Kelle in den Krug, führte sie an die Lippen und trank in gierigen Zügen; um das Brennen in seiner Kehle wenigstens etwas zu lindern. Dabei fiel sein Blick auf die Felsen jenseits des Ranchhofes. Er zuckte zusammen, als er auf einmal eine Gestalt wahrnahm, die plötzlich hinter einem Geröllhaufen auftauchte und auf einen rötlichen Felsen zulief, hinter dem sie abermals Deckung suchte.

Lee ließ das Wasserkelle fallen, Gilliand und Rhodes wandten erstaunt die Köpfe.

»Ich wusste es ...«, murmelte Lee und zitterte auf einmal am ganzen Körper. »Er hat uns eingeholt.« Sein Gesicht war von nackter Panik gezeichnet, als er sich vom Fenster abwandte und Gilliand aus schreckgeweiteten Augen anstarrte. »Pat Garret - ich habe ihn gerade gesehen.«

»Wo?«, fragte Gilliand und erhob sich so schnell, dass der Stuhl, auf dem er gerade noch gesessen hatte, polternd nach hinten fiel.

»Da drüben«, sagte Lee und wies mit dem Zeigefinger seiner zitternden Rechtem auf den betreffenden Felsen. »Dort steckt er. Es kann nur Garret sein. Qunicy ist es jedenfalls nicht ...«

Gilliand eilte zum Fenster und blickte ebenfalls ins Freie. Die Sonne stand schon tief, und die Schatten waren lang, aber der Schatten neben dem betreffenden Felsen stammte zweifelsfrei von einem Menschen.

»Du hast Recht«, sagte er. »Eugene, wirf mir mein Gewehr herüber. Verdammt, nun mach schon!«

Rhodes war förmlich anzusehen, dass er mit der Situation völlig überfordert war. Garret musste Quincy überrumpelt haben, eine andere Erklärung gab es nicht. Der Rancher warf Gilliand dessen Winchester zu, Gilliand fing die Waffe auf und presste sich an die Wand neben dem Fenster.

»Worauf wartest du noch, Eugene?«, drängte er den Rancher. »Schnapp dir auch ein Gewehr! Willst du uns bloß zusehen, wie wir uns mit Garret schießen?«

»Verdammt, ich will mit dieser ganzen Sache nichts zu tun haben«, brach es aus Rhodes hervor, der es auf einmal mit der Angst zu tun bekam. Pat Garret war ein Gegner, mit dem er sich lieber nicht anlegen wollte. »Wir müssen ...«

»Ich sage dir genau, was wir tun müssen, Eugene«, fiel ihm Gilliand ins Wort. »Garret wird keine Unterschiede machen zwischen dir oder Oliver und mir. Denk nur an eines: Wir sind zu dritt, und er ist allein. Nur das zählt!«

Er gab Lee mit einem knappen Wink zu verstehen, sich bei dem zweiten Fenster zu postieren. Lee griff ebenfalls nach seinem Gewehr und tat, wie ihm Gilliand befohlen hatte.

Nun hatte auch Rhodes begriffen, was. die Stunde geschlagen hatte. Er schnappte sich seine Winchester und bezog neben der Tür Stellung, die einen Spalt breit offen stand. Die Luft schien vor Spannung förmlich zu knistern.

Pat Garret soll ruhig kommen, dachte Gilliand grimmig. Das Einzige, was ihn hier erwartet, ist heißes Blei!»

24

Von seiner Deckung aus beobachtete Pat Garret die Ranch. Das Wohngebäude befand sich in einem erbärmlichen Zustand, der Hof des Anwesens war von Felsbrocken gesäumt Direkt neben dem Haus gab es einen Corral, in dem mehrere Pferde standen. Zwei von ihnen waren gesattelt - ein Zeichen dafür, dass es hier jemand sehr eilig hatte. Jemand, der wusste, dass ihm Verfolger auf den Fersen waren.

Auf der Ranch war es eigenartig still. Niemand ließ sich blicken. Garret erschien diese Ruhe trügerisch, dennoch musste er sich an die Ranch heranpirschen - auch wenn er nicht wusste, mit wie vielen Gegnern er es dort letztendlich zu tun haben würde.

Jede Deckung ausnutzend, schlich er vorsichtig an das Gehöft heran, die Gebäude vor ihm wurden größer und größer. Der Sheriff hatte soeben seinen Standort gewechselt und war in den Schutz eines rötlichen Felsens gehastet, als plötzlich das Knallen eines Schusses die Stille des späten Nachmittags zerriss. Die Kugel schlug gegen den Felsen, hinter dem Garret Deckung gesucht hatte, und jaulte als Querschläger davon. Garret warf sich zu Boden und zerbiss einen Fluch auf den Lippen.

»Du Idiot!«, drang eine wütende Stimme aus dem Haus an Garrets Ohren. »Warum hast du nicht gewartet? Jetzt ist er gewarnt!«

Eine zweite, ebenfalls wütend klingende Stimme antwortete, dann fielen weitere Schüsse. Die Projektile fetzten einige Gesteinssplitter aus dem Felsen, Garret rollte sich zur Seite und robbte ein Stück weiter. Kugeln schlugen dort in den Boden, wo der Sheriff eben noch gelegen hatte, und warfen kleine Sandfontänen empor.

Garret wirbelte hoch und sprang in den Schutz eines weiteren Felsens, wieder knallten vom Haus her Schüsse. Der Sheriff spähte vorsichtig um seine Deckung, hob sein Gewehr an die Schulter und zielte auf eines der beiden Fenster. Er gab rasch hintereinander drei Schüsse ab, ihr Krachen verschmolz zu einer einzigen, ohrenbetäubenden Detonation. Das Peitschen der Schüsse war noch nicht zur Gänze verhallt, als Garret schon wieder aufsprang und sich hinter einen anderen Felsen warf.

»Du elender Hundesohn!«, schrie jemand aus dem Haus. »Wir machen dich fertig!«

Solche Sprüche kannte Garret zur Genüge, und sie beeindruckten ihn nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie waren stets ein Anzeichen dafür, dass der Gegner nervös wurde und allmählich die Nerven verlor - bis er dann einen Fehler beging.

Garret jagte einen Schuss in Richtung der Tür. Sofort wurde von dort aus das Feuer erwidert, fuhren Mündungsblitze ins Freie, wo allmählich die Abenddämmerung einsetzte.

Der Sheriff wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schon in Kürze würde die Nacht anbrechen, und dann konnten die im Haus befindlichen Männer im Schutz der Dunkelheit einen Ausbruch wagen.

Von einem der Fenster aus wurde nun pausenlos gefeuert, und der Mann, der die Schüsse abgab, musste ein verdammt guter Schütze sein.. Seine Kugeln pfiffen gefährlich nahe über den Sheriff hinweg, sodass Garret nichts anderes übrig blieb, als sich flach auf den Boden zu pressen. Gleichzeitig hörte er laute Stimmen, die von außerhalb des Hauses kamen, dicht gefolgt von dem aufgeregten Wiehern der Pferde.

Die Kerle bekommen Feuerschutz, damit sie sich aus dem Staub machen können/, durchfuhr es den Sheriff.

Er riskierte einen Blick zum Corral und stieß einen Fluch aus. Tatsächlich! Gilliand und Lee holten soeben die beiden gesattelten Pferde aus dem Corral.

»Weiterfeuern, Eugene!«, brüllte Gilliand. »Du schaffst das schon!«

Plötzlich verstummten die Schüsse. Garret spähte vorsichtig um seine Deckung und sah, wie nun auch der dritte Mann aus dem Haus hetzte. Gilliand und Lee saßen bereits auf den Pferden, die sie nun antrieben, ohne sich um ihren Komplizen zu kümmern. Der rannte jetzt ebenfalls in Richtung des Corrals und schimpfte den beiden Reitern wütend hinterher. Schließlich blieb er stehen, wirbelte herum und gab einen Schuss in Richtung des Felsens ab, hinter dem Garret Deckung bezogen hatte.

Garret witterte seine Chance. Nun hatte er es nur noch mit einem Gegner zu tun, und der war im Unterschied zu ihm völlig deckungslos. Der Sheriff fuhr blitzschnell hinter dem Felsen hervor, zielte und drückte ab. Die Kugel fuhr dem Mann in den rechten Oberschenkel und stieß ihn zurück, Garrets Gegner verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Das Gewehr entglitt seinen Händen.

Garret hörte den rasch leiser werdenden Hufschlag der beiden Pferde, verließ seine Deckung und stürmte auf den Verletzten zu. Der rappelte sich stöhnend auf und streckte die Rechte nach dem Gewehr aus.

Der Sheriff hielt kurz an, repetierte und feuerte. Das Projektil schlug nur wenige Zentimeter neben der ausgestreckten Hand des Verletzten in den Boden, der Mann verhielt augenblicklich in der Bewegung.

»Lassen Sie die Waffe liegen!«, warnte ihn Garret, als er näher kam, die Winchester im Hüftanschlag. »Sonst sind Sie ein toter Mann!«

Der Verletzte zog die Hand langsam wieder zurück, setzte sich zu Boden und blickte zu Garret auf, der genau vor ihm stehen blieb und ihn mit eiserner Miene musterte.

»Es lohnt sich nicht, flüchtige Mörder zu unterstützen, Mister«, meinte Garret mit schneidender Stimme. »Das hat auch der Mann begriffen, der oben in den Felsen liegt.«

»Was ... was ist mit Quincy?«, stotterte der Verletzte. »Haben Sie ihn ...?«

»Nein, er ist nicht tot, keine Sorge«, erwiderte Garret. »Ich bin schließlich kein kaltblütiger Killer. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, Mister ...?«

»Rhodes«, antwortete der Mann. »Woher hätte ich denn wissen sollen, dass Sie den Stern tragen, Mister?«, fuhr er gereizt fort. »Gilliand und Lee sagten mir, sie würden von einer Trupp zwielichtiger Kerle verfolgt, die es auf sie abgesehen hätten. Nur deshalb habe ich Quincy beauftragt, die Gegend im Auge zu behalten. Das müssen Sie mir glauben, Sheriff.«

Rhodes stand das schlechte Gewissen im Gesicht geschrieben. Die Lügengeschichte, die er Garret jetzt auftischte, um seine eigene Haut zu retten, war leicht zu durchschauen. Unter normalen Umständen hätte Garret dafür gesorgt, dass Rhodes eingebuchtet und dann vor den Richter geführt wurde. Aber jetzt war dafür keine Zeit. Sein Ziel bestand nach wie vor darin, Gilliand und Lee zu schnappen, die erneut hatten fliehen können. Aber noch konnte er sie einholen!

»Ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen«, erwiderte Garret. »Aber ich habe keine Zeit, mich um solches Gesindel wie Sie und Ihren Gehilfen zu kümmern. Sie sollten zusehen, dass Sie von hier verschwinden. Das nächste Mal bekommen Sie Ärger - das schwöre ich Ihnen!«

Rhodes konnte Garret nicht länger in die Augen sehen und senkte den Kopf. Der Sheriff bückte sich nach der Waffe des Verletzten, hob sie auf und schleuderte sie weit von sich. Dann lief er zurück zu jener Stelle, wo er sein Pferd angeleint hatte.

Zehn Minuten später saß Garret schon wieder im Sattel und folgte der Fährte der beiden Banditen. Jetzt musste er alles daran setzen, die Männer einzuholen, bevor sie die Grenze zum Otero County passierten. Für den Sheriff begann ein Wettlauf mit der Zeit.

25

»Wir sollten das besser nicht tun, Jim«, versuchte Oliver Lee seinen Partner zu überzeugen. »Lass uns lieber weiter reiten. Was ist, wenn etwas schiefgeht und...?«

»Das wird es aber nicht«, fiel ihm Gilliand ins Wort. »Und jetzt hör endlich auf, mir ständig in den Ohren zu liegen. Wir müssen dafür sorgen, dass Garret uns nicht einholen kann. Erst dann fühle ich mich sicher.«

»Aber er könnte doch bemerken, dass wir ihm auf lauern«, gab Lee zu bedenken. »Das ist ein verdammter Bastard, der Augen im Rücken hat. Vergiss nicht, dass er auch Quincy ausgeschaltet hat.«

»Zaubern kann auch er nicht«, warf Gilliand ein. »Und jetzt halte endlich den Mund und kümmere dich um unsere Pferde. Sorge dafür, dass sie nicht zu wiehern beginnen, wenn Garret näher kommt. Alles andere überlässt du am besten mir. Worauf wartest du noch?«

Lee ging zu den Pferden und beobachtete von dort aus, wie Gilliand eine Stelle zwischen zwei Felsen erklomm und sich dort mit seiner Winchester postierte. Die Sonne war mittlerweile hinter den Hügeln versunken, die Abenddämmerung kroch über das Land.

Gilliand behielt von seinem Versteck aus das Gelände im Auge und wartete auf den entscheidenden Moment. Garret konnte nicht weit sein. Er musste jeden Moment erscheinen, wenn er der Fährte folgte, die Gilliand und Lee bewusst nicht verwischt hatten. Der Sheriff würde bestimmt nicht damit rechnen, dass die beiden Männer ihre Flucht unterbrachen, wo doch das rettende Otero County für sie in greifbare Nähe gerückt war. Aber ein Mann wie Jim Gilliand war immer für eine unliebsame Überraschung gut - und das sollte auch Pat Garret bald zu spüren bekommen!

Der Herzschlag des Banditen beschleunigte sich, als er in der Ferne rasch lauter werdenden Huf schlag vernahm. In der Abenddämmerung zeichnete sich die Silhouette eines Reiters ab, der über jenen Hügelkamm kam, den auch Gilliand und Lee kurz zuvor überquert hatten. Der Reiter war Pat Garret!

Langsam hob Gilliand die Winchester hoch und visierte den Reiter an, der sich jetzt in Schussweite befand. Trotzdem wartete Gilliand noch einen Moment ab. Er wollte ganz sicher sein, dass schon seine erste Kugel ihr Ziel traf.

Sekunden verstrichen quälend langsam, dann drückte Gilliand ab. Einen Atemzug später brach Garrets Pferd mit einem schrillen Wiehern zusammen, und der Sheriff wurde in hohem Bogen kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Der Bandit repetierte und jagte eine zweite Kugel aus dem Lauf, das Projektil klatschte in den Körper des gestrauchelten Pferdes und erlöste es von seinen Qualen. Das Tier schlug noch kurz mit den Hufen und lag dann still.

Gilliand-nickte zufrieden. Er ließ die Winchester wieder sinken, erhob sich aus seiner Deckung und eilte zu seinem Komplizen zurück. Lee warf ihm einen ungeduldigen Blick zu.

»Alles klar«, beruhigte ihn Gilliand grinsend, während er die Zügel seines Tieres entgegennahm und das Gewehr in den Scabbard schob. »Garrets Pferd ist tot. Ins Otero County kann er uns jetzt nur noch zu Fuß folgen - aber das wird er nicht tun, weil er genau weiß, dass er dort keine Amtsbefugnis hat. Den sind wir endgültig los, Oliver.«

Der Bandit schwang sich in den Sattel.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, meinte Lee und stieg ebenfalls rasch in den Sattel. »Einer wie Garret ist zäh. Der gibt so schnell nicht auf.«

»Im Otero County geben andere Leute den Ton an, die selbst für Garret eine Nummer zu groß sind«, sagte Gilliand. »Er wird sich hüten, den Ärger dieser Leute auf sich zu ziehen. Reiten wir, Oliver - und denke nicht mehr an Garret. Die Sache ist erledigt.«

Ohne ein einziges Mal zurückzublicken, setzten die beiden Männer ihren Weg fort. Schon bald verhallten die Hufschläge ihrer Pferde in der beginnenden Nacht.

26

Als Garret nach dem Sturz wieder zu sich kam, fehlte ihm im ersten Moment jegliche Orientierung. Jeder Knochen in seinem Leib schien zu schmerzen, in seinem Kopf musste sich ein Bienenschwarm eingenistet haben.

Erst nach einigen Sekunden, die Garret wie eine Ewigkeit wähnten, begriff er, was geschehen war. Der Knall eines Schusses, der Sturz vom Pferd, und schließlich der harte Aufprall auf dem Boden, dem eine kurze Ohnmacht gefolgt war. Er stieß einen Fluch aus, als er das tote Pferd sah, dessen Körper zwei blutige Schusswunden aufwies.

Garret erhob sich stöhnend. Ein Ellenbogen und ein Knie waren aufgeschlagen, seine Kleidung war staubbedeckt, aber ansonsten fehlte ihm nichts.

»Diese elenden Bastarde«, murmelte Garret und bückte sich nach der Winchester, die beim Sturz des Pferdes aus dem Scabbard gerutscht war. Er betrachtete die Waffe kurz und stellte erleichtert fest, dass sie noch intakt war. Dann griff er nach der Feldflasche, öffnete den Verschluss und trank einen Schluck. Anschließend fühlte er sich schon etwas besser.

Garret ließ seinen Blick über das vor ihm liegende, nächtliche Land schweifen. Er würde Stunden brauchen, um auf die andere Seite der Hügelkette zu gelangen. Bis dahin würden sich Gilliand und Lee wahrscheinlich längst im Otero County befinden.

Garret seufzte, als er auf den Kadaver des Pferdes blickte. Der Hengst war ihm ein treuer Gefährte gewesen, mit dem er so manche gefahrvolle Situation überstanden hatte. Er hatte es nicht verdient, auf diese Weise zu sterben. Dennoch besaß Garret nicht die Zeit, Steine über den Kadaver zu häufen, um zu verhindern, dass das Tier von Geiern und Kojoten gefressen wurde. Der Sheriff musste seinen Weg fortsetzten. Auch wenn er kaum noch eine Möglichkeit sah, Gilliand und Lee zu schnappen, ans Aufgeben dachte er noch lange nicht.

Der Sheriff marschierte verbissen los. Anfänglich hinkte er noch stark, aber das besserte sich mit jedem zurückgelegten Schritt. Auch die Kopfschmerzen ließen wieder nach.

Längst war es empfindlich kühl geworden. Garret fror und schlug den Kragen seiner Jacke hoch.

Sheriff Masters und dessen Aufgebot kamen ihm wieder in den Sinn. Hoffentlich hatten sie in der Zwischenzeit brauchbare Hinweise auf das rätselhafte Verschwinden der beiden Fountains gefunden. Ein Kindesmord war eine furchtbare Sache, die selbst einen abgebrühten und erfahrenen Gesetzeshüter wie ihn nicht kaltließ. Gewissenlose Halunken, die sogar davor nicht zurückschreckten, verdienten kein Pardon. Garret war fest entschlossen, so lange nicht aufzugeben, bis er die Mörder ihrer gerechten Strafe zugeführt hatte - und daran würde ihn nichts und niemand hindern, Keine mächtigen Männer, die im Hintergrund die Fäden zogen, und auch nicht der Umstand, dass er jetzt kein Pferd mehr besaß.

Pat Garret legte Meile um Meile zurück. Am nächtlichen Himmel standen unzählige Sterne, der Vollmond sandte seinen bleichen Schein auf das Land und ermöglichte eine gute Sicht. Deshalb erkannte Garret schon von Weitem die Konturen eines abgelegenen Gehöfts, das hier mitten in der Wildnis stand. Der aus den Fenstern dringende Lichtschein verriet ihm noch zusätzlich, dass dort vorne Menschen lebten.

Der Sheriff marschierte zielstrebig auf das Gehöft zu. Vielleicht konnte er dort wieder an ein Pferd gelangen und seine Verfolgungsjagd dann im Sattel fortsetzen.

Als Garret nur noch knapp zehn Yards von dem Gebäude entfernt war, schlug dort plötzlich ein Hund an. Laut klang das wütende Bellen des Tieres, das den unerwarteten Besucher gewittert hatte, durch die Nacht. Einen Augenblick später wurde die Tür des Hauses aufgerissen, und ein Mann trat ins Freie. In der linken Hand hielt er eine flackernde Petroleumlampe, seine Rechte umklammerte ein Gewehr. Zu Füßen des Mannes verhielt ein großer schwarzer Hund und fletschte aggressiv die Zähne.

»Ruhig, Buster!«, rief der Mann. »Verdammt, sei endlich still!« Dann stellte er die Lampe neben der Tür ab, umschloss das Gewehr mit beiden Fäusten und blickte in Garrets Richtung. »Wer ist da draußen?«, rief er misstrauisch. »Zeigen Sie sich oder es gibt Ärger!«

»Nicht schießen, Mister! «, antwortete Garret sofort und kam langsam näher. »Ich bin Sheriff Pat Garret aus Lincoln.«

»Ein Sheriff um diese Zeit?«, gab der Mann argwöhnisch zurück. » Und noch dazu zu Fuß? Wo ist Ihr Pferd?« Sein Gewehr zielte nach wie vor auf Garret.

»Es ist tot«, erwiderte Garret. »Erschossen von den Kerlen, die ich verfolge.«

»Nicht so schnell!«, warnte der Mann. »Hier draußen darf man keinem trauen, der zu so später Stunde unangemeldet vor der Haustür erscheint. Drehen Sie sich mal so, dass ich Ihr Gesicht sehen kann.«

Details

Seiten
427
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900422
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
mutige reiter

Autoren

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Titel: Mutige Reiter