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Die Rache einer Frau

2015 120 Seiten

Leseprobe

DIE RACHE EINER FRAU

„Gun Men – Der Colt war ihr Gesetz“

Western von JASPER P. MORGAN

Der Umfang dieses Buchs entspricht 180 Taschenbuchseiten.

Sie wurde gedemütigt, gepeinigt, geschändet. Man nahm ihr alles – sogar ihre Würde. Dann überließ man sie dem Tod.

Doch Hattie Darrow lebt!

Eine Frau, die nur noch einen Wunsch hat, ein Ziel, einen Sinn im Leben – Jene Männer, die ihr Leben zerstörten, sollen sterben!

Helfen soll ihr dabei ein Mann vom schnellen Eisen, ein Schießer. Auch er ist ein Getriebener, ein Mann mit dem Wunsch nach Vergeltung.

Schließlich bekommt Hattie Darrow noch zwei Streiterinnen zur Seite, die durch die Hand jener Männer, die Hattie jagt, unermessliches Leid erfuhren. Zusammen mit dem erfahrenen, kampferprobten Revolvermann machen sich die drei Racheengel auf den langen Trail – und wenn dieser Trail direkt in die Hölle führt, sind sie bereit, selbst dem Teufel vor die Füße zu springen!

Ein harter Western-Roman – so hart wie der Westen selbst!

Ein Western von Jasper P. Morgan.

Das heißt: Kein Western für schwache Nerven!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Jasper P. Morgan & Edition Bärenklau 2015

– Aus der Reihe „Gun Men – Der Colt war ihr Gesetz - © by Edition Bärenklau

Cover © by Hugo Kastner & Tamara Mozgova/123RF, 2015

Der Autor:

Jasper P. Morgan ist Jahrgang 1959 und seit mehr als 50 Jahren Liebhaber und Kenner des amerikanischen Western. Seine erste Begegnung mit dem Westerngenre hatte er mit vier Jahren; mit Karl Mays „Old Surehand“ begegnete er im Alter von 9 Jahren der Westernliteratur, der er bis heute treu geblieben ist.

Morgans Leidenschaft gilt der deutschen und internationalen Spannungsliteratur, mit deren verschiedenen Facetten er sich intensiv beschäftigt.

Er ist Verfasser zahlreicher Western, Adult Western, Gruselromane, sowie einiger Film-Genresachbücher.

Der Autor lebt und arbeitet in Norddeutschland. 

––––––––

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Die Siedlung bestand lediglich aus ein paar windschiefen, verwitterten Holzhäusern und einem Gemischtwarenladen, an den ein kleiner Mietstall, eine Schmiede und ein Saloon angebaut waren.

Der Wind heulte um die Hausecken und wehte Staub über die Straße. Die Windböen spielten mit Tumbleweedbüschen, die in ihren Einzugsbereich gerieten, jagten die entwurzelten Büschel aus trockenem Präriegras und verdorrtem Gestrüpp, die dem kargen Boden mühelos entrissen worden waren, von Hausecke zu Hausecke, über den morschen Bohlensteig und fegten sie gegen nicht minder morsche Wassertröge. Am Vorbaudach des General Store schaukelte leise quietschend eine Laterne.

Der Reiter, der sich von Südosten her der Ortschaft näherte, hatte den Hut tief in die Stirn gezogen und saß vorgebeugt im Sattel, stemmte sich so gegen die Staubfahnen, die um ihn herumwirbelten und ihm entgegengetrieben wurden. Sandkörner fanden ihren Weg zwischen die trockenen, verwitterten Lippen und knirschten zwischen den Zähnen.

Das Pferd schnaubte unwillig, da es wie der Reiter selbst unter den aufgewirbelten Staubkörnern litt.

Niemand schenkte dem einsamen Reiter Beachtung, als er seinen Falben vor dem Store zum Stehen brachte und eine Zeitlang regungslos auf dem Pferd verharrte, ehe er müde aus dem Sattel glitt. Er zog den Falben herum, führte ihn zu einem nur wenige Schritte entfernten Wassertrog auf der anderen Straßenseite und seufzte, als er das brackige und vom Sand schlammig gewordene Wasser betrachtete, das kaum eine Handbreit tief den Boden des Troges bedeckte. Behäbig tastete der Ankömmling nach der Pumpe, und selbst das widerwillige Kreischen des rostigen Pumpgestänges vermochte das Heulen des Windes kaum zu durchdringen, als der Mann kühles Nass aus den Tiefen des Erdbodens in den Trog rinnen ließ.

Das Pferd löschte seinen Durst und hob dann den Kopf, um den Reiter dankbar schnaubend mit der Nase anzustupsen. Der Mann täschelte sanft den Hals des Tieres, das sich wieder dem Wasser zuwandte.

Der Reiter ließ die Zügel auf den Boden hängen und wusste, dass sich der Falbe nicht vom Trog wegbewegen würde.

Langsam drehte er sich um, ließ den Blick aus zusammengekniffenen Augen durch die einzige Straße wandern, die sich zwischen den beiden Häuserreihen dahinzog.

Was er sah, waren verwitterte Holzbauten, von denen einige durch falsche Fassaden größer erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Am Ende der Straße glaubte der Fremde, durch die wirbelnden Staubfahnen hindurch die Umrisse windschiefer Holzbaracken zu erkennen, denen die Bezeichnung Haus zuviel Ehre hätte angedeien lassen.

Der Mann schüttelte kaum merklich den Kopf, wandte sich um und schritt auf den General Store zu. Die Vorbaubohlen knarzten unter seinen Stiefeln.

Niemand befand sich im Verkaufsraum, der durch das spärliche Tageslicht, das durch die beiden Fenster ins Innere des Ladens gelangte, kaum erhellt zu werden vermochte.

Der Mann trat an den Verkaufsregalen und dem Ladentisch vorbei zu dem Durchgang, der in den Saloon führte. Auch das Lokal hatte den hochtrabenden Titel Saloon kaum verdient, bestand es doch aus nicht viel mehr als einem einräumigen Anbau, dessen größten Teil die Theke einnahm, die sich links vom Durchgang bis zum gegenüberliegenden Ende des Schankraums erstreckte. Zur Rechten, vor zwei weiteren Fenstern, standen vier runde Tische. Einer davon war mit grünem Filz bezogen, der bereits deutliche Abnutzungsspuren aufwies. Whiskey- und Kaffeeflecken verunzierten die Fläche des Spieltisches ebenso wie zahlreiche Brandlöcher, die von Tabakasche hinterlassen worden waren, und eine tiefe, hässliche Schramme, die von einer Messerklinge stammen mochte.

Die Reihe der Tische wurde von einem Kanonenofen abgeschlossen, der massig eine Hälfte der gegenüberliegenden Wand einnahm und trotz seines wuchtigen Aussehens nicht den Eindruck erweckte, als wäre er im Stande, im Winter die Kälte aus den wurmstichigen Wänden fernzuhalten oder gar zu vertreiben.

Gedämpftes Stimmengewirr und das leise Klappern von Chips, mit denen die Männer am Pokertisch ihr Glück versuchten, drang an das Ohr des Fremden, der sich leicht bückte, um den Durchgang vom Verkaufsraum in den Saloon  durchschreiten zu können.

Im Schankraum war es ebenso düster wie im Laden, nur ein paar Petroleumlampen spendeten schwaches Licht. Der zitternde Schein der blakenden Lampen ließ den Fremden bleich und unheimlich erscheinen.

Schlagartig verstummte das Gemurmel im Schankraum, als man den Fremden bemerkte.

Es wurde totenstill.

Und auf einmal war es, als hätte der leibhaftige Tod den Raum betreten!

Der Stranger war muskulös, breitschultrig und hielt den Kopf geneigt, sodass sein Gesicht weiterhin im Schatten der Hutkrempe verborgen blieb. Seine dunkle Kleidung war verstaubt.

Die wenigen Gäste im Baum unterzogen den Fremden einer eingehenden Musterung. Mancher Blick blieb an seinem tiefgeschnallten Revolvergurt hängen, aus dessen kurzem Quickdraw-Holster der Walnussgriff eines schweren 45er Colts ragte.

Für die meisten Anwesenden lag der Fall damit klar. Sie hatten einen Mann vom schnellen Eisen vor sich.

Einen Schießer.

Der Fremde klopfte sich den Staub von den Kleidern und trat an den grob gezimmerten Tresen. Die Sporen an seinen Stiefeln klingelten leise, wie kleine Glöckchen.

Die Gäste wandten sich wieder ihren Gesprächen zu.

Am Pokertisch, nicht weit vom Kanonenofen entfernt, saßen drei Männer bei einer Partie zusammen. Nur undeutlich konnte man sie im Zwielicht erkennen.

„Lausiges Wetter, was?“, fragte der Keeper zur Begrüßung.

„Hab schon Schlimmeres erlebt.“

Das aufgesetzte Lächeln fror auf dem Gesicht des Keepers ein. Seine Knollennase zuckte. „Was...kann ich für Sie tun, Mister?“

„Ein kühles Bier. Falls Sie sowas haben. Und einen Brandy. Den besten.“

Der Wirt beeilte sich, die Bestellung auszuführen. Gleich darauf schob er ein gefülltes Bierglas über den Tresen.

Der Fremde nahrn einen langen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen.

„Feinster französischer Brandy. Hab ich mir aus San Francisco kommen lassen, Mister. Nicht billig, aber ein ganz besonderes Tröpfchen“, sagte der Keeper und stellte das volle Brandyglas vor dem Fremden ab, wobei er sich bemühte, dabei nur ja keinen Tropfen zu verschütten.

Der Fremde nahm das Glas, roch daran und ging dann mit gemächlichen Schritten durch den Raum. Wieder verstummten die Gespräche, als er an den Tischen vorbeischritt.

Vor dem Pokertisch blieb er stehen.

Die drei Spieler hielten in ihrer Partie inne. Zwei von ihnen blickten fragend zu dem Fremden auf. Der Dritte ignorierte ihn. Er lehnte sich zurück und betrachtete sein Blatt.

Überlaut klang das Geräusch im Schankraum, als das Brandyglas vor ihm abgestellt wurde.

„Genießen Sie den Drink, Mister. Es könnte Ihr letzter sein.“

Der Fremde wandte sich nach diesen Worten um und wollte zur Theke zurückkehren.

„Augenblick!“

Der Stranger verharrte auf der Stelle. Aber man sah deutlich, wie sich seine Muskeln unter der Kleidung spannten. In diesem Moment war die tödliche Kälte, die von ihm ausging, fast körperlich zu spüren.  Die Gäste im Schankraum hielten den Atem an und wagten nicht, den Blick von dem Fremden zu nehmen. Der Keeper schluckte krampfhaft. Sein Adamsapfel konnte sich in der trockenen Kehle des Mannes kaum bewegen.

Der Spieler beugte sich vor und legte seine Karten mit dem Bild nach unten auf den Tisch. „Wie komme ich zu der Ehre?“, wollte er wissen.

Der fremde Revolvermann drehte sich zu ihm um. Stahlblaue Augen musterten den Kartenspieler. „Die Einladung kommt nicht von mir, Thompson. Ich würde Ihnen nicht mal das Wasser aus einem Schweinetrog spendieren.“

Thompsons dichte Augenbrauen verengten sich. Zornesröte färbte sein schmales, kantiges Gesicht dunkel. Die Haut spannte sich über den hohen, ausgeprägten Wangenknochen, und die von einem schmalen Schnurrbart bewachsene Oberlippe zuckte, als er sie kurz auf die Unterlippe presste. „Sie wissen wohl nicht, was es heißt, sich mit Milt Thompson anzulegen, Mister?“, fragte er dann heiser. Langsam schob er seinen Stuhl zurück. „Bevor Sie ins Gras beißen, werden Sie mir noch sagen, bei wem ich mich für den Drink bedanken kann.“

„Bei mir!“

Thompsons Kopf ruckte herum.

Sie stand neben dem Eingang des Schankraums. Niemand hatte ihre Ankunft bemerkt. Lautlos war sie im Saloon erschienen – so lautlos, wie sich nur Indianer zu bewegen vermochten... oder Gespenster.

Aber die Gäste im Schankraum erkannten sofort, dass sie es hier weder mit einer Indianerin noch mit einem Wesen aus dem Jenseits zu tun hatten.

Sie trug verwaschene Arbeitshosen. Anstelle eines Gürtels hatte sie einen groben Strick um die Hüften geschlungen. Das blaurot karierte Hemd war an mehreren Stellen geflickt, sicherlich einige Nummern zu groß und verbarg ihre weiblichen Rundungen.

Das lange honigblonde Haar hing in weichen Locken bis weit über die Schultern der Frau hinab. Hellgrüne Augen lagen unter fein geschwungenen Brauen. Eine schmale Nase, hohe Wangenknochen und schmale sinnliche Lippen verliehen ihrem Gesicht eine atemberaubende Anmut.

Thompson stand auf und grinste. Er nahm das Glas und prostete der Frau zu. „Verbindlichsten Dank, Lady. Ich werde auf Ihr Wohl trinken. Vielleicht lernen wir uns ja sogar etwas näher kennen...“ Er wandte sich zu dem Fremden um. „Und Sie, Mister, sollten besser ganz schnell in den Wind schießen. Ich will Ihnen nicht in Gegenwart einer Lady das Licht ausblasen müssen...“

„Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten Sie diese Skrupel nicht, Thompson!“, hallte die wohl modulierte und doch eiskalte Stimme der Frau hinter ihm auf.

Die Hand, die das Glas zum Mund führen wollte, stockte. Thompson starrte die Frau an. „Wer sind Sie?“, fragte er heiser.

Die Frau trat nach vorn und blieb im Lichtschein einer Lampe stehen. Nun erst bemerkte Thompson den Revolvergriff, der aus ihrem Hosenbund ragte.

„Ich habe lange gebraucht, um Sie zu finden, Thompson. Wo sind die anderen? Wo sind diese gelbgestreiften Beutelratten, mit denen Sie damals auf Darrows Ranch waren?“

Thompson schluckte krampfhaft. Sein schmales Gesicht verfinsterte sich zusehends. Schweißtropfen perlten mit einem Mal auf seiner Stirn. Hastig kippte

er den Drink hinunter und drehte das leere Glas zwischen den Fingern.

„Verflucht, Lady... wer sind Sie?“, stieß er beinahe mühsam hervor.

„Hattie Darrow.“

Die zwei Worte hatten eine verheerende Wirkung auf Thompson. Er schüttelte den Kopf, wich zwei Schritte zur Seite und deutete auf die Frau.

„Das... das kann nicht sein! Sie sind... tot! Stu sagte, dass er Sie erledigt hat...“

„Er hat sich geirrt.“

Thompson stieß einen wilden Schrei aus, sehleuderte Hattie Darrow das Glas

entgegen und warf sich zur Seite. In seiner Hast stolperte er über seinen Stuhl, prallte gegen den Pokertisch und verlor wertvolle Zeit.

Hattie zog den Revolver aus dem Hosenbund.

Thompson griff ebenfalls zum Colt, doch Hattie hatte ihren Zeitvorteil genutzt.

Mit beiden Händen hielt sie den schweren, langläufigen Colt und bog den Abzugshahn zurück. Man sah ihr an, wie schwer die Waffe in ihren zarten Händen wog. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Lauf ruhig zu halten.

Thompson gewann seine Selbstsicherheit wieder. „Du drückst nicht ab, Lady. Du hast nicht den Mumm dazu. Außerdem kannst du das Ding ja nicht mal richtig halten!“ Er richtete sich auf. „McNally hatte damals seinen Spaß mit dir. Mal sehen, ob ich dir nicht noch etwas mehr Freude bereiten kann als der alte Schwerenöter! Du liebst es bestimmt auf die harte Tour...“

Grinsend drückte er seinen Revolver ins Leder zurück und zog stattdessen ein Messer aus dem Gürtel. Die Klinge funkelte gefährlich im Schein der Petroleumlampen – genauso gefährlich wie Thompsons Augen, deren grausamer Blick Hattie eine Zukunft voll nie gekannter Schmerzen in Aussicht stellte!    Thompson trat einen Schritt auf Hattie zu.

Weiter kam er nicht mehr.

Er sah, wie sich das wunderschöne Antlitz der jungen Frau in eine starre Maske verwandelte, in der es keinen Platz für Gefühlregungen gab. Er las weder Hass noch Abscheu in ihrem Gesicht, weder Wut noch Schmerz. Eher kam es ihm vor, als sei sie völlig emotionslos. Es schien ohne die geringste Bedeutung zu sein, was er mit ihr vorhatte oder was sie ihm entgegensetzen würde.

Ohrenbetäubend krachte der Schuss aus Hatties Waffe!

Thompson wurde von der Wucht der Kugel zurückgeschleudert, rollte über den Spieltisch und fiel zu Boden.

Seine Pokerpartner rissen nun ebenfalls ihre Eisen heraus, doch gegen den fremden Schießer hatten sie keine Chance.

Wie der Blitz lag der Sechsschüsser in seiner Rechten und spuckte Feuer und Blei, Tod und Verderben!

Ein Gegner schrie auf, wirbelte um die eigene Achse, prallte gegen den Kanonenofen und riss mit seinem Körpergewicht das Ofenrohr aus der Halterung, als er sterbend zu Boden rutschte. Der andere Pokerspieler krümmte sich unter dem Einschlag des Projektils zusammen und brach in die Knie. Der Colt rutschte aus seinen kraftlosen Fingern. Als er sich halb zu Hattie und dem fremden Revolvermann umdrehte, hatte er seine Finger um die stark blutende Wunde dicht über seiner Gürtelschnalle gekrallt. Er wimmerte, und seine Augen flirrten vor Schmerz.

Thompson richtete sich stöhnend auf. Sein Hemd hatte sich an der rechten Seite blutrot gefärbt. Er hob mit wutverzerrtem Gesicht sein Schießeisen. „Miststück!“, stieß er keuchend hervor. Der Atem rasselte in seiner Kehle. „McNally hätte dich damals abknallen sollen!“

„Stimmt.“

„Wie... hast du mich gefunden?“

Hattie fischte einen Gegenstand aus der Brusttasche ihres Hemdes und warf ihn vor Thompson auf den Boden.

Fassungslos stierte der Spieler auf den funkelnden Silberring mit dem türkisfarbenen Stein.

„Da soll mich doch der Teufel holen... Mein Ring! Den bin ich beim Pokern losgeworden!“

Hattie nickte. „Ich fürchte, diese Partie haben Sie auch verloren. Und was den Teufel betrifft – er muss Sie nicht holen. Er wartet, bis Sie zu ihm kommen. Ich glaube, er wird nicht mehr lange warten müssen...“

Thompson riss die Waffe hoch und drückte ab. Eine Schmerzwelle raste durch seinen Körper und ließ ihn zusammenzucken.

Sein Schuss verfehlte Hattie.

Dafür traf sie umso besser.

Ihre Kugel rammte in Thompsons Brust, riss ihn hoch und stieß ihn nach hinten und gegen die Wand.

Ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel, gefolgt von einem breiten Blutschwall, den Thompson mit einem schmerzhaften Hustenanfall über seine Lippen schickte. Er krampfte sich noch einmal zusammen, sein Gesicht verzerrte sich zur Grimasse eines zutiefst Gepeinigten.

Dann rutschte er leblos an der Wand zwischen den beiden Fenstern entlang zu Boden und blieb dort breitbeinig sitzen.

Hattie Darrow nickte dem Fremden zu und verließ den Saloon.

Der Schießer trat zu dem verwundeten Kartenspieler. „Wo haben sich Thompsons Kumpane verkrochen, Sonny?“, fragte er ruhig.

„Ich hab keinen Schimmer, Mister. Lassen Sie mich am Leben. Bitte...“ Der Mann zitterte am ganzen Leib, und seine Augen flirrten vor Todesangst.

„Wo hielt sich Thompson auf, bevor er hierher kam?“

„Westlich von hier. Saddler‘s Creek. Hab ihn erst getroffen, als er bereits auf dem Weg hierher war. Wir wollten von hier aus runter nach Laredo.“

„Du hättest dir deine Sattelpartner sorgfältiger aussuchen sollen, Sonny.“

Der Revolvermann hatte längst erkannt, dass für den Verwundeten jede Hilfe zu spät kam. Er würde einen äußerst schmerzhaften und qualvollen Tod sterben.

Der Schießer trat an den Tresen, ließ sich einen Brandy einschenken und nippte an dem Glas. „Vergraben Sie die Kadaver irgendwo da draußen“, wies er den Keeper an und nickte zu Thompsons regloser Gestalt und den beiden anderen Pokerspielern hin. „Grabsteine brauchen sie nicht. Es wird niemand nach ihnen fragen, und niemand wird sie vermissen.“

„He, Mister...ich bin noch am Leben!“, ächzte der Verwundete. „Ich bin noch nicht tot, Mister... ich lebe noch...!“

„Nicht mehr lange“, sagte der Fremde und warf ein paar Silberdollars vor dem Keeper auf die Theke. „Vom Rest trinken Sie einen Brandy auf Ihr Wohl, Mister. Der Tropfen ist wirklich gut.“

Die Worte und das Klirren der Silbermünzen hallten noch im Schankraum nach, als der Fremde bereits das Gebäude verlassen hatte.

Als der Keeper und die Gäste wenig später nach draußen drängten, waren die schöne Hattie Darrow und ihr Begleiter bereits vom undurchdringlichen Vorhang aus wirbelnden Staubfahnen verhüllt worden.

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„Es ist so verdammt lange her“, sagte sie, wahrend sie die Nadeln aus ihrem hochgesteckten Haar zog. „Ich hatte schon befürchtet, dich nie wiederzusehen, Großer.“

Brandon saß auf einem Felsbrocken und lauschte auf die Geräusche der Nacht. Er starrte in die Dunkelheit und musste unwillkürlich grinsen, als er an sein Schäferstündchen in den Armen des Saloongirls zurückdachte. Viele Wochen waren vergangen, seit er die feurige Kitty wiedergetroffen hatte und Hattie Darrow zum ersten Mal begegnet war. Und so vieles war seither geschehen...

Seine Gedanken kehrten zu jenem Tag zurück, als er nach Lansing gekommen war und das Schicksal seine Weichen gestellt hatte...

Verstaubt und verschwitzt war er in die Rinderstadt geritten, hatte seinen Falben im Mietstall untergestellt und hatte sich dann in den Golden Horn - Saloon begeben, um seinen Durst zu stillen.

Hier hatte er Kitty, das üppige Saloongirl mit dem kastanienfarbenen Haar, wiedergesehen, die ihm in anderen Etablissements im Westen bereits mehrfach begegnet war. Sie hatte ihn zum Barbier begleitet, der in einem Anbau einige Badestuben eingerichtet hatte.

Vor einem Spiegel mühte Kitty sich mit ihrer Frisur ab.

Brandon trug nur noch seinen Hut. Die staubige Kleidung lag in einem unordentlichen Haufen in einer Ecke des Badezimmers. In der Mitte des Raums stand ein mit dampfendem, heißem Wasser gefüllter riesiger Holzzuber.

„Wann hat es dich denn hierher verschlagen?“, fragte er und trat hinter Kitty, um die Haken ihres Kleides zu lösen.

„Vor knapp vier Jahren. Dein Geld reichte nicht lange, nachdem wir uns in Carson City getrennt hatten.“

„Es waren dreitausend Dollar!“, entfuhr es Brandon. Er schob die Träger ihres Kleides nach unten, ließ es zu Boden gleiten und umfasste die vollen Brüste, die über den Rand des Mieders quollen.

„Ich hatte sie nicht lange, Brandon. Mein Boss hat mir den größten Teil abgenommen. Du weißt ja, wie das ist...“ Sie rieb ihr wohl gerundetes Hinterteil an ihm und brachte sein Blut in Wallung, hörte seinen heftigen, schneller werdenden Atem.

Ihre großen, dunklen Brustwarzen versteiften sich unter seinen zärtlichen Fingern. Er drehte Kitty zu sich herum. Seine Lippen suchten gierig ihren Mund zu einem leidenschaftlichen Kuss. Er umfasste ihre nackten Hinterbacken und hob sie hoch, küsste sie immer fordernder.

„Langsam, Großer. Nicht so schnell...“, bremste sie ihn. „Spül dir erst mal den Staub ab.“

Widerstrebend setzte er Kitty ab, löste sich von ihr und stieg seufzend in den Zuber. Das heiße Wasser tat ausgesprochen gut. Er lehnte den Kopf zurück und schaute Kitty zu, wie sie die dunklen Strümpfe abstreifte und sich an den Verschnürungen ihres Mieders zu schaffen machte.

„Weshalb bist du nun wirklich hier?“, fragte sie beiläufig. „Wegen mir bist du doch bestimmt nicht Hunderte von Meilen geritten. Aber es gibt einen Grund, oder?“

Er antwortete nicht, sondern tauchte unter. Als er prustend wieder hochkam, stand sie splitternackt vor ihm.

Brandon ließ seine Blicke von den vollen runden Brüsten über den flachen Bauch und die prallen Schenkel zu dem dichten kastantinenbraunen Dreieck gekräuselten Haars in ihrem Schoß wandern. Er spürte das Verlangen in sich aufsteigen und leckte sich über die Lippen.

„Komm rein“, forderte er. „Du kannst mir den Rücken schrubben...“

„Oh, ich kann noch ganz andere Sachen mit dir anstellen, Großer“, gurrte Kitty. Sie stieg in den Zuber und ließ sich langsam nieder. Wieder fanden sich ihre Lippen, und ihr Atem beschleunigte sich.

Seine starken Hände glitten über ihre samtweiche Haut, kneteten die üppigen Brüste und erforschten ihren Körper.

Kitty warf den Kopf in den Nacken und stöhnte. Bald setzte sie zu einem wilden Ritt an, der das Wasser aus dem Zuber schwappen ließ. Immer lauter wurden ihre Lustschreie, bis sie mit einem wohligen Schauder über Brandon zusammensackte.

Kitty hielt sich am Zuberrand fest, spürte seine Hände überall an ihrem Körper, und als er ihre wild schaukelnden Brüste zu bändigen versuchte, jauchzte sie erneut vor Glück...

Später seifte sie seinen Rücken ein, und verwöhnte ihn mit einer Massage, die ihn die langen Stunden im Sattel vergessen ließ und sämtliche Lebensgeister in ihm erneut weckte.

„Langsam, Kitty“, bat er, „wir haben den ganzen Tag und die ganze Nacht vor uns...“

„Du hast dir aber viel vorgenommen. Hast wohl gewaltigen Nachholbedarf, Großer?“

„Es hält sich in Grenzen.“

„Schwindler!“ Sie schlug ihm gespielt wütend auf die Schulter. „Erzähl mir lieber, warum du nach Lansing gekommen bist.“

Sein Blick verschleierte sich, und ein Schatten fiel über seine ohnehin schon ernsten Züge. „Ich suche jemanden...“, antwortete er vage.

„Hab ich mir schon gedacht. Und wen?“

„Stubs Nelson.“

„Nie von ihm gehört“, meinte Kitty nach kurzem Nachdenken.

Brandon grinste. „Und wohl auch nie mit ihm gebadet, was?“

„Natürlich nicht. Dieser Genuss bleibt nur meinen Lieblingsverehrern vorbehalten“, meinte Kitty und strich mit dem Zeigefinger über Brandons Wange und Kinn. „Du kannst von Glück sagen, dass du dazugehörst“, hauchte sie und wurde gleich wieder ernst. „Kannst du diesen Burschen beschreiben?“

„Er hat ungefähr meine Größe und Statur, ist schwarzhaarig, trägt keinen Bart

und kann verdammt gut mit dem Schießeisen umgehen.“

„Von der Sorte Männer gibt es Tausende im Westen. Gibt es besondere Merkmale?“

„Er hat eine markante Stimme. Wenn du sie hörst, läuft es dir eiskalt über den Rücken.“

Kitty schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, Brandon, aber der Bursche ist mir noch nicht begegnet. Was hat er denn ausgefressen?“

„Ich möchte lieber nicht darüber reden, Kitty. Ist besser, wenn du nicht zu viel weißt.“

Sie betrachtete nachdenklich die Narben auf seiner Brust und an der Schulter und strich sanft darüber. „Stammen die von ihm?“, fragte sie leise.

Brandon schwieg. Statt einer Antwort umklammerte er Kittys Handgelenke und presste seine Lippen auf ihre Handflächen. Er glitt sacht und küssend über ihre Arme empor zu ihren Brüsten und saugte an den samtweichen, dunklen Nippeln.

Lachend schob sie ihn zurück und stand auf.

Der Anblick ihrer nackten Rundungen, an denen das Wasser herablief, trieb ihm das Blut in die Lenden.

„Ich besorge dir saubere Kleidung, Großer. Hast du Geld?“

„In der Hosentasche. Aber beeil dich und komm zurück, bevor das Wasser kalt ist...“

Brandon ließ sich tief in die Seifenlauge sinken, schloss die Augen und genoss das entspannende Bad. Vor seinem geistigen Ange erschien das verhasste, zu einem hämischen Grinsen verzogene Gesicht eines Mannes. Und er sah sich selbst, wie er von harten Fausthieben schwer getroffen wurde und vor Stubs Nelson im Staub kauerte. Er sah Nelson, wie er langsam seinen Revolver hob und höhnisch lachte. Er blickte in die schwarze Mündung des Sechsschüssers, sah den grellen Feuerblitz auf sich zurasen, hörte den ohrenbetäubenden Knall des Schusses und spürte den harten Einschlag der Kugel. Er spürte, wie er von unbändiger Wucht nach hinten in den Staub gestoßen wurde, sah es wieder grell aufblitzen, hörte es wieder krachen. Das Dröhnen des Schusses hallte in seinen Ohren, in seinem Kopf, wieder und immer wieder...

Ihm wurde urplötzlich glühendheiß, als sei er mitten hinein ins Höllenfeuer gesprungen!

Mit einem Schrei fuhr er hoch und hörte Kittys ängstliche Stimme. „Sie haben mich gezwungen, Großer...“, stieß sie hervor.

Brandons Blick klarte sich. Nun bemerkte er die beiden Männer, die zusammen mit Kitty in die Badestube gekommen waren.

Einer der beiden Männer war groß und dürr. Sein hageres Gesicht trug einen permanent traurigen Ausdruck, der durch die vorgeschobene Unterlippe noch verstärkt wurde. Der Mann sah aus, als wollte er jeden Moment weinen und hätte sicherlich besser in ein Gotteshaus und in die Kluft eines Predigers gepasst statt in den Aufzug eines Killers.

Sein Begleiter stand hinter Kitty und hatte sie mit dem linken Arm umschlungen. Die Rechte hielt ein bedrohlich blitzendes Bowie-Messer, dessen lange Klinge der Mann gegen Kittys Hals gedrückt hatte.

Der Bursche selbst sah ziemlich abgerissen aus. Ein dicker schwarzer Schnauzbart zierte die Oberlippe und verlieh ihm das Aussehen eines mexikanischen Bandidos, obwohl nur das Gesicht die Sonnenbräune eines Mexikaners zeigte. Die Hände waren sehnig und erstaunlich blass.

„Bedaure, Gents, aber diese Wanne ist besetzt“, sagte Brandon ruhig, nachdem er sich mit der Lage vertraut gemacht hatte, und rieb sich weiter das Wasser aus den Augen. „Ihr müsst euch schon eine andere Badestube suchen – und eine andere Gesellschafterin. Kitty gehört zu mir.“

„Oh, mach dir um uns keine Gedanken, Mister. Wir werden baden, aber wie heißt es so schön? Vor dem Spaß kommt der Schweiß.“ Der Schnauzbärtige lachte heiser. „Das stimmt allerdings nicht ganz. Uns bereitet die Arbeit auch Spaß, nicht wahr, Happy?“

„Vergnügen...?“, antwortete der Traurige. „Yeah...wir haben einen Heiden Spaß dabei.“

Irgendwie konnte Brandon das nicht so recht glauben, wenn er in Happys Trauermiene blickte, die so gar nicht zu seinem Namen passen wollte. „Und was führt euch Vogelscheuchen ausgerechnet zu mir?“, wollte Brandon wissen, obwohl er die Antwort schon kannte.

„Stubs Nelson. Du hast nach ihm gefragt. Das heißt, die Zuckerpuppe hier hat nach ihm gefragt. Stubs mag nicht, wenn Leute nach ihm fragen. Und wir mögen das auch nicht.“

„Yeah...gefällt uns gar nicht“, bekräftigte Happy nuschelnd.

„Stubs und ich – wir sind alte Bekannte.“

„Davon hat uns Stubs aber nichts gesagt. Er hat uns nie erzählt, dass er Bekannte hat. Weder alte noch junge.“ Der Schnauzbärte lachte. „Die Leute, die Stubs begegnen, leben meist nicht lange genug, um sich mit ihm bekannt zu machen. Stimmt‘s, Happy?“ Er wandte sich wieder an Brandon. „Bekannt...! Du machst mir vielleicht Spaß, Mister!“

„Spaß!“, nuschelte Happy. „Yeah, er ist lustig.“

„Boys, mein Badewasser wird kalt. Sagt, was ihr zu sagen habt, und verzieht euch. Ich hab mit der Lady noch was vor“, sagte Brandon.

Der Schnauzbärtige wieherte vor Lachen. „Du bist wirklich ‘ne Schau, Mister. Du hast es immer noch nicht kapiert, oder? Du kannst ruhig in der Brühe sitzen bleiben. Ich fürchte, du bist schneller kalt als das Wasser...“

„Yeah“, bekräftigte Happy. „Eiskalt.“

Brandon lehnte sich zurück. „Nelson hat euch den Auftrag gegeben, jeden mundtot zu machen, der nach ihm fragt“, vermutete er.

„Ah, es dämmert. Irgendwann dämmert es allen, dass sie abtreten müssen, nicht wahr, Happy?“

„Irgendwann.... Yeah.“

„Alright, dann mach dich mal ans Werk, Happy. Die Kleine hier hat mich so heiß gemacht, dass ich mich auch nach einer Wanne sehne... und nach diesem prachtvollen Häschen hier...“

Happy zog ebenfalls ein Bowie-Messer und stand mit zwei Schritten neben der Wanne. Der Traurige wollte offenbar keine Zeit mit weiterem Geplänkel vergeuden.

Das wollte Brandon allerdings auch nicht.

Mit einer blitzschnellen Bewegung ergoss sich ein Schwall Seifenwasser in das traurige Gesicht des Messerhelden!

Happy kreischte und schloss die schmerzenden, tränenden Augen. Gleichzeitig stieß er blindlings mit dem Messer zu.

Brandon ging auf Tauchstation.

Die Klinge flirrte über ihn hinweg und bohrte sich in die Wand des Zubers.

Brandon stieß Happy beide Füße vor die Brust. Der traurige Killer taumelte zurück und nahm seine Klinge mit.

Brandon schoss aus der Wanne. Noch während er auf Happy zusprang, sah er, wie der Schnauzbärtige das Messer von Kittys Kehle nahm und das Saloongirl zu Seite stieß. Nur wenige Schritte trennten ihn von Brandon und dem anderen Messerstecher.

Die enge Badestube bot kaum Ausweichmöglichkeit für Brandon. Er wusste, dass er die Wanne nicht mehr als Deckung nutzen konnte, und so befand er sich nun schlagartig zwischen zwei Messern. Der einzige Vorteil, der sich ihm bot, waren die tränenden Augen des Traurigen, die dafür sorgten, dass er noch immer nichts sehen konnte.

Und diesen Vorteil nutzte Brandon aus!

Er packte Happys Messerarm, schleuderte den hageren Killer herum und stieß ihn auf seinen Kumpan zu.

Die Aktion kam völlig überraschend und genau in dem Moment, als der Schnauzbärtige einen Stoß führte, der Brandon im Rücken treffen sollte.

Mit einem hässlichen Geräusch bohrte sich die Klinge des Schnauzbärtigen tief in Happys Leib.

Noch hässlicher war das Geräusch, das sich aus der Kehle des Getroffenen löste. Er lehnte sich gegen den Schnauzbärtigen und umfasste das Messer mit beiden Händen, als könne er nicht glauben, was gerade geschehen war. Seine Lippen bewegten sich, und er nuschelte unverständliche Sätze.

„Du dreimal verfluchter Sohn einer gottverdammten...!“, setzte der Schnauzbärtige an und griff mit der freien Linken nach dem Revolver an Happys Hüfte, um das Schießeisen aus dem Leder zu ziehen.

Es waren die letzten Worte, die er in seinem Leben sprechen sollte.

Brandon hatte immer noch den Messerarm des sterbenden Killers umfasst und brachte ihn nun hoch, stieß ohne zu zögern nach oben, so weit er konnte.

Ein hässliches Quieken entfuhr dem Schnauzbärtigen. Den Colt brachte er nicht mehr aus dem Holster.

Das Licht in seinen Augen begann bereits zu erlöschen, als er realisierte, dass Happys Klinge tief unter seinem Kinn eingedrungen war und den Schädel mit einem gewaltigen Schwung völlig durchbohrt hatte, bis die Messerspitze aus der Schädeldecke ragte.

So standen die beiden Killer da, im Tode vereint durch ihre Mordwerkzeuge – die Klinge des Schnauzbärtigen hielt Happy aufrecht, und die Klinge des Traurigen hielt den Schnauzbärtigen auf den Beinen.

Die beiden toten Messerstecher boten einen makabren Anblick.

„Und ich dachte, du kannst nur mit dem Schießeisen umgehen, Großer...“, flüsterte Kitty.

Brandon zog sie in die Arme und küsste sie. Er spürte, wie die Erregung wieder in seinen Körper zurückkehrte. „Es gibt noch etwas anderes, womit ich umzugehen verstehe“, raunte er Kitty ins Ohr. „Aber nicht hier, Süße...“ 

Jetzt lachte sie wieder. „Komm mit, ich besorge uns eine neue Wanne...“ Sie

zog Brandon zur Tür.

Als sie die Badestube verließen und Brandon die Tür hinter sich schloss, sah er eben noch, wie die beiden Körper ins Wanken gerieten. Durch die Tür hörte er das laute Platschen, mit dem die toten Messerkiller in den Zuber fielen.

Gleich darauf saß Brandon in einer anderen Badestube in einer dampfenden Wanne.

Kitty stieg zu ihm in das erquickende Wasser. „Heiß genug?“, fragte sie.

„Noch nicht, Schätzchen.“ Er streckte die Arme nach ihr aus und ließ seine Lippen über ihren Körper wandern.

„Ich hab nach diesem Nelson gefragt. Jemand meinte, du solltest dich in der Wechselstation des alten Darrow umhören. Wer in die Gegend von Lansing kommt, reitet meistens bei Darrow vorbei.“

Brandon hielt mit seinen Liebkosungen inne. „Wo liegt die Station?“

„Etwa fünfundzwanzig Meilen nordwestlich von hier. Du kannst sie nicht verfehlen, wenn du die Passstraße durch die Hügel nimmst.“

Nun war sie an der Reihe, ihn zu verwöhnen. Brandon schloss seufzend die Augen und vergrub seine Finger in Kittys kastanienbrauner Haarmähne, als ihr Kopf langsam über seinen Brustkorb und Bauch abwärts wanderte. Wenig später wurde die Badestube von lautem Stöhnen, dem Glucksen und Klatschen des schwappenden Wassers und Kittys Lustschreien erfüllt...

Später, viel später schlüpfte Brandon in ein frisch gebügeltes, dunkelblaues Baumwollhemd und schwarze Levis-Hosen. Gern war er Kitty dabei behilflich, das Mieder auf ihrem Rücken zu verschnüren und die Haken ihres Kleides zu schließen.

Sanft küsste sie ihn. „Kannst du nicht noch ein wenig bleiben? Du wolltest dir doch die ganze Nacht für mich Zeit nehmen...“, meinte sie gurrend.

„Tut mir Leid, Darling. Aber diese Gelegenheit kann ich nicht auslassen. Ich muss Darrow so bald wie möglich befragen...“

Das Saloongirl zog einen Flunsch. „Und dann reitest du wieder jahrelang durch die Gegend und scherst dich einen feuchten Staub um mich. Dieser Nelson kann von mir aus zur Hölle fahren!“

Brandon lachte heiser. „Das wird er, Kitty. Verlass dich drauf.“

Wenig später schaute ihm Kitty nach, wie er auf seinem starkknochigen Falben aus der Stadt ritt. „So long, Brandon. Lass dich mal wieder blicken“, flüsterte sie, und Tränen schimmerten in ihren Augen.

Als die Abendsonne die Hügel in blutrotes Licht tauchte, sah Brandon die Darrow-Ranch weit unter sich... oder vielmehr das, was von ihr übriggeblieben

war.

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Wie jede Nacht, starrte sie zum Sternenhimmel empor und sah das Gesicht ihres Mannes Ben vor sich, seine von einem entbehrungsreichen Leben gezeichneten und doch so gütig wirkenden Züge, und das sommersprossige Jungengesicht ihres Stiefsohnes Willie. Sie sah sich in der Küche stehen und Willie mit dem Kochlöffel spielerisch auf die Finger klopfen, als er in den Töpfen herumschnüffeln wollte.

Tränen verschleierten ihren Blick. Der Schmerz war übermächtig. Ben und Willie verblassten vor ihren Augen, bis sie ganz verschwunden waren und dem kantigen, stoppelbärtigen Gesicht des Mannes Platz gemacht hatten, der ihr Leben zerstört hatte...

Sie machte sich Vorwürfe. Sie hätte gleich bemerken müssen, dass etwas nicht stimmte, als sie ihn zu ersten Mal gesehen hatte. Damals, als die Ankunft der Kutsche kurz bevorstand...

Sie hatte die Mahlzeit für die Reisenden zubereitet. Durch das offene Küchenfenster konnte sie Ben dabei beobachten, wie er sich am Corral um das Wechselgespann kümmerte.

Ben war mehr als zwanzig Jahre älter als sie. Er war Witwer gewesen, als er sie kennen gelernt und ihr den Hof gemacht hatte. Auf seine bescheidene Art hatte er Hatties Herz erobert. Drei Jahre lang waren sie nun verheiratet. Hattie wusste, dass Ben glücklich war. Und das machte sie zufrieden.

„Wie steht‘s mit dem Essen, Mom?“

Ein grofigewachsener schlaksiger Junge mit blondem Wuschelkopf trat neben sie und lüpfte die Deckel von den Töpfen, um das Aroma der Speisen zu schnuppern. „Ich hab Hunger wie‘n Puma. Könnte ‘ne ganze Rinderherde verdrücken.“

Hattie lachte und klopfte dem Jungen mit einem Kochloffel auf die Finger. „Untersteh dich, Willie Darrow! Du wirst schon nicht verhungern, bevor die Gäste eintreffen.“

„Das glaubst auch nur du. Pa sagt immer, ich wachse noch und muss deshalb mehr essen als andere. Wenn du die hungrige Gästemeute gefüttert hast, bleiben für mich nur noch Krümel übrig!“

Hattie schwang drohend den Kochlöffel. „Marsch nach draußen, sonst versohle ich dir den Hintern, du Vielfraß. Auch wenn du am Wachsen bist!“

„Aber ein paar Krapfen wirst du bestimmt im Ofen...“

Hattie hob mit einer drohenden Gebärde den Löffel und stemmte die andere Faust in die Hüfte. „Wage es nicht, Willie Darrow...!“, drohte sie, als der Junge zur Ofentür hinschielte, von wo sich der viel versprechende Duft frisch gebackener Krapfen ausbreitete.

Willie beeilte sich, aus dem Bereich des Kochlöffels zu kommen. Er wusste ohnehin, dass seine Stiefmutter ihm sein Lieblingsgebäck nicht vorenthalten würde.

Hattie schaute ihm lächelnd nach. Der Junge war inzwischen Sechzehn und hatte sich anfangs sehr schwer getan, sie als Stiefmutter zu akzeptieren. Aber sie hatte schließlich doch mit viel Mühe und Geduld sein Vertrauen gewinnen können, und nun empfanden sie eine innige Zuneigung füreinander.

Sie nahm die Speisen vom Herd und eilte in ihre Schlafkammer, um sich für die Ankunft der Kutsche zurechtzumachen. Im Spiegel des Frisiertisches betrachtete sie sich. Sie strich über ihre Haare, streifte Schürze und Bluse ab. Als sie ihren flachen Bauch betrachtete, dachte sie daran, wie gut es wäre, ein Kind von Ben zu bekommen.

Aber dieses Glück war ihnen bisher versagt geblieben.

Hattie hörte Hufschlag und beeilte sich, eine saubere Bluse überzuziehen. Hastig bürstete sie ihr Haar und eilte auf die Veranda, um die Reisenden willkommen zu heißen.

Aber der Huftschlag kam nicht von der Postkutsche. Verwirrt schaute Hattie den Männern entgegen, die über die Passstraße auf den Ranchhof ritten. Sie schienen es nicht besonders eilig zu haben. Von Weitem hörte Hattie das Klirren der Geschirrketten und das Rattern der Wagenräder. Die Stage Coach würde jeden Augenblick vor dem Haus eintreffen.

„Howdy, Ma‘am!“, grüßte der vorderste Reiter und tippte an die Krempe seines Stetson. Der Mann trug einen langen sandfarbenen Staubmantel. Er beugte sich im Sattel vor und stützte den linken Unterarm auf das Sattelhorn. Trotz des freundlichen Lächelns, das er Hattie schenkte, spürte sie Misstrauen in sich aufkommen.

Sie nickte zur Begrüßung und schaute zu den anderen Reitern hinüber. Alle waren unrasiert und schienen seit Tagen im Sattel zu sein. Sie hatten ihre schweißbefleckten Hüte tief in die Stirn gezogen und hielten die Köpfe gesenkt, um ihre Gesichter vor den Staubfahnen zu schützen, die der Wind über die Straße und den Hof der Relay Station wehte.

„Was kann ich für Sie tun, Mister?“, fragte Hattie.

„Wir sind schon ziemlich lange unterwegs, Ma‘am. Kommen von Nevada herauf. Haben seit Tagen nichts Ordentliches mehr zwischen die Zähne gekriegt.

Wären lhnen dankbar, wenn Sie ‘nen Bissen für uns übrig hätten, Ma`am.“

Hattie war sich nicht sicher, ob sie die fremden Reiter bewirten sollte. Sie sahen wenig vertrauenerweckend aus. Andererseits hatte bisher noch jeder Besucher einen Platz an Ben Darrows Tisch gefunden und eine warme Mahlzeit bekommen.

„Viel haben wir nicht“, sagte sie. „Es reicht meist gerade für die Reisenden. Aber wir werden Sie schon satt bekommen. Sie können Ihre Pferde drüben im Corral einstellen, Mister. Bitte beeilen Sie sich, wir erwarten jeden Augenblick eine Postkutsche.“

Der Reiter tippte wieder dankend an die Hutkrempe, machte aber keine Anstalten, sein Pferd zum Corral zu lenken.

Hattie blickte zu Ben und Willie hinüber. Der Rancher war nun auch aufmerksam geworden und hatte seine Arbeit am Wechselgespann unterbrochen.

„Sie stehen der Postkutsche im Weg, Mister. Bringen Sie Ihre Pferde bitte zum Corral. Mein Mann wird Ihnen gern beim Absatteln behilflich sein“, wies Hattie die Reiter an.

„Verbindlichsten Dank, Ma‘am“, gab Stu McNally zurück, machte jedoch keine Anstalten, den Blick von Hattie zu nehmen oder seinen Schecken zu bewegen.

Einen Augenblick später holperte die Stage Coach vor das Stationsgebäude. Der Kutscher riss die Zügel zurück und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Bremshebel, als er so unvermittelt die Reiter auf dem Ranchhof stehen sah.

Die Gespannpferde schnaubten unwillig und warfen die Köpfe hoch. Die Wa-

genräder blockierten, doch die Kutsche schlitterte weiter durch den Sand. Nur knapp vor McNally kam das Sechsergespann zum Stehen.

„Haben Sie uns nicht kommen hören, Mister?!“, rief der Kutscher und schob den verbeulten Hut in den Nacken. „Das hätte gewaltig ins Auge gehen können!“ Er wandte sich an Hattie. „Hoffentlich haben Sie eine leckere Mahlzeit für uns, Hattie. Die Leute in meiner Kutsche sind schon ganz ausgehungert...“

„Und Sie nicht, Sam?“

Ein Grinsen huschte über das wettergegerbte Gesicht des alten Kutschers. „Sie wissen doch, dass ich immer gern eine Rast bei Ihnen einlege. Ihre Apfeltorte lasse ich mir nicht entgehen, und Ihre Krapfen erst recht nicht.“ Er wurde laut. „Darrow`s Station! Alles aussteigen! Eine Stunde Aufenthalt!“

Der Wagenschlag öffnete sich. Der Begleitfahrer machte Anstalten, sich vom Bock zu schwingen und den Reisenden beim Aussteigen behilflich zu sein.

Der alte Sam musterte Stu McNally scharf und wurde nun auch auf die anderen Reiter aufmerksam. „Sie haben heute wohl eine Menge hungríger Mägen zu füllen, Hattie. Hoffentlich ist genug da für alle.“

„Dafür werde ich schon sorgen, Oldtimer“, meldete sich Stu McNally zu Wort. Ehe jemand den Sinn seiner Worte begriffen hatte, zog er den Revolver unter dem Duster hervor und drückte ab.

Die Kugel hieb in die Brust des alten Kutschers, drang durch den drahtigen Körper und trat in einer Blutfontäne zwischen den Schulterblättern wieder aus. Die Wucht des Einschlags stieß den alten Sam auf dem Sitz nach hinten und gegen das Dach der Kutsche. Dort prallte der Körper ab und stürzte vom Kutschbock.

Hattie schrie gellend und wich zur Tür des Stationshauses zurück. Fassungslos beobachtete sie, wie der Begleitfahrer herumwirbelte und zum Revolver griff. Etwas sirrte durch die Luft und bohrte sich tief in den Hals des Shotgunners. Mit einem erstickten Gurgeln umfasste er den Messergriff, der aus seiner Kehle ragte, drehte sich halb um und sackte röchelnd zu Boden.

Jetzt hielten auch McNallys Begleiter ihre Waffen in den Händen.

Beim Krachen von McNallys Schuss hatte Ben Darrow die Schrotflinte ergriffen, die an den Corralstangen lehnte, und eilte nun auf die Kutsche zu. Hat-

tie konnte Ben nicht mehr warnen, konnte ihn nicht zuıückhalten.

McNally drehte sich halb zu Ben um und drückte zweimal rasch hintereinander ab. Das Donnern der Schüsse wehte über den Hof der Wechselstation.

Die Wucht der Kugeln, die in seinen Leib rammten, riss Ben Darrow von den Beinen. Die Schrotflinte löste sich aus seinen Fingern, wirbelte durch die Luft und landete mit einem dumpfen Laut zwischen Ben und Willie im Staub.

Wut und Schmerz brachen in einem grellen Schrei aus Hattie heraus. Immer wieder kreischte sie den Namen ihres Mannes. Tränen rollten über ihre Wangen.

Und dann sah sie durch den Schleier ihrer Tränen, wie ihr Stiefsohn sich auf die Schrotbüchse stürzte!

„Nicht, Willie! Bleib zurück!“, brüllte Hattie, aber es war zu spät.

Alle Reiter feuerten gleichzeitig auf den Jungen.

Die Projektile schüttelten seinen schmächtigen Körper durch wie eine Strohpuppe. Unter dem Einschlag der Schüsse vollführte er einen grotestken Tanz wie eine Marionette, deren Fäden gerissen waren, die aber dennoch von einer unsichtbaren Macht daran gehindert wurde, zusammenzusinken. Sein gestreiftes Hemd färbte sich blutig. Rote Flecken breiteten sich auf seinem Oberkörper aus, vereinigten sich rasch zu einer riesigen blutroten Fläche. Er taumelte, brach schließlich in die Knie und kippte langsam vornüber.

Schreiend lief Hattie zu ihm und bettete seinen Kopf in ihren Schoß, streichelte sein wirres Haar.

„Mörder!“, brüllte sie McNally entgegen, der langsam vom Pferd stieg. „Feige, hinterhältige Mörder!“

Der Bandenchef zog den Wagenschlag auf und verneigte sich vor den Gästen. „Hier ist Endstation. Kommt schon raus, Leute. Wenn meine Männer nachhelfen müssen, wird‘s verdammt unangenehm für euch.“

Zögernd und ängstlich stiegen die Reisenden aus. Drei Männer mittleren Alters und zwei jüngere Frauen drängten sich wie verängstigte Schafe vor der Kutsche zusammen.

„Sír, Sie können alles haben, was ich bei mir trage“, versprach ein glatzköpfiges Männchen, das eine Segeltuchtasche unter den Arm geklemmt hatte und einen staubigen Bowler nervös in den Händen drehte. „Aber lassen Sie mich bitte am Leben!“

McNallys Kumpane verhöhnten den Glatzkopf. Einer der Outlaws versetzte ihm einen Tritt in den Rücken, der ihn in den Staub warf. Ein anderer Bandit wirbelte eine Machete durch die Luft. Der Hieb halbierte die Kopfbedeckung in den Händen des Männchens. Verwirrte starrte der Glatzköpfige durch das Loch in der Hutkrone.

„Das freundliche Angebot können wir doch unmöglich abschlagen, Wertester“, meinte McNally grienend. „Dann fangen Sie mal mit den Schuhen an.“

Das Männchen stierte ihn verständnislos an. „Was... meinen Sie?“

„Na, Sie haben mir alles angeboten, was Sie besitzen. Also nehme ich es gerne an. Und ich meine alles...“

Das Männchen schaute zu seinen Mitreisenden und dann wieder zu McNally. „Sir, es sind Damen anwesend. Sie können doch sicherlich nicht erwarten, dass ich hier vor ihnen meine Kleidung ab...“

Ein Blick in die dunkle Mündung von McNallys Revolver und das metallische Klicken, mit dem der Bandit den Hammer der Waffe zurückbog, ließ den kleinen Mann verstummen. Er schluckte verzweifelt, leckte über die wulstigen Lippen und nickte seinen Reisegefährten zu. „Bitte vielmals um Verzeihung, Ladies, aber man lässt mir keine Wahl...“

Langsam, mit zitternden Fingern, begann er sich zu entkleiden. Als er nur noch in Unterhemd und langen Unterhosen vor den Banditen stand, wischte er sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn.

Im nächsten Moment legte sich die rasiermesserscharfe Klinge der Machete an seinen schweißnassen Hals.

„Alles“, krächzte der Outlaw, dem die Klinge gehörte. Sein bärtiges Pfannkuchengesicht war ausdruckslos, aber in seinen Knopfaugen schimmerte eine Grausamkeit, wie sie der kleine, feiste Mann nie gekannt hatte.

Die Demütigung war für ihn kaum zu ertragen. Tränen rannen über sein pausbackiges Gesicht, als er umständlich das Unterhemd abstreifte und dann mit der Verschnürung seiner Unterhose fummelte.

Gleich darauf brandete höhnisches Gelächter über den Hof der Relay Station, als der kleine, wimmernde nackte Mann verzweifelt versuchte, mit den Händen seine Blößen vor den Blicken der Umstehenden zu verbergen.

McNally kümmerte sich inzwischen um die Beute, die ihm die Stage Coach bot. Eine Geldkassette und ein Postsack waren unter dem Kutschbock hervorgeholt worden. Ein wohlgezielter Schuss sprengte das Vorhängeschloss an der Strongbox.

Sie war bis obenhin mit Dollarbündeln gefüllt.

„Nehmt euch den Postsack vor. Der eine oder andere Schreiber hat bestimmt Geld geschickt“, wies McNally seine Kumpane an.

„He, Stu, was ist mit den Passagieren? Die haben sicherlich auch noch ein paar Wertsachen bei sich“, schlug einer der Postkutschenräuber vor.

„Kümmert euch darum.“

Hattie schien alles um sich her vergessen zu haben. Weinend beugte sie sich über ihren Mann und drückte ihm die blicklosen Augen zu. Heiße Tränen fielen auf seine blutgetränkte Hemdbrust. „Oh, Ben“, hauchte sie. „Warum? Warum nur?“

„Sie hatten mir eine Mahlzeit versprochen, Ma’am“, erinnerte sie McNallys Reibeisenstimme. Der Bandenchef war dicht an sie herangetreten.

„Gehen Sie zum Teufel!“

„Yeah. Aber erst, wenn ich gegessen habe.“

McNally packte Hattie am Haar, riss sie hoch und zerrte sie zum Haus. Er stieß sie in den Gastraum. „Bring mir was zu Essen, Schätzchen“, grollte er.  „Und ich hoffe für dich, dass es mir schmeckt!“

Hattie taumelte in die Küche. Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg. Sie schaute aus dem Küchenfenster. Die übrigen Banditen waren alle an der Kutsche beschäftigt.

Bot sich hier eine Gelegenheit zur Flucht?

Hatties Kopf fuhr herum, als hinter ihr ein metallisches Klicken ertönte.

Sie sah den grienenden Bandenchef in der Küchentür stehen, seinen Revolver lässig in der Hand.

„Denk nicht mal dran, Schätzchen, Und jetzt beeil dich mit dem Essen. Ich hab Hunger.“

Hattie wandte sich den Töpfen zu, rührte mit einer Schöpfkelle das Essen – und wirbelte plötzlich herum!

Der kochend heiße Inhalt der Schöpfkelle verfehlte McNally nur knapp und klatschte über ihm gegen die Wand. Ein paar Tropfen hatten dennoch seine Stirn getroffen, und der Bandenchef wischte sie mit einer schmerzerfüllten Grimasse ab.

Mit einem wütenden Schrei stürzte sich Hattie auf den Banditen, doch er versetzte ihr ein paar schallende Ohrfeigen und schleifte sie in den Gastraum.

„Nun gut, dann gibt’s den Nachtisch eben vor dem Hauptgericht, meine Schöne!“, zischte er.

Hattie entwand sich seinem Griff, doch McNally bekam sie erneut zu fassen. Er warf sie auf den langen Esstisch, riss ihr die Bluse entzwei und fctzte sie ihr vollständig herunter.

„Mal sehen, was du außer Kochen noch drauf hast, Wildkatze!“, krächzte er heiser.  Hart und fordernd presste er seine Lippen auf ihren Mund. Seine rauen Hände pressten sich schmerzhaft auf ihre Brüste und kneteten das weiche Fleisch.

Hattie wehrte sich verzweifelt, wand sich unter ihm, versuchte ihn zu treten, doch sie kam nicht gegen ihn an.

Schließlich gelang es ihr, das Gesicht zur Seite zu drehen, etwas Spielraum zu bekommen, und sie nutzte es sofort aus.

Tief gruben sich ihre Zähne in McNallys Unterlippe. Sie würgte, als sie sein Blut auf ihrer Zunge spürte.

McNally brüllte vor Schmerz und Wut und bäumte sich auf. Sofort stießen Hatties Finger nach oben, und sie zog ihre Fingernägel durch die von Bartstoppeln bedeckten Wangen des Outlaws, bis sich blutige Striemen auf der Haut abzeichneten.

Der Postkutschenräuber schlug unvermittelt zu. Sein Handrücken klatschte mit einer solchen Wucht in Hatties Gesicht, dass sie das Gefühl hatte, der Kopf würde ihr von den Schultern gerissen. Die nächste Ohrfeige ließ Blut aus ihrer Nase und über ihre Lippen strömen.

Sie richtete sich auf und blickte dem Gesetzlosen entgegen. Ihr Gesicht verzerrte sich, und sie legte all die Wut, die Verachtung und den Hass in ihren Blick, deren sie fähig war.

„Du hast einen großen Fehler begangen, du Bastard!“, zischte sie und spuckte ihm ihre Worte förmlich entgegen. „Was immer du mit mir anstellst – du solltest sicherstellen, dass du mir das Licht ausbläst. Denn solange auch nur ein Funken Leben in mir ist, werde ich nicht ruhen, bis ich dich gefunden habe. Und wo immer du dich auch verkriechst, ich werde dich aufspüren. Und dann werde ich...“

Ein Hagel von Ohrfeigen unterbrach Hatties Racheschwur. Als McNally keuchend von ihr abließ, war Hatties Widerstand ungebrochen. Sie spuckte den Outlaw an, grinste ihm verächtlich ins Gesicht, überschüttete ihn mit Beschimpfungen und Verwünschungen.

Einen Moment lang, als sie McNally dabei beobachtete, wie er seinen Revolvergurt ablegte und seine Hose aufknöpfte, bildete die Angst vor dem, was sie erwartete, einen dicken Kloß in ihrer Kehle. Doch sie schluckte, und als McNally mit entblößtem Unterleib vor ihr stand, nahm sie allen Mut zusammen und...

Sie lachte!

Ein Lachen, in dem Hohn, Schmerz, Verachtung und unbändige Wut mitschwangen, löste sich aus ihrer Kehle.

Hattie lachte, bis ihr die Tränen über die geschwollenen Wangen liefen.

Sie lachte, bis die Fäuste des Outlaws ihr den Atem raubten.

Augenblicke später versank für Hattie Darrow die Welt in einem Meer aus Schmerzen und Demütigungen.

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Sie fühlte sich beschmutzt, zutiefst erniedrigt und verletzt. Es waren weniger die körperlichen Schmerzen als die Pein in ihrer Seele, die schier unerträglich war.

Sie versuchte den Kopf zu heben, zuckte stöhnend zusammen und sank wieder in die bodenlosen Abgründe der Besinnungslosigkeit zurück.

Es dauerte lange, bis sie sich wieder an die Oberfläche gekämpft und die Schleier, die ihr Bewusstsein umfangen hielten, zerrissen hatte. Sie versuchte, sich auf die Seite zu drehen und sich aufzurichten, doch jede noch so kleine Bewegung schmerzte höllisch.

Sie spürte kühle Luft auf ihrem Gesicht und ihrem Körper.

Irgendwann wurde ihr bewusst, dass der Luftzug vom offenen Küchenfenster

kam. Sie brauchte eine Weile, bis ihr Verstand erfasst hatte, dass sie in einer Ecke der Küche kauerte. Nackt, geschunden, zerschlagen und zitternd drückte sie sich gegen das raue Holz der Küchenwand. Mit viel Mühe und unter unsäglichen Schmerzen zog sie die Beine ans Kinn und presste ihr geschwollenes Gesicht zwischen die Knie.

Gelächter und Gegröle rauer Männerstimmen drang zu ihr herein.

Schlagartig kehrten die furchtbaren Ereignisse dieses Tages in ihr Gedächtnis zurück. Noch einmal starb Ben direkt vor ihren Augen. Sie sah, wie seine Brust von den Kugeln des Postkutschenräubers zerrissen wurde. Sie sah, wie Ben gegen eine unsichtbare Wand lief und zu Boden stürzte. Und sie beobachtete Willies bizarren Tanz, als die Projektile in seinen Körper hämmerten, und jede seiner ungelenken Bewegungen, jede blutrote Rose, die mit jedem Schuss auf seinem Körper aufplatzte, schien ihr das Herz zerreißen und ihre Seele zerfetzen zu wollen.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wollte weinen, doch es kamen keine Tränen und ihr fehlte der Atem.

Schließlich nahm sie ihren ganzen Willen zusammen und löste sich von der Wand. Zoll um Zoll kroch sie über den Küchenboden. Ihre zitternden Hände tasteten nach der Tür, drückten sie einen winzigen Spalt breit auf.

Sie presste ihr Gesicht gegen die Tür, spähte durch den Spalt, und ihr Auge weitete sich.

Die Postkutschenräuber saßen mit dem Rücken zu ihr und schaufelten heißhungrig das Essen aus den Töpfen, die sie auf dem langen Tisch aufgereiht hatten. Sie kannten keine Tischmanieren, rülpsten und grunzten wie Schweine am Trog. Jemand hatte den Brandy gefunden, den Ben für besondere Anlässe und als Medizin in einem Wandschrank aufbewahrt hatte. Gierig schütteten die Banditen den scharfen Branntwein in ihre Kehlen.

Die Reisenden standen an der Wand neben der Tür. Die Männer waren gezwungen worden, sich zu entkleiden. Ihre Körper wiesen deutliche Spuren von Misshandlungen auf.

Rülpsend lehnten sich die Banditen auf ihren Stühlen zurück. Hattie bebeobachtete, wie sie die Geldkiste und die Wertbriefe aus dem Postsack auf den Tisch legten. Offensichtlich wollte man nun darangehen, die Beute zu verteilen.

Zitternd und ängstlich schauten die Reisenden zu, wie sich die Outlaws über die Beute hermachten. Zu knapp vierhundert Dollar aus dem Postsack kamen der Inhalt der Geldkiste aus der Kutsche sowie die Brieftaschen und der Schmuck der Reisenden.

„Ist das alles?“, fragte der Bandenchef zweifelnd und schaute zu den Passagieren hinüber. Er deutete auf das kleine, feiste Männchen. „Du kannst dich nützlich machen, Dicker. Sieh nach, was die Ladies vor uns versteckt haben.“

Das Männchen wurde noch eine Schattierung bleicher und schüttelte den Kopf. „Das... kann ich nicht...“

Der massige Bandit mit der Machete grollte ungehalten. Er fasste in einen Topf mit Stew und schleuderte eine Handvoll des Eintopfes auf den kleinen Mann. Als dieser sich quiekend abwandte, schoss der Outlaw von seinem Stuhl hoch, war mit zwei Schritten bei dem verängstigten kleinen Glatzkopf, packte ihn im Nacken und zerrte ihn zum Tisch, wo er das Gesicht des Mannes in den Topf  mit Irish Stew drückte.

Prustend und gurgelnd rang der kleine Kerl um Atem. Wäre es bei der Situation nicht um Leben und Tod gegangen, hätte der Anblick des zappelnden nackten Burschen sicherlich so manchem Betrachter ein Lächeln abgerungen.

„Wenn der Boss etwas von dir verlangt, Dicker, dann tust du es gefälligst. Hast du das endlich kapiert?“, grollte der bärtige Bandit.

Er hob den Dicken hoch, und der kleine Mann bemühte sich, röchelnd und hustend zu nicken.

„Du hast den Boss gehört“, dröhnte der Outlaw. „Wird’s bald?“

Der kleine nackte Mann watschelte zu den beiden weiblichen Passagieren. Eine Entschuldigung murmelnd, tastete er die Ladies ab.

„Nichts... da ist nichts“, krächzte er.

Sofort war der Outlaw mit der Machete bei ihm, und die Ladies schrien auf, als er die Klinge hob. Der kleine Dicke wich zurück, als die Schneide das Kleid einer Frau zerteilte. Die rasiermesserscharf geschliffene Klinge drang mühelos durch den Stoff. Das Kleid klaffte auseinander und gab den Blick auf die Unterwäsche der jungen Frau frei...

„Was trägt die Lady da um den Bauch?“, fragte McNally.

Der bullige Outlaw fackelte nicht lange. Er zerschnitt die Unterwäsche und hob schließlich zufrieden grunzend einen breiten, prall gefüllten Geldgürtel hoch, den er gleich darauf auf den Tisch schleuderte.

Im nächsten Moment fetzte er die zerschnittenen Stoffreste vom Körper der schreienden jungen Frau, die vergeblich versuchte, ihre Blößen vor den Blicken der Banditen zu verbergen. Er stieß die Frau zum Tisch, warf sie der Länge nach auf die Tischplatte, und so mancher Bandit schluckte und leckte sich erwartungsvoll die Lippen, als sich das entblößte Hinterteil der Frau vor ihnen erhob.

„Nein, das dürfen Sie nicht!“, quiekte das dicke Männchen, das erkannt hatte, welches Schicksal der jungen Frau drohte. „Die Lady hat Ihnen nichts getan. Sie dürfen ihr nichts tun...!“

Der kleine Mann stürzte zum Tisch, um der Frau beizustehen, doch einen Augenblick später erstarrte er. Sein Blick senkte sich langsam auf die breite Klinge der Machete, die ihn aufgehalten hatte.

„Du hast Recht, Dicker. Wir werden der Lady vorerst nichts tun. Das wirst nämlich du für uns besorgen. Ich denke, du wirst uns eine Menge Spaß bereiten mit diesem Zuckerpüppchen...“

Augenblicke später zerrten sie die junge Frau auf den Rücken, und der kleine, feiste Reisende wurde von starken Händen emporgehoben und auf die entblößte Frau gelegt. Wieder quiekte er vor Schreck, und sein Qieken ging in den gequälten Schreien der Frau unter.

Für die Banditen gab es kein Halten mehr. Wie wilde Tiere fielen sie über die beiden bedauernswerten Opfer her und bereiteten ihnen die Hölle auf Erden.

Auch für die andere Frau gab es kein Entrinnen. Einige Satteltramps stürzten sich auf sie und ihre Schreie und ihr Wimmern gingen bald im ohrenbeträubenden Gegröle der Bande unter...

Ein Reisender nutzte die Gelegenheit, als die Aufmerksamkeit der Postkutschenräuber von ihm abgelenkt schien, und ergriff die Flucht. Tatsächlich gelang es ihm, die Stage Coach zu erreichen.

„Clete!“, bellte die Stimme des Bandenchefs.

Ein krummbeiniger Kerl mit Rattengesicht löste sich aus dem Pulk der Kerle, die sich mit der zweiten Frau im hinteren Teil des Gastraumes beschäftigten. Er zog seine Hosen hoch, eilte zur Tür und ergriff im Vorbeigehen eine Winchesterbüchse, die quer über seinem Stuhl lag. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und hob das Gewehr. Er hatte kein genaues Ziel, wusste nur, dass sich der Passagier hinter der Kutsche verbarg und einen Zeitpunkt abwartete, um seine Flucht fortsetzen zu können.

Minuten, die wie eine Ewigkeit anmuteten, verstrichen. Schlagartig waren die Banditen verstummt. Nur das leise Wimmern ihrer bedauernswerten Opfer war zu hören. Atemlose Spannung herrschte im Raum. Ein Bandit zog eine Taschenuhr hervor und klappte sie auf.

Die Melodie des alten Liedes Rose of Alabama ertönte, als sich die Spieluhr in Gang setzte.

„Mach endlich Schluss, Clete. Oder willst du, dass wir hier übernachten?“ McNally wurde ungeduldig.

Clete repetierte die Winchester und jagte seine Schüsse in rasender Folge zur Postkutsche hin. Die Kugeln fetzten in das dünne Holz der Concord-Kutsche und durchbohrten auch die gegenüberliegende Wagenwand.

Als die peitschenden Schüsse verhallt waren, lud der rattengesichtige Clete in aller Seelenruhe das Gewehr nach. Er zog die Lippen zurück und bleckte leicht vorstehende, lange, gelbe Zähne, die an das Gebiss eines Nagers erinnerten. Er wollte sich eben in Bewegung setzen und nach dem Flüchtling sehen, als dieser hinter der Kutsche hervortaumelte.

Der blutüberströmte Mann machte zwei, drei Schritte auf das Haus zu, streckte flehend den Arm nach Clete aus und brach dann zusammen.

Den letzten Reisenden aus der Kutsche ließen die Banditen laufen. Der Mann

griff zaghaft nach seinen Kleidungsstücken, doch der Bandenchef hielt ihn zurück.

„Ich hab nichts davon gesagt, dass du etwas mitnehmen kannst“, meinte er.

Mit weichen Knien trat der nackte Mann nach draußen und entfernte sich vom Haus. Er wagte nicht, ein Pferd aus dem Corral zu holen oder sich in der Kutsche zu verbergen, sondern suchte eilig das Weite.

Die beiden Frauen und der kleine Dicke blieben allein zurück, den Trieben der Banditen hilflos ausgesetzt. Raue Männerhände glitten gierig über die Körper der weinenden, um Gnade flehenden Frauen.

Hattie schloss gequält die Augen. Übelkeit stieg in ihr hoch. Sie dachte nicht daran, dass die Banditen auch noch einmal über sie selbst herfallen könnten. Sie war durch die Hölle gegangen, in der sich nun diese beiden bemitleidenswerten Frauen befanden, und sie hatte überlebt. Ihr letzter Gedanke galt den beiden Ladies im Gastraum, ehe eine gnädige Ohnmacht erneut ihre Schleier ausbreitete und Hattie umhüllte.

Sie bekam nicht mehr mit, was die Banditen mit den beiden Frauen und dem kleinen, feisten Glatzkopf anstellten. Sie merkte auch nicht, wie der Bandenchef die Beute verteilte und anschließend den Inhalt mehrerer Kerosinlampen im Haus vergoss.

An der Tür wandte er sich noch einmal um. „Verbindlichsten Dank für die freundliche Bewirtung“, murmelte er, riss ein Zündholz am Türrahmen an und warf es in den Raum.

Erst das Prasseln der Flammen und beißender Qualm rissen Hattie aus ihrer Ohnmacht.

Von draußen war Hufschlag zu hören. Mühsam zog sich Hattie am Türrahmen hoch und stieß die Küchentür auf, starrte in den lichterloh brennenden Gastraum.

Zum Eingang kam sie nicht mehr. Die Flammen waren zu dicht. Durch das Küchenfenster wagte sie nicht zu fliehen, denn es lag im Blickfeld der Banditen.

Blieb noch die Schlafkammer, in der sich ebenfalls ein kleines Fenster befand.

Mühsam schleppte sich Hattie durch den brennenden Gastraum. Die Flammen leckten nach ihr, fanden ihre Haut, und mehrmals schrie Hattie gequält auf. Ihre nackten Füße suchten den Weg über den schwelenden Holzboden. Sie stolperte und fiel auf die Knie. Als sie sich aufrappeln wollte, traf ihr vom Rauch tränenverschleierter Blick den weißhäutigen Fleischberg, der zu Lebzeiten ein kleiner, dicker, glatzköpfiger Reisender gewesen war.

Hattie unterdrückte mühsam die aufsteigende Übelkeit, als sie sah, was das lange Messer in der hand eines Banditen angerichtet hatte. Der arme kleine Kerl hatte vor seinem Tod unermessliche Qualen ausstehen müssen...

Hattie raffte sich auf, wich mühsam den gierig züngelnden Flammen aus, und dann fiel die Rancherin hustend und keuchend regelrecht in die kleine Schlafkammer hinein. Hastig ergriff sie das erstbeste Kleidungsstück, das in ihrer Reichweite lag, und kletterte durch das Fenster.

Auf allen Vieren kroch sie zur Hausecke und starrte zu den Banditen hin, die mit den beiden nackten Frauen, die quer über den Sätteln der Outlaws lagen,  davonritten.

Die Abenddämmerung brach herein.

Im flackernden Schein des brennenden Ranchhauses prägten sich Eindrücke unvergesslich in Hatties Gedächtnis ein:

Perlmuttschalen an einem Revolvergriff, in die ein Frauenkopf geschnitzt worden war. Ein langes blitzendes Messer in einer Lederschlaufe. Eine Winchester, deren mit Messing beschlagener Kolben aus einem Scabbard ragte. Ein hünenhafter Kerl, dessen Pferd unter dem massigen Körper fast zusammenbrach. Ein Silberring am kleinen Finger einer feingliedrigen Hand...

Hattie stützte sich an der Hausecke ab und wartete, bis die Banditen den Hof

verlassen hatten. Dann schleppte sie sich Richtung Corral.

Sie erreichte ihn nicht mehr.

Neben den leblosen Körpern ihres Mannes und ihres Stiefsohnes brach sie zusammen.

Das flackernde Licht der lodernden Ranch huschte über ihren nackten Körper.

Im Corral schnaubten die Gespannpferde.

Mit ohrenbetäubendem Getöse stürzte das Ranchhaus in sich zusammen.

Und der kühle Nachtwind wehte Staubfahnen über die Toten und den reglosen Körper einer Frau, der ein grausames Schicksal jeden Sinn im Leben genommen hatte.

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Hattie Darrow spürte die erquickenden Wassertropfen auf ihren Lippen und öffnete gierig den Mund, um mehr von dem kühlen Nass zu erhaschen.

Ihr Kopf wurde angehoben. Etwas Weiches schob sich in ihren Nacken. Der Spund der Feldflasche legte sich an ihren Mund.

„Nicht so hastig“, mahnte eine sonore Stimme, als sie gierig trank. „Es ist genug da, und Sie haben alle Zeit der Welt.“

Sie erstarrte. Alles in ihr verkrampfte sich. Das Gesicht ihres Peinigers tauchte aus einem blutigen Nebel auf. Lachend schritt er auf sie zu. Schon spürte sie die Hände des Bandenchefs auf ihrem nackten Körper, auf ihren Brüsten, ihrem Bauch, ihren Schenkeln. Seine Berührungen brannten wie Höllenfeuer, und immer wieder brandete dieses grässliche heisere Gelächter auf...

„Nein!“ Sie warf den Kopf hin und her und schlug abwehrend um sich. „Ich

will nicht! Bitte, es tut so weh! Bitte...nicht...!“

Ihr geschundener, von zahlreichen Schlag-, Kratz- und Brandwunden bedeckter Körper bäumte sich auf.

Starke Hände drückten sie zurück.

„Schhh!“, klang eine sonore eine Stimme. „Es ist alles gut. Sie sind in Sicherheit. Niemand will Ihnen etwas antun...“

Irgendwie wirkte die fremde Stimme beruhigend auf sie. Tief atmete sie durch, um im nächsten Augenblick von einem Weinkrampf geschüttelt zu werden.

Brandon ließ sie weinen. Er breitete das zerrissene und angesengte Kleidungsstück, das er neben ihr gefunden hatte, über ihr aus, lehnte sich an die Corralstangen, rollte eine Zigarette und ließ die Frau mit ihrem Schmerz allein.

Wenige Minuten zuvor erst war er im blutroten Licht der Abendsonne über die Hügel herabgekommen. In einer Mulde hatte er den schmalen Pfad entdeckt, der zu Darrows Wechselstation führte. Erst kurz vor der Ranch hatte er die reglosen Körper und immer noch schwelenden Trümmer bemerkt und seinen Falben zur Eile angetrieben.

Der Anblick des geschundenen Frauenkörpers hatte den Hass auf die blutrünstigen Bestien, die hier grausam gewütet hatten, heiß auflodern lassen. Es galt als ungeschriebenes Gesetz im Westen, Frauen mit Respekt zu behandeln.

Was man dieser Frau angetan hatte, verlangte, nein – es schrie geradezu nach der schlimmsten Strafe, die es für einen Mann geben konnte...

Nach einigen Minuten holte Brandon die Wolldecke, die er zusammen mit dem Regenumhang hinter seinen Sattel geschnallt hatte, hüllte die Frau hinein und trug sie zu der kleinen Scheune in der Nähe des Ranchhauses hinüber, wo er sie auf ein provisorisches Lager aus Heu und Stroh bettete. Dann schickte er sich an, die Toten zur Kutsche zu schleppen, um sie vor Bussarden, Coyoten und anderem Raubzeug der Nacht zu schützen.

„Ben!!!“ Ihre Stimme klang vom Scheunentor herüber, als Brandon den toten Rancher zur Kutsche trug.

„Sie sollten liegen bleiben, Ma‘am. Sie sind noch nicht in der Verfassung, aufzustehen“, sagte Brandon ruhig.

„Lassen Sie meinen Mann los!“ Hysterie schwang in ihrer Stimme mit. „Sie sollen ihn loslassen, verdammt! Rühren Sie ihn nie mehr an! Nie mehr, hören Sie?!“

Die geschundene Rancherin stürzte auf ihn zu, brach aber schon nach wenigen Schritten zusammen. Die Decke rutschte von ihrem Körper. Nackt kroch sie durch den Staub, weinte und rief immer wieder nach ihrem Mann.

Brandon hüllte sie wieder in die Decke. „Sie müssen sich ausruhen, Ma’am“, mahnte er. Angesichts ihres Schmerzes fühlte er sich hilflos.

Ihr Blick fiel auf die einsame Gestalt des Jungen, der noch beim Corral lag. Sie riss sich los und stürzte schreiend auf den Toten zu. „Willie!“, brüllte sie. „Mein Gott, Willie...!“ Sie kniete auf dem Boden und wiegte den Kopf des Toten in ihrem Schoß. „Warum? Warum musste er sterben? Er war doch noch ein Kind...!“

Brandon gab ihr keine Antwort.

Details

Seiten
120
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900392
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303017
Schlagworte
rache frau

Autor

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Titel: Die Rache einer Frau