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Rebellen des Lichts

2015 434 Seiten

Leseprobe

REBELLEN DES LICHTS

ROMAN

von Jens-Philipp Gründler

Der Umfang dieses Buchs entspricht 434 Taschenbuchseiten.

Der mit dem zweiten Gesicht begabte Dichter Julian Löwenstein befindet sich auf der Flucht vor Ghouls, vampirartigen Schattenherrschern, welche im diktatorischen Moloch Labbe die Fäden ziehen. Aus seinem Elternhaus vertrieben, begibt sich der junge Telepath auf eine Odyssee nach Bielheim, einer idyllischen Hippie-Siedlung, wo er sich einer spirituellen Ausbildung beim Druiden Christian unterzieht. Seine telepathischen Fähigkeiten entwickelt Julian so weit, dass er mit anderen Rebellen des Lichts an mentalen Operationen teilnehmen kann, um die von den Ghouls versklavten Menschen in Labbe zu befreien.

Welche Rolle aber spielt Julians Vater, ein ranghoher Militär? Dient Roman Löwenstein dem finsteren Ober-Ghoul Daniele Bregen und beteiligt sich an der Jagd auf seinen hellsichtigen Sohn?  Zusammen mit Cara, der Druidentochter und Geliebten von Julian Löwenstein, infiltriert dieser das Höhlenbunkersystem in der Wüste Samsara. Wird es ihnen gelingen, den sich dort verbergenden Daniele Bregen auszuschalten?

Copyright

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Jens-Philipp Gründler und Edition Bärenklau, 2015

© Cover/Layout:  Birger Krause, 2015

1. Angriff der Ghoulkrieger

Vater war sichtlich erregt, als er die Hubschrauber am Himmel erblickte, die ineinander zu stoßen schienen. Feurige Explosionen hatte auch ich, Julian Löwenstein, in meinem Blickfeld – träumte ich? Unser Wohnzimmer war hell erleuchtet vom Licht der gleißenden Nachmittagssonne, soeben hatten wir unser rituelles Kaffeetrinken, es gab Haferkekse mit Milchschokoladenglasur, beendet. Vater nahm die letzten Züge aus der Ebenholzpfeife, die Mutter ihm während ihrer Hochzeitsreise 1976 in Kenia schenkte, griff zum Pfeifenstopfer, an dem auch ein Kratzinstrument zur Tabakentfernung angebracht war, und pulte die schwarzbraunen, verkohlten, verglühten Tabakreste aus dem Pfeifenkopf, klopfte das Rauchgerät über dem Glasaschenbecher aus, trank einen Schluck Kaffee, in den er stets Kondensmilch träufelte, wohingegen ich große Mengen Frischmilch bevorzugte, und fragte Mutter, ob ihre mit Ostfriesenschwarztee gefüllte Kanne leer sei. Sie verneinte und schüttete sich eine weitere große Tasse der für meinen Geschmack äußerst bitteren Teesorte ein, indem sie den Spitzhelmförmigen Deckel der weiß-blau gemusterten Porzellankanne, an deren Henkel haarfeine Risse den Zerfall des Behältnisses vorantrieben, energisch festhielt, wohl wissend, dass der Verschluss des zu einem Service gehörenden Gefäßes dazu neigte, sich von der Schwerkraft Richtung Tischplatte ziehen zu lassen. Allzu häufig purzelte das filigrane Deckelchen auf das Wachstuch, und provozierte Wutanfälle im stets überreizten Hirn von Mutter. Vater folgte ich ins Wohn- und Esszimmer, nahmen wir unsere nachmittäglichen Heißgetränke doch regelmäßig in der Küche ein, wenn nicht gerade Gäste zu Besuch waren, in der Absicht, auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen. Pfeifenrauch in der Wohnung war erlaubt, Zigarettendampf hingegen nicht, so lautete das ungeschriebene Gesetz. 

Zwei Helikopter, die auf der Höhe des ersten Geschosses schwebten, in dem unsere Familie ihre Mietwohnung hatte, prallten keineswegs aufeinander. Das orangegelbe Flammenmeer rührte, wie ich jetzt realisierte, vielmehr daher, dass die Besatzung der Flugobjekte, deren Rotoren soeben Tannen- und Fichtenbäume in unserem Garten geköpft hatten, ihre Maschinengewehre direkt auf uns richtete und gnadenlos Schusssalven abfeuerte. Ächzend barsten Glastür und Fenster, die unseren Wohnbereich vom Balkon abgrenzten. Die von Mutter sorgfältig drapierte Keramikvase mit dem Margeritenstrauß platzte, Wasser schwappte auf die marmorne Oberfläche des Esstisches. Vater stand wie gebannt, unverletzt, unsterblich, neben dem gestreiften Ohrensessel, einem Erbstück von seiner böhmischen Großmutter, und ergötzte sich an dem martialischen Schauspiel.

Die Gedankenkontrolleure, meine Jäger, waren endlich gekommen, um ihr Versprechen gegenüber dem hohen Rat einzulösen, und mich, ihren ärgsten Widersacher, auszuschalten. Dass Vater einer von ihnen sein könnte, hatte ich stets geargwöhnt, mir aber nicht eingestehen wollen. Er ist nicht nur ein führendes Mitglied der Bruderschaft, deren Ziel es seit Urzeiten ist, Macht über alle Individuen auszuüben, indem man diese auf allen möglichen Kanälen manipuliert, nein, Vater ist der Grund, warum ich überhaupt lebe. Immer wieder führte ich mir vor Augen, dass sich die Gedankengestapo doch langweilen müsse, wenn ihr die Feinde ausgingen. So raffiniert und allumfassend war ihre Herrschaft heutzutage, dass es kaum noch Renegaten gab, die alles riskierten, um die Art von Tyrannei, in der wir alle leben, ohne es überhaupt zu bemerken, zu bekämpfen. Deswegen bestand für die Kontrolleure stets ein großer Bedarf an Gegnern, und zwar an möglichst starken. Das seltsame Brettspiel, wie ein guter Freund the cosmic game einmal treffend bezeichnete, kann nur funktionieren, wenn die antipodischen Kräfte ausgewogen sind. Sicherlich gierte die Systemfront, das Kartell der Gedankenpolizisten, nach Konsolidierung, nach uneingeschränktem Einfluss. Mithilfe von Fernsehsendeanstalten, dem Internet, satellitenüberwachten Mobilfunktelefonen, digitalem Entertainment, Computerspielen, den mittlerweile antik wirkenden Printmedien, die angeblich freie Meinungsmache betreiben, war es der Front gelungen, einen allumfassenden, omnipräsenten Totalitarismus zu kreieren, der offiziell mit den Etiketten „Soziale Marktwirtschaft“ und „Demokratie“ versehen wurde. Gesteuert von Politikern, Polizisten, Psychiatern, Militärs, Geheimdiensten, Kirchenvertretern, religiösen Oberhäuptern, Financiers, kalten Technokraten allesamt, gestattete man den unmündigen Lämmchen, ihr Geld an den Wochenenden in Fußgängerzonen auszugeben. Hemmungsloser Konsumismus war das Hauptkriterium unserer Volksherrschaft. Der Illusion politischer Einflussnahme unter Anwendung unserer sogenannten Wählerstimmen erlagen nur noch wenige. Wir wurden beherrscht von einer inzestuösen Clique, die bestimmte, was normal war, und was nicht.

Vater weinte fast vor Rührung, als die lang erwartete militärische Intervention endlich über die Bühne ging. Entbunden von Zeit und Raum glitt ich durch den engen Flur auf die Eingangstür unserer Haushälfte zu, wobei ich exakt siebzig Zentimeter über dem ultramarinblauen Kunststoffteppich flog. In einer schwerelosen Flugbewegung stürzte ich mich vorwärts auf die Stufen der steinernen Wendeltreppe, die, vorbei an Vaters Arbeitszimmer im ersten Stock und dem verschlossenen Hochsicherheitstrakt der Parterre, in welchem unsere Vermieter hausten, in den Keller führte. Herrschaftlich war das villenähnliche Haus, das einer Festung glich. Stacheldrahtzäune und ein Stahltor sicherten das Gelände.

2. Flucht aus der Pechlocher Villa / Nathaniel

Wie oft war ich schon „Hoch auf dem gelben Wagen“ pfeifend die spiralenförmig angeordneten, stets kalten Stufen der Treppe hinunter gehopst, die den Hauseingang mit unserer Wohnungstür verband! Je größer ich wurde, desto höher wurde auch die Anzahl der Stufen, die ich zu überspringen vermochte. Schließlich gelang es mir, das letzte Drittel des vierundzwanzig Vorsprünge zählenden Bauwerks komplett auszulassen. Auf die mit goldglänzendem Gummi überzogenen Geländer stützte ich mich, nahm Schwung und vollführte einen Schwebeflug im Neunziggradwinkel. Dass derartige Übungen noch als lebensrettende Maßnahme herhalten sollten, ahnte ich selbstverständlich nicht. Und doch meisterte ich, an dem Tag, als die Hubschrauber der Gedankenkontrollfront mich – nicht meinem Vater, nicht meiner Mutter, nicht meiner Schwester, sondern ausschließlich mir galt ihr mordlüsternes Interesse – holen kamen, meine Flucht in den Schutz bietenden Keller, weil ich in meiner Not nicht bloß acht, sondern alle Stufen hinunterglitt. Schmerz kannte ich in dieser Lage nicht, und zudem waren meine Knochen aus Titan gemacht. Diese Nachricht hatte ich im Traum erhalten, von meinem engsten Freund, welcher dem strikten Gouvernement der Gedankenkontrolleure nicht länger standhalten konnte und sich das Leben genommen hatte.

In meiner Gedankenwelt, und das war das schlussendliche Kennzeichen für meine Gefährlichkeit, gab es weder Tod noch Grenzen, hier floss alles ineinander. Meinen Geist hatte ich von banalen Kategorien wie Zeit und Raum beinahe vollends befreien können, täglich meditierte ich und hielt mich an meine knallharte Disziplin, um die Entdeckung, die ich gemacht hatte, tief in meinem Innern einzuschließen und mittels massiver Mauern zu schützen. Für mich war Nathaniel nicht tot, er existierte einfach auf einer anderen, durchschnittlichen Menschen nicht bekannten, Ebene weiter, und unternahm sein Möglichstes, um mich bei meinen Forschungen und Geistesreisen zu unterstützen. Nathaniel war immer für mich da, jederzeit konnte ich ihn herbeirufen, und umgehend grüßte er mich, indem er, dies sein charakteristisches Zeichen, seinen dürren Zeigefinger an die Schläfe und dann an seine geschwungenen, blassvioletten Lippen führte.

Im Hintergrund hätte ich eigentlich das rote Laserlicht der Hubschrauber-Maschinengewehre sehen, oder als Hintergrundgeräusch das Rattern der Waffen wahrnehmen müssen, doch ich segelte in einem Moment der totalen Stille die Kellertreppe hinunter, unter der diverse Spielzeuge (Basketbälle, Badminton- und Tennisschläger, Hüpfseile) und das alte Aquarium mit der in Silberfarbe angesprühten Neonbeleuchtung, die ich in der fünften Klasse von Nathaniel gekauft hatte, lagerten. Hier angekommen, dachte ich darüber nach, dass die drei Etagen unseres Hauses dem Beschuss nicht länger standhalten konnten und kollabieren müssten, also galt es, einen sicheren Unterschlupf zu finden, wo ich den bevorstehenden Zusammenbruch, mit dem eine Lawine von Backsteinen, verbogenen Stahlträgern und berstenden Holzdielen einhergehen würde, unbeschadet überstehen könnte. Der Keller glich einem Bunker, kein Wunder, kam mir in den Sinn, wenn man bedenkt, dass die Erbauer Paranoiker mit einem entsetzlichen Hang zum Makabren, Soldatischen waren, die am Ortsrand von Pechloch eine wahre Festung aus dem Boden gestampft hatten – dem Ort, an dem man mich, ohne dass ich es je geahnt hätte, jahrelang gefangen gehalten hatte. Vor mir tat sich die grau gestrichene Metalltür des Heizungsraumes auf, in welchem stets karibische Temperaturen herrschten, weshalb wir dort im Winter unsere vom Schnee benässten Kleider und Schuhe trockneten, die wir auf schenkeldicke Rohre hängten.

Auch im Sommer nutzte Mutter den mit hohen Heizungsapparaturen zugestellten Platz, um Lavendelzweige ihrer Feuchte zu berauben. An diesem Ort konnte ich nicht bleiben, da die randvollen Ölcontainer, aus denen die klebrig-schwarze Flüssigkeit in die Heizkörper des ganzen Hauses gepumpt wurden, sofort Feuer fangen und explodieren würden, wenn die brennenden Böden und Decken einstürzten. Neben dem Heizungskeller gab es einen Bereich, in dem ein Wasserspeicher installiert war, eine Art riesenhafter Boiler, und der, abgesehen von einem Schuhschrank, leer war. Daran schloss sich unser Nahrungsvorratsspeicher an, wo mannigfache Konserven mit Früchten, Gemüse und Fleisch, aber auch Schokolade, Kekse und vor allem jede Menge Getränke vorhanden waren. Schon besser, fiel mir ein, denn oberhalb dieses Areals hatten unsere Vermieter ein Schwimmbecken von beachtlichen Ausmaßen einbauen lassen, zu dem auch eine Sauna und ein Solarium gehörten. Vom Poolwasser würden in Flammen stehende, architektonische Konstruktionsfragmente aufgefangen und gelöscht werden, so meine kühne Schlussfolgerung, der gemäß ich mich dafür entschied, im Winkel hinter dem Schuhschrank den Hauseinsturz über mich ergehen zu lassen. Meine im Selbstdialog vorgebrachten, rational erscheinenden Argumente erwiesen sich als unbrauchbar, als naturgewaltige Massen gechlorten Wassers durch die Decke auf das Verlies einschossen, in dem ich mich verbarg. Bevor ich die Luft anhalten und abtauchen konnte, bemerkte ich noch die Umrisse von zwei schwarz gepanzerten Helmträgern, uniformierten Gedankenkontrolleuren, die ihre furchteinflößenden Menschenfleischfresserschneidezähne enthüllten.

Nathaniel, mein unsichtbarer Mentor, hatte mich in Daseinssphären, die ich für Traumwelten hielt, auf die trägen, gefräßigen Ungetüme vorbereitet. In Nächten, in denen ich besonders tief und lang zu schlafen schien, wie ich immer angenommen hatte, war Nathaniel zu mir gekommen und hatte mich auf Erkundungstouren durch die Welt der Schrecken mitgenommen. Detailliert erinnere ich mich an Szenen, wo Ghouls,  mordlüsterne Bleichgesichter, frisches rotes Fleisch verschlungen hatten. Die Ghouls verfügten über keine Körper, derer sie auch nicht bedurften, weil sie, die nur aus mit Hautlappen verhängten Schädeln bestanden, sich fliegend fortbewegten. Sie fraßen nicht wie Menschen oder Tiere, ihre Mäuler dienten wohl nur der anthropomorphen Optik, die sie gebrauchten, um ihre Opfer vor Angst zu lähmen. Vielmehr verschluckten die Ghouls totes und lebendiges Fleisch, indem sie sich darauf stürzten und es sich vollständig einverleibten. Die Ausmaße der Nahrung spielten dabei keine Rolle. Ich habe gesehen, wie Ghouls ganze Pferde auffraßen, ohne dabei ihre Form zu verändern. Schwebende Grauköpfe waren die Ghouls, die, wie Nathaniel mir verriet, vor Jahrtausenden auf die Erde gekommen waren, um sich von der Energie der Menschen zu ernähren.

Heutzutage hatten die an Vampire gemahnenden Unholde eine beinahe uneingeschränkte Machtfülle erlangt, und Kontrollinstrumente installiert, vermittels derer die Menschen in umfassender Abhängigkeit gehalten wurden. Während wir Menschen Hühner und Schweine in Ställen einsperrten, hielten uns die Ghouls in Menschenfarmen, die effizient organisiert und streng überwacht wurden. Ghouls sind im Grunde sehr schüchterne, hochgradig verunsicherte Gestalten, die in steter Angst davor leben, entdeckt zu werden. Ich war mir sicher, dass die Schwarzuniformierten, die mich im Keller ertappten, bevor das Wasser des zerplatzenden Schwimmbeckens mich hinfort spülte, entweder selbst Ghouls waren, oder, was beinahe noch schlimmer gewesen wäre, Sklaven-Menschen, denen man das fremde Ghoul-Bewusstsein aufgezwungen hatte und die den düsteren Herrschern mit Haut und Haar dienten.

3. Der Traum (Flucht mit Nathaniel)

Flapp, flappflapp, flapp, flappflappflapp... die Rotorblätter der im Mondschein gleitenden Helikopter zerhackten die Luft über unseren Köpfen und Nathaniel packte mich kurzerhand am Schlafittchen, um uns aus der Gefahrenzone heraus zu bringen. Behände flohen wir über den gefrorenen Totenacker, wo vereinzelt welke Kornähren und mit Eiskristallen gepunktete Grashalme aufragten und bewegten uns im immer dichter werdenden Nebel auf den Ort zu, wo ich eine Autobahn oder Bahngleise vermutete. Diesmal musste ich Nathaniel am Handgelenk fassen und hinter mir herziehen, da der Junge mit den nachtumwehten Augen vor Angst zitterte und wieder und wieder auf den vereisten Lehmfurchen ausrutschte. Roten Pupillenpaaren gleich durchkämmten die Suchschweinwerfer der schwarzen Helikopter die undurchdringlichen Nebelbänke, als mein Gefährte und ich schließlich einen Graben überquerten, hinter dem aufgeschüttete Lärmschutzwälle die Schnellstraße – oder war es eine Bahntrasse? – umgaben. Ich hörte nur an das Öffnen von Reißverschlüssen erinnernde Pfeif- und Zischlaute, wie von vorbeischießenden Automobilen oder Zugwagons hervorgerufen.

Nathaniel war es aus mir unbekannten Gründen nicht möglich, bis zur Hauptverkehrsader vorzudringen, wo, wie ich jetzt sah, sowohl Gleise als auch dreispurige Autobahnfahrstreifen von pfeilschnellen Güterzügen, Lastkraftwagen, Polizeiautos und Motorrädern befahren wurden. „Halte Dein Denken an, halte unbedingt Dein Denken an, denn sonst haben sie Macht über Dich, erforsche das mentale Schweigen“, flehte Nathaniel noch, bevor ich die Nebelwand durchquerte und ihn, der sich aufzulösen schien, am Fuße des Walls zurücklassen musste. Aber es war schon geschehen: Ich hatte das Verkehrssystem erblickt und meine Wahrnehmung ungefiltert auf mich einwirken lassen, ohne das Gesehene und Gehörte zu hinterfragen. Ich dachte „Autobahn“ und die Autobahn war da; ich dachte „Zugschienen“, und die Schienen erwarteten mich schon. Die mit bitterer Sehnsucht durchmengte Unbeschwertheit, die ich als Kind in der Pechlocher Villa erfahren hatte, fiel hier augenblicklich von mir ab. Zweifel und Ängste fielen über mich her wie durstige Vampire oder anorganische Biester. Dieser Gedanke war es offenbar, auf den meine Verfolger erpicht gewesen waren, denn schon kreisten mehrere Helikopter über meinem Scheitel. Doch hier gab es keine schützenden Nebelfelder, in denen ich mich hätte verbergen können.

Nicht gerade gazellenhaft hüpfte ich in einen vorbei sausenden, offenstehenden Güterwaggon, in welchem ein afrikanischer Knabe, ein bärtiger Penner und ein monomanisch vor sich hin starrender Gitarrist ohne Fahrschein reisten. Ersterer griff sich die speckige Gitarre des Musikanten, lüpfte seine karierte Schiebermütze und lüftete so seine Afrolocken. Er schlug unbeholfen einige Akkorde an, um dann überraschend das Wort „Triumph“ zu rufen und einen mir halbwegs bekannten Song zu zupfen, dessen Refrain Do you feel it? lautete. Immerzu sagte der Junge formelhaft diese vier Wörter auf, doch in unseren Ohren schallte das Flappen der Hubschrauberrotorenblätter, waren die Soldaten von der Gedankenkontrollfront uns doch dicht auf den Fersen. Angeekelt lehnte ich ab, als mir der Penner von einem fauligen Brotlaib anbot, den er zwischen seinen nikotingelben Fingerkuppen hielt, aber der singende Knabe blickte mir so bestimmt in die Augen, dass ich meine Meinung schnell änderte und Stücke von der gammeligen Backware zu kauen begann, die, ich muss es eingestehen, köstlich schmeckten. Schnarchend lehnte der Besitzer des Musikinstruments an der Waggonwand und schnappte einige Male mit weit gespreizten Kiefern nach Luft, als leise ein Maschinengewehrrattern ertönte, das ich schon gehört hatte, als ich zu Beginn dieser Fluchtgeschichte im Elternwohnzimmer angegriffen worden war.

Kaum spürbare Bodenwellen erfassten unser Reisevehikel, in weiter Ferne vernahm ich Detonationen, darauf einen mächtigen Knall in ohrenbetäubender Lautstärke. Der Junge hatte die Klampfe zwischenzeitig zur Seite gelegt, langte aber sofort wieder danach, als die Explosion, die einen abgelegenen Teil des Zuges zerstörte und den stahlgrauen Nachthimmel gelb tünchte, unsere Trommelfelle zu zerfetzen drohte. „Over the rainbow, that´s the place I wanna be, that´s the place I wanna be...”, sang der Knabe und perlende Tränenknospen erblühten auf seinen geröteten Wangen. Sofort versiegten die aus seinen mandelförmigen Augenschlitzen quellenden Salzwasserrinnsale, als ich mit dem Gedanken spielte, den Betrübten zu trösten. Als hätte ich schwer gesündigt, streifte mich sein strafender, mahnender Blick. So wütend und hilflos fühlte ich mich, dass ich den schlafenden Musiker auf die Brust schlug, hielt sich der Penner doch ostentativ aus dem Geschehen heraus. Wie vom Blitzschlag getroffen fasste sich der zu Tode Erschrockene an sein Herz, versuchte mit stockendem Atem tief Luft zu holen, massierte sich ratlos die Schläfen, fixierte mich mit weit aufgerissenen Augen und schlug mir schließlich kräftig in die Beckengegend. Der Schlag tat nicht weh, aber es schmerzte, als ich aus der Spaltbreit offenstehenden Schiebetüre purzelte und hart neben dem Schienenbett im Kies aufschlug.

Unvermutet fix hatte ich erneut den Ort wechseln müssen und klopfte Staub von meinen Schultern, dieweil ich die Umgebung ortete. Zu meiner Rechten erhob sich ein wie von und für Riesen gemachtes, gelbes Ortsschild, auf dem die Lettern LABBE matt glänzten. Hinter dem Schild befand sich eine Dreifachweggabelung; ganz links begann ein schlammiger, geschlängelter Trampelpatt, bei dessen Anblick eisige Pfeilspitzen in mein Herz gerammt wurden und das Wärmegefühl über meinem Solar Plexus für einen Moment komplett verschwand; die Mitte war eine Fortführung der Bahngleise, auf denen ich angereist war, doch die Schienen endeten jäh und eine breit angelegte Schnellstraße führte direkt in den Kern der Stadt Labbe.

Zu meiner Rechten bemerkte ich mit Wohlgefühl einen glatten Sandstrand, der inmitten eines trocken gelegten Kanalbetts bis zum Horizont reichte, und von kantigen Felsen umgeben war, in denen offenbar Menschen lebten, die aus kleinen, nicht verglasten Fensterlöchern schauten. Nach all der Mühsal des vergangenen Tages wählte ich allzu gern den einladenden Sandweg und stellte, sobald ich meine Schuhsohlen darauf setzte, fest, dass ich gar keine Schritte machen musste, sondern mich einfach gleiten lassen konnte. Im Nu hatte ich mehrere Kilometer hinter mich gebracht, als ich frontal vor einer der an Wüstenkolonien gemahnenden Steinfelsunterkünfte ein schnurrendes Motorrad hörte. Die von Schlamm bedeckte Geländemaschine steuerte eine hagere Frau, die ihr dunkelbraunes Haar kurz geschnitten und offensichtlich Angst vor mir hatte. Ihre durchscheinenden Iriden waren von Panik erfüllt, und ihre pergamentene Haut tauchte ihr Puppengesicht in ein so lichtes Weiß, dass man es vor den ebenso hellen Felszügen kaum ausmachen konnte. Nicht mir galt ihre Angst, wurde mir klar, als die Amazone kurz innehielt, dann aber Gas gab und sich todesmutig über die Brüstung einer Felsstufentreppe stürzte, im freien Fall einige Meter in der Luft hing, um endlich knapp neben mir im Sand aufzusetzen und auf Nimmerwiedersehen in die Ferne zu brausen. Die von der Lady ausgehende Anziehungskraft zog mich derart in ihren Bann, dass ich meine Siebenmeilenstiefel abstreifte und barfuß über den Strand schwebte, wie ich es in meinen Träumen immer schon getan hatte. Dieser Strand, der wegen fehlender Gewässer im eigentlichen Sinne gar keiner war, kam mir vertraut vor.

Oft war ich im Tiefschlaf meilenweit über Küstenstreifen geflogen, die das, wie ich vermutete, südamerikanische Festland vom Meer trennten, und hatte sogar die Fähigkeit besessen, manchmal in tosende Wellenkaskaden einzutauchen, um meine schwitzende Stirn abzukühlen. Beinahe war ich der Kraftradfahrerin so nahe gekommen, dass ich mich mit einer Handbewegung an ihren Gepäckträger hätte festhalten können, jedoch ging mir, während ich danach griff, auf, dass ich der falschen Dame auf der Spur war. Auf der Rückseite des schwarzen Kunststoffsattels las ich die italienischen Worte MI PIACE und wusste sogleich, dass dies eine Turiner Firma war. Schon immer hatte ich mir ein solches Motorino gewünscht und jetzt stieg ich, weiterhin der Gravitation entbunden, auf das leise tuckernde Gefährt. Meinen Bauch drückte ich an die knochige Wirbelsäule des Fahrers, der eine kunstledernde Jacke im Schachbrettmuster sowie einen dazu passenden Halbschalenhelm trug. Fein flatternde Blondhaarspitzen ragten darunter hervor und wehten zusammen mit dem silbrig glänzenden Seidenschal des eindeutig weiblichen Fahrzeugführers im Fahrtwind. Unsanft bohrte sich ihr behandschuhter Mittelfinger in meine Brustwarze, ich ging zu Boden und konnte eben noch die leeren Augenhöhlen der mit femininen Zügen ausgestatteten Kreatur erkennen, die sich hinter spiegelnden Sonnenbrillengläsern versteckten. Hatte ich einen Fehler gemacht? Was war der Grund für den weiteren Sturz?

FRAGEN VERBOTEN! stand auf einer oktogonal ausgestanzten Blechplakette, die zu einer Reihe von an einem unbesetzten Wachhäuschen angebrachten Verbotstafeln gehörte. Abgekratzte Lackrestpartikel standen steif gefroren von einem erhobenen Schlagbaum ab und zentnerschwere, graue Schneeflocken schlugen hart auf meinen entblößten Unterarmen auf. Meine ebenfalls nackten Zehen waren von einem schwärzlichen Violett und drohten am Eisuntergrund der spröden Teerstraße haften zu bleiben. Die Schwerkraft hatte mich also wieder voll erwischt und so deutlich geschwächt, dass ich kaum noch bei Bewusstsein war. Die mir verbleibenden Kräfte nutzte ich, um einige Schritte zu gehen – die eisblauen Fußballen knarzten, meine Zehenknöchel waren im Begriff zu zerbersten – und bald an einem mäßig beleuchteten Universitätsfoyer anzukommen, wo umtriebige Studenten und geschäftige Dozenten aufgehetzten Ameisen gleich ziel- und kopflos umherirrten. Der offenbar herrschenden Konfusion zum Trotz schien das mich nervös machende Gewimmel einer eigentümlichen Ordnung zu genügen. Ein unsichtbarer Dirigent, so schwante mir, führte das akademische Orchester im mir unergründlichen Takt. All die Insekten folgten ihrem Führer und kümmerten sich nicht darum, dass ein dem Frosttod knapp Entronnener in ihrer Mitte auf mit Mosaik verzierte Fliesen sackte. Über mir sah ich verschwommen, wie sich um einen in blauer Werbeuniform steckenden Mützenträger herum eine Menschentraube bildete, die begierig auf etwas wartete.

Augenpaare umflorten den Uniformierten, der nun zusammengerollte Isomatten verteilte, dünne Plastikschaumstoffunterlagen, wie man sie beim Zelten verwendet. Der Mann stand direkt über meinem Kiefer, so dass ich in seinen Schritt schauen musste, und die Massen fielen über die Gratiswerbeartikel her, als würde Brot verteilt werden und als hätten sie seit Jahren nicht gegessen. Einem Instinkt folgend schnappte ich mir eines der mit den Worten PHANTOM UNIVERSITAS versehenen Exemplare, musste aber sogleich feststellen, dass Neider mir mein kostenloses Schlafbett nicht gönnten und also an mir zu zerren begannen. Mit aller Macht lehnte ich meinen Brustkorb auf die Matte und drückte sie mit meinem Körpergewicht auf den gefliesten Untergrund. Trotz meiner Maßnahmen wollten die von Gier Gesteuerten nicht aufgeben, rissen an meinen Ellbogengelenken und rollten mich mit vereinten Kräften auf die Seite. Als der Werber jedoch verschwand, ließ auch die Meute von mir ab und ich breitete meine Trophäe in aller Ruhe unter mir aus, um im Schlafe neue Kraft zu tanken. Immer wieder liefen gackernde Studentinnen, deren hochhackiges Schuhwerk in meine Rippen drückte, einfach über mich herüber, als sei ich gar nicht an diesem Ort vorhanden.

Beißende Salmiakgerüche lagen in der Luft und umnebelten meine ohnehin betäubten Sinne noch mehr. Jene rührten von einem runden, offenen Pissoir her, das zu meiner Linken stand. Drei Urinale waren im Kreis angeordnet und männliche Studierende, deren Blasen drückten, erleichterten sich hier ganz ungeniert, vor aller Augen. Die stinkenden Becken quollen über vor Pisse und gelegentlich traten Studenten, die aus mir unersichtlichen Gründen sehr erbost waren, mit den Wildledermokassins, die jeder einzelne an den Füßen hatte, gegen das Klosett. Sonach schwappte die gelbe Flüssigkeit Milliliter für Milliliter auf den Boden, wo sich bereits ein See gebildet hatte, dessen Ufer sich meiner Schlafstatt auf bedenkliche Weise näherten. Von den harten Fußtritten dröhnte mein Schädel höllisch, doch noch schlimmer war die unerträglich laute Rockmusik, die ohne Unterlass spielte. Ein grässlich geschminkter, nur aus Haut und Knochen bestehender Hüne grölte in epileptischen Anfällen in sein Mikrophon, an dessen unterem Ende eine lange Messerklinge befestigt war, die er bedrohlich in Richtung seiner Zuhörerschaft schwenkte. So übermäßig und übertrieben morbide hatte sich die Gestalt zurecht gemacht, dass ich meine Migräne für Sekunden vergaß und herzlich lachen musste. Wie bei einer miesen Operettenaufführung oder einem Kinderpuppentheater wollte dieser Mann mit seinem versilberten Gebiss unbedingt im – wie er vermutlich annahm – subtilen Stil etwas Schreckliches verkörpern, aber sein Manöver wirkte so billig und kitschig, dass selbst auf Seiten des vollständig verblödeten Studentenpublikums, das die Kinderreime ihres Idols wahnhaft-hypnotisch wiederholte, immer wieder kreischende Lacher ertönten.

Jetzt sang der mitleiderregende Nosferatu, der allzu tief im Fundus der Stummfilmära gegraben hatte, auch noch von, ja, es ist wahr: Liebe! Ich wollte ihn umarmen und trösten, als er davon faselte, wie ihm ein Mädchen das Herz gebrochen und er ihr daraufhin die herzförmige Brille zerschlagen habe. Der gesamte Auftritt war perfekt inszeniert, ganz offen warb der clowneske Disneyland-Dämon für seine düstere Heimat und lud die jungen, leicht zu beeinflussenden Leute zwischen seinen schrecklich disharmonischen Krawallliedern immer wieder zu, wie er heiser krächzte, Hellrides, Fußballstadienritualen entlehnten Laolawellen, ein, bei denen die gleichgeschalteten Zombies mit ihren abgestumpften Blicken begeistert mitmachten. Ab und an schwankte der Künstler seitlich an der Phalanx seiner getreuen Mitmusikanten vorbei zum Bühnenrand, wo ein blutjunges Mädchen, entzückt von der Show, vom feuereifrigen Maestro Küsse entgegennahm, wobei seine Regenwurmzunge zwischen den schönheitschirurgisch aufgemotzten Silikonlippen hervor schlängelte, und in der Nase der Lolita im gepunkteten Sommerkleidchen herum fuhrwerkte. Falsches Loch, dachte ich mir noch, und kämpfte mit in meiner Speiseröhre aufsteigendem, säuerlichem Kodder.

Kuriert, beinahe geheilt hatte mich jene Erscheinung auf der Bühne, also erhob ich mich und war in der Lage zu gehen. Zwei sich hinter einem Kiosk eröffnende Separees zogen mich magisch an. Ein kleinwüchsiger, im Graukittel steckender Hausmeister hatte meine geliebten Käsebrötchen im Sortiment, sodass ich beherzt zugriff. Dass ich über keinerlei Geld verfügte, störte den gedrungenen Liliputaner nicht sonderlich. Vielmehr schien er überaus erfreut darüber, dass ich seine Backwaren, ausgehungert wie ich war, mit wenigen Bissen verschlang. In einer Kühltruhe verwahrte er die übriggebliebenen Brötchen, um sie je nach Bedarf aufzutauen, aufzubacken und anzubieten. Offenbar genossen nur wenige Kunden das Privileg, tatsächlich frische Ware, und nicht das noch halb gefrorene Zeug vom Vortag zu bekommen. Mir schmeckte es, doch die Studenten in der Warteschlange vor dem länglichen Schiebefenster, aus deren Luke hinaus der Hausmeister auch Kakao, Vanillemilch, Schokokekse und Eis am Stiel verkaufte, lästerten ohne Unterlass über den armen Knilch.

„Er ist schon wieder besoffen“, raunte mir eine scharfzüngige Rothaarige zu, die unentwegt Nachrichten in die Tastatur ihres Telefons hackte. Herablassend und arrogant führten sich die Jungakademiker gegenüber dem Hausmeister auf, kritisierten die feilgebotenen Produkte und kontrollierten permanent deren Verfallsdaten. Waren diese überschritten, warfen die Käufer ihre Getränke und Leckereien in den Verkaufsraum, doch der Hausmeister, der mit dem Gebaren der Heranwachsenden vertraut war, zog sogleich die Fensterluke zu und schloss seinen Stand. Folglich blieb den Studierenden der Phantom-Universität, die das von Eichenlaub umkränzte P-Wappen auf ihren vor Stolz aufgeblähten Bäuchen spazieren trugen, keine andere Wahl, als zu den Automaten zu trotten. Einer produzierte mit kochendem Wasser und Pulvern allerlei Heißgetränke, wie Cappuccino, Brühe oder undefinierbaren roten Saft. Doch die widerlichen Flüssigkeiten, die aus dem Automatenhals in braune Pappbecher tropften, schmeckten ausnahmslos nach Kakaopulver. Gummibärchen, Lakritze, Schokoriegel und gesalzene Nüsse lagen in runden Kammern hinter der Glasscheibe des anderen Automaten.

Gab man die entsprechende Ziffer ein, setzte sich eine Zahnradmaschinerie in Bewegung und das gewünschte Nahrungsmittel plumpste in den Schacht, wo die Klauen der Nimmersatten ihren Erwerb schnappten. Ihre fresslüsternen Visagen stießen mich ab, weil sie neidisch auf mein Käsebrötchen starrten, dessen eitriggelbe Kruste vor fettiger Kraft strotzte. Vorsichtig entfernte ich mich aus dem Blickfeld der konspirativen Sippschaft und tapste, von der konzentrierten Aggressivität verunsichert, unbeholfen auf die symmetrisch konzipierten Glaskästen hinter der jetzt verrammelten Bude des Hausmeisters zu.

Relativ uninteressant, dachte ich unwillkürlich, und setzte meinen Fuß in den linken Kubus, wo mittig eine an Leonardos Abendmahl erinnernde Tafel stand, an der drei uralte Männer kauerten und ihre Nasen in Zeitungen steckten. Unterhalb der lupenrein gewienerten Glaswände waren Briefkästen aus Ebenholz in die Ecken gerückt, und in den Schlitzen steckten weitere Papierdruckerzeugnisse, rare Dokumente aus einer vergangenen, vordigitalen Ära. Dass einer der drei Lesenden, ein rauschbärtiger Turbanträger, achtsam sein glänzendes Paar schwarzbrauner Augen über dem Rand seines Corriere della Sera in meine Blickrichtung schwenkte, entging mir ebenso wenig wie jenes kaum hörbare Knistern, das den druckgeschwärzten italienischen Abendkurier währenddessen erfasste.

4. Der Weg nach Stroffmold 

Am Tag meiner Flucht aus Pechloch war ich auf einen Pilgerpfad gestoßen, einen Kreuzweg, dessen Stationen in Form von Reliefs aus Sandstein an einer dicht befahrenen Autobahn aufgestellt worden waren. Die Straße führte von Pechloch über Stroffmold bis zu den ephemeren Grenzen des Bielheimer Forsts. Da ich Gott dafür dankte, dass er mir Nathaniel, meinen Traumfreund, bei der abenteuerlichen Expedition an die Seite gestellt hatte, hielt ich bei jeder Station der Via Dolorosa an, um die in Stein gemeißelten Abbildungen mit Weihwasser zu bespritzen und Gebete zu sprechen. Die Überzahl der Reliefs war stark verschmutzt oder sogar mit Graffiti verunziert worden, doch der Dreck fiel von den Bildnissen, die den Leidensweg Jesu zeigten, ab, sobald ich meine Plastikflasche mit dem Weihwasser gezückt und ein wenig von der geheiligten Flüssigkeit darauf geträufelt hatte. Nathaniel, der mir dabei half, die Nebelfelder zu überwinden, war mir bisher nicht von der Seite gewichen, doch jetzt verabschiedete er sich von mir. Der fahle, mickrige Geist legte seine Handknöchel auf meinen Hinterkopf und murmelte, dass ich für eine Zeitlang allein zurecht kommen müsse. Dass dies bereits Prüfungen waren, die ich zu bestehen hatte, um in Bielheim aufgenommen zu werden, wusste ich nicht, denn noch hatte ich die Kolonie nicht mit eigenen Augen gesehen. Sobald Nathaniel von mir abließ, bemerkte ich, wie meine Verfolger offensiver vorgingen. Vor dem Relief der Kreuzabnahme, wo der gepeinigte Körper Jesu Christi in die Hände der helfenden Frauen gleitet, fiel ich auf die Knie und bat den Allmächtigen um Beistand.

Auf der Höhe eines verlassenen Gartenbaucenters nahm ich Notiz von drei Motorradfahrern, die alle Lederjacken mit der Aufschrift Hell´s Children am Leib hatten. Es wirkte, als hätten die Höllenkinder bereits auf mich gewartet. Sie betätigten die Zündungen ihrer Motorräder, es waren selbstredend Harley Davidsons, und rollten gemächlich vom mit aufgesprungenem Teer überzogenen Parkplatz in Richtung Autostraße. Zunächst ließen sich die Rocker Zeit und mir einen Vorsprung. Daraufhin verfolgten sie mich im knappen Abstand von wenigen Metern im Zeitlupentempo. Alle hundertfünfzig Meter wartete eine neue Kreuzesstation auf mich, und dementsprechend langsam bewegte ich mich fort. Intuitiv ging mir auf, dass der Highway eine Grenze zog und seine Überquerung unmöglich war.

Wie sich später herausstellte, stimmte diese Einschätzung. Denn die Nebelbänke begannen kurz hinter der Autobahn, die im Kreis um Labbe, Stroffmold und Pechloch verlief. Ihr Zweck war nicht der, die Menschen in ihren Autos von A nach B zu befördern, sondern eigentlich diente die breite Straße dazu, die in ihrem Kreis Eingeschlossenen zu kontrollieren und von einer Flucht abzuhalten. So patrouillierten schwerfällig dahin schleichende Lastkraftwagen, flinke grün-weiße Polizeiautos und –motorräder, neben Traktoren und den Maschinen der Rockerbanden im Zirkel um das Ghoul-Territorium herum. Mir waren die Hell´s Children sympathisch, und ich dachte, sie kämen, um mich zu beschützen. Jedenfalls waren sie mir lieber als die notorisch gewalttätigen Polizisten und Soldaten, die mein Heim in Stücke geschossen hatten. Wo mochte Mutter wohl sein, sinnierte ich. Und Vater? Der wird, wie ich ahnte, zu den Sklaventreibern übergelaufen sein.

Auf der Höhe von Stroffmold beschleunigten die Rocker und brausten in hoher Geschwindigkeit davon. Mir schwante, dass sie im Wallfahrtsort Stroffmold auf mich warten würden, doch das machte mir nichts aus, weil ich die Motorradfreaks nicht fürchtete. An einer Kreuzung, die Stroffmold von der Autobahn abnabelte, erblickte ich einen alten, in einem Bushäuschen kauernden Mann, der in keinster Weise auf mein Erscheinen reagierte. Auf meinem Weg hatte ich mehrfach die Kleider gewechselt, ganz wie Nathaniel es mir geraten hatte. Unter dem Wellblechdach der Bushaltestelle entledigte ich mich meiner schwarzen Klamotten und entnahm dem Rucksack, den ich in der Phantom Universität gefunden hatte, ein hellblaues Shirt, dessen Kapuze ich mir tief ins Gesicht zog. Erst in diesem Augenblick fand der Alte Worte, die sich auf ein lahm gegrummeltes „Kalt, was?“ beschränkten. Mir war klar, dass die Verkleidung nichts bringen würde, weil meine Verfolger über GPS und Infrarotsensoren verfügten, und jeden meiner Schritte peinlich genau überwachten. Der Kleiderwechsel war eher unter psychologischen Gesichtspunkten von Bedeutung. Angesichts der schmerzerfüllten Reliefs des Leidens Christi schien mir schwarz die angemessene Farbe zu sein. Nun aber hatte ich die Via Dolorosa hinter mich gebracht – die letzte Station war die Abbildung des Kalvarienbergs gewesen – und bewegte mich auf die Stroffmolder Himmelfahrtskirche zu, also gab es Anlass zur Freude.

An der Kreuzung führte tatsächlich ein schmaler Übergang über die Autobahn. Nachdem ich die Fußgängerampel betätigt hatte, entzündete der alte Herr mithilfe eines Fidibus eine langstielige Pfeife, wobei er den Rauch in kleinen Wölkchen ausstieß, um hernach tief zu inhalieren. Ob der Bucklige wusste, dass er auf einen Bus wartete, der niemals kommen würde? Ich beschloss, ihn doch noch einmal anzusprechen und ihn vielleicht zu einem Ausflug ins nahegelegene Stroffmold zu überreden. Stur wie alte Leute sein können, ignorierte der Raucher meine Einladung, deutete aber mit dem Pfeifenkopf auf ein Konglomerat aus Backsteinbauten, die sich direkt hinter der Schnellstraße erhoben. Vorher waren mir die Häuser nicht aufgefallen, aber jetzt schienen sie zum Greifen nahe. Die Ampel sprang auf Grün und die Autos blieben tatsächlich stehen, so konnte ich die drei Spuren, neben denen zusätzlich eine Bahnstrecke verlief, überqueren. Eben noch hatte ich jenseits der Straße nichts als monochromen Nebel ausmachen können, der sich in Sektoren von der Größe eines Fußballfeldes über Wiesen und Felder legte.

An der Stroffmolder Kreuzung, wo ich dem alten Mann Lebewohl gesagt hatte, war die Luft jedoch klar und die Aussicht perfekt. In südlicher Himmelsrichtung war es mir sogar möglich, bis zum Horizont zu gucken, wohingegen in Nord, Ost und West der undurchdringliche Nebel waberte. Parallel zu den sorgsam gepflegten Bahngleisen schlängelte sich ein flacher Bach, in dem Forellen das Weite suchten, als ich ihn überschritt. Breite Weiden, ein vernachlässigtes Sonnenblumenfeld, intakte und zerbrochene Gewächshäuser und in sich zusammensackende Schuppen lagen am Wegesrand. Frohgemut spazierte ich auf dem ausgetretenen Trampelpfad, der auf die roten, im Stil der Backsteingotik errichteten Gebäude zulief. Zu meiner Linken stand ein Pförtnerhäuschen, dessen bräunlich-schwarze Fensterläden im leichten Morgenwind auf und zuschlugen. Eine rotweiße Schranke lag abgebrochen im Gras und die Türläden hingen vernachlässigt von den rostigen Angeln. Als ich den quadratischen Bau von innen begutachtete, nahm eine dicke Ratte Reißaus und streifte meinen Stiefel. Moos und lange Grashalme wucherten in dem Häuschen, wo seit Jahren kein Pförtner mehr gewesen zu sein schien. Auf einem Plastiktisch sah ich zwei umgedrehte Schreibmaschinen, in denen noch Papier steckte, das ich den Rollen entnahm. Die gelblichen DIN A4-Seiten waren eng mit ein und demselben Wort bedruckt: Apokalyptika. An der unverputzten Wand war ein schwarzes Telefon angebracht, auf dessen Wählscheibe in fein säuberlich aufgetragener Schreibschrift die Nummern 110, 112 und 187 zu sehen waren. In der Ecke des Raums bemerkte ich einen uralten Kühlschrank, der halb offen stand und in dessen Inneren ich auf ein Rattennest stieß.

Die aufgescheuchten Tiere quiekten wie Säue, also schloss ich die schwerfällig zu betätigende Tür mit einem Knall. Zum Spaß wählte ich die dritte Nummer und erschrak, als durch den Hörer eine krächzende Frauenstimme erklang. „Küche? Küche?“, wiederholte die ebenfalls überraschte Dame und legte dann umgehend auf. Ich trat ins Freie und labte mich an dem gleißenden Sonnenlicht, das die Dachschindeln des Pförtnerhäuschens erleuchtete. Da ich offenbar mit der Köchin des wie ein sozialistisches Ferienheim anmutenden Komplexes gesprochen hatte, entschloss ich mich, die Küche aufzusuchen, nagte doch ein unerträglicher Hunger an mir. Vor mir taten sich mehrere Nutzgebäude, ein monumentales Kirchenschiff, Stallungen und Wohnheime auf, die allesamt aus roten Backsteinen konstruiert waren. Die reiche, ornamentale Gliederung aus glasierten Ziegeln und die Flächenstrukturierung aus geweißelten Wandteilen sprach mich sofort an und ich kam in die Nähe einer Flachdacharchitektur, aus deren Schornsteinen nach Kochfleisch riechende Schwaden aufstiegen. Das musste wohl die Küche sein, dachte ich und betrat den Gebäudeabschnitt durch einen gläsernen Vorbau. Sogleich eilte die Köchin auf mich zu und beschimpfte mich, weil ich sie am Fernsprecher so verängstigt hatte. Als ihre Schimpftiraden abklangen, entschuldigte ich mich aufrichtig und erkundigte mich nach einer Mahlzeit. Woher ich denn käme, wollte die gutmütige, untersetzte Frau wissen.

Meine Version der Wahrheit lieferte ich ihr, ohne jedoch den Angriff der Ghouls in ihren Helikoptern zu erwähnen. Man konnte nie wissen, wer treuer Ghoulanhänger und wer dem Regime gegenüber eher kritisch eingestellt war. Wohin ich denn ginge, ließ mir die Köchin keine Ruhe. Ich entgegnete, dass ich dem Pilgerpfad nach Stroffmold gefolgt war, woraufhin sie erkannte, dass ich in Gefahr schwebte. Öffentliche Zurschaustellung von Religiosität war in diesen Tagen brandgefährlich, da die Ghouls Gläubigen den Garaus machten, sofern sie nicht von ihrem Glauben abschworen und widerriefen. Ihr rotes Gesicht verfärbte sich lila und die Köchin wurde einsilbig, als ich meine Pilgerei erwähnte. Schließlich nahm sie mich zur Seite, deutete mit dem Zeigefinger auf die geschlossenen, Strichen gleichenden Lippen und machte „Psst“. Es war zu spät, ein Glatzkopf im Frack, der den Küchenbetrieb bewachte, bewegte sich auf uns zu und ging mich sogleich an. Was ich hier zu suchen hätte, fuhr er aus der Haut, und weshalb ich die Köchin von ihrer Arbeit abhielte, wollte er wissen. Ich gab zu Protokoll, dass ich den weiten Weg von Pechloch gewandert war, weil ich Verwandte in Stroffmold besuchen wolle.

Ein Pfeife knasternder Greis habe mir geraten, hier nach Speisen zu fragen, um meinen Hunger zu stillen. Meinen Reiseproviant, ein hartgekochtes Ei, zwei Boskopäpfel, ein Käsebrot und Kakao, hätte ich falsch eingeteilt und längst verzehrt. Der Unsympath bestand darauf, meinen Rucksack zu untersuchen, doch ich fragte ihn, wer ihm dazu das Recht gäbe. Von meiner frechen Erkundigung unbeeindruckt, riss er mir die Tasche vom Rücken und zurrte am Reißverschluss. Zu meinem Glück fanden sich darin tatsächlich nur eine leere Kakaoflasche und meine Wechselkleidung. Darauf fuhr er fort, mich mit seiner penetranten Reibeisenstimme zu belästigen. „Wer mir das Recht gibt“, äffte er mich nach, „das willst Du gar nicht wissen, Freundchen“.

Panisch packte ich meine Kleidungsstücke, die der Pinguin in seinem Hass auf dem schmutzigen Küchenboden verteilt hatte, und wollte schon das Weite suchen. Jedoch hielt mich der Grobian, auf dessen lächerlichem Frack Sterne, Orden und andere Abzeichen angebracht waren, an der Gurgel fest und würgte mich. Die Köchin griff ein und betonte, dass ich ein guter Junge sei, den der Hunger hierher getrieben habe. „Wer hat da eben angerufen?“, erkundigte sich der Bewacher bei der vor Angst bibbernden Matrone. „Das war, äh, nichts, da hat sich jemand verwählt“, gab die sich Fürchtende zurück. „Hier ruft niemals jemand an“, betonte der Wächter, „außerdem habe ich zufällig beobachtet, wie unser Freund hier sich am Pförtnerhäuschen zu schaffen gemacht hat. Hast Du also angerufen?“, schüttelte mich der massive Kerl. „Oh ja“, antwortete ich pflichtschuldig, „das war ich in der Tat, ich wollte meine Verwandten erreichen, doch dann tönte aus der Hörmuschel die Stimme der Köchin. Also machte ich mich auf, um mich nach dem Weg nach Stroffmold zu erkundigen“. Nach und nach beruhigte sich der aufgebrachte Frackträger, und als ich mich für seine glitzernden Blech-Orden und Sterne zu interessieren begann, wurde der eben noch vor Wut Rasende gar freundlich und erteilte freudig Auskunft. Misstrauisch hatte er mich ins Kreuzverhör genommen, um zu erfahren, ob ich gedient habe. Zu jung sei ich, der Militärdienst käme noch auf mich zu, log ich.

„Ah ja, Du bist wirklich noch sehr jung“, gab sich der Brutalo verständnisvoll und entschuldigte sich für seine raue Art. „Du musst wissen, dass heute ein Verbrecher auf der Flucht ist, deswegen sind wir alle alarmiert. Man weiß nicht genau, wie er aussieht, doch der Gesuchte ist schon seit dem gestrigen Nachmittag unterwegs. Von Staats wegen hat man uns in Kenntnis über den Kriminellen gesetzt, also sind wir Fremden gegenüber ein wenig auf der Hut. Sei also nicht böse, dass ich Dich so grob behandelt habe. Es ist äußerst wichtig, dass wir den Mörder aufhalten, bevor er in die Wälder von Bielheim entkommen kann. Hast Du auf Deinem Weg hierher auffällige Wanderer getroffen? Wir vermuten, dass der Entflohene zu Fuß unterwegs ist, denn ein motorbetriebenes Fortbewegungsmittel spränge zu sehr ins Auge. So, und jetzt wollen Dir wir mal die Kochkunst unserer guten Magda präsentieren. Was steht heute auf dem Speiseplan, Magda?“

Die erleichterte, aber noch unmerklich zitternde Köchin merkte an, dass es Königsberger Klopse mit Kartoffelbrei gäbe. Schon wieder war ich in der Bredouille, weil ich kein Fleisch aß. Und Vegetarier gehörten zu den verhassten Minderheiten in der Ghoul-Republik, weil die Schattenwesen sich ausschließlich von Fleisch ernährten. Wer also auf den Verzehr toter Tiere verzichtete, machte sich verdächtig. Wohl oder übel hätte ich die Klopse essen, und meine Übelkeit verbergen müssen. Aber das Schicksal war gnädig, fragte mein mit Orden behangener, neuer Freund doch: „Wie? Echte Klopse? Ich dachte, die Fleischration für heute sei bereits beim Frühstück aufgegessen worden!“ Und tatsächlich gab die rundliche Magda zu, dass es sich um Sojaklopse handelte, und ich war aus dem Schneider. Man servierte mir eine üppige Schüssel mit dem Gericht, das Immanuel Kant so gern gegessen haben soll, und reichte mir auch scharlachrote Limonade, die angenehm im Rachen prickelte, wenn man sie schluckte. „Ich muss dann mal meine Runden drehen“, verabschiedete sich der Wachmann von uns, und setzte seine Inspektionen in Küche und benachbarter Kantine fort. Noch einmal davon gekommen, dachte ich mir und schätzte mich so glücklich, dass ich Dankesgebete gen Himmel sandte. Vorteilhaft für mich war die mir damals noch unbekannte Tatsache, dass Ghouls sich menschliche Gesichter nicht merken konnten.

Nur in unmittelbarer Anwesenheit waren die Zombieherrscher in der Lage, den Feind zu identifizieren. Deshalb hatten sie auch menschliche Mitarbeiter so dringend nötig, doch diese erwiesen sich oft als sehr unzuverlässig. Wenn Ghouls in einen beliebigen Menschenleib fuhren, um mithilfe der Wahrnehmung des unter Hypnose stehenden Menschen Gegner auszumachen, wurde der Wirt vom Parasiten so sehr geschädigt, dass in vielen Fällen nichts mehr mit ihm anzufangen war. Der makabre Prozess, bei dem ein Ghoul in eines seiner Opfer eindringt, war für dieses so einschneidend und vernichtend, dass Teile des Gehirnstammes zersetzt wurden. Ghouls besetzten menschliche Körper entweder, wenn sie die entsprechenden, humanen Sinneswahrnehmungen brauchten, um Opponenten zu stellen, oder um sich ganz einfach zu tarnen. Wer von Ghouls infiltriert und dann wie ein leerer Kartoffelsack zurückgelassen wurde, der wies an Parkinson erinnernde Symptome auf. Deshalb hatte ich auch lange Zeit geglaubt, dass mein Urgroßvater im Krieg von den dunklen Mächten okkupiert wurde. Diese Vermutung erwies sich aber als unhaltbar, war die Aura Johannes Nepomuk doch so erhaben gewesen, dass niemals ein Ghoul in seinen Leib hätte eindringen können. Spirituell weit entwickelte Menschen waren für Ghouls nämlich ungenießbar.

Der Küchenkontrolleur war eindeutig ein Opfer von Ghoulattacken geworden, denn von menschlicher Würde war bei ihm nicht viel übriggeblieben. Er war abgestumpft und cholerisch und letzten Endes genauso hohl und ausgelaugt wie der alte Pfeifenraucher an der Bushaltestelle, eine fleischliche Hülle bar jeder Individualität oder jedes Stolzes. Seine übriggebliebenen Kräfte stellte er in den Dienst seiner Herren, die ihn wie eine Schachfigur von Feld zu Feld bewegten. Glücklicherweise hatte er nicht nach meinem Namen gefragt. In dem Falle hätte ich lügen müssen, und diese Typen riechen Lügen sofort. Das muss mit ihrem animalischen Instinkt zusammenhängen. Magda, die inzwischen wieder Fassung gewonnen hatte, sagte ich Auf Wiedersehen und verließ die Kantine, wo weiterhin der Kontrolleur patrouillierte, der mich schon vergessen zu haben schien. Melancholisch winkte ich Magda zum Abschied und ging in den Innenhof, um den herum mehrere Wohnhäuser verteilt waren. Erst in diesem Augenblick fiel mir auf, dass die Gesamtanlage ein Kloster gewesen sein musste, und wirklich erblickte ich das Langhaus einer Basilika, während die Glocken läuteten. Messen ließ man hier also zu, schlussfolgerte ich aus der Menge zum Gottesdienst pilgernder Nonnen im schwarzweißen Habit und Schwestern in graublauen Arbeitskitteln.

Dem Frauenstrom schloss ich mich an und betrat das schlicht gehaltene, protestantisch wirkende Gotteshaus. Bald hatten die Frauen alle Bänke besetzt, also ließ ich mich an der hinteren Wand der Kapelle nieder, um die Messe aus einigem Abstand beobachten zu können. Wenige Meter neben mir entdeckte ich eine Nonne, die meine Aufmerksamkeit erregte. Sie sprach die Gebete nicht mit und bewegte bei den Gesängen mechanisch ihre Lippen, ohne dabei, wie soll ich sagen, vom heiligen Geist erfüllt zu sein. Zu meiner Rechten stand eine ganz in Weiß gehüllte Gottesdienerin, die immer wieder mit der Hand auf die Schauspielerin deutete. Offenbar wollte sie mir etwas mitteilen. Wir fielen auf den Bänken in die Knie, so dass ich in der Mitte zwischen der Heuchlerin und der Weißgekleideten positioniert war. Auf einmal wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich zückte mein Medaillon, nahm die Kette vom Hals und legte sie in die Nähe der gefalteten Hände der, wie ich nun wusste, Ghoul-Nonne, die sich ertappt fühlte. Weiterhin öffnete und schloss sie in monotonen Bewegungen ihren Mund, und doch schwieg sie.

Die Nonne im weißen Habit flüsterte mir ins Ohr „Jetzt!“, worauf ich mich erhob, zum Weihwasserbecken ging, die Finger benetzte und hinter der Ghoul-Nonne das Kreuzzeichen machte. Als sei der Fluch automatisch von ihr abgefallen, sackte diese in sich zusammen und brach in Tränen aus. Schon stand die andere Schwester bereit und nahm sich ihrer an. Die Weißgewandete nickte mir konspirativ zu und gab mir zu verstehen, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte. Gemeinsam wurde das Vaterunser gesprochen und dann das Abendmahl eingenommen. Entzückt über meine neue Gabe wandte ich mich ab und brach auf, um noch weitere von Ghouls Besessene zu erlösen.

Offenkundig hatten die Ghouls im alten Kloster die Zügel in der Hand, zu diesem Schluss kam ich, als ich in den sorgfältig gepflegten Garten hinter einem der Wohnhäuser trat. Mir schwante, dass in den Backsteinbauten Schwestern gefangen gehalten und von den Ghouls manipuliert wurden. Am Rande des Gartens führte eine dreistufige Treppe ins Kellergeschoss des Hauses, vor dessen gut verriegelter Türe eine Bank und ein überquellender Standaschenbecher zu sehen waren. Aus meiner Hosentasche holte ich meine geliebten Pepe-Zigaretten und zündete mir eine an. Der feine Rauch kräuselte sich in Spiralen, sobald ich die Spitze des Tabakröllchens angesteckt hatte. Ich tat einen tiefen Lungenzug und ließ den Qualm durch meine Nasenlöcher schießen. Durch das halb geöffnete Kellerfenster blickte ich auf eine Waschmaschine und mit frisch gesäuberter Wäsche behangene Leinen. Jemand ging langsam auf das in einer Ecke befindliche Waschbecken zu, hielt ein fleckiges Glas unter den Strahl und trank dann gierig. Geistesgegenwärtig klopfte ich mit meinen blutleeren Knöcheln an die Kellertür, woraufhin sich die Person zögerlich näherte. Erst beim vierten Klopfen traute sie sich, den Schlüssel umzudrehen und mich einzulassen. Die grauhaarige Frau, deren brüchige Locken wirr vom Kopf abstanden entpuppte sich als ein weiteres Ghoulopfer. Sie bedeutete mir zu schweigen, als sie lahm ins Freie kroch.

Unter dem Vorwand, durstig zu sein bat ich die Verwirrte um ein Glas Wasser, sodass ich das Haus auskundschaften konnte. Rührend kümmerte sie sich um mich und nahm an, dass ich ebenfalls ein von Ghoul-Angriffen Geschädigter sei, was gewissermaßen auch stimmte. Im Gegensatz zu der unsicheren Frau waren die Ghouls jedoch niemals in mich eingedrungen und hatten auch nicht mein Ego ausgelöscht. Ich bat die starke Raucherin, die sich mit ihren nikotingelben Fingern an der noch glimmenden eine weitere Zigarette anzündete, um einen Schluck Wasser, da ich Zeit gewinnen wollte, um das Haus auszuspionieren. „Ja, Du Armer, Du Armer“, wiederholte sie in einem Fort und ging durch den Waschkeller hindurch auf eine Wendeltreppe zu. Im Parterre herrschte regelrechtes Chaos, stämmige Pfleger schubsten verschreckte Patienten durch den Flur, und nahmen ihnen so noch mehr von ihrem ohnehin kaum vorhandenen Selbstbewusstsein. Die Frau fürchtete sich ebenfalls vor den Pflegern, die mit grimmigen Mienen Tabletten und Tropfen verabreichten. Einige von ihnen saßen in der Küche beim Kartenspiel und rauchten wie Schlote. Kurz lugte ich um die Ecke, zog mich dann aber sofort zurück, als die Frau sagte, sie wolle für einen Freund Wasser holen.

„Ja, ja, Emmy“, nörgelte einer der Pfleger, „Deine Freunde kennen wir nur allzu gut“. In seiner Krankenpflegerkleidung steckend brachte der gedrungene Mann mit den verrückten Schielaugen Emmy nicht den geringsten Respekt entgegen, er behandelte sie würdelos wie ein Stück Vieh. Offenkundig nahm er Emmy nicht ab, dass sie einen Freund hatte. Und doch war ich augenblicklich zu einem solchen geworden. Schwerkranke Menschen taperten zuckend über den Bastteppich im Flur und nahmen keinerlei Notiz von mir, was mich beruhigte. Vorsichtig schlich ich in den Keller zurück, wo ich auf Emmy wartete, die wie ein verstörtes Gespenst durch die Gegend geisterte, wobei sie mein Wasser zu Großteilen verschüttete. Der Keller wirkte wie ein Gefängnis, Ketten hingen von den Wänden und auf dem Boden fanden sich allerlei Flecken. Ich wollte mir gar nicht erst ausmalen, um welche Flüssigkeiten es sich hier handeln mochte und entdeckte am Türsturz ein Kruzifix. Das könnte bei meiner künftigen Arbeit nicht schaden, dachte ich mir und griff das Kreuz, an dem ein geschnitzter Christus angebracht war. Seine Augen waren viel zu groß geraten und auch die restlichen Körperproportionen passten nicht so recht. In meinen Rucksack ließ ich das Holzwerk gleiten und führte mir vor Augen, wie ich mithilfe des Erlösten andere Menschen erlösen würde.

Emmy kam durch die Waschküche, allerdings mit einem leeren Glas. Zu stark hatte sie beim Tragen des Gefäßes gezittert. Also schenkte ich mir kurzerhand Wasser aus dem Hahn ein, das dumpf plätschernd in das verkalkte Trinkglas sickerte. Es roch nach Waschpulver und Tabak, grenzte doch an den Waschkeller ein Raucherraum an, in den Emmy mich führte. Ein kleines Radio verbreitete unsäglichen Lärm, so schlug ich vor, doch an die frische Luft zu gehen. Angsterfüllt zauderte Emmy, da es den Patienten anscheinend verboten war, ohne Begleitung der Pfleger ins Freie zu treten.

Mir war in der Kapelle klar geworden, dass ich einen missionarischen Job zu erfüllen hatte. Es war mir gegeben, den Menschen direkt ins Herz zu schauen und ihre Finsternis von der Helligkeit scheiden zu können. Ich war mir sicher, dass ich die vormals bigotte Nonne mittels meiner Segnung in eine tiefgläubige verwandelt hatte. Weshalb das so war, wusste ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Auf mysteriöse Weise schien meine Begabung mit meiner familiären Herkunft zu tun zu haben. Von Johannes Nepomuk, meinem Urgroßvater, berichteten die Leute ebenfalls, dass er sehr kranke Menschen durch Handauflegen geheilt hatte. War diese Gabe an mich weitervererbt worden? Die mütterliche Seite meiner Familie sah stolz auf eine glorreiche Vergangenheit zurück, war Johannes Nepomuk doch zu seinen besten Zeiten ein literarischer Star gewesen, obwohl er nie seinen Durchbruch schaffte, was seiner Krankheit, dem Parkinson Syndrom, geschuldet war. Richard Johannes Seitz, mein Opa, besaß das geheimnisvolle Talent zwar nicht, aber er setzte sich zeitlebens so intensiv mit dem Werk seines Vaters auseinander, dass er alsbald dessen Weltanschauung, zumindest auf theoretischer Ebene, nachempfinden konnte. Einige Leute wisperten sich heimlich etwas zu, wenn er des Weges kam.

„Das ist einer von den Seitz, die einen Heiligen in der Familie haben“, raunten sie manchmal und er fühlte sich geehrt. Auch in den von Ghouls mit der Religion des Hasses und Niedertracht infizierten Gebieten blieb die Erinnerung an meinen Urgroßvater wach, weil er so vielen Menschen geholfen oder gar das Leben gerettet hatte, obwohl er nie an der vita activa interessiert, sondern stets ein Anhänger des kontemplativen Lebensstils gewesen war. Hatte er jedoch die Gelegenheit zu heilen, tat er dies auch. Allerdings war er sehr wählerisch, was seine Nebentätigkeit – hauptberuflich schrieb er Bücher – anging. Nicht jeden nahm er als Patienten an und einmal wandte er seine Gabe über mehrere Jahre überhaupt nicht mehr an. In dieser Zeit ging es ihm sehr schlecht, er schlief übertrieben lange und stopfte sich mit Süßigkeiten voll. Von seiner Erkrankung gezeichnet, wirkte er wie ein Schatten seiner selbst, der sich vollends von der Welt verabschiedet zu haben schien und seine Tage geistesabwesend in dem Ohrensessel verbrachte, den ihm seine Frau Madeleine ins Heim gebracht hatte.

Wie Mutter mir beibrachte, mussten die zahlreichen Menschen, die ihren Großvater aufsuchten, in gewisser Weise bereit für die Heilung und von tiefer Demut, ja Dankbarkeit für ihr Leiden erfüllt gewesen sein. Johannes Nepomuk behandelte keine Zweifler oder Haderer, sondern prüfte sein Gegenüber zuerst, bevor er ihm seinen energetischen Zauber angedeihen ließ. Die Heilungen müssen für Johannes Nepomuk sehr anstrengend gewesen sein, flüchtete er sich doch, wenn er Hand aufgelegt hatte, über Tage in sein Bett. Er erschien dann wie jemand, der etwas Schlechtes getan hatte, obgleich genau das Gegenteil der Fall war.

Emmy bot ich von meinem Pepe-Tabak an, der das Aroma von Weihrauch hatte. Sie bestätigte meinen Eindruck, währenddem ihre aufgequollenen Augenbälle hinter den dicken Gläsern ihrer Hornbrille wild in den Höhlen hin und her rollten. Selbst ihre weißgrauen Haarlocken waren von Nikotinspuren überzogen, die Spitzen waren bräunlich. Unablässig inhalierte die Frau, die Vertrauen zu mir gefasst hatte, den Tabakdunst und berichtete von den Medikamenten, die man ihr hier verabreichte. „Du bist nicht krank“, drang ich in sie, während ich das Kruzifix hervorholte und ihr vor die Nase hielt, „lass Dir von denen nicht einreden, dass Du krank bist“. Mit beiden Händen griff ich ihren fiebrigen Kopf und ließ die Energie strömen. Zu meiner Freude empfand Emmy den Vorgang als angenehm. Schließlich hätte sie auch weglaufen und schreiend die Pfleger informieren können. Doch sie genoss die Kraft, die aus meinen Händen durch ihren Körper floss. Auch ich war entzückt, dass die Heilung so gut über die Bühne ging, locker massierte ich Emmys Haupt und erkundigte mich, ob es ihr nun besser ginge, was sie bejahte. Tief blickte ich in ihre schwarzen Augen und teilte ihr eindringlich mit, dass sie nun gesund sei und dass sie die Pfleger nicht mehr fürchten müsse. Sie könne sogar aus der Anstalt entfliehen, wenn sie nur genügend Entschlossenheit aufbrächte, sagte ich.

Zu guter Letzt küsste ich ihre Stirn und umarmte die Gute, die ganz genau zu wissen schien, was vor sich ging. Es war, als habe sie seit Jahr und Tag auf diesen Moment gewartet und in stiller Demut ausgeharrt, um eines Tages das Wunder der Heilung zu erleben. Emmy und ich beteten das Ave Maria und rauchten noch weitere Zigaretten, als mir klar wurde, dass ich in großer Gefahr schwebte. Wenn die Pfleger in den Garten kämen, um zu rauchen oder um nach Emmy zu schauen, würde sie denen vermutlich alles erzählen und ich käme nicht mehr aus dieser Stätte heraus. Hastig erklärte ich Emmy, dass sie niemals jemandem von mir berichten dürfe und grummelte ein leises Adieu.

Als ich über die Schulter schaute, sah ich Emmy im Garten tanzen und anschließend auf die Wiesen rennend. Die Tür des Kellers stand offen und schlug im Wind an den Rahmen. Ich hatte die gute Frau also tatsächlich befreit. Enthusiastisch schritt ich an einer mit Kameras und Zäunen gesicherten Firma vorbei, die Überwachungselektronik produzierte und grüßte drei Arbeiter, die mit traurigen Blicken ihr Mittagsbrot kauten. Auch sie schienen völlig eingeschüchtert zu sein, schauten sie doch wie gefangene Hunde aus ihrem Zwinger heraus und erwiderten meinen Gruß nicht. Kilometerweit hinter mir vernahm ich die Stimmen der Pfleger, die Emmys Flucht bemerkt hatten und sich nun an ihre – und wohl auch an meine – Fersen hefteten. Doch ich war schon zu weit entfernt, um ernsthaft gefährdet zu sein. Zu Gott betete ich, dass Emmy ihren Peinigern entkommen war. Ich hoffte, ihr so viel Energie gegeben zu haben, dass sie die nebeligen Grenzgebiete von Stroffmold erreichte und sich in eines der Dörfer im Bielheimer Forst retten konnte. Hoch am Himmel stand die Sonne, als ich den Industriesektor von Stroffmold durchquerte. Diese Gegend wurde von den Ghouls kontrolliert, deshalb stieg ein mulmiges Gefühl in mir auf. Irgendwann würden sie mich erwischen, sagte ich mir, und beschloss, bis dahin so viele Sklaven wie möglich zu erlösen. Stroffmold bestand aus einem alten und einem neuen Teil, die voneinander durch eine robuste Betonmauer getrennt waren.

Meine Pilgerfahrt wollte ich in der Himmelfahrtskirche abschließen, die in der Altstadt lag. Mitten durch den Ort, der einmal malerisch gewesen sein musste, führte die von den Mauern umrahmte, schrecklichen Lärm verursachende Autobahn, sodass ich leichte Migräne bekam. Für diese Fälle verwahrte ich in meiner Hosentasche stets Aspirin, das ich nun schluckte, woraufhin die Schmerzen gelindert wurden. Ich passierte ein im Stil der 1960er Jahre gebautes Reihenhaus, dessen Garten durch hölzerne Sichtschutze von dem Fußweg, den ich ging, abgeschottet war. Hinter den Holzzäunen bellte aufgeregt ein Hund, während ein Kind schrie und eine tiefe Männerstimme unglaublich zornig brüllte. Durch den Sichtschutz konnte ich auf eine runde Rasenfläche sehen, wo ein fetter Kerl sein etwa sechsjähriges Töchterchen ohrfeigte. Die Szene war für mich kaum zu ertragen, doch ich wusste, dass es zu auffällig gewesen wäre, wenn ich eingegriffen hätte, mussten meine Verfolger doch bereits dicht hinter mir sein. Seitdem ich den Hell´s Children begegnet war, so vermutete ich, hatten die Ghouls und ihre Diener meine Spur verfolgt. Zu auffällig waren meine Aktionen gewesen, im Kloster hatte ich einigen Tumult verursacht. Der ekelhafte Fettsack schlug seinem Mädchen noch einmal mit voller Wucht auf die Wange, woraufhin das Kind zusammenklappte. Nein, so sehr ich auch gefährdet war, hier musste ich einfach eingreifen. Am Gartentor klopfte ich, um mich vorgeblich nach dem Weg zur Wallfahrtskirche zu erkundigen. Sogleich ebbte das Geschrei und Gebrülle ab, nur der bernsteinfarbene Pinscher steigerte sein Gebell.

„Was gibt´s denn?“, stieß mir der fette Schläger seinen nach Fäulnis und Sprit riechenden Atem ins Gesicht. Der alkoholisierte Gewalttäter war so in Fahrt, dass ihm ein weiteres Opfer willkommen schien. So höflich und zurückhaltend wie eben möglich fragte ich nach dem Weg in die Altstadt. Hätte ich ohne Umschweife nach der Kirche gefragt, wäre das wieder zu aufsehenerregend gewesen, hasste doch der durchschnittliche Ghoul-Sklave alles, was mit Religion zu tun hatte. Und dieses scheußliche Exemplar war ganz sicher von Ghouls in die Mangel genommen worden, was ich an seinem leeren Blick erkannte. Kampfbereit starrte mich die Bestie an, wobei sie ihre Fäuste in Position brachte. Das kleine Mädchen kam auf mich zugerannt und heftete sich heulend an mein Hosenbein. Den Weg in die Altstadt kenne er nicht, log mich der fette Hohlkopf an. Abrupt schlug er mir das Gartentor vor der Nase zu, also machte ich kehrt und musste das Kind wohl oder übel seinem Schicksal überlassen.

Vor der Häuserzeile gab es einen von Brennnesseln und Schilf bewachsenen Algentümpel, wo sich auf einem dicken Ast drei kolossale Schildkröten sonnten. Das monströseste Exemplar, eine Schnappschildkröte, diente hier offenbar als eine Art Wachhund, nahm sie mich doch auf der Stelle ins Visier. Mordlüstern funkelnde Äuglein blitzten mich an, während das Viech ungeschickt seinen Badeplatz verließ und auf mich zusteuerte. Schnappschildkröten sind äußerst gefährlich, sie können bis zu zweihundert Jahre alt werden und ihren Hals über einen Meter weit ausfahren. Immer wieder hört man von Tauchern oder Schwimmern, deren Füße vom gezackten Hornschnabel der offensiv agierenden Reptilien abgebissen wurden. Das klotzige Biest schwamm gemächlich auf das Ufer zu und ließ mich dabei nicht aus den Augen. Es nahm sich alle Zeit der Welt, um mich schon einmal psychologisch fertig zu machen, spürte der gepanzerte Fresssack doch ganz offensichtlich meine Angst. Wer, in Gottes Namen, setzte eine solche Kreatur in den Gartenteich vor einer Häusersiedlung, fragte ich mich und wollte schon das Weite suchen.

Indessen entschloss ich mich dazu, das alligatorenartige Mistvieh für meine Zwecke einzusetzen. Im Gärtchen hinter dem Haus wurde schon wieder Geschrei laut, denn der besoffene Vater wollte nicht von seiner Tochter ablassen. Dass Schnappschildkröten ihre rote, wurmähnliche Zunge verwenden, um im morastigen Seeboden wartend Fische anzulocken und diese dann zu verschlingen, hatte ich in einer Wissenschaftszeitung gelesen. Ich fragte mich, wie meine vierbeinige Verfolgerin sich ernährte. Fische waren in dem verkommenen Teich nicht vorhanden, also musste jemand sie füttern. Die Süßwasserschildkröte, deren Panzer Ausmaße von mindestens achtzig Zentimetern hatte und die nun durchaus geschickt über den kurz geschnittenen Rasen auf mich zu kam, musste um die hundert Kilogramm wiegen. Erhaben setzte sie ihre warzigen, mit krummen Krallen versehenen Stummelfüße Schritt für Schritt auf den feuchten Untergrund. Langsam sollte ich mich verziehen, ging mir durch den Kopf, als ich einen sich im Todeskampf windenden Regenwurm an meiner Schuhspitze entdeckte. Das ohnehin schon halbtote Würmchen warf ich der Schildkröte zum Fraß vor und sie ließ sich nicht lumpen. Mit einem furchterregenden Schnappen verputzte sie die Nahrung in einem Happen. Ihr Hunger schien groß, doch ich hatte kein Futter zur Hand.

Die Schildkröte schien zu lächeln, als sie meine Hilflosigkeit bemerkte. Sie fühlte sich überlegen und war sich ihrer Sache sicher, das urzeitliche Geschöpf hielt mich für leichte Beute. Behände schritt ich zum Gartentor, wo der cholerische Familienvater weiterhin auf sein Kind eindrosch, und plante einen Coup. Dem Mädchen rief ich aus vollem Halse Achtung, Schildkröte! zu, während der genervte Vater auf mein zweites Klopfen reagierte. Er schäumte so vor Wut, dass sich Myriaden von Speichelbläschen in seinen Mundwinkeln gebildet hatten. In seiner Rage konnte ihn niemand von seinem Vorhaben abbringen, mir ordentlich die Hölle heiß zu machen. Allerdings bemerkte er in seinem Furor auch nicht, dass sich die pfeilartig vorschießende Schnappschildkröte über seine nackten Zehen hermachen wollte. Der adipöse Typ holte weit aus und hieb mit seiner Faust in Richtung meiner Nase, traf aber nicht und geriet so aus dem Gleichgewicht. Wankend versuchte er mit zunehmender Verzweiflung, die Balance wieder zu erlangen. Gerade als er wieder zum Stehen kam, biss die bösartige Schildkröte seinen großen Zeh ab, worauf der Mann gellende Schreie ausstieß. Seine intelligente Tochter, die sicherlich schon mehrfach Erfahrungen mit dem Reptil gemacht hatte, war auf meinen Warnruf hin in einen Bretterverschlag geflüchtet und kam jetzt wieder zum Vorschein. Wohl durch den Schmerz bedingt, begann der fette Vater plötzlich konvulsivisch zu zucken, womöglich war er aber auch Epileptiker. Aus dem blutgetränkten Maul des gepanzerten Unholds ragte der Nagel seines großen Zehs hervor. Bevor sich die Kröte seiner Nase widmen konnte, rollte sich der Blutende zur Seite und ergriff die Flucht.

„Das hast Du gut gemacht, Noffi“, lobte das sein Versteck verlassende Mädchen die Schildkröte, die handzahm auf das Kind reagierte. „Ich füttere Noffi, eigentlich Nofretete, mit Hundefutter“, erklärte sie mir die Reaktion der nun treu dreinblickenden Chelydra. „Vater beschmeißt sie immer nur mit Steinen, und jetzt hat sie sich endlich gerächt“. Der Pinscher hatte sich während des Kampfes im Hintergrund gehalten und zollte der Schildkröte seinen Respekt, indem er ihr mit freudig erregt wedelndem Schwanz über das Gesicht leckte, was das eben noch so angriffslustige Reptil über sich ergehen ließ. „Danke für die Hilfe“, rief das strahlende Mädchen und schob nach, dass Noffi schon mehrfach zum Einsatz gekommen war, wenn der Vater wieder einmal getrunken hatte. Immer wieder hatte der Prolet die Schildkröte töten wollen, mithilfe von in Gift getränkten Fischstücken oder auch mit einem Messer. Doch Noffi hatte immer die Oberhand behalten, erläuterte das Kind die Situation.

„Kommst Du zurecht?“, fragte ich die Kleine, doch sie lächelte nur und wies darauf hin, dass der Vater Lack bekäme, wenn erst einmal die Mutter wieder zuhause sei. Prügel hatte das Mädchen schon oft ertragen und wegstecken müssen, jedoch wusste sie sich zu helfen. Der nun auch mir wohlgesonnenen Schildkröte streichelte ich über den weit ausgestreckten, Blutspuren aufweisenden Schädel. Gemeinsam trugen wir den schweren Retter in der Not in den Tümpel zurück und ich machte mich auf den Weg zur Wallfahrtskirche, den mir das Mädchen dargelegt hatte.

Inzwischen hatte ihr Vater aber telefoniert und Hilfe gerufen. Schwitzend näherte er sich dem Haus und schwang eine rostige Axt, mit der er entweder mich oder die Schnappschildkröte erledigen wollte. Neben dem außer Kontrolle geratenen Säufer fuhr ein klappernder Pickup, der von einem grimmigen, russische Befehle in sein Handy hechelnden Kumpanen des Vaters gesteuert wurde. Auf der Ladefläche des maroden Geländewagens lagen diverse Werkzeuge und eine brandneue Waschmaschine, offenkundig Diebesgut. Langsam wurde es brenzlig, dachte ich und überlegte fieberhaft, was nun zu tun sei. Das Kind konnte ich nicht allein lassen und auch meine eigene Haut musste ich schnellstmöglich retten. Erstickender Abgasgestank geriet in meine feine Nase, den der stotternde Dieselmotor des Nutzfahrzeuges ausstieß. Auf der Beifahrerbank des prähistorischen Volkswagens lungerte ein pubertierender, mit Goldketten und Armbändern behangener Junge, der einen schwarzen Mischlingsrüden auf seinem Schoß festhielt, während der fluchende Russe das Steuer bediente. Ein aufgeregter Nachbar rannte auf mich zu und schimpfte „Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“ Mit messerscharfer Logik schlussfolgerte ich, dass die Gauner dem hyperventilierenden Nachbarn die Waschmaschine abgeluchst hatten, um sie weiterzuverkaufen. Viel hatte ich von diesen Banden gehört, die sich als Reparaturunternehmen tarnten und vertrauensseligen Leuten ihre Haushaltsgeräte abnahmen.

Auch in unserer Pechlocher Villa hatten wir mit diesen Betrügern unsere Erfahrungen gemacht. Sie tauchten auf, wenn man den Reparaturservice anrief, nahmen dann das meist nur leicht defekte Gerät in Augenschein und stellten fest, da sei nichts mehr zu machen. In der Regel bemerkte man, so auch meine Eltern und ich, den Betrug erst, wenn die Spülmaschine oder der Trockner bereits abtransportiert worden waren. Man hatte keine Chance, die Geräte zurückzuerhalten, weil sie umgehend an einen Hehler geliefert wurden, der das Diebesgut im Handumdrehen an den Mann brachte. Der mit schwarzer Acrylfarbe lackierte VW wurde von einer Schar von Straßengangkids umflort, die hier im Viertel das Sagen hatten und die mal nachschauen wollten, was es mit der Bambule auf sich hatte. Vor Wut waren alle Muskeln des Vaters angespannt, er schien richtiggehend zu dampfen, als er die Schnappschildkröte, seinen Pinscher, die Tochter und mich erblickte. Was sollte ich tun? Im Grunde hätte ich die Flucht ergreifen müssen, und das Mädchen retten. Indessen kam der bestohlene Anwohner auf mich zu und bat darum, ihm zu helfen. Ich hatte die dumme Idee, die Polizei zu rufen, denn die stand ja auf der Seite der Angreifer. Dass die Freunde und Helfer von Stroffmold, wie auch von Pechloch und Labbe regelmäßig Bestechungsgelder annahmen, war allgemein bekannt. Wir mussten uns also selber helfen, dachte ich und griff blitzschnell die Hand des Mädchens, die Noffi zum Abschied zuwinkte.

Fauchend kroch die Schildkröte in ihren Weiher zurück und tauchte unter. Mit dem Kind zusammen rannte ich auf die Betonmauer zu, die Alt- und Neustadt trennte. Autos schossen im Affenzahn unter unseren Füßen her und wir konnten von Glück sagen, dass die schmale, geländerlose Brücke, die eigentlich für Bauarbeiter gedacht war, so solide war und uns über die Straße trug. Das architektonische Konstrukt wies mehrere Warnschilder auf und war mit einer elektronischen Alarmanlage gesichert, die losging, als wir ein Sicherheitstor zur Seite schoben. Quietschend eröffnete sich uns der einzig mögliche Fluchtweg, während die schrillen Alarmsignale in unseren Ohren schallten. Wir mussten uns in einer Höhe von zehn Metern befinden, ging mir auf, als ich ängstlich auf die Autostraße unter uns schaute. Am Brückenbeton waren überall metallene Ösen angebracht, wo sich die Hochbauhandwerker bei Reparaturarbeiten mit Haken fest machen konnten. Das Mädchen überquerte den Brückenbogen komplett angstfrei, sie wartete schon auf der anderen Seite, als ich noch in der Mitte nach unseren Verfolgern sah. Mit jedem Schritt wurden die Silhouetten der Gang kleiner und verschwommener, mir schwindelte und ich drohte abzustürzen, wäre nicht meine Gefährtin eingeschritten.

Schnurstracks stolzierte sie wie eine Hochseiltänzerin auf mich zu, packte mich am Unterarm und zog mich auf die sichere Seite. Mein Pepe-Tabak glitt aus der Hosentasche und segelte auf die Frontscheibe eines quaderförmigen Lastwagens, woraufhin der Fahrer ein wuterfülltes Hupkonzert anstimmte. Kurz bevor ich das rettende Brückenufer erreichte, rutschte ich mit meinen dünnen, glatten Schuhsohlen vom raufaserigen Beton ab, purzelte nach unten, konnte mich aber gerade noch mit meinen Händen festhalten. So baumelte ich, die Finger verkrampft in einer der Ösen haltend, unter der Brücke und konnte den Fahrtwind der Fahrzeuge spüren, die auf der linken Seite der dreispurigen Autobahn langsamere Fahrer überholten. Unsere Verfolger, so mutmaßte ich, hatten wir abgehängt, gab es doch in den Wohnsiloblöcken des Neustadtviertels keine direkte Zufahrt zur Autobahn. Falls sie überhaupt noch an uns interessiert waren, mussten sie die gesamte Stadt umkreisen und von Westen her zum Altstadtkern vorstoßen. Liebevoll und verzweifelt streckte mir das Mädchen ihre Hand zu, doch ich wusste, ich würde uns beide in den Abgrund reißen, wenn ich sie ergriff.

Im Moment der größten Not eilte ein Helfer auf uns zu, mein leichenblasser Traumfreund Nathaniel, der mich flugs wieder auf den Brückenübergang zurückbeförderte, die Kleine behutsam in Sicherheit brachte und uns die von unserem Schuhwerk klingende Stahltreppe herunterführte. Erfreut wollte ich wissen, wo er denn gesteckt habe, aber Nathaniel schwieg sich darüber aus. Wichtiger, so Nathaniel, sei es in diesem Moment, das Mädchen zu retten, was er übernehmen wollte. An den Ausläufern der am Horizont im Dreispitz zulaufenden Autobahn erkannte ich die Nebelfelder, die Stroffmold vom, wie die Leute sagten, irdischen Paradies abschirmten. Bielheim würde dem nervösen Kind eine warme und gute Heimat werden, vermutete ich, da ich die Kolonie schließlich noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Erneut ließ mich Nathaniel zurück, versicherte mir jedoch, dass er die ganze Zeit ein Auge auf mich haben und in Notsituationen eingreifen werde. Jedoch müsse ich, wenn ich nach Bielheim gelangen wolle, verschiedene Stationen und Ebenen bewältigen, und zwar auf eigene Rechnung. Die Bielheimer wollten sehen, was in mir steckte, trichterte Nathaniel mir ein.

Sein totenblasses Gesicht wirkte in diesem Augenblick noch fahler, um die Augen herum hatten sich purpurn-blaue Ringe gebildet, die wie Sternenmoos bis an die Brauen reichten, und seine trockenen, violetten Lippen wiesen Sprünge und Blutkrusten auf. Die verwaschene Jeansjacke roch nach Zigaretten und Stroh, einen Smiley-Sticker hatte sich mein Freund ans Revers geheftet. Ich erinnerte mich daran, wie er zu Hochzeiten der Acid-House-Bewegung stets den Spruch Tür zu, Aciiiiiid gebracht hatte, der mich, immer wenn ich daran dachte, laut auflachen ließ. Nathaniels Handrücken und die Unterarme waren von gelblich-rotem Schorf überzogen, litt er doch an Neurodermitis. Seine heublonden Haare trug er kurz, am Hinterkopf hingen drei Dreadlocks. Das Mädchen, welches ohne Zweifel verstanden hatte, dass es sich bei dem plötzlich aufgetauchten Retter um ein Gespenst handelte, gesellte sich zu Nathaniel und stieß wohlige Seufzer aus. Wie Sankt Martin hüllte Nathaniel das Kind in seine rotschwarze Nylonjacke und vollführte Drehungen um die eigene Achse im Dreihundertsechziggradwinkel. Im Nu waren beide verschwunden, und ich den Gefahren wieder allein ausgeliefert.

Hektisch sprang ich die vor der Betonmauer nach unten führenden Stahlstufen herunter und landete in einer Pfütze. Seltsam, dachte ich, in der Neustadt von Stroffmold war es trocken gewesen, aber hier, im historischen Stadtteil, musste es geregnet haben. Die ständig wechselnden Jahres-, Tageszeiten und Wetterzustände erstaunten mich nicht mehr großartig und auch Nathaniels Zauberkünste erschienen mir wie das Normalste von der Welt. Eine von Platanen umwachsene Promenade führte an einem von Regenperlen übersäten Friedhofstor vorbei, auf dem ein Buchfink umhersprang. Ich nahm den Friedhof kurz in Augenschein und machte ein imposantes Grabmal aus, das im neoklassizistischen Stil erbaut worden war. In meinem Rucksack befanden sich in einer Tupperdose die Reste von den Sojaklopsen, die man mir im Kloster serviert hatte. Auf einer mit Emaille überzogenen Bank sitzend aß ich die köstlich schmeckenden, kalten Königsberger Bällchen. Da ich keine anderen Getränke bei mir trug, nahm ich einen Schluck aus der Weihwasserflasche und fühlte mich auf besondere, nahezu ätherische Weise erfrischt. Die Gräber stammten aus alter Zeit, zum Teil fanden sich Inskriptionen aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Engel, Heilige und Putten zierten die Grabsteine und ein sehr modern gestaltetes Grab wies den Namen Blinky Palermo auf. Der Maler, Peter Heisterkamp mit bürgerlichem Namen, Objekt- und Environmentkünstler, war 1977 im Alter von vierunddreißig Jahren auf den Malediven ums Leben gekommen und nach Stroffmold überführt worden. Dass sein Grab, das dem schwarzen Quadrat des Suprematisten Kasimir Malewitsch nachempfunden war, hier zu finden war, hatte ich nicht gewusst. Palermos Grabstein war ein grob behauener Sandstein aus den bei Labbe befindlichen Lindenbergen. Wie es im Prestel-Künstlerlexikon heißt, blieb seine „frühe Ausrichtung an konstruktivistischen Bildelementen und Farbfeldmalerei für Palermos ganzes Werk bestimmend“ und findet sich auch bei der Wahl des Grabschmucks wieder, den er selbst hergestellt hatte. Im Museum für moderne Kunst in Labbe hatte ich einst eine Ausstellung von Blinky Palermos Werken gesehen, intensiv getönten Farbfeldern und minimalistischen Klecksmalereien, die den Konflikt zur Scharfkantigkeit offen zur Schau trugen. Der „James Dean der Kunstszene“ mit dem Beatnik-Outfit hatte sich den Namen Blinky Palermo in Anlehnung an einen Mafiaboss und Boxpromoter gegeben, da sein Lehrer Joseph Beuys angemerkt hatte, dass er mit dem Namen Peter Heisterkamp nichts werden könne.

Vor Palermos Ruhestätte sprach ich ein kurzes Gebet, um darauf durch das perfekt funktionierende, nicht im Geringsten quietschende Friedhofstor zurück auf die Promenade zu gehen. Die saftig-grünen Blätter eines prächtigen Kastanienbaums raschelten von einer Brise bewegt und feiner Nieselregen ging auf dem breit angelegten, mit Kopfsteinen gepflasterten Weg nieder. Ein junger Hase schlug Haken, während er vor einem agilen Raubvogel flüchtete. Rund um die Altstadt von Stroffmold führte die Promenade, deren asymmetrische Schönheit mich den stromlinienförmigen, grauen Waschbetonhorror von Neu-Stroffmold vergessen ließ. Im Stadtkern entdeckte ich die letzte Station des Pilgerwegs, das Relief der Himmelfahrt Christi. Wieder langte ich nach der Weihwasser enthaltenden Kunststoffflasche in meinem Rucksack, bekreuzigte mich und bespritzte das Kunstwerk, auf dem Christus im Strahlenkranz dargestellt wurde. Zwei eben noch schlafende Jünger erwachten brüsk und erblickten die Lichtaureole, in der Jesus vom Berg erhoben wird. Unterhalb der in Stein gehauenen Himmelsfahrtszene prangte eine alabasterfarbene Platte, die ein Zitat aus dem Paulusbrief an die Philipper enthielt: Ihn, der sich selbst erniedrigt hat und gehorsam geworden ist bis zum Tode am Kreuz, hat Gott über alle erhöht und ihm einen Namen gegeben, der größer ist als alle Namen. Ehrfürchtig faltete ich meine Hände, sprach ein Rosenkranzgebet und trank ein wenig Weihwasser, als eine von dem vor Schmerzen hinkenden Prügelknecht angeführte Straßengang langsam auf mich zuschritt.

Der Vater hatte die blutende Wunde am Fuß notdürftig mit Tempotaschentüchern versorgt, doch war er offenkundig so in Rage, dass er seinen fehlenden, von der Schnappschildkröte Noffi gefressenen Zeh gar nicht recht bemerkte. Blutig rot waren seine ursprünglich weißen Augenbälle, der hoch aggressive Pykniker schleppte eine schwere Axt mit sich herum, deren Schneide über den regennassen, zum Himmelfahrtmonument führenden Kieselpfad schleifte und dort eine Spur hinterließ. Auf der Ladefläche des VW-Pickups, den der Zigarillo rauchende Russe  bedächtig lenkte, federten sportlich gekleidete Jugendliche in der Hocke die Unebenheiten des Weges ab. Die Gangmitglieder waren uniformiert und trugen Kopftücher oder Baseballkappen, Jogginghosen von Nike und lange weiße T-Shirts. Einige von ihnen rauchten nervös Zigaretten, die sie, als dürfte niemand die Glut sehen, in den Hohlräumen ihrer halb geschlossenen Fäuste verbargen. Ich hatte gehört, dass man diese Art zu Rauchen beim Militär vermittelt bekommt, um dem Feind nicht unnötige, in der Nacht glimmende Ziele zu bieten. Diese pubertierenden Aggressoren waren allesamt zu jung, um bereits gedient zu haben, also dachte ich, dass sie diese für Osteuropäer und Russen typische Rauchweise von ihren Vätern oder Onkeln übernommen hatten. Schleichend näherte sich die Gang, wobei sie sich, abgesehen von den Klappergeräusche erzeugendem Volksgeländewagens, mucksmäuschenstill verhielt. So merkte ich, dass die Lage ernst war. In einer wie einstudiert wirkenden Aktion griffen sich die Kriminellen Mordwerkzeuge, die auf der Ladefläche herumlagen: Fuchsschwänze, Vorschlaghämmer, rostige Ketten, Bohr- und Schleifmaschinen sowie Äxte und Beile. Das Ganze sah nach Lynchjustiz aus, und das Opfer sollte ich sein. Der Anführer der blutdurstigen Horde war höchstens achtzehn, sprach mich aber selbstbewusst an. Ob ich auf den Sieg der Gegenseite tränke, wollte der Teenager wissen.

Sogleich wandte ich mich zum Gehen und übte mich im Schweigen. Schritt für Schritt blieb der Gangleader an mir dran, ohne mich aus den Augen zu lassen. Offensichtlich wartete er auf eine erste Aktion von meiner Seite, die natürlich mit einem Hagel von Schlägen beantwortet worden wäre. Wie ein verschüchtertes Lämmchen ging ich achtsam meines Weges, und hielt Ausschau nach Fluchtmöglichkeiten oder rettenden Zielen. Der ohnehin schon besoffene Vater des Mädchens setzte immer wieder eine Wodkaflasche an denn Mund und brüllte: „Mach kurzen Prozess, Kopp ab, Kopp ab!“ und dann wieder schluchzte er „Wo ist meine Tochter, wo ist meine Tochter? Ich habe doch nichts gemacht...“

Die gestohlene Waschmaschine lag nicht mehr auf der Ladefläche des Pickups. Entweder hatten die Gauner sie zurückgegeben, oder in Sicherheit gebracht. Ich tippte auf erstere Lösung, denn ein zusätzlicher Gegner, der Bestohlene, hätte zu viel Ärger bedeutet, außerdem wollten die Diebe nicht auffallen, vermutete ich. Ihre truppenartige Präsenz war indes sehr auffällig, obgleich sich die Gangmitglieder auf Bordsteinen, Straße und Fußwegen verteilten, um wie normale Passanten zu wirken. Der Anführer stellte mir noch einmal die merkwürdige Frage, ob ich auf den Sieg der anderen getrunken habe, doch ich ignorierte ihn und folgte einer Einkaufsstraße, wo Stroffmolder Händler ihre Waren anboten. Neben der Kneipe Am schwarzen Ufer gab es einen Friseursalon, den ich betrat, um zu sehen, wie meine Verfolger reagieren würden. Sie blieben vor der Ladentüre stehen und versammelten sich, als ich mit einer Friseurin sprach, deren kurzes, dunkelrot gefärbtes Haar auch bei ihren Kolleginnen der bevorzugte Schnitt war. Man konnte die Frauen kaum unterscheiden. Sie geboten mir zu warten und ich ließ mich in einen Frisierstuhl sacken, griff zu einer Illustrierten, die ich aber nicht las. Die Fotografien von Prominenten widerten mich an, also schloss ich die Augen halb, woraufhin die Bilder zu verschwimmen begannen. Auch in diesem Geschäft befanden sich Ghoul-Diener, die ganz offen über mich herzogen, ohne aber die Münder zu öffnen.

„Da ist der Trottel“, hörte ich, und „Den kriegen wir auch noch“. Eine schwarz-rot gekleidete, höhnisch lachende Coiffeuse bearbeitete mit Schere und Rasierapparat die dicken blonden Haare eines Kunden, der nicht ahnte, was hier vor sich ging. Auf bedrohliche Weise und mit Stolz geschwellter Brust paradierten die russischen Jugendlichen vor dem Salon auf und ab, um Präsenz zu zeigen. Aus mir unerfindlichen Gründen konnten sie jedoch die Türschwelle nicht überschreiten und mussten wohl oder übel warten, bis ich wieder heraus kam. Den schwarzen Pickup konnte ich nicht mehr sehen, vorsichtshalber hatten meine Gegner ihn wohl auf den Parkplätzen vor der hier beginnenden Fußgängerzone abgestellt, wollten sie doch so wenig Aufsehen erregen wie möglich. Einem mir milde zulächelnden älteren Herren wurden die bis zum Nacken reichenden, weißen Haarsträhnen gestutzt. Während er mich betrachtete, wurde er aufgeregter und zappelte auf seinem Stuhl so sehr herum, dass ihn die Friseurin zur Räson bringen musste. Sie nestelte an seinem Umhang und drang mehrfach beruhigend in ihn, er sei gleich fertig. Nichtsdestoweniger wurde der Senior immer nervöser, was ich auf meine Anwesenheit zurückführte. Er schien mir sagen zu wollen: Flüchten Sie, flüchten Sie, aber die Worte kamen nicht über seine Lippen.

Für den Bruchteil einer Sekunde schaltete ich, erledigt von der Flucht, ab und wurde dann stoßartig aus meiner Träumerei geweckt, als ich bemerkte, wie eine der Friseurinnen fragend mit ihrem krallenartigen Zeigefingernagel auf mich deutete. Sie schien mit den Gangstern zu kooperieren, wurde mir schlagartig klar. Denn die hagere Frau mit der schrillen Lache erhielt vom Leader Anweisungen. Dieser Ort entpuppte sich also nicht als rettendes Ziel, sondern als Falle. Ruhig taxierte ich die Anwesenden und musste feststellen, dass außer dem Senioren nur mir dreist und feindselig ins Gesicht schauende Ghoul-Lakaien im Salon waren. Im Grunde hätten die Diener der Schattenherrscher ganz offen über uns herfallen können, und doch bewahrten sie den Schein und die Contenance. Erzürnt über das ungenierte Gebaren der Sklaven fragte ich nach der Toilette, wobei ich dem älteren Herren verschwörerisch zu verstehen gab, mir zu folgen. Im rückwärtigen Bereich des Friseurladens durchquerte ich eine Waschküche, wo Handtücher und Umhänge in einer Waschmaschine schleuderten und wo die Damen offenbar ihrer Nikotinsucht frönten, und öffnete die knarrende Klinke des Klos.

Der alte Herr, der den Friseurinnen mitgeteilt hatte, dass auch er die Toilette aufsuchen müsse, wartete bei der ruckelnden und ächzenden Waschmaschine, während ich einige Tropfen farblosen Urins in die gesprungene, gelblich verfärbte Keramikschüssel drückte. Zu unserer beider Erleichterung hatte mein Partner in der Not einen Hinterausgang gefunden, durch den wir, nachdem auch er in aller Ruhe Wasser gelassen hatte, in einen Obstgarten entkamen, wo zwei Elstern gerade im Begriff waren, ein Meisennest zu plündern. Über den mit Basaltplatten angelegten Gartenpatt eilten der alte Herr und ich auf das Nachbargrundstück zu, wobei wir eine niedrige Hecke übersprangen, die den gesamten Obstgarten umrahmte. Krähend nahmen die Elstern, erschreckt von unserem Tempo, Reißaus und auch eine junge Katze verschwand miauend im Gebüsch. Die Gärten lagen im Inneren einer Anordnung von vier ausladenden Häusern, deren Garagen Zugang zu Terrassen, Rasenflächen und Obst- und Schmuckbäumen boten. Mir war klar, dass ich früher oder später eine Kirche auftun müsste, weil meine Energie im Schwinden inbegriffen war. Kirchen, das hatte mich Nathaniel gelehrt, dienten uns nicht nur als Zufluchtsorte, sondern auch als Energiequellen. Da sich die Flucht körperlich und seelisch überaus erschöpfend gestaltete, musste ich zusehen, dass ich Gotteshäuser fand und aufsuchte, um dort Kraft zu tanken.

Als wir uns Zugang zu einer Garage verschafften, schlug ganz in der Nähe ein Hund an, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die schwarze Promenadenmischung des russischen Hehlers handelte. Ein gnadenloser Regenguss ging prasselnd auf das Dach der Garage nieder, wo der frisch frisierte alte Herr und ich verharrten.

Das steinschlagartige Prasseln des Regens ließ nach und wir vernahmen das Brummen des Diesels vor dem Garagentor. Dieser Fluchtweg war also versperrt. „Wir müssen zur Wallfahrtskirche“, rief ich dem Rentner zu, „dort kann ich uns retten“. „Was, Sie wollen uns retten?“ fragte der alte Mann in einem zynischen Ton, „was meinen Sie, was ich hier gerade mache? Ich rette Sie“, fuhr er amüsiert fort, „denn Sie haben mich in Ihren lächerlichen Kampf mit hineingezogen. Krummbiegel ist mein Name, wenn Ihnen das etwas sagt, Sie Anfänger! Ich arbeite für Bielheim, doch Sie haben meine Deckung auffliegen lassen, jetzt ist mein Job als Spion Geschichte, aber das ist in Ordnung, denn ich bin alt und werde mich in der Siedlung zur Ruhe setzen. Aber Sie..., Sie werden noch lange Jahre des Kampfes verleben müssen, und wenn Sie weiterhin so augenfällig agieren, werden die Ghouls Sie bald schnappen“.

„Mein Elternhaus wurde von den Helikoptern der Gedankenkontrollfront zerstört und ich bin auf der Flucht, helfen Sie mir dabei, nach Bielheim zu kommen“, bat ich den Doppelagenten. „Nun ja“, erwiderte dieser, „ich kannte Ihren Urgroßvater, dessen Werk ich studiert habe, und ich weiß, dass die Ghouls Jagd auf Sie machen, Herr Löwenstein. Doch ich bin zu alt, um Ihnen weiterhelfen zu können. Sie müssen, ich formuliere es mal esoterisch, auf intuitive Weise den Weg nach Bielheim finden. Und Sie haben doch gewiss einen Begleiter, oder nicht?“

„Ja“, gab ich zurück, „ich habe meinen Traumfreund Nathaniel...“ „Bei dem Sie in guten Händen sind“, ergänzte der alte Spion, „aber erst einmal müssen wir unsere Verfolger abhängen. Die Wallfahrtskirche ist nur einen Katzensprung entfernt, wenn wir es bis dahin schaffen, können Sie dort Ihre Energie aufladen, beten, essen, trinken, was weiß ich. Und dann müssen wir dort mindestens eine Nacht lang verharren. Oder besser noch, Sie folgen mir in meinen Unterschlupf, den ich für Situationen wie diese in petto habe. Nie habe ich ihn in den ganzen Jahren meiner Spionagetätigkeit aufsuchen müssen, er liegt in den Wäldern von Stroffmold, direkt am Ufer der Hesse. Hat Nathaniel das Mädchen gerettet?“

„Das hat er“, erwiderte ich, „aber was fangen wir mit ihrem Vater an?“ Der alte Mann räusperte sich, ging kurz in sich und sagte dann: „Den lassen wir einfach hier zurück, soll er seinen Zorn doch gegen andere richten, ich möchte ihn nie wieder sehen. Wir könnten ihn in eine Fall locken, könnten ihn als Köder für die Ghouls benutzen. Er ist ein sehr einfältiger Diener, doch die Ghouls vertrauen auf ihn. Dass seine Tochter entführt wurde“, so der Agent, „wird er den Ghouls übel nehmen. Wir könnten versuchen, ihn auf unsere Seite zu ziehen und ihn zu einem Spion zu machen, jedoch ist der Mann zu dumm. Im Grunde müsste er beseitigt werden, was aber unserem Ethos widerspricht. Das Gute tötet nie, Herr Löwenstein, niemals!“

Der Spion packte mich am Oberarm und zerrte mich durch den Seiteneingang aus der Garage hinaus, wir durchschritten erneut den Obstgarten und kletterten auf das Dach des Nachbarhauses. Von hier aus hatten wir freie Sicht auf die Wallfahrtskirche und auf die Gang, die vor der Hofeinfahrt des Nebengrundstücks lauerte. Zu unserem Glück sahen sie uns nicht, als wir uns auf die Lauer legten. „Das Monument der Himmelfahrt“, wandte sich der Spion an mich, „unter seinem Sockel findet sich eine Klappe, wo sich ein direkt zur Kirche führender Geheimgang befindet. Wenn wir den erreichen könnten, wären wir unserem Ziel ein Stück näher und könnten unsere Haut retten. Rufen Sie Ihren Traumbegleiter, er muss uns behilflich sein.“

Innerhalb weniger Sekunden erschien Nathaniel, der Geist, der mich schützte, auf dem Schieferdach. Er schlug vor, dass er zum Haarschneidesalon zurückkehrte, wo er die Verfolger ablenkten wollte. „Die Ghouls fürchten mich“, erklärte Nathaniel, „weil ich so bin wie sie, nur dass ich nicht auf sie höre. Sie wissen, dass ich ein Gespenst bin, das sowohl auf der Traum- als auch auf der Wachebene wandelt, ein Untoter, der sich dem Guten verschrieben hat.“ Nathaniel steckte sich eine Selbstgedrehte an und schwebte vom Dach auf den Obstgarten zu, wohin der alte Mann und ich durch die Hintertür des Friseurs geeilt waren. Als Nathaniel in den Salon trat, hörte man lautes Geschrei. „Packt ihn, packt ihn!“, riefen die Coiffeusen, doch Nathaniel war unberührbar. Wir sahen, wie sich der Truck des Russen in Bewegung setzte und um den Häuserblock, bis zum Friseursalon fuhr, wo Nathaniel Tumult erzeugte. Als die Mitglieder der Gang verschwunden waren, sprangen der alte Spion und ich vom Dach und bewegten uns auf die Kreuzstation zu. In den Boden war eine poröse Betonplatte eingelassen, die der Spion anhob. „Helfen Sie mir doch“, fuhr er mich an. Gemeinsam schoben wir die schwere Platte zur Seite und schlüpften in den engen Gang, der in die Kanalisation von Stroffmold führte. Stinkende, von Schwefelgeruch geschwängerte Luft empfing uns und wir folgten dem schmalen Rinnsal, in dem Abwässer flossen. Die Kloake trieb mir Übelkeit in den Magen und ich hielt inne, um mich zu übergeben, aber der Spion zerrte an mir und befahl mir weiterzulaufen. Doch mir war so schlecht, dass ich mich über dem Abfluss erleichterte.

„Reißen Sie sich zusammen, Löwenstein, wir müssen uns beeilen, damit wir vor unseren Verfolgern an der Kirche sind. Die wissen ja Bescheid, die kennen sich aus und ahnen, dass wir eines Gotteshauses bedürfen, um Energie zu tanken“. Eine korpulente Bisamratte ließ sich auf dem Exkrementenfluss treiben und lächelte uns wohlwollend zu. Das Tier schien uns für Artgenossen, oder zumindest für Gleichgesinnte zu halten, die sich – wie die Ratte selbst – dem Leben unter der Erde verschrieben hatten.

Als wir die glitschige, moosige Leiter hinaufstiegen, erwartete uns Nathaniel bereits. „Schnell, schnell“, flüsterte der Geist und hielt für uns den Gullydeckel hoch. Durch das Loch schlüpfte ich und der alte Spion tat es mir gleich. Wir waren unmittelbar vor der Wallfahrtskirche gelandet, deren achteckige, kuppelbedeckte Barockkapelle, unsere Zuflucht, vor uns in den Himmel ragte. Zwischen freistehenden, korinthischen Säulen öffnete sich das Portal, durch das wir den Zentralraum betraten. An der Ostseite des Sakralbaus befand sich ein aus Eichenholz geschnitztes Gnadenbild, das die Muttergottes und den toten Jesus zeigte. Wir setzten uns auf eine der Bänke, nachdem jeder von uns eine Kerze entzündet hatte. Außer uns waren noch zwei Frauen mittleren Alters im Gotteshaus, die aber verschwanden, als unser Trio auftauchte. Man könnte auch sagen, dass sie um ihr Leben rannten. „Gehen Sie nicht nach draußen“, rief der Spion noch, „das könnte gefährlich werden“. Doch die Damen waren bereits verschwunden, und als sie die Tür geöffnet hatten, kamen uns die Stottergeräusche des Dieselfahrzeuges unserer Verfolger zu Ohren.

Wir waren uns sicher gewesen, dass sie die Kirche nicht betreten würden, und dabei blieb es auch. Jedoch bestand die Möglichkeit, dass sie jemanden schickten, der nicht die diffuse Angst vor Religiosität besaß. Aus Furcht vor dem Glauben mieden die Ghouls Gotteshäuser. Sie konnten die Atmosphäre in jenen Gebäuden nicht ertragen und bevorzugten es, ihre Sklaven zu schicken. Doch auch diese Taktik erwies sich als undurchführbar, denn sobald Ghoul-Lakaien in eine Kirche gingen, wurden sie von undefinierbaren Schmerzen attackiert. Nur Hartgesottene brachten es fertig, ihre hohlen Körper in die Nähe von Altar, Sakristei und Heiligenbildern zu bringen. Die Nonne im Kloster, die ich mit Weihwasser bespritzt hatte, gehörte eindeutig zu den Ghouls, doch durch meine Handlung hatten wir sie auf unsere Seite gezogen. Dies bedeutete eine weitere Gefahr für unsere Gegner: In Kirchen konnten sie umgedreht werden. Überall warteten Priester, Diakone, Schwestern und auch einfache Gläubige, die am Werk des Guten mitarbeiteten und böse Mächte vertreiben wollten. Ihr Methoden waren so simpel wie effektiv. Erschien ein Ghoul-Sklave in einem Gotteshaus, näherten sich die indirekten Unterstützer der infanti dei von hinten, besprühten ihren Feind mit Weihwasser und sprachen Stoß- und Schutzgebete. Sofort fielen in solchen Situationen alle negativen Eigenschaften von dem Unglücklichen ab, und er ward geheilt. Auf diese Weise gelang es den Gläubigen, hin und wieder Mitarbeiter der Gedankenkontrollfront zur Umkehr zu bewegen. Und gerade die jüngst Bekehrten bewiesen Radikalität und Mut im Kampf gegen die Peiniger, die sie, zumeist ohne ihr Wissen, in der Hand gehabt hatten, bis man ihnen die Augen öffnete.

Nathaniel verabschiedete sich abermals, nachdem wir uns geeinigt hatten, in der Kapelle so lange auszuharren, bis die Gang verschwunden war. Wir rechneten nicht mit einem Angriff, doch die Zeiten waren hart und die Gepflogenheiten der Verfolger verroht. Der alte Spion kniete auf der Bank und betete, als auf einmal die Tür aufgeschoben wurde und der sturzbetrunkene Vater des von Nathaniel geretteten Mädchens auf den Plan trat. Seine Axt hatte er nicht dabei, das wäre auch zu viel des Guten gewesen. Er kam aus diplomatischen Gründen, wollte mit uns reden, die Sache klären. Und doch wusste der Mann, dass seine ehemalige Existenz, sein unbeschwertes Leben als Ghoul-Sklave enden würde, jetzt und hier. Er hatte sich geopfert, wollte die letzte Möglichkeit nutzen, uns aus der Kirche zu locken. Vor der Türe grölten die Gangmitglieder, als ihr Opfer jedoch eintrat und sie den honiggelben, die Pietà erhellenden Kerzenschein erblickten, wurden sie andächtig, still. Unter den gewalttätigen Jungs waren viele, deren Mütter regelmäßig zu Gottesdiensten gingen und die ihnen einbläuten, dass ein Tag ohne Gott ein verlorener sei. Einige der Schläger ließen sich von den Reden ihrer Mütter erweichen und hegten eine tiefe Ehrfurcht vor allem Göttlichen. Noch lebten sie wie Sünder, doch bald würde der Tag kommen, an dem sie ihren Müttern folgen würden. Vor der milden Aura des Metaphysischen erzitterten selbst  abgefeimte Killer.

Es gab noch Regeln, doch die Ghouls taten alles, um diese abzuschaffen und zu torpedieren. Die für die Schattenherrscher schwer verständliche Demut ihrer Sklaven vor dem Göttlichen war eine Tatsache, die den Imperatoren zu schaffen machte. Wie in den östlichen Diktaturen während des Kalten Krieges, wie in der UDSSR und ihren Satellitenstaaten, versuchten die Herrscher auch in Labbe und Umgebung vergebens den Glauben an Gott auszurotten. Je boshafter ihre Verleumdungen aber wurden, desto größer wurde die Zahl der Gläubigen, die nicht vergessen konnten, wie die Staatslenker Gotteshäuser in Pogromnächten eingeäschert hatten. Kirchen waren zu autonomen Orten geworden, Priestern überließ man das Recht, ihre Messen zu zelebrieren und auch die Sakramente Ehe, Taufe, Beerdigung hatten die Politiker der Gedankenkontrollfront wieder einführen lassen.

Sobald der plötzlich lammfromme Mann die Wallfahrtskapelle betreten hatte, widmete sich ihm der Spion. „Sie wollen also von ihrem alten Leben nichts mehr wissen“, fragte er den Verunsicherten. Dieser gab zurück: „Ich würde Euch totschlagen, wenn ich könnte, doch hier habe ich keine Chance, somit opfere ich mein einstiges Leben den Herrschern. Sie haben mich hierher geschickt, damit ich mit Euch verhandele. Ihr sollt einsehen, dass auch Ihr chancenlos seid. Meine Gang wird vor der Kirche so lange warten, bis Ihr rauskommt. Ich weiß, dass Ihr mich segnen werdet, dass Ihr vielleicht sogar den Pfarrer holt und ich weiß auch, dass ich dann ein anderer Mensch sein werde. Ich begrüße die Verwandlung, sage Ja zur Metamorphose, denn Ihr habt mir meine Tochter genommen. Gut will ich sein, und nicht mehr hartherzig und zornig. Dem Anführer der Gang habe ich gesagt, dass ich alles Menschenmögliche tun werde, um Euch auszuliefern, in Wahrheit strebe ich aber nach Absolution, nach Reinwaschung meiner Seele von all den Sünden.“

Überraschenderweise brach der gestandene Gewalttäter in Tränen aus und bat mich, ihn zu segnen. Er wollte wirklich ein anderer Mensch werden und es war ihm bewusst, dass die Ghouls ihn töten würden, sobald er die Kirche als Getaufter verließ. Sie würden über ihn herfallen wie ausgehungerte Wölfe. Trotzdem kniete der Mann nieder und ich zitierte mit ihm einen Psalm. „Absolution kann ich Dir indes nicht erteilen, das muss ein Priester machen“, erklärte ich. „Wenn Du den Bestien nicht in die Hände fallen willst, dann schließe Dich uns an“, forderte ich ihn auf, „gib all Dein Wissen über die Geheimmächte preis, liefere uns Informationen, werde ein Agent für die gute Sache, kämpfe den guten Kampf!“

„Aber die Viecher werden mich umbringen, wenn ich die Kirche ohne Euch verlasse, sie werden wissen, dass ich mich bekehren lassen habe“, greinte der Mann. „Nicht unbedingt“, räumte der alte Spion ein, „wir werden durch die Apsis in die Wälder fliehen, und Du kannst Deinen Freunden sagen, dass wir Dich überwältigt haben und dass Julian Löwenstein dann abgehauen ist. Du wirst falsche Fährten legen und ab jetzt für uns arbeiten. Ich habe eine Idee, wie wir es machen, denn Du musst etwas in den Händen halten, wenn Du der Gang gegenübertrittst. Ich bin alt, alt und müde, und deshalb werde ich mich als Trophäe zur Verfügung stellen. Entweder töten sie mich, oder sie stecken mich in eines ihrer Gefängnisse, doch ich werde ruhigen Mutes sterben können, denn ich habe mein Leben lang den freien Menschen von Bielheim gedient, habe mir nichts vorzuwerfen. Sie aber, Herr Löwenstein“, wandte sich der Spion an mich, „Sie sind jung und in der Lage weiterzukämpfen, also flüchten sie und überlassen Sie mich meinem Schicksal.“ 

Traurig über die Entscheidung des Spions schlich ich vorsichtig in den Anbau der Kapelle, wo ein Tisch mit brennenden Kerzen stand. Vor dem Flammenschein verbeugte ich mich und hoffte, dass der Spion noch eine Möglichkeit finden würde, zu entkommen, obgleich mir klar war, dass sie mit dem alten Mann kurzen Prozess machten. Immerhin konnte er mit hoch erhobenem Haupt die Reise in die elysischen Gefilde antreten, hatte der Spion doch sein ganzes Leben dem Guten gedient, um jetzt dafür zu sterben. Melancholisch verließ ich die Apsis der Wallfahrtskirche und machte mich, unbeobachtet von meinen Verfolgern, auf und stieß in südlicher Richtung auf den geschlängelten Flusslauf der Hesse vor. So kraftlos war ich, dass ich mich auf einer Bank niederließ und eine Zigarette rauchte, während man mit dem Spion Schlimmes anstellte. Auf der gegenüberliegenden Flussseite beobachtete ich zwei Lehrerinnen, die einer Horde Kinder Bäume, Sträucher und Blumen zeigten.

Dieser Anblick beruhigte mich sofort, da die Kleinen, unbeeinträchtigt vom Zustand Stroffmolds, die Gewächse bestimmten und Proben sammelten. Feierlich erschien mir die Art und Weise, wie die Gruppe sich durch die Natur bewegte. Ein kleiner Junge, dessen linkes Auge mit einem Heftpflaster verklebt war, winkte mir zu und ich erwiderte seinen Gruß. Es war für mich immer rätselhaft, wie unbescholten die Menschen leben konnten, obwohl sie von Barbaren regiert wurden. Viele Bewohner Stroffmolds hatten sich Nischen eingerichtet, in die kein Ghoul je vordringen können würde. Je näher der Bielheimer Forst kam, desto unbeschwerter war meine und die Laune der Menschen, die mir begegneten.

An diesem Tag hatte ich mein Elternhaus und meine Eltern verloren, auf der Flucht war mir Nathaniel behilflich gewesen und jetzt war ich bereit, die utopischen Siedlungen von Bielheim aufzusuchen. So wanderte ich an der Hesse entlang in die Wälder, überwand die Nebelbänke und war im Begriff, den Bielheimer Forst zu erreichen, als ich plötzlich kollabierte.

5. Am Ufer der Hesse / Die Lichtung / Siliziumträger

Als ich mein Bewusstsein wieder erlangte, fand ich mich vor Kälte zitternd am schlammigen Ufer der Hesse wieder, wo eine Schar unterschiedlichster Vögel – ein imposanter Eichelhäher, mehrere Kohlmeisen, eine Elster und unzählige Dohlen – über mich gewacht hatte. Ein mächtiger, weiß gefiederter Rabe, offenkundig ein seltener Albino, schien mich mit kehligen Lauten aufzufordern, mich zu erheben. So wanderte ich frierend am Flusslauf entlang, auf die dichten Wälder des Bielheimer Forsts zu. In westlicher Himmelsrichtung entschwand die Sonne in fein abgestuften Rosatönen, mit denen der glühende Feuerball bauschige Wolkenebenen übertünchte. Das satte Gesicht des kugelrunden Vollmonds zeigte sich bereits blässlich silhouettiert, hoch oben über den Baumwipfeln. Nachdem ich stundenlang marschiert war, eröffnete sich mir, der ich schwarzes Dickicht hinter mir gelassen hatte, eine Lichtung, die merkwürdigerweise in hellstem Warmlicht erstrahlte. Es ähnelte dem milchig-trüben Weiß des Mondscheins in keiner Weise, und auch um Sonnenbahnen konnte es sich hier nicht handeln, war die Nacht doch unleugbar über mich hereingebrochen. Die Lichtung, das baumfreie, moosbewachsene Waldzwischenfeld, tat sich mir unter einem felsigen Abgrund auf, und ich ahnte, dass der lichte Fleck das nächste Ziel auf meiner langen Reise, die ich gegen alle Widerstände nun als Flüchtling vor den Truppen der Gedankenkontrollfront  angetreten hatte, werden sollte.

Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich auf silbrig schimmernden Silizium-Trägern wandelte, zwei spitz zulaufenden Metallkonstruktionen, die sich, je weiter ich schritt, Meter für Meter verjüngten und in einem pfeilförmigen Dreieck aufeinander trafen, dessen Ende den Mittelpunkt der Lichtung bildete. Ich wagte einen Blick zu den Sternen, doch ich erblickte bloß ein ephemeres, undurchdringliches Blau, in dessen Rahmen sich sehr konkrete Fixpunkte angesammelt hatten. Waren das Vögel? Nein, was ich ins Auge fasste waren humanoide Formen, ummantelte Fluggespenster, die aus der Ferne wie spiralenförmig angeordnete Saatkrähenschwärme wirkten. Diese herrenlosen Botschafter eines fernen Staats hatten die Limits der Schwerkraft offensichtlich überwunden. Mit enormer Schnelligkeit schoss ein monumentaler Satz durch meinen Geist, den ich nicht deuten konnte. Die Gravitation verführt uns, lautete die kryptische Wortabfolge. Beeindruckend war die Meisterschaft, mit deren Hilfe sich die Boten über dem zerrissenen Maul der Schlucht im Äther festkrallten und dabei elegante Manöver, wahnwitzige Überschläge und Salti vollführten. Massive Lebensfreude ging von den Fliegern aus, und doch konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Krähenvögel oder Menschen mit federreichen Schwingen waren, die mich fesselten.

Ich blickte zu Boden, wo sich mein Gesicht im metallenen Himmelblau der Siliziumträger widerspiegelte. Die Konstruktion, auf der ich schritt, strahlte Helligkeit aus und nahm langsam die marmorne Farbe des vollen Mondes an. Mich beeindruckten die schwebenden Figuren am Firmament, die so weit entfernt waren, dass ich immer noch nicht genau sagen konnte, um welche Wesen es sich hier handelte. Je weiter ich mich ihnen näherte, desto größer schien der Abstand zu werden. Nein, die räumliche Differenz blieb sich exakt gleich, stellte ich fest. In einer Zeitschlaufe gefangen, tippelte ich seit einer halben Stunde auf ein und derselben Stelle, während am Horizont fröhlich gesprungen und in der Luft getänzelt wurde. Welchen Zweck hatte das Metallgerüst, auf dem ich mich nicht fortbewegen konnte, fragte ich mich und beschloss, dass diese Frage überflüssig war. Auf sonderbare Weise glich die stählern glänzende Architektur einem außerirdischen Bahnhof, einem Flughafen oder Landeplatz. Mir war plötzlich gewiss, dass die im Äther Reisenden Orte besuchten, die mir vollends unbekannt bleiben sollten. Obwohl ich mich nicht von der Stelle bewegt hatte, tat sich mir unerwartet ein Loch auf, in das ich zu fallen drohte.

Meine Beine verkrampften sich und meine Füße traten ins Leere, doch ich plumpste nicht wie ein nasser Sandsack in den Abgrund, sondern wurde sanft vom dicken Sauerstoff getragen. Im Fluge machte ich erneut geflügelte Wesen aus, die aus der Ferne salutierten. Von unten sah das Siliziumkonstrukt, welches weit in den Canyon hineinragte, noch imposanter aus. Gemächlich glitt ich an karstigen Felsspalten der gigantischen Schlucht hinab und drehte mich dabei immer zu um die eigene Achse. Ein verdutzter Sperber ließ sich kurzerhand auf meiner Schulter nieder und begleitete mich ein Stück weit auf meiner Reise in die Tiefen. Als ich aber in meine Tasche griff, und eine Zigarette entzündete, wurde der drollige Knirps vom Tabakrauch vertrieben. Auf dem Rücken gleitend inhalierte ich den Qualm und genoss die Aussicht, ich musste wohl etwa hundert Meter gefallen sein. In dieser Höhe fielen mir tiefe, in das Karbonatgestein gehauene Höhlen auf, die weiß Gott wie alt sein mochten. Einst mussten sie als Behausung von frühen Siedlern gedient haben, jetzt boten sie zahllosen Fledermäusen eine Heimstatt. Vor den Höhleneingängen waren zerfallene Skulpturen postiert, die kleinen Gottheiten oder Venusfrauen glichen. Leider konnte ich keine der rundlichen Formen genauer identifizieren, waren die Steinbilder doch zu weit entfernt. Sie mussten aber, so schlussfolgerte ich aufgrund der primitiven Ausarbeitung, aus vorchristlicher Zeit stammen und womöglich Göttinnen darstellen, wie ich beim Anblick der porösen Brustformen annahm. Möglicherweise hatten hier in der Frühzeit Angehörige eines Matriarchats gelebt, die sich vor wilden Tieren oder verfeindeten Angreifern in den Schutz der Felsen geflüchtet und in hundert Metern Höhe ihre Grotten ins Gestein gehauen hatten. Wie sie den Aufstieg bewältigt hatten, blieb mir rätselhaft. Unter Umständen war der Canyon einmal mit Wasser gefüllt gewesen und hatte ein urzeitliches Meer beherbergt. Die Siedler könnten über die Oberfläche der See gekommen sein.

6. Der Waldsee

Meine Knie knickten ein und federten den Aufprall auf dem schlickigen Untergrund ab, als ich schließlich neben dem Flussbett der Hesse aufsetzte. Jetzt fiel mir auf, dass sich Wetter und Tageszeit wieder geändert hatte, ein herrlicher Frühlingsmittag ließ das Chlorophyll in den Blättern der Bäume und Büsche grün schimmern. Kohlmeisen pickten Samenschalen von den Astspitzen eines aufblühenden Haselnussbaums und eine Dohle beobachtete die winzigen Vögel dabei. Ich blickte nach oben, um herauszufinden, wie hoch der Felsspalt, den ich hinunter gesegelt war, wohl sein mochte, doch ich konnte nichts erkennen. Zu grell prangten linear angeordnete Sonnenstrahlen am Äther. Vor mir befanden sich die Ausläufer des Bielheimer Forstes, nein, ich hatte eine Lichtung erreicht, die inmitten des dichten Baumbewuchses an einem herrlich klaren Waldsee lag. Im freien Fall hatte ich meine Verfolger abgehängt und den sagenumwobenen Wald erreicht, wo die letzten freien Menschen siedeln sollen, wie ich oft gehört hatte.

Langsam richtete ich mich auf und sah sorgenfreie Sonntagsromantikerpärchen, die am Ufer des Sees, in das sich das Wasser der Hesse ergoss, spazierten, wie auf einem Gemälde August Mackes. Ich fragte mich, ob diese im Stil der 1920er Jahre gekleideten Herrschaften dieselben Figuren waren, die ich eben noch über dem Siliziumträger hatte schweben sehen. Die Herren trugen khakifarbene Anzüge und dazu passende Melonenhüte, die sie unablässig lüpften. Ihre Spazierstöcke staken unentwegt in den aufgeweichten Waldboden und ihre Damen waren in aufwendig gearbeitete Gewänder gekleidet. Auch die femininen Begleiterinnen hatten geometrisch geformte Kopfbedeckungen und verhüllten ihre Gesichter im Trauerflor aus dünner Gaze, deren Punktmusterung wie Schlammspritzer Schatten auf Nase und Wangen warf. Manche der Paare hatten sich am Ufer der Hesse niedergelassen und kühlten ihre nackten Füße im heiter sprudelnden Wasser. Mir stach ins Auge, dass hier niemand allein war, hatte jede Frau doch einen Mann dabei, und umgekehrt. Kinder konnte ich nicht ausmachen, und ich wusste auch nicht, ob diese fiktiven Gestalten, deren Eleganz bestechend war, überhaupt Nachwuchs hatten. Sie wirkten eher wie Schatten, wie längst vergessene Traumwesen aus einer anderen, besseren Welt.

Offenbar feierten sie diesen ewigen Sonntag im Elysium an jedem einzelnen Tag. Es war, als klopfte ich an die Tür des Paradieses, oder als hätte ich den Himmel vom äußersten Rand her bereits betreten. Kaum jemand nahm Notiz von mir, obwohl ich modisch völlig aus der Reihe tanzte. Meine Jogginghosen waren zerschlissen, die Arme wiesen blutige Schrammen und Schürfwunden auf, meine Haare standen wild durchwuschelt vom geröteten Schädel ab, das T-Shirt war so fleckig, dass ich es bei der nächstbesten Gelegenheit entsorgen würde müssen und ich tapste verwirrt am Fluss entlang, auf der Suche nach meiner nächsten Station. Am Waldsee, mit dem die Hesse nicht direkt, sondern durch einen schmalen Kanal verbunden war, mischten sich die Typen der Anwesenden. In volkstümlichen Trachten steckende Wanderer sah ich, die mir freundlich zuwinkten, sofern sie nicht zu folkloristischer Musik tanzten, und ich fühlte mich wie Eichendorffs Taugenichts auf Reisen. Aus meinem träumerischen Grübeln wurde ich bar geweckt, als ein mächtiger Schwan, dessen Gefieder mit feuchtem Sand bedeckt war, sich mir kampfeslustig näherte und seine engelsgleichen Schwingen ausbreitete.

Der kolossale Vogel reichte mir bis zur Schulter und riss den orangefarbenen Schnabel auf, um mich ordentlich anzufauchen. Erschreckt wich ich zurück und machte dem stolzen Tier Platz, damit es unbehelligt seiner Wege gehen konnte. Vorsichtig folgte ich der, wie Platon sagt, geflügelten Philosophenseele auf einem gerade verlaufenden Waldweg, der unmittelbar zum See führte, wo der Schwan leichtfüßig ins Wasser glitt, um seine Kumpane zu besuchen. Tatsächlich bevölkerten das stille Gewässer unzählige seiner Artgenossen, die majestätisch im Mittagslicht an Booten vorüber schwammen, deren Besitzer ihnen Brotkrumen und auch Wurststückchen reichten. Besänftigt von dem Futter, das ihm die Ruderer gaben, bewies jetzt auch mein Schwan Contenance und ließ sich von mir streicheln, wobei er palatale Laute von sich gab.

Bis zu den Knien stand ich im Wasser und verharrte in ruhender Position, um meinen gefiederten Freund nicht zu erschrecken. Der, wie ich meinte erkennen zu können, auf natürliche Weise entstandene Waldsee wurde vom Hesse-Zufluss genährt und war mit dem Fluss über jenen künstlich angelegten Kanal verbunden, an dessen Rand ich nun entlang schritt. Das primitive Bauwerk mochte wohl zwanzig Jahre alt sein, war es doch aus nachlässig geglättetem Baustoff gefertigt, den der Zahn der Zeit nicht angenagt hatte. Durch eine gekurvte Kanalbahn schoss das sprudelnde Flusswasser in den See, wo sich die Schwäne am frischen Quell labten. Längs des Hesseufers begab ich mich erneut in das Dickicht des Bielheimer Forstes und begegnete kaum noch Menschen. In der Ferne konnte ich Weinberge erspähen, die an den sonnenbeschienen Hängen der Hesse angelegt worden waren. Hier gab es also Zivilisation, und das nicht zu knapp.

7. Bielheim / Der Chor

Alles, was ich über die utopische Kolonie Bielheim gehört hatte, sollte sich bewahrheiten, oder, besser noch, die Rederei in den Schatten stellen. Aus der Bewaldung heraustretend stieß ich auf eine sommerliche Landschaft, offenbar änderten sich die Jahreszeiten hier ständig. Vor mir taten sich die Weiten von leuchtend gelben Weizenfeldern auf, die zum Teil schon abgeerntet worden waren. Wie auf einem Gemälde von van Gogh hatten die Landwirte Heupyramiden auf den gemähten Flächen errichtet, auf denen altertümliche Mähmaschinen von Pferden gezogen wurden. Bauern mit kurzen Tabakpfeifen rasteten auf den Feldern und fütterten ihre tierischen Zugmaschinen mit Hafer und Heu. Die Flur erstreckte sich auf einem unüberschaubarem Areal, das die Ausmaße einer Kleinstadt hatte. Mit den Bauern hielt ich einen kleinen Plausch und nahm dankbar ihre Gaben an. Sie reichten mir Käsesemmeln, Kornkaffee und Erdbeeren, und erklärten mir den Weg zum Dorfe. An einem Ensemble aus solide gebauten Scheunen, wo Strohballen lagerten, ging ich vorbei, um kurz darauf eines Bauernhofes, eigentlich einer Meierei, angesichtig zu werden. Auf umzäunten, saftigen Wiesen stärkten sich Kühe am prallen Grasbewuchs und stupsten ihre feuchten Nasen in die Tränken. Schafe weideten sich ebenfalls an den Gräsern und kreuzfidele, rosahäutige Schweine wälzten sich im Dreck. Es gab einen Hühnerstall, wo Hähne ihren testosteronschwangeren Radau verbreiteten, und weitere, im Quadrat angeordnete Stallungen, die ich später erkunden sollte. Zwei Hunde, einer schwarz, der andere bräunlich gefleckt, kamen aufgeregt bellend auf mich zugerannt, mäßigten Tempo und Courage aber bald, um sich mit wedelnden Schwänzen zu nähern.

Ich herzte die guten Tiere, die sich auf den Rücken gerollt hatten und sah mich nach Menschen um. Auf einer Holzbank im Schatten der Diele kauerte eine alte Bäuerin, die ihren mit Blumen verschönten Kittel auf den Schoß gelegt hatte. Da sie offenkundig ihre Ruhe haben wollte, sprach ich sie auch nicht an, sondern marschierte weiter, auf ein Fachwerkhaus mit hohem Giebel zu, den die Inschrift Post tenebras spero lucem zierte.

Die Mittagshitze war immer noch unbarmherzig, und doch erblickte ich unter freiem Himmel eine Gruppe singender, von einem Dirigenten angeleiteter Kinder. Die Gruppe probte vor dem Haupthaus auf der Hofeinfahrt und auf der Weide im Hintergrund kreisten Kühe um einen tiefen Krater, der von einem Angriff der Ghoul-Krieger stammen mochte. Wie mir der Dirigent, der sein strähniges Haar zum Zopf gebunden hatte und dessen spilleriger Kinnbart beim Sprechen auf und ab hüpfte, später berichtete, stammte der Krater von einem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der vor einigen Tagen explodiert war. Auf wundersame Weise wurde keines der Nutztiere verletzt oder getötet. Es hatte eine dumpfe Detonation gegeben und Schwarzpulvergeruch schwängerte noch immer die Luft. Tatsächlich hatten einige Dorfbewohner angenommen, dass die Ghouls nun nach Bielheim vorgedrungen waren, obwohl dies nicht möglich sein konnte. Mit der Energie, die aus den Gebeten und Meditationen der Bevölkerung hervorging, schützte sich die Siedlung im Wald vor möglichen Attacken. Ihre mentale Abwehrkraft, der metaphysische Schirm, war so stark, dass die Helikopter der Feinde von der energetischen Käseglocke, die um Bielheim lag, stets zurückgehalten wurden.

Im Bielheimer Forst war ein Leben in Freiheit möglich, und doch war die Exklave umgeben von Feindesland. Ich hatte mich nach und nach im Traummodus den verschiedenen Dörfern in Bielheim genähert, und stellte nun fest, dass ich keineswegs in meinem Pechlocher Bett lag und schlief. Meine Reise stellte eine Mischung aus Schlaf und Wachen dar, ich bewegte mich, obwohl mein Körper ruhte, nahm ich zunächst an. Jetzt aber befand ich mich ganz real, mit Fleisch und Blut, in der utopischen Kolonie und ließ mich vom agrarisch-kulturellen Klima bezaubern.

Etwa zwanzig Kinder verschiedenen Alters standen stramm vor dem steil in das herrliche Grün der Eichen unter blauem Himmel aufragenden Gebäude und befolgten die Anweisungen des Dirigenten, der mit einem dünnen Weidenstock den Ton angab. Die Mädchen, neun- bis sechzehnjährig, steckten in seidenen, über dem Nabel gebauschten, und von purpurnen Schleifen zusammengehaltenen Sonntagskleidern. Ihre langen Haare, zum Teil gelockt, zum Teil glatt oder gewellt, hielten daumenbreite, mit unechten Brillanten bestückte Haarreifen aus der Stirn zurück. Die Kleineren hatten mit den etwas zu groß geratenen Reifen zu kämpfen, immerzu rutschten sie bei den Singbewegungen des Unterkiefers weiter ins Gesicht, bis der Haarschmuck auf der Nasenspitze zum Aufliegen kam. So beschäftigt waren die Mädchen mit ihren modischen Accessoires, dass sie manchmal zu Singen vergaßen, woraufhin der Dirigent sie streng zurechtwies, indem er mit dem Taktstock in die Luft stach. Von den wiederholten Pausen gelangweilt, erschienen die im sonoren Bariton belcantierenden Knaben.

Etwas älter als die Mädels, hatten sie den Stimmbruch bereits hinter sich und kratzten sich auffällig an den mit Schiebermützen bedeckten Köpfen, deren Cordstoff offenbar Jucken hervorrief. Sie wirkten wie tolldreist im Viereck springende Zeitungsjungen, wie man sie aus Stummfilmen kennt. Knickerbockerhosen waren unterhalb ihrer Kniescheiben mit nussbraunen Kordeln zusammengezogen, wollene Kniestrümpfe steckten in knöchelhohen Lederschnürschuhen. Die Hemden der Jungen waren ordentlich gebügelt und auf handtellergroßen Rundflicken prangte das strahlende Auge Gottes, welches auch die Mädchen auf ihren Blusen eingeprägt hatten. Auf einem Melkschemel ließ ich mich nieder und wartete darauf, dass der Chor seine Probe beendete, um mich bei dem Dirigenten zu erkundigen, ob ich auf dem im Schatten stehenden Klavier oder dem Cembalo spielen durfte. Doch die Probe dauerte an, und ich wurde langsam schon wieder hungrig.

Ein Stallbursche kam des Weges, eine Kanne Milch unter dem Arm. Ohne Worte reichte er mir das Gefäß und ließ mich tiefe Schlücke nehmen. Dann gab mir der sommersprossige Rothaarige noch einen Handkäse, den er aus den Tiefen seines fleckigen Rockes zog. Essend verfolgte ich den Gesang der Kinder, die eine kompliziert erscheinende, disharmonische Tonabfolge übten, den diabolus in musica, oder Tritonus. Der leicht missmutige Dirigent sang die diatonischen Ganztonschritte F-G, G-A, A-H vor, doch den Chorkindern gelang es einfach nicht, die übermäßige Quarte gesangstechnisch darzustellen. Also gab der Dirigent auf und ließ die Jungen und Mädchen eine kinderliedartige Ode auf den Sommer trällern. Des Wartens müde wollte ich den Gesang unterbrechen und fragen, ob ich eines der unbenutzten Tasteninstrumente spielen könne. Als ich den Mund öffnete, blickte mich der langhaarige, schwitzende Dirigent abweisend an, während die Kinder weiter sangen. Kurzerhand schwang ich mich von meinem Schemel an das antike Zupfinstrument und schlug mit beiden Händen Akkorde an, woraufhin sich die Tasten wie lose Blätter eines Notenheftes verflüchtigten. Verzweifelt versuchte ich, Herr der Lage zu werden, doch die Elfenbeintastatur glitt mir aus den Fingern.

Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente ich das Cembalo und fing mit jedem Ton die unter meinen Fingerkuppen fliehenden Tasten ein. Das Musikinstrument glich einem bockenden Hengst, der wild wiehernd um sich tritt. Offenbar wollte sich die Zimbel nicht von mir bedienen lassen und weigerte sich, indem sie ihren Flügel auf und abschwingen ließ, sodass meine Hände wieder und wieder eingeklemmt wurden. 

Auf erstaunliche Weise glich das Haus im Bielheimer Forst der Trutzburg, in der ich aufwuchs und aus der ich floh, um den Soldaten zu entkommen. Ob es sich um Ghouls handelte, die mich verfolgten, weiß ich nicht konkret zu bestimmen. Ghouls sind zu unglaublichen Metamorphosen fähig, ohne Weiteres können sie die menschliche Form annehmen, wenn es ihren Zielen dient. So ist es wahrscheinlich, dass unter den Titanrüstungen der Söldner diese nebulösen Schädel steckten, die über das Schicksal des Menschengeschlechts auf Erden bestimmen. Jedoch kamen meine Peiniger zu spät, hatte ich doch den quälenden Prozess des inneren Dialogisierens zu großen Teilen stoppen können. Nathaniel, mein Traumkompagnon, brachte mir bei, wie man den Zustand erreicht, den Schamanen als innere Stille bezeichnen. Nur durch höchste Konzentration, verbunden mit rigoroser Disziplin, wird es möglich, die Stimmen, die unser Inneres verhexen, und die wir das Denken nennen, zum Schweigen zu bringen. Nichts darf uns mehr ablenken, kein Fernsehen, keine ungesunde Ernährung, kein Alkohol, nicht das fatale Wispern, das aus den Mündern unserer Vertrauten dringt, und uns mit Schuldzuweisungen und anderen Vorwürfen übermannt. Haben wir von der inneren Stille erst einmal gekostet, bekommen wir einen Eindruck davon, wie unbegrenzt die Kräfte und Kapazitäten unseres Geistes sind, insofern wir die Konzentration permanent aufrecht erhalten.

Der Weg zu dieser Ebene ist lang und steinig. Den Meisten gelingt es nie, innere Stille, die mit der hohen Kunst des Schweigens verbunden ist, als Normalzustand in ihrem Geiste zu installieren. Zu verwinkelt und komplex sind die Pfade der Versuchung, der Verlockung, denen unser Alltagsbewusstsein ausgeliefert ist.

8. Die Königin der infanti dei

Jenseits der Bielheimer Seenlandschaft, an dem Punkt, wo die Flüsse und Bäche ihrer wahren Quelle entspringen, nahm mich die Gemeinschaft der infanti dei in ihrem Stammsitz auf. Von außen wirkt ihr Heim eher unspektakulär, unauffällig. Hat man den davon ausgehenden Zauber aber gespürt, so ist kein schönerer Ort auf Erden denk- oder wünschbar. Wie ein gigantischer Bienenkorb ist das Haus der Gemeinde in größeren und kleineren Waben eingerichtet, die um eine Zentralwohnung gebaut sind, in der ihre unsterbliche Königin haust. Die Feste liegt an einer streng geheimen, von einem Weiler abgeschirmten Stelle im undurchdringlichen Wald, und alles an ihr verhält sich antipodisch zu der Burg meiner Kindheit und Jugend, die ich nie wieder sehen sollte. Wo diese weiß gestrichen und aus Backsteinen errichtet, war jene aus dunkelbraunen Nadelhölzern gefertigt. Neonleuchten und kalte Ledermöbel sorgten für Ungemütlichkeit in meinem Elternhaus, doch hier gab es ausschließlich Kerzenlicht, welches die komfortablen Plüschsessel und Seidensofas in diffusem, flackernden Honigton umschattete und sanft beleuchtete.

Die Königin der infanti dei war eine schwer kranke und extrem launische, herrschsüchtige Frau namens Gerlinde, die ich sofort mochte. Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium fesselte die Herrin an einen Rollstuhl, der von treuen Assistenten bedient wurde. Da die Königin sehr viel zu tun hatte, stets kamen Anfragen und Bitten um Ratschläge, schlief sie so gut wie nie, eine Tatsache, die mich, der dazu neigt, bis zu vierzehn Stunden am Tag zu schlafen, faszinierte. Selbst wenn die mickrig und unscheinbar wirkende Frau von ihren ergebenen Dienern endlich ins Bett gebracht worden war, blieb sie immer wach. Aufgrund ihrer Muskelschwäche konnte sie ihre Extremitäten kaum eigenständig bewegen. Nur nachts, in ihrer Hochphase, brachte die Imperatorin, die ich niemals lächeln sah, einige Schritte zustande, wenn der jeweilige Betreuer ihre Sohlen über die glatten Dielen am Boden ihrer Kemenate schob.

Details

Seiten
434
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900385
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
rebellen lichts cassiopeiapress fantasy/ edition bärenklau

Autor

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Titel: Rebellen des Lichts