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Mördersommer 2015

Acht Krimis: Cassiopeiapress Spannung

von Alfred Bekker (Autor) Pete Hackett (Autor) Horst Bieber (Autor)

2015 500 Seiten

Leseprobe

Mördersommer 2015

Krimis von Alfred Bekker, Horst Bieber und Pete Hackett

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 491 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende acht Krimis:

Alfred Bekker: Abendessen mit Konversation

Alfred Bekker: Eis in den Bergen

Horst Bieber: Mord beginnt im Herzen

Pete Hackett: Der Tod führt Regie

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Pete Hackett: Wer mit dem Tod handelt...

Alfred Bekker: Im Visier der Killerin

Pete Hackett: Der Moloch von der Eastside

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Abendessen mit Konversation

von Alfred Bekker

 

Es ist eine traurige Sache.

Warum bleiben sie nicht?

Warum erschrecken sie, wenn sie das Haus betreten? Weshalb beklagen sie alle sich über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird?

Sie wollen nicht bleiben und mit mir reden.

Ich weiß nicht warum.

Ist es zuviel, was ich verlange?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Und doch, es ist immer dasselbe. Sie wollen nicht bleiben. Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.

 

Ich zünde die Kerzen an.

Der Schein des Lichts fällt auf ihre ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht.

Ich konnte sie nicht gehen lassen.

Ich konnte einfach nicht.

 

"Sie wollen wirklich schon gehen?"

Ihr Gesicht wirkt verlegen.

"Ja."

"Aber..."

"Ich muss mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit..."

"Ich habe den Tisch gedeckt!"

"Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber..."

"Aber?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen... Was ich sagen will ist..."

"Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!"

"Das ist sehr nett, aber - "

"Alles ist vorbereitet... "

Sie runzelt genau in diesem Moment die Stirn.

"Vorbereitet?"

Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.

Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.

Ich habe kein gutes Gefühl.

"Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken..."

 

Ich habe etwas Scheußliches getan.

Naja, das haben die meisten vielleicht irgendwann schonmal in ihrem Leben. Aber das, was ich getan habe, ist von besonderer Scheußlichkeit. Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.

Ich empfinde auch keine Schuld.

Es ist so gekommen.

Aus.

Fertig.

Reden wir über etwas anderes.

 

Ich sehe ihr in die Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich eigentlich ganz friedlich anblicken.

Sie sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit ihrem schmalen Mund, mit ihrem feingeschnittenen Gesicht. Ihr Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.

Ich hebe mein Glas und proste ihr zu.

Sie schweigt.

Ich rede mit ihr. Oder besser: Ich erzähle ihr alles Mögliche. Über mich. Über meine Ansichten. Über Gott. Und die Welt.

Nein, vielleicht doch nicht über Gott. Was ich damit sagen will ist folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nicht allzuviel verloren.

Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.

Um seinetwillen.

Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlass. Eigentlich bin ich ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern. Ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Das Haus, in dem ich wohne, liegt etwas abseits, nicht weit von der Steilküste entfernt.

Ich habe es für mich allein und das ist gut so.

 

Oft bin ich oben bei den Klippen.

Es herrscht immer ein starker Wind dort.

Man trifft Leute dort. Touristen. Manchmal komme ich mit ihnen ins Gespräch und lade jemanden zu mir nach Hause ein.

Zum Essen.

Die meisten wollen nicht, aber bei einigen gelingt es mir.

Kein Mensch kann immer allein sein. Kein Mensch. Auch ich nicht.

 

Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.

Ich lasse sie am Tisch sitzen. Sie blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten.

Hätte ich sie doch gehen lassen sollen?

Vielleicht.

Ich konnte es nicht.

Es war einfach unmöglich.

Ich brauchte sie.

Und ich hoffe nur, dass ich ihr nicht allzu sehr wehgetan habe. Jedenfalls hat sie nicht geschrien. Sie war wohl sofort tot. Ganz bestimmt.

 

Am vierten oder fünften Tag nahm ich sie über die Schulter und setzte sie in einen der großen Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen beieinander. Es war schön.

Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.

 

Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.

Ich betrachtete wehmütig ihr Gesicht.

Schade, aber ich würde mich von ihr verabschieden müssen.

Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt.

Dennoch, es war unvermeidlich.

Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Art Grube angelegt hatte, und legte sie zu den anderen.

 

ENDE

 

 

Eis in den Bergen

von Alfred Bekker

 

1

Eine Villa in der Münchener Rauheckstraße, ein Ferienhaus mit Aussicht auf einen idyllischen Bergsee, nur eine halbe Stunde von der Großstadt entfernt... Dr. Anton F. Seidl fand, dass er es in den letzten Jahren zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Und das, obwohl er keinesfalls Schönheitschirurg oder Zahnarzt war - sondern Tiermediziner. Und die standen normalerweise vom Einkommen her an unterster Stelle der medizinischen Zunft, es sei denn, sie hatten sich auf das Kurieren kleinerer Wehwehchen von millionenschweren Rennpferden spezialisiert. Aber zu diesen Kreisen hatten Seidl die Beziehungen gefehlt.

Er atmete tief durch, blickte über den mustergültig gepflegten Garten seiner Villa.

Hier war kein Grashalm an der falschen Stelle. Ein Gärtner kam regelmäßig dreimal die Woche, um alles in Ordnung zu halten und darüber hinaus die zahlreichen und häufig wechselnden gärtnerischen Sonderwünsche von Frau Seidl zu erfüllen.

Alles, was du hier siehst, wird dir vielleicht schon bald buchstäblich unter den Fingern zerrinnen!, ging es Seidl grimmig durch den Kopf. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Nein, du hast einfach zu lange dafür gekämpft, um jetzt aufzugeben! Jetzt musst du dir etwas überlegen, dich vielleicht sogar mit sehr harten Bandagen durchzukämpfen.

Seidl zuckte zusammen, als ihn von hinten eine Hand an der Schulter berührte.

"Was ist?", drang die Stimme seiner zweiten Ehefrau Veronika in sein Bewusstsein.

Seidl drehte sich ruckartig zu ihr herum. Sie war Anfang dreißig, er Anfang fünfzig. Ihr Gesicht war feingeschnitten mit hohen Wangenknochen. Das dunkle Haar fiel ihr bis weit über die Schultern. Zwei feste Brüste pressten sich gegen den enganliegenden Stoff ihres Pullovers. Manchmal musste er aufpassen, um sie nicht mit 'Franziska' anzureden - dem Namen seiner ersten Frau. Im Grunde war Veronika eine Art verjüngte Ausgabe seiner ersten Frau.

"Es ist nichts", behauptete Seidl.

"Du schwitzt ja!"

"Ja, mein Gott..."

"Mei, du siehst ja ganz blass aus!"

Eine der wenigen Dinge, die Seidl an seiner zweiten Frau störten war, dass sie unentwegt "mei" zu sagen pflegte. Während er selbst sich den niederbayrischen Dialekt, mit dem er aufgewachsen war, mühsam abgewöhnt hatte und spätestens seit seinem Studium in Hamburg nur noch 'nach der Schrift' redete, konnte Veronika ihre sprachliche Herkunft einfach nicht verleugnen.

"Mei, warum sagst denn nix? Hängt das vielleicht mit dem Reporter zusammen, der vorhin hier war?"

Seidl lächelte breit. "Das war nur ein Wichtigtuer", meinte er. "Der ist nur auf Skandale aus."

"Skandale? Mei, was will er denn dann von dir?"

"Ach, du kennst das doch. Da ist irgendwo mal wieder hormonverseuchtes Fleisch aufgetaucht und jetzt wollte dieser Kerl meine Meinung dazu wissen."

"Das war alles?"

"Ja, verdammt nochmal."

"Geh, Anton! Nun hab dich doch net so! Man wird ja wohl mal nachfragen dürfen."

Seidl atmete tief durch. "Mir geht es heute nicht besonders gut. Muss wohl am Fön liegen. Ich glaube, ich lege mich ein bisschen hin. Nachher habe ich nämlich noch einen wichtigen Termin..."

"Wollten wir heut' Abend net in die Oper?"

"Ja schon, aber..."

"Das wird also nix!"

"Nicht traurig sein. Geh ruhig allein hin oder nimm deine Freundin Karin mit, damit die Karte nicht verfällt!"

Seidl ging an ihr vorbei, trat dann durch die Terrassentür ins Haus.

In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Ich lasse mir meine Existenz nicht zerstören!, hämmerte es in ihm. Um keinen Preis...

 

 

2

Zwei Stunden später wählte Seidl vom Anschluss im Schlafzimmer aus eine Handynummer, die er von einer Visitenkarte ablas.

Es war die Karte des Journalisten.

"Hier Tom Dremmler", meldete sich eine sonore Stimme.

Tom Dremmler, freier Mitarbeiter verschiedener Boulevardblätter und neuerdings Erpresser, so ging es Seidl zynisch durch den Kopf. Aber in dem Job bist du ein Anfänger, Dremmler! Also sieh dich vor!

"Ich bin's, Dr. Seidl", meldete sich der Veterinär.

"Sie haben sich die Sache also überlegt", stellte Dremmler fest. Er lachte heiser. Seine Stimme war rau vom übermäßigen Alkoholgenuss. Auf den Parties, die er besuchte, nahm er beinahe jedes volle Glas mit, das ihm hingehalten wurde. Seine Leberwerte mussten entsprechend sein. Und die Zahl der abgestorbenen Hirnzellen hatte mit Sicherheit jenen Wert überschritten, der ihn noch hätte hoffen lassen können, dass aus ihm eines Tages doch noch ein seriöser Feuilletonist wurde.

"Hören Sie, Dremmler..."

"Ich will eine Million! Darüber lasse ich auch nicht mit mir handeln. Andernfalls können Sie auf den Titelseiten Ihren Namen und Ihr Bild sehen. Vielleicht mit folgender Überschrift: DER HORMON-DOKTOR ENTLARVT! NEUER SKANDAL IN DER SCHWEINEMAST!"

"Woher soll ich eine Million nehmen?"

"Beleihen Sie Ihre Villa oder verkaufen Sie Ihr Ferienhaus in den Bergen..."

"Sie sind gut informiert."

"Vergessen Sie das nie, Dr. Seidl. Vergessen Sie das nie...."

"Angenommen ich zahle Ihnen eine Million. Wer garantiert mir, dass Sie nicht weitere Forderungen stellen."

"Was haben Sie nur für eine schlechte Meinung von mir."

"Ja wohl nicht ganz unbegründet, oder?"

"Seidl, Sie können von Glück sagen, wenn Sie aus dieser Sache mit einigermaßen heiler Haut herauskommen. Jahrelang sind Sie von Bauernhof zu Bauernhof gereist und haben Ihre illegalen Medikamentencocktails verkauft. Eine Art Dealer für Junkie-Schweine..." Er kicherte. "Ich kann alles belegen. Ich habe Unterlagen, Fotos, Proben..."

"Ich muss dieses Beweismaterial haben, wenn ich Ihnen eine derart große Summe zahle."

"Dann legen Sie noch eine halbe Million drauf und wir sind handelseinig."

"Sie sind unverschämt."

"Ich kann rechnen, Dr. Seidl. Sie haben mit Ihren Wundermitteln in den letzten Jahren ein Mehrfaches davon eingenommen. Alles, was ich verlange ist ein gerechter Anteil."

Innerlich kochte Seidl.

Alles in ihm krampfte sich zusammen. Er bemerkte, dass seine Hand zu zittern begann. Wenn er jetzt vor mir stünde!, durchzuckte es ihn. Er hätte dann für nichts garantieren können... Durch regelmäßiges Atmen versuchte er, sich wieder zu beruhigen.

Er musste einen kühlen Kopf bewahren.

Eiskalt reagieren.

Nur dann hatte er eine Chance, den Hals aus der Schlinge zu ziehen.

"Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden", brachte er schließlich über die Lippen.

"Freut mich, das zu hören."

"Aber Sie dürfen mich nie wieder in meiner Villa an der Rauheckstraße besuchen! Haben Sie gehört?"

"Sorry, Doc." Tom Dremmler lachte heiser, hustete dann. Vermutlich Raucherhusten, diagnostizierte Seidl.

"Wir müssen uns treffen. Sie bringen die Beweismittel mit und ich..."

"Die anderthalb Millionen", schnitt Dremmler ihm das Wort ab.

"In bar, nehme ich an."

"Wäre mir lieb."

"Samstag in einer Woche. Vorher kriege ich das mit meiner Bank nicht zurecht."

"Gut. Aber keinen Tag länger."

"Nun zum Treffpunkt. Mein Ferienhaus in Kayserstein kennen Sie ja bereits."

"Ja."

"Kommen Sie nächsten Samstag gegen 17.00 Uhr dort hin. Dort sind wir ungestört."

"Einverstanden."

 

 

3

Dr. Anton Seidl fuhr die schmale, in Serpentinen den Berghang hinaufführende Straße mit geradezu halsbrecherischem Tempo entlang. Es war Samstag Mittag. Veronika hatte etwas herumgemeckert, als er ihr offenbart hatte, dass er das Wochenende im Ferienhaus verbringen wollte. Schließlich war er sogar das Risiko eingegangen, ihr anzubieten, ihn doch zu begleiten. Das hatte sie während ihrer bislang vierjährigen Ehe nur ein einziges Mal getan und sich dabei schrecklich gelangweilt. Bergwandern und die stundenlange Angelei im nahegelegenen See - das war alles nicht ihr Fall. Ihrer dialektbeladenen, sich eher erdverbunden anhörenden Sprache zum Trotz war sie doch ganz eindeutig eine Stadtpflanze und kein Landei.

Aber Anton Seidl brauchte ab und zu diese Einsamkeit und Ruhe hier oben.

Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er das Haus zum ersten Mal gesehen hatte. Er war auf dem Weg zu einem Kunden gewesen, dessen Viehbestand er mit einem Koffer voller wachstumsfördernder Mittel versorgt hatte. Für viele der Bergbauern war die Situation prekär. Mit den großen Agrarfabriken andernorts konnten sie nicht mithalten, weder im Preis noch in der Menge. So mussten die Tiere eben schneller wachsen und dabei immer noch nach Möglichkeit den Eindruck machen, als ob sie unter glücklichen Umständen ihr kurzes leben gefristet hatten. Verluste waren tabu. Es wurde gespritzt, was das Zeug hielt, beziehungsweise der Koffer des Hormon-Dealers hergab.

Von einem seiner Kunden, dem Wendinger-Klaus, dem einer der größten Höfe in der Umgebung gehörte, hatte Seidl seinerzeit den Tipp bekommen, sich das Haus mal anzusehen. Es hatte kurz vor der Zwangsversteigerung gestanden. Den Preis, den Seidl dafür hatte ausgeben müssen, war geradezu lächerlich, wenn man bedachte, dass die Gegend touristisch gut erschlossen war.

Seidl hing seinen Gedanken nach, blickte zwischendurch immer wieder nervös auf die Uhr.

Er hatte einen Plan.

Einen Plan, der mit Tom Dremmlers Tod enden würde. Aber bevor er das Ferienhaus erreichte, gab es noch einiges, was Seidl vorzubereiten hatte.

Plötzlich musste Seidl mit aller Gewalt in die Bremse seines champagnerfarbenen Mercedes SLK treten. Die Reifen quietschten. Von der Seite ergoss sich ein Strom von hunderten von Schafleibern auf die Fahrbahn. Sie blökten durcheinander. Einige wichen vor dem SLK erschrocken zurück und stießen dabei ihre Artgenossen um. Ein Chaos entstand. Mittendrin, wie ein Fels in der Brandung, stand der Schäfer mit hochrotem Kopf und wütendem Gesicht.

Er nahm seinen Filzhut ab, knitterte ihn in der Faust zusammen und brüllte Seidl wütend an. Da der Tierarzt das Verdeck seines SLK auf Grund des sonnigen Frühlingswetters zurückgeklappt hatte, konnte er jedes Wort verstehen. Und das, obwohl ein Hirtenhund andauernd dazwischen bellte.

"Mei, was fällt Ihnen ein! Kruzifix noch einmal! Wie kann einer nur so narrisch sein und net aufpasssen, was über die Straße herüberkommt!"

"Hätten Sie nicht aufpassen können!", rief Seidl zurück.

Er kannte den Hirten.

Corbinian Anzengruber hieß er und war in der gesamten Gegend als eine Art Faktotum bekannt. Allerdings auch als Verbreiter von Neuigkeiten und Gerüchten.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dass mir der über den Weg läuft!, ging es Seidl ärgerlich durch den Kopf. Dieser Quasselkopf würde überall herumerzählen, dass der allseits bekannte Tierarzt mal wieder in der Gegend war und das Wochenende in seinem Ferienhaus verbrachte.

Einige Sekunden lang dachte Seidl darüber nach, ob er das ganze Unternehmen nicht abblasen sollte.

Er dachte an die Polizei, an die Fragen, die sich zwangsläufig ergeben, wenn...

Nein, du stehst das jetzt durch!, forderte er sich dann selbst auf. So etwas wie absolute Sicherheit gibt es nicht, Anton Seidl! Auch für dich nicht! Du musst das Risiko eingehen, wenn du nicht sehenden Auges in den Abgrund springen willst!

"Geht das nicht ein bisschen schneller?", schrie Seidl dem Hirten dann entgegen.

Dann hupte er, worauf die Schafe aufgeregt blökten und der Hirtenhund sich in seiner bis dahin unumstrittenen Autorität bedroht fühlte.

"Ja, ist dieser großkopferte Herr Veterinär jetzt vielleicht vollkommen narrisch geworden?", brüllte der Anzengruber jetzt zurück. "Macht mir die Tiere auch noch verrückt!"

"Ich hab's eilig!"

"Mei, das dauert halt ein bisserl!"

Fast eine Viertelstunde dauerte es, bis alle Tiere endlich über die Straße gelangt waren.

Seidl ließ den Motor des SLK aufheulen und brauste davon. Wenig später erreichte er das schmucke Holzblockhaus. Er parkte den SLK und stieg aus.

Tief sog er die klare Bergluft in sich auf. Man hatte eine fantastische Aussicht von hier aus. Reste des Morgennebels hingen noch über dem leuchtend blauen See, auf den man von hier aus eine vollkommen freie Sicht hatte.

Ein Ort wie aus dem Paradies, dachte Seidl. Aus meinem Paradies. Und davon wird mir niemand etwas wegnehmen.

Er sah kurz auf die Uhr (er wusste selbst nicht mehr, zum wievielten Mal an diesem Tag schon) und griff dann zum Handy.

 

 

4

"Wo soll ich das Zeug hinbringen?", fragte der Eismann, der seinen Lieferwagen etwa eine Stunde später vor Seidls Ferienhaus geparkt hatte. Er wollte sich schon mit einer Eisstange in der Hand an Seidl vorbei zum Haus hinbewegen, aber Seidl schüttelte den Kopf.

Im Haus konnte er das Eis nicht gebrauchen.

"Dort hinein!", forderte er und deutete dabei auf den Kofferraum seines SLK.

Der Eismann sah ihn ziemlich verdutzt an.

"Ist das Ihr Ernst?"

"Mein voller!"

Zur Bekräftigung öffnete Seidl den Kofferraum. Der Eismann kam herbei und lud die Stange dort ab. Er wischte sich anschließend mit dem Ärmel über die Stirn. "Die anderen auch in den Kofferraum?", vergewisserte er sich.

Seidl nickte kühl.

"Ja."

Insgesamt drei, dicke, quaderförmige Stangen Eis brachte der Eismann dann noch in den Kofferraum des SLK.

"Sie werden sich den Wagen damit verderben", prophezeite der Eismann.

"Das lassen Sie mal meine Sorge sein", erwiderte Seidl kühl.

Der Eismann hob beschwichtigend die Hände. "Ist ja schon gut, ich wollte Ihnen wirklich net reinreden, Herr Doktor..."

"Dann lassen Sie es bitte auch!"

"Mei, muss man denn da gleich so grantelig werden? Ich hab's ja nur gut gemeint."

Seidl schloss den Kofferraum und bezahlte dann. Der Eismann blickte nachdenklich auf den SLK. "Sie haben 'ne Riesenparty vor sich, was?"

Seidls Lächeln war dünn. Sein Mund wirkte in diesem Moment fast wie ein Strich. "Ja, so könnte man es bezeichnen..."

"Warum haben Sie keine Getränke bei uns bestellt? Sie hätten dann Rabatt gekriegt."

"Auf wiedersehen."

Augenblicke später fuhr der Eismann davon. Seidl sah dem Lieferwagen nach, bis er so weit die Serpentinen hinuntergefahren war, dass man ihn vorübergehend nicht mehr sehen konnte. Später, das wusste Seidl, würde er wieder auftauchen und man konnte seinen Weg dann noch eine ganze Weile beobachten.

Seidl griff zum Handy.

Er wählte die Nummer von Tom Dremmler.

"Hier ist Seidl."

"Nanu, wir waren doch erst später verabredet", wunderte sich der Journalist.

"Ich weiß. Aber es hat sich einiges geändert. Wir müssen den Termin etwas vorverlegen. Und der Treffpunkt ist auch nicht mehr derselbe."

"Wenn Sie glauben, Sie können mit mir irgendwelche Tricks versuchen, dann..."

"Das würde ich mir nie erlauben!", versuchte Seidl den Erpresser zu beschwichtigen.

"Sie wissen, was dann passiert."

"Natürlich."

"Also?"

"Sie fahren nicht erst heute Abend um fünf zu mir in die Berge, sondern jetzt. Kurz vor Kayserstein befindet sich ein Parkplatz mit hervorragender Aussicht. Liegt etwas abseits. Aber wenn Sie nach dem Hinweisschild 'Kayserstein 7 Kilometer' die nächste links nehmen, kommen Sie direkt dort hin."

"Gibt es kein Hinweisschild?"

"Nein."

"Ich glaube nicht, dass ich schonmal dort war."

"Wenn Sie Schwierigkeiten mit dem Weg haben, rufen Sie meine Handynummer an. Fragen Sie auf keinen Fall irgend jemanden. Ich bin in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund."

Dremmler lachte.

"Ich weiß."

"Kommen Sie zum Treffpunkt. Ich werde Ihnen die anderthalb Millionen übergeben, sofern Sie das belastende Material bei sich haben. Aber beeilen Sie sich!"

"Gut", kam es nach einigem Zögern von der anderen Seite der Leitung.

Seidl triumphierte innerlich.

 

 

5

Anton Seidl war als erster auf dem Parkplatz. Er sah ungeduldig auf die Uhr. Das Eis machte ihm sorgen. Wenn Dremmler zu spät kam, wäre es geschmolzen. Aber das Eis spielte in dem Mordplan, den er sich zurechtgelegt hatte, eine entscheidende Rolle. Es gibt keinen anderen Weg!, sagte er zu sich selbst. Du hast es oft genug hin und her überlegt. Du oder er, das ist die Alternative. Nein, die Sache musste beendet werden. Ein für allemal. Seidl zog sich seine dünnen Lederhandschuhe an. Ein Motorengeräusch brauste auf. Das war Dremmler. Er parkte seinen roten Ford und stieg aus. Dremmler strich sich das etwas zu lange, fettig wirkende Haar zurück. Der Fotoapparat baumelte ihm am Hals. Er ging auf Seidl zu und kam gleich zur Sache. "Wo ist das Geld?", fragte Dremmler.

Seidl ging ein paar Schritte auf ihn zu. "Hören Sie, Dremmler...", begann er. Er hatte Dremmler fast erreicht, da erstarrte der Tierarzt mitten in der Bewegung. Er blickte abwärts in Höhe seines Bauches und bemerkte den blanken Lauf eines Kleinkaliber-Revolvers in Dremmlers rechter Hand. Der Reporter hatte die Waffe blitzschnell unter seiner Jacke hervorgezogen.

Offenbar war er misstrauisch geworden.

"Bleiben Sie, wo Sie sind", sagte der Reporter.

"Dremmler, was soll das? Wir wollten uns doch einigen!"

"Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, Herr Dr. Seidl!", erklärte er mit hochrotem Kopf, wobei er das 'Herr Dr. Seidl' eigenartig betonte. "Ich weiß, dass Sie mit allen Wassern gewaschen sind und Ihnen kein Trick zu schmutzig wäre..."

Seidl lächelte schwach. "Dremmler..."

"Keine Tricks! Ich will das Geld."

"Es ist im Wagen!"

"Dann holen wir es jetzt..." Dremmler bedeutete Seidl mit einem Handzeichen, sich umzudrehen. Mit Dremmlers Waffe im Rücken ging er dann vor dem Reporter her und fragte sich, was er tun konnte. Seidl hatte kein Geld für Dremmler und außerdem drohte sein ganzer Plan den Bach hinunter zu gehen. Seidl öffnete den Kofferraum seines Wagens. Dremmler stand hinter ihm und sah auf die Eisstangen.

"Was soll das?", murmelte er.

Jetzt oder nie!, dachte Seidl. Diesen Moment der Überraschung nutzte er und wirbelte herum. Der Handkantenschlag traf Dremmlers Kehle und ließ ihn augenblicklich in sich zusammensacken. Die Waffe hielt Dremmler fest umklammert, aber er kam nicht mehr dazu, sie abzudrücken. Seidl sah zufrieden auf den Reporter herab. Er war tot. Ein zynisches Lächeln umspielte Seidls Lippen. Einer wie er, der sich seit Jahren mit Karate fit hielt, brauchte keine Waffe. Zumindest nicht, wenn er nahe genug an seinen Gegner herankam.

Jetzt durfte er keine Zeit verlieren.

Er durchsuchte den Wagen, fand eine Tasche, in der sich Fotomaterial und andere Unterlagen befanden.

Seidl sah es kurz durch.

Dremmler muss mich geradezu beschattet haben!, durchfuhr es ihn dabei.

In Zukunft musste er vorsichtiger sein, um etwas Ähnliches zu verhindern.

Seidl nahm das Material an sich, verstaute es im Handschuhfach seines SLK.

Und wenn der Hund noch mehr gesammelt und irgendwo anders deponiert hat?, überlegte er. Er musste davon ausgehen. Aber er würde deswegen nichts unternehmen. Mochte das Zeug irgendwo in Frieden auf einer Festplatte schlummern. Wenn Seidl anfing, danach zu suchen, würde er sich nur in Verdacht bringen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Strafverteidiger!, dachte Seidl.

Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Und das Risiko, dass das doch etwas von dem belastenden Datenmaterial an die Oberfläche gespült wurde, war vertretbar.

Wenig später packte Seidl Dremmlers Leiche und trug sie zu dessen Wagen.

Dann setzte er den Toten ans Steuer. Nun schob er den Ford an den Rand des Parkplatzes. Dort ging ein Hang recht steil hinab. Seidl schob den Wagen so weit es ging dorthin und zog die Bremse. Anschließend holte Seidl aus seinem Wagen die erste Eisstange. Er legte sie so unter die Vorderräder von Dremmlers Sportwagen, dass das Eis wie ein Bremsklotz wirkte. Die beiden anderen Stangen platzierte er ähnlich. Dann löste er sehr vorsichtig die Handbremse und lächelte. Das Eis würde schmelzen und der Wagen in die Tiefe rasen. Etwas weiter unterhalb kam ein Plateau und dann ging die Felswand fast senkrecht in die Tiefe. Der Wagen würde vielleicht explodieren und wenn nicht, dann würde man die Verletzung an Dremmlers Kehle als Unfallfolge deuten. Schließlich konnte die Kehle auch durch das Lenkrad eingedrückt worden sein.

Wahrscheinlich konnte man in der Umgebung den Aufprall weithin hören.

Gut so, dachte Seidl.

Denn wenn es so weit war, würde er sich viele Kilometer entfernt befinden und dafür sorgen, dass sich genügend Zeugen an ihn erinnerten... Seidl stieg in den Wagen und brauste davon.

 

 

6

Seidl überlegte, was er tun sollte. Vielleicht war es das Beste, jetzt einfach nach Hause zu fahren. Nach München. Warum sich länger als unbedingt notwendig in der Gegend aufhalten, zumal er in seinem Ferienhaus kein richtiges Alibi hatte.

Er war innerlich stark aufgewühlt, überlegte hundertmal, ob er nicht irgendeinen Fehler gemacht, irgend etwas übersehen hatte.

Ganz ruhig bleiben!, forderte er sich selbst auf. Du kannst jetzt nichts weiter tun, als abwarten, dass es irgendwo einen lauten Knall gibt. Nichts wird in deine Richtung deuten. Fahr nach München. Veronika wird fragen, warum ich so früh zurückkehre, sie wird sich etwas wundern und ich werde irgendeine Ausrede erfinden. Es wäre das erste Mal, dass sie an irgend etwas zweifelt.

Seidl drehte leise das Radio an, während er mit - wie üblich überhöhter Geschwindigkeit - die schmale Bergstraße entlangbrauste.

Er blickte kurz in Richtung des Sees. Das Sonnenlicht spiegelte sich darin, ließ ihn leuchend blau erscheinen. Dahinter die schneebedeckten Gipfel. Eine Postkartenkulisse.

Dann erreichte er die Tankstelle vom Krainacher. Eine kleine, freie Tankstelle, die sowohl von ihrer tatsächlichen Lage als auch von ihrer wirtschaftlichen Situation her nahe am Abgrund stand.

Die Tankanzeige zeigte an, dass der SLK eigentlich noch nicht wieder neuen Kraftstoff brauchte, aber Seidl kam der Gedanke, dass ein Besuch beim Krainacher eine gute Gelegenheit war, sich in Erinnerung zu bringen.

Für den Fall, dass es doch Ermittlungen gab, die ihn in den Kreis der Verdächtigen mit einbezogen.

Er fuhr vor die Zapfsäule, stieg aus, tankte den SLK bis oben hin voll.

Dann ging er zum Krainacher herein, der mit ölverschmierter Latzhose hinter der Kasse stand. Seidl nahm noch eine Zeitung, damit die Rechnung nicht so lächerlich gering blieb.

"Servus, Herr Doktor!", sagte der Krainacher. "Sie sind schon wieder auf dem Rückweg?"

Natürlich hatte der Krainacher mitbekommen, in welcher Fahrtrichtung Seidl unterwegs war. Schließlich bestand seine Hauptbeschäftigung darin, aus dem Tankstellenfenster auf die Straße zu blicken.

"Ja, ja", murmelte Seidl.

"Aber am Wetter kanns net liegen! Das ist doch heute ausgezeichnet für die Jahreszeit!"

"Ich brauche den Sonntag noch, um meine Steuersachen zu ordnen."

"Mei, da woaß i, wovon Sie red'n!", nickte der Krainacher mitfühlend. "Wenn Sie mich fragen, dann nimmt die Bürokratie auch wirklich überhand! Finden's net auch?"

"Sicher."

In diesem Moment fuhr ein Traktor vor eine der Zapfsäulen. Der Fahrer stieg ab, tankte nach.

Seidl verabschiedete sich vom Krainacher und ging hinaus.

Den Traktorfahrer kannte er. Es war der Bernrieder-Bauer.

"Servus! Gut, dass ich Sie treffe!", rief der Bernrieder und kam auf ihn zu. "Meine Mathilda steht kurz vom Kalben und ich hab das Gefühl, da stimmt was net..."

"Sie wissen, dass ich..."

"Ja, i woaß! Sie sind mehr für den medikamentösen Aspekt der Tiermedizin zuständig!" Seidl zuckte zusammen. Der Krainacher sprach das aus, als handelte sich um eine ganz normale Dienstleistung. Schon Jahrelang sorgte Seidl dafür, dass das Vieh des Krainachers etwas schneller wuchs, als die Natur das eigentlich vorgesehen hatte.

"Ich würde Sie net fragen, wenn der Huber da wär!"

'Der Huber', das war der hiesige Tierarzt. Ein Mann mit Prinzipien und ein Tierarzt im klassischen Sinn. Dafür aber auch ein vergleichsweise armer Hund!, ging es Seidl durch den Kopf.

"Ich sehe mir Ihre Mathilda an!", versprach Seidl.

Warum nicht?, überlegte er. Eigentlich müsste ich dem Krainacher dankbar sein - bietet er mir doch ein perfektes Alibi an.

 

 

7

Seidl blieb den ganzen Nachmittag auf dem Krainacher-Hof. Mit der Kuh Mathilda war alles in Ordnung - es waren die Nerven des Bauern, die blank lagen. Aber Seidl sorgte dafür, das sein Aufenthalt auf dem Hof sich etwas in die Länge zog.

Zwischendurch war in der Ferne ein lauter Knall zu hören. Dann, kurze Zeit später ein weiterer.

Seidl horchte auf.

Einige der Kühe wurden unruhig.

"Was war das denn?", fragte Seidl.

"Mei, das muss aus dem Nachbartal kommen. Da wird seit kurzem nämlich Basalt abgebaut! Wir haben alle dagegen protestiert und sogar beim Landrat vorgesprochen, aber da war nix zu machen!"

"Auch am Samstag?"

"Die holen sich einfach eine Sondergenehmigung!"

Seidl nickte verständnisvoll.

Hauptsache, er erinnert sich später noch an die Explosion, denn der Tierarzt war sicher, dass dieser Knall nichts mit dem Basaltabbau in der Nähe zu tun hatte.

Später saß Seidl noch bei einer Brotzeit in der guten Stube des Krainachers. Ich habe es geschafft!, dachte der Tierarzt. Das Alibi ist perfekt.

 

 

8

Es wurde spät und Seidl entschied sich dafür, doch nicht nach München zurückzukehren. Wozu auch? Ihm konnte nichts passieren, die gesamte Familie des Krainachers konnte bezeugen, dass er zu dem Zeitpunkt, da Dremmlers Ford in die Tiefe gestürzt war, sich auf dem Hof befunden hatte. Jetzt wollte er in der Nähe bleiben, um besser beobachten zu können, was sich tat...

Auf dem Rückweg zum Ferienhaus fror Seidl ganz erbärmlich, obwohl er sich den Mantel angezogen hatte.

Es war verflucht kalt geworden.

Schon während seines Aufenthalts auf dem Krainacher Hof war ihm der eisige Wind aufgefallen, der plötzlich von den Bergen blies.

Er kehrte erst spät in sein Haus in den Bergen zurück und war ziemlich überrascht, als jemand vor der Haustür auf ihn wartete. "Ich bin Kriminalhauptkommissar Niedermayer ", sagte der etwas beleibte Mann und zeigte Seidl seine Marke. "Ich habe es schon einmal versucht, aber da waren Sie nicht zu Hause..."

"Kommen Sie herein", sagte Seidl und rieb sich die Hände. Es war ziemlich kalt geworden. "Was ist denn passiert?"

"Kennen Sie Herrn Tom Dremmler?"

"Warten Sie, ich mache die Heizung an..."

"Er ist hier in der Nähe ermordet worden."

"Ermordet?", fragte Seidl. Etwas musste schief gelaufen sein und er fragte sich verzweifelt, was es wohl war. Der Kommissar nickte. "Von Ihnen, Herr Seidl. Sie hatten einen genialen Plan. Eigentlich hätte man von dem Eis keinerlei Spuren finden dürfen und wir hätten dann auch niemals bei den Eislieferanten der Umgebung nachgefragt, wer sich heute vier große Stangen hat liefern lassen... Wir wären nie auf Sie gekommen, Herr Seidl, wenn Sie das Wetter hier in den Bergen in Ihre Überlegungen mit einbezogen hätten. Drastische Temperaturschwankungen sind hier nichts Ungewöhnliches und heute hat es so einen Temperatursturz gegeben. Das Eis ist noch immer nicht geschmolzen... Sie sind übrigens verhaftet!"

 

ENDE

 

 

MORD BEGINNT IM HERZEN

von Horst Bieber

 

Jens Träger, ein achtjähriges Kind ruft die Eltern seiner gleichaltrigen Schulfreundin an.

Alle sind weg“ flüstert er. „ Es ist dunkel und mir ist kalt. Ich möchte bei euch schlafen“.

Und als man den verstörten Jungen abholt, wird der schlimmste Albtraum, den man erleben kann, bittere Realität.

In der Diele des Träger-Hauses finden sie die Leiche der erschossenen Mutter, wenig später den ermordeten Vater. Was ist dort nur Entsetzliches geschehen – und hat der Junge die grausamen Bluttaten mit ansehen müssen?

Hauptkommissarin Nele Kayser und eine Kinderpsychologin versuchen den traumatisierten Jungen zum Sprechen zu bringen.

Doch nicht jeder in der Abteilung bringt die Geduld dafür auf. Schließlich führen alle anderen verwertbaren Spuren in eine Sackgasse! Der Junge bleibt der wohl einzige Zeuge und die Polizei gerät unter Erfolgsdruck. Mit katastrophalen Konsequenzen für das Kind…

 

 

1.

Natürlich hatte gerade die Tagesschau angefangen, als das Telefon klingelte. Ewald Witte schnaubte gereizt und langte nach der Fernbedienung, doch seine Frau war wieder einmal schneller gewesen und hatte ihm das Gerät weggeschnappt. Einem klingelnden Telefon konnte Karla Witte nur selten widerstehen. Sie schaltete den Ton des Fernsehers auf leise und nahm den Hörer auf.

"Witte." Während sie zuhörte, wurde ihre Miene immer besorgter.

"Ja, Jens, wir kommen gleich und holen dich."

"Das war Jens", sagte sie zu ihrem Mann und legte auf. "Seine Eltern sind weg, ihm ist kalt und er will bei uns schlafen."

"Was heißt: Seine Eltern sind weg? Der Junge spinnt doch wieder."

Darauf antwortete sie nicht, sondern baute sich vor ihrem Mann auf und stemmte wortlos beide Hände in die Seiten. Diese Geste kannte er nur zu gut. Stöhnend und ächzend nahm er ihr die Fernbedienung ab, schaltete den Fernseher aus und quälte sich auf die Füße.

 

Bis zum Haus der Färbers fuhr man drei, vier Minuten. Als sie vor der Einfahrt hielten, war das Haus dunkel, bis auf ein kleines vergittertes Fenster neben der Haustür. Die Garage war verschlossen, neben der Einfahrt stand auf der Straße ein großer dunkelblauer BMW ohne Licht. Als das Scheinwerferlicht des Witteschen Autos über die Hausfront strich, öffnete sich die Haustür. Ein kleiner Junge stand dort, starrte ängstlich auf die Scheinwerfer, die ihn blendeten und legte einen Arm vor die Augen. Er presste einen Teddybär an die Brust, das helle Shirt wies große dunkle Flecken auf. Unter dem anderen Arm hielt er einen Schlafanzug. Als Karla Witte ausstieg, erkannte er sie und lief auf das Auto zu. Karla Witte ging ihm schnell entgegen, der Junge nahm ihre Hand und sagte: "Hallo, Tante Karla. Darf ich bei euch schlafen?"

"Ja, Jens, setz dich schon mal ins Auto!" Eberhard Witte war auf die Haustür zugegangen, die Jens nicht ins Schloss gezogen hatte, öffnete sie weit und warf nur einen Blick in die Diele. Dann machte er in panischer Eile kehrt und marschierte auf seine Frau zu. "Frag' jetzt nichts, Karla!", zischte er. " Fahr' mit dem Jungen nach Hause, ich muss noch bleiben, und komm so schnell wie möglich zurück."

"Was ist denn passiert?"

"Später, eine Tragödie."

Während sie sich hinter das Steuer setzte, hörte sie gerade noch, wie er ins Handy sagte: "Ich möchte einen Leichenfund melden. Bei Färber, Nussweg 18. Mein Name ist Witte, Eberhard Witte. Ja, ich warte vor dem Haus."

Die Erste Kriminalhauptkommissarin Nele Kaiser hatte in zwanzig Dienstjahren schon viel gesehen, aber dieser Anblick verschlug ihr doch die Sprache. Die Haustür öffnete sich auf eine geflieste Diele. Vom Eingang aus gesehen, befand sich rechts hinten eine Treppe zum Obergeschoss, gleich links gab es eine Gästetoilette und daneben eine Garderobe. Geradeaus führten Türen in die Zimmer des Erdgeschosses; die Tür links hinten schien in die Garage zu führen. Neben der ersten Stufe der Treppe nach oben stand ein großer, runder Treppenstock. Die tote Frau saß auf dem Boden, mit dem Oberkörper an den Treppenstock gelehnt. sie trug einen bunten, weiten Sommerrock, der sich nach oben verschoben hatte und ein paar schlanke, braune Beine enthüllt. Ihre weiße, bestickte Bluse war auf der Vorderseite blutgetränkt. Blut hatte sich auch neben ihren Oberschenkeln auf den Fliesen ausgebreitet und war zum Teil schon getrocknet. Jemand war achtlos durch die Lache gestapft, hatte auf dem Weg zur Haustür rote Sohlenabdrücke hinterlassen, die von Schritt zu Schritt farbloser wurden. Die Frau hatte Sandalen mit halbhohen Absätzen getragen und beide Sandalen vor ihrem Tod in der Diele verloren. Auf der ersten Stufe der Treppe lag eine offenstehende Handtasche. Ein Schlüsselbund, ein Lippenstift und ein kleiner Parfümflakon waren herausgefallen. Die Frisur der Frau war zerwühlt, als habe sie jemand an den Haaren gepackt und irgendwohin zerren wollen. Sie war eine hübsche Frau gewesen, was auch jetzt noch, nachdem die Muskelspannung aufgehört hatte, gut zu erkennen war.

Nele Kaiser beobachtete den Arzt, der neben der Leiche kniete und den Kopf schüttelte. Dann drehte sie sich zu Eberhard Witte um, der an der Haustür stehen geblieben war und sich offenkundig nicht getraut hatte, die Diele zu betreten und mit entsetzter Furcht regungslos auf die Leiche starrte.

"Sie kennen die Frau, Herr Witte?"

"Ja, das ist Karin Träger."

"Gibt es eine Familie Träger?"

"Ja, sie ist verheiratet, mit Martin Träger. Das Paar hat einen Sohn, Jens, den wir vor ein paar Minuten abgeholt haben."

"Und wo ist Jens jetzt?"

"Bei uns, bei meiner Frau, sie hat ihn mitgenommen, nachdem ich die Leiche gefunden hatte."

"Wissen Sie, wo der Vater ist?"

"Nein. Ich habe Martin Träger seit Wochen nicht mehr gesehen."

"Haben Sie noch etwas Zeit?"

"Aber ja."

"Dann warten Sie bitte hier, ich möchte mir kurz das Haus ansehen." Als der Arzt aufstand, sich die Handschuhe auszog und gehen wollte, hielt sie ihn an. "Lieber Doc, wann ungefähr?"

"Unter dem üblichen Vorbehalt - zwischen 14 und 16 Uhr."

"Und wie?"

"Ein Schuss, entweder in eine Herzkammer oder in die Aorta."

"Deswegen das viele Blut?"

"Genau."

"Irgendwelche Anzeichen für einen sexuellen Hintergrund?"

"Nein. So nicht erkennbar. Allerdings hat sie Hämatome an den Unterarmen."

"Sie hat also mit ihrem Mörder gekämpft?"

"Gekämpft, ich weiß nicht, Frau Kaiser. An ihren Händen kann ich jedenfalls keine Abwehrspuren erkennen. Gut möglich, dass der Täter sie an beiden Armen festgehalten hat."

"Vor dem Treffer?"

"Ja. Wenigstens ein paar Minuten vorher, so dass sich überhaupt Hämatome ausbilden konnten."

"Ein Einbrecher, den sie überrascht hat?"

Der Arzt zuckte die Schultern; der Fotograf, der bis jetzt Bild auf Bild geschossen hatte, war fertig. Eine Frau und zwei Männer der Spurensicherung, alle in weißen Plastik-Monteuranzügen, begannen, die Nummernschilder einzusammeln. Eine Kollege vermaß die Diele und trug die Ergebnisse in eine Skizze ein, dann die Position der Leiche, bevor ein zweiter die Umrisse des Körpers mit weißer Sprühfarbe markierte. Andere suchten die einzelnen Treppenstufen und die Rückseite des Treppenstocks ab; Nele Kaiser betrachtet die übliche und routinierte Geschäftigkeit und rieb sich gedankenverloren über den linken Nacken, als habe sie dort Schmerzen.

Dann sah sich Nele nach ihrem Kollegen Jan Riedel um: "Auf, auf, zur Hausbesichtigung."

Die Spusi hatte sich schon alle Fenster und Türen angeschaut und keinen Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gefunden.

 

Das Wohnzimmer des Träger-Hauses war ein großer, langgestreckter Raum, an einer Längsseite mit einer Glastür auf eine Veranda; dahinter lag der Garten. Gegenüber der Wohnzimmertür in die Diele befand sich eine weitere, jetzt geschlossene Tür. Riedel knurrte ungehalten.

Das Wohnzimmer war mit wuchtigen, schweren Sesseln und "altdeutschen" Möbeln eingerichtet. Doch alle Sessel, Tische, Couchen, Schränkchen waren so an die Wände geschoben, dass in der Mitte ein freier Platz entstanden ist. Ein deutlich helleres Rechteck auf dem Teppichboden verriet, dass hier ein großer Teppich gelegen hatte. Wohin war der verschwunden?

 

Nele Kaiser und Jan Riedel blieben verdutzt in der Tür stehen und zogen sich Plastik-Fingerhandschuhe über:

"Was soll denn das?"

Sie zuckt die Achseln.

Riedel, der ebenfalls Handschuhe trug, kontrollierte die Fenster, sie waren alle unbeschädigt und fest geschlossen.

"Hier ist er auch nicht rein."

Nele knurrt etwas Zustimmendes, sah sich um. Auch die zur Seite gerückten Möbel zeigten keine Zerstörung oder Beschädigung, alle Schubladen und Fächer waren geschlossen. Nach Wertsachen hatte der Unbekannte hier nicht gesucht.

 

Nele ging zur zweiten Tür und drückte die Klinke herunter. Die Tür war abgeschlossen, der Schlüssel fehlte. Sie bückte sich und schaute extra durch das Schlüsselloch, um sich zu vergewissern.

 

Nele und Riedel sahen sich ratlos an und zuckten die Achseln. Nele verließ eilig das Zimmer und rief draußen: "Werner? Rudi? Kommt ihr mal?“

 

Die beiden Gerufenen ließen nicht auf sich warten. Einer hatte eine Kamera mit Blitzlichtgerät in der Hand.

Die Hauptkommissarin deutete auf die Tür. "Tür und Schloss, Werner. Und dann öffnen, aber vorsichtig."

Der Photograph machte einige Aufnahmen; gleichzeitig suchte der andere den passenden Haken für das simple Türschloss aus seiner Schlüssel- und Werkzeugsammlung.

Der Photograph trat zur Seite, der zweite Mann machte sich an die Arbeit. Schon beim ersten Versuch fasste der Haken, der Mann klinkte mühelos die Tür auf. "Danke, Rudi. Komm, Jan!"

Es war seltsam still in dem großen Haus, in dem doch fast ein Dutzend Männer und Frauen arbeiteten. Nele und Jan betraten ein Arbeitszimmer mit einem großen Schrank, einem Schreibtisch und einem Rollensessel, der aus seiner üblichen Position weit zur Seite geschoben war. Auch hier gab es keine Zeichen von Einbruch oder Zerstörung.

Hinter dem Schreibtisch lag eine auffällig dicke Teppichrolle. Die Kommissarin knurrte: „Zum Teufel, das ist doch ... " und rief dann laut: "Werner!"

Der Photograph kam in das Zimmer. Sie deutete stumm auf die Teppichrolle. Alle Mitarbeiter der Spurensicherung wussten, dass Nele Kaiser am Tatort immer wortkarg war; sie meinte es nicht unfreundlich, aber sie tat manchmal so, als wolle sie die Totenruhe nicht stören. Und dort, wo sie auftauchte, ging es meistens um Mord und Totschlag.

Werner schoss mehrere Aufnahmen von der Teppichrolle, legte seine Kamera zur Seite und half Nele und Riedel, die stöhnend und ächzend die Rolle hinter dem Schreibtisch hervor in die Mitte des Raumes zerrten.

Riedel brummte: "Das reinste Blei! Warum lässt sich das nicht knicken?"

Werner half, ihnen. Schwer atmend schoben sie zu dritt die Rolle so weit vor, dass sie den Teppich auseinanderrollen können. Riedel erkannte es als erster: "Um Gottes Willen ..."

Schon nach zwei Drehungen wurde die Leiche eines Mannes sichtbar.

Nele fasste sich rasch: "Du, ich fürchte - hol' doch mal den Witte."

Riedel sauste aus dem Zimmer.

Der Photograph nahm seine Kamera und machte Aufnahmen.

Mit viel Mühe schlug sie noch eine Lage zurück, das Gesicht von Martin Träger wurde freigelegt. Dann traten Riedel und Witte ein. Nele stellte sich rasch vor die Teppichrolle: "Herr Witte, wir haben noch eine ...“

Nach einem Blick drehte sich Ewald Witte rasch weg, ihm wurde schlecht, Riedel hielt ihn fest, damit er nicht stürzte.

"Sie kennen den Mann?", fragte Nele betont ruhig.

Witte schluckte krampfhaft gegen en Brechreiz an. "Ja ... ja ...das ist Träger. Martin Träger. Der Vater von Jens."

Riedel erkundigte sich besorgt: "Geht's wieder?"

Witte keuchte: "Ja ... danke ... aber das kann ...die Mutter ... und der Vater ..."

"Kommen Sie, Herr Witte!", forderte Nele ihn auf und sagte leise zu Riedel: "Mach du hier weiter. Ich muss zu den Wittes und mit dem Jungen reden."

Sie nahm Witte am Arm und führte ihn Richtung Zimmertür.

 

Im Haus der Wittes brannte noch überall Licht. Das Ehepaar wollte Nele mit Fragen bombardieren, aber sie winkte ab und bat, mit Jens sprechen zu können. Karla Witte brachte sie in den ersten Stock: "Muss das sein, Frau Kommissarin? Der Junge ist völlig durcheinander, spricht kein Wort und sieht aus wie der Tod auf zwei Beinen."

"Ja, es muss sein, leider."

In dem kleinen Gästezimmer waren die Deckenlampe und die Leselampe neben dem Bett eingeschaltet.

Jens hockte in einem Schlafanzug auf der Bettkante und schaute unbewegt an Nele vorbei, die vor ihm stand, aber Abstand hielt.

 

 

Karla Witte wartete an der wieder geschlossenen Zimmertür, eine Hand um die Klinke verkrampft. Sie sah ängstlich und besorgt auf die Frau und den Jungen, schwieg aber.

"Hallo, Jens, ich heiße Nele Kaiser und würde dir gerne ein paar Fragen stellen." Jens reagierte nicht. "Über das, was heute bei euch zu Hause passiert ist."

Der Junge ließ nicht erkennen, dass er sie verstanden hatte.

"Kannst du dich noch daran erinnern? Oder möchtest du darüber nicht reden? Du musst vor mir keine Angst haben. Frau Witte ist ja auch da. Gut, wenn du jetzt nicht darüber reden willst, muss es auch nicht sein. Ich komm' dann ein andermal wieder. Dann geh' ich jetzt. Gute Nacht, Jens."

 

Nele Kaiser, Karla und Ewald Witte trafen sich im Wohnzimmer. Ewald Witte hat sich am Sideboard einen Cognac eingeschüttet, drehte sich um und hielt Nele die Flasche hin. Sie schüttelte den Kopf. "Nein, vielen Dank, Herr Witte. Könnten Sie mir bitte erzählen, was Sie heute Abend mit Jens erlebt haben?"

Sie setzte sich in einen Sessel und rieb sich die Augen, als Karla Witte endete: "Gut, dann bleibt Jens die Nacht über hier. Wenn es Ihnen keine Mühe macht ..."

"Nein, überhaupt nicht", beteuerte Karla Witte.

"Warum hat Jens gerade bei Ihnen angerufen?"

"Er ist oft bei uns. Wissen Sie, er ist mit Johanna - das ist meine Tochter - befreundet.“

"Schon lange?"

"Seit drei Jahren. Sie gehen zusammen in eine Klasse."

"Ach so. Wann war Jens das letzte Mal hier bei Ihnen?"

"Heute Mittag."

"Heute Mittag?

"Ja, er ist mit Johanna nach der Schule zu uns gekommen und hat hier …“

Ewald Witte mischte sich ein: "Du musst erklären, dass Karin ...“

Seine Frau unterbrach ihn: "Jens' Mutter arbeitet zweieinhalb Tage in der Woche. In der Städtischen Bücherei am Kortmannplatz. Montags und dienstags ganztags, am Mittwoch vormittags. An den drei Tagen kommt Jens nach der Schule zu uns und isst bei uns, macht mit Johanna zusammen seine Schularbeiten."

"Ach ja. Und wann ist Jens heute von hier weggegangen?"

"Wann? - Ich würde denken, gegen 14 Uhr. Nein, kurz nach zwei."

"Er ist nach Hause gegangen?"

"Ja. Er hat einen Schlüssel."

"Wie lange läuft man von hier zum Haus der Trägers?"

"Zehn Minuten höchstens, wenn er nicht trödelt."

"Zehn Minuten ... Frau Witte, gibt es Verwandte der Trägers, die wir benachrichtigen müssen?“

Ewald Witte mischte sich wieder ein: "Mensch, Karla, das haben wir ja glatt vergessen."

"Ja, richtig. Andreas Träger. Jens' Onkel."

"Wohnt der hier in der Nähe?"

"Ja, auch im Dorf. Hellmersweg 13 oder 15."

"Ist das weit von hier?"

"Nein, zu Fuß nur eine Viertelstunde."

Nele erkundigt sich: "Ist es denkbar, dass Jens von Ihnen aus nicht nach Hause, sondern zu seinem Onkel gegangen ist?"

"Das ist sogar gut möglich. Jens liebt seinen Onkel sehr ...“

"Abgöttisch", verbesserte ihr Mann energisch. "Die beiden sind ein Herz und eine Seele."

"Hellmersweg 13 oder 15."

"Ein alter Bau. Mit einem großen Schuppen", erklärte Witte.

Nele stand auf: „Gut, dann fahren wir jetzt mal zu dem Onkel. Wegen des Jungen melde ich mich morgen früh. Gute Nacht."

Nele ging eilig zur Tür. Karla Witte zögerte, schaute ihren Mann an, der sich abwandte. Dann rief sie der Kommissarin nach: "Frau Kaiser."

Nele drehte sich um und schaute fragend auf Karla Witte, die die Hände rang: "Ja, Frau Witte?"

"Da ist - da ist noch was."

"Ja?"

"Die Kleidung. Jens' Sachen."

"Ja? Was ist damit?"

Es fiel Karla sichtlich schwer zu sprechen.

"An seinem T-Shirt sind so - so merkwürdige Flecken. Ich fürchte - ich fürchte, es ist Blut."

Einen Moment verharrten alle schweigend, dann quälte sich Karla Witte hoch: "Ich hole die Sachen."

Nele drehte sich zu Ewald Witte um, der nur hilflos die Schultern hob: "Verdammt, ich brauch' noch einen. Wie halten Sie das in Ihrem Beruf aus?"

Witte goss sich reichlich ein. Nele beobachtete ihn ausdruckslos, Witte fing Neles Blick auf.

"Die beiden - die beiden - ich darf nicht daran denken ..."

"Ich mache mir im Moment mehr Sorgen um das Kind."

"Ja. Ja, natürlich. Wie Karla - sie hängt sehr an dem Jungen."

"Wie alt ist Jens eigentlich?"

"Acht. Wie unsere Johanna."

Als Karla Witte wieder in das Wohnzimmer kam, hielt sie in der Hand eine Plastiktüte mit Jens' Kleidung. Sie drückte Nele wortlos die Tüte in die Hand, setzte sich schnell auf ihren alten Platz und schlug beide Hände vor ihr Gesicht.

 

Wenig später blieben Nele Kaiser und Jan Riedel vor einem alten Haus stehen, in dem kein Licht mehr brannte.

Weil sie keine Klingel und keinen Klopfer fanden, tappten sie durch einen finsteren Garten auf den großen Schuppen seitlich an dem Haus zu. Dort brannten noch Lampen. Sie blieben vor einem Fenster stehen und schauten in den Schuppen.

Ein Mann saß an einem großen Tisch, auf dem eine alte Holztür mit Intarsien-Arbeiten lag. Er hatte ein Stück in der Hand und feilte die Ränder zurecht, probierte dann aus, ob es passte.

"Fleißig, fleißig, der Mann", spottete Riedel. "Arbeitet bis in die Nacht."

Vor der Tür des Schuppens rief Nele laut: "Herr Träger!"

Fast sofort näherten sich Schritte der Tür, die umgehend geöffnet wurde, Der fleißige Mann sah das Paar neugierig an: "Guten Abend."

Nele antwortete: "Guten Abend. Sind Sie Andreas Träger?"

"Ja. Was gibt's denn um diese ..."

"Mein Name ist Nele Kaiser, Kriminalpolizei. Und das ist mein Kollege Riedel."

Beide zeigten sie kurz ihre Ausweise vor, auf die Träger aber gar nicht schaute.

"Kriminalpolizei? Ist was passiert?"

"Dürfen wir reinkommen?"

"Ja, sicher, natürlich, bitte."

Träger war sichtlich verwirrt und versperrte immer noch die Tür. Riedel schob ihn sanft zur Seite.

"Wir haben leider eine schlimme Nachricht für Sie", sagte Nele möglichst ruhig, als sie zu dritt eintraten.

Der Werkstatt-Schuppen war recht groß und mit mehreren Maschinen für Holzbearbeitung ausgerüstet. Außerdem gab es eine große und eine kleine Töpferscheibe, dazu zwei Brennöfen. In einer Ecke war Holz gestapelt. Das Ganze sah zwar nach Arbeit aus, aber auch nach Unordnung.

Träger setzte sich an einen Tisch und fegte mit der Hand sinnlos hin und her über die Platte. Er hatte Mühe, sich zu fassen und zu verkraften, was er gerade gehört hatte.

Nele und Riedel warteten.

"Martin? Und Karin? Das ist ja - mein Gott, wie entsetzlich."

"Herr Träger, es tut mir sehr leid, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen."

"Ja, ja, natürlich - beide ermordet - wer kann denn bloß ...“

"Herr Träger, wann haben Sie Ihren Bruder und Ihre Schwägerin zuletzt gesehen?

"Gestern. Gestern Abend. Ich war drüben, zum Abendessen."

"Haben Sie sich regelmäßig getroffen?"

"Regelmäßig? Nein, nein. Aber oft, doch, ja, öfter.

"Und wie steht es mit Jens?", fragte Riedel.

"Ja, Jens natürlich auch - um Himmels willen, wo ist Jens? Ist dem Jungen auch etwas – etwas ..."

"Nein, Jens ist nichts passiert, bestimmt nicht, glauben Sie mir!"

"Wo ist Jens, Frau Kommissarin?"

An Neles Stelle erwiderte Riedel: „Der Junge ist in Sicherheit."

Riedel antwortet hörbar ungeduldig, was Träger störte, er wandte sich demonstrativ an Nele.

"Wo? Ich muss ihn sehen!"

"Das geht im Moment leider nicht, Herr Träger.

"Warum denn nicht? Ist doch etwas ...?"

"Jens verträgt im Moment keine Aufregung mehr - nein, Herr Träger, tut mir leid, aber Sie können ihn jetzt nicht sehen. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass es ihm gut geht."

Träger merkte, dass auch Nele sich nicht umstimmen ließ, und senkte den Kopf. Eine ganze Weile schwiegen sie zu dritt. Von draußen drang kein Laut herein, das ganze Dorf schien schon zu schlafen.

"Sie hängen sehr an dem Jungen?", fuhr Nele endlich fort.

"Ja. Sehr. Wie an einem Sohn."

Riedel wollte nüchtern wissen: "Ist Jens oft hier bei Ihnen in der Werkstatt?"

"Fast jeden Tag."

"Aber heute nicht?

"Nein, heute war er nicht hier."

"Waren Sie denn den ganzen Tag hier?"

"Ja. Nein, ich bin einmal fortgegangen, ins Dorf, zum Einkaufen. Aber nur ganz kurz. Und Jens weiß, wo ich den Schlüssel verstecke."

"Herr Träger, können Sie sich vorstellen, wer Ihren Bruder und Ihre Schwägerin ermordet hat?", fragte Nele sachlich.

Träger überlegte angestrengt und schüttelte dann mutlos den Kopf.

"Was machte Ihr Bruder eigentlich beruflich?"

"Er hat zwei Geschäfte. In der Stadt. Feinkost Träger."

"Ach ja, die kenne ich", sagte Nele spontan.

Riedel machte routinemäßig weiter: "Hat Ihr Bruder Feinde? Ist er mal bedroht worden? Verlangt jemand grundlos Geld von ihm?"

"Das weiß ich nicht. Aber nein, das kann ich mir nicht vorstellen."

"Können Sie uns etwas über seine Freunde oder Bekannten sagen?

Träger schüttelte wieder den Kopf.

"Freunde? Er war so beschäftigt - Karin und er waren so beschäftigt, ich glaube nicht, dass sie viel Zeit für Freunde oder Bekannte hatten."

Riedel wollte weiterfragen, aber Nele winkte heimlich ab, Träger hing jetzt völlig erschöpft an seinem Tisch und hatte schon die letzten Fragen nur wie ein Automat beantwortet.

 

 

2.

Für Nele Kaiser und Jan Riedel war der Abend noch nicht vorbei. Sie saß am Computer und tippte mit drei Fingern ein Protokoll.

Zwischendurch massierte sie sich den Nacken und die Schulter, als ob dort ein hartnäckiger Schmerz säße.

Auf einem Tisch lag die Plastiktüte mit Jens' Kleidung.

Riedel schlurfte herein und warf einen Autoschlüsselbund auf Neles Schreibtisch, setzte sich müde und holte seinen Notizblock heraus: "Die Spusi legt sich fest, Nele. Definitiv kein Einbruch. Für alle Fälle hab' ich eine Wache angefordert."

"Gut."

Dabei verzog sie wieder das Gesicht.

"Immer noch der Nacken?", fragte er.

"Ja, es wird einfach nicht besser. Aber es geht schon." Dann fuhr sie energisch fort: "Unser lieber Onkel Doktor hat sich wieder mal nicht festlegen wollen. Unter allen denkbaren Vorbehalten meint er, dass Karin und Martin Träger zwischen 14 und 16 Uhr gestorben sind."

Er blätterte weiter und gähnte dabei. Nele saß sehr gerade und ordnete, während er aus seinen Notizen was heraussuchte, die Dinge auf dem Schreibtisch mit einer gewissen Pedanterie, was Riedel halb amüsiert, halb spöttisch beobachtete. Sie arbeiteten so lange miteinander, dass sie gelernt hatten, die Macken des anderen ohne Kommentar zu ertragen und auch richtig zu deuten.

"Außerdem hält er es für nicht ausgeschlossen, dass Karin Träger zwischen dreißig und sechzig Minuten vor ihrem Mann gestorben ist."

"Moment mal, Jan!"

"Was ist?"

"Zwischen 14 und 16 Uhr, hast du gesagt?"

"Ja. Natürlich vorbehaltlich der Obduktionsergebnisse, du kennst ihn doch auch."

"Jens ist kurz nach zwei aus dem Witte-Haus fortgegangen. Bis zu seinem Elternhaus braucht er zehn, sagen wir fünfzehn Minuten. Ungefähr. Und er hatte einen Schlüssel."

"Ja, und? Was hat das - oh, verdammt."

"Zu seinem Onkel Andreas ist er offenbar nicht gegangen, sonst hätte er dort wohl gewartet."

"Du meinst, der Junge war im Haus, als die Morde passierten?"

"Zeitlich käme es hin, Jan."

"Das kann ich mir nicht vorstellen!"

"Warum nicht?"

"Hör mal, ein Täter, der eine Frau und einen Mann umlegt, soll einen Zeugen verschonen?"

"Ein Kind, Jan."

"Und wenn schon! Auch ein Kind kann einen Mörder wiedererkennen, das weißt du und das wusste auch der Täter."

Nele zuckte die Achseln, schaute Riedel einen Moment hilflos an und kaute auf ihren Lippen.

"Außerdem wissen wir nicht, ob Jens von den Wittes wirklich direkt nach Hause gegangen ist."

"Nein, darum musst du dich noch kümmern."

Riedel nickte und wollte aufstehen. Nele deutete auf die Plastiktüte: "Schau dir mal das Shirt des Jungen an."

 

Riedel suchte Jens' T-Shirt heraus, faltete es auf und starrte erschrocken auf die dunklen Flecke: "Das ist doch Blut, getrocknetes Blut."

"Das denke ich auch."

"Und was heißt das deiner Meinung nach?"

"Dass der Junge seinen Vater oder seine Mutter kurz nach deren Tod angefasst oder berührt hat."

"Mit 'kurz nach deren Tod' meinst du eigentlich, dass der Mörder ..."

"Eben. Dass der Täter den Zeugen Jens eigentlich nicht übersehen haben dürfte."

"Es sei denn, Jens hatte sich versteckt."

"Richtig. Stell' dir mal vor, ein achtjähriger Junge versteckt sich vor einem Mörder und sieht zu, wie seine Eltern umgebracht werden ..."

Riedel schüttelte sich, sagte aber nichts und packte langsam, wie in Gedanken versunken, die Kleidungsstücke wieder in die Plastiktüte.

Nele richtete sich plötzlich auf: "Nein, das Risiko übernehme ich nicht."

"Welches Risiko?"

"Wir haben doch eine Psychologin unter Vertrag. Eine speziell für Kinder.“

"Ja, warum willst du ..."

"Kannst du dich noch an den Namen erinnern? Irgendwas mit Wald oder Baum oder so."

Während sie sprach, begann sie hektisch in einer Schublade zu wühlen.

"Willst du sie etwa jetzt anrufen? Um diese Zeit?"

"Warum nicht? Wir arbeiten ja auch noch."

"Das hat doch Zeit bis morgen, ich meine, bis heute früh."

"Nein. Ich verstehe ja nicht viel von Psychologie, aber ich will kein Kind aushorchen, das unter Umständen zusehen musste, wie seine Eltern ermordet wurden. Und ohne Aussage des Jungen haben wir keinen Hinweis auf den Täter."

Dabei wühlte sie unverdrossen weiter, fand aber nicht, was sie suchte.

"Das vermutest du doch nur."

"Genau. Und das reicht mir völlig aus, jemanden aus dem Schlaf zu klingeln."

Riedel war anderer Meinung, aber er wollte nicht widersprechen.

"Ambusch heißt sie, Jutta Ambusch."

"Richtig."

"Und ihre Telefonnummer steht im Behördenverzeichnis, wie es sich gehört."

"Danke, verehrter Kollege."

"Bitte, bitte. Es ist mir eine Ehre, meiner erfahrenen Chefin im Rahmen meiner bescheidenen Fähigkeiten behilflich zu sein, und du denkst hoffentlich daran, dass man seine Meinung ändern kann. Auch, wenn man als Mörder seinen Tatzeugen zunächst gnädigst geschont hat und dann anfängt, über die Tat und möglichen Konsequenzen nachzudenken."

"Ich glaube, wir haben wieder dieselbe Idee."

"Was mich freuen würde, verehrte Chefin. Ist dir auch der Gedanke gekommen, dass ein kleiner Schluck jetzt unsere Lebensgeister aufwecken und deinen Schmerz betäuben würde?"

Sie bejahte und er opferte aus seinen Vorräten einen trinkbaren Whisky, besorgte sogar Eis und Soda.

 

5.

Nele, Riedel und Jutta Ambusch kamen auf dem Hof des Polizeipräsidiums zusammen. Dort parkten schon viele Autos, andere fuhren vor, Beamte stiegen aus und grüßten lässig in Richtung des Trios.

Nele rieb sich wieder den Nacken, ihr Gesicht verriet Zorn und Ungeduld.

"Frau Kaiser, das ist - das widerspricht allem, was die Psychologie ..." brachte Jutta Ambusch hilflos vor und schaute Riedel an, als erwarte sie von ihm Hilfe.

"Soll ich das Kind in ein Heim geben?"

"Das wäre sicherlich das Beste, damit der Junge Abstand gewinnt."

"Den gewinnt er bei Ihnen. Und durch Sie."

"Nele, Frau Ambusch hat aber schon Recht, wenn sie ..." begann Riedel behutsam.

"Nein! In ein Heim?! Der Junge hat etwas Fürchterliches erlebt, und Sie wollen ihn in ein Heim stecken?"

"Heim ist nicht gleich Heim", wehrte sich Jutta Ambusch, "und das wissen Sie genau."

Nele hatte ihr gar nicht zugehört, sie drehte sich von Jutta Ambusch weg, redete nur mit Riedel.

"Der Junge hat was gesehen, sonst wäre er nicht so. Und das wird er uns erzählen. Irgendwann. Ich habe Zeit. Und wenn er ein Jahr braucht, die Blockade in seinem Kopf oder seinem Gemüt aufzulösen, dann warte ich eben ein Jahr. Das Kindeswohl solle die Richtschnur sein, bläut man uns doch immer ein. Und danach werde ich mich jetzt verhalten."

Damit schien Riedel nicht einverstanden, aber Neles Miene ließ keinen Zweifel, dass sie entschieden hatte und als Vorgesetzter mit ihm sprach. Er zog unbehaglich die Schultern hoch: "Du bist der Boss."

"Frau Kaiser, ich sage noch einmal ..."

Nele fuhr sie kurz und unfreundlich an: "Sie müssen nicht, Frau Ambusch. Wenn Sie nicht einverstanden sind, können wir uns einen anderen Fachmann suchen."

Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging auf ihr Auto zu.

Jutta Ambusch und Jan Riedel schauten sich betreten an.

"Ist sie immer so?"

"Wenn Nele sich was in den Kopf gesetzt hat ..."

"Das verstößt gegen alles, was ich gelernt habe."

"Sie knöttert, aber sie beißt nicht. Die Chefin hat Schmerzen seit einem Autounfall, aber ihre Laune wird auch wieder besser."

Jutta Ambusch kämpfte mit sich, bis Riedel, der ihr Gesicht und ihre Figur voller Wohlwollen betrachtete, sie leicht anstupste.

"Ich freue mich jedenfalls auf unsere enge Zusammenarbeit."

Jetzt lachte sie unsicher und nickte; dass Riedel nicht nur eine streng dienstliche Zusammenarbeit angedeutet hat, konnte sie nicht überhören, so wenig, wie er übersehen wollte, dass sie eine attraktive Frau war.

 

6.

Bei den Wittes hatte um viertel vor acht der Hochbetrieb im Esszimmer schon aufgehört. Am Tisch saßen nur noch Jens, wort- und bewegungslos, und Johanna Witte, ein lebhaftes und sehr ansehnliches Mädchen, das gelernt hatte, sich gegen zwei ältere Brüder notfalls auch körperlich durchzusetzen. Auf den vier anderen Plätzen stand gebrauchtes Geschirr. Zwei aktive Jungen zogen sich in der Diele lautstark ihre Jacken an.

Johanna aß noch mit vollen Backen. Jens hatte nichts angerührt, sondern trank nur schlückchenweise seine Milch.

"Warum isst du nichts? Hast du keinen Hunger?", wollte Johanna wissen.

Er reagierte nicht.

"Oder schmeckt es dir nicht?"

Sie griff energisch in den Brotkorb und legte ihm ein Brötchen auf den leeren Teller: "Schmieren musst du selber!"

Ihre Mutter kam in den Raum, schaute auf den Tisch, dann auf Jens und bemühte sich, keine Reaktion zu zeigen und ihre Sorge zu unterdrücken.

"Komm, Jo, es wird Zeit für dich."

"Wieso für mich? Und für Jens?"

"Jens geht heute nicht in die Schule."

"He, warum das? Wenn er nicht gehen muss, will ich auch zuhause bleiben."

"Nix da! Du machst dich jetzt fertig, junge Dame."

Johanna maulte. Sie hatte von der ganzen Tragödie noch nichts mitbekommen und benahm sich völlig normal.

"Ist Jens krank?", wollte sie von ihrer Mutter wissen.

"Ja, so könnte man es nennen."

"Immer sind die anderen krank, und ich muss in die Schule."

Dabei stopfte sie den letzten Bissen in den Mund und kletterte von ihrem Stuhl, legte eine Hand auf Jens' Arm und sagte mitleidig: "Dann werd' bloß rasch wieder gesund, Jens. Alleine ist es in der Schule so langweilig."

Er reagierte wieder nicht, ließ sich aber die Berührung gefallen.

Johanna tobte aus dem Esszimmer und rief dabei:

"Tschüss, bis nachher."

Karla Witte blieb an der Tür stehen und schaute auf Jens, der unverändert auf seinen Teller starrte und sich nicht rührte.

Draußen rief Johanna: "Wartet doch, ihr blöden Kerle!"

Einer ihrer Brüder rief zurück: "Dann beeil dich, du Trödelsuse."

"Oller Petzer!"

Der sich anbahnende handfeste Streit wurde durch die Türklingel unterbrochen. Karla Witte ging rasch aus dem Esszimmer

Jetzt hob Jens den Kopf und legte das Brötchen sorgfältig in den Brotkorb zurück.

 

Karla Witte kam mit Jutta Ambusch, Nele Kaiser und Jan Riedel zurück ins Esszimmer. Nele setzte sich zu Jens an den Tisch, der Junge schaute stur an ihr vorbei.

"Guten Morgen, Jens. Erinnerst du dich noch an mich? Wir haben uns gestern Abend gesehen."

"Das ist Jutta."

"Guten Morgen, Jens", sagte Jutta, hob eine Hand und versuchte nicht, ihn zu berühren.

Nele fuhr fort: "Jutta will mir helfen."

"Und deshalb würde ich mich gern mit dir unterhalten, Jens."

"Ich heiße Jutta Ambusch. Sag' ruhig Jutta zu mir."

Jens blieb stumm und schaute wieder auf seinen Teller

"Du musst nicht mit mir reden. Wenn du lieber schweigen willst, ist mir das auch recht.“

Jens gab nicht zu erkennen, dass er sie verstanden hatte, griff nach seiner Milchtasse und trank.

 

Nele stieß Karla Witte an, die sich neben die Tür stellen wollte, und deutete mit dem Kopf Richtung Diele. Sie gingen hinaus.

 

In der Diele schloss Nele sorgfältig die Tür zum Esszimmer, Karla Witte lehnte sich an die Garderobe:

"Ist er schon den ganzen Morgen so stumm?"

"Ja. Bisher kein einziges Wort."

"Aber er versteht, was Sie ihm sagen?

"Doch, ja, er tut auch brav, was man ihm sagt. Aber sonst ..."

Nele nickte: "Er fühlt sich sichtlich unwohl, weil er was auf dem Herzen hat."

Nele holte tief Luft: "Frau Witte, wir müssen Jens mitnehmen."

"Wie bitte?"

"Ja, da hat sich leider was Unangenehmes herausgestellt."

"Was heißt das? - Unangenehmes?"

Riedel, der sich die ganze Zeit völlig still verhalten hatte, kam in die Diele. Er spürte den stummen Machtkampf zwischen den beiden Frauen, wusste auch, dass sich seine Chefin zum Schluss durchsetzen würde, aber wünschte sich plötzlich, Nele möge der hilfsbereiten Karla Witte eine Demütigung oder einen Befehl ersparen. Sie schien seine Gedanken zu ahnen, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und griente schuldbewusst: "Also, wie soll ich - na schön, ganz offen: Es besteht die Möglichkeit, dass Jens im Hause war, als seine Eltern ermordet wurden."

"Um Gottes willen! Dann hat er gesehen, wie seine ...?"

"Das ist leider gut möglich, ja. Aber es gibt noch eine viel größere Gefahr."

"Welche meinen Sie?"

"Dass der Mörder Jens bemerkt hat."

Karla Witte brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, was das bedeutete: "Und Sie befürchten jetzt, dass es sich der Mörder anders überlegen kann?"

Nele nickte und grübelte einen Moment.

"Dann kann Jens nicht hier bleiben?"

Nele schüttelt den Kopf: "Im Moment deutet vieles daraufhin, das es sich nicht um einen Raub oder missglückten Einbruch handelt. Wir müssen also befürchten, dass der Täter die Lebensumstände der Färbers kennt und auch weiß, wie oft Jens bei Ihnen ist. Bei Ihnen, Johanna und Ihren Söhnen."

"Und wenn wir versprechen, niemanden ins Haus zu lassen? Und rund um die Uhr aufzupassen?"

"Nein, Frau Witte, es tut mir aufrichtig leid, aber wir müssen Jens an einem unbekannten Ort verstecken. Zu seinem und auch zum Schutz Ihrer Familie."

"Unter fremden Menschen? Nach dieser Tragödie?"

Nele nickte energisch, Karla Witte zuckte halb enttäuscht, halb resignierend die Achseln.

"Ich habe noch eine Bitte. Könnten Sie mit uns zum Träger-Haus fahren und dort ein paar Sachen für Jens einpacken?"

"Meinetwegen."

 

Im Esszimmer saßen Jutta und Jens unverändert am Tisch, sie schwieg und sah sich lächelnd um, Jens hielt den Kopf gesenkt, schaute aber hoch, als Nele den Raum betrat.

"So, Jens, hör mir bitte zu. Du musst jetzt die nächste Zeit bei Jutta wohnen. Hast du das verstanden?"

Jens hockte noch eine ganze Weile stumm und regungslos vor seinem Teller; dann stand er unvermittelt auf, als habe er es plötzlich eilig, von hier wegzukommen. Als er an Karla Witte vorbeilief, übersah er ihre ausgestreckte Hand.

Damit überraschte er auch Jutta, die noch hastig und mit besorgter Miene den Rest ihres Kaffees austrank und sich mit einem geflüsterten "Tut mir sehr leid" von Karla Witte verabschiedete.

 

7.

Vor dem Träger-Haus hatte sich nichts verändert, die nächtliche Wache war abgerückt. Nele und Karla Witte stiegen aus Neles Auto, Karla Witte holte von der Hinterbank zwei große leere Reisetaschen, Nele nahmt ihr eine ab.

 

Vor der Haustür wartet Andreas Träger.

 

Nele streckte Andreas Träger die Hand hin, der sie flüchtig schüttelte: "Bitte, Frau Kaiser, wo ist Jens?"

"Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Noch nicht. Aber danke, dass Sie gekommen sind."

Er wollte protestieren, doch sie legte einen Finger vor ihre Lippen.

Als die beiden Frauen die Haustür öffneten und hineingingen, blieb er trotzig stehen, folgte ihnen dann aber.

 

Karla Witte war allein in Jens' Kinderzimmer hochgegangen. Sie hatte zwei Reisetaschen fast gefüllt. Zur Kontrolle sah sie sich noch einmal um. Für ein Kinderzimmer war der Raum sehr kahl und nüchtern eingerichtet.

 

Nele hatte sich am Hause noch einmal umgesehen und stand in einem kleinen Flur vor einer Tür, der Schlüssel steckte auf ihrer Seite im Schloss, Die Tür führte in die Garage. In der Doppelgarage parkte ein kleines rotes Auto, der zweite Platz war frei.

Das Klapptor war verschlossen. Einen Moment sinnierte sie und rieb sich mit der flachen Hand das Kinn. Dann ging sie ins Haus zurück.

 

Andreas Träger kam in den Flur und räusperte sich: "So weit ich das beurteilen kann, ist nichts gestohlen worden."

"Komisch."

"Sogar das Geld im Schreibtisch ist noch da. Karins Schmuck auch."

"Das wird immer verrückter ... diese Tür zur Garage, Herr Träger, ist die immer unverschlossen?"

"Tagsüber ja."

"Das kleine rote Auto in der Garage - gehört das Ihrer Schwägerin?"

"Der kleine rote Wagen? - Ja."

"Haben Sie eine Ahnung, wo der Wagen Ihres Bruders ist?"

"Der steht doch auf der Straße. Direkt neben der Einfahrt. Ein großer blauer BMW."

"Auf der Straße. Tja."

"Stimmt was nicht?"

"In diesem Fall stimmt nichts. Aber auch gar nichts." In der Diele sagte Karla Witte laut: "Ich bin fertig."

"Prima. Dann können wir gehen."

Andreas Träger rührte sich eine Weile nicht und starrte auf die Kreidelinien, die in Umrissen den Fundort der Leiche von Karin Träger zeigten. Er schauderte und ging steifbeinig zu den wartenden Frauen. an der Haustür.

 

8.

Im Gästezimmer ihres Hauses räumte Jutta Ambusch auf und aus, bezog das Bett und sprach dabei mit Jens, ohne von ihm eine Antwort zu erwarten. Der Junge stand die ganze Zeit über stocksteif und stumm im Zimmer, als sei er so wenig da wie Jutta.

"Das ist mein Gästezimmer, Jens, manchmal schlafen hier Kinder, die mich besuchen ... ich hab' oft Besuch von Kindern, weißt du ... und wenn sie abends nicht nach Hause wollen, können sie hier übernachten ... ein paar Tage wirst du es hier doch aushalten, was meinst du? ... und zum Spielen habe ich für meine Gäste ein anderes Zimmer."

An der Haustür klingelte es in einem bestimmten Rhythmus.

"Das wird Frau Kaiser sein, sie bringt deine Sachen."

Auch als Jutta ging, um zu öffnen, rührte Jens sich nicht von der Stelle, schaute sich aber verstohlen in dem Zimmer um.

 

Draußen forderte Jutta auf: "Kommen Sie herein, Frau Kaiser. Bei uns ist alles in Ordnung."

"Sehr schön, danke."

"Die zweite Tür rechts." Jens drehte den Kopf nach links zur Tür, wo Jutta mit Nele erschien, die beiden Taschen absetzte.

Jens schaute sie nicht an und sagte nichts. Ob er das absichtlich tat oder Nele wie ein Blinder und Taubstummer einfach nicht wahrnahm, war ihm nicht anzusehen.

"Ich hab' deine Sachen mitgebracht."

Wieder gab es keine Reaktion von Jens. Er schien sich nicht zu fürchten, er hatte wohl beide Frauen erkannt, aber er schien in einer Glasröhre zu stecken, die wohl Töne hereinließ, aber keinen Laut heraus. So, wie Jens da mit hängenden Armen stand, hätte er gut eine Schaufensterpuppe für Kindermoden sein können. Weil Nele den Mund öffnete, stieß Jutta sie an und legte kurz einen Finger vor die Lippen. Nele verstand und sagte laut:

"Ich muss auch gleich wieder gehen. Tschüss, Jens."

"Wiederseh'n, Frau Kaiser", sagte Jutta auch betont laut, nahm beide Taschen und stellte sie auf dem Bett ab. Jens beobachtete aus den Augenwinkeln, was sie tat, Er vermied, den Kopf zu drehen und ihr damit zu zeigen, dass er ihr Tun verfolgte. Seine gespannte Miene verriet, dass er auf alles gefasst war, auch auf unangenehme Überraschungen. Jutta zog beide Reißverschlüsse auf, nahm aus einer Tasche einen Stapel Wäsche heraus. Darunter wurde ein Teddy sichtbar.

"Du kannst mir was helfen. Legst du das bitte in den Schrank?"

Sie trug den kleinen Stapel auf beiden Händen und hielt ihn Jens hin. Weil er nicht reagierte, wollte sie ihm den Stapel in die Hände drücken.

"Bitte."

In dem Moment, wo ihre Hände ihn berühren, wich er so hastig zurück, dass die Wäsche zu Boden fiel. Dabei legte er beide Hände schützend vor das Gesicht, als fürchtete er eine Ohrfeige für seine Ungeschicklichkeit. Er trat noch einen Schritt zurück.

Jutta sagte nichts, lächelte ihn nur an und bückte sich, um die Wäsche aufzuheben.

Jens schob sich zur Seite, damit sie ihn auf keinen Fall wieder berühren konnte. Dabei schaute er in die Tasche und bemerkte seinen Teddybären. Er nahm ihn aus der Tasche und warf ihn weit unter das Bett, wobei er darauf achtete, Jutta nicht zu berühren, die dicht neben ihm noch die Wäsche auflas.

 

9.

Auf dem Nussweg, an dem auch das Haus der Trägers lag, hatte ein Streifenwagen halb schräg geparkt. Riedel unterhielt sich am Zaun mit einer Frau, die im Vorgarten ihres Hauses arbeitet

Sie fragte zurück: "Wann? Warten Sie mal - also, die Karin Träger ist gestern so gegen viertel vor zwei zurückgekommen."

"13 Uhr 45. Sind Sie sicher?

"Na ja, nicht auf die Minute natürlich, aber doch, es war viertel vor zwei."

"Wie ist sie zurückgekommen? Zu Fuß?"

"Nein, nein. In ihrem roten Flitzer."

Sie streckte die Hand aus und deutete die Straße hinunter.

Das Träger-Haus lag siebzig, achtzig Meter entfernt.

Zwei Kinder hatten sich den Streifenwagen gründlich angeschaut und kamen jetzt neugierig näher. Der größere Junge fragte: "Sind Sie ein Polizist?"

"Ja, bin ich."

"Stimmt es, dass die Eltern vom Jens ermordet worden sind?"

"Leider, ja. Kennt ihr den Jens Träger?"

Der Kleinere antwortete: "Sicher, ja."

Der Größere fragte weiter: "Wissen Sie schon; wer's war?"

Diese Frage überhörte Riedel: "Wann habt ihr den Jens zum letzten Mal gesehen?"

"Am Mittag."

"Was denkst du, weißt du es noch etwas genauer?"

"Wir hatten gerade gegessen. Nach zwei."

"Nach zwei Uhr. Und wohin ist der Jens gegangen?"

"Nach Hause."

Das kleinere Kind deutete wie die Frau in Richtung des Träger-Hauses.

"Waren die Eltern da schon tot?"

Riedel schnaufte ärgerlich: "Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?"

"Ja, sicher."

"Ich auch! Aber nicht weitersagen!"

Das größere Kind zog eine Flappe und ging weiter, das kleinere Kind zögerte noch: "Es war bestimmt nach zwei Uhr, Herr Kommissar.“

"Vielen Dank, du hast mir sehr geholfen."

Danach lief das kleinere Kind seinem Kameraden nach.

Die Frau hatte zugehört: "Schrecklich neugierig, diese Kinder."

Riedel nickte ihr nur freundlich zu, antwortete aber nicht und ging zum Träger-Haus. Rings um das Haus herum suchten Männer den Boden nach Spuren und Gegenständen ab, unter ihnen ein älterer Polizist in Uniform. Riedel sah den Männern einen Moment zu und rief dann laut:

"Herr Klinke!"

Der uniformierte Polizist richtete sich dankbar auf, massierte sein Kreuz und kam auf Riedel zu.

"Herr Klinke, hat's hier im Ort eigentlich in letzter Zeit Einbrüche oder Überfälle gegeben?"

Der Polizist nahm vor der Antwort seine Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn: "Nee, das nicht. Aber ein paar Junkies treiben sich hier herum, und seitdem passen die Leute auf Fremde auf. Und einige - na ja - die haben sich sogar eine Waffe besorgt."

"Ach nee!"

"Ja, der Träger, also, der Martin Träger auch."

"Mich laust der Affe!"

"Ich weiß nicht, Herr Riedel. Einbruch - tja, vielleicht, aber Mord? Doppelmord?"

"Sie wissen doch, Herr Klinke: Angst ist wie eine Lupe und vergrößert jede Gefahr."

"Da haben Sie leider Recht, Herr Riedel."

 

10.

Jens und Jutta inspizierten das Spiel-/Therapiezimmer der Ambusch-Wohnung. Es war ein langer, recht schmaler Raum mit mehreren Fenstern an einer Längsseite zur Straßenseite. Die Tür befand sich am Ende der Längswand gegenüber. Am Fenster, gegenüber der Tür, stand ein verschlissener Ohrensessel, daneben eine moderne Stehlampe. Unterhalb der Fenster war eine mehrere Meter lange Arbeitsplatte angebracht, davor standen mehrere Kinderstühle verschiedener Höhe. An der anderen Längswand hatte Jutta Kästen und Kisten mit Spielzeug aufeinander gestapelt.

Jutta erklärte Jens das Zimmer; dabei erwartete sie keine Antworten.

"Hier hast du Baukästen. Und Papier. Stifte. Wenn du mit Wasserfarben malen willst - Wasser musst du dir im Bad holen. Du darfst machen, was du willst. Du brauchst mich vorher nicht zu fragen, das soll ein Spielparadies für Kinder sein, weißt du, da haben Erwachsene gar nichts zu sagen. Wenn du willst, gehe ich raus, und wenn du mir's erlaubst, bleibe ich gern bei dir hier im Zimmer und setze mich da in den Sessel."

Während des Monologs zeigte sie ihm verschiedene Sachen. Es interessierte ihn wohl, aber er bekam den Mund zu Fragen nicht auf. Jens folgte ihr in größerem Abstand, gab kein Mal direkt zu erkennen, dass er zuhörte, nahm aber verschiedene Gegenstände in die Hand, betrachtete sie, legte sie wieder weg, als ob er sich nicht entscheiden könne.

"Du musst dir noch einen Stuhl mit der richtigen Höhe aussuchen. Das ist dann dein Stuhl, solange du hier bist."

Jens schien nicht zuzuhören. Er hatte einen Kasten mit Legosteinen entdeckt, in dem auch Menschenfiguren lagen. Er suchte sich einen Mann, eine Frau und ein Kind her aus, legte sie zur Seite, verlor das Interesse und schaute sich weiter andere Spielsachen an.

Jutta setzte sich in den Ohrensessel. Jens blieb stumm, aber sah mit freundlicher Miene zu.

Dann ging er schnell aus dem Zimmer.

Sie blieb sitzen, richtete sich aber auf und lauschte etwas besorgt.

Jens kam nach einer Weile zurück. In der Hand hielt er ein Glas, halbvoll mit Milch. Er suchte sich in der entferntesten Ecke einen Platz auf dem Tisch, stellte das Glas ab und probierte dann einen der Stühle aus. Er erschrak, als der Stuhl beim Hineinsetzen wippte, sprang auf und schob den Schaukelstuhl weg und suchte sich einen anderen, niedrigeren Holzstuhl, den er neben das Glas rückte. Er setzte sich, griff nach dem Glas und trank schlückchenweise, schaute dabei aus dem Fenster.

Jutta hatte aufmerksam registriert, dass sich Jens nicht ungeschickt wie ein Kind mit zuviel Kraft bewegte, sondern auf merkwürdige Art steif und ungelenk, als seien Gelenke eingerostet und Muskeln blockiert. Doch sie ließ sich nichts anmerken, saß ruhig in ihrem Sessel.

 

11.

Zur gleichen Zeit trafen sich Nele, Riedel, Kriminalrat Simon, Hauptkommissar Loskill, der Leiter der Pressestelle, Staatsanwalt Hase und zwei Mitarbeiter des Jugendamtes bei Simon.

Nele wütete: "Wenn Sie's genau wissen wollen: Das Jugendamt kann mir im Mondschein begegnen. Stundenlang."

Der grauhaarige Mitarbeiter des Jugendamtes ließ sich nicht so leicht einschüchtern: "Wir haben auch unsere Vorschriften, Frau Kaiser.

Sein glatzköpfiger Kollege assistierte: "Und das Gesetz, Frau Hauptkommissarin. Auf unserer Seite."

"Stecken Sie sich den Gesetzestext irgendwo hin, wo's nötig ..."

"Nele!", mahnte Simon.

"Ja, ist doch wahr, Chef. Ich rücke den Jungen nicht raus, da können die sich auf den Kopf stellen."

"Das müssen Sie uns begründen", verlangte Staatsanwalt Hase.

"Gut, Herr Staatsanwalt. Erstens haben wir mehrere Zeugenaussagen, nach denen es wahrscheinlich ist ...“

"Ne, fast sicher", korrigierte Riedel.

"... fast sicher ist, dass sich Jens zur Tatzeit im Haus befand."

"Steht denn fest, dass beide Morde im Hause der Trägers verübt worden sind?", fragte Simon dazwischen.

"Ja. Kein Zweifel, Chef. Zweitens haben wir Hinweise darauf, dass Jens nicht nur seine ermordeten Eltern gefunden hat, sondern Zeuge des Doppelmordes wurde."

"Auf die Hinweise bin ich aber gespannt", höhnte der Grauhaarige.

"Dann entspannen Sie sich wieder: denn die werde ich nur den Zuständigen erläutern."

"So was hab' ich erwartet."

Riedel schnauzte ihn an: "Dann sind Sie ja jetzt auch nicht enttäuscht."

Hase mahnte: "Herrschaften! Bitte!"

"Und drittens besteht der Verdacht, dass der Mörder Jens wohl bemerkt, aber gestern den Jungen hat laufen lassen. Den einzigen Zeugen wohlgemerkt, der ihn nach dem heutigen Ermittlungsstand lebenslang hinter Gitter bringen kann. Und deshalb, meine Herren vom Jugendamt, bleibt der Junge versteckt, bis wir den Täter festgenommen haben. Keines ihrer Heime kann für seine Sicherheit garantieren. Und wir nicht für die Sicherheit der anderen, dort untergebrachten Kinder, mit denen Jens zusammentreffen würde."

Hase sagte: "Das klingt vernünftig."

Der Glatzkopf fuhr ihm in die Parade: "Wenn alles so stimmt, was die Frau Hauptkommissarin hier vorträgt …"

"Ich heiße Nele Kaiser."

"Vielen Dank, das war mir bekannt. Und zwar ohne die geringsten Beweise behauptet …"

"Moment mal!", brauste Simon auf. "Wollen Sie damit andeuten, dass einer meiner Mitarbeiter hier Märchen erzählt?"

"Ich will gar nichts andeuten."

"Dann empfehle ich Ihnen, sich nicht so missverständlich auszudrücken."

Der Glatzkopf wurde ungeduldig: "Wir drehen uns doch im Kreis. Das Gesetz schreibt nun einmal klipp und klar vor, dass für den minderjährigen Jens das Jugendamt die Verantwortung übernimmt."

Damit war Staatsanwalt Hase nicht einverstanden: "Dieser Interpretation kann ich nicht zustimmen, meine Herren. Hier geht es darum, dass ein minderjähriger Zeuge, der unter Schock steht, nach sachverständiger Bekundung einer erfahrenen Ermittlungsbeamtin möglicherweise in Lebensgefahr schwebt. Deshalb bleibt der Junge in dem Versteck."

Der Grauhaarige widersprach prompt: "Damit sind wir nicht einverstanden, Herr Staatsanwalt."

"Das ist Ihr gutes Recht. Rufen Sie das Vormundschaftsgericht an und besorgen Sie sich eine andere Entscheidung."

"Worauf Sie sich verlassen können. Guten Tag."

"Wiederseh'n."

Die beiden Jugendamts-Mitarbeiter verließen aufgebracht das Zimmer, die Tür knallte ins Schloss.

"Vielen Dank, Herr Staatsanwalt."

"Keine Ursache.

Simon schaute in die Runde: "Dann sind wir uns einig? Nele und Riedel machen weiter, wie sie es für richtig halten?"

Hase nickte: "Ich habe keine Einwände. Wie halten wir's mit der Öffentlichkeit?"

Jürgen Loskill, der Leiter der Pressestelle, räusperte sich so laut, dass sich alle nach ihm umdrehten, und Hase fragte: "Wollten Sie was sagen, Herr Loskill?"

"Die Presse wird uns löchern. Sie hat von dem Doppelmord schon gehört."

Nele war auf Neunundneunzig: "Wenn ich den Kerl erwische, der den Mund nicht gehalten hat, begehe ich einen Mord. Und dir drehe ich das Kinn in den Nacken, wenn du ein Sterbenswörtchen verlauten lässt, Loskill."

Weil alle laut auflachten, konnte keiner die Bemerkung in den falschen Hals kriegen. Nur Loskill wiegte bedächtig den Kopf: "Also schließe ich aus der allgemeinen Heiterkeit, dass wir ...“

"Ganz recht, Herr Loskill. Vorerst überhaupt keine Informationen an die Presse. Ob, wann und was entscheide alleine ich.“ Staatsanwalt Hase war ein recht junger, höflicher und zuvorkommender Mann; dass er auch Autorität besaß, zeigte sich nur bei solchen Gelegenheiten.

"Na schön, dann bin ich so stumm wie Neles Zeuge."

 

Nele rieb sich den Nacken und fing einen besorgten Blick des Kriminalrates auf.

"Ja, es zwickt immer noch."

"In deinem Alter sollte man ..."

"Danke für den Kaktus. Ich weiß schon, was ich tue. Und Jan passt auf mich auf."

Staatsanwalt Hase hatte den kleinen Wortwechsel gehört und grinste zu Simon hinüber. "Was meinen Sie? Gibt es Ärger mit dem Jugendamt?", fragte er halblaut. Simon grunzte: "Keine Spur. Die sind wegen des Kindes, das sie Pflegeeltern im Methadonprogramm anvertraut haben und das sich mit dem Zeugs vergiftet hat, so im Verschiss, dass sie ganz still halten werden."

 

 

Minuten später holten Nele und Riedel ihre Autos. Nele war offenkundig mit den Gedanken ganz woanders, was Riedel auffiel:

"Du bist doch sonst die Ruhe auf zwei Beinen. Warum auf einmal so nervös?"

Nele presste die Lippen zusammen.

"Der Junge macht dir Sorgen?"

Nach längerem Zögern nickte sie unsicher.

"Mein Gott, Nele, wir haben doch nicht zum ersten Mal mit Kindern zu tun, die nicht reden wollen."

"Dieser Fall liegt anders, Jan."

"Warum?"

"Warum? Warum? Du hast den Jungen noch nicht länger gesehen, sonst würdest du nicht so fragen. Der kann nicht reden, selbst wenn er wollte."

"Was auszuprobieren wäre."

"Auszupro...? Nein, Jan, kommt nicht in die Tüte."

"Und wann - glaubst du - wird dein stummer Zeuge den Mund aufmachen?"

"Sobald er Vertrauen zu mir oder zur Ambusch gefasst hat."

"Mahlzeit! Aber du bist die Chefin, meinetwegen, mach' doch, was du willst.“

Riedel warf sich sichtlich gereizt in sein Auto und startete mit unnötig viel Gas und Reifengequietsche.

Nele sah dem Auto ihres Kollegen lange nach. Ihr Gesicht verriet, dass sie sich ihrer Sache gar nicht sicher war. Aber Jan war anders gestrickt als sie. Der neigte zu schnellen und manchmal eben auch zu vorschnellen Entschlüssen.

 

Jens hielt sich im Spielzimmer auf. Er hatte sein Glas Milch ausgetrunken und sah sich verstohlen um. Nicht weit von seinem Platz lagen aus Holz gefertigte massive Puzzles für Kleinstkinder, mit nur vier oder fünf großen Teilen.

Jens nahm sich einen Rahmen vor, in dem schon zwei Teile am richtigen Platz lagen. Er müsste drei Stücke einpassen, schaffte das aber nicht, versuchte immer wieder mit Kraft, ein Teil an die falsche Position zu drücken.

Nah kurzer Zeit gab er auf und kippte das Puzzle um.

Jutta hatte ihm ausdruckslos zugesehen. Von einem Achtjährigen - das war ihr anzusehen - hätte sie mehr Ausdauer und mehr Erfahrung erwartet.

 

12.

Riedel war nicht ins Büro gefahren. Er sprach mit einem Arzt und dem Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchung in einem Labor. Im Hintergrund saß die PTA Evelyn an einem Gerät und arbeitete scheinbar konzentriert, drehte aber immer wieder den Kopf zu Riedel, der das wohl bemerkte, aber nicht darauf reagieren wollte.

 

Der KTU-Leiter breitete das T-Shirt aus, das Jens am Mittwoch getragen hat, und deutete auf die dunklen Flecken:

"Blut. Und zwar von der Mutter. Außerdem haben wir an dem Shirt ein langes Haar gefunden, das von ihr stammt."

Riedel brummte seine Zustimmung. Der Leiter faltete flüchtig das Hemd zusammen, hielt vier Cellophantütchen hoch, in denen sich Kugeln befinden.

"Alle vier Kugeln stammen aus derselben Waffe."

"Vier Schüsse?", erkundigte sich Riedel.

"Ja. Einer auf die Frau, drei auf den Mann."

"Im Haus haben wir keine Waffe gefunden. Auch keine Munition."

"Dein Problem, verehrter Jan. Ich muss dir noch was zeigen ..."

Der Leiter nahm sich eine weiße Bluse und faltet sie auf. Auf der Vorderseite, neben der Knopfleiste, war rund um ein Loch viel Blut getrocknet, an den Rändern des Blutflecks zeichneten sich aber deutlich hell- und dunkelbraune Streifen ab, ferner Brandspuren. Zwei der Blusenknöpfe waren zersprungen, die Bruchflächen wie angebrannt.

"Das sind eindeutig Schmauchflecke. Und hier, die Brandspuren, die deuten darauf hin, dass die Pistole aus kürzester Entfernung abgeschossen wurde. Wenn nicht gar auf den Körper aufgesetzt."

Der KTU-Leiter drehte die Bluse um. Auch auf dem Rücken gab es ein Loch im Stoff, ebenfalls mit getrocknetem Blut umgeben.

"Die Kugel ist durchgeschlagen."

Danach zeigte er einen BH, ein Körbchen war auch blutbefleckt und wies dieselben dunklen Spuren auf.

"Auch Schmauchspuren, wie von einer aufgesetzten Waffe."

Riedel schüttelte den Kopf. Er hatte sein Notizbuch herausgeholt und schrieb eilig einige Stichwörter auf. Zwischendurch fragt er: "Was ist mit Fingerabdrücken?"

"Unmassen. Wir haben noch keine Zeit gehabt, sie auseinanderzusortieren."

"DNA-Material vom Schützen?"

"Dito."

"Schade. Eine Frage noch: Die Trägers sind doch in ihrem Haus umgebracht worden?"

"Sicher. Warum fragst du?"

"Weil der Mann in einen großen, schweren Teppich eingerollt war. Kannst du dir einen Grund dafür vorstellen?"

Der KTU-Leiter überlegte einen Moment, ging an einen anderen Tisch und fächerte einen kleinen Stapel Photographien auf, die in Trägers Arbeitszimmer von der Teppichrolle mit der eingewickelten Leiche gemacht worden waren.

"Nee, einen Grund - nee. Ich würd' mal so sagen: Nach der Blutmenge, die wir im Teppich gemessen haben, ist er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf dem Teppich angeschossen worden und gestorben. Aber wo der Teppich lag, als der Mörder schoss ..."

"Aber die Frau ist in der Diele umgebracht worden?"

"Ja. Das steht fest.

Riedel schwieg eine ganze Weile und grübelte. Dann nickte er und wandte sich an den Arzt, der lässig die Schultern zuckte.

"Auf den schriftlichen Bericht müssen Sie noch warten."

"Der hat auch Zeit. Ich würde von Ihnen nur gerne wissen, wann, wo und wie die beiden gestorben sind.“

"Bei ihr ist das verhältnismäßig einfach. Glatter Herzschuss, von vorn, Schusskanal fast waagerecht. Die Wunden haben sehr stark geblutet.

"Die Wunden?"

Der Arzt betrachtet ihn etwas spöttisch: "Die tödliche Kugel hat zwei Wunden verursacht. Die Eintritts- und die Austrittswunden."

"Richtig, ja. Und die Todeszeit ...?“

"Bleibt. Mittwoch zwischen 14.00 und 14.45 Uhr. Da, wo die Leiche gefunden worden ist."

"Und bei ihm?"

Der Arzt kratzte sich den Kopf: "Bei ihm ist das komplizierter. Er wurde von drei Schüssen getroffen. Ein Streifschuss am rechten Oberarm, der war schmerzhaft, aber harmlos. Ein Durchschuss unter dem linken Schlüsselbein, die Wunde hat stark geblutet, war aber nicht tödlich.“

Der Arzt deutete während seines Berichts jeweils an seinem Körper die Schusskanäle an.

"Aber der dritte Treffer, der hat's in sich."

Der Arzt ging an eine Tafel, wischte alte Zeichnungen weg und malte mit weißer Kreide den Umriss eines Kopfes, nahm dann rote Kreide, um die Richtung der Kugel zu demonstrieren.

"So. Die Kugel ist direkt hinter dem Kinn von unten in den Unterkiefer eingedrungen, dann schräg nach oben durchs Gehirn gezogen und aus dem Schädeldach wieder ausgetreten."

Riedel schrieb mit.

"Vernünftigerweise gibt's dafür nur eine Erklärung: Der Schütze war gestürzt, lag am Boden und schoss von unten nach oben auf Träger, der vor ihm stand, etwas nach vorne gebeugt."

Riedel stöhnte laut auf, der Arzt lachte und drehte sich zu ihm um.

"Sieht ein bisschen nach Notwehr aus, wie? Ich liege am Boden, mein Angreifer steht vor mir, beugt sich vor, um mir den Rest zu geben, und ich schieße auf gut Glück in sein grinsendes Gesicht."

"Bloß nicht!"

"Das darf nicht wahr sein!", brüllte der KTU-Mann.

"Wir malen es euch schön groß und bunt auf", versprach der Arzt und verbarg seine Schadenfreude nicht.

"Der Verteidiger dankt im Voraus. Können Sie sonst noch was sagen - Todeszeit, Todesort oder so?"

"Die Todeszeit - Mittwoch, zwischen 14.30 und 15.00 Uhr. Und gestorben ist er auf dem Teppich ..."

Riedel überlegte und verstaute dabei sein Notizbuch.

 

Evelyn schaltete ihr Gerät an und kam auf die Dreiergruppe zu, niemand beachtete sie. Sie drängte sich an Riedel heran, der auf sie aufmerksam wurde und eine unfreundliche Grimasse schnitt, aber nichts zu ihr sagte.

"Na ja, das wär's dann wohl. Vielen Dank."

 

Als er zur Tür ging, folgte sie ihm. Der Arzt und der KZU-Leiter hatten sich abgewendet und beredeten leise etwas miteinander.

An der Tür stießen Evelyn und Riedel zusammen.

"Hast du einen Moment Zeit?", fragte sie halblaut.

"Was ist denn los?"

"Wir müssen miteinander reden, Jan. Bitte!"

"Lass mich in Ruhe, ja? Kapier' doch endlich, es ist aus."

"Ist das alles, was du zu sagen hast?"

"Alles, liebe Evelyn. Ein für allemal."

Sie schien in Tränen ausbrechen zu wollen. Er betrachtet sie halb wütend, halb abschätzig, machte eine verächtliche Handbewegung und klinkte die Tür auf.

"Fehler soll man nicht in die Länge ziehen", sagte er dabei leise.

"Redest du jetzt von deiner Chefin und dir?"

"Was soll der Quatsch?"

"Ich bin nicht blind, lieber Jan."

Riedel riss die Tür auf und verließ stumm den Raum. Er wusste, dass viele im Präsidium vermuteten, der Oberkommissar Jan Riedel habe ein Verhältnis mit der Hauptkommissarin Nele Kaiser, und er wusste auch, dass es zwecklos war, das zu dementieren. Neles fester Freund, mit dem sie mehrere Jahre zusammengelebt hatte, war bei einem Autounfall gestorben, und sie hatte lange gebraucht, darüber hinwegzukommen.

 

13.

Nele Kaiser und Jutta Ambusch saßen in Juttas Küche. Die einzige Tür war geschlossen. Jutta hatte gekocht und stellte das Essen gerade auf ein Tablett, suchte Geschirr und Besteck heraus. Die beiden Frauen unterhielten sie sich mit leisen, unterdrückten Stimmen. Es lag Streit in der Luft.

"Frau Kaiser, nur über meine Leiche. Wenn Sie mit Jens jetzt über den Mord an seinen Eltern sprechen, riskieren Sie einen unheilbaren Schaden an seiner Psyche. Der Junge braucht Zeit und Ruhe."

"Wie viel Zeit?"

"Das weiß ich nicht. Tage, Wochen, Monate ..."

"Er ist höchstwahrscheinlich unser einziger Zeuge."

"Schon möglich. Aber Sie müssen warten, bis er freiwillig anfängt zu reden. Wenn er im Koma läge, könnten Sie es auch nicht beschleunigen."

Nele überlegte. Jutta betrachtete die Kommissarin gespannt.

"Gut. Unter zwei Bedingungen."

"Und die wären?"

"Ich muss Gelegenheit haben, mit dem Jungen zu reden, zu spielen, ihn kennen zu lernen. Damit er Vertrauen zu mir fasst."

"Und Sie schneiden das Thema Mord nicht an?"

"Versprochen! Erst wenn Sie mir grünes Licht geben."

"Und die zweite Bedingung?"

"Sie füttern jetzt eine hungrige Kriminalbeamtin."

Jutta zögerte einen Moment: "Eigentlich wäre es besser, wenn ich allein mit Jens ..."

"So viel Zeit habe ich nun nicht."

Neles ziemlich harsche Antwort ärgerte Jutta. Nele sah hoch und musterte sie fest. Es war ein stummer Machtkampf, den die Kommissarin gewarnt.

Mit unnötiger Heftigkeit knallte Jutta das Besteck auf das Tablett.

Nele lachte leise.

"Jan - Herr Riedel hat Ihnen doch bestimmt verraten, dass ich zwar belle, aber selten beiße."

"So lange man tut, was Sie wollen, nicht wahr?"

"Ich arbeite in einem System, das bei Frauen Höflichkeit und Rücksicht als Schwäche auslegt."

 

Am nächsten Mittag saß Jens still und regungslos am Tisch und wartete, bis Nele und Jutta hereinkamen.

Nele balancierte ein volles Tablett herein, auf dem auch ein großes Glas mit Milch stand, und setzte es aufatmend ab.

"Hallo, Jens."

Jens reagierte nicht. Nele half Jutta, aufzudecken und dann die Teller zu füllen. Jens verfolgte die Aktivitäten stumm und hatte scheinbar Mühe, überhaupt etwas mitzubekommen. Nele musterte ihn von der Seite:

"Jutta hat mich zum Essen eingeladen. Gute Bratkartoffeln gibt's bei uns in der Kantine selten. Dabei esse ich sie sehr gerne."

"Möchten Sie was trinken?"

"Nein, vielen Dank. Guten Appetit." Die gegenseitige Höflichkeit wirkte wie gespielt und abgesprochen.

Jutta und Nele begannen zu essen. Jens schaute nur auf seinen gefüllten Teller und rührte nichts an, griff aber nach dem Glas und trank.

"Schmeckt's dir nicht?"

Jens reagierte wieder nicht. Jutta meinte tröstend: "Wenn du keinen Hunger hast, musst du nicht essen, Jens."

Jens trank daraufhin sein Glas leer und stand wortlos auf und verließ die Essecke.

Jutta und Nele sahen sich hilflos an. Dann räusperte sich Nele: "Er wird's schon packen."

"Woher wollen Sie das wissen?"

Jens war ins Spielzimmer gegangen, blieb an den Lego-Kästen stehen, nahm die früher herausgelegten Figuren (Mann, Frau, Kind) in die Hand, legte sie aber wieder hin und begann, auf einer Grundplatte ein rechteckiges Haus mit massiven Mauern, ohne Fenster zu bauen. Der Wohnraum war nur ein besserer Spalt.

Die Figuren des Kindes und der Frau quetschte er in den engen Innenraum. Den Mann stellte er außerhalb der Mauern auf die Grundplatte, überlegte, drehte danach die Figur des Mannes so um, dass er dem "Haus" mit Frau und Kind den Rücken zukehrte.

 

14.

Nele und Riedel betraten ein Geschäft. Über Tür und Schaufenster stand "Feinkost Träger". Das Geschäft war leer bis auf drei Verkäuferinnen, die dem Paar erwartungsvoll entgegensahen. Wenn sie in der richtigen Reihenfolge nebeneinander standen, sah es aus, als habe ein nationalkonservativer Geschäftsinhaber sie allein nach der Haarfarbe eingestellt: Schwarz, Rot, Goldblond. Das Schwarz zeigte allerdings den typischen Glanz südlicher Regionen, beim Rot war so viel Farbe übrig geblieben, dass die Vererbung den Rest großzügig als Sommersprossen verteilt hatte und Goldblond, hübsch und fröhlich, machte den Eindruck, als seien die Blondinenwitze doch gerechtfertigt. Nele, die ihren Jan kannte, war seinem Blick gefolgt und kicherte nun unterdrückt, weil sie seine Gedanken sehr genau erriet.

 

Nele wandte sich an die ältere Verkäuferin: "Guten Morgen."

Schwarz sagte rasch: "Guten Tag."

"Mein Name ist Kaiser, Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Riedel."

"Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?"

Sie fragte so harmlos, dass Nele erst mit Verspätung schaltete: Die Frau wusste noch nichts vom Tode Trägers.

"Ich hätte gern mit dem Geschäftsführer gesprochen."

"Herr Träger ist heute noch nicht ins Geschäft gekommen."

"Und wer sonst könnte uns ein paar Auskünfte geben?"

"Vielleicht unsere Buchhalterin, Frau Waldmann?"

"Und wo finde ich Frau Waldmann?"

Die schwarzhaarige Verkäuferin deutete auf eine Tür: "Hinten im Büro. Erste Tür rechts."

"Vielen Dank."

 

Als sie ging, knuffte sie Riedel in die Seite, er kapierte, blieb stehen und wartete, bis Nele hinter der Tür verschwunden war.

Die Verkäuferinnen betrachteten ihn verwundert, was Riedel mit einem freundlichen Nicken registrierte: "Dann wissen Sie also noch gar nichts von dem Unglück?"

"Von welchem Unglück?"

"Ich fürchte, ich habe eine sehr schlechte Nachricht für Sie. Martin Träger und seine Frau sind gestern ermordet worden."

"Nein." Lauter: "Nein!" Fast schreiend: "Nein!"

Ihre Rufe hatten das andere Personal alarmiert. Schwarz setzte sich, als gäben ihre Beine nach, Rot und Goldblond stürzten auf sie zu.

"Martha! Was ist los mit dir?", fragte die Rothaarige.

Goldblond wandte sich an Riedel: "Was ist passiert?"

"Ich musste Ihrer Kollegin eine schlechte N...“

Schwarz ließ ihn nicht ausreden: "Der Chef ist tot!"

"Das kann doch nicht sein!", presste Rot heraus. Ihre Sommersprossen leuchteten wie ein Alarm.

Goldblond verstand die Welt nicht mehr: "Wieso tot?"

Die Rothaarige fauchte die ältere Kollegin an: "Du spinnst!"

Riedel mischte sich ein: "Nein, es ist leider so. Martin Träger und seine Frau sind gestern ermordet worden. In ihrem Haus."

Seine Worte schlugen wie eine Bombe ein. Während die Schwarz leise zu wimmern begann, starrten Rot und Goldblond ihn an, als könnten sie kein Wort glauben.

Riedel spürte ihren Unglauben und holte seinen Dienstausweis hervor, aber beide Frauen schauten gar nicht hin.

Rot ächzte: "Ermordet?"

Goldblond stöhnte: "Wer hat den Chef umgebracht?"

Rot presste heraus: "Wieso ermordet?"

Riedel steckte seinen Ausweis wieder ein: "Das wissen wir noch nicht. Deshalb brauchen wir von Ihnen Auskünfte."

Goldblond meinte treuherzig: "Was sollen wir denn vom Tod des Chefs wissen?"

"Hatte Martin Träger Feinde? Ist er einmal bedroht worden? Gab es Ärger mit Kunden? Oder Lieferanten? Oder früheren Angestellten? Ist er mal überfallen worden?"

Er rasselte seine Fragenliste immer langsamer herunter. Schwarz hörte ihm gar nicht zu, Rot und Goldblond stellten sich unwillkürlich wie zur Abwehr gerade hin und blickten sich kurz an. Es war ihm klar, dass sie etwas zu sagen hätten, sich aber nicht trauten oder nicht wollten.

Er beobachtete das Duo eine Zeitlang scharf.

 

Rot und Goldblond wichen jetzt seinem Blick aus.

"Sollen wir uns woanders unterhalten?"

Sein Ton war drohend und ungeduldig zugleich.

"Warum fragen Sie uns das alles?", beschwerte sich Rot.

"Wen denn sonst? Oder haben Sie Herrn Träger gar nicht gekannt?

Goldblond meinte vorwurfsvoll: "Warum gehen Sie nicht zu Frau Waldmann?"

"Ach, und Sie meinen, Frau Waldmann wüsste mehr als Sie?"

"Sicher, die kennt den Chef doch gut. Viel besser als wir, wir arbeiten hier nur."

Rot hatte sich abgewendet und wollte schon gehen, dann wurde der Drang übermächtig, sie drehte noch einmal den Kopf zu Riedel: "Sehr viel besser. Fast zu gut."

Das kam so gehässig heraus, dass sie selbst merkte, was sie angedeutet hatte, sie wurde verlegen und ging rasch fort.

Riedel blickte ihr einen Moment spöttisch nach, wandte sich dann an die die blonde Verkäuferin, die hilflos die Hände hob: "Es stimmt doch, Herr Kommissar."

"Der Chef also und Frau Waldmann ...?"

Die Blondine wusste vor Verlegenheit nicht, wohin mit den Händen.

"Na schön. Wann haben Sie den Chef zum letzten Mal gesehen?"

"Gegen halb zwei."

"Hier im Laden? Gestern?"

"Ja, er hat mit einer Kundin einen Party-Service besprochen."

"Wie lang hat das gedauert?"

Goldblond schaute ihn unsicher an: "Vielleicht eine Viertelstunde."

"Und danach?"

"Dann ist der Chef nach hinten gegangen, und danach hab' ihn nicht mehr gesehen."

"Wenn Herr Träger das Geschäft verließ - ist er dann hier durch den Laden gegangen?"

"Nein, fast immer hinten über den Hof. Da hat er auch seinen Wagen geparkt."

"Hat Ihr Chef zufällig gesagt, was er gestern noch vorhatte?"

Sie überlegte und schüttelte dann den Kopf.

Riedel nickte ihr nur zu und ging eilig auf die Tür zu, durch die Nele verschwunden war.

 

Nele hatte sich derweil in der Buchhaltung mit der vierten Angestellten unterhalten. Sie lehnte neben der Tür an einem Aktenregal und beobachtete mit gerunzelter Stirn Sigrid Waldmann, die vor einem Kopierer stand, sich erst die Tränen trocknete und dann die Vorlage im Kopierer wechselte. Ab und zu warf Nele der attraktiven Brünetten mit dem auffälligen Lockenschopf misstrauische Blicke zu.

"Natürlich habe ich Karin Träger gut gekannt. Auch Martin Träger und Jens ... sicher, der Chef hat mich schon ins Vertrauen gezogen, aber von Feinden...oder dass jemand seine Frau ... nein, davon hat er nie etwas erwähnt."

Während des Monologs kopierte sie die Blätter eines Terminkalenders.

"Nein, Mord, das kann ich mir nicht vorstellen ... und von Drohungen oder versuchter Erpressung weiß ich nichts, das hätte er mir bestimmt gesagt."

"Hatte er sich Geld geliehen? Oder gibt es Affären und - hm - erzürnte Ehemänner? Hat er mal erzählt, dass er von früher Feinde hat? Oder Konkurrenten, die er etwas unfein ausgebootet hat?"

Sigrid Waldmann packte die Kopien zusammen und gab sie, in Gedanken versunken, Nele. Endlich schüttelte sie energisch den Kopf: "Nein. Nein. Martin ist kein - war kein Unschuldslamm, das nicht. Und er hat - hatte nicht nur Freunde. Aber ich wüsste keinen ...“

Sie brach ab und musterte Nele fast erstaunt: "Jetzt, wo Sie es sagen, fällt mir wieder was ein. Der Chef hatte sich eine Freundin zugelegt, so eine kleine, ganz hübsche Partymaus, Lena Deruleit. Da hat es Ärger gegeben, weil diese Lena offenbar schon einen Freund hatte, der dem Chef eines Abends aufgelauert hat. Es gab eine schöne Prügelei, und der Chef hat mehr eingesteckt als ausgeteilt. Deshalb war von einem Tag auf den andern Schluss mit der flatterhaften Lena.“

"Sie wissen nicht, wo wir diese Lena Deruleit finden können?"

"Doch, in der Weserstraße. Nummer 18 oder 19."

"Hatte der Chef noch Kontakt zu dieser Lena?"

"Ja, hatte er. Lena kommt ja weit rum, und überall, wo sie hörte, dass eine Party oder ein Empfang oder eine Feier geplant war, hat sie Reklame für den Partyservice von Feinkost Träger gemacht. Wenn wir dann aufgrund ihrer Empfehlung einen Auftrag bekommen haben, hat der Chef ihr eine Vermittlungsprämie oder -provision gezahlt."

"Bar auf die Hand?"

"Sicher. Oder glauben Sie, solche Flittchen zahlen Steuern? Aber wenn sie hier ins Geschäft kam, wurde sie immer von ihrem Freund begleitet. Und mit dem Kerl ..."

Sie brach ab, weil es klopfte. Riedel stolperte herein.

"Guten Tag."

Nele stellte vor: "Das ist mein Kollege Jan Riedel."

Sigrid antwortete irgendwie erleichtert: "Guten Tag."

"Frau Waldmann glaubt nicht, dass Träger von einem Bekannten umgebracht worden ist."

"Wenn Frau Waldmann das sagt, wird's ja wohl stimmen."

Riedel betonte den Satz so merkwürdig, dass Nele und Sigrid Waldmann ihn scharf ansahen. Die Brünette schaltete sehr schnell: "Sie haben sich mit den Verkäuferinnen unterhalten?"

Er nickte und grinste anzüglich.

"Und die haben Ihnen mehr oder minder offen verklickert, dass ich ein Verhältnis mit Martin habe?"

"Hatte."

"Hatte, ja." Es hört sich nicht nach Trauer an.

"Ja, haben sie getan", brummte Riedel.

"Die Damen irren sich. Und besitzen eine etwas zu rege Fantasie. Oder meinen, sie sollten mir jetzt was heimzahlen."

"Sie nehmen das sehr ruhig hin."

"Es ist nicht das erste Mal, dass man hinter meinem Rücken über Martin und mich tratscht."

"Frau Waldmann, wann haben Sie Ihren Chef gestern das letzte Mal gesehen?", nahm Nele wieder das Wort.

Riedel wie Sigrid Waldmann waren erstaunt, dass Nele das Thema so abrupt wechselte. Die Brünette brauchte auch eine gewisse Zeit, bis sie antwortete: "Gegen viertel nach eins. Ich hatte meinen freien Nachmittag und bin um die Zeit gegangen." Während des Nachdenkens hatte sie ihre Haare noch weiter zerrauft und jede Spur einer Frisur beseitigt.

"Und Martin Träger saß hier an seinem Schreibtisch?"

Riedel deutete auf den zweiten Schreibtisch im Zimmer, sie nickte:

"Wissen Sie, ob und was er sich für den Nachmittag vorgenommen hatte?"

"Nichts Besonderes, soviel ich weiß, aber das steht alles auf seinem Terminkalender."

Nele warf einen flüchtigen Blick auf die oberste Kopie, während Riedel weiter fragte: "Was haben Sie am Nachmittag gemacht?"

"Ich bin zum Kornmarkt gelaufen und habe - aber warum wollen Sie das wissen?"

"Routine. Wir müssen alle, die das Ehepaar gekannt haben, fragen, wo sie gestern zwischen 13 und 17 Uhr gewesen sind."

Nele nickte gleichmütig auf Sigrids halb fragenden, halb empörten Blick.

"Ah, so, ja. Also. Ich habe etwas gegessen, dann habe ich eingekauft, Lebensmittel. Ein Kleid für den Strand und einen Bikini. Ein Buch. Ach ja, in der Reinigung bin ich auch noch gewesen."

"Anschließend sind Sie ..."

"... bin ich nach Hause gegangen. Da war ich so gegen vier Uhr.

"Ja, schön. Frau Waldmann, besaß Martin Träger eine Pistole?"

"Ja. Die hatte er sich vor gut zwei Jahren besorgt, nachdem hier eingebrochen worden war."

"Dann hat die Pistole hier im Büro gelegen?"

"Nein. Oder doch - also, vor einer Woche oder so hat er sie mit nach Hause genommen."

"Ach! Und warum?"

"Bei ihm im Dorf sollen sich Rauschgiftsüchtige und Schlägertypen herumgetrieben haben. Er hat das nicht so ernst genommen, aber Karin - seine Frau - war wohl sehr ängstlich deswegen.“

"Wissen Sie, ob die Trägers größere Geldbeträge zu Hause aufbewahrt haben?"

"Bestimmt nicht."

Sie ging in eine Zimmerecke und zog eine hölzerne Schranktür auf, dahinter stand ein kleiner, aber starker Tresor.

"Wenn wir die Einnahmen nicht mehr zur Bank bringen konnten, hat er das Geld hier regelmäßig eingeschlossen."

"Besitzen Sie Schlüssel zu diesem Tresor?", erkundigte sich Riedel und es klang einigermaßen anzüglich.

"Ja, habe ich."

Sie holte aus einer Hosentasche ein kleines ledernes Schlüsseletui heraus und wollte den Tresor öffnen.

"Vielen Dank, Frau Waldmann, das ist nicht nötig", bremste Nele sie. "Wenn Sie uns jetzt noch sagen, wo genau Sie an diesem Nachmittag überall gewesen sind ..."

 

Auf der belebten Straße, an der das Geschäft Feinkost Träger lag, liefen Nele und Riedel nebeneinander. Riedel blieb stehen, nach zwei Schritten wartete Nele auf ihn:

"Was ist los, Jan?"

"Das wollte ich dich fragen."

Nele griente wie eine ertappte Sünderin, strich sich mit der Hand über das Kinn, massierte dann ihren Nacken, um Zeit zu gewinnen.

"Waldmann, Sigrid Waldmann ... bei dem Namen hat's bei mir geklingelt. Ganz schwach. Aber ich weiß nicht mehr, wo und warum."

 

 

Nele und Riedel zogen durch die Registratur und Datenzentrale. Ihr Ziel war eine Blondine mit einem langen, pendelnden Pferdeschwanz; bei dem Schritt-Geräusch drehte die sich um.

"Ich habe seit einer Viertelstunde Feierabend."

"Dann sollten wir uns beeilen, damit Sie bald weg können."

Neles Ton war höchst unfreundlich, die Blondine schnitt zwar eine Grimasse, sagte aber nichts, sondern drehte sich mürrisch wieder zu ihrem Computer um.

Riedel schmunzelte und setzte sich auf einen Stuhl an einem anderen Terminal-Arbeitsplatz.

"Suchen Sie bitte einmal in unserem PKZ-Verzeichnis nach einer Waldmann, Sigrid."

Die Blondine tippt schweigend mehrere Befehle, dann den Namen ein.

Auf dem Bildschirm erschien nach einige Sekunden die Zeile "Waldmann, Sigrids. Etzel, HeinzVI 243/88 - I 017/89 - VI 118/89 - VI 536/90."

 

Nele hatte mitgelesen, richtete sich und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen ihre Stirn: "Natürlich, der schöne Heinz."

"Brauchen Sie alle Fundstellen?", quengelte die Eilige

"Nein, nein, nur die Anschrift von diesem Heinz Etzel."

Während die Blondine tippte, beugte sich Riedel vom Nebentisch vor.

"Hast du's?

"Ja, wir haben vor vier Jahren diesen Etzel einmal festgenommen. Verdacht auf Geiselnahme und Erpressung."

"Was?"

"Der Fall Gildenborn, kannst du dich noch erinnern?"

Auch bei Riedel funkte es: "Gildenborn, Gildenborn - sie wurde entführt, und er musste eine halbe Million blechen. War's so?"

"Ja, wir mussten Etzel laufen lassen, weil seine Freundin Sigrid Waldmann ihm für die Tatzeit ein Alibi gegeben hat."

"Entführung - Mensch, Nele ..."

"Die halbe Million ist bis heute nicht wieder aufgetaucht."

"Und warum brummt Etzel jetzt?"

"Missglückter Überfall auf eine Sparkasse."

Die Blondine unterbrach ihn: "Etzel ist amtlich gemeldet. Justizvollzugsanstalt Weldenburg. Seit dem 25. März vorigen Jahres."

"Waas?" Neles Enttäuschung war nicht zu überhören. Die Blondine grinste schadenfroh: "Brauchen die Kollegen auch Flügel, Trakt und Zellennummer?"

 

Nele und Riedel hatten die Registratur verlassen und schlichen Richtung Treppe. Er blieb plötzlich stehen und seufzte: "Ach, wäre das schön!"

"Was wäre schön, lieber Kollege?"

"Wenn wir es mit einem verunglückten Entführungsversuch zu tun hätten, Täter bekannt, Motiv bekannt, Anschrift leicht herauszufinden."

Nele gluckste: "Die schöne Sigrid hatte sich damals auch an den Gildenborn herangemacht."

"Du meinst, sich mit ihm ins Bett gelegt?"

"Wie jetzt unsere Sigrid Waldmann an Martin Träger?"

"Hätte doch System, oder?"

"Sag mal, ob Träger wusste, wen er da eingestellt hatte, als Buchhalterin mit Schlüsselgewalt über seinen Tresor?"

"Und Zugangsberechtigung zu seinem Bett?"

"Dann wäre fast noch interessanter zu erfahren, wann und durch wen Träger gehört hat, wen er da beschäftigte?"

"Welche Laus er sich da in den Pelz gesetzt hatte."

In der Sekunde ging Evelyn aus der Registratur an ihnen vorbei, ihr Pferdeschwanz pendelte und Riedel pfiff anerkennend hinter ihr her, was sie mit einem sehenswerten Schwung ihrer Hüften beantwortete.

"Du bist unverbesserlich", tadelte Nele, aber Riedel brummte nur: "Ich werde doch keine hübsche Frau beleidigen, indem ich sie nicht beachte."

 

Nele und Riedel waren gleich zu Sigrid Waldmann gefahren. Ihre Fragen hatten die Brünette aufgescheuchte, sie lief hin und her und räumte auf. Riedel hatte schon seinen Notizblock herausgeholt und aufgeschlagen.

"Hat Ihr später Besuch was mit Heinz Etzel zu tun?"

"Wieso mit Heinz Etzel?", tat Riedel unschuldig.

"Oh bitte, spielen Sie doch nicht den Harmlosen! Heinz hat mir erzählt, dass Sie und die Kommissarin Nele Kaiser ihn mal festgenommen habe, weil sie glaubte, er hätte sich an einer Entführung und Lösegeld-Erpressung beteiligt."

"Stimmt. Und sehen Sie, Frau Waldmann, es ist gut möglich, dass Martin und Karin Träger gar nicht umgebracht, sondern entführt werden sollten. Was dann irgendwie schiefgegangen ist.

"Und weil ich Heinz schon einmal ein Alibi geben konnte ..."

"Moment! Wir verdächtigen Etzel nicht, er sitzt ja seit dem vorigen Jahr."

Sigrid Waldmann stöhnte auf und ließ sich in einen Sessel fallen.

"Frau Waldmann, Sie haben mir erzählt, dass Martin Träger Sie ins Vertrauen gezogen hat.

"Ja."

"Können Sie mir dann sagen, wie die Ehe der Trägers gewesen ist?"

Sigrid Waldmann schaute Nele erstaunt an, die zuckte scheinbar verlegen die Achseln.

"Auch das müssen wir herausfinden."

"Ja, und weil die Klatschbasen im Geschäft Ihnen eingeflüstert haben, ich hätte mit Martin ... na schön, ich denke, es war nicht mehr die große Liebe und Leidenschaft, aber sie verstanden sich ganz gut."

"Gab es Spannungen?"

"Doch, ja, die gab's."

"Und weshalb?"

"Schwer zu sagen ..." Riedel räusperte sich laut, "... also, Martin ... Herr Träger ... war ehrgeizig. Und ziemlich hinter dem Geld her. Für seine Familie hat er wenig Zeit gehabt ... na ja, auch wenig Geduld.

"Das bezog sich jetzt auf seinen Sohn?"

"Ja. Jens war ihm zu weich, zu schüchtern, er konnte mit ihm nichts anfangen ... auf der anderen Seite ... er hat Karin und Jens verwöhnt ...“

"Aber offenen Streit gab es nicht zwischen den Eheleuten?"

"Nein, das wohl nicht."

"Hm. War es üblich, dass Martin Träger zum Essen nach Hause fuhr?"

"Nein, überhaupt nicht, Frau Kaiser. Er ist tagsüber sonst nie nach Hause gefahren."

"Und warum hat er es am Mittwoch getan?"

"Ich habe keine Ahnung."

"Schade! Na, dann erst mal vielen Dank."

Riedel hatte sich während des Dialogs ungeniert im Zimmer umgesehen. Als sie jetzt aufstanden, sagte er freundlich: "Sie haben wirklich eine schöne Wohnung."

So recht wusste die Waldmann nicht, was die Bemerkung bedeuten sollte. Sie zögerte, stand dann auch auf: "Vielen Dank."

"Dann könnten Sie mir bitte auch noch eine Frage beantworten. Wusste Träger, dass Sie mal mit Heinz Etzel befreundet gewesen waren und weshalb Etzel in den Bau gewandert ist?"

"Ja, das wusste er."

"Und von wem?"

"Ich hab's ihm gesagt, als ich mich wegen des Jobs vorstellte."

"Wie hat er es aufgenommen?"

"Begeistert war er nicht, meinte aber, damit hätte ich wohl meine Lektion gelernt."

"Und wie sind Sie an den Job gekommen?"

"Durch das Arbeitsamt."

 

 

Im Treppenhaus des Waldmann-Hauses brannte nur ein schwaches Licht. Nele gähnte und rieb sich den Nacken. Dabei wäre sie beinahe gestolpert.

Reifel schimpfte: "Verdammt, Nele, du solltest endlich zum Arzt gehen."

"Wozu? Der verordnet mir Bettruhe, und schlafen tu' ich schon seit Jahren schlecht."

 

An der Haustür trat Riedel vor, zog die Haustür auf und verbeugt sich tief: "Nach Ihnen, große Meisterin."

"Zu gütig, Herr Kollege."

Sie ging aber nicht hinaus, sondern grinste breit. Riedel lachte und drohte dann mit dem Zeigefinger: "Wenn du jetzt aufzählst, was ich morgen alles tun muss, knall' ich dir die Tür vor den Kopf. Das hilft vielleicht gegen deine Nackenschmerzen."

"Keine Sachbeschädigung bitte."

"Meinst du deinen Kopf oder die Tür?"

Nele lächelte geistesabwesend und streckte den Arm aus, um die aufgezogene Tür auch festzuhalten.

"Merkst du was, Jan?"

"Was soll ich merken?"

"Jens ist wirklich unser einziger Zeuge."

Danach schlenderte sie an Riedel vorbei auf die Straße, er kaute an der Bemerkung herum und murmelte, als Nele außer Hörweite war:

"Noch, verehrte Chefin."

 

15.

Im Spielzimmer des Ambusch-Hauses war noch Betrieb. Jens hockte auf einen Stuhl, den er an die Arbeitsplatte gerückt hatte, weit entfernt von der Tür und starrte vor sich hin.

 

Jutta kam herein und brachte ein Tablett mit, auf dem ein Teller mit Schnittchen und ein großes Glas Milch standen.

Sie stellte das Tablett auf die Arbeitsplatte ab, etwa auf halbem Wege zwischen ihrem Sessel und Jens' Stuhl.

"Du hast doch bestimmt Hunger, Jens."

Dann knipste sie die Stehlampe neben dem Sessel an und nahm sich ein

aufgeschlagenes Buch.

Nach einiger Zeit stand Jens auf, um das Tablett und die Brote zu inspizieren, nahm dann aber nur das Milchglas und ging damit langsam zurück in seine alte Ecke.

Unterwegs bemerkte er den Schaukelstuhl, setzte sich vorsichtig hinein, das Milchglas immer noch in der Hand.

Er begann zu schaukeln, erst vorsichtig, dann heftiger.

Wie zu erwarten spritzte die Milch über.

Jens erschrak, ließ das Glas fallen. Es zerbrach nicht, aber die Milch verteilte sich schön über den Fußboden.

Jens stürzte zu seinem alten Holzstuhl, drehte ihn um und setzte sich in die Ecke, wobei er Jutta den Rücken zukehrte. Sein Benehmen erinnerte an den Kinderspruch: "Wenn ich nicht sehen kann, bin ich unsichtbar.“

 

Jutta legte das Buch zur Seite und beobachtete ihn eine Weile stumm, bevor sie das Zimmer verließ. Bei ihrem Schrittgeräusch drehte Jens vorsichtig-ängstlich den Kopf nach ihr. blieb aber in der alten Position sitzen, unverändert auch, als Jutta mit einem vollen Glas Milch zurückkam und es auf dem Tablett absetzte.

 

Jens hatte bei dem Schritt-Geräusch wieder vorsichtig den Kopf gedreht und beobachtete sie.

 

Jutta setzte sich und las weiter.

 

Erst Minuten später drehte Jens vorsichtig, möglichst unauffällig seinen Stuhl herum.

Nach einer Weile holte er sich das neue Glas Milch. Sobald er es sorgfältig neben seinem Holzstuhl abgestellt hatte, kramte aus einer Holzkiste einen alten Lappen hervor, mit dem er die verschüttete Milch aufzuwischen versuchte. Er produzierte eine ziemliche Schweinerei, für einen Achtjährigen stellte er sich sehr ungeschickt an.

 

Jutta schaute lächelnd hoch: "Das ist lieb von dir, danke, Jens." Er antwortete nicht, setzte sich auf seinem Holzstuhl und trank sein Glas schlückchenweise, aber ordentlich aus. Dabei zeigte er zum ersten Mal eine Gefühlsregung, eine halb dankbare, halb erleichterte Miene.

 

Nele und Riedel klingelten an einer Wohnungstür, auf dem Schildchen unter der Klingel stand L. Deruleit.

 

Riedel drückte ziemlich ausdauernd den Klingelknopf.

Hinter der Tür war ein schlecht gelaunter Mann zu hören: "Ja, ja, schon gut. Welcher Idiot ..."

Die Tür wurde aufgerissen. Potzek war überrascht, er trug nur eine knappe Unterhose: "He, was zum Teufel ... Wer seid ihr?"

"Wir möchten gerne mit Lena Deruleit sprechen."

"Was wollt ihr Witzfiguren von Lena?"

"Das sagen wir ihr selber, einverstanden?", schlug Nele vor.

Das war Potzek sichtlich nicht, aber Nele zeigte keinerlei Anstalten, sich von seiner finsteren Miene beeindrucken zu lassen. Also müsste er grob werden, und als Kavalier der alten, rauen Schule überlegte er sich das, drehte sich um und brüllte: "Lena, dein Typ wird gewünscht."

"Bin schon unterwegs."

Lena Deruleit erschien im Flur. Sie war ähnlich unzureichend bekleidet wie ihr Freund Potzek. Es bestand kein Zweifel daran, bei welcher Tätigkeit Nele und Riedel sie unterbrochen hatten. Riedel, ein großer Freund großzügiger dargebotener Weiblichkeit, brummelte begeistert, Nele hielt sich zurück, von der jungen Dame spürbar weniger angetan.

"Ja, was gibt's?" Dabei schmachtete Lena den grinsenden Riedel an und hatte keinen Blick für Nele übrig.

Nele und Riedel zückten wie auf Befehl gleichzeitig ihre Ausweise.

"Kriminalpolizei. Sie sind Frau Deruleit, Lena Deruleit?"

"Sicher, bin ich, ja. Was habe ich mit der Kripo zu tun?"

"Hoffentlich gar nichts", sagte Riedel, den sie angesprochen hatte. "Wir haben nur eine traurige Nachricht für Sie! Martin Träger ist gestern ermordet worden."

Lena und Potzek machten entsetzte Gesichter. Keiner zeigte Trauer, aber auch kein schlechtes Gewissen oder Angst.

"Wieso traurig?" Damit reizte sie Nele: "Ich denke, Sie haben durch Träger ganz gut verdient."

"Ganz gut? Da lachen ja die Hühner", stellte Potzek klar.

"Wann haben Sie Martin Träger das letzte Mal gesehen, Frau Deruleit? Was haben Sie gestern Nachmittag zwischen - sagen wir vierzehn und achtzehn Uhr getan? Wer könnte das bezeugen?

"Verdächtigen Sie mich etwa?"

Nein", beruhigte Riedel, "das fragen wir alle Leute, die Martin Träger gekannt haben."

Potzek knuffte ihre Pobacke; "Dann mal los, Mädchen."

 

Nele und Riedel fuhren gemeinsam fort. Er saß am Steuer. sie betrachtete ihn spöttisch von der Seite:

"Da hast du ja gut zu tun. Model für Pornoaufnahmen. Bin mal gespannt, wer freiwillig zugibt, dass er auf der Party war und Bilder mit ihr geknipst hat."

"Aber das ist doch genau der Job, den man ihr zutraut."

"Und Potzek steht daneben und passt auf, dass es bei Bilderchen bleibt."

"Und sie die Hälfte des Honorars an ihn abdrückt."

"Hast du von solchen Knips- und Drehpartys schon mal was gehört?"

Nele knurrte ungehalten: "Ja. habe ich. Allerdings eher mit Teenies und Schulmädchen."

 

 

Jutta Ambusch schlief schon. Es war dunkel, sie fuhr plötzlich hoch, weil die Tür ihres Schlafzimmers geöffnet wurde.

Irgendwo in der Wohnung brannte noch ein schwaches Licht, so dass die Türöffnung erleuchtet wurde. Jens schob Juttas Schlafzimmertür ganz weit auf, verschwand danach wieder lautlos. Sie lauschte schwer atmend und hörte, wie er sich in sein Bett legte.

 

16.

Nele ging schon früh am Morgen auf das Ambusch-Haus zu. Sie hielt eine Brötchentüte in der Hand und war mächtig erschrocken, als zwei Männer auf sie zustürzten und brüllten: "Halt!"

 

Sie ließ die Brötchentüte fallen, die sich zum Glück nicht öffnete, blieb stehen und drehte sich empört zu den beiden Männern um, die vor ihr stoppten.

"Entschuldigung, Frau Hauptkommissarin.", sagte der eine, bückte sich und hob die Tüte auf, die er ihr verlegend grienend in die Hand drückte.

"Guten Morgen, Frau Kaiser."

"Guten Morgen, Kollegen."

"Nichts Auffälliges bisher", sagte der zweite Mann schnell.

"Danke. Hoffen wir, dass es so bleibt."

 

Nele nickte den beiden Polizisten zu, die sich wieder in Deckung zurückzogen, klingelte an der Haustür, hob dann noch die Zeitung auf, die auf der Fußmatte lag, und schlug sie auf. Die Schlagzeile lautete: "Doppelmord in Zesendorf." Dazu zwei Bilder von zwei zugedeckten Leichen.

 

Sie fluchte sehr undamenhaft: "Verdammte Scheiße."

In der Sekunde öffnete Jutta die Tür.

"Meinen Sie etwa mich?", platzte sie heraus.

Statt einer Antwort hielt ihr Nele wortlos die Titelseite mit der Schlagzeile hin.

"Auch das noch!"

Jutta nahm ihr die Zeitung ab.

"Gehen Sie schon mal rein! Ich versteck' das Blatt im Keller unter'm Altpapier."

 

Jutta, Jens und Nele hatten sich in die Essecke gezwängt. Jens saß stumm auf seinem Platz, Nele schüttete die Brötchen in einen Brotkorb.

Nele sagte laut und fröhlich: "Ich hab' Hunger."

Jutta hob die Kanne hoch: "Kaffee?"

"Gerne. Viel und stark. Danke.“

"Größere Tassen hab' ich nicht."

"Macht nichts! Ich hoffe, du magst Mohnbrötchen. Die mit Rosinen waren schon ausverkauft."

Jens reagierte nicht.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas, die Erwachsenen waren mit ihrem Frühstück beschäftigt. Jens griff zwar nach seinem Milchglas, zögerte, ließ es stehen und schaute in den Brotkorb.

"Du kannst dir nehmen, was du magst."

Er sagte nichts und holte sich ein Mohnbrötchen heraus, betrachtete es dann ziemlich hilflos, bis Nele fragte: "Soll ich dir's aufschneiden?"

Jens gab ihr keine Antwortet, legte aber mit einer raschen Bewegung das Brötchen auf Neles Teller.

Sie schnitt das Brötchen auf und legte beide Hälften auf Jens' Teller. Dabei redete sie, ohne den Jungen direkt anzusehen: "Ich hab' mir überlegt, dass Jutta und du bei dem schönen Wetter in den Zoo gehen solltet. Weißt du was, Jens? Ich spendiere den Eintritt!"

Sie holte lachend ihr Portemonnaie heraus und legte einen Fünfzig-Euro-Schein neben Jens' Teller: "Das sollte auch noch für ein großes Eis reichen."

Jens schaute hoch und sah Nele zum ersten Mal direkt, aber noch ausdruckslos an.

 

Vor dem Ambusch-Haus stieg Nele in ihr Auto und winkte Jutta und Jens noch einmal zu.

Jens hielt noch ein halbes Brötchen in der Faust und kaute.

Weil Juttas Auto schon losfuhr, musste er notgedrungen bei Nele einsteigen. Man sah ihm, an, dass er lieber mit Jutta gefahren wäre.

Ein ziviler Wagen folgt Juttas Auto. Ein zweiter Mann auf dem Beifahrersitz winkte Nele zu, die nur eine Hand hob und dann auch startete, allerdings nicht Jutta Auto folgte.

 

Nele hielt vor Trägers Werkstatt-Schuppen. Der Garten sah einigermaßen verwildert aus.

Träger fand sie hinter dem Schuppen; er mauerte an einem etwa zehn Mal zehn Meter großen Bau, die Wände hatten die Höhe etwa zur Unterkante der Fenster erreicht.

Als er die Hauptkommissarin sah, ließ er die Kelle sinken. Sie grinste ihn an: "Nicht genehmigter Schwarzbau?"

Andreas Träger zog so verlegen den Kopf ein, dass es einem Ja gleichkam.

Nele lachte: "Keine Sorge, deswegen bin ich nicht hier."

"Wissen Sie, dieser Papierkrieg auf den Ämtern ..."

"Geschenkt, Herr Träger. Ich wollt' Sie was ganz anderes fragen.“

Er setzte sich auf einen Ziegelsteinstapel und begann eine Pfeife zu stopfen.

"Wie war eigentlich die Ehe Ihres Bruders?"

"Die Ehe? ... Was soll ich dazu sagen? ... Nicht sehr gut, aber auch nicht wirklich schlecht."

"Gab's Zank? Oder Dauer-Streit?"

"Nei-ein ... na ja, doch, manchmal."

"Und warum?"

"Eigentlich ging's immer darum, dass sie beide zu viel Arbeit hatten. Und zu wenig Zeit."

"Auch für Jens nicht?"

"Nee, für das Kind hatten sie auch keine Zeit. Karin, na ja, schon mehr ... aber mein Bruder... wissen Sie, Martin ist ungeheuer ehrgeizig ... war ehrgeizig, du mein Gott, das vergesse ich immer wieder ..." Er brach ab, starrte einen Moment ins Leere, kehrte dann in die Gegenwart zurück. "Martin wollte unbedingt ein drittes Geschäft aufmachen. Deswegen hat er zwölf, vierzehn Stunden am Tag gewühlt. Da durfte ihn niemand stören, Karin nicht, und Jens erst recht nicht. Wissen Sie, deshalb ist Jens auch so oft hier - wie geht's ihm eigentlich?"

"Gut, Herr Träger. Sehr gut."

"Ich möchte ihn sehen, Frau Kaiser."

Nele überlegte, zögerte und schüttelte bedächtig den Kopf:

"Tut mir leid, Herr Träger, das geht nicht. Noch nicht."

"Aber ich bin doch sein Onkel. Er hat doch jetzt keinen Angehörigen mehr ..."

"Für den Jungen wird gesorgt. Für sein leibliches und sein seelisches Wohl. Aber er braucht noch Zeit."

Träger zeigte, dass er ihr nur knapp die Hälfte glaubte, merkte aber auch, dass Nele nicht nachgeben wollte. Resigniert brannte er seine Pfeife an: "Na schön, ich merk' schon ... also, Jens ist oft hier, ich bin so eine Art Ersatzvater für ihn geworden."

"Und abgesehen davon, dass die Eltern keine Zeit für Jens hatten - hatten sie denn Zeit für sich?"

"Wie meinen Sie das?"

"Nun, offen: Gab es Seitensprünge?"

"Martin und eine Freundin? Wann denn? Nein!"

"Und Karin Träger?"

"Die erst recht nicht."

"Haben Sie sich mit Ihrem Bruder verstanden?"

Träger lachte bitter auf: "Mäßig, Frau Kommissarin, sehr mäßig. Ich war und bin das schwarze Schaf, der Versager, der Bruder Luftikus, der Herr Leichtfuß, der immer wieder den erfolgreichen Geschäftsmann anpumpen musste."

"Was Ihrem Bruder nicht gefallen hat?"

"Martin hätte sich lieber seine Ohren abschneiden lassen, als tausend Euro zu verlieren."

"Zu verleihen!"

"Nee, nee, in dem Punkt hatte er ausnahmsweise Recht. Mir Geld zu leihen heißt, Geld zu verschenken."

Nele musste unwillkürlich lachen: "Meine Schwester war genau so, immer abgebrannt und auf Pumptour bei den Geschwistern. Und dann gewinnt das Luder beim Lotto den Jackpot und erklärt mir ernsthaft, tut mir leid, ich kann dir nichts leihen, ich muss mein Geld zusammenhalten."

"Martin hätte sich in diesem Punkt mit Ihrer Schwester gut verstanden."

"Und was hielt Ihre Schwägerin von Ihnen?"

"Karin und ich mögen uns - mochten uns gut leiden. Sie war - zum Glück - sehr viel netter als mein Bruder."

"Dann hatte sie auch nichts dagegen, dass Jens Sie so oft besucht hat?"

"Im Gegenteil."

"Und wovon leben Sie nun - wenn Ihnen Ihr Bruder kein Geld leihen wollte?"

"Etwas reparieren. Restaurieren. Töpfern, brennen. Auch Schnaps. Oder mal einen Schrank bauen. Kommen Sie, ich zeig's Ihnen.

Träger marschierte mit langen Schritten auf den Eingang des Schuppens zu. Nele folgte ihm unwillig, mit nachdenklicher Miene. Für Werkstätten brachte sie nicht das große Interesse auf.

 

Träger ließ sie in die Werkstatt eintreten.

"Sagen Sie mal, Herr Träger, kennen Sie eine gewisse Lena Deruleit?"

"Die kleine Nutte und Partyläuferin?"

"Ihr Bruder hatte mal was mit ihr?"

"Ja, aber nicht lange; denn da tauchte plötzlich ein wüster Schläger mit Besitzansprüchen auf, mit dem sich mein Herr Bruder nicht anlegen wollte. Also beschränkte er seine Kontakte zu Lena aufs Geschäftliche. Und wenn sie kein Wechselgeld parat hatte, hat sie vielleicht mit einem Quicky in der Garderobe herausgegeben. Mein Bruder ist - war ein potenter Mann."

"Lena macht Mundpropaganda für den Partyservice von Feinkost Träger?"

"Ja, so kann man's ausdrücken, und dabei war sie erstaunlich erfolgreich."

 

Nele bewunderte die fertig gestellte Intarsien-Schranktür, an der Träger am Mittwochabend gearbeitet hatte.

Er deutete in eine Ecke: "Das ist Jens' Arbeitsplatz.“

In der Ecke stand unter einem Fenster eine kleine, niedrige, improvisierte Arbeitsplatte mit zwei Schraubstöcken, Laubsäge und Leimtopf plus Pinsel.

Träger lachte leise: "Er hilft mir, wirklich. Er hat sehr geschickte Hände."

"Also ganz der Onkel."

"Na klar. Wenn ich dürfte, würde ich ihn sofort als Lehrling anstellen."

Nele verbesserte: "Das heißt heute Azubi", drehte sich um und erkannte auf einem Tisch die Zeitung mit der Schlagzeile über den Doppelmord.

"Sie hängen sehr an Jens?"

"Noch mehr, Frau Kommissarin."

 

Von Andreas Träger war Nele noch einmal zu den Wittes gefahren. Die beiden Frauen setzten sich auf die Veranda.

"Nein, Frau Kaiser, über die Ehe der beiden kann ich Ihnen nichts sagen. So gut kannten wir sie nicht. Aber wenn Sie mich nach meinem Eindruck fragen: Sie war um Klassen netter und freundlicher und konzilianter als ihr Mann. Martin Träger war ein takt- und manierenloser Grobian, scheißfreundlich nur zu seinen Kunden."

"Und Jens?"

"Jens? Der hat seine Mutter geliebt und ist seinem Vater aus dem Weg gegangen, wo er nur konnte.“

"Sie kennen Andreas Träger?"

"Natürlich! Andreas - Onkel Andy - ist ein Filou. Aber ein netter. Jens liebt ihn abgöttisch."

"Das Verhältnis der Brüder scheint nicht gut gewesen zu sein."

"Nein, das war es nicht. Karin - Frau Träger - musste immer wieder zwischen den beiden vermitteln."

"Warum hat sie das eigentlich getan?"

Karla Witte zögerte: "Ich denke mir, sie wusste, wie sehr Jens an seinem Onkel Andy hängt. Und sie wollte nicht, dass Jens unter den Spannungen der Brüder leidet."

"Ja, das klingt logisch."

 

17.

Nele und Riedel trafen sich in der gut besetzten Kantine des Präsidiums an der Essensausgabe. Die Schlange rückte gerade ein Stück vor:

Riedel hatte Neuigkeiten: "Die Waldmann hat gelogen. In zwei Geschäften war sie mit Sicherheit nicht, und die Buchhandlung hatte am Mittwoch nach 13 Uhr geschlossen."

"So was habe ich mir schon gedacht. Ich nehme den Eintopf."

"Für mich auch bitte! Also kein Alibi für die liebe Sigrid. Und in seinem anderen Geschäft ist Träger an dem Tag auch nicht mehr gesehen worden."

"Aber Hinweise auf einen Freund, der mit der Waldmann was geplant hat ..."

"Nee, bis jetzt Fehlanzeige."

Sie nahmen sich ihre Eintöpfe und rückten zur Kasse vor. Beide legten Bons in die grüne Schale, die Kassiererin beachtete sie nicht.

 

Hinter der Kasse sahen sich Nele und Riedel suchend nach freien Plätzen um.

An einem Vierer-Tisch mit noch zwei freien Stühlen winkte ein Kollege Loskill.

"Merkst du was, Jan?"

"Sicher. Neugier kneift schlimmer als Hunger. "

"Wenn ich den Kerl erwische, der mit der Presse redet ..."

"... begehst du einen Mord. Du wiederholst dich, verehrte Chefin. Ich habe noch eine schlechte Nachricht für dich. Diese Lena hat sich am Mittwochnachmittag bis gegen 20 Uhr auf einer Knipsparty, wie das neuerdings heißt, fotografieren lassen und dabei die Hüllen ganz oder teilweise fallen lassen. Ihr Freund Potzek ist ihr nicht von der Seite gewichen und hat kassiert. Zehn Zeugen bis jetzt, vier sehr glaubwürdig, die restlichen sind Windhunde. Lena müssen wir von der Liste streichen. Potzek leider auch."

"Schade, aber auch Andres Träger meint, die Beziehung Martins mit Lena sei schon lange beendet."

 

 

Jutta und Jens stromerten über Mittag bei strahlendem Sonnenschein durch den Zoo. stoppten schließlich vor einem Freigehege mit jungen Tigern, mit ihnen vielleicht acht, neun Männer, Frauen und Kinder, neben und hinter ihnen.

Jutta lachte wie die anderen über die spielenden Tiere.

Jens sah zwar auch hin, blieb aber ernst, er schien das spielerische Kräftemessen der Jungtiere als ernste Auseinandersetzung zu betrachten.

Plötzlich wurde es ihm zuviel. Er drehte sich eilig um und rempelte dabei versehentlich einen Mann an, der schräg hinter ihm gestanden hatte. Der Mann lutschte ein Eis, das er bei dem Zusammenprall fallen ließ.

Jens achtete nicht darauf, sondern drängte nach hinten, zur Empörung des Mannes: "He, du Lümmel."

Der Mann bekam Jens auch zu fassen.

Jens strampelte, er wollte sich unbedingt freimachen. Sein Gesicht verriet panische Angst.

"Kannst du nicht aufpassen?", brüllte der Mann laut und unbeherrscht.

Zwei Wächter tauchten hinter den beiden auf und packten den Mann an den Oberarmen, und zwar so hart, dass er Jens loslassen musste.

 

Sobald er frei war, lief Jens weg.

Jutta, durch das Gebrüll des Mannes aufmerksam geworden, rannte hinter ihm her, erreichte ihn auch, obwohl Jens erstaunlich schnell war, wollte ihn am Arm festhalten. Doch Jens ließ sich zu Boden fallen und begann wild zu strampeln, schlug dabei mit Armen und Beinen um sich, wobei er nicht einen Laut ausstieß.

Jutta wich zurück, hockte sich neben Jens auf die Erde, versuchte aber nicht mehr, ihn anzurühren, sondern wartete, bis er sie neben sich sah und erkannte. Seine Bewegungen wurden langsamer.

Von dem Gehege kamen jetzt die beiden Männer auf Jutta und Jens zugelaufen.

 

Besucher waren bei Jutta und Jens stehen geblieben, beobachteten das Schauspiel.

"Der Junge braucht ein paar hinter die Löffel", urteilte ein Mann.

"Eine ordentliche Tracht Prügel", schlug ein anderer vor.

"So ein unverschämter Bengel", assistierte ein dritter Mann.

Die beiden Wächter vom Typ Kleiderschrank erreichten die Gruppe der Neugierigen.

Jens stellte sich auf die Füße und stand regungslos wie ein begossener Pudel da.

Die Wächter drängten die Neugierigen zurück. Dabei verhielten sie sich in alles andere als zimperlich, was auch wirkte. Der Ring wurde größer.

"Los, los, gehen Sie weiter, hier gibt's nichts zu sehen!"

"Oder sollen wir Ihnen Beine machen? Runter vom Acker!"

"Unverschämtheit, was fällt Ihnen ein?", beschwerten sich Besucher.

"Was sind das überhaupt für Typen?"

"Hauen Sie ab, aber schnell!"

 

Jutta ging schnell in eine andere Richtung als die von den Wächtern weggedrängten Neugierigen.

Jens folgte ihr in großem Abstand. Bei einem Hund hätte man gesagt, "mit hängenden Ohren".

19.

Jutta und Jens hatten sich nach dem Trubel im Zoo in das Spielzimmer zurückgezogen.

Sie las in ihrem Ohrensessel.

Jens strolchte an der Arbeitsplatte vorbei, nahm prüfend einige Sachen hoch, legte sie aber wieder hin.

Etwas länger blieb er dann vor dem oben noch offenen "Gefängnis" aus Lego-Steinen stehen, wühlte in der Kiste, bis er eine Platte fand, die als Flachdach dienen konnte. Die Platte ließ sich aber nicht auf die Lego-Mauern setzen, weil die darin stehenden Figuren zu groß waren. Als ihm das klar wurde, warf er die Platte zurück in die Kiste. Sein sonst so leeres Gesicht zeigte Ärger und Zorn, was Jutta nicht entging.

In der "Abteilung Malen" blieb er vor den leeren Zeichenblöcken stehen, griff sich einen Filzstift und malte sinnlose Krakel auf ein leeres Blatt. Dann wollte er schon weitergehen, stockte, schaute zurück auf die Blöcke und überlegte. Schließlich holte er sich einen Stuhl, der in der Höhe ausreichte, vor die Zeichenblöcke, riss das bekrakelte Blatt ab, zerknüllte es und schleuderte die Kugel heftig auf den Boden. Es brauchte mehrere Minuten, bis er sich beruhigte und nach einem schmaleren Filzstift zu suchen begann. Dann zeichnete er eifrig.

 

Jutta ließ vorsichtig ihr Buch sinken und schaute unauffällig zu Jens hin. Der malte jetzt in wildem Eifer, weit nach vorn gebeugt, so dass er mit der Brust fast auf der Platte lag.

 

 

In Juttas Schlafzimmer war es nicht ganz dunkel, weil die Tür halb offen stand und irgendwo in der Wohnung ein schwaches Licht brannte.

Jutta schlief und schreckte plötzlich hoch.

In der Türöffnung stand Jens und beobachtete sie schweigend.

 

Auch sie betrachtete ihn eine Weile schweigend und sagte endlich: "Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin da und ich gehe nicht weg, ich lasse dich nicht allein."

Daraufhin machte Jens wortlos kehrt und ging in sein Bett zurück

 

20.

Jutta, Jens und Nele in Bikini resp. Badehose lagen auf einer Liegewiese in einem am Samstagmorgen gut besuchten Freibad. Jeder der drei belegte eine eigene Decke, Jutta und Nele lagen nebeneinander, Jens hielt Abstand zu Jutta.

Etwa zwanzig Meter hinter dem Trio faulenzte Riedel allein auf einer Decke und beobachtete lässig die drei.

Nele fragte: "Wollen wir ins Wasser gehen, Jens?"

Jens reagierte wieder nicht. Daraufhin schaute Nele zu Jutta an, die nur die Achseln zuckte. Sobald Nele sich zum Sonnen auf den Rücken gelegt hatte, stand Jens wortlos auf und wartete geduldig neben seiner Decke.

Jutta bemerkte ihn und stieß Nele an: "Prima, Jens. Kannst du schon schwimmen oder sollen wir ins Kinderbecken gehen?"

Nele sprang auf. Jens marschierte voran Richtung Kinderbecken.

Riedel verfolgte amüsiert, wie Nele und Jens ins Kinderbecken stiegen, und hatte es eilig, sich neben Jutta auf die Decke zu legen:

"Hei!"

Jutta grinste: "Für Sie ist's ziemlich langweilig, nicht wahr?

"Das dürfen Sie laut sagen! Obwohl manche Anblicke mich dafür entschädigen."

Jutta reagierte nicht auf die Anmache: "Ist das nicht toll, dass Jens mit Ihrer Kollegin schon freiwillig ins Wasser geht?"

"Wieso toll?"

"Jens hat panische Angst vor Strafe und vor fremden Menschen."

"Und zu Nele hat er jetzt Vertrauen?

"Vertrauen wäre zu viel gesagt."

"Ich wünschte, Sie würden zu mir Vertrauen fassen. Fürchten muss man mich ohnehin nicht."

Sie musterte ihn etwas verlegen an, der Unterton war nicht misszuverstehen, eben so wenig seine Blicke auf ihren Bikini. Und Riedel produzierte sein schönstes Lächeln. Nele nannte es das Rotkäppchen-Grinsen. So hatte sich der Wolf bemüht, dem Rotkäppchen Vertrauen einzuflößen.

"Haben Sie heute Morgen die Zeitung gelesen?"

"Ja, hab' ich.

"Warum schimpfen die so auf Ihre Kollegin?"

"Das hat viele Gründe."

Jutta schaute Riedel forschend an, aber er grinste nur, mehr wollte er im Moment nicht sagen, legte nur kurz seine Hand auf ihre Schulter.

"Ich erklär's Ihnen später mal. In netterer Umgebung."

Damit entfernte er sich.

Nele und Jens kamen, wieder Abstand haltend, auf Jutta zu.

Jens begann wortlos, sich abzutrocknen, dasselbe tat Nele.

"Wie war's?"

"Wunderbar."

 

Jens wollte sich gern den Rücken abtrocknen, aber stellte sich mehr als ungeschickt an, obwohl das Handtuch groß genug war. Die beiden Frauen verständigten sich mit einem schnellen Blick, ihm nicht zu helfen. Jutta stand auf: "Ich glaub', dann geh' ich auch mal ins Wasser."

Sie schaute dabei auf Jens, der sich aber wortlos auf seiner Decke ausstreckte.

Nele blinzelte Jutta beruhigend zu.

 

Riedel war in einem großen Bogen um Jens und Nele herumgelaufen, traf mit Jutta an der Treppe in das Becken zusammen.

 

Nele beobachtete Riedel und Jutta und lächelte in sich hinein.

 

Jens stand unerwartet auf und ging auf das Schwimmbecken zu, in dem Jutta und Riedel gerade verschwanden und zur anderen Seite starteten.

 

Sie erreichten gleichzeitig den Rand, hielten sich fest, wobei er wie zufällig mit ihr zusammenstieß.

"Ich brauch' eigentlich keinen Schutz, Herr Riedel."

"Ne, dafür ist auch Tante Nele zuständig. Übrigens heiße ich Jan. Ich verbinde nur das Dienstliche mit dem Angenehmen."

"Abwarten!"

Mit der flachen Hand schlug sie auf das Wasser, der Schwall traf ihn genau ins Gesicht, sie tauchte lachend weg, er prustete, rieb sich die Augen, sah sich um.

Jens hatte die Szene vom Beckenrand aus beobachtet.

Riedel winkte ihm zu, machte eine auffordernde Bewegung, auch ins Wasser zu kommen.

Jens wandte sich ab und ging weg. Dabei griente er vergnügt in sich hinein.

 

Nele, Jutta und Jens legten einen Stopp an einer Imbissbude vor dem Eingang des Freibades ein.

Die Bedienung reichte gerade Jutta und Nele je eine Bockwurst.

"Bitte sehr."

"Danke."

Nele wollte schon in ihre Wurst beißen, zögerte, schaute auf den neben ihr stehenden Jens, stupste ihn leicht an und hielt ihm die Wurst hin.

Jens war bei der Berührung zusammengezuckt und schnell einen Schritt zur Seite ausgewichen, kam näher und nahm sich vorsichtig die Wurst, dabei jede Berührung mit Nele vermeidend. Sie zwinkerte ihm zu:

"Guten Hunger."

Jens biss in die Wurst.

Nele bestellte eine zweite Wurst für sich, was Jens staunend ansah und anhörte.

 

21.

Jens half, die nassen Badesachen im Garten auf eine Leine zu hängen. Er achtete zwar immer noch darauf, Nele oder Jutta nicht zu berühren, aber er wich nicht mehr so schreckhaft zur Seite, wenn sie ihm nahe kamen.

Die Frauen setzten sich auf der kleinen Veranda an einen Kaffee-Tisch, auf dem Kaffee-Geschirr stand und eine Sofortbild-Kamera lag.

Jens kniete in einer etwa sieben, acht Meter entfernten Sandkiste und grub mit den Händen einen Tunnel.

Nele nahm die Kamera hoch und rief: "Jens, schau doch mal her!"

Jens reagierte nicht und buddelte weiter.

Nele machte zwei, drei Aufnahmen von Jens, legte dann die Kamera wieder auf den Tisch neben die Bilder. Dass die Kamera auf ihn gerichtet war, hatte er offenbar mitbekommen, kam an den Tisch und betrachtete stumm, mit ausdrucksloser Miene, die Bilder, drehte sich um und schlich wieder staksig zur Sandkiste zurück.

Nele verkündete laut: "Und jetzt Jutta."

Nele machte eine Aufnahme von der lachenden Jutta.

Jens hatte aus der Ferne zugeschaut.

Sobald Nele Kamera und Bild auf dem Tisch abgelegt hatte, kam er erneut an den Tisch, betrachtete die Aufnahme an und zeigte danach stumm mit dem Finger auf Nele.

Jutta willigte ein: "Mach' ich!"

Sie nahm die Kamera, machte eine Aufnahme von Nele, legte Kamera und das fertige Bild auf den Tisch.

Jens sah sich das Bild von Nele aufmerksam an, nahm dann die Aufnahme und die von Jutta und schob beide zwischen die Bilder von ihm in der Sandkiste.

 

 

Als die Sonne untergegangen war, spielte Jens im Spielzimmer. Er stand vor dem Lego-"Gefängnis" und baute es um, machte aus den Steinen der vier Umfassungsmauern eine gerade Mauer, die Frau und Kind auf der einen von dem Mann auf der anderen Seite trennte.

Nele und Jutta betraten das Spielzimmer, blieben an der Tür stehen.

Nele verabschiedete sich: "Tschüss, Jens."

Jens baute ungerührt weiter.

Nele und Jutta verließen das Zimmer, was er gar nicht zu bemerken schien, auch nicht, dass Jutta ins Zimmer zurückkam und setzt sich in ihren Sessel setzte. Erst als sie die Stehlampe anknipste, zwinkerte er wie geblendet.

 

Nachdem er die Lego-Mauer vollendet hatte, setzte er sich auf den Stuhl vor den Zeichenblöcken und begann wieder eifrig zu malen. Von Jutta schien er keine Notiz zu nehmen.

 

In ihrem Auto rief Nele über Handy den Kollegen Riedel an: "Es geht vorwärts, Jan."

"Prima. Hier ist auch was Merkwürdiges passiert. Heinz Etzel hat über seinen Anwalt eine Besuchserlaubnis für Sigrid Waldmann beantragt.

"Woher weißt du?"

"In Weldenburg arbeitet eine alte Flamme von mir."

Nele kicherte. Jans alte Flammen waren so zahlreich, dass eigentlich in der Stadt längst ein Großbrand wüten müsste.

"Und? Wird sie eine Besuchserlaubnis bekommen?"

"Glaube ich nicht. Mich interessiert viel mehr, was er von ihr will, oder was sie für ihn erledigen soll."

"Besorgen, Jan. Vielleicht eine kleine handliche Feile und eine Pistole?"

"Ich bleib 'dran."

"Was ist mit der alten Flamme?"

"Die werde ich zum Essen einladen."

Nele fragte ihn nicht, wo das Abendessen enden sollte. Er würde es ihr auch nicht erklären.

 

22.

Am Sonntag gingen Jutta, Nele und Riedel mit Jens auf einen Kinderspielplatz am Rande des Stadtwaldes.

Jens hockte außer Hörweite auf einem Spielgerät und schaute stumm auf die anderen, herumtobenden Kinder.

"Jens kennt die Waldmann. Es ist gut möglich, dass er sie am Mittwoch im Hause gesehen hat", sagte Nele endlich gepresst.

Jutta beugte sich zu ihr: "Frau Kaiser, soll das heißen ..."

"Es gibt keinen anderen Zeugen, Frau Ambusch."

Riedel schaute misstrauisch zwischen beiden Frauen hin und her.

"Ich werde nicht dulden, dass Jens und die Waldmann konfrontiert werden. Nur über meine Leiche."

"Aber wer sonst ..."

"Jens lebt, physisch, ja. Wollen Sie ihn psychisch töten? Ihn zwingen, sich an etwas zu erinnern, um das er gerade einen Schutzwall gebaut hat, weil er die Last der Erinnerung nicht ertragen kann?"

Nele sah Jutta prüfend an, sagte aber nichts. Ihre Miene verriet, dass sie sich ausgesprochen unwohl fühlte.

Riedel wollte vermitteln: "Wann wird er denn darüber reden können?"

"Ich weiß es nicht. Das weiß keiner. Er war schon vor den Morden psychisch kein besonderes stabiles Kind."

Sie brachen ab und sahen sich an, was da auf dem Spielplatz ablief. Ein kleines Mädchen kletterte auf eine Schaukel, war aber zu ungeschickt, sie in Schwingung zu versetzen. Es sprang von der Schaukel, lief auf Jens zu, zog ihn an der Hand zur Schaukel und setzte sich wieder darauf. Es war klar, dass er sie anstoßen sollte.

Doch Jens rührte sich nicht.

 

Riedel wollte helfen und ging auf der Schaukel zu.

Jens bemerkte ihn sehr spät, raste sofort weg und blieb in Fluchtdistanz stehen, den Blick fest auf Riedel gerichtet.

Riedel versetzte die Schaukel in Schwung und kam zur Bank zurück.

Als er genügend weit entfernt war, ging Jens wieder zu seinem Spielgerät zurück und hockte sich darauf.

 

 

 

In einem Vernehmungszimmer des Polizeipräsidiums saß Sigrid Waldmann, vor einem Mikrophon und einem laufenden Tonbandgerät. Neben der Tür hatte eine Schutzpolizistin Position bezogen.

Nele und Riedel warteten, bis sich Sigrid Waldmann zu einer Antwort durchrang: "Ja, schön, ich hab' ein Verhältnis mit Martin Träger gehabt. Aber mit den Morden hab' ich nichts zu tun."

"Warum haben Sie uns dann belogen?", insistierte Riedel.

"Wieso belogen?"

"Sie waren weder in der Boutique noch in der Reinigung. Und der Buchladen hat mittwochnachmittags geschlossen."

Sigrid Waldmann presste die Lippen zusammen, antwortete nicht.

"Wie war das nun mit der Pistole? Hat Träger die Waffe wirklich mit nach Hause genommen? Oder haben Sie sich die Pistole am Mittwoch geschnappt?"

Sie schwieg, ihre Backenmuskeln spielten.

"Was wollten Sie denn bei den Trägers? Die störende Ehefrau beseitigen? Wobei dummerweise der Ehemann dazukam und damit nicht einverstanden war?"

Die Waldmann überlegte, entschloss sich endlich aber, vorerst zu schweigen, und kniff die Lippen zusammen.

Nele rückte ihren Stuhl zurück, mit ihrer Geduld sichtlich am Ende:

"Frau Waldmann, Sie sind vorläufig festgenommen."

 

23.

In dem Dienstzimmer eines Haftrichters hatten Nele, Riedel, Kriminalrat Simon, Staatsanwalt Hase und ein Verteidiger Platz genommen. Eine Sekretärin wartete vor einem Computer.

Der Haftrichter klappte eine Akte zu: "Also, meine Dame, meine Herren, mal außerhalb des Protokolls. Ich habe alles Verständnis für die Nöte der Polizei, Herr Staatsanwalt. Ich akzeptiere ebenfalls Ihre Sorge um das Kind, Herr Kriminalrat. Aber ich muss auch die Rechte der Beschuldigten berücksichtigen. Frau Waldmann ist nicht vorbestraft, hat einen festen Wohnsitz und einen festen Arbeitsplatz. Und was Sie an belastenden Indizien vorgetragen haben, rechtfertigt keinen Haftbefehl."

"Wir haben wegen des Wochenendes nicht alle möglichen Zeugen ansprechen können."

"Ich sagte ja schon: Ich habe Verständnis für Ihre Schwierigkeiten. Aber Frau Waldmann hat auch Rechte. Und deswegen ergeht folgender Beschluss - Frau Schröder, schreiben Sie bitte ..."

 

 

Nele und Riedel hatten sich in ihr Dienstzimmer geflüchtet. Ihre schlechte Laune war förmlich mit Händen zu greifen. Vor den Tischen stand Andreas Träger, der sich ziemlich aufregte und nun unsicher auf die vor sich hin brütenden Kriminalbeamten schaute.

"Verdammt, Frau Kaiser, ich will endlich meinen Neffen sehen."

"Zwecklos, das haben Sie doch schon gehört."

"Ich bin der einzige Verwandte, ich habe ein Recht darauf ..."

"Sie wiederholen sich. Nein.“

Plötzlich fragte Nele fast verträumt: "Haben Sie eigentlich eine Freundin?"

"Was?"

"Ob Sie eine Freundin haben, hat meine Kollegin gefragt", fauchte Riedel.

"Was hat denn das mit Jens zu tun?"

"Mein Gott, können Sie nicht auf eine einfache Frage antworten?"

"Ob ich eine Freundin habe oder nicht, geht Sie einen Scheißdreck an! Ich werde mich über Sie beschweren, so lasse ich mich nicht behandeln, nicht mit mir."

Damit stürmte Träger zur Tür, riss sie auf und schmiss sie hinter sich zu Es knallte wie ein Kanonenschuss.

Riedel richtete sich auf und rief ihm nach: „Am besten laufen Sie zum Haftrichter Dr. Ölke, der mag uns besonders gut leiden."

Es war unwahrscheinlich, dass Träger ihn noch gehört hatte.

Einen Moment saßen sie beide erschöpft an ihren Tischen. Nele wollte Kaffee aus der Warmhaltekanne nachgießen, die Kanne war leer. Sie schob Kanne und Becher angeekelt weg.

"Du hast doch was?"

"Jan, der Täter ist ins Haus gelassen worden. Von wem? Wer war zuerst da? - Martin Träger? - Karin Träger? - Jens Träger? - Wann hat wer wen hereingelassen?"

"Vielleicht stand eine Tür offen, und der Täter war schon im Haus, bevor jemand kam."

"Unwahrscheinlich. Martin war ins Geschäft gefahren, Karin in die Stadtbücherei, Jens war zur Schule gegangen."

"Und wenn Jens als letzter die Haustür nicht verschlossen hat?"

Nele zuckte die Achseln. Riedel stand auf, schnappte sich die Glaskanne der Kaffeemaschine, füllte die Maschine nach und holte Filtertüten aus dem Schrank. Er wollte nur etwas zu tun haben, um nicht pausenlos zu grübeln. Dabei redete er:

"Nele, ich halt' die Idee gar nicht für schlecht."

"Welche?"

"Jens und seinen Onkel Andreas zusammenzubringen. Guck mal, Onkel Andreas hat das Vertrauen, das du dir bei Jens noch erwerben musst. Vielleicht redet der Junge dann. Wir brauchen doch nur einen Hinweis."

"Du hast doch gehört, was die Ambusch gesagt hat. Wir riskieren die psychische Gesundheit des Jungen."

"Glaubst du jedes Wort unserer Hübschen?"

Nele zuckte wieder die Achseln: "Mal was anderes, Jan. Hat sich deine alte Flamme aus Weldenburg gemeldet?"

"Wegen Etzels Antrag auf Besuchserlaubnis?"

Sie nickte.

"Nein, noch nicht. Aber sie bleibt dran und ich bleibe dran."

"An deiner alten Flamme?"

"An der auch. Stell' dir vor, sie hat mich gefragt, ob ich sie nicht zum Abendessen einladen wolle. Es gäbe ganz in der Näher ihrer Wohnung ein neues, viel gelobtes Restaurant."

"Jan, wenn's der Gerechtigkeit dient ..."

 

Jutta und Jens hatten sich zu einem Spaziergang aufgemacht. Sie gingen mit dem üblichen "Sicherheits"-Abstand nebeneinander her. Plötzlich kam Jens näher heran und griff wortlos nach Juttas Hand. Jutta ließ sich nichts anmerken. Sie gingen unverändert weiter, jetzt Hand in Hand. In größerem Abstand folgten ein Mann in Zivil und eine Schutzpolizistin, die eine Waffe am Gürtel trug.

 

Dem Mann wurde warm, er zog im Gehen seine Jacke aus. Auf dem Rücken steckte im Halfter eine Pistole.

 

24.

Jens und Jutta waren, sobald es zu dämmern begann, in das Spielzimmer gezogen. Jens saß an seinem üblichen Platz und malte eifrig. Jutta las und beobachtete ihn zwischendurch immer wieder so verstohlen, dass er davon nichts merkte.

Doch als sie aufstand und an ihm vorbeiging, beugte er sich mit dem Oberkörper so weit vor, dass er die Zeichnung verdeckte.

Als sie sich wieder setzen wollte, richtete er sich auf und fixierte sie. Nach einer Bedenkpause ging sie zu ihm zurück. Und weil er sich nicht rührte und sie immer noch fest ansah, als sie neben ihm stehen blieb, streckt sie eine Hand nach einem Stapel Zeichnungen aus, berührte sie aber nicht.

"Darf ich mir die Bilder ansehen, Jens?"

Er antwortete nicht, sah sie aber unverwandt fest an.

Sie nahm langsam den Stapel Zeichnungen hoch.

Sobald sie die Blätter in der Hand hielt, begann Jens wieder zu malen.

Sie ging mit den Zeichnungen zu ihrem Sessel zurück und schaute sich nacheinander die einzelnen Bilder sorgfältig an.

Es handelt sich um einzelne Zeichnungen ohne Zusammenhang. Zufällig schaute sie hoch.

Jens hatte wieder den Kopf gehoben und sah sie auffordernd an.

Sie lächelte: "Ich werde mir die Bilder ganz oft ansehen, Jens."

Damit schien er sehr einverstanden zu sein, und beugte sich beruhigt wieder über seinen Zeichenblock.

Dann klingelt es an der Wohnungstür.

 

Jutta stand auf und verließ den Raum.

"Hallo, Frau Kaiser", sagte sie an der Wohnungstür laut.

"Wie geht's euch?"

"Gut. Kommen Sie doch rein!"

Wenig später betraten Jutta und Nele den Raum.

Nele grüßte freundlich: "Hallo, Jens."

Er antwortete zwar nicht, drehte aber kurz den Kopf zu Nele und sah sie für einen Sekundenbruchteil fest an, bevor er weitermalte.

"Möchten Sie einen Kaffee? Oder ein Bier?"

"Danke, nein, gar nichts. Ich wollte nur mal sehen, wie's hier so geht."

"Seien Sie nicht so ungemütlich!"

"Tut mir leid, aber es war ein böser Tag. Wenn Sie nichts dagegen haben, lade ich mich morgen wieder zum Frühstück ein."

"Von mir aus gerne! Was meinst du, Jens?"

Jens antwortete nicht, drehte aber kurz den Kopf zu Jutta und Nele, malte dann weiter.

"Ich glaube, das war ein Ja, Frau Kaiser."

"Fein. Dann schlaf schön, Jens."

 

An der Haustür fasste Nele Juttas Arm: "Ich hab' Sie ziemlich unter Druck gesetzt, wie?"

"Das ist sehr hübsch untertrieben."

"Ja, es tut mir auch ... Ich hab' vor kurzem einen Unfall gehabt. Einer, der mir entgegenkam, ist zu schnell gefahren, und dann lief ein Kind auf die Straße. Er hat noch versucht auszuweichen und ist mir dabei frontal reingerauscht. Aber das Kind hat er trotzdem erwischt. Weil er zu schnell war. Ja. So war das. Ich wollte es Ihnen eigentlich nicht erzählen."

Während des Sprechens hatte sie sich geistesabwesend wieder den Nacken massiert. Weil sie danach wie verloren auf den Boden schaute, trat Jutta rasch einen Schritt vor und küsste sie flüchtig auf die Backe, machte sofort wieder kehrt und huschte ins Haus zurück. Dort drehte sie sich noch einmal um:

"Gute Nacht, Nele."

 

 

Als Jutta von der Haustür wieder ins Spielzimmer kam, sortierte Jens die Aufnahmen, die mit der Sofortbildkamera gemacht worden waren. In die Mitte legte er ein Bild von sich, links Nele, rechts Jutta. Die restlichen Aufnahmen zerriss er und warf die Teile in eine Abfall-/Lumpen-Kiste, danach malte er weiter.

 

Jutta studierte die Zeichnungen und sagte zum Schluss leise: "Jetzt verstehe ich den Jungen endlich. Der hat wirklich viel zu erzählen."

 

Jens hörte mit dem Malen auf, hielt aber seinen Kopf gesenkt, während er leise und stockend erzählte: "Der Junge kommt ins Haus, da ist der Mann, der zankt mit der Mama, und die Mama wird ganz böse, und dann fällt die Mama um und rührt sich nicht mehr. Der Mann sagt dem Jungen, dass er in sein Zimmer gehen muss und nicht rauskommen darf. Dann kommt der Böse und ist ganz laut und schreit, und der Junge schaut durch die Tür, der Gute und der Böse hauen sich, und dann sind sie plötzlich weg, und dann kracht es ganz laut, aber der Junge muss ja in seinem Zimmer bleiben. Und alle sind weg."

Danach verstummte Jens wieder, schwer atmend wie nach einem Marathonlauf.

 

Jutta kämpfte mit sich, ob sie etwas sagen sollte, schwieg aber und tat so, als betrachte sie weiterhin die Zeichnungen.

 

25.

Jutta, Nele und Riedel hatten sich in die winzige Essecke gesetzt. Die Küchentür war geschlossen, trotzdem unterhielten sie sich mit unterdrückten Stimmen: "Das können Sie nicht tun!“

Riedel blaffte sie an: ""Himmel hilf, wie lange sollen wir denn noch warten? Der Junge hat gesprochen, die Mauer - oder wie Sie das nennen wollen - ist gefallen, okay, meinetwegen nur eine Bresche, er hat den Mörder gesehen."

"Nele! Hilf mir! Bitte! Wir dürfen Jens noch nicht vernehmen!"

Nele zögerte. Riedel schlug einen Ausweg vor: "Schön, schön, ein fauler Kompromiss: Wir befragen ihn nicht, wir lassen ihn ein ‚Ident‘ machen. Da kann er jederzeit abbrechen und weggehen."

"Sie werden ihn bestimmt zurückhalten!"

"Ehrenwort, dass nicht!"

"Nele! Bitte!"

"Tut mir leid, Jutta, es muss wohl sein."

Jutta wollte zuerst aufbegehren, resignierte aber und stützte den Kopf auf beide Hände. Riedel konnte sich seines Sieges nicht freuen, Nele presste die Lippen zusammen, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

 

Nele, Jutta, Jens und ein Techniker saßen in einem Raum des Polizeipräsidiums vor einem Flachbildschirm eines elektronischen Identikits, im Hintergrund tigerte Riedel unruhig hin und her.

Nele stand auf und lehnte sich an eine Fensterbank mit einer Miene, als wäre sie am liebsten weit weg. Jutta zitterte vor Anspannung. Der einige, der sich neugierig unbefangen umsah, war Jens.

Der Techniker holte gerade Augenpartien auf den Schirm, Jens schüttelte wortlos den Kopf, der Techniker holte neue Partien. Fertig gestellt war das Gesicht eines Mannes nur in Umrissen. Dem Techniker behagte auch nicht, dass Jens nichts sagte, sondern nur den Kopf schüttelte oder zur Zustimmung mit dem Zeigefinger auf die entsprechende Figur tippte. Aber Nele räusperte sich jedes Mal warnend, wenn der Techniker Jens eine Frage stellen wollte. Bis auf Riedels Schritte herrschte eine fast gespenstische Stille in dem Raum.

 

Als das Identikit fertig war, stand Jens wortlos auf und lief zur Tür. Dem Techniker, der es noch ausdrucken musste, verschlug es fast die Sprache:

"Das darf nicht sein, Frau Hauptkommissarin."

Nele und Riedel kamen rasch zum Bildschirm, beugten sich vor, um das fertige Gesicht zu studieren.

Das fertige Identikit hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Jan Riedel.

 

Nele, Riedel und Kriminalrat Simon studierten den Ausdruck des Identikits. Simon kratzte sich den Kopf: "Und jetzt?"

Die beiden wussten auch keine Antwort.

"Wenn das der Mörder sein soll, den der Junge gesehen haben will - müssen wir uns doch fragen: Hat er überhaupt was gesehen?"

"Jutta - Frau Ambusch meint, das ließe sich verhältnismäßig leicht erklären. Jens ..."

"Frau Ambusch! Jutta! Psychologen haben für alles eine Erklärung, nur mit der Realität hat das in der Regel wenig zu tun."

Riedel räusperte sich anzüglich, Nele drehte sich zu ihm um und hatte Mühe, einen Wutausbruch zu unterdrücken.

"Chef, das ist ungerecht."

"Meinetwegen, dann bin ich eben ungerecht. Nele, was ist, wenn der Junge wirklich nichts gesehen hat? Dann hast du eine Woche zugewartet, bis der stumme Zeuge endlich redet, und inzwischen sind alle Spuren kalt geworden."

"Das sage ich schon die ganze Zeit!"

"Halt du bloß den Mund, Jan! Wenn dir was an meinen Methoden nicht passt, dann mach' den Mund auf, solange wir unter vier Augen reden. Aber hau' mich nicht hinterrücks in die Pfanne. Das kann ich nämlich gar nicht leiden!"

Damit stürmte sie aus Simons Zimmer.

Riedel wollte ihr nach, aber Simon wurde laut und scharf.

"Riedel! Sie gehen erst, wenn ich das wünsche! Verstanden?!"

Dann schlug Simon einen etwas versöhnlicheren Ton an: "Haben Sie denn gar keine andere Spur, die zu verfolgen sich lohnt?"

 

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Titel: Mördersommer 2015