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Gesucht: Tot oder lebend

2015 120 Seiten

Leseprobe

GESUCHT: TOT ODER LEBEND

Gun Men – Der Colt war ihr Gesetz“

Western von Jasper P. Morgan

 

 

IMPRESSUM

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman von Jasper P. Morgan © by Autor & Edition Bärenklau 2015

Aus der Reihe „Gun Men – Der Colt war ihr Gesetz - © by Edition Bärenklau

Illustrationen innen: Kirby Jonas

Cover © by Steve Mayer und Camrocker/Shotshop

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 192 Taschenbuchseiten.

 

Als Ruby Kid durch Texas reitet, stößt er auf einen Steckbrief mit seinem Namen. Bald muss er erkennen, dass ein unbekannter Desperado in seinem Namen grausame Verbrechen verübt. Raub, Mord, Vergewaltigung – der unmenschliche Verbrecher schreckt vor keiner Schandtat zurück.

Kid macht sich auf die Suche nach dem Schurken, stellt aber bald fest, dass er nicht nur Jäger, sondern auch Gejagter ist. Sowohl das Gesetz als auch eine Horde skrupelloser Kopfgeldjäger ist hinter ihm her, und zu allem Überfluss stellt ihm auch der geheimnisvolle Bandit, der in seinem Namen mordet, eine Falle nach der anderen.

Auf der Jagd nach dem gnadenlosen Gegner kreuzt Kid den Trail der schönen Jill Tremayne, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt und bei der er nicht sicher ist, ob sie auf seiner oder der gegnerischen Seite steht. Mehrmals entgeht Kid nur mit knapper Not dem Tod, doch unbeirrt folgt er weiter einem Trail, der ihn mitten durch eine Hölle aus Feuer und Blei führt.

Auf dem Boot Hill eines kleinen texanischen Nestes kommt es schließlich zur dramatischen Entscheidung – einem Showdown, bei dem sich Ruby Kid mitten im Kreuzfeuer befindet…

Ein Westernroman – so hart und unerbittlich wie der amerikanische Westen und die Männer und Frauen, die in diesem Land leben und überleben mussten.

 

 

Der Autor:

Jasper P. Morgan ist Jahrgang 1959 und seit mehr als 50 Jahren Liebhaber und Kenner des amerikanischen Western. Seine erste Begegnung mit dem Westerngenre hatte er mit vier Jahren; mit Karl Mays „Old Surehand“ begegnete er im Alter von 9 Jahren der Westernliteratur, der er bis heute treu geblieben ist.

Morgans Leidenschaft gilt der deutschen und internationalen Spannungsliteratur, mit deren verschiedenen Facetten er sich intensiv beschäftigt.

Er ist Verfasser zahlreicher Western, Adult Western, Gruselromane, sowie einiger Film-Genresachbücher.

Der Autor lebt und arbeitet in Norddeutschland.

 

 

Ein Ruby Kid - Western

Vorwort:

Der Steckbrief

Im amerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts gab es unterschiedliche Steckbriefe. Die Steckbriefe im Westen unterschieden sich sehr von jenen, die an der Ostküste von Polizeibehörden und Detektivagenturen wie beispielsweise den Pinkertons ausgefertigt und verbreitet wurden. Waren im Osten die Steckbriefe lediglich auf „Arrest“, also „Festnahme“, ausgelegt und enthielten neben Beschreibungen der Gesuchten auch detaillierte Informationen über die Verbrechen, die der Gesuchte begangen haben sollte, so beschränkten sich die „Wanted Posters“, also die Steckbriefe im amerikanischen Westen auf das Wesentliche: Gesucht Tod oder Lebendig, der Name des Gesuchten inklusive aller bekannten Alias-Namen, eine Beschreibung des Gesuchten, die Verbrechen, die zur Last gelegt wurden, und die Höhe der Belohnung respektive des Kopfgeldes. (Eine Ausnahme bildeten Steckbriefe wie das von Wells Fargo Ende des 19. Jahrhunderts ausgegebene Poster für den berüchtigten Dichter-Banditen Black Bart, der bei jedem Postkutschenüberfall ein Gedicht hinterließ. Jener Steckbrief enthielt ein gezeichnetes Porträt und jede Menge Text, der dem gesetzlosen Poeten schon fast Konkurrenz machte).

Anfangs führten diese Steckbriefe auch dazu, dass es zu Verwechslungen kam und Unschuldige, die der Beschreibung des Gesuchten entsprachen, hinter Gittern oder gar an einem Galgen oder einem Galgenbaum, oder, wenn es ganz dumm lief, durch die Kugel eines Kopfgeldjägers endeten. Vereinzelt wurden Porträts der Gesuchten abgedruckt, was die Sache zwar erleichterte, aber auch nicht vor Verwechslungen schützte. Erst mit Einführung der Fotografie wurden dann Ende des 19. Jahrhunderts Fotos der Gesuchten auf dem Steckbrief veröffentlicht, minimierten das Risiko der Verwechslungen allerdings auch nur geringfügig. Auch führten Staatenreiter manchmal Fotografien bestimmter Banditen mit sich, die während des Gefängnisaufenthalts entstanden und auf deren Rückseite sämtliche Angaben über den Betreffenden, also der Steckbrief, handschriftlich vermerkt waren.

Insbesondere die Kopfgeldjäger, von denen nur wenige ein Interesse daran hatten, den Gesuchten lebendig den Behörden auszuliefern, sahen in den Steckbriefen eine Marktlücke und ein florierendes Geschäft. Der Zusatz „Tot oder Lebendig“ stellte ihnen so zu sagen einen Freibrief aus, weil sie eine Belohnung kassieren konnten, selbst wenn sie den Gesuchten mit einem Rückenschuss beim Sheriff oder Marshal ablieferten. Nur wenige Gesetzeshüter machten sich die Mühe, die Umstände des Todes eines Gesuchten zu klären. Wichtig war, dass ein Verbrecher aus dem Verkehr gezogen worden war und es somit einen Banditen weniger im Westen gab. Ob es sich tatsächlich um den Gesuchten handelte oder eine Verwechslung, wurde selten hinterfragt.

Wie der deutsche Westernexperte H.J. Stammel zu berichten weiß, trat der erste Kopfgeldjäger in der Gestalt von Henry Love (Captain Henry Love von den California Rangers) im Jahre 1853 beim kalifornischen Goldrausch in Erscheinung und jagte mexikanische Banditen, auf die eine Belohnung ausgesetzt war. Der wohl letzte Kopfgeldjäger des amerikanischen Westens dürfte laut Stammel der legendäre Tom Horn gewesen sein (dessen Lebensgeschichte mit Steve McQueen in der Hauptrolle verfilmt wurde), der 1903 letztmalig in Aktion trat. Horn soll sich wohl als Kopfgeldjäger nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, suchte er sich doch immer jene Verbrecher aus, für die er die höchste Belohnung kassieren konnte, jagte sie dann und brachte sie zur Strecke. Horn soll angeblich, so erzählt man sich, mitunter auch bei bestimmten Outlaws gewartet haben, bis sie weitere Verbrechen begingen und das Kopfgeld eine bestimmte Höhe erreicht hatte, ehe er sich auf die Jagd begab…

In den Südstaaten und im Südwesten war der Beruf des Bounty Hunters, also Prämienjägers, nicht sehr angesehen, im Nordwesten dagegen als ganz normaler Beruf erachtet.

 

Von einem Steckbrief und Kopfgeldjägern handelt auch die nachfolgende Geschichte…

 

 

VON HASS GETRIEBEN

Jesse Muldoon jagte auf kurzen, krummen Beinen neben dem kläffenden, weiß-braun gefleckten Straßenköter dahin, der immer wieder versuchte, an dem Jungen emporzuspringen und ihm die Angelrute, die er fest umklammert hielt, aus der Hand zu ziehen. Doch Jesse war darauf vorbereitet, und so gelang es ihm, jedes Mal dem Gebiss des Hundes auszuweichen, ehe dieser zuschnappen konnte.

Endlich ging dem pummeligen Jungen die Luft aus, und er blieb inmitten einer Staubwolke stehen. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und zog schmutzige Schlieren auf der staubigen Haut. Er schob den flachkronigen Strohhut in den Nacken und entblößte wirre, flachsblonde Locken, die unter dem Hut hervor in die Stirn fielen und auf der feuchten Haut festklebten.

Das hättest du wohl gerne, Spot!“, stieß Jesse keuchend hervor und drehte sich von dem Streuner weg, der erneut an ihm hochsprang. „Aber daraus wird nichts. Sieh mal, wenn du mir die Rute stibitzt, können wir keine Fische fangen, und wenn wir keine Fische fangen, wirst du große Augen machen, denn dann gibt es nichts zum Abendbrot. Kapiert?“

Spot saß vor ihm im Staub und legte den Kopf auf die Seite. Hechelnd leckte er mit der langen Zunge über die Schnauze. Er schien darauf zu warten, dass der Junge noch etwas sagte.

Doch eine Bewegung in der Ferne hatte Jesses Aufmerksamkeit erregt und er vergaß den Hund einen Moment lang.

Etwa eine halbe Meile entfernt, oben auf einer Anhöhe, löste sich ein Reiter aus dem Schatten dicht stehender Bäume. Langsam, unendlich langsam und durch das Flirren der nachmittäglichen Sonnenglast nur als undeutlicher Schemen auszumachen, bewegte sich der Reiter den Hügel hinab.

Jesse legte die Angelrute über die Schulter, hakte den linken Daumen in den Träger seiner verwaschenen und mehrfach geflickten Latzhose und kniff die Augen zusammen. Lange folgten seine Blicke den Bewegungen des Reiters, bis das grelle Sonnenlicht in den Augen schmerzte.

Ein Kratzen an seinem rechten Fuß ließ ihn den Blick senken. Spot kratzte erneut über den nackten Fuß des Jungen, dann bellte er, wirbelte herum, lief einige Schritte, drehte sich wieder zu dem Jungen um und bellte erneut.

Du hast ja Recht, Spot.“ Jesse seufzte und rückte den Strohhut auf seinem Haupt zurecht. „Wenn wir hier rumstehen und warten, bis sich der Reiter entschieden hat, ob er in die Stadt reitet oder nicht, kriegen wir heute ganz bestimmt nichts mehr auf den Tisch. Und ich möchte ja nicht, dass du hungerst.“

Wie zur Bestätigung bellte Spot erneut und stob davon. Jesse grinste, nehm die Angelrute von der Schulter und rannte dem Hund hinterher. Bald waren beide in eine Staubwolke eingehüllt, die sie bis zum Angelplatz am Clearwater Creek begleiten würde.

Weder der Junge noch sein vierbeiniger Freund verschwendete noch einen Gedanken an den fremden Reiter.

Gemächlich näherte sich der Reiter dem kleinen Ort, dessen Bewohner hier in der Senke, eingerahmt vom Clearwater Creek zur Rechten und der bewaldeten Hügelkette zur Linken eine Heimat gefunden hatten. Mit hängenden Schultern saß der Mann im Sattel, passte sich schaukelnd den Schritten des Falben an, auf dessen Fell ausgedehnte weißumrandete Schweißflecken glänzten.

Schnaubend blieb das Pferd vor dem verwitterten Ortsschild stehen. Der Reiter hob langsam den Kopf. Unter einem staubbedeckten Stetson, der tief in die Stirn gezogen war, starrte er auf das rissige Schild. Der Hut und der sandfarbene Staubmantel, in den er gehüllt war, verliehen ihm Ähnlichkeit mit einer Vogelscheuche.

Clearwater, 526 Einwohner hatte jemand in das rissige Holz geschnitzt.

Der Blick des Fremden glitt zu den Fassaden der schlichten Holzhäuser hinüber, die im flirrenden Sonnenlicht miteinander zu verschmelzen und ständig in Bewegung schienen.

Der Reiter richtete sich im Sattel auf. Der Mantel spannte sich über seinen breiten Schultern. Ein Grinsen huschte über das Gesicht des Mannes, als er den rechten Aufschlag des Dusters zurückschob und die Lederschlaufe vom Hammer eines schweren Remingtons löste.

Bedächtig lockerte er den Revolver im abgeschabten Holster. „Fünfhundertsechsundzwanzig Seelen leben also in diesem Nest“, murmelte er und betrachtete ein letztes Mal die Inschrift auf dem Ortsschild, ehe er sein Pferd mit einem Schnalzen antrieb. „Ich fürchte, das wird sich bald ändern…“

 

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Die Main Street von Clearwater, Texas, lag friedlich unter der sengenden Sonne. Der große, breitschultrige Mann ritt gemächlich die Straße entlang. Die wenigen Menschen, die sich um diese Tageszeit auf der Straße aufhielten, schenkten ihm kaum Beachtung. Er hatte den staubigen Stetson tief in die Stirn gezogen, saß leicht vornübergebeugt im Sattel und machte einen müden Eindruck.

Aber er war alles andere als müde. Unter der Hutkrempe befanden sich seine Augen in ständiger Bewegung. Nichts entging ihnen.

Er ritt an dem Saloon mit dem hochtrabenden Namen Clearwater Palace vorbei. Nebenan befand sich ein schäbiges, zweistöckiges Hotel, bei dem der Schriftzug Clearwater Grand Hotel irgendwie lächerlich wirkte, und direkt gegenüber befand sich das Gebäude der Clearwater Bank. Der Reiter warf einen Blick auf den Gemischtwarenladen weiter oben in der Straße und das Büro des Town Marshals. Wieder spielte ein Lächeln um seine Mundwinkel.

Der Fremde zog den Falben herum und ritt zum Saloon zurück. Schwerfällig stieg er aus dem Sattel und schlang die Zügel um den Hitch Rack. Dann lüftete er den Stetson, klopfte den Staub von seinem Duster und den Levishosen und fuhr mit den Fingern durch nackenlanges, dichtes, rotblondes Haar. Er ließ seine Blicke erneut durch die Main Street und über die umliegenden Gebäude wandern, dann betrat er die Bar.

Außer dem Keeper war nur noch ein alter Mann anwesend, der eine Pfeife in seinem zahnlosen Mund hielt. Interessiert schaute er dem Ankömmling entgegen und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um den Neuankömmling besser mustern zu können.

Bier!“, stieß der großgewachsene Fremde heiser hervor. Seine Stimme klang krächzend und undeutlich.

Der Keeper zapfte den Gerstensaft und ließ das Henkelglas über den blankpolierten Tresen rutschen. Der große Mann leerte es auf einen Zug.

Wohl mächtig weit geritten, was?“, versuchte der Barkeeper ein Gespräch in Gang zu bringen, erhielt jedoch nur ein nichtssagendes Brummen als Antwort.

Sind Sie auf der Durchreise?“, versuchte der Keeper erneut sein Glück.

Langsam hob sich der Kopf des Fremden. Kalte, blaue Augen starrten den Barkeeper hinter dem Tresen kalt an. „Die Bank da drüben“, sagte der große Mann ruhig. „Hat sie geöffnet?“

Stumm nickte der Keeper und begann dann, Gläser zu polieren.

Der Fremde fischte eine Münze aus der Brusttasche seines verwaschenen roten Hemdes, warf das Geldstück auf den Tresen, tippte mit den Fingerspitzen an die Hutkrempe und verließ sporenklirrend den Saloon. Über den Rand der Pendeltüren hinweg beobachtete der Keeper, wie der Fremde zur Bank ging und dabei sein Pferd hinter sich herzog.

Komisch“, meldete sich der Oldtimer schmatzend und nuschelnd zu Wort. „Ich hätte schwören können, dass er es war…“

Kennst du den Burschen?“, wollte der Keeper wissen und hielt im Polieren der Gläser inne.

Na ja“, schmatzte der Oldtimer und paffte an seiner Pfeife, „kennen ist vielleicht zu viel gesagt…“

Mach es nicht so spannend, Pops. Wer ist der Bursche?“

Ich bin mir nicht sicher, aber er sieht genauso aus wie damals, als ich ihm begegnet bin. Ich hatte ihn allerdings freundlicher in Erinnerung. Seltsam, dass er mich nicht erkannt hat.“ Ein Grinsen zog den zahnlosen Mund des Oldtimers in die Breite. „Aber ich bin ja auch nicht hübscher geworden, nicht wahr?“

Nein, das kann man nun wirklich nicht sagen, Pops. Nun spann mich nicht länger auf die Folter. Sag endlich, wen du meinst“, forderte der Keeper ungeduldig.

Der Oldtimer paffte erneut an seiner Pfeife, werkelte schnalzend die Zunge im zahnlosen Mund herum und meinte: „Also, wenn ich mich nicht irre und er der Mann ist, für den ich ihn halte, wird er sich ziemlich bald selbst vorstellen.“

Im selben Augenblick zerriss ein Schuss die mittägliche Stille und setzte sich dröhnend zwischen den Häuserfronten der Main Street fort.

Na, was hab‘ ich gesagt…?“, nuschelte der Oldtimer kichernd, leerte sein Bierglas und fügte grienend hinzu: „Wo Ruby Kid auftaucht, bleibt es nicht lange friedlich…“

 

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Der Mann, den der Alte im Saloon als Ruby Kid erkannt hatte, betrat die Bank. Eine Frau, ein kleines Mädchen und zwei Farmer befanden sich im Schalterraum. Hinter dem Messinggitter des Schalters war der Bankangestellte mit Eintragungen auf einem Kontenregister beschäftigt.

Der große Fremde lehnte sich neben der Tür an die Wand und blickte durch ein Fenster auf die Straße. Nichts regte sich.

Einen Augenblick, Mister. Ich habe gleich Zeit für Sie“, sagte der Clerk hinter dem Schalter. Seine langen, schmalen Finger zählten mit fließenden Bewegungen ein Bündel Dollarscheine, die ihm die Frau durch das Trenngitter gereicht hatte. Der schweigsame Fremde beobachtete aufmerksam jede Bewegung des Bankangestellten. Mit den schwarzen Ärmelschonern erinnerten ihn die Arme des Clerks an Spinnenbeine, die sich in steter Bewegung befanden.

Einhundertzweiunddreissig Dollar, Mrs. Darnell“, sagte der Clerk. „Da hat sich die Plackerei ja wieder mal gelohnt.“

Und drei Dollar davon sind von mir. Die hab ich verdient, als ich auf Mrs. Careys Kinder aufgepasst und für Mom Eier in der Stadt verkauft habe“, verkündete das sommersprossige Mädchen an der Seite der Farmersfrau stolz.

„Du bist ja eine ganz schön geschäftstüchtige junge Lady, Lizzy“, lobte der Kassierer. „Wenn du so weitermachst, wirst du eines Tages viel Geld zusammengespart haben, und dann…“

„…Und dann kommen Leute, die es ihr wieder abnehmen“, sagte der große Mann am Fenster heiser und zog den Revolver. „Packen Sie die Piepen mal schön zusammen mit dem Geld aus Ihrem Tresor in eine Tasche, Meister. Und zwar pronto!

Hören Sie, das… das können Sie nicht machen! Diese Leute haben schwer für ihre paar Dollars gearbeitet! Ihre Existenz hängt von diesem Geld ab, Mister“, widersprach der Clerk mit zitternder Stimme.

Der große Mann spannte den langläufigen Remington, dessen Lauf im Sonnenlicht, das durch das Fenster schien, silbrig glänzte. Überlaut klang das metallische Klicken im Raum, als sich die Trommel der Waffe weiterdrehte. „Halt hier keine Volksreden, Meister“, sagte der Mann mit der Waffe ruhig. „Pack das Geld ein!“

Die Farmersfrau wich beim Klicken des Revolvers erschrocken und kreidebleich an die Wand zurück und versuchte, ihre Tochter mit ihrem Körper zu schützen, für den Fall, dass der Bankräuber von der Waffe Gebrauch machen sollte. Und genau danach sah es im Augenblick aus.

Die Menschen im Kassenraum der Bank schienen wie erstarrt. Nur die Augen im Gesicht des Bankräubers waren in Bewegung, flirrten von einem Anwesenden zum nächsten.

Die Starre wurde schließlich vom Clerk unterbrochen, der sich seufzend dem offenen Tresor zuwandte, eine Segeltuchtasche von einem Regal neben dem Geldschrank nahm und sich anschickte, Geldscheinbündel in die Tasche zu stopfen.

Die Blicke des Outlaws folgten den Bewegungen des Kassierers, und genau diesen Moment nutzte einer der beiden Männer, die vor dem Schalter standen, und griff zur Waffe. Der Mann war Farmer, kein Revolverheld. Er trug einen alten, halb verrosteten Army-Colt, und er trug ihn im Hosenbund, weil er keinen Patronengurt besaß.

Der schwere Remington schwang herum, als der Farmer noch damit kämpfte, sein Schießeisen aus dem Hosenbund zu zerren, wo es sich verheddert hatte.

Schwachkopf!“, zischte der Fremde und schüttelte bedauernd den Kopf. Starr vor Schreck stierte der Farmer auf die Mündung des Remington-Revolvers. Er musste sich zwingen, seinen Blick von der Waffe zu lösen und auf das Gesicht des Bankräubers zu richten. Der Farmer versuchte zu schlucken, doch seine Kehle war wie ausgetrocknet und der Adamsapfel hob und senkte sich vergeblich.

Dumm“, sagte der große Fremde heiser und schüttelte leicht den Kopf. „Das war so dumm.“

Der Farmer senkte den Kopf, blickte auf seine schwielige Hand, deren Finger sich noch immer um den Kolben des Army-Colts krümmten, und schaute dann erneut auf.

Und er sah dem Tod direkt ins Auge!

Der Outlaw drückte ab. Eine Feuerlanze stach aus dem Lauf des Remington-Revolvers und dem bedauernswerten Farmer entgegen. Die Kugel hieb in die Brust des Mannes, schleuderte ihn halb herum und gegen den Kassenschalter.

Das Dröhnen des Schusses hallte in der Bank wider und erstickte sekundenlang jegliches andere Geräusch.

Langsam sackte der Farmer zu Boden. Der Colt steckte immer noch in seinem Hosenbund.

Mrs. Darnells gellender Schrei riss die Anwesenden schließlich aus ihrer Erstarrung.

Der Killer mit dem rotblonden Haar richtete seinen Revolver auf den Clerk, der erschrocken auf die Wolke bläulichen Pulverdampfes starrte, die vor dem Outlaw in der Luft hing. „Halt hier keine Maulaffen feil, Meister!“, herrschte der Bankräuber den Kassierer an. „Das Schauspiel ist vorbei. Pack den Zaster zusammen, aber ein bisschen plötzlich!“

Mit zitternden Händen schob der Kassierer ein Dollarbündel nach dem anderen aus seinem Kassentisch und dem Tresor in die Segeltuchtasche. Zögernd hob er die Tasche hoch, während der Bankräuber durch das Fenster auf die Straße spähte und einige Männer heranhasten sah.

Hier“, sagte der Clerk stockend, „das… das ist alles.“

Her damit!“

Der Bankangestellte zögerte. Er überlegte, ob er den Revolver aus dem Fach unter dem Kassentisch ziehen und versuchen sollte, den Outlaw aufzuhalten.

Wird‘s bald?“, drängte der Killer und ließ den Clerk in die Mündung des Remingtons blicken, der Augenblicke zuvor einem Mann den Tod gebracht hatte.

Der Bankangestellte verschwendete keinen Gedanken mehr an den Revolver unter dem Tisch, sondern wieselte hinter dem Schalter hervor und hielt dem Bankräuber die Tasche hin.

Der große Mann griff zu und zerrte an der Tasche.

Und der hagere Kassierer warf sich nach vorn!

Mit einem Mal hatte ihn der Mut der Verzweiflung gepackt. Sein schmächtiger Körper prallte gegen den Outlaw. Der Clerk rang verzweifelt um die Tasche und war fest entschlossen, sie zu verteidigen.

Welchen fatalen Fehler er damit beging, schien ihm nicht einmal bewusst zu werden, als der Bankräuber ihm ohne zu zögern die Mündung des Remington auf die Brust setzte und abdrückte.

Augenblicklich lösten sich die dürren Finger des Kassierers vom Griff der Tasche. Der schmächtige Clerk stützte sich verzweifelt an der Kante des Kassenschalters ab. Ein dünner Blutfaden löste sich von seinen Lippen und rann am rechten Mundwinkel herab.

Der große Fremde wartete nicht, bis die Kräfte des Clerks nachließen und er zu Boden gesunken war. Er hastete aus dem Bankgebäude, rannte zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel. Als er den Falben herumzog, sah er den Town Marshal, den er an seinem Abzeichen erkannte, und einige Männer durch die Main Street heraneilen. Mit einem heiseren Schrei trieb der Bankräuber sein Pferd an.

Der zweite Farmer kam aus der Bank auf die Straße gerannt. „Überfall!“, brüllte er unnötigerweise. „Er hat die Bank überfallen!“

Der Outlaw drehte sich halb im Sattel um und feuerte auf den Farmer. Durch den Pulverdampf sah er, wie der Mann gegen den Türrahmen der Bank geschleudert wurde und zusammensackte. Dann machte der Falbe einen Satz nach vorn und jagte auf die heraneilenden Männer zu.

Ehe der Town Marshal seinen Revolver heben konnte, war der fremde Reiter direkt vor ihm. Er lachte heiser, zerrte ein leuchtend rotes Tuch aus der Tasche seines Staubmantels und stieß es dem Gesetzeshüter zwischen die Zähne. „Grüß den Teufel von mir!“, rief er, rammte seinen Stiefel gegen die Brust des Marshals und feuerte auf den zurücktaumelnden Sternträger und seine Begleiter.

Augenblicke später preschte der Bankräuber inmitten einer dichten Staubwolke aus der Stadt.

Die verdutzten Einwohner scharten sich um den schwer verletzten Marshal und einen weiteren Mann, den eine Kugel in die Stirn getroffen hatte. In der Aufregung dachte niemand daran, ein Aufgebot zusammenzustellen.

Telegraphieren!“, stieß der Gesetzeshüter mühsam hervor. „Wir müssen… telegraphieren und andere Städte warnen, bevor dieser… verdammte Ruby Kid auch dort aufkreuzt!“

Hatte ich also doch Recht!“, erklang die nuschelnde Stimme des Oldtimers, der sich zum Marshal vordrängte und das rubinrote Tuch aufhob, das der Gesetzeshüter ausgespuckt hatte. Er kniff wieder die Augen zusammen, als er der Staubwolke nachstarrte, die sich rasch entfernte.

Das war er! Das war Ruby Kid!“

 

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Ich habe es kommen sehen! Verdammt, ich habe gewusst, dass man dem Kerl nicht trauen kann!“ Der Mann, der wütend in Richter Henry Shepherds Büro stürzte, wedelte aufgeregt mit einem Bündel weißer Blätter herum. „Er war ein Gesetzloser, ist einer und wird auch immer einer bleiben! Aber auf mich hört ja niemand! Und jetzt haben wir den Salat!“

Judge Henry Shepherd ließ sich in seinem hochlehnigen Ledersessel zurücksinken, zündete sich gemächlich eine Meerschaumpfeife an und schaute seinen Besucher durch eine dichte Rauchwolke an. „Sie brauchen nicht zu brüllen, Horace. Ich höre noch ganz gut“, sagte er ruhig.

Horace Danby knöpfte sein Jackett auf und atmete tief durch. „Hier, sehen Sie sich das an! Mord! Banküberfall! Überfall auf eine Postkutsche! Vergewaltigung und wieder ein kaltblütiger Mord! Das ist der Mann, dem wir unser Vertrauen schenkten! Eine blutrünstige Bestie!“ Mit jedem Wort hatte Danby ein Blatt vor den Richter auf den Schreibtisch geworfen und ließ nun die restlichen Blätter auf die Tischplatte fallen. „Dieser Ruby Kid ist gefährlich wie eine Klapperschlange! Und genauso unberechenbar! Das habe ich schon von Anfang an gesagt, aber mir hört ja niemand zu! Bitte, jetzt hat uns Kid die Rechnung präsentiert!“

Judge Shepherd schmauchte seine Pfeife und hüllte sein Haupt in Tabakqualm. Nachdenklich schloss er die Augen.

Horace Danby stützte sich mit beiden Armen auf die Schreibtischplatte und starrte den Richter an. „Und? Was haben Sie dazu zu sagen, Richter? Sehen Sie jetzt, wohin Ihre Gutmütigkeit geführt hat?“ Danby beugte sich noch weiter vor. „Sie hat mehrere Menschenleben gekostet, Richter!“

Judge Shepherd riss die Augen auf, setzte sich ruckartig kerzengerade und hämmerte mit der Faust auf den Tisch. „Jetzt ist es aber genug, Danby!“, brüllte er. „Ich weiß sehr wohl, dass Kid früher auf der anderen Seite des Gesetzes gestanden hat. Aber das ist lange her, sehr lange. Er hat sich geändert! Und damals, als er auf dem Trail der Gesetzlosen ritt, hat er nie jemanden eiskalt ermordet. Er hat nie jemanden getötet, der es nicht verdient gehabt hätte.“ Der Richter zog eifrig an seiner Pfeife, ehe er hinzufügte: „Er war immer fair.“

Fair? Er hatte uns den Krieg erklärt, Richter. Das wissen Sie ganz genau! Er hat sich gegen uns gestellt und gegen unsere Leute gekämpft. Nennen Sie das etwa fair?

Ja, Danby, er hat gekämpft. Und er hat diesen Kampf gewonnen. So wie Sie, Danby, im Krieg gegen Cochise.“

Das können Sie überhaupt nicht vergleichen. Der Apache hat Krieg gegen uns geführt. Man musste seinen Kampfeswillen brechen. Kid dagegen hat bei seinem ‘Kampf’, wie Sie es nennen, Gesetze gebrochen und uns – unser Ansehen - geschädigt. Kid mag zwar jetzt auf der Seite des Gesetzes reiten, aber einmal ein Verbrecher – immer ein Verbrecher. Das ist mein Standpunkt.“

Judge Shepherd nahm die Pfeife aus dem Mund und deutete damit auf Danby. „Das ist es also, was Ihnen gegen den Strich geht: Unser Ansehen, das Kid beschmutzt hat. Vergessen Sie nicht, dass es unsere ehrenwerten Gesetzesvertreter waren, denen wir das zu verdanken haben. Vergessen Sie nicht, dass es so genannte Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft waren, die mit ihren wenig ehrenwerten Geschäften dafür verantwortlich waren, dass Kid alles verlor und ihn zum Kampf zwangen. Wir, das heißt die Justiz, haben uns mit der Art und Weise, wie wir Kid begegnet sind und ihn behandelt haben, gewiss nicht mit Ruhm bekleckert, Danby. Wir tragen die Schuld daran, dass Kid zum Gesetzlosen wurde!“ Shepherd atmete tief durch und lehnte sich wieder zurück. Sein Blick glitt zur Wand, die eine riesige Landkarte des amerikanischen Westens, mit all seinen Staaten, Territorien und Counties, bedeckte. „Ich fürchte, wir werden diese Schuld noch lange abzutragen haben“, fügte er seufzend hinzu und strich über den schlohweißen Bart, der seine Wangen und das breite Kinn bedeckte.

Da bin ich anderer Meinung, Richter.“ Danby hakte die Daumen unter die Ärmellöcher seiner grauen Anzugsweste und marschierte vor dem Schreibtisch auf und ab. „Dieser… Desperado glaubt allen Ernstes, er kann sich alles erlauben, weil wir in seiner Schuld stehen und Sie seine Missetaten decken, Richter. Aber damit muss einmal Schluss sein. Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie nicht ewig im Amt sein werden und…“

Judge Shepherd schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sprang auf. „Schluss jetzt, Horace! Sie vergreifen sich im Ton! Ich decke keine Verbrechen – das habe ich noch nie getan, und das wird auch in Zukunft nicht geschehen. Sie wissen das, und ich erwarte, nie wieder diesbezügliche Anspielungen von Ihnen hören zu müssen. Nein, Danby, wagen Sie so etwas nicht einmal mehr zu denken…! Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“

Sir…“ Ein ungesundes Rot begann, Danbys hageres, von tiefen Furchen um die Flügel der Hakennase geprägtes Gesicht dunkel zu färben. Die Haut über seinen Wangenknochen zuckte, als er zerknirscht die Kiefer aufeinander presste.

Diese Diskussion führt doch zu nichts, Horace. Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass es ein Glücksfall ist, einen Mann wie Kid auf unserer Seite zu haben. Und Sie sind nach wie vor der Ansicht, dass Kid ein eiskalter Killer ist. Aber nicht alle denken so wie Sie, Danby, und das ist gut so.“ Judge Stepherd hievte seine beachtliche Körperfülle aus dem Sessel und baute sich vor der Landkarte auf, die er eingehend aus zusammengekniffenen Augen betrachtete.

Irgendwo da draußen ritt Ruby Kid durch die Gegend, rastlos, getrieben von einer Unruhe, die vor vielen Jahren entstanden war, als sie ihn wie ein wildes Tier gejagt hatten. Wie einen reißenden Wolf hatten sie ihn vor sich her getrieben. Er hatte niemandem vertraut, und er hatte sich schließlich gewehrt wie ein Wolf – mit Klauen und Zähnen. Bei ihm hieß das: Mit blankem Stahl und heißem Blei. Das Gesetz hatte lernen müssen, dass es bei Ruby Kid an den Falschen geraten war, um seine Machtspielchen an ihm auszuprobieren. Und Kid hatte erst durch seine Begegnung mit Henry Shepherd wieder gelernt, was es hieß, dem Wort eines Mannes zu vertrauen.

Horace Danby gab noch nicht so leicht auf. Er stach mit dem Zeigefinger bekräftigend auf die Blätter vor ihm. „Wenn diese Berichte an entsprechende Stellen gelangen, werden einige von Kids Befürwortern wohl ihre Meinungen revidieren.“

Judge Shepherd drehte sich um und trat auf Danby zu. Er hob sich auf die Zehenspitzen und beugte sich so weit vor, dass sein Gesicht nur noch eine Handbreit von Danbys Nasenspitze entfernt war. „Dann sorgen Sie eben dafür, Danby, dass diese Berichte nicht weitergegeben werden“, zischte der Richter.

Danby schluckte. Wenn Shepherd so reagierte, war er gefährlich. Verdammt gefährlich. Der Richter hatte gehörigen Einfluss bei den Politikern und Beamten im Justizministerium. Man munkelte, dass er sogar zum engsten Freundeskreis des Justizministers, wenn nicht gar des Präsidenten selbst, zählte. Sich mit dem Richter anzulegen, konnte Danby die Stellung kosten. Und das wollte und durfte er auf keinen Fall riskieren. „Ich… ich kann doch nicht unterschlagen, dass Kid überall in Texas wegen Mord und Vergewaltigung gesucht wird“, murmelte er.

Nein, das können Sie nicht, Danby. Aber wir können dafür sorgen, dass sich Kid quasi selbst rehabilitiert. Solange er noch Gelegenheit dazu hat.“

Wie meinen Sie das?“

Nun, da ich überzeugt davon bin, dass Kid diese Verbrechen nicht begangen hat, muss eine Verwechslung vorliegen. Wir beauftragen Kid damit herauszufinden, wer hinter den Verbrechen steckt. Wenn es ihm gelingt, den Verbrecher zu stellen, hat er damit gleichzeitig seine Unschuld bewiesen. Falls man ihn nicht vorher aufknüpft oder erschießt.“

Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, Richter. Angenommen, die Vorwürfe gegen Kid sind berechtigt. Dann erhält er den Auftrag, sich sozusagen selbst zu überführen, und das wird er wohl kaum tun. Er wird unter dem Deckmäntelchen des Justizministeriums munter weiter morden und schänden, uns eine Nase drehen und sich dabei ins Fäustchen lachen!“

Der Richter setzte sich wieder und paffte an seiner Pfeife. Langsam schüttelte er den Kopf. „Nein, Danby. Kid ist kein skrupelloser Killer.“

Sie sind zu vertrauensselig, Judge. Das könnte Sie Ihre Glaubwürdigkeit und Ihr Ansehen kosten“, meinte Horace Danby gefährlich leise.

Lange blickte Judge Henry Shepherd seinen Gesprächspartner an. „Ich gehe jede Wette ein, dass ich mich in Kid nicht irre“, sagte er schließlich. „Kid ist vermutlich gerade unten im Grenzgebiet von Neu-Mexiko unterwegs. Informieren Sie ihn. Er soll sich mit O’Malley in San Antonio in Verbindung setzen und von dort aus die Spur aufnehmen. Und geben Sie O’Malley alle wichtigen Informationen durch.“

Horace Danby presste enttäuscht die Lippen zusammen. Für ihn war Kid ein Verbrecher, der mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt werden musste. Aber Danby hatte seine Anweisungen erhalten und musste sie befolgen.

Mit gesenktem Kopf ging Danby zur Tür und zog sie auf. Bevor er das Büro verließ, drehte er sich ein letztes Mal zu dem weißhaarigen Richter um. „Ich wette hundert Dollar, dass Sie einen großen Fehler machen, Judge. Einen fatalen Fehler“, sagte er mit einem verschlagenen Gesichtsausdruck. Judge Shepherd wettete leidenschaftlich gern. Diesmal würde er verlieren.

Aber Shepherd enttäuschte Danby erneut. Der Richter hob den Kopf, ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und in seinen Augen funkelte die Freude über die Herausforderung. „Ich erhöhe auf fünfhundert. Nehmen Sie an – oder lassen Sie es, Horace.“

Danbys Mund wurde plötzlich trocken. Der alte Fuchs blufft. Aber diesmal hab ich die besseren Karten! dachte er. „Gleich fünfhundert Dollar? Sie müssen sich Ihrer Sache aber verdammt sicher sein, Judge.“

Bin ich, mein Lieber. Also, gehen Sie mit?“

Danby nickte. „Yeah, Judge. Zu sehen, wie Sie verlieren, ist mir den Einsatz wert.“ Mit diesen Worten zog Danby die Tür hinter sich zu und ließ den Richter allein zurück.

Henry Shepherds Blick fiel wieder auf die Berichte, die in einem unordentlichen Wust vor ihm lagen. Shepherd nahm eines der Blätter auf und begann zu lesen. Es war die Meldung über einen Banküberfall in einem Ort namens Clearwater in Texas.

Shepherds Miene wurde beim Lesen immer ernster. Entmutigt ließ er das Blatt sinken und starrte vor sich hin. „Ich hoffe für uns beide, dass ich mich nicht in dir getäuscht habe, mein Junge“, murmelte er und bemerkte erst jetzt, dass beim Lesen seine Pfeife erloschen war. Doch die Lust am Rauchen war ihm vorerst vergangen.

 

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Der Mann aus Nevada war bereits seit einigen Tagen unterwegs. Er war ziemlich weit im Süden angelangt, in der Nähe von San Antonio, und erinnerte sich an Lorraine, eine braunhäutige Schönheit mit schwarzen Glutaugen und ebenso schwarzem, hüftlangem Haar, mit dem sie ihre üppigen Brüste vor seinen Blicken zu verbergen pflegte. Allerdings gelang es Ruby Kid immer ziemlich rasch, die schwarze Haarpracht zu bändigen und das zu genießen, was sich darunter versteckte. Auch diesmal würde es nicht anders sein. Der Gedanke an Lorraines wohlgeformten Körper, der in San Antonio auf ihn wartete, jagte ihm wohlige Schauer über den Rücken und brachte das Blut in seinen Lenden in Wallung.

Als Kid den Falben auf einem Hügel verhielt, sah er weit vor sich ein kleines Gehölz, dessen vorderster Baum einen hellen Fleck aufwies. Kid kniff die Augen zusammen, schob den Stetson zurück und wischte sich über die schweißnasse Stirn. Mit einem leisen Zungenschlag trieb er den Falben durch das knöchelhohe Gras und erreichte wenig später die Bäume, die aus der Ebene aufragten.

Und jetzt erkannte Kid, was es mit dem hellen Fleck auf sich hatte, den er vom Hügel aus am Baumstamm bemerkt hatte.

Es war ein Steckbrief.

Sein Steckbrief!

Das Blatt Papier war mit zwei rostigen Nägeln am Baum befestigt und flatterte leicht im Wind. Es zeigte das Konterfei eines Mannes, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Kid hatte. Der Mann aus Nevada beugte sich im Sattel vor und riss den Steckbrief vom Baum ab, um ihn genauer betrachten zu können.

 

Gesucht!

Tot oder Lebendig!

 

stand in großen, fettgedruckten Lettern über dem Bild. Darunter sein Name.

 

The Ruby Kid.

Gesucht wegen

bewaffnetem Raubüberfall,

Vergewaltigung und Mord.

1.500 Dollar Belohnung!

 

„In was für einen Schlamassel sind wir da nur wieder hineingeraten, Splasher, mein Junge?“, murmelte Kid und tätschelte sanft den Hals des Falben. Kid konnte kaum glauben, was er eben gelesen hatte. Gut, er hatte früher eine Zeitlang auf der anderen Seite des Gesetzes gestanden, und er hatte auch seine Gründe dafür gehabt. Aber er war nie zum eiskalten Mörder geworden, geschweige denn zum Frauenschänder.

Und jetzt wollte man ihm genau diese Verbrechen anhängen!

Nachdenklich faltete er den Steckbrief zusammen und schob ihn in die Brusttasche seines rubinroten Hemdes. Es war eines der Markenzeichen, die ihn inzwischen zu einer lebenden Legende im Westen hatten werden lassen.

Er war noch jung, hatte gerade den dreißigsten Sommer erlebt, doch Staub, Wind und Wetter hatten seiner tief gebräunten Gesichtshaut zugesetzt. Kleine Fältchen bildeten sich an den Augenwinkeln, wenn er die graugrünen Augen zusammenkniff, und winzige Risse durchzogen die gesamte Haut des schmalen, kantigen Gesichts, dessen scharf gezeichnete gerade Nase von zwei tiefen Furchen begrenzt wurde, die bis zu den Mundwinkeln hinab verliefen. Sein von schmalen, leicht gespitzten Lippen gebildeter Mund und das spitze Kinn verliehen ihm zusammen mit den grünlich schimmernden Augen ein wildes, beinahe animalisch wirkendes Aussehen, das besonders auf Frauen reizvoll wirkte. Daran änderten auch die Bartstoppel nichts, die seine Wangen und das Kinn bedeckten. Im Gegenteil, sie ließen ihn noch anziehender wirken.

Wovon Frauen im Allgemeinen allerdings nichts ahnten, war das Feuer, das tief im Innern dieses Mannes loderte. Nicht nur an seinem Körper hatte das Schicksal Narben hinterlassen, sondern es hatte auch in seiner Seele tiefe Wunden geschlagen, die sich nur zaghaft schlossen. Die Narben aber würden für immer bleiben, und mit ihnen schmerzliche Erinnerungen.

Weit hatte ihn sein Weg geführt, seit er seiner Heimat, dem Ruby Valley in Nevada, für immer den Rücken gekehrt hatte. Er hatte alles verloren, hatte den falschen Leuten vertraut und einen hohen Preis dafür bezahlt. Er war durch die Hölle gegangen, hatte dem Teufel persönlich ins Gesicht gespuckt – und doch war er nicht vom Höllenfeuer verschlungen worden. Er war daraus hervorgegangen, verbrannt, gezeichnet, aber er war am Leben. Er war zu einer Legende geworden – der Mann aus Nevada, den seine Gegner und selbst der Leibhaftige unterschätzt hatten, war einer jener legendären, heimatlosen Westmänner geworden, über die einfallsreiche Geschichtenerzähler aus dem Osten immer neue Heldentaten zu Papier brachten, deren Abenteuer von Jungen und Mädchen überall im Westen heimlich unter der Bettdecke verschlungen wurden und mit deren Namen ein gewisser Ruf einherging.

Auch Ruby Kid war berüchtigt, aber nicht zuletzt mit Hilfe von Richter Henry Shepherd hatte er dafür sorgen können, dass sein Name in weiten Teilen des Westens für Recht und Gerechtigkeit stand und auf dem Trail der Gesetzlosen gefürchtet war.

Für viele Outlaws war er ein Abtrünniger, weil er vom Owlhoot Trail abgewichen war und nun auf der Seite jener verhassten Männer ritt, die für Recht und Gesetz einstanden und den Banditen das Leben schwer machten. Doch es gab auch Desperados, auf deren Freundschaft Ruby Kid immer noch zählen konnte und die weiter loyal zu ihm standen, auch wenn er nicht länger einer der ihren war.

Kid war ein Mann vom schnellen Eisen, ein Schießer. Und er war einer der schnellsten Revolvermänner, die sich im Westen umhertrieben, rast- und ruhelos, immer auf der Suche nach ein wenig Frieden. Kid gelang es, seine schweren Revolver so schnell zu ziehen und abzufeuern, dass viele Menschen behaupteten, sie hätten der Bewegung nicht mit bloßem Auge folgen können. Das mochte sicherlich oftmals übertrieben sein, aber solche Aussagen trugen das ihre zu Kids legendärem Ruf bei. Doch Kid wusste, es würde immer jemanden geben, der noch schneller war…

Kids Finger furchten durch das fast schulterlange rotblonde Haar und kratzten den schweißfeuchten Nacken. Er schob den Stetson tiefer in die Stirn, zog den Falben herum und setzte ihn mit sanftem Schenkeldruck und Zungenschnalzen in Bewegung. Er würde nach San Antonio reiten und einen Mann namens O’Malley aufsuchen. Er war Richter Shepherds Kontaktmann im Süden, und der Richter würde diesen Irrtum sicherlich rasch aufklären und die Steckbriefe einziehen können.

Es war Kid unangenehm, den Richter oder andere Menschen um Hilfe zu bitten, aber in diesem Fall würde ihm wohl nur der Einfluss des Richters helfen können.

Wenig später musste Kid allerdings feststellen, dass seine Chancen, San Antonio und den Mitarbeiter des Richters überhaupt zu treffen, ziemlich gering geworden zu sein schienen. Er hatte die Reiter, die ihre Pferde auf einer benachbarten Anhöhe zum Stehen gebracht hatten, nicht bemerkt. Der Steckbrief hatte seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.

Als Kid den Schutz der Bäume verließ, fetzte eine Winchesterkugel dicht neben seinem Gesicht in einen Baumstamm und überschüttete ihn mit Borkensplittern. Der peitschende Knall des Karabiners rollte zwischen den Hügeln dahin.

Erschrocken machte der Falbe einen Satz zur Seite. Weitere Schüsse peitschten. Kugeln pfiffen über Kid hinweg, sensten durch dichtes Blattwerk und Geäst und furchten vor den Beinen des Pferdes in den Boden. Der Falbe wieherte unwillig.

Kid trieb das Pferd mit einem heiseren Schrei zwischen die Bäume zurück, riss seine Winchesterbüchse aus dem Scabbard und warf sich aus dem Sattel. So tief wie möglich kauerte er sich auf dem laubbedeckten Waldboden nieder und suchte nach einem Ziel. Zwischen den Baumstämmen konnte er die Hügelkuppe sehen und erkannte einige Gestalten, die geduckt den Hang hinabschlichen.

Kid glitt nach vorn und suchte nach einer Position, die ihm ein günstigeres Schussfeld bot. Doch die Gegner schienen damit gerechnet zu haben, denn sie deckten Kid wieder mit Kugeln ein und fächerten dabei auseinander. Kid rollte sich zur Seite und kroch weiter.

Er hatte fast den Rand des Wäldchens erreicht, als er die ersten Schützen geduckt durch das Gras hasten sah. Sie schienen jetzt davon überzeugt, dass sie ihn in der Falle hatten, und ließen jegliche Vorsicht außer Acht. Kid zog die Winchester an die Schulter, lud durch und jagte ihnen seine Kugeln entgegen, so rasch er den Repetierbügel betätigen konnte.

Das Peitschen seiner Schüsse übertönte jedes andere Geräusch und dröhnte wie nicht enden wollendes Donnergrollen in den Ohren.

Die Schüsse kamen schnell und präzise. Zwei Männer warfen die Arme hoch, wurden um die eigene Achse gewirbelt und fielen ins Gras. Ein weiterer Heckenschütze erwischte eine Kugel, griff sich an den Schenkel und fiel zur Seite. Die anderen Männer warfen sich zu Boden und suchten Deckung im hohen Präriegras.

Kid jagte noch einige Kugeln zu ihnen hinüber, sprang hoch und rannte zwischen den Bäumen zu seinem Pferd. Er schwang sich in den Sattel und preschte geduckt unter den tiefhängenden Ästen zum Rand des Wäldchens und in die offene Prärie. Tief beugte er sich über den Hals des Falben.

Vorwärts, Splasher, mein Junge, ich hab keine Lust, von irgendeinem Prämienjäger abgeknallt zu werden!“, zischte er dem Falben zu.

Das Tier schien zu begreifen und jagte mit trommelnden Hufen durch das Präriegras.

Hinter Kid klangen vereinzelte Schüsse auf, doch die Kugeln kamen ihm nicht zu nahe. Bald hatte Kid die Baumgruppe weit hinter sich gelassen und galoppierte einer weiteren Hügelkette entgegen, hinter der die große Talsenke begann, in der San Antonio lag.

Kid wusste, dass ihm die Kopfgeldjäger folgen würden. Er war fest entschlossen, sie aufzuhalten. Als der Falbe seinen Weg zwischen den Hügeln suchte, lenkte ihn Kid um einen riesigen Felsbrocken herum und einen schmalen Hohlweg hinauf. Hier lud er das Gewehr nach und legte sich auf die Lauer.

Sie ließen sich Zeit. Kids Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Erst am späten Nachmittag bemerkte er die Reiter, die sich der Hügelkette näherten. Zwei Pferde trugen reglose Körper über den Sätteln. Ein dritter Mann saß schief im Sattel und trug einen dicken, blutgetränkten Verband an einem Schenkel. Mit hängenden Köpfen trotteten die Pferde zwischen den Hügeln entlang.

Kid visierte den vordersten Reiter an, einen hochgewachsenen Mittvierziger mit buschigen Augenbrauen, dichtem Schnauzbart, Stoppelkinn und gekrümmter Nase, die an einen Geierschnabel erinnerte.

So ist es gut, Jungs!“, rief Kid, während er sorgfältig zielte. „Kommt noch ein wenig näher und lasst dann die Waffen fallen!“

Der Anführer der Kopfgeldjäger dachte gar nicht daran, aufzugeben. Er zerrte den Aufschlag seiner von Motten zerfressenen, speckigen Wolljacke zurück, riss den Colt aus dem Holster, und einen Herzschlag später zog er den Stecher durch!

Seine Kumpane folgten diesem Beispiel. Sie waren schnell und Sekundenbruchteile später feuerten auch sie in die Richtung, aus der Kids Aufforderung erklungen war.

Kid kniff die Lippen zusammen. Es widerstrebte ihm, aus sicherer Deckung heraus Männer aus dem Sattel zu schießen. Gosh, das war beinahe so, als würde er sie aus dem Hinterhalt abknallen wie ein mieser Heckenschütze! Doch rasch verwarf er den Gedanken wieder. Hier ging es um sein Leben, und diese Männer würden ihn ohne Zögern und ohne jeden Skrupel abknallen.

Kälte breitete sich in seinem Innern aus, verdrängte jeden weiteren Zweifel. Es war diese Kälte, die ihm geholfen hatte, selbst die Feuer der tiefsten Hölle zu überleben.

Der Mann aus Nevada zog entschlossen den Stecher durch!

Das Projektil vom Kaliber 44/40 rammte in den Hals eines der Kopfgeldjäger, und während der Mann sein Schießeisen fallen ließ und gurgelnd zur Kehle griff, um verzweifelt den Blutstrom aufzuhalten, hieb ein weiteres Geschoss in die Brust des Reiters neben ihm. Der Getroffene schrie und stürzte rücklings vom Pferd.

Der Anführer der Prämienjäger versuchte, sein nervös tänzelndes Pferd unter Kontrolle zu bringen, und entging dadurch Kids nächstem Schuss. Die beiden letzten überlebenden Bounty Hunter feuerten in Kids Richtung, bis die Hämmer ihrer Colts auf leere Patronenhülsen schlugen.

Kid schwang sich hoch und jagte zwei, drei Schüsse zu ihnen hinüber. Einer der Männer zuckte kreischend zusammen, krümmte sich unter dem Einschlag des Projektils und kippte dann seitlich aus dem Sattel.

Sein Kumpan stierte Kid aus weit offenen Augen an. Er erwartete offenbar, jeden Moment von heißem Blei durchlöchert zu werden. Langsam schluckte er, öffnete die Hand, warf den Colt zu Boden. Er schüttelte den Kopf, seine Lippen bebten vor Angst.

Schließlich riss er schluchzend das Pferd herum und trieb ihm die Sporen tief in die Flanken. Das Tier wieherte gequält auf, machte einen Satz nach vorn und stieß mit der Schulter gegen das Pferd des Anführers. Dieser bemühte sich fluchend, im Sattel zu bleiben.

Der waffenlose Bounty Hunter galoppierte davon, als sei der Leibhaftige persönlich hinter ihm her, und Kid ließ ihn ziehen.

Der Mann aus Nevada richtete seine Winchester auf den Anführer der Prämienjäger…

Lange stand er dem Reiter so gegenüber, dann ließ er den Hammer des Gewehrs sacht nach unten sinken und lehnte die Büchse neben sich gegen den Felsen. Er trat einen Schritt zur Seite und hielt die Hand über dem Griff des schweren, siebeneinhalb Zoll langen 44er Remington-Revolvers, den er tief an der rechten Hüfte trug. Aus einem Holster an der linken Hüfte ragte, den Kolben nach vorn, eine ebensolche Waffe.

Dumm gelaufen, Mister“, sagte Kid ruhig. „Du solltest dich nie mit Männern anlegen, die nicht so viel zu verlieren haben wie du.“

Was soll das Gewäsch?“, raunzte der Bounty Hunter und spuckte aus. „Wenn du mich umlegen willst, dann fang damit an, Kid, aber erspar mir das Geschwafel!“

Kid schüttelte den Kopf. „Hm-m. Du hast den Tanz begonnen. Du bringst ihn zu Ende.“

Gottverfluchter Mistkerl!“ Der Prämienjäger riss seinen Colt hoch. Der Daumen bog den Hammer zurück…

Ungläubig stierte der Bounty Hunter auf die beiden Feuerlanzen, die grell aus Kids rechtem Revolver rasten und ihr tödliches Blei auf die Reise schickten.

Ein Ruck ging durch den Körper des Kopfgeldjägers, als ein Projektil tief in seine Brust rammte und in einem Blutschwall am Rücken wieder austrat.

Immer noch einen fassungslosen Ausdruck auf dem Gesicht, wurde der Kopf des Bounty-Killers von Kids zweitem Geschoss nach hinten gerissen. Ein kreisrundes, schwarzgerändertes Loch erschien über der Nasenwurzel des Mannes, und sein Hinterkopf explodierte in einer Fontäne aus Blut, Knochensplittern und grauer Hirnmasse.

Kid wartete nicht, bis der Bounty Hunter, den Revolver noch zwischen verkrampften Fingern, aus dem Sattel gefallen war. Er stieß die verschossenen Patronen aus der Trommel des Remington, ersetzte sie durch frische Munition aus seinem Patronengurt und schob die Winchester in den Sattelschuh. Lobend streichelte er über die Nase des Falben, der geduldig gewartet hatte, bis die Schießerei beendet war.

Dann schwang er sich in den Sattel und ritt davon, ohne den Toten einen weiteren Blick zu gönnen oder einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden.

 

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Das Haus lag am Rande der China Town und hatte den Ruf, die besten Huren von Texas zu beherbergen. Aber diesen Ruf teilte es sich mit vielen anderen Etablissements seiner Art.

Lorraines Zimmer befand sich in einem Anbau. Zusammen mit zwei anderen Mädchen teilte sie sich das Nebengebäude. Lorraine und ihre beiden Kolleginnen waren die beliebtesten Freudenmädchen der Stadt und konnten sich über Mangel an Kundschaft nicht beklagen.

Als Kid sein Pferd an einem Hitch Rack vor dem Anbau festband, sah er aus dem Fenster von Lorraines Zimmer im Obergeschoss Lichtschein dringen. Langsam stieg er die Holztreppe an der Seitenwand des Anbaus empor und klopfte an die Tür.

Die Kreolin öffnete und Kid stockte der Atem, als er sie sah. Sie war splitternackt, und der Schein der Kerosinlampe tauchte nicht nur den Raum in feuriges Licht, sondern spielte auch auf ihrer bronzefarbenen Haut.

Lorraine erkannte ihn sofort und riss die Tür weit auf. Sie empfing ihn mit einem strahlenden Lächeln. „Kid! Cherie! Wie schön, dass du mich wieder einmal besuchen kommst!“, rief sie, schlang ihre nackten Arme um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Es dauerte lange bis sie sich von ihm löste.

Sie ergriff seine Hände. „Komm rein und mach es dir bequem!“

Jetzt sag nur, du hast mich erwartet, Mam‘selle“, meinte Kid und ließ sich von Lorraine in das Zimmer ziehen. Mit dem Absatz stieß er die Tür ins Schloss.

Nicht direkt erwartet“, wich Lorraine aus, löste sich von ihm und ging zu einer Anrichte, auf der verschiedene Flaschen und Gläser standen. „Wie wäre es mit einem Drink?“

Aber immer.“

Kid betrachtete die schwarzhaarige Schöne, während sie ihm einen Whiskey eingoss. Der Anblick ihres nackten Körpers war wie immer ein Genuss. Das lange, pechschwarze Haar reichte ihr bis zum wohlgerundeten Hinterteil und bedeckte notdürftig ihre Blößen. Matt schimmerte ihre gebräunte Haut zwischen den Haaren hervor. Als sie sich umdrehte, flog ihr Haar und gab den Blick auf eine große, dunkle Brustwarze und das schwarze Dreieck zwischen den Schenkeln frei.

Kid nahm den Drink entgegen und leerte das Glas auf einen Zug. Lorraine schmiegte sich an ihn. „Küss mich, Cherie!“, hauchte sie.

Weißt du was? Keine sagt das Wort Cherie so schön wie du“, meinte Kid, zog die Kreolin an sich und presste seine Lippen auf ihren Mund.

Gierig erwiderte sie seinen Kuss. „Und keiner küsst so gut wie du“, gab sie zurück, zog ihn zum breiten Bett und begann, ihn zu entkleiden.

Kurz darauf stieß sie Kid auf das Bett, ging hüftschwingend zur Tür und verriegelte sie. Dann baute sie sich vor ihm auf, teilte die Haarflut über ihren Brüsten und schob die Haare wie einen Vorhang langsam zur Seite.

Kid stockte der Atem, wie jedes Mal, wenn er Lorraine besuchte. Sie war atemberaubend schön. Die vollen Brüste, der flache Bauch und die festen Schenkel verhießen ihm den Himmel auf Erden.

Im nächsten Moment stieß Lorraine einen schrillen Schrei aus und warf sich auf Kid. Blitzschnell war sie über ihm und saß rittlings auf ihm. Mit einer Hand hielt sie Kids Kehle umklammert, mit der anderen brachte sie einen Dolch zum Vorschein, der unter dem Kissen verborgen gewesen war. Sie bog den Rücken durch und hob die Klinge hoch über den Kopf, bereit, sie jeden Augenblick auf Kids Brust niedersausen zu lassen!

Was, zum Teufel, willst du denn mit dem Pfirsichmesser?“, brachte Kid knapp hervor. Er versuchte, ruhig zu wirken.

Lass dich überraschen!“ Lorraines Hand senkte sich. Die Kreolin legte ihm die kalte Klinge an die Kehle.

Kid wagte kaum zu schlucken. Unendlich langsam kroch die Klinge an seinem Hals entlang, über seine breite, behaarte Brust, über den Bauch und verschwand schließlich hinter Lorraines Rücken.

Das sind ja ganz neue Spielchen“, sagte Kid. „Die bin ich ja gar nicht von dir gewohnt. Vielleicht von den Chinesinnen, aber von dir doch nicht, Mam’selle…“

Lorraine brachte den Dolch sofort wieder zum Vorschein, rutschte nach unten und schlagartig hüpfte der Adamsapfel in Kids Kehle vor Aufregung, als er den kalten Stahl an seiner Männlichkeit spürte.

Chinesinnen?“, zischte Lorraine. „Du wagst es, in meiner Gegenwart diese… diese…Weibsbilder zu erwähnen? Mon Dieu, du hast vielleicht Nerven! Diese Schlampen machen die Männer mit ihrem verdammten Opium verrückt und dann versprechen sie ihnen die schlimmsten Sauereien… und wenn die Kerle dann zu uns kommen, hängen sie uns die Krankheiten an, die sie sich bei den Huren in Wongs Kaschemmen eingefangen haben.“ Sie verstärkte den Druck der Klinge. „Ich hätte gute Lust, dafür zu sorgen, dass du nie wieder zu diesen Dreckschleudern gehst…!“

Überleg dir das nochmal, Mam’selle“, brachte Kid mühsam hervor. Seine Stimme krächzte, und die Worte kratzten in seiner trockenen Kehle. „Es tut mir ja Leid, wenn ich deinen Stolz verletzt habe. Ich war auch schon sehr lange nicht mehr bei Wong…ehrlich!“

Lorraines dunkle Augen sprühten Blitze. Ihre Blicke durchbohrten Kid förmlich. Die Kreolin presste wutentbrannt die Lippen zusammen und verstärkte den Druck der Klinge in Kids Lende. Ihre Finger krampften sich um den Griff des Dolches. Wenn sie jetzt auch nur kurz zuckte oder Kid eine winzige Bewegung machte…

Kid wollte seinen Augen nicht trauen, als sich Lorraines Lippen zu einem hintergründigen Lächeln verzogen. Sie löste die Klinge von seinem Unterleib und legte die Schneide an seine Kehle.

Kid beobachtete, wie sie ihren Bauch straffte und langsam nach oben rutschte. Ihre Schenkel klammerten sich um seinen Rippenbogen, dass ihm fast der Atem wegblieb. „Wir spielen ein kleines Pfänderspiel, Cherie“, gurrte die Kreolin.

Pfänderspiel? Und was ist der Einsatz? Wir haben doch nichts mehr, das wir einsetzen können...“

Es gibt nur eine Frage. Und nur einen Einsatz.“ Blitzschnell griff sie nach hinten, umfasste ihn mit starken Fingern und drückte zu. Kid konnte sich gerade noch beherrschen, um nicht laut aufzuschreien. „Das ist dein Einsatz, Cherie!“

Bist du von allen kreolischen Geistern verlassen, du schwarze Hexe? Schluss mit dem Spiel! Was ist nur in dich gefahren?“, krächzte Kid.

„Spiel? Wer redet denn von einem Spiel, Cherie?“ Lorraine war schlagartig ernst geworden und blitzte ihn mit ihren dunklen, ausdruckslosen Augen an. Der Druck ihrer Finger verstärkte sich. Ihre spitzen Fingernägel gruben sich schmerzhaft in die empfindliche Haut seiner Manneszierde.

Kid spürte, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete.

„Mach jetzt nur keinen Fehler, Lorraine! Nimm das Messer weg, sonst geschieht am Ende noch etwas, das wir beide bereuen werden...“

Kid wusste, dass sich sein Leben mit einem Schnitt verändern konnte, dass es womöglich nie mehr so sein würde wie bisher…

Nur nicht so ängstlich, Cherie! Du bist doch ein mutiger Mann!Fangen wir also an. Ich frage, und du antwortest. Wenn ich dir glaube… gut. Wenn ich den Eindruck habe, dass du lügst… dann ist das dein Pech, Cherie.“ Die Kreolin beugte sich vor, bis ihre harten Brustspitzen Kids Haut berührten. Gegen seinen Willen, und obwohl die Situation eigentlich keine amourösen Gefühle erlaubte, regte sich sein bestes Stück unter Lorraines Fingern.

Du bist doch ein Glückspilz, Cherie… Non?“, hauchte sie.

Sie richtete sich auf und strich sanft mit dem Dolch über seine Wange. „Die Dinge, die auf dem Papier stehen… hast du sie getan?“

Kid hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Lorraines Haut war fest und weich, wie Samt, und Kid spürte, wie das Blut in seinen Lenden kochte und sich Verlangen in ihm ausbreitete.

Papier?“ krächzte er. „Welches Papier?“

Lorraines Fingernägel bohrten sich schmerzhaft tiefer in seine Haut. „Falsche Antwort, Cherie!“, gurrte die Kreolin und führte mit der Dolchklinge seine Hand zu ihrer Brust.

Kids Herz krampfte sich zusammen. Mit seiner Beherrschung war es fast vorbei. Die schwarzhaarige Schönheit begann, sich sanft auf ihm zu bewegen. Kids Atem ging stoßweise. Er wollte seine Hand wegziehen, doch Lorraine presste sie fest auf ihre weiche Brust.

Der Steckbrief, Cherie! Er hängt überall. Und darauf steht, dass du ein Mörder und Räuber bist. Und dass du Frauen vergewaltigst. Stimmt das? Nimmst du Frauen… gegen ihren Willen?“

Kid starrte die Kreolin ungläubig an. „Bist du verrückt geworden, Mam‘selle? Habe ich dir jemals Gewalt angetan? Traust du mir wirklich zu, ein blutrünstiger Killer und Vergewaltiger zu sein?“ Er wartete ihre Antwort nicht ab. „Wie lange kennen wir uns jetzt schon, Mam’selle? Wenn ich ein Frauenschänder wäre, dann hätte ich dich längst mit Gewalt genommen und dich danach nie wieder besucht. Und jetzt nimm endlich deine verdammten Finger da weg, bevor du bleibenden Schaden anrichtest…Merde!“

Aber wer wird denn fluchen, Cherie? Du hast doch nicht etwa Angst?“ Sie begann, seine Hand in kreisenden Bewegungen über ihre Brust zu führen. „Gefällt dir das?“

Kid spürte, wie eine nie gekannte Panik begann, die Oberhand über ihn zu gewinnen. Alles spielte zusammen: das wunderbare Gefühl von Lorraines voller Brust unter seiner Hand, die Wallung seines Blutes in den Lenden und der zunehmende Druck ihrer Fingernägel.

Hör endlich auf damit!“, stieß er hervor. „Ich bin nicht der Kerl auf dem Steckbrief. Das muss eine Verwechslung sein. Ich bin nur nach San Antonio gekommen, um das zu beweisen!“

Sie ließ seine Hand los. Er vergaß völlig, sie von ihrer Brust zu nehmen, als sie erneut die Klinge an seine Kehle legte. „Ah, Mon Cher, du bist also nicht wegen mir in die Stadt gekommen?“, fragte die Kreolin, und ihre Augen sprühten erneut Blitze.

Kid rollte mit den Augen. Wieder einmal wurde seine Ansicht bestätigt, dass kein Mann jemals eine Frau verstehen würde. „Mam’selle, wie könnte ich nach San Antonio kommen, ohne dich zu besuchen? Aber ich muss auch meinen Namen von diesem unsinnigen Verdacht reinwaschen! Wenn ich mich nicht darum kümmere, knüpfen sie mich auf oder knallen mich ab. Und wer soll dich dann glücklich machen, wenn das geschieht, Mam‘selle?“

Die Kreolin betrachtete ihn lange. Sie holte tief Luft. Ihre Bewegungen wurden heftiger. Im Licht der Kerosinlampe war ihr nackter Körper die pure Sinnlichkeit.

Langsam ließ sie sich vornüber sinken. Ihre Lippen suchten seinen Mund. Ein langer, leidenschaftlicher Kuss folgte, der Kid um ein Haar die Beherrschung verlieren ließ.

Kid atmete innerlich langsam auf.

Lorraine richtete sich auf. „Bon, ich werde dir glauben. Wer so küsst, kann eigentlich kein kaltblütiger Mörder sein. Wenn ich mich geirrt habe, hast du jedenfalls in diesem Moment mehr Angst ausgestanden, als in deinem ganzen Leben. Meine Großmutter in Louisiana hat immer gesagt: Die schlimmste Strafe für einen Mann ist nicht der Tod, sondern die Angst davor. Ich glaube aber, sie hat sich geirrt. Es gibt noch eine viel schlimmere Strafe für einen Mann…“ Sie verlieh ihren Worten nochmals mit ihren Fingern Nachdruck.

Weißt du was?“, fragte Kid. „Deine Großmutter war eine kluge Frau.“ Langsam glitten seine Hände über ihre prallen Brüste zu den Hüften und packten fest zu.

Endlich lösten sich ihre Fingernägel aus seiner Haut. Dafür begannen ihre Finger, ihn sanft und gekonnt zu massieren und eröffneten damit einen Liebesreigen, der beide an den Rand der Erschöpfung trieb…

Es stimmt“, wiederholte Lorraine später leise, „wer so küsst und liebt wie du, kann kein Mörder sein.“

Kid rollte sich aus dem Bett und ging nackt zu der Konsole mit den Getränken.

Gieß mir bitte auch etwas ein, Cherie“, bat Lorraine und beobachtete ihn mit verträumtem Blick.

Hättest du eigentlich ernst gemacht?“, fragte Kid.

Was denkst du?“

Zuzutrauen wäre es dir. Aber ich glaube, die Gefahr war größer, dass du irrtümlich zu fest zugedrückt hättest oder dass dir die Klinge ausgerutscht wäre. Absichtlich hättest du bestimmt nicht zugestochen.“

Du irrst dich, Cherie. Ich hatte alles unter Kontrolle. Bei mir zuhause lernt man, mit dem Dolch umzugehen. Und mit den Fingern…“

Kid drehte sich halb zu ihr um. „Willst du behaupten, dass du mich wirklich…?“

Ehe Kid den Satz beenden konnte, hatte sie schon den Dolch aufgehoben und schleuderte ihn. Die Klinge bohrte sich dicht neben Kids Ohr in die Wand, wo sie zitternd steckenblieb. „Glaubst du mir jetzt?“, fragte Lorraine. „Komm wieder ins Bett, Cherie. Zum Reden ist morgen immer noch Zeit genug.“

Nur Augenblicke schien alles in Ordnung zu sein, dann flog die Tür auf und krachte mit einem gewaltigen Knall gegen die Wand. Kid hatte gerade die beiden Gläser aufgenommen, um sie zum Bett zu tragen. Die Kreolin stieß einen gellenden Schrei aus und war zu erschrocken, um ihre Blößen zu bedecken.

Kids Kopf ruckte herum.

Im Türrahmen zeichnete sich eine hagere Gestalt ab. Der Mann hielt einen Sechsschüsser tief an der Hüfte im Anschlag.

Ich glaube kaum, dass du noch viel Zeit zum Reden haben wirst, Kid“, knurrte eine Stimme. Der Hagere trat einen Schritt nach vorn.

Kid erkannte ihn. Es war der Kopfgeldjäger, den Kid am Nachmittag im Visier der Winchester gehabt und entkommen lassen hatte.

Der Bounty Hunter grinste. „Du hättest mich umlegen sollen, als du die Gelegenheit dazu hattest, Kid. Jetzt ist es zu spät.“

Und nun? Bringst du mich zum Sheriff?“

Ich bin doch nicht dämlich. Unterwegs lässt du dir irgendeinen Trick einfallen, knallst mir einen vor den Latz und gehst stiften. Nein, mein Lieber, ich leg dich hier um und kassiere die Kopfprämie. So einfach ist das. Und ganz ohne Risiko. Auf den Plakaten steht ja tot oder lebendig.

Das hatten wir heute Abend schon mal“, meinte Kid. „So ganz ohne Risiko. Nicht wahr, Mam‘selle?“

Oui, Cherie“, antwortete Lorraine. „Und ich hatte wirklich alles unter Kontrolle. Anders als dieser Crétin da!“ Die Kreolin schwang sich aus dem Bett und stürzte auf den verblüfften Prämienjäger zu. Seine Augen quollen beinahe aus den Höhlen, als er die splitternackte Schönheit auf sich zukommen sah.

Was ist? Was hab ich nicht? Wieso...?“, stieß er verdattert hervor, aber da hing Lorraine bereits an ihm und stieß seine Schusshand zur Seite. Ehe sich der Kopfgeldjäger fangen konnte, hatte sie seine Linke gepackt und auf ihre Brust gelegt, wie sie es bei Kid getan hatte.

Jetzt war der Bounty-Killer vollends verwirrt. „Was machst du denn? Hör auf damit! Ich will Kid, verdammt!“ Er stieß Lorraine von sich und beobachtete, wie sie auf das Bett fiel und mit gespreizten Armen und Beinen liegenblieb. Ihr Haar war verrutscht und präsentierte ihren bronzefarbenen Körper unverhüllt seinen Blicken. „Verdammt, du Miststück, wenn ich mit Kid fertig bin, dann…“

So behandelt man keine Lady, Mister. Und schon gar keine aus Louisiana“, sagte Kid heiser. „Sie kann übrigens besser mit dem Dolch umgehen als du mit dem Schießeisen. Siehst du – so!“

Der Kopf des Prämienjägers ruckte zu Kid herum, und die Wut, die er für die Kreolin empfand, glühte noch in seinen Augen, als die Klinge, die Kid aus der Wand gezogen hatte und nun zielsicher warf, tief in seine Brust drang.

Der Bounty Hunter machte einen Schritt nach vorn und begann zu schwanken. Er starrte verständnislos auf das Heft des Dolchs, das aus seiner Brust ragte. „Du… du gottverdammter…“, begann er gurgelnd und versuchte, den Colt zu heben.

Er beendete den Satz nicht. Der Revolver schien ihm auf einmal zu schwer zu werden und rutschte ihm aus den Fingern. Der Killer drehte sich langsam um die eigene Achse. Die Finger seiner Linken krallten sich um den Griff des Dolchs. Er zog die Klinge aus der Brust und starrte auf den blutverschmierten Stahl, ohne zu begreifen, was eigentlich passiert war.

Dann sackte er gegen den Türrahmen und rutschte langsam daran entlang zu Boden. Blicklos stierten seine toten Augen immer noch den Dolch an, den er in der Hand hielt.

Lorraine und Kid fielen sich in die Arme. Die heißen Küsse der Kreolin ließen Kid augenblicklich vergessen, wie knapp sie beide dem Tode entgangen waren…

 

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Kid hatte die Leiche des Kopfgeldjägers hinter einem Holzstapel an der Rückseite des Gebäudes verborgen. Lorraine wollte den Sheriff am Nachmittag zu dem Toten führen.

Jetzt war Kid unterwegs, um Doc O’Malley, den Kontaktmann von Judge Shepherd, aufzusuchen. Instinktiv hatte er den richtigen Weg eingeschlagen und beschlossen, über den Iren Kontakt zu Judge Shepherd herzustellen, ohne zu ahnen, dass der Richter ihn bereits telegraphisch dahingehend instruiert hatte.

Als er sich dem Haus des Doktors näherte, bemerkte er einen dicken, rothaarigen Mann Mitte Fünfzig, der sich damit abmühte, ein Pferd vor einen Einspänner zu schirren.

Howdy, Doc. Kann ich Ihnen behilflich sein?“, sprach Kid den rundlichen Mann an.

Der Kopf des Dicken fuhr herum. Die kleinen Knopfaugen musterten Kid interessiert. Das Gesicht des Mannes war vor Anstrengung gerötet, und sein Atem ging stoßweise. Ein gewaltiger roter Zinken zierte sein Gesicht. Nachdem er Kid eingehend begutachtet hatte, wandte sich der dicke Mann um und watschelte zum Haus.

Ihnen auch einen schönen guten Tag, Doc!“, rief Kid hinter ihm her.

Nicht gleich überheblich werden, Laddie, nicht wahr?“ Die hohe Stimme des Dicken erinnerte an das Quieken eines Schweins.

Sie können ja sprechen! Ich hatte schon befürchtet, mein Anblick hätte Ihnen die Sprache verschlagen.“

O’Malley spitzte die Lippen und stieß pfeifend und schnaubend die Luft aus den geblähten Wangen. „Und das hätte Sie gewundert, Jungchen? Nach allem, was man so über Sie hört und liest, würde mich überhaupt nicht wundern, wenn ich bei Ihrem Anblick keinen Ton mehr herausgebracht hätte. Denken Sie mal über den Schlamassel nach, in dem Sie stecken. Da verginge selbst meinem Vetter Seamus die Lust auf ‘ne Geschichte und ‘nen Eimer Whiskey, und das will was heißen.“ Er schnaubte wie ein Walross und fügte hinzu: „Hab noch keinen Tag erlebt, an dem Seamus nichts hinter die Binde gegossen hätte, Laddie.“

Der Dicke verschwand im Haus.

Kid atmete tief durch. Solche liebenswürdigen Zeitgenossen hatten ihm gerade noch gefehlt. Sein Hals steckte in der sprichwörtlichen Schlinge, sämtliche Gesetzeshüter und Kopfgeldjäger des Landes waren hinter ihm her, und dieser dicke Feuerkopf machte ihn auch noch für das ganze vertrackte Dilemma verantwortlich!

Der Mann aus Nevada schaute entsprechend finster drein und beobachtete den Dicken grimmig aus zusammengekniffenen Augen, als dieser wenig später aus dem Haus kam und an Kid vorbei zu seinem Einspänner wackelte. Dort fischte der Doc umständlich ein riesiges, bunt gemustertes Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich über die schweißnasse Stirn, um sich gleich darauf laut trompetend die Nase zu putzen.

„Hier, halten Sie das, Jungchen“, sagte er schließlich und drückte Kid eine voluminöse Ledertasche in die Hand. Dann schickte er sich an, den Wagen zu besteigen, was ihm erst unter angestrengtem Stöhnen nach dem vierten Anlauf gelang. Der Einspänner ächzte protestierend in den Aufhängungen, als sich der Dicke auf dem Bock zurechtsetzte.

Sie wissen also, weshalb ich hier bin, Doc…?“, versuchte Kid erneut sein Glück.

Haben Sie nicht was vergessen?“

Kid schaute den Dicken verständnislos an.

Meine Tasche“, erinnerte der Dicke.

Kid reichte ihm das Gepäckstück. „Sagen Sie mal, was haben Sie denn da drin? Bei dem Gewicht ist es kein Wunder, wenn Ihnen heiß wird.“

Der Dicke drehte mit einiger Anstrengung die Tasche auf seinem Schoß, was ihm durch die Leibesfülle noch erschwert wurde, und öffnete sie, um nach umständlichem Herumkramen ein gefaltetes Taschentuch zum Vorschein zu bringen. „Unter anderem schleppe ich diese Dinger mit mir herum“, antwortete er auf Kids Frage, holte tief Luft, nieste und schneuzte sich lautstark. „Verdammter Schnupfen!“, brummte er.

Gesundheit“, meinte Kid und schaute zu dem Dicken hoch. „Ich muss mit Richter Shepherd Verbindung aufnehmen, und zwar dringend.“

Das weiß ich doch, Laddie, das weiß doch, nicht wahr?“

Hören Sie, ich habe weder Zeit noch Lust, hier mit Ihnen zu plauschen, Doc. Also spucken Sie es endlich aus. Können Sie Kontakt zum Richter für mich aufnehmen?“

Das hat Judge Henry doch bereits getan, Jungchen. Es gibt also keinen Grund für Sie, unfreundlich zu werden. Außerdem erschrecken Sie das Pferd mit dem Ärger in Ihrer Stimme. Winifred ist nämlich äußerst empfindlich, müssen Sie wissen, Laddie.“

Wie, der Richter hat eine Nachricht für mich hinterlassen…?“, fragte Kid verstört. „Das ist nicht wahr, oder?“

Jungchen, es steht Ihnen frei, meine Worte anzuzweifeln. Aber Paddy O’Malley, das ist meine Wenigkeit, soll auf der Stelle der Blitz treffen und sämtliche Whiskeyvorräte dieses Landes sollen versiegen, wenn ich jemals die Unwahrheit gesprochen hätte!“ Der Doc holte wieder tief Luft, nieste und schickte einen Tröpfchenregen in Kids Richtung. Danach trompetete er wieder in sein Taschentuch.

Gesundheit“, murmelte Kid.

Danke, alter Junge. Sehr freundlich.“ Der Dicke hob den Kopf, als einige Häuserblocks entfernt ein Mann aus einem Saloon auf die Straße trat, einen verbeulten Homburg auf sein Haupt drückte und eilig den Gehsteig entlang hastete. Der Mann trug eine schmutzige Schürze und hatte die Ärmel eines ehemals weißen Hemdes bis zu den Ellbogen aufgerollt.

Doc O’Malley strich über sein gerötetes Pfannkuchengesicht und rief: „Ah, Mister Donnegal, einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!“

Wie? Ah, Doc, die guten Wünsche hätten früher kommen müssen. Ein ganz verteufelter Tag ist das.“ Donnegal lüpfte den Hut und wischte sich über die schweißglänzende Stirn. „Wird wohl nichts werden mit Ihrem Drink heute Abend, Doc. Uns ist der Whiskey ausgegangen. Sowas hab ich noch nie erlebt. Noch nie!“

O’Malley war wie vom Donner gerührt und schaute dem Barkeeper Donnegal nach, wie dieser verzweifelt mit den Händen ringend die Straße entlang eilte.

O’Malleys Blick glitt schließlich zu Kid zurück, der den Stetson in den Nacken geschoben hatte und den Iren vorwurfsvoll anblickte.

Wie war das doch gleich wieder mit Ihrer Wahrheitsliebe, Doc?“, fragte Kid ruhig.

Nun ja, Laddie… ein paar klitzekleine Notlügen sind hin und wieder schon nötig. Aber das mit meinem Vetter Seamus, da stimmt jedes Wort, nicht wahr?“

Sie können von Glück sagen, dass wir strahlendes Wetter und kein Gewitter haben, Doc“, entgegnete Kid knurrend.

Wie? Äh, ja, da haben Sie wohl Recht, Jungchen. Wenn Sie mich nun entschuldigen wollen. Ich muss zu einer Geburt. Steißlage. Knifflige Sache, so was.“

Moment mal, Doc. Was gedenken Sie denn in meiner Angelegenheit zu unternehmen?“

Die Knopfaugen betrachteten Kid mit neu erwachtem Interesse. „Hm. Na, Sie können hier warten oder mitkommen, Jungchen. Falls Sie es sich zutrauen.“

Sie meinen, ich soll einer… Geburt beiwohnen?“, fragte Kid ungläubig.

Steißlage. Verdammt knifflige Sache. Kann noch ein paar starke Hände gebrauchen. Also hüpfen Sie schon rauf, Laddie!“

Paddy O’Malley ließ die Zügel auf den Rücken des Pferdes fallen, und der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, bevor Kid richtig Platz genommen hatte. „Wir müssen raus zur Miller-Farm. Nicht ganz vier Meilen. Wird eine richtige kleine Spazierfahrt, Jungchen.“

Was Doc Patrick O’Malley unter einer „kleinen Spazierfahrt“ verstand, war eine Fahrt in einem Einspänner über eine holprige, mit Geröll und Schlaglöchern übersäte Landstraße, die Kid gewaltig durchschüttelte. Das fortwährende Niesen des Doktors machte die Fahrt auch nicht gerade angenehmer.

Was kann ich für Sie tun, Jungchen?“, fragte O’Malley, nachdem sie die Hälfte der Strecke schweigend zurückgelegt hatten.

Sie könnten mir zum Beispiel sagen, was Richter Shepherd in meiner Angelegenheit zu unternehmen gedenkt. Ich bin überzeugt, mit seinen Verbindungen wird es ihm leicht fallen, die Vorwürfe gegen mich zu entkräften und die Steckbriefe einzuziehen.“

Wie? Oh ja, richtig, diese leidige Geschichte mit den Steckbriefen. Sie stecken in einer ziemlichen Klemme, Jungchen.“ Niesen. Naseputzen.

Gesundheit.“

Ja. Äh, darauf sollten Sie achten.“

Worauf?“

Gesundheit. Auf die Ihre, meine ich. Mit diesen ganzen Steckbriefen, die hier überall rumhängen, Laddie, riskieren Sie Kopf und Kragen, nicht wahr?“

Das habe ich auch schon bemerkt“, gab Kid zu. „Ihnen dürfte doch sicherlich auch der Gedanke gekommen sein, dass die Steckbriefe auf einer Verwechslung beruhen. Ich habe die Verbrechen nicht begangen.“

Nun, ich bezweifle, dass Ihnen der Sheriff glauben würde, Laddie. Wenn Sie ins Sheriffbüro spazieren und sich stellen, wird man Sie höchstwahrscheinlich festnehmen und… äh… aufhängen.“ Niesen. Schneuzen.

Gesundheit.“

Wie? Jawohl. Es bleibt Ihnen also nur eines übrig, Jungchen: Sie müssen Ihre Unschuld beweisen. Wenn es sich wirklich um eine Verwechslung handelt, sollten Sie den wahren Täter möglichst schnell finden. Das ist übrigens auch die Ansicht von Judge Henry. Natürlich könnte er die Angelegenheit im Handumdrehen aus dem Weg räumen, aber dann würde der Verbrecher, der Ihren Namen missbraucht, weiter rauben und morden und schänden, und der Richter wäre fortan nur noch damit beschäftigt, sich für Ihre Unschuld zu verbürgen. Und das können Sie doch nicht wollen, Laddie, nicht wahr?“

Nein, das möchte ich sicherlich nicht. Ich schulde nicht gerne jemandem etwas. Vielleicht ist es tatsächlich die beste Lösung, wenn ich mich selbst auf die Jagd nach dem Burschen mache, dem ich das Dilemma zu verdanken habe…“

Ich glaube sogar, Sie sind der richtige Mann, diesen Verbrecher zur Strecke zu bringen. Sogar der einzige, Jungchen.“

Wo hat er zuletzt zugeschlagen?“

Nach unseren Erkenntnissen hat er erst vor ein paar Tagen eine Bank in Clearwater überfallen und ein paar Leute unsanft ins Jenseits befördert. Oben, in der Nähe von Waco.“

Ich mache mich heute noch auf den Weg. Sie sollten dem Richter telegraphieren, dass ich mich auf die Spur dieses Killers gesetzt habe.“

Sicher, Jungchen, sicher. Sobald wir uns der Steißlage angenommen haben. Probleme löst man am besten hübsch der Reihe nach, nicht wahr?“ Niesen. Schneuzen.

Auch wieder wahr. Gesundheit.“

Danke, Laddie, verbindlichsten Dank. Wir sind da!“ Vor einem Farmhaus brachte der Doktor den Einspänner zum Stehen. Stöhnend und keuchend kletterte O’Malley vom Wagen.

Eine Frau kam aus dem Haus. „Schnell, Doc! Drüben im Stall. Kommen Sie! Ich glaube, es geht ihr sehr schlecht. Bessie hat die ganze Nacht kein Auge zugetan.“

Würde ich auch nicht – bei einer Steißgeburt“, meinte O’Malley und watschelte hinter der Farmersfrau zum Stall.

Kid folgte langsam nach. Diese Bessie wird doch wohl ihr Kind nicht im Stall zur Welt bringen wollen, ging es ihm durch den Kopf.

Als er den Stall betrat, stand Doc O’Malley in einer Box und rollte sich soeben die Hemdsärmel hoch. Er bemerkte Kid und winkte ihn heran. „Gut, dass Sie da sind, Jungchen. Sie müssen mir assistieren. Wir müssen sie auf die Beine stellen!“

Kein Problem. Aber wo ist die Frau?“

Welche Frau?“, fragte der dicke Arzt verwundert.

Na, die Steißgeburt!“

Ein Grinsen erhellte O’Malleys Pfannkuchengesicht, und seine Äuglein funkelten in plötzlichem Verstehen. „Darf ich vorstellen? Das ist Bessie“, sagte er und deutete auf die Kuh, die zu seinen Füßen kauerte und Kid aus großen, von Schmerz erfüllten Augen hilfesuchend anblickte.

Eine… Kuh?“ Kid glaubte, sich verhört zu haben. „Aber… ich dachte, Sie sind Arzt!“

Bin ich auch, Jungchen. Tierarzt. Haben Sie das nicht gewusst?“

O’Malley schickte die Farmersfrau ins Haus, um heißes Wasser und Tücher zu holen. Mit Kids Hilfe brachte er die Kuh auf die Beine und stand wenig später hinter dem Tier, den Arm bis zum Ellbogen in ihrem Leib vergraben. „Geben Sie mir die Hand, Laddie. Wenn ich sage, Sie sollen ziehen, dann ziehen Sie mit aller Kraft, nicht wahr?“

Kid schüttelte immer noch verwirrt den Kopf, machte aber gute Miene zum bösen Spiel. Dass er einmal Geburtshelfer für einen Tierarzt spielen würde, hätte er nun wirklich nicht gedacht.

Die Sache gestaltete sich schwieriger, als O’Malley angenommen hatte. Der Schweiß lief in Strömen über sein gerötetes Gesicht, und die gewaltige Nase leuchtete wie ein Fanal. „Jetzt!“, presste er schließlich hervor. „Zieh, Laddie, zieh!“

Darauf folgte ein heftiges Niesen. Und noch mal ein Niesen.

Gleichzeitig ging ein gewaltiger Ruck durch den Körper der Kuh und durch den Körper des dicken Tierarztes. „Wir haben es! Heilige Kuh, wir haben es geschafft!“, schrie O’Malley mit seiner Fistelstimme und nieste erneut.

Gesundheit!“, brummte Kid.

 

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Der große Mann zog das Gewehr aus dem Sattelschuh und lud durch. Von seinem Standort aus konnte er genau verfolgen, wie die Postkutsche aus der Ortschaft Pine Flats abfuhr und dem Weg über die alte Passstraße Richtung Waco folgte. Der Mann grinste. Er war sich seiner Sache absolut sicher.

Der berüchtigte Ruby Kid würde wieder zuschlagen.

Eiskalt und gnadenlos.

Einige Meilen vor der ersten Wechselstation krachte die Winchester. Die Kugel rammte in die Brust des Begleitfahrers und stieß den Mann gegen das Kutschdach. Die Schrotflinte rutschte ihm aus den kraftlosen Händen. Langsam sackte er vornüber und stürzte vom Kutschbock.

Sofort zügelte der Kutscher das Sechsergespann und brachte das Gefährt zum Stehen. Mit verkniffenem Gesicht beobachtete er den großgewachsenen Reiter mit dem rotblonden Haar, der aus einem Gebüsch geritten kam und das Gewehr auf ihn gerichtet hielt.

Was ist denn los, Kutscher?“, fragte eine befehlsgewohnte Männerstimme aus dem Wageninnern. „Warum halten wir an?“

Sag es ihm!“, befahl der Mann mit dem Gewehr.

Wir werden gerade überfallen, Mister!“, rief der Kutscher nach unten.

Augenblicklich öffnete sich eine Wagentür, und ein schlanker, elegant gekleideter Mann sprang behände aus der Kutsche. Durch die Türöffnung bemerkte eine junge Frau den Reiter mit der Winchester und stieß einen Schreckensschrei aus. Der elegant gekleidete Gentleman drehte sich um und legte die Hand auf ein Knie der Lady. „Beruhigen Sie sich, Emily. Es ist halb so schlimm, wie es aussieht.“

Der Reiter näherte sich langsam der Kutsche und richtete das Gewehr nun auf den eleganten Gentleman. „Sag den anderen, sie sollen auch aussteigen, Lackaffe!“

Sir, ich bin sicher, dass wir uns auch einigen können, ohne dass alle Passagiere aussteigen müssen“, versuchte der Gentleman sein Glück. „Sie bekommen, was Sie wollen, und dann lassen Sie uns weiterfahren. Einverstanden?“

Der Gewehrlauf näherte sich dem eleganten Mann noch weiter. „Sie sollen aussteigen“, beharrte der Reiter leise.

Im Gesicht des Gentlemans zuckte es. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er sich trotz der bedrohlichen Waffe auf den Reiter stürzen, dann jedoch hatte er sich wieder in der Gewalt. Er drehte sich zum Wagen um. „Herrschaften, man fordert Sie auf, auszusteigen. Darf ich Ihnen behilflich sein?“

Er reichte der jungen Lady namens Emily die Hand und half ihr aus der Kutsche. Es folgte ein Mann um die Vierzig, der wie ein Rancher gekleidet war, eine ältere Frau und ein Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren.

Na also. Es geht doch“, sagte der Mann mit dem Gewehr und ritt langsam an der Reihe der Reisenden entlang. „Dann packt mal eure Wertsachen zusammen. Ihr wisst schon… Geld, Uhren, Schmuck! Pronto!

Der Rancher nahm seinen Stetson ab und hielt ihn mit der Öffnung nach oben. Die Reisenden ließen ihre Wertsachen hineinfallen. Zögernd trat der Rancher zu dem Reiter und reichte ihm den Hut.

Verbindlichsten Dank, Oldtimer“, brummte der Outlaw, nahm den Hut und versetzte dem Rancher einen derben Tritt vor die Brust, der den Reisenden nach hinten schleuderte.

Das war absolut nicht nötig, Sir!“, erboste sich der Gentleman. „Sie haben doch bekommen, was Sie wollten!“

Noch nicht ganz, Fatzke!“ Der Bandit trottete zum Ende der Reihe und deutete mit dem Gewehrlauf auf das junge Mädchen. „Stell dich neben die Lady da vorn! Eine von euch beiden wird mich begleiten. Ich weiß nur noch nicht, welche!“

Das Mädchen blickte ängstlich zu dem Reiter auf und folgte langsam seiner Anweisung. Als sie neben Emily stand, wurde sie von Weinkrämpfen geschüttelt. „Ich will nicht, dass er mir weh tut! Bitte, lassen Sie es nicht zu!“, schluchzte sie.

Die stahlblauen Augen des Desperados ruhten auf Emily und dem Mädchen. Der Gewehrlauf zuckte zwischen den beiden Frauen hin und her und verharrte schließlich vor Emily. „Du kommst mit!“

Sir, das erlaube ich nicht! Miss Emily bleibt hier! Sie können nicht verlangen, dass sich die Lady freiwillig in Ihre Hände begibt!“ Der elegante Gentleman stellte sich halb vor die junge Frau.

Da irrst du dich aber gewaltig, Lackaffe. Ich kann alles verlangen! Und weißt du auch, wieso? Deshalb!“, sagte der Bandit, und schwenkte zur Bekräftigung seiner Worte den Lauf der Winchester herum.

Der Gentleman riss erstaunt und erschrocken zugleich die Augen auf.

Dein Gequatsche geht mir gewaltig auf die Nerven, Fatzke!“, zischte der Bandit und drückte ab.

Emily und das Mädchen neben ihr schrien gellend auf, als der elegant gekleidete Reisende von der Wucht des Geschosses nach hinten gerissen wurde, gegen die Kutsche prallte und dann auf die Knie sank. Verständnislosigkeit zeichnete sich auf seinem aschfahl gewordenen Gesicht ab. Einen Augenblick blieb er auf den Knien, dann kippte er vornüber und blieb reglos liegen.

Komm hier rüber!“, herrschte der Killer die junge Frau an. Sie stolperte neben den Falben. Der Mann reichte ihr die Hand, hievte sie mühelos vor sich quer über den Sattel und lachte laut.

Damit kommst du nicht durch, Kid!“, meldete sich der Kutscher. „Wenn du der Lady etwas antust, bist du erledigt! Dann knüpfen sie dich am nächsten Baum auf, ohne auf ein Gerichtsurteil zu warten!“

Jetzt hab ich aber Angst bekommen, Oldtimer!“ Der Bandit lachte wieder. Schlagartig wurde er ernst. „Du hast mich also erkannt? Das ist gut. Das ist sogar sehr gut. In Ordnung, ihr könnt weiterfahren oder hierbleiben. Ganz, wie es euch gefällt. Aber wenn mir einer von euch folgt, leg ich ihn um. Und die kleine Lady hier gleich mit!“

Er zog den Falben herum und verschwand mit Emily zwischen den Büschen. „Wie es euch gefällt!“, hörten die zurückbleibenden Reisenden seine Stimme und ein irres Lachen. „Das ist ja richtig gut! Wie es euch gefällt! Das passt sogar hervorragend...!“

Details

Seiten
120
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783738900132
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295809
Schlagworte
gesucht cassiopeiapress western/ edition bärenklau

Autor

Zurück

Titel: Gesucht: Tot oder lebend