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Mörderisches Erbe: 2 Alpen Krimis

von Alfred Bekker (Autor:in)
2021 0 Seiten

Zusammenfassung

Mörderisches Erbe: 2 Alpen Krimis

von Alfred Bekker



Über diesen Band:









Dieser Band enthält folgende Romane:



Die Braut des Bergführers (Alfred Bekker)

Der verlorene Erbe (Alfred Bekker)



Ein Mann stirbt und sein Sohn kehrt nach langen Jahren aus der großen Stadt in das Dorf zurück, aus dem er einst unter unschönen Begleitumständen wegging. Überraschenderweise soll er das Erbe seines Vaters antreten - und nicht sein Bruder. Außerdem trifft er seine Jugendliebe wieder und muss erkennen, dass er mächtige Feinde hat…

Die Bergwelt ist nicht so friedlich, wie es scheint!

Leseprobe

Dieser Band enthält folgende Romane:

Die Braut des Bergführers (Alfred Bekker)

Der verlorene Erbe (Alfred Bekker)

Ein Mann stirbt und sein Sohn kehrt nach langen Jahren aus der großen Stadt in das Dorf zurück, aus dem er einst unter unschönen Begleitumständen wegging. Überraschenderweise soll er das Erbe seines Vaters antreten - und nicht sein Bruder. Außerdem trifft er seine Jugendliebe wieder und muss erkennen, dass er mächtige Feinde hat...

Die Bergwelt ist nicht so friedlich, wie es scheint!

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Die Braut des Bergführers

von Alfred Bekker

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––––––––

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Der Leitner-Thomas ist ein junger Bergführer, der allseits für seinen Mut und seine Bereitschaft zur selbstlosen Hilfe anerkannt wird. Von seiner bescheidenen Berghütte aus führt er sein ehrliches Gewerbe.

Da lernt er die Lisa kennen, die Tochter des Sägemüllers Ludwig Kreuzberner. Doch die Liebe der zwei scheint unter keinem guten Stern zu stehen, denn Ludwig Kreuzberner sieht es nicht gern, dass seine Tochter zu dem in seinen Augen mittellosen Bergführer hingezogen fühlt. Er hätte lieber, wenn diese seinen Gehilfen Franz heiraten würde, sodass dieser ihn einst als Sägemüller ablösen könnte.

Doch dann erfährt der Leitner-Thomas, dass er der uneheliche Sohn des verstorben Nerdlinger-Bauern ist und von diesem nun einen der größten Höfe im Tal erbt.

Der junge Bergführer denkt, dass sich für ihn und die Lisa nun alles zum Guten wendet, doch es kommt ganz anders! Ein schlimmer Verdacht wird gegen ihn erhoben. Er soll Christian Nerdlinger, den Neffen des Verstorbenen Bauern, der schon fest mit der Erbschaft gerechnet hatte, weil er glaubte, der einzige Verwandte zu sein, bei einem sich anbahnenden Unwetter mit auf eine Bergtour genommen und ihn dann zu Tode gestürzt haben, um an das Erbe zu kommen.

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ÜBER DEN AUTOR

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Alfred Bekker schrieb unter dem Pseudonym Robert Gruber fesselnde Romane über dramatische Schicksale im Schatten der Berge.

Als Robert Gruber verfasste er unter anderem auch den Roman zu dem Spielfilm DA WO DIE BERGE SIND mit Hansi Hinterseer.

Unter dem Namen Neal Chadwick begann der als Autor von Fantasy-Romanen, Jugendbüchern und Krimis bekannte Bekker seine Karriere. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FALSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL AUS MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall.

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Der Leitner-Thomas blickte über das gewaltige Bergpanorama und atmete tief die klare Luft ein. Ja, dort droben, bei den schneebedeckten Gipfeln und den schroffen Felswänden, da war seine Welt, dort fühlte er sich wahrhaft heimisch.

Der junge Mann war hochgewachsen und von kräftiger Statur.

Die Sonne hatte seine Haut braun gebrannt.

Bergführer, das war sein Beruf. Der machte ihn zwar nicht zu einem reichen Mann, gab ihm aber sein Auskommen. Und wenn es einmal nicht reichte, weil nicht genügend Fremde sich von ihm die Schönheiten der Bergwelt zeigen lassen wollten, dann verdiente er sich etwas mit dem Schnitzen von Holzfiguren hinzu. Auch bei dem ein oder anderen Bauern im Hochtal hatte er schon kurzfristig Arbeit angenommen.

Aber die Zeiten hatten sich noch stets wieder zum Besseren für sein bescheidenes Gewerbe gewendet.

Und tatsächlich gab es weit und breit keinen erfahreneren Bergführer als den Leitner-Thomas, dessen Hilfe auch dann oft in Anspruch genommen worden war, wenn einsame Wanderer und Bergsteiger, die geglaubt hatten, die steilen Hänge auf eigene Faust bewältigen zu können, in Bergnot geraten waren.

Dann war der Thomas zur Stelle und scheute auch das eigene Risiko nicht, wenn es darum ging, einem in Not Geratenen zu Hilfe zu eilen.

Der Thomas blickte zum Himmel und dachte: Das Wetter wird wohl net so schön bleiben, wie es ist!

Die Wolken am Horizont verhießen nichts Gutes.

Er hatte Erfahrung in diesen Dingen.

Als sein Blick dann über den Hochwald und die Hänge glitt, blieb er schließlich an etwas Hellem, Farbigem hängen, das sich bewegte.

Thomas' Augen wurden schmal.

Mei, dachte der Bergführer, das sieht aus wie ein buntes Kleid! Jemand schien da verletzt und in Not geraten zu sein.

Der Leitner-Thomas zögerte nicht einen einzigen Augenblick und machte sich sofort auf den Weg.

Der junge Mann kannte diese Gegend wie seine Westentasche und so war er schnell am Ort des Geschehens angekommen.

Ein junges, blondhaariges Dirndl lag da am Boden und hielt sich den stöhnend Fuß.

Das Madl schien Schmerzen zu haben.

"Grüß dich!", rief ihr der Leitner-Thomas zu.

Die junge Frau drehte sich herum und sah den jungen Bergführer erstaunt an. Einen Moment lang musterte sie ihn mit einer Spur Misstrauen in den Zügen.

"Wer bist du?", fragte das Madl dann schließlich stirnrunzelnd.

"Ich bin der Leitner-Thomas", erklärte er.

Das Madl hob die Augenbrauen.

"Der Bergführer?"

Thomas Leitner nickte leicht. "Genau der!", bestätigte der junge Bergführer dann, während er sich der Verletzten näherte.

Das junge Madl atmete hörbar auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem fein geschnittenen, sehr hübschen Gesicht, in dessen Mitte zwei blaue Augen leuchteten.

"Ich hab schon viel von dir gehört, Thomas!", sagte sie mit ihrer warmherzig klingenden Stimme. Einen Moment lang musterte sie den jungen Bergführer schweigend, dann erklärte sie: "Vielleicht hab ich dich sogar schon einmal gesehen, aber ich war mir eben net sicher ..."

Thomas zuckte die Schultern.

"Das ist net verwunderlich", gab er freundlich zurück.

"Schließlich komme ich auch net allzu oft ins Dorf. Meistens bin ich hier oben!"

Unterdessen beugte sich Thomas zu dem Dirndl hinab und warf einen Blick auf den verletzten Fuß.

"Was ist passiert?", erkundigte er sich und sah dabei geradewegs in die leuchtend blauen Augen des Madls.

"Da vorne, am Hang bin ich abgeglitten und habe mir den Fuß verletzt!", berichtete das hübsche Dirndl dann. "Ich weiß net, was los ist, aber es tut sehr weh und ich kann auch net auftreten!"

Thomas untersuchte kurz ihren Fuß und das Gelenk. Dann meinte er im Brustton der Überzeugung: "Gebrochen ist wohl nix!"

"Sicher?", fragte das Madl und blickte dabei zu dem jungen Bergführer auf.

Thomas lächelte. "Ein Arzt bin ich net, aber ein bisserl kenn ich mich schon mit solchen Dingen aus. Sag, wie heißt du eigentlich?"

"Ich bin die Kreuzberner-Lisa", gab sie Auskunft.

"Die Tochter vom Sägemüller im Kreuztal?", fragte der junge Bergführer.

Das Madl nickte.

"Ja, genau!", bestätigte sie.

Der Bergführer machte eine anerkennende Kopfbewegung.

"Vom Kreuztal bis hierher, das ist ein ganzes Stück!", meinte er dann nicht ohne Bewunderung.

"Ja, freilich!", erwiderte Lisa und schenkte Thomas dann ein reizendes Lächeln, obwohl ihr der Fuß sicher noch sehr wehtat. "Du bist net der Einzige, der sich hier oben auskennt und sich mit sicherem Tritt auf den Hängen zu bewegen weiß!"

"Gewiss net", gab Thomas Leitner gerne zu. "Trotzdem frag ich mich, was dich hierherführt ..."

Die Kreuzberner-Lisa bekam einen nachdenklichen Gesichtsausdruck. Die strahlend blauen Augen wirkten auf einmal sehr nach innen gekehrt.

Fast schien es, als hätte sich ein Schatten über ihr Gesicht gelegt.

"Ach weißt, ich bin hier oben, um mir über etwas klar zu werden ...", murmelte sie.

Thomas nickte. Er verstand gut, was sie meinte. Wenn man hier oben mit sich allein war, dann wurden auch die oft Gedanken klarer.

Aber jetzt wollte er nicht weiter in sie dringen. Und so sagte er: "Ich glaube, dein Fuß ist verstaucht. Komm, ich helf dir. Zu zweit werden wir schon ein Stückl vorankommen. Allerdings glaub ich net, dass wir bis ins Kreuztal kommen! Das halte ich für ausgeschlossen – und deinem Fuß tät's allemal net gut!"

"Und wohin dann?", fragte sie.

"Meine Hütte ist ganz in der Nähe", sagte er und bot ihr dann an: "Wenn du willst, dann bringe ich dich erst einmal dorthin."

Sie seufzte.

"Hast du einen Wagen, mit dem du mich ins Kreuztal bringen kannst?"

"Einen Wagen?", lachte der Leitner-Thomas freundlich und schüttelte den Kopf. "Einen Wagen hab ich net. Warum auch? Der käme gar net ganz bis zur Hütte. Aber ich kann für dich zum Kreuztal gehen und jemanden von deinen Leuten holen, der dich dann mit dem Wagen abholen kann. Jedenfalls von dort ab, bis wohin er damit kommt!"

Sie dachte einen Moment lang nach und wog ab, was jetzt jetzt am besten geschehen sollte.

"Wenn du das tun willst!", stieß die Kreuzberner-Lisa dann schließlich hervor.

"Aber gewiss doch!", erwiderte Thomas leichthin. " Oder glaubst du, ich hätt' schon einmal jemanden im Stich gelassen, der in Not gewesen ist!"

Lisa sah Thomas einen Augenblick lang freundlich an und lächelte dann kurz. "Nein", meinte sie schließlich. "Das kann ich mir bei einem wie dir nun wahrhaftig net vorstellen!"

"Dann komm!", sagte Thomas, fasste sie bei den Hüften und hob sie hoch. "Ich werd dich stützen, Madl! Bis zu meiner Hütte wird's schon gehen!"

Sie seufzte.

"Mei, was hätt' ich hier oben bloß angefangen mit meinem Fuß, wenn du net gerade vorbeigekommen wärst!"

"Man muss eben immer auf sein Glück vertrauen", gab der Leitner-Thomas da zurück.

Und Lisa dachte: Ein netter Kerl ist er, dieser Bergführer!

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Es dauerte nicht allzu lange, dann hatten sie die Hütte erreicht, in der Thomas wohnte.

Aus massivem Holz war sie und von innen viel geräumiger, als sie von außen aussah. Drei Räume gab es und in dem größten der drei war ein Kamin, an dem man sich im Winter sicher gut wärmen konnte.

Thomas half Lisa auf eine Bank, wo sie sich erst einmal etwas ausruhen konnte.

"Wie ein König leb' ich hier net gerad'!", meinte der Bergführer jetzt lächelnd. "Aber ich hab mein gutes Auskommen!"

"Gemütlich hast du's hier!", erwiderte Lisa und Thomas sah ihr an, dass sie das nicht nur so aus Höflichkeit sagte, sondern auch wirklich so meinte. "Und aus dem Fenster hast immer einen freien Blick auf die Gipfel!"

"Ja", nickte Thomas. "Das ist wahr! Und deshalb würd ich diese Hütte auch so schnell mit keinem anderen Haus tauschen wollen!"

Die Kreuzberner-Lisa nickte langsam.

"Das kann ich gut verstehen, Thomas!"

"Möchtest du etwas essen, Madl?", erkundigte sich der Bergführer dann. "Ich habe genug da! Brauchst es nur zu sagen!"

Doch Lisa schüttelte den Kopf.

"Hungrig bin ich net!"

Thomas zuckte die Schultern. "Dann werde ich mich jetzt wohl am besten auf den Weg ins Kreuztal machen, um deinen Leuten Bescheid zu sagen!"

"Es ist wirklich sehr nett von dir, dass du das tun willst!"

Der Thomas machte eine wegwerfende Handbewegung und meinte leichthin: "Keine Ursach'! Das ist doch eine Selbstverständlichkeit!" Er lächelte. "Lang wird es net mehr dauern und du bist daheim bei eurer Sägemühle! Ich bin ein guter Läufer!"

Und damit war der Leitner-Thomas dann auch schon weg.

Lisa blieb zurück und sah dem Naturburschen noch durch das Fenster nach.

Mei, dachte sie. Eine nette Art hat er ja!

Und dann gingen ihre Gedanken zu jener Sache hin, über die sie hatte ungestört nachdenken wollen. Zwanzig Jahre war sie jetzt und der Vater meinte, dass es an der Zeit sei, sich nach einem geeigneten Mann umzusehen.

Und natürlich hatte der Sägemüller auch schon einen im Auge, den er für den Richtigen hielt.

"Sieh nur, eines Tages werde ich die Sägemühle net mehr führen können, Madl", so hatte er ihr gesagt. "Und ich will, dass sie in der Familie bleibt! Deshalb überleg dir mal, ob der Franz net der Richtige für dich sein könnt'. Er ist schon lang bei uns angestellt und ein Mann, der das Herz wirklich auf dem rechten Fleck hat! Grundsolide ist er und sicher jemand, der zu dir passen tät, Madl!"

Lisa blickte aus dem Fenster und hörte in ihrem Innern noch einmal die Stimme ihres Vaters. "Lass es dir durch den Kopf gehen, Madl!", hatte er gesagt. Und genau deshalb war sie hier hinaufgekommen, um einmal gründlich über alles nachzudenken.

Gewiss, der Franz war ein netter Bursche. Und gut sah er aus, mit seinen strohblonden Haaren und den leuchtenden blauen Augen.

Gemeinsam mit ihm war sie zum Dorffest gegangen, und auch danach hatte sich der Franz weiterhin um sie bemüht. Aber Lisa war unentschieden geblieben und hatte sich eher zurückhaltend gezeigt.

Es war halt nicht die wahre Liebe, die sie miteinander verband.

Das spürte Lisa immer deutlicher und nun fragte sie sich, ob es unter dieser Voraussetzung das Richtige war, mit dem Franz ein gemeinsames Leben zu beginnen.

Und noch mehr Zweifel waren ihr gekommen, seit sie dem jungen Bergführer Thomas Leitner begegnet war, der ihr so bereitwillig in ihrer Not geholfen hatte.

Da war etwas in den Augen dieses Naturburschen gewesen, dass die Lisa bereits auf den ersten Blick verzaubert hatte ...

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Als der Leitner-Thomas die Sägemühle von Ludwig Kreuzberner erreichte, sah er diesen zusammen mit seinem Gehilfen Franz neben einem mächtigen Holzstapel, den die beiden gerade aufgeschichtet hatten.

Thomas kannte die beiden, wenn auch nur flüchtig.

Er hob die Hand zum Gruß und die beiden Männer nickten dem Bergführer stirnrunzelnd zu.

"Mei, du bist doch der Leitner-Thomas, net wahr?", rief der Kreuzberner und Thomas nickte.

"Ja, ganz recht!", bestätigte der Bergführer.

"Erst führst die Leute in die Berge hinein, um sie anschließend retten zu können, was?", scherzte der Kreuzberner-Ludwig und wischte sich dann mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

"Freilich!", ging der Thomas auf den Scherz ein. "Man bekommt sonst ja auch net viel Gelegenheit, um eine gute Tat zu tun!"

Jetzt lachten alle drei.

Schließlich fragte der Sägemüller: "Nun sag endlich, Thomas, was führt dich zu mir? Brauchst ein paar Balken für deine Hütte?"

"Nein, es ist etwas anders", erwiderte der junge Bergführer jetzt in ernsterem Tonfall. "Es geht um deine Tochter, Kreuzberner!"

Ludwig Kreuzberner legte die Stirn in Falten.

"Die Lisa? Was ist mit ihr?", fragte er.

"Ich hab sie droben, am Osthang gefunden und in meine Hütte gebracht!", gab der Leitner-Thomas sofort Auskunft.

Der Kreuzberner blickte auf und unterbrach den Bergführer abrupt: "Ist ihr etwas passiert?" Verständlicherweise war er in Sorge.

Der junge Bergführer hob daraufhin beschwichtigend die Hände.

"Es ist net schlimm", versuchte Thomas Leitner den Sägemüller zu beruhigen. "Der Fuß ist wohl verstaucht, aber ich glaub net, das etwas gebrochen ist. Nur laufen kann sie im Moment die weite Strecke bis hierher auf keinen Fall."

Ludwig Kreuzberner atmete tief durch und nickte.

"Gut", meinte er. "Der Franz und ich sind hier sowieso für heute fertig." Der Sägemüller wandte sich an seinen Gehilfen. "Was ist? Willst net den Wagen nehmen und hinauf zur Berghütte fahren?"

"Sicher!", erwiderte der Franz.

"Das letzte Stück wird der Wagen wohl kaum schaffen", meinte Thomas dazu. "Aber eine Erleichterung wäre es sicher!"

"Dann verlier keine Zeit!", meinte der Kreuzberner und zwinkerte dem Franz zu.

Wenig später fuhr Thomas mit dem Gehilfen des Sägemüllers zurück.

"Ziemlich einsam bei dir da droben, net wahr?", meinte der Franz.

Aber Thomas zuckte nur mit den Schultern. "Aus der Welt ist es ja nun auch nicht."

"Bringt dein Gewerbe den überhaupt genug ein, um davon leben zu können?", zweifelte der Franz.

"Sicher!", nickte der Leitner-Thomas "Ein reicher Mann werde ich damit wohl nie, aber für meine Ansprüche reicht es!"

Der Franz war ein recht redseliger Mann und so erfuhr Thomas dann auch von dessen Plänen, was die Kreuzberner-Lisa anging.

"Wär schön, wenn das was würd mit uns zweien", meinte er. "Für das Madl ist es ja auch das Beste, wenn sie einen Mann kriegt, der die Sägemühle dereinst weiterführen will ... Verstehst, was ich meine, Bergführer?"

"Freilich", murmelte dieser etwas abwesend.

Einige Augenblicke lang sagte keiner der beiden Männer ein Wort.

"Und?", fragte schließlich der Thomas. "Hast sie denn schon gefragt, was sie dazu meint?"

Der Franz schien ein wenig verwundert zu sein, dass Thomas auf dieses Sache noch einmal zurückkam.

Er schüttelte den Kopf.

"Na, so weit ist es mit uns noch net. Das braucht noch ein bisserl."

Thomas nickte.

"Ich verstehe", meinte er und dachte, dass der Franz von Glück sagen konnte, ein solches Dirndl für sich erwärmt zu haben! Denn die Lisa war sicher eine, nach der man sich zweimal umdrehen konnte!

Indessen wurde es langsam schon ein wenig dunkler. Wie grauer Spinnweben legte sich die Dämmerung über die Bergwelt und hinter den Gipfeln versank die Sonne als glutroter Feuerball.

Ein wunderbares Schauspiel – und obwohl der Leitner-Thomas es jeden Tag hatte, nahm er es doch nicht für selbstverständlich, sondern genoss es jedes Mal aufs Neue.

"Warte, Franz", meldete sich der Thomas dann nach einer längeren Zeit des Schweigens zu Wort. "Halte an! Den Rest werde ich zu Fuß gehen. Es wird net lang dauern, dann bin ich mit dem Madl zurück!"

Der Franz tat, was ihm sein Mitfahrer gesagt hatte.

"Gut!", sagte er. "Aber lass mich net zu lang' warten, hast gehört?"

"Keine Sorge!", versicherte Thomas.

"Brauchst denn keine Hilfe?"

"Nein. Bleib du nur hier beim Wagen!"

Wenig später erreichte der Thomas dann seine Hütte. Lisa schien guter Dinge zu sein.

Der Fuß tat ihr zwar noch sehr weh, aber in den nächsten Tagen würde die Schwellung mit kalten Wickeln sicher zurückgehen.

"So, Madl ich bring dich jetzt hinab!", kündigte der Thomas unterdessen an. "Der Franz von eurer Sägemühle wartet nämlich schon auf dich!"

"Der Franz?", murmelte sie und dabei bekam ihre Stimme einen merkwürdig nachdenklichen Unterton. "Mei, dann lass uns gehen ..." Und dann musterte sie den jungen Bergführer mit einem Blick, den dieser nicht so recht zu deuten wusste.

"Vielleicht sehen wir uns ja bei Gelegenheit mal wieder, Thomas!"

Der Thomas nickte. "Ja, vielleicht ...", meinte er zurückhaltend.

Die Lisa zögerte einen Moment.

"Ich würd mich gern mal wieder mit dir treffen, Bergführer!", lachte sie ihn dann an.

Der Leitner-Thomas zuckte die Achseln.

"Deinem Franz wird das net gefallen, fürcht' ich!", murmelte er dann halblaut, während er den Kopf zur Seite wandte.

Sie stemmte die schlanken Arme ziemlich empört in die Hüften.

"Meinem Franz?", rief sie kopfschüttelnd. "Was hat der damit zu tun?"

"Nun ..."

"Raus der mit der Sprach, was hat er dir erzählt?", forderte die Lisa nachdrücklich.

Aber der junge Bergführer blieb zunächst verschlossen. "In die Sach' zwischen euch beiden will ich mich net hineindrängen, Madl. Tu einfach so, als hätt' ich kein einziges Wörtl gesagt, hörst?"

Aber die Lisa schüttelte da ganz energisch den Kopf.

"Nein", meinte sie. "Ich will wissen, was der Franz sich einbildet! Ein Paar sind wir jedenfalls net, auch wenn er das gerne hätte! Also gibt es auch nix, wo du dich zwischendrängen könntest, Thomas!"

"Mei, wenn du es sagst", murmelte der junge Bergführer, aber er fühlte sich ganz offensichtlich nicht so recht wohl bei der Sache.

"Ich sage es!", sagte die Lisa fest. "Und ich muss es ja wohl am besten wissen, meinst net?"

"Freilich ..."

Dann brachte Thomas die Kreuzberner-Lisa dorthin, wo der Franz mit dem Wagen auf sie wartete.

Zum Abschied warf das Madl dem Thomas noch einen warmen Blick zu, der dem jungen Mann durch und durch ging. Noch lange sah er ihr nach, bis der Wagen schließlich verschwunden war.

Vielleicht sollt ich mir das Madl besser von vorn herein aus dem Kopf schlagen!, ging es ihm dann durch den Kopf, als er zurück zu seiner Hütte ging.

Bestimmt würde der Kreuzberner alles andere als begeistert sein, wenn er erfuhr, dass seine Lisa für einen Bergführer schwärmte, der außer einer Hütte mit schöner Aussicht und einem unregelmäßigen Einkommen nichts zu bieten hatte.

Thomas zuckte die Schultern.

Musst dir net auch noch die Köpfe anderer Leute zerbrechen!, sagte er sich.

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Die Dinge gingen in der Folgezeit ihren Gang. Der Leitner-Thomas und die Lisa von der Sägemühle des Kreuzberners sahen sich immer häufiger. Manchmal trafen sie sich beim ausgedienten Heustadel des Nerdlinger-Hofes, der etwa auf halber Wegstrecke zwischen der Hütte des Bergführers und der Sägemühle lag. Und zum Herbstfest gingen sie dann gemeinsam und drehten sich vor den Augen aller auf dem Tanzboden.

"Mei, es ist so schön mit dir!", sagte die Lisa leise. Und auch der Thomas genoss diese ausgelassenen Augenblicke.

Etwas abseits saß der Franz vor einem leeren Bierkrug und schaute ziemlich missmutig drein.

Aber dieses Spiel hatte er wohl verloren. Daran gab es keinen Zweifel mehr.

Er konnte nur noch zuschauen, wie das Dirndl die schlanken Arme um den Hals des Bergführers schlang und ihm dann einen leidenschaftlichen Kuss gab.

"Was ist?", meinte einer der anderen jungen Burschen, die mit ihm am Tisch saßen. "Willst nix unternehmen, Franz?"

"Was soll ich da denn noch unternehmen, Ferdl!", murrte der Franz resigniert.

Ferdl trank sein Glas aus und lachte.

"Ich würd mich net allzu sehr wundern, wen ihr auf der Sägemühle bald ein neues Gesicht habt!", feixte er.

Der Ferdl war etwa im gleichen Alter wie Franz und hatte selbst mal auf das Madl vom Kreuzberner-Sägemüller spekuliert. Aber nachdem die Lisa ihm einen deutlichen Korb gegeben hatte, hatte Ferdl keinen zweiten Versuch gewagt.

Umso schadenfroher zeigte er sich daher jetzt dem Franz gegenüber.

Dieser ließ wütend die Faust auf den Tisch herniedersausen und erhob sich dann. Ärgerlich und mit einem groben Fluch auf den Lippen stampfte er davon.

Die Lisa sah das und warf ihm einen kurzen Blick nach. Sie hatte dem Franz nicht wehtun wollen, aber wie die Sache nun einmal lag, war es wohl unvermeidlich gewesen.

Doch der Franz war ja ein aufgeweckter Bursche.

Der würde sicher bald ein anderes Madl finden – wenn auch wahrscheinlich nicht wieder so schnell eines, an dem ein ganze Sägemühle hing.

Im nächsten Moment blickte Lisa wieder hinauf zu dem braun gebrannten Gesicht des Leitner-Thomas, in dessen Zügen aber auf einmal etwas Trauriges stand.

"Mei, Thomas! Was ist? Heute ist doch ein Fest! Warum schaust denn so traurig drein!"

Sie schmiegte sich an seine Schulter und der Thomas strich ihr sacht mit der Hand über das dichte Haar.

"Es ist schön mit uns zweien ...", murmelte er.

"Ja, und? Warum schaust dann so grimmig drein?", fragte die Lisa verständnislos zurück.

Er zuckte die Schultern.

"Ich frag mich halt, wie es mit uns weitergehen soll. Ich würde dich ja schon gerne vor den Altar führen, aber ..."

"Aber?", machte Lisa enttäuscht und mit einer Spur Argwohn in der Stimme.

"Schau, du weißt doch auch, dass ich dir net das bieten kann, was du von zu Hause gewohnt bist. Du bist die Tochter des Sägemüllers! Und ich? Ich bin nur ein Bergführer mit einem bescheidenen Auskommen! Ich kann mir net vorstellen, dass dir das genügen würde!"

"Ach, Thomas!", rief sie und schlang die Arme um seinen kräftigen Nacken. "Wenn es nur das ist! Natürlich würde es mir genügen, die Frau eines Bergführers zu sein! Hauptsach' ist doch, dass wir uns lieben, oder net?"

"Sicher ...", gab Thomas zu.

"Na, also!"

"Und wenn du dereinst die Sägemühle erbst?"

"Wir könnten sie zusammen führen!"

"Dann wird jeder denken, ich hätte es nur darauf abgesehen gehabt!", gab der Thomas zu bedenken.

"Schmarn!", schimpfte Lisa. "Was kümmert mich das dumme Gered' der Leute!"

Ein Lächeln ging über Thomas' Gesicht.

"Mei, du bist ein willensstarkes Dirndl!", meinte er anerkennend und sie nickte bekräftigend.

"Ja, das bin ich!", lachte sie. "Darauf kannst dich schon einmal einstellen!"

"Ich werd es schon mit dir aufnehmen!", versprach der Bergführer, jetzt ebenfalls lachend.

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An einem der nächsten Tage bekam der Leitner-Thomas auf seiner Berghütte unerwarteten Besuch.

Es war niemand anderes als Ludwig Kreuzberner, der Sägemüller vom Kreuztal.

"Grüß dich, Thomas!", sagte er gedehnt, als er den Bergführer beim Holzhacken antraf.

Thomas richtete sich auf und legte die Axt zur Seite.

"Grüß dich, Kreuzberner!", rief er zurück. "Bist vielleicht auf eine aufregende Bergtour aus?"

Der Kreuzberner schüttelte den Kopf. "Nein", meinte er.

"Ich bin net zum Vergnügen hier ..."

Thomas kam etwas näher und nickte leicht.

Ja, etwas in der Art hatte er schon erwartet.

"Gut", meinte er. "Dann raus mit der Sprach! Was gibt es zu bereden?"

"Ich nehme an, du weißt längst, worum es geht!", erwiderte der Kreuzberner. "Ich spreche von dir und der Lisa! Hör zu, Thomas, du bist sicherlich ein gescheiter Bursche und auch sonst hat man nie etwas Schlechtes über dich gehört! Aber trotzdem bin ich net gerad' erbaut davon, dass die Lisa mit dir so intensiv angebandelt hat!"

Er seufzte, hob die Arme und schien nach geeigneten Worten zu suchen, die das, was er zu sagen hatte, nicht allzu hart klingen lassen würden.

"Mei, sag's ruhig offen heraus!", unterbrach ihn Thomas, der es nicht mochte, wenn jemand um den heißen Brei herumredete. "Du wärst net einverstanden, wenn ich die Lisa einmal vor den Altar führen wollte!"

Der Kreuzberner schaute zu Boden und sagte dann: "Schau, was kannst du dem Madl schon bieten? Das Leben in einer Berghütte? Sollen hier vielleicht eure Kinder dereinst groß werden?"

"Warum denn net?", fragte der Leitner-Thomas fast ein wenig empört, "was ist denn so schlecht daran, hier oben, im Angesicht der Gipfel aufzuwachsen? Ist das vielleicht kein schöner Ort?"

"Du willst mich net verstehen, Thomas!", seufzte der Kreuzberner verzweifelt.

"Oh, doch!", erwiderte Thomas. "Ich versteh dich sehr wohl!"

"Thomas, ich mache mir halt Gedanken um die Zukunft meiner Tochter! Das ist doch wohl zu begreifen, oder net?"

"So viel wie der Franz kann ich ihr auch bieten! Der ist doch auch nur ein einfacher Angestellter bei dir, und gegen den hättest doch sicher nix einzuwenden gehabt!"

"Aber der Franz hat das Handwerk eines Sägemüllers gelernt – und du net!"

Das war natürlich wahr. Und der Thomas wusste das im Grunde seines Herzens auch.

Aber sollte er jetzt die Lisa wieder aufgeben? Nein, dazu war er nicht bereit!

So sagte der Bergführer: "Glaubst net, dass deine Tochter sehr wohl selbst entscheiden kann, was für ihr Glück gut ist und was net, Kreuzberner? Schließlich ist sie doch seit mehr als einem Jahr großjährig ..."

Ludwig Kreuzberner nickte.

"Ja, das ist mir durchaus bewusst. Aber das Madl ist doch ganz narrisch, seit es dich kennengelernt hat! Sie lässt sich überhaupt keinen Vorschlag mehr machen! Und ich sehe, auch dir ist die Vernunft inzwischen abhanden gekommen, Leitner-Thomas!"

"Vielleicht überlegst dir deine Haltung noch einmal, Kreuzberner! Ich glaub net, dass du deiner Tochter den Segen verweigern wirst!"

Der Kreuzberner knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. "Ich seh schon, Thomas!", murrte er dann. "Mit dir ist net vernünftig zu reden! Ich kann dir nur eins raten: Halt dich in Zukunft von dem Madl fern, oder ..."

"Oder?", fragte der Leitner-Thomas. "Womit willst mir denn drohen, Kreuzberner? Ich hab nix gegen dich und will auch weiß Gott keinen Streit mit dir! Aber einschüchtern lass ich mich net!"

Der Kreuzberner machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich grußlos zum Gehen.

Thomas ging ihm noch ein paar Schritte nach, um ihn vielleicht noch aufzuhalten und doch noch ein Einvernehmen mit dem Mann zu finden, der vielleicht bald schon sein Schwiegervater werden sollte.

Aber als er sah, dass der Kreuzberner wie ein Stier seines Weges ging, ließ er von seinem Vorhaben ab.

Thomas sah den Hang hinab und sah einen weiteren Besucher kommen. Es war ein Mann in den mittleren Jahren, der angezogen war, als wollte er geradewegs auf eine Bergtour gehen.

Ganz neu wirkten seine Sachen. Mit dieser Ausrüstung schien er noch nicht oft unterwegs gewesen zu sein.

Der Leitner-Thomas hatte den Mann noch nie gesehen. Es musste ein Fremder sein.

Ludwig Kreuzberner blickte den fremden Besucher nur kurz an und stampfte dann an ihm vorbei, ohne einen Gruß.

Der Besucher schüttelte stumm den Kopf darüber und hatte wenig später die Hütte des Bergführers erreicht.

"Grüß Gott", sagte er und reichte dem Leitner-Thomas die Hand.

Thomas grüßte zurück und fragte dann: "Was führt Sie denn hier hinauf? Wollen Sie vielleicht eine Bergtour machen?"

"Ganz recht", nickte der Fremde. "Sind Sie der Thomas Leitner?"

"Der bin ich!"

"Man hat mir gesagt, dass Sie der beste Bergführer weit und breit seien. Und ich wollt nach langer Zeit mal wieder hoch hinaus!"

"Da muss ich Sie enttäuschen", erklärte Thomas dann fest und deutete dabei zum Horizont. "Ein schlimmes Wetter ist im Anmarsch. Da wäre es vollkommen unverantwortlich hinaufzusteigen!"

Der Fremde runzelte die Stirn und machte ein Gesicht, als würde er seinem Gegenüber nicht ein Wort glauben. Schließlich schüttelte der Fremde langsam den Kopf.

"Hast heut keine Lust, deine Arbeit zu machen, Bergführer? Es soll dein Schaden net sein! Ich zahle dir einen guten Preis! Den doppelten, den du sonst nimmst, wenn es sein muss!"

Aber der Bergführer blieb hart, obwohl er das Geld sicher gut hätte gebrauchen können.

"Das Geld ist mir gleichgültig", sagte er. "Darum geht es nun wirklich net."

Der Fremde stemmte die kurzen, aber kräftig wirkenden Arme in die Hüften und fragte: "So? Und worum geht es dann, junger Mann?"

Der Thomas machte ein ernstes Gesicht.

"Vielleicht um Ihr Leben, Herr ..."

"Nerdlinger", vollendete der Fremde.

Thomas runzelte die Stirn. "Dann sind Sie vielleicht der Neffe vom Nerdlinger-Bauern, der vor Kurzem gestorben ist und jetzt seinen großen Hof hinterlässt!"

Der Fremde lächelte.

"So haben Sie davon auch schon gehört ...", murmelte er in versöhnlichem Tonfall.

"Sicher", meinte der Thomas. "Das Tal hat gute Ohren. Die Frau vom Nerdlinger ist schon vor einem Jahr gestorben und Kinder hatten die zwei net ..."

"Ganz recht", nickte der Fremde. "Und ich bin der einzige Verwandte, Christian Nerdlinger."

"Vermutlich werden Sie dann alles erben!"

"Ja, das ist anzunehmen."

Der Leitner-Thomas nickte anerkennend. "Ein schöner Hof ist das, den Sie da bekommen! Einer der größten in der Umgebung! Und der Gustl, der dort als Großknecht in der letzten Zeit den Hauptteil der Arbeit gemacht hat, der versteht sein Handwerk!"

Christian Nerdlinger zuckte mit den Schultern und machte eine unbestimmte Geste.

"Mei, ich versteh nix von diesen Dingen. Und werd auch bestimmt net Bauer auf dem Nerdlinger-Hof. Das ist völlig ausgeschlossen!"

Thomas runzelte die Stirn.

"Und was wollen Sie dann mit dem Hof anfangen?"

Der Nerdlinger-Christian lachte. "Was für eine Frag!", rief er. "Verkaufen natürlich! Wird sich schon ein Interessent finden, wenn der Hof wirklich so ein Goldstück ist!"

"Verstehe", murmelte der Thomas. "Jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Glück dabei!"

"Heh", rief Christian Nerdlinger da. "Eigentlich bin ich net hierhergekommen, um meine Lebensgeschichte zu erzählen, sondern um eine aufregende Bergtour zu erleben!"

Thomas musterte den Fremden einige Augenblicke lang und erwiderte dann: "Ich dachte, dass die Sach' klargestellt wäre!"

"Das heißt, Sie weigern sich, mich zu führen?", meinte Christian Nerdlinger in gereiztem Tonfall.

Doch der Leitner-Thomas blieb ruhig und besonnen.

"Das heißt, dass ich es Ihnen ersparen will, in Bergnot zu geraten!", erwiderte Thomas freundlich.

"Aber das Wetter ist doch noch ganz vortrefflich! Wie wollen Sie wissen, dass es umschlagen wird?"

Thomas deutete hinauf zu den Wolken, die an den fernen Gipfeln hingen und sich zu immer größeren Haufen aufzutürmen begannen. "Daher weiß ich das!", erklärte er. "Und Sie können mir das schon glauben! Ich habe fast mein ganzes Leben hier oben bei den Bergen verbracht und weiß, wann das Risiko zu groß ist!"

"Schmarn!", schimpfte Christian. "Sie wollen mir nur etwas einreden!"

"Das ist net wahr!", erwiderte der Thomas.

"Hör gut zu, Bergführer! In meiner Jugend bin ich oft und viel geklettert! Ich kenne mich daher auch ein wenig aus, auch wenn diese Zeiten schon recht lang her sind! Ich werde also gehen, ob mit dir, oder ohne dich, Bergführer!"

Und damit wandte er sich um.

Thomas griff zu und packte ihn am Arm.

"Ich kann Sie nur dringend warnen", erklärte er ihm. Aber der Christian Nerdlinger riss sich mit einer heftigen Bewegung los und zog seines Weges.

"Ich lass mir nix vorschreiben!", rief er zornig dem Bergführer zu. "Von niemandem!"

Das war mehr als deutlich und der Leitner-Thomas wusste sehr wohl, dass er diesen Kampf verloren hatte.

Christian Nerdlinger wollte einfach nicht auf ihn hören und so konnte der Bergführer nur hoffen, dass den Fremden bald die Kräfte verlassen würden, sodass er von selbst umkehrte.

Thomas sah dem Nerdlinger noch eine Weile nach und verfolgte aus der Ferne mit einem Feldstecher dessen Weg. Es schien, als würde Christian Nerdlinger seine Ankündigung doch nicht in die Tat umsetzen. Jedenfalls bewegte er sich nicht in Richtung der Steilhänge, sondern schlug einen Bogen.

Mei, dachte Thomas. Wahrscheinlich wird er auf mehr oder minder direktem Weg ins Tal zurückkehren, nachher aber erzählen, er sei trotz meines Rates in die Berge gegangen!

Sollte er nur, wenn er meinte, dem Leitner-Thomas unbedingt eins auswischen zu müssen. Der junge Bergführer stand weit über diesen Dingen. Damit konnte man ihn nicht ärgern.

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Doch es sollte schlimmer kommen.

Die Wolken türmten sich im Verlauf des Tages immer weiter auf und wurden sehr dunkel.

Dann brach ein Unwetter los, wie man es das ganze Jahr über noch nicht gesehen hatte.

Blitze zuckten am Horizont und die Schleusen des Himmels öffneten sich. In einem der Nachbartäler gab es sogar einen kleinen Erdrutsch, bei dem aber zum Glück niemand zu Schaden kam.

Um den Nerdlinger-Christian machte Thomas sich keine weiteren Sorgen mehr, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass er wirklich so dumm gewesen sein konnte, den Rat eines erfahrenen Bergführers zu missachten und auf eigene Faust in die Felsen zu gehen.

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7

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Am nächsten Morgen war der Himmel noch grau und diesig, und es war auch merklich kühler, als am Vortag.

Aber das Unwetter, das die ganze Nacht hindurch immer wieder aufgekommen war, hatte sich nun wohl endgültig ausgetobt.

Thomas hatte gerade seine morgendliche Brotzeit genommen, da bekam er Besuch.

Schon an der Kleidung sah der Bergführer, dass es sich um einen Städter handelte. Für das Wandern in den Bergen war überhaupt nicht ausgerüstet. Seine Füße taten ihm weh, weil das falsche Schuhwerk trug und so humpelte er ziemlich erbarmungswürdig daher.

Thomas schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Der Mann hatte graue Haare und ein blasses Gesicht.

Er strich sich mit der rechten eine Haarsträhne aus dem Gesicht, atmete tief durch und reichte Thomas anschließend die Hand.

"Sie sind Thomas Leitner?", fragte er.

"Freilich", nickte der Angesprochene.

"Mein Name ist Riedl. Ich bin Rechtsanwalt und Notar", erklärte der Grauhaarige dann, der wie ein Mann wirkte, der eine Pflicht möglichst schnell hinter sich zu bringen trachtete.

Der Leitner-Thomas runzelte die Stirn.

"Sie sehen net gerad' aus, als wollten Sie mit mir auf Bergtour gehen!", meinte er.

"Das ist richtig", erklärte der Advokat. "Ich bin aus einem dienstlichen Grund hier!" Dabei deutete er auf die Aktentasche, die unter dem Arm trug. "Können wir uns irgendwo hinsetzen, Herr Leitner?", fragte er dann auf seine sehr förmliche Art.

"Gewiss doch!", gab Thomas zur Antwort. "Kommen Sie in meine Hütte!"

So führte er Riedl in seine bescheidene, aber gemütliche Stube und bot ihm einen Platz auf der Bank an.

"Ich hoffe net, dass mich einer der Leut' verklagen will, mit denen ich in den Bergen war!", lachte der Bergführer, während sein Gegenüber die Tasche auf den groben Holztisch legte und dann umständlich ein paar Papiere herausholte. Indessen setzte Thomas noch hinzu: "Für Blasen an den Füßen übernehme ich nämlich grundsätzlich keine Haftung!"

"Keine Sorge", gab Riedl zurück. "Es ist eine erfreuliche Nachricht. Sie haben doch sicher vom Tod des alten Nerdlinger-Bauern gehört."

"Freilich. Gestern noch war sein Neffe hier. Ich nehme an, dass er alles erben wird! Schließlich scheint er ja der einzige Verwandte zu sein!"

Riedl zuckte die Achseln.

"Vielleicht glaubt der gute Mann, dass es so ist. Aber aus dem Testament des Nerdlinger geht etwas anderes hervor."

Thomas stutzte.

Was sollte er mit dem Testament des Nerdlinger-Bauern zu schaffen haben? Doch im nächsten Augenblick sollte er es erfahren.

"Es gibt noch einen weiteren Verwandten des Nerdlinger", erklärte der Advokat. "Einer, der ihm noch näher steht ..."

"Was?"

"Sie, Thomas Leitner!"

"Ich?", fragte der junge Bergführer erstaunt. Es war nicht zu fassen. "Das muss freilich ein Irrtum sein!"

"Nein, das glaube ich net", erklärte der Advocat. "Hier, lesen Sie selbst, Herr Leitner! Der Nerdlinger hat sich in seinem Testament zu seinem unehelichen Sohn Thomas Leitner bekannt!"

Riedl reichte ihm das Papier und der Leitner-Thomas nahm es und las es dann wachsendem Erstaunen.

"Mei ...", murmelte der junge Bergführer recht nachdenklich. "Meine Mutter, die Magd vom Gernbacher-Hof, hat mich allein großgezogen und immer gesagt, mein Vater sei umgekommen, als ich noch sehr klein gewesen sei ... Und welchen Grund hätte es schon für mich gegeben, daran zu zweifeln?"

Der Anwalt nickte verständnisvoll.

"Der Nerdlinger hat all die Jahre über ein schlechtes Gewissen Ihnen gegenüber gehabt", erklärte Riedl dann im nächsten Moment. "Und so soll nun nach seinem Ableben alles an Sie fallen. Der gesamte Hof und auch das Vermögen des Nerdlingers."

Thomas dachte kurz an den Fremden, den er am vorigen Tag zu Gast gehabt hatte.

Christian Nerdlinger hatte sich offenbar völlig umsonst Hoffnungen auf eine Erbschaft gemacht.

"Mei", murmelte der junge Bergführer. "Ich – Bauer auf dem Nerdlinger-Hof?"

Der Anwalt drängte Thomas, die Formalitäten zu erledigen. Danach sagte Riedl:

"Sie können mit dem Anwesen natürlich anfangen, was Sie wollen. Ob Sie dort nun Bauer werden oder versuchen, es in klingende Münze umzuwandeln, das liegt ganz bei Ihnen!"

Und damit erhob sich der Anwalt. "Ich habe hier nix mehr zu tun! Mit Ihrem neuen Besitz wünsche ich Ihnen alles Gute!"

Und damit wandte er sich zur Tür und humpelte hinaus, während der Leitner-Thomas noch immer dasaß und nicht so recht fassen konnte, was ihm da geschehen war.

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Am Abend traf der Leitner-Thomas sich dann beim alten Heustadel mit der Kreuzberner-Lisa, der er auch sogleich die Neuigkeit erzählte, dass er nun stolzer Besitzer des größten Hofes in der Umgebung geworden war.

"Nun wird dein Vater net mehr einwenden können, dass ich dir nix zu bieten hätte, außer meiner bescheidenen Berghütte und einem unsicheren Gewerbe!", rief Thomas zufrieden und drückte die Lisa leidenschaftlich an sich.

Als sie sich dann wieder voneinander lösten, meinte das Madl: "Willst denn deine Freiheit hier oben etwa aufgeben und Bauer auf dem Nerdlinger-Hof werden?"

"Warum net? Ein so großer Hof, das würde mich schon reizen!", gab der junge Bergführer zurück. "Und um in die Berge zu gehen, dafür wird wohl noch immer genug Zeit bleiben. Zumindest hin und wieder – dann allerdings nur noch zum eigenen Vergnügen und net mehr für Geld!"

Die Lisa seufzte.

"Das kommt so überraschend", meinte sie und strich sich mit der zarten Hand eine Strähne aus dem fein geschnittenen, hübschen Gesicht, dass der Leitner-Thomas inzwischen so sehr liebte.

"Ja, freust dich denn gar net?", fragte Thomas.

"Ja, schon ... Aber weißt, zwischen uns ändert sich dadurch gar nix, Thomas! Du bist für mich als einfacher Bergführer net weniger wert als jetzt, da du unverhofft ein reicher Bauer geworden bist!"

Thomas lächelte und strich der Lisa über das dichte Haar.

"Das weiß ich doch, Madl", sagte er. "Daran hatte ich nie einen Zweifel!"

"Aber du verstehst doch gar nix vom Bauernhandwerk, Thomas! Und ich kann dir da auch net viel helfen, denn das, was ich darüber weiß, genügt wohl kaum, um sich Bäuerin zu nennen!"

"Mag sein", gab der Thomas gut gelaunt zurück. "Aber ich denk, dass man alles lernen kann – oder meinst net?"

"Sicher ...", gab sie zu.

"Außerdem hat der Nerdlinger-Hof einen sehr tüchtigen Großknecht, der ohnehin in der letzten Zeit, als der Nerdlinger-Bauer schon krank darniederlag, die Geschäfte geführt und den Großteil der Arbeit gemacht hat. Hab schon mit ihm gesprochen und ich glaub, ich werd mich ganz gut mit ihm verstehen. In der Anfangszeit wird er mir sicher kräftig unter die Arme greifen müssen!"

Lisa schlang ihre Arme um Thomas Leitners Hals und sagte dann: "Wenn das aus deinem Mund kommt, dann hört sich das alles net so schwierig an, wie ich es mir vorstelle!"

"Freilich", meinte der Thomas lächelnd. "Wer vor den weißen Gipfel da droben keine Furcht hat, der braucht sie auch vor nix anderem zu haben!"

Wenn der Leitner Thomas die Lisa sonst nach Hause brachte, dann nie ganz bis zur Sägemühle hin, weil er nicht mit Ludwig Kreuzberner oder dem Franz aneinandergeraten wollte.

Aber diesmal wollte er es anders halten.

"Diesmal werde ich ihm gegenübertreten und ihm sagen, wie sich die Situation geändert hat!", erklärte er fest.

"Gut, dann tu das!", sagte die Lisa. "Und wann soll Hochzeit sein?"

"Im Frühjahr!", meinte Thomas.

"Geh, Thomas, wollen wir so lang noch warten?", lachte Lisa da.

Der junge Bergführer nahm sie bei den Hüften und schwang sie herum. "Mei, Hochzeiten sind doch immer im Frühjahr, oder net?"

"Das ist natürlich wahr! Bis dahin hat mein Vater sich auch vermutlich an den Gedanken gewöhnt!"

Als sie wenig später bei der Kreuzberner-Sägemühle ankamen, trafen sie auf einen recht mürrischen Sägemüller.

"So, du erbst also den Nerdlinger-Hof ...", murmelte er mit einem Gesichtsausdruck, der alles andere als begeistert war.

"Ja, freilich!", rief die Lisa. "Ist das net eine wunderbare Wendung des Schicksals?"

Der Vater nickte.

"Möglich", murmelte er. "Möglich aber auch, dass dem Schicksal etwas nachgeholfen wurde!"

"Was?", rief die Lisa. "Vater, wovon sprichst du?"

Ludwig Kreuzberner trat jetzt nahe an den jungen Bergführer heran und zischte dann: "Du erinnerst dich sicher, wie ich dich oben bei deiner Hütte aufgesucht habe, um dir zu sagen, du solltest dich von meiner Tochter in Zukunft fernhalten."

"Daran erinnere ich", erwiderte Thomas. Er wusste noch nicht so recht, worauf der Sägemüller eigentlich hinauswollte. Aber es konnte für den Bergführer nichts Gutes bedeuten ...

"Als ich ging", fuhr Ludwig Kreuzberner fort, "kam ein Mann den Hang hinauf. Er war angezogen, als ob er sich zum Bergsteigen aufmachen wollte! Er wollte zu dir, Thomas. Ich wette, du weißt auch, wie er heißt!"

"Der Nerdlinger-Christian war's!", gab Thomas bereitwillig zu. "Ein Neffe des verstorbenen Bauern und sein einziger Verwandter, wie er mir gesagt hat!"

"So ist es. Er wollt mit dir auf Bergtour, net wahr?"

"Ja, aber ..."

"Ich war bis vorhin im Wirtshaus und weißt, was ich da gehört hab? Der Nerdlinger-Christian war seit vorgestern vermisst und heute ist er gefunden worden! Tot! Er ist abgerutscht."

"Was?", rief der Leitner Thomas überrascht.

"Mit dir auf Bergtour war er! Obwohl das Wetter an dem Tag nun wirklich net dazu geeignet war. Wer weiß, Thomas, vielleicht hast du ihn sogar selbst in die Tiefe gestoßen!"

"Das ist net wahr!", rief der Thomas außer sich.

"So?", machte der Sägemüller. "Hast den Nerdlinger-Christian etwa net in die Tiefe gestoßen, um dir den Hof zu sichern?"

"Vater!", rief die Lisa verzweifelt und drückte die Hand ihres Liebsten, die schweißnass geworden war. "Wie kannst du nur so etwas denken! Der Thomas ist niemand, der so etwas nötig hätte! Ich kann mir net vorstellen, dass er ..."

"Ja, Madl! Das ist nun mal so im Leben! Manchmal wird man auch von Menschen enttäuscht, die man ganz genau zu kennen glaubt!"

"Aber warum sollte ich so etwas denn tun? Ich wusste doch noch gar net, dass ich der uneheliche Sohn des Nerdlinger-Bauern bin!", rief Thomas.

"Ach nein?", machte der Sägemüller. "Kann ja sein, dass du uns gegenüber den Ahnungslosen spielst! Deine Mutter könnt' es dir gesagt oder Andeutungen gemacht haben!"

"Nie hat sie das!"

"Das behauptest du, Leitner-Thomas!"

Thomas wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Die Sache hatte eine ungünstige Wendung genommen.

Ein schrecklicher Verdacht war gegen ihn erhoben worden und wenn er nicht alles tat, um diesen wieder zu entkräften, dann würde sicher etwas von dem Misstrauen zurückbleiben, das mit einem Mal entstanden war.

Auch bei Lisa.

Thomas sah es ihren erschrockenen Gesichtszügen mehr als deutlich an.

Jetzt hieß es ruhig bleiben und kühlen Kopf bewahren!

Thomas atmete tief durch und erklärte dann: "Ich war überhaupt net mit dem Nerdlinger im Gebirge!"

"Pah!", machte der Sägemüller. "Ich hab doch selbst gesehen, wie er zu dir hochgestiegen ist! Oder willst das jetzt auch noch leugnen und mir ins Gesicht hinein sagen, dass ich keine Augen im Kopf hab!"

Thomas schüttelte den Kopf.

"Natürlich net", erwiderte er. "Er wollte, dass ich ihn führe, aber ich hab abgelehnt und ihm gesagt, das Wetter würde wahrscheinlich umschlagen. Er hat sich etwas aufgeregt und ich habe ihn geradezu beschworen, es net auf eigene Faust zu versuchen!"

"Ich glaub dir net!", erklärte Ludwig Kreuzberner daraufhin, wobei er seine kräftigen Arme abweisend vor der Brust verschränkte.

"Es ist aber die Wahrheit!", beharrte der junge Bergführer und versuchte dabei, so viel Überzeugungskraft wie möglich in seine Stimme hineinzulegen.

Aber das Gemüt des Sägemüllers war inzwischen hart geworden wie Granit. Er war einfach nicht dazu bereit, dem Leitner-Thomas in dieser Sache auch nur ein einziges Wort zu glauben.

"Schmarn!", schimpfte er. "Ich war im Dorf und mindestens zwei Leute haben gehört, wie er sich bei der Chefin vom Goldenen Ochsen nach einem guten Bergführer erkundigt hat und wie du ihm daraufhin empfohlen wurdest! Mei, er hätte auf diese Empfehlung net hören sollen!"

"Das ist doch alles nix weiter als dummes Gerede!", schimpfte Thomas.

"Musst schon zugeben, dass alles zusammenpasst, Bergführer! Und ob es wirklich nur dummes Gerede ist, das wird die Polizei entscheiden! Net du!"

Und damit packte der Sägemüller seine Tochter beim Arm und zog sie zu sich. "Geh ins Haus, Madl!", sagte er.

"Ich glaube, was er sagt!", rief die Lisa fest.

"So? Überleg dir das gut, Madl! Dieser Mann hat wahrscheinlich ein Menschenleben ausgelöscht, um an eine Erbschaft heranzukommen!"

"Nein!" Lisa schüttelte den Kopf. "Ich kann das net glauben!"

"Ich glaube den Tatsachen!", versetzte ihr Vater. "Und die sprechen eine ganz eindeutige Sprach, Lisa!" Dann wandte er sich an den Leitner-Thomas und befahl unmissverständlich: "Scher dich fort von hier! Und wag' ja net wieder, dich meinem Haus zu nähern!"

"Vater!", rief die Lisa indessen verzweifelt.

Aber der junge Bergführer blieb besonnen, so wie es seine Art war. Er hob die Hände und sagte; "Schon gut, Kreuzberner! Ich will keinen Streit mit dir!"

"Dann tu, was ich dir gesagt hab!", erwiderte der Sägemüller.

"Eines Tages wirst du schon erkennen, dass du mir Unrecht tust", erklärte Thomas so ruhig, wie es ihm in dieser Lage gerade noch möglich war.

Er warf Lisa noch einen letzten Blick zu und sah das Glitzern von Tränen in ihren Augen.

Aber innerlich kochte er vor Wut.

Er wandte er sich herum und trat wortlos und mit eiligem Schritt den Rückweg an.

"Vater, das muss alles ein Missverständnis sein!", beschwor Lisa ihren Vater.

Aber dieser ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen.

"Ein Missverständnis?", meinte er. "Wart's nur ab, bis sich ein Gendarm oder gar ein Kriminalkommissar mit der Angelegenheit beschäftigt!"

"Das wird net geschehen!", war Lisa überzeugt.

"Oh doch, Madl! Ich selbst werd dafür sorgen, wenn's sein muss!"

"Und was, wenn sich dabei herausstellt, dass du dich geirrt hast? Das es keinen Beweis gibt, Vater?"

Der Vater sah seine Tochter einen Moment lang nachdenklich an und fragte sie anschließend: "Du könntest mit dieser Ungewissheit leben? Mit der Ungewissheit, vielleicht die Frau eines Schurken zu werden?"

Sie hob stolz den Kopf und erwiderte: "Für mich gibt es da keine Ungewissheit, Vater! Net die leiseste Ahnung davon!"

Ludwig Kreuzberner schüttelte langsam den Kopf.

"Mei, wann wirst du es noch lernen, dass man sein Vertrauen net einfach so blindlings verschenken darf, Madl!"

"Ich hab es net blindlings verschenkt", erwiderte da das Dirndl ganz ruhig und bestimmt. "Ich liebe den Leitner-Thomas – und das ist für mich Grund genug, ihm zu glauben, was er sagt!"

Der Sägemüller hob die Schultern und machte ein betroffenes Gesicht. Er erkannte sehr wohl, dass es ein tiefes Gefühl sein musste, das seine Tochter mit dem jungen Bergführer verband.

"Ich fürchte, du wirst eine Enttäuschung erleben, Madl!", murmelte er.

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Am nächsten Morgen ging der Leitner-Thomas zum Nerdlinger-Hof, um dort nach dem Rechten zu schauen.

Er war schon lange nicht mehr hier gewesen.

Das letzte Mal in einem Sommer, in dem sein Gewerbe nicht gut gegangen war und er daher gezwungen gewesen war, eine Arbeit anzunehmen.

Thomas hatte sich damals als Erntehelfer verdingt. Jetzt kam er als der neue Herr dieses prachtvollen Hofes.

Ein seltsames Gefühl war das schon.

Auf dem Nerdlinger-Hof arbeiteten außer dem Großknecht Gustl noch zwei weitere Männer. Der eine hieß Luis und war schon etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch ein kräftiges Mannsbild. Der andere war etwa in Thomas' Alter und hieß Reinold.

Und dann war da noch die alte Sepha, die dem Nerdlinger schon viele Jahre lang die Wirtschaft geführt hatte.

Der Leitner-Thomas fand sie alle bei der morgendlichen Brotzeit in der Küche sitzen.

Mit dem Gustl hatte er bereits zuvor über das Wichtigste gesprochen. Seine beiden Gehilfen und die alte Sepha kannte er jedoch nur flüchtig.

Schon als Thomas den Raum betrat, spürte er die feindselige Stimmung, die ihm entgegenschlug. Und das, obwohl noch niemand ein Wort gesagt hatte.

"Grüßt euch!", sagte der Thomas freundlich und blickte dann von einem zum anderen.

Vom Gustl kam ein Gemurmeltes "Servus!"

Luis und Reinold wechselten einen kurzen Blick miteinander, schwiegen aber. Und auch die Sepha, die am Herd stand und frischen Kaffee aufbrühte, sagte nicht ein einziges Wort, sondern musterte den jungen Bergführer nur abschätzig von oben bis unten.

"Was ist los mit euch?", fragte der Leitner-Thomas indessen und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. "Ist das hier auf dem Nerdlinger-Hof so üblich, dass man stumm wie ein Fisch ist?"

"Schön, dass sich der neue Herr endlich einmal blicken lässt!", brach jetzt die Sepha das Schweigen. "Vielleicht sagt er ja auch mal ein Wörtl dazu, wann er hier auf dem Hof einzuziehen gedenkt!"

"Das hat keine Eile", sagte der junge Bergführer. "Ich fühle mich da droben in meiner Berghütte einstweilen noch sehr wohl und mag mich auch noch net so recht davon trennen."

"Das kann ich verstehen!", meinte der Gustl, der als einziger einigermaßen gut gelaunt schien. "Ein solches Panorama hast du hier natürlich net, wenn du morgens aus dem Fenster schaust!"

Dann entstand eine Pause des Schweigens.

Luis und Reinold hatte nich kein einziges Wort gesagt und der Leitner-Thomas begann zu spüren, dass das nicht die übliche Befangenheit war, mit der er hatte rechnen müssen.

Schließlich bedeutete ein neuer Bauer auf dem Nerdlinger-Hof sicher auch die eine oder andere Veränderung.

Aber in diesem Fall schien das Unbehagen eine andere Ursache zu haben.

Und der wollte der junge Bergführer nun auf den Grund gehen, denn es war seine tiefe Überzeugung, dass es nicht gut ist, wenn etwas nicht ausgesprochen wird, sondern stattdessen als stummer Vorwurf zwischen Menschen steht.

So stemmte er die Arme in die Hüften und forderte:

"Heraus damit! Was ist los? Welche Vorbehalte habt ihr gegen mich?"

Die Sepha sah den Neubauern von der Seite an und murmelte dann: "Vielleicht gefällt uns einfach nur net, wie du zu deinem Hof gekommen bist, Bergführer!", versetzte sie dann spitz.

Und der Luis ergänzte düster: "Eine feine Art ist das! Mit einem Unkundigen hinaus in die Berge gehen und dann ..."

Thomas trat einen Schritt näher und blieb schließlich dicht vor dem Küchentisch stehen.

"Und dann?", hakte er nach.

Weder der Luis noch der Reinold sahen den jungen Bergführer in diesem Moment an. Sie blickten auf den Tisch und wagten ihm offenbar nicht ins Gesicht zu sagen, was sie beide ohne Zweifel dachten.

"Du wirst selbst schon am besten wissen, was dann passiert ist!", murmelte schließlich Luis, der Ältere der beiden, während Reinold leicht nickte.

"So", erwiderte Thomas. "Aber ihr zwei, ihr wisst es wohl ganz genau, was? Man könnte denken, der Nerdlinger-Christian ist zu euch gekommen, um sich in die Berge führen zu lassen!"

"Wenn er die zwei gefragt hätt', wär der Neffe vom Bauern vielleicht noch am Leben!", mischte sich jetzt wieder die Sepha ein.

"Für euch bin ich also schon als Mörder verurteilt", stellte Thomas bitter fest. "Und das, noch bevor ihr überhaupt nur ein einziges Wörtl zu der Sach' von mir gehört habt!"

"Man hört eben so einiges im Tal!", meinte Reinold. "Ist es etwa net wahr, dass der Nerdlinger zu dir gegangen ist, um von dir geführt zu werden?"

"Freilich ist das wahr!", gab Thomas zu.

"Na also!", rief der Luis und ließ die Faust auf den Tisch sausen.

"Aber ich habe es abgelehnt, mit ihm zu gehen und beschworen, es auch net auf eigene Faust zu versuchen!", verteidigte sich indessen der junge Bergführer. Allerdings sah er in den Augen der anderen, dass sie dem Geschwätz im Dorf mehr Glauben schenkten als ihm.

"Wird sich sicher noch alles herausstellen", brummte der Luis düster.

Thomas nickte.

"Ja, davon bin ich allerdings auch überzeugt!"

Die Sepha hatte indessen die Schürze abgenommen, zusammengefaltet und über einen der hölzernen Küchenstühle gelegt.

"Ich für mein Teil bin nur noch zum Ende der Woch' hier!", kündigte sie an.

"Was?", rief der Leitner-Thomas, der doch jetzt eigentlich auf jede Hilfe angewiesen war.

"Ja, ganz recht. Ich habe mich bereits bei meiner Schwägerin angemeldet. Dort kann ich für's Erste unterkommen."

Der Thomas rang mit den Armen.

"Mei, Sepha, ich versteh dich net ...", rief er.

"Ach, nein? Ich will dir mal was sagen! Für einen Mörder werd ich net arbeiten! Da hab ich meine Grundsätze!"

Thomas atmete tief durch. Aber in den Augen der Sepha sah er ein solches Maß an Entschlossenheit, dass es ihm nicht ratsam erschien, sie umstimmen zu wollen.

"Gut", murmelte er also. "Ich kann dich schließlich net gegen deinen Willen hier festhalten! Wenn du meinst, dass du das tun musst, dann tu es eben." Dann wandte er sich an die Mannsbilder am Tisch. "Und was ist mit euch? Habt ihr euch vorsorglich auch schon bei irgendwelchen Verwandten einquartiert oder kann ich mit eurer Unterstützung rechnen?"

"Mit meiner immer!", erklärte der Gustl, der dann zu Luis und Reinold hinsah und fortfuhr: "Und mit eurer doch wohl ebenfalls, oder net?"

Ein mehr oder weniger zustimmendes Gemurmel entstand, woraufhin die Sepha ziemlich wütend den Raum verließ.

Thomas hatte es vorausgeahnt: So konsequent wie die Sepha waren Luis und Reinold Gott sei Dank nicht, obwohl sie an der Unschuld ihres neuen Bauern sicher genau so große Zweifel hatten wie die Wirtschafterin.

"In Ordnung", meinte Thomas. "Dann können wir ja gleich mit der Arbeit beginnen. Ich warte draußen auf euch."

"Kannst dich auf uns verlassen!", versicherte Gustl, der Großknecht. "Und ich glaub auch, dass die Sepha sich ihre Sach' noch einmal überlegen wird!"

Thomas nickte leicht und ging dann hinaus.

Kaum hatte er die Küche verlassen, da hörte er, wie das Gespräch unter den Männern lebhaft aufflammte und Gustl dabei verlauten ließ: "Seid's doch froh, dass es so und net anders gekommen ist! Selbst wenn der Thomas den Nerdlinger-Neffen in die Tiefe gestürzt hat! Wisst ihr denn net mehr, was der zu uns sagte, als er hier war und sich alles angesehen hat?"

"Freilich wissen wir das noch!", erwiderte der Luis kleinlaut. "Zu Geld machen wollte er alles! Dann hätte es wahrscheinlich keinen Nerdlinger-Hof mehr gegeben!"

Und der Reinold warf ein: "Vielleicht hätte ein Hotelier das Ganze gekauft!"

"Ja, und wo wär dabei Platz für uns gewesen?", schloss Gustl. "Wir hätten uns alle etwas Neues suchen müssen. Höchstwahrscheinlich jedenfalls!"

"So hab ich die Sach' noch net betrachtet!", gab der Luis indessen zu.

"Darüber solltet ihr aber auch einmal nachdenken!", meinte der Gustl ernsthaft. "Was soll also das ganze Geklage? Ich weiß net, was da oben wirklich passiert ist – und ich glaub, so genau möcht ich's auch gar net wissen!"

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In den nächsten Tagen sah sich ein Kriminalpolizei im Tal um, der eigens aus der Stadt gekommen war, um den Fall zu untersuchen. Er stellte viele Fragen und kam natürlich auch zum Leitner-Thomas.

Der Thomas erzählte alles so, wie es gewesen war und dem Kriminalbeamten schien das alles auch sehr plausibel zu sein.

Er saß bei dem jungen Bergführer in der Stube und nickte nur stumm.

"Haben Sie denn irgendeinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass der Nerdlinger-Christian ermordet wurde?", fragte der Thomas schließlich.

Der Beamte schüttelte den Kopf.

"Nein, das net. Den Beweis für ein Verbrechen gibt es bislang net. Das haben auch die Untersuchungen an der Leiche ergeben. Alles ist auf natürliche Weise erklärbar. Aber ich bin von Gesetzes wegen gezwungen, jedem Hinweis nachzugehen."

"Ich verstehe", murmelte Thomas.

"Allerdings scheint es einige zu geben, die der Ansicht sind, dass nur Sie für eine Tat in Frage kämen und es Ihnen auch ohne weiteres zutrauen würden!", berichtete der Beamte dann.

Thomas ließ wütend die Faust auf den hölzernen Tisch sausen.

"Ich kann mir auch an zwei Fingern abzählen, wer dahintersteckt!", murmelte er. "Aber auf Grund von irgendwelchem Gered' können Sie doch net eine Anklage erheben!"

"Das tu ich auch net!", stellte der Beamte klar. "Ich nehme an, dass da vielleicht auch viel Neid und Missgunst im Spiel sind!"

"Mei, ich hab mir nie die Finger nach einem Hof wie den vom Nerdlinger geleckt!", sagte Thomas. "Ich wäre auch zufrieden gewesen, mein Lebtag lang mein bescheidenes Gewerbe zu führen!"

Der Beamte zuckte die Schultern.

"Wie gesagt, einen Beweis gibt es net. Dass Sie mit dem Nerdlinger-Christian ins Gebirge gegangen sind, hat niemand gesehen, auch wenn es einige vermuten." Der Beamte reichte dem Bergführer die Hand und und fuhr dann fort: "Ich glaube net, dass ich noch einmal zu Ihnen hinaus muss! Ich habe Ihre Aussage aufgenommen und damit ist die Sach' dann wohl erledigt!"

Und tatsächlich.

Einen Tag später räumte der Beamte das Zimmer, das er sich im Goldenen Ochsen genommen hatte und ging zurück in die Stadt.

Die Akte Christian Nerdlinger war für ihn geschlossen und wenn nicht etwas völlig Neues und Unerwartetes auf den Tisch kam, so würde sie es auch bleiben.

Aber nicht so für manche im Tal, allen voran der Sägemüller Ludwig Kreuzberner.

Sepha blieb noch bis zum Ende der Woche und zog dann, genau wie sie angekündigt hatte, mit großem Brimborium aus.

Das nahmen die Leute im Tal natürlich als weiteren Hinweis auf die Schuld des Bergführers.

Schließlich galt die Sepha als ruhige, besonnene Frau, die dem Nerdlinger-Bauern über Jahrzehnte hinweg treu gedient hatte.

Und in all der Zeit hatte sie kaum etwas wirklich aus der Fassung bringen können und so nahm daher jeder an, dass an den Geschichten, die über den Leitner-Thomas seit dem Tod von Christian Nerdlinger in Umlauf waren, etwas dran sein musste.

Einzig und allein die Lisa hielt zu ihrem geliebten Thomas, auch wenn sie sich jetzt heimlich zu dem jungen Bergführer schleichen musste, denn ihr Vater hatte ihr den Umgang mit ihm verboten.

Sie war zwar großjährig und hätte darauf nicht mehr zu hören brauchen, aber sich deswegen mit ihrem Vater zu entzweien, das wollte sie auch nicht. Zumindest nicht, so lange es sich irgendwie vermeiden ließ.

Nur mit ihrer Mutter, der Kreuzbernerin, konnte sie sich aussprechen.

"Du wirst dem Vater doch nix sagen, oder?", fragte das Madl seine Mutter besorgt.

Die Kreuzbernerin machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: Wie kannst du so etwas nur fragen, Dirndl?

Die Kreuzbernerin lächelte mild.

"Geh, Lisa!", ließ sie sich dann vernehmen. "Eine Todsünd' ist es ja nun net gerad', dass du dich mit dem Leitner-Thomas triffst. Der Vater sieht das vielleicht ein bisschen streng, aber er sorgt sich schließlich doch nur um deine Zukunft, Madl!"

Lisa seufzte.

"Mei, das weiß ich ja!", sagte sie. "Aber ich mag ihn halt sehr gern, den Thomas. Und ich bin auch überzeugt davon, dass die Leut' ihm schweres Unrecht antun!" Lisa sah ihre Mutter fragend an. "Was denkst du denn dazu? Kann es so falsch sein, was ich sag'?"

Die Mutter zuckte mit den Schultern.

"Liebe kann auch blind machen, Lisa", sagte sie dann vorsichtig. "Hast du darüber auch schon einmal nachgedacht, Lisa?"

Das Madl hob den Kopf.

"Ja, darüber habe ich nachgedacht", erwiderte die Lisa dann sehr selbstbewusst. "Aber wäre das denn die wahre Liebe, wenn man net auch bereit ist, zueinander zu halten, wenn's schwer wird?"

"Das stimmt schon", bestätigte die Mutter. "Aber kannst du dir auch wirklich sicher sein, was den Thomas angeht?"

"Ja", nickte das Madl.

"Vielleicht hat er es ja auch nur aus Liebe getan ..." gab die Mutter dann ernsthaft zu bedenken.

Die Kreuzberner-Lisa war empört.

"Du meinst, er hat den Neffen vom Nerdlinger hinabstürzen lassen, um den Hof zu erben und dann vor dem Vater mehr Eindruck machen zu können?"

"Ja, und um dir mehr bieten zu können, Madl!", bestätigte die Mutter. "Schließlich hätte er sonst ja auch mit ziemlich leeren Händen dagestanden, net wahr?"

"Ach, Mutter!", erwiderte Lisa. "Du weißt doch wohl am besten, dass das für mich net wichtig gewesen wär! Ich hätt' den Thomas auch genommen, wenn er net einmal seine Berghütte besessen hätte!"

Die Frau des Sägemüllers lächelte nachsichtig.

"Schon recht, Lisa!", sagte sie dann. "Aber hat das der Thomas auch wissen können?"

Das versetzte dem Madl einen Stich.

Sie fühlte den Stachel des Zweifels, den die Worte der Mutter in ihre Seele gelegt hatten. Lisa wehrte sich dagegen, aber er war nun einmal da und ließ sich auch nicht so einfach hinwegleugnen.

Schließlich erklärte sie: "Es war doch ein Beamter von der Kriminalpolizei im Tal und alles genauestens untersucht. Wenn es also irgendeinen gerechtfertigten Zweifel an der Sach' geben würde, so wie der Thomas sie dargestellt hat, dann wäre der Mann doch net wieder abgereist, oder?"

Die Mutter versuchte ein Lächeln, das aber schwach blieb.

"Ist schon recht, Lisa", sagte die Kreuzbernerin dann.

"Ich will dir deinen Glauben an den Thomas ja auch net nehmen. Ich will dir aber auch sagen, dass man sich hüten muss, alles zu blauäugig zu sehen!"

Die Lisa atmete tief durch und wirkte auf einmal sehr in sich gekehrt.

"Ich weiß", murmelte das Madl dann. "Aber es ist net recht, einen Menschen zu verurteilen, für dessen Schuld es keinen Beweis gibt!"

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Später, als die Arbeit auf der Sägemühle für den Tag endlich getan war, kam der Franz auf die Lisa zu und sprach sie an.

Sie hatte im Stall zu tun gehabt, wo der Kreuzberner sich ein paar Hühner hielt, als er sie abpasste.

"Mei, hast du mich erschreckt, Franz!", rief das Madl aus, als sie den hoch aufgeschossenen Gehilfen des Sägemüllers so plötzlich vor sich sah.

Über das Gesicht des jungen Mannes ging ein kurzes, etwas gezwungen wirkendes Lächeln.

"Ich hoffe nur, der Schrecken war net zu groß!", meinte er etwas verlegen und die Lisa begann sich unwillkürlich zu fragen, worauf Franz jetzt eigentlich hinaus wollte.

"Ist ja nix passiert!", meinte sie. "Was gibt's denn? Ich nehme net an, dass wir uns hier so ganz aus purem Zufall treffen."

Franz schaute zur Seite. Die Lisa hatte ihn genau erkannt und das war ihm jetzt sichtlich peinlich.

Schließlich nickte er.

"Ja, da könntest du schon recht haben", bestätigte er dann. "Schau, du weißt doch, dass heute Abend im Tal Dorftanz ist und ..." Er druckste noch etwas herum und es dauerte einen Moment, bis er schließlich herausbrachte, was er zu sagen hatte. "Ich hatte den Gedanken, dass wir zwei vielleicht ..."

"Ach, Franz!", fiel ihm Lisa ins Wort. "Mit uns zweien, das wird doch nix! Schau, du bist ein netter Kerl, aber die wahre Liebe ist es halt net."

"Von meiner Seite schon!", meinte der Franz mit einem traurigen Unterton.

"Musst mir net bös sein! Aber so liegen die Dinge nun mal!", versuchte Lisa indessen zu erklären.

Der Franz zuckte die Schultern.

"Und ich hatte gehofft ..."

"Ja?", hakte Lisa mit gerunzelter Stirn nach.

Franz hob die Arme ein wenig und fuhr dann fort:

"Na ja, nachdem niemand genau weiß, ob der Thomas net auf eine Art und Weise hat zu seinem Erbe kommen wollen, die net zu billigen ist, habe ich gedacht, dass jetzt vielleicht meine Stunde schlagen könnt'!"

Lisa wurde dunkelrot und in ihrem sonst so ausgeglichenen Herzen begann es zu kochen. Sie hätte den Franz am liebsten laut angeschrien und ihm gesagt, was sie davon hielt. Aber sie beherrschte sich.

Der Franz war ja nicht schlechter als als die anderen, die auch nur das wiederholten, was sie im Wirtshaus mitbekommen hatten.

Und so sagte sie dann: "Es hat sich nix geändert. Jedenfalls net in Bezug auf uns beide, Franz."

Der Franz musterte das Madl nachdenklich und stieß schließlich hervor: "Ich wette, du triffst dich noch mit dem Leitner-Thomas, dem Lump!"

"Selbst wenn ich ihn gar net kennen würde, Franz! Selbst dann würde das mit uns nix!", behauptete sie und rieb dabei die Hände nervös aneinander.

Franz machte eine wegwerfende Bewegung.

"Das sagst jetzt nur so!"

"Nein, das ist die Wahrheit, Franz! So war ich hier stehe und bei allem, was mir heilig ist!"

Franz seufzte. Er wirkte recht niedergeschlagen und Lisa konnte das gut nachempfinden, was jetzt in ihm vorgehen musste.

Aber da konnte sie ihm auch nicht helfen. Die Wahrheit musste einmal gesagt werden, sonst machte Franz sich nur noch falsche Hoffnungen.

"Ich kann es net ändern, Franz", meinte sie und er nickte ganz leicht.

Der Franz zuckte die Achseln. Da war wohl nichts zu machen, so schien es. Und dabei hatte er sich in Gedanken schon als Sägemüller gesehen!

Mei, dachte er. Ein schöner Traum wär's gewesen! Aber wenn das Madl net will, gibt's für mich einfach nix zu gewinnen! Da kann ich anstellen, was ich will!

"Trotzdem – schad' ist es allemal!", sagte der Franz dann laut, wobei er ein etwas gezwungen wirkendes Lächeln auf-setzte.

"Ich hoffe, dass wir uns trotzdem auch in Zukunft gut verstehen", gab die Lisa ihrer Hoffnung Ausdruck.

Der Franz atmete tief durch. "Gut", meinte er schließlich, obwohl er die Sache nicht so schnell würde verwinden können.

Über Lisas Gesicht ging ein aufmunterndes Lächeln. "Wirst sehen Franz", meinte sie. "Bald wird ein anderes Dirndl über deinen Weg laufen und dann hast mich in Kürze vergessen!"

"Sagt sich so einfach", murmelte der Franz.

Ein Lächeln huschte über das hübsche Gesicht der Kreuzberner-Lisa, als sie erwiderte: "Du wirst schon sehen, dass ich am Ende recht behalten werde!"

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Am nächsten Tag tauchte der Leitner-Thomas bei der Sägemühle des Kreuzberners auf.

Er hatte sich inzwischen ganz auf seine neue Arbeit auf dem Nerdlinger-Hof konzentriert, wohnte aber noch immer in seiner Berghütte, zu der er Tag für Tag nach getaner Arbeit hinaufstieg.Und es war eine Menge zu tun. Der alte Nerdlinger hatte in der Zeit seiner Krankheit nach vielen Dingen nicht mehr schauen können und so war einiges liegen geblieben.

Der Kreuzberner und Franz sahen mit gerunzelter Stirn von ihrer Arbeit auf, als sie den jungen Bergführer auftauchen sahen.

Der Kreuzberner wischte sich mit einer raschen Bewegung den Schweiß von der Stirn und murmelte halblaut vor sich hin: "Mei, was will der denn hier? Dass der sich überhaupt noch hierher traut!"

Die Hände des Sägemüllers ballten sich unwillkürlich zu Fäusten.

"Na, was denkst du wohl!", gab der Franz dazu seinen Kommentar ab. "Dafür kann es doch wohl nur eine Erklärung geben, Kreuzberner! Deine Tochter!"

Der Kreuzberner atmete tief durch. "Und dabei hatte ich gedacht, es dem Burschen klar und deutlich gesagt zu haben, was ich von ihm halte und dass ich ihn hier net mehr sehen will!"

Als der Leitner-Thomas näher herangekommen war, schwiegen die beiden Männer und sahen mit einer Mischung aus Erwartung und Ärger zu dem jungen Bergführer hin.

"Grüß dich, Kreuzberner!", rief Thomas freundlich.

"Was gibt's?", rief der Sägemüller in einem Tonfall, der alles andere als freundlich war. "Ist zwischen uns zweien net alles gesagt worden? Hast du es immer noch net verstanden, dass du hier unerwünscht bist? Denkst wohl, du kannst hier vor meinen Augen um die Lisa herumscharwenzeln! Aber da hast dich gründlich getäuscht! Besser, du machst schnell wieder, dass du fortkommst, oder ich zeig dir mal auf handfestere Weise, wer es hier, an diesem Ort zu sagen hat!"

Wie ein wütender Stier stand der Kreuzberner da. Sein Gesicht hochrot angelaufen und der Thomas fragte sich schon, ob es nicht ein Fehler gewesen war, überhaupt hierherzukommen.

Andererseits hatte der neue Bauer auf dem Nerdlinger-Hof wohl kaum eine andere Wahl ...

"Ich bin net wegen dem Madl gekommen", erklärte der Thomas dann so ruhig es ihm in dieser aufgeladenen Situation möglich war. "Diesmal zumindest net ..."

"So?", höhnte der Kreuzberner. "Das wäre ja etwas ganz Neues! Wo du der Lisa doch sonst überall nachstellst! Aber glaub mir, das Madl weiß, was es von dir zu halten hat! Auch wenn der Gendarm dir nix beweisen kann, wissen wir alle doch, dass das net ganz astrein gewesen sein kann, was da zwischen dir und dem Nerdlinger-Christian droben in den Bergen passiert ist!"

Der Thomas musste sehr an sich halten, um nicht gleich mit ein paar unbedachten Worten herauszuplatzen, die alles nur noch schlimmer gemacht hätten.

Aber der junge Bergführer war ein besonnener Mann, und so sagte er dann, ohne weiter auf die Gehässigkeit des Kreuzberners einzugehen: "Ich bin heute bei dir, weil ich einen Sägemüller brauch!"

"So?", machte der Kreuzberner erstaunt.

"Ja. Die Scheune auf dem Nerdlinger-Hof ist baufällig. Wenn wir net bald etwas daran tun, dann wird sie womöglich noch einstürzen und viel Unheil anrichten. Darum brauch ich einige Balken. Ich habe die Maße hier auf einen Zettel geschrieben ..."

Der Kreuzberner atmete tief durch und schüttelte denn den Kopf. "Wenn du glaubst, dass einer wie du von mir auch nur ein einziges Hölzl bekommt, dann bist aber schief gewickelt, Bergführer!"

"Ich will es ja net umsonst!", erwiderte Thomas, immer noch einigermaßen gelassen, obgleich er innerlich kochte. "Ich bezahle dafür mit gutem Geld!"

"Mit dem Vermögen des Nerdlingers!", versetzte der Sägemüller.

"... das jetzt rechtlich das meinige ist!", erwiderte der Bergführer.

Der Kreuzberner nickte.

"Ja, mag schon sein. Hätt'st es ja auf jeden Fall bekommen, aber wolltest das Risiko net eingehen, vielleicht doch leer auszugehen und hast das Schlimmste getan, was ein Mensch tun kann!"

"Wie oft soll ich es noch sagen? Ich war mit dem Christian Nerdlinger net in den Bergen und ich hatte auch keine Ahnung davon, dass ich der uneheliche Sohn des Nerdlinger-Bauern bin!"

"Ich glaube das Gegenteil!", schimpfte der Kreuzberner.

"Und viele im Tal sind meiner Meinung!"

"Für das, was du sagst, gibt es keinen Beweis!", stellte Thomas indessen fest.

Der Kreuzberner zuckte mit den Schultern und entgegnete schroff: "Für das, was du gesagt hast, ebenso wenig! Und solange das so ist, bekommst du von mir net einen Holzspan zugeschnitten! Hol dir woanders, was du brauchst, aber net bei mir!"

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Der Leitner-Thomas war gerade gegangen und der Franz schaute dem Bergführer noch nachdenklich hinterdrein, da sagte plötzlich der Kreuzberner: "Soll der Kerl doch sehen, wer ihm seine Hölzl liefert! Ich jedenfalls net!"

"Die nächste Sägemühle ist ziemlich weit weg", murmelte der Franz indessen, mehr zu sich selbst als zu dem Sägemüller.

"Na und?", meinte dieser. "Dem Nerdlinger hätte ich sofort geliefert, aber keinem, der versucht, auf solch krummen Wegen zu Reichtum zu kommen!" Ludwig Kreuzberner seufzte.

"Und früher hab ich immer gedacht, der Leitner-Thomas, der hat zwar keinen Sack voll Geld, aber immerhin einen feinen und selbstlosen Charakter! Wenn es galt, jemanden aus Bergnot zu helfen, hat er nie ein Risiko gescheut und alles drangesetzt, um Menschenleben zu retten." Der Sägemüller wurde auf einmal etwas nachdenklicher. "Ich versteh das net ...", murmelte er dann. "Wie sich ein Mensch doch so verändern kann ..."

"Ja, mei ...", knurrte der Franz unterdessen und wischte sich der Hand über das Gesicht. "Lass uns wieder an die Arbeit gehen, Kreuzberner! Die tut sich auch net von allein!"

Franz hatte sich schon halb herumgewandt, aber der Kreuzberner blieb stehen und musterte seinen Gehilfen einige Augenblicke lang.

"Aber du hast dich verändert, Franz", meinte er dann plötzlich.

"Ich?", machte Franz. "Geh, du machst jetzt Witze!"

"Nein, Franz, ich meine es völlig ernst. Also, dass ist das erste Mal, seit du bei mir bist, dass du mich daran erinnerst, dass sich die Arbeit net von allein tut! Sonst war das immer umgekehrt!"

"Mei ..."

"Und überhaupt! Du bist in letzter Zeit so verschlossen und in dich gekehrt, Franz! Sonst hattest du immer ein lustiges Wörtl auf den Lippen, wenn wir hier bei der Arbeit waren. Und jetzt wirkst du immer so düster."

Franz machte eine wegwerfende Handbewegung. "Da täuschst du dich bestimmt, Kreuzberner. Ich bin genauso lustig, wie ich immer war!", behauptete der Gehilfe des Sägemüllers dann und versuchte dabei, seinen Worten den Brustton der Überzeugung zu geben.

"Na, Franz!", schüttelte der Kreuzberner den Kopf. "Dazu kenn ich dich nun doch inzwischen zu genau! Mit dir stimmt etwas net! Hängt es vielleicht mit dem Thomas und der Lisa zusammen?"

"Bei deiner Tochter hab ich keine Chancen", sagte Franz. "Vielleicht liegt das daran, dass sie den Thomas immer noch mag, ich weiß es net."

Er zuckte die Schultern. "Schad ist es schon, denn ich hab die Lisa wirklich gern. Aber Liebe lässt sich halt net erzwingen, Kreuzberner. Und deshalb werd ich mich damit abfinden müssen!"

"Und sonst?", erkundigte sich der Kreuzberner, der in Jahren, in denen der Franz jetzt schon für ihn arbeitete, für den jungen Mann so etwas wie ein väterlicher Freund geworden war.

Der Franz wirkte verstockt.

"Sonst?", fragte er. "Nix sonst!"

Der Kreuzberner wusste es besser, aber er spürte, dass der Franz jetzt nicht darüber reden wollte – aus welchem Grund auch immer. Doch irgendetwas musste da noch sein, was sein Gehilfe wie einen Stein mit sich herumschleppte. Das spürte der Kreuzberner ganz genau.

"Na ja", meinte der Kreuzberner dann schließlich und schlug dem Franz dabei freundschaftlich auf die Schulter. "Vielleicht willst ja ein anderes Mal mit mir über die Sach' ein Wörtl reden, Franz!"

"Mal schauen", murmelte der Franz.

"Ach, ehe ich es vergesse", meinte der Kreuzberner dann plötzlich. "Nachher muss noch das Holz zum Niedermayer gebracht werden!"

"Keine Sorge", erwiderte der Franz, der froh war, dass der Kreuzberner nicht weiter in ihn zu dringen versuchte. "Ich werde schon dran denken!"

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Als der Franz dann später mit dem Wagen das Holz zum Niedermayer brachte, gingen düstere Gedanken durch seinen Kopf.

Die ganzen letzten Tage schon plagten ihn diese Gedanken seit dem Tag, an dem der Nerdlinger-Christian zu Thomas Leitner gegangen war, um sich von dem jungen Bergführer die Hänge hinaufführen zu lassen.

Er wusste nämlich, dass der Leitner-Thomas die Wahrheit gesagt und mit dem Tod des Nerdlinger-Neffen nicht das Geringste zu tun hatte.

Immer wieder musste Franz daran denken, dass er an jenem Tag auf dem Weg zur Hütte des Bergführers gewesen war, um den Thomas zur Rede zu stellen.

Schließlich hatte er da noch geglaubt, die Lisa – und damit irgendwann vielleicht auch die Sägemühle – für sich gewinnen zu können.

Franz war bis auf Sichtweite an die Berghütte herangekommen, da hatte er gesehen, wie ein Besucher diese gerade eiligen Schrittes verließ: der Nerdlinger-Christian! Franz kannte dessen Gesicht nur zu gut aus dem Wirtshaus. Ein großspuriger Prahlhans war er und nicht nur ihm unangenehm aufgefallen.

Franz hatte noch gesehen, wie der Thomas versucht hatte, den Neffen des Nerdlinger-Bauern zurückzuhalten, aber der war wie ein Stier davongestapft und hatte sich nicht von seinem Weg abbringen lassen.

Erst hatte Franz seinen Weg fortsetzen wollen, aber dann hatte ihn der Mut verlassen.

Was hätte eine solche Aussprache schon bringen können, außer einem unseligen Streit?

Wenn er das Herz der Kreuzberner-Lisa nicht erringen konnte, dann nützte es ihm auch wenig, den Thomas zur Rede zu stellen.

Es war von Anfang an keine gute Idee gewesen. Und so war er wieder umgekehrt.

Später dann, als man den Nerdlinger-Christian gefunden hatte und der junge Bergführer Thomas Leitner in Verdacht geriet, hatte er allerdings geschwiegen, obgleich er es doch besser gewusst hätte, als die anderen im Tal.

Aber wenn erst einmal so ein Verdacht aufkam, so war sein Gedanke gewesen, dann würde sich die Lisa schon sehr schnell von ihrem Bergführer abwenden und ihm – dem Franz – direkt in die Arme laufen.

Aber da hatte er sich getäuscht.

Es war ganz anders gekommen. Die Lisa wollte auch jetzt nichts von dem Gehilfen des Sägemüllers wissen.

Die Angelegenheit belastete inzwischen dessen Gewissen schwer.

Aber zurück kann ich jetzt auch net mehr!, dachte der Franz bei sich. Dann müsste ich ja vor aller Welt zugeben, dass ich gelogen hab!

Für den Leitner-Thomas würden jetzt schwere Zeiten anbrechen, das konnte sich Franz nur zu gut ausmalen. Und das alles lag nur an ihm!

Mei, dachte er. Da hab ich mir was Schönes aufgeladen wegen einem Madl, das ja doch nix mit mir anfangen will!

Und während er noch so seinen düsteren Gedanken nachhing, da hatte Franz auch schon das Haus den Niedermayers erreicht.

Sebastian Niedermayer verdiente sich sein Geld damit, kunstvolle Holzfiguren zu schnitzen, die er dann ins Dorf zu einem Laden brachte, wo sie verkauft wurden.

Dazu ließ sich der Niedermayer regelmäßig Rohmaterial vom Kreuzberner bringen.

Er hatte seine sehr genauen Vorstellungen von der Beschaffenheit und der Größe der Blöcke und prüfte die Ware immer erst sehr genau, bevor er sie annahm.

Das konnte eine ganze Weile dauern und so war eine Fahrt zum Niedermayer oft recht nervenaufreibend. Deshalb schickte Ludwig Kreuzberner auch mit Vorliebe seinen Gehilfen aus, um diese Aufgabe zu erledigen.

Aber diesmal hatte Franz Glück, denn Sebastian Niedermayer war nicht daheim.

Als Franz an die Tür klopfte, war nur Rosl, die Tochter Holzschnitzers anzutreffen.

"Mei, das ist halb so schlimm", sagte sie. "Ich denke, dass ich das Holz auch annehmen kann."

"Aber dein Vater ist immer recht kritisch dabei", gab der Franz zu bedenken. "Am Ende ist er gar net einverstanden mit dem, was du für ihn angenommen hast!"

"Geh, Franz! Ein bisserl versteh ich auch davon!", erwiderte die Rosl selbstbewusst.

Rosl war ein paar Jahre jünger als der Franz, hatte goldblondes Haar und strahlend blaue Augen.

Ein blitzsauberes Dirndl war sie. Insgeheim hatte sie immer schon für den Franz geschwärmt, sich aber keine ernsthaften Hoffnungen gemacht. Schließlich wusste sie, dass der Franz ein Auge auf die Tochter des Sägemüllers geworfen hatte. Und eine Sägemühle im Hintergrund konnte die Rosl natürlich nicht bieten.

Der Franz trug das Holz herein und die Rosl suchte aus, was davon für ihren Vater zu gebrauchen war.

"Mei, Madl, du bist aber net weniger wählerisch als dein Vater!", meinte Franz dann, als sie mit der Prozedur fertig waren.

Sie zuckte die Schultern und schenkte dem Franz dann ein strahlendes Lächeln.

"Mein Vater kann halt net aus ungeeignetem Holz eine kunstvolle Figur schnitzen", erwiderte sie schließlich freundlich.

Dann runzelte sie die Stirn und musterte den Franz verwundert. Sonst war er immer vergnügt und heiter gewesen, aber heute war er anders, das spürte sie ganz deutlich.

Er schien gar nicht wirklich anwesend, sondern mit den Gedanken ganz woanders zu sein.

Rosl sah den Franz verwundert an und fragte ihn dann schließlich: "Nanu, du scheinst heut so in Gedanken zu sein, Franz!"

Der Franz hob etwas den Blick.

"Mei, sieht man mir das schon so deutlich an?"

"Freilich!"

Der Franz seufzte.

"Ja", gab er dann zu. "Da gibt's schon etwas, das mir wie Blei auf der Seele liegt ... Aber das braucht dich net zu kümmern, Madl!"

"Mei, manchmal hilft es, wenn man sich eine Sach' von der Seele reden kann!", meinte die Rosl und Franz nickte daraufhin leicht.

"Mag schon sein", gab er dann zurück. "Aber diese Angelegenheit muss ich wohl allein durchstehen!" Er blickte sich um, versuchte ein etwas heitereres Gesicht aufzusetzen und sagte dann zur Rosl: "Ich glaub, für heute haben wir alles miteinander geregelt, was es zu regeln gab!"

"Ja, ich glaub schon!", nickte Rosl.

"Dann werd ich mich jetzt wohl wieder auf den Rückweg zur Sägemühle machen."

"Wie lang wird's denn noch dauern, bis du dort das Zepter in die Hand nimmst?", fragte die Rosl dann plötzlich. Sie konnte sich einfach nicht beherrschen.

Der Franz machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Das wird nix!", erklärte er. Sein Tonfall machte deutlich, wie niedergeschlagen er war.

"Das mit der Lisa und dir?", fragte Rosl.

"Genau das!"

Aha!, dachte das Madl. Daher wehte also der Wind! Langsam begann sie zu begreifen.

"Das tut mir leid für dich!", sagte die Rosl, obwohl sie natürlich auch daran dachte, das ihre eigenen Chancen bei dem feschen Franz jetzt wieder gestiegen waren. Aber sie sah auch dessen Traurigkeit und so tat er ihr leid. Mei, ich werd ihn schon so nach und nach auf andere Gedanken bringen!, nahm sie sich insgeheim vor.

"Das braucht dir net leidzutun, Rosl! Da war net die wahre Liebe im Spiel, zwischen der Kreuzberner-Lisa und mir. Das konnt' von Anfang an nix werd'n, wenn ich's so im Nachhinein betrachte!"

Mei, wenn er das schon einmal eingesehen hat!, ging es der Rosl durch den Kopf.

Franz wandte sich zum Gehen.

"Bis demnächst, Rosl!"

"Bis demnächst!"

Rosl Niedermayer hoffte, dass es bis dahin nicht allzu lang dauern würde.

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Den ganzen Tag über hatte der Leitner-Thomas auf dem Nerdlinger-Hof geschuftet und der Gustl und die beiden anderen Knechte waren ihm dabei kräftig zur Hand gegangen.

Nein, in dieser Hinsicht konnte sich der Neubauer ganz gewiss nicht über sie beklagen.

Dafür ließen sie ihn die ganze Zeit über deutlich spüren, dass sie ihn für den Mörder des Christian Nerdlinger hielten.

Am Abend schlug das Wetter um. Regen kam auf und der Wind pfiff durch die Baumwipfel.

"Mei, wenn die Sepha noch hier wär, dann hätten wir jetzt wenigstens eine ordentliche Brotzeit nach getaner Arbeit!", maulte der Gustl.

"Die kommt schon wieder!", gab der Luis seiner Hoffnung Ausdruck. "Ein störrisches Weibsbild ist sie halt, aber am Ende hat sie noch immer nachgegeben, meinst net auch, Reinold?"

"Freilich!", murmelte Reinold, schien aber nicht so ganz bei der Sache.

Doch Gustl schüttelte den Kopf. "Diesmal net", meinte er.

"Diesmal wird sie net wiederkommen."

Der Luis runzelte die Stirn. "Woher willst das so genau wissen?"

"Ich hab's einfach im Gefühl", erwiderte der Gustl.

Sie gingen in die Stube. Von draußen war das laute Platschen des Regens zu hören.

"Mei, ein ausgewachsenes Unwetter wird das!", murmelte der Gustl bei einem Blick aus dem Fenster. Draußen war ganz finster geworden. Dunkle Wolken hingen schwer am Himmel und verhießen nichts Gutes.

"Kannst von Glück sagen, dass wir heute noch alles so gut geschafft haben, Bauer!", wandte sich Gustl dann an den Leitner-Thomas.

"Da hast sicher recht!", gab dieser einsilbig zurück und fragte sich dabei immerzu, wie er diese Männer, die jetzt für ihn arbeiteten, endlich davon überzeugen konnte, dass er kein Mörder war.

"Willst du heute noch zurück zu deiner Berghütte, Thomas?", drang Gustls Stimme in seine Gedanken.

Thomas schüttelte den Kopf.

"Nur, wenn das Wetter net mehr so schlimm ist!"

"Es wäre besser, wenn du hier bald einziehst, Leitner-Thomas, und net mehr allzu lang damit wartest. Ein Bauer sollte auf seinem Hof wohnen!"

Thomas zuckte die Achseln.

"Ich mag die Hütte da droben noch net ganz aufgeben. Noch net, verstehst?"

"Ja, das verstehe ich", nickte Gustl.

Das Wetter wurde schlimmer.

Thomas ließ die Männer in der Stube allein. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl. Es gab einfach keinen Weg, sie zu überzeugen. Ganz gleich, wie er es auch versuchen mochte, es würde den Zweifel nur vermehren.

Der junge Bergführer ging hinauf in die ehemalige Kammer des Nerdlinger-Bauern und legte sich auf das große Kiefernbett.

Er schloss ein wenig die Augen und dabei ging ihm so vieles durch den Kopf.

Die Kreuzberner-Lisa liebte ihn noch immer und würde es wohl auch weiterhin tun. Sie würde sich dabei sogar über er den Willen ihres Vaters hinwegsetzen. Aber dem Thomas wäre es trotz allem lieber gewesen, wenn es zu einem Einvernehmen gekommen wäre ...

In seinen Gedanken sah er die Lisa vor sich.

Mei, dachte er, die wahre Liebe muss sich halt auch gegen Widrigkeiten bewähren!

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Thomas hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war.

Es war der Gustl, der ihn aus dem Schlaf riss.

"Nun wach schon auf!", hörte er den Großknecht ungeduldig rufen.

Er blinzelte und öffnete die Augen. Nicht einmal das Licht hatte er ausgemacht. Einfach eingenickt war er. Aber nach dem schweren Tag war das eigentlich nicht weiter verwunderlich.

Der Bergführer setzte sich auf und hörte von draußen noch immer das Platschen des Regens. Dicke Tropfen trommelten gegen die Scheiben.

"Was ist denn los?", fragte Thomas.

"Der Kreuzberner ist unten in der Stube!", brachte der Gustl hervor und Thomas glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen.

"Was?"

"Ja, und den Franz, seinen Gehilfen, den hat er auch mitgebracht! Er will unbedingt mit dir reden! Ich hab's net so recht verstanden, aber es schien sich um eine wirklich dringende Sach zu handeln!"

"Mei, du redest wirres Zeug!" Thomas warf einen kurzen Blick zur Uhr und fuhr dann kopfschüttelnd fort: "Es ist schon nach Mitternacht! Was kann der Kreuzberner um diese Zeit schon von mir wollen – mal davon abgesehen, dass er nix mehr mit mir zu schaffen haben will und mich für einen ausgemachten Schurken hält!"

Der Gustl packte Thomas am Arm.

"Geh, red net so viel, sondern komm endlich!", forderte er den jungen Bergführer unmissverständlich auf.

Wenige Augenblicke später ging der Leitner-Thomas die Treppe hinab und betrat dann die Stube.

Ludwig Kreuzberner wirbelte herum. Der Filzhut mit dem Gamsbart, den er auf dem Kopf trug, war ganz durchnässt, ebenso wie sein Mantel.

"Wo ist sie?", rief der Sägemüller mit blitzenden blauen Augen.

"Mei, von wem sprichst du, Sägemüller?", runzelte Thomas die Stirn und warf dabei einen kurzen Blick zum Franz, der etwas abseits stand und abwartete.

"Von der Lisa natürlich, du Depp!"

"Deine Tochter ist net hier, Kreuzberner!"

"Sie war aber auf dem Weg zu dir!"

"Bist dir sicher?", fragte der Thomas ungläubig. "Bei diesem Wetter ..."

"Das Wetter war noch net so schlimm, als sie aufgebrochen ist. Und außerdem ..." Der Ludwig Kreuzberner stockte ein wenig. Er blickte zu Boden. "Mei, warum soll ich lang um den heißen Brei herumreden! Gestritten haben wir uns! Und zwar ziemlich heftig! Und dann ist sie hinausgelaufen. Ich wollt sie noch zurückhalten, aber es war net mehr mit ihr zu reden!"

"Wenn die Lisa hier net ist, dann ist sie vielleicht auf direktem Weg hinauf zur Berghütte unterwegs!", murmelte der Leitner-Thomas düster.

"Sakrament, nur das net!", flüsterte der Sägemüller.

"Aber auszuschließen wär's net! Denn normalerweise kehre ich jeden Abend dorthin zurück! Wann ist das Madl denn aufgebrochen?"

Ludwig Kreuzberner zuckte die breiten Schultern und strich sich das schütter gewordene Haar zurück.

"Mei, wann mag das gewesen sein? Vielleicht so gegen fünf?"

Thomas nickte leicht.

"Dann kann sie niemals angenommen haben, mich noch hier, auf dem Nerdlinger-Hof anzutreffen! Wenn das Unwetter net gewesen wär, dann hätt' ich mich längst auf den Weg gemacht! Also ist sie dort droben ..."

"Weißt eigentlich, was du da sagst, Bergführer!", knurrte der Kreuzberner und ballte dabei unwillkürlich die kräftigen Hände zu Fäusten. In seinen Augen blitzte es gefährlich. "Es soll dort oben einen verheerenden Erdrutsch gegeben haben ..."

"Oh, mein Gott", flüsterte der Thomas halblaut.

"Ja, zu dem ruf nur, wenn meiner Tochter was passiert sein sollt, Leitner-Thomas!", schimpfte der Kreuzberner wütend. "Ansonsten wird dir dann auch keiner mehr helfen können! Ich werd' dir jedenfalls net vergeben, dass ..."

"Kreuzberner!", funkte jetzt der Franz ziemlich energisch dazwischen. Der Sägemüller drehte sich verwundert zu seinem Gehilfen um, der so noch nie mit ihm zu reden gewagt hatte.

Doch der Franz sah den Mann, bei dem er in Lohn und Brot stand, mit sehr festem Blick an. Irgendwie fühlte der Franz sich an der ganzen Sache mitschuldig. Denn wenn er nicht die Wahrheit verschwiegen hätte, dass er den Nerdlinger-Christian allein hatte in die Berge gehen sehen, dann wäre es vielleicht zu dem Streit zwischen dem Sägemüller und seiner Tochter gar nicht gekommen.

Aber darüber konnte der Franz natürlich kein Wort verlieren.

Der Franz packte den wütenden Kreuzberner bei den Schultern.

"Wenn die Lisa wirklich da droben ist, dann brauchst die Hilfe des Bergführers dringender denn je!", erklärte er ruhig, aber sehr bestimmt. "Oder glaubst, du könntest dort allein irgendetwas ausrichten?"

Der Kreuzberner sah den jungen Bergführer einige Augenblicke lang nachdenklich an.

Dann stieß er den Franz von sich und trat einen Schritt auf Thomas zu.

"Vielleicht hat der Franz recht", sagte er. "Ich darf mein Temperament jetzt net mit mir durchgehen lassen, so schwer's mir auch immer fallen mag!" Ludwig Kreuzberner atmete tief durch. "Hilf mir, Bergführer! Ganz gleich, was ich sonst immer von dir denken mag! Aber lass mich net im Stich! Der Lisa wegen, die du doch auch gern hast ..."

"Freilich!"sagte Thomas. Der Bergführer reichte dem Kreuzberner die Hand und dieser nahm sie, wenn auch etwas zögernd.

"Dann lass uns keine Zeit verlieren!", forderte Lisas Vater ungeduldig und stemmte dabei die kräftigen Arme in die Hüften.

"Du willst, dass wir versuchen, oben zur Berghütte zu kommen!", stellte Thomas fest.

Ludwig Kreuzberner nickte.

"So ist es!", bestätigte er.

"Wenn sie die Hütte erreicht hat, dann ist sie gut aufgehoben", meinte Thomas.

Der Kreuzberner sah Thomas daraufhin nachdenklich an und fragte: "Und wenn net? Wenn sie unterwegs vom Unwetter eingeholt wurde ..."

Der Thomas erwiderte den Blick des Kreuzberners einen Augenblick klang schweigend. Dann wandte er sich herum. "Ich hole noch eben meine Jacke, dann brechen wir auf!", kündigte er an.

"Was ist mit uns?", rief Gustl, der das alles mitangehört hatte. "Soll ich net dem Reinold und den anderen Bescheid sagen? Dann wären wir doch schon eine ganz ansehnliche Suchmannschaft!"

Der junge Bergführer nickte.

"Tu das! Aber beeil dich!"

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Sechs Männer waren es, die sich in dieser Nacht auf den Weg hinauf zur Hütte des Bergführers machten.

Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber der Sturm fegte noch immer mit unverminderte Wut von den Hängen herab. Es war ein eisiger Wind, der den Männern durch Mark und Bein ging.

Schweigend stapften sie durch den aufgeweichten, morastig gewordenen Boden, der weiter oben hart und felsig werden würde.

Sie alle fühlten die Ungeduld an ihren Herzen nagen.

"Kruzifix, ist das dunkel!", schimpfte der Gustl leise vor sich hin.

Das Mondlicht war durch die dunklen Wolken so gut wie verdeckt. Und die Lampen, die die Männer mitgenommen hatten, gaben nur wenig Helligkeit.

"Mei, bist du dir auch sicher, dass wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg sind?", wandte sich indessen der Kreuzberner an Thomas Leitner.

Dieser nickte gelassen.

"Ich kenne mich aus", sagte er ruhig.

"Ich will's hoffen!", gab der Kreuzberner mürrisch zurück und atmete dabei schwer.

Thomas wandte den Kopf ein wenig zur Seite.

"Vertrau mir ruhig, Kreuzberner!", sagte er besonnen. "Mir liegt die Lisa genauso am Herzen wie dir! Das kannst mir getrost glauben!"

Sie erreichten den Hochwald und durchquerten ihn auf dem Weg, den der Thomas ihnen zeigte.

"Mei, der Sturm hat diesmal aber ziemlich zugeschlagen!", stellte der Franz indessen fest, als er einige entwurzelte oder abgeknickte Bäume bemerkte.

"Bei uns im Kreuztal gibt's keinen Strom!", warf der Kreuzberner kurz danach ziemlich besorgt ein. "Daher nehme ich auch an, dass es zu Erdrutschen gekommen ist!"

"Wir wollen es net hoffen!", murmelte Thomas fast tonlos.

Die Stimme des Kreuzberners bekam einen drohenden Unterton. "Aber eins sag ich dir schon jetzt, Bergführer!", schimpfte er ziemlich unwirsch. "Wenn dem Madl etwas passiert sein sollt, dann werd ich dir das net verzeihen! Hast mich gehört?"

"Red net so viel, Kreuzberner!", mischte sich jetzt der Franz ein, noch ehe Thomas auch nur ein einziges Wort hatte sagen können.

Der Kreuzberner runzelte die Stirn und blickte seinen Gehilfen ein wenig verstört an.

"Mei, wie red'st denn eigentlich mit mir, Franz!", empörte sich der Sägemüller kopfschüttelnd. "Was fällt dir überhaupt ein!"

"Ich werde ja wohl mal ein Wörtl sagen dürfen, Kreuzberner!", verteidigte sich der Franz schulterzuckend und eher halbherzig.

Wenn sie nur das Madl bald fanden!

Das konnte den ganzen Hader auflösen!

Ächzend mühten sich die Männer die rutschigen Hänge hinauf. Es wurde jetzt zunehmend schwieriger. Einmal glitt der Gustl böse aus und nur das beherzte, schnelle Zugreifen des Leitner-Thomas bewahrte ihn davor, einige Dutzend Meter weit den Hang hinabzugleiten.

Der Regen war indessen fast ganz verebbt.Doch die dunklen Wolken machten die Nacht noch immer so finster, dass außer Thomas niemand mit Genauigkeit hätte sagen können, wo sich die Gruppe eigentlich befand.

Eine gute Stunde verging, dann blieb der Thomas plötzlich stehen und blickte sich um.

"Was gibt's, Bergführer?", rief der Kreuzberner. "Müssten wir net längst bei deiner verfluchten Hütte sein? Ich war ja net oft dort, aber ..."

"Wir sind da!", sagte Thomas fast tonlos.

Der Kreuzberner hob seine Lampe und ließ den Blick angestrengt umherschweifen.

"Und deine Hütte?", fragte er schließlich.

"Die steht net mehr, Kreuzberner", erwiderte Thomas. "Es hat hier offenbar einen Erdrutsch gegeben, der alles unter sich begraben hat! Dort vom gegenüberliegenden Hang muss es herabgekommen sein!"

Dem Kreuzberner stand der Mund offen vor Entsetzen.

"Mein Gott", flüsterte er.

Einige Augenblicke lang sagte keiner der Männer auch nur ein einziges Wort. Zu furchtbar war das, was sich hier oben zugetragen haben musste.

Der Erste, der dann wieder den Mund aufmachte, war der Kreuzberner. In seiner Stimme schwang ungebändigte Wut mit, die gefährlich aufloderte.

"Es reicht also net, dass du schon einen Menschen, den Nerdlinger-Christian nämlich, auf dem Gewissen hast! Nun kommt auch noch meine Tochter hinzu!"

Thomas wandte den Kopf zu dem aufgebrachten Sägemüller, und wollte etwas erwidern.

Aber ein Kloß saß ihm im Hals und verhinderte, dass ihm nicht auch nur ein einziges Wort über die Lippen ging.

Stattdessen fuhr der Sägemüller fort: "Oder ist es etwa net so, dass das arme Madl hier unten unter diesen Massen aus Schlamm und Geröll begraben liegt? Und das nur, weil du sie völlig narrisch gemacht hast!"

"Kreuzberner!", mischte sich Franz ein. "Du tust dem Thomas Unrecht! So glaub mir doch! Du bist es doch, der völlig narrisch geworden ist vor lauter Schmerz und gar net mehr weiß, was er dahersagt!"

Der Sägemüller fuhr herum.

"Ach, ja? Ich verstehe net, weshalb du diesen Schurken auch noch in Schutz nimmst! Ich dachte, du hattest das Madl auch ein bisserl gern!", kam es sehr bitter aus dem Mund des Sägemüllers, dessen beide Hände unwillkürlich zu Fäusten geballt waren.

"Wenn der Thomas Schuld ist, dann bist du es auch, Kreuzberner! Denn wenn du am Abend mit deiner Tochter keinen Streit gehabt hättest, dann wär das Madl auch am Abend net mehr aufgebrochen!"

"Willst du mich etwa zurechtweisen, Franz?", rief der Kreuzberner recht aufgebracht.

Der Franz blickte zur Seite. Der Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht.

"Das net ...", sagte er kleinlaut.

Der Kreuzberner hob die Arme.

"Na, also!", meinte er.

Der Franz atmete tief durch. "Und wer sagt überhaupt, dass die Lisa bei diesem Erdrutsch umgekommen ist! Wir wissen nur, dass die Hütte des Leitner-Thomas net mehr steht ..."

Das Gesicht des Sägemüllers wurde sehr düster.

"Wenn das Madl zu der Zeit hier oben war, dann hatte sie net die geringste Möglichkeit davonzukommen!" Er blickte zu Thomas hinüber. "Das wirst auch du sicher net abstreiten wollen, was, Bergführer?"

"Nein, natürlich net", murmelte Thomas kleinlaut. Er wusste, dass der Sägemüller recht hatte und konnte dessen Schmerz nur zu gut verstehen.

Und doch wollte er einfach net daran glauben, dass das Madl, das er liebte, nicht mehr am Leben war.

Er rang verzweifelt mit den Armen.

"Vielleicht war das Dirndl ja noch gar net hier oben angelangt, als das Verhängnis seinen Lauf nahm!", meinte der junge Bergführer schwach.

Aber auch ihm erschien diese Möglichkeit alles andere als wahrscheinlich zu sein.

Der Kreuzberner wollte gerade wütend losschimpfen, aber da kam ihm einer der anderen Männer zuvor.

Es war der Reinold.

"Ich habe etwas gefunden!", rief der Knecht vom Nerdlinger-Hof aufgeregt und die anderen wandten sich zu ihm herum.

Reinold hielt ein Stück Stoff in der Hand, das der Wind hin und her flattern ließ wie ein kleines Fähnlein.

Der Kreuzberner ging mit ziemlich energischen Schritten auf den Knecht zu und forderte: "Nun zeig schon her, was du da hast!"

"Es ist ein Taschentuch!", gab Reinold Auskunft, bevor es ihm der Kreuzberner aus der Hand riss.

Der Sägemüller untersuchte das Taschentuch eingehend und wurde auf einmal stumm.

Dann murmelte er, nach längerer Pause mit erstickter Stimme: "Es gehört der Lisa! Ihre Initialen sind hineingestickt!"

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Für den Ludwig Kreuzberner war nun das Maß des Erträglichen endgültig voll. Der Sägemüller konnte seine Gefühle jetzt einfach nicht mehr länger zurückhalten, sondern ließ ihnen freien Lauf.

Mit schnellen, entschlossenen Schritten kam er auf Thomas zu und packte den jungen Bergführer roh am Kragen. "Das sollst du mir bezahlen!", krächzte Ludwig Kreuzberner dabei drohend. Seine Stimme zitterte vor ohnmächtiger Wut und die Stirn war gesenkt wie bei einem Stier.

"Kreuzberner! Nimm doch Vernunft an!", versuchte Thomas den wild gewordenen Sägemüller zu beschwichtigen.

Doch vergebens! Zu groß war der Schmerz, den dieser jetzt empfand.

"Vernunft annehmen? Ich? Du meinst ich soll alles auf sich beruhen lassen, Leitner!" Ludwig Kreuzberner schüttelte energisch den Kopf, "Das tät dir so passen, du Hund, vermaledeiter!"

Der Kreuzberner holte zu einem furchtbaren Schlag aus, aber Thomas wich aus und stieß den Sägemüller zu Boden.

"Jetzt lass es genug sein!", versuchte Thomas sein Gegenüber zu beruhigen.

Aber das war zwecklos. Der Kreuzberner schien nicht mehr zu wissen, was er tat.

Er rappelte sich wieder hoch und wollte sich erneut auf den jungen Bergführer stürzen.

Aber da waren Gustl und Reinold bereits zur Stelle und packten den wütenden Sägemüller jeweils an einem Arm. Sie hatten dabei alle Hände voll zu tun, den kräftigen Mann zu einigermaßen zu bändigen.

"Komm doch endlich zu dir, Kreuzberner!", rief der Gustl keuchend.

"Was fällt euch ein!", schnaubte da der Kreuzberner. "Lasst mich gefälligst los!"

"Nix da! Net bevor du dich net wieder vollständig in der Gewalt hast!", kam es daraufhin vom Gustl.

Der Kreuzberner machte einen letzten Versuch, sich von den beiden Knechten des Nerdlinger-Hofes loszureißen und atmete dann tief durch.

"Das bringt dir deine Tochter auch net wieder, Kreuzberner!", stellte Gustl fest.

Der Sägemüller bedachte den Großknecht mit einem giftigen Blick. Er atmete schwer. Die Rauferei hatte auch ihn angestrengt.

"Was habt ihr zwei schon zu der Sach' zu sagen, wo ihr doch bei diesem ..." Der Kreuzberner stockte und suchte offenbar nach dem passendem Wort. "... diesem Mörder in Lohn und Brot steht!" Er funkelte die beiden böse an und stieß dann hervor: "Kruzifix nochmal, ihr könnt mich ruhig loslassen! Ich werde eurem Leitner-Thomas net ein einziges Haar krümmen, darauf habt ihr mein Wort!"

Gustl und Reinold schienen den Worten des Sägemüllers nicht so recht Glauben schenken zu wollen. Sie sahen fragend zu Thomas hinüber.

"Lasst ihn los!", sagte der junge Bergführer gelassen. Gustl und Reinold gehorchten, schienen aber damit zu rechnen, dass der Sägemüller sich schon im nächsten Moment wieder auf den Bergführer stürzte.

Doch das tat er nicht.

"Ich werd mich net an dir vergreifen, Leitner-Thomas, obwohl du es hundertmal verdient hättest!" Seine Hand deutete gegen den düsteren Himmel und er fuhr fort: "Ein anderer wird dich dereinst richten! Einer, dem keine Schuld verborgen bleibt!"

Der Franz war es, der das unangenehme Schweigen schließlich brach, das einige Momente lang über den Männern gelastet hatte.

"Lasst uns lieber die Gegend absuchen! Vielleicht ..." Als er dem Blick des Kreuzberners begegnete, sprach er nicht weiter.

Der Sägemüller wandte sich dann herum und ging schnurstraks in die Dunkelheit hinein.

"Bleib doch hier, Kreuzberner!", rief ihm Thomas noch hinterher.

"Den Rückweg werde ich schon noch ohne dich finden, Bergführer!", schimpfte der Sägemüller zurück, ohne sich dabei noch einmal umzudrehen oder darauf zu achten, ob der Franz ihm folgte. "Deine Hilfe brauche ich jedenfalls net mehr, Leitner!"

Der Kreuzberner verschwand in der Dunkelheit.

"Ich glaub, ich werd ihm besser nachgehen und etwas zu beruhigen versuchen!", meldete sich in diesem Moment der Franz zu Wort.

Thomas nickte.

"Ja, tu das! Er ist ja ganz außer sich, der Sägemüller!"

"Er meint es net so", versuchte der Franz die Sache abzuschwächen.

"Doch", erwiderte Thomas. "Genauso meint er es! So und net anders! Aber irgendwie kann ich ihn auch verstehen ..."

Dann folgte der Franz dem Kreuzberner mit schnellen Schritten, um ihn so bald wie möglich einzuholen.

"Und, Thomas?", fragte der Gustl in die Stille hinein.

"Wie soll es jetzt weitergehen?" Reinold und Luis standen etwas abseits und blickten den jungen Bergführer abwartend an.

"Ich werde mich noch ein wenig hier oben umsehen!", sagte der Thomas entschlossen. Und sein Tonfall verriet, dass er sich durch nichts davon würde abhalten lassen.

"In dieser Dunkelheit? Was willst da denn finden?", maulte der Reinold.

"Du kannst ja umkehren!", erwiderte der Leitner-Thomas daraufhin etwas schroffer, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

"So war das net gemeint ...", druckste der Reinold dann herum und blickte schulterzuckend zum Gustl. "Mei, nun sag du doch einmal etwas! Oder ist es net so, dass wir alle dasselbe denken?"

Thomas Leitner trat ein paar Schritte vor.

Sein Blick ging von einem zum anderen.

"So?", fragte er. "Was denkt ihr denn?"

Gustl legte dem Bergführer eine Hand auf die Schulter.

"Du hast das Madl sehr lieb gehabt und deshalb magst einfach net glauben, was passiert ist ... Aber irgendwann musst du der Wahrheit ins Auge schauen!"

"Der Wahrheit?", fragte der Thomas stirnrunzelnd.

"Es hat hier einen Erdrutsch gegeben. Von deiner Hütte ist nix mehr zu sehen und die Lisa ist hier gewesen, das beweist das Taschentuch!"

Der junge Bergführer hatte jetzt begriffen, was der andere meinte.

Er nickte nachdenklich mit dem Kopf und fuhr sich mit der Hand über das müde Gesicht.

"Ihr meint, es ist sinnlos weiterzusuchen, net wahr?", stellte Thomas dann leise fest. Und?, fragte er sich selbst stumm. Hatten sie nicht recht?

"Ich wünschte, es wäre anders", entgegnete der Gustl.

Thomas atmete tief durch und schüttelte dann energisch den Kopf.

"Ich such auch allein weiter! Durch nix und niemanden werd ich mich davon abhalten lassen! Ich weiß, dass kaum eine Chance besteht. Aber ich muss es versuchen! Sonst tät ich mir ewig Vorwürfe machen!"

"Thomas ...", murmelte der Gustl.

"Was ist?", fragte der Angesprochene ungerührt. "Kommt ihr mit, oder kehrt ihr um?"

Die drei Knechte vom Nerdlinger-Hof sahen sich kurz an.

Und das kurze Nicken vom Gustl besiegelte es dann.

"Wir bleiben bei dir", verkündete er schließlich.

"Allein lassen werden wir dich net – net in dieser Lage!"

"Gut", sagte Thomas erleichtert. Dann wandte er sich an Reinold. "Sag schon, wo genau hast das Taschentuch von der Lisa aufgefunden?"

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"Mei, weißt du noch, wo wir jetzt eigentlich sind?", brach Ludwig Kreuzberner das Schweigen, nachdem er zusammen mit dem Franz lange Zeit gegangen war, ohne dass einer der beiden Männer auch nur ein einziges Wort gesagt hätte.

Der Franz blieb stehen und blickte über die umliegenden Hänge und Gipfel, die wie drohende Schatten in der Dunkelheit standen. Der Kreuzberner blieb ebenfalls stehen und tat dasselbe.

"Na", murmelte der Franz dann kopfschüttelnd. "Ich glaub fast, wir sind an dieser Stelle schon gewesen!"

"Bist dir sicher, Franz?"

"Sicher net, aber ..." Der Franz zuckte mit den Achseln und setzte dann seufzend hinzu: "Wir hätten halt beim Leitner-Thomas bleiben sollen! Der kennt sich hier oben eben besser aus als wir!"

Der Kreuzberner fuhr herum.

"Kruzifix, dass du diesen Namen wieder in den Mund nehmen musst!", schimpfte er.

"Aber es ist doch wahr!", behauptete der Franz schulterzuckend.

Der Kreuzberner seufzte schwer.

"Hat er net genug angerichtet?", meinte er düster und fügte dann bitter hinzu: "Aber dich scheint das ja net im Geringsten zu kümmern!"

Dann folgte eine Pause.

Der Kreuzberner blickte sich weiter um und hob dann hilflos die Arme. "In welche Richtung sollen wir nun, Franz? Was meinst du? Vielleicht dort drüben hin?" Er deutete mit dem ausgestreckten Arm, aber der Franz schüttelte da nur den Kopf.

"Von dort sind wir gekommen, Kreuzberner!", war er überzeugt.

"Und was sollen wir jetzt machen? Vielleicht warten, bis der Morgen graut und wir wieder klar sehen können?"

"Das Schlechteste wär es net!", nickte Franz.

Der Kreuzberner ließ sich auf einem Felsbrocken nieder und barg für kurze Zeit das Gesicht in den großen, kräftigen Händen.

Dann blickte er schließlich auf und fragte: "Mei, was soll ich nur meiner Frau sagen, wenn ich nach Hause komme? Dass das Madl jetzt unter einer Geröll-Lawine begraben liegt und net mehr zurückkommen wird?"

Der Franz setzte sich zum Kreuzberner.

Ein Kloß steckte dem Gehilfen des Sägemüllers im Hals, aber schließlich fand er doch noch ein paar Worte.

"Kreuzberner, ich weiß, wie dich das trifft ...", versuchte der Franz den Kreuzberner dann zu trösten, obwohl er wusste, dass es sinnlos war.

"So, weißt das wirklich?", schnaubte der Sägemüller daraufhin. "Nix Schlimmeres gibt's auf der Welt, als sein eigenes Kind zu verlieren! Hast darüber überhaupt schon einmal nachgedacht, Franz?"

"Gewiss!"

"Und das alles nur wegen dem Leitner-Thomas, diesem Schurken!"

Der Franz seufzte und überlegte, ob er sich ein Herz fassen und dem Kreuzberner nun endlich die Wahrheit sagen sollte.

Er rang noch mit sich und gab sich dann einen Ruck. Es musste einmal heraus, auch um sich selbst zu erleichtern.

"Zum Leitner-Thomas muss ich dir etwas sagen, Kreuzberner ...", begann er zögernd. "Ich hätte sicher besser daran getan, es schon längst zu sagen, aber ..."

Ludwig Kreuzberner wandte sich langsam zum Franz herum, der auf einmal verstummt war.

"Heraus damit! Was druckst du so herum, Franz?"

"Alle denken, dass der Leitner-Thomas für den Tod des Nerdlingers verantwortlich ist ...", nahm der Franz einen erneuten Anlauf.

"Na, und?", rief der Kreuzberner. "Ist er das etwa net! Willst mir vielleicht erzählen, der ach so saubere Bergführer hätte nix damit zu tun?"

Franz nickte.

"Genau das!", bestätigte er und der Sägemüller glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. "An dem Tag, als der Christian Nerdlinger angeblich mit dem Thomas in die Berge gegangen ist, war ich dort oben, bei seiner Hütte ..."

"Du auch?", fragte der Kreuzberner. "Ich hab dich net gesehen!"

"Wütend wie ein Stier bist dahergelaufen, Kreuzberner! Du hättest an dem Tag niemanden gesehen!"

"Hm", machte der Kreuzberner.

"Du hast gesehen, wie der Christian Nerdlinger zum Leitner-Thomas hinaufstieg und dann angenommen, dass die beiden auch zusammen die Hänge hinaufgestiegen sind."

"Und? War es denn net so?"

"Nein, es war net so, Kreuzberner. Die beiden haben sich unterhalten und dann ist der Nerdlinger allein weitergezogen. Es schien, als wollte Thomas ihn sogar zurückhalten, aber dieser Stadtmensch hat net auf ihn hören wollen. So und net anders war es!"

"Und was hast du da droben für eine Rolle gespielt, Franz?"

"Ich wollt den Thomas wegen der Lisa zur Red stellen und ihm klarmachen, dass er sie in Ruhe lassen soll. Aber das hab ich dann doch net getan. Und später hab ich nix über das gesagt, was ich gesehen hab, weil ich gedacht hab, dass die Lisa nix mehr vom Thomas wissen will, wenn erst einmal ein so furchtbarer Verdacht aufkommt!"

Der Kreuzberner musterte seinen Gehilfen mit einem nachdenklichen Blick und nickte dann. "Ich verstehe", murmelte er traurig. "Ich hab dem jungen Bergführer unwissentlich Unrecht getan – aber meine Tochter bringt mir diese Erkenntnis auch net wieder!"

"Nein", gestand der Franz betreten. "Das vermag wohl niemand mehr, Kreuzberner!"

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"Wir haben wirklich alles abgesucht hier in der Umgegend", stellte der Gustl mit einem Seufzer fest, während Thomas Leitner starr in die Ferne blickte, wo sich die ersten Sonnenstrahlen ganz zaghaft hinter den Berggipfeln hervorstahlen.

Das Wetter hatte sich indessen merklich gebessert.

So schnell der Unwetter-Spuk gekommen war, so schnell war er auch wieder gegangen. Die Natur hatte sich wieder beruhigt.

"Du kannst dir net vorwerfen, etwas unversucht gelassen zu haben!", fuhr der Großknecht vom Nerdlinger-Hof dann fort.

"Thomas, es hat keinen Sinn mehr! Da können wir nix mehr ausrichten!"

Der Thomas seufzte.

"Ich mag es noch immer net glauben!"

"Das kann ich verstehen! Es ist zu furchtbar, um es fassen zu können."

"Ich weiß net warum, aber ich spüre, dass die Lisa noch lebt!"

"Geh, mach dich net narrisch, Thomas!", erwiderte Gustl und wandte sich an die beiden anderen Männer.

Der Reinold und der Luis hatten sich mit müden Gesichtern auf einem dicken Felsbrocken niedergelassen. Die Strapazen der nächtlichen Suche waren ihnen an den Gesichtern abzulesen.

Der Gustl sprach schließlich aus, was auch die beiden anderen Männer dachten.

"Es hat keinen Sinn mehr, Thomas!", stellte der Großknecht fest. "Wir kehren um!"

Luis und Reinold nickten zustimmend.

"Gut", sagte Thomas daraufhin. "Tut das."

"Und was ist mit dir?", fragte Gustl stirnrunzelnd.

Thomas musterte seinen Großknecht nachdenklich und sagte dann: "Ich bleibe noch hier."

"Aber ...", wollte der Gustl ansetzen, doch Thomas schnitt ihm das Wort ab.

"Ich nehm's euch net übel, wenn ihr jetzt hinabsteigt! Bei der Helligkeit werdet ihr den Weg zurück zum Nerdlinger-Hof ja wohl doch auch ohne Schwierigkeiten allein finden, net wahr?"

"Aber gewiss!", nickte der Gustl. "Aber darum geht es auch net!"

"Ich komme später nach!", versprach der Leitner Thomas.

Gustl zuckte die Achseln und wandte sich dann an die beiden anderen.

"Kommt! Lasst uns hinabsteigen!"

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Sie gingen den schmalen Grat entlang, den sie gekommen waren.

Zwischendurch drehten sie sich noch einmal herum und sahen zu dem jungen Bergführer hinüber. Aber der hatte keinerlei Augen für sie.

Seine Gedanken waren bei Lisa.

Sie war bei der Berghütte gewesen, das bewies das Taschentuch. Aber vielleicht war sie erst dort gewesen, als das Unglück schon passiert und die Geröll- und Schlammlawine alles unter sich begraben hatte!

Wie anders war es erklärlich, dass das Taschentuch überhaupt hatte aufgefunden werden können!

Und dann?, fragte sich der Bergführer.

Was war dann geschehen, als die Lisa gesehen hatte, dass es die Hütte nicht mehr gab, in der sie Unterschlupf hatte suchen wollen?

Sie musste versucht haben, irgendwo einen Ort zu finden, an dem sie das Unwetter überstehen konnte.

Aber die Umgegend hatte er zusammen mit den drei Knechten vom Nerdlinger-Hof eingehend abgesucht.

Nein, hier ist sie net!, war es dem Leitner-Thomas klar.

Aber wo konnte sie sich dann hingewandt haben, um dem Unwetter zu entgehen?

Das Madl war eine gute Kletterin, die von klein auf gern in den Felsen herumgestiegen war. Warum sollte sie also nicht hinaufgestiegen sein, um in einer der Höhlen Unterschlupf zu suchen?

Der junge Bergführer jedenfalls hatte so etwas schon des Öfteren getan, warum also nicht auch die Lisa?

Thomas machte sich also an den anstrengenden Aufstieg, hinauf zu den Felsen. Es gab einige Höhlen und Spalten, die in Frage kamen.

Auf einem schmalen Stieg kam er hinauf und trat vorsichtig an einer schroffen Felswand entlang. Der Untergrund war noch glitschig vom Regen. Jeder, der sich hier hinaufwagte, musste auf der Hut sein und ein Ungeübter konnte leicht ausgleiten und hinabstürzen.

Die Ungeduld des Leitner-Thomas wuchs. Trotzdem dauerte es noch eine ganze Weile, bis er die erste der Höhlen erreichte, die in Frage kam.

"Lisa!", rief der junge Bergführer und das Echo wiederholte seinen Ruf mehrmals.

Er wartete auf eine Antwort, doch er lauschte vergebens.

Die Höhle war nicht groß. Der größte Teil war vom Eingang aus zu übersehen. Nein, das Madl war nicht hier.

Wenn die Kreuzberner-Lisa hier nicht war, dann kam eigentlich nur noch die Höhle am Teufelsgrat in Frage – für einen geübten Kletterer vielleicht eine Viertelstunde entfernt.

Thomas wollte sich sogleich auf den Weg machen, da erhielt er plötzlich doch noch eine Antwort auf seinen Ruf!

"Hier!", rief eine Stimme. Es war unzweifelhaft die Stimme einer Frau. Lisas Stimme!

Aber der Ruf kam nicht aus der Höhle, sondern von weiter unten!

Der Thomas stand auf dem schmalen Stieg und blickte hinab in die Tiefe. "Lisa!", rief er. "Madl, wo bist du denn, um Himmels willen?"

Das Echo machte die Worte des jungen Bergführers so gut wie unverständlich.

"Hilfe!", kam es verzweifelt aus der Tiefe zurück. "Ich bin hier unten!"

Der Bergführer blickte hinab, sah aber keine Spur von irgendeiner Menschenseele.

Und dann fiel es dem Thomas wie Schuppen von den Augen!

Er wusste, dass es ein paar Meter unterhalb des Stiegs, auf dem er sich befand, einen Felsvorsprung gab, der von oben nicht einsehbar war.

Dort musste das Madl sein!

Doch wie war es nur dorthin gelangt? Die Stelle war nämlich alles andere als leicht erreichbar – selbst für einen geübten und erfahrenen Kletterer wie den Leitner-Thomas.

"Lisa! Bist du verletzt?", rief der Thomas.

"Ein bisserl! Mein Fuß ...", rief das Madl zurück. "Bist du es, Thomas?"

"Ja, freilich bin ich es!", rief der junge Bergführer zurück. Nun konnte es nicht mehr den geringsten Zweifel geben! Das Madl lebte!

"Mei, ich dachte schon, es kommt niemand mehr!", bekannte die Lisa dann.

"Warte nur! Ich komme zu dir hinunter!", rief der junge Bergführer. Und dabei überlegte er fieberhaft, auf welchem Weg er am besten hinabgelangen konnte.

Das war keine leichte Sache.

Auf direktem Weg hinunterzugelangen war nicht möglich.

Dazu hatte er auch gar nicht die richtige Ausrüstung mit. So musste er einen kleinen Umweg machen.

Er ging den Stieg entlang und kletterte an einer günstigen Stelle ein Stück hinab.

Jetzt konnte er das Madl auf dem Felsvorsprung sehen.

Und sie sah ihn.

"Thomas!", rief sie zu ihm herüber.

Mit geübten Schritten kam der Thomas so schnell wie möglich zu ihr hinauf, schien dabei allerdings die nötige Vorsicht zu vergessen.

Ein paar Gesteinsbrocken bröckelten plötzlich ab und fielen in die Tiefe.

Dutzende von Metern ging es steil hinab.

Ein letztes Stück hatte der junge Bergführer noch zu überwinden, dann war er auf dem Felsvorsprung angelangt, auf den es die Kreuzberner-Lisa verschlagen hatte.

Sie kauerte auf dem Boden. Der Thomas beugte sich über sie und nahm sie in den Arm.

"Mei, Lisa!", flüsterte der Thomas und drückte das Madl innig.

"Thomas!", rief sie und aus ihrer Stimme klang viel von der Erleichterung heraus, die sie empfand.

Der Thomas sah sie an.

Ganz durchnässt war sie. Der junge Bergführer strich ihr die feuchten Strähnen aus dem Gesicht und murmelte: "Ich bin froh, dass du noch am leben bist, Madl!"

"Mei, warum sollt ich denn net mehr am Leben sein?", fragte das Dirndl unbekümmert.

"Alle haben das gedacht, Lisa", berichtete der junge Bergführer. In seiner Stimme war deutlich die Freude zu hören, die er empfand. "Du warst auf dem Weg zur Berghütte, net wahr?"

"Ja. Ziemlich heftig hab ich mich mit meinem Vater gestritten. Es ging um dich. Er glaubt, dass du ein Halunke bist und findet, dass ich etwas Besseres verdient hätt'!"

Thomas nickte.

"Ja, und dann kam das Unwetter!"

"Genau! Ich bin net so schnell vorangekommen. Eigentlich hätt' ich gar net losgehen dürfen. Ein bisserl kenn ich ja nun auch von den Bergen und weiß, wann man besser daheim bleibt, gell?"

Der Thomas fragte: "Aber du musst doch bei der Hütte gewesen sein, Lisa!" Er holte das Taschentuch hervor, das Initialen des Madls eingestickt trug. "Hier, dies war dort zu finden! Wie hast den Erdrutsch überleben können?"

Sie lächelte.

"Mei, ich war auch dort! Jedenfalls habe ich angenommen, dass es dieselbe Stelle war, an der deine Hütte hätt' stehen müssen."

"Aber es war schon nix mehr da!", vollendete der Leitner-Thomas leicht nickend.

"So ist es", sagte die Lisa. "Aber das Wetter hat noch so schlimm gewütet, dass ich mich irgendwo in der Nähe hab unterstellen wollen. So bin ich hinaufgeklettert, um zu einer der Höhlen zu kommen. Und dann, auf dem schmalen Steig, da bin ich abgerutscht."

"Jesses!", machte der Thomas. Etwas in der Art hatte er sich schon gedacht.

Aber nun würde ja wohl alles doch noch ein glückliches Ende nehmen.

Die Lisa lachte herzerfrischend.

"Ein Glück, dass ich einen Strauch zu fassen gekriegt hab und dann hier gelandet bin!"

"Es hätt' mich auch schwer gewundert, wie du dir sonst einen solchen Ort als Unterschlupf hättest aussuchen können, Madl!"

"Ja, das ist wahr, Thomas!"

Der Bergführer untersuchte ihren Fuß.

"Ist es schlimm?", fragte er.

"Na, ich glaub net, dass was gebrochen ist. Aber auftreten kann ich net mehr, und ans Klettern mag ich gar net erst denken! Es wird wahrscheinlich wieder das Fußgelenk sein. Verstaucht, nehme ich an. Und wenn so etwas erst einmal angeknackst ist, dann trifft's einen dort immer wieder!"

"Zu zweit werden wir das schon schaffen!", war der Thomas zuversichtlich. Und das Madl sah ihn mit einem warmherzigen und dankbaren Blick an. War sie froh, nicht mehr allein hier oben zu sein, mit der ungewissen Hoffnung, dass vielleicht irgendwann jemand vorbeikäme, der ihr helfen konnte!

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Es war nicht leicht. Aber der Thomas griff dem Madl unter die Arme und zu zweit schafften sie schließlich auch das schwierige Stück bis hinauf zu dem schmalen Stieg.

Von da an ging es leichter, aber schnell kamen sie auch jetzt nicht voran.

"Wenn ich statt zur Hütte zum Nerdlinger-Hof gekommen wäre, wäre das alles net passiert!", meinte das Madl. "Als ich sah, dass es einen Erdrutsch gegeben hat, habe ich so sehr gehofft, dass du noch auf dem Nerdlinger-Hof geblieben bist!"

"Ja, es war viel zu tun. Das war mein Glück!", erwiderte Thomas. "Sonst hätte ich in meiner Hütte wohl ein tiefes Grab gefunden! Alles weggerissen hat die Lawine aus Schlamm und Geröll!"

Tief sog die Lisa die klare Luft ein und meinte dann:

"Jetzt wirkt sie so friedlich, die Bergwelt! So, als könnte so etwas überhaupt net geschehen! Net in hundert oder noch mehr Jahren!"

Thomas konnte gut nachempfinden, was Lisa dachte.

"Da hat sich schon so mancher getäuscht!", sagte der junge Bergführer dazu.

"Ja", murmelte sie ergriffen.

Dann fasste Thomas das Madl plötzlich bei den Schultern und sagte mit fester Stimme: "Was ist, Lisa? Hast net Lust, schon bald Bäuerin auf dem Nerdlinger-Hof zu werden?"

"Net erst im Frühjahr, wie wir's verabredet haben?"

Der Thomas zuckte die Achseln.

"Ich mag net mehr so lang warten!"

"Thomas!", rief das Madl mit einem freudigen Lächeln um die Lippen.

Und der junge Bergführer sagte auf seine ruhige, besonnene Art: "Dein Vater kann dazu sagen, was er will! Wir zwei, wir gehören zusammen, meinst net auch? Und wenn wir bis zum Frühjahr warten – wer weiß, vielleicht haben dich die Leute vom Kreuztal bis dahin mit ihrem Gered' schon so narrisch gemacht, dass du mir von der Fahne gehst!"

"Ach, geh!", machte das Madl und schüttelte den Kopf. Wie konnte er an so etwas überhaupt auch nur denken!

Er sah sie fragend an.

"Also, was ist? Wird geheiratet?"

"Gewiss doch!", erwiderte Lisa und schlang dem Thomas die schlanken Arme um den Hals. Gleich ließ sie wieder von ihm ab und stöhnte auf, denn sie war aus Versehen auf den verletzten Fuß aufgetreten.

Doch Thomas' kräftige Arme hielten sie sicher fest.

"Mag dich auch sonst jeder für einen Schurken halten und dir zutrauen, den Christian Nerdlinger ins Verderben geführt zu haben! Ich habe dir von Anfang an geglaubt und daran wird sich auch in Zukunft nix ändern ..."

"Ganz bestimmt net?", fragte der Thomas und in seinen Tonfall stahl sich ein nun doch ein ganz leiser Zweifel hinein.

Aber die Lisa schien genau zu wissen, was sie sagte.

Sie sah den jungen Bergführer fest an. Und ihre hellen blauen Augen leuchteten dabei.

"Ganz bestimmt net, Thomas!", sagte sie dann schließlich.

"Ich vertraue dir! Und wenn ich das net könnt', dann wär's ja wohl auch kaum die wahre Liebe zwischen uns beiden, net wahr?"

"Mei, das ist wahr!"

"Na, siehst!"

Sie küssten sich voller Leidenschaft. Als sie sich endlich voneinander lösten, fragte die Lisa: "Und wann dachtest du, sollte es so weit sein?"

"In wenigen Wochen will ich mit dir vor den Altar!"

"Ich glaub net, dass mein Vater die Hochzeit ausrichten wird!", gab das Madl ein wenig betrübt zu bedenken, denn die Tatsache, dass sie sich mit ihm nun entzweit hatte, warf einen Schatten auf ihr Glück.

"Wenn er net über seinen Schatten springen kann, der Kreuzberner-Ludwig, dann werden wir halt auf den Nerdlinger-Hof einladen! Da kann man genauso gut eine zünftige Hochzeit feiern wie bei euch auf der Sägemühle! Meinst net?"

Details

Seiten
0
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738956221
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Dezember)
Schlagworte
mörderisches erbe alpen krimis

Autor

  • Alfred Bekker (Autor:in)

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Titel: Mörderisches Erbe: 2 Alpen Krimis