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Elf Killer sollt ihr sein! Krimi Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) Freder van Holk (Autor:in) G. S. Friebel (Autor:in) Tomos Forrest (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Al Frederic (Autor:in)
2021 1000 Seiten

Leseprobe

Elf Killer sollt ihr sein! Krimi Paket

G.S.Friebel, Tomos Forrest, Alfred Bekker, Wolf G. Rahn, Freder van Holk, Al Frederic, A.F.Morland

Dieses Buch enthält folgende Krimis:



Wolf G. Rahn: Cora Martin - Unter falschem Verdacht?

Alfred Bekker: Die Sache mit Caroline

Wolf G. Rahn: HK Greiff - Hereingelegt!

Freder van Holk: Der fremde Maler

Alfred Bekker: Murphy und der Köpfer

Al Frederic: Abrechnung in Fort Lauderdale

Alfred Bekker: Toter Killer

Tomos Forrest/Wolf G. Rahn: Mord ist kein Glücksspiel

A.F.Morland: Panik in der Cosa Nostra

A.F.Morland: Die Killermacher von Key West

G.S.Friebel: Die vergesene Rache




Ist Cora Martin unschuldig? Oder eine abgefeimte Lügnerin? Jedenfalls wird sie eines Mordes beschuldigt, und ihr Fall gibt Privatdetektiv Bount Reiniger so manche Nuss zu knacken. Wäre er nicht ein solch erfahrener Detektiv, so hätte er hierbei alt ausgesehen. Knifflig bis zuletzt bleibt die doppelbödige Angelegenheit, bei der die Gangster immer einen Schritt voraus zu sein scheinen …

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


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Cora Martin - Unter falschem Verdacht?: N.Y.D. – New York Detectives


Krimi von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Ist Cora Martin unschuldig? Oder eine abgefeimte Lügnerin? Jedenfalls wird sie eines Mordes beschuldigt, und ihr Fall gibt Privatdetektiv Bount Reiniger so manche Nuss zu knacken. Wäre er nicht ein solch erfahrener Detektiv, so hätte er hierbei alt ausgesehen. Knifflig bis zuletzt bleibt die doppelbödige Angelegenheit, bei der die Gangster immer einen Schritt voraus zu sein scheinen …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Cora Martin blinzelte durch lange, schwarze Wimpern und versuchte sich zu erinnern. Es musste letzte Nacht eine ganz verrückte Party gewesen sein. Ihr Kopf dröhnte jetzt noch wie eine pausenlos geschlagene Sambatrommel.

Bei wem hatte das Ereignis stattgefunden? Bei Fred? Oder war sie von Betty eingeladen worden? Himmel! Anscheinend begann sie zu verkalken. Oder, was wahrscheinlicher war, die Drinks waren ihr nicht bekommen.

Die rassige Frau ließ die Lider wieder zurückschwingen. Sie war noch müde. Ein halbes Stündchen wollte sie sich noch gönnen.

Aber schlafen konnte sie nicht. Ihr fielen auf, dass sie nicht in ihrem gewohnten Bett lag. Dies hier war ungewöhnlich hart. Kein Wunder, wenn sie jeden Knochen im Leib spürte.

Ihre Hand tastete zur Seite und stockte. Sie war nicht allein. Neben ihr lag jemand. Allem Anschein nach, ein Mann. Aber wer?

Cora Martin riss die Augen auf. Es war so dunkel im Zimmer, dass sie kaum die Umrisse der Möbel wahrnehmen konnte. Die Fenster wurden durch Vorhänge verschlossen. Immerhin stellte sie fest, dass sie auf dem Fußboden lag. Unter ihr befand sich nichts außer einem dicken Teppich.

Junge, Junge! Dass sie sich aber auch an gar nichts erinnern konnte. Es musste demnach wüst zugegangen sein.

Fred war der Bursche neben ihr bestimmt nicht. Fred schnarchte, kaum dass er die Augen zuhatte.

Cora biss sich auf die Unterlippe. Seltsame Situation! Vermutlich hatte sie mit dem Typ geschlafen. Vielleicht konnte sie sich erinnern, wenn sie sein Gesicht sah. Einen unauslöschlichen Eindruck hatte er jedenfalls nicht bei ihr hinterlassen.

Sie räusperte sich.

Der Mann wachte nicht auf. Anscheinend hatte er noch mehr getrunken als sie.

Ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige. Irgendwo musste ja hier die Küche sein. Sie würde sie schon finden und ihre Lebensgeister wieder auf Vordermann bringen.

Jetzt musste sie lächeln. Das war ihr noch nie passiert, dass sie einen so absoluten Blackout gehabt hatte. Sie musste unbedingt in Erfahrung bringen, was in der Nacht vorgefallen war.

Sie richtete sich auf und gähnte herzhaft.

In dem Raum lag ein eigenartiger Geruch. Vielleicht hatte sie davon die Kopfschmerzen bekommen.

Kalt war ihr nicht, obwohl sie nur ihren Slip trug. Wo waren denn ihre Sachen?

Ein Schreck durchfuhr sie. Sie hatte keine Ahnung, welcher Tag heute war. Vielleicht hätte sie schon längst im Büro sein müssen.

Unmöglich! Mit diesem Schädel konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Sie würde sich krankmelden.

Cora stand auf und reckte sich. Sie tastete sich zu einem der Fenster, wobei sie gegen einen im Weg stehenden Stuhl stieß.

Endlich hatte sie es geschafft. Sie zog den Vorhang ein Stück zurück und blickte auf eine gepflegte Grünanlage mit prächtigen Blumenrabatten, kunstvoll geschnittenen Hecken und vereinzelten schattenspendenden Bäumen.

Draußen schien die Sonne. Es war heller Tag.

Cora Martin blickte auf ihre Armbanduhr. Halb elf. Um Gottes willen! Jetzt brauchte sie nur noch einen Kalender. Wenn sie Glück hatte, war heute Sonntag.

Das Haus, in dem sie sich befand, stand offensichtlich in einer vornehmen Gegend. Eine richtige Villa.

Cora drehte sich um. Jetzt konnte sie auch den Mann genauer betrachten.

Peinlich, peinlich! Ihr wollte die Erinnerung nicht kommen. Sie hätte geschworen, noch nie ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Aber dann hätte sie kaum fast nackt neben ihm gelegen.

Er war allerdings angezogen. Lediglich seines Sakkos hatte er sich entledigt. Es hing über einer Stuhllehne. In der Brusttasche steckte eine dünne Ledermappe.

Cora durchschoss ein Gedanke. Na klar! Sie brauchte nur in seinen Papieren nachzusehen. Dann wusste sie, wer er war, und konnte ihn wenigstens anreden, sobald er zu sich kam.

Auf nackten Sohlen schlich sie zurück, zupfte die Brieftasche heraus und schlug sie auf.

Sie traute ihren Augen kaum. Geld quoll ihr entgegen. Das waren mindestens fünftausend Dollar. Außerdem waren noch ausländische Banknoten dabei.

Wenn sie eine Diebin wäre, könnte sie sich jetzt ungehindert bedienen. Aber sie interessierte sich lediglich für den Pass.

Bevor sie ihn aufschlug, fiel eine Fünfzigdollarnote zu Boden. Hastig bückte sie sich danach. Der Mann sollte nicht erfahren, dass sie in seinen Papieren geschnüffelt hatte.

Als sie den grünen Schein aufhob, weiteten sich ihre Augen. Gleich daneben lag eine Pistole. Von ihr ging dieser eigentümliche Geruch aus.

Cora Martins Blick wanderte weiter zu dem Mann, dem sie nun genau ins Gesicht schauen konnte.

Er sah elegant aus. Seine Oberlippe zierte ein Bärtchen. Das Hemd, das er trug, hatte zweifellos achtzig Dollar gekostet. Die Krawatte war dezent gemustert.

Aber zwei Dinge störten Cora ganz gewaltig. Das eine war der starre Blick, mit dem der Fremde sie ansah. Beim zweiten handelte es sich um den Blutfleck, der sich um zwei versengte Löcher im Hemd gebildet hatte. Der Mann war tot.

Cora Martin stieß einen erstickten Schrei aus und ließ die Brieftasche fallen. Sie taumelte zurück und schlug die Hände vor den Mund. Der Gedanke, neben einem Leichnam geschlafen zu haben, bereitete ihr Übelkeit.

Nach dem ersten Schock zwang sie sich zu kühlem Überlegen.

Vor allem durfte sie nichts verändern oder gar die Mordwaffe anfassen. Die Pistole lag so, dass nach ihrer laienhaften Ansicht ein Selbstmord auszuschließen war.

Es durchrieselte sie eiskalt. Dicht neben ihr war ein Mensch getötet worden. Der Mörder hatte die gefüllte Brieftasche verschmäht. Und er hatte auch sie ungeschoren gelassen. Es gab mehr als eine Frage, die sie sich nicht beantworten konnte.

Die Polizei musste her. Das war ganz klar. Irgendwo in dieser verdammten Villa musste es ein Telefon geben.

Cora Martin begann zu suchen.

Da zuckte sie erneut zusammen. Vor der Tür hörte sie ein Geräusch. Es hörte sich an, als würde sich jemand nähern.

Ihr blieb fast das Herz stehen. Der Mörder! Kam er zurück, um auch sie noch umzulegen? Vielleicht fürchtete er, sie könnte ihn bei seiner entsetzlichen Tat beobachtet haben.

Angstvoll blickte sie sich nach einem Fluchtweg um.

Aussichtslos! Es gab nur eine Tür, und durch die konnte jeden Augenblick der Killer kommen.

Dort der Schrank! Sie durfte nicht wählerisch sein. Sie eilte auf das riesige Möbelstück zu, stockte aber und hob hastig ihre auf dem Teppich verstreuten Kleidungsstücke auf.

Dann rettete sie sich in den Schrank und verbarg sich zwischen Anzügen und Mänteln. Die Tür zog sie zu sich heran und ließ nur einen winzigen Spalt offen, damit sie Luft bekam und nicht womöglich niesen musste.

Sie hätte nicht länger zögern dürfen. Kaum war sie im Schrank verschwunden, als sich auch schon die Zimmertür öffnete.

Cora zitterte am ganzen Körper. Sie hätte am liebsten laut um Hilfe geschrien. Doch wer sollte ihr beistehen? Sie war dem Killer schutzlos ausgeliefert, falls er sie aufspürte.

Das Blut stieg ihr in den Kopf. Sie bekam in ihrem engen Gefängnis Platzangst. Ihr einziger Gedanke war, dass der Kerl gleich die Schranktür aufreißen würde.

Aber vorläufig geschah nichts. Cora hörte schwere Schritte auf dem Teppich. Sie spähte durch den Spalt und erkannte knapp vor sich einen breiten Rücken. Der Mörder kauerte neben seinem Opfer.

Hoffentlich will er nur das Geld!, dachte sie.

In diesem Moment wandte der Mann den Kopf und schaute genau in ihre Richtung.

Nur mit Mühe unterdrückte die Frau im Schrank einen Schrei. Brennend schwarze Augen unter dichten Brauen funkelten zu ihr herüber. Auch dieser Mann trug einen Bart. Er hielt den Mund leicht geöffnet. Dazwischen blitzten Zähne, die an ein Raubtier erinnerten.

Ein südländischer Typ. So hatte sich Cora stets die Angehörigen der gefürchteten Mafia vorgestellt.

Der Kerl richtete sich auf und blickte auf den Leichnam herab. Er war ziemlich groß und bestimmt auch kräftig.

Jetzt drückte sein Gesicht grenzenlose Wut aus. Er presste die Lippen zusammen. Seine Augen waren nur noch winzige Spalte. So kam er auf sie zu.

Cora Martin musste sich an einem der Mäntel festklammem, um nicht umzufallen. Er hatte sie entdeckt. Zumindest aber konnte er sich denken, dass er sie im Schrank finden würde.

Noch zwei Schritte. Noch einer. Jetzt!

Der Killer ging vorbei. Anscheinend suchte er erst woanders.

Zu ihrer Überraschung hörte die Frau das typische Geräusch einer sich drehenden Wählscheibe. Der Kerl wollte telefonieren.

Vermutlich rief er die Organisation an und meldete die Ausführung des Verbrechens. Er würde auch nicht unerwähnt lassen, dass es eine mögliche Zeugin für die Tat gegeben hatte. Sie konnte sich leicht vorstellen, wie die Anweisung seines Auftraggebers lauten würde.

Leg’ das Luder um!

Ein paar Sekunden hörte sie nichts außer dem nervösen Trommeln des Mannes auf einer Holzplatte.

Dann begann er zu sprechen. Er nannte einen Namen und eine Adresse. Danach sagte er: „Sie müssen sofort herkommen, Lieutenant. Hier ist ein Mord geschehen.“



2

Anfangs war Cora Martin unendlich erleichtert. Doch gleich darauf sagte sie sich, dass der Bursche bluffte. Er war nicht der erste Mörder, der selbst die Polizei alarmierte, um den Verdacht von sich abzulenken. Was hätte er sonst in dem Haus zu suchen? Wer hatte ihn eingelassen?

Nein, sie durfte sich keinesfalls rühren, sonst war sie rettungslos verloren. Der Bursche schreckte auch vor einem zweiten Mord bestimmt nicht zurück.

Aber was sollte sie tun, wenn die Polizei eintraf? Die Beamten würden natürlich das ganze Haus gründlich durchsuchen. Wenn sie sie hier im Schrank entdeckten, nur mit einem Slip bekleidet, würde man ihr zweifellos ein paar Fragen stellen, von denen sie keine einzige beantworten konnte.

Nein, sie musste unbedingt vorher aus der Villa verschwinden.

Zum Glück wartete der Kerl, der angeblich Galluzzi hieß, nicht neben dem Toten auf das Eintreffen der Mordkommission. Er legte den Telefonhörer zurück und ging wieder am Schrank vorbei.

Cora sah, wie er ein weißes Tuch in seine Tasche schob. Hatte sie es doch gewusst. Er hatte vermieden, seine Fingerabdrücke auf dem Hörer zu hinterlassen. Wahrscheinlich verdrückte er sich jetzt. Der angegebene Name war jedenfalls falsch.

Tatsächlich verließ der Schwarzhaarige das Zimmer. Sie hörte, wie er sich entfernte.

Sie wartete und lauschte. Sie hörte keine weitere Tür und keinen Wagen. Offenbar befand sich der Mörder noch immer im Haus.

Es war für Cora Martin nicht so wichtig zu wissen, was Galluzzi im Schilde führte. Wichtiger war, dass sie endlich von hier verschwand.

Lautlos öffnete sie die Schranktür und schlüpfte aus ihrem Gefängnis. Überstürzt zog sie sich an und suchte auch noch ihre Schuhe, die sie zuerst nicht gefunden hatte. Sie lagen unter einem der Sessel.

Der Ermordete lag noch immer auf dem Teppich. Auch sonst hatte sich in der Zwischenzeit nichts verändert. Sogar die Brieftasche mit dem herausgefallenen Inhalt befand sich noch dort, wo sie sie hatte fallen lassen.

Auch die Mordwaffe hatte der Mann nicht an sich genommen.

Cora zögerte. War es nicht klug, die Pistole an sich zu nehmen? Falls Galluzzi sie doch noch überraschte, hätte sie wenigstens etwas, womit sie ihn sich vom Leibe halten konnte. Obwohl sie es mit Sicherheit nicht fertigbringen würde, auf einen Menschen zu schießen. Selbst dann nicht, wenn ihr eigenes Leben in Gefahr war.

Schon streckte sie ihre Hand nach der Schusswaffe aus, als sie in der Ferne die Polizeisirene hörte.

Sie kamen. Jetzt musste sie sich beeilen.

Cora ließ die Pistole liegen und stürzte zum Fenster, das ihr am nächsten war. Die Tür durfte sie nicht benutzen. Dort wartete der Killer.

Sie schob den Vorhang etwas weiter zurück und blickte auf die Straße, die vor dem Garten vorbeiführte. Sie war hinter dem Bäumen und Hecken kaum zu sehen.

Das war ihr Glück. So würde man sie auch nicht so leicht entdecken, wenn sie aus dem Fenster kletterte.

Zum Glück befand sich der Raum im Erdgeschoss. Cora öffnete das Fenster. Drückende Luft schlug ihr entgegen.

Die Polizeisirenen wurden lauter. Ihr blieben nur noch Sekunden.

Sie setzte sich aufs Fensterbrett, schwang ihre schlanken Beine nach außen und ließ sich an der rauen Mauer hinabgleiten. Dabei schrammte sie sich die Haut an den Oberschenkeln auf.

In der Nähe kreischten Bremsen. Männerstimmen wurden laut.

Die Frau hetzte geduckt durch den Garten. Sie umrundete das Haus, eine prächtige Villa, die nach viel Geld aussah, und erreichte keuchend die Rückseite.

Hier dehnte sich der Garten noch weiter aus. Hoffentlich war sie in der Lage, den Zaun zu überklettern!

Cora rannte weiter. Ein paarmal drehte sie sich um, um sich zu vergewissern, dass man sie noch nicht entdeckt hatte.

Es sah so aus, als könnte sie es schaffen. Der Lautstärke der Stimmen nach zu urteilt, stürmten die Polizisten zunächst ins Haus. Erst später würden sie das Gelände absuchen.

Sie schlug sich durch ein paar Büsche und sah endlich den Zaun vor sich.

Sie zog ihre Pumps aus und warf sie hinüber auf die andere Seite. Dann begann sie mit der Klettertour.

Niemand sah sie. Niemand schlug Lärm. Als sie auf der Straßenseite heruntersprang, war zwar ihr Kleid zerrissen, doch das war ihr egal.

Schnell zog sie ihre Schuhe wieder an und setzte ihre Flucht fort.

Sie legte mehr als eine Meile im Laufschritt zurück. Ein paar verwunderte Blicke folgten ihr zwar, aber keiner hielt sie auf. Niemand wollte den Grund ihrer Erregung wissen.

Sie stoppte ein Taxi und ließ sich nach Manhattan fahren. In der Nähe des Central Parks stieg sie in ein anderes Yellow Cab um und nannte ihre Adresse. Eine halbe Stunde später war sie zu Hause.

Als sie die Tür ihres Apartments hinter sich geschlossen hatte, brach sie in Tränen aus. Erst jetzt stellte sich der Schock ein. Lange konnte sie sich nicht beruhigen.

Sie genehmigte sich einen großen Bourbon und fühlte sich danach geringfügig besser.

Schon während der Fahrt hatte sie angestrengt nachgedacht. Wen konnte sie anrufen, um sich zu erkundigen, was während der Stunden ihrer Gedächtnislücke vorgefallen war? Ihr fiel niemand ein.

Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war ein Arbeitstag, an dem sie viel Ärger hatte hinunterschlucken müssen. Sicher hatte sie auf dem Nachhauseweg noch ein paar Einkäufe erledigt. Warum sie dann in jene fremde Villa gefahren war, wollte ihr nicht in den Kopf. So sehr sie auch grübelte, sie hätte schwören können, den Toten noch nie gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen oder andere Dinge getan zu haben.

Cora Martin ging in ihre kleine Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein. Vielleicht wurde dadurch ihr Kopf ein wenig klarer.

Während das Gerät summte, kramte sie ein Notizbuch aus ihrer Handtasche, die sie nicht in der Villa vergessen hatte. Sie blätterte darin. Sie brauchte unbedingt eine Freundin, der sie die Geschichte erzählen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass innerhalb der nächsten Stunde ganz New York City über ihr Erlebnis informiert war.

Sie stieß auf einen Namen, bei dem sie unwillkürlich lächelte. Mein Gott! Wie lange hatten sie sich schon nicht mehr gesehen. Sie hatte June völlig aus den Augen verloren. Dabei waren sie während der Schulzeit befreundet gewesen und hatten sich auch danach noch ein paarmal getroffen.

Cora wählte die Nummer, die hinter der Adresse notiert war. Es meldete sich ein völlig fremder Teilnehmer.

Natürlich! Es war Jahre her, seit June ihr die Nummer gegeben hatte. Sie war bestimmt längst umgezogen. Wahrscheinlich war sie sogar verheiratet und wohnte möglicherweise gar nicht mehr in der Stadt.

Cora entsann sich, dass June ein paarmal von ihrer Arbeit gesprochen hatte. Irgendwo musste sie sogar die Nummer des Büros aufgeschrieben haben.

Sie blätterte weiter und fand das Gesuchte.

Als sich eine Detektei meldete, erschrak sie gewaltig. Fast hätte sie den Hörer auf die Gabel geworfen.

Dann aber lächelte sie gequält und fragte: „Bist du das, June?“

Nach der Bestätigung atmete sie auf. Sie fischte sich die Zigarettenpackung aus der Handtasche, fand aber ihr Feuerzeug nicht. Also warf sie die Zigarette ungeraucht in den Aschenbecher.

Sie wusste gar nicht, wo sie mit ihrem Bericht anfangen sollte. Was sie erzählte, musste sich für einen Unbeteiligten reichlich verworren anhören.

June hörte aber geduldig zu und stellte nur ab und zu eine Frage. Am Schluss riet sie der ehemaligen Freundin, dieselbe Geschichte unbedingt der Polizei zu erzählen, um größerem Ärger vorzubeugen.

Cora lehnte empört ab. Sie hatte sich einen besseren Rat erhofft. Nach dem Versprechen, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen, legte sie den Hörer zurück.

Sie holte aus der Küche Streichhölzer und rauchte endlich ihre Zigarette. Zusehends wurde sie ruhiger. Alles lag wie ein böser Traum weit hinter ihr.

Cora zog ihre zerrissenen Sachen aus und ging unter die Dusche. Danach zog sie frische Kleidung an und stopfte das unbrauchbar gewordene Zeug in den Müllschlucker.

Als es an der Tür läutete, dachte sie sofort an June. Sie hatte versprochen, zu ihr zu kommen, sobald es ihre Arbeit zuließ.

Cora Martin ging zur Tür und spähte durch den Spion;

Sie war überrascht. Das einzige, was sie an die Schulfreundin erinnerte, waren die blonden Haare. Aber sie sah alt aus und kleidete sich auch unvorteilhaft. Fast wie eine Gouvernante.

Cora öffnete die Tür und fragte unsicher: „June?“

„Cora Martin?“, fragte die Blondine zurück. Auch ihre Stimme hatte sich am Telefon anders angehört.

Cora lächelte gequält. „Natürlich bin ich’s. Komm doch rein!“

Die Frau folgte ihrer Aufforderung.

Hinter ihr tauchten zwei Männer auf, die neben der Tür gestanden haben mussten. Sie hielten bullige Revolver in den Fäusten und richteten sie auf Cora.

Die Frau hielt ihr eine Blechmarke unter die Nase und legte ihr mit Nachdruck die Hand auf die Schulter.

„Lieutenant Sutter von der Mordkommission“, schnarrte die Blondine. „Ich rate Ihnen dringend, keinen Widerstand zu leisten und uns zu folgen.“

Cora schluckte mühsam. „Aber warum denn?“

„Sie stehen im Verdacht, einen Mann ermordet zu haben.“



3

June March blickte versonnen zum Fenster hinaus, als Bount Reiniger seinen Kopf durch die Tür steckte.

„Nach deinem Gesichtsausdruck zu urteilen“, sagte er grinsend, „bist du entweder verliebt oder hungrig. Da man den zweiten Zustand eher in den Griff bekommt, hoffe ich, dass du dich für einen leeren Magen entschieden hast. Schon wegen der Rechnungen, die eigentlich heute noch raus sollten.“

June reagierte nicht. Ihr verträumtes Gesicht veränderte sich in keiner Weise. Es musste wohl doch die Liebe sein.

Bount ließ die Tür hinter sich und trat an seine Mitarbeiterin heran. Er tippte ihr mit der Fingerspitze leicht auf die Schulter, worauf die Blondine vor Schreck so steil von ihrem Stuhl hochkam, dass ihre Schulter unter Bounts Kinn knallte. Dumpf sackte sie zurück.

Bount taumelte und rieb sich seine misshandelte Partie.

„Komm du mir noch mal wegen einer Gehaltserhöhung“, brummte er. „Das war ein tätlicher Angriff auf deinen Vorgesetzten. Sämtliche Vergünstigungen sind für die nächsten hundertzwanzig Jahre gestrichen.“ June kam zu sich. „Wieso stehst du auch ausgerechnet hinter mir?“, beschwerte sie sich. „Ein Gentleman klopft an, bevor er zu einer Dame kommt, oder macht sich auf andere dezente Weise bemerkbar. Es ist keine Art, unschuldige Mädchen brutal zu erschrecken.“

Bount zog eine Grimasse. „Wie konnte ich ahnen, dass ich dein Schlafzimmer betrete?“, verteidigte er sich. „Bisher war ich der Ansicht, dass du diesen Raum für deinen Arbeitsplatz hältst. Wenn ich in meiner Erinnerung krame, fallen mir sogar Augenblicke ein, an denen ich deine Schreibmaschine habe klappern hören. Was ist los mit dir? Erzähle mir nicht, dass du schon wieder dringend zum Friseur musst. Und die entzückende Bluse, von der du mir seit letzten Dienstag vorschwärmst, kaufst du dir nach Feierabend oder in der Mittagspause. Einverstanden?“

„He, he!“, gab June verwundert zurück. „Bist du unter die Knurrhähne gegangen? Oder ist dir ein Bankräuber über die Leber gelaufen? Was ist los? Hast du Zahnschmerzen?“

„Wäre kein Wunder, nachdem du fast meinen ganzen Unterkiefer abgeräumt hättest. Wo sind die Sachen zur Unterschrift? Ich muss mal kurz weg. Dann kann ich die Post gleich mitnehmen. Es wird Zeit, dass wieder Bares in die Kasse kommt. Die letzten beiden Fälle waren Verlustgeschäfte. Ich muss mir in Zukunft meine Kunden genauer ansehen.“ June zeigte ein verlegenes Lächeln. „Ich bin noch nicht fertig“, gestand sie.

Bount schüttelte verwundert den Kopf. June kannte er als ausgesprochen fleißig und schnell. Die paar Rechnungen hatte sie doch in Nullkommanichts runtergehämmert. „Okay! Wie weit bist du?“

„Noch gar nicht angefangen. Aber ich kann dir fünf Dollar leihen, wenn es wirklich so schlimm um deine Finanzen steht.“

„Sei nicht albern“, tadelte der Detektiv und betrachtete seine Mitarbeiterin genauer. Wieder konnte er sich ein zweifelndes Kopfschütteln nicht verkneifen. „Nein, es ist nicht die Liebe“, stellte er fest. „Du hast Probleme. Schütt’ dein Herz aus, Kleines! Du weißt doch, dem guten Onkel Bount kannst du alles anvertrauen.“

June seufzte und spannte einen Bogen Papier in die Maschine.

„Wahrscheinlich klärt sich alles ganz harmlos auf. Cora hatte früher schon eine recht lebhafte Phantasie. Man durfte bei ihr nicht alles ganz wörtlich nehmen.“

„Cora? Was ist mit ihr? Kenne ich sie?“

„Wenn du für schwarzhaarige Frauen schwärmst, ist das durchaus möglich. Cora Martin war schon immer ausgesprochen rassig. Wir gingen eine Zeitlang zusammen zur Schule. Sie rief mich vorhin an und erzählte mir eine reichlich merkwürdige Story.“

„Ich liebe merkwürdige Storys. Besonders, wenn sie nicht lang sind.“ June deutete auf den freien Stuhl. „Nimm Platz und lausche! Cora wachte heute früh oder besser gesagt heute Vormittag neben einem Mann auf.“

„Ihr Mann?“, fragte Bount teilnahmsvoll.

„Sie ist nicht verheiratet. Sie behauptete, den Mann nicht zu kennen. Sie könne sich auch nicht erklären, wie sie in sein Haus gekommen sei, eine Villa auf Staten Island.“

„Warum hat sie ihn nicht einfach gefragt. Eine einleuchtende Erklärung wäre ein paar Drinks zu viel. Da vergisst man hin und wieder ein paar Details. Die Hauptsache ist doch, dass es schön war.“

„Willst du nun die Geschichte hören“, entrüstete sich June March, „oder langweile ich dich damit? Der Mann war tot. Sie konnte ihn nicht mehr fragen. Jemand hatte mit einer Pistole zweimal auf ihn geschossen. Cora glaubt auch, den Mörder gesehen zu haben. Ein Bursche, an dem alles schwarz war. Augen, Haare, Brauen, Bart. Er hat zwar die Polizei informiert, sie ist aber überzeugt, dass er nur den Unschuldigen spielt.“

„Erlaubst du mir eine Zwischenbemerkung?“, warf Bount ein.

June nickte gnädig.

„Was sagt die Polizei zu diesem Fall?“

„Das ist es ja eben, Bount. Cora ist vor lauter Angst vor diesem Galluzzi, vor dem Toten und auch vor der Polizei davongelaufen. Sie will mit allem nichts zu tun haben. Sie rief mich an, als sie wieder zu Hause war. Ich riet ihr, auf alle Fälle zur Polizei zu gehen, um ihre Beobachtungen zu Protokoll zu geben. Ich glaube aber nicht, dass sie es tun wird.“

Bount ließ sich alle Einzelheiten des Telefonats erzählen. Am Ende kam auch er zu dem Ergebnis, dass Cora Martin unbedingt ihre Aussage machen müsse, falls sie nichts zu verheimlichen habe.

„Ruf sie einfach noch mal an“, schlug er vor, „und rede ihr ins Gewissen. Danach schreibst du aber die Rechnungen. In ungefähr einer Stunde bin ich wieder zurück.“

Bount verließ das Büro und ließ eine ratlose June March zurück.

Die Blondine suchte sich die Nummer der ehemaligen Freundin im Telefonbuch und tippte sie ins Tastentelefon.

Überraschenderweise meldete sich ein Mann, der unbedingt wissen wollte, wer sie sei.

„Mein Name ist March. Ich möchte Miss Martin sprechen.“

„Von wo aus rufen Sie an?“

„Von einem Telefonapparat aus“, entgegnete June ungehalten. „Was soll diese Frage? Soll ich Ihnen meine Lebensgeschichte erzählen?“

„Werden Sie nicht frech“, schnauzte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Sie sprechen mit der Polizei. Miss Martin ist verhaftet worden. Ich muss Sie bitten, mir Ihren vollständigen Namen, Ihre Adresse und den Grund Ihres Anrufs zu nennen.“

„Verhaftet?“, fragte June verblüfft, ohne sich um die Aufforderung zu kümmern. „Hat sie bei McDonalds eine Gabel mitgehen lassen?“

„Sehr witzig. Ich bin nicht befugt, Ihnen nähere Auskünfte zu erteilen.“

„Auch nicht, wohin Miss Martin gebracht wurde?“

„Westerleigh“, gab der Polizist mürrisch Auskunft. „Watchogue Road Nummer 72. Lieutenant Sutter ist für den Fall zuständig.“

„Für welchen Fall, in drei Teufels Namen?“

„Der Mord an Monsieur Gerard Lousalle.“

June schwirrte der Kopf. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sie von dem Beamten umso mehr in Erfahrung bringen würde, je freundlicher sie sich gab. Also probierte sie es mit ihrer verführerischsten Stimme und erkundigte sich, ob ein bestimmter Grund vorläge, dass sich die Polizei noch in der Wohnung der Festgenommenen aufhielt.

„Wir suchen die Gabel“, kam die spöttische Antwort. „Wir haben sie auch schon gefunden. Sieht nicht so aus, als hätte sie nur sechzig Cents gekostet. Jetzt sind wir nur noch neugierig, ob wir auch den dazugehörigen Löffel aufspüren. Vielleicht können Sie uns dabei helfen, Miss March.“

June legte den Hörer auf. Plötzlich war ihr bewusst geworden, dass sie aus dem Mann nichts mehr herausbekommen würde. Dass er sich trotzdem noch mit ihr unterhielt, konnte nur eine Ursache haben. Seine Kollegen waren inzwischen fieberhaft dabei festzustellen, woher der Anruf kam. Zweifellos wurde Coras Telefon seit ihrer Verhaftung überwacht.

Sie notierte sich die Adresse des Polizeireviers auf Staten Island. Außerdem schrieb sie alles auf, was Cora ihr am Telefon gesagt hatte.

Es gab nun schon zwei Namen. Diesen Galluzzi, den Cora als wahrscheinlichen Mörder bezeichnet hatte, und Gerard Lousalle, das Opfer.

June zog das Telefonbuch zu Rate und fand gleich mehrere Besitzer dieses Namens.

Die drei Gerard Lousalles, die sie als erstes anrief, lebten alle noch.

Galluzzis gab es noch mehr. Einer von ihnen lebte auf Staten Island. June wählte seine Nummer und ließ den Hörer wie eine heiße Kartoffel fallen. Es hatte sich ein Sergeant Turf gemeldet. Die Polizei war also auch schon bei ihm gelandet. Demnach hatte sie Coras Angaben überprüft.

Sie erkundigte sich nach Mister Galluzzi, und es wiederholte sich das Spielchen, das sie eben erst durchgestanden hatte. Auch Galluzzi wurde auf dem Polizeirevier verhört.

June war erleichtert. Nun würde sich ja alles aufklären.

Sie legte den Hörer zurück und ließ den Besucher ein, der an die Tür geklopft hatte.

Es waren zwei Mann, und ihr geschulter Instinkt sagte ihr sofort, dass es sich um Polizisten handelte.

Sie lachte. „Ihr Jungs von der Polizei seid verdammt fix. Ihr habt mich also doch aufgespürt.“

„Allerdings, Miss March“, bestätigte der Größere. „Und ob Sie noch Grund zum Lachen haben, muss sich erst noch herausstellen. Wir haben den Auftrag, Sie zur Vernehmung zu bringen. Machen Sie uns Schwierigkeiten, oder sind Sie vernünftig?“

„Sie werden lange suchen müssen, ehe Sie etwas vergleichbar Vernünftigeres wie mich finden. Sie erlauben hoffentlich, dass ich meinem Boss eine kurze Nachricht hinterlasse, wo er mich erreichen kann?“

Die Polizisten sahen sich enttäuscht an. „Mister Reiniger ist nicht da?“

„Ich finde das auch empörend“, bestätigte die Blondine und schüttelte entrüstet ihre Löwenmähne. „Jetzt nehmen Sie extra den beschwerlichen Weg auf sich, und dann verkrümelt sich der Halunke. Man sollte ein neues Gesetz erlassen, das Privatdetektiven unter Androhung strenger Strafen untersagt, ihr Büro während der Geschäftszeit zu verlassen. Er wird aber untröstlich sein, dass er Sie nicht wenigstens begrüßen konnte.“

„Und Sie scheinen besonders witzig zu sein. Galgenhumor, wie? Es erübrigt sich, dass Sie Ihren Boss warnen. Mein Kollege wird hier auf ihn warten, während wir beide eine kleine Spazierfahrt unternehmen.“

„Zauberhafter Vorschlag! Wirklich ein Jammer, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind.“

June erhob sich, nachdem sie sämtliche Papiere, die auf ihrem Schreibtisch lagen, zu einem hohen Stapel getürmt hatte. Den Zettel mit ihren Notizen schmuggelte sie mit hinein. Sie hoffte inständig, dass der zurückbleibende Polizist nicht auf die Idee kam, den ganzen Berg durchzuwühlen.



4

Cora Martin glaubte zu träumen. Aber es war ein Alptraum. Sie stand tatsächlich unter Mordverdacht. Niemand glaubte ihr. Dieser weibliche Lieutenant Sutter tat jede ihrer Unschuldsbeteuerungen mit einer lässigen Handbewegung ab.

Sie merkte schnell, dass es unklug gewesen war, anfangs zu leugnen, überhaupt jemals die fragliche Villa betreten zu haben. Man legte ihr ein Feuerzeug vor, das sie als das ihre identifizierte.

„Meine Leute fanden es im Kleiderschrank des Ermordeten“, verriet Lieutenant Sutter. „Außerdem haben wir an Ihren Schuhen Erdspuren entdeckt, die wahrscheinlich genau der Bodenzusammensetzung an jener Stelle unter dem Fenster entsprechen, durch das Sie geflohen sind. Aber damit nicht genug. Auf der Brieftasche, die neben dem Toten lag und die zu plündern Sie durch das Erscheinen Mister Galluzzis keine Gelegenheit mehr hatten, haben wir Ihre Fingerabdrücke sichergestellt. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Durch Ihr hartnäckiges Leugnen geben Sie nur die Tat zu.“

Cora Martin wehrte entsetzt ab. „Ich bin doch keine Mörderin“, schrie sie verzweifelt auf. „Ich könnte niemals auf einen Menschen schießen. Ich habe diese verdammte Pistole überhaupt nicht angefasst. Haben das Ihre Experten Ihnen nicht gesagt?“

Lieutenant Sutter lächelte nachsichtig. „Selbstverständlich liegt mir auch dieses Ergebnis vor. Die Prints auf der Waffe sind sehr deutlich. Es hat überhaupt keine Schwierigkeit bereitet, sie als die Ihren zu identifizieren. Sie hätten Handschuhe anziehen sollen, oder wenigstens das Beweisstück nicht zurücklassen dürfen. Es ist Ihr Pech, dass der Besitzer der Villa Sie bei der Fortführung Ihres scheußlichen Verbrechens störte. Ihnen blieb nur noch die überstürzte Flucht aus dem Fenster. Was sagen Sie nun?“

Cora sagte gar nichts. Krampfhaft bemühte sie sich, nicht die Nerven zu verlieren. Es musste für alles eine andere Erklärung geben. Das mit ihren Fingerabdrücken auf der Brieftasche war ja klar. Sie hatte sie tatsächlich angefasst, als sie nach dem Pass des Toten suchte. Aber die Geschichte mit der Pistole konnte nur ein raffinierter Bluff sein. Die Sutter wollte sie austricksen, weil sie im Grunde nicht den geringsten Beweis in der Hand hatte.

Cora fragte sich, wieso die Polizei so schnell zu ihr gefunden hatte. Die Fingerabdrücke nützten schließlich nur dann etwas, wenn sie schon bei früherer Gelegenheit registriert worden waren. Das war bei ihr nicht der Fall.

Sie versicherte immer wieder, den Ermordeten überhaupt nicht gekannt zu haben. Warum hätte sie einen wildfremden Mann erschießen sollen?

Die Sutter hielt ihr ein Blatt Papier unter die Nase. Es handelte sich um einen Brief. Um einen Liebesbrief, obwohl er mit der Maschine geschrieben war. Unterschrieben war er mit Cora. Es war ihre Unterschrift, aber sie konnte sich an den Brief nicht erinnern. Auch nicht an einen Gerard, an den er gerichtet war.

„Sie waren doch seit einiger Zeit die Geliebte des Franzosen“, erinnerte die Polizistin hart. „Das haben Zeugen bestätigt.“

Cora Martin lachte schrill. „Lächerlich! Bringen Sie mir auch nur einen Menschen, der mir diese Lüge ins Gesicht sagt.“

Die Sutter war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Die amerikanische Polizei ist dafür bekannt, möglichst alle Wünsche umgehend zu erfüllen“, sagte sie hämisch.

Dann flüsterte sie mit einem Sergeanten, der daraufhin das Büro verließ.

Nach einer Weile kehrte er zurück. Er war nicht allein. In seiner Begleitung befanden sich sechs Frauen. Cora kannte nicht eine von ihnen, und sie war sicher, dass es sich umgekehrt genauso verhielt. Wenn eine etwas anderes behauptete, war das ein abgekartetes Spiel.

Aber darum ging es nicht. Die Frauen, durchweg Schwarzhaarige zwischen zwanzig und dreißig Jahren, mussten sich neben Cora aufstellen.

„Keiner von Ihnen wird ein Wort sagen oder sich durch irgendein Zeichen bemerkbar machen“, ordnete die Sutter an.

Dann holte der Sergeant durch eine zweite Tür einen älteren Herrn, der die versammelten Frauen durch dicke Brillengläser betrachtete.

„Ist Ihnen eine der Damen bekannt, Mister Palmer?“, erkundigte sich die Polizistin.

Der Mann nickte eifrig und zeigte auf Cora. „Gewiss doch. Ich habe Miss Martin einige Male in Begleitung von Mister Lousalle gesehen.“

„Das ist nicht wahr“, schrie Cora unbeherrscht. „Das ist abgesprochen worden. Ich soll reingelegt werden. Ich kenne weder einen Lousalle noch diesen Menschen hier.“

Der Ältere lächelte nachsichtig. „Dass Sie sich an mich nicht erinnern, Miss Martin, nehme ich Ihnen nicht übel. Sie hatten ja immer nur Augen für Lousalle. Ich hoffe, dass ich Ihnen mit meiner Aussage keine Unannehmlichkeiten bereite.“

Cora lachte auf. „Unsinn! Was soll daran schon unangenehm sein, wenn man wegen Mordes verurteilt wird.“ Lieutenant Sutter bedankte sich bei dem Mann und ließ nacheinander zwei weitere Zeugen hereinbringen. Es handelte sich um den Ober eines Speiserestaurants und um die Garderobiere des ,Blue Life‘ am Broadway, Beide erklärten übereinstimmend, Cora Martin zusammen mit dem französischen Diplomaten gesehen zu haben, während Cora darauf bestand, weder in dem Lokal noch in dem Theater jemals gewesen zu sein.

Die Polizistin wollte nun wissen, welche Rolle eine gewisse June March bei diesem Mord spiele.

Cora verstand nicht sofort.

„Sie hat sich in verdächtiger Weise nach Ihnen erkundigt“, klärte sie Lieutenant Sutter auf. „Sie ist auf dem Wege hierher. Meine Leute haben sie abgeholt.“

Cora stampfte wütend mit dem, Fuß auf. „Was wollen Sie hören? Dass sie meine Komplizin ist und mir die Tatwaffe besorgt hat, mit der ich den Franzosen erschossen habe, bevor ich mich aus Gründen, für die Sie sicher ebenfalls eine Erklärung zusammendichten werden, nackt neben die Leiche legte, um ein paar Stunden zu schlafen?“

Sutters Mundwinkel zuckten nach unten. „Dieser Teil Ihrer Geschichte ist genauso unglaubwürdig wie der Rest. Ich will Ihnen sagen, was geschehen ist. Wie unabhängige Zeugenaussagen bestätigen, waren Sie die Geliebte Lousalles, der sich seit einigen Wochen in New York aufhielt. Aber auch Liebe hat ihre Grenzen. Sie beschafften sich eine Waffe und töteten den völlig Ahnungslosen. Als Sie seine Brieftasche ausräumen wollten, wurden Sie von Mister Galluzzi gestört. Sie versteckten sich im Schrank und flohen, als die Luft wieder rein war. Ungeschickterweise ließen Sie genügend Beweise zurück. Vor allem aber haben uns die Zeugenaussagen geholfen. Sie waren eine der wenigen, die ungehindert das Haus betreten konnte.“

„Und warum interessiert es Sie nicht, was dieser Mafioso in der Villa zu suchen hatte? Wie kam der Gangster ins Haus? Was wollte er dort? Schauen Sie ihn sich doch an, dann wissen Sie, was mit ihm los ist.“

Die Beamtin schlug mit der Faust auf den Tisch. „Jetzt reicht’s aber. Robert Galluzzi war nicht nur Gerard Lousalles bester Freund, ihm gehört auch die Villa, die er dem Diplomaten für die Zeit seines Aufenthaltes zur Verfügung stellte. Er selbst kam gerade von einer Reise zurück.“

„Und warum glauben Sie ihm und mir nicht?“

„Weil Mister Galluzzi seine Angaben belegen kann, und weil alles gegen Sie spricht.“

„Und das Motiv? Wo bleibt das Motiv? Schon mancher Mann wurde von seinem vermeintlich besten Freund umgebracht.“

„Das ist uns bekannt. Aber noch gefährlicher sind die Geliebten, die eines Tages in der Gunst sinken. Außerdem gibt es für Sie noch ein anderes Motiv.“

Die Polizistin nahm einen schmalen Kasten aus der Schreibtischschublade und öffnete ihn. Ein Perlenkollier von unvergleichlicher Schönheit lag darin.

Cora Martin bekam große Augen. „Was ist das?“, fragte sie.

„Tun Sie nicht so ahnungslos! Es handelt sich um Perlen. Eine ungewöhnlich kostbare Arbeit. Wie Sie sehen, schimmern die Perlen leicht rosa. Übrigens gehört der Schmuck Madame Lousalle, die sich in Paris aufhält. Zumindest hatte ihr Mann ihn für sie gekauft. Er legte bei Harry Winston Fotos von ihr vor, damit das Geschenk auch wirklich zu ihrem Typ passte.“

„Und was habe ich damit zu tun?“, wollte Cora irritiert wissen.

„Das wissen Sie genau. Wir haben die Perlen in Ihrem Apartment gefunden. Gut versteckt, aber nicht gut genug.“

Cora Martin war sprachlos. Sie starrte stumm auf das Collier, das sie nicht kannte. Dann brach sie in Tränen aus.

Lieutenant Sutter ließ sie weinen. Sie war überzeugt, dass die Beschuldigte nun endlich für das Geständnis reif war.

Doch als sich Cora wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, blieb sie bei ihrer Behauptung, von allem nichts zu wissen.

Die Beamtin atmete schwer, um nicht die Beherrschung zu verlieren. „Wie Sie wollen“, sagte sie kühl. „Die Tatsachen sprechen für sich. Wenn Sie sich trotzdem an nichts erinnern können, sind Sie entweder eine hartgesottene Lügnerin, oder Sie haben Ihr Gedächtnis verloren. Zum Glück können die Ärzte ohne weiteres die Wahrheit herausfinden. Danach sprechen wir uns wieder. Abführen!“

Zwei Polizisten brachten Cora hinaus.

Vor dem Gebäude wartete schon ein Wagen, der sie zu einem Spezialisten bringen sollte.



5

June March wurde zur Vernehmung gebracht, als Cora Martin gerade in den Polizeiwagen stieg. Die beiden Frauen kamen nicht mehr dazu, ein Wort miteinander zu wechseln.

June gab ihre Aussage Wort für Wort so zu Protokoll, wie sie sich aus ihrer Sicht darstellte. Sie erkannte, dass für Witze kein Platz mehr war. Cora lag die Schlinge um den Hals. Es musste nur noch geklärt werden, ob sie den Kopf selbst hineingesteckt hatte.

Lieutenant Sutter begegnete ihr anfangs mit erheblichem Misstrauen. Sie hielt June für eine Komplizin, zumindest aber für eine Mitwisserin.

Erst als Bount Reiniger auftauchte, der von dem Polizeibeamten in seinem Büro erwartet worden war, klärten sich allmählich die Fronten.

Bount konnte genügend Leute nennen, die für June und ihn die Hand ins Feuer gelegt hätten. Nicht zuletzt Toby Rogers, den Leiter der Mordkommission Manhattan C/II.

Ein Anruf in der Centre Street überzeugte Lieutenant Sutter endlich.

„Ich habe ihr dringend geraten, sich freiwillig bei der Polizei zu melden“, berichtete June. „Vielleicht hätte sie es auch getan, aber sie kam ja nicht mehr dazu.“

Die Beamtin zeigte ein ungläubiges Gesicht. „Warum hat sie uns dann von Anfang an belogen? Sie hat erst etwas zugegeben, nachdem wir es ihr unwiderlegbar nachgewiesen hatten. Und selbst jetzt streitet sie Dinge ab, die ganz offensichtlich den Tatsachen entsprechen. Wir haben jede Menge Zeugen, die sich nicht alle irren können oder absichtlich lügen Wir haben die Fingerabdrücke und den Brief an Lousalle. Und vor allem ist da das Perlenkollier.“

„Das ihr allerdings einer untergeschoben haben kann“, warf Bount dazwischen.

Lieutenant Sutter nickte. „Wenn das das einzige Indiz wäre, würde ich das auch für möglich halten, Mister Reiniger. Aber Ihnen brauche ich nichts zu erzählen. Wie ich von Captain Rogers erfahren habe, kann Sie ein Gauner nicht so leicht aufs Kreuz legen. Die Beweise sind einfach erdrückend. Es passt alles zusammen. Lückenlos. Ich warte nur das ärztliche Untersuchungsergebnis ab. Dann kann offiziell Anklage erhoben werden. Ich glaube ganz einfach nicht an den angeblichen Gedächtnisverlust. Entschuldigen Sie bitte einen Moment.“

Das Telefon hatte geläutet. Die Beamtin hob den Hörer ab und knallte ihn schon kurze Zeit später auf die Gabel.

„Das war vorauszusehen“, fauchte sie wutschnaubend.

„Was ist passiert?“, erkundigte sich Bount.

„Cora Martin ist geflohen. Damit hat sie die Tat endgültig zugegeben.“



6

June funkelte Bount mit ihren veilchenblauen Augen an. Sie glitzerten wie Kristalle.

„Wenn du nichts unternehmen willst, tue ich es eben auf eigene Faust. Ich habe dieses Jahr noch keinen Urlaub gehabt. Hiermit beantrage ich ihn. Deine blöden Rechnungen habe ich übrigens geschrieben.“ Sie knallte ihm ein paar Blätter auf den Schreibtisch und ballte ihre Hände.

Bount lehnte sich auf seinem Sessel zurück und betrachtete seine Mitarbeiterin. So wütend hatte er sie selten erlebt.

„Soll ich es dir noch einmal erklären?“, fragte er ruhig. „Ich verstehe ja, dass du deine Freundin nicht im Stich lassen willst. Aber in welcher Weise willst du ihr helfen? Lieutenant Sutter hat leider recht. Niemand sonst kommt für den Mord in Frage. Jetzt ist sie auch noch geflohen.“

„Was hätte sie denn tun sollen, wenn ihr keiner glaubt. Nicht mal du. Dabei schwingst du dich doch sonst so oft zum Samariter auf und zahlst die Spesen lieber aus deiner eigenen Tasche, als dass du eine Ungerechtigkeit zulässt.“

„Das ist es ja eben. Ich müsste von einer Ungerechtigkeit überzeugt sein. Aber diese Cora macht mir das verdammt schwer. Wenn sie sich wenigstens noch einmal bei dir gemeldet hätte. Aber sie will gar nicht, dass wir ihre Unschuld beweisen, weil es da nichts zu beweisen gibt.“

„Ich bekomme also ab morgen Urlaub?“ June ließ nicht locker.

Bount seufzte. „Sag mir wenigstens, was du vorhast. Weißt du vielleicht, wo Cora stecken könnte?“

„Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass sie mich heute Vormittag nicht angerufen hätte, wenn sie eine Mörderin wäre. Überlege doch! Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, und dann wendet sie sich ausgerechnet an mich.“

„Und wenn sie nun tatsächlich ihr Gedächtnis verloren hat? Wenn sie gar nicht mehr wusste, dass ihr euch aus den Augen verloren hattet?“

„Du meinst, sie hat Lousalle erschossen, ohne sich daran erinnern zu können?“

„Wäre doch möglich. Als sie begriff, was sie angerichtet hatte, bekam sie einen Schock. Das würde ihr späteres Verhalten wenigstens halbwegs erklären. Allerdings erscheint mir zweifelhaft, dass sie unter Schockeinwirkung in der Lage war, das gestohlene Collier zu verstecken.“

„Aber gerade, wenn sie krank ist, braucht sie unsere Hilfe, Bount. Ich flehe dich an. Ich bezahle auch die üblichen Sätze. Wenn ich Cora damit helfen kann, reut mich das Geld nicht.“ Bount erhob sich und ging im Büro auf und ab. „Du weißt genau, dass es mir dabei nicht ums Geld geht, June. Einen Schock kann ich nicht beweisen. Das kann nur ein Arzt. Und genau das wusste Cora zu verhindern. Die Sutter sagte, dass Lousalle gegen Mitternacht starb. Zehn Stunden später kommt Cora neben der Leiche zu sich, handelt trotz angeblichen Schocks durchaus überlegt, als Galluzzi dazukommt. Nenne mir nur einen einzigen Punkt, den zu untersuchen es sich lohnt. Wo ist ein anderer Verdächtiger? Oder, falls Cora die Tat doch ausgeführt hat, stand sie schon vor dem Mord unter Schockeinwirkung? Oder war es Notwehr?“

June winkte ab. „Ich weiß, dass nichts für eine derartige Theorie spricht, zumal Cora das kaum verheimlicht hätte. Aber ich mache mir zum Beispiel Gedanken über Roberto Galluzzi, diesen besten Freund des Ermordeten. Ich finde es seltsam, dass er ausgerechnet zu dem Zeitpunkt von seiner Reise zurückkommt, an dem er die Leiche finden musste. Und dazu auch noch die mutmaßliche Mörderin. Ich wette, dass diese Freundschaft ein paar blinde Stellen aufweist. Und dann möchte ich mir auch noch die Zeugen vornehmen, die behaupten, Cora mit dem Diplomaten gesehen zu haben. Ich werde sie auf konkrete Zeiträume festnageln. Und wenn ich nur einem nachweisen kann, dass sich Cora zu dieser Zeit an einem anderen Ort aufgehalten hat, wird Lieutenant Sutter umdenken müssen. Im Übrigen besitzt Cora doch Freunde und Bekannte. Die sollen mir bestätigen, dass sie ein Verhältnis mit Lousalle hatte.“

„Also gut, Kleines. Ich kapituliere vor deiner Entschlossenheit. Cora kann sich glücklich schätzen, eine solche Freundin zu besitzen. Hoffentlich ist sie es auch wert. Ich werde mich um Galluzzi kümmern. Geh du zu ihrer besten Freundin und sprich mit ihr. Vielleicht weiß die sogar, wo sich Cora augenblicklich versteckt hält. Wenn wir innerhalb von zwei Tagen die Anschuldigung nicht in Frage stellen können, halten wir uns raus. Akzeptierst du das?“

Junes Augen leuchteten auf. Sie fiel Bount um den Hals und strahlte. „Ich hab’s ja gewusst. Wenn du von ihrer Schuld hundertprozentig überzeugt wärst, würdest du das nicht tun. Ich bin einverstanden und mache mich sofort auf den Weg.“



7

Bount holte seinen silbergrauen Mercedes 450 SL aus der Tiefgarage und fuhr nach Staten Island.

Er traf Roberto Galluzzi in seiner Villa an. Der Italiener zeigte aber wenig Entgegenkommen.

„Privatdetektiv sind Sie?“, fragte er spitz. „Ich habe Sie nicht gerufen. Alles, was ich weiß, habe ich bereits der Polizei gesagt.“

Bount lächelte verbindlich. „Kleiner Irrtum, Mister Galluzzi“, stellte er richtig. „Sie haben lediglich gesagt, wonach Sie gefragt wurden. Ich habe mir eine Reihe völlig neuer Fragen überlegt.“

„Daran bin ich nicht interessiert.“ Galluzzis Zornesadern schwollen. „Verschwinden Sie gefälligst.“

Bount, der nicht zuletzt auch wegen seiner Hartnäckigkeit berühmt und in Gangsterkreisen berüchtigt war, dachte nicht daran zu verschwinden.

Sobald er auf unverständlichen Widerstand stieß, wurde er besonders aktiv. Insgeheim fand er, dass Junes Argwohn gegen diesen Mann vielleicht doch nicht aus der Luft gegriffen war.

„Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie an der Aufklärung des Mordes an Ihrem Freund Lousalle nicht interessiert“, sagte er gedehnt.

Damit brachte er den Italiener noch höher auf die Palme.

„Was wollen Sie mir unterstellen, Mann?“

„Dass Sie wenig kooperativ sind.“

„Gerards Mörderin ist bekannt. Es gibt eine lückenlose Beweiskette. Was wollen Sie noch?“

„Ein Geständnis. Es ist selten, dass ein Verbrecher selbst bei einer so erdrückenden Beweislast noch leugnet. Ich frage mich nach dem Grund. Und ich frage mich, wo Sie zur Tatzeit waren. Nach eigenen Aussagen waren Sie gerade erst von Sizilien zurückgekehrt. Die Maschine landete aber bereits gegen sieben Uhr dreißig. Wieso brauchten Sie mehr als drei Stunden bis zu Ihrer Villa? Oder sind Sie etwa schon mit einer früheren Maschine gekommen?“

Roberto Galluzzi zuckte unmerklich zusammen. Bount Reiniger registrierte es aber doch.

„Das ist ungeheuerlich. Ich fordere Genugtuung.“

„Ich erwarte erst einmal eine Antwort“, beharrte Bount Reiniger.

Galluzzi zögerte. Dann antwortete er. Allerdings auf überraschende Weise.

Seine Faust zuckte vor, wischte aber an Bounts Kinn vorbei, da dieser noch rechtzeitig den Kopf zur Seite nahm.

Der Italiener heulte vor Wut auf, schlug aber kein zweites Mal zu.

„Kannten Sie Miss Martin?“, wollte Bount Reiniger wissen.

„Glauben Sie, ich habe Mörderinnen in meinem Bekanntenkreis?“

„Ein einfaches Ja oder Nein würde mir genügen.“

„Nein, zum Teufel!“

Bount Reiniger lächelte tiefgründig. „Das wundert mich. Gerard Lousalle war Ihr bester Freund, und Sie wussten nicht, für welche Frau er sich interessierte? Ich nehme doch an, dass Sie ihm Ihr Haus nicht nur zum Schlafen zur Verfügung gestellt haben?“

Galluzzi konnte sich nur schwer beherrschen. „Ich pflege meine Freunde nicht zu bespitzeln“, konterte er. „Gerard war verheiratet. Er sah aber für sein Alter blendend aus; in seiner Eigenschaft als Diplomat war er selten zu Hause. Schon möglich, dass er sich in fremden Ländern nach einem Zeitvertreib umsah. Nichts Ernstes, versteht sich. Diese Martin wollte anscheinend nicht akzeptieren, dass sie ausgedient hatte. Da schoss sie.“

„Okay! Ich habe Ihre Theorie gehört, nun hören Sie auch meine. Sie sind nicht erst um halb acht in New York gelandet, sondern mindestens schon um elf Uhr am Vorabend. Sie fuhren in Ihre Villa, trafen dort Lousalle und erschossen ihn, während er neben Cora Martin schlief. Die Hand der Ahnungslosen gegen die Waffe zu drücken, war kein Problem. Sie nahmen ihren Schlüssel aus der Handtasche und fuhren zu ihrer Wohnung. Dort versteckten Sie die Perlen, um den Verdacht von sich abzulenken. Später kreuzten Sie erneut in der Villa auf und spielten den Entdecker des Verbrechens.“

Der Italiener zeigte seine Zähne. „Sie können nicht ganz richtig im Kopf sein“, befürchtete er. „Warum sollte ich das alles getan haben?“ Bount Reiniger hob die Schultern. „Soweit bin ich noch nicht. Ich wollte Ihnen nur beweisen, dass es nicht schwer ist, jemand einen Strick zu drehen.“

„Gerard war mein Freund.“

„Pah! Ehepartner bringen sich gegenseitig um und haben sich doch ewige Liebe geschworen.“

„Aber dazu müsste ein Grund vorhanden sein.“

„Das Motiv. Richtig. Wenn Sie mir dabei helfen, brauche ich nicht lange zu suchen und Leute zu fragen.“

„Was für Leute?“, fragte Galluzzi hastig.

„Leute, die keine Geheimnisse vor der Polizei haben.“

„Die habe ich nicht.“

„Dann sagen Sie mir, was Sie in den fraglichen Stunden getan haben.“

„Ich war bei einer Frau.“

„Und die Frau ist verheiratet. Deshalb können Sie ihren Namen nicht nennen. Ich habe Ihnen mehr Phantasie zugetraut.“

„Verschwinden Sie!“, zischte Galluzzi.

„Das tue ich, sobald ich hier fertig bin. Wie lange waren Sie von New York fort?“

„Sechs Tage, auch wenn es Sie einen Dreck angeht.“

„Ich nehme an, dass Lousalle schon vorher Ihr Haus bewohnte.“

„Seit zweieinhalb Wochen. Er kam jedes Jahr um diese Zeit nach New York. Die Villa ist groß genug, dass wir uns nicht auf die Füße traten.“

„Sie ist sogar so groß, dass Sie die ganze Zeit Miss Martin kein einziges Mal begegnet sind. Auch keiner anderen Frau oder irgendeinem Besucher Ihres Freundes?“

„Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe! Gerard ist tot. Die Martin hat ihn umgebracht. Es ist völlig sinnlos, weitere Personen ins Spiel bringen zu wollen. Und wenn Sie das trotzdem versuchen ...“ Er ließ den Satz unvollendet.

„Was ist dann?“, bohrte Bount Reiniger.

„Dann werden Sie das bereuen. Und nun raus! Hausfriedensbruch nennt man das, was Sie hier tun.“ Bount Reiniger sah ein, dass dieser Mann einfach nicht reden wollte. Ob es nur Sturheit war, ob die Betroffenheit über den plötzlichen Tod seines Freundes eine Rolle spielte, oder ob er etwas zu verbergen hatte, Bount wollte es herausfinden.

Er verließ die Villa und rief über Autotelefon in seinem Büro an.

June war noch nicht wieder da. Das hatte er auch nicht erwartet.

Er überlegte, ob er sich nun den Augenzeugen zuwenden sollte. Da spürte er, dass er beobachtet wurde. Er kontrollierte die Seitenspiegel und entdeckte einen jungen Mann, der an einem Baum lehnte und unverwandt zu ihm herüberstarrte.

Der Bursche war nicht viel älter als zwanzig Jahre, trug Jeanskleidung und versorgte sich aus einer riesigen Tüte mit Popcorn. Sein Unterkiefer befand sich in unaufhörlicher Kaubewegung.

Bount startete den Motor und fuhr langsam rückwärts.

Der Bursche blieb stehen. Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.

„Ich habe gewusst, da sich mal jemand für den Typ interessieren würde“, sagte er lässig.

„Wie meinen Sie das?“ Bount Reiniger war über die unerwartete Hilfe erstaunt. Wollte sich der Bursche nur wichtigmachen?

Der Jüngere ließ sich mit seiner Antwort viel Zeit. Er spuckte ein Popcorn haarscharf an Bounts Schulter vorbei und stopfte eine frische Ladung in sich hinein. Es dauerte eine Weile, ehe er wieder sprechfähig war.

„Mit dem Schwarzen stimmt was nicht“, versicherte er endlich.

„Von welchem Schwarzen reden Sie?“, wollte Bount Reiniger wissen.

„Na, Galluzzi, der Italiener. Der Kerl wohnt jetzt seit ungefähr ’nem Jahr hier. Als er kam, sah er noch schlimmer aus. Wie’n Gangster aus Chicago. Im Gesicht hatte er ’ne Menge Narben, aber die hat er sich wegoperieren lassen, damit man ihn für einen feinen Pinkel hält. In Wirklichkeit aber ist er ein mieses Schwein. Und seine Freunde sind noch übler. Sie haben mich mal in die Mangel genommen. Danach hat mir zwei Wochen kein Popcorn mehr geschmeckt. Und es tauchen immer wieder neue Visagen auf. Ich wundere mich, dass die Polizei nicht schon viel früher bei dem Kerl aufgekreuzt ist. Es musste ja erst ’nen Toten geben.“

Bount Reiniger öffnete den Schlag auf der Beifahrerseite. „Wir sollten uns im Sitzen unterhalten“, schlug er vor.

Der Junge grinste schief. „Kein übler Schlitten“, lobte er sachkundig. „Den möchte ich mal ’ne Runde fahren.“

Bount Reiniger überhörte dieses Ansinnen. Für fragwürdige Experimente war ihm sein Mercedes zu schade.

Immerhin wollte er seinen Gesprächspartner bei Laune halten und zückte eine Zehndollarnote.

Der Bursche schnappte sie sich und stieg ein. „Auf der Seite sitzt es sich auch nicht schlecht“, stellte er fest.

„Was sind das für Leute?“, forschte Bount Reiniger. „Kennen Sie Namen? Können Sie die Männer beschreiben? Haben Sie besonders in der vergangenen Nacht etwas beobachtet?“

„Vorgestellt hat sich bei mir keiner“, erklärte der Junge. „Es waren auch nicht nur Männer. Eine Puppe war auch dabei. Klasse Fassade. Schwarz, schlank, rassig. Genau meine Kragenweite. Leider hat sie mich nicht beachtet. Sie hing an so ’nem Kerl, der quatschte, als hätte er Polypen.“

„Ein Franzose?“

„Könnte stimmen. Die beiden sind erst gestern wieder hier aufgetaucht. So gegen elf Uhr abends. Auf die Minute kann ich’s aber nicht sagen. Wird ja nicht so wichtig sein.“

Bount Reiniger gab eine möglichst exakte Beschreibung von Cora Martin, die er sich von June und Lieutenant Sutter hatte geben lassen.

Der Junge nickte bestätigend. „Stimmt genau. Die war’s “

„Was machte sie für einen Eindruck? Wirkte sie verstört oder besonders erregt?“

„Nicht die Spur. Sie lachte und himmelte den Typ an. Und der grapschte an ihr rum.“

„Wann haben die beiden das Haus wieder verlassen?“

„Das weiß ich nicht. Ich habe nur noch den Lieferwagen gesehen. Dann bin ich in ’ne Disco gegangen.“

„Was für ein Lieferwagen? Und wann fuhr der vor?“

„Es war ’ne Ford. Der kam gegen halb eins. Ein paar Typen schleppten ’ne schwere Kiste ins Haus. Also wenn die nicht was geklaut hatten, will ich nicht mehr Harry Shuffle heißen.“

„War der Italiener auch dabei?“ Der Junge dachte nach. Schließlich hob er die Schultern. „Bei den Kerlen, die die Kiste trugen, war er nicht. Aber es saß noch jemand am Steuer des Wagens. Den konnte ich nicht erkennen.“

Bount Reiniger ließ sich alle Männer beschreiben, die Harry Shuffle jemals in die Villa hatte gehen sehen, besonders aber die Männer mit der Kiste. Er erkundigte sich auch nach der Zulassungsnummer des Lieferwagens, doch da musste Harry passen.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass das wichtig werden würde.“

„Beschreiben Sie mir noch die Leute, die Sie zusammengeschlagen haben.“

Viel konnte Harry Shuffle dazu nicht sagen. Seine Augen waren sehr schnell zugeschwollen gewesen. Er konnte sich nur noch an einen Kerl erinnern, der den Mund voller Goldzähne gehabt hatte.

„Seine Kumpels nannten ihn Sunny.“

„Und warum war man so wütend auf Sie?“

„Weil ich mich im 'Fireball' ein bisschen nach Galluzzi erkundigt habe. Das 'Fireball' ist ein Schuppen, in dem der Schwarze regelmäßig verkehrt. Ist hier gleich um die Ecke, zwei Straßen weiter. Mich hat der Typ ganz einfach interessiert. Ich habe aber nichts erfahren. Nur als ich das Lokal verlassen wollte, standen plötzlich die Schläger vor mir und mischten mich zusammen. Seitdem gehe ich lieber nicht mehr dorthin.“

Bount Reiniger fand, dass dieses Gespräch bei weitem ergiebiger gewesen war als jenes mit Roberto Galluzzi. Dass Harry Shuffle dem Italiener gern eins auswischen würde, war klar. Trotzdem waren die Informationen sicher wert, überprüft zu werden.

Cora Martin wurde andererseits durch die Aussage wiederum schwer belastet. Mindestens zwischen elf und halb eins hatte sie sich mit Gerard Lousalle in der Villa aufgehalten. Gegen Mitternacht war der französische Diplomat gestorben. June würde es schwer haben, dieser Tatsache etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Harry Shuffle nannte bereitwillig seine Adresse. Die Möglichkeit, Galluzzi zu schaden, machte ihn zu einem eifrigen Verbündeten.

Bount Reiniger gab ihm seine Karte. Sie vereinbarten, in Verbindung zu bleiben. Harry wollte die Villa weiterhin im Auge behalten und nach Möglichkeit sogar die Besucher fotografieren.

„Seien Sie vorsichtig, Harry!“, warnte Bount Reiniger eindringlich. „Sie wissen, dass Galluzzis Freunde nicht gerade zimperlich sind. Beim nächsten Mal begnügen sie sich vielleicht nicht mit ihren Fäusten. Ich möchte nicht, dass Ihnen etwas zu stößt.“

Harry grinste und kaute. „Ich werde dran denken“, versprach er.

Dann trennten sie sich.



8

Bevor Bount endgültig losfuhr, versuchte er noch einmal sein Glück per Autotelefon in seinem Büro. Er hörte zwar Junes freundliche Stimme. Sie sprach aber nur vom automatischen Anrufbeantworter.

Anschließend fuhr er das kurze Stück zum ,Fireball‘. Eine bessere Gelegenheit, Galluzzis Freunde kennenzulernen, konnte er sich nicht vorstellen.

Das 'Fireball' passte in diese Gegend. Die Fassade glich eher einem seriösen Hotel. In Schaukästen waren Fotos ausgestellt, die farbige Sängerinnen, einen Feuerschlucker und ähnliche Künstler zeigten. Kein Strip, keine Ankündigung frivoler Lustbarkeiten. Zumindest nach außen hin wahrte das ‚Fireball‘ den Schein.

Als Bount die Tür aufstieß, sah er nichts. Er musste sich erst noch durch zwei schwere, schwarze Vorhänge winden, die den Blick auf das Innenleben des Lokals versperrten.

Dann sah er sich einem gediegenen Barbetrieb gegenüber.

Es war noch nicht viel los. Nur vereinzelte Tische waren besetzt. Der Tresen war allerdings umlagert, was zweifellos den beiden Barmädchen zuzuschreiben war.

Der Raum war annähernd quadratisch. Die Bar befand sich in einer Ecke, die kleine Bühne, die momentan durch einen feuerroten Vorhang verschlossen war, in der gegenüberliegenden. Dazwischen waren die Tische angeordnet.

Es gab auch Nischen an den freien Wänden. Sie ließen sich ebenfalls durch Vorhänge vor neugierigen Blicken verschließen. Sie zeigten dann atemberaubende Szenen aus sämtlichen James-Bond-Filmen.

Zurzeit war nur eine Nische zugezogen. Bount interessierte sich nicht dafür. Er suchte die drei Schläger. Sunny mit seinen Goldzähnen war bestimmt mühelos zu erkennen.

Doch die meisten Gäste wandten ihm den Rücken zu. Ein paar hatten sich bei seinem Eintreten flüchtig umgedreht, sich aber sofort wieder ihrem Drink oder den Barmädchen zugewandt.

Die beiden Schönen lachten um die Wette und hielten die Gäste bei Laune und Durst. Sie sahen überraschend dezent aus, wenn sie auch nicht bis zum Hals zugeknöpft waren.

Eine, ein Girl mit kaffeebraunen, langen Haaren und Mandelaugen, zwinkerte ihm aufmunternd zu und deutete auf eine Lücke am Tresen.

Bount schob sich heran und bestellte einen Drink mit wenig Alkohol.

„Ich habe Sie noch nie bei uns gesehen“, flötete die Mandeläugige.

„Das kann sich ändern“, stellte Bount in Aussicht. „Ist Roberto schon da?“ Die Miene der Schönen veränderte sich nicht. „Welcher Roberto?“, fragte sie.

„Roberto Galluzzi. Er sagte mir, dass ich ihn hier treffen könnte.“

„Sind Sie ein Freund von ihm?“

„Hat er denn auch Feinde?“, fragte Bount.

Die Wimpern der Mandeläugigen begannen zu flackern. „Die hat jeder Erfolgreiche. Mister Galluzzi ist nicht hier. Er kommt auch meistens erst sehr spät.“

Bount nahm einen Schluck, das Zeug schmeckte nicht übel. „Das nennt man Pech“, sagte er. „Ich hätte doch schon gestern Abend kommen sollen.“

Das Mädchen lächelte verschmitzt. „Wenn er mit Miss Ruffield zusammen ist, lässt er sich nicht gerne stören.“

„Susan Ruffield?“ Bount nannte irgendeinen Vornamen, der ihm gerade in den Sinn kam. Und er hatte Glück.

„Wanda Ruffield natürlich“, klärte ihn das Mädchen auf. „Sie sind nicht lange geblieben. So ungefähr bis zehn Uhr. Warum besuchen Sie ihn nicht einfach zu Hause? Er wohnt ganz in der Nähe.“

„Von dort komme ich gerade. Er ist nicht da. Zu dumm! Es geht um ein Geschäft, an dem Roberto bestimmt interessiert wäre. Er müsste sich aber heute noch entscheiden. Sie wissen nicht zufällig die Adresse der Ruffield? Oder wenigstens ihre Telefonnummer?“

Die Mandeläugige bedauerte. „Ich weiß nur, dass sie irgendwo in Union County wohnt.“

Bount seufzte, als könnte er mit dieser Information nichts anfangen. „Na ja, da kann man nichts machen. Vielleicht kreuzt er ja doch noch zu Hause auf. Auf jeden Fall werde ich’s später noch einmal versuchen. Der Drink war klasse. Sie übrigens auch. Das ,Fireball' werde ich mir merken.“

„Würde mich echt freuen, Sir.“ Sie bedankte sich für das Trinkgeld und kümmerte sich um einen anderen Gast, einen Mann, der der kurzen Unterhaltung interessiert gelauscht hatte.



9

Bount trat auf die Straße. Erst hier veränderte sich sein Gesicht.

Er hatte es geahnt. Galluzzi hatte ihn belogen. Er war schon wesentlich früher in New York angekommen. Sein Alibi für die Mordzeit stand auf tönernen Füßen. Vielleicht konnte es Wanda Ruffiel erhärten. Dazu musste er aber erst einmal in Erfahrung bringen, wie wahrheitsliebend sie war.

In einer Telefonbox suchte er sich ihre Nummer und die Anschrift heraus. Er fand sie auf Anhieb. Das Barmädchen hatte die Gegend, in der er suchen musste, eng genug eingegrenzt.

Bevor er nach Union County fuhr, versuchte er erneut, June zu erreichen. Wieder Fehlanzeige. Hoffentlich begab sie sich nicht in Gefahr. Wenn sie von einer Idee besessen war, verbiss sie sich meist so darin, dass sie manchen Leuten unbequem werden konnte.

In der Park Avenue stand das Haus, in dem Wanda Ruffield wohnte. Es handelte sich um ein sechsstöckiges Apartmenthaus, in dessen Erdgeschoss verschiedene Geschäfte untergebracht waren. Eins davon war ein riesiger Waschsalon mit chromblitzenden Maschinen. Fast alle Stühle waren besetzt. Das Geschäft schien gut zu gehen.

Neben der Wechselkasse sah Bount einen Mann, der ihn finster anstarrte. Er kramte in seiner Erinnerung, glaubte aber, ihn nicht zu kennen.

Er ging an dem Waschsalon vorbei auf den Eingang des Apartmenthauses zu. Als er die Tür öffnete, drängte sich ein Mann an ihm vorbei und stieß ihn zurück.

Bount suchte keinen Streit. Der andere war offensichtlich angetrunken. Solchen Leuten ging er gerne aus dem Weg.

Wenn der andere ähnlich gedacht hätte, wäre alles klar gewesen. Der Bursche drehte sich aber noch einmal nach ihm um und ließ seine Faust vorspringen.

Bount hatte Glück. Er sah im letzten Augenblick die beiden Reihen blitzender Goldzähne, als der andere ihn höhnisch angrinste. Da war er gewarnt.

Vor ihm stand Sunny.

Bount zog schleunigst seinen Bauch ein. Deshalb erwischte ihn die Gerade nicht.

Sunny stierte ihn verdutzt an. Da schlug Bount auch schon zurück. Er war gespannt, warum ihm der Schläger nicht gewogen war. Mit Sicherheit hatte es etwas mit Roberto Galluzzi zu tun.

Sunny fing sich schnell. Sehr betrunken konnte er nicht sein, denn er federte blitzschnell zurück und ließ Bounts Gerade ins Leere stechen.

Die Frauen im Waschsalon schauten sich nach den beiden kämpfenden Männern um. Ein paar schüttelten vorwurfsvoll den Kopf. Die meisten zuckten mit den Schultern und wandten sich wieder den Automaten zu.

Der Bursche hinter der Kasse stürmte mit einem Wutschrei aus dem Geschäft.

Bount sah ihn aus den Augenwinkeln. Er glaubte nicht, dass dieser Mann auf seiner Seite sein würde.

Er irrte sich nicht. Während er Sunny auf Distanz hielt, fiel ihm der andere in den Rücken und trat zu.

Bount stöhnte auf und drehte sich wie ein Kreisel. Dabei benutzte er seine Arme wie Dreschflegel.

Die Angreifer jaulten auf und hielten sich zunächst in respektvoller Entfernung.

Da wurde hinter Bount die Haustür aufgerissen. Das war der dritte. Offenbar war hier die gleiche Clique versammelt, die über Harry Shuffle hergefallen war. Das konnte ja heiter werden.

Bount spielte mit dem Gedanken, lieber das Feld zu räumen. Die Chancen waren zu ungerecht verteilt.

Die drei nahmen ihm die Entscheidung ab.

Sunny griff ihn frontal an, und als er ihn abwehren wollte, rissen die beiden anderen seine Arme brutal auf den Rücken. Er musste den Haken voll schlucken. Ihm wurde übel.

Der Kerl mit den Goldzähnen holte erneut aus. Er strahlte, als freute er sich auf etwas besonders Hübsches.

Bounts Fuß flog hoch. Dabei warf er sich nach hinten und glaubte, seine festgehaltenen Arme würden aus den Schultergelenken gerissen werden.

Der Schmerzensschrei stammte aber nicht von ihm. Sunny hatte ihn ausgestoßen. In der unteren Zahnreihe klaffte eine schwarze Lücke.

Sunnys Komplizen waren für einen Moment verblüfft. Mit so viel Widerstand hatten sie nicht gerechnet.

Bount nutzte seine Chance. Er riss sich los und bückte sich instinktiv.

Die beiden Schläger krachten gegeneinander.

Bount zog einem die Beine weg, hob ihn hoch und warf ihn in Sunnys Richtung. Der Bursche mit der Zahnlücke wurde mit umgerissen.

Dem letzten verpasste Bount einen Schwinger, der die Verwendungsmöglichkeit seines Gegners als Kreisel testete. Bevor der Halunke zum Stillstand kam, schleuderte ihn Bount ebenfalls auf das Durcheinander, das gerade im Begriff war, sich zu sortieren. Jetzt war das Chaos komplett.

Bount hielt sich nicht mit dem Betrachten seines Erfolgs auf. Sobald die drei wieder auf den Beinen waren, würden sie zweifellos eine neue Runde fordern, und er sah die Notwendigkeit nicht ein.

Also verschwand er schleunigst in dem Haus und hastete die Treppen hoch.

Er verzichtete aus zweierlei Gründen auf den bequemen Lift. Erstens konnte sich dieser als Mausefalle herausstellen, falls die Burschen es geschickt anfingen. Außerdem hatte er keine Ahnung, in welchem Stockwerk Wanda Ruffield wohnte.

Er hastete an Türen mit Namensschildern vorbei. Ruffield entdeckte er erst in der vierten Etage.

Bevor er läutete, lauschte er nach unten.

Es blieb alles still. Die Schläger leckten noch ihre Wunden und berieten vermutlich, wie sie den Empfang ihres Widersachers gestalten sollten, sobald er das Haus verließ.

Mit diesem Problem wollte sich Bount jetzt noch nicht befassen. Zunächst war er auf die Frau gespannt, mit der Roberto Galluzzi zusammen war, als er angeblich noch im Flugzeug saß.



10

Wanda Ruffield war attraktiver als ein Flugzeug. Das allein war schon Grund genug, warum der Italiener diese Wahl getroffen haben mochte. Und sie war auch Motiv genug, sich ihretwegen mit einer Lüge zu belasten. Aber hier ging es um Mord, und dabei galten andere Regeln.

Die rothaarige Frau mit den jadegrünen Augen trug einen hautengen Hosenanzug aus geschmeidigem Leder. Darunter nichts.

Sie betrachtete Bount sinnend und stellte endlich mit dunkler Stimme, die in sämtliche Poren kroch, fest: „Wir kennen uns nicht. Das ist schade.“

Bount zeigte ein Strahlemannlächeln, als er betonte: „Deswegen bin ich ja hier, Wanda. Besser später als nie. Darf ich hereinkommen, oder ist Roberto da?“

Wanda Ruffield trat einen Schritt zur Seite, aber nur so weit, dass sich Bount an ihr vorbeizwängen musste. Sie drängte sich dabei an seine Schulter. Eine Frau ohne Umschweife, wie es schien. Es würde nicht leicht sein, sie unter Kontrolle zu halten.

Die Tür zum Livingroom stand offen. Leise Musik tönte aus der HiFi-Anlage.

Bount trat ein und hielt nach weiteren Türen Ausschau. Es gab keine.

Sie nahmen in weichen Schalensesseln Platz. Bount bot der Frau eine Pall-Mall an, die sie aber dankend ablehnte.

„Ich muss auf meine Stimme achten“, erklärte sie. „Ich singe, müssen Sie wissen.“

„Ohne Zweifel sehr gut“, sagte Bount galant, um sich einzuschmeicheln.

Ein verheißungsvoller Blick war sein Lohn.

Er verzichtete ebenfalls auf eine Zigarette und betrachtete die zahlreichen Fotos an den Wänden. Sie zeigten ausnahmslos die Sängerin während ihrer Auftritte.

„Wie darf ich Sie nennen?“, erkundigte sich Wanda Ruffield.

Bount nannte seinen Vornamen und lenkte das Gespräch erneut auf den Italiener. Er wollte sich hier nicht länger aufhalten, als unbedingt notwendig war. Die schwüle Atmosphäre behagte ihm nicht.

„Warum sollen wir über Roberto reden?“, fragte sie lächelnd. „Erzählen Sie mir lieber etwas über sich.“ Bount blieb eisern. Er musste wissen, ob Galluzzi zur fraglichen Zeit mit dieser Frau zusammen gewesen war. Er fragte sie ohne Umschweife.

Wanda Ruffield ließ einen Laut hören, der ein Schnurren sein konnte. Oder auch ein bedrohliches Fauchen. Das blieb ungewiss.

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, wobei das Material des Hosenanzugs seine Solidität unter Beweis stellen konnte. Es hielt, aber es wurde mächtig strapaziert.

„Sie sind wenig diskret, Bount“, stellte sie leicht amüsiert fest. „Ich spreche nicht über Dinge, die in meinen Nächten geschehen. Das müssen Sie verstehen.“

„Es ist aber wichtig für Roberto.“

„Ich denke vor allem daran, was wichtig für mich ist. Als Künstlerin muss ich auf meinen Ruf achten. Die Konkurrenz wartet nur darauf, mich mit Gerüchten fertigmachen zu können. Ich muss Sie bitten ... Wer mag das sein?“

Es hatte geläutet. Wanda Ruffield schoss in die Höhe.

Bount kam ihr zuvor. „Ich werde nachsehen“, entschied er und war schon bei der Tür. Er durchquerte den Gang, nahm die Automatic vorsichtshalber aus dem Schulterholster und ließ sie in der Hosentasche verschwinden.

So öffnete er.

Draußen stand Roberto Galluzzi. Der Italiener stutzte kurz. Dann sah es aus, als wollte er sich auf den Detektiv stürzen.

„Sie schon wieder?“, brüllte er. „Was, zum Teufel, haben Sie bei Miss Ruffield zu suchen?“

„Das Alibi eines Mordverdächtigen“, gab Bount kalt zurück. „Ich weiß inzwischen, dass Sie mir nicht die Wahrheit gesagt haben. Sie befanden sich bereits in der Stadt, als Lousalle erschossen wurde.“

„Weitere acht Millionen befanden sich ebenfalls in der Stadt, Sie Narr“, zischte Galluzzi. „Lassen Sie Miss Ruffield in Ruhe. Sonst bekommen Sie es mit mir zu tun.“

Er stürmte an Bount vorbei und blieb an der offenen Tür des Livingrooms stehen. Seine Augen weiteten sich.

Bount folgte ihm. Auch ihm blieb fast die Spucke weg.

Wanda Ruffiel war gerade dabei, aus ihrem Lederanzug zu schlüpfen. Da er sehr eng war, hatte sie erhebliche Schwierigkeiten. Sie war aber schon so gut wie nackt. Als sie die Männer entdeckte, stieß sie einen spitzen Schrei aus und bedeckte ihre vollen Brüste. Dabei glitt das Kleidungsstück vollends zu Boden und gab den Blick auf besonders reizvolle Körperpartien frei.

Galluzzi war mit zwei Sätzen bei der Frau und half ihr wieder in die Kombination.

„Ist er dir zu nahegetreten?“, fragte er erregt.

Die Ruffield lachte grell. „Bist du blind, Roberto?“ Sie ordnete flüchtig ihr Haar, das völlig in Unordnung geraten war. „Meinst du, er wollte mit mir Canasta spielen? Ich bin froh, dass du da bist.“

Galluzzi schnellte zu Bount herum und blitzte ihn aus pechschwarzen Augen an.

„Das werden Sie bereuen“, schnaufte er.

Bount wehrte spöttisch ab. „Sie glauben doch diese Komödie nicht. Diese Frau ist eine Lügnerin.“

„Ich fordere Genugtuung“, kreischte der Italiener. „Miss Ruffield ist meine Verlobte. Wir werden heiraten. Ich lasse die Ehre meiner zukünftigen Frau nicht in den Schmutz ziehen. Ich erwarte Sie heute Abend um zehn Uhr im Weequahic Park. Zwanzig Schritte Distanz. Geschossen wird, bis einer von uns nicht mehr aufsteht.“

Bount glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Sie wollen sich mit mir duellieren?“

„Ich bestehe darauf.“

„Seien Sie nicht töricht. Die Gesetze dieses Landes verbieten es, auf einen Menschen zu schießen. Ich pflege mich an die Gesetze zu halten.“

„Diesmal werden Sie eine Ausnahme machen, weil ich Sie dazu zwinge.“

„Lassen Sie sich nicht auslachen. Niemand zwingt mich zu einem Verbrechen. Auch nicht Miss Ruffield mit ihrer bühnenreifen Show. Ich habe sie nicht angefasst.“

„Ich glaube Ihnen nicht, Reiniger. Sie sind ein Lump. Sie verdächtigen unschuldige Männer und fallen über wehrlose Frauen her. Ich rate Ihnen dringend, meiner Aufforderung Folge zu leisten, damit ich Sie erschießen kann.“

Bount ging langsam zur Tür des Apartments, ließ den Italiener und die Frau aber dabei nicht aus den Augen.

„Ich hatte gleich den Eindruck, als würden Sie gerne mit einer Pistole durch die Gegend schießen“, sagte er eisig. „Haben Sie Lousalle ebenfalls beim Duell getötet? Dann haben Sie aber vergessen, ihm eine Waffe in die Hand zu drücken.“

„Verschwinden Sie, und bereiten Sie sich auf heute Abend vor.“

„Das werde ich tun“, bestätigte Bount. „Allerdings werde ich mich um diese Zeit bestimmt nicht mit einem eifersüchtigen Liebhaber in irgendwelchen Parks duellieren, sondern versuchen, den Mord aufzuklären. Nur Sie allein wissen, ob uns diese Aufgabe zwangsläufig wieder zusammenführt.“

Bount warf die Tür hinter sich ins Schloss und nahm diesmal den Lift.

Bevor er auf die Straße trat, vergewisserte er sich nach allen Seiten, ob ihn die drei Schläger wieder erwarteten. Da, das nicht der Fall war, ging er zu seinem Wagen und fuhr nach Manhattan zurück.



11

Es passierte, als er die Frelinghuysen Avenue entlangfuhr. In der Nähe des Weequahic Parks platzte einer der Vorderreifen. Da Bount kaum Fahrzeuge vor Sich hatte, war er ziemlich schnell gefahren.

Er versuchte zwar noch, den Mercedes abzustoppen und in der Spur zu halten, doch es gelang ihm nur Unvollkommen. Der Wagen rutschte seitlich weg, schlitterte über zwei Fahrspuren und knallte gegen die Bordsteinkante.

Ein paar Passanten, die sich in der Nähe befanden, sprangen kreischend beiseite. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Bount stieg aus und besah sich den Schaden. Er wurde sofort von Neugierigen umringt, die ihm die unterschiedlichsten Gefühle entgegenbrachten.

Die einen argwöhnten, dass er betrunken sei. Sie forderten, dass die Polizei gegen Säufer viel härter durchgreifen müsse.

Andere sparten nicht mit guten Ratschlägen, die darin gipfelten, dass man sich lieber keinen ausländischen Wagen zulegen sollte.

Eine ältere Frau erkundigte sich besorgt, ob Bount auch Unverletzt sei. Er konnte nicht klagen.

Er ging nach hinten, um den Ersatzreifen zu holen.

Die Frau folgte ihm auf den Fuß.

Bount war nachdenklich. Die Reifen hatte er noch keine fünftausend Meilen gefahren. Er wählte grundsätzlich eines der besten Fabrikate. Das machte sich normalerweise bezahlt.

Er bückte sich, um die Radmuttern zu lockern.

Da schrie die Frau neben ihm auf. Über ihm splitterte es. Ein Hagel aus Sicherheitsglasstückchen prasselte auf ihn nieder.

Bount riss die Frau zu Boden und warf sich schützend über sie. Sie wehrte sich verzweifelt. Erst als knapp über Bount noch zwei Kugeln ins Blech schlugen, wurde sie still.

Bount zog die Automatic und suchte den Heckenschützen. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass es sich um Galuzzzi selbst oder einen seiner Leibwächter handelte. Wer sonst konnte wissen, dass er sich auf dieser Strecke befand.

Der Weequahic Park. Der Italiener hätte sich hier mit ihm duellieren wollen. Vermutlich hatte er geplant, ihn durch einen heimtückischen Killer bei dieser Gelegenheit aus dem Wege räumen zu lassen.

Vermutungen, aber keine Beweise.

Der unbekannte Schütze rührte sich nicht mehr. Sein Plan war fehlgeschlagen. Mit Sicherheit war er längst über alle Berge.

„Tut mir leid“, sagte Bount zu der Frau und half ihr auf die Füße. Sicherheitshalber brachte er sie aber hinter den Wagen, wo sie Deckung fand.

Keiner sonst hatte begriffen, was hier los war. Die Schüsse waren vom Verkehrslärm übertönt worden. Die Einschläge hatte niemand zur Kenntnis genommen, das zertrümmerte Fenster sah man als Folge des Aufpralls an.

„Schrecklich!“, jammerte die Frau. „In dieser Stadt ist man seines Lebens nicht mehr sicher. Irgendwelche Banden schlagen sich gegenseitig die Köpfe blutig. Und unsereins kann nicht mehr auf die Straße gehen. Ich glaube, ich ziehe doch zu meinen Kindern nach Oklahoma. Die haben dort ein hübsches Häuschen. Da wird nicht geschossen. Das gibt es nur in New York, junger Mann.“

Davon war Bount zwar nicht überzeugt, er sah aber keinen Grund, der freundlichen Dame ihren Glauben zu zerstören.

Er war froh, als sich die Menge zerstreute.

Im Innern des Wagens fand er eines der Geschosse. Er steckte es in die Tasche. Wenn er Glück hatte, brachte eine Untersuchung unter dem Vergleichsmikroskop Aufschluss über die benutzte Waffe und den Schützen.

Der Wagen war so stark demoliert, dass er in die Werkstatt musste. Bount hielt sich nicht mehr mit dem Reifenwechsel auf, ihm war nun auch klar, dass der Reifen nicht von selbst geplatzt war. Da hatte ebenfalls eine Kugel nachgeholfen. Vielleicht hatte der Killer gehofft, dass sich sein Opfer bei dem Unfall bereits das Genick brach. Dann hätte niemand ein Verbrechen in Erwägung gezogen.

Bount verzichtete darauf, die Polizei einzuschalten. Er gab sich keiner Illusion hin. Galluzzi würde das benutzte Gewehr nicht in seiner Villa aufbewahren. Ihm war nicht das geringste nachzuweisen.



12

Bount ließ den Mercedes abschleppen und fuhr mit dem Taxi nach Hause.

Wieder im Büro, bestellte er sich als erstes einen Leihwagen bei der Firma, die seine Wünsche genau kannte. An sie wandte er sich immer dann, wenn sein Silbergrauer wieder einmal lahmgeschossen worden war.

June war noch immer nicht da. Er begann sich Sorgen zu machen, hoffte aber, dass sie sich inzwischen telefonisch gemeldet hatte.

Er spulte das Band zurück und hörte es ab, während er in die Küche ging, um die Herstellung eines Kaffees in die Wege zu leiten.

June hätte tatsächlich mehrfach angerufen und jeweils ihr nächstes Ziel hinterlassen. Bount wurde den Eindruck nicht los, dass sich ihre Stimme von Mal zu Mal niedergeschlagener anhörte.

Seine eigenen Anrufe waren natürlich ebenfalls festgehalten worden. Und dann war da noch ein gewissem Fred Paulman, der um seinen dringenden Rückruf bat. Er verriet nicht, worum es sich handelte.

Bount wollte sich eben dieser Pflicht entledigen, als June hereinkam.

Sie sah müde aus. Müde und enttäuscht. Sie schleuderte ihre Pumps in die nächste Ecke und massierte ihre Füße.

„O Mann!“, erklärte sie stöhnend. „Bin ich geschafft. Ich glaube, ich habe auch die entlegensten Zipfel dieser Stadt erforscht.“

„Aber doch wohl nicht zu Fuß“, wandte Bount ein und schlürfte das heiße Gebräu, das er aus der Küche geholt hatte.

June raufte sich in komischer Verzweiflung die Haare. „Hast du schon mal einen Parkplatz in der Nähe einer Adresse gesucht?“, wollte sie wissen. „Im günstigsten Fall war er nur dreihundert Yards entfernt, meistens aber erheblich weiter. Und das elfmal.“

„Du wolltest es nicht anders.“

„Deinen Triumph kannst du dir sparen. Was ist das, was du da trinkst?“ Sie atmete schnüffelnd ein.

„Mangels einer Mitarbeiterin war ich gezwungen, meinen Kaffee selbst zu kochen. Es ist auch für dich noch genug da.“

June ließ eine Tasse volllaufen, kostete und schnitt eine Grimasse. Demonstrativ schüttete sie den Inhalt ins Spülbecken.

„Bevor ich das Gewäsch trinke, mache ich lieber dieselbe Tour noch einmal“, behauptete sie und hantierte nun selbst an der Kaffeemaschine. „Schließlich will ich mich nicht einschläfern.“

„Wie ich vermute, hast du deine Füße umsonst strapaziert“, meinte Bount und verzichtete ebenfalls darauf, seine Tasse leer zu trinken. Er wusste, dass Besseres nachkommen würde. Junes Kaffee konnte Tote zum Leben erwecken.

Oder jedenfalls Fast-Tote. Bei Gerard Lousalle hätte auch er versagt.

June nickte schwach. „Einen so totalen Misserfolg hatte ich nicht erwartet“, gestand sie. „Es ist mir nicht gelungen, auch nur einen der Augenzeugen zu widerlegen, obwohl mir alle ziemlich exakte Zeiträume nannten, in denen sie Cora mit dem Franzosen gesehen haben wollen. Ich habe mit Betty Hunt gesprochen. Betty ist Coras beste Freundin. Sie erklärte, Cora habe sich in den vergangenen Wochen sehr rar gemacht. Sie vermutete, dass ein Mann dahintersteckte, dessen Namen sie aber nicht wusste. Früher seien sie beide häufig ins Kino oder in ein Café gegangen. In letzter Zeit habe Cora immer Ausreden gefunden. Auch jetzt hat sich Cora nicht bei ihrer Freundin gemeldet. Betty nannte mir zwar ein paar Adressen, aber nirgends habe ich die Verschwundene gefunden. Ich fürchte, Bount, du behältst recht. Cora hat mir nicht die ganze Wahrheit gesagt.“

Bount steuerte sein eigenes Wissen bei. „Sie wurde zur fraglichen Zeit gesehen“, berichtete er. „Sie ging mit Lousalle in die Villa, in der er wenig später ermordet wurde. Angeblich machte sie einen ganz normalen Eindruck.“

„Das hätte ich ihr nie zugetraut, Bount. Ich habe noch versucht zu erkunden, wohin sie gestern nach der Arbeit gegangen ist.“

„Und?“ Bount ließ sich Junes Kaffee schmecken. Das Aroma füllte das ganze Büro. Dazu zündete er sich eine Pall Mall an und genoss auch sie. Immerhin hatte er einiges hinter sich.

„Nichts. Sie hat in einem Supermarkt eingekauft. Danach verliert sich ihre Spur. Ihre Nachbarn können nicht einmal sagen, ob sie nach Hause gekommen ist. Angeblich hat sie in letzter Zeit öfter auswärts übernachtet.“

„Vermutlich bei Lousalle“, warf Bount ein.

„Es sieht ganz so aus. Ich gebe zu, dass ich mich geirrt habe. Schließen wir die Akte.“

Bount antwortete nicht. Er dachte an Roberto Galluzzi, an die drei Schläger, an den Heckenschützen und an Wanda Ruffield, die ihn in voller Absicht hereingelegt hatte. Ihm fielen auch die Behauptungen von Harry Shuffle ein, der von mysteriösen Besuchern der Villa gesprochen hatte, von der großen Kiste, in der nach seiner Überzeugung Diebesgut transportiert worden war. Durfte er vor alledem die Augen verschließen?

Vor allem war er sehr daran interessiert, den Schuft zu erwischen, der ihm seinen Wagen zerschossen hatte. Selbst wenn das nichts mit dem Mord an Gerard Lousalle zu tun haben sollte.

Er nahm sich vor, auf alle Fälle noch ein paar Erkundigungen einzuziehen, bevor er sich einem neuen Fall zuwandte.

Ihm fiel dieser Fred Paulman ein, den er dringend anrufen sollte. Vielleicht war dies schon ein neuer Fall. Einer, bei dem er seinem Honorar nicht hinterherlaufen musste.

Er nahm den Hörer ab und wählte die Nummer, die der Anrufer angegeben hatte.

Fred Paulman meldete sich Sekunden später. Es war, als hätte er ungeduldig neben dem Telefonapparat gewartet.

„Sind Sie’s, Mister Reiniger? Gott sei Dank! Ich habe schon befürchtet, Sie würden sich nicht mehr melden.“

„Wo brennt’s denn, Mister Paulman? Ich hoffe, dass ich Ihnen helfen kann.“

„Das hoffe ich auch. Sehr sogar. Immerhin geht es um meine Zukunft. Sie werden verstehen, dass ich sehr vorsichtig sein muss. Schließlich will ich nicht den Rest meines Lebens an eine Mörderin gebunden sein.“

„Das wird auch keiner von Ihnen verlangen.“

„Aber ich liebe Cora, verstehen Sie? Ich will sie heiraten, und sie möchte das auch. Und nun passiert das.“ Sein aufgeregtes Atmen drang durch den Hörer.

Bount spitzte die Ohren. „Sprechen Sie etwa von Cora Martin?“, vergewisserte er sich.

„Sagte ich das nicht? Cora rief mich vor ein paar Stunden an und erzählte mir, dass man sie des Mordes an einem Mann verdächtige, der ihr völlig unbekannt ist. Sie war total aufgelöst und weinte die ganze Zeit. Ich erfuhr, dass sie sich bereits mit Ihnen in Verbindung gesetzt habe. Oder besser gesagt mit Ihrer Assistentin. Ich bin aus ihrer Schilderung nicht ganz klug geworden. Es klang alles so verworren, so unwahrscheinlich.“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe“, unterbrach ihn Bount, „dann wollen Sie, dass ich Coras Unschuld beweise.“

„Das wäre mir natürlich am liebsten, Mister Reiniger. Genaugenommen erwarte ich aber von Ihnen, dass Sie die Wahrheit herausfinden. Ist Cora unschuldig, wie sie beteuert, dann werden wir heiraten. Hat sie den Franzosen erschossen, wären noch die Umstände zu klären. Ich halte zu ihr, solange auch nur der geringste Zweifel an ihrer alleinigen Schuld besteht. Nur, wenn sie mich betrogen und von Anfang an hintergangen hat, muss ich mich schweren Herzens von ihr trennen. Ich bitte Sie daher inständig, die Hintergründe dieses Verbrechens zu klären. Egal, was Sie herausfinden. Ich will Gewissheit, und ich will nicht, dass Cora für etwas büßen muss, wofür sie keine Schuld trifft.“

Bount war für Ehrlichkeit. Deshalb sagte er: „Bevor Sie mir den Auftrag erteilen, sollten Sie wissen, dass meine Mitarbeiterin und ich während der letzten Stunden in dieser Angelegenheit ermittelt haben. Was dabei herausgekommen ist, spricht keineswegs für Coras Unschuld. Zugegeben, ich habe Leute getroffen, die ich mir nicht in meinem Bekanntenkreis wünsche. Tatsache bleibt allerdings, dass Cora bei Lousalle war, als dieser erschossen wurde. Vieles spricht auch dafür, dass sie während der letzten Wochen mehrfach die Nächte mit dem Franzosen verbracht hat. Sie wurde von Zeugen gesehen, als sie mit ihm zum Essen und im Theater war. Oder können Sie das Gegenteil beweisen?“

„Dazu müsste ich die genauen Zeiten wissen, an denen sie gesehen worden sein soll.“

Bount sagte sie ihm.

Fred Paulman blätterte anscheinend in einem Kalender. Nach einer Weile meldete er sich wieder. Seine Stimme klang kleinlaut. „Ausgerechnet in dieser Zeit war ich ein paar Tage außer Landes. Ich kann es nicht fassen. Aber sonst waren wir fast jede Nacht zusammen. Das kann ich beschwören.“

„Auch letzte Nacht?“

„Nein“, gab Paulman zu. „Wir waren verabredet, aber sie kam nicht und hat auch nicht angerufen.“

„Und Sie riefen bei ihr auch nicht an?“

„Selbstverständlich. Mehrfach sogar. Aber sie ging nicht an den Apparat. Wahrscheinlich war sie nicht zu Hause.“

„Unter diesen Umständen frage ich Sie also noch einmal, ob Sie Ihren Auftrag aufrechterhalten.“

„Finden Sie die Wahrheit heraus, Mister Reiniger“, sagte der Anrufer spontan. „Auch wenn sie schmerzt.“

„Einverstanden! Sie sprachen davon, dass Cora sich mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat. Wo hält sie sich momentan auf?“

„Das weiß ich selbst nicht. Sie wollte es mir nicht sagen. Sie hat entsetzliche Angst, weil ihr niemand glaubt. Sie fürchtet, hereingelegt zu werden. Sie glaubt schon, dass sie verrückt ist. Das ist ihre einzige Erklärung für das, was man ihr vorwirft.“

„Passen Sie auf, Mister Paulman.“ Bount Reiniger blieb ganz ruhig. „Ich muss unbedingt mit Cora sprechen, wenn ich die Wahrheit herausfinden soll.

Falls sie sich erneut bei Ihnen meldet, müssen Sie sie dazu bringen, dass Sie sich mit mir trifft. Ich sichere ihr zu, dass die Polizei aus dem Spiel bleibt, obwohl sie nichts Vernünftigeres tun könnte, als sich freiwillig zu stellen und sich tatsächlich untersuchen zu lassen. Werden Sie das arrangieren?“

„Ich will es zumindest versuchen, Mister Reiniger. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich schicke Ihnen noch heute einen Scheck.“

Als Bount den Hörer aufgelegt hatte, sah er June zerknirscht an. So erfreulich auch die Aussicht auf einen Scheck war, so trübe sah es um die Erfolgschancen in diesem Fall aus.



13

Die Untersuchung des Projektils, mit dem auf Bount geschossen worden war, brachte erwartungsgemäß keine neuen Erkenntnisse. Der Gewehrtyp konnte zwar ermittelt werden, die Tatwaffe selbst war aber noch nicht im Zuge eines Verbrechens registriert worden. Jetzt lag sie wahrscheinlich auf dem Grunde des Hudson oder East Rivers.

Bount ging mit June alle bekannten Fakten der Reihe nach durch. Flüchtig betrachtet, fügten sich alle Tatbestände zu einer lückenlosen Kette, die auf Cora Martin als Mörderin hindeuteten.

Trotzdem stolperte Bount über ein paar Punkte, die nicht recht in das Bild passen wollten.

Nach Fred Paulmans Angaben war Cora nie vor einem Schmuckgeschäft stehengeblieben, um die Auslagen zu betrachten. Dass sie wegen des Perlenkolliers einen Menschen umbrachte, erschien deshalb seltsam, zumal sie das Bargeld aus der Brieftasche und andere Wertgegenstände, die sie in der Villa gefunden hätte, nicht mitgenommen hatte.

Nun gut, sie konnte im Auftrag gehandelt haben. Zum Beispiel im Auftrag von Galluzzi oder eines Mittelsmannes. Galluzzi ließ sie dann fallen, und Cora drehte prompt den Spieß um und beschuldigte ihn des Mordes.

Es gab noch einen anderen Punkt. Ein Mörder musste schon völlig durcheinander sein, wenn er die Tatwaffe mit seinen Fingerabdrücken neben seinem Opfer liegenließ.

Und dann war da der lange Zeitraum zwischen der Tat und Coras Flucht aus der Villa. Den konnte sich Bount am wenigsten erklären.

Warum meldete sich Cora nicht bei ihm?

Es war, als hätten seine Gedanken Suggestionskraft. Das Telefon schnurrte. Es meldete sich Cora Martin mit flüsternder Stimme. Anscheinend hatte sie Angst, belauscht zu werden.

„Fragen Sie nicht, wo ich mich aufhalte, Mister Reiniger. Ich werde es Ihnen nicht verraten. Fred hat mich beschworen, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, aber helfen können Sie mir auch nicht.“

„Das hängt in erster Linie von Ihnen ab, Miss Martin“, antwortete Bount. „Sie haben die Wahl. Sie können sich für den Rest Ihres Lebens verstecken und irgendwann versuchen, die Stadt zu verlassen. Sie können aber auch mit mir zusammenarbeiten und mir bei der Wahrheitsfindung helfen.“

Die Frau lachte bitter. „Wahrheit? Was ist das? Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Schusswaffe in der Hand gehalten, und jetzt soll ich plötzlich einen Menschen umgebracht haben. Gegen mich ist ein Komplott im Gange, Mister Reiniger. Ich weiß nicht, wer dahintersteckt und warum er mich zugrunde richten will. Ich weiß nur, dass ich keine Mörderin bin.“

„Dann sollten Sie zur Polizei gehen“, drängte Bount. „Das ist auf alle Fälle besser für Sie; nur mit Ihrer Hilfe können wir das Rätsel lösen. Es war ein schwerer Fehler, dass Sie sich der ärztlichen Untersuchung entzogen haben.“

„Halten Sie mich etwa auch für geistesgestört?“

„Es könnte sein, dass irgendjemand mit einem Präparat Einfluss auf Ihren Willen genommen hat. Dieses Medikament ließe sich wahrscheinlich auch jetzt noch in Ihrem Körper nachweisen.“

„Und wenn man nichts findet?“

„Irgendetwas muss man finden, ich habe einen Zeugen, der gesehen haben will, wie Sie zusammen mit Lousalle die Villa betraten. Wenn Sie sich daran nicht erinnern, müssen Sie manipuliert worden sein. Die zweite Möglichkeit ist nur noch, dass Sie lügen. In diesem Fall kann ich allerdings begreifen, dass Sie an der Wahrheit nicht interessiert sind.“

Bount hörte nur ein Schluchzen, aber er musste die Frau hart anfassen.

Er erkundigte sich, wo sie nach ihrer Meinung gewesen sei, als man sie mit Lousalle im Restaurant und im Theater gesehen hatte.

„Ich hatte Zeit, darüber nachzudenken“, antwortete sie erstickt. „In diesen Tagen war Fred in Brasilien. Er hatte dort geschäftlich zu tun. Ich bin zu Hause geblieben und zeitig schlafengegangen, Ich weiß, dass das ein unbrauchbares Alibi ist, aber es entspricht der Wahrheit.“

„Wäre es nicht normal gewesen, wenn Sie sich mit Ihrer Freundin Betty Hunt in Verbindung gesetzt hätten?“

„Was ist schon normal, wenn man verliebt ist? Ich hatte Betty gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr nichts von Fred erzählt hatte. Ohne ihn war ich einfach nicht in der Stimmung fortzugehen. Fred leitet eine Firma für elektronische Bauteile. Noch nie hat sich ein Mann in dieser Stellung für mich interessiert.“

„Sie möchten nicht auf den Lebensstandard, den er Ihnen bieten könnte, verzichten.“

Cora Martin wurde wütend. „Warum sprechen Sie nicht aus, was Sie wirklich sagen wollen? Ich bin nur hinter dem Geld her. Ich habe Freds Abwesenheit ausgenutzt und mich an einen französischen Diplomaten herangemacht, der offensichtlich im Geld schwamm. Ich war auf den kostbaren Collier scharf. Um es zu bekommen, habe ich Lousalle umgebracht.“

„Genauso sieht es tatsächlich aus. Das bedeutet aber nicht, dass ich es auch glaube. Es wäre von Nutzen, wenn ich Sie persönlich kennenlernen könnte, Miss Martin. Ich bilde mir auf meine Menschenkenntnis etwas ein. Sie müssen schon besonders raffiniert sein, um mich täuschen zu können. Ich schlage vor, dass wir uns an einem Ort treffen, den Sie bestimmen können. Ich verspreche Ihnen, dass ich allein kommen werde und außer June niemand etwas von unserer Begegnung erfährt. Vor allem nicht die Polizei. Falls ich Sie nicht davon überzeugen kann, dass es vernünftig wäre, zu Lieutenant Sutter zurückzugehen, lasse ich Sie in Ihr Versteck zurückkehren. Ich habe etwas Besonderes mit Ihnen vor. Ich will mit Ihnen den Weg gehen, den Sie gestern nach der Arbeit genommen haben.“

„Was versprechen Sie sich davon?“

„Dass Sie an irgendeiner Stelle beginnen, sich wieder zu erinnern. Im Büro waren Sie noch absolut okay, wie wir wissen. Dann gibt es eine Lücke, während der ein Mord geschah. Helfen Sie mir, diese Lücke zu schließen. Helfen Sie Fred, der Sie trotz allem nicht aufgibt.“

Cora Martin sagte lange Zeit nichts. Endlich fragte sie tastend: „Und Sie wollen mir keine Falle stellen, Mister Reiniger?“

„June würde mir den Kopf herunterreißen, wenn ich das versuchen würde. Sie besitzen mehr Freunde, als Sie für möglich halten.“

„Also gut!“, kam es leise. „Ich vertraue Ihnen. Kennen Sie den Dyker Beach Park?“

„In Brooklyn? Natürlich.“

„Es gibt dort einen Kinderspielplatz. Dort werde ich gegen elf Uhr sein.“

„Ein ziemlich verstecktes Gelände“, erinnerte sich Bount.

„Fürchten Sie, ich könnte hinterrücks auf Sie schießen?“

Bount ging auf diese Frage nicht ein. Er gab eine Personenbeschreibung von sich, damit Cora Martin ihn auch erkannte. Er versprach, pünktlich zu sein.

Bis zu dem Treffen hatte er noch einige Stunden Zeit. Die wollte er nutzen, um etwas mehr über Roberto Galluzzi und auch über den Ermordeten zu erfahren.

Er setzte sich mit Toby Rogers in Verbindung, der schon auf seinen Anruf gewartet hatte.

„Muss ich dich wieder aus einem Polizeirevier loseisen?“, erkundigte sich der Dicke und lachte genüsslich. „Eigentlich hätte ich ja die Wahrheit über dich sagen sollen. Lieutenant Sutter ist eine sehr fähige, energische Beamtin. Sie hätte dich bestimmt für ein paar Tage in Haft genommen. Und mir wäre es vielleicht endlich gelungen, June zu überreden, in Zukunft für mich zu arbeiten.“

„Dann warst du es wohl, der heute aus sicherer Distanz auf mich hat schießen lassen? Du scheust offensichtlich kein Mittel, um an June heranzukommen.“

„Jedenfalls wäre sie jedes Mittel wert“, gab der Captain unumwunden lachend zu. „Ich lasse mir deinen Tipp durch den Kopf gehen. Wurde tatsächlich ein Anschlag auf dich verübt?“

Bount erzählte, was auf der Freling Huysen Avenue vorgefallen war.

„Ich habe Roberto Galluzzi im Verdacht, kann ihm aber nichts nachweisen. Deshalb wüsste ich gerne etwas über seine Vergangenheit. Ist er bei euch aktenkundig?“

Es stellte sich schnell heraus, dass Toby Rogers mit Lieutenant Sutter ein intensives Gespräch geführt hatte. Dabei war nicht nur über Bount und June, sondern auch über Cora Martin, Galluzzi und den Ermordeten gesprochen worden. Deshalb wusste Toby auf Anhieb gut Bescheid;

„Bei uns hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er ist Inhaber einer Waschsalon-Kette, die zweifellos einen guten Gewinn abwirft. Nach meiner Ansicht hätte er es nicht nötig, krumme Dinger zu drehen. Was er in Italien getrieben hat, wissen wir noch nicht. Wir haben uns aber mit der dortigen Polizei in Verbindung gesetzt und erwarten baldigen Bescheid.“

„Und Lousalle?“

„Über einen Diplomaten etwas in Erfahrung zu bringen, ist schwierig. Man kann sehr leicht bei fremden Regierungen anecken und politische Verwicklungen heraufbeschwören. Lousalle hielt sich seit fünf Jahren regelmäßig jeweils sechs Wochen in New York auf; Er traf sich hier mit den Vertretern anderer Staaten. Er fiel nie in irgendeiner Weise auf. Man sagt ihm lediglich die Vorliebe zum schöneren Geschlecht nach. Die soll ihn schon eine hübsche Stange Geld gekostet haben. Aber das ist schließlich nicht verboten. Solange einem die eigene Frau nicht auf die Zehen tritt.“

„Wie hat Madame Lousalle auf den Tod ihres Mannes reagiert?“

„Mit einem Nervenzusammenbruch. Danach ist sie mit unbekanntem Ziel abgereist.“

„Vermutlich kommt sie nach New York.“

„Es wird gemunkelt, dass sie unter den Frauengeschichten ihres Mannes sehr gelitten hat. Die Ehe war zerbrochen.“

„Und trotzdem ein Nervenzusammenbruch.“

„So sind die Frauen, Bount. Übrigens, falls du etwas von der Martin hörst, lass es uns wissen.“

Bount bekam ein schlechtes Gewissen. Toby war sein Freund. Er arbeitete häufig mit der Polizei zusammen und hatte ihre Dienste schon oft in Anspruch genommen. Doch er hatte nicht vor, sein gegebenes Versprechen zu brechen.

Er erkundigte sich noch nach einem Mann mit lauter Goldzähnen und dem Spitznamen Sunny.

Hier konnte ihm Toby nicht helfen. Der Captain versprach aber, sich zu erkundigen und zurückzurufen, falls er etwas erfuhr.



14

Bount wartete vergebens auf den Anruf. Die Zeit rückte vor. Er musste sich auf den Weg zum Dyker Beach Park machen.

Bei dem Leihwagen hatte er sich für einen Mercedes 190 E entschieden. Er sah keinen Grund, die Marke zu wechseln.

Er nahm den West Side Express Highway bis zum Brooklyn Battery Tunnel und setzte seine Fahrt auf der Schnellstraße fort. Der Gowarus Express Way führte fast direkt am Park vorbei.

Zunächst umrundete er ein paar Mal das Areal, denn er war noch etwas zu früh dran.

Schließlich stellte er den Wagen ab und betrat den Park.

Er störte ein Liebespärchen, sah ein paar heruntergekommene Typen, die es sich auf Bänken zur Nacht bequem machten, und erreichte schließlich den Kinderspielplatz.

Er sah sie schon von weitem. Cora Martin kauerte hinter einigen Sträuchern und schien ihn aus der entgegengesetzten Richtung zu erwarten, denn sie spähte aufmerksam durch das dichte Geäst.

Bount ging näher und rief leise: „Miss Martin?“

Die Angesprochene wirbelte herum und schoss in die Höhe. Sie starrte ihn an. Sie sah phantastisch aus. Daran änderte auch ihre momentane Verwirrung nichts.

Blass war sie. Das wurde durch ihr schwarzes Haar noch unterstrichen. Zögernd wich sie zurück. Sie traute ihm nicht.

„Ich bin Bount Reiniger“, fuhr Bount Reiniger beruhigend fort. „Haben Sie keine Sorge. Ich bin allein gekommen. Ich halte meine Versprechen.“ Er ging noch einen Schritt vor und hielt seine Hände so, dass Cora Martin sehen konnte, dass er nicht die Absicht hatte, sie mit Waffengewalt zu zwingen, mit ihm zu kommen.

Es nützte alles nichts. Die schwarzhaarige Frau stieß einen Fluch aus und rannte los. Sie warf sich durch die Büsche und sprintete über eine angrenzende Grünfläche.

„Um Himmels willen, Cora“, rief er, „bleiben Sie doch stehen. Sie haben nichts zu befürchten.“

Cora dachte gar nicht daran, seiner Aufforderung Folge zu leisten, sie erhöhte ihr Tempo, stieß einen alten Mann beiseite, der in einem Papierkorb nach Abfällen wühlte, und erreichte die Straße.

Sie rief nach einem Taxi, da aber keins hielt, liefen sie weiter.

Als Bount Reiniger den Park hinter sich gelassen hatte, war die Frau untergetaucht. Es war aussichtslos, nach ihr zu suchen.

Bount war wie benommen. Plötzlich begriff er, was hier gespielt wurde. Er schalt sich einen Narren, dass er nicht schon früher darauf gekommen war. Alles wurde damit um einiges klarer.

Diese Frau, die trotz ihrer ursprünglichen Bereitschaft, sich mit ihm zu treffen, vor ihm geflohen war, sah zwar Cora Martin erstaunlich ähnlich, aber sie war eine andere. Eine Doppelgängerin.

Das war die Lösung.

Man hatte Cora für ein raffiniert eingefädeltes Verbrechen benutzt. Sie sollte für eine andere ihren Kopf hinhalten. Die Perlen hatte man mit Sicherheit in ihre Wohnung geschmuggelt, um von dem wahren Motiv abzulenken.

An dieser Stelle führte der Weg wieder zu Galluzzi. Er musste mehr wissen.

Vorläufig dachte Bount Reiniger aber an etwas anderes.

Die Fremde war nicht zufällig hier aufgetaucht. Es sah so aus, als hätte sie die ganze Zeit Cora Martin beobachtet, um sicherzugehen, dass sie ihr nicht doch noch gefährlich wurde. Sie war ihr gefolgt und hatte sie vermutlich von den Büschen aus beobachtet.

Sein, Bount Reinigers, Auftauchen musste sie fürchten lassen, dass ihre Komödie aufgedeckt wurde. Deshalb verschwand sie schleunigst.

Aber wo war Cora geblieben? Sie konnte nun beruhigt sein, ihre Unschuld musste sich bald beweisen lassen.

Bount kehrte in den Park zurück und rief laut nach der Gesuchten. Er verfiel in Laufschritt und suchte jeden Winkel ab.

Jeden, den er traf, fragte er nach einer Frau mit langen, schwarzen Haaren. Die meisten schüttelten den Kopf. Das Pärchen, das etwas gesehen hatte, meinte aber die Fremde.

Erst nach einer Stunde gab Bount die Suche auf. Er war sicher, dass er in dieser Nacht keinen Schlaf finden würde.



15

Cora Martin war viel zu früh an dem vereinbarten Treffpunkt. In ihr tobten zwiespältige Gefühle. Zum einen hatte sie Angst vor der Begegnung mit dem Mann, den sie überhaupt nicht kannte. Schließlich war er Detektiv. Durfte sie ihm trauen?

Zum anderen setzte sie auf Bount Reiniger ihre ganze Hoffnung. Angeblich war er ein Mann, der sich nicht vom äußeren Schein täuschen ließ. Er ging den Dingen auf den Grund. Aber konnte er mehr herausfinden, als sie selbst wusste?

Sie wartete voller Unruhe auf ihn und blickte immer wieder auf das Leuchtziffernblatt ihrer Armbanduhr.

Jedes Mal, wenn sie ein Geräusch hörte oder sich ihr ein Schatten näherte, zuckte sie zusammen. Es handelte sich aber stets um Fremde, die kaum Notiz von ihr nahmen.

Sie saß auf einer Schaukel und schwang langsam hin und her. Es gelang ihr jedoch nicht, damit ihre Nerven zu beruhigen.

Der Verkehr, der außerhalb des Parks vorbeiströmte, klang wie ein entferntes Rauschen. Es dröhnte in ihren Ohren und erinnerte sie an das Gefühl, das sie beim Erwachen in der fremden Villa empfunden hatte.

Genau vierundzwanzig Stunden war das jetzt her. Und vielleicht war sie tatsächlich eine Mörderin. Würde sie jemals die Wahrheit erfahren?

Jemand rief leise ihren Namen.

Ihr war, als griffe eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen. Das musste Bount Reiniger sein. Jetzt musste es sich zeigen, wie ehrlich er es meinte.

Sie glitt von der Schaukel und wollte sich bemerkbar machen. Da hörte sie den Mann sagen: „Ich bin Bount Reiniger. Haben Sie keine Sorge. Ich bin allein gekommen. Ich halte meine Versprechen.“

Darauf folgte ein Fluch, den eine Frau ausgestoßen hatte. Im nächsten Moment rannte diese Frau in einiger Entfernung davon. Sie musste hinter den Sträuchern dort drüben gesessen haben.

Reiniger hatte sie anscheinend verwechselt. Das war auch kein Wunder, denn die Fremde sah ihr überraschend ähnlich. Zumindest aus dieser Entfernung und bei dem schlechten Licht.

Cora fiel es wie Schuppen von den Augen. Es gab zwei Cora Martins. Eine davon war eine Killerin. Und diese eine war die Frau, die vor Bount Reiniger floh.

Cora glaubte nicht daran, dass der Detektiv die richtigen Schlüsse aus dieser Reaktion zog. Er würde annehmen, sie sei wortbrüchig geworden. Dabei ließ er die Mörderin entkommen.

Sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Fremde sollte ihr die ganze Wahrheit sagen. Und wenn sie sie dazu zwingen musste.

Cora rannte los. Sie wollte der anderen den Weg abschneiden. In den Büschen, die am Rande des Parks wuchsen, versteckte sie sich.

Sie sah die Fremde kommen. Sie glaubte, in einen Spiegel zu sehen. Nur der Mund der anderen wirkte verkniffen. In ihren Augen stand Wut.

Cora zögerte. Sie hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um ihre Doppelgängerin zu berühren. Sie tat es nicht und ließ die Frau vorbeilaufen.

Kein Taxi hielt auf ihren Ruf. Die Unbekannte hetzte weiter. Sie warf sich weiter hinten erneut durch die Büsche und durchquerte den Park.

Cora blieb hinter ihr. Immer darauf bedacht, sich nicht sehen zu lassen.

Sie kamen bei der 14. Avenue heraus. Diesmal klappte es mit dem Taxi. Cora hörte, wie die Fremde eine Adresse auf Staten Island nannte. Das genügte ihr.

Sie wartete, bis das Yellow Cab nicht mehr zu sehen war. Dann kümmerte sie sich selbst um einen Mietwagen und stieg ein.

Als der farbige Cab Driver Gas gab, drehte sie sich um und sah einen Mann durch die Büsche brechen, auf den die Beschreibung Bount Reinigers passte. Sicher war es der Detektiv.

Sie spielte mit dem Gedanken, den Wagen stoppen zu lassen, um Reiniger ihre Beobachtung mitzuteilen.

Aber würde er ihr diese phantastische Geschichte glauben? Musste er nicht der Meinung sein, sie selbst sei vor ihm davongelaufen? Sie hatte schon so viele Dinge behauptet, die keiner für möglich hielt.

Sie schwieg also und lehnte sich erschöpft in den Polstern zurück, als der Wagen kurze Zeit später über die lange Verrazano Narrows Bridge fuhr, die vor zwanzig Jahren ihrer Bestimmung übergeben worden war.

Sie schloss die Augen und überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Als der Wagen hielt, und sich der Fahrer nach ihr umdrehte, wusste sie im ersten Augenblick nicht, was los war. Die fremde Gegend irritierte sie.

Dann nahm sie sich zusammen, zahlte und verließ das Taxi. Sie hörte, wie der Wagen hinter ihr anfuhr und in der Ferne verschwand.

Cora atmete tief durch.

Sie stand vor einem Bungalow. Hinter zwei Fenstern brannte Licht. Sie sah einen Schatten hin und her gehen. Den Schatten einer langhaarigen Frau.

Einen zweiten Schatten sah sie nicht. Sie durfte also annehmen, dass die Frau allein war. Anscheinend hatte sie sich einen Drink gemixt, den sie jetzt trank.

Cora öffnete das Gartentor und huschte über die Steinplatten, die zum Hauseingang führten. Neben der Tür entzifferte sie das Namensschild. „S. James“ las sie und drückte auf den Klingelknopf.

Ein melodischer Gong ertönte. In ihren Ohren klang er aber so disharmonisch und schrill, dass sie zusammenfuhr. Nur allmählich beruhigte sie sieh wieder.

Leichtfüßige Schritte näherten sich. Im Gang flammte Licht auf. Hinter dem bernsteinfarbenen Strukturglas der Haustür wurde ein Schemen sichtbar.

Cora trat einen Schritt zurück, damit ihr Gesicht im Dunkeln blieb. Sie fragte sich, ob sie jetzt einen Fehler beging. Zurück konnte sie nun aber nicht mehr.

Die Tür wurde geöffnet. Die schwarzhaarige Frau, die noch genauso gekleidet war wie draußen im Park, zeigte kein Erschrecken.

„Hallo, Cora!“, sagte sie erfreut. „Ich dachte mir schon, dass du kommen würdest.“



16

Bount fuhr noch einige Zeit in der Gegend um den Dyker Beach Park herum, er spürte aber weder Cora Martin noch ihre Doppelgängerin auf.

Er hoffte allerdings, dass sich Cora noch einmal bei ihm oder zumindest bei Fred Paulman melden würde. Aus diesem Grund rief er seinen Auftraggeber an und informierte ihn über seine Beobachtungen.

„Sie müssen Cora davon überzeugen, dass ihre Unschuld jetzt mit Sicherheit bewiesen werden kann“, sagte er eindringlich. „Sie soll um Himmel willen nichts auf eigene Faust unternehmen. Diese Frau hat einen Grund, warum sie Cora beobachtete. Ich nehme an, dass sie mit Roberto Galluzzi unter einer Decke steckt. Ich werde mir den Knaben noch einmal vornehmen. Auch werde ich die neuesten Erkenntnisse an Toby Rogers weitergeben.“

Fred Paulman war beunruhigt.

„Glauben Sie, dass Gefahr für Cora besteht?“, fragte er besorgt.

„Nicht, wenn sie sich sofort mit der Polizei oder mir in Verbindung setzt. Alles andere kann allerdings schlimm ausgehen.“

Nach diesem Gespräch rief Bount Toby Rogers an, den er zu Hause erreichte. '

Toby hörte aufmerksam zu und unterbrach ihn nicht. Erst als er geendet hatte, erkundigte er sich: „Und du bist sicher, dass es nicht doch die Martin war, die vor dir davongelaufen ist? Sie kann es sich anders überlegt haben. Vielleicht war da irgendein Penner in der Nähe, den sie für einen verkleideten Polizeibeamten hielt und sich deshalb betrogen glaubte.“

An diese Möglichkeit hatte Bount auch gedacht, zumal er Cora Martin noch nie persönlich gesehen hatte. Er war lediglich auf Beschreibungen angewiesen.

Trotzdem glaubte er nicht, dass er sich irrte. Der erschrockene Fluch, den die Frau ausgestoßen hatte, passte nicht zu dem Bild, das er sich von Cora Martin gemacht hatte. Außerdem war sie anders gekleidet gewesen als am Vortag. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass sie in ein Geschäft gegangen war, um sich völlig neu einzukleiden.

Der Captain der Mordkommission Manhattan C/II sagte zu, mit Lieutenant Sutter über die neue Möglichkeit zu sprechen. Darum brauchte sich Bount nicht zu kümmern.

Toby hatte in der Zwischenzeit auch ein paar andere Dinge in Erfahrung bringen können.

„Dieser Galluzzi ist drüben in Italien ein unbequemer Zeitgenosse gewesen“, berichtete er. „Dreimal wurde er verurteilt. Unerlaubter Waffenbesitz. Schießerei mit Körperverletzung. Er hatte einen Mann zum Duell gefordert, der sich seiner Geliebten genähert hatte.“

„Das kenne ich“, warf Bount ein. „Außerdem war er mehrfach in Schlägereien verwickelt und wurde des betrügerischen Bankrotts überführt.“

„Gehörte er der Mafia an?“

„Das wohl nicht. Allerdings muss er mit diesen Brüdern drüben einigen Ärger gehabt haben, was wohl auch der Grund war, dass er in die Staaten übersiedelte. Er versuchte bereits in seiner Heimat, eine Waschsalonkette zu betreiben. Damit kam er der Cosa Nostra ins Gehege. Er wurde gewaltig unter Druck gesetzt und zog es schließlich vor, klein beizugeben. Seine Strafen hat er alle verbüßt. Gegen ihn liegt hier nichts vor.“

„Also ein Saubermann, der seine Weste im eigenen Waschsalon reinhält“, stellte Bount fest. „Ich fürchte aber, dass sie wieder ein paar Flecken bekommen hat, und Blutflecken bekommt man sehr schwer heraus.“

„Sei nicht zu optimistisch“, warnte ihn der Captain. „Die Sutter hat auch schon nach einem Mordmotiv für Galluzzi gesucht, aber nichts gefunden. Er und Lousalle scheinen echte Freunde gewesen zu sein. Sie kannten sich schon, bevor Galluzzi nach New York kam. Lousalle war zwar so ziemlich hinter jedem Rock her, und Galluzzi ist außerordentlich eifersüchtig, angeblich sind sich die beiden aber nie ins Gehege gekommen.“

„Auch nicht bei Wanda Ruffield?“, hakte Bount nach. „An der Sängerin scheint dem Italiener besonders viel zu liegen.“

„Lousalle wurde nie mit ihr gesehen. Im Übrigen ist Galluzzi nicht der Typ, der sich einer zweiten Frau bedient, wenn es darum geht, einen Nebenbuhler aus dem Feld zu schlagen.“

„Auch auf mich wurde geschossen“, erinnerte Bount, „und es ist fast nicht denkbar, dass es Galluzzi selbst war. Er hätte mich unbemerkt überholen und sich bei Weequahic Parc auf die Lauer legen müssen.“

„Würdest du einen Mann in deinem eigenen Haus erschießen, wenn der Verdacht nicht auf dich fallen soll?“, fragte Toby Rogers nachdenklich.

„Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Auf den ersten Blick erscheint es unwahrscheinlich. Aber nirgends sonst ließ sich der Mord so perfekt und ungestört arrangieren. Außerdem hatte er die Idee mit der Frau, auf die er den Verdacht lenken wollte.“

„Cora Martin?“

„Genau. Er hat sie gesehen und gemerkt, dass sie einer anderen ähnlich sieht. Die Mörderin wurde auf Lousalle angesetzt. Der Diplomat zeigte sich ahnungslos mit ihr in der Öffentlichkeit. Nach dem Mord wurde die Martin in die Villa gebracht. Zweifellos hatte man sie betäubt. Alle Zeugen mussten sie belasten.“

„Die Theorie hat etwas für sich, aber hätte dieser Harry Shuffle nicht beide Frauen sehen müssen?“

„Das hat er auch, Toby. Vergiss nicht den Lieferwagen mit der großen Kiste. Darin steckte Cora. Da gehe ich jede Wette ein. In dem Wagen saßen drei Männer. Galluzzi lässt sich von drei Schlägern umgeben. Bestimmt haben sie den Lieferwagen gefahren. Hast du etwas über den goldzähnigen Sunny herausgefunden?“

„Übler Bursche“, erklärte Toby. „Er geht keiner Schlägerei aus dem Weg. Vor sechs Jahren musste er eine Gefängnisstrafe wegen Vergewaltigung absitzen. Seitdem hat er sich mit Geldstrafen durchgewunden. Irgendwann wird er aber sicher wieder bei Vater Staat Quartier nehmen.“

„Ich bin überzeugt, dass er die Voraussetzungen dafür schon geschaffen hat. Weißt du, wo er wohnt?“

„Gemeldet ist er in der Bronx. Dort ist er aber nie anzutreffen. Übrigens heißt er mit bürgerlichem Namen Charles Sunlake. Um auf Galluzzi zurückzukommen: Wenn du ihm den Mord anhängen willst, musst du sein Motiv herausfinden. Und da ist nichts in Sicht.“

„Man wird sehen.“ Bounts Gesicht verfinsterte sich, was Toby am Telefon natürlich nicht sehen konnte. „Der Bursche kann sich schließlich nicht ständig mit seinen Schlägertypen umgeben. Ich werde ihn schon mal alleine erwischen, Und dann muss er reden,“

Toby Rogers sah Grund, seinen Freund zur Vorsicht zu mahnen. Er wusste aber genau, dass sich Bount von seinem riskanten Vorhaben nicht abbringen ließ.



17

Cora Martin hatte mit einer anderen Begrüßung gerechnet. Erschrocken vielleicht. Auf alle Fälle feindselig. Die fremde Frau schien sich aber über ihren Besuch regelrecht zu freuen.

„Komm doch herein!“, drängte sie. „Ich finde, wir sollten uns miteinander unterhalten.“

„Wer … wer sind Sie?“, würgte Cora hervor.

Die andere lachte dunkel. „Auf jeden Fall nicht dein Spiegelbild. Aus der Nähe betrachtet, sehen wir uns gar nicht so ähnlich. Findest du nicht? Außerdem hast du eine hellere Stimme und bewegst dich auch ganz anders. Ich kann gar nicht begreifen, wie leicht sich manche Leute täuschen lassen.“

Cora hatte das Gefühl, nun wirklich verrückt werden zu müssen. Ein Mord war geschehen. Mit Sicherheit hatte ihn die Fremde verübt. Und sie stand da und plauderte unbeschwert, als wüsste sie nichts von dem entsetzlichen Verbrechen.

Aber sie musste die Wahrheit gestehen. Mit Lügen kam sie nicht davon.

Cora ging an der Frau vorbei, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass diese keine Waffe in der Hand hielt. Ganz wohl war ihr dabei nicht.

„Ich heiße Sammy James“, hörte sie die Schwarzhaarige hinter sich sagen. „Du kannst mich Sammy nennen. Alle meine Freunde tun das.“ Das war vielleicht ein Witz. Sie beide waren niemals Freunde. Sie hasste diese Frau, der sie ihre schlimme Lage zu verdanken hatte, Trotzdem ging sie weiter. Die Tür zum Livingroom war nur angelehnt.

„Setz dich. Mach’s dir bequem. Was trinkst du?“

Cora sagte, dass sie nicht hier sei, um zu trinken, sondern um die Wahrheit zu erfahren.

Sammy James lachte gurrend. „Die Wahrheit ist eine fragwürdige Sache. Was die einen für wahr ansehen, halten die anderen für erlogen. Warum wollen wir uns den Kopf darüber zerbrechen, Cora? Das Leben ist ohnehin so kurz.“

„Besonders für Gerard Lousalle“, sagte Cora Martin bissig.

Sammy James nahm ihr gegenüber auf einem zweisitzigen Sofa Platz. Sie schlug die Beine übereinander und griff nach dem Glas, das vor ihr auf dem Tisch stand.

„Lousalle?“, meinte sie gedehnt. „Ja, da ist dir eine schlimme Sache passiert. Aber sei unbesorgt. Bei mir bist du sicher. Hier findet dich die Polizei nicht.“

Cora Martin sprang erregt auf. „Was soll das?“, fauchte sie zornig. „Ich habe den Franzosen nicht erschossen. Das wissen Sie so gut wie ich, denn Sie selbst sind es gewesen.“

„Aber, aber!“ Sammy James hob tadelnd ihren Zeigefinger. „Wer wird denn unbescholtene Mädchen verdächtigen? Die Polizei ist nun mal hinter dir und nicht hinter mir her. Ich habe ein einwandfreies Alibi, das kannst du mir glauben. Du dagegen warst mit Lousalle zusammen. Es sieht schlecht für dich aus. Du brauchst Freunde, Cora. Und Freunde sollte man nicht beschimpfen.“

„Sie haben mich im Park beobachtet. Warum?“

„Ich war rein zufällig da. Genau wie du. Oder hatte deine Anwesenheit einen besonderen Grund?“

„Allerdings hatte sie das. Ich habe mich dort mit einem Mann getroffen, der von mir die Wahrheit erfahren hat. Dieser Mann ist ein bekannter Privatdetektiv.“

Sammy James lächelte vertraulich. „Richtig. Ich habe ihn gesehen, Cora. Der Bursche heißt Reiniger, und ich mag ihn nicht. Er sieht eigentlich phantastisch aus. Nur seine Nase. Die steckt er immer in Angelegenheiten, die ihn absolut nichts angehen. Das nimmt noch mal ein schlimmes Ende. Es ist nicht jeder so friedlich wie ich.“

„Ich weiß, dass Sie für Galluzzi arbeiten“, sagte Cora Martin mit blitzenden Augen. „Und Mister Reiniger weiß das auch.“

„Nur beweisen kann er diesen Unsinn nicht, nicht wahr? Ich kenne keinen Galluzzi, und Galluzzi kennt mich nicht. Das ist das Problem. Ich bin ein bisschen enttäuscht, Cora. Ich hatte gehofft, mit dir könne man vernünftig reden. So von Frau zu Frau. Das ist anscheinend nicht möglich.“

„Ich will wissen, was in der Mordnacht geschehen ist“, schrie die Verzweifelte.

Der Griff nach der Whisky Flasche auf dem Tisch war nur ein Reflex. Cora schlug damit zu, und wenn sie auch der Tisch von ihrer Gegnerin trennte, so traf sie sie doch empfindlich an der Stirn.

Sammy James riss zur Abwehr ihre Hände hoch. Zu spät.

Blut rann ihr in die Augen. Sie schrie auf und taumelte zurück. „Verdammte Kanaille!“, zischte sie.

„Das wirst du mir büßen. Jetzt ist es aus mit meiner Freundschaft.“

Coras Herz krampfte sich zusammen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Gewalt angewandt. Ihr wurde schlecht, als sie das Blut sah. Sie war erleichtert, als Sammy James nicht niederstürzte.

Aber sie ließ den Flaschenhals nicht los und kam mit ihrer Waffe um den Tisch herum.

Sammy James wich mit schreckgeweiteten Augen zurück.

„Die Wahrheit!“, schrie Cora ihr ins Gesicht. „Oder ich bringe dich um.“

Sie wusste genau, dass sie das nicht tun würde. Sie zitterte und war nicht einmal zu einem weiteren Schlag fähig. Sie hoffte, dass die Drohung ausreichte.

„Was willst du wissen?“, fragte Sammy James kleinlaut.

„Alles. Wie bin ich in die Villa neben den Toten gekommen? Woher stammen die Perlen, die die Polizei in meinem Apartment gefunden hat? Was ist das für ein Brief mit meiner Unterschrift, der nicht von mir stammt? Warum musste Lousalle sterben? Warum soll ausgerechnet ich meinen Kopf dafür hinhalten?“

Sammy James schwieg. Anscheinend suchte sie nach einem Ausweg.

Cora hoffte, dass die andere sie nicht angriff. Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren würde. Alles war so schrecklich.

„Wird’s bald!“, befahl sie und hob zum Schein den Arm.

Sammy James wischte sich mit dem Handrücken das Blut aus dem Gesicht. Ihre Mundwinkel zitterten vor Wut. Ihr war anzusehen, dass sie Cora am liebsten umgebracht hätte.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, begann sie lauernd. „Du bekommst zwanzigtausend Dollar, und du vergisst alles andere. Überlege dir, wie lange du für diese Summe in deinem fürchterlichen Büro arbeiten müsstest.“

Cora schüttelte den Kopf. „Ich will kein Geld. Man beschuldigt mich, einen Menschen umgebracht zu haben. Sobald ich mich auf der Straße blicken lasse, werde ich verhaftet und verurteilt. Wenn ich Glück habe, schnappe ich noch rechtzeitig über, und die Ärzte bescheinigen mir einen Gehirnschaden. Ich habe keine Ahnung, wo die Verpflegung besser ist, im Zuchthaus oder in der Irrenanstalt. Ich weiß aber, dass ich weder hier, noch dorthin möchte. Sie sind die Mörderin, und Sie sind keineswegs verrückt.“

„Das ist doch alles kein Problem“, versicherte Sammy James. „Ich sorge dafür, dass du das Land unbehelligt verlassen kannst. Ich verfüge über entsprechende Möglichkeiten. Du kannst dir deinen zukünftigen Aufenthaltsort aussuchen. Wie wär’s mit Mexico? Oder Europa? Da findet dich niemand.“

„Nein!“, schrie Cora unbeherrscht. „Ich habe es satt, mich zu verstecken, weil ich das nicht nötig habe. Ich bin unschuldig. Es gibt einen Mann, den ich heiraten will. Das geht nur, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.“

„Hast du schon mal daran gedacht, dass dein Fred von einem Bus überfahren werden könnte, wenn du dich weiterhin stur stellst?“ Sammy James wuchs um einen Zoll. „Die Straßen sind heutzutage gefährlich.“ Cora verlor sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Sogar ihre Lippen wurden weiß.

Diese Bestie schien über ihr ganzes Leben Bescheid zu wissen. Fred durfte nichts zustoßen.

„Wenn Fred auch nur ein Haar gekrümmt wird“, sagte sie mit fester Stimme, „wird das Folgen haben. Im Übrigen fliegt er für die nächste Zeit wieder nach Brasilien.“ Das war gelogen, aber Gedanken würde die James ja wohl nicht lesen können.

Der Bluff schien zu funktionieren. Sammy James wurde kleinlaut.

„Es ist nicht meine Schuld“, behauptete sie hastig. „Ich bin auch nur ein Werkzeug. Man hat mich dazu gezwungen. Ich schwöre es dir.“

„Schwöre es der Polizei“, riet Cora ärgerlich. „Warum wurde Lousalle umgebracht?“

„Das weiß ich auch nicht, Cora. Das musst du mir glauben. Die Schufte haben mich in der Hand. Mein Vater ist ein Großindustrieller. Er hat keine Ahnung, dass ich früher mal auf den Strich gegangen bin. Und er darf es auch nie erfahren, das siehst du hoffentlich ein?“

„Was hat das mit dem Mord zu tun?“, wollte Cora ungeduldig wissen.

„Eine Menge. Vor ein paar Wochen tauchten zwei Männer bei mir auf. Sie drohten, meinem Vater reinen Wein einzuschenken, falls ich mich weigerte, ihnen einen kleinen Gefallen zu tun. Um ihre Drohung zu unterstreichen, schlugen sie mich windelweich.“

„War Galluzzi dabei?“

Sammy James schüttelte den Kopf. „Es waren zwei brutale Schläger. Als ich mich einigermaßen erholt hatte, setzten sie mir ihre Forderung auseinander. Ich sollte Gerard Lousalle erschießen. Sie versicherten, dass das Ganze ein Kinderspiel wäre und ich überhaupt nichts zu fürchten hätte, weil die Polizei einer falschen Spur folgen würde. Dafür hätten sie gesorgt. Ich lehnte trotzdem empört ab. Schließlich war ich keine Mörderin. Daraufhin schlugen sie mich ein zweites Mal bewusstlos und Zeigten mir anschließend den Brief, den sie meinem Vater schicken wollten. Sie besaßen auch Fotos von mir. Du kannst dir sicher denken, was das für Bilder waren. Meinen Vater hätte der Schlag getroffen. Was blieb mir anderes übrig, als zähneknirschend einzuwilligen. Ich konnte nicht einmal zur Polizei gehen, und das wussten die Lumpen genau.

Ich brauchte zunächst gar nichts zu tun. Das Treffen mit Lousalle wurde geschickt arrangiert. Der Franzose fuhr auch gleich auf mich ab. Er zeigte mich überall stolz herum. Genau das war im Sinne der Gangster.

Dann erhielt ich das Signal. Lousalle nahm mich in die Villa Galluzzis mit und erhoffte sich eine aufregende Liebesnacht. Ich schoss ihn nieder und wartete voller Angst, dass die Polizei auftauchen würde. Da die Pistole einen Schalldämpfer trug, wurde aber niemand aufmerksam.

Kurze Zeit später tauchten die beiden Schläger wieder auf. Sie schleppten eine schwere Kiste ins Haus. Als sie sie öffneten, wäre ich fast ausgeflippt. Es lag eine Tote darin, und sie sah mir verteufelt ähnlich.

Man klärte mich auf, dass die Frau nur betäubt sei und ab sofort meine Rolle weiterspielen würde. Ich musste in die Kiste klettern und wurde darin aus dem Haus gebracht. Das ist alles, Cora. Mehr weiß ich selbst nicht. Du siehst, wir sitzen beide im selben Boot. Wir sind beide hereingelegt worden. Wir müssen zusammenhalten. Begreifst du das?“

Cora begriff nur so viel, dass sie weiter die Mörderin spielen sollte, und das sah sie beim besten Willen nicht ein. Selbst wenn Sammy James die Wahrheit gesagt hatte, konnte ihnen beiden nur geholfen werden, wenn die Gangster unschädlich gemacht wurden.

„Sie lügen!“, sagte sie misstrauisch. „Sie müssen mich beobachtet haben, seit ich aus der Villa geflohen bin. Sonst hätten Sie mich niemals im Park gefunden.“

Sammy James gab es zu. „Es stimmt, Cora. Das tat ich aber nur, weil ich Angst hatte, die Wahrheit würde doch noch ans Licht kommen. Ich wollte wissen, ob die Polizei Sie wieder aufgreift. Besonders diesem Detektiv traute ich zu, dass er den Trick durchschauen würde.“

„Woher wussten Sie überhaupt von Mister Reiniger?“

„Von den Gangstern. Sie erwähnten ihn und waren über sein Auftauchen alles andere als erfreut.“

Also doch Galluzzi, dachte Cora Martin grimmig. Sie hatte ihn von Anfang an verdächtigt. Ob er den Mord mit eigener Hand ausgeführt oder die James dazu gezwungen hatte, kam aufs Gleiche heraus.

„Gut“, sagte sie rau. „Halten wir zusammen. Gehen wir gemeinsam zur Polizei.“

„Das kann ich nicht. Mein Vater ...“

„Ihr Vater interessiert mich nicht. Wenn Sie etwas getan haben, was Ihr Vater nicht erfahren darf, müssen Sie selbst damit fertig werden. Sie können nicht verlangen, dass ich die Suppe auslöffle, die Sie sich eingebrockt haben. Im Übrigen hat die Polizei keinen Grund, die alten Geschichten aufzuwärmen.“

Sammy James biss sich auf die Lippen. Es sah aus, als wollte sie Cora anspringen, doch diese zeigte ihr die kantige Whiskyflasche, da resignierte sie.

„Du hast mich in der Hand“, jammerte sie. „Wäre ich doch nie in diesen verdammten Park gegangen!“

Cora ließ die andere vor sich her gehen. Sie traute ihr nicht über den Weg.

Sammy James machte keine Anstalten, Cora auszutricksen. Mit gesenktem Kopf verließ sie das Haus und drehte sich nach Cora um.

„Mein Wagen steht noch am Park“, sagte sie. „Wir müssen ein Taxi nehmen.“

Cora Martin hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie nickte zustimmend.

In derselben Sekunde wurde sie von der Seite angesprungen. Jemand schlug ihr etwas Hartes auf den Kopf.

Instinktiv schlug sie zwar mit der Whiskyflasche zurück, nahm aber nicht mehr wahr, ob sie getroffen hatte.

Vor ihren Augen tanzten Sterne. Sie fühlte, wie der Boden unter ihren Füßen wegbrach. Sie fiel und fiel, wurde von Wattebergen aufgefangen, die sämtliche Geräusche in ihrer Nähe dämpften und schließlich ganz schluckten.

Als ihr Körper auf den Steinplatten aufprallte, zerschellte auch die Flasche.

Cora blieb reglos liegen.



18

Bount rief Harry Shuffle an, erreichte ihn aber nicht. Daher entschloss er sich, trotz der nächtlichen Stunde, hinzufahren.

Harry war überhaupt nicht überrascht, als er den Detektiv sah.

„Ich wollte Sie sowieso schon anrufen“, behauptete er und bediente sich aus einer Popcorntüte. „In der Villa tut sich was. Seit dem frühen Abend fährt ein Wagen nach dem anderen vor. Männer steigen aus, denen ich nicht alleine im Wald begegnen möchte. Ich wette, die brüten wieder irgendeine Schweinerei aus.“

Harry hatte sich sämtliche Autonummern notiert. Als Bount ihn dafür lobte, strahlte er.

„Zurzeit befinden sich aber nur noch zwei Typen bei Galluzzi“, fuhr er fort. „Die anderen haben sich schon wieder verdrückt.“

„Ist Sunny auch dabei?“

Harry Shuffle massierte in unangenehmer Erinnerung sein Kinn. „Den habe ich nicht gesehen“, meinte er. „Aber ich habe die Hütte auch nicht ständig beobachtet. Schließlich muss man auch mal was essen.“

„Popcorn zum Beispiel.“ Bount grinste, wurde aber sofort wieder ernst. „Ist die schwarzhaarige Frau auch wieder aufgetaucht?“, fragte er.

Harty verneinte.

„Ich möchte zu gerne wissen, was die Gangster planen“, meinte er sehnsüchtig.

Das wollte Bount auch, und er hatte auch schon eine Idee, wie er das bewerkstelligen konnte. Harry verriet er davon nichts. Der Junge hätte sonst mitmachen wollen, dieses Unternehmen war aber zu gefährlich. Roberto Galluzzi war kein sehr humorvoller Mensch.

Harry wollte weiterhin die Augen offenhalten.

Bount setze sich in den Mercedes 190 E und fuhr davon.

Aber nur zum Schein. Nach der zweiten Kreuzung suchte er einen Parkplatz und stellte den Wagen ab. Dann kehrte er zu Fuß zurück.

Er wählte eine Parallelstraße. Auf diese Weise würde ihn Harry Shuffle nicht bemerken. Außerdem konnte er sich der Villa von der Rückseite her nähern.

Er war sich im Klaren darüber, dass er sich auf ein gefährliches Parkett wagte. Die Polizei würde mit seiner Methode bestimmt nicht einverstanden sein.

Bount sah aber keinen anderen Weg, um an Galluzzi heranzukommen. Freiwillig würde der Italiener nicht die Zähne auseinandernehmen. Also musste man ein bisschen nachhelfen.

Es war nach zwei Uhr. Um diese Zeit befand sich kaum noch jemand auf der Straße. Das konnte Bount nur recht sein.

An der Rückseite waren sämtliche Fenster dunkel. Lediglich an der Seite über der Garage brannte noch Licht. Dahinter diskutierte Galluzzi mit seinen beiden späten Besuchern. Planten sie ein neues Verbrechen?

Bount vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete. Dann setzte er mit gekonntem Schwung über den Gartenzaun und ließ sich dahinter auf den Rasen fallen.

Er hatte ein Fahrzeug gehört. Scheinwerfer fraßen sich durch die Nacht. Genau vor der Villa blieb der Wagen stehen. Ein Schlag wurde zugeworfen, nachdem der Motor abgestellt worden war. Feste Schritte gingen über den Kies.

Schon wieder ein Besucher.

Bount rührte sich nicht. Falls er ein Geräusch verursachte, würde man ihn entdecken. Und dann war der Teufel los.

Er hörte, wie im Haus die Glocke anschlug. Wenig später begrüßten sich zwei erregte Stimmen. Eine davon gehörte Roberto Galluzzi.

Leider wurde nichts Wesentliches gesprochen. Die Männer verschwanden im Haus. Es wurde wieder still.

Bount verließ seinen Platz und näherte sich mit weiten Sätzen der rückwärtigen Mauer der Garage.

Schon von weitem hatte er eine Möglichkeit erkundet, auf das flache Dach zu gelangen. Er nahm einen kurzen Anlauf und sprang hoch. Seine Hände krallten sich um die Betonkante.

Bount zog sich in die Höhe. Er schob seinen Körper flach aufs Dach. Er hoffte nicht, dass unten im Wagen jemand sitzengeblieben war, der ihn jetzt beobachten konnte. Das konnte seinen ganzen Plan gefährden.

Auf dem Bauch kroch er bis zu dem Fenster, hinter dem das Licht brannte. Er vernahm gedämpftes Gemurmel. Verstehen konnte er nichts.

Er konzentrierte sich auf die Männer hinter der Fensterscheibe, aber die Schallisolierung war perfekt. Kein einziges Wort drang ins Freie.

Bount war enttäuscht und suchte nach einem Weg, in die Villa zu gelangen. Natürlich durfte er sich bei diesem Unternehmen nicht erwischen lassen.

Er entdeckte tatsächlich ein Fenster auf gleicher Höhe, das sich aber außerhalb des Garagenbereiches befand. Es stand einen Spalt offen und konnte gänzlich nach oben geschoben werden. Wenn es ihm glückte, dieses Fenster zu erreichen, befand er sich so gut wie im Haus.

Das war aber nicht so einfach. Das Fenster befand sich ungefähr zwei Yards vom Garagendach entfernt. Er konnte versuchen, es durch einen Sprung zu erreichen. Wenn er es verfehlte, plumpste er in den Garten. Wenn er Pech hatte, brach er sich ein Bein oder verstauchte es zumindest, denn ausgerechnet unter diesem Fenster standen einige Gartengeräte.

Trotzdem musste er es probieren. Die Angelegenheit war zu wichtig.

Bount schlich über das Garagendach bis zum äußersten Ende und holte tief Luft. Er schätzte die Entfernung ab und überzeugte sich erneut, ob es keinen Zeugen für seine Akrobatik gab.

Erst als er sich unbeobachtet fühlte, stieß er sich kraftvoll ab und streckte seine Arme aus.

Für einen flüchtigen Moment glaubte er, sein Ziel zu verfehlen und am Rauputz der Mauer entlangzuschrammen.

Dann fühlte er kühles Blech und packte spontan zu. Die scharfe Kante schnitt ihm in die Hände. Aber er ließ sie nicht los.

Er fing den Ruck ab, den sein herabfallender Körper verursachte. Dann hing er zwischen Himmel und Erde, allerdings nicht in lebensgefährlicher Höhe.

Zunächst musste er das Fenster weit genug öffnen, dass er sich hindurchschieben konnte. Das war nicht gerade einfach, denn das Fenster klemmte, und er musste sich unterdessen mit nur einer Hand festhalten.

Er stemmte sich mit aller Kraft gegen den Rahmen. Als das Fenster endlich nachgab, hätte ihn der plötzliche Ruck um ein Haar in die Tiefe befördert.

Schnell fasste er mit der zweiten Hand nach und setzte zu einem Klimmzug an.

Da hielt er inne. Vor dem Haus wurde es laut. Roberto Galluzzi verabschiedete anscheinend seine Besucher.

„Vergesst nicht“, hörte er den Italiener sprechen, „sobald er wieder aufkreuzt, macht ihr ihn fertig. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Nicht von dem.“

Die anderen versicherten, dass sie alles genau verstanden hätten. „Er soll nur kommen“, sagte einer ölig. „Der wird sein blaues Wunder erleben.“

„Dann ist ja alles klar“, stellte Galluzzi fest. „Bis morgen. Die Sache muss endlich zu einem Ende gebracht werden. So oder so.“

Alle lachten gehässig. Dann gingen die Männer zu ihren Fahrzeugen, fuhren aber noch nicht gleich los. Sie diskutierten noch einige Zeit über den Typ, der ihnen das Geschäft verderben wollte. Bount war überzeugt, dass er damit gemeint war.

Hier in der Villa würde er nichts mehr zu hören bekommen. Es wäre interessant zu erfahren, wer die Männer waren, deren Boss Galluzzi anscheinend war. Vielleicht schaffte er es, einem zu folgen und ihm die Pistole auf die Brust zu setzen. Ein kleiner Killerknecht war vermutlich eher zum Sprechen zu bewegen als der Italiener. Man musste ihn nur zu überzeugen wissen.

Bount stieß sich mit den Füßen von der Mauer ab und ließ das Fensterblech los.

Er stürzte rückwärts nach unten, landete aber verhältnismäßig weich.

Er rannte los, als wenn sämtliche Teufel hinter ihm her wären.

Auf der anderen Seite sprangen drei Motoren an. Das wurde knapp. Es kam jetzt darauf an, in welcher Richtung sie davonfuhren.

Bount setzte über eine Mülltonne hinweg, die ihm im Weg stand, raste um die Ecke und sah unter der Akazie den Mercedes stehen. Gerade fuhr ein Oldsmobile vorbei. Der Fahrer machte einen südländischen Eindruck.

Als Bount endlich seinen Wagen erreichte und den Schlüssel ins Türschloss steckte, war auch der letzte der drei Wagen vorüber. Er hatte sich Fahrzeugtyp und Farbe gemerkt. Einen von denen würde er wohl noch verfolgen können.

Kaum hatte er das gedacht, als er im gegenüberliegenden Garten etwas aufblitzen sah. Er ließ sich gedankenschnell fallen, doch das hätte ihm nicht mehr genützt, wenn der Schütze etwas genauer gezielt hätte. Die Kugel pfiff über das Dach des Mercedes und grub sich in den Stamm der Akazie.

Bount riss die Automatic aus dem Schulterholster.

Sein Gegner war clever genug, seinen Platz zu wechseln. Der nächste Schuss kam aus einer anderen Richtung.

Oder hatte er es mit mehreren Widersachern zu tun? Dann konnte sich Bount gratulieren.



19

Als Cora wieder zu sich kam, erinnerte sie sich sofort daran, was geschehen war. Ihr war klar, dass sie nicht von der Polizei überwältigt worden war. Sie konnte nur den Gangstern in die Hände gefallen sein, von denen Sammy James gesprochen hatte.

Ob diese Frau auch zusammengeschlagen worden war? Oder hatte sie fliehen können?

„Ich glaube, sie wird wieder wach.“

Das war ihre Doppelgängerin. Cora begriff, dass Sammy James mit den Gangstern zusammenarbeitete. Inwieweit sie das freiwillig tat, blieb dahingestellt.

Eine derbe Hand rüttelte sie an der Schulter. Eine andere schlug ihr ins Gesicht.

„He, spiel nicht die Tote! Wir haben miteinander zu reden.“

Cora öffnete die Augen und blickte in eine Visage, vor der sich ihr der Magen umdrehte. Die personifizierte Brutalität. Von diesem Kerl hatte sie nichts Angenehmes zu erwarten.

Es waren noch zwei Komplizen bei ihm, die auch nicht besser aussahen.

Und in einem Sessel kauerte Sammy James und zeigte ein teuflisches Lächeln.

Als sie sah, dass Cora wieder bei Bewusstsein war, glitt sie aus den Polstern und kam mit wiegenden Hüften näher. Sie betonte jeden Schritt.

Vor der am Boden Liegenden blieb sie stehen und gab den Gangstern einen Wink. ‘

Die Männer rissen Cora in die Höhe und hielten sie fest.

Sammy James schlug zu.

„Das ist für den Schlag mit der Flasche“, zischte sie. „Den vergesse ich dir nicht, du Miststück. Falls der Boss entscheidet, dich laufenzulassen, bleibt deine Rechnung bei mir dennoch offen.“

„Sie haben mich angelogen“, flüsterte Cora benommen. „Sie haben mir ein Märchen erzählt. Es ist alles gar nicht wahr. Höchstens, dass Sie eine Nutte waren. Vermutlich sind Sie es heute noch. Inzwischen haben Sie aber dazugelernt, wie man Menschen tötet und die Schuld dafür einer anderen in die Schuhe schiebt. Sie werden Ihre Strafe noch bekommen.“

Sammy James lachte grell. „Von wem? Von dir etwa? Lass dich nicht auslachen. Es stinkt dir wohl, dass ich dich ausgetrickst habe. Ich habe mir dein Gequassel nur solange angehört, bis meine Freunde antanzten. Du irrst dich. Ich habe dir die reine Wahrheit gesagt. Zumindest fast. Die Story mit meinem Vater war allerdings erfunden. Niemand brauchte mich zu zwingen, diesen geilen Bock umzulegen. Ich wurde dafür ausgezeichnet bezahlt. Solche Aufträge kriegt man viel zu selten.“

„Was wollt ihr von mir?“, hauchte Cora voller Angst. Sie gab sich keinen Illusionen hin. Für Geld tat diese Frau alles. Und die drei Männer standen ihr darin kaum nach.

Wer sie bezahlte, war wohl klar. Wer sonst als Galluzzi?

Einer der Männer ergriff das Wort. Er hatte schwarze, fettglänzende Haare und Koteletten, die fast bis zum Kinn reichten. Seine Augen wanderten prüfend über die Figur des Opfers. Die Frau schien ihm zu gefallen. Er überlegte wohl, wie er seine Komplizen abschütteln konnte.

„Sammy hat einen kleinen Fehler gemacht. Sie hätte sich nicht entdecken lassen dürfen. Nicht von dir und nicht von diesem Schnüffler. Um Reiniger kümmern sich andere. Sie werden ihn dahin schicken, wo er uns keinen Ärger mehr machen kann.

Dich hätten wir eigentlich in Ruhe gelassen. Aber auch du warst leider zu neugierig. Du wolltest unbedingt wissen, was hier gespielt wird. Nun gut, jetzt weißt du es also. Der Boss soll entscheiden, was mit dir geschieht. Ehrlich gesagt, wird das aber keine große Überraschung werden. Der Boss hat so seine Methoden.“

„Wie konnte das alles geschehen?“, fragte Cora entmutigt. Sie ahnte, dass ihr Tod bereits beschlossene Sache war. Sie würde für etwas sterben, was sie nicht begriff.

Der Gangster grinste breit. „Das meiste weißt du ja“, stellte er fest. „Alles war ganz leicht. Lousalle musste sterben, weil er etwas besaß, was wir unbedingt haben wollten.“

„Das Perlenkollier?“

„Quatsch! Den Dreck haben wir zufällig bei ihm gefunden und in deine Wohnung geschafft. Wir hatten dich schon einige Zeit beobachtet. Wegen deiner Ähnlichkeit mit Sammy erschienst du uns geeignet. Der ganze Trick bestand darin, dass sich Sammy immer dann mit dem Franzosen in der Öffentlichkeit zeigte, wenn du zu Hause warst. So konnten die Zeugenaussagen später nicht widerlegt werden.

Dass dein Süßer nach Brasilien musste, kam uns sehr entgegen. Das verschaffte uns einen ziemlichen Spielraum. Kapierst du jetzt?“

„Noch nicht ganz“, gestand Cora. Im Grunde spielte es aber keine Rolle mehr, ob sie sämtliche Zusammenhänge erfuhr. Doch solange geredet wurde, solange blieb sie am Leben. Kostbare Minuten, an die sie sich klammerte. An ein Wunder glaubte sie jedoch nicht mehr. Niemand ahnte, wo sie sich befand. Fred nicht, die Polizei nicht und Bount Reiniger auch nicht. Dem Gangster zufolge hatte er selbst mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. „Ich begreife nicht, warum ich mich an gar nichts mehr erinnern kann.“

„Ich habe dir eine Spritze in den Hintern gejagt, als du aus dem Supermarkt herauskamst“, gestand der Gangster mit zynischem Grinsen. „Ganz nette Rundungen hast du. Hat mir direkt selbst weh getan, da hineinzupieken. Du bist dann noch ein paar Schritte gegangen. Olf und ich passten auf, dass du die Wagentür nicht verfehltest, die wir für dich offenhielten. Von da an warst du restlos weg. So eine Spritze wirkt normalerweise sechs Stunden. Wir hatten also genug Zeit, dich in die Villa zu schaffen, wo Sammy Lousalle umgelegt hatte. Ihr habt die Plätze in der Kiste getauscht. Alles andere weißt du.“

Cora schüttelte den Kopf. „Der Brief“, murmelte sie. „Die Fingerabdrücke.“

Der Gangster winkte lässig ab. „Kleinigkeiten. Deine Unterschrift kann jedes Kind nachmachen. Und dir die Pistole in die Hand zu drücken, als du geistig weggetreten warst, war nun wirklich kein Kunststück. Die Perlen brachten wir schon vorher in deine Wohnung. Wir brauchten ja nur den Schlüssel aus deiner Handtasche zu nehmen. Alles hat prima geklappt. Bis vor kurzem ahnte kein Mensch die Wahrheit. Inzwischen aber wissen du und Reiniger ein bisschen zu viel. Das ist schlecht. Schlecht für uns, weil wir uns den ganzen Zirkus hätten sparen können. Vor allem aber schlecht für dich, weil nun der Boss wohl oder übel das Todesurteil über dich sprechen muss. Er wartet schon und hat sicher alles für deine letzte Szene vorbereitet.“ Er lachte gemein.

Die beiden anderen Gangster taten es ihm gleich, und Sammy James nickte zufrieden. Sie war mit dieser Lösung voll einverstanden.

Cora klammerte sich an ihre letzte Hoffnung. „Und Bount Reiniger?“, fragte sie angstvoll.

Der Gangster grinste widerlich. Er blickte auf die Uhr, als er antwortete: „Der ist in diesem Moment schon eine Leiche.“



20

Bount war noch nicht tot, aber es sah alles andere als gut für ihn aus. Er glaubte zwar zu wissen, dass er es lediglich mit einem einzigen Gegner zu tun hatte. Der aber ließ sich nicht blicken und nahm jede Deckung wahr. Bount befand sich dagegen wie auf dem Präsentierteller.

Er hatte bis jetzt noch nicht von seiner Waffe Gebrauch gemacht. Die Gefahr, den Unbekannten im Dunkeln zu töten, erschien ihm zu groß. Er wollte den Halunken aber lebend. Er sollte den Namen seines Auftraggebers ausspucken. Damit würde der Fall gelöst sein.

Bount musste sich unbedingt in Sicherheit bringen. Er wartete die nächsten beiden Schüsse ab und sprintete los. Genau in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren.

Wenige Yards vor ihm bäumte sich ein Schatten auf. Der Kerl versuchte verzweifelt, seine Waffe nachzuladen. Bount hatte einen guten Moment erwischt.

Er hechtete über den Zaun und packte zu.

Er erwischte den Halunken am Jackenärmel, konnte ihn aber nicht festhalten.

Der Bursche rannte weiter. Er war noch ziemlich jung. Höchstens zwanzig. Aber schon ein Killer.

Die Jagd führte an einem protzigen Swimmingpool vorbei. In der Nachbarschaft wurde ein Fenster geöffnet. Jemand schrie etwas von Ruhestörung.

Dem Killer war es tatsächlich gelungen, ein gefülltes Magazin in seine Pistole zu schieben. Er warf sich herum und feuerte wie ein Wilder.

Bount tauchte in den Dreck, stieß sich aber sofort wieder vom Boden ab und umklammerte eines der Fußgelenke des anderen. Ein entschlossener Ruck, und der Strolch stürzte.

Die Waffe ließ er aber nicht los. Zwei oder drei Schuss musste er noch im Magazin haben.

Bount wartete, bis sich die Pistole auf ihn richtete. Dann schlug er zu und traf das Handgelenk.

Der Kerl brüllte vor Schmerzen auf. Die Waffe landete auf dem Boden. Bount kickte sie mit dem Ellbogen zur Seite.

Er schob seine Automatic in den Holster zurück. Er glaubte nicht, dass er sie noch brauchte.

Bount atmete auf. Er zerrte den Jungen in die Höhe.

„Wer schickt dich?“, fragte er schneidend.

Der Bursche war auffallend blass und hatte ausgeprägte Augenringe. Als Bount ihn aufmerksamer betrachtete, fielen ihm die winzigen, kaum sichtbaren Pupillen auf.

„Ein Marine“, war die lapidare Antwort.

Bount lachte auf. „Na, damit wäre ja alles klar. Hör zu, du Würstchen. Ich habe eine lange Nacht hinter mir und bin genauso müde wie du. Wenn du nicht ganz schnell den Mund aufmachst, werde ich so ungemütlich, dass ich mich selbst nicht mehr leiden kann. Was hältst du davon?“

„Ich habe Durst“, kam es unsicher.

„Da drüben ist ein ganzer Pool. Der wird dir wohl reichen. Ich schätze aber, du bist gar nicht so sehr auf Wasser scharf. Du brauchst etwas ganz anderes.“

„Hast du was dabei?“ In der Frage schwangen Hoffnung und Gier.

„Wenn du ’nen Schuss meinst, muss ich dich enttäuschen.“

Der Bursche rollte mit den Augen. „Was fällt dir ein?“, krächzte er. „Denkst du, ich bin ’ne Junkie?“

„Natürlich nicht.“ Bount zerrte den linken Ärmel des anderen hoch und entblößte dessen Arm, der in sämtlichen Farben schillerte. „Und hier haben dich sicher nur ein paar Mücken gestochen, wie?“

Der Kerl war süchtig, das hatte Bount sofort erkannt. Solche Typen waren für jeden Auftrag zu haben, wenn sie dafür mit Stoff entlohnt wurden.

„Wie heißt du?“ Bount bemühte sich, seiner Stimme einen freundlichen Klang zu geben. Der Bursche hatte versucht, ihn umzubringen, aber er war ein armes Schwein mit wenig Aussicht, aus dem Teufelskreis herauszukommen, in dem er offensichtlich schon zu tief steckte.

„Mal“, sagte der Fixer heiser. „Du musst mir was geben. Dann sage ich dir alles.“

Seine Augenlider flatterten. Er machte die typischen Hochtief Phasen durch. Eben hatte er sich noch unüberwindlich gefühlt, doch der Misserfolg hatte ihn anscheinend aus dem Gleis geworfen. Er klammerte sich wie ein Ertrinkender an Bount.

„Du kannst ’ne Zigarette haben“, sagte Bount. „Aber nur ’ne echte.“

Mal riss die Augen kurz auf. „Gib her!“, röchelte er.

Bount schob ihm eine Pall Mall zwischen die aufgesprungenen Lippen und gab ihm Feuer.

Mal nahm einen Zug, als wollte er ins Buch der Rekorde. Das Stäbchen glühte rot auf. Dann nahm er die Zigarette aus dem Mund. Bount hoffte, er würde nun reden.

Der Kerl hatte aber etwas anderes im Sinn. Seine Hand mit der glühenden Zigarette zuckte nach unten. Im nächsten Augenblick umschlang er Bount und presste dessen Arme an seinen Körper.

Bount begriff nicht sofort, was der Bursche im Sinn hatte. Erst das Knistern alarmierte ihn. Er sah das kleine Stückchen Schnur, das Mal aus der Jackentasche heraushing. Der Kerl war entschlossen, sich zusammen mit seinem Opfer in die Luft zu sprengen.

Bount spannte seine Muskeln an, aber der andere hielt bombenfest. Süchtige konnten oft erstaunliche Kräfte entwickeln, um gleich darauf wieder völlig abzuschlaffen. Bis es soweit war, war aber die Sprengladung, die Mal in der Tasche trug, wahrscheinlich schon explodiert.

Mal begann zu summen. Ein Lied von den Beatles. Help! Wer würde ihm noch helfen können?

Bount trat ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein und ließ sich nach hinten fallen.

Mal stürzte mit.

Bount griff blitzschnell in seine Tasche und zerrte das Päckchen heraus, an dem die Lunte brannte. Sie war nur noch beängstigend kurz.

Während Bount einen Hieb einstecken musste, schleuderte er die Bombe in hohem Bogen in Richtung Swimmingpool. Wenn er das Becken auch nur um eine Handbreit verfehlte, war die Katastrophe perfekt.

Es klatschte zweimal. Einmal, als das Päckchen mit der zischend erlöschenden Zündschnur ins Wasser fiel. Das zweite Mal, als Mal erneut zuschlug.

Bount knirschte mit den Zähnen, aber er war unendlich erleichtert. Die tödliche Gefahr war gebannt.

Er rammte seine Fäuste hoch und bekam ausreichend Luft, um sich unter Mal wegzurollen.

Der Junkie gab jetzt seinen Widerstand auf und wimmerte nur noch.

„So, mein Freund“, sagte Bount ruhig. „Nachdem du mir jetzt gezeigt hast, was du alles nicht kannst, wird es Zeit für dich, Punkte zu sammeln. Du solltest mich umbringen. Richtig?“ Mal nickte. Er hatte glasige Augen, in denen Tränen standen.

„Persönlich hast du eigentlich gar nichts gegen mich. Auch richtig?“ Wieder ein Nicken.

„Du hattest den Auftrag von einem Mann, der Roberto Galluzzi heißt. Er hat dir dafür Stoff versprochen und vielleicht sogar schon eine kleine Anzahlung geleistet. Wieder richtig?“

Diesmal zögerte Mal. „Ich weiß nicht, wie der Mann heißt.“

„Aber du weißt, wie er aussieht. Groß, schwarz. Ein Bursche mit viel Temperament.“

Der Rauschgiftsüchtige bestätigte auch das.

Bount klopfte ihn ab, um festzustellen, ob er noch weitere Überraschungspakete bei sich trug. Er fand aber nichts, was ihm gefährlich werden konnte.

„Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang“, erklärte er. „Es ist nicht weit. Ich will, dass du den Mann identifizierst.“

Mal erschrak heftig. Die Angst stand deutlich in seinem eingefallenen Gesicht.

Bount beruhigte ihn. „Ich passe auf, dass er dir nichts tut.“

Gemeinsam verließen sie den fremden Garten, dessen Besitzer offenbar verreist waren, sonst hätten sie längst Krach geschlagen.

Mit Galluzzis Villa hatten sie ihr Ziel erreicht.



21

Bount läutete Sturm. Er war seiner Sache ganz sicher. Falls der Italiener nicht öffnete, würde er die Polizei einschalten.

Es dauerte aber nicht lange, da flammte hinter einigen Fenstern Licht auf. Galluzzi kam die Treppe herunter und öffnete die Tür.

„Sie erbärmlicher Feigling!“, zischte er. „Ich habe auf Sie gewartet. Wir waren im Weequahic Park verabredet. Hatten Sie das vergessen?“

„Ich sagte Ihnen bereits, dass ich nicht kommen würde. Aber jetzt bin ich ja da. Und ich habe gleich einen Zeugen mitgebracht, der bestätigen wird, dass Sie ihn beauftragt haben, mich zu töten. Außerdem habe ich ein Gespräch mit angehört, in dem Sie Ihre Gefolgsleute auf mich angesetzt haben. Es geht hier aber nicht in erster Linie um mich, sondern um den Mord an Gerard Lousalle. Sie haben ihn durch eine Doppelgängerin von Cora Martin erschießen lassen und uns anschließend eine Unschuldige als Mörderin präsentiert. Sie haben das alles sehr raffiniert eingefädelt, aber nicht raffiniert genug.“

„Sind Sie jetzt fertig?“, erkundigte sich der Italiener. „Dann kann ich ja auch mal etwas sagen. Ist das da etwa Ihr Zeuge? Dann können Sie mir nur leidtun. Der Kerl hängt doch an der Spritze. Sehen Sie ihn sich doch nur mal richtig an. Solche Typen beschwören alles für einen Schuss. Ich habe den Menschen noch nie zuvor gesehen.“

„Ich auch nicht“, bestätigte Mal eifrig.

Bount runzelte die Stirn. Die Geschichte entwickelte sich nicht so, wie er das erhofft hatte. Entweder log Mal aus Angst vor Galluzzi, oder der Italiener hatte ihn mittels eines Strohmannes angeheuert.

„Da hören Sie’s!“, frohlockte Galluzzi. „Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, sonst rufe ich die Polizei.“

„Eine Bombenidee! Damit nehmen Sie mir eine Arbeit ab. Wo ist das Telefon?“

Robert Galluzzi sah den Detektiv zögernd an. „Sie müssen verrückt sein“, stellte er fest. „Sie dringen mitten in der Nacht bei mir ein, stellen unsinnige Behauptungen auf, die Ihr eigener Zeuge nicht bestätigt, und fühlen sich auch noch im Recht. Sind Sie noch nie auf die Idee gekommen, dass Sie aufs falsche Pferd setzen?“

„Selbstverständlich“, gab Bount zu. „Aber dummerweise bietet sich kein anderes Pferd an. Sie haben sich die ganze Nacht mit üblen Leuten getroffen und Maßnahmen beschlossen, wie Sie mich aus dem Weg räumen können. Wollen Sie das leugnen?“

„Aber ganz entschieden. Für wie wichtig halten Sie sich eigentlich? Ich habe wirklich andere Sorgen, als mich Tag und Nacht nur mit einem simplen Schnüffler zu befassen. Ich bin Geschäftsmann, und ich habe nicht die Absicht, mich auch hier wieder ausbooten zu lassen.“

„Was heißt das?“

„Das heißt, dass mir so ein Typ das Leben schwermachen will, der glaubt, ganz Staten Island gehöre ihm. Er droht mir, falls ich mich nicht aus dem Geschäft zurückziehe. Die Waschsalons können eine Goldgrube sein, wenn man die Sache nur richtig anpackt. Drüben in Italien haben sie mir sämtliche Geschäfte zertrümmert. Da habe ich es vorgezogen, den Ozean zwischen diesen Leuten und mich zu bringen. Aber hier fängt dasselbe Spielchen jetzt von vorne an. Ist es da ein Wunder, wenn ich ein paar Leute engagiere, die zurückzuschlagen verstehen?“

„Charles Sunlake zum Beispiel?“ Der Italiener grinste. „Sunny hat sich bei mir beklagt. Sie hätten ihm einen Zahn ausgeschlagen. Er hängt an seinem Gebiss.“

„Dann soll er sich in Zukunft die Leute genauer ansehen, die er verprügeln will.“

„Das hat er getan.“

„Ich habe nicht die Absicht, Ihre Waschsalons zu demolieren.“

„Aber Sie wollten zu Wanda. Ich habe strikte Anweisung gegeben, dass Wanda nicht belästigt werden darf. Wir werden demnächst heiraten. Im Übrigen ist sie Künstlerin und braucht absolute Ruhe. Ich lasse jedem die Knochen zerbrechen, der sie anfasst.“

„Hat Lousalle sie angefasst?“, fragte Bount rasch.

Galluzzi senkte den Kopf. „Gerard hätte nie etwas getan, was mich gekränkt hätte. Wanda war für ihn tabu. Er lehnte es sogar ab, sie kennenzulernen.“

„Aber Miss Ruffield wusste, dass Sie Ihrem Freund Ihre Villa zur Verfügung gestellt hatten?“

„Was soll diese Frage? Natürlich wusste sie das. Das war doch kein Geheimnis.“

„Und sie wusste natürlich auch, wann Sie von Ihrer Reise zurückkommen würden?“

„Sie hat mich sogar vom Flugplatz abgeholt. Sie hängen mir den Mord nicht an, Reiniger. Ich habe die ganze Nacht mit Wanda verbracht. Erst gegen zehn ließ sie mich endlich gehen. Sie ist nach mir genauso verrückt wie ich nach ihr. Das ist die Wahrheit, und wenn Sie vor Wut platzen.“

„Das wird nicht mehr nötig sein, Mister Galluzzi“, vermutete Bount. „Ich denke, Sie haben mir doch noch weitergeholfen. Sie können jetzt die Polizei informieren. Sagen Sie ihr, was Sie für Probleme haben. Sie werden sich dann in Zukunft Ihre Schläger sparen können.“

Bount wandte sich zum Gehen.

„Was haben Sie jetzt vor?“, wollte Galluzzi argwöhnisch wissen.

„Mir Gewissheit verschaffen. Falls sich mein Verdacht bestätigt, werde ich mich bei Ihnen entschuldigen. Irren ist menschlich. Besonders dann, wenn so ein Irrtum geradezu herausgefordert wird.“

Roberto Galluzzi sah sein Gegenüber wie ein Gespenst an. „Sie verdächtigen Wanda“, sagte er keuchend. „Sie wagen es, der prächtigsten Frau auf diesem beschissenen Kontinent ein gemeines Verbrechen zuzutrauen. Aber Sie irren sich schon wieder. Für Wanda lege ich meine Hand ins Feuer.“

„Okay!“ Bount zog Mal mit sich fort. „Dann muss ich mich schlimmstenfalls eben zweimal entschuldigen.“

„Das wird nicht nötig sein, du Lump“, kreischte der Italiener, der plötzlich einen Revolver in der Faust hielt. „Fahr zur Hölle!“

Er schoss.

Bount ließ sich auf keine Auseinandersetzung mehr ein. Er hatte es plötzlich sehr eilig. Dass Wanda Ruffield ihn am Vortag hereingelegt hatte, ergab nun auf einmal einen Sinn.

Es war ihm klar, dass Galluzzi seine Verlobte warnen würde. Der verliebte Narr hatte vermutlich keine Ahnung, dass auch er nur als unbedeutende Schachfigur in einem blutigen Spiel benutzt worden war.



22

Wanda Ruffield betrachtete mitleidlos die Frau auf dem Bett. Vor wenigen Minuten hatte sie entschieden, dass Cora Martin sterben müsse.

Die drei Gangster hielten die sich heftig wehrende Frau bombenfest, während Sammy James immer wieder mit einer Injektionsspritze in die Venen Coras stach.

„Sie sieht schon bald richtig echt aus“, freute sich die Schwarzhaarige und stach erneut zu. „Wenn man sie findet, wird sie jeder für eine Süchtige halten.“

„Kein Wunder“, meinte Wanda Ruffiel lächelnd. „Die Menge Stoff, die wir ihr ins Blut pumpen werden, würde ausreichen, um die Besucher einer ganzen Diskothek an die Nadel zu bringen.“

Olf zeigte Bedauern. „Schade um das schöne Heroin. Dafür kriegen wir keinen einzigen Dollar.“

„Es hat uns aber auch keinen gekostet“, erinnerte ihn Wanda. „Zwei Kilo allerbeste Ware völlig umsonst. Solche Geschäfte würde ich gerne öfter abschließen.“

„Dann musst du warten, bis dein Liebhaber wieder einen Burschen kennenlernt, der so dick im Geschäft drinsteckt wie Lousalle“, meinte der Schwarzhaarige. „Aber das müsste schon ein Zufall sein.“

Wanda lachte geringschätzig. „Roberto kann mir von heute an gestohlen bleiben. Wir brauchen ihn nicht mehr.“

„Aber ohne ihn wären wir nur schwer an den Franzosen herangekommen“, gab der dritte Gangster, ein Bursche mit Stirnglatze, zu bedenken. „Wenn ich mir vorstelle, dass Lousalle jedes Jahr diese Menge Stoff eingeschmuggelt hat, kommen mir die Tränen.“

„Gut, dass wir den Tipp aus Frankreich erhielten“, sagte Sammy James.

Cora Martin zuckte bei jedem Stich zusammen. Die Gangsterin ging nicht eben behutsam mit ihr um.

„Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe?“, flüsterte sie erschöpft. „Ich habe euch doch nichts getan.“

Wanda Ruffield trat vor sie hin und bog ihre Mundwinkel nach unten. „In unserer Branche lieben wir kein Risiko“, erklärte sie. „Du bist aber zum Risiko geworden. Deshalb habe ich dich auf die Liste gesetzt.“

„Wie Lousalle?“

„Wie Lousalle, meine Süße. Der Narr war ein mäßiger Diplomat, aber das störte ihn nicht, denn die richtigen Kohlen verdiente er auf andere Weise. Er kam viel in der Welt herum und hatte ausgezeichnete Beziehungen. Ein Diplomat genießt beachtliche Vorteile. Nicht zuletzt bei der Zollabfertigung. Meinst du, er hätte sich das Heroin von uns widerstandslos abnehmen lassen? Wohl kaum. Also hat Sammy ihn ausgeschaltet, bevor er das Zeug an seine Abnehmer verscheuern konnte. Es gibt eben immer Leute, die zu den Gewinnern, und welche, die zu den Verlierern gehören. Lousalle und du gehört in die zweite Gruppe. Kein Grund zur Aufregung. So ein goldener Schuss passiert eben hin und wieder. Die Bullen werden froh über deinen Tod sein. Vielleicht vertuschen sie sogar die Wahrheit über Lousalle, falls sie die überhaupt herausfinden. Nach dir wird kein Hahn krähen. Und dein Fred wird sich bald mit ’ner anderen trösten. Eine Süchtige wäre doch für ihn sowieso nicht in Frage gekommen.“

Sammy James ließ von Cora ab. Die beiden Armbeugen bluteten. Olf kümmerte sich darum.

Sammy James ging in die Küche und kam nach wenigen Minuten zurück. Diesmal war der Glaszylinder der Injektionsspritze gefüllt. Der Todesschuss. Coras Kreislauf würde davor kapitulieren. Mit einer Kugel starb es sich schneller.

„Wohin sollen wir sie hinterher bringen?“, wollte der Schwarzhaarige wissen.

Wanda Ruffield hob uninteressiert die Schultern. „Bringt sie dahin, wo solche Typen üblicherweise gefunden werden. In die U-Bahn oder in irgendeine Toilette. Hauptsache, es sieht euch keiner dabei.“

„Wir sind doch keine Anfänger“, beschwerte sich der Gangster.

„Na, dann los!“ Wanda Ruffield nickte Sammy James auffordernd zu.

Die Schwarzhaarige ging auf Cora zu, die sich aufbäumte und mit entsetzten Augen auf die Nadel starrte, die ihr den Tod bringen sollte.

Die Gangster hielten ihr Schultern und Arme fest und drückten sie gewaltsam auf das Bett.

An die Beine dachten sie nicht. Cora trat zu. Sie traf die Hand mit der Spritze.

Sammy James schrie wütend auf. Das Mordinstrument zerbrach auf dem Boden.

„Schweinerei!“, wütete Wanda Ruffield. „Putzt das Zeug weg! Und dann holt ’ne andere Spritze.“

Der Schwarzhaarige gab Cora eine schallende Ohrfeige.

Sammy James kehrte in die Küche zurück, um einen Lappen zu holen.

Olf kümmerte sich um die neue Spritze.

Wanda Ruffield tat nichts. Sie war der Boss.

Das Telefon summte. Wanda blickte auf die Uhr, die mit winzigen Diamanten besetzt war.

„Das kann nur Roberto sein“, meinte sie spöttisch. „Sicher wird er mir wieder in den Ohren liegen, dass ihn irgendeine Gang unter Druck setzt. Wenn er wusste, wie er mich damit langweilt!“

„Nimm doch einfach nicht ab“, riet der Gangster mit der Stirnglatze.

„Bist du verrückt! Dann kommt er womöglich noch her. Den können wir jetzt nicht brauchen.“

Sie nahm den Hörer ab und meldete sich mit einem dunklen: „Hallo!“ Die anderen warteten ab, während Wanda wütend ins Telefon schrie und kurz darauf den Hörer auf die Gabel knallte.

„Reiniger ist auf dem Weg hierher“, fauchte sie und blitzte den Schwarzhaarigen an.

„Ausgeschlossen“, widersprach der. „Auf den habe ich Mal Hunter angesetzt. Für ’nen Freischuss tut Mal alles, was ich von ihm verlange.“

„Dann hat er sich eben dämlich angestellt. Jedenfalls waren beide eben bei Roberto, und jetzt kommen sie her. Reiniger scheint unser Spiel zu durchschauen.“

„Unmöglich.“

„Sag nicht dauernd, dass es unmöglich ist, du Idiot!“ Wanda Ruffield begann, die Nerven zu verlieren. „Tu lieber etwas!“

„Warum machst du dir Sorgen? Galluzzis Gorillas werden dich schon abschirmen. Das haben sie schließlich immer getan, ohne den eigentlichen Grund zu kennen.“

„Diesmal sind sie aber nicht auf ihrem Posten. Roberto hat sie zwar umgehend alarmiert, aber bis sie eintreffen, ist alles zu spät. Das Weib muss sofort aus dem Haus. Ihr müsst ebenfalls verschwinden. Und dann nehme ich mir Reiniger auf meine Art vor. Das Bett ist ja noch warm.“

„Da kennst du aber Reiniger schlecht“, meldete sich Olf. „Der kann noch so scharf auf ’ne Puppe sein. Dem würde es nie einfallen, mit ihr ins Bett zu steigen, wenn er sie für ’ne Mörderin hält.“

„Ich bin keine Mörderin“, behauptete Wanda Ruffield schrill. „Geschossen hat Sammy.“

„Warum soll sie es nicht wieder tun?“, schlug Olf listig vor. „Wenn sie Coras Rolle spielt, fällt sogar der Superschnüffler darauf herein.“

Wortlos nahm Sammy James eine Pistole aus der Handtasche, die auf dem Tisch lag, prüfte das Magazin und schob sie unter den Gürtel ihres Rockes, der durch den losen darüber fallenden Pullover verdeckt wurde. „Überlegt schon mal, wie ihr ihn abtransportiert“, rief sie fröhlich und verschwand durch die Tür.

Die Männer sahen sich unschlüssig an.

„Und wenn es nicht klappt?“, gab der Bursche mit der Stirnglatze zu bedenken.

Wanda Ruffield hatte sich wieder in der Gewalt. „Dann“, sagte sie hart, „seid ihr ja schließlich auch noch da.“



23

Bount ließ den Süchtigen nicht laufen. Er war ein wichtiger Zeuge. Außerdem brauchte er ärztliche Hilfe.

Er schleppte Mal im Laufschritt zum Mercedes und verfrachtete ihn auf die hintere Sitzbank. Um eine Flucht zu verhindern, fesselte er ihn mit ein paar Handschellen an eine der Kopfstützen.

Dann fuhr er los.

Er hatte sich Wanda Ruffields Adresse gemerkt. Vor allem aber wusste er, dass mit Vorliebe Sunny und die beiden anderen Schläger in der Nähe des Hauses herumlungerten, um Galluzzis Geliebte vor Belästigungen zu schützen.

Nach kurzer Fahrt stoppte er den Wagen und schärfte Mal ein, sich ruhig zu verhalten, falls er nicht die Aufmerksamkeit von ein paar Schlägern auf sich ziehen wollte.

Er stieg aus und eilte auf den Hauseingang neben dem Waschsalon zu.

Weit kam er nicht. Eine Frau lief ihm unter den Anzeichen höchster Erregung entgegen.

„Mein Gott, Mister Reiniger. Ich bin ja so froh, dass Sie da sind. Es ist etwas Schreckliches passiert. Jetzt wird Fred nichts mehr von mir wissen wollen.“

Sie stolperte dem Detektiv in die Arme, und Bount verhinderte, dass sie stürzte.

„Beruhigen Sie sich, Miss Martin!“, mahnte Bount. „Ist Wanda Ruffield noch in ihrer Wohnung?“

„Sie ist tot. Sie wollte mich erschießen, aber ich konnte ihr die Waffe aus der Hand reißen und dann ging sie los. Sie müssen mir helfen. Es war Notwehr. O Gott! Mir ist so schlecht.“

Die Frau krümmte sich wie unter großen Schmerzen. Sie presste beide Hände auf den Leib. Eine tastete nach der Pistole unter dem Pullover.

Bount schlug ihr die Waffe aus der Hand, bevor sie abdrücken konnte, und riss ihre Arme auf den Rücken. Es klickte, als die Handschellen zuschnappten.

Sammy James spie Gift und Galle.

Bount schleppte sie zum Wagen und montierte sie an der anderen Kopfstütze.

„Ich weiß zwar noch nicht, wer Sie sind“, sagte er hastig. „Ich bin nur sicher, dass Sie nicht Cora Martin heißen. Ich erinnere mich noch zu gut an Ihre Kleidung, die Sie im Dyker Beach Park trugen. Sie sollen sich angewöhnen, auch an Kleinigkeiten zu denken.“

„Die Pest an deinen Hals!“, tobte die Schwarzhaarige.

Bount hörte gar nicht hin. Er stürmte schon wieder auf das Haus zu, versäumte aber nicht, die Pistole zu sich zu stecken, die er der Verbrecherin aus der Hand geschlagen hatte.

Er war überrascht, weder Sunny noch einen der beiden anderen zu Gesicht zu bekommen. Sicher lauerten sie irgendwo im Dunkeln.

Das Treppenlicht funktionierte.

Bount hetzte die Treppen hinauf. Als der Lift nach unten fuhr, wusste er, dass ihm die Gangster den Fluchtweg abschneiden wollten. Jetzt saß er in der Falle.

Er rannte weiter und nahm jeweils drei Stufen auf einmal. Die Automatic hielt er schussbereit. Diesmal würde er sie benutzen müssen. Es ging ums Ganze.

In der dritten Etage flog die Tür des zweiten Fahrstuhls auf. Ein Kerl sprang ihn an. In seiner Faust blitzte ein Dolch.

Bount hatte diesen Trick vorausgesehen. Wo sonst sollte sich im beleuchteten Treppenhaus ein Killer verstecken als im Lift?

Er duckte sich und schnellte erst wieder zurück, als sich der Oberkörper des Gangsters über ihm befand. Der Bursche wurde kraftvoll zurückgeschleudert und krachte gegen die Fahrstuhltür. Mit törichtem Grinsen sackte er in sich zusammen.

Bount schnappte sich die Stichwaffe und hörte von unten hastige Schritte. Da kam der nächste.

Bount reagierte prompt. Er riss den benommenen Gangster in die Höhe und warf ihn genau in dem Moment die Treppe hinunter, als der andere mit schussbereitem Revolver um die Ecke kam.

Beide prallten gegeneinander und beschimpften sich gegenseitig.

Bount hatte keine Zeit zuzuhören. Er wusste nicht, wie viele Gegner noch auf ihn warteten.

Da kam schon einer. Ein Typ mit schwarzen, glänzenden Haaren. Bount vermutete, dass es der Halunke war, der Mal den Auftrag erteilt hatte, ihn zu töten.

Der Gangster schoss sofort. Ihm war bewusst, dass er der letzte Posten war. Reiniger musste die anderen überwunden haben.

Bount ließ sich fallen. Noch im Fallen warf er den Dolch, den er noch immer in der Hand hielt.

Der Gangster sah die Waffe fliegen und warf sich zur Seite. Seine Schüsse gingen deshalb daneben.

Bount war als erster wieder auf den Beinen. Der Gangster war derjenige, der schneller schoss.

Bount spürte den heißen Schmerz am Oberschenkel. Der Halunke hatte ihn getroffen.

Jetzt schoss auch Bount. Er musste es tun. Er sah bereits, wie sich der Finger des Killers erneut krümmte.

Der Gangster ließ die Waffe fallen und schlenkerte seine getroffene Hand. Seine Flüche waren äußerst unfein.

Bount stieß ihn beiseite und steckte seine Pistole ein. Dann erreichte er die vierte Etage.

Die Tür zu Wanda Ruffields Apartment stand offen. Die Frau war nicht zu sehen.

Bount betrat die Wohnung und stieß mit dem Fuß eine Zimmertür nach der anderen auf.

In der Küche brannte Licht, aber sie war leer.

Bount fand die Verbrecherin im Schlafzimmer. Sie hielt eine Injektionsspritze in der Hand. Die Nadel bohrte sich gerade in Cora Martins Armbeuge.

„Komm nur her, Reiniger!“, säuselte sie. „Bei dem ersten Schritt von dir verpasse ich deinem Schützling den goldenen Schuss. Du weißt sicher, was das bedeutet.“

Bount wusste es. Die Rauschgiftdosis war so hoch gehalten, dass Cora sie nicht überleben konnte.

„Lassen Sie das Mädchen laufen“, bat er. „Coras Tod nützt Ihnen nichts mehr. Es wissen zu Viele über Ihr wahres Gesicht Bescheid. Auch Galluzzi.“

„Der Narr wird immer nur glauben, was ich ihm sage“, höhnte die Ruffield. „Er ist mir hörig. Lass die Waffe fallen, Reiniger. Ich sage alles nur einmal.“

Bount gehorchte zähneknirschend. Blut drang durch sein Hosenbein. Er überlegte verzweifelt, wie er Cora retten konnte.

Wanda Ruffield war zufrieden. „Sehr brav!“, lobte sie. „Nimm jetzt die Arme hoch und drehe dich langsam mit dem Gesicht zur Wand. Was hast du mit Con, Olf und Gary gemacht? Sind sie tot? Macht nichts. Dann brauche ich wenigstens nicht zu teilen. Und niemand wird jemals die Wahrheit erfahren.“

Bount drehte sich ganz langsam nach links. Als er ihr die rechte Seite zuwandte, holte er sein letztes As aus dem Ärmel. Es war die Pistole, die er dem schwarzhaarigen Gangster abgenommen und in seinen Jackenärmel verborgen hatte. Diese Maßnahme hatte sich schon einige Male bewährt.

Er kannte die fremde Waffe nicht. Vor allem wollte er Cora Martin nicht verletzen. Aus diesem Grund hielt er sehr weit rechts, als er abdrückte.

In der gleichen Sekunde sprang er mit zwei mächtigen Sätzen durch den Raum und fegte die Gangsterin zur Seite. Er wollte ihr die Spritze entwinden, aber die Nadel steckte bereits in Coras Armbeuge.

Die Frau hieb mit der Faust auf das Instrument. Einen anderen Ausweg sah sie nicht mehr.

Der Kolben ruckte ein paar Millimeter nach unten. Zu wenig, um das Mädchen umzubringen. Genug, um ihr schwer zu schaffen zu machen.

Bount fetzte die Spritze aus dem Fleisch. Sie flog gegen die Wand und zerbarst dort.

Wanda Ruffield gab auf.

Bount durchsuchte sie nach weiteren Waffen. Er fand eine Pistole und ein Stilett mit versenkbarer Klinge.

Cora schluchzte und war nur schwer zu beruhigen. Sie litt unter einem Schock.

Für Bount war die Hauptsache, dass sie noch lebte. Die Nadelstiche würden sie nicht umbringen. Er hatte Schlimmeres verhindern können.

Er selbst war schlechter dran. Die Oberschenkelwunde würde ihn für zwei Wochen hinter den Schreibtisch verbannen.

Doch daran zu denken, war noch zu früh. Keiner der drei Gangster auf der Treppe war tot. Sie würden versuchen, Cora und ihm gemeinsam den Garaus zu machen.

Bount humpelte zur Wohnungstür, um sie zu verbarrikadieren. Danach wollte er die Polizei verständigen. Die Jungs sollten gefälligst auch etwas tun.

An der Tür stieß er auf Lieutenant Sutter, die sichtlich aufatmete, als sie ihn leidlich unversehrt sah.

„Ich habe schon das Schlimmste befürchtet, Mister Reiniger“, bekannte sie.

Bount fragte verwundert, wieso sie und eine Menge anderer Polizisten hier waren. Sie hatten inzwischen auch schon die Gangster im Treppenhaus in Empfang genommen.

Er erfuhr, dass Harry Shuffle den Alarm ausgelöst hatte. Der Junge hatte sich wenigstens eine Prämie verdient.

Als Wanda Ruffield abgeführt wurde, stoppte gerade Roberto Galluzzis Wagen unweit des Hauses. Der Italiener stieg nicht aus. Fassungslos verbarg er sein Gesicht zwischen den Händen.

Zwei Kilogramm Heroin wurden von den Beamten mühelos in der Küche zwischen Mehl und Zuckertüten aufgespürt. Ein großartiger Fang. Die Narcotic Squad würde wochenlang zu tun haben, sämtliche Spuren zu verfolgen, die von Wanda Ruffield und ihrer Gang ausgingen.

Veronique Lousalle, die Gattin des ermordeten französischen Diplomaten, wurde erst sechs Wochen später verhaftet, als sie in Marseille von einem libanesischen Seemann einen Feldstecher in Empfang nahm, durch den man nicht hindurchsehen konnte. Er enthielt Rauschgift. Durch sie konnte ein weiterer Drogenring ausgehoben werden, der lange Zeit mit Umsätzen in Millionenhöhe gearbeitet hatte.

Bount war mit seinem bescheidenen Honorar zufrieden, das ihm Fred Paulman strahlend aushändigte.

Einige Zeit später erhielt er noch ein Hochzeitsbild. Es zeigte, dass auch Cora Martin das Lachen wieder gelernt hatte.


ENDE

​Die Sache mit Caroline

Von Alfred Bekker






Ich lernte Caroline auf einer Party kennen, zu der ich mir mit einem gefälschten Ausweis und einer gefälschten Einladung Zugang verschafft hatte.

Sie sprach eine ganze Weile nur von sich selbst und ich hörte ihr zu. Manchmal sagte ich: “Ah, ja!” Oder “So, so” oder auch ein interessiertes: “Okay…”

Anscheinend kam das gut an.

Irgendwann fragte sie mich dann: “Und was machen Sie so?”

Das war der Moment, den ich gerne vermieden hätte.

Eigentlich hatte ich gedacht, dass ihre Eitelkeit noch ein bisschen ausgeprägter wäre und ich noch den halben Abend nichts weiter als “Ah, ja!” zu sagen brauchte.

Aber anscheinend war sie doch neugierig.

“Sicherheitsbranche”, sagte ich.

“Ah, ja”, sagte sie jetzt.

Ich konnte mir das Grinsen kaum verkneifen.

“Ja”, sagte ich.

“Und etwas genauer?”

“Ich darf nicht drüber reden.”

“Aber vielleicht doch so…. eher allgemein?”

“Das war schon sehr speziell - für meine Verhältnisse.”

“Ein Mann mit Geheimnissen. Das gefällt mir.”

“Sieh an!”

Ich glaube, sie hatte es sich vielleicht ein bisschen zuviel bei dem Sekt bedient, der hier überall herumstand. Irgendwie wirkte sie auf mich wie eine Frau, die normalerweise alles und jeden und vor allem sich selbst zu kontrollieren versuchte, das aber jetzt im Moment gerade nicht mehr so besonders hinbekam.

Mir sollte es nur recht sein.

“Komisch, eigentlich laufen hier immer dieselben Leute bei denselben Parties herum”, sagte sie.

Ich hob die Augenbrauen.

“Ja, und?”

“Sie habe ich hier bislang nie gesehen.”

“Ich komme nicht viel zum Feiern.”

“Immer richtig busy, was?”

“Von nichts kommt nichts.”

“So kann man es auch ausdrücken.”

“Man muss sehen, dass man den Anschluss hält.”

“Sicher.”

“Und noch besser ist, wenn man allen anderen ein Stück voraus sind.”

Sie sah mich an.

Ihre Augen waren blau.

Blau wie das Meer.

Oder der Himmel.

Auf jeden Fall blau.

“Ist nicht ganz einfach, oder?”

“Was?”

“Das Voraus-sein.”

“Das nennt man Anticipation.”

“Muss man alle Dinge auf Englisch sagen.”

“Nein, aber es klingt professioneller”, lachte ich. “Und es wird einem schneller abgekauft. Selbst wenn noch so hohles Gelaber ist.”

“Ja, das ist leider wahr…”

Ich zuckte mit den Schultern. “Es gibt allerdings keinen Grund, das Spiel nicht mitzuspielen, wenn man begriffen hat, wie es läuft.”

“Auch wieder wahr.”

“Ich sehe das so.”

“Finden Sie es nicht auch furchtbar langweilig hier?”

Ihr Blick war abwartend. Lauernd. Sie war plötzlich sehr aufmerksam.

“Es geht so”, sagte ich.

“Was halten Sie von unverbindlichem Sex?”

“Sie sind sehr direkt.”

“Ist irgendetwas nicht in Ordnung daran, direkt zu sein?”

“Nein, daran ist alles vollkommen in Ordnung.”

“Es beruhigt mich, dass Sie das auch so sehen wie ich.”

Ich sah auf Ihre Brüste.

“Sie haben schöne Titten”, sagte ich.

“Sie sind aber auch direkt.”

“Das bin ich.”

“Dann sind wir uns also einig?”

“Insofern - ja.”

Sie lächelte. Und sie nahm eine Pose ein, bei der die Silhouette ihrer Kurven gut zur Geltung kam. Man musste ihr wirklich eins lassen: Das hatte sie sehr gut drauf. Sie sagte: “Ich finde es süß.”

“Was finden Sie süß?”

“Dass Sie mich noch siezen, wenn Sie mir sagen, dass ich schöne Titten hätte.”

“Ach, ja?”

“Das hat Stil.”

“Wenn Sie meinen.”

“Und es spricht für eine gewisse Galanterie.”

“Nun…”

“Ich bin ja auch durchaus direkt, wie Sie ja schon gemerkt haben.”

“Allerdings!”

“Aber ich bin keineswegs vulgär. Und das schätze ich auch bei anderen nicht.”

“Dann kann ich ja von Glück sagen, dass ich durch Ihr strenges Auswahlraster hindurch gekommen bin!”

Ihr Lächeln wurde breit.

Sehr breit.

“Und was für ein Glück Sie haben! Das wird Ihnen noch aufgehen…”

“Beim Vögeln.”

“Genau.”

“Wie geht es jetzt weiter?”

“Ich suche irgendwo einen Platz, wo ich mein halb leeres Sektglas hinstellen kann und dann verschwinden wir. Geschäftlich wichtige Kontakte mache ich heute sowieso nicht mehr. Und wenn… Dann sollte ich wohl ohnehin besser jedes Treffen mit jemandem vermeiden, der wichtig ist.”

“Weil Sie schon zu viel Sekt getrunken haben.”

“Genau.”

“Dann verschwinden wir doch”, sagte ich.

“Ich heiße übrigens Caroline”, sagte sie.

Aber das wusste ich längst.


*


Wir nahmen ein Taxi. Sie bewohnte ein nobles Penthouse mit fantastischer Aussicht. Die Stadt wirkte wie ein Lichtermeer. Wie eine Galaxie, in der sich raumschiffartige Gebilde bewegten. In Wahrheit waren es nur Autos, Flugzeuge und die S-Bahn. Aber man muss sich nicht jede Fantasie durch die Wahrheit zerstören lassen. Man kann sie manchmal auch einfach genießen.

Wir waren kaum in ihrer Wohnung, als ihr fast wie beiläufig das Kleid von den Schultern rutschte. Sie trug nichts darunter.

Nackt, wie sie wahr drehte sie sie sich zu mir um. “Was ist? Plötzlich schüchtern?”

“Nein”, sagte ich.

“Aber irgendetwas ist.”

“Nein.”

“Na, dann ist es ja gut.”

“Ja.”

“Manchmal muss man einfach alles, was mit dem Job zu tun hat, aus dem Kopf kriegen.”

Ich nickte. “Ja, das muss man”, stimmte ich ihr zu.


*


Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach dieser Nacht als erster aufzuwachen. Eigentlich wäre es sogar verdammt wichtig gewesen, dass ich als erster aufwachte. Aber manchmal klappen die Dinge eben nicht ganz so, wie sie sollen.

Sie war vor mir wach und stand nackt neben dem Stuhl, auf dem ich meine Sachen abgelegt hatte. Das Licht der Morgensonne fiel durch die Fensterfront und zauberte Schattenmuster auf ihre vollen Brüste.

Unglücklicherweise fingerte sie an meiner Jacke herum und hatte wenig später die Pistole in der Hand, die ich bei mir trug.

“Ich sagte doch, ich bin in der Sicherheitsbranche”, erklärte ich.

“Die Waffe ist echt?”

“Sicher.”

“Du bist ein Leibwächter?”

“Sowas Ähnliches.”

“Ich könnte jemanden brauchen, der mir Leute vom Leib hält, mit denen ich nichts zu tun haben will. Fällt das in dein Gebiet?”

“Unter Umständen ja.”

“Was machst du genau?”

“Ich bin dagegen, Berufliches und Privates zu vermischen.”

“Ach komm, das ist doch Blödsinn.”

Ich war aufgestanden, hatte mir meine Hose übergezogen und trat ihr nun entgegen.

Sie ließ sich die Waffe aus der Hand nehmen.

Zum Glück.

“Ich habe ein paar Schwierigkeiten”, sagte sie. “Mit unangenehmen Leuten. Und ich würde viel Geld dafür bezahlen, wenn das jemand für mich regelt.”

“Schön für dich. Dann wird sich jemand finden, der das für dich macht.”

“Und was ist mit dir?”

Ihre Haltung wirkte provozierend. Sie hatte den Arm in die Hüfte gestemmt. Ich gönnte mir noch einen Blick auf ihre Brüste, die noch in Bewegung waren und leicht zitterten.

“Für mich ist das nichts”, sagte ich.

“Schade.”

“Ich bin wirklich in Schwierigkeiten.”

“Ich weiß.”

Ich langte in die Jackentasche und bekam den Schalldämpfer zu fassen. Dann schraubte ich ihn auch.

Sie sah mich an.

Ich feuerte zweimal kurz hintereinander. Ob sie begriff, was ihr geschah, weiß ich nicht. Allenfalls im allerletzten Moment wurde ihr klar, dass die Leute, mit denen sie Schwierigkeiten hatte, mir den Auftrag gegeben hatten, sie zu beseitigen.

Irgend wer stört immer irgendwen.

Was genau der Grund war, interessierte mich nicht.

Nur eins zählte für mich an allererster Stelle: Die Loyalität zum Auftraggeber.

Ich steckte die Waffe wieder ein, zog mich zu Ende an und sammelte sehr sorgfältig alle meine Sachen zusammen. Allzu vorsichtig brauchte ich nicht sein. Meine DNA war nirgends gespeichert. Meine Fingerabdrücke auch nicht.

Immer mit der Ruhe, dachte ich, als ich fertig war. Ich sah nochmal zurück auf die Tote auf dem Boden.

Erledigt, dachte ich.



ENDE

















HK Greiff: Hereingelegt!


Kriminalerzählungen von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.


- Albert Winter ist Kenner. Das Collier der Ballschönen ist ein Vermögen wert, und er wird es sich holen. Der Besitzerin näher zu kommen, ist für ihn nicht schwer. Doch als er nach der Beute greifen will, erlebt er eine fürchterliche Überraschung …

- Wulf Jäckel benötigt dringend ein Darlehen, was ihm sein vermögender Schwager Reinhold Renner aber eiskalt verweigert. Als Renner ermordet wird, hält selbst Katrin Jäckel ihren Mann für den Täter. Aber auch die eifersüchtige Frau des Ermordeten hatte ein Motiv …

- Vor Jahren verunglückte Virginias Mann in den Bergen tödlich. Nun steht ein Fremder vor ihrer Tür und behauptet, der angeblich Tote zu sein, dessen Leichnam damals nicht gefunden wurde, für dessen Tod Virginia allerdings eine hohe Versicherungssumme kassiert hat. Ist er ein Betrüger?


Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

Und 10 weitere spannende Kurzkrimis



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Tote tragen keine Diamanten

Silvana Mangold besaß Klasse. Die anwesenden Männer waren sich nicht einig, ob sie ihre aufregend langen Beine, ihre atemberaubende Oberweite oder ihre verheißungsvollen Augen mehr bewundern sollten.

Einer der Ballgäste jedoch war am nachhaltigsten von ihrem Hals fasziniert, denn ihn schmückte ein Diamantcollier, gegen das die funkelnden Kronleuchter des Saales nur müde Funzeln waren.

Wenn das Ding echt ist, dachte Albert Winter für sich, werde ich es mir holen. Koste es, was es wolle.

Um die fachmännische Prüfung vollziehen zu können, musste er sich das Schmuckstück aus größerer Nähe betrachten. Dies ließ sich am besten beim Tanzen bewerkstelligen. Also wartete er voller Ungeduld auf einen günstigen Moment, um sich der Schönen zu nähern.

Sie tanzte hinreißend, und ihr Lächeln weckte schönste Hoffnungen. Kein Wunder, Albert Winter hatte vor Jahren seine Karriere als Heiratsschwindler begonnen und auf Grund seines Aussehens, seiner glänzenden Manieren und seines nahezu unwiderstehlichen Charmes manches willige Opfer gefunden.

Was für ein mühsames Geschäft! Oft monatelang hatte er sein Opfer bearbeiten müssen, ehe es ihm gelungen war, sich dessen Ersparnisse zu bemächtigen.

Wie viel einfacher war es doch, mit einem einzigen Griff ein Vermögen in die Hand zu bekommen. Dieses Collier zum Beispiel, das verriet ihm sein Kennerblick, war kaum unter hunderttausend zu haben. Gediegene Goldschmiedearbeit bot einen dekorativen Rahmen für erlesene, hochkarätige Diamanten und Rubine. Ein tolles Stück!

Seine Behauptung, ihm gehöre in Südamerika eine Rinderfarm, verfehlte nicht den gewünschten Eindruck auf die Schöne, von der Albert Winter inzwischen wusste, dass sie nach einer kurzen Karriere als Model und Filmsternchen es vorgezogen hatte, ihren Produzenten zu heiraten und inzwischen auf drei Ehen und ebenso viele Abfindungen zurückblickte.

Zur Zeit standen einige neue Kandidaten zur engeren Wahl. Mit der Entscheidung ließ sich Silvana Mangold Zeit. Vielleicht bot sich ja noch etwas Besseres. Warum sollte es nicht einmal ein Rinderbaron sein?

Es gelang Albert Winter bereits nach kurzem Flirt, ein paar ihrer hartnäckigsten Verehrer an diesem Abend aus dem Feld zu schlagen.

Als er sie erneut um den nächsten Tanz bat, plauderte sie gerade mit einem ein wenig beleibten Mann, dessen auffälligstes Merkmal seine Glatze war. Er sah Silvana Mangold, die an Albert Winters Arm zur Tanzfläche schwebte, mit einem Seufzen nach.

„Kennen Sie Felix Uhlig?“, erkundigte sich die Heiratswütige geheimnisvoll? „Er ist Juwelier und unglaublich naiv. Aber sein Handwerk versteht er. Findet man in Ihrer Gegend nicht viele Smaragde? Vielleicht können Sie mit ihm ins Geschäft kommen.“

Das gab Albert Winter die Gelegenheit, sich mit seiner Partnerin ausgiebig über Edelsteine zu unterhalten und auch ihr Collier gebührend zu bewundern. Strahlend verriet sie ihm den tatsächlichen Wert, der noch weit über dem von ihm geschätzten lag.

Nun gut, er würde nur einen Bruchteil dafür bekommen. Die Hehler waren Halsabschneider. Trotzdem lohnte sich der Coup, zumal er mit keiner nennenswerten Anstrengung verbunden war.

Was Komplimente und Schmeicheleien betraf, legte sich Albert Winter keinerlei Zurückhaltung auf. Ebenso berichtete er bereitwillig über seine angeblichen Einkünfte in Brasilien und seine Zukunftspläne.

Sein Hinweis, dass er verwitwet und kinderlos sei, ließ Silvana Mangolds Busen gewaltig schwellen. Ganz klar, auch sie glaubte, ein einträgliches Opfer gefunden zu haben, das bei bester Laune zu halten, sie wild entschlossen war.

Der Ball diente einem wohltätigen Zweck. Solche Veranstaltungen schätzte Albert Winter, lernte man doch dort Leute kennen, in deren Villa eines Nachts einzusteigen sich zweifellos lohnte.

Gelegentlich ergab sich auch die Möglichkeit zu einer kleinen Erpressung. Man musste nur Augen und Ohren offenhalten.

Im Augenblick interessierten ihn die übrigen Gäste höchst wenig. Er konzentrierte sich auf das eine Ziel, das glitzernd auf duftender Frauenhaut ruhte.

Natürlich widmete Silvana Mangold ihm nicht den ganzen Abend. Ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen geboten ihr, auch mit anderen zu tanzen und sich von ihnen bewundern zu lassen. Egal! Hauptsache, das Collier gehörte noch in dieser Nacht ihm.

Ob sie sich von ihm nach Hause bringen ließ? Während einer heißen Umarmung zum Abschied ließ sich der Schmuck am leichtesten in seinen Besitz bringen. Beim Tanzen war das Risiko einer Entdeckung zu groß.

Albert Winter beobachtete von der Bar aus Silvana Mangolds wirkungsvolle Bewegungen. Damit brachte sie den Burschen mit dem rötlich-blonden Haar, mit dem sie gerade tanzte, schier um den Verstand. Ein noch ziemlich junger Kerl. Albert Winter schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Wahrscheinlich ermutigte ihn das Geld seines Vaters, sich Hoffnungen auf eine Frau wie Silvana Mangold zu machen.

Jetzt redete er temperamentvoll auf seine Tänzerin ein. Sie lachte mit dunkler Stimme und schenkte ihm einen Blick, der Diamanten hätte schmelzen lassen.

Du kannst sie haben, dachte Albert Winter spöttisch, aber von dem Collier lässt du gefälligst die Finger. Das gehört mir.

Stirnrunzelnd musste er mitansehen, wie die beiden zu tanzen aufhörten und zur gläsernen Flügeltür gingen, die in den gepflegten Garten des Gastgebers führte.

Er trank sein Glas leer und schlenderte gemächlich in die gleiche Richtung. Es war nicht einfach, sich einen Weg durch die Tanzenden zu bahnen, aber er hatte es auch nicht eilig. Silvana Mangold lief ihm nicht davon. Diese milchbärtige Konkurrenz brauchte er wohl kaum zu fürchten.

Wie zur Bestätigung kehrte der Verehrer bereits nach kurzer Zeit in den Saal zurück. Allein und mit hochrotem Kopf. Er hatte sich wohl bei seiner Angebeteten zu stürmisch ins Zeug gelegt.

Albert Winter schmunzelte zufrieden und wartete auf Silvana Mangolds Erscheinen. Allerdings nicht lange. Er erkannte seine Chance. Dort draußen wollte er die Entscheidung herbeiführen. Die Mangold brauchte nach der plumpen Attacke dieses Anfängers jetzt Zuspruch und würde sich hoffentlich bereitwillig in seine verständnisvollen Arme flüchten.

Unglücklicherweise lief ihm ein Mann über den Weg, mit dem seine Eroberung ihn vorhin bekannt gemacht hatte. Der Typ interessierte sich für die Vermarktung von Rindfleisch und bot ihm ein Geschäft an. Es kostete Albert Winter einige Mühe, ihn wieder abzuschütteln, ohne unhöflich zu werden.

Suchend blickte er sich um. Silvana Mangold konnte er noch immer nirgends entdecken, zumal er die Terrassentür auch die ganze Zeit im Auge behalten hatte. Ob sie etwa auf ihn wartete? Natürlich! Ein eindeutigeres Zeichen konnte er sich nicht vorstellen.

In froher Erwartung ging er in den Garten und hielt nach dem attraktiven Huhn Ausschau, das ihm ein diamantenes Ei legen sollte...

Einige Zeit später verließ er in erzwungener Hast den Ball. Er ließ sich seinen Mantel aushändigen und strebte dem Parkplatz zu.

Als er die Tür seiner Limousine öffnete, vernahm er sich rasch näherndes Sirenengeheul. Er stockte. Polizei? Für die war er ein alter Bekannter. Besser, er verschwand schleunigst von hier.

Zwei Fahrzeuge rasten heran. Ein dritter folgte in einigem Abstand. Beamte sprangen heraus. Zwei postierten sich an dem schmiedeeisernen Tor. Die anderen stürmten weiter. Sie entdeckten Albert Winter.

„Wir müssen Sie bitten, uns zur Verfügung zu stehen. Uns wurde ein Mord gemeldet. Niemand darf dieses Grundstück verlassen, bevor wir mit unseren Vernehmungen fertig sind.“

„Ein Mord?“ Albert Winters Stimme überschlug sich.

„Eine gewisse Frau Silvana Mangold soll das Opfer sein. Sie wurde im Garten erdrosselt. Folgen Sie uns bitte ins Haus!“

Widerstand war sinnlos. Er gehorchte, und schnell fand Kommissar Korte heraus, dass er nicht nur auffallend häufig mit dem Opfer getanzt hatte, sondern auch, kurz bevor das Opfer von einem Pärchen unter Sträuchern entdeckt worden war, in den Garten gegangen war.

„Ja, ich wollte zu ihr“, gab Albert Winter zu, „aber da war sie bereits tot. Sie können sich mein Entsetzen sicher vorstellen, Herr Kommissar. Immerhin bin ich kein unbeschriebenes Blatt. Aber mit einem Mord wollte ich nichts zu tun haben.“

„Das wollte Silvana Mangold wahrscheinlich auch nicht“, gab Korte kalt zurück, während er der Toten seine Aufmerksamkeit widmete. Er stutzte. „Sie soll einen kostbaren Halsschmuck getragen haben. Jetzt ist er weg.“ Er sah Albert Winter auffordernd an.

Dieser hob abwehrend die Hände. „Glauben Sie etwa, ich hätte ihn gestohlen?“

„Durchsuchen!“, kam der knappe Befehl an zwei Mitarbeiter.

Aus der Manteltasche kam das Collier zum Vorschein. Die Neugierigen konnten nur mühsam zurückgehalten werden. Drohungen wurden gegen den überführten Mörder ausgestoßen.

„Ich war es nicht“, beteuerte dieser. „Als ich sie fand, trug sie die Diamanten schon nicht mehr. Ich weiß auch, wer sie umgebracht und beraubt hat.“ Er beschrieb den Rotblonden, der mit Silvana Mangold im Garten verschwunden und allein zurückgekehrt war.

„Interessant!“, spottete Korte. „Ein Mann begeht einen Raubmord, um Ihnen seine Beute anschließend heimlich zuzustecken. Das wird Ihnen kein Richter glauben.“

„Sie haben sie völlig sinnlos ermordet“, ächzte der Glatzköpfige, der erschüttert die Tote betrachtete. „Bei Anlässen wie diesem trug Silvana Mangold stets Imitationen ohne großen Wert. Ich bin ihr Juwelier und riet ihr dazu. Für manche Menschen ist die Versuchung leider zu groß. Wie leicht verschwindet ein kostbarer Schmuck im Gedränge.“

Kommissar Korte runzelte die Stirn. „Sie meinen, das Collier ist nicht echt? Ich bin kein Fachmann in diesen Dingen.“

„Natürlich ist es echt“, begehrte Albert Winter auf. „Dafür habe ich einen Blick. Aber ich schwöre Ihnen ...“

Der Polizist winkte ab. „Geschenkt.“ Er wurde abgeführt.

Bereits am folgenden Tag setzte man ihn auf freien Fuß. „Es sprach eine Menge gegen Sie“, entschuldigte sich Korte. „Inzwischen haben wir in den Akten aber einen ähnlichen Fall gefunden, der schon zwei Jahre zurückliegt. Eine Baronesse fand damals den Tod. Ihr wurde ein kostbares Diadem geraubt, das sich später bei dem Hauptverdächtigen fand und sich als Fälschung erwies. Der Mann nahm sich die besten Anwälte, die es schafften, den Prozess bis heute hinauszuzögern. Zum Glück, denn man würde ihn wohl trotz allem verurteilt haben.“

„Und Sie wissen jetzt, dass er unschuldig ist?“, fragte Albert Winter erregt. „Genau wie ich?

Der Kommissar nickte. „Beim Überprüfen der Gästeliste fand ich einen Namen wieder, der mir auch gestern begegnet war.“

„Der Rotblonde“, war Albert Winter sicher.

„Nein, Felix Uhlig, der Juwelier der Ermordeten. Er hat bereits gestanden, von besonders wertvollen Schmuckstücken Doubletten hergestellt zu haben, um später die Originale wieder an sich zu bringen und einen Unschuldigen zu belasten. Ihm als Fachmann fiel es nicht schwer, die Juwelen auf eine Weise neu zu verarbeiten, dass ihr Verbleib nicht mehr nachzuvollziehen war. Diesmal glaubte er, in Ihnen einen geeigneten Sündenbock gefunden zu haben. Tut mir leid, Herr Winter.“

„Mir auch“, murmelte der Geprellte, „mir auch.“



Der Tod tanzt auf der Party mit

„Du solltest ihn fragen“, ermunterte Katrin Jäckel ihren Mann.

Wulf zögerte. „Ich bin fast sicher, dass er mir das Darlehen verweigert“, seufzte er. „Reinhold kann eiskalt sein, wenn es um Geld geht.“

„Aber er ist unser Schwager“, erinnerte die 35-jährige. „Er kann nicht wollen, dass du in Konkurs gehst.“

„Da bin ich leider anderer Ansicht. Er wartet doch nur darauf, den Betrieb für ein Butterbrot zu übernehmen. So ist Reinhold nun einmal. Ein Schuft durch und durch. Ich habe nie begriffen, wie sich deine Schwester für einen solchen Mann entscheiden konnte.“

„Sigrid zu verstehen fiel auch mir schon immer ziemlich schwer“, pflichtete Katrin ihm bei, schränkte aber ein, dass die um sechs Jahre Ältere durch ihre Verbindung mit dem erfolgreichen Industriellen zumindest finanziell ausgesorgt hatte.

„Geh zu ihm!“, forderte sie Wulf erneut energisch auf. „Reinhold geht gerade ins Haus. Da seid ihr ungestört. Inmitten des Partytrubels lassen sich solche Probleme schlecht besprechen.“

Der Mann gab sich einen Ruck und marschierte los. Katrin folgte ihm in einigem Abstand. Sie suchte jedoch eines der Badezimmer auf, um sich ein wenig frisch zu machen. Es war ein heißer Tag, und Reinhold Renners Partys waren dafür bekannt, bis spät in die Nacht hinein zu dauern.

Gerade wollte sie das Bad verlassen, als ein Wutschrei sie zusammenfahren ließ.

„Das zahle ich dir heim, du Lump“, kreischte eine Frauenstimme, in der Katrin ihre Schwester Sigrid erkannte. „Ich lasse mich nicht länger von dir demütigen. Wer ist es diesmal? Die blonde Roswitha, mit der du an der Bar so schamlos geflirtet hast? Oder deine neue Sekretärin?“

„Du irrst dich, Liebling“, verteidigte sich Reinhold Renner und beschwor seine Frau, doch ein wenig leiser zu sein. „Was sollen die Gäste von uns denken?“

„Dass du ein unverbesserlicher Schürzenjäger bist, der mir immer wieder Besserung geschworen, sein Versprechen aber stets gebrochen hat. Die Beweise sind eindeutig. Ich habe in unserem Ferienhaus am See ein Dessous deines Flittchens gefunden. Den Namen will ich wissen, hörst du?“ Ihre Stimme überschlug sich.

Katrin zog es vor, die Auseinandersetzung nicht länger zu belauschen, doch stellte sie draußen im Garten fest, dass auch hier fast jedes Wort zu verstehen war.

Sie hielt nach Wulf Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken. Deshalb schlenderte sie zum Swimmingpool und von dort aus weiter zum Pavillon und dem kleinen Weiher, dessen Ursprünglichkeit in krassem Gegensatz zu der ausgeflippten Gesellschaft stand, die ihr Schwager an diesem Wochenende eingeladen hatte.

Erst nach geraumer Zeit kehrte sie zurück. Wulf suchte sie bereits. „Wo warst du denn?“

„Am See“, gab Katrin Auskunft. „Der Trubel ging mir auf die Nerven. Habt ihr euch geeinigt?“

Ihr Mann schüttelte den Kopf. „Ich hielt den Zeitpunkt nicht für günstig. Sigrid und Reinhold lagen sich wieder einmal in den Haaren. Das sind keine günstigen Voraussetzungen für einen Bittsteller.“

„Er soll dir das Geld ja nicht schenken“, wandte Katrin verärgert ein. Nicht zum ersten Mal musste sie feststellen, dass Wulf für einen Geschäftsmann einfach zu zimperlich war. Deshalb ließ ihn auch der Erfolg im Stich. „Ich werde mit ihm reden“, entschied sie.

Wulf wollte sie zurückhalten, aber Katrin hielt bereits auf den breitschultrigen Mann zu, der sich seinen Gästen widmete, als wäre nichts geschehen.

Er lächelte jovial, als er sie kommen sah, und hob ihr sein Glas entgegen. „Sitzt du etwa auf dem Trockenen, liebe Schwägerin?“, befürchtete er und ließ den Champagner in ein weiteres Glas perlen, das er ihr reichte. „Irre Fete heute, nicht wahr?“

Katrin nahm einen kleinen Schluck, bevor sie das Glas abstellte. „Hast du einen Moment Zeit?“

Er grinste leutselig. „Für meine Familie doch immer. Was hast du denn auf dem Herzen?“

Bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnte, erschienen neue Gäste. „Wir sprechen später darüber“, versprach er und wandte sich den Neuankömmlingen zu.

Resignierend entfernte sich Katrin. Sie sah Wulfs triumphierenden Blick. „Da hast du es“, empfing er sie. „Er lässt dich nicht einmal zu Worte kommen. Für Reinhold sind wir doch nur die arme angeheiratete Verwandtschaft, die er zu seinen Partys laden muss, um seine Frau nicht zu brüskieren. Ich bin gespannt, wie lange diese Ehe noch hält. Sigrid scheint allmählich die Geduld mit seinen Eskapaden zu verlieren. Aber das geht uns nichts an“, fand Wulf.

„Das geht uns sehr wohl etwas an“, brauste Katrin auf. „Im Falle einer Scheidung sind wir für Reinhold fremde Leute, denen er bestimmt nicht mehr finanziell unter die Arme greifen wird. Deshalb musst du auch unbedingt noch heute ...“

Ein vielstimmiger Schrei unterbrach sie. Dort, wo der Gastgeber seine neuen Gäste in Empfang genommen hatte, bildete sich ein wirres Knäuel von aufgeregten Menschen. Jemand rief nach einem Arzt.

„Das ist bestimmt Hallweg“, vermutete Katrin geringschätzig. „Der weiß nie, wann er genug getrunken hat. Dabei ist die Party noch nicht einmal richtig in Schwung gekommen.“

Schnell stellte sich jedoch heraus, dass Reinhold Renner selbst auf dem Boden lag. Ein anwesender Medizinstudent kümmerte sich um ihn, richtete sich aber mit ernster Miene auf. „Wenn ich die Professoren auf der Uni nicht völlig missverstanden habe, dann ist dieser Mann tot.“

Diese Behauptung löste allgemeines Entsetzen aus. Sigrid warf sich über den reglosen Körper ihres Mannes und forderte ihn durch leichte Schläge auf die Wangen immerzu auf, doch endlich etwas zu sagen.

Aber die Diagnose des Studenten war korrekt. Der Hausarzt, der zu den geladenen Gästen zählte und in diesem Augenblick vorfuhr, bestätigte sie. „Man sollte die Polizei verständigen“, fand er bestürzt. „Das sieht mir verdächtig nach Gift aus.“

Die Anwesenden, die sich um den Unglücklichen gedrängt hatten, wichen konsterniert zurück. Gift? Das konnte doch nur bedeuten, dass Reinhold Renner ermordet worden war.

Wenig später traf Kommissar Strasser mit seiner Mannschaft ein. Der Polizeiarzt nickte düster seinem Kollegen zu. „Ich will mich noch nicht festlegen, aber es könnte sich um ein Pflanzenschutzmittel gehandelt haben.“

Die Polizei stand vor der Aufgabe, über sechzig Gäste und Angestellte zu vernehmen. Jeder einzelne kam vorläufig als Täter in Betracht, denn dass das Gift, falls der Mörder es nicht ohnehin mitgebracht hatte, im unverschlossenen Geräteschuppen für jeden leicht zugänglich gewesen wäre, bestätigte der Gärtner. Auch war es in dem allgemeinen Trubel nicht schwierig, dem Opfer das Mittel ins Glas zu schütten. Wann dies allerdings geschehen war, würde sich nicht mehr ohne Weiteres feststellen lassen, denn Reinhold Renner hatte ständig sein Glas auffüllen lassen und auch nicht immer das gleiche benutzt.

Kommissar Strasser merkte schnell, dass die Leute zwar scheinbar bereitwillig seine Fragen beantworteten, ihm aber offensichtlich etwas verschwiegen. Dies fand er erst heraus, als er zufällig das Gespräch zweier Angestellter mitanhörte. Danach war es kurz vor dem Tod des Hausherrn zu einem heftigen Streit zwischen ihm und seiner Frau gekommen.

Sigrid gab dies unter Tränen zu, verwahrte sich aber empört gegen jeden Verdacht. „Glauben Sie etwa, ich hätte Reinhold vergiftet? Ich habe ihn geliebt. Nur deshalb war ich ja so eifersüchtig auf seine ständigen Affären.“

Trotzdem stand sie von nun an ganz oben auf der Liste der Tatverdächtigen. Wer sonst könnte ein Motiv gehabt haben?

„Fragen Sie doch einmal Herrn Jäckel“, riet der Medizinstudent. „Ich wurde zufällig Zeuge, wie er sich mit seinem Schwager in die Haare geriet. Soweit ich das verstand, ging es um ein Darlehen, das ihm Herr Renner verweigerte. Daraufhin stieß Herr Jäckel wüste Beschimpfungen und gar Drohungen aus.“

Katrin sah ihren Mann betroffen an. „Ich denke, du hast nicht mit ihm gesprochen.“

Wulf druckste herum. „Sollte ich etwa zugeben, wie er mich abgefertigt hat?“

„Aber dem Kommissar gegenüber hast du diesen Wortwechsel ebenfalls nicht erwähnt.“

„Was willst du damit sagen?“ Wulf verfärbte sich.

Katrin wandte sich stumm ab, aber ihr war anzusehen, was sie durchaus für möglich hielt.

„Im Grunde war Renner nicht sonderlich beliebt“, resümierte Strasser Stunden später erschöpft. „Die meisten hofierten ihn wegen seines Geldes, aber sie mochten ihn nicht.“

„Aber nur einer hasste ihn so, dass er ihn umbrachte“, schränkte sein Assistent ein. „Diesen einen gilt es zu überführen.“

Es folgten tagelange Recherchen und immer wieder Verhöre der Hauptverdächtigen.

Eines Tages fand Wulf einen Brief auf seinem Schreibtisch, als er aus seinem Betrieb kam. Katrins wenige Zeilen schockten ihn weit mehr als die ständigen Fangfragen des Kommissars: „Ich kann es nicht länger ertragen, mit einem Mörder zusammenzuleben. Versuche nicht, mich zurückzuholen.“

Trotz dieser Warnung zuckte Katrin in dem von ihr gemieteten Apartment bei jedem Läuten zusammen. Sie glaubte nicht, dass sich Wulf mit der von ihr vollzogenen Trennung abfand.

Wieder schlug die Türglocke an. Entschlossen, sich nicht umstimmen zu lassen, öffnete sie.

„Dürfen wir hereinkommen, Frau Jäckel?“

„Sie, Herr Kommissar?“, wunderte sich Katrin. „Was bringen Sie denn?“

„Die Beweise“, antwortete Strasser eisig und entnahm seiner Aktentasche einen Plastikbeutel, in dem ein gelbes, duftiges Etwas steckte. „Erkennen Sie es wieder? Wir haben aufgrund der Schweißspuren ermittelt, dass es von einer Frau Ihrer Blutgruppe getragen wurde. Und wir fanden auch einige Haare im Renner’schen Ferienhaus am See. Ihre Haare, Frau Jäckel. Sie waren die Geliebte Ihres Schwagers, aber er wollte sich von Ihnen trennen, nicht wahr? Da gaben Sie ihm Gift.“

Katrin schüttelte müde den Kopf. „Nein, ich hatte die Nase voll von Reinhold und seinem miesen Charakter. Er aber wollte mich nicht gehen lassen und drohte, mich in der Stadt unmöglich zu machen. Ich aber will ein neues Leben beginnen. Mit einem anderen Mann. Er würde mir mein Vorleben nie verzeihen.“

„Da kam Ihnen der heftige Streit Ihrer Schwester mit Ihrem Geliebten gerade recht, um den Verdacht auf eine Unschuldige zu lenken“, folgerte der Kommissar. „Ja, Sie werden ein neues Leben beginnen, aber das sieht ganz anders aus als in Ihren selbstsüchtigen Träumen.“



Tote kehren niemals zurück

„Sie wünschen?“ Virginia Wendland war durch das Läuten während ihrer Morgentoilette gestört worden und war entsprechend missgestimmt.

Der Mann vor der Tür ihrer Villa ließ sich mit der Antwort Zeit. Er schaute sie unentwegt an, bevor er murmelte: „Du bist noch hübscher geworden.“

Über Virginias Nase bildete sich eine steile Falte. Der vertrauliche Ton ging ihr entschieden gegen den Strich. Was bildete sich der Typ ein?

„Ich habe befürchtet, dass du mich nicht wiedererkennen würdest“, fuhr der Fremde unbeirrt fort und zeigte ein vages Lächeln, das sein narbiges Gesicht kaum anziehender machte. „Vielleicht ist das sogar besser so. Zweifellos wurde dir damals die Lebensversicherung ausgezahlt. Immerhin eine glatte Million. Die müssten wir jetzt zurückgeben.“

Die attraktive 38-jährige riss ungläubig die Augen auf. „Wollen Sie behaupten, dass ...“

„... dass ich Andreas bin“, bestätigte der Besucher. „Dein Mann.“

Virginia hob abwehrend beide Hände und trat einen Schritt zurück, um die Tür ins Schloss zu werfen.

Der Mann ließ es nicht zu. „Ich kann deinen Schock verstehen, Liebste. Du musstest mich für tot halten. Alle taten das. Sogar die Polizei. Als ich damals über dem Gletschergebiet mit dem Gleitschirm abstürzte und die Suchtrupps meinen Leichnam in dem unwegsamen Gelände nicht finden konnten, hielt niemand für möglich, ich könnte mich gerettet haben. Nun, meine Verletzungen waren auch schrecklich, und längere Zeit ließ mich mein Erinnerungsvermögen im Stich. Italienischen Chirurgen habe ich es zu verdanken, dass ich wieder zusammengeflickt wurde. Mein Aussehen hat sich dadurch zwangsläufig verändert, aber du wirst bald feststellen, dass ich innerlich der Alte geblieben bin. Ich bin so froh, dass ich wieder bei dir bin.“

„Da-das glaube ich nicht“, stammelte die Schöne entgeistert. „Andreas ist tot. Ich rufe die Polizei.“

„Verständliche Reaktion“, blieb der Besucher gelassen. „Wahrscheinlich würde ich mich in deiner Situation ähnlich verhalten. Aber es wäre eine große Dummheit. Denke an die Million, die du zu Unrecht kassiert hast. Deshalb solltest du mich auch nicht länger auf der Straße stehen lassen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass mich einer der Nachbarn erkennt. Grüber zum Beispiel, dieser misstrauische Fuchs, der seine Augen und Ohren überall hat.“

Virginia wurde unsicher und zwang sich, ihr Gegenüber genauer zu betrachten. Die Größe konnte stimmen, und auch das helle Braun seiner Augen erinnerte sie an Andreas, mit dem sie sechs Jahre verheiratet gewesen war. Aber sonst?

Der Kerl ist ein Betrüger!, war sie überzeugt. Sein Wissen über den Unfall in den Bergen kann er aus den Zeitungen bezogen haben. Die Blätter waren damals voll davon. Auch die Möglichkeit eines Versicherungsbetruges war erwogen worden. Die Sache mit der Million war also kein Geheimnis. Nun bildete sich der Bursche wohl ein, er könnte an dem Vermögen teilhaben.

Zu ärgerlich, dass sie ihn nicht kurzerhand zum Teufel jagen konnte. Der brachte es fertig und überzeugte irgendein Sensationsblatt von seiner Story. Dann fing alles wieder von vorn an. Die Fragen der Polizei und der Versicherung. Schlimmstenfalls kam er mit seinem abenteuerlichen Märchen sogar durch. Wer sagte ihr, dass er nicht irgendeinen dubiosen Arzt gekauft hatte, der seine Behauptungen für gutes Geld selbstverständlich bestätigte?

Bevor sie sich weitere Schritte überlegte, musste sie genau die Absichten des Halunken in Erfahrung bringen. Das ging nicht zwischen Tür und Angel.

„Kommen Sie, äh, komm herein“, sagte sie nervös. „Aber erwarte nicht, dass ich dir vor lauter Freude um den Hals falle. Zwei Jahre habe ich nichts von dir gehört, und so glücklich war unsere Ehe während der letzten Zeit auch nicht, dass ich vor lauter Trauer den Entschluss gefasst hätte, bis an mein Lebensende allein zu bleiben.“

„Daraus mache ich dir keinen Vorwurf“, meinte der angebliche Andreas verständnisvoll. „Ich war manchmal ein richtiges Scheusal. Doch wenn man dem Tod wie ich direkt in die Pupille geschaut hat, überdenkt man seine Fehler. Ich habe mich geändert, Liebste. Nicht nur äußerlich. Wir werden diesmal glücklich sein. Das verspreche ich dir.“ Er wartete nicht, nachdem Virginia ihn ins Wohnzimmer geführt hatte, dass sie ihm einen Drink anbot, sondern bediente sich selbst an der Schrankbar. „Für dich immer noch Gin Tonic, wie früher?“

Sie lehnte ab. Sie musste einen klaren Kopf behalten. Noch sah sie sich von lauter Fragezeichen umgeben.

„Anscheinend habe ich dich beim Make-up unterbrochen“, erkannte Andreas. „Lass dich durch mich nicht stören. Ich schaue mich inzwischen ein bisschen um. Es hat sich hier einiges verändert. Seit wann begeisterst du dich für Zierfische?“ Er deutete auf das riesige Aquarium zwischen den beiden Fenstern.

Virginia spürte, wie sich ihre Kopfhaut zusammenzog. Über derlei Nebensächlichkeiten hatten die Zeitungen nicht berichtet. Woher stammten seine Informationen?

„Holger liebt Fische“, erklärte sie mit erzwungener Ruhe.

Andreas nickte begreifend. „Dein neuer Lover? Klar, millionenschwere Witwen haben die freie Auswahl. Du wirst dich von ihm trennen müssen. Jetzt bin ich ja wieder da, und meine Eifersucht ist leider die alte geblieben.“

Sie spürte den Wunsch in sich aufsteigen, ihm die Augen auszukratzen, beherrschte sich aber und deutete auf die Stereoanlage, bevor sie den Raum verließ. „Es dauert nicht lange.“

Im Ankleidezimmer ließ sie sich auf den Hocker vor ihrem Schminktisch sinken und starrte in den Spiegel. Wie sollte sie sich nur verhalten? Zu ärgerlich, dass sich Holger zur Zeit in Neapel aufhielt.

Ihr schlanker Körper straffte sich. Hastig vollendete sie ihr Make-up und schlich ins Schlafzimmer, wo sie ihrer Nachttischschublade eine flache Pistole entnahm. Es war klüger, auf alles gefasst zu sein.

Die Wohnzimmertür hatte sie angelehnt gelassen. Durch den Spalt konnte sie den Mann beobachten. Er öffnete gerade geräuschlos eine Schranktür und wandte sich nach kurzer Prüfung der nächsten zu. Offensichtlich suchte er nach Geld oder Wertgegenständen.

Virginias sonst lockend geschwungene Lippen wurden zu zwei schmalen Strichen. Mich legst du Schuft nicht herein, dachte sie grimmig. Da musst du früher aufstehen.

Gerade wollte sie das Zimmer betreten, als sich der Mann zu einer Vitrine herabbeugte. Dabei schlug sein aufgeknöpftes Sakko hart gegen das Möbelstück. Ohne Zweifel steckte in der etwas ausgebeulten Tasche eine Schusswaffe.

Nach dem anfänglichen Schreck entspannte sich ihre Miene. Sie musste ihm nur zuvorkommen. Dann konnte sie ihm hinterher seine Kanone in die Faust drücken, und jeder würde ihr glauben, sie habe einen Eindringling in Notwehr erschossen. Dadurch waren die Probleme, die der lästige Betrüger mit sich brachte, gefahrlos beseitigt. Sie dachte gar nicht daran, die Million mit ihm zu teilen. Weder freiwillig noch unter Druck.

Als sich der Narbige aufrichtete, blickte er in die Mündung einer Pistole. „Was soll das?“, fragte er unsicher.

„Ich werde Sie erschießen“, erklärte Virginia. „Sobald Sie versuchen, Ihre Waffe zu ziehen, sind Sie mausetot.“

„Aber Virginia, das wäre Gattenmord.“

Sie lachte spöttisch auf. „Mich täuschen Sie nicht. Sie sind niemals Andreas. Andreas ist tot und Sie ein mieser Gauner, der mich ausnehmen möchte.“

„Du täuschst dich“, beharrte Andreas, hütete sich aber, sie durch eine verdächtige Handbewegung zum Schuss zu provozieren. „Dottore Callini kann beschwören, dass ich die Wahrheit sage. Er weiß übrigens auch, dass ich zu dir gefahren bin. Solltest du mich umbringen, wirst du dich niemals auf Notwehr herausreden können. Man wird dich für viele Jahre ins Gefängnis stecken.“

„Halten Sie mich für eine Idiotin?“, fuhr Virginia ihn verächtlich an. „Ihr bezahlter Zeuge macht auf mich keinen Eindruck. Ich weiß, dass Andreas nicht mehr lebt. Kein Arzt dieser Welt hätte ihn wieder zum Leben erwecken können.“

Der andere zögerte. „Was macht dich so sicher?“

Wieder dieses triumphierende Lachen. „Diese Pistole hier macht mich sicher, du Narr“, stieß sie hervor. „Mit ihr habe ich Andreas erschossen. Im Schlaf. Er war auf der Stelle tot. Seinen Leichnam habe ich dann mit Holgers Hilfe verschwinden lassen, bevor er von einem Hubschrauber aus Andreas’ zerfetzten Gleitschirm über den Bergen abwarf. Der Plan war perfekt, und seitdem genieße ich die Million. Du hieltest dich für unheimlich raffiniert, als du den totgeglaubten Ehemann markiertest. Zu deinem Pech blieb deine Phantasie hinter der Wahrheit zurück. Du wirst sie mit ins Grab nehmen, und kein Hahn wird nach dir krähen.“

Der Entlarvte bewegte sich um keinen Millimeter, als er betonte: „Vielleicht kein Hahn, aber ganz bestimmt meine Kollegen vom Morddezernat. Sie waren sich Ihrer Sache sehr sicher, doch wir haben Ihnen von Anfang an misstraut. Leider besaßen wir nicht die Spur eines Beweises. Jetzt haben wir sogar Ihr Geständnis, Frau Wendland. Der Sender in meiner Jacke hat die Kollegen zweifellos längst in Marsch gesetzt. Sie werden jeden Moment hier sein. Ihr Spiel ist aus.“

„Bluff!“, kreischte die Mörderin. „Mit dieser neuen Lüge rettest du deinen Kopf nicht mehr.“ Sie riss die Pistole hoch, doch in diesem Augenblick näherten sich Polizeifahrzeuge mit jaulenden Sirenen. Da ließ sie den Arm sinken und brach in Tränen aus.



Teuflisches Schneewittchen

„Geht’s dir nicht gut?“ Franz Borchert äugte unwillig über die Ränder seiner Lesebrille. „Es dauert ja heute alles so lange.“

Jutta Thiele wandte ihm das glühende Gesicht zu. „Halb so schlimm, Onkel Franz“, beruhigte sie ihn. „Ich fürchte, mich hat die Grippe erwischt. In der Firma ist schon die halbe Belegschaft krank.“

„So?“, maulte der Siebzigjährige. „Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben, aber heute legt sich ja jeder gleich wegen einer lumpigen Erkältung ins Bett. Der Chef muss ja den Lohn weiterzahlen. Ich sage dir eins, Mädchen. Im Leben kannst du es nur durch eiserne Disziplin zu etwas bringen. Ich habe niemals krank gefeiert und bin damals sogar mit dem Gipsbein in den Betrieb gehumpelt. Deshalb kann ich auch jetzt von meinem stattlichen Vermögen leben. Was gibt es denn heute zum Abendessen? Ich habe Hunger wie ein sibirischer Bär. So ein Spaziergang in frischer Luft regt den Appetit an.“

„Thunfischsalat“, sagte Jutta Thiele, während sie die Teller auf den Tisch stellte. „Den isst du doch so gern.“

Der alte Mann schnalzte mit der Zunge. „Und dazu ein kühles Bier“, freute er sich. „So lasse ich es mir gefallen.“

Seit seine Frau vor vier Jahren gestorben war, führte ihm seine Nichte den Haushalt. Sie war ledig, denn kein Mann konnte sich damit abfinden, dass sie ihre gesamte Freizeit einem rechthaberischen Greis widmete, der ihr mit seinem vielen Geld das Leben durchaus etwas angenehmer hätte gestalten können, anstatt sie nach einem Acht-Stunden-Tag im Büro durch das Haus zu scheuchen.

Doch der ehemalige Inhaber einer profitablen Korbwarenfabrik vertrat die Ansicht, dass das Leben nur den belohne, der sich hindurchbeißen müsse. Eines Tages würde Jutta sein gesamtes Vermögen erben, aber jetzt sollte sie gefälligst dafür springen.

Jutta brachte das Bier und bediente ihren Onkel. Sie selbst aß nur wenig und trank einen heißen Lindenblütentee. Sie würde heute zeitig zu Bett gehen, damit sie morgen wieder auf den Beinen war. Onkel Franz brächte kein Verständnis auf, wenn sie nicht zur Arbeit ginge.

„Du isst ja gar nicht“, nörgelte er und kniff die Augen misstrauisch zusammen. „Hast du etwa Liebeskummer? Die Kerle, die du bisher ins Haus gebracht hast ...“

„... haben dir alle nicht gefallen“, ergänzte Jutta matt. „Ich weiß. Keiner entspricht mehr den Maßstäben deiner Generation.“ Sie nahm sich noch von dem Salat und gab auch dem Onkel eine zweite Portion. Danach kümmerte sie sich um den Abwasch und war froh, als sie endlich im Bett lag.

Doch ihr war keine lange Ruhe vergönnt. Aus dem Nebenzimmer wurde nach ihr gerufen. Onkel Franz klagte über fürchterliche Schmerzen. „Der Kopf, der Bauch, die Glieder“, jammerte er. „Alles tut mir weh. Du musst Dr. Baecker anrufen.“

„Unsinn!“, wehrte Jutta müde ab. „Es hat dich eben auch erwischt. Ich gebe dir ein paar von meinen Grippetabletten. Vielleicht hättest du auch das kalte Bier nicht trinken sollen.“

Franz Borchert schluckte die Pillen, aber danach ging es ihm auch nicht besser. Die Magenkrämpfe wurden unerträglicher und die Schweißausbrüche heftiger. Da hielt es Jutta doch für ratsam, den Arzt zu verständigen.

Dr. Baecker war nicht begeistert, als er aus dem Bett geklingelt wurde. Als er den Kranken untersucht hatte, bestätigte er Juttas Vermutung. „Jeden Tag behandle ich zur Zeit ungefähr zwanzig Fälle von Darmgrippe. Neuerdings auch nachts.“ Er riet zur unbedingten Bettruhe und empfahl auch Jutta, in den nächsten Tagen dem Büro fernzubleiben. „Eine verschleppte Grippe sollten Sie nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Onkel Franz’ Befinden verschlechterte sich dramatisch, und am Morgen war er tot.

Das fand sogar Dr. Baecker ungewöhnlich. Sein Patient hatte ein kräftiges Herz besessen. Den brachte doch keine Grippe um.

Er untersuchte den Toten genauer und äußerte einen Verdacht. „Hatte er gestern vielleicht etwas Unrechtes gegessen?“

„Er trank ein eiskaltes Bier“, schluchzte Jutta.

„Und sonst?“

„Es gab Thunfischsalat“, erinnerte sie sich. „Mit Eiern und Gurken. Den aß er besonders gern.“

„Ist noch etwas davon übrig?“

Jutta holte den Rest aus dem Kühlschrank. „Aber er kann unmöglich die Ursache sein“, war sie überzeugt. „Ich habe nur frische Zutaten verwendet.“

„Haben Sie ebenfalls davon gegessen?“, wollte der Mediziner wissen.

Jutta bestätigte es.

„Dann sollten wir vorsichtshalber Ihren Magen auspumpen lassen. Und der Salat muss ins Labor. Außerdem muss ich die Polizei verständigen.“

„Warum denn das?“ Die 32-jährige starrte den Arzt fassungslos an.

„Bei einer unnatürlichen Todesursache ist das Vorschrift“, wurde sie belehrt.

Kommissar Leibig nahm sich des Falles an. Die Untersuchungen ergaben tatsächlich, dass Franz Borchert Opfer einer Lebensmittelvergiftung geworden war. „Der Thunfisch war verdorben. Sie haben Glück gehabt, Frau Thiele.“

Jutta lachte bitter auf. „Glück? Ich habe meinen einzigen noch lebenden Verwandten verloren.“

Der Kommissar spitzte die Ohren. „Tatsächlich? Demnach sind Sie wohl die Alleinerbin des Verstorbenen? Er soll ja ziemlich wohlhabend gewesen sein.“

„Jetzt fehlt nur noch, dass Sie behaupten, ich hätte meinen Onkel absichtlich vergiftet. Unglaublich!“

„Und ziemlich unwahrscheinlich“, ergänzte der Polizeibeamte und sah dabei ausgesprochen unzufrieden aus. „Es steht fest, dass Sie selbst von dem Salat gegessen haben.“

„Aus der gleichen Schüssel“, betonte Jutta gekränkt.

„Gibt es dafür Zeugen? Ihr Onkel kann es ja leider nicht mehr bestätigen.“

Jutta schnappte vor Empörung nach Luft, doch dann erinnerte sie sich, dass während des Abendessens ein Nachbar geläutet hatte, um sich ein paar Batterien für die Fernbedienung des Fernsehers auszuleihen. Onkel Franz hatte ihn eingeladen mitzuessen, doch der Mann trank nur ein Glas Bier, bevor er sich verabschiedete.

Gustav Meidorf wurde umgehend vernommen und entlastete Jutta. „Nein, nein, das kann ich bestätigen, Herr Kommissar. Die Schüssel mit dem Salat stand auf dem Tisch, und sie schöpfte sich und Herrn Borchert daraus.“

Aber sie hätte ein so schönes Motiv, dachte Leibig grimmig. Außerdem hat sie den verdorbenen Thunfisch unbeschadet überstanden.

„Herr Borchert soll ein richtiges Ekel gewesen sein“, bohrte er hoffnungsvoll. „Sicher gab es häufig Streit mit seiner Nichte.“

Gustav Meidorf hob die Schultern. „Ihre Ansichten gingen schon manchmal auseinander. Aber deswegen bringt man schließlich keinen Menschen um.“

„Wegen einer zu erwartenden Erbschaft durchaus“, hielt der Kommissar dagegen, musste jedoch einsehen, dass er diesmal mit seinem kriminalistischen Misstrauen wohl ein Stück übers Ziel hinausschoss. Jutta Thiele wäre ein enormes Risiko für ihr eigenes Leben eingegangen, hätte sie geahnt, dass der Salat gefährlich war. Gustav Meidorf besaß keinen Grund, sie wider besseren Wissens zu entlasten. Es handelte sich offenbar doch nur um ein bedauerliches Unglück, dem der jüngere, widerstandsfähigere Körper getrotzt hatte.

Mürrisch kam Leibig nach einem anstrengenden Arbeitstag heim. Er wusste, dass er diese Nacht keinen Schlaf finden würde, wollte er sich doch einfach nicht damit abfinden, dass ihm sein Gespür diesmal einen Streich spielte.

Seine kleine Tochter Sabine bekam seine üble Laune zu spüren. „Heute nicht“, murrte er. „Morgen lese ich dir wieder ein Märchen vor.“

„Och bitte, Paps!“, bettelte die Vierjährige und streckte ihm das aufgeschlagene Buch entgegen. Das Märchen vom Schneewittchen mochte sie am liebsten.

Er ließ sich überreden, und als das Mädchen friedlich einschlief, war er hellwach. Das war es! Mit Bluff und ein bisschen Glück musste es klappen.

„Kennen Sie das Märchen vom Schneewittchen?“, fragte er Jutta am nächsten Morgen beinahe sanft. „Die Ärmste biss ahnungslos in die vergiftete Hälfte eines Apfels, während die böse Hexe mit der anderen Seite kein Risiko einging. Mit einer Schüssel Thunfischsalat lässt sich das problemlos nachvollziehen, nicht wahr? Auf der einen Seite, von der Sie Ihren Onkel bedienten, befand sich das verdorbene Zeug. Für sich selbst aber hatten Sie frischen vorbereitet. Sie durften nur nicht die Seiten verwechseln. Raffiniert wählten Sie für die Tat einen Zeitpunkt, an dem fast jeder Arzt bei diesen Symptomen auf Darmgrippe getippt hätte. Versuchen Sie nicht zu leugnen. Die Laboruntersuchungen Ihres Mageninhalts haben zweifelsfrei ergeben ...“

„Er hat mir das Leben zur Hölle gemacht“, schluchzte Jutta los.

„Glauben Sie, dass es im Gefängnis schöner ist?“, mahnte Leibig, bevor er sie abführte.



Eine verzweifelte Idee

„Glaubst du, dass es klappt?“ Thekla schenkte ihrem langjährigen Geliebten einen hoffnungsvollen Blick.

Bernd zeigte wenig Zuversicht. „Ich fürchte, dass Brödlich bei der Vergabe des Verkaufsleiterpostens die Nase vorn hat. Nach dem gestrigen Gespräch mit Lammersdorf machte er eine entsprechende Andeutung.“

„Aber heute Abend bist doch du bei Direktor Lammersdorf eingeladen“, erinnerte die 32-jährige. „Du musst ihn von deinen Fähigkeiten überzeugen.“

Wenn es diesmal wieder nicht mit der Beförderung klappte, würde sich Bernd wohl nie zu einer Heirat entschließen. Wenn er nur ein wenig kämpferischer wäre! Brödlich war sein einziger Konkurrent. Der musste doch auszuschalten sein.

„Ich werde es versuchen“, versprach der Mann lahm. „Aber du kennst eben Brödlich nicht. Der arbeitet mit den Ellbogen.“

„Dann benutze du deinen Kopf“, riet Thekla, während sie längst selbst grübelte, was man tun könnte. Sie hatte auch schon eine Idee. Eine verzweifelte Idee.

Nachdem Bernd sich verabschiedet hatte, brachte sie einige Zeit vor ihrem Kleiderschrank zu. Danach war sie kaum wiederzuerkennen. Sie trug einen von Bernds Anzügen. Dazu seinen Trenchcoat und unter dem Männerhut eine dunkle Perücke. In dieser Aufmachung verließ sie das Haus. Im Wagen fuhr sie zu Kai Brödlichs Bungalow.


*


„Ich schätze Sie als wertvollen Mitarbeiter, Zühlke“, versicherte Direktor Lammersdorf während des Essens. „Aber Brödlich besitzt einfach mehr Durchsetzungsvermögen. Unsere Kunden müssen überzeugt werden. Das sehen Sie sicher ein.“

„Aber ich habe Ihrer Firma seit meiner Lehrzeit treu gedient“, brachte Bernd zaghaft in Erinnerung. „Herr Brödlich arbeitet erst seit drei Jahren für Sie.“ Unglücklich dachte er an Thekla, die er so sehr liebte. Wie enttäuscht würde sie sein. Aber er konnte Lammersdorf schließlich nicht mit Waffengewalt zu einer Entscheidung in seinem Sinne zwingen. Das musste sie einsehen.


*


Auch Thekla hatte nicht vor, Bernds Chef die Pistole auf die Brust zu setzen. Nein, Brödlich musste verschwinden. Das war die Lösung. Wenn es ihn nicht mehr gab, war der Weg für ihren Bernd frei.

Sie parkte ihr Auto einige Straßen von Brödlichs Haus entfernt, öffnete den Kofferraum und entnahm ihm einen schweren Schraubenschlüssel, den sie unter dem Trenchcoat verbarg. Das letzte Stück ging sie zu Fuß und läutete an der Tür.

Sie wusste, dass Brödlichs Frau zur Kur gefahren war. Sie würde ihn also allein antreffen, falls er nicht ausgerechnet heute Abend Besuch hatte. Aber das ließ sich ja feststellen.

Nach kurzer Zeit wurde ihr geöffnet. „Bitte?“

„Herr Kai Brödlich?“, vergewisserte sich Thekla.

„Der bin ich. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht viel Zeit. Bin verabredet.“

„Falls Sie an keinem lukrativen Geschäft interessiert sind, entschuldige ich mich für die Störung“, gab Thekla lauernd zurück. „Vierzigtausend wären für Sie locker drin. Dabei alles legal und ohne Risiko.“ Sie senkte die Stimme. „Sie sind doch allein?“

Ihr Gegenüber bejahte eifrig und sah plötzlich einem Geier verblüffend ähnlich. „Vierzigtausend, sagen Sie? Erwarten Sie, dass ich dafür jemand umbringe?“

Thekla lachte amüsiert. „Ich sagte doch, es ist absolut gesetzlich. In zehn Minuten habe ich es Ihnen erklärt. Natürlich nicht an der Haustür.“

Kai Brödlich nickte erwartungsvoll. „Kommen Sie herein!“

Er ging voraus und sah nicht, wie Thekla den Schraubenschlüssel hervorholte und den Arm hob. Den ersten Schlag spürte er noch, die nächsten schon nicht mehr.

„Es musste sein, Bernd“, flüsterte Thekla, als sie über den leblosen Körper hinwegstieg. „Ich habe es für unsere gemeinsame Zukunft getan.“

Nun galt es, falsche Spuren zu legen. Es sollte nach einem Einbruch aussehen. Zu diesem Zweck verursachte Thekla in sämtlichen Räumen ein Chaos, riss die Matratzen aus den Betten, verstreute den Inhalt von Schubläden auf dem Fußboden und brach den verschlossenen Schreibtisch im Arbeitszimmer auf. Sie vermied es, Fingerabdrücke zu hinterlassen, denn sollte man ihr auf die Schliche kommen, wäre alles umsonst gewesen.

Den gefundenen Schmuck steckte sie ein. Sie würde das verräterische Zeug allerdings nicht behalten, sondern es zusammen mit dem Tatwerkzeug für immer verschwinden lassen.

Sie hatte daheim zwei anonyme Briefe vorbereitet, in denen behauptet wurde, Brödlich habe eine Geliebte. Diese Schriftstücke versteckte sie im Wäscheschrank und in der Tasche eines Kostüms jener Frau, die noch nicht ahnte, dass sie Witwe geworden war. Nun konnte die Polizei alle möglichen Theorien über den Mörder entwickeln. Nur die Wahrheit würde sie nicht herausfinden.

Da Brödlich von einer Verabredung gesprochen hatte, musste sie sich beeilen, um nicht von dem erwarteten Besucher überrascht zu werden. Beim Verlassen des Hauses achtete sie darauf, dass sie niemand sah. Schlimmstenfalls würden Augenzeugen von einem dunkelhaarigen Mann im Trenchcoat sprechen.

Sie hastete zu ihrem Wagen und warf sich hinters Steuer. In dreißig Minuten konnte sie daheim sein, wenn sie ordentlich Gas gab. In ihrer Wohnung brannte Licht, und der Fernseher lief mit beachtlicher Lautstärke. Die Nachbarn würden erforderlichenfalls bestätigen, dass sie während der fraglichen Zeit zu Hause gewesen sei.


*


Bei Direktor Lammersdorf läutete das Telefon. Nach kurzem Gespräch legte er den Hörer zurück. „Das war Carstens vom Einkauf. Er spielt gelegentlich mit Brödlich Golf und war heute bei ihm eingeladen.“

Bernd unterdrückte ein Gähnen. Wen interessierte das?

„Brödlich ist tot“, fuhr Lammersdorf erschüttert fort. „Offenbar von einem Einbrecher erschlagen. Die Polizei ermittelt bereits, hat aber wohl wenig Hoffnung, den Täter zu fassen.“

„Entsetzlich!“ Bernd konnte die Nachricht kaum begreifen.

Lammersdorf ballte die Fäuste. „Ja, einfach unglaublich. Das wirft natürlich meine Planungen über den Haufen. Mit Brödlich kann ich ja nun nicht mehr rechnen.“

Bernd horchte auf. „Wollen Sie damit andeuten, dass ich ...?“

„Sie werden sich hoffentlich nicht als Lückenbüßer fühlen, Zühlke. Ich hoffe, dass Sie mein Vertrauen durch entsprechende Leistungen rechtfertigen.“

„Ganz bestimmt, Herr Direktor“, stammelte Bernd überglücklich. Es drängte ihn, Thekla die phantastische Neuigkeit zu erzählen. Am liebsten hätte er sie sofort angerufen, wollte aber gegenüber Lammersdorf keinen herzlosen Eindruck erwecken.

Zum Glück sah auch der Firmenchef die Einladung für beendet an. Bernd verabschiedete sich hastig und warf sich in seinen Wagen. Er wollte auf dem schnellsten Wege zu Thekla fahren und sie mit einem Heiratsantrag überraschen. Jetzt konnte er es sich finanziell endlich leisten.

Er drückte ordentlich auf die Tube. Um diese Zeit herrschte auf der Strecke kaum noch Verkehr.

Plötzlich schoss ein Wagen aus einer Seitenstraße, ohne die Vorfahrt zu beachten. Bernd trat zwar reaktionsschnell auf die Bremse, doch der Zusammenstoß ließ sich nicht mehr verhindern.

Der Gurt schnitt wie ein Messer in seinen Oberkörper, während sein Kopf zur Seite flog. In der winzigen Sekunde vor tiefer Bewusstlosigkeit nahm er den Kerl im anderen Fahrzeug wahr, dessen Augen ihn voller Entsetzen anstarrten.


*


„Können Sie mich hören, Herr Zühlke?“

Der Schleier wurde durchsichtiger. Bernd erkannte seinen Chef und daneben zwei fremde Männer, von denen der im weißen Kittel zweifellos Arzt war.

„Hauptkommissar Heintze“, stellte sich der andere vor. „Es hat Sie böse erwischt. Trotzdem wäre ich Ihnen für die Beantwortung einiger Fragen dankbar.“

„Können Sie meine Verlobte benachrichtigen?“, bat der Verletzte schwach. „Sie soll sich keine Sorgen machen. Ich bin okay.“

Die Männer an seinem Bett tauschten eigentümliche Blicke. Bernd ahnte, dass er die fehlenden Schmerzen wohl nur starken Medikamenten zu verdanken hatte. „Wie geht es dem anderen?“, wollte er wissen. „Er hat mir einfach die Vorfahrt genommen. Ich hatte keine Schuld, Herr Kommissar.“

„Darüber wollte ich gerade mit Ihnen reden“, erklärte Heintze. „Es handelte sich nämlich um eine Frau, die merkwürdigerweise Männerkleidung trug. Wir fanden im Handschuhfach ihres Autos Ihre Fotografie. Außerdem eine ganze Menge Schmuck. Kennen Sie die Tote vielleicht? Ihr Name ist Thekla Geibel.“

Bernd sank in die Ohnmacht zurück. Von seiner Wirbelsäulenverletzung würde er erst später erfahren.




Ein fein eingefädelter Mord

„Hast du schon gehört?“, begrüßte Fritz Burkhardt seine Frau, als er von der Arbeit kam. „Sie haben Korfke entlassen.“

Antje wurde blass und musste sich hinsetzen. „Jetzt schon?“, vergewisserte sie sich atemlos. „Ich dachte, er käme erst in vier Jahren frei.“

„Angeblich hat er einen ehemaligen Zellengenossen in die Pfanne gehauen, der ihm das Versteck seiner Beute aus einem Juwelenraub anvertraute. Dafür haben sie ihm die restliche Strafe erlassen. Aber keine Sorge, Liebes! Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dir die Sache von damals noch nachträgt.“

„Als ihn die Polizei auf Grund meines Hinweises verhaftete, hat er geschworen, mich eines Tages umzubringen“, erinnerte sich Antje schaudernd. „Aber sollte ich denn zulassen, dass er bei dem Raubüberfall einen Menschen tötet? Vielleicht hätte es ihn sogar selbst erwischt. Damals liebte ich ihn noch. Eigentlich müsste er mir dankbar sein, aber ich fürchte, dass er mir das nie verzeihen kann.“

„Ich hätte dir das gar nicht erzählen sollen“, ärgerte sich ihr Mann. „Vergiss ihn einfach. Nach all den Jahren denkt der Typ nicht mehr an seine Rache.“

Zwei Tage darauf, Antje bereitete gerade das Abendessen, läutete das Telefon. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich. Am anderen Ende war außer einem unterdrückten Atemgeräusch nichts zu hören.

„Hallo!“, rief Antje ein paarmal ungeduldig, bis es in der Leitung knackste.

Das war Manni Korfke, war Antje sicher und erzählte ihrem Mann, als dieser heimkam, von dem Anruf.

„Sicher nur falsch verbunden“, versuchte dieser, sie zu beruhigen. „So etwas passiert doch alle Tage.“

Als sich der Vorgang am nächsten Vormittag wiederholte, wurde auch Fritz nachdenklich, wollte sich jedoch von Antjes Panikstimmung nicht anstecken lassen. „Überlege einmal logisch. Korfke wird kaum so verrückt sein, seine überraschend wiedergewonnene Freiheit aufs Spiel zu setzen, indem er dich ermordet.“

„Er muss es ja nicht auf offener Straße vor Zeugen tun“, wandte Antje zitternd ein. „Vergiss nicht, wie häufig du dich gerade in letzter Zeit auf Dienstreisen befindest. Dann bin ich ganz allein im Haus, und für Manni Korfke stellte eine verschlossene Tür noch nie ein Problem dar.“

Fritz schwieg. Es war ihm sehr wohl bewusst, dass er seine Frau ziemlich häufig des Nachts alleinließ. Zum Glück wusste sie nicht, dass dies nur ganz selten berufliche Gründe hatte. Meistens traf er sich mit seiner Geliebten in einem abgelegenen Hotel, um mit ihr ein paar erregende Stunden zu verbringen.

Schon oft hatte er eine Scheidung in Erwägung gezogen, um Lys zu heiraten. Für Antje wäre dies ein Schock. Sie ahnte nicht, dass er ihrer längst überdrüssig war. Trotzdem könnte er sie wahrscheinlich zur Trennung überreden, sofern die Abfindung nur groß genug war.

Das eigentliche Hindernis stellte Lys’ Mann dar. Ottmar Werlich würde seine attraktive Frau niemals freigeben. Lieber brachte er sie um. Sie und ihren Liebhaber. Er war ja so eifersüchtig und bemühte sich schon seit einiger Zeit um einen Job, der nicht tagelange Trennungen von seiner Frau mit sich brachte. Irgendwann würde er ihn finden. Deshalb musste vorher etwas geschehen.

„Jetzt wage ich kaum, dir zu erzählen, dass ich nächste Woche wieder für zwei, drei Tage weg muss“, murmelte er. „Würdest du dich mit einer Pistole im Nachtkasten sicherer fühlen?“

„Besitzt du denn eine Waffe?“, staunte Antje.

„Das nicht, aber ich könnte eine besorgen. Natürlich unter der Hand. Es braucht ja niemand zu wissen. Wenn es um dein Leben geht, mache ich mich notfalls sogar strafbar.“

„Du bist so lieb“, fand Antje gerührt.

Fritz hatte längst in einer anrüchigen Kneipe eine Pistole mit entsprechender Munition gekauft. Diese brachte er seiner Frau einen Tag, bevor er seine angebliche Geschäftsreise antrat. Er erklärte ihr die Handhabung und ließ sie sogar im Wald einige Schüsse auf eine Blechdose abgeben, damit sie die Scheu vor der Waffe verlor und sie im Ernstfall tatsächlich benutzte.

Er oder sie, dachte er grimmig. Es spielt keine Rolle, wer von den beiden erschossen wird und wer dafür ins Gefängnis wandert. Hauptsache, wir sind sie beide auf einen Schlag los.

Lys war in seinen Plan nicht eingeweiht. Er wollte keine Mitwisser. Alles war so geschickt eingefädelt, dass sie niemals die Wahrheit ahnen würde. Vielleicht würde sie ihm sonst den Laufpass geben.

Er wusste von seiner Geliebten, dass ihr Mann nach Duisburg fahren musste, um dort verschiedene Kundengespräche zu führen. Er kannte auch das Hotel, in dem Ottmar Werlich abzusteigen pflegte. Dort rief er an.

„Herr Werlich?“, vergewisserte er sich. „Sie sind doch mit einer gewissen Lys Werlich in Stuttgart verheiratet, nicht wahr?“

„Allerdings“, hörte er den anderen bestätigen. „Ist ihr etwas zugestoßen? Hatte sie einen Unfall? So reden Sie schon!“

„Ihre Frau betrügt Sie“, antwortete Fritz Burkhardt düster. „Schon seit Langem. Aber das wissen Sie ja vermutlich.“

Eine kleine Pause trat ein, bevor Ottmar Werlich unbeherrscht losbrüllte. „Lys setzt mir keine Hörner auf. Das lügen Sie. Wer sind Sie überhaupt?“

„Einer, dem es einmal ähnlich erging wie Ihnen“, behauptete der Anrufer. „Mein Name tut nichts zur Sache. Ich finde nur, Sie sollten wissen, dass Ihre Frau gerade von ihrem Liebhaber abgeholt wurde. Sie sind in seinem Wagen fortgefahren.“

„Wohin?“

„Das weiß ich nicht, aber wenn Sie es wünschen, bringe ich es in Erfahrung. Ich könnte Sie wieder anrufen.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort“, fauchte Ottmar Werlich und knallte den Telefonhörer auf die Gabel. Er versuchte, Lys anzurufen, doch daheim meldete sich niemand.

„Dieses Biest!“, keuchte er. „Wenn das wahr ist, bringe ich sie um.“

Fritz Burkhardt grinste zufrieden. Er zweifelte nicht daran, dass Werlich sich Gewissheit verschaffen würde. Lys aber lag nebenan in der Badewanne und wartete, dass er sich zu ihr gesellte.

„Hast du nicht gerade mit jemandem gesprochen?“, empfing ihn die schaumbedeckte Schöne mit hinreißendem Lächeln.

„Ich habe beim Etagenkellner eine Flasche Champagner geordert. Du siehst wieder atemberaubend aus. Nur gut, dass uns dein Mann nicht so sehen kann.“

„Male nicht den Teufel an die Wand“, erschrak Lys. „Du kennst ihn nicht. Ottmar wäre zu allem fähig.“

Das will ich hoffen, dachte Fritz Burkhardt.

Unterdessen lauschte Antje jedem ungewohnten Geräusch. Tagsüber trug sie die Pistole bei sich. Erst beim Zubettgehen legte sie sie neben sich auf das Nachtschränkchen. Sie war entschlossen, ihr Leben zu verteidigen.

Doch nichts geschah. Erst anderntags erhielt sie wieder einen jener mysteriösen Anrufe, hinter denen nach ihrer Überzeugung nur Manni Korfke stecken konnte. Vermutlich wollte er sie nervlich zermürben oder sich auch nur vergewissern, ob sie zu Hause war.

Doch für diese Anrufe war Fritz Burkhardt verantwortlich, wenn sie auch dem vermuteten Zweck dienten. Danach rief er erneut Ottmar Werlich an, den er jedoch nicht erreichte.

„Nicht auf seinem Zimmer?“, wiederholte er. „Richten Sie ihm bitte aus, dass ich gegen 19 Uhr noch einmal anrufe.“

Das tat er auch, und diesmal wartete Ottmar Werlich bereits. „Er hat sie wieder abgeholt, und ich bin ihnen unauffällig gefolgt. Hier haben Sie die Adresse. Ich bin sicher, dass Sie sie heute Nacht in flagranti erwischen können, wenn Sie sich unverzüglich ins Auto setzen.“

„Und wie gelange ich unbemerkt ins Haus?“, wandte Ottmar Werlich erbost ein. „Wenn ich an der Haustür läute, versteckt sich Lys oder verschwindet durch ein ebenerdiges Fenster.“

„Zufällig beobachtete ich eine Hausangestellte, die einen Schlüssel unter einem Rosenbusch rechts neben der Garage hervorholte und ihn wieder zurücklegte, als sie das Haus verließ. Wenn Sie Glück haben, finden Sie ihn dort. Sonst würde ich an Ihrer Stelle versuchen, durch ein Kellerfenster einzusteigen. Ich drücke Ihnen die Daumen. Wir betrogenen Ehemänner müssen doch zusammenhalten.“

Fritz Burkhardt kehrte nach diesem Telefonat, das er von der Hotelhalle aus führte, zu seiner Geliebten zurück. Ein paar Stunden noch, und sie gehörte ihm für immer.

Ottmar Werlich zögerte keine Sekunde. Wutschnaubend setzte er sich in seinen Wagen und fuhr nach Stuttgart zurück. Er hoffte, Lys doch zu Hause anzutreffen. Als er das Haus leer fand, holte er sein Jagdgewehr aus dem Schrank und suchte die am Telefon gehörte Adresse auf.

Es war weit nach Mitternacht und stockfinster. Unter dem Rosenstrauch wurde er fündig. Der Schlüssel passte. Dass der Hausherr ihn schon vor Tagen extra für ihn dort hinterlegt hatte, ahnte er nicht.

Ohne Schwierigkeiten gelangte er ins Haus, in dem nirgends Licht brannte. Zum Äußersten entschlossen, umklammerte er das Gewehr, während Antje, der im Schlafzimmer die leisen Geräusche aus der Diele nicht entgingen, den Atem anhielt und mit hämmerndem Herzen den sich nähernden Schritten lauschte.


*


Schon in aller Frühe rief Fritz Burkhardt seine Frau an, die sich aber nicht meldete. Er wusste, was das zu bedeuten hatte. Nachdem er das ausgiebige Frühstück mit Lys genossen hatte, trennte er sich von ihr. Beide fuhren sie wieder nach Hause.

Bereits in der Diele fand er seine Vermutung bestätigt. Hier lag ein fremder Herrenhut, den der Eindringling wohl in der Aufregung verloren hatte. Jetzt war er entweder tot oder geflohen.

Vor der Schlafzimmertür lag Antje auf dem Gesicht. Die Pistole hielt sie noch in der Hand, aber Werlich war schneller gewesen.

„Bestens!“, freute sich Fritz Burkhardt und rieb sich vergnügt die Hände. Dann ging er zum Telefon.

„Falls du die Polizei verständigen willst“, tönte eine Stimme hinter ihm, „das kannst du dir sparen. Die Beamten warten nämlich schon seit Stunden hier auf dich.“

Fritz Burkhardt sah, wie sich die vermeintlich Tote aufrichtete. Gleichzeitig sprangen die umliegenden Zimmertüren auf. Polizisten kamen mit gezogenen Pistolen auf ihn zu und warnten ihn, Widerstand zu leisten.

„Sie waren schon hier, als der von dir aufgehetzte Mann deiner Geliebten aufkreuzte“, fuhr Antje bitter fort. „Ich hatte sie nämlich in meiner Angst gebeten, Manni Korfke zu überwachen. Dabei erfuhr ich, dass er gar nicht entlassen wurde und dies auch nicht beabsichtigt ist. Natürlich fragten wir uns, warum du mir dieses Schauermärchen erzählt hast. Die Beamten hielten es für richtig, dieser Sache auf den Grund zu gehen, zumal du mir sogar eine Waffe beschafft hattest. Ich sträubte mich, ihren Verdacht zu glauben, doch nun hast du ihn selbst bestätigt. Sie werden dich dafür einsperren, Fritz. Offenbar ist es mein Schicksal, alle Männer, die ich einmal liebte, ins Gefängnis zu bringen.“



Stellvertreter für einen Mord

Es gibt Dinge, die ich noch nie ausstehen konnte. Kamelhaarmäntel zum Beispiel oder automatische Schirme, die nie funktionieren, wenn man sie dringend braucht.

Unbequeme Stühle gehören ebenfalls dazu. Vor denen habe ich einen regelrechten Horror. Das liegt wohl daran, dass ich mich als Kind stets auf wackligen Wirbelsäulenverkrümmern herumdrücken musste, während meine Freunde in weichen Polstern lümmelten.

Wen nimmt es da Wunder, dass ich schon bald den Entschluss fasste, ebenfalls zu den Privilegierten zu gehören, die im Luxus leben?

Nachdem ich mich einige Zeit intensiv mit diesem Problem auseinandergesetzt hatte, war ich überrascht, wie einfach es sich lösen ließ. Man benötigte lediglich einen Partner mit ausreichenden finanziellen Mitteln.

Ich begab mich unverzüglich auf die Suche nach einem geeigneten Objekt und stieß dabei zwangsläufig auf Henry Haskell. Jedes Kind weiß schließlich, dass Haskell in ganz Bloomington über das dickste Bankkonto und damit auch über die weichsten Stühle verfügt.

Aber wie sollte ich, ein unbedeutender Buchhalter einer ebenso unbedeutenden Firma, Kontakte zu dem Boss der mächtigen Versicherungsgruppe knüpfen?

Zum Glück war Haskell verheiratet, noch dazu mit einer attraktiven Frau, die mein Vorhaben noch angenehmer gestaltete.

Ich darf wohl sagen, dass nicht jeder arme Schlucker zwangsläufig unansehnlich sein muss. Jedenfalls hatte ich wenig Mühe, Bekanntschaft mit Susan Haskell zu schließen, eine Bekanntschaft, die schon bald reizvolle Formen annahm.

Als Wirtschaftsgewaltiger verbrachte Haskell die meiste Zeit in Düsenjets und Sitzungsräumen, ein Umstand, der Susan und mir sehr entgegenkam.

Besonders mir, denn ich traf die aufregende Frau nicht in erster Linie ihrer Schönheit wegen immer häufiger. Selbst wenn ich ihre Wärme hautnah neben mir spürte, vergaß ich nie das Vermögen, das sie als Alleinerbin in eine zweite Ehe einbringen würde.

Der Entschluss, Henry Haskell zu töten, stand unumstößlich fest. Susan, das fand ich bereits nach wenigen Wochen heraus, würde den Verlust des teuren Gatten mit Fassung tragen. Als sie ihm ihr Jawort gab, dachte sie wohl eher an ihren gesellschaftlichen Aufstieg als an den Altersunterschied von annähernd dreißig Jahren. Wir passten wesentlich besser zueinander.

Doch wie sollte ich ihr beibringen, dass es Jahrzehnte dauern konnte, bis es für uns eine gemeinsame Zukunft gab, wollten wir auf das natürliche Ableben ihres Angetrauten warten? Frauen reagieren auf die einfachsten Notwendigkeiten oft ausgesprochen behindernd.

Das Schicksal zeigte sich einsichtig. Susan selbst war es, die eines Nachts seufzend versicherte, nicht mehr ohne mich leben zu können und es längst zu bereuen, sich so voreilig gebunden zu haben.

„Henry ist fünfundfünfzig“, meinte sie nachdenklich. „Seine Vorfahren wurden alle steinalt.“

„Er ist häufig unterwegs“, sagte ich lauernd. „Man liest immer wieder von Flugzeugabstürzen.“

Susan schüttelte betrübt ihren Kopf. „Die weitaus größere Zahl kommt heil herunter.“

„Henry ist ein vielbeschäftigter Manager“, fuhr ich harmlos fort. „Früher oder später spielt ihm sein Herz einen Streich.“

„Wahrscheinlich später“, bedauerte mein attraktiver Goldfisch. „Vielleicht aber auch nie. Man müsste etwas tun.“

Ich durfte meine Freude nicht zu deutlich zeigen. „Du meinst, wir sollten nachhelfen?“

Susan fiel mir schluchzend um den Hals. „Du darfst mich nicht für schlecht halten, Liebster, aber seit ich dich kenne, sehe ich Henry nur noch als Hindernis, das zwischen uns steht. Aber es wird immer ein Wunschtraum bleiben. Niemals wäre ich zu einer solchen Tat fähig.“

„Das würde ich dir auch nicht zumuten“, versicherte ich.

Sie blickte mich fragend an. In ihren dunklen Augen schimmerte Hoffnung. „Willst du damit andeuten, dass du es tun wirst?“

Ich setzte ihr auseinander, dass ein Mörder vor Gericht selbst dann auf wenig Verständnis stößt, wenn lauterste Liebe der Anstoß zu seiner Tat war.

Sie lauschte aufmerksam meinen Worten und bewies ihre Klugheit mit der Schlussfolgerung: „Es dürfte eben kein Verdacht auf dich fallen.“

Dasselbe hatte ich mir auch längst überlegt. Wir brauchten einen Dummen, der für uns die Kohlen aus dem Feuer holte.

„Du müsstest dem Ahnungslosen den Kopf verdrehen“, erklärte ich.

„Ein Verhältnis mit einem anderen Mann?“, fragte sie entrüstet. „Das traust du mir zu?“

„Es ist ja nur für kurze Zeit, Darling. Überlege einmal, wer sich aus deinem Bekanntenkreis eignen könnte.“

Sie lachte fröhlich. „Da fällt mir Johnny Baxter ein. Du solltest seine Kalbsaugen sehen, wenn er mich anschaut.“

Doch dann meldete sie Bedenken an. „Aber der ist für einen Mord viel zu vertrottelt. Er würde bestimmt alles verderben.“

Das war genau der richtige Mann.

„Darauf lassen wir es nicht ankommen. Es genügt, wenn die Geschworenen von seiner Schuld überzeugt sind. Und dafür werden wir sorgen.“

Nach anfänglichem Sträuben spielte Susan ihren Part bewunderungswürdig. Dieser Baxter war wirklich ein Einfaltspinsel. Durch Susans Streicheleinheiten setzte bei ihm der Verstand völlig aus. Er war ein so indiskreter Liebhaber, dass schon nach kurzer Zeit die ganze Stadt darüber munkelte.

Aber das interessierte mich nur am Rande. Mein Plan trat in die Endphase. Ich musste dafür sorgen, dass die Polizei Baxters Fingerabdrücke auf der Mordwaffe fand.

Für Susan war das ein Kinderspiel. Sie brauchte ihm nur die von mir besorgte Pistole zu zeigen und zu behaupten, sie benötige sie zu ihrem Schutz, weil ihr Mann sie so häufig allein ließ.

Baxter spielte spontan den Helden und beteuerte, jeden Eindringling in die Flucht zu schlagen. Für uns zählte nur, dass er die Pistole in die Hand nahm und wahrscheinlich wirklich davon träumte, der Angebeteten seinen Mut zu beweisen.

Als Nächstes musste ein Treffen zwischen den beiden Männern arrangiert werden. Da sie sich seit Langem kannten, schöpfte Baxter keinen Verdacht, dass ihn Haskell noch so spät in sein Büro bat, wovon Haskell übrigens keine Ahnung hatte.

Nun galt es für mich, schnell zu sein. Ich fuhr zu dem Bürohochhaus, in dem um diese Zeit nur noch der Boss selbst arbeitete. Meinen Wagen parkte ich in ausreichender Entfernung. Ich trug einen dieser grässlichen Kamelhaarmäntel, wie sie auch Baxter bevorzugte. Es war ja möglich, dass sich ein Passant später zufällig des Mannes erinnerte, der mitten in der Nacht das Versicherungsgebäude betrat.

Susan hatte mir die Lage des Büros exakt beschrieben. Ich fand es auf Anhieb.

Henry Haskell sah mich überrascht an und erkundigte sich nach meinen Wünschen.

Ich trug Handschuhe, als ich die Pistole aus der Manteltasche zog und den Mann im Sessel erschoss. Die Waffe mit Baxters Fingerabdrücken ließ ich auf den Teppich fallen.

Als vor dem Haus der Wagen vorfuhr, wusste ich, dass nun Johnny Baxter kam. Ich brauchte mich nur im höher gelegenen Stockwerk zu verbergen und das Haus zu verlassen, sobald Baxter das Büro betreten hatte. Er konnte sich winden wie ein Wurm. Niemand würde ihm seine Unschuld glauben.

Verdacht schöpfte ich erst, als ich die fremden Stimmen hörte, aber da war es für eine Flucht bereits zu spät. Die Polizei hatte sämtliche Ausgänge abgeriegelt.

Bei der Gerichtsverhandlung gab Susan Johnny Baxter ein hieb- und stichfestes Alibi. Er war zur fraglichen Zeit bei ihr gewesen. Wahrscheinlich hatten sie sich über den Narren amüsiert, der ihnen die Arbeit abgenommen hatte.

Okay, man muss auch verlieren können. Was mich aber maßlos ärgert, ist der Umstand, dass ich nun auf einem Stuhl sitze, der an allen Ecken drückt und zwickt. Dazu noch die Metallmanschetten an den Handgelenken.

Wie nichts sonst auf der Welt hasse ich unbequeme Stühle.



Hereingelegt!

Manfred Makulik beobachtete den Jungen schon seit geraumer Zeit. Als er nach einem scheuen Seitenblick die Knabenhand nach der Mundharmonika ausstreckte und blitzschnell in der Hosentasche verschwinden ließ, steuerte der Mann rasch auf ihn zu.

Das Kind bemerkte ihn und versuchte zu entkommen, aber der Ältere hatte ihn bereits am Kragen gepackt.

„Hier geblieben, mein Freundchen!“

„Was wollen Sie?“, stotterte er.

„Die Mundharmonika. Hast du sie bezahlt?“

Er wurde rot und gleich darauf kreidebleich. „Wer sind Sie?“, stotterte er.

„Ich bin der Warenhausdetektiv“, belehrte Manfred Makulik ihn. „Es ist mein Job, solche Langfinger wie dich zu erwischen.“

Der Knirps bekam es mit der Angst zu tun. „Werden Sie mich zur Polizei bringen?“ Seine Lippen vibrierten.

„Natürlich!“

Jetzt begann er zu schluchzen.

Er tat dem Mann Leid. Er sah nicht so aus, als würde er gewohnheitsmäßig stehlen. In seiner schmutzigen Kinderhand streckte er ihm die Mundharmonika entgegen und flehte mit zitternder Stimme: „Bitte, tun Sie es nicht!“

Das hatte Manfred Makulik ohnehin nicht vorgehabt. Er tat, als überlegte er. Dann entschied er: „Ich werde zu deinem Vater gehen.“

„Ich habe nur eine Mama“, flüsterte der Knirps.

Nun glaubte der Detektiv zu verstehen. Zerrüttete Familienverhältnisse. Wahrscheinlich geschieden. Die Kinder mussten darunter leiden.

Sie verließen ohne Aufsehen das Kaufhaus, und der Junge brachte seinen Begleiter widerstrebend zu seiner Mutter.

Manfred Makulik war überrascht. Er hatte eine unordentliche Wohnung und eine schlampige Frau erwartet. Was er fand, war eine gediegene Ausstattung und ein gepflegtes Persönchen, das viel zu jung schien, um die Mutter dieses kleinen Langfingers zu sein.

Sie war entsetzt über die Tat ihres Sohnes und beschwor den Besucher, die Sache ohne Polizei zu erledigen.

„Hat er so etwas schon öfter getan?“, wollte der Mann zögernd wissen und bewunderte ihren zierlichen Rücken, als sie sich dem Schrank zuwandte, um daraus Geld für die Mundharmonika zu entnehmen.

„Er ist so einsam“, wich sie seiner Frage aus. „Peter war erst fünf, als sein Vater starb. Er hing sehr an ihm. Mein Mann kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. An diesem Tag ...“ Die leidgeprüfte Frau mit der Modelfigur schluckte ein paarmal, bevor sie fortfuhr: „An diesem Tag wollte er Peter eine Mundharmonika kaufen.“

Manfred Makulik war erschüttert. Die acht Euro fünfzig für das Instrument lehnte er natürlich ab. Dafür blieb er zum Kaffee.

Die Frau, sie hieß Susanne Koch, erzählte ihm viel von den glücklichen Jahren mit ihrem Mann, und Peter, der den Detektiv zunächst mit einer gehörigen Portion Misstrauen betrachtet hatte, taute allmählich auf.

Nach zwei Stunden waren sie dicke Freunde, lagen bäuchlings auf dem Fußboden und spielten Indianer.

Manfred Makulik vergaß den ursprünglichen Grund seines Besuches, und als Peters Mutter versonnen meinte: „Jetzt ist es fast wieder so wie früher“, da legte er seinen Arm um ihre Schulter und begann, sich ernsthaft mit diesem Gedanken zu befassen.

Es wurde ziemlich spät. Peter lag längst im Bett. Vor Susanne und ihrem Gast blinkte bernsteinfarbener Wein in den Gläsern. Sie sprachen nicht mehr über den Diebstahl, sondern erörterten ihre gemeinsame Zukunft.

Als sich die Zeiger der Wanduhr über der zwölf deckten, seufzte Susanne. „Ich fürchte, du musst jetzt gehen. Die Nachbarn!“

Der Abschied war sehr zärtlich.

Vor der Tür sprang Manfred Makulik eisiger Regen an. Welch ein Kontrast! Zum Glück erwischte er ein Taxi.

Er versank in Nachdenken. Sein Plan war gescheitert. Obwohl er sonst eigentlich keinerlei Skrupel kannte, wenn es ums Geschäft ging, schämte er sich fast bei dem Gedanken, sich bei diesen netten Leuten in der Maske eines angeblichen Warenhausdetektivs eingeschlichen zu haben mit der Absicht, sie zu bestehlen. Das war nämlich seit Langem sein bewährter Trick.

Das Taxi hielt.

„Macht dreizehn Euro genau, der Herr.“

Manfred Makulik griff ins Leere. Nanu? Die Brieftasche!

Die Erkenntnis überfiel ihn blitzartig. Verdammtes Miststück! Sie hatte ihn, den ausgebufften Profibetrüger hereingelegt. Während ihr Mund süße Worte flüsterte, hatten sich ihre Finger sein Geld geangelt.

Die paar Scheine konnte Manfred Makulik zwar verschmerzen, aber die gefälschten Pässe musste er unbedingt zurück haben.

Am nächsten Tag besuchte er sie daher erneut, aber er wartete, bis sie das Haus verlassen hatte. Ohne Mühe überlistete er das Türschloss.

Das Geld bewahrte sie im Schrank auf. Das hatte er gesehen. Er fand immerhin ein paar tausend Euro – und seine Brieftasche mit den falschen Pässen.

Er grinste zufrieden. Wer den ’sanften Tom’ bestehlen wollte, musste erheblich früher aufstehen.

Erleichtert öffnete er die Wohnungstür und starrte in zwei Polizistengesichter. Susanne und Peter standen im Hintergrund.

Einer der Uniformierten sagte: „Nun haben wir also doch endlich den König der Betrüger und Einbrecher überführt. Es war ein schönes Stück Arbeit, Tom Berger oder Manfred Makulik, wie Sie sich diesmal genannt haben.“ Und zu Susanne gewandt, meinte er: „Schönen Dank für eure Mithilfe.“

„War doch Ehrensache, Papa“, erklärte Peter, der angebliche Warenhausdieb, vergnügt.

Als die Beamten den Ganoven abführten, ertönte hinter ihm eine spöttische Melodie auf der Mundharmonika: „Nun ade, du mein lieb Heimatland.“

Manfred Makulik befürchtete, dass er für einige Jahre auf seine gewohnte Umgebung würde verzichten müssen.



Die Opfer sind doch selbst schuld

Peter Steeves war von Natur aus ein fauler Mensch. Körperliche Arbeit liebte er genauso wenig wie geistige. Er hielt es nicht unbedingt für erforderlich zu säen, wenn man ernten wollte. Es gab genügend fleißige und auch gescheite Leute, die einem diese lästige Pflicht abnahmen.

Freiwillig natürlich nicht, und immer hatte diese Leistung auch ihren Preis. Doch gegen Gewaltanwendung hatte Peter Steeves aus den bekannten Gründen etwas, und zahlen wollte er nicht, weil er nicht konnte.

Es war bestimmt kein Zufall, dass ihm die Zeitung in die Hände fiel, in der berichtet wurde, dass die rätselhafte Einbruchsserie noch immer nicht abriss. Seit Wochen verschaffte sich ein Unbekannter in der Maske eines Schlossers Einlass in Privatwohnungen und räumte seelenruhig alles aus, was von Wert war.

Natürlich wählte er solche Wohnungen, die gerade verlassen waren. Eine simple Schlossermontur und der Trick, vor den Augen der Nachbarn zu arbeiten, ließ immer erst dann einen Verdacht aufkommen, wenn der Täter schon längst über alle Berge war und bereits das nächste Opfer anpeilte.

Der Mann war nicht nur kaltblütig, sondern auch konsequent. Bei seinen Fähigkeiten wäre es ihm sicher auch gelungen, gewinnbringendere Objekte auszuräumen. Geschäfte zum Beispiel, Supermärkte, Möglicherweise auch eine Bank.

Doch der Bursche wusste genau, dass dabei das Risiko viel zu groß war. Die modernen Sicherungsmaßnahmen waren in privaten Wohnungen nicht anzutreffen. Ja, viele Leute benahmen sich in dieser Hinsicht sogar sträflich leichtsinnig.

Also blieb der Einbrecher dem Grundsatz treu, dass Kleinvieh auch einen guten Dünger gäbe, und ergaunerte sich auf diese Weise ohne nennenswerte Mühe ein ansehnliches Vermögen.

Peter Steeves wurde an dem Gewinn zwar nicht beteiligt, denn für den raffinierten Gangster war er ein Fremder, aber dieser stellte ihm ungewollt etwas mindestens genauso Wertvolles zur Verfügung: den Einfall.

Warum sollte ihm nicht das Gleiche gelingen, was der Andere schon zigfach erprobt hatte?

Die geistige Arbeit hatte ihm sein namenloser Freund abgenommen. Als körperliche Anstrengung blieb nur das Tragen einer prall gefüllten Tasche, denn das Herumstochern mit einem Dietrich erforderte keine Kraft.

Die Polizei, die dem Bericht zufolge bereits einigen Spuren nachging, würde ihn nie verdächtigen, denn seine Spur war mit Sicherheit nicht dabei. Ihm konnte also nichts passieren.

Solange sie den anderen nicht fassten, durfte er gleichfalls absahnen und auf diese Weise das Schuldkonto des Fremden scheinbar vergrößern.

Peter Steeves schenkte sich einen Whisky ein. Ihm gefiel seine glänzende Idee.

Er betrachtete genießerisch die Gemälde an den Wänden und freute sich schon, dass er sich von seiner Beute den echten Canelli würde leisten können, den er unlängst in der Galerie bewundert hatte.

Er verließ sein Apartment und traf auf der Treppe den alten Cook.

„Haben Sie schon gelesen?“, fragte der Mann. „Der geheimnisvolle Einbrecher hat wieder zugeschlagen.“

„Ja“, meinte Peter Steeves entrüstet. „Menschen gibt es! Hoffentlich legt man diesem Halunken bald das Handwerk.“

„Hoffentlich! Aber die Leute sind ja meistens selbst schuld. Sie sind viel zu leichtsinnig.“

Da hast du Recht, alter Knabe, dachte Peter Steeves grinsend. Und es ist mein Glück, dass es so ist.

Er besorgte sich einen Schlosseranzug, eine große, kofferähnliche Ledertasche und starken Draht, den er zu Hause in zierliche Einbruchswerkzeuge verwandelte. Vor dem Einschlafen genehmigte er sich noch einen Whisky. Dann träumte er von seinem Canelli, der einen Ehrenplatz zwischen den beiden Naiven und dem alten Niederländer erhalten sollte.

Um eine geringfügige Geistesarbeit kam er leider doch nicht herum. Schließlich hatte er sich für die richtigen Wohnungen zu entscheiden.

Sie mussten ihm völlig fremd sein, damit er nicht aus diesem Grund in Verdacht geriet. Sie durften nicht zu gut gesichert sein. Die zu erwartende Beute sollte sich lohnen, und selbstverständlich durften die Besitzer nicht zu Hause sein.

Obwohl es anfangs schwierig erschien, alle diese Bedingungen gleichzeitig zu erfüllen, so war Peter Steeves bald überrascht, wie viele geeignete Objekte er entdeckte.

Jetzt hatte er die Qual der Wahl.

Dass alles ohne Zwischenfall klappte, wunderte ihn schon kaum noch. Er bedauerte, nicht schon früher auf diesen Gedanken gekommen zu sein. Hoffentlich erwischte man seinen Wohltäter noch recht lange nicht!

Er fand nicht nur nennenswerte Bargeldbeträge, ihm fielen auch Schmuck, optische Apparate und Wertpapiere in die Hände.

Die Menschen, die das alles so ungesichert herum liegen ließen, hatten es wirklich nicht besser verdient, als bestohlen zu werden.

Zu seinem Bedauern musste Peter Steeves bereits nach der zweiten Wohnung das Geschäft zunächst unterbrechen, weil seine Tasche nichts mehr aufnahm.

Am liebsten wäre er sofort zur Galerie gegangen, um sich den Canelli zu holen. Wichtiger war aber, dass er sich des Schlosseranzugs entledigte. Der alte Cook wäre womöglich gleich misstrauisch geworden.

Die Montur hatte in der Tasche gerade noch Platz. Sie war jetzt so prall, dass fast das Schloss gesprengt wurde. Morgen musste er ein bisschen bescheidener sein.

Peter Steeves sah auf die Uhr. Er hatte nicht einmal drei Stunden gebraucht. Die Leute würden Augen machen, wenn sie nach Hause kamen.

Als er seine Apartmenttür aufschließen wollte, wurde sie bereits von innen geöffnet.

Polizei? Aber sie konnten ihn doch unmöglich verdächtigen. Seine Einbrüche waren noch nicht einmal entdeckt worden.

Dann sah er die leeren Stellen an den Wänden.

„Meine Bilder!“, stieß er hervor.

„Ja“, bestätigte der Beamte, „der Bursche hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Ich fürchte, Sie werden außer den Gemälden noch einiges mehr vermissen. Allerdings kann ich Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, dass Sie es ihm sehr leicht gemacht haben. Es ist immer wieder dasselbe.“

Peter Steeves schlug fassungslos die Hände vors Gesicht. Die Ledertasche fiel polternd auf den Boden. Das Schloss sprang auf. Unter dem blauen Schlosseranzug quollen Fotoapparate und grün bedruckte Papiere hervor.

Peter Steeves sah, wie die Polizisten ihn überrascht anstarrten. Er fühlte die Hand auf seiner Schulter und ahnte, dass er auch für die Einbrüche des anderen würde büßen müssen.



Ein haarsträubender Mord

„Schon so fleißig in aller Frühe?“, klang es von der Terrassentür her.

Werner fuhr erschrocken herum und zerquetschte einen Fluch. Er war mit dem Schraubenzieher, mit dem er gerade ein Regal zusammenbauen wollte, abgerutscht. Eine blutige Schramme zog sich über seinen linken Handrücken.

„Hallo, Jörg!“, brummte er und wickelte sich ein Taschentuch um die Hand. „Wenn du wieder eine Flasche Tequila dabei hast, bringe ich dich um. Mir brummt noch immer der Schädel von dem Zeug. Die gestrige Nacht zählt zu den schlimmsten meines Lebens.“

Sein Besucher lachte. „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht genau, wie ich nach Hause gekommen bin. Nur gut, dass mich keine Polizeistreife erwischte. Aber Hauptsache, zwischen uns ist wieder alles in Ordnung. Die Aussprache war überfällig.“

Der andere nickte und fragte düster: „Werdet ihr heiraten?“

Jörg machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Du wirst es als erster erfahren. Im Augenblick können wir es zeitlich nicht einrichten. Nadine muss sich auf ihre Sekretärinnenprüfung vorbereiten, und ich habe beruflich in Dänemark zu tun. Unsere Firma will in Kopenhagen eine Filiale einrichten. Ich bin als Geschäftsführer im Gespräch.“

„Freut mich für dich.“ Es klang wenig überzeugend.

„Soll ich dir helfen, das Ding zusammenzuschrauben?“ Jörg deutete auf die verbundene Hand seines Freundes. „Du bist doch sonst in handwerklichen Dingen nicht so ungeschickt.“

„Wenn du dich auch wie ein Dieb heranschleichst“, verteidigte sich der Gleichaltrige und bückte sich nach einem Brett.

Jörg schob ihn beiseite. „Lass mich das machen. Du scheinst immer noch ein wenig benommen von unserem Besäufnis zu sein. Oder hast du Ärger gehabt? Ich habe gehört, sie wollen an der Ecke eine Tankstelle bauen. Dann ist es mit der Ruhe hier vorbei.“

„Ist mir doch egal“, behauptete Werner. „Ich werde das Haus ohnehin aufgeben und mir eine kleinere Wohnung suchen, nachdem ich keine Familie haben werde.“

Jörg schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Nadine ist doch nicht die einzige Frau. Du wirst eine andere finden. Schon sehr bald. Da bin ich mir ganz sicher.“

„Keine ist wie sie“, murmelte der andere. „Das weißt du wohl am besten.“

„Fange nicht schon wieder damit an“, beschwor ihn Jörg. „Ich habe sie dir nicht weggenommen. Es war Nadines freie Entscheidung. Darf ich mal anrufen? Ich möchte ihr nur sagen, dass ich doch noch zwei Karten für die Eisrevue erwischt habe. Für heute Abend.“

Zwei Minuten später wandte er sich wieder dem Bücherregal zu. „Sie scheint schon beim Friseur zu sein. Um diese Zeit schläft sie bestimmt nicht mehr.“

Er versuchte noch zweimal, seine Freundin zu erreichen, bevor er es aufgab. Nach anderthalb Stunden verabschiedete er sich und fuhr nach Hause. Hier wurde er bereits erwartet.

„Polizei?“, wunderte er sich. „Bin ich etwa zu schnell gefahren?“

„Ihnen ist doch eine Nadine Kreutzer bekannt?“

„Allerdings. Wir sind verlobt. Hatte sie einen Unfall? So reden Sie doch?“

„Sie ist tot. Offensichtlich ermordet. Jemand hat sie mit einem Tuch erdrosselt.“

Jörg musste sich an seiner Autotür festhalten. „Das glaube ich nicht“, stammelte er. „Sie müssen sie verwechseln. Ich treffe mich ja heute Abend mit ihr. Wir gehen in die Eisrevue. Ich habe die Karten ganz zufällig bekommen. Das Gastspiel ist ja schon seit Wochen ausverkauft.“

„Es tut mir Leid“, beharrte der Beamte, der sich als Kommissar Rinke vorgestellt hatte. „Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Sie wurde von ihrem Hauswirt identifiziert. Er fand sie heute früh. Der Stromzähler sollte abgelesen werden, und sie öffnete nicht. Da benutzte er den Hauptschlüssel. Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“

Jörg bemühte sich um Fassung. Die Nachricht war zu ungeheuerlich. „Wir sahen uns beinahe täglich“, erklärte er schließlich. „Meistens holte ich sie vom Büro ab und brachte sie nach Hause.“

„Gestern auch?“

„Gestern? Nein, gestern musste ich Überstunden machen. Später ging ich dann zu meinem Freund. Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit, die ich endlich aus der Welt schaffen wollte. Wir tranken eine Flasche Schnaps und ein paar Bier, und es wurde ziemlich spät. Mir brummt jetzt noch der Schädel davon. Ermordet, sagen Sie? Darf ich sie sehen? Mein Gott, wer hat so etwas Schreckliches getan? Nadine besaß doch keine Fein ...“ Er brach ab und wich dem bohrenden Blick seines Gegenübers aus.

„Sie wollten noch etwas sagen?“, hakte Rinke nach.

„Nein, nein, nichts“, beteuerte Jörg hastig. „Nur ein völlig absurder Gedanke. Vergessen Sie’s. Er hat sie ja geliebt.“

„Sprechen Sie von Werner Grothe? Wir haben natürlich bereits Erkundigungen über den Bekanntenkreis des Opfers eingezogen. Deshalb kamen wir ja auch zu Ihnen. Wir erfuhren, dass Nadine Kreutzer vorher mit Werner Grothe liiert war.“

„Die Beziehung hielt nicht lange.“

„Ihretwegen, nicht wahr?“

„Wenn Sie so wollen“, räumte Jörg ein. „Es traf Werner hart, als sich Nadine für mich entschied, aber deshalb würde er sie doch niemals ermorden. Außerdem haben wir uns gestern deswegen ausgesprochen. Ich erwähnte es schon.“

„Wie lange waren Sie zusammen?“, wollte der Kommissar wissen.

„Genau kann ich es nicht sagen. Auf jeden Fall war es nach Mitternacht.“

„Nadine Kreutzer starb gegen zwei Uhr heute früh. Wo waren Sie um diese Zeit?“

Jörg lachte auf. „Mit Sicherheit in meinem Bett. Ich war betrunken. Genau wie Werner. Er kann es bestätigen.“

„Betrunkene tun oft recht merkwürdige Dinge“, sagte Rinke ernst, bevor er Werner Grothe aufsuchte.

Hier wurden Jörgs Angaben bekräftigt. Auch Werner war über die Todesnachricht schockiert und brach sogar in Tränen aus.

Der Beamte deutete auf den Handverband. „Sie haben sich verletzt?“

Werner nickte. „Beim Zusammenbau eines Regals.“

„Lassen Sie mal sehen. Sieht wie eine Kratzspur aus.“

„Sie glauben also, ich hätte die Frau, die ich liebte, umgebracht?“, begehrte der Beschuldigte auf. „Das ist absurd.“

„Ein Mord wegen verschmähter Liebe ist keineswegs absurd“, widersprach Rinke. „Wir werden die Wahrheit bald kennen, denn die Tote hielt ein Haarbüschel in der Hand. Offenbar hat sie es dem Täter während ihres vergeblichen Kampfes ausgerissen. Schwarze Haare wie die Ihren. Sie gestatten, dass ich eine Probe von Ihnen nehme?“

„Bedienen Sie sich“, willigte Werner schroff ein. „Sie werden bald einsehen, dass es außer mir noch andere Schwarzhaarige gibt.“

Die Haare wanderten ins Labor. „Was halten Sie von dem Mann?“, fragte Rinke seinen Assistenten.

„Ich weiß nicht recht, Chef. Sein Freund hat zwar bestätigt, dass er sich die Verletzung an der Hand beim Heimwerken zugezogen hat, aber kann er dies nicht nur vorgetäuscht haben, um eine ältere Wunde zu erklären? Angeblich kann er sonst mit Werkzeug wie ein Profi umgehen.“

„Und Jörg Löbel?“

„Er ist strohblond“, erinnerte der Jüngere. „Außerdem wäre bei ihm kein Motiv erkennbar. Zumindest wissen die Nachbarn nichts von einem neuen Favoriten der Kreutzer. Die Laboruntersuchung wird das Rätsel lösen.“

Sie brauchten auf das Ergebnis nicht lange zu warten. „Die beiden Proben sind identisch, Herr Grothe“, eröffnete Kommissar Rinke und musterte Werner Grothe scharf. „Können Sie uns verraten, wie Ihre Haare in die Hand der Sterbenden kamen?“

Jörg Löbel, der sich gerade bei seinem Freund aufhielt, starrte diesen entgeistert an.

„Warum?“, keuchte er mühsam. „Wie konntest du das tun? Ich glaube es einfach nicht.“ Er wandte sich an die Polizisten. „Sie bluffen doch nur. Oder Ihre Chemiker haben oberflächlich gearbeitet. Eine andere Erklärung gibt es nicht für diesen angeblichen Schuldbeweis.“

„Doch, es gibt einen“, konterte Rinke. „Jemand könnte Herrn Grothe absichtlich belasten wollen, indem er der Toten seine Haare in die Hand drückte.“

„Haare, die er Werner unbemerkt abgeschnitten hat?“, zweifelte Jörg. „Darauf würden Ihre Spezialisten doch kaum hereinfallen.“

„Die Haare waren ausgerissen“, stellte der Kommissar richtig. „Mitsamt der Wurzel. Ein Betrunkener hätte das unter Umständen nicht gemerkt.“

Jörgs Augen weiteten sich. „Langsam begreife ich“, ächzte er. „Wollen Sie etwa mir den Mord unterjubeln?“

„Ich sehe, wir verstehen uns.“

„Das ist ungeheuerlich.“

Dieser Meinung schloss sich auch Werner Grothe an. „So betrunken kann ich gar nicht sein, dass ich nicht merken würde, wenn man mir ein paar Haare ausreißt.“

„Die Haare können auch aus Ihrem Kamm oder aus einer Bürste stammen“, beharrte Rinke. „Seltsam ist nämlich, dass wir auch zwei Haare fanden, die von dem Opfer selbst stammen, jedoch dunkel getönt waren.“

„Vor einem halben Jahr bevorzugte Nadine noch kastanienbraun“, erinnerte sich Werner.

„Daran hätten Sie denken müssen, Herr Löbel, als Sie die Haare an sich brachten. Den Kamm fanden Sie wahrscheinlich im Bad Ihres Freundes, wo ihn früher Nadine Kreutzer benutzt hatte.“

„Die Bürste mit der Schildpattauflage“, erinnerte sich Werner. „Nadine hatte sie mir geschenkt.“

„Aber wieso ausgerechnet ich?“, schrie Jörg unbeherrscht. „Nadine und ich wollten heiraten. Außerdem hätte ich nicht den geringsten Grund gehabt, Werner zu belasten.“

„Er besaß ein offensichtliches Motiv“, entgegnete Rinke mit Nachdruck. „Das Ihre müssen wir noch herausfinden.“

Dazu benötigte er zwei Tage. Dann wusste er, dass Nadine Kreutzer beim Roulette 117.000 Euro gewonnen hatte. Von dem Geld fand sich keine Spur. Auch hatte sie es nicht auf ihrem Konto eingezahlt.

Bei einer Hausdurchsuchung bei Jörg Löbel wurde die Polizei fündig. „Wollen Sie immer noch leugnen?“, fragte der Kommissar. „Sie haben aus Habgier getötet und den Verdacht auf Ihren Freund gelenkt.“

Der Überführte schüttelte den Kopf. „Es war nicht das Geld allein. Durch den überraschenden Gewinn war ich Nadine nicht mehr gut genug. Sie wollte sich von mir trennen und sich irgendeinem von diesen Playboys an den Hals werfen. Das ließ ich nicht zu.“



Dieser Mann ist gefährlich

„Ein wunderschönes Stück“, lobte der Juwelier und legte das goldene Armband auf das samtüberzogene Tableau zurück.

„Ein Erbstück von meiner Mutter“, wisperte die 60-jährige Kundin. „Ich besitze auch eine dazu passende Kette. Glauben Sie, dass Sie den Verschluss reparieren können?“

„Kein Problem, gnädige Frau. Darf ich Ihnen vielleicht einige Proben unserer neuesten Kollektion zeigen?“

Valerie Heidemann zögerte nur kurz. „Warum nicht?“, willigte sie schließlich lächelnd ein. „Was täte ich sonst bei diesem scheußlichen Wetter? Ich bin zu Fuß unterwegs.“

Der Mann auf der Straße zog sich von dem Schaufenster zurück. Ihm schien der Regen nichts auszumachen, denn er grinste zufrieden.

Nahezu eine halbe Stunde wartete er unter der Torausfahrt schräg gegenüber. Dann sah er die Kundin das Juweliergeschäft verlassen und folgte ihr in einigem Abstand.

Sie suchte noch eine Drogerie auf, bevor sie endgültig den Heimweg antrat. Ihr Verfolger ließ sie dabei nicht aus den Augen.

Er folgte ihr auch gemächlich, als sie die zwei Treppen des Apartmenthauses emporstieg und ihre Wohnungstür aufschloss. Zweimal drehte sie den Schlüssel. Da war der Mann sicher, dass sich niemand sonst in der Wohnung aufhielt.

Blitzschnell riss er einen schwarz-glänzenden Revolver aus der Tasche und befand sich mit einem Satz im Flur, bevor die Erschrockene die Tür zuwerfen konnte.

„Schön ruhig bleiben, altes Mädchen!“, verlangte er düster. „Falls du schreist, müsste ich dich leider umlegen.“ Er ließ sie genau in die Mündung der Waffe blicken.

Valerie Heidemann wich zurück, bis der Schirmständer in der Ecke sie aufhielt. „Ist die echt?“, stammelte sie.

„Nein“, blaffte der Ganove. „Ich habe sie wahrscheinlich auf dem Jahrmarkt gewonnen. Blöde Frage! Wir können es ja ausprobieren.“

Er drängte die Frau ins Wohnzimmer und befahl ihr, das Radio einzuschalten.

„Das Radio?“, wiederholte Valerie Heidemann verwirrt.

Der Eindringling wurde wütend. „Ich muss dir wohl mal die Ohren durchpusten, wie? Bei weiteren Verständigungsschwierigkeiten sehe ich schwarz für dich. Ich bin nicht sehr geduldig.“

Radiomusik füllte den altmodisch, aber gediegen eingerichteten Raum. Der Gangster nickte zufrieden und schaute sich um. „Wo bewahrst du deinen Schmuck auf?“, wollte er wissen. „Und dein Geld? Raus damit, aber ein bisschen dalli!“

„Ich habe nicht ...“

„Und hier wieder eine Durchsage der Polizei“, wurde sie von der Stimme des Rundfunksprechers unterbrochen. „In der vergangenen Nacht gelang dem Gewaltverbrecher Ferdinand Berutzki die Flucht aus dem Gefängnis, in dem er eine lebenslange Haftstrafe abzubüßen hat. Der dreifache Mörder befindet sich vermutlich im Besitz einer Schusswaffe.“ Es folgten eine Personenbeschreibung des Sträflings und die Bitte um Hinweise an die Polizei. „Versuchen Sie keinesfalls, den Mann selbst zu überwältigen. Er gilt als äußerst brutal und rücksichtslos.“

„Alles klar?“, höhnte der Verbrecher.

Valerie Heidemann schluckte krampfhaft. „Sie? Sie sind dieser Ferdinand Berutzki?“

Ihr Gegenüber lachte böse auf. „Das haben die Bullen sich so gedacht. Ich hocke doch nicht für den Rest meines Lebens in so einer stinkenden Zelle, während es hier draußen von netten Damen wimmelt, die mir ihre Klunker überlassen wollen. Wird’s nun bald, oder muss ich hiermit ein wenig nachhelfen?“ Er drückte seinem Opfer den Revolver unmissverständlich gegen den Bauch.

„Haben Sie wirklich drei Menschen getötet?“, hauchte die Wehrlose.

„Mehr konnten die Narren mir nicht nachweisen“, brüstete sich der Mörder. „Was ist schon ein Menschenleben? Die Erde ist ohnehin überbevölkert. Es macht mir überhaupt nichts aus, dich ebenfalls abzuservieren, wenn du nicht spurst.“

„Ich habe nicht viel Geld im Haus“, jammerte Valerie Heidemann.

„Gib mir, was da ist. Auch die Sparbücher. Und dann will ich deinen letzten Kontoauszug sehen. Du stellst mir einen Scheck aus. Und was ist nun mit dem Schmuck? Ich habe dich vorhin beim Juwelier beobachtet.“

„Ich habe dort nichts gekauft. Mein Schmuck befindet sich im Bankschließfach.“

„Wer’s glaubt! Sehen wir doch mal im Schlafzimmer nach! Und wehe, du hast mich angelogen! Dann geht es dir schlecht.“

Er stieß sie vor sich her, und tatsächlich fand er im Nachtschränkchen eine Schatulle mit einigen keineswegs wertlosen Schmuckstücken.

Ferdinand Berutzki stopfte alles in seine Taschen. „Dafür sollte ich dich eigentlich umlegen“, grollte er, doch seine Miene zeigte eher Wohlwollen über die ansehnliche Beute.

Valerie Heidemanns Kontostand ließ den Gangster nicht gerade jubeln. Dafür befanden sich auf ihren drei Sparbüchern insgesamt annähernd vierzigtausend Euro. Das hatte sich gelohnt.

Aber er war noch längst nicht zufrieden. Hier war viel mehr zu holen. Das fast neue Fernsehgerät zum Beispiel, filigranes Porzellan, und bei einem Blick in den Kleiderschrank fiel ihm sofort die echte Nerzjacke auf.

„Hast du ein Auto?“, erkundigte er sich barsch. Damit wollte er seine Beute abtransportieren.

Valerie Heidemann verneinte. Sie hatte ihre Handtasche im Flur gelassen. Ferdinand Berutzki durchwühlte sie und fand neben dem Pass auch ihren Führerschein und den Fahrzeugschein.

Seine Augen funkelten zornig. „Du scheinst immer noch nicht kapiert zu haben, dass das hier kein Spaß ist“, fauchte er sie an. „Ich lasse mich doch nicht von so einer Oma auf den Arm nehmen. Wo steht die Karre?“

„Vor dem Haus.“ Ihre blutleeren Lippen bebten. „Besorgungen in der Stadt erledige ich meistens zu Fuß. Das ist viel gesünder.“

„Du solltest lieber an deine Gesundheit denken, wenn du mich anlügst. Noch so ein Korken wie eben, und du bist alle.“ Er ließ den Revolver spielerisch um seinen Zeigefinger kreisen, während er mit der anderen Hand den Wagenschlüssel aus der Tasche an sich nahm.

Das Telefon stand neben der Garderobe. Ferdinand Berutzki riss die Leitung aus der Wanddose und dem Gerät. „Während ich das Zeug runterschleppe, muss ich dich leider fesseln“, erklärte er mit Genugtuung und schwenkte das Telefonkabel. „Am besten an die Heizung. Vorwärts!“

Sie stolperte vor ihm her, wusste, dass sie mit gebundenen Händen keine Chance mehr besaß. Jetzt musste sie handeln, sonst war es zu spät.

Der Gangster hatte nichts dagegen, dass sie sich für die Küche entschied. Das war sein Fehler. Valerie Heidemann schnappte sich das Elektromesser, das wie gewöhnlich neben der Brotmaschine lag, und schaltete es ein. „Keinen Schritt weiter!“, warnte sie. „Damit zerteile ich sogar mühelos Kalbsknochen.“

„Bist du verrückt?“, keuchte der Verbrecher und hob den Revolver. „Ich drücke ab.“

Valerie Heidemann packte das Messer fester und holte tief Luft. Jetzt musste sie alles auf eine Karte setzen. Sie konnte nicht mehr zurück. Nicht auszudenken, falls sie sich täuschte.

„Sie sind nicht Ferdinand Berutzki“, sagte sie mit erzwungener Ruhe. „Damals bei seiner Verhaftung war sein Bild in allen Zeitungen. Daran hätten Sie denken müssen. Seit mein Mann tot ist, vertreibe ich mir die einsamen Stunden mit dem Lesen von Zeitungen und Illustrierten, und mein Gedächtnis funktioniert noch tadellos. Sie sehen diesem Berutzki nicht einmal besonders ähnlich. Wenn Sie sich aber hinter der Gewalttätigkeit eines Killers verstecken, kann das nur einen Grund haben: Sie selbst sind einfach nicht gewalttätig genug für diesen Job. Ich wette, dass Sie mit diesem Ding überhaupt nicht schießen können. Woher haben Sie es?“

„Aus der Spielwarenabteilung im Kaufhaus“, knurrte der Mann, der in Wirklichkeit Gabriel Namberger hieß. „Als ich heute morgen beim Frühstück die Meldung im Radio hörte, kam mir die Idee. Ich dachte, so eine wie du macht sich doch vor Angst gleich in die Hose, wenn sie mich für einen Massenmörder halten muss.“

Habe ich auch fast, dachte die 60-jährige erleichtert. Sie hätte sich ja auch irren können. Laut sagte sie: „Ab jetzt duzen Sie mich gefälligst nicht mehr. Wir gehen jetzt zum Nachbarn hinüber, und von dort rufen wir die Polizei an. Keine Tricks! Ich nehme sicherheitshalber das Brotmesser mit. Ich bin ziemlich wütend auf Sie und lasse Sie bestimmt nicht weglaufen.“

„Ihnen traue ich alles zu“, schimpfte der verhinderte Räuber. „Da wollte ich einmal im Leben ordentlich absahnen und musste ausgerechnet an Sie geraten. Ich habe eben immer Pech.“

„Ja, man ist eben nicht für jeden Beruf geeignet. Da hilft nur eins: Umschulen!“



Wie gewonnen, so zerronnen

„Riens ne va plus!“, tönte die gelangweilte Stimme des Croupiers. „Nichts geht mehr.“

Die Elfenbeinkugel kreiste im Kessel, von zwei Dutzend Augen beschwörend verfolgt.

„15, schwarz!“ Der Rechen huschte über den Filz und strich die Jetons ein. Nur drei Spieler erhielten einen Gewinn. Bei den anderen stiegen üble Laune und Nervosität.

Eine ältere Dame mit silbergrauen Löckchen nestelte verzweifelt ihr Collier vom Hals und warf es auf ’Rot’.

Der Croupier winkte einen Herrn herbei und wies auf das Schmuckstück.

„Fünftausend, gnädige Frau“, sagte dieser mit einer Verbeugung.

Erneut trat die Kugel ihre Höllenreise an. Diesmal blieb sie bei der 22 liegen. Wieder schwarz. Den Tränen nahe, räumte die Dame ihren Platz. Sie trug nichts mehr bei sich, was sie hätte setzen können.

Tim Lage, der hinter ihr gestanden hatte, lächelte dünn. Er entsann sich der Zeit, als auch er dem Spielteufel verfallen war. Zuerst hatte er das Casino nur gelegentlich aufgesucht, dann war sein gesamter Verdienst regelmäßig am Roulettetisch geblieben, und schließlich hatte er auch noch seine letzten Ersparnisse und sogar das Haus verspielt.

Sehr spät war ihm dieser Irrsinn bewusst geworden. Aber er hatte auch etwas aus seinem Ruin gelernt. Allabendlich gab es an den Spieltischen einen Gewinner. Das war das Casino selbst.

Er konnte nun resignieren und sich mit seinem Pech abfinden oder sich aber dagegen auflehnen. In Tim Lage reifte zwangsläufig der Entschluss, sich sein Geld zurückzuholen.

Er hätte sich ein paar tausend Euro leihen und verbissen versuchen können, Fortuna endlich zu überlisten. Doch er wusste, dass das niemals klappte. Nie wieder wollte er sein Schicksal dieser launischen Kugel anvertrauen. Sie brachte ihm nur Unglück.

Er wollte sich sein verspieltes Vermögen auf andere Weise holen. Mit Klugheit und einer winzigen Prise Gewalt.

Tim Lage kannte sich nicht nur in den Räumlichkeiten des Casinos bestens aus, er wusste auch über die internen Gepflogenheiten Bescheid. So war ihm unter anderem bekannt, in welchem Raum der größte Teil des Geldes unter Verschluss gehalten wurde.

Er wählte für sein Unternehmen einen der sogenannten goldenen Casino-Tage. An solchen Abenden spielten finanzstarke ausländische Besucher an Tischen mit hohen Einsätzen. Es verstand sich von selbst, dass hier die zu erwartende Beute entsprechend ansehnlich war.

Lage betrat das Casino gegen elf Uhr. Er beobachtete das Geschehen an den Spieltischen und zog sich gegen halb eins auf die Toilette zurück.

Hier entnahm er den Taschen seines Smokings einige eng zusammengefaltete Päckchen, die sich als Wegwerf-Anzug aus grauer Plastikfolie entpuppten. Solche Kleidung fand bei stark schmutzenden Arbeiten in der Industrie Verwendung.

Er zwängte sich in die neue Garderobe, zog auch noch Handschuhe an und stülpte sich eine Kapuze über den Kopf, die lediglich zwei Sehschlitze aufwies und ihn garantiert unkenntlich machte.

Ein Revolver vervollständigte seine Ausrüstung und gab ihm den gewollt gefährlichen Anstrich.

Er lauschte, ob sich niemand näherte. Dann huschte er auf den Gang, spurtete die Treppe in den Keller hinunter und stieß die Tür auf, hinter der er den riesigen Safe wusste.

„Hände hoch!“, brüllte er, und seine Stimme wurde durch die Kapuze verzerrt. „Das ist ein Überfall. Wenn ihr genau das tut, was ich sage, geschieht euch nichts.“

In dem Raum befanden sich eine Frau und drei Männer. Da die Frau prompt in Ohnmacht fiel, hatte sich Tim Lage nur noch mit den Männern auseinanderzusetzen.

„Auf den Boden mit euch!“, befahl er. „Gesicht nach unten.“

Keiner widersetzte sich ihm. Sein unheimlicher Aufzug und nicht zuletzt die Schusswaffe beseitigten jeden Zweifel über seine verbrecherischen Absichten.

Er fesselte und knebelte zwei der am Boden Liegenden und fauchte den dritten an: „Los! Auf mit dem Safe!“ Er warf ihm eine gelbe Plastiktasche zu. „Da hinein mit dem Geld! Die großen Scheine zuerst. Aber ein bisschen dalli!“

Der entsetzte Casino-Angestellte suchte nach Ausflüchten. Er behauptete, keinen Schlüssel für den Tresor zu besitzen. Erst als Lage ihm unmissverständlich die Mündung des Revolvers gegen die Schläfe drückte, erinnerte er sich an den Wert seines Lebens, zog seinem Kollegen den Schlüssel aus der Tasche und öffnete den Geldschrank.

Tim Lages Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. So viel Bares hatte er noch nie auf einem Haufen gesehen. Die Tasche erwies sich als zu klein. Alles, was von geringerem Wert als ein Hundert-Euro-Schein war, musste er bedauerlicherweise zurücklassen.

Er fesselte nun auch den Mann, der ihm zu so erfreulichem Reichtum verholfen hatte, und trat schleunigst den Rückzug an.

In der Toilette entledigte er sich seiner schweißtreibenden Bekleidung und packte die Beute in eine schwarze Tasche um. Den Plastikanzug, Handschuhe, Kapuze und die andere Tasche zerschnitt er in kleine Stücke und überantwortete sie der Wasserspülung. Sogar von dem Revolver trennte er sich. Den brauchte er nun nicht mehr.

Um das Gebäude verlassen zu können, musste er erneut den Spielsaal durchqueren, was er mit schadenfroher Wonne tat. Noch ahnte der Direktor nichts von dem Verlust.

Doch das Herz blieb ihm fast stehen, als er die Polizisten ins Casino stürmen sah. Einer der vier musste unbemerkt einen Alarmknopf betätigt haben.

Jetzt durfte er nicht die Nerven verlieren. Niemand konnte ihn erkannt haben. Er hatte alle Spuren beseitigt. Die Zeugen würden sich an eine gelbe Tasche erinnern. Er hatte nichts zu befürchten. Schließlich war es nicht verboten, sondern im Gegenteil gern gesehen, wenn man sehr viel Geld in eine Spielbank trug.

Die Polizei sperrte den Ausgang.

„Kein Grund zur Aufregung, verehrte Herrschaften“, rief jemand beruhigend. „Das Spiel geht weiter.“

Einige Beamten verschwanden und kehrten kurze Zeit später mit dem Direktor und den Überfallenen zurück.

Tim Lage gab sich lässig. Er trat an einen der Tische und verfolgte mit scheinbarem Interesse den Spielverlauf. In Wirklichkeit beobachtete er, wie die Personalien der einzelnen Gäste überprüft und verschiedene Fragen gestellt wurden.

Zwangsläufig kamen die Polizisten auch zu ihm.

„Darf ich Sie bitten, sich auszuweisen?“

Geistesgegenwärtig hatte Lage die Tasche mit dem Geld hinter sich abgestellt. Es war nicht nötig, dass sie die Aufmerksamkeit der Fahnder erregte. Er fingerte seinen Pass aus der Jacke und reichte ihn dem Beamten.

„Das ist Herr Lage“, hörte er den Direktor flüstern. „Einer unserer langjährigen Gäste, Herr Kommissar. Bitte, entschuldigen Sie die Belästigung, Herr Lage.“

Tim Lage lächelte gnädig und atmete auf, als die Männer weitergingen und auch keiner der Überfallenen Verdacht geschöpft hatte.

Geschafft! Jetzt konnte nichts mehr schiefgehen.

Ohne Hast wandte er sich um und griff nach der Tasche.

Der Croupier war schneller.

„Tut mir leid, mein Herr. Sie hatten auf Ungerade gesetzt. Die 34 ist gefallen. Sie haben verloren.“

Er nahm die Tasche, die tatsächlich auf dem Feld ’Impair’ stand, und entleerte sie unter dem Raunen der Spieler.

Da kehrten auch die Polizisten wieder zurück.



Die Frauen sind an allem schuld

Es hatte geklappt. Kuhnke stellte die bauchige Reisetasche so behutsam in den Kofferraum seines Wagens, als enthielte sie hochbrisanten Sprengstoff. Dabei handelte es sich nur um zweihunderttausend Schweizer Franken, aber die wollten schließlich auch pfleglich behandelt sein.

Natürlich musste er nun schleunigst das Land verlassen, denn dass nur er den Safe ausgeräumt haben konnte, würde feststehen, sobald Prestel die Zahlung vornehmen wollte. Dessen Geschäftspartner hatte auf Bargeld bestanden.

Ihm blieb höchstens eine Stunde, bis jeder Grenzbeamte seinen Namen kannte.

In dieser Zeit konnte er es jedoch unmöglich schaffen. Bis zur Grenze brauchte er mindestens zwei Stunden, und der nächste Flughafen war auch nicht in der halben Zeit zu erreichen.

Aber dadurch ließ sich Kuhnke nicht aus der Ruhe bringen. Er hatte sich alles genau überlegt. Immerhin hatte er fast eineinhalb Jahre darauf warten müssen, bis sich eine so hohe Summe im Tresor der Firma befand.

Ein Pass auf einen anderen Namen war die Lösung. Wenn er den vorzeigte, schöpfte niemand Verdacht.

Beziehungen zur Unterwelt besaß er nicht. Schließlich war er ein Ehrenmann. Zumindest bis zum heutigen Tag. Das brachte allerdings den Nachteil mit sich, dass er keine Adresse kannte, bei der man gefälschte Dokumente käuflich erwerben konnte.

Kuhnke hielt echte Papiere ohnehin für ungefährlicher. Außerdem bekam man sie kostenlos. Man musste nur in die richtige Sakkotasche greifen.

Ein Narr hätte sich den Pass wahrscheinlich schon vorher beschafft und wäre prompt geschnappt worden, denn der Bestohlene hätte den Diebstahl selbstverständlich sofort der Polizei gemeldet.

So dumm war Kuhnke nicht. Er sagte sich, dass ihn niemand ausgerechnet in Luzern vermuten würde. Zwischen den vielen Touristen zur Zeit der Festwoche fiel er überhaupt nicht auf. Er konnte sich in Ruhe das Benötigte besorgen.

Er schaltete das Autoradio ein, aber dort brachten sie nichts über den Diebstahl.

Kuhnke war nur am Anfang etwas nervös, wenn ihn ein Polizeifahrzeug überholte. Das legte sich schnell, denn niemand interessierte sich für ihn. Seinen neuen Wagen, der ein volles Jahr unberührt in der Garage gestanden hatte, kannte keiner in der Firma. Der konnte ihm nicht zum Verhängnis werden.

In Luzern stellte er den Wagen in einem Parkhaus ab und bummelte anschließend auf der Uferpromenade des Vierwaldstätter Sees entlang. Er hielt seine Augen offen, denn sein Opfer sollte ihm wenigstens entfernt ähnlich sehen.

Das Ergebnis befriedigte ihn nicht. Deshalb suchte er ein Restaurant auf. Er hatte seit dem Frühstück noch nichts gegessen.

Kaum betrat er das Lokal, als ein Lächeln über seine Lippen huschte. Da saß er. Vielleicht zwei oder drei Jahre älter als er selbst, aber fast die gleiche Haarfarbe und einen ähnlichen Schnitt. Das Beste aber war, dass der Bursche einen ausgesprochen nervösen Eindruck machte. Er rauchte gierig, griff immer wieder nach seinem Glas und bückte sich nun schon zum dritten Mal nach seiner Serviette, die er immer wieder mit dem Sakkoärmel vom Tisch wischte.

Kuhnke zögerte nicht und hielt auf den Tisch zu, an dem der zweite Platz frei war.

„Gestatten Sie?“, fragte er höflich und deutete auf den Stuhl.

Der andere hob den Kopf und starrte ihn verstört an. Er musste mit seinen Gedanken weit entfernt gewesen sein.

Besser konnte ich es gar nicht treffen, dachte Kuhnke erfreut. Seine Augen sind gleichfalls graugrün. Er ist ein wenig voller im Gesicht als ich, aber wer ähnelt schon seinem eigenen Passfoto?

Er wiederholte die Frage, und der Fremde willigte ein. „Noch einmal dasselbe!“, rief er der Bedienung zu und hielt sein Glas in die Höhe.

Er trinkt, freute sich Kuhnke. Das macht es leichter.

Er bestellte ein Kalbsschnitzel und dazu ein Mineralwasser. Alkohol kam für ihn heute nicht in Frage.

Sein Tischnachbar dachte anders darüber. Er schluckte wie ein Specht. Dazu machte er ein missmutiges Gesicht und seufzte hin und wieder.

„Kummer?“, erkundigte sich Kuhnke mit gespieltem Interesse.

„Sind Sie verheiratet?“, fragte der andere zurück.

Kuhnke verneinte. Die Frau, von der er träumte, hatte er sich bisher nicht leisten können. Erst die zweihunderttausend Franken im Kofferraum eröffneten ihm völlig neue Kreise.

„Seien Sie froh“, fuhr der Fremde fort. „Die Frauen taugen alle nichts. Meine betrügt mich. Heute habe ich erfahren, dass sie schon seit Monaten einen Liebhaber hat.“

„Das tut mir Leid“, behauptete Kuhnke. „Darf ich Sie zu einem Glas einladen?“

Ein schon leicht getrübter Blick traf ihn. „Sie sind ein wahrer Freund.“

„Wir Männer müssen doch zusammenhalten.“ Kuhnke rückte etwas näher.

Während der nächsten zwanzig Minuten musste er sich eine komplette Lebensgeschichte anhören, die in der Erkenntnis gipfelte: „Ich hätte Gaby nie heiraten dürfen.“

Kuhnke riet eindringlich, der Untreuen gehörig die Meinung zu sagen. Und bei jedem Satz stieß er dem Mann mit dem Zeigefinger gegen die Brust, bis er sicher war, dass dieser die Brieftasche auf der linken Seite trug.

Alles weitere war nur noch ein Kinderspiel. Nach den nächsten Gläsern war der Mann reif. Als er sich erhob, taumelte er so stark, dass Kuhnke rasch zufasste. Dabei brachte er geschickt die Brieftasche in seinen Besitz.

Er begleitete den Ahnungslosen noch zum Taxistand und suchte dann schleunigst das Parkhaus auf.

Hier kontrollierte er seine Beute und stellte fest, dass ihm nicht nur der Pass, sondern auch der Führerschein und ein wenig Bargeld in die Hände gefallen war.

Ab jetzt hieß er Gerd Unger. Das Foto würde keinen Beamten misstrauisch werden lassen.

Wenn der echte Unger wieder nüchtern war und seine Papiere vermisste, würde er zweifellos glauben, sie verloren zu haben. Erst nach erfolgloser Suche würde er den Verlust melden. Das dauerte mindestens einen ganzen Tag.

Ein letztes Mal überlegte Kuhnke, ob er sich auch keinen Fehler geleistet hatte. Nein, raffinierter hätte er beim besten Willen nicht vorgehen können.

Er machte sich auf den Weg. Der Grenzübergang, für den er sich entschieden hatte, wurde von den Italienreisenden bevorzugt. Dort herrschte immer reger Betrieb, und in der Regel durften die Autofahrer ohne jede Kontrolle passieren.

Über den eingeschalteten Sender wandte sich die Polizei mehrfach an die Bevölkerung um Mithilfe. Gesucht wurde Frank Kuhnke, der mit einer Beute von zweihunderttausend Franken in seinem beigefarbenen Passat flüchtig war.

Kuhnke grinste belustigt. „Den Wagen werdet ihr vielleicht irgendwann aus dem Baggersee fischen“, murmelte er. „Aber auf den Frank mit seinen Fränkli müsst ihr leider verzichten. Der existiert seit heute nicht mehr.“

Mit der einbrechenden Dunkelheit kam er an der Grenze an. Der Zöllner grüßte gähnend und verlangte den Pass.

Kuhnke reichte ihn lässig hinaus und blickte dem Uniformierten gerade ins Gesicht. Er nahm zufrieden zur Kenntnis, dass seine Hand nicht zitterte und auch seine Stimme den gewohnt sicheren Klang besaß, als er die Frage, ob er etwas zu verzollen habe, verneinte.

Warum sollten sie ausgerechnet die Reisetasche kontrollieren?, sagte er sich. Ich habe das Schlauchboot und die Taucherausrüstung eingepackt. Das wird sie überzeugen.

„Würden Sie, bitte, aussteigen?“

Kuhnke erschrak. Wenn sie das Geld fanden, war alles aus. Am besten, er öffnete freiwillig die beiden Koffer.

Er wollte zum Kofferraum gehen, doch der Grenzbeamte hielt ihn zurück. „Ihr Gepäck interessiert mich nicht, Herr Unger. Sie sind doch Herr Unger?“

„Aber natürlich. Das Foto im Pass ist schon ein paar Jahre alt. Wer sollte ich denn sonst sein?“ Er lachte betont burschikos.

Das Lachen verging ihm, als er die Hand auf seiner Schulter spürte.

„Dann muss ich Sie festnehmen, Herr Unger.“

„Sie machen Witze“, empörte sich Kuhnke. „Wessen beschuldigen Sie mich? Ich bin weder zu schnell gefahren, noch habe ich auch nur einen Tropfen Alkohol getrunken.“

„Dafür stehen Sie unter dem dringenden Verdacht, Ihre Frau ermordet zu haben. Ihre Nachbarn haben die Polizei verständigt, als sie Sie nach heftigem Streit mit Ihrer Frau fluchtartig das Haus verlassen sahen. Der Arzt konnte nur noch ihren Tod feststellen.“

„Aber das ist doch Wahnsinn. Warum hätte ich sie umbringen sollen?“

„Spielen Sie nicht den Ahnungslosen, Mann! In der Fahndungsmeldung, die wir vor ein paar Minuten erhalten haben, ist von einem Geliebten Ihrer Frau die Rede. Ist Ihnen wirklich nichts Besseres eingefallen, als sie zu erschlagen?“

Verdammt! Und er hatte Unger auch noch zugeredet, seiner Frau ordentlich die Meinung zu sagen. Aber doch nicht gleich töten!

Natürlich fiel es ihm nicht schwer, das Missverständnis aufzuklären. Die Antwort auf die Frage, warum er sich denn des fremden Passes bedient habe, kostete ihn allerdings zweihunderttausend Franken. Dafür bekam er als Gegenleistung sechs Jahre. Ohne Bewährung.


ENDE




Der fremde Maler

Kriminalroman von Freder van Holk



Im Herzen Londons liegt in dem dunklen Flur eines unauffälligen Hauses plötzlich ein Toter. Gene Whynn, Privatdetektiv seines Zeichens und gedienter Offizier, ist zwar einiges gewöhnt, aber das verblüfft ihn doch. Warum hält der Tote ausgerechnet eine Zeichnung in der Hand, die seine reizende Klientin Dorothy darstellt?

Diese dürftigen Anhaltspunkte versprechen kaum Aussicht auf Erfolg, den Mord, nein, zwei Morde aufzuklären. Und doch, Gene gibt nicht auf!



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1.

Gene Whynn saß an seinem Schreibtisch. Seine Füße lagen auf der Tischkante. Der Sessel war zurückgekippt und stand nur auf den Hinterbeinen. Er pendelte kaum merklich hin und her. Gene Whynn hatte den Kopf zurückgelegt und blickte zur Decke, ohne sie zu sehen. Seine Hände ruhten mit verschränkten Fingern auf dem Magen. Die Daumen drehten sich monoton umeinander, einmal rechtsherum und einmal linksherum.

Die Ruhestellung hatte etwas Aufregendes an sich. Es gab zwei Möglichkeiten. Der Schreibtischsessel konnte abrutschen oder überkippen, so dass Gene mit dem Hinterkopf zuerst auf dem Fußboden landete. Es stand jedoch auch einiges dafür, dass die Sesselbeine wegbrachen und der Knall einen weniger edlen Körperteil traf. So neuwertig sah der Sessel nicht mehr aus.

Soweit es die Neuwertigkeit betraf, kam Gene Whynn gleich an zweiter Stelle hinter der Tageszeitung. Er war erst dreißig Jahre alt, und das zählte nicht viel in diesem Raum, der ungefähr vor hundert Jahren eingerichtet worden war. Die braunen, samtig gewordenen Möbel gewannen Tag für Tag an Altertumswert, zumal die Holzwürmer fleißig ihre Echtheitsmarken hineinbohrten. Die Sesselbezüge und Vorhänge sahen brüchig und schmierig aus, doch beruhigten helle Stores, die immerhin neugewaschen wirkten. Aus den Bücherschränken drang der trockene, strenge Modergeruch vergilbter Akten und schweinelederner Einbände heraus. Es war ein altes Zimmer mit Vergangenheit und Stil, ein Zimmer, dessen Möbel und Wände Geschichten hätten erzählen können, ja, sogar ein gemütliches Zimmer, wenn abends eine Tischlampe brannte und die Holzwürmer friedlich knabberten, aber Gene Whynn hätte es trotzdem entbehren können. Es schien ihm als Wohnbüro eines Privatdetektivs doch nicht ganz das Passende zu sein.

Er dachte eben wieder einmal darüber nach, während er Kopf und Steiß riskierte, die Daumen drehte und gelegentlich zu dem blauen Frühlingshimmel hinausschielte, der ausnahmsweise über London stand. Viel Himmel war es freilich nicht. Der größte Teil seiner Aussicht bestand aus Schornsteinen und altersgrauen Backsteinfassaden mit altmodischen Fenstern und halbvertrockneten Geranientöpfen, aus denen eben helle Triebe herausschossen. Seine Wohnung lag in der Ecke, an der die City, Islington und Whitechapel zusammenstießen, und das war eine in mancher Hinsicht interessante Gegend, aber sie bot nicht gerade viel Naturgenüsse. Außerdem befand sie sich auch noch im Erdgeschoss. Auch das besaß seine Vorteile, erschwerte jedoch träumerische Himmelsbeobachtungen.

Genau genommen war es nur eine halbe Wohnung. Sie bestand aus dem Wohnbüro, in dem er sich aufhielt, einem dahinter gelegenen Schlafzimmer und einem weiter vorn befindlichen kleinen Büro, in dem Gloria Ward so gut nach Lavendel und Sauberkeit duftete, wie man es von einer alten Jungfer erwarten konnte. Die andere Hälfte der Wohnung einschließlich Küche gehörte Mrs. Olga Rand und den Erinnerungen an ihren verstorbenen Steueroberinspektor.

Das Rumpeln und Dröhnen oberhalb der Decke bedeutete nicht, dass dort Möbelräumer am Werk waren, sondern dass sich das Familienleben von Octavio Lugosi in bester Ordnung befand. Octavio bewohnte den ganzen ersten Stock. Er hatte eine Frau und vier Kinder, und alle hatten einen guten Schuss italienisches Temperament mit nach London gebracht. Dafür war es im Obergeschoss sehr ruhig, denn dort wohnte nur ein altes Ehepaar, dessen Lebensaufgabe vermutlich darin bestand, sich nicht wieder von den angesammelten Möbeln zu trennen.

Die ganze Herrlichkeit vom Keller bis zum Dach stand im Grundbuchamt auf den Namen Gene Whynn eingetragen. Die Hypotheken vom Keller bis zum Dach auch. Sie wogen die Herrlichkeit reichlich auf.

Natürlich war er leichtsinnig gewesen. Er hatte das Erbe seines Onkels angenommen, ohne sich vorher gründlich über die Belastungen zu unterrichten, die er mit seiner Unterschrift auf sich nahm. Das Ergebnis war erstaunlich gewesen. Er hatte innerhalb weniger Wochen das gesamte Übergangsgeld, das ihm ein wohlwollender Staat zur Gründung einer neuen Existenz zur Verfügung gestellt hatte, ausgeben müssen, um die von seinem Onkel hinterlassenen Verpflichtungen zu bereinigen - angefangen von der Fleischerrechnung bis zu einigen Wechseln. Dieser Onkel, den er kaum ein halbes Dutzend mal in seinem Leben gesehen hatte, war ein Lebenskünstler gewesen. Er hatte es tatsächlich fertiggebracht, die letzten Jahre seines Lebens auf Kosten des Ahnungslosen zu leben, der eines Tages seine Erbschaft antreten würde.

Gene Whynn seufzte und wechselte die Drehrichtung seiner Daumen. Woher hatte er es wissen sollen? Solche juristischen Spitzfindigkeiten waren ihm fremd geblieben. Vor einem halben Jahr war er noch Hauptmann in einem Infanterieregiment gewesen, das seit Jahren in Deutschland stationiert war. Die Umrüstung auf Wasserstoffbomben und Raketen machte diese Infanterieregimenter und ihre Hauptleute überflüssig - vielleicht kalkulierte man auch, dass sie zu Haus in ihren Betten schneller und billiger sterben würden - und so war eben auch er gegangen worden, selbstverständlich mit Übergangsgeld, einer laufenden Rente und den besten Empfehlungen. Das Übergangsgeld hatte der selige Onkel geschluckt, die Rente mahnte zur Bescheidenheit und die Empfehlungen - nun ja, ein schlechter Leumund wäre besser gewesen, denn dann hätten sie ihm wenigstens die Lizenz verweigert.

Genau genommen war er auf seine romantische Ader hereingefallen. Privatdetektiv! Chef einer Detektiv-Agentur! Agentur Argus, gegründet 1910! War das etwas oder nicht? Er hätte Automobilverkäufer, Versicherungsreisender, Abteilungsleiter im Warenhaus, Empfangschef in einem Modesalon und was noch alles werden können, aber als netter junger Hauptmann besitzt man noch gewisse Vorurteile, und wenn nun einmal zufällig ein Onkel stirbt und eine angesehene und eingeführte Agentur hinterlässt, wenn man fernerhin schon längst detektivische Talente in sich vermutet und sogar gelegentlich Kriminalromane liest - na bitte.

Die Wirklichkeit kam dann so sicher und triste wie die Schulden seines Onkels. Die Agentur befand sich in einer geschäftlich vielversprechenden Gegend und war eingeführt wie ein kleiner Gemüseladen, aber mehr als kleines Gemüse kam auch nicht herein und ging auch nicht hinaus. Der selige Onkel hatte keinesfalls den Ehrgeiz besessen, mit der Pistole im Schulterhalfter die Kaschemmen von Whitechapel auszuräumen oder die Geheimnisse des vergifteten Pergaments im Hause eines Millionenlords aufzuklären. Die Agentur Argus sorgte sich vielmehr darum, wieso die Kohlen in einem Kohlenkeller zusehends abnahmen, während der Nachbar seinen Vorrat nicht anzugreifen brauchte, wer den Mops von Mrs. Plumpudding heimtückisch vergiftet hatte, ob der Fleischermeister Butching wirklich zum Kegeln ging oder eine Liebste besuchte und was so alles die Gemüter in diesen verräucherten Backsteinhäusern dramatisch erregte.

Ein Glück, dass Gene Whynn wenigstens nicht ganz auf den guten Ruf des ererbten Instituts angewiesen war. Man empfahl ihn. Am vornehmeren Ende der Welt besorgte das Oberst Strettham, sein ehemaliger Kommandeur, so dass man ihn gelegentlich bei Diebstählen und ähnlichen Ereignissen in besseren Häusern heranzog, in denen die Polizei nicht gern gesehen wurde. Sogar ein paar Nachforschungen für Versicherungen hatte ihm der wohlwollende Oberst verschafft. Am diesseitigen Ende der Welt half Octavio Lugosi nach. Er schickte ihn in Nachtlokale und Kaschemmen, für die er sich als Makler interessierte, und ließ ihn dort nächtelang als Kunde herumsitzen, um einen Einblick in den echten Umsatz zu gewinnen. Diese Beschäftigung förderte weder die Gesundheit noch die Moral, aber Octavio bezahlte gut, und nebenbei lernte Gene Whynn all die Lokale und Typen kennen, die seiner Meinung nach zu einem Verbrechen gehörten. Leider brachte auch das nur Enttäuschungen ein, denn so wild waren die Leute gar nicht, die sich dort herumtrieben, und die Wirte neppten sogar viel weniger als am Piccadilliy.

Tja, das war's, und Gene Whynn überlegte wieder einmal in dieser stillen Nachmittagsstunde, ob er sich nicht doch lieber einer Beschäftigung zuwenden sollte, die aufregender war und mehr Geld einbrachte. Autoverkäufer, Sportlehrer oder so etwas.

Die Tür hinter ihm knarrte. Er nahm die Füße vom Tisch und ließ den Sessel nach vorn kippen. Gloria Ward bekam Zustände, wenn sie ihn zwischen Himmel und Erde auf zwei Stuhlbeinen sah.

Natürlich war es Gloria. Sie kam auf leisen Sohlen herangehuscht, als ob ihre breiten, in Jahrzehnten ehrlich ersessenen Polster kein Gewicht besäßen, und blinzelte ihn an wie eine Maus, die eben aus dem Loch herauskommt. Sie war schon über fünfzig und hatte die letzten dreißig Jahre ihres Lebens überwiegend in dem kleinen, muffigen Büro nebenan verbracht. Genau so sah sie denn auch aus. Glücklicherweise wurde ihr blasses Gesicht wenigstens von zahlreichen Falten belebt, und ihr Geist war zweifellos noch ungebrochen. Durch die altmodische Stahlbrille hindurch funkelten lebhafte, dunkle Mäuseaugen, die verrieten, mit welcher Anteilnahme sie die Geschicke der Firma verfolgte. Gloria Ward war keine schlechte Beobachterin und besaß auch einen trockenen Verstand, aber merkwürdigerweise zugleich ein romantisches Gemüt. Nach dreißig Jahren fand sie einen toten Kanarienvogel oder eine fragwürdige Rechnung in der Westentasche eines Ehemannes immer noch so aufregend wie am ersten Tag, und Gene war sicher, dass sie in den langen Stunden ihres Nichtstuns aufregende Kriminalromane erlebte, die sich in ihrer Fantasie abspielten.

Er hatte bei der Übernahme der Agentur ernsthaft erwogen, sich einen jungen, knusprigen Leckerbissen ins Vorderzimmer zu setzen, um wenigstens einen Augentrost zu haben, aber es war dann doch bei Gloria Ward geblieben. Einesteils hatte er befürchtet, den Kundenstamm durch eine Neuerscheinung zu erschrecken, und andernteils hatte er es einfach nicht fertiggebracht, dieses alte lebende Inventarstück nach Haus zu schicken. Die graue Sekretärin seines seligen Onkels hatte keine Aussicht, wieder eine Stellung zu finden, und vermutlich wären ihr gleichzeitig auch alle Inhalte ihres Lebens verloren gegangen. So ließ er sie weitermachen, und sie dankte es ihm mit einer hündischen Ergebenheit, kompliziert durch die Erfahrungen ihres Lebens, die sie ihm trotz allem nicht vorenthalten wollte.

„Eine Kundin, Mr. Whynn“, zischelte sie aufgeregt.

„Ich ahnte es schon immer, warum Sie Gloria heißen“, seufzte er. „Ruhm und Sieg, meine liebe Miss Ward. Sie bringen beides in meine Hütte. Ist wieder einmal ein Kanarienvogel unter geheimnisvollen Umständen gestorben?“

„Das ist keine aus unserer Gegend“, zischelte Gloria Ward. „Ich habe sie noch nie gesehen. Ich glaube auch nicht, dass es sich um einen Kanarienvogel handelt. Die Krokotasche ist echt.“

„Nun, nun, schnappen Sie nur nicht über“, beschwichtigte Gene. „Warum soll sie nicht echt sein?“

Sie blickte ihn aus kleinen Pupillen heraus scharf an und sagte mit plötzlicher Strenge: „Sie müssen auf solche Kleinigkeiten achten, Mr. Whynn. Scharfblick und Erfahrung - das ist es, was Ihr seliger Onkel immer sagte. Das ist eine echte Krokotasche für mindestens fünfzig Pfund.“

„Gewicht?“

„Geld!“, verwies sie noch strenger. „Wenn Sie verheiratet wären, wüssten Sie genau, was eine echte Krokotasche in dieser Größe kostet. Mrs. Whynn würde es Ihnen schon bei allen passenden Gelegenheiten erzählen. So eine Tasche hat nicht einmal Mrs. Gelford, obgleich diese Leute in ihrem Delikatessenladen Preise haben, die doch wirklich schandbar sind. Die Behörden sollten das verbieten. Dieses ausschweifende Leben heutzutage …“

„Bleiben wir bei der Krokotasche,“ schlug Gene mit einer gewissen Hast vor, denn wenn Gloria Ward auf die modernen Sitten kam, wurde sie zur tröpfelnden Wasserleitung, die selbst ein Klempner nicht abstellen konnte. „Sie wollen sagen, dass für uns ein paar Pfund in dieser Tasche stecken könnten?“

„Das habe ich nicht gesagt“, zischelte sie nun wieder aufgeregt. „Mehr als ein Pfund Vorschuss hat Ihr seliger Onkel nie genommen. Lieber hat er sich etwas geliehen.“

„Habe ich gemerkt. Also was ist mit dieser albernen Tasche.“

„Nichts, gar nichts. Ich meine doch bloß - da steckt etwas dahinter. Denken Sie an meine Worte! Wenn so eine mit so einer Krokotasche herumläuft - ich will ja nichts sagen, aber es gibt nun einmal gewisse Frauen, die den Männern das Geld aus der Tasche ziehen - und manche Männer sind so dumm - also ich habe mir jedenfalls noch keine Krokotasche leisten können und ....“

„Sie sehen, dass die Dummheit der Männer eben doch ihre Grenzen hat“, knurrte Gene unhöflich.

„Also schicken Sie schon diese Krokotasche herein.“

„Mr. Whynn, ich kann Ihnen doch unmöglich die Krokotasche allein hereinbringen?“, entsetzte sich Gloria Ward.

„Die Dame natürlich. Schicken Sie die Dame herein!“

Gloria Ward schürzte die Lippen.

„Die Dame? Gott, so brauchen Sie auch nicht gleich zu übertreiben, Mr. Whynn. Dame!“ Damit ging sie hinaus. Gleich darauf schob sie die Besucherin herein. Gene erhob sich von seinem Sessel und ließ sich gleich wieder zurückfallen. Dann winkte er mit einer Geste zu dem Stuhl, der an der Seite des Schreibtischs stand.

Es war keine Krokotasche, sondern eine Hornback, und das gab einen Kontakt bei Gene. Eine derartige Tasche war ihm schon einmal gezeigt worden, und den Preis hatte man ihm auch dazu genannt. Zu der Tasche gehörte eine Frau, wie er sie schon in den Kaschemmen und Nachtlokalen beobachtet hatte. Das Gesicht trug ein Make-up, das sich wohl am besten mit dem Spachtel herunter schaben ließ. Die Lippen waren grell, und über die natürlichen Konturen hinaus geschminkt. Die Augen waren dunkel untermalt und so groß, als wären sie mit Belladonna gespritzt. Ein dünnes Seidenkleid unter einem billigen Wettermantel, der offen war, knallte mit grellen Farben heraus, ließ aber keinen Zweifel, dass die Besucherin figürlich bestens geschaffen war. Die Beine waren ein Gedicht. Zwei Gedichte! Gene rückte ein Stück herum, weil er etwas für Poesie übrig hatte. Schwer fiel es nicht gerade, die Besucherin einzustufen. So etwas verdiente sein Geld bei Nacht. Es war jedoch etwas Widersprüchliches an ihr, und zwar etwas, das Gene gereizt hatte. Nein, es lag nicht an der Zusammenstellung von billigem Mantel und teurer Tasche. Manche Frauen verzichteten lieber auf ein paar Kleider, um sich eine teure Tasche, einen Brillantring oder einen Pelzmantel zu kaufen, wenn sie das für den Traum ihres Lebens hielten. Vielleicht war es das Haar, vielleicht die Augen. Sie trug einen zerquetschten roten Eierbecher auf dem Kopf, der wohl ein Hut sein sollte. Das neckische Ding ließ genügend Haar zur Besichtigung frei, und es war ein helles, naturblondes Haar von unmodischer Länge, das wie matte Seide fiel und sorgfältige Pflege verriet. Die Augen waren dunkelblau und passten ebenfalls nicht zu dem angepinselten Gesicht. Sie wirkten nicht müde und erfahren genug. Die reinsten Kinderaugen! Wahrscheinlich war das Mädchen noch reichlich jung und malte sich nur so an, um älter zu erscheinen.

„Nun?“, forderte er auf. „Was kann ich für Sie tun?“

Sie öffnete ihre Tasche, holte eine Zigarette heraus, stopfte sie in eine lange Spitze hinein, steckte diese in den Mund und schloss die Tasche wieder.

„Haben Sie Feuer?“

Er bediente mit der Flamme seines Feuerzeugs.

„Hoffentlich kamen Sie nicht nur deshalb?“

Sie paffte und schlug die Beine übereinander. Er rückte noch ein Stück herum. Nebenbei wunderte er sich. Die Besucherin trug ein bisschen dick auf. Sie konnte noch nicht lange in ihrem Beruf stehen. Sie benahm sich so, wie sich Frauen ihres Schlages auf der Leinwand benahmen, nämlich so, wie sie sich im wirklichen Leben nicht benahmen.

„Ich habe einen Auftrag für Sie“, stieß sie heraus, als hätte sie einen Anlauf nehmen müssen. „Ich suche einen Mann.“

„Durchgebrannt?“

Ihre Lider zuckten hoch und gaben einen schnellen, neugierigen Blick frei.

„Nein. Ich bin nicht verheiratet.“

„Ich meine mit der Taxe.“

Wieder ein schneller Blick, diesmal mit deutlichem Erstaunen.

„Wieso? Er hat keine Taxe. Er ist Maler.“

Die Antwort warf ihn gewissermaßen gegen die Wand. Er starrte seine Besucherin an. Sie ärgerte sich darüber und sprudelte nervös heraus: „Was ist denn nun schon wieder? Sind Sie eigentlich komisch oder bin ich es? Oder sind Sie nur dreist? Ich komme hier herein, und Sie mustern mich, als ob ich Ihnen die Brieftasche gestohlen hätte. Und jetzt fangen Sie schon wieder an. Wenn es Ihnen nicht passt, dass ich Ihnen einen Auftrag geben will ...?“

„Es passt mir großartig“, fiel er hastig ein, während er mit noch mehr Tempo überlegte. Das Mädchen sprach nicht wie jemand, der aus der Gosse kommt. Es hatte sogar einen Tonfall an sich, zu dem nur langjährige Erziehung verhilft. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Besucherin brachte es fertig, aufzustehen und davonzugehen. Und so drängten sich die Kunden denn noch nicht, um ohne Not auf einen Auftrag zu verzichten. Es tat not, einen Kontakt herzustellen.

„Einfach ein beruflicher Trick“, fuhr er entschuldigend fort. „Die Leute verlangen von einem Detektiv einen durchdringenden Blick. Das schafft Vertrauen. Abgesehen davon muss ich mir natürlich auch ein Bild machen. Meine Kundschaft ist gelegentlich recht gefährlich.“

„Gefährlich?“, zeigte sie Interesse.

„Nicht zu knapp“, nickte er mit Bedeutung. „Sehen Sie, da war neulich die Sache mit dem Papagei. Ein Ehepaar, zwanzig Jahre verheiratet. Sie fährt auf ein paar Wochen zu einer Kur. Als sie zurückkommt, sagt der Papagei plötzlich dauernd ,Liebling‘. Das hat er in den vergangenen neunzehn Jahren nie getan. Große Familienszene, Eifersucht, Scheidung und solche Sachen. Ich kläre die Angelegenheit auf. Ein Lausejunge hatte es dem Papagei heimlich eingetrichtert. Große Versöhnung. Zwei Tage später schicken mir die Leute als zusätzliches Honorar eine frischgerupfte Wachtel. Was soll ich Ihnen sagen - es war der Papagei. Ich hätte an dem zähen Vieh ersticken können.“

Um ihre Lippen zuckte es. Er grinste. Da lachte sie hell auf und zeigte ihre Zähne. Sie lachte ganz natürlich, aber ihr Gesicht verdarb den Eindruck. Es sah aus, als lachte eine Mumie. Sie musste glatt Pockennarben haben, die sie unter der dicken Schmiere verbarg.

„Sie sind ja ulkig!“ zensierte sie amüsiert. „Haben Sie ihn wirklich gegessen?“

„Natürlich nicht. Ich habe ihn meinem Schuhmacher gegeben. Wenn ich nicht irre, hat er Absatzflecken aus dem zähen Bruder gemacht. Wie heißt der Mann eigentlich, den Sie suchen?“

Die Heiterkeit verschwand. Sie wurde einen Augenblick lang durch Misstrauen ersetzt, aber der Kontakt hielt.

„Ich weiß nicht, wie er heißt. Ich kann ihn aber beschreiben.“

„Hm, lassen Sie hören.“

„Er trägt sandalenartige, braune Schuhe, eine braungelbe Manchesterhose, die schon ziemlich stark abgenutzt ist, eine Art Windjacke, die verwittert und nicht besonders sauber aussieht, darunter einen blauen, verschossenen Pullover und ein verwaschenes Wollhemd, auf dem Kopf eine alte braune Baskenmütze.“

Das war eine so typisch weibliche Beschreibung, dass er sich ein Kommentar sparte.

„Das Gesicht?“

„Er ist Mitte Vierzig, mittelgroß und schlank, aber eher kräftig als schmal. Er trägt eine Art Schifferbart, also einen Bart, der von Ohr zu Ohr um das ganze Kinn herumreicht, aber kurz verschnitten ist. Sonst ist sein Gesicht von kräftigen Falten durchsetzt, aber es ist wohl gerade deshalb ziemlich ausdrucksvoll. Er hat ein Gesicht, als ob er viel an frischer Luft wäre. Die Augen sind grau oder dunkelgrau. Das Haar ist fast ganz grau. Er hat kein Durchschnittsgesicht. Er sieht trotz seiner grauen Haare aus, als ob er gesund, vital und voller Kraft wäre, aber gleichzeitig ist etwas in seinem Gesicht, das ihn alt und müde erscheinen lässt. Ich glaube, es ist eine Art Resignation, etwas Philosophisches. Sie dürfen dabei nicht an irgendwelche Bitterkeiten denken. Es ist, als wäre er innerlich schon zu weise geworden, um sich selbst oder gar die anderen tragisch zu nehmen. Das lässt sich nur schwer ausdrücken, aber Sie werden mich verstehen, sobald Sie ihn sehen.“

Gene schielte mit einiger Vorsicht in das Gesicht seiner Besucherin. Wenn das ein Straßenmädchen war, so wollte er nachträglich den Papagei doch noch essen. So konnte sich niemand ausdrücken, der sich so anmalte. Die Figur war echt, die Beine waren echt, die Augen und das Haar dazu, aber das Gesicht nicht. Es konnte interessant werden, dieses Gesicht einmal unter die Wasserleitung zu halten. Im Übrigen war das Mädchen nicht nur eine gute Beobachterin, sondern musste persönlich an dem Mann stark interessiert sein. Eine derartige Beschreibung kam nicht aus einem flüchtigen Eindruck.

„Ich kann ihn mir vorstellen“, murmelte er. „Er ist Maler?“

„Ja. Er könnte in dieser Gegend wohnen, vielleicht in Islington, vielleicht aber auch in Whitechapel. Vielleicht sitzt er abends in irgendwelchen Lokalen herum und skizziert seine Umgebung. Glauben Sie, dass Sie ihn finden können?“

„Ich denke schon. Wenn Ihre Beschreibung zutrifft, ist es nur eine Frage der Zeit.“

„Fein!“, atmete sie auf. „Dann müssen Sie ihn solange suchen, bis Sie ihn gefunden haben. Was kostet das?“

„Das hängt davon ab, wie lange es dauert. Die Rechnung bekommen sie hinterher. Sie werden allerdings einen Vorschuss zahlen müssen.“

„Natürlich.“ Sie öffnete wieder ihre Handtasche, brachte zwei Zehnpfundnoten heraus und legte sie auf den Tisch.

„Genügt das?“

Er beherrschte sich. Soviel hatte er vom Geschäft denn doch schon gelernt. Wenn ihm jemand das Zwanzigfache eines normalen Vorschusses hinschob, so musste man das mit Würde tragen. Er schluckte nur kurz. Dann stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie.

„Miss Ward, bitte eine Quittung über zwanzig Pfund Vorschuss auf einen Ermittlungsauftrag.“

Er hörte, wie Gloria Ward schnell den Atem einzog. Dann fragte sie schrill: „Zwanzig Pfund?“

„Zwanzig Pfund“, bestätigte er gelassen. „Für - wie war der Name?“

„Smith - Dorothy Smith“, sagte die Besucherin hastig.

„Für Miss Dorothy Smith“, gab er weiter, warf die Tür zu und ging zu seinem Schreibtisch zurück. „Die Quittung kommt gleich. Inzwischen noch ein paar Fragen, Miss Smith.“

„Ja?“

Er schob das Geld vorsichtshalber aus der Reichweite ihrer Hand, beugte sich vor und fixierte sie. Sie konnte ihm für ihr Geld vorspielen, was sie wollte, aber er hielt es für ratsam, noch ein paar Kleinigkeiten aus ihr herauszuholen. Die Welt war keine Sonntagsschule, und wenn jemand zwanzig Pfund auf den Tisch legte, konnte das leicht Unannehmlichkeiten bedeuten.

„Warum gehen Sie nicht zur Polizei? Sie ist darauf geeicht, VerMisste zu suchen.“

„Das ist eine private Angelegenheit“, wehrte sie steif ab. „Und außerdem wird er gar nicht verMisst. Ich weiß bloß seinen Namen und seine Wohnung nicht. “

„Warum interessieren Sie sich dafür?“

„Das geht Sie wohl nichts an“, parierte sie geradezu hochmütig. „Sie bekommen Ihren Auftrag und Ihr Geld.“

„Und notfalls ein Messer zwischen die Rippen, nicht?“

„Haben Sie Angst?“

Er lockerte sich und grinste.

„Sicher. Nicht vor einem Messer, aber wie leicht kann es passieren, dass ich Ihren Maler finde und er dann aus lauter Dankbarkeit ein Aktbild von mir malen will.“

Sie lächelte flüchtig zurück, verriet aber Unruhe.

„Sie sind ein komischer Detektiv, nicht? Ich begreife Sie nicht recht. Es ist doch gar nichts weiter dabei? Sie sind Privatdetektiv und sollen für mich den Maler suchen. Das ist alles. Warum stellen Sie sich eigentlich so an, als ob das etwas Besonderes wäre?“

Er lehnte sich zurück und erwiderte nüchtern: „Dazu könnte ich Ihnen einen ganzen Roman erzählen, Miss - hm, sagen wir lieber Dorothy. Der Vorname könnte möglicherweise echt sein. Moment – bleiben Sie sitzen! Ich will Ihnen ja den Roman gar nicht erzählen. Es ist nur manchmal nützlicher, wenn man alles weiß. Weiter nichts. Sie können es halten, wie Sie wollen, aber es kostet Sie Ihr Geld, wenn Sie Verstecken spielen und mir Dinge verschweigen, die mir die Suche nach Ihrem Maler erleichtern könnten. Wird er von der Polizei gesucht?“

„Nein.“

„Er verbirgt sich also nicht?“

„Nein.“

„Ein Verwandter von Ihnen?“

„Nein.“

Die Tür quietschte. Die Sekretärin huschte herein und legte das Quittungsformular auf den Tisch. Sie ging gleich wieder, wenn auch sicher nicht ohne eine genaue Momentaufnahme der Besucherin. Gene malte seinen Namen unter das Formular und schob es seiner Kundin hin.

„Bitte. Falls Sie nicht Bescheid wissen - damit haben Sie Anspruch darauf, dass alle Ihre Angelegenheiten vertraulich behandelt werden, soweit es sich nicht um kriminelle Vergehen handelt. Ich brauche nur noch Ihre Adresse.“

„Ich habe keine“, sagte sie auffallend kleinlaut, während sie das Blatt in ihre Tasche steckte. „Ich möchte sie Ihnen nicht sagen. Ich komme schon wieder vorbei und frage nach.“

„Wie Sie wollen“, fügte er sich gleichgültig und stand auf. Sie blieb sitzen und blickte zu ihm hinauf. Das war eine ganz hübsche Strecke, denn Gene war langbeinig geraten. Seine Nase und sein Mund hatten auch reichlich viel mitbekommen, aber sonst passte alles leidlich zusammen. Er war in Uniform ein ansehnlicher Offizier gewesen, und selbst in Zivil sah er noch bei weitem männlicher aus, als er sich fühlte.

„Ich habe noch eine Bitte“, brachte sie zögernd heraus. „Ich möchte - ich möchte nichts falsch machen. Könnte ich Sie nicht begleiten, wenn Sie ihn suchen?“

„Warum?“

„Ich habe meine Gründe.“

„Ich verstehe Sie nicht“, sagte er kopfschüttelnd. „Was soll das eigentlich? Erst mieten Sie sich für zwanzig Pfund einen Detektiv, und dann wollen Sie die Arbeit selbst erledigen? Ich nehme an, dass Sie sich nicht die richtige Vorstellung machen. Es ist eine trübsinnige Angelegenheit, von früh bis Mitternacht durch die Straßen zu laufen und einen Mann aufzustöbern, der schließlich ebensogut in einem ganz anderen Viertel sitzen kann. Sie würden sich höchstens Plattfüße holen.“

„Sie können sich solche Anspielungen sparen“, empörte sie sich und stand auf. „Sehr fein sind Sie nicht gerade. Ich will auch nicht den ganzen Tag mit Ihnen herumlaufen. Sie sollen mich bloß gleich benachrichtigen, wenn Sie glauben, dass sie ...“

„Wie?“

„Wieso? Ach so?“

„Eben. Erstens habe ich keine Adresse, und zweitens kann ich den Mann schon im ersten besten Lokal finden. Sie wollen nicht, dass ich mich mit ihm in Verbindung setze, nicht wahr?“

„Ja“, gab sie zu.

„Na schön, dann werde ich eben darauf verzichten, mich mit ihm zu unterhalten. Genügt das?“

Sie kaute an ihrer Unterlippe herum.

„Jaa ... ich weiß nicht? Sie können natürlich nicht verstehen, worauf es ankommt. Und das ist es ja eben. Er darf nicht merken, dass er gesucht wird, aber vielleicht ist alles auch nur ein Irrtum. Wenn ich gleich dabei wäre ...“

„Sie können es ja versuchen“, grinste er nachsichtig. „Wie wär's heute abend ab zehn Uhr mit einem Lokalbummel durch Whitechapel? Für Milieustudien wird garantiert.“

Sie schielte wie die Maus nach dem Speck.

„Meinen Sie, dass ich das riskieren kann?“

Er wurde plötzlich ungeduldig und antwortete schroff: „Machen wir Schluss damit! Was soll eigentlich das Theater? Sie kommen hier aufgetakelt wie die unteren Zehntausend herein, und dann werden Sie nervös, wenn Sie bloß von Whitechapel hören. Sie haben für Ihre zwanzig Pfund Anspruch darauf, dass ich an dem ersticke, was ich von Ihnen denke, aber Sie müssen klar sagen, was Sie wollen. Ich halte es für besser, wenn Sie mir Ihre Adresse geben und zu Haus bleiben, aber ich schleppe Sie notfalls auch den ganzen Tag herum. Also - was ist?“

„Ich will es mir überlegen“, murmelte sie unsicher. „Vielleicht komme ich heute Abend. Zehn Uhr, sagten Sie?“

„Sagte ich“, knurrte er. „Aber wenn schon, dann waschen Sie sich vorher das Gesicht. Und die Handtasche lassen Sie auch zu Haus. Die Welt sieht anders aus als in Ihrem Bilderbuch. Machen Sie sich als kleine Angestellte oder so etwas auf. Die berüchtigten Spelunken halten es mächtig mit der Gutbürgerlichkeit, falls Sie das noch nicht wissen sollten.“

„Sie ... Sie sind nicht sehr höflich. Habe ich etwas falsch gemacht?“

„Ach du lieber Gott!“, seufzte er. „Fangen Sie bloß nicht noch an zu weinen, sonst halte ich Sie gleich unter die Wasserleitung. Sie haben nicht etwas falsch gemacht, sondern alles. Aber darüber können wir uns ja heute Nacht unterhalten, wenn Sie ein bisschen menschlicher aussehen. Eins haben Sie jedenfalls geschafft - ich bin mächtig neugierig geworden, was nun eigentlich hinter Ihrer Geschichte steckt. Suchen Sie wirklich diesen Maler mit der Schifferkrause?“

„Darüber können wir uns ja auch heute Nacht unterhalten“, sagte sie trotzig und ging hinaus. Er war verständig genug, ihr den Abgang nicht zu verderben. Nachdem er eine Weile gegen die Tür gestarrt hatte, setzte er sich in seinen Sessel und versuchte, zu erraten, was der ganze Auftritt einschließlich der greifbaren zwanzig Pfund bedeuten sollte. Es gelang ihm nicht.

Gegen Abend kam Octavio Lugosi herein, als Gene seine Sekretärin eben nach Haus schickte. Sein Besuch war nichts Besonderes. Er ließ sich fast jeden Tag einmal sehen und unterhielt sich mit Gene über dies und jenes, wie das ein Geschäftsmann eben nach Feierabend tut.

Octavio Lugosi war das Urbild eines braven Bürgers. Seine untersetzte, stämmige Erscheinung drückte ebenso wie sein rundes Gesicht Ruhe, Biederkeit und gutes Gewissen aus. Er trug einen schwarzen, ziemlich langen und kräftigen Schnurrbart und besaß dunkle, große Kuhaugen, die zwischen Heiterkeit und Melancholie wechselten. Er zog sich mit Sorgfalt an. Sein Akzent verriet, dass er nicht im Lande geboren war. Wahrscheinlich verfügte er über einige geschäftliche Gewandtheit, aber darüber wusste Gene nicht viel. Er sah Octavio in erster Linie als wohlwollenden Familienvater. Octavio wurde geradezu unvergesslich, wenn man ihn einmal inmitten seiner Familie gesehen hatte, umgeben von seiner reichlich dicken Frau, die ebenfalls schwarzhaarig war und Kuhaugen besaß, und seinen vier Kindern. Sein Ältester hieß Julio und war mit seinen fünfzehn Jahren ein hübscher, schlanker Junge mit sehr wacher Intelligenz, mit dem sich Gene im Laufe der Monate angefreundet hatte. Die jüngeren Kinder tauchten seltener im Gesichtskreis Genes auf. Die elfjährige Gina befand sich auf dem besten Wege, eine frühe Schönheit zu werden, während die beiden anderen noch halb in den Windeln steckten.

Octavio zeigte sich auch an diesem Abend zunächst nur am Wetter, an einigen sportlichen Ereignissen und an etwas Politik interessiert, während er behaglich im zweiten Sessel Genes lag und eine Zigarette rauchte. Der reinste Zufall schien ihn auch auf die Kunst zu führen.

„Ich verstehe ja nichts von Kunst“, erklärte er voller Nachsicht gegen sich selbst, „aber ich liebe Bilder. Nicht, dass ich nun in den Museen herumlaufe und mir diese alten Gemälde ansehe, aber wenn eins von meinen Angehörigen auf dem Bild drauf ist, kann ich mich gar nicht sattsehen. Da kann ich mich stundenlang davor setzen.“

„Das hat mit Kunst nichts zu tun“, grinste Gene. „Sie sind kein Bildernarr, sondern ein Familiennarr, Octavio. Eine Fotografie würde es auch tun.“

„Eben nicht“, lehnte Octavio mit freundlichem Nachdruck ab. „Das ist etwas ganz anderes. Ein guter Maler leuchtet gewissermaßen von innen aus. Er zeigt vielmehr, als man sonst mit den Augen sieht. Und das ist eben die Kunst. Sie kennen doch meine Bilder.“

Gene kannte sie. Sie stammten nicht von Octavio, aber sie waren sein Stolz und seine Leidenschaft. Insgesamt waren es drei Gemälde, eins von Octavio, eins von seiner Frau und eins von Julio. Das letztere gefiel Gene, aber vor die beiden anderen konnte sich wohl nur Octavio stundenlang hinsetzen. Gene fand sie geradezu beängstigend, besonders das Bild von Mammita Lugosi. Das war bei aller naturalistischen Porträtähnlichkeit keine Mrs. Lugosi, sondern eine Mutter schlechthin, eine kuhäugige, sanftmütige Gebärerin, der man irgendwie die Windeln, die nährenden Brüste und die Spaghetti ansah, das überwältigende Exemplar einer langen Reihe gleicher, die aus der Vergangenheit kamen und sich in die Zukunft fortsetzen würden.

Gene verstand nichts von Malerei und hätte notfalls nicht einmal einen Renoir von einem Matisse unterscheiden können, so dass ihm alle Maßstäbe für die Beurteilung dieser Bilder fehlten. Sicher war jedoch, dass dieser Maler Octavios eine wilde Kraft in sich besaß und mehr gab, als die übliche Porträtkunst verlangte. Er sprang irgendwie mit seinen Bildern an die Kehle. Ob das gut oder schlecht war, wusste Gene nicht.

„Verdammte Bilder!“, murmelte er. „Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass da etwas nicht stimmt. Aber möglicherweise sind es nur die Häkeldeckchen und das Plüschsofa, über das Sie die Bilder hängen. Wenn Sie's schon mit der Kunst zu tun haben, darf sie nicht am Bilderrahmen aufhören.“

„Jedem das Seine“, erwiderte Octavio friedlich. „Mir die Bilder und Mammita die Deckchen. Sagen Sie lieber verdammter Maler. Es sieht aus, als wollte er mich im Stich lassen.“

„Schon wieder ein Porträt?“

„Gina“, bestätigte Octavio würdig. „Es war schon halb fertig, und sicher ist es nicht gut, wenn die Farben solange trocknen. Sagen Sie, Gene, Sie haben doch allerlei Verbindungen im Westen, nicht?“

„Hm, genauso viel, wie man von einem abgebauten Hauptmann erwarten kann. Warum?“

Octavio betrachtete ihn abschätzend.

„Verbindungen ist nicht der richtige Ausdruck. Eigentlich kommt es nur darauf an, dass Sie sich um den Piccadilly-Circus herum bewegen können, ohne als Außenseiter zu gelten. Holen Sie Ihren Frack aus dem Mottensack und gehen Sie los! Ich zahle Ihnen die Spesen und ein Pfund pro Tag. Sie müssen mir diesen Maler suchen.“

Gene setzte sich gerade hin.

„Geschäft?“

„Geschäft“, nickte Octavio. „Ich muss das Bild fertig haben. Und Ihnen wird es gut tun, wenn Sie für mein Geld wieder einmal besseres Milieu genießen.“

„Werden Sie nicht wohltätig, Octavio“, knurrte Gene Misstrauisch. „Hoffentlich haben Sie sich die Preise in der besseren Welt vorher angesehen. Ich bin ein Schlemmer, wenn es auf Spesen geht. Im Übrigen brauche ich zwei Pfund Fixum. Das wissen Sie ganz genau. Das Büro läuft weiter, und wenn ich hier alle Aufträge ablehnen muss ...“

„Brauchen Sie nicht“, fiel Octavio ein. „Ich bezahle Sie bloß für das Nachtleben. Ein Pfund und die Spesen.“

„Na schön, es war nur eine Idee“, grinste Gene. „Lassen Sie hören, was Sie wollen.“

„Treiben Sie den Maler auf und bringen Sie ihn an die Staffelei zurück! Er heißt Purnell Pratt, aber das wird Ihnen nichts nützen. Ich will ihn lieber beschreiben. Er ist Mitte Vierzig, sieht aber älter aus, hat ein frisches Gesicht mit kräftigen Falten, einer grauen Haarmähne und einem kurz geschnittenen, rundum laufenden Schifferbart. Manche werden ihn für einen Naturburschen halten, aber es ist mehr in seinem Gesicht. Hier läuft er immer ziemlich salopp in alter Manchesterhose und Pullover herum, aber ich denke, dass er flott aussehen wird, wenn Sie drüben auf ihn stoßen. Können Sie sich den Mann ungefähr vorstellen?“

„Ich leide schon immer an einer tollen Fantasie“, murmelte Gene und beschäftigte sich vorsichtshalber intensiv mit einer neuen Zigarette.

„Wo wohnt er?“

„Hickman Road 19“, gab Octavio bereitwillig Auskunft. „Das ist eine Gasse unten bei den Docks. Er hat dort ein Zimmer und ein kleines Atelier unter dem Dach, ziemlich wüst, aber das ist schließlich die ganze Gegend.“

„Ist er nicht mehr dort?“

„Seit zwei Tagen nicht. Nicht viel, aber Pratt ist nicht der Mann, der von einem halbfertigen Bild weggeht. Und er wusste, dass ich es fertig sehen wollte.“

„Sie kennen ihn schon länger?“

„Seit ein paar Jahren. Ich lernte ihn zufällig kennen, als - nun, ich konnte ihm bei einer bestimmten Gelegenheit behilflich sein. Ich will nicht sagen, dass wir befreundet waren, aber wir kamen miteinander zurecht. Er ist ein richtiger Einzelgänger. Er malte mich, weil er dachte, er wäre mir etwas schuldig, und dann habe ich ihn ein bisschen gequetscht, damit er mir auch die anderen Bilder malte, natürlich gegen Bezahlung. Ich kann mir nicht denken, dass er mich jetzt einfach sitzen lässt.“

„Wie wär‘s mit einer Vermisstenanzeige?“

„Spielen Sie nicht den Naiven!“, riet Octavio wohlwollend. „So schlecht kennen Sie das Viertel nun auch wieder nicht. Im Übrigen liegen die Dinge so, dass Pratt schon immer gegangen ist, wie es ihm passte. Manchmal verschwand er für ein paar Wochen, manchmal für ein paar Monate, vielleicht aufs Land oder sonst wohin. Wer kümmert sich schon darum, wo sich ein Maler herumtreibt?“

„Hm, es ist Frühling.“

„Ich weiß, aber ich kenne Pratt. Er würde mich nicht auf einem halbfertigen Bild sitzen lassen.“

„Langsam, Octavio. Das klingt, als nehmen Sie an, dass er nicht freiwillig verschwunden ist.“

„Es ist mir nicht geheuer“, schränkte Octavio nachdenklich ein. „Ich würde es vermuten, wenn nicht diese andere Möglichkeit wäre, hinter der ich Sie nachschicken will. Er könnte auch aus irgendwelchen Gründen sein Quartier gewechselt haben. Da hängt ein neuer Anzug aus der Saville Road, feinstes Tuch. Und die Zutaten sind auch alle vorhanden. Das sieht aus, als hätte er sich in letzter Zeit auf vornehm eingekleidet. Er kann sich ebensogut ein halbes Dutzend Anzüge von der Sorte gekauft haben.“

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Wolf G. Rahn: Cora Martin - Unter falschem Verdacht?

Alfred Bekker: Die Sache mit Caroline

Wolf G. Rahn: HK Greiff - Hereingelegt!

Freder van Holk: Der fremde Maler

Alfred Bekker: Murphy und der Köpfer

Al Frederic: Abrechnung in Fort Lauderdale

Alfred Bekker: Toter Killer

Tomos Forrest/Wolf G. Rahn: Mord ist kein Glücksspiel

A.F.Morland: Panik in der Cosa Nostra

A.F.Morland: Die Killermacher von Key West

G.S.Friebel: Die vergesene Rache

Ist Cora Martin unschuldig? Oder eine abgefeimte Lügnerin? Jedenfalls wird sie eines Mordes beschuldigt, und ihr Fall gibt Privatdetektiv Bount Reiniger so manche Nuss zu knacken. Wäre er nicht ein solch erfahrener Detektiv, so hätte er hierbei alt ausgesehen. Knifflig bis zuletzt bleibt die doppelbödige Angelegenheit, bei der die Gangster immer einen Schritt voraus zu sein scheinen …

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738956023
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (November)
Schlagworte
killer krimi paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Freder van Holk (Autor:in)

  • G. S. Friebel (Autor:in)

  • Tomos Forrest (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Al Frederic (Autor:in)

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Titel: Elf Killer sollt ihr sein! Krimi Paket