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Thriller Jahresband Die besten Krimis 2021: 1200 Seiten Spannung

von Alfred Bekker (Autor:in) Linda Pendleton (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) Tomos Forrest (Autor:in)
2021 1300 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Cedric Balmore: Trevellian und der Engel des Satans

Linda Pendleton: Tödliche Flamme

Alfred Bekker: Wie ein Ei dem anderen

Tomos Forrest: Tod eines Wikingers

Linda Pendleton: Catherine Winter und die Leiche des Professors

Wolf G. Rahn: HK Greiff: Auf dem Pulverfass

Alfred Bekker: Gauner-Duo in der Falle

Alfred Bekker: Nur fürs Protokoll

Alfred Bekker: Die Lösung heißt Bankraub

Alfred Bekker: Der Mann mit der Seidenkrawatte

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und die Erbarmungslosen

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit

Wolf G. Rahn: Der tote Croupier

Alfred Bekker: Auftrag für einen Schnüffler

Alfred Bekker: Fluch der Steine

Alfred Bekker: Undercover zerfleischt

Der Privatdetektiv Richard McCord wird vom Zahnarzt Dr. Frank Howard engagiert, um Unstimmigkeiten in dessen Praxis und Dentallabor zu untersuchen. Bei seinen Ermittlung stößt er immer wieder auf die ebenso attraktive wie verführerische Mandy Freidman...

Eines Nachts wird McCord Zeuge des Mordes an Trigger Conway, einem bekannten Drogendealer, kurz darauf findet McCord auch eine Angestellte von Frank Howard tot auf. Er gerät selbst unter Mordverdacht!

Leseprobe

Thriller Jahresband Die besten Krimis 2021: 1200 Seiten Spannung

Alfred Bekker, Linda Pendleton, Tomos Forrest, Wolf G. Rahn, Cedric Balmore

Dieses Buch enthält folgende Krimis:



Cedric Balmore: Trevellian und der Engel des Satans

Linda Pendleton: Tödliche Flamme

Alfred Bekker: Wie ein Ei dem anderen

Tomos Forrest: Tod eines Wikingers

Linda Pendleton: Catherine Winter und die Leiche des Professors

Wolf G. Rahn: HK Greiff: Auf dem Pulverfass

Alfred Bekker: Gauner-Duo in der Falle

Alfred Bekker: Nur fürs Protokoll

Alfred Bekker: Die Lösung heißt Bankraub

Alfred Bekker: Der Mann mit der Seidenkrawatte

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und die Erbarmungslosen

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit

Wolf G. Rahn: Der tote Croupier

Alfred Bekker: Auftrag für einen Schnüffler

Alfred Bekker: Fluch der Steine

Alfred Bekker: Undercover zerfleischt



Der Privatdetektiv Richard McCord wird vom Zahnarzt Dr. Frank Howard engagiert, um Unstimmigkeiten in dessen Praxis und Dentallabor zu untersuchen. Bei seinen Ermittlung stößt er immer wieder auf die ebenso attraktive wie verführerische Mandy Freidman...

Eines Nachts wird McCord Zeuge des Mordes an Trigger Conway, einem bekannten Drogendealer, kurz darauf findet McCord auch eine Angestellte von Frank Howard tot auf. Er gerät selbst unter Mordverdacht!

COPYRIGHT


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, ALFREDBOOKS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Mara Laue

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Trevellian und der Engel des Satans: Action Krimi

Cedric Balmore

Laura Pennington war ein attraktives junges Weib, rothaarig und verdammt sexy.

Das Girl war schön wie ein Engel, besser: wie ein gefallener Engel. Aber wenn sie ihren Mund öffnete und redete, wirkte sie wie die Sprecherin des Satans. Mord, Tod, Folter — das war das Vokabular dieses weiblichen Bosses eines einzigartigen Syndikats. Die rothaarige Laura residierte in einem seltsamen Schloß, das ein Sonderling einst aus Europa Stein um Stein zum Wiederaufbau nach den Staaten gebracht hatte — ein passender Rahmen für Laura und ihr Syndikat…


***


Sie fuhren zu dritt durch die Dunkelheit. Bruce McLaren saß im Wagenfond. Er wußte genau, was ihn erwartete. Er befand sich auf seiner letzten Fahrt.
Komisch, dachte er. Das Leben besteht aus Klischeevorstellungen. Die letzte Fahrt! Normalerweise sah man dabei einen würdevollen Leichenzug und einen blumenbekränzten Sarg vor sich.'Für ihn, Bruce-McLaren, würde es in dieser Nacht weder Blumen noch einen Sarg geben.
Nur den Tod. Seinen eigenen.
Der Gangster am Steuer hatte seine Schultern wie fröstelnd hochgezogen. Die Armaturenbrettbeleuchtung legte einen grünen phosphoreszierenden Schimmer auf seine abstehenden Ohren und die flache knochige Glatze. Der Gangster wirkte dumm und unbedarft, aber dieser Eindruck täuschte. Er wußte, was er wollte. Er war genau wie sein schwitzender Komplice fest entschlossen, die gestellte Aufgabe zu lösen.
»Ich möchte rauchen«, sagte Bruce McLaren.
Der Gangster neben ihm hielt Bruce ein Päckchen Zigaretten unter die. Nase. Er tat es mit der linken Hand. Seine Rechte umspannte den schußbereiten Revolver.
»Danke«, sagte Bruce McLaren.
Der Gangster gab ihm Feuer. McLaren inhalierte tief und legte den Kopf zurück. Die Situation war absurd. Er hatte wahrhaftig keinen Grund, sich ausgerechnet bei einem seiner Henker zu bedanken. Aber so war das Leben nun einmal. Es bestand zu zwei Dritteln aus idiotischen Höflichkeitsfloskeln.
Das Leben!
Ihm blieben davon bestenfalls noch ein paar Minuten. Und eine Zigarette, die nicht schmeckte. Seltsamerweise empfand McLaren keine Furcht vor dem Ende. Was ihn störte, war der Umstand, daß er von zwei bezahlten Killern getötet werden sollte. Der Intelektuelle in ihm rebellierte dagegen, daß Dummheit und Brutalität seinen Geist vernichten durften. Es war alles so sinnlos!
Wenn schon! In seinem Dasein hatte es noch andere Sinnlosigkeiten gegeben. Zum Beispiel seine Ehe mit Gracia. Er sah sie in Gedanken vor sich, in ihrem hautengen Hausanzug aus schillerndem Lastex auf der Couch liegend, den Blick auf den flimmernden TV-Schirm gerichtet. Gracia war fernsehsüchtig. Damit hatte sie ihre Ehe ruiniert. Natürlich gab es noch ein paar Gründe mehr für die Misere ihres Zusammenlebens.
Aus und vorbei!
Bruce McLaren starrte durch das Fenster nach draußen. Sie hatten inzwischen Clinton passiert und den Highway 78 verlassen. Jetzt fuhren sie über eine schmale Seitenstraße. Es war null Uhr vierzig. Seit einer Viertelstunde war ihnen kein Wagen mehr begegnet.
Es begann zu regnen. Der Fahrer stellte die Scheibenwischer an. Sie verursachten ein trauriges, schleifendes Geräusch. McLaren kurbelte das Fenster herunter. Er merkte, daß der Gangster neben ihm blitzschnell den Revolver hob. McLaren schnippte die kaum angerauchte Zigarette nach draußen und genoß es, sein Gesicht dem ins Wageninnere peitschenden Regen auszusetzen.
»Fenster zu!« knurrte der Gangster neben ihm.
Bruce McLaren gehorchte mit einem Gefühl des Bedauerns. Der Regen hatte ihn erfrischt. Er hatte ihm gezeigt, wie herrlich das Leben sein kann, wenn man die Natur liebt und begriffen hat, daß Erfolg und Schönheit zwei grundverschiedene Dinge sind. Bruce McLaren hatte im Leben Erfolg gehabt, aber geliebt hatte er nur die schönen Dinge. Plötzlich wehrte er sich gegen den Gedanken, nie wieder die Sonne zu sehen oder Regentropfen auf seiner Haut spüren zu sollen.
Nein, er wollte nicht sterben! Mit vierundvierzig Jahren war er zu jung zum Sterben.
Der Wagen stoppte vör einem hölzernen Gatter. Der Fahrer stieg ins Freie und öffnete das Tor. Ein Schild machte Bruce McLaren bewußt, daß sie vor ihrem Ziel waren:
Privat. Einfahrt verboten!
Der Fahrer kam zurück. »Mistwetter, verdammtes!« fluchte er.
»In zwei Minuten haben wir’s geschafft«, sagte der Mann neben Bruce McLaren. »Wir haben die Zeit nicht überschritten.«
Sie fuhren weiter. Vor ihnen tauchten die hohen Rechtecke erleuchteter Fenster auf. Bruce McLaren merkte, wie seine innere Spannung wuchs und sich einer Verkrampfung näherte. Die Lichter gaben ihm Hoffnung, Der Wagen stoppte auf einem Parkplatz vor dem Haus. »Aussteigen!« befahl der Gangster mit dem Revolver.
Bruce McLaren gehorchte. Er trug einen Regenmantel. Die Nässe machte ihm nichts aus. Für ein paar Sekunden erwog er, einfach loszurennen und darauf zu bauen, daß ihn die Dunkelheit verschlucken würde, noch ehe der Gangster abdrücken konnte. Aber das war natürlich Unsinn.
Vor sich sah er die Umrisse eines großen zweistöckigen Gebäudes. Es hatte Türme und Erker und wirkte wie ein altes englisches Schloß.
Verrückt! Sie waren schließlich nicht im schottischen Hochland, sondern nur achtzig oder hundert Meilen von New York entfernt, irgendwo in der Nähe von Pennsylvania. Wem gehörte dieser bizarre Bau, und warum hatte man ihn in diese Einöde verschleppt? Wollten die Gangster ihn wirklich töten, wie sie bei seiner Entführung behauptet hatten?
»Vorwärts!« befahl der Gangster und rammte ihm die Revolvermündung in den Rücken.
Sie hasteten über den Parkplatz auf das Gebäude zu. In den Pfützen spiegelte sich das Licht hoher Spitzbogenfenster. Eine Tür öffnete sich. Bruce McLaren stolperte über die Schwelle.
Die Halle war groß, hoch und düster, mit Gemälden an den Wänden und erfüllt von einer abgestandenen, säuerlichen Luft, die an Museen, Alter und Verfall denken ließ. Auch an den Tod. Dunkle Nischen, zwei Treppenaufgänge aus schwarzem Eichenholz, Türen mit verschnörkelten Stuckbogen und große, offenbar handgeknüpfte Teppiche prägten ein Bild feudaler Repräsentation.
Die drei Männer durchquerten die Halle und betraten einen großen Salon. Die tatsächlichen Ausmaße des Raumes ließen sich nur ahnen, da seine Ecken und Winkel im Dunkel lagen. Im Kamin knisterte ein Feuer. Der Widerschein der Flammen zuckte über den knappsitzenden Hausanzug eines Mädchens, das vor dem Kamin auf dem Boden lag. Das Flammenlicht tanzte über ihr schulterlanges rotblondes Haar und liebkoste die matte Haut eines runden, lässig auf der Hüfte ruhenden Armes. Das Girl hatte den Kopf aufgestützt und blickte ins Feuer. Neben ihm stand ein halbvolles Champagnerglas.
Bruce McLaren stoppte. Sein Herz hämmerte hocft oben im Hals. Einer der Gangster räusperte sich laut. Das Mädchen wandte langsam den Kopf und blickte die Männer an. Ihr Gesicht lag im Schatten. Der Feuerschein gab ihrem Haar einen lodernden Glanz.
»Gracia!« stieß Bruce McLaren hervor.
Sein Atem kam pfeifend, Zeichen seiner Erregung. Was tat seine Frau hier? Was verband sie mit seinen Entführern?
Das Mädchen erhob sich. Ihre Bewegungen waren von katzenhafter Geschmeidigkeit, aber die Anmut war nicht frei von einer hintergründigen, angriffsbereiten Spannung.
»Ich bin nicht Gracia«, sagte sie und trat an eine Stehlampe. Sie zog an der Schnur. Das Licht flammte auf und machte Bruce McLaren klar, daß er sich geirrt hatte. Aber die Ähnlichkeit des Mädchens mit seiner Frau Gracia war frappierend.
»Ich bin Laura, die jüngere Schwester«, sagte das Mädchen. Es bückte sich nach dem Champagnerglas und hob es auf. Dann stellte es sich breitbeinig vor den Kamin. Bruce McLaren fragte sich, ob sie es um des Effektes willen tat. Der Feuerschein ließ sie doppelt glitzernd und begehrenswert erscheinen.
Er schluckte. Seine Schwägerin also! Er hatte sie bis jetzt persönlich nicht kennengelernt. Aus irgendeinem Grund hatte Gracia ihm diese Schwester unterschlagen. Lag es daran, daß diese Laura eine Gangstermolly war? McLaren fand keine andere Erklärung für Gracias Verhalten.
»Diese b'den Figuren brachten mich gegen meinen Willen in dieses Haus«, sagte er scharf. »Was hat das zu bedeuten?«
Laura nippte an dem Glas.
»Möchtest du sterben, Bruce?« fragte sie beinahe verträumt.
»Was für ein Unsinn! Natürlich nicht! Aber diese Burschen behaupteten…«
»Es war keine Behauptung«, unterbrach ihn das Mädchen. »Es ist die Wahrheit. Sie werden dich töten. Das ist ihr Auftrag. Aber ich gebe dir eine Chance, weiterzuleben. Es liegt an dir, ob du sie nutzen willst.«
Er starrte sie an. Sie mußte verrückt sein, wenn sie glaubte, daß er auf dieses indiskutable Angebot eingehen würde.
»Ich bin kein Killer«, sagte er scharf. »Aber ich bin auch nicht feige. Du kannst mich nicht erpressen.«
Das Mädchen lächelte. »Niemand kommt als Mörder zur Welt«, meinte es mit sanfter Stimme. »Das Töten ist erlernbar. Wir zeigen dir, wie es gemacht wird.«
Ihm war, als ob er träume. Das Girl hatte ein vollkommenes Gesichtsoval und sah schön wie ein Engel aus. Aber sobald es den Mund aufmachte, wirkte es wie eine Sprecherin des Satans.
»Du hast den Verstand verloren!« stieß er hervor.
Das Mädchen lachte hell auf. »Sieh dich um, du befindest dich nicht in einem Sanatorium. Wir sind auch keine Nervenheilanstalt. Das Schloß birgt Millionenwerte. Wir haben sie bar bezahlt. So viel Geld verdient man nicht mit Schwachsinn, lieber Schwager. Jeder unserer Schachzüge ist genau durchdacht. Du stehst im Mittelpunkt des nächsten. Du kannst wählen. Entweder du tötest, oder du wirst getötet.«
Er holte tief Luft. »Schlag dir diesen Unsinn aus dem Kopf«, meinte er dann und wies mit dem Daumen über seine Schulter. Die beiden Gangster standen dicht hinter ihm. »Dafür hast du deine Leute. Sie machen den Eindruck, als ob sie vor nichts zurückschrecken. Warum erledigen sie nicht die schmutzige Arbeit?«
»Der Fall, um den es geht, ist nicht mit brutaler Gewalt zu lösen. Wir benötigen dafür einen Spezialisten. Und das bist du.«
»Was bringt dich auf den absurden Gedanken, daß ich für dich oder einen anderen ein Verbrechen begehen könnte? Ich habe stets Recht und Gesetz geachtet. Gracia kann dir bestätigen, daß mir das niemals schwergefallen ist.«
»Ich weiß, Bruce. Gerade deshalb brauchen wir dich. Du bist der Mann mit der weißen Weste, der Bürger ohne Fehl und Tadel. Auf dich wird kein Verdacht fallen. Im übrigen bist du noch jung und flexibel genug, um etwas hinzulernen zu können.«
»Gewiß keinen Mord!« sagte er scharf. Er merkte, daß er wütend wurde, und fügte schroff hinzu: »Es ist besser, wir beenden das Gespräch.«
»Das würde ich für dich bedauern, lieber Schwager. Auch für meine Schwester Gracia. Wenn du dich weigerst, uns zu helfen, wirst du sterben.«
»Weiß Gracia, daß ich hier bin?«
»Lieber Himmel, nein«, sagte das Girl.
»Ich habe keine Ahnung, was du planst. Ich will es nicht wissen. Aber ich bin davon überzeugt, daß du jetzt bluffst. Du wirst deine Drohung nicht wahr machen.«
»Das ist ein tödlicher Irrtum, lieber Bruce«, meinte das Mädchen und nippte am Sekt.
»Warum willst du mich töten?« fragte er. »Ich habe dir nichts getan.«
»Ich habe dir soeben erklärt, was wir Vorhaben. Wie ich dich kenne, würdest du als gesetzestreuer Bürger zur Polizei laufen, um dort dein nächtliches Erlebnis auszuplaudern. Das muß ich verhindern.«
»Was hättest du davon, wenn ich zum Schein auf deine Forderung einginge?« erkundigte er sich. »Du wärest dabei der gleichen Gefahr ausgesetzt.«
»Nein«, meinte Laura. »Du bist ein Mann, der zu seinem Wort steht.«
»Darauf solltest du dich nicht verlassen«, meinte er bitter. »Unter Druck zustande gekommene Absprachen haben keinen Anspruch auf Verbindlichkeit.«
»Wenn du uns verrietest, wäre das dein Tod«, erklärte das Mädchen mit gleichbleibend sanft klingender Stimme. »Wir werden dich selbst dann überwachen, wenn du für uns arbeiten solltest. Im übrigen verlangen wir nicht, daß du den Job umsonst erledigst. Du kannst dabei eine Million verdienen. Eine Million Dollar — und das in bar!«
»Ich bin an diesem Geld nicht interessiert«, fauchte er wütend. »Ich habe genug davon.«
»O ja, ich weiß. Du bist ein reicher Mann. Vorstandsmitglied großer Gesellschaften. Börsen- und Finanzgenie. Berater des Präsidenten in Währungsfragen! Ein hohes Tier.«
Er schaute sie noch immer an. Er brachte es einfach nicht fertig, seinen Blick von dem Mädchen zu nehmen. Plötzlich interessierte es ihn, zu erfahren, wer das Opfer dieser skrupellosen Mörderclique werden sollte. Vielleicht gelang es ihm, das Opfer zu warnen! »Wen soll ich töten?« fragte er.
Das Mädehen führte das Glas zum Mund. Es nahm einen Schluck daraus. »Du machst also mit?«
»Das habe ich nicht gesagt«, wich er aus. »Aber ich muß wissen, wen es treffen soll.«
Das Mädchen erwiderte seinen Blifck. »Du kennst ihn nicht, aber er wird dich bald besuchen«, sagte es. »Es ist ein Mann namens Trevellian.«
***
»Stop!« sagte Milo. »Da vorn ist das Haus. Was für ein pompöser Kasten.« Er seufzte. »So weit werden wir es niemals bringen, alter Junge. Nicht als Männer des FBI!«
Ich lenkte meinen Jaguar an den Straßenrand und hielt. »Hörst du das Geknatter der Rasenmäher?« fragte ich und zog den Zündschlüssel ab. »Reichtum verpflichtet. Schon deshalb kommt er für mich nicht in Frage. Ich hasse das Rasenmähen, weißt du.«
»Wenn du hier draußen lebst, kannst du dir ein Dutzend Dienstboten leisten«, meinte Milo und stieg aus.
Ich folgte ihm. Wir überquerten die Fahrbahn und gingen auf das große parkähnliche Grundstück zu, in dessen Mitte ein weißes einstöckiges Villengebäude lag. »Du hast jetzt deine große Chance«, sagte ich. »Frage Bruce McLaren, wie er zu seinem Geld gekommen ist. Er gilt unter Börsianern als Hecht im Karpfenteich. Seine Tips sind Gold wert.«
»Na, wunderbar«, spottete mein guter Freund und Kollege Milo Tucker. »Er wird mir helfen können. Ich bin ausnahmsweise in der glücklichen Lage, kurz vor dem Letzten noch eine Zwan-/.igdollarnote für Spekulationszwecke ausgeben zu können.«
»Damit ist deirf Aufstieg zum Millionär gesichert. Herzlichen Glückwunsch. Hoffentlich sprichst du noch mit mir, wenn es soweit ist.«
»Meine alten Freunde vergesse ich nicht«, blödelte Milo. »Ich lasse dir ge-' legentlich etwas zukommen. Ein bißchen Schwarzarbeit, weißt du. Falls mir mal jemand das goldene, mit Brillanten besetzte Zigarettenetui klauen sollte, werde ich dich ganz privat um deine Hilfe bei der Aufklärung des Diebstahls bitten. Gegen gute Bezahlung, versteht sich.«
»Deine überreiche Güte beschämt mich. So, da wären wir. Hoffentlich treffen wir ihn zu Hause an. Wir hätten uns anmelden sollen.«
»Ach was«, meinte Milo und drückte auf den Klingelknopf. »Hohe Tiere neigen dazu, unwillkommene Besucher abzuwimmeln. Es ist besser, wir nageln ihn mit unserem Erscheinen fest.«
Die Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen erschien eine junge, sehr attraktive Frau. Sie war blaß und erregt. Es war zu sehen, daß sie sich vor etwas fürchtete. Diese Angst schien mit unserem Auftauchen zusammenzuhängen.
»Sie kommen wegen Bruce, nicht wahr?« erkundigte sie sich zitternd.
»Sie sind Mrs. McLaren?« fragte ich sie.
»Ja, ich bin Gracia McLaren. Was ist’ mit meinem Mann? Bitte, sagen Sie es mir! Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter.«
Die junge Frau hatte große hellblaue Augen und einen weichen, aufregend geschwungenen Mund, von dem man nicht auf Änhieb sagen konnte, ob er sinnlich oder bloß naiv war. Auf ihrem rötlich-blonden, fast schulterlangen Haar saß eine weiße Kappe. Gracia McLaren trug ein blaues Chanelkostüm. In der Rechten hielt sie eine Tasche aus Schlangenleder.
»Jesse Trevellian«, stellte ich mich vor. »Das ist mein Kollege Milo Tucker. Wir wollten mit Ihrem Gatten sprechen.«
»Er ist nicht nach Hause gekommen«, stieß die junge Frau hervor. »Ich wollte gerade zur Pplizei gehen, um eine Vermißtenanzeige zu erstatten.«
»Wir sind vom FBI«, klärte ich sie auf und zeigte ihr meinen Ausweis. »Ich hoffe, daß wir Ihnen helfen können.«
Gracia McLaren führte uns quer durch die Halle in ein mit antiken Möbeln eingerichtetes Wohnzimmer. Die junge Frau war so nervös, daß sie sich wie sprungbereit auf den vorderen Rand eines Sheraton-Stuhls setzte. Ihre schmalen Hände kneteten unablässig das Leder der Handtasche. Milo und ich nahmen ihr gegenüber Platz.
»Bruce macht jeden Abend seine Runde. Er geht spazieren. Genau eine Viertelstunde. Das ist wie ein Ritual. Ich sage manchmal scherzhaft, daß man seine Uhr danach stellen kann. Gestern abend verließ er das Haus zur gewohnten Stunde, um einundzwanzig Uhr. Aber er kehrte nicht wieder zurück. Er rief mich nicht einmal an. Er blieb einfach weg. So etwas ist in unserer Ehe noch nie passiert. Ich konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. Ich habe sogar ein paar Freunde angerufen, die in der Nähe wohnen, um zu erfahren,' ob Bruce bei ihnen ist. Ich fürchte, ich habe mich damit schrecklich blamiert. Jetzt werden Sie denken, daß mit unserer Ehe nicht alles zum besten steht.«
»Begleiteten Sie ihn manchmal auf seinen Spaziergängen?« wollte ich wissen.
»Nein«, erwiderte die junge Frau. »Ich spürte, daß er dabei allein sein wollte. Er behauptete, ihm kämen auf diesen einsamen Spaziergängen stets die besten Gedanken. In dieser Gegend ist es nach einundzwanzig Uhr auf den Straßen sehr still.«
»Kennen Sie den Weg, den er benutzte?«
»Ja«, sagte Gracia McLaren. »Es war immer derselbe. Er hat ihn mir einmal beschrieben. Bruce ging bis zur Advents Lane und dann die Silver Road hinab. Er kehrte schließlich über die Chestnut Street und die Convention Avenue nach Hause zurück.«
»Nahm er gestern abend etwas Besonderes mit?« fragte Milo.
»Nein. Er war wie üblich gekleidet. Tweedsakko und seine alte Gabardinehose. Er trug einen Regenmantel darüber, weil es sich bewölkt hatte. Ich habe Bruce wegen seiner einfachen Kleidung oft verspottet. Aber ich kann verstehen, daß ihm abends seine seriöse Börsianerkleidung zum Hals heraushing.«
»Sein Wagen steht in der Garage?« fragte ich.
»Bruce besitzt keinen Wagen, aber ich habe einen Lancia. Bruce läßt sich von einem Firmenwagen abholen und nach Hause bringen.«
»Wo ist sein Office?«
»In der Wall Street. Bruce beschäftigt eine Sekretärin und vier Angestellte. Ich habe bereits im Büro angerufen. Die Leute können sich Bruces Verhalten nicht erklären. Sie — sie schließen ein Verbrechen nicht aus und meinen, daß ich die Polizei einschalten sollte.«
»Fühlte sich Mr. McLaren bedroht?« wollte ich wissen.
»Nein, aber Bruce ist prominent und nicht unvermögend. Abends ging er allein durch nahezu menschenleere Straßen, um zu meditieren. Für Kidnapper wäre er zweifellos ein lohnendes Objekt gewesen.«
»Sind Sie mit seinen Geschäften vertraut?«
»Nein, ich verstehe nichts von Finanzpolitik«, sagte die junge Frau. »Ich bin jedoch sicher, daß er sich nicht in Schwierigkeiten befand. Er litt auch nicht unter Depressionen.«
Milo stellte noch ein paar F'ragen an die junge Frau. Ich telefonierte indessen mit McLarens Sekretärin. Sie hieß Leonie Andrews und versicherte mir, daß sich in den letzten Tagen und Wochen im Leben ihres Chefs nichts Ungewöhnliches ereignet hätte. »Er war so ausgeglichen wie immer«, schloß sie. »Die Geschäfte liefen ausgezeichnet, und er hatte keinen Grund zur Sorge.« Ich bedankte mich und legte auf. Gracia McLaren nestelte ein postkartengroßes Foto ihres Mannes aus der Handtasche und überreichte es Milo. »Bitte schön«, sagte sie. »Das können Sie haben.«
Wir verabschiedeten uns von der Frau. Sie brachte uns zur Tür. Als sie öffnete, stand eine dicke, asthmatisch keuchende Alte vor uns. Sie trug einen verrückten Hut mit verknautschten Stoffblumen und preßte eine Hand gegen ihr Herz.
»Meine arme Pumpe«, japste sie. »Macht einfach nicht mehr mit! Guten Morgen, Mrs. McLaren. Ich nehme an, Sie kennen mich. Ich bin Anna Gray. Wir haben uns erst kürzlich im Rotary Club getro'ffen. Lieber Himmel, darf ich mich setzen? Ich bin ganz groggy. Ich hätte nicht so rasch laufen sollen. Das war ein Fehler. Aber ich wollte doch von Ihnen erfahren, was gestern abend mit Ihrem Mann los war…«
»Sie haben ihn gesehen?« unterbrach Gracia McLaren die Frau. Sie führte die Besucherin in die Halle.
Anna Gray ließ sich prustend auf einen Stuhl fallen. »Wer sind Sie denn?« fragte sie und blickte erst Milo und dann mich an.
»Die beiden Herren sind vom FBI«, erklärte Gracia McLaren hastig.
Anna Grays Augen leuchteten sensationslüstern auf. »Da hatte ich also recht!« triumphierte sie. »Ihr Mann ist entführt worden, nicht wahr? Es kam mir gleich so seltsam vor, als die beiden Kerle an ihn herantraten!«
»Wann und wo war das?« fragte ich die Frau.
»Ich habe auf die Uhr gesehen«, erwiderte Anna Gray. »Es war zehn Minuten nach neun. Die Kerle nahmen Mr. McLaren in die Mitte. Einer von ihnen ging halbwegs hinter ihm. Es sah so aus, als drücke er ihm etwas in den Rücken. Eine Pistole natürlich! Sie führten ihn zu einem Wagen, zwangen ihn zum Einsteigen und fuhren mit ihm los.«
»Warum melden Sie sich erst jetzt mit diesen Beobachtungen?« wollte ich von der Frau wissen.
»Das sollten Sie mal Ed sagen!« meinte die Frau schwer atmend. »Ed ist mein Mann. Er nimmt mich, nicht ernst. Er behauptet immerzu, daß ich spinne. Ich lese gern Krimis, wissen Sie. Ich kenne jede gute Serie, die das Fernsehen bietet. Deshalb bin ich es gewohnt, scharf zu beobachten. Als ich gestern die Szene vor unserem Haus sah, wußte ich sofort, daß an der Sache etwas faul war. Ich wollte erst Mrs. McLaren und dann die Polizei anrufen, aber Ed verbot es mir. Er meinte, ich hätte schon genug Blödsinn mit meinen grundlosen Verdächtigungen angestellt. Grundlos! Iqh habe mich mit ihm herumgestritten und darüber vergessen, was ich eigentlich vorhatte. Aber vorhin fiel es mir wieder ein. Die Männer, die Ihren Gatten in die Mitte nahmen, waren Fremde. Sie sahen nicht gerade vertrauenerweckend aus — richtige Gangstertypen!«
»Würden Sie die Männer wiedererkennen?« fragte ich die Frau.
Anna Gray zögerte. »Schwer zu sagen«, meinte sie. »Wir haben einen breiten Vorgarten am Haus. Bis zur anderen Straßenseite sind es gut fünfzig oder sechzig Yard, und es fing schon an zu dämmern…«
»Welchen Wagen benutzten die Männer?«
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Einen 67er Pontiac mit der Zulassungsnummer XL-4589. Bitte, ich habe mir die Nummer aufgeschrieben!« Sie holte einen verknitterten Zettel aus der Manteltasche und übergab ihn mir.
Gracia McLaren zitterte. »Warum rufen die Entführer mich nicht an?« wollte sie wissen. »Das Ganze kann für sie doch nur dann einen Sinn haben, wenn sie für Bruce Lösegeld verlangen!«
Da ich das Gefühl hatte, daß Anna Gray eine sehr redselige Frau war, gab ich Milo mit den Augen zu verstehen, daß er sie hinauskomplimentieren sollte. Sie ging widerstandslos darauf ein. Offenbar empfand sie das Gespräch mit einem echten G-man als sehr aufregend.
»Dürfen wir Ihr Telefon anzapfen und einen unserer Leute im Hause stationieren?« fragte ich Gracia McLaren.
»Ja — natürlich«, sagte sie erregt. »Ich überlasse es Ihnen, was zu tun ist. Sie müssen mir nur versprechen, daß nichts geschieht, was Bruce schaden könnte.«
Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich trat ans Telefon und wählte gerade die Nummer des Distriktgebäudes, 535-7700. In der Halle ertönten Schritte. Die Tür öffnete sich. Auf der Schwelle erschien ein unrasierter Mann. Er trug einen vorn offenstehenden Regenmantel, unter dem ein Tweedsakko und eine Gabardinehose zu sehen waren. Ich erkannte ihn sofort. Es war Bruce McLaren.
»Bruce!« schrie die junge Frau. Sie gab sich einen Ruck, lief auf ihn zu und warf ihre Arme um seinen Hals.
Er blickte erstaunt auf sie hinab und berührte mit einer Geste des Trostes und der Beruhigung ihr Haar. Sein Blick ging über die Schulter der jungen Frau hinweg zu mir. »Wer sind Sie?«
»Jesse Trevellian vom FBI«, sagte ich.
Mir schien es so, als würden sich seine Augen kaum merklich verengen. Behutsam löste er sich aus der Umarmung seiner Frau. Er zog den Mantel aus und warf ihn über einen Sessel. »Das ist doch Blödsinn«, sagte er. Seine Stimme klang so rauh und verkratzt, als hätte er viel getrunken oder gesprochen. »Hast du das FBI verständigt?« wollte er von seiner Frau wissen.
»Nein, die Herren kamen von allein«, erwiderte Gracia McLaren verwirrt. »Wo hast du bloß gesteckt, Liebling? Wir waren deinetwegen in schrecklicher Aufregung/«
»Wir — was meinst du damit?«
»Der Butler, Mrs. Gray, die beiden Herren vom FBI und vor allem ich.« McLaren setzte sich. Er sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Um seine Augen lagen dunkle Ringe. »Sei so lieb und mache mir einen starken Kaffee«, sagte er zu seiner Frau. »Aber rasch, bitte.«
»Willst du mir nicht erst sagen…?« begann Gracia McLaren.
»Später«, winkte er ab. »Sobald wir allein sind.«
Die junge Frau nickte. Sie zwang sich zu einem Lächeln, das ein wenig hilflos ausfiel. »Hauptsache, du bist wieder da«, flüsterte sie und hauchte ihm einen Kuß auf den Mund. Er blickte ihr geradezu verdutzt nach. Geistesabwesend wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund. Ich gewann den Eindruck, daß ihn die Freude und die Erleichterung, die seine Frau zeigte, ebenso überraschten wie die Furcht, die sie bislang um ihn ausgestanden hatte. Dann blickte er mich an.
»Wie Sie sehen, hat man Sie umsonst alarmiert«, sagte er.
Ich legte den Hörer aus der Hand. »Niemand hat uns alarmiert«, stellte ich richtig. »Wir sind aus eigenem Antrieb gekommen. Wir erhoffen uns von Ihnen Unterstützung in einer äußerst dringlichen Angelegenheit.«
»Betrifft sie mich persönlich?«
»Als wir herkamen, suchten wir nur Ihren Rat. Die Ereignisse haben unser Ziel verschoben.«
Er fuhr sich mit der Hand um das stoppelige Kinn. »Ich muß scheußlich aussehen«, sagte er. »Wie wäre es, wenn Sie mich heute nachmittag im Office besuchten? Aber bitte nicht vor fünf, ich muß mich erst einmal ausschlafen.«
»Wer hat Sie entführt?« fragte ich ihn.
Er ließ die Hand sinken und starrte mich an. »Entführt? Ich bin nicht entführt worden, mein Lieber.«
»Mrs. Gray will gesehen haben…«
»Jeder in der Umgebung weiß, daß Mrs. Gray eine hysterische alte Klatschtante ist«, unterbrach er mich. Seine Stimme klang leicht gereizt. Ich fragte mich nach dem Grund. Bruce McLaren war nicht der Typ, der sich schnell erregte. Vielleicht lag es nur daran, daß ihm ein paar Stunden Schlaf fehlten.
»Immerhin waren Sie eine Nacht von zu Hause weg«, stellte ich fest.
»Ich hatte dafür meine Gründe«, erklärte er. »Sie sind rein privater Natur.«
Ich musterte ihn einige Sekunden schweigend und zuckte dann mit den Schultern. »Ich kann Sie nicht zu einer Aussage zwingen. Wir sehen uns heute nachmittag in Ihrem Office.«
Ich verließ das Zimmer. Kurz darauf betrat ich die Küche. Gracia McLaren war damit beschäftigt, Kaffee zu kochen. Während sie am Herd stand, starrte sie wie fasziniert auf den flimmernden Bildschirm eines transportablen Fernsehgerätes. Als ich hinter ihr auftauchte, stieß sie einen erschreckten Schrei aus.
»Verzeihen Sie, bitte«, entschuldigte ich mich. »Ich suche meinen Kollegen…«
»Er ist mit Mrs. Gray in den Garten gegangen«, sagte Gracia McLaren, die mir einen kurzen Blick zuwarf und dann wieder das Geschehen auf dem Bildschirm verfolgte. Ich verabschiedete mich und ging.
Milo war nicht im Garten. Er war auch nicht auf der Straße. Dafür entdeckte ich Anna Gray. Sie stand an der Kreuzung und unterhielt sich mit einer älteren, hageren Frau. Ich ging auf die beiden Damen zu und erkundigte mich bei Mrs. Gray nach Milo.
»Ich habe mich vor drei Minuten von ihm verabschiedet«, sagte sie überrascht. »Offen gestanden war ich etwas pikiert. Er hatte es auf einmal so eilig…«
»Wohin ist er gegangen?«
»Woher soll ich das wissen? Ich bemerkte in diesem Moment Mrs. Jacobson und eilte auf sie zu, um ihr mitzuteilen, was mir mit den McLarens passiert ist. Ich war völlig erschlagen, als ich mit Ihrem Kollegen im Garten stand, und plötzlich tauchte Mr. McLaren vor uns auf! Können Sie sich vorstellen, was mein Mann jetzt zu mir sagen wird? Ed wird behaupten, daß mir ganz recht geschähe, und vielleicht trifft das sogar zu. Ich schwöre Ihnen, daß ich meine Nase nicht wieder in anderer Leute Angelegenheiten stecken werde. Man blamiert sich nur dabei. Daß ich es gut meinte, werden Sie mir aber hoffentlich glauben…«
»Kehrte Mr. McLaren allein zurück, oder verabschiedete er sich vor dem Grundstück von einem Begleiter?«
»Darauf habe ich nicht geachtet. Ich war nur völlig perplex, als er plötzlich im Garten erschien.«
»Vielen Dank«, sagte ich und ging zu meinem Jaguar. Ich setzte mich hinein und griff nach dem Handmikrofon. Die Zentrale verband mich mit der gewünschten Abteilung. Wenige Minuten später wußte ich, daß der 67er Pontiac mit der Nummer XL-4589 einem Handelsvertreter namens Ray Garrison gehörte. Garrison hatte den Wagen bereits am Vorabend als gestohlen gemeldet. Ich notierte mir Garrisons Adresse und legte auf.
Dann wartete ich auf Milo. Ich wartete vergebens. Milo war wie vom Erdboden verschwunden.
***
»Da sind Sie ja schon wieder«, sagte Bruce McLaren mißgelaunt, als ich ihm eine halbe Stunde später in seinem Wohnzimmer gegenübertrat. »Es war ausgemacht, daß Sie mich heute nachmittag im Büro besuchen.«
Ich nickte. »Leider haben sich ein paar Dinge ereignet, die eine Änderung meiner Dispositionen erforderlich machen«, sagte ich.
Bruce McLaren hatte sich inzwischen rasiert. Sein feuchtes Haar und die Tatsache, daß er jetzt einen Bademantel trug, ließen erkennen, daß er auch geduscht hatte. Er rauchte eine Zigarette und wies mürrisch auf einen Sessel. Ich setzte mich. McLaren trat ans Fenster und blickte hinaus. »Machen Sie es kurz«, sagte er. »Ich will mich hinlegen.«
»Mrs. Gray beobachtete gestern abend, daß Sie mit zwei Männern in einem 67er Pontiac davonfuhren«, Sagte ich.
»Ich kann daran nichts Ungewöhnliches entdecken«, meinte er gereizt.
»Der Wagen wurde gestohlen«, sagte ich.
McLaren wandte sich mit einem Ruck um. »Gestohlen? Wie kommen Sie denn darauf?«
»Ich habe es überprüft. Mrs. Gray hatte sich die Nummer des Fahrzeuges notiert.«
»Mrs. Gray, Mrs. Gray!« bellte Bruce McLaren los. »Um Ihre Arbeit kann es nicht gut bestellt sein, wenn Sie sich von einer bekannt hysterischen Dame beeindrucken lassen.«
»Mrs. Gray glaubte, daß man Sie entführen wollte. . Sie notierte sich die Nummer des Wagens, der dabei benutzt wurde. Unter den gegebenen Umständen handelte sie absolut richtig.«
»Wie Sie sehen, bin ich wieder in meinem Haus. Von einer Entführung kann demnach nicht die Rede sein.«
»Wohl aber von einem gestohlenen Wagen. Sie waren mit den mutmaßlichen Dieben unterwegs. Ich muß Sie bitten, mir die Namen der Männer zu nennen. Falls Sie sich weigern sollten, machen Sie sich der Begünstigung und der Zeugnisverweigerung schuldig.«
»Ich bin selber juristisch vorgebildet«, sagte er unwirsch. »Zeigen Sie mich meinetwegen an. Sie wissen so gut wie ich, daß bis zu dem Termin ein paar Monate verstreichen werden. Bis dahin dürfte der Wagen längst wieder in die Hände seines Eigentümers geraten sein.«
»Das kann weder den Tatbestand des Diebstahls noch die damit verbundenen Begleitumstände ändern. Es geht mir aber nicht nur um den Wagen. Vielmehr bin ich am Verbleib meines Kollegen interessiert.«
»Wieso? Was ist denn mit dem?«
»Als Sie zurückkehrten, stand er mit Mrs. Gray im Garten. Ich nehme an, Sie haben die beiden stehen sehen. Unmittelbar darauf trennte sich mein Kollege von der alten Dame. Es gibt dafür nur eine Erklärung.«
»Meinetwegen zehn. Was habe ich damit zu tun?« fragte Bruce McLaren erregt.
»Eine ganze Menge. Mein Kollege muß bemerkt haben, daß Sie nicht allein zurückkamen. Er schaltete blitzschnell und folgte dem Mann oder den Männern, die Sie nach Hause gebracht haben. Wer war das?«
»Ich bin allein gekommen«, behauptete Bruce McLaren. Er trat an den Schreibtisch und drückte seine Zigarette in einem Ascher aus. »Ganz allein!«
»Zu Fuß?«
»Nein, mit einem Taxi.«
»Woher kamen Sie?«
»Das ist meine Sache, Sir!«
»Folgte Ihnen jemand?«
»Ich habe nicht darauf geachtet. Was soll dieses blödsinnige Verhör. Es ist nicht meine Schuld, wenn Ihr Kollege verschwindet. Ich habe ihn nicht in die Tasche gesteckt. Und was das andere betrifft, so muß ich Ihnen leider sagen, daß es sich um persönliche Dinge handelt, über die ich nicht zu sprechen wünsche.«
»Ich komme nicht von dem Gefühl los, daß man Sie erpreßt«, sagte ich. »Sie folgen einem fremden Willen.«
»Perfekter Blödsinn!« brummte er und schaute auf seine Uhr. »Es wird Zeit, daß ich in die Klappe komme. Bitte, lassen Sie mich jetzt allein.«
Ich ging und setzte mich in meinen Jaguar. Kurz darauf hatte ich meinen Chef, Mr. John D. McKee, an der Strippe. Ich berichtete ihm von Milos Verschwinden und den übrigen Ereignissen.
»Milo ist schon seit einer Dreiviertelstunde unterwegs«, schloß ich. »Ihm muß etwas zugestoßen sein. Er hätte sich sonst längst gemeldet. Ich vermute, daß er die Namen der Männer festzustellen versuchte, die Bruce McLaren nach Hause brachten oder ihm bis vor das Grundstück folgten. Die Gangster zogen es daraufhin offenbar vor, Milo mit Waffengewalt zu entführen. Eine andere Erklärung gibt es nicht.«
»Bleiben Sie am Mann«, sagte Mr. McKee. »Ihrer Schilderung zufolge ist Bruce McLaren der Schlüssel zu dem Geschehen. Sie müssen nochmals mit ihm sprechen.«
»Er ist ein Schlüssel ohne Bart. McLaren weigert sich beharrlich, mit uns zusammen zu arbeiten.«
»Das ist mir unverständlich«, meinte Mr. McKee. »Bruce McLaren gilt als völlig integer. Ohne den Ruf seiner Unbestechlichkeit hätte er es schwerlich geschafft, Finanzberater des Präsidenten zu werden.«
»Vermutlich zwingen ihn uns unbekannte Umstände zu einem Handeln, das in schroffem Gegensatz zu seinem Normalverhalten steht. Ich nehme nochmals mit McLarens Sekretärin Verbindung auf. Gleichzeitig versuche ich, über den gestohlenen Pontiac an die Unbekannten heranzukommen. Ich rufe zurück, sobald sich neue Anhaltspunkte ergeben.«
Ich holte den Stadtplan aus dem Handschuhfach und breitete ihn vor mir aus. Ray Garrison wohnte in der 138. Straße im Stadtteil Bronx. Dort war ihm der 67er Pontiac aus der unverschlossenen Garage gestohlen worden.
Es lag auf der Hand, daß der oder die Diebe irgendwo in ’der Nähe wohnten, denn wer fährt schon in einen anderen Stadtteil, wenn er einen Wagen stehlen will? Ich zog in Gedanken einen Kreis um die 358. Straße und rief dann das zuständige Polizeirevier an.
Ich schilderte dem Lieutenant vom Dienst, worum es ging. Er nannte mir auf Anhieb ein Dutzend Namen notorischer Autoknacker aus seinem Bezirk. Ich kannte keinen davon.
»Wenn meine Vermutungen stimmen, können wir die kleinen Fische ausschließen«, machte ich dem Lieutenant klar. »Wir sollten davon ausgehen, daß es sich um die Handlanger oder Mitglieder eines Syndikates handelt.«
»Hm«, machte der Lieutenant. »Da kämen eigentlich nur Herb Sanders, Al Griffith und Jeff Colman in Frage. Sanders liegt meines Wissens seit ein paar Tagen im Krankenhaus. Er wurde von zwei Unbekannten zusammengeschlagen. Wenn Sie es wünschen, lasse ich Griffith und Colman überprüfen.«
»Danke, mir genügt es zunächst einmal, wenn Sie mir die Adressen und die notwendige Background-Information liefern«, sagte ich.
»Warten Sie, ich suche die Karteikarten heraus. Griffith und Colman sind Profis, beide mehrfach vorbestraft. Sie haben nicht genügend Grips, um allein zu arbeiten. Von Griffith heißt es, daß er von der Zanutti-Gang beschäftigt würde. Colman ist schwieriger einzuordnen. Er hat mal für die Parker-Leute eine Schlepperkolonne geleitet, aber seitdem die Parker-Gang aufgeflogen ist, kann das nicht mehr zutreffen.«
Ich notierte mir die Adressen, die ich von dem Lieutenant erhielt, und faltete dann den Stadtplan zusammen. Mein Blick wurde von einer Bewegung irritiert, die ich aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm. Ich wandte den Kopf und stieß einen dünnen Pfiff aus.
Ein Mann kletterte über einen Balkon, der sich an der Stirnseite von Mc-Larens Haus- befand. Der Mann war wie ein Gärtner gekleidet. Er trug Blue jeans und ein kariertes Hemd. Den Strohhut hatte er tief in seine Stirn gezogen, so daß sein Gesicht im Schatten lag.
Ich sah, daß ihm das Klettern einige Mühe bereitete. Er machte keinen sehr gewandten Eindruck und blickte wiederholt in die Tiefe, ehe er sich endgültig daran wagte, über ein hölzernes Spalier nach unten zu steigen.
Ich bemerkte, daß der Mann einen merkwürdigen Bart und eine Sonnenbrille trug. Er huschte hinter eine Gruppe von Sträuchern und war im nächsten Moment aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich jumpte aus meinem Jaguar und durchquerte rasch den Vorgarten von McLarens Grundstück.
Ich bemühte mich dabei, im -Schutz von Büschen und Bäumen zu bleiben, um nicht gesehen zu werden. Wenig später sah ich den Mann in der Gärtnerkluft erneut. Er überstieg den Zaun des Grundstücks. Dabei löste sich sein Bart. Ich war nicht überrascht, als ich das Gesicht von Bruce McLaren erkannte.
Natürlich konnte ich auf ihn zugehen und die Frage an ihn richten, was diese Maskerade bedeuten sollte, aber ich hatte keine Lust, mich abermals mit dummen Ausflüchten abspeisen zu lassen. Ich zog es vor, festzustellen, was er als nächstes zu tun beabsichtigte.
Die Tatsache, daß er sein Grundstück über den hinteren Zaun und in der Kluft eines Gärtners verließ, machte deutlich, daß er von keinem gesehen zu werden wünschte. Als ich ihm folgte, achtete ich daräuf, daß er mich nicht bemerkte.
Wir durchquerten mehrere Gärten. Manchmal verlor ich McLaren aus den Augen, aber ich holte ihn immer wieder ein. Dann erreichten , wir die Silver Koad. McLaren betrat die Straße und rückte seinen Hut zurecht. Er schaute furchtsam nach links und nach rechts, dann setzte er sich mit raschen Schritten in Bewegung und ging auf die nächste Kreuzung zu.
An dieser Kreuzung stand ein verglastes Telefonhäuschen der Bell Company. Wenn er telefonieren wollte, warum benutzte er dafür nicht den Apparat in seinem Haus? Fürchtete er, daß man die Leitung angezapft hatte? Oder gab es einen anderen Grund für sein seltsames Handeln?
Ich zögerte, die Straße zu betreten. Sie war menschenleer. Wenn Bruce McLaren sich nochmals umschaute, mußte er mich sehen. Ich blieb also hinter einem Fliederbusch stehen und wartete.
Bruce McLaren betrat die Telefonzelle. Er holte eine Münze aus seiner Tasche, warf sie in den Apparat und griff nach dem Hörer. Als er eine Nummer wählte, wandte er mir seinen Rücken zu.
Ich sah, wie ein Wagen um die Ecke bog. Es war ein 67er Pontiac mit der Nummer XL-4589. Ich sprang auf die Straße, weil mir dämmerte, was jetzt geschehen würde, aber die Kreuzung war fünfzig Yard von mir entfernt, und Bruce McLaren konnte meinen Warnschrei nicht hören.
Die Schüsse zerrissen die Stille der breiten Villenstraße. Sie vermischten sich mit dem Bersten der Glasscheiben und dem Aufheulen des Wagenmotors. Ich sah, wie der Pontiac mit schlingerndem Heck davonraste.
Ich rannte auf die Telefonzelle zu. Der Hörer schwang an seiner Strippe leer in der Luft hin und her. Bruce McLaren war zusammengebrochen.
»Mr. McLaren!« rief ich, als ich die Tür aufriß.
Ich sah mit einem Blick, daß er nicht mehr in der Lage war, mir zu antworten.
***
Ich drehte ihn behutsam auf die Seite. Dann richtete ich mich auf. Ich drückte die Telefongabel nach unten, warf eine Münze ein und wählte die Nummer des nächsten Polizeireviers. Ich gab mit dürren, knappen Sätzen durch, was sich ereignet hatte und was getan werden mußte.
»Der Pontiac hat die Nummer XL-4589«, schloß ich. »Veranlassen Sie bitte, daß sofort alle in Frage kommenden Ausfallstraßen gesperrt werden. Benachrichtigen Sie die Highway Police und die City Police und sorgen Sie dafür, daß schnellstens ein Arzt mit einem Ambulanzwagen herkommt.«
Danach rief ich die Mordkommission an. Als ich auflegte, hatte sich vor der Zelle ein Dutzend Menschen eingefunden. Die Schüsse hatten sie aus den umliegenden Häusern gelockt. Alle fragten und redeten wild durcheinander.
Ein Mann kniete sich neben McLaren auf den Boden. Die anderen machten ihm respektvoll Platz. »Ich bin Arzt«, sagte der Mann. Er beugte sich über McLaren und hob mit dem Daumen sein linkes Augenlid. »Er lebt noch«, murmelte der Arzt, »aber wenn ihm nicht rasch geholfen wird, stirbt er hier auf der Straße.«
Er stand auf und befahl zwei Männern, den Schwerverletzten aufzuheben. Er sagte ihnen, wie sie Vorgehen sollten, und dirigierte sie dann quer über die Straße in sein Haus. Die Neugierigen folgten der Gruppe. Ich war der einzige, der an der Telefonzelle zurückblieb.
Ich hatte gesehen, daß der Pontiac von zwei Männern besetzt gewesen war. Geschossen hatte der Mann im Fond. Die Gangster hatten mir den Rücken zugewandt. Ihre Gesichter hatte ich nicht erkennen können.
Ich griff erneut nach dem Hörer und wählte 535-7700. Eine halbe Minute später hatte ich Mr. McKee an der Strippe.
»Gut, daß Sie anrufen«, sagte er. »McLaren hat versucht, mit mir zu sprechen. Er rief mich vor wenigen Minuten an, kam aber nicht dazu, sein Vorhaben auszuführen. Er wurde von einigen Schüssen unterbrochen. Der Anruf war zu kurz, um den Apparat lokalisieren zu können.«
»Ich war Zeuge des Vorfalls«, sagte ich. »Leider war ich zu weit entfernt, um den Anschlag zu verhindern. McLaren wurde von einigen Kugeln lebensgefährlich verletzt. Es ist zweifelhaft, ob er durchkommen wird. Ein Arzt kümmert sich bereits um ihn. Fest steht, daß McLaren nicht aussagefähig ist, daran wird sich auch in den nächsten Stunden und Tagen kaum etwas ändern.«
»Warum rief er mich an? Was wollte er mir sagen?«
»Die Wahrheit, nehme ich an. Die Wahrheit über seine Entführer und deren Forderungen.«
»Aber Sie waren doch bei ihm! Er wußte, daß Sie FBI-Agent sind! Warum hat er sich Ihnen nicht an vertraut?«
»Dafür gibt es nur eine Erklärung. Bruce McLaren wagte es nicht, in seinem Haus offen zu sprechen. Er fühlte sich belauscht und beobachtet. Das erklärt die Maskerade, die er benutzte, um sein Haus unerkannt zu verlassen. Es erklärt auch die Tatsache, daß er nicht den Mut fand, sein eigenes Telefon zu benutzen. Statt dessen schlich er durch mehrere fremde Gärten auf Umwegen zur nächsten Telefonzelle.«
»Wer hätte ihn belauschen sollen? Die Dienstboten? Oder seine Frau?«
»Ich habe keine Dienstboten gesehen, obwohl die McLarens sicherlich einige beschäftigen. Sein Frau? Auch das erscheint mir zweifelhaft, obwohl dieser Punkt überprüft werden muß. Sie schien zwar schrecklich erleichtert, als ihr Mann nach Hause zurückkehrte, aber an der Art, wie ihr Mann diese Freude aufnahm, war zu erkennen, daß ihn diese Reaktion überraschte.«
»Was ist mit Milo?«
»Er hat sich noch nicht gemeldet. Ich rufe Sie später wieder an.«
Ich legte auf. Eine Viertelstunde danach traf die Mordkommission ein. Ich erklärte den Beamten, was sich ereignet hatte, und ging zurück zum Haus der McLarens. Gracia McLaren öffnete mir mit verweinten Augen die Tür.
»Ich habe es vor fünf Minuten erfahren«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich kann es noch immer nicht fassen. Es ist so schrecklich! Lieber Himmel, wie konnte das nur geschehen? Bruce hat doch keinem Menschen etwas getan!«
Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich mußte die junge Frau dabei stützen. Sie war so schwach auf den Beinen, daß sie einige Male stolperte. »Wer hat Sie benachrichtigt?« wollte ich wissen.
»Irgend jemand aus der Nachbarschaft. Das Ereignis hat sofort die Runde gemacht«, erwiderte Gracia McLaren.
»Ich muß zu ihm! Bruce liegt bei Dr. Ferguson, nicht wahr? Ich wollte gleich nach dem Anruf losgehen, aber mir fehlte einfach die Kraft dazu.«
»Ich fahre Sie hin«, entschied ich. »Vorher habe ich nur noch einige Fragen. Ist es Ihnen bekannt, auf welche Weise Ihr Mann das Haus verließ? Er war wie ein Gärtner gekleidet und trug außer einer Sonnenbrille einen falschen Bart. Haben Sie dafür eine Erklärung? Ich sah, wie er über einen Balkon in den Garten kletterte.«
Gracia McLaren war so verdutzt, daß ihre Tränen versiegten. »Warum sollte er etwas derartig Abwegiges getan haben?« fragte sie.
»Das möchte ich von Ihnen wissen.«
»Ich habe keine Erklärung dafür«, meinte sie. »Es ist doch völlig verrückt! Wir — wir hatten niemals Geheimnisse voreinander.«
»Bestimmt nicht?«
Die junge Frau mußte sich setzen. Sie zitterte am ganzen Leib. »Warum sehen Sie mich so merkwürdig an?« fragte sie. »Bruce ist mein Mann. Ich liebe ihn.«
»Er ist nicht tot. Ihm und uns bleibt die Chance, daß er durchkommen wird. Er wollte mit Ihnen über die vergangene Nacht sprechen. Welche Erklärung gab er Ihnen für seinen nächtlichen Ausflug?«
»Bruce wollte nach dem Schlafen mit mir darüber sprechen«, erklärte Gracia McLaren.
»Damit gaben Sie sich zufrieden?« fragte ich sie erstaunt. »Die Neugierde muß Sie doch gequält haben.«
»Nein, eigentlich nicht. Bruce ist schließlich sehr oft nachts unterwegs.«
»Das höre ich zum erstenmal. Warum waren Sie dann so aufgeregt, als er die letzte Nacht von zu Hause wegblieb?«
»Er sagte mir sonst immer Bescheid, wenn er auszugehen beabsichtigte. Gestern blieb er zum erstenmal völlig unmotiviert weg. Außerdem war er in den Sachen losgegangen, die er nur zu Hause trägt.«
»Wen pflegte er nachts zu besuchen?«
»Geschäftsfreunde, nehme ich an.«
»Sie wissen es nicht genau?«
Die junge Frau zuckte hilflos mit den Schultern. »Ach, wissen Sie, ich habe nie etwas von seiner Zahlenakrobatik verstanden. Seine Börsenfreunde hätten sich meinetwegen ebensogut hindustanisch unterhalten können. Deshalb war ich nie darauf versessen, ihn zu begleiten. Ich kam mir dabei überflüssig vor.« Ich brachte die junge Frau in das Haus des Doktors. Am Zustand des Verletzten hatte sich nichts geändert. Er wurde für die Operation vorbereitet und war noch immer ohne Bewußtsein.
***
Ich telefonierte ein paarmal und erfuhr, daß der Pontiac noch nicht aufgespürt worden war. Milo hatte sich bislang nicht gemeldet. Seit seinem Verschwinden waren inzwischen rund achtzig Minuten verstrichen. Ich stieg in meinen Jaguar und fuhr zurück nach New York.
Bruce McLarens Office befand sich in einem alten, aus dunklen Quadersteinen gebauten Haus. In jeder anderen Straße hätte das Gebäude antiquiert und vermufft gewirkt, aber für die Wall Street war es gerade das richtige. Es hinterließ einen seriösen und distinguierten Eindruck. Der mit Mahagoni getäfelte Lift war reichlich betagt. Er brachte mich langsam und knarrend in die sechste, oberste Etage des Hauses. Ich bezweifelte nicht, daß McLaren für den Luxus, hier in der Wall Street zu residieren, ein Vermögen ausgeben mußte. Für einen Geldmakler und Börsianer war es jedoch von unschätzbarem Wert, wenn diese Adresse auf seinen Briefbogen erschien.
Im Vorzimmer saß ein junger, hochaufgeschossener Mann. Er ließ bei meinem Eintreten rasch ein Buch in der Schublade verschwinden. »Was kann ich für Sie tun, Sir?« fragte er.
»Trevellian ist mein Name. Ich hätte gern ein paar Worte mit Miß Andrews gesprochen.«
»Bedaure, Sir. Sie ist nicht im Büro.«
»Wo kann ich sie erreichen?«
»Wir wissen es nicht. Sie ist vor zwei Stunden weggegangen, ohne zu sagen, wohin. Sie bekam einen Anruf und brach auf. Soll ich etwas für sie hinterlassen?«
»Wer vertritt Mr. McLaren?«
»Das ist Mr. Sandhill. Ich melde Sie an.«
Howard Sandhill, dem ich wenige Minuten später in einem kleinen, recht behaglich wirkenden Büro gegenübersaß, war ein Mittvierziger mit Halbglatze, einer dicken Hornbrille, gelben Zähnen, die jedem Pferd Ehre gemacht hätten, und sehr schlanken beweglichen Händen, an denen er aus unerfindlichen Gründen ein paar plumpe, geschmscklose Ringe trug.
Ich sagte ihm, wer ich war und welches Schicksal seinen Chef ereilt hatte. Howard Sandhill öffnete den Mund und vergaß für einige Sekunden, ihn wieder zu schließen.
»Phantastisch«, sagte er dann, »nahezu unglaublich! Der arme Mr. McLaren. Offen gestanden waren wir seit heute morgen um ihn in beträchtlicher Sorge. Die Anrufe seiner Frau hatten uns aufgescheucht. Wir sahen keinen Grund, weshalb er eine ganze Nacht von zu Hause hätte fortbleiben sollen.«
»Wer ist seine Freundin?« fragte ich rundheraus.
Sandhill schluckte. Hinter seinen Brillengläsern traten ihm die Augen aus den Höhlen. Er blickte rasch auf seine Hände hinab und begann an den Ringen herumzufummeln. »Das ist eine sehr private Frage, Sir«, murmelte er. »Sie können von mir keine Antwort darauf erwarten.«
»Es geht um die Aufklärung eines Mordversuchs«, machte ich ihm klar.
Sandhill musterte mich neugierig. »Eines interessiert mich. Wie haben Sie so schnell herausgefunden, daß der Chef eine Freundin hat?«
»Es ist zu spüren, daß zwischen ihm und seiner Frau nicht alles zum besten steht.«
»Oh, ich glaube schon, daß Gracia McLaren an ihrem Mann hängt. Aber er betrachtet, fürchte ich, seine Ehe als einen Fehlschlag. Er ist ein Börsenmann und schätzt Fachgespräche. Mit seiner Frau kann er über diese Dinge nicht sprechen. Soviel ich weiß, pflegt Gracia McLaren sehr — äh — oberflächliche Interessen. Es genügt ihr, sich vom Fernsehen unterhalten zu lassen. Bitte, mißverstehen Sie mich nicht. Es liegt mir fern, das kritisch oder gar abwertend zu sagen. Ich wiederhole nur, was ich aus gelegentlichen Bemerkungen des Chefs heraushörte.«
»Wer ist seine Freundin?« wiederholte ich ruhig.
Sandhill räusperte sich. »Miß Andrews, Sir. Seine Sekretärin. Es ist keines dieser üblichen Büroverhältnisse. Ich wage zu behaupten, daß sich die beiden lieben. Natürlich ist es leicht, so etwas zu verurteilen… Aber ich versichere Ihnen, daß Miß Andrews eine reizende Person ist. Und was den Chef betrifft, so würde er sie gewiß heiraten, wenn er nicht schon verheiratet wäre. Eine sehr unglückliche Situation.«
»Er kann sich scheiden lassen«, sagte ich.
»Soviel ich weiß, ist Miß Andrews dagegen. Sie will ihr Glück nicht auf den Scherben einer zerstörten Ehe aufbauen.«
»Haben Sie eine Ahnung, wohin Miß Andrews gerufen wurde und wann sie zurückkommen wird?«
»Nein, Sir. Als sie ging, meinte sie nur, sie wäre sicherlich in spätestens zwanzig Minuten zurück. Sie machte einen etwas nervösen, verschreckten Eindruck, als ob der Anruf eine schlechte Nachricht enthalten hätte.«
»Wohnt sie bei ihren Eltern?«
»Nein, sie teilt das Apartment mit einer Freundin. Die Adresse lautet Atlantic Avenue 191.«
»Ich vermute, daß Sie als Mr. Mc-Larens Vertreter eine Menge von Finanzgeschäften verstehen«, sagte ich. »Vor allem vom Investmentgeschäft.«
»O ja«, sagte Sandhill. »Das ist mein Spezialgebiet. Mr. McLaren ist Vorstandsmitglied einer großen Investmentgesellschaft, der Rapid Growth Fund. Ich erledige alle damit zusammenhängenden Routinearbeiten.«
»Haben Sie davon gehört, daß die Unterwelt einige dieser großen Gesellschaften um Millionenbeträge zu schädigen versucht?«
Sandhill hob die Augenbrauen. »Das Geschäft mit Investmentzertifikaten hat die Lebensversicherungen überflügelt. Der Grund ist klar. Jeder Kleinsparer hat dabei die Chance, durch von Managern zusammengestellte und verwaltete Aktienfonds am Verdienst der Großindustrie teilzuhaben. Die Umsätze gehen in die Milliarden. Es ist klar, daß die Unterwelt von derlei Summen fasziniert wird. Aber ich sehe für sie keinen Weg, einen Einbruch in das Fondsgeschäft zu erzielen. Die Gesetze sind streng. Die Einzahlungen der Kunden gehen auf Sperrkonten. Die Investmentgesellschaften können davon zwar Aktien kaufen, aber sie dürfen nicht über das Geld verfügen. Wie Sie wissen, leben diese Gesellschaften von den Abschlußprovisionen und ihrem Gewinnanteil. Für die Unterwelt ist da kein Geschäft zu machen.«
»Ich denke doch. Woraus besteht ein Investmentfonds? Aus verschiedenen Aktien- oder Rentenpapieren. Es ist Sache des Fondsmanagements, möglichst gewinnträchtige Papiere zu kaufen, um ein' rasches Wachstum zu erzielen. Die Unterwelt hakt an diesem Punkt ein. Sie kauft nahezu insolvente und vor der Pleite stehende Firmen auf, natürlich zu einem Schleuderpreis. Dann zwingt sie die Investmentfonds dazu, diese Papiere zu einem Überpreis in den Fonds aufzunehmen.«
»Ich wüßte nicht, wie das die Unterwelt bewerkstelligen könnte«, meinte Sandhill. »Jeder Investmentfonds hat einen Board von Managern, der über den An- oder Verkauf von Papieren abstimmt. Selbst wenn es der Unterwelt gelingen sollte, ein oder zwei Leute zu bestechen oder zu erpressen, würden diese Leute vom Rest des Vorstandes bei einem so indiskutablen Vorschlag glatt überstimmt.«
»Sie wissen natürlich, daß jeder Vorstand einen Top Man hat, einen Berater, dessen Meinung man sich gern anschließt, weil seine Tips immer richtig liegen. Nehmen wir zum Beispiel Ihren Chef. Er gilt als Finanzgenie. Der von ihm betreute Fonds hat eine enorme Aufwärtsentwicklung durchgemacht. Er gilt gleichsam als Senkrechtstarter der Branche. Nehmen wir einmal an, Mr. McLaren würde ein Papier empfehlen, das in Wirtschaftskreisen als kompletter Versager gilt. Wie würden die anderen Mitglieder des Board darauf reagieren?«
Sandhill strich sich um das Kinn. »Sie würden Einwände erheben, das ist ganz sicher.«
»Auch dann noch, wenn McLaren ihnen erklärte, die Firma käme in Kürze mit sensationellen markterobernden Neuheiten heraus?«
»Hm«, machte Sandhill. »Ich vermute, in diesem Fall würde sich der Vorstand seinen Vorschlägen schon deshalb beugen, weil der Chef stets als gut informiert gilt.«
»Darauf wollte ich hinaus. Die Unterwelt braucht sich aber nur die Top-Leute zu schnappen und sie auf diese oder jene Weise gefügig zu machen. Es ist klar, daß die Gangster bei der Aussicht auf Millionengewinne keine Skrupel haben, dabei selbst die gemeinsten und brutalsten Methoden anzuwenden.«
»Ich gebe zu, daß so etwas passieren könnte«, meinte Sandhill gedehnt. »Aber früher oder später müßte der Vorstand erkennen, daß das Papier faul ist, weil es keinen Gewinn bringt. Man würde versuchen, es rasch wieder abzustoßen.«
»Mit Millionenverlusten«, nickte ich. »Möglicherweise kaufen die Gangster dieselben Papiere noch einmal auf, um sie dann an anderer Stelle mit der gleichen Masche nochmals loszuschlagen.« Sandhill starrte mich an. »Ich fange an, zu begreifen. Sie glauben, daß der Anschlag auf Mr. McLaren vor dem Hintergrund solcher Praktiken gesehen werden muß, nicht wahr?«
»Es ist zu befürchten, daß Mr. McLaren gestern abend von einem Syndikat entführt wurde. Die Gangster benutzten die Nacht dazu, ihn in ihrem Sinn zu bearbeiten. McLaren kehrte heute morgen eingeschüchtert zurück. Er hatte Angst, in seinem Haus offen zu sprechen. Wahrscheinlich hatte man ihm weisgemacht, daß in seiner Wohnung Abhörmikrofone installiert worden waren. Aus diesem Grund zog er es vor, sich verkleidet aus dem Haus zu schleichen. Er ging zur nächsten Telefonzelle, um das FBI zu verständigen. Aber noch ehe er eine Chance hatte, seine Nachricht zu übermitteln, wurde er von den aufmerksamen Gangstern niedergeschossen. Sie hatten ihn durchschaut und zogen auf diese Weise in letzter Sekunde die Notbremse.«
»Das ist ja furchtbar, einfach entsetzlich!« hauchte Howard Sandhill.
Ich erhob mich. »Rufen Sie mich bitte sofort an, sobald Miß Andrews zurückgekommen ist.«
Sandhill brachte mich zur Tür. »Glauben Sie, daß Leonies Verschwinden mit — mit Ihren Vermutungen in Zusammenhang gebracht werden muß?«
»Ich fürchte, ja. Miß Andrews wurde allem Anschein nach unter einem Vorwand aus dem Office gelockt. Die Gangster setzten das Mädchen fest, um sie als Druckmittel zu benutzen. Leonie Andrews’ Entführung sollte McLaren klarmachen, daß ei das Leben seiner Geliebten aufs Spiel setzte, wenn er die Syndikatsforderungen nicht erfüllte.«
»Um Himmels willen«, stöhnte Howard Sandhill. »Wenn das stimmen sollte, schwebt die arme Leonie ja in Lebensgefahr!«
Ich verabschiedete mich und ging. McLaren war lebensgefährlich verletzt. Milo und Leonie Andrews waren spurlos verschwunden. Alles deutete darauf hin, daß sie von Gangstern des Syndikats entführt worden waren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Mr. McKee hatte Milo und mir die Aufgabe übertragen, eine kriminelle Einflußnahme der Unterwelt auf die Investmentgesellschaften zu untersuchen.
Falls sich eine solche Aktivität nachweisen ließ, mußte sie schnellstens gestoppt werden. Unsere Kampagne war ausgelöst worden durch zumeist anonyme und sehr beunruhigende Hinweise von Experten, die darum bangten, daß die private Altersversorgung von Millionen Kleinanlegern ausgehöhlt und aufgezehrt wurde. Es ging dabei um Milliardenwerte. Es lag auf der Hand, daß bei einem solchen Einsatz für die Syndikate ein Menschenleben weniger als nichts zählte.
Ich fuhr zu Jeff Colman. Er wohnte in der Bronx, Southern Boulevard 166. Es war ein älteres zwölfstöckiges Gebäude, aus dessen oberen Etagen man über den nahen East River blicken konnte.
Der Lift brachte mich ins vierte Stockwerk. An Colmans Tür war eine abgegriffene Visitenkarte mit einer Reißzwecke befestigt. Ich hörte, daß im Wohnungsinneren ein Radio spielte. Ich machte kehrt und fuhr wieder nach unten. Ich betrat den Hof, der von einer langen Garagenreihe begrenzt wurde und gleichzeitig als Parkplatz diente. Ich schaute mich vergeblich nach dem 67er Pontiac um. Nachdem ich den Wagen auch in den Seitenstraßen nicht entdeckt hätte, ließ ich mich erneut von dem Fahrstuhl bis vor Colmans Tür bringen. Ich klingelte.
Der Mann, der mir öffnete, war ungefähr in meinem Alter. Seine Schulterbreite stimmte mit meiner überein, aber um die Hüfte herum war er bedeutend fülliger. Unter seinem blaßblauen Oberhemd spannte sich ein feister Bauch. Er trug kein Jackett und roch nach Schweiß. Den Knoten seines knallig bedruckten Schlipses hatte er gelockert.
»Mr. Colman?« fragte ich ihn.
Er rülpste kurz und nickte. Colman sah aus wie ein älterer stellungsloser Boxer. Er hatte krauses Haar, eine plattgeschlagene Nase und ein Blumenkohlohr. Die kleinen, nahe beieinander liegenden Augen wirkten wie entzündet. Es schien so, als ob er sich an diesem Morgen schon ein paar Gläschen genehmigt hätte.
»Jesse Trevellian vom FBI«, stellte ich mich vor. »Ich hätte gern ein paar Worte mit Ihnen gewechselt.«
Ich merkte, wie sich seine Muskeln spannten und seine Augen verengten. Er gab sich zwar Mühe, seinen fragenden Gesichtsäusdruck beizubehalten, aber mir schien es so, als ob ihm mein Name etwas bedeutete.
Vielleicht erschreckte ihn auch nur die Aussicht, von einem G-man in die Zange genommen zu werden. Ein Mann seines Kalibers hatte fast immer etwas auf dem Kerbholz.
Er machte grunzend kehrt. Ich folgte ihm in das Wohnzimmer. Es war ein mittelgroßer, zum Hof weisender Raum mit einem Sammelsurium alter und moderner Möbel. Colmans Jackett hing über einer Stuhllehne. Es wurde von einem beträchtlichen Gewicht nach unten gezogen. Auf dem runden Tisch standen eine Flasche Gin und ein leeres Glas.
Er füllte das Glas und wies mit der freien Hand auf die Couch. »Machen Sie sich’s gemütlich«, sagte er. »Und kommen Sie gleich zur Sache. Ich hab’s nicht gern, wenn… Hoppla, das war zu viel«, unterbrach er sich, als der Gin über den ‘Glasrand auf den Tisch schwappte. Er verkorkte die Flasche und schaute mich an. »Also… worum geht’s?«
»Um einen Diebstahl, um zwei Entführungen und um einen Mordversuch«, sagte ich.
Er grinste. »Wunderbar. Endlich mal was zur Auswahl! Sonst ist es meistens so, daß die Bullen mich mit einer bestimmten Anklage festzunageln versuchen.«
Ich musterte die ausgebeulte Tasche seines Jacketts. Mir schien es so, als enthielte sie einen Revolver mit kurzem Lauf. Colman bemerkte meinen Blick. Er kippte den Inhalt des Glases hinunter, nahm das Jackett wie demonstrativ von der Stuhllehne und zog es sich über. Jetzt waren die Konturen des Tascheninhalts deutlich zu sehen. Es gab keinen Zweifel, daß Colman einen Revolver in dem Jackett hatte.
»Wo waren Sie gestern abend um einundzwanzig Uhr?« fragte ich ihn.
»Bei meinem Freund«, erwiderte er grinsend. »Wir.haben zusammen Karten gespielt. Black Jack, wissen Sie. Ich habe siebenundzwanzig Dollar und dreiunddreißig Cent verloren. Genügt Ihnen diese Auskunft?«
»Nicht ganz«, sagte ich. »Wie heißt Ihr Freund, und wo wohnt er?«/
»Geht’s mal wieder um ein Alibi?« erkundigte sich Colman. »Ich weiß wirklich nicht, was Sie sich davon versprechen und warum Sie Ihre Zeit damit verplempern. Nur, weil ich einige Male brummen mußte, schickt man mir jedesmal einen Bullen auf den Hals, sobald in der Nähe auch nur ein Hund getreten wurde. Das ist doch idiotisch.«
»Es genügt, wenn Sie sich auf das Beantworten meiner Fragen beschränken«, sagte ich.
»Okay. Ich war bei Billy Svensson«, antwortete Colman. »Er wohnt ganz in der Nähe, in derselben Straße. Southern Boulevard 381, zweite Etage, erste Tür links.«
Ich notierte mir die Adresse. »Noch eine Frage«, sagte ich. »Wo waren Sie heute zwischen elf und zwölf Uhr?«
»Zu Hause«, erklärte er. »Hier in meiner Bude. Sie können nicht erwarten, daß ich Ihnen jedesmal einen Zeugen präsentiere.«
Ich trat auf ihn zu. »Gestatten Sie?« fragte ich ihn. Noch ehe er wußte, was eigentlich los war, hatte ich ihm mit einem raschen, geschickten Griff den Revolver aus seiner Jackettasche gezogen.
Colmans etwas verspätete Reaktion bestand in einem kurzen harten Haken, den er mir auf den Solarplexus setzte. Ich warf den Revolver über meine Schulter nach hinten und hörte, wie er gegen die Wand krachte und zu Boden fiel. Ich brauchte beide Hände, um gegen Colman bestehen zu können.
Er war erstaunlich schnell auf den Beinen. Seine Schläge kamen hart und genau. Ich schluckte ein paar Haken und revanchierte mich mit ähnlich harter Kost. Wir schenkten uns nichts. Während des Fights fielen ein paar Stühle um, außerdem ging eine Bodenvase zu Bruch.
Colman versuchte immer wieder, mich mit Tiefschlägen auszuschalten. Ich hielt ihn auf Distanz oder drehte ab, wenn es zu brenzlig wurde. Ihm wurde die Luft knapp. Er war ein guter Techniker, aber ihm fehlte das Stehvermögen für einen längeren Fight. Er merkte, daß seine Kräfte nachließen, und setzte nochmals alles auf eine Karte. Er landete einen schmerzhaften Leberhaken und kam einmal mit seiner Linken voll durch, dann hatte er im wesentlichen sein Pulver verschossen.
Ich trieb ihn rund um den Tisch vor mir her und nagelte ihn mit einer Links-Rechts-Dublette fest. Ich krönte die Aktion mit einem Schlag auf den Punkt. Jeff Colman verdrehte die Augen und ging zu Boden.
Ich hob den Revolver auf und schnupperte an der Mündung. Die Waffe war vor wenigen Stunden benutzt worden. Im Magazin waren nur noch zwei Patronen. Ich nahm sie heraus und ließ sie in meine Tasche gleiten. Dann legte ich die Waffe auf den Tisch und schaute mir Colman an.
Er lag auf dem Bauch, ein Knie angezogen, das Gesicht zur Seite gewandt, mit offenem Mund und geschlossenen Augen, die Finger der rechten Hand in den abgetretenen Teppich verkrallt. Es dauerte knapp eine Minute, bis er wieder zu sich kam und seinen Oberkörper hochstemmte. Das Aufstehen kostete ihn einige Mühe. Ächzend ließ er sich in einen Sessel am Fenster fallen und streckte beide Beine weit von sich. Die Arme ließ er über die Lehnen nach unten hängen.
Ich trat an das Telefon und wählte eine Nummer, die ich im Kopf hatte. Colman verfolgte mein Tun aus halbgeschlossenen Augen. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Lieutenant an der Strippe hatte. Ich erfuhr, was ich wissen wollte, und legte wieder auf.
»Bruce McLaren wurden drei Kugeln aus seinem Körper entfernt«, teilte ich Colman mit. »Die Untersuchung durch die Ballistiker steht noch aus, aber es ist klar, daß es sich um Kugeln des Kalibers 7.63 oder 7.65 handelt. Ihr Revolver ist ein Nagant, Kaliber 7.63.«
»Mein verflixtes Pech!« knurrte Colman.
Ich war überrascht. »Sie geben zu, auf Bruce McLaren geschossen zu haben?«
»Quatsch!« raunzte Colman. »Ich bin kein Killer. Wenn ich mein Pech verfluche, dann nur deshalb, weil ich ausgerechnet diese Waffe aufheben mußte.«
»Jetzt verstehe ich, was Sie meinen«, sagte ich spöttisch. »Sie haben die Waffe gefunden.«
»Genauso ist es, Mister.«
»Wo, wenn ich fragen darf?«
»Auf der Straße. Zwischen zwei Mülleimern. Sie war in Zeitungspapier gewickelt, aber der Schaft guckte heraus. Ich bückte mich danach und nahm die Kanone an mich. Warum auch nicht? Fast jeder Trödler zahlt einem dafür ohne Feilschen vierzig Bucks. Die wollte ich mir verdienen.«
»Sie, sind nicht von gestern. Sie müssen bemerkt haben, daß die Waffe vor wenigen Stunden benutzt wurde. Es befanden sich nur noch zwei Patronen in der Trommel.«
»Ich war nicht an der Vergangenheit der Kanone interessiert«, meinte Colman. »Mich interessierte nur ihr Verkaufswert.«
»Diese Einstellung würde Ihnen selbst dann eine Menge Schwierigkeiten bereiten, wenn sie zuträfe. Unglücklicherweise ist sie das Produkt Ihrer Phantasie.«
»Das behaupten Sie. Beweisen Sie mir erst einmal das Gegenteil«, höhnte er.
»Wann haben Sie die Waffe gefunden?«
»Vor einer Stunde etwa. Fragen Sie mich bitte nicht nach einem Zeugen. Funde dieser Art pflegt man nicht in die Welt hinauszuposaunen.«
»Wo standen die Mülleimer?«
»In der schmalen Gasse, die zu dem St. Mary’s Park führt«, erwiderte er. »Was wollten Sie dort?«
»Spazierengehen natürlich. Das Alley ist der kürzeste Weg zum Park«, meinte er. »Sehen Sie sich ruhig mal meine Akten an. Ich bin ein großer Naturfreund. In Sing-Sing war ich Gefängnisgärtner.«
»Warum gingen Sie vorhin auf mich los, als ich Ihnen die Waffe aus der Tasche zog?«
»Blöde Frage! Ich war sauer. Ich betrachtete Ihr Verhalten als einen Eingriff in meine Persönlichkeitsrechte, so heißt das doch, nicht wahr?«
»Erwarten Sie, daß ich Ihnen diesen Unsinn abkaufe?« fragte ich ihn.
»Das überlasse ich Ihnen, Sir«, meinte er grinsend. Sein Grinsen war nicht so selbstsicher, wie er es anstrebte. Er wußte, daß er in der Klemme saß, und überlegte fieberhaft, wie er sich daraus befreien konnte.
Ich wählte die Nummer des zuständigen Polizeireviers und bat um die Entsendung einiger Beamter. Schon acht Minuten später waren sie zur Stelle — ein Sergeant in Uniform und ein Revierdetektiv in Zivil.
Ich übergab ihnen Jeff Colman, den Revolver und die beiden Patronen.
»Es ist möglich, daß es sich bei der Waffe um den Revolver handelt, mit dem Bruce McLaren niedergeschossen wurde«, sagte ich. »Sorgen Sie bitte dafür, daß die Waffe an das Labor der Mordkommission weitergeleitet wird. Halten Sie Jeff Colman fest und vernehmen Sie ihn. Ich lasse schnellstens einen Haftbefehl gegen ihn ausfertigen.«
»Sie müssen mitkommen«, keuchte Colman erregt. »Sie haben kein Recht, in meiner Wohnung zurückzubleiben!«
»Es ist komisch«, sagte ich. »Diejenigen, die ihre Bürgerpflichten weder kennen noch respektieren, schreien immer am lautesten, wenn sie ihre Rechte bedroht sehen.«
Die Beamten führten Colman ab. Natürlich war sein Protest gerechtfertigt. Ich durfte, die Wohnung nur dann durchsuchen, wenn ich einen Haussuchungsbefehl erwirkte. Ich trat an das Telefon, um das Notwendige zu veranlassen. In diesem Moment hörte ich ein Geräusch. Es kam aus der Diele.
Mit wenigen Schritten war ich an der Tür. Ich sah gerade noch, wie sich die Wohnungstür schloß. Ich riß sie Sekunden später auf. Am Fahrstuhlschacht stand ein Mädchen. Es wandte mir den Rücken zu, aber ich glaubte, sie auch so zu erkennen.
»Gracia McLaren!« stieß ich hervor.
***
Das Mädchen zuckte herum. Ich sah, daß ich mich getäuscht hatte. Es war nicht Gracia McLaren, aber die Ähnlichkeit zwischen diesem Mädchen und der Frau des Finanzmaklers war verblüffend.
»Bitte?« fragte es mich.
»Treten Sie näher, bitte«, sagte ich.
Das Girl trug ein Stadtkostüm aus beigefarbenem Leinen. Es hatte den raffiniert einfachen Schnitt gewisser-5th-Avenue-Läden.
»Haben Sie den Verstand verloren?« fragte mich das Girl hochmütig. »Ich kenne Sie nicht!«
»Dem helfen wir ab«, sagte ich. »Mein Name ist Jesse Trevellian. Ich bin FBI-Agent.«
Das Girl starrte mich an. Ihm schien eine weitere heftige Antwort auf der Zunge zu liegen, aber dann zuckte es mit den Schultern und folgte mir in Colmans Wohnzimmer. »Wem gehört diese Bude?« fragte sie mich und schaute sich dabei um, als hätte ich sie gezwungen, in einem Flohzirkus Platz zu nehmen.
»Jeff Colman. Warum fragen Sie? Sie waren doch sein Gast.«
Das Girl öffnete den Verschluß seiner Handtasche. Es nahm ein flaches ledernes Zigarettenetui heraus und steckte sich eine Zigarette zwischen die vollen Lippen. Ich gab dem Girl Feuer. »Also gut«, sagte es dann überraschend. »Sie haben mich gesehen. Ich war bei ihm.«
»Beginnen wir von vorn«, meinte ich. »Wie heißen Sie?«
»Laura Pennington.«
»Sie sind mit Gracia McLaren verwandt?«
»Ich bin ihre Schwester.«
»Wir machen Fortschritte«, sagte ich. »Was wollten Sie von Colman?«
»Sie sollten fragen, was er von mir wollte«, meinte Laura Pennington. »Er wollte mich sprechen.«
»In welcher Angelegenheit?«
»Er ist nicht mehr dazu gekommen, mir das zu erklären. Gerade als er damit beginnen wollte, klingelte es. Er steckte mich rasch ins Badezimmer, ehe er öffnete und Sie einließ. Sie dürfen mir glauben, daß ich mich dort ziemlich unbehaglich fühlte.«
»Warum ließen Sie sich diese Behandlung gefallen?« wollte ich wissen.
»Ich weiß selbst nicht recht, warum; Ich nehme an, daß es die Angst vor Colman war. Er sieht so gewalttätig aus, finden Sie nicht auch?«
»Was ich finde, werden Sie zu gegebener Zeit erfahren. Bleiben wir bei Ihnen. Sie hörten, wie wir miteinander sprachen?«
»Das meiste davon war nicht zu verstehen«, behauptete das Girl.
»Jedenfalls kriegten Sie mit, wie es zwischen Colman und mir zu einer Prügelei kam. Nachdem Colman von zwei Beamten abgeführt wurde, versuchten Sie sich aus dem Staub zu machen.«
»Ich protestiere gegen diese Unterstellung. Ich hatte Angst, das war alles.«
»Wovor eigentlich?«
»Vor Colman. Vor dem, was er verkörpert. Als er mich empfing, sagte er mir klipp und klar, daß er ein Syndikat vertritt. Aus Furcht vor Repressalien wagte ich nicht, mich ihm zu widersetzen.«
»Sie leben in New York?«
»Ja, am Central Park.«
»Keine üble Gegend. Sind Sie berufstätig?«
»Ich arbeite als Fotomodell.«
»Ich erinnere mich nicht, schon einmal ein Bild von Ihnen gesehen zu haben.«
»Das wundert mich nicht. Manchmal erkenne ich mich auf den Reklamefotos selbst nicht wieder. Perücken, viel Make-up und geschickte Maskenbildner lassen von der eigenen Persönlichkeit selten etwas übrig.«
»Wie heißt Ihr Arbeitgeber?«
»Es ist eine Agentur — das MPO in der Vestry Street. MPO steht für Modern Publicity Office.«
»Ich habe schon davon gehört. Eine erstklassige Firma. Wann haben Sie das letztemal mit Ihrer Schwester gesprochen?«
»Lassen Sie mich nachdenken. Das muß ungefähr vor einem Jahr gewesen sein. Ich habe versucht, sie anzupumpen.«
»Sie wohnen mit Ihrer Schwester in einer Stadt und sehen sie nur so selten?«
Laura Pennington zuckte mit den Schultern. »Ach, wissen Sie, wir sind zwei grundverschiedene Naturen. Gratia war das Nesthäkchen der Familie, ich das schwarze Schaf. Wir haben kaum etwas Gemeinsames.«
»Wann und wie ist Colman an Sie herangetreten?« wollte ich wissen.
»Gestern abend, telefonisch. Er rief mich zu Hause an und erklärte, daß es sehr wichtig sei und meine Schwester beträfe. Er hatte mich neugierig gemacht, deshalb folgte ich der Einladung.«
»Kennen Sie den Mann Ihrer Schwester?«
»Nicht persönlich, aber ich weiß, daß er ein großes Tier ist.«
Ich blickte auf meine Uhr. »Vielen Dank, Miß Pennington. Im Augenblick brauche ich Sie nicht mehr.«
Das Girl erhob sich nur zögernd. Dann ging es rasch hinaus, ohne den Versuch zu machen, mir die Hand zu reichen. Ich schnappte mir das Telefonbuch und suchte die Nummer von Colmans Freund Billy Svensson heraus. Dann ging ich in die kleine schmutzige Küche, deren einziges Fenster zur Straße wies.
Ich sah, wie Laura Pennington wenig später die Fahrbahn überquerte. Das Mädchen blickte einige Male über ihre Schulter zurück, um festzustellen, ob ihr jemand folgte. An der nächsten Kreuzung betrat sie einen Drugstore.
Ich kehrte in das Wohnzimmer zurück, wartete weitere zwei Minuten und wählte dann Billy Svenssons Nummer. Aus dem Hörer tönte mir das Besetztzeichen entgegen.
Ich verließ die Wohnung und das Haus. Als ich den Drugstore an der Ecke betrat, war Laura Pennington nicht mehr darin. Der Clerk teilte mir mit, daß ein Mädchen im eleganten Straßenkostüm hereingekommen sei, um zu telefonieren. »Danach ist sie wieder gegangen, Sir.«
Ich war sicher, daß Laura Pennington Billy Svensson angerufen hatte. Wenn das zutraf, war es offenkundig, daß sie mit den Gangstern unter einer Decke steckte und mich angelogen hatte.
Ich ging zu meinem Jaguar und fuhr den Southern Boulevard bis zur Nummer 381 hinab. Ich fand eine Parklücke, die etwa hundert Yard von dem Haus entfernt lag, und stieg aus. In diesem Moment sah ich den 67er Pontiac auf der anderen Straßenseite stehen. Er hatte nicht die Nummer, nach der gefahndet wurde, sah aber dem Wagen, den wir suchten, zum Verwechseln ähnlich. Ich ging hinüber und bückte mich nach dem Nummernschild. Die Schrauben waren neu befestigt worden. Man sah es an den blanken aufgekratzten Metallstellen.
Ich notierte mir die Nummer, setzte mich in meinen Jaguar und griff nach dem Handmikrofon. Wenige Minuten später wußte ich, daß die Nummer zu einem Wagen gehörte, der schon vor zwei Monaten abgemeldet worden war.
Ich rief die Zentrale an und ließ mich mit dem zuständigen Polizeirevier verbinden. Man versprach mir, sofort einen Revierdetektiv loszuschicken. Er hatte die Aufgabe, den Pontiac im Auge zu behalten und jeden zu verhaften, der mit dem gestohlenen Wagen losfahren wollte.
»Wenn bis heute abend zwanzig Uhr niemand aufkreuzt, der den Wagen zu benutzen versucht, müssen sich die Männer der Spurensicherung um ihn kümmern«, schloß ich. »Vergessen Sie bitte nicht, Lieutenant Harper zu benachrichtigen. Er untersucht den Mordanschlag auf Bruce McLaren und ist hinter diesem Pontiac her.«
Mein nächster Anruf diente dem Zweck, die Vorstrafen von Billy Svensson und Laura Pennington zu erfahren. Das Girl war in seinem Leben nur einmal straffällig geworden. Es war vor vier Jahren bei einem Ladendiebstahl erwischt worden.
Svenssons Vorstrafenregister sah ernster aus. Es enthielt so ungefähr alles vom einfachen Diebstahl bis zum schweren Raub. Er hatte das Gefängnis erst kürzlich verlassen, war siebenunddreißig Jahre alt und unverheiratet. Er war kein Einzelgänger und hatte stets in Gruppen gearbeitet.
Er öffnete mir die Tür, nachdem ich bei ihm geklingelt hatte. Svensson war groß und ziemlich hager. Er hatte einen dürren Hals mit ausgeprägtem, nach vorn stehendem Adamsapfel und sehr helle graue Augen. Trotz seiner knochigen Erscheinung war zu spüren, daß er über Kraft und Stehvermögen verfügte.
Er führte mich in sein Wohnzimmer. Es war klein und sauber. Die Einrichtung war modern. »Ich habe Sie bereits erwartet«, sagte er.
»Hat mich Miß Pennington angemeldet?«
Er grinste breit. Seine festen Zähne erinnerten mich an Howard Sandhill. Sie waren gelb und pferdeähnlich.
»Nein«, antwortete er, »aber der Tod.«
***
Sein Grinsen vertiefte sich. Ich fühlte, daß .er nicht scherzte. Er stand mir so dicht gegenüber, daß ich die schlecht ausrasierten Stellen an seinem Kinn und den winzigen Leberfleck unter seinem rechten Ohr bemerkte.
»Sie haben Sinn für makabre Wortspiele«, stellte ich fest. »Dummerweise kann ich nicht entdecken, worauf Sie damit hinauswollen.«
»Das ist sehr einfach, Mr. G-man«, meinte er höhnisch. »Sie werden diese Wohnung nicht als lebender Mann verlassen. Sie sind uns in die Falle gegangen.«
»Wollen Sie mir etwa das Lebenslicht ausblasen?« fragte ich ihn. Ich sprach völlig gelassen, aber diese Ruhe war nur gespielt. Ich hatte sämtliche Gefühlsantennen weit ausgefahren und war bereit, blitzschnell auf jeden Impuls zu reagieren.
»Ich? O nein, dafür bin ich nicht zuständig«, meinte Svensson. »Wir haben dafür unsere Leute.«
»Wir?« fragte ich.
»Das Syndikat«, sagte er. »Es war ursprünglich die Absicht des Bosses, Sie auf elegantere Weise aus dem Weg zu räumen. Wir hatten uns vorgenommen, Bruce McLaren mit der Aufgabe zu betrauen, weil wir erfahren hatten, daß Sie das Investmentgeschäft zu durchleuchten beabsichtigen. McLarens Fehlverhalten zwingt uns leider dazu, die direkte Methode zu wählen.«
Er trat einen Schritt zur Seite. Hinter mir stand das Wohnzimmerfenster offen. Ich hatte das Gefühl, daß Svensson aus einer Schußbahn wich und trat instinktiv zur Seite.
Ein dünner, scharfer Laut drang an mein Ohr. Er ähnelte dem Geräusch einer Sehne, die jäh aus ihrem Spannungszustand entlassen wird.
Billy Svensson zuckte zusammen, als träfe ihn ein heftiger Elektroschock. Er klatschte eine, flache Hand gegen seinen Hals, als versuche er, ein Insekt zu treffen. Ich hörte etwas zu Boden fallen.
Svensson torkelte auf den Tisch zu. Er stützte sich mit einer Hand schwer auf eine Stuhllehne. Dann betrachtete er die Innenfläche seiner anderen Hand. Ich sah, wie er zu zittern begann. Obwohl ihn der Stuhl stützte, hatte es den Anschein, als müsse Svensson im nächsten Moment zusammenbrechen.
Es drängte mich, ihm beizuspringen und ihn aufzufangen, aber ich spürte, daß ich nicht in die Schußbahn treten durfte. Solange das Fenster offenstand und der außerhalb des Hauses stehende Schütze erneut zuschlagen konnte, war es für mich besser, im toten Winkel zu bleiben.
Ich wußte nicht genau, was Svensson erwischt hatte. Klar war nur, daß es sich um ein Geschoß besonderer Art handeln mußte. Klar war auch, daß dieses Geschoß für mich bestimmt gewesen war, aber Svensson hatte es versehentlich abbekommen. Ich war dem Geschoß nur durch eine instinktive Abwehrreaktion entgangen.
»Einen Arzt«, würgte Svensson mit bebenden Lippen hervor, »bitte — schnell…«
Ich trat neben das Fenster an die Wand und drückte es zu. Dann riß ich den Vorhang über die Glasfläche. Svensson stieß einen gurgelnden Laut aus und sank zu Boden.
Ich beugte mich über ihn. Seine Augen traten weit aus den Höhlungen. Er starrte mich an, aber ich war nicht sicher, ob er mich in diesem Augenblick sah.
»Wer ist Ihr Boß?« fragte ich ihn.
An seinem linken Mundwinkel bildete sich ein kleines Schaumbläschen. Ich richtete mich auf und begriff, daß dies nicht der rechte Moment für Fragen war.
Ich riß den Telefonhörer von der Gabel und wählte den Notruf. Nachdem ich einen Arzt und die Ambulanz bestellt hatte, wandte ich mich wieder dem Verletzten zu.
Svensson hatte die Augen geschlossen. Er röchelte leise vor sich hin. Ich schnappte mir ein Kissen von der Couch und stopfte es ihm unter den Kopf.
Dann bemerkte ich auf dem Teppich einen dünnen, fast fingerlangen Dorn. Er war aus Metall gefertigt und hatte an seinen Seiten winzige Stabilisierungsflossen: ein Pfeil, der von einer armbrustähnlichen Waffe abgefeuert sein mußte.
Sicher hatte die vergiftete Spitze des Pfeils Billy Svenssons Zusammenbruch herbeigeführt. Erstaunlich, wie rasch das Gift wirkte. Es gab nicht sehr viele toxikologische Stoffe, die den menschlichen Organismus so schnell zu lähmen vermochten. Oder wirkte das Gift sogar tödlich?
»Können Sie mich verstehen?« fragte ich Svensson.
Er bewegte die Lippen, ohne daß dabei etwas zu hören war. Die Augen hielt er geschlossen. Ich konnte im Augenblick nichts für ihn tun und stürmte ins Nebenzimmer. Durch die geschlossenen Gardinen blickte ich auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses. Es lag mit Svenssons Wohnung auf gleicher Höhe und war so flftch wie ein Tablett. Der Schütze, der dort gestanden haben mußte, war verschwunden.
Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück. Svensson hatte seine Stellung nur unwesentlich geändert, aber an der Art, wie sein Kopf zur Seite gerollt war, erkannte ich, daß ich einen weiteren Anruf tätigen mußte.
Ich trat an das Telefon, nahm den Hörer ab und wählte die Nummer des Morddezernats.
***
»Ich könnte dir stundenlang Zusehen«, schwärmte Peggy Long.
»Wobei?« fragte er zerstreut, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. Seine Mundwinkel wurden von einem flüchtigen, mechanischen Lächeln vertieft.
»Beim Angeln natürlich«, meinte Peggy Long. Sie hockte neben ihm auf einem der flachen Steine am Flußufer. Die Arme hatte sie um ihre in hohen Gummistiefeln steckenden Knie geschlungen.
»Man kann nicht behaupten, daß du große Ansprüche stellst«, nuschelte er spöttisch und behielt den kleinen, auf den Wellen tanzenden Schwimmer seiner Angelrute im Auge. »Ich dachte immer, daß es dich langweilt.«
»In deiner Nähe langweile ich mich nie«, sagte sie strahlend.
Er blickte sie kurz an. Wie hübsch sie war! Blond, jung und voller Eifer, ihm zu gefallen. Ein Jammer, daß sie ihm ihre Liebe fast zu deutlich zeigte. Nach einem Jahr Ehe war er fast niemals allein, jedenfalls nicht in seihen Mußestunden.
Ronald Long liebte seine junge Frau, aber da er ein Mann war, bedauerte er es gelegentlich, daß Peggy so wenig Sinn für seine sporadisch auftretenden Einsiedlerneigungen hatte.
Sie ist dafür einfach noch zu jung, dachte er. Ich muß das in Rechnung stellen und mich über ihre Liebe freuen.
»Will heute denn keiner anbeißen?« fragte sie.
»Sie kommen nie, wenn gesprochen wird«, meinte er.
»Macht nichts«, sagte Peggy Long. »Ich habe dein Anglerpech einkalkuliert und vorsichtshalber in der Kühlbox einige Steaks mitgebracht.«
»Okay — also Steaks«, seufzte er.
Peggy Long richtete sich hoffnungsvoll auf. »Darf ich das Essen vorbereiten? Ich mache mir sowieso nicht viel aus Fisch…«
Er nickte und schaute ihr nach, als sie davonging. Selbst in den langen Anglerstiefeln wirkte sie noch anziehend und sehr weiblich. Er wandte sich wieder dem Schwimmer und seinen Gedanken zu.
Endlich allein! Er klopfte die Pfeife aus und schob sie in den Gürtel. Es gab nun mal Dinge, die ein Mann nicht mit seiner Frau zu teilen wünschte. Das Angeln zum Beispiel. Aber Peggy hätte das kaum begriffen, und so hatte er gar nicht erst versucht, es ihr zu erklären.
Der Schwimmer zuckte. Ronald Long ließ die Leine locker und kurbelte dann gefühlvoll an der Trommel. Am Angelhaken zappelte eine mittelgroße Forelle. Er löste sie behutsam vom Haken und warf sie in den Eimer. Er baute darauf, noch einen zweiten Fisch zu fangen, aber seine Hoffnungen erfüllten sich nicht.
Eine Stunde später packte er seine Utensilien zusammen und machte sich auf den Weg zur Hütte.
Er hatte das kleine Holzhaus schon vor seiner Ehe erworben. Es lag sehr einsam, war aber leicht zu erreichen. In den letzten Jahren waren in der Nähe noch einige Hütten dazugekommen, so daß es sich nicht empfahl, an Wochenenden herauszufahren. Ronald Long konnte es sich leisten, auch mitten in der Woche zum Angeln zu fahren. In seinem Büro saßen ein paar tüchtige Leute, auf die er sich verlassen konnte.
Als er auf die Hütte zustiefelte, pfiff er vergnügt vor sich hin. Erstaunlicherweise war die kapriziöse Peggy eine ausgezeichnete Köchin.
Neben der Hütte stand der geschlossene Landrover. Es war ein ziemlich rustikales Fahrzeug, dem Peggy nur mit Mißtrauen begegnete, aber man konnte eine Menge darin unterbringen, und Ronald Long machte es Spaß, das geländegängige Fahrzeug über ausgefahrene Wege zu jagen.
»Hallo, Liebling«, sagte er, als er die Hütte betrat. »Sieh mal, was ich habe!«
Niemand antwortete. Ronald Long stellte den Eimer ab und legte die Angelrute nieder, dann trennte er sich von der umgehängten Ledertasche. Er stiefelte in die kleine Küche. Auf dem Propangasherd stand eine Pfanne. Die rohen Steaks lagen auf der Anrichte, zusammen mit zwei geschälten Zwiebeln.
»Peggy!« rief Ronald Long. Er war eher überrascht als beunruhigt, aber dann fiel ihm ein, daß Peggy keinen Grund gehabt hatte, die Hütte zu verlassen, ohne ihn davon zu benachrichtigen. Die Hütte war schließlich nur ei--ne halbe Meile vom Fluß entfernt.
Er überlegte. War sie nochmals ins Dorf gefahren, um etwas für das Mittagessen zu besorgen? Das traf aber nicht zu, denn der Landrover stand ja vor der Tür. Zu Fuß hatte sie sich bestimmt nicht entfernt. Peggy würde nicht einmal im Traum daran gedacht haben, einen Fußmarsch von einer Stunde auf sich zu nehmen.
Er schaute sich nach einem Zettel um, vergebens. Jetzt kam die Sorge in ihm hoch. Peggy war verschwunden. Warum und wohin? Er streifte seine langen Anglerstiefel ab und lachte laut auf. Wahrscheinlich war das eines ihrer kleinen neckischen Spiele. Sie wollte ihn erschrecken. Sie wollte, daß er sich um sie sorgte und dann, wenn sie plötzlich auftauchte, seine Freude und Erleichterung zeigte.
Offen gestanden fand er dieses Spiel nicht sonderlich taktvoll. Außerdem war er hungrig. Ronald Long nahm sich vor, seiner jungen Frau gründlich die Meinung zu sagen. Es gab Dinge, mit denen man nicht scherzte. Was wäre zum Beispiel, wenn jemand sie entführt hätte?
Der Gedanke ließ ihn zusammenfahren. Unsinn! dachte er. Niemand hat einen Grund, so etwas zu tun. Warum eigentlich nicht? überlegte er. Er war ein reicher und geachteter Mann. Er liebte seine Frau. Diese Ausgangspunkte waren für einen Epresser ideal.
Er ertappte sich bei der Überlegung, ob ihnen ein Wagen in diese Einöde gefolgt sein konnte, aber er erinnerte sich nicht, einen bemerkt zu haben. Er schenkte, sich einen Whisky ein und leerte das Glas mit zwei langen Zügen. Dann stellte er es ab und ging hinaus.
Er untersuchte den Boden rings um die Hütte und erschrak, als er in einer nicht ganz ausgetrockneten Pfütze des Zufahrtsweges einen frischen Reifenprofilabdruck entdeckte, der nicht vom Landrover stammte.
Also war ein Wagen hier gewesen! Konnte es sein, daß ein Freund unangemeldet hergekommen und mit Peggy nochmals ins Dorf gefahren war, um den Getränkebestand aufzustocken? Nein, auch das war keine befriedigende Erklärung, denn die Box war bis obenhin voll.
Er trat ans Telefon und nahm den Hörer ab. Die Leitung baumelte lose in der Luft, sie war tot. Ungläubig starrte er sie an. Jetzt wußte er, daß Peggy gewaltsam entführt worden war. Der Entführer hatte seine Flucht durch die Lahmlegung des Telefonapparates abgesichert.
Ronald Long warf den Hörer auf den Boden und raste nach draußen. Er sprang in den Landrover und drückte auf den Starter. Der Anlasser ratterte los, aber die Maschine sprang nicht an. Beim vierten Versuch war es Ronald Long klar, daß etwas nicht stimmen konnte. Er stieg aus und warf einen Blick unter die Motorhaube. Die Kappe des Zündverteilers fehlte. Der Unbekannte, der die Telefonleitung unterbrochen hatte, hatte auch den Wagen außer Betrieb gesetzt.
Ronald Long wurde von Panik ergriffen. Er dachte an Peggy, seine junge Frau. Er murmelte ihren Namen vor sich hin, immer wieder. Die leise Kritik, die er an ihrer Begleitung geübt hatte, war längst verstummt. Er fühlte nur noch brennende Sorge um ihr Wohlergehen, die Angst um das, was sie im Augenblick erleben mochte.
Er zwang sich zur Ruhe. Alles deutete auf eine Entführung hin. Wenn es eine Entführung der klassischen Art war, würde man bald an ihn herantreten und Lösegeld von ihm fordern. Er überschlug in Gedanken seine Barbestände. Er hatte sein Geld in festen Werten angelegt und nie mehr als zwanzigtausend Dollar auf seinem Girokonto. Wenn er seine Wertpapiere veräußerte, konnte er eine halbe Million auftreiben. Wieviel würden die Gangster von ihm haben wollen?
Zum Teufel mit dem Geld! Er konnte jeden Tag neues verdienen. Wichtig nur war, daß Peggy kein Leid geschah und daß sie gesund zu ihm zurückkehrte.
Ihm fiel das Haus der Bancrofts ein. Es war nur eine halbe Meile von seiner Hütte entfernt und hatte Telefon. Er rannte los und merkte, wie ungewohnt ihm die plötzliche Anstrengung war. Zehn Minuten später hatte er das Jagdhaus der Bancrofts erreicht. Seine Fenster waren durch solide Fensterläden gesichert. Ronald Long versuchte einen von ihnen mit seinem Jagdmesser aufzubrechen, aber die Klinge brach ab. Hilflos schaute er sich um. Er entdeckte vor der Garageneinfahrt eine Eisenstange. Mit ihrer Hilfe schaffte er es, einen Laden mitsamt dem Fenster aufzubrechen und in das Haus einzusteigen. Er würde den Bancrofts den Schaden ersetzen und ihnen erklären, daß er sich keinen anderen Rat gewußt hatte.
Es gab keinen Zweifel, daß sie ihm Verständnis entgegenbringen würden.
Long trat an das Telefon, das an der Wand hing. Völlig außer Atem nahm er den Hörer ab. Die Leitung war tot.
Ronald Long untersuchte das Kabel. Es war in Ordnung. Er schüttelte den Hörer und schlug in ohnmächtiger Wut mit der Faust gegen den Apparat. In der Leitung rührte sich nichts. Ronald Long warf den Hörer auf die Gabel zurück und lehnte sich schwer atmend gegen die Wand. Ihm war schlecht vor Verzweiflung und Enttäuschung.
Im nächsten Moment fiel ihm ein, daß sich die Telefonleitungen der Wochenendhäuser in einem hölzernen Trafohäuschen an der Straße zum Dorf trafen. Die Gangster hatten es offenbar für eine gute Idee gehalten, ihre Fahrt dort zu unterbrechen und alle Leitungen zu zerstören.
Ronald Long verließ das Haus. Er ging zurück zu seiner Hütte. In schmerzlicher Weise wurde ihm dabei klar, wie sich der Vorsprung der Gangster ausdehnte.
Vielleicht entdecke ich die Kappe des Zündverteilers, sagte er sich. Sie wird irgendwo' in Wurfnähe im Wald liegen. Als er seine Hütte erreichte, zuckte er zusammen. An dem Landrover lehnte ein attraktives rotblondes Mädchen. Das Mädchen trug Blue jeans von knappem Sitz und eine karierte, am Hals offenstehende Sportbluse. Es rauchte eine Zigarette und musterte ihn aufmerksam.
»Hallo«, sagte Ronald Long mit heiserer Stimme. Er kannte das Mädchen nicht. Möglicherweise gehörte es zu einer Familie, die in der Nähe eine Hütte hatte.
»Guten Tag, Mr. Long«, sagte das Girl. »Es tut mir leid, daß wir Ihnen so viel Ungelegenheiten bereiten müssen.«
Ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. Das Mädchen gehörte zu den Entführern seiner Frau! Ronald Long hatte Mühe, zu begreifen, daß dieses hübsche junge Ding sich mit skrupellosen Gangstern zusammengetan hatte.
»Ungelegenheiten?« fragte er mechanisch. Er sagte es nur, um Zeit zu gewinnen.
»Wollen wir nicht ins Haus gehen?«
Er folgte ihr wie betäubt. Sein Zorn war vorübergehend in sich zusammengefallen, aber Ronald Long wußte, daß er wiederkehren würde.
»Soll ich Ihnen die Steaks braten?« fragte das Girl spöttisch.
»Kommen wir zur Sache!« sagte er scharf. »Worum geht es?«
»Um Ihre Frau. Wir haben sie entführt.«
Ein paar Sekunden lang war er sprachlos. Ihn erschütterte es, mit welcher Gelassenheit das junge Mädchen zugab, eine Verbrecherin zu sein. Ronald Long, der Zeit seines Lebens in geordneten Verhältnissen verbracht hatte, fand es nahezu unmöglich, das Mädchen zu verstehen. Dann fiel ihm ein, daß es nicht seine Aufgabe war, das Verbrechen zu verstehen. Ihm kam es nur darauf an, das Verbrechen zu bekämpfen.
Er wurde ganz ruhig, obwohl er merkte, daß ein kalter Zorn bis in die äußersten Enden seiner Nerven kroch. »Sie haben sie entführt«, sagte er halblaut. »Warum und wohin?«
»Wir brauchen Ihre Mitarbeit«, sagte das Girl. »Wenn Sie sich unseren Forderungen beugen, kehrt Ihre junge Frau bald zu Ihnen zurück.«
»Wie lauten Ihre Forderungen?« fragte Ronald Long.
»Sie sind das Vorstandsmitglied des Whitecroft Fund, nicht wahr? Es ist ein großer Fonds mit einem erstaunlichen Portefeuille. Wir wünschen, daß Ihr Fonds für sieben Millionen Dollar Papiere aufkauft — Papiere eines bestimmten Betriebes, versteht sich.«
»Sie müssen den Verstand verloren haben«, sagte Ronald Long. »Über An- und Verkäufe entscheidet ein Beirat von sechs Vorstandsmitgliedern.«
»Sie sind der wichtigste Mann in diesem Gremium. Ihren Argumenten wird man sich beugen.«
»Von welchen Papieren ist überhaupt die Rede?«
»Von den Aktien der Cargo Limited«, sagte das Girl.
»Die Firma ist insolvent — so gut wie pleite!« stieß Ronald Long hervor.
»Sie kann sich erholen«, meinte das Mädchen. »Wir überlassen es Ihrer Geschicklichkeit, den Beirat davon zu überzeugen.«
»Wo ist Peggy?« fragte er.
»In guter Obhut. Niemand wird ihr ein Haar krümmen, wenn Sie sich unseren Forderungen beugen. Ich finde, daß wir Ihnen ein faires Angebot machen. Wir können ebensogut versuchen, Ihr privates Vermögen anzugreifen, aber daran sind wir nicht interessiert. Wir geben uns damit zufrieden, daß Sie den Aktienkauf in Ihrem Fonds durchboxen.«
»Sie machen mir Spaß! Wissen Sie überhaupt, was Sie von mir verlangen? Ich soll Menschen, die mir vertrauen, dazu überreden, sieben Millionen Dollar für einen Haufen wertloser Papiere auszugeben.«
»Ich nehme an, Sie kannten Bruce McLaren. Sicherlich haben Sie gelesen, was ihm zugestoßen ist. Wenn Sie nicht wollen, daß Ihrer Frau — und vielleicht auch Ihnen — etwas Ähnliches widerfährt, würde ich Ihnen raten, unsere Weisungen zu akzeptieren.«
»Ich bin kein Verbrecher.«
»Wäre es kein Verbrechen, wenn Sie Ihre junge Frau dem sicheren Tod auslieferten?«
Das war zuviel. Ronald Long war ein Mann, der es gewohnt war, sich zu beherrschen. Aber in diesem Moment vergaß er alles, was er einmal gelernt und was man ihm an Respekt vor dem weiblichen Geschlecht beigebracht hatte. Er ging auf das Mädchen los.
Er faßte es mit beiden Händen am Hals und drückte zu. Ronald Long war nicht mehr jung, aber er war muskulös und kräftig. Er legte seinen ganzen Haß in den Druck seiner Hände, er packte alle Gefühle hinein, deren Opfer er in der letzten halben Stunde geworden war — die düstere Verzweiflung, den kalten Zorn und seinen Widerstandswillen.
Er gab kein Pardon. Er wollte, daß dieses junge, attraktiye und herzlose Ding spürte, was es bedeutete, einem Zustand der Panik ausgesetzt zu werden. Das Girl hatte über den Tod gesprochen wie andere Leute über das Wetter. In diesem Augenblick sollte es begreifen, was der Tod wirklich war. Es hatte diese Lektion verdient.
Ein scharfer Schmerz durchzuckte seinen Unterleib. Sein Griff lockerte sich. Noch ehe er wußte, wie ihm geschah, traf ihn die Handkante des Mädchens mit einem Karateschlag am Hals. Er brach in die Knie. Vor seinen Augen wogten bunte Nebel. Ein weiterer Treffer landete auf seinem Hals. Ronald Long kippte vornüber und verlor das Bewußtsein.
Als er wieder zu sich kam, ruhte er mit dem Gesicht auf dem Fußboden. Er wußte sofort, wo er war und was sich ereignet hatte. Dumpfe, würgende Scham überkam ihn. Das Girl hatte ihn bezwungen. Er verstand nicht, daß sein Angriff so plötzlich zu einem Bumerang geworden war.
Ronald Long erhob sich. Er fühlte sich matt und zerschlagen. Er setzte sich an den Tisch. Das Girl stand am Fenster. Es rauchte eine Zigarette. In der rechten Hand hielt es ein Glas mit Whisky und Eis. Während Longs Ohnmacht hatte es sich aus den Beständen der Hütte bedient.
»Was für, ein Mensch sind Sie nur?« fragte Ronald Long.
Sein Zorn war verraucht. Zurückgeblieben war ein Empfinden von Depression und Hoffnungslosigkeit, aber auch ein Gefühl der Verwunderung. Ihm war zumute, als ob er träume. Es interessierte ihn ernsthaft, zu erfahren, wie ein juhges attraktives Mädchen zu dem werden konnte, was sein Gegenüber verkörperte.
»Einer, der es im Leben zu etwas gebracht hat und der noch längst nicht ganz oben ist«-/ antwortete das Girl spöttisch. »Sie, Mr. Long, werden mir helfen, noch ein paar Sprossen höher zu kommen.«
***
Ich wartete das Eintreffen der Mordkommission ab und beteiligte mich an der Durchsuchung von Svenssons Wohnung. Wir entdeckten nichts, was einen Hinweis auf Svenssons Syndikatsverbindungen zuließ.
Anderthalb Stunden später fuhr ich zum Polizeirevier. Der Lieutenant vom Dienst empfing mich mit der Mitteilung, daß Jeff Colman auf stur geschaltet habe und sich weigere, eine Aussage zu machen. .
»Was wollten Sie von Laura Pennington?« fragte ich Colman, als ich ihm kurz darauf gegenübersaß.
Er starrte mir in die Augen. »Ich höre den Namen zum erstenmal«, sagte er.
»Das Mädchen war in Ihrer Wohnung, im Badezimmer«, sagte ich. »Ich entdeckte sie, als sie sich auf französische Art empfehlen wollte.«
»Dafür sollte sie bestraft werden! Einfach unverschämt! Sie muß sich heimlich Zutritt in meine Wohnung verschafft haben. Ich werde eine Strafanzeige gegen das Girl stellen.«
Ich blieb ruhig. Den faustdicken Lügen des Gangsters ließ sich nur mit Gelassenheit begegnen. »Sie behaupten, das Mädchen nicht zu kennen?«
»Es ist die Wahrheit, Sir.«
»Laura Pennington sieht die Dinge anders«, sagte ich. »Die junge Dame behauptet, Ihrer telefonischen Aufforderung gefolgt und dann von Ihnen in das Badezimmer gesperrt worden zu sein. In dem Anruf war übrigens die Rede von Miß Penningtons Schwester Gracia McLaren.«
»Das Mädchen hat eine blühende Phantasie«, knurrte Jeff Colman. »Vielleicht auch nicht. Vielleicht jubeln Sie mir das jetzt bloß unter, um mich zu verwirren. Aber damit kommen Sie nicht durch, Mister.«
Ich beugte mich nach vorn. »Wußten Sie übrigens, daß es Ihren Freund Svensson erwischt hat?«
Er blinzelte. »Billy Svensson? Wie, zum Teufel, soll ich das verstehen?«
»Er ist tot. Ein vergifteter Metalldorn hat seinem Leben ein plötzliches Ende gesetzt.«
Colman schluckte. »Das begreife ich nicht«, murmelte er.
»Kennen Sie keinen; der mit derlei Waffen hantiert?«
Die Tür ging auf. Der Lieutenant trat ein und drückte mir einen Zettel in die Hand. Ich bedankte mich und überflog den Inhalt. Dann blickte ich dem Gangster in die Augen.
»Das Labor hat rasch und gut gearbeitet«, stellte ich fest. »Es steht zweifelsfrei fest, daß Bruce McLaren mit drei Patronen aus Ihrem Revolver niedergeschossen wurde.«
»Das ist nicht mein Revolver!« protestierte Colman. »Ich habe ihn auf der Straße gefunden, zwischen zwei Mülleimern. Sie kennen doch die Geschichte!«
»Eine Geschichte! Genau das ist es. Erzählen Sie die Geschichte mal den Geschworenen!«
»Ich lasse mir von Ihnen keinen Mord anhängen!«
»Im Augenblick handelt es sich nur um einen Mordversuch. Wenn McLaren nicht durchkommt, wird es Mord. Die Tatwaffe wurde bei Ihnen gefunden. In Ihrer Wohnung entdeckte ich auch die Schwägerin des Verletzten. Welche Erklärung haben Sie dafür?«
»Jemand will mich ’reinlegen«, murmelte er und senkte den Kopf auf die Brust.
»Natürlich! Der große Unbekannte!« spottete ich. »Aber Ihren Angaben zufolge fanden Sie die Waffe ganz zufällig. Sie werden zugeben müssen, daß sich das mit Ihrer Theorie nicht verträgt.«
»Ich sage nichts mehr, kein Wort!« schnappte Colman.
»Das muß ich Ihnen überlassen«, sagte ich. »Sie kennen Ihre Lage. Sie wissen, daß sie durch ein Geständnis verbessert werden könnte. Warum machen Sie davon keinen Gebrauch?«
Er starrte an mir vorbei ins Leere.
»Wo ist der G-man Milo Tucker?« fragte ich ihn.
Colman antwortete nicht.
»Wohin wurde Leonie Andrews entführt?«
Er schwieg.
Ich stand auf. »Sie antworten mir nicht, weil Sie es sich nicht leisten -können, sich selbst zu belasten«, stellte ich fest. »Ich komme auch ohne Ihre Hilfe weiter.«
Ich verließ das Revier und holte den inzwischen ausgefertigten Durchsuchungsbefehl für Colmans Wohnung ab. Ehe ich damit in die Bronx fuhr, suchte ich mir Laura Penningtons Adresse heraus. Sie lautete 5th Avenue 261. Dort angekommen, mußte ich feststellen, daß Laura Pennington nicht zu Hause war. Ich setzte mich in meinen Jaguar und rief das Distriktgebäude an.
Milo hatte sich noch nicht gemeldet. Bruce McLaren schwebte weiterhin in Lebensgefahr, aber die Ärzte räumten ihm eine Chance ein, die Krise zu meistern. An eine Vernehmung war freilich momentan nicht zu denken.
Ich legte auf und fuhr los. Wenige Minuten später erreichte mich ein Anruf der Zentrale. Myrna war an der Strippe — die aufregendste Stimme unserer Vermittlung. Ich wechselte ein paar Worte mit dem Mädchen. Es machte Spaß, ihm zuzuhören. Man erholte sich dabei. Myrna verband mich mit Bruce McLarens Büro in der Wall Street. Sandhill war am Apparat. Seine Stimme klang aufgeregt.
»Miß Andrews ist wieder da«, berichtete er mir. »Ich habe sie gleich nach Hause geschickt. Die Ärmste ist mit ihren Nerven völlig am Ende. Kein Wunder bei dem, was sie durchmachen mußte! Sie war von Gangstern entführt worden!«
Ich ließ mir die Adresse von Bruce McLärens Sekretärin geben und stoppte zwanzig Minuten später vor einem gepflegten Apartment Building am Mc-Carren Park. Leonie Andrews wohnte in der dritten Etage. Als ich klingelte, öffnete sie die Tür nur einen Spalt. Sie ließ mich erst ein, nachdem ich ihr meinen Ausweis durch die Tür gereicht hatte.
»Sie müssen mein Mißtrauen entschuldigen«, sagte sie, als ich ihr in der Diele gegenüberstand, »aber ich hatte ein schreckliches Erlebnis. Ich bin noch völlig durcheinander.«
Sie führte mich in das große, mit den Fenstern zum Park weisende Wohnzimmer. Der Raum war elegant und geschmackvoll möbliert. Ein paar echte flämische Meister an den Wänden ließen die Vermutung zu, daß Bruce McLaren sich mit diesen Bildern an der Einrichtung beteiligt hatte. In der Luft hing der Rauch vieler Zigaretten. Leonie Andrews’ blassem Gesicht war anzusehen, daß sie es nicht geschafft hatte, den Schock des Erlebten durch Kettenrauchen zu neutralisieren. Wir setzten uns.
Leonie Andrews trug ein schlichtes grünes Shetlandkostüm. Sie sah keineswegs so aus, wie man sich die Geliebte eines einflußreichen Mannes vorstellt. Sie war nicht einmal hübsch, aber der schmale Kopf mit den großen graugrünen Augen wirkte damenhaft und charaktervoll. Leonie Andrews trug ihr dunkelblondes Haar im Nacken verknotet. Die Frisur ließ sie streng und älter erscheinen, als sie vermutlich war. Ich schätzte sie auf achtundzwanzig bis dreißig Jahre.
»Wann ist es passiert?« fragte ich. »Gleich, nachdem ich das Office verlassen hatte.«
»Unter welchem Vorwand wurden Sie aus dem Büro gelockt?«
»Angeblich wünschte Bruce — Mr. McLaren mich zu sehen. Es sollte geheim bleiben.«
»Wie ging es weiter?«
»Auf der Straße trat jemand von hinten an mich heran. Ich spürte, wie mir eine Waffe in den Rücken gepreßt wurde. Ein Mann forderte mich auf, ihn zu begleiten. Wir gingen zu einem Wagen und stiegen ein. Am Steuer des Wagens saß ein zweiter Mann.«
»Würden Sie die beiden Männer wiedererkennen?«
»Ja«, sagte .das Girl und blickte mich voll an, »aber ich darf Sie bitten, dabei nicht mit meiner Unterstützung zu rechnen.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Ich mußte den Gangstern versprechen, sie nicht zu identifizieren.«
»Halten Sie sich an diese Zusage gebunden?«
»Gewiß«, nickte Leonie Andrews. »Schließlich haben mich die Männer wieder auf freien Fuß gesetzt Sie hätten mich töten können, nicht wahr?«
»Dieser Mord hätte den Gangstern keinen Gewinn gebracht. Im Moment wachsen denen die Probleme über den Kopf. Deshalb zogen es die Gangster vor, Sie freizulassen.«
»Sie hätten mich töten können«, wiederholte Leonie Andrews. »Sie werden es tun, wenn ich gegen sie aussage. Damit haben sie mir gedroht. Sie müssen verstehen, daß ich unter diesen Umständen mein Versprechen als bindend betrachte.«
»Sie vergessen Ihren Chef, Mr. McLaren. Soviel ich hörte, bedeutet er Ihnen sehr viel. Er wurde ein Opfer dieser Gangster.«
Leonie Andrews begann am ganzen Körper zu zittern. »Ist er — tot?« fragte sie stockend.
»Nein; Aber das ist nicht das Verdienst der Gangster«, sagte ich. »Sie wollten ihn töten, als sie entdeckten, daß er nicht auf ihre Wünsche einzugehen beabsichtigte.«
Leonie Andrews schlug beide Hände vor das Gesicht. Ihre Schultern zuckten. Ich gab ihr eine Minute Pause. Sie ließ die Hände sinken und blickte mich an. »Ich kann es nicht«, sagte sie. »Ich habe Angst.«
»Lassen wir die beiden Männer aus dem Spiel«, schlug ich vor. »Wohin wurden Sie gebracht?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wollen Sie es nicht wissen?«
»Nein, ich sage die Wahrheit. Kurz nach der Abfahrt stoppte der Wagen auf einem Parkplatz. Ich wurde gezwungen, mich auf den Boden zu legen. Einer der Männer zog mir eine schwarze Kappe über den Kopf. Ich durfte sie während der Fahrt nicht wieder abnehmen.«
»Wie lange waren Sie unterwegs?«
»Für die Hin- und Rückfahrt benötigten wir jeweils etwas mehr als eine Stunde.«
»Fuhr man Sie im Kreise, um Sie zu täuschen und Ihren Orientierungssinn zu blockieren, oder hatten Sie das Gefühl, daß die Männer mit Ihnen die Stadt verließen?«
»Das ist sicher. Der Verkehr wurde immer schwächer. Zuletzt hatte ich das Gefühl, daß uns kein Wagen mehr begegnete. Der Mann am Steuer fuhr übrigens ziemlich schnell.«
»Wann nahm man Ihnen die Kappe ab?«
»Als ich in das Zimmer geführt wurde. Es war enorm hoch und ziemlich groß. An den Fenstern waren die Rollos herabgelassen, so daß ich keinen Blick nach draußen werfen konnte.«
»Einer der Männer blieb bei Ihnen?«
»Ja. Ich durfte mich nicht dem Fenster nähern. In dem Zimmer standen ein paar Stühle, ein altes Sofa und eine hübsche Empirekommode. In dem Haus war es sehr still. Ich hatte das Gefühl, daß es nicht bewohnt ist.«
»Denken Sie nach. Was fiel Ihnen sonst noch an dem Raum auf?« erkundigte ich mich.
»Der reiche Stuck an der Decke. So was kennt man heutzutage gar nicht mehr. Ach ja — und die Fenster. Sie waren ungewöhnlich schmal und hoch. Bogenfenster, würde ich sagen. Wie in einem alten Schloß — aber natürlich weiß ich, daß es so etwas in der New Yorker Umgebung nicht gibt.«
»Wissen Sie, warum Sie entführt wurden?«
»Die Männer sagten es mir. Mr. McLaren sollte damit zusätzlich unter Druck gesetzt werden.«
»Welchen Wagen benutzten die Gangster?«
»Einen 67er Ford Fairlane. Die Nummer habe ich nicht erkannt. Es war eine dunkelblaue Limousine mit rotem Polster.«
»Sie sagten, daß Sie pro Fahrt mehr als eine Stunde benötigten. Wie stellten Sie das fest? Blickten Sie vor und nach der Fahrt auf Ihre Uhr?«
»Ja«, nickte Leonie Andrews. »Für die Hinfahrt brauchten wir achtzig Minuten, für die Rückreise sogar neunzig. Der Mann im Fond sagte immer wieder warnend, daß wir zu schnell seien und daß wir uns keine Kontrolle durch die Highway Police leisten könnten.«
»Das sind fast anderthalb Stunden pro Trip«, stellte ich fest. »Bei geringem Verkehr kann man innerhalb dieser Zeitspanne weit nach New Jersey hineinfahren oder in den Bundesstaat New York. Bei Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung kommt man sogar bis an die Grenze von Pennsylvania heran.«
Ich stellte noch ein paar Fragen, dann ging ich. Ich fuhr in die Bronx und trommelte den Hausmeister heraus, der für das Gebäude Southern Boulevard 166 zuständig war. Ich zeigte ihm meinen Ausweis und den Haussuchungsbefehl. Er öffnete mir die Tür zu Colmans Wohnung mit dem Zweitschlüssel. Ich bat den Hausmeister, sich mir als Zeuge bei der Durchsuchung zur Verfügung zu Stellen.
»Wird gemacht«, meinte er. »Ich rufe nur meine Alte an, damit sie Bescheid weiß.«
Ich nickte und betrat das Schlafzimmer. Im nächsten Moment erfolgte eine heftige Explosion. Ich wirbelte herum und betrat die Diele. Dort wälzte sich mir aus dem Wohnzimmer eine graue ätzende Rauchwolke entgegen.
»Smith!« rief ich. Der Hausmeister antwortete nicht.
Ich riß mein Taschentuch aus der Hose und preßte es vor Mund und Nase. Dann warf ich mich auf den Boden. Unter den Rauchschwaden hindurch robbte ich in das Wohnzimmer.
Der Hausmeister lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich. Ich sah auf den ersten Blick, daß es Smith böse erwischt hatte.
Hustend drehte ich ihn auf die Seite. Er war ohnmächtig. Sein Gesicht war blutverschmiert. Ich sprang auf und rannte aus dem Zimmer. Als ich die Wohnungstür aufriß, prallte ich mit Neugierigen zusammen, die der Explosionskrach alarmiert und aus den umliegenden Wohnungen geholt hatte.
»Wo kann ich telefonieren?« stieß ich hervor.
»Bei mir, Mister«, sagte eine Frau und schloß aufgeregt ihre Wohnungstür auf. »Kommen Sie nur herein!«
***
»Und Sie sind sicher, daß der Anschlag Ihnen galt?« fragte mich Mr. McKee.
»Ich wüßte keine andere Erklärung für die Explosion«, sagte ich. »Die Gangster kalkulierten ganz richtig, daß ich zurückkommen und Colmans Wohnung unter die Lupe nehmen würde. Sie präparierten daraufhin das Telefon mit einer Sprengladung. Wahrscheinlich hatten sie vor, mich anzurufen, wenn ich mich in der Wohnung umschaute. Sie konnten nicht voraussehen, daß der Hausmeister das Telefon benutzen würde, noch ehe sie eine Chance hatten, den Apparat klingeln zu lassen.«
»Der Zünder wurde durch das Abheben des Hörers ausgelöst?« fragte Mr. McKee.
»Ja. Glücklicherweise hatte sich Smith etwas abgewandt und mit dem Gesicht zur Tür gedreht. Vermutlich interessierte es ihn, meine Arbeit zu verfolgen. Das hat ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. Er wird durchkommen.«
»Es wird Zeit, daß wir den Gangstern das Handwerk legen. Das Syndikat schreckt vor nichts zurück. Brauchen Sie Verstärkung, Jesse? Ich bin in Sorge um Milo. Wir müssen endlich etwas für ihn tun!«’
»Ich hoffe und glaube nicht, daß Milo ernsthaft gefährdet ist. Wir haben es mit eiskalten Profis zu tun, und Profis wissen, was geschieht, wenn sie sich an einem FBI-Agenten vergreifen«, sagte ich.
»Sie haben Milo entführt, Jesse. Ist das nicht genug?«
»Dafür werden sie sich verantworten müssen. Sie werden es aber nicht wagen, noch weiter zu gehen.«
»Ich wünschte, ich könnte Ihren Optimismus teilen'«, meinte Mr. McKee. »Milo hat einen der Gangster vor McLarens Haus erkannt, eine andere Erklärung gibt es nicht für seine Entführung. Mit diesem Wissen sind Milos Chancen, wie Leonie Andrews auf freien Fuß gesetzt zu werden, denkbar gering. Sie wissen das so gut wie ich.«
»Sie haben recht, Sir. Trotzdem wird es niemand wagen, Milo ein Haar zu krümmen. Die Gangster behalten ihn als Geisel, für den Fall, daß sich die Dinge nicht in ihrem Sinn entwickeln sollten. Sie betrachten Milo als ihren letzten Trumpf.«
»Wir dürfen kein Risiko eingehen. Wir müssen ihn schnellstens heraushauen. Wohin fahren Sie jetzt?«
»Zu Gracia McLaren. Ich möchte ein paar Fragen an sie richten, die ihre Schwester Laura betreffen. Die Untersuchung von Colmans Wohnung hat mich nicht vorangebracht. Ich hoffe, daß die Männer von der Spurensicherung mit dem Pontiac mehr Erfolg haben werden. Auf meine Anweisung hin wurde er abgeschleppt.«
»Ich habe veranlaßt, daß Colman zur Vernehmung hergebracht wird«, meinte Mr. McKee. »Er ist momentan unser wichtigstes Bindeglied zu dem Syndikat.«
Nach dem Gespräch änderte ich mein Vorhaben. Ich fuhr nochmals zur 5th Avenue. Ich kam nicht davon los, daß Laura Pennington für das bisherige Geschehen mitverantwortlich war. Ich hatte Glück. Der Zufall wollte es, daß Laura Pennington einige Parklücken vor mir aus einem roten Volvo kletterte.
Das Mädchen trug einen hellen kurzen Mantel, unter dem Blue jeans hervorlugten. Die linke Manteltasche wurde von einem mehr als faustgroßen Gegenstand stark ausgebeult.
Das Mädchen ging an dem salutierenden Portier vorbei in das Haus. Ich wartete ein paar Minuten, dann kletterte ich ins Freie. Zuerst schaute ich mir den Volvo an. Im Profil seiner Reifen waren Schmutz und kleine Steinchen haftengeblieben.
Kurz darauf klingelte ich an Laura Penningtons Apartmenttür. Das Mädchen öffnete mir in Blue jeans und einer karierten modischen Sportbluse. »Hallo, Sir«, sagte es strahlend und trat zur Seite, um mir Platz zu machen. »Nur immer hereinspaziert. Was gibt es Neues?«
Ich sah den hellen Kurzmantel an einem Garderobenhaken hängen. Seine Taschen waren schlaff und leer. Das Girl führte mich in das Wohnzimmer. Ich fragte mich, ob es meinen Blick bemerkt und richtig gedeutet hatte.
»Lassen Sie sich nicht von all dem Luxus blenden«, sagte Laura Pennington spöttisch. »Ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Einrichtung abgestottert. Sie wissen ja, wie wichtig in New York Repräsentation ist. Nehmen Sie einen Whisky? Scotch oder Bourbon? Ich habe sogar irischen da.«
Ich schüttelte den Kopf. Wir setzten uns. Laura Pennington nahm mit untergezogenen Beinen auf der Couch Platz. Sie gab sich völlig unbefangen. »Schießen Sie los«, sagte sie interessiert. »Wie geht es meinem Schwager? Weiß man inzwischen, wer auf ihn geschossen hat?«
»Es hat den Anschein, als sei Colman der Täter gewesen«, sagte ich. »Der bei ihm gefundene Revolver wurde zweifelsfrei als Tatwaffe identifiziert.«
»Hat er gestanden?«
»Leute seines Kalibers fallen nicht so leicht um.«
»Lieber Himmel«, hauchte das Girl und griff sich mit einer Hand an das Herz. »Dann war ich ja in der Wohnung eines Mörders…« Die Geste hatte einen theatralischen Effekt. Sie machte mich noch mißtrauischer, als ich es schon war.
»Ich nehme doch einen Drink«, sagte ich. »Bourbon, wenn ich bitten darf.« Laura Pennington sprang dienstbeflissen hoch. Sie trat an die kleine Hausbar und schenkte ein Glas Jast halbvoll.
Ich erhob mich und nahm ihr das Glas ab. »Ich darf mir etwas Eis aus der Küche holen«, sagte ich.
Ich war mit dem Glas auf dem Weg zur Tür, noch ehe sie etwas entgegnen konnte. »Aber das kann ich doch für Sie erledigen!« rief sie hinterher.
Ich durchquerte die Diele und öffnete die Küchentür. Die Küche war klein, modern und piksauber. Der Kühlschrank war groß, aber fast leer. Außer einigen Dosen Bier und zwei Flaschen Champagner war nichts darin, auffallend vor allem nichts Eßbares. Ich nahm die Schale mit den Eiswürfeln aus dem Tiefkühlfach. Laura Pennington stand auf der Schwelle und sah mir zu. Ich spürte die plötzliche Spannung, der sie sich ausgeliefert fühlte.
Ich löste die Würfel und warf zwei davon in mein Glas. Einen ließ ich bewußt zu Boden fallen. »Zu blöd!« sagte ich wie entschuldigend und bückte mich danach.
»Werfen Sie ihn einfach in den Ausguß«, meinte Laura Pennington.
Ich nickte, trat aber auf die Mechanik, die den Deckel des Abfalleimers anhob. Als ich den Eiswürfel hineinwarf, sah ich auf dem Boden des Eimers die Kappe eines Zündverteilers liegen. Die abgerissenen Kabel ließen erkennen, daß die Kappe mit Gewalt entfernt worden war. »Nanu«, .sagte ich und nahm sie heraus. »Was ist denn das?«
»Lassen Sie uns zurück ins Wohnzimmer gehen«, meinte Laura Pennington. »Hier ist es so ungemütlich.«
»Gehört das Ding Ihnen?« fragte ich sie und zeigte ihr die Plastikkappe.
»Nein. Ich fand sie in meinem Wagen. Im Fond, um genau zu sein. Sie lag dort auf dem Boden. Die Leute von der Werkstatt haben sie darin liegengelassen. Als ob ich mit der alten Klamotte noch etwas anfangen könnte!«
»Wann haben Sie die Kappe gefunden?«
Laura Pennington hob wie irritiert die Augenbrauen. »Lieber Himmel, ist das denn so wichtig?« fragte sie.
»Das werde ich wissen, sobald Sie meine Frage beantwortet haben«, sagte ich.
Laura Penningtons Gesicht nahm einen frostigen Ausdruck an. Sie mimte die Verärgerte. »Es liegt schon zwei Tage zurück«, meinte sie. »Ich hatte den Wagen zur Inspektion gegeben. Wenn Sie es mir nicht glauben, können Sie ja die Werkstatt anrufen.«
Ich trug den Zündverteiler in die Diele Vor der Garderobe blieb ich stehen. Mit zwei Fingern spreizte ich ihre linke Manteltasche. Ihr Inneres war verschmutzt. Die Verteilerkappe paßte genau hinein.
»Sie sind vorhin mit dem Ding in die Wohnung gekommen«, stellte ich fest.
Laura Pennington lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was Sie nicht sagen!« spottete sie. »Nehmen wir einmal an, Sie hätten recht. Was wäre damit bewiesen?«
»Eine gute Frage«, sagte ich. »Erlauben Sie, daß ich sie erst nach reiflicher Prüfung beantworte? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Kappe überließen.«
»Bitte, ich wußte nicht, daß Sie Schrott sammeln«, sagte das Girl spöttisch.
Wir gingen zurück ins Wohnzimmer. Laura Pennington nahm diesmal in einem Sessel Platz. Sie gab sich sehr selbstsicher,' aber ich fühlte, daß sie schauspielerte.
»Wo wohnen Sie nun wirklich?« fragte ich sie.
»Hier! Wo denn sonst?«
»Es mag stimmen, daß Sie das Apartment gemietet haben und daß es auf Ihren Namen läuft, aber Sie sind nur selten hier«, stellte ich fest. »Im Kühlschrank ist kein Essen, und im Mülleimer entdeckte ich nur diesen Zündverteiler. Der Küche ist anzusehen, daß sie nicht benutzt wird.«
»Stimmt genau. Ich gehe essen. Ich hasse Küchenarbeit.«
»Sie frühstücken nicht zu Hause?«
»Nie.«
»Ich nehme an, Sie nehmen das Frühstück und die anderen Mahlzeiten in Stammlokalen ein?«
»Grundsätzlich nicht«, meinte das Girl. »Ich verachte die Monotonie der Gewohnheit. Ich esse jeden Tag woanders. In New York ist das ja einfach.«
Sie log, aber ich konnte ihr im Augenblick nicht das Gegenteil beweisen. »Vor dem Haus steht ein Portier. Ich wette, er hat ein gutes Gedächtnis und wird mir sagen können, ob Sie regelmäßig frühmorgens aus dem Haus gehen und abends zurückkommen.«
»Bevor ich Ihnen dazu etwas sage, würde ich gern von Ihnen erfahren, was diese Schnüffelei soll. Verdächtigen Sie mich, an dem abscheulichen, gegen meinen Schwager gerichteten Komplott beteiligt gewesen zu sein?«
»Fest steht, daß ich Sie in der Wohnung des mutmaßlichen Täters Jeff Colman antraf.«
»Ich habe Ihnen erklärt, wie es dazu kam.«
»Das können Schutzbehauptungen gewesen sein. Sie müssen zugeben, daß Sie sich stillschweigend davonzumachen versuchten. Aber da ist noch etwas. Nachdem Sie Jeff Colmans Wohnung verlassen hatten, betraten sie den Drugstore an der Ecke, um von dort aus zu telefonieren. Wen riefen Sie an?«
»Ich habe niemanden angerufen. Ich kaufte mir ein Päckchen Zigaretten.«
»Der Clerk weiß es anders. Er wird Sie wiedererkennen.«
»Ich finde das unerhört!« fauchte das Girl. »Sie behandeln mich wie eine Schwerverbrecherin.«
»Wer weiß, vielleicht sind Sie eine? Als Sie in dem Drugstore telefonierten, hielt ich es für eine gute Idee, Svenssons Nummer zu wählen. Sie war besetzt.«
»Wer ist Svensson?«
»Fragen Sie lieber, wer er war. Er ist nämlich tot. Svensson war der Mann, der Jeff Colman ein Alibi für Bruce McLarens Entführung liefern sollte. Sie müssen gehört haben, wie Colman mir Svenssons Adresse nannte. Ihnen war klar, daß ich zu Svensson fahren würde, um das Alibi zu überprüfen. Es könnte sein, daß Sie Svensson warnten und gleichzeitig einige Abwehrmaßnahmen trafen.«
»Abwehrmaßnahmen?«
»Sie haben richtig verstanden. Ich war Ihnen zu gefährlich geworden, deshalb sollte ich aus dem Weg geräumt werden. Der Schütze, der den Auftrag ausführen sollte, erwischte jedoch Svensson.«
»Das ist doch absurd!« fauchte Laura Pennington wütend. Sie erhob sich und trat an die Hausbar. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und parkte dabei die Ellenbogen auf dem Tresen. »Sie suchen einen Sündenbock!« fuhr sie fort. »Anscheinend gehen Sie dabei den Weg des geringsten Widerstandes. Es ist gemein und unfair, mich in Ihre albernen Verdächtigungen eirizubeziehen. Und was die Fragen betrifft, die Sie dem Portier stellen wollen, muß ich Sie enttäuschen. Meistens verlasse oder betrete ich das Haus durch die Tiefgarage. Dabei kann der Portier mich nicht sehen.«
Ich stand auf und ging zur Tür. »Wir sehen uns bald wieder«, erklärte ich und verließ mit der Zündverteilerkappe die Wohnung. Ich fuhr zu einer Werkstatt, die sich mit Autoelektrik befaßte, und legte dem Meister die Kappe vor.
»Das ist ein ziemlich ausgefallenes Modell«, meinte er ratlos. »Stammt nicht von einem amerikanischen Wagen. Ich tippe auf einen Europäer.« Er wälzte ein paar Handbücher und fand die Lösung nach zehn Minuten. »Die Kappe stammt von einem englischen Landrover«, sagte er.
Ich bedankte mich und rief die Generalvertretung der Firma Landrover an. Ich erhielt die Namen und Adressen der Werkstätten in New York und Umgebung. Es dauerte fast eine halbe Stunde, ehe ich den Leitern der Ersatzteillager meine Fragen und Wünsche mitgeteilt hatte. Die Aktion brachte kein positives Ergebnis. In den letzten Tagen und Stunden hatte kein Kunde eine neue Zündverteilerkappe benötigt.
Inzwischen hatte ich Hunger bekommen. Ich aß in einem Schnellrestaurant und fragte mich, wie und wo Milo seinen Hunger stillen mochte.
Danach fuhr ich zurück ins Distriktgebäude. Auf meinem Schreibtisch fand ich einen Laborbericht. Der 67er Pontiac enthielt keine verwertbaren Fingerabdrücke. In den Rillen der Reifenprofile waren Erdrückstände gefunden worden, die einer interessanten geologischen Formation entstammten. Dem Labor zufolge gab es diese Lehmschieferverbindung vornehmlich im westlichen Jersey und in Pennsylvania, in geringerem Maße auch in Idaho und Montana. Die beiden letzteren Staaten schloß ich aus. Das Gebiet, das in der New Yorker Umgebung benannt wurde, bedeckte eine Fläche von etwa hundert Quadratmeilen.
Ich schaute mir das Gelände auf der Karte an. Es begann etwa siebzig Meilen westlich von New York. Man konnte es leicht in anderthalb Stunden Fahrzeit erreichen. Diese Erkenntnis deckte sich mit den von Leonie Andrews’ gemachten Angaben. Ich ging zu Mr. McKee und berichtete ihm, was sich inzwischen ereignet hatte und welche Folgerungen ich daraus zog. Er telefonierte mit der Flugbereitschaft und bestellte für den kommenden Morgen einen Hubschrauber. Der Start wurde für acht Uhr morgens festgelegt.
Noch während wir uns darüber unterhielten, klingelte das Telefon. Der Anruf war für mich.
»Odgen und Cumberland«, meldete sich der Sprecher einer Reparaturfirma. »Wir haben einen Landrover-Zündverteiler verkauft, an eine Werkstatt, mit der wir sonst nichts zu tun haben, weil sie ein Konkurrenzfabrikat vertreibt.«
Ich notierte mir den Namen, den er mir nannte, und bedankte mich für die Mitarbeit. »Ich fahre am besten hin«, sagte ich und trat an die Wandkarte in Mr. McKees Office. »Eine telefonische Anfrage würde bloß Verwirrung stiften,«
Die Werkstatt befand sich in North Bergen, nördlich von New Jersey. Als ich sie erreichte, hatte sie bereits geschlossen, aber die damit verbundene Tankstelle war noch geöffnet.
Ich erfuhr, daß der Werkstattleiter nur drei Häuserblocks von seinem Arbeitsplatz entfernt wohnte. Fünf Minuten später klingelte ich an seiner Tür. Er trat mir kauend und mit mürrischem Gesicht entgegen. Ich hatte ihn beim Abendessen gestört. Der Anblick meiner ID-Card stimmte ihn verträglicher. Er führte mich in sein Wohnzimmer. Dort erklärte ich ihm, worum es ging.
»Ja, der Landrover steht noch in der Werkstatt«, sagte er. »Morgen früh wird er abgeholt. Fertig ist er bereits. Die Reparatur war kein Problem, aber wir hatten das Ersatzteil nicht vorrätig und mußten es erst besorgen.«
»Wem gehört der Wagen?« fragte ich.
»Einem Mr. Ronald Long. Er war beim Angeln. Irgendein Rowdy hat ihm die Verteilerkappe abgerissen.«
»Wie ist er mit dem defekten Wagen hergekommen?« wollte ich wissen. »Jemand hat ihn abgeschleppt.«
»Wie lautet Mr. Longs Adresse?«
»Die Wagenpapiere liegen in der Werkstatt. Warten Sie, ich rufe Billy an. Der hat Nachtdienst.«
Er telefonierte mit dem Tankwart. »Ronald Long, Oakwood Heights 21, Richmond«, teilte er mir dann mit. Ich schlug das Telefonbuch auf und stellte fest, daß Ronald Long ein Finanzmakler war.
Ich bedankte mich bei dem Werkstattleiter und setzte mich in meinen Jaguar. Nach einigem Hin und Her mit der Zentrale erreichte ich McLarens Vertreter Sandhill in seiner Privatwohnung.
»Sagt Ihnen der Name Ronald Long etwas?« fragte ich ihn.
»Aber ja!« erklärte Sandhill. »Er ist mit Mr. McLaren befreundet. Sie sind gewissermaßen Kollegen.«
»Mr. Long ist demnach in der Finanzwelt ein bedeutender Mann?«
»Nicht so bedeutend wie Mr. McLaren, aber zweifellos sehr einflußreich«, antwortete Sandhill. »Er sitzt im Vorstand einiger Banken und Investmentgesellschaften.«
»Danke«, sagte ich. »Das genügt mir.« Inzwischen war es einundzwanzig Uhr zwanzig geworden. Ich fragte mich, ob ich Long anrufen und ihm meinen Besuch ankündigen sollte, verzichtete aber darauf- Ich fuhr nach Richmond und vertraute dabei auf den Überraschungseffekt.
Die Häuser am Great Kills Park, der die Oakwood Heights begrenzte, waren groß und vornehm. Sie lagen in ausgedehnten Gartengrundstücken, die Distanz zur Straße und zu einem weniger aufwendigen Leben bekundeten.
Ronald Longs Haus war eine Villa im viktorianischen Stil, schneeweiß und gepflegt. Der Vorgarten bestand aus einer glatten, kurzgeschorenen Rasenfläche, die jedem Golfplatz Ehre gemacht hätte. Das Grundstück war nicht umzäunt. Im Erdgeschoß brannte Licht. Der Abendhimmel war von roten Pastellstreifen durchzogen. Es war noch nicht völlig dunkel, aber zwischen den Büschen und Bäumen duckten sich bereits die Schatten der heraufziehenden Nacht.
Ich fuhr an dem Haus vorbei und stellte den Jaguar in einer Nebenstraße ab. Dann ging ich zu Fuß zurück. Ich suchte nichts Bestimmtes, es war einfach ein Stück Routine, das mich darauf brachte, die Umgebung zu kontrollieren. Dabei zeigte sich auch diesmal, wie wichtig es war, gewisse Spielregeln der Arbeit einzuhalten. Ich stellte fest, daß Ronald Longs Haus beobachtet wurde.
Der Wagen stand dem Grundstück schräg gegenüber. Es war ein dunkelblauer Chevy, Baujahr 1965. Am Steuer saß ein Mann mit grauem Filzhut. Er rauchte eine Zigarette und behielt das Grundstück von Ronald Long im Blickfeld. Vielleicht tat er das nur zufällig. Vielleicht war er ein Mann, der hier auf sein Mädchen wartete, andererseits war er nicht der Typ, auf den diese Vermutung passen wollte.
Ich ging an ihm vorbei und prägte mir die. Nummer seines Wagens ein. Dann betrat ich den Park und kehrte auf Umwegen zu meinem Jaguar zurück. Inzwischen war es völlig dunkel geworden.
Ich wünschte mit Ronald Long zu sprechen, ohne daß mein Besuch bei ihm bemerkt wurde. Nach kurzer Überlegung faßte ich den Entschluß, sein Grundstück von hinten zu betreten. Ich mußte zwei fremde Gärten durchqueren, um dieses Ziel zu erreichen. Einmal schlug ein Hund an, aber er beruhigte sich zum Glück schnell wieder.
An der Rückseite von Ronald Longs viktorianischer Villa befand sich ein moderner Swimming-pool und eine Terrasse. Die Vorhänge an den Erdgeschoßfenstern waren geschlossen. Dahinter brannte Licht.
Ich betrat die Terrasse, um gegen ein Fenster zu klopfen. Genau in diesem Moment fiel der Schuß.
Ich stand erstarrt. Der Hund auf dem Nachbargrundstück begann wieder zu bellen, diesmal laut und hysterisch. Mit wenigen Schritten war ich an der Terrassentür. Ich streckte die Hand aus, um zu klopfen, aber in diesem Moment wurde die Tür von innen geöffnet.
Ein Mann torkelte heraus. Er hatte Mühe, sich auf seinen Beinen zu halten, und ging seltsam verdreht, mit vorgeschobener und gleichzeitig abgeduckter Schulter. Er hatte die rechte Hand in sie verkrampft. Es sah aus, als wollte er die Schulter nach oben drücken, aber das war sicherlich eine Täuschung. Wahrscheinlicher war, daß er die Hand auf die von einer Kugel verursachte Schulterwunde preßte.
Als er mich sah, zuckte er zusammen und starrte mir in die Augen. Sein verzerrtes Gesicht drückte Schmerz, Terror und Haß aus. Sein Atem kam laut und keuchend. Er murmelte etwas Unverständliches, dann stolperte er weiter.
»Ich helfe Ihnen«, sagte ich und griff nach ihm.
»Weg mit den Pfoten«, knurrte er.
Im Rahmen der Terrassentür erschien ein Mann. Das Licht des Zimmers erhellte seine Gestalt, hielt aber das Gesicht im Schatten. Er war groß und breitschultrig. Die Hüftpartie zeigte jedoch die Speckrolle des erfolgreichen Mittvierzigers. Er hielt einen Revolver in der Hand.
»Noch so ein Schwein!« preßte er durch die Zähne. Es war klar, daß die Worte mir galten. Er hob den Revolver und legte auf mich an.
»Haben Sie den Verstand verloren?« rief ich ihm zu. »Ich bin Jesse Trevellian vom FBI. Hier ist mein Ausweis!«
»Stop!« rief er scharf, als ich die Hand hob, um ihm die ID-Card zu zeigen. »Keine falsche Bewegung, Freundchen, oder Sie bekommen, was Sie verdienen.« Er lachte wie ein Betrunkener. »FBI! Einfach großartig!« höhnte er. »Nehmen Sie die Hände hoch und treten Sie näher.«
Sein Finger lag am Abzug. Ich spürte, daß der Mann in diesem Augenblick zu allem fähig war. Deshalb hielt ich es für klüger, ihn nicht zu reizen. Ich hob langsam die Hände und wandte den Kopf. Der andere Mann stolperte in das Dunkel des Gartens hinein.
»Der hat seinen Denkzettel weg«, erklärte der Mann im Haus. »Jetzt spreche ich mit Ihnen. Los, kommen Sie herein, und wagen Sie es nicht, mir mit irgendwelchen Mätzchen zu kommen!«
Ich trat über die Schwelle. Der andere wich vor mir zurück. Ich merkte, daß er tatsächlich getrunken hatte. Seine Augen zeigten rote Ränder. Er roch nach Whisky.
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte ich zu ihm. »Ich stelle mich mit dem Gesicht zur Wand, und Sie holen mir die Brieftasche aus dem Jackett. Sie können sich dann überzeugen, daß ich tatsächlich ein FBI-Agent bin.«
»Ein FBI-Agent, der durch die Hintertür ins Haus zu kommen versuchte!« spottete er. Jetzt wußte ich, daß er der Hausbesitzer, Mr. Ronald Long, sein mußte.
»Ihr Haus wird beobachtet«, klärte ich ihn auf. »Ich wollte vermeiden, daß ich gesehen werde.«
Ich sah, wie Hohn und Skepsis aus seinen Blicken verschwanden. »Okay«, sagte er. »Drehen Sie sich um!«
Er nahm mir die Brieftasche mit dem Ausweis ab. »Ich habe mich wie ein Idiot benommen«, sagte er. »Bitte, entschuldigen Sie mich, ich bin völlig durcheinander.«
Ich wandte mich ihm zu und nahm meine Brieftasche wieder in Empfang. »Warum haben Sie auf den Mann geschossen?«
»Ich habe ihn im Haus erwischt«, murmelte er. »Er wollte auf mich losgehen. Da drückte ich ab.«
Ronald Long vermied es bei diesen Worten, mich anzusehen. Er ließ sich auf die Couch fallen und rutschte tief nach unten, so tief, bis es ihm gelang, seine Schultern und den Kopf auf die niedrige Lehne zu betten. Er starrte an die Decke. »Ich fürchte, ich habe zuviel getrunken«, sagte er.
Ich trat an die Terrassentür. »Ich muß mich um den Verletzten kümmern«, erklärte ich. »Warten Sie bitte hier auf mich.«
Im Garten schaute ich mich vergeblich nach dem Unbekannten um. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Ich ging zurück ins Haus. Ronald Long hatte seine Stellung nicht verändert. Ich schloß hinter mir die Terrassentür und setzte mich dem Hausherrn gegenüber.
»Kannten Sie den Mann?« fragte ich ihn.
»Sehe ich aus wie jemand, der vertraulichen Umgang mit Einbrechern pflegt?« fragte er gereizt dagegen.
»War es denn ein Einbrecher?«
»Fest steht, daß er sich ohne meine Zustimmung Eintritt verschafft hat.«
»Das ist ihm zum Verhängnis geworden. Laufen Sie immer mit einem Revolver in der Hand herum?«
Ronald Long warf mir einen schwer deutbaren Blick zu. »Ich hörte ein Geräusch in der Halle. Das Knacken eines Dielenbrettes. Ehe ich mich davon zu überzeugen wagte, was es damit auf sich hatte, holte ich meinen Revolver aus dem Schreibtisch. Übrigens besitze ich dafür eine Lizenz. Genügt Ihnen diese Auskunft?«
»Ja und nein. Sie überraschten den Mann in der Halle?«
Ronald Long setzte sich plötzlich steil auf. Er schien meine Frage nicht gehört zu haben. »FBI!« rief er aus und starrte mir in die Augen. »Was, zum Teufel, wollen Sie von mir?«
»Ich bin hergekommen, um Ihnen zu helfen.«
»Ich brauche keine Hilfe«, sagte er schroff. »Wie Sie sehen, kann ich mich selbst verteidigen.«
»Ich finde nicht, daß Sie sich richtig verhalten haben. Sie haben den Mann angeschossen und dann entkommen lassen. Es wäre besser gewesen, die Polizei anzurufen und den Fremden bis zu ihrem Eintreffen festzuhalten. Der Revolver gab Ihnen doch die Möglichkeit dazu.«
»Ich sagte Ihnen bereits, daß ich getrunken habe«, murmelte Ronald Long. »Da reagiert man anders als sonst, fürchte ich. Womit wollen Sie mir helfen?«
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich jetzt die Fragen stelle? Auf diese Weise kommen wir rascher voran. Wer ist außer Ihnen und mir noch im Haus?«
»Niemand.«
»Sind Sie nicht verheiratet?«
»Peggy ist bei ihrer Mutter.«
»Wie steht es mit Dienstboten?«
»Ich kann sie nicht um mich haben«, erklärte Ronald Long. »Natürlich beschäftige ich einige, um das Haus in Ordnung zu halten, aber ich erwarte, daß sie wie die Angestellten nach Hause gehen, sobald ich sie nicht mehr brauche. Ich habe für sie den Achtstundentag eingeführt. Für Überstunden zahle ich extra.«
»Wo haben Sie den heutigen Tag verbracht?«
»Ich war zum Angeln.«
»Wo?«
»Verdammt noch mal, worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Ich habe ein Grundstück auf dem Land.«
»Wohnt Ihre Schwiegermutter in New York?«
»Ja.«
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich mit Ihrer Frau zu verbinden?«
»Die beiden sind ins Theater gegangen«, wich Ronald Long aus.
»Vielleicht sind sie wider Erwarten zu Hause geblieben. Welche Telefonnummer hat Ihre Schwiegermutter?« Ronald Long erhob sich mit einem Ruck. »Ich habe es einfach nicht nötig, mich von Ihnen brüskieren zu lassen«, erklärte er scharf. »Bitte, verschwinden Sie!«
Ich schüttelte den Kopf. »Allein kommen Sie mit der Meute nicht zurecht.«
»Mit welcher Meute?«
»Mit den Gangstern, die Sie erpressen. Mit den Leuten, die Ihre Frau entführten.«
Ronald Long ließ sich auf die Couch fallen. Entgeistert starrte er mich an. »Sie beginnen mir unheimlich zu werden«, sagte er leise.
»Es ist keine Zauberei im Spiel«, meinte ich. »Ich interessiere mich im Auftrag des FBI für gewisse Unterweltmanipulationen, die das Ziel verfolgen, die Investmentgesellschaften zum Ankauf wertloser Börsenpapiere zu zwingen. In diesem Zusammenhang muß auch der Anschlag auf Ihren Freund und Kollegen Bruce McLaren gesehen werden.«
»Was habe ich damit zu tun?«
»Eine ganze Menge. Sie sind fast so einflußreich wie er. In den Aufsichtsräten großer Gesellschaften hört man auf Sie. Es ist wahrscheinlich, daß sich das Syndikat diesen Umstand zunutze machen wollte.«
»Das ist keine ausreichende Erklärung für die von Ihnen aufgestellten Behauptungen«, meinte Long.
»Ich war noch nicht fertig. McLaren hatte sich geweigert, das schmutzige Spiel der Gangster mitzumachen. Als er sich dem FBI offenbaren wollte, schoß man ihn nieder. Das Syndikat wandte sich an Sie und entführte, wie ich vermute, Ihre Frau. Damit erpreßt man Sie. Aus Sorge um Ihre Frau haben Sie nicht den Mut, mir die Wahrheit zu gestehen.«
Ronald Long erhob sich. Er ging seltsam schwerfällig zu einem vergoldeten Barwagen und schenkte sich einen Whisky ein. Seine Hand war ruhig, aber er war sehr blaß. »Reden Sie weiter«, murmelte er.
»Ich bin durch einen Zufall auf Sie gestoßen. In der Wohnung einer jungen Dame, die ich im Verlauf meiner bisherigen Ermittlungen auf recht ungewöhnliche Weise kennenlernte, entdeckte ich im Mülleimer die abgerissene Kappe eines Zündverteilers. Sie werden zugeben, daß es für ein Mädchen keinen einleuchtenden Grund gibt, so etwas mit sich herumzuschleppen. Weil das so war, interessierte ich mich für die Hintergründe des Geschehens. Dabei fand ich heraus, daß die Kappe von einem Landrover stammt — nämlich von Ihrem.«
Ronald Long starrte mich an. »Okay, jetzt begreife ich die Zusammenhänge. Sie erfuhren, daß ich ein Finanzmakler bin, und folgerten daraus, daß mich die Gangster in die Mangel genommen hätten.«
»Es war wirklich einfach.«
»Finden Sie? Alles, was Sie bewiesen haben, ist der Diebstahl meiner Verteilerkappe, aber das weiß ich schon seit heute mittag. Sie sind mir nur in einem Punkt voraus. Sie wissen, wer es getan hat. Natürlich interessiert es mich, das Mädchen kennenzulernen. Wer ist es?«
»Weichen Sie mir nicht aus. Geben Sie zu, daß Ihre Frau entführt wurde und daß man Ihren Wagen lahmlegte, um Sie vorübergehend kaltzustellen?« Ronald Long nahm einen Schluck aus seinem Glas. Nachdenklich starrte er ins Leere. Er schwieg.
»Sie haben heute abend nicht getrunken, weil Ihnen danach zumute war. Sie wollten sich betäuben. Sie wollten die Ohnmacht vergessen, in der Sie sich zu befinden glauben.«
Ronald Long nahm einen weiteren Schluck. Er sagte noch immer nichts.
»Uns passiert das immer wieder«, fuhr ich fort. »Die Angehörigen eines Entführten schweigen, weil sie sich vor der Rache der Gangster fürchten. Aber dieses Schweigen hilft nur dem Syndikat. Wir können Ihre Frau retten, noch heute nacht. Es kommt nur darauf an, daß Sie sich zur Mitarbeit entschließen.« Ronald Long stellte das Glas so hart aus der Hand, daß es einen Sprung bekam. »Okay«, sagte er mit rauher Stimme. »Sie sind der Mann mit der größeren Erfahrung. Ich beuge mich Ihren Argumenten.«
Und nun berichtete er präzise und fast atemlos, was er erlebt hatte. Seine Beschreibung der Erpresserin in Blue jeans paßte haargenau auf Laura Pennington.
»Mir blieb keine andere Wahl, als zum Schein auf die Forderungen des Girls einzugehen«, schloß er bitter. »Ich wollte vor allem erst einmal Zeit gewinnen.«
Das Telefon klingelte. Ronald Long hastete an den Apparat. Er riß den Hörer von der Gabel und meldete sich. »Für Sie«, sagte er überrascht.
Ich nahm ihm den Hörer ab. »Jesse Trevellian«, meldete ich mich.
»Hallo, G-man«, tönte es mir vom anderen Leitungsende entgegen. »Hier spricht eine Freundin — Laura Pennington. Ich möchte Ihnen Gelegenheit geben, sich ein letztes Mal mit mir zu unterhalten.«
***
»Ich kann verstehen, daß Sie unter den gegebenen Umständen eine Reise antreten möchten«, sagte ich, »aber ich empfehle Ihnen, darauf zu verzichten. Früher oder später würde man Sie doch fassen.«
»Das bezweifle ich«, sagte Laura Pennington. »Es mag zutreffen, daß das FBI und das Gesetz einen langen Arm haben, aber Sie werden zugeben, daß er nicht bis in die Hölle reicht.«
»Darf man erfahren, wo Ihre Hölle liegt?«
»Im Jenseits«, sagte das Girl hart. »Ich weiß, daß ich keine Chance mehr habe. Sie sind durch den verdammten Verteiler auf Long gestoßen…«
»… und Ihr Spitzel hat Ihnen vor wenigen Minuten telefonisch mitgeteilt, daß ich im Haus von Mr. Long aufgetaucht bin. Ich hätte gern darauf verzichtet, mich so lauthals vor Ihrem Mitarbeiter bloßzustellen, aber ein auf mich gerichteter Revolver gab mir keine andere Wahl.«
»Ich gebe das Spiel auf«, fuhr Laura Pennington fort. »Ich habe es verloren und ziehe daraus die Konsequenzen.«
»Es gibt nur eine vernünftige Konsequenz«, erklärte ich. »Sie lassen Ihre Gefangenen frei und stellen sich der Behörde.«
»Sie können nicht erwarten, daß ich meine Männer für diese Idee gewinne. Es wäre glatter Verrat. Ich habe sie geführt, und ich habe versagt. Ich habe keine Lust, die nächsten Jahre im Gefängnis zu verbringen. Deshalb trete ich ab. Allein.« , »Was hätte das für einen Sinn? Sie wissen so gut wie ich, daß der Rest nur noch Routine ist. Wir werden auch die anderen schnell aufspüren.«
»Das ist Ihre Sache. Ich steige jedenfalls aus. Good bye, G-man!«
Es knackte in der Leitung. Laura Pennington hatte aufgelegt. »Theater«, sagte ich, »aber gut gespieltes.«
»Wer war das?« fragte Long erregt. »Laura Pennington, das Mädchen, das Ihnen in Blue jeans und einer karierten Sportbluse gegenübertrat. Sie hat angedeutet, daß sie freiwillig aus dem Leben zu scheiden beabsichtigt.«
»Sie glauben ihr nicht?«
»Sie ist nicht der Typ, der ein Rennen vorzeitig auf gibt.«
»Aber sie hat doch keine Chance mehr, oder?«
Ich griff nach dem Hörer und wählte eine Nummer, die ich im Kopf hatte. Eine halbe Minute später hatte ich das für die 5th Avenue zuständige Polizeirevier an der Strippe. Ich nannte meinen Namen und erklärte dem Beamten, worum es ging.
»Verschaffen Sie sich unter einem Vorwand Eintritt in Laura Penningtons Wohnung und halten Sie das Girl fest, bis ich dort eintreffe«, schloß ich. »Lassen Sie das Mädchen keine Sekunde aus den Augen! Falls Laura Pennington nicht öffnen sollte, verschaffen Sie sich gewaltsam Einlaß in die Wohnung. Die junge Dame hat Selbstmordabsichten geäußert.«
Ich legte auf. Dann wählte ich die Nummer von Gracia McLaren. »Ja, bitte?« meldete sich eine müde und abgespannt klingende Frauenstimme.
»Mrs. Gracia McLaren?« fragte ich. »Am Apparat.«
»Jesse Trevellian vom FBI. Haben Sie innerhalb der letzten Stunden mit Ihrer Schwester telefoniert und eine Besuchsaufforderung von ihr erhalten?«
»Woher soll ich wissen, daß Sie tatsächlich ein G-man sind?« fragte mich die junge Frau. »Vielleicht machen Sie mir bloß etwas vor!«
»Selbst wenn das zuträfe, würden Sie mit Ihrer Auskunft kein Staatsgeheimnis verraten.«
»Ich habe meine Schwester Laura seit Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie hat mich weder heute noch gestern oder zu einem anderen Zeitpunkt angerufen.«
Ich blickte auf die Uhr. Die Zeiger waren auf zwanzig Minuten vor elf weitergerückt.
»Warum haben Sie Gracia angerufen?« fragte mich Ronald Long. »Das ist doch verplemperte Zeit.«
»Sie kennen Bruce McLarens Frau?«
»Kaum. Ich habe sie einmal auf einer Party gesehen. Jetzt, wo Sie sie erwähnen, fällt mir ein, daß sie dem Girl, das mich heute an der Hütte überfiel, sehr ähnlich sieht. Ich glaube, die Ehe der McLarens war nie sehr glücklich. Es fehlte an geistigen Bindungen.«
»Lassen Sie uns gehen, aber nicht durch die Vordertür.«
»Glauben Sie, daß das Haus noch immer beobachtet wird?«
»Nein, aber es ist besser, wenn wir uns unauffällig davon überzeugen.«
Wir gelangten durch die Nachbargrundstücke auf die Straße. Der blaue Ford war verschwunden. Schnell kletterten wir in meinen Jaguar und fuhren los.
Es war dreiundzwanzig Uhr fünfzehn, als ich in der 5th Avenue vor dem Haus stoppte, in dem Laura Pennington wohnte. Vor mir parkten zwei Polizeifahrzeuge. Ich stieg mit Ronald Long aus dem Wagen.
In der Halle des Hauses kamen mir ein Polizeilieutenant und zwei Sergeants entgegen. Der Lieutenant stellte sich mir als John F. Priestley vor. Ich hatte mit ihm telefoniert.
»Wir sind zu spät gekommen, Sir«, meldete er. »Laura Pennington ist tot.«
***
Wir fuhren mit dem Lift nach oben. Vor Laura Penningtons Apartmenttür waren zwei Polizisten damit beschäftigt, die neugierigen Hausbewohner zurückzudrängen.
»Der Hausmeister hat uns eingelassen«, erklärte mir der Lieutenant. »Die Ärmste liegt im Wohnzimmer.« Er schaute Ronald Long an. »Es ist nichts für schwache Nerven, Sir.«
»Ich muß sie sehen«, preßte Ronald Long durch die Zähne. »Ich muß wissen, ob es das Mädchen ist, von dem ich heute erpreßt wurde.«
Der Lieutenant zog die Luft durch die Nase. »Mit der Identifizierung ist das so eine Sache. Ein Teil des Gesichts fehlt. Sie hat sich den Revolver an den Mund gehalten.«
Wir betraten das Wohnzimmer. Am Tisch saß ein kleiner grauhaariger Mann, dem die goldgefaßte Brille auf die Nase gerutscht war. Er blickte kurz hoch. »Hallo, G-man«, sagte er. »Ich glaube nicht, daß es für Sie hier etwas zu tun gibt. Alles deutet auf Selbstmord hin.«
Ich kannte Dr. Hobbarth schon seit vielen Jahren. Zur Begrüßung legte ich ihm eine Hand auf die Schulter und hinderte ihn mit sanftem Druck daran, aufzustehen. »Schreiben Sie weiter, Doc«, sagte ich. Mein Blick ging zu der Toten.
Sie war noch immer mit den Blue jeans und der karierten Sportbluse bekleidet. Ihre Augen standen weit offen. Die glasige Starre war ohne Ausdruck. Ein Teil des Blutes war bereits verkrustet. Das rotblonde Haar wirkte seltsam lebendig. Es war kaum vorstellbar, daß es einer Toten gehörte.
»Sie ist es«, würgte Ronald Long hervor. »Die Augen, das Haar, die Stirn…«
Er machte plötzlich kehrt und stürmte hinaus. Ich hörte, wie er die Badezimmertür aufriß.
»Der Hausmeister hat sie gleichfalls identifiziert«, sagte der Lieutenant. »Trotz der verstümmelten Mundpartie ist es nicht schwierig.«
Ich schaute mich in dem Zimmer um. Alles lag oder stand an seinem Platz. Es gab keine Kampfspuren. Die Tote hielt den Revolver noch immer in der Hand.
»Haben Sie bereits die Mordkommission benachrichtigt?« fragte ich den Lieutenant.
Er schüttelte den Kopf. »Ich hielt das nicht für notwendig, Sir. Alles deutet auf einen Freitod hin.«
»Vieles, aber nicht alles«, machte ich ihm klar. »Holen Sie bitte das Versäumte nach.«
***
Ich stoppte vor dem Grundstück der McLarens. Hinter den Fenstern des Hauses war es dunkel, aber über dem Eingang brannte eine Lampe. Ich stieg aus dem Wagen und atmete die frische Nachtluft ein. Null Uhr dreißig! Ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund, als ich mich dem Haus näherte.
Es war nicht leicht gewesen, Ronald Long loszuwerden. Er hatte plötzlich verrückt gespielt. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Er fürchtete, daß Laura Penningtons Tod die Syndikatsmitglieder zu ein paar Kurzschlußhandlungen hinreißen würde. Er hatte Angst um seine entführte junge Frau.
Ich klingelte. Niemand öffnete. Ich probierte es ein zweites und ein drittes Mal. Dann ging ich um das Haus herum. An der Rückseite stand ein Fenster offen. Die weiße Gardine bauschte sich im Nachtwind. Ich trat an das Fenster heran. Unter meinen Schuhen knirschten Glasscherben. Ich entdeckte, daß das Schiebefenster zerbrochen oder zerschlagen worden war.
Kurz entschlossen schwang ich mich ins Innere des Raumes. Ich tastete mich bis zur Tür vor und knipste das Licht an. Mein Blick fiel auf eine zerborstene Vase und zwei umgefallene Stühle. Es schien so, als ob hier, ein Kampf stattgefunden hätte.
Seltsamerweise war ich nicht aufgeregt. Im Gegenteil. Der Fund bestätigte nur meine Erwartungen. Ich betrat die Halle. »Mrs. McLaren!« rief ich.
Niemand antwortete mir. Ich durchsuchte das Haus von unten bis oben. Gracia McLaren war verschwunden. Plötzlich klingelte das Telefon. Ich trat an den Apparat und führte den Hörer ans Ohr. »Ja?«
»Sind Sie’s, G-man?« fragte mich eine aufgeregte Männerstimme. Es war Ronald Long. Ich hatte ihm gesagt, daß ich Mrs. McLaren noch einen Besuch abzustatten gedachte.
»Ja, was gibt’s?« fragte ich ihn.
»Es ist passiert«, keuchte er. »Die Banditen haben mich angerufen. Sie wollen eine Million Dollar Lösegeld. Eine Million, oder sie bringen Peggy um…« Seine letzten Worte gingen in einem Schluchzen unter. Das Erlebte war zuviel für ihn gewesen.
»Vom Kauf irgendwelcher Börsenpapiere war nicht mehr die Rede?« fragte ich ihn.
»Nein. Der Kerl, mit dem ich sprach, erklärte mir die Gründe für das Umschwenken des Syndikats. Er meinte, daß Laura Penningtons Selbstmord das Syndikat zu einer Änderung der Geschäftspolitik gezwungen habe — das war tatsächlich das Wort, das der Gangster benutzte. Ich komme nicht von dem Gefühl los, daß die Banditen jetzt zu retten'versuchen, was noch zu retten ist. Sie wollen das Geld kassieren und damit stiftengehen, ehe sie wie Laura Pennington enden. Eine Million! Was raten Sie mir, G-man? Was soll ich machen?«
Ich wollte etwas entgegnen, aber Ronald Long ließ mich nicht zu Wort kommen. »Es wird mich einige Mühe kosten, das Geld aufzutreiben. Ich bin ein wohlhabender Mann, aber Leute meiner Vermögensklasse haben ihr Geld nicht sofort greifbar auf der Bank liegen. Sie lassen es arbeiten. Ich werde die Million trotzdem beschaffen. Es feeht um Peggy. Für sie tue ich alles. Aber wer garantiert mir, daß sie noch lebt?«
»Sie müssen darauf bestehen, mit ihr sprechen zu dürfen«, sagte ich. »Wann und wo sollen Sie zahlen?«
»Das erfahre ich morgen. Der Kerl hat mir nur gesagt, daß sie Zehner- und Zwanzigernoten haben wollen. Ich soll das Geld binnen vierundzwanzig Stunden lockermachen.«
»Sind Sie damit einverstanden, daß ich ein paar Leute zu Ihnen schicke und Ihr Telefon anzapfen lasse?«
Ronald Long zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht, ob das ratsam ist«, meinte er schließlich. »Die Kerle werden mein Haus beobachten. Das haben sie schließlich heute abend schon getan. Der Bursche, den ich dabei in der Halle erwischte, hatte sicherlich den Auftrag, mich zu belauschen. Nein, wir können dieses Risiko kein zweites Mal auf uns nehmen. Wenn die Gangster merken, daß das FBI verkleidete Agenten in mein Haus schickt, ist der Ofen aus. Man hat mich vor FBI-Kontakten gewarnt, Sir. Ich habe Sie trotzdem angerufen — aber schicken Sie mir um Himmels willen niemand ins Haus!«
»Wir können Ihre Leitung auch auf andere Weise anzapfen. Sie müssen uns nur Ihr Okay geben.«
»Meinetwegen. Mir ist alles recht, so lange Sie nicht zu mir ins Haus kommen. Wie geht es Gracia?«
»Sie ist verschwunden.«
»Verschwunden?« fragte Ronald Long verblüfft.
Ich erklärte ihm, was ich vorgefunden hatte.
»Also entführt!« sagte Ronald Long bitter. »Diese Kerle schrecken vor nichts zurück. Sie wollen noch ein paar große Fischzüge machen und dann verschwinden.«
»Sie wurde nicht entführt«, klärte ich ihn auf. »Gracia McLaren ist tot.«
***
Ich bereute es im nächsten Moment, Ronald Long diese Mitteilung gemacht zu haben. Möglicherweise hängte er sich jetzt an die Strippe, um die Neuigkeit in alle Welt hinauszuposaunen.
»Es muß noch bewiesen werden«, fügte ich einschränkend hinzu. »Ich muß Sie bitten, den Hinweis vertraulich zu behandeln.«
»Tot!« murmelte Ronald Long. »Ich kann das Wort nicht mehr hören. Es geht mir wie ein Mühlrad im Kopf herum. Ich muß dabei immerzu an Peggy denken. Wie ist es denn passiert, um Himmels willen?«
»Sie erfahren es morgen«, sagte ich und warf den Hörer aus der Hand.
Ich wählte die Nummer des Distriktgebäudes und erteilte dem zuständigen Kollegen den Auftrag, Ronald Longs Telefonleitung anzuzapfen. »Schneiden Sie die Gespräche mit und versuchen Sie die Anrufer zu lokalisieren«, schloß ich.
Als ich auflegte, klingelte der Apparat. Ich erwartete, nochmals Ronald Longs Stimme zu hören. Statt dessen meldete sich Lieutenant Jefferson vom Morddezernat. Er rief aus Laura Penningtons Apartment an.
»Ist Mrs. McLaren zu Hause?« erkundigte er sich.
»Nein, Hier spricht Jesse Trevellian.«
»Ach, Sie sind’s, Jesse. Ich wollte gerade Gracia McLaren vom tragischen Ende ihrer Schwester informieren und sie bitten, herzukommen. Ich brauche Gracia McLaren. Ihr fällt die unangenehme Aufgabe zu, ihre Schwester Laura zu identifizieren.«
»Auf Gracia McLaren können Sie nicht mehr bauen, Lieutenant«, sagte ich. »Sie ist tot.«
Jefferson schwieg ein paar Sekunden. »Soll das heißen, daß Sie sie gefunden haben?«
»Ja, aber nicht hier. Sie liegt neben Ihnen auf dem Teppich, Lieutenant.«
»Machen Sie Scherze, Jesse?«
»Ich wünschte fast, es wäre so. Leider kann ich mich nicht korrigieren.«
»Nun mal langsam, Jesse«, sagte Jefferson, dessen Atem ziemlich flach kam. »Ich habe mit dem Hausmeister gesprochen und zwei Wohnungsnachbarn einen Blick auf die Tote werfen lassen. Die Leute erklärten übereinstimmend, daß es sich bei ihr um Laura Pennington handelt.«
»Diese Leute wissen nicht, wie ähnlich sich die Schwestern waren«, erklärte ich ihm. »Laura Pennington ist der weibliche Boß eines Gangstersyndikats. Heute wurde ihr nach einigen Pannen klar, daß sie diese Rolle ausgespielt hat. Sie versuchte sich mit einem Akt der Verzweiflung vor der drohenden Verhaftung zu retten, indem sie ihren Selbstmord vortäuschte.«
»Sie wollen damit sagen, daß Laura ihre Schwester Gracia tötete?«
»So ist es. Ef kann nicht schwerfallen, das nachzuprüfen. Laura Pennington ist vorbestraft. Sie brauchen nur ihre Fingerabdrücke mit denen der Toten zu vergleichen.«
»Okay, okay«, sagte Jefferson. »Aber da ist ein Punkt, den ich nicht verstehe. Als Laura Pennington Sie anrief, Trevellian, und von ihrem Vorhaben unterrichtete, schöpften Sie sofort Verdacht, daß was faul sein könnte. Sie riefen Gracia McLaren in ihrer Wohnung an. Sie meldete sich sofort. Demnach kann sie zur Tatzeit nicht in Lauras Wohnung gewesen sein.«
»Sie unterstellen, daß Laura mich aus ihrem Apartment anrief«, sagte ich. »Das ist falsch. Laura sprach von hier, aus dem Haus ihrer Schwester. Gracia McLaren hingegen war von dem Syndikat in Laura Penningtons Apartment gebracht — und dort getötet worden.«
»Ich verstehe«, meinte Lieutenant Jefferson. »Laura Pennington sah voraus, daß Site den avisierten Selbstmord für einen Bluff halten und bei der Schwester rückfragen würden. Deshalb stellte sich Laura rechtzeitig im Haus der McLarens ein.«
»Sie verbuchte damit zunächst einen Punkt«, sagte ich. »Natürlich war ihr klar, daß ich mich mit dem Anruf nicht zufriedengeben und hier selbst nach dem Rechten sehen würde. Da sie es sich nicht leisten konnte, mir gegenüberzutreten, arrangierte sie mit Hilfe einiger umgeworfener Stühle den täuschend echt wirkenden Eindruck einer Entführung ihrer Schwester. Ich sollte glauben, daß Gracia McLaren in die Hände der Gangster gefallen sei.«
»Warum hätte sich Laura Pennington diese Mühe machen sollen?« fragte Lieutenant Jefferson skeptisch. »Die von Ihnen zugrunde gelegte Tatkonstruktion setzt ein kompliziertes Denken und skrupelloses Handeln voraus. Wenn Laura Pennington dazu imstande war, müßte sie auch erkannt haben, daß sie damit bestenfalls einen kurzen Zeitgewinn erzielen konnte. Sie hätte doch niemals in die Rolle ihrer Schwester Gracia schlüpfen können, ohne daß es bemerkt worden wäre!«
»Warum nicht?« fragte ich ihn. »Wer hätte den Wechsel feststellen sollen?«
»Sie zum Beispiel!«
»Stimmt«, sagte ich. »Aber möglicherweise ist das Syndikat fest entschlossen, mich vorher aus dem Weg zu räumen. Wer hätte Laura noch zum Verhängnis werden können? Natürlich in erster Linie Gracia McLarens Mann Bruce. Sie und ich wissen, daß noch keineswegs feststeht, ob und wie der Ärmste überleben wird…«
»Wenn es stimmt, was Sie sagen, wird es höchste Zeit, daß wir diese schillernde Bestie zur Strecke bringen«, sagte der Lieutenant.
»Morgen -blasen wir zum Halali«, versprach ich.
***
Ich zog mir die pelzgefütterte Jacke über und nahm neben dem Piloten Platz. Es war ein 'grauer regenverhangener Tag mit niedrig hängenden Wolken. John L. Harper, der Pilot, nickte mir zu. Ich schloß die Tür der Glaskanzel. Wir starteten auf die Minute genau, um acht Uhr morgens.
Ich hatte den Flugplan mit John L. Karper besprochen. Er war ein alter Fuchs und brauchte keine langen Erklärungen. Ihm genügte die genaue Flugroute, um aus jeder Aktion das Beste zu machen.
Wir erreichten die Gegend um McKee Bridge gegen acht Uhr fünfundzwanzig. Die schlechte Sicht zwang den Piloten, sehr niedrig zu fliegen. Ich machte mir auf meiner Karte hin und wieder einen Vermerk, wenn ich ein Haus sah, auf das Leonie Andrews’ Beschreibung zu passen schien.
Genau um neun Uhr entdeckte ich westlich von uns ein schloßähnliches Gebäude mit Türmen und Erkern. Es war von einem Park umgeben und nahm sich in der flachen Landschaft von New Jersey wie ein Fremdkörper aus.
Ich zeigte dem Piloten das Gebäude. Er spitzte anerkennend die Lippen. »Soll ich in der Nähe landen?« fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Das würde die Leute warnen«, sagte ich. »Versuchen Sie’s ein paar Meilen nördlich davon, in Asbury.«
Asbury, das 17 000 Einwohner zählt, hatte einen kleinen Flugplatz. Harper setzte seinen Helikopter zwischen zwei Hangars auf. Wir stiegen aus und gingen auf die kleine Baracke zu, in der die Flugplatzleitung saß.
»Vergessen Sie nicht, wir mußten wegen eines Defektes an der Benzinzufuhr landen«, sagte ich.
Nachdem wir den Männern in der Baracke dieses Märchen aufgetischt hatten, erbot sich einer von ihnen, mich mit seinem Jeep in den Ort zu bringen. Er setzte mich vor dem Office des Sheriffs ab. Ich bedankte mich bei dem Fahrer und betrat kurz darauf das kleine Holzgebäude.
Hinter einer Barriere saß ein etwa dreißigjähriger Mann und las eine Zeitung.
»Hallo«, sagte ich. »Sind Sie der Sheriff?«
»Nein«, gab er zur Antwort und legte die Zeitung aus der Hand. »Jack ist mit dem Forstaufseher unterwegs. Kann ich Ihnen helfen? Ich bin Artie Randolph, der Assistent des Sheriffs.«
»Angenehm«, sagte ich. »Jesse Trevellian vom FBI.« Ich holte meinen Ausweis hervor und stellte fest, daß Randolph plötzlich mobil wurde.
»Ich habe schon eine Menge von Ihnen gehört, Sir«, sagte er. »Was hat Sie denn nach Asbury verschlagen? Hier passiert doch nie etwas. Die Leute des Ortes geraten schon in Aufregung, wenn mal ein Fremder bei Tom die Zeche zu prellen versucht. Tom ist der Wirt des Trocadero, unseres einzigen Nachtklubs.«
»Wem gehört das Schloß, das etwa fünf Meilen nördlich von hier liegt?« erkundigte ich mich.
»Den Leroys. Eine altt; Familie. Sie gehören zu unserem Verwaltungsbezirk, aber zu sehen bekommen wir sie nur selten. Wenn sie etwas kaufen, dann fahren sie nach New York.«
»Was ist es für eine Familie?«
»Soviel ich weiß, war der Alte Bankier. Er ist kürzlich gestorben. Jetzt bewohnt sein Sohn das Schloß. Er hat alle Hände voll damit zu tun, das Erbteil seines Vaters zu verwalten. Es besteht im wesentlichen aus Anteilen großer Firmen. Das wird jedenfalls behauptet.«
»Spricht man viel über die Leroys?«
»Ja, gewiß. Man dichtet ihnen einen legendären Reichtum an«, sagte Randolph. »Ich halte das für übertrieben. Aber so ist das nun mal. Ein großes Schloß und ein ungewöhnlicher Lebensstil fordern zu Spekulationen heraus.«
»Kennen Sie Leroy?«
»Kennen ist zuviel gesagt«, meinte Artie Randolph und suchte nach Worten, um seine Ansicht zu formulieren. »Er ist ein mürrischer, ziemlich arroganter Bursche. In seinen Augen sind die Einwohner von Asbury vermutlich so eine Art von Hillbillys. Das Privatgrundstück der Leroys ist sehr groß. Man kommt gar nicht an das Schloß heran, wissen Sie. Die Zufahrtswege sind mit Gattern und Verbotsschildern bepflastert. Die Leroys legen Wert darauf, allein zu bleiben.«
»Leroy ist verheiratet?«
»Nein, das hat er nicht nötig«, lachte Artie Randolph. »Wenn es ihm danach zumute ist, bringt er sich eine Ladung Puppen aus New York mit. Auf dem Schloß sind fast immer Gäste.«
»Wie groß ist die Familie?«
»Es ist keine Familie im üblichen Sinn. Nur Leroy. Wir haben es uns jedoch angewöhnt, von den Leroys zu sprechen, weil im Schloß immerzu Betrieb ist.«
»Würden Sie sagen, daß Leroy ein sehr aufwendiges Leben führt?« fragte ich.
»Gemessen an dem, was in unserem stillen Kaff los ist, ganz bestimmt«, meinte Artie Randolph. »Aber das, was die Einwohner von Asbury über die wilden Orgien im Schloß erzählen, ist mehr oder weniger Wunschdenken, der übliche Klatsch. Sind Sie wegen Leroy hergekommen, Sir?«
»Das wird sich zeigen«, sagte ich ausweichend. »Können Sie mich zu ihm bringen, Artie? Ich bin leider ohne meinen Wagen unterwegs.«
Artie Randolph wies mit dem Daumen über die Schulter auf das Telefon.
»Ich rufe ihn an. Er wird Sie abholen lassen, Sir«, meinte er.
»Nein, nein«, sagte ich schnell. »Ich möchte ihm keine Umstände machen.«
»Er hat genug Leute, Sir.« Dann grinste er verstehend. »Sie wollen ihn überraschen, was? Tut mir leid, Sir! Ich bin allein im Office. Jemand muß beim Telefon bleiben. Aber Sie können meinen Jeep nehmen. Er steht vor dem Haus.«
Artie Randolph übergab mir den Zündschlüssel und zeigte mir dann auf einer Wandkarte, wie ich das Schloß erreichen konnte. Ich bedankte mich und fuhr los.
Kurz vor zehn Uhr erreichte ich eines der von Artie Randolph erwähnten Gatter. Ich öffnete es und setzte meine Fahrt zum Schloß fort. Die Parkanlagen, die aus der Luft betrachtet einen sehr exakten; gepflegten Eindruck hinterlassen hatten, erwiesen sich als reichlich verwildert. Wenn Leroy so viel Geld hatte, wie die Einwohner von Asbury vermuteten, verwendete er es jedenfalls nicht zur Erhaltung seines Anwesens.
Dieser Eindruck vertiefte sich, als ich auf dem großen Platz vor dem Schloß stoppte. Er war mit Schlaglöchern bedeckt und brauchte dringend eine neue Decke. Erneuerungsbedürftig war auch die Schloßfassade, von der an mehreren Stellen der Putz abbröckelte. Als ich ausstieg und auf das Portal zuging, registrierte ich zufrieden, daß die Spitzbogenfenster sich mit der von Leonie Andrews’ gemachten Beschreibung deckten.
Ich betätigte einen Messingklopfer, der im Inneren der Halle einen melodisch klingenden Gong auslöste. Während ich wartete, schaute ich mich um. Das Schloß und seine Umgebung wirkten wie ausgestorben. Das Fehlen parkender Fahrzeuge und menschlicher Laute vertieften diesen Eindruck.
Die Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen erschien ein hochgewachsener Butler. Er hatte ein rundes fleischiges Gesicht, das auf der dunklen Dienerkleidung wie ein Witz anmutete. Genauso absurd wirkte sein Versuch, sich verbindlich devot zu geben. Ich glaubte zu spüren, daß der Mann es gewohnt war, normalerweise anders aufzutreten.
»Was kann ich für Sie tun, mein Herr?« fragte er. »Sind Sie angemeldet?«
»Nein. Mein Name ist Jesse Trevellian. Bitte, melden Sie mich Mr. Leroy.«
»Bitte, folgen Sie mir«, sagte er.
Wir durchquerten eine hohe, ziemlich düstere Halle. Der Butler ging auf eine Tür aus schwerem dunklem Eichenholz zu. Er öffnete sie. Ich trat über die Schwelle. Der Butler schloß hinter mir die Tür. Ich hatte das Gefühl, daß das Schloß gleich zweimal zuschnappte, aber möglicherweise täuschte ich mich.
Der Raum war groß genug, um darin ein Baseballturnier abzuhalten. Die Einrichtung war antik, aber nicht sehr wertvoll. Das Licht, das in den Raum fiel, wurde durch farbige Bleiglasfenster gefiltert. Es schuf eine seltsam unwirkliche, fast gespenstische Atmosphäre.
In der Mitte des Raumes stand eine gewaltige Sitzgarnitur. Sie bestand aus einem Sofa und fünf Sesseln, die um einen niedrigen Tisch gruppiert waren.
Auf dem Sofa saß ein Mann. Er wandte mir den Rücken zu. Der Mann las in einem Buch. Er legte es aus der Hand und erhob sich wie ein Kranker. Er wandte seinen Kopf und blickte mir in die Augen. Mir war es zumute, als schnürte mir jemand den Hals zu.
»Milo!« stieß ich hervor.
***
»Du Idiot«, sagte er halblaut.
»Das ist ja eine reizende Begrüßung«, erwiderte ich und ging auf ihn zu.
»Jetzt sitzen wir beide in der Falle«, erklärte Milo. »Einfach großartig!«
Ich steckte mir zuerst eine Camel an, ging dann um das Sofa herum und sah, weshalb Milo sich beim Aufstehen wie ein Kranker bewegt hatte. Seine Füße steckten in einer soliden Stahlmanschette.
»Hübsche Socken hast du an«, stellte ich fest.
Milo setzte sich wieder. »Du wirst sie auch noch kennenlernen. Richtige Qualitätsarbeit, absolut maschenfest. Ich wette, unsere Gastgeber haben für dich schon ein zweites Paar bereitgelegt.«
»Bist du nicht überrascht, daß ich dich gefunden habe?« fragte ich ihn.
»Du bist von ihnen nicht geschnappt worden?«
»Nicht die Bohne. Ich bin aus eigenem Antrieb hergekommen. Du kennst ja meine Neugierde. Ich wollte sehen, wie es dir geht.«
»Einfach brillant«, spottete Milo. »Das Essen ist wirklich gut, und ich kann trinken, soviel ich will. Vor allem Whisky und andere harte Getränke. Ich hoffe nur, daß du nicht allein gekommen bist.«
Ich schaute mich um. Der Raum hatte zwei Türen. Ich sah erst jetzt, daß hinter den Bleiglasfenstern solide Gitter angebracht waren. »Sehr vernünftig«, spottete ich. »Ein Schutz gegen Einbrecher.«
»Und Ausbrecher«, fügte Milo hinzu. »Sei ein bißchen vorsichtig. Die hören mit.«
»Das ist mir klar und sogar lieb. Sie sollen und müssen sich darauf einstellen, daß wir ihren Unterschlupf jetzt kennen«, sagte ich.
»Wir sind ihre Geiseln. Sie werden daraus das Beste zu machen versuchen.«
»Wo ist Peggy Long?« wollte ich wissen.
Milo hob die Augenbrauen. »Wer ist denn das?«
»Die junge Frau eines Finanzmaklers. Sie wurde von den Gangstern entführt.«
»Ich habe sie noch nicht zu Gesicht bekommen.«
»Das erschwert die Situation. Ist Laura Pennington hier?«
»Weiß ich nicht. Ich kriege nur den Kerl zu sehen, der mich mit dem Essen versorgt. Ich kenne nicht mal den Chef der Gang. Sie sind hier nicht sonderlich gesprächig. Kannst du mir sagen, zu welchem Bezirk dieses hübsche Häuschen gehört?«
»Asbury«, sagte ich. »New Jersey. Wie bist du hergekommen?«
»Nicht ganz freiwillig, wie du dir denken kannst. Ich erkannte vor McLarens Haus einen alten Bekannten — Herb Piper. Als ich ihm folgte und ihn zur Rede stellen wollte, rammte mir jemand von hinten eine Waffenmündung in den Rücken. Das war der Anfang vom Ende. Wenig später lag ich gefesselt und geknebelt im Kofferraum eines Wagens.«
»Immer mußt du etwas Besonderes haben«, spottete ich. »Wer ist dieser Leroy?«
»Leroy?« fragte Milo. »Ich höre den Namen zum erstenmal.«
Ich schüttelte tadelnd den Kopf. »Wo bleibt dein Sinn für Geselligkeit? Ihm gehört der Laden hier. Es hätte sich gehört, daß du ihm deine Aufwartung machst.«
»Was ist inzwischen passiert?« wollte Milo wissen. Offenbar war er nicht in der rechten Stimmung, mit mir zu blödeln. Mit den Stahlmanschetten an seinen Füßen war ihm das nicht zu verdenken.
»Eine ganze Menge«, sagte ich. »Auf Bruce McLaren wurde ein Anschlag verübt, als er versuchte, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Vorher wurde seine Sekretärin entführt. Das Mädchen wurde von den Gangstern wieder auf freien Fuß gesetzt, als sie erkannten, daß Bruce McLaren für sie nicht mehr im Geschäft ist. Er hat eine Chance, durchzukommen, ringt aber noch immer mit seinem Leben. Dann erwischte es einen Mann namens Svensson. Er gehörte zum Syndikat und hatte den Auftrag, meinen Tod zu melden. Dummerweise wurde er das Opfer eines für mich bestimmten Giftpfeiles. Als nächstes traf es Peggy Long, die Frau eines mit den McLarens befreundeten Finanzmaklers. Sie wurde entführt. Das Tatmotiv war ursprünglich identisch mit dem, das den McLarens zum Verhängnis wurde. Aber in der Zwischenzeit änderte das Syndikat seine Forderung. Schließlich und endlich mußte Gracia McLaren sterben, ihre Schwester wollte es so. Sie versprach sich davon die eigene Rettung. Es war ein gestellter Selbstmord.«
»Arme Gracia McLaren«, sagte Milo.
Ich nickte. Als ich an die Tote dachte, hatte auch ich die Lust zum Spotten verloren. Ich erinnerte mich an das Versprechen, das ich Lieutenant Jefferson gegeben hatte. Es wurde Zeit, daß wir Laura Pennington zur Strecke brachten.
Ich zog meinen Smith-and-Wesson-Revolver aus der Schulterhalfter. »Wie du siehst, habe ich einen guten alten Bekannten mitgebracht.«
Milo nickte, machte aber nicht den Eindruck, als ob er der Waffe in meiner Hand viel zutraute.
»Sie werden sich darauf eingestellt haben«, meinte Milo mit düsterem Gesichtsausdruck.
»Schon möglich«, gab ich zu, »aber es ist beruhigend zu wissen, daß wir uns schlimmstenfalls mit dieser zuverlässigen Kanone freischießen können.«
»Wenn du glaubst, daß…« begann Milo. Er unterbrach sich, weil in diesem Moment draußen ein Höllenspektakel losging. Ratlos starrte er mich an.
Ein paar Schüsse krachten. Sie weckten in der hohen Halle ein donnerndes Echo. Wir hörten Lärm und laute Rufe, ohne einzelne Worte zu verstehen, dann folgte eine weitere Schußserie.
»Verdammt, was ist da draußen los?« stieß Milo hervor. »Was hat das zu bedeuten?«
»Offenbar trägt jemand einen kleinen Zwist aus«, sagte ich und rannte zur Tür. Es war dieselbe, durch die ich hereingekommen war. Ich rüttelte daran. Sie gab um keinen Millimeter nach. Noch während ich mir überlegte, ob es ratsam war, das Schloß mit ein paar gezielten Schüssen zu sprengen, wurde es draußen still. Ich hörte, wie ein Schlüssel im Schloß herumgedreht wurde. Die Tür öffnete sich.
Artie Randolph, der Assistent des Sheriffs, trat auf die Schwelle. Er hielt einen Revolver in der Hand.
»Ich bin ja so froh« stieß er hervor.
»Wir fürchteten schon, zu spät zu kommen.«
»Was ist geschehen?« fragte ich ihn und blickte in die Halle. »Hat John L. Harper Sie gebeten, mir zu folgen?«
Artie Randolph schüttelte seinen Kopf. »Nein, Sir. Wir erhielten gleich nach Ihrer Abfahrt zum Schloß einen Anruf des FBI-Distrikts New York. Mr. McKee bat uns darum, sämtliche Bewohner und Besucher des Schlosses sofort in Haft zu nehmen. Ich alarmierte zwei Kollegen und raste mit ihnen zum Schloß. Als wir hier eintrafen und dem Butler sagten, weshalb wir gekommen waren, zog der Kerl plötzlich eine Pistole und ballerte los! Er konnte nur zwei Schüsse abgeben, dann mußte er zu Boden gehen. Wenn es um rasches Ziehen geht, bin ich jedem ebenbürtig. Auf einmal kam der andere in die Halle und versuchte es auf die gleiche Tour, aber damit lag er genauso schief.«
Ich wandte mich an Milo. »Verstehst du das?« fragte ich ihn. »Wenn Mr. McKee…«
»Jesse!« schrie Milo warnend.
Ich zuckte herum, aber meine Reaktion kam zu spät. Der Schaft eines Revolvers landete krachend auf meiner Schläfe. Ich brach in die Knie. Noch ehe ich es schaffte, meinen Smith and Wesson protestieren zu lassen, erwischte es mich zum zweitenmal. Um mich herum wurde es dunkel. Das letzte, was ich dachte, war: Weshalb hat Artie Randolph das getan?
***
Der würzige Rauch einer Zigarette weckte meine Lebensgeister. Ich kam zu mir und hob die Lider. Ich lag auf einer Couch in einem mäßig großen, modern möblierten Raum. Am Kopfende der Couch saß Laura Pennington. Sie rauchte eine Zigarette und blies mir den Qualm ins Gesicht.
Ich hob den Kopf. Hinter meiner Stirn schien sich etwas aufzublähen, das meinen Kopf zu sprengen drohte. Ich war nicht gefesselt. Soweit ich es erkennen konnte, waren Laura Pennington und ich allein im Raum.
Ich rieb mir die Stirn und betastete vorsichtig die schmerzende Stelle an meiner Schläfe. Ich konnte genau spüren, wo sich bald eine Beule bilden würde.
»Dieser Randolph hat wirklich einen bemerkenswerten Bums«, sagte ich und war überrascht, wie fremd und heiser meine Stimme klang. In meinem Mund war ein pelziger Geschmack. Ich fühlte genau, daß jede heftige Bewegung meinen Kopf zum Platzen bringen würde.
»Der gute Artie«, meinte Laura Pennington spöttisch. »Ich muß zugeben, daß er sein Handwerk versteht. Soll ich Ihnen einen Drink bringen?«
»Danke, nein«, sagte ich. »Von Mörderinnen lasse ich mich nicht bedienen.«
»Leute mit Prinzipien haben es schwer«, spottete sie. »Ein paar davon sterben nur deshalb, weil sie sich nicht von diesem unnützen Gefühlsballast trennen können.«
»Gracia McLaren ist aus anderen Gründen gestorben«, stellte ich fest.
Laura Penningtons Augen verdunkelten sich. »Ich bedaure das«, behauptete sie. »Es war, wenn Sie so wollen, eine Kurzschlußhandlung. Jeder begeht mal einen Fehler.«
»Unglücklicherweise lassen sich manche nicht mehr korrigieren.«
»Gracia wußte nicht, was sie erwartete. Sie war sofort tot. Ich schwöre Ihnen, daß sie nicht leiden mußte.«
»Was ist mit Randolph?«
»Er arbeitet für uns.«
»Sie haben es geschafft, einen Hilfssheriff auf Ihre Seite zu ziehen?« staunte ich.
»Er ist kein Hilfssheriff. Er ist nicht mal Beamter. Er ist einer von acht Assistenten — so eine Art Angestellter, wissen Sie. Wir wußten, daß er gern trinkt und spielt. Es war leicht, dort den Hebel anzusetzen.«
»Was versprachen Sie sich davon?«
»Informationen. Warnungen im Ernstfall. Ich war dafür, einen Mann im Sheriff’s Office zu haben. Asbury ist für den Schloßbezirk zuständig, wissen Sie.«
»Bei mir fällt der Groschen. Es gibt gar keinen Leroy, was?«
»Nicht die Spur«, sagte das Girl. »Der frühere Besitzer hieß Leroy, aber seit zwei Jahren gehört das Schloß mir. Oder uns, wenn Sie so wollen. Dem Syndikat.«
»Dieser Randolph hat eine rege Phantasie. Er kam her und inszenierte mit Ihrer Hilfe die Knallerei in der Halle, um Milo und mich zu täuschen.«
»Es war notwendig, um an Ihren Revolver heranzukommen«, sagte Laura Pennington.
»Wo befindet sich Peggy Long?«
»In guter Obhut.«
»Was haben Sie mit uns vor?«
»Ich weiß es noch nicht. Sie werden uns vorerst als Geiseln dienen. Man kann nie wissen, was sich noch ereignet.«
»Es ist einigermaßen vorausschaubar«, sagte ich. »Sie werden und müssen scheitern.«
»Es gab ein paar Schwierigkeiten«, räumte Laura Pennington ein. »Die meisten davon verdanken wir Ihnen. Ich hoffe, daß es jetzt wieder bergauf geht. Sie werden uns keine Knüppel mehr zwischen die Beine werfen.«
»Wer erschoß Gracia McLaren?«
»Dafür habe ich meine Leute.«
»Wer war es?«
Laura Pennington verzog spöttisch den Mund. »Fragen Sie lieber nicht danach. Wenn ich Ihnen antworte, wissen Sie, daß Ihre Überlebenschancen gleich Null sind.«
»In dieser Hinsicht bin ich von unverbesserlichem Optimismus«, sagte ich. »Wer tötete Svensson?«
»Sie fragen zuviel.«
»Das ist eine Schwäche von mir. Offen gestanden wundere ich mich über den Langmut Ihrer Mitarbeiter.«
Laura Pennington hob die geschwungenen Augenbrauen. »Wie soll ich das verstehen?«
»Ihre Aktionen haben das Syndikat in eine ernste Krise gebracht. Sie sind schuld daran, wenn es jetzt am Rand eines Abgrunds steht. Was hat Sie übrigens darauf gebracht, sich auf Ihre Weise am Investmentgeschäft zu beteiligen?«
»Erinnern Sie sich an Hal Furrow? Er hatte in Börsenkreisen einen recht umstrittenen Namen. Er galt als genial, aber unseriös. Ich war seine Freundin.«
»Moment mal«, sagte ich. »Er wurde das Opfer eines Autounfalls, nicht wahr? Steckten Sie dahinter?«
»Nein, damit hatte ich nichts zu tun. Ich betete ihn an. Ganz im Ernst! Als er starb, übernahm ich die Leitung seines Syndikats. Ich hatte von ihm alle Tricks gelernt und verstand es, das Geschäft auszubauen.«
»Sie übernahmen seine Leute?«
»Nur die besten davon. Ein paar kamen später hinzu«, sagte sie.
Ich setzte mich sehr behutsam auf. »Wo ist übrigens Milo Tucker?« wollte ich wissen.
»Unten, im großen Saal. Er ist ein sehr fügsamer Gefangener«, meinte sie spöttisch.
»Sie sollten mit Ihrem Urteil zurückhaltender sein. Sie werden an Milo nicht nur Freude erleben«, versicherte ich ihr.
Während ich sprach, überlegte ich fieberhaft, wie ich die Situation in den Griff bekommen konnte. Obwohl mich der Druck hinter meiner Stirn davon abzuhalten versuchte, jetzt und hier etwas zu unternehmen, konnte ich es mir nicht leisten, noch länger zu warten. Wenn erst einmal die Helfer des Mädchens im Zimmer auftauchten, konnte ich nur kleine Brötchen backen.
Ich erhob mich schwankend und mit schmerzverzerrtem Gesicht, um Laura Pennington klarzumachen, daß ich mich in einer scheußlichen Verfassung befand. Sie kam gleichfalls auf die Beine und wich, vor mir bis an die Wand zurück. Sie legte den Kopf zur Seite und beobachtete mich aus halbgeschlossenen Augen.
»Ich muß meinen Kopf unters Wasser halten, sonst zerspringt er«, murmelte ich und tappte auf eine Tür zu, die nur einen Yard von Laura Pennington entfernt war. Ich rechnete damit, daß das Girl erneut zurückweichen würde, aber es blieb stehen.
Meine Glieder waren seltsam schwer und ungelenk. Ich hielt das für die Nachwirkung von Randolphs Spezialbehandlung und gab nicht viel darauf.
Wenn ich erst einmal wieder in Schwung war, würde sich diese bleierne Schwere rasch legen.
Ich zuckte herum. Das heißt, ich versuchte es. Trotz der Energie, mit der ich das Girl anzugreifen versuchte, blieben meine Bewegungen träge und zeitlupenhaft.
Ich sah den spöttischen Ausdruck auf Laura Penningtons Gesicht und begriff, daß ich mich in der Lage einer Maus befand, die mit einer Schlange fertig zu werden versucht.
Einige Sekunden lang stand ich wie festgenagelt, dann sank ich zu Boden.
Ich fühlte mich so schlapp und ausgelaugt wie nie zuvor. Ich hätte nicht einmal ein Streichholz zerbrechen können.
»Sie armer Irrer!« sagte Laura Pennington. »Hatten Sie im Ernst erwartet, daß wir Ihnen eine Chance geben würden, mit mir Ball zu spielen?«
Ich lag auf dem Rücken und blickte sie an. .Ich fragte mich, wie es kam, daß sich hinter dieser attraktiven Gesichtsfassade solche Abgründe von Brutalität, Raffinesse und Gemeinheit verbargen.
»Ich wäre eine Närrin gewesen, wenn ich es riskiert hätte, mich ohne entsprechende Vorkehrungen zu Ihnen zu setzen«, fuhr sie spöttisch fort. »Herb gab Ihnen eine Spritze, als Sie noch bewußtlos waren. Sie braucht nur wenige Minuten, um voll zu wirken. Innerhalb der nächsten drei oder vier Stunden werden Sie nicht mal die Zähne auseinanderkriegen.«
Ich versuchte etwas zu erwidern, aber es ging nicht. Mein Geist war hellwach und arbeitete auf Hochtouren, aber körperlich war ich wie tot.
***
»Zahlen, bitte«, sagte John L. Harper. Er legte zwei Dollar auf den Tresen des Drugstore, sagte: »Stimmt!«, als ihm der Clerk zwanzig Cent herausgeben wollte, und betrat kurz darauf die Main Street von Asbury.
Er bummelte die Straße hinab und ignorierte die verwunderten Blicke der Passanten, die keine rechte Erklärung für seinen Pilotenanzug fanden. Er stoppte vor dem Sheriff’s Office und warf einen Blick auf seine Uhr. Dann ging er hinein.
Hinter der hölzernen Barriere saßen zwei Männer. Einer von ihnen tippte mühsam mit einem Finger auf einer alten Underwood-Maschine herum, der zweite war damit beschäftigt, seine Pfeife zu reinigen.
»Hallo«, sagte John L. Harper und lehnte sich auf die Barriere. »Wer ist hier der Boß?«
Der Pfeifenreiniger hob mißbilligend seinen Kopf. »Ich«, sagte er. »Sheriff Lofton. Was gibtis?«
»Ich bin John L. Harper vom FBI New York. Hat Jesse Trevellian sich schon bei Ihnen gemeldet?«
»Wer, zum Teufel, ist Jesse Trevellian?« fragte Lofton und blickte Harper an.
»Erzählen Sie mir bloß nicht, daß Sie noch nichts von ihm gehört haben«, sagte Harper. »Kennen Sie wenigstens Cary Grant?«
»Sehr witzig!« knurrte Lofton. »Können Sie sich ausweisen, junger Mann?«
»Für diese freundliche Klassifizierung lade ich Sie bei meinem nächsten Besuch zu einem Bier ein«, meinte Harper und zuckte seine ID-Card. »Immerhin habe ich schon achtunddreißig Lenze auf dem Buckel.«
»Kaum zu glauben!« staunte Lofton. »Sie sehen aus wie achtundvierzig.« Er erhob sich und inspizierte John L. Harpers Ausweis. Der Mann an der Schreibmaschine hatte seine Tipparbeit unterbrochen. Neugierig verfolgte er das Geschehen.
»Hm«, machte Lofton und gab Harper den Ausweis zurück. »Wie wär's, wenn Sie sich endlich mal vernünftig ausdrückten und mir sagten, was es mit Ihrem Jesse Trevellian auf sich hat?«
»Sie haben ihn doch zum Schloß gefahren, oder?«
»Sehe ich aus wie ein Taxiunternehmer?« fragte Lofton bissig. »Hier war niemand, der einen solchen Wunsch geäußert hat. Wann soll das denn gewesen sein?«
»Kurz nach halb zehn, würde ich sagen. Pat Brown hat ihn vom Flugplatz hergefahren.«
»Um diese Zeit hatte Artie Dienst«, sagte der Mann an der Schreibmaschine.
»Du hast ihn abgelöst«, meinte Lofton und blickte über seine Schulter. »Hat er dir etwas von diesem Trevellian gesagt?«
»Kein Wort, Sir.«
»Na, bitte«, schnaufte Sheriff Lofton. Er war ein großer Mann mit dunklem Haar und fast schwarzen Augen. Ein kleines Bärtchen ließ ihn mexikanisch aussehen. »Sie müssen sich irren. Hier war niemand. Ich wüßte auch nicht, warum. Gegen die Schloßbewohner liegt nichts vor. Keine Anzeige, keine Beschwerde, nicht das geringste.«
»Wo ist dieser Artie?« wollte Harper wissen. »Ich möchte ihn sprechen.«
»Er wohnt nur ein paar Häuser weit von hier entfernt. Warten Sie, ich rufe ihn an«, entschied Lofton und griff nach dem Telefonhörer. Er wählte eine Nummer und wartete, die linke Hand in die Hüfte gestemmt und seinen Blick starr auf John L. Harper gerichtet.
»Komisch, er meldet sich nicht«, meinte der Sheriff und legte auf. »Ich versuch’s mal im Schloß. Vielleicht finden wir dort Ihren Jesse Trevellian…«
»Stop!« rief John L. Harper. »Das dürfen Sie unter keinen Umständen tun. Die Leute vom Schloß dürfen nicht wissen, daß wir uns für sie interessieren. Das haben Jesse und ich nicht mal den Burschen auf dem Flugplatz gesagt.«
»Streng geheim, was?« fragte Lofton. »Wenn Sie wollen, fahre ich Sie hin. Zum Schloß, meine ich.«
»Okay«, sagte John L. Harper nach kurzer Überlegung. Er ging zur Tür. Auf der Schwelle drehte er sich um. »Jesse Trevellian ist ohne Wagen nach Asbury gekommen«, fiel ihm ein. »Wer könnte ihn zum Schloß gebracht haben?«
»Eines unserer Taxis, nehme ich an. Die Wagen werden von Bill Turners Kunksprechzentjale gesteuert. Er ist über jeden Trip im Bilde. Soll ich ihn mal fragen?«
Harper nickte.
Der Sheriff tätigte einen weiteren Anruf. »Negativ«, sagte er. »Keines der Taxis ist ’raus zum Schloß gefahren.«
»Sie reden immerzu von diesem Artie«, sagte Harper. »Könnte er Jesse nicht zum Schloß gebracht haben?«
»Nein«, sagte der Mann an der Schreibmaschine. »Artie konnte nicht weg. Er mußte am Telefon bleiben. Aber vielleicht hat er Ihrem Kollegen den Jeep gepumpt.«
»Gehen wir ’rüber zu Artie«, schlug Lofton vor. »Ich wette, er bastelt mal wieder an seinem Haus herum. Wahrscheinlich hat er das Klingeln des Telefons überhört.«
Schweigend machten sie sich auf den Weg. Plötzlich stoppte neben ihnen ein Wagen. Die kreischenden Bremsen ließen den Sheriff einen Satz zur Seite machen. »He, Artie!« rief er kurzatmig. »Laß die blöden Scherze. Wir wollten gerade zu dir. Wo hast du denn gesteckt?«
»Ich war tanken«, erklärte Artie Randolph. Er grinste übers ganze Gesicht und zeigte dabei seine festen weißen Zähne. »Tag, Mister«, begrüßte er John L. Harper.
»Das ist John L. Harper vom FBI in New York«, sagte Sheriff Lofton. »Er sucht seinen Kollegen, einen Mann namens Trevellian. Er wollte zu dir. Hast du mit ihm gesprochen?«
»Nein«, erwiderte Randolph. »Bei mir war er nicht. Worum geht es denn?«
»Er wollte ’raus zum Schloß«, sagte der Sheriff.
»Das FBI? Stimmt was nicht?« fragte Randolph und sah verdutzt aus.
»Das ist nicht unser Bier, Artie'«, meinte der Sheriff tadelnd. »Du hast den Mann also nicht gesehen?«
»Nein.«
»Jesse kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben«, sagte Harper ärgerlich.
»Vielleicht ist er per Anhalter gereist«, meinte Randolph. »Jemand kann ihn mitgenommen haben.«
»Das kann ich mir nicht denken«, sagte Sheriff Lofton kopfschüttelnd. »Das Schloß liegt abseits vom Wege.«
»Ich muß es herausbekommen«, erklärte John L. Harper. »Es läßt mir keine Ruhe.«
»Wenn Ihnen so viel daran liegt, bringe ich Sie hin, Sir. Leroy Castle wird Ihnen gefallen«, meinte Artie Randolph. Er wies einladend auf den Beifahrersitz. »Bitte, steigen Sie ein.«
John L. Harper schwang sich in den Jeep. »Ist es weit bis zum Schloß?«
»Nur ein paar Meilen. In einer Stunde sind wir wieder zurück«, erklärte Artie Randolph. Er winkte dem Sheriff zu, und sie fuhren los.
»Wer bewohnt das Schloß?« fragte Harper unterwegs.
»Es sind Leute aus New York. Der alte Kasten gehörte mal einem Mann namens Leroy. Deshalb nennen wir ihn Leroy Castle«, sagte Randolph.
»Es ist ein richtiges Schloß?«
»Stein für Stein aus Europa importiert«, nickte Randolph. »Als es aufgebaut wurde, stand Asbury buchstäblich Kopf. Die Zeitungen waren voll davon. Inzwischen haben die Leute fast schon vergessen, daß sie in der Nähe eines alten irischen oder schottischen Schlosses wohnen. Leroy hat damals ein paar Millionen ausgegeben, um seinem Hobby zu frönen. Sogar die Einrichtung ist echt — die Folterkammer inbegriffen.«
»Eine Folterkammer?«
»Und was für eine! Mit Daumenschrauben, eiserner Jungfrau und Streckbetten. Es ist phantastisch, was sich die Leute dazumal alles haben einfallen lassen, um einen Gegner zum Sprechen oder' zum Schweigen zu bringen.«
»Ein Glück, daß die Zeiten sich geändert haben«, sagte John L. Harper.
Artie Randolphs Mundwinkel zuckten. »An Ihrer Stelle wäre ich da nicht so sicher, Sir«, meinte er.
***
Mir war zumute, als schwämme mein Bewußtsein durch lauwarmes Öl nach oben zum Licht. Es war kein angenehmer Prozeß. Er verband sich mit einer unbestimmten Furcht vor dem Erwachen. Ich öffnete die Augen und spürte den seltsamen Druck in meinen Achselhöhlen und an meinen Handgelenken. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe ich begriffen hatte, wo ich war.
Ich lehnte an einer Wand, mit erhobenen Armen. Die Handgelenke steckten in Stahlmanschetten, von denen Ketten zu soliden Eisenhaken führten, die in die Wand eingelassen waren. Meine Füße waren frei, aber ihr Bewegungsspielraum war gering. Die Ketten waren sehr kurz.
Die Stahlmanschetten waren rostig, überraschenderweise aber mit Leder ausgeschlagen. Ich fragte mich, wie lange ich es in dieser Stellung aushalten würde.
Meine Umgebung war bizarr und phantastisch. Ein fensterloser Raum aus schweren Quadersteinen, eine steinerne Wendeltreppe, die schmal und spiralförmig nach oben führte, und Dutzende rostiger Folterwerkzeuge, deren Sinn und Zweck nicht auf Anhieb erkennbar wurde.
Eine richtige Folterkammer also. Ich hatte mal etwas Ähnliches in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett gesehen, dabei aber nicht erwartet, mich selbst jemals in einer solchen Umgebung wiederzufinden.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bewußtlos gewesen war. Die Gangster hatten mir meine Armbanduhr abgenommen. Die Folterkammer wurde von einer einzelnen nackten Glühbirne beleuchtet. Sie hing an einem langen Draht und wirkte völlig stilfremd.
Ich dachte an John L. Harper. Obwohl er dem FBI nur als Pilot diente, galt er als alter Fuchs. Er würde keine Ruhe geben, bis er mich aufgespürt hatte. Da er wußte, daß ich zum Schloß gefahren war, schätzte ich meine Lage nicht ungünstig ein.
Über mir ertönte das Klirren eines Schlüssels. Dann knarrte eine Tür in ihren Angeln.
»Besuch für Sie, G-man!« schrie jemand.
Im nächsten Moment entstanden ein paar häßliche Geräusche. Ein Mann kollerte die Treppe herab. Er schlug einige Male hart mit dem Kopf gegen die Stufen, ehe er auf dem Steinfußboden landete und regungslos liegenblieb.
Es war John L. Harper. Ich sah an ihm keine äußeren Verletzungen, aber er war bewußtlos. Wahrscheinlich hatten ihm die Gangster eine ihrer teuflischen Spritzen verpaßt.
Auf der Treppe wurden Schritte laut. Ein Mann kam ohne Eile herab. Ich kannte ihn bereits. Es war der Gangster, den sie in die Butleruniform gezwängt hatten.
Er wischte sich die schweißfeuchten Hände an den Hosen ab und grinste mir ins Gesicht. »Ich hoffe, Sie haben sich den Sinn für echte Romantik bewahrt«, spottete er. »So etwas wie hier wird Ihnen nicht alle Tage geboten, Mister.«
»Ich weiß es zu schätzen«, sagte ich und wies mit dem Kopf auf John L. Harper. »Was ist mit ihm?«
»Der Kerl hat Sie gesucht. Er war beim Sheriff, weil er sich von ihm Hilfe erhoffte. Artie kam dazu und war der richtigen Auffassung, daß wir diese Aktion stoppen sollten.«
»Ist er verletzt?«
»Ich glaube nicht. Die Spritze ist wirksam, aber ungefährlich«, meinte der Gangster. Er schaute sich unter den Folterwerkzeugen nach etwas Passendem für seinen Gefangenen um. »Damit soll sich einer auskennen«, murmelte er. »Ohne Gebrauchsanweisung kommt man da nicht klar.«
Er nahm einige der rostigen Geräte in die Hand und fluchte, als er sich damit die Hände beschmutzte. Schließlich entdeckte er einige lange Lederriemen, die mit Nägeln beschlagen waren. Er fesselte damit John L. Harper an Händen und Füßen. Dann ging er die Treppe hinauf und schloß die knarrende Tür hinter sich ab.
Ich schaute mir die Stahlmanschetten und die Ketten an, die mich an der Wand festhielten. Sie waren solide genug, um einen Elefanten am Ausbrechen zu hindern.
John L. Harpers Gefangennahme störte meine Kreise, aber trotzdem war unsere Lage nicht hoffnungslos. Die Flugplatzleitung mußte Sich früher oder später darum kümmern, was es mit dem verwaisten FBI-Helikopter für eine Bewandtnis hatte. Sie würde New York anrufen, und dort mußte man entsprechend reagieren.
John L. Harper kam langsam zu sich. Stöhnend wälzte er sich auf die Seite. Er öffnete die Augen und sah mich. Sein Blick wurde starr und verwundert. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Ein in Ketten gelegter G-man wurde einem nicht alle Tage geboten.
»Jesse!« stieß er hervor. Er wollte auf springen und merkte erst jetzt, daß er gefesselt war.
»Ich verstehe es nicht«, sagte er keuchend. »Der Kerl arbeitet doch für den Sheriff! Er hat mich ’reingelegt…«
»Artie Randolph? Er arbeitet auch für die Gangster«, sagte ich. »Laura Pennington hat ihn gekauft.«
»Einen Polizisten?« fragte John L. Harper ungläubig.
»Randolph ist kein Polizist. Er nennt sich zwar Assistent des Sheriffs, ist aber nur ' ein Angestellter, eine einfache Hilfskraft«, sagte ich.
»Was haben die Gangster mit uns vor, Jesse?«
»Das wissen sie wahrscheinlich selbst nicht, so genau«, mutmaßte ich. »Sie wollen noch etwas Geld abkassieren und dann verschwinden. Ronald Long ist einer von denen, die ihnen die Flucht finanzieren sollen. Uns haben sie festgesetzt, damit wir ihre letzten Aktionen nicht stören können.«
»Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll. Diesen Banditen ist alles zuzutrauen, nicht wahr?«
»Ja, aber sie würden nichts gewinnen, wenn sie uns aus dem Weg räumten.« John L. Harper bäumte sich auf. Er mühte sich redlich ab, seine Fesseln zu lösen, aber es gelang ihm nicht. Ächzend und schweißbedeckt gab er es auf. »Es geht nicht«, keuchte er. »Die Kerle verstehen ihr Handwerk!«
Ich riß an meinen Ketten. Der einzige Effekt war ein heftiges Klirren und ein scharfer Schmerz in meinen Armen. John L. Harper schaute mir zu und schüttelte den Kopf. »Diese Ketten könnte nicht einmal der alte Herkules sprengen. Randolph hat mir unterwegs erzählt, daß hier alles echt ist. Aus Europa importiert und Stein für Stein wieder aufgebaut!«
»Gut, daß ich daran erinnert werde«, sagte ich halblaut und schaute mir die soliden Eisenbolzen an, die aus der Mauer ragten und die Ketten hielten. »Die Ketten kann ich nicht sprengen — aber vielleicht haben die Maurer Pfuscharbeit geleistet. Schließlich kam es ihnen nur darauf an, den alten Krempel möglichst malerisch aufzuhängen.«
»Es ist einen Versuch wert«, sagte John L. Harper. Er sprach plötzlich so leise, als würden wir belauscht.
Ich fuhr fort, die Haken zu betrachten. Ich errechnete mir den günstigsten Ansatzpunkt für meine Aktion. Es kam darauf an, die größtmögliche Hebelund Zugwirkung zu erzielen. Dann legte ich mit voller Kraft los.
John L. Harper verfolgte meine fast wütenden Anstrengungen mit weit aufgerissenen Augen. Nach ein paar Minuten gab ich es auf. Ich fühlte mich wie gerädert.
»Es ist sinnlos«, sagte ich.
»Unsinn! Der linke Haken hat sich ge- j lockert«, erklärte John L. Harper aufgeregt. »Es ist ganz deutlich zu sehen. Da — auf dem Boden liegen ein paar winzige Zementbrocken.«
Er hatte recht. Nach einer kurzen Erholungspause setzte ich meine Bemühungen fort. Als ich merkte, wie sich die Haken lockerten, bekam ich frischen Auftrieb. Ich mußte noch zweimal eine Pause einlegen, um meine Kräfte zu sammeln, dann hatte ich es geschafft. Die Haken wurden aus ihrer Verankerung gerissen und fielen zu Boden.
Prustend lehnte ich mich mit hängenden Armen gegen die Wand. Von den Handgelenken hingen die schweren rostigen Ketten fast bis auf den Boden hinab. Ich konnte mich frei bewegen, aber der unwillkommene Eisenschmuck bedeutete ein schwerwiegendes Handicap.
Zum Glück bot die Folterkammer ei-, ne reiche Auswahl an Werkzeugen und Schlüsseln, aber ich fand keinen darunter, der zu dem klobigen Schloß an den Eisenmanschetten paßte. Die Gangster hatten ihn offenbar an sich genommen.
Nach einer kurzen Verschnaufpause machte ich mich daran, John L. Harper von seinen Fesseln zu befreien. Ich ging dabei sehr behutsam zu Werke, weil die Ketten an meinen Armen bei jeder Bewegung klirrten und die Gefahr heraufbeschworen, uns zu verraten.
Als John L. Harper endlich auf seinen Beinen stand, machte er zunächst einige Kniebeugen, um seine Blutzirkulation wieder in Schwung zu bringen. Dann nahm er sich meine Eisenmanschetten vor.
»Zum Glück verstehe ich etwas von Mechanik«, sagte er. »Es ist ein simples Schloß. Wir brauchen nur einen passenden Haken, der die Rolle des Dietrichs übernimmt.«
Er fand, was er brauchte, und nahm mir ohne große Mühe die Manschetten mit den Ketten ab. Ich rieb mir die wundgescheuerten Gelenke und fühlte mich wie neugeboren.
John L. Harper und ich schnappten uns je einen feuerhakenähnlichen Eisenstock, den wir im Notfall als Waffe benutzen konnten, dann schlichen wir uns die steinerne Wendeltreppe hinauf. Oben angekommen, untersuchten wir die Tür. Sie war mit Eisennägeln beschlagen und aus altem, solidem Eisenholz gefertigt. Die Tür hatte drei Schlösser. John L. Harper untersuchte sie. »Damit kenne ich mich nicht aus«, sagte er ratlos. »Ich weiß nicht, wie ich sie öffnen soll.«
Ich stellte fest, daß es tatsächlich unmöglich war, die Schlösser mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu öffnen. »Uns bleibt die Hoffnung, daß die Gangster uns etwas zu essen bringen werden«, sagte ich. »Ich schlage vor, daß wir uns darauf einrichten.«
Wir kehrten in die Folterkammer zurück. John L. Harper legte sich auf den Roden. Ich wand die Lederriemen um Ihn, und zwar so, daß man annehmen mußte, er sei gefesselt. Selbstverständlich konnte er sich im Ernstfall durch eine rasche Bewegung von den Riemen losen.
Ich selbst schob die Haken zurück in die Wandöffnungen, zusammen mit den Ketten. Nachdem ich den am Boden liegenden Putz beseitigt hatte, legte ich meine Handgelenke erneut in die Manschetten. Die Eisenringe waren unverschlossen. Ich konnte die Arme, wenn ich es wollte, mit einem Ruck daraus befreien.
Wir brauchten nicht lange zu warten. Knapp eine Viertelstunde nach unseren Vorbereitungen öffnete sich die knarrende Tür. Der Mann im Butlerdreß kam die Treppe herab. Er trug ein Tablett in der Hand. Auf dem Tablett stand eine Schüssel mit dampfendem Inhalt.
»Ihr müßt euch mit einem Süppchen begnügen«, spottete er. »Laura ist in die Stadt gefahren. Sie muß erst das notwendige Haushaltsgeld für weitere Einkäufe besorgen.«
»Sie will sich mit Long treffen, nicht wahr?« fragte ich den Gangster.
Er stellte das Tablett auf einem Holzbock ab. »Ja«,‘ antwortete er. »Er wird uns mit einer Million versorgen. Ein hübscher Gedanke, nicht wahr?«
»Ich frage mich, was für ein Gesicht Sie ziehen werden, wenn Sie entdecken, daß Ihr attraktiver Boß mit dem Geld durchgebrannt ist.«
Der Gangster grinste mich an. »Aber, aber!« meinte er. »Halten Sie uns für Anfänger? Natürlich ist Laura nicht allein in die Stadt gefahren. Vertrauen ist schön, Sicherheit ist klug. Ich bin dafür, das Kluge zu tun.«
»Wenn das stimmte, hätten Sie sich für einen anderen Beruf entschieden«, sagte ich.
»Finden Sie? Da muß ich Ihnen widersprechen. Mir geht es blendend. Ich wohne in einem Schloß. Ich verdiene viel Geld. Wenn wir jetzt gezwungen werden sollten, Leroy Castle aufzugeben und uns vorübergehend aus dem Geschäft zurückzuziehen, wird mir mein Erspartes helfen, ein paar sorglose Jahre in Acapulco oder anderswo zu genießen.«
»Ich plädiere für anderswo«, sagte ich. »Zum Beispiel Sing-Sing!«
»Es geht nicht nach Ihnen, Trevellian.«
»Warten wir es ab. Wie wollen Sie an Longs Geld herankommen?«
»Das erledigt Laura. Für derlei Missionen hat sie den richtigen Riecher.«
»Und was ist mit Peggy?«
»Long bekommt sie zurück. Warum sollten wir uns noch länger mit der Puppe belasten?«
»Wo halten Sie sie gefangen?«
»In New York. Brooklyn. Wir haben dort einen alten Lagerkeller gemietet. Er war ursprünglich als Ausweichversteck gedacht. Wir haben ihn nur selten benutzt.«
»Wer tötete Svensson? Wer ermordete Gracia McLaren?« wollte ich von ihm wissen.
Der Gangster im Butlerdreß antwortete nicht darauf. Sein Blick saugte sich an John L. Harper fest. Es war nicht schwer, den Grund zu erraten. Der Gangster hatte den Piloten gefesselt und sah, daß mit den Lederriemen einiges nicht stimmte.
Er ging auf John L. Harper zu. Ich machte mich mit einem Ruck los. Das Scheppern der Ketten und das Scheuern der Eisenhaken in den Mauerlöchern erzeugte einen Heidenlärm. Der Gangster zuckte herum. Ich sprintete auf ihn zu. Seine Hand zuckte hoch und griff nach der Waffe, die er in der Schulterhalfter stecken hatte.
Ich war bei und über ihm, noch ehe er die Kanone in Anschlag bringen konnte. Wir gingen zu Boden und rollten über die Steine. Ich riß ein Knie hoch und kickte es dem Gangster in den Unterleib. Er zog sich jaulend zusammen und lockerte seinen Griff. Ich nutzte die Chance und nahm ihm den Revolver ab. Im nächsten Moment hatte ich mich von ihm gelöst. Ich sprang hoch und entdeckte, daß John L. Harper bereits auf seinen Beinen stand. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und grinste mich an. »Die Reserve wartet auf ihren Einsatz«, sagte er.
»Rasch nach oben an die Tür«, sagte ich zu ihm. »Sie muß gesichert werden.« John L. Harper nickte und hastete die Treppe empor. Der Gangster im Butlerdreß stemmte sich hoch. Keuchend lehnte er sich gegen die Wand, den Blick auf die Waffe in meiner Rechten geheftet Sein lauter Atem ließ sich nicht mit der Anstrengung des kurzen Kampfes erklären. Er wurde von plötzlicher Furcht geformt, von der Erkenntnis, daß seine Träume von Acapulco sich plötzlich in Rauch auflösten. Was ihm blieb, war die Aussicht auf Sing-Sing.
»Sie hatten meine letzte Frage nicht beantwortet«, sagte ich zu ihm. »Wer tötete Svensson und Gracia McLaren?«
Der Gangster schwieg.
»Wie viele Mitglieder gehören zu dem Syndikat?« wollte ich wissen.
Keine Antwort.
»Wie heißen Sie?«
Der Gangster hob sein Kinn und starrte an mir vorbei ins Leere.
»Legen Sie sich hin«, sagte ich.
Er riß die Augen auf. »Wie bitte?«
»Sie haben mich gut verstanden. Hin' legen!« herrschte ich ihn an.
Er gehorchte nur zögernd. »Dazu haben Sie kein Recht«, knurrte er. »Sie sind durch Ihren Diensteid verpflichtet, sich an das Gesetz zu halten.«
»Ich habe nicht vor, Ihretwegen meinen Diensteid zu verletzen«, machte ich ihm spöttisch klar. Ich schob die Waffe in den Hosenbund. Der Gangster sah es und schnellte hoch. Ich hatte seine Reaktion erwartet und stoppte ihn mit einer knallharten Linken. Sie traf ihn voll auf den Punkt. Er faltete sich zusammen und blieb apathisch liegen. Ich hatte keine Mühe, ihn rasch und gründlich mit den Lederriemen zu fesseln. Als er zu schreien versuchte, preßte ich ihm die Hand auf den Mund.
»Wenn Sie das noch einmal versuchen, muß ich Sie knebeln«, teilte ich ihm mit.
Er biß mich in den Handballen, aber das tat nicht weh.
»Sie werden verstehen, daß wir uns jetzt um Ihre Kollegen kümmern müssen«, sagte ich zu ihm. »Ich hoffe, Sie betrachten es als einen Trost, daß Sie die Suppe nicht allein auszulöffeln brauchen.« Ich ließ ihn liegen und eilte die Treppe hinauf.
John L. Harper lehnte an der offenen Tür. »Im Haus ist es ruhig — bis auf das Radio«, flüsterte er.
Ich blickte in einen.schmalen, hohen Korridor. Er führte an der Küche vorbei in die Halle. Die Küchentür war nur angelehnt. Dahinter spielte das Radio.
Ich ging leise darauf zu. John L. Harper blieb an der Kellertür stehen. Ich preßte mein Ohr gegen die Küchentür. Außer der Radiomusik war nichts zu hören. In der Luft hing der Geruch einer Suppe. Behutsam drückte ich die Tür zurück. Sie öffnete sich lautlos.
Am Tisch saß ein Mann und aß. Er wandte mir den Rücken zu, aber ich erkannte ihn sofort. Es war Artie Randolph. Er hatte eine Platte mit kaltem Braten und eine Dose Bier vor sich stehen.
»Guten Appetit«, sagte ich.
Artie Randolph zuckte herum, als hätte ich ihm einen Elektroschock versetzt. Beim Aufspringen stieß er den Stuhl um.
Ich hätte versuchen können, ihn mit dem Revolver zu stoppen, aber seine Verfassung ließ befürchten, daß er selbst dann eine selbstmörderische Attacke versuchen würde. Ich zog es deshalb vor, den Kampf mit den Fäusten fortzusetzen.
Artie Randolph war ein schneller, routinierter Boxer mit einem harten, direkten Punch. Ich mußte meine ganze Erfahrung aufbieten, um in den ersten beiden Minuten nicht unterzugehen. Dann zeigte es sich, daß Artie Randolph sein Pulver verschossen hatte.
Sein Eifer blieb, aber die Schläge wurden ungenau, sie hatten ihren ursprünglichen Drive verloren. Jetzt diktierte ich das Geschehen. Ich trieb ihn fast nach Belieben vor mir her. Die Küche war groß genug, um nach allen Seiten hin auszuweichen. Randolphs Atem kam schwer und pfeifend. Ich setzte ihm die Rechte auf den Punkt. Er fiel um, kam aber nochmals auf die Beine. Er versuchte sich mit einer letzten Verzweiflungsattacke zu retten, dann war es vorbei.
Mein nächster Schwinger schickte ihn endgültig zu Boden. Die Art, wie er nach einer doppelten Spirale fiel und liegenblieb, machte mir klar, daß von ihm in den nächsten Minuten nichts zu befürchten war.
»Diesen Job hätte ich gern übernommen«, preßte John L. Harper durch seine Zähne. Er stand auf der Türschwelle und machte nicht den Eindruck, als ob er Artie Randolphs Verliererpech bedauerte.
»Ich rufe jetzt den Sheriff an«, entschied ich und ging auf die Tür zu.
»Ich passe inzwischen auf unseren jungen Freund auf«, meinte John L. Harper. Er hielt mich am Ärmel fest, als ich an ihm Vorbeigehen wollte. »Den Sheriff von Asbury?« fragte er skeptisch. »Was ist, wen'n Lofton wie Randolph mit den Gangstern unter einer Decke steckt?«
»Keine Sorge«, beruhigte ich ihn. »Die Gangster waren so freundlich, mir mitzuteilen, daß sie nur Artie Randolph kaufen konnten.«
Ich betrat die Halle. Gleich neben dem Eingang entdeckte ich auf einer Konsole ein Telefon, daneben hing das Telefonbuch von Asbury. Ich nahm den Hörer ab und stellte mich mit dem Rücken zur Wand, um die Halle und die Treppe übersehen zu können.
Eine Minute später hatte ich den Sheriff an der Strippe. Ich erklärte ihm, wo ich war und was sich ereignet hatte. Er überfiel mich mit einem Haufen Fragen. Ich stoppte ihn und sagte: »Die Erklärungen haben Zeit bis später. Kommen Sie mit ein paar zuverlässigen Leuten her und vergessen Sie nicht, einige Handschellen mitzubringen.«
»Sie können sich auf mich verlassen, G-man«, sagte der Sheriff und legte auf.
Ich hatte nur leise mit ihm gesprochen. Als ich den Hörer aus der Hand legte, war ich sicher, daß kein Schloßbewohner das Gespräch mitgehört hatte.
Ich durchquerte die Halle und näherte mich der Tür, hinter der ich Milo wußte. Ich grinste, als ich mir vorstellte, wie er auf mein Erscheinen reagieren würde.
Ich drehte den Schlüssel herum und machte einen Schritt über die Schwelle. Ich hatte das Gefühl, daß es der letzte meines Lebens war.
Der flammende, reißende Schmerz, der mein Bewußtsein durchzuckte, währte keine Sekunde. Er verband sich mit der beinahe sachlichen Erkenntnis, daß es aus war, endgültig aus und vorbei. Ich verlor das Bewußtsein, noch ehe mein nach vorn stürzender Körper den Boden berührt hatte.
***
Ich öffnete die Augen und sah Milos Gesicht über mir.
Da es weder zu einem Engel noch zu einem Teufel paßte, konnte ich mich nicht im Jenseits befinden.
»Ich möchte mich korrigieren«, sagte Milo zu mir.
»Korrigieren?« murmelte ich. Ich sah, daß ich auf einem Sofa in dem großen Zimmer lag.
»Als du heute zum erstenmal hereinkamst, nannte ich dich einen Idioten«, sagte Milo. »Ich habe mich geirrt. Der Idiot bin ich.«
Ich schloß die Augen, weil sie schmerzten. »Als ob das etwas Neues wäre!« spottete ich mühsam. »Ich hatte von dir ein paar aufschlußreichere Worte erwartet. Was ist mir zugestoßen, als ich das Zimmer betrat?«
»Das versuche ich dir gerade zu erklären. Du bist mit meinen Füßen zusammengestoßen.«
»Wie wäre es, wenn du dir die Witze für später auf bewahrtest?« fragte ich ihn. »Mein Sinn für Humor ist gegenwärtig einem Schrumpfungsprozeß unterworfen.«
»Ich bin dir mit der verdammten Stahlmanschette auf den Kopf gesprungen«, sagte Milo zerknirscht.
»Seit wann kannst du fliegen?« wollte ich von ihm wissen.
Er zeigte auf die Tür. »Sieh dir mal die Stuck- und Mauerornamente an, die die Tür einfassen«, sagte er. »Da ich weder durch die vergitterten Fenster noch durch die abgeschlossenen Türen entkommen konnte, nahm ich mir vor, zunächst einen meiner Aufpasser außer Gefecht zu setzen. Ich quälte mich mit meinen Stahlsocken an der Türeinfassung bis zur Spitze hoch. Es ging leichter, als ich dachte, da sich genügend Vorsprünge und Absätze fanden. Da oben, auf dem komischen Wappen, ließ ich mich nieder und wartete. Als sich wenig später die Tür öffnete, stieß ich mich ab. Ich hoffte, mit meinem ungewöhnlichen Fußschlagring einen Gangster zu narkotisieren.«
»Der Gangster war ich«, brummte ich. »Du hättest mir den Schädel brechen können.«
»Ich habe ihn nur gestreift«, sagte Milo. »Mir war schließlich klar, was die Stahlsocken anrichten konnten, deshalb hechtete ich auf deine Schulter. Daß du es warst, sah ich zu spät. Mit den Gewichten an meinen Füßen war an eine Umkehr während des Fluges nicht zu denken.«
Ich setzte mich behutsam auf und betastete meinen schmerzenden Kopf. Ich sah, daß Milos Füße frei waren. »Wer hat dich von den Socken befreit?« erkundigte ich mich.
»John L. Harper«, erwiderte er. »Er fand den Schlüssel bei einem der Gangster. Wir haben drei von den Burschen festgesetzt.«
»Wo?«
»In der Folterkammer. Das ist der sicherste Ort«, meinte Milo.
Ich erhob mich auf puddingweichen Beinen. »Wir vermitteln ihnen mit Hilfe der Gerichte einen, der noch sicherer ist«, versprach ich. »Sie werden ihn als ein Heim für ihren Lebensabend kennenlernen.«
***
Ronald Long fuhr seinen Wagen in die Garage. Er nahm den Koffer mit dem Geld an sich und betrat das Haus. In seinem Mund war ein dumpfer, fauler Geschmack.
Long konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben so schlapp und ausgelaugt gewesen zu sein. Er warf den Koffer auf den Tisch und ließ sich in einen Sessel fallen. Ein paar Minuten lang blieb er wie betäubt sitzen. Dann regten sich seine Lebensgeister wieder.
Was hatte er eigentlich erwartet? Daß alles glatt gehen würde?
Um siebzehn Uhr hatte es in seiner Küche gekracht. Ein Ball war durch das Fenster geflogen. Als er, Ronald Long, wütend nach dem Übeltäter Ausschau gehalten hatte, war hinter ihm ein heiseres Krächzen laut geworden. Es war aus dem Ball gekommen.
Er hatte den Ball aufgeschnitten und in seinem' Inneren ein Walkie-Talkie, ein Funksprechgerät, gefunden. Es war kaum größer als eine Schachtel Zigaretten.
Über das Gerät hatte er die Anweisung erhalten, den Koffer mit dem Geld zu nehmen und loszufahren. Er war stundenlang unterwegs gewesen. Die Gangster hatten immer wieder eine Änderung seiner Position verlangt.
Er hatte dabei nur an Peggy gedacht. Er hatte sich darauf gefreut, sie in seine Arme schließen zu können. Nur diese Hoffnung hatte ihn beherrscht.
Jetzt war es fast Mitternacht. Die Gangster hatten ihn nach Hause geschickt, ohne dafür eine Begründung anzugeben. Er war völlig groggy.
Er dachte an das Schicksal, das Gracia McLaren ereilt hatte, und hob fröstelnd die Schulter. »Peggy!« flüsterte er und schloß die Augen. »Peggy!«
Wer sagte ihm, daß sie überhaupt noch lebte? Er schreckte zusammen und sprang hoch, als das Telefon klingelte. »Long«, meldete er sich.
»Sie können schlafen gehen, Mr. Long«, sagte eine männliche Stimme zu ihm. »Für heute steht nichts mehr auf unserem Programm. Aber wir erwarten, daß Sie uns morgen oder übermorgen wieder zur Verfügung stehen.«
»Wo ist meine Frau?« schrie Ronald Long, aber die Frage kam zu spät. Der Anrufer hatte bereits aufgelegt.
Ronald Long setzte sich. Er zog das kleine Funksprechgerät aus der Tasche. Warum hatte sich der Gangster des Telefons bedient?
»Er ist zu Hause«, gab sich Ronald Long selber die Antwort. »Die Dinger haben nur einen begrenzten Sendebereich.«
Aber es gab noch eine andere Möglichkeit. Die Gangster vermuteten möglicherweise, daß sein Telefon abgehört wurde. Mit diesem Anruf wollten sie das FBI bluffen. Das war hur eine Annahme, aber sie erschien ihm logisch.
Ob sie vorhatten, ihn heute nacht in seinem Haus aufzusuchen? Er blickte den Koffer an. Wie und wo sollte er die Million verbergen? Sein Safe im Schlafzimmer war zu klein, um den Kofferinhalt aufzunehmen.
Ronald Long erhob sich. Er trug den Koffer in das Gästezimmer. Hier stand eine Klappcouch mit Bettkasten. Er legte den Koffer hinein, dann duschte er sich und ging zu Bett. Er mußte immerzu an Peggy denken und war sicher, kein Auge schließen zu können, aber er schlief schon nach wenigen Minuten ein.
Er erwachte in dem Bewußtsein, etwas gehört zu haben. Er setzte sich im Bett steil auf und tastete nach dem Lichtschalter. Noch ehe er ihn erreicht hatte, flammte die Deckenlampe auf.
An der offenen Schlafzimmertür standen Laura Pennington und ein etwa vierzigjähriger Mann. Der Mann hatte ein schmales Gesicht mit stechenden tiefliegenden Augen. Er hielt einen Revolver in der Hand.
»Wo sind die Murmeln?« fragte er barsch.
»Wo ist Peggy?« fragte Ronald Long dagegen. Sein Herz trommelte hart gegen die Rippen, aber seine Stimme war frei von Furcht.
»Wir setzen sie auf freien Fuß, sobald wir das Geld haben«, versicherte Laura Pennington. Sie wirkte nervös. »Los, beeilen Sie sich.«
»Ich muß sie vorher sprechen«, entschied Ronald Long.
»Sie armer Irrer!« höhnte der Gangster und hob die Waffe um zwei Inch. »Wir wissen, daß Sie das Geld im Haus haben. Wir finden es auch ohne Sie!«
Ronald Long begriff, daß Widerstand sinnlos war. Er schlug die Bettdecke zurück und erhob sich. Das Girl und der Gangster folgten ihm ins Gästezimmer. Ronald Long wies auf die Bettcouch. »Da ist es drin«, sagte er.
»Nimm es heraus«, sagte der Gangster zu Laura Pennington. »Ich halte ihn mit der Kanonein Schach.«
Laura Pennington hob die Couch an und stellte den Koffer auf den Boden. Sie öffnete den Deckel einen Spalt breit und schloß ihn wieder, als ihr die Banknotenbündel entgegenquollen. »Wir können gehen«, sagte sie.
Der Gangster grinste. »Wir?« fragte er. »Es wird weniger auffallen, wenn ich allein verschwinde.«
Das Girl starrte ihm in die Augen. Laura wollte etwas sagen, aber sie spürte, daß es sinnlos sein würde. Sie wußte sofort, was er vorhatte.
»Ich habe für dich getötet und mein Leben aufs Spiel gesetzt«, sagte der Mann. »Es wird Zeit, daß ich mich um meine Pension kümmere.«
»Das kannst du nicht machen, Herb«, stieß das Girl hervor.
»Willst du mich daran hindern?« höhnte er. »Ich hasse dich. So war es schon immer. Welcher Mann läßt sich gern von einer Frau herumkommandieren? Ich habe auf meine Stunde gewartet. Jetzt ist sie endlich da.«
»Du bist ein guter Killer — aber dir fehlt der Grips zum Überleben«, sagte das Girl. »Ohne mich mußt du scheitern.«
»Lassen wir es auf einen Versuch ankommen, die Million wird ihn mir erleichtern.«
»Wo ist meine Frau? Was ist mit Peggy?« fragte Ronald Long Heiser.
»Zum Henker mit ihr!« rief der Gangster zornig. »Von mir aus kann sie in dem Keller verhungern.«
Vor Ronald Longs Augen wogten rote Nebel. Plötzlich war ihm alles egal. Sein Haß auf diesen Fremden wurde übermächtig. Mit geballten Fäusten ging er auf ihn zu.
Der Gangster hob den Revolver. »Stop!« schrie er warnend.
Im nächsten Moment zerbarst das Fenster. Das Krachen vermischte sich mit dem trockenen Bellen eines Schusses. Der Gangster zuckte zurück und ließ seinen Revolver fallen. Seine Augen weiteten sich in fassungslosem, schmerzhaftem Staunen, als er das Blut aus der Einschußstelle an seinem Handgelenk quellen sah.
Ronald Long fuhr herum. Am Fenster tauchten zwei Männer auf. »Mr. Trevellian!« stieß Ronald Long hervor.
***
Er öffnete das Fenster. Milo und ich kletterten über die Brüstung. Unter unseren Füßen knirschte das Glas.
»Für einen Warnruf blieb uns leider keine Zeit«, sagte ich. »Er hätte auf Sie schießen können…«
»Ja, er ist ein Mörder!« schrillte Laura Pennington hysterisch. »Er hat Svensson und meine Schwester getötet, er wollte auch mich umbringen! Es ist Herb Warner…« Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber der Rest ihrer Worte ging in einem seltsamen Wimmern unter.
»Der telefonische Bluffversuch hat die Gangster verraten«, erklärte ich Ronald Long. »Uns war sofort klar, daß sie heute nacht herkommen würden. Darauf stellten wir uns ein.«
Laura Penningtons Wimmern verebbte. Sie blickte mich an. »Wie — wie konnten Sie sieh befreien?« fragte sie.
Ich zuckte mit den Schultern. »Das ist unerheblich. Wichtig ist, daß wir inzwischen Ihre Komplicen festsetzen und zum Sprechen bringen konnten.« Ich wandte mich an Ronald Long. »Diesem Umstand verdanken Sie es übrigens, daß wir Mrs. Long mitbringen konnten. Sie sitzt in meinem Wagen und wartet auf Sie'.«
ENDE





TÖDLICHE FLAMME: Ein Richard McCord Thriller

von Linda Pendleton




Der Umfang dieses Buchs entspricht 229 Taschenbuchseiten.


Der Privatdetektiv Richard McCord wird vom Zahnarzt Dr. Frank Howard engagiert, um Unstimmigkeiten in dessen Praxis und Dentallabor zu untersuchen. Bei seinen Ermittlung stößt er immer wieder auf die ebenso attraktive wie verführerische Mandy Freidman...

Eines Nachts wird McCord Zeuge des Mordes an Trigger Conway, einem bekannten Drogendealer, kurz darauf findet McCord auch eine Angestellte von Frank Howard tot auf. Er gerät selbst unter Mordverdacht!



COPYRIGHT

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Stakkete/123RF mit Steve Mayer, 2019

(Originaltitel: Deadly Flare-Up)

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Das ist ein fiktives Werk. Obwohl einige der beschriebenen Vorfälle auf tatsächlichen Ereignissen aus der Vergangenheit beruhen können, sind alle Charaktere fiktionalisiert und stammen aus der Fantasie des Autors. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, Gruppen, Organisationen, Orten oder Veranstaltungen ist nicht beabsichtigt und völlig zufällig.



Dem Andenken meines Vaters John Sanford in Liebe gewidmet ... einem Mann, der immer ein Buch in der Hand hielt und der mich inspirierte, die Welt durch das gedruckte Wort zu erkunden.




"Ein Verbrechen muss durch ein Verbrechen vertuscht werden."

Seneca (4BC-65AD), Römischer Philosoph



Prolog

Er öffnete die Augen und blinzelte mehrmals, um den Schlaf aus den Augen zu vertreiben. Direkt über ihm bemerkte er eine schlichte graue Betondecke. Sein Mund war trocken, und ein bitterer Geschmack lag darin - ein vertrauter, alter, saurer Geschmack, den er schon oft verspürt hatte. Er hob den Kopf von der harten Oberfläche, und ihn erfasste kurz ein Gefühl des Schwindels.

Was war los, zum Teufel?

Alarmiert kämpfte er darum, sich zurechtzufinden.

Wo bin ich?

Er wandte den Kopf, um seine gesamte Umgebung zu erfassen, und sah eine nur wenige Meter entfernt eine geschlossene Tür. Sie hatte ein kleines quadratisches Fenster, das anscheinend mit einer Metallplatte bedeckt war. In der hinteren Ecke des kleinen Raums waren an der Wand ein Urinal und eine Toilette aus Edelstahl sowie ein kleines Waschbecken befestigt.

Was war das, zum Teufel? Das ist kein Raum. Es ist eine Gefängniszelle!

Er blickte auf seine Kleidung herab und erkannte, dass er Gefängniskleidung trug, einen dieser orangefarbenen Overalls, die so oft in einem Gerichtssaal zu sehen waren. Oder in einem Gefängnis.

Ruckartig setzte er sich auf, und in seinem Kopf wirbelten die Gedanken, und er kämpfte darum, diejenigen zu fassen zu bekommen, die ihm ein Verständnis dafür geben würden, warum er in einer Gefängniszelle eingesperrt war.

Er bemerkte, dass Licht durch ein Fenster an der Wand weit über dem Bett kam.

Tageslicht.

Wie lange bin ich schon hier?, fragte er sich.

Er stand auf, fühlte sich jedoch nach wie vor etwas wackelig auf den Beinen, und ließ sich daher auf die Pritsche sinken.

Verdammt, ich muss den Kopf frei bekommen. Ich muss herausfinden, was los ist.

Während er dort saß, klärte sich allmählich sein Verstand. Er erinnerte sich, dass er am Abend zuvor mit Dr. Frank Howard gegessen hatte. Ja, er hat für ihn gearbeitet. Der Zahnarzt hatte ihn ein paar Tage zuvor engagiert.

Sie hatten gemütlich im Northwest Inn zu Abend gegessen. Er konnte sich daran erinnern, das Sägemehl unter seinen Schuhen gespürt zu haben und sich der Erdnussschalen bewusst gewesen zu sein, die von den Gästen weggeworfen wurden, während sie ihr Bier genossen. Es war kurz vor Ende der Happy Hour gewesen. Dann tauchte sie bei ihnen auf. Steak und Salat vor ihm und ihr tief ausgeschnittenes Oberteil mit ihren vollen Brüsten ihm gegenüber. Das Essen war gut gewesen, die Gesellschaft nett, aber offensichtlich war etwas falsch gelaufen.

Sehr falsch.

Er wischte sich in der Hoffnung mit der Hand über den Mund, dadurch den vertrauten schalen Geschmack von Alkohol wegzuwischen. Verdammt! Er hatte seit Jahren nichts getrunken. Jetzt etwa?

Dann hörte er, wie ein Schlüssel in das Türschloss gesteckt wurde, und die Zellentür schwang auf. Ein Wachmann in Uniform, der wie Davids Kumpel Goliath aussah, füllte die Türöffnung und knurrte mit einer tiefen, rauen Stimme voller Autorität: "Mitkommen, McCord. Die Leute vom Morddezernat warten darauf, mit dir zu reden."

Morddezernat?

Was zum Teufel ist hier los?




Kapitel Eins

Elf Tage früher

Jedes Jahr im Januar verspürte Richard McCord ein Gefühl der Erleichterung, dass die Feiertage hinter ihm lagen und nicht mehr so viel von seiner Aufmerksamkeit vereinnahmten. Zu Beginn eines jeden neuen Jahres war er jedoch, wie in den letzten Jahren, ein wenig beunruhigt darüber, was wohl die Zukunft bringen würde.

Bei einem Treffen am Neujahrstag mit ein paar Freunden war es in den Gesprächen zwischen den Fernsehübertragungen von Footballspielen um die guten Vorsätze gegangen – Gewicht reduzieren, Rauchen aufgeben, Trinken aufgeben -, die üblichen guten Vorsätze also, die sich bereits vor dem Ende des Monats in Luft auflösen würden. Er hatte nie etwas für gute Vorsätze zum neuen Jahr übrig gehabt, hielt sie für völlige Zeitverschwendung und hatte daher wenig zum Gespräch beizutragen, da er schon vor einigen Jahre Rauchen und Trinken aufgegeben hatte.

Sich von seinen Abhängigkeiten zu trennen hatte viel Mut und Willenskraft erfordert, aber Richard hatte es geschafft. Heutzutage würde er sagen, dass es in gewisser Weise ein ständiger täglicher Kampf war, aber er hatte die Sucht überwunden und die Trauer verarbeitet, wegen der er sich eine Weile lang an die Flasche geklammert hatte. Trotzdem fragte er sich zu Beginn eines jeden Jahres, ob er ein weiteres Jahr überstehen könnte und ob es nicht eines sein würde, das ihn zurück an dunkle Orte bringen würde - an Orte, an die er nicht zurückkehren wollte.

Seine Angst vor den Feiertagen hatte zu der Zeit begonnen, als seine Eltern 22 Jahre zuvor umgekommen waren.

Ihr plötzlicher Tod hatte ihn in eine Depression fallen lassen, und es hatte Monate gedauert, den Kummer zu verarbeiten. An die ersten Jahre nach ihrem Tod erinnerte er sich kaum mehr. Er trank zu viel, und deswegen hatte in seinem Kopf ein ständiger Nebel geherrscht. Eigentlich hatte er das genau gewusst, und zwischen diesen lichten Momenten und den durchgeknallten Frauen, die er während seiner betrunkenen Phasen in sein Leben gebracht hatte, würde er inzwischen zugeben, dass er sich selbst verloren hatte.

Er war sehr wütend darüber gewesen, dass seine Eltern von einem betrunkenen Raser, der von der Polizei verfolgt wurde, angefahren und tödlich verletzt worden waren. Sie begraben zu müssen war eine der schwierigsten Dinge, die er je in seinem Leben getan hatte. Er konnte sich noch an den schrecklichen Tag auf dem Friedhof erinnern, als er schluchzend auf die Knie fiel, überwältigt von der Trauer.

Damals ertränkte er seinen Kummer in Alkohol und hätte allzu oft nicht am Steuer eines Autos sitzen dürfen. Dabei hatte er die Ironie seiner Handlungen gar nicht erkannt.

Um dieser Ironie noch einen draufzusetzen, schwor er dem Alkohol ab und wurde Ermittler. Kein gewöhnlicher Polizeibeamter, sondern ein vom Staat Kalifornien lizenzierter Privatdetektiv.

Anfangs arbeitete er mit Jack Gladson zusammen, einem erstklassigen kalifornischen Privatdetektiv, der seit vielen Jahren im Geschäft war. Gladson schaffte es mit seiner Beteiligung an prominenten Fällen in die Spätnachrichten: Scheidungen, Misshandlungen des Ehegefährten, Fälle dieser Art. Er war definitiv einzigartig und in Südkalifornien wohlbekannt. Oft unausstehlich, oft unverschämt. Aber normalerweise erledigte Gladson seinen Auftrag. Und bei seiner Arbeit hatte er sich ebenso wie seine zufriedenen Kunden viele Feinde gemacht.

Richard war der gute Freund eines Barkeepers geworden, also hing er weiter an der Theke herum, auch nachdem er nüchtern war. Dort war er Jack Gladson begegnet, der ein Stammgast war. Eines Nachts während eines Billardspiels fasste Gladson eine Zuneigung zu Richard, und das war der Beginn einer Freundschaft gewesen.

Gladson bot Richard bald einen Vollzeitstelle als Ermittler an. Er nahm ihn unter seine Fittiche und lehrte Richard viele der Besonderheiten des Detektiv-Geschäfts. Richard hatte bereits einen Abschluss in Rechtswissenschaften und einige Zeit bei der Staatsanwaltschaft in der Grafschaft absolviert. Als seine Trinkerei zu heftig geworden war, hatte er diese Stelle aufgegeben. Anstatt sich feuern zu lassen, hatte er von sich aus gekündigt. Als Gladson ihn also als Ermittler einstellte, fehlte Richard noch der letzte Schliff. Gladson forderte ihn sogar heraus, bis an die Grenzen des Gesetzes zu gehen und sich ab und zu leise um diese Grenzen herumzuschleichen und seine Spuren zu verwischen.

Richard würde zugeben, dass Gladson ihn gut unterrichtet hatte. Er wusste, dass der Weg zwischen Recht und Unrecht sehr schmal sein konnte, und er liebte die Herausforderung, auf Zehenspitzen diesen Weg entlang zu gehen – dabei aber niemals zu weit zu gehen.

Jahrelang war Jack Gladson über diesen schmalen Grat geschritten; vor etwa zehn Jahre jedoch war er zu weit gegangen und wegen mehrerer Fälle von Veruntreuung und Einbruch verhaftet worden.

Richard war über Gladsons Verhaftung genauso schockiert wie alle anderen, einschließlich all der Ermittler, die oft mit Gladson zusammengearbeitet hatten. Sein erster Gedanke war, dass Gladson verleumdet worden war. Er war in diesem Glauben nicht allein, da mehrere ihm bekannte Polizisten diese Theorie ebenfalls für wahr hielten. Schließlich war allgemein bekannt, dass sich Jack Gladson im Lauf der Jahre mehr als eine Handvoll Feinde gemacht hatte, die alle in der Lage sein konnten, ihn eine Falle zu stellen.

Bald darauf hatte Richard herausgefunden, dass Gladson so schuldig war, wie er schuldiger nicht hätte sein können. Es hatte eine Fülle von Beweisen gegen ihn gegeben. Aus irgendeinem Grund hatte Gladson den Punkt erreicht, an dem er geglaubt hatte, er stünde über dem Gesetz. Jedoch krachte das Gesetz hart auf ihn herab. Er kam vor Gericht, wurde für schuldig befunden und zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Vor und während des Prozesses leisteten die Medien gute Arbeit bei Gladson und vernichteten ihn noch heftiger, als es die Staatsanwaltschaft getan hatte. Gladson verlor mehr oder weniger den Lebensmut und war vor zwei Jahren im Gefängnis gestorben, ein gebrochener Mann.

Nach Gladsons Verhaftung war Richard zumindest vorübergehend arbeitslos gewesen. Dann stellte er sich auf eigene Füße und eröffnete eine eigene Detektei.

Richard McCord untersagt es jedem gleich von vornherein, ihn „Dick“ zu nennen. Andernfalls wird er sauer. Einige nennen ihn einen Bastard. Er sagt, er weiß nicht, warum, da er behauptet, ein netter Kerl zu sein. Er gibt zu, dass er vielleicht starrsinnig sei, vielleicht sogar hart, aber er weiß, dass er verdammt gut in seinem Job ist. Er sagt, dass man ihn nicht mögen, nur angemessen bezahlen muss, und er wird den Job erledigen. Und ihn gut erledigen.

Und das war es, was er zu dieser späten Stunde tat.


*


Richard McCord saß in seinem SUV im Dunkeln und hörte Countrymusik im Radio, während er die Bar auf der anderen Straßenseite durch den leichten Nebel beobachtete, der sich bildete. Er wartete darauf, dass Trigger Conway Murphy's Bar verlassen und in seinen kirschroten Chevy Pickup steigen würde.

Mehrere Pickups und ein paar Motorräder standen auf dem Parkplatz vor der Bar. Murphy's befand sich auf dem Gebiet des Los Angeles County, jenseits der Stadtgrenzen der umliegenden Gemeinden, und nicht in der edelsten Gegend, ebenso wenig war es eine stilvolle Bar. Murphy's war bekannt dafür, dass dort raue und oft rüpelhafte Gäste verkehrten, und Richard wusste, dass Trigger Conway genau zu dieser Art von Gästen passen würde.

Conway hatte sich schon als Kind den Spitznamen Trigger verdient. Er hatte ein leicht aufbrausendes Temperament, das durch den geringsten Anlass zum Ausbruch kam. Er war die meiste Zeit seines Lebens ein Krimineller gewesen. Einmal, vor Jahren, während seiner Zeit im Büro des Staatsanwalts, hatte Richard mit einer Frau gesprochen, die mit Conway in der Junior High School gewesen war.

"Er wurde sehr wütend, als unser männlicher Klassenlehrer ihn zur Rede stellte", hatte sie Richard erzählt. "Conway war ein großer Junge, und er flog förmlich wütend aus seiner Schulbank, als der Lehrer auf ihn zukam, nachdem er ihm einen Verweis wegen seines Benehmens erteilt hatte. Ich hatte Angst, da ich am Tisch hinter Conway saß. Es kam zur Schlägerei, sie landeten draußen vor dem Klassenzimmer und wälzten sich kämpfend Gras. Der Lehrer blieb Sieger, aber nur knapp. Er konnte Conway endlich den Arm auf den Rücken drehen und brachte ihn gewaltsam ins Büro des Schulleiters für weitere Disziplinarmaßnahmen."

Richard hatte die Frau gefragt: "Wurde er der Schule verwiesen?"

Sie antwortete, dass der Lehrer am Ende einen Eisbeutel auf sein Gesicht bekam und am nächsten Tag mit einem schönen blauen Auge, das noch geschwollen und verfärbt vom Kampf war, in den Unterricht kam. Conway erhielt Unterrichtsverbot für eine Woche. Danach nannten sie ihn „Trigger“, „Auslöser“.

Trigger Conway machte seinem Namen und seinem Ruf mit dem Finger am Abzug verschiedenster Waffen immer mehr Ehre. Er hatte mehr als einmal wegen Übergriffen mit tödlichen Waffen und wegen Drogenbesitzes im Gefängnis gesessen. Seine letzte Strafe endete vor etwa drei Jahren. Die traurige Sache ist, dachte Richard, dass Trigger Conway immer noch im Chino State Prison einsitzen sollte.

Richard McCord war von Dr. Frank Howard, einem hiesigen Zahnarzt, engagiert worden, um Probleme zu untersuchen, die der Zahnarzt hatte. Während Richards Voruntersuchung des Falles entdeckte er, dass Trigger Conway Sekundärelement des Hauptfalles war, aber selbst so wollte Richard sehen, was Conway vorhatte. Mit Sicherheit nichts Gutes, wenn man Conways kriminellen Hintergrund bedachte. Richard war ihm in den letzten Tagen kreuz und quer durch die Stadt gefolgt.

Richard wollte auch mehr über die Frau erfahren, mit der Conway herumlief. Er hatte herausgefunden, dass sie eine professionelle Tänzerin war und unter dem Namen Mandy Covers auftrat, nicht unter ihrem Geburtsnamen. Sie tanzte nicht Ballett, sondern Pole Dance und andere erotische Tänze, die viele Männer mochten. Richard würde wahrscheinlich klein beigeben und sie eines Nachts in der Crystal Lounge tanzen sehen müssen, wo sie am Wochenende auftrat, obwohl sie heute Abend, dachte Richard, Two-Step mit Trigger Conway tanzen mochte.

Zuvor war Richard über die Straße auf den Parkplatz der Bar gegangen und hatte einen Blick auf den kirschroten Pickup von Conway geworfen. Der Wagen stand in der Nähe eines Laternenpfahls und nahm zwei Parkplätze ein. Er bemerkte, dass das Innere so makellos war wie die Lackierung - schwarzes Leder und Hartholz, und der einzige unpassende Gegenstand in der Kabine war offenbar eine Baseballkappe.

Als Richard zu seinem SUV zurückkehrte, entschied er, dass Conway einige Dollar in den Truck gesteckt hatte, um ihn individuell anzupassen. Er setzte sich in seinen SUV und machte es sich bequem, da es ein langer Abend werden konnte. Er konnte die Musik der Country-Band schwach über seiner eigenen Radiomusik hören, und noch deutlicher, wenn die Leute die Tür öffneten, um die Bar zu betreten oder zu verlassen.

Gegen zwei Uhr morgens entschied Richard, dass Trigger Conway wahrscheinlich zu betrunken zum Tanzen sein würde. Und er wusste, dass er mit Sicherheit eine gute Distanz hinter dem Chevy-Truck wahren würde, wenn Conway die Bar verließ. In der Tat könnte er, wenn er bemerkte, dass Conway herumtorkelte, die örtlichen Polizisten rufen, um ihn hopps zu nehmen.

"Verstehst du, was ich meine?“, murmelte Richard vor sich hin. „Ich bin ein netter Kerl, der immer auf andere aufpasst und die Unschuldigen vor den Arschlöchern beschützt."

Der Nebel wurde jetzt immer dichter, und weil er das Fenster auf der Fahrerseite herabgelassen hatte, war sein Kaffee kalt geworden, also leerte er die Tasse aus dem Fenster, griff nach seiner Thermoskanne und goss frischen Kaffee nach.

Er wollte gerade einen Schluck trinken, da sah er, wie sich die Tür der Bar öffnete und ein großer Mann mit einer Frau herauskam, rasch gefolgt von mehreren anderen Leuten. Es war Feierabend, und die Bar leerte sich.

Richard beobachtete, ob der große Kerl, den er für Trigger Conway hielt, zum kirschroten Chevy Pickup ging. Er ging auf ihn zu, nicht weiter dahinter kam die Frau. Als er die Fahrertür des Pickups fast erreicht hatte, sah Richard einen Blitz, dem Sekundenbruchteile später der scharfe Knall zweier Schüsse folgte. Conway wurde anscheinend von zwei Kugeln getroffen, die ihn gegen den Truck warfen, und er stürzte und verschwand aus Richards Sichtfeld.

Richard konnte nicht sagen, wo der Schütze war. Die Leute schrien und schrien, spritzten auseinander und verschwanden hinter geparkten Autos auf dem schwach beleuchteten Parkplatz. Er schnappte sich sein Handy und wählte den Notruf. Dann sprang er, seine Glock 17 in Bereitschaft, aus seinem SUV und wollte auf den Parkplatz rennen.

Sekunden später stand er wieder neben seinem Fahrzeug; die Waffe noch in der Hand, aber wieder bei klarem Verstand. Er wusste, dass es keine gute Idee war, mit einer Waffe auf den Parkplatz zu laufen, während ein Schütze dort war und während die Polizisten auf dem Weg zum Tatort waren.

Er rutschte auf seinen Fahrersitz, rief das Sheriff's Department erneut an, teilte dem Dispatcher mit, wer er war und dass er seinen SUV auf der Straße geparkt hatte, direkt gegenüber der Bar. Er würde dort bleiben, um mit den Polizisten zu reden.

Die Polizei traf innerhalb weniger Minuten ein, und Richard entdeckte bald, dass Trigger Conway tot war. Beide Kugeln hatten ihr Ziel getroffen und ihn anscheinend auf der Stelle getötet.

Und der Schütze war nicht bekannt.

Die Frau, die mit Conway aus der Bar gekommen war, war nicht mehr da. Sie war in dem anschließenden Chaos verschwunden. Die Polizisten wollten mit ihr reden, aber niemand kannte sie. Richard beschloss, sich aus der Sache herauszuhalten, da er nicht genau wusste, ob die Frau diejenige war, für die er sie hielt.

Er vermutete, dass er bald die Crystal Lounge aufsuchen würde, um sich den Pole Dance anzusehen.

Manchmal hat seine Arbeit ihre angenehmen Seiten, aber eine Frau zu fragen, warum ihr Date erschossen wurde, ist vielleicht nicht so angenehm oder sogar produktiv.

Es könnte eine Menge Überzeugungsarbeit erfordern, um ein lohnendes Gespräch mit Mandy Covers zu führen, besser bekannt als Zahnarzthelferin Mandy Freidman.

Wenn sie auf große Männer stand, würde Richard mit seinen zwei Metern in dieses Profil passen, und er sah auch noch gut aus. Er konnte sein warmes Lächeln anknipsen und die Dame betören, und vielleicht würde sie reden.

Sollte das nicht funktionieren, würde er den Zahnarzt aufsuchen. Schließlich arbeitete er für Mandy Freidmans Chef, Dr. Frank Howard.

Howard, ein Zahnarzt, hatte drei Praxen in der Gegend. Er hatte auch ein Dentallabor in San Dimas, das alle Laborarbeiten für seine Zahnarztpraxis und für andere in der Region erledigte.

Und es war das Labor, das offenbar die Probleme bereitete, zu deren Lösung er Richard McCord engagiert hatte. Der Arzt hatte aber auch noch ein anderes kleines Problem. Ein Großteil seines Geldes war aus seiner Praxis verschwunden.

Veruntreuung? Richard schätzte, dass es so aussah. Und das in großem Stil.

Aber Richard wusste, dass mehr an der Geschichte dran sein könnte.

Dr. Frank Howard fehlten nicht nur das Geld, sondern auch die Rezeptblöcke, und das kalifornische Justizministerium hatte kürzlich Drogenfahnder geschickt, die Dr. Howard einen Besuch abstatteten. Howard stritt ab, die auf mehreren seiner Rezepten aufgeführten Betäubungsmittel verschrieben zu haben, die in verschiedenen Apotheken der Region abgeben worden waren.

Die Frage war also, ob Dr. Frank Howard diese Rezepte nicht ausgefüllt hatte, wer sonst Zugang zu seinen Unterlagen hatte und wer seine Unterschrift gefälscht hatte.

Das hieß, wenn seine Unterschrift gefälscht worden waren, wie es der Zahnarzt beharrlich behauptete.




Kapitel Zwei

Richard hätte es wissen müssen. Schließlich war er der einzige, der noch bei Murphys Bar herumhing und eine Waffe in der Hand hielt, nachdem Trigger Conway erschossen worden war. Diese beiden jungen Polizisten, die ihn befragt hatten, waren anscheinend der Ansicht, dass er etwas mit dem Mord zu tun haben könnte. Er versuchte, sie vom Gegenteil zu überzeugen, aber sie waren nicht daran interessiert, Erklärungen zu hören, warum er am Tatort war.

Etwa zu der Zeit, als der jüngere Blick der beiden Polizisten Handschellen um Richards Handgelenke legte, hatte er das Gefühl, dass es sich um eine Falle handeln könnte. Hatte jemand gewusst, dass er Trigger Conway beschattete, oder war ihm jemand gefolgt, um Conway zu finden und zu töten?

"Wie lange sitzt du schon hier?", fragte der junge Sheriff.

"Mehrere Stunden, wie ich bereits sagte. Ich arbeite an einem Fall und wollte sehen, was Conway vorhat."

Der Sheriff führte Richard zum Streifenwagen und öffnete die Hintertür. "Rein mit dir", sagte er. "Auf dem Revier wird es noch mehr zu besprechen geben."

So war Richard innerhalb weniger Minuten auf dem Weg zum Polizeirevier von San Dimas, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, seine Waffe konfisziert und seine Stimmung angepisst.

Sobald er den Raum mit dem Empfangsschalter betreten hatte, erblickte er einen alten Freund von ihm am Schreibtisch.

Der Mann sah bei seinem Eintritt auf und lachte. "Was zum Teufel machst du hier, Richard?"

"Ich wünschte, ich wüsste es, Sarge ..."

Sergeant Bill Marsh blickte zu dem jungen Sheriff hinter Richard hinüber und fragte: "Worum geht es hier, Regan?"

"Wir bringen ihn zur Befragung wegen eines Mordes in Murphys Bar, Sergeant."

Marsh zwinkerte seinem Freund zu und fragte: "Jemanden ermordet, Richard?"

"Nein."

"Nimm ihm die Handschellen ab", befahl der Sergeant.

Regan folgte Sergeant Marshs Anweisungen und nahm die Handschellen ab. Der andere Offizier hatte Richards Waffe in einem Beweisbeutel und füllte Papiere aus. Er murmelte etwas zu Marsh, das Richard nicht verstand.

Marsh antwortete: "Füllen Sie es einfach aus, und wenn er sie zurückbekommen kann, werde ich mich darum kümmern."

Der Sheriff schob die Tasche und den Papierkram durch eine kleine Öffnung in der Wand, und die Glock verschwand im Nebenraum.

Richard hätte schwören können, dass der junge Sheriff ihm einen schmutzigen Blick zuwarf, als er sich umdrehte, um den Raum zu verlassen.

Richard murmelte: "Oh, nun, einige sind wie du, andere nicht."

Der junge Sheriff hörte anscheinend den Kommentar und drehte sich um, und es gab keinen Zweifel daran, dass der schmutzige Blick diesmal echt war. "Fick dich“, sagte der Typ.

Richard kicherte.

"Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, Richard, und dann sagst du mir, was los ist“, meinte Sergeant Marsh.

"Klingt gut, Bill."

Richard folgte dem Sergeant in den Aufenthaltsraum. Er kannte Bill Marsh schon seit einigen Jahren. Sie waren mehrere Jahre lang zusammen in einem Bowlingverein und hatten sich oft privat getroffen. Bill lud Richard in sein Haus in West Covina zum sommerlichen Grillen und Schwimmen ein, und Richard hatte gesehen, wie Bills Kinder heranwuchsen und zum College gingen.

Während sie ihren Kaffee tranken, erzählte Richard Marsh, warum er da draußen in Murphys Bar gewesen und was passiert war.

"Diese jungen Kerle hatten kein Recht, dich herzubringen“, sagte Marsh zu ihm. „Woher wissen sie, womit der Typ überhaupt erschossen wurde? Ich nehme an, sie haben auch dein Auto durchsucht?"

"Ja, allerdings."

Er lächelte. "Verdammt, sie sind nur übereifrig und wollen Eindruck hinterlassen. Du weißt schon, ganz neu im Revier."

Richard rieb sich die Handgelenke und sagte: "Nun, sie haben mich beeindruckt."

Marsh kicherte. "Ich habe in zwanzig Minuten, um drei Uhr, Feierabend. Dann fahre ich dich da raus, um dein Auto zu holen, und erspare dir eine Abschleppgebühr."

"Danke, Bill. Hoffentlich ist es noch da.“

Marsh kicherte wieder. "Und nicht leer geräumt."

Richard nickte. "Ja."


*


Sie fanden Richards SUV in gutem Zustand, nichts angerührt, nichts beschädigt. Die Straße war ruhig, und der Nebel war noch dichter geworden, so dass die Sicht noch eingeschränkter war als zuvor. Der Parkplatz der Bar war nun leer, bis auf eine Polizeieinheit, eine Einheit von Detectives und den kirschroten Chevy Pickup, der dem Tatort offensichtlich den letzten Schliff gab. Sonst war niemand in der Nähe.

Bevor er nach Hause fuhrt, dankte Richard Marsh fürs Mitnehmen, und sie trennten sich mit dem Versprechen, sich bald zum Abendessen zu treffen.

Richard freute sich auf eine gute Nachtruhe. Doch schon bald stellte er fest, dass daraus zunächst einmal nichts würde.

Als er in seine Zufahrt einbog, sah er, dass ein Besucher auf ihn wartete.

Er lebte allein. Vor einem Jahr musste er seinen Golden Retriever einschläfern lassen und vermisste jetzt einen Hund im Haus.

Sein Haus lag in den Vorgebirgen, ein wenig entfernt von der Hektik der Stadt. Es war ein älteres Haus im Ranchstil, und das Grundstück war etwa einen halben Hektar groß, so dass sich nicht viele Leute hierher verirrten. Besonders zu dieser Zeit des frühen Morgens, noch eine Stunde oder mehr vor der Tagesanbruch. Die Gegend war normalerweise ruhig, bis auf das Bellen eines Hundes in der Gegend oder, ab und zu, das Heulen von Kojoten.

Richard parkte in der Einfahrt gegenüber der Haustür, statt in seine Garage weiterzufahren. Er stieg aus dem SUV und trat zu seinem weiblichen Gast auf der Veranda.

Sie hatte sich an die Ziegelmauer neben seiner Haustür gelehnt. Ihre atemberaubende Schönheit wurde nicht durch das Licht und die Schatten der nahegelegenen Verandalampe verborgen und war völlig unerwartet, obwohl er Fotos von ihr gesehen hatte. Offensichtlich waren die Fotos ihrem verblüffend guten Aussehen nicht gerecht geworden, und so traf es ihn etwas unvorbereitet, ihre Schönheit persönlich so vorzufinden. Lange dunkelblonde Haare umrahmten ihr Gesicht, und obwohl sie eine Lederjacke trug, enthüllte ihre tief ausgeschnittene Bluse ein auffälliges Dekolleté, und ihre enge Jeans machte es ihm leicht, sich vorzustellen, wie gut ihr Körper um eine Stripperstange passen würde.

Er wartete darauf, dass sie etwas sagte, aber alles, was sie tat, war zu lächeln, während sie ein wenig dieses dunkelblonden Haars mit ihrem Finger verdrehte.

"Ich bin nicht gewohnt, um diese Zeit Besucher zu haben, Ms. Freidman", sagte er.

Sie wirkte kurz überrascht und sagte dann: "Sie wissen schon, wer ich bin?"

"Ja", antwortete er. "Was kann ich für Sie tun?"

Sie stieß sich leicht von der Wand weg und sagte: "Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen."

"Warum?"

"Weil mein Boss Sie angeheuert hat."

"Und?"

"Darüber will ich mit Ihnen reden."

Richard schloss die Haustür auf, ging hinein, schaltete das Licht an und hielt die Tür fest, damit sie eintreten konnte.

Sie folgte ihm, als er in die Küche ging. Auf dem Weg dorthin fiel ihm etwas auf.

Er hatte einen oder zwei Besucher gehabt, während er abends unterwegs gewesen war.

Sein Haus war durchwühlt worden.

Verdammt, dachte er, genau das, was ich hasse: Jemand hat mir gesagt, ich solle die Finger von einem Fall lassen. Ich fürchte, ich bin nicht sehr gut darin, Befehle von anderen entgegenzunehmen. Besonders, wenn sie mich bedrohen.

Als er sich den Schaden in seinem Wohnzimmer ansah, sagte er: "Ich werde die Bastarde finden, die das getan haben."

Richard McCord war nicht nur bloß sauer, er war auch verdammt sauer.




Kapitel Drei

Es war eine lange Nacht gewesen. Richard ließ die örtliche Polizei zum Haus kommen, um den Einbruch und den entstandenen Schaden anzuzeigen. Seine erste schnelle Inventur hatte erkennen lassen, dass nichts mitgenommen worden war. Es gab nur ein paar zerbrochene Gegenstände sowie Schubladen, die auf den Teppich geworfen worden waren und ein Chaos verursachten, das in Ordnung gebracht werden musste. Anscheinend war sein Arbeitszimmer ebenso unberührt geblieben wie sein Safe.

Zwei Ideen kamen ihm in den Sinn. Entweder war es ein schneller Job gewesen oder die Arbeit von Amateuren.

Die Polizisten erwähnten ihm gegenüber, dass es kürzlich ein paar Einbrüche in seiner Nachbarschaft gegeben habe, aber Richard glaubte nicht an diese Idee.

Zu viel Zufall, um in der Nacht passiert zu sein, in der er gefesselt und ins Büro des Sheriffs geschleppt wurde, nachdem Conway erschossen worden war, und in der er ein paar Stunden später nach Hause kam und eine schöne Frau vor seiner Tür vorfand. Die gleiche Frau, die mit dem Mordopfer in der Bar gewesen und dann schnell verschwunden war.

Nein, Richard McCord glaubte nicht an Zufälle.

Und er wusste genau, dass er nicht immer an die Ehrlichkeit schöner Frauen glauben würde, besonders nicht an eine, die atemberaubend attraktiv und unschuldig aussah wie Mandy "Covers" Freidman.

Aber verdammt, er hatte gesagt, er sei ein netter Kerl, und die Dame wollte Hilfe, also schob er vorerst alle Gedanken in der Hinsicht beiseite, dass sie mehr als nur eine unschuldige Zuschauerin gewesen sein könnte.

Sobald die Polizisten sein Haus mit Bericht in der Hand verlassen hatten, bereitete er Omeletts, Toast und Kaffee zu und hörte Mandy zu.

Anfangs war sie etwas verklemmt und zögerte, ihm viel zu erzählen, aber bevor ihre Omeletts kalt waren, hatte sie sich etwas entspannt.

Außerdem wirkte sie verängstigt. Richard hatte es erkannt, während die Bullen vor Ort waren. Er wusste nicht genau, ob sie wusste, dass er sich zum Zeitpunkt der Schießerei gegenüber von Murphy's Bar aufgehalten hatte. Und er hielt es nicht für sonderlich nötig, sie davon in Kenntnis zu setzen.

Er füllte ihr Kaffee nach, während er ihr zuhörte. Sie erreichte schließlich den Punkt, an dem sie enthüllte, woher sie wusste, dass ihr Chef ihn engagiert hatte.

"Dr. Howard hatte Ihre Telefonnummer auf seinem Schreibtisch und eine Notiz in seinem Kalender für ein Treffen mit Ihnen letzte Woche."

"Ja. Und?"

"Er sagte mir, warum."

"Wirklich?"

"Ja. Er wollte, dass ich es für mich behalte."

"Erzählt er Ihnen normalerweise so etwas, wenn es um seine geschäftlichen Angelegenheiten geht?"

Er bemerkte, wie sich ihre Wangen röteten, als sie antwortete: "Manchmal ja."

Er fand ihre Antwort überraschend, da Frank Howard nichts davon gesagt hatte, dass Mandy eine besondere Position in seiner Praxis oder den anderen Praxen innehatte. Er hatte ihm eine Liste seiner Angestellten gegeben, und Richard hatte mit ein wenig Recherche herausgefunden, dass sie einen Teilzeitjob als Tänzerin hatte.

"Wie lange arbeiten Sie schon für Dr. Howard?", fragte er.

"Fast sechs Jahre."

"Arbeiten Sie jeden Tag bei ihm in den verschiedenen Praxen?"

"Ja. Ich helfe ihm in jeder Praxis, in der er sich gerade aufhält."

"Das haben Sie schon immer gemacht?"

"Nein. Die ersten paar Jahre, in denen ich dort gearbeitet habe, war seine Frau seine Assistentin. Aber nachdem sie aufgehört hatte, um mehr Zeit zu Hause zu verbringen, hat er mir diese Stelle gegeben."

"Und ich hoffe, damit war auch eine schöne Gehaltserhöhung verbunden."

Sie lächelte. "Ja, allerdings."

"Aber anscheinend nicht genug, um ein angenehmes Leben zu führen", sagte er.

"Nun, ja. Das Gehalt ist gut."

"Aber nicht gut genug?"

"Was meinen Sie damit?"

"Sie müssen es durch Tanzen aufstocken?"

Sie starrte ihn einen Moment lang an, und er glaubte, er hätte einen Kälteeinbruch in ihren schönen Augen gespürt. "Ich tanze gerne", gab sie zur Antwort.

"Da gehe ich jede Wette ein. Es muss viel zum Unterhalt für das teure Auto beizutragen, das Sie fahren, und zur Rückzahlung der Hypothek auf das schöne Haus, in dem Sie in South Hills leben."

Bei seiner Bemerkung fühlte sie sich offensichtlich unwohl. "Sie wissen offenbar eine Menge über mich. Warum?"

"Es ist mein Job", antwortete er.

Sie wippte mit dem rechten Fuß, den sie über ihr linkes Knie gelegt hatte, und er konnte nicht anders, als die hochhackigen Stiefel zu bemerken.

In der Hoffnung, das Gespräch voranzutreiben, fragte er: "Konnten Sie heute Abend gut in den Stiefeln tanzen?"

Wenn Blicke hätten töten können, wäre er in diesem Moment tot gewesen. Ihre Augen wurden schmal, und ihre Stimme hob sich, als sie fragte: "Wovon zum Teufel reden Sie da?"

Richard hielt seine Augen auf die ihren gerichtet, während er ruhig antwortete: "Jetzt regen Sie sich nicht auf, Mandy. Ich weiß, wo Sie heute Abend gewesen sind, und ich weiß, dass Sie mit Trigger Conway zusammen waren. Also, erzählen Sie mir davon."

Sie konnte ihren Ärger nicht verbergen, als sie von seinem Küchentisch aufstand und ins Wohnzimmer ging. Sie blieb in der Mitte des Raumes stehen, drehte sich zu ihm um und sagte: "Danke, Mr. McCord für das Frühstück. Wir sehen uns dann."

Auf dem Weg nach draußen schlug sie heftig die Vordertür zu.

Es gefiel ihm gar nicht, die schöne Mandy gehen zu sehen, aber er war nicht überrascht, dass sie nicht über den Mord an Trigger Conway oder den teuren Lebensstil, den sie führte, sprechen wollte.

Richard wusste, dass sie nicht Besitzerin des Hauses in den exklusiven South Hills von West Covina war, noch hatte sie es gemietet. Das Haus gehörte ihrem Chef, Frank Howard, und der schwarze Lexus, den sie fuhr, gehörte auch nicht ihr.

Richard wollte Antworten von dem Mann, der ihn angeheuert hatte. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass Dr. Frank Howard mit Mandy Freidman zu tun hatte, und zwar nicht nur in professioneller Hinsicht. Allen Anzeichen nach war sie seine Geliebte und wurde von ihm gut unterstützt.

Warum also das Tanzen?

Die Antworten mussten jedoch bis lange nach Sonnenaufgang warten, da Richard ein paar Stunden richtigen Schlaf haben wollte.

Tatsächlich brauchte er Schlaf.

Es war fast sechs Uhr morgens, aber bevor er sich in die Falle begab, hatte er ein wenig Hausarbeit zu erledigen, da er ein unordentliches Zuhause nie hatte ertragen können.

Während er das Chaos in Ordnung brachte, musste er sich einfach fragen, ob diese hochhackigen Stiefel mehr als nur in der Bar getan hatten. Hatten sie sich durch sein leeres Haus geschlichen, und wenn ja, warum?

Wenn sie in sein Haus eingebrochen wäre, wonach hätte sie dann suchen sollen? Was wollte sie von ihm?

Und er nahm an, dass die größere Frage sein würde, warum Mandy Freidman mit Trigger Conway, einem Verbrecher und nicht allzu hellem Kerl, herumgehangen hatte.

Einige Frauen mögen böse Jungs, aber es schien, dass sie keinen bösen Jungen in ihrem Leben brauchte, da sie einen Zahnarzt hatte, der sich verdammt gut um sie kümmerte.

Wer weiß, dachte er. Vielleicht waren beide Männer böse Jungs, nur dass einer jetzt tot war und der andere aussah wie ein sauberer Profi in seinen Latexhandschuhen, seinem weißen Kittel und mit seinen zahnärztlichen Geräten.

Außerdem wusste Richard McCord, dass das Aussehen einen manchmal täuschen konnte.

Auch bei denjenigen, die in Lederjacken, engen Jeans und Stiefeln mit hohen Absätzen fantastisch aussehen mochten.




Kapitel Vier

Richard war um neun Uhr für eine Dusche und Rasur, ein kurzes Frühstück, ein paar Anrufe und ein paar Tassen Kaffee aufgestanden. Dann war er auf dem Weg in sein Büro. Einer seiner morgendlichen Anrufe hatte Dr. Frank Howard gegolten, und sie hatten einen Termin in der Mittagspause des Arztes vereinbart.

Auf der Fahrt zu seinem Büro entschied er, dass er mehr über Mandy Freidman herausfinden wollte, und er wusste, wo er anfangen wollte.

Die Crystal Lounge befindet sich an der Ecke einer belebten Kreuzung in der City of Industry, einem zwölf Quadratmeilen großen Industriegebiet innerhalb des Los Angeles County. Die Stadt wurde in den fünfziger Jahren eingemeindet, um Steuereinnahmen zu erzielen, und beherbergt mehr als 2.500 Unternehmen mit fast 80.000 Arbeitsplätzen. Sie ist zu 92% industriell geprägt und hat eine sehr niedrige Wohnbevölkerung.

Die Southern Pacific und Union Pacific Railroads verlaufen beide westlich durch die Stadt, wobei die Southern Pacific über einen Verschiebe- und Frachtbahnhof verfügt, und mehr als fünfzg große Fuhrunternehmen bedienen das Gebiet.

In der Gegend liegen auch eine Reihe von Stripclubs und Bars, und die "Gentlemen's Clubs" sind sehr beliebt.

Die Crystal Lounge war eine jener Arten von Bars, die zu jeder Zeit Kunden haben, hauptsächlich an den späten Nachmittagen und Abenden, wenn die männlichen Gäste nach einem Arbeitstag den Weg in die Bar finden. Sie ist sieben Tage die Woche geöffnet, von zehn Uhr morgens bis zur letzten Bestellung um ein Uhr dreißig nachts. Es ist ein sehr lukratives Unternehmen, besonders wegen der exotischen Tänze jeden Abend und den Tanzmatineen am Freitag, Samstag und Sonntag.

In der Crystal Lounge gab es selten Probleme, da die langjährigen Besitzer immer Türsteher auf der Gehaltsliste hatten und die kräftigen Männer den Ort größtenteils unter Kontrolle gehalten hatten.

Die Bar hatte den Ruf, schmierig, unverschämt und dreist zu sein. Ihr Interieur wurde beherrscht von halbnackten Frauen, dem Geruch von Zigaretten und Bier, Musikkonserven, schmutzigen Jeans, Cowboystiefeln, lokalen Nutten und vielen Freiern.

Richard kam aus dem hellen Sonnenlicht herein, und es dauerte ein oder zwei Momente, bis sich seine Augen an das schummrige Licht angepasst hatten. Sein Auftritt zog sogleich die Aufmerksamkeit einer spärlich bekleideten Kellnerin auf sich. Sie war an seiner Seite, bevor er sechs Schritte weit gekommen wäre, und sagte: "Hallo, Schatz. Kann ich dir einen Drink holen?"

Ihr überwältigendes Parfüm konnte ihm nicht entgehen, und er hoffte, es bald loszusein. "Nein, danke", antwortete er. "Ich möchte zu den Besitzern. Sind sie hier?" Die Brüder George und Carl Hatch waren seit Jahren Besitzer des Joint, und ab und zu führte Richard Gespräche mit einem oder beiden von ihnen.

"George ist da“, sagte sie. „Er ist im Büro." Sie zeigte auf eine Tür hinter dem Barbereich mit einem Messingschild, auf dem OFFICE stand. "Du kannst da drüben klopfen. Willst du bestimmt keinen Drink mitnehmen?"

"Nein, nicht jetzt." Er dankte ihr und winkte dem Barkeeper zu, als er zum Büro ging. An der Theke standen mehrere Männer; zwei raue Kerle, die aussahen, als wären sie auf Harleys reingekommen, und ein anderer, der allein und dünn wie eine Bohnenstange war und an die Tür des Todes klopfte. Ein Mann und eine Frau saßen an einem Tisch und flüsterten einander süße Worte zu, während sie sich zu dem Country-Song wiegten, der viel lauter spielte, als Richard für nötig hielt.

George Hatch lud Richard in sein Büro ein. Er saß hinter seinem Schreibtisch mit einer jungen blonden Frau auf seinem Schoß, und sie knöpfte ihre Bluse zu, wobei sie errötete.

"Nun, Richard McCord, nicht wahr?“, sagte Hatch. „Was zum Teufel ist los? Brauchste was?" Er hob die Frau von seinem Schoß, gab ihr einen verspielten Klaps auf den Hintern und sagte zu ihr: "Geh essen, Baby. Wir machen später weiter."

Sie lächelte Richard im Vorbeigehen an, verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich.

Richard lächelte George Hatch an und sagte: "Du hast da einen heißen Zahn, einen tollen Hingucker."

Er lachte. "Allerdings." Er setzte sich aufrecht auf seinen Stuhl und fuhr sich mit der Hand durch das verwuselte Haar, um es ein wenig in Form zu bringen. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen und ein paar Pfund zugelegt, seit Richard ihn zuletzt gesehen hatte. "Setz dich und sag mir, was du auf dem Herzen hast, McCord."

Richard zog einen Stuhl heran und sagte: "Ich bin hier, um nach einem deiner Mädchen zu fragen. Ich habe sie gestern Abend getroffen."

Hatch grinste und sagte dann: "Oh, du überprüfst die Mädchen, bevor du mit ihnen ausgehst?"

Richard lächelte. "Nein, das ist Geschäft und kein Vergnügen."

"Nun, ich kann dir sagen, dass sie nicht minderjährig ist, wenn es das ist, was du dich fragst. Alle meine Mädchen sind volljährig. Wir sind immer sehr vorsichtig damit."

"Das ist gut", sagte Richard. "Nein, ich war nicht wegen ihres Alters besorgt. Ich wollte nur mehr über sie wissen."

"Von welcher meiner Damen redest du?"

"Mandy Covers".

"Mandy Freidman heißt sie."

"Ja, ich weiß."

"Sieht ziemlich gut aus, nicht wahr?"

"Ja. Wie lange tanzt sie schon hier?"

"Hmm, wahrscheinlich zwei Jahre. Lass mich mal sehen." Hatch zog ein Notizbuch aus seiner Schreibtischschublade und blätterte durch die Seiten. "Letzten Monat waren es drei Jahre", sagte er.

"Dann muss sie eine gute Angestellte sein."

"Ja, sie ist zuverlässig. Sie arbeitet ihren Zeitplan ab, ohne sich zu beschweren. Einige dieser Frauen können echte Nervensägen sein. Die ganze Zeit nur meckern. Aber sie macht kein Probleme. Meine Gäste mögen sie. Es hat sich noch nie jemand über sie beschwert."

"Trinkt sie jemals zu viel?"

"Nein. Meine Mädchen trinken Limonade bei der Arbeit. Kein Alkohol erlaubt."

"Was ist mit einem Date mit den Gästen?"

"Ah, McCord, du weißt, das ist gegen meine Regeln. Meine Mädchen können sich nicht verabreden, oder ich sollte sagen, wenn sie dumm genug sind, mich darüber zu informieren, verwarne ich sie."

"Musstest du sie jemals verwarnen?"

"Nein."

"Hat sie jemals Drogen genommen?"

"Nicht in meiner Zeit."

"Irgendein Verdacht, dass sie es könnte?"

"Nein, nicht, dass ich je bemerkt hätte. Wir beobachten das hier ziemlich genau. Ich arbeite hart, um Probleme mit dem Gesetz zu vermeiden."

"Also hältst du sie dann für ziemlich sauber, ehrlich und beschränkt?"

Hatch nickte. "Ich glaube schon. Sie ist eine meiner besten Angestellten, würde ich sagen."

"Kennst du einen Kerl namens Trigger Conway?"

"Ich glaube, er ist einer unserer Gäste. Warum fragst du?"

"Ich habe mich gefragt, was du über ihn weißt."

"Ich kenne ihn nicht wirklich, aber er kommt von Zeit zu Zeit hier her."

"Hattest du schon mal Probleme mit ihm?"

Hatch lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete. "In letzter Zeit nicht."

"In der Vergangenheit?"

"Scheint so, als hätte er vor einiger Zeit ein Problem auf dem Parkplatz gehabt, und die Polizei ist aufgetaucht."

"Wurde er verhaftet?"

"Ich glaube, er wurde wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit einkassiert, aber ich weiß nicht, ob er angeklagt wurde."

"Gibt es noch andere Probleme mit ihm?"

"Nein."

"Hat er hier in der Nähe Feinde?"

"Du meinst, Feinde in meiner Bar?"

"Ja."

"Wer zum Teufel weiß das?", fragte er. "Keinen, von dem ich weiß. Wir hatten nie ein Problem mit ihm.“

"Nun, du wirst keine Probleme mehr mit ihm haben. Er ist tot. Er wurde gestern Abend vor Murphy's Bar erschossen."

"Nun, verdammt", sagte er und klang wirklich überrascht. "Bin froh, dass es dort passiert ist und nicht hier."

"Ja, nicht so gut für das Geschäft."

"Bist du deshalb hier? Etwas an diesem Kerl?"

"Nein." Richard stand auf. "Nun, danke, George, für die Informationen über Mandy. Ich muss einen Abend vorbeikommen und sehen, wie gut sie an der Stange ist."

Hatch lachte. "Es wird dir gefallen, McCord. Aber hey, vergiss nicht, dass wir Eintritt verlangen und mindestens zwei Getränke."

Richard grinste und gab Hatch die Daumen hoch, als er sagte: "Eine gute Methode, die Drecksäcke fernzuhalten."

Hatch lachte, als Richard ging.

Richard wusste, dass Drecksäcke immer den Weg an solche Orte finden, ob kostenpflichtig oder kostenlos.




Kapitel Fünf

Richard fuhr um zwölf Uhr dreißig auf den Parkplatz des Howard Dental Lab in San Dimas und fand ihn leer vor, von einer älteren Chevy-Limousine abgesehen, die auf der anderen Seite des Parkplatzes stand. Anscheinend hatten diejenigen, die dort arbeiteten, entweder für den Tag frei oder waren in der Mittagspause. Das Dentallabor lag in einem Industriegebiet südlich des Foothill 210 Freeway. Das Gebäude, in dem sich das Labor befand, war etwa 5.000 Quadratmeter groß.

Dr. Frank Howard hatte vorgeschlagen, dass sie sich dort treffen sollten und nicht in seiner Zahnarztpraxis, wo er Patienten während der Morgenstunden behandelte.

Richard war froh, die Gelegenheit zu haben, sein Dentallabor zu besuchen, da es der Ort zu sein schien, an dem jemand mit den Finanzen und sogar mit anderen Dingen, wie z.B. Drogen, sich die Finger schmutzig machen könnte.

Er entschied hineinzugehen, obwohl Howard anscheinend noch nicht eingetroffen war, und zu erkunden, ob er sich das Labor ansehen könnte.

Der Vordereingang stand offen, aber niemand war an der Rezeption, als er hereinkam.

"Ist jemand hier?", rief er.

Es blieb still. Keine Antwort. Richard ging an der Rezeption vorbei und stand in der Türöffnung, die in einen großen Bereich führte, und rief erneut. "Jemand hier? Ich möchte Dr. Howard treffen."

Immer noch Stille.

Er betrat den großen Raum, sah niemanden und rief erneut: "Ist jemand hier?"

Stille.

Er ging ein wenig herum. Der Raum war durch Schränke unterteilt, und auf den Regalen standen kleine Kästen mit Etiketten auf der Vorderseite. Richard nahm an, dass sie Zahnprothesen, Kronen und Brücken enthielten. Es sah aus wie eine gut gehende Zahnarztpraxis, obwohl Howard erwähnt hatte, dass das Labor auch für andere örtliche Zahnärzte arbeitete.

Richard wollte sich gerade wieder dem Empfangsbereich zuwenden, da entdeckte er auf dem Fliesenboden ein paar Meter entfernt Beine mit hochhackigen Schuhen, die über das Ende eines Unterschrankes hinausragten.

Er zog seine Waffe und schaute vorsichtig um den Schrank herum. Auf dem Fliesenboden lag der Körper einer Frau. Er trat näher und erkannte, dass die Frau tot war, ermordet.

Richard sah sich um, spürte aber, dass er wahrscheinlich allein im Raum und der Mörder verschwunden war.

Die Tote war etwa vierzig Jahre alt, schlank und trug einen weißen Laborkittel. Fest um ihren Hals geschlungen war etwas, das wie ein Telefonkabel oder etwas Ähnliches aussah. In ihrer Nähe lagen mehrere kleine Flaschen, die wie Medikamentenbehälter aussahen. Bei mehr als einem war der Deckel abgeschraubt, und weiße Tabletten waren über dem Fliesenboden verstreut.

Er griff nach seinem Handy und wählte den Notruf, während er sich mit der Waffe in der Hand durch den großen Raum bewegte, immer noch in Sorge, dass er vielleicht nicht allein im Gebäude war. Doch seine Instinkte sagten ihm, dass sonst niemand im Labor war.

Die diensthabende Polizistin meldete sich sofort. "Was kann ich für Sie tun?"

"Hier ist Richard McCord, und ich bin im Howard Dental Lab, direkt an der Allen Avenue, und es gab einen Mord."

"Nochmals Ihr Name, Sir."

"Richard McCord. Privatdetektiv. Ich habe hier eine tote Frau gefunden."

Er beendete den Anruf und ließ sein Handy in seine Tasche fallen. Dann ging er zurück zum Empfangsbereich, und dort erschreckte ihn das Klingeln eines Telefons an der Rezeption.

Er warf einen Blick zurück in den Laborraum, steckte seine Waffe zurück ins Holster, drehte sich dann um und wollte hinaus, um auf die Polizisten zu warten. Keine zwei Meter entfernt stand ein riesiger Schlägertyp neben dem klingelnden Telefon. Er hielt einen Revolver direkt auf Richards Brust gerichtet.

"Whoa!", sagte Richard schnell und hob die Hände in die Höhe, die Handflächen nach außen gekehrt.

Richard sah, dass der Typ ein Abzeichen am Gürtel hatte, und was er sagte, überraschte ihn. "Dreh dich mit den Händen hinter dem Kopf um. Du bist verhaftet."

"Was?"

"Du hast mich gehört!"

Der Mann rückte näher heran, und da Richard den kalten Stahl des Revolvers durch sein Hemd spürte, war ihm nicht danach zu streiten. Aber er wollte auf jeden Fall wissen, was los war.

Der Typ zog Richard's Glock aus dem Halfter und legte sie auf die Rezeption, dann packte er Richards rechten Arm, zog ihn hinter seinem Rücken herunter und legte die Handschelle ums Gelenk.

"Was ist?", fragte Richard, als der Typ die Handschelle um sein linkes Handgelenk schloss. "Ich bin gerade durch die Haustür gekommen, sie stand offen."

Die Antwort des Kerls wurde durch das Heulen von Sirenen, die sich näherten, fast übertönt.

"Keine Drogen heute, Kumpel. Du bist wegen Einbruchs verhaftet."

"Hey, das haben Sie falsch verstanden."

Er lachte, als er Richard gegen die Wand schob. "Das sagen sie alle."

Scheiße, dachte Richard. Wieder hatte er das Gefühl, hereingelegt worden zu sein. Was zum Teufel ist hier los? "Okay, jetzt verstehe ich es“, sagte er. „Sie observieren den Ort für Dr. Howard. Ich sage es Ihnen ja nur ungern, aber da ist eine tote Frau im anderen Raum."

"In diesem Fall kommt neben Einbruch noch Mord hinzu, Kumpel."

"Kommen Sie schon, ich bin Richard McCord, Privatdetektiv. Ich bin hier, um mich Dr. Howard zu treffen."

"Das hast du, oder?"

Das Heulen der Sirenen erstarb, als die Streifenwagen auf dem Parkplatz eintrafen. Die Autotüren schlugen zu, und sofort traten zwei Sheriffs zu Richard und dem Mann, die Waffen in der Hand hielten. Einer von ihnen fragte: "Was hast du da, Thomas?"

"Ich habe diesen Kerl hier drin gefunden. Er behauptet, er sei ein PI und wollte Dr. Howard hier treffen."

Richard meldete sich. "Ja, und ich habe eine tote Frau da drin gefunden." Er nickte zum Laborraum hinüber. "Ich war es, der euch angerufen hat."

Die Polizisten blickten Thomas an, dessen Handschellen Richard jetzt trug. "Warst du schon mal da hinten, Thomas?"

"Nein“ erwiderte Thomas. „Ich war damit beschäftigt, ihn festzusetzen."

Einer der beiden steckte seine Waffe ins Holster zurück, und der andere behielt seine in der Hand, als sie in den Laborbereich verschwanden.

"Also schätze ich, Sie heißen Thomas“, sagte Richard. „Ist das so?"“

"Billy Thomas", erwiderte er schroff.

"Also sag mir, Billy. Da ich gerade Ihre Handschellen trage, für wen genau arbeiten Sie? Die Drogenfahndung, den Secret Service oder einen lokalen Sicherheitsdienst?"

Richard konnte sehen, dass Thomas seine Frage nicht gefiel. Er spannte die Kieferknochen an, und etwas Farbe trat auf sein ungepflegtes, zuvor blasses Gesicht.

"Du bist ein Klugscheißer, nicht wahr?", fragte Thomas.

"Nein, überhaupt nicht“, gab Richard zur Antwort. „Ich bin ein lizenzierter Ermittler, der nicht zu schnell urteilt und jemanden verhaftet, bevor er sich die Fakten ansieht."

Über Thomas' Schulter sah Richard einen schwarzen Cadillac CTS auf einen Parkplatz an der Vorderseite des Gebäudes einfahren. Er beobachtete, wie Dr. Frank Howard die Fahrertür öffnete und seine Füße rasant aufs Pflaster trafen und er die Autotür hinter sich zuschlug, während er zur Vordertür seines Labors eilte.

Howard warf die Tür auf und hatte einen verwirrten Blick auf seinem Gesicht. "Was zum Teufel ist hier los? Was machen die Polizisten hier?"

Richard zuckte mit den Achseln, seine Hände mit Billys Schmuck noch immer hinter seinem Rücken. "Scheint so, als gäbe es ein Problem."

Thomas schoss Richard einen harten Blick zu und sagte dann zu Howard: "Ich verhaftete ihn wegen Einbruchs und Hausfriedensbruchs. Aber er sagt, da hinten ist eine tote Frau. Die Polizei überprüft das gerade."

"Was! Wer? Tot?" Frank Howard drängte an Richard vorbei in den hinteren Raum. Einer der Polizisten rief ihm zu, er solle zurückbleiben.

Howard identifizierte sich, und dann durfte er den Raum betreten. Nachdem er die Frau identifiziert hatte, kehrte er in den Empfangsbereich zurück.

Sein Gesicht zeigte einen erschöpften Ausdruck, als er sagte: "Ich kann es nicht glauben. Kathy arbeitet seit Jahren für mich. Warum sollte ihr jemand so etwas antun? Ich verstehe es nicht. Ah, Scheiße!"

Richard beobachtete ihn und kam zum Schluss, dass seine Reaktion authentisch zu sein schien. Dennoch musste er sich einfach wundern. Howard hatte den Zeitpunkt ihres Treffens festgelegt und darauf bestanden, sich in der Mittagspause in seinem Dentallabor zu treffen, während ein Treffen in seiner Praxis in West Covina doch bequemer gewesen wäre. Zumindest hätte das Zeit gespart. Dann verspätet er sich, ohne Richard mitzuteilen, dass er sich verspätet.

Und jetzt hatte ein Wachmann Richard „verhaftet“, und es gab eine tote Frau namens Kathy, ein paar Meter entfernt.

"Billy Boy, nimm mir die Handschellen ab, ich bin nicht eingebrochen", sagte Richard. "Ich bin einfach so reingekommen. Die Tür war offen."

Thomas blickte zu Dr. Howard. Howard nickte.

Richard rieb sich die Handgelenke und fragte Frank Howard: "Was war Kathys Job hier?"

"Sie managte das Labor“, erwiderte Howard. „Seit Jahren schon."

"Also, womit beschäftigte sie sich – beim Managen? Alle Mitarbeiter überwachen, Vorräte bestellen, die Bücher führen, so was in der Art?"

"Ja. Sie hat alles getan."

"Wo ist der Rest der Mitarbeiter?"

"Oh verdammt", war Howards Antwort. "Alle hatten heute Morgen frei. Zwei von ihnen sollen um vierzehn Uhr reinkommen." Er blickte auf seine Armbanduhr. "Ich sage besser in der Praxis Bescheid, sie sollen sie anrufen und ihnen sagen, sie brauchen heute nicht wieder zur Arbeit kommen. Entschuldigen Sie mich einen Moment."

Howard ging hinaus und rief von seinem Auto aus mit seinem Handy an.

Ungefähr zu der Zeit, als Howard seinen Anruf beendete, trafen die Mordkommission des Sheriffs und die forensische Einheit ein.

Fast die gesamte nächste Stunde verbrachte Richard damit, den Ermittlern Fragen zu beantworten.

Richard hatte den Eindruck, dass sie den Wachmann hätten befragen sollten, wie er seine Zeit verbracht hatte, bevor sie sich mit ihm beschäftigten. Schließlich hatte er Richard wegen "Drogen" verhaftet, sagte er. Was wusste er über die Verfügbarkeit von Medikamenten auf dem Gelände? Und warum hatte Dr. Howard Billy Thomas eingestellt? War es auf regelmäßiger Basis als Wachmann im Labor?

Das waren Fragen, die Richard dem guten Arzt stellte. Howard hatte bereits erwähnt, dass das Labor normal aussah und außer der offensichtlichen Strangulierung seiner Mitarbeiterin und den Medikamentenfläschchen und Tabletten auf dem Boden auch sonst unberührt wirkte.

Richard wusste nicht, um welche Medikamente es sich handelte, aber er wäre jede Wette eingegangen, dass es keine Aspirintabletten waren, sondern etwas viel, viel Stärkeres.

Er wusste nicht, was das mit seinem Fall zu tun hatte, aber was auch immer es war, es sah aus, als wäre es etwas sehr Schwerwiegendes und als es ging gerade erst los.

Zwei Tote: einer durch eine Kugel, einer anscheinend durch Strangulierung.

Das Vibrieren seines Handys unterbrach seine Gedanken. Er zog es aus seiner Tasche und sah eine SMS. Sie kam von Mandy Freidman, der Tänzerin.

In der SMS stand: "Ich muss Sie heute Abend sehen. Dreiundzwanzig Uhr, Crystal Lounge."

Wie es aussah, würde Richard McCord seinen Schlaf an diesem Abend nicht aufholen.

Er fragte sich, warum Mandy jetzt mit ihm sprechen wollte, nachdem sie ein paar Stunden zuvor aus seinem Haus gegangen war.

Ein Sinneswandel? War die junge Dame bereit, über Trigger Conway und seinen Mord zu sprechen?

Richard ging vor das Laborgebäude, um ein wenig frische Luft zu schnappen, während die Detectives ihre Befragung von Dr. Howard fortsetzten.

Billy Thomas war immer noch hier. Nicht, dass Richard erwartet hätte, dass er ging. Schließlich bekam er seine fünfzehn Minuten Ruhm. Er hatte die Persönlichkeit, die Richard allzu oft traf - ein Möchtegern-Polizist, der keinen Platz bei den regulären Polizeikräften finden kann, also tritt er einer Sicherheitsfirma bei. Er fragte sich, wie oft sich Billy-Boy bei der örtlichen Polizei beworben hatte und abgewiesen worden war.

Als Thomas zu ihm trat, fragte Richard: "Hast du jemals versucht, bei der örtlichen Polizei zu landen?"

Thomas kaute Tabak und spuckte ihn in eine Getränkedose, bevor er antwortete. "Zum Teufel, ja. Kein Glück. Sie sagten mir, ich sei zu fett." Er lachte, wobei er seinen Bauch streichelte, der über seiner Gürtellinie hing. "Zu viele Burger und Tacos. Ich kann nicht anders. Ich liebe gutes Essen." Er lachte wieder. "Es gibt einen Ort an der Route 66 in Azusa, der die besten verdammten Tacos macht. Hast du sie schon mal bei Baca's probiert?"

Richard gab zu, dass er es nicht getan hatte. Er fragte: "Wie lange bist du schon ein Sicherheitsbulle?"

"Etwa vier Jahre."

"Und wie lange arbeitest du schon für Dr. Howard?"

"Mehrere Monate."

"Und woraus bestehen deine Pflichten?"

Er sah Richard seltsam an. "Du meinst, was ich für ihn tue."

"Ja."

"Ich bewache diesen Ort. Sorge dafür, dass die Fixer und Obdachlosen nicht auf dem Parkplatz herumhängen. Siehst du die Bäume da hinten?" Er zeigte über den Parkplatz auf einen Avocadohain.

"Ja."

"Die Zigeuner leben dort."

"Zigeuner?"

"Ja. Das Wandervolk. Sie kommen in die Stadt und verstecken sich dort unten. Man muss sie im Auge behalten, da sie Probleme machen können, wenn man in die andere Richtung schaut. Wie es heißt, macht die Familie das jetzt seit mehr als einem halben Jahrhundert. Meine Mama erzählte mir Geschichten darüber, wie sie in die Stadt kommen, und du musst darauf achten, dass sie deine Babys nicht stehlen."

"Bist du sicher, dass das keine alte Folklore ist?", fragte Richard.

"Zum Teufel nein, es ist keine Folklore. Es passiert. Frag mal einen der alten Käuze in der Stadt. Such dir ein paar alte Polizisten. Sie werden es dir sagen." Thomas zeigte wieder auf den Baumbestand. "Glaub mir. Du wirst sie eines Tages sehen, halte einfach die Augen offen. Sie verstecken sich aber gerne." Er lachte und sagte dann mit leiser Stimme zu Richard, als ob er ein tiefes Geheimnis mit ihm teilen würde: "Die jüngeren Frauen sind Prostituierte. Du kannst sie finden, wie sie durch die Stadt laufen. Alles, was du brauchst, sind ein paar Dollar, und du bekommst es." Thomas kicherte. "Ich habe gehört, dass du alles haben kannst, was du willst."

"Ist das dein Chevy, der da drüben parkt?"

"Ja."

"Um wie viel Uhr bist du heute gekommen?"

"Neun."

"Du warst die ganze Zeit hier?"

"Äh, nein, ich bin die Straße runtergegangen, um mir einen Burger zu holen."

"Du warst nicht hier, als ich vorhin ankam."

"Nein."

"Wie lange warst du weg?"

Seine Augen verengten sich, und er spuckte Tabak in seine Getränkedose. Er wischte sich die Lippen mit dem Handrücken ab und sagte dann: "Hey, ich schulde dir meinen Tagesplan nicht. Ich habe es den Bullen gesagt."

"Zigeuner, was? Sind sie in der Stadt?"

Thomas zuckte mit den Schultern. "Ich habe sie nicht gesehen."

"Keine jungen Damen, die herumlaufen?"

Thomas kicherte. "Nicht, dass ich wüsste."

Richard konnte mit diesem Kerl nicht warm werden, also sagte er: "Nun, halte etwas Kleingeld in Ihrer Tasche, das könnte nützlich sein. Der Rücksitz deines Chevy könnte ein wenig Action gebrauchen."

Thomas erübrigte Richard einen leeren Blick. Aber angesichts seines Grinsens wurde aus Billy Thomas' leerem Blick ein wütender Blick und sein Kiefer straffte sich, nachdem er Richards Worte anscheinend begriffen hatte. Richard wandte sich ab und wusste, dass der verdammte Wachmann über ihn her fallen wollte, aber er ging lässig zurück ins Zahnlabor.




Kapitel Sechs

Außer dem, was Richards Voruntersuchungen ergeben hatten, war über Dr. Frank Howard nur wenig bekannt. Howard war in Südkalifornien im Raum Anaheim, der Heimat von Disneyland, aufgewachsen. Er absolvierte die Anaheim High School, besuchte die California State in Fullerton und ging dann weiter zur Loma Linda University School of Dentistry. Loma Linda liegt etwa 60 Meilen östlich von Los Angeles, im San Bernardino County.

Obwohl Howard geheiratet und fast sofort seine eigene Zahnarztpraxis eröffnet hatte, zeigten seine Akten, dass er weit von der Spitze seiner Abschlussklasse entfernt war.

Howards Frau, Carolyn, war die Tochter einer wohlhabenden Familie aus Santa Barbara der zweiten Generation, deren Eltern hoch angesehen in der Gesellschaft waren. Beide Elternteile waren beim Absturz eines Privatflugzeugs ein Jahr vor der Hochzeit der Howards ums Leben gekommen.

Der Flugzeugabsturz war jedoch ein kleines Rätsel gewesen. Das Paar befand sich in einer Cessna Turboprop mit dem Ehemann am Steuerknüppel. Das Flugzeug stürzte einige Minuten nach dem Start in der Bergkette über Santa Barbara ab. Die Untersuchung ergab ein verdächtiges Feuer im Flugzeug, Ursache unbekannt. Die Untersuchungen des National Transportation Safety Board und des FAA konnten nie bestätigen, ob die Ursache für das Feuer eine fehlerhafte elektrische Leitung oder etwas anderes war.

Obwohl Carolyn Howard Klage einreichte, ließen sich Fahrlässigkeit oder fehlerhaftes Produkt offensichtlich nicht begründen, und die Klage fand nie ihren Weg in einen Gerichtssaal.

Howards Frau war alleinige Nutznießerin des Vermögens ihrer Eltern und besaß immer noch ihr Familienhaus in Santa Barbara, das anscheinend als Ferienhaus genutzt wurde.

Richard musste sich fragen, wie oft der vielbeschäftigte Zahnarzt Zeit hatte, die Autobahn nach Santa Barbara für einen Heimaturlaub hinaufzufahren. Vielleicht war es seine Frau, die oft zum Haus ihrer verstorbenen Eltern fuhr, während ihr Mann seine Freizeit mit seiner schönen Zahnarzthelferin in den Südhängen West Covinas verbrachte.

Richard vermutete, dass er ihn fragen musste, wie er seine Zeit verbringt, wenn er keine Zähne bohrte.

Im Moment sprach der Arzt jedoch noch mit den Polizisten. Sie befanden sich im Hinterzimmer des Gebäudes, und Richard bekam nur Bruchstücke des Gesprächs mit, aber während er zusah, kam er zum Schluss, dass Howard sich unwohl fühlte, da er ein wenig auf und ab ging, während er mit den Detectives des Sheriffs sprach.

Richard wusste nicht genau, wie lange er noch hier bleiben würde, war jedoch ziemlich überzeugt, dass die Bullen noch nicht mit ihm fertig waren.

Der Leichenwagen traf ein, und einer der Detectives trat mit einem Notizbuch in der Hand auf Richard zu.

"Ich habe noch ein paar Fragen an Sie, Mr. McCord", sagte er.

"Nennen Sie mich Richard", antwortete er liebenswürdig.

Der Detective nickte, zeigte sich aber im Gegenzug nicht weiter höflich. "Okay, Richard. Nun noch einmal, um wie viel Uhr sind Sie hier angekommen?"

"Ich sollte Dr. Howard um halb eins Uhr treffen, und ich glaube, ich bin gerade um diese Zeit hier angekommen."

"Und Sie sind sofort in das Gebäude gegangen?"

"Ja, ich ging davon aus, dass Howard hier nicht ist, also habe ich mein Handy auf Nachrichten durchsucht, bin dann ausgestiegen und hineingegangen."

"Und?"

"Und was? Ich stand direkt hier an der Rezeption und rief ein paar Mal, aber niemand antwortete. Ich dachte, vielleicht war jemand gerade auf der Toilette oder sonst wie beschäftigt, also wartete ich ab und rief dann ein paar Minuten später noch einmal. Immer noch keine Antwort. Also bin ich nach hinten gegangen, um zu sehen, was los war."

"Warum haben Sie sich mit Dr. Howard getroffen?"

"Äh, das ist vertraulich."

Er blickte fragend von seinem Notizbuch auf und zog leicht Augenbraue hoch. "Oh? Was meinen Sie damit?"

"Nichts sonst. Der Grund für unser Gespräch ist vertraulich. Dr. Howard wird Ihnen das erklären müssen, wenn Sie weitere Informationen benötigen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann."

Richard bemerkte einen leichten verärgerten Blick seitens des Detektivs, aber er fuhr mit seinen Fragen fort. "Also, wie lange nach dem Betreten des Hinterzimmers haben Sie die Leiche gesehen?"

"Ziemlich bald. Ich ging ein paar Meter in das Labor, vielleicht zehn, fünfzehn oder so, und dann, als ich mich umdrehte, sah ich sie – soll heißen, ihre Füße. Ich ging um den Schrank herum und sah, dass sie tot war, und rief euch an."

"Sie haben den Leichnam nicht berührt?"

"Nein, es war offensichtlich, dass sie tot war. Ich ging zurück zum Empfangsbereich und traf Billy Thomas."

"Thomas war nicht im Laborbereich?"

"Zu dem Zeitpunkt nicht. Ich habe keine Ahnung, was er getan hat, bevor ich hierher kam."

"Er arbeitet für den Arzt."

"Ja, das habe ich verstanden", antwortete Richard. "Sagen Sie mir, wie verbreitet sind Drogen hier in dieser Gegend?"

"So ähnlich wie überall sonst."

"Drogenhandel, Kokain, Meth, Heroin?"

Er sah Richard seltsam an. "Warum fragen Sie?"

"Ich frage mich, wie stark der Verkehr hier in der Gegend war. Der Wachmann erwähnte die Zigeuner in der Gegend."

"Ich weiß nichts über Zigeuner, aber die Drogen in dieser Gegend unterscheiden sich nicht von denen fünf Meilen auf oder ab der Route 66."

"Also genug Probleme, um jemanden einzustellen, der den Parkplatz bewacht und nach Drogenverkäufen sucht?"

Der Detektiv zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht", antwortete er. "Ich glaube, wir sind hier vorerst fertig. Wenn wir weitere Fragen haben, erwarten wir, dass Sie zu uns in die Station kommen. Also bleiben Sie vorerst zu Hause, bis wir diesen Mord vollständig untersucht haben."

"Ich bin ein Tatverdächtiger?"

"Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, verlassen Sie die Stadt nicht, da wir vielleicht zusätzliches Interesse daran haben, mit Ihnen zu reden."

"Okay, ich habe keine Ferien geplant."

"Gut." Er drehte sich um und ging zurück ins Labor. Tatverdächtiger. Verdammt, schon wieder.


*


Nachdem die Detectives mit seiner Befragung fertig waren, war Frank Howard nicht in der Stimmung für ein Gespräch über seine geschäftlichen Probleme.

Der Zahnarzt schien wirklich sauer zu sein, dass seine Angestellte Kathy ermordete worden war, und zwar in seinem Labor ermordet worden war.

Als sie allein waren, sagte Howard zu Richard: "Ich kann nicht glauben, dass hier jemand reingekommen ist und sie ermordet hat. Verdammt, ich kenne sie seit 15 Jahren. Sie hat diese Abteilung die ganze Zeit für mich gemanagt, und zwar richtig gut."

Kathy Cerine war geschieden und hatte zwei erwachsene Kinder, die außerhalb des Staates lebten.

"Irgendwelche Ideen, wer sie erledigt haben könnte?", fragte Richard.

"Teufel, nein, Richard. Ich kann es mir nicht vorstellen. Anscheinend hat der Mörder nach Drogen gesucht."

"Hatten Sie hier viele Drogen gelagert?"

"Nicht viele, aber einige. Wie ich dem Ermittler sagte, müsste ich die Listen und das Inventar überprüfen."

"Also hatten Sie Drogen auf dem Gelände?"

"Na ja, eher Medikamente wie Antibiotika, Schmerzmittel."

"Kontrollierte Substanzen?"

"Ja, Codein, Hydrocodon, Sie wissen schon, das Übliche."

"Ist das üblich?"

"Üblich?“

"Diese Drogen oder Medikamente im Haus zu haben, anstatt Rezepte auszustellen?"

"Oh, ich mache beides. Manchmal gebe ich Proben oder ein paar Tabletten aus, anstatt ein Rezept auszustellen."

"Erzählen Sie mir also mehr über das Problem, das Sie hatten. Glauben Sie, das hat etwas damit zu tun?"

"Mit dem Mord an Kathy? Ich glaube nicht. Ich glaube, da ist irgendein Arschloch in der Hoffnung angetanzt, Drogen zu kriegen."

"Sieht so aus." Aber ein Gedanke nagte an Richard, der ihn daran hinderte, das zu glauben.

"Kathy sollte Ihnen etwas davon sagen. Sie weiß, äh, wusste genau, was hier alles vor sich ging."

"Vielleicht wusste sie zu viel."

Howard musterte Richard einen Moment lang mit schmalen Augen. "Sie glauben doch nicht, dass das fehlende Geld und die fehlenden Rezeptblöcke mit ihrer Ermordung zu tun hatten, oder?"

Richard zuckte mit den Schultern. „Wer weiß?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein, da liegen Sie falsch."

"Könnte sein, aber das ist etwas, das wir herausfinden müssen, oder?"

Richard hatte das Gefühl, dass Howard ein wenig nervös wurde. Er wollte entweder nicht glauben, dass das der Grund für den Mord an Kathy gewesen sein konnte, oder er fürchtete, dass jemand die Sache miteinander in Verbindung bringen könnte, jemand wie Richard.

Was auch immer der Zahnarzt tatsächlich dachte, er wollte es Richard nicht mitteilen.

Howard blickte auf seine Armbanduhr, sah Richard an und sagte: "Das war emotional erschöpfend, und ich gehe jetzt lieber, damit mir ein wenig Zeit bleibt, mich vor meinen Terminen am Nachmittag zu entspannen. Wir müssen später weiter darüber reden, Richard."

Richard folgte Howard zum Parkplatz und beobachtete ihn, wie er losfuhr. Als er in sein eigenes Auto stieg, fragte er sich, um was es in diesem Fall wirklich ging. Was könnte Howard über die Ermordung seiner Angestellten wissen? Gab es da irgendeinen Zusammenhang mit der Ermordung des Freundes seiner Geliebten, Trigger Conway? Da es sich in beiden Fällen vielleicht um Drogen drehte, lag der Gedanke einfach nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden gab.

Als Richard vom Parkplatz wegfuhr, sah er in seinem Rückspiegel den Wachmann Billy Thomas, der eine Limo trank und sich gegen den Chevy lehnte.

Vielleicht wartete Thomas darauf, dass die Zigeunerinnen vorbeikamen, die ihre Hüften unter ihren langen Röcken schwangen und deren Brüste aus ihren tief ausgeschnittenen Bauernblusen hüpften.

Oder vielleicht dachte Billy Thomas, dass er mit Mord und genug Drogen davongekommen war, um mehrere Monate zu überleben.

Richard wusste, dass er alles in seiner Macht Stehende täte, um herauszufinden, wer für den Tod der Frau verantwortlich war.

Richard McCord nahm nicht nur Mord ernst, er nahm auch seinen Job ernst.

Wenn es Antworten gäbe, würde er alles tun, um diese Antworten zu finden.




Kapitel Sieben

Richard kam kurz vor elf Uhr in der Crystal Lounge an, um sich mit Mandy "Covers" Freidman zu treffen. Die Bar war rappelvoll mit Gästen, aber die Kellnerin führte ihn zu einem Stuhl in der ersten Reihe nahe der Bühne.

Mandy war dort oben und wickelte gerade ihren spärlich bekleideten Körper um eine Stange, der dankbaren Reaktion der Gäste nach zu urteilen in sehr erfreulicher Weise.

Auch Richard genoss ihren Tanz, während er sein Mineralwasser trank. Keinen Alkohol mehr. Obwohl er nicht sagen würde, dass er Alkoholiker gewesen sei, als er nach dem Tod seiner Eltern zu viel getrunken hatte, so wusste er doch, dass er wahrscheinlich nicht weit davon entfernt gewesen war, einer zu werden, wenn er diesen Weg fortgesetzt hätte. Er hatte sogar erwogen, zu Treffen der anonymen Alkoholiker zu gehen, aber er zog sich selbst aus der Dunkelheit heraus und war clever genug, um zu wissen, dass er seinen Kampf gegen die Sucht nicht verlieren wollte. Deshalb hielt er sich vom Alkohol fern.

Und Frauen? Damals hätte sich der Aufenthalt in der Crystal Lounge für Richard wie der Himmel angefühlt. Wie ein Kind in einem Süßwarenladen wäre er sich vorgekommen. So viele Möglichkeiten für die saftigsten und leckersten Köstlichkeiten. Allerdings hatte er gelernt, dass diese Köstlichkeiten bei Tageslicht besehen oft gar nicht süß waren, sondern einen sehr bitteren Geschmack hinterließen. Lebe und lerne, würde er jetzt sagen. Und er hatte aus seinen Fehlern gelernt.

Richard wäre der Erste, der zugäbe, dass dies vielleicht der Grund war, weswegen er immer noch Single war - und seinem Instinkt nicht voll vertraute, wenn es um Beziehungen zu Frauen ging.

Dort zu sitzen und einer schönen Frau beim Tanzen zuzuschauen, nahm Richard mit zurück in jene alten Tage, in denen er fast alles getan hätte, um eine Frau wie Mandy für eine Nacht oder sogar für ein paar Nächte aufzureißen.

Welche sexuelle Chemie Richard jetzt auch immer fühlte, es war die Chemie, die eine Reihe von Männern, die um die Bühne herum saßen, erleben musste. Die Frau war heiß. Das konnte niemand bestreiten.

Der Tanz endete, und Mandy verließ die Bühne, aber nicht bevor sie Blickkontakt mit Richard aufgenommen hatte.

Innerhalb weniger Minuten kam sie zu Richard herüber. Sie trug jetzt attraktive, straßentaugliche Jeans und einen leichten, kuscheligen Pullover, dazu eine Handtasche und eine Jacke über dem Arm.

Richard erhob sich, um sie zu begrüßen. "Hi“, sagte sie. „Können wir zum Reden nach draußen gehen?"

Er nickte, und sie gingen zur Tür, wobei sich viele Köpfe in ihre Richtung drehten, während sie die Bar durchquerten.

Draußen angekommen, fragte Mandy: "Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir in meinem Auto reden?"

"Überhaupt nicht." Richard folgte ihr zu ihrem Lexus, der in der Nähe geparkt war.

Mandy schloss das Auto auf, und Richard glitt auf den Beifahrersitz. Sie setzte sich hinter das Lenkrad und drehte sich halb auf dem Sitz zu ihm herum.

"Ich habe heute Nachmittag gehört, dass Kathy im Labor ermordet wurde“, begann sie. „Dr. Howard hat mir gesagt, dass Sie da gewesen sind."

"Ja, ich war dort, als Sie mir die Nachricht geschickt haben."

"Was ist passiert?"

"Ich weiß es nicht, Mandy. Anscheinend hat jemand Kathy mit einer Schnur erwürgt."

"Ist das alles, was sie wissen?"

"Ich weiß nicht, was die Bullen gefunden haben", sagte er. "Haben Sie sie gut gekannt?"

"Ja“, erwiderte sie. „Allerdings nur von der Arbeit her, im Labor. Aber ich kannte sie."

„Warum wollten Sie mich heute Abend sehen?“, fragte Richard.

Mandy lächelte und erwiderte dann: "Ich wollte Ihnen für das Frühstück danken. Es war unhöflich von mir, einfach so zu verschwinden."

Richard lachte. "Sie haben mich mitten in der Nacht aufgesucht, um mir jetzt zu danken, dass ich Ihnen das Frühstück gebracht habe? Kommen Sie, es muss noch mehr an der Geschichte sein."

Sie lachte gleichfalls. "Na ja, ich schätze schon. Aber ich wollte Ihnen danken. Das war nett von Ihnen, und meine Reaktion war nicht sonderlich toll."

"Auf den Tod von Trigger Conway?"

"Auf Ihre Fragen zu ihm."

"Sind Sie jetzt bereit, über ihn zu reden?"

"Was wollen Sie wissen?"

"Für den Anfang´- wer hat ihn erschossen und warum?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht."

"Welche Beziehung hatten Sie zu ihm? Er schien nicht Ihr Typ zu sein, von wegen Ex-Knacki und so."

"Nur ein Freund."

"Und was ist mit Ihrem Boss, Dr. Howard?"

Mandy schwieg einen Moment lang. Sie holte tief Luft ein, stieß sie wieder aus und sagte dann: "Mehr als ein Freund."

Richard nickte. "Das habe ich angenommen. Das Haus, das Auto. Wie lange?"

"Ähm, vier Jahre, schätze ich."

"Verbringen Sie viel Zeit mit ihm?"

"Wir arbeiten zusammen."

"Das habe ich nicht gemeint."

"Nicht viel, da ich nachts arbeite, wie heute, und zwar mindestens ein paar Mal die Woche. Und seine Zeit ist begrenzt."

"Seine Familie?"

"Ja, seine Frau."

"Erzählen Sie mir mehr über Trigger."

"Nichts zu erzählen. Er ist tot."

"Wusste Frank Howard, dass Sie und Trigger befreundet sind?"

Richard bemerkte ihr Zögern, bevor sie antwortete. "Ja, er wusste von ihm."

Er beschloss, mit seinen Fragen weiterzumachen. "Was hat Frank von ihm gehalten?"

"Er mochte ihn nicht."

"Gibt es dafür einen Grund?"

"Vor ein paar Jahren hat Frank gedacht, dass Trigger und ich ficken."

"Stimmte das?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Sie meinen, warum wir nicht gefickt haben?"

"Ja."

"Oh, kommen Sie schon, Richard, ich ficke nicht jeden, der vorbeikommt. Wie Sie vermutet haben, war er nicht mein Typ."

"Was ist Ihr Typ, Mandy?“, fragte Richard. „Ein Mann mit Geld?"

Richard wusste, dass er im Moment ein wenig gemein war, und fragte sich, ob er vielleicht einen persönlichen Grund hatte, sie ein wenig zu drängen. Er wollte es nur äußerst ungern zugeben, aber es war diese sexuelle Chemie, die wieder aufflammte. Er testete sie, um zu sehen, wie bereit sie war, mit jedem zu schlafen. Schließlich war er sich immer noch nicht sicher, warum sie bei ihm gewesen war.

Und das war es, was er wissen wollte. Wenigstens glaubte er, darauf hinaus zu wollen.

Aber er entdeckte bald, dass Mandy ihre eigenen Ideen hatte. Sie startete den Motor und setzte den Lexus rückwärts aus der Parklücke.

"Was tun Sie da", fragte Richard.

"Ich nehme Sie mit nach Hause."

"Whoa. Den Teufel werden Sie tun! Fahren Sie da rüber zu meinem Auto."

Mandy lachte. "Sie lehnen es ab, sich mit mir eine gute Zeit zu machen?"

"Ja, meine, genau das tue ich. Ich danke Ihnen für das Angebot, aber das ist Geschäft, auch mitten in der Nacht."

Nicht weit von seinem Wagen entfernt trat Mandy auf die Bremse und hielt an. Sie ließ den Motor im Leerlauf weiterlaufen und sagte: "Nun, tut mir leid, dass Sie mich zurückweisen. Sie haben mich heiß gemacht und sich die Mühe gegeben, vom Vögeln zu reden. Vielleicht ein ander Mal, wenn das Geschäft erledigt ist, okay?"

Richard lächelte. "Ich muss sagen, Sie sind verdammt verlockend, aber vielleicht tut's ein Gutschein, hm?"

"Sie möchten es also schriftlich?"

Er lachte. "Nein, Mandy, Sie haben bestimmt ein gutes Gedächtnis." Er öffnete die Beifahrertür, schwang ein Bein hinaus und sagte: "Wenn Sie bereit sind, mir zu sagen, warum Sie in mein Haus gekommen sind, rufen Sie mich an. Bis dann."

Richard stieg aus dem Fahrzeug und ging zu seinem Auto, während Mandy ihren Lexus beschleunigte und vom Parkplatz auf die Straße fuhr.

Diese Frau war verdammt mysteriös, entschied Richard. Er war jetzt genauso verwirrt wie damals, als sie sein Haus verlassen hatte.

Er fuhr von der Crystal Lounge weg, und das nagende Gefühl ließ ihn nicht los, dass Mandy in eine ernsthafte Sache verwickelt war. Wenn er einen Haufen Geld hätte, um in Vegas zu wetten, hätte er gewettet, dass sie tief darin verstrickt und völlig verzweifelt war und das Gefühl hatte, keine Kontrolle mehr zu haben.

Er fragte sich, ob es um Drogen ging.

Hatte es andererseits mit dem Mord an ihrem Freund Trigger Conway zu tun?

Oder mit ihrem Chef und Geliebten Dr. Frank Howard? War das der Grund, warum Richard diese schöne Frau vor seiner Tür gefunden hatte?

Richard war schon immer ein leichtes Opfer bei einer traurigen Geschichte gewesen, oder wenn jemand um Hilfe gefleht hatte, besonders wenn es eine Frau war. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Aber er war auch ein lizensierter Ermittler, daher bestand sein Hauptanliegen darin, die Wahrheit zu finden. Und in der heutigen Gesellschaft konnte es manchmal schwierig sein, die Motive der Menschen zu verstehen.

Aber Richard hatte gelernt, dass Motive oft auf ein paar wenige Dinge zurückzuführen sind: Macht, Gier, Eifersucht, Rache, und er wusste, dass bestimmte Menschen extreme Maßnahmen ergreifen, um ihr Bedürfnis zu stillen.

Und Richard hatte es mit Menschen zu tun, die Soziopathen oder Narzissten waren und kein Gewissen oder keinen moralischen Standard hatten.

Jedes Mal, wenn Richard in der Lage war, eine solche Person ins Gefängnis oder in ein Grab zwei Meter unter der Erde zu stecken, glaubte er, dass er seiner Berufung gefolgt war, und zwar verdammt gut.

Herausforderungen, ja. Richard McCord hatte sich im Laufe der Jahre vielen stellen müssen, sowohl persönlich als auch beruflich.

Und er war nicht bereit, vor einer Herausforderung davonzulaufen.

Richard McCord konnte ein netter Kerl sein, aber niemand sollte seine Nettigkeit mit Schwäche verwechseln, denn dann wird er jedes Mal beweisen, dass man daneben liegt.




Kapitel Acht

Richard musste mehr über Trigger Conway erfahren. Er hatte bereits Conways Vernehmungsprotokoll, Urteil, Gefängnisakte und Bewährungsbericht, aber er wollte mehr über den Mann wissen und warum jemand seinen Tod wollte.

Mandy Freidman war bei Conway gewesen, als er erschossen wurde, und gab Richard gegenüber zu, dass sie Freunde gewesen waren, jedoch sonst nichts.

Richard sah nicht, wer Conway erschossen hatte, sondern nur, dass Mandy genau dort war, als es passierte. Es bestand auch eine echte Möglichkeit, dass sie diejenige war, die die tödlichen Schüsse auf Conway abgefeuert hatte.

Außerdem kannte Dr. Frank Howard Conway und mochte ihn laut Mandy nicht, und er hatte sogar die beiden beschuldigt, eine Beziehung jenseits der Freundschaft zu haben.

War Howard ein eifersüchtiger Mann, der nicht wollte, dass Conway mit seiner Geliebten herumhängt, und vielleicht etwas dagegen unternommen hatte?

Oder hatte Conway einer von seinen Feinden ausgeschaltet, weil ihm die Art und Weise missfiel, wie Conway seine Cowboystiefel anzog oder sich einen Schuss gab?

So verbrachte Richard den Morgen mit einer Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch neben sich, während er Datenrecherchen im Internet durchführte und hoffte, Antworten auf seine vielen Fragen zu finden.

Er entdeckte, dass Conway in Azusa bei einem Familienmitglied, möglicherweise einem Bruder, mit demselben Namen lebte. Er fragte sich, ob es sich lohnen könnte, einen Besuch dort abzustatten, aber das könnte angesichts des jüngsten Mordes an Conway ein wenig heikel sein. Schließlich wäre die Familie in Trauer und Richards Besuch vielleicht ganz und gar nicht willkommen.

Es war kurz nach der Mittagszeit, als Richard am Haus der Conways eintraf, einem 750 Quadratmeter großen Haus aus den vierziger Jahren, das etwas reparaturbedürftig war. Die ganze Straße hinab waren es die üblichen, nach dem Zweiten Weltkrieg für zurückkehrende Kriegsveteranen und ihre Familien errichteten Reihenhäuser. Der Rasen vorn war nicht mehr grün, sondern sah aus, als würde er aus abgestorbener brauner Fingerhirse bestehen oder litte unter extremem Wassermangel. Dürftige, verwilderte Sträucher mussten dringend gestutzt werden, ebenso wie die große chinesische Ulme, die den Vorhof beherrschte. Die Fenster des Hauses waren vergittert, was auch für die Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht ungewöhnlich war, denn die meisten Häuser auf der Straße waren vergittert - ein deutliches Zeichen für eine unsichere Umgebung.

Als Richard über den Bürgersteig zur vorderen Veranda mit einer verrotteten Tür mit Fliegengitter zuging, die nur noch halb in den Angeln hing, fragte er sich, ob überhaupt jemand dort lebte.

Er zog die Fliegengittertür so weit auf, dass er an die Holztür klopfen konnte, und hörte eine Bewegung im Haus, gefolgt vom Bellen eines Hundes, der sich offensichtlich jetzt auf der anderen Seite der Haustür befand.

Der Hund beruhigte sich, als sie sich einen Spaltbreit öffnete, und eine Frau schaute um die Tür herum. "Ja?", war ihr einziger Kommentar.

"Hi, ich bin Richard McCord, Privatdetektiv", sagte Richard. Er hielt ihr seine Visitenkarte entgegen. Die Frau nahm sie ihm aus der Hand und betrachtete sie.

"Ich möchte mit Jessie Conway sprechen“, sagte Richard. „Ist er hier?"

"Nein. Aber das bin ich", antwortete sie. "Ich bin Jessie Conway."

"Oh. Ich habe angenommen ..."

Sie lachte und unterbrach ihn. "Vielen Leute geht das so. Ich habe meinen Eltern vor Jahren gesagt, dass sie mein Leben komplizierter machten, weil sie mir einen so geheimnisvollen Namen gegeben haben. Ich glaube, ich kann Rick Springfield wegen seines Songs 'Jessie's Girl' mit dafür verantwortlich machen. Er hätte bei seinem ursprünglichen Titel bleiben sollen, 'Gary's Girl'."

Richard lächelte angesichts ihres erfrischenden Humors. "Na ja, tut mir leid, dass ich da falsch gelegen habe." Soweit Richard wusste, war Trigger Conway nicht verheiratet, also wusste er, dass sie nicht seine Frau, sondern eine Verwandte war.

"Ich verzeihe Ihnen", antwortete sie, und erneut glitt ihr ein Lächeln übers Gesicht. "Sind von der Versicherung?" Ein kleiner weißer Hund steckte seinen Kopf durch die Tür und blickte mit dunklen Augen, die teilweise vom Fell verdeckt waren, zu Richard auf.

"Nein, eigentlich nicht. Aber ich bin wegen Trigger hier."

Sie zog die Tür ganz auf und sagte: "Kommen Sie rein. Sie müssen das Chaos entschuldigen. Ich packe die Sachen zusammen."

Im Wohnzimmer standen Kartons in Dreierstapeln übereinander, und als Richard den Raum betrat, bemerkte er: "Sieht nach gewaltig viel Arbeit aus."

"Allerdings. Ich war die letzten vier Monaten hier. Ich bin von Arizona weggezogen und brauchte Zeit, um mich einzuleben. Triggers Haus hier macht mich noch wahnsinnig. Eigentlich gehört es meinem Vater."

"Er ist Ihr Bruder?"

"Halbbruder."

"Mein Beileid wegen Ihres Verluste“, sagte Richard. So etwas wie Traurigkeit flackerte über ihr Gesicht.

Sie zuckte mit den Achseln und antwortete: "Danke. Ich muss zugeben, ich habe mir gedacht, dass es eines Tages passieren muss. Er hat am Rand des Abgrunds gelebt, und es schien keine Möglichkeit zu geben, daran etwas zu ändern, obwohl wir es alle vor Jahren versucht haben."

"Ja, aber niemand ist jemals bereit für den Verlust“, sagte Richard. „Auch wenn man es eigentlich erwartet hat."

Jessie Conway nickte. "Warum kommen Sie nicht in die Küche, und ich besorge uns eine Tasse Kaffee?" Sie lächelte. "Wenigstens gibt es einen Platz am Tisch, wo wir reden können."

Richard mochte sie. Sie schien offen und ehrlich zu sein. Sie wirkte höchstens 35 Jahre alt und sah gut aus. Er hatte schon immer Frauen mit langen, reichen, dunkelbraunen Haaren gemocht, und ihre glänzten noch dazu. Er wusste, dass es vielleicht ein wenig seltsam klang, aber angesichts von kräftigem dunkelbraunem Haar stieg in ihm die Erinnerung an Tage auf der Santa Anita Race Track auf, unweit von hier, wo er durch die Paddocks gestreift war, um die Vollblüter und ihre satten, glänzenden Farben zu bewundern. Jedes Mal, wenn die Pferde in der Stadt gewesen waren, hatte er viel Zeit auf der Rennbahn verbracht. Hatte gewettet, sicher, aber vor allem den Sonnenschein und die Spannung der Rennen genossen. Er war jung gewesen, als er gelernt hatte, das Rennprogramm zu lesen. Sein Vater wettete oft auf der Rennbahn, und Richard gab ihm ein paar Dollar von seinem Taschengeld, um für ihn zu wetten. Das erste Rennen, auf das Richard als Kind gesetzt hatte, war ein Daily Double gewesen, und er hatte gewonnen. Damit begann sein Interesse an Pferderennen. Obwohl er einige Jahre lang nicht in Santa Anita gewesen war, erinnerte er sich daran, die nächste Rennsaison zu besuchen.

Jessie holte Becher aus einem Schrank und goss heißen Kaffee aus einer Kanne ein. Sie wandte sich mit einem Lächeln an Richard und fragte: "Sahne oder Zucker?"

Richard bemerkte das Funkeln in ihren grünen Augen, wenn sie lächelte. "Nein, danke, schon in Ordnung", sagte er, als sie einen Becher vor ihn stellte und sich dann ihm gegenüber am Tisch niederließ.

"Also, Richard, nicht wahr?" Er nickte, und sie fuhr fort: "Was kann ich Ihnen über Trigger und seine Abenteuer erzählen?"

"Jessie, ich will mehr über ihn wissen. Ich kenne seine früheren kriminellen Aktivitäten, aber ich würde gerne mehr darüber erfahren, warum ihn jemand erschossen hat. Haben Sie ihm nahe gestanden?"

"Eigentlich nicht", erwiderte sie leise. "Im Lauf der Jahre haben wir uns nicht häufig getroffen. Hauptsächlich an den Feiertagen und an einigen Tagen im Sommer. Dann nahm sein Leben eine Wendung zum Schlechten, kurz nachdem er die High School beendet hatte. Eigentlich fing es schon vorher an, tagein, tagaus Probleme. Drogen, Prügeleien und wer weiß was noch. Es war eine große Enttäuschung für meinen Vater, besonders, als er zum ersten Mal verhaftet und ins Gefängnis gebracht wurde. Aber ich muss sagen, dass Trigger mir aus der Patsche geholfen hat, seit ich nach Kalifornien kam. Ich hatte meinen Job in Arizona verloren, einen Großteil meines Geldes ausgegeben und brauchte eine Bleibe, bis ich einen Job und eine Wohnung hier gefunden hatte."

"Was machen Sie so?", fragte Richard.

"Ich bin klinische Psychologin. Eheberatung, Familienberatung. Ich habe letztes Jahr promoviert, aber die Praxis, für die ich gearbeitet habe, hat sich verkleinert, und ich stand auf der Straße. Ich habe versucht, meine eigene Praxis in diesem Bereich zu eröffnen und einen Platz zum Leben zu finden. Und dann passierte das alles mit Trigger."

"Ich bin sicher, Sie werden bald einen Ort finden, an dem Sie sich niederlassen können."

"Bestimmt. Meine kalifornische Lizenz ist auf dem Weg zu mir. Ich muss dieses Haus in Schuss bringen und verkaufen."

"Lebt Ihr Vater hier in der Nähe?"

"Nein, er lebt in Pennsylvania. Es geht ihm nicht gut, aber er hält tapfer durch. Deshalb kümmere ich mich für ihn um den Verkauf dieses Hauses."

"Das mag eine dumme Frage angesichts von Triggers Hintergrund sein, Jessie, aber hatte Trigger irgendwelche Feinde, von denen Sie wissen?"

Jessie lachte. "Feinde. Ich bin mir sicher, dass er sich im Lauf der Jahre stapelweise Feinde zugelegt hat."

"Irgendwelche neuen?"

„Da haben Sie mich ertappt, Richard. Ich weiß nicht, was er vorhatte. Er kam und ging, ohne dass ich viel darüber erfahren hätte, was er tat. Was in Ordnung war. Ich habe ein Bett im anderen Zimmer, meinen Laptop, einen Fernseher und eine Küche hier, wenn nötig. Und meinen kleinen Hund, Taffy."

"Hatte Trigger eine Arbeit?"

"Ja, er hat etwas gearbeitet. Er war Mechaniker und hatte einen Job in einer Werkstatt in Covina. Nieto's Automotive."

"Wissen Sie, ob er mit jemandem zusammen war?"

"Nein, weiß ich nicht."

"Hat er jemals über Mandy gesprochen, Mandy Covers? Eigentlich lautet ihr Nachname Freidman."

"Nein. Er hat nie jemanden erwähnt, außer seinem Chef, über den er sich oft geärgert hat."

"Nieto?"

"Ja, Joe Nieto."

"Hat er jemals eine Tänzerin in der Crystal Lounge erwähnt?"

"Das ist eine Bar?"

"Ja."

"Nein, er hat nie über Bars oder Tänzerinnen gesprochen."

"Wie wäre es, wenn Sie mir Bescheid geben, falls Sie irgendwo Mandy erwähnt finden, während Sie zusammenpacken?"

"Natürlich. Tut mir leid, dass ich Ihnen keine Hilfe bin. Glauben Sie, die Polizei wird herausfinden können, wer ihn umgebracht hat?"

"Ich weiß es nicht, Jessie. Wir haben nicht viele Anhaltspunkte. Die Zeit wird es zeigen."

"Ich hoffe es."

Richard nickte zustimmend. Er trank seinen Kaffee aus, schob seinen Stuhl zurück und wollte ihr danken und gehen, als sie seine Visitenkarte vom Tisch nahm und sagte: "Richard, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mit Ihnen in Kontakt bleibe, obwohl ich keine Neuigkeiten für Sie habe? Sie wissen schon, um nachzufragen, ob Sie irgendwelche Informationen hinsichtlich des Falls haben."

"Sicher, das wäre in Ordnung, Jessie. Sagen Sie mir, wo Sie eine Praxis eröffnen möchten."

"Hoffentlich in West Covina oder Covina. Vielleicht in der Nähe des Krankenhauses und der medizinischen Gebäude. Ich habe morgen einen Termin für eine mögliche Praxis."

"Das sollte ein gutes Gebiet sein. Es gibt dort auch Eigentumswohnungen und Appartements."

"Ja, das steht auf meiner Liste und wird in Kürze erledigt." Sie blickte auf seine Karte. "Also ist Ihr Büro in der Nähe?"

"Ja, nicht weit von hier. Ich habe nicht viel Laufkundschaft, also arbeite ich viel von zu Hause aus." Er lächelte. "So kann ich ausschlafen und morgens meinen Kaffee genießen."

"Manchmal ist das der beste Teil daran, allein zu arbeiten."

"Möglich", pflichtete Richard bei.

"Wie lange sind Sie schon Privatdetektiv?"

Richard gefiel es, dass sie Informationen über sich preisgab und daran interessiert war, etwas über ihn zu erfahren.

"Es sind jetzt schon mehrere Jahre. Die Lizenz als Ermittler zu bekommen, war ungefähr so schwierig die Zulassung zum Anwalt zu erhalten."

"Sie sind Anwalt?"

"Ja. Nach dem Jurastudium habe ich eine Zeitlang für die Staatsanwaltschaft gearbeitet."

"Hat Ihnen das gefallen?"

"Anfangs ja, aber dann hatte ich mehr Probleme als viele der Leute, die ich verteidigt habe."

"Oh, tut mir leid."

Richard lächelte. "Muss Ihnen nicht leid tun. Es war meine eigene verdammte Schuld. Zu viel Alkohol stand einer guten Arbeit im Weg. Manchmal muss man den Tiefpunkt erreichen, bevor man den Weg zurück nach oben findet. Verdammt, das wissen Sie doch. Sie haben die ganze Zeit mit Patienten zu tun, die wegen Suchtproblemen zu Ihnen kommen und so, da bin ich mir sicher."

Sie nickte. "Ja, allerdings."

Da waren sie wieder, das Lächeln und die grünen funkelnden Augen. "Ich gebe Ihnen meine Handynummer, Richard, falls Sie sich mit mir in Verbindung setzen müssen."

Glücklich fügte Richard ihre Nummer seinen Handy-Kontakten hinzu. Er dankte ihr für den Kaffee und für ihre Zeit.

Auf dem Weg zu seinem Auto hoffte er, dass er Jessie wiedersehen würde. Vielleicht eines Tages zum Mittagessen.

Ja, sie gefiel ihm.




Kapitel Neun

Was Richard McCord nicht wusste, war, dass er Jessie Conway genauso gefiel wie sie ihm. Er wusste auch nicht, dass sie nicht die Einzige war, der er gefiel.

Mandy Covers Freidman stieg aus dem übergroßen Bett, machte sich auf den Weg ins Badezimmer und ließ Frank Howard schlafend zurück, der nackt auf den Kissen lag. Sie hatte ihn körperlich fix und fertig gemacht, was ihr immer großen Spaß machte. Nicht, dass er ein besonders guter Liebhaber war, aber er versorgte sie gut, und sie wollte es dabei belassen.

Howard gab ihr alles, was sie wollte, Schmuck, ein wunderschön möbliertes Heim zum Leben, ein Luxusauto und Zugang zu allem an Medikamenten, was sie haben wollte, einschließlich Botox-Injektionen, die er ihr verabreichte.

Aber so sehr Mandy auch den Sex mit ihm genoss, sie wollte immer mehr, auch andere Sexualpartner. Sie musste sehr vorsichtig sein, um den Arzt nicht zu verärgern oder ihn misstrauisch zu machen. Sie hatte zu viel zu verlieren.

Mandy drehte die Dusche auf und bewunderte ihren nackten, straffen Körper im Spiegel, während sie darauf wartete, dass sich das Wasser erwärmte. Sie war in guter körperlicher Verfassung und musste dafür sorgen, dass es dabei blieb, um tanzen zu können.

Trigger Conway hatte die Grundlagen sorgfältig und geschickt gelegt und ein solides Fundament geschaffen, und jetzt lag es an ihr, die Sache weiter aufzubauen. Nicht bis zum Äußersten, sondern auf einem tragfähigen und komfortablen Niveau. Jetzt, da Trigger von der Bildfläche verschwunden war, lag alles an ihr.

Als sie unter die Dusche trat, dachte sie an Richard McCord. Sie wusste, dass McCord sie attraktiv fand; die meisten Männer taten es, aber offensichtlich nicht unwiderstehlich, sonst hätte er letzte Nacht nicht darum gebeten, ihr Auto verlassen zu können.

Mandy war zum Schluss gekommen, dass er wohl glaubte, sie würde sich lustig machen. Eigentlich hat sie nicht gescherzt. Sie wollte mit McCord schlafen. Damit es dazu kam, müsste sie wohl einiges an zielstrebiger Arbeit aufwenden. Gott hatte ihr eine bemerkenswerte Schönheit und einen scharfen Verstand geschenkt, um alles, was sie von den Menschen wollte, zu erreichen. Und während der kurzen Jahren ihrer sexuellen Aktivität verstand sie es, fast jeden Mann, den sie haben wollte, zu manipulieren und zu verführen.

Wie seltsam es auch sein mochte, sie konnte ihrem Vergewaltiger aus ihren Jugendjahren für diese Fähigkeit danken. Sie war damals noch jung gewesen, zu jung, um es besser zu wissen, als der Mann sie zum ersten Mal ermutigt hatte, sich von seinen Händen untersuchen zu lassen. Viel älter als sie war er gewesen und ein vertrauenswürdiger Sonntagsschullehrer, und sie hatte zunächst nicht gewusst, was sie von ihm halten sollte. Schließlich war er angeblich ein Mann Gottes und auch ein gutaussehender Mann. Innerhalb von Monaten, nachdem er sich das genommen hatte, was er von ihr wollte, lernte Mandy, wie sie im Gegenzug das bekam, was sie wollte. Kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag lief sie mit ihm weg. Sie verließen Iowa mit nur wenigen Besitztümern, aber bevor sie die Westgrenze des Staates erreichten, überfiel er eine Bank und versprach Mandy, dass er ihr Juwelen und Reichtümer geben würde. Das Geld hielt nicht lange, und der ehemalige pädophile Sonntagsschullehrer wurde zum Bankräuber, Tankstellenräuber und zum Räuber von Spirituosenläden. Auf der Flucht zu leben und Geld zu stehlen und von Ort zu Ort zu wechseln gab Mandy nicht das, was sie wollte. Zwei Jahre später ließ sie ihn blutend und sterbend in der einsamen Mojave-Wüste Kaliforniens mit einer Kugel im Kopf zurück.

An diesem Tag fuhr Mandy Freidman als freie Frau vom fegenden Sand und der trockenen Hitze der Mojave-Wüste davon, und sie war sich sicher, dass sie sich nie wieder von einem anderen Mann ausnutzen lassen würde. Sie würde den Reichtum und die Juwelen suchen und alles Nötige tun, um beides zu bekommen.

Ein Mann, der sie gut für Sex bezahlt, war eine Möglichkeit, wie sie das erreicht hatte. Sie war jetzt achtundzwanzig und hatte fast alles, was sie wollte.

Der gestrige Abend hatte sie überzeugt, dass sie mehr wollte. Sie wollte Richard McCord. Sie wollte nicht, dass er damit davonkam, sie zurückzuweisen.

Aber fürs Erste würde Mandy zum übergroßen Bett zurückkehren und Dr. Frank Howard für eine weitere gute Runde Sex wecken.

Sie lächelte, als sie das Wasser abstellte, trat aus der Dusche, zog ein Plüsch-Badetuch aus dem Gestell und begann, ihren nassen Körper abzutrocknen.




Kapitel Zehn

Keine halbe Stunde, nachdem er Jessie mit den grünen Augen verlassen hatte, stand Richard zwischen mehreren Autos in der Garage von Nieto's Automotive. Der Geruch von Fett und Öl erfüllte seine Nase und Musik von einem spanischen Radiosender seine Ohren.

Joe Nieto beugte sich über den Motor einer Ford-Limousine. Er sah aus, als hätte er seine etwa vierzig Jahre auf der harten Seite des Lebens verbracht. Seine gut ausgeprägten Unterarme und Bizepse sowie sein dicker Hals zierte eine Vielzahl von großen bunten Tattoos, und sein schwarzes T-Shirt verbarg kaum seine pralle Brust- und Rückenmuskulatur.

Richard kam es so vor, als zögerte Joe Nieto, ein Gespräch anzufangen, oder es war so, dass er einfach nicht multitasking-fähig war, wenn er an dem Motor arbeitete, und ihn am Ende doch nicht ignorierte.

Zwei von Nietos Mechanikern, die in der Nähe standen, gaben sich Mühe, ihre Neugierde zu verbergen, bis Richard gegenüber Joe Nieto Trigger Conway erwähnte. Daraufhin wandten sie die Blicke von Richards Gesicht ab und sahen zu Boden, bevor sie sich zurückzogen und zu ihren Aufgaben zurückkehrten, aber sie schossen weiterhin Nieto und Richard schnelle Blicke zu.

Richard wartete und lehnte sich an ein Auto, das nur wenig von Nieto entfernt stand. Zwei weitere Latinos waren damit beschäftigt, die Vorderradbremsen eines Pickups auf der anderen Seite der Garage zu reparieren.

Richard hatte sauberere Garagen gesehen, aber er hatte auch solche gesehen, die viel schmutziger waren. Anscheinend führte Nieto ein anständiges Unternehmen. An der Rückwand der Garage standen seine Preise für verschiedene Reparaturen, die sich von denen der Mehrzahl der Werkstätten nicht unterschieden.

Nieto erhob sich, zog einen Lappen aus seiner Gesäßtasche und wischte einen Schraubenschlüssel ab. Er hielt ihn in der Hand, als er sich Richard zuwandte.

"Also, was zum Teufel willst du über Trigger wissen?", fragte Nieto.

"Alles, was du mir über ihn sagen kannst, Joe. Vielleicht, warum er umgebracht wurde."

"Was geht dich das an?"

"Was meinst du damit?"

"Genau das, was ich gesagt habe."

"Nun, zum einen würde seine Schwester es sicher zu schätzen wissen, den Grund zu erfahren."

"Lass ihn in Frieden ruhen." Nieto nahm den Schraubenschlüssel in die linke Hand und schlug dann mit seiner rechten Hand das Kreuzzeichen, wobei er mit leiser, ehrfürchtiger Stimme sagte: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen."

Richard blieb ruhig und ließ Nieto seinen spirituellen Moment.

Dann ergriff Nieto wieder das Wort. "Er hat eine Schwester?"

"Ja. Eine sehr schöne. Sie ist kürzlich aus Arizona hierher gezogen."

"Vielleicht finden die Bullen heraus, warum, und dann kannst du es der Dame sagen."

Richard zog eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche. Er trug eine Packung mit sich herum für Zeiten wie diese. Er bot Nieto eine Zigarette an. Überraschenderweise nahm Nieto eine. Richard gab ihm Feuer mit einem klassischen Feuerzeug und zündete sich selbst eine Zigarette an. Er hustete, als der Rauch seine Kehle reizte, aber ein wenig Rauch war es wert, wenn er "eine Verbindung herstellen konnte". Manchmal funktionierte es und manchmal nicht.

Das Feuerzeug erregte Joe Nieto's Aufmerksamkeit. "Das ist süß. Kann ich mal sehen?"

"Sicher", sagte Richard und legte es Nieto in die Hand. Er würde sehen, wohin das führen würde. "Es gefällt dir?", fragte er.

"Ja, so eins habe ich noch nie gesehen. Ist schon eine Weile her."

"Aus den siebziger Jahren."

"Oh ja." Nieto untersuchte es und drehte immer wieder am Rädchen, um eine Flamme zu schlagen und wieder auszupusten.

"Ja." Richard nahm einen weiteren Zug der Zigarette in der Hoffnung, dass der Rauch diesmal weniger irritierend sein würde. Er hatte eine Sammlung von klassischen Zippo-Feuerzeugen, die meisten mit einer Vielzahl von Emblemen. Die Absicht war, sie in der Hoffnung zu verschenken, Informationen von Informanten und anderen zu erhalten.

Nieto wollte Richard das Feuerzeug zurückgeben, aber er hob eine offene Hand und sagte: "Hey, machen wir's doch so: Du erzählst mir mehr über Trigger Conway, und du kannst das Zippo behalten. Verkaufe es einfach nicht bei eBay oder beim örtlichen Pfandleiher. Behalte es, und wenn du in den Ruhestand gehst, wird es sich als nützlich erweisen."

Nieto grinste und ließ es in seine Tasche fallen. "Was wolltest du wissen?", fragte er.

"Wer hat ihn getötet?"

"Keine Ahnung."

"Drogen?"

"Er war User, wenn es das ist, was du wissen willst."

"Sehr oft?"

"Nicht, wenn er hier arbeiten wollte. Das Einzige, was für mich in Ordnung ist, ist Pot. Ich sagte ihm, kein Crank mehr, kein Schnee mehr."

"Hat er sich dran gehalten?"

Nieto nickte. "Die meiste Zeit über."

"Hatte er Feinde?"

"Wenn er ihnen Kohle schuldete."

"Schuldete er?"

Nieto zog an der Marlboro, stieß den Rauch aus und antwortete: "Wer sollte das wissen, zum Teufel?"

"Sag mir, Joe. Hast du eine Idee, wer den Abzug bei Trigger betätigt hat?"

Nieto lachte. "Hey Mann, ich weiß, du bist kein normaler Polizist, aber zum Teufel, du kommst nah genug ran, und normalerweise habe ich den Polizisten nicht viel zu sagen. Ich bin kein Spitzel."

"Gibt es noch was abzuladen?"

Er schüttelte den Kopf. "Nee."

Richard lächelte. "Ah, komm schon, sind wir nicht Kumpel?"

Joe Nieto zog die Zigarette aus dem Mund, ließ sie auf den Boden fallen und zerdrückte sie mit seinem Stiefelabsatz. "Auf Abstand, Bruder, auf Abstand."

Richard war sich nicht sicher, was Nieto mit diesem Kommentar meinte, außer dass es so aussah, als wäre er damit fertig, ihm etwas zu sagen. Er hasste es, wenn Gespräche endeten, während es offensichtlich noch viel mehr zu sagen gab. Und er hatte das Gefühl, dass Joe Nieto viel über seinen ehemaligen Mitarbeiter zu sagen hatte. Wusste er, wer ihn umgebracht hatte? Richard wusste es nicht, aber er wusste, wenn er Wetten müsste, würde darauf setzen, dass Joe Nieto wusste, warum Conway umgebracht worden war, vielleicht jedoch nicht, von wem.

"Ich muss wieder an die Arbeit“, sagte Nieto. „War mir ein Vergnügen." Er salutierte mit einem Zeigefinger an der Stirn.

Richard holte eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und reichte sie Nieto. "Ruf mich an, wenn dir etwas einfällt, Joe."

Nieto grinste, nahm die Karte und hielt sie sich gegen die Brust. Das Letzte, was er sagte, war: "Ich werde diese Karte fest an mein Herz drücken."

Als Richard sich umdrehte und zu seinem Auto zurückging, war er sich nicht sicher, ob ihm Joe Nieto gefiel oder nicht, und er hatte keine Ahnung, ob er Nieto gefiel. Nieto hätte seine Visitenkarte in dem Moment in den Müll werfen können, als er weggegangen war. Aber zumindest hatte er ihm nicht gesagt, er solle sich verpissen, wie Richard vielleicht geglaubt hatte.




Kapitel Elf

Richard hatte das Gefühl, dass er mit zwei scheinbar unabhängigen Problemen zu tun hatte, eigentlich jetzt sogar drei, und dass eine schwachen Verbindung zwischen ihnen bestand.

Ein Zahnarzt, zwei Mordopfer, und bei allen drei spielten Drogen eine Rolle.

Schließlich war er von Dr. Frank Howard beauftragt worden, die Veruntreuung von Geldern und eine mögliche Manipulation bei Drogen zu untersuchen. Nun war die Frau, die das Dentallabor managte und zu deren Job die Bestellung aller in Howards Praxis verwendeten Medikamente gehörte, tot. Richards Überzeugung nach würde eine Überprüfung des Inventars ergeben, dass Medikamente aus dem Dentallabor fehlen. Aber die Frage wäre, ob sie ermordet wurde, um ein früheres Verbrechen zu vertuschen? Hatte der Mord an ihr etwas mit dem Mord an Trigger Conway zu tun? Oder stand das alles in keinem Zusammenhang mit den bisher fehlenden Medikamenten und gefälschten Rezepten?

Und mittendrin stand eine schöne, geheimnisvolle Frau, die um Zahnarztstühle und Stripperstangen herum tanzte.

Richard verstand im Grunde genommen, worin Mandys Beziehung zum guten Arzt bestand, war aber verwirrt von ihrer Beziehung zu Trigger Conway. Sehr seltsam war schon, dass sie in der Nacht, in der er ermordet wurde, bei Conway war. Conway war ein Widerling und wirkte nicht wie Mandys Typ.

Anscheinend hatte Mandy viele Männer in der Warteschlange, die darauf warteten, eine Chance bei ihr zu erhalten, dennoch hing sie lieber mit einem skrupellosen Verbrecher herum.

Aber zum Teufel, dachte er, was wusste er eigentlich über Mandy "Covers" Freidman? Er beurteilte ihre Vorlieben und Abneigungen, ohne zu wissen, wer sie wirklich war.

Er hatte die unschuldig aussehende Frau, die bei ihrem Tagesjob die Kleidung der Zahnarztpraxis trug, nicht gesehen, sondern nur die temperamentvolle Tänzerin, die leicht ein hochkarätiges Callgirl sein konnte. Er würde nicht leugnen, dass sie heiß war, aber er glaubte auch, dass sie keine Puppe war. Er vermutete stark, dass sie eine Manipulatorin und möglicherweise sogar eine Drogenkonsumentin war.

Richard brauchte Antworten. Zwei Leichen, und er wollte keine Leichen mehr. Ein Teil von ihm glaubte, dass die Antworten nicht allzu sehr außer Reichweite lagen, und was er wollte, waren weitere Antworten von Dr. Frank Howard.

Richard blickte auf die Uhr und dachte, er würde bei Frank Howard zu Hause einen Halt einlegen. Howard könnte dort sein, und wenn nicht, könnte er mit dessen Frau Carolyn Howard plaudern, falls sie zu Hause wäre.


*


Richard besuchte Leute normalerweise nicht unangemeldet zu Hause, aber in einigen Fällen konnte es interessant sein, Leute etwas unvorbereitet zu erwischen.

Das Haus der Howards lag in den Ausläufern des nördlichen Claremont. Eine Fahrt auf der Padua Hills Road brachte ihn zu ihrem Anwesen. Der Wert des großen Hauses mit schön gepflegter Landschaft lag wahrscheinlich vor dem Platzen der Immobilienblase bei mehreren Millionen Dollar, aber selbst auf dem heutigen Markt würde es rund fünf Millionen bringen.

Er hatte erwartet, die Frau des Hauses unvorbereitet zu erwischen, war jedoch überrascht, dass er derjenige war, der unvorbereitet erwischt wurde.

Carolyn Howard stand in der Haustür, nur halb bekleidet, und ein offenes, überdimensionales Hemd enthüllte einen schwarzen Spitzen-BH und einen schwarzen, hochgeschnittenen Slip, der kaum von den Hemdzipfeln bedeckt war. In der rechten Hand hielt sie ein fast gefülltes Glas. Obwohl Richard über ihren Mangel an Kleidung schockiert war, bemerkte er, dass sie schulterlange blonde Haare und perfektes Make-up hatte. Sie lehnte sich gegen den Türpfosten und schenkte ihm ein provokantes Lächeln.

Sie war betrunken. Nicht im Vollrausch, aber betrunken.

Sie streckte die Hand aus, packte seine Jacke, zog ihn zu sich und brachte ihn dadurch fast aus dem Gleichgewicht.

"Whoa. Äh, bitte, nicht", sagte Richard, wich zurück und löste sanft ihre Hand von seiner Jacke.

"Warum nicht, mein hübscher Junge?"

Er krächzte im Versuch, seine Stimme angenehm zu halten, und sagte: "Mrs. Howard, äh, ich habe vorbeigeschaut, um zu sehen, ob Dr. Howard zu Hause ist. Ich bin Richard McCord, ein Privatdetektiv, den Ihr Mann eingestellt hat."

"Nein, er ist nicht zu Hause." Sie hielt lange genug inne, um einen Schluck aus dem Glas zu nehmen, und sagte dann: "Also, komm rein."

"Nein", wehrte Richard ab. "Ich kann nicht reinkommen. Ich komme lieber zurück, wenn Ihr Mann zu Hause ist."

"Oh, verdammt." Sie trat aus der Tür. "Dann geh mit mir hier rüber in den Garten", sagte sie und schritt über die Pflastersteine zu einer abgeschiedenen Terrasse.

Warum nicht, dachte Richard und folgte ihr. Als er Carolyn eingeholt hatte, saß sie bereits auf einer Chaiselongue. "Setz dich", wies sie ihn an und winkte zu einem Stuhl in der Nähe hinüber.

Richard ließ sich nieder und beugte sich vor. Bei näherer Betrachtung ihres Gesichts wurde ihm klar, dass sie sich vor einiger Zeit unter das Messer eines plastischen Chirurgen gelegt hatte, vielleicht sogar mehrmals. Ihre Haut war straff und unnachgiebig und hatte wahrscheinlich häufig Botox-Injektionen gesehen. Sie war älter, als er auf den ersten Blick gedacht hätte. Er hörte still zu, während sie unermüdlich plapperte, zwischen den Sätzen an ihrem Drink nippte und sich dafür entschuldigte, dass sie ihm kein alkoholisches Getränk anbot.

Während er ihr geduldig zuhörte, fragte er sich, ob sie ganz anders wäre, wenn sie nüchtern war. Er wusste nicht, wie viel sie trinken musste, aber dies war offenbar nicht ihr erster Drink des Tages. Sie hatte eine Härte in ihrem Ton und eine Persönlichkeit, die die meisten Menschen abstoßend finden würden. Ihre Bluse stand offen und enthüllte bei weitem mehr, als er sehen wollte. Sie war alles andere als zurückhaltend.

Richard versuchte, das Gespräch auf das Thema zu lenken, das ihn interessierte, und er fragte, nicht ganz sicher, ob er eine vernünftige Antwort erhalten würde: "Kannten Sie Kathy Cerine, die im Labor Ihres Mannes gearbeitet hat?"

Sie starrte ihn einen Moment an, bevor sie etwas sagte. "Ja. Schon seit langem."

"Es tut mir so leid wegen ihres Todes“, sagte er. „Ihr Mann hat mir gesagt, dass sie Kinder hat, die außerhalb des Staates leben, aber gibt es hier noch eine andere Familie?"

"Nein. Sie leben nicht in der Nähe."

"Was ist Ihrer Ansicht nach passiert?"

"Frag meinen Mann."

"Äh, warum?"

"Zum Teufel, er weiß alles." Sie blickte auf ihr Glas, wirbelte das Eis herum und nahm dann einen Drink.

"Was meinen Sie damit?", fragte er.

"Genau das, was ich gesagt habe. Frank weiß alles. Es ist seine Art. Immer auf seine Art. Der Bastard."

"Mrs. Howard, ich wollte Sie nicht verärgern ..."

Sie lachte. "Du hast mich nicht verärgert. Außer dadurch, dass du nicht ins Haus kommen wolltest."

"Tut mir leid, aber das wäre nicht angemessen."

Sie lachte wieder. "Wen interessiert das?"

"Ihren Mann, vielleicht."

"Er ist mir egal. Ich sagte doch, er ist ein Bastard."

"Ich muss gleich gehen, aber ich habe noch ein paar Fragen, die ich Ihnen stellen möchte."

Sie ignorierte seine Bemerkung, setzte sich auf, öffnete absichtlich ihre Bluse mehr, schob ihre Brust vor und sagte: "Du kannst jetzt etwas davon haben. Dafür brauchen wir das Haus nicht."

Richard ignorierte ihre unverschämte Sexualität und fragte: "Wissen Sie, ob Kathy Drogen genommen hat?"

"Zum Teufel, woher soll ich das wissen?"

"Was ist mit Mandy Freidman?"

Ihre Augen verengten sich. "Was soll mit Mandy sein?"

"Nimmt sie Drogen?"

"Ich weiß nicht, wovon du redest, hübscher Junge."

"Mrs. Howard, ich frage Sie, ob Sie wissen, ob diese Frauen Drogen genommen haben. Ich versuche herauszufinden, warum Kathy im Zahnlabor Ihres Mannes ermordet wurde."

Richard konnte sehen, dass sie sich unwohl fühlte, als sich seine Befragung auf das Thema Drogen verlagert hatte. Sie presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, stand aus der Chaiselongue auf, zog ihr Hemd zu und sagte: "Ich gehe zurück ins Haus, wenn das alles ist. War schön, dich kennenzulernen." Sie drehte sich um, ging schwankend zum Haus zurück und ließ ihn allein sitzen.

Richard zuckte mit den Achseln, stand auf und ihr nach. Na ja, man kann nicht immer gewinnen, dachte er. Er wusste, dass sie allzu alkoholisiert, um ihm eine große Hilfe zu sein.

Während Richard die Pauda Hills Road in Richtung Foothill Freeway hinunterfuhr, fragte er sich, warum die Frau des guten Arztes sich bei der Erwähnung von Drogen unwohl gefühlt hatte. Aber noch wichtiger war, warum Mrs. Carolyn Howard ihren Mann als Bastard betrachtete und als jemanden, der immer seinen Willen bekam.

Das Lustige war, dachte Richard, dass sie meilenweit entfernt von einer pflichtbewussten Hausfrau war.




Kapitel Zwölf

Jessie Conway erreichte das Bürogebäude, kurz bevor der Immobilienmakler eintreffen sollte. Sie ging durch das Gebäude und blieb an jeder Tür stehen, um nachzusehen, mit wem sie sich die Räumlichkeiten teilen könnte, wenn sie beschloss, einen Raum für ihre Praxis zu mieten.

Während Jessie ihre Runden machte, bemerkte sie, dass es sich meistens um Arztpraxen der einen oder anderen Art handelte. Das war verlockend, und sie würde sich in diesem Umfeld wohlfühlen.

Der Grundriss des zweigeschossigen Bürogebäudes war ebenso angenehm wie die Inneneinrichtung. Es verfügte über alle Annehmlichkeiten eines gut gewarteten Betriebs - einfache Zugänglichkeit für Behinderte, Parkplätze und sogar ein kleines Café in der Nähe des Vordereingangs.

Sie blickte auf ihre Uhr und erkannte, dass die Maklerin sich ein paar Minuten verspätet hatte. Ungefähr zu der Zeit, als sie sie schon anrufen wollte, traf sie doch noch ein.

Sie kam atemlos und mit ausgestreckter Hand auf Jessie zu. "Sie müssen Jessie Conway sein. Ich bin Sally Jenkins. Es tut mir so leid, dass ich zu spät komme. Ich war bei der Rechtstitelversicherung in der Glendora Avenue, als die Straße gesperrt wurde. Ein Idiot ist gegen einen Hydranten gefahren und hat ihn leck geschlagen. Ich habe noch nie so eine Wasserfontäne gesehen! Es hat wirklich ein Verkehrschaos verursacht."

"Schon in Ordnung“, sagte Jessica. „Dadurch hatte ich Gelegenheit, mir das Gebäude anzusehen."

"Nun, dann kommen Sie mit. Ich schließe Ihnen das Büro auf."

Jessie folgte ihr.

"Ich weiß, es sieht vielleicht etwas klein aus“, sagte Sally, „aber ich glaube, es entspricht Ihren Bedürfnissen. Der Empfangsbereich ist recht groß, und die Toilette ist in der hinteren Ecke."

"Das sieht nach einem schönen Empfangsbereich aus", sagte Jessica.

"Die Möbel sind inklusive, Jessie. Wie Sie sehen, ist das Sofa attraktiv, und diese Stühle sehen bequem aus."

"Ja, mir gefallen sogar die Gemälde an der Wand. Beruhigend."

"Ich denke, dieser Raum wird Ihnen gefallen. Ich zeige ihn Ihnen."

Sie betraten den Nebenraum.

"Oh, ist das schön", war Jessies erste Reaktion. "Eine gute Größe und perfekt für das, was ich brauche. Der eingebaute Schreibtisch sieht neu aus und bietet viel Platz für meine Sachen. Wie ich sehe, sind die Anschlüsse für das Telefon, den Computer und alles andere vorhanden." Sie sah sich im Raum um. "Es sieht ideal aus, Sally. Ich müsste noch ein paar bequeme Stühle dazustellen, die zum Sofa passen, aber das ist alles."

"Sie haben hier drin auch eine eigene Toilette", sagte Sally.

"Wem gehört das Gebäude?", fragte Jessie.

"Einer kleinen Gruppe von Ärzten. Drei von ihnen haben hier ihre Praxen. Sie haben Verbindung mit dem Krankenhaus."

"Nun, ich nehme das hier. Es ist perfekt. Ich nehme an, Sie haben bereits das Übernahmeformular?"

"Ja, klar, meine Liebe. Ich brauche bloß noch Ihre Unterschrift auf dem Mietvertrag und einen Scheck. Dann gehört es Ihnen. Sie können jederzeit einziehen."

Jessie lächelte. "Ich bin bereit. Da ich mich entschieden habe, möchte ich einen Blick auf die von Ihnen vorgeschlagene Eigentumswohnung werfen. Wie weit ist sie von hier entfernt?"

"Keine 10 Minuten, es sei denn, die Wasserfontäne steht uns im Weg."

"Wann würde sie verfügbar sein?"

"Ist morgen früh genug für Sie? Auch dafür haben wir bereits unser Übernahmeformular erhalten. Das Paar, dem sie gehört, ist in eine Seniorenresidenz in San Diego gezogen. Deshalb sitzt sie da und wartet auf Sie. Ich denke, sie wird Ihnen gefallen. Sie ist in ausgezeichnetem Zustand, ebenso wie der gesamte Komplex. Sie ist eine der besten, die wir hier haben. Sie kommen genau zur richtigen Zeit."

"Gut. Los geht's. Ich bin bereit, in dieses Büro und in eine neue Wohnung einzuziehen. Ich habe zu lange aus dem Koffer gelebt. Mein Leben soll wieder in Gang kommen."


*


Am Ende des Tages hatte Jessie Conway ihre Eigentumswohnung und ihr Büro gemietet. Sie hielt für einen Happen an und kehrte dann zum Haus ihres Vaters in Azusa zurück.

Ihr Hund bellte wie verrückt, als sie die Veranda betrat. Sie drehte den Schlüssel im Schloss und merkte, dass die Tür nicht verschlossen war.

Einen Moment lang war sich Jessie nicht sicher, was los war, aber sie wusste, dass sie die Tür abgeschlossen hatte, als sie gegangen war, also trat sie von der Tür weg, ging auf den Rasen und wählte den Notruf.

Während Jessie mit dem Dispatcher sprach, sah sie hinter dem Haus einen Mann in eine Ecke des Hinterhofes rennen. Er sprang auf einen Zaun, zog sich hinüber und verschwand im Hof eines Nachbarn.

Die Polizei war in weniger als vier Minuten da, aber nicht rechtzeitig, um den Mann zu finden. Er war offenbar in eine andere Straße gelaufen und in der Gegend nicht gesehen worden.

Nach einer kurzen Überprüfung des Hauses durch die Polizei betrat Jessie das Haus. Sie fand einige der Kisten, die sie verpackt hatte, geöffnet vor, und den Inhalt hatte jemand auf den Boden geworfen.

"Irgendeine Idee, wonach der Verdächtige gesucht haben könnte?", fragte einer der Polizisten.

"Nein“, gab Jessie zur Antwort. “Das meiste in diesen Kisten sind Familiensachen, nichts von echtem Wert."

Für Jessie war sofort klar, dass die Polizei wusste, wer ihr Bruder war und dass er in diesem Haus gelebt hatte. Obwohl sie nett genug waren, ihr Beileid auszusprechen, musste sie sich fragen, wie oft die Polizei Trigger einen Besuch abgestattet hatte.

Sie beschrieb den Mann, der aus dem Haus gerannt war, so gut sie konnte. "Er trug Jeans und eine blaue Jacke, eine Baseballkappe und war groß und kräftig.“

"Noch etwas?", fragte der Polizist.

"Ich habe nicht richtig einen Blick auf sein Gesicht werfen können, als er sich nur für einen Bruchteil einer Sekunde in meine Richtung gedreht hat."

"Alter?"

"Ich würde sagen, vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig oder so."

"Welche Farbe hatte die Kappe?"

"Dunkel, vielleicht schwarz oder dunkelblau."

"Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?"

"Nein", antwortete sie. "War das ein zufälliger Einbruch oder was?"

"Ja, es könnte zufällig gewesen sein", sagte der Polizist.

Sie äußerte ihre Bedenken. "Ja, könnte sein, aber vielleicht war es jemand, der Trigger kannte. Vielleicht sogar derjenige, der ihn erschossen hat. Vielleicht hat er nach etwas gesucht."

Der Polizist schwieg für einen Moment und musterte ihr Gesicht. Dann sagte er: "Miss Conway, Sie scheinen eine anständige Person zu sein, und ich will nicht respektlos erscheinen oder die Erinnerung an Ihren Bruder trüben, aber er hatte seine Probleme, wie Sie wahrscheinlich wissen. Er war ein Verbrecher und bekannt dafür, dass er mit Drogen zu tun hatte. Und Sie können darauf wetten, dass viele seiner Freunde das wussten.“

"Also meinen Sie, es könnte einer seiner Freunde gewesen sein, der nach Drogen suchte, die mein Bruder vielleicht zurückgelassen hat."

Er nickte. "Es könnte gut sein."

"Da könnten Sie recht haben."

"Wenn ich Sie wäre, würde ich woanders bleiben. An einen etwas sichereren Ort."

"Ich werde in etwa einem Tag umziehen. Ich habe heute Nachmittag eine Wohnung gemietet."

"Nun, Sie sind besser vorsichtig. Sagen Sie uns Bescheid, wenn Sie etwas finden, das abhanden gekommen ist. Fürs Erste werde ich in meinen Bericht schreiben, dass es mehr mach Vandalismus als mach einem Einbruch aussieht. Schließlich hat er Ihren Laptop vergessen. Es wird nichts nützen, im Haus nach Abdrücken zu suchen. Wie es aussieht, hat er das Schloss der Vordertür geknackt."

"Vielleicht hatte er keine Zeit, meinen Laptop mitzunehmen. Oder meinen Hund. Dafür bin ich dankbar."

Der Polizist lächelte, als er auf den Hund hinabblickte, der nicht weit von Jessies Füßen saß. "Süßer Hund", bemerkte er.

Sobald die Polizei ihre Ermittlungen abgeschlossen hatte und verschwunden war, rief Jessie Richard McCord an.




Kapitel Dreizehn

Richard war um Jessies Sicherheit besorgt, sobald sie ihm von dem Einbruch im Haus erzählt hatte. Sie gab sich Mühe, ihm zu versichern, dass alles in Ordnung war, aber er kaufte es ihr nicht ab.

"Ich weiß, dass Sie sagen, alles sei in Ordnung, Jessie“, sagte er, „aber ich glaube es nicht."

Sie reagierte, indem sie kurz und scharf den Atem einzog, was Richard deutlich über sein Telefon hörte. "Warum sagen Sie das, Richard? Der Typ ist weg."

"Ich sage es, weil Sie keine Ahnung haben, ob er zurückkommen wird."

"Warum sollte er? Soweit ich sagen kann, hat er nichts mitgenommen."

"Ja, und Sie wissen nicht, wonach er gesucht hat, und Sie haben keine Ahnung, ob das mit Ihrem Bruder zu tun hat."

Sie war für einen Moment still, und Richard fuhr fort: "Verstehen Sie, Jessie?"

"Ich verstehe, was Sie sagen, Richard, aber es geht mir gut."

Sehr zu seiner eigenen Überraschung schossen sein Gefühl von Besorgnis und sein Bedürfnis, sie zu beschützen, in die Höhe.

"Packen Sie ein paar Sachen zusammen“, beharrte er. „Ich hole Sie und Ihren Hund in ein paar Minuten ab. Sie bleiben nicht dort."

"Oh, Richard, das ist nicht nötig."

Richard wollte nicht nachgeben. "Ich akzeptiere kein Nein als Antwort, Jessie. Sie werden dort nicht übernachten. Schnappen Sie sich auch alles, was wertvoll ist, und wir bringen es aus dem Haus. Ich bin in einer halben Stunde da."


*


Und das war er auch. Keine halbe Stunde später traf er bei Jessie ein.

Richard verspürte einen Moment der Erleichterung, als Jessie die Haustür öffnete, begleitet von ihrem warmen Lächeln und den grünen, funkelnden Augen.

"Hi", sagte sie leise.

"Hi."

"Kommen Sie rein. Ich glaube nicht, dass das überhaupt nötig ist, aber ich werde tun, was Sie sagen."

Richard lächelte. "Gut. Ich wollte Sie nicht fesseln und wegschleifen müssen."

Jessie lachte. "Ich wette, das hätten Sie getan. Am Telefon haben Sie so entschlossen geklungen. Ich habe ein paar Sachen gepackt, die ich mitnehmen kann. Außerdem muss ich noch den Beutel mit dem Hundefutter aus der Küche holen. Hoffentlich finde ich ein Hotel in der Nähe finden, das Hunde nimmt. Ich hasse es, ihn irgendwo reinzuschmuggeln, da er bei merkwürdigen Geräuschen bellen könnte. Ich hatte noch keine Zeit, auf meinem Handy nach Hotels zu suchen."

"Ich kenne die perfekte Unterkunft. Ein schönes Privatzimmer, und Hunde sind erlaubt. Mit Küchenbenutzung. Gelegentlich kochen sie auch."

Jessie musterte ihn und bemerkte das Lächeln, das ihm über das Gesicht glitt.

"Wo ist das?", fragte sie

"Das McCord Bed and Breakfast", erwiderte er mit einem Hauch von Stolz. "Im Ernst, Jessie, ich habe ein Gästezimmer, viel Privatsphäre, und Sie würden sich dort wohl fühlen."

"Ich habe heute eine Eigentumswohnung gemietet, aber es wird ein paar Tage dauern, bis ich reinkomme. Ich muss auf die Versorgungsanschlüsse und so warten."

"Okay, dann verschwinden wir mal von hier." Richard ging zu zwei Koffern, die in der Nähe lagen. "Sind die bereit zu gehen?"

"Ja."

"Ich bringe die Koffer zu meinem Auto."

"Ganz bestimmt, Richard? Ich kann mir ein Hotel suchen."

Richard blickte zurück über seine Schulter, als er auf die vordere Veranda trat. "Bestimmt, ganz bestimmt, Jessie. Keine Widerrede. Nehmen Sie das Hundefutter, und dann gehen wir. Sie können mir mit Ihrem Auto folgen."


*


Der Duft von Knoblauch und Zwiebeln, die in Olivenöl brieten, begrüßte Jessie, als sie Richards Küche betrat, dicht gefolgt von ihrem Hund, der sich in die Küche drängte, als ob er dorthin gehörte.

Bei ihrem Erscheinen schaute Richard von seinem Salat auf, den er gerade zubereitete. "Wie ich sehe, fühlt sich dein Welpe wie zu Hause." Er lächelte. "Hast du dich gut eingelebt, Jessie? Ist alles da, was du brauchst?"

"Ja, es ist perfekt, Richard, danke. Taffy scheint seinen Platz auf einem Kissen in der Nische gefunden zu haben. Ich habe sogar meinen Computer angeschlossen und lade mein Handy auf", sagte sie. "Was riecht hier so gut?"

"Die Spaghetti-Sauce meiner Großmutter - viel Knoblauch und Kräuter." Er lachte. "Nun, nicht ganz. Ich schummele ein wenig, indem ich dem, was aus dem Glas kommt, meine eigene Note gebe."

"Was auch immer du tust, es wird bestimmt großartig. Ich hatte eine Dosensuppe zum Abendessen geplant. Kann ich irgendetwas tun?"

"Nein, du setzt dich an den Tisch und entspannst dich. Alles wird in Kürze fertig sein."

Richard servierte, und sie genossen lässig ein köstliches Essen mit Pasta und Salat, und Jessie war großzügig mit ihren Komplimenten für den Koch.

Beim Kaffee wechselte ihr Gespräch von lockerem Geplauder zu ernsthafteren Themen.

"Also hat dieser Zahnarzt, äh, Dr. Howard, dich engagiert, weil er finanzielle Probleme hatte?", fragte Jessie.

"Große Geldbeträge fehlen in seinem Geschäft. Das war aber nur ein Teil davon. Bei ihm hat kürzlich eine Untersuchung wegen gefälschter Rezepte stattgefunden. Oder es sieht zumindest so aus, dass die Rezepte mit seiner Unterschrift gefälscht worden sein könnten. Ich warte auf weitere Ergebnisse der Ermittler des Generalstaatsanwalts."

"Ich nehme an, bei den Verschreibungen ging es nicht um Antibiotika, wenn das Drogendezernat beteiligt war."

"Richtig. Kontrollierte Betäubungsmittel."

"Aber ich weiß nicht so recht, wo Trigger da reinpasst."

Richard lachte. "Das ist es, was ich versuche herauszufinden. Aber etwas sagt mir, dass er es tut."

"Du meinst die Drogen?"

Er erhob sich vom Tisch und holte die Kaffeekanne herüber. Er schenkte nach, setzte sich wieder zu ihr an den Tisch und sagte: "Jessie, ich weiß es nicht. Ich weiß bloß, dass dein Halbbruder ermordet wurde. Und es gibt eine Verbindung zu Dr. Howard, auch wenn sie nur über eine seiner Mitarbeiterinnen besteht."

"Das Mädchen, das du neulich erwähnt hast?", fragte sie.

"Ja, Mandy. Sie arbeitet mit Dr. Howard zusammen und ist auch gelegentlich Tänzerin. Sie war mit Trigger in Murphy's Bar, als er erschossen wurde."

"Oh verdammt. Habe ich ganz vergessen. Ich habe etwas gefunden. Ich war heute so in Eile, um rechtzeitig zu meinem Besichtigungstermin zu kommen, und dann, als ich zurückkam; na ja, du weißt, was dann geschehen ist. Ich wollte mir genauer ansehen, was ich bei meiner Rückkehr gefunden habe."

"Was denn?"

"Sie. Mandy."

"Was hast du gefunden?"

"Eine handschriftliche Notiz mit ihrer Unterschrift. Eine Notiz mit der Unterschrift von Mandy."

"Was stand da drauf?"

"Trigger hatte eine Schachtel, eine alte Zigarrenschachtel, die Papa gehörte. Darin waren ein paar Dollar, ein kleines Tütchen mit Marihuanarückständen und etwas Kleingeld. Außerdem eine Notiz von ihr und auch, was meines Erachtens aussah wie ein Rezept aus einer Apotheke. Der Kassenbon war verblasst. Er sah aus, als wäre er nass geworden, und ich konnte ihn nicht richtig lesen."

"Und die Notiz?"

"Es stand so etwas drauf wie 'Abholen um acht Uhr am Mittwochabend. Du weißt, wo. Vergiss es nicht. Mandy.'"

"Interessant. Bist du alles im Haus durchgegangen?"

"So in etwa."

"Hast du in Verstecken gesucht?"

"Was meinst du damit?"

"So etwas wie unter Schubladen, hinter der Toilette, dem Schrank, unter der Matratze, sogar in allen Büchern."

"Nein. Nur nach dem Üblichen, um alles zusammenzupacken. Denkst du an Drogen oder Geld?"

"Möglich. Ich frage mich, was er nach Mandys Anweisung mitbringen sollte. Es hätte ein illegales Zwischenlager sein können."

"Für Drogen?"

"Ja. Er war User und Dealer. Sein Vernehmungsprotokoll beweist es."

"Oh, Richard, es tut mir so leid, dass er sich für diese Art von Leben entschieden hat."

Er nickte. "Ja, es ist eine Schande", sagte er aufrichtig. "Hast du sonst noch etwas Ungewöhnliches gefunden?"

"Ich glaube nicht. Oh, da war ein Schlüssel in der Schachtel, aber ich weiß nicht, wofür er da ist. Nicht für das Haus. Ein kleiner Schlüssel."

"Könnte es ein Briefkastenschlüssel sein?"

"Möglich. Sieht solchen Schlüsseln ähnlich."

"Morgen möchte ich mit dir dorthin zurückgehen und ein wenig nachforschen."

"Was meinst du damit?"

"Im Haus. Nach verborgenen Schätzen suchen. Ist dir das recht?"

"Ja, natürlich. Vielleicht hast du recht. Ich habe nie daran gedacht, dass etwas absichtlich versteckt wird."

"Na, wir werden es uns ansehen."

"Richard, ich finde es wirklich großartig, dass du mir bei der ganzen Sache geholfen hast. Ich weiß, dass es Teil deines Falls ist und du Antworten finden willst, aber du musstest nicht ..."

Er brachte sie zum Schweigen, sah sie ernst an und sagte: "Ich tue es, weil ich es will, Jessie." Er genoss den Blick in ihren Augen, als sie lächelte.

Einen oder zwei Augenblicke lang schwiegen sie beide, und er ließ sie nicht aus den Augen, als würde er versuchen, etwas mehr über sie zu erfahren. Dann kamen seine Worte heraus. "Wie kommt es, dass du nie geheiratet hast?"

Anscheinend kam die Frage nicht nur für sie völlig unerwartet, sondern auch für Richard, denn er fügte sogleich hinzu: "Tut mir leid, das hätte ich nicht fragen sollen."

"Schon in Ordnung. Es macht mir nichts aus, darauf zu antworten", sagte sie. "Ich war einmal verliebt. Es war wie ein Wirbelsturm, romantisch-intensiv und kurzlebig. Er hat gekniffen. Und als er zurückkehrte, weil er das Gefühl hatte, aus Angst vor der Verantwortung einen Fehler begangen zu haben, hatte ich Zeit, sämtliche Alarmsignale zu verarbeiten, die während unserer gemeinsamen Zeit aufgeleuchtet waren, gab ich ihm den Laufpass."

"Also war das keine gute Erfahrung?"

"In gewisser Weise doch. Ich lernte, auf Eigenschaften zu achten, die ich meiden will. Also kein Bedauern. Er war ein bisschen narzisstisch, und damals habe ich das nicht erkannt. Er ist Arzt, Orthopäde. Ich habe gehört, dass er vor ein paar Jahren geheiratet hat."

"Einigen Männern fällt es schwer, eine Verpflichtung einzugehen."

Sie zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hast du recht. Offenbar bestätigen meine Erfahrungen das."

"Ich habe es immer wieder bei Freunden erlebt. Manchmal erkennen sie ihre Fehler, aber ich kenne ein paar Typen, die in den Fünfzigern sind und immer noch allein. Diese Typen werden wahrscheinlich immer Single bleiben."

Richard trank seinen Kaffee und stellte den Becher dann auf den Tisch. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und lachte leise. "Verdammt, ich weiß nicht, was ich meine. Bei der Geschwindigkeit, mit der ich voranschreite, werde ich einer dieser Typen sein, von denen ich rede. Die Jahre vergehen schnell. Und ich habe schon viele dieser Jahre vermasselt."

"Inwiefern?", fragte Jessie leise.

"Alkohol. Ich war ein paar Jahre mit der Flasche verheiratet. Und ich fürchte, niemand konnte mich von ihr wegziehen, bis ich verdammt bereit war." Er lachte. "Warum erzähle ich etwas davon, bereit zu sein? Du musst dich die ganze Zeit über mit Süchtigen beschäftigen, die nie bereit sind, sich der Realität zu stellen."

"Oft, ja. Aber als Psychologin bin ich immer daran interessiert zu erfahren, was den Kreislauf der Selbstverletzung durchbricht. Was jemanden aus der Sucht herauszieht."

Er lächelte. "Meistens, unsanft auf dem Boden landen. In der Gosse landen und erkennen, dass das Leben besser sein kann und sollte."

"Warst du so schlimm dran, Richard?"

"Du meinst, war ich in der Gosse?" Er nickte. "Ich war an einem dunklen Ort, und das war nicht schön. In meinem Fall begann alles mit der Trauer darüber, meine Eltern in einem Autowrack zu verlieren. Ich konnte einfach nicht damit umgehen, also zog ich mich in meine eigene Welt der Betäubung zurück. Ich konnte keine Beziehung aufrechterhalten und versuchte es letztlich gar nicht mehr. Ich kam zu dem Punkt, dass es mir scheißegal war, was los war. Dann wachte ich eines Tages nach einem Stromausfall auf und fand neben mir einen kleinen Welpen. Ich weiß nicht, woher er kam, außer, dass ich später von einem Nachbarn erfuhr, dass der Welpe mir nach Hause gefolgt war, und er sagte mir damals, dass ich eine Tasche mit Hundefutter dabei hatte."

"Wirklich?"

"Irgendwie hatte ich den Welpen gefunden, oder ich sollte sagen, der Welpe hatte mich gefunden. Ich schaffte es, ihm Nahrung zu besorgen und ihm ein Zuhause zu schenken, betrunken oder nicht. Also hat er mich nüchtern gemacht. Eigentlich hat er mir das Leben gerettet."

"Was für ein Welpe?"

"Ein Labrador. Er wurde für einige Jahre mein Begleiter. Ich vermisse das Kerlchen immer noch."

"Oh, da gehe ich jede Wette ein. Das ist eine schöne Geschichte, Richard."

"Ja, aber nicht jeder hat das Glück, mit einem Welpen, der vom Himmel geschickt wurde, den Weg aus der Sucht zu finden. Wenn es denn einen Himmel gibt."

"Du weißt, dass es einen gibt. Und Engel gibt es in allen Formen und Größen, auch solche, die bellen und fröhlich spielen."

Er lachte. "Er war der beste Hund aller Zeiten."

Jessie schwieg einen Moment, dann sagte sie: "Ich bin froh, dass er dir geholfen hat, den Weg zurückzufinden, Richard. Es sieht so aus, als hättest du es gut gemacht. Dein Zuhause ist sehr schön, und kochen kannst du bestimmt. Das Abendessen war köstlich."

"Ich bin froh, dass es dir geschmeckt hat."

"Ich bin froh, dass du darauf bestanden hast, dass ich hier bleibe und nicht im Haus", gab sie zu. "Der Einbruch hat mich nervös gemacht."

"Der hat mir gar nicht gefallen. Je früher du da rauskommst, desto besser. Diese Gegend ist nicht die beste. Und dein Bruder war nicht der Beste, also wer weiß, welche Art von Freunden oder Feinden er hatte. Wir wissen nur, dass ihn jemand ermordet hat."

"Du hast gesagt, dass das Mädchen, Mandy, bei ihm war. Hatte sie etwas mit der Schießerei zu tun?"

"Mir wäre es lieber, wenn nicht, aber ich weiß es wirklich nicht."

Was Richard wusste, war, dass er ein Puzzle zusammenstellen musste und dass fehlende Teile darauf warteten, gefunden zu werden.

Und morgen würde er seine Suche nach fehlenden Teilen des Puzzles im Haus von Trigger Conway in Azusa beginnen.

Heute Abend jedoch wollte er seine Zeit mit Jessie Conway verbringen und ihren Halbbruder vergessen.

Und das tat er auch. Schließlich hatte der Abend ja gerade erst begonnen.




Kapitel Vierzehn

In einem Gebäude in einem kleinen Geschäftskomplex in Azusa war Angie Martinez von bellenden Hunden umgeben. Sie stand an der großen Wanne und hielt Schlauch auf einen Zwergpudel gerichtet, dem sie das Shampoo aus dem Fell wusch.

Verärgert über den ständigen Lärm schrie sie: "Haltet die Klappe, verdammt!"

Das Bellen hörte für einen Moment auf und setzte dann langsam wieder ein.

Sie drehte das Wasser ab, nahm ein Handtuch, hob den Hund aus dem tiefen Waschbecken und stellte ihn auf einen nahegelegenen Tisch. Sie rubbelte ihn mit dem Handtuch ab und steckte ihn dann in einen Drahtkäfig.

Sie blickte auf die Uhr und stellte fest, dass es fast sieben Uhr war, was sie noch mehr verärgerte.

Am Rande von Angst und Ärger fragte sie sich, warum sie immer noch dieses Geschäft für Haustierpflege führte.

Aber ihre wahre Wut richtete sich gegen den Mann, der einige Jahre lang geschworen hatte, sie sei die Liebe seines Lebens und niemand sonst sei wichtig.

Wie dumm sie gewesen war, diesem Mist zu glauben, dachte sie. Zwei gemeinsame Kinder, und er hatte sich nie ganz für sie eingesetzt. Im Augenblick hasste sie ihn.

Sie würde ihn weiterhin hassen, bis er durch die Tür kam. Dann würde er sie wie immer um den kleinen Finger wickeln und sie davon überzeugen, dass er sie mehr als das Leben liebte und immer lieben würde.

Angie ärgerte sich über den Einfluss, den er auf sie hatte, aber seit Jahren hatte dieser Mann ihre Rechnungen bezahlt, den Hundesalon für sie erworben, ihr zwei Kinder geschenkt und ihre Sucht gestillt.

Sie nahm ihre Handtasche, holte eine kleine Flasche heraus, schraubte den Deckel ab und schüttelte eine Tablette in die Hand.

Sie bemerkte, dass nur noch wenige Tabletten übrig waren, sah auf den Kalender an der Wand und erkannte, dass die Lieferung zwei Tage zuvor hätte erfolgen sollen. Sie war nie zu spät erfolgt, und sie fragte sich, warum sie jetzt nicht eingetroffen war. Sie müsste etwas dagegen unternehmen, bevor ihr die Medikamente ausgingen, denn sie konnte nicht darauf verzichten.

Sie steckte sich die Tablette in den Mund und spülte mit einem Schluck Wasser nach, nahm dann ihr Handy und wählte, aber er nahm ihren Anruf nicht an.

Sie runzelte die Stirn, als sie seine Telefonnachricht hörte, und sagte dann: "Ich rufe wegen des Termins an, um die neue Werbung, die Sie haben wollten, durchzusprechen. Bitte melden Sie sich."

Das war ihre übliche Botschaft. Keine Namen. Es war besser so gewesen.

Angie wusste, dass er es großartig fand, sie so sehr von Dope und von ihm abhängig gemacht zu haben. So wartete sie immer auf ihn und flehte ihn an, ihr mehr zu geben, und er würde ihr nur dann mehr geben, wenn sie Sex hatten und sie ihm das gab, was er in diesem Moment wollte.

So war es seit Jahren, und am Anfang, als sie vielleicht die Kraft gehabt hätte, ihn zu verlassen, tat sie es nicht. Jetzt war es zu spät. Verdammt, sie hasste es, dass sie ihn zur Unterstützung und für ihre Drogensucht brauchte.

Jetzt, da ihre Kinder älter waren und auf eigenen Füßen standen, wollte sie so sehr, dass sie sich von ihm trennen könnte.

Aber natürlich wollte er das nicht.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie gedroht, aufzuhören, und sobald die Worte aus ihrem Mund gekommen waren, hatte er sie geschlagen. Das hatte er noch nie zuvor getan. Von Zeit zu Zeit wurde er beim Sex grob, oder er stieß sie ab und zu herum, aber er hatte sie noch nie zuvor geschlagen.

Obwohl er sie verletzt hatte, war es nicht der körperliche Schmerz, der sie so erschreckt hatte, sondern der Blick in seinen dunklen Augen. Ein Blick, den sie in all ihren gemeinsamen Jahren noch nie zuvor gesehen hatte.

Auch die Worte, mit denen er sie angeschrien hatte, hatten sie erschreckt. In einem Ausbruch von abscheulicher Wut hatte er sie gepackt und zu ihr gesagt: "Wenn du jemals weggehst, werde ich dich finden und dich töten, du kleine Schlampe! Sag das nie wieder, sonst bist du eine tote Schlampe. Verstanden?"

Vor Jahren war er einmal ihr Held gewesen und hatte sie direkt von der Straße gerettet. Sie waren beide jung, aber sie war seit ein paar Jahren auf sich allein gestellt, und um es in der Welt zu etwas zu bringen, war sie Prostituierte geworden, die gerade so viel Geld verdiente, um zu überleben. Sie hatte viele Freier gehabt, und als er aufgetaucht war, hatte sich alles für sie geändert.

Das Leben mit ihm war damals oft gut gewesen, auch wenn ihre gemeinsame Zeit oft knapp bemessen war. Angie dachte häufig, es hätte ihm Spaß gemacht, sie von der Straße zu holen und sie zur Mutter mit zwei Kindern zu machen. Sie dachte, dass er stolz darauf war, aber weil er sie nie mit anderen teilen wollte, hatte sie das Leben einer alleinerziehenden Mutter gelebt. Als die Kinder noch klein gewesen waren, waren sie alle gelegentlich einen Tag lang an den Strand oder in einen außerhalb der Stadt gelegenen Park gegangen. Aber die meiste Zeit war sie allein geblieben. Manchmal hatten sie mehrere Tage gemeinsam gehabt, und gelegentlich waren sie beide an einem einsamen Ort gefahren. Dann hatten sie den ganzen Tag über Sex gehabt, vermischt mit Alkohol und Drogen.

Ergebnis jeder einzelnen dieser "Ferienzeiten" war, dass sie immer mehr von Drogen und von ihm abhängig wurde.

Es war lange her, dass sie eine dieser Ferienzeiten hatten.

Und etwas in ihr sagte ihr, dass diese Zeiten ein für alle Mal vorbei waren.

Aber wie so oft ignorierte sie ihre Überlegungen, die nun allmählich verblassten, als die Droge ihr das Gefühl von Euphorie verschaffte, nach dem sie sich sehnte. Es gab nur noch eine Sache, die für sie noch ekstatischer war. Wenn er durch die Tür käme, wäre sie für ihn da und bereit, ihm alles zu geben, was er wollte.

Ihren Körper verlangte es schmerzhaft nach ihm, und sie verlor sich in sexuellen Fantasien. Sie schloss die Tür zum Laden, schloss die bellenden Hunde aus, ging nach oben in ihre Wohnung und bereitete sich auf eine Nacht voller Sex vor.

Ein paar Minuten später betrat Joe Nieto den Raum. Sie lief in seine Arme und ergab sich wieder den sexuellen Wünschen, die ihre Bindung immer verstärkten.




Kapitel Fünfzehn

Richard genoss es, Zeit mit Jessie zu verbringen, obwohl die Umstände nicht ideal waren. Sie teilten ein nettes Frühstück und trafen dann um halb elf Uhr im Trigger Conways Haus in Azusa ein.

Richard betrat zuerst das Haus und erkannte schon vorher, dass es in ihrer Abwesenheit einen Besucher gegeben hatte.

"Nun, Mist, jemand war hier", murmelte er angewidert.

Eine Anzahl der im Wohnzimmer gestapelten Kartons war geöffnet und der Inhalt über den Boden verstreut worden.

"Die Bastarde suchen definitiv nach etwas, Jessie. Du bleibst hier an der Tür, während ich die anderen Zimmer durchsuche."

"Oh, verdammt", war ihre einzige Antwort.

Richard zog seine Waffe heraus und ging weiter ins Haus.

Jessie stand ruhig mit ihrem Handy in der Hand da und wusste in diesem Moment nicht, ob sie die Polizei rufen oder warten sollte, bis Richard wieder ins Wohnzimmer kam.

Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte er seine Waffe ins Holster zurückgesteckt, hielt sein Handy in der Hand und sprach mit der Polizei. Er beendete den Anruf und sagte zu Jessie: "Sie sind auf dem Weg."

"Wie sieht es in den anderen Räumen aus?", fragte sie.

"Dein Schlafzimmer sieht nicht allzu schlecht aus, aber das andere Schlafzimmer liegt in Fetzen. Die Küche sieht gut aus", erwiderte er. "Diese verdammten Bastarde. Jemand sucht nach Drogen oder so. Ein zweites Mal zurückzukommen bedeutet, es gibt hier etwas, das in ihren Augen von Wert ist."

"Was für ein Chaos", sagte Jessie, als sie sich im Wohnzimmer umsah. "Ich hatte bereits alles hier fertig und dachte, ich könnte verschwinden. Jetzt muss ich das ganze Chaos wieder einpacken."

"Das machen wir gemeinsam."

"Danke, Richard."

"Gern geschehen, aber wofür?"

"Dafür, dass du mich gestern hier weggebracht hast. Du hattest recht. Es war nicht sicher. Wer auch immer das getan hat, er könnte es getan haben, während ich hier war. Wer weiß, was für ein Mensch es war. Ein Mörder, ein Bandenmitglied, ein Mann? Das ist verdammt beängstigend."

"Ich werde ein paar Anrufe machen, und wir werden Hilfe bekommen, um diese Kisten in ein Lager zu bringen, oder zum Versand, oder wo immer sie hin müssen."

"Ein paar werden zu meinem Vater in Pennsylvania geschickt, einige gehen zu einem Gebrauchtwarenhändler, und nur ein halbes Dutzend oder so in meine neue Wohnung. Eigentlich sehen diese wenigen aus, als wären sie nicht angerührt worden. Da steht 'Bücher' drauf, und vielleicht hat der Mensch sie deshalb in Ruhe gelassen. Alle Möbel gehen zum Gebrauchtwarenhändler."

"Klingt einfach."

Innerhalb weniger Minuten traf die Polizei ein. Der Officer, der am Vortag dort gewesen war und Jessie vorgeschlagen hatte, das Haus zu verlassen, sagte: "Ms. Conway, es sieht so aus, als wäre der Typ zurückgekehrt, was?"

Richard stellte sich vor und sagte dem Officer, dass er einen sicheren Platz für Jessie gefunden hatte, wo sie die Nacht verbringen konnte, und sie würde nicht mehr im Haus bleiben.

Der Officer lächelte Jessie an und sagte: "Ich habe Ms. Conway gesagt, sie müsse irgendwo hingehen und nicht das Risiko eingehen, hier zu bleiben, falls der Typ zurückkommt."

Sie erwiderte sein Lächeln. "Sie hatten beide recht. Richard hat gestern Abend auch darauf bestanden, dass ich weggehe. Ich bin so froh, dass ich auf all die guten Ratschläge gehört habe."

"Ich auch“, sagte der Officer. „Wir schauen uns um und sehen, was wir herausfinden können."

"Es sieht so aus, als wären sie diesmal durch die Küchentür gekommen“, sagte Richard zu ihm. „Die Vordertür war verschlossen."

Während die Polizei nach Abdrücken auf der Tür an der Rückseite des Hauses suchte und Fotos von Kratzspuren im Türpfosten machte, verbrachte Jessie einige Minuten damit, den Schaden an den geöffneten Kisten zu begutachten, stellte aber fest, dass anscheinend nichts weggekommen war. Sie war schockiert, dass die Matratze in Triggers Schlafzimmer aufgeschlitzt und vom Bettrahmen gezogen worden war. Sie hatte zuvor alle seine Kleider verpackt, und sie waren aus den Kisten gezogen und im Raum verstreut worden. Sie hatte nichts Wertvolles im Schlafzimmer zurückgelassen, also konnte sie nur vermuten, dass der Dieb nichts gefunden hatte, um seine Sehnsucht oder sein Verlangen zu stillen.

Jessie konnte nicht sagen, ob wirklich etwas fehlte, und gab der Polizei alle Informationen, die sie geben konnte. Dann beendete die Polizei ihre Ermittlungsarbeit und verschwand.

Jessie sah zu, wie das Polizeiauto die Straße entlang fuhr. Dann drehte sie sich um, stellte sich mitten ins Wohnzimmer und sagte: "Bäh, Richard, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Was für ein Chaos."

"Fang an, die Kisten zu füllen, und sobald du sie gepackt hast, werde ich sie zukleben. Aber zuerst sehe ich mich im Schlafzimmer und Badezimmer um, ob ich etwas finden kann."

Nach ein paar Minuten rief Richard aus: "Heureka! Sieh mal, was ich gefunden habe." Er kehrte mit einer Handvoll Geld ins Wohnzimmer zurück. "Nagelneue 100-Dollar-Scheine." Er fing an, sie zu zählen. "3.200 Dollar."

"Wow. Wo hast du es gefunden?"

"In der alten Kommode in der Ecke des Schlafzimmers. Sie waren mit Klebeband an der Unterseite der unteren Schublade befestigt."

"Hast du die restlichen Schubladen überprüft?"

"Nichts mehr da, und der Schrank ist sauber."

"Vielleicht solltest du besser auch die Möbel in meinem Zimmer überprüfen."

"Ja, das werde ich tun", stimmte er zu. "Hatte Trigger ein Bankkonto?"

"Ja, hat er. Ich habe hier irgendwo ein paar seiner Kontoauszüge in einer Kiste."

"Wir sollten das überprüfen und sehen, ob etwas ungewöhnlich aussieht, weißt du, große Mengen an Bargeldeinzahlungen und dergleichen."

"Richard, meinst du, das Geld ist Drogengeld?"

Er zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich. Es sei denn, dein Bruder hat sein Gehalt für einen Urlaub aufgehoben."

Sie lächelte. "Ja, bestimmt."

Ein wenig Humor war doch etwas Schönes, und Richard fuhr damit fort. "Vielleicht eine Kreuzfahrt in der Karibik, oder zumindest nach Mexiko."

"Ich glaube nicht, dass Trigger daran interessiert war zu sparen“, sagte sie. „Ich glaube nicht, dass er jemals viel Geld hatte. Nun, zumindest hat er nie so getan, als ob er welches gehabt hätte. Ich hatte keine Ahnung, dass er so viel Geld hat. Verdammt, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn gebeten, mir ein Kreuzfahrt-Ticket zu besorgen."

Richard lächelte. "Ich werde ein paar Anrufe machen und einen Freund dazu veranlassen, mit einem kleinen Lastwagen herzukommen, damit wir das Zeug hier wegschaffen können, bevor wir für heute losfahren. Ich will nicht, dass hier noch etwas zurückbleibt."

"Ich lasse die Kartons wieder einpacken. Nur ein paar davon werden in meine Wohnung gehen."

"Das kriegen wir hin. Wir bringen die Möbel auch zum Gebrauchtwarenhändler. Ich möchte noch dein Zimmer und die Küche zu Ende absuchen, um zu sehen, ob noch etwas versteckt ist. Und ich möchte mir sogar den Dachboden ansehen. Ich habe gesehen, dass die Tür zum Kriechgang im Flur ist."

"Glaubst du, du kommst ohne Leiter da rauf?"

"Ja, ich benutze die Kommode oder so etwas."

Jessie war damit beschäftigt, die Kisten zuzukleben, während Richard eine Kommode aus dem Schlafzimmer in den Flur schob. Er stellte sich darauf und konnte die Falltür hochdrücken und öffnen.

Richard fand, was er suchte. Gleich vorn im Dachgeschoss befanden sich vier aufeinander gestapelte Beutel mit jeweils einem Kilo wahrscheinlich Heroin oder Kokain, außerdem Beutel mit Tabletten.

Neben den Beuteln befanden sich zwei halbautomatische Pistolen und Munitionskisten.

Richard rief Jessie zu: "Ich habe hier eine Bonanza gefunden!"

Als er von der Kommode heruntersprang, kam Jessie zu ihm in den Flur.

"Was ist da?"

"Oh, wahrscheinlich zwölf oder fünfzehn Kilo Drogen im Wert von einer Million oder so."

"Oh, mein Gott!"

"Es ist großartiges Zeug, glaube ich, Jessie. Da ist ein heftiger Drogenhandel im Gang."

"Wow, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Da lebe ich seit Wochen in diesem Haus und entdecke, dass es einen versteckten Drogenvorrat hat. Das verursacht mir Todesangst, Richard."

"Sieht so aus, als ob dein Bruder ernsthaft auf Drogen war. Das ist nicht nur ein Kaffeekränzchen. Das ist Drogenhandel im großen Stil. Er ist wahrscheinlich in das lokale Bandennetz und das mexikanische Kartell eingebunden, das hier aktiv ist."

"Und das ist der Grund, warum er ermordet wurde."

"Wahrscheinlich. Ich muss ein paar Anrufe machen. Erstens, bei einem meiner alten Freunde, Carlos Hernandez. Ich muss ihn sofort her holen."

"Wer ist das?"

"Ein Polizist. Er leitet die San Gabriel Valley Drogen Task Force. Sie arbeiten eng mit den Strafverfolgungsbehörden in der Region zusammen. Einschließlich der DEA. Er hat die meiste Zeit seiner Karriere mit den Latino-Banden gearbeitet. Ich würde ihn als den Experten für die mexikanische Mafia und die engere Verknüpfung der Kartellnetze in diesem Bereich betrachten. Er war daran beteiligt, zwei der großen südkalifornischen Bandenführer, die Caldera-Brüder, auszuschalten, die nun den Rest ihres Lebens im Bundesgefängnis verbringen. Sie waren seit einigen Jahren hinter den beiden her gewesen und haben sie schließlich zu Fall gebracht."

Richard zog sein Handy aus der Tasche, durchsuchte schnell seine Kontaktdaten und rief Hernandez an.

Das Ergebnis des Anrufs war nicht nur, dass Detective Lieutenant Carlos Hernandez innerhalb von dreißig Minuten im Haus von Conway in Azusa eintraf, sondern auch die Azusa Detektives, das DEA und mehrere Mitglieder der Task Force.

Es war ein Tatort, und es würde einige Stunden dauern, bis ihre Untersuchung der Räumlichkeiten es Jessie erlauben würde, dass irgendwelche Kisten oder Möbel den Ort verlassen konnten.

Hernandez verhörte Jessie vorsichtig und gründlich. Er tat es, obwohl er, wie er Richard sagte, nicht glaubte, dass sie etwas mit der Drogensache zu tun hatte.

"Tut mir leid, Kumpel“, sagte er zu Richard. „Ich bin sicher, sie ist sauber, aber du weißt schon, ich muss meinen Job machen. Und vielleicht wird uns etwas von dem, was sie uns sagen kann, bei dieser Untersuchung voranbringen. Wir wussten von Conways Strafregister, und ich weiß, dass er unter Beobachtung stand, aber wir hatten keine Ahnung, dass er so weit drin steckte. Dieser Vorrat stammt offenbar vom Sinaloa-Kartell.“

Richard war überrascht. "Meine Güte. Dicke Kiste, was?"

"Darauf kannst du wetten. Wir kassieren langsam einen nach dem anderen, aber wie du weißt, gibt es immer jemanden, der ihren Platz einnimmt, noch bevor die Tür der Gefängniszelle zuschlägt oder die Leiche unter die Erde kommt."

Richard nickte und sagte: "Na ja, der hier liegt zwei Meter tief, ganz sicher. Wenn du mit Jessie fertig bist, habe ich eine andere Frau, über die ich mit dir reden möchte. Sie war bei Conway, als er erschossen wurde. Und sie ist indirekt an dem Fall beteiligt, den ich jetzt bearbeite."

Hernandez gab einen Daumen hoch. "Wird gemacht. In der Zwischenzeit geh raus und hol dir einen Kaffee, wenn du willst. Ich werde noch eine Weile bei Jessie sein, bevor ich mit den Fragen an sie fertig bin. Wenn du losziehst, bring mir einen Becher mit."

Richard beschloss, den Vorschlag von Carlos Hernandez anzunehmen und ging los, einen Kaffee besorgen.

Auf der Straße standen ein paar neugierige Leute herum und sahen zu, was die Polizisten veranstalteten. Als Richard einstieg, versuchten sie gerade, ihre Aufmerksamkeit abzulenken.

Beim Abbiegen auf die First Street dachte Richard, er hätte im Rückspiegel einen Blick auf Billy Thomas bekommen, den Mann vom Sicherheitsdienst. Er hatte seinen Chevvy gerade unvorschriftsmäßig gewendet und fuhr in die entgegengesetzte Richtung davon. Ihm war nicht aufgefallen, dass er kurz nach dem Verlassen von Conways Haus an dem den geparkten Chevy vorbeigekommen sein musste. Richard fragte sich, was der Wachmann in dieser Gegend zu suchen hatte.

Bei der Vorstellung, dass Billy-Boy eine junge Zigeunerin suchen könnte, kicherte Richard vor sich hin, aber er wusste, dass mehr an der Geschichte sein musste. Schließlich waren sie hier nur wenige Kilometer von Frank Howards Dentallabor entfernt, und es war doch eigentlich Billy-Boys Aufgabe war, das Labor zu bewachen.

Richard kehrte mit mehreren Bechern dampfenden Kaffees und ein paar Muffins ins Haus zurück. Er erhielt Gelegenheit, sich mit Carlos Hernandez zusammenzusetzen und ihn über den Fall Dr. Frank Howard zu informieren. Hernandez stellte nicht nur Fragen, er notierte sich auch zahlreiche Namen.

"Also ist diese Mandy Freidman eine Tänzerin in der Crystal Lounge?", fragte er.

"Ja", antwortete Richard. "Ich habe mit ihrem Chef gesprochen, und er behauptet, dass sie dort seit drei Jahren arbeitet und es nie Probleme mit ihr gab."

"Was hältst du von ihr?"

"Sie ist ein kleines Rätsel. Ich bin mir wegen ihr nicht sicher. Ich habe mich nicht entschieden, ob sie eine unschuldige Zuschauerin oder viel tiefer verwickelt ist."

"Mord, meinst du?"

"Na ja, Carlos, sie war in dieser Nacht da, in der Nähe von Trigger Conway, als die Schüsse fielen. Ich habe sie aber überprüft und konnte keine kriminellen Aktivitäten finden."

Carlos kicherte. "Verdammt, Richard, du weißt genau, dass das wenig bedeutet. Könnte ein eifersüchtiger Liebhaber sein, oder wenn Conway so tief im Drogennetzwerk verwickelt ist, könnte sie ebenfalls mit drin stecken."

"Können heutzutage Frauen im Kartell eine Rolle spielen?"

"Gut, nicht sehr weit oben in der Hierarchie, aber sie finden oft einen Platz."

"Selbst wenn das mit einer mexikanischen Gang zu tun hat?"

"Ja, selbst dann, wenn sie die richtigen Verbindungen hergestellt hat. Und zum Teufel, Conway hat bestimmt die richtigen geknüpft. Seine Verbindungen könnten von seinen Gefängnisaufenthalten herrühren. Wenn er das Vertrauen und das Know-how gewonnen hätte, hätte man ihn in den Club aufgenommen."

"Bei dem, was das hier auf der Straße wert ist, hatte Conway wohl viele Verbindungen."

"Darauf kannst du wetten. Jetzt müssen wir nur noch die Netzwerkverbindungen aufdröseln. Und wir werden es tun. Und jedes Mal, wenn wir sie in großem Maßstab treffen, hat das einen erheblichen Einfluss auf Vertrieb und Verkauf."

"Verlangsamt beides, was?"

"Nicht so sehr, wie wir es uns wünschen, aber ja, jedes Mal, wenn wir Anklage erheben, insbesondere Bundesanklage, verlangsamt es die Dinge ein wenig, besonders wenn wir die hohen Tiere zu fassen bekommen."

"Wie du es kürzlich in San Bernardino und Fontana getan hast?"

Hernandez grinste. "Ja, das war eine verteufelt gute Aktion. Wir führten mehr als ein Dutzend Razzien in den Gebiet durch, Whittier, La Puente, und es verlangsamte definitiv die Meth-Verkäufe. Ergebnis waren mehrere richtig handfeste Anklageschriften. Natürlich gab es mehrere Monate lange Vorarbeiten."

"Ihr macht einen verdammt guten Job, Carlos“, sagte Richard.

"Wir tun unser Bestes. Ich hoffe, dass wir auch bei dieser Sache gut vorankommen. Sag mir Bescheid, wenn sich etwas ergibt, von dem ich wissen sollte."

"Mach ich."

Hernandez senkte die Stimme und lehnte sich näher an Richard heran. "Jessie ist anscheinend eine gute Frau. Kümmere dich um sie, Richard."

Richard lächelte, "Ja, ich glaube, das würde mir wirklich gefallen."

"Gut", sagte Carlos. "Sie kann jederzeit gehen, wenn du gehen willst."




Kapitel Sechzehn

Die letzte Nacht war für Angie Martinez nicht gut verlaufen. Nach noch nicht einer Stunde Sex mit Joe Nieto hatte sie beschlossen, dass sie feiern wollte und dass Ecstasy ihre nächste Sexrunde verbessern würde.

Nieto hatte jedoch ihren Vorschlag abgelehnt und eisern darauf bestanden, dass er kein Interesse mehr an Sex habe. Er stand auf, zog sich an und ging in die Küche, wo er ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank holte, öffnete und den Fernseher einschaltete, um sich ein Ballspiel anzusehen.

Angie kam mit der Ablehnung nicht gut zurecht. Sie hatte nie richtig damit umgehen können. In den Jahren ihrer Teilzeitbeziehung mit Joe Nieto hatte sie sich selbst davon überzeugt, dass er sie nicht ablehnte, wenn er nach Hause zu seiner Frau zurückkehrte.

Er hatte zwei Familien, eine davon mit der Frau, mit der er seit mehreren Jahren verheiratet war. Er hatte auch vier Kinder aus dieser Ehe.

Angie hatte nie die Hoffnung gehegt, dass Joe Nieto sich jemals von seiner Frau scheiden lassen und sie heiraten würde. Das hatte er ihr vor Jahren gesagt, nachdem er sie von der Straße gerettet hatte. Er war katholisch genug, um zu wissen, dass Scheidung in den Augen der Kirche oder in seinen Augen nie akzeptabel wäre. Was ironisch war, besonders in Angies Augen, weil er Ehebruch beging und mit ihr Kinder zeugte. Joe Nieto sah das jedoch nicht so. Er hatte einen Vater und einen Großvater, die es beide sehr akzeptabel fanden, Geliebte zu haben. Es war fast so, als ob es ein fester Bestandteil des männlichen Lebens in ihrer Familie wäre. Obwohl man nicht sagen konnte, dass es auch in ihrer Kultur akzeptabel und üblich war, schien es in einer Reihe von Kulturen, wie in Europa und sogar unter dem Dach der katholischen Kirche, so zu sein.

Angie Martinez war auch unter dem Einfluss der katholischen Kirche aufgewachsen, aber der größte Teil ihres Lebens hatte sie nur eine lockere Verbindung zur Kirche gehabt. Als ihre sexuelle Promiskuität begann, kappte sie diese Verbindung, da es für sie zu schmerzhaft war, ihre sündige Lebensweise selbst im Beichtstuhl anzuerkennen. Noch heute konnte sie damit nicht umgehen. Sie war als Kind sexuell missbraucht worden, sogar mehrmals. Bei einer Gelegenheit war sie von ihrer Mutter ausgepeitscht worden, während der Familienfreund daneben stand und zusah, wie sie dafür bestraft wurde, dass sie behauptet hatte, er habe sie berührt und etwas in sie hineingesteckt. Sie würde nie den genießerischen Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes vergessen, während ihre Mutter ihr nacktes Gesäß mit einem Gürtel bearbeitete, einem Gürtel, der auf ihre junge und zarte Haut klatschte, bis der Schmerz und das Brennen fast so unerträglich waren wie der Blick in den Augen des Mannes. Was zu der schrecklichen Erfahrung noch hinzukam, war, dass zehn Minuten später ihre Mutter und der Mann im Nebenraum Sex hatten, und Angie konnte die Ohren nicht vor den Geräuschen ihres sexuellen Vergnügens verschließen.

Diese Erfahrung hinterließ einen solchen Eindruck in Angies jungem Geist, dass sie die Tage zählte, bis sie aus dem Haus gehen konnte und nie mehr zurück musste.

Aber was sie auf der anderen Seite der Tür und auf der Straße fand, war für ihre Seele nicht viel besser gewesen.

Das ging so weiter, bis Joe Nieto auftauchte und sie vor sich selbst rettete, aber nicht vor ihm. Ihre Abhängigkeit von ihm war zu einer Falle geworden, die sie mit dem Versprechen von Drogen und dem Versprechen von Sex gefangen hielt. Sie sehnte sich nach den guten Zeiten, die sie in den letzten Jahren zusammen hatten, und jetzt vermisste sie diese Zeiten; die Kinder waren größer geworden, und Joe war distanzierter denn je.

Sie stieg aus dem Bett, zog ihren Morgenmantel an und ging ins Badezimmer, um sich wieder frisch zu machen. Dann ging sie ins Wohnzimmer zu ihrem Mann.

Sie kuschelte sich an ihn, und er widmete ihr nicht viel Aufmerksamkeit, außer dass er den Arm über ihren Schoß legte, während er weiterhin dem Spiel zuschaute und sein Bier trank.

"Joe, ich habe meine Lieferung vor zwei Tagen nicht bekommen“, sagte sie. „Sie ist überfällig."

"Hast du keine Pillen mehr?"

"Kaum noch welche. Ich brauche mehr."

"Okay. Ich kümmere mich darum."

"Warum ist er nicht vorbeigekommen?"

Er sah sie an, und seine dunkelbraunen Augen waren ausdruckslos, als er sagte: "Weil das Arschloch tot ist." Er schlug das Zeichen des Kreuzes und richtete den Blick wieder auf den Fernseher.

"Tot? Trigger ist tot?"

"Ja."

"Was ist passiert?"

"Él sabía demasiado."

"Er wusste zu viel wovon?"

Er trank sein Bier und sagte dann: "La organización."

Angie zitterte. Sie überlegte, ob Joe etwas mit dem Tod des Mannes zu tun hatte, aber sie wollte nicht fragen. Sie wollte nicht wissen, ob das überhaupt eine Möglichkeit darstellte. Trigger arbeitete in der Werkstatt von Joe. Aber die Kartellbanden machten keine Scherze. Wenn ihnen jemand im Weg war, wurde er beseitigt. Das wusste sie.

Sie wollte weitere Fragen stellen, aber noch bevor sie ein Wort gesagt hätte, berührte Joe ihre Lippen mit seinem Zeigefinger. "Nichts weiter. Bien?"

Sie nickte zustimmend. "Okay."

Ende der Geschichte. Der Mann war tot, und Joe war nicht gewillt, ihr irgendwelche Einzelheiten mitzuteilen, und sie wusste, dass es besser für sie war, wenn sie keine Details über seinen Tod wusste.

Sie starrte schweigend auf den Fernseher und fragte sich, warum sie ihr Leben an den Mann weggab, der neben ihr saß. Sie musste sich der Realität stellen. Sie hatte ihm nicht nur ihr Leben gegeben, sondern auch zugelassen, dass die Sucht ihr das Leben nahm.

Während sie zusah, wie im Fernseher ein Footballspieler über den Rasen zur Endzone rannte, fragte sie sich, ob sie jemals das Ziel erreichen könnte, sich von Joe Nieto und allem, was er repräsentierte, zu befreien.

Das Problem war, sie wusste nicht, ob sie die Kraft hatte, ohne ihn weiterzumachen.

Aber sie wusste, dass das Leben keine Garantien bot. Das nächste Mal könnte es leicht Joe Nieto sein, der seine Grenzen überschritt, und das Kartell könnte ihn ausschalten.

Oder es sogar die nächste Droge sein, die sie sich in den Mund warf, die sie ausschaltete.

Sie zitterte wieder, lehnte ihren Kopf zurück gegen das Sofakissen und schloss die Augen. Sie entspannte sich und fiel in einen leichten Schlaf. Eine Bewegung weckte sie. Es waren ihr Morgenmantel, der sich öffnete, und der warme, feuchte Mund ihres Geliebten auf ihrer nackten Haut. Bald überkam sie ihre Leidenschaft, und sämtliche ihrer warnenden Gedanken verschwanden, als ihr Körper in sexueller Ekstase bebte.

Joe Nieto hatte Angie Martinez genau dort, wo er sie immer haben wollte ... bereit für sein Vergnügen.

Angie Martinez wusste, dass er sich zumindest das immer selbst eingeredet hatte. Und leider hatte er recht.




Kapitel Siebzehn

Kurz nachdem Detective Lieutenant Carlos Hernandez Jessie Conway aus der Befragung entlassen hatte, trafen die beiden jungen Männer, die Richard McCord angerufen hatte, mit einem Kleinlaster ein. Bald waren die Möbel verladen und waren auf dem Weg in die Gebrauchtmöbelhandlung. Die Männer hatten die wenigen Kisten, die zu Jessies Eigentumswohnung sollten, in Richards SUV gebracht.

Auf der Fahrt zu ihrer Eigentumswohnung fragte Jessie: "Richard, wie lange kennst du Detective Lieutenant Hernandez schon?"

"Carlos und ich kennen uns schon lange. Eigentlich seit der High School. Ich bin auf die Universität und habe Jura studiert, und er ist auf die Volkshochschule und dann zur Polizeiakademie. Wir hatten keine Verbindung mehr, bis ich bei der Staatsanwaltschaft und er Polizist war."

"Wo warst du auf der High School?"

"Whittier, gleich hinter dem Hügel. Wir haben beide Football gespielt", sagte er. "In gewisser Weise schulde ich Carlos mein Leben."

"Warum? Was ist passiert?"

"Er sah, wie ich wegen meiner Trinkerei immer tiefer sank. Weißt du, ab und zu gingen wir zusammen aus, aber dann kam es zu dem Punkt, an dem ich an der Theke blieb, bis sie zumachten. Mehr als einmal sprach er lange mit mir über das Trinken. Ich wollte nicht zuhören."

"Wie hat er dann dein Leben gerettet?"

"Er hat mich eines Nachts aufgesammelt – betrunken wie blöd. Ich war auf einem echten Saufgelage, anscheinend seit Tagen. Er nahm mich mit nach Hause, anstatt mich im Gefängnis abzuliefern, wo ich hingehört hätte. Er stellte mich unter die kalte Dusche, goss mir Kaffee in den Hals, setzte sich dann zu mir und ließ mich für den Rest der Nacht und einen Teil des nächsten Tages nicht aus den Augen, während ich wieder nüchtern wurde. Ich war völlig am Arsch. Ich glaube, ich hatte am nächsten Morgen eine Offenbarung, als ich in seiner Küche saß. Dank Carlos war das fast das letzte Mal, dass ich einen Drink hatte. Es war eine Woche oder so später, dass ich mit dem Welpen aufwachte. Also retteten beide mein Leben, Carlos und mein Welpe."

"Ich bin froh, dass Carlos dir das Leben gerettet hat“, sagte sie leise. „Er schien ein netter Kerl zu sein. Jetzt weiß ich, dass er es ist."

Er lachte. "Er hat nicht mit dir geflirtet, oder?"

Sie lächelte. "Nein, Richard, er hat nicht mit mir geflirtet."

Er blickte zu ihr hinüber. "Gut. Er ist ein gutaussehender Kerl, und die Frauen scheinen ihn zu mögen."

"Ich habe nicht gesagt, dass er kein gutaussehender Kerl ist. Ich sagte, er flirtet nicht."

Er lachte, als sie auf den Parkplatz von Jessies Eigentumswohnung fuhren. Dort stellte er den Wagen ab und sagte: "Laden wir diese Kisten aus. Du gehst vor, hältst die Tür auf und siehst nach, ob die Lichter an sind."

Bald waren sie auf dem Weg zu Richards Haus.

"Wie wäre es, wenn wir Burger zum Abendessen holen und mit zu mir nach Hause nehmen?", fragte er.

"Das ist in Ordnung für mich, aber wie wäre es, wenn wir einfach nur unsere Reste von gestern Abend aufessen? Ich kann einen frischen Salat machen."

"Gute Idee", stimmte er zu.

Als sie in Richards Haus ankamen, begrüßte Jessies Hund Taffy sie glücklich und begeistert nach fast einem ganzen Tag Trennung.

"Wo ist Taffys Leine?“, fragte Richard. „Ich führe ihn für einen kurzen Spaziergang aus, während du es dir gemütlich machst."

"Sie hängt an der Türklinke zu meinem Schlafzimmer."

Richard lächelte über ihre Worte 'mein Schlafzimmer'. Als er dem Hund die Leine anlegte und in den Hof hinausging, fragte er sich, ob er sich in Jessie verliebte. Er war gerne in ihrer Nähe. Es gab etwas an ihr, das ihn nicht nur dazu brachte, sie vor Schaden zu bewahren, sondern auch dazu, dass er sich wohl und zufrieden dabei fühlte, sie in seiner Nähe zu haben. Damit wäre es jedoch bald vorbei. Die Elektrizitätsgesellschaft hatte es versäumt, den Stromanschluss in ihrer Wohnung wie versprochen bis zum späten Nachmittag freizuschalten, woraufhin sie angerufen hatte und das Versprechen erhielt, dass sie morgen zum Mittag Strom hätte. Und das bedeutete, dass heute ihre letzte gemeinsame Nacht unter einem Dach sein würde.

Zumindest für den Moment, dachte er.

Er hob Taffy auf, verstaute den kleinen Hund unter seinem Arm und ging zurück zum Haus.

Taffy begann sich in seinen Armen zu winden und bellte, und etwa zur gleichen Zeit vernahm Richard Schritte auf der nahegelegenen Einfahrt. Er drehte sich abrupt um und sah eine Gestalt auf ihn zukommen. Das Mondlicht und die Außenbeleuchtung offenbarten bald, dass es Mandy Freidman war.

"Hi Richard", rief sie.

"Mandy? Was machen Sie hier?"

"Ich war auf dem Weg zur Arbeit in der Crystal Lounge und dachte, ich komme mal vorbei."

Taffy wand sich weiter, und Richard setzte ihn zu Boden. "Was haben Sie auf dem Herzen?“

"Ich wollte nur hallo sagen. Wie geht es Ihnen?"

Richard sah sich um. "Wo ist Ihr Auto? Ich habe Sie nicht kommen hören.“

"Oh, es ist da draußen. Ich habe kurz in meinem Auto gesessen, da ich telefonieren musste, bevor ich hierher kam. Haben Sie gerade einen neuen Hund bekommen?" Sie beugte sich herab, um den Hund zu streicheln.

"Nein, er gehört einer Freundin."

"Oh, dann haben Sie Gesellschaft?"

"Ja, allerdings. Und ich muss wirklich zurück ins Haus, denn das Abendessen wartet. Also, kann ich etwas für Sie tun?"

"Nein. Ich wollte nur mit Ihnen reden und sehen, ob Sie bald einen Gutschein einlösen wollen", sagte sie, ein breites Lächeln auf dem Gesicht. "Sie wissen schon, ein Date."

Er lächelte. "Tut mir leid. Ich glaube, ich habe erwähnt, dass ich immer noch an dem Fall Ihres Chefs arbeite. Das wäre also ein Interessenkonflikt. Und eigentlich bin ich wirklich nicht verfügbar. Ich treffe mich mit jemandem."

"Nun, verdammt. Ich dachte, vielleicht könnten du und ich, weißt du ...?"

"Tut mir leid, Mandy. Ich fürchte, das ist uns nicht vorherbestimmt."

"Na, na, sei nicht sauer, weil ein Mädchen es versucht hat", sagte sie.

"Oh, bin ich nicht." Er zuckte mit den Schultern. "Manchmal klappt es einfach nicht."

"Richtig. Nun, wir sehen uns, Richard."

Sie drehte sich um und ging die Einfahrt zur Straße hinunter, während Richard ihr nachsah. Er fragte sich, worum es eigentlich ging. Um ein Date? Wohl kaum.

"Komm, Taffy, lass uns zu deiner Mami gehen", sagte er, als er sich dem Haus zuwandte.

Hätte er Mandy gerade eine Lüge erzählt? Ich treffe mich mit jemandem. Nein, es war keine Lüge. Die Sache war jedoch, er hatte Jessie noch nicht gesagt, wie er fühlte.

Er fragte sich, ob es Zeit sei, es ihr zu sagen. Vielleicht wusste sie es schon, oder war er dreist? Schließlich war es noch nicht so lange her, dass sie nach seinem Freund Carlos Hernandez gefragt hatte. War sie nur neugierig auf ihn und ihre Freundschaft gewesen, oder war sie wirklich an Carlos als Mann interessiert? Dreist? Verdammt, vielleicht.

Als er sein Haus betrat, löste er Taffys Leine, und Jessie rief aus der Küche: "Oh, da seid ihr beide. Ich habe schon gedacht, du hättest dich vielleicht da draußen im Mondlicht verlaufen."

"Nein, überhaupt nicht. Es war erleuchtend."

"Der Mond?"

Er ging in die Küche. Jessie stand an der Theke. "Nein, Jessie", sagte er, als er hinter ihr stand. Er packte sie und drehte sie sanft um.

Jessie zeigte einen überraschten, aber neugierigen Blick. "Was ist?"

"Ich hatte eine Erleuchtung. Eigentlich wusste ich es schon. Es war nur ein Eingeständnis vor mir selbst.“

"Was?"

Er sagte leise: "Du bist es."

"Ich?"

"Ja. Jessie, ich bin dabei mich in dich zu verlieben. Und zwar ziemlich heftig", gestand er. "Wir können nicht nur Freunde sein." Sein Blick ließ den ihren nicht los, als er nach einem Hinweis suchte, wie sie diese Nachricht aufnahm.

Sie schwieg nur einen Moment lang. "Ich weiß", sagte sie leise und fügte dann hinzu: "Was werden wir dagegen tun?"

Er lächelte. Er streichelte ihr sanft über die Wange, bevor er sich hinabbeugte und sie küsste.


*


Ein paar Stunden später lag Richard McCord mit Jessie Conway im Bett. Sie schlief, ihren Kopf auf seine Brust gelegt hatte, ihre warme Nacktheit dicht an seiner eigenen.

Das Mondlicht war im Oberlicht nicht mehr zu sehen und lugte nicht mehr durch die Fensterläden. Er blickte auf die Uhr und sah, dass es fast drei Uhr war. Sie hatten beide eine Weile geschlafen, hatten nach einem unglaublichen Liebesspiel gut und bequem geruht. Während er in Gedanken dort lag, konnte er sich nicht erinnern, dass er sich jemals mit einer Frau, mit der er zusammen gewesen war, so gefühlt hatte. Bei Jessie war das anders. Er spürte eine Verbindung, eine tiefe Verbindung, und es wurde deutlich, dass auch sie sie spürte, denn während ihres Liebesspiels zeigte sie ein Vertrauen und gab sich ihm völlig hin, ohne sich schüchtern oder unbehaglich zurückzuhalten.

Er fragte sich, was die Zukunft bringen und wie sich das Leben mit Jessie entwickeln würde. Die eine Sache, die er wusste, war, dass ihre Beziehung ehrlich und vertrauensvoll sein würde. Etwas anderes konnte er nicht erkennen. Der Wunsch, ihr Beschützer, ihr Geliebter zu sein, war so stark. Noch nie war er so offen zu einer anderen Frau gewesen. In der kurzen Zeit, in der sie sich gekannt hatten, hatte er so viel von seinen persönlichen Kämpfen, seinen Herausforderungen offengelegt und so viel echtes Verständnis und Akzeptanz erfahren. Vielleicht würden es einige auf ihre Fähigkeit als Psychologin und Lebensberaterin zurückführen, aber er wusste, dass es mehr als das war.

Er lag noch ein paar Minuten da und hörte dem Rhythmus ihres Atems zu, bevor er in einen tiefen Schlaf fiel.


*


Richard McCord erwachte zum Duft von Speck und Kaffee. Taffy lag zusammengerollt neben ihm auf der Decke. Er lächelte und wälzte sich aus dem Bett. Die Uhr zeigte 8:24 Uhr, als er ins Bad ging. Er duschte, rasierte sich und zog sich an, weil er unbedingt zu Jessie in die Küche wollte.

Jessie begrüßte ihn mit einem Lächeln und sagte: "Hey, du Schlafmütze, endlich beschlossen, aus dem Bett zu steigen, hm?"

"Du musst dich aus dem Bett geschlichen haben. Wie lange bist du schon wach?"

"Lange genug zum Duschen und um mich für den Tag vorzeigbar zu machen."

Er küsste sie auf die Wange. "Schön wie immer", sagte er und meinte jedes Wort davon. Sie strahlte.

Er holte eine Tasse aus dem Schrank und goss Kaffee ein.

"Rührei okay?", fragte sie.

"Das wäre in Ordnung." Er blickte über ihre Schulter zur Herdplatte. "Ah, auch Bratkartoffeln?"

"Ja. Wie wäre es, wenn du Brot in den Toaster steckst?"

Er lachte und sagte: "Du meinst, es gibt keine Pancakes zu den Eiern und dem Speck mit Kartoffeln?"

Sie zögerte einen Moment, bevor sie sagte: "Du willst wirklich Pancakes?"

"Nein." Er kicherte. "Ich habe dich nur verarscht. Das sieht nach einem herzhaften Frühstück aus, was du da gerade zubereitest."

Das Essen war bald fertig, und während sie das Frühstück genossen, bemerkte Richard: "Ich könnte mich daran gewöhnen, das jeden Morgen zu haben."

"Speck und Eier?", fragte sie, aber er merkte, dass sie ihn neckte.

Er lachte. "Nein, nicht das Essen, Dummerchen. Du und ich jeden Morgen am Frühstückstisch."

Sie lächelte. "Vielleicht eines Tages", sagte sie. "Ich muss mich davon überzeugen, dass Taffy dich echt mag."

Er lächelte. "Wo ist der kleine Hund? Er hat auf meinem Bett geschlafen, als ich das Zimmer verließ. Ist er noch da drin?"

"Wahrscheinlich. Er schläft gerne lange. Er wollte bei Tagesanbruch mit mir Gassi gehen und ist dann zu uns ins Bett gekommen."

Richard stand auf und holte die Kaffeekanne. Während er ihr Kaffee nachgoss, sagte er: "Ich muss gleich weg und ein wenig wegen meines Falls recherchieren. Was hast du so vor?"

"Ich gehe rüber in meine Wohnung und richte mich ein", erwiderte sie.

"Ich werde wahrscheinlich den ganzen Nachmittag zu tun haben."

"Ich auch. Diese ganzen Kisten auspacken und alles organisieren. Obwohl ich glaube, ich werde mit der Eigentumswohnung glücklich sein. Es ist sehr schön dort."

"Wie wäre es, wenn ich dich dann am späten Nachmittag anrufe, und wir sehen dann weiter. Vielleicht ein nettes Abendessen?"

"Ja. Das wäre schön, glaube ich.“

"Okay. Sobald wir unseren Kaffee ausgetrunken und die Küche sauber gemacht haben, bin ich weg."




Kapitel Achtzehn

Joe Nieto saß an seinem Schreibtisch bei Nieto Automotive, als jemand leicht an seine offen stehende Bürotür klopfte. Er blickte von den Papieren auf, die auf seinem Schreibtisch verteilt waren, und Mandy Freidman trat ein.

Sie schloss die Tür hinter sich, und Nieto lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ließ seinen Stift auf einen offenen Aktenordner fallen und fragte: "Was tust du denn hier?"

Sie lächelte. "Was für ein Willkommen ist das, Joe?"

"Es ist kein Willkommen, Mandy."

"Nun, verdammt. Du bist schon ein netter Kerl."

"Was willst du?"

"Oh, ich war in der Gegend und hab mir gedacht, ich sag mal Hallo."

"Hör auf mit dem Scheiß. Ich sagte, was willst du?"

"Oh, Joe. Du kannst so temperamentvoll sein, nicht wahr? Dein Typ schuldet mir viel Geld, und ich wollte sehen, ob du es hast."

"Die Antwort lautet nein."

Sie ignorierte seine negative Antwort und sagte: "Ich brauche auch den Rest von dem, was du mir schuldest. Ich habe heute Morgen deine Casa Chica's beliefert. Sie war sehr glücklich über das Päckchen." Sie lächelte. "Sie ist nicht glücklich, dass Trigger ausgeschaltet wurde. Anscheinend hat es ihr Spaß gemacht, Gefälligkeiten von ihm zu bekommen."

Nieto starrte sie an. "Halt die verdammte Fresse."

Sie lachte. "Du bist wirklich sensibel, nicht wahr? Noch immer zu viel Cholo-Blut in deinen Adern, Joe?" Ihre rechte Hand fuhr durch die Luft. "Sieh dich um. Du bist im Land der Weißen, also was ist deine Schlampe?"

Er musterte sie einen Moment lang. "Wenn ich nicht davon ausgehen würde, dass du 'Vergewaltigung' schreist, würde ich dich nach Strich und Faden verprügeln."

Sie lachte. "Und wenn ich nicht heimlich eine Waffe dabei hätte, hättest du vielleicht die Chance auf einen Blowjob."

Nieto kicherte. "Wie ich gehört habe, bist du darin echt gut. Vielleicht kannst du eines Tages für mich tanzen, was? Ich habe gehört, du hältst die Stange richtig fest mit deiner Muschi."

Sie beugte sich über seinen Schreibtisch und öffnete die oberen Knöpfe ihrer Bluse. "Jederzeit, Joe Baby, lass ich dich da ran. Willst mal du sehen, was eine weiße Frau für dich tun kann?"

Er lachte, während er die Hand nach ihren Brüsten ausstreckte, und hielt inne, bevor er sie mit den Fingern berührte. "Und was würde es mich kosten?"

Sie richtete sich auf und biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor sie antwortete: "Viel. Du kannst wahrscheinlich nicht mit meinen Wünschen mithalten."

Er lächelte. "Ist das eine Herausforderung?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Du bist ein ganz Süßer und siehst aus wie ein Mann, der etwas für eine Herausforderung übrig hat." Sie leckte sich langsam über die Oberlippe und hielt ihren glühenden Blick unablässig auf ihn gerichtet. Dann sagte sie: "Habe ich recht, Joe?"

Nieto wandte seinen Blick nicht von ihr ab und erwiderte: "Nur wenn das Geschäftliche erledigt ist." Er lächelte, zog dann einen Schlüsselanhänger aus der Tasche und öffnete seine Schreibtischschublade. Er holte einen braunen Umschlag heraus und warf ihn in ihre Richtung. "Zähl nach", befahl er.

Mandy nahm den Umschlag, öffnete ihn und zählte die Scheine ab.

"Rechnung beglichen", sagte er schroff.

Sie nickte, machte den Umschlag zu und steckte ihn in ihre Handtasche.

Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch, ging zur Tür und schloss ab. Dann wandte er sich ihr zu und sagte: "Diese Herausforderung. Wie viel?"

Sie kam verführerisch auf ihn zu und öffnete ihre Bluse weiter, bevor sie ihn erreichte. "Ich sagte viel, so viel, wie ich will, und so viel, wie du nimmst", flüsterte sie und drückte sich an ihn.

Blitzschnell waren seine Hände unter ihrer Bluse, öffneten ihren BH und schoben ihr die Bluse von den Schultern. Ihre Hände waren an seinem Hemd und glitten dann zu seiner Taille hinab, wo sie ihm die Hose aufknöpfte und den Gürtel löste. Er schob sie zurück zum Schreibtisch und streifte ihr das Höschen ab, während seine Hose zu Boden fiel. Er legte sie über den Schreibtisch zurück und drang in sie ein, und ihre feuchte Muschi akzeptierte bereitwillig seinen harten Schwanz. Kurz bevor sie beide den Höhepunkt erreicht hätten, zog er sich zurück und sagte zu ihr: "Mal sehen, ob du mich darum anbettelst. Wie groß ist dein Verlangen, wie sehr willst du deine Befriedigung?"

"Du Bastard!", rief sie, als sie ihn wieder in sich hineinzog. Ihre Nägel gruben sich in seinen Rücken, und sie packte seinen Hintern und hielt ihn fest, damit er sie nicht noch einmal reizen konnte.

Sie kamen beide, und er richtete sich kichernd auf. Ohne den Blick von ihr zu lassen, sagte er: "Dafür bist du hergekommen, für einen guten Fick, nicht wahr?"

Sie lachte. "Vielleicht? Sahnehäubchen, hm?"

Er beugte sich über sie und fuhr mit seiner Zunge über ihren nackten Bauch. Er hielt kurz inne und sagte dann: "Mal sehen, wie gut die Sahne schmeckt." Er berührte sie wieder mit seinem nassen Mund und sagte dann: "Du kleine Schlampe", als seine Hand zwischen ihre Beine ging.

Sie seufzte und sagte heiser: "Wage es nicht aufzuhören, sonst bringe ich dich um." Sie nahm seinen Kopf zwischen die Hände, und ihr Körper reagierte mit Lustbewegungen unter seinem feuchten Mund.

Hinterher waren beide schweißgebadet. Mandy zog sich an, während Nieto seine Hose schloss und sein Hemd vom Boden aufhob.

Während er sein Hemd zuknöpfte, sagte er: "Du bist eine heiße Schlampe."

Sie lächelte. "Das hat dir gefallen, was?"

Nieto nickte, nahm eine Schachtel Zigaretten von seinem Schreibtisch und steckte sich eine zwischen die Lippen. Mit einem Zippo-Feuerzeug zündete er sie an. Er reichte Mandy die angezündete Zigarette.

Mandy nahm sie wortlos entgegen, tat einen langen Zug, stieß den Rauch langsam aus und sah zu, wie Nieto sein Hemd in die Hose steckte und den Gürtel schloss.

"Also zurück zum Geschäft“, sagte sie. „Wann kommt die nächste Lieferung?"

"Morgen. Ich habe es heute Morgen erfahren."

"Mein Typ konnte die Ware bei Trigger nicht finden. Offenbar sind uns die Polypen zuvorgekommen. Ihre Karren waren überall."

"Wie viel hatte er?"

"Mehr als ich gerne verliere."

"Schreibe es einfach ab als Teil dafür, den Garrón aus dem Weg geräumt zu haben. Er war kein Partner mehr."

"Zu schade, dass er einen Stich bekommen hat."

"Wen interessiert das schon. Trottel." Er fuhr mit dem Finger über ihre Lippen und sagte: "Also, du bist nie ein Idiot, oder?"

Sie lächelte. "Wir sehen uns morgen." Sie nahm ihre Handtasche vom Stuhl auf und fügte hinzu: "Du könntest recht haben, Joe. Vielleicht bin ich zum Ficken hierher gekommen."

Sie lachte leise, drehte sich um und verließ Joe Nietos Büro.

Nieto klopfte eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie sich zwischen die Lippen und öffnete das Zippo-Feuerzeug.




Kapitel Neunzehn

Bevor Richard sein Haus verließ, erhielt er einen Anruf von Dr. Frank Howard.

"McCord, ich muss Sie sofort sehen."

"Was ist los, Frank?"

Der Zahnarzt hielt einen Moment inne und erwiderte dann: "Ich kann nicht am Telefon darüber reden. Das verdammte Ding ist wahrscheinlich verwanzt!"

"Beruhigen Sie sich. Wo stecken Sie?"

"Bin auf dem Weg zum Dentallabor in San Dimas."

"Okay, ich treffe Sie dort in fünfzehn Minuten."

Richard fuhr sofort nach San Dimas und traf keine fünf Minuten später als versprochen dort ein, und als er das Dentallabor betrat, fand er einen Frank Howard, der vor nervöser Energie fast platzte. Er empfing Richard an der Tür des Labors und sagte: "Die Bullen sind hinter mir her!"

"Was meinen Sie damit?"

"Fragen, Fragen, Fragen. Ich weiß nicht, was zum Teufel sie herauszufinden hoffen! Ich hatte neulich morgens Patienten behandelt, als Kathy hier ermordet wurde."

"Wirklich?", fragte Richard.

"Ja!", antwortete Howard und fügte dann hinzu: "Na ja, hatte ich. Kurz bevor ich losfuhr, um mich an diesem Tag hier mit Ihnen zu treffen, war ich in meiner Praxis und ging Patientenakten durch."

"Allein?"

Mit dem Handrücken wischte Howard sich den Schweiß weg, der ihm auf die Stirn trat, und antwortete: "Ja, äh, nun, Mandy Freidman war ein paar Minuten bei mir, dann ging sie."

Richard entschied, dass es an der Zeit war, dem Zahnarzt gegenüber offen zu sein. "Sehen Sie, Frank, ich weiß, dass Sie mit Mandy zusammen sind, also spielen Sie bitte keine Spielchen mit mir."

Howard schoss Richard einen neugierigen Blick zu und spannte kurz die Muskeln im Kiefer an. Dann sagte er: "Okay, okay, okay. Ich war mit ihr in meiner Praxis, und wir hatten einen Quickie. Dann war ich allein."

"In Ordnung. Und dann sind Sie zu spät zu unserem Treffen gekommen?"

"Äh, ich glaube, der Verkehr hat mich aufgehalten. Mandy erzählte den Bullen, dass wir mit der Patientenbehandlung eine Stunde zuvor fertig waren.“

"War das so?"

"Ja, so ungefähr, aber sie hat gelogen und den Polizisten erzählt, dass sie anschließend gegangen war. Zu mir hat sie gesagt, sie wolle mich wegen des Sex schützen. Verdammt, sie hat es nur noch schlimmer für mich gemacht."

"Sie glauben also, dass die Bullen denken ..."

"Natürlich. Sie denken, ich hätte Kathy töten können! Und irgendwie versuchen sie, einen Zusammenhang herzustellen zu der Sache mit den gefälschten Rezepten und der Untersuchung der Drogenfahnder. Sie glauben, dass es einen Zusammenhang mit Kathys Tod gibt."

"Es könnte einen geben."

"Nun, verdammt, machen Sie mich doch nicht zum Hauptverdächtigen! Das versuchen sie gerade. Die Polizei hat sämtliche Datensätze zu den Medikamenten sowie anderen Vorräten von hier und von meiner Praxis beschlagnahmt. Alle meine Patientenakten, zum Teufel! Sie haben praktisch mein Geschäft zum Erliegen gebracht. Ich bin überrascht, dass die Bastarde nicht das FBI gerufen haben!"

"Beruhigen Sie sich, Frank. Sie haben einen Job zu erledigen und ja, ein Teil Ihres Jobs ist es, Ihre Aufzeichnungen zu überprüfen. Das wissen Sie doch."

"Jetzt versuchen Sie, mein Alibi zu zerreißen, und Mandy hat es noch schlimmer gemacht."

"Vielleicht", stimmte Richard zu. "Und es könnte noch schlimmer kommen, wenn sie merken, dass sie Sie vielleicht beschützt. Schließlich ist sie Ihre Geliebte."

"Nun, verdammt. Das nennen Sie beschützen!"

"Sie hat anscheinend geglaubt, dass sie Sie dadurch deckt."

Der Zahnarzt runzelte die Stirn. "Ich habe Sie angeheuert, um der Sache auf den Grund zu gehen. Was haben Sie herausgefunden?"

"Nichts. Mit Kathys Tod hat sich alles geändert, fürchte ich. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit den Drogenfahndern über die Untersuchung zu den gefälschten Rezepten zu sprechen. Und ich könnte mir vorstellen, dass sie unter den gegebenen Umständen nicht sehr gesprächig sein werden."

"Wo zum Teufel bleibe ich dann also?"

Richard zuckte mit den Schultern. "Ich denke, Sie müssen zu den Detectives gehen, ihnen die Wahrheit über Ihre Affäre mit Mandy beichten und ihnen sagen, wenn genau Sie die Praxis verlassen haben. Hat jemand gesehen, dass Sie gegangen sind?"

Er seufzte tief. "Ich weiß es nicht. Ich glaube, die meisten Mädchen waren weg, aber ich bin mir nicht sicher."

Richard erinnerte sich, dass an dem Tag, an dem Kathy ermordet wurde, Howard hinausging, um in seiner Praxis anzurufen, um von dort aus die Mitarbeiter anrufen zu lassen, dass sie nicht zur Arbeit ins Labor kommen sollten. Jemand hätte da sein sollen, um seinen Anruf entgegenzunehmen. War einer seiner Mitarbeiter dort gewesen, als Howard die Praxis nicht allzu lange vor diesem Anruf verlassen hatte?

"Erzählen Sie mir etwas über Billy Thomas", sagte er.

"Was ist mit ihm?"

"Warum haben Sie ihn angeheuert?"

"Es schien eine gute Idee in dieser Umgebung zu sein. Hier ist nicht der beste Teil der Stadt. Man weiß nie, welche Sorte von Widerlingen hier herumhängen könnten. Ein Medikamentenlager könnte verlockend sein."

"Also, wo haben Sie Thomas aufgetrieben, bei einer Leiharbeitsagentur?"

"Ja, drüben in Covina. Er wurde von Mandy empfohlen. Sie sagte, sie kenne ihn aus dem Tanzclub. Er war dort Türsteher."

"Haben Sie seine Referenzen überprüft?"

"Ich bezahle nur die Agentur. Das ist alles. Warum sind Sie so an ihm interessiert?"

"Ich frage mich nur, wer er ist. Es gefiel mir nicht besonders, als er den kalten Stahl eines Laufs auf meine Brust gerichtet hielt und ich Handschellen an meinen Handgelenken gespürt hatte."

Howard nickte, ignorierte aber, was Richard gesagt hatte, und widmete sich wieder seinem eigenen offensichtlichen Unbehagen. "Mandy hat alles versaut. Wenn ich zur Polizei gehe, gehe ich nicht allein. Ich nehme meinen Anwalt mit."

"Das könnte eine gute Idee sein."

"Was ist, wenn sie noch einmal leugnet, dass sie bei mir war?"

"Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll, Frank. Offenbar müssen Sie mit den Bullen ins Reine kommen, sonst werden sie Ihnen weiterhin den Arsch aufreißen."

"Oh, fuck!"

Richard dachte, dass es genau das war, was Howard in Schwierigkeiten gebracht hatte. Fucking Mandy. Er ließ die Frau in seinem teuren Haus in South Hills wohnen, gab ihr ein Luxusauto zum Fahren und einen Job. Er hatte auch ein Haus in Claremont und eine Frau, die den Alkohol liebte und ihren Mann als Bastard bezeichnete.

Frank Howard steckte in einem ziemlichen Schlamassel, und die Polizei hatte allen Grund, sich zu fragen, ob er seine Praxis rechtzeitig verlassen hatte, um hierher ins Labor zu fahren und seine Angestellte zu erwürgen. Und falls er der Täter war, so fragte sich Richard, ob der Grund dafür Drogen oder fehlendes Geld gewesen waren.

Er fragte sich auch noch etwas anderes, während er dort stand und dem Gejammer von Frank Howard zuhörte. Die Nachricht, dass Billy Thomas und Mandy Freidman sich kannten, faszinierte ihn ebenso wie die Tatsache, dass Billy Thomas in der Nähe des Hauses von Trigger Conway an der Straße herumgehangen hatte, während die Polizisten dort waren.

Richard McCord hatte das Gefühl, dass es hinsichtlich des Wachmanns noch viel mehr zu erfahren gab.


*


Keine Stunde später fuhr Richard auf der Route 66 zu einem kleinen Hamburgerstand, wo Detective Lieutenant Carlos Hernandez ihn treffen sollte.

Er fand Hernandez vor, wie er sich gegen den Kotflügel seiner Limousine lehnte und ein Wasser trank.

Richard zog seinen SUV auf den Parkplatz neben der Limousine.

Hernandez kam zur Beifahrertür, öffnete sie und rutschte auf den Sitz. "Hey, Amigo, was ist los?"

"Danke, dass du dich mit mir triffst, Carlos."

"Ich war nicht weit weg. Du hast mich zu einem guten Zeitpunkt erwischt, als du angerufen hast."

"Ich habe mich gefragt, ob du irgendwelche Informationen über Mandy Freidman herausgefunden hast. Ich dachte, vielleicht weißt du mehr als ich."

"Nein, ich habe nichts gegen sie in der Hand."

"Ich bin mir nicht sicher, wie sie in die ganze Sache hineinpasst, aber ich habe das Gefühl, dass sie eine Rolle spielt. Gestern Abend kam sie wieder bei mir zu Hause vorbei."

"Schon wieder?"

"Äh, ich schätze, ich habe dir nie die ganze Geschichte erzählt, wie sie in der Nacht kurz nach Conways Tod auf meiner Veranda gewartet hat. Jemand war in mein Haus eingebrochen, hat es ein wenig durcheinander gebracht."

"Sie?"

"Ich weiß es nicht. Dann hat sie mir an einem anderen Abend eine SMS geschickt. Ich sollte nach ihrer Schicht in die Crystal Lounge kommen. Offenbar wollte sie mich bloß zu sich mit nach Hause nehmen."

Er lachte. "Verdammt, das klingt so, als ob sie auf dich scharf wäre."

Richard kicherte. "Nun, sie ist heiß, aber nicht mein Typ. Und du kennst mich, Carlos. Für ein bisschen davon würde ich keinen Fall kompromittieren, an dem ich arbeite."

Er lachte wieder. "Ich habe sie nicht gesehen, also kann ich nichts dazu sagen."

"Hey, also."

Hernandez tippte Richard mit der Faust auf die Schulter. "Ja, ich weiß. Der Herr der Ethik würde niemanden vögeln, über den er Untersuchungen anstellt."

"Verdammt richtig, das würde ich nicht."

Hernandez grinste. "Im Ernst, was wollte sie letzte Nacht?"

"Ich wünschte, ich wüsste es. Sie behauptete, sie sei auf dem Weg zur Arbeit und käme vorbei, um zu sehen, ob sie ein Date haben könne. Ich habe mit der Begründung abgelehnt, das wäre ein Interessenkonflikt. Aber es war auch sonst ein Nein, weil ich mit jemandem zusammen war."

"Wirklich?"

Richard lächelte. "Jetzt ja."

"Jessie Conway?"

"Ja."

"Schön für dich. Ich mag sie. Hast du mich deshalb treffen wollen?"

"Nein. Ich wollte sehen, was du über Mandy Freidman herausgefunden hast. Ich würde auch gerne mehr über Frank Howard und seine Frau Carolyn erfahren. Sie leben in Claremont. Anscheinend haben sie eine lockere Beziehung. Ich bin neugierig, ob es jemals zu häuslicher Gewalt oder anderen Dingen gekommen ist, bei denen polizeiliche Maßnahmen erforderlich waren. Ich möchte auch etwas über diesen Billy Thomas wissen, den Wachmann, der für die Sicherheit im Dentallabor von San Dimas arbeitet. Ich habe herausgefunden, dass er von Mandy Freidman für den Job empfohlen wurde. Laut Howard behauptete sie, er habe in der Crystal Lounge als Türsteher gearbeitet, also hat er ihn eingestellt."

"Was sagt dir dein Bauchgefühl?"

"Na ja, wir haben einen Mord, eine Drogenfahndung und ein paar Verbindungen zwischen Menschen, über die ich mir nicht ganz im klaren bin. Ich habe das Gefühl, dass diese Verbindungen eine Bedeutung haben könnten, genügend, um ein Motiv zu sein."

"Für den Tod von Conway?"

"Ja."

"Sag mir, was du über diesen Zahnarzt weißt."

"Howard ist ein Idiot, was ich so sagen kann. Einer dieser Männer, die mit Geld um sich werfen, die scheinbar respektabel sind und respektiert werden, aber dennoch ein narzisstisches Arschloch sein können. Hinsichtlich der Rezeptfälschungen bin ich mir noch nicht ganz einig. Ich habe auch noch nicht mit den Drogenfahndern gesprochen."

"Die Drogenfahnder sind nicht immer willens, über das zu sprechen, was sie herausgefunden haben."

"Ja, ich weiß. Vielleicht habe ich mich deshalb noch nicht gemeldet. Hast du etwas Neues über die Drogensache von Conway erfahren?"

"Wir zapfen das Feedback von der Straße an. Bloß ein bisschen Gerede, aber noch nichts Konkretes. Wir glauben, dass die Ladung aus San Bernardino kommt und uns wahrscheinlich nach Guadalajara weiterführen wird."

"Und seit San Berdoo?“

Carlos zuckte mit den Schultern. "Daran arbeiten wir. Wir nehmen uns ein hiesiges illegales Lager vor, vielleicht hier in Azusa, Covina, in der Nähe. Wir haben ein paar ausgeschlossen, aber es könnten noch mehr auf unserer Liste stehen, oder sogar einige neue Händler, die wir noch nicht festgemacht haben."

"Also meinst du, Conway steckte ziemlich tief drin?"

"Sieht so aus angesichts der Menge, die er hatte. Er hatte definitiv eine Verbindung zu den richtigen Leuten."

"Noch mehr von der Ermittlung zum Mord an ihm?"

"Nur, dass er aus ziemlich kurzer Entfernung erschossen wurde. Keine drei Meter oder so. Was ich so gehört habe, auch nichts Neues von Leuten, die in dieser Nacht in der Bar waren."

"Niemand hat mitbekommen, dass Mandy mit ihm zusammen war?"

"Nein. Scheint so, als ob niemand gewusst hat, wer sie war, oder ihn oder sie überhaupt bemerkt hat."

"Ich wette, jemand hat ihn über den Haufen geschossen, und das hätte gut Mandy Freidman sein können. Ich denke, ich werde der Crystal Lounge erneut einen Besuch abstatten. Mir will diese Verbindung zwischen Billy Thomas und ihr nicht aus dem Kopf."

"Ich halte dich über alles auf dem Laufenden, was auf unserer Seite herauskommt“, sagte Hernandez. „Ich hoffe, wir finden einen gesprächigen Spitzel, der uns die Tür öffnet. Immer einer da draußen, der seinen verdammten Arsch retten will."

"Okay. Ich werde das Gleiche tun, wenn ich etwas Neues erfahre. Danke für das Treffen."

Hernandez öffnete die Beifahrertür und stieg aus dem SUV aus. Bevor er die Tür schloss, beugte er sich zurück und sagte: "Du kümmerst dich um Jessie, hörst du?" Er hob einen Daumen und grinste, als er die Tür zuwarf und zu seinem Auto ging.




Kapitel Zwanzig

Richard wollte mehr über Billy Thomas erfahren, also war sein nächster Halt Carson Security in Covina. Er war ein zweites Mal durch das Strip Mall Parkhaus gefahren, ohne die Firma zu finden, bevor er ein kleines Schild mit der Aufschrift 'Carson Security' in der Ecke des Fensters eines Waffengeschäfts entdeckte. Anscheinend diente das Geschäft einem doppelten Zweck – Waffenverkauf und Geschäftsstelle für einen Sicherheitsdienst.

Der Angestellte in Geschäft war ein kräftiger Mann von etwa Mitte fünfzig mit Vollbart, der zu den grauen Haaren auf seinem Kopf passte. Er nickte Richard zu, begrüßte ihn mit einem fröhlichen Lächeln und fragte herzlich: "Was kann ich für Sie tun?"

"Sind Sie der Besitzer?"

"Aber sicher bin ich das. Samuel Bartley."

Richard stellte sich vor und legte seinen Ausweis auf die Theke. Bartley sah sich den Ausweis an und streckte dann die Hand zum Schütteln aus. "Also, wie kann ich Ihnen helfen, McCord?"

"Ich suche Informationen über einen Mitarbeiter."

"Und warum?"

"Ich arbeite an einem Fall, und einer der Beteiligten sagte mir, dass ein hiesiger Wachmann eingestellt wurde. Ich habe vermutet, von hier."

"Also, nach wem suchen Sie? Wir haben einige, die für uns arbeiten. Alle gut ausgebildet."

"William Thomas. Ist er einer von Ihren Leuten?"

"Ja, ist er. Billy ist zwei oder drei Jahre lang durch uns vermittelt worden."

"Also hat er eine Lizenz?"

"Allerdings. Vierzig Stunden beim Justizministerium und zugelassen vom FBI. Tatsächlich hat er auch eine zusätzliche Ausbildung im Umgang mit Schusswaffen und Tränengas erhalten."

"Okay, damit er eine Waffe tragen kann?"

"Im Dienst, und solange die Waffe nicht verborgen ist. Ich müsste nachsehen, aber ich glaube nicht, dass er eine Lizenz hat, sie versteckt zu tragen.“

"Die Hauptfrage, die ich habe, eigentlich zwei Fragen, ist die, ob Sie ihn jemals an die Crystal Lounge vermittelt haben."

"Die Bar? Nein, keiner unserer Leute arbeitet dort." Er kicherte. "Ich gehe davon aus, dass unsere Leute für etwas Besseres gedacht sind, als Türsteher in einem Stripclub zu sein."

"Wissen Sie, wer Thomas für seinen aktuellen Job eingestellt hat?"

"Oh, jetzt verstehe ich", sagte Bartley. "Sie untersuchen etwas, das mit dem Zahnlabor, in dem Thomas gearbeitet hat, und dem Mord dort zu tun hat."

Richard nickte. "Ja, das könnte man so sagen. Ich wollte wissen, wie er den Job im Labor bekommen hat."

"Er arbeitet für Dr. Howard. Das ist derjenige, der die Gebühr bezahlt."

"Erinnern Sie sich zufällig, ob Dr. Howard ihn direkt eingestellt hat?"

"Nein, nicht er. Jemand aus seiner Praxis hat das arrangiert."

"Ich verstehe. Wissen Sie zufällig, wer das war?"

"Da müsste ich nachschlagen." Bartley ging zu seinem Computer auf dem Tresen und rief die Daten auf. "Es war Dr. Howards Assistentin, Mandy Freidman. Sie hat es arrangiert. Hier steht, dass sie direkt nach William Thomas gefragt hat. Sie sagte, er sei von einem anderen Kunden von uns, Nieto Automotive, empfohlen worden."

Richard zeigte keine Reaktion, als er hörte, dass Joe Nieto ebenso wie Mandy Freidman in die Sache verstrickt war, aber er fragte: "Also arbeitete Thomas auch für dieses Nieto Automotive?"

"Nein. Ich glaube nicht, dass er jemals eine Zeit bei Nietos Werkstatt verbracht hat. Ein paar unserer anderen Jungs kümmern sich gelegentlich darum."

"Seit wann arbeitet Thomas für Dr. Howard?"

"Mal sehen. Seit etwa achtzehn Monaten. Sind am 15. des nächsten Monats genau achtzehn Monate."

"Irgendwelche Probleme mit der Sicherheit dort in diesen achtzehn Monaten?"

"Nein. Thomas hat nie über Probleme berichtet, das heißt, bis zum Mord. Hey, warten Sie einen Moment, McCord. Sind Sie derjenige, der an diesem Tag dabei war?"

Richard lächelte. "Ja, allerdings. Ich habe immer noch das Muster von Billys Handschellen an den Handgelenken."

"Er hat nur seinen Job gemacht."

Richard kicherte. "Ja, und er genießt es."

Bartley lachte. "Gibt es schon einen Verdächtigen für den Mord?"

"Sie arbeiten noch daran", antwortete Richard. "Danke, dass Sie mir die Informationen gegeben haben, nach denen ich gesucht habe. Ich weiß das zu schätzen."

Bartley nickte und sagte: "Schön, dass ich helfen konnte. Kommen Sie jederzeit vorbei, wenn ich etwas tun kann."

"Wird gemacht. Nochmals vielen Dank."

Richard verließ das Waffengeschäft, und als er zu seinem Auto ging, lachte er in sich hinein. Samuel Bartley hatte ihm viel mehr geholfen, als er sich je hätte träumen lassen.




Kapitel Einundzwanzig

Richard saß in einer Nische eines Covina-Cafés und beendete sein Hühnersalat-Sandwich, als Mandy Freidman das Restaurant betrat. Sie trug ihre Dienstkleidung.

Nachdem sie sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte, sagte Richard: "Danke, dass Sie mich während Ihrer Mittagspause treffen wollen, Mandy. Ich rufe die Kellnerin, damit Sie das Mittagessen bestellen können. Ich wusste nicht, wie lange Sie bleiben würden, also habe ich mein Essen bestellt."

"Ich habe keinen Hunger“, sagte sie. „Ich nehme nur einen Eistee."

Richard winkte der Kellnerin auf, und sie trat heran. "Bitte bringen Sie der Dame einen Eistee", sagte er.

Die Kellnerin entfenrte sich, und Mandy sagte lächelnd: "Hast du deine Meinung hinsichtlich des Gutscheins geändert?"

"Nein."

"Verdammt, ich dachte, du wolltest mich deshalb sehen." Sie schenkte ihm ein schelmisches Grinsen, gefolgt von einem leichten Lachen. "Ach, komm schon, Richard. Es würde Spaß machen. Ich wette, ich kann es zu einer Nacht machen, die du nie vergessen wirst."

"Ich nehme keine Wetten an, Mandy. Hier geht's ums Geschäft."

"Ist das alles, woran du denkst, Geschäft?"

"Scheint so. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie damit einverstanden waren, sich heute mit mir zu treffen."

"Na ja, ich hatte wirklich gehofft, dass deine Nachricht mehr als nur ein Geschäft bedeutete", sagte sie. "Vielleicht eines Tages, hm?"

"Nein, leider nicht."

"Warum bin ich dann hier?"

Die Kellnerin kam mit Mandy's Eistee, und Richard schwieg, bis sie wieder allein waren.

"Ich habe Fragen an Sie", sagte er. "Ich dachte, Sie hätten vielleicht ein paar Antworten für mich."

"Und welche?"

"Wie eng sind Sie mit Frank zusammen? Ist es ernst?"

"Willst du damit fragen, ob wir verliebt sind?"

"Ja, so könnte man sagen."

"Nein, ich würde es nicht Liebe nennen. Aber wir lieben das, was wir zusammen haben."

"Sie meinen den Sex?"

Sie lächelte. "Ja."

"Und Sie lieben die zusätzlichen Vorteile, würde ich sagen?"

"Ja. Worum geht es hier, Richard? Du weißt, was mit Frank und mir los ist. Was willst du, Details über unsere sexuelle Aktivität? Oder vielleicht möchtest du dich uns anschließen, ist es das? Suchst du einen Dreier? Ich könnte mir vorstellen, dass ich Frank dazu überreden könnte."

"Seien Sie nicht albern, Mandy."

Sie lachte.

"Erzähl mir, was an dem Morgen passiert ist, als Kathy ermordet wurde."

"Was meinst du damit?"

"Nachdem Sie mit den Patienten fertig waren."

Sie lächelte. "Du möchtest Details über unseren Sex haben, nicht wahr?"

"Details sind nicht notwendig."

Sie zuckte mit den Schultern. "Ja, wir hatten Sex in seiner Praxis." Sie sah sich im Restaurant um und sagte dann mit leiser Stimme: "Wir sind richtig rangegangen. Schnell und wild. Es war die Art von Fick, die ich liebe. Gefällt es dir so, Richard?"

Richard ignorierte ihre Frage. "Also haben Sie die Bullen angelogen?"

"Ich habe ihnen gesagt, dass ich sofort gegangen bin, sobald wir mit den Patienten fertig waren, aber eigentlich bin ich noch ein paar Minuten geblieben."

"Warum haben Sie den Bullen gesagt, dass Sie sofort gegangen sind?"

"Mein Gott, Richard, ich habe versucht, Frank ein paar Peinlichkeiten zu ersparen."

"Wissen Sie, Sie sind nicht ehrlich, weil Sie ihn dadurch in Schwierigkeiten bringen."

"Gott, du klingst wie Frank. Welchen Unterschied machen ein paar Minuten?"

"Es dreht sich alles um Zeit, Mandy. Zeit, ins Labor zu fahren."

Sie lachte. "Also denken du und die Polizei, dass Frank Kathy ermordet hat?"

"Vielleicht."

"Wirklich? Das denkst du also?"

Wieder ignorierte Richard ihre Frage.

Sie starrte ihn an und legte dann ihre Hand auf die seine. "Weißt du, Richard, du bist wirklich ein netter Kerl, aber ich denke, du machst zu viel aus dem bisschen Sex, den ich mit Frank hatte. Ich habe es nicht geplant, aber es war nicht sehr lange."

Richard zog seine Hand unter ihrer Hand heraus.

"Ich würde dir gerne zeigen, was wir getan haben“, fuhr sie fort. „Ich wette, du würdest es viel mehr genießen als Frank. Ich weiß, dass ich das würde."

"Hören Sie auf damit, Mandy", sagte er.

Sie lachte. "Gehe ich dir auf die Nerven?" Sie strich sich langsam mit dem Zeigefinger über die Lippen und seufzte tief, ohne ihre Augen von ihm zu nehmen.

"Nein", log er. So sehr er auch nichts fühlen wollte, er wusste, dass er ein wenig von der sexuelle Energie dieser attraktiven Frau empfing. Er griff nach seiner Kaffeetasse, um die unerwünschte Energie zu vertreiben.

Sie lehnte sich zurück und stellte nun ihr sinnliches Spiel ein. Sie blickte auf ihr Handy. "Sieh mal, ich muss bald wieder an die Arbeit. Hast du noch mehr Fragen?"

Er stellte seinen Becher auf den Tisch und sah sie an. "Ja, habe ich. Was haben Sie für deine Beziehung zu Billy Thomas?"

Ihre Augen verengten sich. "Billy?"

"Ja."

"Ich kenne ihn irgendwie, wenn du das meinst."

"Ich meine, wie gut kennen Sie ihn?"

"Er ist ein Freund. Keine große Sache."

"Sie sind diejenige, die vorgeschlagen hat, dass Frank Howard ihn zur Bewachung des Dentallabors anheuert?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und Mandy wusste es. Sie ließ ihr Handy in ihre Handtasche fallen und rutschte aus der Nische. Im Aufstehen sagte sie: "Danke für den Drink. Ich muss wieder an die Arbeit."

Schnell sagte Richard: "Ich glaube, wir haben noch mehr zu besprechen."

Sie lächelte ihn an und sagte dann: "Du hast meine Nummer." Und damit drehte sie sich um und ging.

Richard sah ihr kichernd nach, wie sie das Restaurant verließ. Bei sich dachte er, ja, er hatte ihre Nummer, und je mehr er in ihrer Gegenwart war, desto mehr spürte er, dass diese Nummer überhaupt keine gute war.


*


Richard verließ das Restaurant und fuhr auf der Citrus Avenue nach Norden. Da viele noch in der Mittagspause waren, war der Verkehr moderat. Als er die Alosta Avenue erreichte, die zur Route 66 wird, wandte er sich nach Osten. Obwohl er zum Howard Dental Lab fahren wollte, dachte er, er würde unterwegs nach Zigeunern und einem übergewichtigen Wachmann namens Billy Thomas Ausschau halten.

Seine Instinkte trogen nicht. Er entdeckte Billys alten Chevy auf dem Parkplatz von Bacas mexikanischem Fastfood-Restaurant.

Es gab keine Zigeunerfrauen, aber es gab einen großen Schläger von einem Kerl, direkt vor Richards Augen. Boyd Thomas, Bruder von Billy, wie Richard erfahren sollte, war die Art von Typ, mit dem man sich bestimmt nicht anlegen wollte. Weit über zwei Meter groß, mehr als einhundertfünfzig Kilo schwer, dichter, zotteliger Bart, lockiges langes Haar und durchdringende Augen, meist versteckt hinter einer dunklen Sonnenbrille. Er stand neben seiner Harley, definitiv ein Biker im Hells Angels' Look. Er kleidete sich entsprechend, Kampfstiefel, schmutzige und zerrissene Levi's, Lederweste mit Totenkopf und Knochen und anderen Logos, Ketten um den Hals und an seinem Gürtel, der die Levi's knapp über dem Spalt seines Hintern hielt. Genau der Typ, den man auf einer einsamen Autobahn treffen möchte, wenn einem das Benzin ausgeht oder wenn man einen platten Reifen hat, dachte Richard.

Richard hatte bemerkt, dass der Typ ihn nicht aus den Augen ließ, während er auf einen Parkplatz in der Nähe gefahren war. Er hatte Richard sofort abschätzend betrachtet, und Richard hatte das Gleiche getan. Richard war sich sicher, dass der Typ Ärger machen würde. Konnte sein, dass er eine Waffe dabei hatte, aber Billy lud vor aller Augen ein. Deshalb wusste Richard, dass es das Beste sein könnte, sich mit diesen Männern auf keinen Ärger einzulassen. Aber er wusste auch, dass sich Ärger manchmal nicht vermeiden ließ oder das Richtige war, und die Konsequenzen zu ignorieren.

Der Typ murmelte Billy etwas zu, als Richard näherkam. "Hey, Billy", sagte Richard, und der Typ zeigte einen überraschten Gesichtsausdruck.

"Was machst du hier, McCord?"

Richard lachte. "Du hast diesen Laden wegen seiner tollen Tacos sehr empfohlen, nicht wahr? Ich bin nur gerade vorbeigekommen und dachte, schau mal rein. Wer ist dein Freund?"

"Mein Bruder Boyd."

Boyd erwies sich als so freundlich wie ein fünfundzwanzig Kilo schwerer Eisblock, als er sagte: "Bist du ein Bulle?"

"Halt die Fresse, Boyd“, sagte Billy. „Er ist ein Privatschnüffler."

"Fast dasselbe", sagte Boyd.

"Haben wir uns im Gefängnis getroffen, Boyd?", fragte Richard sarkastisch.

Dem großen Mann gefiel das ganz und gar nicht. Er trat an Richard heran und zeigte mit dem Finger auf sein Gesicht. "Ich sollte dir mal so richtig den Arsch aufreißen?"

Billy Thomas schob seinen Bruder zur Seite. "Hör auf damit, Boyd!". Der große Mann wich zurück.

Richard starrte ihn an und sagte: "Warum? Brauchst du etwas, um deinen Schwanz reinzustecken?"

Boyd Thomas schäumte vor Wut, und anscheinend war es nur sein Bruder, der ihn mit einer Hand auf der Brust daran hinderte, auf Richard loszugehen.

"Was ist los, McCord?", fragte Billy Thomas.

"Ich habe mich gefragt, warum du Zigeunermädchen suchst, wenn du Mandy Freidman kennst."

Er runzelte die Stirn. "Ja, ich kenne Mandy."

"Wie hast du sie kennengelernt?"

"Weiß ich nicht. Auf einer Party, glaube ich."

"Oh. Hat sie für dich getanzt?"

"Worum geht es hier, McCord?"

"Sie ist der Grund, warum du den Job bei Frank Howard bekommen hast, nicht wahr?"

"Vielleicht. Was geht dich das an?"

"Bin neugierig, das ist alles. Ich habe mich gefragt, wie ihr zueinander steht."

Thomas lachte. "Oh, versteh schon. Du stehst auf ihren Arsch. Willst du wissen, ob ich es ihr besorge?"

Für Richard war es offensichtlich, dass Boyd Thomas ein Problem damit hatte, die Klappe zu halten. Er funkelte Richard an und sagte: "Wir Thomas-Brüder reden nicht über unsere Frauen. Und wir teilen sie nicht gerne mit Leuten wie dir."

Richard lachte. "Echt jetzt?"

"Verdammt richtig", kam die Antwort von Boyd Thomas, und er rückte näher.

Richard ignorierte ihn und ging zu der Harley-Davidson hinüber. Sie passte genau zur HOG, Speziallackierung, extra Chrom und Zubehör. Richard sah sich das Design der Flammen auf dem Rahmen des Bikes an und fuhr mit dem Finger darüber.

Boyd Thomas packte ihn am Unterarm. "Du hältst deine gottverdammten Polizistenpfoten von meinem Besitz fern."

Richard zog seinen Arm aus Boyd Thomas' Griff und sagte: "Dein Bruder ist ein wenig empfindlich, nicht wahr, Billy?"

Billy Thomas war anscheinend angespannt. "Er hat recht, McCord, wir reden nicht über unsere Frauen."

"Wie wäre es dann, wenn du über deine anderen Freunde redest? Mandy kennt Joe Nieto. Du kennst Joe auch, nicht wahr?"

Richard fiel auf, dass die Erwähnung von Joe Nieto beide Männer anscheinend beunruhigte. Nicht nur, dass ihr Gesichtsausdruck erstarrte, sondern es trat auch Schweiß auf Billy Thomas' Stirn. Ein verräterisches Anzeichen dafür, dass Richard ein unangenehmes Thema angeschnitten hatte.

Die Gesprächsflaute wurde peinlich, bevor Billy Thomas das Wort ergriff. "Du meinst Joe Nieto von Nieto Automotive?"

"Genau den."

"Ja, ich kenne ihn."

"Und Trigger Conway war ein Kumpel von dir?"

Thomas schwieg.

"Nun, noch einen schönen Nachmittag euch beiden“, sagte Richard. „Ich muss jetzt wieder los."

Er drehte sich um und ging zu seinem Auto. Kurz bevor er einstieg, rief er: "Billy, wenn du Joe Nieto das nächste Mal siehst, sag ihm, dass ich Hallo gesagt habe. Und sei ein guter Junge und halte dich von den jungen Zigeunermädchen fern. Sie könnten dich in Schwierigkeiten bringen. Du willst doch nicht, dass ein Polizist deinen Arsch wegen Vergewaltigung einer Statue ins Gefängnis schleppt."

Richard stieg in seinen SUV ein und startete den Motor. Er bemerkte einen grimmigen Ausdruck auf Billy Thomas' Gesicht, während Boyd Thomas damit beschäftigt war, den Lack seiner Harley-Davidson mit einem Taschentuch zu polieren.

In sich hineinkichernd fuhr Richard vom Parkplatz auf die Route 66 zurück.




Kapitel Zweiundzwanzig

Als Richard im Dentallabor ankam, entdeckte er, dass es geschlossen hatte und verriegelt und verrammelt war. Der Parkplatz war leer. Er wollte gerade gehen, da erhielt er einen Anruf von Carlos Hernandez.

"Hey, Kumpel, was ist los?"

"Ich habe ein wenig nachgeforscht“, antwortete Hernandez. „Dieser Joe Nieto lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in La Verne, aber auf der Straße heißt es, dass er seit einigen Jahren mit einer Frau zusammen ist. Ihr Name ist Angie Martinez, und sie führt einen Hundesalon in Azusa. Ich habe gehört, dass sie ein paar erwachsene Kinder hat, die von Nieto gezeugt wurden."

"Interessant." Richard fragte nach dem Namen des Unternehmens und notierte sich die Adresse.

"Ich dachte mir, dass dich das dich interessieren würde. Aber ich glaube, für diese Nachricht wirst du dich mehr interessieren."

"Welche denn?"

"Deine Freundin Mandy. Sie wurde in Iowa geboren und ist mit vierzehn Jahren von zu Hause weggelaufen. Anfangs hatte es geheißen, dass sie von einem älteren Mann entführt worden war, aber eine Entführung wurde später ausgeschlossen, da weitere Untersuchungen ihrer Eltern darauf hindeuteten, dass sie rebellisch war, zudem wussten sie, dass sie sich mit diesem Mann getroffen hatte. Es wurde entschieden, dass sie freiwillig gegangen ist, aber natürlich ist Vergewaltigung einer Minderjährigen eine Vergewaltigung einer Minderjährigen."

"Vierzehn? Wow. Klingt eher so, als wäre sie mit einem Pädophilen durchgebrannt."

"Ich schicke dir die PDF-Datei per E-Mail", fügte Hernandez hinzu.

"Danke, Kumpel."

"Ich halte dich auf dem Laufenden, wenn ich noch mehr Scheiße über diese Leute ausgrabe, Richard."

"Großartig. Ich bin sicher, du und deine Männer werden mehr finden. Ich habe Billy Thomas' Bruder Boyd getroffen. Er ist ein schlimmer Kerl. Typ Hells Angels und kalt wie Eis."

"Fährt er eine Harley?"

"Natürlich."

"Ich weiß, wer das ist. Schlechte Nachricht. Pass auf dich auf, wenn du in seiner Nähe bist. Er hat viel Zeit im Knast verbracht."

"Habe ich mir gedacht."

"Okay, ich melde mich wieder. Gib auf dich acht."

"Wird gemacht, Carlos, und danke für die Info."


*


Angie Martinez' Hundesalon lag in der hinteren Ecke eines kleinen Einkaufszentrums direkt an der Route 66. Daneben befand sich ein Thai-Restaurant, und Richard entschied, dass der Duft der thailändischen Küche die Hunde wohl verrückt machte.

Er betrat den Salon und wurde von einer gutaussehenden Latino-Frau begrüßt. "Sind Sie die Besitzerin?", fragte er.

"Ja, Angie Martinez“, gab sie zur Antwort. „Womit kann ich Ihnen helfen?"

Während Richard an der Theke mit der dahinter Frau sprach, wurde ihm klar, dass sie völlig zugedröhnt war. Er erkannte die verräterischen Zeichen.

"Ich interessiere mich für Ihre Preise für die Hundepflege“, log er. „Ich habe einen Irish Setter, und es wird Zeit, dass er etwas Aufmerksamkeit bekommt."

Sie reichte ihm einen Prospekt von einem Stapel. "Das ist unsere Preisliste. Ich glaube, es deckt alles ab, was Sie interessieren könnte."

Er tat so, als würde er sie sich ansehen, und stellte dann ein oder zwei Fragen darüber.

Er verwickelte sie in ein Gespräch über Haustiere, über das Wetter, über ihr Geschäft, und das alles im Bemühen, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Er setzte sein Spiel mit den Worten fort: "Sie kommen mir so bekannt vor. Kennen ich Sie von Joe Nieto her?"

Sie lächelte. "Sie kennen Joe?"

"Klar doch", antwortete er. "Das ist es. Ich habe Sie mit ihm gesehen. Drüben in Pasadena vielleicht, einmal in einer Bar. Ich kann mich nicht an den Namen des Orts erinnern. Er liegt auf dem Hügel entlang der A 210. Erinnern Sie sich?"

Angie schüttelte den Kopf. "Nein. Aber das hat nicht viel zu bedeuten. Wenn ich in einer Bar bin, gibt es eine Menge, an das ich mich nicht erinnere." Sie lachte.

Richard stimmte in ihr Lachen ein. Dann senkte er seine Stimme und sah sich um, bevor er sagte: "Also, Angie. Ich brauche ein paar Drogen. Kannst du mich in die richtige Richtung führen?"

"Wonach suchst du? Pot?"

Er nickte. "Ja, und ein wenig mehr als das. Ich hätte gerne ein paar Aufputschmittel, vielleicht etwas Koks."

Sie schwieg einen Moment lang, und Richard wusste, dass sich Räder in ihrem Kopf drehten. Dann fragte sie: "Bist du von der Polizei?"

Er lachte. "Nein, natürlich nicht. Kommen oft Polizisten hier rein und fragen dich, wo man Drogen bekommt?"

Sie lächelte. "Nein. Ich wollte nur sichergehen."

Er nickte und tat so, als würde er Verständnis zeigen.

"Hast du Bargeld dabei?", fragte sie.

"Ja."

"Ich kann dir ein paar Aufputschmittel besorgen, wenn du Hundert hast."

Er holte seine Brieftasche heraus, zählte fünf Zwanziger ab und reichte sie ihr.

Sie faltete die Scheine zusammen und steckte sie in ihren Hosenbund. "Warte eine Minute, und ich besorge dir, was du willst."

Er sah ihr nach und sagt: "Wenn Joe seinen Namen nicht drauf hat, würde ich mich auch freuen, auch ein wenig von dir zu haben."

Sie drehte sich lächelnd zu ihm um und sagte: "Hey, in meinen jüngeren Jahren wäre ich auf dich losgegangen. Also nein danke."

Sie war nur ein oder zwei Minuten im Hinterzimmer, bevor sie mit einem kleinen Plastikbeutel voller Pillen zurückkam. Sie gab ihm den Beutel. "Ich teile sie gern mit dir."

Er nahm den Beutel und legte ihn auf den Tresen. "Also, wer ist deine Verbindung?", fragte er.

"Ich schreibe dir die Telefonnummer auf", sagte sie und schrieb eine Telefonnummer auf ein Stück Papier. Sie reichte es Richard. "Sie möchten gern mindestens 48 Stunden im Voraus Bescheid wissen, falls möglich", sagte sie. "Sie geben dir Anweisung, wo du sie abholen kannst. Das Codewort ist 'Stürmer'."

Richard hielt das Codewort für eine interessante Wahl. Er verstand nicht viel vom Fußball, erinnerte sich aber daran, dass die Person, von der erwartet wurde, die Tore zu schießen, „Stürmer“ genannt wurde.

"Danke, Angie. Ich hab das schon seit einiger Zeit nötig." Er ließ den Beutel in seine Jackentasche fallen, faltete vorsichtig die Preisliste zusammen, die sie ihm gegeben hatte, steckte sie in seine Tasche und zwinkerte ihr zu.

"Danke, Babe. Hat mich sehr gefreut. Komme wieder."

"Danke", sagte sie. Bevor er hinausging, rief sie: "Hey, ich weiß nicht mal, wie du heißt."

Er drehte sich lächelnd zu ihr zurück: "Du kannst mich einfach Dick nennen." Und damit drehte er sich um und verließ den Hundesalon.

Als er in seinem Auto mit einem Plastikbeutel voller Drogen saß, fragte er sich, was er als nächstes tun sollte. Früher hätte er vielleicht gedacht, dass es eine schöne Flucht aus der Wirklichkeit sein könnte, sich ein paar einzuwerfen, aber diese Tage waren vorüber. Und er dankte Gott dafür. Alkohol war sein Ding gewesen, und abgesehen von ein paar Joints hatte er nie illegale Drogen genommen, obwohl es Zeiten gegeben hatte, in denen die Versuchung groß gewesen war.

Er holte sein Handy aus der Tasche, während der Beutel voller Pillen auf seinem Schoß lag.

Sobald er Verbindung hatte, sagte er: "Hey, Carlos, hier ist Richard. Ich habe ein Geschenk für dich. Können wir uns treffen?"


*


"Was ist das, zum Teufel?", sagte Carlos, als Richard ihm den Plastikbeutel reichte.

Richard erkannte nicht nur Überraschung, sondern auch Irritation in den Augen seines Freundes, als er den Inhalt des Beutels betrachtete. "Ich weiß", sagte Richard zu ihm.

"Verdammt richtig, du weißt schon! Was hat dich dazu bewogen, Drogen zu kaufen?"

"Ich habe einen Fall zu lösen, Carlos."

Hernandez kicherte. "Sicher. Wir auch. Aber was du getan hast, war nicht koscher."

"Ich weiß. Wahrscheinlich vor Gericht wertlos."

"Ja, der Staatsanwalt würde dich dafür in die Arme schließen. Und er hätte einen neuen Fall, dich nämlich hopps zu nehmen."

Richard nickte. "Okay, ich weiß, das hätte ich nicht tun sollen, aber vielleicht wird dich das glücklicher machen und du kannst mir meinen Gesetzesbruch verzeihen." Richard reichte ihm den Zettel mit der Telefonnummer. "Das ist dein Drogendealer."

Hernandez musterte die Telefonnummer einen Moment lang und sagte dann: "Okay, Kumpel, das hat deinen Arsch gerettet." Er lachte. "Das heißt, wenn die Nummer gut ist."

Richard grinste. "Sicher, ist sie."

"Das Mindeste, was du hättest tun können, wäre gewesen, einen Namen herauszufinden, der dazu passt."

"Vielleicht habe ich das. Joe Nieto ist vielleicht eine gute Wahl. Ein feiger Hund, der sich hinter seinem Ansehen in der örtlichen Kommune versteckt. Eine gute Tarnung."

"Hunde gibt es in allen Formen und Größen. Und ich habe viele auf den Straßen gejagt und ihnen das Genick gebrochen. Wenn er unser Mann ist, kriegen wir ihn."

"Ich weiß nicht, wie du das machst, Carlos“, sagte Richard „Geduld haben, bis du genug beisammen hast, um diese Arschlöcher zu erledigen."

"Das kommt mit dem Job, Richard. Man gewöhnt sich daran."


*


Während des Abendessens in einem Steakhouse Restaurant mit Jessie lachte Richard über ihre Reaktion auf seinen ereignisreichen Nachmittag.

"Ich kann nicht glauben, dass du den Mut hattest, das zu tun, Richard. Woher hast du gewusst, dass du damit durchkommst?"

"Ich habe mich einfach entschlossen, es zu versuchen."

"Was wäre, wenn sie ins Hinterzimmer gegangen wäre und die Polizei angerufen hätte, weil du versucht hast, Drogen zu kaufen?"

"Unmöglich. Kein Drogenkonsument möchte Polizisten in der Nähe haben. Das hätte sie nicht getan, wenn sie high gewesen wäre."

"Also hat sie den Dealer verraten?"

"Ja, eine Telefonnummer. Wir werden herausfinden, ob sie gut ist."

"Nicht du?"

"Äh, Carlos wird die Sache wahrscheinlich von einem seiner Leute regeln lassen. Überprüfen lassen und sehen, ob es eine gute Verbindung ist."

"Ich würde mich besser fühlen, wenn du dich ganz aus der Sache raushalten würdest, Richard."

"Wirklich?"

"Ja, natürlich. Ich will nicht, dass du in Gefahr gerätst."

Bei diesen ihren Worten entging Richard nicht, dass ihre grünen Augen funkelten. Er liebte das an ihr. Er hatte noch nie eine Frau gehabt, die sich wirklich für ihn interessierte, und nie eine Frau, die ihn so ansah wie Jessie.

"Ich tue mein Bestes, um nicht in Gefahr zu geraten, Jessie, aber denk daran, ich bin Privatdetektiv. Gefahr kann Teil meines Jobs sein."




Kapitel Dreiundzwanzig

Sie sah ihn voller Verachtung an. "Verdammt, Billy, du hast es prächtig vermasselt!"

Dem Wachmann war nicht wohl, als er Mandy Freidman ansah. Sie hatte ihn schon immer im Griff gehabt, und er wollte ihr nie in die Quere kommen oder sie beleidigen. Er war jedes Mal eingeschüchtert, wenn er in ihrer Nähe war.

"Mandy, ich habe mein Bestes gegeben“, sagte er. „Ich war zweimal in Triggers Haus und konnte nichts finden. Woher zum Teufel sollte ich wissen, dass er das Zeug irgendwo hatte verschwinden lassen? Ich weiß bloß, es war nicht im Haus."

"Nun, du Klugscheißer, wo zum Teufel ist es hin? Hat es sich einfach in Luft aufgelöst?"

"Vielleicht", sagte er, und sobald das Wort seinen Mund verlassen hatte, wusste er, dass es ein Fehler war.

Mandy schlug ihm schmerzhaft übers Gesicht. Er zuckte zusammen, als sie schrie: "Du hast es versaut, Billy!"

"Okay, okay, okay, Mandy. Ich habe es versaut, aber ich habe mein Bestes getan!"

"Du weißt, wie viel Geld mich das gekostet hat! Tausende und Abertausende! Ich gebe dir achtundvierzig Stunden, um mir eine Antwort zu geben. Ich will wissen, was mit den Drogen passiert ist!"

Billy Thomas wusste, dass Mandy es ernst meinte, und er war besorgt, dass er ihr nicht geben konnte, was sie wollte. Sie konnte ein verdammtes Biest sein. Im Geist sah er, wie sie ihm eine Kugel zwischen die Augen jagte, wenn sie nicht bekam, was sie wollte. Er war sich ziemlich sicher, dass es Mandy war, die seinen Freund Trigger Conway erschossen hatte. Er konnte es nicht beweisen, und er wollte sie nicht direkt fragen, aber er wusste, dass sie mit Trigger unzufrieden gewesen war. Trigger hatte ihm das gesagt. Es hatte einen Streit zwischen ihnen wegen ein paar jugendlicher Bandenmitglieder gegeben. Trigger hatte ihnen Drogen auf Kredit gegeben, und Mandy war wütend, als sie herausfand, was er getan hatte. In ihren Augen gibt man nie etwas her. Trigger dachte großzügiger, und er wusste, wenn man jemandem einen Gefallen erweist, zahlt es sich aus. Die Kinder kommen für mehr und mit Geld in der Hand zurück. Er hatte oft zu Billy gesagt, mach sie süchtig, und du hast sie. Aber Billy wusste, dass Mandy anders war. Sie wollte vor jedem Handel Geld sehen. Immer.

Billy hatte gedacht, dass Conway die letzte Lieferung von Drogen vielleicht an Mandy vorbei verkauft hatte, wenn er verrückt genug war, das getan zu haben, aber er hatte keine Möglichkeit, das herauszufinden. Vielleicht könnte er Informationen auf den Straßen der Stadt sammeln. Das heißt, wenn jemand bereit wäre, es auszuspucken.

"Ich werde sehen, was ich herausfinden kann", sagte er zu ihr.

Was er Mandy nicht erzählte, war, dass er an dem Tag, als mehrere Polizeiautos vor dem Haus von Trigger Conway in Azusa gestanden hatten, die Straße hinunter geparkt hatte. Er wusste auch, dass Richard McCord zu dieser Zeit dort gewesen war, und hatte sich seit diesem Tag gefragt, ob die Polizei die Drogen gefunden hatte. Aber er wollte sicher nicht zur Polizei gehen und nachfragen.

"Du hast zwei Tage Zeit, Billy." Sie drehte sich um und ging und ließ Billy Thomas mit der Frage zurück, ob er das Biest zufrieden stellen konnte.

Während er ihr beim Weggehen nachschaute, formten sich in seinem Kopf alternative Ideen, was er täte, wenn er ihr die von ihr geforderte Antwort nicht liefern könnte.

"Verdammtes Biest!", murmelte er.


*


Billy Thomas ließ sich auf der anderen Seite von Richard McCords Schreibtisch nieder.

Richard war überrascht gewesen, als Thomas in sein Büro gekommen war. Der Wachmann war ungefähr die letzte Person, die Richard erwartet hätte zu sehen, aber er begrüßte ihn herzlich und bot ihm den Stuhl auf der anderen Seite seines Schreibtisches an.

Thomas sank schwer hinein, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander, verschränkte die Arme über dem Bauch und schien ganz entspannt zu sein.

Richard entschied sofort, dass er nur so tat, weil Thomas' Kiefer sich abwechselnd anspannte und lockerte.

"Also, was hast du auf dem Herzen, Billy?", fragte er.

"Sehr viel. Ich versuche, meinen Job für Dr. Howard zu erledigen."

"Warum bist du dann hier, anstatt für Sicherheit in seinem Dentallabor zu sorgen?"

"Es geht um das Dentallabor und den Mord an Kathy Cerine."

"Oh? Was meinst du damit?"

"Ich habe über die Idee nachgedacht, dass Drogen der Grund für den Mord an Kathy sind."

"Das könnte eine vernünftige Schlussfolgerung sein."

"Findest du?"

"Ja. Schließlich gab es im Labor verschreibungspflichtige Medikamente. Ist das nicht der Grund, weshalb du eingestellt worden bist, um für die Sicherheit vor Ort zu sorgen?"

"Ja, ich schätze schon."

"Die meisten Einbrecher sind nicht an Zahnersatz oder Porzellankronen interessiert. Sie sind hinter Geld oder Drogen her", sagte Richard. "Du hast ein kurzes Gedächtnis, Billy. An dem Tag hast du mich beschuldigt, hinter Drogen her zu sein, nicht wahr?"

Thomas nickte. "Ja, ich verstehe, was du meinst. Also Drogen, was?"

"Das ist meine Vermutung."

In dem Wissen, dass Thomas im Trüben fischte, nahm Richard an, dass der wahre Grund, warum er dort saß, sich bald zeigen würde. Thomas war nicht die hellste Kerze im Lande, also wartete Richard scheinbar geduldig.

"Vielleicht. An einem Ort wie dem ist nie viel Geld zu finden. Drogen aber schon. Ich schätze, die Bullen sind immer auf der Suche nach diesen Leuten, die Drogen nehmen, was?"

"Natürlich, wenn sie ihren Job machen."

Thomas nickte. "Ich habe gehört, dass die Polizei in Trigger Conways Haus Drogen gefunden hat."

"Oh, hast du? Wo hast du das gehört?"

"In der ganzen Stadt."

"Was hast du gehört?"

"Dass die Polizei dort Drogen gefunden hat. Ist seine Schwester in Teufels Küche geraten?"

"Nein, warum sollte sie?"

"Sie lebte dort. Wären die Bullen nicht hinter ihr her, wenn sie Drogen finden würden?"

"Nein, sie waren nicht hinter ihr her."

"Warst du nicht an dem Tag da, an dem die Polizei in Triggers Haus anscheinend etwas suchte?"

"Ich weiß nicht, wovon du redest, Billy."

"Neulich habe ich gesehen, wie du Trigger's Haus verlassen hast, und da waren mehrere Polizeiautos. Ich dachte, vielleicht haben sie Drogen gefunden."

"Was hast du in seiner Straße gemacht?"

Thomas zuckte mit den Schultern. "Ich war gerade auf dem Weg zu einem Freund."

"Suchst du nach Zigeunern, Billy?"

Er kicherte. "Nein, ich bin nur vorbeigefahren. Haben die Bullen Drogen gefunden?"

"Bei Trigger?"

"Ja."

"Also war dein Freund Trigger auf Drogen?"

Er zuckte wieder mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, Mann. Ich habe ihn nie Drogen nehmen sehen."

"Ich fürchte, ich kann dir dabei nicht helfen, Billy. Aber ich wette, dass Drogen bei dem Mord an Kathy Cerine in Howards Labor eine Rolle gespielt haben."

"Ist es das, was die Polizei sagt?"

"Das ist es, was ich sage“, gab Richard zur Antwort. „Ich weiß nicht, was die Bullen sagen. Sieh mal, wenn es nichts anderes gibt, was ich für dich tun kann, muss ich wieder an die Arbeit."

Thomas zuckte mit den Achseln und sagte: "Nein, sonst nichts. Ich verdrück mich jetzt." Er stand auf und wirkte, als wollte er mehr sagen, drehte sich stattdessen jedoch um und ging zur Tür. Als er sie öffnete, wandte er sich noch mal zurück und sagte: "Wir sehen uns", und dann war er weg.

Richard hatte das Gefühl, dass Billy Thomas auf einer Schnitzeljagd war. Und er fragte sich, was er sich erhofft hatte.

Junge Zigeunerinnen?

Ein oder zwei Körper?

Oder könnte es ein Vorrat an Drogen gewesen sein, den die Polizei im Haus von Trigger Conway beschlagnahmt hat?

Und wenn ja, warum war der Wachmann so verdammt interessiert daran?




Kapitel Vierundzwanzig

Richard verbrachte den Rest des Nachmittags damit, den Papierkram zu erledigen, einschließlich eines versprochenen Berichts für eine Versicherungsgesellschaft, und er führte ein Gespräch mit einem säumigen Klienten.

Würde er nicht auf einem Vorschuss bestehen, würden Leute ihn oft auf Kredit bezahlen, und das könnte bedeuten, dass die fälligen Zahlungen selten und in großen Abständen hereinkämen.

Wenn Rechnungen und Steuern fällig wären, könnte ihm seine Großzügigkeit leicht Probleme bereiten. In der Zeit, als er getrunken hatte, war es oft ein Kampf gewesen, die Raten fürs Haus zu bezahlen, oder genug Geld für Lebensmittel und die Gasrechnung aufzutreiben. Nachdem er wieder trocken gewesen war, hatte es eine Weile gedauert, wieder auf eine solide finanzielle Basis zurückzukehren. Er hatte derzeit reichlich Ersparnisse, und solange er nicht zu großzügig bei den Klienten wurde, würde es ihm finanziell gut gehen.

Obwohl Richard wusste, dass eine Anwaltskanzlei für ihn lukrativer sein könnte, zog er es vor, Ermittler zu sein und die Freiheit zu haben, die ihm die investigative Arbeit bot. Die Rückkehr zu einer Anwaltskanzlei würde bedeuten, dass andere für ihn arbeiteten, wie zum Beispiel eine Sekretärin und eine Rechtsanwaltsfachangestellte. Es würde auch bedeuten, sich nach dem Zeitplan eines Gerichtes zu richten statt nach seinem eigenen, und den mit einer Anwaltspraxis einhergehenden Ärger und die Kopfschmerzen gäbe es auch. Er wollte sein Leben keinesfalls durch solche Einschränkungen bestimmt wissen. Das hatte bei ihm einfach nicht funktioniert.

Richard beschloss, für heute die Arbeit zu beenden. Er räumte seinen Schreibtisch aus, stellte Akten an ihren richtigen Platz zurück, nahm seine Jacke, schloss das Büro ab und ging zu seinem Auto. Er erreichte seinen SUV, schloss die Fahrertür auf und wollte sich auf dem Fahrersitz niederlassen, als jemand, der zwischen den geparkten Autos umherlief, seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Richard hielt in seiner Bewegung inne, um zu sehen, warum derjenige so rannte, da ertönte ein Schuss, und der Asphalt knapp vor seinen Füßen spritzte auf.

"Was soll das, zum Teufel!", rief er und hatte im Bruchteil einer Sekunde die Glock aus seinem Holster gerissen und ging in eine klassische Hocke, ein Knie auf dem Bürgersteig in Kontakt mit dem Asphalt und die offene Autotür als Schild.

Die Explosion eines zweiten Schusses, der ein neben seinem SUV geparktes Auto traf, übertönte seine Worte: "Ruft die Polizei!"

Richard konnte den Standort des Schützen nicht erkennen und blieb an seinem Platz in Schussposition. Wegen der Menschen auf dem Parkplatz konnte er das Feuer nicht erwidern. Einige rannten in die entgegengesetzte Richtung und hofften anscheinend, Zuflucht in den Geschäften zu finden. Mehrere Leute schrien: "Ruft die Polizei!"

Also wartete er auf einen weiteren Schuss, aber keiner kam.

Und schon bald ertönte das Heulen der sich nähernden Sirenen.

Richard griff nach seinem Handy und wählte die Notrufnummer. Dem Dispatcher sagte er: "Richard McCord hier, Privatdetektiv. Jemand hat gerade versucht, mich zum Ziel für Schießübungen zu benutzen. Ich bin nicht weit von meinem Büro entfernt, an meinem SUV auf dem Parkplatz von Golden und Madison. Deine Jungs fahren jetzt auf den Parkplatz."

Eine zufällige Schießerei?

Auf keinen Fall! Jemand hatte ihn aufs Korn genommen, und zwar hier in seinem eigenen Revier. Er wollte herausfinden, welcher Mistkerl es auf ihn abgesehen hatte. Und wenn der Betreffende ein raues, skrupelloses und schmutziges Spiel spielen wollte, sollte er sich besser in acht nehmen, da Richard McCord höllisch angepisst war und ihn sein Finger juckte, den Abzug seiner Glock 17 zu streicheln. Er roch Blut! Und er hoffte, es würde nicht sein eigenes sein.

Aufgrund der Tatsache, dass Richard das Ziel der Schüsse zu sein schien, konzentrierte sich einer der Polizisten auf ihn, während andere Officers andere Leute befragten, die in der Gegend waren.

"McCord, Sie sagen, Sie haben keine Ahnung, wer Sie vielleicht vollspritzen wollte?"

Richard blickte auf das Namensschild des Officers und las den Namen George Ariss. Er ignorierte die Frage und fragte seinerseits: "Sind Sie mit Waldo Ariss verwandt?"

"Ja, warum?"

"Waldo war ein Freund von mir. Wie seid ihr verwandt?"

"Er ist mein Vater."

"Echt jetzt! Wie geht es ihm? Ich habe nichts von ihm gehört, seitdem er nach Seattle gezogen ist."

"Er ist jetzt Captain bei der Polizei. Es geht ihm gut. Er sagt immer wieder, dass er bald in Rente gehen wird."

"Wie ich Waldo kenne, wird er sich erst zur Ruhe setzen, wenn er dazu gezwungen wird."

Ariss lachte. "Da haben Sie wahrscheinlich recht", sagte er. "Zurück zu meiner Frage. Sie wissen nicht, wer auf Sie geschossen haben könnte?"

"Nein. Man könnte sagen, ich habe hier und da ein paar Feinde, aber keine, die ich identifizieren konnte."

"Arbeiten Sie gerade an einem Fall?"

Richard schaute sich um, und einen Moment lang erhaschten seine Augen einen Blick auf eine schlanke dunkelblonde Frau, die ein Geschäft weiter unten auf dem Parkplatz betrat. Er dachte, dass sie wie Mandy Freidman aussah, entschied aber, dass ihm wahrscheinlich seine Fantasie einen Streich spielte, da es viele gut aussehende dunkelblonde Frauen gab. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Officer zu.

"Ich arbeite an einem Fall. Es begann mit Drogen, aber jetzt geht es um Mord. Ich arbeite für Dr. Frank Howard, und Sie haben wahrscheinlich gehört, dass eine seine Angestellten in seinem Dentallabor ermordet wurde?"

"Oh, ja. Ich habe davon gehört. Schon irgendetwas herausgefunden?"

"Noch nicht. Auch das entwickelt sich anscheinend zu einem Fall, bei dem Drogen im Spiel sind, obwohl die Zeit es zeigen wird."

"Ich schlage vor, Sie passen auf sich auf, denn normalerweise haben wir hier keine Schießerei aus heiterem Himmel und am helllichten Tag."

Richard nickte. "Ich verstehe schon. Schätze, ich war das Ziel."

Ariss sah sich um und nickte einer kleinen Gruppe von Leuten mit mehreren Officers zu. "Wir sprechen mit Zeugen. Vielleicht hat jemand etwas gesehen, das weiterhelfen kann."

"Das wäre schön", antwortete Richard, "aber ich bezweifle es. Wenn ihr mit der Untersuchung fertig seid und wenn es Neuigkeiten gibt, würde ich mich freuen, davon zu erfahren." Richard blickte auf das Auto neben seinem und sagte: "Sagen Sie mir Bescheid, was mit der Kugel ist, wenn die Forensik sie sich vorgenommen hatte."

"Ja, wird gemacht, McCord", versprach Ariss. "Ich habe alles Nötige für den Bericht, also können Sie gehen."

"Danke, George. Grüßen Sie Ihren Vater von mir, wenn Sie sich das nächste Mal mit ihm in Verbindung setzen."

"Wird gemacht. Halten Sie sich aus der Schusslinie heraus, McCord."

"Darauf können Sie wetten!"



Richard fuhr über den Parkplatz davon und trat vor dem Laden auf die Bremse, in dem die junge dunkelblonde Frau verschwunden war. Er schaute sich um und entdeckte nirgendwo einen schwarzen Lexus. Offensichtlich hatte seine Fantasie Überstunden gemacht, entschied er. Er zuckte mit den Achseln und lenkte vom Parkplatz auf die Straße.

Er fragte sich, warum Mandy Freidman so ein integraler Bestandteil seiner Untersuchung zu sein schien. Oder, ging es wirklich nur um die Untersuchung? Schließlich hatte sie etwas Geheimnisvolles und Unwirkliches an sich, und ein Teil von ihm war fasziniert, dennoch machte es ihm Sorgen, dass er sich auf eine seltsame Weise zu ihr hingezogen fühlte.

Ihm war dabei nicht wohl, da er wusste, dass sie eine kleine Gefahr für ihn darstellte, wie für viele Männer anscheinend auch. Er musste sich eingestehen, dass es ihre sexuelle Attraktivität war, die Männer leicht in Teufels Küche bringen konnte.

Während seiner Alkoholtage war dort gewesen, und es hätte für ein Leben ausreichen sollen, nachdem er mehrere Frauen wie Mandy in One-Night-Stands flachgelegt hatte.

Er dachte an die erste Nacht, in der er Mandy "Covers" Freidman persönlich gesehen hatte, auf seiner Veranda stehend, von der Lampe der Veranda beleuchtet, die Licht und Schatten über sie warf, aber nicht genug Schatten, um die schlanke Gestalt unter der Lederjacke zu verbergen, die sie trug und die absichtlich oder unabsichtlich aufgegangen war und den Blick auf die üppigen, vollen Brüsten freigegeben hatte.

Dann wanderten seine Gedanken zu der Nacht in der Crystal Lounge und wie er ihre sinnlichen Bewegungen beobachtet hatte, während sie auf der Bühne getanzt und ihren fast nackten Körper um eine Stange geschlungen und gedreht hatte.

Er lachte und sagte laut: "Was ist los, zum Teufel, Richard, bist du verrückt? Jemand hat gerade auf dich geschossen, du hättest getötet werden können, und dann denkst du an eine Frau wie Mandy, wenn du gerade eine Beziehung mit einer wunderbaren Frau wie Jessie begonnen hast?"

Als er weiterfuhr, entschied er, dass seine Gedanken über Mandy den Zweck hatten, Jessie vor ihm zu schützen, außerdem der Versucht zu rechtfertigen, warum er vielleicht nicht gut genug für Jessie Conway war, aber gut genug für Sex mit jemandem wie Mandy, der Tänzerin.

Hatte er Jessie nicht erst vor ein paar Stunden gesagt, dass die Gefahr ein Teil seines Jobs sein könnte? Als er diese Worte gesagt hatte, hatte er geglaubt, dass es hauptsächlich leere Worte waren, aber offensichtlich war das Gegenteil der Fall. Jetzt, nachdem er einen Hauch von Realität erlebt hatte, fragte er sich, ob er Jessie dem gefährlichen Leben aussetzen wollte, das er führte. Wäre das fair ihr gegenüber? Würde sie überhaupt eine Beziehung zu ihm wollen, wenn sie merkte, dass sein Job als Privatdetektiv Bedrohungen oder sogar den Tod bringen könnte?

Jessie Conway würde liebend gern hören, dass das, was er ihr gesagt hatte, der Wirklichkeit entsprach. Ja, sein Job war sehr riskant, und das ließ sich nicht leugnen.

Aber mehr als sich über Jessies Reaktion auf die Gefahren zu wundern, störte ihn wirklich, dass er sich fragte, ob er tatsächlich gut genug für Jessie Conway war. Könnte er irgendwelche Erwartungen erfüllen, die sie an einen Gefährten hatte? Er wollte es glauben, aber aus irgendeinem Grund fühlte er sich unsicher und konnte dieses nagende Gefühl nicht abschütteln.

Lag das daran, dass er noch nie zuvor eine ernsthafte und engagierte Beziehung gehabt hatte? Er wollte nicht glauben, dass es etwas mit der Unfähigkeit zu tun hat, sich auf eine feste Beziehung einzulassen. Dennoch fragte er sich, warum er anscheinend das sabotierte, was sich mit Jessie Conway entwickelte.

Er fragte sich auch, wer auf ihn geschossen hatte. Jemand war definitiv sauer auf ihn. Jemand, der ihn anscheinend beim Verlassen seines Büros beobachtet und auf der Lauer gelegen hatte.

Was Richard damals nicht wusste, war, dass ihm jemand in sein Büro gefolgt und dann, ja, auf ihn gewartet hatte.




Kapitel Fünfundzwanzig

Joe Nieto hatte schon vor vielen Jahren sein Abzeichen als "el jefe" erhalten und mit Stolz getragen. Er hatte sich von der gewöhnlichen Welt der mexikanischen Teenagerbanden im Barrio innerhalb der mexikanischen Mafia im San Gabriel Valley zu einer Person von Autorität entwickelt. Er hatte diesen Schritt vom Teenager zum Erwachsenen so geschickt und heimlich getan, dass ihn die meisten Mitglieder der Gemeinde für einen gesetzestreuen Geschäftsmann und einen legitimen, fürsorglichen Familienmenschen hielten.

Nur wenige Menschen wussten von Nietos Doppelleben. Neben einer zweiten Familie mit seiner langjährigen Geliebten Angie Martinez führte er auch ein lukratives Drogengeschäft, das jedes Mal Millionen von Dollar einbrachte, wenn eine Sendung aus Mexiko eintraf und die Straßen des San Gabriel Valley in Südkalifornien erreichte.

Er betrachtete seine Kameraden im Raum: fünf Latino-Männer und eine amerikanische blonde Frau. Er fragte sich oft, wie sie die Gruppe infiltriert hatte, aber sie war mit einem Feuerwerk an Hardcore-Verbindungen zur Drogenwelt hereingekommen und verdiente sich dabei ihren Lebensunterhalt. Also musste er ihr das zugestehen. Und inzwischen waren seine Kollegen mit ihrer Anwesenheit zufrieden.

Die fünf Männer waren schon seit einigen Jahren bei ihm, und jeder Mann war loyal. Er vertraute ihnen, aber wenn sie sich entschieden hätten, ihre Loyalität zu ändern oder eine von Nieto gesetzte Grenze zu überschreiten, wie es einige andere im Laufe der Jahre getan hatten, würden sie mit einer Kugel zwischen den Augen enden und in einer Gosse im Barrio oder irgendwo oben im Canyon in einem Flussbett sterben. Das war das Gesetz des Joe Nieto, el jefe. Ihn verärgern bedeutete den Tod. Nieto war bekannt dafür, dass er bis zum Äußersten ging, um seine Rechte durchzusetzen.

Aber im Moment wollte er nur Antworten, und seine "Männer" kamen nicht mit Antworten heraus.

"Wie viele Jungs hast du auf der Straße?", fragte Nieto.

Derjenige, der auf dem Boden saß, antwortete: "Vier."

"Nicht genug“, sagte Nieto. „Doppelt so viele. Ich will wissen, wo die Beute gelandet ist."

Ein anderer Mann sagte: "Niemand redet. Alles ruhig da draußen."

"Ich sagte dir, ich verlange Antworten“, sagte Nieto hart. „Wenn die verdammten Bullen die Ware haben, will ich es wissen. Wenn jemand anderes hortet, will ich das auch wissen."

Nieto's Stimme erhob sich noch lauter vor Entschlossenheit und Wut. "Jeder von euch hat die Nachricht verbreitet. Sagt ihnen, Nieto will jetzt Antworten!"

"Beruhige dich, Joe“, sagte Mandy Freidman. „Du weißt, dass die Jungs dran sind."

Er warf ihr einen gereizten Blick zu. "Hättest du deinen Teil nach Conway erledigt, hätten wir unseren Stoff."

Sie lächelte ihn an, ging zu ihm hinüber und schmiegte sich an ihn. "Du weißt, dass das nicht stimmt, Joe."

Nieto ignorierte ihre Bemerkung und wich von ihr zurück. "Blanco, du sprichst mit deinen Verwandten von der Polizei“, wies er ihn an. „Spendiere ihnen ein paar Biere und quetsche sie aus. Jemand muss wissen, wo die Drogen gelandet sind."

Blanco, ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit dunklem zurückgegeltem Haar, stark tätowierten Händen und Armen und einem Gesicht, das zwei tätowierte Tränen neben seinem rechten Auge zeigte, antwortete: "Familientaufe Sonntag. Ich werde sehen, was ich tun kann".

Der junge Mann, der neben Blanco saß, lachte. "Hey Mann, noch eine Taufe? Wie viele verdammte Kinder hat deine Familie? Werfen wie die Karnickel."

Blanco wusste den Humor nicht zu schätzen. "Halt die Klappe, Julio."

"Verdammt, bist du aber empfindlich, nicht wahr, Blanco?", gab Julio zur Antwort.

Joe Nieto ergriff das Wort. "Ihr beide haltet eure Klappe verdammt nochmal geschlossen. Und ihr habt beide einen Job zu erledigen."

Die Männer beruhigten sich sofort.

"Ihr liefert mir eure Antworten", ordnete Joe „el jefe“ Nieto an. Einen Moment lang sah er sie alle im Raum an. Dann packte er Mandy und zog sie fest gegen seine Brust. Er grinste die Männer an, hob dann ihr Kinn und knallte seine Lippen auf ihre, erkundete ihren Mund mit seiner Zunge, während er ihre Brüste mit der einen und ihr Gesäß mit der anderen Hand drückte. Schließlich brach Nieto den leidenschaftlichen Kuss ab, zog sie schweigend zur Tür, und die beiden verschwanden und ließen ein kehliges Gekicher zurück.




Kapitel Sechsundzwanzig

Angie Martinez versteckte sich hinter einem Auto in der Nähe des Gebäudes, das ihr Freund Joe Nieto betreten hatte. Das Gebäude, das sich hinter Nieto's Automotive Garage befand, wurde selten für andere Zwecke als zur Lagerung genutzt.

Sie war sehr schnell fast verrückt vor Wut. Die Droge und das Adrenalin ließen ihre Herzfrequenz hochschnellen, aber sie wusste jetzt genau, was sie sich seit einigen Wochen gedacht hatte.

Es war die Frau, Mandy. Die Schlampe, die ihre Drogen mitbrachte, zockte auch ihren Freund Joe Nieto ab, indem sie ihn fertig machte, nicht mit Drogen oder Geld, sondern indem sie ihn fickte. Angie wusste es. Sie war sich bewusst geworden, dass Joe nicht so oft wie in der Vergangenheit Sex mit ihr wollte, ein sicheres Amueichen dafür, dass er jemand anderen als sie und seine eigene Frau vögelte. Es war schon einmal vor mehr als einem Jahrzehnt passiert. Damals war es eine kurzlebige Angelegenheit gewesen, und sie hatte ihm für seine Indiskretion vergeben.

Und jetzt wusste Angie, dass sie nichts einbildete. Sie wusste, dass ihr Mann nichts Gutes im Schilde führte. An diesem Morgen, als Mandy auf Joes Anordnung kam, um Drogen zu liefern, blieb Angie absichtlich clean, damit sie mit einem klaren Kopf denken und zuhören konnte. Sie war zu dem Glauben gekommen, dass Mandy mit ihren Bemerkungen Angie bewusst eifersüchtig machen wollte.

An diesem Morgen hatte sie alles entdeckt, was sie wissen musste.

Die Schlampe wollte, dass sie das Foto sah.

Angie sah ein Foto auf Mandys Handy, und obwohl Mandy so tat, als würde sie es schnell wegwischen, war es zweifelsohne Joe Nieto, ohne Hemd und in einer intimen Situation mit der knapp bekleideten Mandy.

Jetzt, ein paar Stunden später, hatte Angie heimlich mitbekommen, wie Joe Nieto, den Arm um Mandy Freidmans Taille gelegt, das Gebäude betrat. Sie waren kurz davor stehengeblieben, und da sie sich umarmten und küssten, wusste Angie, dass sie zu weit von ihnen entfernt war, um ihr Ziel mit dem .38 Colt-Revolver treffen zu können, den sie mit sich führte.

Sie hätte noch Zeit. Bald.

Es war schon ein paar Jahre her, dass sie im Azusa Canyon auf dem Schießstand oder irgendwo in den San Gabriel Mountains geübt hatte. Aber obwohl so viel Zeit vergangen war, fühlte sich der Griff der Waffe vertraut an. Im Moment hat sie vor allem ihr Leben mit Joe Nieto im Sinn, und sie war dabei, es zu verlieren. Nur wegen dieser dunkelblonden Schlampe.

Angie Martinez dachte darüber nach, wie Joe Nieto sie vor einem Leben auf der Straße gerettet hatte, wie er sich anfangs um sie gekümmert hatte, wie er in diesen frühen Tagen ein stolzer Vater gewesen war. So viel hatte sich verändert. Ihre Kinder waren jetzt erwachsen, sein Automobilgeschäft wuchs und gedieh, und er engagierte sich viel stärker in la organización.

Ihr war der Schweiß ausgebrochen. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und wischte die Feuchtigkeit weg. Ihr Herz schlug noch schneller und schien ab und zu einen Schlag zu überspringen.

Sie entschied, dass sie sich bei den Drogen hätte zurückhalten sollen, weil sie jetzt den vollen Effekt spürte.

Sie rückte viel näher an das Gebäude heran und kniete sich zwischen zwei Autos hin. Von hier aus hatte sie volle und klare Sicht auf die Eingangstür des Gebäudes.

Und wartete.



Mandy Freidman und Joe Nieto verließen das Gebäude, umarmten und küssten sich noch einmal und trennten sich dann, und Nieto ging zurück in seine Werkstatt. Mandy drehte sich um und wollte zu ihrem Auto, als sie Angie Martinez auf dem Bürgersteig zwischen zwei Lastwagen sah. Sie war zusammengebrochen und lehnte mit dem Rücken gegen den Reifen eines alten Dodge Pickups.

Mandy ging zu ihr und sah, dass Angie kaum noch bei Bewusstsein war. Sie wirkte aufgeregt und atmete heftig. Neben ihr lag ein Revolver.

"Du Schlampe", sagte Mandy unterdrückt und griff nach der Waffe. Sie hob sie auf und schob sie in ihre Handtasche. "Sieht so aus, als bräuchtest du noch eine weitere Dosis und eine schöne Fahrt. Zufällig habe ich genau das, was du brauchst, Schlampe." Sie lachte, wandte sich ab und ging zu ihrem Auto.


*


Richard hatte Frank Howard angerufen, um einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren, und Howard hatte gebeten, sich in seinem Haus in Claremont zu treffen. Zwei Stunden vor dem geplanten Termin erhielt Richard einen Anruf von Howard, in dem er vorschlug, stattdessen zu einem Restaurant in Covina zu kommen.

Richard war die Planänderung sehr willkommen, und er war erleichtert, weil er sich nicht darauf gefreut hatte, Zeit mit Howards Frau Carolyn zu verbringen.

Wie er sich gedacht hatte, war Carolyn Howard Alkoholikerin. Carlos Hernandez hatte ihm berichtet, dass sie dreimal wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet worden war und wochenlang in der Rehabilitation im Betty Ford Center in Rancho Mirage und in einem anderen Rehabilitationszentrum im Stadtteil Santa Barbara verbracht hatte. Es schien, dass sie nicht nur ein Alkoholproblem hatte, sondern auch Probleme mit dem Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten, so die Gerichtsakte.

Die Polizei von Claremont hatte auch auf zwei Anrufe aus Howards Haus reagiert. In beiden Fällen war Carolyn Howard völlig alkoholisiert gewesen und ihrem Mann gegenüber gewalttätig geworden, aber es wurden keine Anzeigen erstattet.

Nach seiner Begegnung mit Carolyn Howard wusste Richard, dass die Reha-Maßnahmen nichts eingebracht hatten, also war er erleichtert, dass er keine Zeit in ihrer Anwesenheit verbringen musste.

Richard war daher froh, während der Happy Hour das Northwest Steak House aufzusuchen, und wartete auf die Ankunft von Dr. Frank Howard.

Er hätte den Abend lieber mit Jessie Conway verbracht, aber das Geschäft ging vor, und es war wichtig, dass er sich mit Howard traf.

Howard hatte einen hochkarätigen Anwalt aus Los Angeles engagiert und lebte in Angst, dass er wegen des Mordes an seiner Angestellten Kathy Cerine verhaftet werden würde.

Richard hatte keine Ahnung, ob Howard tatsächlich in Gefahr war, verhaftet zu werden, da die Polizei nicht aus der Deckung kam. Wahrscheinlich warteten sie noch auf die Laborergebnisse des Opfers. Berichte aus der Gerichtsmedizin dauerten oft ihre Zeit. Er wusste auch nicht, ob die Ermittler am Tatort Beweise gefunden hatten. Natürlich helfen Fingerabdrücke und andere übliche Informationen an einem Ort wie einem Labor, an dem eine Reihe von Mitarbeitern kommen und gehen, möglicherweise überhaupt nicht weiter.

Die Hostess des Restaurants brachte Richard an einen Tisch und sagte: "Die Bedienung wird gleich bei Ihnen sein."

Sie war kaum weggegangen, als die Kellnerin mit einem Körbchen Erdnüsse und einem Lächeln ankam. "Hallo", sagte sie herzlich. "Was kann ich Ihnen bringen?"

Richard erwiderte ihr Lächeln. "Ich hätte gerne einen Eistee, bitte."

"Möchten Sie die Speisekarte?"

"Eigentlich treffe ich mich mit jemandem, also im Moment nur den Tee, bitte."

Sie sah ihn einen Moment lang an und sagte dann: "Kenne ich Sie nicht von irgendwo her?"

"Ich glaube nicht", sagte er.

"Waren Sie schon oft hier?"

"Nein, nicht sehr oft", antwortete er. "Ab und zu bin ich zum Abendessen gekommen."

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, nicht hier. Sind Sie Anwalt?"

"Na ja, jetzt nicht mehr aktiv, aber ich war es mal."

"Das ist es. Das Gericht. Ich war vor einiger Zeit als Angestellte dort tätig."

Er lächelte. "Dann haben Sie mich wahrscheinlich dort gesehen."

Sie lachte. "Damals wollte ich Sie immer auf mich aufmerksam machen, aber Sie waren nicht interessiert."

"Wirklich? Ich hoffe, ich war nicht unhöflich."

"Nein. Waren Sie nicht. Sie waren nur nicht daran interessiert, dass ein junges Mädchen flirtete und sich verzweifelt mit einem gutaussehenden Mann wie Ihnen verabreden wollte."

Er lachte und bemerkte dann: "Tut mir leid deswegen."

Sie lachte leicht. "Nun, lassen Sie sich deswegen keine grauen Haare wachsen. Ich habe meinen Mann gefunden und bin glücklich verheiratet", sagte sie und fügte mit einem warmen Lächeln hinzu: "Ich bin gleich wieder da mit Ihrem Eistee."

Als sie wegging, fragte sich Richard, ob er damals unausstehlich oder nur ein introvertierter Betrunkener gewesen war. Sie war jetzt eine attraktive Frau, und er hätte sie schon damals bemerken sollen. Aber es war wahrscheinlich gut für sie, dass es anders gekommen war. Es war schön zu hören, dass sie ihn nicht für unhöflich gehalten hatte. Das sprach für ihn, vermutete er.

Er war noch in Gedanken an seine Zeit als Anwalt, als Dr. Frank Howard zu ihm kam.

"Danke, dass Sie sich mit mir treffen, Richard", sagte Howard und setzte sich zu Richard an den Tisch. "Ich hatte nicht vor, heute Abend nach Hause zu gehen, also ist das der Grund für den Standortwechsel."

"Das passt mir gut, Frank."

Als die Kellnerin mit Richards Glas Tee an den Tisch zurückkehrte, bestellte Howard einen Whiskey und Soda.

Voll von einer Energie, über die er anscheinend wenig Kontrolle hatte, sagte Howard: "Ich sagte Ihnen am Telefon, dass ich Sam Kimmet angeheuert habe. Ich rede nicht noch einmal ohne Anwalt mit der Polizei."

"Wahrscheinlich eine gute Idee", antwortete Richard.

"Kimmet ist einer der besten des Landes. Er sagte mir, ich müsse mir keine Sorgen machen, aber ich bin immer noch nervös."

"Beruhigen Sie sich einfach."

"Verdammt, wer zum Teufel will schon Zeit im Knast verbringen, oder in einem Gerichtssaal, wo dein Leben in den Händen einer Jury liegt? Ich sicher nicht!"

"Das müssen Sie vielleicht auch nicht. Und wenn Sie nichts falsch gemacht haben."

"Sag das den verdammten Bullen. Zum Teufel, nein, ich habe nichts getan. Ich weiß verdammt nochmal nicht, wer Kathy ermordet hat. Es hätte jeder Fremde sein können, der durch die Tür des Labors kam."

Richard nickte, weil er wusste, dass Howard recht hatte. Es hätte ein Fremder sein können. Jeder, der von der Straße kam, vielleicht jemand, der annahm, dass dort Drogen in einem Dentallabor vorrätig waren. Schmerzmittel. Und der Betreffende könnte auf Widerstand seitens Kathy Cerine getroffen sein. Oder es hätte auch so ablaufen können: Jemand kam ohne ihr Wissen ins Labor und griff sie von hinten mit dem Kabel an. Wenn Billy Thomas auf seinem Wachposten gewesen wäre, könnte Kathy Cerine vielleicht noch am Leben sein.

Ein Fremder? Ja, dachte er. Möglicherweise.

Richard wusste jedoch, dass es vielleicht gar kein Fremder war, sondern jemand, den Kathy kannte und dem sie vertraute; jemand wie Billy Thomas oder ihr eigener Chef, Dr. Frank Howard.

Richard fragte sich, ob Frank Howard Grund hatte, seinen Arsch zu retten. Wusste Kathy zu viel über die Finanzen des Unternehmens, über fehlende Medikamente, und war sie misstrauisch geworden, und Howard wusste es? Hatte Howard es so eingerichtet, dass er schnellen Sex mit Mandy hatte, um dann an diesem Tag rechtzeitig seine Praxis zu verlassen, in sein Labor zu fahren und Kathy umzubringen, weil er dachte, er könne ein fertiges Alibi mit seiner Geliebten haben, oder sogar einen Mordverdächtigen, weil er sich mit Richard zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen wollte - kurz nach dem Mord?

Und jetzt, nachdem er die Verbindungen zwischen mehreren Menschen kennengelernt hatte und offenbar die Drogen im Mittelpunkt standen, verlagerte sich Richards Fokus definitiv auf eine viel breitere Sichtweise.

Hatte alles, fragte er sich, mit dem Mord an Trigger Conway begonnen?

Was war mit Mandy Freidman? Was genau wusste er über sie?

Er wusste von ihrer sexuellen Attraktivität, die man nicht leugnen konnte, aber als er an sie dachte, wusste er wirklich nicht viel mehr.

Was er mit Sicherheit wusste, war, dass die junge Frau mit dem tollen Körper und einem Geheimnis um sich ihm auf seltsame Weise eine Scheißangst einjagte. Er wusste, dass er sich, um die eigene geistige Gesundheit zu wahren, von ihr fern halten musste, denn an ihr war etwas, das sein Gefühl von Recht und Unrecht, von sexuellem Verlangen und Abstoßung und wahrscheinlich von Liebe und Hass herausforderte.

Richard hatte den größten Teil seines Lebens gehört, dass sich Gegensätze anziehen, und wer auch immer diese Idee hatte, konnte recht haben, aber wahrscheinlicher, glaubte er, war es ein grausamer Witz der Natur. Sich sexuell von einer Frau angezogen zu fühlen, die ganz anders war als er, völlig anders, war für ihn gefährlich.

Das schmerzliche Verlangen in den Lenden hatte ihn zu oft in Schwierigkeiten gebracht, und er konnte es nicht ein weiteres Mal zulassen. Gefahr stand auf Mandy Freidman geschrieben, von Kopf bis Fuß, nackt oder nicht, und sie könnte den Tod von Richard McCord bedeuten.

Richard war sich bewusst, dass einige Männer ihren Tod mit weniger Verlockungen erlebt hatten.

Wenn Richard achtsam blieb und Mandy auf sichere Distanz hielt, könnte sie auch der Tod seiner Beziehung zu Jessie Conway sein. Dass so etwas geschah, wollte er mit verdammter Sicherheit nicht. Schließlich war Jessie die Frau, nach der er lange Jahre gesucht hatte. Wahrscheinlich sogar durch den Dunst des Alkohols, obwohl er das niemandem gegenüber zugegeben hätte, nicht einmal sich selbst.

Richard konzentrierte sich wieder auf Frank Howard und bemerkte das vertraute Aroma von Whiskey, das aus dem Glas auf dem Tisch vor Howard und nicht weit entfernt von seiner eigenen Hand kam.

Eine weitere Herausforderung, der sich Richard noch fast täglich stellen musste. Einige Tage waren viel einfacher als andere.

Während Richard dort im Restaurant saß und den Leiden von Frank Howard lauschte, wusste er, dass heute kein einfacher Tag für ihn war, und diese Tatsache wurde bestätigt, sobald sie durch die Tür des Restaurants kam und sich ihrem Tisch näherte.

Richard spürte, wie sich seine Schultern spannten, als er sie in ihre Richtung schlendern sah. Die meisten männlichen Augen im Raum konzentrierten sich auf ihre Bewegungen, die wie immer ihre Sexualität ausstrahlten. Sie trug ein cremefarbenes Tank-Top, das in engen schwarzen Jeans steckte, und rote High Heels, dazu hielt sie einen roten Pullover in der Hand und hatte eine Handtasche über die Schulter gehängt.

Mandy schenkte Richard ein sinnliches Lächeln, als sie sich über den Rücken von Frank Howard lehnte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, nicht laut genug, dass Richard die Worte verstehen konnte. Aber sie ließ dabei Richard kaum aus den Augen

Als sie sich vorbeugte, kam Richard nicht umhin zu bemerken, dass ihre Brüste sich aus ihrem Spitzen-BH und dem tief ausgeschnittenen Tank-Top befreien wollten. An ihrer Goldkette baumelte ein Diamantanhänger, und er wusste, dass Mandy genau wusste, dass er ihre absichtliche Freizügigkeit bemerkte.

Sie glitt auf einen Sitz neben Howard und sagte: "Richard, schön, dich wiederzusehen. Wie geht es dir?"

"Mir geht's gut, Mandy."

Howard beugte sich zu Mandy's hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

"Frank hat mich gebeten, ihn zu begleiten“, sagte sie zu Richard. „Er dachte, du hättest vielleicht ein paar Fragen an mich."

Sie sah Howard an und sagte: "Schatz, du musst dich etwas entspannen. Der Stress macht dich fertig."

"Blöder Stress"“, sagte Howard. Er hob sein Glas, leerte es und winkte der Bedienung. "Was darf's sein, Mandy, Schatz?"

"Ich nehme einen Wodka auf Eis", antwortete sie.

Howard bestellte Getränke und einen frischen Tee für Richard. Die Kellnerin ging und ließ Speisekarten zurück.

Mandy nahm eine Karte auf und sagte: "Ich bin am Verhungern. Was ist hier gut?"

Howard drückte ihre Karte auf den Tisch. "Ich bestelle Steaks für uns alle. Chefkoch Arnold hält die besten erstklassigen Steaks bereit. Extra für mich. Ich habe hier Einfluss. Ich unterstütze diesen Laden seit Jahren."

Die Kellnerin kehrte zurück und nahm eine Bestellung von drei Steaks auf, dazu mittelgroße, gebackene Kartoffeln, gerösteten Spargel und Salat, zudem eine Anweisung an Chefkoch Arnold, die Steaks mit Pilzen zu bedecken.

Während sie ein paar Minuten später ihre Mahlzeit genossen, schien sich das Gespräch auf einen autobiographischen Bericht über Frank Howards Leben zu konzentrieren. Angefangen bei den Kämpfen als Kind in einem kaputten Elternhaus bis hin zu seiner Studienzeit.

Wie Richard Howard so zuhörte, wurde ihm bewusst, dass er wenig über den Mann gewusst hatte, und er erkannte seine narzisstische Seite. Richard hatte keine großartige Ausbildung hinsichtlich psychischer Störungen, hatte aber genug Vorlesungen von Hochschulprofessoren gehört, um zu wissen, dass Howard viele Züge eines Narzissten besessen hatte. Der Mann stank förmlich nach Selbstherrlichkeit. Howard fand auch Gefallen daran, seine sexuellen Eskapaden auszubreiten, und zeigte nicht nur Trotz, sondern auch rücksichtsloses Verhalten, das kein Bedauern oder Verantwortungsbewusstsein zu kennen schien.

Richard lehnte sich zurück und hörte zu, zumeist, ohne eine Bemerkung zu machen. Da bekam er etwas mit, das Howard über die Eltern seiner Frau und ihren Tod bei einem Flugzeugabsturz sagte. Richards bisherigen Nachforschungen zufolge war die genaue Ursache des Flugzeugabsturzes nie richtig herausgefunden worden.

Howard hatte gerade erklärt, dass die Cessna Turboprop wegen einer kleinen Bombe an Bord explodiert sei.

"Wollen Sie damit sagen, dass sie ermordet wurden?", fragte Richard.

Howard hob sein Glas, leerte es, ließ die Eiswürfel klappern und winkte der Kellnerin für einen weiteren Drink. Er zuckte mit den Schultern, "Vielleicht."

"Wirklich?", fragte Richard.

Howards Gesicht leuchtete auf. "Ist doch egal, oder? Meine Verlobte wurde eine wohlhabende Frau. Gab es einen besseren Grund, sie zu meiner Frau zu machen?" Er lachte, schlug mit der Faust auf den Tisch und zeigte dann mit dem Daumen nach oben.

Richard widerstand dem Drang, etwas dazu zu sagen, und ließ Howard mit seiner Show der Überlegenheit fortfahren.

Richard dachte an den Flugzeugabsturz von Santa Barbara vor einigen Jahren. Motiv? Frank Howard hatte genug, schien es. Millionen von Dollar, um genau zu sein. War in der Cessna eine Bombe platziert worden? Könnte es möglich sein, dass der zukünftige Zahnarzt sie dort platziert hat?

Richard entschuldigte sich, um auf die Toilette zu gehen. Bei seiner Rückkehr widmete Frank Howard seine Aufmerksamkeit, ebenso wie Arme, Hände und Mund, völlig seiner Geliebten.

Mandy lachte, als Richard sich wieder zu ihnen setzte. Sie drückte Howards Hände von ihren Brüsten weg und beugte sich zu Richard vor. Sie sagte: "Frank ist so sexsüchtig, dass er mich nicht lange in Ruhe lassen kann." Sie strich sich mit der Hand über ihre Brust und lachte erneut. "Sieh dir das an, meine Brustwarzen sind hart, wie peinlich."

Richard konnte das sehen, ohne dass sie es erwähnen musste. Peinlich berührt? Auf keinen Fall war diese Frau peinlich berührt. Sie liebte es, und Richard wusste es. Sie ging ihm allmählich verdammt auf die Nerven, und allmählich fühlte er sich angesichts ihrer Sexualität, die sie so dramatisch zur Schau stellte, ausgesprochen unwohl.

Richard hob sein Glas auf und nahm ein paar Schlucke in der Hoffnung, ihren Blick meiden zu können, der auf ihm verharrte.

Sie lachte wiederum. "Richard, du bist so komisch." Sie wandte sich Frank zu, legte ihm die Hand auf den Arm und lehnte sich in ihn hinein. "Frank, habe ich dir jemals erzählt, wie Richard die Gelegenheit hatte, mich zu ficken, und er abgelehnt hat?"

Frank warf Richard einen Blick zu und zeigte ein breites Grinsen. "Ach, Schatz, es ist schwer für jeden Mann ..." Er lachte. "Ich meine, es fällt schwer, dir zu widerstehen. Richard muss einen starken Willen haben."

Sie kicherte. "Ich wette, den hat er."

Richard schüttelte den Kopf und hoffte, dadurch den Nebel darin aufzulösen. Er konnte Gespräche hören, konnte aber keine Bedeutung der Worte erfassen und war sich nur halb dessen bewusst, was im Raum geschah.

Dann hörte er Mandy sagen: "Komm schon, steh auf, ich helfe dir." Sie stand neben ihm und zog ihn vom Stuhl hoch. Als er auf seinen Füßen stand, legte sie seinen Arm um ihre Schultern und drückte sich mit den Worten an ihn: "Lehne dich einfach an mich, Richard." Ihre Stimme befahl ihm, lenkte ihn, und er ertappte sich dabei, dass er ihre Anweisungen befolgte und weiterging.

Er spürte kalte Luft, die ihm ins Gesicht schlug, als sie in die Nacht hinaustraten.

"Rein mit dir", sagte sie und schob ihn auf den Beifahrersitz seines SUV. Er hörte eine Diskussion und Howards Stimme, aber er wusste nicht, was gesprochen wurde. In seinem Kopf drehte sich alles, und er verlor die Kontrolle über die Realität. Er versuchte, den Kopf von der Kopfstütze des Sitzes zu heben, aber es war so schwierig.

Der Motor sprang an, und er war sich der Bewegung des SUV bewusst, konnte sich aber nicht genug konzentrieren, um zu fragen, was da geschah.

Irgendwann wurde ihm klar, dass die Bewegung des SUV aufgehört hatte. Er roch Parfüm, spürte weiche Hände auf seiner nackten Brust, feuchte Lippen auf seinem Mund, und spürte, dass er sich tiefer hinein in die Dunkelheit bewegte, in einen dichten Nebel der Verwirrung.

Aus der Düsterkeit seines Geistes heraus hörte er einen Schuss, und dann verblasste die Realität völlig in der Ferne.




Kapitel Siebenundzwanzig

Der nächste Morgen

Der Hüne von Gefängniswärter begleitete Richard in den Verhörraum des Kommissariats.

Es war ein Raum, den Richard kannte, aber normalerweise stand er draußen und beobachtete durch das Glasfenster die Verdächtigen, wie sie verhört wurden.

Man sagte ihm, er solle sich an den Tisch setzen, und sofort traten zwei Kommissare in Zivil ein.

Richard erkannte einen der beiden, Detective Stewart Campbell. Campbell nickte Richard zu und stellte den jüngeren Mann als Detective Harrison Leigh vor.

"Ich habe nicht erwartet, Sie hier zu sehen, McCord", sagte Campbell knapp.

"Ich hatte nicht erwartet, hier zu sein. Was ist denn los? Warum bin ich hier?", fragte Richard.

"Das müssen Sie uns sagen", antwortete Campbell.

"Ich habe keine Ahnung", sagte Richard. "Ich bin in einer Zelle aufgewacht, trage orangefarbene Gefängniskleidung und habe keine Erinnerung daran, wie ich dorthin gekommen bin oder wo meine eigene Kleidung ist."

Detective Leigh, ein junger Kerl nicht viel über fünfundzwanzig, grinste Richard an und setzte sich dann auf einen Stuhl ihm gegenüber. Er legte seinen Laptop auf den Tisch und öffnete ihn.

"Fangen wir am Anfang an, McCord“, sagte Campbell. „Wo waren Sie letzte Nacht?"

"Ich fange am Anfang an, wenn Sie mir sagen, warum ich verhaftet worden bin."

"Sie wurden gestern Nacht gegen ein Uhr als Tatverdächtiger bei einem Mord verhaftet."

"Mord? Was soll das, zum Teufel? Wer zum Teufel wurde ermordet?"

Der jüngere Detective gab Antwort. "Sie heißt Angie Martinez."

"Was?"

"Kennen Sie die Frau?", fragte Campbell.

"Eigentlich schon, wenn sie diejenige ist, die den Hundesalon in Azusa betreibt."

"Das ist sie."

"Nun, verdammt, ich weiß nichts über ihren Tod. Ich war gestern in ihrem Laden; ich glaube, es war gestern. Für ein paar Minuten, das ist alles."

"Das wissen wir", antwortete Campbell.

"Tatsächlich? Sie müssen mit Carlos Hernandez gesprochen haben."

"Detective Lieutenant Carlos Hernandez?"

"Ja."

Die beiden Detektive tauschten Blicke aus. Campbell sagte: "Nein, wir haben nicht mit ihm gesprochen. Warum sagen Sie das?"

"Weil Carlos weiß, dass ich ein paar Drogen von Angie Martinez gekauft und ihm gestern übergeben habe."

"Sie haben Drogen erworben?"

"Ja. Es hat mit einem Fall zu tun, an dem ich arbeite."

"Wir haben sie überwacht, und Sie waren auf Video zu sehen, wie Sie ihren Laden betraten und wieder herauskamen."

"Das macht mich also zu einem Tatverdächtigen?"

"Möglichen Verdächtigen."

Richard zuckte mit den Schultern. "Oh, hören Sie auf, Campbell. Tatverdächtiger, möglicher Verdächtiger, alles dieselbe verdammte Sache. Ich bin nicht die Presse, wissen Sie."

"Sehen Sie es, wie Sie wollen", antwortete Detective Campbell. "Aber ich würde vorschlagen, dass Sie Ihren Anwalt anrufen."

"Deshalb wollten wir, dass Sie sich über Ihre Rechte im klaren sind", sagte Detective Leigh.

Richard war verärgert über das, was in seinen Augen die Bemerkung eines Klugscheißers über seine Rechte war. Die beiden Detectives wussten, dass er außer Privatdetektiv auch Anwalt war, also wussten sie, dass er alles wusste, was er über seine Rechte wissen musste.

Richard hielt seine Verärgerung jedoch im Zaum und sagte: "Ich brauche keinen Anwalt. Rufen Sie einfach Carlos an. Er kann meine Aussagen bestätigen“

"Kann er den Leichnam der Frau mit einer Kugel aus Ihrer Glock erklären?", fragte Campbell.

"Was?"

"Und ihre Leiche auf dem Boden neben Ihrem SUV?", fuhr Campbell fort.

Richard konnte seine Besorgnis und Verwirrung über das Geschehen nicht verbergen. "Wovon zum Teufel reden Sie, Detective?"

Sobald er die Frage gestellt hatte, fragte er sich, ob er die Antwort wirklich wissen wollte.




Kapitel Achtundzwanzig

Richard McCord spürte den Schweiß, der ihm auf die Stirn trat, und die Angst, die tief in seinen Eingeweiden rumorte.

Zugleich jedoch flammte eine heftige Wut in ihm auf, die McCord kaum beherrschen konnte.

Er war hereingelegt worden!

Seine Waffe! Sein SUV!

Und jetzt hieß es, er sei betrunken gewesen.

Teufel, nein, er war nicht betrunken!

Er versuchte, seinen Kopf frei zu bekommen, um eine vollständige Darstellung der Ereignisse der vergangenen Nacht im Northwest Steak House heraufzuholen.

Er erinnerte sich an die Kellnerin dort. Sie konnte bezeugen, dass er Tee und keinen Alkohol getrunken hatte und nüchtern geblieben war. Und sein Bluttest würde zeigen, dass er nicht betrunken war.

Oder doch? Beim Erwachen in der Gefängniszelle hatte einen sauren, abgestanden Geschmack im Mund gehabt, als ob er Alkohol getrunken hätte. Der allzu vertraute ranzige Geschmack, der einige Jahre lang zu seinem täglichen Leben gehört hatte. Verdammt!

Er hatte Mühe, sich daran zu erinnern, wie er das Restaurant verlassen hatte und was sonst noch geschehen war. Einen Moment lang schloss er die Augen in der Hoffnung, dass er sich deutlich an alles erinnern würde, was geschehen war.

Mandy Freidman ... ja, Mandy. Er konnte ihr Parfüm riechen ... genau wie gestern Abend.

Oh fuck!

Was zum Teufel war passiert?

Detective Campbell lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schob mit dem Zeigefinger seine Brille höher auf den Nasenrücken und musterte Richard dann aufmerksam. Schließlich, nach einigen Minuten der Stille, sagte er: "Also, McCord, erzählen Sie mir mehr über den angeblichen Fall, an dem Sie arbeiten."

"Daran ist nichts angeblich", antwortete Richard. "Ich habe einen Fall für Dr. Frank Howard bearbeitet, den Zahnarzt von hier, der mehrere Praxen führt. Er engagierte mich, weil er das Gefühl hatte, dass ihm Geld fehlte, und weil er vermutete, dass es sich um einen Angestellten handelte. Außerdem stellt das Justizministerium wegen Problemen mit den Vorschriften der Anlage II Untersuchungen an. Dann, ein paar Tage, nachdem er mich engagiert hatte, wurde eine Angestellte in seinem Dentallabor in San Dimas ermordet."

Der ältere Detektiv warf seinem Partner einen Blick zu und sah dann wieder Richard an. "Und Sie haben die Leiche der Frau im Labor gefunden, richtig."

Details

Seiten
1300
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738956016
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (November)
Schlagworte
thriller jahresband krimis seiten spannung

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Linda Pendleton (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • Tomos Forrest (Autor:in)

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Titel: Thriller Jahresband Die besten Krimis 2021: 1200 Seiten Spannung