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Spitzenroman Collection Arztromane #1 - Drei Romane

©2021 191 Seiten

Zusammenfassung

Über diesen Band:
Dieser Band enthält folgende Romane:

Wolf G. Rahn - Die große, fremde Stadt macht mir Angst
G.S.Friebel - Du hast mir meine Tochter genommen
A. F. Morland - Muss ich auf mein Kind verzichten?





„Mir gefällt es gar nicht, was die leibliche Mutter vorhat, aber... soll ich nicht doch zum Wohle des Kindes darauf eingehen?”
Fragend sieht Sabine Baumgart erst Dr. Härtling, dann ihren Mann an. Es ist wirklich nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Da ist das bezaubernde Baby, das vor kurzem in der Paracelsus-Klinik geboren wurde und dessen viel zu junge Mutter es Sabine gegen Bezahlung „zur Pflege” geben will. Und da ist Sabines Sehnsucht nach einem Kind, da ist ihr liebevolles Herz, das so viel Wärme, soviel Zärtlichkeit zu verschenken hat.
Dr. Härtling rät Sabine zu, das Baby bei sich aufzunehmen, ihm all die Nestwärme zu schenken, die ein Kind braucht. Der Arzt ahnt nicht, dass er damit eine Lawine aus Erpressung und Intrigen ins Rollen bringt.

Leseprobe

Table of Contents

Titel

Copyright

Die große, fremde Stadt macht mir Angst

Du hast mir meine Tochter genommen

Muss ich auf mein Kind verzichten

Spitzenroman Collection Arztromane #1 - Drei Romane

von Wolf G. Rahn, G.S.Friebel und A. F. Morland

 

Über diesen Band:

 

Wolf G. Rahn - Die große, fremde Stadt macht mir Angst

G.S.Friebel - Du hast mir meine Tochter genommen

A. F. Morland - Muss ich auf mein Kind verzichten?

 

 

 

 

 

„Mir gefällt es gar nicht, was die leibliche Mutter vorhat, aber... soll ich nicht doch zum Wohle des Kindes darauf eingehen?”

Fragend sieht Sabine Baumgart erst Dr. Härtling, dann ihren Mann an. Es ist wirklich nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Da ist das bezaubernde Baby, das vor kurzem in der Paracelsus-Klinik geboren wurde und dessen viel zu junge Mutter es Sabine gegen Bezahlung „zur Pflege” geben will. Und da ist Sabines Sehnsucht nach einem Kind, da ist ihr liebevolles Herz, das so viel Wärme, soviel Zärtlichkeit zu verschenken hat.

Dr. Härtling rät Sabine zu, das Baby bei sich aufzunehmen, ihm all die Nestwärme zu schenken, die ein Kind braucht. Der Arzt ahnt nicht, dass er damit eine Lawine aus Erpressung und Intrigen ins Rollen bringt.

 

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die große, fremde Stadt macht mir Angst

Dr. Staffner packt aus

Der Psychotherapeut und 15 wahre Fallakten

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

 

- Als Schülerin beeindruckte Ingeborg ihre Freundinnen mit Ladendiebstählen, bei denen sie nicht erwischt wurde. Doch schon bald entwickelt sich diese verhängnisvolle Fertigkeit zu einer regelrechten Sucht, die nicht ohne Folgen bleibt …

- In seiner Jugend tobt sich Carl sexuell aus. Doch sein Verlangen wird immer mächtiger und bringt ihn manchmal in Schwierigkeiten. Als er sogar vor kriminellen Praktiken nicht zurückschreckt, wird ihm bewusst, dass er Hilfe braucht …

- Nach einer Vergewaltigung in jungen Jahren fühlt Rebecca sich und ihre Umgebung ständig schmutzig. Sie kämpft durch übertriebenes Putzen dagegen an, doch es wird immer schlimmer, und ihre Familie muss darunter leiden …

Und 12 weitere Schicksalsgeschichten ... Dr. Staffner packt aus!

 

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut kamen viele Menschen zu mir, die ein Ereignis oder ihr eigenes Verhalten aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Indem ich versuchte, ihnen zu helfen, erfuhr ich zum Teil erschütternde Lebensbeichten. Die Namen wurden selbstverständlich von mir geändert.

 

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover by Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Wenn ich stehle, geschieht dies unter einem Zwang

Ingeborg sitzt dem Warenhausdetektiv gegenüber. Seine Fragen, die sie längst auswendig kennt, beantwortet sie mechanisch. Ihr Blick wirkt matt. Sie weiß, dass sie wieder einmal den Kampf gegen ihre Sucht verloren hat.

Diesmal wurde ihr ein T-Shirt zum Verhängnis. Auf dem Wühltisch wurde es für acht Euro angeboten. Mit mehr als hundert Euro in der Geldtasche hätte Ingeborg es kaufen können. Doch sie schob es blitzschnell unter ihren Mantel und versuchte, den Ausgang zu erreichen. Es ging schief.

"Aus Not habe ich noch nie gestohlen", gibt sie zu. "Schon als Kind bekam ich viel mehr Taschengeld als meine Freundinnen. Ich hätte ihnen den einen oder anderen Euro schenken können."

Doch das tat sie nicht. Sie beeindruckte die Gleichaltrigen weitaus stärker, wenn es ihr gelang, im Supermarkt eine Handvoll Kaugummis zu 'organisieren', ohne dabei erwischt zu werden.

"Diese Selbstbedienungsläden stellten eine riesige Verlockung für mich dar", erinnert sich Ingeborg. Man brauchte doch nur in einem unbeobachteten Moment zuzugreifen und ein harmloses Gesicht zu zeigen. Das machte richtig Spaß."

Es blieb nicht bei den Kaugummis. Schon bald war Ingeborg in der Schule ein streng gehüteter Geheimtipp. Wenn jemand in der Pause Appetit auf eine Brezel verspürte, sich sehnlichst ein paar Rollschuhe wünschte oder unbedingt die neueste Single von den Beatles brauchte, Ingeborg beschaffte alles und sonnte sich in ihrem Ruhm. Sogar von den Jungen wurde sie respektiert.

Ein einziges Mal während ihrer ganzen Schulzeit wurde sie beim Stibitzen erwischt. Sie beteuerte hoch und heilig, so etwas noch nie gemacht zu haben und es selbstverständlich auch nie wieder zu tun. In Wahrheit schämte sie sich hauptsächlich vor ihren Kameradinnen, weil sie so ungeschickt gewesen war. Längst hatte sie nämlich Nachahmer gefunden, aber keiner brachte es auf ihre Fingerfertigkeit. In diesem Sport war sie einfach die Beste.

Es war tatsächlich so, dass Ingeborg ihre Diebstähle von der sportlichen Seite betrachtete. Sie wollte sich ja nicht bereichern. Das hatte sie gar nicht nötig. Sie reizte das Prickeln, wenn sie sich bewusst der Gefahr des Entdecktwerdens aussetzte.

"Nach der Schulzeit trat mein Talent ein wenig in den Hintergrund", erzählt Ingeborg. "Andere Interessen wurden wichtiger. Sie hießen Heinz, Dieter oder Rolf. Doch immer, wenn ich unglücklich verliebt war oder eine Verbindung in die Brüche gegangen war, zog es mich mit unwiderstehlichem Zwang in Kaufhäuser und Geschäfte. Ich verließ sie dann nie, ohne irgendetwas mitgehen zu lassen. Meistens handelte es sich um etwas völlig Sinnloses, als wollte ich gegen meinen Herzensjammer protestieren."

So stahl sie Hutnadeln, Blumenzwiebeln oder auch eine Taucherbrille. Manches davon warf sie in die nächste Mülltonne, anderes behielt sie als Trophäe.

Mit dem regelmäßig wiederkehrenden Liebeskummer plagte sie sich bis zu ihrem 26. Lebensjahr. Dann lernte sie Horst kennen und wurde seine Frau.

Horst verdiente als Unternehmensberater gutes Geld. Er besaß einen Bungalow am Stadtrand und eine Ferienwohnung auf Sylt. Mit ihm hatte Ingeborg keine schlechte Wahl getroffen. Sie schien auch ihr Laster überwunden zu haben. Doch dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem sie – im sechsten Monat schwanger ihr Baby verlor.

Der Aufenthalt im Krankenhaus reichte nicht aus, um diesen Schock zu überwinden. Wie sehr hatte sie sich dieses Kind gewünscht! Kaum war sie entlassen, als sie auch schon in einem Tabakwarenladen eine teure Pfeife stahl. Danach fühlte sie sich bedeutend wohler. Die Pfeife wurde in einen See geworfen, und schon nach einigen Tagen spürte Ingeborg wieder jene seltsame Leere in sich, die immer dann auftrat, bevor sie es tat es tun musste.

"Begreiflicherweise entwickelte ich eine Vorliebe für Babywäsche", sagt Ingeborg bedrückt. "Einiges davon hob ich auf. Horst dachte sich nichts dabei, wenn er ein Strampelhöschen fand. Er kam nicht auf die Idee, ich könnte es nicht ordnungsgemäß bezahlt haben. Schließlich verfügte ich über mehr Wirtschaftsgeld, als ich benötigte."

Längst war die Zeit vorbei, in der sie mit ihren flinken Fingern nur bei ihren Freundinnen Eindruck schinden wollte. Inzwischen benutzte sie ihre heimliche Leidenschaft unbewusst immer dann als Ventil, wenn irgendetwas nicht so lief, wie sie sich das vorstellte.

Hatte sie sich auf einen gemeinsamen Abend mit Horst gefreut, und er kam nicht nach Hause, ging sie auf Tour. Passten ihr die entzückenden Schuhe aus der Auslage nicht, ließ sie wenigstens einen davon in ihrer Tasche verschwinden.

Ganz schlimm aber wurde es, als alle Bemühungen, doch noch ein Baby zu bekommen, scheiterten. Nach einer weiteren Fehlgeburt riet ihr Arzt aus gesundheitlichen Erwägungen von einer neuerlichen Schwangerschaft ab. Mit dieser Enttäuschung wurde Ingeborg leichter fertig, wenn sie an Ständern mit Strumpfhosen oder Bücherstapeln vorbeischlenderte und blitzschnell ihre Hand vorzucken ließ.

"Ganz klar, dass ich nicht immer voll konzentriert war, wenn ich Kummer hatte", sagt Ingeborg, als müsste sie sich für ihre Ungeschicklichkeit entschuldigen. "So kam es vor, dass sich eine Hand auf meinen Arm legte, bevor ich ein Geschäft verlassen konnte."

Anfangs gelang es ihr, Zerstreutheit vorzutäuschen. Doch als sich die Vorfälle wiederholten, blieb ihr die erste Anzeige nicht erspart. Dadurch erfuhr auch ihr Mann von ihrer unseligen Manie.

"Horst fiel aus allen Wolken. Er war sicher, dass es sich nur um eine Verwechslung handeln könne, und beschwor mich, mich doch um Himmels willen zu rechtfertigen. Ich schüttelte nur den Kopf und raubte ihm seine Illusionen."

Er liebte Ingeborg nach wie vor und wollte ihr helfen, erkannte er doch, dass sie selbst unter ihrem Tun litt, es aber nicht schaffte, sich davon zu befreien. Er beriet sich mit erfahrenen Psychologen, die einmütig auf eine Therapie drängten, der sich Ingeborg auch unterzog.

Die Wirkung hielt ein halbes Jahr an, bevor sie die nächste Anzeige erhielt.

Längst wusste die ganze Verwandtschaft über sie Bescheid. Einer nach dem anderen zog sich von den Güligs zurück. Ihr Freundeskreis wurde immer kleiner. Ingeborg konnte kaum noch auf die Straße gehen, ohne dass hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Aber selbst nach peinlichsten Blamagen, wenn sie auf frischer Tat ertappt wurde, wurde sie schon bald wieder rückfällig.

"Dabei war Horst rührend um mich besorgt. Er schränkte sogar seine Arbeitszeit etwas ein, um mich nicht so häufig allein lassen zu müssen."

Es nützte alles nichts. Ingeborg vermochte nicht, sich gegen ihren Trieb zu wehren. Schließlich musste sie eine zweiwöchige Haftstrafe verbüßen.

"Als ich entlassen wurde, befand sich Horst gerade auf einer Dienstreise. Ich wollte ihn mit einem wunderbaren Abendessen überraschen und ging in ein Delikatessengeschäft. Den Lachs bezahlte ich nicht, doch die Ladeninhaberin hatte es gemerkt."

Ingeborg konnte die Frau überreden, von einer Anzeige abzusehen. Als Horst abends von dem Vorfall erfuhr, wollte er sich unbedingt für die Großzügigkeit bedanken. Er suchte die Frau auf und zeigte sich von ihr stark beeindruckt. Nach Ingeborg war sie die Erste, bei der er sich an ihre Augenfarbe erinnerte. Das alarmierte Ingeborg.

"Endlich begriff ich, dass ich dabei war, meine Ehe aufs Spiel zu setzen. Konnte Horst mich denn noch lieben? Musste er nicht von der Anderen fasziniert sein, die nicht nur attraktiv war, sondern vor allem ehrlich. Und vielleicht auch sehr zärtlich."

Sie leistet einen heiligen Schwur, nie wieder die Hand nach fremdem Eigentum auszustrecken. Fünf Minuten vor zwölf reißt sie sich zusammen und will ihrem Mann beweisen, dass sie seiner Liebe wert ist.

Horst beteuerte hinterher, dass er Frau Keilberg ganz zufällig getroffen und ihr bei dem scheußlichen Wetter selbstverständlich angeboten habe, sie im Wagen nach Hause zu bringen. Das Unglück wollte es jedoch, dass Ingeborg die beiden beobachtete und falsche Schlüsse zog. Sie wusste sich in ihrem Kummer nicht anders zu helfen, als im Kaufhaus ein T-Shirt zu stehlen.

Dabei wurde sie erwischt ...

 

 

 

Bei mir dreht sich alles nur um das Eine

"Als ich knapp sechzehn war, lernte ich eine verheiratete Frau kennen, die mich in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einweihte. Das machte mir Spaß, zumal sie mir erstaunliches Talent bescheinigte. Mir gefiel diese Frau, denn sie kannte nicht die geringsten Hemmungen. Sie besaß nur einen Nachteil. Sie wollte mich ganz für sich allein." Damit erklärte sich Carl nur während der ersten Wochen einverstanden. Dann wuchs sein Appetit. Er war neugierig, ob es mit anderen Frauen genauso toll war. Vor allem mit Frauen seines Alters.

Anfangs schätzte er sie falsch ein. Er glaubte, alle müssten so wild auf seinen Körper sein wie seine Lehrmeisterin. Deshalb musste er manche Abfuhr einstecken. Doch schon bald lernte er zu unterscheiden und suchte sich solche Partnerinnen, die ihre Zeit nicht mit 'romantischem Quatsch' vergeudeten, sondern lieber gleich wie er zur Sache gingen.

Seine erste Geliebte raste vor Eifersucht, war dann aber froh, dass ihr potenzstarker Liebhaber sie nicht völlig fallenließ.

"Ja, meine Potenz wurde schnell bei interessierten Frauen bekannt", weiß Carl zu berichten. "Ich prahlte meinen Freunden gegenüber auch genug damit und war jederzeit bereit, den Beweis anzutreten. Diese lahmen Burschen steckte ich doch allesamt in die Tasche."

Er tobte sich tüchtig aus, ließ sich keinen Rock entgehen, der ein Abenteuer versprach, und fand am Sex immer größeren Spaß.

Seine Freunde heirateten. Carl lachte sie aus. Er wollte das Leben genießen, und darunter verstand er nur das Eine. Jeden Tag, bei jeder Gelegenheit, mit jeder Frau, die er herumkriegen konnte.

Aber eines Tages erwischte es auch ihn. Er lernte Helma kennen, die zwei Vorzüge besaß: Sie war nicht schlecht im Bett, und ihrem Vater gehörte eine Schnellimbisskette, die enormen Gewinn abwarf. Eine bessere Einheirat konnte er sich kaum wünschen.

"Während der ersten Monate funktionierte alles tadellos", erinnert sich Carl. "Wir verlebten atemberaubende Flitterwochen, und auch danach zeigte ich Helma, dass sie einen richtigen Mann erwischt hatte. Von mir konnte sie eine Menge lernen."

Zu seiner Überraschung fand seine Frau aber nicht lange an den wilden Sexspielen Gefallen. Sie wünschte sich ein Kind, wovon Carl aber nichts wissen wollte. Es hätte ihn in seiner Freiheit zu sehr eingeengt. Er sah doch bei seinen kinderwagenschiebenden Freunden, wohin so ein Fratz führte. In dieser Rolle ließ sich nur noch schwer ein netter Käfer aufreißen.

Die netten Käfer hatten es ihm nach wie vor angetan. Je mehr sich Helma ihm im Bett versagte und immer deutlicheren Widerwillen gegen seine Unersättlichkeit zeigte, umso häufiger suchte er sich die Erfüllung seiner Wünsche in fremden Betten. Möglichkeiten boten sich reichlich, immerhin war er der Juniorchef zahlreicher Schnellrestaurants. Da zierten sich viele Frauen nicht lange.

Als Helma bereits nach einem halben Jahr die Scheidung von ihm verlangte, war dies für ihn ein ziemlicher Schock. Er konnte ihre Gründe gar nicht begreifen. Sie war doch selbst schuld, dass sie sich ihm verweigerte. Das Gesetz war auf seiner Seite, war er überzeugt.

Die Ehe wurde geschieden. Carl kehrte wieder in seinen erlernten Beruf als Werkzeugmacher zurück und merkte erst jetzt richtig, dass er für die Sexdiät einer eintönigen Ehe nicht geschaffen war. Endlich war er wieder frei. Er hatte eine Menge nachzuholen und brauchte keinem dafür Rechenschaft abzulegen.

"Ich fühlte mich wie ein Vogel, der aus einem goldenen Käfig entwichen war, in den man ihn zusammen mit einem einzigen Weibchen gesperrt hatte. Mein Verlangen nach Abwechslung war unbeschreiblich groß."

Das hielt er für durchaus normal. Er vertrat die Ansicht, dass ein gesunder Mann seinen Geschlechtstrieb ausleben müsse.

Aber Carl war nicht gesund. Seine Gier nach erotischen Erlebnissen wuchs. Bald konnte er sich mit keiner Frau mehr unbefangen unterhalten. Seine Gedanken kreisten um die Frage, wie sie wohl im Bett war.

Meistens ruhte er nicht eher, bis er es herausgefunden hatte. Kaum eine Verkäuferin war vor seinen Nachstellungen sicher. Im Betrieb, in dem er arbeitete, machte er sich an Sekretärinnen und technische Zeichnerinnen heran. Und selbst in seinem Bekanntenkreis scheute er nicht davor zurück, seine Finger nach verbotenen Früchten auszustrecken.

Er hatte längst nicht immer Erfolg, doch jede Abfuhr reizte ihn nur noch mehr. Es konnte durchaus passieren, dass er dann aus Wut damit drohte, peinliche Enthüllungen über sein Opfer zu verbreiten, falls es sich weiter zickig anstellte.

Das wirkte oft, und er gelangte ans ersehnte Ziel. Einige Frauen ließen sich allerdings nicht ins Bockshorn jagen und teilten sich einer Vertrauensperson mit. Dann gab es für Carl Ärger. Auf diese Weise verlor er nicht nur viele Freunde, sondern auch seinen Arbeitsplatz, was ihn aber nicht sonderlich aufregte, denn er kannte genügend Frauen, die bereit waren, für ein aufregendes Abenteuer zu zahlen. Damit konnte er sich über Wasser halten.

"Die Sache hatte einen Haken", gesteht Carl. "Diese Frauen befanden sich meistens nicht mehr in der Blüte ihrer Jahre. Ich jedoch war scharf auf immer jüngere, knackigere Kost. Manchmal träumte ich nächtelang von unschuldigen Mädchen, die ich der Reihe nach in die Kunst der Liebe einweihen wollte."

An Minderjährige wagte er sich zum Glück nicht heran. Aber er lauerte immer häufiger des Nachts vor Discotheken, wusste er doch, dass so manches Mädchen froh war, in einem schicken Wagen nach Hause gebracht zu werden.

Unterwegs versuchte er regelmäßig, intim zu werden. "Wenn so ein junges Ding neben mir saß, wenn ich die prallen Schenkel sah und ahnen konnte, wie fest noch ihre Brüste waren, gab es für mich kein Halten mehr. Ich musste sie haben."

Wenn es mit der zärtlichen Tour nicht klappte, scheute er sich nicht, auch einmal Gewalt anzuwenden. „Ich muss unheimlich gut gewesen sein", sagt er prahlerisch, "denn erst die vierte Vergewaltigung führte zu einer Anzeige. Dabei war ich mir sicher, dass es dem kleinen Luder auch Spaß machte."

Es gelang Carl, das Gericht davon zu überzeugen, von seinem Opfer halb verführt worden zu sein. Seine Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Zum ersten Mal machte er sich über seine Veranlagung Gedanken. Er war doch normal? Was konnte er denn dafür, dass er mehr Sex brauchte als andere Männer seines Alters?

Immerhin sah er ein, dass er die Schwelle zur Kriminalität bereits überschritten hatte. So durfte es nicht weitergehen, sollte es nicht ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.

Mit den besten Vorsätzen ausgestattet, suchte er Ablenkung in einer neuen Tätigkeit. Bezeichnenderweise entschied er sich ausgerechnet für den Beruf eines Handelsreisenden. Hierbei lernte er viele Frauen kennen und begehren.

Eines Tages öffnete ihm ein 14-jähriges Mädchen. Es war allein daheim und seiner Redegewandtheit nicht gewachsen. Kaum befand er sich in der Wohnung, als er die Kleine einschüchterte und im nächsten Moment auch schon seine Hand unter ihrem Rock verschwinden ließ.

"Zwei fassungslose Augen starrten mich an. Sie begann zu weinen. Da wurde mir bewusst, dass ich unweigerlich ins Gefängnis wanderte, falls sie nicht den Mund hielt. Mir wurde richtig übel. Ich ekelte mich vor mir selbst."

Er drückte ihr einen Hunderter in die Hand und beschwor sie, über den Vorfall zu schweigen. Dann verließ er Hals über Kopf die Wohnung und die Stadt.

Carl gab diesen Job auf und betrank sich eine Woche lang. Wieder nüchtern, fasste er den Entschluss, sich kastrieren zu lassen. Sein Sexhunger brachte ihn sonst in Teufels Küche.

Auf dem Weg zu einem Arzt, von dem er sich beraten lassen wollte, begegnete ihm eine junge Frau mit zwei schweren Koffern. Sie nahm seine Hilfe erfreut an und zeigte sich anschließend, wenn auch nach anfänglichem Sträuben, auf erregende Weise erkenntlich.

Momentan ist für Carl ein chirurgischer Eingriff kein Thema mehr. Soll er auf das einzige Vergnügen verzichten, das ihm wirklich etwas bedeutet? Er muss sich eben besser unter Kontrolle bekommen. Ob er es schafft?

 

 

 

Meine Mutter zerstört mit ihrer Putzwut auch noch meine Ehe

"Es war eine helle Mondnacht. Die paar Minuten vom Jugendzentrum bis nach Hause lief ich zu Fuß. Um den um diese Zeit unheimlichen Stadtpark machte ich aber vorsichtshalber einen Bogen. Dort trieb sich allerlei Gesindel herum.

Wenige hundert Meter vor unserem Haus wurde ich plötzlich aus dem Dunkel einer Toreinfahrt heraus zur Seite gerissen. Ich roch säuerlichen Schnaps und spürte widerliche Lippen auf meinem Hals. Eine Hand presste sich auf meinen Mund, eine zweite zerriss meinen Slip. Dann geschah es.

Ich werde diese schrecklichen Minuten nie vergessen. Der Kerl war brutal, und hinterher blutete ich stark. Ich taumelte nach Hause. Meine Eltern waren im Theater. Als sie eine Stunde später heimkamen, kauerte ich noch immer unter der Dusche und versuchte, mich von dem entsetzlichen Schmutz reinzuwaschen."

Rebecca, damals gerade vierzehn, wurde das Gefühl der Unsauberkeit nicht mehr los. Als sie merkte, dass sie schwanger war, kam ein Abbruch für sie nicht in Betracht. Er hätte nach ihrem Gefühl neue Beschmutzung bedeutet. Also brachte sie Michaela zur Welt, die an allem keine Schuld trug.

Dass ihre früher eher nachlässige Tochter plötzlich zur gewissenhaften Ordnung neigte, sah ihre Mutter als einen Reifeprozess an. Rebecca trug jetzt Verantwortung für ihr Baby. Da legte sie eben einstige Schwächen ab.

"Nein, dass ich mehrmals am Tag badete und mir selbst nach jedem Naseputzen die Hände wusch, hatte bei mir nichts mit dem Erwachsenwerden zu tun. Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und spürte den widerlichen Geruch des Betrunkenen. Dann trieb es mich aus dem Bett unter die Dusche. Ich schrubbte meinen Körper mit einer harten Bürste und hatte hinterher doch nicht das Gefühl, endlich sauber zu sein."

Auch ihr Zimmer, in dem es vor der Vergewaltigung meistens wie nach einer Schlacht ausgesehen hatte, brachte Rebecca nun täglich auf Hochglanz. Sobald das Baby versorgt war, begann sie, den Fußboden zu wischen, die Fenster zu putzen oder die Vorhänge zu wechseln, die erst eine Woche hingen.

In der Nachbarschaft wusste man über ihr Schicksal Bescheid. Der Täter, ein beschäftigungsloser Tagedieb ohne festen Wohnsitz, hatte noch in derselben Nacht mit seiner 'Eroberung' geprahlt, bevor man ihn festnahm. Man brachte ihr Mitleid entgegen.

Doch bei Alfred Schäfer war es mehr. Er hatte auf Rebecca schon längst ein Auge geworfen. Nach Beendigung seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bat er sie, ihn zu heiraten. Er wollte der kleinen Michaela ein guter Vater sein.

"Alfred war für mich das genaue Gegenteil von diesem Schuft. Er übte einen sauberen Beruf aus, kleidete sich gepflegt und besaß ausgezeichnete Manieren. An seiner Seite würde ich die Vergangenheit bewältigen."

Sie war entschlossen, ihrem Mann eine perfekte Ehefrau zu sein. Er sollte seinen Entschluss nicht bereuen. Vor allem wollte sie ihm ein gemütliches Heim schaffen, auf das er sich nach der Arbeit freute.

Sie zogen in eine hübsche Neubauwohnung, in der es noch nach Farbe und frischem Holz roch. Rebecca konnte diesen Geruch nicht ertragen. Von früh bis spät putzte sie, bis alles nach Salmiak duftete.

"Das gefiel Alfred nicht. Deshalb informierte ich mich über die neuesten wohlriechenden Scheuermittel. Schon bald konnte ich ihn mit Tannenduft oder dem Geruch von Frühlingsblumen erfreuen."

Alfred zeigte sich keineswegs erfreut. Ihm ging es gegen den Strich, dass er schon auf der Treppe seine Schuhe ausziehen musste und Rebecca selbst dann noch hinter ihm her wischte, wenn er Pantoffeln trug. Ihr zu Liebe verzichtete er auf die gelegentliche Zigarette, denn Tabakrauch bereitete ihr körperliches Unbehagen. Vor allem aber wischte sie ständig angeblich herumfliegende Asche fort.

Größten Wert legte sie auf die Auswahl ihrer Seifen und Shampoos. Ihr Badezimmerschrank glich einer Drogerie, und wenn Alfred nicht nach der Arbeit sofort duschte, bevor er die kleine Michaela begrüßte, zog sie unwillig ihre Augenbrauen zusammen.

"Ich dachte daran, wie viele Bazillen er von der Straße hereinbrachte. So etwas ist doch für ein kleines Kind gefährlich."

Ihre Tochter wurde zwar von den üblichen Kinderkrankheiten nicht verschont, ernstliche Leiden blieben ihr aber erspart. Rebecca schrieb dies ihrer gewissenhaften Reinlichkeit zu und konnte gar nicht begreifen, dass Alfred immer griesgrämiger dreinschaute, wenn er über Putzkübel stolperte oder auf frisch gewachsten Fußböden ausglitt. Er sollte doch froh ein, dass sie für Gemütlichkeit sorgte.

Unter Gemütlichkeit verstand Alfred etwas anderes. Er fühlte sich in seiner Wohnung, in der bereits die Zeitung vom Vortag Anstoß erregte, nicht wohl. Immer häufiger zog es ihn in eine Kneipe, in der nicht ständig der Boden seines Bierglases mit einem Tuch trockenpoliert wurde.

"Eines Abends kam er überhaupt nicht nach Hause. Am Morgen stank er nach einem ordinären Parfüm. Ich ruhte nicht eher, als bis ich wusste, bei wem er die Nacht verbrachte. Es handelte sich um die Wirtin einer Stammkneipe. Ich möchte wissen, was er an der fand. Wenn ich nur an ihre fleckige Schürze denke, wird mir schlecht."

Damit Alfred bewusst wurde, mit welcher Schlampe er sich einließ, putzte Rebecca nur noch verbissener und freute sich, wenn die Nachbarn ihre blitzenden Fenster lobten.

Verständlicherweise konnte sich Rebecca für den Geschlechtsverkehr nicht sonderlich begeistern. So war es kein Wunder, dass ihre Ehe bald nur noch auf dem Papier bestand.

Michaela wuchs heran. Von Anfang an zur bedingungslosen Reinlichkeit erzogen, wagte sie lange nicht, ihren Eltern ihren Freund vorzustellen, der auf dem Bau als Maurer arbeitete.

"Ich gebe zu, dass ihre Wahl für mich ein Schock war. Hätte sie sich nicht einen Ingenieur oder Lehrer suchen können? Maurer sind doch ständig schmutzig."

Michaela wollte keinen Akademiker, sondern ihren Tobias. Kaum war sie volljährig, heiratete sie ihn. Ihre Mutter konnte sie nicht überzeugen, dass sie für eine Ehe noch viel zu jung sei. Sie war froh, dem klinisch reinen Elternhaus entronnen zu sein, in dem man schon beim Niesen ein schlechtes Gewissen bekam.

Rebecca sah eine Katastrophe voraus. Ihre Michaela war doch noch keinem eigenen Haushalt mit all seinen Pflichten gewachsen. Dort würde es bald drüber und runter zugehen, wenn sie ihrer Tochter nicht ein wenig half.

"Für mich war es selbstverständlich, dass ich zweimal in der Woche ihre Wohnung auf Vordermann brachte. Ich hatte es geahnt. Vom Fußboden konnte man bei Michaela wirklich nicht essen."

Ihr Schwiegersohn sah nicht lange zu, wie sie das Zepter in seinem Haushalt übernahm. Er erklärte ihr, dass er an Michaela nichts auszusetzen habe. Sie möge doch ihren Reinlichkeitsfimmel gefälligst auf ihre eigene Wohnung beschränken.

Rebecca dachte gar nicht daran. Was verstand denn ein Mann von diesen Dingen, dazu noch einer, der den ganzen Tag im Dreck herumstieg? Michaela, die schwanger war, brauchte jetzt ihre Hilfe. Sollte das Baby etwa gleich an einer Hausstauballergie erkranken? Also putzte sie heimlich, wenn Michaela zur Schwangerschaftsgymnastik ging.

Als sie eines Tages bei ihren Aufräumarbeiten ein paar muffig riechende Papiere in die Mülltonne stopfte, platzte Tobias endgültig der Kragen. Diese alten Dokumente hatte er beim Ausbaggern eines Kellers entdeckt. Jetzt waren sie vernichtet. Er verbot seiner Schwiegermutter das Haus.

"Ich hatte ihn also von Anfang an richtig eingeschätzt. Musste meine Tochter ausgerechnet an einen Menschen geraten, der sich nur im Schmutz wohlfühlt?"

Wohl oder übel musste sie sich nun mit guten Ratschlägen für Michaela begnügen. Am härtesten aber traf es sie, dass Tobias auch nach der Geburt seines Sohnes das Hausverbot aufrecht erhielt.

"Männer können so stur ein. Sie machen alles kaputt. Zum Glück bringt Michaela den kleinen Peter manchmal zu mir. Er ist ja so goldig. Hoffentlich bleibt er gesund! An mir soll es nicht liegen. Wenn ich ihn bei mir habe, kommt er erst einmal in die Wanne. Kinder kann man gar nicht früh genug an Sauberkeit gewöhnen."

Rebecca merkt nicht, dass sie selbst krank ist. Ohne das Staubtuch in der Hand kann sie nicht mehr leben. Es ist zur Sucht geworden, unter der sie und ihre Mitmenschen leiden müssen.

 

 

 

Ich kann an keinem Sonderangebot vorbeigehen

"Donnerstag ist für mich der wichtigste Tag in der Woche. Da inserieren die Supermärkte ihre Sonderangebote in der Zeitung. Wenn man diese konsequent nutzt, kann man eine Menge Wirtschaftsgeld sparen und sich dafür ein paar hübsche andere Dinge leisten."

Aus diesen Worten spricht nicht etwa eine erfahrene Hausfrau, die mit dem Cent zu rechnen versteht. Im Gegenteil. Liane wirft Monat für Monat ihr Geld mit vollen Händen hinaus, denn das Kaufen ist ihre große Leidenschaft.

Sie kann sich nicht genau erinnern, wann es begann. „Wahrscheinlich schon in meiner Kindheit. Damals ging es bei uns daheim finanziell knapp her. Während andere Kinder neue Sachen bekamen, musste ich in der Regel die alten Kleider meiner älteren Schwester auftragen. Manchmal sogar die Pullover meines Bruders. Ich weiß noch, wie sehr ich mich schämte."

Damals wurde in ihr die Zwangsvorstellung geboren, sich das eine oder andere nicht leisten zu können. Das aber wollte sie auf keinen Fall zugeben. Nicht vor anderen Leuten, schon gar nicht vor den Verkäuferinnen.

Deshalb machte sie es sich mit zunehmendem Alter zur Gewohnheit, kein Geschäft zu verlassen, ohne wenigstens eine Kleinigkeit gekauft zu haben.

Ihre finanzielle Situation besserte sich, als sie heiratete, wenn sie auch nicht gerade in einen Goldtopf fiel. Aber immerhin verdiente ihr Berthold als Werkmeister ordentlich.

In kurzen Abständen vervollständigten zwei Kinder ihre Familie. Liane schwor sich, dass es den beiden einmal besser gehen sollte als ihr in ihrer Jugend, wusste sie doch nur zu gut, wie sehr sich ein Kind über kleine Mitbringsel freut.

Es mussten ja keine teuren Geschenke sein. Mal ein kleines Plüschtier oder ein neues Kleid für die Anziehpuppe. Sie hatte ein paar Läden ausfindig gemacht, in denen alles billiger war als in dem großen Kaufhaus. Es lohnte sich, dort zu kaufen. Bald gab es bei den Schindels massenhaft Plüschtiere.

Aus ihrer Kleidung wuchsen Silvia und Monika schnell heraus. Für ihre Mutter war dies ein willkommener Anlass, für Nachschub zu sorgen. Schnell stapelten sich die Blusen und Strumpfhosen im Schrank. Manches kaufte sie viel zu klein. Da es aber hübsch war, konnte sie einfach nicht widerstehen.

Zweimal im Jahr wurde in der Stadt ein Flohmarkt veranstaltet. Dann lief Liane zur Höchstform auf. Himmel, konnte man dort günstig einkaufen! Fast neue Bücher, kaum gespielte Schallplatten, und einmal erbeutete sie sogar einen Zimmerspringbrunnen für nur 20 Euro.

Für den Brunnen fand sich in der Wohnung zwar kein Platz, aber Liane freute sich, weil sie ihn einer anderen Interessentin vor der Nase weggeschnappt hatte.

Ihr Mann lächelte anfangs über ihre Marotte. Als eines Tages eine komplette Stereoanlage geliefert wurde, lächelte er nicht mehr. Er wollte die Annahme verweigern, doch seine Frau hatte den Kaufvertrag unterschrieben und auch bereits eine Anzahlung geleistet.

"Es ist ein super günstiges Auslaufmodell", verteidigte sie sich.

"Aber wir brauchen es nicht", wurde Berthold heftig. "Unser Radio ist noch kein Jahr alt."

Liane erinnerte an die vielen CDs, die sie in letzter Zeit gekauft hatte und die sie sich mangels eines CD-Players noch gar nicht hatte anhören können.

Berthold bat sie, in Zukunft derartige Anschaffungen vorher mit ihm abzusprechen. Ein größerer Kühlschrank wäre im Augenblick doch wirklich wichtiger gewesen.

Dankbar nahm Liane dieses Stichwort auf. Eine Woche später kaufte sie eine riesige Kühl-Gefrier-Kombination und hatte nun die Möglichkeit, auch Lebensmittel in größeren Mengen zu beschaffen.

"Berthold wollte einfach nicht einsehen, dass es sich lohnt, 10 Kilo Schweinelende im Angebot zu kaufen. Wozu hatten wir denn den teuren Gefrierschrank? Die Grubers nebenan besaßen einen viel kleineren."

Durch diese Bemerkung wird Lianes Bedürfnis deutlich, nicht vorhandenen Wohlstand zu demonstrieren. Dies tat sie bei jeder Gelegenheit. Wenn sie mit Einkaufstüten bepackt ein Geschäft verließ, fühlte sie sich stolz und glücklich, selbst wenn sich in den Tüten nur das komplette Zeitschriftenangebot der laufenden Woche befand.

Zum Lesen kam sie kaum. Sie stapelte die Zeitschriften in jeder verfügbaren Ecke, die nicht bereits durch spottbillige Suppenteller oder einen Posten feinster Zigarren belegt war.

"Bei uns raucht niemand", ärgerte sich ihr Mann. "Der Kram nimmt nur Platz weg und kostet eine Menge Geld."

Für ihn war Lianes Leidenschaft völlig unbegreiflich. Wenn sie ihn mit der Anschaffung eines neuen Schlafzimmers überraschte, zweifelte er an ihrem Verstand. Längst reichte das Geld, das er verdiente, für ihre Einkäufe nicht mehr aus. Sie machte Schulden, die aber schließlich auch getilgt werden mussten.

"Nun ja", gibt Liane zu, „das Schlafzimmer wäre wirklich nicht nötig gewesen. Es wurde ja auch wieder abgeholt, weil wir mit den Raten in Rückstand gerieten."

Das war ihr furchtbar peinlich. Um keinen falschen Eindruck über ihre finanziellen Möglichkeiten entstehen zu lassen, kaufte sie schon am nächsten Tag ihren Kindern zwei Fahrräder, obwohl die alten erst vom Vorjahr stammten.

Häufig hing der Haussegen bei den Schindels schief. Berthold war gezwungen, immer mehr Überstunden zu machen, um das nötige Geld heranzuschaffen. Da dies aber nicht reichte, nahm auch Liane einen Halbtagsjob an. Mit eigenem Geld war sie ein ganz anderer Mensch. Sie brauchte keinem Rechenschaft abzulegen, wenn sie einen Vorrat an Schokolade anlegte. Es wurde doch gemunkelt, dass die Kakaoernte in Südamerika miserabel ausgefallen war.

Vorwände für ihre meist sinnlosen Hamstereinkäufe fand Liane immer. Als sie jedoch für ihre zu erwartenden Enkel ein Lager an Babywäsche anlegte, obwohl Silvia und Monika erst die halbe Schulzeit hinter sich hatten, schlug Berthold mit der Faust auf den Tisch.

"Er ließ doch tatsächlich eine Anzeige in die Zeitung setzen, in der er mitteilte, dass er ab sofort für meine Schulden nicht mehr aufkäme."

Liane war schwer gekränkt. Wie konnte er sie derart bloßstellen. Zum Glück verfügte sie ja über ein eigenes Einkommen. Die preisgünstigen Angebote im Ausverkauf ließ sie sich jedenfalls nicht entgehen.

Als Berthold einsah, dass Lianes Kaufsucht eher schlimmer wurde, griff er zum äußersten Mittel und drohte mit der Scheidung.

"Er versicherte, einer so verantwortungslosen Mutter wie mir würde man bestimmt die Kinder wegnehmen", schluchzt Liane. "Damit traf er meinen wunden Punkt. Niemals wollte ich mich von Silvia und Monika trennen. Ich liebte sie doch. Für wen kaufte ich denn all die schönen Dinge, die mir unterwegs auffielen?"

Sie gelobte hoch und heilig Besserung und war sogar bereit, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, denn ihr Mann hatte in Erfahrung gebracht, dass sie kein Einzelfall war.

In der Gruppe traf sie Menschen, die unter einem ähnlichen Kaufzwang litten wie sie. Erst jetzt kam ihr zum Bewusstsein, dass sie an schweren Komplexen litt. Es wäre doch gelacht, wenn sie diese nicht überwinden könnte.

Inzwischen nimmt sie seit einem halben Jahr an der Therapie teil und ist sicher, das Schlimmste überstanden zu haben.

"Ich bringe es schon fertig, an einem Schaufenster vorbeizugehen, ohne stehen zu bleiben", strahlt sie. „Das ist doch ein Erfolg, oder? Schade, dass Berthold sich über meine Fortschritte nicht freuen kann. Was hat er für ein Theater gemacht, als ich gestern den Videorecorder nach Hause brachte. Zugegeben, es handelt sich um ein System, das sich auf dem Markt nicht durchsetzen konnte. Dafür war es aber auch super günstig. Jetzt muss ich nur noch schauen, wo ich passende Kassetten auftreibe. Am besten, ich halte bei den Flohmärkten die Augen offen. Da habe ich schon manches Schnäppchen gemacht." 

 

 

 

Ein schlimmer Verdacht brachte mich fast um meinen guten Ruf

Eigentlich hätte ich mich freuen müssen, dass mich die Weigels als Erzieherin für ihren Sohn engagierten. Der Lohn war großzügig bemessen, die Arbeitszeit ließ mir genügend Spielraum für ein Privatleben. Trotzdem wurde ich gleich zu Anfang ein ungutes Gefühl nicht los, das mich hätte warnen sollen.

Der 15-jährige Armin war schwierig. Durch die unterschiedlichen Methoden zahlreicher Privatlehrer völlig verunsichert, flüchtete er sich in eine Aggressivität, die mir meine Aufgabe erschwerte. Alle Bekannten der Weigels wunderten sich, dass ich bereits nach kurzer Zeit so gut mit ihm zurechtkam. Ja, uns verband schon bald eine Freundschaft, die sich allerdings auf schmalem Grat bewegte. Armin erwies sich als ausgesprochen sensibel, und ein verkehrtes Wort konnte bei ihm alles verderben.

Ottmar Weigel, sein Vater, sparte nicht mit Lob. Er bezeichnete mich als kleines Wunder, das eine einsichtige Fee in sein Haus geweht habe.

Rosa, seine Frau, quittierte diese Worte mit frostigem Lächeln. Da ahnte ich: Sie war eifersüchtig.

Ich hütete mich, ihr einen Grund dafür zu liefern, aber das ist bei Eifersucht in der Regel ja auch gar nicht nötig.

So spürte ich ihre lauernden Blicke, sobald ich mit Ottmar Weigel ein paar Worte wechselte, und obwohl ich es nach Möglichkeit vermied, mich mit ihm allein in einem Raum aufzuhalten, gab es immer wieder Situationen, in die die Argwöhnische etwas hineingeheimniste, was gar nicht zutraf.

Nicht nur ich, auch Ottmar Weigel verhielt sich absolut korrekt. Die Gefahr drohte von einer anderen Seite, von der ich sie am wenigsten erwartet hätte.

Es war an einem schwülen Nachmittag. Ich erteilte meinem Schützling Klavierunterricht und korrigierte geduldig seine Fingerhaltung.

Plötzlich griff er nach meiner Hand und hielt sie fest. "Es ist zu heiß zum Klavierspielen", behauptete er. Im nächsten Augenblick schlang er seinen Arm um meinen Nacken und gab mir einen Kuss.

Nach meiner ersten Verwirrung versuchte ich, den Zwischenfall als einen Scherz zu behandeln, doch Armin ließ keinen Zweifel daran, dass es ihm bitterernst war.

"Wir verstehen uns doch so gut, Inge", betonte er leise. "Du hast mir schon so viel beigebracht. Deine Vorgängerinnen waren alles dumme Gänse, aber dich mag ich." Wieder streckte er die Hand nach mir aus.

"Lass das!", wies ich ihn zurecht. "Was würde dein Vater dazu sagen? Wir sind doch gute Freunde. Eines Tages wirst du ein nettes Mädchen kennenlernen ..."

Er ließ mich nicht weiterreden und sprang mich mit solcher Wucht an, dass wir beide zu Boden stürzten. Dann war er über mir.

Meine Hand klatschte in sein Gesicht. "Schäme dich!", sagte ich und hatte Mühe, ihn abzuwehren.

Als ich es endlich geschafft hatte, schlug ich ernst vor, nicht mehr darüber zu reden und vor allem auch seinen Eltern nichts zu erzählen.

Armin nickte. "Entschuldige!", murmelte er, bevor er fluchtartig den Raum verließ.

Wir hielten uns beide an unsere Vereinbarung. Dennoch merkte ich an seinem Verhalten, dass ihn dieser peinliche Zwischenfall noch immer beschäftigte.

Zu dieser Zeit lernte ich Bernhard kennen und verliebte mich in ihn. Bernhard war ein sehr entfernter Verwandter der Weigels und besuchte sie regelmäßig, seit er mich gesehen hatte. Auch er staunte, wie gut ich mit Armin zurechtkam, doch aus seinen Worten klang nicht bloße Anerkennung, sondern Zärtlichkeit. Ich war sehr glücklich.

Dann trat etwas ein, das ich einfach nicht begreifen konnte.

Rosa Weigel besaß viel Schmuck. Keine Kronjuwelen, aber im Vergleich zu meiner teuersten Bernsteinkette, die gerade 300 Euro gekostet hatte, waren die Stücke doch ziemlich wertvoll.

Ich wunderte mich immer, wie nachlässig sie sie behandelte. Oft fand ich einen Ohrring unter einem Stuhl oder eine Kette in irgendeiner Zimmerecke.

Da sie anfangs auch Geld scheinbar achtlos hatte herumliegen lassen, war ich der Meinung gewesen, sie wollte damit meine Ehrlichkeit auf die Probe stellen. Inzwischen war ich aber schon fast ein volles Jahr bei den Weigels beschäftigt. Sie musste wissen, dass ich niemals fremdes Eigentum an mich nahm.

Umso tiefer verletzte mich ihr Ansinnen, mein Zimmer zu durchsuchen, als sie wieder einmal einen Ring vermisste. Es handelte sich um einen Platinreif mit drei Diamanten. Er war mir nirgends aufgefallen. Ich war aber sicher, dass er früher oder später wieder auftauchen würde.

Das tat er wirklich. Allerdings an einem Ort, den ich nicht für möglich gehalten hätte.

"Haben Sie eine Erklärung dafür, wie mein Ring in Ihre Kostümjacke gelangen konnte?" Rosa Weigel blickte mich scharf und voller Verachtung an.

Vor Scham wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Doch dann fiel mir ein, dass ich am Vortag ein längeres Gespräch mit Ottmar Weigel gehabt hatte. Es war um belanglose Dinge gegangen, die aber offenbar wieder ihre Eifersucht geschürt hatten. Keine Frage, sie wollte mich aus dem Haus haben. Sie selbst hatte mir den Ring in die Tasche gesteckt.

Da sie es nie zugegeben hätte, äußerte ich diesen Verdacht erst gar nicht. Ich blieb dabei, mir das Ganze nicht erklären zu können und niemals die Absicht gehabt zu haben, den Schmuck zu stehlen.

Ich wurde fristlos entlassen, was aber das Schlimmste war, auch Bernhard zog sich von mir zurück. Meine Vermutung, die ich ihm unglücklich anvertraute, hielt er offenbar für ziemlich fragwürdig. Vor allem aber wollte er es sich nicht mit seinen Verwandten verderben.

"Ich bin Jurist", erinnerte er mich. "Selbst wenn auch ich von deiner Ehrlichkeit absolut überzeugt bin, so kann ich mir rein beruflich eine solche Affäre nicht leisten. Das verstehst du sicher."

Ich verstand, dass ich für ihn zu einer peinlichen Affäre geworden war. Dabei hatte ich an die große Liebe geglaubt.

Obwohl mir die Weigels ein ordentliches Zeugnis ausgestellt hatten, fiel es mir schwer, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Solche Dinge sprechen sich rasend schnell herum, und wer holt sich schon eine Diebin ins Haus. Ich konnte von Glück sagen, dass mir eine Anzeige erspart blieb.

Ich kam schließlich zu den Kaufmanns, deren sechs völlig verzogene Kinder mich pausenlos in Atem hielten. Oft fühlte ich mich überfordert, aber ich durfte nicht wählerisch sein, musste mich eben durchbeißen.

Eines Tages erhielt ich Besuch von einer mir fremden Frau. Sie stellte sich als meine Nachfolgerin bei den Weigels vor und wollte von mir wissen, wie das damals mit der Ringgeschichte gewesen sei.

Entrüstet wollte ich ihr die Tür weisen, doch sie verstand es, mich sprachlos zu machen.

Sie erzählte mir, dass der inzwischen 16-jährige Armin versucht hatte, bei ihr zärtlich zu werden. "Als ich ihn zurückwies, drohte er, wenn ich so zickig wäre, würde ich es genauso bereuen wie meine Vorgängerin. Natürlich ließ ich nicht locker, bis ich wusste, warum Sie diese Stelle aufgegeben hatten."

Erst jetzt wurde mir klar, dass nicht Rosa Weigel, sondern ihr Sohn mir den Ring zugesteckt hatte, um sich an mir zu rächen.

Seiner Mutter war die Angelegenheit äußerst peinlich. Sie kam zu mir, um sich zu entschuldigen und mich zu bitten, mich wieder um Armin zu kümmern.

Ich lehnte ab, obwohl ich es in Zukunft bestimmt leichter gehabt hätte, und blieb bei den Kaufmanns.

Auch Bernhard fand, dass nun einer Fortsetzung unserer Beziehung nichts mehr im Wege stünde. Diese Meinung teilte ich nicht, und es tat nicht einmal mehr weh.

Ich erinnerte mich an die Worte, die ich Armin gesagt hatte. Auch ich würde eines Tages einen Menschen kennenlernen, der mich liebte und der mir vertraute.

 

 

 

Wie kann ich meinem Kind nur helfen?

Vor zwei Jahren starb Ulrike Kramers Mann. Es kam für sie und ihren damals 4-jährigen Sohn Bodo völlig unerwartet. Am Morgen hatte er sich noch gut gelaunt von den beiden verabschiedet, abends standen zwei Polizisten vor der Tür. Verkehrsunfall. Jede Hilfe kam zu spät.

"Ich glaube, wenn Bodo nicht gewesen wäre, hätte ich meinem Leben ebenfalls ein Ende gesetzt", gibt Ulrike zu. "Aber der Junge, der mich schließlich jetzt dringender als vorher brauchte, gab mir die Kraft, die schlimme Zeit durchzustehen.

Später, als Bodo mit seiner Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker begann, kehrte ich in meinen früheren Beruf zurück und arbeitete in einer Apotheke. An eine neue Bindung dachte ich nicht. Meine Ehe war zu glücklich gewesen. Außerdem fürchtete ich, dass mein Sohn keinen Stiefvater akzeptieren würde. Er war so sensibel. Ich wollte ihm diesen Konflikt ersparen."

Sie glaubte, das Richtige zu tun, aber vielleicht wäre manches anders gekommen, wenn Bodo wieder einen Vater gehabt hätte. Wer will das im Nachhinein sagen?

Auf jeden Fall suchte sich der Junge einen Ersatz. Seine Freunde waren meistens einige Jahre älter als er. Er bewunderte sie und eiferte ihnen nach. Bereits mit fünfzehn träumte er von einem eigenen Motorrad, was ihm seine Mutter auszureden versuchte. Sie dachte daran, dass sein Vater im Straßenverkehr den Tod gefunden hatte. Sollte dem Jungen ein ähnliches Schicksal widerfahren?

So begnügte sich Bodo damit, gelegentlich als Sozius bei einem seiner Kumpels mitzufahren. Nach so einer Tour war er hinterher immer mächtig aufgekratzt. Den wahren Grund ahnte seine Mutter nicht.

Sein Lehrherr war mit ihm zufrieden. Alles schien in bester Ordnung zu sein, denn auch in der Berufsschule hatte Bodo keinerlei Schwierigkeiten.

Manchmal holte er Ulrike nach Feierabend von der Apotheke ab. Dann schlenderten sie gemächlich heimwärts, aßen am Kiosk eine Currywurst oder gingen ins Kino.

Ein einziges Problem bedrückte Bodo. Er kam mit Mädchen nicht klar. Obwohl er gut aussah und auch über einen ordentlichen Verdienst verfügte, schien sich keine für ihn zu interessieren.

"Ich beruhigte ihn, dass er ja noch so jung sei", erzählt Ulrike. "Aber dass die meisten Gleichaltrigen längst feste Freundinnen besaßen, konnte ich ihm natürlich nicht ausreden. Er war eben noch etwas gehemmt. Das würde sich von selbst legen, war ich überzeugt."

Tatsächlich gab es Phasen, in denen Bodo wie ausgewechselt wirkte. Dann erkannte ihn selbst seine Mutter kaum wieder und freute sich, dass er es offenbar endlich geschafft hatte, seine Komplexe zu überwinden. Doch meistens dauerte das nicht lange, und der Junge war wieder mit sich selbst völlig uneins.

Ulrike Kramer genoss das volle Vertrauen ihres Arbeitgebers. Häufig übertrug er ihr die Tagesabrechnung, wenn er selbst heim zu Frau und Kindern wollte. Dann wurde es meistens später, und Bodo brachte ein paar belegte Brötchen zur Apotheke, damit sie anschließend etwas gemeinsam unternehmen konnten.

"So war es auch an jenem Abend, als er mir von dem Unfall eines Freundes erzählte", berichtet Ulrike. „Er bat mich um ein paar starke Schmerztabletten, die ich aber wegen ihres morphingehaltes nur auf Rezept herausgeben durfte. Rezeptfreie Mittel, die ich ihm vorschlug, lehnte Bodo ab. Die würden nicht helfen."

Ulrike versicherte ihrem Sohn, dass der behandelnde Arzt dem Verletzten zweifellos ein wirksames Medikament verabreicht hatte. Er solle sich da keine Sorgen machen. Doch der Junge wurde ärgerlich, sprach von unterlassener Hilfeleistung und dass man einem Menschen doch helfen müsse, ohne sich hinter der lächerlichen Bürokratie zu verschanzen.

An diesem Abend zeigte Bodo keine Lust zu einem Kinobesuch. Er blieb einsilbig und behauptete, müde zu sein.

Ulrike hatte den kleinen Zwischenfall schon wieder vergessen, als ihr Sohn nur wenige Tage darauf seine Bitte wiederholte. Er beteuerte, die Tabletten, die der Arzt seinem Freund verschrieben habe, seien viel zu schwach. Er könne bereits nächtelang nicht mehr schlafen.

"Er redete sich derart in Rage und schielte immer wieder zu dem abgeschlossenen Medikamentenschrank, dass ich plötzlich hellhörig wurde. Ich sah ihn entgeistert an und sagte ihm auf den Kopf zu, dass er die Tabletten für sich selbst haben wolle und ob er schon häufig welche geschluckt habe."

Anfangs leugnete Bodo entrüstet, doch als ihn seine Mutter an seine enthemmten Phasen erinnerte, die zweifellos auf das Morphin zurückzuführen waren, gab er es trotzig zu. Was denn schon dabei sei. Andere würden sich betrinken. Das sei viel schlimmer als so eine harmlose Pille. Ulrike redete ihm ins Gewissen. Sie gab ihm einige Broschüren zu lesen, die die Gefahren der Tablettensucht in Wort und Bild auf beklemmende Weise schilderten.

"Er schrie mich unbeherrscht an, was ich denn für eine Mutter sei. Ob ich vielleicht auf meinen Kaffee verzichten würde, obwohl der auch nicht gerade gesund sei. Und ob die zahlreichen Umweltgifte, denen wir täglich ausgesetzt seien, nicht viel bedenklicher seien."

Durch diese Argumente ließ sie sich nicht beirren. Von ihr würde Bodo keine Opiate bekommen, und sie würde nach Möglichkeit auch verhindern, dass er sich das Zeug an anderer Stelle beschaffte.

Schon am nächsten Abend kam Bodo wieder in die Apotheke. Diesmal wirkte er gehetzt. Ulrike begriff, dass er die Kontrolle über das Gift bereits verloren hatte. Er brauchte es, und tatsächlich drohte er, es sich mit Gewalt zu nehmen, falls sie nicht endlich vernünftig sei.

"Unter Vernunft verstand ich, meinen Sohn davor zu bewahren, noch tiefer in die Abhängigkeit zu geraten. Ich versprach, mit ihm einen Therapeuten aufzusuchen, der ihm helfen würde, von den unseligen Tabletten loszukommen."

Als Antwort stieß er sie zur Seite und versuchte, ihr den Schlüssel für den Glasschrank abzunehmen. Da sich die Frau energisch zur Wehr setzte, gab er ihr eine Ohrfeige. Als auch das nichts nützte, schlug er sie mit den Fäusten und ließ nicht eher von ihr ab, bis ihr Widerstand gebrochen war.

Während sie schluchzend auf dem Boden hinter der Verkaufstheke lag und sich vor Schmerzen krümmte, durchsuchte Bodo ihre Kitteltaschen und fand den Schlüssel. Triumphierend bediente er sich selbst.

"Wehe, wenn du mich verrätst!", drohte er danach. „Dann lernst du mich richtig kennen. Ich weiß alleine, was für mich gut ist. Schau gefälligst zu, dass dein Boss nichts merkt. Das kriegst du schon irgendwie hin."

Noch an Ort und Stelle schluckte er einige Pillen. Danach wurde er ruhiger. Er gab zu bedenken, dass er nur zu ihr gekommen sei, weil er kein Geld mehr habe, um sich das Zeug zu kaufen. Er kannte einschlägige Adressen.

Ulrike kann nicht genau sagen, was für sie schlimmer war. Dass sie ihr einziges Kind im Teufelskreis der Drogen gefangen sah, oder dass Bodo sich nicht gescheut hatte, seine eigene Mutter zu schlagen, um sein Ziel zu erreichen.

Eines aber weiß sie ganz sicher. Sie möchte ihrem Sohn helfen. Doch wie? Ist es dafür nicht schon zu spät?

Bodo hat gedroht, sich umzubringen, falls sie ihn bei anderen Leuten denunziert, wie er sich ausdrückte. Sie ist sich jetzt im Klaren, dass er zu allem fähig ist, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt. Doch sie weiß auch, dass sie das Fehlen eines derartigen Medikamentes nicht beliebig oft dem Apotheker gegenüber vertuschen kann. Was soll sie tun, wenn Bodo eines Tages seine Forderung wiederholt?

Sie fragt sich verzweifelt, wie es geschehen konnte, dass ihr der Junge unbemerkt entglitt. Ein Problem, das sie mit vielen fassungslosen Eltern teilt. Doch das ist kein Trost für sie.

 

 

 

Ich wurde von meinem Traummann schwer enttäuscht

Es gab nur wenige Frauen in unserer Firma, die nicht von Hasso Körner schwärmten. Der Verkaufsleiter war genau das, was ich damals unter einem Traummann verstand. Er sah prächtig aus, war charmant und geistreich, fuhr einen schnittigen Sportwagen und galt als Kronprinz unseres Chefs, der selbst kinderlos war und in Hasso seinen künftigen Nachfolger gefunden zu haben hoffte.

Wie gesagt, sie waren alle ein bisschen verliebt in ihn. Nur ich nicht. Ich liebte ihn nämlich unsterblich und war todunglücklich bei dem Gedanken, er könnte sich eines Tages für eine andere entscheiden.

Vorläufig genoss er seine Chancen. Fast jedes Wochenende widmete er einer neuen Favoritin, der er für gewöhnlich schnell wieder überdrüssig wurde.

Da ich nicht nur hübsch, sondern auch noch herrliche 20 Jahre jung war, musste er früher oder später zwangsläufig auf mich aufmerksam werden. Alles andere schien vorprogrammiert zu sein. Ein paar Verabredungen, Zärtlichkeiten und dann die unvermeidliche Trennung, um der nächsten Geliebten Platz zu machen.

Nein, das genügte mir nicht. Ich wollte Hasso ganz. Er sollte nur mir gehören. Ich allein war die Frau, die ihn wirklich glücklich machen würde.

Doch wie sollte ich ihn davon überzeugen, dass ich die einzig Richtige für ihn war? Was hatte ich ihm, dem vom Schicksal mit allen begehrenswerten Qualitäten Ausgestatteten, mehr zu bieten als die vielen anderen Bewerberinnen um seine Gunst?

Meine Mutter merkte, wie es um mich stand. Mein Gefühlsaufruhr konnte ihr schwerlich verborgen bleiben. Doch auch sie ahnte nichts von meinen Plänen, die mich Tag und Nacht beschäftigten.

Sie riet mir zu einer längeren Urlaubsreise oder aber zu einem Wechsel des Arbeitsplatzes, damit ich dem Angebeteten und für mich, der unbedeutenden Sachbearbeiterin, doch Unerreichbaren nicht täglich begegnen musste. Ich lehnte beides ab. Ich wollte ihm begegnen. Was war denn das Leben ohne ihn?

Meine ganze Hoffnung setzte ich auf das bevorstehende alljährliche Betriebsfest. Mir durfte nur keine andere zuvorkommen.

Ich nähte mir für diesen Anlass ein raffiniert geschnittenes Kleid, das meine Reize in das vorteilhafteste Licht rückten.

Der Erfolg blieb nicht aus. Kaum legte ich meinen Mantel ab, als auch schon von verschiedenen Seiten Kollegen angeschossen kamen und mich um den ersten Tanz baten.

Hasso erschien als einer der Letzten. Ich stolperte so geschickt in seiner unmittelbaren Nähe, dass er zwangsläufig auf mich aufmerksam werden musste.

Seine besorgte Frage galt meinem Knöchel, der hoffentlich nicht verstaucht sei. Seine Blicke jedoch glitten erheblich höher. Zuerst zu meinem Rocksaum, der sich zwei Handbreit über meinen Knien befand. Kurz darauf zu meinem Dekolleté, das sogar ihn, der einiges gewöhnt war, beeindruckte.

In diesem Moment hatte ich schon halb gewonnen. Zwar tanzte er in dieser Nacht mit mir kaum häufiger als mit all den anderen. Doch als sich das Fest dem Ende zuneigte, schlug er mir vor, noch zusammen ein Glas Champagner zu trinken.

Bevor die Flasche leer war, hatte Hasso, wie er sich einbildete, sein Ziel erreicht. Ich schlief mit ihm, und da ich zu diesem Zeitpunkt erst spärliche intime Erfahrungen mit anderen Männern gesammelt hatte, wurde es die wundervollste, beglückendste Nacht meines Lebens.

Zu meiner grenzenlosen Bestürzung stellte sich pünktlich meine Periode ein. Dabei hatte ich ganz fest damit gerechnet, nun schwanger zu sein. Ein solches Liebeserlebnis konnte doch unmöglich ohne Folgen bleiben.

Hasso ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er die Episode mit mir nicht auszudehnen wünschte. Das Fest war vorbei. Während der Arbeit wurde Kaffee und kein Champagner getrunken. Der Alltag hatte uns wieder, und für Hasso bedeutete der Alltag nun einmal neue Eroberungen.

Was sollte ich nur tun? Auf jeden Fall musste ich rasch handeln.

Ich meldete mich krank, blieb aber nicht im Bett, sondern fuhr heimlich für ein paar Tage nach Dänemark.

Dort machte ich die Bekanntschaft eines Mannes, der zufällig sympathisch und durchaus liebenswert war. Ich hätte mich auch von ihm verführen lassen, wenn er abstoßend gewesen wäre. Wichtig war für mich nur eins: Ich brauchte ein Kind. Wer mir dazu verhalf, spielte keine Rolle.

Diesmal klappte es. Ein Schwangerschaftstest brachte Gewissheit. So eröffnete ich Hasso mit rot geweinten Augen, dass ich ein Baby von ihm erwarte.

Er fiel aus allen Wolken. Ob ich denn nicht die Pille genommen hätte. Meine Tränen und mein Gestammel, dass ich mich völlig auf ihn verlassen hätte, überzeugten ihn. Nicht im Traum kam ihm der Verdacht, dass ein anderer der Schuldige sein könnte, war doch im Betrieb bekannt, dass ich zur Zeit keinen Freund hatte.

Hasso verhielt sich genauso, wie ich erwartet hatte. In seiner Position als angehender Firmenchef konnte er es sich einfach nicht erlauben, eine Frau mit seinem Baby sitzen zu lassen. Er musste mich heiraten, und ich wollte alles tun, dass er diesen Schritt nie bereute. Schließlich liebte ich ihn wirklich.

Dass der Mann in Dänemark eines Tages mein Geheimnis preisgeben könnte, brauchte ich nicht zu fürchten. Er kannte weder meinen richtigen Namen noch meine Adresse und würde nie erfahren, dass er ein uneheliches Kind hatte. Ich hatte ihn nur als Leihvater gebraucht.

Als Hasso und ich vor den Standesbeamten traten, war mir mein Zustand noch nicht anzusehen. Ich strahlte vor Glück, und meine Mutter weinte aus dem gleichen Grund. Es war eine Hochzeit wie im Märchen.

Doch schon bald gab es ein böses Erwachen, denn ich lernte einen völlig veränderten Hasso kennen.

Gut aussehend war er noch immer, doch von seinem sprichwörtlichen Charme konnte in den häuslichen vier Wänden keine Rede mehr sein.

Von Anfang an ließ er mich spüren, dass er mich nur des Kindes wegen geheiratet hatte. Er sagte mir auch ganz offen, dass er sich von mir hereingelegt fühlte, wenn er auch nicht die volle Wahrheit ahnte. Nach seiner Überzeugung hatte ich in voller Absicht an jenem Tag die Pille nicht genommen, um von ihm schwanger zu werden.

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihm ein gemütliches Heim zu schaffen. Ich belegte Abendkurse, damit er sich meiner nicht schämen musste. Ich achtete auch noch im neunten Monat sorgfältig auf mein Äußeres und war sicher, dass alles gut werden würde, sobald erst das Baby da war.

Doch Hasso zeigte über den wonnigen Stefan keine Freude. Er empfand ihn als zusätzliche Fessel.

Offenbar musste er sich beweisen, dass er auch noch als Familienvater für andere Frauen begehrenswert war, denn ich kam schnell dahinter, dass er mich bei jeder Gelegenheit betrog.

An der Entwicklung seines Sohnes nahm er nicht den geringsten Anteil. Ich bekam ihn immer seltener zu sehen und wusste nie genau, ob er sich in der Firma oder im Bett irgendeiner Rivalin aufhielt.

Wie demütigend war dies doch für mich. Allmählich begann ich mich ernstlich zu fragen, was ich an diesem Menschen jemals liebenswert gefunden hatte.

So traurig es klingt, aber ein Skiunfall, bei dem er sich ein Bein brach, wurde meine letzte Hoffnung. Nun konnte ich ihn pflegen und ihn mit meiner ganzen Fürsorge umgeben.

Auch mit Stefan war er während dieser Wochen zwangsläufig häufiger zusammen. Den kleinen Kerl musste man doch einfach lieb haben.

Aber nicht Hasso. Er blieb kalt, duldete zwar meine Pflege, behandelte mich aber wie eine zu gut bezahlte Krankenschwester und nicht wie seine Frau.

Als er wieder gehen konnte, wurde es noch schlimmer. Er machte keinen Hehl daraus, dass er ganz andere Frauen als mich hätte haben können. Nur wenn Gäste bei uns eingeladen waren, mimte er den rücksichtsvollen Ehemann. Kein Außenstehender ahnte, wie es bei uns im Alltag zuging.

Nach zwei Jahren hielt ich es einfach nicht mehr aus. Mir war endgültig klar geworden, dass ich seine Liebe nie erringen würde. Er war auch keiner Vatergefühle fähig. Also blieb nur ein konsequenter Schritt: die Trennung.

Aus dem gleichen Grund, aus dem er mich geheiratet hatte, verweigerte Hasso nun die Zustimmung zur Scheidung. Er fürchtete den Skandal.

Ich appellierte an seine Vernunft, aber gerade seine berechnende Vernunft gebot ihm, diese Ehe, die längst zu einer quälenden Farce geworden war, aufrechtzuerhalten.

Natürlich könnte ich die Scheidung erzwingen, ohne mein Geheimnis zu lüften. Doch das bringe ich einfach nicht fertig. Ich habe Angst, dass etwas Schreckliches passieren würde, falls ich abermals meinen Willen durchsetze.

Als ich zum ersten Mal von Trennung sprach, wurde Stefan plötzlich krank und erholte sich erst, als Hasso dieses Thema für erledigt erklärte. Irgendetwas in mir sagt mir, dass dies eine Warnung war. Das Leben meines Kindes scheint auf grausame Weise mit meiner Qual an Hassos Seite verbunden zu sein.

 

 

 

In Wahrheit hat er mich immer verachtet

"Man darf im Leben nichts dem Zufall überlassen", war Vaters ständige Redensart. "Du musst deine Zukunft genau vorausplanen, dann kann dir nichts passieren."

Darum brauchte ich mir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich studierte Jura, würde eines Tages eine eigene Rechtsanwaltskanzlei führen und irgendwann dem Mann meiner Träume begegnen. So einfach war das.

Doch dann nieselte es eines Nachts im Herbst. Meine Eltern fuhren nach einem Besuch bei Bekannten nach Hause. In einem Waldstück sprang ihnen ein Reh vor den Wagen. Bei einem reaktionsschnellen Bremsmanöver brach das Fahrzeug auf rutschigem Laub aus, überschlug sich und stand in hellen Flammen. Als Hilfe eintraf, konnten nur noch die beiden Leichen geborgen werden.

Mit dieser Schicksalswendung hatte selbst mein vorausplanender, damals erst 45-jähriger Vater nicht gerechnet. Von einer Stunde zur anderen stand ich plötzlich ohne seine finanzielle Unterstützung da. Es gab zwar ein paar Ersparnisse, doch die würden bald aufgebraucht sein. Mir blieb nichts anderes übrig, als mein Studium abzubrechen und mir einen Job zu suchen.

"Bist du verrückt?", entrüstete sich meine Freundin Gaby. "Dir fehlen doch nur noch knapp zwei Semester. Die hältst du schon durch."

Ich rechnete ihr meine laufenden Ausgaben vor und verriet ihr, dass ich mich bereits nach Nebeneinkünften umgesehen hätte, die mir genügend Zeit für mein Studium ließen. Viel war da nicht zu verdienen.

Gaby blickte mich schmunzelnd an. "Bist du etwa von gestern?", fragte sie gedehnt. "So wie du aussiehst, kannst du mühelos mehr verdienen, als du zum Leben und für ein paar schicke Klamotten brauchst. Du musst dir eben einen großzügigen Freund suchen."

An eine feste Bindung hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht. Einige Flirts, ein bisschen Verliebtsein, mehr nicht. Erst wollte ich meinen Doktor bauen. Für die Ehe fühlte ich mich zu jung.

Doch so etwas Spießiges meinte Gaby auch gar nicht. Ich begriff bald, dass ich nach ihrer Meinung aus den mir von der Natur gegebenen Vorzügen Kapital schlagen sollte.

Gegen diese Vorstellung sträubte sich alles in mir. Ich war doch keine Prostituierte, die Liebe verkaufte.

Andererseits, das wurde mir immer klarer, je geringer das Guthaben auf Vaters Sparbuch wurde, musste etwas geschehen.

Gaby schleppte mich in Discotheken, in denen Künstler, aber auch betuchte Leute verkehrten, die etwas gegen ihre Langeweile tun wollten. Zu meiner Überraschung hielten mich viele für exakt jene Medizin, die sie gegen ihren Lebensfrust brauchten. Das ließen sie sich bereitwillig etwas kosten.

Wenn es nach meinem Gefühl gegangen wäre, hätte ich mich zweifellos immer für die falschen Verehrer mit den dünnsten Brieftaschen entschieden. Gaby besaß in dieser Beziehung einen erfahreneren Blick. Sie traf zumindest am Anfang meine Wahl.

Auf diese Weise kam ich gut über die Runden, aber glücklich war ich nicht.

Das änderte sich erst, als ich Hasso kennenlernte. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und sah zudem noch passabel aus. Als er das erste Mal mit mir tanzte, spürte ich sofort, dass es mit ihm anders sein würde als mit seinen Vorgängern. Schöner, beglückender.

Dass er mich aber bereits nach ein paar Wochen bat, seine Frau zu werden, hätte ich nicht erwartet. Ich willigte spontan ein. Nicht nur, weil ich froh und erleichtert war, endlich finanziell versorgt zu sein und meinen augenblicklichen Lebenswandel beenden zu können. Nein, ich mochte Hasso wirklich. Wenn er auch nicht in allen Punkten meinen Traumvorstellungen entsprach, so war ich doch realistisch genug einzusehen, dass sich das Warten auf den Supermann in den meisten Fällen als sinnlos erweist.

Wir heirateten also. Ich schloss mein Studium ab und hoffte nun auf eine bescheidene berufliche Karriere.

Doch davon wollte Hasso nichts wissen. Er sei der Mann, er würde genug Geld heranschaffen, er habe mich nicht geheiratet, um sich abends sein Essen selbst aufzuwärmen.

Glaubte ich noch, ihn überzeugen zu können, dass sich Beruf und hausfrauliche Pflichten recht gut koordinieren ließen, so sperrte er sich gegen jedes meiner Argumente. Immer deutlicher wurde mir bewusst, dass er mich als seinen persönlichen Besitz betrachtete, über den er nach Belieben verfügen durfte.

"Was willst du eigentlich?", fauchte er eines Abends. "Dir geht es doch prima. Sei froh, dass wir uns begegnet sind. Wer weiß, wo du früher oder später gelandet wärst."

Einige Tage darauf wurde er noch deutlicher. Er führte mir vor Augen, dass er mich vor der Gosse bewahrt habe. Dafür dürfe er wohl ein Mindestmaß an Dankbarkeit erwarten. Oder ob ich vielleicht Sehnsucht nach meinen Kerlen hätte?

Für diese Bemerkung begann ich ihn zu hassen. Hasso war nicht der feinsinnige Mensch mit den vollendeten Manieren und dem Verständnis für Zwangslagen, den ich in ihm gesehen hatte. Er konnte eiskalt und sogar brutal sein, wenn es um die Durchsetzung seiner eigenen Wünsche ging.

Diese Wünsche kreisten in erster Linie um Sex. Ich hatte ihm nach seinem Belieben zur Verfügung zu stehen. Dies ließe sich freilich kaum bewerkstelligen, wenn ich in einer Anwaltskanzlei tätig wäre.

Im Bett ließ er mich mehr und mehr spüren, dass er mich als williges Spielzeug betrachtete, für das er einen angemessenen Preis gezahlt hatte. So konnte ich auf die Dauer nicht leben. Nach einem Jahr reichte ich die Scheidung ein.

Ich erwartete, dass er mir auf diesem Schritt Steine in den Weg legen würde, doch Hasso erklärte sich einverstanden. Er versuchte nicht einmal, sich meinen bescheidenen Unterhaltsforderungen zu entziehen.

Lange wollte ich sie ohnehin nicht in Anspruch nehmen. Ich würde eigenes Geld verdienen. Schließlich besaß ich ja meinen Beruf.

Hasso erfuhr, dass ich zunächst mit einem Notar zusammenarbeiten wollte. Er stand eines Abends vor meiner Wohnungstür und riss mich in seine Arme. "Du willst doch nicht, dass ich Dr. Mertens etwas über deine Vergangenheit erzähle", drohte er, bevor er sich nahm, was ihm nach seiner Überzeugung immer noch zustand.

Es blieb nicht bei diesem einen Besuch. Mit seiner Drohung, dem Notar die Augen über mein Vorleben zu öffnen, hatte er mich in der Hand.

So konnte es nicht ewig weitergehen. Hatte ich mich dafür von ihm getrennt? Nur eine neue Ehe würde mich vor seinen Zudringlichkeiten schützen.

Ich lernte nach einiger Zeit Wilfried kennen, den unsere Kanzlei in Rechtsfragen vertrat. Er war Witwer und Vater einer 3-jährigen Tochter, für die er wieder eine Mutter suchte. In mir glaubte er sie gefunden zu haben.

Sein Antrag machte mich stolz und glücklich zugleich, zumal ich inzwischen wusste, dass ich nie eigene Kinder würde haben können. In Wilfrieds gutem Charakter täuschte ich mich sicher nicht, und in seine bezaubernde Bärbel war ich ganz vernarrt. Ohne zu zögern, nahm ich seinen Antrag an.

Diesmal hatte ich Glück. Erfolg im Beruf, Kraft und Erfüllung in der Familie, was konnte sich eine Frau noch mehr wünschen!

Doch es dauerte nicht lange, da tauchte Hasso wieder bei mir auf und forderte sein Recht, wie er sich geringschätzig ausdrückte.

Empört wies ich ihn zurück. Ob er nicht wisse, dass ich wieder verheiratet sei?

Natürlich wusste er es, aber es störte ihn nicht im Geringsten.

"Wenn schon", betonte er abfällig. "Früher hast du es doch auch nicht so genau genommen. Weiß dein Mann eigentlich, dass seine süße Frau eine Hure war?"

Er sagte noch viele hässliche Dinge, und alle gipfelten in der Drohung, Wilfried über mich reinen Wein einzuschenken, falls ich mich bockbeinig stellte.

Grinsend warf er einen Hunderter auf den Tisch und zerrte mich auf die Couch.

Als er ging, kündigte er an wiederzukommen. Das tut er seitdem in unregelmäßigen Abständen. Immer, wenn ihm danach zumute ist. Was ich dabei empfinde, fragt er nicht. Ich glaube, er hat von Anfang an nie die Frau in mir gesehen. Hoffentlich erfährt Wilfried nicht die Wahrheit!

 

 

 

Jahrelang führte ich ein Doppelleben

Als mein Chef Knut Jasper mich das erste Mal zu einem Ausflug auf seiner Motoryacht einlud, argwöhnte ich, dass er sich ein schnelles Abenteuer erhoffte. Ihm konnte wohl nicht ernstlich an der Sympathie einer Angestellten liegen, die im Versand für ihn arbeitete.

Zudem kannte ich damals schon Paul und erwog, seinen Heiratsantrag anzunehmen. Das war zweifellos etwas Solideres als ein paar fragwürdige Stunden in einer Bootskajüte.

Paul und ich heirateten. Ihm gehörte ein kleiner Betrieb für Autoelektronik. Damit ließ sich gutes Geld verdienen. Das wusste ich genau, denn die Firma, in der ich nun schon seit vier Jahren beschäftigt war, stellte ähnliche Produkte her.

Pauls Hoffnung, für ihn die Buchhaltung zu führen, konnte ich leider nicht erfüllen. Davon verstand ich nichts. Er brauchte eine versierte Kraft, denn, wie sich zu meiner Bestürzung schon bald herausstellte, liefen seine Geschäfte nicht besonders. Genau genommen, stand er kurz vor dem Konkurs.

"Ich halte zu dir", versicherte ich ihm. "Du schaffst es schon."

Paul nahm mich seufzend in den Arm und vertraute mir an, dass sein größtes Problem ausgerechnet Knut Jasper sei, der ihn mit seinen Preisen ständig unterbiete.

Er erklärte mir, dass er gerade wieder ein Angebot erarbeite. Wenn er den Zuschlag bekäme, würde das momentan das Schlimmste abwenden. "Ich müsste wissen, welche Konditionen Jasper bietet. Kannst du das nicht für mich in Erfahrung bringen?"

Ich verneinte bedauernd. Wenn ich im Versand in Aktion trat, war der Auftrag längst erteilt.

Paul ließ sich nicht so schnell überzeugen. Ihm war klar, dass man schon zu besonderen Mitteln greifen müsse, um an die vertraulichen Daten zu gelangen. Wenn ich geschickt wäre, könnte ich meinem Chef die Zahlen bestimmt entlocken. "Du hast doch selbst gesagt, dass er ein Auge auf dich geworfen hat."

Sein Vorschlag lief darauf hinaus, dass ich ruhig Jaspers nächste Einladung annehmen sollte. In entspannter Atmosphäre begännen verliebte Männer bereitwillig zu plaudern und sich mit ihren Erfolgen zu brüsten. "Du tust es ja für mich und unsere gemeinsame Zukunft, Schatz", gab er eindringlich zu bedenken. "Oder ist dir der Mann so unsympathisch?"

Ich antwortete nicht. Was Paul da von mir erwartete, war ein ziemlicher Schock für mich. Ich sollte zu Knut Jasper nett sein. Sehr nett, falls nur das zum Ziele führte.

Nächtelang konnte ich nicht schlafen. Ich begriff Pauls Ansinnen nicht. Liebte er mich denn nicht? War ihm sein Betrieb wichtiger als ich?

Doch wenn ich ihn beobachtete, spürte ich, wie er litt. Bereits sein Großvater hatte den Betrieb gegründet. Unter der Leitung seines Vaters hatte er einen beträchtlichen Aufschwung erfahren. Nur er schaffte es nicht, das Schiff durch die gefährliche Strömung der Konkurrenz zu steuern. Ich musste ihm einfach helfen.

Knut Jasper, der sich seit meiner Heirat zwar mit Sympathiebekundungen etwas zurückhielt, jedoch seine Hoffnungen noch längst nicht völlig aufgegeben hatte, strahlte, als ich sein nächstes Angebot nicht, wie gewohnt, ausschlug. Offenbar argwöhnte er, dass ich in der Ehe wohl doch nicht das erhoffte Glück gefunden hatte.

Seine Yacht beeindruckte mich stark. Noch mehr faszinierte mich allerdings seine dezente Art. Er benahm sich viel zurückhaltender, als ich befürchtet hatte.

Für meine Absichten zu zurückhaltend. Wie sollte ich ihm seine Geheimnisse entlocken, wenn er gar so korrekt war?

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn ein wenig zu ermutigen. So geschah es dann bei unserem dritten Treffen. Wir blieben die ganze Nacht draußen auf See.

Danach fühlte ich mich mies und Paul gegenüber schuldbewusst. Aber er umarmte mich und betonte, wie stolz er auf mich sei. Ich brachte ihm die Zahlen, die er bei seinem Angebot berücksichtigte. Zwei Wochen später erhielt er den wichtigen Auftrag.

Dieser zögerte die Pleite allerdings nur hinaus. Wenn Paul seinen Betrieb dauerhaft sanieren wollte, brauchte er eine stattliche Anzahl solcher Aufträge, die ihm vorläufig noch sein schärfster Konkurrent Knut Jasper vor der Nase wegschnappte. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Rolle weiterzuspielen. Ich tat es ja für Paul.

Knut merkte nicht, wie ich ihn aushorchte. Er war viel zu verliebt und schon bald sicher, dass ich genauso für ihn empfand. So lieferte ich Paul die Namen lohnender Kunden und günstiger Zulieferer, Angaben über die Maschinen der Konkurrenz und andere wichtige Daten. Dafür zahlte ich mit Liebe, und beide Männer waren glücklich.

Und ich? Ich spürte entsetzt, dass ich immer häufiger Paul und Knut miteinander verglich. Sie unterschieden sich stark voneinander, zumal Paul darauf gekommen war, dass man mit ein paar undurchsichtigen Tricks überraschend schnell zu finanziellen Erfolgen gelangte. Er scheute sich nicht, eigene Mitarbeiter unter Druck zu setzen, damit sie ihm auf irgendeine Weise nützlich waren. In der Regel handelte es sich um Manipulationen, die mit ehrlicher Geschäftspraktik nichts gemein hatten.

Es ging mit seinem Betrieb wieder aufwärts, aber er wollte nun immer noch mehr.

Das stieß mich ab. Es gelang ihm zwar nicht, Knut zu ruinieren, doch dessen Geschäft erlitt erhebliche Einbußen. Er war sogar gezwungen, einige Arbeiter zu entlassen.

Er stand vor einem Rätsel. Mich brachte er mit seinen Misserfolgen nicht in Zusammenhang, zumal es mir überhaupt nicht mehr schwerfiel, zärtlich zu ihm zu sein. Ich hatte mich, ohne mir anfangs dessen bewusst zu werden, in ihn verliebt.

Deshalb lehnte ich auch entrüstet ab, als Paul eines Tages von mir verlangte, mich an Knuts Chefkonstrukteur heranzumachen und damit seiner eigenen Entwicklungsabteilung einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen.

Wie tief war er gesunken! In letzter Zeit kam mir der Verdacht, dass er mich nur geheiratet hatte, weil er von Anfang an in mir eine erfolgversprechende Spionin sah.

Aber damit war jetzt ein für allemal Schluss. Das sagte ich ihm in aller Deutlichkeit. Außerdem eröffnete ich ihm, dass Knut mich beschworen hatte, seine Frau zu werden.

"Ich glaube, ich werde es tun", schloss ich mit Nachdruck. "Wir sollten uns scheiden lassen. Du brauchst mich nicht länger, und was unsere Ehe betrifft, stimmt es zwischen uns doch schon lange nicht mehr. Ich liebe Knut."

Er blickte mich ungläubig an, bevor sich in seine Augen ein gefährliches Glitzern stahl. Das könne nicht mein Ernst sein, schrie er mich an. Ich sei schließlich mit allem einverstanden gewesen und könne nun nicht einfach aussteigen. Er habe noch eine Menge mit mir vor.

Das konnte ich mir lebhaft vorstellen, doch mein Entschluss stand fest. Allenfalls Pauls Einsicht hätte mich möglicherweise noch umstimmen können. Er aber dachte nur an seine nächsten Machenschaften, für die er mich brauchte.

Da reichte ich die Scheidung ein. Ich wollte endlich für Knut frei sein, endlich einen Strich unter dieses unerfreuliche Kapitel meines Lebens ziehen.

Paul sah ein, dass er mich nicht halten konnte. Zu tief war die Kluft zwischen uns geworden. Doch er zeigte, dass er zu verlieren verlernt hatte.

Höhnisch drohte er mir, meinem Liebhaber mein falsches Spiel zu offenbaren. Was ich längst aus tiefstem Herzen bereute, warf Paul mir nun vor, als wäre es meine Idee gewesen und nicht aus Liebe zu ihm geschehen.

Wie ich ihn inzwischen kannte, war ich überzeugt, dass er auf diese Rache nicht verzichten würde.

Nie wieder konnte ich Knut unter die Augen treten. Selbst wenn er mir verzieh, was ich bezweifelte, würde seine Kenntnis um die Wahrheit unsere Beziehung so stark belasten, dass es früher oder später zum Bruch kommen musste.

Noch einmal wollte ich von einem Mann, den ich zu lieben begonnen hatte, nicht so hässliche Worte hören müssen wie jetzt von Paul. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich von beiden zu trennen.

Heute lebe ich in einer anderen Stadt. Von Knut habe ich nichts mehr gehört. Aber Paul rief unlängst bei mir an. Ich fürchte, dass er eine neue Teufelei im Sinn hat.

 

 

 

Ich wurde gezwungen, mit einer Toten zu konkurrieren

Ich heiratete erst mit 38, weil ich es vorher nicht übers Herz brachte, meine kränkliche Mutter alleinzulassen. Ich hing sehr an ihr. Wahrscheinlich deshalb, weil sie unter der rücksichtslosen Behandlung durch meinen Vater bis zu ihrer endgültigen Trennung litt.

Die schlechte Ehe meiner Eltern mag auch der Grund gewesen sein, dass ich lange Zeit nicht den Wunsch verspürte, eine eigene Familie zu gründen. Ich liebte zwar Kinder, doch als Kindergärtnerin litt ich in dieser Beziehung keinen Mangel. Die Männer spielten in meinem Leben keine Rolle, obwohl sich mir mehrfach die Möglichkeit geboten hätte, mich dauerhaft zu binden.

Das änderte sich schlagartig, als ich Ludwig kennenlernte. Ludwig war nicht der Inbegriff eines Traummannes. Er hatte die 40 bereits überschritten, war verwitwet und sorgte für seine 14-jährige Tochter Melanie.

Wir lernten uns kennen, als er mir bei einer Autopanne behilflich war, und ich fühlte mich sofort zu diesem sympathischen, freundlichen Menschen hingezogen.

Wir verabredeten uns, trafen uns häufiger, und ich lernte auch Melanie kennen, die sich gerade in jenem Alter befand, in dem Mädchen so dringend einen weiblichen Ansprechpartner für ihre Probleme und Kümmernisse benötigen.

Meine Mutter geriet zwar in helle Aufregung, als sie merkte, dass sich da etwas Ernsthaftes entwickelte. Kaum ein Tag verging, an dem sie mich nicht an meinen Vater erinnerte und mir das Zusammenleben in einer Ehe in den düstersten Farben malte. Das fremde Kind sah sie als zusätzliches Hindernis.

Ein paar Monate später starb sie. Ich fühlte mich schrecklich alleingelassen. Umso stärkere Hoffnungen knüpfte ich an meine Beziehung zu Ludwig, der schon längst vom Heiraten gesprochen hatte und nun ein zusätzliches Argument in die Hände bekam.

Hatte er nicht recht? Wäre nicht uns allen geholfen? Melanie brauchte wieder eine Mutter, und wir verstanden uns prächtig. Schließlich gab es Millionen von Ehen, die nicht scheiterten.

Also gingen wir zum Standesamt, und während der ersten Wochen lief auch wirklich alles gut. Ludwig gab sich liebevoll, Melanie vertraute sich mir an, und ich konnte gar nicht mehr verstehen, warum ich so lange gezögert hatte.

Ein winziger Anlass löste jedoch eine Lawine aus, die von Tag zu Tag wuchs und mich zu erdrücken drohte. Diese Lawine hieß Beatrice.

Beatrice war Ludwigs erste Frau, die vor zwei Jahren gestorben war. Ihr Name wurde anfänglich nur selten erwähnt. Das änderte sich.

Ich brachte eines Tages Hühnerfrikassee auf den Tisch. Melanie hatte Ärger in der Schule gehabt und suchte ein Ventil für ihren Frust. Da kam ich ihr gerade recht. Das Frikassee schmecke so merkwürdig, behauptete sie und schob den Teller zurück. Ihre Mutti habe es viel besser gekocht.

Noch nahm ich mir diesen Vorwurf nicht zu Herzen, sondern erkundigte mich, ob sie vielleicht das Rezept wisse. Aber nun schmeckte dem Mädchen auch der Salat nicht mehr. Der sei bei mir immer viel zu sauer.

Sauer wurde ich nun auch langsam, zumal ich von Ludwig keinerlei Schützenhilfe erhielt. Es war, als hätte er nur darauf gewartet, dass mir endlich einmal jemand die Meinung sagte.

Von nun an fand auch er immer häufiger etwas an mir auszusetzen. Dass ich weder als Frau noch als Mutter perfekt war, wusste ich selbst, aber dass er mich ausgerechnet mit seiner Beatrice verglich und sie mir mehr und mehr als Vorbild darstellte, schmerzte mich. Konnte ich etwas dafür, dass sie tot war?

Aber ich sagte mir, dass die offensichtlich depressive Phase der beiden sicher vorübergehen würde. Ich hatte Erinnerungen geweckt, doch niemand konnte mir vorwerfen, ihnen etwas weggenommen zu haben. Im Gegenteil, ich wollte doch nur eine schmerzliche Lücke füllen. Und natürlich wollte ich auch selbst glücklich sein. War das zu viel verlangt?

Ich arbeitete nur noch vormittags, um mich intensiver Melanie widmen zu können, wenn sie aus der Schule kam. Ihr aber schien das überhaupt nicht zu gefallen. Als ich sie einmal nach dem Unterricht abholte, um gemeinsam mit ihr einzukaufen, fand sie das furchtbar peinlich. Ob ich ihr nachspionieren wolle, fauchte sie mich an. Mutti hätte ihr immer vertraut.

Selbst an dem Kleid, das erheblich mehr kostete, als ich ursprünglich hatte ausgeben wollen, fand sie etwas auszusetzen. Mein Modegeschmack sei noch vom vorigen Jahrhundert, warf sie mir schnippisch vor, und überhaupt habe Mutti viel mehr Schick besessen.

Bestürzt übte ich heimliche Selbstkritik. Vielleicht hatte das Mädchen nicht so ganz Unrecht. Meine Garderobe war immer eher praktisch und preisgünstig als pfiffig und extravagant gewesen. Jetzt aber musste ich auch an meinen Mann denken, der sich meiner nicht schämen sollte.

Also kaufte ich auch mir in den nächsten Tagen ein paar neue Sachen und war auf Ludwigs Reaktion gespannt.

Er schüttelte nur ungnädig den Kopf. Wer mich denn da beraten habe? Das Zeug passe überhaupt nicht zu meinem Typ. Da hätte ich mal Beatrice sehen sollen. Von der hätte ich eine Menge lernen können.

Enttäuscht verteidigte ich mich, dass ich Gudrun und nicht Beatrice sei und dass jeder Mensch ein Recht auf einen eigenen Geschmack besitze. Wir gerieten zum ersten Mal heftig aneinander, und ich begann diese Beatrice zu hassen. Es war, als sei die Tote eifersüchtig auf mich.

Am nächsten Tag sah ich alles viel nüchterner, sagte mir, dass Ludwig und seine Tochter viel durchgemacht hatten und sicher bald einsehen würden, dass man die Zeit nicht zurückdrehen konnte.

Ich aber wollte mir Mühe geben, meine Rolle als Frau und Mutter auszufüllen. Ein paar Schwächen sahen sie mir sicher nach.

Doch da täuschte ich mich. Je verbissener ich daran arbeitete, alles perfekt zu machen, umso herbere Kritik übten sie an mir. Ludwig fand, dass ich mich im Theater unmöglich benommen habe, und Melanie schüttelte mitleidig den Kopf über meine nur geringen Französischkenntnisse. Mutti habe vier Sprachen perfekt gesprochen.

Ich hielt das einfach nicht mehr aus. Mehrfach versuchte ich, mich mit Ludwig auszusprechen. Er wollte mir doch bestimmt nicht absichtlich wehtun, doch seine Gedankenlosigkeit trieb spitze Pfeile in mein Herz, das sich nach Liebe und ein wenig Anerkennung sehnte.

Manchmal fragte ich mich, warum er mich überhaupt geheiratet hatte. Obwohl ich seinen Haushalt im reinsten Chaos übernommen hatte, konnte ich ihm kaum etwas recht machen. In meinen Bemühungen um Melanies Zuneigung unterstützte er mich nur spärlich, und meinen Beruf verglich er geringschätzig mit Beatrices Tätigkeit einer Fremdsprachenkorrespondentin.

Am beschämendsten aber empfand ich seine gelegentlichen Andeutungen, wenn ich in seinen Armen lag. Er scheute sich nicht, mich an seiner ersten Frau zu messen. Dass ich dabei nicht sonderlich gut abschnitt, brauche ich wohl kaum noch zu erwähnen.

Keine andere Frau hätte sich eine solche Behandlung gefallen lassen. Ich aber liebte Ludwig und hatte auch Melanie ins Herz geschlossen. Ich suchte die Ursache für unser immer gespannteres Verhältnis in erster Linie bei mir selbst und wollte alles tun, um dies zu ändern.

Das konnte ich offenbar nur, indem ich so wurde, wie diese Beatrice gewesen war. Wenn man Ludwig reden hörte, würde ich mir göttergleiche Fähigkeiten zu eigen machen müssen. In den Äußerungen des Mädchens erschien sie eher wie eine märchenhafte Fee. Da sie zu allem Überfluss auch noch über konkurrenzlose irdische Eigenschaften verfügt hatte, sah ich einen dornenreichen Weg vor mir, den zu überwinden ich dennoch fest entschlossen war.

Also zog ich Erkundigungen über jene Frau ein, die mir selbst nach ihrem Tode das Leben noch so schwer machte. Ich spürte ehemalige Bekannte meines Mannes auf und fuhr sogar in die Stadt, in der Ludwig mit seiner Familie einige Zeit gelebt hatte.

Dort erfuhr ich etwas Erstaunliches. Beatrice, die mir stets als Heilige dargestellt worden war, hatte während ihrer Ehe mindestens einen Geliebten besessen. Ähnliche Freiheiten, wie sie sich selbst herausnahm, billigte sie wohl auch Mann und Kind zu. Um Melanie schien sie sich zumindest nicht viel gekümmert zu haben. Sie ersetzte Mutterliebe durch großzügige Geschenke.

Ich fühlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Beatrice stellte sich mir plötzlich nicht mehr als das Idealbild einer liebenden Frau und Mutter dar. Warum verdrängte Ludwig die Wahrheit? War sie ihm peinlich?

Ich ergriff die erste sich bietende Gelegenheit, um dieses Thema anzuschneiden. Als er mir vorwarf, den Onkel eines meiner Schützlinge im Kindergarten zu freundlich gegrüßt zu haben, und sogar den Verdacht äußerte, er könnte mehr für mich sein als nur ein flüchtiger Bekannter, erinnerte ich ihn an den weiß Gott nicht vorbildlichen Lebenswandel seiner verstorbenen Frau. Jetzt musste er Farbe bekennen.

Er hörte mir mit wachsender Erregung zu, bevor er aufsprang und mich anbrüllte, ob ich mich denn überhaupt nicht schäme, das Andenken einer Toten derart in den Schmutz zu ziehen. Ob ich denn vor nichts Ehrfurcht besäße.

Es fiel mir schwer, sachlich zu bleiben und nicht in gleicher Lautstärke zu antworten. Ich rechtfertigte mich, dass ich doch nur den dauernden Ungerechtigkeiten mir gegenüber ein Ende bereiten wollte. Die Vergangenheit ginge mich nichts an, aber er müsse zugeben, dass auch Beatrice nicht fehlerlos gewesen sei. Genau wie ich, wie wir alle. Nichts lag mir ferner, als den Stab über die Tote zu brechen.

Doch genau das machte mir Ludwig zum Vorwurf, und von dieser Stunde an wurde das Verhältnis zwischen uns noch gespannter als zuvor.

Melanie schlug sich selbstverständlich auf die Seite ihres Vaters. Sie entzog mir ihr Vertrauen, wurde richtig boshaft, weil sie wusste, dass Ludwig ihr Verhalten verteidigen würde. Sie waren Verbündete, die in einer Gedankenwelt lebten, in der sich alles um die von ihnen glorifizierte Beatrice drehte.

War es unter diesen Umständen ein Wunder, dass ich mich immer verzweifelter nach einem liebevollen Wort, nach einer zärtlichen Geste sehnte? Überlaut hörte ich die Warnungen meiner Mutter vor der Ehe, die ich in den Wind geschlagen hatte. Wenn ich nur gewusst hätte, was ich falsch machte.

Wahrscheinlich suchte ich instinktiv einen Menschen, dem ich mein übervolles Herz ausschütten konnte. So kam es, dass ich mich ganz im Widerspruch zu meiner sonstigen Einstellung zu einem anderen Mann hingezogen fühlte, der mir seit einiger Zeit Komplimente machte.

Friedhelm Gärtner arbeitete als Bauingenieur, der mit Stahl und Beton, aber auch mit Frauen umzugehen verstand. Er sagte mir auf den Kopf zu, dass ich unglücklich sei, und beschwor mich, dies zu ändern.

Nach und nach erfuhr er meinen ganzen Kummer, wobei ich sehr behutsam über Beatrice urteilte.

Friedhelm benutzte deutlichere Worte. Weniger über die Tote als über Ludwig und dessen Tochter, die es nicht wert seien, dass ich ihnen meine besten Jahre opfere. Schon nach kurzer Zeit drängte er mich, mich scheiden zu lassen und mit ihm noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Er sprach von Liebe, legte seine Vergangenheit vor mir offen und versprach, mich die letzten, deprimierenden Monate bald vergessen zu lassen.

War das meine große Chance? Was würde ich denn aufgeben? Einen unzufriedenen Mann, der unmöglich Zuneigung für mich empfinden konnte, und ein bockiges Kind, das mich mehr und mehr ablehnte.

Noch weigerte ich mich, meine Entscheidung für Ludwig als größten Irrtum meines Lebens einzugestehen. Es war alles so klar gewesen. Wieso sollten wir drei plötzlich nicht mehr zusammenpassen?

Und doch blieb es Tatsache, dass ich in meiner Familie Tadel und Nichtachtung, bei Friedhelm jedoch Liebe erfuhr.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich plötzlich aus Ludwigs und Melanies Leben verschwände. Nein, ich durfte nicht nur an meine eigene heile Welt denken. In erster Linie ging es um ein 14-jähriges Mädchen, das die Mutter verloren hatte, obwohl es sie so dringend brauchte. Ich musste durchhalten und hoffen, dass sich unser Zusammenleben irgendwann normalisieren würde.

In diesem Sinne antwortete ich auch Friedhelm, als er mir eines Tages stolz von einem lukrativen Auslandsjob berichtete, der ihm angeboten worden war. Er musste sich zunächst auf drei Jahre verpflichten und verlangte deshalb eine Entscheidung von mir. Ich sollte ihn begleiten. In der neuen Umgebung würde es auch viel leichter für mich sein, das Gewesene zu vergessen.

Nein, ich konnte es nicht. Melanie brauchte mich, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte. Und Ludwig? Ihn liebte ich. Das konnte ich ihm am besten beweisen, indem ich um unser Glück kämpfte.

Friedhelm beugte sich meinem Entschluss, aber er schwor, mich nie zu vergessen.

Glaubte ich dieses Kapitel damit beendet, so täuschte ich mich. Ludwig erfuhr wenig später von meiner 'peinlichen Affäre', wie er es nannte. Darauf könne es für ihn nur eine Antwort geben: Scheidung.

Das Wort traf mich wie eine Ohrfeige. Scheidung! Genau das hatte Friedhelm von mir verlangt. Jetzt war er fort. Ich hatte umsonst auf ihn verzichtet.

Ich mietete mir eine kleine Wohnung, denn wie hätten wir ein ganzes Jahr zusammenleben sollen, als wäre nichts geschehen? Zum Glück konnte ich wieder ganztags arbeiten, wodurch ich wenigstens in keine finanziellen Schwierigkeiten geriet.

Während der ersten Tage hoffte ich auf Ludwigs Anruf oder einen kurzen Brief. Vergebens. Es war, als hätte ich nie für ihn existiert.

Wenn wir uns in der Stadt begegneten, wechselten wir ein paar Worte und verabschiedeten uns hastig. So ging das ein halbes Jahr.

Dann stand eines Tages Melanie vor meiner Tür. Sie hielt einen kleinen Strauß Anemonen in der Hand.

Ich fürchtete, dass etwas Schlimmes passiert sei. Sie war so durcheinander und brachte kaum ein Wort heraus.

Aber dann sprudelte es plötzlich wie ein Sturzbach. Mit Tränen in den Augen bat sie mich, wieder nach Hause zu kommen. Vati und sie würden mich so sehr vermissen.

Sekundenlang wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Dann nahm ich das Mädchen einfach in den Arm und gab ihm einen Kuss. Und nun weinten wir beide.

Ludwig kam wenig später ebenfalls. Er hatte unten gewartet und Melanies langes Ausbleiben als gutes Zeichen gewertet.

Er bat mich, ihm zu verzeihen. Er sei völlig vernagelt gewesen. Er liebe mich doch. Das müsse ich ihm glauben.

Geglaubt hatte ich ihm schon einmal, bevor es ein böses Erwachen gab. Ein zweites Mal hätte ich es nicht ertragen können.

Inzwischen ist unsere Scheidung kein Thema mehr, und Melanie ist genau die Tochter, die ich mir gewünscht hatte, lieb, manchmal ein bisschen hilflos und manchmal auch ein wenig ungezogen. Eben eine typische Heranwachsende, wie wir es alle waren.

Und ich bin glücklich, dass ich nicht mit Friedhelm gegangen bin. Wenn ich heute an Beatrice denke, kann ich dies endlich ohne Groll tun.

 

 

 

Ein folgenschwerer Flirt endete in Trauer und Tod

Ist es nicht absurd? Da wird von frühester Jugend an die Laufbahn eines Menschen sorgfältig geplant, man fordert Aufmerksamkeit und Leistung in der Schule, wählt einen Beruf mit den vielversprechendsten Aufstiegsmöglichkeiten und entscheidet sich für einen Lebenspartner, der am besten zu einem passt. Jeden Vertrag liest man genau, jede Geschäftsbeziehung prüft man misstrauisch, ob man auch nicht übers Ohr gehauen werden soll. Und wenn man es dann endlich geschafft hat, wenn man eine der oberen Stufen auf der Karriereleiter erklommen und sein Privatleben bestens geregelt hat, kommt so ein lächerlicher Zufall und macht alles zunichte.

Mit mir hatte es das Schicksal eigentlich immer gut gemeint. Meine Eltern konnten mir eine solide Ausbildung ermöglichen. Ich hatte das Glück, in das Computergeschäft einsteigen zu können, als noch niemand an dessen Bedeutung in unserer Zeit dachte. Und als ich schließlich in unserem explosionsartig expandierenden Betrieb die verantwortungsvolle Stelle des Verkaufsleiters bekleidete und nur noch dem Chef persönlich unterstellt war, lernte ich Bettina, die Tochter eines unserer zahlungskräftigsten Kunden, kennen und heiratete sie ein halbes Jahr später.

Bettina schenkte mir zwei gesunde Kinder, die inzwischen sieben und neun Jahre alt sind. Auch Bettina und ich blieben bisher von ernsthaften Erkrankungen verschont. Ich hätte also allen Grund, zufrieden zu sein.

Aber vielleicht ging es mir die ganze Zeit zu gut. Vielleicht hatte ich es immer zu leicht. Irgendeinen Grund muss es doch für mein folgenschweres Fehlverhalten geben.

Es begann während einer meiner üblichen Geschäftsreisen. Die Besprechungen hatten sich wieder bis in den späten Abend ausgedehnt, und ich wollte unbedingt noch in dieser Nacht zu meiner Familie nach Hause fahren.

Es regnete. Am Ortsrand entdeckte ich ein vor Nässe und Kälte zitterndes Persönchen, das zu winken begann, als es die Scheinwerfer meines Wagens entdeckte.

Ich hielt und fragte nach dem Ziel der schätzungsweise 22-Jährigen.

Es war kein großer Umweg für mich, und ich konnte Monika, so hieß sie, unmöglich im Regen stehen lassen.

Schweigend saß sie neben mir. Nur gelegentlich schluchzte sie und nahm dankbar eine Zigarette.

Ich erfuhr von dem Zerwürfnis mit ihrem Freund, der sie buchstäblich vor die Tür gesetzt hatte. Sie erzählte, ohne sich dabei in ein besonders strahlendes Licht zu setzen. Das gefiel mir.

Ich fand die Kleine überhaupt bemerkenswert reizend. Sie gab sich so natürlich, und ich kam auf die Idee, mich als unbedeutenden Handelsvertreter auszugeben.

Unterwegs tranken wir einen Kaffee. Ich fand Gelegenheit, sie genauer zu betrachten. Mir wurde ganz seltsam zumute. Auf diese Weise hatte ich seit meiner Heirat noch nie für eine andere Frau empfunden.

Zu diesem Zeitpunkt bildete ich mir allerdings noch nicht ein, Monika könnte als Frau für mich empfinden. Ich war doppelt so alt wie sie, und sicher hoffte sie auf eine Versöhnung mit ihrem Freund.

Ich sagte ihr etwas Nettes, um sie aufzuheitern, und sie schenkte mir ein dankbares Lächeln.

Später hielt ich ihre Hand, und als ich sie vor ihrer Haustür absetzte, gab ich ihr einen behutsamen Kuss, den sie nicht nur duldete, sondern sogar erwiderte.

Plötzlich hatte ich es nicht mehr eilig, nach Hause zu kommen. So eine Gelegenheit bot sich nicht alle Tage. Monika war so richtig ein Mädchen, von dem man träumen konnte. Und es brauchte Trost und Verständnis.

Sie fühlte sich in meinen Armen geborgen, und als ich mich erst beim Morgengrauen von ihr verabschiedete, baten mich ihre glücklichen Augen, recht bald wiederzukommen.

Meine Frau schöpfte keinen Verdacht. Sie hatte mich ohnehin nicht früher zurückerwartet. Außerdem hatte ich sie noch nie betrogen. Eine solche Möglichkeit zog sie überhaupt nicht in Erwägung.

Dass Monika fast 200 Kilometer entfernt wohnte, bot die Gewähr, dass unsere Beziehung nie entdeckt werden würde. Ich wäre doch ein Narr gewesen, hätte ich sie einfach abgebrochen. Außerdem brauchte Monika mich doch. Jedes Mal wenn ich vor ihrer Tür stand, fiel sie mir freudestrahlend um den Hals. Sie ahnte wohl, dass ich verheiratet war, aber sie schnitt dieses Thema nie an.

Wir trafen uns regelmäßig. Meine Frau ließ ich in dem Glauben, dass ich geschäftlich unterwegs sei. Mit meinen Terminen ließ sich das leicht koordinieren.

Fünf Monate lang ging das gut. Dann eröffnete mir Monika eines Abends glücklich, dass sie ein Kind von mir erwarte. Falls es ein Junge wurde, wollte sie es Rüdiger nennen. Nach mir.

Ich muss in diesem Moment ein wenig intelligentes Gesicht gemacht haben, aber Monika beruhigte mich spontan. Ich brauche keine Angst zu haben, versicherte sie mir. Sie erwarte nicht, deswegen von mir geheiratet zu werden. Hauptsache, wir würden uns wie bisher treffen. Sie liebe mich viel zu sehr, um mich in irgendwelche Schwierigkeiten bringen zu wollen.

Wie naiv sie war! Diese Eigenschaft, die mich so sehr an ihr gereizt hatte, wurde nun für mich zum Schock. Bildete sie sich wirklich ein, wir könnten unser Verhältnis länger geheim halten, wenn erst einmal das Kind auf der Welt war? Ich hatte fest damit gerechnet, dass sie regelmäßig die Pille nahm, und fühlte mich von ihr hereingelegt.

In einem Punkt gab ich ihr recht. Zwischen uns brauchte sich nichts zu ändern. Seit ich Monika kannte, verfügte ich im Betrieb über einen völlig neuen Schwung, und auch meine Familie profitierte von meinen freigesetzten Energien.

Aber das Baby durfte keinesfalls geboren werden. Früher oder später würde der Vater bekannt werden. Das aber hätte einen handfesten Skandal zur Folge. Mein Chef, das wusste ich nur zu gut, setzte auf eheliche Treue. Er würde mich wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Und Bettina würde möglicherweise die Scheidung von mir verlangen. Alles, was ich mir aufgebaut hatte, wäre mit einem Schlag zerstört. Das musste Monika einsehen.

Sie hörte mir unter Tränen zu und versuchte mir zu erklären, wie viel ihr das Baby bedeute. Ich aber setzte ihr die Pistole auf die Brust. Sie müsse sich entscheiden. Entweder ich oder das Kind. Wenn sie mich nicht verlieren wolle, müsse sie zur Vernunft kommen. Ganz unschuldig sei sie ja letztendlich auch nicht an dem, was passiert sei.

Sie muss mich wirklich sehr geliebt haben, denn sie ließ sich überzeugen. Sie wollte nicht einmal das Geld annehmen, das ich ihr für die Abtreibung gab. Ich bestand aber darauf.

Mit einer diskreten Adresse konnte ich ihr nicht dienen. Monika aber versicherte, dass sie von einer Frau in ihrer Nachbarschaft gehört habe, bei der sich verzweifelte Mädchen die Klinke in die Hand gaben und die noch allen geholfen habe. Zu ihr ging sie.

Zwei Tage später war sie tot. Blutvergiftung. Ich erfuhr es erst in der Woche darauf, als ich sie anrufen wollte und ihre Mutter sich schluchzend meldete.

Im ersten Moment völlig sprachlos, war ich heilfroh, Monika nie meinen richtigen Namen preisgegeben zu haben. Natürlich hatte der Arzt die eigentliche Todesursache festgestellt, und wie ich später aus der Zeitung erfuhr, war auch die Engelmacherin ermittelt worden. Man wusste, dass Monika das Opfer eines verpfuschten Schwangerschaftsabbruches geworden war, doch niemand kannte den Vater des Ungeborenen.

Monikas Nachbarn konnten sich möglicherweise an mich als ihren regelmäßigen Besucher erinnern, doch wie sollte die Polizei die Spur zu meinem weit entfernten Wohnort verfolgen? Ich würde mich hüten, mich jemals wieder in jener Gegend blicken zu lassen. Mir konnte nichts passieren.

Das alles liegt nun schon bald ein halbes Jahr zurück. Es waren die schlimmsten Monate meines Lebens, denn ich sage mir immer wieder, dass ich an Monikas Tod schuld bin.

Die ganze Zeit habe ich immer nur an meinen Vorteil gedacht. Es war ja so leicht, die Zuneigung des unglücklichen Mädchens im Regen zu erschleichen. Es schmeichelte mir, von einer so viel jüngeren und noch dazu ausgesprochen attraktiven Frau begehrt zu werden. Vielleicht bildete ich mir auch ein, ein Mann in meiner Position habe einen Anspruch auf eine Geliebte, die wiederum jedoch kein Recht hatte, meine familiäre Harmonie und meine berufliche Karriere zu gefährden.

Monika hatte mir vertraut. Sie wollte so wenig von mir. Nur mein Kind. Ich aber habe als Mensch restlos versagt.

Was spielt es für eine Rolle, dass meine Schuld anonym bleiben wird? Schon jetzt kann ich keine Nacht mehr ruhig schlafen. In der Firma arbeite ich zunehmend unkonzentriert. Bettina gegenüber besitze ich ein schlechtes Gewissen. Am schlimmsten aber ist es, wenn meine beiden übermütigen Kinder abends mit mir spielen wollen. Sie leben, sie sind gesund und ahnungslos und voller Vertrauen für ihren Vati. Und ich lebe auch, aber wie lange kann ich das noch? Muss mich meine Schuld nicht eines Tages erdrücken?

 

 

 

Die große, fremde Stadt machte mir Angst

Nach Abschluss der Hauptschule war das weitere Leben für mich vorgezeichnet. Ich würde meinen Eltern auf dem bäuerlichen Anwesen zur Hand gehen, den Sohn der Hebamme oder des Gemeindedieners heiraten und einige Kinder bekommen, denen ich zwangsläufig ein ähnliches Schicksal in die Wiege legte. Mehr war in unserem Dorf nicht drin. Damit musste ich mich abfinden.

Doch eines Tages erschien mein Märchenprinz und nahm mich mit sich fort. Nicht in sein prunkvolles Schloss, sondern in seine noble Villa in Hamburg-Harvestehude, und er regierte auch nicht über ein königliches Reich, sondern hatte sein Vermögen als Kaffee-Großhändler erworben.

Dass Hagen Nordstedt ausgerechnet mich als seine Frau haben wollte, blieb mir lange Zeit unbegreiflich. Er hätte doch zwischen den elegantesten Frauen der Hansestadt wählen können. So kam ich zu der Überzeugung, dass eben auch in unserer Zeit noch manchmal Märchen Wirklichkeit wurden.

Doch der anfängliche Glücksrausch verflog bereits nach der Hochzeitsreise. Die Umstellung von meinem beschaulichen Dorf auf die hektische Großstadt fiel mir furchtbar schwer. Ich fand mich einfach nicht zurecht. Wenn Hagen mir auch angemessene Garderobe kaufte, so entlarvte mich schon mein westfälischer Dialekt als Fremde.

Genauso fühlte ich mich. Ich besaß keine Bekannten, geschweige denn Freunde, am schlimmsten aber empfand ich, dass mein Mann mir so wenig Zeit widmete.

"Was willst du eigentlich?", sagte er anfangs noch zärtlich, schon bald jedoch ärgerlich. "Dir geht es doch blendend. Millionen Frauen würden gerne mit dir tauschen."

Das sagte ich mir ja selbst immer wieder. Schließlich konnte ich mit meinen Eltern telefonieren, und mit der Zeit würde ich mich auch an die neue Umgebung gewöhnen. Aber die Monate vergingen, und ich fühlte mich immer elender.

Heimlich hoffte ich auf ein Baby. Leider klappte es nicht. Meine Befürchtung wurde zur Gewissheit: Hagen wollte keine Kinder.

Mich, das begriff ich schnell, hatte er wohl eher aus einer Laune heraus geheiratet. In meiner naiven Unschuld muss ich ihn wie eine exotische Seltenheit gereizt haben. Dieser Reiz verflog bald.

Je häufiger ich mich über meine Einsamkeit beklagte, umso deutlicher gab mir Hagen zu verstehen, dass ich schließlich unverdientermaßen in einen Glückstopf gefallen sei. Wer war ich denn schon? Und was konnte ich? Kenntnisse über Schweinemast oder Mischkultur waren im vornehmen Villenviertel von Harvestehude nicht gefragt.

Ich wusste zwar, wie man trotz geringen Wirtschaftsgeldes einen abwechslungsreichen Speiseplan gestaltete, doch sogar in meiner eigenen Küche fühlte ich mich nur geduldet. Unsere Angestellten besorgten die Arbeit.

Hagen prahlte damit, dass unsere Köchin eine ausgezeichnete Ausbildung im Hotelfach genossen habe. "Und was kannst du?", meinte er geringschätzig, als ich ihm wieder einmal mein Leid klagte.

"Dann lass mich doch etwas lernen?", schlug ich hoffnungsvoll vor. "Eine Sprache vielleicht."

"Du kriegst ja nicht einmal unseren Dialekt in deinen Kopf", bekam ich zur Antwort. "Es ist besser, du hältst den Mund."

Seine Grobheit tat ihm wohl hinterher leid, denn am nächsten Tag fand ich neben meinem Frühstücksgedeck ein goldenes Armband. Hagen befand sich längst bei einem Kunden und konnte nicht sehen, wie ich über dieses Trostpflaster Tränen vergoss. Am Abend, als ich ihm dafür dankte, erinnerte er sich kaum noch an das Geschenk.

Meinen Eltern gegenüber musste ich meine wahren Empfindungen verheimlichen. Vater war mächtig stolz, dass seine Tochter eine so unglaublich gute Partie gemacht hatte. Im ganzen Dorf brüstete er sich damit. Ich brachte es nicht fertig, ihn zu enttäuschen.

So verbrachte ich meine Zeit mit Nichtstun, dem Kauf neuer Kleider und dem Warten, dass Hagen nach Hause kam.

Diese Wartezeiten wurden immer länger. Ich war einfältig genug, mir nichts dabei zu denken, wusste ich doch, dass ich mit einem viel beschäftigten Kaufmann verheiratet war. Erst neidische Zungen öffneten mir die Augen.

"Die attraktive Brünette, die ich unlängst in Begleitung Ihres Gatten im Theater traf, ist sicher eine Verwandte", wurde ich in einem Geschäft angesprochen.

Von einem Theaterbesuch wusste ich nichts. Ich stellte Hagen zur Rede. Er kniff die Augen zusammen, bevor er hastig behauptete: "Das war rein beruflich. Ich muss meinen Geschäftspartnern doch Hamburg zeigen."

Seine Fremdenführerpflichten nahm er immer häufiger wahr. Ich stellte keine Fragen mehr, doch ich war zutiefst gedemütigt. Hagen betrog mich mit irgendwelchen Frauen, denen er vielleicht sogar von seiner unglücklichen Ehe vorjammerte.

Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis es ihm zu mühsam wurde, seinen Vergnügungen heimlich nachzugehen. Es gefiel ihm, sich in aller Öffentlichkeit mit den elegantesten, geistreichsten Frauen zu umgeben.

Es gab Tage, da dachte ich an Selbstmord. Dann wieder führte ich mir vor Augen, was mich erwartet hätte, hätte es Hagen mit seiner Autopanne nicht in unser Dorf verschlagen. Musste ich dem Schicksal nicht dankbar sein. Alles konnte man eben nicht haben. Finanziell zumindest kannte ich keine Sorgen mehr.

Meine anfänglichen Bemühungen, für meinen Mann reizvoll zu bleiben, gab ich allmählich auf. Wir schliefen nur noch gelegentlich zusammen, wenn Hagen die Lust auf seine Kuriosität aus dem Dorf überkam. Dass ich auch in dieser Beziehung nicht mit anderen Frauen mithalten konnte, gab er mir bei passender Gelegenheit zu verstehen.

Nach einem kurzen Besuch bei meinen Eltern wurde alles noch schlimmer. In die große, unnahbare Stadt zurückgekehrt, erschien sie mir wie ein feindlicher Moloch.

Meine Depressionen quälten mich. Da ich mich aber keinem Arzt anvertraute, wurde mir auch keine Hilfe zuteil.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Während eines meiner nutzlosen, zeittötenden Spaziergänge kam ich an einem Jahrmarkt vorbei. Unwillkürlich blieb ich stehen. Da gab es einen winzigen Reitplatz mit Ponys. Kinder jauchzten. Ein Mann in zerbeulter Hose und abenteuerlich bunter Jacke half den Kleinen in den Sattel. Dazu machte er Späße und sorgte für ausgelassene Stimmung.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand. Plötzlich legte sich eine schwielige Hand auf meine Schultern. "Ich beobachte Sie schon seit über einer Stunde, junge Frau. Wo drückt denn der Schuh?"

Ich sah ihn nicht an, als ich murmelte: "Daheim hatten wir auch Pferde."

Er glaubte zu verstehen. "Sicher ein Gestüt." Meine teure Garderobe veranlasste ihn zu dieser Annahme.

Seine hellen, lustigen Augen flößten mir Vertrauen ein. Ich spürte, da war ein Mensch, der mich begreifen würde. Einer wie ich, wenn auch zufrieden.

Details

Seiten
191
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738955996
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (April)
Schlagworte
spitzenroman collection arztromane drei romane

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Titel: Spitzenroman Collection Arztromane #1 - Drei Romane