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Spitzenroman Collection Western #2 - Drei Romane

2021 186 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Titel

Copyright

Der Marshal und der Rancher

Grainger im Todesstollen

SHENG 15 - Im Tal der Sklaven

Spitzenroman Collection Western #2 - Drei Romane

von Glenn Stirling, A. F. Morland und Uwe Erichsen

 

Über diesen Band:

 

Glenn Stirling - Der Marshal und der Rancher

A. F. Morland - Grainger im Todesstollen

Uwe Erichsen - Sheng #15: Im Tal der Sklaven

 

 

Der Rancher Dickens muss erleben, dass zwei seiner Kinder getötet wurden. Jemand legt es darauf an, sein Lebenswerk zu zerstören und ihn zu vernichten. Obwohl Dickens ihn nicht sehr schätzt, steht US Marshal Cliff Copper auf seiner Seite und versucht ihm zu helfen. Wer wissen will, wer hinter diesem Vorhaben steht, muss weit in die Vergangenheit zurückgehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Marshal und der Rancher

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Der Rancher Dickens muss erleben, dass zwei seiner Kinder getötet wurden. Jemand legt es darauf an, sein Lebenswerk zu zerstören und ihn zu vernichten. Obwohl Dickens ihn nicht sehr schätzt, steht US Marshal Cliff Copper auf seiner Seite und versucht ihm zu helfen. Wer wissen will, wer hinter diesem Vorhaben steht, muss weit in die Vergangenheit zurückgehen.

 

 

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

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© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

„Ich sollte sie in Ruhe lassen, diese beiden Taugenichtse. Jack, ein Tunichtgut, und Billy, ein Falschspieler.“ Aber Cliff sagte das nur, ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen. Er würde eingreifen, dazu war er fest entschlossen. Was der schöne Billy vorhatte, war Mord. Und den würde Cliff zu verhindern wissen.

Er zielte ruhig, atmete aus und drückte ab. Der Kolben ruckte an der Schulter. Drüben riss es dem schönen Billy den Colt aus der Hand. Billy machte einen Satz zur Seite und presste die Linke auf seine blutende Rechte. Jack Dickens musste seine Chance sofort erkannt haben. Er sprang auf und bückte sich nach Billys Colt.

Cliff schoss noch einmal. Und diesmal klatschte das Geschoss haarscharf neben Jacks Fuß.

Jack hatte begriffen. Er richtete sich auf, blickte sich nach allen Seiten um. Auch Billy dachte nicht mehr an seinen Kampf gegen Jack. Er war völlig mit seiner verletzten Hand beschäftigt.

Cliff stand auf und ging langsam den Hang hinunter. Ein großer Mann, breitschultrig. Seine dunklen Lederchaps glänzten im Morgensonnenschein. Das verwaschene blaue Hemd saß straff auf dem muskulösen Körper. Auf der rechten Brustseite war ein von der Witterung stumpf gewordenes Abzeichen aufgesteckt. US Marshal stand darauf. Tief hingen die Colts an Cliffs Schenkeln. Ihre Kolben glänzten wie Speck, so abgegriffen waren sie.

Billy Lonford und Jack Dickens erkannten ihn alle beide. Offenbar beeindruckte es sie auch, denn sie standen reglos, bis er vor ihnen angelangt war.

Er musterte sie, klemmte das Gewehr unter den Arm und steckte die Hände in die Hosentaschen. Lächelnd betrachtete er den schönen Billy. „Na, mit der Pfote spielst du nicht mehr falsch. Schnall ab, Bill!“

Billy sah ihn wütend an. „Wir sehen uns noch wieder! Und dann spicke ich dich mit heißem Blei, du Bluthund!“

Ungerührt wandte sich Cliff Jack Dickens zu. „Geh zu ihm und hole die viertausend Bucks aus seiner Tasche!“

Jack grinste zufrieden und befolgte Cliffs Befehl. Vielleicht dachte er, Cliff würde ihm die viertausend Dollar lassen.

Der schöne Billy war da völlig anderer Ansicht. „Eh, das gibt es nicht. Auch als Marshal hast du kein Recht, mir das Geld abnehmen zu lassen. Es ist erspielt und …“

„Und?“, näselte Cliff geringschätzig. „Nimm es ihm ab, Jack! Und dann bringst du‘s mir! Bill, schnall den Waffengurt endlich ab, bevor ich es tue!“

Der Gewehrlauf schwenkte herum. Cliffs Hände glitten aus den Taschen, umfassten Schaft und Kolbenhals. Das genügte Billy. Er schnallte ab.

Jack hatte indessen die Brieftasche in den Händen.

„Zahl die viertausend ab! Den Rest gibst du ihm wieder!“, befahl Cliff.

„Und wenn du zehnmal ein verdammter Bulle bist, ich werde dich drankriegen! Du hast kein Recht, mein Geld …“ Billy bebte vor Wut.

Doch Cliff blieb ruhig. „Komm wieder runter von der Leiter, Dummkopf! Gegen mich richtest du nichts aus … Bist du fertig mit dem Zählen, Jack?“

Jack wollte die viertausend Dollar einstecken.

„Langsam, mein Freund, langsam. Das Geld bringen wir einem gewissen Mr. Howard Dickens wieder, dem es in seiner Kasse fehlt. Der weiß noch nicht, wer es ihm geklaut hat. Komm, Jack, du missratenes Küken! Her mit den Fröschen!“

Widerwillig näherte sich Jack. „Was willst du eigentlich von mir, Copper?“

„Dein Vater, der große König von Magdalena, sucht seine viertausend Bucks. Und weil dein Alter ein guter Steuerzahler ist, mussten wir ihm beim Suchen helfen. Wer weiß, wann ich das Geld gefunden hätte, wenn du nicht so ein leichtsinniger Hund wärst. Einer, der so auffällige Spuren hinterlässt und so große Einsätze im Spiel wagt, der fällt auf. Außerdem warst du ja auch als vermisst gemeldet. Dein Alter denkt eben an alles, mein Junge. Und nun brauche ich dich und deine viertausend Bucks. Was dagegen, Kleiner?“

 

 

2

Es war eine lange Tafel. Zehn Männer und Frauen saßen daran und aßen. Am Kopfende thronte Howard Dickens. Ein Mann wie ein Schrank, mit grauen, eiskalten Augen, einer Adlernase, grauem Vollbart und buschigen, dunklen Brauen. Die Gabel und das Messer wirkten in seinen Händen winzig, zerbrechlich. Er saß so hoch wie die anderen, aber er überragte sie alle.

Niemand sprach. Es schien, als bemühte sich jeder, so leise und unauffällig wie möglich am Tisch zu sein und zu essen. Bis auf den Hünen Dickens saßen alle verkrampft und unnatürlich da. Er aber kümmerte sich nicht um sie. Als er fertig war, stand er auf. Mit dem Fuß stieß er seinen Stuhl zur Seite, drehte sich ostentativ um, wischte sich die Hände am ledernen Hosenboden ab und verließ den Raum.

Hinter ihm hob im Speisesaal ein Geplapper und Debattieren an. Er wusste, dass sie über ihn sprachen. Aber es regte ihn nicht auf. Ja, er scherte sich einen Dreck um diese Tafelrunde.

Aus schmalen Augen blickte er über den aufgeräumten Hof hinweg zum wogenden Grasmeer der Savanne. Mein Reich, dachte er, und ich bin hier der König. Sie alle fressen mir aus der Hand, küssen mir die Stiefel, wenn ich es so haben will.

Unten am Windrad stand der Vormann. Wer weiß, sagte sich Dickens, wie lange der schon darauf wartet, dass ich mit dem Essen fertig werde.

Er ließ sich Zeit. Hagertys Ungeduld konnte er von hier aus sehen. Dieser bullige Hagerty, dachte er, warum habe ich ihn zum Vormann gemacht? Weil er alles tut, was ich will? Oder weil er die richtige Faust hat, eine Mannschaft auf den Boden zu drücken? Verdammt, Hagerty ist so dumm wie ein Stück Rindvieh. Finde ich keinen besseren als diesen Trottel?

Er lehnte sich über die Brüstung. „Hagerty!“

Die untersetzte, muskelbepackte Gestalt erwachte aus ihrer Bewegungslosigkeit. „Yeah, Boss!“, klang es herüber.

Dickens lachte in sich hinein, als er diese bullige Gestalt auf den krummen Beinen daherkommen sah.

Hagerty war vor der Veranda angekommen. „Boss, ich komme eben von der kleinen Acro zurück. Wir haben die Spuren verfolgt. Die Rustler haben zehn Mann im Sattel gehabt.“

„Wie viele waren von uns im Camp?“ Der eiskalte Blick Dickens‘ richtete sich starr auf Hagertys Augen. Dem bulligen Vormann behagte das offenbar nicht. Er zwinkerte und schluckte.

„Sie waren – äh – zu sechs Mann waren sie, Boss“, stotterte er.

„Das darf doch nicht wahr sein“, erklärte Dickens ruhig. Doch jetzt hob er die Stimme und brüllte Hagerty ins Gesicht: „Sechs gut bezahlte Cowboys, Burschen, die bei mir gelernt haben, nicht nur auf dämliches Rindvieh aufzupassen, sondern auch mit dem Colt umzugehen. Sechs dieser Männer lassen es einfach zu, dass zehn verlauste Greaser uns hundert Stück Vieh abtreiben!“

„Boss“, erwiderte Hagerty in weinerlichem Ton, „Wilkens und Torrenton sind tot, Blerny schwer verwundet. Die Boys taten, was sie konnten, aber irgendwie ging ihnen alles schief. Ich habe …“

„Du hast nichts! Du bist ein ausgemachter Trottel, Hagerty!“, grollte Dickens. Leiser sprach er weiter: „In deiner verdammten Crew hat sich was festgesetzt. Diese Ansammlung von Muttersöhnchen macht sich die Hosen voll, wenn ein Greaser nur auftaucht. Zum Teufel, Hagerty, ich glaube, du gibst deiner Mannschaft zu viel zu fressen! Sie werden fett und faul, deine reitenden Stinktiere! Aber das wird anders, ola, es wird verdammt schnell anders. Ich will die Crew selbst in die Hand nehmen. Nur für ein paar Wochen, und auch über den Round-up hinweg. Und dann wirst du sehen, mein Junge, wie ich aus dieser Herde lausiger Affen eine Mannschaft schmiede, mit der man den Teufel aus der Hölle angelt … Wo steht die Südherde?“

„Sie wird gerade auf die große Acro getrieben, Boss“, erklärte Hagerty. Er war blass, dieser massige Schläger. Sah er schon im Geiste die grinsenden Gesichter seiner Männer? Wie sie ihn verhöhnten, weil er nicht mehr Vormann war? Oder dachte er daran, dass er von nun an wieder mit zweihundert Dollar im Jahr zufrieden sein musste, statt vierhundert zu verdienen wie ein Vormann?

Dickens glaubte, dass Hagerty an beides dachte. „Du bleibst Vormann. Und du bekommst weiter dein Salär. Aber von heute an gebrauchst du deine Pfoten. Wer nicht spurt, kriecht am Boden. Hast du das begriffen, Hagerty?“

In Hagertys Gesicht leuchtete es auf. „Ich habe begriffen, Boss. Ich werde alles tun, was ich …“

Dickens winkte ab. „Geschenkt. Tu es, statt zu schwatzen, du Flasche!“ Er wollte schon weggehen, da drehte er sich noch einmal zu Hagerty um. „Zehn Greaser, sagst du? Kommt dir eine Idee, wer sie anführte?“

„Es muss ein schlauer Kopf sein. Boss. Er hat es so raffiniert ausgedacht, dass unsere Boys auf alle Tricks hereingefallen sind.“

„Ich weiß nicht, warum ich nicht so einen Kopf als Vormann habe. Sind denn nur die Banditen schlau? Habt ihr eure Grütze in den Zehen sitzen? Mein Pferd, Hagerty!“

Hagerty schnaufte erleichtert, drehte sich um und spurtete zum Corral hinüber.

Zwei Mexikaner, die sich im Schatten von ihrer zu reichlichen Mahlzeit ausruhten, sprangen verstört auf.

Hagerty schlug ihnen die Köpfe aneinander. „Ihr verdammtes Greaserpack, sattelt den Hengst vom Boss. Pronto!“, brüllte er und trat ihnen nacheinander ins Hinterteil.

Dickens beobachtete das von der Veranda aus. In seinem Gesicht regte sich nichts. Starr blickte er hinüber. Der Schatten seiner Hutkrempe verdunkelte das Gesicht.

Hagerty kam mit dem Pferd zur Veranda. Er selbst saß auf einem mausgrauen Bronco, der einem Maultier mehr ähnelte als einem Gaul.

Sie passen wunderbar zusammen, dachte Dickens, als er die Zügel seines sehnsüchtigen Braunen nahm und aufsaß. „Hol den Proviant, Hagerty!“

Hagerty trieb sein Pferd an, als gelte es ein Rodeo zu gewinnen.

Plötzlich ertönte vom Ranchtor her Hufschlag. Dickens drehte sich im Sattel um und sah einen schwarzgekleideten Reiter auf einem ebenso dunklen Pferd. Ein Mexikaner auf einem Rassetier. Das Charrokostüm saß eng, als sei es auf die Haut gekittet. Der breitrandige Hut glänzte vor lauter Silberborte und aufgenähten Pesostücken.

So schwarz wie der Anzug waren auch Augenbrauen, Schnurrbart und Koteletten des Reiters. Dickens schätzte den Mann auf etwa fünfunddreißig Jahre. Und gleichzeitig spürte er auch, dass dieser Mexikaner überdurchschnittlich war. Nicht deshalb, weil er einen silberbeschlagenen Colt in dem Holster trug. Auch nicht, weil Pferd und Äußeres Reichtum verrieten. Das war es nicht. Dieser Mann zeigte mit seinem Blick und der Mimik, welcher Kategorie Mensch er angehörte.

Der Fremde lächelte, lüftete den Hut und verbeugte sich leicht im Sattel. Sein blauschwarzes Haar glänzte seidig in der Mittagssonne.

Dickens musterte den Mexikaner wie einen Aussätzigen. Er hasste alles, was aus dem Süden kam. Ob Hidalgos oder schmutzige, zerlumpte Wetbacks. Er mochte keine Mexikaner, verachtete sie.

„Señor, mein Name ist José Zamorra“, erklärte der Mexikaner in akzentfreiem Englisch.

Dickens hob erstaunt die Brauen. Dieser Bursche spricht bald besser als ich, dachte er. Das roch geradezu nach Collegeausbildung in den Staaten. Einer von diesen pesobepackten Kreolen, diesen eingebildeten Fatzken, die Spitzenhemden tragen und sich pudern.

„Ich bin Dickens. Was wollen Sie?“, fragte Dickens knurrig. „Meine Zeit ist Gold wert. Schießen Sie los, und machen Sie‘s kurz.“

Der Mexikaner lächelte, und wie es Dickens schien, tat er es geringschätzig. „Sie werden Zeit genug für mich haben, Señor. Sehr viel Zeit.“

Dickens atmete geräuschvoll durch die Nase. Zeichen eines bevorstehenden Wutanfalls.

Den Mexikaner Zamorra beeindruckte das offenbar nicht. Er lächelte wieder verbindlich und fuhr in seiner Eröffnung fort: „Ich bin gekommen, Señor Dickens, um Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten. Auf dem Land, das Sie bewirtschaften, liegen die Ranchos von vierunddreißig mexikanischen Familien. Alle sind mehr oder weniger von Ihnen abhängig. Nicht eine dieser Familien hat genug Land, um leben zu können. Deshalb sind die Männer gezwungen, bei Ihnen als Ranchhands oder Vaqueros zu arbeiten. Mein Vorschlag, verehrter Señor Dickens, zielt dahin, diesen mexikanischen Familien das gesamte Land am Fluss abzutreten. Als Gegenleistung sichere ich Ihnen die Unverletzlichkeit Ihres Gebietes zu. Das bedeutet: Kein Bandit wird es wagen, Ihnen nur ein Kalb zu stehlen, geschweige denn eine ganze Herde. Als Ersatz für die Männer, die bisher als Vaqueros und Ranchhands bei Ihnen beschäftigt waren und dann am Fluss Äcker anlegen, biete ich Ihnen fünfzig Ihrer Landsleute an, die in Sonora in einem Gefängnis eingesperrt sind. Das heißt, zur Zeit arbeiten sie am Bau einer Straße.“

José Zamorra lächelte wieder. Dickens kam es so vor, als fühle sich dieser unverschämte Mexikaner sicher wie in Abrahams Schoss.

Dickens konnte den Anblick dieses spöttisch lächelnden Mexikaners nicht mehr ertragen. Er trieb sein Pferd an und ritt auf Zamorra zu. Aus dem Sattel wollte er ihn prügeln, wie einen Hund am Boden zusammenschlagen und mit der Peitsche vom Hof jagen. Wie einen Hund.

Zamorra lächelte noch immer. „Falls Sie irgendwelche verrückten Einfälle haben, Señor Dickens, empfehle ich Ihnen, dort hinüberzusehen. Ich glaube, Sie erkennen eine Menge vertrauter Gesichter!“

Zamorra deutete zu den Joshuabäumen hin. Dickens blickte in diese Richtung und sah an die zwanzig Reiter. Alle waren mit weißen Baumwollanzügen bekleidet, alle hatten Gewehre in den Händen, und alle waren Mexikaner. Einige davon gehörten noch gestern zu Dickens‘ Mannschaft.

„Ich brauche nur den Arm zu heben, und sie werden schießen, Señor.“ Höflich fügte Zamorra hinzu: „Ich bin natürlich sicher, mein Verehrtester, dass Sie das alles schon berücksichtigt haben und gern mit mir verhandeln wollen.“

Dickens schnaufte schwer. „Da hast du aber Pech gehabt, du windiger Greaser!“

Ungeachtet der Tatsache, dass zwanzig Gewehrläufe auf ihn zielten, griff Dickens zu. Mit seiner rechten Faust schlug er dem Rappen Zamorras auf die Nase. Der Wallach bäumte sich auf.

Dickens stieß sich geschickt vom Sattel ab und hechtete auf Zamorra zu.

Der rutschte blitzschnell vom Pferd, zog seinen Colt und drückte ab.

Er verfehlte Dickens.

Bis jetzt war nur ein Schuss gefallen. Die Mexikaner drüben zwischen den Joshuabäumen wagten es offenbar nicht, Zamorra mit einem Schuss auf Dickens in Gefahr zu bringen.

Dickens hatte Zamorra eingeholt, bekam ihn an der Schulter zu packen und riss ihn auf sich zu. Zamorra war wendig wie ein Puma. Er wirbelte herum und wollte den Revolver abdrücken. Aber da landete Dickens einen mit voller Wucht geführten Schlag auf den Oberarm des Mexikaners. Zamorra verlor den Colt und taumelte ein paar Schritte zurück. Sofort war Dickens wieder bei ihm, schlug mit äußerster Kraft zu und traf Zamorra am Hals. Dem Mexikaner nahm es die Luft weg. Er wurde dunkelrot im Gesicht, schwankte und versuchte sich krampfhaft gegen Dickens‘ Schläge abzudecken.

Dickens war kein junger Mann mehr. Mit fünfzig Jahren konnte er nicht mehr Zamorras Energie und Ausdauer haben. Dickens wusste das. Er musste Zamorra jetzt schlagen, musste diesen Kampf schnell beenden.

Zamorra glich einer Katze. Er war nicht auf den Boden zu kriegen. Die härtesten Schläge von Dickens brachten ihn einfach nicht von den Beinen.

Da traf Dickens‘ Rechte den Mexikaner voll am Kinn. Zamorra flog durch die Luft und krachte gegen einen Chuckwagen. Schlaff sackte Zamorra am Wagen herunter.

In diesem Augenblick krachten die Schüsse. Dickens machte einen Satz auf den Chuckwagen zu, um ihn als Deckung zu benutzen. Ein Geschoss traf seine Wade. Er spürte, wie es brennend ins Fleisch fuhr.

Da war der Wagen. Mit einem Sprung flog er über die Deichsel weg, riss die Sitzkiste herunter und sprang auf das Fahrzeug. Dicht hinter ihm klatschten die Geschosse ins Holz, splitterten es auf und hämmerten gegen die Beschläge.

Dickens hatte Deckung. Die Wagenplanken waren dick. Durch sie würde so leicht keine Kugel dringen.

Da hörte er hinter sich das Planentuch rascheln. Beinahe gleichzeitig befahl Zamorras Stimme: „Geben Sie es auf, Señor! Jetzt bin ich am Zuge!“

 

 

3

In diesem Augenblick fiel der Schuss aus dem Derringer Billys. Das Geschoss zischte haarscharf an Cliffs Schulter vorbei, riss das Hemd auf und bohrte sich ein gutes Stück weiter in den Sand.

Cliff schoss, ohne den Colt aus dem Holster zu ziehen. Der Schuss schlug durch das Leder und traf den schönen Billy.

Es wirbelte ihn herum, drückte ihn wie mit Zentnerlast zu Boden. Er wälzte sich auf den Bauch und krampfte die Hand um seine Armwunde. Der zweite, sofort folgende Schuss traf sein linkes Bein.

Bevor Billy noch einmal den Derringer heben konnte, war Cliff bei ihm, trat ihm die Waffe mit dem Fuß aus der Hand und sprang wieder zur Seite.

Indessen hatte Jack sein Gewehr aus dem Scabbard heraus. Aber das Pferd, hinter dem er stand, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Es galoppierte erschrocken davon. Jack Dickens stand ohne Deckung. Und er hatte das Schloss noch nicht spannen können.

„Lass fallen!“, brüllte Cliff.

Jack gehorchte. Seine Winchester fiel in den Sand.

„Umdrehen!“

Während Jack sich umdrehte, blickte Cliff auf Billy. „Bill, wir lassen dir deinen Gaul hier. Du kannst machen, was du willst. Nur das eine sage ich dir: Wenn du noch einmal die Waffe gegen mich hebst, kommst du so nicht davon. Das ist ein Versprechen.“

Billy murmelte: „Wir sehen uns wieder, Copper. Bestimmt!“

„Das sollst du dir genau überlegen, mein Junge! Und nun hau ab! Und du, Jack, du kommst mit! Dein Vater wird sich freuen, wenn du ihm in die Finger fällst.“

Sie standen nebeneinander. Billy ritt davon. Sein Ziel schien Pecos zu sein, wo er einen Arzt aufsuchen konnte. Jack wollte am liebsten hinter Billy herreiten.

„Copper, das kannst du nicht machen. Wenn mein Alter mich erwischt und herausbekommt, dass ich … Das kannst du nicht tun, Copper!“ Er blickte Cliff flehend an. Mit einem Mal kam alle Weichheit des verzogenen, in Reichtum aufgewachsenen jungen Menschen zum Vorschein. Er hatte Angst vor seinem Vater. Cliff sah es ihm an, wie er sich fürchtete.

Cliff betrachtete ihn nachdenklich. „Sag mal“, meinte er sanft, „es muss doch etwas von deinem Alten in dir sein. So ein harter Bursche wie dein Vater kann doch nicht in seinen Nachkommen völlig verblassen.“

„Der Teufel soll den Alten holen. Der denkt nur an sich, an seine mistige Ranch und die Hornochsen, die dort herumlaufen. Als ich ein Junge war, Copper, hat er an mir herumerzogen. Wie einen possierlichen Affen wollte er mich dressieren. Er wollte mich so machen, wie er war. Aber, zum Schinder, ich bin nicht so wie er. Und als er das merkte, da behandelte er mich mit einem Mal wie Dreck. Ich kam mir überflüssig vor. Er schickte mich auf Schulen. Es ging natürlich nicht lange. Ich kam immer wieder auf die Ranch. Mutter war inzwischen tot. Er wurde fortan noch eigenwilliger. Ich wusste, dass ich ihn enttäuscht hatte. Er begann diese Enttäuschung immer mehr zu zeigen. Wollte ich ein paar Dollars, rechnete er mir vor, welche Jammergestalt ich sei, wie viel Geld ich ihn gekostet hätte und so weiter. Dann versuchte er, mich zu verheiraten. Ich hatte keine Lust dazu. Jetzt bin ich zweiundzwanzig. Damals war ich zwanzig. Die Frau, die er mir ausgesucht hatte, war fünf Jahre älter als ich, und sie sah aus wie eine Furie. Aber sie stank vor Geld. Das war es. Ich wollte nicht. Er begann mich zu schikanieren. Weiß der Teufel, was er getan hätte. Aber meine Schwestern hielten zu mir. Die schmutzigste Arbeit hatte er für mich ausgesucht. Arbeit an der Rinderschwemme. Einem seiner mexikanischen Vaqueros hatte er aufgetragen, mich ab und zu in die kalkige Brühe zu stoßen. Da bin ich weggegangen.“

„Mit dem Geld?“

Jack nickte. „Irgendwie muss ich ja leben. Ich versuchte es im Spiel. Ein paarmal glückte es. Dann kam der schöne Billy. Ich verlor.“

Cliff blickte mitleidig auf diesen jungen Mann. Er konnte Jack verstehen. Denn aus welchem Holz dessen Vater geschnitzt war, wusste er. „Kannst du dir vorstellen, Jack, dass ein US Marshal hinter dir her ist, weil du deinem eigenen Vater viertausend Bucks gestohlen hast?“

„Ich kenne die Regeln nicht, Copper“, erwiderte Jack.

„Ich habe dich nicht wegen der viertausend Dollar gesucht und gefunden. Natürlich wurde das am Rande mit erledigt. Aber ich hatte noch einen ganz besonderen Grund. Du kennst doch José Zamorra, nicht wahr?“

Jack wich Cliffs Blick aus. „Hm, schon gehört“, meinte er verlegen.

„Du warst mit ihm zusammen, bevor du ausgerissen bist. Wo hast du ihn getroffen, Jack?“

Jack schwieg.

„Antworte!“, befahl Cliff scharf.

Ohne den Kopf zu heben erwiderte Jack: „An der Schwemme. Die anderen waren schon auf der Ranch. Da kam er auf einem Rappen.“

„Erzähle weiter!“ Cliff reichte Jack eine Zigarette. Er gab ihm noch Feuer und blickte ihn gespannt an.

„Er hat mich gefragt, ob ich Jack Dickens sei. Und dann erklärte er mir, welche Rechte die Mexikaner in diesem Lande hätten und lauter solches Zeug. Ich habe ihm nicht zugehört, weil es mich nicht interessierte. Aber er war richtig verrückt mit seinem Gequassel. Nachher sagte er, ich sollte meinen Vater veranlassen, das Land am Creek für die Greaser freizugeben.“

„Damit hättest du verdammt wenig Glück gehabt.“ Cliff lachte leise. „Aber das war nicht alles. Jack. Wie ist das mit deiner Schwester May?“

„Lass May aus dem Spiel!“, fauchte Jack giftig.

„Hm, mein Junge, darüber werden wir doch reden müssen. May und José Zamorra kennen sich gut. Ich möchte fast behaupten, zu gut.“

Jack zuckte die Schultern.

„Zamorra“, erklärte Cliff. „stammt aus einer alten Kreolenfamilie. In Sonora haben die Zamorras Ländereien, gegen die der Besitz deines Vaters klein ist. Zamorras Vater war General. Zamorra selbst diente als Offizier bei Juarez. Nachdem Juarez tot war, bekam er Schwierigkeiten wegen seiner politischen Ansichten. Er verließ die Armee und stellte heimlich eine Befreiungsarmee in Sonora auf. Es waren Gauchos, Vaqueros, Indianer, die er zu Soldaten ausbilden wollte. Mit ihnen versuchte er einen Staatsstreich durchzuführen. Er scheiterte auf dem Marsch nach Hermosillo. Zamorra floh in die Berge und nahm die Reste seiner angeschlagenen Einheit mit.“

Jack trat vor Cliff hin und sah ihn mit flammendem Blick an. „Copper, lass mich laufen. Ich will nicht zu meinem Vater!“

Cliff lächelte. „Ja, ich lasse dich weg! Aber das eine will ich dir sagen: Kreuze nie Zamorras Weg! Und wenn du jemals für ihn reitest, dann sehe ich in dir nicht mehr den jungen, unerfahrenen Jack Dickens, sondern einen Verbrecher, einen Verräter und Lumpen.“

„Danke, Copper! Vielleicht machst du dir falsche Hoffnungen. Aber ich werde dir beweisen, wer von uns beiden richtig denkt. Grüße meine Schwestern, Copper!“

Er humpelte zu seinem Pferd. Es aufzusatteln kostete ihn mehr Mühe, als er sich vorgestellt hatte. Er brauchte fast zehn Minuten dazu. Cliff beobachtete ihn und rührte keine Hand, um ihm zu helfen.

Als Jack im Sattel saß, sagte Cliff: „Du wirst deinen Vater noch verstehen, Jack. Hoffentlich nicht zu spät.“

Cliff hatte das Gefühl, er würde Jack bald wiedersehen.

 

 

4

Drei Tage später war Cliff nicht mehr weit von der Dickens-Ranch entfernt. Es war kurz vor Mittag. Die Sonne glühte auf die ausgedörrte Graslandschaft, ließ die Luft über dem hohen Grammagras zittern. In bläulichem Dunst lagen die Bergzüge im Westen und Norden.

Cliff wusste nicht, welchem neuen Abenteuer er entgegenritt, ahnte nicht, dass sich in der Umgebung der Ranch etwas zusammenbraute. Schon konnte er die Windräder erkennen, sah die dunklen Grasstreifen seitlich der Bewässerungsgräben. Und dann konnte er auf die roten Ziegeldächer der Ranch blicken. In der Mitte die klotzige Casa Grande, daneben, ausgerichtet wie Kompanien, die Ställe, das Bunkhouse und die Remisen. Gleich Wachttürmen ragten die drei Windradgerüste über die Dächer hinweg. Rechts neben der Ranch, gleich am vorderen Stall, schwankten die Äste zerzauster Joshuabäume.

Und dort sah Cliff Pferde. Viele Pferde. Eine ganze Mannschaft schien hier im Schatten der Bäume zu rasten.

Cliff zügelte den Falben. Die Pferde an jener Stelle fielen ihm auf. Er wusste, dass dort Mary Dickens begraben lag. Nie würde es der Rancher gestatten, dass Pferde in der Nähe des Grabes abgestellt würden.

Er holte sein Fernglas aus der Satteltasche und wischte den Staub von den Gläsern. Als er hindurchblickte, erkannte er außer zwei Dutzend Pferden auch weißgekleidete Gestalten zwischen den Sträuchern und Baumstämmen. Weiter links, ein Stück vor dem Torbogen der Ranch, näherte sich ein Reiter. Er saß auf einem im Sonnenlicht glänzenden Rappen.

Es durchzuckte Cliff wie ein elektrischer Schlag. In dieser Sekunde begriff er alles. José Zamorra hatte seine Streitmacht vor Dickens‘ Ranch versammelt.

Fieberhaft überlegte er. was er tun könnte. Wenn er jetzt weiterritt, würde er zu früh entdeckt. Ich muss warten, sagte er sich, muss sehen, wie sich alles einspielt, und kann dann vielleicht noch rechtzeitig eingreifen.

Er beobachtete durch sein Glas, wie der Reiter des Rappen auf das Tor zuhielt. Er sah auch, wie auf dem Ranchhof ein anderer Reiter vor der Casa Grande wartete.

Die weißgekleideten Gestalten im Joshuahain waren kaum noch zu erkennen. Anscheinend hatten sie sich in volle Deckung begeben.

Der Reiter auf dem Rappen ritt in den Hof. Der andere vor dem Haus kam ihm ein Stück entgegengeritten. Eine Weile geschah nichts. Doch plötzlich entspann sich ein Kampf. Rechts waren die weißen Gestalten wieder aus ihren Deckungen aufgetaucht.

Die beiden Reiter im Hof gerieten in ein Handgemenge. Der Rappe bäumte sich auf. Beide Männer sprangen aus den Sätteln. Es kam zur Schlägerei. Der andere Mann verschwand aus Cliffs Blickfeld.

Jetzt wartete Cliff keine Sekunde mehr. Er steckte das Glas weg und sagte: „Fellow, zeig, was du drauf hast!“

Der Falbe sprang aus dem Stand in Galopp und streckte sich. In rasendem Tempo jagte er über die Savanne auf die Ranch zu. Dort fielen Schüsse. Bei dieser Geschwindigkeit war es Cliff nicht möglich zu erkennen, woher geschossen wurde. Über den Hals seines Pferdes gebeugt raste er auf die Ranch zu. Kurz vor dem Tor mäßigte er das Tempo des Falben, parierte ihn durch und riss den rechten Colt aus dem Holster. Dreißig Schritte vor ihm stand ein Chuckwagen. Ein Mann im Charroanzug stand daneben, doch sein Kopf war nicht zu sehen. Er hatte ihn unter die Plane gesteckt.

Am Küchenfenster feuerte ein Mann mit dem Gewehr auf die Gestalten zwischen den Joshuabäumen. Ein weiterer Schütze lag auf dem Dachfirst der Casa Grande, zwei andere hatten sich die Tragsäulen der Veranda als Deckung ausgesucht.

Mitten auf dem Hof standen die beiden reiterlosen Pferde. Über die scheuenden, sich aufbäumenden Tiere hinweg fegten die Geschosse der Männer aus dem Joshuahain.

Cliff versuchte etwas Aussichtsloses. Er wollte mit dem Falben bis hinter den Chuckwagen kommen. Die Gestalt dort am Wagen konnte seiner Meinung nach nur Zamorra sein.

Der Weg über die Strecke von dreißig Schritten lag im Kugelregen der Mexikanergewehre.

Die ersten Kugeln pfiffen dicht über Cliff hinweg. Noch schossen die Mexikaner ungenau. Die beiden reiterlosen Pferde bildeten einen Schutz für Cliff.

Er ließ sich seitlich aus dem Sattel gleiten, hielt sich nur mit der Rechten am Sattelhorn fest und blieb mit dem linken Fuß im Bügel. Der Falbe begriff sofort. Er galoppierte an.

In diesem Augenblick rasten der Rappe und der braune Hengst davon. Die Schussbahn für die Mexikaner war frei. Eine Salve knatterte.

Cliff hatte den halben Weg geschafft, als der Falbe stolperte und stürzte. Sofort ließ Cliff los, überschlug sich auf dem harten Hofboden und sah, wie der Falbe dicht neben ihm liegenblieb.

Geistesgegenwärtig wälzte sich Cliff hinter das gestürzte Tier. Zum Glück lag der Falbe auf der linken Seile. Seine im Todeskampf wirbelnden Hufe konnten Cliff nichts mehr anhaben. Cliff war froh, dass es nicht sein Pascha war, der hier starb, sondern ein geliehenes Pferd.

Eine zweite Salve beendete das Sterben des Falben jäh und beinahe barmherzig. Cliff sah, wie das treue Tier noch einmal zusammenzuckte und dann erschlaffte.

Die Winchester 73 steckte noch im Scabbard. Der befand sich jetzt an der oben liegenden Flanke des Pferdes. Zum Greifen nahe ragte der Kolben über den Sattel. Aber die Mexikaner schossen wie besessen. Cliff konnte sich nicht erlauben, nur die Fingerspitzen aus der Deckung des Pferdeleibes zu strecken.

Er sah den Chuckwagen links drüben. Mit drei langen Sprüngen hätte er ihn erreicht. Aber diese drei Sprünge könnten vielleicht seine letzten sein. Er wagte es nicht.

Vom Haus aus eröffneten die Verteidiger ein Schnellfeuer auf den Joshuahain. Für Sekunden waren die Mexikaner abgelenkt.

Gerade wollte sich Cliff zum Sprung auf den Wagen fertigmachen, als er eine Gestalt sah, die hinter dem Wagen zu Boden sprang und weglief. Er erkannte nur die engen schwarzen Hosen und die hochhackigen Stiefel mit den großen silbernen Sporen. Das genügte. Er zielte mit dem Colt zwischen den Wagenrädern hindurch, ließ den Hammer vorschnappen und sah, wie der Mann da drüben stolperte, weiterhüpfte und auf die Knie stürzte. Doch bevor Cliff wieder zum Schuss kam, war der Mann schon hoch und gelangte hinter einen Stapel Talgfässer.

Im gleichen Augenblick hörte Cliff das Getrappel von Pferden. Er wagte einen Blick über die Deckung. Sofort zuckte er wieder zurück, griff nach dem zweiten Revolver und riss den Hammer zurück.

Sämtliche Mexikaner waren zu Pferde und galoppierten in den Hof. Von der Casa Grande her krachten Schüsse. Die Mexikaner brüllten heiser durcheinander.

Schon waren sie heran. Dicht neben Cliff tauchte ein Pferd auf. Cliff sah sekundenlang das Gesicht des Mexikaners, eines Mestizen. Der Reiter hatte Cliff noch nicht entdeckt. Pech für ihn. Denn Cliff wartete nicht mehr. Der Schuss seines Colts bellte auf. Der Mestize warf die Arme hoch.

Jetzt schob sich ein anderes Pferd neben das vordere. Die beiden Tiere prallten zusammen, ein Mann schrie auf.

Cliff sah den Reiter des zweiten Pferdes. Er glaubte, dieses Gesicht schon hier auf der Ranch gesehen zu haben. Vielleicht einer der Ranchhands oder der Vaqueros von Dickens. Jetzt aber war dieser Mann sein Feind. Cliff hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Er ließ den Hammer des Colts vorschnappen, sah, wie der Getroffene seitlich aus dem Sattel kippte.

Das war erst der Anfang. Die übrigen Mexikaner waren heran. Cliff gab sich keine Chance mehr. Aber er riskierte einen Trick. Er warf sich auf die linke Seite und streckte die Arme von sich. Den linken Colt ließ er fallen, als wäre er ihm aus der erstarrten Hand geglitten.

Die Mexikaner waren neben Cliff. Er konnte sie nicht sehen, weil er das Gesicht halb zu Boden gerichtet hatte. Würden sie schießen? Würden sie auf seinen Trick hereinfallen und ihn für tot halten? Oder wollten sie sichergehen und ihm ein paar Schüsse in den Leib jagen?

Es waren Sekunden, die Cliff wie Stunden vorkamen. Er hörte das Hufgetrappel, hörte, wie ein Mexikaner seinem Kumpan zurief: „Da ist noch ein Gringo! Eh, er hat Pancho auf dem Gewissen. dieser Cabron de mierda!“

Cliff hörte, wie ein Gewehr repetiert wurde. Verdammt, jetzt knallt dieser Hundesohn auf mich, fuhr es ihm durch den Kopf.

 

 

5

Howard Dickens kniete auf dem Wagenboden. Seine linke Hand umfasste den rechten Oberarm und drückte mit hartem Griff die Schlagader ab. Eine Blutpfütze glänzte vor Dickens. Und noch immer glänzte es aus der Durchschussverletzung am rechten Handgelenk heraus.

Die Wunde und die dabei verletzte Schlagader beunruhigten den Hünen nicht. Er war erbittert, weil er nichts gegen Zamorra ausrichten konnte.

Draußen krachten die Schüsse, Blei klatschte ins Holz der Wagenplanke. Die Plane wurde zerlöchert und aufgerissen.

Die Hand am Oberarm rutschte Dickens auf den Knien bis zur hinteren Ecke. Der Regalkasten am Wagenende verwehrte ihm die Sicht nach draußen. Wie alle Chuckwagen hatte auch dieser hier diesen Anbau am Heck, in dem sich Dutch-Ofen und Vorratsfächer befanden. So gab es für Dickens im Augenblick nur einen Weg vom Wagen: nach vorn über den Bock.

Er stand auf und ging nach vorn. Als zwei Schüsse dicht vor ihm die Plane durchschlugen, ließ er sich wieder auf die Knie fallen und rutschte bis zum Wagenbock. Seinen Colt hatte er zwischen die Zähne geklemmt.

Er war vorn angekommen, setzte sich und ließ sich vom Wagen gleiten. Von hier aus übersah er den Hof bis zur Casa Grande. Dort knieten zwei seiner Leute.

Oben auf dem Dach lag Harry Thoms, einer seiner besten Cowboys. Thoms wurde von den Mexikanern rasend beschossen. Er setzte ihnen am meisten zu.

Hagerty war aus der Küche heraus und lag jetzt an der Verandatreppe. Irgendwie musste er an Dickens‘ neues Gewehr gekommen sein. Damit feuerte er jetzt schnell hintereinander auf die Reiter links von Dickens.

Der Rancher erkannte zwei Dinge völlig klar: Die Mexikaner zogen ab, und ihr Anführer war nicht mehr unter ihnen. Eine Gruppe von Banditen hatte die Ranch schon verlassen. Der Kampf der übrigen konnte nur ein Rückzugsgefecht sein.

Da entdeckte Dickens hinter dem Wagen ein totes Pferd. Dahinter lag ein Mann in Cowboykleidung. Dickens erkannte ihn nicht sofort, aber als er das stumpfe Abzeichen auf der Hemdbrust sah, war er im Bilde.

Neben dem scheinbar toten US Marshal hielt ein Mexikaner auf seinem Pferd und richtete das Gewehr auf den Liegenden. Rechts davon hoben zwei andere Reiter einen Verletzten auf und legten ihn quer in den Sattel eines reiterlosen Pferdes.

Dickens wusste nicht, ob der Marshal dort vorn verletzt oder tot war. Er sah aber, dass der Mexikaner bereit war, trotzdem auf den Reglosen zu feuern.

Dickens ließ seinen Oberarm los. Sofort spritzte wieder Blut aus der getroffenen Ader. Ohne sich darum zu kümmern, griff Dickens nach dem Colt zwischen den Zähnen, zog den Hammer zurück und schoss auf den Mexikaner, der auf den Marshal zielte.

Er traf den Mann in den Rücken. Die beiden anderen Banditen fuhren herum. Dickens machte einen Sprung hinter den Wagen und presste wieder die Hand auf seine Schlagader, um die Blutung zu stoppen.

Hagerty glaubte seinen Boss in Lebensgefahr und feuerte mit dem Gewehr von der Hüfte aus.

Die Mexikaner zogen ihren verletzten Komplicen in den Sattel und jagten davon, den anderen nach.

Dickens setzte sich knurrend auf die Wagendeichsel und wartete, bis Hagerty heran war.

„Wir sollten ihnen nachjagen, Boss“, schlug Hagerty vor.

„Unsinn! Sieh mal nach, was mit Cliff Copper passiert ist. Der liegt dort vorn neben seinem Gaul.“

„Aber Boss, was ist mit Ihrem Arm?“, fragte Hagerty besorgt.

„Scher dich nicht um meinen Arm, Hagerty! Ich habe dir einen Befehl gegeben. Verdammt, wie lange soll ich warten, bis du …“

„Keine Aufregung, Mr. Dickens. Da bin ich, gesund und munter“, hörte Dickens eine Stimme neben sich.

Er zuckte herum und sah in Coppers lausbübisch grinsendes Gesicht. „Ach, ich konnte es mir ausrechnen, dass so ein Keil wie Sie nichts abkriegt.“ Dickens spuckte aus und streckte Hagerty den Arm hin. „Da, irgend etwas ist mit meiner Kanalisation kaputt. Wo steckt Sniders?“

„Der muss in der Casa Grande sein, Boss“, erwiderte Hagerty. „Ich werde ihn holen.“ Er rannte davon.

Dickens lachte wütend. „Das muss man wissen, Copper. In meinem Haus befinden sich fünf Männer. Sie alle haben mit mir zusammen Mittag gegessen. Nur ein einziger hat sich am Kampf beteiligt. Ich wette, die anderen waschen sich jetzt ihre vollgemachten Hosen aus.“

„Wer ist Sniders?“

„Mein Doc! Für die Kratzer und Knochenbrüche, die sich meine Crew laufend leistet. Und diesmal bin ich sein Kunde.“

Hagerty kam mit einem kleinen, schmächtigen Männlein über den Hof.

„Sehen Sie ihn sich an, Copper. Wenn er nicht so‘n verdammt guter Knochenflicker wäre, würde ich sagen, solche Zwerge gibt es nur im Märchen. Eh, Doc, nun kommen Sie endlich. Ich habe keine Zeit und will noch hinaus ins Camp.“

Der Doc sah sich scheu um. „Ist der Kampf vorüber?“, fragte er Hagerty.

Der Bulle Hagerty lachte dröhnend. „Er und die anderen waren im Kellerloch, Boss. Verflucht mutige Sippschaft.“

„Maul halten, Hagerty! Du hast dich einen feuchten Staub um meine Gäste zu kümmern.“ Dickens streckte dem Arzt den verletzten Arm hin. „Na, können wir das gleich hier flicken?“

Doc Sniders blickte verstört auf die Verletzung, sah dann auf und meinte: „Ich muss die Arterie nähen.“

„Zum Teufel mit Ihnen, das will ich doch nicht wissen. Entweder sind Sie der Doc oder ich. Wenn Sie nähen müssen, zum Kuckuck, dann fangen Sie an. Ich muss weg!“

„Unmöglich“, entfuhr es Sniders. „Völlig ausgeschlossen!“ Er betrachtete die Verletzung. „Wir müssen ins Haus gehen. Es wird sehr schmerzhaft sein.“

„Hagerty! Den Whisky aus meiner Satteltasche!“, röhrte Dickens schallend.

Hagerty suchte den Hengst. Indessen band Sniders die Arterie am Oberarm ab.

„Na endlich!“, brummte Dickens. Er wandte sich an Copper. „Wie war es mit Ihnen? Was gefunden?“

Cliff nickte. „Das Geld, Rancher. Viertausend Bucks.“

Dickens hob staunend die Brauen. „Hoho, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Und wer hatte die Mäuse?“

Cliff überlegte einen Augenblick, dann sagte er: „Sie kennen ihn nicht, Rancher. Ein Fremder.“

Dickens verzog das Gesicht im Spott. „Ich kenne meinen Sohn nicht? Eh, Copper, wollen Sie mich für dumm verkaufen? Ich weiß, dass er eingebrochen hat. Er ist keinen Cent wert, dieser Taugenichts. Und das sage ich Ihnen – als sein Vater.“

„Vielleicht sollten Sie die Schuld bei sich selbst suchen“, erwiderte Cliff, milde lächelnd. „Ich habe das Gefühl, als würden Sie bald noch andere Resultate Ihrer Erziehung kennenlernen.“

„Falls Sie Leonie meinen sollten, Copper, da reden wir noch ein Wörtchen zusammen.“ Dickens machte ein angriffslustiges Gesicht. „Ich habe etwas gegen einen Schwiegersohn, der Marshal ist. Bei mir fangen die Menschen erst an, wenn sie eine Herde von hundert Rindern ihr Eigen nennen. Ich glaube, Sie haben gut verstanden.“

Cliff wurde rot vor Zorn. „Ich habe verdammt genau verstanden, Dickens. Wenn Sie nicht verwundet wären, würde ich Sie auffordern, eine Runde durch den Hof zu traben. Im Übrigen bin ich auch ein Ranchersohn, und Sie wissen das.“

Dickens lachte schallend. „Noch gehört Ihnen nur das Abzeichen, Copper. Und was das Traben angeht, das holen wir nach. Aber Sie werden traben, nicht ich!“ Er schüttelte seine linke Faust. „Auch mit dieser hier pumpe ich Ihnen die Luft aus der Brust.“

Sniders, das schmächtige Männlein, zog Dickens an der Weste. „Rancher, Sie müssen ins Haus! Ich muss die Arterie endlich nähen!“

„Bis später, Copper, bis später!“, rief Dickens über die Schulter zurück und folgte dem kleinen Doc zur Casa Grande.

Hagerty blieb bei Cliff stehen und meinte im Brustton der Überzeugung: „Den schlägst du nicht, Marshal. Der ist aus Stahl und Pech gemacht. Der beste Boss, den ich je gehabt habe.“

„Da hast du recht. Ochsen wie du brauchen die Peitsche. Und wenn man immer mit Ochsen zu tun hat wie Dickens, verlernt man es, sich wie ein Mensch zu benehmen.“

Cliff ließ den sprachlosen Hagerty stehen und ging zu seinem Pferd, um den Sattel abzunehmen.

Der glatzköpfige Cowboy Thoms gesellte sich zu ihm. Die krummen Beine weit gespreizt, blieb er vor Cliff stehen. Cliff sah zu ihm auf, lächelte und meinte: „Na, Harry, du warst wieder verdammt auf Draht. Eine gute Idee, aufs Dach zu klettern.“

Thoms grinste breit. Sein pockennarbiges Gesicht verzog sich dabei zur Grimasse. Die Oldtimer wie Thoms waren selten geworden, überlegte Cliff, als er den Sattelgurt unter dem Pferd hervorzog.

„Hast du sein Goldstück gefunden?“, fragte Thoms.

Cliff nickte. „Tut mir leid, das arme Schwein. Aber vorhin war der Alte großartig. Hättest sehen sollen, wie er den Greaser auf die Bretter gelegt hat. War Weltklasse.“

„Der Greaser war Zamorra. Mit dem werden wir noch viel Spaß bekommen, Harry … Ist May im Hause?“

„Du meinst Leonie?“, fragte Thoms grienend.

„Ich habe May gesagt, Harry. Feixe nicht so dreckig!“

„May ist da, Leonie auch. Warum willst du‘s von May wissen?“

„Ich wusste nicht, dass ein Oldtimer wie du neugierig sein kann, Harry. Passt gar nicht zu dir.“

„Hagerty hat mir erzählt, dass der Alte die Crew selbst übernehmen will. Wie gefällt dir das?“ Thoms blickte Cliff gespannt an.

„Dann kann sich Doc Sniders auf ein paar Rippen und Kieferbrüche vorbereiten“, erwiderte Cliff.

Dickens saß in seinem Sessel. Neben ihm stand der Doc. Auf dem Teppich lag eine leere Whiskyflasche. Der Geruch des Alkohols und des Desinfektionsmittels vermischte sich zu einem penetranten Gestank, der die Luft schwängerte.

Hinter dem Rancher lehnte May an der Wand. Sie war so blass wie der Kalk hinter ihr. Entsetzt starrte sie auf den verletzten Vater.

Cliff schloss die Tür hinter sich und ging auf Dickens zu. Dickens blickte ihn aus rot umrandeten Augen an. „Verdammt, Copper, Ihr Gesicht treibt mir den Whisky wieder aus dem Magen. Was wollen Sie noch?“

„Von Ihnen will ich vorerst nichts. Ich habe ein paar Worte mit Ihrer Tochter May zu sprechen.“

Doc Sniders winkte Cliff zu, den Patienten in Ruhe zu lassen.

Dickens hatte das bemerkt. Mit seinem gesunden linken Arm stieß er Sniders zur Seite. „Mal weg da! Was war das eben, Copper? Meine Tochter wollen Sie sprechen? Und diesmal May, wie? Erst Leonie, dann May. Schade, dass ich nicht noch vier Dutzend Töchter habe, dann gingen Sie in den nächsten vier Wochen reihum, was?“

Cliff blickte den Rancher abschätzend an. Dickens war betrunken. Er befand sich jetzt in einem Zustand, wo er ohne Rücksicht auf seine Verletzung alles in Stücke hauen würde. Männer wie Dickens vertrugen eine Menge. Vielleicht hatten ihn die Schmerzen vorhin zu sehr gepeinigt. Jetzt tobte er seine Wut darüber aus.

Cliff blieb ruhig. Ohne dass er sich weiter um Dickens kümmerte, trat er vor May hin und fragte: „Wann haben Sie Zamorra das letzte Mal gesprochen, Miss Dickens?“

May wurde um einen Schein fahler im Gesicht. Ihre Augen weiteten sich vor Furcht. Erst sah sie Cliff an, dann wendete sie sich ab und starrte entsetzt auf ihren Vater.

Dickens war aufgestanden. Der Doc zeterte und flehte ihn an, sich wieder zu setzen. Dickens schüttelte ihn mit der gesunden Hand ab wie eine lästige Zecke.

„Was höre ich da? Meine Tochter und ein Bandit? Eh, Copper, wie war das eben?“ Schwerfällig, ein wenig schwankend, näherte sich der Rancher den beiden. „May, ist es wahr?“

May zitterte vor Angst.

Cliff drehte sich halb herum und blickte den Rancher gelassen an. „Wenn es Ihnen in den Kopf kommt, dem Mädel weh zu tun, wird es bitter für Sie, Rancher. Bleiben Sie dort, wo Sie sind!“

„Elender Bulle, was fällt dir ein, he? Ich bin hier zu Hause. Und das will ich dir jetzt ganz schnell beweisen.“ Dickens streckte die gesunde Hand aus, wollte nach Cliffs Schulter greifen. Cliff war ihm überlegen. Ein Mann mit nur einem gesunden Arm und dazu noch in diesem Zustand konnte nicht schneller und stärker sein als Cliff, auch wenn er Howard Dickens hieß.

Dickens tappte schwerfällig einen Schritt weiter. Cliff war neben ihm, holte blitzschnell aus und schoss eine Gerade ab, die Dickens nicht mehr abwehren konnte.

Alle Kraft hatte Cliff in diesen Schlag gelegt. Er spürte, wie die Haut an seinen Knöcheln platzte, als er Dickens‘ Kinn traf. Aber der Riese wankte nur. Er fiel nicht um.

May schrie gellend auf. Sniders wich entsetzt hinter den Sessel zurück.

Da traf Cliff ein zweites Mal voll auf die Kinnspitze. Und diesmal war es für Dickens vorbei. Er stürzte wie ein gefällter Baum zur Erde. Cliff sprang vor und milderte den Aufschlag des Mannes mit seinen Armen.

„Dafür blase ich dir das Hirn aus der Rübe“, tönte es von der Tür her.

Cliff drehte sich um und sah Hagerty. Der hatte den Revolver gezogen und richtete ihn auf Cliff.

Cliff lachte rau. „Weiß der Teufel, die Ochsen werden hier einfach nicht alle. Komm rein, Hagerty, und mach die Tür hinter dir zu. Kannst mir helfen, deinen Boss auf ein Sofa zu legen.“

„Ich mache keine Witze, Copper!“, grollte Hagerty.

Cliff wandte sich ihm zu, schüttelte betrübt den Kopf und fragte mitleidig: „Wie dumm muss ein einzelner Mensch sein, um bei Dickens Vormann zu werden?“

Hagerty platzte beinahe vor Wut. „Schnall ab, damit ich dir zeigen kann, was du wissen willst!“, bellte er.

Cliff ging auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen, beugte sich leicht vor und brüllte unvermittelt los: „Nun reicht es, du größenwahnsinniger Kettenköter! Steck den Colt weg, sonst schlage ich dir alle Zähne aus dem Maul! Was fällt dir überhaupt ein, he?“

Ein Wunder geschah. Hagerty schluckte, steckte den Colt in das Holster und brummte kleinlaut: „War nur ‘n kleiner Scherz, Marshal.“

„Ich will dir sagen, was du bist, Hagerty. Ein dummer, vollgefressener Kläffer. Und nun geh hin und schleife deinen Boss auf ein Sofa. Er hat die Ruhe nötig.“ Cliff wandte sich May zu und winkte ihr. „Kommen Sie, Miss Dickens! Mit Ihnen bin ich noch nicht fertig.“

May zögerte. Da ging Cliff zu ihr, fasste sie sanft am Arm und führte sie ins Nebenzimmer.

Hier waren sie allein. Er war viel größer als sie. Verstört blickte sie zu ihm auf. Um ihre Lippen zuckte es. Die Nasenflügel bebten.

„Sie haben ihn getroffen. May. Wann? Wo?“, wollte er wissen.

„Ist es ein Verbrechen, einen Mann zu lieben?“ Sie fragte es und senkte dabei den Blick.

„Nein, May. Nur sind Sie nicht gerade wählerisch gewesen. José Zamorra ist ein Bandit. Wenn er ergriffen wird, hängt man ihn auf. Haben Sie daran gedacht, dass der Mann, den Sie lieben, gehenkt werden könnte?“

Sie schwieg. Aus ihren Augen rannen Tränen, Sie tat ihm leid. Bevor er losgeritten war, um Jack zu suchen, hatte er May als ruhigen, hilfsbereiten, bescheidenen Menschen kennengelernt. Ganz anders als der Wirbelwind Leonie. May hatte jahrelang von der Liebe geträumt, erst jetzt war sie aus diesem Traum erwacht. Und das geschah ausgerechnet durch Zamorra.

„Wann war es, May?“, wiederholte Cliff.

„Ich traf ihn, als ich mit Jack und Leonie nach Magdalena fuhr. Die Deichsel von Buggy war gebrochen, weil Jack zu schnell durch ein Loch gefahren war. Jack ist sehr ungeschickt in solchen Dingen. Da kam José. Er behob den Schaden. Bis Magdalena begleitete er uns. Er gefiel mir sofort. Er war ein richtiger Gentleman. Ganz anders als die Männer hier. Er hat Charme und ist so freundlich. Leonie gefiel er auch, aber sie merkte wohl, dass ich ihn gern hatte und hielt sich zurück. Auch Jack mochte ihn sofort.“

„Das war der Anfang. Und wie ging es weiter? Haben Sie ihm erzählt, wie es auf der Ranch aussieht oder sonst etwas von den hiesigen Zuständen?“

„Nein, er wusste über alles genau Bescheid.“ Sie sah Cliff voll an. „Er ist ein Idealist, Mr. Copper. Ein wirklich guter Mensch.“

Cliff lachte bitter. „Deshalb hat er auch seinen erwählten Schwiegervater durch den Arm geschossen.“

Sie schwieg und biss sich auf die Lippen.

Er legte seine Hand auf ihre Schulter. „May, dieser Mann ist ein Mexikaner. Er will vielleicht wirklich etwas ganz Großes für seine Nation. Aber Sie, May, sind keine Mexikanerin. Und Zamorras Feinde sind immer wir, Sie, Ihr Vater, ich und alle, die dem Sternenbanner verschworen sind. Es wird niemals eine Verbindung zwischen ihm und Ihnen geben. Sie glauben doch an seine Liebe? Würde er da die Ranch Ihres Vaters überfallen? Hat er es Ihnen gesagt, dass er es tun will? Wussten Sie etwa schon vorher davon?“

Sie schüttelte erregt den Kopf. „Nein, nein! Er hat nur gesagt, er wolle mit Daddy verhandeln. Daddy würde sicher Verständnis haben und …“

„Sie hätten ihm sagen können, dass Ihr Vater kein Verständnis hat und haben kann. Nicht für die Wünsche dieses Señor Zamorra. Denn Ihr Vater ist kein Selbstmörder!“

„Die Menschen in den Ranchos haben ein Recht auf Freiheit!“ Sie sagte es trotzig und aufbegehrend.

Er lächelte. „Denen geht es gut. Noch! Wenn aber erst ein Weidekrieg tobt, wenn US Kavallerie hier aufkreuzt, dann ist es nicht mehr gut hier. Zuletzt für die Mexikaner in diesem County.“

„Mein Vater hält sie wie Sklaven.“

„Er bezahlt sie ordentlich und gibt ihnen ebenso viel Rechte wie jedem anderen. Ranchleben ist kein Zeitvertreib.“

„Sie reden wie mein Vater, Sie hassen die Mexikaner!“

Er lachte trocken auf. „Wenn Sie wüssten, May! Ich war mit einer Mexikanerin verlobt“, sagte er ernst.

„Und? War sie Ihnen nicht fein genug?“, fragte sie ätzend scharf.

„Banditen haben sie erschossen“, erwiderte er bitter. Dann ließ er May stehen und ging hinaus, wo er Hagerty sah.

Auf der Veranda hatte sich eine kleine Versammlung gebildet. Fünf Männer und vier Frauen standen zusammen. Leonie war auch dabei. Sie sah Cliff zuerst und kam auf ihn zu.

Er betrachtete sie lächelnd und verglich sie mit May. Die frauliche, verträumte May war so ganz anders als ihre jüngere Schwester. Leonie ähnelte in ihren Bewegungen einer Wildkatze. Sie war gertenschlank, ging geschmeidig und graziös und war in ihrer ganzen Art temperamentvoller als May. Ihr Haar hatte einen rötlichen Schimmer. Sie trug es straff zu einem Knoten aufgesteckt. Ihr Gesicht war nicht schön, aber reizvoll. Die kecke Stupsnase, der volllippige Mund, die großen Augen gefielen Cliff immer wieder.

„Hallo, Cliff!“, rief sie und machte damit alle auf Cliff aufmerksam. „Es war furchtbar aufregend. Wie geht es Daddy?“

Er gab nicht gleich Antwort, sondern musterte die Männer und Frauen neben Leonie. Die Verwandtschaft, dachte er. Die liebe bucklige Verwandtschaft. Durchschnittsgesichter, und verbitterte, mickrige Züge. Kleine unbedeutende Schmarotzer in Howard Dickens‘ wolligem Pelz. Weiß der Himmel, warum er sich dieses Volk auf die Ranch geholt hatte.

„Es geht ihm gut“, sagte Cliff schließlich. Fast hätte er Leonies Frage vergessen. „Bis später, Leonie, meine Zeit ist knapp“, sagte Cliff und nickte ihr zu.

 

 

6

Magdalena hatte zweitausend Einwohner. Die meisten von ihnen waren Mexikaner, wie überall im Süden New Mexicos. Die Schlüsselstellungen in der Stadt hatten die Nordamerikaner inne. Der mächtigste Mann in Magdalena hieß Sheriff La Salle.

Die Mexikaner nannten ihn Papa Perilla, was soviel wie Papa Spitzbart heißt. Denn einen graumelierten Spitzbart trug der hagere, knochige Sheriff. Der Name Papa Perilla wurde nicht spöttisch ausgesprochen. Die Mexikaner fürchteten diesen merkwürdigen Sheriff. So witzig er aussehen mochte, er hatte es faustdick hinter den Ohren, und seine Methode, mit dem Colt zu schießen, wurde noch nicht übertroffen. Diese Waffe hatte keine Spannfeder mehr. Um damit zu schießen, schlug La Salle den Lauf auf den angewinkelten linken Unterarm. Von dem Ruck wurde der Hammer nach vorn geschleudert und löste den Schuss aus.

Man sagte, La Salle ritt das schäbigste Pferd im Westen. Er hatte drei dieser Urgroßväter aus der Gattung Ross. Dunkelbraune, magere Gäule, an denen man einen Hut aufhängen konnte. Er hatte ihnen ausgefallene Namen gegeben: „Herzog von Windsor“, „Kaiser von China“ und „Prince of Wales“.

Im Augenblick saß er auf dem „Kaiser von China“, einem Gaul von sage und schreibe fünfundzwanzig Jahren. Das Tier war dampfig und quälte sich über die staubige, sonnenüberflutete Straße. Jeder Schritt, den die durchgetretenen Hufe machten, schien dem Tier Schmerzen zu bereiten. Mit hängendem Kopf schlurfte dieser Urahn von Pferd mit seinem Reiter am General Store vorbei. La Salle saß aufrecht in seinem silberbeschlagenen Mexikanersattel, warf strenge Blicke um sich und machte ein Gesicht, als hätte man ihm das Essen versalzen.

Auf der Straße herrschte reges Leben, überall vor den Häusern wurde geschrubbt und gekehrt. Männer steckten Fähnchen und Lampions an die Giebel. Kinder hängten aus buntem Papier gefertigte Girlanden über Türen und Fenster.

La Salle beachtete das kaum. Ihn interessierten vielmehr die fremden Gesichter. Besonders vor dem Saloon und dem Stage Depot wimmelte es davon. Und alle waren Mexikaner. Das Fest hatte sie angelockt. Nur das Fest?, fragte sich La Salle. Es gärte in seinem County. Er hatte es längst gespürt. Und dafür gab er Howard Dickens die Schuld. Er hasste ihn.

Dickens war reich und herrschsüchtig. Eigenschaften, die La Salle nicht hatte oder nicht zeigte. Und dennoch beneidete er Dickens darum. Sein Hass aber war älter. Er und Dickens waren zusammen in dieses Land gekommen, hatten beide hier angefangen. Und eines Tages war Mary aufgetaucht. Mary, die Tochter eines Bankiers. Bis zu diesem Zeitpunkt waren La Salle und Dickens Freunde gewesen. Mary entschied sich für Dickens, und La Salle begann, den ehemaligen Freund zu hassen. Die Abneigung war gegenseitig. Wo sie konnten, diese beiden Dickköpfe, bekämpften sie sich. Nicht mit der Waffe in der Hand. Anders. Im Nadelstichsystem. Und so ging es seit Jahrzehnten. Denn bisher hatte Magdalena nur einen Sheriff gehabt. Und er hatte immer La Salle geheißen.

La Salles Pferd blieb stehen und knabberte an dem staubigen Gras vor der Saloon-Veranda. La Salle lehnte sich aufs Sattelhorn und blickte die Straße entlang. Dort tauchte ein Reiter mit einem Packpferd auf. An dem Gebaren der Menschen auf der Straße unten erkannte La Salle, dass es mit der Packlast etwas auf sich haben musste.

Der Reiter kam näher. Ein dunkelhaariger, schmalgesichtiger Mann mit einem Don-Juan-Gesicht. La Salle hatte es schon einmal gesehen, dieses Gesicht. Es musste vor Jahren gewesen sein, in einem Saloon. Aber er konnte sich nicht mehr genau erinnern.

Auf dem Packpferd lag ein Mensch – ein Toter.

Ein Dutzend Männer lief hinter und neben dem Reiter her. Ihr Geplapper übertönte noch den Hufschlag.

Jetzt konnte La Salle auch den Toten erkennen. Es war Jack Dickens. Der Sohn des reichen Ranchers.

In La Salles Gesicht rührte sich kein Muskel. Unbeweglich saß er auf seinem klapprigen Gaul und blickte dem Reiter und seinem Packtier entgegen.

Die Neugierigen bildeten einen Ring um den Sheriff und den Fremden. Sie drängten sich nicht zu nahe heran. La Salle warf ihnen nur einen Blick zu, das genügte.

Es wurde still im Kreis. La Salle musterte sein Gegenüber. Er schätzte den Mann auf Mitte Zwanzig. Noch immer fiel ihm nicht ein, wo er ihn gesehen hatte. Der Fremde trug eine Hand in der Schlinge, war offenbar auch am Oberarm verletzt. Er grinste La Salle frech an.

La Salle machte sich nichts daraus. Alle, die ihn nicht kannten, grinsten so. Manche machten sogar Bemerkungen. Doch gab sich das bald. Er hatte es schon zu oft erlebt, um sich zu wundern.

„Wie hast du das fertiggebracht?“, fragte La Salle und deutete auf den Toten. „Wer bist du überhaupt?“

Der Mann lächelte spöttisch. „Bist du eigentlich der Sheriff oder eine Witzfigur?“, fragte er.

Da vollführte La Salle das Schauspiel, auf das mehr als zwei Dutzend Neugierige schon gewartet hatten. Der Fremde konnte es mit seinem Blick kaum verfolgen, so schnell flog La Salles Hand an den Revolver, zuckte der linke Arm vor, und schon fetzten die Schüsse aus der Waffe. Der erste Schuss riss dem Fremden den Hut vom Kopf, der zweite ging über den Fremden hinweg und traf den Draht, an dem ein Lampion hing. Auch die weiteren drei Schüsse kappten solche Drähte.

Verblüfft starrte der Reiter auf die herabsegelnden Lampions.

Die Umstehenden hatten das erwartet. Sie klatschten begeistert, und die Mexikaner unter ihnen schrien begeistert: „Bravo!“

Da baumelte der Colt schon wieder schlaff am Halsriemen.

Der Fremde schluckte. „Verdammt, Sheriff, so was habe ich noch nicht gesehen. Ah, mein Name ist Lonford, Billy Lonford.“

Da wusste La Salle, wen er vor sich hatte. „Der schöne Billy also“, meinte er. „Und wie war das mit Jack Dickens? Wo hast du ihn erschossen?“

Billy schüttelte empört den Kopf. „Habe ich nicht getan, Sheriff. Er lag ein paar Meilen vor der Stadt. Sein Gaul graste in der Nähe. Ich hatte vor kurzer Zeit eine Auseinandersetzung mit Jack, aber seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Und nun fand ich ihn. Er ist von hinten erschossen worden.“

„Eine schöne Geschichte, und ich soll sie glauben?“, knurrte La Salle.

Beschwörend hob Billy die gesunde Hand. „Ich wollte ihn hierherbringen, weil ich hörte, dass Marshal Copper hier sein soll. Er war damals dazugekommen, als ich mit Jack einen Streit hatte.“

„In dieser Stadt heißt der Sheriff nicht Copper, mein Junge!“, donnerte La Salle. „Komm mal mit in mein Office!“ Er drehte sich zur Seile und zeigte auf einen bärtigen Mexikaner. „Du schaffst den Toten in die Kapelle am Boothill!“

Das Packpferd wurde von dem Reitpferd gelöst und weggeführt. Billy ritt neben dem Sheriff her zum Office herunter. Eine Schar Neugieriger folgte bis zur Tür.

Billy saß ab und schnallte einen Stock vom Sattel. Darauf stützte er sich, als er vor La Salle her ins Office humpelte.

„In die Zelle, mein Sohn!“, bellte La Salle und schob seinen Gefangenen hinter die Gittertür.

„Verdammt, Sheriff, glaubst du, ich hätte es getan?“, brüllte Billy heiser.

La Salle winkte beruhigend ab. „Wir werden das klären. Und solange wirst du dich auspennen. Das Essen ist gut. Es wird vom Hotel gebracht. Du wirst dabei nicht verkommen, übrigens, was hast du mit Copper zu schaffen?“

„Er kam dazu, als Jack Dickens mir die viertausend Böcke abnehmen wollte.“

Er berichtete von Jacks Überfall, schilderte ihn ziemlich genau, verschwieg aber das Gefecht mit Copper.

La Salle zeigte nicht, was er dachte. Er glaubte dem Spieler Billy Lonford keine Silbe seines Berichtes.

„Gut“, sagte er schließlich, „ich werde die Sache schon aufklären.“

Dazu bekam er bald die ersten Hinweise.

Kurz darauf traten zwei Besucher in sein Office. Der eine war US Marshal Cliff Copper. Der andere war ein älterer Mann in städtischer Kleidung. La Salle hatte ihn noch nie gesehen. Ein untersetztes, rundliches Männlein, an dessen linker Hand drei protzerische Brillantringe funkelten.

Der Fremde sprang gleich bei La Salles Eintritt auf. „Sind Sie der Sheriff?“ Er kam auf La Salle zu, ruderte aufgeregt mit den Armen und rief: „Ich habe einen Mord gesehen! Ich habe einen Mord gesehen!“

La Salle schob den Fremden zur Seite und nickte Cliff zu. Wenn er den Marshal auch nicht sehr schätzte, sein Feind war er wiederum nicht.

Cliff erwiderte den Gruß lächelnd. Da war aber der Fremde schon wieder dazwischen. „Sheriff“, schrie er erregt, „ich bin dem Mörder begegnet! Er war maskiert! Sheriff, bedenken Sie, er ist noch frei, er kann jede Minute einen weiteren Mord begehen und dann …“

„Stopp!“, brüllte La Salle. „Drehen Sie ab! Wer sind Sie überhaupt?“

Der kleine Dicke paddelte aufgeregt mit den Händen durch die Luft und rollte die Augen. „Ich bin Pat Morgan! Erster Sekretär von David Hammerson! Dem berühmten David Hammerson in Denver!“ Er schrie es La Salle geradezu ins Gesicht, wie berühmt dieser David Hammerson war.

„Berühmt? Ich kenne keinen Hammerson. Und was ist mit dem Mord?“ La Salle setzte seinen Zylinder ab und stülpte ihn auf einen weit aus der Wand ragenden Nagel, an dem das Bild Präsident Washingtons hing, kaum noch erkenntlich vor lauter Fliegendreck. Jetzt sah es so aus, als trüge der heroische General einen Zylinder.

„Der Mord, ach so, der Mord“, erklärte Morgan aufgeregt. „Ich kam mit meinem Buggy kurz vor der Stadt an. Da sah ich vor mir einen Reiter. Plötzlich fielen Schüsse aus dem Gebüsch. Das muss neben dem Reiter gewesen sein. Vielleicht war er auch schon vorbei. Der Mann fiel aus dem Sattel. Dann kamen zwei Kerle aus dem Gebüsch. Der eine saß ab und hob den Toten wieder auf sein Pferd. Und dann – ja, dann ritt der eine mit dem Toten weg, und der andere – der war es, der die Maske trug … Ja, er kam mir entgegen. Ich riss meine Pferde zurück. So entsetzt war ich. Ich dachte schon, jetzt wird er mich töten, aber er schlug einen Haken und verschwand zwischen den Büschen. Ich wäre ja gleich zu Ihnen gekommen, Sheriff, aber ich musste erst meine Pferde unterstellen und …“

„Well, das wollen wir mal genau aufschreiben“, meinte La Salle und setzte sich hinter die mit Papier bespannte große Kiste, die er als Schreibtisch bezeichnete. Ein zerfleddertes Gesetzbuch diente ihm als Schreibunterlage, als er in ungelenker Schrift mit unzähligen kleinen und großen Klecksen ein Protokoll anfertigte.

Als Morgan unterschrieben hatte, konnte er gehen.

Cliff und der seltsame Sheriff waren allein. Jetzt zeigten sie offen, dass sie einander nicht schätzten.

„Ich glaube, Sheriff, du bist eine Generation zu spät auf diese Welt gekommen. Glaubst du etwa an diesen Zauber, den dir dieser Spitzbauch vorgemacht hat? Morgan ist vor einer halben Stunde hierher gekommen. Ich sah ihn hineingehen. Er kam aus dem mexikanischen Viertel dieser Stadt. Dort hat er seine Pferde nicht stehen, La Salle. Die sind drüben im Stall vom Hotel.“

„Na und? Ich habe jetzt einen Zeugen, dass Billy Lonford einen Mord begangen hat. Willst du vielleicht sagen, Copper, dass er ihn nicht begangen hat?“

„Genau“, erwiderte Cliff. „Denn du hast etwas vergessen, Sheriff. Mit einer so lädierten Pfote, wie sie Lonford hat, kann ein Mann kein Gewehr halten.“

„Es kann ein Coltschuss sein.“

„Hast du das herausgefunden?“

„Du etwa?“, polterte La Salle.

Cliff nickte. „Allerdings. In dieser smarten Stadt gibt es einen Doc. Und der hat vor etwa zehn Minuten das Geschoss herausgeholt. Hier ist es!“ Er legte ein Projektil auf den „Schreibtisch“. Es war vorn leicht eingedrückt und zeigte noch deutliche Blutspuren.

„Das ist keine Winchester“, meinte La Salle. „Eine Armee-Rifle?“

„Richtig, sieh nach, ob Lonford so ein Gewehr gehabt hat!“

„Er hatte eine Winchester.“

„Und da willst du ihn hängen?“ Cliff lachte voller Spott. „Lass den Mann frei! In ein paar Stunden wird Howard Dickens in der Stadt sein. Er wird seine weiße Mannschaft mitbringen und dein Office in Trümmer schlagen, um Lonford zu lynchen. Darauf wette ich.“

„Das würde er nicht schaffen, Marshal. Nicht bei mir. Ich jage ihm Blei in den Schädel, wenn er unaufgefordert über meine Schwelle kommt. Denn nur so …“

Die Tür knarrte. Herein kam Howard Dickens. Er trug den Arm dick verbunden in einer Schlinge. Sein Gesicht war hochrot, die Augen glänzten.

„Hoho!“, brüllte er los. „Da stehen die richtigen Armleuchter zusammen!“ Hinter ihm drängte sich Hagerty in den Raum. Ihm folgten weitere Männer aus der Dickens-Mannschaft. Alles harte Burschen. Die Elite der Dickens-Crew.

Der Hüne Dickens blickte sich um wie ein Mann, der die Einrichtung abschätzte, bevor er sie in Trümmer schlug.

Er ging ein paar Schritte auf La Salle zu. „Wo hast du diesen Bastard, der meinen Jungen erschossen hat? He, wo ist dieser Hundesohn? Gib ihn raus, bevor ich deinen Stall zu Kleinholz verarbeiten lasse.“

„Hüten Sie Ihre Zunge, Rancher! Sie fordern von einem Sheriff, dass er einen Gefangenen an einen Lynchrichter ausliefert!“, sagte Cliff scharf. „Noch ein Wort, und ich sperre Sie ein! Ich, nicht der Sheriff!“

Dickens blickte Cliff ungläubig an, prustete plötzlich los und lachte schallend. Der nach Alkohol riechende Atem wehte bis zu Cliff hin.

Hagerty lachte mit, aber es klang nicht sehr überzeugt. Die anderen hinter Dickens waren ernst. Sie waren auch nicht vom Alkohol berauscht wie Dickens oder von sklavischer Ergebenheit wie Hagerty.

Cliff stellte sich breitbeinig vor Dickens auf. „Sie sind ein großkotziger Präriekönig, aber das stört mich keine Sekunde. Und wenn Sie mit hundert Mann hier antanzen, ich fürchte weder Sie noch Ihre Crew. Sie werden nämlich nichts erreichen, um den Mord an Ihrem Sohn aufzudecken. Sie und Ihre Elefantenherde zertrampeln nur das, was der Sheriff und ich mühsam herausschälen!“

Dickens wollte wieder losbrüllen, er mochte diesem – seiner Meinung nach – unbedeutenden Hilfsmarshal gern zeigen, wie groß Howard Dickens in diesem Lande war. Aber da war Cliff Coppers eiskalter Blick. Ein Blick, der sogar Dickens beeindruckte und ihn zur Vernunft mahnte. Vielleicht sagte sich der Rancher, dass Cliff Copper für ihn einmal außerordentlich nützlich werden könnte. Vielleicht verspürte er trotz aller Hohn- und Trotzreden Sympathien für Cliff Copper. Niemand von den Umstehenden konnte es sagen, was der Hüne Dickens dachte. Nur er selbst wusste es.

„Dickens, ich glaube, Sie sollten gehen.“ Cliff sah den Rinderfürsten scharf an. „Ich weiß, dass Sie bald viele gute Freunde brauchen, Dickens. Ich bin geradezu sicher, Sie werden ohne diese Freunde zugrunde gehen. Tun Sie, was ich Ihnen sage! Der Fall Ihres Sohnes wird aufgeklärt. Aber nicht durch Sie. Durch La Salle und mich. Und jetzt tanzen Sie mit Ihrer Elefantenherde ab!“

La Salle hatte die Hand an seinem Revolver. Fürchtete er eine Explosion des Ranchers? Hagerty ballte die Hände zu Schmiedehämmern aus Fleisch und Knochen. Wartete er auf das Losbrechen des Bosses? Auch die Cowboys, die sich hinter den Rancher und Hagerty drängten, rechneten wohl mit einem Orkan.

Aber sie alle erlebten das Unerwartete. Dickens nickte Cliff Copper zu. „Gut, diesmal gehe ich. Diesmal, Copper!“ Er drehte sich um und fauchte Hagerty an: „Raus hier!“

Als die Tür hinter ihnen zuknallte, meinte La Salle fassungslos: „Wie hast du das bloß geschafft?“

Cliff lächelte nur. „Manchmal weiß ein Nashorn, dass Tiger scharfe Zähne haben, Sheriff. Und manchmal denkt ein Nashorn auch, die kleine Katze vor ihm sei ein Tiger.“

 

 

7

Dickens stand im General Store. Neben und hinter ihm tranken die Cowboys. Dickens trank nicht. Er stützte sich auf eine Kiste und starrte nachdenklich vor sich hin. Er drehte sich noch nicht einmal um, als Cliff hinter ihm stand und sagte: „Dickens, ich habe mit Ihnen ein paar Worte zu reden. Es ist eine bittere Pille, Rancher. Vielleicht schaffen Sie das nicht. Kommen Sie! Thoms und Leonie sind eben angekommen. Das wird gut für Sie sein.“

Erst nach einer Weile drehte sich Dickens um. „Ah“, sagte er rau, „da ist ja unser Wachhund. Was gibt‘s zu bellen?“

Im Raum war es still. Alles blickte auf Dickens und Copper. Sie dachten wohl ausnahmslos, der Marshal würde Dickens festnehmen.

Auch Dickens schien das zu denken. „Was gefällt Ihnen denn nicht, Marshal Copper?“ Dickens sagte es voller Spott und Hohn.

„Vieles gefällt mir nicht, Rancher. Es trifft Sie hart heute. Bitter hart.“

„Spucken Sie‘s aus, Copper. Wollen Sie mich vielleicht einlochen?“ Er lachte poltrig auf.

Cliff schüttelte den Kopf und sagte ganz ruhig: „Nein, ich wollte Sie nur zu May führen. Sie liegt drüben im Sheriff-Office. Ermordet.“

Sekundenlang stand noch ein Grienen in Dickens‘ Gesicht. Wie erstarrt. Dann geschah es. Er brüllte auf, wie ein schwerverletztes Tier. „Nein!“

Cliff sah ihn an. Mit einem Mal tat er ihm leid, dieser große, reiche Mann, dieser Gigant der Prärie. An einem Tag zwei seiner Kinder zu verlieren, das macht einen König zum Ärmsten der Armen.

„Nein!“, brüllte Dickens gequält auf. „Das ist nicht wahr! Das kann doch nicht wahr sein!“

Cliff nickte nur. Und alle fühlten, dass es bittere Wahrheit war. Sie erwarteten, dass ein stolzer, großartiger Mann zusammenbrach. Sie rechneten damit, dass die mächtige Eiche fiel.

Cliff war vielleicht der einzige, der das nicht befürchtete. Und er hatte recht.

Howard Dickens war auf einmal ganz ruhig. Sein faltiges Gesicht hatte sich aschgrau verfärbt. In den Augen war kaum noch Glanz. Die Lippen zwischen dem grauen Bart bewegten sich. Cliff hörte, wie Dickens murmelte: „Ich will sie sehen!“

Dickens, von dem sie alle einen Zusammenbruch erwarteten, richtete sich auf, blickte über die Männer hinweg zur Tür und ging langsam los. Sein durchbluteter Verband war schmutzig, der Bart des Hünen war angesengt. Über der rechten Braue klaffte eine Wunde. In ihm musste jetzt alles wie ausgebrannt sein. Aber er ging aufrecht, fest und zielstrebig wie immer. Er zeigte es ihnen nicht, wie es ihn getroffen hatte. Er bot ihnen kein Schauspiel.

Als sie ins Office kamen, war auch La Salle da. Er kam Dickens entgegen. „Howard, ich begreife nicht, wie es geschehen konnte!“, erklärte er, und es klang herzlich und voll echter Anteilnahme.

Dickens sah durch ihn hindurch. „Aus dem Weg!“, knurrte er.

Betroffen wich ihm La Salle aus. Cliff blieb stehen. Er ließ Dickens mit Leonie und der toten Tochter allein.

Thoms kam zu ihnen. „Es ist furchtbar. Er zeigt es noch nicht einmal“, meinte er. „Die Nerven möchte ich mal fünf Minuten lang haben.“

La Salle hatte andere Gedanken. „Ich weiß nur nicht, wie es Lonford gemacht hat. Sie muss doch irgendwie ins Office gekommen sein.“

Cliff blickte den Sheriff spöttisch an. „Lonford? Du irrst, La Salle. Der Mörder heißt nicht Lonford!“

„Moment“, widersprach La Salle und zog das Taschentuch aus einem Bogen Papier. „Das habe ich gefunden! Neben May in der Zelle!“

Cliff sah La Salle an. „Du bist zehn Jahre Sheriff, und in diesen zehn Jahren hast du nichts gelernt? Ich kann es bald nicht glauben.“

„Was soll das heißen?“, fragte La Salle barsch.

„Das heißt, dass Lonford nicht der Mörder ist.“

Dickens kam wieder. Sein Gesicht war fahl, doch das war auch das einzige Anzeichen, wie es in ihm aussah. Ansonsten ging er gerade wie immer, sein Schritt war fest. Nichts deutete darauf hin, wie furchtbar es ihn getroffen hatte. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen für Howard Dickens. Die Probe, die ihm das Leben stellte, war von unmenschlicher Härte. Hart genug, um auch einen Fels wie Howard Dickens zu zerschmettern.

Dickens ging an ihnen vorbei, blickte auf Thoms und sagte leise, nahezu sanft: „Bring sie heim. Thoms! Sie soll neben Mary schlafen. Und sei vorsichtig!“

In diesen Worten brach sein Schmerz durch. Doch sofort war er wieder hart wie Stahl. Er wandte sich an Cliff und fragte: „Wissen Sie, wer es getan hat, Copper?“

„Noch nicht genau, Rancher. Aber in ein paar Tagen steht es fest.“

Dickens blickte zur Tür, aber es sah aus, als sähe er durch das Holz hindurch. „Was geschieht mit dem Mörder?“

„Er wird gehängt, Rancher. Garantiert wird er das“, erwiderte Cliff sachlich.

Dickens wandte den Kopf. Aus seinen grauen Augen blickte er Cliff an. Dieser Blick ließ selbst Cliff frösteln. Ein Paar solch eiskalte Augen hatte Cliff noch nicht gesehen. Kalt, hart und unerbittlich. Das lag in diesem Blick, mit dem Dickens den Marshal ansah.

„Gehängt? Nur gehängt? Das ist zu wenig, Copper. Viel zu wenig.“ Dickens ging. Grußlos, ohne ein Wort für La Salle, Leonie oder Thoms. Er ging, wie er immer gegangen war, aufrecht, wuchtig, mit langen Schritten.

Dann gingen auch Thoms, Leonie und Cliff. Thoms wollte May morgen in aller Frühe holen, um sie zur Ranch zu bringen. Er würde sich einen Wagen leihen und ein paar gute Pferde.

Auf dem Weg zum Hotel, wo sie schlafen sollte, fragte Leonie Cliff: „Ich begreife es einfach nicht. Ich kann es nicht fassen.“ Sie presste die Hände vors Gesicht und schluchzte: „Wer kann das nur getan haben? Sie war ein so guter Mensch. Dass sie einen Rebellen geliebt hat, das kann ihr doch niemand zum Vorwurf machen.“

„Sie hat keinen Rebellen geliebt“, erklärte Cliff. „Sie hat ihren eigenen Mörder geliebt.“

Thoms blieb erstaunt stehen. „Wieso?“

„Später, ich muss erst genau wissen, ob meine Theorie stimmt. Noch ist es eine Theorie. Ich habe keinen Beweis. Nicht einen.“

Als Leonie im Hotel war, half Thoms dem Marshal beim Satteln. „Brauchst du keine Hilfe, Cliff?“, fragte er, als Cliff den Proviant verpackte.

„Nein. Achte auf Leonie! Es darf ihr nichts geschehen. Wo steckt Dickens?“

„Der ist mit unserer Crew zur Ranch geritten. Wahrscheinlich zum großen Acro. Du weißt doch, wegen der Herden. Ich hab‘s ihm erzählt.“

„Armer großer Mann“, meinte Cliff. „Ich werde auch zum Acro reiten. Aber vorher muss ich noch einmal mit La Salle sprechen.“

„Der ist vorhin auf seinem klapprigen Kaiser von China weggeritten. Drei solcher Kleiderständer hat er. Und damit will er ein County sauber halten.“

„Mir würde es genügen, wenn er die Stadt sauber hielte.“ Cliff saß auf und reichte Thoms die Hand. „Mach‘s gut, Harry, achte auf Leonie! Ich habe vorhin etwas Blödsinniges gedacht. Dafür könnte ich mir jetzt am liebsten eine runterhauen.“

„Du meinst Leonie?“

„Ich glaubte, sie hätte gewusst, was mit ihrer Schwester passiert ist. Aber es war ein Irrtum.“

Thoms schüttelte den Kopf und meinte vorwurfsvoll: „Das war wirklich eine idiotische Idee.“

„Nicht ganz, Harry. Denn du darfst nicht vergessen, dass Leonie nicht Mays Schwester ist.“

„Ich werd‘ verrückt. Wer hat dir denn den Quatsch vorgekaut?“ Thoms fasste sich an die Stirn.

„Der Quatsch steht im Personenregister. Das liegt bei La Salle. Früher wurde es von einem Reverend geführt. Seit Magdalena einen Sheriff hat, führt er das Register. Auf Seite fünf steht, wessen Kind Leonie ist.“

„Zum Kuckuck, Cliff, jetzt beginnst du zu spinnen! Ich habe sie als Baby geschaukelt.“

„Da war sie aber älter als vier Monate, nicht wahr?“

Thoms kratzte sich am Kopf und nickte. „Hm, kann sein. Ich kam damals gerade auf die Ranch. Da war das Wurm schon da.“

„Das Wurm“, meinte Cliff nachsichtig, „weiß selbst nicht, wer seine Eltern sind. Ich glaube das jedenfalls. Vorhin glaubte ich es nicht. Die Mutter ist seit Leonies Geburt tot. Der Vater brachte das Kind zu Dickens. Danach wurde er verhaftet und eingesperrt. Später hieß es, er sei auf der Flucht erschossen worden. Das war ein tragischer Irrtum. Leider lebt er noch – heute noch.“

 

 

8

Dickens wollte mit seiner Mannschaft zur Acro-Weide reiten. Aber auf halbem Wege dorthin sahen die Männer Feuerschein in Richtung der Ranch.

„Das kann nur die Ranch sein, Boss“, meinte Hagerty.

„Mir nach!“, befahl Dickens. Er stöhnte dabei, denn seine Armverletzung machte ihm zu schaffen. Die Müdigkeit kam dazu. Aber er zeigte auch jetzt keine Schwäche. Trotz allem saß er besser im Sattel als seine Cowboys. Nur Hagerty gab sich Mühe, dem Boss nachzueifern.

Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde es. Die Ranch brannte. Ringsherum war alles hell vom Feuer. Einer der Windradtürme war schon im Flammenmeer zusammengesunken. Die anderen brannten beide, und Fackeln gleich standen sie zwischen Rauch und Trümmern.

Die Männer holten aus ihren Pferden das Letzte heraus. Aber das war sinnlos. Sie retteten nichts, konnten nichts mehr retten. Eine stolze Ranch, das prächtigste Anwesen weit und breit, war ein Raub der Flammen geworden. Verkohlt und verfallen war das, was einmal die Casa Grande war. Ein Haufen Asche und glühende Balken lagen dort, wo vorher der größte Stall von New Mexico gestanden hatte.

Pferde, Schweine und Milchkühe liefen frei auf der Weide im Umkreis um die Ranch. Irgendwer hatte sie aus den Corrals und Pferchen gelassen.

Doch das schienen die einzigen Lebewesen zu sein, die noch da waren. Keine Menschenseele war zu sehen.

Die Männer suchten nach Verunglückten. Sie fanden nichts. Das Feuer war noch im Gang. Das Holz glühte, die Steine der Mauern strahlten mehr Hitze aus als ein Backofen, und der Rauch legte sich quälend auf die Lungen der Männer. Sie kamen nicht bis in den Hof. Hitze und Qualm zwangen sie zur Umkehr.

Nur einer betrat den Hof einer einstmals prachtvollen Ranch. Howard Dickens arbeitete sich durch die Gluthitze. Nur ein nasses Halstuch vorm Gesicht schritt er durch die Trümmer und scherte sich nicht um den Funkenregen, der ihm die Kleidung versengte.

Bis zur Casa Grande drang er vor. Dann musste auch er zurück. Hustend, schwarz von Ruß und Asche, mit versengter Kleidung kehrte er zu seinen Männern zurück.

„Es ist niemand zu sehen“, krächzte er. Mehr hörten die Männer nicht. Sie beobachteten ihn, sie erwarteten jetzt den Zusammenbruch dieses stolzen Mannes. Sie hätten dafür größtes Verständnis gehabt. Niemand von ihnen würde es als Schwäche auslegen. Aber er wurde nicht weich. Der Fels war nicht zerbrochen.

„Fangt frische Pferde ein!“, befahl er ihnen. „Wir reiten weiter. Zur großen Acro!“

 

 

9

Auch Cliff ritt durch die Nacht. Kurz hinter dem Buschland hielt er an, saß ab und führte seinen Hengst zwischen die Sträucher. Sicherheitshalber band er ihn an. Ob Pascha stehenblieb, konnte Cliff nicht voraussagen. Einen Fehler aber konnte er sich nicht erlauben.

Er ging bis zur Straße zurück und prüfte, ob das Versteck von hier nicht sichtbar war.

Was er erwartete, konnte eintreffen. Ebenso gut konnte seine ganze Spekulation ein Fehlschlag werden. Er war entschlossen, diese Zeit zu opfern.

Versteckt zwischen den Büschen wartete er. Seine Hand lag auf der Nase des Hengstes, bereit, die Nüstern zuzuhalten, falls Pascha im unpassenden Augenblick schnauben sollte.

Pascha wollte an den Blättern der Redprickles knabbern, aber Cliff verwehrte es ihm. Obgleich der Wind günstig stand, konnten die Kaugeräusche den Standort des Pferdes verraten.

Die Nacht war kühl. Am Himmel waren nur wenige Sterne zu sehen. Wolken kamen auf. Auch der Mond war davon verdeckt. Ein frischer, beinahe kalter Wind wehte aus Norden.

Cliff hatte Appetit auf eine Zigarette, mit der er seine Müdigkeit vertreiben könnte. Aber er musste sich das versagen.

Ich warte womöglich noch vergebens, dachte er missgelaunt. Auch Pascha wurde langsam unruhig. Das Stehen auf einer Stelle behagte ihm nicht. Er scharrte mit den Vorderhufen, wollte Ruhe, bis ihm Cliff einen Klatsch aufs Maul erteilte. Wütend warf Pascha den Kopf hoch, blieb aber von nun an ruhig.

Von der Stadt her näherte sich Hufschlag. Zwei Reiter schienen es zu sein. Dann konnte Cliff sie sogar sehen. Noch immer flackerte Feuer in Magdalena. Der Hintergrund in dieser Richtung war hell. Und so hoben sich die Silhouetten zweier Reiter gut davon ab.

Cliff hielt Pascha die Nüstern zu, bis beide Reiter am Versteck vorbei waren. Er hörte das Knirschen ihrer Sättel, das Rasseln der Gebissketten und den klappernden Hufschlag. Aber die Reiter sprachen nicht, und darauf hatte Cliff gehofft. Es wäre die Bestätigung gewesen, dass diese Männer auch wirklich die waren, auf die er wartete.

Sie waren vorbei. Er wartete noch einen Augenblick und saß auf. Langsam ritt er auf den Weg, überquerte ihn und ließ Pascha noch ein gutes Stück weitergehen. Dann schwenkte er nach rechts ein und ritt parallel zum Fahrtrail. Jetzt sahen ihn die beiden Reiter nicht vor dem hellen Hintergrund.

Später war diese Vorsicht unnötig. Das Gelände war wellig. Cliff ritt wieder auf dem Trail.

Ab und zu hielt er an. Er ließ die Reiter noch weiter voraus. Schließlich wurde es für ihn mühevoll, ihre Spur zu behalten. Es war schon eher ein Raten, wohin sie geritten sein konnten. Zu nahe durfte er sich nicht heranwagen.

Als es dämmerte, hatte er sie vor Augen. Sie ritten noch immer auf dem Trail. Er wartete hinter Büschen ab, bis er sie nicht mehr sehen konnte, und verfolgte sie dann weiter.

Das Land war zerklüftet und fiel zum Rio Grande del Norte terrassenförmig ab. Der Rio Grande floss hier von Nord nach Süd. Erst in El Paso zog er dann seine Bahn nach Südosten weiter. Das Land aber, durch das er hier strömte, war felsig und wimmelte von Canyons, großen und kleinen.

In einem solchen Canyon von etwa hundert Meter Tiefe verschwanden die beiden Reiter. Plötzlich sah Cliff sie nicht mehr. Sie tauchten auch nicht am hinteren Ende des Canyons auf, das er von hier aus beobachten konnte.

Er zügelte Pascha und kramte sein Fernglas heraus, saß ab und ging vorsichtig bis zum steilen Zugang des Canyons. Er sah unten auf der Canyonsohle Huftritte im weichen Gras.

Stück für Stück suchte er den Boden mit dem Fernglas ab. Die Hufspuren auf der Canyonsohle gingen noch ein Stück weiter. An einem Wasserfall endeten sie. Ein Creek stürzte an der Felswand herunter, hatte unten einen kleinen See gebildet und floss nach Südosten hin ab. Er hatte in Jahrtausenden diesen Canyon ausgewaschen.

Vergeblich versuchte Cliff, Spuren auf der anderen Seite des Wasserfalls zu erkennen. Er sah auch am Rande des kleinen Sees keinerlei Anhaltspunkte.

Die Sache kam ihm nicht geheuer vor. Die beiden Reiter konnten doch nicht im Wasserfall untergetaucht sein. Oder gab es dahinter so etwas wie eine Höhle oder dergleichen?

Der ganze Tag lag vor ihm. Er konnte nicht warten, bis es wieder dunkel wurde. Im Osten ging die Sonne als goldglühender Ball auf. Die Wolken waren abgezogen, nur im Westen ballten sie sich zu Türmen und Bergen zusammen.

Die Natur war erwacht. Im Gras glitzerte der Tau, die ersten Vögel kamen aus ihren Nestern, räkelten und plusterten sich im Sonnenschein. Aus ihrem Horst in der Felswand erhoben sich zwei Geier, breiteten ihre Schwingen aus und begrüßten den Morgen mit heiserem Gekrächze. Am hinteren Ende des Canyons schlich ein Puma – von der Nachtjagd heimkehrend – am Felsen entlang. Antilopen, die in einem zehnköpfigen Rudel am See ihren Durst stillten, preschten aufgeregt davon, als sie den Puma gewahrten.

Der vom Canyonende näherkommende Puma bestärkte Cliff in der Annahme, dass die Reiter nicht über den Wasserfall hinausgekommen waren. Sonst wäre der Puma bestimmt geflohen. Auch die scheuen Antilopen waren offensichtlich vom Canyonende hergekommen.

Was für eine Bewandtnis hatte es mit dem Wasserfall? Cliff wollte es herausfinden.

Er machte Pascha fest und wollte gerade den Canyon hinabklettern, als er beide Reiter wiedersah. Aber da war es zu spät. Sie hatten ihn schon entdeckt.

Beide kamen durch den Wasserfall. Also war doch dahinter eine Höhle oder etwas Ähnliches, sagte sich Cliff. Zufällig sahen die Männer zu ihm hinauf. Sofort rissen sie ihre Pferde herum und trieben sie wieder durch das herabstürzende Wasser, um dahinter zu verschwinden.

Cliff überlegte, was er tun sollte. Eine Verfolgung wäre Selbstmord. Die beiden waren gewarnt und kamen bestimmt nicht mehr aus der Höhle heraus, die so gut durch den Wasserfall getarnt war.

Die Zeit drängte. Dickens würde sicherlich seine Herde verfolgen, wenn sie wirklich abgetrieben war. Wer weiß, mit wem er zusammengeraten würde und was sich dann abspielen sollte.

„Die Schlange hat einen Kopf und einen Schwanz“, brummte Cliff. „Hoffentlich trete ich nicht auf den Schwanz statt auf den Kopf.“

Plötzlich krachte ein Schuss. Cliff zuckte herum und suchte nach dem Schützen. Es musste hinter ihm irgendwo in der Prärie gewesen sein.

Pascha tänzelte erregt. Auch seine Nerven waren offenbar überreizt. Da blitzte es an den hinteren Büschen vor der nächsten Terrassensteigung auf.

Pascha machte einen Satz nach vorn, riss Cliff beinahe um und brach aus. Cliff versuchte, ihn noch am Zügel zurückzureißen, doch der Hengst war nicht zu halten. Er galoppierte davon. Und erst, als er ihn loslassen musste, sah Cliff, dass das Tier eine Wunde an der Kruppe hatte.

Wieder krachte ein Schuss. Diesmal erwischte es um ein Haar Cliff selbst.

Er warf sich zu Boden. Was aus Pascha wurde, konnte er jetzt nicht mehr beobachten. Zum Glück hatte er sein Gewehr nicht im Scabbard sondern in der Hand. Nur das Fernglas steckte in der Satteltasche. Und gerade das konnte er jetzt gut gebrauchen.

Mit bloßem Auge sah er den Schützen nicht. Auch sein Pferd war nirgendwo zu erkennen.

Cliff kroch seitlich weg. Er hatte den Canyon und damit zwei Gegner hinter sich, den dritten vor sich. Es musste ihm gelingen, aus dieser Zwickmühle herauszukommen. Er musste es schaffen. Ein längeres Stück bis zu den Randfelsen war ohne jede Deckungsmöglichkeit. Er konnte nicht anders, er musste diese freie Stelle überqueren.

Kurz entschlossen sprang er auf und rannte los.

Das Pech wollte es anders. Er trat in den Bau eines Präriehundes, blieb mit dem Fuß hängen und stürzte. Dabei schlug er mit dem Gesicht gegen den Gewehrlauf. Sofort strömte Blut aus der Nase.

Er verharrte dennoch keine Sekunde, sondern versuchte, kriechend bis zur Felswand zu gelangen.

Sein Gegner konnte ihn sehen. Drüben blitzte es auf. Cliff spürte den Luftzug des Geschosses an seiner Stirn.

Noch einmal wollte er aufspringen und die letzten Yards im Laufschritt zurücklegen. Er kam hoch, wollte mit dem verstauchten Fuß auftreten, da fuhr ein jäher Schmerz durch seinen ganzen Körper. Er konnte mit dem Fuß nicht gehen. Aber zum Zögern war keine Zeit. Er stürmte los, riss den verstauchten Fuß einfach mit, doch das Pech verfolgte ihn jetzt. Er war nicht mehr schnell genug. Plötzlich schlug es meißelhart gegen seinen Kopf. Er stürzte erneut. Vor seinen Augen begann sich alles zu drehen. Der Himmel, die Sonne, die Felsen, das alles rotierte, drehte sich schneller und schneller. Dann wurde es dunkel vor seinen Augen.

Drei Männer kamen wenig später an ihn heran, beugten sich über ihn, stießen ihn mit den Stiefeln an, aber er lag reglos.

„Der ist nicht tot. Ist nur ein Streifschuss. Packt ihn zusammen! Dort drüben die Felsspalte, die ist richtig. Aus der kommt er nie mehr heraus.“

„Willst du ihn ‘runterwerfen?“, fragte einer der drei.

„Hast du Lust, dich von ihm verpfeifen zu lassen?“, meinte der dritte. „Immerhin hat er uns beide erkannt, darauf wette ich.“

„Also weg mit ihm, soviel wie der weiß keiner.“

Sie packten ihn an den Schultern und Beinen an und schleppten ihn bis zur Felsspalte. Sie war etwa fünf Yard breit und mehr als achtzehn Fuß tief. Unten war sie breiter, denn die Felsen hingen über. Dafür herrschte dort unten ewige Dämmerung.

Cliff wurde von allen dreien hinuntergestoßen. Sein Körper prallte an der Felswand ab, flog rasend schnell weiter und schlug unten mit dumpfem Schlag auf.

„Aus, der sagt keinen Ton mehr. Kommt, es ist Zeit! Dickens könnte sich noch ein paar dumme Witze einfallen lassen!“

Sie holten ihre Pferde und ritten davon – auf Magdalena zu.

 

 

10

Auf der großen Acro standen keine Rinder mehr. Auch die Weide der kleinen Acro war leer. Spuren von Tausenden von Rindern wiesen den Weg. Und die Spuren von nahezu hundert Reitern verrieten, wie das Vieh getrieben wurde.

Zuerst fluchten Dickens‘ Cowboys. Nachher ritten sie ebenso stumm und verbissen wie ihr Boss. Dann und wann lag ein zu Tode getrampeltes Kalb am Wege. Oder sie sahen eine hochträchtige Kuh, die der Herde einfach nicht mehr folgen konnte.

Die Spuren waren für die Männer wie ein offenes Buch, in dem sie lesen konnten. Sie sagten ihnen, dass die Herde unheimlich scharf getrieben worden sein musste. Sie zeigten auch auf, wie schwer es die Treiber mit dem störrischen Vieh gehabt hatten.

Die Spuren wiesen nach Süden. Eine Riesenherde, die größte in New Mexico, wurde auf die Grenze zugetrieben. An der Art, wie die Treiber ritten, während sie die Herde südwärts jagten, erkannte Dickens, dass es Mexikaner waren. Vaqueros oder Gauchos führten den Trieb völlig anders aus als die Cowboys. Bei ihnen ritt nicht ein Mann an der Spitze wie bei den nordamerikanischen Rinderhirten, sondern zwei Treiber nahmen die Leitbullen in die Mitte. Die übrigen Vaqueros ritten in weitem Halbkreis hinter und neben der Herde. Das hatte zur Folge, dass Nachzügler scharf mitgenommen wurden. Wie das bei den Vaqueros zuging, wusste Dickens aus eigener Ansicht. Wie lange hatte er gebraucht, um ihnen beizubringen, dass scharfes Treiben Fleisch kostete. Die Banditen, die diese Herde abtrieben, scherten sich den Teufel um Fleischverlust. Sie trieben mit drei Meilen Stundengeschwindigkeit. Die Folgen sahen die Cowboys bald.

Immer häufiger überholten sie Gruppen zurückgebliebener, fußkranker Kühe, fanden sie zu Tode erschöpfte Jungtiere und Kälber. Einmal stand eine Kuh neben ihrem zertrampelten Kalb und leckte es ab, als könne sie es so wieder zum Leben erwecken.

Cowboys waren nicht aus Honig gemacht, und sie waren auch nicht zimperlich. Aber solche Eindrücke gingen ihnen auf die Nerven. Ihre Einstellung zum Tier war ganz anders als die der Vaqueros.

Die Stimmung der Dickens-Crew näherte sich dem Siedepunkt. Je kleiner der Vorsprung der Herde wurde, desto entschlossener waren die Männer, es mit der großen Übermacht der Treiber aufzunehmen.

Für Dickens selbst hatte es darüber gar keine Frage gegeben. Er würde die Herde zurückerobern, auch wenn er nur zehn statt dreißig Mann haben würde.

Er schmeckte schon den Staub, der noch in der Luft hing. Noch eine Stunde, und sie würden die Herde eingeholt haben.

Als das Gelände leicht abfiel, sahen sie die riesige Staubwolke und das Meer der braunen Rinderleiber.

 

 

11

Um diese Stunde ritten vier große Cowboymannschaften aus Magdalena. Sheriff La Salle hatte sie zusammengetrommelt.

Seit Jahren sahen ihn die Männer zum ersten Mal auf einem anderen Pferd, auf einem jungen, kräftigen Tier. Der „Herzog von Windsor“, der „Kaiser von China“ und „Prince of Wales“ waren dem, was La Salle heute vorhatte, nicht mehr gewachsen.

„Also, das ist ganz einfach“, erklärte La Salle und rückte sich den Zylinder zurecht. „Erst reiten wir nach Süden, ziehen dann nach Osten und kommen garantiert viel früher als die Rustler auf den Herdentrail nach Süden.“

Sie waren noch keine vier Meilen von Magdalena weg, als sie vor sich in der morgendlichen Prärie einen gespannlosen Prärieschoner sahen.

„Hoi, was ‘n das? Wer hat denn den vergessen?“, fragte La Salle verwundert.

Zusammen mit den vier Ranchern ritt er voraus. Wie sie am frischen Pferdekot vor dem Wagen sahen, hatten noch vor kurzer Zeit Pferde in der Deichsel gestanden.

La Salle ritt nach hinten und hob die Heckplane hoch. Plötzlich rief er: „Männer, hierher! Seht euch das an! Schnell helft mir!“

Die Rancher ritten zu ihm hin. Und dann sahen auch sie, was in dem Wagen lag.

Sieben Menschen lagen gefesselt und geknebelt, zusammengepfercht wie Heringe auf der Ladefläche. Fünf von ihnen waren Männer, die beiden anderen eine Frau und ein Mädchen.

La Salle war schon auf dem Wagen und befreite die Gefangenen. „Wer ist das denn?“, fragte ihn einer der Rancher.

„Gäste von Dickens. Zum Teufel, was ist da wieder passiert?“ La Salle winkte einem der Cowboys. „Eh, gebt mir eure Trinkflaschen. Die sind ja alle halb erstickt.“

Einige Männer kletterten auf den Wagen und schnitten den Gefesselten die Stricke durch, rissen ihnen die Knebel aus dem Mund und flößten den Halberstickten zu trinken ein.

Plötzlich rief ein Cowboy draußen: „Eh, Sheriff, dort drüben liegt noch einer zwischen den Büschen!“

La Salle kletterte wieder hinunter. Um einen Busch, abseits vom Wagen, hatten sich einige Reiter des Aufgebots versammelt. La Salle ging zu Fuß hinüber und sah unter den Zweigen des Redprickles einen mit einem schwarzen Charroanzug bekleideten Menschen. Es war Billy Lonford. – Tot.

La Salle kramte in Lonfords Taschen und fand einen Bart zum Ankleben.

„Was soll der Bart?“, brummte La Salle. „Schade, dass wir diesen Kerl nicht mehr verhören können. Er hat bestimmt alles gewusst, was uns drückt.“

Sie gingen wieder zum Wagen zurück. Ein paar der Befreiten lehnten erschöpft an der Wagenbordwand, die anderen saßen auf dem Wagenboden und rieben sich die geschwollenen Handgelenke.

La Salle kletterte zu ihnen hinauf und fragte: „Wer kann mir erzählen, wie es passierte?“

Unten rief ein Rancher: „Eh, Sheriff, wenn wir Dickens‘ Herde abfangen wollen, müssen wir weiter!“

„Augenblick, Salton, das hier ist verdammt wichtig genug“, behauptete La Salle. Er wandte sich wieder an die Leute im Wagen und fragte: „Na, wer kann mir die Story erzählen?“

Ein kleiner, rundlicher Mann meldete sich: „Ich kann Ihnen alles sagen, Sheriff, ich habe es von Anfang an miterlebt.“

„Wer sind Sie?“, fragte La Salle.

„Edward Gibson ist mein Name. Ich bin ein Cousin von Mr. Dickens. Als er uns vor ein paar Wochen eingeladen hat, kam ich hierher in dieses wilde Land.“ Der dicke Gibson schnaufte und machte ein wütendes Gesicht. „Ein scheußliches Land.“

„Warum hat Dickens Sie eingeladen?“, fragte La Salle.

„Das war so“, erklärte Gibson und blickte seine Gefährtin bedeutsam an. „Wir alle hier sind Verwandte von ihm. Keiner von uns ist so reich wie Dickens. Er hatte eine verrückte Idee. Er wollte – und will es bestimmt immer noch – dort, wo jetzt mexikanische Ranchos stehen, Ackerland anlegen lassen. Nicht für die Mexikaner.“

„Aber Ed“, meinte die Frau, „er wollte doch Schulen und ein Versuchsgut bauen für die Mexikaner, damit die das Wirtschaften lernen.“

La Salle blickte auf die Frau. Sie war nicht mehr jung, hatte eine massige Figur und ähnelte in ihren Gesichtszügen dem Rancher Dickens sehr.

Edward Gibson schüttelte den Kopf. „Ihr alle wisst nicht, was er wirklich vorgehabt hat. Mir hat er es erzählt.“

„Dir?“, tönte es zweifelnd von allen Seiten.

Edward Gibson nickte. „Ja, mir! Und wenn ihr‘s genau wissen wollt, es war vor zwei Tagen. Da sagte er: Ich will die Greaser hier weg haben. Wir setzen weiße Siedler an den Fluss. Der Boden dort eignet sich zum Ackerbau. Und jeder Siedler muss als Gegenleistung zwei Meilen Drahtzaun für mich anlegen.“

„Augenblick“, unterbrach La Salle. „Und was sollten Sie dabei tun?“

„Er wollte uns als erste ansiedeln.“

Die anderen Verwandten waren offenbar nicht in diesem Sinne unterrichtet worden.

Gibson fuhr sie an: „Nun redet nicht dazwischen. Mir hat er es schließlich so gesagt. Ihr glaubt natürlich, dass er euch als Schullehrer und Aufseher für die Mexikaner haben wollte. Damit hat er euch geködert. Nun seid still und redet mir nicht dazwischen. Schließlich kenne ich die ganze Geschichte von A bis Z, während ihr die ganze Zeit im Saloon gesessen habt, als es passierte.“

„Wie passierte es?“, fragte La Salle.

„Sie kamen mit etwa sechzig Mann. Alles Mexikaner. Auch der Anführer schien ein Greaser zu sein. Ich stand gerade auf der Veranda. Ich wollte noch weglaufen, um die anderen zu alarmieren, aber das ging nicht. Sie hatten mich schon entdeckt. Der Anführer befahl den Mexikanern, alles festzunehmen, was im Hause war. Nur die Küchenmädchen ließ er laufen. Die rannten davon. Wir wurden in einen Wagen geladen. Diesen Wagen.hier. Mir befahl der Anführer, ihn durchs Haus zu führen. Stimmt das etwa nicht?“, wandte sich Gibson an seine Schicksalsgefährten.

Sie nickten. „Wie ein Held hast du dabei nicht ausgesehen“, meinte die Frau spöttisch.

„Ihr etwa?“, grollte Gibson. Und er fuhr fort: „Ich ging mit dem Anführer und zwei anderen ins Haus. Sie wollten von mir wissen, wo sich May Dickens versteckt hatte. Ich wusste es nicht. Dann fanden sie das Mädchen selbst. Ich weiß nicht, was sie mit ihr gemacht haben. Sie schrie furchtbar. Immer wieder hörte ich, wie sie sagte: Ich habe es ihm nicht verraten!“‘

Die übrigen Leute auf dem Wagen nickten. Die Frau sagte zustimmend: „Das haben wir sogar draußen gehört. Bestimmt handelte es sich darum, dass sie Zamorra gut kannte.“

Gibson lachte. „Gut kannte? Sie hatte mit ihm ein Verhältnis. Und er glaubte, sie habe ihn an Marshal Copper verraten. Aber dieser Zamorra war gar kein Mexikaner. Nachher sah ich das. Er trug auf einmal keinen Bart mehr, jedenfalls wurden wir mit dem Wagen weggefahren. Unterwegs hielt man an und fesselte uns. Bis auf den Anführer und etwa fünf oder sechs Mann ritten die anderen alle weg. Da sahen wir, dass sie die Ranch angezündet hatten. Wir wurden weitergefahren. Ich konnte mich aufrichten und durch die Plane gucken. Der Wagen hielt an. Es wurde plötzlich geschossen. Die Fahrer spannten die Pferde aus. Die übrigen Mexikaner und der Anführer kämpften gegen vier Angreifer. Ich sah, wie der Anführer der Mexikaner fiel. Die Greaser ergriffen die Flucht. Ich sah weiter, wie die vier Reiter hinter ihnen herjagten. Das war alles.“

„Zamorra alias Lonford“, meinte La Salle und kletterte vom Wagen herunter. „Deshalb also der Bart! Der zum Ankleben. Wer mögen nur die vier Reiter gewesen sein?“, fragte er die Rancher und Cowboys.

Niemand konnte ihm diese Frage beantworten.

„Spann vier Pferde vor den Wagen! Die Geschirre sind ja noch da!“, befahl La Salle. „Vier Mann von euch und zwei Begleiter zu Pferde bringen den Wagen und die Leute nach Magdalena.“

 

 

12

Ein Mann hatte den Kampf zwischen Cliff Copper und seinen drei Gegnern beobachtet: Pat Morgan.

Das kleine unscheinbare Männlein sah gar nicht mehr so harmlos aus wie gestern, als es gegen Lonford aussagte. Pat Morgan trug zwei Revolver. Sie hingen tief an seinen kurzen Schenkeln. Sonst war Morgan wie ein Cowboy gekleidet. Sein Hut war so breitrandig, dass er wie ein Pilz aussah. Dieser Hut war rotbraun.

Morgan war weit von der Kampfstelle entfernt. Aus der Höhe eines Felsens hatte er alles mitangesehen. Jetzt kletterte er hinunter. Die drei Reiter waren weg.

Unten stand Morgans Pferd. Ein Tier aus dem Mietstall, kein Klassegaul. Er saß auf und ritt bis zur Felsspalte. Dort löste er sein Lasso, machte es am Sattelhorn fest und blickte prüfend auf das Pferd. Würde es ruhig stehen, wenn er hinabkletterte?

Er traute dem Pferd nicht ganz und befestigte das Lasso weiter hinten am Felsen. Dann kletterte er hinunter in die Spalte.

Cliff Copper lag auf dem Rücken. Als ihn Morgan erreichte, bewegte sich Cliff, blieb aber liegen.

Unten war es dunkel. Morgan riss ein Streichholz an und leuchtete damit ins Gesicht des Verletzten. Prüfend betrachtete er die Streifschussverletzung am Kopf. Sie beunruhigte ihn nicht. Mehr als ein blutiger Scheitel schien es nicht zu sein.

Er kniete neben Cliff nieder und betastete dessen Arme, dann die Beine. Hier war offenbar alles in Ordnung, kein Bruch.

An der Schläfe hatte Cliff eine Verletzung. Er musste beim Absturz am Felsen angeschlagen sein. Auch seine Hand war aufgeschürft.

Der Boden auf dem Spaltengrund war weich. Moos und loser Sand bedeckten ihn. Cliff konnte sich nach Morgans Meinung nicht allzu weh getan haben.

Morgan versuchte, den Verletzten aufzuheben. Aber das wurde ihm sauer.

Dabei erwachte Cliff. Er ächzte und brummte unverständliche Worte.

Morgan schlang das Lassoende um Cliffs Leib. Danach presste er dem Verunglückten weiches, feuchtes Moos auf die Stirn.

Davon wurde Cliff vollends munter.

Erneut riss Morgan ein Zündholz an. Cliff blinzelte ins flackernde Licht, griff mit der Hand nach der Stirn und stöhnte.

„Die Kopfschmerzen werden bald besser. – Copper, kannst du dich allein hocharbeiten? Ich werde mit dem Pferd nachhelfen“, erkundigte sich Morgan.

Cliff sah ihn an. Wie durch einen milchigen Schleier erkannte er dieses Gesicht. Er lächelte. „Fliegenpilz, wie hast du mich gefunden?“

„Ich suchte das Versteck. Copper, wir hätten von vornherein zusammenarbeiten sollen. War eine Dummheit von dir, mit der getrennten Methode. Halt dich fest und versuch zu klettern! Ich geh hinauf und seh‘ zu, was ich mit dem Gaul machen kann.“

„Mein Kopf, Fliegenpilz, der Teufel weiß, was damit los ist“, stöhnte Cliff.

„Ein Streifschuss, nicht einmal schlimm. Tut dir sonst was weh?“

Cliff richtete sich auf. Arme und Beine gehorchten seinem Willen. Nur im Kopf spürte er Schmerzen. Ihm war, als sei er von einem Wagen überrollt worden.

„Hm, ich kann dir jetzt keinen Verband anlegen. Habe nichts hier, Copper. Alles oben in der Satteltasche. Versuch zu klettern!“ Fliegenpilz arbeitete sich wieder hinauf, machte das Lasso am Pferd fest und spannte es vorsichtig.

„Fertig, fang an!“, brüllte er. Langsam führte er das Pferd von der Spalte weg. Zum Zerreißen gespannt war das Lasso. Vorsichtig hielt Fliegenpilz Morgan die Spannung.

Dann tauchte Cliff auf, rutschte über den Rand der Spalte und presste vor Schmerz beide Hände an den Kopf.

Morgan führte das Pferd zurück und löste das Lasso von Cliffs Körper. „Wer war es?“, fragte Morgan. „Konnte sie nicht erkennen.“

Cliff gab ihm keine Antwort. Er hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Als ihn Morgan verband, stöhnte und fluchte er.

„Ein schöner weißer Turban“, meinte Morgan und betrachtete sein Werk. „Was glaubst du, wie du aussiehst? Wie ein Scheich aus der Wüste …“

„Hat dich einer erkannt in Magdalena?“, fragte Cliff.

Morgan schüttelte den Kopf. „Meine Verkleidung war erstklassig. Nur du hast mich wiedererkannt, als ich dich beim Sheriff getroffen habe. La Salle ist jedenfalls darauf reingefallen. Hast du die Lösung, Copper?“

„Deine Vermutung stimmt. Was du mir erzählt hast, bevor du La Salle sprachst, hat sich bestätigt.“

„Ja, wenn ich damals schon Beweise gehabt hätte. Und du hast sie jetzt, Copper?“

„Genug“, erwiderte Cliff. „Wenn nur dieser verfluchte Schmerz aus meiner Rübe wiche. Ich bekomme einen Knall, wenn das nicht nachlässt.“

„Du musst irgendwohin, wo du ein paar Tage Ruhe hast. Die Sache mit der Kopfverletzung ist nicht schlimm. Aber beim Absturz hast du dir eine kleine Gehirnerschütterung geholt. Drei Tage Ruhe, und du bist wieder fit.“

„Drei Tage, da kann alles entschieden sein.“ Cliff hielt sich die Schläfe und schloss vor Schmerzen die Augen.

Morgan schob sich den rotbraunen Hut ins Genick. „Hm, eigentlich nicht, Copper. Entschieden ist schon alles, was uns interessiert, nur Dickens sitzt in der Patsche und muss da raus. Ich lasse dich hier, Copper. Will mir mal das Versteck hinter dem Wasserfall ansehen. Vielleicht finde ich, was ich suche.“

Als Morgan ging, sah ihm Cliff nach. „Fliegenpilz“ wurde der kleine Revolvermann oben in Wyoming genannt. Von dort kam er. Und dort kannten ihn Sheriff und Banditen genau. Wenn der kleine Mann mit dem rotbraunen Hut auftauchte, wurde die Fährte der Banditen blutig. Er hieß wirklich Pat Morgan. Die Maskerade vor La Salle und den Leuten in Magdalena hatte offenbar niemanden darauf kommen lassen, dass Pat Morgan und der gefährliche Gunman Fliegenpilz ein und derselbe waren.

Jetzt war der kleine, krummbeinige Revolvermann hier im Magdalena County. Und diesmal wurde er für seine gefährliche Arbeit von einer Frau bezahlt. Wer sie war, hatte Fliegenpilz noch nicht verraten. Aber Cliff ahnte, um wen es sich handeln konnte.

Als Fliegenpilz in seiner Verkleidung in La Salles Office auftauchte, erkannte ihn Cliff auch nicht auf Anhieb. Danach aber kam es zu einer kurzen, sehr aufschlussreichen Unterhaltung, bis La Salles Eintritt sie unterbrach.

In jener Unterhaltung bot Fliegenpilz dem Marshal seine Unterstützung an, aber Cliff hatte andere Pläne. Außerdem wusste er, dass Fliegenpilz nicht in staatlichem Auftrag arbeitete. Er durfte die Zusammenarbeit nicht offiziell annehmen. Jetzt war alles anders. Er konnte nur noch mit Fliegenpilz‘ Unterstützung das Banditenregime aus diesem County beseitigen. Seit er seine Gegner kannte, hatte er erfasst, wie ihnen beizukommen war. Voraussetzung war, seine Kopfverletzung würde wirklich keine Schwierigkeiten machen.

Fliegenpilz kam bald zurück. „Die Gäule sind nicht drin“, sagte er. „Ich hatte sie dort vermutet. Aber das habe ich gefunden.“ Er hatte ein Bündel Stoff unter dem Arm und rollte es auf. Ein Kleid – May Dickens‘ Kleid. Es war blutig.

„Well, das war ihre neueste Dummheit“, meinte Fliegenpilz und steckte sich eine Zigarre an. „Hm, mir kommt da so ein Gedanke“, sagte er und blies den Rauch vor sich hin. „Ich bleibe mit dir drei Tage hier. Du kommst wieder hoch, hast Zeit und Ruhe. Wenn einer von denen hier aufkreuzt, kann uns nicht viel passieren. Das Versteck ist wie eine Festung. Ein Mann könnte hundert Angreifer aufhalten. Und so viele werden es nicht.“

Cliff nickte. Er hätte es nicht tun sollen. Sofort schmerzte sein Kopf wieder. Er verzog das Gesicht und presste die Hände auf den Verband.

Fliegenpilz half ihm auf. „Los, nur bis zum Versteck!“

Cliff konnte mit dem linken Fuß nicht auftreten. Den hatte er sich schon vor dem Sturz verstaucht.

Fliegenpilz stützte ihn. „Langsam wirst du‘s schaffen. Nun komm! Ah, sieh mal dort, wen haben wir denn da?“ Er deutete auf die Prärie hinaus. Ein Pferd näherte sich, ein reiterloses Pferd: Pascha.

„Kommt der auch wieder“, brummte Cliff. „Diese schäbige, treulose Tomate.“

„Und einen Kratzer hat er auch. Na, dann sind wir ja vollzählig“, meinte Fliegenpilz.

Pascha blieb neben Fliegenpilz‘ Pferd stehen, beschnüffelte es und begann zu grasen, als sei nichts geschehen.

Indessen erreichten Cliff und Fliegenpilz den Wasserfall. Cliff humpelte dicht an der Felswand entlang. Damit er nicht ausrutschte, stützte ihn Fliegenpilz. Der Felsboden hier war schmierig und glitschig.

Hinter dem Wasserfall verbarg sich ein schmaler Felsstollen. Ein Reiter konnte gebückt in ihn hineinkommen. Der Stollen hatte eine Länge von etwa vierzig Yard. Am Ende verbreiterte er sich zu einer Höhle. Versteinerte Tropfen hingen an der Decke. Als Fliegenpilz ein Streichholz anriss und einen Kerzenstummel anbrannte, huschten Eidechsen und Salamander an den Felswänden entlang.

Im Kerzenschein sah Cliff erst richtig, wie groß und geräumig die Höhle war. Drei bis vier Pferde und die Reiter konnten hier bequem lagern. In der Mitte war eine erloschene Feuerstelle.

„Wo zieht der Rauch denn ab?“, fragte Cliff.

Fliegenpilz zeigte zur Decke. „Sie ist rissig und hat offenbar Zug. Ich habe mir vorhin diese Frage auch gestellt. Ganz prima Hotel hier, wie?“ Er lachte grimmig und deutete auf eine Blechkiste. „Sind Vorräte drin. Und Wasser haben wir vor der Tür. Es fehlt an nichts. Hau dich drüben auf das Stroh, ich werde die Gäule holen.“ Er blickte Cliff spitzbübisch an und fügte hinzu: „Übrigens habe ich für dich noch ‘ne Überraschung. War zwar nicht beabsichtigt, aber nun wird sie bald kommen – die Überraschung.“ Er zwinkerte Cliff zu und ging auf seinen krummen Beinen den Gang entlang.

Cliff hüpfte zum Stroh, auf dem früher Pferde gestanden hatten. Sogar Futterkrippen und Heuhaufen waren hier angelegt. Auf der anderen Seite der Höhle, wo Fliegenpilz die Kerze abgestellt hatte, standen einige Kisten als Stühle und Tisch.

Cliff legte sich lang. Das tat ihm gut. Die Kopfschmerzen ließen etwas nach.

Schüsse fielen vorn im Gang.

Cliff zuckte hoch. Die Schmerzen in seinem Kopf wurden sofort schlimmer.

Er hörte Fliegenpilz rufen: „Copper, versuch mal, ein bisschen mitzumischen, auch wenn es dir schwerfällt. Ich hätte dich verdammt nötig! Großer Empfang mit Böllerschüssen.“

Wieder krachten die Revolver von Fliegenpilz. Es hallte im Gang wie bei einem Gewitter.

Cliff hatte sein Gewehr wieder. Fliegenpilz hatte es ihm gesucht und mitgebracht. Cliff nahm es wie einen Stock und humpelte nach vorn.

Plötzlich zischte es dicht vor ihm und klatschte gegen den Fels. Er legte sich zu Boden und kroch. Vorn im Stolleneingang sah er Fliegenpilz liegen. Der hatte beide Colts in den Händen und feuerte, was das Zeug hielt.

Einmal drehte er sich um und rief zurück: „Copper, wenn du noch was davon erleben willst, mach schnell!“

Cliff sah, wie über ihm die gegnerischen Geschosse den Fels aufmeißelten.

 

 

13

Dickens ritt vor seiner Mannschaft. Er sah deutlich die Herde, sah die Reiter, die sie trieben. Viele Reiter. Dickens wusste, dass es einen harten Kampf geben würde. Und er erkannte, was die Banditen vorhatten.

Die Mexikaner hatten die Verfolger bemerkt. Sie ritten jetzt alle zum Schluss der Herde, bildeten eine gerade Linie quer zur Marschrichtung. Einige von ihnen gaben Schüsse ab. Doch die galten nicht den Verfolgern, wie Dickens bemerkte.

„Voran, sie haben eine Stampede vor! Los, Jungs!“, brüllte Dickens und trieb sein Pferd an.

Seine Armverletzung schmerzte. Die Wunde blutete wieder. Er sah es am durchtränkten Verband. Aber er achtete nicht weiter darauf, seine Herde durfte nicht zur Stampede gebracht werden. Dabei würden Hunderte von Rindern zugrunde gehen.

Sie ritten wie die Teufel, holten das Letzte aus ihren Pferden heraus, trieben die Tiere brüllend an.

Aber Dickens sah, dass sie es nicht schafften. Die Mexikaner warfen Presspulverstangen zwischen das Vieh. Mitten unter den Tieren krepierte der Sprengstoff. Die hinteren Kühe drängten entsetzt nach vorn. Die Herde schob sich zusammen. Dann reagierte auch der Leitbulle und die schräg hinter ihm gehenden jüngeren Stiere. Die Herde begann zu galoppieren. Immer wieder warfen die Mexikaner Pulverstangen hinter das Vieh.

Die Stampede brach los. Nichts würde diese Riesenherde aufhalten, nichts konnte die Tiere jetzt beruhigen.

In ihrer Angst jagten die Rinder vorwärts, stießen stolpernde Tiere um, zertrampelten sie. Kälber und hochträchtige Kühe wurden von dieser rotbraunen Walze einfach zu Boden gerissen. Staub quoll wie dicker Nebel auf. Und die Herde raste, raste immer weiter und weiter. Längst war sie vom Trail abgekommen und hielt auf das zerklüftete Gebiet der Manuela Rocks zu. Auf der Hochfläche wimmelte es von Präriehundlöchern. Tiere brachen in die Bauten der Erdhörnchen ein. Nachfolgende Rinder rammten die stürzenden Artgenossen zu Boden. Die hinteren trampelten schon darauf, und was liegenblieb, war ein bis zur Unkenntlichkeit verstümmelter Kadaver. Hunderte von Kadavern lagen schon herum, seit die Herde das Gebiet der Präriehundbauten erreicht hatte.

Aber es kam noch schlimmer. Da zog sich quer zur Fluchtrichtung des Viehs ein Creek Canyon entlang. Er war nicht tief, vielleicht zwanzig Fuß. Aber tief genug.

Die Herde raste kopflos auf ihn zu. Da erkannten die Bullen an der Spitze die Gefahr, wollten seitlich ausbrechen. Doch die Wucht der nachdrängenden Tiere wurde ihnen zum tödlichen Verhängnis. Die Bullen konnten nicht mehr ausweichen. Sie wurden wie von einer Flut in den Canyon gedrückt, stürzten hinunter und überschlugen sich. Hinter ihnen folgte die Herde, die ganze riesige Herde.

Zwei Drittel der Rinder rasten in diesen Canyon. Hunderte blieben mit gebrochenen Beinen liegen, andere stürzten auf sie und kamen dadurch heil davon. Die unteren zahlten ihr Leben dafür.

Es war ein grausiges Blutbad, es war einfach unvorstellbar. Was sich in diesen Minuten im Creek Canyon abspielte, war die Hölle. Schlimmer konnte nichts auf dieser Welt sein als dieses große Sterben von Hunderten von Rindern.

Die davongekommen waren, liefen und sprangen in panischer Furcht den Canyon entlang. Die anderen, die oben noch rechtzeitig zurückgeblieben waren, trotteten bis zum Canyonrand und glotzten auf den Berg der erschlagenen, zerstoßenen und sterbenden Artgenossen hinunter.

Das klägliche Blöken von Kälbern, die sich die Beine gebrochen hatten, das stoische Muhen der Kühe, die mit zerschmetterten Knochen auf den Tod warteten, und das dumpfe Brüllen eines Bullen, der statt der Hinterbeine nur noch zerquetschte Glieder hatte, das alles drang wie eine Anklage zum Himmel. Und dieser Himmel war blau, strahlend in seiner Schönheit. Keine Wolke trübte ihn. Die Sonne lachte, lachte über der Hölle am Creek Canyon. Und der Staub, den die Herde aufgewirbelt hatte, senkte sich wie ein Totentuch auf die Kadaver und die krepierenden Kreaturen herab. Aus der Ferne drang der Knall vieler Schüsse wie ein Salut.

Dickens traf es wie ein Axthieb. Aber er saß noch immer aufrecht. Auch das warf ihn nicht um.

Er glühte vor Zorn. Seine Männer sahen es ihm an, fühlten mit ihm, hassten mit ihm.

Der Hass machte stark, machte eine Mannschaft von dreißig Mann zu einer unüberwindlichen Streitmacht.

„Keiner von diesen Hundesöhnen darf entkommen!“, brüllte Hagerty in rasender Wut.

Dickens schwieg. Er zog den Revolver und trieb sein Pferd an. Dort vorn bildeten die Mexikaner eine Linie, glitten aus ihren Sätteln und erwarteten den Angriff der Cowboys.

„Hagerty, mit der Hälfte von uns nach links!“, brüllte Dickens. „Ihr anderen mir nach!“

Dickens schwenkte nach rechts ein, Hagerty führte die andere Hälfte der Crew nach links.

Die Mexikaner begriffen sofort. Im Nu waren sie wieder in den Sätteln. Nahezu hundert Mann waren es, die da vorn ihre Pferde antrieben, die auf einmal vor dreißig Angreifern flohen. Und die Cowboys jagten ihnen nach. Dickens war weit voran. Links drüben versuchte Hagerty seinen Boss einzuholen. Aber Dickens ritt ein gutes Pferd. Und er wusste einem Pferd alles abzuverlangen.

Viele der Cowboys hatten schlechtere Pferde. Die Tiere waren von dem scharfen Ritt ohnehin erschöpft. Jetzt konnten sie nicht mehr. Es war aus. Das ging über ihre Kraft.

Immer mehr mussten zurückbleiben. Aber Dickens ritt. Nachher konnte nur noch Hagerty auf seinem Grauen das Tempo halten. Der Graue erwies sich als zäh, bald noch zäher als Dickens‘ Hengst.

Schon ritten sie nebeneinander. Verbissen, trotzig. Ihr Blick richtete sich auf die fliehenden Mexikaner. Denn die flohen noch immer. Ihre Pferde waren nicht so erschöpft. Der Vorsprung wurde immer größer.

Endlich sah es auch Dickens ein. Sein Pferd stolperte zu häufig. Da nützte die Wut nichts. Es ging nicht weiter.

Er zügelte sein Pferd. Als er zur Seite blickte, sah er Hagerty die Faust schütteln. „Und wir kriegen euch doch!“, keuchte der Vormann und drohte den sich weiter entfernenden Mexikanern.

Wie von einem Magneten angezogen ritten alle Cowboys und ebenso Dickens und Hagerty auf den Canyon zu.

Als sie neben Dickens ihre Pferde zügelten, am Rande dieser Schlucht, des Massengrabes, wurden ihre Gesichter kalkig weiß. Das hatten sie noch nicht gesehen. Es verschlug ihnen die Sprache. So hart sie sonst sein mochten, jetzt ergriff es sie. Ein junger Cowboy zitterte wie ein Greis an den Händen. Sie hielten sich die Ohren zu, rissen ihre Pferde herum und jagten davon.

Nur Dickens und Hagerty sahen noch länger hinunter. Die anderen waren alle ein Stück zurückgeritten.

„Nehmt eure Waffen, Männer, und tötet die verletzten Tiere!“, befahl Dickens schroff.

Da besannen sie sich auf ihre humane Pflicht. Die Gewehre krachten und beendeten die Qual der hilflosen Kreatur.

Sie trieben das überlebende Vieh zusammen und machten Rast. Sie waren alle müde und erschöpft. Nach der Rast war dann Zeit zum Überlegen.

Sie machten ein Feuer, aber keiner von ihnen hatte Lust, etwas darin zu braten. Missmutig hockten sie im Gras.

Abseits stand Dickens und blickte in die Ferne. Er sah die Reiterschar, die aus Richtung Magdalena kam. Auch einige Cowboys sahen die Staubwolke im Nordwesten.

Minuten später wussten sie, dass es keine Banditen waren.

La Salles Aufgebot war zu spät gekommen. Aber niemand machte ihm einen Vorwurf.

La Salle trat vor Dickens hin und sah zu ihm auf. „Mein Mitgefühl, Howard. Das war hart.“

Dickens zuckte die Schultern. Er blickte über La Salle hinweg zu den Wolken über den fernen Bergen. „Wer weiß, ob es nicht gerecht gewesen ist – für mich, nicht für das Vieh. Aber ich sehe es nicht als Gerechtigkeit an. Ich werde mich wieder rächen.“ Er blickte zu den Männern hinüber, die mit La Salle gekommen waren. Viele von ihnen ritten jetzt zum Canyon, um sich dieses entsetzliche Bild nicht entgehen zu lassen. Andere setzten sich zu den Männern aus der Dickens-Crew ans Feuer und unterhielten sich.

Sie haben den Schock bald überwunden, dachte Dickens. Es hat sie nicht so hart getroffen wie mich. Sie wissen nicht, dass ich nicht der reiche Mann bin, für den sie mich halten.

Er dachte an die Tausende von Dollars, die er für den Bau der Herdenschwemme, der Windräder und der Bewässerungsgräben in den letzten Jahren aufgewandt hatte. Was nützte es ihm jetzt, die modernsten Anlagen einer Ranch zu haben, wenn seine erstklassigen Zuchttiere weg waren? Für wen arbeitete er überhaupt noch? Jack war tot. May starb durch die Hand eines Mörders. Und Leonie. Sie war nicht sein leibliches Kind, obgleich er sie so gehalten hatte. Sollte er trotzdem noch einmal aufbauen, die Herden vervielfachen und darüber den Schmerz der Trauer vergessen?

Ich werde erst einmal abrechnen, beschloss er. Die Mörder seiner Kinder würde er suchen. Wenn er sie gefunden hatte, würde er sie hetzen und irgendwann einmal stellen. Er wollte dann nicht warten, bis ein Richter entschied. Er selbst wollte der Richter sein.

Er blickte La Salle an. Den Sheriff mit dem Zylinder. „Was weißt du, Sheriff?“, fragte er. Es klang wie eine Forderung.

La Salle zuckte die Schultern. „Nicht genug. Wir haben den Mann, der sich Zamorra nannte, gefunden. Billy Lonford war es. Er ist tot.“

Dickens schüttelte den Kopf, als habe er nicht verstanden. „Lonford? Der Spieler, von dem mir jemand erzählt hat?“

La Salle berichtete, wie er Lonford gefunden und was ihm die Leute erzählt hatten, besonders Edward Gibson.

„Gibson hat gesagt, ich wollte Siedler an den Fluss setzen?“ Dickens spuckte wütend aus. „Dieses Märchen konnte er auch nur dir erzählen. Weißt du, was ich wirklich wollte, La Salle? Ich hatte vor, das ganze Land zu bewässern. Dazu brauchte ich Leute. Mexikaner hätten mir wenig genützt. In dieser Hitze Erdarbeiten zu machen, das ist nur etwas für Schwarze. Und Schwarze wollte ich haben, sicher auch Mexikaner. Aber das hat nichts mit Edward Gibson zu tun. Er war aus einem ganz anderen Grund auf der Ranch. Aber das geht dich einen feuchten Staub an. Hau ab, Sheriff! Nimm deine Leute und zieh los! Ich brauche keine Hilfe mehr. Von nun an gehe ich meinen Weg ganz allein.“

Er drehte sich um und ließ La Salle stehen. Langsam ging er zum Feuer hin.

Viele der Männer schliefen schon. Andere sahen erstaunt auf ihren Boss. Er hatte Hagerty zu sich gewinkt. „Schreib auf, wie viel jeder von den Boys bekommt. Frag sie, ob sie weiter für mich reiten wollen. Weck sie auf, wenn sie schon pennen! Ich brauche zwanzig Mann, die unsere Herde nach Santa Fe treiben. Du wirst die Treibherde führen und den Boys in Santa Fe ihren Lohn auszahlen.“

Hagerty hatte nie etwas erwidert, wenn ihm der Boss einen Befehl gab. Aber jetzt tat er es. „Wollen Sie die ganze Herde verkaufen? Kein Tier bleibt zurück?“

„Kein Stück! Du zahlst den Boys den Jahreslohn und die Treiberprämie. Dann seid ihr entlassen, auch du.“

„Boss, ich bleibe. Ich arbeite ein Jahr umsonst, bis Sie wieder …“

Dickens blickte ihn kopfschüttelnd an. „Nein, ich will keine Almosen, Hagerty! Du arbeitest weder umsonst noch für Lohn bei mir. Keiner tut das.“

„Und was wird aus der Ranch?“, fragte Hagerty fassungslos.

„Ranch? Sie ist abgebrannt, oder bist du blind?“

„Aber die Weide, das Land am Fluss und die Acro.“ Hagerty konnte es einfach nicht fassen, dass ein Mann wie Dickens das alles wegwerfen wollte. Er versuchte es anders. Der primitive, manchmal sogar einfältige Hagerty wuchs in diesem Augenblick über sich selbst hinaus. „Boss, Sie haben doch Freunde“, meinte er. „Ich bin auch Ihr Freund. Wir helfen Ihnen. Alle. Warum werfen Sie die Flinte ins Korn? Noch ist nichts verloren.“

„Schon gut, Hagerty, du warst immer ein guter Kerl. Aber es nützt nichts. Tu, was ich gesagt habe!“

Später ritt La Salle weg. Mit ihm auch die anderen Mannschaften. Denen waren acht Männer aus Dickens‘ Crew gefolgt. Die ersten, die aufgegeben hatten. Dickens hatte ihnen nichts in den Weg gelegt.

Als es Nacht wurde, ritt Dickens heimlich weg. Erst nach einer halben Stunde bemerkte es Hagerty. Aber da war Dickens schon weit.

 

 

14

Als Cliff den Stolleneingang erreichte, sah er durch den Schleier des Wasserfalls ein Dutzend Reiter im Canyon. Sie saßen gerade ab und suchten nach Deckungsmöglichkeiten. Es waren Mexikaner, weißgekleidete Gestalten.

Weiter links erkannte Cliff noch etwa zehn weitere Banditen. Bis auf einen waren das auch Mexikaner, und der eine trug Cowboykleidung. Seine untere Gesichtshälfte war durch ein Halstuch verdeckt.

„Das wird ein Begräbnis, was?“, meinte Fliegenpilz mit Galgenhumor. „Da gehen wir unter mit Pauken und Trompeten. Aber die soll‘n sich wundern.“

„Wenn meine Rübe nicht so brummen würde, wäre mir entschieden wohler“, erwiderte Cliff. „Das da ist halb so schlimm. Die sehen uns nicht hinter dem Wasserschleier. Wir aber sehen sie. Das macht gut und gern zwanzig Mann aus.“

Fliegenpilz lachte. „Du hast etwas übersehen, Kamerad. Beobachte die Brüder links drüben. Sieh genau hin, was sie in der Hand halten!“

Cliff versuchte es zu erkennen. Sie haben, so meinte er, Fackeln in den Händen.

„Sieht aus wie Fackeln“, meinte er.

„Irrtum, Bruderherz, wenn dir die Fackeln nachher mit ein paar Felsbrocken um die Ohren fliegen, weißt du es besser. Das Teufelszeug heißt Presspulver. Und es lässt kein Auge trocken.“

„Verdammt, daran habe ich jetzt nicht gedacht. Na, nur mit der Ruhe, Fliegenpilz! Die Firma Winchester Arms hat ein Mittel gegen diese Brüder erfunden.“ Er setzte sein Gewehr an und zielte auf einen der Männer, die Pulverstangen in den Händen hielten. Es war eine große Entfernung, auch für ein Gewehr. Hinzu kam die schlechte Sicht durch das niederrauschende Wasser.

Cliff zwang sich zu äußerster Ruhe. Er zielte auf eine der Pulverstangen. Langsam atmete er aus, hatte die Stange genau über Kimme und Korn. Nahm Druckpunkt und zog durch.

Fehlschuss. Die Männer drüben warfen sich zu Boden. Aber hinter ihnen stand ein Packpferd. Cliff wusste nicht, ob es mit Pulver beladen war. Er zögerte. Das Tier tat ihm leid.

Aber es waren über zwanzig Gegner. Und er war mit Fliegenpilz unterlegen, zumal die Banditen mit Presspulver „arbeiten“ wollten. Er musste auf das Pferd schießen. Besser gesagt, auf die Packlast.

Sie bot ein besseres Ziel als eine Stange Pulver auf diese große Entfernung. Wieder zielte er und drückte ab. Und dann geschah das, was er erwartet hatte.

Der Schuss traf die Packlast. Im gleichen Augenblick zerriss eine Detonation die Luft. Dort, wo eben noch ein Pferd stand, war jetzt eine dicke Staub- und Rauchwolke. Stichflammen zuckten nach allen Seiten. Erde, Steine. Teile der Packlast flogen durch die Luft. Die Welle der Explosion drückte den Wasserfall so weit zurück, dass sich die Wassermassen über Cliff und Fliegenpilz ergossen. Sekundenlang nur, dann stürzte der Creek wieder senkrecht hinunter.

Cliff konnte in dieser Zeit nicht sehen, was draußen geschah. Als er wieder in den Canyon blicken konnte, war da unten die Hölle los.

Pferde rasten in panischer Flucht davon. Verletzte brüllten. Davongekommene Banditen flohen.

Nur der Anführer der Banditen, der Mann mit dem Halstuch vorm Gesicht, stand am Rande des noch immer wogenden Qualms.

Cliff zielte noch einmal und feuerte. Er sah, wie der Mann zusammenbrach. Das war der Schlusspunkt. Die Mexikaner hasteten davon. Einige waren zu Pferde; ihnen gelang es, ein Reittier einzufangen. Andere hasteten zu Fuß durch den Canyon.

Mehr als zwanzig Banditen flohen vor zwei entschlossenen Männern. Cliff sagte es anders: „Was hast du gegen dieses Presspulver? Der Teufelsdreck war jetzt unsere Rettung. Und der Firma Winchester werde ich einen Brief schreiben. Als Dank für gute Arbeit.“

„Schreib lieber deinem lieben Gott einen Brief. Das hätte auch anders kommen können“, meinte Fliegenpilz.

Cliff sagte nichts. Sein Kopf schmerzte wieder höllisch. Er stützte ihn auf die Hände und verzog sein Gesicht.

Fliegenpilz stand auf. „Eh, wenn du ausgeschlafen hast, kannst du mir mal Rückendeckung geben. Ich will den Fisch mit der Maske aufs Trockene ziehen.“

Cliff zwang sich aufzusehen. „Well“, murmelte er.

Fliegenpilz schob sich zwischen Wasserfall und Felswand entlang. Die Wasserspritzer durchnässten ihn. Schützend hielt er die Revolver unter den vorgebeugten Oberkörper.

Als er draußen war, lief er in Sprüngen und im Zickzack auf den gefallenen Anführer der Banditen zu.

Cliff spürte wieder rasende Schmerzen. Aber er durfte jetzt die Augen nicht schließen, so gern er es getan hätte. Es strengte ihn an, durch das fließende Wasser zu blicken. Vor Schmerz sah er rote und blaue Punkte vor seinen Augen tanzen. In seinem Schädel stach es wie mit tausend Nadeln.

Doch da vorn rannte Fliegenpilz. In grotesken Sprüngen arbeitete er sich an den Toten heran. Der kleine Gunman wusste genau, was er tat, wenn er solche merkwürdigen Bewegungen machte. Wer sagte ihm, dass die Mexikaner wirklich verschwunden waren?

Cliff sah ihn bei dem Toten ankommen. Aber auch hier blieb Fliegenpilz nicht stehen. Er begnügte sich damit, an dem Gefallenen vorbeizulaufen und ihm dabei das Halstuch vom Gesicht zu reißen. Sofort hetzte Fliegenpilz im Zickzack wieder zurück.

Die Vorsicht war begründet. Er hatte schon den halben Weg bis zum Wasserfall hinter sich, als oben am Rand des Canyons ein Schuss aufblitzte.

Cliff erkannte die Stelle, sah ein Stück von einer weißen Bluse über dem Rand der Hochfläche. Er zielte darauf und schoss.

Drüben schnellte ein Körper hoch und verschwand. Weiter links blitzte es erneut auf. Aber auch der Schuss verfehlte den dahinhetzenden Fliegenpilz.

Keuchend, aber heil erreichte Fliegenpilz den Stollen. Cliff schoss wieder. Doch diesmal zeigte sich nicht, ob er getroffen hatte.

„Holala!“, japste Fliegenpilz. „Das war n bisschen viel für so ‘nen alten Knochen wie mich – ah – weißt du – wer‘s – gewesen sein – könnte?“, fragte er völlig außer Atem.

„Stell keine Fragen! Mir brummt sowieso der Ballon. Wer war‘s?“

„Ich weiß nicht, ob mein Verdacht stimmt, Copper, aber ich glaube dieser imitierte Mexikaner ist Leonies Bruder. Es liegt übrigens auf der Hand.“

Cliff zuckte die Schultern. „Bist du sicher, dass es kein Greaser ist?“

„Hm, ganz sicher nicht. Aber wenn er Leonies Bruder wäre, hätte alles einen Sinn. Sein Vater will ihn als Rancher der Dickens-Ranch sehen.“

„Warum hat er dann May ermordet?“ Cliff verzog wieder das Gesicht. „Mensch, ich bin sauer. Fang bloß nicht noch an, mit mir Frage und Antwort zu spielen.“

„Leg dich hin und penne, mein Junge! Ich pass hier auf. Vielleicht fällt mir noch was ein in der Zeit.“

„Hoffentlich nicht das Dach von unserem smarten Hotel“, meinte Cliff und ging bis zur Höhle zurück. Nachdem er sich hingelegt hatte, wurden die Schmerzen bald erträglicher. Erschöpft schlief er kurz danach ein.

 

 

15

Bei völliger Dunkelheit ritt Dickens in Magdalena ein. Es war kein Mond am Himmel zu sehen. Wolken waren aufgezogen, wie oft in der Nacht. Vom Boden stieg Dunst auf, Anzeichen von kommendem Regen. Der Wind war schwül, kaum abgekühlt.

An den ersten Häusern saß Dickens ab. Er brachte den Hengst in einen Corral und ging zu Fuß bis zum Haus des Docs. An der Hinterpforte klopfte er an.

Nach langer Zeit rührte sich etwas im Haus. Jemand schlurfte den Gang entlang. Verschlafen fragte eine Stimme: „Wer will was?“

„Ich, Dickens, machen Sie auf!“

Der Riegel wurde zurückgeschoben. Eine Sturmlampe blendete Dickens. Er hörte den Doc sagen: „Meine Güte, Mr. Dickens, Sie sehen aus wie Ihr eigener Vater!“

„Quatschen Sie nicht, Doc, gehen Sie zur Seite!“ Dickens trat ein und schloss selbst die Tür. schob den Riegel vor und sagte: „Verbinden Sie mir den Arm. Aber rasch. Außerdem habe ich noch ein paar Fragen zu stellen.“

Der Arzt ging mit der Lampe wortlos voraus, führte Dickens in sein Ordinationszimmer und zog dort die Vorhänge zu. Zwei Ärzte gab es in Magdalena. Dieser hier sah aus wie ein Schmied, kräftig, muskulös, breitschultrig. Seine Behandlungsmethoden imponierten nur Männern. Es war nicht bekannt, dass je eine Frau in seine Praxis gekommen war. Dagegen schworen die Cowboys auf seine Methoden.

Er wickelte Dickens den durchbluteten Verband ab. Als er die Wunde sah, meinte er anerkennend: „Sehr sauber gemacht. Stammt von Sniders, wie?“

„Mensch, Sie Idiot, ich bin nicht hergekommen, um Ihnen Dr. Sniders‘ Methoden zu zeigen. Wickeln Sie gefälligst etwas um meine Pfote, und zwar plötzlich!“

„Hoppla, erst mal mit Jod reinigen. Das beruhigt die aufgeregten Nerven, mein Lieber“, knurrte der Doc und schüttelte das Jod auf einen Wattebausch. Er grinste dabei niederträchtig, doch was er erwartete, blieb aus. Dickens verzog keine Miene, als das Desinfektionsmittel auf die Wunde gebracht wurde.

„Sagen Sie mal, das muss doch brennen?“, wunderte sich der Doc und blickte Dickens verblüfft an.

„Ich kann es Ihnen ja in den Hals drücken“, fauchte Dickens. „Nun mal weiter! Ich bin kein Versuchskaninchen, verdammter Giftmischer.“

Als der Verband angelegt war, meinte der Doc sanft: „Es gibt zwei Wege für Sie, Mr. Dickens. Sie können die Wunde weiter so behandeln wie bisher. Dann entzündet sie sich noch weiter, es gibt einen Gasbrand, und der Arm geht flöten. Sie können ihn auch dranlassen und gehen zusammen mit dem Arm eine Etage tiefer. Falls Ihnen aber an Ihrem Leben und dem Arm liegen sollte, könnten Sie ihn vielleicht etwas schonen. Wie ich Sie kenne, werden Sie lieber den Arm verlieren. Das wäre dann in etwa vier, fünf Tagen der Fall. Der kleine Scherz ist schnell gemacht. Und teurer wird‘s auch nicht. Wenn Sie …“

„Hören Sie auf, mir mit Ihrem Gequatsche die Zeit zu stehlen. Ich habe andere Sorgen. Wo steckt La Salle?“

Zusammenfassung

Über diesen Band:

Glenn Stirling - Der Marshal und der Rancher
A. F. Morland - Grainger im Todesstollen
Uwe Erichsen - Sheng #15: Im Tal der Sklaven


Der Rancher Dickens muss erleben, dass zwei seiner Kinder getötet wurden. Jemand legt es darauf an, sein Lebenswerk zu zerstören und ihn zu vernichten. Obwohl Dickens ihn nicht sehr schätzt, steht US Marshal Cliff Copper auf seiner Seite und versucht ihm zu helfen. Wer wissen will, wer hinter diesem Vorhaben steht, muss weit in die Vergangenheit zurückgehen.

Details

Seiten
186
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738955989
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Oktober)
Schlagworte
spitzenroman collection western drei romane

Autoren

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Titel: Spitzenroman Collection Western #2 - Drei Romane