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Neunmal tödliche Mordgier: Krimi Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in) Thomas West (Autor:in) Thomas Andresen (Autor:in)
2021 1000 Seiten

Leseprobe

Neunmal tödliche Mordgier: Krimi Paket

Alfred Bekker, Glenn Stirling, A.F.Morland, Horst Friedrichs, Thomas Andresen, Thomas West

Dieser Band enthält folgende Krimis:



Tödliche Habgier (Thomas West)

Die Sache mit Caroline (Alfred Bekker)

Die McNamara Codes (Glenn Stirling)

Giftgas, Gangster und Granaten (A.F.Morland)

Der Killer und sein Zeuge (Alfred Bekker)

Spiel mit Blut (Thomas Andresen)

Verfluchter Highway 666 (W.K.Giesa)

Verschwörung der Killer (Alfred Bekker)

Jesse Trevellian und der rote Diamant (Thomas West)








Alexander von Strehlitz, der „Baron“, ist ein Draufgänger und Abenteurer, der das Leben voll auskostet, aber er hilft auch Menschen in Not. Unterstützt wird er von seinem Chauffeur James, dem Sekretär Robert und seinem Freund Michel, genannt „Le Beau“. Als der Baron mit Sir Winnibald im Ausland weilt, werden seine Leute von Unbekannten angegriffen und Robert Burton entführt. Die schöne Maria soll den Baron dazu bringen, eine Produktionsliste mit Codes der McNamarra-Fabriken zu besorgen. Aber auch als „Le Beau“ in die Hände der Verbrecher fällt, lässt von Strehlitz sich nicht ins Bockshorn jagen – sondern dreht den Spieß um ...



​Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER Tony Masero

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Tödliche Habgier


Krimi von Thomas West


Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.


Eigentlich wollte der Ex-Army-Offizier Herbert Moriga nur einen Geschäftskredit beantragen, weil er von seinem Partner übers Ohr gehauen wurde, als die New York Traffic Bank überfallen wird. Die von der Presse so genannte >Schleierbande< hat erneut zugeschlagen. Während die FBI-Agents Jesse Trevellian und Milo Tucker, die vorübergehend bei der Sondereinheit für Banküberfälle eingesetzt wurden, fieberhaft nach den Räubern suchen, hat Moriga eine zündende Idee: Warum nicht diesen perfekt inszenierten Bankraub nachahmen und ihn damit der Schleierbande in die Schuhe schieben …?



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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Nobel Warren zog das weiße Hemd vom Garderobenständer. Während er hineinschlüpfte, ging er langsam zum Tisch. Dort lag neben einem schwarzen Aktenkoffer ein abgegriffenes Taschenbuch.

Warrens Hände wanderten die Knopfleiste des Hemdes hinunter. Dabei beäugte er die aufgeschlagenen Seiten des Buches. "Ein zehn Meter hoher Bambus wird vom Sturm geknickt." Murmelnd prägte er sich die Denksportaufgabe ein. "Drei Meter vom Stamm des Bambus entfernt berührt die abgebrochene Spitze die Erde."

Er reckte das Kinn hoch, um den obersten Knopf zu schließen. "In welcher Höhe wurde der Bambus abgeknickt?"

Was andere Leute mit Kaffee oder Morgengymnastik versuchten, bewerkstelligte Nobel Warren mit Denksportaufgaben: Das Hirn in Schwung bringen. Jedenfalls an Tagen, an denen er wichtige Aufgaben zu erledigen hatte. Aufgaben, für die ein hellwaches Gehirn unabdingbar war. Heute lag so eine Aufgabe vor ihm.

Grübelnd ging er in das zweite Zimmer seines Apartments und kniete vor seinem Schreibtisch nieder. "Ein zehn Meter hoher Bambus ..." In Gedanken wiederholte er das Problem, während er einen Computer-Tower zu sich heranzog. Mit wenigen Handgriffen löste er die Verblendung vom Gehäuse des PCs.

Aus dem ausgeschlachteten Hohlraum - den 20-Zoll Monitor auf seinem Schreibtisch hatte Warren längst an ein Highend-Notebook angeschlossen - zog er die Einzelteile einer Maschinenpistole.

Er versuchte sich einen abgeknickten Bambus vorzustellen. "Muss auf jeden Fall unterhalb der Mitte abgeknickt sein." Zurück an seinem Wohnzimmertisch begann er, die Maschinenpistole zusammenzubauen. "Sonst würde die Spitze den Boden ja überhaupt nicht berühren."

Er ließ das Magazin einrasten und wog die MP5 von Heckler & Koch einen Moment lang in seinen Händen, bevor er sie behutsam in den schwarzen Aktenkoffer legte.

Noch einmal beugte er sich über das Buch. "In welcher Höhe wurde der Bambus abgeknickt ..."

Er zog die silbergraue Krawatte vom Garderobenständer. Vor dem Badezimmerspiegel band er sich sorgfältig den Knoten. Die Vorstellung von dem abgeknickten Bambus stand jetzt so deutlich vor seinen Augen, dass er sein Spiegelbild kaum wahrnahm. Das Spiegelbild eines Allerweltgesichts: Glatt rasiert, schmal, grau-blaue Augen, dunkelblondes, dünnes Haar, das über der hohen Stirn schon einer Glatze zu weichen begann.

"Das ist doch ein geometrisches Problem", murmelte er. "Stamm und Boden bilden einen rechten Winkel." Er ging in seine kleine Küche, aß im Stehen die zweite Hälfte seines morgendlichen Müslis und trank seinen Orangensaft aus.

Wieder im Bad putzte er sich ausgiebig die Zähne. Er griff nach der Parfümflasche und sprühte sich das Duftwasser an Hals und Hemd. Dann zog er seine schwarze Anzugjacke über, schnappte sich seinen Aktenkoffer und setzte einen schwarzen Hut auf. An der Wohnungstür kehrte er noch einmal um, ging zum Tisch zurück, und ließ das Buch in der Außentasche seines Sakkos verschwinden.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. "Ein Dreieck", dachte er, während die Lifttür sich auseinanderschob. "Stamm, abgeknicktes Stück und die Verbindungslinie zwischen Spitze und Stamm bilden ein rechtwinkliges Dreieck."

Er verließ das zwanzigstöckige Apartmenthaus in der nördlichen Upper Westside und steuerte die nächste U-Bahn Station an. Er ging nicht schnell, schlenderte fast - wie ein Mann, der kein Ziel hatte.

Ganz in Gedanken versunken stieg er in eine Bahn nach Süden. Sein sonst so gleichmütiges Gesicht nahm einen unwilligen Zug an. Es nervte ihn, schon eine Viertelstunde lang vergeblich nach der Formel zu grübeln, die er zur Lösung seiner Denkaufgabe brauchte.

An der zweiundvierzigsten Straße stieg er aus. Nick Gordeners blau-weißer Buick wartete schon am Times Square. Warren stieg zu. "Du stinkst nach Pferd", begrüßte er den anderen.

"Und du nach Puff." Gordener fädelte sich in den Mittagsverkehr ein. "Mal wieder eine Überdosis erwischt, he?" Der stämmige, graulockige Mann rümpfte die Nase.

Er kam direkt aus Long Island, wo er in der Nähe der Pferderennbahn ein kleines Gestüt besaß. Sein rot-schwarz kariertes Baumwollhemd hing ihm über die fleckigen Jeans. Nobel Warren schielte geringschätzig zu seinen hohen Lederstiefeln hinunter, an denen noch Spuren seiner morgendlichen Stallarbeit klebten.

Freitagmittag - viele Wochenendurlauber strömten bereits aus der Stadt. Der Verkehr schleppte sich zäh dahin. Warren und Gordener, eingeborene Manhatties, waren nichts anderes gewöhnt.

"Wie lautet der Satz des Pythagoras?", brach Warren das Schweigen.

Der andere sah ihn verständnislos an. "Phyta...? Der columbianische Mittelgewichtler aus der Bronx?"

Warren wandte sich ab und sah missmutig zum Seitenfenster hinaus. "Vergiss es."

An der Kreuzung zur Greenwich Avenue fuhren sie in ein Parkhaus. Oliver Adams wartete an dem zweiten Wagen, einem grauen Ford-Kombi. Sie stellten den alten Buick ab und stiegen um.

"Ich muss in spätestens zwei Stunden zurück sein." Adams legte seinen braunen Aktenkoffer vorsichtig neben sich auf dem Rücksitz ab. "Sonst ist mein Alibi futsch." Der kleine, breitschultrige Mann war mit achtundzwanzig der jüngste der Gruppe. Nach abgebrochenem Medizinstudium arbeitete er zurzeit als Pfleger im St. Vincent's Hospital. Er trug ein sportliches, rotes Sakko, Jeans und braune Ledermokassins. Die große schwarze Baseballkappe bedeckte sein dunkles Haar vollständig und störte irgendwie das harmonische Gesamtbild seiner Erscheinung.

Gordener ließ den Ford aus dem Parkhaus rollen und reihte sich nach Süden in die 7the Avenue ein. Über die Varick Street ging es westlich in die Broome Street.

"Ich hab's", rief Nobel Warren plötzlich. Gordener reagierte nicht. Adams beugte sich nach vorn und blickte ihn erwartungsvoll von der Seite an. "c2 = a2 + b2 ...!" Gordener drehte sich zu Adams um und tippte sich an die Stirn. "Und a ist die Entfernung von der abgebrochenen Spitze zum Stamm ..." Er lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze und schloss die Augen. "a ist gleich drei Meter ..."

Keiner sprach ein Wort, bis sie den Außenbezirk von SoHo erreichten. "Okay, ich lass euch hier raus." Gordener hielt an der Ecke zur Greene Street. "Ich komme über den Broadway und behalte die Bank vom St. Nicholas Hotel aus im Auge." Warren reagierte nicht.

Adams griff sich seinen Aktenkoffer. "Gehst du wieder zuerst rein?" Warren hob die Hand. Immer noch hielt er die Augen geschlossen. Zwischen seinen Brauen hatte sich eine tiefe Falte eingekerbt. "Okay!", rief er schließlich, griff in seine Tasche und reichte das Buch nach hinten zu Adams.

"Ganz hinten bei den Auflösungen, Nummer 33", sagte er, "aber verrat mir nicht das Ergebnis, wenn ich falschliege!" Gordener verdrehte die Augen. Adams nahm das Buch entgegen und schlug die Auflösungen auf. Er kannte Nobel Warren seit Jahren und hatte es sich abgewöhnt, über den seltsamen Vogel zu staunen.

"Also", begann Warren fast feierlich. "Der Bambus ist in einer Höhe von 4,55 Meter abgebrochen, und der abgebrochene Teil ist folglich 5,45 Meter lang."

Er hatte sich zu Adams umgedreht und hielt den Atem an, während der die Zahlen verglich. "Korrekt." Adams drückte ihm das Buch in die Hand. "Also - gehst du wieder zuerst rein?"

Warren lächelte zufrieden und nahm den Aktenkoffer mit der Maschinenpistole aus dem Fußraum. "Ich geh' zuerst rein. Wir machen es wie immer ..."



2

Der Mann ging schaukelnd und mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper. Sein großer, fast kahl geschorener Schädel war seinem kleinen, athletisch gebautem Körper immer ein Stück voraus. Als würde er einen unsichtbaren Gegner umrennen wollen.

Lässig hob er die Hand und grinste die Kassiererin an. Die blonde Frau zwinkerte ihm zu. Sie war erst seit zwei Monaten in dieser Filiale der New York Traffic Bank angestellt. Über vielversprechende Blicke waren sie noch nicht hinausgekommen. Wurde höchste Zeit, sie zum Essen einzuladen.

Er warf seine teuere Ledermappe auf den Schaltertresen. Die Mitarbeiterin am Schreibtisch, eine dürre Rothaarige, sah auf. "Ich hab einen Termin mit Mr. Miller!", sagte der Mann mit tiefer Stimme. Er wandte sich ab, stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tresen auf und sah sich im Schalterraum um.

An den beiden Stehpulten vor der Fensterfront beschäftigten sich zwei Männer mit irgendwelchen Papieren. Eine Frau hantierte am Geldautomaten herum. Am Kassenschalter standen drei Kunden. Die schönen Augen der jungen Kassiererin hingen jetzt an den Geldscheinen, die sie einem von ihnen auszahlte.

"Mr. Miller ist leider nicht da, Mr. Moriga." Eine hohe Frauenstimme hinter ihm. Herbert Moriga drehte sich wieder zum Tresen um. Die Rothaarige war hinter dem Monitor ihres PCs aufgetaucht. Sie machte ein fast schuldbewusstes Gesicht.

Er steckte beide Hände in die Taschen seiner schwarzen Leinenhose, sodass sich sein zerknautschter Trenchcoat öffnete und den Blick auf eine rote Samtweste und ein bis über das Brustbein aufgeknöpftes Hemd freigab. Für einen Moment blieb der Blick der Rothaarigen an Morigas schwarzer Brustbehaarung hängen.

"Er hat letzte Woche einen Termin mit mir vereinbart!" Auch jetzt, wo seine sanfte Stimme einen energischen Unterton annahm, verschwand das Grinsen nicht von seinem Gesicht. "Also muss er da sein, oder sehen Sie das anders?"

Endlich traute die Frau sich aus der Deckung ihres Schreibtisches heraus. "Sicher, Mr. Moriga", sie versuchte ein verständnisvolles Lächeln. Ihre großen, grünen Augen bekamen plötzlich etwas Starres. Als würde die Frau einen hartnäckigen Kampf mit ihnen führen, damit sie nicht wieder zur Brustbehaarung des Mannes herunterwanderten. "Normalerweise schon. Aber Mr. Miller musste unvorhergesehen in einer anderen Filiale aushelfen. Nur vorübergehend."

Er sah sie herausfordernd an. "Und was machen wir jetzt?"

"Ich hole Mr. Bertrand, Moment bitte." Und wieder streifte der Blick der Frau seine breite, haarige Brust.

Sie eilte auf eine große Trennwand zu, die den Geschäftsraum teilweise vom Schreibtisch des Filialleiters abtrennte. Moriga wandte sich zur Kasse. Das blonde Mädchen beobachtete ihn. Ein entzückendes Lächeln glitt über ihre schönen Züge. Moriga lächelte zurück.

Er hatte sich nie gefragt, warum die Frauen auf ihn flogen - auf einen kleinen, kahl geschorenen Mann mit O-Beinen. Er nahm es einfach als naturgegeben und selbstverständlich hin.

Die Rothaarige sprach mit dem stellvertretenden Filialleiter. Bertrand war nach Morigas Erfahrungen keine Leuchte. Hielt sich eng an die Vorgaben seiner Direktoren. Ein verkrampfter Sesselfurzer - so schätzte er ihn ein.

Dass Miller nicht da war, wollte ihm für einen Moment Kopfzerbrechen bereiten. Der junge Bankkaufmann war kein ganz unbedeutender Faktor in seiner Planung. Moriga kannte Raymond Miller auch privat. Zwar nur flüchtig - sie trafen sich ab und zu in einem Fitness-Studio in der Broome Street - aber Miller hatte ihm schon manchen Kredit zu günstigen Bedingungen verschafft.

Moriga schob seine Bedenken beiseite. Er war Optimist. Und würde schon klarkommen mit diesem Bertrand.

"Mr. Bertrand erwartet Sie, Mr. Moriga." Er klemmte sich seine Tasche unter den Arm und ging um den Tresen herum. Wieder dieser schaukelnde, angriffslustige Gang. Die Rothaarige sah ihm nach - mit starren Augen und leicht geöffneten, feuchten Lippen.

"Hi, Mr. Bertrand! Wie geht's so?" Er streckte dem Mann die rechte Hand hin. Der hagere Enddreißiger bewegte keine Miene. Als müsste er eine lästige Pflicht hinter sich bringen, ließ er das Händeschütteln über sich ergehen. Irritiert spähte er nach Morigas Rechten, als der sie zurückzog - der kleine Finger und das obere Glied des Ringfingers fehlten.

"Mr. Miller und ich hatten über einen größeren Kredit verhandelt." Herbert Moriga schüttelte den Trenchcoat von seinen Armen ab und ließ ihn hinter sich über die Stuhllehne fallen. "Heute wollten wir die Angelegenheit über die Bühne ziehen." Lächelnd entblößte er sein strahlend weißes Gebiss. "Sie wissen ja wie das ist heutzutage - wenn man nicht ganz schnell investiert, wird man von Bill Gates gefickt und ist weg vom Fenster."

Es machte ihm Spaß zu sehen, wie der andere schluckte und die Lippen zusammenpresste.

Der dreiunddreißigjährige Moriga hatte zwölf Jahre bei der Army gedient und war erst vor zwei Jahren im Range eines Lieutenants entlassen worden. Mit seiner hohen Abfindung und einer dicken Erbschaft war er in ein expandierendes Software Unternehmen einstiegen. Sein Kompagnon, Richard Gershom, wollte eine Filiale in Boston aufmachen. Dazu brauchte die Firma mindestens achthunderttausend Dollar von der New York Traffic Bank.

"Haben Sie die Papiere schon fertig gemacht?" Wieder verzog Moriga seine vollen Lippen zu einem Grinsen.

Dieses freundliche Gesicht mit der Stupsnase und den listigen braunen Augen, seine liebenswürdige Art und seine Hartnäckigkeit, wenn er mit Schwierigkeiten konfrontiert wurde, hatten ihm bei der Army den Spitznamen >Biber< eingebracht. Böse Zungen behaupteten, es wäre vor allem der Schwanz des Tieres gewesen, der bei diesem Spitznamen Pate gestanden hatte.

Bertrand faltete seine kleinen Hände und räusperte sich. "Die New York Traffic Bank kann Ihnen den Kredit leider nicht gewähren, Mr. Moriga. Die Sicherheiten scheinen uns einfach nicht seriös genug zu sein."

Falten türmten sich auf Morigas Stirn. "Ich hör wohl nicht recht!" Er schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. "Erstens hat Mr. Miller mir den Kredit in die Hand versprochen. Und zweitens: Unsere Firma mit allen Immobilien und den beweglichen Gütern ist gut und gern zehn Millionen wert. Was erlauben Sie sich eigentlich!?"

Er wurde so laut, dass die Rothaarige und einige Kunden zu ihm herüberschauten.

Bertrand wartete, bis sein Kunde Dampf abgelassen hatte. Wieder räusperte er sich. "Mr. Miller wurde von der Geschäftsleitung angewiesen, ihre Kreditwürdigkeit genauer zu überprüfen, und leider ..." Er unterbrach sich mitten im Satz und machte eine bedauernde Geste.

Moriga war für einen Moment sprachlos. Sollte Richie ihm irgendetwas verheimlicht haben? Er überließ die wirtschaftlichen Dinge weitgehend seinem Kompagnon und dem Rechtsanwalt der gemeinsamen Firma.

"Das müssen Sie mir erklären, Mr. Bertrand."

Lautlos tauchte die Rothaarige neben Moriga auf. Sie legte ihrem Chef einen kleinen Zettel vor. Moriga sah ihre Hand zittern. Er stutzte. "Da ist ein ... ein Herr", flüsterte die Frau mit bebender Stimme.

Bertrand nahm den Zettel. Sein Unterkiefer sank nach unten. Er wurde leichenblass. Mit geweiteten Augen starrte er an Moriga vorbei zum Schaltertresen.

Moriga drehte sich um. Hinter dem Tresen stand ein hagerer mittelgroßer Mann in einem dunklen Anzug. Vor sich einen geöffneten Aktenkoffer. Vom Innenrand seines schwarzen Hutes hing ein schleierartiges Tuch über seine Gesicht. Ebenfalls schwarz.

Morigas Wirbelsäule straffte sich. Ihm war sofort klar, dass der Mann nicht hier war, um ein Sparkonto zu eröffnen.

Bertrand griff hastig zum Telefon und wählte eine Nummer. Seine Unterlippe bebte, während er den Hörer ans Ohr presste. Plötzlich schien er Moriga noch bleicher zu sein, als zuvor schon. Nach langen Sekunden ließ er den Hörer aufs Telefon fallen.

Er stand auf und stelzte mit steifen Knien an ihm vorbei und ging auf den Tresen zu. Moriga sah ihn mit dem Maskierten sprechen. Der griff in seinen Aktenkoffer. Als seine Hände wieder auftauchten hielten sie ein Maschinenpistole fest. Der Maskierte machte eine ruckartige Bewegung nach oben.

Erst als die Rothaarige die Hände hob und sich in Bewegung setzte, kapierte Herbert Moriga, dass die stumme Geste ihr und ihm gegolten hatte.

Der Maskierte wiederholte sie. Diesmal heftiger.

Langsam stand Moriga auf und hob die Hände bis in Schulterhöhe. Sein Kopf weigerte sich zu akzeptieren, was er da sah. Hätte ihm Bertrand zehn Millionen ohne Sicherheiten und zu einem Girokontozins gegeben - er hätte unterschrieben und es für selbstverständlich gehalten.

Aber unangenehme Dinge, Unfälle, Krankheiten oder Ähnliches, konnte er einfach nicht in Zusammenhang mit sich selbst bringen. Und Opfer eines Banküberfalls zu werden - von so etwas liest man in der Zeitung. Oder schaut es sich bei einem Bier vom Fernsehsessel aus an.

Der Maskierte zischte einen Fluch. Und legte die MP auf Moriga an. Der löste sich aus seiner Erstarrung und ging schnell auf den Tresen zu. Und versuchte die Wut zu ignorieren, die er heiß in sich aufsteigen fühlte.

Der Mann mit dem Schleier winkte ihn und die Rothaarig aus dem Geschäftsbereich heraus in den Kundenteil des Schalterraums. Dann riss er dem Filialleiter den Zettel aus der Hand, klappte seinen Aktenkoffer zu und folgte Bertrand in den Tresorraum. Dabei ging er rückwärts und zielte mit der MP auf Moriga und die Rothaarige.

Moriga sah plötzlich, dass alle Kunden stumm und mit erhobenen Händen dastanden. Auch die süße Kassiererin und die drei anderen Mitarbeiter der Bankfiliale. Den Grund dafür erkannte er jetzt erst: Einen untersetzten Mann in rotem Sakko. Ebenfalls mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Und ebenfalls mit einem schwarzen Schleier um den Kopf. Der schien an seiner lächerlich großen Schildkappe befestigt zu sein.

Sekunden später kam der Schwarze mit Bertrand zurück. Immer noch die MP im Anschlag. Bertrand trug den Aktenkoffer. Der Maskierte bugsierte ihn mit der MP in Richtung Kassenraum. Bertrand schloss auf und reichte den Koffer hinein. Die Blonde leerte hastig ihre Kasse.

Der Schwarze nahm den Koffer wieder entgegen und spurtete um den Tresen herum in den Kundenbereich zurück. In dem Moment kehrte er Bertrand den Rücken zu. Und Moriga beobachtete, wie der Filialleiter zögernd seinen Arm nach der Kante eines Schreibtisches ausstreckte. "Du Idiot wirst doch jetzt keinen Alarm mehr geben!", dachte Moriga.

Drei, vier Schüsse donnerten durch den Schalterraum. Noch während er sich auf den Boden warf, sah Moriga Bertrand die Arme hochreißen und stürzen. "Er hat auf ihn geschossen! Der Kerl an der Tür hat auf ihn geschossen!"

Als er sich wieder aufrappelte waren die beiden Männer verschwunden. Die meisten Mitarbeiter und Kunden standen immer noch mit erhobenen Händen da. Als wären sie zu Gipsfiguren erstarrt. Nur zwei Männer vor dem Kassenschalter lagen am Boden.

Hinter dem Panzerglas des Schalters die blonde Kassiererin. Mit hängenden Schultern stand sie da und sah ihn aus traurigen Augen an.

"Alarmieren Sie die Polizei!", brüllte Herbert Moriga. Er hechtete über den Tresen und rannte zwischen den Schreibtischen durch. Neben dem Eingang zum Kassenraum lag Bertrand auf dem Rücken. Seine Augen starrten leer an die Decke. Um seinen Schädel vergrößerte sich langsam eine Blutlache ...



3

"Früh heute!" Der Wirt des >Mezzogiorno <winkte uns von der Theke aus zu. Es war erst kurz nach zwölf. Sonst, wenn wir in dieser gemütlichen Pizzeria in der Spring Street zu Mittag aßen, kreuzten wir nicht vor eins oder halb zwei auf.

"Mitten in der Nacht gefrühstückt", rief Milo dem Wirt zu. "Der Magen meldet sich früher als sonst." Milo rieb sich über den Oberbauch.

Ersteres war übertrieben. Wir hatten gegen sechs Uhr morgens gefrühstückt. Gemeinsam und in unserem Dienstwagen, einem grauen Mercury. Das lag schlicht und einfach daran, dass wir uns die Nacht mit einer Observation um die schlagen mussten. Wir waren einem russischen Waffenhändler auf der Spur gewesen. Noch am frühen Morgen konnten wir den Mann bei der Abwicklung eines dicken Geschäftes stellen.

Den Morgen und Vormittag über waren Verhöre und Berichte angesagt gewesen. Eine klare Sache. Mit den Beweisen, die wir der Staatsanwaltschaft auf den Tisch gelegt hatten, dürfte sie den Mann in kürzester Zeit dorthin bringen, wo er hingehörte: hinter Gittern.

Wir bestellten Pizza und Cola. Und merkten einmal mehr, dass es nach getaner Arbeit besonders gut schmeckte.

"Und weißt du, was wir jetzt machen?" Milo schob seinen Teller von sich weg und knüllte die Serviette zusammen. "Jetzt machen wir einen Verdauungsspaziergang durch SoHo. Ganz gemütlich, als wenn's in dieser schönen Stadt überhaupt keine Arbeit für uns gebe."

"Gute Idee, Partner." Ich zog mir eine Camel aus der Schachtel. Bei großer Anspannung, oder wenn ich mich ganz entspannt fühlte wie jetzt, überfiel mich regelmäßig das Bedürfnis nach einer Zigarette. "Und wenn wir an einem schönen Café vorbeikommen, lädst du mich zu Kaffee und Kuchen ein."

"Und du mich zu einem Whisky."

Während wir zahlten, dudelte mein Handy los. Milo zog den Mundwinkel hoch. "Ich glaub, es wird nichts mit unserem Spaziergang."

Er hatte recht. Unser Chef war am Apparat.

"Hören Sie, Jesse - Norman Ruther hat gerade angerufen. Er steckt in personellen Schwierigkeiten." Norman Ruther war Chef der >Bank Robbery Task Force<. Diese Sondereinheit für Banküberfälle wurde vom FBI und der City Police gemeinsam unterhalten.

"Und jetzt hat die City Police seine Sondereinheit angefordert. Ich würde Sie und Milo bitten in den Fall einzusteigen."

"Einverstanden."

"Dann fahren Sie doch mal eben zur Prince Street, Ecke Green Street. Dort ist ein Filiale der New York Traffic Bank überfallen worden. Der Kollege Ruther erwartet Sie schon."

"In Ordnung, Sir." Ich steckte mein Handy weg. "Wir müssen mal eben um die Ecke, Partner."

"Um die Ecke?"

"Ja. Banküberfall in der Prince Street."

"Was haben wir mit Banküberfällen zu tun?" Während wir zu unserem Mercury gingen, erklärte ich ihm die Sachlage.

Die Prince Street lag nur einen Block weiter nördlich und die Bank nur vier Querstraßen westlich von unserer Pizzeria. Zehn Minuten später hielten wir vor der Bankfiliale. Davor das vertraute Bild: Streifenwagen, Ambulanzen, Gaffer und Presse vor dem gelben Absperrband. Und ein Leichenwagen.

Milo verzog das Gesicht und rieb sich den Bauch. "Muss das sein?", knurrte er.

Die Bank war in einem Duckworth-Haus untergebracht. So hieß der Architekt, der in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in diesem Viertel seine Leidenschaft für Gusseisen ausgetobt hatte. Die Fassade des Hauses bestand eigentlich nur aus Fensterbögen, Säulen und Mauersimsen - alles aus Gusseisen. Und dazwischen natürlich die Glasscheiben in den großen Fenstern.

Wir stiegen die Vortreppe hoch und betraten den nicht besonders großen Schalterraum. Er war ganz mit dunklem Holz getäfelt und wirkte auf mich etwas düster.

Hinter dem Schaltertresen an einem der Schreibtische saß ein bulliger Mann - groß, rotes Gesicht, Tränensäcke und Doppelkinn, etwa fünfzig Jahre alt: Norman Ruther, Inspektor der New York City Police und Leiter der >Bank Robbery Task Force<.

Als er uns sah, stand er auf und kam um den Tresen herum auf uns zu. "Jesse und Milo, schön Sie mal wiederzusehen." Wir kannten uns aus früheren Einsätzen. "Vorgestern sind gleich zwei meiner Leute angeschossen worden. Und die fehlen mir jetzt."

Er drehte sich um und bedeutete uns mit einer Handbewegung ihm zu folgen. "Hört euch die Sache einfach mal an. Den Hintergrund erklär' ich euch später."

Mit schweren Schritten, und den großen grauhaarigen Schädel auf die Brust gesenkt, stapfte er zurück an den Schreibtisch. Sein dunkelgrüner Anzug war um das Gesäß herum total zerknittert.

Ein Mann und zwei Frauen warteten dort auf ihn. "Mrs. Glenn und Miss Hennessy", deutete er auf eine rothaarige Endvierzigerin mit verweinten Augen und eine junge Frau mit kurzen, blonden Haaren. "Die beiden sind hier angestellt. Und das ist Mr. Moriga." Ruther ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. "Er war zurzeit des Überfalls als Kunde beim stellvertretenden Filialleiter." Er deutete auf einige Leute vom Zentrallabor, die sich vor dem Eingang zum Kassenraum am Boden zu schaffen machten. "Er hat Mr. Bertrand zuletzt gesprochen. Abgesehen von seinem Mörder."

Ich bewegte mich auf den Kassenraum zu. Milo machte keine Anstalten, mir zu folgen. Auf dem Boden zwischen Kassentür und Schreibtisch die Leiche eines etwa vierzigjährigen Mannes in einer großen Blutlache.

Der Gerichtsmediziner sah auf. "Hi, Mr. Trevellian." Betreten schaute er den Toten an. "Er war sofort tot. Vier Einschüsse. Drei in den Kopf, einer im Rücken."

Ich nickte und ging zurück zu Milo und Ruther. Zwei Mitarbeiter von der Pathologie drängten sich mit einem Leichensack an mir vorbei.

"Sie waren mit Maschinenpistolen bewaffnet", sagte Ruther.

"MP5, Heckler & Koch", mischte der Mann sich ein, den Ruther als >Mr. Moriga< vorgestellt hatte. Ein kleiner Bursche mit sympathischem Jungengesicht, einem gewaltigen Brustkasten und breiten Schultern. Ich sah ihn fragend an. "War zwölf Jahre bei der Army. Und bin ein Waffennarr." Er zuckte mit den Schultern und breitete die Arme aus, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass er die Waffe erkannt hat. Sein Lächeln hatte fast etwas Verlegenes.

Die Augen des blonden Mädchens hingen bewundernd an seinen Lippen. Der große Schädel des Mannes war fast kahl rasiert. Die sprießenden Haarstoppeln bedeckten ihn wie ein schwarzer Schatten. Auch sein braun gebranntes Gesicht war dunkel vor Bartstoppeln. Ich schätzte, dass er Südamerikaner unter seinen Vorfahren hatte.

"Einer der Männer gab Ihnen also einen Zettel." Ruther wandte sich an die Rothaarige.

"Ja", schluchzte sie, "da stand drauf: >Wir haben Ihren Sohn und Ihre Frau.<" Ein Heulkrampf schüttelte die Frau. "Und dass Mister Bertrands Familie sterben wird, wenn die Bankräuber nicht in einer halben Stunde mit dem Geld zurück wären ...", flüsterte sie. "Ich weiß den genauen Wortlaut nicht mehr ..."

Ruther notierte alle Aussagen und ließ sich auch von der Kassiererin und diesem Moriga genau schildern, was sie beobachtet hatten. "Wenn wir noch Fragen haben, werden wir uns bei Ihnen melden." Er steckte sein Notizbuch weg und stand ächzend auf.

Wir räumten unserem Psychologen das Feld. "Auf den Schreck sollten wir einen trinken gehen", hörte ich den sympathischen Kahlkopf zu der Kassiererin sagen.

"Scheint auch so einer zu sein, der nichts anbrennen lässt", raunte ich Milo zu während wir die Bank verließen.

"Was heißt hier >auch<?" Milo spielte den Entrüsteten. "In so einer Situation ein Frau anzusprechen, die gerade Opfer eines Banküberfalls geworden ist, wäre unter meiner Würde."

"Selbstverständlich", sagte ich und erntete einen strengen Blick meines Partners.

"Also Gentlemen - die Sache ist die ..." Ruther zog eine Schachtel West heraus und steckte sich eine Zigarette an. "Das ist nicht der erste Überfall dieser Art." Er stützte sich auf das Dach seines Dienstwagens und betrachtete aus schmalen Augen die eiserne Fassade des Bankgebäudes.

"Vor etwas über einem Jahr in Albany oben, vor sechs, sieben Monaten in Lancaster City, Pennsylvania, vor zwei Monaten in Princeton, New Jersey." Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

"Und immer die gleiche Masche: Ein Mann kommt in eine mittlere Bankfiliale - meistens freitags, wenn die Löhne im Tresor liegen - steht ein Weilchen am Geldautomaten herum, dann taucht er maskiert vor dem Tresen auf und drückt einem Mitarbeiter einen Zettel für den Filialleiter in die Hand, auf dem irgendeine fürchterliche Drohung steht."

Seine Augen wanderten zum Eingang der Bank - Moriga und das Mädchen drückten eben die Eingangstür auf. "Meistens eine Drohung, die sich auf die Familie des Filialleiters bezieht. Inzwischen ist ein zweiter Mann aufgetaucht und hält Kundschaft und Mitarbeiter in Schach." Er zuckte resignierte mit den Schultern. "Na ja - und den Rest kennen Sie ja."

"Beute?", fragte Milo.

"Immer zwischen achtzig und zweihunderttausend Dollar", berichtete Ruther. "Heute wird's wohl nicht ganz soviel gewesen sein. Die New York Traffic Bank ist schon lange dazu übergegangen, die Lohngelder in der Nacht auf den Freitag auszufahren."

Er warf seine Zigarette weg. "Jedenfalls ist es unser Job, die Bande zu fangen. Kommen Sie doch einfach mal mit ins Civic Center. Dort können Sie ungefähr zwanzig Pfund Papier mit Ermittlungsergebnissen studieren." Er grinste und kletterte ächzend in seinen Wagen.

"Banküberfälle", brummte Milo, während wir hinter Ruther herfuhren. "Nicht gerade unsere Spezialität, was?"

"Unsere Spezialität ist doch immer das, was gerade anliegt Partner, oder?", grinste ich.

"Wenn du meinst ...?"



4

Die Neuigkeiten waren umwerfend. So umwerfend, dass Miller nach Schalterschluss gar nicht schnell genug zum Schermerhorn Row kommen konnte. In diesem restaurierten Lagerhauskomplex am Seaport lag seine Stammkneipe: Der North Star Pub.

Dort setzte er sich wie immer ganz ans Ende der Theke, von wo aus er die Bar überblicken konnte. Und wie immer ließ er sich ein Guinness zapfen.

Bertrand war tot - auf einen Zug trank er das halbe Glas leer. Bertrand war tot - das musste er erst einmal verkraften.

Er hatte die Nachricht erst eine Stunde vor Schalterschluss bekommen. Einer der Direktoren hatte ihn im Vorübergehen von dem Überfall berichtet. Unglaublich: Vor zwei Tagen hatte Miller noch mit Bertrand gesprochen - oder gestritten, genauer gesagt - und jetzt war er tot!

Was Raymond Miller so elektrisierte an dieser Neuigkeit, war nicht allein die immer erregende Tatsache einer tödlichen Sensation - ein Überfall in der eigenen Firma, der Tod eines Menschen, den er kannte! Was ihn aus dem Häuschen geraten ließ, war der merkwürdige Zufall, dass er ausgerechnet jetzt in der Zentrale arbeitete.

Eigentlich hätte Bertrand den Filialleiter auf eine Schulung begleiten sollen. Und er, Miller, hätte dann die Verantwortung gehabt. Und vielleicht jetzt auch die Kugel im Kopf oder sonst wo. Aber weil die Zentrale ihn wegen eines personellen Engpasses vorübergehend versetzt hatte, war Bertrand jetzt tot. Und er saß hier und trank Guinness.

"Auf dein Glück", murmelte er und leerte sein Glas. "Noch ein Guinness bitte!" Die Bar füllte sich allmählich - Verwaltungsangestellte, Beamte aus der Stadtverwaltung, junge Banker und Manager.

Man konnte nicht sagen, dass Miller sonderlich erschüttert war. Er hatte Bertrand nie besonders gemocht. Nun gut - das wäre natürlich noch kein Grund gewesen, sich über seinen Tod zu freuen. Allerdings war nun der Platz des stellvertretenden Filialleiters unbesetzt ...

Das war der zweite Grund für Millers aufgekratzten Zustand, nach dem er von Bertrands Tod gehört hatte.

"Wer sollte sich besser für den frei gewordenen Posten eignen, als ein junger dynamischer Finanzwirt mit besten Zeugnissen, wie ich, Raymond Miller ..." Er lächelte versonnen in sich hinein.

"Hast du was gesagt?" Die Kellnerin stellte das frische Bier vor ihn hin.

"Nein, nein", grinste er und griff nach dem Glas. "Prost!"

Drei Männer seines Alters gesellten sich zu ihm. Junge Anwälte einer Mammutkanzlei in der South Street. Genauso karriereversessen wie er.

"Hi, Ray - deine Stimmung scheint im achtzigsten Stock angekommen zu sein!" Sie schlugen ihm auf die Schulter.

"Kann man so sagen!" Miller wandte sich an die Kellnerin. "Eine Runde auf mich!"

Witze wurden gerissen, Neuigkeiten ausgetauscht, Frauen, die sie gemeinsam kannten durchgehechelt. Beim vierten Bier schob sich ein beunruhigender Gedanke in Millers Hirn: Wenn es nun gar kein Zufall war, dass die Bank ausgerechnet während der Zeit seiner Abwesenheit überfallen worden war ...

Der Direktor hatte erzählt, dass man Bertrand mit seiner Familie unter Druck gesetzt hatte. Also mussten die Bankräuber wissen, dass er Familie hat ...

"Sie haben ihn beobachtet", dachte Miller. "Und wahrscheinlich wussten sie, dass man mich höchstens mit der Drohung unter Druck setzen kann, meinen nagelneuen Porsche zu zerkratzen." Ihm dämmerte langsam, dass die Männer, die hinter dem Überfall steckten, auch ihn beobachtet hatten ...



5

"Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, Mr. Gershom."

Der Anwalt sprach mit ruhiger, besonnener Stimme. Richard Gershom nahm den Hörer in die Linke. Seine rechte Hand war plötzlich schweißnass.

"Die Banken geben keinen Kredit mehr. Im Gegenteil - sie fordern, dass Ihre Firma den laufenden Verpflichtungen nachkommt. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie Sie all das bezahlen wollen, Mr. Gershom."

Richard Gershom nahm den Hörer wieder in die Rechte und wischte sich die Linke am Hosenbein ab.

"Wenn Sie Konkurs anmelden, und was anderes wird Ihnen nicht übrig bleiben, dann wird die Staatsanwaltschaft sich eingehend mit Ihren Büchern beschäftigen. Dafür werden die Banken schon sorgen. Und ich befürchte ..."

Gershom legte einfach auf. Er wollte nicht hören, was sein Anwalt befürchtete. Er wusste selbst, was die Stunde geschlagen hatte. Eine Prüfung der Bücher würde ergeben, dass er Firmengelder für private Zwecke ausgegeben hatte. Große Summen. Und für sehr private Zwecke.

Jedenfalls war nichts mehr da. Nur noch Schulden.

Gershom ließ sich tief in seinen Schreibtischsessel hineinrutschen und lehnte den Kopf gegen die Lehne. Er schloss die Augen und seufzte tief.

Er war verloren, keine Frage. Die Firma im Eimer, seine Existenz zerstört. Auch Herbert Moriga würde er nicht länger täuschen können. Ein Wunder, dass er ihm überhaupt die Ausrede mit der geplanten Filiale in Boston abgenommen hatte. Nein - er würde Herby nicht mehr unter die Augen treten können. Niemandem würde er noch unter die Augen treten können.

Reglos und mit geschlossenen Augen hing er in seinem Sessel. Fast eine halbe Stunde lang. Dann zog er die mittlere Schublade seines Schreibtisches heraus und griff hinein. Die Walther hatte er vor zwei Jahren oben in der Bronx gekauft. Im Hinterzimmer eines Second-Hand-Shops. Damals hatte er noch persönlich zweimal die Woche die Einnahmen auf die Bank gebracht. Als die Umsätze wuchsen war ihm das irgendwann gefährlich erschienen. Und hatte sich schützen wollen.

Jetzt gab es nichts mehr zu schützen.

Mit ausdrucksloser Miene betrachtete er die Pistole. Er hatte nie damit geschossen. Mit dem Daumen legte er den Sicherungshebel um. Ob die Waffe überhaupt noch funktionieren würde? Er steckte den Lauf in den Mund und drückte ab. Sie funktionierte ...



6

Die Beerdigung rauschte an ihm vorbei, wie ein langweiliger Film. Herbert Moriga hielt sich im Hintergrund der kleinen Trauergesellschaft, die sich an diesem Vormittag auf dem Friedhof in Brooklyn getroffen hatte. Er wollte hinterher so bald wie möglich verschwinden. Möglichst ohne Mister und Mistress Gershom sein Beileid für das Abscheiden ihres Sohnes auszusprechen. Lügen lagen ihm nicht.

Moriga trauerte nicht um Richie. Er war stinksauer auf ihn. "Wenn er sich nicht erschossen hätte, hätte ich ihn umgelegt", hatte er zu Trisha gesagt, als er die Nachricht von Richies Tod erhalten hatte. Nur wenige Stunden vorher hatte ihn der Anwalt über die wahre Situation seiner Finanzen informiert.

Moriga hatte Trisha Hennessy weggeschickt - die junge Kassiererin fühlte sich schon fast zu Hause bei ihm - und hatte dann eine Stunde lang in seinem Apartment herumgetobt. Lieber hätte er mit Richie geschrien. Aber der hatte sich verleugnen lassen.

Jedenfalls lag die Asche seines Kompagnons jetzt in der Urne, die sie eben in dem kleinen viereckigen Loch versenkten. "Und der Teufel weiß, in welchen schwarzen Löchern du meine Dollars versenkt hast", murmelte Moriga bitter. Er hatte nicht einmal mehr genug Geld auf der Bank, um die Raten für seine nagelneue Corvette zu bezahlen, die er vor drei Wochen geleast hatte.

Der Herbstwind wehte rotbraunes Laub über die Gräber, und Herby fand beängstigend zutreffend, was seine eigene Situation anging.

Nach der Beerdigung fuhr er zurück nach Chelsea, wo er ein großes Apartment in der sechsundzwanzigsten Straße bewohnte. Er warf die Tür hinter sich zu, ließ seinen Trenchcoat über auf das Parkett hinuntergleiten, holte eine Flasche Whisky aus der Schrankbar und warf sich auf sein Bett.

Okay, Herby-Boy - was machen wir jetzt? Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. "Kugel und Strick scheiden aus", murmelte er. "Es wär' einfach zu schade um dich."

Er hatte nie verstehen können, wie man auf die blöde Idee verfallen konnte, seinem Leben eigenhändig ein Ende zu machen.

Moriga ging alle Möglichkeiten durch: Zurück zur Army, einen Job suchen, seine Aktien und das Wochenendhaus in Malibu verkaufen und sich so eine Zeit lang über die Runden schwindeln.

"Oder du nimmst eine Bank aus", grinste er und setzte die Flasche an.

Die Army hätte ihn gern behalten - er war ein fähiger Offizier gewesen und hatte das bei verschiedenen Gelegenheiten unter Beweis gestellt. Im Golfkrieg, in Somalia und in Bosnien zum Beispiel.

Herbert Moriga gehörte nicht zu den Männern, die ihre Diplome und ähnlichen Kram an der Wand ausstellten. Er hatte es nicht nötig, sich seinen Wert ständig vor Augen führen zu müssen. Die Auszeichnungen, die er bei der Army eingefahren hatte, lagen in irgendwelchen Schubladen unter alten Briefen oder vergilbten Fotos aus der Collegezeit. Wenn sie nicht beim letzten Umzug verloren gegangen waren.

Aber noch einmal eine Uniform anziehen, sich noch einmal in dieses Korsett von hierarchischen Strukturen und festgelegten Tagesabläufen zu zwängen - "nein, danke", brummte Herby und angelte eine Gitane aus der Schachtel auf seinem Nachttisch.

Und einen Job? "Ach du Schande ...!" Herbert Moriga machte ein angewidertes Gesicht und goss sich einen Schwall Whisky in den Hals.

Zwar erst wenig länger als zwei Jahre genoss er den Umstand, keinen Vorgesetzten mehr zu haben - aber das reichte, um ihn von dieser Existenzform zu überzeugen. Um keinen Preis der Welt würde er je wieder die Anordnungen eines anderen ausführen. Lieber würde er in den Untergeschossen der Central Station neben den Heizungsrohren schlafen. Oder ein Bordell aufmachen ...

"… oder eine Bank überfallen", murmelte er grinsend.

Er stand auf und drückte die Gitane in einem der Kakteentöpfe auf dem Fensterbrett aus. Die Whiskyflasche zurück in die Bar, den Trenchcoat vom Boden geangelt, die Gitanes und die Streichhölzer in die Westentasche.

Er musste an die Luft.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit lief er ziellos durch Chelsea, durch den Theatre District bis hinauf an das Ende des Parks und wieder zurück. Seine Grübeleien drehten sich im Kreis. Und kehrten merkwürdigerweise immer wieder zu dem Freitag in der letzten Woche zurück, an dem er Zeuge und Opfer eines Banküberfalls geworden war.

Am Abend begann es zu regnen, und Herbert Moriga flüchtete in eine Bar in der Upper Midtown. Er bestellte ein Bier und riss eine frische Packung Gitanes auf, die er sich unterwegs gekauft hatte.

Rauchend und biertrinkend dachte er an den Mann in dem dunklen Anzug, an seine Maschinenpistole und an die zitternde Hand der Rothaarigen, als sie Bertrand den Zettel reichte.

Es war so einfach gegangen. Die beiden Burschen waren einfach in die Bank spaziert, hatten den Zettel abgeliefert, ihren Koffer aufgesperrt und waren mit etwas mehr als zwanzigtausend Dollar wieder hinausgegangen.

Zwanzigtausend Dollar, oder fünfundzwanzigtausend - das war nicht die Welt, okay, aber mit ein bisschen Glück konnte man auch wesentlich mehr machen. Las man nicht ständig von irgendwelchen Idioten, die so mir nichts, dir nichts fünfhunderttausend oder mehr bei einem Banküberfall ...?

Moriga schüttelte sich und rammte die halb gerauchte Gitane in den Ascher. "Du spinnst ja, Herby ..."



7

Wir arbeiteten uns durch die umfangreichen Akten, die sich im Laufe eines Jahres angesammelt hatten: Die Banküberfälle schienen tatsächlich von ein und derselben Bande ausgeübt worden zu sein. Die Parallelen waren mehr als auffällig: Ein kleiner, kräftig gebauter Mann, der weiter nichts tat, als Belegschaft und Kunden mit einer MP zu bedrohen, ein mittelgroßer, hagerer Mann, der den Filialleiter zwang, mit ihm in den Tresorraum zu gehen. Letzterer immer im Anzug. Mal dunkel, mal sportlich, mal elegant. Und obwohl sie die Masken erst herunterließen, wenn sie zur Sache gingen, gab es keine brauchbare Beschreibung der Burschen. Irgendwie verstanden sie es, ihre Gesichter zu verbergen, sobald sie sich im Bereich der Videokameras aufhielten.

Profis jedenfalls. Profis, die nicht lange fackelten. Bertrand war bereits der zweite Filialleiter, der sein Pflichtbewusstsein mit dem Leben bezahlen musste.

Und natürlich hatten sie noch einen dritten Mann im Hintergrund. Einen Fahrer. Zeugen hatten die beiden in einen grauen Ford-Kombi springen sehen. Niemand konnte ein Kennzeichen nennen. Und keine Spur von dem Fahrzeug.

Wir konnten nicht ungestört an dem Fall arbeiten. Ständig kam etwas dazwischen. Mal wurden wir zu einer Geiselnahme gerufen, mal spannten uns Jay Kronburg und sein Partner Leslie Morell für eine Personenüberwachung ein, mal engagierten uns Medina und Stev Dillagio für die Verhaftung eines Drogenhändlers und seiner Handlanger.

Immer wieder kehrten wir an unsere Schreibtische zurück und versuchten neue Mosaiksteine zusammenzutragen, die uns die Spur zu den Bankräubern deutlicher zeigen sollte. Aber es war mühsam. Verdammt mühsam.

Nicht ganz zwei Wochen nach dem Überfall auf die New York Traffic Bank hatten wir eine ausführliche Computeranalyse aller vorliegenden Fakten zusammengestellt. Wir klemmten uns den Papierkram unter den Arm und fuhren hinüber zu Norman Ruther.

Dessen Büro lag im Stadtteil Civic Center, in der Centre Street. Die Zentrale der >Bank Robbery Task Force< war im gleichen Gebäude untergebracht, wie das Manhattaner Untersuchungsgefängnis für Männer und diverse Räume der Justiz - im Criminal Court Building.

"Knifflige Angelegenheit", begann Milo als wir mit Ruther in dessen Konferenzecke saßen. "Die Burschen schnappen zu wollen, ist wie ein Puzzlespiel, das zu neunzig Prozent aus weißen Teilen besteht."

"Legen Sie einfach mal los." Ruther zündete ein West an und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

"Wir haben die wenigen Fakten, die wir kennen mal auf ein paar Tabellen zusammengestellt." Ich reichte ihm unsere Analysepapiere. "Gegliedert nach Vorgehensweise, Fluchtwagen, Waffen, Personenbeschreibungen, Auswahl der Bankfilialen."

Ruther überflog die Blätter und grunzte irgendetwas Zustimmendes.

"Über den Fahrer ist überhaupt nichts bekannt - kein Zeuge hat ihn beschreiben können. Von den anderen beiden kennen wir nur Größe und Statur. Trotzdem haben wir die spärlichen Angaben in den Computer gesteckt. Der Rechner hat die Daten mit denen sämtlicher Männer verglichen, die in den letzten Jahren wegen Bankraub vor Gericht erscheinen mussten. Und zwar im ganzen Gebiet der Vereinigten Staaten."

Norman Ruther sah mich fragend an. "Wir konnten etwa fünfzehn Männer herausfiltern. Die vier, die nicht im Gefängnis sitzen, werden gerade von unseren Dienststellen in Oklahoma, Minnesota, Maine und Utha unter die Lupe genommen."

Ruther nickte anerkennend. "Und der Wagen?"

"Ein Allerweltstyp", sagte Milo, "führt uns im Augenblick nicht weiter."

"Anders als die Waffen", warf ich ein. "Wenn man nicht gerade ein FBI-District Office überfällt, kommt man an diese Waffe ja nicht so ohne Weiteres heran. Wir gehen mal davon aus, dass die Täter sich die Maschinenpistolen über dunkle Kanäle besorgt haben. Wir haben sämtliche Beamte im Stadtgebiet New York Citys angewiesen, ihren Verbindungsleuten in die Unterwelt auf den Zahn zu fühlen."

Ruther nahm eines der Papiere hoch und las aufmerksam. "Ihr glaubt, dass die Burschen in New York City wohnen?" Kritische Falten erschienen auf seiner Stirn. "Wir kommt ihr darauf?"

"Ist zunächst nur eine Arbeitshypothese, die völlig daneben liegen kann." Ich formulierte es vorsichtig.

"Untertreib nicht, Partner", fuhr Milo mir in die Parade. "Ein bisschen mehr ist das schon." Er wandte sich an Ruther. "Einmal liegen die ersten drei überfallenen Banken in einem Radius von circa 80 bis 100 Meilen von New York City entfernt." Ruther schüttelte zweifelnd seinen großen Schädel. "Und zum anderen liegt die dritte überfallene Bank direkt im Herzen Manhattans. Wir glauben nicht, dass Leute, die nicht zu Hause sind in diesem Labyrinth, dort eine Bank überfallen."

"Noch dazu mit einem Auto als Fluchtwagen", ergänzte ich.

"Überzeugt bin ich nicht", Ruther drückte seine Zigarette aus. "Aber einen Ansatzpunkt braucht man ja. Und was habt ihr jetzt vor?"

"Den üblichen Kleinkram - Mietwagenfirmen und Autohäuser nach grauen Ford-Kombi-Modellen abklappern, mit der Beschreibung der verschiedenen Anzüge und Sakkos der Burschen bei den Mode- und Kaufhäusern anklopfen ..."

"Und die Bankangestellten noch einmal differenziert verhören", schloss Milo.

"Na dann mal los", brummte Norman Ruther. Er schaute auf seine Uhr. "Gleich Feierabend." Sein kleinen Augen funkelten verschmitzt. "Kommt, ich lad euch zu 'nem Bier ein."



8

"Wo hast du den kleinen Finger und den halben Ringfinger gelassen?" Trisha hielt Herbys verstümmelte Hand fest und betrachtete sie neugierig.

"Bei einer Wette verloren." Herbert Moriga machte seine Hand los und fuhr fort, sie über Trishas nackten Körper tanzen zu lassen.

Trisha setzte sich ruckartig auf. "Bei einer Wette?" Herbert nickte. "Wo?"

"Irgendwo in einem Sumpf in Louisiana", grinste Herby und stützte sich in sein Kopfkissen. Sie zog fragend die Augenbrauen zusammen. "Willst du die Geschichte wirklich hören?" Er ließ sich auf den Rücken fallen.

"Ja, ich will", das Mädchen verschränkte seine Arme auf der schwarz behaarten Brust Morigas und sah ihn auffordernd an.

"Wir hatten da ein Manöver, schon ein paar Jahre her", erzählte Herbert Moriga. Er überlegte. "Klar - sieben Jahre ist das jetzt her. Meine Einheit musste eine Panzerbrücke über den Mississippi bauen."

"Du hast mir noch gar nicht erzählt, dass du Soldat warst?", staunte Trisha.

"Ich kam ja nicht dazu", grinste er. "War ja ständig damit beschäftigt, dir zuzuhören und dich zu vögeln ..." Sie stieß einen spitzen Schrei aus und schlug ihm mit der Faust auf seinen Brustkorb.

"Erzähl weiter, du Mistkerl."

"Wir lagen also in den Sümpfen nördlich von New Orleans, und eines Abends kroch uns ein Alligator über den Weg." Trisha schlug die Hand vor den Mund. Ihre Augen weiteten sich erschrocken. "Und dann kam unser Sergeant auf die Idee, das Biest mit Whisky abzufüllen."

"Nein!", entfuhr es Trisha. "Das glaub ich nicht!"

"Dann lass es bleiben." Er strahlte sie an und fuhr ihr mit der Linken über das blonde Stoppelhaar. Seine Rechte tastete nach einer blauen Zigarettenschachtel auf dem Nachttisch. "Der Sergeant setzte jedenfalls zweihundert Dollar aus. Und ich hab sie mir verdient."

"Bist du wahnsinnig?!", rief Trisha entsetzt. "Wieso hast du so etwas Verrücktes getan?!"

Herby zuckte mit den Schultern. "Hat mich gereizt ... Mit einem Alligator catchen - wollte ich einfach mal erleben. Jedenfalls hat's das Biest sein Leben gekostet, den Sergeant zweihundert Dollar und mich anderthalb Finger." Er lachte laut und zündete sich eine Gitane an.

Trisha war fassungslos. "Machst du öfter so verrücktes Zeug?"

Herby zuckte mit den Schultern. "Nicht oft, alle sieben Jahre etwa." Er grinste breit. "Tu nicht so entrüstet", schimpfte er scherzhaft. "Denk' daran, wo wir uns kennengelernt haben - in einer Bank zu arbeiteten ist viel gefährlicher. Und du gehst nicht nur alle sieben Jahre an deinem Kassenschalter."

Sie zog die Decke von seinem muskulösen Körper und schob sich auf ihn. "Da hast du auch wieder recht."

"Bist du schon einmal überfallen worden?"

Sie schüttelte den Kopf. "Komisch eigentlich. Ganz am Anfang habe ich in der Filiale in Chelsea gearbeitet. Da war häufig jede Menge Geld im Tresor - die Geschäftsleute vom Herald Square brachten ihre Einnahmen immer zu uns, weil sie die Filiale für sicher hielten. Und donnerstags lagern immer die Lohngelder für die Arbeiter in den Markthallen. Trotzdem ist die Filiale noch nie überfallen worden. Aber ich hatte immer ganz schön Schiss."

"Und wo hast du danach gearbeitet?"

"In Civic Center, in der Zentrale. Liegt nicht weit vom Seaport entfernt."

"Ich kenn' sie", sagte Herby, der aufmerksam zuhörte. "Bin ab und zu dort."

"Ach ja", lächelte Trisha, "du bist ja Kunde bei uns." Ihr fiel der konzentrierte Ausdrucke um seine Augen nicht auf. Wenn sie einmal in Fahrt war - und sie kam schnell in Fahrt - erzählte sie drauflos, ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sich ihr zum Schweigen verurteilter Gesprächspartner für ihre endlosen Geschichten interessierte.

Herbert Moriga interessierte sich sehr dafür.

"In der Zentrale hatte ich mich dann schon an die Möglichkeit gewöhnt. Man denkt irgendwann einfach nicht mehr dran, dass man überfallen werden könnte. Und in der Zentrale rechnet sowieso niemand mit einem Überfall."

"Wieso nicht?" Herbert reckte das Kinn nach oben, um ihr den Rauch nicht ins Gesicht zu blasen.

"Weil ganz in der Nähe eine Sondereinheit der Polizei stationiert ist. Die ist für Banküberfälle zuständig. Außerdem ist immer so viel Publikumsverkehr im Geschäftsraum - kein Mensch würde auf die Idee kommen, diese Bank zu überfallen. Jedenfalls kein vernünftiger."

Mit gezielten Fragen und kurzen Bemerkungen brachte Herbert sie dazu, mehr zu erzählen. Er hatte nie geplant, sie über die Banken auszufragen, die sie kannte. Er hatte sich verliebt und wollte mit ihr schlafen - weiter nichts. Aber durch ihre Gesprächigkeit hatte sie die Idee wieder angefacht, die er nun schon seit fast zwei Wochen mit sich herumtrug.

Stunden später lag sie schlafend in seinen Armen. Er starrte in das schummrige Licht, das der dreiarmige Leuchter auf dem runden Tischchen vor dem Bett verbreitete. Und er rauchte. Was Trisha ihm über die Banken erzählt hatte, rotierte in seinem Kopf.

Irgendwann stand er auf. An seinem Sekretär zog er eine Schublade auf und kramte ein frisches Notizbuch heraus. Jede Einzelheit, die sie erwähnt hatte, notierte er. Danach wurde er ruhiger. Er trank einen Whisky und legte sich wieder zu Trisha. Das Karussell in seinem Kopf kam erneut in Schwung. Der tote Bertrand geisterte durch seine Hirnwindungen, der Zettel in der zitternden Hand der rothaarigen Kollegin Trishas, und die beiden stummen Bankräuber mit den verschleierten Gesichtern und den Maschinenpistolen.

Gesichter alter Freunde zogen ihm durch den Kopf. Männer, die er teilweise Jahrelang nicht gesehen hatte. In Gedanken ging er alle Einzelheiten durch, die er aus ihrem Leben wusste. Keinem war so etwas Hirnverbranntes wie ein Banküberfall zuzutrauen. Keinem - bis auf einen. Sein alter Sergeant. Bruce Striver.

Im Morgengrauen stand er auf. Während in der Küche die Kaffeemaschine brodelte, suchte er Strivers Nummer heraus. Mit einem Pot dampfenden Kaffees und einer Gitane saß er eine Viertelstunde später neben seinem Telefontisch ...



9

Wir hatten die beiden Frauen ins Criminal Court Building gebeten. "Das ist Miss Susan Clayton", stellte ich Ihnen unsere Psychologin vor. "Wir würden gern nacheinander mit Ihnen sprechen, und Miss Clayton wird sie in einen Entspannungszustand versetzen, in dem sie sich leichter an Einzelheiten erinnern. Vorausgesetzt natürlich, sie sind einverstanden."

Sie waren einverstanden. Wir fingen mit Trisha Hennessy, der jungen Kassiererin an. Unsere Psychologin dunkelte den Raum ein wenig ab und stellte dezente Musik an. Das Adagio aus einem Klavierkonzert von Beethoven. Dann wies sie das Mädchen an die Augen zu schließen und sich in Gedanken an einen schönen Ort zu versetzen.

Fast eine Viertelstunde lag Trisha in diesem Entspannungszustand. Ich ließ mich in einen Sessel des Besucherzimmers sinken und genoss die Musik. Mein Partner genoss die feinen Gesichtszüge des Mädchens. Ich ertappte ihn, wie seine leuchtenden Augen ihren Körper streichelten.

Nach der Entspannungsphase brachte Suzan Clayton das Mädchen dazu, den Banküberfall auf ihrer inneren Bühne noch einmal als außenstehende Zuschauerin zu erleben. "Achten Sie auf jede Einzelheit, Trisha." Die Psychologin sprach mit sanfter, vibrierender Stimme. "Sprechen Sie alles aus, was Sie sehen. Reden Sie in der Gegenwartsform."

Behutsam beugte ich mich vor und schaltete das Aufnahmegerät ein. Milo zückte sein Notizbuch.

Leise und stockend erzählte Trisha. Im Wesentlichen das, was wir schon wussten. Nur zwei Einzelheiten waren neu: Der kleine, untersetzte Mann neben der Tür hatte weiße Lederschuhe getragen. Bis jetzt war immer nur von hellen Turnschuhen die Rede gewesen. Und: Trisha hatte eine Duftwolke feinen Parfüms gerochen, während sie das Geld aus der Kasse in den schwarzen Aktenkoffer des zweiten Täters gepackt hatte.

"Von wem ging der Geruch aus, Trisha", fragte Milo behutsam.

"Von dem maskierten Mann in dem dunklen Anzug."

Milo brachte Trisha nach draußen. Und kam nicht mehr zurück. Unsere Psychologin wiederholte die Prozedur mit der rothaarigen Bankangestellten. "Sehen sie sich die Ereignisse wie auf einer Leinwand an, Mrs. Glenn, und erzählen Sie uns einfach, was sie sehen.“

Auch sie berichtete von dem intensiven Duft, den der Maskierte verströmte. Und noch eine Kleinigkeit, die sie zuvor noch nicht erwähnt hatte: "In seiner rechten Jackentasche sehe ich eine Ausbuchtung", sagte sie, "etwas Rechteckiges. Als würde er ein Buch bei sich tragen." Mehr war nicht zu holen.

Später, als Suzan und ich die Frau nach draußen begleiteten, stand Milo mit Trisha vor den Aufzügen. Sie waren ganz offensichtlich in ein anregendes Gespräch vertieft. Aus dem Gekicher der jungen Frau schloss ich, dass es kein dienstliches Gespräch war. Milos Hände spielten mit einer Visitenkarte.

Stolz präsentierte er sie mir, als wir wieder allein im Büro waren. "Ich habe ihr zwei Wochen Zeit gelassen, den Schock zu verkraften", sagte er mit gespieltem Ernst.

"Edler Ritter, du."

"Wir werden in den nächsten Tagen miteinander essen gehen."

"Versteh' mich nicht falsch, Milo, aber irgendwie passt die Lady nicht zu dir."

"Nur weil sie blond und Kassiererin ist", grummelte er, "Rassist."

"Nein, ehrlich", ich suchte vergeblich nach Worten. "Es ist nur so ein Gefühl ..."

Milo drückte auf den Wiedergabeknopf des Aufnahmegerätes. Wir hörten die Aussagen ab.

"Was hältst du von den weißen Schuhen?", fragte Milo und drückte auf die Stopptaste.

"Arzt? Pfleger? Masseur?" Ich zuckte mit den Schultern. "Bei den anderen Überfällen hat niemand weiße Schuhe beobachtet."

"Das sollten wir nachprüfen", meinte Milo. "Und das Parfüm?"

"Hilft uns nicht weiter."

"Es sei denn, wir schleppen die Frauen in eine Parfümerie und versuchen die Marke zu identifizieren."

"Es scheinen kluge Leute zu sein." Ich hing meinen Gedanken nach.

"Wer?"

"Die Bankräuber - wie wenig Spuren sie hinterlassen, wie systematisch sie vorgehen ..."

"Wie gezielt sie schießen ..."

"Ja, sie scheinen nicht zum ersten Mal getötet zu haben. Und dann dieses Buch. Ein Hohlkopf schleppt doch kein Buch mit sich herum ...?"

"Vielleicht war es ein Bilderbuch?", grinste Milo. "Vielleicht mit den besten Fotos des >Playboys<?"

"Quatsch - das würde er doch zu Hause unterm Bett oder im Nachtisch aufbewahren." Ich schüttelte nachdenklich den Kopf. "Nein, nein ... es muss irgendein Buch sein, an dem dieser Kerl hängt ..."

Das Telefon klingelte. Ich nahm ab. "Trevellian?" Ruther war am Apparat. "Banküberfall in Hartford, Connecticut. Eindeutige Handschrift. Macht euch auf die Socken ..."



10

Nick Gordener setzte eine große Sonnenbrille auf und ließ den Wagen langsam auf die Straßenecke zurollen. Er hatte es nicht eilig. Adams und Warren waren erst vor drei Minuten ausgestiegen. Wahrscheinlich würde Warren jetzt erst die Bank betreten.

Als er in die Straße einbog, in der die Bank lag, sah er eben das hellblaue Jackett des kleinen Adams und seine schwarze Schildkappe in der Glastür verschwinden.

Langsam ließ Gordener den Wagen an der Bank vorbeirollen. Diesmal hatten sie einen grauen Toyota Kombi geliehen. Etwa zwanzig Schritte hinter der Bankfiliale fuhr an den Straßenrand. Den Motor ließ er laufen. Gespannt blickte er in den Rückspiegel.

Sie waren am frühen Vormittag in New York City aufgebrochen. Anderthalb Stunden hatten sie für den Weg in Connecticuts Hauptstadt einkalkuliert. Zwei Stunden hatte sie gebraucht. Der Überfall auf die New York Traffic Bank hatte nicht mehr als zweiundzwanzigtausend Dollar eingebracht. Zu wenig. Alle drei waren sie sich einig geworden, so schnell wie möglich wieder zuzuschlagen.

"Hey Mister!" Jemand klopfte an das Seitenfenster. Gordener zuckte zusammen. Aus den Augenwinkeln sah er einen jungen Mann in Jeansjacke und mit einer Umhängetasche aus billigem schwarzem Kunststoff unter dem Arm. In der Rechten hielt er ein Stück Papier - ein Flugblatt oder so etwas.

Gordener bemühte sich, dem Mann sein Gesicht nicht zu zeigen. Aus den Augenwinkeln musterte er ihn. Gefahr oder nicht? Er sah harmlos aus, höchstens zwanzig, ein bisschen wie einer dieser Spinner, die sich mit Schlauchbooten vor Oeltanker setzen oder auf Labrador Robbenjäger fotografieren.

Egal - der Typ hatte ihn schon wahrgenommen. Jetzt konnte es nur noch darum gehen ihm möglichst wenig Anlass zu geben, sich sein Gesicht und seinen Wagentyp einzuprägen.

Gordener ließ also die Scheibe herunter. "Was' los?", knurrte er, ohne dem Jungen sein Gesicht zuzuwenden.

"Hier:" Der andere lächelte auf eine Art, die Gordener unter anderen Umständen zum Wahnsinn getrieben hätte - mild, verstehend und liebevoll. Wie die eine österreichische Prinzessin in aus einem alten Film, den er sich als Junge mit seiner Mutter angesehen hatte.

"Hier habe ich etwas zu lesen für Sie", säuselte der junge Bursche. Er war wohl noch jünger als zwanzig.

"Kann ich verdammt gut brauchen", sagte Gordener gepresst, nahm das Prospekt entgegen und machte Anstalten, das Fenster wieder hochzulassen. Die Augen immer im Rückspiegel.

"Moment noch, Mister", sagte der andere mit leuchtenden Augen. "Kennen Sie Jesus? Haben Sie Frieden mit Gott?"

"Ach du Scheiße ...!" Stöhnend ließ Gordener seinen Kopf gegen die Nackenstütze fallen. Er hatte mal einen Gefängnispfarrer kennengelernt, der ähnliche Sprüche draufgehabt hat.

"In dieser Broschüre finden Sie die wichtigsten Bibelstellen, die Ihnen ..."

"Lass Sie mich bitte in Ruhe, Mister, ja?" Gordener bot sein gesamtes Potential an Höflichkeit auf. Er brachte sogar ein Lächeln zustande.

"… den Weg zu Gott zeigen. Lesen Sie diese Bibelstellen, fallen Sie auf die Knie und bitten Sie Ihren himmlischen ..."

"Hör zu, Bursche!" Gordener hielt dem Jungen den ausgestreckten Zeigefinger unter die Nase. "Wenn du heute deine Eier mit nach Hause nehmen willst, dann verpiss dich! Aber ganz flott!"

"… um Vergebung für Ihre Sünden. Es ist ganz einfach. Ich will Ihnen mal erzählen, wie das bei mir war ..."

Im Rückspiegel sah Gordener seine beiden Partner aus der Bank spurten. Er drückte den Knopf auf der Armlehne der Fahrertür. Das Fenster schob sich hoch. Der Junge zog rasch seine Hand zurück. Ohne dass er von seinem Vortrag abließ.

Warren und Adams rissen die Türen auf, Gordener gab Gas und der junge Mann stürzte rücklings auf die Straße.

"Scheiße, Scheiße, Scheiße!", brüllte Warren neben ihm. "Ich hab gewusst, dass es schiefgeht, ich hab's gewusst!"

"Was ist passiert, zum Teufel?", brummte Gordener. Doch die anderen beiden beachteten ihn überhaupt nicht.

"Gleich heute Morgen habe ich es gespürt, als ich die Lösung nicht finden konnte! Die Lösung von dieser gottverdammten Aufgabe!"

Warren schrie, heulte fast. Adams hatte den Kopf auf die Oberkante der Rücklehne gelegt und die Augen geschlossen. Gordener beobachtete ihn im Rückspiegel. "Kann mir jetzt endlich einer sagen, was passiert ist?"

"Der Filialleiter, den wir beobachtet haben, hatte heute dienstfrei. Und sein Vertreter hat weder Frau noch Kinder." Adams erzählte ohne die Augen zu öffnen. "Er starrte ungläubig auf den Zettel, drückte auf den Alarmknopf unter der Schreibtischkante und warf sich in Deckung."

Gordener zwang sich, die Geschwindigkeitsbeschränkung einzuhalten. Am Ende der Straße tauchte das Parkhaus auf, in dem sie seinen Buick geparkt hatten. "Soll das heißen, ihr seid ohne Kohle da raus gekommen?!"

"Ich hab dem Kassierer 'ne Ladung ins Panzerglas gejagt", erzählte Adams müde und mit schleppender Stimme. "Der hat immerhin seine Kasse geleert."

Warren riss sich den Hut vom Kopf und öffnete seinen schwarzen Aktenkoffer. "Das reicht nicht mal für die Spesen!" Er ließ Hut und MP5 im Koffer verschwinden. "Schon der zweite Fehlschlag innerhalb von drei Wochen!"

Im Parkhaus wechselten sie die Fahrzeuge. Eine Freundin von Nobel Warren würde den Toyota zurück zur Autovermietung bringen. Und vorher natürlich das gestohlene Nummernschild abschrauben.

Auf der Interstate nach New York City schwiegen sie lange. Erst als sie die Nordgrenze Manhattans erreichten, meldete sich Oliver Adams zu Wort. "Was machen wir jetzt. Vorübergehend keinen Hit mehr?"

"Ich muss", sagte Gordener spontan. "Wenn nicht mit euch, muss ich auf eigene Faust losziehen und mich mit Einbrüchen über Wasser halten. So ein Gestüt kostet Geld."

"Eine schlechte Ernte und einen Fehlschlag bei fünf Versuchen - das ist doch kein Weltuntergang!" Nobel Warren hatte sich längst wieder gefangen. "Das ist ein hervorragendes Ergebnis! Wir sind gut Jungs. Und deswegen machen wir weiter."

Gordener wusste, dass Warren aus dem gleichen Grund weitermachen wollte, wie er selbst. Und so schnell wie möglich. Sein Detektivbüro warf nicht genügend ab. Jedenfalls nicht so viel, dass er seine vielen Frauen und seine Wettleidenschaft finanzieren konnte. Und Adams hatte eine Menge Schulden. Ihm blieb als Alternative eigentlich nur noch der Strick.

"Okay", sagte Adams, "aber lasst uns die Sache gründlicher vorbereiten. Ich will so viel Dollars einfahren, dass wir vorläufig nicht mehr arbeiten müssen ..."

11

Kein Zweifel: Unsere Bankräuber hatten wieder zugeschlagen. Das gleiche Bild wie immer. Mit einem Unterschied: Diesmal waren sie nicht bis in den Tresorraum vorgedrungen. Sie hatten nur den Inhalt der Kasse erwischt. Nicht mal zehntausend Dollar.

"Die Burschen werden nachlässig", sagte Milo, als wir die Bank verließen. "Sie haben den Filialleiter so oberflächlich observiert, dass ihnen sein freier Tag entgangen war."

"Interessant, dass sie keine Geiseln genommen haben", überlegte ich laut. "Und dass sie sich nicht mit Waffengewalt den Zugang zum Tresor verschafft haben."

"Bestätigt deine Theorie, dass wir es mit klugen Burschen zu tun haben", brummte Milo.

Auf dem Weg zu unserem Wagen sahen wir einen Cop auf der anderen Straßenseite. Er stand mit einem jungen Mann neben seinem Streifenwagen und winkte uns.

"Komm." Milo wandte sich der Straße zu. "Der scheint doch irgendeine Neuigkeit für uns zu haben." Wir überquerten die Straße und gingen zu dem Streifenwagen mit den beiden Männern.

"Dieser Mann hier behauptet, er habe mit einem der Täter gesprochen, Sir." Der Cop wies auf einen jungen Burschen - dünn, korrekt gescheitelt, in Jeansjacke und altmodisch geschnittenen Cordhosen. Sein Gesichtsausdruck ließ mich spontan an meine fromme Tante in Harpersville denken. Und schnell begriff ich warum.

"Ich habe ihm ein Traktat gegeben." Der Mann sprach schnell und mit hoher Stimme. "Ich wollte ihm den Weg zu Jesus zeigen. Ich wollte ihm helfen Frieden mit Gott ..."

"Wie sah er denn aus?", unterbrach Milo den Jungen.

Der machte ein verdutztes Gesicht und blickte grübelt auf den Asphalt. "Schwer zu sagen, Sir. Sind Sie vom FBI?"

"Ja." Milo setzte sein charmantes Lächeln auf. Oft so wirkungsvoll, wie seine Dienstwaffe. "Können Sie sich an Einzelheiten erinnern?"

"Ja sicher." Der Mann kratzte sich am Kinn. "Er hatte eine Sonnenbrille auf. Eine dunkle. Also zwei dunkle Gläser. Man sah seine Augen nicht ..."

Ich betrachtete meine Fingernägel. Irgendetwas an dem Mann machte mich nervös.

"So, so", sagte Milo, "eine Sonnenbrille. Hatte er Haare auf dem Kopf?"

"Weiß ich nicht mehr, ehrlich," bedauerte der Mann. Er erwies sich als schlechter Beobachter. Nicht mal über die Kleidung des Fahrers konnte er Angaben machen. Ich fragte mich, wo er seine Sinne hatte, wenn er mit Leuten sprach.

Milo schrieb seine Adresse und Telefonnummer auf. "Falls wir noch Fragen an Sie haben. Und vielen Dank für Ihre Hilfe." Wir wandten uns ab, um die Straße zu überqueren.

"Moment mal", rief uns der Junge nach. "Etwas war da noch. Er roch merkwürdig." Milo und ich sahen uns nur an. Mein Partner erwartete genau wie ich, von einem intensiven Parfümduft zu hören. Wir wurden enttäuscht.

"Er roch nach Pferd, genau, nach Pferdestall."

"Sind Sie sicher?" Die Auskunft verblüffte mich.

"Klar! Ich bin doch auf einer Farm groß geworden ..."



12

Bruce Striver war fast zehn Jahre älter als Herbert Moriga. Sein glattes, dichtes Haar war einmal schwarz gewesen. Jetzt glänzte es in der Farbe von Asche. Er beugte sein kantiges, schmales Gesicht über den Tisch. Sein Kopf neigte sich zur Seite und etwas Lauerndes trat in seine Augen.

"Wieso kommst du ausgerechnet auf mich, Herby?"

Herbert verzog seine vollen Lippen zu einem Lächeln. Es schabte hölzern, als er sich nachdenklich das Kinn rieb. "Nun, Bruce - du bist ein guter Stratege. Und ich nehme nicht an, dass du inzwischen gelernt hast, mit Geld umzugehen."

Der andere zuckte zurück. "Stimmt, verdammt!" Nur kurz flammte Entrüstung über seine Züge. Schnell legte sich ein wehmütiges Grinsen auf sein Gesicht. "Ich hab 'ne Spedition aufgemacht - nach drei Jahren: pleite. Ich hab 'ne Bar gepachtet - pleite. Seit zwei Jahren fahr' ich Taxi."

"Und bist erst recht pleite." Herby fixierte ihn lauernd.

"Du scheinbar nicht." Bruce Blicke wanderten über die teure Garderobe seines alten Kumpels. "Diese Lederweste hat doch sicher hundertfünfzig Dollar gekostet. Und dieser Trenchcoat ..." Bewundernd betrachtete er das gute Stück über der Lehne des freien Stuhls an der Schmalseite des Tisches. Sie hatten sich in einer Bar in Chelsea getroffen.

"Vermutlich hast du lukrativere Jobs gefunden, als Alligatoren mit Whisky zu töten." Grinsend guckte er auf Herby verstümmelte Rechte.

"Es laufen nicht viele Spinner herum, die einem solche Angebote machen ..."

Bruce nahm sein Glas auf. "Aber wir zwei, wir sind solche Spinner, was, Herby?" Er prostete dem anderen zu. "Das Angebot, das du mir machst, erinnert mich verteufelt an das, was ich dir vor sieben Jahren gemacht hab." Wieder der Blick auf die Fingerstummel. "Prost." Er trank aus.

Herby zahlte. "Lass uns ein bisschen laufen, dann flutschen die Gedanken besser." Er kannte seinen alten Sergeant - der hatte schon längst Feuer gefangen.

Sie traten hinaus in die Dämmerung. Ein milder Herbstabend, und die zahllosen Fußgänger hetzten längst nicht mehr so getrieben über die Bürgersteige, wie noch vor zwei Stunden, als Herby und Bruce die Bar betreten hatten. Die Alltagshektik auf dem Harold Square war einer eher entspannten Feierabendatmosphäre gewichen.

Gegenüber, auf der anderen Seite der Einunddreißigsten, die senkrecht nach oben strebende Einkaufsgalerie von Abraham & Strauß. Die Fassade war längst erleuchtet, wie kleine Mondraketen glitzerten die Neonlicht-Türmchen über dem Eingangsbereich.

Herby fasste Bruce am Arm und machte eine Kopfbewegung nach Westen. Schweigend schlenderten sie nebeneinander her. Am Madison Square Garden konnte man endlich laufen, ohne ständig jemandem ausweichen zu müssen. Und man konnte einigermaßen ungestört reden.

"Komm, ich zeig' dir einen von zwei Alligatoren." Herby grinste und wies nach links. Sie bogen in die 8th Avenue ein und nach zwei Häuserblöcken in die achtundzwanzigste Straße.

"Woher zum Teufel nimmst du die Sicherheit, dass ich da mitmache?!", knurrte Bruce.

"Ich war dabei, als Kunde." Herby ging überhaupt nicht auf Bruce ärgerliche Frage ein. "Es ist kinderleicht - man spaziert in die Bank, verteilt ein paar Zettel und sperrt den Koffer auf. Weiter nichts." Er spürte, wie aufmerksam Bruce an seinen Lippen hing. "Wirklich aufwendig und schwierig ist nur die Vorarbeit. Aber das haben wir drauf. Das hab ich drauf", er wandte sich Bruce zu und sah ihm fest in die Augen. "Und das hast vor allem du drauf."

"Du verdammter Idiot, du ..." Bruce schimpfte vor sich hin. Es war nicht ganz herauszuhören, ob er Herby oder sich selbst meinte.

Herby blieb stehen und zog seine Gitanes heraus. "Wir stehen jetzt direkt gegenüber der Bankfiliale." Bruce nahm die angebotene Zigarette.

Während Herby ihm Feuer gab, spähte er zum gegenüberliegenden Haus. Eine beleuchtete neoklassizistische Fassade aus rotem und weißem Sandstein. Fünf protzige Rundsäulen zogen sich zwischen den Fenstern über sechs Stockwerke und trugen den schmalen, durchgehenden Balkon des siebten.

Zwei Neonschriftzüge verunstalteten die unteren beiden Stockwerke des prächtigen Hauses: Der Name einer Versicherung und der einer Bank: >New York Traffic Bank<.

Sie setzten ihren Weg fort. "Und da willst du rein?" Herby registrierte die Heiserkeit in Bruce' Stimme.

"Vielleicht." Er zuckte mit den Schultern. "Vielleicht liegt der Alligator auch weiter südlich, im Civic Center. Dort haben die ihre Zentrale."

"Du scheinst ja bestens informiert." Bruce gelang es nicht, noch länger den Entrüsteten zu spielen. Natürlich hatte auch er schon an so etwas gedacht. Wer denkt nicht manchmal an so etwas, wenn die verdammten Dollars schneller rausgehen, als wie sie reinkommen?

"Ich bin ganz unverhofft in eine gute Informationsquelle gestolpert", grinste Herby. Er erzählte von Trisha und ihren Insiderkenntnissen.

"Nicht schlecht", sagte Bruce. "Wie ich dich kenne, hast du auch schon genaue Vorstellung davon, wie es gemacht werden soll."

"Ich weiß sogar, wie wir uns die Bullen vom Hals halten." Er steuerte die Metrostation an der Ecke zur 7th Avenue an. Er wollte in seine Stammkneipe in der Upper Midtown fahren. "Als erstes brauchen wir einen dritten Mann." Herby griff in die Tasche seines Trenchcoats. "Und dann machen wir es genauso, wie die hier."

Bruce entfaltete den herausgeschnittenen Zeitungsartikel, den sein alter Freund ihm gereicht hatte. >Filialleiter stirbt im Kugelhagel<. Sein Atem beschleunigte sich, während er neben Herby die Treppe zum Bahnsteig hinunterging und dabei die Schlagzeile überflog. >Vierter Bankraub nach gleichem Schema innerhalb eines Jahres<

"Das FBI ist ihnen auf der Spur." Herbys braune Augen funkelten verschlagen. "Und was werden die Bullen tun, wenn demnächst wieder eine Bank nach der gleichen Methode hochgenommen wird?"

"Sich noch verbissener an ihre Fersen hängen."

"Korrekt."



13

Sogar Norman Ruther grinste. "Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich in den vielen Jahren meiner Polizeiarbeit, mal einen derartigen Hinweis bekommen habe."

"Und das gleich zweimal", sagte Milo, "der eine durftet nach einem teuren Parfüm, der andere stinkt nach Pferd."

"Eigenartig", der Inspektor lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und schlug schwerfällig die Beine übereinander. "Vermutlich dürfte der Hinweis auf den Pferdeduft eher weiterführen als das Parfüm."

"Wenn unsere Theorie, dass die Täter in New York City wohnen, auf jeden Fall", bekräftigte ich. "Wenn wir alle Läden und Kaufhäuser abklappern wollten, in denen es Parfüm zu kaufen gibt, wären wir vermutlich bis zu unserer Pensionierung beschäftigt. Aber die Orte im Big Apple, an denen es Pferde gibt, sind überschaubar." Ich reichte Norman das Papier, auf dem Milo und ich die Arbeit dieses Vormittags zusammengefasst hatten.

"Der einzige Reitstall in Manhattan ist die >Claremont Riding Academy< in der 175th Straße", begann ich.

Ruther nickte. "Das ist die Reitschule, die Ausritte in den Central Park organisieren."

"Dann gibt es die Trabrennbahn >Yonkers Raceway< in Westchester County mit zwei größeren Gestüten in der Nähe", fuhr ich fort. "In Queens, im Ozone Park, liegt der >Aquaduct Race Track<. Dort finden bis Mai die Pferderennen statt. Ab Mai dann wieder in Long Island, auf dem Belmont Park Race Track. Dort gibt es auch zwei Gestüte. Ansonsten haben wir natürlich im Hudsontal kleinere Anwesen mit Pferdehaltung."

Ruther ließ das Papier sinken. "Also nicht mal zehn Stellen an denen man mit Pferden arbeitet."

"Und über den Daumen gepeilt nicht mehr, als zweihundert bis dreihundert Personen, die überprüft werden müssen", sagte Milo. "Wenn man sich nur auf die Reitlehrer, Pferdepfleger und Besitzer der Gestüte konzentriert."

Ich zuckte mit den Schultern. "Zeitaufwendige Routine. Packen wir sie an, damit wir sie so schnell wie möglich hinter uns haben."

"Ich werd' mal in der Federal Plaza und im Police Department auf den Tisch hauen." Norman Ruther griff zum Telefon. "Wir brauchen noch ein paar Dutzend Leute für diesen Job."

Eine Stunde später saßen wir in meinem Sportwagen. Für heute hatten wir genug. Morgen würden wir allen Menschen in New York City auf die Pelle rücken, die sich intensiv mit Pferden beschäftigten. Eine aufwendige Operation. Selbst wenn wir noch zwanzig oder dreißig Männer und Frauen zur Seite gestellt bekämen, würde es alles in allem sicher eine Woche dauern, bis die Aktion über die Bühne gezogen war. Und dann noch zwei, drei Tage für die Auswertung.

Wie auch immer - ein Fall, für den man einen langen Atem brauchte. Aber das waren wir gewöhnt. Nur der Sonntagsjäger erwartet, dass der Hirsch einen Termin mit ihm ausmacht.

"Pass mal auf, Partner." Milo räusperte sich. "Ich steig heute nicht an unserer Ecke aus."

"Sondern?"

"Lass mich einfach am Singer Building raus, okay?"

"Noch was vor heute?" Milo antwortete nicht. Das Singer Building liegt an der Kreuzung Broadway und Prince Street. Und in der Prince Street hatten wir vor nicht allzu langer Zeit beruflich zu tun ...

Allmählich dämmerte mir, was Milo vorhatte. "Ich kann dich auch direkt zur Bank fahren."

Er grinste ein bisschen verlegen. "Du Schlaumeier. Also gut, angenommen - fahr mich hin."

"Seit wann läuft das mit Trisha?"

"Fängt erst an", grinste er. "Das Mädchen scheint zu den Vielbeschäftigten zu gehören. Heute gönnt sie mir nur drei Stunden. Dann muss sie zu irgendeinem Abendcollege."

"Drei Stunden, um sie zu überzeugen, dass du mehr Zeit wert bist", lachte ich.



14

Raymond Miller fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Der Direktor hatte ihn in sein Büro gebeten! Oh Himmel - was will der Mann? "Er will dich zum stellvertretenden Filialleiter in SoHo ernennen, du Rindvieh, was sonst?"

Er holte den Aufzug und ging nervös auf und ab. Sein Blick fiel auf die Toilettentüren gegenüber.

"Vielleicht will er dir auch in den Hinter treten, weil du in diesem Monat nicht genug Kunden für Prämiensparverträge gewonnen hast ..."

Der Aufzug kam. Die Türen schoben sich auseinander. Miller huschte in die Toiletten und erleichterte sein plötzlich unter Druck stehendes Gedärm. Danach, vor dem Spiegel, rückte er seine Fliege zurecht, betrachtete zufrieden sein glattes Primanergesicht und zog seinen Scheitel nach.

"Er wird dir den Posten in SoHo geben. Mach dir nicht ins Hemd, Miller - du wirst stellvertretender Filialleiter. Du wirst Nachfolger von Bertrand!"

Er drückte die Tür. Sein Atem flog. Er holte erneut den Aufzug. Eine Entspannungsübung fiel ihm ein, die er vor einem halben Jahr in einem Training für Führungskräfte gelernt hatte. Er schloss kurz die Augen, beugte leicht die Knie und und spürte seine Fußsohlen schwer auf dem Boden lasten.

Das Zischen der Aufzugstüren - er öffnete die Augen und stieg ein.

Wie ihm Traum zogen die zehn Minuten an ihm vorbei, die er kurz darauf im Chefbüro verbrachte.

"Wir brauchen junge, ehrgeizige Leute, Mr. Miller", sagte der Direktor, der für Personalfragen zuständig war. "Leute wie Sie, sind das Zukunftskapital unserer Bank."

Miller hatte alle Mühe sein Pokerface zusammenzuhalten. Eine Szene aus der neunten oder zehnten Highschoolklasse schoss ihm durch den Kopf - der Lehrer gab die Lateinklausuren zurück, Millers Hassfach, und Miller hatte eine Eins, die erste und einzige seiner Schullaufbahn: Er war spontan auf seinen Tisch gesprungen, hatte geschrien, wie ein Indianer nach siegreicher Schlacht und hatte einen wilden Tanz auf dem Tisch aufgeführt. Seine Mitschüler waren begeistert, sein Lehrer hatte ihm eine saftige Strafarbeit aufgebrummt.

Er wusste inzwischen, was sich gehörte, und was Strafarbeiten nach sich zog. Mit kaum bewegter Miene hörte er das Loblied des Direktors an und tat so, als hätte er diese Routinebesprechung schon seit seinem ersten Geburtstag in seinem Terminkalender stehen.

"… und deswegen, mein lieber Mister Miller, will Ihnen die Leitung der Bank ihr Vertrauen beweisen, indem sie Sie in diesem Monat noch mit Funktionen eines stellvertretenden Filialleiters hier in der Zentrale betraut, um Sie dann im nächsten Monat als Filialleiter in unserer Filiale in der achtundzwanzigsten Straße einzusetzen ..."

Miller schluckte und versuchte krampfhaft Haltung zu bewahren. In der Achtundzwanzigsten? Filialleiter? Wahrscheinlich hatte er sich verhört.

"… ich weiß, dass Sie in zwei Wochen dreißig Jahre alt werden. Das ist schon sehr jung für einen Filialleiter." Der Direktor setzte ein väterliches Grinsen auf. "Aber wir wollten wenigstens warten, bis eine Drei am Anfang steht, aus personalpolitischen Gründen, Sie verstehen ..."

Er verstand kein Wort. Filialleiter in Chelsea ... Ab nächsten Monat ...

"Ich verstehe", sagte er, und versuchte krampfhaft, die Phrasen zusammenzukratzen, die er andere Leute in solchen Momenten hatte sagen hören. "Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen ..., ich werde mir alle Mühe geben, es zu rechtfertigen ..., ich weiß, was ich der Firma schuldig bin ...", und ähnliche Phrasen spulte er ab. Die Dinge eben, die gewissermaßen rituell festgelegt waren.

Wie auf Wolken verließ er das Büro des Direktors und schwebte über das Treppenhaus zurück ins Erdgeschoss. Bevor er zurück in die Schalterräume ging, flüchtete er sich in die Toiletten. Vor dem Spiegel betrachtete er sein rotes Gesicht. Das Gesicht eines Filialleiters. Das Gesicht eines zukünftigen Direktors. Das Gesicht eines Winners.

Er lachte wiehernd und schüttelte den Kopf. "Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, Miller, du bist ja gut! Du bist ja verdammt gut!"

Wie im Rausch brachte er die letzten drei Stunden hinter sich. Er vergaß seinen direkten Vorgesetzten, der ihn schikanierte, wo er konnte. Er vergaß die Angst der letzten zwei Woche - die Angst, irgendwelche Bankräuber könnten ihn ausspionieren, er vergaß die Frau, die ihm drei Tage zuvor den Laufpass gegeben hatte. Was zum Teufel sollte ihn noch aufhalten?

Später, im North Star Pub, traf er einen alten Bekannten: Herbert Moriga. Der klopfte ihm auf die Schulter. "Dafür dass du mir gegenüber ein schlechtes Gewissen haben müsstest, scheinst du ganz gut gelaunt zu sein."

"Schlechtes Gewissen?" Raymond Miller stutzte. "Ach der Kredit! Tut mir leid, Herby - ich konnte nichts machen! Der Chef hat was läuten gehört von deinen finanziellen Schwierigkeiten. Hätte mich Kopf und Kragen gekostet, wenn ich den Kredit eingefädelt hätte."

"Schon okay." Herbert winkte ab und klappte seine Zigarettenschachtel auf.

"Wie läuft denn das Geschäft." Miller hatte absolut keinen Bock sich irgendwelches Looser-Gejammer anzuhören. Aber er zwang sich zur Höflichkeit.

"Mein Kompagnon hat sich erschossen." Herbert klemmte sich eine Gitane zwischen die Lippen. Miller gab ihm Feuer. "Aber ich mach weiter." Herby wusste, dass er auf jedes einzelne Wort achten musste. "Wird schon wieder."

Eine junge Frau mit blonden, kurzen Haaren kam aus dem Eingangsbereich auf die Theke zu. Trisha Hennessy. Sie nickte Miller kurz zu und begrüßte Herbert Moriga mit einem Kuss auf die Lippen.

"Na so was!", staunte Miller. "Kann New York City so klein sein?" Seine Kollegin und Moriga! Der hatte ihm gar nichts davon erzählt. Nun ja - Miller war auch schon lange nicht mehr ihm Fitness-Club gewesen.

"Ein trauriges Schicksal hat uns zusammengeschmiedet", grinste Moriga. Er legte den Arm um die Frau und führte sie zu einem freien Tisch.

Miller war es recht, nicht länger mit den beiden plaudern zu müssen. Zu Trisha hatte er keinen besonderen Draht und Miller würde früher oder später mit seinen geschäftlichen Sorgen anfangen.

Miller widmete sich wieder seinem Triumpfgefühl und feierte seinen Sieg. Nach einer halben Stunde hatten sich die meisten seiner Kumpel an der Theke eingefunden, und er schmiss eine Lokalrunde. Und das, obwohl er sein Konto schon um fast dreitausend Dollar überzogen hatte. "Was soll's", dachte er, "ich leite demnächst eine Bankfiliale, und ein großer Dampfer muss eine große Bugwelle vor sich herschieben ..."



15

"Ich will ja nicht neugierig sein - aber du hast ein bisschen wenig Zeit für mich, findest du nicht, Baby?" Herby drehte Trisha um und zog sie zu sich auf den Schoß herunter. Behutsam öffnete er den Reißverschluss ihres Kleides.

"Du weißt doch, dass ich zehn Stunden und mehr in der Woche für das Abendkollege brauche." Sie schloss die Augen, und ihre Stimme wurde brüchig.

"Ist ja gut, Baby." Mit den Zähnen streifte er ihr das Kleid von den Schultern. Seine Hände tasteten ihre herrlichen Schulterblätter ab."Du bist eine freie Frau und kannst mit deiner Zeit tun, was du willst." Von hinten schob er seine Hände unter ihre Brüste und begann sie zu massieren.

"Gut, dass du das sagst", flüsterte sie. "Gut, dass du das machst ..."

"Du hast noch einmal Kontakt mit dem FBI gehabt?" Er presste ihren Rücken an seine Brust und hörte nicht auf sie zu massieren.

"Ja ...", flüsterte sie mit geschlossenen Augen. "Ein Spezialverhör ..." Ihre Hände tasteten nach seinem Gürtel. "Der Mann in dem schwarzen Anzug duftete nach Parfüm und der draußen im Auto nach Pferdestall ..."

Er hob ihr Becken an, um seine Hose abstreifen zu können. "Der war doch gar nicht in der Bank - wie wollt ihr zwei Süßen das den gerochen haben ...?"

"Keine Ahnung - ich weiß es einfach ..." Hastig zog sie sich ihr Höschen herunter und strampelte es von ihrem Fuß.

Herby ließ es gut sein. Er nahm, was die Gelegenheit ihm bot. Und das war mehr als durchschnittlich.

Später rauschte das Wasser in der Dusche. Er saß auf dem gleichen Stuhl auf dem er sie genommen hatte und rauchte. Seine Hose lag neben dem Tisch auf dem Boden. Er lauschte ihrem Seufzen, mit dem sie das warme Wasser genoss. In ihm stritten sich zwei Stimmen.

"Sie hat was mit einem vom FBI", zeterte die eine. Die machte ihn wütend.

"Sie ist genauso frei wie du sein willst", sagte die andere, kühle Stimme. "Und sie wird dir jetzt nicht nur Insiderwissen aus der New York Traffic Bank liefern, sondern auch aus dem FBI-Büro. Wenn du es geschickt anstellst ..."

Er zog seine Hosen an. Sie kam aus dem Bad. "Ich bring dich dann nach Hause", sagte er.

"Schon?" Sie machte ein enttäuschtes Gesicht.

"Du hast doch sicher noch was für dein Abend-College zu tun?" Er mimte den Hilfsbereiten.

Sie verstand und sammelte widerspruchslos ihre Kleider zusammen.

Herby lud sie vor ihrem Apartment ab. Die Stimmung war nicht ganz ungetrübt. Er überspielte es durch sein unwiderstehliches Lächeln.

Anschließend fuhr er in die Upper Midtown. Die Parkplatzsuche war doppelt solang wie die Fahrt zu seiner Stammbar. Als er dann endlich eintrat, sah er schon, wie Bruce ungeduldig den Eingang fixierte. Und er sah den Mann neben Bruce. Er gefiel ihm nicht.

"Das ist Ronny", sagte Bruce.

"Hi", der spindeldürre Bursche mit den langen Haaren hob lässig die Hand. Irgendwas an ihm beunruhigte Herby, und er fragte sich unwillkürlich, wie viel Bruce ihm schon gesagt hatte. Alles, stellte sich sehr schnell heraus.

"Ronny ist ...", Bruce grinste verlegen und spielte unruhig mit den Fingern. "Nun, er verdient sein Geld ausschließlich mit solchen Jobs." Er sah den höchstens Dreiundzwanzigjährigen flehend an und wartete auf eine Bestätigung. Der Langhaarige verzog keine Miene. "Er wird fahren", sagte Bruce, "und er kann die ...", er räusperte sich, "nun, die Werkzeuge besorgen ..." Jetzt endlich nickte der Langhaarige zumindest andeutungsweise.

Herby registrierte sein fleckiges, rotes Baumwollhemd, dessen Ärmel sorgfältig zugeknöpft war. Er konnte sich nicht helfen, aber er hielt den Typen für einen Junkie.

"Ich passe Ihnen nicht, Mister, stimmt's?" Der Mann sprach mit einer Stimme blechernen Stimme, die zwanzig Jahre älter klang, als er aussah.

Herby zuckte mit den Schultern. "Ich will keine Firma mit Ihnen Gründen, Ronny. Es gibt einen Job zu erledigen, und ich geh' davon aus, dass Sie das ordentlich erledigen, weiter nichts." Er zog seine vollen Lippen von seinem tadellosen Gebiss. "Wir müssen uns hinterher nicht in die Arme fallen."

Der Mann nickte. Herby ließ sich berichten, woher der Kerl die Maschinenpistolen besorgen wollte. Ein Waffenhändler in der Bronx habe Beziehungen zur Firmenvertretung von Heckler & Koch, über fünf Ecken natürlich, und über fünf Ecken habe er Beziehung zu dem Händler in der Bronx. "Wie es halt so läuft in der Szene." Der Langhaarige sprach mit tonloser Stimme, als würde sein Gemüt durch nichts mehr zu erreichen sein.

Herby nickte. Er sah sich um. Die Nachbartische waren nicht besetzt. "Wir nehmen die Bank in Civic Center, die Zentrale. Kein Mensch rechnet dort mit einem Überfall. Eine Sondereinheit der Polizei für Banküberfälle residiert ein paar Häuser weiter. Scheint beruhigend zu sein." Er grinste. Und Bruce' Blicke schweiften unruhig zwischen ihm und Ronny hin und her.

Herby holte die Liste der Dinge heraus, die besorgt werden mussten. "Anzug, Jackett, Aktenkoffer, schwarze Seidenstoff, Handschuhe, ein Taschenbuch." Er sah Bruce an. "Und du brauchst ein aufdringliches Parfüm ..."



16

Gordener sah die Männer quer über den Hof gehen, als er aus dem Stall trat. Sie trugen dunkle Anzüge und wirkten irgendwie geschäftsmäßig. Deswegen hielt er sie zunächst für Manager eines Reitstalls, die nach guten Rennpferden Ausschau hielten. Das ganze Jahr über wurden Rennen in New York City veranstaltet, fast täglich, und der Verschleiß an Pferden und Jockeys war enorm.

"Suchen Sie jemanden bestimmten?" Die Männer drehten sich um, und Gordener sah, dass ihre Anzüge etwas Verbrauchtes, Nachlässiges hatten. Ihm schwante Übles.

Sie griffen in die Brusttaschen ihrer Jacketts und zogen merkwürdige Plaketten heraus. "FBI!", rief einer der beiden. Gordener, der eben noch lässig auf sie zuging, meinte den Boden unter sich wanken zu fühlen.

"FBI?" Mit größtem Kraftaufwand gelang es ihm weiterzugehen. Nur um Zeit zu gewinnen, streckte er die Hand aus, um die Dienstmarken zu betrachten. Der Anblick der Lady mit der Binde um die Augen und Schwert und Waage in den Händen traf ihn wie ein Fausthieb.

Die Männer zogen jetzt auch ihre Dienstausweise. "Jay Kronburg", brummte der ältere und massigere der beiden. "Und das ist mein Kollege Leslie Morell."

Gordener warf einen flüchtigen Blick auf die Dienstausweise und nickte. "Was gibt es?" Er wunderte sich über den klaren, energischen Klang seiner Stimme. Gott sei Dank - er bekam sich wieder in den Griff.

"'Ne Routineüberprüfung." Jay Kronburg sah sich um. "Sie sind der Eigentümer des Gestüts?"

Gordener nickte. >Routineüberprüfung< - der Bulle schien ihn für naiv zu halten. Er führte sie in seinen alten Wohnwagen neben der Reithalle, wo er sich ein kleines Büro eingerichtet hatte. "Was kann ich für Sie tun?" Er gab sich kooperativ.

Die G-Men wollten wissen, wie viel Mitarbeiter er hatte, wollten die Dienstpläne sehen und notierten sich Adressen und Telefonnummern aller Männer, die auf dem Gestüt arbeiteten.

"Hat einer von meinen Leuten was ausgefressen?", wollte Gordener wissen.

Kronburg zuckte mit den Schultern. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Eine Routineüberprüfung, wie gesagt." Er fummelte einen Zettel aus seinem Notizbuch.

"Für meine Leute lege ich die Hand ins Feuer, ehrlich." Gordener spielte das Spiel mit. "Ich guck mir jeden genau an, bevor ich ihn einstelle. Lauter anständige Bürger, wirklich ..."

"Wo waren Sie an diesen Tagen zu den angegebenen Uhrzeiten?" Kronburg reichte ihm den Zettel. Fünf Daten standen darauf. Das älteste lag über ein Jahr zurück, das jüngste war erst wenige Tage alt. Die Daten der Überfälle.

"Oh Gott, woher soll ich wissen, wo ich an einem bestimmten Tag, vor einem Jahr war?" Gordener grinste gekünstelt.

"Schreiben Sie sich die Daten auf und überlegen Sie in Ruhe." Leslie Morell winkte ab. "Wir rufen Sie morgen an - bis dahin können Sie ja mal in Ihrem Kalender blättern."

"Okay." Er brachte die Männer zum Eingang des Wohnwagens. Durch ein kleines Fenster beobachtete er, wie sie über den Hof zurück zu ihrem Wagen gingen. "Bullshit!" Er schlug sich mit der Faust in die flache Hand. Dann griff er zum Telefon.

Am Abend setzte er sich in seinen Buick und fuhr herunter nach Manhattan. Am St. Vincent's Hospital stieg Oliver Adams zu, an der Sechsundneunzigsten Nobel Warren. In einem düsteren Jazzclub in Harlem hockten sie sich in die hinterste Ecke.

"Ich hab nachgedacht." Über einem schwarzen, runden Tischchen steckten sie die Köpfe zusammen. Trotzdem musste Warren laut sprechen, um sich verständlich zu machen. "Sie kreuzen in deinem Gestüt auf. Sie wollen jeden Mitarbeiter überprüfen. Was folgt daraus?" Auffordernd sah er seine Partner an. Sie zuckten mit den Schultern. "Sie haben ein Spur, die irgendwas mit Pferden zu tun hat." Er musterte Nick Gordener. "Der Typ, der dich vor der Bank in Hartford vollgequatscht hat. Der hat gerochen, dass du nach Pferd stinkst ..."

"Scheiße!" Adams lehnte sich ruckartig zurück und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

"Du spinnst ja", begehrte Gordener auf, "die Bullen werden eine Hinweis nachgehen, der einzig und allein aus einer Duftnote besteht!" Er tippte sich an die Stirn. "Dann können sie gleich alle Parfümerien in Manhattan nach deiner Zuhälter-Audünstung abklappern?"

"Wer weiß?" Warren neigte nachdenklich seinen schmalen Kopf. "Wie viel Leute gibt in New York City, die mit Pferden arbeiten?"

"Sicher tausend", sagte Gordener.

Nobel Warren dachte konzentriert nach. Die anderen beiden nippten an ihren Drinks und beobachteten ihn gespannt. "Das ist nicht ganz einfach durchzurechnen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass alle ein Alibi für diese fünf Daten haben, ist gleich null. Ich schätze, dass knapp fünfundzwanzig Prozent für mindestens eines der Daten kein Alibi haben, und etwa zwölf Prozent für mindestens zwei der Daten nicht. Deine Alibis sind hieb- und stichfest. Die Bullen werden sich also in den nächsten zwei bis drei Wochen mit hundertzwanzig bis zweihundertfünfzig Leuten eingehender befassen."

Gordeners Gesicht verriet, dass er nicht ganz mitkam. Adams dagegen nickte. "Wir müssen uns also eine Zeit lang zurückhalten, um die Bullen möglichst lange auf einer falschen Spur herumschnüffeln zu lassen ..."



17

Die Männer am Nachbartisch stellten ihre Queues in die Halterungen. Sie schnappten ihre Gläser und Zigarettenschachteln und zogen sich in die spärlich erleuchtete Bar zurück.

Herby beugte sich über den Billardtisch und sah ihnen nach. Zwischen seinen Lippen brannte eine Gitane. Er visierte die weiße Kugel und die Bande an. Ein Stoß - die weiße Kugel spritze gegen die Bande, schoss zurück und touchierte die schwarze Kugel. Ohne sie in das angesagte Loch zu versenken.

Mit einem wehmütigen Grinsen an Bruce Strivers Adresse zuckte Herby mit beiden Schultern. "Fehlschlag. Mach's besser."

Striver grunzte unwillig. Er hatte andere Sorgen. "Jetzt erzähl' schon", knurrte er, "wir sind ungestört." Während er sich über den Billardtisch beugte und scheinbar die weiße Kugel anvisierte, spitzte er aufmerksam die Ohren.

"Dein Junkie soll den Kombi besorgen ..."

"Er ist kein Junkie!", unterbrach Striver aufgebracht und stach nach der weißen Kugel. Sie berührte die Schwarze nicht einmal. "Wie oft soll ich dir das noch sagen! Er trinkt nur ein bisschen viel ..."

"… jedenfalls soll er den Wagen besorgen und sich überlegen, wie er die Frau des Direktors aus dem Haus lockt. Übermorgen in einer Woche schlagen wir zu."

"An einem Montag?" Überrascht blickte Striver auf. "Bevorzugen die anderen nicht den Freitag?"

"In der Regel, aber nicht immer." Herby drückte seine Zigarette aus und legte das Queue an. "Wenn sie konkrete Hinweise auf größere Summen hatten, wählten sie auch schon mal einen anderen Tag."

"Und du hast Hinweise?" Bruce stütze sich auf sein Queue. "Hat deine Freundin wieder aus dem Nähkästchen geplaudert?"

"Ja." Herby kniff die Augen zusammen und zielte. "Am Wochenende gibt's ein Open Air Konzert im Seaport. Die Gastronomie in der Gegend wird Hochbetrieb haben. Und die Geschäftsleute werden am Montagmorgen Schlange stehen, um ihre Einnahmen in Sicherheit zu bringen ..."

Das Queue zuckte über seinen Knöchel, die weiße Kugel blitzte gegen die Bande, klackte gegen die schwarze Kugel und versenkte sie im angekündigten Loch.



18

Es lief genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte - eine ganze Woche lang schwärmten wir in achtzehn Zweierteams aus und überprüften jeden Mann, der in New York City professionell mit Pferden zu tun hatte. Und danach hatten wir noch mal fast eine Woche lang zu tun, um alle Alibis zu überprüfen. Ein langweiliger, trockener Job - reine Routinearbeit, aber das gehört nun mal auch zu unserem Polizeialltag.

Am Ende hatten wir eine Liste mit sage und schreibe: sechsundsiebzig Namen. Alles Männer, die für ein oder zwei der Tage, an denen die Überfälle verübt wurden, kein Alibi hatten. Sie alle mussten mit besonderer Sorgfalt überprüft werden. Milo und ich knöpften uns diejenigen unter ihnen vor, die schon vorbestraft waren.

Ein Mann namens Juan Bezaretta erschien uns besonders verdächtig. Er war wegen Raubüberfalls vorbestraft und hatte für keines der fraglichen Daten ein Alibi. Wir wollten an seinem Arbeitsplatz mit ihm sprechen und fuhren in die Upper West Side, wo in der neunundachtzigsten Straße die Claremont Riding Akademie lag. Dort arbeitete Bezaretta als Pferdepfleger.

"He", sagte Milo überrascht, "ich wusste gar nicht, dass es bei dir um die Ecke eine Reitschule gibt!"

"Ich bin ein paar mal dran vorbeigefahren, aber richtig wahrgenommen hab ich Akademie nie."

"Wär doch was für deine Freizeit", sagte Milo, "soll gut für die Psyche sein."

Ich überhörte das höflich. "Apropos Freizeit und Psyche - was macht denn deine neue Flamme?" Ich setzte den Blinker und fuhr durch ein großes, aufgesperrtes Holztor in den Innenhof der Reitschule hinein.

Der missmutige Zug um den Mund meines Partners entging mir nicht. "Hellwaches Mädchen. Interessiert sich für alles. Kann gar nicht genug kriegen von meinen Schilderungen unserer Arbeit." Ich parkte in der letzten freien Parklücke auf dem Hof. Die Reitschule schien sich regen Zulaufs zu erfreuen.

"Allerdings kann sie auch von Männern nicht genug kriegen." Milo öffnete sein Gurtschloss.

"Was willst du mehr?", grinste ich und zog die Handbremse an.

"Interessante Frage." Milo machte keine Anstalten auszusteigen. Offenbar gab es da etwas, was man nicht jedem erzählt. "Was will ich eigentlich mehr ...?" Er wandte mir sein Gesicht zu. Ein verlegenes Grinsen spielte um seine Augen. "Ich habe rausgekriegt, warum sie so wenig Zeit hat - sie hat noch einen Zweiten."

"Oha! Den spritzigen Ex-GI?" Er nickte. "Und woher weißt du das?"

Er lachte trocken auf. "Sie hat es mir gesagt. Und sie hat vorgeschlagen, dass wir uns mal zu dritt treffen."

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. "Da hast du dir ja eine lustige Lady angelacht. Und wirst du dich auf dieses Abenteuer einlassen?" Milo tippte sich an die Stirn und stieg aus.

Kurz darauf wurde es hektisch: Unser Mann war schon seit Tagen nicht mehr an seinem Arbeitsplatz erschienen. "Am gleichen Nachmittag, als Ihre Kollegen hier waren, verschwand er", erklärte uns der Leiter der Reitschule. "Kein Brief, kein Anruf, nicht mal seinen Wochenlohn hat er sich abgeholt."

Wir veranlassten sofort eine Großfahndung. Für ein paar Stunden glaubten wir, dem ersten der drei Bankräuber dicht auf den Fersen zu sein.

Am späten Abend ging ein Hinweis des Nachtportiers eines kleinen Hotels in der Bronx ein. Er behauptete, Juan Bezaretta habe ein Zimmer in seiner Absteige gemietet.

Mit einem Greifkommando rückten wir nach Mitternacht in dem Hotel an. Unser Mann war in seinem Zimmer. Er schien schon zu schlafen, denn das Zimmer war dunkel. Während zwei Kollegen aus der Bank Robbery Task Force sich über die Feuerleiter an Bezarettas Zimmer heranpirschten, schlichen Milo und ich in den zweiten Stock des Hauses und postierten und rechts und links der Zimmertür.

Wir warteten ab, bis wir die Stimmen der Kollegen auf der Feuerleiter in unseren Walkie-Talkies hörten. "Wir haben Stellung bezogen."

Ich nickte Milo zu. Er nahm Anlauf, trat die Tür ein und riss seine SIG mit beiden Händen hoch. "Cool bleiben, Bezaretta! FBI! Wir haben 'ne Verabredung!" Breitbeinig stand mein Partner im Türrahmen. Ich hinter ihm.

Dann ging alles sehr schnell: Bezaretta rollte sich aus dem Bett, riss gleichzeitig eine Waffe hoch und drückte ab.

Milo und ich warfen uns fast gleichzeitig auf den stinkenden Teppichboden. Hinter uns schlug die Kugel über der Tür ein. Bezaretta hechtete auf das Fenster zu. Ich zielte auf die Beine. Wir wollten ihn unter allen Umständen lebend haben.

Er konnte das Fenster noch aufreißen, doch dann holte mein Schuss ihn von den Beinen. Er schrie auf und schlug lang hin. Im gleichen Moment erschien eine Gestalt mit Sturmmaske draußen vor dem Fenster. Mit einem Satz war der Kollege im Zimmer und trat Bezaretta auf die Schusshand.

Blitzschnell war ich auf den Beinen, entwaffnete den Burschen und legte ihm Handschellen an. Wir führten ihn ab.

Die halbe Nacht verhörten wir ihn in der Zentrale der Bank Robbery Task Force. Gegen Morgen waren wir um eine Illusion ärmer: Das vierundzwanzigste Revier der City Police faxte uns das Phantombild eines Mannes zu, der vor fünf Wochen einen Taxifahrer überfallen und getötet haben sollte. Es hatte verflixt viel Ähnlichkeit mit Juan Bezaretta.

Gegen Morgen gab es eine Gegenüberstellung. Ein Zeuge erkannte Bezaretta wieder. Er hatte den Taxifahrer auf dem Gewissen. Daher sein plötzlicher Drang, sich vor uns verstecken. Von einer heißen Spur zu unseren Bankräubern waren wir noch genauso weit entfernt wie zuvor.



19

Herbert Moriga zog das weiße Hemd aus der Zellophanverpackung. Sorgfältig entfernte er die Stecknadeln, mit denen Ärmel, und Manschetten an Brust- und Rückenteil befestigt waren.

Er schlüpfte hinein und knöpfte es zu. Neben der zerrissenen Verpackung dampfte die Gitane im Aschenbecher. Herby steckte sie zwischen die Lippen und verschwand im Bad. Vor dem Spiegel versuchte er einen Krawattenknoten hinzukriegen.

Bruce Striver, der bisher schweigend in einem Sessel vor dem Fenster gesessen hatte, erhob sich und lehnte sich gegen den Türrahmen der Badezimmertür. Er war schon fertig angezogen: Groß kariertes sandfarbenes Sportsakko, rostrotes Polohemd mit grellbunter Krawatte, schwarze Baseballkappe mit eingearbeitetem Schleier, und weiße Lederschuhe, wie sie in Arztpraxen oder medizinischen Bädern verwendet werden.

Es war kein Kunststück gewesen, die Einzelheiten aus Trisha herauszuholen. Sie schwärmte im Augenblick geradezu von der Arbeit ihres zweiten Liebhabers. Und was sie während des Überfalls nicht selbst beobachtet hatte, ergänzte sie durch die wenigen aber hilfreichen Fakten, die sie von diesem Special Agent erfahren hatte.

"Ich bin froh, dass du den Job im Tresorraum übernimmst", sagte Bruce. "Das hätt' ich nicht durchgestanden."

Herby knurrte etwas Unverständliches und reckte das Kinn in die Höhe, um den Knoten zu überprüfen. "So hat die Sache eben einen kleinen Schönheitsfehler. Die Bullen werden sich fragen, warum plötzlich der kleine Breitschultrige in Sonntagsanzug vor dem Tresen auftaucht und der Hagere im sportlichen Outfit den Wachhundjob übernimmt. Aber ein bisschen Verwirrung wird nicht schaden."

Schon während der Planung hatte er gemerkt, wie Bruce nervöser wurde. Als sie den Überfall in seinem Apartment übten, konnte sein ehemaliger Sarge nicht mal mehr das Zittern seiner Hände verbergen. Es gab keine Wahl. Sie mussten die Rollen tauschen. Oder die Sache abblasen. Aber Herbert Moriga war nicht der Mann, der ein Spiel hinwarf, bevor er es nicht gänzlich ausgereizt hatte.

Er griff nach der Parfümflasche und sprühte sich ein. Bruce wedelte die Duftwolke mit den Hände von sich. "Übertreibs nicht, Mensch!", schimpfte er hustend.

Gemeinsam bauten sie die Maschinenpistolen zusammen. Jeder verstaute seine Waffe in seinem Aktenkoffer. "Hier, vergiss das nicht", Bruce wollte Herby das Taschenbuch reichen.

"Quatsch", sagte der, "das musst du doch nehmen. Die Jobs bei einem Überfall kann man schon mal tauschen, Frauen notfalls auch - aber bestimmte Vorlieben, wie zum Beispiel für Bücher, das kann man nicht einfach tauschen!"

Bruce machte ein verdutztes Gesicht. "Stimmt", sagte er schließlich und steckte das Buch in die Außentasche seines Jacketts.

Herby verließ das Apartment eine Viertelstunde nach Bruce. Auf dem Weg zur Metrostation musste er den Hut auf seinem Kopf festhalten, weil ein kräftiger Herbstwind durch die Straßenschluchten Manhattans wehte.

An der sechsundzwanzigsten Straße bestieg er die U-Bahn. Er fuhr nur eine Station weit. Am Madison Square Garden stieg er aus und ging zu dem großen Parkplatz am General Post Office. Dort warteten Bruce und Ronny in einem silbergrauen Toyota-Kombi.

"Auf geht's!" Herby ließ sich auf die Rückbank fallen. "Teufel auch!" Er rümpfte die Nase. "Was für ein widerlicher Gestank!" Bruce drehte sich grinsend um und deutete hinter die Rücklehne des Fahrersitzes. Herby folgte seinem Finger mit den Augen: Im Fußraum neben sich eine große Plastiktüte – halb voll mit Pferdeäpfeln.

"Wo hast du den denn her?", knurrte er.

"Rennbahn." Ronny verzog keine Miene. Er fädelte sich in den Vormittagsverkehr ein und steuerte den West Side Highway an.

"Und den Wagen?", fragte Herby misstrauisch.

"Avis in Baltimore. Ein Kumpel hat ihn für mich angemietet. Mit falschen Papieren."

Herby nickte anerkennend. Der langhaarige Bursche war ihm kein bisschen sympathischer geworden. Aber er verstand seinen Job, das musste man ihm lassen. Auch die Organisation der Maschinenpistolen hatte er ohne Schwierigkeiten gemeistert.

Während sie den West Side Highway nach Süden herunterfuhren, betrachtete Herby das Profil des jungen Mannes. Er hatte sich die Haare unter einer grauhaarigen Perücke gestopft und eine Sonnenbrille aufgezogen. Mehr hatte Trisha nicht über den Fahrer der Bande erzählen können. Trotz ihrer professionellen Informationsquelle nicht.

Eiterpickel bedeckten den Hals und die untere Wangenpartie des Burschen. Auch zwischen den Bartstoppeln erhoben sich entzündete Stellen. Ekel schüttelte Herby. Und plötzlich wusste er, warum er diesen Ronny ablehnte - weil er der lebendige Beweis dafür war, dass Herbert Moriga sich auf die Stufe eines gewöhnlichen Kriminellen herabbegeben hatte.

Herby schob den Gedanken beiseite. Inzwischen war der Highway in die Eleventh Avenue übergegangen. Keiner der Männer sprach ein Wort. Trisha schob sich wieder in Herbys Gedanken. Sobald die Sache hier ausgestanden war, würde er sie vor die Entscheidung stellen. Es war unter seiner Würde, eine Frau mit einem anderen Mann zu teilen. Auch wenn es bis jetzt ganz praktisch gewesen war.

Die Avenue ging in die West Street über. Herby sah auf die Uhr: kurz vor zehn. In knapp zwanzig Minuten würden sie die Gegend um die New York Traffic Bank erreicht haben. Er lehnte sich zurück und ging den Auftritt noch mal Schritt für Schritt durch.

Plötzlich fiel ihm auf, dass Bruce sich ständig mit einem Tuch über die Stirn fuhr. Herby neigte sich nach links, bis er das Gesicht seines ehemaligen Sergeants im Rückspiegel sehen konnte. Der Schweiß stand ihm in dicken Perlen auf der Stirn.

Jetzt erst merkte Herby, dass sein neues Hemd unter den Achseln nass war. Er lüftete die Anzugjacke und schnüffelte. Trotz des intensiven Parfümdufts konnte er den säuerlichen Geruch seines Schweißes riechen. "Du hast ja Angst, Herby", dachte er verwundert.



20

Die letzte Woche in der Zentrale begann. Die letzte Woche als Stellvertreter des Stellvertreters irgendeines stellvertretenden Abteilungsleiters. Die letzte Woche als kleine Nummer.

Das hob Millers Laune ganz erheblich. Und gab ihm zumindest so viel Schwung, dass er trotz seines Katers das stereotype Lächeln aufrechthalten konnte, mit dem er die Kunden zu beraten pflegte.

Er war in der vergangenen Nacht erst gegen drei Uhr aus dem North Star Pub gewankt. Abgefüllt mit einer beträchtlichen Anzahl von Whiskys. Er hatte vergeblich versucht, sie aus der Höhe der Zeche zu errechnen.

"Noch eine Woche", schoss es ihm immer wieder durch den Kopf. "Noch eine Woche, dann bist du Filialleiter." So rettete er sich durch die ersten Stunden des Vormittags.

Trotzdem schielte er immer wieder zu der großen Uhr an der Wand über den drei Glasflügeltüren des Eingangs. Es war kurz nach halb elf, als er hinter dem Kunden, den er gerade beriet, eine Kollegin vorbeistelzen sah, deren Gang ihn stutzig machte: Sie ging, als würde sie sich jeden Moment übergeben müssen - mit steifen Knien und kleinen hastige Schritten.

Sein Beratungsgespräch war schon in der Schlussphase und der Kunde unterschrieb gerade den Sparvertrag, den er ihm aufgeschwätzt hatte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Kollegin dem Direktor einen Zettel auf den Schreibtisch legte. Der sah ruckartig auf und blickte zum Schaltertresen.

Irgendetwas stimmte nicht. Miller drehte sich zum Tresen um. Ein Mann in dunklem Anzug und mit Hut hinter aufgeklapptem schwarzen Aktenkoffer.

Dunkler Anzug, schwarzer Aktenkoffer, Hut ... irgendetwas stimmte nicht.

Miller beeilte sich und fertigte den Kunden ab. Als er ihm lächelnd die Hand drückte, sah er den Direktor zum Tresen gehen. Dort sprach er mit dem untersetzten Mann in dem dunklen Anzug.

Miller wollte näher herangehen, um zu sehen, was dort vor sich ging. In dem Augenblick hob der Mann den Kopf - ein schwarzes Tuch verbarg sein Gesicht. Miller hielt den Atem an. Der Maskierte sah direkt zu ihm. Er fühlte sich wie festgewachsen.

"Ein Überfall! Verdammt, das ist ein Überfall! Du musst einen Alarmknopf drücken!"

Sein entsetzter Blick schweifte durch die Schalterräume. Etwas mehr als ein Dutzend Kunden standen an den Schreibpulten oder vor den Kassenschaltern, oder saßen an den Schreibtischen der Kundenberater. Merkte denn keiner etwas?

Doch - vorn, im Eingangsbereich, sah er einige Kunden die mit erhobenen Händen dastanden - starr wie Marmorstatuen. Und nicht weit von ihnen dicht an der linken Glastür ein Maskierter in kariertem Sakko und weißen Schuhen. Der schwarze Gesichtsschleier hing ihm von der Baseballkappe herab. Er hielt eine Maschinenpistole in Anschlag.

Miller war so maßlos erschrocken, dass er unwillkürlich einen Schritt zur Seite machte. Auf den nächsten Schreibtisch zu. Unter der Kante der Knopf, den Miller noch nie hatte drücken müssen. Der Alarmknopf.

Er streckte den Arm aus. Eine Schusssalve ratterte los ...

Ein Eisklotz schien in seinem Bauch zu explodieren. Herby hielt den Atem an. Sah er recht? Der Kerl da vorn an dem Schreibtisch war das wirklich Raymond Miller? Verflucht - er war es.

Es war bisher gelaufen wie am Schnürchen. Der Direktor hatte versucht, zu Hause anzurufen. Natürlich vergeblich. Ein Viertelstunde zuvor hatte seine Frau nämlich schon einmal einen Anruf bekommen. Von einem Unfallarzt des Beekman Downtown Hospitals. Ihr Sohn wäre nach einem Autounfall auf dem Schulweg schwer verletzt eingeliefert worden. Der Unfallarzt war Ronny gewesen. Und die Frau würde den Betrug frühestens in einer Stunde erkennen.

Jetzt stand ihr Mann vor Herby und bedeutete ihm, mit ihm in den Tresorraum zu kommen. Herby riss ihm den Zettel aus der Hand. Und spürte den Blick von rechts. Und sah auf - direkt in Millers Gesicht.

Jede verdammte Einzelheit ihres langweiligen Alltags erzählte sie ihm, diese geschwätzige Nymphomanin! Jeden Furz, den sie roch! Aber das Miller hier in der Zentrale arbeitete, hatte sie ihm nicht erzählt. Nicht einmal, als sie ihn vor ein paar Tagen im North Star Pub getroffen hatten.

Er verfluchte Trisha. Er verfluchte sich selbst - wie leicht hätte er diesen Zufall ausschließen können. Es war zu spät. Da drüben stand Miller. Er konnte nur hoffen, dass seine Maskerade ihn ausreichend tarnte. Miller durfte auf keinen Fall in seine Nähe kommen.

Er sah, wie Miller einen Schritt auf den Schreibtisch zuging und seine Hand ausstreckte. Herby riss die MP 5 hoch und zog durch. Die Schüsse schlugen trommelnd in den Schreibtisch ein und zerfetzten den Telefonapparat. Miller riss erschrocken die Arme hoch und blieb wie angewurzelt stehen.

Die Schüsse hatten die gedämpfte Atmosphäre stiller Geschäftigkeit jäh zerstört. Etwa dreißig Händepaare wanderten langsam in die Höhe. Herbys Augen flitzten hin und her, um ja keine Bewegung zu übersehen. Er winkte die Mitarbeiter aus dem Geschäftsbereich heraus. Wie für diesen Fall verabredet zwang Bruce die Kunden in seiner Nähe, sich flach auf den Boden zu legen.

Das löste eine Art Schneeballeffekt aus. Keine dreißig Sekunden später lagen alle Kunden und Mitarbeiter im Publikumsbereich bäuchlings auf dem Boden. Bis auf einen. Miller. Herby fuchtelte mit dem Lauf seiner Waffe herum, bis Miller sich ganz am Ende des Geschäftsraums eng an die Wand gepresst auf den Boden legte. Weit weg von ihm.

Dann folgte Herby dem Direktor in den Tresorraum und ließ sich den Koffer mit Geldbündeln vollstopfen ...

Der Schweiß strömte ihm über das Gesicht. Es gelang ihm kaum, seine schlotternden Knie zu beruhigen. Miller presste die Stirn gegen die kalte Marmorfliese und zwang sich tief durchzuatmen. Er kniff seine Schließmuskulatur zusammen. Harn- und Stuhldrang waren fast unerträglich. Wenn dieser Albtraum hier nicht schnellstens zu Ende ging, würde er sich zum ersten Mal seit über fünfundzwanzig Jahren mal wieder in die Hosen machen.

Er wusste nicht warum der Bankräuber ihn gezwungen hatte, sich bis zur Wand zurückzuziehen und erst am anderen Ende des Geschäftsraumes zu Boden zu gehen. Hielt er ihn etwa für gefährlich?

"Na klar - weil du versucht hast, den Alarm zu drücken", dachte er, und ihm schoss durch den Kopf, wieso diese Verbrecher auf Bertrand geschossen hatten. "Es sind doch dieselben, oder?" Er hob den Kopf und sah hinter sich in den Raum. Gut zwanzig Leute lagen flach auf dem Boden. Kunden und Kollegen. Nur vorn am Eingang, der maskierte Kerl mit dem blauen Sakko, der stand. Und winkte Kunden herein, die im Eingangsbereich auftauchten. Und zwang sie, sich ebenfalls auf die Marmorfliesen zu legen.

Schritte wurden laut. Am Tresenende, im Durchgang in den Geschäftsbereich erschien der Maskierte in dem dunklen Anzug. Nicht einmal zwei Sekunden lang streiften seine Augen die Gestalt des Bankräubers bevor er sein nasses Gesicht wieder gegen den kalten Marmor presste. Aber in diesem kurzen Moment brannte sich ein Bild in seine Netzhäute ein, dass ihn noch tagelang beschäftigen würde: Die rechte Hand des Maskierten. Sie steckte in einem schwarzen Handschuh. Ihr Ringfinger umklammerte nicht wie der Mittelfinger den Handschutz der Waffe, sondern stand ein wenig steif ab. Und der kleine Finger des Handschuhs hing merkwürdig schlaff herab. Als gäbe es nicht, was ihn füllen konnte ...



21

Solange wir uns in der Bank aufhielten, sagte Norman Ruther kein Wort. Grimmig sah er sich um und hörte sich die Aussagen der Kunden und Angestellten an. Die Vernehmungen überließ er Milo und mir.

Sobald wir die Zentrale der New York Traffic Bank verlassen hatten, stürmte er mit Riesenschritten auf seinen Dienstwagen zu und fluchte lautstark vor sich hin.

Milo und ich sahen ihm mit hochgezogenen Brauen hinterher. "Sauer", konstatierte Milo.

Ruther holte ein frisch Schachtel West aus dem Dienstwagen. Er brachte es kaum zustande, das Zigarettenpäckchen zu öffnen. Seine Finger zitterten vor Wut. Als die Zigarette endlich brannte, stützte er sich auf das Dach des Wagens und schlug mit der flachen Hand gegen das Blech.

"Vor unserer Nase", knurrte er. "Vor unserer Nase nehmen diese Mistkerle ein Bank aus! Ich fass' es nicht." Noch einmal schlug er auf das Dach. "Wir sind ihnen auf der Spur, und sie wagen es sofort wieder zuzuschlagen, und das vor meiner Nase!" Sein Gesicht war hochrot.

"Nimm's nicht persönlich, Norman", sagte Milo und traute sich tatsächlich zu grinsen. Glücklicherweise sah es unser vorübergehender Chef nicht.

"Wir können die Pferdespur wohl vergessen." Ich fühlte mich leer und enttäuscht. "Jemand, der sich von der Polizei ins Visier genommen fühlt, wird kaum eine Bank ausrauben."

Milo seufzte und machte eine Geste der Resignation. "Wir sind nicht die Einzigen auf dieser Welt, die mal ein, zwei Wochen lang für die Katz' schuften", sagte er. Seine Laune schien nicht beeinträchtigt. "Tröste dich einfach damit, dass wir trotzdem bezahlt werden."

Einige Journalisten waren einfach über das gelbe Absperrband gestiegen. "Stimmt es, dass die Schleierbande schon wieder zugeschlagen hat?!"

>Schleierbande< - so hatten die Medien das Bankräubertrio getauft.

"Wir müssen davon ausgehen", sagte Milo und ging den Reportern entgegen. "Die gleiche Handschrift. Ähnliche Personenbeschreibungen, sogar die Parfümmarke ..."

"Was glauben Sie eigentlich, wozu wir einen Tatort absperren!", brüllte Ruther plötzlich los. "Scheren Sie sich zum Teufel und warten Sie, bis wir eine Presseerklärung herausgeben!"

Irritiert wanderten die Blicke der Reporter zwischen Milo und Ruther hin und her. Mein Partner breitete wie entschuldigend die Arme aus.

"Im Interesse der Öffentlichkeit bestehen wir auf Informationen", setzte eine Journalistin der New York Post zum Widerspruch an.

"Aus ermittlungstaktischen Gründen können wir Ihnen im Augenblick nur bestätigen, dass die New York Traffic Bank überfallen wurde!" Ruther riss die Wagentür auf. "Es gab weder Tote noch Verletzte. Das wär's!" Mit einer herrischen Handbewegung bedeutete er uns endlich einzusteigen.



22

Ein Wort in der Schlagzeile der Dienstagszeitung, die er eben gekauft hatte, fesselte Nobel Warrens ganze Aufmerksamkeit - >Schleierbande<. Mitten auf dem Zebrastreifen, den er gerade überqueren wollte, blieb er stehen und riss die zusammengefaltete Zeitung auseinander. >Schleierbande überfällt Bank vor der Haustür der Bank Robbery Task Force<.

Die schwarzen Buchstaben begannen vor seinen Augen auf und ab zu tanzen. "Was für einen Quatsch verzapft ihr verdammten Schmierfinke da?!", flüsterte er und überflog den Artikel.

Ein Hubkonzert ließ ihn aufschrecken. Hastig verließ er den Zebrastreifen. Er stach in die nächstbeste Bar und bestellte einen Kaffee.

Wort für Wort las er den Artikel. Einmal, zweimal, und noch einmal. Montagvormittag, die New York Traffic Bank, mit Maschinenpistolen, der gleiche Trick, Parfümduft, fast eine Millionen Dollar ...

Er ließ die Zeitung sinken und griff nach dem Kaffeelöffel. Während er konzentriert die braune Brühe umrührte, begann sein scharfer Verstand zu arbeiten ...



23

Achthundertneunzigtausend Dollar ... Herby ließ sich dieses berauschende Zahlwort auf der Zunge zergehen. "Achthundertneunzigtausend ..."

Sorgfältig schob er seine Wäsche über die Geldbündel und schloss die Holztruhe, in der er das Geld deponiert hatte.

Es hatte alles hervorragend geklappt: Bruce hatte sich noch im Wagen umgezogen und am Battery Park absetzen lassen. Er selbst war mit Ronny durch den Holland Tunnel nach New Jersey hinübergefahren. Dort hatte er seinen Anzug in einem Müllcontainer versenkt und das Geld in einen Koffer umgeladen. Mit der Bahn war er zurück nach Manhattan gefahren.

Ronny hatte gegen Mitternacht aus Baltimore angerufen und seine Vollzugsmeldung durchgegeben - Waffen, Pferdemist und Klamotten waren im Atlantik versenkt, den Wagen hatte er nachts vor der Avis-Filiale abgestellt.

Und Raymond Miller hatte ihn nicht erkannt. Sonst wären die Bullen schon längst vor seiner Tür gestanden.

Herby schüttelte fassungslos den Kopf. Er hatte nie daran gezweifelt, dass er den Banküberfall durchziehen würde. Trotzdem fühlte er sich jetzt, wo der ganze Stress hinter ihm lag, ein wenig wie in einem Traum. Es konnte doch nicht wahr sein, dass nun alles vorbei war. Und dass er es geschafft hatte.

Er fühlte sich so ähnlich, wie damals vor sieben Jahren, als der Alligator zuckend vor ihm lag. Und die blutverschmierte, leere Whiskyflasche auf seinen Panzer prallte.

Der Unterschied zu dieser Situation damals allerdings war entscheidend: Vor sieben Jahren hatte er zweihundert Dollar verdient und mit anderthalb Fingern dafür bezahlt. Gestern hatte er mindestens vierhunderttausend Dollar verdient - Ronny bekam zehn Prozent und Bruce die Hälfte des Restes. Und bezahlt hatte er nur mit ein paar Tagen Arbeit und einigen Litern Schweiß.

Herby grinste. Er ging zu seiner Bar und schenkte sich einen Whisky ein. Er lachte laut und zündete sich eine Gitane an. "Glückwunsch, Moriga!", rief er und hob sein Glas. "Gut gemacht!" Er goss den Whisky herunter.

Eine Stunde später holte er Trisha von der Bank in der Prince Street ab. Sie hatte den Nachmittag frei und er hatte sie zum Essen eingeladen. Während des Essens kein anderes Thema als der Überfall auf die Zentrale der New York Traffic Bank gestern Vormittag.

Herby beschränkte sich auf erstaunte Kommentare, kurze Nachfragen und bemühte sich um eine betroffene Miene. Das fiel ihm nicht schwer. Er war schon als Kind erfolgreich in der Theatergruppe seiner Schule aufgetreten. Und die gesprächige Trisha so wild gestikulieren und aufgeregt mit den Augen rollen zu sehen, und zu wissen, dass er die Ursache dafür war - dieses Spiel machte ihm sogar ein bisschen Spaß.

Der Spaß steigerte sich noch ganz erheblich, als er sie später in seinem Apartment aus ihrem engen Kleid und ihrer Wäsche pellte. Dann aber verging ihm der Spaß fast übergangslos: Er zog sie zu sich ins Bett, und sie sank seufzend auf ihn. Plötzlich schien sie zu stutzen und begann geräuschvoll zu schnüffeln. "Was benutzt du denn für ein aufdringliches Parfüm!" Sie presste ihre Nase auf seinen stachligen Schädel.

Ein Eisschauer fegte ihm über die Hirnhaut. Um Zeit zu gewinnen wälzte er sich auf sie und küsste sie wild und stürmisch. "Stinkt kolossal, was?", keuchte er. "Im Fitnessstudio haben sie gestern Abend rumgealbert." Er rieb seinen haarigen Bauch gegen ihren glatten, weichen Körper. Trisha schloss die Augen und stöhnte laut. "Alle Kahlköpfe wurden einparfümiert." Sie war mit ihrer Aufmerksamkeit längst woanders.

Zwei Stunden später lag er rauchend im Bett. Im Bad rauschte das Wasser. Trisha pflegte immer sehr ausgiebig zu duschen. Er grinste. Selten hatte er eine Frau im Bett gehabt, die sich so aufs genießen verstand. "Die kriegt noch vom Duschen einen Orgasmus", dachte er grinsend.

Er stand auf und ging ins Bad. Er wollte es endlich hinter sich bringen. Auf dem Waschbecken die Flasche mit dem Parfüm. "Bullshit!" Er ließ es im Toilettenschrank verschwinden.

Trisha drehte das Wasser ab und zog den Duschvorhang auf. Er betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. "Ich werde im November ein paar Wochen Urlaub machen", sagte er. "In Brasilien. Hast du Lust mitzugehen?"

"Au ja!" Vergnügt küsste sie ihn in den Nacken. "Wenn du mich mitnimmst?"

"Ich wüsste nicht, was ich lieber täte – nur ..." Er drehte sich um, fasste ihr Kinn mit beiden Händen und hielt ihren Kopf fest. "Nur musst du dich entscheiden - ich teil' dich nicht länger mit diesem Bullen. Klar!?"

Sie machte sich los und funkelte ihn wütend an. "Spießer!"



24

Das Geschäft lag in einer kleinen Seitenstraße der Second Avenue in der südlichen Bronx. Nobel Warren und Oliver Adams schienen aufmerksam die Auslagen in dem vergitterten Schaufenster zu betrachten. In Wirklichkeit warteten sie darauf, dass der einzige Kunde, der sich im Laden aufhielt, endlich verschwand.

Endlich sahen sie ihn von der Ladentheke weg den Ausgang ansteuern. Die kleine, vergitterte Eingangstür öffnete und schloss sich geräuschvoll, und hinter ihnen eilte ein älterer Mann über die Straße.

"Okay." Nobel Warren nahm seine abgegriffene, lederne Tasche auf und setzte sich in Bewegung. Er betrat als Erster den Laden. Adams folgte ihm. Er schloss die Tür hinter sich und drehte das weiße Blechschild in Augenhöhe der Tür um. >Closed< war jetzt von außen zu lesen.

"He! Was soll das!?" Der bärtige Hüne hinter der Ladentheke blies seinen gewaltigen Brustkorb auf und stemmte die fleischigen Pranken in die Hüften. "Du drehst sofort das Schild wieder um, oder ...!"

"Wir wollen nur in Ruhe mit Ihnen reden, weiter nichts." Nobel Warren unterbrach ihn scharf.

Die Augen des Hünen wurden schmal. Seine Hand tastete nach einer Schublade im Tresen. Adams schoss an Warren vorbei. Blitzschnell bohrte sich seine Faust über die Ladentheke hinweg in den Solarplexus des Waffenhändlers. Warren riss den zusammenklappenden Mann über den Tresen, bog dessen Arme auf den Rücken und fesselte ihn mit Handschellen.

Zu zweit zerrten sie ihn ins Hinterzimmer und stießen ihn auf einen Stuhl. Adams band ihm Arme und Beine am Stuhl fest.

"Wem hast du in letzter Zeit zwei Maschinenpistolen MP5 Heckler & Koch verkauft?" Warren ging vor dem Mann in die Hocke und fixierte ihn mit kaltem Blick.

"Du bist Warren, dieser verdammte Privatdetektiv, stimmt's?", krächzte der Waffenhändler.

"Ich hab dich was gefragt!", zischte Warren.

"Es wäre illegal solche Waffen zu verkaufen, bei mir ..."

Warren riss seine Ledermappe auf und zerrte eine MP heraus. Wütend stieß er ihren Lauf in die Rippen des Riesen. "Und was ist das hier?!" Der Mann schrie auf. "Die haben wir über Mittelsmänner von dir gekauft! Und jetzt die Antwort auf meine Frage!"

"Ich ... ich ... darf keine Kunden preisgeben", stammelte der Mann. Sein Gesicht war plötzlich aschgrau. Kleine Schweißperlen traten auf seine Stirn. "Ich würde ja mein Geschäft ruinieren."

"Was nützt dir dein Geschäft, wenn du dein Leben ruiniert hast", sagte Warren leise und nickte Adams zu. Der stellte sich vor den zitternden Mann hin und zog ein Klappmesser aus der Tasche. "Also - die Antwort", flüsterte Warren ...



25

Wenn Herby später an diesen Freitag zurückdachte, schüttelte ihn jedes Mal ein kalter Schauder. Es war einer der schwärzesten Tage seines Lebens. Schlimmer als der, an dem er seine anderthalb Finger verloren hatte. Viel schlimmer.

Es begann damit, dass ihn Trisha frühmorgens aus den Federn holte. Gnadenlos ließ sie kurz nach sieben das Telefon läuten. Immer wieder, bis er nach fast zehn Minuten endlich das Kissen von seinem Kopf riss und fluchend den Hörer abnahm. "Guten Morgen, Herby, ich weiß, dass ich dich geweckt habe."

Ihre Stimme machte ihn hellwach. Sie klang anders als sonst. Ernster, konzentrierter. "Trisha?" Es musste schon etwas Wichtiges sein, wenn sie ihn vor der Arbeit anrief.

"Ich hab dir was zu sagen, Herby - ich gebe Milo nicht auf. Entweder du nimmst mich wie ich bin, oder du lässt es bleiben." Sie schwieg. Er hörte ihren Atem. Und spürte, dass ihr diese Sätze nicht leicht fielen. Ihn überraschten sie. Herby hätte schwören können, dass Trisha den Bullen sausen ließ. "Ich mag vielleicht manchmal ein bisschen naiv wirken, Herby. Aber ich lass mich in keinen Käfig sperren. Auch in keinen goldenen." Dann legte sie auf.

Herby warf den Hörer über den Nachttisch hinweg auf den Boden und hörte wie das Telefon mit heruntergerissen wurde. Er ließ sich seufzend in sein Bett zurückfallen. "Bullshit!" Er tastete nach der Zigarettenschachtel neben dem Bett auf dem Teppich und zündete sich eine an. Grübelnd lag er auf dem Rücken und stierte in die zur Decke steigenden Rauchkringel.

Trishas Entscheidung schmerzte ihn. Nicht nur, weil er sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte. Nein - weil er in sie verliebt war. Und durch ihre Entscheidung war sie ihm noch liebenswerter geworden. "Ich Idiot! Hast sie für käuflich gehalten!"

Er verfluchte sich für die Arroganz, mit der er sie vor die Entscheidung gestellt hatte. "Wie ein kleines Kind, das man mit Schokolade zu locken versucht", murmelte er.

Und er verfluchte den FBI-Agenten, der ihr den Kopf verdreht hatte. Plötzlich verspürte er eine wilde Lust, sich mit dem Mann zu prügeln. "Das wird Trisha-Mädchen wenig beeindrucken", dachte er seufzend. "Aber vielleicht würde es mich erleichtern." Er setzte sich auf und drückte die Gitane aus.

Unschlüssig sah er sich in der Küche um. Nein - keine Lust, Kaffee zu machen. Er entschloss sich, auswärts frühstücken zu gehen. In seiner Bar in Upper Midtown.

Ohne zu duschen schlüpfte er in seine Kleider und nahm seinen Trenchcoat von der Garderobe. Im Hinausgehen fiel sein Blick auf die Holztruhe unter dem Garderobenspiegel. Heute Abend würde er sich mit Ronny und Bruce treffen. Die beiden wollten ihren Anteil.

Mit der Metro fuhr er hinüber in die Upper Midtown. Der Blick in die Zeitung versöhnte ihn vorübergehend - die Polizei fahndete intensiv nach der sogenannten >Schleierbande<.

Das Frühstück zog sich hin, und Herby tat etwas, wozu er sich selten hinreißen ließ - er trank Whisky vor dem Mittagessen. Und nicht nur einen. Der Frust hatte sich ihm bleiern aufs Gemüt gelegt. Missmutig schloss er am frühen Nachmittag die Haustür zu seinem Apartmenthaus auf.

Im Briefkasten fand er einen Stapel Post. Während der Aufzug ihn in das fünfte Obergeschoss transportierte, sah er die Briefe durch. Rechnungen vor allem. Urlaubsgrüße von einem alten Freund, und Werbung. Und ein Brief ohne Absender.

Kaum in seiner Wohnung, riss Herby den Brief auf. Während er las, breitete sich ein Eisschauer über seinen Hirnhäuten aus. Bis in den Brustkorb hinunter rieselte die Kälte. Herby ließ sich stöhnend auf seine Couch sinken und las ein zweites Mal:

"Leben und leben lassen, Mr. Moriga. Ich denke, das ist ein Prinzip, auf das wir uns einigen können. Wenn Sie das genauso sehen, wird es Ihnen sicher nicht schwer fallen zweihunderttausend Dollar an einen Menschen zu zahlen, der sich für das >Leben-lassen< entschieden hat. Im Hinblick auf ihre Person meine ich. Mit der Finanzierung werden sie sicher weniger Sorgen haben, als Sie es hätten, wenn das FBI plötzlich vor Ihrer Tür steht. Und achthundertneunzigtausend Dollar scheinen mir doch ein solides Fundament zu sein, oder? Mit der Übergabe stelle ich mir das folgendermaßen vor ...<

"Ich werde wahnsinnig", stöhnte Herby, "ich werde wahnsinnig ..." Erpressung, das war das Letzte, womit er gerechnet hatte. Der Schock hatte ihn wieder hellwach gemacht. Keine Spur mehr von dem faden Whiskyschleier in seinem Kopf. "Wer will mich hier in die Pfanne hauen? Trisha? Bruce? Oder Miller?" Sollte der ihn doch erkannt haben? Er nahm den Brief hoch und las weiter:

>... Sie gehen morgen um vier Uhr nachmittags in das Intrepid Sea, Air & Space Museum auf dem Flugzeugträger auf dem Hudson. Dort wird zurzeit ein alter Bomber ausgestellt, eine Boing B 17 G, Baujahr 1941. Die Geschützkuppel ist zugänglich. Und genau dort legen sie das Geld unter den Gefechtsstandsessel und verschwinden wieder. Um alles weitere kümmere ich mich dann, keine Sorge ...

"Du Mistkerl", zischte Herby, "du verdammter Mistkerl!" Wie ein Tiger im Käfig lief er in seinem Apartment zwischen Fensterfront und Flur hin und her. Immer wenn er das Fenster erreichte und in den verhangenen Herbsthimmel blickte, stieß er einen Fluch aus. Keine Spur mehr von dem jungenhaften, sympathischen Grinsen auf seinem kantigen Gesicht.

Irgendwann schnappte er sich die Whiskyflasche aus seiner Bar und warf sich aufs Bett. Den Kopf gegen die Wand gelehnt, eine Gitane zwischen den Lippen, trank er aus der Flasche und brütete vor sich hin.

Der Whisky dämpfte seine Zuversicht noch weiter, und Herby wurde immer missmutiger. Er schmiedete abwechselnd Mordpläne gegen Trisha, Miller und den FBI-Agenten. Und manchmal sogar gegen Bruce.

So schlichen die Stunden bis zum Abend dahin, kein annähernd realistischer Plan formte sich in seinen Hirnwindungen. Das Telefon riss ihn schließlich aus seiner dumpfen Melancholie. Aber nur für wenige Sekunden. Bruce war am Apparat. Und der heisere und hohle Klang seiner Stimme war schon ein Vorbote der nächsten Hiobsbotschaft. Und noch nicht mal der letzten dieses rabenschwarzen Tages.

"Ronny ist tot."

Herbys Kinnlade fiel herunter. Seine Augen wurden schmal. In seinem Kopf schien sich etwas zusammenzukrampfen.

"Herby? Bist du noch dran?"

"Wie tot ...?" Herby wusste selbst wie blöd seine Frage klingen musste.

"Verflucht!", grinste Bruce heiser. ">Wie tot< ... Er ist tot, verdammt! Tot! Tot! Tot! Irgendjemand hat ihm die Gurgel durchgeschnitten!"

Keine Frage: Bruce' Nerven lagen blank. Es hörte sich ganz so an, als hätte er Angst. "Hast du 'ne Idee?" Herby spürte, wie seine Stimme brach.

"Die Leute, über die er das Werkzeug besorgt hat, haben mir einen Tipp gegeben. Aber nicht am Telefon."

"Ich hol' dich ab." Herby legte auf. Mit gerunzelter Stirn und aus schmalen Augen stierte er in den vollen Aschenbecher auf seinem Nachttisch. Verwirrt fuhr er sich über den stachligen Schädel. Der Erpresserbrief, Trisha, Miller, und der unsympathische Ronny sollte tot sein ... Seine Gedanken fuhren Karussell.

Er schüttelte sich. Ab ins Bad, eine kalte Dusche, fünfzehn Minuten später stapfte er durch den Abend. Kein freies Taxi zu sehen - er eilte zur nächsten Metrostation und fuhr Richtung Süden.

Er brauchte über eine Stunde, bis er oben in der nördlichen Bronx das Wohngebiet erreichte in dem sein ehemaliger Sarge wohnte. Gleich als er in seine Straße einbog, sah er die Bescherung: Ambulanzwagen, Streifenwagen, zivile Fahrzeuge, Menschenansammlung vor einem der Häuser.

Es war auf diese Entfernung nicht auszumachen, dass es sich um den Mietblock handelte, in dem Bruce seine Wohnung hatte. Trotzdem schien sich ein schwerer Vorhang über Herbys Brustkorb auszubreiten. Mit weichen Knien setzte er seinen Weg fort. Nicht ohne sich eine Gitane in den Mund zu stecken.

Natürlich war es das Haus von Bruce. Sie hatten den Vorplatz noch nicht mit gelbem Band abgesperrt und Herbert gelangte ungehindert bis ins Treppenhaus.

Was auch immer hier vorgefallen war - es war erst vor Kurzem geschehen. Die Cops hasteten noch ziemlich kopflos herum, eine organisierende Einsatzleitung schien noch nicht zu existieren, niemand fragte ihn, was er hier zu suchen hätte.

Herby stapfte zielstrebig die Treppe hinauf. Als würde er in diesem Haus wohnen. Cops kamen ihm entgegen, Polizisten in Zivil überholten ihn, es wurde geschrien und geflucht.

Die Tür zur Wohnung des Sarge stand weit auf. Herby verlangsamte seinen Schritt. Uniformierte Rücken versperrten die Sicht in die Wohnung. Die Cops schienen sich um etwas zu scharen, was im Flur der Wohnung auf dem Boden lag. Etwas, das für die angespannte Stimmung verantwortlich war, die im Treppenhaus vibrierte.

Einer der Cops drehte sich um, machte einen großen Schritt aus der Wohnung und drängte sich an Herby vorbei die Treppe hinunter. Für einen kurzen Moment war der Blick auf Bruce freigegeben - mit seltsam verdrehtem Kopf und weit von sich gestreckten Gliedern lehnte er gegen die Wand seines Flurs. Ein breiter Schlitz klaffte in seinem Hals, und vom Kragen seines ausgebleichten Jeanshemdes bis hinunter an seinen Hosenbund zeichnete sich ein große, hellroter Fleck ab.

Ein Cop drehte sich nach Herby um. "Bitte weitergehen", sagte er in geschäftsmäßigem Tonfall und wies auf die Treppe.

Herbys Beine wären sowieso weitergegangen. Sie gingen, ohne dass er sie noch steuern konnte. Den Blick starr vor sich auf die ausgetretenen Stufen gerichtet, kletterte er das Treppenhaus hinauf, bis nichts mehr ging.

An der Speichertür ließ er seine Stirn gegen das kühle Türblatt fallen und schloss die Augen. Gleichzeitig fummelte er die Zigarettenschachtel aus der Tasche seines Trenchcoats.

Er drehte sich um und rutschte an der Tür entlang auf den Boden. Dort blieb er hocken und rauchte. Trisha verloren, einen Erpresser im Nacken und jetzt schien es auch noch jemand auf sein Leben abgesehen zu haben.

Herby hatte plötzlich das Gefühl, dass der geniale Banküberfall ihn unter Umständen mehr kosten könnte, als nur anderthalb Finger ...



26

"Okay, wir sind schon unterwegs." Ich legte den Hörer auf und angelte mein Jackett von der Stuhllehne. "Komm, Partner - unsere Kollegen von der City Police haben ein Lager mit zwei Dutzend MP5 gefunden."

Milo schaltete seinen PC aus. "Wo?"

"Bei einem toten Waffenhändler in der Bronx."

Wir waren erst eine Stunde im Büro an diesem Freitagmorgen. So früh auf eine neue Spur gestoßen zu werden, hatten wir nicht erwartet. Ich hoffte jedenfalls, dass es eine sein würde.

Ich steuerte unseren Dienstwagen, einen grauen Mercury, durch die morgendliche Rushhour. Milo hatte das Rotlicht aufs Dach geklebt. Wie ein Reißverschluss öffnete sich vor uns die zäh dahinkriechende Blechlawine.

"Was macht die Liebe?", fragte ich.

"Kompliziert." Milo strich sich nachdenklich durch seine dunkelblonde Mähne. "Ich wollte ihr eigentlich den Laufpass geben. Sie ist ein bisschen naiv, die gute Trisha. Und ich bin entschieden zu eitel, um eine Frau mit einem anderen zu teilen."

"Und?"

"Diesem Moriga scheint es ähnlich zu gehen. Er hat sie vor die Wahl gestellt - er oder ich." Es zuckte um Milos Mundwinkel. Die Affäre schien ihm Spaß zu machen. ">Mach' was du willst, Mädchen<, habe ich gesagt. >Du bist frei.<." Jetzt grinste er über das ganze Gesicht. "Und sie hat sich für mich entschieden."

"Gratuliere, Partner."

"Wär' schade gewesen. Sie ist verdammt gut im Bett." Er seufzte und machte ein genießerisches Gesicht.

Ein merkwürdiges Gespräch auf dem Weg zu einem Toten, dachte ich. Aber so ist das im Leben. Die einen lieben, die anderen hassen, die einen blühen auf, die anderen sterben. Tod und Leben liegen manchmal so verdammt nah beieinander.

Die Leiche des Waffenhändlers sah nicht so aus, als hätte der Mann vor seinem Tod noch allzu viel zum Lachen gehabt. Sie wies schwere Verletzungen auf. "Irgendjemand hat den Mann gefoltert, um etwas aus ihm herauszupressen", sagte der Pathologe vor Ort. "Jedenfalls seh ich das so."

Die Kollegen von der City Police zeigten uns das Waffenlager. "Der Gedanke ist verlockend, nicht wahr?" Milo griff sich eine der Maschinenpistolen. "Unsere Bankräuber haben sich hier ihre Waffen gekauft. Wie aber passt der Tod dieses Kleiderschranks da hinein?" Er machte eine Kopfbewegung zu der Leiche des Mannes. Unsere Kollegen hatten ihn vom Stuhl losgebunden. Zu sechst versuchten sie nun den Koloss in den Leichensack zu hieven.

Ich zuckte mit den Schultern. "Frag mich was Leichteres."

Wir stellten den ganzen Laden auf den Kopf. Und die Wohnung des Waffenhändlers dazu. Die Sondereinheit wurde von den Ermittlungen im Rennstallmilieu abgezogen und auf drei Dutzend Leute angesetzt, deren Namen wir in einer Datenbank des Waffenhändlers fanden.

Am späten Nachmittag wussten wir, dass zwei Männer auf der Suche nach Leuten waren, die Maschinenpistolen des Typs MP5 Heckler & Koch gekauft hatten. Und wer in letzter Zeit solche Waffen gekauft hatte, erfuhren wir auch: Ein gewisser Ronny Perlman aus der Lower East Side.

Der Besuch bei ihm gestaltete sich relativ unkompliziert: Er konnte weder lügen noch die Wahrheit sagen. Er war tot. Und als wir in seinem Bekanntenkreis recherchierten, stießen wir prompt auf die nächste Leiche. Bruce Striver hieß der dritte Tote dieses Tages. Ein Reserveoffizier der Army.

Schweigend standen wir vor ihm. "Verdammt noch mal!", fluchte Ruther, den wir an den Tatort geholt hatten. "Was wird hier eigentlich für'n Spiel gespielt!?"

"Keine Ahnung, Norman." Ich zuckte mit den Schultern und deutete mit dem Kopf auf den Toten. "Ich weiß nur, dass der arme Kerl mit den anderen beiden Leichen mehr als nur den hässlichen Schlitz in der Kehle gemeinsam hat ..."



27

Der Knauf der Waffe fühlte sich warm und feucht an. Miller hatte sie auf dem ganzen Weg von der U-Bahn Station bis zum Flugzeugträger in seiner Manteltasche umklammert gehalten. Er schätzte Moriga nicht so ein, dass er gewalttätig gegen ihn werden würde, falls er ihn ertappte. Aber er wusste, dass der kleine bullige Mann jahrelang bei der Army gewesen war. Und das flößte ihm Respekt ein.

Nicht genug Respekt allerdings, um vor einer Erpressung zurückzuscheuen. Die Entscheidung zwischen einer Aussage gegen Moriga und üppigen Bonus, den er sich durch sein Schweigen verdienen konnte, war Raymond Miller nicht schwer gefallen. Ab kommenden Montag würde er zwar als Filialleiter arbeiten und fast ein Drittel mehr verdienen als bisher - aber was das schon gegen zweihunderttausend, die man im Vorübergehen mitnehmen konnte? Und ohne allzu viel dafür zu tun.

Er zahlte das Eintrittsgeld und mischte sich unter die Besucher des Marinemuseums. Natürlich hatte er sich wenigstens andeutungsweise getarnt: Angeklebter Bart, große Hornbrille mit Fenstergläsern, Baskenmütze und einen altmodischen Dufflecoat.

Er spähte aufmerksam um sich, während er sich dem alten Bomber näherte. Es war kurz nach vier. Zeit sich in die Schlange vor der Boing einzureihen.

Auf der anderen Seite des Flugzeugs verließen die Besucher über eine kleine Gangway wieder den Rumpf der Maschine. Miller entdeckte den Trenchcoat Morigas und suchte rasch Deckung hinter dem breiten Rücken des Familienvaters vor ihm.

Als er den Bomber betrat, spürte er seinen Herzschlag in den Schläfen dröhnen. Er war solche Abenteuer nicht gewohnt. Konkurrenzkampf in der Firma war nur halb so aufregend.

Misstrauisch sah er sich um. Von Moriga keine Spur. Es hatten nicht mehr als ein oder zwei Personen Platz in der MG-Kapsel. Der breitschultrige Mann vor ihm erklärte seinen Söhnen in aller Breite die Gefechtskapsel des Bombers. Miller trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

Endlich schob der Mann seine Kids vor sich her aus der Maschinengewehrstellung der fliegenden Festung. Miller schlüpfte hinein. Er ging in die Knie tat, als würde er jede Einzelheit genauestens begutachten. Während er seinen Fotoapparat anlegte, achtete er darauf, dass sein Körper den hinter ihm Stehenden den Blick auf den Sessel des Schützen versperrte.

Er blitzte in dem Gefechtsstand herum. Seine linke tastete währenddessen unter den Stuhl vor dem MG. Er spürte ein Kuvert aus festem Karton. Enttäuschung schoss durch seine Adern. In so einem kleinen Karton würde man kaum zweihunderttausend Dollar unterbringen.

Er riss das Kuvert heraus und ließ es unter seinem Mantel verschwinden.

Hastig drängte er sich aus der Gefechtskapsel. Er konnte den Flugzeugträger gar nicht schnell genug verlassen. Am Hafen bestieg er ein Taxi und nannte seine Adresse.

Im Font des Wagens rückte er aus dem Bereich, den der Fahrer über den Rückspiegel einsehen konnte. Mit zitternden Fingern riss er das Kuvert auf. Über einigen Lagen von Hundert-Dollar-Noten ein Brief. Er zog ihn heraus und entfaltete ihn.

>Leben und leben lassen< - bin ganz Ihrer Meinung. Hier eine Anzahlung. Achttausend Dollar. Eine Art Vertragsabschluss. An die große Summe komme ich erst im Lauf der nächsten Woche heran. Bitte um Instruktionen für die Übergabe der weiteren Hundertzweiundneunzigtausend ...<



28

Herby blieb im Flugzeughangar des Flugzeugträgers, wo japanische Kampfflugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg ausgestellt waren. Er drückte sich um die erste Maschine herum, fotografierte sie von allen Seiten und schielte ständig nach der Boing am Ende der Startbahn.

Schon als er den Typen mit der Baskenmütze und dem lächerlichen Dufflecoat aus dem Inneren der Maschine die kurze Gangway hinaufsteigen sah, war ihm klar, dass das der Mann sein musste, der sein Geld abholen wollte. Und gleich beim zweiten Blick erkannte er Miller.

"Du Witzfigur", murmelte er, als er ihn aus dem Bomber steigen sah. Er sah ihn von Bord eilen und im Hafen in einem Taxi verschwinden.

Niedergeschlagen trat er den Heimweg an. Was sollte er tun? Er konnte töten, natürlich. Als Soldat war er dazu ausgebildet worden. Und er hatte getötet: Im Golfkrieg, bei Sondereinsätzen gegen die columbianische Drogenmafia.

Er fühlte sich erschöpft, als er die Treppe zur U-Bahn Station herabstieg.

Und vielleicht würde er wieder töten müssen. Wenn die Leute, die Ronny und Bruce auf dem Gewissen hatten, auch ihm an den Hals wollten, dann würde er seine Haut so teuer wie möglich verkaufen.

Aber Miller zu töten - das wäre vorsätzlicher Mord. Herbert Moriga war zwar ein bisschen verrückt, und sein Lebenslauf und Lebensstil entsprach nicht unbedingt amerikanischem Normalmaß. Aber er war kein Mörder.

"Vor nicht allzu langer Zeit hättest du auch noch beteuert kein Bankräuber zu sein", murmelte er vor sich hin.

Wenn er Raymond Miller andererseits die Zweihunderttausend einfach so in den Rachen warf, würde es sicher nicht lange dauern, bis der mehr fordern würde. Vielleicht konnte er sich irgendwie mit ihm einigen ...

Er horchte auf, als die Konservenstimme aus dem Lautsprecher die achtundzwanzigste Straße ankündigte. Schnell stand er auf und drängte sich durch die stehenden Fahrgäste hindurch auf den Bahnsteig.

Er ging in die nächstbeste Bar und versuchte, seinen Frust und seine Angst mit zwei doppelten Whiskys herunterzuspülen. "Du trinkst ein bisschen viel, Herby. Wenn du aus dieser Scheiße wieder herauskommen willst, brauchst du einen klaren Kopf."

Er legte einen Schein und ein paar Münzen neben das leere Glas. Es war schon dunkel, als er auf die Straße trat.

Vor einer Woche um diese Zeit wollte noch niemand zweihunderttausend Dollar von dir, dachte er. Vor einer Woche um diese Zeit himmelte Trisha dich noch an. Und Bruce lebte noch. Und du musstest keine Angst haben vor Leuten, die dir den Hals durchschneiden wollen.

Er verfluchte den Tag, an dem er sich entschloss die Zentrale der New York Traffic Bank auszurauben.

Grübelnd stieg er die Vortreppe des Hauses hinauf, in dem er wohnte. Den alten, weiß-blauen Buick auf der anderen Straßenseite beachtete er nicht.



29

Die gute Trisha war auf ihre Art ein entzückendes Mädchen: Sie versprühte einen verführerischen Charme, schien ein hitziges Temperament zu haben, und verfügte über eine witzige Schlagfertigkeit, die das Zusammensein mit ihr zu einem Vergnügen machten.

Ich konnte meinen Partner verstehen. Von so einer Frau trennt man sich nicht freiwillig.

Wir waren zu dritt unterwegs an diesem Freitagabend. In SoHo, im >Mezzogiorno<, aßen wir zusammen. Milo hatte uns eingeladen. Lange nach Mitternacht landeten wir nach Umwegen über vier oder fünf Bars in einer unserer Lieblingskneipen - in >McSorley's Old Alehouse<. Der Wirt dieser Spezialkneipe behauptet standhaft, die älteste Bar in New York City zu führen. Wir hatten das noch nicht nachgeprüft. Jedenfalls ist es die Kneipe mit der besten Atmosphäre und mit verdammt gutem Bier.

Milo und ich dachten mit keinem Gedanken an unseren Job, als wir zu dritt die abgewetzten Barhocker an der Theke von >McSorley's< bestiegen. Und ehrlich gesagt: Wir waren nicht mehr ganz nüchtern. Eben hatten wir angestoßen und tranken von dem fetten, dunklen irischen Bier, da hatte Trisha nichts Besseres zu tun, als uns an die Bankräuber zu erinnern, die wir hinter Gitter bringen wollten.

"Guckt mal die Typen da hinten an dem Tisch", kicherte sie, "die sehen aus, wie die beiden Kerle, die meine Bank überfallen haben."

Synchron fuhren unsere Köpfe herum. Fehlanzeige: Das Einzige, was die beiden Männer mit den Beschreibungen der beiden Bankräuber gemeinsam hatten, waren ihre Klamotten. Aber selbst das nur entfernt. Dem smarten, dürren Burschen mit dem dunklen Nadelstreifenanzug fiel sein langes, welliges Haar bis über die Schulterblätter hinab. Und der andere, der ihm gegenüber am Tisch saß, trug zwar eine sportliche Kombination, hatte aber schwarze Hautfarbe und war groß und breitschultrig, wie ein Basketball Star.

"Mensch, Trisha!" Milo machte ein weinerliches Gesicht. "Kannst du uns nicht mal wenigstens zwei Stunden lang mit dieser leidigen Geschichte in Ruhe lassen?"

"Nein, das kann ich nicht", kicherte sie, "ihr seid Polizisten, und Polizisten sind immer im Dienst."

"Stimmt, Mädchen", sagte ich gönnerisch. "Höre also mein dienstliches Urteil: Wir werden die beiden nicht überprüfen. Der eine ist nämlich zu dürr, zu jung und zu langhaarig, und der andere zu schwarz."

Trisha schnitt eine skeptische Grimasse. "Hast du nicht gesagt, dass auch bei dem letzten Banküberfall nur noch die Kleiderordnung gestimmt hat?", hakte sie an Milo gewandt nach.

"Richtig", nickte ich.

"Plötzlich steht der mittelgroße Schmale in buntem Sakko an der Tür und hält die Belegschaft und die Kunden in Schach, und der untersetzte Athlet trägt den dunklen Anzug und verschwindet mit dem Direktor im Tresorraum." Sie hatte recht - so lauteten die Zeugenaussagen, und so konnte man es auch in der Presse nachlesen.

"Hat uns zunächst auch Kopfzerbrechen bereitet", räumte ich ein und nahm die Zigarette an, die Milo mir anbot. "Inzwischen glauben wir, dass die sogenannte Schleierbande einfach mal zur Abwechslung die Rollen getauscht hat." Milo gab mir Feuer. "Nur um Verwirrung zu stiften, verstehst du, Trisha?"

"Ach so." Trisha nickte nachdenklich.

"Der kleine Kleiderschrank in dem dunklen Anzug hatte sich sogar mit dergleichen penetranten Duftwolke umgeben, wie sonst immer der dünne Hänfling."

"Ach ..." Eine kleine Falte erschien zwischen Trishas Augenbrauen.

Milo und ich sahen uns an. Und wurden uns wortlos einig, sofort das Thema zu wechseln. Freie Abende wie dieser waren selten genug.

"Auf meinem Motorradtrip durch die Rocky Mountains war ich vor zwei Monaten in einer Bar, die erinnerte spontan mich an >McSorley's< ..." Milo begann von seinem Sommerurlaub zu schwärmen, und bald klapperten wir in Gedanken die Kneipen ab, die wir in den verschiedenen Bundesstaaten kennengelernt hatten. Nur Trisha war plötzlich merkwürdig wortkarg ...



30

Einmal, als sie hinter einem Panzerbataillon weit in das irakische Hinterland vorgestoßen waren, hatte er etwas Ähnliches erlebt: Mit einem kleinen Stoßtrupp war er hinter einem schweren Panzer her auf eine Düne vorgerückt. Eine innere Stimme hatte sich plötzlich gemeldet - "Keine Hektik, Herby, lass deine Jungs sich in den Sand eingraben und den Panzer ohne euch die Düne nehmen."

Herbert Moriga hatte damals nicht lange gezögert. Auf sein Handzeichen war der Stoßtrupp zurückgeblieben. Noch heute sah er manchmal die verblüfften Gesichter seiner Leute vor sich, während sie sich im Sand eingruben und dem Panzer hinterhersahen. Und keine Minute später war eine Panzerabwehrrakete in den stählernen Koloss eingeschlagen ...

Daran dachte Herby als er die Wohnungstür aufschloss. Und es war mehr als nur ein Gedanke. Es war ein grelles Bild aus flimmernder Hitze, heißem Wüstensand, stahlblauem Himmel und einem auseinanderspritzenden Feuerball. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, und die vertraute Stimme in seinem Hirn raunte: "Okay, Herby - mach die Tür wieder zu und hau ab ..."

Er starrte auf den dunklen Türspalt und zögerte. Das Licht im Treppenhaus erlosch. Geräusche von Atemzügen streiften über sein Trommelfell. Atemzüge, die nicht mit dem Rhythmus seiner eigenen übereinstimmten ...

Er zog die Tür zu. Rasch und laut. Den Schlüssel aus dem Schloss, ein Schlag gegen das rote Glühen über dem Klingelknopf rechts neben sich an der Wand des Treppenhauses - Licht flammte auf.

Einen Moment noch lauschte Herby. Seine Augen wurden schmal, seine Kiefermuskulatur pulsierte. Hellwach war er plötzlich.

Er wandte sich von der Tür zu seiner Wohnung ab und machte ein paar Schritte auf den Aufzug zu. Ungeduldig presste er auf den Knopf, aber die Digitalanzeige über der Tür blieb beharrlich auf >Erdgeschoss< stehen.

Herby nahm die Treppe. Stufe für Stufe, immer nach verdächtigen Geräuschen lauschend. Er kam nicht weit.

Der in schwarzes Leder gekleidete Mann, der ihn zwei Etagen weiter unten erwartete, beeindruckte ihn weniger durch die Maschinenpistole in seinen Händen, als viel mehr durch seine kalten, klugen Augen und die Geschmeidigkeit, mit der seine hagere Gestalt ihm entgegenschnellte.

Herbys Tritt war ein Reflex, weiter nichts. Wer zwölf Jahre lang aus beruflichen Gründen die Konfrontation mit dem Tod trainiert und sie drei- oder viermal im Ernstfall durchgestanden hat, der ist schwer zu einem Fehler zu verführen, wenn es drauf ankommt.

Unter der Wucht von Herbys Tritt wirbelte der Angreifer um seine eigene Achse und prallte gegen die Wand des Treppenhauses. Scheppernd polterte die MP auf den Steinboden.

Herby hörte Schritte ein Stockwerk tiefer. Und glaubte einen weiteren Gegner auf seinem Weg aus dem Haus. Nur deswegen drehte er sich um und rannte die Treppe wieder hinauf.

Vor seiner offenen Wohnungstür stellte sich ihm ein zweiter Mann in den Weg - ein bulliger, breitschultriger Typ mit dunklem Haar und in grüner Windjacke. Herby duckte sich unter der Rechten des Mannes weg, und die Hand mit dem Messer sauste zischend über seinen Schädel durch die Luft. Herby rammte ihm sein Knie in den Unterleib.

Ächzend knickte der Mann ein. Herby, der Schritte hinter sich hörte, riss den Körper des Zusammenbrechenden als Schutzschild vor seinen eigenen. Fünf Stufen unter ihm der Fuchs mit der Maschinenpistole. Stumm musterten sich die Männer. Herby legte den Arm um den Hals des Messerstechers und zerrte ihn durch die offene Tür in seine Wohnung. Die Augen des schwarz gekleideten Mannes unten auf der Treppe verfolgten ihn lauernd.

Herby trat die Wohnungstür zu. Dunkelheit umfing ihn. Erleichtert atmete er auf und tastete mit der Rechten nach dem Lichtschalter. Der Schlag traf ihn völlig unerwartet zwischen den Schulterblättern.

Er schrie auf und ging zu Boden. Instinktiv ließ er seine Geisel los und warf sich auf die Seite. Der Boden vibrierte unter dem Schlag, den sein unsichtbarer Gegner mit irgendeinem schweren Gegenstand führte.

Herby wusste nun, dass sie mindestens zu dritt waren. Und er wusste, dass seine Chancen allenfalls fünfundzwanzig zu fünfundsiebzig stand. Vielleicht noch schlechter. Er presste sich an die Wand, hielt den Atem an und lauschte.

Keuchende Atemzüge rechts über ihm, etwa zwei Schritte entfernt. Und direkt vor ihm auf dem Boden. Alle Möglichkeiten, die er hatte, ratterten durch sein Hirn. Vor der Tür scharrten Schritte. "Mach auf, Nick." Ein gedämpfte Stimme.

Herbys Körper spannte sich an. Er zog die Knie zu sich heran und schoss nach oben in die Dunkelheit. Er stieß gegen einen Körper, seine Hände tasteten ein Gesicht, einen Hals - er griff zu und drückte den fremden Gegner von der Wohnungstür weg.

Sie prallten gegen die Wand. Herby hörte das verzweifelte Röcheln des anderen. Ein merkwürdiger Geruch ging ihm aus - Pferdegestank. Herbys Nackenhaare stellten sich auf, als er endlich begriff. Wieder riss er sein Knie hoch, und der fremde Körper sackte zusammen.

Zum Lichtschalter, Licht an - jetzt sah er die beiden Männer. Der nach Pferd stinkende lehnte direkt hinter ihm gegen die Wand und hielt sich röchelnd den Hals - ein großer, stämmiger Mann mit grauen Locken und in blau-kariertem Flanellhemd.

Der andere, der bullige Typ in der grünen Windjacke, lag vor ihm auf dem Boden - drohend richtete er sein Klappmesser gegen Herby und richtete sich langsam auf.

Herby wich dem Stoß aus. Das Messer schabte über die Tapete. Herby sprang über den immer noch röchelnden Grauhaarigen, riss ihn hoch, presste seinen großen Körper als Deckung gegen seinen eigenen - spürte einen harten Gegenstand in seinen Bauch drücken. Eine Waffe! Er riss sie dem Kerl an den Gürtel und presste ihm den Lauf gegen die Schläfe - mit einem Blick erkannte er die klobige .44er Magnum.

"Ein Schritt noch, und ich blas diesem Stück Pferdemist ein Loch in den Schädel", flüsterte Herby keuchend.

Der bullige Kerl verharrte noch Sekunden in Angriffsstellung, sein Messer schwebte in Brusthöhe vor ihm. Herby registrierte, dass der Kerl von ähnlicher Statur war wie er selbst. Und obwohl der Mann keine weißen Schuhe trug, sondern schwarze Turnschuh, wusste er, wen er vor sich hatte.

"Wie zum Teufel konnten diese Scheißkerle uns finden?!" Ihm war klar, dass er Profis vor sich hatte.

Die linke Hand des Messerhelden griff blitzschnell unter dem Messerarm hindurch und drückte die Türklinke herunter. Herby wich bis zur Wand zurück und presste seine Geisel fester an sich. Er verfluchte sich, weil er nicht verhindert hatte, dass nun auch sein dritter Gegner die Wohnung betrat.

Der hagere Bursche mit den Lederklamotten huschte in den Flur und drückte die Tür zu. Als er die Situation überblickte, ließ er den Lauf der Maschinenpistole sinken. Ein Lächeln breitete sich auf seinem schmalen Gesicht aus. Kalt und zynisch.

"Herbert Moriga? Freut mich, Sie noch lebend kennenzulernen ..."

Er ließ sich auf den Boden nieder und legte die MP 5 auf seine überkreuzten Beine. Der mit dem Messer lehnte sich an die Tür. Der Schwarze wies auf ihn. "Das ist Oliver Adams", sagte er, "und der arme Mann, dem Sie da die Pistole ins Hirn bohren wollen, heißt Nick Gordener. Und ich bin Nobel Warren."

Unwillkürlich lockerte Herby den Druck der Magnum gegen die Schläfe seiner Geisel. Die paar Sätze reichten ihm - dazu die Stimme, die Augen: Er wusste, dass er einen ausgekochten Fuchs vor sich hatte.

Warren zog eine Zigarettenschachtel aus seiner Lederjacke, bot Adams eine an und steckte sich selbst eine Zigarette zwischen die Lippen. "Wir haben Ihren Namen von diesem Ronny." Er schnalzte ein paar mal mit der Zunge, schüttelte den Kopf und sandte Herby einen tadelnden Blick. "Wie kann man mit so einer Lusche zusammenarbeiten?"

Tief sog er den Rauch in sich hinein und blies in in Herbys Richtung heraus. "Guter Kampf, Moriga", nickte er. Herby hatte den Eindruck, dass der anerkennende Unterton echt war. "Ich versteh' was davon. War früher bei der Polizei in Cleveland. In der Sonderabteilung für Banküberfälle." Jetzt grinste er unverhohlen.

Herby empfand ein fast schmerzliches Verlangen nach einer Zigarette.

"Deswegen Kompliment auch für die Idee uns zu kopieren. Kluger Einfall. Ich hab eine Schwäche für kluge Leute." Sie musterten sich lauernd. "Nur haben wir was dagegen, wenn die falsche Spur, mit der irgendein Schlaumeier von sich ablenken will, direkt zu uns führt." Das Grinsen fiel ihm aus dem Gesicht. "Sie werden nachvollziehen können, dass uns das nicht gefallen kann, Mr. Moriga."

Er schnippte die Asche auf den Boden. "Tja, was machen wir jetzt?" Er legte die Rechte auf die MP. "Wir könnten den armen Mr. Gordener opfern." Herby spürte, wie seine Geisel zusammenzuckte. "Gegen uns beide hätten Sie keine Chance, Moriga - das ist Ihnen klar, oder?"

Herby schwieg. Vermutlich würde er mit ein bisschen Glück auch noch einen der beiden anderen erschießen können. Aber dann war er dran. Und selbst, wenn er alle drei erledigen würde - wie wollte er der Polizei die drei Leichen erklären? Ein Gedanke formte sich in seinem Kopf.

"Vertreiben wir uns die Zeit einfach mit einem Spielchen." Warren beugte sich vor und und zog ein abgegriffenes Buch aus der Innentasche seiner Lederjacke. "Ich gebe Ihnen jetzt ein Rätsel. Wenn Sie es lösen, lassen wir Sie laufen." Er begann in dem Buch zu blättern.

"Du bist ein Arsch, Nobel", fauchte Nick Gordener.

Herby merkte, dass auch der bullige Mann an der Tür, Oliver Adams, unwillig die Stirn runzelte. "Lassen Sie den Quatsch, Warren", sagte Herby. "Ich schlag Ihnen einen Deal vor."

Neugierig sahen die beiden Männer ihn an.



31

Raymond Miller spielte mit seinem Leben und wusste es nicht. Das ganze Wochenende über kämpfte er mit der Versuchung, das FBI anzurufen und seine Aussage zu machen. Was ihn letztlich davon abhielt, war die Vorstellung, man könnte ihn nach dem Erpresserbrief fragen.

Zwei Tage lang war er hin und her gerissen. Bluffte Moriga oder war er tatsächlich bereit, mehr als nur die läppischen Achttausend zu zahlen. Schließlich entschied er sich dafür, es darauf ankommen zu lassen. Wenn er Moriga kräftig unter Druck setzte, würde der die Zweihunderttausend schon noch herausrücken. Und vielleicht noch mehr.

Miller brütete also über einem Übergabeplan. Am kommenden Wochenende wollte er das Geld sehen. Aber zunächst einmal beschlagnahmte ihn seine neue Stelle.

Am Montag fuhr er hinauf nach Chelsea in die achtundzwanzigste Straße. Stolz betrachtete er die prächtige Hausfassade, in der die Filiale der New York Traffic Bank untergebracht war. Sein neuer Arbeitsplatz. Ganz bewusst drückte er die Glastür auf, und als er über die Schwelle trat, dachte er: "Du gehst soeben zum ersten Mal als Filialleiter in eine Bank." Zufrieden lächelnd betrat er den holzgetäfelten Geschäftsraum. Voller Genugtuung wanderten seine Augen über die dunklen Sitzmöbel, über Schreibtische und Monitoren. Die Mitarbeiter dahinter standen auf und begrüßten ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. "So wie man eben einen Filialleiter begrüßt."

Die nächsten drei Tage waren ungeheuer stressig für ihn. Neue Mitarbeiter, neue Kunden, Problemkonten, die wichtigsten Geschäftspartner in Chelsea, Termine mit den Direktoren - seine Arbeitstage dehnten sich aus. Dreizehn Stunden und länger. Er kam gar nicht dazu, an Moriga zu denken.

Nur wenn er abends im >North Star Pub< an der Theke hockte, fiel ihm sein hoffnungslos überzogenes Konto ein. Und sein Plan für das Wochenende.

Am dritten Tag in der neuen Filiale, am Mittwoch, schaffte er es sogar, den Brief für Moriga zu schreiben und in den Briefkasten zu werfen.

Und dann kam der Donnerstag ...



32

Nobel Warren zog das hellblaue Hemd vom Garderobenständer. Während er hineinschlüpfte, ging er langsam zum Tisch. Dort lag neben einem schwarzen Aktenkoffer sein abgegriffenes Taschenbuch. Murmelnd las er die Denksportaufgabe, mit der er an diesem Tag sein Hirn in Schwung bringen wollte.

"Dass du heute Morgen für so etwas Nerven hast." Oliver Adams, der hinter am Tisch hockte und Kaffee trank, staunte Warren kopfschüttelnd an. Er trug ein sandfarbenes Sakko. Darunter ein schwarzes Polohemd und schwarze Hosen. Die unvermeidliche Baseballkappe lag neben seiner Tasse auf dem Tisch.

"Du glaubst gar nicht, wie sehr das beruhigt." Warren verschwand mit einer dunkelroten Krawatte im Bad. "Ein Mann, der unsere verlogene Stadt satt hat, macht sich auf den Weg in die legendäre Stadt, in der nur die Wahrheit gesprochen wird", rief er, während er sich die Krawatte band.

"Armer Irrer", knurrte Adams und griff nach dem Buch um die Aufgabe mitzulesen.

"Er kommt an eine Weggabelung", fuhr Warren unbeirrt fort. "Der eine Weg führt in die Stadt der Wahrheit, der andere nach New York City, in die Stadt der Lüge, zurück. Er hat keinen Schimmer, welchen er nehmen muss. Zwei Wächter vor den Wegen - der eine lügt grundsätzlich und immer, der andere sagt ausschließlich die Wahrheit. Unser Mann darf einem von beiden eine einzige Frage stellen. Eine Frage, die nur mit >ja< oder >nein< zu beantworten ist. Wie lautet die Frage?"

"Leck mich am Arsch", brummte Adams. Er schlug hinten bei den Lösungen nach. Schnell legte er das Buch wieder weg, als Warren aus dem Bad zurückkam.

"Schwieriges Problem." Warren stieg in eine dunkelgraue Anzughose.

"Schwieriger erscheint mir das Geschäft, auf das wir uns eingelassen haben." Adams zündete sich eine Zigarette an.

"Wieso?" Warren tat überrascht.

"Woher weißt du, dass er die auch zweiten Fünfzigtausend bezahlt?"

"Er zahlt, verlass dich drauf, Oliver." Warren verschwand in seinem Arbeitszimmer und kehrte kurz darauf mit den Einzelteilen der Maschinenpistole zurück. "Glaub mir, ich kenne die Menschen. Moriga sitzt jetzt mit uns in einem Boot."

"Und wenn seine Kleine Mist geredet hat, und heute doch nicht das große Geld in der Bank liegt?" Adams blieb misstrauisch.

"Ich habe recherchiert. Die Frau hat die Wahrheit gesagt." Er legte die Maschinenpistole in den Aktenkoffer und schloss ihn. "Du machst dir zu viel Sorgen, Oliver." Warren schenkte sich einen Kaffee ein. "Wir haben die Sache im Griff, glaub mir." Adams gab ihm Feuer, als er sich eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch geangelt hatte.

"Und dieser Miller", sagte er nachdenklich. "Früher oder später hätten wir uns sowieso mit ihm beschäftigen müssen. Moriga ist nicht dumm, musst du wissen. Er hat völlig recht, wenn er sagt, dass wir genauso geliefert sind wie er, wenn Miller ihn auffliegen lässt."

"Hast ja recht", knurrte Adams.

Eine Stunde später saßen sie in einem dunkelblauen Kombi. Nick Gordener steuerte den Wagen. "Freu dich, Nicki, ich hab ein Rätsel für dich!", sagte Warren.

Gordener verdrehte die Augen. "Lass mich bloß in Ruhe." Warren schildert ihm die Denksportaufgabe in aller Breite. Und genoss dann das hilflose Gesicht des Pferdezüchters.

"Ne Frage, die nur mit >ja< oder >nein< beantwortet werden darf ...?" Er zuckte mit den Schultern. "Das geht überhaupt nicht. Dein gottverdammtes Rätsel ist überhaupt nicht zu lösen!"

"Ja, es ist kompliziert", räumte Warren ein. "Aber es ist zu lösen." Er drehte sich vom Beifahrersitz zu Adams um. "Wenn ich es nicht rauskriege, blasen wir die Sache ab", grinste er.

Gordener bog von der zehnten Avenue in die siebenundzwanzigste Straße ein. Vor der Kirche gegenüber des Chelsea Parks hielt er am Straßenrand. Minutenlang saßen die Männer schweigend im Wagen. Warren mit gegen die Nackenstütze gelehntem Kopf. Eine steile Falte zuckte zwischen seinen geschlossenen Augen.

"Okay." Gordener sah auf die Borduhr. "Ihr solltet dann mal."

"Mist!" Warren riss die Augen auf. "Ich komm' nicht drauf."

">Gehören Sie zu der Stadt auf deren Zugangsweg Sie stehen?", kam es aus dem Font. Warren drehte sich überrascht um.

"Ist doch klar", rief Adams, "vor dem Weg zur Wahrheitsstadt antworten beide mit >ja<, auf dem Weg zur Lügenstadt antworten beide mit >nein<, der Lügner genau wie der Wahrheitsfanatiker."

"Könnt ihr mal mit der Scheiße aufhören!" Gordener schlug fluchend aufs Lenkrad.

"Unser Mann muss einfach den Weg nehmen, vor dem er die Antwort >ja< erhält, dann kommt er auf jeden Fall in seine langweilige Stadt."

Warren musterte Adams mit kaltem, bösem Blick. Dem wich das Grinsen aus dem Gesicht. "Du hast die Lösung nachgelesen." Er öffnete die Wagentür. "Idiot!", fauchte er und stieg aus.



33

Herbert Moriga sah ungeduldig auf die Uhr. Gleich halb zwölf. Wenn die Burschen sich nicht beeilten, würde der Geldtransporter, von dem Trisha erzählt hatte, vor ihnen da sein. Und den Tresor auf legale Weise leer räumen.

Immer wieder wanderte sein Blick durch die getönte Scheibe seines Seitenfensters hinüber zu der Prachtfassade der Bankfiliale. Die New York Traffic Bank hatte sich ihre repräsentative Filiale in Chelsea einiges kosten lassen.

"Merkwürdig, dass sie ausgerechnet hier einen Hänfling wie Miller auf den Chefsessel setzen", murmelte er und sah schon wieder die Straße hinunter. "Vielleicht ein Schleudersitz."

Er hatte sich am La Guardia Airport einen Chevy mit getönten Fenstern gemietet. Im Kofferraum lag ein Koffer mit den Sachen, die er am nötigsten brauchte und von denen er sich am wenigsten trennen wollte.

Und auf der Rückbank lag ein zweiter Koffer. Prall gefüllt mit Dollarnoten. Neunhundertvierzigtausend Dollar. Fünfzigtausend hatte er an Warren und seine Partner bezahlt. Und achttausend hatte Miller, dieser oberschlaue Milchbart, wahrscheinlich schon verbraten.

Sobald er seinen Anruf gemacht hatte, würde Herby in aller Ruhe Richtung La Guardia Airport fahren.

Er drehte sich um und blickte erneut die achtundzwanzigste Straße hinunter. Unter den Fußgängern erkannte er einen Mann in einem grauen Anzug und mit Hut. Warren. Es ging los.

Warren näherte sich ohne besondere Eile. Wie ein Mann, der kein Ziel hatte. Er stieg leichtfüßig die Stufen der Vortreppe hinauf und verschwand im Inneren der Bank.

Herby wartete noch, bis auch Adams sich näherte. Er erkannte ihn sofort an der schwarzen Schirmmütze. Und an seinem Gang, der ihm schon letzte Woche aufgefallen war, als er nach gelungenem Geschäftsabschluss aus dem Fenster geschaut die drei Männer im Lichtkegel der Straßenlaterne vor ihrem Buick beobachtet hatte: Er lief wie ein Orang-Utan.

Noch während Adams die Treppe hochschaukelte, zog Herby sein Handy aus der Innentasche seines Trenchcoats.



34

Wir saßen mit Norman Ruther in seinem Büro im Criminal Courts Building. Der Fall lag inzwischen so eindeutig, dass keiner von uns zu diesem Zeitpunkt noch einen Zweifel hatte: Zwei Drittel der sogenannten >Schleierbande< waren tot.

"Die Frage ist nur, wer sie umgebracht hat", knurrte Ruther und fummelte eine West aus seiner zerknüllten Schachtel.

"Und warum", ergänzte Milo.

"Das scheint mir auf der Hand zu liegen", sagte ich. Ich schlürfte den Kaffee, den uns Ruthers Sekretärin freundlicherweise hingestellt hatte. Er schmeckte nicht halb so gut, wie Helens. Es wurde höchste Zeit, den Fall abzuschließen. Langsam bekam ich Sehnsucht nach der Federal Plaza.

"Du meinst, der Dritte hat sie umgelegt, um die Beute für sich allein zu haben", sagte Milo nachdenklich. Ich nickte. "Merkwürdig ist nur, dass sie in letzter Zeit wenig Beute gemacht haben."

"Das spricht doch erst recht für den dritten Mann als Täter. Das bisschen Geld wollte er schon gar nicht teilen."

"Wie dem auch sei." Norman Ruthers Sessel knarrte, als er sich zurücklehnte. "Es waren jedenfalls Profis am Werk, sonst hätten wir mehr Spuren an den Tatorten gefunden." Er rieb sich nachdenklich über seinen bemerkenswert voluminösen Bauch. "Wir müssen den Kerl kriegen."

Die Spurensicherung und die Kollegen im Zentrallabor sichteten jede noch so kleine Faser, die wir an den Tatorten gefunden hatten, und durchforsteten die Wohnungen der beiden Toten, um einen Hinweis auf den dritten Täter zu finden. Vielversprechender erschien mir eine andere Spur.

"Lasst uns doch noch einmal die Mittelsmänner zwischen dem toten Waffenhändler und den toten Bankräubern verhören." Drei davon hatten wir identifiziert und in Untersuchungshaft genommen.

Die Tür ging auf, und Ruthers Sekretärin erschien im Türrahmen. Sie erschien mir blasser als vorhin, während sie uns den Kaffee eingeschenkt hatte.

"Da ist jemand am Telefon, Mr. Ruther ...", ihre Stimme klang tonlos und heiser. "… der behauptet, die Schleierbande würde gerade eine Bank in Chelsea ausrauben ..."



35

Hektisch drehte sich Miller von seinem Monitor weg. Die Bankangestellte, die ohne ein Wort zu sagen, hinter ihm aufgetaucht war, erntete einen ärgerlichen Blick. Miller war im Stress. "Was ist denn los?", schnauzte er. Dann erst sah er den Zettel in ihrer zitternden Hand.

Noch bevor er ihn überhaupt berührte, geschweige denn las, brach ihm der Angstschweiß aus. "Das soll ich ihnen von dem Maskierten geben, der vorne am Schalterschrank steht." Miller drehte sich um. Auf dem Tresen, der den Geschäftsbereich vom Kundenraum abtrennte, stand ein aufgeklappter Aktenkoffer, dahinter ein Mann in dunkelgrauem Anzug und mit schwarz verschleiertem Gesicht. "Wenn wir Alarm geben, will er ein Blutbad anrichten", flüsterte die Frau.

Die Schriftzeichen verschwammen vor Millers Augen, als er versuchte, den Zettel zu lesen.

>Wenn sie noch ein Weilchen leben wollen, kommen Sie ohne Hast und ohne jemandem ein Zeichen zu geben an den Tresen. Sorgen Sie dafür, dass niemand Alarm schlägt. Und dann gehen Sie mit mir in den Tresorraum ...<

Seine Beine schienen einzuschlafen, als Miller an den Schreibtischen seiner Mitarbeiter vorbei den Tresen ansteuerte. In allen Gliedern kribbelte es plötzlich, Brechreiz stieg in ihm hoch, in seinem Schädel schien eine dichte Wolke Moskitos zu summen.

Zusammenbrechen, in Ohnmacht fallen, genau, das wär's doch, dachte er. Doch wie mechanisch stelzte er zum Tresen und hielt sich daran fest.

"Ihre Mitarbeiter stehen jetzt auf und kommen in den Publikumsbereich. Jeder legt sich flach auf den Boden. Wer auf irgendetwas drückt, was auch nur annähernd wie ein Alarmknopf aussieht, stirbt." Der Maskierte machte eine herrische Geste mit seiner Maschinenpistole.

Neben der Tür sah Miller den zweiten Maskierten stehen. "Moriga?", schoss es ihm durch den Kopf. Der Handschuh der rechten Hand des Mannes war von hier aus schwer zu erkennen. Miller drehte sich um und gab mit krächzender Stimme die Anweisung des Bankräubers weiter.

Schweigend setzten sich seine Mitarbeiter in Bewegung. Erst, als sie alle jenseits des Tresens bäuchlings am Boden lagen, ging er vor dem Maskierten her in den Tresorraum. Im fiel auf, dass der Mann zwei Koffer mit sich trug. "Woher um alles in der Welt wissen die, dass unser Tresor bis oben hin mit Geldbündeln gefüllt ist!", fragte er sich.

"Beeilung!", fuhr der Maskierte ihn an, während er die Bündel in den Aktenkoffern stapelte. "Dicht packen! Beeilung!"

Endlich schien der Mann zufrieden zu sein. "Zumachen!" Miller verschloss die beiden Aktenkoffer. Der Maskierte überprüfte die Schlösser. Dann klemmte er sich einen der Koffer unter den linken Arm und packte den anderen mit der Linken. Mit der rechten Hand nahm er die Waffe hoch.

Er zog sich zwei Schritte zur Tür zurück und blieb dort stehen. Miller starrte auf die schwarze Maske. Der Gedanke, der sich plötzlich wie ein Eiszapfen aus seiner Brust in seinen Schädel hinaufbohrte, vertrieb schlagartig das Gesumme in seinem Kopf.

"Warum ..." Die krächzende Stimme erstarb ihm vor Angst.

Jeder der Kunden draußen auf dem Boden, und erst recht Millers Mitarbeiter zuckten zusammen, als die kurze Schusssalve dröhnend vom Tresorraum zu ihnen herüberschallte.

Drinnen im Tresorraum sah Raymond Miller ungläubig an sich herab. Der erschreckend rote Fleck auf seinem weißen Hemd breitete sich behäbig auf dem feinen Leinenstoff aus. Und kroch ihm warm und feucht in den Hosenbund. Noch bevor er mit der Stirn auf dem rutschsicheren Kunststoffboden des Tresorraum aufschlug, verlor er das Bewusstsein. Für immer.



36

Rotorenlärm auf dem Dach. Die Bank Robbery Task Force hatte einen eigenen Hubschrauberlandeplatz auf dem Criminal Courts Building. Milo und ich sprangen durch die offene Schiebetür in den kleinen Passagierraum.

"Wissen Sie, wo es hingeht?" Ich musste brüllen, um den Rotorenlärm zu übertönen.

"West, achtundzwanzigste Straße. Filiale der New York Traffic Bank."

"Okay!" Die Maschine hob ab. Wir zogen unsere Jacketts aus und legten schusssichere Westen an. Die Kollegen von der City Police würden hoffentlich früh genug vor der Bank sein, um die Bande an der Flucht zu hindern.

"Wenn sie Geiseln nehmen, können wir uns auf einen langen Tag einrichten!", schrie Milo.

"Von mir aus auch auf eine lange Nacht!" Ich überprüfte das Magazin meiner SIG Sauer. "Hauptsache wir schnappen diese verdammten Burschen endlich!"

Milo hantierte mit dem Schnellfeuergewehr M16, das er für diesen Einsatz benutzen wollte. Der anonyme Anrufer hatte uns mit Flüsterstimme darauf hingewiesen, dass die Bankräuber mit Maschinenpistolen bewaffnet waren. Im Augenblick war keine Zeit, sich über die Identität dieses Unbekannten den Kopf zu zerbrechen. Jedenfalls musste er die Bande gut kennen.

Auch darüber, dass unsere ganzen Theorie zusammenstürzte, wenn der Mann recht behalten sollte, machte ich mir in diesen Minuten keine Gedanken. Die Straßenschluchten und Wolkenkratzerspitzen zogen unter uns vorbei.

Milo griff plötzlich nach seinem Handy. "Es geht jetzt nicht, Trisha!" Seine Stimme klang gereizt, und er machte ein unwilliges Gesicht. "Nichts kann im Moment so wichtig sein, dass es nicht auch heute Abend noch Zeit hätte!" Sprach's und unterbrach die Verbindung.

Das Empire State Building tauchte auf und die wesentlich niedrigeren Hochhäuser um den Herald Square. Davor irgendwo musste die achtundzwanzigste Straße liegen.

Die Filiale lag in einem der Prachthäuser, die es in dieser Gegend zu Dutzenden gab. Mit dem Geld der Banken und Versicherungen zu kleinen Schlössern renoviert. An einen Hubschrauberlandeplatz hatte niemand gedacht.

Unten auf der Straße deutlich zu sehen: Cops, die einen Mann mit Waffen in Schach hielten, dessen Oberkörper auf der Kühlerhaube lag. Daneben Streifenwagen mit blinkenden Rotlichtern und eine Menge Uniformierter. Über Funk erfuhren wir, dass die Bankräuber sich mit etwa fünfzehn Geiseln im Inneren der Bank verschanzt hatten.

Wir seilten uns ab und kletterten über einen Balkon, der das oberste Stockwerk umrahmte in das Gebäude hinein. Bevor wir nach unten vordrangen, funkte Ruther uns an.

"Ihr habt's gehört, Jesse - die haben fast zwanzig Geiseln!" Seine Stimme klang entschlossen und wütend. "Sie verlangen einen Fluchtwagen und freien Abzug mit Geld, zwei Geiseln und ihrem dritten Mann, den wir schon verhaftet haben. Eure Meinung."

Milo und ich verständigten uns mit einem einzigen Blick. "Die Männer sind schlau und brandgefährlich. Keine Verhandlungen. Alle Forderungen erfüllen", sagte ich.

"Seh' ich genauso", knurrte Norman Ruther in die Leitung. "Wollte nur mal eure Meinung hören."

Milo und ich beugten uns kurz über den Grundriss des Gebäudes. Dann schlichen wir über das Treppenhaus bis vor den Hinterausgang der Bank ...



37

"Sie werden versuchen, uns zu linken, Oliver - vergiss das bloß nicht!" Adams nickte. Es tröstete ihn fast zu sehen, dass Warrens Schleier ihm genauso am schweißnassen Gesicht klebte wie ihm selbst.

"Wenn sie uns angreifen, schießt du ohne Vorwarnung." Wieder nickte Adams. Warren, dicht an die Wand neben einem der Fenster gepresst, spähte vorsichtig auf die Straße hinaus. "Der Fluchtwagen ist da", flüsterte er. In der Hocke schlich er durch die Reihen der am Boden liegenden Geisel. Zwei jungen Frauen stieß er unsanft den Lauf der MP in die Rippen. "Mitkommen!"

Auch Adams suchte zwei Geiseln aus. Die würden sie nachher wieder laufen lassen - wenn sie dann noch lebten. Aber jetzt brauchte jeder von ihnen einen lebendigen Schutzschild. Der Wagen stand zwar direkt an der Treppe, aber die Stufen hinunter mussten sie doch ohne jede Deckung gehen.

Sie banden die Geiseln je zwei und zwei zusammen. Die beiden, die sie im Wagen mitnehmen wollten, mussten die Geldkoffer tragen. Im Gänsemarsch schoben sie sich in den Eingangsbereich der Bank vor. Die Geiseln immer dicht vor sich festhaltend und die Maschinenpistolen im Anschlag.

Als die erste der Geiseln den Bereich der Lichtschranke betrat, schoben sich die beiden Glasflügel der Haupttür auseinander. Die kühle Oktoberluft wehte Warren unter die triefend nasse Maske. Die fast vollkommene Abwesenheit jeglichen Verkehrslärmes hatte etwas Gespenstisches. Warren machte sich klar, dass die Bullen die Straße abgesperrt hatten.

"Wenn ihr unseren Wagen nicht aus der Straße lasst, sterben die beiden rechten Frauen!", brüllte er. Eine der Frauen begann zu schluchzen.

"Okay, Oliver - Nick sitzt schon am Steuer. Packen wir's." Er stieß die Geiseln an und setzte sich langsam in Bewegung.

Nobel Warren war ein mit allen Wassern gewaschener Fuchs. Aber als Adams plötzlich lautlos neben ihm zusammensackte, fühlte er sich für Bruchteile von Sekunden wie gelähmt vor Entsetzen. Dann wirbelte er herum. Er sah noch die Gestalt in kugelsicherer Weste und Sturmhaube über dem Tresen des Bankschalters liegen. Er registrierte noch den Schalldämpfer auf dem Lauf des Gewehres. Auch dass die Geiseln vor ihm umgerissen wurden, registrierte er noch. Doch dann schlug ein großkalibriges Geschoss in seine Stirn ein. Etwas explodierte grell und lautlos in seinen Hirnwindungen.

Als die MP5 langsam seinen Händen entglitt, war er schon tot.



38

>Bei dem Versuch, eine Filiale der New York Traffic Bank zu überfallen, wurde heute endlich die berüchtigte Schleierbande gestellt ...<

Herby stellte das Autoradio lauter.

>... zwei der Täter sind getötet worden. Wie ein FBI-Sprecher bekanntgab, kam bei dem Überfall auch der Filialleiter ums Leben ...<

"Du hast mir keine Wahl gelassen, Miller ...", murmelte Herby. "Du hast mir verdammt noch mal keine Wahl gelassen!"

Über den Northern Boulevard fuhr er durch Queens. In Richtung La Guardia Airport. "Du hast gewonnen, Herby. Der Alligator ist tot ...", er grinste vor sich hin. "Ein Riesenviech diesmal. Aber du hast ihn erledigt ..."

Er nahm seine rechte Hand vom Lenkrad und betrachtete die Fingerstummel. Er lachte. "Du bist schon ein Prachtbursche, Herby ..." Er lachte bis ihm die Tränen über die Wangen liefen ...



39

Schweigend standen wir über den beiden Toten. Zwei glatte Schüsse. Milo hätte eigentlich zufrieden mit seiner Arbeit sein können. War er aber nicht. Es bleibt immer ein hässliches Gefühl, Männer mit gezielten Schüssen zu töten. Auch wenn es sich dabei um gefährliche Verbrecher handelte.

Zwei Kollegen beugten sich in den Fluchtwagen hinein. Sie schlossen die Handschellen auf, mit denen der Grauhaarige ans Lenkrad gefesselt war, und führten ihn ab.

Norman Ruther näherte sich der Vortreppe. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den Fahrer der Bande. "Hat ein Gestüt in Long Island. Wir waren auf dem richtigen Weg."

"Oh Gott!", stöhnte ich und hockte mich neben Milo auf die Treppe. Ruther bot uns von seinen Zigaretten an. Ich lehnte ab, Milo nahm eine.

Irgendwann dudelte Milos Handy los. "Willst du nicht rangehen?" Er schüttelte den Kopf und reichte mir das Gerät. "Trevellian?"

Es war Trisha Hennessy. Milos Freundin. "Ich glaub, ich weiß wer die Zentrale überfallen hat." Ihre Stimme verriet, dass sie ziemlich durcheinander war.

"Wir wissen es inzwischen auch, Trisha." An mir vorbei stieg ein Mitarbeiter der Pathologie die Treppen hoch. Er schleifte zwei Leichensäcke hinter sich her.

"Es war Herby", sagte sie atemlos. "Ich bin ganz sicher. Das Parfüm hat mich drauf gebracht ..." Sie erzählte etwas von Parfümduft am Tag nach dem Überfall in Civic Center, von einer Parfümflasche in Morigas Bad, und davon, dass er nie Parfüm benutzte. "… dieser Rollentausch", sie sprudelte nur so, "das kleine Muskelpaket diesmal am Tresen ... verstehst du?"

Es dauerte eine Zeit lang bis ich verstand. Aber dann verstand ich sehr gut. Eine Viertelstunde später lösten wir eine Großfahndung aus.



40

Herby checkte sich nach Toronto ein. Dort war er öfter gewesen, und von dort aus würde er für einige Zeit in der kanadischen Provinz untertauchen.

Bestens gelaunt betrat er die Wartehalle und stellte seine Koffer neben eine Sitzgruppe. Einige Frauen saßen in den Sesseln, und Herby spähte schon mal eine kleine, schwarzhaarige Schönheit aus, an der er seinen Charme ausprobieren wollte. Tatsächlich gönnte sie ihm ein verheißungsvolles Lächeln. Doch dann fiel ihm auf, dass die meisten Männer in der Wartehalle auf den einen der beiden Fernsehschirme starrten, die knapp unter der Decke in zwei gegenüberliegenden Ecken des Raumes installiert waren. Ein Football-Spiel flimmerte über die Mattscheibe. Eine Übertragung aus dem Yankee-Stadion.

Herby stellte sich zu einer der beiden Gruppen und vergaß die Schwarzhaarige.

Der Football-Platz wich ohne Ankündigung dem ernsten Gesicht eines Nachrichtensprechers. "Wir unterbrechen unsere Sportübertragung für eine wichtige Meldung. Gesucht wird dieser Mann ..."

Das Gesicht, das jetzt auf dem Bildschirm erschien, war Herby seit Jahren vertraut. Es war sein eigenes Gesicht. Das Herz stolperte ihm durch den Brustkorb.

"... Herbert Moriga wird dringend verdächtigt, die Zentrale der New York Traffic Bank überfallen zu haben ... Vorsicht - der Mann ist sehr wahrscheinlich bewaffnet, und wird nicht zögern von der Schusswaffe ..."

"Das ist er!" Hinter ihm kreischte eine Frauenstimme. "Der ist es!!" Alle Männer neben ihm fuhren herum. Herby brauchte sich nicht umdrehen. Es war die Schwarzhaarige. "Vorsicht! Das ist der Kerl!", kreischte sie unablässig. Die Männer neben ihm wichen erschrocken zurück ...

Herby schloss die Augen. Aus irgendeinem Grund tauchte plötzlich der Alligator aus den Sümpfen des Mississippi auf seiner inneren Bühne auf. Er zuckte, wand sich, kotzte und spuckte anderthalb Finger aus ...

Hinter sich hörte er plötzlich energische Schritte näher kommen. Es knackte metallen, und dann rasselten Handschellen ...



41

"Trisha hatte die entscheidende Idee", sagte ich. Herbert Moriga saß reglos im Verhörraum und rauchte. Der Aschenbecher vor ihm quoll über. Das französische Kraut, das er ständig in die Luft blies, stank entsetzlich.

"Sie hat einen Parfümduft an Ihnen wahrgenommen, den Sie nicht kannte." Mein Partner konnte seinen Triumph nur schlecht verbergen. "Und hat dann die Flasche im Bad stehen sehen."

"Und als sie von uns hörte, dass bei dem Überfall der Schlanke an der Tür gestanden, und der kleine Athlet nach Parfüm stinkend den Job im Tresorraum übernommen hatte, da fing sie sich an Gedanken zu machen."

Ich betrachtete den sympathischen Burschen. Er tat mir fast ein bisschen leid. Nicht, weil wir ihn geschnappt hatten, sondern weil er verführt durch seinen Bankrott und seine draufgängerische Art auf die falsche Seite des Gesetzes geraten war.

"Tja", sagte Milo und schlug ihm auf die Schulter. "Sie hätten bei der Army bleiben sollen." Mein Partner deutete auf die verstümmelte rechte Hand des Mannes. "Wo haben Sie eigentlich die fehlenden Finger gelassen?"

"Bullshit!", knurrte Moriga.


ENDE

Die Sache mit Caroline

Alfred Bekker




Ich lernte Caroline auf einer Party kennen, zu der ich mir mit einem gefälschten Ausweis und einer gefälschten Einladung Zugang verschafft hatte.

Sie sprach eine ganze Weile nur von sich selbst und ich hörte ihr zu. Manchmal sagte ich: “Ah, ja!” Oder “So, so” oder auch ein interessiertes: “Okay…”

Anscheinend kam das gut an.

Irgendwann fragte sie mich dann: “Und was machen Sie so?”

Das war der Moment, den ich gerne vermieden hätte.

Eigentlich hatte ich gedacht, dass ihre Eitelkeit noch ein bisschen ausgeprägter wäre und ich noch den halben Abend nichts weiter als “Ah, ja!” zu sagen brauchte.

Aber anscheinend war sie doch neugierig.

“Sicherheitsbranche”, sagte ich.

“Ah, ja”, sagte sie jetzt.

Ich konnte mir das Grinsen kaum verkneifen.

“Ja”, sagte ich.

“Und etwas genauer?”

“Ich darf nicht drüber reden.”

“Aber vielleicht doch so…. eher allgemein?”

“Das war schon sehr speziell - für meine Verhältnisse.”

“Ein Mann mit Geheimnissen. Das gefällt mir.”

“Sieh an!”

Ich glaube, sie hatte es sich vielleicht ein bisschen zuviel bei dem Sekt bedient, der hier überall herumstand. Irgendwie wirkte sie auf mich wie eine Frau, die normalerweise alles und jeden und vor allem sich selbst zu kontrollieren versuchte, das aber jetzt im Moment gerade nicht mehr so besonders hinbekam.

Mir sollte es nur recht sein.

“Komisch, eigentlich laufen hier immer dieselben Leute bei denselben Parties herum”, sagte sie.

Ich hob die Augenbrauen.

“Ja, und?”

“Sie habe ich hier bislang nie gesehen.”

“Ich komme nicht viel zum Feiern.”

“Immer richtig busy, was?”

“Von nichts kommt nichts.”

“So kann man es auch ausdrücken.”

“Man muss sehen, dass man den Anschluss hält.”

“Sicher.”

“Und noch besser ist, wenn man allen anderen ein Stück voraus sind.”

Sie sah mich an.

Ihre Augen waren blau.

Blau wie das Meer.

Oder der Himmel.

Auf jeden Fall blau.

“Ist nicht ganz einfach, oder?”

“Was?”

“Das Voraus-sein.”

“Das nennt man Anticipation.”

“Muss man alle Dinge auf Englisch sagen.”

“Nein, aber es klingt professioneller”, lachte ich. “Und es wird einem schneller abgekauft. Selbst wenn noch so hohles Gelaber ist.”

“Ja, das ist leider wahr…”

Ich zuckte mit den Schultern. “Es gibt allerdings keinen Grund, das Spiel nicht mitzuspielen, wenn man begriffen hat, wie es läuft.”

“Auch wieder wahr.”

“Ich sehe das so.”

“Finden Sie es nicht auch furchtbar langweilig hier?”

Ihr Blick war abwartend. Lauernd. Sie war plötzlich sehr aufmerksam.

“Es geht so”, sagte ich.

“Was halten Sie von unverbindlichem Sex?”

“Sie sind sehr direkt.”

“Ist irgendetwas nicht in Ordnung daran, direkt zu sein?”

“Nein, daran ist alles vollkommen in Ordnung.”

“Es beruhigt mich, dass Sie das auch so sehen wie ich.”

Ich sah auf Ihre Brüste.

“Sie haben schöne Titten”, sagte ich.

“Sie sind aber auch direkt.”

“Das bin ich.”

“Dann sind wir uns also einig?”

“Insofern - ja.”

Sie lächelte. Und sie nahm eine Pose ein, bei der die Silhouette ihrer Kurven gut zur Geltung kam. Man musste ihr wirklich eins lassen: Das hatte sie sehr gut drauf. Sie sagte: “Ich finde es süß.”

“Was finden Sie süß?”

“Dass Sie mich noch siezen, wenn Sie mir sagen, dass ich schöne Titten hätte.”

“Ach, ja?”

“Das hat Stil.”

“Wenn Sie meinen.”

“Und es spricht für eine gewisse Galanterie.”

“Nun…”

“Ich bin ja auch durchaus direkt, wie Sie ja schon gemerkt haben.”

“Allerdings!”

“Aber ich bin keineswegs vulgär. Und das schätze ich auch bei anderen nicht.”

“Dann kann ich ja von Glück sagen, dass ich durch Ihr strenges Auswahlraster hindurch gekommen bin!”

Ihr Lächeln wurde breit.

Sehr breit.

“Und was für ein Glück Sie haben! Das wird Ihnen noch aufgehen…”

“Beim Vögeln.”

“Genau.”

“Wie geht es jetzt weiter?”

“Ich suche irgendwo einen Platz, wo ich mein halb leeres Sektglas hinstellen kann und dann verschwinden wir. Geschäftlich wichtige Kontakte mache ich heute sowieso nicht mehr. Und wenn… Dann sollte ich wohl ohnehin besser jedes Treffen mit jemandem vermeiden, der wichtig ist.”

“Weil Sie schon zu viel Sekt getrunken haben.”

“Genau.”

“Dann verschwinden wir doch”, sagte ich.

“Ich heiße übrigens Caroline”, sagte sie.

Aber das wusste ich längst.


*


Wir nahmen ein Taxi. Sie bewohnte ein nobles Penthouse mit fantastischer Aussicht. Die Stadt wirkte wie ein Lichtermeer. Wie eine Galaxie, in der sich raumschiffartige Gebilde bewegten. In Wahrheit waren es nur Autos, Flugzeuge und die S-Bahn. Aber man muss sich nicht jede Fantasie durch die Wahrheit zerstören lassen. Man kann sie manchmal auch einfach genießen.

Wir waren kaum in ihrer Wohnung, als ihr fast wie beiläufig das Kleid von den Schultern rutschte. Sie trug nichts darunter.

Nackt, wie sie war, drehte sie sie sich zu mir um. “Was ist? Plötzlich schüchtern?”

“Nein”, sagte ich.

“Aber irgendetwas ist.”

“Nein.”

“Na, dann ist es ja gut.”

“Ja.”

“Manchmal muss man einfach alles, was mit dem Job zu tun hat, aus dem Kopf kriegen.”

Ich nickte. “Ja, das muss man”, stimmte ich ihr zu.


*


Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach dieser Nacht als erster aufzuwachen. Eigentlich wäre es sogar verdammt wichtig gewesen, dass ich als erster aufwachte. Aber manchmal klappen die Dinge eben nicht ganz so, wie sie sollen.

Sie war vor mir wach und stand nackt neben dem Stuhl, auf dem ich meine Sachen abgelegt hatte. Das Licht der Morgensonne fiel durch die Fensterfront und zauberte Schattenmuster auf ihre vollen Brüste.

Unglücklicherweise fingerte sie an meiner Jacke herum und hatte wenig später die Pistole in der Hand, die ich bei mir trug.

“Ich sagte doch, ich bin in der Sicherheitsbranche”, erklärte ich.

“Die Waffe ist echt?”

“Sicher.”

“Du bist ein Leibwächter?”

“Sowas Ähnliches.”

“Ich könnte jemanden brauchen, der mir Leute vom Leib hält, mit denen ich nichts zu tun haben will. Fällt das in dein Gebiet?”

“Unter Umständen ja.”

“Was machst du genau?”

“Ich bin dagegen, Berufliches und Privates zu vermischen.”

“Ach komm, das ist doch Blödsinn.”

Ich war aufgestanden, hatte mir meine Hose übergezogen und trat ihr nun entgegen.

Sie ließ sich die Waffe aus der Hand nehmen.

Zum Glück.

“Ich habe ein paar Schwierigkeiten”, sagte sie. “Mit unangenehmen Leuten. Und ich würde viel Geld dafür bezahlen, wenn das jemand für mich regelt.”

“Schön für dich. Dann wird sich jemand finden, der das für dich macht.”

“Und was ist mit dir?”

Ihre Haltung wirkte provozierend. Sie hatte den Arm in die Hüfte gestemmt. Ich gönnte mir noch einen Blick auf ihre Brüste, die noch in Bewegung waren und leicht zitterten.

“Für mich ist das nichts”, sagte ich.

“Schade.”

"Ist aber so."

“Ich bin wirklich in Schwierigkeiten.”

“Ich weiß.”

Ich langte in die Jackentasche und bekam den Schalldämpfer zu fassen. Dann schraubte ich ihn auch.

Sie sah mich an.

Ich feuerte zweimal kurz hintereinander. Ob sie begriff, was ihr geschah, weiß ich nicht. Allenfalls im allerletzten Moment wurde ihr klar, dass die Leute, mit denen sie Schwierigkeiten hatte, mir den Auftrag gegeben hatten, sie zu beseitigen.

Irgend wer stört immer irgendwen.

Was genau der Grund war, interessierte mich nicht.

Nur eins zählte für mich an allererster Stelle: Die Loyalität zum Auftraggeber.

Ich steckte die Waffe wieder ein, zog mich zu Ende an und sammelte sehr sorgfältig alle meine Sachen zusammen. Allzu vorsichtig brauchte ich nicht sein. Meine DNA war nirgends gespeichert. Meine Fingerabdrücke auch nicht.

Immer mit der Ruhe, dachte ich, als ich fertig war. Ich sah nochmal zurück auf die Tote auf dem Boden.

Erledigt, dachte ich.



ENDE

















Die McNamarra-Codes


von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.


Alexander von Strehlitz, der „Baron“, ist ein Draufgänger und Abenteurer, der das Leben voll auskostet, aber er hilft auch Menschen in Not. Unterstützt wird er von seinem Chauffeur James, dem Sekretär Robert und seinem Freund Michel, genannt „Le Beau“. Als der Baron mit Sir Winnibald im Ausland weilt, werden seine Leute von Unbekannten angegriffen und Robert Burton entführt. Die schöne Maria soll den Baron dazu bringen, eine Produktionsliste mit Codes der McNamarra-Fabriken zu besorgen. Aber auch als „Le Beau“ in die Hände der Verbrecher fällt, lässt von Strehlitz sich nicht ins Bockshorn jagen – sondern dreht den Spieß um ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER TONY MASRO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen ... der Baron und seine Crew.




1

Die Geschichte mit der Loreley, die sich kämmt, vom Felsen herunter die Schiffersleute irritiert, dass die auf Riffe fahren, kennt jeder. Eine neuere Version ist die, dass ein Autofahrer von den rassigen Beinen einer Schönen so verwirrt gemacht wird, dass er bei Rot über die Kreuzung fährt.

Bei James war es im Prinzip ähnlich und doch wieder ganz anders. Als er mit dem Rolls-Royce von Sir Winnibald die Rochester Road dahinfuhr, hatte er keine Riffe und Klippen vor sich, sondern eine schöne, ziemlich breite und kerzengerade Landstraße, keine Bäume an den Seiten, sondern kleine Markierungspfähle, die schon beim geringsten Stoß umklappten. Rechts und links nicht etwa Steilhänge oder tückische Wassergräben. Nein, flache Felder, harmloser als ein Sandhaufen. Es brausten auch nicht etwa andere Autos durch die Lande. James war mutterseelenallein, mit Sir Winnibalds Rolls-Royce, versteht sich. Und dieser Silver Shadow hatte präzise in dieser Ausstattung hundertdreißigtausend Mark gekostet, besaß etwa 250 DINPS, trank pro hundert Kilometer seine fünfundzwanzig Literchen und war für seine viele Kraft und den unbändigen Durst gar nicht einmal so mobil; jeder deutsche Opel-Admiral oder Mercedes 280 war schneller und beschleunigte besser. Aber darauf kam es den Leuten, die den Gegenwert eines Einfamilienhauses für ein Auto ausgaben, nicht an.

James fuhr etwa achtzig Stundenkilometer. Der Motor summte nur leise, und die Reifen rauschten. Es war geradezu eine Fahrt für Anfänger, wo sich Fahrlehrer meist eine Pfeife stopfen, weil, wie man so schön sagt, nichts passieren kann.

Es passierte aber etwas, eigentlich eine ganze Menge. Und all das hier könnte gar nicht geschrieben werden, wenn James nicht am Abend zuvor im Kino Violet Lindon gesehen hätte, im Film natürlich. Und Violet Lindon war für James der Traum, der absolute Wunschtraum seiner schlaflosen Nächte. Violet, das dunkelhaarige Mädchen, schön wie einst Liz Taylor, temperamentvoll und rassig. Und während aus dem Autoradio zärtliche Musik erklang, hatte James plötzlich eine Vision. Er dachte, dass er das träumte, was er sah.

Da stand neben der Straße, wie aus dem Nichts aufgetaucht, Violet Lindon. Sie stand da, im knappen Supermini, rank, hundert Pfund leicht, das Haar wie schwarzer Lack bis hinab zur Brust, diese Brüste verdeckt von einem Blüschen, das so knapp saß, dass man um die Nähte bangen musste. Filmstar Violet Lindon, ausgerechnet Violet, Liebling von Tausenden, die sie aus Film und Fernsehen kannten.

Er sah, wie sie winkte, sein Traum. Wie sie ihren schlanken Arm hob, wie sie ihm zulächelte, bittend, verführerisch ... Sein Traum! Ausgerechnet sie! An die er dauernd dachte, von der er träumte, die er sich immer herbeigewünscht hatte! Und sie stand ausgerechnet hier, an dieser Straße, ein Anhalter! Und er kam im Rolls, niemand sonst im Wagen. Ein fantastischer Zufall!

Ein Wunder! Violet Lindon auf dieser Straße! Gerade jetzt!

Da war er schon neben ihr, wollte bremsen, aber alles war bei ihm vor Fassungslosigkeit durcheinander. Statt zu bremsen, gab er Gas, und er sah immer noch auf sie, sah, wie sie lächelte, wie sie den Mund öffnete, als wolle sie ihm etwas zurufen ...

Und da war er schon von der Straße herunter. Klapp, klapp machte es, als er die Markierungspfähle umfuhr wie Schießbudenfiguren. Und der ehrwürdige Rolls wühlte sich auf einmal durch einen weichen Acker, und dann kam das Loch.

Es war mehr ein Graben, angelegt, um über den Winter Futterrüben einzumieten. Jetzt waren keine Futterrüben drin. Jetzt war da nur mehr eine Pfütze, etwas verfaultes Kraut, Gestank und weiche Erde, sehr viel, sehr weiche Erde. Und in die plumpste der Rolls hinein.

Es tat einen Klatsch. Wasser, Schlamm spritzten hoch, übergossen den vornehmen, so tadellos polierten dunkelblauen Silver Shadow, verwandelten gleißend blinken den Chrom in ein unansehnliches, von trüber Brühe überzogenes Etwas. James schlug mit der Brust gegen das Lenkrad, als der Rolls so plötzlich zum Stehen kam, und dann war seiner Stirn auch noch die Sonnenblende im Wege. Er donnerte genau gegen die Gusshalterung, und das hätte sogar einen Ochsen betäubt. James sank in einen tiefen Schlaf.



2

Zuerst sah er wogende Nebel und rote Schleierfetzen dazwischen, aus denen ein Geisterbild wuchs, das Bild einer Frau. Ihr dunkles Haar umrahmte das helle Gesicht mit den großen Augen. Die vollen Lippen, rot wie Kirschen, bewegten sich, und er sah die beiden Reihen ihrer perlweißen Zähne. Allmählich hörte dieser Anblick auf, vor seinen Augen zu verschwimmen. Klare Konturen wurden sichtbar, und sein Traum begann sich immer mehr zu einem wirklichen Bild zu formieren.

Aber es war nicht Violet Lindon. Gewiss, dieses Gesicht ähnelte dem im Film gestern Abend. Aber Violet war das nicht. Violet war nicht mehr so jung. Plötzlich fielen ihm auch die Skandalgeschichten ein. Diese Frau hier war nicht nur jünger, sie wirkte auch mädchenhafter.

„Mein Gott, kommen Sie doch zu sich!“, hörte er sie sagen, und auch diese Stimme war anders als gestern im Film.

Violet Lindon besaß eine Sopranstimme. Dieses Mädchen hier hatte ein dunkles, schwingendes Organ, das wie eine Glocke anschlug.

Er spürte ihre Hand an seiner linken Wange. Ein Gefühl, das ihn glauben ließ, er befände sich doch in Violet Lindons Armen.

Doch dann riss ihn die dunkle, etwas rauchige Stimme wieder aus diesen Träumen heraus. „Wie konnte denn das nur passieren? Warum sind Sie von der Straße heruntergefahren? Ich meinte, Sie würden halten und mich mitnehmen. Ihr Auto sieht nicht gut aus, Sie selbst auch nicht gerade.“

Sie legte ihm etwas Kühles, Feuchtes auf die Stirn. Es schmerzte erst, aber dann tat es ihm wohl.

„Eine Beule“, meinte sie fachkundig, „aber wir haben die bald wieder weg. Ich fürchte nur, eine Gehirnerschütterung ist auch drin. Richten Sie sich mal auf! Haben Sie Schmerzen im Leib?“

Wie, so fragte er sich, kann ich Schmerzen haben, wenn mir so eine Fee die Stirn kühlt und ihre zarten Hände beruhigend an meine Schläfe legt. Wie lange war es her, dass ihm so etwas zum letzten Male widerfahren war?

„Sie sind aber kräftig gebaut“, meinte das Mädchen anerkennend. „Und so groß!“

Er wusste, dass er keine Schönheit war, aber wenn eine Frau seine Größe und seine Kraft bewunderte, hatte ihm das schon immer gutgetan. Doch er begann Kopfschmerzen zu spüren. Auch sein Brustbein schmerzte, und die Sorge, was mit dem Rolls geschehen sein konnte, wuchs auch. Es war der Rolls von Sir Winnibald, nicht der vom Baron, James’ Chef. Er sollte den Rolls zurück zum Cottage von Sir Winnibald bringen. Eine Gefälligkeit, weil Sir Winnibalds erster Chauffeur erkrankt war und Sir Winnibald selbst mit Baron Strehlitz in dessen Leihflugzeug nach Paris geflogen war.

Der Gedanke, dass ihm nun auch der Baron nicht helfen konnte, weil er gar nicht in England war, verstärkte James’ Depressionen noch um einiges. Aber da war wieder das Gesicht.

„Sind Sie Violet Lindon?“, fragte er heiser.

Sie sah ihn verblüfft an, dann lachte sie. „Nun, Sie sind gut! Liegt da, hat eine Riesenbeule, und redet von Violet Lindon. O nein, die bin ich nicht. Mein Name ist Ruth Bardal.“

Er hörte, dass sie einen leichten Akzent besaß, wusste aber nicht, woher sie stammen könnte. „Sind Sie aus Italien nach England gekommen?“

Sie lachte wieder. „Nein, als ich ganz klein war, sind meine Eltern von Ungarn hergekommen. Mein Vater war Ungar, aber er ist tot. Meine Mutter war Österreicherin. Sie hat hier wieder geheiratet, und ich bekam durch Adoption den Namen meines Stiefvaters. Er ist ein Postbeamter. Ein guter Vater.“ Sie hielt inne, sah ihn an und fragte: „Und Sie?“

„Ich heiße James Morris und bin Chauffeur, ein schlechter dazu. Ich hatte eine Vision, als ich Sie so plötzlich sah.“

„Plötzlich? Nun hören Sie mal! Sie müssen geträumt haben. Ich habe eine Stunde dort gestanden und sah Sie von Weitem kommen. Sie waren meine ganze Hoffnung. Hier fahren ja kaum Autos. In der Stunde ist eines gekommen, aber es war ein Schaftransporter, und der Fahrer hielt zwar, sagte aber, ich sollte besser nicht mitfahren, weil ich noch in drei Wochen danach riechen würde. Nun, dann kamen Sie. Gleich ein so großartiger Rolls. Und fährt ins Feld!“ Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie es noch immer nicht verstehen.

„Ich meinte, Sie wären Violet Lindon. Ich war gestern noch in einem Film gewesen, in dem sie gespielt hat.“

Sie lachte. „Sie mögen Violet Lindon, nicht wahr? Und nun sind Sie enttäuscht, was?“

„Im Gegenteil, sehr im Gegenteil“, meinte er aufgeregt. „Sie sind noch schöner ... Sie ...“

„Nett, wie Sie das gesagt haben, James! Nennen Sie mich Ruth!“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und fuhr fort: „Können Sie aufstehen?“

Ihr Anblick hätte ihm dazu selbst mit einem Bauchschuss die Kraft gegeben.



3

Le Beau biss behaglich von seinem mit Butter und Marmelade bestrichenen Hörnchen ab, streckte sich wohlig aus, sodass der Schaum des Bades, in dem er saß, wie Schnee über seine behaarte Brust rieselte. In der Linken hielt Le Beau ein Glas mit Orangensaft.

Das Tablett mit Tee, Säften und diversen belegten Hörnchen hing an der Badewannenseite an einer Klammer, und die beiden leeren Teller bewiesen, dass Le Beau und Ilona schon die Eier mit Schinken verzehrt hatten.

Ilona saß dem agilen Franzosen gegenüber in der Wanne, splitternackt wie Le Beau auch; sie löffelte gerade einen Becher Joghurt aus.

Ilona, das waren hundert Pfund verführerisches Fleisch, Kurven und hinreißender Sex. Blond war sie übrigens auch. Ihre Augen schienen zu leuchten, wenn das Licht in sie fiel. Es waren graublaue Augen. Aber keine kalten, im Gegenteil. Denn sogar jetzt, während sie Joghurt schaufelte, schien sie an eine Neuauflage dessen zu denken, was kurz vor dem Bad noch gelaufen war. Um das Manöver gleich einzuleiten, krabbelte sie mit dem rechten großen Zeh an Le Beaus Bauch, dann etwas tiefer, und er grunzte nur wohlig, widmete sich aber trotzdem mehr dem Marmeladenhörnchen als Ilonas neckischem Fußballspiel.

„Schnurri?“, meinte sie voller Verlangen.

Er blinzelte über sein Hörnchen hinweg zu ihr hin. „Ja, meine kleine wilde Taube?“

„Ich verbrenne!“

„In einer Badewanne voller Wasser ist das eine ziemlich schwierige Sache, Täubchen. Wie machst du das?“

„Ich verglühe, Schnurri!“ Sie machte Anstalten auf seine Seite zu klettern, schob eine Woge Schaum vor sich her und stellte zudem die statischen Berechnungen der Wannenkonstrukteure durch solch plötzliche Gewichtsverlagerung auf die Probe. Die Wanne kippte nicht, die Halterungen hielten, aber die Schaumwoge überrollte Le Beaus Hörnchen, und in solchen Dingen verstand er herzlich wenig Spaß.

„Aber, Ilona, nun pass doch auf!“, maulte er.

Sie war ganz auf das eingestellt, was sie so beschäftigte. „Schnurri, ich will nur Liebe, sonst gar nichts!“ Und da verlor sie das Gleichgewicht und landete mit einem Planscher auf seinem Bauch, begrub das Hörnchen mitsamt Butter und Marmelade unter ihrem Busen, tauchte den abgerutschten Le Beau in den Schaum, dass er sprudelte wie ein Vulkan beim Ausbruch, und schließlich ging sie selbst unter! Ihr Schrei „Meine Frisur!“, erstickte in einem unartikulierten Gebrabbel.

Als sie beide wieder auftauchten, waren sie schaumgekrönt, machten Gesichter wie halb ertränkte Katzen und prusteten, schnieften und niesten. Das Marmeladenhörnchen klebte an Le Beaus Brusturwald, und die Orangenscheibe aus dem Saftglas hing in Ilonas Haar, das jetzt alle Pracht eingebüßt hatte und in kleinen Ringellöckchen am Schädel klebte.

„Verglühst du immer noch?“, fragte er.

„Du bist gemein!“, keuchte sie, aber dann musste sie wieder niesen, und ihm flog eine Handvoll Schaum ins Gesicht.

In dieses Idyll der Zweisamkeit schellte das Telefon. Le Beau hatte es sinnigerweise ins Badezimmer geschleppt, wozu die lange Schnur gerade noch reichte.

„Verdammt!“, fauchte Le Beau, stieg aus der Wanne, sprengte den Fußboden wie ein Blumenbeet, stapfte, während wahre Bäche von ihm rannen, zum Telefon und nahm den Hörer.

Ilona, die sich daran nicht störte, keifte wütend: „Du Schuft! Warum lässt du mich allein?“

„Sei doch mal still, ich verstehe nichts!“, fuhr er sie an und meldete sich noch einmal: „Dupont hier ...“

„Schnurri, so komm doch! Lass doch das dumme Telefon, Liebling!“, plapperte Ilona dazwischen und streckte ihr schlankes linkes Bein aus der Wanne, um ihn damit anzustupsen.

Er stopfte den Finger ins rechte Ohr und blökte in den Hörer: „Was sagst du da? Verunglückt? Mit Sir Winnibalds Rolls? Wo, zum Donnerwetter? — Hah, sprich doch lauter, Ilona ist hier und spielt Schaufelraddampfer! — Ilona, sei doch mal still, zum Teufel!“

Ilona planschte, als sei sie bestrebt, auch noch den Teil des Badezimmers unter Wasser zu setzen, der noch trocken war. Und dabei schlug sie mit Händen und Füßen ins Badewasser, dass es noch mehr schäumte, und dieser Schaumberg quoll auch prompt wie übergärender Hefeteig über den Wannenrand.

„Ja“, brüllte Le Beau, um den Lärm zu übertönen, „es ist gut. Ich werde kommen, aber erst muss ich Ilona den Hintern versohlen. Ja, Robert, ich beeile mich. Mann, wenn unser Häuptling zurückkommt, wird der sich aber freuen! Ende, Robert.“ Er legte auf.

Im Badezimmer war es plötzlich sehr still geworden. Ilona hatte das mit dem „Hintern versohlen“ noch sehr gut gehört. Jetzt, als Le Beau mit hängenden Armen und wütender Miene auf sie zu kam, ging sie auf Tauchstation. Die ohnehin ramponierte Frisur brauchte sie nicht mehr zu beachten.

Aber sie war keine gute Taucherin. Ihr ging schon nach ein paar Sekunden die Luft aus. Zudem brannte das Schaumbad in den Augen, und so tauchte sie prustend und schniefend wieder auf. Aber Le Beau ließ ihr nur einen Atemzug, dann legte er die flache Hand auf ihr Haupt und versenkte sie wie einen torpedierten Schlachtkreuzer. Als er sie wieder anhievte, kreischte sie wie irr. Er zog den Stöpsel aus der Wanne, stellte die Dusche genau über Ilona an — mit Kaltwasser, versteht sich —, dann ging er, das Badetuch um die Lenden, nach draußen.

Das hinter ihm losbrechende Gequieke erinnerte ihn an seine Geburtsstadt Clermont-Ferrand, wenn dort die Straßenbahn um die Kurven kreischte.



4

Ruth Bardal blickte durch die Scheiben der Telefonzelle in den Gastraum der Chausseewirtschaft. Sie presste den Hörer dicht ans Ohr und sagte: „Ja, er ist gerade gekommen. Jetzt sind sie alle drei hier. Was soll ich tun?“

Eine Männerstimme fragte vom anderen Teil der Leitung: „Ist er schlimm verletzt?“

„Nein, nur der Wagen sieht schlecht aus. Er sagt, da wäre die Vorderachse gebrochen.“

„Was schert uns der Wägen?“, meinte die Männerstimme. „Es ist ein toller Zufall gewesen, wie sich alles ergeben hat. Sie wollten ja eigentlich nur mitfahren. Haben Sie das Schlafpulver weggetan?“

„Ja, seien Sie nur beruhigt. Und was haben Sie von Maria gehört?“

„Alles in Ordnung. Hören Sie auf, so etwas am Telefon zu fragen. Gehen Sie jetzt zu ihnen zurück. Das andere machen wir. Und verraten Sie sich nicht!“

Sie hängte ein, blickte kurz durch die Scheibe und sah nun zwei Männer neben James Morris sitzen. Der eine war untersetzt, hatte eine Stirnglatze und wirkte ein wenig dicklich. Die Brille gab ihm einen professoralen Anblick. Der andere erinnerte Ruth Bardal an Belmondo, den französischen Mimen. Mittelgroß, drahtig und nicht gerade schön, doch irgendwie von magnetischer Ausstrahlungskraft auf Frauen war er, dieser dritte Mann, der eben gekommen war. Sie wusste, dass es Michel Dupont sein musste, den Freunde Le Beau nannten. Le Beau, der Schöne, und genau das war er nicht.

Sie verließ die Zelle, schnippte sich eine Locke ihres dunklen Haares aus der Stirn und ging mit wiegendem, graziösem Schritt zurück zum Tisch.

James Morris, der Unglücksrabe, um dessen Stirn ein Verband gewickelt war, wuchtete sein Schwergewicht vom Stuhle hoch und sagte mit Stentorstimme: „Darf ich Ihnen meinen Freund Michel Dupont vorstellen ...“

Sie wurde ebenfalls bekannt gemacht, und als sie Le Beau die Hand gab, spürte sie, dass es kein Märchen war, was man von ihm erzählte. Sie tat, als habe sie nie von ihm gehört, dabei war sie in den letzten Tagen über alle Einzelheiten informiert worden, die es überhaupt von ihm gab. Das galt übrigens auch von den beiden anderen.

Le Beau hielt ihre Hand ein paar Sekunden länger fest, als das üblich war. Er sah ihr tief in die Augen, und sie spürte eine Welle kribbelnden Stroms durch die von ihm gehaltene Hand durch den Arm bis zum Rücken fließen. Der Blick seiner Augen wirkte auf sie wie hypnotisierend. Sie wehrte sich dagegen, ahnte, dass er ihr wirklich gefährlich werden konnte und sie praktisch nichts entgegensetzen würde, aber auch gar nichts.

„Sie sind eine bezaubernde Frau“, sagte er leise, und jede der Silben war wie ein Ruf: „Komm zu mir! Komm!“

„Oh, machen Sie nur keine Komplimente“, sagte sie abwehrend, doch in ihrem Innern waren schon alle Abwehrmaßnahmen zusammengebrochen. Sie wusste in diesem Augenblick, dass sie diesem Manne bald gehören würde ... und wollte.

„Miss Bardal hat eben mal zu Hause angerufen. Damit die sich nicht sorgen um sie“, sagte James und rückte mit besitzergreifender Selbstverständlichkeit näher an Ruth heran, als sie sich gesetzt hatte. „Ruth“, fuhr er an sie gewandt fort, „zu Hause alles okay?“

Sie gab sich Mühe, ihn nicht anmerken zu lassen, dass er für sie nur ein netter großer Teddy war und sagte schmeichelnd: „Wenn Sie bei mir sind, muss ja alles okay sein, James.“

Er sonnte sich in diesem Kompliment, und Le Beau, der eine scharfe Bemerkung auf der Zunge hatte, verbiss sie sich und knurrte nur: „Der Rolls ist immerhin abgeschleppt worden. Ich bin der Fuhre begegnet. Wie ich die Preise bei Rolls-Royce kenne, wird man auf der Rechnung eine fünfstellige Zahl finden. Ich finde, James, der Baron wird dich eine ganze Weile Jim nennen.“

„Ruth lachte. „Jim? Was ist dabei?“, fragte sie.

Le Beau erklärte ihr: „Er nennt ihn nur dann Jim, wenn er auf ihn stocksauer ist. — Und nun mal eine andere Frage, an dich, Robert. Was soll ich denn hier? Hättet ihr die Probleme nicht ohne mich regeln können?“

Robert schob sich die Brille hoch und blickte Le Beau an wie einen, der den Finanzminister fragt, ob der nicht auf die Steuern verzichten könnte.

„Nun, hör mal!“, meinte er pikiert. „Baron Strehlitz hat gesagt, dass wir dich rufen sollten, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.“

„Aha, aber allein essen und trinken könnt ihr, nicht wahr? Oder soll ich euch vor dem Schlafengehen noch aufs Töpfchen bringen?“

James meinte knurrig, während Ruth lachte: „Nun hör mal zu, Le Beau: Es geht ja auch um Sir Winnibald. Ich wollte, dass du dir die Geschichte mal ansiehst. Und Ruth sagte auch, dass es ziemlich knifflig werden wird.“

„Knifflig? Dafür haben wir doch unseren wandelnden Computer.“ Le Beau sah Robert an. Doch dann flog sein Kopf herum. Durch die Tür der kleinen Chausseewirtschaft kamen fünf bullige Männer in Lederjacken. Im ersten Moment mochten sie wie Lastwagenfahrer aussehen. Aber als sie so zielstrebig auf den Tisch zustapften, an dem Le Beau und seine Begleiter saßen, roch Le Beau Lunte. Er war einfach viel zu oft in solchen Situationen gewesen, um kein Gespür dafür zu haben.

„James, aufgepasst!“, raunte er James zu. Doch an den rankte sich plötzlich Ruth Bardal wie Efeu, und er schien darüber völlig zu vergessen, dass er nicht allein am Tische saß. Er legte gerade seine riesige Pranke um Ruths Taille, als die fünf, die alle Mann fast James’ Figur hatten, am Tische stehen blieben.

„Willst du wohl unsere Schwester loslassen, du Hanswurst?“, rief der vorderste, der eher wie Rübezahls Bruder, vielleicht auch wie ein Verwandter irgendwelcher Menschenaffen, doch ganz und gar nicht wie jemand aussah, der nur einen einzigen entfernten gemeinsamen Vorfahren mit Ruth Bardal besaß.

James ließ Ruth langsam los, und seine mächtigen Fäuste wurden sichtbar. „Tut es dir irgendwo weh, lieber Freund?“, fragte James. „Wie kannst du denn diese Dame beleidigen und sie deine Schwester nennen, du Sohn eines Neandertalers?“

„Es sind meine Brüder!“, sagte Ruth und machte ein furchtsames Gesicht. „Bitte, Orson, bitte seid friedlich. Alle!“

Da lachten die fünf Urwaldrecken, und mit einem Male legten sie los.

Sie kamen wie fünf Lokomotiven, fünfmal Schwergewicht, fünfmal Kraftpakete. Es sah kümmerlich um James, Robert und Le Beau aus.

Aber so einfach, wie es sich dieser Orson zum Beispiel gedacht hatte, wurde es nicht, konnte es nicht werden. Da war einmal James. Der nahm sich noch die Zeit, Ruth, die hübsche Doppelgängerin seines Schwarms Violet Lindon, wie eine Puppe um die Taille zu fassen, aufzuheben und ein Stück hinter sich neben den Ofen zu setzen. Dort stand sie erschrocken, denn gerade zuckte Le Beau vom Stuhl wie eine Sprungfeder. Und er entging damit dem Wischer von Orson, der ihn damit wohl beiseite wedeln wollte. Dafür fing Orson gleich zweimal Schläge ein. Einmal bekam er einen Handkantenschlag an seine edelste Stelle, dass er aufschrie wie ein Löwe, den ein Speer getroffen hat, und bevor er überhaupt Luft bekam, hatte ihm Le Beau bereits den Daumen genau auf den Adamsapfel gestoßen, ihn gepackt und sich über die Schulter gerissen.

Orson, gut zwei Zentner zwanzig schwer, wurde Flieger und segelte mit dem Kopf voran in Richtung auf den Ölofen, neben dem seine angebliche Schwester stand. Der Hersteller des Ofens hatte am Material gespart, für Orson das Glück seines Lebens. So gab es nur eine riesige Beule im Blech, und Orson prallte davon zurück und blieb benommen auf dem Gesicht liegen. Ein eiserner Gussofen hätte Orson vielleicht für immer aus dem Verkehr gezogen.

Aber außer Orson waren da noch vier ebenbürtige Jungs, und denen ging ein Licht auf so hell wie Neon, als sie das Schicksal ihres Artgenossen erkannten. Den vordersten schickte James noch mit einem Pulverschlag quer durch den Raum, doch der nächste hatte bereits einen Stuhl in den Händen, als er ankam, und der wäre haargenau auf Robert gelandet. Doch Le Beau warf sich dazwischen, fing den Schlag ab, sodass Robert verschont blieb. Robert war ein Mann des Geistes, keiner der Faust. Er flüchtete daher in Richtung Ofen, wo sich mittlerweile außer Ruth, Orson und Robert nun auch der händeringende Gastronom des Hauses einfand. Er schrie aufgeregt ins Getümmel, aber ihm verschlug es im wahren Sinne des Wortes jedwede weitere Äußerung, als es dem Manne mit dem Stuhl gelang, Le Beau durch die Luft zu stoßen. Le Beau landete dem Wirt auf der Brust, sprang schon wieder vor, und der Wirt machte eine Notlandung auf dem zum Glück kalten Ofen. Le Beau griff schon wieder an, aber James hatte dasselbe Ziel, und der Mann mit dem Stuhl verlor dieses Utensil und wurde von James durch einen Faustschlag getroffen, der so ungefähr die Wucht einer Ramme besaß. Unser Freund flog, von diesem Schlag getroffen, und dies am Kinn, durchs halbe Lokal, wischte drei Tische beiseite, um dann am vierten mit dem Gesicht in einer frisch zubereiteten echten Southampton-Fischsuppe zu landen. Wie gut die Suppe war oder nicht war, vermochte der Mann kaum noch festzustellen, denn James’ Schlag hatte ihn schon an den Rand der Bewusstlosigkeit geschickt, bevor es zur Suppenlandung gekommen war.

Zwei waren noch übrig. Doch den einen zog sich Le Beau im Karatestil über die Schulter und schlug dann mit der Handkante zu, stieß ihn völlig überflüssigerweise noch mit einem Fußtritt durch die Luft und wollte sich gerade dem anderen zuwenden, als James ihm diesen letzten Gegner entgegenstieß und dabei schrie: „Verschaff dem Jungen ein paar frohe Stunden, Le Beau, schick ihn schlafen!“

Aber dazu kam Le Beau nicht. Er spürte plötzlich einen knochenharten Schlag auf dem Kopf, merkte, wie sich auf einmal alles um ihn drehte und er in einen unendlich tiefen Schacht zu fallen schien. Dann wurde es dunkel vor seinen Augen. Er hörte nur noch den verzerrt klingenden Ruf von James: „Warum tun Sie das, Ruth?“ Danach war um ihn Nacht.

James stand wie erstarrt vor Ruth, die auf einmal eine 6.35er Pistole auf ihn gerichtet hielt und scharf sagte: „Rühren Sie sich nicht! Ich schieße ganz bestimmt!“

Und die Zeit, die er tatsächlich innehielt, um nachzudenken, um seine Überraschung zu überwinden, die reichte dem wiederauferstandenen Orson, von hinten an James heranzukommen und mit einem Stuhlbein zuzuschlagen. Der nicht mehr völlig intakte Schädel von James, noch vom Unfall her ramponiert, verdaute das nicht. James sackte in sich zusammen wie ein Schlauchboot, aus dem man die Luft lässt.

Orson ließ sich auf einen Stuhl sinken und krächzte: „Mann o Mann, das sind ja zwei Kameraden! Aber wo ist denn der dritte?“

Er sah sich suchend um. Auch Ruth, die Pistole noch immer in der Hand, suchte nach Robert, aber der hatte sich im Getümmel auf und davon gemacht.

„Mein Gott, wir müssen ihn finden!“, rief Ruth.

Da hörten sie das Klingeln und Heulen von britischen Polizeiautos.

„Nichts wie weg!“, rief Orson. „Los, hilf mir, die Kerle hochzubringen!“

Aber der Wirt, dessen Gäste bis auf die Kämpfer alle geflohen waren, war entschlossen, hier einzugreifen. Mit einem Feuerlöscher in den Händen, die Rechte am Abzug, stellte er sich vor Orson hin und schrie: „Hände hoch!“

Orson wollte sich auf ihn werfen, aber da drückte der Wirt den Schaumhebel nach unten. Es kam zischend und sprudelnd aus dem Rohr. Dicker klebriger Schaum, und er fauchte mit Hochdruck Orson entgegen. Als Ruth ihre Pistole wieder aus der Jackentasche zog, richtete der Wirt die Schaumladung auf sie. Völlig mit Schaum bedeckt, um Luft ringend, blind und hilflos tappte Ruth neben Orson herum, dem es nicht besser ging.

Indessen kam das Läuten und Sirenengeheul näher. Der Wirt fühlte sich schon als Sieger, da waren zwei weitere Männer von Orson wieder auf den Beinen, überwältigten den Wirt von hinten, nahmen ihm den Schaumlöscher ab und duschten damit die mit einem Bratenmesser herbeistürmende Frau des Wirts. Während die Frau auf die Knie fiel und sich fast selbst noch mit dem Bratenmesser verletzte, schleppten die beiden Orson, Ruth und ihren in der Fischsuppe gelandeten Kameraden aus dem Raum; der fünfte Mann konnte mit eigener Kraft nachkommen. Er war auch wieder halbwegs bei Sinnen.

Draußen erreichten sie ihren Rover V 8, stiegen hastig ein, wobei der Wagen infolge des Übergewichts der schwergewichtigen Insassen ziemlich in die Knie ging. Mit aufheulender Maschine und durchdrehenden Reifen des 150PS-Wagens jagten sie davon. Und hinter ihnen bog gerade der erste dunkle Polizeiwagen um die Ecke ...



5

Le Beau ließ sich in den Sessel sinken und sah gequält auf Ilona, die ihre hübschen Fäuste in die Hüften stemmte und ihn so vorwurfsvoll ansah, als hätte er die Kronjuwelen der Königin in die Themse geworfen.

„Aber wenn ich doch nur ein Wort begreifen könnte, Schnurri! Nur ein Wort! Du bist doch nicht zu diesem Chausseehaus gefahren, damit dort fünf Supermänner über dich herfallen!“

Ihm schmerzte der Kopf. Ilonas Fragen fielen ihm auf den Nerv. Er winkte ab, aber sie gab nicht auf und bombardierte ihn mit Fragen. Um ihn seelisch aufzumuntern, hatte sie sich ein Supermini-Röckchen angezogen, von dem sie wusste, dass er sie darin am liebsten sah. Die Bluse, durchsichtiges schwarzes Nylon wie früher die Unterröcke aus der Gründerzeit der Kunstfaser, darunter ein Gürtel mit Patronenschlaufen, als wollte Ilona damit jeden Augenblick an einer Anarchisten-Rebellion teilnehmen. Sie sah gut aus, und sie wusste das. Ihr Haar war wieder in Fasson, aber sie hatte es durch ein Haarband gebändigt, und auch das stand ihr großartig. Zu allem Überfluss trug sie rote Stiefel, sodass ihr ganzer Anblick einen beträchtlichen Hauch Sex ausströmte.

Le Beau fühlte sich tatsächlich von so viel Erotik aufgerüstet, hob wieder mit etwas mehr Unternehmungsgeist den Kopf und meinte grinsend: „Du hättest diesen Polizeiboss erleben sollen. Er begriff nicht, worum es ging. Na ja, das begreifen James und ich ja bis jetzt nicht, aber dieser Polizeimensch hat gedacht, wir müssten es wissen. James ist vielleicht sauer, sage ich dir. Er hatte sich da ein Engelchen angelacht. Und nun gehört die offenbar zu diesen fünf Steinzeitmenschen.“

Ilona setzte sich auf die Armlehne des Sessels. „Michel, es muss doch einen Grund haben. So für nichts kommen doch diese Männer nicht, um sich mit euch zu hauen. Da muss doch etwas dahinterstecken.“

„Aber wir wissen es nicht. Jetzt ist natürlich die Geschichte mit James’ Unfall ganz anders, als wir zuerst gedacht haben. Aber Robert ist weg. Der hat sich während unserer Schlacht irgendwie verkrümelt. Ich dachte, er würde nachher wieder auftauchen, aber er ist weg, einfach verschwunden.“

„Und?“

„Nichts und. Morgen kommt unser Häuptling wieder. Da tanzen vielleicht die Puppen. Er wollte mit uns nach Holland.“

„Was tut ihr in Holland?“

„Er hat ein altes, aber gut erhaltenes Hotel in Katwijk aan Zee gekauft.“

„Ein Hotel? Wollt ihr ...“

„Er will eins für alte Menschen haben. Und für Frauen, die viele Kinder besitzen. Wir haben doch vor Kurzem ein Riesengeschäft in Italien gemacht, als wir dort mit dem jungen Callini einen Fernsehvertrag abgeschlossen haben. Das Geld, den Reingewinn, hat der Baron sofort in dieses Hotel und in den Fonds gesteckt, von dem er jedes Jahr, im Vier-Wochen-Abstand jeweils vierhundert alten Leuten und kinderreichen Müttern kostenlos Urlaub bieten kann. Und immer sollen diese Leute von überallher in Europa kommen. Das hat er vor. Die holländischen Behörden, die Bahnverwaltungen überall in Europa, alle haben ihm Hilfe zugesagt. Und im Augenblick hat er Sir Winnibald am Schlips, weil der ihm zehn Millionen geben soll ... spenden, sagt man.“

Sie lachte verächtlich. „Glaubst du, dass so ein Reicher wie Sir Winnibald das tut? Bisher habe ich nur erlebt, dass die Armen spenden. Die Reichen nehmen doch nur.“

„Nicht alle. Und außerdem hat Sir Winnibald etwas Angst vor den Gewerkschaften, seit sie ihn ein paarmal bestreikt haben. Er wird schon spenden. Er will sich nur alles ansehen. Auch das Hotel, das der Baron in Paris gekauft und bereits mit Rentnern aus ganz Europa belegt hat.“

„Der trieft ja von Edelmut, dein Baron“, meinte Ilona.

„Was weißt du von ihm. Du hast ihn erst einmal flüchtig gesehen. Wir leben selbst auch ganz gut. Er steht aber auf dem Standpunkt, dass man seine Talente nicht nur für sich selbst ausnutzen sollte. Aber das ist ganz bestimmt etwas, das du kaum begreifen dürftest.“

„Ich gebe auch, wo ich kann. Dir gebe ich, was ich habe“, sagte sie. „Das müsstest du doch wissen, Schnurri.“ Sie flötete das noch schmeichelnder und räkelte sich an ihn wie eine Katze. Als sie ihm dann auf den Schoß rutschte und ihre Rechte wie zufällig seinen Schenkel emporglitt, packte er sie, nahm sie auf die Arme und schleppte sie auf die Tür zu, hinter der sich ein Raum verbarg, den normale Leute Schlafzimmer, Ilona aber ihren Wonnesalon nannte. Als er drinnen war und die Tür mit dem Fuß hinter sich zutrat, piepste sie voller Vorfreude:

„Aber Schnurri, was tun wir denn dann nach dem Essen?“

„Dann spielen wir die andere Seite der Platte“, sagte er.

„O Schnurri, es glüht wieder in mir ...“



6

„Warum schicken Sie die Männer weg?“, fragte Ruth Bardal und blickte aus dem Fenster hinunter in den Hof. Dort bestiegen jene fünf Männer gerade einen kleinen Bus. Orson, der Anführer der fünf, war im Gesicht verpflastert. Auch zwei seiner Männer sahen aus, als hätten sie versucht, mit ihren Köpfen Prellbock auf dem Victoria-Bahnhof zu spielen.

Der Mann hinter dem Schreibtisch lächelte kalt. Er war um die Vierzig, glatt rasiert, dunkelhaarig, tadellos gekleidet. Sein Gesicht wirkte straff, aber es wies keine Besonderheiten auf. Ein Mann, den man sah und vergaß. Ein Durchschnittsgesicht, von dem Blick der kalten Augen abgesehen. Aber nicht jeder bemerkte diese Feinheit. Clyde Simmons war auch nicht darauf erpicht, dass er auffiel.

„Ruth, kommen Sie her! Diese fünf Narren sind in England überzählig. Ich lasse sie wegbringen. Wir haben da einen Auftrag in Marokko, und dafür sind sie wie gemacht. Fünf Idioten, die beinahe noch selbst in die Hände der Polizei gefallen wären. — Ich bin nur froh, dass Sie, entgegen Ihrem Befehl, noch eingegriffen haben. Sonst wäre alles schiefgegangen.“

Ruth wandte sich ihm zu. „Ich musste eingreifen, Mr. Simmons. Aber nun werden Sie mich wohl hier auch nicht mehr einsetzen können.“

„Maria wird sich darum kümmern. Für Sie habe ich trotzdem noch eine Aufgabe. Sie werden allerdings Ihr Haar ändern müssen. Da ist nämlich dieser Le Beau. Eigentlich ein unerhörter Bursche. Er hat doch ziemlich was abbekommen. Aber kaum ist der aus dem Verhör der Polizei heraus, flitzt der zu diesem Mädchen zurück, und wie wir wissen, liegt er schon wieder mit ihr im Bett. Würden Sie es fertigbringen, ihn dieser Ilona, die er sich da an Land gezogen hat, auszuspannen?“

Sie schluckte. Das mit James war ihr leichtgefallen. James, der Teddy, hätte ihr nie und in keiner Situation wirklich gefährlich werden können. Aber ausgerechnet Le Beau!

„Ich weiß nicht. Er wird mich wiedererkennen.“

„Wenn Sie sich geschickt zurechtmachen, Perücke und so, dann müsste er doch zu bluffen sein. Ich muss diesen Kerl ablenken, wenn wir uns dem Baron widmen. Und der Baron, das ist Marias Auftrag.“

„Und Sir Winnibald?“

„Kein Wort!“, sagte er scharf. „An den kommen wir nie heran. Wer mit dem verkehrt, wird vorher vom Geheimdienst durchleuchtet. Nichts da! Damit platzt unser Vorhaben nur. Nein, wir werden den Baron dafür benutzen. Denn er kommt an Sir Winnibald heran; er genießt das Vertrauen des Geheimdienstes, weil die wissen, dass er mit seinem Knall, verkalkten Alten irgendwelche Ferienheime zu bauen, überall bei den Reichen herumbettelt. Diese sentimentale Masche zieht ja. In Italien musst du für Kinder sammeln, in Frankreich für gefallene Mädchen, in Deutschland für Hunde und in England für alte Leute, da hast du die Büchse immer voll.“

Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch gedankenverloren zur Decke. „Sie machen möglicherweise einen Fehler“, sagte sie nachdenklich. „Sie unterschätzen die Motive dieses Mannes. Ich habe nicht viel von James gehört, aber was ich gehört habe, ist doch etwas anders als das, was Sie darstellen, Mr. Simmons. Eines weiß ich, Mr. Simmons: Wenn man einen Menschen unterschätzt, ist schon die Hälfte schiefgegangen. Das haben Sie mir selbst beigebracht.“

Er nickte. „Vielleicht haben Sie recht. Aber jetzt wollen wir erst einmal das Nächstliegende tun. Ich muss feststellen, wo dieser Sekretär abgeblieben ist. Auf den habt ihr alle nicht geachtet. Dabei ist er im Grunde viel gefährlicher als dieser Le Beau. Wenn der Sekretär Verbindung mit dem Baron aufgenommen hat, ist alles in Gefahr.“

Simmons lachte. „Also doch verliebt in ihn?“, spottete er.

„Nein“, erwiderte sie ruhig. „Nein, aber er ist ein netter Kerl.“

„Er sitzt in seinem Hotelzimmer mit einer kühlen Kompresse auf dem Kopf. Das ist jedenfalls die Information, die ich vom Zimmermädchen bekommen habe. Le Beau ist auf alle Fälle zäher und vitaler. Wollen Sie hören, was die beiden in Ilonas Schlafzimmer reden? Wir haben ein Mikrofon dort. Übrigens scheint Le Beau nicht zu wissen, um was die ganze Sache ging. Jedenfalls sagte er vorhin so etwas zu Ilona. Na, soll ich das Band mal anschalten?“ Simmons erhob sich, trat an einen Schrank, wo zwei Bandgeräte standen. Das eine lief und zeichnete auf.

„Nein, ich mag so etwas nicht. Spionage im Schlafzimmer!“ Ruth Bardal verzog angewidert das Gesicht.

Simmons konnte es sich nicht verkneifen und stellte das zweite Gerät an. „Eine Kostprobe, nur, ganz kurz. Das war vor etwa einer halben Stunde. Hören Sie mal!“

Das Gerät lief, und aus dem Lautsprecher tönte es mit Le Beaus Stimme: „Nun nicht so albern, Darling! Heute ist Mittwoch. Alles ist in Ordnung.“

„Bist du sicher? — Mein Gott, wenn ich sie vergessen habe!“, sagte eine Frau.

„Du hast sie nicht vergessen; es ist Mittwoch. Dann müsste ja eine übrig sein. Es ist aber keine einzige übrig. Hör auf damit und leg dich wieder hin! Komm zu mir, Darling!“

Die Frau erwiderte einschmeichelnd: „O Schnurri, ich hatte solche Angst, ich hätte sie zu nehmen vergessen ... Ah, nicht kitzeln, nein, das mag ich nicht! ... Aber, Michel, oh! Ich ... Ich liebe dich, Michel!“

Simmons schaltete ab. „Interessante Probleme im Liebesnest. Hat sie die Pille genommen oder nicht? Gut, was? Fast könnte man es als Lehrbeispiel ...“

„Seien Sie still!“, fuhr ihn Ruth an. „Ich mag nicht, dass Sie überall herumschnüffeln. Es ist schmutzig und widert mich an!“

„Unser Geschäft ist nun mal so“, meinte er versöhnend. Er nahm eine Flasche und zwei Gläser aus dem Schrank. „Kommen Sie, Ruth, trinken wir Whisky. Nichts können die Briten besser als Whisky brennen.“

Sie stand auf und ging zur Tür. „Danke, ich mag nicht. Ich gehe noch auf einen Sprung einkaufen.“

„Gut“, stimmte er zu. „Aber in einer halben Stunde sind Sie zurück. Das ist der Zeitpunkt, wo Sie für diesen Le Beau maskiert werden.“

„Maskiert?“

„Nun ja, etwas anders zurechtgemacht. Gehen Sie nur!“ Und als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, trat Simmons zum Telefon, wählte eine Nummer und wartete, bis sich jemand meldete. Dann sagte er: „Sie ist jetzt gegangen, um einzukaufen, wie sie sagt. Achte auf sie, Janosch!“

Er legte auf und wollte gerade zum Fenster gehen, als das Telefon summte. Er machte kehrt, nahm ab und meldete sich mit „Hallo?“

Eine Frauenstimme sagte mit dunkler Stimme: „Er ist eben gelandet. Seinen Gast hat er in der Maschine. Aber der Mann, der ihn abholen soll, wird nicht hier sein. Wir mussten ihn wegen einer kleinen Ohnmacht behandeln.“

„Ihr habt ihn also!“

„Ich habe ihn gefunden. Dafür möchte ich von dir nachher eine Sonderbelohnung.“ Aus der Muschel klang ein dunkles Lachen.

„Bekommst du auch, Maria. Und was für eine. Von wo aus rufst du an?“

„Eine Zelle auf dem Flughafen. — Carol passt inzwischen auf. — Also, bis nachher!“ Es knackte, und das Gespräch war beendet. Simmons legte auf, lächelte zufrieden und rieb sich siegesgewiss die Hände.

Plötzlich klopfte es. Simmons ging zur Tür, schloss auf, und ein kleiner Mann mit dünnem Haar, gekleidet wie ein unterbezahlter Mietkassierer mit Melone, abgeschabtem Anzug, ausgetretenen Schuhen, trat ein. Seine schmalen Augen verrieten den Slawen.

„Was ist, Janosch?“, fragte Simmons misstrauisch.

„Sie ist in Taxi gestiegen und weggefahren. Ich konnte nicht hinter ihr her“, erwiderte der kleine Mann, und dabei wurde sein ungarischer Akzent deutlich. „Verdammt. Noch etwas?“

„Ein Doktor ist zu diesem James gekommen.“

„Dann pass auf, was noch geschieht! Und merke dir: Rede nicht so viel am Telefon. Komm selbst, wenn was ist, so wie jetzt.“

„Mach ich, mach ich ja schon!“ Janosch ging wieder. Simmons verschloss hinter ihm die Zimmertür. Er lehnte sich dagegen und blickte zur Decke.

„Ich bekomme es, o ja! Ich muss es bekommen. Dann bin ich reich! Endlich reich und glücklich. Niemand kann mich dann noch wie den letzten Dreck behandeln. Ich werde es ihnen zeigen! Und ob!“



7

Der Baron sah dem Bentley von Sir Winnibald nach, der langsam durch die Reihen der geparkten Autos davonrollte. Etwas müde rieb sich der Baron über die Augen und dachte an Sir Winnibalds verdutztes Gesiebt, als er ihm das von James’ Unfall erzählt hatte, was er von Robert über Telefon erfahren hatte.

Dass Robert nicht hier am Flugplatz war, beunruhigte den Baron. Er sah sich um, als könnte er ihn jetzt irgendwo in der Menge entdecken. Aber stattdessen sah er sie.

Sie, das waren zwei herrlich geformte Beine, die in einem Paar weicher Stiefel steckten, deren Schäfte sich eng an die wohlproportionierten Waden schmiegten. Sie, das war ein kurvenreicher, geradezu klassisch geratener Körper, dessen Bewegungen voller Harmonie waren und wie eine sexuelle Herausforderung auf jeden Mann wirkten. Sie, das bedeutete außerdem ein schmales, feinporiges Gesicht mit einem Paar blauer Augen, und all das war gekrönt von einem Schopf echtblonden Haares, zum Pferdeschwanz zusammengebunden und von seidigem Glanz.

Sie trug ein knapp sitzendes dunkles Kleid. Den Staubmantel hatte sie sich lässig über die Schulter gelegt und mit den Trägern ihrer Handtasche verschlungen. Ihre große Sonnenbrille hatte sie sich hoch bis ins Haar geschoben, was ihr einen gewissen aparten Eindruck verlieh.

Wäre Le Beau an des Barons Stelle gewesen, hätte der einen Pfiff der Bewunderung ausgestoßen. Aber so war es der Baron, und der überlegte blitzschnell, wie er mit diesem Glückskind der Natur bekannt werden könnte. Doch diese Überlegung hätte er sich schenken können. Sie kam direkt auf ihn zu. Und sie lächelte ihn dabei an, als gäbe es auf der ganzen Welt nur ihn als einzigen Mann, den zu umflirten es lohnen konnte.

Er war stehen geblieben, doch jetzt tat er unbewusst einen Schritt auf sie zu. Da war sie schon heran und strahlte ihn an. „Baron Strehlitz?“, fragte sie mit einer Stimme, der man einen exotischen Akzent anhörte.

„Ja. Sie kennen mich?“, fragte er überrascht.

Sie musterte ihn, ohne dabei ihr strahlendes Lächeln aufzugeben. Er war das, was sie von den Fotos kannte, nur alles in der Potenz erhöht. Kein Bild, so meinte sie, vermochte auszudrücken, was er in Wirklichkeit ausstrahlte. Sie roch den scharfen Duft des Rasierwassers, das er benutzte, und sie spürte die starke vom ihm ausgehende Männlichkeit.

Einen kurzen Augenblick lang war sie verwirrt. „Ja“, sagte sie etwas unsicher, „ich kenne Sie, aber nur vom Bild.“

„Und was verschafft mir diese Ehre?“, fragte er mit dem Lächeln eines Mannes, der seinen Preis kennt.

Sie musste zu ihm aufblicken, obgleich sie gewiss nicht klein geraten war. „Mein Name ist Justova, Maria Justova. — Können wir irgendwo ein paar Minuten ungestört reden? Vielleicht in meinem Wagen?“ Sie deutete durch die Glastür auf einen Triumph-Zweisitzer, einen von diesen heißen Öfen.

Der Baron nickte, und sie gingen zusammen hinaus, überquerten die Fahrbahn der Auffahrt und erreichten nach wenigen Sekunden den Parkplatz. „Kompliment, wie viel Glück hatten Sie, direkt vor dem Eingang einen Parkplatz zu bekommen?“

„Ich habe meistens Glück“, sagte sie mit gewinnendem Augenaufschlag. Sie zog ihre Schlüssel aus der Handtasche, und das tat sie so behände, dass der Baron sich fragte, wann es wohl gewesen war, dass eine Frau, die er kannte, so schnell ihre Autoschlüssel aus der Handtasche gekramt hatte. Meistens artete es in wahre Höhlenforschung aus.

Maria Justova hatte auch die Türen rasch aufgeschlossen und sagte Lächelnd: „Steigen Sie nur ein! — Wohin darf ich Sie überhaupt bringen?“

„Fahren Sie nur ein Stück, ich sage Ihnen schon, wohin. Wir werden irgendwo etwas essen, denke ich. Oder lehnen Sie diese Einladung ab?“

„Wenn es eine war, nehme ich sie an“, erwiderte sie und lachte perlend.

Gespannt, wie diese Sache weitergehen würde, musterte der Baron das Mädchen von der Seite. Sie war etwa fünfundzwanzig. Ihre Augen verrieten Intelligenz. Ihr Akzent wies auf ihre Herkunft hin. Nach des Barons Schätzung offenbar Tschechoslowakei.

Langsam fuhr sie die Gasse zwischen den parkenden Autos entlang, bog in die Zubringerstraße ein und fragte: „Und wohin soll die Reise gehen?“

„Geradeaus, eine Meile von hier steht ein Restaurant. Es gehört einem Wiener, dessen Spezialität Brathändl sind.“

Er hatte deutsch gesprochen, und jetzt antwortete sie auf Deutsch: „Wissen Sie, warum ich Sie sprechen möchte?“

Er sah sie an. Sie blickte starr geradeaus, und das Lächeln um ihre Lippen war wie weggewischt. „Ich höre.“

Sie fuhr rechts heran und hielt. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, sagte sie: „Wie viel ist Ihnen Robert Burton wert?“

Der Baron zeigte kein Erstaunen, keine Sorge, er fragte nur: „Ist das die Einleitung einer Lösegeldgeschichte?“

„Nein“, erwiderte sie und vermied es, ihn anzusehen. „Kein Lösegeld. Robert Burton geht es gut. Und es geht ihm so lange gut, wie Sie tun, was ich Ihnen rate. Und jetzt rate ich Ihnen, das hier nicht als Scherz aufzufassen. Ich habe einen sehr triftigen Grund zu erreichen, was ich erreichen will. Ich bin nicht allein, Baron Strehlitz. Auch jetzt nicht. Sehen Sie sich um. Hinter uns parkt ein grüner Wagen. Der Mann, der in ihm sitzt, hat Ihren Sekretär neben sich. Er wird ihn erschießen, wenn Sie mich nur bedrohen.“

Er hörte eine Spur von Angst und Erregung aus ihren Worten heraus.

„Warum sollte ich Sie bedrohen?“ Er lachte amüsiert. „Ich habe noch nie eine Frau bedroht, schon gar keine, die so hübsch ist wie Sie. Ich mag Sie, auch wenn Sie hier mit einer Masche arbeiten, die sich in der Welt verbreitet hat wie ein Bazillus. Fräulein Justova — oder muss ich Genossin sagen?“ Ohne ihn anzusehen, erwiderte sie wütend: „Hören Sie mit solchen Anspielungen auf! Das hier ist eine sehr ernste Sache. Ich bin keine Genossin. — Ich will Ihnen sagen, worum es geht. Ich möchte von Ihnen die Produktionsliste der McNamarra-Fabriken.“

Der Baron sah sie verblüfft an. „McNamarra-Fabriken? Was habe ich damit zu tun? Ich glaube, Sie vertun sich bei mir in der Adresse.“

„O nein. Natürlich haben Sie direkt nichts damit zu tun, aber Sie wissen ja, wem diese Werke gehören.“

„Aha, also daher weht der Wind. Ich soll einen Mann, den ich kaum kenne, dazu bewegen, mir die Produktionsliste seiner Fabrik zu geben. Sir Winnibald wird mir, mit Verlaub zu sagen, etwas husten.“

Sie sah ihn an. Und er erkannte in ihren Augen den fiebernden Eifer. „Er wird das, wenn Sie es dumm anstellen. Aber überlegen Sie sich doch: Ihnen misstraut er nicht. Und wenn Sie selbst nicht an diesen Plan kommen; ich werde es schon schaffen. Sie brauchen mich nur als Ihre ständige Begleiterin überall einzuführen. Wie es weitergeht, erfahren Sie rechtzeitig.“

Er lächelte versonnen. „Sie haben daran gedacht, dass ich Sie dann womöglich gegen meinen Sekretär austauschen könnte?“

Sie sah ihn zornig an. „Natürlich habe ich daran gedacht. Es wird nur nicht möglich sein. Ich bin allein, Baron Strehlitz, aber Sie haben, außer Ihrem Sekretär, noch andere Freunde. Michel Dupont zum Beispiel. Oder James Morris. Sein Unfall war nicht in unserem Programm, den hat er selbst verschuldet. Aber danach haben wir ...“

„Mein Sekretär hat mich angerufen. Ich weiß also, was in jenem Chausseehaus passiert ist. — Nun gut, Sie glauben sich also in der Vorhand. Wie geht es weiter? Ich meine, dass ich nicht an diesen ominösen Produktionsplan komme, dürfte Ihnen ja klar sein. Ich möchte bei Sir Winnibald einen größeren Betrag für einen guten Zweck lockermachen, zum Teil ist mir das sogar gelungen. Aber so intim, dass er mir etwas über seine Fabriken erzählt, sind wir nicht.“

Sie nickte. „Weiß ich. Trotzdem wird er Sie einladen, wird mit Ihnen verkehren. Es wird für Sie leicht sein, mich einzuführen. Mehr brauchen Sie nicht zu tun. Im richtigen Augenblick genügt es, wenn Sie mir ein paar Hinweise geben oder Sir Winnibald ablenken. Ich muss diesen Produktionsplan haben.“

„Hören Sie, worum geht es? Ein Plan wovon? Militärische Objekte baut keine dieser Fabriken.“

„Das meinen Sie! Das meinen vielleicht viele. Aber er stellte und stellt noch immer Raketenteile her. Ich muss herausbekommen, welche Teile das sind und wie viel er davon produziert, und genau das steht in einem Plan, den er privat in seinem Haus irgendwo verwahrt. Es ist die einzige Kopie, die nicht im Panzerschrank innerhalb der Sicherheitszone seines Hauptwerkes verschlossen ist.“

„Sie wissen mehr als ich.“

„O ja, und leider ist es viel zu wenig, was ich weiß“, sagte sie. Sie sah ihn flammend an und sagte leidenschaftlich: „Herr Baron, haben Sie Ihre Eltern noch? Oder sonst einen Menschen Ihres Blutes, den Sie sehr lieben?“

„Ich habe keine Eltern mehr, Maria Justova. Mein Bruder fiel bei Stalingrad, und eine Schwester von mir ertrank bei einer Bootsfahrt im Mittelmeer. Außer ein paar alten Tanten, die irgendwo stecken, habe ich niemanden. Warum fragen Sie das?“

Sie hielt den Kopf gesenkt. „Ich wollte alles ganz anders anfangen. Ich weiß nicht, warum ich es nicht kann. — Ich habe nämlich jemanden, den ich sehr, sehr liebe. Meinen Vater. Er ist der beste Vater der Welt. Immer war er für mich da. Immer ...“ Sie blickte links aus dem Wagen, und ihre Stimme bekam einen fremden Beiton.

Er sah sie an. Als gewiefter Pokerspieler musste er Psychologe sein. Das gehörte dazu. Und so spürte und sah er, dass sie nicht mimte. Es schien sie etwas ernstlich zu erschüttern.

„Es ist eine merkwürdige Situation, Maria“, sagte er. „Sie sind schön, jung und sexy. Sie gefallen mir so, dass ich Sie ansprechen wollte. Und Sie haben Ihrerseits vor, mich zu erpressen und mich zu einem kriminellen Vorhaben zu missbrauchen. Und jetzt werden Sie sentimental, weinen fast um Ihren Väter, den Sie lieben. Würden Sie mir erklären, wie das alles zusammenpasst?“

Sie sah ihn an. „Sie haben ihn ins Gefängnis geworfen. Obgleich er krank ist, alt und krank!“

Er sah den Glanz in ihren Augen. „Reden Sie!“, sagte er.

„Man wird ihn damit töten. Aber sie würden ihn freilassen. Sie wollen nur wissen, was in Sir Winnibalds Produktionsplan steht. Ich werde es ihnen zeigen. Weil ich meinen Vater wiederhaben möchte. Weil ich nicht will, dass er in einem Gefängnis umkommt.“

„Warum denn ausgerechnet er? Warum Sie? Dafür gibt es doch Gründe. Und wo ist denn Ihr Vater? In welchem Land?“

Sie senkte den Kopf. Plötzlich kurbelte sie das Fenster herunter, streckte die Hand aus und winkte.

Der Baron sah sich um. Hinten fuhr der grüne Sunbeam los, schoss an dem Sportwagen vorbei, und der Baron sah nur das Profil eines Mannes um die Dreißig, ein wulstiges Gesicht, das er sich gut merken konnte und auch jederzeit wiedererkennen würde. Auch die Nummer des Sunbeams prägte er sich ein.

„Wir sind allein“, sagte sie. „Wollen Sie jetzt noch mit mir essen? Ich würde Sie einladen, falls Sie Ihr Angebot zurückziehen möchten.“

„Reden Sie jetzt nicht um die Sache herum!“, sagte er schroff. „Sie wollen ein Verbrechen ausführen, weil Sie, wie Sie wohl behaupten möchten, selbst unter Druck gesetzt wurden. Warum ist Ihr Vater eingesperrt?“

„Nichts, eine Verleumdung. Lüge. Angeblich Trunkenheit am Steuer.“

„Und wo?“ Er erwartete den Ort in irgendeinem Ostblockstaat zu hören. Aber da sagte sie:

„In Southampton.“

„Was? Hier in England? Nun hören Sie mal, Maria, jetzt fängt Ihre Story an, ziemlich unglaubwürdig zu werden.“

„Wenn in England jemand betrunken Auto fährt und dabei ein Unfall geschieht, bei dem ein Mensch umkommt, dann ...“

„So etwas lässt sich nicht so einfach fingieren. Entweder war Ihr Vater betrunken und hat einen Unfall gebaut oder nicht.“

„Er war überhaupt nicht dabei. Aber drei Zeugen behaupten, dass sie ihn weglaufen sahen, und sie schwören, dass er im Wagen hinterm Steuer gesessen hat. Sie sind jedenfalls bereit, es zu beschwören. Wenn ich die Produktionsliste von Sir Winnibald habe, wird kein einziger Zeuge mehr da sein.“

„Was ist Ihr Vater von Beruf?“

„Taxifahrer. Er hat hier im Exil, als er aus der Freiwilligentruppe von Svoboda ausschied, viel Mühe gehabt. Die fremde Sprache, die andere Lebensart. Aber dann hat er in Southampton eine Taxilizenz bekommen.“

„Der Unfall ist mit einem Taxi verursacht worden?“

„Mit seinem Taxi. Aber er war nicht im Wagen. Er hat an diesem Morgen überhaupt nicht fahren wollen. Es war sein Geburtstag. Und natürlich hatte er getrunken. Zu Hause. Und dort fanden sie ihn und behaupteten, er wäre vom Unfallort zu sich in seine Wohnung gelaufen. Drei Zeugen gibt es. Und er selbst hatte keinen, hat noch immer keinen, obgleich es welche geben müsste.“

„Wer will, dass Sie zur Spionin werden?“

Sie schwieg verbissen.

„Vielleicht ist alles, was Sie mir hier verkaufen wollen, eine Lüge, eine Falle, in die ich springen soll“, sagte Baron Strehlitz. „Sie sind eine charmante Frau, aber ich finde an Ihrer Story sehr wenig Gefallen. — Wissen Sie was? Ich werde Sie jetzt am Steuer ablösen. Lassen Sie mich hinüber!“

Sie sah ihn erschrocken an. „Was haben Sie vor?“

Er lächelte. „Komische Frage. Soll ich mit Ihnen zu Scotland Yard fahren? Immerhin geht es um Entführung, Maria Justova. Secret Service wäre vielleicht noch die bessere Adresse. Oder wie soll ich alles sonst verstehen?“

Er wollte sie sanft hinterm Lenkrad wegziehen, aber sie stemmte sich ein und sah ihn empört an.

„Ich lasse mich nicht verhaften! Sie riskieren das Leben Ihres Sekretärs!“, rief sie erregt.

Er lächelte. „Sind Sie da so sicher?“ Er griff in seine rechte Jackentasche, und seine Finger spürten das dünne Glas der Ampulle. Er schob das Taschentuch darüber, umfasste es, sodass die Ampulle innen lag. Dann drückte er die Hand zusammen. Das Glas zerbrach, und der Inhalt der Ampulle rann ins Taschentuch.

„Nun gut, dann fahren wir eben dort hinten in dieses Restaurant meines Wiener Freundes“, sagte der Baron und lächelte wieder. „Vielleicht können wir über alles wie erwachsene Leute reden und brauchen uns nicht wie Kinder zu zanken. Oder etwa nicht?“ Er hatte in der Tasche die Lagen des Taschentuches etwas entfaltet, sodass die winzigen Glassplitter der Ampulle zwischen den Stoff gerieten. Jetzt nahm er die Hand mit dem gefalteten Tuch heraus und stieß sie jäh vor Maria Justovas Gesicht, presste das Tuch vor ihre Nase und hielt sie mit der Linken im Nacken fest.

Sie wehrte sich, wollte ihm die Hand wegstoßen, aber das Betäubungsmittel wirkte umso rascher, je aufgeregter Maria Justova atmete. Und sie atmete sehr rasch, weil sie sich wehrte. Er hielt sie vier Sekunden lang fest, dann sackte sie schon zusammen. Ein paar letzte Bewegungen, dann rutschte sie ihm auf den Schoß. Er zog sie beiseite, setzte sich hinters Steuer und ließ den Wagen an. Dann murmelte er: „Immer erst große Worte und nun so brav. Du bist viel zu hübsch, kleine Fee, um die große Kurtisane und Spionin zu spielen.“

Er fuhr ab und ließ die hundertzwanzig Pferdchen im Bauch des Triumph jubeln.



8

Sie lag in einem Bett, zugedeckt bis zum Hals und völlig entkleidet. Als sie erwachte und aus den ersten verwischten Minuten heraus war, bemerkte sie drei Dinge sofort:

Sie befand sich in einem Hotelzimmer, und zwar in einem ziemlich primitiven.

Man hatte sie nackt ausgezogen.

Jemand im Zimmer rauchte Zigarre. Aber sie sah denjenigen nicht. Noch nicht.

„Sie sind wach“, hörte sie eine tiefe Stimme sagen. „Bevor Sie sich aufregen, Maria, dass Sie entkleidet wurden: das war nicht ich, sondern dazu habe ich extra eine Krankenschwester kommen lassen. Wenn ich Frauen entkleide, sind sie bei Sinnen und freuen sich darüber. Aber ich musste Sie entkleiden lassen. Man hat so seine Erfahrungen mit den Möglichkeiten, was Frauen in der Kleidung verstecken können. Deshalb haben wir die Kamera gefunden, ebenso das Stilett. Wenn Sie wollen, können Sie sich wieder anziehen. Ich wollte Sie nur nicht aufwecken. Seit ungefähr einer halben Stunde ist Ihr Schlaf ziemlich unruhig gewesen. Wir befinden uns übrigens außerhalb von London. Um es genauer zu sagen, wir sind gar nicht mehr in England, Maria.“

Sie wollte empört den Kopf heben, aber da wurde ihr so schwummrig, dass sie es bleiben ließ und nur heiser fragte: „Wo ... wo dann?“

„Ihr Schlaf währte eine ganze Weile. Der Zollbeamte vor der Luftkissenfähre glaubte, dass Sie schliefen. Zum Glück hatte ich Ihren Pass gefunden. Und damit gab sich auch der französische Kollege zufrieden. Ihm war die grüne Versicherungskarte wichtiger. Weil ich nichts fand, musste ich leider eine ziemlich teuere Versicherung für einen Monat abschließen. Nun, willkommen in Calais, falls Sie noch nie hier gewesen sind. Diese Luftkissenboote sind schnell. Nun, in gut einer Stunde ist man in Frankreich, Zoll, Verladen und so weiter inbegriffen. Ich musste sichergehen. Jedenfalls glaube ich, irgendwelche Verfolger abgehängt zu haben. — Wir wollen hier die Gelegenheit nutzen, uns sehr gründlich zu unterhalten. Aber sicher wollen Sie sich erst umziehen. Ich habe für uns beide ein gutes Abendessen bestellt. Das Hotel hier ist sehr einfach, aber die Küche ist berühmt für Kenner. Ich war schon oft genug hier. Hoffentlich kann ich Ihnen damit etwas bieten. Natürlich wird man uns das Essen hier oben servieren. Es wäre sehr freundlich, wenn Sie sich jetzt ankleiden könnten.“

Sie sah ihn wütend an. „Sie unterschätzen mich!“, fauchte sie. „Dafür werde ich mich revanchieren. Und Ihren Sekretär haben Sie in Lebensgefahr gebracht.“

„Man wird Sie aber auch vermissen, Maria. Ich für meinen Teil habe meinen Freund informiert. Aber den Hebel möchte ich doch selbst ansetzen, und zwar bei Ihnen.“

Sie sah ihn beschwörend an. „Baron Strehlitz, Sie schätzen das alles hier falsch ein! Sie glauben, ich spielte Ihnen etwas vor, und was ich sagte, sei Lüge. Sie irren sich. Sie stehen gegen eine große Organisation. Außer mir sind viel zu viele, als dass Sie eine Chance hätten. Man wird auf mich gar keine Rücksicht nehmen und Ihren Sekretär kaltblütig umbringen.“ Sie sah ihn plötzlich aufgeregt an. „Und mein Vater! Wenn mir etwas geschieht oder man mich verhaftet, ist mein Vater verloren.“

„So ein barer Unsinn. Selbst wenn er selbst gefahren wäre, betrunken, und wenn er den Unfall mit Todesfolge wirklich verschuldet hätte, dann bekäme er vielleicht ein paar Jahre. Für solche Sachen ist — leider möchte ich sagen — nicht mehr im Gesetz. Hier nicht und anderswo auch nicht. Wären die Strafen strenger, kämen auch nicht so viele Leute auf die Idee, betrunken mit dem Auto zu fahren, und dann könnten auch viele Menschen noch leben, die von Betrunkenen totgefahren wurden. — Nun ist es so, und wir ändern das nicht leicht. Ihr Vater wird also nicht im Gefängnis sein Leben verbringen, falls alles schiefgeht. Das ist Unsinn.“

„Man wird ihn ausweisen. Er hat die britische Staatsangehörigkeit noch nicht, weil er immer stolz war und sie nie wollte.“

„Auch das ist nicht der Tod, Maria“, sagte der Baron beschwichtigend. „Nichts von all dem rechtfertigt die Beteiligung an einem wirklichen, sehr schweren Verbrechen. Immer mehr Leute kommen auf diese verrückten Einfälle, Bomben zu legen, Flugzeuge zu entführen, Leute zu verschleppen, um Geld zu erpressen. Ich für mein Teil verurteile das schärfstens. Und niemand redet mir ein, Maria, dass es dafür edle und lautere Motive gibt. Weder politische noch solche, die Sie anführen. Warum sind Sie denn nicht zur Polizei gegangen? Scotland Yard hätte Ihnen doch beigestanden. Glauben Sie denn, die würden ...“

„Man hätte mich getötet, wenn ich nur ein Sterbenswort gesagt hätte.“

Er trat zum Bett und sah scharf auf sie herab. „Und warum haben Sie es mir erzählt?“

Sie vermied es, ihn anzusehen. „Weil ... weil ... Ich weiß es selbst nicht“, sagte sie stammelnd und zog sich dann wie ein Kind, das sich schämt, die Bettdecke übers Gesicht.

Er hörte, wie sie schluchzte. Aber merkwürdigerweise ließ es ihn kalt. Er wandte sich um und trat ans Fenster. Draußen wurde es dunkel, und vom Kanal her schoben sich dunkle Wolken heran. Sicher würde es bald regnen.

Er zog an seiner Zigarre und überlegte, wie er Robert aus der Klemme befreien konnte. Le Beau war jetzt informiert und hatte ganz offenbar selbst einen Fisch an die Angel genommen. Der Baron wusste nur nicht, wen Le Beau in dem kurzen Telefonat damit gemeint hatte. Immerhin konnte diese Ilona, die er schon seit einer Woche mit seiner Leidenschaft beglückte, nicht damit gemeint sein.

Der Baron musste lächeln, als er an die rassige, ziemlich liebestolle Ilona dachte. Aber im Grunde hatte Le Beau meistens Mädchen dieser Art zu seinem Anhang gemacht. Davon sprach Le Beau nachher auch nicht wie von etwas Besonderem. Die Frau aber, von der er gesagt hatte am Telefon, sie sei ein Fisch, den er sich an Land ziehen wolle, musste anders sein, nämlich so, dass Le Beau sich voll darauf konzentrierte, wie es schien.

James, dem es offenbar wieder besser ging, würde mit den Nachforschungen nach Robert beginnen, ebenso wie Le Beau. Die Polizei hatte der Baron vorhin schon direkt über Telefon informiert und ihr berichtet, was er schon wusste. So war sichergestellt, dass Sir Winnibald zumindest geschützt und vor allem gewarnt wurde. Da der Baron dieses Gespräch direkt mit einem befreundeten und zugleich im Yard sehr maßgebenden Manne geführt hatte, würde das Optimale geschehen, was überhaupt seitens der Polizei geschehen konnte. Sicher wurde auch noch der Secret Service eingeschaltet.

Irgendwie hatte der Baron bei dieser ganzen Sache doch kein gutes Gefühl, und gerade jetzt suchte er in seinen Überlegungen nach dem wahren Haken, den er möglicherweise völlig übersehen hatte. Er bezweifelte die ganze Geschichte, er glaubte auch nicht, dass es so war, wie Maria Justova meinte, und so kam er zu dem Schluss, man hätte auch sie hineingelegt. So viel Schauspieltalent, dass alles, was sie gesagt hatte, von vorn bis hinten erlogen war, traute er ihr nicht zu.

Seine dunklen Ahnungen aber waren berechtigt, so wenig er auch voraussah, in welcher Form sich das beweisen sollte.



9

Le Beau hatte nicht in seinem Zimmer telefoniert. Denn seit ungefähr einer Stunde kannte er ein Geheimnis dieses Hotelzimmers. Und ausgerechnet Ilonas Leichtsinn hatte ihn darauf gestoßen.

Ilona liebte es, im Bett zu rauchen. Dabei hatte der Hotelier schon den humorvollen Einfall gehabt, ein Schild über die Betten zu hängen, auf dem stand: „Sie können im Bett essen, wir waschen die Betttücher wieder. Sie können im Bett turnen, das halten unsere erstklassigen Matratzen aus. Aber rauchen Sie nicht im Bett. Die Asche, die zurückbleibt, könnte Ihre eigene sein!“

Ilona konnte zwar lesen, aber sie rauchte trotzdem. Sie lag auf dem Rücken, hielt die halb gerauchte Zigarette zwischen Zeige und Mittelfinger, als im vorderen Zimmer das Telefon schellte.

„Grässlich! Schon wieder!“, maulte sie. Le Beau, der neben ihr lag, gerade einen Whisky einschenkte und ihn ihr geben wollte, stellte hastig das Glas ab und war mit einem Satz über Ilona hinweg. Dabei stieß er ihren Arm an, und die Zigarette flog im Bogen aus ihrer Hand hinter den Nachttisch.

„Michel! Spiel doch wegen des Telefons nicht gleich verrückt!“, fauchte sie ihn an. „Wo ist jetzt die Zigarette hin?“

Er hatte das alles kaum bemerkt und war schon draußen. Doch es war nur eine Fehlverbindung gewesen, und so kehrte er bald zurück.

Da entdeckte er Ilona splitternackt und auf allen vieren neben dem Bett.

„Was, zum Teufel, tust du da?“, fragte er verblüfft. „Ist das eine neue Masche von dir, kleiner Hund zu spielen?“

„Die Zigarette, Michel, ich finde die nicht, und es riecht schon so brenzlig. Wenn ich nur wüsste, wo sie hingeflogen ist!“

„Leg dich hin, ich suche sie.“ Er schnupperte und versäumte es so nebenbei nicht, Ilona, die wieder ins Bett stieg, en passant einen kleinen Klitsch auf den nackten Po zu geben. Sie quiekte und versteckte sich mit hennenhaftem Gegacker unter der Bettdecke.

„Es kommt hinter dem Nachttisch her“, sagte Le Beau, rückte den Nachttisch ab, und da sah er die Kippe, die im Staub schmorte und deshalb räucherte. Und als er sie aufhob, entdeckte er das Mikrofon. Als dann wieder gerade in diesem Augenblick das Telefon im vorderen Zimmer läutete, lächelte er versonnen, setzte den Nachttisch wieder an Ort und Stelle und ging nach vorn. Dort nahm er den Hörer ab und sagte: „Legen Sie das Gespräch nach unten in die Bar. Ich komme sofort.“

So führte er die Unterhaltung mit dem Baron, der da schon in jenem kleinen Hotel in Frankreich war, von der Bar aus, die um diese Zeit schon brechend voll war. Aber das Telefon befand sich in einer Ecke, und nirgendwo hätte Le Beau sicherer telefonieren können als in dieser Lärmglocke vieler Stimmen und des dudelnden Plattenspielers.

Als Le Beau nachher zu Ilona zurückkehren wollte, sah er im Foyer eine Frau vor sich dem Fahrstuhl entgegenstreben. Der Boy riss die Tür nochmals auf, und so kam auch Le Beau noch mit in die Kabine.

Die Frau kam ihm bekannt vor. Sie war hellblond, aber das Haar erschien Le Beau nicht echt. Darin war er Kenner. Und ein blonder Typ war diese junge und sehr ranke Dame auch nicht. Und noch etwas witterte er. Denn Le Beau hatte eine sehr gute Nase. Eine bessere als viele Leute, denen das Riechorgan abgestumpft ist. Er roch deshalb das feine, überhaupt nicht aufdringliche Parfüm dieser Frau. Ein sehr eigenartiger, bezaubernder Duft, der bei einem guten Parfüm erst entsteht, wenn die spezifischen Gerüche der Haut einer bestimmten Person sich mit dem Parfüm vermischen. Diese Duftnote ist bei keinem Menschen gleich, ebenso wenig, wie zwei Menschen dieselben Fingerabdrücke haben. Und diesen Duft kannte er. Es fiel ihm nicht ein, woher er das in seiner Erinnerung hatte, und indessen stieg die junge Blondine im zweiten Stock aus. Le Beau, der eigentlich zum dritten Stockwerk mitfahren wollte, stieg auch aus, woraufhin ihn die Blondine einen Moment lang überrascht ansah, als wüsste sie sehr genau, dass der zweite Stock nicht die Etage war, auf der Le Beau wohnte.

Nun spielte Le Beau sein Spiel weiter, ging, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, in derselben Richtung, in der einen Stock höher seine und Ilonas Zimmer lagen. Er beobachtete die Blonde, die aber vorn neben dem Fahrstuhl in einen Sessel gesunken war, als wollte sie auf jemanden warten. Nun fiel ihm auch ein, woher er sie kannte. Ruth Bardal! Jetzt mit Perücke, anders geschminkt, eigentlich sehr geschminkt, denn das passte irgendwie gar nicht zu ihr. Nur an das Parfüm hatten sie nicht gedacht.

Er tat, als sei ihm sein Irrtum aufgefallen, stand vor der falschen Tür, blickte nach rechts und links, spielte den Verwunderten und kratzte sich scheinbar verlegen am Kopf. Schließlich kehrte er um und ging zum Lift zurück. Dort hatte sich die Blonde gerade erhoben, sah Le Beau ermutigend lächelnd entgegen, und prompt zog er seine bewährte Show ab, die er immer dann beanspruchte, wenn er ein Mädchen einlullen wollte.

Sie ging ziemlich schnell darauf ein, eigentlich, so sagte er sich, zu rasch. Das übliche Geplänkel wie „Da habe ich mich in der Etage geirrt“ und „Haben wir uns übrigens noch nicht früher mal gesehen? — Nein? Oh, dann müssen wir das aber sehr schnell nachholen. Wie wäre es mit einem Aperitif? Ah so, Sie erwarten jemanden? — Hat Ihnen heute schon jemand gesagt, dass Sie bezaubernd aussehen? — O nein, das ist kein Spott, ich meine es bitter ernst. In solchen Dingen bin ich brutal ehrlich ...“ Und so ging es eine ganze Weile. Dann war Ruth Bardal sehr rasch bereit, mit ihm in einer Stunde in der Dachgartenbar einen Martini zu nehmen. Vielleicht auch einen Pernod, von dem Le Beau behauptete, er wecke die letzten müden Geister.

Le Beau marschierte in den Lift, fuhr nach oben, rief den Baron, der in Calais eine Telefonnummer angegeben hatte, von einem leeren Hotelzimmer aus an, wo es offenbar kein Mikrofon gab. Und dann kehrte er zu Ilona zurück, die fest schlief. Es war ihm recht, und er gab sich Mühe, so leise wie möglich zu sein, dass sie nur ja nicht wach werden sollte. Nun rückte er vorsichtig wieder den Nachttisch ab und untersuchte das Mikrofon. Er war fest davon überzeugt, dass es ein Kabel besaß, das eine Etage tiefer enden würde. Ungefähr dort, wo diese Blondine, unter deren Perücke sich die dunkelhaarige Ruth verbarg, ihr Zimmer hatte. Aber darin irrte er sich, doch im Prinzip kreisten seine Gedanken um den richtigen Kern.

Er wollte jetzt wissen, wo genau dieser Draht von dem Mikrofon unterm Nachttisch endete. Er wollte sehen, wer zu Ruth Bardal gehörte, und mit diesen Gentlemen, so dachte er grimmig, hatte er auch noch ein kleines Wort zu reden.

„Ja, die haben bei mir noch etwas im Salz!“, murmelte er und fand nach einigem Suchen auch den weiteren Verlauf der Mikrofonleitung. Die Männer, die es verlegt hatten, waren vom Nebenzimmer aus vorgegangen. Und so suchte Le Beau im Nebenzimmer weiter. Es war eine Wäschekammer, beiderseitig mit Regalen bestanden, auf denen Bettwäsche für die Etage aufgestapelt war. Unter einem der Regale, links nämlich, verlief die Zuleitung und endete in einem mit Tapete verdeckten Loch, aus dem der Baron vorsichtig das Mikrofon zog, es zwischen die Bettwäsche klemmte und nun im Schein der Taschenlampe den Verlauf der Leitung verfolgte.

Die Leitung war primitiv verlegt und verließ den Raum durch eine Lüftungsklappe zur Außenwand. Le Beau öffnete nur das Fenster, sah, dass die Leitung von der Lüftung aus fast senkrecht nach unten ging und dort wieder in einer Lüftung verschwand. Vermutlich war eine Etage tiefer an dieser Stelle ein ähnlicher Raum wie jener, in dem sich Le Beau jetzt befand.

Drei Minuten später war Le Beau unten. Auch hier funktionierte die Zimmerbeleuchtung nicht, doch er hatte die Taschenlampe. Er knipste sie gerade an, leuchtete in den Raum und trat einen Schritt nach vorn. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf. Er spürte nur noch einen rasenden Schmerz, da versank er schon in tiefe Bewusstlosigkeit.



10

„Er ist von selbst gekommen“, sagte Clyde Simmons und blickte lächelnd auf Le Beau herab, der gerade begann, die ersten bewussten Schnaufer nach seiner Bewusstlosigkeit zu machen. Ihm brummte noch der Schädel, und die Lider schienen schwer wie Blei zu sein.

Simmons lehnte an der Wand. Er war groß und schlank, und um seine Mundwinkel stand dieses kalte Lächeln, was sehr gut zu seinen stechenden Augen passte.

„Sie dürfen sich setzen, Dupont“, sagte Simmons. „Sie befinden sich hier bei lieben Freunden. Fast glaubten wir, Sie an die Angel nehmen zu müssen, aber nun sind Sie von selbst in unser Haus spaziert. Mein Name ist übrigens Simmons.“

Le Beau war noch nicht völlig klar. Er sah noch tanzende Punkte vor Augen, wogende Kreise, aber er hörte, was gesprochen wurde. Erst nach weiteren fünf Minuten konnte er seine Umwelt besser erkennen. Da war dieser Simmons vor ihm. Die Wand hinter ihm wirkte kahl, fast ungestrichen. Da war auch noch irgendein Regal. Ja, richtig! Die Wäscheregale. Was war denn überhaupt passiert? Ach ja, er hatte dieses Mikrofon gefunden und die Leitung verfolgt. Ja, alles richtig. Er hatte doch die Tür zu der unteren Wäschekammer erreicht, aufgemacht und ... Da mussten sie ihm eine übergebraten haben. Genau so musste es gewesen sein.

Er blickte nach rechts. Dort stand Ruth Bardal. Die Perücke hatte sie noch auf, auch das ungewohnte Make-up.

Nun, so wirkte sie auch nicht übel. Sie machte jedoch ein etwas verwirrtes Gesicht. Vielleicht hatte sie Angst, es könnte sich das Blättchen noch einmal drehen.

Wenn sie nicht eiskalt sind, sollten Frauen keine Agentinnen werden, dachte Le Beau. Dann drehen sie eines Tages durch. Also gut, die Bardal ist da, dieser Kerl, der sich Simmons nennt, wer denn nun noch?

Es waren zwei, die er noch bemerkte. Fremde. Einer war untersetzt, hatte ein Mongolengesicht, halb Mongole, halb Menschenaffe, ein hässlicher Vogel. Dann der andere ... ja, den hatte er doch schon mal im Foyer bemerkt, sich nur nichts dabei gedacht. Der sah etwas schlaksig aus. Le Beau hatte ihn für den Hoteldetektiv gehalten. Abgeschabt, schlaksig, jungenhaft, obgleich der Bursche garantiert schon Mitte dreißig war. Und diese vier freundlichen Menschenkinder umringten ihn, sahen auf ihn herab, der er auf dem Boden lag. Nein, er lag nicht auf dem Boden, wie er bald feststellte, sondern auf einem Stapel Decken. Wie rücksichtsvoll von diesen lieben Leuten.

„Hören Sie, Dupont, wir haben auch den Chauffeur, und wir haben den Sekretär. Morris und Burton sind in unserer Hand. Wir sind nicht an Ihnen, nicht an den beiden interessiert, aber an Baron Strehlitz. Er hat uns einen ziemlich üblen Streich gespielt.“

Le Beau versuchte zu grinsen, aber dabei tat ihm der Kopf weh. Dennoch sagte er unter ziemlicher Anstrengung: „Das freut mich aber sehr.“

„Die Freude wird Ihnen vergehen, Dupont, wenn Sie hören, dass wir keine Amateure sind. Obgleich wir uns Mühe gegeben haben, die ganze Geschichte etwas anders als sonst abzuwickeln, vor allem ziemlich friedlich, wie ich betonen möchte, können wir auch ganz anders. Dupont, wir brauchen Strehlitz. Wir müssen ihn haben, weil wir nur mit ihm etwas erreichen können. Strehlitz hat gekontert und eine Mitarbeiterin von uns gekidnappt. Sie wissen, wo der Baron ist, also werden Sie ihm sagen, dass er mit Maria Justova hier antanzen wird.“

Le Beau versuchte sich aufzurichten. Der schlaksige Mann beugte sich zu ihm herab und stützte ihn. „Zigarette?“, fragte er.

Le Beau nickte, und sie steckten ihm eine zwischen die Lippen. „Sicher Ihre Sorte, Dupont. Eine Gauloises.“ Der Schlaksige lächelte und schnippte sein Feuerzeug an.

„Sehr kulant“, brummte Le Beau. „Aber ich bin nicht zu kaufen.“

Er saß auf dem Deckenstoß, ließ die Beine herabhängen und blickte Simmons an. „Und was ist, wenn ich nicht anrufe? Ich nehme an, dann werden Sie mich killen oder dergleichen.“

„Nein. Das machen wir zuerst mit dem Chauffeur, mit Morris. Aber auch nicht so, dass es klanglos über die Runde geht. Er wird Sie dabei noch ganz schön schlauchen, mein Bester. Sicherlich wären Sie gut beraten, sofort Baron Strehlitz anzurufen. Es ist jetzt noch nicht so spät, dass Sie diesen lieben Mann aus dem Bett holen.“

„Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie hier die Rolle des Oberteufels spielen?“, fragte Le Beau.

„O nein, ich bin nur ein kleiner Mann. Aber einer, der entscheiden kann, ob man Sie in frischen Zement versenkt oder Ihnen ein Salzsäurebad zuweist. In beiden Fällen sind Sie weiteren Nachforschungen so ziemlich entzogen.“

„Aha, dann sind Ihre Kompetenzen ja beträchtlich“, meinte Le Beau. „Aber bevor ich aus Rücksicht auf Robert und James anrufe, möchte ich die beiden auch sehen. Für einen guten Bluff bin ich zwar zu haben, falle aber nicht darauf herein.“

Simmons nickte. „Sehr verständlich, mein Freund. — Janosch, Carol, holt die beiden mal her!“

Der Steinzeitmensch und der Schlaksige verschwanden. Dafür kam Ruth Bardal näher, setzte sich neben ihn und legte zärtlich den Arm um seine Schulter. „Ich würde mehr als nur Ihr Leben dafür aussetzen. Ich würde Ihnen sogar eine Belohnung versprechen.“ Sie sagte es ein wenig heiser und auf eine Art, die ihn begeistert hätte, wäre es ihr vom Herzen gekommen. So aber war es gespielt, gekonnte Routine eines Mädchens, das sich von einem Callgirl nur durch noch mehr Kaltblütigkeit unterschied.

„Danke, ich leide keinen Mangel an Zärtlichkeit.“

Simmons, der ihn ansah, grinste. „Aber sie ist gut, sage ich Ihnen, Dupont. Mit ihr erleben Sie alle Freuden des Orients.“

„Was Sie nicht sagen, Simmons! Halten Sie mich für einen Provinzonkel, der hergekommen ist, um endlich mal das große Leben zu genießen? — Komm, Mädchen, auf die Tour läuft nichts.“ Er streifte ihren Arm von seiner Schulter, und sie sah ihn wütend an.

„Wofür halten Sie mich?“

„Das wissen Sie selbst“, sagte Le Beau.

Da brachten Janosch und Carol zwei Rollstühle ins Zimmer geschoben. Auf dem einen war James, auf dem anderen Robert mit stählernen Handschellen an Armen und Beinen angeschlossen.

Robert sah sich verstört um, aber er wirkte frisch und nicht etwa zerschlagen, wie Le Beau befürchtet hatte.

Auch James machte keinen Eindruck, als sei er verprügelt worden. Nur den Kopfverband trug er noch, aber der stammte ja von einer anderen Episode.

James grinste säuerlich. „Hallo!“, krächzte er.

Le Beau lächelte matt. „Na ja, da sind wir ja wieder vollzählig.“

„O nein, das seid ihr erst, wenn Strehlitz auch da ist“, verbesserte ihn Simmons. „Schiebt die beiden dort hinüber!“

Le Beau fragte sich, wie es möglich war, zwei Rollstühle mit gefesselten Leuten darin einfach im Hotel herumzuschieben. Wieso waren Simmons und seine Helfer so sicher, dass sie niemand überraschte?

Er war noch dabei, über diese Frage nachzudenken, als Robert sagte: „Le Beau, wir haben ihnen nichts gesagt.“

„Das braucht ihr auch gar nicht“, meinte Le Beau. Er wandte sich an Simmons. „Ihr seid ein wenig zu langsam gewesen, Freunde. Die Polizei — und damit meine ich Scotland Yard — ist bereits im Bilde. Ich weiß natürlich nicht, ob ihr nicht womöglich auch den Chef von Scotland Yard in der Tasche habt, aber ...“

„Haben Sie die Polizei informiert, Dupont?“, fragte Simmons gefährlich leise.

„Nein, so etwas tut unser Chef, denn der hat hervorragende Verbindung zu großen Leuten beim Yard.“

Simmons zog plötzlich eine schwere Smith & Wesson Pistole aus einem Schulterholster und richtete sie auf Le Beau. „Wissen Sie, Dupont, dass er Sie und die beiden hier praktisch damit umgebracht hat? Falls der Polizei ein verrückter Einfall kommen sollte, werden wir Zeugen nicht gerade nötig haben.“

„Sie werden froh sein, Simmons, wenn die Polizei Ihnen überhaupt noch Fragen stellt. Wie ich den Yard kenne, schaltet der Secret Service ein, und die haben Methoden, die ziemlich präzise auf Stinker wie Sie abgestellt sind.“

Simmons wurde blass vor Zorn. „Sie wählen sich selbst aus, Dupont, wie Sie es von uns haben wollen. Bis eben noch haben wir Sie und Ihre Freunde recht human behandelt. Sie können aber eine andere Tonart vorschlagen, und das wäre uns auch nicht ungelegen.“

„Ich werde es mit Fassung tragen. Das ändert aber nicht meine Ansicht über Sie und Neandertaler Ihresgleichen.“ Carol, der Schlaksige, hob die Faust. „Soll ich ihm dafür eine Lektion erteilen?“, fragte er.

Simmons biss die Zähne zusammen und atmete gut hörbar, dann stieß er den Lauf der Pistole hart gegen Le Beaus Brust, dass der wie von einem Speer getroffen wurde, sodass er zurückkippte.

Janosch fing ihn hinten auf und nutzte die Gelegenheit, ihm Handschellen anzulegen, während Simmons Le Beau die Pistole auf die Stirn richtete.

„Es gibt nichts, gar nichts, Dupont!“, sagte er scharf.

James grollte von der Seite her: „Klar, einen Unbewaffneten mit einer Pistole und zwei zusätzlichen Schlägern unter Druck zu setzen, ist verdammtes Heldentum, muss ich sagen. Dafür sollte euch die Königin zum Ritter schlagen.“

„Seien Sie nur still, Morris, sonst bekommen Sie die Abreibung, die wir Ihnen längst zu gedacht hatten.“

„Was sage ich!“, rief James. „Sie sind nur mutig, wenn sie uns an der Leine haben. Und dreckig sind sie. Da brauche ich nur dieses Weibsstück anzusehen!“ Er blickte auf Ruth Bardal, die erschrocken herumfuhr und ein Gesicht machte, als hätte James sie bezichtigt, die eigene Mutter umgebracht zu haben. „Sie sind gemein!“, schrie sie.

Le Beau hatte sich wieder aufgerichtet und blickte Simmons kalt an. „Jetzt, Simmons, können Sie ruhig schießen. Denn jetzt steht es für mich felsenfest, dass ich den Baron garantiert nicht anrufe. Ich nicht. James auch nicht. Und unser Freund Robert mag kein Held sein, wie er in Bilderbüchern steht. Aber auch Männer wie er haben Mut. Er wird eher sterben, hier sterben, als sich von euch unter Druck setzen lassen. Nicht wahr, Robert?“

Robert Burton schluckte. Nein, ein Held war er nicht, und eigentlich hatte er sich das Leben noch für viele Jahre im Voraus recht lebhaft vorgestellt. Sicher, im Gefolge des Barons hatte er schon manche Gefahr erlebt. Aber dass er ausgerechnet in diesem Londoner Hotel, dazu in einer profanen Wäschekammer sterben sollte ...

„Der wird weich, Dupont“, sagte Simmons. „Burton leckt mir die Stiefel, wenn ich das will.“

Le Beau schwieg. Er kannte Robert. War der bis jetzt noch ängstlich gewesen, jetzt würde er viel härter sein, als sich das Leute wie Simmons von einem Schreibtischmenschen wie Robert vorstellen konnten.

„Ihr könntet es ja versuchen“, sagte Robert verbissen.

Simmons lächelte verächtlich. Carol grinste voller Mitleid, und Ruth Bardal, noch immer unter dem Eindruck von James’ Hohn, empfand mit einem Male Angst um den schwächlich wirkenden Dicken. Nur Janosch stand da, ohne mit der Wimper zu zucken. Er war der Typ, der tat, was man ihm sagte.

Le Beau wusste, dass sie selbst Robert in einen harten und unnachgiebigen Widerstand gedrängt hatten. Und damit war er zufrieden.

Simmons hob die Pistole und sagte: „Also gut, ihr wollt es so haben. Dann fangen wir mit dir an, Morris.“ Er steckte einen langen Schalldämpfer auf den Pistolenlauf und meinte, als halte er einen Vortrag über Waffenkunde: „Wir haben zwar die gesamte Etage hier gemietet, unter den verschiedensten Namen, versteht sich, aber wir wollen doch nicht zu viel Krach machen. Nun? Steht Ihre Absicht also felsenfest?“ Er sah Le Beau an, richtete aber die Waffe auf James.

In diesem Augenblick hörten sie alle die näher kommenden Sirenen und das Läuten der Polizeifahrzeuge.

„Liebes, altes England“, sagte James trocken. „Sie haben hier so ihre netten Angewohnheiten. Polizeiautos, die klingeln, eine Polizei, die auch kommt, wenn man sie braucht ... der Bürger zählt noch etwas in diesem Lande. Schlechte Zeiten für Sie, Simmons!“

Le Beau grinste auch. Er wollte etwas sagen, da fuhr ihn Simmons an: „Halten Sie Ihr Maul!“

„Soll ich sie alle drei umlegen, Clyde?“, fragte Carol.

„Idiot! Vielleicht sind sie unsere Lebensversicherung! Hier, halte das Ding, ich rufe Jackson an!“ Und schon lief Simmons aus dem Zimmer.



11

Simmons war bald zurück. Sein Gesicht erschien Le Beau sehr blass, und seine Stimme klang besorgt, als er sagte: „Ich habe Jackson noch erreichen können. Die Polizei hat das Haus hier umstellt. Ich habe Manderley entdeckt. Den Kerl vom Secret Service.“ Er blickte Le Beau an. „Jackson, unser Mann hier in England, hat verfügt, dass ihr erschossen werden sollt. Jetzt. Wir dürfen euch nicht mitnehmen. Ich hatte es anders vor. Tut mir leid. — Carol, gib mir die Smith & Wesson wieder!“

James ruckte vergeblich und völlig sinnlos an seinen Handschellen, die ihn an den Rollstuhl ketteten. Robert war kreidebleich und rief mit vibrierender Stimme: „Aber mit uns hätten Sie doch eine Chance!“

Simmons lächelte eisig. „Möglich, aber Befehl ist Befehl! — Ruth, geh schon hinaus. Du weißt, welchen Fluchtweg wir nehmen! Wir kommen sofort nach.“ Er zog den Schlitten der Pistole zurück, während Ruth an ihm vorbeiging und fragte:

„Muss es wirklich sein?“ Sie warf dabei einen kurzen Blick auf Le Beau. Und jetzt erschien sie auch Le Beau nicht mehr berechnend und kalt. „Wenn sie uns schnappen, ist alles noch schlimmer.“

„Geh!“, fuhr Simmons sie an. „Du begleitest sie, Janosch!“

Janosch drängte Ruth Bardal hinaus und schloss hinter sich die Tür. Mit einem Male war es totenstill. Simmons blickte Le Beau an. Ihre Blicke trafen sich, aber beide Männer schwiegen.

Carol krampfte die Hände um den Griff von James’ Rollstuhl. Seine Knöchel wurden weiß, so fest griff er zu. Daran meinte Le Beau zu erkennen, dass auch Carol kein geborener Killer zu sein schien.

Simmons, vorhin noch kalt wie Eis, war auch nicht so ruhig und gelassen, wie er tat. Er wirkte nervös und besorgt, und der Befehl, die Gefangenen zu töten, schien ihm zu missfallen. Er schien unsicher geworden zu sein.

Da sagte Le Beau: „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Simmons. Ich bringe Sie und Ihre Leute hier weg. Allein schaffen Sie es nicht.“

„Und Sie schaffen es noch weniger. Niemand kommt mehr durch. Vielleicht will Jackson deshalb, dass wir euch töten.“

Es fiel Le Beau auf, dass Simmons’ Hand mit der Pistole zitterte.

„Ich wette mit Ihnen, dass ich Sie und Ihre Leute heraus aus diesem Hotel bringe, dass ich euch in Sicherheit schaffen kann. Allesamt, und die Polizei wird nichts tun, euch nicht und uns nicht.“

„Ihre Wette wird mir nichts helfen.“

„Hören Sie zu: Wenn Sie James und Robert sofort losschließen, werden die beiden sich verkrümeln und kein Wort sagen, bis ich mit Ihnen und Ihren Leuten aus der Gefahrenzone heraus bin. Das ist ein Versprechen. Sie haben mich, Simmons, und Sie können mich auf der Stelle erschießen, wenn ich meine Wette verliere. Das gelingt Ihnen selbst noch dann, wenn die Polizei Sie stellen will. Sie riskieren nichts, gewinnen alles, und ich bekomme meine beiden Freunde frei. Ein Geschäft, das beiden nützt.“ Simmons war noch unsicherer geworden. Da ging die Tür auf, und Janosch sagte: „Sie sind unten im Haus!“ Simmons blickte nervös auf Carol. „Los, wir müssen weg! Den zweiten Fluchtweg. Über den Dachgarten!“

„Geht nicht!“, sagte Janosch. „Sie sind vom Nachbarkaufhaus herüber auf den Dachgarten gekommen. Sie sind unten und oben!“

„Dann ist es aus! Ich tue, was Jackson gesagt hat“, erwiderte Simmons fahrig. Schweiß perlte auf seiner Stirn, und sein Blick wirkte gehetzt. Auch Janosch schien nervös geworden zu sein, so stumpfsinnig er sonst wirkte. Carol blieb wieder Erwarten ruhiger.

„Warum machen wir nicht, was er sagt? Du wolltest die drei doch auch als Geiseln festhalten“, meinte er. „Clyde, die drei sind eine Garantie.“

Simmons schien überhaupt nicht zuzuhören. Er trat dicht vor Le Beau. „Wie wollen Sie uns denn wegbringen?“

„Durch den Fahrstuhl.“

„Was? Bei Ihnen ist wohl was locker?“

„Ich habe eine Wette angeboten, eine Wette auf Leben und Tod, Simmons. Und die Chance, dass wir durchkommen, schmilzt, je länger Sie warten.“

„Mach doch mit! Wir riskieren nichts, und er ist erledigt, wenn er Mist machen will“, sagte Carol.

„Er opfert sich, um die beiden am Leben zu lassen, das ist alles“, sagte Simmons und sah gehetzt zur Tür, in der nun auch Ruth auftauchte und sagte:

„Wir müssen weg! Sofort! Sie sind gleich hier.“

„Knebelt die beiden, wir nehmen Dupont mit!“, entschied Simmons endlich.

„Nein, ihr schließt sie auf, und sie werden nichts tun“, sagte Le Beau.

Simmons fuhr herum und presste Le Beau die Pistole an die Schläfe. „Verdammter Franzose, halt dein großes Schandmaul! Wir tun, was uns gefällt, oder wir legen euch alle drei um! Carol, mach, was ich gesagt habe!“



12

Es schien Zufall, dass Ruth Bardal als Letzte das Zimmer verließ, und es schien abermals Zufall zu sein, dass ein kleiner Schlüssel auf James’ Schoß fiel, so, als sei er von Ruth Bardal unbemerkt aus ihrer Hand gerutscht. Dann waren sie alle draußen.

James reagierte sofort. Er konnte den Schlüssel mit den Fingern greifen, und mit etwas Beweglichkeit gelang es ihm, den Schlüssel ins Schloss der Handschelle zu stecken. Es knackte, als sich die Stahlspange öffnete. Kaum hatte James die Hände frei, zog er sich und Robert den Knebel aus dem Mund.

Robert hatte den gesamten Vorgang gar nicht bemerkt und fragte verblüfft: „Wie kam das?“

„Sie ist doch nicht so schlimm, wie ich dachte. — Jetzt die Fußfesseln. Dann mache ich dich frei“, sagte James. Der Schlüssel passte, und nach drei Minuten waren sie beide erlöst und rannten aus dem Zimmer.

„Wohin?“, fragte Robert.

„Zu uns hinauf“, erwiderte James.

Aber da fasste ihn Robert am Ärmel und zog ihn in eines der Hotelzimmer auf diesem Flur. „Nein, da hinein!“

Verwundert gehorchte James, und als sie im Zimmer angelangt waren, sah James, dass es leer war. Draußen aber polterten Schritte. Eine Trillerpfeife ertönte, und eine Männerstimme brüllte:

„Zum Fahrstuhl! Es ist jemand im Fahrstuhl! Moreland, sperren Sie mit Ihren Leuten den Gang! Niemand darf aus der Etage!“

James lehnte sich an die Wand. „Nun gut, aber warum sagen wir denen nicht, wo Simmons hin ist?“

„Weil es Le Beau in Gefahr bringt, James.“

„Aber das Gegenteil ist der Fall! Die Polizei könnte ...“

Robert, nun wieder aufgrund seines scharfsinnigen Verstandes in der Oberhand, wehrte ab. „Nein, die Polizei würde nicht schnell genug und überall, wo sie ist, informiert werden können. Das ist die Gefahr für Le Beau. Er hat außerdem versprochen, die vier hinauszuschleusen: Du hast den Schlüssel dafür bekommen, und das Mädchen zählt doch auch. Du hast gesagt, so schlecht sei sie nicht. Nun, abgesehen von Le Beau ist das auch etwas. James, wir müssen versuchen, den Chef zu erreichen. Le Beau hat mir etwas zugeraunt vorhin. Das Hotel in Calais, wo er sonst nur zum Essen hingefahren ist. Dort soll er sein. Wir müssen ihn erreichen.“

„Und Le Beau?“

Robert dachte nach. Nun war er wieder in seinem Element. Planen, überlegen, scharf überlegen. Die direkte Bedrohung, dem Kampf selbst, diesen Dingen war er nicht gewachsen. Aber ein Stratege war und blieb er.

„Le Beau hat nur eine Möglichkeit, und an die hat er offenbar gedacht: den Fahrstuhlschacht. Ich weiß, dass er es einmal in Paris so gemacht hat. Sie sind in den Lift gestiegen, fuhren ein Stück, haben ihn zwischen den Etagen blockiert und sind oben durch den Notausstieg hinaus. Die Leiter im Schacht bringt sie bis in den Keller. Von dort gelangen sie auf drei Wegen nach draußen. Über die Außentreppe, die bewacht werden wird. Über die Innentreppe nach oben, die ebenfalls bewacht ist, wie ich meine. Dann gibt es noch den Öltankkeller, den Weinkeller und den Bierkeller. Die haben alle keine Fenster, nur Entlüftungen, aber durch die kommt man nicht durch. Bleibt die Wäscherei vorn auf der Straßenseite, aber die Fenster dort sind sicherlich bewacht.“

„Wo will er dann hinaus?“, fragte James besorgt.

„Der Durchgang zur Tiefgarage. Das ist es. Es gibt zwei Durchgänge. Einen vom Bierkeller aus, wo die Zulieferer anfahren. Der ist hundertprozentig bewacht. Der zweite Zugang ist am Ölkeller, wo der Tankwagen mit dem Heizöl anfährt. Le Beau und ich haben das gestern noch beobachtet, wie der Tankwagen anfuhr. Da ist eine Klappe, groß genug, um durchzuklettern. Dort steckt der Tankwagenfahrer seinen Schlauch durch. Angeschlossen wird der Schlauch im Ölkeller am Tank. Es erscheint mir sicher, dass Le Beau an diesen Fluchtweg gedacht hat. Und weil es keine richtige Tür ist, könnte dieser Ausgang unbewacht sein.“

„Und was tun wir?“

„Wir suchen Jackson.“

„Wen?“

„Jackson, der Chef dieser Organisation in England. Aber das will ich erst mit Baron Strehlitz besprechen.“

„Robert“, sagte James entschieden, „du magst sehr viel klüger sein als ich, aber wenn wir Le Beau nicht zumindest verfolgen und sehen, wohin sie ihn bringen, dann ...“

Robert überlegte kurz. „Ja, tu das, aber lass dich nicht schnappen. Ich übernehme es, mit dem Chef zu reden. Und erst lenke ich noch die Polizei ab, damit sie dir nicht im Wege ist und dich festhält. Denk an den Ölkeller! Und gib auf telefonischem Wege Bescheid, du weißt wo.“

Kurz darauf rannte Robert aus dem Zimmer und brüllte die halbe Polizei zusammen. Aufgeregt berichtete er, von den „Gangstern“ festgehalten worden zu sein. Während er damit sämtliche Polizisten auf dem Flur auf sich aufmerksam machte und ablenkte, gelangte James ungehindert zum Speisenaufzug, kletterte hinein und arbeitete sich nach unten bis in den Keller durch, wo gerade eine Gruppe Polizisten den Gang entlanggerannt kam. James ließ sie durch und suchte den Öltankkeller. Er fand ihn, aber der schien abgeschlossen zu sein. Die Eisentür gab nicht nach. Doch als James daran riss, merkte er, dass nicht das Schloss, sondern ein Keil unten die Tür zusperrte. Er riss mit aller Gewalt und konnte sie gerade in dem Augenblick öffnen, als hinten wieder Schritte ertönten. Rasch war er im Raum, doch darin war es stockdunkel. Er tastete sich an der Mauer entlang und gelangte nach ein paar Metern an eine Öffnung, die von einer Stahltür verschlossen war. Es war mehr ein Fenster mit einer dicht schließenden Klappe. Er spürte, dass die Verschlusshebel innen geöffnet waren. Aber die Klappe wurde irgendwie von außen gehalten. Wieder setzte er seine Kraft ein und stemmte die Tür erst um einen Spalt und dann noch weiter auf. Er sah auf einmal genug, denn aus der Tiefgarage, in der Neonlampen brannten, fiel Lichtschein in den Tankkeller. Rasch war James durch die Luke und sah sich in der Garage um. Die Klappe, das bemerkte er so nebenbei, war von einem Brett gegen den Rahmen gedrückt worden. Also war jemand durchgestiegen und hatte die Luke von außen geschlossen. James brauchte nicht zu raten, wer das gewesen sein konnte.

Hier unten standen mindestens fünfzig Autos. Nur eines war nicht da: der Daimler, den sich der Baron in England geliehen hatte. Der war weg. Also, sagte sich James, war Le Beau mit dem Daimler geflohen.

Diese Lösung erwies sich aber als falsch, als James kurz darauf bemerkte, dass die Polizei eine Sperre in Form eines quer stehenden Lieferwagens an der Ausfahrt der Tiefgarage errichtet hatte.

Blieb noch der Lichtschacht. Und hier entdeckte James an der Eisenleiter das Taschentuch von Le Beau. Da wusste er endgültig Bescheid. Er kletterte nach oben, und unten schallte gerade der Pfiff einer Polizistenpfeife.



13

Der Scheibenwischer des Triumph surrte. Der Baron hatte das Klappverdeck geschlossen, denn seit einigen Minuten goss es wie aus Kannen. Das Scheinwerferpaar zuckte an den Bäumen der Route National entlang wie ein langes Schwert. Kleine Reflektoren an den verschmutzten Begrenzungspfählen warfen mageres Licht. Der Motor brummte dumpf.

Der Baron fuhr nicht grade langsam, und auf der regennassen Straße rauschten die Reifen und spritzten das Wasser in Fontänen nach allen Seiten.

Maria Justova hockte verkrümmt und mit eingezogenem Kopf auf dem Beifahrersitz. Ihre Frage, wohin sie fuhren, hatte der Baron bis jetzt nicht einmal beantwortet, ebenso wenig wie sie seine Frage nach dem Kopf der Organisation.

Sie kannte Frankreich nicht, konnte nur selten einmal einen Wegweiser lesen, aber ihre geografischen Kenntnisse von dieser Gegend reichten nicht aus, ihr aufgrund irgendwelcher Ortsnamen einen Begriff davon zu vermitteln, wo sie sich jetzt befanden.

Plötzlich bog der Baron in einen schmalen Weg ab. Steine prasselten gegen den Kotflügel, als sie über Schotter rollten. Der Baron schaltete um und fuhr nunmehr kaum noch vierzig Stundenkilometer. Aber der Weg war so schlecht, dass in dem mäßig gefederten Sportwagen die Strecke an mittelalterliche Foltertouren erinnerte.

In der Ferne brannten Lichter. Als sie näher kamen, sah Maria Justova, dass sie zu einem Gehöft fuhren. Einmal huschten die Scheinwerferstrahlen über Rinder, die mit hängenden Köpfen auf einer Weide standen. Dann wieder erfasste der Lichtkegel Weidehütten und Heuschober. Endlich hörte das Geprassel an den Kotflügeln auf, und sie rollten über Asphalt. Das Lichtbündel erhellte ein Tor, und als sie hindurchrollten, sah Maria Justova im Lichtschein das Innere eines größeren Gutshofes.

„So“, sagte der Baron, „da wären wir. Hier wohnen liebe Freunde von mir. Und für Sie wäre es nun wirklich besser, Sie würden mehr erzählen als bisher.“

Sie richtete sich etwas auf, als er anhielt. Im Hofe kläffte ein Hund irgendwo in einem Zwinger. Dann sprangen an mehreren Fenstern Lichter an. Eine Hoflampe tauchte das Gehöft in diffuses Licht. Jemand rief nach dem Hund, doch der kläffte nur noch mehr.

„Baron Strehlitz, Sie wollen mich nicht verstehen. Ihre Freunde werden sterben, wenn Sie ...“

„Von meinen Freunden“, sagte er, „ist einer mit Ihren Leuten zusammen. Die anderen, auch Robert Burton, sind frei. Ihre Leute sitzen ziemlich in der Patsche, Maria. Und ich bin nicht mit Ihnen durch die Lande gefahren, um Ihnen Frankreich zu zeigen, sondern wegen derjenigen, die Sie auf mich angesetzt haben. Wissen Sie, Maria, ich bin nicht unbedingt rachsüchtig, aber wie es mir erging, könnte es morgen auch anderen ergehen. Leute, die einfach mir nichts, dir nichts irgendeiner Sache wegen andere in Lebensgefahr bringen, fördere ich nicht. Vielleicht können Ihre Auftraggeber der Polizei entkommen, weil die nicht über die Grenzen hinaus darf.

Aber ich störe mich nicht an Grenzen. Wer mir auf die Zehen tritt, Maria Justova, den trete ich wieder. Und zwar gleich richtig. Das ist zwar kein besonders feiner Zug an mir, aber ich finde ihn dennoch ganz vernünftig. — Sie können jetzt aussteigen. Der Hausherr kommt schon und erwartet uns.“

Sie sah, dass jemand in der Tür des großen Wohnhauses stand. Das ganze Gehöft machte einen feudalen Eindruck, das Wohnhaus aber war eines jener alten Gutshäuser, bei deren Anblick man meinte, ein Kammerorchester spielen zu hören, Kerzenlichter, viel glitzernden Schmuck und bezaubernde Damen zu sehen. Damen mit weiß gepuderten Perücken und Herren in Brokatgewändern. Eine Reminiszenz von Frankreich von vorgestern.



14

Maria Justova sah sich um. Sie dachte an Flucht, aber der Hof war hell erleuchtet, und plötzlich gewahrte sie auch am Tor, in den Türen der Ställe und Remisen Leute. Wohin sie auch sah, überall war mit einem Male jemand. Es schien, als seien die Ausgänge alle besetzt.

„Eine Falle!“, sagte sie heiser und voller Erregung.

Der Baron lächelte. „Ich mache mir Sorgen, dass Sie etwa verrückt genug sind und fliehen wollen. Das würde nämlich für Sie sehr schlimm werden. — Gehen wir, Maria!

Der Mann, den sie am Fuße der Treppe zum Portal trafen, war mittleren Alters, wirkte schon etwas korpulent, und sein Haar war an den Schläfen grau. Unter dichten, schwarzen Augenbrauen blickte ein dunkles Augenpaar musternd auf Maria Justova. Es war diese Art von Blick, die sie tausendfach kannte. Der Blick von unten nach oben, bei dem sie sich mitunter auch wie entkleidet fühlte.

„Hallo, Strehlitz!“, rief der Mann. „Es ist alles vorbereitet.“

„Ich bedanke mich sehr, Chaqueboux.“ Der Baron wandte sich an Maria und sagte: „Ich möchte Sie mit Comte de Chaqueboux bekannt machen. — Chaqueboux, das ist Demoiselle Justova.“

Der Graf nickte huldvoll und musterte sie dann noch ungenierter. Aber der Baron schob ihn sanft herum auf die Treppe zu.

„Er kam sehr pünktlich“, sagte Chaqueboux, als sie, Maria in der Mitte, hinaufgingen.

Maria begann zu ahnen, dass ihr noch eine Überraschung bevorstand. Und sie spürte auch die Angst, die immer stärker wurde und ihr fast die Kehle zuschnürte.

Das Gebäude war innen noch prunkvoller als außen. Zwei Diener in Livree standen beiderseits des Portals, und ein riesiger Hund lag hechelnd vor einem Kamin im Foyer, gehalten von einem bulligen Manne, der aussah wie ein Feldhüter.

Dann betraten sie einen Raum, der fast ein Saal war. Und da sah sie ihn.

Er war weißhaarig, hager, wie das für einen Engländer irgendwie typisch zu sein scheint, und von einer Würde, die den Begriff Gentleman für ihn selbstverständlich werden ließ. Er stand auf, als der Baron mit Maria auf ihn zuging. Zwei kräftige Männer in dunklen Anzügen schoben sich sofort wie auf ein geheimes Kommando hin an seine Seite.

Maria kannte den Weißhaarigen von vielen Bildern, und außer ihr hätte jedes englische Schulkind sagen können, wem sie gegenüberstand. Für die Wochenendzeitungen war Sir Winnibald zu allen Zeiten ein beliebtes Objekt ihrer Berichterstattung.

Er lächelte verbindlich. Und dieses Lächeln schien wie einzementiert zu sein, als der Baron sagte: „Da haben wir den spitzen Pfeil, Winnibald. Miss Justova, Sir Winnibald.“

Sir Winnibald lächelte noch immer und nickte nur zu Maria hin, dann wandte er sich sofort wieder dem Baron zu. „Sie waren pünktlich, Alexander. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie es so geschickt gemacht haben.“ Er sah nun auf den Hausherrn und fuhr fort: „Gaston, können wir jetzt das Personal wegschicken und uns zu viert unterhalten?“

Chaqueboux nickte und gab den Angestellten einen Wink. Nur die beiden Leibwächter von Sir Winnibald rührten sich nicht von der Stelle, und anders hatte es Sir Winnibald offenbar auch gar nicht erwartet.

Man nahm an einem runden Tisch Platz, hatte an der Wand die Ahnen derer von Chaqueboux um sich, und vor ihnen stand spartanisch schlicht Eau de Vichy, etwas Biskuit, sonst nichts. Chaqueboux brachte eine Kiste Zigarren an, und als er sie öffnete, meinte Sir Winnibald:

„Ah ja, das sind immer die guten. Ich möchte endlich mal wissen, woher Sie die nur bekommen, Gaston!“

Nach der Zeremonie des Zigarrenabschneidens und -anbrennens sahen mit einem Male wie auf ein Zeichen alle auf Maria Justova.

Maria hatte anfangs leicht irritiert und auch ein wenig eingeschüchtert zwischen diesen Männern gesessen. Sie wusste nicht, was das alles sollte, doch der Baron war neben ihr, und irgendwie glaubte sie, damit einen Schutz zu haben.

Sie sah ihn an, und ihre Blicke trafen sich. Er war genau ihr Typ, und sie wusste das haargenau. Trotzdem versuchte sie dieses Gefühl starker Sympathie zu verdrängen und wollte sich einreden, er sei ihr Feind. Doch schon während sie daran dachte, kapitulierte sie schon und fragte sich, warum sie es überhaupt so weit hatte kommen lassen.

Am liebsten wäre sie geflohen. Sie warf sich vor, dies nicht schon längst getan zu haben. Flucht, ja, Flucht!

Doch da war etwas, das sie an diesen Mann fesselte. Nicht der Auftrag, den sie bereits hasste wie die Pest.

In diesen Augenblicken begann sie etwas zu begreifen, was ihr nicht nur ungelegen kam, sondern wovor sie fast noch mehr Angst hatte als vor den nächsten Minuten. Sie hatte begriffen, dass sie den Baron liebte. Obgleich er sie überwältigt hatte, obgleich er sie nun in diese peinliche Situation brachte. Andererseits war ihr klar, dass sie längst in einem Gefängnis sein konnte, wenn er nur gewollt hätte.

Der Baron eröffnete das Gespräch. „Ich habe Ihr Gut zum Treffpunkt gewählt, Chaqueboux“, sagte er, „weil ich mich hier bei Freunden fühle. Und so geht es auch Ihnen, Winnibald.“

„O ja!“, meinte der Brite. Chaqueboux nickte nur und konzentrierte sein Interesse auf Maria, die er betrachtete, als träume er.

„Kurz und gut“, fuhr der Baron fort, „was machen wir mit ihr?“

Sir Winnibald beugte sich etwas vor. „Miss Justova, Sie wollten die Produktionsliste von einer meiner Fabriken. Ich habe sie Ihnen mitgebracht.“ Er machte eine Handbewegung. Einer der beiden Männer hinter ihm zog einen Briefumschlag aus der Tasche. Sir Winnibald nahm ihn.

„Wir haben alle Seiten bereits auf einen Film genommen, sodass Sie gar keine Arbeit haben. Es ist nichts herausgeschnitten, nichts verändert, und ich möchte nur eines wissen: Glauben Sie, Ihre Leute hätten nicht schon längst alle Einzelheiten meiner Produktion? Miss Justova, ein Wort von mir, und der Geheimdienst fällt über Sie her wie ein verhungerter bengalischer Tiger über ein Stück Fleisch. Baron Strehlitz hat mich wissen lassen, dass Ihnen nichts geschehen soll.“

Sie sah überrascht auf den Baron, der ihren Blick mit einem Lächeln erwiderte.

Sir Winnibald fuhr fort: „Es wird Ihnen auch nichts geschehen. Ihnen also nicht, aber den Leuten, die hinter Ihnen stehen. Ich bin Unternehmer, Miss Justova. Ich kann mir Betriebsstörungen nicht leisten. Sie werden Ihre Rolle also pro forma weiterspielen. Baron Strehlitz hat mir versprochen, in meinem Auftrag mitzumachen. Damit wir Ihre Hintermänner erwischen. — Sie müssen eines verstehen, sehr verehrte Dame“, fügte er lächelnd hinzu, „für mich, damit auch für all jene, die Industriebetriebe leiten und in ihren Betrieben Forschung betreiben lassen, ist es wichtig, Leute zu fassen, die einfach die von anderen gemachte Arbeit einkassieren wollen. Und für meinen alten Bekannten, Baron Strehlitz, ist zurzeit sein Projekt, alte Menschen aus ganz Europa zu einem erträglicheren Lebensabend in von ihm gegründeten Ferienheimen zu bringen, vorrangig. Das heißt: ein Mann, der Millionen für ein Projekt braucht, muss ausgefallene Wege gehen, um zum Ziel zu kommen. Um Ferienhotels einzurichten und alte Leute zu Hunderten darin Sommer für Sommer, womöglich das ganze Jahr, unterzubringen, das kostet viele Millionen. Der das in Angriff nimmt, muss Freunde haben, die ihm solche Riesensummen zur Verfügung stellen. Eine Spende ohne Rendite, denn alte Leute amortisieren sich nicht. Deshalb wird es Baron Strehlitz sehr schwer haben. Er bekommt von mir eine Menge Geld, Miss Justova, wenn er herausfindet, wer Sie vorgeschickt hat und wenn er die Leute stellt. Für Sie gibt es zwei Wege. Entweder unterstützen sie ihn und sind aus der Sache heraus. Oder Sie stehen zu Ihren Leuten und gehen mit ihnen unter. — Glauben Sie mir, Miss Justova, ich bin weit davon entfernt, die Absichten zu loben, die Baron Strehlitz in sozialer Hinsicht betreibt, ich meine diese Altenhilfe und seine diversen Unternehmungen im Urwald, wo er Indianern und was weiß ich alles geholfen hat. Ich sagte, ich bin in diesem Punkte anderer Ansicht, unterstütze ihn auch nicht aus Überzeugung, sondern deshalb, weil ich mir von einer Unterstützung eine gewisse Publicity bei denen verspreche, die so etwas gut finden. Aber in einem Punkte bin ich mit ihm absolut einig: Er wird, um an die Prämie zu kommen, alle Hebel in Bewegung setzen, Ihre Auftraggeber zu fassen, und wenn er sie auf dem Südpol aufstöbern müsste.“

Maria sah erschrocken auf den Baron, der wie um Nachsicht bittend bescheiden lächelte und sagte: „Es ist halb so schlimm. Aber ich werde natürlich tun, was ich kann. Ich wollte es nicht, aber Sie sind ja mit der Geschichte gekommen. Nun stecke ich mittendrin.“

„Aber, Baron Strehlitz, Sie haben überhaupt keine Chance. Gar keine!“, sagte sie beschwörend. „Es ist, als wollten sie mit einer Heugabel eine Talsperre aus Beton einreißen.“

Chaqueboux lachte. „Welch ein Vergleich!“, rief er lautstark.

Sir Winnibald verzog keine Miene.

„Maria, Sie sollten sich nicht um jene sorgen, die Sie eiskalt verbuttern wollen. Es kann, und darin bin ich mit Sir Winnibald einig, gar nicht nur um diese Produktionsliste gegangen sein. Das ist entweder nur ein Köder, oder man wollte Sie damit in eine Sache reiten, aus der Sie nicht mehr herauskommen. Ich frage Sie jetzt letztmalig: Wer ist der Boss Ihres Vereins? Für wen oder welche Macht arbeiten Sie? Und zuletzt: Wohin sind Ihre Komplizen mit Michel Dupont geflohen? — Also, beantworten Sie jetzt die erste Frage!“

Maria hörte aus seiner Stimme eine gewisse Schärfe heraus. Sie schlug die Beine übereinander, sodass der Rock ziemlich nach oben rutschte. Sir Winnibald schien überhaupt nicht darauf zu achten, Chaqueboux verdrehte die Augen, als er die schlanken Beine des Mädchens in nahezu völliger Länge sah, und der Baron spitzte nur die Lippen, nachdem er diesem prächtigen Fahrgestell einen anerkennenden Blick gewidmet hatte.

„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, warum ich es tun muss“, sagte sie zum Baron.

„Ich kenne diese Story, und sie wird dadurch nicht besser, dass Sie sie immer wieder erzählen. — Maria, ich gebe Ihnen zwei Minuten, dann kommt Ihre Antwort!“

„Oder?“, fragte sie.

Bevor der Baron darauf antworten konnte, sagte Sir Winnibald scharf: „Ist es Ihnen klar, dass Ihre Fantasie viel zu gering ist, um sich auszumalen, auf welche Ideen man bei Scotland Yard kommt? Oder beim Secret Service.“

„Ich befinde mich in Frankreich“, sagte sie.

Er lachte. „Das lässt sich ändern, und dazu brauchen wir nur den Hubschrauber, mit dem ich vorhin gekommen bin.“

„Warum übergeben Sie mich nicht der Polizei?“, fragte Maria. „Warum mischen Sie sich selbst in diese Sache?“

„Vielleicht habe ich ein Geschäft mit Ihren Auftraggebern vor. Wenn ich die Männer habe, die hinter ihnen stehen. Aber das interessiert Sie nicht. Sehen Sie, deshalb gibt es für Sie ja eine Chance.“

„Die zwei Minuten sind gleich um“, sagte der Baron kalt.

Maria sah ihn an. Er wirkte hart, entschlossen, gar nicht mehr so freundlich wie vorhin.

„Also gut“, sagte sie endlich, „ich werde alles sagen. Aber zuvor möchte ich ein Telegramm aufgeben können. Oder ich bitte darum, dass Sie es aufgeben lassen. Ich möchte Ihr Wort, dass es weitergeleitet wird.“

„Es kommt auf den Text an“, sagte der Baron.

„Der Text ist Code. Aber Sie können selbst den Code nachlesen und entziffern. Im normalen Wortlaut heißt der Text: ,Baron spurlos verschwunden. Bin in Manaus.“

„Manaus? Das ist doch Brasilien. Das ist am Amazonas, mitten im Urwaldgebiet ...“ Sir Winnibald sah den Baron verwundert an. „Was soll der Zauber?“ Der Baron blickte interessiert auf Maria. „Und wir sollen das Telegramm von dort aufgeben lassen?“

„Ja, von dort.“

„An wen?“

„Jackson, Schneidereibedarf, London ... Die genaue Adresse schreibe ich Ihnen besser auf.“



15

Le Beau konnte sie weder warnen noch davor bewahren. Sie fuhren alle beide in die Falle von Simmons. Erst James mit dem gemieteten Morris, und schließlich auch noch Robert. Als es hell wurde, waren sie wieder alle beisammen. Robert, der mit einem Taxi gekommen war, brachte auch noch den völlig unbeteiligten Taxifahrer mit.

Simmons war nicht klüger oder etwa genialer als Le Beau, James oder Robert. Er hatte nur ganz einfach mehr Glück. Die Flucht aus dem Hotelkeller war so glatt gelungen, dass es ein Zuschauer nicht geglaubt hätte, wäre ihm das als Film vorgeführt worden. Noch glatter verlief die Flucht im Daimler des Barons, den Le Beau steuerte. Sie entkamen trotzdem nur, weil der Wagen nicht in der Garage gestanden hatte, denn da wäre er wegen der Blockierung der Ausfahrt nicht herausgekommen. Zweitens war auch der Lichtschacht nicht bewacht gewesen, und drittens passierte zum Augenblick ihrer Flucht direkt vor dem Hotel ein Zusammenstoß eines Polizeiautos mit einem Postwagen. Als die Flüchtenden dann im Daimler saßen, der vor der Waschanlage auf einem Parkplatz neben dem Hotel gestanden hatte, kam ihnen abermals das Glück zu Hilfe. Vor ihnen tauchte ein Krankenwagen auf, dem sie sofort folgten, als sein Läuten und Heulen ihnen den Weg freimachte. Der nächste Glücksfall war die Stromsperre. Aufgrund des Bergarbeiterstreikes gab es Sperrzeiten für Licht, damit auch für die Ampelanlagen. Während sie das Verkehrsdurcheinander ausnützten, entkamen sie einem Polizeiwagen, der offenbar von Männern besetzt war, die inzwischen Lunte gerochen zu haben schienen. Auch das klappte. Und endlich kam der entscheidende Augenblick. Sie erreichten einen der Frachthäfen, fuhren im Gewirr der Speditionsläger und Silos, Speicher und Schuppen herum, bis Simmons dann sagte, dass Le Beau in einem großen Holzschuppen einer finnischen Fertighausfabrik anhalten sollte. Zwischen Teilen von Holzhäusern, die hier ausgeliefert und irgendwo da und dort zusammengebaut werden sollten, tauchte jetzt ein bulliger Mann mit einer Laterne auf. Simmons stieg aus, während Carol die Pistole auf Le Beau richtete und sagte: „Nur keine Mätzchen, Bruder!“

„Ich bin nicht dein Bruder, Kleiner! Und damit du dich nicht vertust, mein Junge: meine Wette ist hier zu Ende!“

„Deine Wette, mein Freund, ist dort beendet, wo wir das wollen. Und solange wir in England sind, läuft dein Film noch auf voller Drehzahl ... Janosch, gib mir die Handschellen rüber. Solche Spezialisten wie ihn muss man sicherheitshalber an die Leine nehmen.“

„Ihr habt ihm versprochen ...“, wollte Ruth Bardal sagen, aber Carol fauchte sie an:

„Halte du nur den Mund! Dein sentimentales Gequatsche fällt mir auf den Wecker!“

Simmons kam zum Wagen zurück. „Wir haben einen auf unserer Spur. Vermutlich James Morris. Mike sagt, dass da einer ist, der hundert Meter von hier mit einem Morris angekommen ist und überall herumsucht.“

„Na und?“

„Fahrt wieder hinaus. Dupont, du bleibst im Wagen. Janosch, komm hinters Steuer. Und du, Carol, passt auf Dupont auf. Dann fahrt mal langsam eine Ehrenrunde bei ihm vorbei. Er wird euch folgen. Kommt wieder hier vorbei. Wir kümmern uns um den Rest.“

Und das taten sie. Wieder hatten sie sagenhaftes Glück. Sie fuhren rund. Tatsächlich stand da keine hundert Meter entfernt ein Morris an einem Speditionskontor. Gerade kam James aus dem Gebäude, als der Daimler vorbeirauschte. James stand wie paralysiert. Und er sah auch Le Beau. Doch der konnte ihn nicht warnen. Er versuchte zwar, durch hastige Kopfbewegungen etwas anzudeuten, aber das begriff James nicht richtig, und so tat er, was von ihm erwartet wurde. Er setzte sich in den Morris und fuhr dem Daimler nach.

Die schmale Straße zwischen den riesigen Silos und Speichern erinnerte an einen Canyon in Nordamerika. Aber dieser Schlauch hatte Nebenstraßen. Und gerade war James an der Einmündung einer solchen Nebenstraße, als dort ein Lastwagen herauspreschte und direkt auf ihn zuschoss. James bremste, der Lastwagen bremste, aber es reichte noch zu einem saftigen Knall. Als James aus dem Wagen kletterte und zu brüllen begann, kamen sie auf einmal wie Geistergestalten hinter dem Lastwagen hervor: so an die zehn kräftige Schauermänner, die alle so ungefähr die Figur von James hatten, nicht zum ersten Male zuschlugen und das zudem noch mit ziemlicher Freude taten.

Den ersten schickte James noch auf die Pflastersteine. Den zweiten warf er drei anderen entgegen, die von so viel Gewicht vom Wege abkamen. Aber die anderen waren dann doch zu viele, und James bekam es. Er bekam es so, dass er für einige Minuten wegtreten musste. Als er dann aufwachte, lag er auf einer Pritsche in einem dunklen Raum. Nur durch eine Ritze in der Tür fiel etwas Licht vom Gang.

Eine Stunde später wurde Robert gemeldet, der zusammen mit Polizisten auftauchte. Polizisten und Robert befanden sich weit vom im Gebiet des Überseehafens, aber irgendwie geriet Robert etwas von den Polizisten ab, und so fingen sie ihn regelrecht wie ein exotisches Tier ein, stopften ihn in einen Elektrokarren und fuhren ihn auf Umwegen zum Auslieferungslager jener finnischen Fertighausfirma, deren Besitzer vermutlich gar nicht wussten, welch geheimnisvollen Dinge sich in ihrem Lager taten.

Kurz vor Sonnenaufgang erschien Jackson. Er kam mit einem Jaguar E-Type, und nachdem er ausgestiegen war, durfte Janosch das kostbare rote Schmuckstück sofort in eine der Lagerhallen fahren, damit er von der Bildfläche verschwand.

Jackson war ein älterer Mann, so um die Sechsundfünfzig. Groß, weiße, lange Haare, die an einen Künstler erinnerten. Ebenso wurde das durch die Richard-Wagner-Schleife unterstrichen und durch den weinroten Samtsakko. Alles an Jackson sah nach Show aus, nach alterndem Mimen. Er hätte Schauspieler, Zirkusmann oder Fernsehmoderator, womöglich Quizmaster sein können. Aber er war keines von dem. Jackson sah nur so aus.

Er betrat das Büro, eilte sofort weiter, begleitet von zwei jener handfesten Burschen, mit denen schon James unliebsame Bekanntschaft gemacht hatte. Und dann stand er in dem kleinen Zimmer, in dem Le Beau, die Bardal, Simmons und Carol bereits warteten.

Jackson sah Le Beau an und sagte scharf: „Ihre Freunde haben einen Fehler gemacht. Ich kenne inzwischen Ihre Wette. Sie haben zwar gewonnen, und ich hätte mich auch daran gehalten. Aber Ihre Freunde schnüffelten weiter. Jetzt sitzen sie wieder bei uns. Und jetzt, Dupont, ziehen wir die Sache anders auf. — Ich bin allgemein als Mr. Jackson bekannt. Sie dürfen mich auch so nennen, Dupont.“

„Und ich“, sagte Le Beau ungerührt, „bin als Monsieur Dupont bekannt. Es wird Ihnen sicher viel Freude machen, mich auch so zu nennen. Und bei mir, Jackson, stimmt der Name sogar mit dem Geburtsschein überein. — Dass Sie sich erneut an Robert und James vergriffen haben, wird Ihnen Ärger machen.“

Jackson lächelte spöttisch. „Verschaffen Sie mir den?“

„Vielleicht, oder haben Sie Baron Strehlitz vergessen?“

Jackson winkte ab. „Ich will Ihnen etwas sagen, Dupont: Ihr Baron Strehlitz wird entweder zusammen mit Sir Winnibald morgen Abend hier sitzen, oder Sie, Dupont, und Ihre beiden Freunde sterben. Und ich, Dupont, mache da bestimmt keine komischen Wetten mit Ihnen.“

„Aber ich, Jackson. Ich wette nämlich mit Ihnen, dass Sie morgen Abend entweder in Ketten stecken oder tot sind.“

„Und ich halte dagegen, Dupont. Ich halte diese Wette und sage, dass Sie morgen Abend sterben werden, weil Ihr Baron sich verspätet. Wenn er dann doch noch kommt, Dupont, haben Ihre beiden Freunde eine Chance. Sie aber sind schon tot, wenn er zehn Minuten nach zwanzig Uhr nicht eintrifft, und zwar mit Winnibald, den wir uns besonders herzlich an die Brust legen wollen. Dieser Bastard ist nämlich nach Frankreich geflogen. Ich wette, er will dort den Baron treffen. Und vielleicht sind die beiden auf die Idee gekommen, uns Maria Justova zu verkaufen.“

Simmons hob den Kopf. Aber noch schwieg er.

Jackson fuhr fort: „Wir werden dann einmal vorführen, dass wir nicht mit Maria Justova verheiratet sind. — Und dein Verhältnis, Clyde, das du mit ihr unterhältst, wirst du auch dann vergessen, wenn wir sie ohne irgendwelche Mätzchen wiederbekommen. Abgeschoben wird sie in jedem Falle.“

„Aber sie ist unsere hoffnungsvollste Nachwuchsagentin!“, rief Simmons empört.

„Das sagst du, Clyde. Ich aber sage, das sie schauspielert. In Wirklichkeit will sie uns alle für dumm verkaufen und bei der nächsten Gelegenheit, wenn sie die Sache mit ihrem Vater klar hat, aussteigen. Ich habe was dagegen. Eher wird sie liquidiert.“

„Aber ...“

„Nichts aber!“, fuhr Jackson den erbleichenden Simmons an. „Es war deine idiotische Idee, dieses Mädchen auf so verrückte Weise für uns einzuspannen. Und die dort ist auch nicht viel besser!“ Jackson zeigte auf Ruth Bardal. „So etwas gehört aus dem Verkehr gezogen!“

„Und wann, Jackson, fangen Sie damit bei sich selbst an?“, fragte Le Beau grinsend.



16

„Es steht felsenfest“, sagte der Baron, „dass einiges schiefgelaufen ist. Die Burschen haben Lunte gerochen und sich verkrochen. Aber sie haben Robert und James offenbar erneut geschnappt.“ Er sah Maria Justova an, die neben ihm im Auto saß. Wieder fuhren sie mit dem Triumph, der sie schon bis nach Frankreich begleitet hatte.

Es war ein strahlender Morgen. Und obgleich sie beide kaum geschlafen hatten, genossen sie den Sonnenschein und die herrliche Natur, durch die sie auf dieser Straße fuhren. Es war eine englische Straße. Diesmal waren sie nicht mit der Luftkissenfähre, sondern mit dem Fährflugzeug bis Southend on Sea geflogen und hatten bereits dort in der Nähe das erste der sieben Verstecke aufgesucht, die Maria angegeben hatte. Aber in dem kleinen Bauernhof war nichts mehr gewesen.

„Ich glaube“, sagte der Baron zu Maria, die zusammen gesunken im Wagen saß, „dass wir nirgendwo und bei keiner der Adressen eine Spur von ihnen finden. Er hat ja logischerweise den sicheren Verdacht, dass Sie diese Adressen verraten haben könnten. Davon geht er aus, dieser Jackson.“

Sie sah scheu zu ihm auf. „Und was wird aus meinem Vater?“

„Wenn wir Jackson erwischen, Maria, wird sich zumindest klären, dass er ein Spion ist. Und wenn das klar ist, kann er alles andere hundertfach abstreiten. Dann ist auch seine Macht gebrochen. Wir bekommen Ihren Vater frei, darauf können Sie Gift nehmen. Aber erst müssen wir Jackson haben. Ich glaube nicht, dass er auf Ihr Telegramm hereinfällt.“

„Meinen Sie, Sir Winnibald hat wirklich veranlasst, dass es aufgegeben wird? Oder ...“

„Ich habe mit einem Freund in Nordbrasilien telefoniert. Er wird es aufgeben. Aber außer hohen Spesen ist vermutlich nichts gewesen. — Ihre Geschichte hat einige Schönheitsfehler, Maria“. Der Baron lächelte. „Sir Winnibald mag sie Ihnen geglaubt haben, der Comte sowieso, aber ich zweifle doch erheblich.“

Sie kam aus ihrem Sitz heraus wie Phoenix aus der Asche. „Sie glauben mir nicht?“, rief sie empört. „Ich habe alles gesagt, alles!“

„Wie sind Sie denn an Jackson geraten?“

„Nicht an ihn. An Simmons. Jackson habe ich erst vor einigen Tagen kennengelernt. Simmons ..., na ja, er gefiel mir eben. Ich verliebte mich in ihn. Und wie es eben so ist. Aber dann merkte ich, dass er nur so tut, als hätte er was für mich übrig. Dass er es auf was anderes abgesehen hat. Und als das mit meinem Vater passierte, ließ er mich auch wissen, wie sie die Geschichte sahen. Seitdem kocht es bei mir.“

Der Baron sah kurz zu ihr hinüber. Sie sah auch jetzt, nach einer nahezu durchwachten Nacht, blendend aus. Ihre schlanken Beine konnte sie in dem etwas engen Sportwagen nur mühsam ausstrecken, und wieder hatte sie Schwierigkeiten mit ihrem Rock. Aber diesmal schien sie gar nichts dabei zu empfinden.

Sie war eine herrliche Frau, und der Baron hätte aus Stein sein müssen, um das zu übersehen. Er verfluchte Simmons, der Maria zu seinem Werkzeug machen wollte, obgleich er ihn andererseits nicht verstand. Wie konnte ein Mann eine Frau wie Maria einfach wie einen Gegenstand behandeln?

Er hielt in einem von Hecken gesäumten Seitenweg an. Sie waren weit und breit offenbar die einzigen Menschen. Es war Sonntagmorgen. Weit entfernt grasten Kühe auf einer sanften Weide, und aus dem Kamin eines Bauernhauses drüben zwischen den Weiden quoll Rauch. Vögel zwitscherten, und über der Haube des Triumph tanzte ein Schmetterling, flatterte und flog in zuckenden Bewegungen auf die Windschutzscheibe, wo er sich niederließ. Es war ein Admiral, bunt wie dieser Morgen, und Maria sah ihn, hielt ihren Finger hin, damit er daraufsteigen sollte, aber er flog weg, und sie sagte traurig: „Schade!“

Der Baron sah sie an. „Maria, weißt du, dass du schön bist?“

Sie wandte sich ihm zu. In ihren hellen Augen reflektierte die Morgensonne. Er bemerkte, wie ihre Brüste sich unter heftigen Atemzügen hoben und senkten. Dann legte er seinen linken Arm um ihre Schultern, und da sie links von ihm saß, war ihm das etwas ungewohnt. Er blieb, als er den rechten Arm nach ihr ausstrecken wollte, mit dem Ellenbogen am Lenkrad hängen, geriet an die Hupe, und beide erschraken, als das Zweiklanghorn losbrüllte.

Dann lachte Maria, er musste ebenfalls lachen, und da flog sie ihm schon um den Hals. Sie war es, die ihn küsste, und sie tat es mit so viel Leidenschaft, dass er geradezu überwältigt war. Ihre Lippen schienen zu glühen, und ihr Kuss war wie ein loderndes Feuer. Er spürte ihre Zunge, und ihre Finger kraulten ihm zärtlich im Nacken.

Es überkam sie wie ein Rausch. Als er sie dann umfasste, wie ein Kind hochhob und aus dem Wagen trug, hinaus auf den Rasen, da wehrte sie sich nicht, widersprach nicht, sondern schmiegte sich innig an ihn, und sie schlang ihre Arme um ihn, küsste ihn leidenschaftlich, sodass er kaum sehen konnte, wohin er sie trug. Und als er sie dann zwischen dichten Sträuchern auf weichem Gras niederließ, da spürte er, wie sie vor Erregung zitterte. Seine Berührungen wirkten auf sie wie elektrischer Strom, aber sie ersehnte diese Impulse, und als er zu ihr kam, erwartete sie ihn voller Verlangen.



17

Jackson knallte das Stück Papier auf den Tisch im Lagerbüro. „Da“, schrie er Simmons an, der mit ratlosem Gesicht vor ihm stand, „so ein Scheißtelegramm schickt die uns! Aus Manaus! Weißt du überhaupt, wo das ist? Im Urwald! Irgendwo am Amazonas. Das ist vielleicht ein Flittchen! Die Idee ist garantiert vom Baron. Jetzt ist er nicht einmal zu erreichen, der Schlaumeier. Wie wollen wir mit diesem Kerl ins Geschäft kommen, wenn er überhaupt nicht aufzutreiben ist?“

„Ich weiß nicht, aber ich glaube, dass Maria ihre Sache macht. Ich bin davon überzeugt.“

Jackson sah den dunkelhaarigen, schlanken Mann verblüfft an. „Was sagst du da? Du glaubst an dieses dämliche Weib? Ja, bist du denn total verrückt? Die ist doch nie auf deiner Seite gewesen. Die Geschichte mit ihrem Vater, die hat sie doch geradezu gezwungen, mitzumachen. Aber der wird auch wieder mal gesund, sage ich dir, Simmons. Und dann werde ich ihm blasen, was er sich da für ’n Früchtchen aufgezogen hat.“

„Sie ist nicht seine leibliche Tochter“, sagte Simmons abwehrend.

„Ich weiß, aber sie weiß es möglicherweise nicht.“

Jackson trat ans Fenster und blickte hinaus auf die trostlose Leere einer Hafenstraße am Sonntagmorgen. „Mir kommt da eine Idee, Clyde. Ich bin natürlich sicher, dass sie nicht im Urwald und nicht in Brasilien ist. Aber drehen wir doch mal den Spieß herum. Sie weiß, wo ihr Vater ist. Hinterlassen wir doch dort eine Nachricht. Dahin wird sie sich doch immer wenden.“

„Nicht, wenn der Baron bei ihr ist.“ Jackson zuckte die Schultern. Dann sagte er scharf: „Also, ich habe mich entschieden. Lassen wir jetzt die Umwege. Diesen idiotischen Produktionsplan werden wir uns aus dem Safe holen. Dazu biete ich unsere Experten auf; und es wird wie ein Einbruch aussehen. Aber der Plan ist der Code für die gesamten Bauanweisungen, ohne den Code ist keine der Anweisungen zu entschlüsseln. Das weiß vermutlich nicht einmal Sir Winnibald selbst.“

„Er wird es wissen, sonst wäre er nicht höchstpersönlich nach Frankreich geflogen. Das wissen wir doch nun.“ Simmons trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. „Sieh mal, ein so großer Boss wie Sir Winnibald würde doch niemals selbst irgendwohin fliegen, nur weil es um etwas geht, was ohnehin schon zur Hälfte abgestorben ist.“

„Nein, es scheint Sir Winnibald etwas mehr mit dem Baron zu verbinden, als wir gedacht hatten. Er ist bereits vorher mit dem Baron in Paris gewesen, als es da um dieses Hotel ging. Und er ist auch jetzt gekommen.“

Simmons sah Jackson schräg an. „Sag mal, für wen arbeiten wir eigentlich?“, fragte er.

Jackson zuckte herum, als wäre er von einer Nadel gestochen worden. „Wie bitte?“

„Wer ist wirklich unser Auftraggeber? Wer steht dahinter? Wir alle kennen nur dich. Aber da ist doch mehr. Wir bekommen Flugzeuge, Autos, Geld, alles, was wir brauchen. Ist es Russland?“

Jackson machte ein zorniges Gesicht. „Idiot! Warum fragst du nur immer solchen Unsinn? Ich bin Engländer, Clyde. Ich würde nie mein Land verraten. Aber ich würde auch nie sagen, für wen ich wirklich arbeite. Russland ist es nicht, Clyde. Aber solltest du noch einmal neugierig sein, dann bekommst du Ärger. Ich mag solche Fragen nicht.“

Simmons hob beschwörend die Hände. „Nun mach doch nicht so ’n Theater! Man wird doch mal fragen dürfen.“

„Hör zu, Clyde! Das Lagerhaus hier ist eine Adresse, die Maria kennt. Es ist auch damit zu rechnen, dass der Secret Service hier schon herumstöbert, zumal dieser Burton uns gesucht hat. Morris ja auch. Bei Morris glaube ich nicht, dass der vorher gesagt hat, wohin er fährt. Aber bei Robert Burton ist das drin, auch wenn er es jetzt abstreitet. Wir werden also Folgendes machen: Alle drei sind für uns eine Belastung. Druck können wir insofern auf den Baron nicht ausüben, als wir ihn momentan gar nicht erreichen können. Wir liquidieren die drei. Und weil diese Bardal sowieso unsicher ist, wird sie die Liquidierung vornehmen.“

„Und was geschieht dann mit ihr?“, fragte Simmons.

„Hat sie bei dir etwas über U340-Zünder gelernt?“

Simmons, der offenbar ahnte, worauf diese Frage zielte, erbleichte. „Du ... du willst sie doch nicht etwa dabei auch ...“

Jackson musterte ihn kalt. „Natürlich, du Idiot! Wir sind uns doch einig, dass sie nicht sicher ist. Und was will ich mit einer, die im passenden Moment noch quatscht? Hast du nicht gemerkt, wie sie diesen Dupont ansieht? Die ist doch scharf auf den wie ein Küchenmesser. Also, kennt sie diese Zünder?“

„Nein“, antwortete Simmons heiser. „Aber sie ist doch ganz nett und ...“

Jackson packte Simmons am Rockaufschlag. „Clyde, bist du denn auch schon verrückt? Nett! Was soll das? Wir arbeiten in einem stahlharten Geschäft. Es geht um riesige Beträge. Und du Rindvieh redest da von netten Weibern. Du kannst von mir aus einen ganzen Harem in deinem Schlafzimmer aushalten, wenn wir alle unsere Aufträge durchgeführt haben. Hinterher, verstehst du? Aber jetzt, Clyde, jetzt arbeiten wir. Und jeder Fehler, den wir machen, den ihr schon gemacht habt, kann uns den Kopf kosten. Ihr werdet den Kutter nehmen. Janosch soll vorher die Ladungen anbringen. Das kann er, ich weiß es. Carol, macht die Sache mit dem Boot. Dort bringt er den Funkzünder an, einen U340er. Damit ist die Geschichte erledigt. Die Bardal verschwindet mit den anderen. Ich werde es ihr selbst erklären, damit alles klappt. Hol sie her!“

Simmons versuchte noch einmal, den Chef umzustimmen, aber der brüllte ihn nur an, und Simmons gab schließlich auf und ging, um Ruth Bardal zu holen.

Kurz darauf kam sie angetrippelt. Sie trug ein knapp sitzendes Wildlederkostüm, das auch den letzten ihrer Reize zur Geltung brachte. Das dunkle Haar lag in weichen Wellen auf ihren Schultern, und ihre leuchtend hellen Augen blickten in leichter Verwunderung auf Jackson.

Jackson lächelte, als er sie betrachtete. Simmons ging hinaus. Offenbar wollte er nicht Zeuge einer infamen Heuchelei werden, die sogar einem Manne wie ihm widerstrebte.

Jackson musterte sie kalt. Er mochte Frauen nicht sonderlich. Und rein sexuell bedeutete ihm ein Mädchen wie die Bardal nichts. Sie hätte sich ihm nackt darbieten können und wäre doch nicht mehr als irgendein Lebewesen für ihn gewesen. Jacksons Neigungen gingen da in eine völlig konträre Richtung.

„Ruth, du wirst eine wichtige Aufgabe erledigen müssen“, begann er.

Sie mochte Jackson nicht. Sie spürte als Frau, dass er anders veranlagt war als die meisten Männer, und sie misstraute ihm rein gefühlsmäßig.

„Welche Aufgabe?“, fragte sie.

„Ich werde es dir erklären. Den Kutter, den wir im Fischereihafen haben, wirst du noch kennen. Wir werden die Gefangenen damit hinausfahren in den Kanal. Der Kutter wird in den Bereich der noch aus dem letzten Krieg stammenden Minenfelder im Sperrgebiet gebracht. Die Minen liegen viel tiefer als der Kiel des Kutters. Damals ging es um große Schiffe, nicht um Fischkähne. Du wirst den Kutter nach einem festgelegten Kurs fahren. Befindest du dich damit an der Stelle, die ich dir in der Karte eingezeichnet habe, wirst du im Beiboot das Schiff verlassen.“

„Was passiert mit dem Kutter?“, fragte sie ängstlich.

Er lächelte. Du Närrin, dachte er, du willst eine Agentin sein? Du bist immer noch das Strichmädchen von früher. Und jetzt liebst du diesen Franzosen. Man kann es dir dummem Weib an der Nasenspitze ablesen. Aber du wirst zum Teufel gehen, du mit deinen idiotischen Gefühlen!

Nach diesen Gedanken sagte er dann mit kaltem Lächeln: „Der Kutter wird zu einer ganz bestimmten Zeit explodieren. Wir werden dir diese Zeit angeben. Wenn du dann noch nicht von Bord bist, fliegst du mit in die Luft. Und solche Explosionen, mitten unter den Minen, können mitunter Kettenreaktionen auslösen. Ganz bestimmt würde das der Fall sein. Kurzum, Ruth, du musst sehr genau auf die Zeit achten. Übrigens sind die Sprengsätze im Kutter streng geheim. Damit dich die Gefangenen nicht etwa unter Druck setzen können, werden wir sie dir auch nicht zeigen. Also weder du noch die Gefangenen wissen, wo die Sprengsätze sind. Und der Zünder wird sie pünktlich auslösen. Damit du nun auch wirklich zur richtigen Stelle fährst, begleitet euch Carol mit dem Hubschrauber. Er wird dich dann auch aus dem Beiboot holen. — So, alles klar?“

„Aber warum wollen wir die Gefangenen umbringen?“

„Sie sind überflüssig. Sie behindern und stören uns. Nun frag nicht mehr. Dein Auftrag beginnt in zwei Stunden. Carol bringt dich zum Kutter. Los, mach dich schon fertig.“

Sie stand noch immer verwirrt da, und er genoss ihre panische Angst, die sie kaum zu unterdrücken vermochte. Gehässig bemerkte er: „Du wolltest doch reich werden, Ruth. Du hast doch auch schon eine Menge Sachen mit uns gemacht. Nun kommt mal etwas, das sein Geld wirklich wert ist. Kassieren können wir alle. Warum solltest du so eine Aufgabe nicht auch einmal machen?“

„Ich bin kein Mann“, sagte sie schrill. Er lächelte. „Ich weiß. Aber damit kommst du bei mir nicht durch, Ruth. Ich will bei gleichem Geld auch gleiche Leistung. Geh jetzt!“



18

Maria Justova hatte die Arme um die Knie geschlungen und saß vor dem Baron im Gras. „Ich liebe dich“, sagte sie leise, aber es klang eher wie eine Entschuldigung und nicht wie eine Erklärung.

Er lachte und suchte nach seiner Pfeife, stopfte sie und sagte: „Ich liebe dich auch, Maria, und doch schwebt zwischen uns noch ein Geheimnis.“

Sie ging nicht auf seine Bemerkung ein. Während sie einem Rotkehlchen nachblickte, das von einem Zweige aufflog, sagte sie nachdenklich: „Es war schön mit dir, herrlich schön. Aber das habe ich irgendwie gewusst. Trotzdem werden wir nicht zusammenbleiben.“

„Wieso nicht?“

„Ich habe dich angelogen, Alexander. Ich habe dir etwas von meinem Vater erzählt, was nur zum Teil stimmt. Er ist nicht eingesperrt.“

„Das weiß ich.“

Sie zuckte zusammen wie unter einem Schlag und sah ihn erschrocken an. Er aber lächelte nachsichtig.

„Ich weiß es, denn Robert hatte die Polizei gebeten, es zu bestätigen. Aber in keinem der Gefängnisse sitzt dein Vater. Im Übrigen ist dein Vater schon lange tot. Er war wirklich Taxifahrer. Aber seit sechs Jahren gehört die Konzession einem anderen.“

Sie senkte den Kopf. „Ja, das ist richtig. Es tut mir leid, aber ... ich kam mir so schäbig vor. Du warst so anständig, und ich ... ich hatte doch kein richtiges Motiv, keines, das du anerkennen würdest. Und ich war verliebt in dich. Ganz unplanmäßig.“

„Und du weißt wirklich nicht, für wen Jackson arbeitet?“

„Nein. Simmons weiß es ebenso wenig, glaube ich. Er will es immer wissen, aber dann bekommt er Krach mit Jackson.“

„Was ist denn nun wirklich mit dem Mann, den du deinen Vater nennst?“

„Er ist mein Pflegevater. Ich war damals noch ein Kind, als Vater starb. Eine Weile hat ein Freund von ihm die Konzession weiterbetrieben, aber dann ging das auch nicht mehr, weil der Mann erkrankte. Ich bin nach Vaters Tod zu einem Manne gekommen, der uns schon gleich nach dem Kriege geholfen hatte, jedenfalls meinem Vater geholfen.“

„Und deine Mutter?“

„Sie ist schon lange tot. — Ich kam zu Billy Coogan, und er war mehr als nur ein Ziehvater. Er hat alles für mich getan. Ich fragte nie, woher er das viele Geld hat. Wie ich meinte, hatte er eine Importfirma. Er handelte mit Holzhäusern, finnische Holzhäuser. Sie wurden bei dem, der sie hier kaufte, zusammengebaut. Förster, Gärtner und Leute, die irgendwo auf dem Land ein Grundstück besaßen, waren unsere Kunden. Ich führte ihm die Buchhaltung und betreute seine Kunden. Ich tat es umsonst, denn er hatte die Schule und alles für mich bezahlt. Er gab mir, was ich brauchte. Ich habe ihn sehr verehrt, fast mehr als meinen Vater. Coogan hat mich adoptiert. Nur meinen Namen habe ich nach englischem Recht behalten. Ja, und dann passierte es. Ich bin hinter alles gekommen, als er eines Tages angeschossen nach Hause kam. Angeschossen von einem Werkschutzbeamten, wie ich später erfuhr. Denn mein Ziehvater war ein Spion. Ein Agent, der aus vornehmlich zur Flugzeugbranche gehörenden Fabriken geheime Pläne schmuggelte. Und der letzte, den er noch hatte erwischen können, stammte aus einem Werk von Sir Winnibald. Dieser Plan enthielt Angaben in Codeschrift. Und nun tauchte Jackson auf. Ich sah ihn zum ersten Male, als er damals mit einem Arzt und Simmons aufkreuzte. Jackson verschwand aber bald wieder, nur Simmons und der Arzt blieben. Mein Vater wurde zu einem Landhaus gebracht, das einem Reeder aus London gehörte. Simmons blieb bei mir und erklärte mir, dass mein Vater erkannt worden sei. Er sagte mir ferner, dass die Organisation, wie er sich ausdrückte, ihn dann nicht stützen konnte. Man würde ihn fallen lassen, sagte er, wie eine heiße Kartoffel. Der Plan, den er erbeutet hatte, nütze nichts. Der Organisation fehlte der Code. Dieser Code wäre so viel wert, dass die Organisation, wenn sie ihn hätte, einen Mann wie meinen Ziehvater für viel Geld nach Amerika oder sonst wohin fliegen lassen würde, sobald er gesund wäre. Ich wollte damals zwei Dinge: meinem Stiefvater helfen, aber ihn auch von diesem scheußlichen Geschäft wegbringen, von dem ich nun in vollem Umfange von Simmons erfuhr. Denn Coogan hatte das schon ein gutes Jahrzehnt gemacht, kam aber nicht mehr davon weg. Jackson ließ sich noch einmal sehen und versprach, dass er mir die Möglichkeit geben wollte, etwas für Coogan zu tun. Ich sollte den Plan beschaffen, den Produktionsplan. Der enthält die Aufschlüsselung des Codes. Das, was mir Sir Winnibald geben wollte, den gefilmten Plan, das braucht nur er selbst. Und das weiß er auch. Für mich ist der Umschlag wichtig. Im Umschlag befindet sich der Codeschlüssel in Form einer Addition von irgendwelchen imaginären Kosten. Nun weißt du alles.“ Sie hob den Kopf und sah ihn an.

„Hat sich jetzt etwas zwischen uns geändert?“, fragte er mit sanftem Lächeln.

Sie sah ihn nicht an. „Alles, denke ich.“

Er fasste ihr Haar im Nacken und zog ihren Kopf zu sich heran. „Nein“, widersprach er, „nichts ist anders, kleine Närrin. Und jetzt komm! Wir werden nicht mehr zu suchen brauchen, weil es nur noch eine Möglichkeit gibt.“ Sie blickte überrascht auf. „Welche denn?“

„Wir werden uns den Laden deines Stiefvaters ansehen.“

„Das ist im Hafen.“

„Und wo steckt Coogan jetzt?“

„In Schottland. Im Hochland oben, da ist ein kleines Gehöft.“

„Sehen wir uns erst einmal das Geschäft im Hafen an, dann gehen wir zu Coogan. Ich nehme an, dort ... Oder warte mal! Andersherum! Erst Coogan! Natürlich, denn er weiß mehr als du. Coogan bildet den Anfang.“

Maria erschrak. „Alexander, bitte lass ihn aus dem Spiel! Bitte tu, was ich sage!“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Maria“, erklärte er ernst, „jetzt machen wir völlig reinen Tisch. Denn weißt du, was Sir Winnibald vermutet?“

„Nein.“

„Er glaubt, hinter Jackson steht nicht etwa Russland, China oder sonst ein östliches Land, sondern schlicht ein Konkurrent hier im schönen England. Ein anderes Flugzeugwerk, das in den letzten Zügen liegt und aufholen will. Sir Winnibald hat versprochen, mir eine schöne runde Summe für mein Hilfswerk zu zahlen, wenn ich das beweisen könnte. Ich will nichts beweisen. Ich will die Wahrheit wissen. Deinetwegen, Maria. Und ich will mir die Leute ansehen, die meine Freunde festhalten. Wenn denen nur das Mindeste passiert ist, dann wird es bitterbös für Simmons, Jackson und wie sie alle heißen, diese Kerle. So, Mädchen, nun werden wir fahren. Mr. Coogan wird sich freuen, dich zu sehen.“

Sie blickte ihn ängstlich von der Seite an. „Er ist nicht allein, Alexander. Es sind Männer bei ihm. Jacksons Männer.“

„Viele?“

„Drei.“

„Warum denn nicht, es sind schließlich auch nur Menschen. Steh auf, Maria!“

Sie hatte Angst, furchtbare Angst. Sie wusste, dass ihr Stiefvater nach wie vor zu Jackson hielt. Sie wusste, dass er deshalb selbst als Kranker für den Baron eine Gefahr darstellte, die der Baron vermutlich unterschätzte. Und jene drei Männer, die bei Coogan waren, würden auch nicht zusehen, wie der Baron sich mit Coogan unterhielt. Nein, es war absoluter Wahnsinn, was der Baron da plante. Es war Selbstmord!

Sie merkte, wie entschlossen Alexander von Strehlitz war. Und weil sie das erkannte, kam ihr eine verrückte Idee. Sie beschloss, ihn daran zu hindern, noch mehr zu unternehmen. Sie war überzeugt davon, dass weder Le Beau noch Robert und James etwas passieren konnte, wenn es Jackson nicht gelang, den Baron zu finden und ihn damit zu erpressen, dass er drei Gefangene hatte. Dass Jackson bereits umdisponiert hatte und der Sache im Grunde viel weiter voraussah, ahnte sie nicht. Sie fürchtete nur um den Baron, und andererseits sorgte sie sich um Coogan, den sie noch immer sehr verehrte, egal, was er getan hatte. Als Pflegevater war er so gewesen, wie ein richtiger guter Vater nicht besser hätte sein können. Nein, Coogan durfte nicht in diesen Wirbel geraten, womöglich noch tatsächlich ins Gefängnis kommen. Und da geriet er bestimmt hinein, wenn der Baron auf irgendeine Weise doch mit ihm ins Gespräch kommen sollte. Dann nämlich würden ihn Jackson und seine Leute vermutlich selbst fallen lassen.



19

Sie war im Zwiespalt. Hier Alexander von Strehlitz, den sie liebte, dort der Mann, der sie wie ein Vater aufgezogen hatte. Hier ein untadeliger Mann, der sich für eine gerechte Sache einsetzte, dort der bezahlte Agent, der außerhalb der Legalität operiert hatte. Und irgendwo dazwischen befanden sich diese teuflischen Gefahren, personifiziert durch Jackson, Simmons und deren Helfer und Helfershelfer.

Sie stieg in den Wagen, der Baron ließ den Motor an, und sie fuhren zurück zur Straße. Als sie gerade einbogen, sodass der Baron in den Rückspiegel sehen musste, um sich zu vergewissern, dass kein anderer Wagen näher kam, nutzte Maria die Gelegenheit und griff unter den Sitz. Dort hatte sie eine kleine 6.35er Pistole verborgen. Sie fühlte den kalten Stahl, zog die Waffe aus der Lederschlinge und hob sie hoch. Sie hielt sie auf den Baron gerichtet. Er aber schien das gar nicht zu bemerken und blickte auf die Straße, spitzte die Lippen zum Pfeifen, als müsste er seiner guten Laune Ausdruck verleihen.

Da sagte sie mit einer gespielten Schärfe: „Fahr links heran und halte wieder an!“

Er warf ihr einen kurzen Blick zu, entdeckte die Pistole und fragte, ohne nur einen Kilometer langsamer zu fahren: „Willst du mich damit umbringen? Ich dachte, du magst mich.“

„Hör auf, Phrasen zu dreschen! Halte an, oder ich schieße dir ins Bein!“

Er stoppte. Dann drehte er sich um, dass er ihr voll zugewandt war. „Und nun? Soll ich aussteigen?“

Sie hätte am liebsten ja gesagt, doch sie wollte bei ihm sein. O Gott, dachte sie, wenn du doch wüsstest, dass ich es nur aus Liebe zu dir tue. Sieh mich doch nur nicht so spöttisch, so überlegen an!

„Bleiben Sie sitzen. Ich möchte Ihnen nur etwas klarmachen!“

„So förmlich mit einem Male? Vor ein paar Minuten warst du noch ganz anders zu mir. Kann ein Mädchen wie du das einfach so abstreifen?“

Sie spürte, dass er ihr nicht glaubte. Und weil sie nicht wollte, dass er womöglich damit die Oberhand gewann, sagte sie zornig:

„Es spielt keine Rolle, was gewesen ist. Sie werden jetzt umkehren und zurück bis zur Kreuzung fahren. Und von dort geht der Weg rechts nach London. Wir werden ...“

Er griff viel schneller zu, als sie reagieren konnte. Mit einem Handkantenschlag wirbelte er ihr die Pistole aus der Hand, dass die Waffe über ihren Kopf hinweg gegen das Seitenfenster flog, dagegen klirrte, es aber nicht zerbrechen konnte. Dann fiel die Pistole auf den Boden und blieb neben Marias Fuß liegen.

„Und jetzt, mein Darling, mach die Tür auf!“, sagte er.

Sie rührte sich zunächst nicht. Plötzlich schlug sie aber die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.

Der Baron zuckte die Schultern, bückte sich und hob die Pistole auf. Dann steckte er sie ein, schob den ersten Gang ein und gab Gas.

Maria aber versank in ihren Sitz wie ein schmollendes Kind.

Ohne sie anzusehen, sagte der Baron: „Du warst vorhin zu gut, als wir im Grase lagen, Maria. So gut kann selbst die abgebrühteste Kokotte die Leidenschaft nicht heucheln. Und damit hast du dich verraten. Für mich bist du eine Verirrte. Ich weiß nicht, warum du mich von der schottischen Adresse abhalten willst, aber es ist sinnlos. Wir fahren zum Flughafen von Sir Winnibalds Hampton-Werk. Er hat mir alles zur Verfügung gestellt, was ich brauche. Zum Beispiel ein Flugzeug, das uns beide rasch nach Schottland bringt, damit wir Mr. Coogan besuchen können.“ Marias Antwort war ein Schluchzen.



20

Le Beau saß unten in der Kajüte des Kutters, ihm gegenüber Robert und James. James hatten sie übel zusammengeschlagen, weil er sich vorhin zu wehren versucht hatte, als sie alle drei ins Boot gebracht worden waren.

Robert blickte besorgt in die Runde. Auch er war wie die beiden anderen gefesselt. Aber irgendwie vertraute er auf Le Beau, dass der die Fesseln vielleicht zu lösen vermochte. Sie wussten, was ihnen bevorstand. Jackson hatte es sich nicht nehmen lassen, es ihnen unter höhnischem Grinsen mitzuteilen.

Der Motor des Bootes tuckerte schon. Und auf einmal hörten die Fender auf an der Pier zu scheuern. Das Boot schaukelte nicht mehr, es machte Fahrt.

Le Beau hörte eine Männerstimme oben an Deck sagen: „Du weißt, was du zu tun hast. Sobald wir hier aus dem Hafen sind, steige ich um. Wir bleiben in deiner Nähe. Halte genau den Kurs, auch wenn wir einmal nicht zu sehen sind. Und vergiss nicht, dass die Ladung hochgeht, wenn die Zeit gekommen ist, die wir dir genannt haben. Genau da. Du musst also vorher von Bord sein. Aber nicht zu früh. Verstehst du? Nicht zu früh. Erst, wenn du über den Minen bist. Wir holen dich dann aus dem Beiboot heraus. Und noch etwas, Ruth: Versuche nicht, einen anderen Kurs zu fahren. Du weißt, Jackson ist da komisch! Also, ich muss gleich runter. Mach dir keine Sorgen, es klappt schon.“

Danach sprach niemand mehr. Der Motor tuckerte, doch auf einmal kam ein zweites Motorengeräusch in die Nähe, wurde lauter, und an dem Schlagen hörte Le Beau, dass ein Hubschrauber in nächster Nähe war. Doch nach einiger Zeit entfernte er sich, und wieder war nur das Rauschen der Bugwelle, das Tuckern des Diesels und das Schwappen des Wassers im Kielraum.

„Ob sie allein mit uns ist?“, fragte Robert.

„Möglich. Ich rechne damit, dass sie mal nach uns sieht.“ Le Beau blickte zum Niedergang, als würde sie jeden Augenblick kommen.

James versuchte die Stahlspangen zu lösen, die ihn an die Bank in der Kajüte fesselten. Doch es misslang ihm, so viel Kraft er auch besaß. Mit seinen zugeschwollenen Augen sah James furchtbar aus. An der Stirn hatte er zudem eine Platzwunde, die noch immer etwas blutete, sodass es James auf Hemd und Hose tropfte.

„Der Hubschrauber!“, sagte Le Beau, als das Knattern wieder näher kam. Doch es entfernte sich nach kurzer Zeit erneut.

„Sie traut sich nicht herunter“, meinte Robert. „Oh, was hat es uns diesmal erwischt.“

Le Beau grinste. „Es war schon schlimmer. Nimm es leicht, Robert. In unserem Spiel ist der Baron noch immer ein Trumpf.“

„Aber einer, der weit weg zu sein scheint“, meinte Robert betrübt.

James, dem auch die Unterlippe aufgeplatzt und stark angeschwollen war, sagte mit lallendem Tonfall: „Ruf sie doch! Ruf sie herunter! Sie muss uns helfen.“

Le Beau rief, aber der Lärm des Motors übertönte alles andere. Doch indessen wurde der Seegang stärker. Das Schiff stampfte in beträchtlich bewegterer See, und der Motor musste härter gegen schwere Wellen ankämpfen.

Robert, der Seereisen noch nie sonderlich gut vertragen hatte, wurde mit einem Male sehr schweigsam und war ausschließlich mit sich und seinem revoltierenden Magen beschäftigt.

Da tauchte Ruth im Niedergang auf. Sie sah auf Le Beau und sagte: „Ich habe es nicht gewollt! Ich kann nichts daran ändern. Was soll ich denn tun?“

„Wo ist der Hubschrauber?“, fragte Le Beau.

„Im Augenblick ist er zurück zum Land geflogen.“

„Wo befinden wir uns?“

„Im Ärmelkanal, und man sieht die englische Küste noch.“

„Den Motor langsamer stellen. Nicht so schnell fahren. Mach das sofort!“, sagte Le Beau, und es fiel ihm überhaupt nicht auf, dass er Ruth duzte. Sie nahm es wie selbstverständlich hin und lief nach oben. Der Motor wurde plötzlich langsamer. Ruth kam zurück.

„Ich habe gesucht. Es ist nirgendwo Werkzeug. Janosch hat auch gesagt, dass sie nichts zurückgelassen hätten. Er hat es extra noch gesagt.“

„Keine Zange, nichts?“

„Nichts, glaube ich.“

„Such hier unter den Kojen, da sind Bettkästen. Such darin! Wenn wir nicht freikommen, fliegst du mit in die Luft. Falls du das nicht kapiert hast. Dieses ganze Ding ist voll Staubzucker, und gezündet wird das garantiert über Funk.“

„Der Hubschrauber nähert sich!“, rief Robert.

„Los, zeig dich, hinauf mit dir!“, sagte Le Beau. „Verdammt, wenn sie uns jetzt schon in die Luft blasen, geht der Welt etwas verloren.“

„Was?“, fragte James.

„Dein dummes Gesicht. — Robert, neben deinem Kopf ist das Bullauge. Kannst du nichts sehen?“

„Nur wenig, Wasser sehe ich ... ja, etwas vom Horizont. Und jetzt ... jetzt den Hubschrauber!“

„Was ist das für einer, Robert?“, fragte Le Beau.

„Komisches Ding, kenne ich gar nicht.“

Le Beau überlegte. Wenn Robert einen Flugzeugtyp, besonders den eines Hubschraubers nicht erkannte, hieß das eine ganze Menge. Denn die Flugzeugerkennung beherrschte er aus dem Effeff.

„Du kennst den nicht? Ausländer?“

„Nein, sieht aus wie einer von den Sikorsky-Typen, die Westland nachgebaut hat, aber er ist kleiner. Ein Westland Whirlwind, nur kleiner und kürzer vor allem. Der Motor sitzt wie beim Whirlwind unter den Piloten vorn im Bug.“

„Dann weiß ich Bescheid. Ein Cimber. Davon gibt es nur drei. Versuchsmaschinen sind das. Der Chef hat neulich noch davon erzählt, weil sie die in Großserie bauen wollen. Er hat eine schwimmfähige Kanzel. Der soll wie ein Boot schwimmen.“

„Weiß nicht, ob er das kann“, sagte Robert. „Er fliegt wieder zum Land hin weg.“

Da kam auch Ruth schon. Wortlos kniete sie sich hin, öffnete eine von den Laden unter einer der Kojen und suchte. Aber sie fand keine Zange und auch sonst nichts. Schweigend kramte sie in der nächsten Lade herum.

Plötzlich tauchte sie auf, brachte einen Wagenheber und strahlte Le Beau triumphierend an. „Damit schaffen wir’s“, sagte sie.

Er nickte. „Und ob. Bring ihn her!“

Sie spannten den Wagenheber so ein, dass Le Beau beide Schellenringe einmal unten und den anderen mit der Auflage zu fassen bekam. Dann begann Ruth vorsichtig zu pumpen. Sie musste es ganz behutsam tun, damit der Wagenheber nicht an den glatten Stahlbügeln abrutschte. Und immer mehr drückte die Hydraulik die Kette auseinander, immer mehr, und auf einmal, als die Glieder gespannt waren wie Violinensaiten, gab es einen Knall. Der Wagenheber fiel auf den Boden, aber die Kette war gesprengt.

Le Beau raffte hastig den Wagenheber auf. Er war jetzt frei. „Geh nach oben, damit sie dich sehen. Ich mache hier weiter.“



21

Carol zog den Hubschrauber in weitem Bogen über die See. Simmons, der neben ihm saß, blickte verbissen auf das ferne Boot, dessen beide Masten wie verloren in der endlosen Weite des Meeres aufragten.

„Wir sollten Ruth vorher herausholen. Was meinst du?“, wandte sich Simmons an Carol.

Carol zuckte auf die gleiche schlaksige Art, die ihn immer beherrschte, die Schultern und meinte mürrisch: „Und das Boot?“

„Sie soll es auf Kurs bringen. Sobald wir Ruth haben, jagen wir es hoch. Es fährt sowieso viel langsamer, als es berechnet war. Vielleicht ist der Motor sauer.“

Carol grinste breit und bleckte seine gelben Zähne. „Sauer? Die hat ihn auf kleine Flamme gestellt, was sonst.“

„Meinst du?“

„Sie ist verrückt auf diesen Scheißfranzosen.“

„Was hast du gegen die Franzosen? Mir gefallen sie. Die Weiber bei denen sind Klasse. Na ja, und die Kerle sind auch nicht verkehrt.“

„Hör damit auf!“, knurrte Carol. „Die haben nur das Bett im Schädel.“

„Was ist daran schlecht?“, meinte Simmons. „Ich jedenfalls finde die Franzosen ganz in Ordnung. Jedenfalls verstehen sie zu leben.“

„Was die Leben nennen. Das Meiste davon ist Rotweintrinken, mit ’ner anderen Frau schlafen, Käse und Weißbrot essen. Und auf die Regierung schimpfen.“

„Warst du schon oft in Frankreich?“, fragte Simmons.

„Einmal. In Paris, mit Jackson. War ’ne Dreitagesreise.“

„Aha, dann kennst du die Franzosen ja perfekt. — Carol, wir holen sie heraus. Und wenn wir sie haben, jagen wir den Kahn hoch. Nicht erst, wenn er auf dem Minenfeld schwimmt. Jackson kann uns mal. Und ich will nicht, dass Ruth mit in die Luft fliegt. Los, geh tiefer!“



22

Le Beau kauerte neben Ruth Bardal auf der Brücke. Sie stand am Ruder und blickte auf ihn herab. „Aber sie werden es merken, wenn ich das Boot wende.“

„Nicht wenden! Nur gegen den Wind stellen und so langsam laufen lassen, dass es nicht davontreibt. Ich werde mit meinen Freunden nach den Sprengsätzen suchen. Wir müssen sie finden.“

„Und wenn ihr sie nicht findet?“

„Ich habe eben das Beiboot angesehen Ruth. Es ist leck. Und das ist kein altes Loch. Es ist neu. Du wärst ertrunken, bevor die mit ihrem Hubschrauber tief genug fliegen könnten.“

„Die Schwimmweste ist ...“

„Zeig mir eine einzige. Es sind keine da. Auch kein Rettungsring. Nichts. Das Loch im Beiboot ist raffiniert mit Papier überklebt, das sofort aufweicht, wenn das Boot ins Wasser kommt. Ruth, dich wollten sie mit uns hochjagen. Mit uns zusammen und nicht anders.“

Sie sah Le Beau entsetzt an. „Aber ich habe doch gar nichts getan.“

„Vielleicht hat einer das mit dem Schlüssel bemerkt, den du mir in der Wäschekammer des Hotels zugeworfen hast. Oder sie finden dich nicht mehr linientreu genug.“

Sie überlegte, doch Le Beau unterbrach ihre Gedankengänge und sagte: „Es zählt nicht, dass du weißt, warum sie es tun wollen. Wichtig ist der Sprengstoff ... Da, der Hubschrauber, ich höre ihn.“ Er schob sich etwas nach oben, dass er über den Fensterrand spähen konnte. Der Hubschrauber, genau wie ihn Robert beschrieben hatte, kam tief überm Meer von Norden herangeflogen.

„Sieht aus, als wollte der uns die Mastspitzen kappen, so tief kommt er“, meinte Le Beau.

„Geh weg, sie sehen dich!“, rief Ruth.

Le Beau lief gebückt zum Niedergang hinab und spähte von den Stufen aus nach oben.

Der Hubschrauber kam rasch näher, blieb über dem Kutter und kam dann tiefer. Plötzlich tönte es unter dem Geknatter des Motors und des Rotors von oben herab wie aus einem Rohr:

„Pack das Seil, Ruth, wir holen dich vom Boot! Rasch, beeile dich!“

Le Beau handelte blitzschnell. Als er sah, dass von oben eine Seilrolle dicht vor dem Ruderhaus aufs Deck schlug, war er hoch. Das Dach verdeckte ihn jetzt, sodass die im Hubschrauber ihn nicht im Ruderhaus sehen konnten.

Ruth stand wie gelähmt und blickte zur seitlichen Ruderhaustür hinaus nach oben.

„Ruth, nicht hersehen! Geh aufs Vordeck und mach die Leine fest. Mach sie sehr gut fest!“, sagte Le Beau. „Und lauf dann sofort zu mir zurück! Los!“

Ruth, die nicht wusste, was er vorhatte, rannte nach vorn. Oben schrie die Stimme wieder: „Schling das Seilende um deinen Fuß und halte dich fest!“

Le Beau konnte durch die vordere Scheibe sehen, wie Ruth zum Seil kam. Es hing wie ein Geitau herab, unten noch im Knäuel. Der Hubschrauber stand direkt über dem Ruderhaus.

Ruth nahm das Seilende und schlang es hastig um einen Poller, der an Backbord war.

Oben schrie der Mann aus dem Hubschrauber: „Nein, nicht belegen! Du sollst dich daran festhalten, wir ziehen dich hinauf!“

Aber Ruth hatte das Ende jetzt festgeschlungen. Kaum war das geschehen, lief Ruth zurück zum Ruderhaus. Und Le Beau zog den Hebel für den Drehzahlregler bis zum hinteren Anschlag. Der Motor des Kutters donnerte los wie eine anfahrende Lokomotive. Mit einem Male machte der Kutter rasch Fahrt. Le Beau drehte hastig bei, um ihn vor den Wind zu bringen.

„Nach unten!“, schrie er Ruth zu, weil er Angst hatte, sie könnten von oben schießen. Doch das wagten sie offenbar nicht, um nicht durch einen Zufallstreffer die Sprengladung hochgehen zu lassen. Davon wäre der keine zehn Meter über dem Kutter stehende Hubschrauber hundertprozentig betroffen worden.

Der Kutter zog jetzt am Seil. Oben mussten sie jetzt das Seil kappen, und Le Beau, der am Seitenfenster nach oben blickte, sah, wie sie versuchten, die Winde zu lösen, aber das schien nicht zu gelingen, weil das Seil straff war. Er sah, wie sie nun mit einem Messer am Seil sägten. Doch offenbar schafften sie es nicht, es zu zerschneiden. Denn nun machte Le Beau mit dem Kutter Manöver, die für das schwerfällige Boot nahezu artistisch waren. Er drehte hart steuerbord bei, fuhr dann wieder hart backbord, und jedes Mal ging ein Ruck durch das Seil. Der Ruck schien den Hubschrauber förmlich vom Himmel zu reißen.

Unvermittelt drosselte Le Beau die Fahrt, und prompt flog der Hubschrauber am gelockerten Seil weiter, überholte das Schiff, und viel zu spät bemerkte der Pilot die Veränderung. Als er es merkte, straffte sich urplötzlich das Seil, es gab einen Ruck, der das ganze Schiff erzittern ließ. Das Seil riss, doch der Hubschrauber überschlug sich und ging, den Rotor zuunterst, aufs Meer nieder. Mit einem knallharten Schlag zerbarst der Rotor auf den Wogen, während der Rumpf wie ein ins Meer zurückgeworfener Fisch ins Wasser eintauchte, wieder emporkam, sodass Le Beau die beiden wie Klumpen in der Kanzel liegenden Männer sah, und schließlich erneut eintauchte. Da brach der Rumpf in der Mitte auseinander, und nur das hintere Stück schwamm auf den Wellen herum, während der vordere Teil mit der Kabine verschwand, um nie mehr aufzutauchen.

Dort, wo die Kabine untergetaucht war, kam im Strudel ein Mann herauf, planschte mit den Armen, sackte weg, tauchte wieder auf, bis Le Beau den Kutter in diese Richtung gefahren hatte und Ruth zuschrie:

„Wirf ihm eine Leine zu!“

Zwei Minuten später hatten sie ihn an Bord. Es war Simmons.



23

Das Hochland war karg, eintönig und irgendwie geheimnisvoll. Über den weiten Matten hing der feine Dunst verdunstenden Taus, und die vereinzelt stehenden struppigen Sträucher ähnelten Soldaten, die Wache hielten. Stumm, kaum vom Morgenwind bewegt, ragten sie durch die Dunstschleier.

Weiter hinten tummelte sich eine kleine Schafherde, blökte, klingelte mit den Halsglöckchen und meckerte aufgeregt, wenn der große Collie Irrläufer zu den anderen zurückscheuchte. So konnte es vor tausend Jahren gewesen sein. Und so würde es vielleicht im schottischen Hochland noch in tausend Jahren sein. Auch jetzt war es kühl hier oben, und nur der Wind hatte etwas nachgelassen. Das würde sich in zwei Stunden ändern, wenn auf dem nahen Meer die Flut einsetzte.

Der Schäfer, ein mürrischer alter Mann, blickte versonnen über die weite Landschaft bis hinüber zu dem geduckt in einer Hügelmulde liegenden Gehöft, einem verlassenen Farmbetrieb, den sich Leute aus der Stadt gekauft hatten. Es waren Fremde, mit denen der alte Schäfer keine Bande geknüpft hatte und je knüpfen wollte. Sie kümmerten ihn nicht. Sie nicht, ihre Autos nicht und nicht einmal ab und zu die Flugzeuge, mit denen sie kamen. Helikopter nannte man sie. Die Schafe wurden davon scheu. Das ärgerte den Schäfer, aber mehr war nicht.

Plötzlich kam wieder so ein Donnervogel durch die Luft. Und wieder schien es einer dieser knatternden Helikopter zu sein.

Der Schäfer hätte gar nicht aufgeschaut. Aus Stolz nicht. Doch diesmal war das Geräusch anders. Dumpfer, brummender, nicht dieses Schlagen dabei. Und als er aufblickte, sah er, dass es ein richtiges Flugzeug war. Ein Doppeldecker. Und schon schwebte er zur Landung ein. Er kam ganz tief herunter, flog drüben über das Haus, zog wieder hoch, drehte und zog eine riesige Schleife, um erneut anzufliegen. Und da landete er. Drüben auf der Wiese, die der alte Schäfer zu gerne für seine Tiere gehabt hätte. Aber der Kerl, dem das Haus drüben gehörte, der gab sie ja nicht her. Dabei hatte der selbst nicht mal eine Ziege.

Das Flugzeug holperte noch ein Stück weit auf dem Rasen herum, dann, blieb es nicht allzu weit vor dem Haus stehen.

Der Schäfer sah, wie ein Mann aus dem Flugzeug kletterte, dann einem anderen, der ziemlich schlank und klein wirkte, aus der Maschine half, und nun gingen beide auf das Haus zu. Ungefähr fünfzig Meter hatten sie bis dahin. Der Alte beobachtete die Szene zu seiner Unterhaltung. Der Tag hier oben auf den Matten war lang. Es geschah nichts. Nur der Wind, das Gras und die Schafe.

Vom Morgen bis zum Abend. Aber drüben, da bot sich etwas. Auf einmal kam jemand in die Tür des Hauses. Der Alte, der seine scharfen Augen bis ins Alter erhalten hatte, erkannte den Mann drüben genau. Das war dieser Bursche, der die Wiese nicht verpachten wollte, obgleich er nicht mal ’ne mickrige Ziege besaß. Nicht einmal gestatten wollte er, dass die Schafe das Gras abweideten. Lieber ließ er es gelb und braun werden. Dieser Kerl war da drüben. Und er schoss. Er schoss mit einem Schrotgewehr. Der Alte sah das ganz genau — und er hörte den schmetternden Knall. Drüben warfen sich die beiden, die mit dem Flugzeug gekommen waren, zu Boden ... oder hatte der Schütze sie getötet?

Gespannt blickte der Alte hinüber. Aber auf einmal kam noch jemand aus dem Haus. Und dort, wo dieser andere stand, blitzte es auf, und schon drang der Knall bis an die Ohren des Schäfers. Ein dünner, spitzer Knall.

Plötzlich brummten im Süden wieder Motoren. Der Alte sah sich um und entdeckte zwei Punkte am Himmel, die immer größer wurden. Und damit wurde auch das Brummen der Motoren lauter.



24

Der Baron flog nicht selbst. Einer von Sir Winnibalds Piloten flog die zweistrahlige Hawker Siddeley Dominie Mark I. Und weil Sir Winnibald in jedem Fluggast auch einen persönlichen Gast sah, galt die Anordnung, dass ein Steward die Gäste versorgte. Maria Justova und der Baron wurden verwöhnt wie am kalten Buffet eines schwedischen Schiffes. Pilot, Copilot und Navigator sorgten dafür, dass die Dominie in rasendem Tempo Edinburgh erreichte.

Der Baron hatte bereits über Funk alle Maßnahmen eingeleitet. Denn nun war er am Zuge. Und da ihm Sir Winnibald alle gewünschten Mittel zur Verfügung stellen wollte, konnte er sich eines Apparats bedienen, der seinesgleichen auf privater Ebene suchte.

In Edinburgh wartete bereits Tom Mulligan auf ihn. Tom Mulligan war der Sicherheitschef des schottischen Motorenwerks. Mulligan, ein Enddreißiger mit sportlichem Look, hatte sieben Männer mitgebracht, die er als seine Schutztruppe bezeichnete. Einer davon war der britische Karatemeister von 1967, George Bell. Bell, blond, hager, muskulös wie ein englischer Tropenoffizier, kannte den Baron und begrüßte ihn als Erster, machte ihn mit Mulligan bekannt, der ihm daraufhin seine anderen Mitarbeiter zeigte. Zwei davon waren Scharfschützen, einer galt als Feuerwerkerexperte, und die anderen hätten ebenso von einer Sportschule kommen können. Alle sieben sahen aus wie Olympiakämpfer.

Mulligan selbst sagte: „Wir haben von Sir Winnibald Order, alles zu tun, was wir innerhalb der Legalität für Sie tun können.“

Der Baron führte ihnen Maria vor, und als die Blicke der acht Augenpaare endlich wieder von Marias rassigem Äußeren zum Baron zurückfanden, sagte der:

„George, Sie müssten sich die Kleidung einer Frau besorgen. Sie“, er wies auf einen der beiden Scharfschützen, „sollten einen Flugschein haben, dann wären meine Wünsche fast erfüllt.“

Mulligan lachte. „Hier hat jeder einen Flugschein. Wir sind schließlich in einem Motorenwerk für Flugzeuge beschäftigt. Warum fragen Sie, Baron Strehlitz?“

„Haben Sie auch eine Maschine, die auf solchem Gebiet landen kann?“ Der Baron zeigte Mulligan ein Luftfoto von einem Mattengebiet des schottischen Hochlandes. „Einen Doppeldecker oder eine Piper ...“

„Wir haben im Club eine alte Tiger Moth, ein Schulflugzeug, sehr wendig, braucht wenig Start- und Landefläche ... zweisitzig.“

„Die ist richtig. Ich werde jetzt zuerst telefonieren, dann fangen wir an — und noch etwas zuvor: besorgen Sie sich Kugelwesten, George! Auch für Ihren Begleiter. George, Sie müssen sich wie eine Frau kleiden. Das gehört zu der Show, die wir abziehen wollen. Wenn wir sehr viel Glück haben, erwischen wir den Mann, der im Trüben fischt.“



25

Die Cessna Super Skymaster schleppte den Segler gleichmäßig nordwärts. Unten wölbte sich das schottische Hochland, und das rechter Hand liegende Meer schäumte an der Steilküste. Kleine Gehöfte, Wege mit Heckenstreifen, einzelne Büsche, endlose Matten. Schottland. Schafherden. Dörfer mit bulligen aus Felsstein gebauten Kirchen. Alles wirkte trutzig, grau, mystisch.

Der Pilot der Cessna drehte sich um, gab ein Handzeichen. Der Baron hob die Hand als Antwort, dann klinkte er das Schleppseil aus. Die Cessna kurvte davon, und der Baron segelte weiter nordwärts. Fast lautlos, nur der Wind pinselte leise am Kabinendach entlang.

Jetzt piepste der kleine Walkie-Talkie. Der Baron meldete sich. Dann hörte er die Stimme von George. „Wir sind drüben. Suchen uns eine Ecke zum Landen. Kommen Sie nach, Sir!“

„Ich sehe euch. Ihr seid jetzt links vom Haus, westlich, wollte ich sagen.“

„Richtig. Wir ziehen noch einmal herum. Auf der Nordseite stehen zwei Autos. Eines ist ein Jaguar-E-Type.“

„In Ordnung, und Hals und Beinbruch bei der Landung!“

„Dasselbe für Sie. Hinter dem Haus ist es glatter. Ende!“

„Ende ...“

Der Baron sah die Tiger Moth nun landen. Er selbst zog in großer Höhe weiter, schlug einen Bogen und setzte zur Landung auf der anderen Seite des Hauses an. Hier verdeckten Hecken den Blick zum Haus und zu den beiden Autos, die er schon von oben gesehen hatte.

Der Segler landete viel sanfter, als der Baron das erwartet hatte. Seit fünf Jahren hatte er kein Segelflugzeug mehr geflogen, aber dieses hier hatte ihm die Sache leicht gemacht.

Von der Landung war Maria erwacht. Sie hatte versucht, den fehlenden Schlaf nachzuholen. Der Baron konnte sich solchen Luxus nicht leisten. Ihm musste eine Tafel Schoka Cola weiterhelfen.

Sie kletterten aus der Kabine. Maria noch etwas verwirrt und verschlafen, der Baron gespannt auf das, was kommen würde. Er nahm das Schulterholster aus der Maschine, schnallte sie sich um, und als ihn Maria verblüfft ansah, sagte er:

„Ich denke, dass wir hier auf Jackson treffen. Und da wird es ein paar kleine Fünkchen geben ... möglicherweise.“

„Tu Coogan bitte nichts!“, bat sie.

„Ich werde mich bemühen, Darling. — Willst du mir keinen Kuss geben? Vielleicht ist es unser letzter?“

Sie trat dicht an ihn heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Er nahm sie fest in die Arme, presste sie an sich und sagte, als sich ihre Lippen von den seinen gelöst hatten:

„Wenn alles vorbei ist, müssen wir meine Freunde suchen. Und dann fliegen wir nach Paris, du kleine Verirrte. Du bist in ein Netz geraten. Das Telegramm aus dem Urwald, es ist mir gleich wie ein Hohn vorgekommen. Der Urwald, ja, das ist wie dein Netz. Du hast dich im Urwald verirrt. Ich werde dich hinausführen. Bis nach Paris ...“

Sie strahlte ihn an. „Ich möchte so gerne mit dir dorthin. Paris ...“

Er nickte. „Komm jetzt. Oder willst du hier warten?“

„Nein, ich will mit ihm reden. Ich muss es tun, wenn nichts passieren soll. Dann ...“

Vor dem Haus knallte ein Schuss. Dann noch einer, der aber leiser. Und plötzlich knatterte eine Maschinenpistole.

„Warte! Jetzt kannst du nicht mehr mit. Zum Reden ist es zu spät. Warte hier!“

Der Baron rannte los, aber als er sich kurz umsah, entdeckte er Maria, und sie hastete dicht hinter ihm.

Er blieb stehen. „Zurück!“, keuchte er.

Sie schüttelte trotzig den Kopf.

Der Baron wollte und konnte die Sache nicht Bell und dem anderen Mann von Sir Winnibald überlassen. Er musste sie unterstützen, obgleich weitere Hilfe kommen würde.

In diesem Augenblick, als er wieder auf das Haus zustürmen wollte, sprang dort ein weißhaariger Mann um die Ecke, rannte auf das eine Auto, den Jaguar, zu, und da sah er den Baron und Maria.

„Jackson!“, rief Maria.

Der Baron hatte den schweren Magnum-Revolver schon in der Hand. Drüben riss Jackson etwas unter dem Arm hervor. Eine Maschinenpistole. Doch der Baron schoss schon. Das schwere 44er Geschoss durchschlug die Windschutzscheibe des Jaguars, trat an der linken Seitenscheibe wieder heraus und erwischte Jackson, der sich gerade hinter dem Auto ducken wollte, in den Arm.

Jackson brüllte auf, taumelte den Wagen entlang, drückte die MP ab, dass die Geschosse wie Hagel in die Motorhaube des Jaguars prasselten. Dann aber hatte er sich offenbar gefangen und war hinter dem Kofferraum weggetaucht.

„Kommen Sie hinter dem Auto hervor!“, brüllte der Baron.

Jackson hatte die MP in Anschlag gebracht und schoss unter dem Wagen weg auf die Stelle, wo der Baron vorhin noch gewesen war. Doch inzwischen hatte er Maria am Arm gepackt, mitgerissen und sie hinter einen Erdhügel gestoßen, wo sie Deckung hatte. Er selbst sprang noch ein paar Schritte weiter und feuerte auf den Tank des Jaguars. Das Geschoss traf, und wie aus einem Kran floss Benzin in den Staub, keinen Meter von Jackson entfernt.

Jackson wälzte sich etwas weiter herum. Der Baron sprang wieder auf und warf sich hinter einen Busch.

In diesem Augenblick schoss Jackson. Die Mündungsflamme schlug genau in die aufsteigenden Benzindämpfe hinein. Und da geschah es schon.

Ein schlagartiger Knall stieß den Jaguar meterhoch in die Luft. Ein Feuerball glühte auf wie eine riesige Blume. Jackson wurde förmlich von seinem Platz wegkatapultiert. Und dann wuchs aus dem Feuer brennendes Benzin heraus wie die Arme eines Kraken.



26

Sie lag ganz still, aber sie lebte. Ihr schöner Körper war besudelt mit Blut, das aus ihrem Halse quoll. Nur ein kleiner Splitter, kaum größer als eine Armbanduhr, hatte ihr die Halsschlagader zerfetzt. Hilfe war ausgeschlossen.

Sie konnte nicht reden, und alle Versuche, den Blutstrom zu stoppen, mussten sinnlos sein. Trotzdem presste ihr der Baron den Daumen mit aller Macht an die Schulterarterie. Es blutete trotzdem, und der Verband, den George Bell dann um Marias Hals schlang, war ebenso sinnlos wie alles andere.

Ihr Blick war auf Alexander von Strehlitz gerichtet. Ein Blick, der ihn an die brechenden Augen eines Lammes erinnerte, das er einmal aufgestöbert hatte. Auch da war alles sinnlos gewesen.

Ein Stück vom explodierten Auto hatte Maria getötet. Ja, getötet, denn in wenigen Minuten würde sie sterben.

Er redete mit ihr, versuchte ihr Mut zu machen, sprach von der Möglichkeit, ihre Wunde zu nähen, log und log, aber was sollte er tun. Sie wusste, dass er log, und sie schwieg, wie er es ihr befohlen hatte, weil sie sich so mehr Kraft erhielt. Aber auch das war sinnlos. Sie schien es auch zu wissen, denn plötzlich sagte sie leise, heiser, weil ihr auch Blut in den Schlund rann: „Ich ... liebe ... dich ... Alexander!“

Er küsste sie und schmeckte das Blut an seinen Lippen. Er spürte, wie kalt sie wurde, und wie welk ihre Lippen. Als er sie dann ansah, hielt sie die Augen geschlossen. Sie war weiß, unwirklich fahl überall, wo er ihre Haut sehen konnte. Ein Bild von einer Frau, jung, schön, hinreißend. Aber sie war abgerufen worden. Schuldig? Der Mann, den sie vor Schlimmem bewahren wollte, lag im Haus. Ironie des Schicksals. Er war am gestrigen Abend gestorben. Sepsis. Die bereits geheilte Wunde war aufgebrochen und hatte sich entzündet. Aus Furcht vor unliebsamen Entdeckungen hatte Jackson verboten, den Arzt zu holen.

Maria hatte es keiner gesagt. Sie dämmerte hinüber in das endlose Reich, von dem alle hoffen, dass es ein Paradies ist, und das doch keiner kennt, so wenig, dass alle es fürchten.

Der Baron schloss ihr die Augen, dann stand er auf. Er sah die Männer kommen, die mit zwei großen Vertol-Hubschraubern gelandet waren. Männer von Scotland Yard und dem Secret Service. Er ging mit Captain Gloster ins Haus, gab ihm eine kurze Erklärung ab und wurde Zeuge, wie die Leute des Captains in Jacksons Taschen einen Scheck der Cimber-Werke fanden. Einen Scheck über hundert Pfund. Der endgültige Beweis kam später. Jackson besaß auch einen Werksausweis und den Parkplatzschein für „Angehörige der Geschäftsleitung“. Und einen Pass auf den Namen Jenkins. Edwin Richard Jenkins, Chef der Informationsabteilung. Und dieser Pass war echt.



27

Der Baron benutzte ein Funktelefon des Secret Service, als er sich mit Sir Winnibald verbinden ließ und ihm berichtete. Zuletzt sagte er: „Nicht die Russen, nicht die Chinesen, sondern die von Ihrem Hauptwerk keine zehn Meilen entfernten Cimber-Werk und deren Informationschef Jenkins sind die Drahtzieher. Secret Service, das schon an östliche Machenschaften glaubte, hat es bestätigt. Man wird es Ihnen von dort aus auch noch sagen. Ich muss mich jetzt um meine Freunde kümmern. Wie ich von einem der Männer hier erfuhr, sind meine Jungs in ziemlichen Schwierigkeiten ... wenn sie das überhaupt noch sind.“

„Alexander, nehmen Sie die Dominie! Meine Leute werden von mir angewiesen, alles zu tun, was Sie von ihnen verlangen! Ich wünsche Ihnen alles Glück, Alexander, und möchte Ihnen jetzt schon sagen, dass die Geschichte in Holland klargeht. Ich übernehme die Kosten ... aber es müssen in diesem Sommer überwiegend Leute aus meinen Betrieben sein, Pensionäre, die Sie ...“

„Dann muss ich ablehnen, denn Bedingungen gibt es keine“, sagte der Baron entschieden.

Sir Winnibald lachte rau. „Also gut, es geht trotzdem klar. Ich wünsche Ihnen Glück, alter Junge!“

„Danke, ich habe es nötig, um meine Freunde zu finden.“



28

Der Kutter stampfte in der stärker werdenden See. Le Beau stand breitbeinig vor Simmons, der mit triefenden Sachen auf dem Deck saß und an der Schanz lehnte.

„Du kannst aufstehen, Simmons! Wir müssen die Sprengladung finden. Wir müssen, Simmons!“

„Mein Bein ... mein Bein tut so verflucht weh!“, jammerte Simmons und tastete nach seinem linken Knie.

„Simmons, wo sind die Ladungen?“

„Ich weiß nicht genau. Janosch ... Janosch hat es doch gemacht. Ich weiß nur, dass er sagte, er würde sie im Tank ... Verdammt, so tut doch was für mich! Seht doch mal nach meinem Knie!“

„Später! Erst wollen wir die Sprengladung weghaben. Kann man die auch von Land aus zünden, Simmons?“

„Sie ist nur vom Hubschrauber aus zu zünden. Und zündet sich von allein. Nach drei Stunden.“ Simmons tastete wieder zu seinem Knie hin und zog sich das Hosenbein hoch. Das Knie war aufgeplatzt, aber das würde heilen. Trotzdem jammerte er.

Le Beau sagte scharf: „Nun hör damit auf! Jetzt sind zwei und eine dreiviertel Stunde um. Ich hoffe, das spornt dich auch an, Simmons. Du fliegst mit uns in die Luft. In einer Viertelstunde. — James, übernimm das Ruder und fahr, so rasch du kannst, auf Land zu. Robert, du verbindest Simmons. Und du kannst mir helfen, die Ladung zu bergen!“

Er lief zum Tank, öffnete den Verschluss und steckte den Arm in die Öffnung. Seine Finger tasteten oben an der Tankwand entlang, doch er fand nichts. So weit er auch die Hand streckte, er fühlte keinerlei Gegenstände, die irgendwie an die Tankinnenwand geheftet worden waren. Und die Oberfläche des Treibstoffes konnte er nicht erreichen. Er war nur noch wenig im Tank.

„Such einen Stock oder so etwas. Ich muss unten alles abtasten!“, sagte er zu Ruth. Sie lief los und kam mit einem Besenstiel zurück. Aber als er damit im Tank suchte, fand er nichts.

Ruth sah ihm gespannt zu. Als er sie anblickte, sagte sie leise: „Michel, glaubst du, dass wir gerettet werden?“

„Wir retten uns selbst!“, erklärte er. Sie schien zu zweifeln. „Du hast nichts gefunden, nicht wahr?“

„Nein, bis jetzt nicht. Ich werde Simmons erneut fragen müssen.“

„Und wenn er nichts weiß?“

„Müssen wir suchen.“

„Die Zeit ist knapp. — Sollten wir nicht ein Floß bauen?“

„Von mir aus, baut ein Floß. Ich suche nach der Ladung. Es gibt eine, und irgendwo muss sie sein.“

„Michel, ich ...“

Plötzlich schien sich das Schiff anzuheben. Wie von einer Geisterhand getragen, stieg das Heck auf. Und im gleichen Augenblick zerriss eine Detonation die Luft. Le Beau packte noch Ruth und wurde mit ihr zusammen durch die Luft geschleudert. Er sah James aus dem Ruderhaus stürzen. Auf dem Deck rutschte Robert zusammen mit Simmons, der sich an ihn klammerte, wie auf einer Kinderrutschbahn zum Vorschiff.

Und was keiner von ihnen sah: aus dem Heck, ziemlich genau über dem Ruder, schoss eine Feuerzunge. Ruder, Schraube und ein ganzes Stück vom Heck wurden abgerissen und in Fetzen zersplittert. Ein Beben durchlief den übrigen Rumpf, als der wieder zurückschlug ins Meer. Und dann kippten beide Masten nach Backbord über die Bordwand, brachen ab und klatschten ins Meer. Achtern quoll und floss das Wasser wie eine Flut ins Schiff. Der Motor zischte und blubberte, als sich eiskaltes Wasser über seine heißen Teile ergoss. Und dann sackte der Kutter schon achtern weg.

Le Beau war mit Ruth, die er umschlungen hielt, auf einer aufgeschossenen Kabelrolle gelandet. Ein Stück weiter versuchte Robert auf die Beine zu kommen, während sich Simmons an eine Strebe der Reling klammerte. Weiter nach achtern krallte sich James an eine Trosse der Davits vom Beiboot.

Der Kutter sank rascher. James war schon im Wasser, schwamm in Richtung auf das noch über Wasser befindliche Vorschiff zu, und da hörte der Kutter auf zu sinken. Irgendwo musste noch eine große Luftblase im Schiffsinnern sein, die sich halten konnte. Der Kutter schwamm, aber keiner wusste, wie lange.

„Es war also nicht im Tank“, sagte Simmons. „Janosch, der Schweinehund, hat sich wieder mal nicht an die Anweisung gehalten.“

„Ich werde euch schon Anweisungen geben, wenn wir erst mal an Land sind“, sagte James grollend. „Ich denke nur, wir saufen noch vorher ab.“

„Möglich, denn lange schwimmt der Pott nicht mehr. Irgendwo entweicht Luft. Hört ihr es zischen?“, meinte Robert.

Sie hatten James auf das schräge Deck gezogen, wo er sich einstemmte. „Zischen höre ich nichts“, sagte er. „Aber da brummt doch was.“

„Brummt? Was soll in dem Kahn noch brummen?“, fragte Le Beau.

„Tu das Wasser aus deinen Ohren, Mann! Ich höre es auch brummen“, behauptete Robert.

„Ein Flugzeug! Ein Flugzeug!“, rief Ruth.

Le Beau verzog das Gesicht. „Diese Hunde! Jetzt wollen sie uns auch noch wegputzen, was? — Simmons, ist das eine Maschine von euch?“

Simmons spähte zum Himmel im Norden. „Weiß nicht. Ist ein großes Ding.“

Robert, Kenner von Flugzeugen vom Boden aus, sagte: „Entweder Lockheed ... nein, nein, es ist eine Hawker Siddeley Dominie!“

„Habt ihr so etwas?“, wandte sich Le Beau an Simmons.

„Nein, bisher hatten wir keine Hawker ...“

„Sie kommt tiefer!“, schrie Ruth voller Hoffnung.

„Ja, gesehen haben die uns schon. Aber wer sitzt drin?“, fragte James.

Doch da schwebte die Dominie schon ein, kreiste, und plötzlich zog sie jäh hoch. Und das kannten Le Beau, Robert und James. Le Beau schrie: „Der Chef! Unser Baron! Hurra!“

Sie schrien, winkten und schlugen sich begeistert auf die Schenkel. Und da sackte der Kutter plötzlich weg, wie ein Fahrstuhl.

Ruth kreischte, obgleich Le Beau sie geistesgegenwärtig hielt. James versuchte ein Trümmerstück zu erwischen, und Simmons brüllte: „Ich kann nicht schwimmen! Ich kann nicht schwimmen!“

Die Dominie flog tief über sie hinweg, und plötzlich flog unten aus dem Rumpf etwas heraus, das wie ein riesiger Seesack aussah, klatschte aufs Wasser, keine vierzig Meter von Le Beau entfernt. Und kaum lag dieses orange-gelbe Etwas im Wasser, wuchs und wuchs es, zischte und brauste, und auf einmal tanzte eine große Schlauchbootinsel auf den Wogen.

Le Beau schleppte Ruth mit und war dennoch als Erster an der Rettungsinsel. Dann kam James, der Simmons zog. Zuletzt tauchte Robert auf, prustend und schniefend wie ein Walross. Die Dominie kreiste, bis sie alle in der Rettungsinsel waren, dann zog das Flugzeug im Kreise in größerer Höhe über der Insel dahin.

Ruth, die sich wie ein Kind an Le Beau presste, flüsterte ihm ins Ohr: „Du hast mir das Leben gerettet, Liebling. Dafür gebe ich dir, was du willst. Wenn wir erst an Land sind. Ich gehöre dir, Geliebter.“ Er küsste sie, und James meinte spöttisch:

„Ihr werdet die Familie doch nicht schon hier gründen wollen?“ Eine Stunde später war der Rettungskreuzer von Lever Newton da, um die Schiffbrüchigen zu übernehmen. Als sie damit an Land kamen, stand Baron Strehlitz schon dort, neben ihm Sir Winnibald, und ein Stück hinter ihm die Polizei. Sie nahmen sich Simmons’ an. Ruth, die fürchtete, ebenfalls festgenommen zu werden, presste sich eng an Le Beau. Aber die Polizisten beachteten sie gar nicht. Der Baron aber gab ihr die Hand und meinte lächelnd:

„Fast hätten wir Sie gar nicht kennengelernt, meine Liebe!“

Le Beau knurrte dem Baron zu: „Das ist mein Bier, Alexander!“ Der Baron lächelte. „Ich weiß, Le Beau, ich weiß. Ich habe gar keine Zeit, mich um deine Dame zu kümmern. Ich muss mit Sir Winnibald nach Holland. Und diesmal, so hoffe ich, werdet ihr wohl allein zurechtkommen und nicht wieder Autos in den Graben fahren und derlei Dinge ...“

Le Beau sah James an, der puterrot im Gesicht geworden war. Betreten murmelte er: „Es tut mir leid, Sir.“


ENDE

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Tödliche Habgier (Thomas West)

Die Sache mit Caroline (Alfred Bekker)

Die McNamara Codes (Glenn Stirling)

Giftgas, Gangster und Granaten (A.F.Morland)

Der Killer und sein Zeuge (Alfred Bekker)

Spiel mit Blut (Thomas Andresen)

Verfluchter Highway 666 (W.K.Giesa)

Verschwörung der Killer (Alfred Bekker)

Jesse Trevellian und der rote Diamant (Thomas West)

Alexander von Strehlitz, der „Baron“, ist ein Draufgänger und Abenteurer, der das Leben voll auskostet, aber er hilft auch Menschen in Not. Unterstützt wird er von seinem Chauffeur James, dem Sekretär Robert und seinem Freund Michel, genannt „Le Beau“. Als der Baron mit Sir Winnibald im Ausland weilt, werden seine Leute von Unbekannten angegriffen und Robert Burton entführt. Die schöne Maria soll den Baron dazu bringen, eine Produktionsliste mit Codes der McNamarra-Fabriken zu besorgen. Aber auch als „Le Beau“ in die Hände der Verbrecher fällt, lässt von Strehlitz sich nicht ins Bockshorn jagen – sondern dreht den Spieß um ...

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738955972
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
neunmal mordgier krimi paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

  • Thomas West (Autor:in)

  • Thomas Andresen (Autor:in)

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Titel: Neunmal tödliche Mordgier: Krimi Paket