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13 Killer im September 2021: Krimi-Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) Richard Hey (Autor:in) Bernd Teuber (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in)
2021 1000 Seiten

Leseprobe

13 Killer im September 2021: Krimi-Paket

Alfred Bekker, Cedric Balmore, A.F.Morland, Bernd Teuber, Richard Hey

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Jesse Trevellian und der Polizistenmörder (Alfred Bekker)

Tardelli und die Diamanten (A.F.Morland)

Ein Toter für Mister Finch (Cedric Balmore)

Das gnadenlose Syndikat (Cedric Balmore)

Das Haus der tausend Keller (Cedric Balmore)

Robbies Coup (Alfred Bekker)

Geldgier ist des Menschen Tod (Bernd Teuber/Richard Hey)

Der Klinik-Mörder (Alfred Bekker)

Sie sind erledigt, Mister McKee! (Cedric Balmore)

Mörder mit blutigen Rosen (Cedric Balmore)

Henkersmahlzeit mit Zyankali (Cedric Balmore)

Der Amok-Mann (A.F.Morland)

Trevellian - die nächste Bombe trifft bestimmt (Cedric Balmore)


Seit Stunden war Theo Kossler von einer nervösen Unruhe erfüllt. Der Grund dafür lag in den Geschäften, die er tätigte. Vorausgesetzt, man konnte so etwas als Geschäft bezeichnen. Doch diesmal hatte er sich verrechnet. Sein Vorhaben verlief nicht so wie erwartet. Er brauchte Hilfe. Und zwar so schnell wie möglich. Aber an wen sollte er sich wenden? Die Polizei? Nein, unmöglich. Wenn er das tat, war sein Leben nichts mehr wert. Außerdem würden sie ihn sofort einsperren.

Kossler musste jemanden finden, dem er vertrauen konnte. Er fühlte sich ausgesprochen unwohl. Sein Gang wurde unsicher. Er begann zu taumeln. Erst nach einigen Minuten gewann er seine Fassung wieder. Seine Gestalt straffte sich unwillkürlich. Seine Augen flackerten nicht mehr, und auch die Hände blieben ruhig. Er suchte er die Gelben Seiten hervor und schlug den Buchstaben ‚P‘ auf. Kossler war erleichtert, als er gefunden hatte, was er suchte. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer im Berliner Stadtteil Charlottenburg.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Jesse Trevellian und der Polizistenmörder

von Alfred Bekker


Krimi

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.


Ein Police Lieutenant in Queens wird tot aus dem East River geborgen. Ermittler Jesse Trevellian und sein Kollege Milo Tucker ermitteln in diesem Fall. Die Kugeln, die ihren Kollegen niedergestreckt haben, stammen aus einer Waffe, die zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.Und dann wird plötzlich der nächste Polizist ermordet...


Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Fredo’s Fish Bar in der 5th Street in Queens hatte 24 Stunden geöffnet. Man bekam dort die besten Fishburger des Big Apple. Lieutenant Brian O’Rourke, Detective bei der Homicide Squad, hatte eine anstrengende Nachtschicht hinter sich. Jetzt war es vier Uhr morgens und O’Rourke hatte den toten Punkt längst überwunden.

Er bestellte einen Kaffee, zwei Fishburger und eine Portion Chips. O’Rourke trank als Erstes den halben Kaffeebecher leer.

Sein Handy klingelte. O’Rourke nahm den Apparat ans Ohr.

„Was gibt es?“

„Hier spricht Harry Gonzales.“

„Verdammt, wo bleiben Sie?“

„Ich werde nicht zu Ihnen hereinkommen.“

„Was soll das Theater?“

„Kommen Sie raus an die Pier.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.


2

O’Rourke blickte auf die Fishburger, verschlang einen davon mit ein paar Bissen und trank den Kaffee aus. Die Chips ließ er liegen. Er hatte sie probiert und festgestellt, dass sie ihm nicht knusprig genug waren.

Wenig später ging er in die Nacht hinaus. Das Kreischen der Möwen mischte sich mit dem Verkehrslärm des Big Apple.

Der East River wirkte wie ein breites, lichtloses Band. Dahinter waren die Lichter Manhattans. Es war eine klare Nacht. Das Hauptquartier der Vereinten Nationen war deutlich zu sehen.

Mitten im Wasser ragte der Delacorte Geyser empor, ein Leuchtturm am südlichen Ende der Franklin D. Roosevelt Island.

O’Rourke schlang auch den zweiten Fishburger herunter und wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab. Dann überprüfte er kurz den Sitz seiner Waffe. Sie steckte in seinem Schulterholster. Darüber trug er einen dunklen Blouson. Die Jacke war weit geschnitten, sodass sich die Waffe nicht abzeichnete.

O’Rourke ging auf die Pier zu, die ganz in der Nähe ein Stück in den East River hineinragte.

Ein dunkler Schatten hob sich gegen das Lichtermeer von Manhattan ab. O’Rourke zögerte einen Moment, dann betrat er die Pier. Von der Gestalt am Ende war nichts Näheres zu erkennen.

Das muss er sein!, dachte O’Rourke. Er sah auf die Uhr. Vier Uhr und zehn Minuten.

Die Gestalt bewegte sich nun und kam O’Rourke entgegen.

In einer Entfernung von ein paar Schritten blieb er stehen. Das Licht einer Laterne fiel auf seinen Körper vom Hals abwärts. Das Gesicht blieb im Dunkeln.

Die rechte Hand war tief in seiner Manteltasche vergraben.

„Lieutenant O’Rourke?“

„Ja?“

Der Mann zog eine Waffe mit Schalldämpfer unter seinem Mantel hervor. Der Strahl eines Laserpointers tanzte durch die Nacht. Der Schuss war kaum zu hören. Zweimal blitzte das Mündungsfeuer auf.

Die erste Kugel traf Lieutenant O’Rourke in die Brust und riss ein Loch in den Stoff seines Blousons. Die zweite Kugel traf ihn dicht darüber.

Das graue Kevlar einer kugelsicheren Weste kam darunter zum Vorschein.

O’Rourke taumelte zu Boden. Er griff unter den Blouson, um seine Dienstwaffe zu ziehen.

Erneut blitzte die Schalldämpferpistole in der Hand des Killers auf. Fünf Schüsse in rascher Folge ließen den Körper des Lieutenants zucken. Ein Schuss traf den Kopf, noch ehe er seine eigene Waffe abdrücken konnte.

Regungslos lag er in seiner Blutlache.

Der Killer trat aus dem Schatten.

Mit dem Fuß stieß er den regungslos daliegenden Körper an. Er steckte seine Waffe ein. O’Rourkes Pistole nahm er vom Boden auf und warf sie im hohen Bogen in den East River. Anschließend bückte er sich und packte die Leiche bei den Schultern. Dann schleifte er den Toten zur Kaimauer und ließ ihn ins Wasser rutschen. Der Killer atmete tief durch. Er streifte die Latexhandschuhe ab, mit denen er seine Hände vor Schmauchspuren geschützt hatte und warf sie hinterher.

Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte das dunkle Wasser des East River alles bedeckt.



3

Dr. Brent Claus führte uns in die Leichenhalle des gerichtsmedizinischen Instituts der Scientific Research Division. Dieser zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten hatte seine Labors in der Bronx.

Dr. Claus öffnete eins der Kühlfächer. Anschließend zog er das weiße Laken, das den Toten bedeckte, so weit zur Seite, dass man das Gesicht sehen konnte.

Es war bleich und aufgedunsen. Auf der Stirn war die Eintrittswunde eines Projektils zu sehen. Anhand der Fotos, die mein Kollege Milo Tucker und ich zuvor in unserem Field Office zu Gesicht bekommen hatten, hätte ich ihn nicht wieder erkennen können.

„Dies ist Lieutenant Brian O’Rourke von der Homicide Squad I des 54. Revier der City Police in Queens. Dass er etwas anders aussieht als auf den offiziellen Fotos in seiner Dienstakte, liegt einfach daran, dass er eine ganze Weile im Wasser gelegen hat. Captain Del Mar, sein Chief bei der Homicide Squad hätte ihn auch nicht wiedererkannt, obwohl er tagtäglich mit ihm zu tun hatte.“

„Was können Sie uns darüber sagen, was geschehen ist?“, fragte Milo.

„O’Rourke wurde von mehreren Kugeln getroffen. Er trug eine Kevlar-Weste, die einige davon auffing. Die Hämatome am Oberkörper sind deutlich zu sehen.“ Dr. Claus zog das Laken noch ein Stück zurück. Die Blutergüsse befanden sich in Herznähe und inzwischen so groß wie Untertassen. „Der Treffer in den Hals ging glatt durch. Dasselbe gilt für einen Streifschuss an der Schulter. Mindestens diese beiden Projektile müssten sich noch am Tatort befinden.“

„Bislang wissen wir noch nicht, wo der sein könnte, aber vielleicht sind Ihre Untersuchungsergebnisse das entscheidende Mosaikstein, das uns weiterhilft!“, sagte ich.

„Der tödliche Schuss ging in den Kopf, durchdrang mitten auf der Stirn die Schädeldecke und blieb an der Halswirbelsäule stecken.“

„Also wurde der Schuss von schräg oben geführt“, schloss ich.

„Ja“, nickte Dr. Claus. „Ich könnte mir vorstellen, dass Lieutenant O’Rourke durch die Wucht der Treffer, die von der Kevlar-Weste aufgehalten wurden, zu Boden taumelte, während der Killer weiter auf sein Opfer geschossen hat. Als der Kopftreffer ihn erwischte, muss er sich gekrümmt haben. Der ballistische Bericht liegt ja bereits vor und danach sind die Kugeln aus einer Entfernung von mindestens fünf Metern abgefeuert worden. Aber ich nehme an, Sie haben den Bericht bereits gelesen.“

„Er ist ein Grund dafür, dass wir den Fall übernehmen“, erklärte ich. „Der Abgleich des untersuchten Projektils hat nämlich ergeben, dass die verwendete Waffe zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.“

Dr. Claus zuckte die Schultern. „Die Kollegen von der Ballistik waren diesmal deutlich schneller als ich. Aber ich konnte ihnen leider auch nur ein einziges Projektil bieten – nämlich jenes, das in der Halswirbelsäule stecken geblieben ist. Sie können also von Glück sagen, dass der Täter zufällig aus diesem Winkel getroffen hat, sonst wäre die Kugel durch die hintere Schädelwand wieder ausgetreten und Sie könnten jetzt in der ganzen Stadt nach ein paar Kugeln suchen, an der vielleicht noch etwas DNA-testfähige Hirnmasse haftet.“ Dr. Claus deutete auf den Oberkörper. „Die Projektile, die von der Kevlar-Weste aufgefangen wurden, liegen wahrscheinlich auf dem Grund der Upper Bay. Das stundenlange Wasserbad, dem die Leiche ausgesetzt war, muss sie weggespült haben.“

Ich deutete auf die Achseln des Toten, um die herum dunkle Stellen zu sehen waren.

„Druckstellen eines zu eng geschnallten Schulterholsters und – Schleifspuren. Der Täter muss den Toten unter den Achseln angefasst und weggeschleift haben.“

„Dann war es nur eine Person“, schloss ich.

Dr. Claus nickte. „Sagen wir so: Es hat nur einer mit angepackt.“

„Gibt es Spuren, die darauf hindeuten, dass der Tote in einem Kofferraum transportiert wurde?“

„Nein. Wahrscheinlich geschah der Mord in der Nähe des Wassers. Der Täter musste ihn nur ein paar Meter weiter schleifen und hineinwerfen.“

„Wann war der Todeszeitpunkt?“

„Lieutenant O’Rourkes Leiche wurde gestern Mittag am Ufer des East River Parks angespült. Ich denke, dass der Tote mindestens sechs Stunden im Wasser war. Also würde ich schätzen, dass Lieutenant O’Rourke gestern zwischen drei und fünf in der Früh starb. Aber Sie bekommen natürlich noch meinen ausformulierten Bericht, wo Sie das alles nachlesen können.“

„Erst mal danken wir Ihnen, Dr. Claus“, sagte ich.

Der Gerichtsmediziner schob den Toten zurück in seine vorläufige Ruhestätte, nachdem er das Tuch wieder über sein Gesicht gebreitet hatte.

„Rufen Sie mich an, falls Sie noch Fragen haben.“

„In Ordnung.“



4

Von der Bronx aus machten wir uns zum 54. Revier in Queens auf. Dort waren wir mit Captain Nelson Del Mar, dem Leiter der Homicide Squad I sowie Captain Lucius J. Lantanaglia, dem Chief des Reviers verabredet.

Inzwischen lief die Suche nach dem möglichen Tatort längst auf Hochtouren. Die Hafenpolizei war alarmiert worden. Außerdem sollten sowohl Kollegen des FBI Field Office New York als auch der City Police sich in der Nähe der Piers umhören, ob jemand dort Lieutenant O’Rourke in der Nacht seines Todes gesehen hatte.

Wir fuhren über die Interstate 278 nach Queens und erreichten schließlich das Revier in dem O’Rourke zuletzt seinen Dienst verrichtet hatte.

Chief Lantanaglia empfing uns in seinem Büro. „Captain Del Mar ist noch nicht hier. Er wurde zwischenzeitlich zu einem Tatort gerufen, aber ich nehme an, dass Sie mit sprechen können, sobald wir hier fertig sind.“

„In Ordnung“, sagte ich. „Erzählen Sie uns am besten alles, was Ihnen zu O’Rourke einfällt. Wir stehen ganz am Anfang unserer Ermittlungen. Alles, was wir wissen ist, dass er in Ufernähe erschossen wurde, eine Kevlar-Weste trug und die Kugel, die ihn tötete, aus einer Waffe stammt, die bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet wurde.“

„Und das ‚Abraxas’ steht unter Kontrolle von Benny Vargas, einem der aufstrebenden Syndikatsbosse in der Bronx“, ergänzte Chief Lantanaglia. Er hatte sich offenbar gut informiert.

„Die genauen Hintergründe der Tat konnten nie wirklich aufgeklärt werden“, fuhr ich fort. „Tatsache ist, dass es damals fünf Tote und mehrere Schwerverletzte gab, darunter auch der Anführer einer Drogengang.“

„Sieht ganz nach geschäftlichen Differenzen aus, wenn man das so bezeichnen will“, sagte Chief Lantanaglia. „Aber was O’Rourke angeht, könnte es da noch eine alte Rechnung geben. Er war schließlich erst seit ein paar Monaten hier bei uns im Revier. Vorher gehörte er zu Drogenabteilung eines Reviers in der Bronx.“

„Bei uns sind die Akten noch nicht angekommen“, gab ich Auskunft. „Ich kenne nur die Kurzfassung, die uns Mister McKee gegeben hat.“

„Die Sache ist ganz einfach: O’Rourke wurde verdächtigt, kleine Drogendealer und Mitglieder von Gangs erpresst zu haben, indem er ihnen Drogen unterschob und Beweismittel manipulierte. Es lief ein Verfahren der Abteilung für Inneres gegen ihn. Dieses Verfahren ist inzwischen eingestellt worden, aber man hielt es für besser, O’Rourke trotzdem in ein anderes Revier zu versetzen.“

„Und in eine andere Abteilung!“, ergänzte ich.

„Ja, er sollte nichts mehr mit Drogen zu tun gaben.“

„Dann war seine Weste vielleicht doch nicht so rein, wie das eingestellte Verfahren vermuten lässt?“, fragte ich.

Lantanaglia zuckte die Schultern. „Jemand, der in der Drogenfahndung arbeitet, vollführt täglich einen Tanz auf der Rasierklinge. Man sieht wie die Dealer mit Millionen jonglieren und der Cop denkt an die Hypotheken für sein Haus und daran, dass sein Wagen noch nicht abgezahlt ist und sich seine Kinder beklagen, dass schon im zweiten Jahr nacheinander keine Urlaubsreise drinsitzt, während der Drogenboss mit dem Privatjet mal kurz nach Miami Beach hinüber fliegen kann. Da braucht man schon einen stabilen Charakter, um auf der richtigen Seite zu bleiben.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wem sagen Sie das!“

„Glauben Sie, O’Rourke besaß nicht den nötigen Charakter?“, mischte sich Milo ein.

„Wie gesagt – die Untersuchung konnte den Verdacht gegen ihn nicht erhärten.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Lantanaglia lächelte dünn. „Ja, Sie haben Recht. Aber wer von uns kann schon in den Schädel eines Kollegen hineinschauen?“ Lantanaglia machte eine kurze Pause, erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl und füllte seinen Kaffeebecher wieder auf. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, sagte er schließlich: „Ich will ehrlich sein. Am Anfang war ich sehr skeptisch, was O’Rourke anging. Dafür kann ich Ihnen noch nicht einmal einen greifbaren Grund angeben. Es war einfach mein Bauchgefühl – und in all den Jahren, in denen ich als Cop hier in Queens meinen Mann stehe, habe ich gelernt, dass es einem das Leben retten kann, wenn man sich auf dieses Gefühl verlässt. Aber was O’Rourke angeht, hat mich mein Instinkt wohl getrogen. Jedenfalls gab es keinen Ärger, so lange er hier war und soweit ich das beurteilen kann, hat er gute Arbeit geleistet.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit“, sagte ich.

Lantanaglia nickte. „Vielleicht kann Ihnen Captain Del Mar etwa mehr dazu sagen, schließlich arbeitete er mit O’Rourke direkt zusammen.“



5

Captain Del Mar ließ auf sich warten, so aßen wir eine Pizza, die vom Express Service für das ganze Revier geliefert wurde. Captain Del Mar, der Leiter der Homicide Squad I traf schließlich doch noch ein. Er bat uns in sein Büro.

„Tut mir Leid, dass es etwas später geworden ist, aber ich war bei einem Tatort und bin auf dem Rückweg leider in einen Stau geraten.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte ich.

„Sie sind Trevellian und Tucker, nicht wahr?“

„Ja – und wir suchen zurzeit den Mörder Ihres Kollegen Lieutenant Brian O’Rourke“, bestätigte Milo.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, weshalb der Fall nicht in unserer Zuständigkeit geblieben ist!“

„Weil die Tatwaffe im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität benutzt wurde“, gab ich Auskunft.

Del Mar zuckte mit den Schultern. „Meiner Ansicht nach sagt das nicht viel aus. Diese Waffen gehen doch von Hand zu Hand. Andererseits könnte da natürlich ein Zusammenhang bestehen. Über O’Rourkes Vergangenheit in der Drogenabteilung des 87.Reviers in der Bronx wissen Sie ja sicher inzwischen Bescheid oder?“

„In Ansätzen. Es gab da wohl mal einen Verdacht gegen O’Rourke, wonach er Verdächtige erpresst haben soll.“

„Deswegen war er auf unserem Revier. Die Sache ist niedergeschlagen worden, es kam nicht einmal zu einer offiziellen Anklage. Aber wie heißt es so schön? Es bleibt immer etwas hängen. Ganz besonders, wenn es um einen Cop geht. Der kleinste Flecken auf der weißen Weste kann schon dazu führen, dass man wie ein Paria behandelt und bei Beförderungen übergangen wird.“ Del Mar zuckte die Schultern. „So ist das nun einmal und bevor man sich auf das Spiel einlässt, informiert man sich am besten über die Regeln und akzeptiert sie.“

„Wollen Sie damit sagen, dass O’Rourke etwas angehängt wurde?“

„Mir gegenüber hat er in diese Richtung ein paar Andeutungen gemacht. Ist doch klar, wenn ich ein Drogenhändler wäre und hätte mit einem Cop eine Rechnung offen, kann ich ihm doch am besten schaden, in dem ich seine Gesetzestreue in Frage stelle!“

„Aber wenn das wirklich so gewesen ist, dann hatten diese Leute doch ihr Ziel erreicht. O’Rourke war kalt gestellt. Wozu ihn noch ermorden?“

„Das würde ich auch gerne wissen.“

„Was wissen Sie über O’Rourkes Privatleben?“, fragte Milo.

„Ehrlich gesagt, war er ein ausgeprägter Einzelgänger. Ihm fehlte der Teamgeist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn die Beamten einer Schicht zum Bowling gingen, fuhr er nach Hause, oben in Riverdale. Er hat mal erwähnt, dass er dort ein Haus hat. Und ich nehme an, dass er gar nicht daran dachte, hier in die Gegend zu ziehen. Vielleicht nahm er auch an, dass die Versetzung irgendwann zurück genommen werden würde.“

„Wie waren die Chancen dafür denn?“

„Gar nicht so schlecht. Wahrscheinlich hätte er hier noch ein halbes Jahr abreißen müssen und wäre dann wieder zurück in sein altes Revier gekommen, falls nicht zwischenzeitlich doch noch Beweise aufgetaucht wären, dass er irgendwie Dreck am Stecken hatte. Aber dafür gab es keine Hinweise.“

„Wir brauchen die Anruflisten seines Telefons hier im Revier“, sagte ich.

„Die können Sie haben“, versprach Captain Nelson Del Mar.

„Zeigen Sie uns bitte noch seinen Schreibtisch.“

„Ich führe Sie hin.“

„An was für einem Fall arbeitete er im Moment?“

„Denken Sie, dass seine Ermordung damit zusammenhängt?“

„Wir müssen allen Spuren nachgehen, Captain.“

„In der Crescent Street wurde eine Rentnerin von ein paar Jugendlichen ausgeraubt und niedergestochen. Sie ist an den Folgen der Verletzungen gestorben. O’Rourke bearbeitet den Fall zusammen mit Lieutenant Tomasino und Lieutenant Wolfe, die Sie beide gerne dazu befragen können.“

Del Mar führte uns zu O’Rourkes Schreibtisch. Das Dienstzimmer teilte er sich mit den Lieutenants Wolfe und Tomasino. Die beiden berichteten uns von dem Fall, an dem sie mit O’Rourke zuletzt gearbeitet hatten. Es schien sich um Routineermittlungen zu handeln.

„Er hat ziemlich viel mit seiner neuen Flamme telefoniert“, berichtete uns Lieutenant Tomasino noch.

„Wissen Sie, wer das war?“, hakte ich nach.

„Sie heißt Christine. Den Nachnamen kenne ich nicht, aber ich nehme an, dass sie die Telefonlisten überprüfen und anhand der Daten werden Sie das leicht herausfinden.“

Der Schreibtisch selbst bot nichts, was auf den ersten Blick ins Auge fiel. Wir packten dennoch den Inhalt in einen Pappkarton und nahmen ihn mit. Insbesondere alles das, was persönlichen Charakter hatte. Ein Telefonregister und einen voll geschriebenen Notizblock zum Beispiel. Außerdem beschlagnahmten wir seinen Rechner. Sollten die Kollegen im Labor mal den Email-Verkehr unter die Lupe nehmen.



6

Wir waren gerade in den Sportwagen eingestiegen, als uns ein Anruf aus dem Field Office erreichte. Mr Jonathan D. McKee, der Chef des New Yorker FBI, war am Apparat.

„Es hat sich jemand gemeldet, der O’Rourke in der Nacht seines Todes gesehen haben will“, berichtete uns Mr McKee. O’Rourkes Bild war mit der Frage an die Bevölkerung über die Medien verbreitet worden, wer den Lieutenant der Homicide Squad in der Mordnacht gesehen hatte, um auf diese Weise nach und nach rekonstruieren zu können, was sich vor der Tat ereignet hatte. Vor allem ging es uns natürlich um den Tatort, denn dort waren möglicherweise noch Spuren zu finden. „Der Mann heißt Jamie Fredo und betreibt eine 24-Stunden-Snack Bar mit Fischgerichten. Der Laden liegt an der 5th Street in Queens, das dürfte nicht allzu weit von Ihrer gegenwärtigen Position entfernt sein.“

„Wir sind schon so gut wie dort“, versprach ich. Von O’Rourkes Revier aus waren das maximal zehn Minuten.



7

Als wir Fredo’s Fish Bar in der 5th Street erreichten, waren dort bereits zwei Einsatzfahrzeuge des NYPD.

Wir stiegen aus. Möwen kreischten. Man hatte einen direkten Blick auf den East River und Franklin D. Roosevelt Island. Die lang gezogene Insel teilte den East River zwischen dem UNO-Hauptquartier und dem Carl Schurz Park in West Channel und East Channel. Etwas weiter südlich lag Belmont Island, eine unbewohnte Insel, auf der sich, abgesehen von einem Leuchtturm, keine Gebäude befanden.

Eine Pier ragte etwa hundert Meter weit ins Wasser hinein. Ein Frachter lag dort vor Anker.

Mehrere uniformierte Kollegen der City Police sahen sich dort bereits um.

Wir betraten Fredo’s Fish Bar.

Es herrschte kaum Betrieb.

Eine junge Polizistin saß zusammen mit einem Mann mit weißer Schürze und Matrosenmütze an einem der Tische. Wir traten hinzu.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker“, stellte ich uns vor.

„Sergeant Rebecca DeHunt“, nannte die junge Polizistin ihren Namen. „Mister Fredo hat uns angerufen und wir haben gleich Ihr Field Office verständigt.“

„Danke.“ Wir setzten uns dazu. „Sie haben Lieutenant O’Rourke wiedererkannt“, wandte ich mich an Jamie Fredo.

Der Besitzer von Fredo’s Fish Bar nickte. „Ja. Er aß regelmäßig hier. Fast täglich. Die Uhrzeit war wochenweise verschieden. Ich nehme an, dass er immer nach seiner Schicht hier vorbei kam. Zwei Fishburger und eine Tasse Kaffee, dazu Chips. Das war seine Standard-Bestellung.“ Jamie Fredo atmete tief und fuhr schließlich fort: „Sein Bild wurde im Lokalfernsehen gebracht. Ich habe ihn gleich wiedererkannt.“

„Schildern Sie uns, was geschehen ist.“

„Es war ungefähr vier Uhr morgens. Er saß am letzten Tisch dort hinten, in der Ecke. Dort ist er immer hingegangen. Er gähnte dauernd, weil er wohl eine Nachtschicht hinter sich hatte. Er hat seine Bestellung aufgeben, angefangen zu essen und wurde dann über das Handy angerufen.“

„Konnten Sie etwas verstehen?“

„Ja, er war der einzige Gast um die Zeit und ich habe mitbekommen, dass sich mit dem Typ am anderen Ende der Leitung verabredet hatte. Er war etwas ungehalten darüber, dass der Kerl noch nicht da war. Vielleicht sollte er auch in der Fish Bar auf ihn warten.“

„Woraus schließen Sie, dass es ein Mann war?“

Jamie Fredo zuckte mit den breiten Schultern und hob die Augenbrauen. „Also, wenn Sie mich so fragen…“

„Ja?“

„Ich habe das einfach nur angenommen. Jedenfalls verließ er kurz nach dem Anruf das Lokal und verschwand draußen in der Dunkelheit.“

„Sie haben nichts mehr gesehen oder gehört?“

„Nein. Wenn es dunkel ist, spiegeln die Scheiben. Man sieht fast nichts.“

„Wir danken sehr für Ihre Auskünfte“, mischte sich Milo ein.

Jamie Fredo schluckte. „Hoffentlich konnte ich Ihnen weiterhelfen. Ich verliere ungern Stammkunden auf diese Weise. Dass er ein Cop war, habe ich übrigens erst in den Nachrichten gehört.“

„Meine Kollegen suchen die Umgebung nach Hinweisen ab“, sagte Sergeant DeHunt.

„Ich hoffe, sie finden etwas“, antwortete ich. „Wenn man den Tatort nicht kennt, stochert man mit seinen Ermittlungen ziemlich im Nebel herum.“

Wir erhoben uns. Ich wandte mich noch einmal an Jamie Fredo, der ziemlich nervös wirkte und sich die schwitzigen Hände an seiner Schürze abwischte. „Eine Frage noch…“

„Ja, Sir?“

„Sie meinten, dass er jemanden hier erwartet hat.“

„Genau.“

„Hat er sich zuvor mal mit jemandem hier getroffen oder war er immer allein, wenn er seine Fishburger aß?“

„Er war eigentlich immer allein. Zumindest, wenn ich dabei war, aber ich muss gestehen, dass zwar meine Fish Bar 24 Stunden geöffnet hat, aber ich nicht rund um die Uhr hinter dem Tresen stehen kann.“

„Könnten wir Ihre Angestellten dazu befragen?“

„Sicher.“

Es stellte sich heraus, dass Jamie Fredo insgesamt fünf feste Angestellte hatte, dazu drei Aushilfskräfte, die stundenweise engagiert wurden. Von den fest angestellten fehlte eine und von den Aushilfskräften zwei Personen, deren Arbeitszeiten in der Fish Bar erst später begannen.

Eine als Aushilfskraft angestellte junge Frau namens Jessica Liao wollte gesehen haben, dass sich O’Rourke einmal mit einem Mann um die dreißig und einmal mit einer Blondine getroffen hatte. Die Blondine war auch noch einem anderen Angestellten aufgefallen, der Mann hingegen nicht.

„Der Mann, mit dem er sich traf, war ziemlich groß, schlaksig und hatte gelocktes, dunkles Haar“, berichtete uns Jessica Liao. „Er wurde wohl eingeladen. Jedenfalls ist er mir schon deswegen in Erinnerung geblieben, weil er vier Fishburger geschafft hat.“

„Haben Sie einen Namen oder irgendetwas von dem Gespräch der beiden mitbekommen?“, fragte ich.

Jessica Liao schüttelte den Kopf und strich eine Strähne ihrer schulterlangen, blauschwarzen Haare aus Gesicht. „Nein, tut mir leid. Aber es gab Streit zwischen den beiden, woraufhin der Mann mit dem gelockten Haar wutentbrannt hinausgelaufen ist. Er hätte mich fast umgerannt. Ach, übrigens, er trug ein Goldkettchen mit einem Kreuz auf der Brust.“

„Bis wann sind Sie hier in der Fish Bar?“

„Heute bis fünf Uhr am Nachmittag.“

„Dann wird vorher noch einer unserer Kollegen hier vorbeikommen und mit Ihnen zusammen ein Phantombild anfertigen. Er heißt Agent Prewitt.“

„Glauben Sie, dass dieser Lockenkopf den Mann umgebracht hat?“

„Er ist bislang nur ein Zeuge. Jeder, der in den letzten Tagen und Wochen mit ihm zu tun hatte, kann uns vielleicht wertvolle Informationen darüber geben, wer einen Grund gehabt haben könnte, O’Rourke umzubringen.“

„Und was können Sie uns über die Frau sagen?“, fragte Milo.

„Ich glaube, die beiden hatten was miteinander – so wie die sich angesehen haben“, lautete die Meinung von Jessica Liao. „Ihr Blond war nicht echt, die Brüste auch nicht und ich nehme an, sie hat sich auch die Lippen machen lassen. Ich frage mich, was sie mit ihrem Körper angestellt hat, dass Sie das in dem Alter schon nötig hatte!“

„Wie alt würden Sie sie schätzen?“

„Mitte zwanzig. Sie war so groß wie ich, also unter 1,70 m. Unter ihrem Mantel trug sie ein ziemlich edles, aber knappes Kleid. Irgendwie passte sie überhaupt nicht hier her. Dementsprechend war auch ihr Appetit. Sie hat eine Tasse Kaffee genommen, aber der war ihr wohl auch nicht recht. Jedenfalls hat sie ihn stehen lassen. Ach ja, am Arm, da trug sie ein Armband, das mir sofort aufgefallen ist.“

„So?“

„Es war geformt wie zwei kleine Schlangen, die sich um das Handgelenk winden. Sah schon aus wie was ganz Besonderes.“

„Agent Prewitt wird auch von ihr ein Bild anfertigen“, kündigte ich ihr an.

Über Funk meldete sich einer der NYPD-Cops vom Pier bei Sergeant Rebecca DeHunt.

„Hier Sergeant Gollito. Wir haben hier vielleicht etwas gefunden.“



8

Milo und ich gingen ins Freie. Zusammen mit Sergeant DeHunt liefen wir zur Pier. Auf der linken Seite passierten wir dabei ein kleines Lagerhaus und erreichten schließlich ganz am Ende des Piers die uniformierten Kollegen, die dort den Boden absuchten.

Einer von ihnen stellte sich mir als Sergeant Ernest Gollito vor und deutete auf einen dunklen Fleck auf dem Boden. „Das könnte Blut sein“, meinte er. „Genau kann man das natürlich nur sagen, wenn man einen Hämoglobin-Schnelltest oder Luminol zur Hand hat – in dem eingetrockneten Zustand. Aber fürs Erste können Sie meiner Erfahrung als Cop trauen – das hier ist meiner Meinung nach Blut.“ Er deutete zur Kaimauer, wo sich zwei weitere Kollegen auf dem Boden umsahen.

„Ich rufe unsere Spurensicherer an“, kündigte Milo an.

Sergeant Gollito deutete in Richtung seiner Kollegen. „Dort an der Mauer gibt es noch weitere Blutspuren.“

„Das könnte passen“, stellte ich fest. „O’Rourke wurde hier erschossen und dann zum Wasser geschleift! Dann fehlen uns eigentlich nur noch die Projektile.“

„Da sehe ich wenig Hoffnung“, meinte Gollito. „Wahrscheinlich sind die ins Wasser gefallen.“

„Kommt auf die Schussposition an“, widersprach ich. „Wenn wir Glück haben, finden wir dort hinten an der Uferböschung noch etwas.“



9

Zur gleichen Zeit erreichten unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina O’Rourkes Eigenheim in Riverdale, Bronx. O’Rourke hatte sich einen schmucken Bungalow in der Jesper Street gekauft, einer breiten Allee mit Häusern, die der oberen Mittelklasse entsprachen.

Unsere Kollegen parkten ihren Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft am Straßenrand, gingen durch die offene Hofeinfahrt zur Garage und standen schließlich vor der Haustür.

Ein Team der Scientific Research Division war ebenso auf dem Weg hier her wie FBI-Agenten Fred LaRocca und Josy O'Leary, deren Aufgabe es sein würde, Clive und Orry bei der Hausdurchsuchung zu helfen.

Clive und Orry stutzten.

Das Haus war ziemlich bald, nachdem man O’Rourke am Ufer des East River Parks an Land geholt und identifiziert hatte, von Kollegen der City Police versiegelt worden.

Aber das Sigel war gebrochen.

Clive griff nach seiner Dienstwaffe. Orry folgte seinem Beispiel.

„Hier war offenbar jemand schneller als wir!“

„O’Rourke war unverheiratet und lebte allein. Eigentlich dürfte niemand hier gewesen sein!“

Clive holte den Schlüsselbund hervor, der mit einem Karabinerhaken an O’Rourkes Gürtel befestigt gewesen war. Er war zusammen mit dem Teil, der bei der Leiche gefundenen persönlichen Habe, der nicht mehr im Labor untersucht zu werden brauchte, am Morgen per Kurier ins FBI Field Office gesandt worden.

Clive öffnete die Tür.

Geräusche waren zu hören.

Orry ging mit der Waffe in der Hand voran, durchschritt beinahe lautlos den Empfangsraum und erreichte schließlich die halb geöffnete Tür zum Wohnzimmer. Clive folgte.

Mit einem Tritt öffnete Orry die Wohnzimmertür.

„Waffe weg! FBI!“, rief er.

Ein durchdringender Schrei ertönte.

Eine junge Frau stand mitten im Raum. Sie war blond, trug Jeans, T-Shirt und einen Blouson.

Das einzig auffällige an ihrem Outfit war das Armband mit den zwei das Handgelenk umschmeichelnden Schlangen.

Sie stand wie erstarrt da, in der Rechten hielt sie einen 22er Revolver und richtete ihn auf Orry.

„Die Waffe weg!“, wiederholte unser indianischer Kollege.

Sie schluckte und zitterte. Auf ihrer Stirn perlte der Angstschweiß.

„Okay!“, flüsterte sie schließlich. „Ich gebe auf! Wer immer Sie auch sind, tun Sie mir nichts!“

„Wir sagten, wer wir sind!“, hielt Clive ihr entgegen. Der flachsblonde Italoamerikaner machte ein paar schnelle Schritte nach vorn, nahm ihr die Waffe aus der Hand und legte ihr anschließend Handschellen an.

Sie setzte sich auf die Couch.

„Ich bin Agent Dillagio und dies ist mein Kollege Agent Medina. Wir kommen vom FBI Field Office New York und untersuchen den Tod von Police Lieutenant Brian O’Rourke. Und jetzt möchte ich gerne wissen, wer Sie sind!“

„Christine Vistano“, sagte sie.

„Und was tun Sie in Brian O’Rourkes Wohnung?“, fragte Clive.

„Brian und ich waren seit einiger Zeit ein Paar“, erklärte Christine Vistano. „Wenn Sie mal in meiner Jacke nachsehen, dann werden Sie feststellen, dass ich einen Wohnungsschlüssel besitze - so wie sich umgekehrt auch an Brians Schlüsselbund ein Schlüssel zu meiner Wohnung finden müsste.“

„Angenommen, es stimmt, was Sie sagen...“

„In seiner Brieftasche trug er ein Foto von mir mit sich herum. Brian war eben ein Romantiker.“

„Das können wir leider nicht mehr überprüfen“, bedauerte Clive. „Brian O’Rourkes Brieftasche befindet sich nämlich sehr wahrscheinlich auf dem Grund des East River, falls sie ihm nicht von seinem Mörder entwendet wurde.“

„Ihre Beziehung erklärt aber noch nicht, weshalb Sie das Siegel der Polizei ignoriert haben“, mischte sich Orry ein. „Was wollten Sie in der Wohnung?“

„Also, ich will ehrlich sein.“

„Darum möchte ich doch gebeten haben“, erwiderte Clive.

Sie nickte und blickte zur Seite. Den direkten Augenkontakt mit einem der beiden G-men mied sie.

„Wir hatten uns gestritten. Ziemlich heftig sogar. Also habe ich mich zunächst auch nicht gewundert, dass Brian nicht bei mir anrief. In dieser Hinsicht war er ohnehin ziemlich unzuverlässig. Aber dann habe ich die Meldung im Radio gehört.“

„Unseres Wissens haben Sie sich aber nicht bei der Polizei gemeldet“, hielt Orry ihr entgegen.

„Ich wollte zuerst ein paar Privatsachen aus der Wohnung holen. Das ist der Grund dafür, dass ich hier bin.“

„Um ein Polizeisiegel zu brechen, ist das trotzdem eine ziemlich dünne Erklärung“, meinte Clive.

„Ach wirklich? Sie sehen ja, was jetzt passiert ist. Ich sitze in Handschellen hier. Eigentlich wollte ich in diese Sache nicht hineingezogen werden.“

„Nach der großen Liebe hört sich das mit Ihnen und O’Rourke ja nicht an“, entgegnete Orry. „Es scheint Ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, wer Ihren Freund umgebracht hat.“

Wenig später trafen Josy und Fred ein. Etwa zeitgleich war auch das Team der SRD am Tatort.

Josy führte eine gründliche Durchsuchung bei ihr durch.

Außerdem wurden Fingerabdrücke genommen.

Christine Vistano protestierte dagegen zwar ziemlich lautstark, aber zwecklos. Als die irischstämmige Agentin Josy O'Leary Christine gegenüber klarmachte, dass die erkennungsdienstliche Behandlung auch im Bundesgebäude an der Federal Plaza durchgeführt werden könnte, ließ sie ihren Protest verstummen.

„Juristisch gesehen war das, was Sie getan haben, ein Einbruch und ein bewaffneter Angriff auf zwei FBI-Agenten. Hinzu kommt noch ein Verstoß gegen das Waffengesetz“, erklärte Josy.

„Ich habe den 22er, um mich verteidigen zu können!“

„Die Gesetze sind für alle gleich und verbieten in New York das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit! Sie werden sich auf einigen Ärger einstellen müssen und kümmern sich am besten schon mal um einen Anwalt. Aber vielleicht unterstützen Sie uns ja auch noch ein bisschen bei der Suche nach dem Mörder des Mannes, den Sie als Freund bezeichnet haben.“

„Vielleicht werden Sie und Ihre Kollegen für diese unrechtmäßige Festnahme sich auch noch vor einem Richter verantworten müssen!“, fauchte sie.

„Es steht Ihnen jederzeit frei, sich zu beschweren oder rechtliche Schritte einzuleiten. Aber ich empfehle Ihnen dringend, sich vorher juristisch beraten zu lassen“, lautete Josys ausgesprochen kühle Erwiderung.

Fred LaRocca führte in einem Nebenraum mit seinem Laptop eine Online-Abfrage über das Datenverbundsystem NYSIS durch.

Clive Caravaggio sah ihm dabei über die Schulter.

Josy kam herein, ging zu den beiden Agenten hin und fragte: „Was machen wir jetzt mit ihr?“

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihr“, meinte Clive. „NYSIS zeigt uns mehrere Verurteilungen wegen Prostitution an. Einmal hat sie einen Freier ausgeraubt und dafür auch eine Weile auf Rikers Island gesessen…“

„Es könnte sein, dass Habgier bei diesem Einbruch das Motiv war“, glaubte Fred LaRocca.

„Aber ich habe nichts bei ihr gefunden, das darauf hindeutet“, wandte Josy ein.

„Dann sind wir ihr eben zuvor gekommen“, entgegnete Clive. „Sie kommt mit auf das Field Office. Die Waffe wird beschlagnahmt und ballistisch überprüft. Durch das, was wir bei ihr an Vorstrafen haben, ist ihre Version, wonach sie O’Rourkes liebende Gefährtin war, wohl ziemlich zweifelhaft.“

„Spätestens morgen ist sie gegen Kaution wieder draußen“, gab Josy zu bedenken.

„Ja, aber bis dahin haben wir vielleicht ein paar Punkte geklärt.“



10

Die Maschinenpistole ratterte. Harry Gonzales hob die Hände. Die Schüsse zischten über ihn hinweg und stanzten Löcher in die Wand. Ein Muster, das Ähnlichkeit mit einer Sinuskurve hatte.

Der MPi-Schütze riss das Magazin aus der zierlichen Waffe vom israelischen Typ Uzi heraus, warf es zur Seite und steckte ein neues hinein.

Harry Gonzales zitterte vor Angst. Er musste die Kiefer fest aufeinander pressen, um nicht mit den Zähnen zu klappern, so schlimm war es. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Kalter Angstschweiß perlte ihm über die Stirn.

Der MPi-Schütze stellte sich breitbeinig auf. Er trug eine Military-Hose und eine Lederjacke. Darunter ein T-Shirt mit V-förmigen Ausschnitt. Unterhalb des Halsansatzes war eine Tätowierung zu sehen. Drei ineinander greifende Ringe.

Der Kerl trat näher. Die kurze Mündung der Uzi war auf Harry Gonzales’ Kopf gerichtet.

„Schrei ruhig. Hier wird dich niemand hören, Harry! Die Polizei traut sich in dieses Viertel ohnehin nur in Mannschaftsstärke – und hier hat sie schon gar nichts zu suchen.“ Der MPi-Schütze lachte rau.

Harry Gonzales war nur zu gut bewusst, wie Recht sein Gegenüber hatte. Man hatte ihn auf eine abgelegene Industriebrache gebracht. Dieses Lagerhaus rottete seit Jahren vor sich hin. Der Untergrund war mit Giftmüll verseucht, die Firma war Bankrott gegangen und jetzt stritt man sich vor Gerichten darüber, wer für die Schäden aufzukommen hatte. Ein Ort, an dem man wahrscheinlich sogar seine Leiche erst nach Wochen finden würde.

Wenn überhaupt.

Der MPi-Schütze beugte sich zu Gonzales herab.

„Wie nennt man mich, Harry? Cómo?“

„El Rey… den König.“

„Muy Bien – und seinen König verrät man doch nicht oder?“

„Ich habe es nicht freiwillig getan!“

„Du hast es getan! Und das ist das Einzige, was zählt.“

„Erschieß mich nicht!“

„Deinetwegen sitzt mein Bruder auf Rikers Island!“

„Bitte! Ich tu alles, was du willst, El Rey!“

El Rey lachte zynisch. „Keine Sorge, Harry. Ich werde dich noch nicht erschießen. So einen Wurm wie dich, der sich vor Angst in die Hosen macht und innerlich ohnehin schon tot ist, weil er sich dauernd an seinem eigenen Stoff vergreift! Du bist ein Stück Dreck, Harry! Aber das ist dir nicht klar. Keine Sorge, ich werde dir das schon richtig beibringen.“ El Rey wandte sich um und brüllte: „Dónde está la chica, muchachos?“

Schritte waren zu hören.

Zwei maskierte Männer brachten eine junge Frau in den Raum. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt, die Augen verbunden.

„Maria!“, stieß Harry hervor. „Was habt ihr mit meiner Schwester vor?“

El Rey stieß sie vorwärts. Sie taumelte Harry entgegen. Die Uzi knatterte los. El Rey hielt die Waffe hoch, sodass Schultern und Kopf der jungen Frau getroffen wurden. Ihr Körper zuckte unter den Treffern. Sie fiel Harry Gonzales entgegen und landete direkt auf ihm. Sie lebte schon nicht mehr. Überall war Blut. Harry Gonzales war vollkommen damit besudelt. Völlig fassungslos nahm er Maria in die Arme.

Ein dicker Kloß saß ihm im Hals.

Harry Gonzales konnte noch nicht einmal schreien.

„Warum sie?“, flüsterte Harry.

„Jetzt bist du dran, Harry!“

El Rey warf einem seiner Leute die Uzi zu. Der Maskierte fing sie sicher auf. Dann griff El Rey unter seine Jacke und holte eine Automatik vom Kaliber 45 hervor und setzte sie Harry Gonzales an den Kopf. „Weißt du, was mit dem Gehirn geschieht, wenn ich den Stecher durchziehe?“, fragte er mit breitem Grinsen. Gonzales schloss die Augen.

El Rey drückte ab.

Es machte nur klick.

„Gar nichts geschieht!“, lachte El Rey. „Ich werde dich nicht töten, Harry. Noch nicht. Erst sollst du noch leiden. Deine Strafe ist es, vorerst weiter zu leben. Weiter zu leben in dem Bewusstsein, dass du an all dem Schuld bist. Maria hätte nicht sterben müssen, wenn du uns nicht verraten hättest. Und wenn du zufällig in nächster Zeit mal wieder deine Eltern besuchen solltest… Na ja, vielleicht hat man sie auch schon gefunden!“

„Nein!“, brüllte Harry.

„Du bist schuld daran, Harry! Nur du ganz allein – so wie du auch schuld daran bist, dass mein Bruder und fast alle Führungskräfte der ‚Matadores de la Bronx’ verhaftet wurden!“

„Nein!“, schrie Harry Gonzales noch einmal.

„Aber irgendwann werde ich zuschlagen und auch dein Leben ausknipsen. Aber vorher wird dich die Schuld innerlich aufgefressen haben. Wenn ich dich töte, wirst du innerlich längst tot sein.“

„Hey, was ist mit Ihnen los?“, drang eine Stimme wie aus weiter Ferne in Harry Gonzales’ Bewusstsein. Hände fassten ihn bei den Schultern. „Soll ich einen Arzt holen?“

Erst jetzt begriff Harry Gonzales, dass es nur eine Erinnerung gewesen war, die ihn so sehr in Beschlag genommen hatte, dass er sie für real hielt. Ein Flashback. Er blickte auf seine Hände und starrte sie ungläubig an. Von Marias Blut war nirgends etwas zu sehen. Stattdessen sah er auf dem Grab, das sich vor ihm befand, Marias Namen. Ihren und die seiner Eltern. Die Erinnerungen drohten ihn wieder zu übermannen. Er sah sich erneut die Wohnung seiner Eltern betreten. Sah das Blut an den Wänden. Den Geruch…

„Hören Sie, Sie sehen wirklich so aus, als wäre Ihnen nicht gut. Soll ich nicht doch besser den Emergency Service rufen?“, fragte der stämmige, grauhaarige Mann mit den wachen, dunkelbraunen Augen. Auf seiner hohen Stirn hatte sich eine tiefe Furche gebildet.

Harry Gonzales wandte den Kopf.

In dieser Sekunde nahm er den Grauhaarigen zum ersten Mal bewusst wahr.

„Es geht schon“, behauptete Gonzales.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Der Grauhaarige zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen.“ Irritiert ging er davon und drehte sich nach ein paar Dutzend Yards noch einmal um.

Harry Gonzales stand in sich versunken da und beachtete den Mann schon gar nicht mehr.

Die rechte Hand steckte in der tiefen Tasche seines Mantels und umfasste den Griff einer Pistole.

Sie hätten mir helfen können, Lieutenant O’Rourke!, dachte er. Aber Sie haben es nicht getan.



11

Am nächsten Tag fanden wir uns im Büro unseres Chefs zur Besprechung ein. Außer Milo und mir waren auch unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina sowie eine ganze Reihe weiterer Agenten unseres Field Office anwesend. Darunter auch Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung und Dave Oaktree, der Chefballistiker des FBI New York.

„Guten Morgen“, begrüßte uns Mr McKee, nachdem alle anwesend waren. Seine Sekretärin Mandy hatte uns Kaffee serviert und ich nippte an dem heißen, aber unvergleichlich guten Gebräu. „Wer von Ihnen Lokalnachrichten gehört hat oder schon dazu gekommen ist, eine Zeitung zu lesen, wird bemerkt haben, dass der Fall O’Rourke hohe Welle geschlagen hat. Einige Medien scheinen die Sache für ihre Zwecke ausnutzen zu wollen. Das Ganze geht etwa in die Richtung, dass man sich in der Stadt wohl nicht mehr sicher fühlen kann, wenn schon Polizisten umgebracht werden. Das ist natürlich Unsinn. Jeder weiß, dass die Verbrechensraten in New York seit Jahren konstant rückläufig sind. Ich fürchte nur, dass von dieser Wahrheit in der Öffentlichkeit kaum etwas durchdringen wird!“

„Andererseits hat uns der Gang an die Öffentlichkeit den Hinweis auf Fredo’s Fish Bar beschert“, hielt Max Carter dem entgegen.

Mr McKee nickte. „Ja, das ist richtig, Max“, räumte er ein. „Aber ich denke, auch Sie sind erschrocken darüber, welche Folgen dieser Gang an die Öffentlichkeit darüber hinaus hatte. Ich bin weit davon entfernt, die Maßnahme für falsch zu halten. Schließlich habe ich sie selbst nach reiflicher Überlegung angeordnet. Ich will nur, dass jedem von Ihnen klar ist, was für ein zweischneidiges Schwert es sein kann, die Öffentlichkeit in die Fahndungsarbeit mit einzubeziehen. Die Sache gleitet einem schneller aus der Hand, als einem lieb ist.“ Mr McKees Gesichtsausdruck wirkte sehr ernst, während er das sagte. Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille im Büro. Dann wandte er sich an Max. „Es liegen tatsächlich ein paar neue Erkenntnisse vor. Vielleicht fassen Sie den Kollegen kurz die Lage zusammen.“

„Ja, Sir. Auf jeden Fall ist die Pier an der 45th Street in Queens tatsächlich der Tatort. Erstens besteht kein Zweifel mehr daran, dass der Fleck auf dem Asphalt eine Blutlache war, zweitens, dass es so gut wie unmöglich wäre, allein diesen Blutverlust zu verkraften und dass drittens der Tote zum Wasser geschleift worden ist.“

„Außerdem konnte ein Projektil in der Uferböschung sichergestellt werden“, ergänzte Dave Oaktree. „Der Untersuchung nach stammt es aus derselben Waffe, mit der O’Rourke getötet wurde, sodass wir das Ergebnis der DNA-Analyse wohl nicht abwarten brauchen, um davon ausgehen zu können, dass wir tatsächlich den Tatort gefunden haben.“

„Was ist mit den Zeugenaussagen von Jamie Fredo und seinen Angestellten?“, hakte Mr McKee nach.

„Daraus sind Phantombilder hervorgegangen“, erläuterte Max Carter und präsentierte uns das erste dieser Bilder mit Hilfe eines Beamers in überdimensionaler Größe an der Wand. Es zeigte einen Mann mit gelocktem Haar. „Die haben wir mit Personen abgeglichen, die in irgendeinem Zusammenhang mit O’Rourke standen und sind bei beiden fündig geworden. Wir haben eine mindestens 85-prozentige Übereinstimmung zwischen dem Mann, mit dem sich O’Rourke einmal in der Fish Bar getroffen hat, einem gewissen Harry Gonzales. Gonzales war ein kleiner Dealer und Mitglied einer puertoricanischen Drogengang mit der Bezeichnung ‚Los Matadores de la Bronx’. Mit seiner Hilfe wurde Ethan Benitez, der Anführer der Gang zusammen mit dem Großteil seines Führungspersonals verhaftet.“

„Lass mich raten: Brian O’Rourke war maßgeblich an der Verhaftung beteiligt!“, glaubte Clive.

Max bestätigte dies. „So ist es. Angeblich versucht Benitez’ Bruder Langdon – genannt ‚El Rey’ – die Gang wieder aufzubauen. Tatsache ist, dass Harry Gonzales’ Eltern und seine Schwester kurz nach Ethan Benitez’ Verhaftung ermordet wurden.“

„Der Schluss liegt nahe, dass es sich da um einen Rachefeldzug handelt“, meinte Mr McKee. „Ist Harry Gonzales im Zeugenschutzprogramm?“

„Nein. Den Grund dafür müssen wir noch herausfinden.“

„Auf jeden Fall gehörte Gonzales nicht zu den Fällen, in denen O’Rourke wegen des Unterschiebens von Beweismaterial und Erpressung von Spitzeldiensten ins juristische Kreuzfeuer kam“, stellte Mr McKee mit Blick auf seine Unterlagen fest.

„Die Tatsache, dass Gonzales O’Rourke nicht angezeigt hat, heißt nicht, dass es in seinem Fall nicht auch so gewesen sein könnte“, gab Milo zu bedenken. „Vielleicht hatte Gonzales einfach nur kein Vertrauen in die Polizei.“

„In dem Fall hätte Gonzales ein erstklassiges Motiv, um O’Rourke umzubringen“, glaubte Orry. „Er könnte O’Rourke für den Tod seiner Eltern und Schwester verantwortlich gemacht haben.“

„Allerdings ist ja wohl noch nicht erwiesen, dass Gonzales tatsächlich die Person war, mit der O’Rourke an dem Abend telefonierte“, gab ich zu bedenken. „Sein Handy wurde ja leider nie aufgefunden.“

„Wir gehen der Spur auf jeden Fall weiter nach“, entschied Mr McKee. „Ist Gonzales Aufenthaltsort bekannt?“

„Leider nicht“, sagte Max. „Er scheint untergetaucht zu sein.“

„Er wird zur Fahndung ausgeschrieben, aber wir gehen nicht an die Öffentlichkeit damit“, bestimmte unser Chef. „Was ist mit der Frau?“

Max Carter projizierte ihr Phantombild an die Wand und überblendete es anschließend mit dem Foto, das anlässlich einer Festnahme gemacht worden war.

„Hier ergibt sich eine hohe Übereinstimmung mit Christine Vistano, einem mehrfach verurteiltem Callgirl.“

„Auf O’Rourkes Revier in Queens glaubte man, Christine sei seine Freundin“, ergänzte ich.

Clive Caravaggio zuckte mit den Schultern und warf ein: „Wer weiß, vielleicht glaubte O’Rourke das sogar selbst.“ In knappen Worten informierte er uns darüber, wie und unter welchen Umständen Christine Vistano in O’Rourkes Haus aufgegriffen worden war.

„Unsere Verhörspezialisten Dirk Baker und Mell Horster haben sich die halbe Nacht mit ihr befasst und versucht, etwas aus ihr herauszubekommen, das über ihre Standard-Aussage hinausging, mit der sie bereits uns abgespeist hatte. Heute Morgen ist ihre Kautionsverhandlung. Ihr Anwalt ist ein gewisser Mike Bandella, der zuvor häufiger mal für Benny Vargas tätig war.“

„Das ist ein interessantes Detail“, murmelte ich.

„Es kommt noch besser“, mischte sich nun Dave Oaktree ein. „Die konfiszierte Waffe vom Kaliber 22 wurde bei derselben Schießerei in Benny Vargas’ Club ‚El Abraxas’ benutzt, wie die 45er mit der O’Rourke ermordet wurde.“

„Dann wird es Zeit, dass wir Vargas mal näher auf den Zahn fühlen!“, meinte Milo.

Max zeigte uns ein Foto von ihm. Ein geckenhafter Mann mit dunklem Teint, feinem Oberlippenbart in schneeweißem Anzug. Am Revers trug er eine Rose. „Das ist Vargas! Ein Dutzend Clubs dürfte unter seiner Kontrolle stehen. Außerdem gilt er als einer der Großverteiler von Drogen in der Bronx“, erläuterte Max. „Die ‚Matadores’ sollen zu seinem Verteilernetz gehört haben, nur konnte man das im Prozess leider nicht nachweisen. Die Kollegen von der Drogenfahndung des zuständigen Reviers vermuteten, dass es damals zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Benny Vargas und den ‚Matadores’ kam. Vermutlich konnte man sich über Gewinnmargen nicht einig werden, woraufhin einige Mitglieder der ,Matadores’ mehrfach in Vargas Club ziemlich rustikal aufgetreten sind und die Gäste verscheucht haben. Es ist zu vermuten, dass dies der Hintergrund der Schießerei ist, die dann stattfand und bei der mindestens ein Mitglied der ‚Matadores’ ums Leben kam.“

„Ich schlage vor, Vargas’ Club heute Abend mal einen kleinen Besuch abzustatten“, meinte Clive.



12

Max Carter hatte uns alles, was er herausgefunden hatte, zu einem Datendossier zusammengestellt.

Milo und ich saßen im Anschluss an die Sitzung in unserem gemeinsamen Dienstzimmer und arbeiteten die Unterlagen durch. Ich sah mir vor allem die Liste der Personen an, die damals bei der Schießerei verdächtigt worden waren, daran beteiligt gewesen zu sein. Der Einzige, in dessen Fall es immerhin eine Anhörung vor der Grand Jury gekommen war, hieß Ray Barros. Er war mehrfach wegen Körperverletzung und illegalem Waffenbesitz vorbestraft und war damals Türsteher im ‚Abraxas’ gewesen. Inzwischen galt er als rechte Hand und Mann fürs Grobe in Benny Vargas’ Organisation. Da seine letzte Bewährung wegen einer Schlägerei erst in einem Monat auslief, war seine Adresse bekannt.

„Steht da irgendwo, weshalb es nicht zum Prozess gekommen ist?“, fragte Milo.

„Vermutlich reichten die Beweise einfach nicht aus“, erwiderte ich.

Gegen Mittag fuhren wir zu O’Rourkes ehemaligem Revier in der Bronx und besprachen uns mit seinem direkten Vorgesetzen Captain Rudy Cassavetes, dem Leiter der Drogenabteilung.

„Brian O’Rourke war ein hervorragender Polizist, der gute Erfolge verbuchen konnte“, sagte Cassavetes. „Es ist schade, dass seine Karriere diesen Knick bekam und man ihn nach Queens abschob. Aber da war er ja nicht allein betroffen.“

„Es wurde noch ein Lieutenant namens Sean McKenzie verdächtigt, Beweismittel manipuliert und Kleinkriminelle zu Spitzeldiensten erpresst zu haben“, sagte ich.

„Ja. McKenzie verrichtet heute in der Lower East Side seinen Dienst. Ich habe ihn neulich beim Schieß-Training getroffen. Er arbeitet jetzt im Innendienst. Und das, obwohl gegen keinen der beiden auch nur ein Prozess eröffnet worden ist!“

„Den Kollegen der Inneren Abteilung erschien es wohl besser, die beiden aus der Schusslinie zu nehmen.“

„Ja, so kann man das auch nennen!“, erwiderte er gallig.

„Die Innere Abteilung hatte bei Ihren Ermittlungen noch einen dritten Beamten im Visier“, stelle ich fest. „Sein Name war Lieutenant Tom Atkins.“

„Tom ist noch hier im Revier. Allerdings können Sie heute nicht mit ihm sprechen.“

„Warum nicht?“

„Er ist zu einer Fortbildung nach Quantico gefahren. Ihre Kollegen bringen da den Angehörigen von Drogenabteilungen im ganzen Land die Anwendung neuer Drogen-Schnelltests bei.“

„Dann ist er morgen wieder hier?“

„Er hat zwei Wochen Urlaub genommen. Ich glaube, der Tod von O’Rourke hat ihn sehr mitgenommen.“

„Die beiden standen sich nahe?“

„Ja, sie waren eng befreundet und arbeiteten im Dienst als Team zusammen, McKenzie, O’Rourke und Atkins. Und ich hatte selten ein so erfolgreiches Team in meiner Abteilung.“

„Sie haben dafür gesorgt, dass Ethan Benitez und die Führungsriege der ‚Matadores’ hinter Gitter kamen!“

Cassavetes machte einen etwas überraschten Eindruck. Sein Lächeln wirkte verkrampft. „Sie scheinen ja bereits gut informiert zu sein.“

„Ein Informant namens Harry Gonzales spielte dabei eine entscheidende Rolle.“

„Schon möglich!“, murmelte Cassavetes. „Worauf wollen Sie hinaus? Die Sache war sauber. Gonzales hat sich – im Gegensatz zu ein paar anderen, die sich erst bezahlen und nachher von Erpressung und Manipulation herumschwadronieren – nie an die Justiz gewandt.“

„Vielleicht, weil er gesehen hatte, dass die anderen Verfahren nicht einmal durch die Grand Jury gingen.“

„Verwundert es Sie, dass die Geschworenen, wenn sie auf der einen Seite die verworrene Aussage eines Junkies und Drogendealers haben, während auf der anderen Seite die Karriere eines Musterpolizisten auf dem Spiel steht, sich dafür entscheiden, letzterem zu glauben?“

„Ja, das könnte Gonzales auch gedacht haben.“

„Fangen Sie jetzt auch an, uns irgendetwas anzuhängen?“, fragte Cassavetes etwas ungehalten. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn.

„Ich frage mich, warum Sie sich angegriffen fühlen, es ging doch um O’Rourke – und nicht um Sie!“, erwiderte Milo.

„Und letztlich versuchen wir nur, die Sache aufzuklären, um seinen Mörder zu fassen. Daran sollte doch auch Ihnen gelegen sein – gleichgültig, was da vielleicht noch nachträglich über Ihren Musterpolizisten ans Tageslicht kommen mag“, ergänzte ich.

Cassavetes atmete tief durch.

„Wissen Sie, auf einem Revier wie diesem, können Sie nur zurechtkommen, wenn das Team zusammenhält“, sagte er dann.

„Ich hoffe, dass schließt nicht ein, Straftaten zu decken“, hielt ich ihm entgegen.

Er zögerte mit seiner Antwort und erklärte schließlich. „Sie können mir glauben, dass ich mindestens ebenso daran interessiert bin, O’Rourkes Mörder zu fassen wie Sie!“

„Kommen wir zu Harry Gonzales zurück. Hatten auch McKenzie und Atkins Kontakt zu ihm?“

„Soweit ich weiß, ja.“

„O’Rourke hat sich nachweislich nach seinem Ausscheiden aus diesem Revier noch mit Gonzales getroffen. Haben Sie dafür irgendeine Erklärung?“

Cassavetes runzelte die Stirn. „Nein, das wundert mich.“

„Weshalb?“

„Gonzales gilt sein ein paar Wochen als spurlos verschwunden. Glauben Sie, dass er was mit Brians Tod zu tun hat?“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden im Gefolge der Verhaftung von Ethan Benitez und seinen ‚Matadores’ umgebracht.“

„Die Morde konnten leider nicht aufgeklärt werden, sonst säße Ethans Bruder Langdon, der sich großspurig ‚El Rey’ – der König – nennen lässt, längst auf Rikers.“

„Aber wenn Gonzales für seine Dienste erpresst wurde, hätte er allen Grund, auch sauer auf O’Rourke zu sein.“

„Das ist allerdings wahr…“, murmelte Cassavetes nachdenklich.

„Warum ist Gonzales nicht ins Zeugenschutzprogramm gekommen?“, fragte jetzt Milo. „Eigentlich wäre das doch in seinem Fall üblich.“

Cassavetes vollführte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und sah erst Milo und dann mich einen Moment lang an. „O’Rourke meinte, er hätte ihm das angeboten, aber Gonzales wollte das nicht. Er würde der Polizei, der Staatsanwaltschaft und allen anderen, die mit dem Staat zu tun hätten, nicht trauen. Einem Puertoricaner würden die sowieso nicht helfen…“

„Und für dieses Gespräch gibt es keine Zeugen?“, fragte ich. „Oder waren Atkins und McKenzie dabei?“

„Es tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung.“

Ich holte ein paar zusammengefaltete Computerausdrucke aus der Innentasche meiner Jacke und reichte sie Cassavetes.

„Was ist das?“, fragte er, noch ehe er die Blätter auseinandergefaltet hatte.

„Die ausgedruckten Datenblätter jener Personen, auf deren Anzeige hin die Innere Abteilung ihre Ermittlungen eingeleitet hat. Vielleicht können Sie uns etwas dazu sagen. Schließlich sind alle wegen Drogendelikten vorbestraft und hatten verschiedentlich mit Beamten Ihrer Abteilung zu tun.“

Cassavetes warf einen Blick auf die Blätter. „Mickey Moreno war die treibende Kraft. Ein Kleindealer, der uns wiederholt ins Netz gegangen war. Ich erinnere mich genau an den Fall. O’Rourke und McKenzie haben ihn als Informanten angeworben, nachdem er mit einer kleinen Menge Crack verhaftet wurde. Später behauptete er, O’Rourke und McKenzie hätten ihm gedroht, sie könnten die Beweismittel so manipulieren, dass er für zwanzig Jahre in den Knast wandern würde. Nur deswegen habe er als Informant gedient!“

„Und die beiden anderen?“, fragte ich.

„Victor Beinhower und Benjamin Brown kamen erst aus ihren Löchern, als die Ermittlungen schon liefen. Zu einer Zeugenaussage vor der Grand Jury kam es nie.“

„Weshalb nicht?“

„Beinhower war plötzlich verschwunden und tauchte erst zwei Monate nach der Verhandlung wieder auf, als er nach einer Prügelei festgenommen wurde.“

„Könnte ihn jemand überzeugt haben, dass es besser für ihn wäre, nicht auszusagen?“, hakte ich nach.

„Das ist reine Spekulation, Agent Trevellian.“

„Aber möglich.“

Cassavetes zuckte die Schultern. „Vielleicht entsprach es auch einfach nicht der Wahrheit, was er behauptete und da hat er kalte Füße bekommen.“

„Und was ist mit Nummer drei?“

„Benjamin Brown? Der hat seine Aussage offiziell zurückgezogen. War eine ziemlich große Blamage für die Anklage vor der Grand Jury.“

„Wenn die Sache so eindeutig war, dann verstehe ich nicht, weshalb McKenzie und O’Rourke in andere Reviere versetzt wurden!“

Cassavetes lachte heiser auf. „Auf meinem Mist ist das nicht gewachsen, dass können Sie mir glauben. Das kam von ganz oben aus dem Rathaus. Man wollte wohl nicht den Anschein erwecken, dass wir die Augen zumachen, wenn einer von uns mal einen Fehltritt begeht.“

„Mal ganz ehrlich, Captain Cassavetes. Würden Sie denn die Augen in einem solchen Fall schließen?“, mischte sich jetzt Milo ein.

Cassavetes schluckte. Er stand von seinem Platz auf, ging zum Fenster, blickte kurz hinaus und kratzte sich am Kinn.

„Über allem steht immer noch das Gesetz“, sagte er schließlich. „Auch über einem Cop.“

„Es freut mich, dass Sie so denken, Captain“, erwiderte ich.

Er hob die Augenbrauen.

„War es das? Wir haben hier nämlich auf diesem Revier einen Job zu erledigen!“

Ich nickte. „Das war’s.“

Wir wandten uns zum Gehen. Kurz vor dem Ausgang von Cassavetes’ Büro fragte ich noch: „Hatte O’Rourke eigentlich eine Freundin?

„Nichts Festes. Jedenfalls nicht in den letzten zwei Jahren. Davor hatte er eine längere Beziehung und ich glaube, die beiden wollten auch heiraten. Ich glaube, der Job hat sie dann wohl auseinander gebracht. Es ist für eine Partnerin nicht unbedingt angenehm, mit einem Cop verheiratetet zu sein. Die Überstunden, die unregelmäßigen Arbeitszeiten, und die ständige Gefahr, dass man den geliebten Menschen nicht wieder sieht, weil irgendein Irrer ihm eine Kugel in den Kopf knallt…“

„Sagt Ihnen der Name Christine Vistano etwas?“

„Nein, tut mir leid, Agent Trevellian. Jedenfalls nicht aus dem Stegreif.“

„Sie hat behauptet, mit O’Rourke eine Beziehung geführt zu haben.“

„Fragen Sie Atkins und McKenzie. Die kannten Brian O’Rourke noch etwas besser als ich.“



13

Christine Vistano ging in Begleitung ihrs Anwaltes Mike Bandella die Stufen des Gerichtsgebäudes hinunter. Bandella war ein untersetzter Mann mit hoher Stirn und ziemlich beleibt. Sein Hals war so dick, dass er den obersten Hemdknopf stets offen und die Krawatte gelockert tragen musste. Aber vor Gericht pflegte Bandella äußerst überzeugend und sehr energisch aufzutreten.

„Eigentlich können Sie mit dem Verlauf zufrieden sein – und die Kaution bewegt sich doch in einem annehmbaren Bereich.“

„Wenn ich sie selbst bezahlen müsste, wäre ich ruiniert!“, erwiderte Christine.

Mike Bandella lächelte breit. „Jetzt übertreiben Sie aber, Christine! Ich soll Ihnen übrigens Grüße von Mister Vargas ausrichten.“

„Danke…“

Ein blauer Ford hielt vor dem Gerichtsgebäude. Zwei Männer stiegen aus. Einer von ihnen war flachsblond, der andere dunkelhaarig.

„Miss Christine Vistano?“

„Wer zum Teufel ist das denn?“, fragte Mike Bandella.

Die beiden Männer kamen auf Christine Vistano und ihren Anwalt zu.

„Clive Caravaggio, FBI“, sagte der Blonde und hielt seinen Ausweis sowohl Christine als auch Bandella entgegen.

„Sie wieder?“, schimpfte die junge Frau.

„Meinen Kollegen Medina kennen Sie bereits ebenfalls!“, sagte Clive.

„Das grenzt schon an Schikane, was Sie hier machen!“, ereiferte sich die junge Frau. „Erst nehmen Sie mich mit fragwürdiger Begründung fest, lassen mich eine Nacht in einer Ihrer Gewahrsamszellen schmoren und von penetranten Idioten verhören, ehe ich endlich vor einem Richter stehe, der mich freilässt – und jetzt tauchen Sie schon wieder auf! Soll das ganze Spiel vielleicht von vorne beginnen!“

„Beruhigen Sie sich, Miss Vistano. Den Grund dafür, dass Sie festgenommen wurden, kann Ihnen Ihr Anwalt erklären.“

„Ich bin Mike Bandella und möchte, dass Sie meine Mandantin bis zur Hauptverhandlung in Ruhe lassen. Sie hat alles, was es zur Sache zu sagen gibt, zu Protokoll gegeben. Im Übrigen tut es ihr ausdrücklich leid, Sie in irrtümlicher Notwehr attackiert zu haben, Agent Caravaggio, was ich hiermit im Auftrag meiner Mandantin vortragen möchte.“

„Wir möchten Miss Vistano ein paar Fragen stellen, die im Zuge neuer Ermittlungsergebnisse aufgetaucht sind.“

„Meine Mandantin braucht sich nicht selbst belasten und wird keine Aussage machen“, erklärte Mike Bandella.

„Ihre Mandantin behauptet, die Lebensgefährtin von Mister Brian O’Rourke gewesen zu sein, aber es scheint ihr ziemlich gleichgültig zu sein, was mit O’Rourke geschehen ist.“

„Ich beantworte Ihre Fragen, wenn Sie mich dann in Ruhe lassen!“, entschied Christine Vistano.

„Ich habe Ihnen davon abgeraten!“, stellte Bandella noch einmal klar. „Aber Sie müssen ja wissen, was Sie tun.“

„Der 22er Revolver, den wir Ihnen abgenommen haben, wurde bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet - genau wie die Waffe, mit der O’Rourke ermordet wurde.“

„Worauf wollen Sie hinaus? Dass meine Mandantin etwas mit dem Tod an O’Rourke zu tun hat? Es handelt sich um unterschiedliche Waffen, wenn ich das richtig verstanden habe und mir ist schleierhaft, wie Sie da einen Zusammenhang konstruieren können, Agent Caravaggio!“

„Zwei Waffen mit einer Gemeinsamkeit. Da glaube ich nicht an einen Zufall, Miss Vistano. Sie waren als Callgirl tätig und sind mehrfach deswegen vom Gericht verurteilt worden.“

„Das tut nichts zur Sache“, behauptete Bandella.

„Das tut sehr wohl etwas zur Sache“, widersprach Clive. „Es wäre nämlich denkbar, dass die Beziehung zwischen Ihrer Mandantin und O’Rourke keineswegs eine reine Liebesbeziehung war, sondern Miss Vistano auf O’Rourke angesetzt wurde.“

„Wer sollte so etwas tun? Und aus welchem Grund?“, ergriff nun Christine Vistano das Wort und verzog ihren Mund zu einem geschäftsmäßigen, kalten Lächeln. „Das ist doch alles vollkommen absurd, Agent Caravaggio. Ich habe einen Mann verloren, bei dem ich gerade geglaubt habe, die Liebe meines Lebens zu finden und Sie behandeln mich wie einen potentiellen Täter. Dabei bin ich ein Opfer.“ Sie schluckte. Ihr Gesicht wurde dunkelrot. Sie bedeckte kurz die Augen mit der Hand und fasste sich im nächsten Moment wieder.

„Wenn das der Wahrheit entspricht, dann gibt es doch keinen Grund, uns nicht zu sagen, von wem Sie die Waffe haben.“

Sie schluckte.

„Diese Waffen werden unter der Hand verkauft. Sie wissen doch, wie das ist.“

„Sagen Sie keinen Ton mehr, die wollen Sie nur herein legen!“, mischte sich Bandella ein. „Die haben nichts gegen Sie in der Hand!“

„Illegaler Waffenbesitz ist keine Kleinigkeit“, sagte Clive. „Wenn Sie uns weiterhelfen, dann wird sich das sicher günstig auswirken und Ihnen vielleicht eine Bewährung einbringen. Trotz Ihrer Vorstrafen!“

„Ich kann Ihnen dazu nichts sagen“, erklärte sie.

„Meine Mandantin hat alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt!“, fügte Bandella hinzu. Er hakte sich bei ihr unter und führte sie davon.

Clive atmete tief durch. Er wandte den Kopf in Orrys Richtung, der nur mit den Schultern zuckte.

„Einen Versuch war es wert“, meinte unser indianischer Kollege.

„Christine Vistano muss die Waffe von jemandem aus dem Umkreis von Benny Vargas bekommen haben. Jemandem, der irgendetwas mit der Schießerei damals zu tun hatte.“

„Ach, Clive, du weißt, über viele Ecken diese illegalen Schießeisen oft verkauft werden!“

„Es lohnt sich vielleicht trotzdem, in Vargas Umgebung herumzustochern.“



14

Wir riefen auf dem Revier in der Lower East Side an, in das Sean McKenzie strafversetzt worden war, um mit ihm einen Gesprächtermin zu vereinbaren. Wir verabredeten uns für fünf Uhr in einem Coffee Shop an der Suffolk Street.

„Vorher kann ich leider nicht. Hier geht es mal wieder drunter und drüber!“, meinte er.

„In Ordnung. Wir werden pünktlich sein, Lieutenant McKenzie“, versprach ich und unterbrach die Verbindung.

„Große Worte, Jesse!“, lautete Milos Kommentar.

„Wieso?“

„Um die Zeit ist Rush Hour, da ist es fast unmöglich pünktlich zu sein, zumal wir einmal von Nord nach Süd durch den Big Apple fahren müssen!“

„Alles eine Frage der Planung, Milo. Wir fahren einfach früh genug los, dann stellt sich das Problem nicht. Außerdem wollte ich in erster Linie sicherstellen, dass er pünktlich ist.“

Ich sah auf die Uhr. „Wir könnten unterwegs Ray Barros einen Besuch abstatten. Seine Bewährung läuft noch und deswegen haben wir auch eine aktuelle Adresse von ihm in Yorkville.“

„Barros war damals der einzige Verdächtige bei der Schießerei im ‚Abraxas’. Soll er uns mal erklären, wie zwei Waffen, die damals eingesetzt wurden, plötzlich wieder in Gebrauch sind!“

„Falls er bereit ist, uns darauf eine Antwort zu geben.“



15

Wir erreichten das Ende der East 85th Street, wo Ray Barros eine Traumetage mit Ausblick auf den Carl Schurz Park und den East River bewohnte.

„Barros’ Geschäfte scheinen nicht schlecht zu gehen“, meinte Milo. „Aber vom Türsteher zur rechten Hand von Benny Vargas, das ist ja auch eine steile Karriere.“

„Letzteres müssen wir ihm erst einmal nachweisen“, meinte ich.

„Das letzte Mal, dass ihm jemand was nachweisen konnte war, als er vor zwei Jahren wegen Körperverletzung angezeigt und verurteilt wurde.“

„Es wundert mich, dass er noch Bewährung bekommen hat!“

„Mit einem guten Anwalt. Wer hier wohnt, kann sich auch eine gute Verteidigung leisten.“

Ich hatte die dazu vorliegenden Unterlagen nur kurz überflogen. Offenbar war Barros vor zwei Jahren im Kampf um einen Parkplatz ausgerastet und hatte den Fahrer eines Lieferwagens aus dem Wagen gezerrt und verprügelt.

Die Bewährung endete in vier Wochen und seit seiner Verurteilung hatte er sein cholerisches Temperament offenbar besser unter Kontrolle gehabt.

Das Gebäude, in dem Barros residierte, hatte zwanzig Stockwerke. Der Sicherheitsstandard war hoch. Es gab überall Kameras und in der Eingangshalle musste man sich bei den Angehörigen eines privaten Sicherheitsdienstes anmelden, wenn man jemanden besuchen wollte.

Wir wandten uns an den diensthabenden Security Guard, der hinter einem Würfel aus Panzerglas seinen Platz hatte und zeigten ihm unsere Ausweise.

„Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Wir möchten mit Mister Ray Barros sprechen.“

„Einen Augenblick.“

Der Security Guard fragte über eine Sprechanlage bei Barros an. Die Antwort konnten wir nicht verstehen, da der Security Guard sie über einen Ohrhörer empfing.

Es folgte ein kleiner Wortwechsel.

„Ich verstehe“, sagte der Uniformierte schließlich und wandte sich anschließend an uns: „Es tut mir leid, Mister Barros ist nicht zu Hause. Wenn Sie weitergehende Befugnisse haben, stehen wir Ihnen gerne mit einem elektronischen Generalschlüssel zur Verfügung.“

„Mit weitergehenden Befugnissen meinen Sie wohl einen Durchsuchungsbefehl“, schloss ich.

„Zum Beispiel.“

„Nein, den haben wir leider nicht“, sagte ich.

„Mit wem haben Sie denn gerade gesprochen?“, fragte Milo.

„Mit Mister Barros’…“ Der Mann zögerte und schien nach dem passenden Begriff zu suchen. „…Dauerbesuch“, brachte er schließlich hervor.

„Eine Frau?“

„Ja, Mister Barros hat ihr einen eigenen elektronischen Schlüssel für seine Wohnung anfertigen lassen und sie kann hier ein- und ausgehen, als ob Sie eine Hausbewohnerin wäre.“

Ich zog ein Foto von Christine Vistano aus der Jackentasche und zeigte es meinem Gegenüber. „Ist sie das?“

„Das Gesicht stimmt. Sie ist übrigens gerade erst eingetroffen und in ihre Etage gefahren. So ungefähr vor zehn bis zwanzig Minuten. Warten Sie, ich schau mal nach, wie sie heißt…“

„Wir kennen sie als Christine Vistano“, sagte ich. „Und wir möchten jetzt mindestens ebenso gerne mit ihr sprechen wie mit Mister Barros.“

„Soll ich Miss Vistano noch mal anrufen?“

„Nein, wir gehen hinauf. Ich bin überzeugt davon, dass sie uns öffnen wird!“, erwiderte ich.



16

Wir nahmen den Aufzug und fuhren in den sechzehnten Stock, wo sich Ray Barros’ Traumetage befand.

An der Tür klingelten wir.

Surrend suchte uns ein Kameraauge.

Eine Frauenstimme meldete sich an der Sprechanlage.

„Ja, bitte?“

„Jesse Trevellian, FBI - Miss Christine Vistano? Wir möchten mit Ihnen sprechen und wissen, dass Sie hier sind! Also machen Sie auf!“

Es machte klick in der Leitung.

Einige Augenblicke lang standen wir ziemlich dumm da. In wie fern es für uns überhaupt eine rechtliche Handhabe gab, in die Wohnung zu gelangen, wollten wir im Moment beide nicht erörtern. Schließlich meldete sich Miss Vistano noch einmal und verlangte von uns, die Ausweise so in die Kamera zu halten, dass sie diese sehen könnte.

Das taten wir.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet.

„Ich hatte bereits mit Ihren Kollegen Caravaggio und Medina zu tun. Vielleicht haben Sie beide ja bessere Manieren.“

Ich lächelte. „Ehrlich gesagt hat daran noch kaum jemand etwas auszusetzen gehabt“, erwiderte ich. „Dürfen wir hereinkommen? Es wird sicher nicht lange dauern.“

Sie atmete tief durch. Dann machte sie eine Handbewegung. „Kommen Sie! Lasse Sie die Tür einfach ins Schloss fallen. Hier geht alles vollautomatisch.“

Sie führte uns in ein sehr großes Wohnzimmer. Die Aussicht auf den Carl Schurz Park und den Hudson war phantastisch. Man konnte bis hinüber nach Queens blicken.

„Schon eigenartig, dass wir Sie hier antreffen“, sagte ich. „Wir wollten uns eigentlich mit Mister Barros unterhalten.“

„Ray ist im Moment geschäftlich unterwegs. Genaueres kann ich Ihnen nicht sagen. Sie müssen sich also gedulden.“

„Haben Sie den 22er Revolver, den Ihnen meine Kollegen in O’Rourkes Wohnung abgenommen haben, von Barros?“

Sie sah mich verdutzt an. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Ist doch ziemlich naheliegend. Die 45er mit der O’Rourke umgebracht wurde und Ihr 22er wurden beide während einer nie wirklich geklärten Schießerei im Club ‚Abraxas’ benutzt, wie unsere Ballistiker herausgefunden haben.“

„Ihre Kollegen haben mir das mindestens schon zehn Mal unter die Nase gehalten, aber ich habe weder mit der Schießerei etwas zu tun, noch weiß ich überhaupt, worum es da ging!“

„Aber Sie kennen die einzige Person, die damals angezeigt wurde ziemlich gut: Ray Barros! Ich kann da ehrlich gesagt nicht an einen Zufall glauben, Miss Vistano. Und jetzt heraus mit der Sprache, woher kam die Waffe?“

„Ich möchte, dass mein Anwalt dabei ist“, sagte sie schließlich nach einer etwas längeren Pause.

„Das können Sie haben. Ich schlage vor, wir fahren zur Federal Plaza.“

„Wollen Sie das ganze Theater wirklich von vorne beginnen?“, fragte sie. „Morgen bin ich erneut auf Kaution draußen und Sie haben nicht das Geringste in der Hand gegen mich oder Ray.“

„Packen Sie einfach aus, dass ist auch für Sie das Beste“, sagte ich.

„Ihr Kollege Caravaggio hat in dieser Hinsicht schon bei mir auf Granit gebissen.“

„Ich zähle jetzt einfach mal zwei und zwei zusammen. Mister Barros werden Verbindungen zum Drogenhandel nachgesagt.“

„Mister Barros ist ein Geschäftsmann, Agent Trevellian!“

„Barros hat Sie auf O’Rourke angesetzt. Warum? Sollten Sie irgendwelches Beweismaterial verschwinden lassen, als Sie in O’Rourkes Wohnung aufgegriffen wurden? O’Rourke soll Kriminelle erpresst haben. Vielleicht hatte er auch etwas gegen Barros in der Hand.“

„Das ist Unsinn!“

„Dann kam es zum Streit und er hat seine Erpresser aus dem geräumt – oder räumen lassen!“

„Agent Trevellian, das sind nur haltlose Verdächtigungen! Sie haben noch nicht einmal einen Durchsuchungsbefehl!“

„Aber den bekommen wir, nachdem wir Sie hier angetroffen haben“, mischte sich Milo ein. „Ich werde mal mit dem Field Office telefonieren.“

„Warten Sie!“, rief Christine. Sie atmete tief durch und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Ich werde Ihnen einiges erklären“, versprach Sie. „Aber wenn Ray zurückkommt und hier alles von Ihren Leuten durchwühlt wurde, bekomme ich großen Ärger!“

„Dann reden Sie!“

„Ich weiß, dass Sie das mir jetzt nicht glauben werden, aber meine Beziehung zu Brian O’Rourke war tatsächlich eine Liebesbeziehung. Wir haben uns in einer Bar kennen gelernt und es hat gleich gefunkt. Für ein paar Monate waren wir ein Herz und eine Seele. Brian war ziemlich niedergeschlagen, als man gegen ihn wegen Erpressung von Informanten und dergleichen ermittelte und er schließlich sogar das Revier wechseln musste. Er war von ganzer Seele Polizist! Dass wir Streit miteinander hatten, habe ich Ihnen ja gesagt. Wir trennten uns. Ich behielt aber noch einen Haustürschlüssel. Irgendwie schob ich es immer wieder vor mir her. Es waren auch noch ein paar private Sachen bei ihm in der Wohnung, die ich eigentlich hätte abholen müssen, aber ich scheute mich, diesen endgültigen Schlussstrich zu ziehen.“

„Und dann sind Sie gleich zu Ray Barros übergelaufen? Erzählen Sie uns keinen Mist. Wir können den Security Service hier im Haus dazu befragen, seit wann Sie eine Chip Card für die Wohnung von Mister Barros besitzen.“

Sie schwieg einige Augenblicke lang.

„Was wollen Sie mir eigentlich vorwerfen? Ich habe diese Chip Card vor zwei Wochen bekommen. Da können Sie gerne den Security Service befragen.“

„Das werden wir!“, versprach ich. „Verlassen Sie sich darauf!“



17

Die Wohnungsdurchsuchung bei Ray Barros wurde richterlich genehmigt. Der Verdacht, dass sich die Tatwaffe vielleicht in Ray Barros Wohnung befand, erschien schwerwiegend genug, um eine derartige Maßnahme durchzuführen. Die Kollegen Josy O'Leary und Fred LaRocca trafen etwas später in Barros’ Wohnung ein und reichten den schriftlichen Befehl nach. Außerdem halfen sie uns dabei, Barros’ Traumetage auf den Kopf zu stellen.

Christine Vistano bestand darauf, ihren Anwalt anzurufen.

Als wir beinahe fertig waren erschien Mike Bandella zusammen mit Ray Barros, der von Bandella wohl inzwischen verständigt worden war.

Barros – ein großer, breitschultriger Mann mit Kinnbart und dunklem Teint – war tiefrot angelaufen. Es war ihm anzusehen, wie sehr er sich beherrschen musste, um nicht seinen Gefühlen mit den Fäusten freiren Lauf zu lassen.

„Mein Mandant wird gar nichts zur Sache sagen und protestiert gegen die Durchsuchung!“, sagte Bandella.

Schließlich waren wir fertig. Jeden Winkel der Wohnung hatten wir durchsucht. Selbst Wände waren abgeklopft und auf Hohlräume untersucht worden. Aber wir hatten nichts gefunden.

Barros Stimmung wurde im Lauf der Zeit etwas entspannter.

McKenzie rief mich zwischenzeitlich auf dem Handy an.

„Agent Trevellian?“

„Am Apparat.

„Hier McKenzie. Ich kann den Termin in Billy’s Coffee Shop an der Suffolk Street nicht wahrnehmen. Tut mir Leid.“

„Hören Sie, Mister McKenzie, das ist kein Spaß, was wir da machen. Wir versuchen den Mord an Ihrem Kollegen aufzuklären und sind dabei dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen.“

„Ich weiß und ich bin ja auch völlig auf Ihrer Seite, Agent Trevellian.“

„Dann verstehe ich nicht, wie…“

„Ein dringender privater Termin, der sich nicht aufschieben lässt. Wir treffen uns morgen früh im gleichen Coffee Shop. Sagen wir gegen zehn. Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen. Wir haben also Zeit genug.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

„Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser McKenzie gar nicht so einen großen Wert darauf legt, sich mit uns zu unterhalten!“, lautete Milos Kommentar, der zumindest meinen Anteil am Gespräch mit angehört hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. „Die paar Stunden bis morgen früh machen den Kohl auch nicht fett.“

In der Zwischenzeit besprach sich Bandella mit Ray Barros.

Dann kam Bandella schließlich auf uns zu und erklärte: „Mister Barros will eine Aussage machen.“

„Sind Sie jetzt der Anwalt von Mister Barros oder der von Miss Vistano?“, fragte ich. „Das müssen Sie schon entscheiden, schließlich ist ja ein Interessengegensatz zwischen beiden durchaus möglich.“

„Jetzt lassen wir mal die Bürokratie bei Seite und reden Klartext“, sagte Barros, dessen Verfassung jetzt fast schon entspannt war. Ich fragte mich, was diesen Wechsel verursacht hatte. „Ich habe wegen einer dummen Unbeherrschtheit eine Bewährung laufen und bin nicht in irgendwelchem Ärger interessiert.“

„Das kann ich gut verstehen“, gab ich zurück.

„Also werde ich offen sagen, was los ist.“

„Bitte, reden Sie!“

„Mit der Schießerei im ‚Abraxas’ habe ich nichts zu tun. Das ist auch gerichtlich geklärt worden. Sie haben meine Wohnung nach einer Waffe durchsucht, mit der ein Polizist getötet worden sein soll. Da Sie nichts gefunden haben, sollte dieses Kapitel auch erledigt sein.“ Er öffnete sein Jackett und spreizte es. „Durchsuchen Sie bitte auch mich und meinen Wagen, damit die Sache endlich aus der Welt ist. Ich bitte darum!“

Fred LaRocca tastete ihn ab. Er hatte keine Waffe bei sich. Außerdem gab Barros meinem Kollegen den Wagenschlüssel. „Es ist ein Porsche - Platz 333 im Parkdeck C. Sie kommen mit dem Aufzug hin!“ Er grinste. „Hat mich tausend Dollar gekostet, mir die Nummer reservieren zu lassen!“

Fred machte sich also auf den Weg. Niemand von uns nahm an, dass er etwas finden würde – so wie uns Barros die Durchsuchung aufdrängte.

Er streckte uns seine Hände entgegen.

„Wenn Sie ganz sicher sein wollen, dann sollten Sie meine Hände noch auf Schmauchspuren untersuchen. Soweit ich weiß, lässt sich unter Umständen noch Tage später feststellen, ob jemand eine Waffe benutzt hat. Also bitte! Oder führen Sie solche Untersuchungen immer nur dann durch, wenn es den Betreffenden belasten könnte?“

„Wir kommen auf Ihr Angebot gerne zurück“, sagte Milo.

„Fein. Wenn Sie damit fertig sind, können Sie mich von der Liste Ihrer Verdächtigen streichen. Dieser O’Rourke war ein Cop und der Ex-Lover von Christine – beides Eigenschaften, die ihn in meinen Augen nicht gerade sympathisch machten, aber das ist noch kein Grund für mich, ihn umzubringen.“

„Es bleibt noch die Waffe von Miss Vistano“, stellte ich fest.

„Richtig. Und ich sehe ein, dass ich jetzt nicht länger schweigen kann. Miss Vistano wollte mich nicht belasten, darum hat sie geschwiegen.“

„Worüber geschwiegen?“

Barros atmete tief durch und fuhr sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. „Sie fühlte sich nicht sicher. Man hört so viel von steigender Kriminalität und dergleichen da wollte sie vorbereitet sein und hat mich gefragt, ob ich ihr eine Waffe besorgen könnte. Das habe ich natürlich von mir gewiesen. Ich selbst besitze keine Waffe und brauche so etwas auch nicht. Als Träger des schwarzen Gürtels in Karate kann ich mich jederzeit meiner Haut wehren. Aber ich gebe zu, dass ich Christine die Nummer von Kenneth Jakobs gegeben habe. Kenneth handelt mit Waffen aller Art. Ich kenne ihn aus meiner Zeit als Türsteher. Einige der Gangs in der South Bronx sollen gute Kunden bei ihm sein.“

„Wie soll der Handel denn abgelaufen sein.“

„Damit habe ich nichts mehr zu tun. Ich nehme an, dass Kenneth so wie üblich vorging. Er bestellt den Kunden in eine Bar oder einen Club oder an irgendeinen anderen Ort. Da findet dann die Übergabe statt. Man bezahlt und geht mit einer Waffe davon.“

„Wo finden wir diesen Kenneth Jakobs?“, fragte Milo.

„Ich habe nur seine Nummer.“

„Da meldet sich lediglich eine Mail Box“, erläuterte Christine Vistano. „Er meldet sich dann bei einem.“

„Oder auch nicht“, grinste Barros. „Der ist ziemlich wählerisch was seine Kundschaft angeht.“

„Wir werden das überprüfen“, kündigte ich an. „Kennen Sie eigentlich einen Mann namens Harry Dominguez?“

Er zögerte mit der Antwort.

„Nie gehört!“, behauptete er.



18

Anderthalb Stunden später saßen wir im Besprechungszimmer von Mr McKee und hielten Manöverkritik.

„Barros dürfte aus der Liste der Verdächtigen zu streichen sein“, glaubte unser Chef.

„Ich glaube ihm nicht ein einziges Wort – allerdings könnte er von jetzt an wahrscheinlich eine Sammlung von Maschinengewehren anlegen und es würde sich kein Richter mehr finden, der einen Durchsuchungsbefehl unterschreibt!“

„Bewerten Sie die Aktion nicht als Fehlschlag“, erwiderte Mr McKee. „Wir wissen jetzt, dass Barros offenbar nicht im Besitz der Tatwaffe ist. Und was seine Erklärung für die Herkunft von Christine Vistanos Waffe angeht, werden wir diesen Jakobs finden müssen, um sie zu überprüfen.“

Es klopfte an der Tür.

Max Carter kam herein.

„Ich habe über Jakobs zusammengetragen, was sich auf die Schnelle finden ließ“, erklärte er. „Kenneth Jakobs, 42 Jahre alt, wurde seinerzeit im Zusammenhang mit der Schießerei im Club ‚El Abraxas’ nur als Zeuge vernommen. Er gilt als ein Mann von Benny Vargas. Bisher ist er nur wegen Drogenhandels, Körperverletzung und dergleichen verurteilt worden. Dass er mit Waffen dealt ist neu.“

„Adresse?“, fragte Mr McKee.

„443 Beckinridge Road, South Bronx. Die Angabe ist drei Jahre alt. Seitdem hat er sich nicht mehr erwischen lassen. Ich habe versucht, den zur Adresse gehörenden Festnetzanschluss anzurufen, aber da meldet sich nur eine Frauenstimme, die ausschließlich Spanisch sprach.“

„Wir könnten Jakobs’ Bild mal herumzeigen, wenn wir den Club ‚El Abraxas’ besuchen!“, schlug Milo vor.

„Es gibt übrigens noch ein paar Neuigkeiten zu O’Rourke“, erklärte Max Carter. „Bei der Hausdurchsuchung wurden seine Kontoauszüge sichergestellt, die keinerlei Auffälligkeiten verrieten. Aber laut Auskunft seiner Bank besaß er ein Guthaben auf den Cayman Islands von mehreren Millionen Dollar. Dazu gehört auch eine auf seinen Namen eingetragene Immobilie.“

„Soll das bedeuten, dass sich O’Rourke darauf vorbereitet hat, auf die Cayman Islands überzusiedeln und dort einen sonnigen Lebensabend zu verbringen?“, fragte Clive.

„Ja, wobei natürlich die Frage ist, wann das geplant war“, nickte Max. „Es sind bis kurz vor seinem Tod regelmäßig Bar-Überweisungen dorthin gemacht worden. Immer nur Beträge, die nicht gemeldet werden müssen – aber dafür regelmäßig.“

„Das könnte bedeuten, dass er sein Erpresser-Geschäft weiter betrieben hat“, vermutete ich.

„Dafür spricht auch die Auswertung der Anruflisten seines Apparates auf dem Revier in Queens“, ergänzte Max. „Er hatte intensiven Telefonkontakt zu mehreren Prepaid-Handys, die sich nicht weiterverfolgen lassen. Außerdem sprach er häufig mit seinen Kollegen McKenzie und Atkins. Mit ihnen hielt eroffenbar auch über die Versetzung hinaus regen Kontakt. Zu letzt übrigens in der Mordnacht.“

„Mit beiden?“, wunderte ich mich.

„Ja. Kurz bevor er das Revier verließ, wurde er vom Anschluss einer gewissen Donata Rivelli Gonzales aus Spanish Harlem angerufen.“

„Eine Verwandte von Harry Gonzales?“, fragte Mr McKee.

Max zuckte mit den Schultern. „Sie ist in unseren Dateien nicht als eine seiner Angehörigen aufgelistet und der Name Gonzales kommt nun wirklich sehr häufig vor.“

„Bevor wir uns heute Abend im Club ‚El Abraxas’ umsehen, könnten wir das doch abklären“, schlug ich vor. „Liegt doch ohnehin auf dem Weg.“

„Wenn Sie und Milo das übernehmen wollen – gerne“, sagte Mr McKee.



19

„Der letzte Fleck auf Barros Weste ist der Ausraster auf dem Parkplatz vor drei Jahren. Ansonsten ist da leider nichts, Milo! Und gleichzeitig gilt er als einer der Aufsteiger in Vargas’ Organisation! Wie kann das sein?“

„Wäre doch nicht das erste Mal, dass jemand, der innerhalb des organisierten Verbrechens aufsteigt, sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig macht, Jesse!“

„Und das im wahrsten Sinn des Worts, denn der Schmauchspurentest war ja negativ…“

„Er könnte natürlich die Waffe irgendwo anders als in seiner Wohnung deponiert und Latexhandschuhe beim Schuss getragen haben – aber das ist doch alles recht weit hergeholt, Jesse, Ray Barros mag ein Gangster sein, aber ich glaube mit dem Mord an O’Rourke hat er nichts zu tun.“

„Das einzige, was ihn im Moment noch mit dem Fall in Verbindung bringt ist Christin Vistano und die Herkunft ihrer Waffe. Die Rolle, die diese Lady in dem Fall spielt, durchschaue ich ehrlich gesagt noch nicht so recht.“

„Vielleicht sehen wir klarer, wenn wir den Mann auftreiben, der ihr nach Barros’ Aussage die Waffe verkauft hat.“

„Dann sehen wir auch, wie glaubwürdig Ray Barros ist!“, meinte ich.

Milo zuckte mit den Schultern. „Nicht unbedingt! Dieser Kenneth Jakobs wird doch alles abstreiten und es wird schwer sein, ihm irgendetwas zu beweisen.“

„Konzentrieren wir uns auf Gonzales.“



20

Wir erreichten die im sechsten Stock eines Brownstone-Hauses gelegene Mietwohnung von Donata Rivelli Gonzales.

Eine Frau in den Dreißigern öffnete uns. Zwei Jungs im Alter von sieben oder acht Jahren tobten auf dem Flur herum. Die Mittdreißigerin rief ihnen etwa auf Spanisch zu, woraufhin sie uns zunächst scheu ansahen und anschließend in einem Nebenraum verschwanden.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker?

„FBI? Madre de Dios! Ich habe nichts verbrochen! Was wollen Sie hier? Meine Jungs sind noch Kinder und…“

„Einen Moment, wir sind nicht hier, um Sie zu beschuldigen“, versicherte ich ihr. „Wir wollen nur unsere Fragen stellen und etwas abklären. Vielleicht können Sie uns dabei helfen.“

Sie musterte uns misstrauisch. „Helfen?“, fragte sie. „Wie sollte ich ihnen helfen?“

„Dürfen wir hereinkommen?“

„Kann ich mir Ihre Ausweise noch einmal ansehen?“

„Bitte!“

Ich gab ihr meine ID-Card. Sie betrachtete sie eingehend und gab sie mir anschließend zurück. „In Ordnung, kommen Sie ins Wohnzimmer. Aber beklagen Sie sich nicht darüber, dass hier nicht aufgeräumt ist! Das sind die Jungs gewesen!“

Wir folgten ihr ins Wohnzimmer. Abgesehen von ein paar Spielsachen, die auf dem Boden lagen, herrschte keineswegs Chaos. Die beiden Jungs spielten dort mit Autos und Action-Puppen.

„Hola Señor! Que tal?“, sprach mich einer der beiden an. „Eres un hombre de la policia?“

„Policia“, bestätigte ich.

„Es sind nicht meine Jungs, sondern die Söhne meiner Kusine Isabella, die gerade aus Puerto Rico hier angekommen ist. Die Jungs sprechen deshalb auch nur Spanisch, aber das wird sich rasch ändern sobald sie in der Schule. Solange Isabella einen Job sucht, lässt sie die Kinder bei mir. Ich habe mir extra Urlaub genommen.“

„Sie haben viel Familiensinn.“

„Man muss sich gegenseitig unterstützen – gerade wenn jemand neu in diese Stadt kommt. Für mich war es damals auch nicht einfach. Aber mein Großcousin Harry hat auf mich aufgepasst.“

„Harry Gonzales?“

„Si. Seine Großeltern waren schon hier in New York und seine Eltern haben ihm bei der Geburt einen Namen gegeben, der besser hier her passt.“

Ich holte ein Foto von Harry Gonzales hervor, um mich zu vergewissern, schließlich gab es allein New York vermutlich mehrere hundert Personen mit genau dieser Namenskombination. „Wir sprechen von diesem Mann hier, ja?“

Sie sah sich das Foto an, bei dem erkennbar war, dass es bei einer Verhaftung aufgenommen worden war. Ihr Blick wurde ernst.

„Tía Donata! Quiero beber!“, quengelte einer der Jungs.

„Du kannst gleich was trinken“, murmelte Donata Rivelli Gonzales und dabei bemerkte sie nicht einmal, dass sie Englisch sprach und der Junge sie gar nicht verstehen konnte. Sie ließ sich in einen der Wohnzimmersessel fallen.

Ihr Gesicht wirke kreideweiß.

„Was hat er getan? Warum wurde er verhaftet?“

„Das Bild ist schon älter und er wurde damals wegen eines Drogendelikts festgenommen. Im Augenblick suchen wir ihn als Zeugen in einem Mordfall.“

„Mord? Was hat Harry damit zu tun?“

„Ich sagte, wir suchen ihn als Zeugen, um mit ihm zu sprechen“, wiederholte ich, als ich merkte, dass meine Gesprächspartnerin mich offenbar missverstanden hatte.

Sie schluckte.

„Am zwölften dieses Monats um halb drei Uhr in der Nacht hat jemand von Ihrem Telefon aus in einem NYPD-Revier in Queens angerufen. War Harry zu dieser Zeit hier bei Ihnen?“

„Ja. Ich habe aber von dem Anruf nichts bemerkt. Warum er ausgerechnet mitten in der Nacht die Polizei verständigt hat, weiß ich nicht.“

„Wir nehmen an, dass er sich mit Lieutenant Brian O’Rourke treffen wollte.“

„Harry war für ein paar Tage hier. Ein paar üble Typen sind hinter ihm her. Aber es ist besser, wenn ich nicht darüber rede…“

„Sie sollten darüber reden!“, forderte ich.

Sie zögerte.

„Harry war also hier“, wiederholte Milo. „Wissen Sie, ob er nach dem Anruf das Haus verlassen hat?“

„Ich habe geschlafen und nichts mitbekommen. Aber als er am Morgen hier auftauchte, wusste ich, dass er nachts unterwegs gewesen war.“ Sie seufzte. „Madre de Dios y Jesús Christo! So oft habe ich ihm gesagt, er soll sich an die Polizei wenden. Das hat er dann ja wohl getan.“

„Der Kollege wurde am vermutlichen Treffpunkt erschossen“, stellte ich klar. „Und jetzt sagen Sie uns bitte, weshalb Harry die Polizei verständigen sollte!“

„Wegen den ‚Matadores’. Das war seine Gang. Es ging um Drogen und üble Geschäfte, drüben in der Bronx. Harry ist dort aufgewachsen und schon früh auf die schiefe Bahn gekommen.“ Sie blickte auf. „Diese Bastardos denken, dass Harry sie verraten hat! Dabei hat er Ehre und würde so etwas nie tun! Deswegen haben sie Harrys Mutter, seinen Vater und seine Schwester erschossen! Und ihn werden sie sich auch irgendwann holen, haben sie ihm angekündigt. Wenn er genug gelitten hätte…“

Nicht einmal Donata gegenüber, die ihm Unterschlupf gewährte, hatte Harry Dominguez offenbar zugegeben, dass er ein Polizeispitzel gewesen war!

Ich verzichtete darauf, es zu erwähnen. Schließlich war nicht abschätzbar, an wen Donata die Informationen – auch unbeabsichtigt – weiter gab – und das konnte für Harry Dominguez schließlich lebensgefährlich werden.

„Wissen Sie, wo Harry jetzt ist?“, fragte ich.

„Nein. Keine Ahnung. Seitdem die ‚Matadores’ ihn bedrohen, schläft er alle paar Tage irgendwo anders. Ich sagte ihm, die Polizei würde ihm helfen. Aber das wollte er nicht glauben.“

„Hat er irgendwann mal die Namen O’Rourke oder McKenzie erwähnt?“

„Nein. Aber er sagte einmal, dass er die Sache vielleicht bald bereinigen und seine Ehre bei den ‚Matadores’ zurückgewinnen könnte.“

„Was hat er damit gemeint?“

„Das habe ich ihn auch gefragt, aber darauf hat er mir nicht geantwortet.“



21

„Gonzales will seine Ehre bei den ‚Matadores’ zurückgewinnen?“, fragte Milo völlig fassungslos, als wir im Sportwagen saßen und auf dem Weg zum Club ‚El Abraxas’ in der Bronx waren. „Das ist doch nicht zu glauben! Wenn er wirklich denkt, dass diese Leute seine Familie ermordet haben, dann…“

„Vielleicht will er einfach nur überleben und nicht auf Dauer ein Gejagter sein“, unterbrach ich Milo.

„Was soll das heißen? Er bringt O’Rourke um und wäscht sich damit rein?“

„Keine Ahnung. Wir wissen noch zu wenig, Milo. Das Einzige, was jetzt wohl feststeht ist, dass Gonzales kurz vor Brian O’Rourkes Dienstschluss noch mit ihm telefoniert hat. Ob sie sich dabei an der Pier vor Fredo’s Fish Bar verabredet haben, ist schon Spekulation.“

„Trotzdem habe ich das Gefühl, dieser Gonzales ist die Schlüsselfigur in dem ganzen Fall.“

„Wenn wir morgen mit Lieutenant McKenzie sprechen, wissen wir vielleicht besser Bescheid.“

Milo lachte heiser. „Glaubst du, der hält diesmal seinen Termin ein? Ich wette, der will gar nicht mit uns sprechen und das Ganze war eine Ausrede!“

„Er ist selber Cop und weiß, dass er sich letztlich nicht vor einer Vernehmung drücken kann“, widersprach ich.

„Du glaubst auch noch an das Gute im Menschen, Jesse!“

„Du nicht?“

„Sicher. Sonst könnte ich diesen Job nicht machen. Aber, ob ich an das Gute in Lieutenant McKenzie und seinen Kollegen O’Rourke und Atkins glauben soll, weiß ich noch nicht so recht!“



22

„Wie lange wirst du bleiben, Harry?“

„Nur ein paar Tage, Eddie! Bis sich der Ärger gelegt hat, in den ich hineingeraten bin.“

Harry Gonzales stellte seine Sporttasche auf den Boden und blickte sich kurz um. Er trat zum Fenster. Aus Eddie Vincentes Wohnung im fünften Stock hatte man einen Blick bis zur Subway Station DeKalb Street, Brooklyn. Harry fühlte den Druck der großkalibrigen Automatik, die er unter seiner Jacke verborgen im Hosenbund trug.

„Hey, du weißt, dass ich schon eine Ewigkeit nicht mehr oben in der South Bronx war“, sagte Eddie. „Wie ist das? Gibt es eigentlich die ‚Matadores’ noch? Bei denen war doch immer so ein gerne großes Arschloch, das sich ‚El Rey’ nannte! Toller König!“ Eddie grinste.

Aber Harry erwiderte dies nicht.

Ihm war der Humor in letzter Zeit gründlich vergangen.

„Ja, die gibt es noch“, sagte er tonlos.

„Aber mit denen hast du nicht zufällig Ärger, oder?“

„Eddie, willst mich ausfragen oder mir aus der Patsche helfen, in dem du mir für ein paar Tage erlaubst, in deiner Bude zu schlafen?“

„Ist ja schon gut!“, sagte Eddie Vincente beschwichtigend und hob die Hände dabei.

Eddie Vincente und Harry Gonzales waren zusammen in der South Bronx aufgewachsen. Aber Eddie hatte den Absprung aus dem Crack-Sumpf geschafft. Mit 14 hatte man ihn mit einer beträchtlichen Menge Rauschgift erwischt, woraufhin er die nächsten Jahre in einem Erziehungsheim verbracht hatte. Ein Förderprogramm für Hochbegabte in Kombination mit der Quote für benachteiligte Minderheiten hatten ihm sogar den Besuch des College ermöglicht. Inzwischen arbeitete er in der Kreditabteilung einer Bank in der Wall Street. Mit seiner Herkunft und dem Leben in der Bronx hatte er abgeschlossen. Seinen Vater hatte er ohnehin nie gekannt und nachdem seine Mutter am Crack-Konsum gestorben war, hatte es auch keinerlei Anlass mehr für ihn gegeben, diesen Stadtteil aufzusuchen.

Der Besuch von Harry Gonzales kam zwar überraschend, aber Eddie freute sich ehrlich, den Freund von damals wieder zu sehen.

„Ich wette von den feinen Leuten, denen du heute Kredite gibst, weiß keiner, dass wir zusammen früher mal etliche Autos geknackt haben“, meinte Gonzales. „Weißt du noch? Zehn in einer Nacht, das war der Rekord!“

„Ja, das waren noch Zeiten“, murmelte Eddie.

„Liegt für dich alles ziemlich weit weg, oder?“, brachte es Harry auf den Punkt. Er gab Eddie einen freundschaftlichen Stoß gegen den Oberarm. „War ‚ne ziemlich harte Zeit damals für mich, nachdem sie dich hops genommen hatten!“, erinnerte er sich.

„Für mich auch“, meinte Eddie. „Aber letztlich war es mein Glückstag, als die Handschellen klickten. Ich dachte, diese verdammten Cops verderben dir den Deal deines Lebens - aber ich glaube, sie haben es mir in Wahrheit gerettet, indem sie mich aus dem Verkehr zogen.“

„Hey, Mann! Weißt du, dass ich ganz in der Nähe war und alles beobachtet habe?“

„Nein.“

Harry lachte. „Ich konnte immer schneller rennen als du, deswegen haben sie dich gekriegt und mich nicht. Scheiße, ich könnte jetzt auch in einem Anzug durch die Wall Street flanieren, wenn ich ein bisschen lahmere Beine gehabt hätte, Eddie!“

„Schon möglich.“

„So etwas nennt man wohl Schicksal, was?“

Harry Gonzales blickte von plötzlicher Hektik erfüllt auf die Uhr. Dann griff er unter seine Jacke und holte sein Handy hervor. Ein Piepton ertönte. „Der Akku ist fast leer. Kann ich dein Telefon benutzen?“

„Bitte! Steht da drüben!“

Harry ging zum Apparat und wählte eine Nummer, während Eddie im Nebenraum verschwand.

Nervös tickte Harry mit den Fingern auf der Kommode herum, während das Freizeichen ertönte.

Dann kam endlich die Verbindung zu Stande.

„Lieutenant McKenzie?“, vergewisserte sich Harry.



23

Wir erreichten den Club ‚El Abraxas’ in der Bronx. Er war in einem ehemaligen und aufwendig hergerichteten Lagerhaus untergebracht. Ein für New Yorker Verhältnisse außergewöhnlich großzügig angelegter Parkplatz umschloss das Gelände. Wir stellten den Sportwagen dort ab und stiegen aus.

Clive und Orry waren ebenfalls gerade eingetroffen.

„Hören wir uns mal ein bisschen um“, meinte Clive. „Es würde mich nicht wundern, wenn Gonzales, O’Rourke oder sonst jemand, der in diesem Fall eine Rolle spielt, hier bestens bekannt ist.“

Die beiden Türsteher waren breitschultrige Schränke und mindestens zwei Meter groß. Das tägliche Training sah man ihnen an. Ihre Bodybuilderarme waren kräftiger als bei vielen anderen Männern die Oberschenkel.

Einer von ihnen hatte den Schädel kahl rasiert und trug einen schwarzen Kinnbart.

Der andere trug das dichte blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst.

„Ihr kommt hier nicht herein!“, meinte der Blonde. „Eure Kleidung ist nicht cool genug.“

„Wird sie durch das vielleicht etwas cooler?“, fragte Clive und hielt ihm die ID-Card des FBI entgegen.

„Wir sind nicht zum Vergnügen hier“, fügte Milo hinzu.

„Der Boss wird nicht begeistert sein.“

„Wenn Sie mit ‚Boss’ Mister Vargas meinen, dann sagen Sie ihm, dass wir uns gerne mit ihm unterhalten würden.“

„Gehen Sie rein!“, murmelte der Kahlkopf. „Mal sehen, was wir für Sie tun können.“

Im Inneren des ‚Abraxas’ herrschte bereits Hochbetrieb. Glitzerlicht flimmerte über die Tanzflächen. Go-go-Girls räkelten sich in Käfigen und ein dumpfer, stampfender Beat ließ den Boden erzittern.

Eine Freitreppe führte hinauf zu einer Balustrade.

Ray Barros stand dort.

In seiner Linken hielt er ein Glas Champagner.

„Sieh an, ein bekanntes Gesicht!“, meinte ich an Milo gewandt.

Barros hatte uns längst entdeckt. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen, als er uns sah.

„Wie wär’s, wenn wir ihm einen guten Abend wünschen“, schlug ich vor.

„Der hatte doch schon heute Nachmittag in seiner Wohnung genug von uns.“

„Wir sehen uns hier unten um“, kündigte Clive an.

Milo und ich gingen die Freitreppe hinauf. Man hatte einen guten Überblick über den Raum. Von den Gesichtern der Gäste konnte man in dem Laserlicht-Geflacker allerdings kaum etwas erkennen.

„Wir laufen uns aber ziemlich häufig über den Weg, Gentlemen“, begrüßte uns Ray Barros. „Wie steht’s? Wollen Sie hier nicht auch eine kleine Durchsuchungsaktion starten?“ Er grinste. „Manche Leute können gar nicht genug davon kriegen, sich zu blamieren!“

„Gehört zum Berufsrisiko“, erwiderte ich.

„Tja, wem sagen Sie das! Wie gefällt Ihnen übrigens das ‚Abraxas’?“

„Sind Sie an dem Laden beteiligt?“

„Mister Vargas war so freundlich mir ein paar Anteile zu überlassen. Es ist eine reine Goldgrube, kann ich Ihnen sagen. Sie sehen ja, was hier los ist!“

„Ist Mister Vargas heute Abend auch hier?“

„Noch nicht, aber ich denke, dass er noch auftauchen wird, Agent Trevellian! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte!“

Er ging die Freitreppe hinunter.

„Der Kerl macht sich über uns lustig!“, meinte Milo ziemlich ärgerlich.

„Lassen wir ihm den Spaß. Hauptsache, wir finden ein paar Hinweise auf Gonzales.“

Wir fragten überall herum und zeigten unsere Bilder umher. Eine der Go-Go-Tänzerinnen glaubte sich an Gonzales zu erinnern.

„Der war schon mal hier“, sagte sie.

„Wann?“

„Könnte zwei Wochen her sein. Er ist ein Junkie. So gut wie auf dem Bild sah er da nicht mehr aus.“

„Woher wollen Sie wissen, dass er ein Junkie ist?“

Sie zögerte, wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Auftritt war gerade zu Ende und bis sie das nächste Mal dran war, war eigentlich Zeit genug.

„Hören Sie, ich möchte keine Schwierigkeiten bekommen.“

„Mit wem sollten Sie Schwierigkeiten bekommen. Mit Mister Barros oder Mister Vargas?“

„Mister Vargas schmeißt mich vielleicht raus, wenn er erfährt, dass ich…“

„Von uns erfährt er nichts“, mischte sich Milo ein.

Sie atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Der Junkie, den Sie mir da gerade gezeigt haben, war nicht während des Abends hier. Er wäre auch sofort aufgefallen, so abgerissen wie der ist.“

„Die Türsteher legen wert auf cooles Outfit“, bestätigte ich.

„Er war nachmittags hier, als wir die Abstimmung der einzelnen Auftritte geprobt haben. Außerdem wollte sich Mister Vargas ein paar Girls ansehen, die neu dabei sind. Um so etwas kümmert er sich gerne selbst.“

„Verstehe.“

„Dann tauchte dieser Kerl auf. Ich dachte erst, der wäre angestellt worden, um die Mülleimer zu leeren oder etwas in der Art. Aber er war für Mister Vargas offenbar so wichtig, dass er mit ihm sofort in einem Nebenraum verschwand.“

„War Barros auch dabei?“

„Nein. Kann ich mich jedenfalls nicht daran erinnern.“

„Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wieso Sie Harry Gonzales für einen Junkie halten.“

Sie hob die Augenbrauen und zögerte. Schließlich sagte sie: „Als wir fertig waren, habe ich ihn in seinem Wagen gesehen. Er hatte sich gerade eine Spritze gesetzt und saß völlig high hinter dem Steuer.“

„Ich danke Ihnen. Wir brauchen noch Ihren Namen und Ihre Personalien.“

„Ist das wirklich nötig?“

„Ja.“

„Aber ich werde das, was ich ausgesagt habe, vor keinem Gericht der Welt wiederholen, Mister…“

„Agent Trevellian.“

„Ich heiße Melanie Brown und wohne ein paar Blocks weiter, 443 Thackeray Street.“

Ich zeigte ihr noch ein Foto von O’Rourke.

„Ist das nicht der Cop, der ermordet wurde?“, fragte sie.

„Ja, genau der.“

„Er war des Öfteren hier – zusammen mit zwei anderen.“

„Aber ich nehme an, das war nicht dann, wenn Sie geprobt haben“, warf Milo ein.

Sie schüttelte den Kopf. Ein verhaltenes Lächeln erschien in ihrem Gesicht. „Nein, natürlich nicht. Die drei waren abends hier. Manchmal, drei, viermal die Woche. Sie haben sich gut amüsiert und hatte offenbar ziemlich viel Geld.“

„Wer waren die anderen beiden?“

„Der eine wurde immer Sean genannt. Das weiß ich noch, weil mich das an Sean Connery, den James Bond-Darsteller, erinnerte.“

„Sean McKenzie?“

„Den Nachnamen weiß ich nicht.“

Ich zeigte ihr ein Bild und sie erkannte McKenzie wieder. „Der dritte Mann hatte ziemlich viele Sommersprossen im Gesicht. Aber das ist auch schon alles, was ich Ihnen sagen kann.“

Ich gab ihr meine Karte. „Vielleicht fällt Ihnen ja im Laufe der Zeit noch etwas ein. Dann rufen Sie mich an – egal wann.“

„Mal sehen“ murmelte sie. Sie blickte sich um wie ein Ladendieb der befürchtete, dass ihn jemand gesehen haben könnte. Offenbar befürchtete sie, dass man ihr unangenehme Fragen stellte, wenn sie sich zu lange mit uns abgab.

Einen Augenblick später war sie auch schon auf und davon.

„Vargas kennt Gonzales – das ist doch immerhin ein Anfang, Milo.“

„Ein Anfang wovon? Das bringt uns nicht wirklich weiter.“

„Hat Vargas Gonzales den Stoff gegeben, von dem das Go-Go-Girl uns gerade berichtete?“

„Fragen wir ihn selbst, sobald er auftaucht.“

„Ich fürchte, der denkt nicht dran, Jesse.“

„Schon möglich.“

„Aber wenn das Motiv tatsächlich Rache ist, dann müssen wir ihn schleunigst stoppen, Jesse!“

„Das ist noch nicht gesagt, Milo.“

„Aber es spricht einiges für diese Hypothese. Und vielleicht könnten wir diesmal eingreifen, bevor etwas geschieht!“



24

Wir hörten uns noch etwas um und versuchten insbesondere etwas über Kenneth Jakobs, den Waffenverkäufer herauszubekommen. Einer der Barkeeper wollte ihn vor ein paar Tagen noch gesehen haben. Jemand anders war überzeugt, ihm sogar am heutigen Abend über den Weg gelaufen zu sein.

Ich dachte an die Statistiken über die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen.

Der breitschultrige Kahlkopf, dem wir schon am Eingang begegnet waren, tauchte plötzlich in unserer Nähe auf.

„Kommen Sie bitte mit, Mister Vargas ist gerade eingetroffen und empfängt Sie.“

„Welche Ehre“, sagte Milo.

Wir folgten ihm die Treppe hinunter. Dann ging es durch einen Nebenausgang. Wir passierten einen Korridor und wurden schließlich in einen recht großen Clubraum mit Billardtischen geführt.

Clive und Orry waren bereits dort.

Vargas war nicht zu übersehen. Er trug einen seiner schneeweißen Anzüge.

„Wollen Sie einen Drink?“, fragte er.

„Nein danke“, antwortete Clive für uns alle.

Vargas grinste. „Verstehe, Sie sind ja alle im Dienst. Ich hoffe, Sie versuchen nicht wieder, mir Drogengeschäfte anzuhängen, so wie es die Vice-Abteilung des hiesigen Polizeireviers seit Jahren vergeblich versucht.“ Er lachte rau. „Ich habe gehört, Sie ermitteln in meinem Club. Da interessiert mich natürlich, worum es geht!“

„Es geht um eine Schießerei vor fünf Jahren, hier im ‚Abraxas’“, sagte ich. „Ich nehme an, Sie erinnern sich.“

„Allerdings. Das war ein schwarzer Tag für dieses Lokal. Die gesamte Inneneinrichtung war erst wenige Wochen zuvor erneuert worden, wir hatten eine völlig neue Lichtanlage, die damals natürlich richtig hip war – alles im Eimer!“

„Ich denke, das war nicht der schlimmste Schaden.“

„Nein, Sie haben natürlich Recht. Es gab Tote und Verletzte.“ Benny Vargas zuckte mit den Schultern. „Damals hat die Polizei nicht viel herausgefunden! Haben Sie jetzt etwa neue Erkenntnisse?“

„Mit einer Waffe, die damals benutzt wurde, ist jetzt ein Polizist namens O’Rourke erschossen worden“, ergriff jetzt Clive Caravaggio das Wort. „Und nun erzählen Sie mir nicht, dass das für Sie noch eine Neuigkeit ist!“

Vargas verzog das Gesicht. „Waffen wechseln den Besitzer, das ist nun mal so. Daran werden weder Sie noch ich etwas ändern.“

„Kennen Sie einen Mann namens Kenneth Jakobs? Er soll sich ab und zu hier aufhalten und einem eine Waffe besorgen, wenn man sie braucht!“ sagte Clive.

„Ich kenne meine Gäste nicht persönlich“, antwortete Vargas. „Warum fragen Sie?“

„Eigentlich ist es unsere Aufgabe, die Fragen zu stellen“, erwiderte Clive.

Benny Vargas grinste, schnipste mit den Fingern und hielt Clive seinen Zeigefinger entgegen. „Klare Regeln – Sie sind gut, Mann!“ Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte eine Zigarre hervor. Bevor er sie in den Mund steckte, sagte er: „Ich möchte feststellen, dass dies kein öffentlicher Ort und ich deswegen nicht gegen die strengen Anti-Raucher-Gesetze verstoße, wenn ich mir hier eine Zigarre anstecke!“

„O’Rourke soll kleine Dealer erpresst haben“, sage ich. „Er hat sich dabei nicht nur in Dollars, sondern auch mit Informationen bezahlen lassen.“

„Davon habe ich nichts gehört.“

„Aber Sie hatten nichts dagegen, dass O’Rourke sich hier mit seinen Kollegen gut amüsiert!“

Vargas’ Gesicht wurde eisig. „Man kann sich seine Gäste nicht immer aussuchen.“

„Und wozu haben Sie dann Ihre Türsteher engagiert?“

„Ich bin ein friedlicher Mensch, Mister…“

„Agent Trevellian.“

„Aber wenn Sie mir was anhängen wollen, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh! Ich habe Beziehungen, die weit nach oben reichen.“

„Ihre Drohungen beeindrucken mich nicht.“

„Das werden wir sehen.“



25

Ich hielt mich im weiteren Verlauf der Befragung etwas zurück. Anscheinend hatte ich bei Vargas einen wunden Punkt erwischt. Anders war es nicht erklärlich, dass er so ungehalten reagierte. Milo versuchte aus ihm herauszukitzeln, wie viel er über O’Rourke und seine Machenschaften wusste. Aber Benny Vargas wich geschickt aus. Und wir hatten nichts, womit wir ihn festnageln konnten. Auf die Aussage des Go-Go-Girls konnten wir nicht bauen.

Wir blieben noch eine ganze Weile im ‚Abraxas’, aber es kam nicht viel dabei heraus. Immerhin überwogen jetzt die Aussagen, die der Meinung waren, dass Kenneth Jakobs sich schon eine ganze Weile nicht mehr im ‚Abraxas’ hatte blicken lassen.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir uns auf den Weg nach Hause machen.

„Mich wundert, dass Vargas nicht die Chance ergriffen hat, ein paar Polizisten, die ihm in der Vergangenheit mit Sicherheit das Leben schwer gemacht haben, mal richtig anzuschwärzen!“, meinte ich.

Milo stimmte und ergänzte: „Zumal einer davon sich gar nicht mehr wehren könnte.“

Eine Weile sagte keiner von uns ein Wort. Schließlich brach ich die Stille. „Hast du noch Appetit auf einen Fish Burger, Milo?“

„Ist das jetzt dein Ernst oder machst du Witze?“

„Das ist mein voller Ernst, Milo. Ich möchte noch mal nach Queens fahren – zu Fredo’s Fish Bar.“

„Es ist schon ziemlich spät. Morgen im Büro weckt mich nicht einmal mehr Mandys Kaffee richtig auf!“ Milo seufzte. „Mal ehrlich, was immer dich um diese Zeit in Fredo’s Fish Bar treiben mag, ich denke, das hat auch bis morgen Zeit.“

„Eben nicht, Milo. Ich möchte mich dort gerne mal um diese Zeit umsehen. Wer treibt sich da jetzt herum und könnte vielleicht auch in der Tatnacht etwas bemerkt haben?“

„Du meinst, der Aufwand lohnt sich?“

„Keine Ahnung. Aber wenn du nicht willst, bringe ich dich erst an die bekannte Ecke. Um diese Zeit ist ja auf den Straßen New Yorks nicht mehr ganz so viel los.“

Milo machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht nötig“, meinte er. „Ich komme mit.“



26

Es war halb drei, als wir 45th Street in Queens erreichten. Wir stellten den Sportwagen vor Fredo’s Fish Bar ab und stiegen aus. Das Gekreische der Möwen war wohl rund um die Uhr zu hören.

In der Fish Bar trafen wir ein halbes Dutzend Gäste an. Wir befragten sie der Reihe nach. Eine Krankenschwester war darunter, zwei Männer, die bei der Fire Brigade waren und ein Nachtwächter, eines nahe gelegenen Wohnblocks.

Menschen, die arbeiteten, wenn andere längst schliefen.

Manche von ihnen gaben an, regelmäßig in Fredo’s Fish Bar zu sein. Der Mann vom Fire Service und eine der Krankenschwestern waren auch in jener Nacht hier gewesen als O’Rourke ermordet wurde.

Aber sie waren ihm nicht begegnet.

„Wenigstens haben wir jetzt den Zeitpunkt des Mordes noch etwas mehr eingrenzen können“, meinte Milo, als wir ins Freie traten. Die kühle Luft hier draußen sorgte dafür, dass ich wieder etwas wacher wurde.

„Überlegen wir mal, was geschehen ist, Milo“

„Muss das sein, Jesse?“

„O’Rourke wurde angerufen. Nehmen wir mal an von Gonzales, der ihm vielleicht gesagt hat: Ich warte auf dich hier draußen!“

„Er wollte nicht in die Fish Bar, um später nicht identifiziert werden zu können.“

„Genau, Milo. Gonzales war wahrscheinlich schon auf der Pier und hat dort auf O’Rourke gewartet.“

Wir gingen in Richtung der Pier, wo noch immer die Blutlache zu sehen war und kamen dabei an dem Lagerhaus auf der linken Seite vorbei.

Als wir schon ein paar Meter vorbei waren, hörten wir ein Geräusch, das aus dem Gebäude drang. Irgendetwas schepperte.

„Da ist jemand drin!“, stellte ich fest.

„Sicher nur eine streunende Katze oder so etwas, Jesse…“

Ich ging zurück zum Lagerhaus. Das Haupttor war verschlossen. Aber der Seiteneingang, der nur für Personen gedacht war, ließ sich leicht öffnen. Ich nahm die Waffe aus dem Holster und ging hinein.

„FBI! Ist hier jemand?“

Es war kaum etwas zu sehen. Durch ein paar hohe Fenster fiel etwas Licht. Wieder war ein Geräusch zu hören. Ich wirbelte herum. Eine Bewegung war in der Dunkelheit zwischen zwei großen, zwei Meter hohen Cargo-Kisten zusehen. Milo fand unterdessen den Lichtschalter.

Die Neonröhren blitzten grell auf.

Ein Mann in einem fleckigen Wollmantel stand zwischen Cargo-Kisten. Er hielt ein Messer in der Hand. Die Augen waren weit aufgerissen. Er zitterte leicht. Offenbar hatten wir einen Obdachlosen gestört, der sich in dem Lagerhaus einquartiert hatte.

„Ganz ruhig“, sagte ich. „Es wird Ihnen niemand etwas tun.“ Der Mann schien das nicht so ohne weiteres glauben zu wollen.

Er blieb in Abwehrstellung.

Ich steckte die Waffe ein und zeigte ihm meine Hände.

„Es ist alles in Ordnung, Sir. Wir sind hier vorbeigekommen und haben ein Geräusch gehört. Dass ist alles.“

„Lassen Sie mich einfach gehen“, sagte der Mann.

„Wir wollen Sie nicht mal vertreiben“, sagte Milo. „Schließlich sind wir vom FBI – und für die Piers ist die Hafenpolizei zuständig.“

Der Obdachlose atmete tief durch und ließ das Messer sinken.

„Übernachten Sie öfter hier?“, fragte ich.

Erst druckste er etwas herum, dann gab er zu, ab und zu in dem Lagerhaus zu übernachten.

Ich fragte ihn nach der Nacht, in der O’Rourke ermordet wurde. Wieder druckste er ziemlich herum. Ich ging vorsichtig auf ihn zu. „Wir wollen einfach nur wissen, ob Sie etwas gesehen haben. Ein Polizist wurde in dieser Nacht auf dem Pier ermordet. Wenn Sie da waren, konnten Sie die Blutlache sehen. Auch jetzt ist der Asphalt dort noch immer verfärbt.“

Der Obdachlose schien sich nicht ganz schlüssig zu sein, ob er nun etwas sagen sollte oder nicht. Aber ich hatte sofort das Gefühl, dass er etwas wusste. Er wollte nur nicht in die Sache hineingezogen werden. Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht oder fürchtete, wegen irgendwelcher kleinkriminellen Delikte belangt zu werden.

Er atmete tief durch.

„Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis?“, fragte er schließlich.

Ich gab ihm meine ID-Card und er sah sie sich eine Weile nachdenklich an. Eigentlich hatte ich nicht das Gefühl, dass er tatsächlich an unserer Identität als FBI-Agenten zweifelte. Er wollte Zeit gewinnen. Schließlich gab er mir den Ausweis zurück. „Ich war in der Nacht hier. Ich weiß nicht, welcher Wochentag oder welches Datum es war, da ich keinen Kalender besitze und diese Dinge für mich keine Rolle spielen.“ Er schluckte. „Trotzdem weiß ich genau, welche Nacht Sie meinen. Ich werde sie nämlich nie vergessen. Dazu hat sich alles zu sehr in mein Gedächtnis gebrannt!“

Er blickte förmlich durch mich hindurch. Mit seinen Gedanken schien er wieder in jene Nacht zurückversetzt zu sein, in der Brian O’Rourke ums Leben gekommen war. „Ich war drin und habe dort hinten, auf der anderen Seite des Raums am Fenster gestanden. Da lungerte ein Typ herum. Zwischendurch nahm er eine Waffe heraus und fingerte daran herum.“

„Können Sie den Mann beschreiben?“

„Dunkles, gelocktes Haar. Außerdem trug er eine Kette um den Hals mit einem ziemlich großen Kreuz.“

„Das konnten Sie bei der Dunkelheit sehen?“, fragte Milo verwundert.

„Ja, als er sich gegen die Laterne lehnte und direkt im Licht stand. Probieren Sie es aus! Stellen Sie sich ans Fenster und der andere von ihnen kann sich da draußen genau dort hinstellen, wo der Typ stand.“

Ich zeigte ihm ein Foto von Gonzales.

„War das dieser Mann?“

„Genau!“

„Erzählen Sie, was geschah.“

„Ich habe mich versteckt. Und einfach abgewartet. Nachdem ich die Pistole gesehen hatte, wollte ich mich nur noch verkriechen. Später habe ich Schritte und Stimmen gehört.“

„Einen Schuss?“

„Nein, da war kein Schuss. Aber es fuhr zweimal ein Wagen davon. Das weiß ich genau. Und der letzte Wagen war mit Sicherheit ein Sportwagen. Ich tippe auf Porsche.“

„So etwas hören Sie?“, fragte ich verwundert.

Er nickte. „Ich war früher mal Mechaniker, bevor… Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls habe ich mich schließlich wieder hervorgewagt. Aber da war niemand mehr.“

„Sie haben uns sehr geholfen, Mister…“

„…Thorndyke. Marvin Thorndyke.“



27

Sean McKenzie lenkte seinen Porsche nach rechts und fuhr auf den Parkplatz an der Interstate 79, etwa auf halbem Weg zwischen Jersey City und Bayonne.

McKenzie stoppte den Wagen.

Ein weiteres Fahrzeug befand sich etwa zwanzig Yards entfernt. Der Motor war abgeschaltet, aber die Scheinwerfer nicht. Eine Gestalt hob sich gegen das grelle Licht dieser Scheinwerfer wie ein Schattenriss ab.

McKenzie schaltete den Motor seines Porsches aus, öffnete die Tür und ging ins Freie. Ein kühler Wind wehte aus Richtung des noch etwa 15 Meilen entfernten New Yorker Stadtteils Staten Island herüber.

„Was soll das Theater?“, rief McKenzie aufgebracht.

Die Gestalt trat dem Police Lieutenant entgegen.

McKenzie stutzte und erstarrte augenblicklich wie eine Salzsäule, als er die Waffe in der Hand seines Gegenübers sah.

Einen Augenblick lang dachte er daran, zu seiner Dienstpistole zu greifen. Sie steckte in einem Gürtelholster auf der linken Seite. Der Griff der SIG Sauer P 226 zeigte nach vorn.

Aber McKenzie wusste, dass er nicht schnell genug sein würde.

In dem Augenblick, in dem er gerade die Waffe gezogen hatte, würde ihm sein Gegenüber bereits die zweite Kugel in den Schädel jagen. Auf die geringe Distanz konnte McKenzie kaum damit rechnen, dass die Schüsse daneben gingen.

Der Bewaffnete trug in der Linken eine Flasche Bourbon. Die warf er McKenzie zu.

„Trinken Sie!“, lautete der knappe Befehl.

„Wieso?“

Der Lauf der Waffe hob sich und zeigte nun direkt auf McKenzies Stirn.

„Trinken Sie so viel Sie können. Hören Sie nicht auf, Sie bekommen sonst eine Kugel in den Kopf.“

„Was haben Sie vor, verdammt noch mal?“

„Warten Sie es ab!“



28

„Wir haben genau 4.30 Uhr und hier ist Ben Smith mit der Sendung ‚Night Talk’ – und wenn Sie mich jetzt hören, dann sind auch einer von den Nachteulen, die einfach keinen Schlaf finden…“

Die Stimme des Radiomoderators drang wie von Ferne in Jason Hayes’ Bewusstsein.

Hayes saß hinter dem Steuer seines Zwanzigtonners.

Er unterdrückte ein Gähnen und stellte das Radio lauter.

Nicht viel hätte gefehlt und er wäre eingeschlafen.

Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme!, dachte er. Aber zuerst musste die Ladung noch nach Staten Island gebracht werden. Das Geschäft war hart und Jason Hayes wusste nur zu gut, wie schnell man draußen war, wenn man die Termine nicht halten konnte.

Hayes war ein selbständiger Trucker, der auf eigene Rechnung fuhr. Der Truck war sein ganzes Kapital.

Erneut musste er gähnen. Im Radio wurde eine flotte Rock’n Roll-Nummer gespielt. Hayes ließ das Seitenfenster hinunter. Die kühle Nachtluft sorgte dafür, dass er wieder etwas wacher wurde. Bis Staten Island schaffe ich es noch!, nahm er sich vor.

Dann tauchte im Kegel der Scheinwerfer plötzlich etwas auf, das wie ein menschlicher Körper aussah.

Jason Hayes trat reflexartig auf die Bremse. Der Truck rutschte über den Asphalt und zermalmte den Körper unter sich. Erst ein ganzes Stück später kam das Gefährt endlich zum Stehen. Mitten auf der Interstate – das war selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit gefährlich. Hayes war immerhin noch geistesgegenwärtig genug und schaltete die Warnblinkanlage an. Er stieg aus der Fahrerkabine.

Ein Wagen brauste heran, wich dem Truck in letzter Sekunde aus und fuhr anschließend weiter.

„So ein verfluchter Mist!“, rief Jason Hayes laut aus. Er kletterte aus der Fahrerkabine und lief auf den Toten zu.

Die Räder des Trucks hatten vor allem Kopf und Oberkörper zerquetscht. Der Tote war in einem furchtbaren Zustand.

Hayes’ Blick fiel auf das Gürtelholster mit der Waffe. Daneben hing die Polizeimarke am Gürtel.

„Nein“, flüsterte Hayes und sank dabei auf die Knie. „Das darf nicht wahr sein!“



29

Am nächsten Morgen warteten wir in dem Coffee Shop an der Suffolk Street auf Sean McKenzie. Wir leisteten uns ein Frühstück und Milo rief zwischendurch in McKenzie neuem Revier an. Er hatte sich tatsächlich Urlaub genommen. Sein privates Festnetztelefon wurde nicht abgenommen, sein Handy verwies uns an eine Mailbox.

Schließlich erreichte uns ein Anruf aus der Zentrale. Max Carter war am Apparat und informierte uns darüber, dass Sean McKenzie auf der Interstate 78 von einem Truck überfahren worden war.

„Das darf nicht wahr sein!“, stieß ich hervor.

„Ist es aber leider“, gab Max zurück. „Die Leiche ist schon in der Gerichtsmedizin. Da wir für den Fall zuständig sind, werden die Kollegen der SRD die Sektion vornehmen und in drei oder vier Stunden wissen wir vielleicht näheres.“

Wir ließen uns die genaue Position des Tatorts angeben und machten uns sofort nach New Jersey auf, um zu erfahren, was es mit dem Unfall auf sich hatte.

„Das kann einfach kein Zufall sein!“, meinte ich.

„Du denkst an einen Mordanschlag, der wie ein Unfall aussehen sollte“, schloss Milo.

„Auf jeden Fall werden wir uns die Umstände genau ansehen. Aber wenn du mich fragst, passt das doch alles zusammen. McKenzie stirbt, bevor er reden kann!“

„Wer sagt dir denn, dass er uns gegenüber wirklich den Mund aufgemacht hätte?“, fragte Milo.

Ich zuckre mit den Schultern. „So etwas hängt immer davon ab, wie hoch dem Betreffenden das Wasser steht!“

„Bei McKenzie war es offenbar noch nicht hoch genug. Aber nehmen wir mal an, dass O’Rourke und McKenzie ihre krummen Geschäfte auch nach ihrer Versetzung einfach weiter betrieben, wofür zumindest O’Rourkes finanzielle Verhältnisse ein Beleg sein könnten und dieser Gonzales wollte sich an den beiden rächen, dann müsste McKenzie doch spätestens nach O’Rourkes Tod gewusst haben, dass er selbst auch in Gefahr ist!“

„Vielleicht hat er das auch, aber er konnte sich niemandem offenbaren. Schließlich wäre er dann selbst an der Reihe gewesen, Milo.“

„Könnte dieser Tim Atkins noch in der Sache mit drinhängen?“

„Wir werden ihn noch befragen. Heute ist er ja von seinem Lehrgang in Quantico zurück, wenn ich das richtig verstanden habe.“



30

Wir waren mit Captain Donald Maskoviak von der New Jersey Highway Patrol auf einem Parkplatz an der Interstate 78 verabredet. Spurensicherer der Polizei von Jersey County waren damit beschäftigt, die Umgebung abzusuchen und Mr McKee hatte unsere Kollegen Sam Folder und Mell Horster hier her beordert, um die Kräfte aus New Jersey zu unterstützen und insbesondere darauf zu achten, ob es irgendwelche Zusammenhänge zum Fall O’Rourke gab.

Wir stellten den Sportwagen auf einen der Stellplätze und stiegen aus. Ein Abschleppwagen zog gerade einen Porsche die Böschung hinauf.

Captain Maskoviak begrüßte uns freundlich.

„Sie müssen Trevellian und Tucker vom FBI sein.“

„Das ist richtig“, bestätigte ich.

„Hat der Porsche etwas mit dem Fall zu tun?“, fragte Milo.

„Das hat er“, nickte Captain Maskoviak und schob sich den Hut mit dem Emblem der Highway Patrol ein Stück weiter in den Nacken. „Der Tote heißt Sean William McKenzie Jr und ist Polizist in New York – aber das wissen Sie sicher. Heute Nacht meldete ein Trucker, dass er einen Mann überfahren hätte. Seiner Aussage nach lag McKenzie einfach auf der Fahrbahn. Der Fahrer gab an, keine Chance zum Ausweichen oder Bremsen gehabt zu haben. Der Mann hätte reglos auf der Straße gelegen. Ob das eine Schutzbehauptung ist, wird sich hoffentlich durch die Obduktion zweifelsfrei ergeben.“

„Die Frage ist doch, was McKenzie mitten in der Nacht zu Fuß auf einem Highway zu suchen hat“, gab ich zu bedenken.

„Allerdings“, gestand Maskoviak zu. „Der Tote roch stark nach Alkohol. Er scheint betrunken gewesen zu sein.“ Der Highway Patrol Captain deutete auf den Porsche, der jetzt wieder mit allen vier Rädern auf dem Parkplatz stand und vom Haken des Abschleppwagens genommen wurde. „Das ist McKenzies Wagen. Für uns stellt sich das Ganze folgendermaßen dar. McKenzie war auf dem Highway unterwegs und muss schon ziemlich angetrunken gewesen sein. Er hat hier eine Pause eingelegt und wollte schließlich wieder fahren. Aber da er das Fahrzeug nicht mehr so richtig beherrschte, hat er die Abfahrt auf den Highway verpasst und ist die Böschung hinuntergerutscht.“

„Und Sie meinen, anschließend hat er versucht zu Fuß weiterzukommen“, schloss ich.

„Ja, genau.“

„Warum hat er nicht sein Handy genommen und jemanden angerufen, der ihn abholt. Ein Taxi zum Beispiel.“

„Wir haben kein Handy gefunden“, berichtete Maskoviak.

Ich wechselte mit Milo einen ziemlich verdutzten Blick. „Hören Sie, McKenzie war Polizist, da hat man das Handy immer dabei!“

„Wie gesagt, weder im Wagen noch bei der Leiche war ein Handy.“

„Seltsam.“

„Auf dem Highway ist er dann vom Truck überrollt worden. Ob er da bereits auf dem Boden lag oder nicht, weiß ich nicht. Ich persönlich tippe auf eine Schutzbehauptung des Fahrers.“

„Welche Verletzungen wies die Leiche auf?“

„Dr. Maxwell, der Gerichtsmediziner, der die Erstuntersuchung durchgeführt hat, meinte, er sei wahrscheinlich an den enormen Quetschungen des Oberkörpers gestorben, die durch das linke Vorderrad des Trucks verursacht wurden.“

„Wir möchten uns gerne den Wagen mal ansehen“, kündigte ich an.

„Nichts dagegen einzuwenden.“

Wir zogen uns Latexhandschuhe über und öffneten die Tür. Milo durchsuchte das Handschuhfach, fand aber nichts Besonderes.

Ich nahm mir den Kofferraum vor. Ein Parka war dort zu finden. Ich nahm mir die Jacke heraus und durchsuchte die Taschen. Ein Zettel fiel mir auf, auf dem notiert war, wie man zu dem Parkplatz gelangte, auf dem wir uns befanden.

Ich zeigte ihn Milo.

„Er scheint sich hier mit jemandem verabredet zu haben.“

„Mit Gonzales?“

„Das wird er uns leider nicht mehr sagen können.“

„Es war gestern ziemlich spät, als wir mit dem Mann sprachen, der im Lagerhaus bei Fredo’s Fish Bar übernachtete… Aber war der sich nicht hundertprozentig sicher, einen Porsche gehört zu haben?“

„Du meinst, McKenzie war auch am Tatort?“ Milo überlegte. „Ich weiß nicht.

„Angenommen, nicht Gonzales war der Mörder, sondern jemand anders.“

„Und Gonzales Aufgabe war es nur, das Opfer an den Tatort zu bestellen?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„O’Rourke, McKenzie, Gonzales – zwei Polizisten und Informant. Alle drei in dubiose Machenschaften verstrickt…“

„Da gibt es doch noch einen, der dazu passt.“

„Du meinst, diesen Lieutenant Tom Atkins?“

„Ja.“

„Fahren wir zu seinem Revier in der Bronx?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, wir sollten uns erst in McKenzies Wohnung umsehen. Dann wissen wir vielleicht etwa besser, wo wir bei Atkins ansetzen müssen!“



31

McKenzie bewohnte eine Wohnung in Chelsea. Das Haus war im Cast Iron Stil gehalten und so groß, dass wahrscheinlich zwei Drittel des Polizistengehalts monatlich für die Miete draufgingen.

Die Wohnanlage wurde von einem Sicherheitsdienst bewacht. Einer der Uniformierten öffnete uns die Wohnung mit einer Chip Card, die als elektronischer Generalschlüssel fungierte.

Wir sahen uns um.

„Das Wohnzimmer ist allein schon größer als die Wohnungen von uns beiden zusammen“, meinte Milo.

„Neidisch?“

„Nein. Ich bin ohnehin kaum dort. Und wenn ich daran denke, dass das alles hier wahrscheinlich mit schmutzigem Geld finanziert wurde…“

Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Handy. Es war auf stumm geschaltet. Ich zog mir Latex-Handschuhe über und nahm es an mich.

„Warum hat er es hier liegen lassen?“, fragte Milo. „Vergessen?“

„Ein Cop vergisst so etwas nicht“, sagte ich. „Oder hast du schon mal dein Handy vergessen?“

„Genauso wenig wie meine Waffe.“

„Er wollte, dass das Gerät hier bleibt, Milo.“

„Wieso das denn?“

„Nehmen wir an, jemand hat McKenzie zu dem Parkplatz an der Interstate 76 bestellt.“

„Gonzales?“

„Vielleicht. Jedenfalls war es vielleicht jemand, mit dem er nicht gesehen werden wollte. Er lässt also sein Handy hier zurück. Wenn jemand anruft, lässt sich nachher noch feststellen, über welchen Funkmast das Gespräch ging. Er hat dadurch ein Alibi. Sein Handy war nachweislich hier – und nicht in New Jersey.“

„Oder er hat damit gerechnet, dass es angepeilt wird.“

„Auch möglich.“

„Einen Beweis nenne ich so etwas aber nicht. Wir wissen noch nicht einmal, ob McKenzie nicht doch betrunken war und versucht hat, bei Nacht auf einer Interstate spazieren zu gehen.“

Ich untersuchte das Menue und sah mir die Anruflisten an. Dann rief ich Max Carter in unserem Field Office an, damit er einige Nummern überprüfen konnte. Die meisten gehörten zu Prepaid Handys und waren nicht ohne weiteres zu identifizieren. Es gab fünf Anrufe in Abwesenheit, darunter auch einer, der von meinem eigenen Handy ausging, als ich versucht hatte ihn anzurufen.

Aber der letzte Anruf, den McKenzie entgegen genommen hatte, war nicht von einem Prepaid Handy aus geführt worden, sondern erstaunlicher Weise von einem Festnetzanschluss.

„Eddie Vincente, 223 De Kalb Street, Brooklyn“, gab Max Carter die Adresse des Teilnehmers an.

„Ist das ein bekannter Name?“, fragte ich.

„Die Schnellabfrage über NYSIS ist negativ. Es gibt hier zwar insgesamt acht Personen mit dem Name Eddie Vincente, aber die sitzen entweder im Gefängnis, sind tot oder stehen unter Bewährung und haben eine andere Adresse.“

„Dann scheint unser Mann sauber zu sein. Ich hatte gehofft, dass es sich um einen von McKenzies Informanten handelt.“

„Sieht nicht so aus. Keine Vorstrafen, nichts mit Drogen. Es könnte natürlich sein, dass eine Verurteilung als Jugendlicher vorliegt, die inzwischen gelöscht wurde.“

„Vielleicht kannst du mal nachhaken. Irgendeine Zusammenhang zu McKenzie muss es geben.“

„Und vielleicht auch zu Gonzales!“, sagte Max.

Ich war perplex. „Wie kommst du darauf, Max?“

„Eine der Nummern, die du mir angegeben hast, gehört Donata Rivelli Gonzales. Nicht wieder erkannt?“

„Jedenfalls hat Gonzales McKenzie vom Anschluss seiner Tante aus angerufen, als er dort gewohnt hat“, stellte ich fest.

„Ich habe hier auch etwas!“, sagte Milo und hielt einen Ordner mit Kontoauszügen hoch. „Lag ganz offen auf dem Schreibtisch. McKenzie scheint, was seine Finanzen betraf, sehr viel weniger vorsichtig gewesen zu sein als O’Rourke.“

Milo blätterte die Auszüge kurz durch. „Es fällt sofort auf, dass zahlreiche Bareinzahlungen in erheblicher Höhe durchgeführt wurden – aber immer knapp unter der Grenze, die diese Bareinzahlungen meldepflichtig gemacht hätte.“

„Das bedeutet, McKenzie hatte ein Geschäft laufen, das ihm regelmäßig zusätzliche Einnahmen verschaffte.“

„So ist es.“

„Wann war die letzte Einzahlung?“, fragte ich.

Milo schaute nach. „Vor einer Woche“, lautete die überraschende Antwort. „Ich nehme den Ordner mit. Soll unser Kollege Nat sich darum kümmern. Der sieht bestimmt noch ganz andere Sachen aus diesen Zahlen!“

Agent Nat Norton war im FBI Field Office New York der Spezialist für Betriebswirtschaft und wann immer es um Konten, Geldströme oder verdeckte Zahlungen ging, dann trat er in Aktion.

Aber das Wichtigste wussten wir jetzt.

McKenzie und O’Rourke hatten vermutlich bis vor kurzem noch von Verdächtigen Geld erpresst.



32

Wir fuhren Richtung Bronx, um Tom Atkins zu treffen. Atkins bewohnte einen Bungalow in einem schmucken Wohngebiet am Mount Vernon, etwa eine Meile von der New Yorker Stadtgrenze entfernt.

Wir stellten den Wagen bei der Einfahrt zu seiner Garage ab, stiegen aus und betraten das Grundstück. Ein Geländewagen vom Typ Ford Maverick stand mit offenen Türen in der Einfahrt. Ich sah Angelzeug, Proviant, einen zusammengerollten Schlafsack und eine Anglerhose aus Gummi.

Von Atkins’ Dienstvorgesetzten Captain Cassavetes wussten wir, dass Atkins zwei Wochen frei genommen hatte.

Ein Mann von Anfang vierzig kam aus der offen stehenden Haustür und trug in jeder Hand eine Kiste mit Mineralwasserflaschen.

„Lieutenant Tom Atkins?“, fragte Milo.

Der Mann erstarrte.

Ich zog meine ID-Card. „Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir haben ein paar Fragen an Sie, die den Mord an Ihrem Kollegen Brian O’Rourke betreffen und den bisher ungeklärten Tod von Lieutenant Sean McKenzie betreffen.“

Atkins runzelte die Stirn.

Er stand einen Augenblick ziemlich unschlüssig da, dann kam er zögernd näher und packte die beiden Mineralwasserkisten in den Maverick.

„Sean ist tot?“, fragte er.

„Ja. Da mit O’Rourke hat man Ihnen gesagt?“

„Captain Cassavetes hat mich in Kenntnis gesetzt und mir auch angekündigt, dass Sie mir noch einen Besuch abstatten würden. Allerdings kann ich Ihnen zur Sache nicht viel sagen.“

„Das glaube ich schon“, erwiderte ich.

„In wie fern?“

„Vielleicht gehen wir besser ins Haus“, schlug ich vor. Ich deutete auf die gepackten Sachen in seinem Maverick. „Im Übrigen hätten wir auch gerne, wenn Sie sich für die Ermittlungen zur Verfügung halten könnten.“

„Bin ich ein Verdächtiger? Haben Sie irgendeinen richterlichen Beschluss, der es mir untersagt, die Grenzen meiner Gemeinde zu verlassen?“

„Nein, das nicht.“

„Na also. Im Übrigen habe ich auch keineswegs eine Weltreise vor, Agent Trevellian.“

„Wohin geht es denn?“

„Ich besitze ein Ferienhaus am Lake Tappan – das ist keine zwanzig Meilen Luftlinie von der Stadtgrenze New Yorks entfernt! Und falls Sie Fragen haben und nicht so viel Krach machen, dass Sie die Fische vertreiben, können Sie mich dort gerne besuchen!“

„Sehen wir erst mal zu, was wir hier und jetzt klären können“, schlug ich vor.



33

Wir folgten Tom Atkins ins Haus. „Einen Platz kann ich Ihnen anbieten, aber keinen Drink. Es ist nichts im Haus. Aber, so wie ich Sie einschätze würden Sie ohnehin während der Dienstzeit keinen Schluck zu sich nehmen.“

„Richtig“, nickte ich.

„Also fragen Sie! Was wollen Sie wissen?“

„Zum Beispiel, ob Ihr Kollege McKenzie ein Trinker war?“

„Er war trockener Alkoholiker.“

„Er wurde auf der Interstate 76 von einem Lastwagen erfasst und roch nach Alkohol. Wie viel er tatsächlich getrunken hatte, versucht die Gerichtsmedizin noch herauszufinden. Aber wenn er trockener Alkoholiker war…“

„…dann wurde er wohl rückfällig“, vollendete Atkins den Satz und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Da wäre er nun wirklich nicht der Erste!“

„Haben Sie eine Idee, was der Anlass dafür sein könnte? Hatte er Sorgen?“

„Keine Ahnung, so gut kannte ich ihn nun auch wieder nicht.“

Jetzt mischte sich Milo ein. „Sollen wir Captain Cassavetes hinzuziehen und die Befragung in seinem Büro fortsetzen? Sie standen sich sehr nahe und waren das Dream-Team Ihres Vorgesetzten.“

„Ja, wir hatten einige Erfolge“, gab er zu.

„Erfolge, die vielleicht nicht alle auf saubere Weise entstanden sind.“

„Sie spielen auf die Anschuldigungen gegen Sean und Brian an, nicht wahr? Die Sache ist geklärt und ich werde dazu nicht einen Ton sagen! So wie die Dinge nun einmal liegen, können Sie mich dazu auch nicht zwingen!“

„Wann haben Sie Harry Gonzales das letzte Mal gesehen?“, fragte ich.

„Gonzales? Keine Ahnung, das ist gerade in der Bronx ein häufiger Name.“

„Jetzt hören Sie auf mit dem Versteckspiel. Er war Ihr Informant. Er war nachweislich beim Mord an O’Rourke am Tatort, dafür gibt es einen Zeugen. Und…“

„Dann suchen Sie ihn doch!“

„Wir dachten eigentlich, Sie könnten uns helfen, ihn zu finden“, sagte Milo.

„Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, wo er sich befindet.“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden umgebracht. Man vermutet, dass die ‚Matadores’ dahinter stecken.“

„Leider ist unser Revier bei den Ermittlungen nicht sehr weit gekommen“, gab Atkins zu.

„Hat Gonzales Ihnen danach weiterhin Tipps gegeben?“

„Gelegentlich ja. Aber es war immer weniger Verlass auf ihn. Ich glaube, er hängt jetzt an der Nadel.“

„Hören Sie, zwei der drei Mitglieder Ihres Dream-Teams sind tot“, versucht ich ihm klarzumachen. „Ehrlich gesagt, glaube ich da nicht an Zufälle.“

Er verzog das Gesicht. „Glauben Sie doch, was Sie wollen!“

„Eine unserer Theorien sagt, dass Gonzales vielleicht Ihr Trio für den Tod seiner Familie verantwortlichen machen könnte!“

Atkins ließ sich in einen der Sessel fallen. „Ist das wirklich Ihr Ernst? Glauben Sie, Brian und Sean sind einem Racheakt von Gonzales zum Opfer gefallen?“

„Es spricht einiges dafür“, gab Milo zu bedenken.

„Das ist doch Unsinn! Verantwortlich für den Tod seiner Eltern und der Schwester ist dieses Gesindel aus der Bronx!“

„Aber sie wären vielleicht noch am Leben, wenn Gonzales nicht zu seinen Spitzeldiensten erpresst worden wäre, die schließlich zur Verhaftung der wichtigsten Gang-Mitglieder führte!“

Atkins atmete tief durch. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie haben nicht einen Beweis!“, fauchte er schließlich.

„Bis morgen haben wir den Staatsanwalt überredet Einsicht in Ihre Konten zuzustimmen, Lieutenant Atkins“, war ich überzeugt.

„Sie bluffen, Agent Trevellian. So einfach geht das nicht! Davon abgesehen, habe ich nichts zu verbergen! Und jetzt möchte ich Sie bitten zu gehen. Es sei denn, Sie wollen mich verhaften. Aber dazu gibt es keinen Anlass! Kommen Sie wieder, wenn Sie Beweise haben, die irgendetwas von den Behauptungen, die Sie da aufgestellt haben, belegen können!“

Atkins brachte uns zur Tür.

Bevor wir gingen fragte ich ihn noch: „Es gibt da eine Frau, die behauptet die Freundin Ihres Kollegen O’Rourke gewesen zu sein. Ihr Name ist Christine Vistano. Da sie, soweit ich weiß, bis zuletzt den Kontakt zu O’Rourke gehalten hat, wissen Sie vielleicht mehr über dieses Verhältnis.“

„Ein Callgirl. Sie gehört Ray Barros. Kennen Sie den?“

„Der Mann fürs Grobe von Benny Vargas“, fasste ich Barros’ Rolle zusammen.

„Genau. Sie tut, was er sagt. Für den wäre sie wahrscheinlich zu allem bereit.“

„Sie meinen, er ist ihr Zuhälter?“

„Ja.“

„Haben Sie das Brian O’Rourke nicht gesagt? Er war doch Ihr Freund.“

„Hundertmal habe ich ihm das gesagt. Aber er wollte nicht hören. Christine war wohl sein blinder Fleck.“

„Können Sie sich vorstellen, was sie in seinem Haus gesucht hat?“

„Nein, kann ich mir nicht vorstellen!“ Seine Stimme klang ziemlich gereizt. Ich hatte das Gefühl, dass er vielleicht doch mehr wusste. Aber eine Ahnung begründet keine Vorladung.

„Was immer es auch gewesen sein mag – es war ihr wichtig genug, um ein Polizeisiegel zu brechen“, stellte Milo fest.



34

„Was hältst du von ihm?“, fragte Milo, als wir schon wieder auf dem Weg waren.

„Er hängt mit drin.“

„Wenn wir seine finanziellen Verhältnisse durchleuchten könnten, wären wir vielleicht schlauer.“

„Glaubst du wirklich, Milo? Ich nehme an, dass er zu clever ist, um so unvorsichtig wie McKenzie zu sein. Schließlich ist die ganze Affäre um die erpressten Informanten an ihm vorbeigegangen, als wäre nichts gewesen. Er hat hier als einziger der Beteiligten seinen alten Posten behalten.“

Wir statteten Dr. Brent Claus einen Besuch ab. Er hatte auch im Fall von Sean McKenzie die Obduktion übernommen und war damit vor etwa einer Stunde fertig geworden.

„Den schriftlichen Bericht werde ich größtenteils noch heute diktieren, sodass Ihr Field Office ihn wahrscheinlich irgendwann im Verlauf des Tages auf dem Schreibtisch hat. Aber die wesentlichen Daten kann ich Ihnen ja jetzt mündlich zusammenfassen.“

„Wir sind ganz Ohr“, versprach ich.

„Wollen Sie, dass ich Ihnen an der Leiche demonstriere, was ich herausgefunden habe oder reicht es Ihnen, wenn wir das in meinem Arbeitszimmer besprechen.“

„Letzteres reicht vollkommen“, versicherte Milo.

„Wie Sie wollen.“

Er führte uns in sein Arbeitszimmer und holte aus dem Nachbarraum einen Bürostuhl, damit wir uns alle setzen könnten. „Ich habe ein toxikologisches Gutachten und eine Blutuntersuchung in Auftrag gegeben, die wahrscheinlich ein, zwei Tage brauchen, bis die Kollegen damit fertig sind. Aber ich gehe davon aus, dass diese Gutachten meine Hypothesen nur bestätigen“, begann der Gerichtsmediziner.

„Welche Hypothesen?“, hakte Milo nach.

„Der Reihe nach“, lächelte Dr. Claus. „Zunächst einmal geht es um den Alkohol. Lieutenant McKenzie hatte eine Alkoholmenge in seinem Körper, die für eine akute Alkoholvergiftung ausgereicht hätte. Sie oder ich wären sofort ins Koma gefallen.“

„Wir haben erfahren, dass McKenzie trockener Alkoholiker war“, gab ich zu bedenken.

„Das wird bei der Bewertung der von mir in Auftrag gegebenen Gutachten vielleicht ein interessanter Aspekt werden, aber der Punkt, auf den ich hinaus will, ist ein anderer. McKenzie hatte zwar jede Menge Alkohol in seinem Körper, aber an der falschen Stelle – nämlich im Magen. Er muss eine ganze Flasche hochprozentigen Whisky oder etwas Vergleichbares geschluckt haben. Das würde niemand auf diese Weise tun – weder ein trockener noch ein aktiver Alkoholiker.“

„Meinen Sie, dass ihm das Zeug eingeflößt wurde?“, fragte ich.

„Beinahe. Man zwang ihn dazu, es zu trinken. Wenn es ihm eingeflößt worden wäre, hätten wir entsprechende Druckspuren vorliegen. Die sind aber nicht vorhanden. Unmittelbar nachdem er den Whisky geleert hatte, ist er gestorben.“

„Durch die Räder des Trucks?“

„Nein, als er überrollt wurde, war er längst tot. Die damit einhergehenden Verletzungen waren post mortem und sollten uns über die Todesursache in die Irre führen. Ich gebe zu, beinahe hätte ich sie auch übersehen, unter all den Brüchen, Quetschungen und so weiter.“

„Wodurch starb er?“

„Durch einen Schlag gegen die Kehle, wie er in verschiedenen Kampfsportarten trainiert wird. Er könnte mit der Handkante, aber auch mit einem Gegenstand durchgeführt worden sein, der nicht breiter als zweieinhalb Zentimeter ist, aber keinerlei Ecken oder Kanten besitzt. Danach wurde der Tote weggeschleift.“

„Auf dem Parkplatz wurden keine entsprechenden Spuren gefunden.“

„Ein Täter, der so planvoll vorgeht, denkt vielleicht auch daran, solche Spuren zu beseitigen. Jedenfalls trifft den Truck Fahrer überhaupt keine Schuld. Er hat eine Leiche überfahren.“

„Dann wurde der Wagen wohl auch nur die Böschung hinunter gestoßen, um einen falschen Eindruck zu erwecken!“, glaubte Milo.

„Ein Profi“, schloss ich.

„Zumindest jemand, der sich sehr viele Gedanken über seine Vorgehensweise gemacht hat“, nickte Dr. Claus.

Ich erhob mich von meinem Platz und sagte: „Danke, jetzt wissen wir auf jeden Fall mit Sicherheit, dass McKenzie auch Opfer eines Verbrechens wurde.“

„Gibt es irgendetwas, was diesen Fall mit dem Mord an O’Rourke verbindet – aus gerichtsmedizinischer Sicht meine ich.“

Dr. Claus schüttelte den Kopf. „Leider nein. Aber vielleicht wollte der Täter auch genau das vermeiden. Ich möchte annehmen, dass er eine Waffe in der Hand hielt, als er McKenzie dazu zwang, den Alkohol zu trinken.“

„Aber er wolle nicht, dass man ihn an Hand dieser Waffe identifiziert. Deswegen hat er sie nicht benutzt“, schloss ich.

„Exakt“, bestätigte Dr. Claus. „Ich habe übrigens noch einen Toten hier im Institut, der im Zusammenhang mit Ihrem Fall in der Fahndung ist. Meine Kollegin Dr. Sandhurst ist gerade dabei, die Obduktion durchzuführen. Aber der Fall liegt relativ klar auf der Hand…“

„Um wen geht es?“

„Um einen gewissen Kenneth Jakobs. Er bekam eine Kugel in den Kopf und wurde auf einer Müllkippe in New Rochelle gefunden.“

„Welches Kaliber?“, fragte ich.

„Er wurde mit einer 45er getötet. Das Projektil ist bei den Ballistikern.“

„Ich hatte es befürchtet“, meinte Milo.

„In diesem Fall steht übrigens fest, dass der Tote schon mindestens eine Woche auf der Müllkippe lag. Man hatte ihn ziemlich sorgfältig eingepackt, aber Ratten fressen sich schließlich überall durch, wie die Erfahrung zeigt.“



35

Wir kehrten zunächst zum Bundesgebäude an der Federal Plaza zurück und versuchten, uns einen Reim auf das zu machen, was an neuen Erkenntnissen vorlag.

Max Carter hatte inzwischen alles, was es über Eddie Vincente herauszufinden gab zusammengetragen.

„Der hat einen Lebenslauf wie Aschenputtel“, meinte Max, als wir in unserem Dienstzimmer darüber sprachen. „Als Jugendlicher wurde er mit einer großen Portion Drogen erwischt, was ihn wohl davor rettete eine Karriere bei Gangs wie den ‚Matadores’ zu machen.“

„Und womit verdient er jetzt sein Geld?“, fragte Milo skeptisch.

„Er wird auf der Homepage einer großen Bank als Ansprechpartner im Kreditwesen angegeben. Die Seite ist mit Foto und dieses Foto wiederum passt zu den Aufnahmen, die bei seiner ersten Verhaftung gemacht worden waren.“

„Wird das Strafregister bei Jugendlichen nicht nach ein paar Jahren gelöscht?“, fragte Milo.

„Ja, aber es gab einen Prozess und deswegen auch eine Akte. Diese Unterlagen habe ich mir besorgt. Der Mann scheint wirklich sauber zu sein.“

„Der Grund, weshalb er telefonischen Kontakt mit Sean McKenzie hatte, könnte also auch ganz harmlos sein“, schloss ich.

„Wir werden ihn einfach mal selbst fragen“, schlug Milo vor.

„Ganz so harmlos ist er vielleicht doch nicht, auch wenn ich zugebe, dass die Verbindung zu Gonzales sehr vage ist“, schränkte Max ein.

„Was für eine Verbindung?“, hakte ich nach.

„Gonzales und Vincente sind im selben Straßenzug groß geworden. Ob in der Schule oder in einer Gangs – bei dem geringen Altersunterschied müssen sie sich eigentlich irgendwann mal über den Weg gelaufen sein.“

Vor Dienstschluss fuhren wir noch zur DeKalb Street, um Eddie Vincente zu befragen – den Mann, der als letzter mit Sean McKenzie telefoniert hatte.

Er öffnete uns, nachdem wir an seiner Wohnungstür geklingelt hatten. Er trug Anzug und Krawatte. Letzter war leicht gelockert.

„Was wollen Sie?“, fragte er etwa ungehalten.

„Milo Tucker, FBI“, stellte sich Milo vor. Er zeigte Vincente seinen Ausweis und deutete anschließend auf mich. „Dies ist mein Kollege Jesse Trevellian. Können wir einen Moment hereinkommen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen?“

„Fragen? Wieso?“

„Es geht um den Mord an einem Polizisten und Sie könnten ein wichtiger Zeuge sein.“

„Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wovon Sie sprechen. Aber kommen Sie herein.“

Wir folgten ihm ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen Papiertüten mit dem Emblem der Restaurantkette Beijing Food, die im gesamten Big Apple ein Netz von gut zwanzig Filialen eines asiatischen Schnellimbiss unterhielt.

„Ich komme gerade aus dem Büro und ich hoffe Sie haben nichts dagegen, dass ich die Sachen hier esse bevor sie kalt sind“, sagte Vincente.

„Nichts dagegen.“

Wir setzten uns, während Vincente die Jacke auszog, sorgfältig über einen Stuhl hängte, die Hemdsärmel hochkrempelte und dann damit begann die Tüten von Beijing Food auszupacken.

Mir fiel auf, dass es zwei Portionen waren.

„Leben Sie allein hier?“

„Ja. Warum fragen Sie, Agent Trevellian?“

„Auf Grund Ihrer Bestellung bei Beijing Food.“

„Was sind Ihre Fragen?“

Milo mischte sich jetzt ein. „Kennen Sie einen Mann namens Sean McKenzie?“

„Nein. Nie gehört. Tut mir Leid.“

„Er ist Polizist gewesen. Letzte Nacht wurde er umgebracht und von Ihrem Festnetzanschluss aus ist nachweislich gegen sechs Uhr abends ein Gespräch über McKenzies Handy geführt worden.“

„Aber…“

„Sie sind einer der Letzten, die mit McKenzie gesprochen haben.“

Vincente schluckte. Er schien plötzlich aus einem unerfindlichen Grund unter Druck zu stehen. Mir fiel eine Sporttasche auf, die in eine Ecke geworfen worden war. Der Ärmel eines Sweatshirts rage aus dem geöffneten Reißverschluss.

„Wem gehört die Tasche dort?“, fragte ich.

„Mir“, versicherte Vincente.

„Jemand, der sein Jackett aufhängt, damit es beim Essen nicht dreckig wird und ansonsten eine so penible Ordnung einhält, würde seine Sachen nicht so herumliegen lassen.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Sie haben für zwei Personen Beijing Food mitgebracht.“

„Hören Sie, ich habe nicht ungesetzliches getan! Das letzte Mal…“

„Das letzte und einzige Mal, dass Sie verhaftet wurden war als Jugendlicher, das weiß ich“, schnitt ich ihm das Wort ab. Das hält Ihnen niemand vor. Aber vielleicht hat sich ein Freund aus alten Zeiten kürzlich gemeldet…“

„Was reden Sie da?“

Ich zeigte ihm ein Foto von Gonzales. „Wir suchen diesen Mann. Er heißt Harry Gonzales.“

Vincente schwitzte plötzlich. „Nie gesehen.“

„Seit Sie beide Jugendliche waren, hat er sich vermutlich verändert. Aber der Name müsste Ihnen was sagen. Er sucht im Moment jemanden, bei dem er untertauchen kann. Einerseits sucht ihn die Polizei und…“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

„Dann lassen Sie uns einfach in der Tasche da vorne nachsehen“, meinte Milo. „Vielleicht beruhigt uns das ja.“

Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille.

Vincente schluckte und es war für uns offensichtlich, dass er mehr wusste und wir genau richtig lagen mit unseren Vermutungen.

Ich erhob sich und hatte die Hand an der Dienstwaffe. Angesichts von Vincentes Reaktion war Gonzales vielleicht sogar noch in der Wohnung.

Ich ging vorsichtig zu der halb angelehnten Tür zum Nebenraum heran.

„Was haben Sie vor?“, fragte Vincente.

Aus dem Nebenraum war ein Geräusch zu hören, das entstand, wenn man eine Balkontür öffnete.

Statt einer Antwort stieß ich die Tür auf und platzte mit der Waffe in der Hand hinein.

Dieser zweite Raum diente als Schlafzimmer. Die Balkontür stand offen. Ein Luftzug bewegte die Gardine.

Draußen sah ich einen Schatten.

Ein Schuss krachte, ließ das neben der Balkontür befindliche Fenster zerspringen und fuhr dicht über mich hinweg. Das Projektil blieb im Türrahmen stecken.

Dann war der Schatten weg.

Ich stürzte hinterher, rannte hinaus und blickte über die Brüstung.

Ein Mann mit gelockten schwarzen Haaren befand sich auf dem Balkon der Nachbarwohnung. Es war Gonzales. Er feuert mit einer Automatik ungezielt in meine Richtung. Der Schuss ging daneben. Gonzales warf sich gegen die Fensterscheibe der Nachbarwohnung. Die Scheibe brach. Das Glas splitterte. Gonzales landete im Inneren.

„Milo, er ist gleich auf dem Flur!“, rief ich, überkletterte die Balkonbrüstung und landete ebenfalls auf dem Nachbarbalkon.

Ich stieg durch das zerstörte Fenster ein. Eine Tür schlug zu.

Ich schnellte durch die Wohnung.

Der Täter musste bereits im Flur sein.

Von dort waren Schüsse zu hören. Ich hatte die Wohnungstür fast erreicht, als ich aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm.

„Waffe weg!“

Ich drehte mich um. Ein grauhaariger Mann war aus der Tür zur Küche herausgeschnellt und hielt mir einen Revolver entgegen.

„Jesse Trevellian, FBI. Sie behindern eine Festnahme!“

„Hören Sie, ich weiß nicht, was Ihr Freund gerade hier wollte, aber das werden wir alles in Ruhe klären und zwar mit der echten Polizei!“

Ich wollte nach meiner ID-Card greifen, erstarrte aber, als mein Gegenüber den Hahn des 38er spannte. „Ich sagte keine Bewegung!“

„Dann sehen Sie selber nach!“

Der Grauhaarige näherte sich, hielt die ganze Zeit die Waffe auf mich gerichtet und holte schließlich meine ID-Card aus der rechten Innentasche.

Er warf einen Blick darauf. Ich bekam sie wieder.

„Nichts für ungut, Sir“, stammelte er. „Aber…“

„Schon gut!“, sagte ich und rannte auf den Flur.

Milo sah ich in Richtung Treppenhaus rennen.

„Wo bleibst du, Jesse? Der Kerl ist mit dem Aufzug auf dem Weg nach unten!“

Ich folgte Milo. Der Zugang zum Treppenhaus war abgeschlossen. Milo öffnete sie mit einem wuchtigen Tritt.

Wir hetzten die Stufen hinunter und erreichten schließlich den Ausgang und befanden uns Augenblicke später auf der DeKalb Street. Ein Ford brach aus der Phalanx der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge aus und fädelte sich auf rücksichtslose Weise in den Verkehr ein. Der Mann am Steuer war Gonzales. Ich sah ihn für einen kurzen Moment. Mit der Dienstwaffe zielte ich auf die Hinterreifen und feuerte einmal. Die Kugel ging knapp daneben und drang durch den Kotflügel des Fords.

Gonzales riss das Steuer herum und bog in eine Seitenstraße ein. Milo hatte bereits das Handy am Ihr, um das Kennzeichen in die Fahndung zu geben und Verstärkung anzufordern.

Inzwischen war auf Grund der rücksichtlosen Fahrweise, die Gonzales an den Tag gelegt hatte, ein Stau entstanden. Es würde einige Zeit dauern, bis der Sportwagen aus seiner Parklücke herauskam.

„Der ist weg!“, stellte Milo fest.

„Abwarteten. Vielleicht weiß Vincente mehr.“

„Er schien nicht sehr gesprächig z sein.“

„Da ist diplomatisches Geschick gefragt, Milo.“

„Was du ja im Übermaß besitzt oder habe ich das jetzt falsch verstanden!“

„Ich glaube nicht, dass dieser Vincente wirklich weiß, worum es hier geht. Er wollte vielleicht einem alten Kumpel helfen, aber er ist kein Krimineller.“

Milo zuckte die Schultern. „Versuchen wir unser Glück.“



36

Wir kehrten zu Eddie Vincente zurück.

„Ich sollte Ihnen vielleicht einiges erklären“, sagte er.

„Ja, das sollten Sie“, stellte Milo fest. „Sonst sitzen Sie ziemlich tief in der Tinte!“

„Ich kenne Harry. Wir waren Freunde, bis sich unsere Wege trennten, nachdem ich wegen Drogenhandels festgenommen wurde und eine zweite Chance erhielt, sodass mein Leben eine ganz andere Bahn genommen hat.“

„Aber eines Tages tauchte Harry Gonzales hier auf, um Sie um einen Gefallen zu bitten!“, stellte ich fest.

Vincente nickte.

„Ja, genau so war es. Er hat kurz gesagt, dass er Schwierigkeiten mit ein paar Leuten in der Bronx hätte.“

„Das hat er vielleicht auch – aber außerdem wird er im Zusammenhang mit den Morden an zwei Polizisten gesucht“, gab ich ihm zu bedenken.

„Davon hat er mir nichts gesagt“, erwiderte Vincente.

„Haben Sie eine Ahnung, wo wir Harry Gonzales finden können?“

„Nein.“

„Gibt es noch irgendwelche Verwandte, bei denen er vielleicht untertauchen könnte – so wie bei der Tante Donata in Spanish Harlem?“

„Es gibt einen Onkel in Jersey City, von dem er gesprochen hat.“

„Wie heißt dieser Onkel?“

„Eric Gonzales. Er besitzt eine Autoverleihfirma. Mit einer Adresse kann ich Ihnen leider nicht dienen, aber ich nehme an, dass Sie die auch so herausbekommen.“



37

Die Adresse von Eric Gonzales in Jersey City war durch unsere Innendienstler schnell ermittelt. Wir rückten mit großem Aufgebot an. Das Reihenhaus, in dem, Eric Gonzales wohnte, wurde durch Kollegen des Field Office New Jersey umstellt. Wir trafen etwas später ein. Ich parkte den Sportwagen in einer Seitenstraße und wir stiegen in einen Transporter mit dem Schriftzug eines Pizza Service, der auf der Seite schräg gegenüber der Garageneinfahrt des Reihenhauses am Straßenrand parkte. Dort befand sich die Einsatzzentrale.

Special Agent Randy Pulaski vom hiesigen FBI Field Office begrüßte uns. Er war der Einsatzleiter dieser Operation.

„Unsere Leute sind auf den Nachbargrundstücken oder befinden sich in parkenden Fahrzeugen“, erklärte Pulaski. „Sollte er im Haus sein, kann er uns nicht entkommen. Allerdings können wir nicht einfach das Gebäude stürmen.“

„Warum nicht?“, fragte Milo.

„Das Risiko ist zu groß. Eric Gonzales hat eine Frau und drei Kinder. Es ist vermutlich ein Säugling im Haus.“

„Dann warten wir ab, was sich tut“, schlug ich vor.

Pulaski nickte. „Genau. Sicherheitshalber haben war eine Thermoskanne voll Kaffee dabei.“

Über Funk meldete sich einer der Agenten, die die Rückseite des Hauses überwachten.

Er berichtete, dass sich Gonzales kurz im Freien auf der Terrasse gezeigt hatte.

„Ein Zugriff war leider nicht möglich. Er ist jetzt wieder im Haus“, meldete der Agent.

„War die Identifizierung eindeutig?“, fragte Pulaski.

„Ja. Der Mann entspricht dem Bild in den NYSIS-Dateien.“

„Dann wissen wir jedenfalls, dass wir hier nicht umsonst warten“, meinte Milo.



38

Die Dämmerung brach bereits herein, als endlich etwas geschah. Gonzales ging ins Freie. In der Garageneinfahrt stand ein Chrysler, der auf Eric Gonzales zugelassen war, wie die Kollegen inzwischen längst überprüft hatten.

Harry Gonzales öffnete per Fernbedienung das Garagentor. Automatisch ging das Licht an. Wir erkannten den Ford wieder, mit dem er geflüchtet war. Das Nummernschild wurde zwar durch den Chrysler verdeckt, aber ich war überzeugt davon, dass es übereinstimmte.

Gonzales öffnete den Kofferraum. Er wollte irgendetwas aus dem Wagen herausnehmen.

„Zugriff!“, befahl Pulaski.

Im nächsten Moment stürzten wir mit der Dienstwaffe in der Hand ins Freie. Auch die anderen an diesem Einsatz beteiligten Agenten verließen ihre Verstecke.

Harry Gonzales merkte, dass etwas nicht stimmte, drehte sich um und riss dabei seine Automatik aus dem Hosenbund.

„FBI! Waffe weg!“, rief ich.

Gonzales zögerte eine Sekunde. Er blickte sich um, sah die in Stellung gegangenen FBI-Agenten und ahnte wohl, dass er keine Chance mehr hatte.

Das Spiel war aus.

Er ließ die Waffe sinken. Milo schnellte auf ihn zu, nahm ihm die Waffe ab. Im nächsten Moment ließ einer der anderen Kollegen die Handschellen klicken.

„Sie sind verhaftet, Mister Gonzales. Es besteht der Verdacht, dass Sie Sean McKenzie und Brian O’Rourke getötet haben. Von nun an kann alles, was Sie sagen vor Gericht gegen Sie verwendet werden…“ Ich klärte ihn über seine Rechte auf.

„Ich habe niemanden getötet!“, rief er.

„Wir nehmen ihn mit zu unserem Field Office“, bestimmte Milo. „Ich nehme an, dass wir uns länger mit ihm unterhalten müssen…“



39

Gonzales saß gefesselt in auf der ziemlich engen Rückbank des Sportwagens, während wir uns auf den Weg nach Manhattan machten.

„Ich habe niemanden umgebracht!“, behauptete er, während wir in Richtung der New Jersey-Ausfahrt des Lincoln Tunnels fuhren.

„Vielleicht beraten Sie sich besser mit einem Anwalt, bevor Sie irgendeine Aussage machen“, sagte ich ihm. „Zumindest in einem der Fälle gibt es jemanden, der Sie gesehen hat.“

„Und wo soll das bitteschön gewesen sein?“

„Bei Fredo’s Fish Bar. Sie hatten eine Waffe dabei und standen unter einer Laterne. Wahrscheinlich haben Sie O’Rourke angerufen, damit er mit Ihnen auf die Pier geht. Dort haben Sie ihn erschossen.“

Er schwieg.

„Und was McKenzie angeht…“, begann Milo, aber Gonzales unterbrach ihn.

„Ich habe niemanden umgebracht! Untersuchen Sie meine Waffe!“

„Das werden die Kollegen vom Labor mit Sicherheit sehr gründlich tun“, versprach ich. „Sie wollten Rache, nehme ich an. O’Rourke, McKenzie und Atkins hatten irgendetwas gegen Sie in der Hand, womit man Sie dazu erpresste, Ihre Gang zu verraten, die ‚Matadores’. Ihre Eltern und Ihre Schwester sind der Rache dieser Gang zum Opfer gefallen. Aber Sie haben sich die Schuld gegeben. Atkins wäre wahrscheinlich der dritte Tote gewesen.“

„Atkins wird der dritte Tote sein“, murmelte Gonzales. „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

„Vielleicht reden Sie jetzt und packen alles aus, Gonzales. Sie können nichts mehr verlieren. Eine Mordanklage ist Ihnen sicher.“

Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie er mit sich kämpfte.

Ich konnte nur hoffen, dass er sich für das richtige entschied.

„Betreiben Sie eigentlich Kampfsport?“, fragte ich.

„Nein.“

Ich ließ ihn eine Weile in Ruhe. Als wir den Lincoln Tunnel hinter uns hatten und auf der Manhattan-Seite wieder an die Oberfläche gelangten, hatte er sich entschieden.

„Ich packe aus“, sagte er. „Jetzt hat alles sowieso keinen Sinn mehr.“

„Wir sind ganz Ohr, Mister Gonzales“, erwiderte Milo.

„Wie ich schon sagte, ich habe niemanden umgebracht. Ich kannte O’Rourke und McKenzie, weil ich ihnen als Informant gedient hatte. Normalerweise wäre ich nie dazu bereit gewesen. Man verrät seine Gangbrüder nicht. Das ist verachtenswert. Aber O’Rourke und die anderen hatten mich in der Hand. Ich war ihnen mit etwas Rauschgift ins Netz gegangen und sie drohten, die Beweise so zu manipulieren, dass ich als Großhändler für viele Jahre in den Bau gegangen wäre. Keine Ahnung, woher sie den nötigen Stoff dafür hatten. Aber sie besaßen ihn! Kokain, Heroin – und das in Mengen, die für so eine Intrige ausreichten. Wahrscheinlich haben sie den Stoff bei anderen Operationen abgezweigt. Oder sie besaßen sehr gute Beziehungen zu anderen Drogenhändlern, bei denen Sie auch ein Auge zugedrückt hatten und die ihnen nun etwas schuldig waren. Ich glaube, die beiden machten ein richtiges Geschäft aus der Sache.“

„Die Sache mit den ‚Matadores de la Bronx’ gilt als ein großer Erfolg ihrer Polizeiarbeit!“, gab ich zu bedenken.

„Es war mein Erfolg. Die Verhaftungen der gesamten Führungsriege unserer Gang wären nicht möglich gewesen, wenn ich ihnen nicht Ort und Zeit eines Großdeals verraten hätte. Seitdem ist ‚El Rey’ hinter mir her. Das ist der Spitzname von Langdon Benitez. Sein Bruder Ethan hat natürlich gleich zwei und zwei zusammengezählt und geahnt, dass er mir seinen Aufenthalt auf Rikers verdankte. Und ‚El Rey’ hat dann erbarmungslos zugeschlagen.“ Er schluckte. Es sprudelte aus ihm heraus. Offenbar war es ihm schon lange ein Bedürfnis gewesen, diese Dinge jemandem zu erzählen. „Sie haben meine Schwester und mich gefangen genommen und in eine leere, abgelegene Lagerhalle verschleppt. Dort wurde sie vor meinen Augen erschossen und außerdem hat mir ‚El Rey’ angekündigt, dass ich meine Eltern in ihrem Blut finden würde. So kam es dann auch.“

„Dieser El Rey hat Sie offenbar am Leben gelassen“, stellte ich verwundert fest. „Warum hat er die Rache nicht an Ihnen vollzogen?“

„Weil er mich leiden lassen wollte. Ich sollte daran denken, dass es meine Schuld gewesen sei, was geschehen war. Und eines Tages, so kündigte er mir an, würde er zuschlagen und mich auch auslöschen. Ganz gleich, wo ich auch hinflüchten würde, ich könnte nie sicher sein, ob nicht hinter der nächsten Ecke jemand lauert, der das Urteil, das er über mich gesprochen hatte, vollstreckt. Aber das passt zu El Rey. Ich kenne ihn ja schon seit wir Teenager waren. Er ist ein Sadist.“

„Sie haben seinerzeit geschwiegen und die Ermittlungen der Polizei nicht gerade unterstützt“, stellte Milo fest. „Zumindest geht das aus den Unterlagen hervor, die uns vorliegen.“

„Ich hätte mich selbst ans Messer geliefert. Schließlich hatte ich genug auf dem Kerbholz, um in den Knast zu wandern.“ Sein Gesicht verzog sich.

„Warum haben Sie sich nicht an Ihre Polizistenfreunde gewandt?“, fragte ich.

„Für die war ich uninteressant geworden, nachdem ich bei den Matadores zu einem Ausgestoßenen geworden war. Diese Bastarde! Die haben mich fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Jetzt erpressen sie andere, denen sie falsche Beweismittel untergeschoben haben, um sie auspressen zu können wie eine Zitrone. Was aus mir wurde, war ihnen gleichgültig.“

„Ein Staatsanwalt könnte das als Mordmotiv ansehen“, sagte Milo.

„Aber so war es nicht.“

„Bislang haben Sie uns nichts geboten, was Sie aus der Schusslinie nimmt!“

„Meine Aufgabe war es nur, O’Rourke und McKenzie zum Tatort zu locken. Ich sollte ihnen damit drohen, alles auszupacken und ihre Machenschaften ans Licht zu bringen. Sie hatten doch gerade ihre Versetzung hinter sich und mit Mühe und Not verhindert, dass das wahre Ausmaß ihrer Geschäfte ans Licht kam. Wenn ich mich damit an die Abteilung für Innere gewandt hätte, hätte sie das in einem Moment erwischt, in dem sie schon ohnehin ziemlich schwach dastanden.“

„Das klingt so, als hätte Sie jemand beauftragt“, stellte ich fest.

„Ja.“

„Wer?“

„Den Namen werde ich erst nennen, wenn ich juristische Garantien habe und die Staatsanwaltschaft einen Deal mit mir macht.“

„Wenn das, was Sie sagen der Wahrheit entspricht, müssen Sie trotzdem eine Anklage wegen Beihilfe zum Mord befürchten.“

„Ich weiß“, murmelte Gonzales. „Aber ich setze darauf, dass man mir entgegenkommt.



40

Wir lieferten Gonzales im Bundesgebäude an der Federal Plaza ab. Er wurde unseren Verhörspezialisten Mell Horster und Dirk Baker vorgeführt. Sie baten uns darum bei der Vernehmung dabei zu sein, schließlich hatten wir den Großteil der Fakten ermittelt, die mit Gonzales und den Morden an McKenzie und O’Rourke in Zusammenhang standen.

Ein Pflichtverteidiger wurde herbeigerufen. Außerdem ein Vertreter der Staatsanwaltschaft.

„Ich sage kein Wort, ehe das hier nicht in einem offizielle Deal mündet“, sagte er großspurig.

„Was ist mit Tom Atkins?“, fragte ich ihn trotzdem. „Er war doch an den Machenschaften von O’Rourke und McKenzie beteiligt.“

„Das war er.“

„Wäre er der nächste auf der Mordliste gewesen?“

„Mit einem Deal kann die Staatsanwaltschaft vielleicht auch das Leben von Tom Atkins retten!“ Er grinste. „Natürlich ist er der Nächste. Und die Hintermänner sind dazu gezwungen schnell zu handeln. Das erhöht die Gefahr für Atkins. Und glauben Sie mir, ich war vielleicht ein Helfershelfer – aber die Leute von denen ich spreche sind durchaus in der Lage, völlig auf sich allein gestellt zu töten!“

„Wir sollten Atkins warnen!“, meinte Milo.

„Das können Sie tun – nur wird es nichts nützen“, sagte Gonzales. „Irgendwann wird irgendwer zuschlagen und Atkins’ Leben beenden. Selbst wenn Sie ihn jetzt warnen, wird ihn das nicht auf Dauer schützen.“

Staatsanwalt Robert Thornton traf ein. Wenig später stieß auch der bestellte Pflichtverteidiger zu uns. Er hieß Milton Gallagher und wollte sich zunächst mit seinem Mandanten unter vier Augen besprechen.

Inzwischen versuchte unser Innendienstler Max Carter Lieutenant Atkins telefonisch erreichen. Ich hatte ihm den Hinweis gegeben, dass Atkins uns gegenüber angegeben hatte, Urlaub in seinem Ferienhaus am Lake Tappan machen zu wollen.

„Dort gibt es aber keinen Festnetzanschluss“, fand Max schließlich heraus.

Mr McKee schaltete sich persönlich in den Fall ein und gab uns schließlich die Anweisung, zum Lake Tappan zu fahren.

„Suchen Sie Atkins auf und überzeugen Sie ihn, dass er aussagen muss. Wie viel an den Aussagen von Mister Gonzales der Wahrheit entspricht, muss sich noch zeigen, aber fest steht, dass er uns einiges erklären muss.“

„Sobald sich Gonzales dazu entschließt, endlich seinen Auftraggeber zu nennen, würde ich gerne telefonisch verständigt“, bat ich.

„Sir werden auf dem Laufenden gehalten“, versprach unser Chef.



41

Als wir Richtung Norden fuhren, wurde es bereits dunkel.

Um der Rush Hour möglichst zu entgehen, fuhren wir nicht quer durch Manhattan und die Bronx und Yonkers, sondern nahmen den Lincoln Tunnel, um auf der New Jersey Seite des Hudson.

Der Lake Tappan lag mit der südlichen Hälfte auf dem Gebiet des Staates New Jersey, während der Norden des Sees zu New York State gehörte.

Das letzte Stück bis zum See mussten wir über ziemlich kleine Straßen zurücklegen. Milo versuchte zwischendurch immer wieder, Atkins auf seinem Handy zu erreichen, aber wir wurden an die Mailbox verwiesen.

„Was glaubst du, macht dieser Gonzales nur eine große Show, um seinen Hals zu retten, juristisch etwas heraus zu schlagen?“

„Wenn ja, dann brauchen wir uns keine Sorge um Atkins machen, Jesse.“

„Höchstens, dass er sich davonmacht, um der drohenden Strafverfolgung zu entgehen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Er wirkte auf mich wie jemand, der das Ganze einfach aussitzt und sich am Ende darauf verlässt, dass er hervorragende Beziehungen hat. Und zwar sowohl zur Justiz als auch zur Unterwelt.“

„Stimmt.“

„Aber mal angenommen, Gonzales sagt die Wahrheit. Es gab einen Auftraggeber. Wer käme da in Frage?“

„Jemand, der sich durch das Dream-Team der Drogenabteilung nicht länger abzocken lassen wollte“, zog Milo messerscharf den nahe liegenden Schluss. „Jesse, die Drei haben einen Riesenfisch an der Angel gehabt. Zumindest, wenn man nach McKenzies Kontoauszügen geht!“

„Was für ein passender Vergleich, wenn man bedenkt, dass Atkins zum Angeln gefahren ist“, gab ich zurück.

Eine Weile schwiegen wir. Ich hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Ein entscheidendes Detail, das den ganzen Fall auflöste.

Das Navigationssystem führte uns schließlich ziemlich sicher zu Atkins’ direkt am Ufer des Lake Tappan gelegenen Ferienhauses.

Es war ziemlich dunkel hier.

In der Zufahrt standen ein Porsche und der Geländewagen, den wir bei Atkins auf dem Hof gesehen hatten.

Ich zog meine Waffe.

Milo folgte aber meinem Beispiel.

„Erinnerst du dich an die Aussage von Marvin Thorndyke, dem Obdachlosen, der im Lagerhaus bei Fredo’s Fish Bar übernachtete, Milo?“

„Er wollte gehört haben, wie ein Porsche davonfuhr…“

„Gonzales war dort, das steht fest. Aber vielleicht auch noch jemand…“

Das Haus lag zwischen hohen Bäumen. Der Mond stand hell über dem See. Ein Bootssteg ragte etwa zwanzig Meter ins Wasser hinein. Mehrere Boote waren dort befestigt.

Wir pirschten uns zunächst ans Haus. Alles schien ruhig. Kein Laut war zu hören. Im Haus brannte Licht. Die Tür stand offen.

Milo stieß sie zur Seite, um sich innen umzusehen. Ich blieb draußen und behielt die Umgebung im Blick. An einem der Boote sah ich einen Schatten sich erheben. Jemand machte sich dort zu schaffen.

„Es ist niemand im Haus!“, sagte Milo.

Ich deutete zu den Booten.

Milo sah es auch. Der Schatten stieg an Land und wollte offenbar die Vertäuung lösen.

Wir näherten uns. Für den Mann auf dem Steg waren wir lange Zeit in eine Schattenzone unter den großen Bäumen verborgen. Wir hingegen hatten ihn im Licht deutlich sehen können.

Jetzt bemerkte er uns.

„Keine Bewegung! FBI!“, rief ich.

Er griff unter seine Jacke, riss eine Waffe hervor. Ein Schuss krachte und pfiff über uns hinweg. Ich schoss zurück und erwischte ihn an der Schulter. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten und ließ ihn auf dem rutschigen Steg der Länge nach zu Boden fliegen.

„Waffe weg!“, rief ich und stürmte den Steg entlang, die Dienstwaffe dabei im beidhändigen Anschlag.

Das Mondlicht sorgte dafür, dass man unseren Gegner sehr gut sehen konnte. Er rappelte sich auf, hob noch einmal die Waffe und richtet sie auf mich.

Sekundenbruchteile blieben mir, um mich zu entscheiden.

Aber mir war instinktiv klar, dass dieser Mann schießen würde.

Der Mündungsblitz seiner Waffe leuchtete auf. Ich schoss annähernd im selben Moment. Sein Schuss ging daneben, während meine Kugel ihn in den Oberkörper traf.

Er hatte mir keine andere Wahl gelassen.

Ich ging auf den regungslos daliegenden Mann zu.

Schließlich stand ich zu seinen Füßen. Seine Augen blickten starr in Nichts. Das Mondlicht spiegelte sich in ihnen. Ich senkte die Waffe.

Milo war mir gefolgt.

„Das ist der Mann, den wir suchen“, stellte ich fest. „Jemand, der Kampfsport betreibt, wie er uns selbst erzählt hat, und einen Porsche fährt.“

„Ray Barros!“, stieß Milo hervor.

„Die Waffe war von Anfang an die richtige Spur.“

„Er wird sie zwischenzeitlich irgendwo deponiert haben. Wie hätten wir das herausfinden können?“

Ich deutete auf das Boot, dessen Vertäuung beinahe gelöst worden war. Es handelte sich um ein einfaches Ruderboot, mit dem Angler hinauszufahren pflegten. Besonders nachts, wenn die Fische zur Ruhe kamen und besonders leicht anbissen.

Ein Mann lag regungslos darin – der Länge nach hingestreckt auf der Seite. Er trug nur eine Badehose. Das Gesicht war nicht zu sehen.

Milo steckte seine Waffe ein und stieg auf das Boot. Er beugte sich über den Körper und drehte ihn herum.

„Es ist Atkins“, stellte er fest. „Hier ist ein Tuch mit…“ Milo schnupperte kurz daran. „…Chloroform!“

Ich atmete tief durch. Atkins sollte also hinaus auf den See geschafft werden und betäubt in den See geworfen werden“, stellte ich fest.

Milo nickte. „Alles sollte wie ein Badeunfall aussehen.“

„Ray Barros ist – war! - der Mann fürs Grobe bei Benny Vargas. Wenn Gonzales Aussage stimmt, dann muss Vargas der Auftraggeber sein, Milo!“

„So hat das sogenannte Dream-Team sich vielleicht mit Vargas eine ganz große Nummer als Opfer Ihrer Erpressungen ausgesucht!“

„Aber jemand wie Vargas lässt sich das nicht gefallen und schickt seinen Bluthund.“

„Nur können wir Vargas kaum etwas beweisen, jetzt da ihn sein Bluthund Ray Barros nicht mehr belasten kann!“

„Warten wir ab, Milo“, sagte ich. „Vielleicht siegt bei Lieutenant Atkins jetzt vielleicht endlich die Vernunft!“

„Oder der Überlebenswille!“, erwiderte Milo. „Schließlich muss Atkins doch klar sein, dass Vargas sofort einen weiteren Killer auf ihn ansetzen wird – schon um die eigene Haut zu retten.“



42

Wir schafften den bewusstlosen Atkins zurück ins Haus und meldeten uns im Field Office. Dabei erfuhren wir, dass Harry Gonzales inzwischen ausgesagt hatte.

Seine Aussage bestätigte das, was wir bereits vermuteten. Mr McKee beorderte unsere Spurensicherer Sam Folder und Mell Horster an den Lake Tappan. Außerdem wurde die zuständige Gerichtsmedizin des County alarmiert, um Ray Barros’ Leiche zu bergen, sowie ein Arzt, der sich um Tom Atkins kümmern sollte.

Wir hatten Atkins in sein Bett gelegt und bemühten uns darum, ihn aufzuwecken. Aber erst, als bereits der Gerichtsmediziner eintraf, erwachte er aus seiner Betäubung. Er wirkte verstört und wunderte sich darüber, dass er unter der Decke nur eine Badehose trug.

Wir erklären ihm, was geschehen war. Er nahm es ruhig zur Kenntnis.

„Sie wissen, dass Vargas bei nächster Gelegenheit einen anderen Killer schicken wird“, versuchte ich ihm klarzumachen. „Wir haben die Aussage eines Junkies und Ex-Mitgliedes der Matadores, den Sie, McKenzie und O’Rourke zu Spitzeldiensten gegen Vargas gepresst haben. Aber es ist zweifelhaft, ob dass reichen wird, um ihn festzunageln. Er wird davonkommen, Lieutenant Atkins. Und er wird sich in aller Ruhe einen Profi anheuern können, der Sie umbringt.“

„Es ist Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen“, ergänzte Milo. „Ein Verfahren kommt ohnehin auf Sie zu und Ihr Dienst in der Polizei dürfte so oder so beendet sein. Es ist nur die Frage, ob Sie überleben wollen?“

Atkins überlegte einen Moment. Er richtete sich auf und fuhr sich mit der flachen Hand über sein Gesicht.

„Okay“, sagte er. „Das Spiel ist aus.“

„Es freut mich, dass Sie realistisch genug sind, das zu erkennen. Dann helfen Sie uns, Vargas vor den Richter zu stellen.“

„Das ist nicht so einfach, Agent Trevellian. Vargas ist paranoid. Er hat mindestens ein halbes Dutzend Wohnungen unter den Namen von Strohmännern gekauft, wo er sich notfalls verkriechen kann, wenn mal ein Haftbefehl auf seinen Namen ausgestellt werden sollte. Er schläft alle paar Nächte woanders. Manchmal jettet er einfach nach Miami oder Los Angeles, wo er auch Residenzen besitzt.“

„Dann muss man ihn eben aus seinem Versteck locken“, erwiderte ich. „Wie sind Sie mit Vargas in Kontakt getreten – um ihn zu erpressen?“

„Wir haben uns in einer konspirativen Wohnung getroffen. Er kam natürlich nie persönlich. Wir hatten einen Mittelsmann.“

„Harry Gonzales?“

„Ja. Die Wohnung liegt in East New York, Brooklyn.“

„Davon hat Gonzales uns noch gar nichts erzählt“, ergänzte Milo. „Seiner Darstellung nach hat Ihr ehrenwertes Polizisten-Trio ihn gnadenlos fallengelassen, nachdem die Verhaftung der ‚Matadores’ über die Bühne gegangen war.“

„Haben wir auch. Er hat das nervlich nicht durchgestanden und ist zum Junkie geworden.“

„Wundert Sie das – nach dem, was mit seiner Schwester und seinen Eltern geschehen ist?“

„Vargas muss gewusst haben, dass Harry Gonzales unser Informant war. Er hat ihn umgedreht und zu seinem Geschöpf gemacht, indem er ihn mit Heroin versorgte. Gonzales hätte alles für Vargas getan. Wir hatten Beweise gegen Vargas gesammelt und sie gegen eine gewisse Gebühr zurückgehalten.“

„Wo sind diese Beweise? In O’Rourkes Wohnung?“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Wir haben Christine Vistano dort kurz nach O’Rourkes Ermordung angetroffen! Sie hatte das Polizeisiegel gebrochen.“

„Brian war wohl leider zu hormongesteuert, um zu merken, dass diese Christine es von Anfang an nur auf eines abgesehen hatte: Den Schlüssel zu dem Schließfach in dem sich die Videomitschnitte einiger Großdeals befinden, an denen Vargas beteiligt war.“

„Einen Schlüssel hätte sie herausschmuggeln können“, meinte Milo. „Ihr Schlüsselbund wurde nicht überprüft. Warum auch?“

„Haben Sie auch einen Schlüssel?“, fragte ich.

Atkins nickte. „Ja, aber dort ist nichts mehr!“

„Wie wollen Sie das wissen?“

„McKenzie rief mich sofort nach O’Rourkes Tod in Quantico an. Er hatte das bereits überprüft, war aber wohl zu spät. Christine Vistano hat ganze Arbeit geleistet.“

„Ein fast perfekter Plan, an dessen Ende Vargas Sie und Ihr beiden ermordeten Kollegen losgeworden wäre!“

„Sie sagten, ich soll Ihnen helfen…“, murmelte Atkins. „Wie sähe das aus?“

„Mein Plan ist nicht ganz risikolos“, gestand ich. „Aber wenn Vargas jetzt davonkommt, sind Sie früher oder später ein toter Mann.“

„Ich weiß“, nickte er.



43

Gegen Mittag des nächsten Tages bereiteten wir im Field Office alles vor, um Vargas eine Falle zu stellen. Wir waren dabei sowohl auf die Mithilfe von Harry Gonzales, als auch auf die Unterstützung von Lieutenant Atkins angewiesen. Beide ließen sich das natürlich durch ein Entgegenkommen der Staatsanwaltschaft honorieren.

Wenn dadurch jemand wie Vargas aus dem Verkehr gezogen wurde, konnte man das allerdings rechtfertigen.

Gonzales schlug vor, dass er Vargas auf seinem speziellen Prepaid Handy kontaktierte, um ihm zu berichten, dass der Anschlag auf Atkins fehlgeschlagen war und Atkins sich jetzt mit Vargas persönlich treffen wollte, um die Sache zu bereinigen.

Als Treffpunkt wurde die konspirative Wohnung in East New York, Brooklyn vorgeschlagen.

Vargas ging darauf ein.

Es blieb ihm auch keine andere Wahl.

Das Treffen wurde für den späten Nachmittag verabredet und dabei waren wir auf die Hilfe von Tom Atkins angewiesen.



44

Wir fuhren mit einem Dutzend Agenten nach East New York. Die Wohnung lag in einem Wohnblock, der eher zur unteren Kategorie gehörte. Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen. Weder Kameras noch private Security Guards sorgten für den Schutz vor Kriminellen. Die Hälfte der Wohnungen des zwölfstöckigen Gebäudes standen leer.

Für uns war das ein Vorteil. Das Treffen zwischen Atkins und Vargas musste eingehend dokumentiert werden. Minikameras und Mikrofone mussten in der Wohnung installiert und über Kontrollmonitore in einer leer stehenden Nachbarwohnung aus überwacht werden.

Wir warteten dort auf unseren Einsatz. Schließlich mussten wir unter Umständen sehr schnell eingreifen, wenn Atkins in Gefahr geriet.

Vargas war pünktlich. Zusammen mit einem Gefolge von vier Mann tauchte er auf. Einer wurde abgestellt, um den Eingang zu sichern, die anderen betraten mit ihm zusammen die Wohnung. Sie durchsuchten zunächst einmal alles, fanden aber nichts Verdächtiges.

Einer durchsuchte Atkins nach Waffen und Mikrofonen. Aber letztere waren nicht an seinem Körper installiert.

„Sie sehen, dass ich davongekommen bin, Mister Vargas“, sagte Atkins. „Ich hoffe, Harry hat Ihnen die Dringlichkeit der Sache klar gemacht.“

„Das hat er. Keine Sorge“, knurrte Vargas zwischen den Zähnen hindurch. Er steckte sich eine Zigarre in den Mund. „Jetzt erzählen Sie mir nicht, Sie wollen das Geschäft, das Sie bisher mit Ihren Kollegen O’Rourke und McKenzie durchgezogen haben, jetzt im Alleingang weiter betreiben wollen?“

Er hob die Augenbrauen. „Warum nicht? Was wollen Sie dagegen tun? Noch einmal versuchen mich umbringen zu lassen?“

„Sie sind ein Narr, Atkins! Die Beweismittel sind längst in meiner Hand.“

„Meinen Sie die Aufzeichnungen, die Christine Vistano gestohlen hat? Es gibt Kopien. Und zusätzlich kommen jetzt noch die Morde an meinen Kollegen hinzu. Und das nehme ich persönlich!“

„Seien Sie froh, dass Sie noch am Leben sind!“, zischte Vargas.

„Warum haben Sie sich nicht mit uns an den Tisch gesetzt, wenn Sie der Meinung waren, dass unsere Provision zu hoch ist?“, fragte Atkins. „Warum mussten Sie einen Killer wie Ray Barros auf uns ansetzen?“

„Weil ich keine Lust mehr hatte, solche Blutsauger weiter mit dem zu ernähren, was ich mit meiner Hände Arbeit erwirtschaftet habe!“ Vargas schnipste mit den Fingern. „Nehmt ihn mit und macht mit ihm eine Spazierfahrt. Es gibt sicherlich irgendwo im Umland New Yorks einen Tümpel oder eine Müllhalde, wo man diese erbärmliche Witzfigur eines Cops leicht verschwinden lassen kann…“

In diesem Augenblick kam das Signal zum Zugriff.

Diesmal war es Agent Fred LaRocca, der es gab, da diese Aktion unter seiner Einsatzleitung stand.

Wir stürmten aus unseren Verstecken, traten die Tür ein und waren wenig später im Inneren der Wohnung.

Die Bodyguards ergaben sich sofort.

Vargas wirkte im ersten Moment orientierungslos.

„Mister Vargas! Sie sind verhaftet“, stellte Milo fest. „Wegen Verabredung zum Mord in mindestens zwei Fällen sowie einem Versuch.“ Milo klärte ihn anschließend über seine Rechte auf, aber Vargas hörte gar nicht zu.

„Wer weiß? Vielleicht kommt ja noch der eine oder andere Fall dazu“, meinte ich. „Es gibt da zum Beispiel einen Händler von illegalen Waffen namens Kenneth Jakobs, der unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden wurde… Und wer weiß, was wir noch über die Schießerei herausfinden, die vor ein paar Jahren im ‚Abraxas’ für Angst und Schrecken sorgte…“



45

Der Prozess gegen Vargas machte Schlagzeilen. Auch die besten Anwälte bewahrten ihn nicht vor einer Verurteilung, die darauf hinauslief, dass er den Rest seines Lebens auf Rikers Island verbringen würde. Da Ray Gonzales nun auch umfassend zur Ermordung seiner Eltern und seiner Schwester aussagte, konnten im Anschluss auch Langdon ‚El Rey’ Benitez und seine Getreuen festgenommen und vor Gericht gestellt werden. Ein Schlag, von dem sich die ‚Matadores de la Bronx’ wohl nicht mehr erholen würden.

„Das sind die Augenblicke, in denen ich an die Gerechtigkeit unserer Justiz glaube“, sagte Milo dazu in unserem Dienstzimmer.

Ich nippte an meinem Kaffee.

„Dafür sind Gonzales und Atkins relativ glimpflich davongekommen.“

„So läuft das eben“, meinte Milo. „Ein Sieg für das Recht ist es allemal!“


ENDE















Tardelli und die Diamanten

Ein Roberto Tardelli Thriller


von A. F. Morland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.


Sergio Tanarra glaubt, endlich den großen Coup gelandet zu haben. Diamanten im Wert von acht Millionen Dollar jagt er dem Kurier ab, der diese wertvolle Ware der Mafia überbringen sollte. Doch die setzt Sergios Bruder Vado Tanarra, die Viper, auf den dreisten Dieb an, während Sergio Freunde bittet, bei ihnen eine Weile untertauchen zu können.

Aber auch Roberto Tardelli, der Mann, der gegen die Mafia kämpft, ist hinter dem Diamantendieb her, um die Hehlerware den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben zu können ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Sergio Tanarra — Er legt sich mit der ,Ehrenwerten Familie’ an und bezahlt das mit seinem Leben.

Vado Tanarra — Man nennt ihn die ,Viper‘, und er jagt seinen Bruder gnadenlos, der der Mafia die kostbaren Diamanten geraubt hat.

Mario de Levantis — Er spielt mit gezinkten Karten, und als Roberto Tardelli das erkennt, hat er schon fast keine Chance mehr.

Moro Tinti — Er eignet sich die Diamanten an, und das wird ihm zum Verhängnis.

Juanita Gomez — Sie hilft Roberto Tardelli, aber nicht einmal er kann verhindern, dass der Killer sie sich vor die Mündung seiner Waffe holt.

Roberto Tardelli — Der Mann, der unerbittlich gegen die Mafia kämpft und der niemals aufgibt.



1

Als der Jet Bodenkontakt hatte, spannte sich in Roberto Tardellis sportgestähltem Körper jeder Muskel. Er griff nach dem japanischen Fernglas, das an einem schwarzen Lederriemen vor seiner breiten Brust baumelte.

Sobald der Vogel stand, verstummten die brüllenden Düsen. Dicke Klötze wurden unter die Räder geschoben. Das Flughafenpersonal kümmerte sich um das Gepäck der Reisenden. Die Gangway wurde an die Maschine gerollt. Und dann erschienen die ersten Passagiere im gleißenden Licht der heißen texanischen Sonne.

Es war 12.30 Uhr Central Standard Time.

Roberto konzentrierte sich auf die Personen, die über die Stufen der Gangway schritten.

Plötzlich ging ein kaum merklicher Ruck durch seinen Körper. Er hatte den Mann entdeckt, auf den er von COUNTER CRIME angesetzt worden war: Kowalski, den Boten der Mafia. Der Mann trug einen schmalen schwarzen Attachekoffer in der Rechten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass sich in diesem unscheinbaren Handgepäck von der Mafia geraubte Industriediamanten im Wert von acht Millionen Dollar befanden.

Um sie ging es COUNTER CRIME.

Roberto Tardelli sollte sie dem Kurier der Cosa Nostra hier in Dallas abjagen.

Kowalski wirkte wie ein professioneller Urlauber. Er war braungebrannt. Sein schwarzes Seidenhemd stand bis zum Gürtel offen und zeigte die trainierten Brustmuskeln. Die Jeans saßen hauteng. Dazu trug er handgefertigte, glänzende Wildweststiefel. Er hatte Pomade im Haar, und seine Augen streiften wie Suchscheinwerfer umher.

Roberto Tardelli ließ den Mann nicht mehr aus den Augen. Er folgte dem Boten der Ehrenwerten Gesellschaft überallhin, ohne den gebotenen Sicherheitsabstand zu vergessen.

Kowalski holte sich am AVIS-Schalter die Schlüssel für einen rehbraunen Chevrolet Camaro. Als er damit losfuhr, schwang sich Roberto in seinen ebenfalls gemieteten Maserati Ghilbi. Es gelang dem Mafiajäger mühelos, am Ball zu bleiben. Er wechselte hinter dem Camaro ständig die Fahrposition, so dass Kowalski niemals auf die Idee kommen konnte, der Mann im Maserati wäre hinter ihm her. Die Fahrt ging ins Zentrum von Dallas. Überall herrschte rege Bautätigkeit.

Dallas, die Stadt, in der Präsident Kennedy erschossen wurde. Viele Menschen hatten hier nach ihm schon ein gewaltsames Ende gefunden ... Roberto kannte einige Namen. Vier davon waren COUNTER CRIME-Agenten gewesen. Vier wagemutige Männer! In den letzten achtzehn Monaten. Eine alarmierende Bilanz. Die Mafia breitete sich in dieser Stadt mit der verderblichen Hartnäckigkeit eines Krebsgeschwürs aus. Immer mehr verästelten sich ihre Wurzeln in Dallas. Immer tiefer gruben sie sich hier in den Boden, und eine Finanzinjektion von acht Millionen Dollar würde sie noch schneller als bisher wachsen lassen.

Die Ampel in der Houston Street sprang auf Rot. Kowalski brachte seinen Wagen zum Stehen.

Roberto stoppte den Maserati sechs Fahrzeuge hinter dem Kurier. Er hatte beide Seitenfenster nach unten gedreht. Die heiße Luft flimmerte über der Motorhaube. Links rollte ein Buick bis knapp an die Stoßstange des vorderen Wagens. Roberto hörte peitschende Gitarrenklänge und wandte den Kopf. Die niedliche Wasserstoffblondine mit den üppigen Kurven wippte im Takt der Musik, die aus ihrem Autoradio schallte. Sie trug einen tief ausgeschnittenen weißen Pulli - mindestens zwei Nummern zu klein und schnippte unentwegt mit den Fingern. Die Kleine war so heiß, dass sich Roberto gern an ihr die Finger verbrannt hätte. Sie schob ihren Kaugummi von links nach rechts und blinzelte ihm lustig zu. Da wäre allerhand zu machen gewesen.

Aber leider. Dort vorn war Kowalski. Und der hatte im Augenblick Vorrang.

Der Wagenpulk rollte weiter. Kowalski änderte zweimal die Richtung. Roberto ließ den Maserati Ghilbi gewissermaßen an der langen Leine hinterhertraben.

Vor einer knappen Stunde erst hatte in seinem Hotelzimmer das Telefon geläutet. Colonel Myer, der Chef von COUNTER CRIME, war am Apparat gewesen. Er hatte von der CC-Zentrale in Washington aus angerufen.

„Hören Sie zu, Roberto, ich habe da für Sie einen brandeiligen Job.“

„Ich habe einen Job“, hatte Roberto erwidert. Er war wegen eines Mannes namens Fabiano Memo nach Dallas gekommen. Memo sollte im Auftrag der Cosa Nostra zwei einflussreiche Raumfahrtexperten liquidiert haben. Roberto sollte ihn aufstöbern und kassieren.

„Vergessen Sie Memo, Roberto! Um den wird sich einer Ihrer Kollegen kümmern.“

„Und was haben Sie mir zugedacht?“

„Eine äußerst heikle Sache.“

„Wie immer“, bemerkte Roberto gleichmütig. Er war es gewöhnt, für den Colonel die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Diesmal sollten es Kastanien im Wert von acht Millionen Dollar sein.

„Der Mob von L.A. hat ein cleveres Ding gedreht und sich dabei eine beachtliche Anzahl von Industriediamanten unter den Nagel gerissen“, berichtete Myer. „Da der Boden für die Steine in Los Angeles zu heiß ist, hat die Ehrenwerte Gesellschaft die Absicht, die ganze Hehlerware nach Dallas abzuschieben. Kowalski wird der Bote sein. Seine Maschine landet um 12.30 Uhr Central Standard Time auf dem Airport von Dallas. Er darf sein Handgepäck auf keinen Fall bei der Mafia abliefern. Nehmen Sie ihm die Steine ab und bringen Sie sie unverzüglich nach Washington! Wie Sie's anstellen, bleibt wie immer Ihnen überlassen. Ich verlasse mich auf Sie. Viel Glück, Roberto.“

„Angenommen, Kowalski lässt sich von mir nicht überreden, sich von den Diamanten zu trennen“, wandte Roberto ein.

„Sie haben doch sicher eine Waffe bei sich, oder?“

„Natürlich.“

„Dann verstehe ich Ihren Einwand nicht“, sagte der Colonel und legte auf.

Roberto drückte nun etwas mehr auf die Tube. Die Gegend, durch die sein Wagen rollte, war für die Aktion, die er vorhatte, bestens geeignet. Eine Menge Fabriken. Hohe trostlose Mauern zu beiden Seiten der Straße. Keine Menschen auf den Gehsteigen. Kaum ein Wagen unterwegs. Wenn Roberto den Maserati Ghilbi jetzt rasch vorzog und dann blitzschnell in Kowalskis Fahrspur schnitt, würde der Mafiakurier erst einmal auf die Bremse steigen, und erst nach einer angemessenen Schrecksekunde reagieren. Bis dahin konnte der Film längst gelaufen sein.

Roberto gab noch mehr Gas. Der Camaro bog rechts ab.

Roberto verlor das Fahrzeug für zwanzig Sekunden aus den Augen. Als er die Querstraße, in die der Chevrolet verschwunden war, erreichte, weiteten sich seine Augen.

Da wandte soeben einer seinen Trick an!

Genau das, was er vorgehabt hatte, passierte soeben: Kowalski wurde überfallen!

Der Kerl trug eine giftgrüne Wollmaske mit Sehlöchern, in seiner Linken lag ein langläufiger Colt Peacemaker. Sein muskulöser Oberkörper steckte in einem himmelblauen Hemd, dessen Kragen hochgeschlagen war. Dennoch war die feuerrote Narbe zu sehen, die um seinen kräftigen Hals lief.

„Los, Mann! Her mit den Steinen!“, blaffte der Maskierte nervös.

Der Attachekoffer lag neben Kowalski auf dem Beifahrersitz.

„Für einen wie dich rühr’ ich keinen Finger!“, sagte der Mafiakurier frostig.

„Verdammt, mach keine Schwierigkeiten!“, schrie der Maskierte aufgeregt. „Gib mir den Koffer, aber ein bisschen plötzlich!“

„Wenn du ihn haben willst, nimm ihn dir!“

Der Maskierte rannte um die Motorhaube herum. Er zielte mit dem Peacemaker die ganze Zeit auf den Kopf des Mafiaboten. Dennoch gelang es Kowalski, unbemerkt an die Wadenholster zu langen, in der seine kleine Derringer Pistole steckte. Als der Bursche sich zum Fenster auf der Beifahrerseite hereinbeugte, zuckte die Derringer in seiner Rechten hoch. Doch ehe Kowalski den Finger am Abzug krümmen konnte, drückte der Maskierte kaltschnäuzig ab. Der Colt brüllte. Er spie eine glutrote Feuerblume aus. Der Getroffene wurde gegen die Wagentür geschleudert. Auf seinem Gesicht erstarrte der Ausdruck furchtbaren Schmerzes. Die Derringer entfiel seinen kraftlosen Fingern und klapperte zwischen den beiden Vordersitzen auf den Wagenboden. Aus der großen, hässlichen Brustwunde quoll Blut.

Dies alles nahm nur wenige Sekunden in Anspruch.

Der Maskierte griff sich hastig den Attachekoffer, riss ihn an sich und hetzte zu seinem schräg auf der Fahrbahn stehenden Wagen.

Doch es kam anders.

„Stop!“, rief eine harte, peitschende Männerstimme. „Keine Bewegung!“

Der Maskierte zuckte herum und sah einen Mann, der mit seiner Luger im Beidhandanschlag auf ihn zielte.



2

Roberto Tardelli hatte die kritische Situation blitzschnell erfasst. Er zog den Maserati Ghilbi rechts heran und federte mit einem kraftvollen Sprung aus dem Fahrzeug. Gleichzeitig angelte er seine 38er Luger aus dem Schulterholster. Er entsicherte die Waffe in dem Augenblick, wo der Peacemaker des Maskierten losbrüllte. Roberto sah, wie Kowalski gegen die Wagentür geworfen wurde. Der linke Arm des Mafiakuriers hing aus dem Fenster. Roberto jagte mit langen Sätzen vorwärts. Der Maskierte hatte den Attachekoffer bereits an sich gebracht und war zu seinem quergestellten Wagen unterwegs.

Als er ihn erreichte, blieb Roberto Tardelli mit leicht gegrätschten Beinen stehen. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Seine beiden Hände umfassten die Luger.

„Stop!“, rief er glashart. „Keine Bewegung!“

Der Unbekannte fuhr wie von der Natter gebissen herum.

Roberto wusste sofort, dass dieser Mann niemals aufgeben würde. Mit Donnergetöse spie der Colt erneut Feuer. Robertos 38er entlud sich zur gleichen Zeit. Der Maskierte rettete sich mit einem wilden Satz zur Seite. Robertos Kugel zerfetzte ihm das himmelblaue Hemd und riß ihm eine dünne Schramme in den rechten Oberarm. Das machte den Burschen nervös. Er warf sich in Deckung, ballerte wie verrückt und setzte sich dann hastig ab, indem er im Zickzack auf eine enge Straße zuwieselte, in der er gleich darauf verschwand. Mit ihm verschwanden auch die Diamanten, die Roberto nach Washington bringen sollte.

Der CC-Agent nahm augenblicklich die Verfolgung des Maskierten auf. Die wilde Jagd ging über Mülltonnen und dreckige Ziegelmauern und endete vorläufig auf einem weitflächigen Autoreifenfriedhof. Rings um Roberto Tardelli herum türmten sich mächtige schwarze Gummiberge. Die heiße Sonne brannte auf die abgefahrenen Pneus. Es stank penetrant in den tiefen Tälern zwischen den Reifenbergen. Hier schien die Luft dicker zu sein als anderswo.

Roberto lauschte mit angehaltenem Atem. Sein Herz klopfte laut gegen die Rippen und in seinen Ohren rauschte das aufgepeitschte Blut. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Er kannte die Gefahr in allen erdenklichen Varianten. Er hatte lernen müssen, mit ihr zu leben. Es verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht seiner Haut wehren musste. Er war Jäger und Gejagter zugleich. Seine Jobs brachten ihn immer wieder in Situationen, die manchmal so ausweglos erschienen, dass ein Pessimist das Handtuch geworfen hätte.

Roberto suchte den Maskierten mit schmalen Augen. Der Kerl hatte keinen allzu großen Vorsprung. Er konnte nicht weiter als bis hierher gekommen sein. Irgendwo hinter einem dieser hohen Gummiberge war der Mann verborgen, der Kowalski niedergeschossen und beraubt hatte.

Ein Mann, um dessen Hals eine knallrote Narbe lief! Roberto Tardellis Scharfblick war das nicht entgangen. Auch nicht, dass der Bursche Linkshänder war. Eine Kombination, die für Roberto nur einen einzigen Schluss zuließ: Der Maskierte musste Sergio Tanarra sein. Tanarra war Linkshänder, und die Geschichte von seiner Narbe machte heute noch in Los Angeles die Runde.

Er hatte eine kleine Kneipe in L.A. besessen. Eines Tages - etwa vor einem halben Jahr - war er mit einer Rockerbande kollidiert. Die Lederjacken hatten aus der Kneipeneinrichtung Kleinholz gemacht, hatten die Kasse geplündert und sämtliche Flaschen zerschlagen. Und zu guter Letzt hatten sie Sergio Tanarra an seinem eigenen Hosenriemen aufgehängt. Daher stammte seine knallrote Halsnarbe. Es grenzte an ein Wunder, dass Tanarra seine Hinrichtung überlebte. Er löste auf der Stelle seinen Hausstand in Los Angeles auf und verduftete aus seiner Heimatstadt. Wohin sich Tanarra damals abgesetzt hatte, wusste niemand zu sagen. Die einen vermuteten, er wäre nach New York gegangen. Die anderen wollten gehört haben, dass er sich in St. Louis niedergelassen hatte. Genaues wusste keiner. Und niemand sprach in diesem Zusammenhang von Dallas.

Mochte der Teufel wissen, von wem Sergio Tanarra erfahren hatte, dass die Industriediamanten hierher unterwegs waren. Es gibt so viele undichte Stellen. Auch bei der Mafia. Woher hätte sonst Colonel Myer immer wieder seine wertvollen Tipps bekommen.

Sergio Tanarra in Dallas. Die grüne Maske hätte er sich sparen können. Was nützte es, wenn er sein Gesicht versteckte, die rote Halsnarbe aber offen zur Schau trug. Dieser Fehler hätte ihm nicht unterlaufen dürfen.

Roberto hörte ein knirschendes Geräusch. Er ging augenblicklich in die Hocke. Das Knirschen wiederholte sich. Roberto verhielt sich vollkommen still. Er wartete auf den Moment, wo Sergio Tanarra aus seiner Deckung hervortrat. Dann würde die Luger ein entscheidendes Wort sprechen.

Zwischen zwei dicken Caterpillarreifen tauchte die grüne Maske kurz auf. Roberto hob die 38er. Er zog sich zurück und wartete.

Tanarra versuchte es mit einem Trick. Er warf einen bis auf die Karkasse abgefahrenen Sportwagenreifen drei Meter weit. Der Pneu fiel auf den Boden, schraubte sich in einer torkelnden Drehung hoch und rollte auf Roberto Tardelli zu. Wenn Roberto einen nervösen Zeigefinger gehabt hätte, wäre jetzt ein Schuss gefallen, und Tanarra hätte gewusst, wo sich sein Gegner im Augenblick befand. Aber der Schuss blieb aus.

Roberto rechnete damit, dass der Maskierte jetzt gleich in seinem Schussfeld auftauchen würde.

Doch nichts dergleichen geschah. Tanarra schien umdisponiert zu haben. Roberto spürte ein unangenehmes Prickeln im Nacken. Wenn es Tanarra gelang, sich mit den Diamanten abzusetzen, würde das eine Menge Ärger und sehr viel harte Arbeit nach sich ziehen.

Okay, wenn der Maskierte nicht aus seiner Deckung hervorkam, dann wollte ihn Roberto dazu zwingen, sie zu verlassen. Der Mafiajäger war der Ansicht, dass er genügend Geduld gezeigt hatte. Nun erschien es ihm hoch an der Zeit zu sein, zu handeln.

Er glitt geduckt auf die beiden Caterpillarreifen zu. Die Luger lag schussbereit in seiner Hand. Sergio Tanarra konnte ihn unmöglich überraschen. Es würde keine Verzögerung durch eine Schrecksekunde geben. Roberto würde augenblicklich abdrücken, falls dies unumgänglich sein sollte.

Ein schwerer Truck brummte die Straße entlang, die an dem Autoreifenfriedhof vorbeiführte. Er zog eine schwarze Rußwolke hinter sich her, die träge zum strahlend blauen Himmel emporstieg.

Roberto erreichte die gewaltigen Reifen, hinter denen er Sergio Tanarra vermutete. Er zögerte keinen Augenblick, sondern katapultierte sich kraftvoll vorwärts. Er federte in Combatstellung und stieß seine Waffe in die Richtung, in der er den Maskierten glaubte, doch der Platz war leer. Tanarra musste sich im Krebsgang abgesetzt haben, ohne das geringste Geräusch zu verursachen.

Enttäuscht entspannte sich Roberto Tardelli.

Auf der Straße hielt der Truck an. Roberto warf einen verdrossenen Blick hinüber, und plötzlich zog sich seine Kopfhaut zusammen.

Er sah Tanarra. Der verdammte Kerl stand breitbeinig auf der Straße und zielte mit seiner langläufigen Kanone auf den Truckfahrer. Es gibt viele Arten, ein Fahrzeug zu stoppen. Diese war die wirksamste. Sobald der Truck hielt, kletterte der Maskierte in das Fahrergehäuse. Das schwere Fahrzeug setzte sich dröhnend in Bewegung - und Roberto Tardelli hatte das Nachsehen.

Der Fluch, der ihm danach über die Lippen kam, war eine Art Ventil, das er unbedingt öffnen musste, sonst hätte ihn seine Wut in Stücke gerissen.



3

Irgendjemand musste die Schüsse gehört und die Polizei verständigt haben. Ein Radiocar stand neben dem von Sergio Tanarra zurückgelassenen Wagen. Ein Ambulanzfahrzeug stand hinter Kowalskis Camaro. Der Mafiabote wurde soeben auf eine Trage gelegt. Er lebte noch. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, und sein schwarzes Hemd war nass vom Blut und klebte an seinem Brustkorb. Die Cops taten mit kühler Routine ihre Arbeit. Auf den Gehsteigen standen einige wenige Neugierige, zu denen sich Roberto Tardelli gesellte.

Ein verschwitzter Lieutenant wischte sich immer wieder mit einem weißen Taschentuch über das rote Gesicht. Er hatte Plattfüße und schleppte sich mit einem schweren Bauch ab.

Als der Rettungsarzt sich in den Wagen setzen wollte, rief der Lieutenant: „Doc! He, Doc! Auf ein Wort noch!“

Der Arzt, ein drahtiger Mann mit weizenfarbenem Haar, ließ die Tür wieder zufallen und drehte sich um.

Roberto stand in ihrer Nähe, deshalb konnte er hören, was sie sprachen.

„Wie sieht's mit dem Jungen aus?“, wollte der Lieutenant wissen. Er wies auf den Ambulanzwagen, dessen Hecktüren bereits geschlossen waren.

„Nicht sehr gut“, antwortete der Doc.

„Wird er durchkommen?“

„Das Herz scheint glücklicherweise nichts abbekommen zu haben, aber er hat sehr viel Blut verloren.“

„Geben Sie ihm eine Chance?“

„Er scheint mir robust genug zu sein, um's durchzustehen, Lieutenant.“

„Mehr wollte ich nicht wissen. Wir hören noch voneinander, Doc.“

Der Arzt nickte und stieg in den Krankenwagen.

Die Cops fanden die Patronenhülse, die Roberto Tardellis Luger ausgeworfen hatte. Sie steckten sie in ein Nylonsäckchen und hefteten einen Zettel daran. Der Mafiajäger machte auf den Hacken kehrt, ging zu seinem Maserati, schwang sich hinter das Lenkrad und zündete die Maschine. Kein Mensch kümmerte sich um den abfahrenden Ghilbi. Roberto konnte das nur recht sein.



4

Colonel Myers Wunsch war wenigstens teilweise in Erfüllung gegangen: Kowalski hatte die Diamanten nicht bei der Mafia von Dallas abgeliefert. Trotzdem brach der Chef von COUNTER CRIME in kein Freudengeheul aus, als Roberto ihm seinen telefonischen Bericht übermittelte.

„Weg!“, stöhnte Myer. „Diamanten im Wert von acht Millionen Dollar verschwunden! Mein lieber Roberto, das war nicht gerade eine Glanzleistung, die Sie da vollbracht haben.“

„Ich werde die Scharte auswetzen, Chef.“

„Das erwarte ich auch von Ihnen. Haben Sie schon eine Idee, wie Sie dieses Kunststück fertigbringen wollen?“

„Ich weiß, dass Sergio Tanarra das Ding gedreht hat.“

„Herzlich wenig, finden Sie nicht? Tanarra hat Dallas garantiert bereits verlassen, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, wo wir ihn suchen sollen.“

„Mit einer Hehlerware, die acht Millionen wert ist, kann er sich nur bei guten Freunden blicken lassen. Jeder andere würde versuchen, ihn aufs Kreuz zu legen. Ich nehme an, dass er nicht die Absicht hat, die heißen Steine sofort auf den schwarzen Markt zu bringen. Er wird erst abwarten, bis sich die hochschlagenden Wellen geglättet haben. Erst wenn Gras über die Sache gewachsen ist, kann er das Wagnis eingehen, die Steine an den Mann zu bringen. Das heißt, dass er ein Versteck für die Diamanten braucht, und zwar ein verdammt gutes Versteck. Entweder hier in den Staaten, oder besser noch im Ausland, wo man nicht so schnell erfährt, was er getan hat.“

„Glauben Sie, dass Kowalski ihn erkannt hat?“

„Genau wie ich“, erwiderte Roberto fest. „Davon bin ich überzeugt.“

„Dann kann der Steinmetz bereits mit der Arbeit an Sergio Tanarras Grabstein beginnen, denn wenn Kowalski durchkommt, erfährt die Commissione innerhalb weniger Stunden, wer so wahnwitzig war, ihren Boten zu überfallen und zu berauben. Dann gibt es für Sergio Tanarra keinen Platz mehr auf dieser Welt, an dem er seines Lebens sicher sein kann.“

Sergio Tanarra gehörte nicht der Mafia an. Die Ehrenwerte Gesellschaft hatte ihm zwar mehrmals an geboten, für sie zu arbeiten, doch es war ihm stets geglückt, sich elegant aus der Affäre zu ziehen, ohne seine Gesprächspartner zu verärgern. Dafür hing Sergios Bruder Vado - den sie die Viper nannten - umso mehr bei der Cosa Nostra drin. Er war einer ihrer fleißigsten Revolverschwinger, und es konnte ihm ganz und gar nicht schmecken, dass ausgerechnet sein Bruder einen Coup gelandet hatte, der dem Mob einen ungeheuren Schaden zufügte.

Roberto sprach davon, und Colonel Myer erwiderte: „Vado Tanarra wird diese Schande nicht auf sich sitzenlassen. Ich bin davon überzeugt, dass er der Commissione das Angebot machen wird, seinen beschmutzten Familiennamen wieder reinzuwaschen. Das muss er tun, sonst fällt am Ende noch der Verdacht auf ihn, Sergio hätte den wertvollen Tipp von ihm bekommen. Wenn Sie Sergio Tanarra nicht schneller finden als die Viper, können wir die Diamanten abschreiben. Roberto. Ich hoffe, das ist Ihnen klar.“

„Vollkommen, Chef.“

„Ihr Auftrag lautet nach wie vor: Wiederbeschaffung der geraubten Industriediamanten ... und wenn es sich einrichten lässt, tun Sie was für Sergio Tanarra. Es kann nicht genug Leute geben, die COUNTER CRIME zu Dank verpflichtet sind.“

„Wenn ich abschließend noch eine Bitte äußern dürfte, Chef ...“

„Welche?“

„Fragen Sie den CC-Computer, wie viele gute Freunde er von Sergio Tanarra kennt, und übermitteln Sie mir die Liste umgehend.“

„Okay, Roberto, Sie haben die Liste spätestens morgen Nachmittag“, sagte Colonel Myer in Washington.

„Vielen Dank, Sir“, erwiderte Roberto und ließ den Hörer in die Gabel klappern. Danach schwang er die Beine aufs Bett, ließ sich zurückfallen und betrachtete nachdenklich die weiße Decke seines Hotelzimmers.



5

Los Angeles.

Vierundzwanzig Stunden nach dem Überfall.

Vado Tanarra lag am Strand von Long Beach unter einem bunt gemusterten Sonnenschirm. Ab und zu griff er nach seinem kühlen Glas und nahm einen Schluck vom erfrischenden Peppermint frappe. Auf dem Tisch stand ein kleines Transistorgerät, das quakend die Börsenberichte bekanntgab. Tanarra interessierte sich dafür, denn er hatte vor einigen Jahren angefangen, das Blutgeld, das er von der Mafia bekam, in Aktien und Investmentzertifikaten anzulegen. Der Mensch muss schließlich was auf der hohen Kante haben, sagte er sich. Er war Realist genug, um zu wissen, dass er den Job, mit dem er jetzt eine Menge Mäuse machte, nicht ewig würde ausüben können. Gerade hierbei war es äußerst wichtig, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung nicht zu verpassen, sonst landete man schneller als man denken konnte auf der Schnauze und gleich danach im Leichenschauhaus.

Nach den Börsenberichten kam Soulmusik.

Tanarra drehte das Radio etwas leiser. Er dehnte seine Glieder. Die angespannten Muskeln traten hart und respekteinflößend unter der bronzefarbenen Haut hervor.

Vado Tanarra war eins achtzig groß, breitschultrig und dunkelhaarig. Er hatte eine kleine Narbe über dem linken Auge, die man jedoch nur bemerkte, wenn man genau hinsah. Seine Züge waren scharf geschnitten, das Kinn breit und markant. Die Viper war ein unerschrockener Draufgänger. Tanarra fürchtete weder die Hölle noch den Teufel persönlich. Er hatte grenzenloses Vertrauen in seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, die es ihm möglich machten, mit jeder noch so schwierigen Situation fertigzuwerden. Er trug eine gestreifte Badehose. Kein Gramm Fett war an seinem Bauch.

Schuhe klopften über die Bretter, auf denen Tanarras Liegestuhl stand. Hinter ihm befand sich die kleine Badekabine, die er für die ganze Saison gemietet hatte.

Die Viper hob träge den Kopf. Im nächsten Augenblick spannten sich seine Backenmuskeln. Er setzte sich mit einem jähen Ruck auf.

Zwei Männer in maßgeschneiderten Sommeranzügen bauten sich vor ihm auf. Sie schienen Sorgen zu haben. Jedenfalls wirkten ihre Gesichter kummervoll. Vado Tanarra kannte ihre Namen. Der eine hieß Carlo Faccello und der andere Ettore Cirandoli.

„Vado“, sagte Faccello ernst.

„Wie geht's, Carlo?“

Faccello wiegte bedenklich den Kopf. „Schlecht. Sehr schlecht.“

Vado Tanarra brannte sich eine Zigarette an.

„Gibt es etwas, das ich für euch tun kann?“

„Wir müssen mit dir reden, Vado.“

„Redet!“

„Nicht hier. Hier sind zu viele Leute. Es gibt neugierige Ohren. Es gibt Richtmikrophone.“ Faccello rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.

„Nicht hier.“

Die Viper stellte keine überflüssigen Fragen. Carlo Faccello sah nicht so aus, als wollte er mit ihm an einem anderen Ort lediglich über das Wetter sprechen. Der Killer stemmte sich aus dem Liegestuhl und verschwand in seiner Badehütte. Fünf Minuten später trug er Sandalen an den nackten Füßen, schwarze Jeans und ein weißes Hemd.

„Wir können gehen“, sagte er mit düsterer Miene.

Ettore Cirandoli nahm die Worte nickend zur Kenntnis.

„Unser Wagen steht dort drüben. Wir fahren dich kurz spazieren und setzen dich anschließend hier wieder ab, wenn’s dir recht ist.“

Die Männer trabten auf die an der Long Beach vorbeiführende Straße zu und stiegen in einen weißen Pontiac. Sämtliche Fenster blieben geschlossen. Die Klimaanlage sorgte für eine angenehme Temperatur von zwanzig Grad Celsius. Cirandoli übernahm das Steuer. Es wurde eine lange, ausgedehnte Spazierfahrt. Sie führte über Palos Verdes nach Santa Monica, Beverly Hills, Maywood, La Habra, Los Alamitos und endete, wie versprochen, wieder vor der Long Beach.

Während der ganzen Zeit hatte Carlo Faccello fast pausenlos gesprochen. Schon nach den ersten Worten war die Viper vor Wut und Hass leichenblass geworden. Der Killer hatte seine Hände zu harten Fäusten zusammengekrampft, so dass sich die Knöchel weiß und spitz durch die Haut abzeichneten. Sein Atem ging stoßweise. Seine Nasenflügel stellten sich auf. An seiner Schläfe zuckte ununterbrochen eine dicke Ader.

Sergio musste den Verstand verloren haben. Wie hatte er es wagen können, sich mit der Mafia anzulegen? Wie hatte er so irrwitzig sein können, sich an ihrem Eigentum zu vergreifen? Wie stand er, Vado Tanarra, nun da?

Der Killer schwor sich, seinen Bruder für diese verrückte Tat mit aller ihm zu Gebote stehenden Härte zu bestrafen. Keine Gnade für Sergio. Ohne Mitleid wollte ihm Vado den Tod bringen, den er mit dieser Tat mehrfach verdient hatte. Wo auch immer Sergio nun steckte, Vado würde ihn finden. Es verband ihn nichts mit seinem dämlichen Bruder. Nicht das Geringste. Er fühlte nichts für Sergio. Von Kindheit an war das so. Sergio war für Vado Tanarra ein Fremder. Ein Fremder, der schwere Schuld auf sich geladen hatte. Eine Schuld, die nur mit dem Tod gesühnt werden konnte.

Ettore Cirandoli ließ den weißen Pontiac ausrollen. Vado öffnete den Wagenschlag. Sein Gesicht war grau und hart, wie aus Granit gemeißelt. Carlo Faccello legte ihm die Hand auf den Arm und blickte ihm durchdringend in die Augen.

„Was kann ich der Commissione berichten, Vado?“

„Sag der Commissione, dass ich meinen gottverdammten Bruder finden und wie einen räudigen Köter abknallen werde. Er verdient es nicht, den Namen Tanarra zu tragen. Ich werde ihn auslöschen!“

„Und die Diamanten …?“

„Ich werde sie dorthin bringen, wo sie hingehören“, versprach die Viper. Es klang wie ein heiliger Schwur, den er niemals brechen würde.

Faccello ließ Tanarras Arm los.

„Vergiss nicht, deinen Bruder zu fragen, wer ihm den heißen Tipp gegeben hat! Wir brauchen den Namen, damit wir die undichte Stelle zustopfen können.“

„Sergio wird mir den Namen nennen. Ich weiß, wie ich diesen Bastard zum Reden bringe.“ Die Viper stieg aus.

„Ciao, Vado“, sagte Faccello. Er quälte sich ein Lächeln ab.

„Ciao, Carlo.“

„Ich werde der Commissione mitteilen, dass sie an deiner Loyalität nicht zu zweifeln braucht.“

Cirandoli gab Gas. Der Pontiac rollte weiter. Vado Tanarra stand wie erschlagen da. So weit war es also gekommen. Die Commissione hatte kein Vertrauen mehr zu ihm. Er knirschte wütend mit den Zähnen. Es gab nur eine Möglichkeit, dieses Vertrauen zurückzugewinnen. Der Weg zu diesem Ziel führte geradewegs über Sergios Leiche.

Die Viper war entschlossen, ihn zu beschreiten.



6

Die Liste, die Roberto Tardelli von COUNTER CRIME erhielt, wies zehn Namen auf. Zehn Leute, die mit Sergio Tanarra so gut standen, um ihn bei sich aufzunehmen und vielleicht sogar vor den Bluthunden der Mafia zu verstecken. Wenigstens für eine Weile. Drei davon lebten in Los Angeles. Sie klammerte Roberto Tardelli von vornherein aus, denn Tanarra würde bestimmt keinen Fuß mehr in diese Stadt setzen, in der er beinahe sein Leben eingebüßt hätte. Außerdem stammten die Diamanten von dort. Nein, L.A. kam für Sergio Tanarra nicht in Frage.

Blieben sieben Personen, an die sich Tanarra um Hilfe wenden konnte. Sie waren zum Teil über den Süden der Vereinigten Staaten verstreut. Der Rest hatte sich aus den verschiedensten Gründen nach Mexiko abgesetzt.

Roberto begann mit der Suche bei Lydia Quinn in Corpus Christi, einer Stadt mit mehr als hunderttausend Einwohnern am Golf von Mexiko. Lydia wohnte gleich hinter dem Bahnhof. Das Gebäude war schmalbrüstig, grau und schäbig. Dreckige Kinder spielten davor mit einer zerbeulten Konservendose. Ein alter weißhaariger Neger beobachtete Roberto mit wässrigen Augen.

Der CC-Agent stieg eine steile Holztreppe hoch. Auf einem weißen Karton, der mit einem Reißnagel an der Tür festgemacht war, stand Lydia Quinns Name. Klingelknopf gab es keinen. Roberto klopfte. Ein schwarzhaariges Ding mit schmaler Taille und schweren Brüsten in der weit offenen Bluse öffnete.

„Sie wünschen?“ Ihr Blick war misstrauisch. Sie war bereit, die Tür sofort wieder zuzuschmettern.

„Miss Lydia Quinn?“, erkundigte sich Roberto mit dem Anflug eines Lächelns um die Lippen.

„Und wer sind Sie?“

„Mein Name ist Tardelli. Roberto Tardelli. Kann ich Sie einen Moment sprechen?“

„Ich habe keine Zeit. Ich habe viel zu tun. Ich kann mir keine Hausgehilfin leisten, muss alles selber machen.“

Roberto blieb freundlich.

„Zwei Minuten würden mir reichen.“

Lydia fuhr sich durch das rabenschwarze Haar und seufzte.

„Na schön, Sie Quälgeist. Kommen Sie herein und sagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben!“

Roberto sah sich in der Wohnung um. Lydia hatte große Wäsche gehabt. Sie war gerade beim Bügeln. An den Wänden im Wohnzimmer hingen eine Menge Fotos von dem Mädchen. Sie war auf allen nackt. Roberto wusste, dass sie sich ihr Geld mit Strippen verdiente. Sie stammte aus Los Angeles. Dort war sie eine Zeitlang Sergio Tanarras Freundin gewesen. Das Verhältnis hatte jedoch nicht das gehalten, was sich die beiden davon versprochen hatten, und so hatten sie sich wieder getrennt. Ohne ein böses Wort, und mit dem Versprechen, immer für den anderen da zu sein, wenn er Hilfe brauchte. Nun, Sergio Tanarra hätte jetzt sehr gut Hilfe gebrauchen können.

„Setzen Sie sich, wenn Sie irgendwo Platz finden, Mr. Tardelli!“, sagte Lydia und zuckte mit den Achseln. Sie stellte sich wieder ans Bügelbrett und setzte die Arbeit, die sie wie die Pest hasste - wie sie sagte - lustlos fort.

Roberto beobachtete sie eine Weile nachdenklich. Lydia Quinn machte auf ihn einen etwas unsicheren Eindruck. Es schien ihm, als hätte sie etwas zu verbergen. Sie wich seinem Blick aus und drängte ihn nicht, den Grund zu nennen, dessentwegen er zu ihr gekommen war. Kannte sie den Grund? Sie fing plötzlich nervös an, belangloses Zeug zu plappern. Sie sprach von Los Angeles, und dass sie von einer Filmkarriere geträumt hatte, aus der dann aber nichts geworden war, obwohl sie bei einem ausgezeichneten Lehrer Schauspielunterricht genommen hatte.

„Ich geriet an den falschen Agenten“, sagte sie, aber sie schien es nicht wirklich zu bedauern. „Er bot mir miese Rollen in drittklassigen Stücken an, und da ich eine junge, hungrige Schauspielerin war, die endlich mal auf einer Bühne stehen und sich bestätigen wollte, griff ich sofort zu. So tingelte ich jahrelang durch die Provinz. Die Angebote wurden immer miserabler. Als ich endlich begriffen hatte, dass ich den falschen Kurs segelte, war ich bereits beim Strip gelandet. Irgendwann kam mir dann die Idee, hierher nach Corpus Christi zu gehen, denn in dieser Stadt kann ich Abend für Abend wenigstens noch einige Jahre lang die Große spielen, die ich im Grunde genommen niemals war ...“

Roberto legte die Beine übereinander.

„Sie waren in Los Angeles mit einem Mann namens Sergio Tanarra zusammen, Lydia. Seinetwegen bin ich hier.“ Er beobachtete das rassige Mädchen. Ihre Augen flatterten. Die Spur war also heiß.

„Sergio“, erwiderte Lydia, und ihr Blick schweifte in die Ferne. „Sergio gehört der Vergangenheit an. Leider. Ich glaube, er war der einzige Mann, den ich wirklich geliebt habe.“

„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“

„Gott, das ist schon eine Ewigkeit her.“

„Lydia, ich habe Gründe, anzunehmen. dass Sie mir nicht die Wahrheit sagen.“

Das Mädchen starrte ihn mit funkelnden Augen an.

„Was fällt Ihnen ein? Wie können Sie mich eine Lügnerin nennen? Wer sind Sie eigentlich? Was wollen Sie von Sergio?“

„Der Junge hat die größte Dummheit seines Lebens gemacht“, sagte Roberto eindringlich. „Die Geschichte kann ihn Kopf und Kragen kosten. Wenn Sie wissen, wo er steckt, müssen Sie es mir sagen, Lydia. Glauben Sie mir, er hat meine Hilfe verdammt dringend nötig.“

Lydia stellte das Bügeleisen beiseite. Sie schob ihr Kinn trotzig vor.

„Was soll Sergio denn verbrochen haben, he?“ Sie stemmte aggressiv die Fäuste in die Seiten. „Solange ich ihn gekannt habe, war er anständig. Okay, vielleicht hat er hin und wieder ein Geschäft gemacht, das nicht ganz sauber war, aber er war niemals das, was ich als einen Verbrecher bezeichnen würde.“ Sie hatte anscheinend ziemlich weitgesteckte Moralbegriffe. Eigentlich kein Wunder bei dem Umgang, den sie als Stripperin pflegte.

„Wenn Sie sich vor Sergio stellen, machen Sie einen großen Fehler, Lydia“, warnte Roberto das Mädchen.

„Ich weiß nicht, wo Sergio ist. Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört. Wie kommen Sie darauf, dass er hierher nach Corpus Christi gekommen ist?“

„Er braucht einen guten Freund. Er muss sich verstecken.“

„Vor wem?“

„Vor der Mafia. Schon mal von dieser Organisation gehört?“ Roberto sah, wie Lydia Quinn bleich um die Nase wurde. Sie zog ihre Unterlippe zwischen die Zähne und biss darauf. „Die Menschenjäger der Cosa Nostra werden mit Sergio kurzen Prozess machen, wenn sie ihn aufgestöbert haben. Wollen Sie das? Wenn Sie Sergio Tanarra den Tod wünschen, dann verschweigen Sie mir weiter, wo ich ihn finden kann. Im anderen Fall rate ich Ihnen dringend, mir zu sagen, wo er steckt. Aber sagen Sie es bald, sonst ist sein Leben keinen Pfifferling mehr wert.“

Lydia wandte sich um. Sie holte eine Whiskyflasche aus dem Schrank und goss sich ein Glas voll. Sie fragte Roberto nicht, ob er auch etwas trinken wollte. Sie goss den Schnaps mit einem schnellen Ruck in ihre trockene Kehle und wartete mit geschlossenen Augen auf die Wirkung. Sie wusste anscheinend nicht, was sie tun sollte.

Für Roberto stand fest, dass sie Sergio Tanarra erst kürzlich wiedergesehen hatte. Wahrscheinlich war ihre alte Liebe zu ihm wieder aufgeflammt. Vielleicht hatte er ihr versprochen, bald zurückzukommen. Möglicherweise hatte er ihr auch ein neues Leben an seiner Seite in Aussicht gestellt. Sie wollte sich ihre Zukunft nun nicht dadurch verderben, indem sie preisgab, wohin Sergio gegangen war.

Der Whisky machte sie wieder ruhig. Sie öffnete die Augen und blickte Roberto abweisend an. „Tut mir leid, Mr. Tardelli. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Sergio steckt. Er war niemals hier. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen, habe ihn beinahe schon vergessen.“

Roberto erhob sich wütend.

„Mädchen, ist Ihnen nicht klar, dass Sie mit dieser Antwort das Todesurteil über Sergio fällen? Er hat einen Boten der Mafia überfallen. Das ist bei Gott kein Spass. So etwas kriegt die Ehrenwerte Gesellschaft unter Garantie in die falsche Kehle, meine Liebe. Sergio war so verrückt, sich Diamanten im Wert von acht Millionen Dollar unter den Nagel zu reißen. Denken Sie, das tun die Dons mit einem Achselzucken ab? Ich bin davon überzeugt, dass man längst die nötigen Schritte unternommen hat, um Sergio Tanarras Untergang einzuleiten. Er wird den Bluthunden der Mafia nicht entkommen ...“

„Wer sagt mir, dass Sie nicht auch so ein Bluthund sind?“

„Ich würde Sie bestimmt ganz anders anfassen, wenn ich einer von denen wäre“, sagte Roberto schroff. „Die haben nicht so viel Geduld wie ich, und sie bringen jeden zum Reden, wenn sie es wollen, darauf können Sie sich verlassen!“

Lydia trank noch einen Whisky.

„Besser, Sie gehen jetzt, Mr. Tardelli“, sagte sie dann frostig.

Robertos Blick streifte den Wäschekorb und blieb an etwas Himmelblauem hängen. Einer Eingebung folgend lief er zum Korb und nahm das Wäschestück heraus. Es war ein Herrenhemd. Der linke Ärmel war zerrissen ... Der Kugelwechsel in Dallas, kurz nachdem Tanarra den Mafiaboten niedergeschossen hatte! Sergio Tanarra hatte einen Streifschuss abbekommen. Am linken Oberarm. Robertos Kugel hatte sein Hemd zerrissen. Dieses Hemd!

„Sergios Hemd!“, stellte Roberto Tardelli eiskalt fest. Er erzählte dem Mädchen von der Schießerei. „Er war niemals in Corpus Christi, aber sein Hemd ist hier. Wollen Sie mir bitte erklären, wie es in Ihre Wäsche kommt, Lydia?“

Sie leckte sich nervös die Lippen. Ihre Augen wanderten ruhelos umher, als suchten sie einen Ausweg. Sie verschränkte die Finger, und plötzlich platzte es aus ihr heraus: „Na schön, er war hier!“

„Der erste vernünftige Satz, der aus Ihrem Mund kommt“, bemerkte Roberto. „Wann war er hier?“

„Gestern. Ich kam spätnachts von der Arbeit nach Hause. Er saß da, wo Sie jetzt sitzen. Ich war vollkommen durcheinander, konnte es fast nicht glauben ... Ich hatte gestern einen schrecklichen Tag und sehnte mich nach einem Menschen, mit dem mich etwas verband ... Und da ... da tauchte plötzlich Sergio aus der Versenkung auf. Für mich war das, als wäre ein Wunder geschehen ... Ich habe geheult ... Vor Glück geheult.“

„Was hat Sergio Ihnen erzählt?“, wollte Roberto wissen.

„Nicht sehr viel. Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen.“

„Hat er von dem Überfall gesprochen?“

„Nein. Er sagte nur, dass er es endlich geschafft habe. Er habe endlich einen Haufen Moos ...“

„Acht Millionen“, knirschte Roberto.

„Er sagte nicht, wieviel. Nur, dass es für uns beide reichen würde.“

„Er hat dafür einen Mann niedergeschossen“, sagte Roberto bitter. „Wenn der Mafioso stirbt ...“

„Eine Ratte weniger“, fiel Lydia dem CC-Agenten ins Wort.

„Ich sehe das nicht so einfach. Egal, wen es trifft. Für mich bleibt ein Mord ein Mord. Ich nehme an, er hat Ihnen versprochen, mit Ihnen ein neues Leben anzufangen.“

„Das hat er, und er hat es ehrlich gemeint.“

„Wollen Sie Ihre Zukunft wirklich auf einem Verbrechen aufbauen?“, fragte Roberto Tardelli eindringlich. Lydia schwieg. „Wie lange war Sergio hier?“, forschte Roberto weiter.

„Nur über Nacht.“

„Und wo ist er jetzt?“

„Weiß ich nicht.“

„Lydia“, redete Roberto dem Mädchen hart ins Gewissen, „wie wollen Sie Sergio Tanarra wiedersehen? Gesund und ohne den Reichtum, der ihm nicht zusteht oder lieber tot. Es liegt bei Ihnen. Sein Leben liegt in Ihrer Hand. Wenn Sie Sergio wirklich lieben, sollten Sie ihm die Überlebenschance nicht nehmen. Solange er die Diamanten bei sich hat, tickt eine hochbrisante Zeitbombe unter seinem Hintern. Sie wird ihn zerfetzen, und zwar schon bald, wenn ich ihn von da nicht herunterhole.“

„Warum tun Sie das für Sergio?“, fragte das Mädchen. Ihre Augen musterten Robertos offenes Gesicht.

„Es gehört zu meinem Job, Leuten zu helfen, die auf der Abschussliste der Mafia stehen.“

„Sie werden Sergio die Diamanten wegnehmen?“

„Ja, das werde ich.“

„Und was werden Sie dann damit tun, Mr. Tardelli?“

„Ich werde sie den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben.“

„Der Mafia?“

Roberto schüttelte den Kopf.

„Jenen Leuten, denen die Diamanten von der Ehrenwerten Familie geraubt wurden.“ Er ließ das himmelblaue Hemd in den Wäschekorb fallen. „Helfen Sie Sergio! Geben Sie mir einen Tipp, wo ich ihn finden kann!“

„Er hat mit Neil Porter in Veracruz telefoniert. Mehr weiß ich nicht. Als er ging, küsste er mich und versprach, sich in sechs bis acht Wochen wieder bei mir zu melden.“

Roberto nickte mit zusammengezogenen Brauen.

„Dann will ich versuchen, ihm zu helfen, dass er sein Versprechen auch halten kann.“



7

Roberto saß in einem Erfrischungspavillon am Hafen von Veracruz. Er hatte ein Glas Pulque - gegorenen Agavensaft, das Nationalgetränk der Mexikaner - vor sich stehen und wartete auf Neil Porter, dessen Name ebenfalls auf der COUNTER CRIME-Liste stand. Das Telefongespräch, das Roberto mit dem Amerikaner geführt hatte, war kurz und heftig ausgefallen: „Hören Sie zu, Porter, mir ist bekannt, dass Sie in dieser Stadt üble Geschäfte aller Art machen. Ich weiß auch, dass Sie gerade im Begriff sind, in aller Stille und Heimlichkeit Ihren Meskalinhandel auszuweiten. Dass das die Mafia nicht gern sieht, brauche ich wohl nicht extra zu betonen ...“

„Hallo! Hallo! Wer spricht denn da? Sagen Sie mal, ist bei Ihnen eine Lampe durch?“, hatte Neil Porter wütend geschrien.

„Sie regen sich besser wieder ab, Mann, und hören sich an, was ich Ihnen zu sagen habe. Mein Name ist Roberto Tardelli. Ich bin soeben in dieser schönen alten Stadt eingetroffen und möchte mich mit Ihnen über einen gemeinsamen Bekannten unterhalten. Sie kennen sicher den Erfrischungspavillon am Hafen. Ich erwarte Sie da in einer halben Stunde.“

„Sie sind wohl nicht ganz bei Trost!“

„Ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, zu kommen!“

„Den Teufel werde ich tun!“

„Dann“, sagte Roberto frostig, „würde ich mich leider gezwungen sehen, gewissen Leuten, die der Ehrenwerten Familie nahestehen, einen unbezahlbaren Wink zu geben.“ Danach hatte Roberto eingehängt. Seit dem Telefonat waren fünfundzwanzig Minuten vergangen. Der Mafiajäger war sicher, dass Neil Porter sich bemühen würde, pünktlich zu erscheinen.

Als die halbe Stunde voll war, schnaufte ein Mann mit zornfunkelnden Augen zur Tür herein. Er war wohlgenährt, trug einen schillernden Seidenanzug, hatte ein graues Gesicht mit schweren Falten und tiefen Augenhöhlen. Seine Lippen waren schmal und blass - Neil Porter.

Er wechselte ein paar Worte mit dem Pavillonbesitzer. Dieser wies mit dem Kinn auf Roberto Tardellis Tisch, und Porter schob sofort in diese Richtung weiter. Mit verkrampften Fäusten blieb er einen halben Meter vor dem Tisch stehen.

„Tardelli?“

„Ganz recht.“ Roberto wies auf den freien Stuhl, der ihm gegenüberstand. „Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Porter.“

Der Amerikaner ließ sich schwer auf die Sitzfläche fallen. Er fing sogleich zu wettern an.

„Ich glaub’, ich muss was mit den Ohren haben, oder war das wirklich eine Drohung, die ich vorhin am Telefon gehört habe?“

„Mit Ihren Ohren ist alles in bester Ordnung, Mr. Porter“, erwiderte Roberto lächelnd.

Die Augen seines Gegenübers wurden schmal.

„Verdammt, wenn Sie die Absicht haben, mir das Messer an die Brust zu setzen ...“

„Ich werde noch ganz andere Dinge tun, wenn Sie mich enttäuschen, mein Lieber“, gab Roberto gleichmütig zurück.

Neil Porter legte den Kopf schief.

„Erpressung, he? Tut mir leid, das läuft bei mir nicht. Ich bin sauber!“

„Wenn Sie wirklich sauber wären, wären Sie nicht gekommen“, stellte Roberto sachlich fest.

„Ich wollte den Narren kennenlernen, der mir was ans Zeug flicken möchte.“

„Es wird sich noch herausstellen, wer von uns beiden der Narr ist, Mr. Porter.“

„Sie sprachen am Telefon von einem gemeinsamen Bekannten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so einen tatsächlich gibt.“

„Doch, den gibt es.“

„Wen?“

„Sergio Tanarra.“

Neil Porter schluckte trocken. Sein Adamsapfel bewegte sich. Er betrachtete angelegentlich seine Hände, die er vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Porter sich zu der Frage durchgerungen hatte: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir reinen Wein einzuschenken, Mr. Tardelli? Ich hätte gern gewusst, woran ich mit Ihnen bin.“

„Ihr Freund Sergio hat ein Problem, mit dem er allein kaum fertigwerden wird“, erklärte Roberto ernst. „Ich möchte dem Mann helfen.“

„Wie edel von Ihnen“, höhnte Neil Porter. „Und Sie tun das ganz selbstlos, nicht wahr?“

„Das ist richtig.“

„Einer der wenigen Idealisten, die es auf dieser schlechten Welt noch gibt, eh?“

„Wenn Sie’s so bezeichnen wollen“, sagte Roberto gelassen. „Ich weiß, dass Sergio Sie aus Corpus Christi angerufen hat.“

„Sie wissen eine ganze Menge, wie?“

„Es würde reichen, um Ihnen arge Schwierigkeiten zu machen“, gab Roberto mit einem kalten Lächeln zurück. „Haben Sie Sergio bei sich aufgenommen?“

„Nein.“

„Ich rate Ihnen, sich Ihre Antworten gut zu überlegen“, sagte Roberto.

„Verdammt noch mal, ich habe Sergio nicht mal zu Gesicht bekommen“, brauste Porter zornig auf. „Er hat mich angerufen, das stimmt. Ich besitze außerhalb von Veracruz ein kleines Landhaus. Sergio bat mich, da eine Weile wohnen zu dürfen, aber ich habe das Landhaus vor einem Monat an einen Geschäftsmann aus Nautla vermietet. Der Vertrag läuft auf fünf Jahre. Ich konnte für Sergio nichts tun. Er hat etwas ausgefressen, nicht wahr?“

„Er hat sich mit der Mafia angelegt.“

„Ach du Schreck! Davon hat er mir nichts erzählt. Sie sind wahrscheinlich schon hinter ihm her, was?“

„Anzunehmen“, sagte Roberto mit gedämpfter Stimme. Er nahm einen Schluck von seinem gegorenen Agavensaft. Der Pulque floss wie Öl in seinen Hals. „Es würde Sergios Gesundheit sehr nützen, wenn ich ihn vor den Todesengeln der Cosa Nostra finden würde.“

Neil Porter betrachtete wieder seine Hände.

„Ich habe ihm geraten, sich an Festus Rüssel zu wenden. Sergio, Festus und ich waren mal bei der Army in derselben Einheit. Das war eine lausige Zeit, aber sie hat uns drei zusammengeschmiedet.“

„Und? Hat Sergio Ihren Rat befolgt?“, wollte Roberto wissen.

„Keine Ahnung.“

„Rüssel wohnt ein paar Kilometer südlich von Veracruz, nicht wahr?“

Neil Porter sah Roberto groß an.

„Sie kennen ihn?“

Er stand ebenfalls auf Robertos Liste.

„Nicht persönlich“, erwiderte der CC-Agent. „Wissen Sie, was wir jetzt machen, Porter?“

„Was?“

„Wir rufen Festus Rüssel an. Das heißt, Sie führen das Gespräch, und ich höre zu.“

Neil Porters Blick glitt prüfend über Roberto.

„Vielleicht sollte ich das lieber nicht tun. Irgendetwas schmeckt mir nicht an der Geschichte. Sie wissen zu viel, Tardelli ...“

„Informiert sein gehört zu meinem Beruf.“

„Was ist das für ein Beruf?“

„Ich bin so etwas Ähnliches wie ein Söldner, der gegen die Mafia kämpft.“

„Allein?“

„Zumeist ja.“

„Und wer bezahlt Sie?“

„Die Regierung.“

Porter schüttelte sich.

„Brrr. Teufel, nie im Leben würde ich mit Ihnen tauschen.“

Roberto grinste.

„Ich hab’ Sie nicht darum gebeten.“ Er erhob sich. „Kommen Sie! Sie wollten doch Festus Rüssel anrufen.“

Als Roberto Tardelli die Münzen in den Automaten warf, kräuselte Porter die Nase.

„Steht's schlimm um Sergio?“

„Die Mafia hat genau acht Millionen Gründe, ihn über die Klinge springen zu lassen“, erwiderte Roberto und erzählte Tanarras Freund, was dieser ausgefressen hatte. Neil Porter brach unwillkürlich der Schweiß aus. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn und stieß verblüfft einen Pfiff aus.

„Heilige Muttergottes, und da wollte mich Sergio mit hineinziehen? Er muss den Verstand verloren haben.“

Tardelli wies auf den Wandapparat.

„Rufen Sie Rüssel an! Je schneller ich Sergio finde, desto besser ist es für ihn.“

Porter drehte die Wählscheibe, dann hielt er den Hörer so, dass Roberto das Gespräch mithören konnte.

„Rüssel“, kam es vom anderen Ende der Leitung.

„Festus, hier ist Neil.“

„Gut, dass du anrufst, Baby.“ Rüssels Stimme klang aufgeregt. „Mein Lieber, ich hab’ da ein paar verdammte Schwulitäten an den Hals gekriegt. Bin ganz ahnungslos hineingeschlittert, mein Wort darauf. Irgendjemand muss den Bullen was gesteckt haben, jedenfalls rücken sie mir seit zwei Tagen nicht mehr von der Pelle. Meinen ganzen Laden haben sie auseinandergenommen. Du weißt, was sie suchen. Zum Glück war nichts mehr von dem Zeug da. Hör zu, Kumpel, lass dir mit der nächsten Lieferung etwas Zeit, okay? Sonst kriegen wir nämlich beide noch ’ne Menge Ärger ...“

Rüssel sprach von Meskalin. Neil Porter rollte die Augen. Es war ihm unangenehm, dass Roberto ausgerechnet das mitbekam.

„Hör mal“, fiel er dem Freund hastig ins Wort, „ist dir was von Sergio zu Ohren gekommen?“

„Der Junge musste doch auch im ungünstigsten Moment bei mir aufkreuzen“, beschwerte sich Rüssel. „Ich hatte das Haus voller Bullen. Er blieb nicht länger als fünf Minuten ...“

„Hat er gesagt, wohin er geht?“

„Yukatan - glaube ich.“

Yukatan. Die COUNTER CRIME-Liste führte zwei Leute an, die auf dieser Halbinsel wohnten: Mario de Levantis in Merida und Moro Tinti in Progreso, etwa fünfunddreißig Kilometer von Merida entfernt.



8

Es war nicht viel los mit Merida, jener 260 000-Einwohnerstadt, die 1542 auf den Ruinen einer Mayastadt errichtet worden war. Es war die Hauptstadt des Bundesstaates Yukatan, dessen Einwohner sich stolz Yukateken - nicht Mexikaner - nennen. Mario de Levantis’ Hotel stand in der Nähe der Plaza de la Independencia. Kein besonders imposanter Bau, sondern einfach das, was man für ein paar hunderttausend in den Staaten ergaunerte Dollars hierzulande bekommen kann. Aber der Betrieb schien seinen Besitzer ernähren und ihm ein sorgloses Leben gestatten zu können.

Zwei bunt gefiederte Papageien kreischten entsetzlich, als Roberto Tardelli de Lavantis’ Büro betrat.

Mario de Lavantis war schätzungsweise zehn Jahre älter als Roberto. Der Hotelbesitzer stand am Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Er hielt eine dicke Zigarre in der Rechten. Nun wandte er sich langsam um. Über dem Krokodilledergürtel zeichnete sich der Ansatz eines Bauches ab, und die Haut unter dem Kinn war schlaff. Sein Haarschnitt verriet jedoch einen ausgezeichneten Friseur. Er trug ein Seidenhemd und die Gucci-Schlappen wie Rangabzeichen. Roberto schätzte den Diamanten an de Lavantis’ Finger auf zwei Karat, er war in schlichtes Gold gefasst, und auch die Armbanduhr war aus Gold. Seine stechenden schwarzen Augen erinnerten Roberto an ein Frettchen. Ein kalter Glanz lag in ihnen.

Roberto erklärte ihm den Grund seines Besuches. Er sprach von Sergio Tanarra, aber nicht von den geraubten Industriediamanten. Die Papageien machten im Hintergrund manchmal so großen Radau, dass Roberto einige Sätze wiederholen musste.

Die Männer saßen sich in chintzbezogenen Sesseln gegenüber. Kein Muskel bewegte sich in Mario de Levantis’ Gesicht. Mit schneidender Stimme distanzierte er sich augenblicklich von Sergio.

„Ja, er war hier. Vor etwa drei Stunden. Anscheinend dachte er, ich würde mich über das Wiedersehen freuen ... Dieser Idiot! Seinen Freund hat er mich genannt. Pah! Der bin ich schon lange nicht mehr. Die Zeiten, wo wir beide gemeinsame Interessen hatten, sind längst vorbei und kommen nicht mehr wieder. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, er solle hingehen, wo der Pfeffer wächst.“

Roberto schmunzelte.

„Sie scheinen ihm tatsächlich nicht besonders gewogen zu sein.“

„Es wird Sie nicht mehr wundern, wenn ich Ihnen erzähle, dass mir dieser Bastard zwei große Geschäfte verdorben hat, Mr. Tardelli. Ich hätte damals ein kleines Vermögen machen können, wenn Sergio mir nicht dazwischengefunkt hätte. Er dachte, den Happen selber fressen zu können, und wäre daran beinahe erstickt. Letzten Endes hatten wir beide nichts davon.“

„Was hat er Ihnen erzählt, Mr. de Levantis?“, erkundigte sich Roberto.

„Er bat mich, ihn in meinem Haus für einige Zeit aufzunehmen.“

„Sie haben’s nicht getan?“

„Bin ich denn verrückt? Damit ich mich jeden Tag über dieses miese Gesicht ärgere? Ich habe ihn zwar nicht hinausgeworfen, aber ich habe klipp und klar festgestellt, dass ich in meinem Hotel keinen Platz für ihn habe. Ich sagte ihm, alle Zimmer seien belegt. Er muss gemerkt haben, dass er mir eine große Freude machen konnte, indem er ging. Das hat er schließlich auch getan. Vor einer halben Stunde hat er mich angerufen und mir mitgeteilt, dass er sich in ein Motel namens Dolores Inn einquartiert hat. Als ob mich das interessieren würde.“

Dolores Inn. Das war also das Ende der langen Reise. Roberto fragte schnell: „Können Sie mir sagen, wie ich dorthin komme?“

„Es liegt zwanzig Kilometer von Merida entfernt auf der Straße nach Progreso, rechterhand. Sie können’s gar nicht verfehlen.“

Roberto erhob sich.

„Sie haben mir sehr geholfen, Mr. de Levantis.“

„Das freut mich, Mr. Tardelli. Vielleicht ist es besser, wenn Sie Sergio gegenüber meinen Namen nicht erwähnen.“

„Wenn ich ihn gefunden habe, wird er Ihnen zu Dank verpflichtet sein.“

„Eben, und gerade das möchte ich vermeiden. Sergio Tanarra ist für mich ein abgeschlossenes Kapitel, das ich vergessen will.“

Roberto hob lächelnd die Schultern.

„Ich bin noch niemandem begegnet, der einem Menschen so widerstrebend das Leben gerettet hat wie Sie. Leben Sie wohl, Mr. de Levantis!“



9

Die Papageien kreischten hinter Roberto Tardelli her, als er die Tür zuklappte. Sobald sie geschlossen war, federte Mario de Levantis aus seinem Sessel hoch. Er eilte zu seinem Schreibtisch. Gemeiner Eifer funkelte in seinen schwarzen Augen. Jetzt hieß es, clever sein und schnell schalten. Dieser Roberto Tardelli war ein Störfaktor, der schleunigst ausgeschaltet werden musste, und de Levantis wusste auch schon, welche Hebel er dazu in Bewegung setzen musste. Er wählte eine Telefonnummer, die er im Kopf hatte. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine verschlafene Stimme.

„Paco?“, brummte de Levantis.

„Ja.“

„Hier ist Mario. Pass auf, du stinkender Faulpelz, es gibt Arbeit für dich und Miguel.“

„Miguel ist nicht hier.“

„Steckt der verdammte Halsabschneider schon wieder bei einer seiner fetten Weiber?“

„Er gibt sich bei Conchita die Ehre“, lachte Paco.

„Du holst ihn auf der Stelle aus ihrem Schlafzimmer, ist das klar?“

„Das wird Miguel aber gar nicht gefallen.“

„Es kümmert mich einen Dreck, was Miguel gefällt und was nicht!“, schrie de Levantis wütend. „Wenn ihr zwei nicht spurt, mache ich euch so fertig, dass nicht mal mehr ‘n Köter ’nen Knochen von euch nimmt, verstanden?“

„Schon gut, schon gut, Mario. Was regst du dich so auf?“

„Mir geht eure verdammte mexikanische Faulheit auf die Nerven. Den ganzen Tag pennt ihr, und wenn man mal einen dringenden Job für euch hat, versucht ihr ihn auf die lange Bank zu schieben. Aber nicht bei mir, Junge.“

„Was sollen Miguel und ich tun?“, fragte Paco lakonisch.

„Jeder von euch kriegt zehn Riesen, wenn’s passiert ist“, sagte de Levantis, um den Mexikaner für den Job zu motivieren.

Paco lachte.

„He, soll ich dafür jemand die Gurgel durchschneiden?“

„Soeben war ein Kerl bei mir. Er fährt einen roten VW Golf. Sein Name ist Roberto Tardelli.“ De Levantis beschrieb ihn. „Der Bursche befindet sich auf dem Weg zum Dolores Inn. Kümmert euch um ihn!“

„Also gut, wir schnappen uns den Typ. Und was machen wir mit ihm, wenn wir ihn haben?“

„Dann legt ihr ihn um.“



10

Fünf Kilometer noch.

Roberto Tardelli lachte in sich hinein. Der Golf schnurrte die gewundene Straße entlang. Dichtes Buschwerk folgte ihrem Lauf. Roberto dachte an das Gesicht, das Sergio Tanarra machen würde, wenn er ihm im Dolores Inn entgegentrat. Vielleicht würde Tanarra noch einmal zum Peacemaker greifen, doch diesmal würde ihm Roberto nicht die geringste Chance einräumen. So oder so. Yukatan war Sergio Tanarras Endstation. Er selbst hatte die Wahl, wie seine Zukunft aussehen würde. Auf jeden Fall aber würde es eine Zukunft ohne die Diamanten sein.

Die Straße stieg leicht an und knickte scharf nach rechts weg.

Roberto drehte das Lenkrad.

Plötzlich stellten sich seine Nackenhaare auf. Zwei Männer wuchsen blitzschnell aus dem Straßengraben. Mexikaner. Einer der beiden hatte eine Lupara in seinen Händen.

Roberto rutschte augenblicklich nach unten. Im selben Moment donnerte die abgesägte doppelläufige Schrotflinte. Der Rehposten zertrümmerte die Frontscheibe des Leihwagens.

Das konnten nur heiße Grüße von Mario de Levantis sein. Niemand sonst wusste, dass Roberto Tardelli auf dieser Straße unterwegs war. Dass die beiden Kerle Straßenräuber waren, hielt der Mafiajäger für ausgeschlossen.

Die Lupara brüllte sofort noch einmal. Roberto spürte, wie der Golf rechts vorne nach unten sackte. Das Fahrzeug spielte verrückt. In seiner verrenkten Lage konnte Roberto nicht allzu viel tun. Er umklammerte das Volant mit beiden Händen. Der Volkswagen zerrte nach rechts und hüpfte wenige Lidschläge später kopfüber in den morastigen Straßengraben.

Der Aufprall riss Roberto Tardelli nach vorn, er stieß irgendwo mit dem Kopf an, sah Sterne vor seinen Augen und hörte die Killer, die mit großen Schritten angetrabt kamen. Seine Glieder waren schwer wie Blei. Die Schnelligkeit, mit der er für gewöhnlich in solchen Situationen handelte, fehlte ihm im Moment. Er war wie gelähmt.

Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es ihm, die Tür aufzustoßen und sich aus dem Wagen fallen zu lassen. Seine Hand schob sich dabei ins Jackett. Er wollte die Luger ziehen, sah einen Schuh auf sein Gesicht zusausen und nahm den Kopf zur Seite. Aber nicht schnell genug.

Etwas explodierte in seinem Schädel. Ein heftiger Schmerz pochte in seiner Schläfe. Er stemmte sich hoch und kassierte einen weiteren Tritt, der ihn zur Seite und gegen den Golf warf. Trotzdem begann er allmählich wieder klarer zu sehen. Als der Schuh zum dritten Mal vorschnellte, packte er das Bein des Gegners und riss es nach oben. Der Mexikaner kippte nach hinten weg und fiel aufs Kreuz.

Roberto kämpfte sich auf die Beine. Er sah fürchterlich aus. Das ganze Gesicht war angeschlagen. Er achtete nicht darauf, sondern konzentrierte sich auf den zweiten Mexikaner, der soeben die Lupara hochschwang und damit wie mit einer Keule zuschlagen wollte.

Ein Tritt gegen das Schienbein irritierte den Gegner. Der Bursche ließ mit schmerzverzerrtem Gesicht die Waffe fallen und stürzte sich mit bloßen Fäusten auf Roberto. Dieser fing den Angriff des Kerls mit mehreren brettharten Handkantenschlägen ab. Der Mexikaner wankte. Robertos Rechte stieß blitzschnell zu. Damit warf er den Killer buchstäblich um. Doch einige wenige Sekunden danach schaltete sich der zweite Mann wieder in das Geschehen ein. Er griff sich die Lupara und schaffte das, was sein Komplize nicht fertiggebracht hatte. Die leer geschossene Schrotflinte landete knallhart.

Mit diesem Hieb hätte man einen Ochsen von den Beinen holen können.

Etwas Riesiges, Schwarzes stürzte sich wie ein gefährlicher Panther auf den CC-Agenten.

Die Diamanten, Sergio Tanarra, die Mafia die ganze Welt hatte für Roberto Tardelli in diesem Augenblick keine Bedeutung mehr. Der Mantel des Vergessens breitete sich über ihn.



11

Sie hatten ihm die Arme auf den Rücken gebunden. Das Tau war dick. Zu dick, um als Fessel gut zu sitzen. Sie rechneten wohl nicht damit, dass er so bald schon wieder zu sich kommen würde. Roberto hob die Lider nur ganz wenig und blinzelte durch die schmalen Sehschlitze. Ein bestialischer Gestank wehte zu ihm herüber. Unter ihm brummten die Zwillingsmotoren der Yacht, auf der er mit seinen Killern unterwegs war.

Der eine Kerl hielt das Steuerrad fest in seiner kräftigen Hand, während der andere an der Reling stand und große blutige Fischstücke ins Wasser warf. Er nahm sie aus einem großen Eimer. Von da kam der abscheuliche Geruch, der sich brennend auf Roberto Tardellis Lungen legte.

„Uäh“, sagte der Typ mit dem Eimer auf spanisch. „Das wäre ein Parfüm für meine Schwiegermutter.“

Der andere lachte und stoppte die Motoren.

„Wieviel hast du noch von dem Zeug, Paco?“

„Nicht mehr viel.“

„Dann mach Schluss!“

Paco nickte und leerte den ganzen Eimer ins Meer. Sein Blick glitt suchend über die spiegelglatte See.

„He, Miguel, sieh mal! Kommt da nicht schon eines von diesen blutrünstigen Babys angeschwommen?“

„Wo?“

Paco streckte den Arm aus. Miguel machte den Hals lang.

„Verdammt, es sind zwei!“, rief Paco aufgeregt aus. „Nein, drei!“

Roberto Tardelli überlief es kalt. Er wusste, wovon die Killer sprachen.

Haie!

Und mit einem Schlag war ihm klar, was die Burschen mit ihm vorhatten. Sie hatten die Haie mit den blutigen Fischstücken angelockt. Wenn genug von diesen Biestern - denen man nachsagte, dass sie blind vor Blutgier waren und nach allem schnappten und alles zerfetzten, was man ihnen vor die tödlichen Schnauzen warf - um die Yacht schwammen, würden sie ihn einfach über Bord werfen. Den grausigen Rest besorgten dann mit größter Zuverlässigkeit diese hungrigen Mordmaschinen.



12

Roberto brannte der Schweiß in den Augen. Er spielte weiter den Ohnmächtigen, während er heimlich versuchte, seine Hände freizubekommen. Er spannte die Muskeln an und zog die Hände auseinander. Das federnde Tau gab etwas nach. Er wusste, dass er es schaffen konnte, wenn ihm die Killer nur genügend Zeit ließen.

Paco und Miguel feuerten mit Revolvern auf die angelockten Haie. Ununterbrochen krachten Schüsse.

„Getroffen!“, jubelte plötzlich Paco. „Sieh hin, Miguel! Ich habe einen dieser Teufel getroffen!“

Roberto hörte, wie der verletzte Hai mit seiner Schwanzflosse das Wasser peitschte. Eine Salzwasserfontäne stieg hoch und klatschte auf die Bootsplanken.

Miguel lachte nervös.

„Der Bursche ist erledigt. Du wirst sehen, gleich werden seine Kameraden über ihn herfallen und ihn in Stücke reißen.“

Als es passierte, vollführten die beiden Killer einen begeisterten Freudentanz.

Robertos Hand schob sich indessen Millimeter um Millimeter aus der gelockerten Schlinge.

„Wie viele Haie sind’s denn schon?“, wollte Miguel wissen.

„Acht“, sagte Paco und schob seinen Revolver in den Hosenbund. „Mindestens acht hab' ich gezählt.“

„Dann rein mit dem Americano in den Bach!“, sagte Miguel.

„Warte noch!“

„Worauf?“

„Besser, er kommt vorher noch zu sich, dann haben nicht nur die Haie ihr Vergnügen, sondern auch wir.“



13

Frei!

Roberto war endlich freigekommen. Das Tau lag unter ihm. Er war nicht mehr gefesselt. Wenn er Glück hatte, konnte er die beiden Killer überwältigen. Ohne Glück landete er vor den tödlichen Haimäulern. Reglos lag er auf den Planken. Er atmete flach, und der Wind trocknete allmählich den Schweiß, den ihn die Anstrengung gekostet hatte, vom Gesicht. Miguel wurde ungeduldig.

„Verdammt noch mal, wie lange will der Kerl denn noch pennen?“

„Ein Eimer Wasser würde ihn garantiert aufwecken.“

Miguel holte ein Seil, band den Eimer, in dem sich die penetrant stinkenden Fischstücke befunden hatten, daran, und warf ihn über Bord. Als er ihn gleich darauf wieder hochzog, war er randvoll mit kühlem Meerwasser.

Roberto verharrte in totenähnlicher Starre. Seine Augen waren fast geschlossen - aber nur fast. Er sah Miguel auf sich zukommen. Eine große schwarze Silhouette, die sich deutlich vom hellen Himmel abhob. Wasser schwappte über den Eimerrand und klatschte auf das Deck. Miguel trat seitlich neben Roberto. Der Mafiajäger wartete mit angehaltenem Atem auf den Wasserschwall, der ihm gleich ins Gesicht sausen würde. Das Wasser würde ihn erfrischen und würde einen Teil des Blutes, das noch in seinem Gesicht klebte, fortschwemmen. Es war ihm willkommen, denn er erwartete, dass es seine Lebensgeister schlagartig auf Vordermann bringen würde.

„Na los!“, knurrte Paco. „Worauf wartest du, Miguel? Gib ihm die kalte Dusche!“

„Er liegt da, als hätten wir ihn erschlagen.“

„Quatsch! Der Bursche ist zäh. Außer einer dicken Beule würde der nichts davontragen, wenn wir ihn jetzt ungeschoren ließen. Gib ihm die Taufe! Du wirst sehen, wie schnell er danach wieder hochkommt. Nun mach schon!“

Miguel holte aus. Roberto sah das Wasser aus dem Eimer stürzen. Es schoss auf sein Gesicht zu und traf ihn wie eine Ohrfeige.

Jetzt war es Zeit, zu reagieren. Er spielte die Komödie blendend. Sein Gesicht zuckte. Er warf den Kopf hin und her, riss den Mund auf und hustete und spuckte. Dann öffnete er die Augen und starrte Miguel mit einem ungläubigen Ausdruck an. Er sah wirklich so aus, als wäre er soeben aus einer tiefen Ohnmacht erwacht und wäre immer noch ganz durcheinander.

Miguel stellte den Eimer ab. Er grinste breit und dreckig.

„Hallo, Americano“, höhnte er in Robertos Sprache. „Gut geschlafen?“

Roberto tat so, als bemerke er erst jetzt, dass er gefesselt war. Verdutzt fragte er: „Wo bin ich? Wer seid ihr? Was habt ihr mit mir vor?“ Er gab seiner Stimme einen ängstlichen, unsicheren Klang. Sie kratzte auch ein wenig.

Miguel kostete seine Überlegenheit amüsiert aus.

„Wir sind Freunde von Mario de Levantis. Er hat uns gebeten, dich umzulegen. Du befindest dich auf unserem Schiff und machst gerade die letzte Reise, Amigo.“

„Neun! Zehn! Nein, elf Babys kreisen bereits um unser Schiff“, rief Paco.

Miguel lachte schnarrend.

„Hörst du, was mein Freund sagt, Tardelli?“

„Babys?“, stellte sich Roberto dumm.

„Er spricht von Haien. Elf Stück haben wir für dich angelockt. Es ist immer so eine Sache mit 'ner Leiche, wenn man einen Mord begeht. Man weiß zumeist nicht, wohin mit ihr. Hier draußen ist das kein Problem. Die Haie haben immer Hunger. Von einem Menschen, den man ihnen vor die Schnauzen wirft, bleibt nicht mal ein Hosenknopf übrig. Die Babys verschlingen einfach alles.“

Roberto stöhnte entsetzt.

„Das ... das könnt ihr doch nicht tun!“

„Und ob wir können. Du wirst es gleich erleben.“ Miguel beugte den Rumpf. Er streckte seine Arme nach Roberto aus. „Komm, Americano! Wir degradieren dich jetzt zum Fischfutter. Du musst keine Angst haben. Es wird ein schnelles Ende sein. Die Babys sind so blutgierig, dass sie dir mit einem Schnapp das Leben aus dem Körper beißen werden.“

Roberto fühlte sich gepackt.

Jetzt!, befahl er sich.

Er starrte auf den Revolver, der in Miguels Hosenbund steckte. Roberto musste ihn und das Überraschungsmoment auf seine Habenseite bringen, wenn er überleben wollte - und, verdammt noch mal, das wollte er. Als Miguel ihn hochriss, schnellten seine Hände hinter dem Rücken hervor. Ehe der Mexikaner begriff, was passierte, schlossen sich Robertos Finger um den Kolben der schweren Waffe. Ein Ruck. Roberto war im Besitz der Kanone. Gleichzeitig zog er die Beine an. Miguel zerrte ihn hoch. Roberto beschleunigte das, indem er sich von den Schiffsplanken abstieß. Er kam mit großer Geschwindigkeit auf die Beine. Miguel war so perplex, dass er kaum reagierte, als Roberto ihn packte und kraftvoll herumriss. Wie ein lebender Schild deckte der Mexikaner nun Robertos Körper.

Der CC-Agent richtete die erbeutete Waffe auf Paco.

„He, du Schlitzohr, mach jetzt keine Dummheiten, sonst knallt's!“

Paco wurde trotz seiner olivfarbenen Haut blass. Er glotzte Roberto fassungslos an. „Verdammt!“ Seine dunklen Augen hefteten sich auf Miguels Revolver, dessen Mündung ihm bedrohlich entgegengähnte. „Verdammt!“

„Es darf gestaunt werden“, sagte Roberto ätzend. „Aber lass dir ja nichts einfallen, sonst landet kein Americano, sondern ein Mexicano auf dem Festtagstisch der Haie!“

„Miguel!“, stöhnte Paco überwältigt. „Wie konnte das passieren?“

„Zum Geier, wer hat ihm die Fesseln angelegt? Du doch!“, presste Miguel wütend hervor.

„Pass auf, Paco!“, sagte Roberto scharf. „Ich möchte dich nackt sehen, deshalb wirst du dich jetzt von deinem Schießeisen trennen. Aber fass es bloß mit zwei Fingern an, sonst bin ich gezwungen, dir verdammt wehzutun!“

Paco und Miguel tauschten glühende Blicke. Roberto entdeckte in Pacos Augen ein Signal. Er war nicht erst seit gestern auf der Gangsterjagd und konnte sich vorstellen, was gleich passieren würde - und da geschah es auch schon.

Die beiden glaubten, bestens aufeinander eingespielt zu sein. Vielleicht hatte die Ensemblearbeit bisher auch immer reibungslos funktioniert. Diesmal hatten sie mit ihrem Auftritt allerdings keinen Erfolg, dafür sorgten Robertos Erfahrung im Kampf mit Kerlen wie diesen und sein untrüglicher Instinkt für gefährliche Situationen.

Die zwei Finger von Paco hatten sich langsam dem Revolverkolben genähert. Alles schien seine Ordnung zu haben. Paco lockerte die Waffe, und im selben Augenblick passierten zwei Dinge gleichzeitig: Miguel katapultierte sich aus der Schussbahn, und Pacos Hand krampfte sich um den Griff des Revolvers. Der Bursche riss die Waffe hoch.

Miguel war noch nicht weit gekommen. Robertos Linke schoss dem Mexikaner nach, erwischte ihn beim Hemdkragen und riss ihn kraftvoll zurück. Das war der Moment, wo Paco den Finger krümmte. Er kapierte zu spät, dass die Aktion danebengegangen war. Die Kugel hatte bereits seine Kanone verlassen. Er konnte ihre Flugbahn nicht mehr korrigieren. Verdattert sah er, welchen Schaden er mit seinem Schuss anrichtete.

Roberto spürte, wie der getroffene Mexikaner heftig zusammenzuckte. Er ließ sich nach rechts fallen, während Miguel von Pacos Kugel links an ihm vorbeigerissen und gegen die Reling geschleudert wurde.

Roberto drückte ab. Seine Kugel prellte Paco das Schießeisen aus der Hand, während Miguel nicht in der Lage war, dem Schwung nach hinten kraftvoll genug entgegenzuwirken. Pacos Revolver flog in hohem Bogen davon und fiel fünf Meter vom Boot entfernt ins Wasser.

Indessen bog sich Miguels Oberkörper weit über die Reling. Die Wucht des Aufpralls riss ihm die Beine unter dem Körper weg. Er kippte nach hinten und schlug ein groteskes Rad in der Luft. Keiner konnte verhindern, dass er ins Meer stürzte. Die ganze Szene spielte sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Klatschend tauchte Miguels Körper in das Wasser ein.

Dunkle, scharf geschnittene Dreiecksflossen glitten auf ihn zu. Er brüllte entsetzt, schlug in panischer Angst um sich ...

Einen Herzschlag später hatten ihn die Haie erreicht. Sie packten ihn und zerrten ihn unter die Wasseroberfläche. Sein Schrei verstummte jäh, und sein Blut färbte das Meer.



14

„Du gottverfluchtes Schwein!“, plärrte Paco außer sich vor Wut und Hass. Er gab Roberto Tardelli die Schuld an dem grausigen Ende seines Komplizen. Wie durch Zauberei hatte der Mexikaner plötzlich ein Ködermesser in seiner Linken. Die schmerzende Rechte presste er mit verzerrtem Gesicht an die Seite. Die lange Messerklinge reflektierte blitzend das grelle Sonnenlicht. Pacos Augen waren blutunterlaufen. Er ignorierte den Revolver in Robertos Hand, stürmte auf den Mafiajäger ein und versuchte ihn mit einem blitzschnellen Stoß außer Gefecht zu setzen. Roberto steppte jedoch im richtigen Moment zur Seite. Sein hochfahrendes Knie traf Pacos Magengrube. Der Bursche stieß die Luft pfeifend aus, kreiselte herum und stach aus der Drehung heraus wieder nach Roberto. Der CC-Agent tauchte unter dem Messer weg und schlug mit dem Waffenlauf zu.

Paco torkelte benommen. Er versuchte, alles auf eine Karte zu setzen. Mit einem tierhaften Schrei stürmte er auf Roberto Tardelli ein, und diesmal hätte er es beinahe geschafft. Die Klinge des Ködermessers verfehlte ihr Ziel nur um Haaresbreite, als Roberto den Oberkörper zur Seite schraubte und seinen Gegner an der Hüfte auflaufen ließ. Jetzt erst wurde ersichtlich, wieviel Kraft Paco in seinen Ansturm gelegt hatte, und diese eigene wilde, ungebändigte Kraft wurde ihm in diesem Augenblick selbst zum Verhängnis. Der eigene Schwung hob ihn aus. Er sauste kopfüber über die Reling. Robertos Hände flogen hinter ihm her. Er wollte ihn abfangen, zurückreißen, doch seine Finger glitten an Pacos Beinen ab, der Mexikaner tauchte wie ein Torpedo in die Fluten.

Robertos Blick flog über das Deck. Er entdeckte das Schiffstau, ergriff es und hetzte damit zur Reling. Paco kreischte wie am Spieß. Noch hatte sich kein Hai auf ihn gestürzt, aber einer der gefräßigen Killer hatte ihn bereits entdeckt und schoss pfeilschnell auf ihn zu. Paco riss sein Ködermesser hoch. Er sah die harte Flosse, die das Wasser wie ein Säbel zerschnitt, und brüllte: „Weg! Weg! Lass mich in Ruhe, du gottverdammte Bestie!“ In seiner namenlosen Angst hieb er mit dem Messer nach dem Kopf des Tieres. Der getroffene Hai zuckte, schnellte herum, peitschte das Wasser mit seinem Schwanz und verschwand.

Roberto warf dem Mexikaner das Tau zu.

„Paco! Das Tau! Schnell!“

Der Killer schlang sich das Tau gehetzt um die Brust. Roberto stemmte ein Bein gegen die Reling und zog den Mexikaner so schnell wie möglich auf das Schiff zu. Es war ein nervenzerreißender Wettlauf mit dem Tod. Ein Zweikampf, den Roberto Tardelli zu gewinnen hoffte. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Verbissen holte er das Tau ein. Paco half mit strampelnden Schwimmbewegungen mit, so gut er konnte. Er erreichte das Schiff. Surrend lief das widerstandsfähige Tau über die Relingstange.

Plötzlich durchfuhr Robertos Herz ein schmerzhafter Schock.

Die Haie waren nicht gewillt, sich foppen zu lassen. Von allen Seiten schossen sie heran. Roberto hatte Pacos Oberkörper bereits aus dem Wasser gehievt, aber die Beine des Mexikaners befanden sich noch im Meer.

Der nächste Ruck hätte Paco aus dem Wasser gerissen. Roberto griff atemlos nach vorn. In diesem Moment stieß Paco einen Schrei aus, der Roberto durch Mark und Bein ging. Dann schien der Körper des Mexikaners schlagartig zehnmal so viel Gewicht zu haben.

Das Tau rutschte durch Robertos Hände. Die Hitze verbrannte ihm die Handflächen. Er kämpfte wie von Sinnen um das Leben des Mexikaners. Es widerstrebte ihm, selbst einen Todfeind einfach seinem Schicksal zu überlassen. Doch die Gier der blutrünstigen Bestien war eine Macht, gegen die Roberto Tardelli nichts ausrichten konnte. Die Haie zerrten den Mann nach unten.

Roberto sah sich außerstande, das Leben des Mexikaners zu retten. Es ging schnell, sehr schnell mit Paco zu Ende. Einer der Haie kappte mit einem wilden Biss das Tau. Roberto flog zurück und landete auf den Planken, als die Spannung plötzlich nicht mehr vorhanden war.

Und dann folgte Stille.

Eine bleierne, deprimierende, schmerzhafte Stille ...



15

Roberto Tardelli gönnte sich zehn Minuten. Die allmählich tiefer sinkende Sonne brannte auf seiner Haut. Von der Anstrengung ermattet saß er da, wo es ihn hingeworfen hatte, und blickte sich um. Paco und Miguel. Sie hatten ihn den Haien zum Fraß vorwerfen wollen und waren schließlich selbst ein Opfer der gefährlichen Bestien geworden. Gerechtigkeit? Nein, Roberto fand nicht, dass man das als Gerechtigkeit bezeichnen konnte. Er hielt nichts von dieser Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Einstellung, von der das Wesen so vieler Menschen geprägt ist. Er wünschte niemandem den Tod. Auch seinen Feinden nicht. Es gab genügend andere Wege, um sie unschädlich zu machen. Ein gewaltsames Ende war für Roberto Tardelli keine akzeptable Lösung.

Roberto erhob sich ächzend.

Am hellen Horizont ragten vereinzelt schwere Wolkenberge in den hohen blauen Himmel hinein.

Roberto ging auf die Brücke. Die Motoren sprangen gleich beim ersten Versuch an. Er wendete das Schiff und beschleunigte das Tempo. Dann schaltete er die Steuerung auf Automatik. Er gab dem Boot annähernd die Richtung, und während es auf Kurs ging, hing er seinen Gedanken nach. Mario de Levantis hatte ihm die beiden hier also auf den Hals gehetzt. Das bedeutete, dass er ganz anders zu Sergio Tanarra stand, als er behauptet hatte. Vermutlich waren die beiden immer noch die dicksten Freunde. Vielleicht hatte Tanarra dem Hotelbesitzer eine Beteiligung an der Hehlerware zugesichert, wenn dieser ihn dafür vor etwaigen Verfolgern abschirmte. Was auch immer der Grund war, weshalb de Levantis Paco und Miguel in Marsch gesetzt hatte, Roberto Tardelli würde es herausbekommen. Er hatte die Absicht, dem Schurken gnadenlos die Daumenschrauben anzusetzen.

Das Schiff wiegte und rollte in der aufkommenden Dünung.

Die Dämmerung brach allmählich herein.

Roberto entdeckte im schwindenden Licht einen Landstreifen, der sich undeutlich abzeichnete. Er drückte den Gashebel auf Null. Das Schiff verlor langsam seine Fahrt und wiegte sich leise in der niedrigen See. Roberto versuchte sich zu orientieren. Er bemerkte Lichter und fuhr dann geradewegs darauf zu ...



16

Als die Dämmerung zum Abend geworden war, schob sich eine dunkle, schemenhafte Gestalt über den Hoteldachrand. Der gelenkige Mann baumelte kurz an der knackenden Regenrinne, dann fanden seine Füße Halt auf einer der zahlreichen Fassadenverzierungen. Der Schatten glitt geschmeidig und lautlos nach unten und erreichte kurz darauf einen schmalen Balkon. Er blieb für einen kleinen Moment auf der steinernen Brüstung stehen. Die Balkontür war erhellt. Eine weiße Gardine bewirkte, dass der Mann zwar in den Raum, von dort drinnen aber niemand auf den Balkon sehen konnte.

Mario de Levantis saß an seinem Schreibtisch und führte ein langes Telefongespräch, das er mit zahlreichen Wutausbrüchen würzte.

Die Gestalt näherte sich vorsichtig der Balkontür. Ein kleines Federmesser blitzte kurz in der Hand des Mannes auf. Er schob die Klinge in die Ritze zwischen den beiden Türflügeln und schob behutsam den Riegel nach oben. Das war nicht sonderlich schwierig.

De Levantis hatte weiterhin keine Ahnung, was ihm blühte.

Der Mann drückte die Türflügel etwas auf.

„Interessiert mich nicht, zum Teufel!“, schrie de Levantis gerade in die Sprechrillen. „Sie haben Ihre Probleme, ich habe die meinen. Wir müssen sehen, wie wir selber damit fertigwerden. Wir dürfen sie nicht als Ausreden benutzen, ist das klar? Ich habe Verpflichtungen, mein Lieber, die ich einzuhalten gedenke. Bisher konnte man sich auf Mario de Levantis immer hundertprozentig verlassen. Und diesen Ruf lasse ich mir von Ihnen nicht kaputtmachen, haben Sie verstanden? Also strengen Sie sich ein bisschen an, sonst bin ich gezwungen, andere Saiten aufzuziehen. Leben Sie wohl!“ Der Hotelbesitzer knallte den Hörer ärgerlich in die Gabel und bellte: „Saukerl!“

In diesem Moment flog die Balkontür hinter ihm auf, als wäre sie von einer Granate weggesprengt worden. De Levantis sprang mit einem erschrockenen Laut auf und schnellte herum. Der linke Türflügel hatte die Gardine zur Seite gefegt. Das Deckenlicht traf einen schwarz gekleideten Mann mit harten, mitleidlosen Zügen.

Mario de Levantis kannte dieses Gesicht. Er wusste augenblicklich, wen er vor sich hatte. Sein Herz hämmerte aufgeregt gegen die Rippen, und die beiden bunt gefiederten Papageien machten erschrocken Radau.



17

Vado Tanarra trat mit federnden Schritten ein. Ein frostiges Grinsen lag um seine Lippen.

„Ich liebe effektvolle Auftritte. Dies war ein solcher. Wie ich sehe, konnte ich dich damit mächtig beeindrucken, Mario.“

„Vado!“, stieß de Levantis heiser hervor.

„Erfreut, mich wiederzusehen?“

„Vor allem erstaunt“, erwiderte der Hotelbesitzer.

„Erstaunt? Wieso erstaunt? Hast du denn nicht damit gerechnet, dass ich dich besuchen werde?“

„Wie sollte ich?“

Vado Tanarra wiegte den Kopf.

„Komm, sei nicht albern, Mario! Du weißt, was mein Bruder getan hat. Ich konnte seine Spur bis hierher verfolgen. Dachtest du im Ernst, dass die Cosa Nostra das sträfliche Verbrechen, das Sergio begangen hat, nicht ahnden würde?“

„Man hätte jemand anders schicken können.“

„Das ist eine Sache, die ich selbst erledigen möchte“, sagte die Viper hart. „Schließlich ist Sergio nicht irgendjemand, sondern mein verdammter Bruder. Dieser Idiot! Wie hatte er nur so irrsinnig handeln können? Er muss nicht mehr alle Sinne beisammen haben. Er war bei dir, nicht wahr?“

De Levantis nickte hastig. Ein dünner Schweißfilm glänzte auf seiner Stirn. Er wusste, wie gefährlich die Viper war, hatte großen Respekt vor diesem eiskalten Killer, der seine Aufträge mit einer geradezu erschreckenden Zuverlässigkeit erledigte. Roberto Tardelli hatte er belügen können, es wäre aber der reine Selbstmord gewesen, auch Vado Tanarra zu beschwindeln. Dieser Mann war ein ganz anderes Kaliber. Der ging ohne mit der Wimper zu zucken über einen Berg von Leichen.

„Hat Sergio dich gebeten, ihm zu helfen?“, fragte die Viper.

„Ja“, sagte de Levantis schnell.

„Hat er dir erzählt, was für ein verrücktes Ding er gedreht hat?“

Mario de Levantis spürte, dass er weiche Knie bekam. Wenn er diese Frage bejahte, konnte Vado verdammt sauer darauf reagieren. Einem Mann, der sich mit der Mafia angelegt hat, hilft man nicht, sonst macht man sich zu seinem Komplizen. Was das heißt, weiß jeder, der die Leute der Cosa Nostra schon einmal bei der Arbeit gesehen hat.

De Levantis sagte deshalb ausweichend: „Sieh mal, Sergio und ich sind sehr gute Freunde. Freundschaft ist für mich kein leeres Wort, Vado. Ich stehe rückhaltlos dazu, und wenn einer meiner Freunde meine Hilfe braucht, dann kann er damit rechnen. Sergio war nicht in der allerbesten Verfassung, als er zu mir kam. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, ihn wegzuschicken.“

„Du hättest dir damit aber eine Menge Ärger erspart.“

„Das sehe ich erst jetzt ein, Vado. Jetzt, wo du hier bist.“

„Jetzt, wo es fast schon zu spät ist“, sagte die Viper gedehnt.

De Levantis zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

„Madonna mia, Vado, du wirst mich doch nicht mit Sergio in einen Topf werfen.“

„Nicht in einen Topf, aber vielleicht in dasselbe Grab“, gab der Killer grinsend zurück.

„Ich ... ich habe doch nur einem Freund geholfen ... Hast du das noch nie getan?“

Vado Tanarra bleckte die Zähne.

„Ich habe keine Freunde. Und bald werde ich auch keinen Bruder mehr haben. Wo finde ich ihn? Wenn du deine erbärmliche Haut retten willst, solltest du es mir ganz schnell sagen, Mario.“

Der Hotelbesitzer wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Stirn. Er nickte nervös.

„Ich hab mir vor einem Jahr einen Bungalow außerhalb von Merida gebaut. Nicht sehr groß - nur ein Wohnschlafzimmer, Küche und Nebenräume, aber es reicht für eine Person.“

„Dort steckt Sergio?“, fragte die Viper mit schmalen Augen.

„Ich hab ihm den Bungalow zur Verfügung gestellt.“

„Wie lange hätte er vorgehabt, zu bleiben?“

„Sechs bis acht Wochen - vorläufig.“

„Hat er dir eine Beteiligung versprochen, wenn du ihm hilfst?“

„Ja.“

„Wieviel?“

„Die Hälfte ...“

Vado Tanarra pfiff erstaunt durch die Zähne.

„Ihm muss es verdammt dreckig gehen, wenn ihm deine Hilfe so viel wert ist.“

„Er konnte nirgendwo sonst unterkommen.“

„Hat er die Steine bei sich?“

De Levantis hob die Schultern.

„Das weiß ich nicht. Das hat er mir nicht gesagt.“

Tanarra lachte.

„Er traut dir anscheinend doch nicht so ganz.“

„Mit so wertvollen Steinen wäre ich auch jedermann gegenüber misstrauisch. Vielleicht sogar mir selbst.“

„Sag mir, wie ich fahren muss!“, verlangte Vado Tanarra.

„Einen Moment, ich zeig’s dir auf der Landkarte.“

De Levantis wandte sich seinem Schreibtisch zu. Die Viper packte ihn am Kragen und zischte: „Wenn ich zu Sergio unterwegs bin, lass dir ja nicht einfallen, ihn zu warnen, sonst komme ich zurück.“

Mario de Levantis schüttelte mit furchtgeweiteten Augen den Kopf.

„Ich bin doch nicht verrückt. Das ist eine Sache, die nur dich und Sergio betrifft. Aus der halte ich mich raus.“

Der Killer ließ de Levantis los.

„Das will ich dir auch geraten haben“, knurrte er drohend. „Die Karte!“, verlangte er dann.

„Ja“, sagte de Levantis gepresst. „Sofort.“ In seinem Kopf überstürzten sich die Gedanken.

Sergio hatte ihm wirklich die Hälfte der Hehlerware in Aussicht gestellt, wenn er ihm helfen würde, und er hatte ihm geholfen, allerdings nicht so, wie er es Vado erzählt hatte. De Levantis hatte den Killer bewusst belogen. Immerhin standen für ihn vier Millionen Dollar auf dem Spiel. Er wollte sie nicht verlieren. Vado Tanarra durfte sie ihm nicht abjagen. Er hatte die Viper in Sicherheit gewiegt, indem er den Ängstlichen gemimt hatte. Jetzt aber kam die Stunde der Wahrheit.

In der Schreibtischschublade, nach der Mario de Levantis gerade griff, befand sich keine Landkarte, sondern eine Colt Government. Die Nerven des Hotelbesitzers vibrierten. Würde es ihm gelingen, schneller zu sein als die gefürchtete Viper? Gab es überhaupt jemanden, der jemals schneller gewesen war als Vado Tanarra?

Plötzlich bekam de Levantis Angst vor der eigenen Courage.

Der Killer wurde ungeduldig.

„Was ist? Die Karte!“, schnarrte er.

„Ja“, seufzte de Levantis. „Ja.“ Er musste es tun. Nicht für Sergio, sondern für sich. Es gab jetzt kein Zurück mehr für ihn. Er hatte Vado belogen. So etwas pflegte der Killer mit einer schnellen Kugel zu quittieren.

Verdammt, warum fürchtest du ihn so sehr?, fragte sich der Hotelbesitzer. Er ist im Grunde genommen doch auch nur ein Mensch. Man kann ihn besiegen. Man muss nur schneller sein als er.

Mit vor Nervosität zitternden Fingern zog de Levantis die Schublade auf. Nicht zu schnell, um Vado Tanarra nicht zu warnen. Er deckte die Lade mit seinem Körper, damit die Viper keinen Blick hineinwerfen und die Pistole entdecken konnte.

Matt schimmerte dem Hotelbesitzer der brünierte Lauf entgegen. In seinen Halsschlagadern pochte das Blut. Die Situation spitzte sich immer mehr zu. Die Sache konnte nur gelingen oder misslingen. Eine dritte Möglichkeit gab es nicht. De Levantis hörte sich heiser sagen: „Ah, da ist sie die Karte.“ Seine Hand glitt in die Lade. Als die Finger den Waffenkolben berührten, hatte de Levantis das Gefühl, sich daran zu elektrisieren. Ein unangenehmes Prickeln lief durch seinen Unterarm und verlor sich im Bereich des Ellenbogens.

Als sich seine Hand um den Waffenkolben schloss, wusste er, dass er im Begriff war, etwas Endgültiges zu tun. Sein Daumen entsicherte die schwere Pistole. Er hob sie aus der Lade und drehte sich um, so schnell er konnte.

Mochte der Satan wissen, wodurch die Viper gewarnt worden war.

In Gedankenschnelle wirbelte der Killer seine Waffe heraus, und er schaffte das Unwahrscheinliche - schneller abzudrücken als Mario de Levantis.



18

Roberto Tardelli hatte Glück. Er fand einen Mann, der ihn in seinem Lkw bis zu jener Stelle mitnahm, wo der rote Golf im schlammigen Straßengraben lag. Der kompakte VW war schnell wieder flottgemacht. Ein paar Pesos-Scheine wechselten den Besitzer, und dann knüppelte Roberto den kleinen Wagen nach Merida zurück. Da das Fahrzeug keine Frontscheibe mehr besaß, wehte dem CC-Agenten der Fahrtwind voll ins Gesicht und zerzauste sein dunkles, leicht gewelltes Haar.

Erst als er die Plaza de la Independencia erreichte, drosselte er das Tempo etwas. Von hier war es nur noch ein Katzensprung bis zu Mario de Levantis' Hotel.

Roberto stoppte den Golf zweihundert Meter vor dem Hotel. Den Rest des Weges legte er zu Fuß zurück. Er betrat das Gebäude. Der Empfangs Schalter war nicht besetzt. Das kam Roberto sehr gelegen. Er wollte de Levantis unangemeldet besuchen. Umso größer würde die Verblüffung des Hotelbesitzers sein.

Der Mafiajäger eilte die Stufen hinauf. Kurz vor der Tür, die in de Levantis’ Büro führte, zog er die Luger, die er auf der Yacht von Paco und Miguel wiedergefunden hatte. In dem Augenblick, wo er die Tür mit einem kräftigen Stoß zur Seite befördern wollte, donnerte im dahinterliegenden Raum ein Schuss. Beinahe gleichzeitig setzte das Gekreische der hysterischen Papageien ein.

Roberto verdaute die Überraschung fast augenblicklich und handelte sofort. Er warf die Tür auf und flog mit einem weiten Sprung in den Raum. Er hielt die Luger mit beiden Händen. Die Arme streckte er weit von sich. Seine scharfen Augen erblickten zwei Männer.

Der eine war de Levantis.

Der andere war - kein Zweifel möglich - Vado Tanarra, die Viper.

Die Mafia hatte also einen ihrer gefährlichsten Killer geschickt, um sich wieder in den Besitz der geraubten Industriediamanten zu bringen. Vado Tanarra gegen Sergio Tanarra - und doch war es kein Bruderzwist, sondern eine Sache zwischen der Cosa Nostra und einem Außenseiter, der sich zu viel zugemutet hatte.

Mario de Levantis starrte die Viper ungläubig an. Roberto zielte auf Tanarra, der sich jedoch blitzschnell hinter den wankenden Hotelbesitzer duckte, zwei Schüsse abgab und sich hastig auf den Balkon zurückzog.

Roberto warf sich zur Seite, rollte über den Boden und erwiderte das Feuer, doch die Viper tauchte augenblicklich in die Dunkelheit ein und verschwand aus dem Gesichtsfeld des CC-Agenten.

Jetzt erst fiel de Levantis. Seiner Kehle entrang sich ein unendlich schwerer Seufzer. Ein dünner Blutfaden sickerte aus seinem Mund. Er klappte in den Knien zusammen und schlug hinter seinem Schreibtisch lang hin.

Roberto hastete zu dem Mann. Er erkannte mit einem Blick, dass er für de Levantis nichts mehr tun konnte. Hier konnte keiner mehr helfen. Der Tod hatte bereits Mario de Levantis’ Büro betreten.

Roberto schnellte kraftvoll hoch. Mit wenigen Sätzen war er auf dem Balkon. Oben verschwand soeben Vado Tanarra. Ohne zu zögern folgte ihm der Mafiajäger. Wieselflink kletterte er hinter dem Killer her, erreichte den Rand des Daches, spähte vorsichtig darüber, ein Klimmzug, und er war oben. Seine 38er suchte die Viper. Das Dach war wie leergefegt. Roberto vernahm kein verräterisches Geräusch. Er hörte nur seinen eigenen schweren Atem, sonst nichts. Geduckt lief er weiter, jederzeit bereit, die Luger einzusetzen. Er erreichte das etwas tiefer liegende Dach des Nachbarhauses. Auch hier war Vado Tanarra nicht. Verdrossen musste sich Roberto schließlich eingestehen, dass es der Viper gelungen war, sich innerhalb weniger Augenblicke wie ein Phantom in Luft aufzulösen.



19

Mit grimmiger Miene kletterte Roberto Tardelli die Fassade wieder nach unten. Es war noch ein winziger Lebensfunken in Mario de Levantis. Seine Lider flatterten, als Roberto seinen Kopf in beide Hände nahm und vorsichtig anhob.

„Warum haben Sie das getan, de Levantis?“, fragte der Mafiajäger vorwurfsvoll. „Warum wollten Sie mich von Paco und Miguel beseitigen lassen?“

„Sergio ... Freund ...“, gurgelte der Sterbende. „Wollte mir ... Hälfte der Beute überlassen ...“

„Und für vier Millionen Dollar kann man einen Mord schon anordnen, dachten Sie!“

Dickes Blut rann aus de Levantis’ Mund. Sein Körper wurde von einem heftigen Schüttelfrost befallen. Seine Hände krallten sich in die Brust, in der ein schrecklicher Schmerz zu wühlen schien.

„Haben Sie Vado Tanarra gesagt, wo sich Sergio versteckt hält?“, wollte Roberto wissen.

„Nnein ...“, kam es fast tonlos über de Levantis’ Lippen. „Töten Sie ... die Viper, Tardelli ... Töten Sie diesen ... Mann ... Zertreten Sie... dieser Schlange den Kopf ...!“

„Das werde ich nicht tun“, erwiderte Roberto ernst. „Aber ich verspreche Ihnen, dass Vado Tanarra für das, was er getan hat, sühnen wird. Nennen Sie mir Sergios Versteck!“

De Levantis röchelte. Blutiger Schaum bedeckte seine Lippen.

„Beeilen Sie sich!“, sagte Roberto Tardelli eindringlich. „Sie haben nicht mehr viel Zeit, das wissen Sie. Die vier Millionen sind für Sie so oder so verloren. Sagen Sie mir, wo Sergio Tanarra steckt, bevor die verdammten Steine noch mehr Unglück anrichten!“

Mario de Levantis starrte Roberto mit großen, verzweifelten Augen an. Vielleicht wollte er es ihm noch sagen, aber er hatte plötzlich nicht mehr die Kraft, die Lippen zu bewegen. Sein Kinn klappte nach unten, und sein zitternder Körper wurde ganz ruhig. Seine Augen brachen.

Aber der verzweifelte Ausdruck blieb weiter in ihnen.

Ein magerer bleicher Mann betrat de Levantis’ Büro. Roberto ließ den Kopf des Hotelbesitzers langsam sinken und erhob sich. Der Mann - ein Angestellter des Hotels - starrte ihn erschrocken an. „Haben Sie ihn erschossen?“ Sein Englisch hatte den typisch gefärbten Klang.

Roberto schüttelte den Kopf.

„Nein. Ein Mann namens Vado Tanarra hat es getan. Verständigen Sie die Polizei!“ Danach verließ Roberto den Raum, und niemand hinderte ihn daran.



20

Irgendwo auf der Halbinsel Yucatan hatte Sergio Tanarra einen Unterschlupf gefunden. Coup Roberto Tardelli hoffte, dass Sergios Freund Moro Tinti davon eine Ahnung hatte. Tinti war eine von Robertos letzten Hoffnungen. Der Mann wohnte in Progreso am Gold von Mexiko. Ein Bursche mit einer wild bewegten Vergangenheit. Er hatte als Söldner in Biafra und im Kongo gekämpft, hatte für verschiedene Geheimdienste gearbeitet, Dollar auf Dollar gelegt und sich schließlich in Progreso niedergelassen, wo er sich ein schmuckes Häuschen und eine schnittige Polyesteryacht kaufte. Sportfischer konnten ihn und seine Yacht mieten. Er war nicht billig, aber er leistete auch einiges für sein Geld, erklärte man Roberto in Progreso. Angeblich konnte in weitem Umkreis niemand so hart und so ausdauernd arbeiten wie Moro Tinti. Er war bei den Männern in Progreso angesehen und bei den Frauen beliebt. Es gab ein paar Mädchen, die ins Schwärmen kamen, wenn sie von Tinti redeten.

Roberto traf den Bootsbesitzer weder in dessen Haus noch im Hafen an. Man sagte ihm, dass Moro Tinti mit zwei fetten reichen amerikanischen Touristen im Golf unterwegs sei und erst am späten Nachmittag zurückkehren würde.

Roberto suchte sich ein Hotel und wartete auf Tinti. Die Polyesteryacht, ein wahres Schmuckstück, das das Herz jedes Mannes, der etwas von der christlichen Seefahrt hielt, höherschlagen ließ, lief nicht am späten Nachmittag, sondern erst am frühen Abend ein. Roberto konnte das herrliche Schiff von seinem Hotelfenster aus sehen. Die beiden Amerikaner waren stockbetrunken. Man hörte sie im ganzen Hafen grölen. Der Schwertfisch, den sie gefangen hatten, besaß ein beachtliches Kaliber. Moro Tinti ließ das große tote Tier von ein paar Männern von Bord schaffen.

Roberto verließ sein Hotel. Tintis Yacht hieß Virginia.

Der Mafiajäger blieb davor kurz stehen. Der Geruch von Tang und Teer stieg ihm in die Nase. Drüben auf dem Schiff war es ruhig. Moro Tinti schien sich nicht an Bord zu befinden. Das Cockpit war leer, und in der Kabine brannte kein Licht. Roberto ging dennoch an Bord.

Er kam an einem stabilen „Gefechtsstuhl“ vorbei, der mit Stahltrossen mehrfach gesichert war. Hier wurde der Angler mit dicken Gurten festgeschnallt, wenn er den Kampf gegen einen riesigen Fisch aufnahm, der an seinem Haken hing.

Roberto erreichte das Cockpit. Er hatte das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden. Tinti schien also doch da zu sein. Ein eigenartiger Kauz - oder ein großer Sparmeister vor dem Herrn, der mit dem Strom wie mit einer unschätzbaren Kostbarkeit geizte.

Als Roberto den Niedergang erreichte, der zur Kabine hinunterführte, vernahm er hinter sich das unverkennbare metallische Klicken eines Hahnes, der sich spannte. Im selben Moment drückte ihm jemand einen harten Waffenlauf gegen die rechte Niere. Der CC-Agent hob ganz langsam die Hände und verhielt sich vollkommen ruhig.



21

„Ungebetene Gäste kann ich auf meinem Schiff auf den Tod nicht leiden!“, knurrte Moro Tinti wie ein hungriger Wolf.

„Sie sind sehr schnell mit der Waffe bei der Hand“, stellte Roberto furchtlos fest.

„O ja. Und ich besitze eine ganze Menge von diesen Dingern. Sie sind hier überall an Bord versteckt. Ist 'n Tick von mir. Schließlich weiß man nie, mit wem man es zu tun hat, wenn einer auf das Schiff kommt, den man nie zuvor gesehen hat.“

Der Druck an Robertos Niere verstärkte sich. Tinti befahl ihm, die Stufen des Niedergangs hinunterzugehen. Der Bootsbesitzer folgte ihm in geringem Abstand. Unten angekommen, machte Tinti Licht. Dann tastete er Roberto Tardelli ab und angelte die Luger aus dem Schulterholster. Er lachte gepresst. „Auch ein Waffenfetischist?“

„Darf ich endlich die Hände runternehmen? Ich krieg’ langsam einen Krampf“, sagte Roberto.

„Erst sagen Sie mir, wer Sie sind. Man hat mir erzählt, dass einer den ganzen Tag durch Progreso gewandert ist und sich überall nach mir erkundigt hat. Waren Sie das?“

„Ja.“

„Weshalb?“

„Weil ich mich für Sie interessiere“, antwortete Roberto.

„Weshalb?“, fragte Tinti noch einmal. „Ich nehme nicht an, dass Sie die Absicht haben, mich und die Virginia zu mieten.“

„Im Augenblick sieht’s wirklich nicht danach aus“, gab Roberto Tardelli zurück. Die Kabine war groß und zweckmäßig eingerichtet. Ringsherum war alles mit Mahagoni getäfelt. Das prachtvolle Schiff hielt hier unten, was es außen versprach. Die Virginia musste eine hübsche Stange Geld gekostet haben.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte Moro Tinti schneidend.

„Roberto Tardelli.“

„Okay, Mr. Tardelli, und was führt Sie auf mein Schiff?“

„Sergio Tanarra!“

Hinter Roberto blieb es für mehrere Sekunden lang still.



22

Sie saßen sich in stabilen Sesseln gegenüber. Die Luger steckte wieder in Roberto Tardellis Schulterholster. Moro Tinti hatte sich für sein unangebrachtes Misstrauen entschuldigt. Zur Versöhnung hatte er eine Flasche „Four Roses“ geholt und zwei Gläser gefüllt. Die Männer tranken.

Moro Tinti war ein großer, zäher Brocken. Sein weiches, dunkles Haar hatte Überlänge und lockte sich über den großen Ohren. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt. Er hatte ein brutales Kinn und eine lange, fleischige Nase, den sanften Blick einer Gazelle, aber den hungrigen Mund eines Raubtieres.

Sergio Tanarra - sagte er - war für ihn ein Name aus der Vergangenheit. Aus einer Zeit, an die er manchmal mit Wehmut zurückdachte, obwohl es ihm heute unvergleichlich besser ging als damals, denn damals war er ein armer Schlucker gewesen, was er heute - dem Himmel sei Dank - nicht mehr war. Er schaute Roberto nicht in die Augen, als er behauptete, Sergio Tanarra seit Jahren nicht mehr gesehen zu haben. Das ließ den aufmerksamen Mafiajäger vermuten, dass der Bootsbesitzer nicht die Wahrheit sprach.

„Sergio“, sagte Tinti. „Er war ein guter Kumpel. Man konnte mit ihm Pferde stehlen. Jetzt, wo Sie mich wieder an ihn erinnern, kommt mir erst zu Bewusstsein, dass mir hier so ein Freund fehlt. Wieso vermuten Sie, dass er auf die Halbinsel gekommen ist?“

„Ich konnte seine Spur bis nach Merida verfolgen“, antwortete Roberto Tardelli.

„Seine Spur? Sind Sie so etwas wie ein Detektiv?“

„Mein Job ist nicht so leicht zu definieren. In gewissem Sinne leiste ich Detektivarbeit, das ist richtig.“

„Und warum sind Sie hinter meinem Freund her?“

„Sie wissen es wirklich nicht?“, fragte Roberto ungläubig.

„Aber nein“, erwiderte Tinti und legte seine große Hand aufs Herz. „Woher sollte ich ...?“

„Er hat Sie nicht angerufen?“

„Nein.“

„Auch Mario de Levantis hat sich nicht mit Ihnen in Verbindung gesetzt?“

„Nein. War Sergio denn bei Mario?“

„Ja“, sagte Roberto. Er nahm einen Schluck von seinem Bourbon. „Ihr Freund, Mr. Tinti, hat etwas getan, wozu man verdammt viel Mut braucht.“

„Sergio ist mutig. Das hat er in der Vergangenheit mehr als einmal bewiesen.“

„Diesmal kann ihn sein Mut allerdings Kopf und Kragen kosten. Er hat einen Boten der Mafia überfallen und diesem Industriediamanten im Wert von acht Millionen Dollar abgenommen. Das Bravourstück lief in Dallas. Seither befindet sich Sergio Tanarra auf der Flucht. Er ist auf der Suche nach einem guten Versteck, hat sich bei mehreren Freunden blicken lassen, aber sie konnten ihm alle nicht helfen ...“

„Weiß die Cosa Nostra, dass er das Ding gedreht hat?“, fragte Moro Tinti mit belegter Stimme.

„Sie hat einen ihrer gefährlichsten Killer auf ihn angesetzt“, erklärte Roberto Tardelli mit schmalen Augen. „Man nennt den Mann die Viper.“

Tinti hielt unwillkürlich den Atem an.

„Großer Gott, das ist doch Sergios Bruder Vado ...“

„Richtig.“

„Woher wissen Sie, dass Vado hinter Sergio her ist?“

„Ich bin ihm in Merida begegnet. Wissen Sie, was er da getan hat?“

„Was?“, fragte Tinti gespannt.

„Er hat Mario de Levantis erschossen.“

Das war für Moro Tinti wie eine schallende Ohrfeige. Der Bootsbesitzer zuckte heftig zusammen.

„Mario ist tot?“, fragte er erschüttert.

„Ich konnte den Mord leider nicht verhindern“, sagte Roberto.

Es wetterleuchtete in Tintis Augen. Roberto Tardelli konnte sich vorstellen, was im Kopf seines Gegenübers jetzt vorging. Progreso war nur fünfunddreißig Kilometer von Merida entfernt. Wenn die Viper in der yukatekischen Hauptstadt aufgetaucht war und bereits tödlich zugebissen hatte, konnte sie es schon sehr bald auch hier tun.

Tinti trank sein Glas leer, füllte es noch einmal, trank wieder. Er hatte mit einem Mal Sorgen und rutschte auf der Sitzflüche seines Sessel unruhig hin und her. Roberto war davon überzeugt, dass der Mann ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte. Dass de Levantis nicht mehr lebte, war Tinti neu gewesen, nicht aber, dass sich Sergio Tanarra auf Yukatan aufhielt.

Eine heiße Flamme schien in Tinti zu lodern. Der Mann schwitzte. Das kam bestimmt nicht vom „Four Roses“. Roberto goss etwas Öl in dieses unsichtbare Feuer, indem er meinte: „Ich könnte mir vorstellen, dass Vado Tanarra schon sehr bald hier in Progreso auftaucht.“

Tinti presste heiser hervor: „Wozu?“

„Er hat meiner Ansicht nach den Auftrag, seinen Bruder zu killen und die Diamanten zurückzubringen.“

„Er kann sich den Weg nach Progreso sparen“, sagte Tinti nervös.

„Wirklich?“, fragte Roberto Tardelli zweifelnd. „Tinti, Sie mögen ein guter Seemann sein, aber Sie sind ein verdammt schlechter Lügner. Ich sehe Ihnen an, dass Sie mit Sergio Tanarra Kontakt hatten, und Vado Tanarra würde das auch sofort merken. Sergio hat nur noch eine Chance, mit einem blauen Auge davonzukommen: Wenn ich ihn früher finde als die Viper. Sie wissen, wo der Junge steckt. Sagen Sie’s mir, bevor es zu spät ist!“

Robertos eindringliche Worte heizten dem Bootsbesitzer mächtig ein. Tinti könnte mit einem Mal nicht mehr auf seinen vier Buchstaben sitzen. Er erhob sich, nahm sein Glas in die Hand und lief in der Kabine grübelnd auf und ab. Er schien zu glauben, er wäre ein Verräter, wenn er Sergios Schlupfwinkel preisgab. Roberto erklärte ihm, dass dies ganz bestimmt nicht der Fall sei, dass er seinem Freund damit das Leben retten würde.

Fünfzehn Minuten bearbeitete Roberto den Bootsbesitzer. Immer drastischer wurden seine Argumente. Er bekam Moro Tinti langsam in den Griff. Es gelang ihm, den Mann mehr und mehr auf die Wahrheit zu zudirigieren. Schließlich gab sich Tinti seufzend geschlagen. Verlegen bemerkte er, dass er keinen schäbigen Verrat begehen wollte, doch nun wäre er davon überzeugt, dass Sergio geholfen werden müsse.

„Ich möchte nicht daran schuld sein, dass Sergio meinetwegen ins Gras beißen muss“, sagte Tinti grimmig.

„Sehr vernünftig“, lobte Roberto. Er triumphierte innerlich, und er reimte sich zusammen, dass Sergio Tanarra zunächst bei Mario de Levantis gelandet war und dass dieser ihn hilfsbereit an Moro Tinti weitergereicht hatte.

Und da kam auch schon die Bestätigung.

„Mario rief mich an“, erzählte Tinti mit düsterer Miene, „und teilte mir mit, dass Sergio bei ihm aufgekreuzt sei und dringend Hilfe brauche. Ich sagte, es wäre mir eine Freude, meinem guten Freund Sergio helfen zu können. Ich wüsste auch einen Platz, wo ich ihn unterbringen könnte. Daraufhin meinte Mario, er würde mir Sergio schicken. Der Junge kam eine halbe Stunde später in Progreso an. Er sah nicht gut aus. Seine Augen hatten den Ausdruck eines gehetzten Wildes. Er war nervös und gereizt. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und trank eine ganze Menge. Er stand gewissermaßen unter Hochspannung. Das hat es bei ihm früher nie gegeben. Wir redeten nicht über das, was er getan hatte. Er war zu mir gekommen, weil er Hilfe brauchte, und ich wollte sie ihm nicht vorenthalten. Zwei Kilometer südlich von Progreso wurde vor einem Dreivierteljahr eine kleine Apartmentstadt fertiggestellt. Mir war bekannt, dass da noch einige Wohnungen frei waren, und ich fuhr mit Sergio hin. Er mietete ein Penthouse unter dem Namen Gien Anthony - und nun hofft er, dass ihn dort keiner findet.“

Roberto Tardelli erhob sich schnell.

„Vielen Dank für den Drink, Mr. Tinti.“ Er lächelte. „Sergio wird zwar nicht gerade vor Freude an die Decke springen, wenn er mich wiedersieht, aber er wird sehr rasch einsehen, dass ich für ihn die einzige richtige Lösung bin.“



23

Moro Tinti beobachtete, wie Roberto Tardelli von Bord ging. Der Bootsbesitzer knirschte mit den Zähnen und schmetterte seine Faust wutentbrannt auf den Tisch.

„Scheißkerl!“, schnaubte er. Das Schimpfwort galt nicht Roberto Tardelli, sondern Sergio Tanarra, der ihn - den Freund, der ihm geholfen hatte - gemein belogen hatte. „Dieses gottverdammte, scheinheilige, hinterhältige Aas!“ Jedes Wort, das er mit Sergio gesprochen hatte, war ihm noch im Gedächtnis. Sergio, dieser Bastard hatte die alte Freundschaft auf eine niederträchtige Weise ausgenutzt. Er war zu Tinti an Bord gekommen, und der Besitzer der Virginia hatte sich ehrlich über das Wiedersehen gefreut.

„Du brauchst Hilfe?“, hatte Tinti gefragt, nachdem sie sich über die alten Zeiten unterhalten hatten. „Mario hat mich angerufen.“

„Ja“, hatte Sergio mit gesenktem Kopf geantwortet. „Ich stecke zur Zeit ein bisschen in der Klemme.“

„Was ist passiert, Sergio?“

„Du weißt, wie ich früher zur Mafia stand.“

„Du hast den Mob immer verabscheut.“

„Und dass Vado für die Ehrenwerte Gesellschaft arbeitet, werde ich ihm nie verzeihen.“

„Sergio, du hast dich doch nicht etwa mit der Cosa Nostra angelegt.“

„Doch. Hör zu, Moro! Ich war mein Leben lang kein allzu großes Licht. Doch nun bin ich endlich in der Lage, mal etwas Beachtliches zu leisten.“ Sergio Tanarra hatte auf einen wasserdichten Behälter gewiesen, den er mitgebracht hatte. „Weißt du, was sich hier drinnen befindet?“

„Was?“

„Material, das die Mafia schwer belastet. Ich hab's mühsam zusammengetragen. Es ist so heiß, dass ich es unmöglich bei mir behalten kann. Ich muss es verstecken, und ich weiß auch schon wo, Moro. Es ist nirgendwo sicherer als auf dem Meeresgrund.“

„Weiß der Mob, dass du im Besitz dieses Materials bist?“

„Vermutlich ja.“

„Was hast du damit vor, Sergio?“

„Ich werde es zu gegebener Zeit vom Meeresgrund hochholen - und dann lasse ich die gewaltigste Bombe hochgehen, die du dir vorstellen kannst. Sie wird eine Menge einflussreicher Leute vernichten - und natürlich auch Vado, meinen verteufelten Bruder.“

Das war das Gespräch gewesen, das Moro Tinti mit Sergio Tanarra geführt hatte. Danach waren sie ausgelaufen ...

Tinti verzog das Gesicht. Er war so wütend, dass er noch einen Bourbon brauchte.

„Na warte, du Hurensohn“, fauchte er gereizt. „Ich will dich lehren, was es heißt, Moro Tinti zu belügen. Brisantes Belastungsmaterial sei in dem Behälter, hast du gesagt. In Wirklichkeit hast du ein Vermögen hineingetan und mich gebeten, es für dich zu verstecken. Na schön, Mann. Wenn du's nicht für wert fandest, mich geringfügig an der Hehlerware zu beteiligen, kassiere ich eben die ganzen Klunker. Du brauchst sie sowieso nicht mehr, denn um dich kümmert sich bereits Roberto Tardelli.“

Tinti lachte zornig. Sollte es Sergio wider Erwarten gelingen, Tardelli zu entkommen, dann gab es im Hintergrund noch die Viper, die vielleicht schon bald tödlich zubeißen würde.

Wie auch immer das Schicksal die Weichen stellen würde - Sergio Tanarra würde für die Diamanten keine Verwendung mehr haben.



24

Er verließ den Hafen von Progreso und fütterte die Virginia mit mehr Treibstoff. Ein eiskaltes, höhnische Grinsen lag auf seinen Zügen. Er war mit sich zufrieden. Es gefiel ihm, wie er Sergio Tanarra ausgetrickst hatte. Roberto Tardelli hatte auf ihn nicht den Eindruck gemacht, als ob er mit Sergio Schwierigkeiten haben würde. Nervös lachend schlug er mit der Hand auf das Steuerrad. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er mal auf dem Weg zu acht Millionen Dollar sein würde.

„Schnell, Mädchen!“, rief er seinem Schiff zu. „Schnell, bring mich zu Sergios Hehlerware! Mach mich zum reichen Mann, Mädchen! Schnell! Beeile dich!“ Und der scharfe Bug zerschnitt mit großer Geschwindigkeit das dunkle Meer.

Tintis Blick streifte über das Deck.

Plötzlich rieselte es ihm wie dicke Hagelschloßen über die Wirbelsäule. Hatte er soeben richtig gesehen? War da nicht eben ein Schatten durch die Dunkelheit gewischt?

Tinti drosselte die Geschwindigkeit stark und schaltete die automatische Steuerung ein.

Was er Roberto Tardelli erzählt hatte, stimmte. An Bord der Virginia war mehr als ein Dutzend Waffen versteckt. Wo auch immer sich Tinti gerade befand, ein Schießeisen war stets in seiner Nähe.

Blitzschnell bewaffnete er sich mit einem Smith & Wesson. Mit angespannten Nerven verließ er das Cockpit. Mit schmalen Augen suchte er den blinden Passagier, der auf der Virginia nichts zu suchen hatte. War Roberto Tardelli noch einmal an Bord gekommen? Hatte der Kerl ihn durchschaut? Tinti hielt das für ausgeschlossen.

Zum Henker, wer sonst konnte ein Interesse daran haben, die nächtliche Fahrt mitzumachen? Zu dieser Frage fiel Moro Tinti nur ein einziger Name ein: Vado Tanarra.

Tintis Magen krampfte sich unwillkürlich zusammen. Er glitt behutsam am Schiffsaufbau vorbei. Der schwere Smith & Wesson war bereits entsichert. Tinti lauschte mit angehaltenem Atem. Das Dröhnen der Motoren war so laut, dass jedes andere Geräusch darin unterging.

In diesem Moment tauchte das Phantom wieder auf.

Der Kerl erreichte den „Gefechtsstuhl“.

Moro Tinti schnellte sich mit einem weiten Satz vorwärts. Seine Kanone zielte auf den Unbekannten.

„Flossen hoch!“, schrie er mit schriller Stimme.

Der Mann erstarrte. Er hob die Hände.

„Herkommen!“, befahl Tinti. Der Mann trat in das Licht, das aus dem Cockpit fiel. Obwohl Moro Tinti den Finger am Abzug hatte, erschrak er heftig, als er erkannte, dass er die Viper vor sich hatte.



25

Roberto Tardelli faltete sich aus seinem roten Golf. Trotz der herrschenden Dunkelheit leuchteten die in Karreeform errichteten Apartmenthäuser weiß. In achtzig Prozent der Wohnungen brannte Licht. Roberto unterzog die Klingelbretter der acht Blocks einer eingehenden Prüfung. Er entdeckte den Namen Gien Anthony und wusste, dass er sein Ziel nun schon fast erreicht hatte. Er läutete nicht, sondern holte einen unscheinbaren Drahtbürstenschlüssel aus seinem Jackett und öffnete damit die Tür. Der Fahrstuhl brachte ihn leise summend zur Penthouse Etage hinauf.

Roberto prüfte den Sitz seiner Luger, als er den Lift verließ.

Sergio Tanarra würde gleich aus allen Wolken fallen. Wenn er ihn sah, konnte es leicht zu einer Kurzschlusshandlung kommen, deshalb war es angeraten, Tanarra bewaffnet und mit großer Aufmerksamkeit entgegenzutreten.

Auch mit dem Schloss an Tanarras Tür war Roberto Tardelli im Handumdrehen fertig. Er drückte die Tür sachte auf. Mexikanische Musik drang an sein Ohr. Sergio Tanarra versuchte mitzusummen. Es gelang ihm nicht. Er patzte immer wieder, ließ sich dadurch aber nicht entmutigen. Hier glaubte er sich anscheinend in Sicherheit. Der Stress war vorbei. Das angenehme Leben - der Urlaub - hatte begonnen.

Roberto trat in eine Diele, in der die Farben schwarz und Weiß herrschten. Wände, Decke und Boden waren schwarz. Kleiderablage, Schirmständer, Spiegeleinfassung und Türen weiß.

Die Schiebetür, die in den geräumigen Livingroom führte, stand halb offen. Roberto sah eine Gestalt hinter dem gerippten Glas. Sergio Tanarra.

Der Mafiajäger eilte leise auf die Tür zu. Er trat ein, als Tanarra ihm den Rücken zukehrte.

„Hallo, Sergio“, sagte der CC-Agent mit schmalen Augen und harter Stimme. „Nach einer langen Odyssee gibt’s endlich ein Wiedersehen!“

Wie von der Tarantel gestochen kreiselte Sergio Tanarra herum. Es funkelte bestürzt in seinen Augen. Die Narbe, die seinen Hals umgab, schien plötzlich dunkelrot zu werden. Auf dem Couchtisch hinter ihm standen zwei Gläser. Tanarra trug eine Blume im Knopfloch seines Jacketts. Er schien den Besuch eines Mädchens zu erwarten. Sein Colt Peacemaker lag unter einer Illustrierten auf der nahen Anrichte. Tanarra griff danach, doch ehe er die Zeitschrift beiseite schieben und den Colt ergreifen konnte, ließ Roberto ihn in die Mündung seiner Luger blicken.

„Den Colt“, sagte der Mafiajäger eiskalt, „würde ich an deiner Stelle nur dann in die Finger nehmen, wenn ich lebensmüde wäre.“



26

„Ich werde dich umlegen, Tanarra!“, knurrte Moro Tinti mit harten Lippen.

Vado Tanarra, die Viper, schien diese Ankündigung kalt zu lassen. Kein Muskel regte sich im Gesicht des Killers. Es passierte nicht oft, dass er vor, anstatt hinter einer Kanone stand. Doch wenn es der Fall war, vermochte ihn das noch nicht konfus zu machen. So schnell würde Tinti den Finger schon nicht krumm machen. Ein Gespräch konnte die Situation eventuell klären, und wenn nicht, dann würde das Gespräch zumindest dazu beitragen, Tintis Aufmerksamkeit aufzuweichen.

Die Viper nickte ernst.

„Du hast also erfahren, dass dein Freund de Levantis über den Jordan gegangen ist.“

„Die Buschtrommeln haben mir's erzählt“, zischte Tinti.

„Und nun denkst du, ich wäre hier, um auch dich zu killen, nicht wahr?“

„Es geht dich einen Dreck an, was ich denke.“

„De Levantis war ein Dummkopf. Er könnte noch leben, wenn er nicht zur Waffe gegriffen hätte. Ich wollte nur mit ihm reden, nichts weiter. Er hat mich gezwungen, zu schießen. Das ist die Wahrheit, Tinti. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir das glauben würdest. Ich bin nur an meinem Bruder interessiert. Ich will nur Sergio haben. Wenn ich ihn kriege, bin ich zufrieden.“

Tinti lachte heiser.

„Du verkennst die Situation, Vado. Ich werde dich nicht umlegen, weil du Mario erschossen hast. Was mit Mario passiert ist, ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Absicht, mich zu seinem Rächer aufzuspielen.“

„Willst du dich mit deiner Kanone vor Sergio stellen?“, fragte Vado Tanarra erstaunt. „Glaub mir, das ist dieser Idiot nicht wert. Sergio ist ein Irrer. Wenn du ihm hilfst, bringt er dir Unglück.“

„Mir ist auch Sergio scheißegal. Ich werde dich umlegen, weil du hinter den Diamanten her bist.“

Vado Tanarras Augen wurden ganz schmal.

„Verdammt, Moro, vergreife dich nicht daran! Das überlebst du nicht.“

Tinti bleckte höhnisch sein Gebiss.

„Was willst du mir mit einer Kugel im Schädel noch anhaben?“

„Ich bin nicht der einzige, der für den Mob arbeitet.“

„Bis der nächste Killer nach Progreso kommt, bin ich längst über alle Berge.“

„Die Mafia wird dich überall finden und fertigmachen, Moro. Sei vernünftig! Sag mir, wo die Steine sind, ich hol’ sie mir, kaufe mir Sergio und kehre in die Staaten zurück, ohne dich zu behelligen. Junge, das ist das fairste Angebot, das ich dir machen kann. Du solltest darauf eingehen.“

„Eingehen“, grinste Tinti. „Das wirst du - und zwar auf meine Kugel! Die Klunker gehören jetzt mir, und keiner wird sie mir wegnehmen können.“

„Ich schwöre dir, die ganzen acht Millionen werden für deine Flucht quer durch die Kontinente draufgehen“, sagte Vado Tanarra ernst. „Du hast keine Chance. Am Ende wirst du kein Geld und bald danach auch kein Leben mehr besitzen. Moro, es lohnt sich nicht. Hör auf mich!“

„Spar dir deinen Atem! Ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue.“

Die Viper schüttelte langsam den Kopf.

„O nein, Moro. Das weißt du ganz bestimmt nicht.“

Tinti dirigierte den Killer mit der Waffe zum Bug des Schiffes vor. Er drängte Vado Tanarra an die Reling und wollte ihn mit einem Genickschuss von Bord befördern.

In diesem Moment explodierte der Mafioso. Es geschah in einem Augenblick, wo Tinti nicht damit rechnete.

Tanarra trat nach Tintis Schienbein, schraubte sich gleichzeitig herum und schickte einen kraftvollen Heumacher auf die Reise. Der Treffer renkte Tinti beinahe den Unterkiefer aus. Der Bootsbesitzer wurde zur Seite geworfen. Er knallte auf den Boden und schlitterte einige Meter auf das Cockpit zu.

Als er seinen Smith & Wesson abfeuern wollte, krachte Tanarras Kanone, die dieser blitzschnell gezogen hatte. Die Waffe in Vado Tanarras Hand schnellte auf Kopfhöhe empor, und Moro Tinti, der sich halb aufgerichtet hatte, sah den Blitz des Mündungsfeuers. Im gleichen Augenblick, in dem Tinti den Knall hörte, traf ihn auch schon der Schlag der schweren Bleikugel. Der Krach war ohrenbetäubend. Tintis Kopf flog nach hinten. Die Wucht der Kugel warf den Mann zurück. Die Luft fuhr ihm mit einem Stoß aus den Lungen. Tinti empfand keinen Schmerz, nur diesen ungeheuren, betäubenden Schlag. Er glaubte zu wissen, dass es ihn an der Brust erwischt hatte, und dass es eine tödliche Wunde war. Bestürzt wartete er darauf, dass ihn die Bewusstlosigkeit, das Ende umfing.

Stattdessen schob ihn die Wucht des Kugelaufpralls unter der Relingstange hindurch, so dass er mit dem Kopf voraus über Bord ging und im Meer landete. Das kalte Wasser nahm die erste Fassungslosigkeit von ihm. Er riss die Augen auf, konnte aber nichts sehen. Seine Lungen waren leer. Die Wucht der Kugel hatte ihm den Atem herausgetrieben, und sein Instinkt sagte ihm, dass er auftauchen und Luft schnappen musste.

Vado Tanarra stoppte indessen die Motoren. Der Killer wusste, dass er Tinti zwar verletzt, aber nicht getötet hatte. Er brauchte Tinti. Der Mann musste ihm das Versteck der Diamanten beziehungsweise Sergios Aufenthaltsort verraten. Danach konnte er getrost abkratzen, aber nicht eher. Hastig eilte Tanarra zur Reling. Von Tinti war nichts zu sehen.

Moro Tintis Gehirn arbeitete erstaunlicherweise völlig klar. Er befürchtete, dass ihm die Viper in dem Augenblick, in dem er an die Oberfläche kam, den Schädel auseinanderschießen würde, deshalb drehte er sich um und tauchte mit schwerfälligen Stößen unter dem Leib seines Schiffes durch. Mit leeren Lungen war das eine verdammt lange Reise. Der dunkle Körper der Virginia glitt unendlich langsam über ihn hinweg. Er arbeitete sich mit dem Mut der Verzweiflung voran und wunderte sich, dass er noch so viel Kraft in den Beinen hatte.

Er kämpfte verbissen ums Überleben. Sein rechter Arm gehorchte ihm nicht. Er hing schlaff an seiner Seite, während sein Herz ununterbrochen Blut aus der schmerzhaften Wunde pumpte.

Mühsam tauchte er unter dem Kiel der Virginia weg und hob dankbar den Kopf unter ihrer Wasserlinie am anderen Ende. Er rang gierig nach Luft. Seine Lungen waren gefühllos und die Luft hatte den Geschmack von altem Kupfer, trotzdem schluckte er sie.

Tinti war unter dem Heck. Vado Tanarra konnte ihn nicht sehen.

Eine 38er Automatic war hinter der Luke zum Maschinenraum in der Hauptkabine versteckt. Tinti wollte versuchen, an diese Waffe heranzukommen und damit die Viper fertigzumachen.

Verbissen kletterte er an der schmalen Metalleiter nach oben. Die Anstrengung ließ Sterne vor seinen Augen tanzen. Als er die Heckreling erreichte, glaubte er, die Kräfte würden ihn verlassen. Er rührte sich ein paar Sekunden nicht. Zähes, warmes Blut rann ihm über Bauch und Hüften. Der große Blutverlust erschreckte Moro Tinti. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Dann würde die Dunkelheit über ihn hereinbrechen. Bis dahin musste er Vado Tanarra gekillt haben.

Er kroch auf allen Vieren über das Deck und erreichte die Maschinenraumluke. Als er den Deckel unter Aufbietung aller Kräfte hochhob, hörte er die Schritte der Viper. Sie näherten sich ihm.

Er fing zu zittern an. Ächzend tastete er mit der linken Hand nach der Waffe. Tanarras Schritte wurden lauter, immer lauter. Tinti setzte sich seufzend auf. Er hob die Waffe und wunderte sich dabei, dass sie so schwer war.

Tanarra erschien in seinem Blickfeld. Moro Tinti drückte augenblicklich ab. Aber die Treffsicherheit mit der Linken ließ sehr zu wünschen übrig. Sie war geradezu lächerlich. Tinti hoffte, dass wenigstens eine der acht Kugeln den Killer niederstrecken würde. Er schoss ununterbrochen. Vado Tanarra war gezwungen, das Feuer zu erwidern. Er wusste, dass es ein Fehler war, Moro Tinti zu töten, denn damit verbarrikadierte er sich den Weg zu den Diamanten. Doch im Moment war ihm sein Leben lieber als die Steine der Mafia.

Ein einziger Schuss genügte.

Tinti stellte das Feuer ein, rutschte zur Seite und starb noch in derselben Minute.



27

Der Livingroom war wohnlich eingerichtet. Die Pastellfarben von Vorhängen, Teppich, Sitzmöbeln und Tapeten waren mit Geschmack aufeinander abgestimmt. Auf einem niedrigen Beistelltisch stand ein cremefarbenes Telefon.

Roberto Tardelli winkte Sergio Tanarra von der Anrichte und somit vom Peacemaker weg.

„Es wäre vernünftig“, sagte der Mafiajäger, „wenn du in mir keinen Feind sehen würdest, Tanarra.“

Der Mann, der die Mafia bestohlen hatte, grinste wütend.

„Ach nein. Ich soll mich über dein Erscheinen wohl auch noch freuen, wie?“

„Wieso nicht? Gewissermaßen sitzen wir im selben Boot.“

„Ich will nichts mit dir zu tun haben, Tardelli.“

„Du hast etwas getan, was eigentlich mein Job gewesen wäre“, sagte Roberto mit einem dünnen Lächeln. „Ich hatte vor, Kowalski die Steine abzunehmen. Du bist mir leider zuvorgekommen.“

„Und was passiert jetzt? Erwartest du eine Beteiligung?“

„Ich erwarte, dass du die gesamte Hehlerware an mich ablieferst.“

„Sehe ich so meschugge aus?“

„Du hast keine andere Chance, Junge. Vado ist dir bereits dicht auf den Fersen. Er hat de Levantis erschossen, und du kannst dir vorstellen, was er mit dir machen wird, wenn er dich kriegt.“

„Er hat mich noch nicht.“

„In ein paar Stunden sieht's vielleicht schon anders aus.“

„Ich werde mit Vado fertig.“

„Niemals. Allein schaffst du die Viper nicht. Du weißt, dass du meine Hilfe brauchst. Sie kostet acht Millionen Dollar.“

Sergio Tanarra lachte wütend.

„Du bist nicht bei Trost, Tardelli!“

„Dein Leben sollte dir mehr wert sein als alles Geld dieser Welt.“

Sergio Tanarra schüttelte überzeugt den Kopf.

„Vado kriegt mich nicht. Und du hast mich auch noch nicht, Tardelli!“, schrie er. Gleichzeitig schnellte sein Fuß hoch und traf Robertos Pistolenhand. Die Luger hüpfte dem Mafiajäger aus den Fingern. Tanarra versuchte ihm seine Faust ans Kinn zu schmettern, doch Roberto nahm den Kopf schnell genug zurück. Der Schlag verfehlte sein Ziel. Tanarra verschaffte sich mit zwei Schwingern Luft, dann wollte er herumkreiseln und auf die Penthouseterrasse rennen. Er schaffte einen Schritt, dann stellte ihm Roberto Tardelli ein Bein. Tanarra knallte auf den Teppich, federte aber sofort wieder hoch und stürmte aus dem Livingroom. Der CC-Agent setzte dem Mann sofort nach.

Robertos Hand flog auf Tanarras Schulter. Er riss den Gegner herum und ließ seine Rechte unter dessen Jochbein explodieren. Tanarra torkelte. Sein Blick wurde glasig. Er war sichtlich angeschlagen, hatte Gleichgewichtsstörungen. Aber das hinderte ihn nicht daran, wie von Furien gehetzt auf die steinerne Brüstung zu springen und diese entlangzulaufen. Er wollte auf dem Weg das Apartment des Nachbarhauses erreichen. Die Sache konnte einfach nicht gutgehen. Roberto spürte, wie ihm etwas eiskalt über den Nacken strich, als Tanarra dort oben auf der Brüstung herumwankte.

Der Mann blieb stehen, ruderte mit den Armen durch die Luft, versuchte die Balance wiederzugewinnen.

Roberto Tardelli startete los.

Er jagte auf Tanarra zu, der seinen Körper immer mehr verrenkte.

Jetzt kippte er nach hinten.

Robertos Hand schnellte vorwärts. Seine Finger krallten sich in Tanarras Sommerjackett. Es gab ein ratschendes Geräusch, als der Stoff zerriss. Roberto wollte mit der zweiten Hand nachgreifen. Sie kam zu spät. Sergio Tanarra ging ohne jedes Aufsehen von dieser Welt. Er schrie nicht, stieß nirgendwo dagegen, fiel wie ein schwerer nasser Sack in die Tiefe.

Er lag dort unten, in der Dunkelheit der Nacht. Man konnte ihn nicht sehen. Niemand hatte den Aufprall gehört. Alles, was man Leben nennt, hatte Sergio Tanarra auf diese verrückte Weise hinter sich gebracht. Vielleicht hatte sein Tod auch eine gute Seite: Er brauchte sich nicht mehr vor dem Augenblick zu fürchten, wo ihm Vado, sein Bruder, gegenübertrat. Er hatte der Viper ein Schnippchen geschlagen.

Auch Roberto Tardelli hatte Sergio Tanarra ein Schnippchen geschlagen, denn es war ihm gelungen, das einzige Geheimnis, das er jemals gehabt hatte, in die andere Welt - von der es heißt, sie wäre die bessere – mitzunehmen. Doch das war nicht der Grund, weshalb Roberto einen so gallenbitteren Geschmack auf der Zunge hatte.

Der Mafiajäger erinnerte sich angesichts von Tanarras Tod eines Mädchens namens Lydia Quinn, das in Corpus Christi auf Sergios Rückkehr wartete. Daraus würde nun nichts mehr werden. Roberto hatte irgendwie das Gefühl, zu einem geringen Teil daran mit schuld zu sein. Wütend blickte er auf das Stück Stoff, das er immer noch in seinen verkrampften Fingern hielt. Es war ihm gelungen, Sergio Tanarra vor der Viper zu finden - und trotzdem lebte der Mann, der die Mafia beraubt hatte und dem Roberto helfen wollte, nun nicht mehr.

So musste einem Arzt zumute sein. der eine schwierige Operation erfolgreich hinter sich zu haben glaubt, und den Patienten im allerletzten Moment dann doch noch an den Tod verliert.

Roberto ließ den Fetzen achtlos fallen und kehrte in den Livingroom zurück.

Sein Blick fiel auf die beiden Gläser.

Wen hatte Sergio Tanarra erwartet?

Der CC-Agent begann in aller Eile das große Apartment zu durchsuchen. Er nahm sich jeden Raum mit größter Gewissenhaftigkeit vor, begann immer zuerst da zu suchen, wo er die Diamanten versteckt hätte. So arbeitete er sich durch die ganze Wohnung. Ohne Erfolg. Er zerlegte den Fernsehapparat und das Radio. Er nahm die Polstermöbel unter die Lupe, rückte den Schrank zur Seile ... Nichts. Enttäuscht beendete eiserne Arbeit. Er konnte sicher sein, dass sich die Diamanten nicht in diesem Apartment befanden. Sicherheitshalber sah er auch noch auf der Terrasse nach. Auch hier nichts.

In diesem Moment schlug im Livingroom das Telefon an.

Roberto überlegte nicht lange, sondern ging an den Apparat.

„Hm?“, brummte er unverfänglich in die Membrane. Musik am anderen Ende der Leitung.

Und dann eine glockenhelle Mädchenstimme: „Gien Darling, hier ist Juanita.“

Roberto blickte zu den beiden bereitgestellten Gläsern.

„Ja, Juanita.“

„Gien Baby, ich bin untröstlich. Ich kann unsere Verabredung nicht einhalten. Mir ist etwas dazwischengekommen. Bist du mir sehr böse?“

„Ich möchte dich sehen“, sagte Roberto. Er bemühte sich, seine Stimme wie die von Sergio Tanarra klingen zu lassen.

„Das ist leider unmöglich, Gien.“

„Weshalb?“

„Ich sagte doch schon, es ist mir etwas dazwischengekommen.“

„Ein anderer Kerl?“

„Nein, nein. Wirklich nicht. Glaub mir, ich wäre furchtbar gern zu dir gekommen, aber es geht nicht. Du verstehst das doch, hm? Sag, dass du mir nicht böse bist! Bitte sag es!“

„Na schön, ich bin dir nicht böse. Obwohl ich es nicht nett finde, dass du mich versetzt.“

„Wenn du möchtest, können wir es uns morgen schön machen, Gien Schätzchen. Morgen kommt mir ganz sicher nichts dazwischen. Wie wär’s mit morgen Abend? Sagen wir um acht im Coco.“

„Also gut“, spielte Roberto den Verdrossenen. „Dann bis morgen um acht im Coco.“

„Ich danke dir für dein Verständnis“, sagte Juanita und legte auf.

Roberto blickte nachdenklich auf den Telefonhörer. Jetzt hatte er ein Rendezvous. Mit einem Mädchen namens Juanita. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein, wenn sie ihm hätte sagen können, wo Sergio Tanarra die Diamanten versteckt hatte.



28

Das Coco war Nachtklub, Bar und Kneipe in einem. Roberto Tardelli tauchte dort am nächsten Abend um halb acht auf. Ein brünettes Mädchen wollte ihm sofort Gesellschaft leisten. Als er ihr klarmachte, dass er auf jemand wartete, schob sie verärgert ab.

Roberto hatte während des ganzen. Tages die Augen offengehalten. Sein sechster Sinn sagte ihm, dass Vado Tanarra sich in Progreso aufhielt. Ihm fiel auf, dass Moro Tintis Schiff nicht im Hafen lag. Niemand konnte ihm sagen, wo Tinti hingefahren war. Diesen seltsamen Umstand brachte Roberto Tardelli sofort mit Vado Tanarra in Zusammenhang. Er rechnete damit, dass ihm die Viper über den Weg laufen würde. Doch vorläufig ließ sich Tanarra nicht blicken.

Der Wirt brachte Roberto den verlangten Tequila. Roberto hielt den Mann am Arm fest und fragte auf spanisch: „Ist Juanita da?“

„Noch nicht, Senor. Aber sie wird bald kommen. Warten Sie auf sie?“

„Vielleicht.“

„Juanita ist ein vielbeschäftigtes Mädchen, Senor. Sie hat heute bestimmt keine Zeit für Sie. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein anderes Mädchen ...“

Roberto schüttelte den Kopf.

„Mich interessiert kein anderes Mädchen.“

Der Wirt verdrehte die Augen.

„Alle wollen nur Juanita. Ich möchte bloß wissen, was sie so viel besser kann als die anderen Mädchen.“

Kurz vor acht traf Juanita ein. Roberto wusste sofort, dass sie es war, als sie zur Tür hereinkam. Einer der Kerle, die am Tresen herumlungerten und sich volllaufen ließen, rief ihren Namen. Nun war jeder Zweifel beseitigt. Das Mädchen setzte sich an einen freien Tisch. Roberto erhob sich. Er nahm sein Glas mit und schlenderte zu dem Mädchen hinüber.

Sein erster Eindruck war die ungeheure Fülle schimmernden, schwarzen Haares, das wie eine gefärbte Löwenmähne auf ihren wohlgerundeten Schultern lag.

Sie hörte ihn näherkommen, hob den Kopf und schob sich mit einem Ruck die gelb getönte Sonnenbrille ins Haar. Juanita war klein und zierlich. Klein war auch der ärmellose knallrote Pulli, den sie trug. Er endete knapp unter den Brüsten. Roberto sah einen flachen, weichen Bauch mit einem tiefen Nabel. Sie brauchte keinen BH. Auf ihre schmale Taille konnte sie stolz sein. Sie hatte herrlich geformte Beine, soweit Roberto das sehen konnte, und ihre zierlichen Füße steckten in offenen Sandalen, aus denen die Zehennägel im gleichen Rot hervorleuchteten wie die Fingernägel. Die Hände, mit denen sie ihr Haar zurückwarf, waren klein und wohlgeformt. Sie war stark geschminkt, schien aber dabei eine der wenigen Frauen zu sein, die diese Kunst wirklich beherrschen. Ihre Haut - soweit Roberto sie sehen konnte - hatte einen weichen Glanz, und die Farbe auf Wangen und Lippen wirkte sehr natürlich. An den Augen trug sie künstliche Wimpern, und die Lider waren so nachgezeichnet, dass sie exotisch-orientalisch wirkten.

Achtung, Roberto!, sagte sich der Mafiajäger. Sie ist eine von den Mädchen, die auch dir gefährlich werden können. Klein, zierlich und katzenhaft weiblich.

Er nickte ihr mit dem Anflug eines Lächelns zu.

„Gien kann nicht kommen“, sagte er in seiner Muttersprache.

Juanita musterte ihn plötzlich anders.

„Konnte er es nicht verwinden, dass ich ihn gestern sitzenließ?“

„Das nicht ...“

„Sind Sie ein Freund von Gien?“

„Nein.“

„Hat er Sie geschickt, damit Sie sein Fernbleiben entschuldigen?“ Ihre Stimme klang angenehm, hatte ein melodisches Timbre.

„Nein“, antwortete Roberto. „Darf ich mich zu Ihnen setzen? Jetzt haben Sie ja nichts anderes mehr vor.“ Juanita wies auf den freien Stuhl, der ihr gegenüberstand. „Bitte.“

„Mein Name ist Roberto Tardelli.“

„Juanita Gomez.“

„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Hören Sie, Mr. Tardelli, wollen wir die Höflichkeitsfloskeln nicht lieber beiseitelassen und gleich zum Thema kommen?“

„Welches Thema meinen Sie?“, erkundigte sich Roberto.

„Sie sind kein Freund von Gien. Er hat Sie nicht geschickt. Sie sind trotzdem hier und teilen mir lakonisch mit, dass Gien nicht kommen wird.“

„Es wäre gut, wenn Sie sich auf allerhand gefasst machen würden“, riet Roberto dem Mädchen. Er nippte an seinem Tequila und fragte das Girl, ob es auch einen Drink haben wolle. Juanita nickte. Roberto bestellte beim staunenden Wirt noch mal dasselbe. „Wie standen Sie zu Gien?“, wollte Roberto wissen, nachdem Juanita getrunken hatte.

„Er ist ein guter Bekannter ... Wieso sagen Sie standen?“ Sie war ein cleveres Mädchen, das an einer Unterhaltung aufmerksam teilnahm.

„Halten Sie sich fest, wenn Sie nicht ins Schleudern kommen wollen, Juanita! Gien ist tot. Und sein richtiger Name war nicht Gien Anthony, sondern Sergio Tanarra.“

„Oh.“ Juanita betrachtete angelegentlich ihren Drink. Sie hob den Blick nicht, als sie fragte: „Hatte Gien ... Hatte Sergio einen Unfall?“

„So könnte man es bezeichnen.“ Roberto erzählte dem Mädchen, wie es passiert war. Juanita schaute ihn mit großen Augen an. Ihre schwarzen Pupillen schienen zu Fragezeichen zu werden. Roberto betonte, dass er bei dem, was Sergio Tanarra zugestoßen war, nicht im Mindesten nachgeholfen hatte, und er merkte, dass Juanita ihm glaubte, was er sagte. Er bereitete sie vorsichtig auf den haarsträubenden Rest seiner Story vor. Vier weitere Tequilas marschierten für Roberto und Juanita auf. Der Mafiajäger machte dem Mädchen klar, welchen Job er hatte, ohne diesen allzu sehr zu präzisieren. Anschließend sprach er von dem, was Sergio Tanarra in Dallas getan hatte, und dass diese Tat ihm nunmehr das Genick gebrochen habe. Roberto berichtete von Vado Tanarra, der in Merida Mario de Levantis erschossen habe und sich vermutlich schon seit geraumer Zeit in Progreso aufhalte. Er beschrieb den Mann. Juanita hatte ihn noch nicht zu Gesicht bekommen.

Als Roberto seine unglaubliche Geschichte beendete, herrschte für eine Weile Stille zwischen ihm und dem Mädchen.

„Es war wirklich haarsträubend, was Sie mir erzählt haben, Roberto“, sagte Juanita schließlich.

„Kein Wort ist erfunden“, versicherte Roberto.

„Ich glaube Ihnen, was Sie mir gesagt haben. Ich bin erst zweiundzwanzig, aber ich bin durch eine harte Lebensschule gegangen. Dabei lernt man die Menschen kennen. Ich weiß heute sehr gut zwischen einem Lügner und einem ehrlichen Menschen zu unterscheiden, Roberto.“

„Sergio ist tot. Moro Tinti und seine Jacht sind verschwunden. Und ich bin immer noch auf der Suche nach diesen verdammten Diamanten“, sagte Roberto verbittert. „Die Steine haben bereits eine Menge Unheil angerichtet. Es wäre doch an der Zeit, wenn sie wieder bei ihren rechtmäßigen Besitzern landen würden. Wie haben Sie Sergio Tanarra kennengelernt?“

„Er hatte meine Telefonnummer und rief mich an“, sagte Juanita achselzuckend. „Tinti hat ihm die Nummer gegeben. Sergio bat mich, ein paar Stunden mit ihm zu verbringen. Er sagte, er fühle sich wie durch den Wolf gedreht und lechze nach der Gesellschaft eines hübschen Mädchens, bei dem er sich entspannen könne. Ich kam zu ihm ins Penthouse. Er wollte nichts von mir, nur reden. Ich brauchte bloß dazusitzen und zuzuhören. Es war leicht verdientes Geld.“

„Worüber sprach Sergio mit Ihnen?“, wollte Roberto wissen.

„Die meiste Zeit über sich. Woher er kam. Woher er die rote Narbe an seinem Hals hatte. Wie er sich seine Zukunft vorstellte. Er behauptete, er würde sehr bald schon in Geld schwimmen. Liebe Güte, wie oft habe ich das von Männern schon gehört. Ich dachte, er wolle mir damit imponieren. Dass er wirklich acht Millionen US Dollar hinter sich hat, hatte ich nicht geglaubt.“

„Die Steine befinden sich nicht in seinem Apartment. Ich habe mich gründlich umgesehen. Wo kann er sie versteckt haben?“, forschte Roberto weiter.

Juanita dachte nach. Wenn sie es wusste, würde sie's ihm sagen, davon war Roberto überzeugt. Er fühlte sich von diesem Mädchen auf eine angenehme Weise angezogen. Er war sicher, dass sie nicht versuchen würde, ihn aufs Kreuz zu legen. Zwischen einem Mann und einer Frau gibt es manchmal im ersten Augenblick ihres Zusammenseins einen Funken, der sie erkennen lässt, dass Zuneigung im Spiel ist. An kleinen Gesten und Blicken erkannte Roberto, dass auch er Juanita nicht gleichgültig war.

Das Mädchen verblüffte ihn mit seiner Ehrlichkeit, als es sagte: „Wenn es einen Mann wie Sie schon früher in meinem Leben gegeben hätte, dann wäre mein Leben bestimmt in anderen Bahnen verlaufen.“

„Sind Sie mit Ihrem Leben nicht zufrieden?“

„Ich muss es wohl sein. Es ist mir schon mal schlechter gegangen. So besehen, habe ich eine steile Karriere hinter mir. Ich kann mir heute viele Dinge kaufen, von denen ich früher nur träumen konnte. Ich habe gute Freunde, die zu mir halten, die mich lieben. Eigentlich fehlt mir nur noch ein Mann, der stark ist, der eine Persönlichkeit ist, und der weiß, was er will. Ein Mann wie Sie, Roberto, wäre mir gerade recht.“ Der CC-Agent lächelte verlegen. Juanita besaß eine geradezu schockierende Direktheit. Juanita betrachtete Robertos Gesicht. „Eigenartig. Sie sehen aus wie ein sympathischer, braver Junge. Dabei verlangt Ihr Job bestimmt einen stahlharten, zähen Burschen. Aber das merkt man Ihnen nicht an.“

Roberto lachte. „Damit täusche ich meine Gegner.“

Juanita leerte ihr Glas.

„Noch einen?“, fragte Roberto.

Juanita schüttelte den Kopf.

„Ich möchte nicht, dass Sie sich meinetwegen in Unkosten stürzen.“ Sie lehnte sich zurück, nahm die Sonnenbrille ab, die um diese Zeit ohnedies schon längst fehl am Platze war, legte sie auf den Tisch neben das leere Tequila-Glas. „Vielleicht bin ich in der Lage, Ihnen zu helfen, Roberto.“

„Das würde Ihr Schaden nicht sein“, sagte Roberto Tardelli schnell.

Juanita warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.

„Wenn Sie die Absicht haben, mir Geld anzubieten, lassen Sie’s lieber bleiben - oder wollen Sie mich beleidigen?“

„Nein. Nein, natürlich nicht.“

„Wenn ich einem Freund helfe, dann braucht er mich dafür nicht zu bezahlen. Und wir beide sind Freunde. Zumindest habe ich das Gefühl, dass wir’s sehr schnell werden könnten.“ Ihr Blick ging Roberto unter die Haut. Er nickte zustimmend. Juanita fuhr fort: „Als ich mit Sergio zusammen war, hat er ziemlich viel getrunken. Ein schweres Problem lastete auf seiner Seele. Er wollte nicht darüber sprechen. Er hatte wohl nicht genügend Vertrauen zu mir. Jetzt, wo ich weiß, was ihn bedrückte, kann ich ihn verstehen.“ Das Mädchen streckte die Hand aus. „Bitte geben Sie mir eine Zigarette.“

Roberto hob bedauernd die Schultern.

„Tut mir leid, Juanita. Ich bin Nichtraucher.“

Sie hob erstaunt eine Braue.

„Sagen Sie mal, wie alt wollen Sie denn werden? Haben Sie überhaupt kein Laster?“

„Doch“, schmunzelte Roberto.

„Welches?“

„Hübsche Mädchen.“

„Darauf“, sagte Juanita und lachte gurrend, „sollten wir bei Gelegenheit zurückkommen.“

„Ich würde mich freuen“, sagte Roberto und bat den Wirt, Juanitas Zigarettenmarke zu bringen. Sie rauchte mit tiefen Zügen und sprach dann wieder von Sergio Tanarra.

„Er war bald so voll, dass er nicht mehr stehen konnte. Ich brachte ihn zu Bett. Er bat mich, bei ihm zu bleiben. Er hat mich nicht angefasst. Es genügte ihm, zu wissen, dass ich in seiner Nähe war. Ich musste seine Hand halten. Er dämmerte langsam hinüber, schreckte dabei mehrmals ängstlich hoch. Ich musste ihn beruhigen und ihm sagen, dass er sich nicht zu fürchten brauche, dass alles in Ordnung sei. Im Halbschlaf murmelte er von einem sehr guten Versteck, das er endlich gefunden habe. Niemand würde es entdecken. Keiner würde auf die Idee kommen, nach dem, was er versteckt habe, in der Teufelsbucht zu suchen.“

„In der Teufelsbucht?“, stieß Roberto Tardelli wie aus der Pistole geschossen hervor.

Juanita nickte ernst.

„Ich erinnere mich noch genau. Er sprach von der Teufelsbucht. Sie wird deshalb so genannt, weil es dort eine kleine Felsformation gibt, die - wenn man ein bisschen Fantasie hat, und welcher Seemann hat die nicht? - einem Teufelskopf ähnelt.“

Die Hehlerware lag also in der Teufelsbucht. Roberto spürte ein Kribbeln in den Fingern.

„Wenn Sie wollen“, sagte Juanita. „zeige ich Ihnen, wo das ist.“

Roberto nickte begeistert. „Und ob ich will.“



29

Roberto mietete tags darauf, früh am Morgen, ein schnelles Motorboot samt Taucherausrüstung und machte sich auf den Weg zur Teufelsbucht. Juanita stand in einem weißen, knapp sitzenden Bikini auf dem Vorderdeck und wies Roberto an, wie er das Schiff steuern musste. Das Mädchen war ein prachtvoller Anblick. Der Wind zerzauste die Fülle ihres langen schwarzen Haares. Ein feiner glitzernder Sprühregen, der von den Bugwellen aufstieg, flirrte um sie herum, legte sich auf ihre samtene Haut und ließ diese im strahlenden Sonnenlicht glänzen.

Sie fuhren die Küste in südöstlicher Richtung entlang.

Juanita kam zu Roberto und schmiegte sich katzenhaft an ihn. Er legte seinen Arm um ihre Mitte und steuerte das Schiff, das den Namen Moira trug, mit einer Hand.

Die Moira war ebenso groß wie Moro Tintis Virginia. Aus ihren beiden Evinrude Motoren ließ sich einiges herausholen.

Juanita wies auf eine lange Handharpune, deren Schaft schwarz war und deren lange scharfe Spitze wie ein Spiegel in der Sonne blitzte.

„Ich finde, dass Fischen ein grausamer Sport ist“, sagte das Mädchen überzeugt. „Ich brächte es nicht übers Herz, einer armen Kreatur, die mir nichts getan hat und genauso leben will wie ich, dieses verdammte Ding in den Leib zu stoßen.“

Roberto strich sanft über Juanitas Haar.

„Sie haben ein weiches Herz.“

Das Mädchen hob den Kopf, und ihr Blick sagte Roberto, dass sie jetzt geküsst werden wollte. Er legte seine Lippen auf ihren sinnlichen Mund und spürte einen Stromstoß, der durch sein Gehirn jagte und ihn für die Dauer des Kusses alles vergessen ließ, was es an Verdrießlichem auf dieser Welt gab.

Kurz darauf erreichten sie die Teufelsbucht.

Juanita half Roberto beim Anziehen der schwarzblauen Taucherkombination. Er zog die Flossen an die Füße und schnallte sich den breiten Tauchergurt um, an dem ein breitklingiges Messer hing, das in einer Gummischeide steckte.

Juanita brachte die Pressluftflaschen.

Roberto schlüpfte in die Tragegurte und zurrte sie fest.

Die Bucht war einer der friedlichsten Orte, die Roberto Tardelli jemals gesehen hatte. Das Meer war hier ruhig und spiegelglatt. Es lief in einem gelben Sandstrand aus, der von tropischen Büschen und Bäumen eingesäumt war. Dahinter ragte die Felsformation auf, die dieser Bucht ihren Namen gegeben hatte. Das zerklüftete Gestein hatte tatsächlich das Aussehen einer gemein grinsenden Teufelsfratze. Roberto begab sich zum Heck der Moira und stieg die Sprossen der Leiter hinunter.

„Wie sagt man bei Tauchern?“, fragte Juanita und strich sich lächelnd das Haar aus dem Gesicht. „Hals und Beinbruch.“

„Meinetwegen. Es darf nur nicht ernst gemeint sein“, gab Roberto grinsend zurück. Er schob die Tauchermaske nach unten und klemmte sich das Mundstück des Atemgerätes zwischen die Zähne. Er zeigte Juanita seine rechte Faust, wobei sein Daumen nach oben wies. Sie machte es genauso, und Roberto ließ sich rücklings ins Meer fallen. Innerhalb weniger Sekunden war er verschwunden. Juanita ließ sich auf das Deck nieder und wartete ...



30

Drei Stunden suchte Roberto Tardelli den Meeresgrund in der Teufelsbucht ab. Er gönnte sich zwischendurch nur ganz kurze Verschnaufpausen. Quadratmeter um Quadratmeter tastete er sich auf dem sandigen Boden vorwärts, umgeben von kleinen, bunt schillernden Fischschwärmen. Zweimal hatte er bereits geglaubt, fündig geworden zu sein, doch beide Male war er enttäuscht worden. Es waren jedes Mal Gegenstände gewesen, die irgendjemand über Bord geworfen hatte, weil sie für ihn unbrauchbar geworden waren.

Doch dann - am Ende der dritten Stunde - erblickte Roberto einen länglichen wasserdichten Behälter, an dem sich noch keine Algen und keine Muscheln festgesetzt hatten. Das Ding konnte also noch nicht lange hier unten liegen. Roberto schwamm mit kraftvollen Flossenschlägen darauf zu. Sein Herzschlag beschleunigte.

Sergio Tanarras Hehlerware? Hatte er sie endlich gefunden?

Er schraubte den Verschluss des Behälters ab. Der Boden des grauen Kunststoffgefäßes bestand aus dickem Blei. Eine wulstige Luftblase quoll Roberto entgegen, als er den Drehverschluss entfernte. Das Wasser stürzte sich in den röhrenförmigen Behälter. Roberto kippte ihn leicht. Ein grobes Jutesäckchen rutschte ihm in die Hand. Es war mit einem Nylonfaden zugebunden. Roberto öffnete den Knoten und warf einen Blick in das Säckchen. Acht Millionen - in einer Währung, die auf der ganzen Welt Gültigkeit hatte - glitzerten und funkelten ihm entgegen.

Harte Arbeit und zähe Verbissenheit trugen endlich Früchte.

Roberto ließ den Plastikbehälter zu Boden sinken. Er schloss das Jutesäckchen gewissenhaft und hing es sich an den Gürtel. Dann stieß er sich vom Meeresboden ab und paddelte mit einem herrlichen Gefühl in der Brust zur Moira zurück.

„Juanita!“, rief er, nachdem er das Mundstück des Atemgeräts ausgespuckt und die Tauchermaske nach oben gefegt hatte. „He, Juanita! Wir haben’s geschafft!“

Er kletterte wieselflink an Bord und strahlte über das ganze Gesicht, doch dieses Strahlen verging ihm bereits in der nächsten Sekunde. Was er sah, drehte ihm den Magen um. Ein dicker Kloß würgte ihn urplötzlich im Hals.

Juanita war nicht allein an Bord der Moira. Vado Tanarra war bei ihr.

Und die 357er Magnum der Viper wies genau auf den flachen Bauch des jungen Mädchens ...

Nebenan schaukelte Moro Tintis Virginia. Von Tinti keine Spur. Roberto konnte sich unschwer vorstellen, was dem Besitzer der Virginia zugestoßen war.

Vado Tanarra grinste höhnisch.

„Freut mich für dich, dass du’s geschafft hast, Tardelli. Und natürlich freue ich mich auch für mich selbst. Wer weiß, wie lange ich noch nach den verdammten Steinen hätte suchen müssen. Du hast mir eine Menge Arbeit abgenommen.“

Juanita starrte Roberto verzweifelt an. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch in keiner so kritischen Situation befunden. Verständlich, dass sie jetzt furchtbare Angst hatte. Roberto sah, wie sie zitterte. Er hätte die Viper deswegen am liebsten erwürgt.

„Die Puppe hat mir gerade erzählt, dass Sergio nicht mehr unter den Lebenden weilt“, sprach Tanarra weiter. „Das betrübt mich nur insofern, weil mir damit die Gelegenheit genommen ist, ihn eigenhändig umzulegen. Es hätte mir verdammt großen Spaß gemacht. Schon als kleiner Junge habe ich immer davon geträumt, meinen Bruder umzulegen.“ Er zuckte die Achseln. „Nun, es wird ewig ein Traum bleiben, da kann man nichts machen.“ Der Killer winkte mit der Waffe. „Komm her, Tardelli! Aber ganz langsam. Wenn du auch nur einmal zu viel mit deinen hübschen Wimpern klimperst, ist die Lady kaputt, haben wir uns verstanden?“

Roberto setzte sich mit steifen Gliedern in Bewegung. Er hatte befürchtet, der Viper noch einmal zu begegnen, und diese schlimme Befürchtung war nun eingetroffen.

Er fühlte sich moralisch gefesselt, denn er wollte und durfte das Leben des Mädchens nicht gefährden. Tanarra hätte es nicht das Geringste ausgemacht, Juanita zu erschießen. Ein Mord war für ihn eine Klaxsache, die ihn vollkommen kalt ließ.

Tränen schimmerten in Juanitas Augen. Ihre Blicke schrien förmlich um Hilfe, und Roberto Tardelli knirschte zornig mit den Zähnen, weil es ihm nicht möglich war, das Mädchen aus seiner misslichen Lage zu befreien.

„Stop!“, schnarrte Tanarra, als Roberto auf zwei Meter an den Killer herangekommen war. „Leg das Tauchermesser ab!“

Roberto gehorchte, und er tat ein Weiteres: Er schnallte auch die Pressluftflaschen ab, damit sie seine Bewegungsfreiheit nicht beeinträchtigten, falls sich eine Möglichkeit bot, den Killer anzugreifen.

Tanarra wies auf das Jutesäckchen.

„Und jetzt her mit den Steinen!“

Roberto machte das Säckchen vom Gürtel ab und warf es der Viper zu. Vado Tanarra wog es in seiner Linken, während die Rechte weiterhin die Kanone festhielt.

„Die Steine haben vielen Menschen großes Unglück gebracht“, sagte der Mafioso frostig. „Kowalski, de Levantis, Tinti, Sergio ...“

Roberto Tardelli verlängerte im Geist diese Liste: Als die Mafia die Industriediamanten raubte, hatte es bereits mehrere Schwerverletzte gegeben - und Paco und Miguel durften auch nicht vergessen werden.

„... und nun trifft's noch euch beide“, sagte die Viper mit granitharter Stimme. „Übrigens: Tinti wollte sich die Diamanten unter den Nagel reißen, nachdem er dich zu Sergio geschickt hatte, Tardelli. Ich konnt's zum Glück gerade noch verhindern. Tinti liegt jetzt irgendwo bei den Fischen. Und ihr zwei werdet ihm in wenigen Augenblicken Gesellschaft leisten. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich vorhin einen Hai von beachtlicher Größe vor dem Bug der Moira gesichtet. Der Bursche wird sich über den unverhofften Futtersegen mächtig freuen, nehme ich an.“

Juanita riss entsetzt die Augen auf.

„Roberto!“, krächzte sie.

Vado Tanarra lachte gehässig.

„Erwarte von deinem Romeo um Himmels willen keine Hilfe, Baby! Der Junge müsste dich sonst schlimm enttäuschen.“

„Das Mädchen hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, Vado!“, rief Roberto Tardelli gepresst. „Lass sie in Ruhe!“

Die Viper schüttelte grinsend den Kopf.

„Irrtum, mein Lieber. Die Puppe steckt in der Geschichte bis zur Halskrause mit drin. Sie kennt die Zusammenhänge. Sie weiß, was gelaufen ist ... sie weiß einfach zu viel, deshalb wird sie die Ehre haben, an der Seite des großen Roberto Tardelli abzutreten.“

„Roberto, ich will nicht sterben!“, stöhnte das entsetzte Mädchen.

„Wie rührend“, höhnte Tanarra. „Sie will nicht. Wer will das schon, Baby? Es passiert den Leuten einfach. Sie können es nicht verhindern.“

„Wenn sie verspricht, niemandem zu erzählen, was sie weiß“, sagte Roberto hastig, im Bestreben, Zeit zu gewinnen, „würdest du sie dann laufenlassen, Tanarra?“

Die Viper verzog verächtlich das Gesicht.

„Verdammt noch mal, wir drehen hier keine Fortsetzung der Love Story, Tardelli!“, schrie er.

„Mein Leben sollte dir genügen!“

„Nein. Es genügt mir nicht!“, brüllte Tanarra. „Schluss jetzt! Ich möchte kein Wort mehr hören!“ Er fasste mit der Linken, nachdem er die Diamanten beiseite gelegt hatte, in Juanitas volles Haar. Das Mädchen schrie vor Schmerz auf. Der Killer riss Juanita mit sich.

„Du zuerst, Baby!“, fauchte er. „Ladies first heißt das bei mir zu Hause. Auch beim Sterben haben die Puppen den Vortritt. Deinen Roberto hebe ich mir für zuletzt auf. Mit seinem Tod will ich die ganze Geschichte krönen und zu einem Abschluss bringen, der im Kreise meiner Freunde viel Beachtung finden wird.“

Roberto spürte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. Die Viper würde es tun. Kein Zweifel, Vado Tanarra hatte Frauen gegenüber keine Hemmungen. Er würde Juanita erschießen.

Er zerrte sie zum Bug des Schiffes. Roberto brach der kalte Schweiß aus allen Poren.

Juanita schrie und schluchzte, und sie rief in ihrer panischen Angst immer wieder Robertos Namen. Laut, und immer schriller.

Robertos Augen flogen über das Deck. Eine Waffe. Er brauchte dringend eine Waffe, mit der er das Schreckliche verhindern konnte.

Vado Tanarra erreichte mit dem Mädchen den Bug. Juanita schlug wie von Sinnen um sich. Ihr schlanker Körper wand sich. Sie wollte sich von Tanarra losreißen, aber das ging nicht, denn seine Finger waren immer noch in ihrem Haar verkrallt.

Eine Waffe. Wo war eine Waffe?

Juanita versuchte ihre langen Fingernägel in Tanarras Augen zu schlagen. Er holte mit der Waffe aus und schlug zu. Er dosierte den Schlag so, dass das Mädchen nicht das Bewusstsein verlor, in seiner Widerstandskraft aber merklich geschwächt wurde. Gleich darauf wollte er ernst machen.

Robertos Herz übersprang einen Schlag, als er sah, wie die Viper die Waffe auf Juanitas Kopf richtete. Gleich musste das Unwiderrufliche geschehen. Ein lauter, gottverdammter Knall - und das Mädchen würde nicht mehr schreien ...

Eine Waffe!

Robertos Blick fiel auf die Handharpune. Es war keine Zeit zum Überlegen. Wenn er Juanitas Leben retten wollte, musste er augenblicklich handeln. Er spannte die Muskeln und bewies, dass er in Stresssituationen unwahrscheinlich schnell sein konnte.

Wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil flog er auf die Harpune zu. Er riss sie aus der Halterung.

Vado Tanarra reagierte sofort auf die Bewegung hinter seinem Rücken. Die Viper zuckte herum. Die 357er Magnum schwang in Roberto Tardellis Richtung.

Er darf nicht abdrücken!, schoss es dem CC-Agenten durch den Kopf, sonst bist du verloren.

Roberto hasste diese ausweglosen Notwehrsituationen. Er verabscheute dieses „Er oder ich!“. Und doch wurde er immer wieder von Leuten wie Vado Tanarra in eine solche Lage gedrängt. Er war gezwungen, schneller zu sein als die Viper. Für sich und für Juanita.

Und er war schneller.

Die Harpune zuckte blitzartig auf den Mafioso zu. Die lange, blitzende Spitze traf ihr Ziel, ehe Tanarra den Stecher seiner Waffe durchziehen konnte. Roberto hatte sein gesamtes Körpergewicht in den lebensrettenden Stoß gelegt. Die Harpune drang der Viper tief in den Leib. Tanarra riss verstört die Augen auf. Er konnte anscheinend nicht begreifen, dass es jemanden gab, der schneller war als er. Die Kanone entfiel seinen zuckenden Fingern.

Juanita rannte auf Roberto zu und warf sich schluchzend in seine Arme, während Vado Tanarra verzweifelt versuchte, sich die Harpune aus dem Körper zu reißen. Er schaffte es nicht.

Er schwankte wie ein Halm im Sturm. Prallte dann mit der Hüfte gegen die Reling und kippte in derselben Sekunde über Bord.

Der Hai, den Vado Tanarra zu sehen geglaubt hatte, war rasend schnell zur Stelle. Angelockt vom Blut der Viper machte die tödliche Bestie binnen kurzem reinen Tisch ...



31

Roberto Tardelli und Juanita fuhren zurück nach Progreso. Keiner der beiden sprach ein Wort. Es war zu viel geschehen. Roberto Tardelli würde die nächste Maschine nehmen, um die Stadt zu verlassen. Es war ihm ein Bedürfnis, die Diamanten so schnell wie möglich nach Washington zu bringen, damit sie nicht noch mehr Unglück brachten.

Als er ging, lag Juanita quer in ihrem breiten französischen Bett und blickte ihm wehmütig nach.

Sie war sicher, dass sie ihn nie mehr wiedersehen würde.


ENDE

Ein Toter für Mister Finch


Ein Jack Braden Thriller

von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

Eine Leiche im Wohnzimmer. Stuart Finch, der berühmte Schauspieler will nicht die Polizei rufen, um einen Skandal zu vermeiden. Stattdessen versucht er Privatdetektiv Jack Braden zu engagieren. Doch dann ist die Leiche wieder verschwunden, nur ein Feuerzeug bleibt zurück. Jack ist plötzlich interessiert und kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Stuart Finch – Schauspieler, doch eine Rolle als Mörder mag er nicht.

Cynthia Fairfield – seine Frau, leider auch seine Rivalin um Ruhm und Geld.

Melvin Douglas – ein Toter, der aber wenigstens sein Feuerzeug noch zurückhaben möchte.

Mike Flapper – ein Gangster, dem zu viel daneben geht.

Prof. Hugh Brendan – mit Raketentechnik beschäftigt, bis man ihn selber abschießt.

Jack Braden und sein Team stecken diesmal allerhand ein. Inklusive eines gesalzenen Honorars.



1

Der Mann hatte einen Goldzahn.

Der Zahn war nicht das einzige Stück Metall in seinem Körper.

Sieben Zentimeter oberhalb des Goldes befand sich ein Klumpen Blei. Er war noch nicht sehr lange dort, aber er hatte seine Wirkung getan.

Der Mann war tot.

Als Stuart Finch ihn entdeckte, war der Mann schon steif und starr. Der Tote hatte die Augen und den Mund geöffnet. Er sah ein wenig erstaunt aus, als begriffe er nicht, wie er in diese Lage gekommen sei.

Stuart Finch zog sich einen Stuhl heran. Er setzte sich.

Er hatte nicht erwartet, beim Nachhausekommen einen Toten in seiner Wohnung vorzufinden. So etwas passiert in Romanen. Oder im Film. Aber nicht im Leben.

In dem Goldzahn fing sich der Widerschein der Deckenbeleuchtung. Die Spiegelung war real, der Zahn war real, und der Tote war es auch. Stuart wurde es übel. Als er daran dachte, dass er jetzt die Polizei rufen musste, nahm seine Übelkeit zu.

Nein, das ging nicht. Nicht die Polizei!

Aber wie, zum Teufel, war der Tote in die Wohnung gekommen?

Hatte man ihn hier umgebracht?

Stuart schaute sich um. Alles stand und lag an seinem Platz. Keine Kampfspuren, nichts.

Gerechter Himmel, dachte Stuart. Das muss ausgerechnet mir passieren! Ein Toter in meiner Wohnung.

Er schaute auf seine Uhr.

Drei Uhr. Bald würde der Morgen heraufdämmern.

Seit wann lag der Tote hier?

Gegen acht bin ich weggegangen, überlegte Stuart. Im Unterbewusstsein registrierte er erleichtert, dass seine Ruhe zurückkehrte. Der Schock flaute ab. Niemand hatte ihn beim Betreten des Hauses gesehen. Er konnte also seine Entschlüsse mit klarem Verstand fassen. Die Zeit drängte nicht.

Plötzlich schrillte das Telefon.

Stuart zuckte zusammen. Er starrte den Apparat an. Wer rief ihn frühmorgens um drei an? Was hatte das zu bedeuten?

Er stand auf. Seine Knie waren zittrig. Das ärgerte ihn. Ehe er den Hörer abnahm, umwickelte er ihn mit seinem Taschentuch. Das hatte er mal im Film gesehen.

„Ja?“, meldete er sich mit belegter Stimme.

„Bist du endlich zu Hause?“ fragte am anderen Ende der Leitung eine ungeduldige, leicht verärgert klingende weibliche Stimme. „Seit Stunden versuche ich, dich zu erreichen!“

Stuart schluckte. Cynthia, seine Frau! Das hatte ihm gerade noch gefehlt. „Ich war mit Jack unterwegs“, log er.

„Mit Jack Brinkley?“

„Ja“, sagte er.

Schließlich konnte er ihr nicht erklären, dass er Grace Burns ausgeführt hatte.

Grace, Cynthias schärfste Rivalin!

Und ausgeführt war auch kaum der richtige Ausdruck; er hatte Grace in ihrer Wohnung besucht. Sie hatten eine Tasse Tee getrunken, und ein paar Whiskys – eigentlich war es sehr nett gewesen. Viel zu nett.

„Jack Brinkley, so, so“, sagte Cynthia.

Er hörte es ihrer Stimme an, dass sie ihm nicht glaubte.

Ihm dämmerte, dass es falsch gewesen war, Jack Brinkleys Namen zu nennen. Jack Brinkley würde ein miserabler Lügner sein. Er konnte nicht schwindeln. Im Übrigen war er Wachs in Cynthias Händen, er liebte und bewunderte sie.

Cynthia wusste das. Sie war eifersüchtig. Ganz gewiss würde sie Jack fragen. Sie würde wissen wollen, was Jack und er unternommen hatten, wo sie gewesen waren, und was sie an der Bar getrunken hatten.

„Sag mal – rufst du an, um mich zu kontrollieren?“, fragte er und war bemüht, seine Stimme heiter-ironisch klingen zu lassen. Er merkte, dass ihm das nur unvollkommen gelang.

„Unsinn“, erwiderte Cynthia. „Ich wollte dich nur informieren, dass ich schon heute zurückkomme.“

„Heute?“ Er hatte Mühe, nicht ins Stottern zu geraten.

„Du scheinst dich ja mächtig auf meine Rückkehr zu freuen!“, sagte sie.

„Aber Schätzchen!“, sagte er vorwurfsvoll. „Da gibt es doch gar keine Frage! Ich bin nur überrascht. Ich denke, du wolltest zwei Wochen bei deiner Mutter bleiben?“

„Ja, das war meine Absicht. Ich habe es mir anders überlegt. Ich langweile mich hier. Eine Woche Land ist bereits zu viel für mich.“

„Du weißt, wie deine Mutter sich auf deinen Besuch gefreut hat!“

„Mama versteht mich. Im Übrigen war es unklug von mir, gerade jetzt von New York wegzugehen. Du weißt, wie scharf Grace Burns hinter meiner Rolle her ist.“

Sein Mund wurde trocken. „Das kannst du ihr nicht verübeln. Sie ist jung und talentiert.“

„Du verteidigst sie noch?“, unterbrach Cynthia wütend. „Sie ist ein intrigantes und gefährliches Geschöpf!“

„Am Theater intrigieren alle“, meinte er. „Das gehört nun mal dazu – leider!“

„Ich habe niemals intrigiert“, sagte Cynthia.

„Du bist anders“, bescheinigte er ihr. Er blickte auf den Toten. Lieber Himmel – die Zeit verstrich! Fast schien es ihm so, als hätte sich der Gesichtsausdruck des unbekannten Toten verändert. Grinste er höhnisch? Unsinn, dachte Stuart, das liegt nur an dem verdammten Goldzahn.

„Wirst du mich vom Flugplatz abholen?“, fragte Cynthia.

„Aber das ist doch selbstverständlich!“

„Ich komme mit der Nachmittagsmaschine der PAA von Cincinnati. Sie trifft um sechzehn Uhr dreizehn in Idlewild ein.“

„Ich bin pünktlich zur Stelle.“

„Es kann nicht schaden, wenn du ein paar Reportern Bescheid sagst“, meinte sie.

Stuart grinste matt. Cynthia vergaß nie, an die Publicity zu denken. Klappern gehört zum Handwerk. Das hatte sie von ihrem Manager gelernt. „Liebling – schließlich kommst du von keiner Weltreise zurück“, sagte er.

„Was spielt das für eine Rolle? Tu, worum ich dich bitte.“

„Okay“, seufzte er.

„Sag, dass du dich freust!“

„Ich freue mich.“

„Ich auch, Liebling – bis heute Nachmittag. Schlaf gut!“

Er legte auf.

Schlaf gut – damit würde es noch ein Weilchen Zeit haben.

Zehn Minuten nach drei. Die Zeiger rückten unbarmherzig vorwärts. Stuart spürte, dass er nervös wurde. In einer halben Stunde würde es hell sein. Wenn er den Toten aus der Wohnung schaffen wollte, musste er es jetzt tun.

Stopp, erst musste er Jack anrufen.

Bei Cynthia konnte man nie wissen, wozu sie sich entschließen würde. Vielleicht rief sie noch jetzt bei Jack an. Er musste ihr zuvorkommen.

Er wählte Brinkleys Nummer. Es dauerte einige Zeit, bevor Jack sich meldete. Seine Stimme klang verschlafen, als er seinen Namen murmelte.

„Ich bin‘s Stuart. Du musst mir einen Gefallen tun.“

„Bist du noch zu retten?“, unterbrach ihn Jack. „Weißt du, wie spät es ist?“

„Ich bin gerade nach Haus gekommen. Cynthia hat angerufen. Ich habe ihr gesagt, dass ich mit dir aus war.“

„Na, und? Wo warst du wirklich?“

„Das erzähl ich dir später. Du darfst dich nicht verquatschen, hörst du?“

„Na, erlaube mal!“, meinte Jack beleidigt. „Habe ich dich schon einmal im Stich gelassen?“

„Nein, deshalb habe ich mich ja auf dich berufen. Wir waren zusammen im Stork Club, okay?“

„Okay, im Stork Club.“

„Vorher haben wir bei Pattieux gegessen. Ein Chateaubriand, klar?“

„Klar.“

„Kannst du dir das merken?“

„Du scheinst mich für einen Kretin zu halten!“, sagte Jack vorwurfsvoll.

„Erst bei Pattieux und dann im Stork Club“, wiederholte Stuart. „Vielen Dank und gute Nacht.“

„He, Moment mal!“, rief Jack. „Weshalb hast du‘s denn auf einmal so eilig?“

„Ich möchte noch eine Mütze voll Schlaf bekommen.“

„Du machst mir Spaß!“, sagte Jack. „Erst trommelst du mich aus dem Schlaf, und dann denkst du an deine eigene Bequemlichkeit.“ Er kicherte. „Das werde ich dir versalzen! Jetzt halte ich dich ein wenig wach.“

Stuart unterdrückte den aufsteigenden Ärger. Lief denn alles schief? „Willst du mir Witze erzählen?“ fragte er.

„Kein übler Gedanke“, meinte Jack Brinkley. „Vielleicht kennst du den noch nicht.“

„Deine Witze kenne ich alle“, sagte Stuart grob. „Gute Nacht.“ Er legte auf.

Dann holte er tief Luft. Viertel nach drei. Hatte er vor wenigen Minuten noch geglaubt, dass die Zeit nicht drängte? Das war ein Irrtum gewesen. Jetzt galt es zu handeln. Und zwar rasch.

Dabei gab es so viele Fragen, die zu berücksichtigen waren!

Wohin mit dem Toten?

Ich lege ihn irgendwo ab, dachte er. Am Straßenrand, das ist am einfachsten.

War es wirklich so einfach?

Erst musste er den Toten aus dem Haus tragen. Damit begannen die Schwierigkeiten. Der Unbekannte war groß und schwer. Man konnte ihn bei dem Transport beobachten … Die Stadt hatte tausend Augen. Hier und anderswo. An jeder Stelle. Zur Tages- und Nachtzeit.

Und im Übrigen war er ein Mann, den man kannte.

Lächelte sein markantes Profil nicht gerade jetzt von unzähligen Plakaten herab? Seine letzte Filmrolle war ein Erfolg gewesen.

Ein großer Erfolg.

Er konnte jetzt, wo es aufwärts ging, keinen Skandal brauchen.

Natürlich bestand die Möglichkeit, den Toten in einen seiner großen Koffer zu packen – obwohl das, wie ihm klar war, im Zustand der Leichenstarre ein schwieriges Unterfangen sein würde.

Außerdem konnte er den Toten nicht in dem Koffer lassen.

Sollte er an einer Straßenecke im Morgengrauen einen Toten aus dem Koffer packen?

Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Oder sollte er den Toten aufs Land fahren?

Aber dort würde man ihn vielleicht erst nach Wochen entdecken, und die Polizei hatte dann kaum eine Chance, den Mörder zu finden.

Der Mörder!

Stuart atmete schwer. Warum hatte er ganz vergessen, an den Täter zu denken?

Wenn die Polizei den Mörder eines Tages verhaften und zu einem Geständnis veranlassen sollte – was würde dann aus ihm und seiner Karriere werden?

Er meinte die Schlagzeilen förmlich vor Augen zu sehen.

Stuart Finch versteckte Ermordeten.

Stuart Finch tarnte Verbrechen.

Schauspieler oder Komplice eines Mörders?

Ihm wurde es erneut übel. Nein, er konnte es sich nicht leisten, den Toten aus dem Haus zu schaffen. Das konnte zum Bumerang werden.

Andererseits konnte der Tote nicht hier bleiben!

Das Telefon schrillte.

Stuart nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Hast du schon geschlafen?“, fragte Jack Brinkley kichernd.

„Idiot!“, knurrte Stuart und schmetterte den Hörer auf die Gabel zurück.

In diesem Moment hatte er einen Einfall.

Er war es gewohnt, andere für sich arbeiten zu lassen. Warum sollte er in diesem diffizilsten Fall, dem er jemals begegnet war, die Entscheidung selber übernehmen?

Wozu gab es tüchtige Privatdetektive, die einem die Sorgen abnahmen?

Er legte die Stirn in Falten. Er erinnerte sich, erst kürzlich bei einem Gespräch den Namen eines solchen Mannes gehört zu haben. Man hatte die enorme Tüchtigkeit des Burschen gelobt – es war ein Name gewesen, der sich leicht einprägte.

Jetzt hatte er ihn. Jack Braden!

Stuart durchblätterte das Telefonbuch. Dann wählte er die Privatnummer des Detektivs.

Jack Braden meldete sich sofort mit einer frischen, elastischen Stimme.

„Haben Sie nicht geschlafen?“, wunderte sich Stuart, überrascht von der prompten und munteren Reaktion.

„Doch – warum?“

„Sie machen den Eindruck, als wären Sie seit vielen Stunden munter.“

„Ich bin ein besonders munterer Knabe, wissen Sie“, sagte Jack Braden spöttisch. „Wer spricht dort?“

„Den Namen kann ich Ihnen jetzt nicht nennen. Ich habe einen Fall für Sie.“

„Nicht zu machen.“

„Sie wissen ja noch gar nicht, worum es geht“, meinte Stuart enttäuscht.

„Mit anonymen Anrufern verhandle ich nicht“, sagte Jack Braden freundlich.

„Kann ich zu Ihnen kommen?“

„Das steht Ihnen frei. Sie erreichen mich ab neun Uhr in meinem Büro. Ich würde Ihnen empfehlen, sich vorher anzumelden. Sie wenden sich am besten an Miss Barris. Das ist meine Sekretärin.“

„Ist sie wenigstens hübsch?“, fragte Stuart spöttisch. „Ich bin beim Film, wissen Sie. Wir haben erst kürzlich eine Privatdetektiv-Serie abgedreht. Die Sekretärin hätten Sie sehen müssen! Einfach unwahrscheinlich.“

„Nicht halb so unwahrscheinlich wie Sunny“, sagte Jack Braden.

„Wie bitte?“

„Nichts. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich das Gespräch jetzt abbreche.“

„He, einen Augenblick noch!“, rief Stuart erschrocken. „Ich kann nicht bis neun Uhr warten. Ich muss Sie jetzt sprechen!“

„Wie ist Ihr Name?“

„Finch“, sagte Stuart zögernd.

„Stuart Finch?“

„Ja.“

„Mein Beileid“, sagte Jack. „Sie sind ein miserabler Schauspieler.“

„Vielen Dank – hoffentlich habe ich mich nicht an einen miserablen Detektiv gewandt“, konterte Stuart wütend.

„Wenn Sie die Höhe des Honorars erfahren, für das ich zu arbeiten gewillt bin, werden Sie mir zugestehen, dass ich Sonderklasse sein muss.“

Stuart Finch lachte kurz und unlustig. „Wenn es darum ginge, hätte ich für meinen letzten Film einen Oscar verdient. Ich habe für die Hauptrolle immerhin eine halbe Million Dollar kassiert.“

„Ganz so teuer bin ich nicht.“

„Wie beruhigend! Wo wohnen Sie?“

„241 East 74 th Straße.“

„Das ist nicht weit von mir entfernt. In zehn Minuten bin ich bei Ihnen. Einverstanden?“

„Einverstanden“, sagte Jack Braden.



2

Stuart Finch schaffte es tatsächlich in genau zehn Minuten, das achtgeschossige Apartmenthaus zu erreichen, wo Jack Braden im dritten Stockwerk ein Büro und in der vierten Etage eine ultramoderne Wohnung besaß. Jack empfing den Besucher in seiner Wohnung.

Er war fix und fertig angezogen. Die jungenhafte Liebenswürdigkeit, mit der er Finch begrüßte und in das große Wohnzimmer geleitete, schien keine Verbindung zu der ironischen Kratzbürstigkeit zu haben, die er am Telefon gezeigt hatte.

Finch blickte sich kurz im Wohnzimmer um. Er musterte die geschickte Zusammenstellung von Alt und Modern. Die sachlich gehaltenen Teakmöbel bildeten einen angenehmen Kontrast zu einigen wertvollen Antiquitäten. In einem gläsernen Eckschrank befand sich kostbares Porzellan. An einer Wand war eine Pistolensammlung aufgehängt.

„Sie haben einen guten Innenarchitekten“, stellte Finch fest.

„Er ist nicht gerade billig“, sagte Jack.

„Wie heißt er?“

„Jack Braden.“

„Meinen Glückwunsch. Sie haben Geschmack.“ Finch schaute Braden an. „Leider haben Sie keine Ahnung, wie man rasch zu Geld kommt.“

„Das müssen Sie mir schon näher erklären.“

„Sie sehen blendend aus. Sie haben einen wirklich guten Kopf. Genau wie ich.“

„Sie sind kein bisschen eitel, was?“

Stuart zuckte die Schultern. „Sie haben vorhin am Telefon behauptet, dass ich ein miserabler Schauspieler sei. Das stimmt. Ich habe kein Talent. Aber ich habe einen Kopf, der den Frauen gefällt. Ich bin kein übler Sprecher. Und mein Lächeln verkauft sich gut. Wenn Sie auf Draht wären, mein Lieber, würden Sie auf die gleiche Weise Geld machen. Es ist wirklich nicht schwer. Als Detektiv können Sie nicht annähernd soviel verdienen.“

„Ich will es mir überlegen“, sagte Jack. „Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

Stuart setzte sich. Er stellte fest, dass Braden ihm gefiel. Ein Mann mit Lebensart und Witz; offensichtlich selbstsicher und recht gewandt – vielleicht war er genau der Richtige, um mit dem Problem fertig zu werden.

„Was würden Sie tun, wenn Sie nach Hause kämen, und in Ihrer Wohnung läge ein Toter?“

„Ich würde vermutlich die Polizei anrufen“, sagte Jack. „Einen Whisky gefällig?“

„Nur wenn Sie mir versprechen, ihn nicht mit Wasser zu ruinieren“, meinte Stuart.

Jack füllte zwei Gläser. Eines davon reichte er dem Besucher. „Kennen Sie den Toten?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte Stuart.

„Haben Sie sich seine Papiere angeschaut?“

Stuart schüttelte sich. „Wo denken Sie hin? Ich habe den Burschen nicht angefasst!“

„Hat er viel Blut verloren?“

„Nein – das nicht“, sagte Stuart.

„Eigentlich merkwürdig, was? Es sei denn, die Blutlache befindet sich dort, wo man ihn erschossen hat.“

„Sie glauben, der Tote wurde erst nach der Tat in Ihre Wohnung gebracht?“, fragte Jack und setzte sich dem Besucher gegenüber.

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll“, seufzte Stuart. „Es ist alles so verworren, so absurd, so sinnlos – und gleichzeitig so schrecklich! Eine Leiche im Wohnzimmer gehört nicht zu den Dingen, mit denen ich mich anzufreunden vermag.“

„Wann sind Sie nach Hause gekommen?“

„Gegen drei Uhr. Der Bursche war zu dieser Zeit schon tot. Steif wie ein Brett.“

„Eine Frage: weshalb haben Sie die Polizei nicht benachrichtigt?“

„Aus zwei Gründen“, erwiderte Finch. „Erstens bin ich Stuart Finch, der beliebte jugendliche Held. Bei einem Mann meines Rufs sollten keine Leichen in der Wohnung liegen, wissen Sie. Und zweitens: ich bin verheiratet.“

„Mit wem?“

„Mit meiner Frau.“

„Sehr witzig. Ist sie prominent?“

„Ich denke, ja. Cynthia Fairfield ist ihr Künstlername.“

„Ich habe sie schon mal gesehen“, erinnerte sich Jack. „Sie kann etwas.“

„Vor allem kann sie Szenen machen“, nickte Finch. „Und nicht alle davon sind gespielt! Sie darf einfach nicht erfahren, dass ich in der Nacht mit einer anderen Frau zusammen war.“

„Eine ernste Geschichte?“

„Ich bin ein bisschen verliebt, das ist alles.“

„Und Ihre Frau?“

„Die hat davon keine Ahnung.“

„Okay, Sie haben immerhin ein Alibi. Ich werde es überprüfen müssen“, sagte Jack. „Wo haben Sie sich aufgehalten?“

„Sie wollen doch nicht etwa Grace in diese Geschichte hineinziehen?“, fragte Stuart Finch erschreckt.

„Es geht um einen Mord“, sagte Jack geduldig. „Gesellschaftliche Rücksichten sind hier fehl am Platze.“

„Aber ich habe mich doch gerade an Sie gewandt, um diese Rücksichten nicht verletzen zu müssen!“

„Dann sind Sie an der falschen Adresse.“

„Schade“, meinte Stuart Finch. „Es ist wohl besser, ich suche mir einen anderen Detektiv.“

„Niemand hält Sie davon zurück.“

„Aber Ihnen vertraue ich!“, meinte Stuart. Es klang fast ein wenig kläglich.

„Vertrauen kann man nicht teilen und auf Raten abgeben“, sagte Jack. „Entweder Sie übertragen mir den Fall und überlassen es mir, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen, oder Sie vergessen, mich aufgesucht zu haben.“

„Verstehen Sie doch!“, sagte Stuart Finch. „Ich bin ein prominenter Schauspieler. Ich bin verheiratet. Ich kann es mir nicht leisten, wegen dieser Geschichte in einen rufmordenden Skandal verwickelt zu werden!“

„Sie denken nur an Ihren Ruf und an die Gefahr eines Skandals. Beschäftigen Sie sich der Abwechslung halber doch mal mit dem Toten. Er ist das Opfer eines Mörders geworden. Wollen Sie, dass der Täter frei ausgeht?“

„Natürlich nicht.“

„Was haben Sie sich von Ihrem Besuch erhofft?“, fragte Jack geradezu. „Dass ich Ihnen die Leiche aus dem Weg räume?“

Stuart senkte schuldbewusst den Blick. „Ich weiß nicht, was ich gedacht habe“, murmelte er. „Ich versprach mir Hilfe von Ihnen. Das ist alles.“

Jack erhob sich. „Wir fahren jetzt zu Ihnen. Sind Sie mit dem Wagen gekommen?“

„Nein, mit einem Taxi.“

„Mein Wagen steht unten vor dem Haus. Kommen Sie.“

Stuart Finch stemmte sich in die Höhe. Er nahm rasch noch einen Schluck aus dem Whiskyglas. „Pfui Teufel“, sagte er und verzog das Gesicht. „Schmeckt miserabel!“

„Tut mir leid, Ihren Geschmack nicht getroffen zu haben“, meinte Jack. „Der Bourbon ist sieben Jahre gelagert.“

„Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Der Whisky ist gewiss ausgezeichnet. Aber wenn man meine Sorgen hat, schmeckt einem nicht mal Kaviar.“

Sie verließen die Wohnung und fuhren mit dem Lift nach unten.

„Donnerwetter“, sagte Stuart Finch, als sie vor dem Wagen standen. „Ein schneller kleiner Flitzer. Ein Porsche, was?“

„Hm, ein Carrera“, sagte Jack und öffnete Stuart den Schlag.

Finch setzte sich hinein. „Mit Telefon!“, stellte er anerkennend fest. „Sie sind nicht übel ausgerüstet“, fuhr er fort, als Jack am Volant saß.

„Wenn man eine Chance gegen die Verbrecher haben will, darf man nicht schlechter ausgerüstet sein als die Syndikate“, meinte Jack und startete den Motor.

Sie fuhren los.

Wenige Minuten später kletterten sie vor dem zwölfgeschossigen Haus, in dem die Finchs wohnten, aus dem Wagen.

„Wo ist Ihre Frau?“, fragte Jack.

„Auf dem Lande, bei ihrer Mutter. Sie hat mich vorhin angerufen. Heute Nachmittag kommt sie zurück.“

„Sie machen kein sehr glückliches Gesicht.“

„Ich liebe Cynthia“, sagte Stuart. „Wirklich! Das mit Grace hat nichts auf sich. Gerade, weil ich Cynthia liebe, darf sie nicht erfahren, dass ich mit Grace zusammen war.“

Sie fuhren mit dem Lift ins dritte Stockwerk.

„Sie bewohnen die Etage allein?“, fragte Jack Braden.

„Ja.“

Jack betrachtete das Schloss der Wohnungstür. Es wies keinerlei Kratzspuren auf. „Wer außer Ihnen hat noch einen Schlüssel?“, fragte er.

„Nur Cynthia – und der Hausmeister, vermute ich.“

„Schließen Sie auf“, sagte Jack.

Stuart Finch folgte der Aufforderung. Sie betraten die Diele. Finch drückte die Wohnungstür hinter sich mit dem Ellbogen ins Schloss. „Geradeaus“, sagte er. „Das ist die Wohnzimmertür.“

Jack ging darauf zu. Er öffnete die Tür, indem er die Klinke mit dem Taschentuch anfasste.

Dann trat er ein.

Stuart folgte ihm.

„Wo ist der Tote?“, fragte Jack.

Stuart starrte über Jacks Schulter.

Die Leiche war verschwunden.

„Das wirft mich um!“, sagte Finch.



3

Sie gingen durch sämtliche Räume. Sie blickten in die Schränke und unter die Betten.

Nirgendwo fand sich eine Spur des Toten.

Dafür fand sich etwas anderes: ein kleines, silbernes Feuerzeug. Es lag in der Diele, unweit der Tür.

„Gehört das Ihnen?“, fragte Jack.

„Nein.“

Jack betrachtete das Feuerzeug. Es war eine gute Marke, von Ronson. An der Seite war ein Name eingraviert. Er lautete MELVIN DOUGLAS. Jack las den Namen laut vor. „Kennen Sie den Besitzer?“, fragte er.

„Nie von ihm gehört.“

Jack ließ das Feuerzeug in seine Tasche gleiten. Sie gingen zurück ins Wohnzimmer. „Jetzt brauche ich einen doppelstöckigen Whisky“, sagte Finch und trat an die Hausbar. „Und wenn er drei oder vierstöckig ausfallen sollte, kann‘s auch nicht schaden. Halten Sie mit?“

„Wie viele Whiskys haben Sie heute Abend schon getrunken?“, fragte Jack.

Stuart Finch, der gerade die Flasche entkorkte, hielt in seinen Bewegungen inne. Er blickte Jack an. „Ich verstehe, was Sie meinen. Sie denken, ich hätte vorhin weiße Mäuse gesehen. Ich schwöre Ihnen, dass ich stocknüchtern war …“

„Wie viele?“, unterbrach Jack geduldig.

„Höchstens vier. Vielleicht auch fünf.“

„Hm“, machte Jack.

„Ich kann die dreifache Menge vertragen – zumindest, wenn ich die ganze Nacht Zeit dazu habe, sie zu vertilgen. Hier lag ein Toter.“

Jack holte das Feuerzeug aus der Tasche. „Melvin Douglas“, sagte er nachdenklich. „Es kann natürlich sein, dass dem Toten beim Abtransport das Feuerzeug aus der Tasche gefallen ist.“

„Oder dem Mann, der die Leiche wegtrug“, meinte Finch.

„Das ist wenig wahrscheinlich.“

„Sie haben recht. Wenn ich jemanden wie einen Sack über die Schulter lege, kann dem leicht etwas aus der Tasche rutschen.“

„Eben.“

„Sie trinken doch einen Whisky mit?“, fragte Stuart noch einmal.

„Nein, danke.“

„Kann ich Ihnen etwas anderes anbieten?“

„Einen Orangensaft würde ich nicht ablehnen.“

„Okay, ich bin sofort zurück.“

Finch verließ das Zimmer, um in die Küche zu gehen.

Jack schaute sich im Zimmer um. Der Raum war ein wenig bombastisch eingerichtet. An jedem Detail erkannte man das Bestreben der Wohnungsbesitzer, durch ausgefallene Farben und Formen einen besonderen Geschmack zu dokumentieren. Das Ergebnis war nicht unbefriedigend. Die Finchs hatten es verstanden, den Luxus wohnlich zu gestalten.

Stuart Finch kehrte mit einem Glas Orangensaft zurück.

„Vielen Dank“, sagte Jack, als er das Glas entgegennahm.

„Hier hat er gelegen“, meinte Finch und wies mit der Fußspitze auf den Teppich. Dann trat er hinter die Hausbar und hob sein Glas. „Trinken wir auf den Toten, der sich liebenswürdigerweise in Luft auflöste“, sagte er.

„Ich meine, es besteht kein Anlass, darüber Genugtuung zu empfinden“, sagte Jack.

Finch trank und stellte das Glas ab. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Genugtuung?“, fragte er dann. „Das ist gar kein Ausdruck! Mir ist ein ganzes Felsmassiv vom Herzen gefallen. Der Tote ist verschwunden. Für mich ist das so, als wäre er nie hier gewesen.“

„Sie machen es sich reichlich bequem.“

„Das entspricht meiner Lebenseinstellung.“

„Wenn das, was Sie mir berichtet haben, stimmt, ist hier ein Mord passiert.“

„Hier oder irgendwo anders“, nickte Finch. „Der Teufel mag wissen, weshalb der Mörder die Leiche ausgerechnet in meiner Wohnung deponierte. Darüber will ich gar nicht erst nachdenken. Es käme doch nichts dabei heraus. Oder haben Sie eine befriedigende Erklärung für das Geschehen?“

„Für Mord gibt es keine befriedigende Erklärung.“

„Sie wissen, was ich meine“, sagte Finch ungeduldig. „Warum hat man den Toten in die Wohnung gelegt? Warum hat man ihn wieder weggebracht? Das ist doch sinnlos!“

„So sieht es aus.“

„Ist das alles, was Sie dazu sagen können?“

„Ich bin kein Hellseher.“

„Stimmt. Jedenfalls haben Sie mir Glück gebracht. Selbstverständlich werde ich Sie für die Störung Ihrer Nachtruhe entsprechend honorieren. Wollen Sie den Scheck gleich mitnehmen?“

„Danke, Sie können mich bezahlen, sobald ich den Fall aufgeklärt habe.“

Finchs Augen weiteten sich erschreckt. „Sie wollen der Sache doch nicht etwa nachgehen?“

„Genau das habe ich vor.“

„Aber ich verzichte auf eine Untersuchung!“

„Das würde ich Ihnen nicht empfehlen.“

„Warum?“

„Der Mörder gehört zu Ihrem näheren Bekanntenkreis. Vermutlich hat er damit gerechnet, dass Sie die ganze Nacht bei Grace verbringen – wer auch immer diese Grace sein mag. Gefällt Ihnen der Gedanke, einen Mörder unter Ihren Freunden zu haben?“

„Nicht ein bisschen.“

„Wollen Sie dem Burschen einen Freifahrschein für Mord ausstellen?“

Finch verzog das Gesicht. Er sah nicht gerade glücklich aus. „Das ist doch Unsinn! Ich will einen Skandal vermeiden, das ist alles“, sagte er.

„Okay, ich will Ihnen entgegenkommen“, meinte Jack. „Da es keine Leiche mehr gibt, können wir auf eine Anzeige verzichten. Aber ich finde, der Fall ist damit für Sie keineswegs abgeschlossen.“

Finch überlegte. Dann nickte er. „Sie haben recht. Wir können es dem Burschen nicht durchgehen lassen, mit Recht und Gesetz Ball zu spielen. Hiermit beauftrage ich Sie, der Geschichte nachzugehen. Allerdings muss ich Sie ersuchen, dabei mit größtmöglicher Diskretion aufzutreten. Vor allem Cynthia, meine Frau, darf unter keinen Umständen erfahren, was sich in dieser Nacht ereignet hat. Es könnte das Ende bedeuten.“

„Das Ende?“, fragte Jack verblüfft.

„Das Ende unserer Ehe“, sagte Finch rasch. „Cynthia neigt leider zur Eifersucht.“

„Dazu hat sie allen Grund – oder?“

„Darüber wollen wir jetzt nicht sprechen. Werden Sie die Spielregeln einhalten?“

„Ja“, sagte Jack. „Ich will es versuchen. Wie sah der Tote aus?“

„Ich neige zu der Ansicht, dass er zu der mittleren Einkommensschicht gezählt werden muss. So gegen achttausend im Jahr – jedenfalls war er gutbürgerlich gekleidet. Sauber und adrett, jedoch keineswegs elegant. Er trug einen dunklen Anzug. Dazu hatte er einen rotweiß gepunkteten Schlips gewählt.“

„Wie groß war er?“

„Schwer zu sagen – etwa meine Größe.“

„Wie alt war er?“

„So um die vierzig herum.“

„Würden Sie ihn auf einem Foto wiedererkennen?“

„Hm – vielleicht, wenn es eine Brustaufnahme wäre“, sagte Stuart Finch.

„Sie sind sicher, den Unbekannten nie vorher gesehen zu haben?“, fragte Jack.

„Ganz sicher. Er war kein Mann vom Theater. Er gehörte nicht unserem Kreis an. Dafür entwickelt man im Laufe der Jahre ein Gespür, wissen Sie.“

„Sie haben vermutlich einen großen Bekanntenkreis?“

„O ja “

„Können Sie mir eine Liste dieser Leute anfertigen?“

„Gerechter Himmel“, sagte Finch. „Dafür brauche ich mindestens zwei Tage.“

„Am besten, Sie fangen gleich an“, riet Jack.



4

Um sechs Uhr lag Jack wieder im Bett. Gerade, als er eingeschlafen war, klingelte das Telefon.

Jack schreckte hoch, nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Ich bin überfallen worden, man hat mich niedergeschlagen!“, sagte eine erregte, männliche Stimme am Telefon.

„Wer spricht dort?“

„Ich bin‘s – Stuart Finch!“

„Wer hat Sie überfallen?“

„Ein Mann mit einer Gesichtsmaske. Ich lag im Bett, als es plötzlich im Schlafzimmer hell wurde. Ich wachte auf und sah ihn am Bett stehen. Ich kriegte den Schreck meines Lebens, das dürfen Sie mir glauben.“

„Weiter. Was wollte er?“

„Das Feuerzeug!“

„Hat er das gesagt?“

„Ja – er forderte mich auf, das Feuerzeug herauszugeben!“

„Was haben Sie ihm geantwortet?“

„Ich habe mich natürlich dumm gestellt. Da hat er mir ein paar Kinnhaken verpasst.“

„Und dann?“

„Er bedrohte mich mit der Pistole. Dann fragte er, ob Sie das Feuerzeug an sich genommen hätten.“

„Er nannte meinen Namen?“

„Ja.“

Jack Braden pfiff durch die Zähne. „Das ist interessant.“

„Interessant?“, fragte Finch aufgebracht. „Na, ich danke schön! Es ist, um aus der Haut zu fahren! Morgen lasse ich an der Tür ein neues Schloss anbringen.“

„Eins scheint festzustehen. Der Mann mit der Gesichtsmaske ist der gleiche, der den Toten erst gebracht und später abtransportiert hat.“

„Klar“, meinte Finch. „Er hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung!“

„Beschreiben Sie ihn.“

„Er war gut angezogen – vielleicht um eine Spur zu dandyhaft, um wirklich als elegant zu gelten. Er trug braune Wildlederschuhe mit schwarzen Lacklederbesätzen.“

„Wie alt war er?“

„Nicht viel älter als dreißig Jahre, würde ich sagen. Seine Augen waren dunkel. Er trug einen weichen, grauen Filzhut. Der Haaransatz war dunkelblond.“

„Wie lange war er bei Ihnen?“

„Der ganze Spuk hat etwa fünf Minuten gedauert. Übrigens trug er Handschuhe. Fingerabdrücke hat er also nicht hinterlassen.“

„Haben Sie ihm irgendwelche Fragen gestellt?“

„Nein – er dürfte sie mir kaum beantwortet haben.“

„Kommen Sie heute Vormittag zu mir ins Büro – lässt sich das einrichten?“

„Selbstverständlich. Der Überfall ist mir mehr in die Knochen gefahren als der Leichenfund.“

„Versuchen Sie jetzt zu schlafen.“

„Das wird beim Versuch bleiben.“

Jack legte auf. Er grübelte noch einige Minuten über das Geschehen nach und schlief dann ein.

Pünktlich um neun Uhr war er im Büro. Dawn Barris saß bereits im Vorzimmer an ihrem Schreibtisch. Sie lächelte strahlend zu ihm in die Höhe, als er den Raum betrat und sie begrüßte.

Jack lächelte zurück. „Neues Kleid?“

„Ja – gefällt es Ihnen?“

„Sie würden mir noch in Sack und Asche gefallen, Sunny.“

Dawn Barris errötete leicht. Warum ließ sie bei ihrem Chef die Selbstsicherheit im Stich, die sie allen anderen Männern gegenüber so erfolgreich praktizierte?

Dawn Barris war 27 Jahre alt. Sie war blond und hatte dunkelblaue Augen. Es gab wenige Männer, die sie hübsch fanden. Die meisten sagten übereinstimmend, dass sie schön sei. Aufregend. Sexy. Und was Männer sonst noch sagen, wenn eine Frau ihren Puls beschleunigt.

Sunny arbeitete seit fünf Jahren für Jack – meistens im Büro, manchmal auch im Außendienst. Sie liebte ihre Arbeit, und zuweilen war sie überzeugt, auch ihren Chef zu lieben. Sie fand allerdings nie den rechten Mut, sich diese Tatsache einzugestehen. Sicher war, dass es keinen anderen Mann gab, für den sie sich wirklich interessierte. Umgekehrt sah es schon ein wenig anders aus. Ein Mädchen mit der Figur und dem Gesicht einer Dawn Barris hatte er im Verteilen von Körben notwendigerweise zu einer gewissen Meisterschaft bringen müssen.

Die Tür öffnete sich, als Dawn eine Bemerkung machen wollte, die sich auf Jacks Kompliment bezog.

Hereinspaziert kam ein Mann, der einen großen Nelkenstrauß in der Hand trug.

Der Mann sah aus, als gehörte er zu den Leuten, die die modische Linie bestimmen.

Er war gut und geschmackvoll gekleidet. Im Revers seines dunkelgrauen Anzuges steckte eine rote Nelke. Er war groß und schlank, und er bewegte sich mit der Sicherheit eines Mannes, der einer privilegierten Klasse angehört.

Tatsächlich war Anthony Gilford etwas mehr als nur ein x-beliebiger FBI-Agent. Er war in England groß geworden und hatte in Oxford studiert. „Ein bisschen Bildung kann nicht schaden“, pflegte er oft bescheiden anzumerken.

Anthony Gilford liebte eine Menge Dinge. Er liebte Goethe und deutsche Klassiker (ohne deshalb Shakespeare oder Emerson zu verschmähen) Er liebte Whisky-Soda, und er liebte seinen Beruf. Vor allem aber liebte er Dawn Barris.

Er wickelte den Nelkenstrauß aus dem Cellophanpapier und überreichte ihn Dawn Barris mit einer Verbeugung. „Ein kleiner Tribut an eine große Schönheit.“

Dawn Barris lachte. Obwohl sie wusste, dass Anthony ein enorm tüchtiger Beamter war, hatte sie noch nicht gelernt, ihn wirklich ernst zu nehmen. Vielleicht lag das an Anthonys zuweilen leicht barock wirkender Art des Werbens.

„Sie verwöhnen mich, Anthony!“

„Es ist mein sehnlichster Wunsch, Sie ein ganzes Leben lang zu verwöhnen“, seufzte Anthony. „Aber bis jetzt haben Sie davon ja leider nichts wissen wollen!“

„Sie dürfen das Rennen nicht aufgeben, Partner“, meinte Jack grinsend. „Nur sollten Sie gelegentlich die Methode wechseln. Mädchen schätzen das Neue. Warum bringen Sie ihr immer Nelken? Versuchen Sie‘s doch mal mit Orchideen.“

„Orchideen sind ordinär“, stellte Anthony fest. „Genau das richtige für Neureiche. Sie wissen, dass ich Parvenüs hasse, Jack.“

„Sie sind eben ein Snob.“

„Vielen Dank. Die meisten Snobs haben wenigstens noch Prinzipien. Snob sein verpflichtet.“

Jack grinste. „Aus Ihnen spricht die Weisheit Ihrer fünfundvierzig Jahre!“

Anthony Gilford räusperte sich. „In Fragen des Taktes werde ich mich Ihnen immer – pardon – überlegen fühlen, Jack. Es ist nicht gerade nett, in Miss Barris‘ Gegenwart mein Alter zu erwähnen!“

„Sie sehen mindestens vierzehn Tage jünger aus“, meinte Jack. „Tröstet Sie das?“

Anthony Gilford verdrehte die Augen. „Warum muss ich nur mit einem solchen Menschen zusammenarbeiten?“

„Niemand zwingt Sie dazu.“

„Doch“, sagte Anthony lächelnd. „Die Vernunft. Ich muss Ihnen leider attestieren, dass Sie einen Kopf mit hinreichend entwickeltem Denkapparat auf den Schultern tragen. Davon möchte meine Dienststelle auch diesmal profitieren.“

„Soll das heißen, dass Sie in dienstlicher Mission hier sind?“, fragte Jack.

„Ihr Scharfsinn raubt mir den Atem“, spöttelte Anthony Gilford.

Jack grinste. „Und so was will mir Takt beibringen! Was soll Sunny jetzt denken? Sie hat sicherlich geglaubt, dass Sie ihretwegen gekommen sind!“

Dawn lachte. „Jetzt muss ich Mr. Gilford in Schutz nehmen. Sie sind wirklich schrecklich, Jack!“

„Der schreckliche Jack Braden“, meinte Jack. Er gab den Weg in sein Privatbüro frei. „Das wäre ein Slogan, um meine Gegner zu schockieren, was?“

„Der Mann, um dessentwillen ich zu Ihnen komme, dürfte sich von derlei Phrasen nicht beeindrucken lassen“, sagte Anthony Gilford und betrat Jacks Office. „Was hat Sie eigentlich die Einrichtung Ihres Büros gekostet, Jack?“

„Genug, um fette Honorare zu verlangen“, sagte Jack. „Wollen Sie einen Whisky?“

„Sie kennen ja meine Marke?“

„Ich würde nicht wagen, Ihre wählerische Zunge mit einem amerikanischen Bourbon zu beleidigen.“

„Das wäre das Ende unserer Freundschaft.“

Dawn erschien auf der Türschwelle. „Ich erledige das schon.“ Sie blickte Jack an. „Orangensaft?“

Jack nickte und schob dem Besucher einen Sessel zurecht. „Darf ich Ihre Lordschaft ersuchen, Platz zu nehmen?“

Anthony Gilford setzte sich in einen der bequemen Sessel. Er strich die Bügelfalte glatt, bevor er die Beine übereinander legte. „Wir sind hinter einem schweren Jungen her“, sagte er und nahm ein Foto aus seiner Brieftasche. „Wir haben sein Bild, und wir kennen seinen Namen. Aber bis jetzt haben wir es nicht geschafft, ihn zu erreichen.“

Jack betrachtete das Foto, das Anthony Gilford ihm reichte. Auf dem unteren Rand des Bildes stand der Name. „Den werdet ihr nie kriegen“, sagte er.

„Wieso?“

„Weil er tot ist“, erwiderte Jack.

Anthony Gilford beugte sich nach vorn. „Tot? Wieso?“

„Auf diese Frage weiß ich keine Antwort. Aber wenn das, was mein Gewährsmann mir sagte, den Tatsachen entspricht, dann ist Melvin Douglas tot.“

„Was ist das für ein Gewährsmann?“, wollte Anthony Gilford wissen.

„Tut mir leid, Anthony – aber den Namen darf ich Ihnen nicht nennen.“

„Er ist ein Klient von Ihnen, Jack?“

„Ja.“

„War er mit Douglas befreundet?“

„Nein, er hat ihn nicht gekannt. Aber heute Nacht lag Melvin Douglas tot in seinem Wohnzimmer.“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, fragte Anthony Gilford konsterniert. Obwohl er es nicht schätzte, sich der Vulgärsprache zu bedienen, passierte es ihm gelegentlich, dass er sich der Ausdrücke seiner Militärzeit erinnerte.

„Keineswegs“, sagte Jack. „Was hat es mit Melvin Douglas auf sich?“

„Das erfahren Sie gleich. Wo ist der Tote jetzt?“

„Verschwunden.“

„Wohin?“

„Keine Ahnung.“

„Er kann doch nicht einfach verschwinden.“

„Aber genau das ist passiert. Mein Gewährsmann kehrte heute morgen gegen drei Uhr in seine Wohnung zurück. Im Wohnzimmer fand er einen Toten. Mit Kopfschuss. Mein Gewährsmann – ich will ihn Mr. B nennen – wusste nicht, was er tun sollte.“

„Warum hat er nicht einfach die Polizei angerufen?“, unterbrach Gilford verwundert.

„Gerade das wollte er vermeiden. Aus zwei Gründen. Er ist prominent und befürchtet einen Skandal, und außerdem ist er verheiratet. Da er die Nachtstunden bei einer anderen Frau verbrachte, stand zu erwarten, dass diese Tatsache bei einer polizeilichen Untersuchung ans Tageslicht und seiner Frau zu Ohren gekommen wäre. Mr. B wandte sich also an mich. Ich sagte ihm klipp und klar, dass bei einem Mord alle Rücksichten unter den Tisch zu fallen hätten. Wir fuhren zu ihm in die Wohnung. Aber der Tote war nicht mehr da.“

„Nicht mehr da“, echote Anthony Gilford verblüfft. „Man hat ihn also weggebracht?“ „Allerdings – vorausgesetzt, dass er wirklich tot war.“

„Sie haben doch eben behauptet, er sei tot gewesen!“

„Ich sage nur das, was mein Gewährsmann mir erklärt. Ich habe den Mann nicht gesehen. Ich weiß nicht, ob er tot war.“

„Ich denke, er hatte einen Kopfschuss?“

„Das sagt Mr. B.“

„Glauben Sie ihm nicht?“

„Doch, ich glaube ihm.“

„Aber?“

„Ach nichts – es ist noch zu früh, darüber zu sprechen. Übrigens habe ich eine kleine, aber sehr wichtige Tatsache unerwähnt gelassen. In der Diele entdeckten wir das Feuerzeug von Melvin Douglas. Es trägt seinen Namen.“

„Das kann ein Trick sein“, meinte Anthony Gilford.

„Stimmt – Melvin Douglas könnte es darum gehen, sich den Nachstellungen der Polizei zu entziehen. Er hätte auf den Gedanken kommen können, seinen Tod zu inszenieren.“

„Richtig“, nickte Gilford. „Er lässt einen Mann umbringen, der ihm ähnlich sieht, legt den Toten in die Wohnung eines Prominenten, lässt sein Feuerzeug zurück – und sorgt dann dafür, dass die Leiche wieder verschwindet. Denn eine Untersuchung der Leiche würde natürlich ergeben, dass es sich bei dem Toten gar nicht um Melvin Douglas handelt.“

„Die Sache hat nur einen Haken“, meinte Jack. „Der oder die Täter haben versucht, sich in den Besitz des Feuerzeuges zu bringen.“

„Wann?“

„Kurz nachdem ich Mr. B verlassen hatte. Er wurde in seiner Wohnung überfallen.“

In diesem Moment ertönte im Büro ein lauter Summton.

Jack sprang auf und tastete zur Tür.

„Was ist los?“, fragte Anthony Gilford verblüfft.

„Die Alarmanlage“, erwiderte Jack, der bereits die Tür erreicht hatte. „Irgend jemand ist in meine Wohnung eingedrungen!“



5

Jack hastete die Treppe nach oben.

Anthony Gilford folgte ihm.

Die Wohnungstür stand halb offen.

Als Jack durch die Diele eilte und das Wohnzimmer betreten wollte, prallte er mit einem etwa zwanzigjährigen Burschen hart zusammen.

Der Unbekannte war groß und kräftig; er trug Blue Jeans, ein kariertes Hemd, und eine Lederjacke. Außerdem trug er ein Messer bei sich. Er hatte es aufgeklappt in der rechten Hand.

Die Augen des Ertappten funkelten gefährlich. Jack erkannte, dass es Furcht war, die Angst des Überraschten. Jack wusste, dass Menschen, die sich fürchten, sehr ernst zu nehmen sind. Insbesondere dann, wenn sie ein Klappmesser bei sich haben.

Jack unterlief den Gegner mit einem Judotrick.

Mit der Schmalseite der Hand traf er das Gelenk des jungen Burschen.

Das Messer klirrte zu Boden.

Der junge Mann stieß einen Fluch aus und schickte einen linken Haken in die Höhe.

Jack erwischte es am Kinn, hart, aber nicht hart genug, um Wirkung zu zeitigen.

Jack gab seiner Rechten eine Chance, sich zu bewähren.

Der Schlag landete auf dem Punkt.

Der junge Mann gab einen gurgelnden Laut von sich, wie ein Sumpf, der einen Stein verschluckt. Dann sackte er in die Knie. Einen Moment schwankte er noch mit dem Oberkörper hin und her, als könnte er sich nicht entschließen, wohin er sich legen sollte. Dann fiel er mit der Stirn nach vorn.

„Saubere Arbeit“, lobte Anthony Gilford.

Jack gab keine Antwort. Er bückte sich und klopfte den Burschen nach Waffen ab.

„Er hatte bloß das Messer bei sich“, meinte er dann und richtete sich auf.

„Ein unangenehmer Typ“, bemerkte Anthony Gilford und verzog angewidert das Gesicht. „Sehen Sie sich bloß die Mähne an – ich wette, er schmiert sich jeden Morgen ein Pfund Brillantine hinein. Wie ist er bloß in die Wohnung gekommen?“

Jack sah sich im Wohnzimmer um. Er konnte keine Veränderung bemerken. Nur auf dem Tisch stand eine kleine, schwarze Ledertasche. Jack warf einen Blick hinein. Die Tasche war mit allerlei Werkzeugen gefüllt. „Unser Freund ist Schlosser“, stellte er fest. „Offenbar kennt er sich im Umgang mit Sicherheitsschlössern aus.“

Der junge Mann wälzte sich stöhnend zur Seite. Er blinzelte, als er die Augen öffnete.

„Wie fühlen Sie sich, mein Freund?“, fragte Jack.

Der junge Bursche fasste an sein Kinn. Er bewegte die Kinnlade und machte ein unglückliches Gesicht. „Sie hatten Schwein“, meinte er. „So einen Sonntagstreffer können Sie nicht wiederholen.“

„Das käme auf einen Versuch an“, meinte Jack. „Wollen wir es gleich noch mal probieren?“

„Vielen Dank, ich bin bedient“, sagte der junge Mann und rappelte sich in die Höhe. Er ließ sich in einen Sessel fallen und streckte die Beine weit von sich. „Haben Sie was zu trinken da?“, fragte er und blickte aus ziemlich hellen, graublauen Augen zu Jack in die Höhe. „Meine Kehle ist wie ausgedörrt.“

„Das bricht mir das Herz“, sagte Jack. „Haben Sie besondere Wünsche? Darf es ein Mokka Melange sein? Oder vielleicht ein trockener Sherry?“

„Ein Glas Wasser genügt.“

„Ich hol es ihm“, sagte Anthony Gilford und verschwand.

„Wer sind Sie?“, fragte Jack.

„Der Weihnachtsmann“, sagte der Bursche grinsend.

„Sie haben sich ‘ne nette Verkleidung ausgewählt.“

„So ist das nun mal beim Weihnachtsmann. Er hat immer nette Einfälle.“

„Die hab ich auch“, meinte Jack. „Was glauben Sie wohl, was ich mit Ihnen machen werde?“

„Das ist mir völlig klar. Sie werden mich den Polypen übergeben, und die werden mich einlochen.“

„Das lässt Sie ziemlich kalt, was?“

„Wissen Sie, wie viele Jahre meines hoffnungsvollen jungen Lebens ich schon in Gefängnissen zugebracht habe?“

„Sie sind dafür noch viel zu jung.“

„Erziehungsanstalten sind schlimmer als Gefängnisse“, sagte der junge Bursche.

„Aber anscheinend sind Sie ganz wild darauf, wieder hineinzukommen.“

„Daran habe ich mich gewöhnt. Es ist ein Teufelskreis.“

„Was wollten Sie in meiner Wohnung?“

„Ich dachte, ich könnte mir ein paar Ihrer hübschen Pistolen schnappen.“

„Sie sehen nicht aus wie jemand, der viel Verständnis für alte Waffen hat. Oder wollten Sie die Dinger verkaufen?“

„Genau“, sagte der junge Mann. „Antiquitäten bringen heutzutage viel Geld.“

„Und manchmal viel Ärger.“

„Ich bin Kummer gewohnt.“

Anthony Gilford kehrte mit einem Glas Wasser zurück. Er gab es dem Burschen. Der trank es mit einem langen, durstigen Zug leer und stellte es dann beiseite. „Jetzt fühle ich mich schon bedeutend wohler.“

„Nun rücken Sie mal mit der Wahrheit heraus“, sagte Jack.

„Okay – ich sollte Ihre Pistolen klauen. Wie oft muss ich das wiederholen?“

„In wessen Auftrag?“

„Er nennt sich Little Joe. Früher war er mal Rennjockey. Irgendwie hat er erfahren, dass Sie ‘ne wertvolle Sammlung von verklemmten Schießeisen besitzen.“

Jack trat an das Sideboard. Er öffnete die obere Schublade und blickte hinein. Dann schloss er die Lade und wandte sich um. „Stehen Sie mal auf!“

„Ich sitze ganz gut“, sagte der junge Bursche.

Jack ging auf ihn zu und riss ihn in die Höhe. „Ihre Manieren gefallen mir nicht, mein Freund.“

Der junge Bursche versuchte auszuholen, aber noch ehe er es schaffte, einen Schlag zu landen, sackte er bereits, von einem knallharten Haken getroffen, in den Sessel zurück.

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Jesse Trevellian und der Polizistenmörder (Alfred Bekker)

Tardelli und die Diamanten (A.F.Morland)

Ein Toter für Mister Finch (Cedric Balmore)

Das gnadenlose Syndikat (Cedric Balmore)

Das Haus der tausend Keller (Cedric Balmore)

Robbies Coup (Alfred Bekker)

Geldgier ist des Menschen Tod (Bernd Teuber/Richard Hey)

Der Klinik-Mörder (Alfred Bekker)

Sie sind erledigt, Mister McKee! (Cedric Balmore)

Mörder mit blutigen Rosen (Cedric Balmore)

Henkersmahlzeit mit Zyankali (Cedric Balmore)

Der Amok-Mann (A.F.Morland)

Trevellian - die nächste Bombe trifft bestimmt (Cedric Balmore)

Seit Stunden war Theo Kossler von einer nervösen Unruhe erfüllt. Der Grund dafür lag in den Geschäften, die er tätigte. Vorausgesetzt, man konnte so etwas als Geschäft bezeichnen. Doch diesmal hatte er sich verrechnet. Sein Vorhaben verlief nicht so wie erwartet. Er brauchte Hilfe. Und zwar so schnell wie möglich. Aber an wen sollte er sich wenden? Die Polizei? Nein, unmöglich. Wenn er das tat, war sein Leben nichts mehr wert. Außerdem würden sie ihn sofort einsperren.

Kossler musste jemanden finden, dem er vertrauen konnte. Er fühlte sich ausgesprochen unwohl. Sein Gang wurde unsicher. Er begann zu taumeln. Erst nach einigen Minuten gewann er seine Fassung wieder. Seine Gestalt straffte sich unwillkürlich. Seine Augen flackerten nicht mehr, und auch die Hände blieben ruhig. Er suchte er die Gelben Seiten hervor und schlug den Buchstaben ‚P‘ auf. Kossler war erleichtert, als er gefunden hatte, was er suchte. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer im Berliner Stadtteil Charlottenburg.

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955965
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
killer september krimi-paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • Richard Hey (Autor:in)

  • Bernd Teuber (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

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Titel: 13 Killer im September 2021: Krimi-Paket