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Die besten 11 Krimis im September 2021: Krimi Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) Uwe Erichsen (Autor:in) Theodor Horschelt (Autor:in) Horst Bieber (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) Franc Helgath (Autor:in)
2021 1100 Seiten

Leseprobe

Die besten 11 Krimis im September 2021: Krimi Paket

Alfred Bekker, Horst Bieber, Cedric Balmore, Uwe Erichsen, Franc Helgath, A.F.Morland, Theodor Horschelt

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Alte Freundin braucht Hilfe (Horst Bieber)

Kubinke und der kommende Tod (Alfred Bekker)

Die mörderischen Zwillinge (Cedric Balmore)

Jesse und das Schlitzohr (Cedric Balmore)

Überrrollt (Uwe Erichsen)

Der Zeuge, den ich töten wollte (Cedric Balmore)

Spur in den Abgrund (Theodor Horschelt)

Das Rätsel der silbernen Spinne (Cedric Balmore)

Bount Reiniger und der Psychopath (Franc Helgath)

Drei Tage bis zur Katastrophe (A.F.Morland)

Kommissar Jörgensen und der Serienkiller (Alfred Bekker)


Elga, die charmante, junge Frau Colonel Ashburtons, die erst vor wenigen Jahren aus Ungarn nach England geflüchtet war, verschwindet spurlos. Inspector Taggart und sein Adlatus Sergeant Hulbert vom C.I.D., Scotland Yard, wittern schon bei Aufnahme der Ermittlungen, welche Ausmaße der Fall haben würde — und sie sollen recht behalten. Die Tatsache, dass der Colonel leitender Beamter im Kriegsministerium ist, deutet auf eine mögliche Entführung Mrs. Ashburtons, auch Spionage ist nicht auszuschließen, deshalb wird Major Playford von der Abwehr hinzugezogen. Elgas Verschwinden setzt eine Lawine in Gang: Alte, ungeklärte Fälle erscheinen in neuem Licht und Leute tauchen wieder auf, die schon seit Jahren tot sind — und am Ende kommt alles anders ...


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

Alte Freundin braucht Hilfe


Kriminalroman von HORST BIEBER


Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.


Hauptkommissar Rudolf (Rudi) Herzog arbeitet im LKA-Referat Zeugenschutz und übernimmt den Schutz der als Zeugin in einem Mordprozess geladenen Isa Vandenburg , die Rudi seit der Grundschule kennt und mit der er einmal auch ein Ferienverhältnis gehabt hat, was er allerdings im Amt den Kollegen verschweigt.

Viele fürchten Isas Kenntnisse und folglich ihre Aussage vor Gericht, und bis zu ihrem Auftritt in der Verhandlung werden auch mehrere Anschläge auf sie verübt, die zwar alle abgewehrt werden können, aber Rudi langsam daran zweifeln lassen, dass er es mit einer unschuldigen, zu Unrecht verfolgten Schönheit an seiner Seite zu tun hat...


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Personen

Rudolf (Rudi) Herzog (40): Kriminalhauptkommissar in der Abteilung Zeugenschutz des LKA Hessen

Isa Vandenburg (40): Eine zu schützende Zeugin, Grundschulfreundin von Rudi Herzog

Ilka Vandenburg (38): Isas Schwester, lebt zur Zeit im Schlangenbader Haus ihrer Schwester Isa

Julia und Jonas Vandenburg (beide 16): Isas Zwillinge

Paul Fichter: Rudis Gruppenleiter

Detlef Brock: Kriminalrat, Chef der Abteilung Zeugenschutz

Ullrich Schiefer: Hälftiger Eigentümer der Firma Utom Import & Export

Tomasio Lucano: Schiefers Utom-Partner, ist ermordet worden

Boris Stepkow: Verurteilter Mörder des Tomasio Lucano

Wilfried Lederer: Staatsanwalt

Andrea Sturm: Staatsanwältin

Alexander Dorberg: Essener KHK i.R.

Erwin Hösel: Vorsitzender Richter einer Strafkammer in Wiesbaden

Timo Reufels: Schlechter Pokerspieler mit hohen Schulden

Hugo Klimmt: hilfsbereiter Klempnermeister und Geschäftsbesitzer


Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.



Dienstag, 10. Juni

Die vier Männer und die Frau, die seit Stunden in dem abhörsicheren Konferenzraum des Landeskriminalamtes saßen, kannten sich alle seit Jahren und verstanden sich normalerweise recht gut. Aber mittlerweile war die Stimmung in der Runde fast so schlecht wie die Luft. Die Lautstärke hatte zugenommen, der Ton war schärfer geworden, die Argumente bissiger. Doch Fortschritte hatten sie nicht erzielt.

„Sie müssen uns helfen“, schloss Peter Lössmann, Hauptkommissar im Referat Organisierte Kriminalität, sein eindringliches Plädoyer. Kriminalrat Detlef Brock, Leiter der Abteilung Zeugenschutz, antwortete so stur und unfreundlich wie schon die ganze Zeit zuvor: „Wir müssen gar nichts, Herr Kollege. Wir sollen eine Zeugin zu einem bestimmten Zeitpunkt lebend und aussagefähig in einem Gerichtssaal abliefern, nicht mehr und nicht weniger. Was uns hoffentlich gelingt. Sobald der Vorsitzende diese Frau aus dem Zeugenstand entlässt, gehört sie Ihnen. Bis dahin werden wir sie beschützen und nicht vernehmen. Wir sind keine Ermittler und wollen auch nicht in den Verdacht geraten, anderen Referaten zu dienen.“

„Aber sie ist im Moment die wichtigste Zeugin für das, was sich bei dieser Utom Import und Export abgespielt hat.“

Brock blieb stur. „Das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn das so ist, hätten Sie sie vielleicht gründlicher vernehmen sollen, bevor sie nach dem Unterschreiben ihrer Aussage fortgehen durfte.“

„Herr Lederer kann bestimmt erklären, warum zu diesem Zeitpunkt noch kein Verfahren gegen Utom eingeleitet war.“

„Das habe ich doch schon mehrmals“, knurrte Staatsanwalt Wilfried Lederer. „Ein Anfangsverdacht ergab sich erst, nachdem wir mit der Familie Lucano gesprochen hatten. Und die musste für eine Fahrt aus dem tiefsten Süden Siziliens drei Tage mit den langsamsten Bummelzügen anreisen, weil sie angeblich kein Geld für Flugtickets besaß. Danach haben wir sofort versucht, mit der Zeugin erneut zu sprechen. Doch die war an einen unbekannten Ort 'verreist', sobald sie bei uns ihre Aussage gegen Schiefer unterschrieben hatte.“

„Gut verständlich“, lachte Paul Fichte, Leiter der Gruppe, die den Schutz der Zeugin übernommen hatte. „Sobald sie über Utom singt, müssen viele in Deutschland um ihre Freiheit und im schönen Italien um ihr Leben fürchten.“

„Sie können einem richtig Mut machen“, flötete die Frau spitz. Staatsanwältin Andrea Sturm war erst seit zwei Jahren dabei und hielt viele Horror-Geschichten über die Mafia und die Camorra für übertrieben.

„Das war nicht meine Absicht, Frau Staatsanwalt.“

„Darf ich Ihnen eine Frage zu ihrer beruflichen Tätigkeit stellen?“

„Natürlich.“

„Sie halten es also für möglich, dass jemand die Zeugin noch vor dem Auftritt im Gericht umbringt und Sie das nicht verhindern können.“

Fichte warf einen Blick auf seinen Vorgesetzten Brock und seufzte. „Das ist leider nicht so einfach. Seit diesem verdammten Zeitungsartikel wissen Schiefer und sein Anwalt, was Schiefers frühere Mitarbeiterin aussagen wird. Wenn sie zwei oder drei Tage vor ihrem vorgesehenen Zeugen-Auftritt in einem Kühlfach einer Gerichtsmedizin landet, wird jeder Mensch, auch ein erfahrener Kammervorsitzender, vermuten, da ist also was dran, was sie über Schiefer und die Utom beim Staatsanwalt ausgesagt hat und unter Eid wiederholen wollte respektive sollte. Ob sich Schiefer einen Gefallen tut, wenn er jetzt ein Killerkommando losschickt, steht sehr dahin.“

„Aber die vielen Geschäftspartner von Utom, die die Kenntnisse der Zeugin fürchten müssen, wären erleichtert.“

„Vielleicht sogar in doppelten Hinsicht, Frau Staatsanwalt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Schiefers Geschäftspartner wären eine gefährliche Belastungsquelle los und möglicherweise auf Jahre einen langjährigen Partner, der nach aller Aufmerksamkeit, die er schon erregt hat, mehr eine Belastung geworden denn ein zuverlässiger Geschäftspartner geblieben ist.“

Brock mischte sich ein. „Fichte will sagen, dass wir es unter Umständen mit zwei Gruppen zu tun haben, die hinter der Zeugin Vandenburg her sind. Für Schiefer wäre es ideal, wenn sie erst im Zeugenstand widerrufen würde – womit ihre Glaubwürdigkeit im Fall Schiefer und bei allen späteren Verfahren zum Teufel wäre – und eine Gruppe, für die es am sichersten wäre, die Zeugin schon vorher zum Schweigen zu bringen.“

Staatsanwalt Lederer mischte sich ein: „Es gibt nicht nur zwei Gruppen, die an der Zeugin interessiert sind, sondern drei. Vergessen Sie die Familie Lucano nicht, die einem 'Ehrenkodex' verpflichtet ist, den unser Gesetzbuch nicht akzeptiert.“

„Also Blutrache?“, fragte Andrea Sturm ungläubig.

„Am Ende läuft es darauf hinaus, ja. Wie es übersetzt genau heißt, weiß ich nicht.“

Fichte holte tief Luft: „Wir halten es für denkbar, dass Schiefers Konkurrenten und Feinde die Vandenburg so schnell wie möglich ins Grab bringen wollen, damit Schiefer für Jahre hinter Gittern verschwindet und die Konkurrenz sein Geschäft übernehmen kann. Genauer: die Verbindungen und Kontakte aufnimmt oder an sich zieht, dank derer Utom erfolgreich war.“

„Großartig“, platzte Andrea Sturm heraus, „das macht das alles so klar und übersichtlich.“

Brock und Lössmann zuckten die Achseln. Es war die erste Gemeinsamkeit in der langen Sitzung. Fichte sagte trocken: „Die Zeugin Vandenburg ist zumindest Mitwisserin strafbarer Handlungen. Wie weit sie Beihilfe geleistet hat, muss die Justiz entscheiden.“


*


Bodo Zoller, den sie wegen seiner akzentfreien deutschen Sprache und seines „nordischen Aussehens“ zum Verbindungsmann bestellt hatten, traf sich mit seinem „Objekt“ wie gewöhnlich abends spät in ihrer Wohnung. Er traute ihr seit dem Zeitungsartikel über die Aussage der Vandenburg bei Staatsanwalt Lederer nicht mehr hundertprozentig, obwohl sie schwor, sie sei in diesem Fall nicht die Quelle für den Journalisten gewesen. „Tut mir leid, Bodo, ich habe nur diese GPS-Angaben. Über alles andere wird eisern geschwiegen.“

„Weißt du wenigstens, ob und wie sie bewaffnet und ausgerüstet sind?“

„Wie üblich, MP, ein G 200 und Nachtsichtgeräte.“

„Danke.“ Sie zog ihr Shirt hoch, und er schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, heute kann ich nicht bleiben. Wir müssen uns noch heute vor völliger Dunkelheit das Gelände und die Umgebung anschauen. Ein andermal gern, mein Schatz, versprochen.“

Der blauäugige Riese Bodo war gerade fünf Minuten weg, als es an ihrer Wohnungstür klingelte. Marcel – der Teufel mochte wissen, wie er richtig hieß – schien zu ahnen, was der Besucher vor ihm falsch gemacht hatte. Als erstes legte er ein Bündel Geldscheine auf den Tisch, dann griff er ihr in den Schritt und begann mit der anderen Hand, unter dem Shirt den Verschluss ihres BHs aufzuhaken. Sie schnallte schon seinen Gürtel auf. Nach dem zweiten Höhepunkt gab sie ihm freiwillig einen Zettel mit den Daten, die sie auch Bodo ausgehändigt hatte, und bezog das Bett neu, bevor sie duschte. Marcel hatte zweitausend Euro auf ihrem Tisch zurückgelassen. Sie nahm die Hälfte und stieg eine Treppe hoch, klingelte. „Hei, Andy. Ich haben mein ausgeliehenes Geld bekommen und kann dir jetzt dein Geld zurückgeben.“

„Prima. Darauf einen Schluck?“

„Aber immer.“ Sie strich sich über Hüften und Busen, was ihm nicht entging. Reizvoll war sie nicht, aber im Bett erfahren und jederzeit willig. Sie hatte Bodo und Marcel im Rondeau getroffen. Sie ging häufiger in das Lokal, weil hier Männer Frauen aufgabelten, die deswegen auch in diesen düsteren Schuppen kamen.

„Dann komm rein.“ Sie ging um Mitternacht in ihre Wohnung zurück. Das hatte ja alles geklappt wie bestellt. Sie kassierte für ihre Auskünfte immer gern zweimal und musste nur darauf achten, dass sich Bodo und Marcel nicht zufällig bei ihr trafen.



Mittwoch , 11. Juni

Der Chef hatte schlechte Laune, alle hatten es ihm schon angesehen, als er zur Morgenbesprechung in das Konferenz-Zimmer kam. Seine Haare standen wild vom Kopf ab. „Mal herhören!“, schnarrte er, „ich habe schlechte Nachrichten für euch. Kollege Rotter ist heute nacht gestorben.“

„Scheiße!“ - „Verdammt, das gibt’s doch nicht!“ - „Um Himmels willen!“ - „Die armen Kinder!“ - Rotter hatte ein Zwillingspärchen, das in diesem Jahr eingeschult worden war.- „Die arme Frau!“

„Ja“, sagte der Chef bissig, „Das war die erste Katastrophenmeldung. Die zweite ergibt sich logisch daraus. Die Vandenburg hatte wohl Recht mit ihrer Behauptung gegenüber dem Journalisten, es gebe hier bei uns einen Maulwurf.“

„Halt mal“, unterbrach Rudi Herzog seinen Chef energisch und trat einen Schritt vor. „Wie heißt die Zeugin? Vandenburg?“

Paul Fichte nickte.

„Und wie mit Vornamen?“

„Isa.“

„Weißt du zufällig auch, wo sie geboren ist?“

„In Mainz-Kastel, so viel ich weiß. Warum fragst du?“

„Ich bin in Mainz-Kastel mit einer Isa Vandenburg in die Grundschule gegangen. Oder hieß das damals noch Volksschule? So häufig ist der Name Vandenburg ja nun nicht, der Vorname Isa auch nicht.“

„Nee“, sagte der Chef gedehnt. „Rudi, wir reden gleich mal unter vier Augen, einverstanden?“

Rudi Herzog brummte zustimmend und trat in die zweite Reihe zurück. Das gehörte mit zum Schlimmsten, wenn man einen Maulwurf in den eigenen Reihen befürchten musste. Man durfte keinem mehr rückhaltlos vertrauen und musste den Kreis der Mitwisser, bei wichtigen und unwichtigen Einzelheiten, so klein wie möglich halten. Die sieben Kollegen und drei Kolleginnen, die zur Zeit in dieser Gruppe Zeugenschutz arbeiteten, kannten diese Vorsichtsmaßnahmen; keiner liebte sie, aber alle beachteten sie. Der Kollege Rotter könnte vielleicht noch leben, wenn geheim geblieben wäre, wo er sich mit der Zeugin Isa Vandenburg versteckt gehalten hatte. Aber so war gestern Abend das abgelegene Haus im Lesterwald mit Maschinenpistolen und Leuchtspurmunition angegriffen worden. Rotter hatte es dabei mit einem Streifschuss bös erwischt, der ihn sofort außer Gefecht setzte. Die Zeugin Vandenburg konnte später aus dem brennenden Haus fliehen, aber als die von ihr alarmierten Kollegen plus Feuerwehr eintrafen, stand der ganze Bau schon in hellen Flammen. Rotter, der halb drinnen, halb draußen an der Haustür lag, lebte zwar noch, als man ihn bergen konnte, aber die Kugel, der Blutverlust, die Flammen und die eingeatmeten Rauchgase hatten ihm zu stark zugesetzt. Er war heute nacht auf einer Intensiv-Station seinen Verletzungen erlegen. Alle schauten zum Chef hoch, aber der schwieg eisern. Keine Silbe darüber, wo die Zeugin im Moment untergebracht war, kein Wort darüber, ob sie noch lebte, schwer oder nur leicht oder gar nicht verletzt war.

„Wie steht es mit unseren anderen Fällen? Neuigkeiten?“

„Vielleicht“, meldete sich der Kollege Anders zu Wort. „Ich habe gestern gegen 23 Uhr wieder diesen merkwürdigen kleinen Mann mit dem riesigen Köter gesehen. Er stand an der Ecke und wartete wohl auf etwas.“

„Was dann auch gekommen ist?“, wollte der Chef nach einer langen Pause wissen.

„Nein. Gegen Mitternacht ist er mit seinem Hund abgezogen.“

„Hm.“ Paul Fichte sagte nichts weiter. Immerhin war der Kollege Anders so vernünftig gewesen, nicht auf eigene Faust den Eckensteher zu kontrollieren, andererseits aber auch nicht fantasievoll oder selbstbewusst genug, die ganze Truppe zu alarmieren. „Na schön. Sonst noch was?“

„Ja, ich möchte mich beschweren“, antwortete der Kollege Albert Heimerich laut. „Mir ist gestern nacht schon wieder eine Infrarot-Kamera verreckt, natürlich genau in dem Moment, als ich dieses Pärchen knipsen wollte, das schon seit Tagen um das Haus herumschleicht. Können Sie denen in der Werkstatt nicht mal Dampf machen, entweder die Geräte besser in Schuss zu halten oder neue anzuschaffen?“

Das allgemeine Gemurmel verriet, dass Kollege Heimerich mit seiner Beschwerde nicht allein stand.

„Ich werd's versuchen“, versprach der Chef. „Aber Erfolg ist nicht garantiert. Tja, wenn keiner mehr ... okay, Freunde, dann Abmarsch. Rudi.“

Herzog und sein Chef Paul Fichte gingen in das kleine Zimmer des Gruppenleiters.

„Also, Rudi. Setzt dich und schieß mal los!“

„Ich bin in eine Gustav-Stresemann-Grundschule in Mainz-Kastel gegangen. In meiner Klasse war auch eine Isa Vandenburg, ein hübsches Mädchen, was mir natürlich erst sehr viel später aufgefallen ist“ - der Chef grinste breit, über Rudis amouröse Eskapaden und Erfolge klatschte und tratschte das ganze Amt - „dann bekam sie eine Empfehlung für's Gymnasium und ich bin bis zum Einjährigen zur Realschule gegangen, wie das damals wohl noch hieß. Danach haben wir uns nur noch selten gesehen, mal in der Stadt, mal im Schwimmbad, mal im Bus, ihre Familie wohnte ja nicht weit von meinen Eltern. Und mit Isas Schwester Ilka konnte man Pferde klauen.“

„Aha“, knurrte Fichte.

„Habt ihr euch auf der Grundschule gut verstanden?“

„Eigentlich schon. Jedenfalls haben wir uns zum Schluss nicht mehr so geprügelt wie in der ersten und zweiten Klasse. Sie hatte damals einen sehr harten Schlag, keine Angst vor niemandem und ließ sich nichts gefallen.“

„Das heißt, sie vertraut dir heute noch?“

„Das will ich doch stark hoffen, warum fragst du?“

„Ich habe heute schon mit ihr telefoniert. Sie hat sich zwar sehr ordentlich erkundigt, wie es Rotter geht, aber sie war auch stinkwütend, dass man sie doch so schnell gefunden hatte.“

„Muss es denn Verrat gewesen sein?“

„Du kennst das Haus?“

„Ja.“

„An dem Bau kommt doch niemand durch Zufall vorbei. Nee, Rudi, diese Bande hat genau gewusst, wen sie dort antreffen würde.“

„Trotzdem ist Isa entkommen.“

Der Chef zog den Kopf ein. „Musst du immer den Finger in die offenen Wunden legen? Selbstverständlich macht mir das Sorge. Der erfahrene Rotter wird ziemlich gleich zu Beginn ausgeschaltet, die unerfahrene Vandenburg kann später fliehen. Und nicht nur das. Sie hat den noch unbekannten Knaben, der gewaltsam zu ihr ins Zimmer kam, wahrscheinlich, um sie umzulegen, mit einem wunderschönen Kopfschuss erledigt.“

„Kopfschuss? Woher hatte sie eine Waffe?“

„Das wollte sie mir am Telefon nicht verraten. Es sei doch gut, dass sie eine Neun-Millimeter-Beretta gehabt habe. So konnte sie türmen, bevor das Treppenhaus in Flammen aufging, und uns noch über Handy alarmieren.“ Rudi verschluckte die Frage, warum man ihr ein Handy gelassen hatte, das doch angepeilt werden konnte.

„Eine gefährliche Frau“, meinte er stattdessen versonnen.

Der Chef betrachtete ihn halb wehmütig, halb grämlich. „Gefährlich und gefährdet. Erzähl' mal weiter!“

„Das letzte Mal habe ich Isa in Mainz vor dem Bahnhof getroffen. Die drei wollten nach München.“

„Die drei?“

„Isa war schwanger und hatten einen so dicken Bauch, dass ich sie sofort gefragt habe. 'Was wird das denn? Ein Elefant oder eine Kinderkompanie für einen afrikanischen Bürgerkrieg?'

„Du solltest dir deinen Charme patentieren lassen, lieber Rudi!“

„Danke für den Tip. Der Antrag läuft schon. Kein Elefant, aber Zwillinge.“

„Ach nee, das wusste ich nicht; dass sie Kinder hat, steht nicht in den Akten. Hat sie was über den Vater gesagt?“

„Keine Silbe.“

„Aber es gab einen?“

„Biologisch wohl unvermeidlich. Aber wenn du wissen möchtest, ob sie verheiratet oder fest liiert war – das hat sie mir nicht gesagt, und ich habe sie nicht gefragt. Erstens hatte ich es eilig und zweitens bin ich ja nicht taktlos, Chef.“ Fichte verkniff sich eine passende Antwort. „Na schön, Rudi, jetzt überleg' noch mal, wann war das?“

Rudi rechnete und erinnerte sich. Wenige Tage später hatte er die bestandene Aufnahmeprüfung gefeiert, und das war jetzt ziemlich genau siebzehn Jahre her.

Der Chef kratzte sich das Kinn. „Das heißt, wenn sie die Zwillinge vor siebzehn Jahren erwartet und bekommen hat, müssten die jetzt gerade so Teenies sein?“

Beinahe wäre Rudi herausgerutscht: „Sie hat sie bekommen“, aber Paul Fichte hätte dann sofort gefragt: „Woher weißt du das?“

Isa hatte es ihm selbst gesagt, aber das wollte er nicht verraten. Ihre letzte Begegnung vor jetzt fünfzehn Jahren ging niemanden was an, die war nämlich sehr privat gewesen und sehr intim verlaufen. Vor allem hatte sie unter Umständen angefangen, die man kaum glauben konnte.

Rudi lag nämlich in einer Ferienanlage auf Lanzarote im Liegestuhl am Swimmingpool, als eine sehr attraktive Blondine an ihm vorbeigehen wollte, stockte, sich umdrehte, ihn unschlüssig musterte und dann unsicher murmelte: „Rudi? Rudi Herzog aus Mainz-Kastel?“

Er brauchte etwas länger, sie wiederzuerkennen: „Isa Vandenburg aus der Gustav-Stresemann-Grundschule?“

Jahre zuvor, am Mainzer Bahnhof, hatte sie nicht sehr vorteilhaft ausgesehen, dicker Bauch, strähniges Haar und ein verquollenes, bleiches Gesicht, mit Ringen unter den nicht ausgeschlafenen Augen. Das alles hatte sich danach sehr zum Besseren verändert. Ausgesprochen schlank und sportlich, kein Bauch, schmale Hüften, strammer und fester Busen, blonde Locken, blauen Augen und tief gebräunt. Das alles aufreizend verpackt in einem weißen knappen Bikini. Eine sexy Schönheit und, wie sich bald herausstellte, ohne eine ihn störende männliche Begleitung auf der Insel. Schon bei ihrer ersten Verabredung erzählte sie, dass sie gesunde Zwillinge bekommen hatte, Julia und Jonas. Am Abend, als sie nach einem hervorragenden Essen noch einen Wein tranken und dabei auf das abendliche Meer schauten, fragte er nach dem Vater von Julia und Jonas, den Namen wollte sie nicht nennen, nur so viel preisgeben, dass er sie unmittelbar nach der Entbindung aus, wie sie damals schon fand, fadenscheinigen Gründen verlassen hatte. Immerhin habe er die Vaterschaft anerkannt und sich verpflichtet, monatlich sehr anständig Unterhalt zu zahlen – was er tatsächlich noch immer tat. Aber sie musste die Kunstakademie verlassen und sich einen Job suchen. Mit zwei Säuglingen nicht ganz einfach, wie sie klagte. Zum Glück half ihre jüngere Schwester Ilka aus, auch Isas Mutter sprang häufiger ein, und als sie für die Kinder einen verlässlichen Hort gefunden hatte, ging es auch beruflich aufwärts. Ihr damaliger Freund suchte eine zuverlässige Mitarbeiterin und stellte sie zu sehr generösen Bedingungen in seiner Firma Utom Import & Export ein. Jetzt war sie in der Frankfurter Import- und Exportfirma die Sekretärin des einen Chefs und so etwas wie eine Geschäftsführerin mit einem sehr guten Gehalt, einer Gewinnbeteiligung und ziemlich weitreichenden Kompetenzen.

Der Wein war gut, das Meer glitzerte romantisch, der Mond strahlte fast kitschig, und vor dem Eingang ihres Bungalows küssten sie sich lange und heftig, Isa presste sich fest an ihn, nahm ihn aber nicht mit hinein. Die nächsten Tage verbrachten sie vom Morgen bis zum Abend zusammen und schon in der zweiten Nacht ging sie mit ihm ins Bett. Rudi hatte damals keine Freundin, die junge Dame, von der er gehofft hatte, sie würde es werden, hatte sich vier Tag vor dem Abflug kurz und ohne Begründung für immer verabschiedet. Außerdem verstanden Isa und er sich sehr gut, die alte Vertrautheit aus der Grundschulzeit hatte sich, wenn auch in angenehm veränderter Form, erhalten.

Auch, dass er zur Polizei gegangen war, gefiel ihr. Sie drückte ihm die Daumen, dass sein Wunsch, zur Kriminalpolizei zu wechseln, bald in Erfüllung ging. Beamter, das war doch was Solides, und als er begann, sich Hoffnungen zu machen und heimlich Pläne zu schmieden, bekam sie einen Anruf aus Frankfurt und gleich danach veränderte sich ihr Verhalten.

Zwar schliefen sie noch immer jede Nacht miteinander, aber er hatte gleichwohl den festen und unangenehmen Eindruck, dass sie sich zurückzog. Sie musste vor ihm nach Deutschland zurückfliegen, und am Abend, als sie schon gepackt hatte, gestand sie ihm, dass sie in Frankfurt von einem Mann erwartet wurde.

„Rufe mich bitte nicht an, Rudi.“

„Willst du mir nicht sagen, wer auf dich wartet?“

„Nein, das möchte ich nicht. Es war wunderschön mit dir, ich werde dich und diese herrlichen Tage und Nächte nie vergessen. Aber es war leider nur ein schöner Urlaub vom Alltag und in meinem Alltag ist die Position des festen Liebhabers schon besetzt.“ Er dache, einer der alten Vulkane der Insel sei erneut ausgebrochen und er werde gerade von glühender Lava verschüttet. Doch sie blieb hart und ließ sich nicht umstimmen. Vor fünfzehn Jahren hatte er Isa das letzte Mal gesehen, als sie morgens in den Bus stieg, der sie zum Flughafen in Arrecife brachte.

Rudi hatte lange gebraucht, um über diese herbe Enttäuschung hinwegzukommen, und noch länger hatte es gedauert, bis er nachts nicht mehr von Isa träumte oder andere Frauen, die er kennen lernte, mit ihr verglich. Das alles konnte und wollte er dem Chef nicht auf die Nase binden. Denn der hätte ihn dann auf keinen Fall im Schutzprogramm Vandenburg mitarbeiten lassen, und in der Sekunde, in der Rudi von Rotters Unglück gehört hatte, stand für ihn fest, dass er Isa wiedersehen wollte, beruflich zuerst, dann hoffentlich auch privat. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, als sie ihn auf Lanzarote verließ, heute war sie vierzig, und in dem Alter sah die Welt auch für sie sicher anders aus.

„Was überlegst du, Rudi?“

„Ich überlege, wo der Haken sein kann.“

„Welcher Haken?“

„Warum fragst du mich nicht direkt, ob ich Rotters Stelle bei Isa Vandenburg einnehmen will?“

„Weil ich nicht weiß, ob sie denn überhaupt weiterhin Polizeischutz haben will.“

„Dann rufe sie doch an und frage sie einfach.“

„Das kann ich nicht.“

„Und warum nicht?“

„Wir haben uns heute natürlich auch darüber unterhalten, wie die Bande ihr auf die Spur gekommen sein kann.“

Rudi ging ein Licht auf. „Hat man ihr Handy angepeilt oder über die Funkzelle gefunden?“

Fichte hob die Hände zur Decke.

„Ist doch möglich, oder? Jedenfalls wusste sie sofort, wovon ich sprach und hat mir freiwillig zugesichert, sie würde unmittelbar nach Ende unseres Gesprächs ihr Handy ausschalten. „Was sie auch getan hat, ich habe sie gerade eben vor unserem Gespräch schon nicht mehr erreicht.“

„Und wohin hast du sie geschickt?“

„In die Erbsensuppe.“

„Das heißt ...?“

„Das heißt, dass du auf gut Glück hinfahren müsstest und fragen darfst, sind Sie oder bist du einverstanden, dass ich Sie oder dich künftig bei Tag und Nacht beschütze? Wenn wir viel Glück haben, sagt sie ja.“

„Hast du ihr die Waffe abgenommen?“

„Nein.“

„Dann ist auch ein anderer Ablauf denkbar. Ich will in ihr Zimmer kommen und sie wird nervös. Eine gute Schützin soll sie ja sein und in ihrer Nervosität verpasst sie mir auch einen prächtigen Kopfschuss. Ich weiß nicht, ob ich das überlebe, Chef.“

„Quatschkopf. Gib dir Mühe und sei vorsichtig, ich habe überhaupt den Eindruck, das empfiehlt sich bei dieser Frau ohnehin. Lederer hat mich auch gewarnt.“

„Okay, ich fahre hin und versuche sie umzustimmen. Für alle Fälle werde ich dafür sorgen, dass unsere Handys abgeschaltet und täglich nur zwischen 17 und 18 Uhr eingeschaltet sind. In der Zeit werde ich dich auch anrufen, wenn nicht vom Handy, dann von irgendwoher über's Festnetz. Es soll ja auch noch funktionierende Telefonzellen geben. Von den Kollegen erfährt niemand, mit welchem Auftrag ich unterwegs bin. Wie steht's mit Spesen?“

„Wenn ich sage, kein Limit, heißt das nicht, dass du versuchen sollst, eine Spielbank zu sprengen.“

„Ich würde den Gewinn ungeschmälert bei Vater Staat abliefern.“

„Trotzdem nein.“

„Alles klar. Ich nehme mir eine neue Heckler und Koch mit – keine Angst, ich schieße sie korrekt ein und gebe die Vergleichsprojektile beim Donnerer ab.“

Warum Ewald Thor der Donnerer hieß, musste eigentlich niemandem erklärt werden. Er war zuständig für den Schießkeller und die Waffenkammer des Amtes, führte die Listen, wer welche Waffe bekommen und wer wann seine vorgeschriebenen Schießübungen mit welchen Ergebnis absolviert hatte. Außerdem gab er Schießunterricht, er war ein hervorragender Lehrer und ein noch besserer Schütze.

Der Chef kritzelte schon eine Anforderung einer neue Dienstwaffe für den Kriminalhauptkommissar Rudolf Herzog, Abteilung Zeugenschutz.

„Wie lange darf ich die schöne Isa hautnah begleiten?“

„Du musst sie am Mittwoch, 18. Juni, um elf Uhr lebend im Wiesbadener Landgericht, Mainzer Straße, Saal 15, abliefern. Sie und dieser Boris Stepkow sind auf zehn und elf Uhr als Zeugen geladen. Ich bin zum Termin auf jeden Fall in der Nähe.“

„Okay, alles klar. Bis in acht Tagen um elf Uhr, toi,toi,toi.“ „Halt, Rudi, noch was! Ich habe das dumpfe Gefühl, dass man Isa Vandenburg nicht nur als Belastungszeugin in einem Mordfall braucht, sondern sich von ihr eine Menge Aussagen und Informationen erhofft, die für viele andere, die wir noch nicht kennen, gefährlich sind. Ich fürchte, deswegen haben wir eine Menge unfreundlicher Typen an Isas Hacken kleben, die meinen, nur eine tote Zeugin sei eine gute Zeugin. Augen auf und deine schöne neue Heckler & Koch immer nur mit vollem Magazin herumtragen.“

„Klar, danke, Paul.“


*


Die nächsten Stunden war Rudi Herzog gut beschäftigt. Er holte sich seine neue Pistole, gab im Schießkeller die vorgeschriebene Anzahl von Übungsschüssen ab, bewältigte bei Ewald Thor den Papierkrieg und konnte natürlich wegen der Lärmschützer auf den Ohren keine der neugierigen Bemerkungen des Donnerers verstehen. Die Kantine schenkte er sich, erstens der Qualität wegen und zweitens mit Rücksicht darauf, dass er ab jetzt stumm neben seinen Kollegen und Kolleginnen sitzen musste. Es würde sich schnell herumsprechen, dass Kriminalrat Brock vom Zeugenschutz einen Maulwurf in seiner Abteilung befürchtete. Aber das musste nicht gerade Rudi Herzog verbreiten, auch nicht zusätzlich den an sich richtigen Hinweis, dass die undichte Stelle oder der Verräter auch in der Staatsanwaltschaft sitzen konnte. Zu Hause packte er eine Reisetasche mit Wäsche, Shirts und Socken, goss zum letzten Mal seine Blumen und brachte den Reserveschlüssel zu seiner Nachbarin Anja Wesskamp, die wohl wusste, dass er im Landeskriminalamt arbeitete, aber keine Ahnung hatte, was dort genau seine Aufgabe war.

Sie lächelte ihn an: „Sei vorsichtig und komm' heil wieder, Rudi.“

„Ich werde mir Mühe geben, Anja.“ Es war das erste Mal, dass sie so etwas äußerte. Die hübsche Nachbarin war selbstbewusst, aber auch sehr zurückhaltend, und Rudi hatte sich bisher nicht um sie bemüht.

Gegen 16 Uhr fuhr er los Richtung Gellhausen. „Erbsensuppe“ war der amtsinterne Spottname für ein Versteck bei Linsengericht.


*


Kriminalrat Brock und Hauptkommissar Paul Fichte erreichten zu dieser Zeit schon die Polizeistation in Montabaur, wo Oberkommissar Wilde bereits auf sie wartete. Er lotste sie zum Tat- und Brandort, stieg aber gut hundert Meter davor aus und führte seine Gäste durch einen schmalen Waldstreifen auf eine fußballfeldgroße Wiese. In der Mitte parkten mehrere Autos rund um ein mit Flatterbändern abgesperrtes Viereck.

„Reiner Zufall“, sagte Wilde bedächtig. „Ein uns lange bekannter Jagdpächter hat sich heute morgen zufällig in seinem Revier umsehen wollen und hat dabei die Leiche entdeckt.

„'Zufällig' hören wir nicht gerne, Kollege“, brummte Fichte.

„Na schön“, gab Wilde nach, „uns hat er gesagt, ein Nachbar hätte ihn angerufen, am Rande seines Reviers habe es mächtig gebrannt und er sollte sich besser einmal ansehen, was das Feuer in seinem Revier angerichtet habe. Es ist zwar kühl für die Jahreszeit, aber verdammt trocken, gut möglich, dass die Flammen auf seinen Bezirk übergegriffen haben.“

Brock und Fichte sahen sich mit langen Gesichtern an. „Wissen wir, wer dieser hilfsbereite Nachbar war?“

„Sicher, Namen und Adresse habe ich allerdings auf dem Revier.“

Die Leiche des Mannes sah schrecklich aus. Kein Zweifel, er war von einer Garbe aus einer MP voll getroffen worden.

„Wissen wir, wer er ist?“

„Er hatte Papiere auf den Namen Böttiger bei sich. Sein Auto steht etwa einen Kilometer entfernt unten an der Landstraße.“

„Wann hat es ihn erwischt?“

„Vorgestern gegen 23 Uhr, würde ich denken.“

„Da hat die Hütte nach Aussage dieser Vandenburg schon gebrannt.“

Brock hatte keine Lust mehr: „Auto und Leiche zum LKA nach Wiesbaden. Ich fresse einen Besen samt Putzhilfe, wenn der Knabe wirklich Böttiger heißt. Und das Auto ist entweder gestohlen oder eine Doublette. Könnten Sie sich bitte darum kümmern, Kollege Wilde?“

„Bin schon dabei.“

Auf der Rückfahrt nach Montabaur und Wiesbaden schwiegen Fichte und Brock und sprachen erst offen miteinander, als der Kollege ihnen Namen und Anschrift des Mannes gegeben hatte, der das Feuer entdeckt hatte. Sie trafen ihn zuhause an und waren sich schnell einig, dass Arnold Reiser mit dem Fall Vandenburg nichts zu tun hatte.

Reiser besaß ein kleines Geschäft für Haushaltswaren in Montabaur und ein größeres in Koblenz. Fichte und Brock hielten ihn schnell für einen Mann von bescheidenem Verstand, den außer Jagen und Pilzen nicht viel interessierte. Vielleicht ging es ja weiter, wenn sie wussten, wer der Tote von der Waldwiese wirklich war.

Es war gar nicht so leicht, die rechte Hand des Toten so weit zu säubern und den Körper so zum Gerät zu bugsieren, dass sie die Hand auf die Sichtscheibe legen konnten, aber die Mühe hatte sich gelohnt. Die Fingerabdruck-Datenbank meldete umgehend, dass es sich um Bodo Zoller handelte, mehrfach vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung, versuchten Totschlags und fahrlässiger Tötung. Der unerlaubte Waffenbesitz nahm sich daneben fast wie ein Kavaliersdelikt aus.

„Eine echte Killerlaufbahn“, meinte Hellmann. „Ich rufe mal gleich Brock an, der wartet schon auf ein Ergebnis.“

Brock bedankte sich für die schnelle Arbeit der Kollegen. Das Versteck Lesterwald war also doch nicht so einsam gelegen gewesen und war jetzt im doppelten Sinne des Wortes verbrannt. Und wenn es Verrat gab, durfte man nicht darauf vertrauen, dass ein anderes, immer wieder benutztes Versteck auch in Zukunft sicher war. Fragte sich nur, für wen Bodo Zoller gearbeitet hatte und wer ihn warum umgelegt hatte. Brock war inzwischen davon überzeugt, dass es nicht nur zwei, sondern drei Gruppen gab, die hinter ihrer Zeugin her waren. Er hatte gestern absichtlich nicht die Familie Lucano erwähnt, die nach dem „Ehren“-Kodex der Mafia den gewaltsamen Tod eines Clan- oder gar Familienmitglieds rächen musste.

Fichte lachte: „Und weil keiner in der Familien alt genug ist, das zu erledigen, haben sie einen Killer gekauft und hatten deswegen kein Geld mehr für Flugtickets.“

„Ein italienischer Familienkrieg im Rhein-Main-Dreieck hat uns gerade noch gefehlt, Paul.“

Eine aufmerksame Assistentin bemerkte, als sie die Leiche für die Öffnung vorbereiteten, an dem Shirt des Mannes mehrere brünette lange und glatte Haare, die sich als Frauenhaare herausstellten und für alle Fälle asserviert wurden.


*


Ähnliche Gedanken wie Fichte und Brock wälzte auch Rudi. Ein festes und sicheres Versteck bis zu Mitte nächster Woche? Aber auch eine ständige Bewegung zusammen mit dem männlichen oder weiblichen Schützling hatte ihre Probleme. Rudi fuhr einen normalen, unauffälligen Mittelklassewagen mit einer normalen Wiesbadener Nummer – bloß kein Behörden-Kennzeichen. Die beste Sicherheit für ihn und seinen Schützling war, nicht aufzufallen, im Strom der Fahrgäste, Einkäufer, Touristen und Spaziergänger mitzuschwimmen.

Der Chef hatte gestern entschieden, die Zielperson Isa Vandenburg aus dem Lesterwald in ein Versteck in der Nähe des Ortes Linsengericht zu bringen, von der Fichte-Truppe allgemein als „Erbsensuppe“ verspottet.

Rudi trödelte gemütlich Richtung „Erbsensuppe“. Das Versteck war ein alter längst aufgegebener Bauernhof, vor Jahren von einem Künstlerehepaar aus Frankfurt aufgekauft und aufwendig restauriert. Das Ehepaar hatte sich dann nach zwei harten Wintern doch entschlossen, in ein wärmeres Land mit mehr Sonne auszuwandern, und hatte sein Domizil relativ billig verkauft. Die Lage war an sich unübertrefflich. Mitten in einem Feld mit freier Sicht – und notfalls freiem Schussfeld – in alle Himmelsrichtungen, eine geschotterte Zufahrtsstraße, die kein Autofahrer, wollte er seine Stoßdämpfer behalten, mit mehr als 20 km/h passieren würde, mit einer Scheune, die als Garage diente, einem Geräteschuppen, in dem ein Notstromaggregat und mehrere Trinkwassertanks untergebracht waren, und auf mehreren hundert Meter im Umkreis kein Nachbar, keine Verbindungs- oder Bundesstraße und kein Spazierweg. Es war unglaublich still, bis auf die wenigen Vögel, die nachts auf Jagd gingen oder flogen.

Als Rudi von dem ehemaligen Wirtschaftsweg auf die Schotterpiste abbog, wurde er geknipst, er bemerkte den Blitz auf dem hohen Holzmast und wusste, dass nun sein Kennzeichen an die Hausbewohner gemeldet und über Funk an einem anderen Ort elektronisch gespeichert wurde. Wer absolute Ruhe und absolute Einsamkeit schätzte, war hier gut aufgehoben. Ansonsten kam es dem Stadtmenschen Rudi Herzog wie die Vorhölle vor, eingerichtet von des Teufels verbitterter Großmutter. Als er fünfzig Meter vom Eingang entfernt war, trat ein Mann vor's Haus und beobachtete ihn offen in einem Feldstecher. Der Kollege Claus Kowalski nahm die Vorschriften offenbar sehr ernst.

Rudi winkte ihm zu, als er ausstieg, und Kowalski winkte zurück. Dann trat eine unbekannte Frau aus dem Haus und erst als sie laut höhnte: „Ich werd' verrückt, man verdoppelt meine Schutztruppe!“, erkannte er Isa an der Stimme wieder. Die blonden Locken waren verschwunden, diese langen glatten brünetten Haare durften wohl eine Perücke sein, und die zusätzlichen Kilos, die sie in Form von Kissen oder einer gefütterten Schutzweste auf den Hüften herumschleppte, standen ihr nicht. Auch sie winkte Rudi zu: „Gott zum Gruße, großer Meister.“

Er zögerte, sie hatte vermieden, ihn mit Du oder Sie anzureden und nicht zu erkennen gegeben, dass sie ihn kannte oder wiedererkannt hatte. Zufall oder von ihrer Seite Absicht? Deswegen rief er ebenfalls ohne Anrede zu ihr hinüber: „Guten Tag, schöne Frau.“

Kowalski trat an ihn heran. „Tach, Rudi. Der Alte hat schon angerufen, du übernimmst? Dann kann ich also weg von hier?“ Er senkte die Stimme: „Ich wäre nicht böse, wenn ich gleich abdampfen könnte, sie ist nicht so ganz leicht zu ertragen.“

Rudi brummte heuchlerisch: „Der Chef hat mich auch schon gewarnt. Wenn du magst, fahr' los, sobald ich die Hütte durchsucht habe. Hat es irgend etwas Auffälliges gegeben?“

„Nein, absolut tote Hose den ganzen Tag über. Komm!“

Er ging mit Rudi auf die Frau zu, die neben der Tür stehen geblieben war und sie spöttisch musterte. Kowalski meinte nervös: „Das ist mein Kollege Rudi Herzog, er löst mich jetzt ab.“

„Ich heiße Isa Vandenburg, wie sicherlich im Amte schon bekannt,“ antwortete sie ungerührt. Es klang zynisch.

„Auf Wiedersehn, Frau Vandenburg. Und alles Gute für Sie.“

„Tschüss, Herr Kowalski, kommen Sie gut nach Hause.“ Das hörte sich jetzt eher höhnisch als nett an. Kowalski ging nicht sofort zur Garage, sondern wartete, bis Rudi einmal durchs Haus gelaufen war. Selbst seinem Rücken war anzusehen, wie froh Kowalski war, von hier fortzukommen. Rudi schaute auf seine Uhr – kurz vor achtzehn Uhr. Der Chef musste noch an seinem Schreibtisch sitzen. Und so war es.

„Rudi hier, ich habe gerade von Kowalski übernommen. Er fährt eben los.“

„Na, Rudi, was Neues?“

„Nein, und bei euch?“

„Auch nicht. Lederer wollte mir eine dicke Zigarre verpassen, und wurde so dreist, dass ich ihn nachdrücklich darauf hinweisen musste, der Maulwurf könne auch bei ihm, in der Staatsanwaltschaft, sitzen. Ich dachte, er fällt gleich von Wut auseinander.“

Staatsanwalt Wilfried Lederer war berühmt und berüchtigt für seine Unhöflichkeit. Aber wenn Rudis Chef „nachdrücklich“ wurde, rummste es im Karton, ganz gleich, mit wem Fichte es zu tun hatte. Als Kowalskis Auto außer Sicht geriet, sagte Isa: „Komm, lass uns reingehen! Es war doch richtig, dass ich dich nicht gekannt und nicht geduzt habe?“

„Goldrichtig, Isa. Je weniger Kollegen wissen, dass wir uns von früher kennen, desto besser. Und mein Chef weiß auch nicht, dass und wie wir uns in Lanzarote getroffen haben. Es geht ihn auch nichts an.“

Sie kniff ihm ein Auge zu, drehte sich um und öffnete die Tür. „Gut, dass du gekommen bist, von Kollegen wie Rotter und Kowalski hätte ich mich nicht länger beschützen und belästigen lassen.“

„Wusstest du, dass ich komme?“

„Ja, der Kowalski hat fast pausenlos mit seinem Chef in Wiesbaden telefoniert. Aber nun komm!“

Er schaute ihr nach und hielt sie an der Schulter fest, weil sie merkwürdig steif und humpelnd ging und dabei wie angetrunken schwankte: „Sag mal, ist was mit deinen Gelenken? Oder mit deinem Becken?“

„Nein, keine Angst. Ich trage nur so eine dicke gefütterte kurze Hose, weißt du, wie die Torleute beim Eishockey.“

„Wer hat dir denn das sexy Wäscheteil verpasst?“

„Eine Kollegin von dir.“

„Eine Kollegin? Wann und wo, Isa?“

„Sie hieß Senta Stolze und hat mich mit Rotter in das Haus gebracht, das dann abgebrannt ist. Wir haben uns darüber unterhalten, wie man mich am besten verstecken kann, und da meinte sie, sie würde mir eine Perücke besorgen und meine Figur so verändern, dass mich kein Mensch mehr an meiner äußeren Erscheinung und an meinen Bewegungen erkennen würde.“

„Das ist ihr gelungen. Ich habe dich eben auch nicht erkannt.“

„Und dabei habe ich nicht einmal meine höchst elegante neue Brille aus echtem Fensterglas getragen. So, so, nicht erkannt, ich fühle mich auch scheußlich und hässlich in dem Ding. Und an Perücken bin ich auch nicht gewöhnt. Durst?“

„Schon, aber Alkohol ist für mich verboten, bis ich dich heil abgeliefert habe.“

„Aber ich werde mir nach diesem stinklangweiligen Tag einen Wein gönnen. Sag nichts und denk' daran, man muss aussagebereite Zeugen bei Laune halten.“

Er konnte auch gar nichts sagen, weil in der Minute eine auffällig große Drohne so niedrig über sie hinwegdröhnte, dass sogar die Fensterscheiben leise klirrten. „Wo kommt das Ding denn her?“, sorgte sich Rudi. Sie zuckte die Achseln: „Die kurvt schon seit Mittag hier herum. Kowalski hat deswegen telefoniert, aber niemand weiß anscheinend, wem die Drohne gehört und wer sie von wo aus steuert.“

Und die Person am Steuergerät musste das Haus sehen können, denn die Drohne kam nach einer Minute zurück und dröhnte wieder direkt über das Haus hinweg.

Rudi sagte nichts, aber machte sich in Gedanken einen dicken Knoten ins Taschentuch. Diesen Kowalski würde er sich zur Brust nehmen, wenn er diesen Auftrag beendet hatte. Konnte der Arsch wirklich so dumm sein? Telefonierte den ganzen Tag mit seinem Handy und brachte es fertig, seiner Ablösung zu verschweigen, dass hier eine nicht identifizierte Drohne die Gegend unsicher machte? Ein Gerät, mehr als groß genug, um eine Fernsehkamera mit Sender zu tragen.

Sie sah ihn fest an: „Schlechte Laune? Oder machst du dir Sorgen?“

„Beides stimmt etwas,Isa.“ Sie drehte den Korken aus der Flasche und hielt ihm ein Glas hin.

„Danke, wirklich lieber nicht.“

„Sind wir hier nicht sicher?“

„Doch. Zu neunundneunzig Prozent schon. Ein kleiner Rest Unsicherheit bleibt immer.“ Und bei unbekannten Drohnen am Himmel war dieser Rest sogar ziemlich groß, mit Sicherheit größer als nur ein Prozent.

„Und was willst du dagegen tun?“

„Wir können morgen sozusagen ins Blaue losfahren, also fliehen.“

„Ich fürchte, das nutzt nicht viel, Rudi, er hat überall seine Leute. Viele davon kennen mich. Und die Organisation ist verdammt groß.“

„Wer hat überall seine Leute?“

Eine halbe Minute staunte sie ihn an. „Ullrich Schiefer“, sagt sie endlich heiser.

„Und wer ist Ullrich Schiefer?“

„Sag bloß, du kennst den Fall nicht?“

„Nein. Ich weiß nur, dass du als Zeugin geladen und bedroht worden bist, damit du nicht wahrheitsgemäß aussagst.“

Nach einer langen Pause lachte sie ungläubig. „Das ist ja goldig. Ich habe gehört, wie Ullrich Schiefer seinem Laufburschen Boris Stepkow den Auftrag erteilt hat, Ullrichs Geschäftspartner Tomasio Lucano umzulegen. Was Stepkow dann auch getan hat, und zwar so dilettantisch, dass man ihn wenig später geschnappt und zu lebenslänglich verurteilt hat. Stepkow mit seiner langen Vorstrafen-Liste ist an der Sicherungsverwahrung nur vorbeigeschrammt, weil er sich bereit erklärt hat, als Kronzeuge gegen Schiefer auszusagen.“

„Du hast also gehört, wie Schiefer den Mordauftrag gegeben hat?“

Sie nickte energisch.

„In welcher Beziehung hast du denn zu Schiefer und Stepkow gestanden?“

„Schiefer war viele Jahre mein Chef und Geliebter. Stepkow arbeitete als eine Art Laufbursche und Bote und Mann für's Grobe in der Firma Utom.“

„Utom? Was heißt das?“

„Ullrich Schiefer und Tomasio Lucano.“

„Dein Chef? Dann weißt du also eine Menge über seine Geschäfte?“

„Das darfst du laut singen, fast alles, was ich nicht selbst in der Firma erfahren oder organisiert habe, hat Schiefer mir anfangs im Bett erzählt. Er redet gerne und braucht Bewunderung.“

„Bedroht er dich deswegen? Hat er Angst vor einer Mitwisserin?“

„Nein, glaube ich nicht. Er weiß, dass ich im Nebenzimmer war, als er Stepkow den Auftrag zum Mord an Lucano gab; und erst dann, als Stepkow gegangen war, will Ullrich bemerkt haben, dass die Tür einen Spalt offenstand. Was zu glauben mir schwerfällt.“

„Du meinst, er hatte das in dem Moment übersehen?“

„Das hat er zumindest mir gegenüber behauptet.“

„Hm hm“, machte Rudi sorgenvoll.

„Was soll das – hm hm?“

„Und wenn er dich zur Mitwisserin machen wollte und dir nach deiner Aussage Beihilfe vorwerfen wird? Oder von seinem Verteidiger unterstellen lässt? Denn mit deiner Aussage, dass du den Mordauftrag mit eigenen Ohren gehört hast, gibst du natürlich auch zu, dass du an dem Tatort gewesen bist. Als Mitwisserin oder Beihelferin.“

Isa schüttelte den Kopf. „Das wird er nicht.“

„Und warum nicht?“

„Du fragst wie dieser Staatsanwalt Lederer.“

„Ja? Polizisten und Staatsanwälte neigen zur selben Denke, das stimmt. Und wo hast du diesen Mordauftrag gehört?“

„In einem Haus. Im Schlangenbad. So, und jetzt ist Schluss mit der Vernehmung einer Verdurstenden.“ Sie griff nach der Flasche und schenkte sich Wein ein. Er beobachtete sie einen Moment unschlüssig und seufzte leise. Sie wollte also nicht mehr auspacken. Deshalb stand er auf und schaltete den Fernseher an.

Das Programm war lausig und gegen zehn Uhr ging er ins Bett, lag lange wach, weil er grübelte. In Isas Geschichte fehlte ein wichtiges Verbindungsglied. Unterstellt, die Tür zum Nebenzimmer stand tatsächlich einen Spalt offen, als Schiefer den verhängnisvollen Auftrag erteilte. Wie konnte Stepkow wissen, dass sich im Nebenzimmer die Geliebte und Mitarbeiterin seines Chefs aufhielt. Wenn er es nicht wusste, konnte sich ein alter Knastologe ausrechnen, dass seine Aussage gegen Schiefers Aussage stehen würde, wenn er bei der Polizei behauptete, sein Chef Schiefer habe ihm den Mordauftrag gegeben. Das vermochte sich auch jeder Staatsanwalt auszurechnen. Mit einem Mal konnte er einen weiteren Zeugen für seine Anklage „Anstiftung zum Mord“ präsentieren.

Was hatte Isa dazu gebracht, ihrem Chef und Geliebten anzukündigen, sie würde die Aussage des verurteilten und schon einsitzenden Mörders Boris Stepkow vor Gericht bestätigen? Sie musste es Schiefer angedroht haben, sonst hätte der sie nicht so unter Druck gesetzt, dass sie schließlich zur Polizei ging, vor einem Staatsanwalt aussagte und um Zeugenschutz bat.

Rudi verschränkte die Hände hinter dem Kopf und versuchte vergeblich, seine Gedanken abzuschalten und einzuschlafen. Die Gedanken wirbelten weiter und kamen nicht zur Ruhe. War Schiefer der Mann, der vor fünfzehn Jahren auf Isa in Frankfurt wartete, als sie Rudi auf Lanzarote so unerbittlich in die Wüste schickte? War Schiefer der Vater von Jonas und Julia? Rudi starrte in die Rabenschwärze unter der Decke und fühlte sich plötzlich sehr unglücklich. Von der erhofften Freude, Isa wiederzusehen, verspürte er nichts.

Weit entfernt knattert die Drohne leise, aber noch deutlich zu vernehmen. Isa hatte fast den ganzen Liter Rotwein getrunken und war zuerst recht fröhlich und dann ziemlich rasch müde geworden, als sie sich im Fernsehen eine ausgesprochen alberne Komödie angesehen hatte, was sie wahrscheinlich wohl auch deshalb getan hatte, um nicht länger mit ihm reden zu müssen. Sie schlief im Zimmer über dem schmalen Flur gegenüber, das vergitterte Fenster war geklappt, und Rudi hatte zuletzt auch die Haustür kontrolliert, abgeschlossen und den schweren Innenriegel vorgeschoben. Dann erstarrte er und atmete schwer. Seine Zimmertür knarrte und wurde ganz vorsichtig aufgeschoben.

„Rudi?“, flüsterte eine Frauenstimme. „Schläfst du schon?“

Er holte tief Luft. „Nein“, sagte er in normaler Lautstärke. „Isa. Was ist los?“

„Ach, das ist gut.“ Sehen konnte er sie nicht, er ahnte nur den schwarzen Schatten, als sie an sein Bett kam und sich hinlegte, sich unter die Decke schob und ihm eine Hand auf die Brust legte. Er langte nach ihr und wollte sie an sich ziehen, aber sie sperrte sich: „Deswegen bin ich nicht gekommen“, flüsterte sie. „Rudi, da ist jemand im Haus.“

Er sagte nichts. Nach einem Liter Rotwein hörte auch er mal Gespenster, spürte Geister und roch kleine Schwefel-Teufelchen. Sie ahnte, was er dachte. „Nein, bestimmt, Rudi. Es ist nicht der Rotwein. Da ist jemand im Haus. Und ich glaube, der ist schon heute mittag gleichzeitig mit der Drohne gekommen und hält sich seitdem irgendwo verborgen.“

„Isa, wie soll der hereingekommen sein?“

„Durch ein Fenster?“

„Die sind alle vergittert und geschlossen. Oder hast du es irgendwo klirren und brechen hören?“

„Nein“, gab sie zu. „Rudi, ich habe trotzdem Angst.“ Dass sie sich dabei an ihn presste, war ja ganz angenehm, aber sie mussten schlafen, der morgige Tag würde anstrengend werden.

„Okay“, gab er nach. „Wo hast du deine Pistole? Du kannst sie entsichern und so neben deinem Bett liegen lassen, während ich einmal durchs Haus gehe und nachschaue.“

Er hatte sein schönes, neues Stück auf den Nachttisch gelegt, schob Isa sanft aus dem Bett und legte einen Arm um ihre Taille. Kein Zweifel, die Frau war plötzlich sehr viel schlanker geworden. Sie trug einen dünnen baumwollenen Schlafanzug mit kurzen Armen und kurzen Beinen und kicherte, als sie seine forschende Hand auf ihrem nackten Bauch spürte. „Zufrieden mit der Figur?“

„Oh ja, sehr.“

„Ihr Männer habt auch immer nur das eine im Kopf.“

„Im Kopf weniger, schöne Isa.“

Sie gluckste, für Sekunden von ihrer Angst abgelenkt. Sie mussten die Pistole aus ihrer Handtasche holen, die sie leichtsinnigerweise im Wohnraum neben der Couch hatte stehen lassen. Er nahm ihr die Waffe ab, schaute sich das Magazin an – sechs Patronen – lud durch, entsicherte und gab ihr die Beretta zurück. „Vorsicht, Isa. Gespannt und entsichert.“

Er wartete, bis sie in ihr Zimmer gegangen war und innen den Riegel vorgeschoben hatte, dann ging er in sein Schlafzimmer, holte die Akkulampe aus der Reisetasche und wartete lauschend unten im dunklen Wohnzimmer. Nichts zu hören, aber jetzt verspürte er auch das blöde Gefühl, dass sich noch jemand im Haus aufhielt. Anders als Isa hatte er gelernt und geübt, in solchen Fällen systematisch vorzugehen. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Aber es roch verändert. Schweiß? - nein. Rasierwasser, Parfüm, Hautcreme? - Ja, so etwas in der Art, schwach, aber unverkennbar. In der albernen Fernsehkomödie, die sie gesehen hatten, war die Ehefrau ihm auf den Seitensprung gekommen, weil er nach dem Parfüm der Freundin roch. Rudi grinste in sich hinein. Er knipste die Lampe an und ging durch die Räume des Erdgeschosses, machte in allen Zimmern Licht, ohne einen unerwünschten Besucher zu entdecken und aufzuscheuchen oder Spuren zu finden, die ein Fremder hinterlassen hatte. Der Geruch von Parfüm, Seife, Rasierwasser oder Hautcreme wurde schwächer. Auch in den Zimmern des ersten Stocks gab es nichts Auffälliges und hier oben konnte er bei aller Konzentration auch nichts mehr erschnuppern. Alle Fenster und Türen waren okay. Er klopfte leise an ihre Tür, aber sie antwortete nicht, und in Erinnerung an ihre Schießkünste zog er es vor, nicht gewaltsam in ihr Zimmer zu poltern und sie aus dem Schlaf hochzureißen. Jetzt konnte er auch einschlafen.



Donnerstag, 12. Juni

Rudi wurde wach, weil irgendwo laute Musik spielte. Er schlug die Augen auf und sofort blendete ihn die helle Sonne. Acht Uhr. Er hatte gut geschlafen und fühlte sich topfit, bis auf den niedrigen Blutdruck. Weil er ein Gewohnheitstier war, stieg er zuerst in seinen Trainingsanzug und verschob das Waschen und Rasieren auf die Zeit nach dem Frühstück. Ohne Kaffee im Bauch sollte kein Mensch gezwungen sein, systematische Handlungen wie etwa Rasieren vorzunehmen. Er zog die Tür einen Spalt auf und rief laut: „Isa?“

„Auch schon wach, du Faulpelz? Auf, auf, Frühstück ist fertig.“ Sie musste in der Küche sein. Auch sie hatte sich in eine Art Hausanzug geworfen, strahlte vor Energie und räumte ein, dass sie im Vertrauen auf seine Sorgfalt sofort eingeschlafen sei.

„Was machen wir heute?“

„Das überlege ich noch.“

Dazu ging er in die kleine Diele, der schwere und offensichtlich vor kurzem geölte Innenriegel der Haustür war aufgezogen. Also doch! Leise lief er in sein Schlafzimmer zurück und nahm das Handy. Katrins Nummer war immer noch gespeichert, er drückte die Taste und wartete, bis sich eine Frau einstellte: „Ja?“

„Hallo, Katrin.“

„Ich werd' verrückt, mein fröhlicher Sesselmann.“

„Den du hoffentlich noch in guter Erinnerung hast.“

„Warum fragst du, willst du mich etwa besuchen?“

„Das auch, aber in erster Linie brauche ich deine Hilfe.“

„Wie das?“

„Katrin, ich bin mit einer Frau unterwegs, der man angedroht hat, sie zu ermorden.“

„Auf erotischen Pfaden unterwegs?“

„Im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms. Offenbar haben wir in unserer Abteilung oder in der Staatsanwaltschaft einen Maulwurf, zwei Verstecke sind aufgeflogen und verbrannt, und heute Nacht ist ein Unbekannter in unserem Versteck gewesen, aus dem ich jetzt anrufe.“

„Was hat er gewollt?“

„Das weiß ich noch nicht, aber wahrscheinlich wartet er vor dem Haus und wird sich an uns dranhängen. Ich brauche für ein paar Tage eine sichere Wohnung, die wir bis zum kommenden Mittwoch benutzen können. Und da ist mir die Geschichte mit der geerbten Wohnung bei Bonn eingefallen. Hast du sie schon verkaufen können?“

„Nein, sie steht immer noch leer und wartet auf einen Käufer.“

„Meinst du, wir könnten dort für ein paar Tage und Nächte unterschlüpfen?“

Die Bekanntschaft mit Katrin Köhler verdankte er der deutschen Bahn. Sie saßen sich in einem Regionalexpress gegenüber, sie stand auf, um in das Gepäckfach zu greifen, als die Bahn so plötzlich und so ruckartig bremste, dass sie sich unfreiwillig auf seinen Schoß setzte. Sie kamen ins Gespräch, mussten beide in Mainz aussteigen, zuerst bei Kaffee und Kuchen, dann bei einem Rheinhessen-Riesling kam man sich näher, vertiefte die Beziehung bei einem gemeinsamen Skiurlaub. Katrin war Finanzbeamtin in Mülheim an der Ruhr. Als ihr eine Aufstiegschance im Amt geboten wurde, entschied sie sich dafür und gegen ein Zusammenleben mit Rudi Herzog. Sie trennten sich ohne Zank und ohne Vorwürfe und hielten seitdem telefonisch Kontakt. Am Telefon hatte sie ihm auch erzählt, dass sie in Bonn von einer Tante eine Wohnung geerbt hatte, die sie gern verkaufen wollte. Aber ihre Preisvorstellungen und die der wenigen Interessenten lagen noch schmerzhaft weit auseinander, wie sie bei ihrem letzten Telefongespräch klagte. Die schöne Wohnung stand immer noch leer.

„Wann brauchtest du denn ein Dach über dem Kopf?“

„Am liebsten noch heute Abend.“

„Rudi, dazu müsste ich sofort nach Bonn kommen. Ich will mal versuchen, den Nachmittag frei zu nehmen. Die alte Handynummer gilt ja noch?“

„Immer noch.“

„Okay, ich melde mich. Aber es kann etwas dauern. Ich muss erst einige Termine verschieben.

Isa sah ihn neugierig an: „Na, alles klar?“

„Ja und Nein. Wir müssen auf einen Anruf warten. Das kann allerdings dauern.“

„Soll ich schon packen?“

„Ja. Hier bleiben wir auf keinen Fall.“

Sie sprang auf und er bewunderte wieder ihre langen Beine: „Vergiss deinen schusssicheren Keuschheitsgürtel nicht!“

„Einpacken oder anziehen?“

„Einpacken reicht.“

Während des Telefonats hatte Katrin ihn auf eine Idee gebracht: „Bevor wir losfahren, müssen wir ein paar ernste Worte reden, damit du verstehst, was hier abläuft.“

Sie gluckste. „Du hörst dich an wie meine Mutter vor meinem ersten Rendezvous.“

Er grinste. „Nach deiner unterschriebenen Aussage vor Staatsanwalt Lederer wird jeder vermuten, dass deine Behauptung richtig ist, wenn du jetzt, wenige Tage vor dem Prozess umgebracht wirst. Das liegt also nicht unbedingt im Interesse deines früheren Chefs und Liebhabers Schiefer.“

„Vielen Dank, zu freundlich. Müssen wir auch besprechen, wo ich begraben sein möchte und welche Grabsteininschrift ich mir wünsche?“

Er ließ sich nicht beirren: „Schiefer wäre sehr viel mehr geholfen, wenn du dich im Zeugenstand plötzlich nicht mehr erinnern kannst oder willst, dich in Widersprüche verhedderst. Gibt es etwas, womit er dich im letzten Moment noch erpressen, verwirren oder aus dem Gleichgewicht bringen könnte?“

Nach einer Bedenkminute zuckte sie die Achseln.

„Was ist mit deinen Kindern? Wenn er droht, ihnen was anzutun?“

„Das wird er nie tun!“

„Wie kannst du da so sicher sein?“

Sie zuckte wieder die Achseln, antwortete aber nicht.

„Julia geht in Essen-Werden auf die Folkwangschule, nicht wahr?“

„Ja.“

„Wo wohnt sie?“

„In der Ahornstraße 14, das liegt in Stadtwald. Das Haus gehört einer Großtante von mir, die sich mit Julia sehr gut versteht.“

Rudi notierte sich die Adresse. „Ich werde mal einen Essener Kollegen bitten, ab sofort ein Auge auf deine Tochter zu haben.“

„Wenn du meinst?!“

„Und Jonas?“

„Der fährt jeden Tag nach Darmstadt und zurück.“

„Warum denn das?“

„Du, er ist noch nicht volljährig, hat zwar mit 16 ein gutes Abi gemacht, aber das wurde noch ein richtiger Zirkus, bis er zum regulären Studium zugelassen wurde. So hat meine Schwester in Schlangenbad ein Auge auf ihn.“

„Na schön. So, wenn wir mal unterstellen, dass Schiefer ein Interesse hat, dich am Leben zu lassen, haben seine zahlreichen Feinde, mit denen er früher doch illegale und lukrative Geschäfte gemacht hat, ein großes Interesse daran, dass du darüber nichts aussagen kannst. Und vielleicht ist einem schon aufgegangen, dass er mit deinem gewaltsamen Tod auch Schiefer im kommenden Prozess schaden kann, also mit einem Streich zwei lästige Fliegen erledigen kann.“

„Du kannst einem richtig Mut machen.“

„Ich will dir nur die nötige Angst einjagen, damit du nicht leichtsinnig wirst. Wir müssen auf zwei Gruppen achten, die aus verschiedenen Motiven und mit verschiedenen Absichten hinter dir her sind, die sich vielleicht gar nicht kennen.“

„Und die sich im Idealfall gegenseitig lahmlegen oder zu Krüppeln schießen?“

„Wann hast du zum letzten Mal einen Idealfall erlebt?“

Jetzt griente sie boshaft: „Vor 15 Jahren auf Lanzarote.“

„Danke für die Blumen. Trink deine Tasse aus und fang mal an zu packen. Deine Handtasche bitte.“

Er hatte sich erinnert, Isa hatte die Tasche abends leichtsinnigerweise im Wohnzimmer neben der Couch auf dem Boden stehen lassen.

„Darf ich die mal haben und den Inhalt anschauen?“

„Muss das sein?“

„Ja. Muss sein.“ Sie hatte den üblichen Krempel in der Tasche, darunter auch eine angebrochene Monatspackung Pillen und eine noch verschlossene Packung Kondome. Weil er spürte dass sie ihn beobachtete, verkniff er sich den Satz: „Doppelt hält wirklich besser.“ Auf den ersten Blick ungewöhnlich war nur ein Teil, ein kleiner mattgrauer Würfel aus Plastik, um den zwei Schlingen eines blanken Drahts gewickelt waren. „Was ist denn das, Isa?“

„Gib mir doch mal bitte mein Etui mit Nagelschere, Nagelfeile und so für die kleine Maniküre unterwegs.“

Der Deckel des grauen Würfels ließ sich problemlos aufhebeln. Darunter verbarg sich, was Rudi befürchtet hatte, eine Miniplatine mit zwei elektronischen Bausteinen, zwei winzige Spulen, ein kleiner Quarz und zwei Knopfzellen.

„Was ist denn das?“

„Das, liebe Isa, ist ein Sender, den unser nächtlicher Besucher dort platziert hat und mit dem sie uns den ganzen Tag über anpeilen wollten.“ Er nahm eine Nagelzange und knipste die kleinen Kabelstücke von der Batterie zur Platine durch. „So, Ende der Vorstellung. Jetzt darfst du packen.“

„Sag mal, muss ich jetzt diesen scheußlichen Keuschheitsgürtel wieder anziehen?“

„Nein. Aber Perücken und Brille sollten es schon sein.“

Sie schnitt eine Grimasse, doch in diesem Punkt blieb er hart. Die Perücke war nicht die Krönung der Friseurkunst, aber die Brille mit dem leicht getönten Fensterglas veränderte den Gesichtseindruck mächtig. Über die nächsten Tage sprachen sie nicht. Rudi war klar, dass sie einen gewaltigen Nachteil hatten: Die anderen wussten, wann und wo Isa auftauchen musste. Während er packte, überlegte er sich, wie sie am 18. Juni unbemerkt in das Gebäude des Landgerichts kommen könnten. Er musste sich darauf verlassen, dass kein Maulwurf ihr neues Versteck verraten würde, dann konnten sie dort bis zum Mittwoch bleiben und erst am frühen Vormittag nach Wiesbaden zum Landgericht losfahren.

Gegen 12 Uhr rief Katrin an: „Okay, ich habe alle herumbekommen und kann den Dienst tauschen. Du hast doch ein Navi?... Schön. Kommt nach Bonn-Ückesdorf, suche den Paula-Roming-Weg 19 und fahrt dort in die offenstehende Tiefgarage. Ich erwarte euch da. Sagen wir mal, gegen 15 Uhr.“

Eine knappe Stunde später fuhren Rudi und Isa los, die Haustür war noch zugeschlossen, und Isa achtete nicht darauf, dass der Innenriegel zurückgezogen war.


*


Muno, genannt die Maus, war doch ziemlich nervös geworden, als da jemand in der Nacht in allen Zimmern nacheinander Licht machte und wieder ausknipste. Also war doch jemand misstrauisch geworden? Wie und wodurch? Der kleine Mann wartete bewegungslos. Die Drohne, das Steuergerät, die Fernsehkamera, der Bildschirm und der Sender dazu lagen schon lange bruchsicher verpackt in seinem Kofferraum. Erst als Rudis Auto am Horizont verschwunden war, telefonierte er über Handy: „Sie sind gerade losgefahren. Sandfarbener Corsa, WI Strich RH 234.“

„Okay, wir übernehmen.“

Doch mit dem Übernehmen wurde nichts. Als der sandfarbene Wagen an ihnen Auto vorbeifuhr, blieb es in ihren Kopfhörern stumm. Munos so gepriesener Peilsender funktionierte nicht oder man hatte ihn gefunden und noch im Haus entsorgt oder lahmgelegt. Die Männer verfolgten den Corsa noch, so weit sie konnten. Aber als Rudi die Autobahn 3 ansteuerte, gaben sie es auf. Ohne Peilsender und Peilempfänger war es ziemlich aussichtslos, allein eine Verfolgung auf einer vollen Autobahn anzufangen, ohne dem Verfolgten auf Dauer aufzufallen.

„Muno, hörst du? Wir geben auf, dein Peilsender arbeitet nicht.“

„Scheiße.“

Der wütende Chef gab Muno Recht, setzte sich aber sofort an den Computer und rief das Mailprogramm auf. Mit der Adressdatei „Rundschreiben“ erreichte er an die vierhundert Mitarbeiter, Vertreter, Geschäftspartner und Betriebs-Nebenstellen im In- und Ausland: „Dringend. Gesucht wird ein sandfarbener Corsa mit dem amtlichen Kennzeichen WI – RH 234. Sofort Standort an Utom oder Agentur Kollau melden, sehr wichtig für uns alle. Niels.“

Niels Kollau betrieb offiziell eine übel beleumdete Inkasso-Agentur, aber einige Mitarbeit kassierten nicht nur, sondern teilten auch rücksichtslos aus – Schläge, Tritte, Pfefferspray und in besonderen, hoch bezahlten Fällen auch blauen Bohnen und beseitigten anschließend sorgfältig ihre Opfer. Dafür war Kollau in bestimmten Kreisen berühmt und wurde öfter engagiert, weil sich herumgesprochen hatte, dass er seine Auftraggeber nie verpfiff oder später erpresste.

Muno schaute ihm über die Schulter, während Kollau tippte: „Glaubst du, das bringt was?“

„Hast du eine bessere Idee?“

Muno musste passen. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.


*


Auf der Autobahn erkundigte sich Isa: „Wohin fahren wir eigentlich?

„Wir können in Bonn für ein paar Tage unterschlüpfen. Das ist nicht so weit weg. Es reicht, wenn wir am Mittwoch erst am Morgen nach Wiesbaden losfahren. Du bist dann noch immer pünktlich im Gericht. Kennst du Bonn?“

„Etwas. Wir hatten, als die Regierung noch in Bonn saß, eine Vertretung dort. Die habe ich ein paarmal besucht. Jetzt beschäftigen wir nur noch einen Mitarbeiter auf Honorarbasis dort.“

„Kennt der dich?“

„Nein, ich bin ihm nie begegnet.“

Die Autobahn war voll, lief aber störungsfrei. Fast pünktlich kurvten sie durch das Endenicher Ei und steuerten Richtung Röttgen. Rudi war vor mehreren Jahren kurz zu einem Lehrgang in Meckenheim gewesen und staunte, wie sehr sich in dieser kurzen Zeit ein Nest wie Ückesdorf verändert hatte. Das Navi führte sie problemlos in den Paula-Roming -Weg. Vor dem siebenstöckigen Haus Nr. 19 wartete schon Katrin Köhler auf sie, fiel Rudi um den Hals und betrachtete Isa aus schmalen Augen. „Wirklich nur dienstlich unterwegs?“, hauchte sie verschwörerisch und gab Isa dann die Hand: „Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich heiße Katrin Köhler.“

„Isa Vandenburg. Angenehm.“

„Kommen Sie, wir müssen in die sechste Etage. Keine Sorge, es gibt einen Aufzug.“

„Wo soll ich den Wagen lassen?“

„Zur Wohnung meiner Tante gehört auch ein Stellplatz in der Tiefgarage. Ich bring dich hin.“ Rudi musste ziemlich kurbeln und rangieren, um sich auf einen schmalen Streifen zwischen Pfeilern und Wand zu quetschen und sich dann wie ein Aal aus dem Auto zu schlängeln. Die Tante hatte bestimmt ein sehr kleines Auto gefahren. „Ja, das habe ich verkaufen können.“

Die Wohnung war noch fast vollständig möbliert, nur auf den verschossenen Tapeten zeichneten sich helle Rechtecke mit grauen Randstreifen ab. „Die Tante hatte eine große Vorliebe für flämische Landschaftsmalerei aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Interessent, der die Wohnung besichtigte, verstand was von Malerei und hat ziemlich grob gesagt 'Die Wohnung ist mir zu teuer. Aber die Bilder würde ich Ihnen abkaufen, wenn sie dafür einen etwas realistischeren Preise verlangen.' Wir haben uns schließlich geeinigt.“

„Womit habt ihr euch duelliert?“

„Mit Messern und Gabeln. Das ist eine ziemliche Bescherung. Die Immobilienpreise sinken, Bonn hat den Regierungs-Umzug nach Berlin nicht ganz so gut verkraftet, wie erhofft. Ich würde sagen, ihr schaut euch einmal an, was man aus dem Kühlschrank noch essen kann, sonst müssen wir einkaufen gehen.“


*


Viel hatten Isa und Rudi nicht auszupacken, und die beiden Frauen verschwanden sehr bald zu einem Großeinkauf, bei dem, wie Isa versprach, der flüssige Teil nicht zu kurz kommen würde. Katrin wollte bald zurück nach Mülheim und nahm sie nur noch mit in den fünften Stock zur Familie Bellmann. „Das sind Freunde von mir, Rudolf Herzog und Isa Vandenburg. Sie werden ein paar Tage über Ihnen sozusagen Probe wohnen, um sich klar zu werden, ob sie kaufen sollen. Rudi hat einen Job im Rheinischen Landesmuseum bekommen. Also nicht verwundern, wenn sie hier durchs Haus turnen.“

Die Bellmanns waren beide in den Sechzigern und machten einen ruhigen, zuverlässigen Eindruck. Katrin drückte ihm noch die Schlüssel in die Hand und verzog sich nach fünf Minuten. Ein paar Minuten später gingen auch Rudi und Isa in ihr neues Domizil.

Er brachte Katrin noch zur Tür, bedankte sich noch einmal und sah, als er zurückkam, durch die offene Schlafzimmertür, Isa vor dem Doppelbett stehen.

„Tja, nun ist es endlich so weit“ seufzte sie. Das klang nicht nach wildem Begehren oder ungezügelter Lust und deswegen tröstete er sie: „Ich bin nicht mehr der junge Wilde von den Kanaren.“

„Ich auch nicht mehr“, gab sie zu.

„Wir werden die paar Nächte überstehen“, meinte er ruhig. „Kannst du Kaffee kochen?“, fragte er danach höflich. „Das wäre nett, ich muss noch telefonieren.“

Sein Chef knurrte, weil Rudi sich weigerte, ihm zu sagen, wo sie sich jetzt versteckten. Fichte lenkte bald ein, einen bockigen Rudi konnte man nicht umstimmen, und es war jetzt Rudis Aufgabe und allein in seiner Verantwortung, Isa heil zum Gerichtstermin zu bringen.

Danach rief Rudi Hugo an. Hugo Klimmt war einer der wenigen Männer, die genau wussten, was Rudi Herzog beruflich machte und auf deren Verschwiegenheit er sich hundertprozentig verlassen durfte. Als Heranwachsender hatte Hugo beobachtet, wie ein kräftiger Mann eine junge Frau überfiel und vergewaltigte. Einzugreifen hatte er bei dem brutalen Hünen nicht gewagt, aber den Täter unbemerkt zu seinem mehrere Straßen entfernt geparkten Auto verfolgt, sich Marke, Farbe und das Autokennzeichen aufgeschrieben und war dann zur Polizei gegangen. Dank seiner Aussage wurde das Opfer rechtzeitig gefunden und der Täter gefasst und überführt und zu sechs Jahren verurteilt. Im Knast erzählte er einem Zellengenossen, dass er nach seiner Entlassung als erstes diesen verdammten Zeugen umlegen und sich dann noch einmal diese blöde Zicke von Frau „vornehmen“ wolle. Der Zellen-Mitbewohner hatte Gründe, sich einen weißen Fuß zu machen, und verriet das Gerede seines Nachbarn an die JVA-Leitung, die das durchaus ernst nahm. Als der Vergewaltiger aus der Haft entlassen wurde, standen das Opfer und Hugo unter Personenschutz. Rudi Herzog kümmerte sich um Hugo Klimmt; den der Ex-Sträfling tatsächlich aufspürte und mit einer Waffe überfiel. Rudi mischte sich ein und bei dem Schusswechsel erschoss Rudi den Angreifer, was ihm viel dienstlichen Ärger, aber auch Hugos ewige Dankbarkeit einbrachte.

„Toll, mal wieder was von dir zu hören“, sagte Hugo ernsthaft. „Brauchst du wieder Hilfe?“

„Ja, wenn du mittlerweile auch Frauen und Mädchen im Montagedienst beschäftigst.“

„Tue ich.“

„Mit Firmen-Overalls?“

„Aber ja.“

„Auch in Übergrößen?“

„Warum? Ist sie so dick?“

„Nein. Aber sie muss den Overall in deinem Geschäft überziehen und dann im Landgericht wieder ausziehen. In der Verhandlung sitzen bestimmt Typen, die sie beobachten sollen, und ich möchte nicht, dass dieser schöne Trick auffliegt.“

Hugo Klimme betrieb eine Klempnerei und ein Geschäft für Sanitärbedarf. Name, Firma und Telefon waren auf den von der Firma gestellten Overalls groß aufgedruckt, und dass ein Klempner zu einem „Eileinsatz“ in ein Gerichtsgebäude gerufen wurde, war nicht auffällig oder verdächtig. So konnte Rudi seinen Schützling Isa in das Gebäude bringen, und in dem Richterzimmer neben Saal 15 würde sie den Overall ausziehen und später wieder über ihre Sachen ziehen.

„Alles klar. Und wann?“

„Mittwoch, 18. Juni. Sie ist auf elf Uhr geladen. Wir tauchen am Vormittag rechtzeitig bei dir in der Firma auf ...“

„Gebucht, Rudi.“

Hugo musste für den Termin mindestens einen Firmenkombi und ein paar Männer bereithalten, für die er natürlich später vom Amt bezahlt wurde.

„Vielen Dank, Hugo.“

„Mach' ich doch gern für dich.“

Sie tranken noch eine Flasche von den Flüssig-Einkäufen, und als Rudi jetzt wieder fragte, wer denn der Mann gewesen sei, der sie in Frankfurt auf dem Flughafen erwartete, gab sie zu: „Das war

Ullrich Schiefer.“

„Ist er der Vater von Jonas und Julia?“

„Nein, das ist oder besser war Tomasio Lucano.“

„Ullrichs Freund?“

„Ja.“ Tomasio war als Kind italienischer Gastarbeiter in München aufgewachsen und hatte auf einem Oktoberfest, auf dem die Akademiestudentin Isa Vandenburg als Aushilfskraft bediente, sie und Ullrich Schiefer kennengelernt. Sie hatten sich angefreundet, und als Isa ihrem Tomasio gestehen musste, dass sie von ihm schwanger war, hatte Tom gerade mit Ullrich ein Geschäft gegründet, das sich auf den Im- und Export nach und von Italien spezialisierte. Der Betrieb blühte, die Firma Utom zog nach Frankfurt, Tom ließ sie nach der Geburt sitzen, zahlte aber für die Zwillinge, und als sie eines Tages zufällig Ullrich begegnete, bot der ihr einen Job bei Utom an. Später konnte sie sich ein Haus in Schlangenbad leisten, dazu eine Hausangestellte, so dass sie die Zwillinge zu sich nehmen konnte. Julia wollte Schauspielerin werden und Jonas studierte Maschinenbau in Darmstadt. Als es kritisch wurde und Isa untertauchen musste, zog ihre Schwester Ilka nach Schlangenbad, kümmerte sich um das Haus, um Jonas und in den Unterrichtsferien auch um Julia. Isa hatte Fotos von ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester auf dem Handy und Rudi brummte ehrlich begeistert: „Donnerwetter, wie hübsch Ilka geworden ist.“ Zuletzt hatte er sie als Grundschüler in Kastel gesehen, und damals schien sie immer im Schatten der Schwester Isa zu stehen.

„Und wie soll es weitergehen?“

„Wenn ich meine Aussage vor Gericht überlebe, will ich wegziehen, nach Vilona.“

„Himmel hilf. Wo ist denn das?“

„Das ist eine vom Massen-Tourismus Gott sei Dank noch nicht ruinierte Kanareninsel. Dort besitze ich ein Grundstück direkt am Meer und eine Bauerlaubnis für eine Ferienbungalowsiedlung. Einen sprach- und landeskundigen Partner aus der Branche habe ich auch schon gefunden, dort will ich mich verstecken.“

„Vor wem?“

„In erster Linie vor Schiefer, der ja nicht ewig im Knast sitzen wird und dessen Rachsucht ich aus eigener Anschauung kenne.“


*


Mehtar Ben Ali war Tunesier, ein gebildeter, weltläufiger Mann, mehrfacher Dollar-Millionär, der fließend Englisch, Französisch und Italienisch sprach. Gregor Nellen, ein Rechtsanwalt mit viel Geld und einem schlechten Ruf bei Kollegen und der Justiz, unterhielt sich mit ihm auf Französisch. Dolmetscher konnten sie bei den heiklen Dinge, die sie zu erledigen hatten, nicht gebrauchen.

„Die Familie hält vorerst still“, versicherte Ben Ali. „Aber sobald Schiefer verurteilt ist, müssen wir entscheiden, was mit seiner Firma geschehen soll. Ich habe jemanden an der Hand, der der Sache schon mit Einsatz seines Lebens gedient hat, und genügend Geld und Kenntnisse und Connections mitbringt. Wir können ihm vertrauen.“

„Ich würde sagen, das entscheidest du. Ich verstehe zu wenig von der Sache und von dem neuen Geschäft. Vor allem fehlen mir die Sprachkenntnisse.“

Was Ben Ali nur Recht war. Er hielt den Rechtsanwalt Gregor Nellen für einen skrupellosen, geldgierigen Lumpen ohne Überzeugungen und ohne jedes Gewissen. Aber das musste er ihm ja nicht verraten, vermutete allerdings, was Nellen schon ziemlich genau ahnte, was Ben Ali von ihm hielt. Der räuspert sich: „Die Druckerei arbeitet doch noch?“

„Zu den alten Bedingungen und in alter Qualität.“

„Das ist gut. Hier habe ich fünfzehn Namen und Fotos von Männern, für die ich die üblichen Papiere brauche.“

„Geht in Ordnung. Du musst aber dafür sorgen, das die nicht wie dein Landsmann Amri durch Deutschland turnen und eine Dummheiten nach der anderen begehen.“


*


Rainer Hilgenrath hatte wie jeden Tag, bevor er abends sein Büro verließ, noch einmal in seinen Computer geschaut und die mail des Chefs gelesen, dass ein sandfarbener Corsa gesucht wurde. Hilgenrath hatte kein Ahnung, was das zu bedeuten hatte, ihm fiel nur das Kennzeichen auf, RH waren nämlich seine Initialen und 234 ließ sich gut behalten. Vom Bonner Talweg fuhr er nicht lange nach Lengsdorf, wo er sich eine Eigentumswohnung gekauft hatte. Von Männern wie ihm lebte die Lebensmittelindustrie, er war ein guter Bediener der Mikrowelle und schluckte lieber teure Lebensmittelergänzungsprodukte, als sich einmal frisches Gemüse zu kaufen und zuzubereiten. Obst kam ihm nicht auf den Tisch oder Teller. Objektiv betrachtet führte er ein tristes Leben, was ihm schon gar nicht mehr auffiel, und während sich die Schale in der Mikrowelle drehte, überlegte er, wann er zum letzten Mal eine mail oder einen Auftrag von der Frankfurter Utom oder der Agentur Kollau bekommen hatte. Früher, als Außen-, Finanz- und Wirtschaftsministerium des Bundes noch an einem Ort waren, hatte sein Weizen geblüht, aber das war lange vorbei. Ihm hatten die Wiedervereinigung und der Regierungsumzug nach Berlin nur Nachteile gebracht. Allerdings hatte er auch nie die Entschlusskraft aufgebracht, seine Zelte hier abzubrechen und nach Berlin oder Frankfurt umzuziehen. Linda hatte ihn vor Jahren verlassen; eine andere Frau hatte er nicht mehr kennengelernt. Er trank noch seine übliche Flasche Weißwein von der Ahr und ging, unzufrieden mit sich, seinem Leben und vor allem mit dem Fernsehprogramm früh zu Bett.


*


Isa und Rudi hatten bis kurz vor Mitternacht sich gegenseitig erzählt, wie es ihnen nach dem Abschied auf Lanzarote ergangen war, wobei eine zweite Flasche Wein daran glauben musste. Das Doppelbett war nicht die Krönung des Schlafkomforts. Der erste Sex nach fünfzehn Jahren war dagegen großartig, wie beide fanden und sich gegenseitig versicherten.



Freitag, 13. Juni

Sie fuhren am nächsten Vormittag in die Innenstadt, ohne festes Ziel, nur um zu bummeln. Beide wollten sie ein Stück am Rhein laufen, Beethoven vor der Post begrüßen, vielleicht das Beethovenhaus besichtigen, und Isa wünschte sich einen Stop auf dem Kreuzberg am Kapellchen, weil das in der Morgensonne so hübsch ausgesehen hatte. Er wollte wenigstens einmal einen Blick auf die Arbeitsstelle werfen, die ihm Katrin bei den Bellmanns so großmütig zugewiesen hatte. Doch vor diese löblichen Absichten hatte das Schicksal die Suche nach einem Parkplatz gesetzt: Sie fanden einen auf der Poppelsdofer Allee und achteten beim Einrangieren nicht weiter auf einen Kleinwagen, aus dem ein vielleicht vierzigjähriger Mann mit einer mürrischen Miene stieg, dem Rudi den angepeilten Platz weggeschnappt hatte. Rainer Hilgenrath ärgerte sich und schaute eigentlich nur deshalb auf das Kennzeichen des sandfarbenen Autos. Aus Wiesbaden, natürlich, wieder einer dieser unnützen Besucher des ehemaligen Bundesdorfes. Doch dann stutzte er. RH 234 , seine Initialen und die Zählanleitung für Kleinkinder. Wo hatte er das kürzlich gesehen oder gelesen? Er lief vorbei an Zunz seliger Witwe auf den Bonner Talweg und warf seinen Computer an. Da war es. Keine Minute später ging eine Mail an den Chef raus: Der gesuchte Corsa WI – RH 234 parkte im Moment auf der Bonner Poppelsdorfer Allee in Höhe des Hauses Nr. 25. MfG Hilgenrath. Sekunden später begann der Chef wie ein Wilder zu telefonieren, und während Rudi und Isa auf der Hofgartenseite am Schloss vorbeischlenderten, organisierte der Chef eine lückenlose Beobachtung und spätere Verfolgung des sandfarbenen Autos mit dem Wiesbadener Kennzeichen. Rudi und Isa waren etwas enttäuscht. Zwar schien die Sonne aus einem blauen wolkenlosen Himmel, das Siebengebirge war gut zu erkennen, aber der Rein führte so wenig Wasser, das nur teilweise beladene Schiffe mit gebremster Geschwindigkeit bergauf und talwärts fuhren. Schon weit vor dem alten Wasserwerk, das sie sich als Ziel gesetzt hatten, bogen sie ab. Die Schlange vor dem Haus der Geschichte war ihnen zu lang und deswegen nahmen sie die Straßenbahn zurück zur Universität. Beethoven musste warten, am Kaiserplatz fanden sie ein noch nicht überfülltes Restaurant und stöhnten, als sie daran dachten, dass ihnen nun noch ein Fußmarsch fast bis an das Poppelsdorfer Schlösschen bevorstand. Isa winkte sofort ab, als er sich erkundigte: „Noch das Kapellchen auf dem Kreuzberg?“

„Angeblich muss man auf den Knien eine lange Treppe hochrutschen.“

„Kommt darauf an, wie viele Sünden du inzwischen begangen hast.“

„Nein, danke. Nur noch Schuhe aus und dann einen langen Mittagsschlaf.“

Die beiden Autos mit Bonner Kennzeichen, die sich abwechselnd an sie hängten, bemerkten sie beide nicht und führten ihre Verfolger direkt in den Paula-Roming-Weg Nr.19. Als die Verfolger das Ergebnis über Handy an den Chef weitergaben, ordnete der an, sich zurückzuziehen und alles Weitere der Zentrale zu überlassen. Den Männern war es recht. Sie wussten, dass sie ihr Honorar bekommen würden, auf die Agentur Kollau war in diesem Punkt Verlass. Auch Rainer Hilgenrath rechnete sich bei einem verspäteten Mittagessen ein hübsches Sümmchen aus, das ihm wohl zustand und er auch dringend benötigte. Rudi und Isa schliefen tief und ahnungslos, ihre Schuhe kühlten aus und ihre Füße schwollen ab.


*


Alexander Dorberg, Essener Hauptkommissar im Ruhestand, hatte in der Ahornstraße bis 12 Uhr warten müssen. Erst dann fuhr ein grellroter Sportwagen vor, aus dem ein junger, großer sportlicher Mann mit blonden Locken heraussprang und zur Haustür sprintete. Dort wurde ihm umgehend geöffnet und ein sehr anziehendes Mädchen fiel ihm stürmisch um den Hals. Der Kuss dauerte so lange, dass Dorberg den halben Chip voll fotografieren konnte. Da waren mehrere Pfeile Amors gewaltig eingeschlagen.

Als eine Stunde später beide das Haus noch nicht verlassen hatten, ging Dorberg zur Haustür. Auf dem Klingelschildchen stand „L.Behrens“ und auf einem gekritzelten Pappstückchen darunter „J. Vandenburg“. Er ließ sich über die Auskunft mit Behrens, Ahornstraße verbinden. Nach dem siebten Klingeln wurde abgenommen. „Vandenburg.“

„Guten Tag, sagte Dorberg freundlich, „mein Name ist Alex Dorberg, könnte ich bitte mit Frau Behrends sprechen?“

„Tut mir leid, meine Tante ist nicht da.“

„Wissen Sie zufällig, wann ich sie erreichen kann?“

„Nein, aber sie wollte heute Abend aus Kleve zurückkommen.“

„Danke, dann versuche ich es morgen noch einmal. Wiederhören.“

„Ciao.“

Wer wollte ihnen verargen, dass Julia und ihr Freund eine sturmfreie Bude nutzten. Das Kennzeichen des Sportwagens hatte er aufgeschrieben. Den Namen der Tante und ihre Telefonnummer ebenfalls, also konnte er für heute beruhigt nach Hause gondeln. Unterwegs hielt er für ein schnelles Bier am Uhlenkrug und traf, wie gewöhnlich, einen früheren, inzwischen ebenfalls pensionierten Kollegen an. Viele Polizisten, die in Rüttenscheid oder Bergerhausen wohnten, schluckten im Uhlenkrug vor oder nach dem Gesundheitsspaziergang ein Bierchen. Dorberg war nur einmal im Stadion gewesen. Schwarz-Weiß Essen spielte gegen Alemannia

Aachen. Das Spiel endete 9 : 1, Dorberg wusste schon gar nicht mehr für wen, aber nach diesem einseitigen Schlachtfest hatte er das Stadium nie mehr betreten. Und bis zu Rot-Weiß Essen an der Hafenstraße war es ihm zu weit.


*

Sie hatte alle Abende allein in ihrer tristen Wohnung verbracht und sich vor dem Schlafen wieder einmal mit der Frage herumgequält, warum kein Mann und kein Kollege was von ihr wissen wollte und weshalb sie keine echte Freundin hatte. Gut, sie war keine Schönheit, das wusste sie, hatte ein etwas ausdrucksloses Gesicht und eine nur durchschnittlichen Figur. Aber das waren und hatten viele andere Frauen auch, die doch einen Freund, Liebhaber oder Ehemann abbekommen hatten. Den einzigen Kollegen, der Anstalten machte, sich länger an sie zu binden, mochte sie nicht leiden, weil sie ihn für eine aufgeblasene Null hielt, einen Fummler, über den sich mehrere Frauen schon beschwert hatten. Was machte sie falsch? Dabei liebte sie Sex in jeder Form und zierte sich nie lange, bis alle Hüllen fielen.

Darüber grübelte sie noch, als es klingelte. Verwundert ging sie zur Tür und drückte den Sprechknopf: „Ja?“

„Hallo, hier ist Lupo. Bist du noch zu sprechen?“

„Jederzeit. Komm rauf!“

Sie wartete, bis sie unten die Haustür ins Schloss fallen hörte, stieg dann schnell aus ihren Hosen und zog ihr Shirt über den Kopf. An Lupo hatte sie gar nicht mehr gedacht. Vielleicht endete dieser Abend ja doch noch ganz angenehm. Als sie die Wohnungstür geöffnet und bis auf einen Spalt angelehnt hatte, zog sie sich vollständig aus.

Lupo seufzte leise, als er ins Zimmer kam, wo eine nackte Frau auf ihn wartete. Sein Kumpel Tuku hatte es vorhergesagt: „Die legt mehr Wert auf deinen steifen Schwanz als auf deine gefüllte Brieftasche.“

„Ich bin aber gar nicht scharf auf sie.“

„Spaß ist Spaß,Lupo, und Job ist Job.“

Also zog auch Lupo sich aus und schob mit ihr ins Schlafzimmer. Sie brauchte lange, bis sie zum Orgasmus kam, es artete für ihn in Arbeit aus, aber wie hatte Tuku richtig prophezeit: „Job ist Job.“ Erst eine Viertelstunde später wagte Lupo zu fragen: „Wie lange arbeitet das Ding denn noch?“

„Welches Ding?“

„Das du für uns versteckt hast.“

„Ach so, das meinst du. Über eine Woche noch. Was denkst du, kannst du noch mal? Ich habe noch Lust.“

Sie hatte immer Lust, wie Lupo inzwischen wusste. Ihr Freund konnte es nicht leicht mit ihr haben. Dass sie keinen Freund hatte, wusste er nicht. Ihm reichte, dass sie hinter dem Geld her war. Und Geld spielte für Lupo und seine Chef keine Rolle.



Samstag, 14. Juni

Beim Frühstück fragte Isa: „Ist es weit bis Brühl?

„Nein, warum?“

„Ich möchte gern einmal das Schloss Augustusburg besichtigen. Die haben ab 11 Uhr geöffnet.“

„Woher weißt du?“

„Ich kann mit meinem Handy im Internet surfen.“

„Dann informiere dich doch auch über Schloss Falkenlust und das Wasserschloss Schallenburg. Das mache ich alles nur unter einer Bedingung mit.“

„Und welcher?“

„Dass du mich ins Max Ernst Museum begleitest.“

„Gebucht und versprochen.“


*


Der Chef, Lupo, Tuku und ihr „Handwerker“ Ahmed hatten sich spät, schon bei Dunkelheit, in Sechtem bei Ricki einquartiert, der nicht sehr erfreut dreinschaute, sich aber mit einem Zweihunderter umstimmen ließ. Mit einem weiteren Zweihunderter überließ er ihnen für den nächsten Tag auch sein Auto und rangierte den Wagen mit dem Frankfurter Kennzeichen in eine alte Scheune. Hotelzimmer für vier gleichzeitig spät ankommende Gäste wären viel zu auffällig gewesen.

„Hat dein Methusalem auch ein Navi?“

„Nein, das gab's noch nicht, als ich den Karren gekauft habe. Wohin müsste ihr denn?“

„Nach Bonn-Ückesdorf.“

„Ich bring euch hin und fahr' mit einem Bus in die Stadt zurück.“ Nur Tuku war aufgefallen, dass der Chef die Straße nicht genannt hatte, in der die Vandenburg mit einem Begleiter untergekrochen war.

Sie frühstückten alle noch ausgiebig an einer Tankstelle, ließen später Ricki an einer Bushaltestelle aussteigen und warteten noch fast eine Stunde im Paula-Roming-Weg, bis der Wagen mit der Wiesbadener Nummer die Tiefgarage verließ. Der Chef hatte entschieden, dem Auto nicht zu folgen; solange die beiden nicht auf sie aufmerksam wurden, bestand für sie kein Grund, nicht in dieses Versteck zurückzukehren; Tuku und Ahmed zogen ihre Kostümjacken mit dem fantasievollen Aufdruck „Bundesnetzagentur, Störungsdienst“ an und verschwanden im Haus Nr. 19. So ein Haustürschloss war für Tuku ein Kinderspiel. Im Treppenhaus setzten sie sich Kopfhörer auf und schalteten ihre Suchempfänger ein, die jeder in seiner Werkzeugtasche verborgen hatte. Sie blieben vor jeder Wohnungstür stehen und bewegten kurz ihre Peilantennen. Erst im sechsten Stockwerk hörten sie beide ein schwaches rhythmisches Signal. Auf dem Schildchen unter dem Klingelknopf stand Katrin Köhler. Tuku notierte sich den Namen, während Ahmed klingelte und dann, als sich drinnen nichts rührte, seinen Dietrich ansetzte. Beide zogen dünne Handschuhe an und suchten den Wohnraum und dort ein geeignetes Versteck, eine Wanze zu verstecken. Tuku grübelte: Wer zum Teufel war Katrin Köhler? Der Name war ihm noch nicht untergekommen.

Lupo war ebenfalls mit dem Bus in die Stadt gefahren und hatte sich bei einem Autoverleih einen unauffälligen Mittelklassewagen mit einem BN-Kennzeichen besorgt und war mit dem Wagen zurückgekommen. Im Kofferraum gab es mehr als genug Platz für ein digitales Aufzeichnungsgerät und einen stärkeren Sender mit einem für mehrere Tage reichenden Akkusatz. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn der Begleiter nicht versuchen würde, die schöne Isa auszuhorchen.


*


Isa und Rudi absolvierten einen mit Kultur und Geschichte reich befrachteten Vormittag. Nach zwei Schlössern und einem Museum brummten ihre Köpfe und brannten ihre Füße. Im nächstbesten Restaurant aßen sie sie mäßig, aber teuer zu Mittag und fuhren entspannt nach Bonn zurück. Von dem ungebetenen Besuch in „ihrer“ Wohnung bemerkten sie nichts, und auf den in ihrer Straße parkenden Wagen achteten sie nicht. Nach dem ausgedehnten Mittagsschlaf kochte Isa Kaffee und stöberte bei der Suche nach einer neuen Tischdecke in einem Schrank einen großen Kasten mit Brettspielen auf.

„Lach mich nicht aus, Rudi, aber ich würde gerne wieder einmal 'Mensch ärgere dich nicht' spielen.“

„Okay, ich bin dabei.“ Das erste Spiel gewann er und zog ihr als Siegesprämie das Shirt über den Kopf. Sie gluckste und half ihm nach seinem zweiten Gewinn, ihren BH aufzuhaken. Weil es ihnen zu lange dauerte, jedes Mal ein ganzes Spiel zu absolvieren, verzichteten sie bald auf Würfel und lackierte Holzfiguren und stolperten gemeinsam ins Schlafzimmer, wobei er sich mehr beeilte als sie. Sie konnten nicht ahnen, dass sie damit vier Leute gewaltig ärgerten, weil die Wanze im Wohnzimmer nur schwache Laute aus dem Schlafzimmer und ein kaum verständliches Gespräch auffing, in dem es jedenfalls nicht um Geld ging.


*


Einem früheren verdienten Kollegen verweigerte man im Präsidium keine Auskunft nach dem Halter eines grellroten Sportwagens. Er hieß Timo Reufels und wohnte in Schuir in der Mintropstraße. Dorberg rief dort an und hörte von einer jungen Frau, Bruder Timo sei nicht da, sondern nach Werden gefahren.

„Vielen Dank, dann weiß ich, wo ich ihn finde“, log Dorberg überzeugend geläufig und fuhr los. Einen Parkplatz in der Altstadt zu finden, war nicht so einfach, aber Dorberg war seit dem altersbedingten Verzicht auf Blaulicht und Martinshorn inzwischen ein Meister des Einparkens geworden; er ging anschließend zur Abtei, auf der Suche nach einem grellroten Sportwagen. Den fand er nicht, aber sichtete einen großen jungen Mann mit einer blonden Lockenpracht, der wie ein Fels in der Brandung den Strom junger Leute teilte, die alle aus der Schule kamen. War denn heute, am Samstag, Unterricht gewesen. Julia fiel dem Blonden um den Hals. Für ein Mädchen war sie recht groß, wie Dorberg fand, aber für ihren Timo musste sie sich zum Kuss auf die Zehenspitzen stellen, Dorberg beobachtete es amüsiert. Zu seinem Erstaunen steuerten die beiden nicht seinen Sportwagen an, sondern gingen Hand in Hand über die Ruhr-Brücke auf den S-Bahnhof zu. Timo musste eine Fahrkarte lösen, Dorberg tat es ihm nach; Julia besaß wohl eine Dauerkarte. Sie stiegen in Stadtwald aus, trennten sich aber bald. Sie ging Richtung Ahornstraße, Dorberg folgte Timo, der ohne Zögern einen Kleingartenverein Horst John ansteuerte. Dort schien sich Timo auszukennen und war kein schlechter Fußgänger, marschierte stramm ohne Zögern und Unsicherheit direkt auf eine größere Laube zu, die – mit Bauerlaubnis? - zu einem kleinen gemauerten Häuschen erweitert worden war. Als Timo die Eingangstür öffnete, drang eine dichte Wolke aus Tabakrauch und Bierdunst bis an den Zaun, wo Dorberg erst einmal stehen geblieben war, um nicht im letzten Moment noch aufzufallen. Die nächste Stunde passierte wenig, ab und zu ging ein Mann in den Garten, um einen großen Baum zu wässern. Eine Toilette gab es in dem Häuschen wohl nicht, und wegen dieser blasenschwachen Typen wagte Dorberg nicht, näher an den Bau heranzuschleichen. Doch nach einer guten Stunde schien drinnen jemand zu denken, der Mensch brauche auch Sauerstoff zum Atmen und öffnete die Eingangstür weit und ließ sie offen stehen. Drei Schritte nach rechts gerückt, und Dorberg erkannte durch die Öffnung eine Runde von Männer, die Karten spielten. Weil sie regelmäßig etwas auf den Tisch vor ihnen legten, vermutete Dorberg, dass hier gepokert wurde. Timo Reufels saß so, dass Dorberg ihn nicht durch die offene Tür sehen konnte. Als der Spieler die Tür wieder schloss, machte sich Dorberg nachdenklich auf den Weg zurück, ärgerte sich in Werden über das Knöllchen, das unter seinem Scheibenwischer steckte, und fuhr nach Hause. Sollte er Rudi alarmieren oder noch abwarten?


*


Der schlechte Empfang störte auch den Chef so sehr, dass er schließlich dem Drängen Lupos und Tukus nachgab. Sie sollten laut Auftrag diese Tussi – so hatte sich der Chef ausgedrückt – ausschalten und damit hatten sie lange genug gewartet. Ahmed würde im Auto warten, nachdem er den drei Männern die Haustür geöffnet hatte. Der Chef, Lupo und Tuku nahm den Aufzug, was Rudi zufällig hörte und was ihn störte. Besuch noch um diese Tages- oder besser Nachtzeit? Mit einer durchgeladenen und entsicherten Heckler & Koch ließ sich bestimmt nachdrücklicher fragen und so schauten der Chef, Lupo und Tuku in den Lauf einer Pistole, als sie im sechsten Stock den Aufzug verlassen wollten.

Lupo vergriff sich im Ton: „Aus dem Weg, du Wichser. Wir wollen nur mit der dummen Gans sprechen.“

Rudi schoss nicht sofort, sondern trat erst einmal kräftig zu. Wer konnte denn wissen, dass Lupo so schmerzempfindliche Weichteile besaß und Tuku einen so schlechten Gleichgewichtsapparat?! Lupo ging zu Boden und riss im Fallen Tuku von den Füßen, der sich sofort anschickte, die Treppe im freien Flug hinunterzusegeln, wobei er ruhestörend laut schrie und die Familie Bellmann aus dem Schlaf riss und aus dem Bett holte. Den Aufprall gegen die Hauswand auf dem nächsten Absatz überlebte Tukus Schädeldecke nicht, und als das Echo seines letzten Schreis verklungen war, richtete Rudi seine Pistole auf den Bauch des Chefs, der daraufhin keinen Widerstand wagte. „Na, was seid ihr denn für komische Vögel?“

„Arschloch.“

„Mach dich ganz schnell vom Acker, sonst knallt's.“ Und weil der Chef nicht sofort gehorchte, lachte Rudi hässlich und schoss an dessen Kopf vorbei. Aber die Aufregung forderte auch bei ihm ihren Tribut. Die Kugel zerfetzte das rechte Ohrläppchen des Chefs, der laut heulend die Treppe hinuntersprang, über Tukus Leiche stolperte und das aus seiner Wohnung getreten Ehepaar Bellmann unsanft in die Diele zurückschleuderte und weiter brüllend nach unten raste, wobei er eine Linie von Blutstropfen auf Treppen und Absätzen hinterließ.

„Rudi, was ist denn hier los?“ Isa sah entzückend aus, wenn auch das kurze durchsichtige Nachthemdchen nicht zum Ernst der Situation passte.

„Du solltest Besuch bekommen.“

„Ach nee. Und woher hatten die meine Adresse?“ Das beschäftigte und beunruhigte Rudi auch.

„Kennst du den da unten auf dem Absatz?“

Sie trat nur so weit vor, dass sie einen schnellen Blick auf die Leiche werfen konnte. „Nein. Ist er tot?“

„Sieht so aus, ja.“

„Müssen wir jetzt die Polizei rufen?“

„Eigentlich ja, aber ich glaube, das erledigen schon die Bellmanns für uns.“

So war es, eine halbe Stunde später war an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Die halbe Bonner Kripo schien sich ein Stelldichein in Ückesdorf zu geben und lärmte ungeniert durch das Haus.

Der Arzt war auch der Meinung, dass ein unglücklicher Treppensturz und Aufprall gegen die Wand Tukus tödliches Schädel-Hirn-Trauma verursacht hatte. Doch Rudis Hoffnung, seine Funktion und Aufgabe geheimhalten zu können, verflog, als ein Hauptkommissar Schneider die Szene betrat und sofort wissen wollte, welche geheimnisvolle Wand dem Mann, den sie vor dem Hauseingang auf dem Zuweg gesichtet hatten, das halbe rechte Ohr abgerissen habe. Doch der lädierte Knabe hatte trotz seiner Wunde das Weite suchen können. Es half nichts, Rudi musste Dienstwaffe und Dienstausweis vorzeigen, seine Dienststelle nennen und erklären, was er mit einer Frau hier in einer ihm nicht gehörenden Wohnung zu suchen habe. Am meisten schien sich Schneider darüber aufzuregen, dass sich ein hessischer Polizist hier in Nordrhein-Westfalen aufgehalten hatte, ohne sich bei den Bonner Kollegen zu melden. Rudis Beteuerungen, er habe keinerlei Amtshandlung vorgenommen, sondern nur Geld in zwei Schlössern und einem Museum in Brühl gelassen, wollte Schneider nicht ohne weiteres glauben. „Ich fürchte, das wird Minister Jäger gar nicht gefallen.“

„Der Kerl gefällt mir auch schon lange nicht mehr“, schnappte Rudi, und damit hatte er wohl auf den richtigen Knopf gedrückt.

„Herr Kollege, wir verstehen uns“, schmunzelte Schneider. „Wenn Sie mir versprechen, nicht das Weite zu suchen, reden wir über alles am Montag weiter.“

„Einverstanden. Wenn ich bis dahin meine Pistole wiederbekommen kann. Sie wissen doch, ein Besuch kommt selten allein.“

„Wen haben Sie denn da in Ihrer Gewalt?“

„Unter meinem Schutz“, korrigierte Rudi gekränkt.

„Wie auch immer. Putins Freundin?“

„Streng geheim“, wehrte Rudi ihn ab.

„Na schön, die Pistole gebe ich Ihnen mit. Und am Montag will ich den Staatsanwalt überzeugen, dass das abgerissene Ohrläppchen kein versuchter Totschlag war, sondern im Eifer des Gefechts eine unglückliche, zufällige Handbewegung eines geschätzten hessischen Kollegen, dem es wirklich nicht eingefallen ist, die föderale Ordnung der Inneren Sicherheit auf eigene Faust auszuheben.“

„Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Kollege.“

Einen weiteren Besuch hätte Rudi nicht fürchten müssen. Ahmed sah mit Entsetzen, wie ein blutender und vor Schmerzen wimmernder Kumpan auf das Auto zukroch. Ahmed half ihm in den Wagen und machte, dass er fortkam, bevor die anrückende Polizei alle parkenden Autos und wartende Fahrer kontrollieren konnte.



Sonntag, 15. Juni

Rudi riss seinen Chef Paul Fichte um neun Uhr aus dem schönsten Sonntagsschlaf und beichtete. Fichte war nicht erfreut, meinte aber, das ließe sich alles reparieren, Hauptsache, der Zeugin war nichts passiert.

„Nein, kein Härchen gekrümmt.“

„Aber wie haben die euch so rasch wiedergefunden?“

Beide sinnierten, dann hatte Fichte eine scheußliche Idee, scheußlich, weil sie richtig sein konnte. „Die haben euch doch in der 'Erbsensuppe' besucht?“

„Ja, und sogar in Isa Handtasche einen Peilsender hinterlassen.“

„Dann hat mit Sicherheit jemand das Haus beobachtet, als ihr losgefahren seid. Du bist mit deinem Privatwagen unterwegs?“

„Ja.“

„Mit Wiesbadener Kennzeichen?“

„Ja.“

„Den fährst du immer noch?“

„Ja.“

„WI unter BN, das fällt auf.“

Rudi sagte nichts. Der Zufall konnte ein sehr hilfreicher, aber auch sehr heimtückischer Kollege sein, der überhaupt nicht half, sondern im Gegenteil mächtig schadete. Und Isa hatte ihn gewarnt, die Organisation Utom und die mit Utom zusammenarbeitende Organisierte Kriminalität hatte überall ihre Leute, warum nicht auch in der ehemaligen Bundeshauptstadt? Rudi brauchte einen Leihwagen und musste seinen braven Sandfarbenen vorerst in der Tiefgarage stehen lassen.


*


Noch früher als Rudi hatte der Chef der Agentur telefoniert, nachdem Ahmed und Ricki ihm das blutende Ohr notdürftig desinfiziert und verbunden hatten. Anwalt Nellen lag noch neben seiner neuesten „Freundin“, als sein Handy rumorte. Vorsichtshalber ging er in ein Nebenzimmer. Der Chef gestand, dass ihre geplante Aktion schiefgelaufen war und sich jetzt die Polizei einmischte.

„Was heißt hier geplant?“, unterbrach Nellen brüsk. „Ihr solltet sie bis zum Prozess kaltstellen oder ausschalten. Von Mord oder Totschlag war keine Rede. Unentschuldigtes Fehlen bei einem Gerichtstermin, auf das und auf nichts anderes hatten wir uns verständigt.“

Der Chef wollte sich nicht auf eine lange Debatte am Telefon einlassen. Sein Ohr schmerzte, und er hatte starke Kopfschmerzen.

„Einer meiner Mitarbeiter ist dabei tödlich verunglückt. Ich weiß nicht, wie rasch man ihn identifizieren wird und wie schnell das zu uns führt.“

„Aha“, sagte Nellen trocken, „jetzt verstehe ich. Sie sind also draußen, nicht mehr im Geschäft, das wollten Sie doch sagen?“

„Ja.“

„Gut oder vielmehr schlecht, das war natürlich der letzte Auftrag, den Sie von mir bekommen haben.“

„Das befürchte ich, ja.“


*


Rudi versuchte beim Frühstück, mit dem Wenigen, was er wusste und vermutete, Isa zu erklären, was sich heute Nacht im Treppenhaus abgespielt hatte. Er war damit gerade fertig, als Dorberg anrief.

„Die junge Dame aus der Ahornstraße hat sich mit einem jungen Mann eingelassen, der mit einer professionellen Bande pokert. Du weißt, was das in der Regel bedeutet?“

„Aber ja. Danke für die Warnung.“

Eigentlich reichte es jetzt mit den Schreckensmeldungen.


*


Für Rudis Geschmack nahm Isa diese Horrormeldung zu gelassen auf: „Julia hat kein Geld und kann auch kein Geld organisieren oder leihen. Da habe ich vorgesorgt, bevor ich zur Staatsanwaltschaft gegangen bin. Das Geld ist erstens gut versteckt und den Schlüssel zum Versteck habe ich zweitens sozusagen in vier Teile zerlegt, erst mit allein Teilen lässt sich das Versteck, wenn man es denn entdeckt hat, auch öffnen. Und Fremde müssen aufpassen, dass dabei die Sprengladung nicht hochgeht.“

„Welche Sprengladung?“

„Mit der das Geld zusätzlich gesichert ist.“

Rudi schluckte: „Isa, du wirst mir langsam unheimlich.“

„Warum. Hast du es auch auf mein Geld abgesehen?“

„Nein, auf dich; wenn du dich damit abfinden kannst, dass ein hessischer Hauptkommissar wahrscheinlich sehr viel weniger verdient, als du in deiner Vergangenheit.“

„Das wird sich noch herausstellen, mein Bester.“ Sie gähnte, dass er ihre Mandeln bewundern konnte.

So folgte ein langen Kuss, bei dem Rudi und Isa keinen Grund hatten, aus dem Fenster zu schauen. Deshalb bemerkten sie auch nicht, dass ein Auto mit einem SU-Kennzeichen auf der Straße hielt, ein Mann ausstieg und sich in einen dort parkenden Wagen mit einem Bonner Kennzeichen setzte. Beide Wagen fuhren gemeinsam los.

Rudi und Isa fanden derweil den Weg ins Schlafzimmer.

Hinterher überlegte er gerade, ob es sich lohnte, noch einmal ohne Isa ins Bett zu gehen, als sein Chef Paul Fichte anrief: „Rudi, mir ist noch so eine scheußliche Idee gekommen.“

„Und welche?“

„Wenn Sie euch in der 'Erbsensuppe' mit einen Peilsender beglückt haben, können Sie am Samstag, als ihr fast den ganzen Tag in Sachen Kunst und Kultur unterwegs gewesen seid, in eurer Wohnung völlig ungestört eine Wanze montiert haben.“

„Du kannst einen richtig aufheitern.“


*


Rechtsanwalt Nellen erreichte Mehtar Ben Ali in einem ICE nach Zürich und informierte ihn über den missglückten Anschlag in Bonn. Sie sprachen wie üblich Französisch miteinander.

„Das heißt, jetzt sind wahrscheinlich die anderen am Zuge.“

„Das fürchte ich auch.“

Das stimmte schon nicht mehr, als Nellen die Handytaste mit dem roten Hörer drückte. Sofort bimmelte der Apparat und ein unbekannter Mann fragte, ohne sich vorzustellen: „Haben Sie heute morgen mit unserem Chef Niels Kollau telefoniert?“

„Warum wollen Sie das wissen? Wer sind Sie überhaupt?“

„Weil wir gestern Nacht bei einer schiefgelaufenen Operation in Bonn dabei waren, aber von den Bullen nicht bemerkt wurden. Da war die Wanze schon montiert und wir haben einen Teil der Gespräche gespeichert ... nein, abgehört haben wir die Scheibe noch nicht. Wir wissen nicht, was auf der Platte drauf ist ... Wir haben sie erst heute bergen können. Richtig, Sie müssten eine Katze im Sack kaufen. Wir lassen Ihnen Katze und Sack auch sehr billig.“

„Wo in Bonn war das?“

„In Ückesdorf.“

„Okay. Riskieren wir es. Kommen Sie am Montagvormittag mit der Scheibe in meine Kanzlei. Aber Vorsicht, keine Tricks. Ich bin im Moment sehr nervös.“

Rudi scheuchte Isa aus dem Bett. „Schluss mit dem Vergnügen. Los, wir müssen nach einer Wanze suchen.“ Der Anblick einer auf den Knien herumkriechenden Isa war sehr hübsch und durchaus anregend, was sie aber oben auf einem Schrank fand, sehr viel weniger. Rudi legte die Wanze lahm, und bei viel frischem Kaffee überlegten sie gemeinsam, worüber sie sich unterhalten hatten, was einen Fremden, einen Übelgesinnten, einen Feind davon wohl interessieren mochte. Das Gespräch setzten sie bei einem langen Spaziergang im Kottenforst fort und ahnten natürlich nicht, dass der Läufer in dem weinroten Trainingsanzug ein Beamter der Kriminalpolizei war, der sich dienstlich fit hielt, um ein Auge auf Rudi und Isa zu haben. Hauptkommissar Schneider hatte mit einer Leiche genug.


*


Den Rest des Tages vertrödelten sie. Katrin rief zwischendurch einmal an und war ehrlich empört, was Freund Rudi an gewalttätiger Unruhe in das friedliche Haus eingeschleppt hatte. Rudi gab sich zerknirscht und musste lange Süßholz raspeln, bis sie sich beruhigte. Oder wenigstens so tat.


*


Andere waren fleißiger. Zwischen Wiesbaden und Bonn glühten die Telefonleitungen und stöhnten die Server über die Unmassen vom Mails, die zwischen den beide Städten hin- und herflitzten. Sogar Kriminalrat Brock opferte seinen geheiligte Sonntagsschlaf und kam ins Amt, um lange und gelegentlich lautstark mit Paul Fichte zu konferieren. Ricki und Lupo verbanden den Chef mehrmals, bevor sich Rickis und seine Gäste mit ihrem letzten Geld den Tank auffüllten und mit gänzlich ungewohnten schlappen 120 km/h auf den Weg nach Frankfurt und Wiesbaden machten. Dank des Schleichens reichte die Tankfüllung mehr als genug aus. In Frankfurt erschien der „Hausarzt“ der Bande und kümmerte sich um das lädierte Ohr des Chefs: „Das Gehör rechts ist wohl hin, Chef.“

„Sehr erfreulich.“

„Aber für das kaputte Ohr gibt es aufsetzbare Prothesen. Du wirst dich wieder auf die Straße wagen können, ohne aufzufallen.“

„Prächtig. Und wann?“

„Etwas Geduld musst du noch haben.“ Der Chef wusste, was bei Ärzten das Wort „Geduld“ bedeutete, und seufzte; er hätte diesen Auftrag nie annehmen und seinem Bauchgefühl vertrauen sollen ... Ein Ohr und einen wichtigen Mitarbeiter verloren und alles wahrscheinlich ohne Honorar. Das Leben war manchmal verdammt hart.

Über diese leider unerschütterliche Wahrheit hatten sich auch Rudi und Isa unterhalten.

Rudi schlug beim Kaffee eine Partie Halma vor, was ihr nicht behagte. Seinen Vorteil zu suchen und es dabei dem Gegner möglichst schwer zu machen, war ihr zu anstrengend, erforderte zuviel Konzentration und anstrengende Vorausschau. Sie schaute ihn direkt an, sichtlich schlecht gelaunt.

„Das solltest du mit Ilka spielen. Die plant gerne weit voraus. Mit wenig Erfolg allerdings.“

„Du magst deine Schwester nicht sonderlich, was?“, fragte er träge.

„Nein“, gab sie zu.

„Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“

„Wenn man das einen Grund nennen kann“, murmelte sie abwehrend.

„Lass mal hören.“

Sie setzte sich aufrecht hin und zog ihr Shirt stramm. „Ich war immer die Hübschere, der die Jungens nachliefen. Das hat mir Ilka nie verzeihen wollen. Weißt du, deswegen fing sie mit solch dummen Sprüchen an. Du bist schöner als ich, aber ich bin klüger als du. Man kann eben nicht alles haben, Schwesterherz.“

Ohne darüber nachzudenken, platzte er heraus: „Aber du wolltest immer alles bekommen. Wie?“

„Ja, wollte ich. Was ist dabei? Sag bloß. Du bist keine Egoist!“

„Doch, bin ich. Aber in Grenzen. Wenn du den anderen leben lässt, hat der keinen Grund, auf dich zu schießen.“

„Das ist doch Kirchengewäsch.“

„Meinst du? Warum hat Schiefer dir denn gedroht, dich umzubringen?“

„Weil er Angst hat, ich könnte ihn verraten.“

„Verraten? An wen?“

„Staatsanwalt, Polizei, Finanzamt, an seine Konkurrenz im Milieu. Die waren zum Schluss doch alle hinter ihm her.“

„Hinter ihm? Oder hinter der Utom.“

„Da gibt es keinen Unterschied“, stellte sie mürrisch klar. Rudi schwieg und überlegte, wohin sie ein harmloses Gespräch über Halma und Mühle geführt hatte. Dann schoss ihm durch den Kopf: Wie gut kannte er Isa eigentlich? Vier Jahre Grundschule zählten wohl nicht wirklich. Zweieinhalb Wochen Ferien auf Lanzarote. Da steckte sie doch wohl schon tief in dem Sumpf, aus dem sie sich jetzt nur unter Lebensgefahr befreien konnte. Was wollte sie eigentlich von ihm? Hatte sie sich wirklich gefreut, dass er kam, um Kowalski abzulösen?

Und wieso war sie unverletzt aus dem brennenden Haus im Lesterwald entkommen und der erfahrene Rotter gleich zu Beginn ausgeschaltet worden. Wer war der Mann, den sie im schon brennenden Haus erschossen hatte. Rudi kannte das Phänomen – wenn man erst einmal anfing, misstrauisch kritische Fragen zu stellen, ging es endlos weiter, bis aus Weiß zum Schluss Schwarz geworden war.

„Ich muss mal telefonieren“, sagte er plötzlich und ging auf den Balkon, der zum Paula-Roming-Weg hinaus lag, und rief Fichte an: „Sag' mal, Paul, Isa Vandenburg hat doch bei dem Brand einen Mann erschossen, der zu ihr ins Zimmer kam. Habt ihr den schon identifiziert?“

„Nein zuviel verbrannt. Mit Mühe haben wir etwas DNA gesichert und müssen nun ungeduldig warten bis wir über eine Vermisstenmeldung mit DNA-Beilage mehr herausbekommen. Warum fragst du?“

„Erzähle ich dir später.“

„Wie du meinst. Aber in diesem Zusammenhang habe ich eine vielleicht unerfreuliche Neuigkeit für dich. Man hat in der Nähe des abgebrannten Verstecks eine männlich Leiche gefunden und eindeutig als einen Geldeintreiber und Berufskiller Bodo Zoller identifiziert. Erschossen mit einer Neun-Millimeter Beretta. Und so eine kleine Artillerie führt doch auch deine Isa spazieren. Vergiss nicht, sie ist draußen herumgelaufen, während des Haus abbrannte und sie auf Krankenwagen, Feuerwehr und die Kollegen wartete.“

„Was willst du damit andeuten?“

„Gar nichts. Sei nur vorsichtig! Kowalski hat nämlich zu Protokoll gegeben, dass Isa zuerst Rotter und dann ihn gefragt hat, ob ein gewisser Rudolf Herzog noch beim Personenschutz des LKA arbeite.“

„Mich laust der Affe.“ Er schluckte heftig.

„Schatz, mit wem telefonierst du da so lange?“ Isa war ungeduldig geworden und trat jetzt auf den Balkon heraus. Dann ging alles so schnell, dass selbst der trainierte Rudi nicht alles mitbekam. Es knallte irgendwo, aber nicht weit entfernt, ein Blumenkasten, der am Balkongitter hing, zerlegte sich in Einzelteile. Isa schrie auf, als ein Teil sie traf, und stürzte rückwärts ins Zimmer zurück, Rudi beugte sich über die Balkonbrüstung, ein zweiter Knall, und auch der Blumenkasten vor Rudis Brust zerlegte sich, ein Großteil der Erde landete in seinem Gesicht, und deshalb konnte er den hellgrauen Lieferwagen, der unten auf der Straße gegenüber gestanden hatte und nun eilig losfuhr, nicht genauer erkennen.

Isa war unverletzt bis auf eine schmerzhafte Beule am Hinterkopf, die aber nicht blutete. Rudi brauchte eine Viertelstunde, die wertvolle Blumenerde von seinem Gesicht und vor allem von seinen Lippen in den Abfall zu befördern. Fichte hatte wahrscheinlich nichts mitbekommen und aufgelegt.

Isa verlangte zur Beruhigung unbedingt einen Schluck Wein und diesmal lehnte Rudi ein Glas nicht ab.

„Wollten die mich umbringen?“, fragte sie erschüttert.

Das hatte Rudi auch schon überlegt und schüttelte nach einiger Zeit den Kopf. „Glaube ich nicht, bei dem ungünstigen Schusswinkel konnte kein Meisterschütze sicher sein, dich oder mich zu treffen.“

„Die Polizei willst du nicht rufen?“

„Nein, wozu? Der Schütze ist längst über alle Berge, die Blumenkästen werde ich Katrin ersetzen, und alles in allem glaube ich, dass man dir nur einen Schrecken einjagen und mich warnen wollte.“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang!“

„Seit wann glaubst du an Gott?“

„Blödmann.“


*

Lupo konnte mal wieder sein Maul nicht halten: „Hoffentlich bald“, pflaumte er zum Schluss den Chef an: „Die Rücklagenbildung bei uns allen war nicht konsequent, folglich nicht sehr erfolgreich.“ Er sagte nicht, schließlich könne man das, was man wusste, auch an eine andere Agentur verkaufen. Das war auch nicht nötig, der Chef wusste es ohnehin und kannte auch den im Milieu gültigen Spruch, dass den meisten Menschen das Hemd näher sei als der Rock.



Montag, 16. Juni

Lupo erschien gegen neun Uhr in der Kanzlei und sagte der Sekretärin, die ihn nicht auf der Terminliste hatte: „Melden Sie Ihrem Chef bitte, ein Herr Ückes aus Bonn möchte ihn sprechen. Er weiß dann schon Bescheid.“

Die CD wechselte für tausend Euro den Besitzer, Lupo leugnete stur, dass sie sich eine Kopie gebrannt hatten, was Nellen, der seine Pappenheimer kannte, ihm nicht glaubte.


*


Isa weigerte sich, mit Rudi in die Stadt zu fahren und etwa das „Haus der Geschichte“ zu besuchen, während er mit dem Kollegen Schneider „regelte“, was sich in Katrins Treppenhaus abgespielt hatte. Rudi ließ sich erst überzeugen, nachdem er Isas Beretta inspiziert und ihr das feierliche Versprechen abgenommen hatte, lieber als erste zu schießen, denn als zweite angeschossen oder gar erschossen zu werden.

Kollege Schneider war beeindruckt. „Sie müssen ja ein hohes Tier in ihrem Amt sein.“

„Den Eindruck hatte ich bisher nicht“, erwiderte Rudi ehrlich.

„Wenn Sie wüssten, wer alles sich eingemischt hat.“

„Wahrscheinlich alle diejenigen, die vorher gegen das Zeugenschutzprogramm im Fall Vandenburg waren.“

„Gut möglich. Zum Glück gibt es auch in Verwaltungen 'tätige Reue'.Haben Sie Ihre Dienstwaffe mitgebracht?“

„Ja.“

„Kann ich die mal sehen?“

Er verglich sie umständlich mit den Angaben auf einem Ausdruck. Der Donnerer bestätigte, dass es sich bei der Heckler & Koch um die neue Dienstwaffe des Kriminalhauptkommissars Rudolf Herzog, LKA-Abteilung Personenschutz, handelte. Damit war der formelle oder dienstliche Teil eigentlich erledigt, nachdem Rudi ein Protokoll und seine Aussage aus der Nacht unterschrieben hatte, aber Schneider war noch nach Plaudern zumute: „Natürlich kenne ich mittlerweile zumindest in Umrissen den Fall. Sie scheinen ja eine wirklich wichtige Kronzeugin spazieren zu fahren. Ich denke, der Mörder Lucanos sitzt bereit.“

„Tut er, aber wenn man den zweiten Firmeninhaber wegen Anstiftung zum Mord für Jahre hinter Gitter schicken kann, hat man eine große OK-Firma lahmgelegt.“

„Schön. Aber für wie lange? Da stehen doch bestimmt schon Utom-Konkurrenten bereit, den Laden zu übernehmen.“

„Wahrscheinlich ... aber das kümmert mich wenig, ich bin kein Ermittler. Für mich ist der Auftrag erledigt, sobald der Vorsitzende die Zeugin Isa Vandenburg aus dem Zeugenstand entlässt“, log Rudi betont gleichmütig. Schneider griente etwas ungläubig, verfolgte das Thema aber nicht weiter: „Ich fürchte, dann geht für Sie die Arbeit erst richtig los.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ihre Kollegen werden Ihre Zeugin durch die Mühle drehen, um möglichst viel über die Geschäfte der Utom zu erfahren, die Hintermänner und Verbindungen. Wo stecken mögliche Akten und Unterlagen?“

Rudi wollte nicht zugeben, dass er daran auch schon voller Sorge gedacht hatte. Und Schneider legte den Finger gleich in die nächste Wunde: „Ohne überzeugende Akten und Dokumente muss sie dann mindestens noch einmal in den Zeugenstand – lebend und aussagefähig.“


*


Hauptkommissar Schneider irrte nur in einem Punkt. Mehtar Ben Ali stand nicht, sondern saß entspannt in Liechtenstein auf einem bequemen Armsessel im luxuriösen Besprechungszimmer seines Anwaltes Terzani. Seit Ben Ali zum ersten Mal von Spannungen zwischen Tomasio Lucano und Ullrich Schiefer wegen der „Ausweitung des Geschäftsfeldes“, an der Ben Ali ein großes finanzielles und politische Interesse besaß, gerüchteweise gehört hatte, war er fest entschlossen, notfalls Utom selbst zu übernehmen, als dieses wichtige, ja unverzichtbare Element in ihren Plänen untergehen zu lassen. Nun konnte man ein OK-Unternehmen nicht einfach kaufen oder mit einer unfreundlichen Übernahme an der Börse an sich bringen. Seit Monaten kümmerte sich Terzani um einen Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Gruppen, die ein Auge auf Utom geworfen hatten. Es ging voran, langsam zwar, aber immerhin, es ging voran.

„Hat du jetzt eine Ahnung, wo die Akten stecken?“

„Nein, nicht wirklich“, räumte Ben Ali ein. „Aber wir schalten von Tag zu Tag mehr Möglichkeiten aus. Es geht voran.“

„Viel Erfolg“, wünschte Terzani. „Ich kümmere mich dann mal um Bellini.“

„Muss das sein?“

„Die Familie besteht darauf und hat – nicht vergessen – nur unter dieser Bedingung dem Verkauf zugestimmt.“

Ben Ali nickte stumm. Er verstand vieles nicht, was diese Christen Moral, Ehre oder Anstand nannten. Aber sich aufzuregen, wenn ein gestandener Mann wie Ben Ali mit einer vierten Ehefrau liebäugelte, die von sich behauptete, echt blond und noch Jungfrau zu sein.


*


Sie trafen sich in der Wohnung und beschlossen, nichts mehr zu unternehmen. Doch Isa und Rudi war keine Ruhe vergönnt. Eine Viertelstunde später lärmte Isas Handy, sie drückte die Taste und wurde nach einigen Sekunden weiß wie die Wand. „Das ist nicht dein Ernst ... das kannst du nicht machen, Julia. Ich bitte dich, das ist kein Mann wert ... Ja, ich komme sofort.“

Sie wandte sich an Rudi. „Wie lange fahren wir nach Essen?“

„Was ist los?“

„Später. Wie lange?“

„Eine gute Stunde.“

„Hast du gehört. In einer guten Stunde bin ich bei dir, dann reden wir über alles. Bis gleich.“

„Timo hat sich von Julia getrennt, weil sie ihm kein Geld leihen kann. Timo hat Spielschulden und ist wohl ziemlich verprügelt worden, weil er heute seinen letzten Termin für die Rückzahlung nicht eingehalten hat. Jetzt geht ihm der Arsch auf Grundeis, und Julia soll ihm helfen. Wenn nicht, dann sei sofort und für immer Schluss mit der großen Liebe.“

„Okay, wir fahren. Zieh dich schon schon mal an, vergiss deine Beretta nicht, ich rufe nur mal schnell meinen Bekannten Dorberg an.“

Alexander Dorberg war nicht erstaunt, als er von dem Drama hörte.

„Und du willst jetzt von mir mal so eben wissen, wer hinter dieser Pokerbande steckt?“

„Das wäre wunderbar.“

„Das wiederholst du nicht, wenn du hörst, was ich heute herausgefunden habe. Die Laube gehört dem Bruder des Grafen von Stahl.“

„Wie bitte?“

„Essen hat einer Bordellstraße, heißt die Stahlstraße, und der mächtigste Mann dort wird der Graf von Stahl genannt.“

„Da hat eine Prostituierte den letzten Rest von literarischer Bildung und Humor zusammengekratzt.“

„Schon möglich. Bürgerlich heißt der Kerl Leo Woslowski und wohnt in Haarzopf. Natürlich habe ich seine Adresse. Wir treffen uns in der Ahornstraße.“

Der Leihwagen lief so gut, dass Rudi ernsthaft überlegte, seine alte sandfarbene Möhre endlich abzustoßen und sich einen neuen Karren zu leisten. Auf seinem Konto hatte er genug Geld angesammelt. Sie rasten, was die vier Zylinder, gefüttert mit Super plus, hergaben. Dorberg wartete schon vor dem Haus und winkte ab, als Isa sich bei ihm bedanken wollte.

„Ich habe zwei Töchter durch die romantische Phase der großen Lieben gebracht“, sagte er trocken. Beide haben ihre Examina geschafft, sind verheiratet, haben Kinder und ich muss jetzt Enkelinnen durch Liebeskummer und -leiden schubsen. Ich lege ehrlich keinen Wert darauf, Urgroßvater zu werden.“

Isa klingelte Sturm, und Rudi meinte: „Versuche sie zu trösten und zur Vernunft zu bringen. Wir kommen zurück, sobald wir die Schuldscheine, sofern vorhanden, eingesammelt haben.“

Dorberg und Rudi nahmen den Leihwagen mit Bonner Kennzeichen. Leos Haus war zu groß und zu pompös für die Umgebung, die meisten Fenster waren erleuchtet. Bevor Dorberg klingelte, machten sie ihre Waffen schussbereit. In der Diele ging auch ein Licht an und sie hörten, dass hinter der Eingangstür ein Hund hechelte und knurrte.

Dorberg schien den Grafen von der Stahlstraße zu kennen und begrüßte den großen Mann, der die Haustür öffnete, fröhlich mit: „Na Leo, du alte Drecksau und Kinderschänder, wir wollen nur ein paar Schuldscheine einlösen.“

Ob der Hund auf das Wort Drecksau dressiert war, blieb unklar. Jedenfalls machte er Anstalt, Dorberg an die Kehle zu springen, was Rudi nicht duldete. Es wurde ein prächtiger Kopfschuss, der Rottweiler legte sich flach auf die Dielenfliesen, und als Leo Woslowski in die Tasche griff und seine Hand mit einem Schnappmesser wieder hervorkam, schoss Dorberg dem unvorsichtigen Leo in den Oberschenkel; Woslowski legte sich neben seinen toten Hund, das Messer rutschte über die Fliesen bis an die Wand.

„Seid ihr Arschlöcher verrückt geworden?“, kreischte eine mangelhaft bekleidete Frau los, die in die Diele gestürzt kam. Dorberg schien sie zu kennen und grüsste unverändert freundlich: „Hallo, Rita, du stählerne Königin der Schwanzlutscherinnen. Lässt dich Leo wieder ran an sein kleines Stück? Es lebe Viagra – oder?“

„Was wollt ihr Komiker?“

Jetzt schoss Dorberg noch einmal. Hinter Rita ging eine Wandleuchte zu Bruch. Sie schrie auf und ließ sich auf die Knie fallen. „Wir wollen alle Schuldscheine, die Leo hat, und zwar subito, pronto, verstanden?

Leo winkte sie heran, damit er ihr was ins Ohr flüstern konnte, und drohte dann laut: „Das werdet ihr bezahlen. Ich mache euch fertig und verfüttere das Hackfleisch an meinen neuen Hund.“

„Ja, das wissen wir, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und noch laufen kannst. Wenn es dir lieber ist, fackeln wir vorher die Stahlstraße ab. Ich weiß sehr genau, was du unter Ritas Bett versteckt hast. Für sie sind fünf bis sieben Jahre drin, für dich, wenn alle Frauen aussagen, zwölf bis fünfzehn plus Sicherungsverwahrung.“ Rita stand auf und schlich mit krummem Rücken aus der Diele. Minuten später kam sie mit einer prall gefüllten Papiertüte zurück. Dorberg und Rudi holten sich zwei Stühle und schauten sich in aller Ruhe die Scheine, Notizen und Zettel an. Kaum zu glauben, wer sich da mit welchen Summen verschuldet hatte. Darunter auch auch ein Timo Reufels, und weil im Wohnraum lustiges Kaminfeuerchen prasselte, fütterten sie den Kamin mit etwas Papier und einer halbvollen Papiertüte.

Rita hing sich ans Telefon: „Einen Notarztwagen bitte, mein Freund hat sich aus Versehen ins Bein geschossen.“ Na ja, so konnte man es auch ausdrücken.


*


Auf der Rückfahrt erklärte Dorberg sein Handeln. „Wir hatten zweimal den schönen Leo bis vor Gericht gebracht. Und beide Male kam er mit Notwehr durch. Ich hatte mir fest vorgenommen, bevor mich ein Schwerverbrecher in Notwehr ersticht, schieße ich lieber, eigentlich wollte ich seine Eier treffen, aber der Oberschenkel ist ja auch ganz nett.“

„Ist das deine Dienstwaffe?“

„Nein, die habe ich längst abgegeben. Diese Pistole habe ich heimlich einem Totschläger abgenommen, der sie in den nächsten Jahren nicht mehr brauchte, und dann hatte ich mich an das gute Stück gewöhnt.“

Rudi staunte. So kannte er seinen Freund Dorberg gar nicht.


*


Isa kam an die Haustür gestürzt: „Erfolg gehabt?“, flüsterte sie.

„Ja“, gaben beide genau so leise zurück.

„Passt! Das darf sie nicht hören, ich habe sie wohl so weit, dass sie mit mir nach Bonn kommt und Timo für den Moment vergisst.“

Das war Rudi eigentlich gar nicht recht; aber er konnte es der besorgten Mutter einer liebeskranken Tochter wohl nicht abschlagen. Schon auf der Ruhrbrücke erkundigte sich Julia: „Schläfst du – Entschuldigung, schlafen Sie mit meiner Mutter?“

„Ja, du kannst mich ruhig duzen. Heute nacht überlasse ich aber dir meine Betthälfte.“

„Dann bist du der Schulfreund aus Lanzarote?“

„Nein, der aus Mainz-Kastel, den deine Mutter auf Lanzarote zufällig wiedergetroffen hat.“

„Es geht doch nichts über alte Freundschaften“, murmelte Julia etwas aufsässig, aber das überhörte Rudi elegant, weil er gerade einen dieser idiotischen, lebensgefährlichen Gigaliner überholen musste.



Dienstag, 17. Juni

Die Couch war verdammt unbequem, Rudi spürte schmerzhaft alle Knochen, als Julia mit ihrem Handy am Ohr ins Wohnzimmer kam. Sie bemerkte seinen empörten Blick und verteidigte sich: „Ich muss mich doch in der Schule abmelden.“

„Du redest nicht mit Timo?“

„Nein, der ist für mich gestorben.“

Das konnte man, musste man aber nicht glauben.


*


Isa hatte den Tag bereits verplant, wie sie beim Frühstück verkündete. „Julia und ich schauen uns das Haus der Geschichte an. Und du, lieber Rudi, darfst dir Rainer Hilgenrath vorknöpfen. Er hat sein Büro auf dem Bonner Talweg, nicht weit von der Einmündung der Weberstraße.“

„Und was soll ich bei ihm?“

„Das bleibt ganz dir überlassen.“

Julia kicherte. Timo Reufels schien schon graue Vorzeit zu sein. Sie fuhren zu dritt mit dem Bus in die Stadt. Was nutzten zwei fahrbereite Autos, wenn man am Zielort keinen Parkplatz fand?


*


Rudi hatte keine Mühe, Hilgenraths Büro zu finden. Viel mühsamer war, eine Ausrede zu erfinden, was er von ihm eigentlich wollte. Hilgenrath öffnete selbst die Bürotür und schien ihn zu erkennen oder zu verwechseln.

„Was kann ich für Sie tun, Herr Gerber?“

„Ich müsste mit allen Mitarbeitern - früheren oder noch aktiven - Mitarbeitern der Firma Utom sprechen.“

„Verraten Sie mir auch, warum?“

Nun war Improvisation gefragt: „Nach dem Tod von Tomasio Lucano steht nun auch Ullrich Schiefer vor Gericht. Unter diesen Umständen spricht viel dafür, die Firma so schnell wie möglich zu verkaufen.“ Das hatte Hilgenrath auch schon überlegt. „Aber dazu müssten wir von allen Mitarbeitern hören, was bei ihnen an Aufträgen noch läuft und welche Ansprüche sie an die Firma stellen.“

Hilgenrath, wie immer in letzter Zeit knapp bei Kasse, hörte die Münzen klingeln. „Einer sitzt vor dir“, sagte er deswegen rasch.

Rudi kramte seinen Merkblock hervor. „Und weshalb hast du noch Ansprüche an die Firma?“

„Kollaus Büro hat doch über Rundbrief nach dem sandfarbenen Corsa mit der Wiesbadener Nummer gefragt.“ Das wusste Rudi noch nicht, konnte es sich aber nach der Warnung Fichtes gut vorstellen. Deshalb verzog er keine Miene und schaute unverändert auffordernd drein. „Ich hab' den Karren auf der Poppelsdorfer Allee zufällig gesehen und das sofort an Kollau gemailt.“

„Alles klar. Dafür steht dir noch ein Honorar zu, ich werde dafür sorgen.“ Die Lücken schlossen sich. Kollau hatte sicherlich nicht auf eigene Faust gearbeitet, er musste nur noch den Namen es Auftraggebers ausspucken, den Rest konnte Fichte sicherlich organisieren.

„Danke, ich bin übrigens der letzte frühere Utom-Mitarbeiter in Bonn und Umgebung.“

„Danke für deine Auskünfte.“

Rudi stellte sich erst in einen Hauseingang, bevor er mit Hauptkommissar Schneider telefonierte. „Ich habe vielleicht was für Sie.“

„Dann lassen Sie mal hören.“

„Diese Schläger und Überwacher werden von einer Art Agentur in Frankfurt gesteuert. Der Chef heißt Kollau.“

„Danke, das ist sehr hilfreich.“

Unmittelbar danach wurde Rudi von Isa angerufen. „Bei uns wird es etwas später, mach dir' keine Sorgen. Wir fahren noch nach Königswinter.“

„Wozu denn das?“

„Julia erklimmt mit mir den Drachenfels.“

„Da kann man auch hochfahren.“

„Das wissen wir längst. Julia ist ein moderner Teenager mit einem modernen Handy.“


*


Rudi vertrödelte den Nachmittag auf dem Sofa. Morgen würde unter Umständen ein harter Tag werden, vor dem er etwas Fracksausen hatte. Bis jetzt war ja alles gut gegangen, aber das war leider keine Garantie, dass es so blieb. Bevor die Damen von ihrer Höhen-Expedition zurückkamen, tankte er den Leihwagen auf, kontrollierte den Reifendruck und packte seine wenigen Klamotten. Julia würde mit ihnen die Wohnung verlassen und versprach hoch und heilig, mit dem Bus zum Bahnhof Bonn zu fahren und einen Zug nach Essen zu nehmen, sich wieder um ihre Schule und Karriere zu kümmern und Timo nicht anzurufen. Rudi hatte in dem Punkt so seine Zweifel. Alle drei luden ihre Handys auf und gingen früh zu Bett. Der Wetterbericht im Fernsehen versprach einen trockenen Tag mit mäßigen Temperaturen. Paul Fichte meldete, dass er seine Hausaufgaben für morgen gemacht habe und ihnen die Daumen drücke.



Mittwoch, 18. Juni

Sie kamen pünktlich los. Isa hatte auf Wunsch Rudis neue Jeans und ein elegantes Shirt angezogen. Der Firmen-Overall musste sich leicht darüber anziehen und ausziehen lassen. Die Autobahn lief sehr ordentlich, der Verkehrsfunk meldete keine Staus oder Sperrungen oder Unglücke auf der 61. Rudi fuhr zügig, aber vorsichtig und riskierte nichts. Sie erreichten Wiesbaden früher als berechnet und bogen gegen 10 Uhr 15 in die Röderstraße ein, die für längere Zeit gesperrt gewesen war. Meister Hugo Klimmt hatte die Zeit genutzt, seinem Geschäft eine neue Fassade zu spendieren und auf seinem Hof hinter dem Vorderhaus ausreichend Platz für seine Firmenkombis zu schaffen.

Rudi machte es kurz: „Das ist Isa, und das ist Hugo.“

„Freute mich.“

„Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Sie verschwanden beide im Haus. Dort gab es Toiletten und einen Waschraum für Frauen. Der Overall lag schon bereit und passte Isa wie angegossen. Die Haare unter der Firmenmütze versteckt und eine perfekte Klempnergesellin erschien auf dem Hof und setzte sich in einen der Kombis, den ein echter Angestellter Klimmts steuerte. Zehn Minuten später setzte sich der Pulk in Bewegung und erreichte wenige Minuten vor elf das Landgericht. Die echten Klempner und die falsche Klempnerin sprangen heraus und stürmten in das Gebäude. Der Justizangestellte in seinem gläsernen Halbrund schaute alarmiert hoch, ließ sich aber täuschen. Wenn Klempner ein öffentliches Gebäude im Laufschritt betraten, war irgendwo große Not am Mann, erst recht in einem Gerichtsgebäude, wo viele die Hosen gestrichen voll hatten und das Geschäft Hugo Klimmt hatte erstens einen guten Ruf und war zweitens auch bei der Justizverwaltung bekannt. Eine Hand ergriff Isa Arm und zog sie die Treppe in den ersten Stock mit hoch. Vor einer halb geöffneten Tür wartete Paul Fichte und winkte Isa herein. Sie schlüpfte aus dem Overall, warf die Mütze dazu und setzte sich eine Minute vor elf auf die Bank neben der Saaltür 15 und atmete schon wieder normal, als ein Lautsprecher knackte: „Die Zeugin Isa Vandenburg bitte in den Saal 15.“

Sie stand auf, die Tür wurde von innen geöffnet.


*


Der Auftritt der Klempner-Brigade war nicht unbemerkt geblieben. Der Chef mit dem auffälligen Ohrverband, Muno und Lupo saßen in einem Kleintransporter auf der anderen Straßenseite und behielten den Haupteingang des Gerichtes im Auge.

„Mein Gott, da muss einer aber die Hosen voll haben“, spottete Lupo und Muno nahm das Gewehr in die Hand und versenkte die Scheibe.

„Waffe weg!“, zischte der Chef. „Bist du verrückt geworden? Hier wimmelt es von Bullen in Zivil, die Pistole unter der Jacke auf dem Rücken im Gürtel. Willst du alle Klempner erschießen, du Dummkopf?“

Muno legte das Gewehr gekränkt zurück.

Der Chef schüttelte den Kopf. Ihr Auftrag war erledigt. Sie hatten Isa Vandenburg daran hindern sollen, ihrer Ladung auf Mittwoch, 18. Uhr 11 Uhr im Landgericht Wiesbaden zu folgen, Und das war Ihnen doch auch gelungen.


*


Isa blieb unsicher an der Tür stehen, bis der Mann in der Mitte der Richter sie fragte: „Sind Sie Frau Vandenburg?“

„Ja.“

„Dann kommen Sie bitte nach vorn. Wenn Sie mögen, können Sie sich auf den Stuhl dort setzen.“

Die üblichen Belehrungen über Vereidigung und uneidliche Falschaussagen ließ sie noch im Stehen unbewegt über sich ergehen.

Erst danach ging Isa nach vorn und setzte sich.

„Frau Vandenburg, sagen Sie bitte dem Gericht, wann und wo Sie geboren sind?“

„Am 26. Januar 1977 in Mainz.“

„Sie wohnen heute in Schlangenbad?“

„Ja.“

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich bin Sekretärin bei einem der Eigentümer der Firma Utom.“

„Bei dem Angeklagten?“

„Ja, bei Ullrich Schiefer.“

„Das Gericht würde gerne wissen, unter welchen Umständen Sie Ullrich Schiefer kennengelernt haben.“

„Ich studierte in München. Und weil das Geld, das mir meine Eltern monatlich gegeben haben, vorn und hinten nicht reichte, habe ich nebenbei gejobbt. Unter anderem als Aushilfskellnerin beim Oktoberfest. Dabei habe ich die Freunde Tomasio Lucano und Ullrich Schiefer kennen gelernt. Tom, also Lucano, hat sofort angefangen, mir den Hof zu machen. Er war der Sohn italienischer Gastarbeiter, in München geboren und aufgewachsen.“

„Wie weit ging dieses 'Hof machen'?“

„Bis in die Geburtsabteilung des Klinikums Großhadern.“

„Was war es denn?“

Isa hatte ihre Befangenheit abgeschüttelt. „Von jedem etwas, ein Zwillingspärchen, Herr Vorsitzender.“

Der Vorsitzende lachte. „Sie haben nicht geheiratet?“

„Nein. Seine Eltern waren strikt dagegen. Eine blonde Deutsche und dazu noch evangelisch, obwohl in einer Erzbischofsstadt geboren, das konnten und wollten sie nicht akzeptieren. Tom hat mir versprochen, für die Kinder zu sorgen, was er übrigens bis zu seinem Tod auch getan, mich aber nach der Geburt der Zwillinge sofort verlassen hat. Ich habe ihn dann zufällig in Frankfurt im Bahnhof wieder getroffen, und als er hörte, wie mies es mir ging, hat er mir einen Vorschlag gemacht. Er habe mit seinem Freund Ullrich Schiefer, den ich ja auch kennen würde, eine Import- und Exportfirma gegründet; und Ullrich suche nun eine Sekretärin, die später mal eine Art Assistentin werden solle. Ich habe den Job dankbar angenommen.“

„Das war wann, Frau Zeugin?“

„1998.“

„Da waren Schiefer und Lucano noch gut befreundet?“

Sie räusperte sich und hoffte, dass Schiefer jetzt gut zuhörte, wenn sie versuchte, ihm eine Brücke zu bauen: „Ja, die ganze Zeit über. Die Spannungen haben erst vor eineinhalb Jahren begonnen.“

„Wissen Sie, was diese Spannungen ausgelöst hat?

„Nein. Wissen kann man das nicht nennen. Ich habe nur eine Vermutung.“

„Schildern Sie diese Vermutung bitte dem Gericht.“

„Ich vermute, Tom wollte das Geschäft ausweiten und dafür einen dritten Partner hereinnehmen. Schiefer war mit dem jetzigen Zustand zufrieden und wollte keine Kompetenzen an einen weiteren Teilhaber abgeben.“

„Ein weiterer Partner hätte doch bestimmt frisches Kapital mit gebracht?“

„Ja, anzunehmen.“

„War Utom denn in finanziellen Nöten? Brauchte die Firma frisches Geld?“

„Meines Wissens – nein.“

„Merkwürdig. Dann wenden wir uns mal dem 25. September zu, also dem Tag, an dem Schiefer den Auftrag gegeben haben soll, seinen Freund und Partner Tomasio Lucano umzubringen. Sie können sich an den Tag noch erinnern?“

„Aber ja.“

„Dann erzählen Sie bitte mal in Ihren Worten, was passiert ist.“

„Schiefer und Lucano waren zu mir in mein Haus in Schlangenbad gekommen. Ich hatte sie zum Essen eingeladen, zu frischen Reibekuchen mit Räucherlachs, Salat und einem mexikanischen Bier, das sie beide gerne tranken.“ Sie seufzte laut. „Manchmal auch zuviel davon.

Das Essen verlief auch ganz friedlich, beide haben reingehauen, als hätten sie seit Wochen gehungert. Ich musste in die Küche gehen und Nachschub backen. Als ich in die Küche ging, hörte ich Toms Handy bimmeln.“

Weil der Vorsitzende was sagen wollte, fügte sie rasch hinzu: „Nein, ich weiß nicht, wer da angerufen hat, und habe auch nicht verstanden, was Tom gesagt hat. Vielleicht zehn Minuten später bin ich mit einer Ladung frischer Reibekuchen ins Esszimmer zurückgekommen, da war die Stimmung schon umgeschlagen. Ullrich Schiefer brummelte vor sich hin, und Tom Lucano sagte gar nichts mehr.“

„Befand sich zu der Zeit Boris Stepkow im Haus?“

„Ja. Die beiden Männer wollten ihn nicht mit am Tisch haben, deswegen bekam Boris seine Portion in der Küche. Tom ging eine Viertelstunde später, um nach Frankfurt in seine Wohnung zu fahren. Ich bin in mein Arbeitszimmer gegangen, das neben dem Esszimmer liegt und habe mir Notizen gemacht. In der Phase der noch guten Stimmung hatten Tom und Ullrich geschäftliche Dinge besprochen und einige Entscheidungen getroffen, die habe ich mir nebenan als eine Art Gedächtnisprotokoll aufgeschrieben.“

„Und dabei stand die Tür zum Esszimmer offen?“, warf Staatsanwalt Lederer ein.

„Nicht weit offen, wegen des Essensgeruchs nicht, sondern nur angelehnt. Nebenan saßen Ullrich und Stepkow und tranken Bier und unterhielten sich. Schiefer war wütend, dieser Lucano sei doch ein Vollidiot. Der bringe uns alle noch ins Grab. Den Lebensmüden müssen wir unbedingt bremsen.“ 'Wie meinen Sie das, Chef?' hat Stepkow gefragt. 'Am besten wäre er tot, und je rascher, desto besser. Tu mir einen Gefallen, Boris, und leg' ihn um'. Stepkow war einen Moment verblüfft und hat dann gefragt: 'Ist das ein Auftrag, Chef?' Schiefer hat geknurrt: „Ja, Boris, das ist ein Auftrag, ich zahle auch gut.' Boris ist aufgestanden und hat sich erkundigt: 'Wann? Sofort?'“ Lederer kritzelte etwas auf einen Block und schob den Zettel seiner Kollegin Sturm zu, die neben ihm saß. Sie las die Notiz, nickte und steckte den Zettel in ihre Tasche.

„'Das wäre am besten', hat Ullrich geantwortet. Boris ist dann gegangen.“

„Ja. Und wie ging es weiter?“

„Anschließend ist Schiefer in mein Arbeitszimmer gekommen und hat mich gefragt 'Na, hast du gut zugehört?'“

„Das habe ich bejaht und ihm vorgeworfen, er sei ja wohl verrückt geworden. Der beschränkte Boris würde das doch ernst nehmen und auf Tom losgehen.“

„Schiefer meinte, das sei ja auch ernst gemeint. Entweder Tom oder wir. Ich hätte ja keine Ahnung, mit wem sich Tom eingelassen habe.“

„Moment, bitte, Frau Zeugin. Ich habe etwas nicht verstanden. Wieso hat Schiefer zu Ihnen gesagt: 'Entweder er oder wir? Wer ist wir?'“

Isa schnaufte aufgebracht: „Schiefer, ich und meine beiden Kinder.“

„Schiefers Kinder? Stammen sie von ihm?“

„Nein, von Tomasio Lucano.“

„Von Schiefer haben Sie kein Kind?“

„Nein. Er ist zwar seit fast zwanzig Jahren mein Geliebter. Aber der Vater von Julia und Jonas ist Tomasio. Schiefer wollte keine Kinder.“

„Wusste Schiefer von Lucanos Vaterschaft?“

Nun konnte sie nur hoffen, dass Schiefer genau zuhörte.

„Ja, Tom und ich haben es ihm gemeinsam erzählt, als ich bei Utom zu arbeiten begann.“

„Wissen Ihre Kinder, wer ihr Vater ist?“

„Ja, seit etwa zehn Jahren.“

„Haben Ihre Kinder die ganzen Jahre bei ihnen gelebt?“

„Die längste Zeit, ja. Seit ich mir finanziell eine Haushälterin leisten konnte.“

„Wie hat sich Schiefer denn mit – wie waren die Namen noch? - Julia und Jonas vertragen?“

„Hervorragend. Ein leiblicher Vater könnte sich nicht besser mit ihnen vertragen.“

„Und die Kinder?“

„Die kommen auch glänzend mit ihm aus. Ullrich und ich haben vor ihnen nie verheimlicht, dass ihr Erzeuger Tomasio Lucano mich nicht geheiratet hat, weil seine Familie dagegen war.“

„Haben Julia und Jonas das verstanden?“

Isa schüttelte den Kopf: „Verstanden – nein. Hingenommen, aber nicht akzeptiert. Sie haben sich mit Ullrich Schiefer weit besser verstanden als mit Tomasio Lucano.“

„Haben Ihre Kinder gewusst, dass Sie mit Schiefer ein Verhältnis hatten?“

„Natürlich.“

„Gab es deswegen Spannungen?“

„Nein.“

„Und Sie sind sich sicher, dass Sie sich an den 25. September richtig erinnern?“

„Ja. Ich habe nichts verschwiegen und nichts hinzugefügt.“

Erwin Hösel lehnte sich zurück „Vielen Dank, Frau Zeugin, ich habe dann keine Fragen mehr. Herr Staatsanwalt, bitte.“

Wilfried Lederer stand auf: „Frau Zeugin, wenn Sie so vertraut mit Schiefer waren, leuchtet mir nicht ein, dass Sie keine Ahnung haben wollen, wer dieser mögliche dritte Partner sein soll, über den sich Schiefer und Lucano so in die Wolle geraten sein sollen, dass Schiefer sogar einen Mordauftrag erteilt hat.“

„Herr Staatsanwalt, es ist aber so. Natürlich habe ich Ullrich mehr als einmal nach dem Namen gefragt, aber er hat gemeint, es sei schon lebensgefährlich, nur den Namen zu kennen.“

„Das erscheint mir – mit Verlaub – etwas melodramatisch, Frau Zeugin. Soll ich daraus den Schluss ziehen, das Sie Geschäfte mit Personen gemacht haben, die notfalls Gewalt anwenden?“

„Ja, den Schluss können Sie ziehen.“

„Das heißt, Sie als Vertraute und Helferin des Ullrich Schiefer haben sich an ungesetzlichen, strafbaren Transaktionen beteiligt?

Der Vorsitzende Erwin Hösel mischte sich ein: „Die Geschäfte der Utom, ob legal oder illegal, stehen hier nicht zur Verhandlung, Herr Staatsanwalt.“

Schiefers Verteidiger hakte sofort nach: „Aber die Glaubwürdigkeit dieser Belastungszeugin, Herr Vorsitzender.“

„Den Akten, die Ihnen zu Verfügung standen, konnten Sie entnehmen, dass Isa Vandenburg nie bestritten hat, aktiv an – sagen wir mal neutral – dubiosen Geschäften beteiligt gewesen zu sein. Herr Staatsanwalt, Sie haben noch das Wort.“

„Frau Zeugin, Sie haben eben ausgesagt, dass im friedlichen Teil des Abends einige geschäftliche Entscheidungen gefallen sind. Können Sie uns so eine Entscheidung schildern?“

Isa musste nicht überlegen. „Ja, Tom hatte einige kleine Winzer, meist Familienbetriebe, in der Toskana zu einer Liefergenossenschaft organisiert. Die verlangte nun für ihre Weißweine einen höheren Preis.“

„Den Schiefer und Lucano abgelehnt haben?“

„Nein, im Gegenteil. Diese namenlosen Weine laufen so gut, dass Utom auch noch einen wesentlich höheren Preis gezahlt hätte. Länger diskutiert wurde über Schiefers Vorschlag, zur Einsparung von Transportkosten die Weine nicht in Flaschen, sondern in Tanks nach Deutschland zu bringen, hier zur Beruhigung zwischenzulagern und dann erst in Flaschen abzufüllen. Tom wollte das nicht und Schiefer hat in diesem Punkt nachgegeben.“

„Hat Utom nur Lebensmittel aus Italien importiert?“

„Nein, als die Firma gegründet wurde, kannten zwar viele Deutsche die italienische Küche schon – Italien war schließlich das beliebteste Urlaubsland – aber so weit, dass Kinder nur noch Spaghetti mit Tomatensauce essen wollten, war es lange noch nicht. Erst als die großen Erzeuger eigene Exportabteilungen gründeten, musste Utom auf andere Produkte ausweichen.“

Noch mehr Brücken konnte sie Schiefer nicht bauen, ohne aufzufallen.

Lederer wollte noch wissen: „Frau Zeugin, waren Sie am Firmengewinn beteiligt?“

„Nein, nur indirekt. Wenn es gut gelaufen war, bekam ich ein höheres Weihnachts- und Urlaubsgeld.“

„Sie haben, abgesehen davon, gut verdient?“

„Sehr gut sogar.“

Andrea Sturm hatte auch noch eine ergänzende Frage: „Und unabhängig von Gehalt, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld hat Lucano regelmäßig für die Kinder gezahlt?“

„Ja. Er hat seine Zahlungen sogar jährlich freiwillig um die Inflationsrate in Deutschland erhöht.“

„Sie hatten also keinen finanziellen Vorteil durch Lucanos Tod?“

„Nein, nur Nachteile.“

„Vielen Dank, die Anklage hat keine Fragen mehr.“

Der Vorsitzende Hösel drehte sich zur Anklagebank: „Herr Verteidiger?“

„Danke. Frau Zeugin, wie oft fanden solche Abendessen zu dritt bei Ihnen statt.“

„Etwa alle fünf, sechs Wochen.“

„Saß Boris Stepkow dann immer in der Küche?“

„Nein, aber häufig, wegen des mexikanischen Bieres und einem fürchterlichen Gesöff namens Tequila. Dann musste er

Lucano nicht nur nach Frankfurt fahren, sondern auch in Toms Wohnung und dort in sein Bett bringen.“

„Wussten Sie, das Stepkow vorbestraft war?“

„Ja, wegen Körperverletzung, Betrug und Diebstahl.“

„Mochten Sie Stepkow leiden?“

„Nein. Er ist ein ordinärer Rüpel, mit dem ich nicht gern allein in einem Raum war.“

„Aggressiv, wollen Sie sagen?“

„Ja. Besonders gegenüber Frauen.“

„Und warum war so ein Mann bei Utom beschäftigt?“

„Schiefer hat immer gesagt: 'Lass' mal, Boris ist ein guter Mann für's Grobe. Und das muss ab und zu auch sein.'“

„Also ein Berufsschläger und bezahlter Killer?“

„Das kann ich nicht beurteilen.“

„Stepkow wusste, dass Sie an diesem 25. September zu Hause waren?“

„Sicher, spätestens seit dem Moment, als er in die Küche kam und ich am Herd stand.“

„Hat es an diesem Abend zwischen Ihnen und Stepkow irgendeinen Streit, einen Zank, eine heftige Diskussion gegeben?“

„Nein.“

„Auch nicht zwischen Stepkow und Lucano?“

„Nein.“

„Haben sich Stepkow und Schiefer gestritten?“

„So weit ich weiß, nein.“

„Und Sie wissen wirklich nicht, wen Lucano als dritten Partner im Sinn hatte?“

„Nein.“

„Vielen Dank, ich habe dann keine Fragen mehr.“ Schiefers Verteidiger setzte sich.

Hösel schaute schnell nach rechts und nach links: „Ich sehe keinen Widerspruch, dann schreiten wir zur Vereidigung der Zeugin Vandenburg.

Isa wählte sogar die religiöse Formel und beschwor ihre Aussage ohne Unruhe oder Bedenken. Sie hatte getan, was in ihrer Macht stand.

Hösel sagte freundlich; „Vielen Dank, Frau Zeugin. Sie sind hiermit entlassen und können gehen, wenn Sie mögen.“

Isa zwang sich, betont langsam zur Saaltür zu gehen, sie fast bedächtig und leise zu öffnen und von außen zu schließen. Rechts von ihr standen zwei Männer, die ihr zuwinkten, rasch zu ihnen zu kommen. Mit Rudi sauste sie in das Beratungszimmer und sprang fast in ihren Klempnerdress, während Hugo über Handy den Befehl gab: „Abmarsch!“ Ein Trupp fröhlicher Handwerker brauste lärmend die nächste Treppe herunter, nahm den Kollegen Isa in die Mitte und stürmte zum Ausgang. Hugo war kaltblütig genug, dem verblüfften Mann an der Auskunft noch zuzurufen „Alles okay. Auf allen Etagen kann wieder geschissen und gepinkelt werden.“

Rudi quetschte sich neben Isa in einen der Kombis. „Alles glatt gegangen?“

„Ja. Und bei dir?“

„Auch, aber für uns naht die Minute des Abschieds.“

„Was soll das heißen?“

„Bei Hugo wartet eine halbe Hundertschaft auf uns. Einmal zu deinem Schutz und dann möchten einige Kollegen von dir mehr über die Geschäfte der Utom erfahren.“

„Scheiße!“, sagte sie empört. „Ich möchte aber nach Hause, weil ich mich nach meinem bequemen Bett und einem luxuriösen Bad sehne.“

„Das musst du mit meinem Kollegen Peter Lössmann besprechen. Er arbeitet im LKA im Ressort Organisierte Kriminalität und wartet schon gespannt auf dich.“

„Das hat mir noch gefehlt“, stöhnte sie. „Und du verziehst dich so einfach?“

Rudi spürte einen winzigen Kloß im Halse, kleiner als befürchtet: „Ich muss, Isa. Auf mich wartet bestimmt schon ein neuer Auftrag. Wenn es gar zu schlimm wird – du hast ja meine Handynummer – ruf' mich an und ich versuche dann mein Bestes.“

Fast fünfzig uniformierte Polizisten wollten scheinbar ihr heimisches Bad neu einrichten, und in Hugos Büro warteten Paul Fichte, Kriminalrat Brock und Hauptkommissar Peter Lössmann. „Gut gemacht, Herzog, sagte Brock jovial und Fichte umarmte ihn: „Glückwunsch, Rudi, die Idee mit dem Klempnerauftritt war genial.“

Dann kam Isa in Jeans und elegantem Seidenshirt ins Zimmer, und die drei Männer bekamen große Augen, die sie noch weiter aufrissen, als Lisa Rudi um den Hals fiel und ihn lange küsste. „Danke, mein Schatz!“ Fichte ging ein Licht auf. Von wegen das letzte Mal vor einem Bahnhof getroffen.


*


Rechtsanwalt Gregor Nellen hatte lange überlegt, ob er sich die Verhandlung anhören sollte. Im Gericht kannte man ihn, und es war gar nicht gut, wenn sich herumsprach, dass er am Prozess gegen einen Utom-Eigentümer interessiert war. Nellen kannte seinen schlechten Ruf; eine wenn auch nur vermutete Verbindung zu Utom würde ihn nicht bessern. Schließlich siegte doch die Neugier und als Erwin Hösel die Verhandlung eröffnete, saß Nellen still und unauffällig in der letzten Zuhörer-Reihe. Der Beginn interessierte ihn nicht sonderlich. Stepkow hatte schon bei seinem Mord-Prozess behauptet, Schiefer habe ihm den Auftrag erteilt, Tomasio Lucano umzubringen und habe ihm dafür 50 000 Euro gezahlt. Die Kammer hatte es als Schutzbehauptung oder eine Racheaktion bewertet; denn den Mord konnte Stepkow nicht leugnen, die Beweise gegen ihn waren erdrückend. Dass es unter Umständen einen Zeugen für den Mordauftrag gab, hatte Stepkow nie erwähnt. Alleine wegen seiner Vorstrafen war es mit seiner Glaubwürdigkeit ohnehin nicht zum Besten bestellt. Und jetzt würde die Seifenblase platzen. Nellen lächelte vor sich hin, als über Lautsprecher die Zeugin Isa Vandenburg in den Saal 15 gerufen wurde. Ullrich Schiefer setzte sich gerade hin und schaute angestrengt zur Saaltür. Als die geöffnet wurde und eine junge blonde Frau hereinkam, glaubt Nellen seinen Augen nicht zu trauen. Das durfte doch nicht wahr sein – wieso kam die hierher? Es war doch fest vereinbart, sie am Erscheinen zu hindern, sie für einige Tage wegzusperren, nicht zu töten oder schwer zu verletzen. Dafür hatte er dieser Agentur Kollau ein Schweinegeld als Anzahlung ausgehändigt und schweren Herzens zugestimmt, sie notfalls zu erschießen oder zu überfahren, wenn man anders sie nicht daran hindern konnte, pünktlich im Gericht zu erscheinen. Was war da schiefgelaufen? Er hatte doch, als er vor dem Landgericht eintraf, die Kollausche Kerntruppe in der Nähe des Haupteingangs parken sehen. Nellen wagte nicht, aufzustehen und hinauszugehen. Hösel kannte ihn und hatte keinen Grund, nicht zu erzählen, dass er Gregor Nellen in der Verhandlung gegen Ullrich Schiefer gesehen hatte. Ungeduldig wartete Nellen auf den Schluss der Beweisaufnahme und die Plädoyers. Die konnte er sich ruhig schenken.

Als sich das Gericht zur Beratung zurückzog, standen Wilfried Lederer und Andrea Sturm eng nebeneinander. Sie stöhnte leise.

„Was ist los, Andrea?“

„Warum hat keiner wissen wollen, wieso Schiefer seiner langjährigen Geliebten und Vertrauten gedroht hat, sie umzubringen, so dass sie zu uns gekommen ist?“

„Wahrscheinlich steht das morgen in der Zeitung.“

Andrea sah ihn gekränkt an: „Weißt du etwas, was ich nicht wissen soll?“

„Nein“, antwortete er so ruhig und gelassen, dass sie dem alten Fuchs glaubte.


*


Auch Rudi fühlte sich nicht hundertprozentig zufrieden; er hatte in Hugos Geschäft zurückbleiben müssen, Brock, Lössmann und Fichte dorthin bestellt, und war erst, als die drei samt Schutztruppe eingetroffen waren, mit dem Bonner Leihwagen zum Gericht gefahren, um Isa vor dem Verhandlungssaal abzuholen. Schon auf der Fahrt dorthin bohrte etwas in seinem Gedächtnis, das er aber nicht fassen konnte, etwas, was ihn verwundert hatte, das er sich aber auch jetzt nicht erklären konnte, das ihn aber beunruhigte. Ein wenig erinnerte es ihn an einen älteren Fall, bei dem er mit seinem Schützling in ein dunkles Haus gekommen war und sofort das Gefühl verspürte, da lauere jemand auf sie. Es war tatsächlich jemand da, der zweimal auf sie schoss, sie beide aber verfehlte und seine Position durch die Mündungsblitze verriet. Rudi schlich in diese Richtung, und stieß gegen einen an einer Wand stehenden Schrank. Rudi hatte manchmal abstruse, manchmal aber auch brauchbare Ideen. Der Schrank fühlte sich nicht allzu groß an, deswegen versuchte Rudi sein Glück und kippte das Möbel lautlos nach vorn. Das bald einsetzende Klirren und Scheppern verriet, dass er einen Geschirrschrank erwischt hatte, aber auch den Schützen, den es von den Beinen riss, so dass er mit einem Schrei umfiel wie ein gefällter Baum. Rudis Schützling machte Licht und hob die Pistole auf.

Statt eines Lobes bekam Rudi tierischen Ärger mit einer dreisten Versicherung. Die Ehefrau seines Schützlings hatte Porzellan gesammelt und Rudi sollte nun für unersetzbare Stücke zum Beispiel aus Meißen aufkommen. Natürlich weigerte er sich, der Streit endete – ohne Rudi -vor einem Oberlandesgericht, das den Weg zum BGH versperrte.

Vor der nächsten Kreuzung musste er scharf in die Eisen steigen, die Grünphasen wurden auch immer kürzer. Schräg gegenüber gab es einen Blumenladen. Blumen! - er sollte etwas für seine hilfreiche Gieskannen-Nachbarin mitbringen, die sich um seine Blumen und seinen Hausbriefkasten gekümmert hatte. Irgendwann hatte sie ihm einmal erzählt, dass sie besonders gern Mandelsplitter mit Schoko-Überzug aß. Dunkle oder helle Schokolade. Das hatte er nun wirklich nicht behalten. Der kluge Nachbar kaufte von beiden je ein großes Tütchen, und Anja Wesskamp freute sich ehrlich über beide Varianten. Weil Rudi bei dem Gedanken, heute mal wieder einen Abend alleine in seiner Wohnung verbringen zu müssen, ein leichtes Grauen verspürte, lud er Frau Nachbarin spontan zum Essen ein, was sie „erfreut und hungrig“ annahm.

„Du musst aber ein Lokal vorschlagen“, ordnete er an. „Ich kenne mich nur mit Imbissen und Frittenbuden aus.“

„Schlimm. Ich war noch nie in der Alten Mühle Schierstein.“

„Wenn die heute aufhaben und du noch einen Tisch bestellst, sollten wir das umgehend ändern.“

„Wann holst du mich ab? Neunzehn Uhr? Bis dahin habe ich auch die große Kriegsbemalung angelegt.“

„Das heißt, ich muss mich in Hemd und Krawatte werfen? Na schön. Einverstanden.“

Um neunzehn Uhr klingelte er an ihrer Wohnungstür und war ehrlich verblüfft, welche Frau ihm da öffnete. „Donnerwetter“, sagte er nur. „Was so ein Kleid alles ausmacht.“

Sie wusste nicht so recht, ob sie sich über dieses Kompliment uneingeschränkt freuen sollte, und weil er ihr das ansah, fügte er noch hinzu: „Du siehst toll aus.“

„Danke.“

Der Tisch war reserviert, er brauchte kein Navi, weil sie den Weg zu kennen vorgab. Sie verfranzten sich nur einmal und kamen immer noch so rechtzeitig an, dass der Tisch nicht anderweitig vergeben war.

„Das ist mir peinlich“, entschuldigte sie sich mehrfach.

„Das muss dir doch nicht peinlich sein.“

„Ist es aber, ich arbeite schließlich in einem Reisebüro und stelle mir gerade vor, dass ich Kunden in – sagen wir – Thailand so in die Irre geschickt habe.“

„Hauptsache, sie haben alle wieder nach Hause gefunden. Und für Tsunamis bist du nicht zuständig.“

„Haben die Herrschaften schon gewählt?“, wurde Rudis tröstliche Rede brutal abgewürgt.

„Nein, die Karte bietet mehr an, als wir essen können“, sagte sie trocken, „wir ringen uns noch durch, auf was wir verzichten müssen.“

Die Entscheidung fiel endlich, und Anja erkundigte sich ernsthaft: „Darfst du mir verraten, wo du dich herumgetrieben hast?“

„Von Linsengericht nach Bonn und Essen und wieder zurück?“

„Und wozu diese romantische Rundreise?“

„Ich musste eine schöne Frau begleiten.“

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch, doch. Sie musste heute vor Gericht als Zeugin aussagen und man hatte ihr gedroht, sie vorher umzubringen.“

„Du nimmst mich auf den Arm.“

„Nein, aber da fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wie der Prozess ausgegangen ist.“

Paul Fichte wusste natürlich Bescheid. „Acht Jahre wegen Anstiftung zum Mord. Der Verteidiger will das Urteil auf jeden Fall anfechten.“

„Das heißt, sie muss noch etwas länger leben bleiben.“

„Wäre empfehlenswert. Und wo steckst du im Moment?“

„Ich feiere Wiedersehen mit meiner entzückenden Blumengärtnerin.“

„Und wo?“

„In Schierstein, in der Alten Mühle.“

„Du hast es gut. Ich muss gleich mit Brock und Lössmann Bier trinken gehen.“

„Und wohin habt ihr sie verfrachtet? - keine Angst. Die Gärtnerin kann nichts hören.“

„Die Dame bestand darauf, in ihr Haus nach Schlangenbad zu fahren, zum Duschen, Schlafen und Wäschewechseln, Du kennst sie ja jetzt, sie hat einen ausgesprochen dicken Kopf und hat sich durchgesetzt ... Keine Angst, Rudi, zwei Dutzend Polizisten bewachen das Haus und alle Zufahrtswege. Und wenn wir uns wieder treffen, wirst du mal beichten, wie gut ihr euch früher wirklich gekannt habt.“

„Geht in Ordnung. Gute Nacht, Chef.“

Anja war sauer, weil sie sich mit einem Dessert zufrieden geben musste. Mehr passte beim besten Willen nicht mehr in ihren Magen.

Beim Kaffee bimmelte sein Handy. Julia Vandenburg schluchzte vor Aufregung, „Rudi, ich kann Mama nicht erreichen, ist da was mit ihr passiert?“

„Langsam, langsam. Wo bist du denn jetzt?“

„In Essen, in der Ahornstraße. Mutter wollte mich doch sofort anrufen, wenn sie im Gericht fertig ist. Aber sie hat sich nicht gemeldet. Und auf dem handy erreiche ich nur die Mailbox.“

„Sie hat vielleicht zu tun.“

„Ja, aber warum nehmen Ilka oder Jonas nicht den Festnetzapparat ab? Rudi, bitte, du musst hin und nachschauen. Wo bist du denn jetzt?“

„In Wiesbaden.“

„Ist es von da weit nach Schlangenbad?“

„Nein.“

„Bitte, bitte fahr' hin und schaue nach, wenigstens Tante Ilka oder Jonas müssten doch ans Telefon gehen.“

Er schaute auf Anja Wesskamp, die gar nicht verhehlte, dass sie auf- aufmerksam zuhörte.

„Na gut“, gab er nach, „Dann gib mir mal deine Handynummer.“

Er programmierte sie in seinen Handy-Nummernspeicher und rief dann Fichte an. „Hör mal, Chef, eben hat mich Isas Tochter angerufen, sie ist ganz aufgelöst, weil sie ihre Mutter weder auf dem Handy noch auf dem Festnetz erreichen kann. Auch Isas Schwester und Jonas nehmen nicht ab. Ich hab' ihr versprochen, sofort nach Schlangenbad zu fahren und nachzuschauen. Hast du die Adresse?“

„Damenstieg 25; ich schlage auch Alarm . Wir kommen auch hin.“

„Ich bringe meine Nachbarin und Blumengärtnerin Anja Wesskamp mit, sie sitzt mit mir in der Alten Mühle, und wir sind in meinem Wagen hingefahren.“

„Weiß sie, was du beruflich machst?“

„Nur, dass ich im Landeskriminalamt arbeite und manchmal beruflich schöne Frauen auf Rundreisen und auf Spesen des Amtes begleite.“

„Versuch', es bei solchem Humor zu belassen.“

„Okay. Chef, wenn du eine Truppe zusammenstellst und mitbringen willst, dann auf keinen Fall Kowalski. Ich erzähle dir nachher, welche Schote der sich mit mir in der 'Erbsensuppe' geleistet hat.“

„Meinetwegen. Gute Fahrt, Rudi. Hast du deine schöne neue H & K dabei?“

„Doch nicht, wenn ich eine nette Frau zum Abendessen ausführe.“

„Dann unternimmst du nichts auf eigene Faust, sondern wartest, bis wir bei dir sind. Vielleicht erreiche ich noch Lederer.“

„Mit der Sturm verstehe ich mich besser.“

„Rudi, das wundert mich nicht.“

„Trotzdem zu Befehl, Chef.“

Fichte kannte seinen Schlawiner und legte höchst beunruhigt auf. Anja trank ihren Kaffee aus. „Wenn ich das richtig verstanden habe, machen wir jetzt einen kleinen Ausflug nach Schlangenbad, um eine schöne Frau zu suchen.“

„Völlig richtig.“

„Und ich hatte gehofft, wir würden bei mir noch zusammen eine schöne Riesling Spätlese Eberbacher Steinberg trinken.“

„Toll. Aber der läuft uns nicht weg und kippt auch nicht so schnell.“


*

Rudi zahlte und gab ordentlich Gas. Isas Haus war ein recht großer einstöckiger Bau mit viel Glas und Holz und einem ausgebauten Dachgeschoss. Es stand frei auf einem Gartengrundstück, mit dem ein einzelner Gärtner gut Vollzeit beschäftigt war. Das Dach der rechts angebauten Doppelgarage diente als großer Balkon für das Dachgeschoss. So etwas verdiente man nicht als Assistentin, die auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld wartete.

„Toll“, murmelte Anja Wesskamp erkennbar neidisch. „Was macht deine schöne Reisebegleiterin beruflich? Druckt sie Geld? „

„So ähnlich“, murmelte er und nahm sich vor, Isa mal gründlich zu verhören. „Du wartest jetzt hier auf mich.“

Er stieg aus. Der niedrige Jägerzaun war nur eine dekorative Grundstücksmarkierung. Er schlich links am Haus vorbei. Der große Garten lag im Dunkeln, nur unter den Schuhen spürte er, dass er über eine geflieste Fläche lief, mit einer Hand strich er über große, bis zum Boden reichende Glasflächen. Dann stutzte er. Nach einem senkrechten Holzteil hörte das Glas auf. Kein Glas mehr oder eine nach innen geöffnete Verandatür? Er hütete sich, in das Dunkel zu treten, sondern marschierte zurück zum Auto und holte aus dem Kofferraum die LED-Akku-Stablampe und einen kurzen Holzknüppel mit Lederbezug und einer Handschlaufe aus Leder. Doch dann beging er wohl einen Fehler und schaltete die Lampe zu früh an; das grellweiße Licht war von drinnen durch die großen Scheiben und Glastüren gut zu sehen. Und kaum war er an die Stelle zurückgekehrt, an der vielleicht eine Tür ins Haus geöffnet war, kam ohne jede Vorwarnung etwas aus dem Dunkel herausgeschossen und rannte ihn regelrecht über den Haufen; bis sich Rudi wieder aufgerappelt, sortiert und sein Lampe gefunden hatte, war der Kerl über alle Berge. Leise auf sich und seine Dummheit schimpfend, schalte er die Lampe an und ging möglichst leise in das Haus. Dem zur Seite gerückten Couchtisch und Sesseln konnte er mühelos ausweichen, auf die umgeschlagene Teppichkante achtete er nicht, stolperte und knallte mit der Stirn gegen ein Regal. Alles Engel begannen zu singen und wollten einfach nicht aufhören, selbst als sein Schmerz abgeklungen war. Endlich schaltete er. Da summte ein Mensch mit aller Kraft was Unverständliches vor sich hin. Rudi ging in das Nebenzimmer und knipste die Deckenbeleuchtung an. Hier sah es aus wie bei Hempels unterm Bett, und in der Mitte des Chaos lag eine mit Stricken, Handtüchern und Klebeband gefesselte und laut vor sich hinsummende menschliche Gestalt, die ihn ängstlich anstarrte. Rudi entfernte zuerst das Klebeband von ihrem Mund, und nach dem Aua-Schrei konnte sie wieder tief durchatmen.

„Du bist doch der Rudi Herzog, nicht wahr?“

„Ja, und du musst Isas Schwester Ilka sein.“

„Bin ich, danke, viel länger hätte ich nicht mehr durchgehalten, Rudi, wir müssen die Polizei rufen. Ich bin überfallen worden.“

„Die Polizei ist schon unterwegs.“

Kaum gesagt, bremsten auf der Straße vor dem Haus mehrere Autos. Rudis Mutter pflegte in solchen Fällen freudig zu sagen: „Wenn man den Teufel nennt, kommt er gleich gerennt.“

Er löste noch schnell Ilkas Handgelenkfesseln auf ihrem Rücken, bevor er über den Garten nach draußen sauste, dem Trupp entgegen. Fichte wusste natürlich sofort, woher sein Rudi wie Kai aus der Kiste erschien. Dessen noch wachsenden Beulen auf Hinterkopf und Stirn konnten Fichtes Mitleid nicht wecken, auch nicht Rudis Bericht, dass und wie er Ilka Vandenburg gefunden und befreit hatte. Erst als Rudi von Kowalskis Heldentat berichtete, seiner Ablösung die Existenz einer supergroßen Drohne über der „Erbenssuppe“ zu verschweigen, horchte Fichte auf. „Das ist ja interessant.“

Lederer hatte er zwar ans handy bekommen, aber der saß mit dem Kollegen Lössmann in einer Dienstbesprechung bei Bier, Buletten und Klaren und schickte seine Kollegin Sturm vor. Während die Truppe das Haus nach Spuren durchkämmte und absuchte, saßen sie in der Küche und tranken Kaffee; die nachbarliche Blumengärtnerin durfte dabei bleiben, nachdem sie alle denkbaren Eide geschworen hatte, über alles zu schweigen und vor allem nicht mit Journalisten zu reden, ganz gleich, was die versprachen, an Geld oder Verschwiegenheit.

Was Ilka dann erzählte, war ausgesprochen unschön. Ein Streifenwagen hatte Isa nach Hause gebracht, die ihrer Schwester kurz Bericht über die Verhandlung im Landgericht und die anschließende Vernehmung im LKA durch Hauptkommissar Lössmann, Referat Organisierte Kriminalität, erstattete, duschte, zwei Stunden schlief und sich dann mit Ilka zum Essen an den Tisch setzte. Noch vor dem ersten Bissen schellte es. Ilka ging öffnen und kam mit einer Pistolenmündung im Rücken in das Esszimmer zurück. Die beiden vermummten Männer und die maskierte Frau fesselten Isa und Ilka an die Heizungskörper und begannen, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen. Dabei sprachen sie kein Wort und ließen auch nicht erkennen, wonach sie vergeblich suchten. Nur als Jonas gegen 18 Uhr 30 nach Hause kam und die Haustür mit seinem Schlüssel öffnete, meinte die Frau spöttisch: „So, jetzt sind wir komplett und können gehen.“ Die Frau schickte Ilka und Isa noch einmal auf die Toilette, ließ aber keinen Zweifel daran, dass sie beim geringsten Fluchtversuch schießen würde. Ilka wurde dann zum Paket verschnürt und Isa und Jonas in ein Fluchtauto verschleppt.

Schlimmer hätte es kaum kommen können. „Hat denn keiner unserer Kollegen etwas bemerkt und eingegriffen?“, fragte Fichte ungläubig, während Andrea Sturm frisches Eis in den Beutel füllte, den sie abwechselnd auf Rudis Hinterkopf und Stirn drückte.

„Die waren doch alle abgezogen und längst weggefahren“, erwiderte Ilka aufgebracht.

„Das glaub' ich nicht!“, platzten Andrea Sturm und Paul Fichte unisono heraus. „Welcher Idiot hat denn das angeordnet?“

Rudi winkte Andrea Sturm mit dem Kopf ins Esszimmer und verschloss die Verbindungstür fest. „Haben Sie damit gerechnet, dass Rechtsanwalt Blume das Urteil gegen Schiefer anfechten wird?“

„Ha, ja, das ist bei Erich Blume die Regel. Der legt sogar gegen einen Freispruch seines Mandanten Revision ein.“

„Hat er so wenig zu tun?“

Sie nickte nur.

„Das heißt, Sie brauchen Isa unbedingt noch einmal für das zweite Verfahren?“

Sie nickte wieder.

„Und wer sucht Isa jetzt?“

„Ich hoffe auf Sie“, flötete sie so süß, dass sein Ohr juckte.

„Ich bin Personenschützer, kein Zielfahnder.“

„Das kriegen mein Chef und Ihr Chef schon hin.“

„Auf meine Kosten, wie?“

„Einer muss die Zeche zahlen, und nicht immer der, der die Musik bestellt hat“, beschied sie ihn ungerührt. Rudi beschloss, diese Frau trotz ihres Aussehens nicht mehr für sympathisch zu halten.

„Hören Sie, Frau Staatsanwalt. Bevor ich mir das überhaupt überlege, brauche ich eine Kamera mit einem frischen Chip und ausreichend Blitzkapazität, um alles das, was die Truppe hier im Haus angestellt hat, zu knipsen – nein, den Chip behalte ich ... Nein ... wozu, das behalte ich vorerst auch für mich. Und dann möchte ich ungestört längere Zeit telefonieren.“

Andrea Sturm legte noch eine großartige Szene hin, die ihrem Namen alle Ehre machte, aber gegen einen wütenden Rudi Herzog kam auch sie nicht an. Er erhielt, was er wollte, und verbrachte eine der schlimmsten Viertelstunden seines Lebens damit, einer völlig aufgelösten und verzweifelten Julia Vandenburg am Handy erklären zu müssen, dass Bruder und Mutter von Unbekannten entführt worden seien, aber Tante Ilka gefesselt zurückgelassen hätten.

„Nein, du kommst nicht nach Schlangenbad. Das ist viel zu gefährlich und schützen kann ich dich nicht. Ich muss deine Mutter und deinen Bruder suchen, das ist jetzt das Wichtigste. Gib mir mal bitte deine Tante Leni.“

„Guten Abend, Frau Behrens. Hier ist Rudi Herzog. Julia wird Ihnen bestimmt erzählen, was passiert ist. Sie könnten mir bei der Suche nach Isa und Jonas riesig helfen, wenn Sie verhindern, dass Julia nach Schlangenbad fährt. Die Gefahr ist viel zu groß, dass sie hier auch entführt wird und deswegen wäre sie mir nur ein Klotz am Bein. Wenn Sie fremde Hilfe brauchen, können Sie sich an meinen Freund und Ex-Kollegen Alexander Dorberg wenden. Haben sie was zu schreiben für seine Handynummer? Vielen Dank, ich melde mich, sobald es etwas Neues zu berichten gibt.“

Danach holte er Anja Wesskamp aus der Küche, die sofort zu kichern begann: „Bei der Staatsanwältin kannst du aber keinen Blumentopf mehr gewinnen.“

„Hübsche Frauen müssen nicht unbedingt auch nett sein. Oft reicht die Vererbung nur für eine Eigenschaft“

„Tolle Einsicht. Und wozu brauchst du mich jetzt?“

„Wir sind verheiratet und du hast mich betrogen.“

„Was soll denn das?“

„Ich darf das auf keinen Fall erfahren. Wo würdest du verstecken, was für mich ein deutlicher Hinweis auf deinen Seitensprung sein könnte, ein Foto, ein Souvenir, die Hotelrechnung, was auch immer.“

„Du spinnst!“

„Nur in Genzen. Anja, die haben hier was Bestimmtes gesucht, die Entführungen waren nicht von Anfang an geplant. Wir marschieren jetzt durch die Räume und du zeigst mir, wo du als intelligente und vorsichtige Frau etwas verstecken würdest. Einmauern gilt nicht, unter Umständen musst du rasch an das Versteckte gut herankommen.“

Sein jetzt ernster Ton beeindruckte sie. Schweigend machten sie sich auf den Weg durch die Zimmer. Sie zeigte auf Stellen, die sie vielleicht als Versteck benutzt hätte. Manche waren auch den Kollegen aufgefallen, man erkannte es an der Unordnung, die sie hinterlassen hatten. Rudi knipste, was Blitz und Chip hergaben. Unten in der Küche wurde die Besatzung ungeduldig, aber Staatsanwältin Sturm war vernünftig genug, den anderen lautstark und erfolgreich zu erklären, was Rudi Herzog als Vorbedingung gestellt hatte, sich eine Suche nach Isa und Jonas überhaupt zu überlegen. Anja und Rudi näherten sich dem Schlafzimmer und stolperten als erstes über Isas Klamottenbeutel. Anja schüttete den Inhalt auf das Bett. „Hast du mit ihr geschlafen?“, fragte sie ihn unvermittelt.

„Ja, vor vielen Jahren wollte ich ihr sogar einen Heiratsantrag machen.“

„Und?“

„Sie war schon vergeben.“

„Und wo ist der Glückliche heute?“

„Im Knast.“

„Ach nee.“

„Augen auf beim Standesbeamten.“

„Danke. Ich werd's mir merken.“

Die getragene Wäsche ließ sie mit spitzen Fingern wieder in den

Beutel fallen, dann lachte sie hell auf. „Aber nachts hat sie diesen Keuschheitsgürtel nicht getragen?“

„Nein. Das ist eine Schutzhose für den Unterleib.“

„Gepanzert?“

„Nein, wieso?

„Dann fühl' mal hier. Das ist doch ein Stück Metall – oder?“ Sie puhlte etwas aus dem Stoff-Konvolut hervor.

Rudi schaute sich das Teil genau an und traute seinen Augen nicht, das war kein Metallplättchen gegen eine Kugel, das sah vielmehr wie ein Sender aus. Und jetzt fiel ihm auch wieder ein, worüber er schon einmal gestolpert war, ohne eine Erklärung zu finden. Woher hatte das Trio in Ückesdorf gewusst, dass sie bis zum sechsten Stock hochfahren mussten. Hatte dieses Stück ihnen verraten, wo es sich befand, versteckt und flüchtig eingenäht in eine Schutzhose für eine Schutzbefohlene.

„Tust du mir mal einen Gefallen und holst Paul Fichte?“

Fichte wusste sofort Bescheid. „Hast du eine Ahnung, wer ihr das in die Hose geschoben hat?“

„Senta Stolze – so hieß sie.“

„Das Luder kann morgen was erleben. Können wir bald gehen? Ich brauche unbedingt ein paar Schlucke nach den vielen Überraschungen des heutigen Tages.“

Zehn Minuten später zogen sie ab. Ilka bestand darauf, allein im Haus ihrer Schwester zu bleiben, und Rudi glaubte auch nicht, dass sie heute nacht noch einmal unerwünschten Besuch bekommen würde. Das, was sie suchten, hatten die Entführer in mehreren Tagesstunden nicht gefunden; nichts sprach dafür, dass sie es in wenigen dunklen Nachtstunden unter dem Zwang, sich leise und unauffällig zu verhalten, entdecken könnten. Er hatte keine Ahnung, was es sein könnte. Auf keinen Fall war es groß und sperrig; das wusste er, als er seine ordentlich abgeschlossene Wohnung aufsperrte. Auch hier sah es aus wie bei Hempels unter dem Bett, und er musste sich entscheiden, entweder sofort aufzuräumen oder eine Riesling Spätlese in netter Gesellschaft zu trinken. Das Ergebnis stand von vornherein fest, und Anja Wesskamp hatte nichts dagegen einzuwenden.



Donnerstag, 19. Juni

Es war weit nach Mitternacht, als Rudi vorsichtig über die Hindernisse auf dem Fußboden seiner kleinen Zweizimmerwohnung ins Bett balancierte. Der Riesling war ausgezeichnet gewesen und sie fragte ihn offen nach seinem Beruf und meinte zum Schluss dann staunend: „Dass ein Mann wie du Blumen hast ...“

„Die letzte Erinnerung an eine Ex-Freundin. Als sie die Töpfe dort abstellte, habe ich nicht vermutet, dass es sich um echte Blumen handelte, die Wasser und manchmal etwas Dünger brauchen. Ich habe gedacht, die sind aus Plastik.“

„Gibst du mir den Namen und die Telefonnummer deiner Ex?“

„Warum denn das?“

„Ich wollte mich nur bei ihr bedanken. So habe ich einen netten Nachbarn kennengelernt.“

Er schaute sie aufmerksam an, sie wurde verlegen und etwas rot, was ihr gut stand. Sie war, was ihm sofort aufgefallen war, hübsch, aber etwas schüchtern. „Vorsicht, Rudi!“, hatte er sich schon damals gewarnt. „Das ist keine Frau für eine kurze schnelle Affäre. Keine Rudolfine, wie Fichte lästern würde. Ein Händchen für Blumen hatte sie zumindest. Rudi hatte vor dem Schlafen noch daran gedacht, sein Handy wieder aufzuladen: prompt bimmelte es, als er beim Frühstück saß. Alexander Dorberg gähnte, dass es ihm die Mundwinkel zu zerreißen drohte. „Ich habe wenig und sehr schlechte geschlafen, und daran bist du Schuld.“

„Wie das?“

„Du hast einer Leni Behrens meine Handynummer gegeben und ihr angeboten, sie könne mich anrufen, wenn sie wegen Julia in Nöten stecke.“

„Stimmt.“

„Sie hat mich angerufen und aus dem Tiefschlaf gerissen. Es war halb zwei. Sie hatte seltsame Geräusche gehört und war aufgestanden, um nach Julia zu sehen. Damit hatte sie einen Einbrecher gestört, der gerade dabei war, Julias Zimmer auszuräumen auf der Suche nach irgendwas. Ein unhöflicher Mann, der Tante Leni niedergeschlagen hat und mit leeren Händen getürmt ist. Die beiden Frauen haben 110 angerufen, aber die Kollegen haben nichts für sie tun können: Vereitelter Einbruch, inzwischen leider Routine. Tante Leni hat sich an mich erinnert und angerufen, ich bin hin, hab' aber auch nicht helfen können, musste aber versprechen, dich zu informieren.“

„Danke, ich komme bald mal vorbei und erkläre dir, was hier inzwischen abgelaufen ist. Was macht die Angelegenheit Reufels.“

„Keine heiße Spur. Und ich habe ungeheuer Schwein gehabt, als ich mir meine private Wumme besorgt habe. Der Saukerl besaß eine Pistole, aus der schon einmal bei einem Bandenkrieg um Rotlichtpfründe ein Boss umgelegt worden ist. Alle Ermittlungen laufen jetzt in diese Richtung, es gibt im Milieu mittlerweile schon Kollateralschäden, über die hier im Präsidium keiner eine Träne vergießt. Glück muss der Mensch haben. Wenigstens manchmal.“

„Glückwunsch, Alex.“


*


Rudi und Anja Wesskamp begegneten sich an der Treppe.

„Na, alles gut vertragen?“

„Aber ja. Und du?“

„Danke der Nachfrage, Ich kann nicht klagen; ich fand den Abend sehr unterhaltsam, besser als das Fernsehen. Wir sollten ihn wiederholen.“

„Ich gebe mir Mühe, einen ähnlichen Auftrag an Land zu ziehen.“


*


Paul Fichte verlangte ein langes, detailreiches Protokoll über Rudis Heldentaten, schickte ihn dann zu Brock, der dem Hauptkommissar Herzog verkündete, dass Bonn und zerstörte Ohrmuscheln kein Nachspiel haben würden, Rudi dafür aber vorübergehend den Personenschutz verlassen und sich der Zielfahndung unterstellen müsse. Brock war so gemein hinzuzufügen: „Ich persönlich habe Reuter angerufen, dass man bei Ihnen aufpassen müsse und auf keinen Fall absoluten Gehorsam erwarten dürfe.“

„Das freut mich aufrichtig, heißen Dank, Herr Kriminalrat.“

„Bitte, bitte, gern geschehen. Ach, noch was, Herr Herzog, die Kollegin Stolze ist heute morgen aufgefunden worden. Sie hat sich erhängt. Lederer hatte ein Verfahren gegen sie eingeleitet wegen Amtsverrat und Bestechlichkeit.“


*


Der Name Lederer hatte Rudi auf eine Idee gebracht. Er ging zur Staatsanwaltschaft und hatte Glück. Andrea Sturm hatte Zeit für ihn und war auch bereit, mit ihm über den Fall Vandenburg zu sprechen.

„Um was geht es denn?“

„Isa hat mir nie verraten wollen, warum sie sich nach einem so langen Verhältnis mit Schiefer plötzlich mit ihm überworfen hat. Kennen Sie den Grund?“

„Ich weiß, was sie bei Lederer als Grund angegeben hat.“

„Können Sie mir das verraten?“

„Lieber nicht, Herr Herzog, es würde die Glaubwürdigkeit Ihrer Ex-Freundin so sehr erschüttern, dass ihr Wert als Kronzeugin massiv in Frage gestellt würde.“

„Wieso Ex?“

„Also doch! Ihnen schleicht ein bestimmter Ruf hinterher, Herr Herzog.“

„Dann darf man mir in Zukunft keine so hübschen und so anlehnungsbedürftigen Schützlinge anvertrauen.“

„Ihr Chef hat das so formuliert: 'So gibt es wenigstens eine kleine Chance, dass der erste Schuss im dunklen Schlafzimmer nicht die Schutzperson, sondern dankenswerterweise den Schützer trifft.“

Sie lachte laut und schadenfroh, und Rudi spitzte die Lippen: „Ich glaube nicht, dass wir noch Freunde werden, Frau Staatsanwalt.“

„Das betrübt mich aber.“ Dabei lachte sie noch lauter.


*


Bei dem Namen Lederer war ihm eine weitere Idee gekommen. Kriminalrat Reuter konnte warten. Kollege Lössmann schnaufte: „Kommen Sie rein! Was kann ich für Sie tun?“

„Herr Kollege, ich bin kriminell veranlagt und habe von einer arglosen Großtante ein Vermögen geerbt. Wie lege ich es am besten im Milieu an, bevor mir das Finanzamt auf die Schliche kommt?“

„Rotlicht und Rauschgift sind nicht so Ihr Metier?“

„Eigentlich nicht.“

„Schutzgeld macht sich noch sehr gut.“

„Zu viele Mitwisser, die mich erpressen könnten. Gibt es keine etablierte Firma im Milieu, die ich kaufen könnte?“

„Wie stellen Sie sich das vor? An der Börse werden solche Firmen nicht gehandelt, Makler für so was gibt es auch nicht. Sie können keine Grundstücke, Fabriken, Maschinen oder Materiallager besichtigen. Sie sind auf Mundpropaganda angewiesen, und der Hauptwert solcher Firmen besteht darin, dass sie uralte und verlässliche Beziehungen haben und pflegen. Die überträgt man aber nicht so einfach auf einen neuen Mann oder eine neue Organisation. Sie müssen schon seit langer Zeit dazugehören und einen guten – respektive schlechten – Ruf haben.“

„Danke, das alles wusste meine Großtante nicht.“


*


Kriminalrat Reuter blies sich gewaltig auf, als sich Rudi endlich bei ihm meldete und als erstes klarstellte, dass er allein ermitteln wollte, und Reuter zu platzen drohte, als Rudi ihm ankündigte, er werde morgen erst einmal nach Bonn fahren, seinen Leihwagen gegen seinen Privatwagen austauschen und sich dann im Ruhrgebiet mit möglichen Zeugen unterhalten. Reuter konnte noch nicht wissen, dass der Hauptkommissar Herzog gegen Befehle und Schreien immun war.

Vor Reuters Tür rief er Andrea Sturm an, die sehr erstaunt tat: „Wollen Sie mir doch ewige Freundschaft antragen?“

„Nein, da sei Gott vor, ich brauche nur die Anschrift von Lucanos Frankfurter Wohnung.“

„Die ist versiegelt, Herr Hauptkommissar.“

„Aber nicht mehr lang, Frau Staatsanwalt.“

„Mit dem ruhigen Arbeiten ist es bei uns wohl vorbei, wie?“

„Das könnte gut sein“, pflichtete er bescheiden bei.


*


Das Siegel an der Lucano Wohnung war schon durchschnitten, die Wohnungstür aber ins Schloss gezogen. Rudi klingelte Sturm, bis der Mann in der Wohnung die Nerven verlor. „Hör auf, du Arsch!“

Die Tür wurde aufgerissen, und Rudi starrte erstaunt auf einen kleinen Mann herunter, der ein seltsames Instrument in einer Hand trug, eine Art langer Stahlnadel mit einem Holzgriff. Er hatte keine Ahnung, wozu das gut sein mochte. Er wollte schon fragen, als Muno, der ihn längst erkannt hatte, einen Schritt zurücktrat und die Augen zukniff. „Was willst du Arschloch denn hier?“

Das klang falsch, wie Rudi sofort merkte, der kleine Mann tat so, als kenne er ihn und erwarte, dass Rudi ihn auch erkannte.

„Dasselbe wollte ich dich fragen, Zwerg. Wieso hast du das Siegel zerschnitten?“ Mit dem Wort „Zwerg“ hatte Rudi einen wunden Punkt getroffen, er sah es an dem Augenzucken seines Gegenübers und konnte eben noch rechtzeitig zur Seite treten, als der Kleine mit der Stahlnadel zustechen wollte. Der Stich ging ins Leere, Rudi hielt sich mit einer Hand am Türrahmen fest und trat zu. Der Treffer vor das linke Knie warf den Zwerg tatsächlich nach rückwärts in die Diele. Er schrie, aber ließ die Nadel nicht los und gab vor allem nicht auf, rollte sich herum und zog sich mit einer Hand auf das rechte Bein hoch und hüpfte wie ein Känguru auf seinen Gegner zu. Der konnte zwar ausweichen, doch auch nach dem zweiten Stich ins Leere ließ Muno die Nadel nicht los, kassierte und überstand einen weiteren Tritt, diesmal in den Unterleib. Rudi erzielte damit einen unerwarteten Erfolg. Der kleine Mann taumelte nach rückwärts und prallte gegen einen zweiten Mann, der mit einer Pistole aus einem Zimmer in die Diele kam. Der Zwerg warf ihn ungewollt um, und Lupo ließ die Waffe fallen.

„Danke“, sagte Rudi ernsthaft und holt tief Luft. Den kleinen Mann hatte er unterschätzt, der war ein echter Kämpfer. Beide trugen Hosen mit Gürteln, die Rudi liebevoll dazu nutzte, ihnen die Hände auf den Rücken zu fesseln.

„Na, was habt ihr denn hier verloren?“

Wütendes Schweigen; wenn Blicke töten könnten. Wäre aus Rudi Herzog längst Gulasch geworden.

„Keine Antwort ist auch eine Antwort.“

„Fick dich“, murmelte der kleine Mann laut.


*


Sie hatten angefangen, Lucanos Wohnung auf den Kopf zu stellen, so wie die anderen Isas Haus in Schlangenbad. Rudi rief seinen neuen Interimschef an: „Ich habe in Lucanos Wohnung zwei Einbrecher gestellt. Sie können sie abholen lassen.“

„Lucano“, fragte Reuter hilflos.

„Am besten bringen Sie die Staatsanwältin Sturm mit, ich weiß zufällig, dass sie sich über jede Abwechslung freut.“

Reuter legte wortlos auf. „Du musst noch viel lernen“, knurrte Rudi vor sich hin.

Beide Männer hatten recht klug gesucht, vor allem an Stellen, die gestern erst Anja Wesskamp ihm als mögliche, von Frauen ausgewählte Verstecke gezeigt hatte. Rudi suchte, bis die Reuter-Truppe in die Wohnung stampfte.

Rudi hielt den Mund. Er war an der Tür vorbeigekommen und hatte das zerschnittene Siegel bemerkt; als er klingelte, wurde ihm geöffnet, doch nicht von Polizisten, wie er gedacht hatte, sondern von zwei Einbrechern, die er mit viel Glück überwältigen konnte. Was Reuter und Andrea Sturm ihm davon glaubten, wusste er nicht. Jedenfalls zogen sie mit zwei Festgenommenen (Einbruch, Siegelbruch, Angriff auf einen Vollzugsbeamten) bald ab und ließen ihn mit einem frischen Siegel für später zurück. Rudi konnte in aller Ruhe suchen und erinnerte sich an genug Stellen, die Anja Wesskamp in Isas Haus angesteuert hatte, wobei er die lange Nadel vermisste, mit der man auch ungewöhnliche Stellen zum Beispiel hinter Eckschränken erreichte, aber das hilfreiche Instrument befand sich jetzt auf dem Weg in die Kriminaltechnik.

Deswegen brach Rudi seine erfolglose Suche ab, nachdem er auch alle Teppiche und Läufer wie in Schlangenbad ohne Ergebnis umgeschlagen hatte. Er schloss ab, versiegelte die Wohnungstür und fuhr fröhlich pfeifend in seine Wohnung.

Am frühen Abend rief Fichte an und beschwerte sich: „Du hast dich ja wieder mal glänzend bei Reuter eingeführt.“

„Sag bloß, dieser Sesselfurzer hat mich anschwärzen wollen?“

„Hat er.“

„Unmöglicher Mensch. Ich bleib' beim Personenschutz.“

„Schade, und ich hatte gehofft, dich endlich loszuwerden.“

„Pech für dich.“

„Es gibt übrigens im Fall Schiefer/Vandenburg einen weiteren Personenschaden.“

„Und wen?“

„Senta Stolze. Sie hat sich nach der Suspendierung erhängt.“

„Ich weiß nicht, ob sie mir leid tut. Schließlich hat ein Kollege durch sie sein Leben verloren und zwei Kleinkinder ihren Vater. Hat sie noch was über ihren Kontaktmann gesagt?“

„Nein. Aber wir haben doch im Lesterwald eine männliche Leiche gefunden, an deren Shirt hingen zwei brünette Frauenhaare. Im Moment findet ein DNA-Abgleich mit Senta Stolze statt. Das bleibt aber vorerst bitte unter uns.“

„Versprochen, Chef.“



Freitag, 20. Juni

Trotz des einsetzenden Wochenendverkehrs kam er auf der 61 nach Norden flott voran, konnte noch vor Mittag seinen Leihwagen zurückgeben und sich am frühen Nachmittag mit seinem Karren auf den Weg nach Mülheim machen. Katrin Köhler verzieh ihm großmütig den Ärger, den er in Ückesdorf angerichtet hatte, und stöhnte nur, dass die Wohnung immer noch nicht verkauft sei, und zum Abendessen traf er sich mit Dorberg in einer Kneipe in Rüttenscheid, die nach Dorbergs Meinung nicht nur ein trinkbares Exportbier vom Fass anbot, sondern auch die besten panierten Schnitzel der Stadt. Rudi und Alexander Dorberg testeten Speis' und Trank in einem beachtlichen Ausmaß und hatten hatten Mühe, hinterher unfallfrei Dorbergs Wohnung in der Gundulastraße zu erreichen. Alka-Seltzer und klarer Sprudel waren zum Glück in ausreichender Menge vorhanden, die Klappliege hätte bequemer sein können, aber der abgehärtete Mann überlebte auch diese Nacht.

Tante Leni Behrens zeigte sich ziemlich indigniert, als Rudi sie bat, in Julias Abwesenheit deren Zimmer durchsuchen zu dürfen. Rudi bewies mal wieder seine Überredungskünste beim weiblichen Geschlecht, wurde wunschgemäß allein gelassen und sogar mit frischem Kaffee versorgt. Was er zu finden hoffte, verriet er Tante Leni nicht, die sich auch nicht neugierig zeigte. Eine Stunde später hielt er einen Briefbogen mit dem Aufdruck Isa Vandenburg in der Hand. In der Grundschule hatte Isa eine bessere Handschrift gehabt.

Liebe Julia, manchmal tut man das Richtige, ohne es zu wissen. Du musste Dich nicht entschuldigen und dir erst recht keine Vorwürfe machen. Du hast mir die Augen geöffnet für etwas, was ich seit fast zwanzig Jahren hätte wissen können, aber nicht habe sehen wollen. Nun ist Schluss, dafür danke ich Dir. Aus der ganzen Sache herauszukommen, wird nicht einfach sein, aber ich habe mir schon einen Weg ausgeknobelt und bereite alles vor. Wenn mir doch was passieren sollte, halte dich an Tante Leni und mit ihr jederzeit an Ilka. Beide zusammen haben alle Vollmachten, für Dich und Jonas zu sorgen, bis ihr auf eigenen Füßen steht.Für Deine Zwischenprüfung im Mai drücke ich Dir alle Daumen und selbstverständlich komme ich zu Deinem ersten Engagement.

Alles Gute und Liebe, Deine Mutter.

Rudi knipste die Seite mehrfach und legte sie dann im Umschlag sorgfältig zurück. Dieser Brief war zwar nicht das, was er zu finden gehofft hatte, war aber dennoch sehr wichtig und hilfreich. Nach der Art der Vollmachten fragte er Leni Behrens nicht, als er sich bedankte und verabschiedete.

Die Fahrt wurde schrecklich, sein Kopf brummte unablässig wie ein forte gespielter Kontrabass und auf den letzten Kilometern kämpfte er gegen den Schlaf an. Nie wieder Bier und gepanzerte Schnitzel mit Alexander Dorberg. In seiner Wohnung schlief er sofort ein. Als er aufwachte, war es draußen schon dunkel. Er rief Dorberg an, dem es auch nicht übermäßig gut ging, und vermeldete, dass er wider Erwarten heil nach Wiesbaden gekommen war.

Paul Fichte hatte zwei Neuigkeiten. Andrea Sturm hatte gegen Muno und Lupo Haftbefehl beantragt, und die beiden Frauenhaare, die ein aufmerksamer Assistent in der Gerichtsmedizin von dem Shirt ihrer Lesterwald-Leiche abgelesen hatte, stammten tatsächlich von Senta Stolze.

„Also war sie die undichte Stelle?“

„Sieht ganz so aus.“

„Und Kowalski?“

„Den habe ich freigestellt, vielleicht meldet sich ein Kollege, der eine Planstelle für diese Flachpfeife hat.“

„Oder ein Revierleiter in Hintertupfingen im Westerwald.“

„Auch das.“

Rudi ging früh schlafen und träumte von einer lautstarken Auseinandersetzung zweier attraktiver Frauen, die sich erbittert darüber stritten, wer Schlüssel für Rudis Wohnung bekommen sollte.


*


Rechtsanwalt Gregor Nellen verbrachte einen unerfreulichen Abend. Er traf sich mit Mehtar Ben Ali zum Essen, der Tunesier erklärte ihm schon beim Aperitif, dass er einen anderen „Spediteur“ gefunden und deshalb kein Interesse mehr an Utom habe. Umstimmen ließ er sich nicht: „Sie haben sich für diesen Agenturfuzzi verbürgt. Nun bürgen Sie mal schön.“

Nellen und Ben Ali konnten nicht wissen, dass es dazu keine Gelegenheit mehr geben würde, Niels Kollau irgendwie zur Kasse zu bitten oder zur Rechenschaft zu ziehen, er wurde in diesen Stunden mit einer Infektion durch einen multiresistenten Keim aufgrund seiner Ohrverletzung durch einen Streifschuss auf die Intensivstation verlegt. Dort starb er acht Tage später. Sein Mitarbeiter mit dem Spitznamen Lupo saß zu der Zeit noch in U-Haft; Bodo Zollers Leiche wurde verbrannt und die Urne mit der Asche auf einem Baumfriedhof beigesetzt. Die „Agentur Kollau“ existierte nicht mehr, Muno suchte und fand einen neuen „Arbeit“geber. Kein Mensch weinte der Agentur eine Träne nach. Der Ex-Personenschützer Claus Kowalski quittierte den Dienst, als sich keine Abteilung im LKA oder Präsidium bereit fand, ihn zu übernehmen. Er wurde Türsteher im Paradise Lost und seine früheren Kollegen grüßten ihn nicht mehr.



Samstag, 21. Juni

Nach dem Frühstück fuhr Rudi noch einmal nach Schlangenbad und traf vor der Haustür auf Ilka Vandenburg, die gerade zum Einkaufen gehen wollte. Nein, er hatte keine erfreulichen Nachrichten für sie. Es reichte, wenn sie weiterhin nur für eine Person einkaufen ging. „Ich mache Dir ein Angebot.“

„Ja?“

„Ich trage deinen Einkaufsbeutel und lade dich zu einem Kaffee ein, wenn du jetzt diese Datei liest und mir später ein paar Fragen dazu beantwortest.“

„Lass mal sehen.“

Den Brief ihrer Schwester an Tochter Julia kannte sie noch nicht, las ihn stumm auf dem Display und meinte dann trocken: „Okay. Aber ich kann ein paar Kilo Kartoffeln einkaufen?“

„Die Henkel deines Beutels müssen aber noch halten.“

Sie hielten, und er war froh, die Einkäufe im Café absetzen zu können.

„Ja, sagte Ilka gelassen. „Isa wollte türmen, auf die Kanaren. Leni und ich haben gemeinsam Vollmacht, für Julia und Jonas zu sorgen und ihnen das Erbe zu übergeben, wenn beide Kinder das wollen. Jonas kann an vielen Stellen auf der Welt als Ingenieur einen Job finden, aber ob Julia als Schauspielerin Erfolg haben wird, steht doch noch dahin.“

„Aus welcher Sache wollte Isa jetzt herauskommen?“

„Aus der Utom.“ Sie schaute Rudi nachdenklich an und rührte eine ganze Zeit zerstreut in ihrer Kaffeetasse. Natürlich hat die Utom illegale Geschäfte gemacht und Isa war in alles eingeweiht. Oder wie sonst wäre sie an das Haus hier gekommen und an das Geld, das sie Julia und Jonas hinterlassen würde und für das Projekt auf den Kanaren.“

„Also schmutziges Geld?“

„Und wie. An manchen Scheinen klebte nicht nur Dreck, sondern auch Blut, da bin ich ziemlich sicher.“

„Warum hat sie das gemacht?“

„Weil sie geldgierig war, Armut fürchtete und nie daran gedacht hat, ihre Ansprüche einzuschränken. Und später hatte sie für sich die Rechtfertigung gebastelt, sie müsse für ihre Kinder sorgen.“

„Ich denke, Tomasio hat regelmäßig für Julia und Jonas gezahlt.“

„Hat er auch, aber hat Isa dir auf Lanzarote seinerzeit nicht den Preis dafür verraten?“

„Welchen Preis?“

„Jonas soll nach Italien ziehen und als Erbe Tomasios in der Familie Lucano leben.“

„Also ein Mafiosi werden“, resümierte Rudi.

„So könnte man es vielleicht interpretieren.“

„An Julia haben die Lucanos kein Interesse?“

„Vielleicht kann man sie später einmal in eine befreundete Familie verheiraten oder so eine Fehde beilegen.“

„Du spinnst doch. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter.“

„Das erzähle du mal den zwangsverheirateten jungen Türkinnen bei uns.“

Rudi schwieg. Er hatte einmal eine junge, in Deutschland geborene Türkin bis zum Prozess begleitet, der man Mord wegen der verletzten Familienehre angedroht hatte, weil sie mit einem Deutschen intim befreundet war.

„Und wo kann sie jetzt stecken?“

„Ich weiß es beim besten Willen nicht. Man müsste erst einmal wissen, wer sie entführt hat. Die Lucanos oder diejenigen, die die Utom übernehmen möchten, oder diejenigen, die mit der Utom schmutzige und noch nicht verjährte Geschäfte gemacht haben und nun fürchten, durch Isas Aussagen aufzufliegen.“

Rudi schwieg immer noch. Eine richtige aber sinnlose Antwort, allein die Lucano-Familie zu finden, konnte Wochen dauern. Und wie sie dann dazu bringen, etwas zuzugeben, was in ihren Kreisen als ehrloser Verrat galt? Wer wollte die Utom übernehmen? Wer auch immer das war, der hielt sich schön bedeckt im Hintergrund und schickte Strohmänner vor. Nicht anders jene, die mit der Utom illegale Geschäfte gemacht hatten. Gab es dafür irgendwelche Unterlagen, Korrespondenz, Frachtbriefe, Zollbescheinigungen, Überweisungen?

„Sag mal, Ilka, wenn Isa etwas verstecken will, und zwar an einem Ort, auf den kein Fremder kommt – wo hätte sie diese Sachen deponiert?“

„Damit die Archäologen sie im nächsten Jahrhundert vielleicht finden?“

Ihr Spott schmerzte, aber sachlich hatte sie völlig Recht. Isa musste jederzeit an das Versteck herankommen können, wenn sie auf freiem Fuß war. Ilka hatte länger überlegt und meinte schließlich zögernd: „Vielleicht im Haus unserer Großmutter, in Kriftel.“

„Kannst du mir die Adresse geben?“

„Am Untertor, die Hausnummer habe ich vergessen. Ein uralter Bau aus roten Backsteinen, nicht weit davon ist ein moderner Schnellimbiss entstanden. Aber ich war seit Jahren nicht mehr da.“

„Wie hieß deine Großmutter mit Familiennamen?

„Berting, Martha Berting. Sie ist 105 Jahre alt geworden.“

„Was ist aus dem Haus nach ihrem Tod geworden?“

„Wenn ich mich recht erinnere, gab es kein Testament und keinen direkten Erben. Ihr Sohn Rudolf war schon vor dem Dritten Reich nach Amerika ausgewandert, hatte alle Brücken nach Deutschland abgebrochen und müsste eigentlich auch schon gestorben sein.“

„Dann könnte ich mich vielleicht als Rudolfs Sohn Ludolf ausgeben.“ „Wenn du Lust hast ... Einen Tip kann ich dir vielleicht noch geben, Auf dem Dachboden gab es im Kaminschacht ein gemauertes Versteck, in dem Isa und ich unsere Poesie-Alben versteckt und dann vergessen haben.“

„Soll ich dir deines mitbringen?“ Bis das Jahr versinkt,dein Satz in meinen Ohren klingt: Ich liebe Dich.“ So was?

„So etwa. Aber nicht darin lesen, okay!?“

„Versprochen.“


*


Rechtsanwalt Blume hatte es zwar eilig, wollte aber zehn Minuten für Rudi erübrigen.

„Ja, ich habe mich auch über das Mandat gewundert. Sonst ging Schiefer zum Kollegen Nellen, aber der hatte keine Zeit und hat mich vorgeschlagen.“ Einen Moment kaute Blume auf seinen Lippen. „Aber merkwürdig war es schon ...“

„Wie meinen Sie das?“

„Die Verhandlung hat Nellen sich angehört. In der letzten Reihe im Zuhörerteil.“

„Ach nee.“

„Als ich das Schiefer zugeflüstert habe, wurde der sehr unruhig und hat etwas ganz Verrücktes gesagt: 'Hat der Scheißkerl also schon die Seiten gewechselt?'“

„Haben Sie das verstanden?“

„Nein, Schiefer wollte mir auch nichts erklären.“

„Vielen Dank, Herr Rechtsanwalt, das war's schon.“

„Und Sie suchen immer noch die Zeugin Isa Vandenburg?“

„Und ihren Sohn Jonas“, verbesserte Rudi ungehalten.

„Viel Glück dabei, Herr Hauptkommissar.“


*


Die Staatsanwältin Andrea Sturm sah ihn aus großen Augen an: „Sie wollen was?“

„Wenn möglich, eine Sprecherlaubnis mit Ullrich Schiefer.“

„Und warum das?“

„Mit ihm hat das Ganze doch angefangen. Und zur Zeit bin ich kein Personenschützer, sondern vorübergehend Mitglied in der OK.“

„Die setzen sich freiwillig auch jede Laus in den Pelz“, murmelte sie beleidigend deutlich. „Sind Sie wenigsten weitergekommen und wissen Sie jetzt, wo man Isa Vandenburg gefangen hält.“

„Sie meinen hoffentlich, Isa und Jonas Vandenburg“, verbesserte er unfreundlich.

„Richtig.“ Kritik steckte sie ungerührt weg.

„Nein, aber ich weiß jetzt, wie man den Grund dafür ausräumt, sie gefangen zu halten.“

„Da bin ich aber gespannt.“

„Dann genießen sie die Spannung noch etwas. Sobald ich mit Schiefer reden kann, packe ich aus.“

Sie tippte sich an die Stirn, aber Rudi grinste nur hässlich. Er hatte schließlich einen Ruf als ungehobelter Vorgesetzten-Schreck zu verteidigen.


*


Bevor er nach Kriftel losfahren konnte, bimmelte sein Handy. Julia Vandenburg heulte Rotz und Wasser; „Rudi, ich muss dir was gestehen!“

„Hast du Timo Reufels verziehen?“

„Nein, schlimmer. Ich bin Schuld daran, dass Mama und Jonas entführt worden sind.“

„Aha. Putz dir erst einmal die Nase und dann erzählst du mir hintereinander, was passiert ist.“

„Ich habe mich anfixen lassen. Von einem Mann, der vor meiner Schule Drogen verkauft hat. Er meinte, mit fünfzehn sei ich alt genug, es mal auszuprobieren. Nein, gefährlich wäre das gar nicht. Und er sei für mich immer da mit billigem Stoff. Und so eine Hübsche wie ich könnte sich doch immer ein paar Scheine nebenbei verdienen. Da sollte ich mir keine Sorgen machen, das würde er kostenlos vermitteln.“

Dass ein Anfixer so offen und dreist vorging, war neu für Rudi. Er hatte noch gelernt, dass dieses Lumpen junge Mädchen mit Liebesschwüren und billigem Stoff ködern, bis die Sucht das Mädchen voll im Griff hatte, dann stiegen plötzlich die Preise und die Süchtigen mussten sich schließlich prostituieren.

„Aber der erste Versuch war fürchterlich. Ich habe die Tropfen überhaupt nicht vertragen. Mir ging's so schlecht, dass ich Mama alles gebeichtet habe. Sie wurde totenbleich und hat mich getröstet. Den Kerl würde ich nie wiedersehen.“

„Und? Hast du ihn noch einmal gesehen?“

„Nein. Ich habe seitdem nie wieder etwas geschluckt, geschnieft oder gespritzt. Und Mutter war mir auch gar nicht böse. Im Gegenteil, ich hätte ihr die Augen geöffnet.“

„Ja, das habe ich auch schon gehört.“

„Ich hab' übrigens meine Zwischenprüfung mit sehr gut bestanden.“

„Herzlichen Glückwunsch. Ist damit dein erstes Engagement in Sicht?“

„Nein, noch lange nicht.“

„Ich verspreche dir, deine Mutter kann dann deinen ersten Auftritt bewundern.“

„Bewundern? - ich weiß nicht, sie wird wohl eher Händchen halten müssen. Ich habe mir dummerweise Lampenfieber zugelegt.“

„Das vergeht auch wieder, glaube mir. Schöne Grüße bitte an Tante Leni.“

„Geht in Ordnung. Tschüss.“


*


Er hatte keine Lust mehr, heute noch nach Kriftel zu fahren, sondern kaufte ein, fuhr nach Hause und begann zu telefonieren. Fichte war mehr als erstaunt: „Du willst was?“

„Ich will einem Journalisten, dem man vertrauen kann, etwas zuspielen, was die Staatsanwaltschaft bestimmt unter Verschluss halten würde. Wenn rauskommt, dass ich der Informant war, kann ich gleich kündigen.“

„Hm. Und mehr willst du mir nicht verraten?“

„Jetzt noch nicht.“

„Hm. Es soll also an die Öffentlichkeit, aber es darf nicht bekannt werden, dass du der Informant bist.“

„So ist es. Und sofort danach möchte ich in den Zeugenschutz zurück.“

„Mehr nicht? Der Job des Polizeipräsidenten reizt dich nicht?“

„Noch nicht. Später vielleicht mal.“

Fichte war überhaupt nicht begeistert, aber weil er nicht nur ein guter Chef war, sondern auch ein echter Freund, sagte er nach langer Bedenkzeit: „Ich würde mich mal an Hans Gerlach wenden. Beim Vadum Francorum.“

„Beim was?“

„Das ist Latein und heißt die 'Furt der Franken'.“

„Nie gehört.“

„Vadum deckte Skandale und Schweinereien auf. Klingt komisch, ist aber eine seriöse Redaktion. Oberster Grundsatz: Nie ein Honorar für Informanten, keine Anzeigen, die Abhängigkeiten schaffen. Keine Honorare für Mitarbeiter. Preis des Heftes je nach Umfang.“

„So was gibt es noch?“

„Selten, aber doch, ja, gibt es noch.“

„Vadum mit Viktor?“

„Warte, ich kann dir die Nummer diktieren.“

Rudi lacht lautlos in sich hinein.


*


Stunden später hatte er gerade den Korken aus einem Grauburgunder gezogen, der zwar keinen Vergleich mit Anjas Riesling Spätlese aushielt, aber doch sehr trinkbar war, als es klingelte. Anja stand vor seiner Tür und er sagte rasch: „Ich habe noch ein zweites sauberes Glas für dich, komm' rein!“

Sie meinte auch, dass man den Wein trinken könne, und beschwerte sich: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt ...“

„... muss die schöne Nachbarin beim Nachbarn klingeln.“

Sie wurde etwas verlegen, widersprach aber nicht. „Schöne Frau Wesskamp, was meinst du. Kannst du morgen noch einmal dein Reisebüro schwänzen und mit mir einen Ausflug nach Kriftel machen?“

„Kriftel wäre toll, im Moment von Touristen nur so überlaufen. Man richtet deswegen schon Straßensperren ein.“

„Prima. Mach dich aber nicht fein für einen Tagesausflug, sondern zieh' lieber Klamotten an, die eindrecken dürfen und hinterher gewaschen werden können.“

„Ich fiebere nach Abenteuern. Der Wein ist übrigens sehr gut. Hast du nur eine Flasche davon?“

„Nein, tu dir keinen Zwang an.“

Die erste Flasche neigte sich beunruhigend schnell dem Ende zu, als sein Handy wieder loslegte.

„Guten Abend, Herr Herzog. Hier spricht Ihre Staatsanwältin. Ich soll Ihnen grünes Licht für einen Besuch bei Ullrich Schiefer im Knast geben.“

„Großartig.“

„Nehmen Sie mich mit?“

„Lieber nicht. Schiefer mag Sie und Ihre Behörde vielleicht nicht leiden und will deswegen nicht reden.“

„Ich würde auch mein hübschestes Kleid mit einem besonders großen Ausschnitt anziehen.“

„Danke, trotzdem lieber abgelehnt, verehrte Andrea.“

„Wer zum Teufel ist denn nun Andrea?“, fragte Anja spitz.

„Eine Staatsanwältin, die mich nicht leiden kann.“

„Das tut dir weh, was? Ist sie so hübsch?“

„Um diese Tageszeit ziehe ich keine Vergleiche mehr, Prost.“



Sonntag, 22. Juni

In Kriftel war es wirklich schwierig, in Nähe des Untertors einen Parkplatz ohne Zeitbegrenzung zu finden. Dagegen war es leicht, den Altbau und den Schnellimbiss zu entdecken. Sie schlenderten an dem Backsteingemäuer vorbei und linsten auf die Haustür. Das Haus war leider bewohnt, und für einen Besuch war es einfach noch zu früh. Außerdem musste er ihr einiges erklären, bevor sie sich in die Höhle des Löwen wagten. Bei einem Kännchen Kaffee lauschte sie gebannt.

„Ich heiße Ludolf Berting, lebe in Amerika und bin der Urenkel von Martha Berting, die hier im Alter von 105 Jahren verstorben ist. Die Anschrift dieses Hauses habe ich erst erfahren, als die Sachen meines Vaters aufgeräumt wurden. Daraufhin bin ich nach Germany geflogen, um etwas mehr über meine deutschen Wurzeln zu lernen. Du arbeitest in einem Frankfurter Reisebüro. Dort haben wir uns kennengelernt und du hast dich angeboten, mir diesen weltbekannten Ort zu zeigen. Alles okay? Du musst gar nichts sagen, sondern nachher nur andächtig lauschen, eine Spur verliebt in mich, aber nicht so, als wolltest du morgen mir morgen mit mir in die Vereinigten Staaten fliegen. Kriegst du das hin?“

„Na sicher.“


*

Laut Klingelschildchen hieß der junge Mann Müller, der die Haustür öffnete. Er hatte gut zehn Kilo Übergewicht und Hängebäckchen.

Bevor Rudi etwas sagen konnte, meinte Müller erstaunt: „Das geht ja schnell.“

„Wie meinen Sie das?“

„Gestern war der Anwalt hier und heute schickt er schon den ersten Kaufinteressenten.“

Rudi schaltete schnell: „Da muss ich Sie enttäuschen. Ich will nicht kaufen, sondern wollte Sie um einen Gefallen bitten .“

„Ja?“ Müller verbarg seine Enttäuschung nicht und kratzte seinen Bauch.

„In diesem Haus ist meine Urgroßmutter Martha Berting im Alter von 105 Jahren gestorben. Ihr Sohn Rudolf, mein Großvater, ist schon vor 1933 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hat den Kontakt in die Heimat verloren.“ Rudi sprach bestes Kaugummideutsch und dankte nachträglich dem Zufall, der ihn mal beruflich für einige Monate in die USA geführt hatte. „Sein Sohn, mein Vater, ist nun auch gestorben, und als wir seinen Nachlass geordnet haben, sind wir auf diese Adresse gestoßen. Und jetzt wollte ich Sie bitten, ob ich mir das Haus meiner Urgroßmutter einmal anschauen darf. Das ist Anja Wesskamp, sie arbeitet in einer Traveller Agentur und hilft mir, mich in einem fremden Land zurechtzufinden.“

Müller überleget einige Minuten bauchjuckend und trat dann zu Seite: „Kommen Sie herein, solche Geschichten hört man nicht alle Tage.“

Rudi machte höfliche Konversation: „Sie wollen verkaufen?“

„Ich muss. In dem alten Kasten ist soviel zu reparieren, dass ein Neubau billiger wird.“

Rudi kannte sich ja in Deutschland nicht aus und wusste auch nicht das englische Wort für Denkmalschutzamt.

Müllers Frau war jünger, schlanker und so hübsch wie hilfsbereit. Sie führte ihren Besuch bereitwillig durch alle Räume, und Rudi hatte Mühe, sie vor der Treppe auf den Dachboden höflich abzuwimmeln. Der Fußboden des Dachbodens ächzte unter der Last von Staub aus mehreren Generationen. Bei jeder Bewegung wirbelte Staub auf und reizte zum Niesen. Die Erschütterung sorgte dann für Nachschub.

Das Versteck im Kaminschacht war gar nicht schwer zu entdecken, wenn man wusste, dass man und wo man suchen sollte. Jemand hatte vor nicht allzu langer Zeit zwei Ziegelsteine herausgenommen. In der Höhlung lagen zwei Klarsicht-Kunststoffhüllen mit zwei Scheiben, entweder CDs oder DVDs. Rudi steckte sie ein und schob die Steine sorgfältig an die alte Position zurück, verschmierte etwas Staub zur Tarnung.

Frau Müller wartete am Fuß der Dachbodentreppe und entschuldigte sich: „Da müsste unbedingt mal gründlich geputzt werden, aber die Arbeit wollte ich mir gern ersparen.“ Quasi zum Trost lud sie Rudi und Anja zum Kaffee ein. Müller männlich entschuldigte sich mit einem wichtigen Termin und verabschiedete sich. Seine Frau seufzte leise: „Sein Stammtisch.“

Rudi, der ahnungslose Amerikaner, ließ sich von seiner deutschen Begleiterin erklären, was das ist, und lachte leise: „Bier ohne Kontrolle, wie?“

Die Müllerin nickte bekümmert. „Dabei sollte er besser abnehmen. Schade, dass Sie nicht kaufen wollen.“

„Ihr Mann hat was von einem Rechtsanwalt erwähnt, der sich darum kümmern wollte.“

„Dem schrägen Vogel habe ich kein Wort geglaubt.“

„Wem nicht?“

„Diesem Anwalt.“

Rudi horchte auf: „Wissen Sie zufällig noch, wie der hieß?“

„Moment, ich habe seine Visitenkarte aufgehoben.“

Die lag in einer Holzschale auf dem Buffet. „Gregor Nellen.“ Mit einer Kanzlei in Frankfurt-Mitte.“ Er notierte sich alles und meinte: „Natürlich möchte ich gerne wissen, wer sich für das Haus meiner Urgroßmutter interessiert. Vielleicht Verwandtschaft, von der ich noch nichts weiß.“

„Hoffentlich nette Verwandte“, wünschte sie herzlich. „Da kann man ja leider böse Überraschungen erleben.“

„Hoffen wir das Beste“ stimmt Rudi zerstreut zu; Denn ihm war gerade wieder eingefallen, wann und wo er den Namen Gregor Nellen das letzte Mal gehört hatte. Von wegen: Verwandtschaft. Aus der Rückfahrt überlegte er lange hin und her: das Haus in Kriftel konnte nur Isa erwähnt haben, und das hieß: Ihre Entführer setzten sie mächtig unter Druck. Anja schwieg und schaute ihn manchmal von der Seite an, als wisse sie nicht, ob sie ihm noch vertrauen dürfe.


*


Andrea Sturm wunderte sich: „Wollen Sie meine Handynummer nicht als Kurzwahl programmieren?“

„Noch nicht.“

„Was wollen Sie dann von mir am heiligen Sonntag?“

„Arbeitet die KTU heute?“

„Ja, es gibt einen Bereitschaftsdienst.“

„Können wir uns da in einer halben Stunde treffen? Ich schenke Ihnen dann auch was!“

„Is' nich' wahr.“

Die Staatsanwältin begrüßter Anja Wesskamp nicht gerade überschwänglich, immerhin auch nicht stutenbissig. Und eine forsche Staatsanwältin brachte die müde KTU-Mannschaft schnellen auf Trab, als Rudi das gelungen wäre. Von den beiden DVDs wurden je fünf Kopien hergestellt, so schnell die Maschinen liefen.

„Ein Paar schenke ich Ihnen“, sagte Rudi großmütig. „Es ist, wie ich annehme, ein wirklich interessanter Film.“

„Und für wen sind die anderen Kopien?“

„Für's Finanzamt, einen Anwalt, für mich und für ein Archiv.“

Das Archiv hatte einen Namen, nämlich Hans Gerlach, und der staunte am Telefon: „Sie wollen mir was schenken?“

„Ja. Wenn Sie in der Redaktion des Vadum Francorum eine DVD mit zahlreichen Dateien abspielen und auswerten können.“

„Jederzeit.“


*


Die Wohnanschrift des Anwalts Gregor Nellen herauszufinden, war gar nicht so einfach, aber nach zahlreichen Telefonaten klappte es und die sehr unfreundliche, wenn nicht aggressive Miene änderte sich sehr, als Rudi ihm zwei silberne Scheiben in die Hand drückte.

„Was soll das?“

„Sie sollen sich das ansehen und lesen.“

„Und was bekomme ich zur Lektüre?“

„Das Innenleben einer Firma namens Utom. Auch Finanzamt, Staatsanwaltschaft und Öffentlichkeit werden sich gründlich informieren. Utom ist danach nichts mehr wert. Wenn Sie jetzt mit uns zu dem Ort fahren, wo Ihre Auftraggeber Isa und Jonas Vandenburg gefangen halten, könnten Sie tätige Reue geltend machen. Ihre Zulassung sind sie wohl so oder so los, aber es bleibt immer noch ein Unterschied zwischen sieben bis acht oder fünf Jahren Knast.“

„Ich muss erst einmal prüfen, ob das stimmt, was Sie da erzählen.“

„Tun Sie das, aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.“

Anja wollte nach Hause. „Deine Sonntagsausflüge sind mir zu anstrengend.“



Montag, 23. Juni

Julia Vandenburg und ihr Sohn Jonas meldeten sich gegen elf Uhr im Landeskriminalamt. Zuerst wurden Formalitäten erledigt, dann half Rudi, Lücken zu schließen. Nach dem zum Glück gescheiterten Anfixversuch an ihrer Tochter Julia hatte Isa ihrem Geliebten Ullrich Schiefer erklärt, dass sie aussteigen wolle, was er ihr nicht erlauben konnte. Sie wusste einfach zu viel. Weil sie sich so etwas gedacht hatte, war sie dazu übergegangen, alle Korrespondenz zu scannen oder doppelt in gesonderten Dateien zu speichern und auf DVDs zu brennen. Schiefer warnte, so etwas wäre gefährlich für sie. Weil es sie in vielen Fällen als Mitwisserin oder Beihelferin enttarne. Daraufhin drohte sie, dem Staatsanwalt zu beichten, wer Stepkow den Auftrag zum Mord an Lucano gegeben hatte. Schiefer verlor die Nerven und drohte ihr unverhüllt, sie auch umzubringen, woraufhin sie schließlich zu Staatsanwalt Lederer ging.

„Über was hatten sich Schiefer und Lucano eigentlich so zerstritten?“, wollte Rudi ganz beiläufig wissen.

„Lucano wollte einen dritten Mann in die Firma aufnehmen. Er heißt Mehtar Ben Ali und ist Tunesier.“

„Also Flüchtlingsschleuser nach Europa?“

„Ja. Aber seine wichtigste Aufgabe war, von hier lebenden Muslimen Zwangssteuern für den IS und andere radikale Organisationen, zum Beispiel in Libyen, einzutreiben. Damit wollte Schiefer nichts zu tun haben. Er hielt es mit der Weisheit, dass es besonders blutig wird, wenn Gott ins Spiel kommt. Doch Lucano hatte sich von Ben Ali sehr viel Geld geliehen und konnte nicht zurückzahlen.“

Als er Isa und Jonas zum Ausgang begleitete, fragte er leise: „Was ist eigentlich aus dem Knaben geworden, der versucht hat, Julia anzufixen?“

Sie warf ihm von der Seite einen schrägen Blick zu: „Ich glaube nicht, dass er noch lebt.“

„Aber du weißt es nicht sicher?“

„Nein. Ich will es auch gar nicht so genau wissen.“

Das kannte er. Nur was man nicht genau wusste, konnte man überzeugend bestreiten.



Ende Juni

Das Sommerheft von Vadum Francorum war ungewöhnlich umfangreich und kostete deswegen auch ausnahmsweise zehn Euro am Kiosk. Rudi saß in seiner alten Abteilung Zeugenschutz und studierte eifrig die Schandtaten von Utom, als man Isa zu ihm brachte. Sie begrüßte ihn kühl: „Damit hat du mir keinen Gefallen getan.“

„Was soll da heißen?“

„Ich habe schon zwei Ordner mit Morddrohungen angelegt. Die meisten drohen nicht aus Angst vor Enthüllung, sondern aus Rachegelüsten.“

„Donnerwetter. Aber warum hast du denn alles kopiert und gespeichert, wenn es nicht bekannt werden sollte?“

„Knallkopp. Das war wie im Kalten Krieg. Man droht mit Atom- und Wasserstoffbomben, aber man setzt sie nicht ein.“

„Wegen der militärischen Weisheit: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter.“

„Du hast es gefressen.“

„Dann verstehe ich noch weniger, wie sich Schiefer und du so verhakeln konntet, dass ihr euch gegenseitig ins Knie geschossen habt.“

„Du willst es also unbedingt wissen?“

„Schon, ich liebe keine Bücher mit Lücken und Leerzeilen.“

„Meinetwegen. Ein Grund war eine schlampig ausgeführte Operation. Schiefer hat seit Jahren Prostata-Krebs. Nach der Operation war Schluss mit Potenz und Erektion, dafür gab es Inkontinenz. Tomasio hat mich brutal abblitzen lassen. Mehtar Ben Ali hat nur Augen für seine blonde Sonja. Da ist mir ein gewisser Rudolf Herzog wieder eingefallen. Von dem sie ganz besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt.“

„Du nimmst mich auf den Arm. Das war doch nicht wirklich der Grund?“

„Einer von Mehreren. Außerdem wurde ich unter Druck gesetzt?“

„Von wem?“

„Er heißt Miguel und ist mein spanischer Partner, mit dem ich auf Vilona eine Ferienanlage bauen will. Die Baugenehmigung auf seinen Namen verfällt, wenn wir nicht in diesem Jahr mit den Arbeiten anfangen.“

Rudi schnaubte ungläubig. Wie man in Spanien Fristen unauffällig verlängern oder nicht beachten konnte, war selbst ihm bekannt. Sie setzte sich heftig und blitzte ihn an: „Glaubst du ernsthaft, ich hätte von diesem Grobian Ledere Zeugenschutz erbeten, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du beim Zeugenschutz bist?

„Woher eigentlich?“, erkundigte er sich misstrauisch.

„Ganz einfach. Meine Mutter hat deine Mutter im Bus getroffen und worüber unterhalten sich Mütter gleichaltriger Kinder?“

Weil er ungläubig auf den Lippen kaute, wurde sie heftig: „Wenn ich nur Schiefer und Lucano hätte eintunken wollen, wäre ich mit den Kindern längst irgendwohin geflogen und hätte von dort die beiden Scheiben anonym an die Staatsanwaltschaft geschickt.“

„Aber du wolltest die Lanzarote-Affäre noch mal aufwärmen.“

„Unter anderem.“

„Und? Hat es sich gelohnt?“

„Ehrlich gesagt, Rudi, nein, nicht sehr. Ich hatte mir mehr davon versprochen.“

„Danke für den Kaktus. Ich mir übrigens auch. Keine Wirklichkeit kann einen Traum übertreffen.“

„Sieh' mal an, dann wird dich Träumer vielleicht trösten, dass ich nicht nur einen potenten Bettwärmer für die Nacht gesucht habe, sondern auch einen preiswerten Leibwächter für tagsüber.“

Jetzt hatte er Mühe, sich zurückzuhalten und ihr nicht die Kehle zuzudrücken. Sie lachte hämisch und stand auf: „Dann mal tschüss, Rudi. Wir werden uns wohl nicht wiedersehen.“

„Ich werd's überleben, Isa, und heute Abend mal deine Schwester Ilka besuchen. Nur, um festzustellen, ob solch ein mieser Charakter genetisch fixiert ist.“

Sie fauchte etwas Unverständliches und ging wortlos. Ob sie ihre Beretta noch hatte und eine Patrone für einen Selbstmordschuss?

Spät am Abend klingelte es bei ihm. Anja Wesskamp stand vor seiner Wohnungstür und schwenkte eine Weinflasche: „Ich habe Durst und möchte nicht allein trinken. Oder störe ich?

„Du störst nie, schöne Nachbarin.“

„Das hört Frau gerne und wird sich in Zukunft danach richten.“


Ende

Kubinke und der kommende Tod

von Alfred Bekker


Ein Harry Kubinke Krimi


Terroristen haben einen Bio-Waffen-Angriff auf Berlin in Planung. Zunächst gibt es nur diffuse Gerüchte, die das BKA über Informanten erreichen. Aber als eine Gruppe scheinbar zu allem entschlossenen Täter dann zuschlägt, bricht Panik aus. Kommissar Harry Kubinke und sein Team ermitteln - und finden heraus, dass alles ganz anders ist, als es zunächst den Anschein hat!



Alfred Bekker schreibt Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.


Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1


Ich traf mich mit einer Informantin irgendwo im alten Westen Berlins, und zwar in einem Restaurant, dass den Namen Indianerküche trug.

Ich kannte das Lokal noch nicht.

Auch wenn man viel in der Stadt herumkommt, wie das bei mir zwangsläufig der Fall ist, kann man nicht alles kennen, oder?

Bei dem Namen Indianerküche dachte ich eher an so einen übriggebliebenen Sponti-Schuppen aus den Siebzigern oder Achtzigern. Ein Ort, wo sich die Geister von Punks, Hausbesetzern und David Bowie gute Nacht sagten.

Aber die Indianerküche war ein Haute Cuisine Tempel, spezialisiert auf indianische Küche. Was immer man darunter auch verstehen mochte.

Und die Preise waren jenseits aller Pommes- und Currywurstbuden in Regionen, die das Spesenkonto unserer Abteilung eigentlich nur zuließ, wenn man sich mit einem Top-Drogenhändler traf, um ihn umzudrehen oder irgendetwas in der Art.

Die Informantin schien austesten zu wollen, wie wichtig sie war.

Okay, geschenkt, dachte ich.

„Gefällt es dir hier, Harry?”, fragte sie lachend.

„Ich habe dir nicht erlaubt, mich Harry zu nennen.”

„Dann soll ich Kubinke sagen?”

„Also…”

„Oder stehst du drauf, wenn ich Kommissar sage?”

„Am besten, du sagst mir einfach, was du für mich an Neuigkeiten hast und dann entscheide ich, ob ich dir hier ein Essen bezahle, das unsere Abteilung normalerweise nicht übernehmen würde.”

„Das Bundeskriminalamt ist knauserig geworden? Das ich nicht lache…”

„Ist es nunmal.”

Sie lachte.

„Ach, Kubinke, wer so einen Arbeitgeber hat wie du, der braucht keine Feinde mehr, oder?”

„Also sag schon, was liegt an?”

„Nicht so ungeduldig, Kubinke.”

„Gut, dann geduldig.”

„Also erstmal brauchst du dir keine Sorgen zu machen.”

„In wie fern?”

„Dass du hier was bezahlen musst.”

„Ach, nee?”

„Du bist heute ausnahmsweise mal eingeladen. Ich weiß, dass wir das normalerweise anders herum handhaben, und zwar nicht, weil du der Mann bist und ich die Frau, sondern weil wir uns darüber immer einig waren, dass der Staat die Leute gut bezahlen sollte, die etwas für ihn tun. Und wenn es nur darum geht, ein paar Kriminelle zu verpetzen. Das ist ja auch ein Beitrag zum allgemeinen großen Ganzen, oder?”

Ich seufzte.

Manchmal hat sie so Anfälle.

Dann redet sie in einem fort. Meistens nur Stuss. Aber wenn man da versucht einzugreifen, dann wird es nur schlimmer. Und dauert länger.

Ich setzte darauf, dass es am schnellsten vorbei ging, wenn ich so wenig wie möglich auf diesen Unsinn einging. Eine Taktik, die oft klappt. Und bei ihr klappte das besonders gut. Meistens jedenfalls. Aber man kann ja nicht immer gewinnen, oder?

Ich wollte auch gar nicht im Einzelnen wissen, was sie geraucht oder eingeworfen hatte, bevor Sie sich mit mir verabredet hatte.

„Ich lad dich ein, Kubinke. Dann bekommst du keinen Ärger mit deiner Spesenstelle.”

„Okay. Was ist passiert? Selbst unter die Drogendealer gegangen?”

„Ich habe ein paar sehr gut zahlende Stammfreier.”

„Ah, verstehe.”

„Es läuft sehr gut für mich zurzeit und ich lasse gerne andere an meinem Erfolg teilhaben.”

„Okay.”

„Abgesehen davon habe ich ein paar glückliche Investitionenen getätigt, wenn ich das mal so sagen darf.”

„Was denn für Investitionen?”, fragte ich. „Vielleicht kannst du einen armen Kriminalkommissar mal darüber aufklären, wie man mit Geld umgehen sollte.”

„Besser nicht.”

„Wieso?”

„Was ich dir sagen könnte, enthält vielleicht Informationen, die einen Polizisten beunruhigen könnten… Wenn du verstehst, was ich meine.”

Ich musste grinsen. „Ja, ich denke schon.”

„Na, siehst du.”

„Tja…”

„Nimm’s nicht krumm.”

„Auf die Idee käme ich nie.”

„Echt nicht?”

„Echt nicht.”

„Na, dann ist es ja gut. Und vor allem: Du hast ja deine Pension. Die kann dir keiner nehmen. Ich hingegen, als freie Unternehmerin, muss vorsorgen.”

„Ja, dafür habe ich Verständnis.”

„Siehst du!”

„Kannst du mir irgendwas besonderes aus der indianischen Küche empfehlen?”

„Kann ich. Wird dir schmecken.”

„Hauptsache, man muss hinterher nicht so furzen.”

„Keine Sorge. Ist aber alles scharf!”

„Damit habe ich keine Probleme.”

„Die haben sogar was Vegetarisches.”

„Wie alle heute.”

„Genau.”

„Ich bin kein Vegetarier.”

„Ich auch nicht.”

„Schon klar.”

„Schließlich lebe ich ja von der Fleischeslust.”

„So kann man es auch sehen.”

„Genau so sehe ich es.”

„Fressen und fressen lassen.”

„So viel Toleranz ist leider selten geworden, Kubinke!”

Ich seufzte. „Ja, in diesem Punkt haben wir alle schon bessere Zeiten erlebt.”


2


Das Essen war scharf. So scharf, dass einem zwischendurch die Luft wegbleiben konnte. Und natürlich musste man davon furzen. Ich versuchte, es so gut es im ging zu vermeiden.

Der Gentleman pupst und schweigt.

Meine Gesprächspartnerin war da etwas hemmungsloser.

„Hör zu, da wird irgendeine große Sache geplant”, sagte sie. Ein Terror-Anschlag, der ganz Berlin treffen wird. Vielleicht halb Europa.”

„Und damit kommst du erst nach dem Essen, um mir die Laune nicht zu verderben, oder wie soll ich das verstehen?”

„Kubinke, versteh’s, wie du es willst. Es geht um einen Angriff mit Bio-Waffen.”

„Wer hat dir das erzählt?”

„Jemand, der für gewöhnlich gut unterrichtet ist.”

„Und der hat es von jemand anderem gehört und so weiter. Wohl sinnlos nach der eigentlichen Quelle zu fragen.”

„Kubinke, ich würde das ernstnehmen. Wenn ihr irgendetwas über eine Attacke mit Krankheitserregern oder dergleichen hört, dann nehmt das um Gottes Willen ernst. Da laufen offenbar konkrete Pläne. Es sollen in einem Labor Proben mit hochinfektiösem Material verschwunden sein.”

„Hast du gehört!”

„Ja.”

„Sowas hätte uns gemeldet werden müssen!”

„Willkommen in der Realität, Kubinke! Es halten sich leider nicht alle an die Gesetze. In meinem Gewerbe müsste man eigentlich Steuern und Sozialversicherung zahlen und sich beim Ordnungsamt registrieren lassen. Tun aber auch nur die wenigsten.”

„Tja. Weißt du noch mehr über das verschwundene infektiöse Material?”

Sie schüttelte den Kopf und kaute dabei.

„Den Rest müsst ihr schon rausfinden.”

„Wie üblich…”

„Ich werde mich aber umhören.”

„Okay..”

„Tust du mir auch einen Gefallen?”

„Kommt drauf an.”

Sie sah mich einige Augenblicke prüfend an, dann sprach sie mit gedämpfter Stimme weiter. „Es geht um dieses Lokal. Der Betreiber hat ein Problem.”

„So?”

„Es gibt da so eine linke Antifa-Gruppe, die ihn terrorisiert.”

„Wieso das denn?”

„Wegen der Ausrichtung seines Restaurants.”

„Ein Bonzenschuppen mit Haute Cuisine im Kiez. Das wollen die nicht. Haben wir leider öfter mal. Die nennen das Kampf gegen Gentrifizierung.”

„Nein, darum geht es nicht.”

Ich hob die Augenbrauen. „Worum dann?”

„Es geht um den Namen und die Ausrichtung.”

„Indianerküche?”

„Das sei kolonialistisch-rassistische Aneignung des Kulturgutes indigener Völker. Außerdem sei der Begriff Indianer mit reaktionärer Wildwestromantik konnotiert und Ausdruck von strukturellem Rassismus. So ähnlich stand es in einem Bekennerschreiben, das mit ein paar Steinen durch die Scheibe geflogen ist.”

„Da wird aber viel >konnotiert<”, meinte ich.

„Das ist systematischer Terror. Ein Kellner hat schon gekündigt, weil er verprügelt wurde.”

„Und wie wär’s mit einer Anzeige beim zuständige Revier?”

„Eure Kollegen trauen sich doch in die anti-imperialistisch befreite Altbau-Zone gar nicht rein. Anzeigen verlaufen im Sand. Die Indianerküche steht kurz vor dem Aus, wenn sich das nicht ändert.”

„Und du willst hier weiter gerne essen.”

„Ja”, nickte sie.

„Obwohl das scharfe Essen hier so fies >konnotiert< wird?”

„Damit kann ich leben.”

„Mit dem Gefurze wohl auch.”

Sie lächelte kurz. „In meinem Gewerbe werde ich von allen möglichen Leuten sowieso >fies konnotiert<. Früher eher von konservativen Politikern oder christlichen Moralpredigern, heute vor allem von feministischen Tugendwächterinnen, die mir mit ihren Kampagnen zu meinem eigenen Besten den gut bezahlten Job verbieten wollen.” Sie zuckte die Achseln. „Ich bin es also gewohnt, fies konnotiert zu werden.”

„Ich schätze, wer so gewissenlos ist, trägt vermutlich auch hin und wieder Pelz!”, meinte ich sarkastisch.

Sie nickte. „Und ich esse mein Kotelett auch dann noch mit Genuss, wenn mich eine strenge Veganerin dabei ansieht, als würde ich Babyfleisch essen.”

„Glaube ich dir sofort.”

„Und ich finde es verdammt nochmal nicht richtig, dass ein Restaurantbetreiber vertrieben wird, nur weil jemand glaubt, bestimmen zu können, wer ins Viertel passt und wer nicht.”

„Das nenne ich eine Haltung! Respekt!”

„Hilfst du mir nun, Kubinke?”

Ich seufzte. „Ja, ich kümmere mich drum. Aber ich möchte vorher mit dem Geschädigten selbst sprechen.”

„Der wird nichts sagen. Weil er bedroht wird und schulpflichtige Kinder hat.”

„Schulkinder?”

„Genau. Die wurden auch schon maltraitiert und bedroht.”

„Okay”, sagte ich. „Da hört für mich der antimperialistische Spaß auf.”


3


Ich betrat den Altbau, der zur anti-imperialistisch, anti-rassistisch, anti-faschistisch befreiten Zone erklärt worden war. An den Wänden standen noch diverse andere Wörter mit der Silbe >anti-< drin.

Ein paar Gestalten sahen mich an.

„Ey, was willst du hier?”, fragte mich eine Frauenstimme.

„Kubinke, Kripo”, sagte ich. Ich holte auch meinen Ausweis hervor.

„Ey, ihr Scheißbullen habt hier nichts zu suchen!”

Die Frau kam auf mich zu. Sie blieb dicht vor mir stehen. „Hau ab oder ich tret dir so in die Eier… Ich hab einen schwarzen Gürtel, weißte?”

Mein Schlag kam so schnell, gezielt und hart, dass sie keine Chance hatte ihm auszuweichen. Wie ein gefällter Baum knallte sie auf den Boden. Sie rührte sich nicht mehr. Ausgeknockt. Bewusstlos.

Die anderen standen um mich herum und starrten mich an.

„Ey, das geht doch nicht”, sagte ein Mann.

„Mit solchen Menschen wird man spielend fertig, wenn man zuerst zuschlägt”, sagte ich.

„Aber.. das geht dich nicht.”

„So etwas nennt man Notwehr”, sagte ich.

„Aber du hast zuerst zugeschlagen!”

„Sie hat gesagt, dass sie den schwarzen Gürtel hat und damit Kampfsportlerin ist. Das ist vergleichbar mit der Bedrohung durch eine Waffe. Da würde ich auch nicht erst abwarten, bis der Betreffende abdrückt.”

„Ey, Scheiße Mann…”

„Find ich auch Scheiße - bedroht zu werden, meine ich!”

„Ey Mann, die hatte gar keinen Schwarzen Gürtel!”

„Dann hätte sie das nicht sagen sollen.”

„Ich kenn sie von der Schule! Die war total unsportlich und wurde immer als letzte in die Mannschaft gewählt!”

„Angeberei hat manchmal schmerzhafte Nebenwirkungen. Ich hoffe, sie merkt sich das.”

„Ey, wir zeigen dich an!”

Manchmal muss man sich wirklich darüber wundern, wie spießig Leute sind, die sich selbst als Revolutionäre betrachten. Die eigene Gewalt ist okay, aber wenn man selbst mal eins auf die Nase kriegt, wird angezeigt.

„Könnt ihr machen. Dann landet die Kampfsportlerin hier”, - ich deutete auf die Frau, die ich niedergeschlagen hatte - „erstmal im Bau. Bedrohung eines Polizisten, als Wohnsitz ein besetztes Haus… Also Verdunklungsgefahr.”

„Ey, du bist doch ein Schweinebulle!”

„Vom Schweinesystem. Ich weiß.”

„Was willst du hier?”

„Es gibt da ein Restaurant, das heißt Indianerküche.”

„Komm uns nicht mit dieser kolonialistischen Kackscheiße!”

„Die Sache ist ganz einfach: Wenn ihr da nochmal Ärger macht und ich irgendwas hören sollte, mache ich euch Ärger. Wenn dort nochmal das Glas zu Bruch geht, dann sorg ich dafür, dass hier auch einiges zu Bruch geht. Wenn dort nochmal ein Kellner verprügelt wird, dann sorge ich dafür, dass ihr verprügelt werdet.”

„Das machst du nicht!”

„Nein, ich nicht. Aber der Libanese, der mir noch einen Gefallen schuldet und der ein paar Schläger kennt, die das gerne erledigen. Sind ein paar ehemalige Fremdenlegionäre aus Osteuropa dabei. Die hauen alles so kurz und klein, sodass ihr es hinterher nicht wiedererkennt.”

„Das ist ungesetzlich!”

„Ja, ist es”, sagte ich. „Aber es wirkt.”

„Ey, wer sagt dir überhaupt, dass wir das alles waren mit der Scheiß-Indianerküche!”

„Es ist mir egal, ob ihr das wart. Ihr sorgt einfach dafür, dass es nicht mehr passiert. Sonst passiert das, was ich euch angekündigt habe. So einfach ist das.”

„Das ist ein Irrer”, sagte jemand.

„Ein echter Irrer”, bekräftigte jemand anderes.

Und dann fiel mir der Typ auf, der auf der Treppe herumlungerte und mich schon die ganze Zeit so seltsam ansah. Jetzt riss er seine Jacke auf.

„Allah-uh-akbar!”, rief er, als er seine Waffe heraus riss.

Ich riss meine auch heraus.

Wir schossen etwa gleichzeitig. Ich traf ihn. Er feuerte ebenfalls, verfehlte mich aber. Noch zwei Schüsse lösten sich. Jemand schrie und war wohl von einer der ungezielten Kugeln des Mannes auf der Treppe getroffen worden.

Ich hasse es, zu schießen.

Ich hasse es vor allem, in geschlossenen Räumen zu schießen, denn die Gefahr von Querschlägern ist nicht zu unterschätzen.

Am Ende trifft es dann den Falschen. Oder einen selbst.

Aber in dieser Situation hatte ich schlicht keine andere Wahl, als drauflos zu ballern, denn mein Gegenüber feuerte immer wieder.

Eine einzelne Kugel muss nicht unbedingt eine mannstoppende Wirkung haben. Selbst bei einem letztendlich tödlichen Treffer hat derjenige oft noch Gelegenheit zurückzuschießen. Auch mehrfach.

Genau das geschah im Moment.

Ich feuerte also immer wieder, bis mein Kontrahent zusammenbrach und sich nicht mehr rührte.

Der Notarzt würde wohl in jedem Fall zu spät kommen.

Ich rief ihn trotzdem.

Und natürlich rief ich auch Verstärkung.

So viel Polizei auf einmal, wie dann wenig später auftauchte, hatte dieses Haus wohl schon lange nicht mehr gesehen.


4


Der Mann, der auf mich geschossen hatte, hieß eigentlich Dirk Schuster. Seit seiner Bekehrung zum Islam nannte er sich Ibrahim Dirk Schuster. Er gehörte zum näheren Umkreis von Omar Yussuf Drösel - ebenfalls ein Konvertit, der als Hassprediger aus dem Wedding bekannt war.

>Ibrahim< Dirk Schuster war zum Djihad in den Nahen Osten aufgebrochen und hatte sich dem Islamischen Staat angeschlossen.

Wie er nach Deutschland zurückgekehrt war, blieb ein Rätsel.

Ihm drohte eine Verhaftung, weil er sich einer Terror-Organisation angeschlossen hatte und darum war er untergetaucht. Den Antifa-Leuten gegenüber hatte er behauptet, ein syrischer Flüchtling zu sein, dem die Abschiebung drohte. Und die hatten ihm das geglaubt.

„Und was ist mit dem Tipp, den dir deine Informantin gegeben hat?”, fragte mein Kollege Rudi Meier mich irgendwann.

„Du meinst, das mit der Biowaffe!”

„Natürlich.”

Ich zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung.”

„Was heißt hier keine Ahnung? Wenn da auch nur ein bisschen dran ist, müssen wir tätig werden.”

„Die Kollegen klappern alle in Frage kommenden Labore und Forschungseinrichtungen ab und fragen, ob da vielleicht irgendwie ein paar Reagenzgläser abhanden gekommen sind”, sagte ich.

„Und das reicht?”

„Nein, aber mehr geht im Moment nicht, Rudi.”

„Ja, ich weiß.”

„Na, siehst du.”

Unser Chef - Kriminaldirektor Hoch - meinte, man müsste die Ruhe bewahren. Im Prinzip hatte er da wohl auch Recht.

Ruhe bewahren ist nie verkehrt, denke ich. Egal, wie verfahren die Situation auch sein mag. Ruhe bewahren geht immer. Vielleicht hilft es nicht unbedingt. Aber es macht die Situation zumindest auch nicht schlimmer, wie es bei fast allem anderen der Fall ist, was Menschen in stressigen Situationen so zu tun pflegen.

Man könnte auch sagen: Ruhe bewahren ist in gewisser Weise alternativlos.


5


Ein paar Tage später. Mein Kollege Rudi Meier und ich saßen im Besprechungszimmer von Kriminaldirektor Hoch.

Was da passiert war, hatte sich keiner von uns in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen können.

Das menschliche Vorstellungsvermögen ist eben begrenzt.

Zum Glück, kann man manchmal nur sagen.

Und als Kriminaldirektor Hoch sagte: „Es geht um eine ernste Sache”, da wusste ich dass wirklich ernst war.

Ich hatte unseren Chef zuvor noch nie mit so wenig Farbe im Gesicht gesehen.


*


Rush Hour in Berlin.

Es herrschte Hochbetrieb in der U-Bahn. Abertausende drängten nach Büroschluss in die Züge.

Ein halbes Dutzend maskierter Gestalten drängte sich brutal durch die Menge.

Sie nahmen keinerlei Rücksicht.

„Allah straft die Ungläubigen!”, rief einer der maskierten Männer. Nur die Augen ließ der Schlitz der schwarzen Sturmhaube frei. Und dass es sich um Männer handelte, konnte man eigentlich auch nur anhand von Stimme und Körperbau mutmaßen.

Die behandschuhte Rechte griff in einen Plastikbeutel.

Er zog den blutigen Kadaver einer Ratte hervor und schleuderte ihn von sich.

Schreie gellten. Menschen stoben auseinander. Weitere Rattenkadaver flogen durch die Luft. „Die Pest wird die Gottlosen ausrotten!”, rief die heisere Männerstimme des Maskierten, der eine weitere Ratte in die Menge schleuderte. Rattenblut spritzte durch die Gegend. „Die Ungläubigen sollen verrecken!”

Die Leute stoben auseinander.

Wieder flog ein Rattenkadaver durch die Luft.

Noch blutiger als der Erste.


5


Kriminaldirektor Hoch deutete auf den großen Flachbildschirm in seinem Büro. Er hatte soeben die Aufzeichnung einer Überwachungskamera angehalten. Und für einen Moment sogar seinen Atem. Ein Standbild zeigte jetzt einen maskierten Mann der tote Ratten auf völlig verschreckte Passanten warf und dabei wirre, pseudoreligiöse Parolen rief.

„Sie haben vielleicht ähnliche Bilder bereits in den Medien gesehen”, sagte unser Vorgesetzter. „Diese hier stammt hier aus Berlin-Mitte, aber Derartiges hat sich gestern, am späten Nachmittag kurz nach Büroschluss in einem halben Dutzend U-Bahn-Stationen abgespielt.”

„Ich habe davon gehört”, sagte mein Kollege Rudi Meier.

„Die Nachrichten waren voll davon”, ergänzte ich.

Kriminaldirektor Hoch nickte. „Immer das Gleiche! Maskierte werfen tote Ratten in die Menge der Passanten und behaupten, dass sie mit Pest-Bakterien verseucht seien. Nur Stunden später tauchten Propaganda Videos im Internet auf, die diese Szenen verwendeten, um islamistische Drohungen zu illustrieren.”

„Hatten die Täter Zugang zu dem Videomaterial der Überwachungskameras?”, fragte Rudi. „Oder haben sie sich später aus den Medien bedient?”

„Nein, letzteres wäre zu spät gewesen. Die Internet-Videos sind sorgfältig produziert. Unsere Spezialisten waren bereits an der Sache dran und haben festgestellt, dass zum Beispiel, peinlich genau darauf geachtet wurde, dass alles, was die Identifikation der Täter erleichtern könnte, herausgeschnitten wurde.”

„Woher stammt das Material dann?”, fragte Rudi.

Das war vermutlich die Frage aller Fragen.

Ich musste an die Informantin denken, mit der ich mich in der >Indianerküche< getroffen hatte. Vielleicht war dies jetzt das große Ding, über dass es schon seit Längerem Gerüchte gab.

Ein Angriff mit pest-verseuchten Rattenkadavern in einer Großstadt.

Was konnte man sich Schlimmeres vorstellen?

Kriminaldirektor Hoch betätigte die Fernbedienung und zeigte uns einen dieser Clips. Wieder waren Maskierte zu sehen, die Ratten in die Menge der Pendler und Fahrgäste warfen. Aber diesmal waren nicht die Stimmen der Täter selbst zu hören. Stattdessen wurde der Clip mit Musik unterlegt und ein Sprecher aus dem Off kündigte den nahen Untergang der Ungläubigen an. „Die Länder der Gottlosen werden entvölkert werden! So will es Allah! Die Pest kehrt zurück. Sie war die Geißel Allahs und jetzt schlägt der damit die Ungläubigen!”, sagte der Sprecher.

„Ist das mit Absicht so wackelig?”, fragte ich.

Kriminaldirektor Hoch drehte sich kurz zu mir um. „Sie sprechen einen wichtigen Punkt an, Harry.”

„Sie meinen, dass die Täter eigene Kameraleute hatten?”, vermutete ich. „Die Bilder aus den Überwachungskameras waren nicht so wackelig.

„Genau das vermuten unsere Experten auch”, bestätigte Kriminaldirektor Hoch. „Es wird sich noch herausstellen, ob das zutrifft.”

„Kameras sind inzwischen so klein, dass sie kaum noch bemerkt werden können”, warf Rudi ein.

„Trotzdem werden die Aufnahmen der Überwachungskameras jetzt dahingehend untersucht, ob irgendwo verdächtige Personen zu erkennen sind, die die Szene filmen”, erläuterte Kriminaldirektor Hoch. „Ich weiß, dass das eine schwierige Suche ist, aber vielleicht ein Ansatzpunkt, um die Identität dieser Leute herauszufinden.”

Dass dies ein Fall für unsere Abteilung war, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Unsere Zuständigkeit war schon deswegen gegeben, weil sich diese Vorfälle in mehreren Bundesländern abgespielt hatten. Andererseits hatte ich allerdings das unbestimmte Gefühl, dass hinter der Sache noch etwas mehr stecken musste. Etwas, womit Kriminaldirektor Hoch bis jetzt noch nicht herausgerückt war.

„Entscheidend ist diese Stelle”, sagte Kriminaldirektor Hoch und spulte das Propaganda-Video etwas weiter vor. An dieser Stelle schwoll die Hintergrundmusik etwas an. Man sah, wie die Passanten in heller Panik auseinanderstoben, während weitere Kadaver durch die Luft flogen und auf dem Bahnsteig landeten. Ein Mann in einem hellen Regenmantel hatte einen der blutigen Kadaver abbekommen. Danach waren blutrote Schmierflecken an seinem hellen Mantel. Vor allem am Ärmel, denn er hatte den Rattenkadaver mit dem Arm abzuwehren versucht.

„Auch eure Medizin wird euch nicht helfen! Kein Antibiotikum schützt euch vor dieser Pest, denn Allah will, dass ihr alle untergeht”, sagte der Sprecher aus dem Off. Der Akzent erinnerte mich unwillkürlich an jemanden. Bayern, dachte ich. Der Sprecher stammt aus Bayern oder er versuchte gezielt den Eindruck zu erwecken. Auch das hielt ich für möglich.

„Sie werden den Akzent des Sprechers bemerkt haben”, sagte Kriminaldirektor Hoch.

„Erinnerte mich an unseren Gerichtsmediziner aus Bayern”, gab ich zurück.

Kriminaldirektor Hoch lockerte etwas den Sitz seiner Krawatte und nickte dann. „Unsere Experten sind sich noch nicht sicher, ob dieser Akzent wirklich echt ist. Er scheint etwas übertrieben und dient vielleicht nur dazu, die wahre sprachliche Färbung des Sprechers zu verschleiern.”

„Beten wir dafür, dass das nur irgendwelche Wichtigtuer sind, denen es nur darum geht, in die Medien zu kommen”, meinte Rudi. „Aber spätestens nach den Ergebnissen der Tests an den Ratten wird man ja wissen, ob das der Fall ist.”

Ein Telefon auf Kriminaldirektor Hochs Schreibtisch klingelte.

Unser Chef nahm ab. Nachdem er einige Augenblicke zugehört hatte, fragte er: „Und Sie sind ganz sicher?” Eine weitere Pause folgte. „Gut, ich danke Ihnen”, fuhr unser Chef anschließend fort und legte auf. Dann wandte er sich wieder Rudi und mir zu. „Die ersten Testergebnisse aus anderen Städten liegen vor. Dort zumindest mit negativem Ergebnis.”

„Immerhin!”, meinte ich.

„Es wurden an den Rattenkadavern keine Yersinia Pestis Bakterien gefunden und nach Ansicht der dortigen Mediziner hatten die Tiere auch keinerlei Symptome einer Pest-Infektion.”

„Woran starben sie dann?”, fragte ich.

„Rattengift. Da sind sich die Kollegen ziemlich sicher.”

„Wahrscheinlich haben die Täter sie vergiftet, um sie für ihre Show einsetzen zu können”, glaubte Rudi.

„Der entscheidende Punkt ist folgender”, erklärte Kriminaldirektor Hoch und verschränkte dabei die Arme. „Wir wissen, dass es sich nicht nur um eine leere Drohung handelt.”

„Wie soll ich das verstehen?”, fragte ich.

Kriminaldirektor Hoch hob die Augenbrauen. „Was ich Ihnen jetzt sage, ist noch top secret und der eigentliche Grund, dass wir in diesem Fall eingesetzt werden. Die Sache ist so brisant, dass die vorerst nicht einmal eingeweiht sind.”

„Worum geht es?”

„Vor wenigen Tagen ist aus einem gentechnischen Labor ein Präparat entwendet worden, das Pestbakterien enthält. Das wäre an sich nicht so schlimm. Die Pest ist heute mit Hilfe von Antibiotika in den meisten Fällen heilbar und bei einem einigermaßen gut ausgebildeten Gesundheitssystem ist der Ausbruch einer Epidemie nahezu ausgeschlossen. Bei diesem Erreger-Typ verhält sich das allerdings anders. Sie wurden gentechnisch verändert und sind angeblich resistent gegenüber allen bekannten Antibiotika.”

„Was ist das für ein Gen-Labor”, fragte ich.

„Es nennt sich Mohndorf-Drehser Institute of Genetic Research…”

„...alles Englisch.”

„So ist das heute. Klingt International und die Hälfte der Forscher kommt wahrscheinlich ohnehin aus dem Ausland.”

„Hm.”

„Das Institut gehört der Firma Mohndorf-Drehser GmbH, die eine ganze Reihe von Bio-Technologie-Firmen, Labordienstleister und Forschungsinstitute betreibt. Teilweise in Kooperation mit Universitäten, Kliniken, dem Militär oder interessierten Privatfirmen. Der Diebstahl des Erregers soll so lange wie möglich geheim gehalten werden, um Panikreaktionen zu vermeiden und dem oder den Tätern nicht unnötig Fahndungswissen zukommen zulassen.”

„Wenn diese maskierten Rattenwerfer dahinterstecken, wird sich bald jemand melden, der auch den Diebstahl bekannt gibt”, stellte ich fest.

Kriminaldirektor Hoch nickte. „Auch deswegen bleibt uns nicht viel Zeit.”

„Wieso ist das bisher noch nicht geschehen?”, fragte Rudi und sprach damit eine Frage aus, die auch mir auf der Zunge gelegen hatte. „Ich meine, wenn es diesen Wahnsinnigen darum geht, möglichst viel Schrecken zu verbreiten, dann wäre das doch die ideale Gelegenheit!”

„Ja, darüber habe ich mit einem Terrorismusexperten gesprochen. Es könnte sein, dass man hier bewusst eine andere Strategie verfolgt.”

„Und welche?”, hakte ich nach.

„Stufe eins: Man sorgt mit Aktionen, wie sie jetzt stattgefunden haben, für Verunsicherung und Medienaufmerksamkeit. Sowohl die Täter selbst, als auch die Verbreiter der Propaganda-Videos lassen keinen Zweifel daran, dass sie das Ziel hatten, resistente Pest-Bakterien zu verbreiten. Aber noch glaubt das niemand. Erste Testergebnisse sind negativ. Es scheint sich um leere Drohungen zu handeln. Danach lässt man die Bombe platzen und verbreitet die Nachricht von dem Verschwinden des resistenten Erregers. Die Behörden werden erst dementieren, aber mit jeden Tag unglaubwürdiger werden. Die Terroristen haben ihr Ziel erreicht: Maximale Verunsicherung. Landesweit wird dann eine starke mediale Aufmerksamkeit für dieses Thema da sein und selbst wenn alle Testergebnisse negativ sein sollten, wird man von nun an wissen, dass sich so etwas jederzeit wiederholen kann. Und dann unter Einsatz des gestohlenen Erregers.”

„Kompliziert aber perfide”, meinte ich.

„Wie gesagt, es ist eine Theorie. Allerdings die Theorie eines erfahrenen Experten. Dr. Rainer Geyer. Sie werden sicher noch Gelegenheit bekommen, mit ihm zu sprechen.”

Abermals klingelte eines der Telefone auf Kriminaldirektor Hochs Schreibtisch. „Sie entschuldigen mich einen Moment”, sagte unser Chef und nahm das Gespräch entgegen. Einige Augenblicke hörte Kriminaldirektor Hoch einfach nur schweigend und mit dem Hörer am Ohr zu, ehe er schließlich erklärte: „Die Kommissaren werden gleich bei Ihnen sein. Nein, warten Sie mit allem, was Sie tun, bis Harry und Rudi bei Ihnen sind, Dr. Wiedelsbacher.” Kriminaldirektor Hoch legte auf und wandte sich wieder uns zu. „Das war Dr. Wiedelsbacher. Er wartet bei dem Labor auf Sie, dass ich Ihnen gerade genannt habe. Wiedelsbacher scheint etwas überpünktlich zu sein. Aber um so besser.”

Ich sah Rudi kurz an.

Das, so wussten wir, war das Signal zum Aufbruch.


*


Man musste an den Rand von Berlin fahren, um zu dem Gelände zu gelangen, auf dem das gentechnische Labor zu finden war.

Kein Hinweisschild deutete darauf hin, was in dem aus mehreren kastenförmigen Gebäudekomplexen bestehenden Gelände eigentlich genau betrieben wurde. An der Einfahrt zum Gelände stand ein schlichtes Firmenschild und der Hinweis, dass man Mitglied in einem Interessenverband der chemischen Industrie war.

Dass es hier offenbar um eine sehr sensible Einrichtung ging, bekamen wir schon an der Einfahrt mit. Unser Wagen wurde kontrolliert und Rudi und ich mussten aussteigen, um ebenfalls durchsucht zu werden. So kontrolliert gelangten wir immerhin schon einmal zum Parkplatz. Dort stellte ich meinen Wagen ab. Wir stiegen aus und gelangten dann über eine weitere Sicherheitsschleuse auf das eigentliche Firmengelände.

Eine blonde Frau mit grünen Augen und einer strengen Knotenfrisur nahm uns in Empfang. Ihr schneeweißer Kittel passte zu ihrer adretten Erscheinung und der klinisch reinen Umgebung. „Ich bin Dr. Franziska Breloer.”

„Angenehm. Kubinke mein Name. Und dies ist mein Kollege, der Herr Meier.”

„Sie sind die BKA-Kommissare, die uns angekündigt worden sind?”

„So ist es”, sagte ich und hielt ihr meinen Ausweis entgegen. Rudi ebenfalls.

„Man wird hier ja gründlicher durchsucht, als an jedem Flughafen oder irgendeiner Landesgrenze”, meinte Rudi.

„Wir beschäftigen uns hier mit hochsensiblen Themen, Herr Meier”, sagte Dr. Breloer, wobei ihr Kopf etwas in den Nacken ging, was ihr einen etwas überheblichen Gesichtsausdruck gab. „Ich bringe Sie jetzt zu unserem Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung.”

„Gut”, sagte ich.

„Ihr Kollege Dr. Wiedelsbacher wartet dort schon sehnsüchtig auf Ihre Ankunft.”

„Ah, ja”, sagte Rudi.

„Ich weiß nicht, wie Dr. Wiedelsbacher das geschafft hat, aber uns war es leider angesichts der Verkehrsverhältnisse nicht möglich, früher zu kommen”, sagte ich.

„Die Frage, wieso Dr. Wiedelsbacher bereits eingetroffen ist, während wir unglücklicherweise auf Sie noch warten mussten, dürfte leicht zu beantworten sein”, erwiderte Dr. Breloer kühl. Das Kinn schien sie dabei noch eine Nuance höher zu tragen als dies ohnehin schon der Fall war. „Dr. Wiedelsbacher ist schlicht und ergreifend rechtzeitig losgefahren, während Sie es bis hier her eben nicht rechtzeitig schaffen konnten, weil Sie offenbar noch Wichtiges zu tun hatten.”

Ihre Missbilligung war nicht zu überhören.

Dr. Breloer ging vor uns her und führte uns durch blitzblanke, steril wirkende Flure. Männer und Frauen in weißen Kitteln kamen uns entgegen. Ihre Gespräche verstummten, sobald sie auf uns aufmerksam wurden.

Anscheinend wirkten Rudi und ich in diesem abgeschlossenen Reich der Wissenschaft wie ein Fremdkörper.

Rudi warf mir einen kurzen Blick zu und ich wusste, dass er dasselbe über Dr. Breloer dachte, was auch mir durch den Kopf ging. Mit der war nicht zu spaßen.

Und genau dies von Anfang an deutlich zu machen, schien ihr ziemlich wichtig gewesen zu sein.

„Ich hoffe, dass Sie von nun an diesem Fall die nötige Priorität widmen”, sagte sie. „Bisher hatte ich diesen Eindruck allerdings noch nicht.”

„Das tut mir leid”, sagte ich.

„Es geht hier um einen der brisantesten Diebstähle aller Zeiten. Jemand ist in den Besitz von unvorstellbar gefährlichem Probenmaterial gekommen und es steht zu befürchten, dass dieses Material in die Hände von Organisationen gelangt ist, die bereit sind, dieses Material vollkommen hemmungslos als Waffe und Erpressungsmittel einzusetzen.”

Wir blieben vor einer Tür stehen.

„Sie können vollkommen sicher sein, dass auch das BKA diesem Fall die notwendige Priorität gegeben hat, Dr. Breloer”, versicherte ich. „Und Sie können weiter sicher sein, dass wir alles tun werden, um jeglichen Schaden abzuwenden, soweit dies in irgendeiner Form in unserer Macht steht.”

Dr. Breloer hob die Augenbrauen. „Große Worte, Herr Kubinke. Sie werden sich daran messen lassen müssen.”

„Wir werden uns Mühe geben.”

„Es ist die Frage, ob das ausreicht.”

„Natürlich.”

„Ich bin schwer zufrieden zu stellen.”

„Das dachte ich mir.”

„Und für die Firmenleitung gilt das noch viel mehr.”

„Das ist mir bewusst”, erklärte ich.

„Und jetzt geben Sie mir bitte Ihre Smartphones”, verlangte die Angestellte vom Mohndorf-Drehser Institute.

„Wir sind im Dienst”, sagte ich ernst. „Unsere Handys werden wir keinesfalls aus der Hand geben.”

„Es tut mir Leid, aber das ist hier so Vorschrift. Ihre Waffen können Sie bei sich behalten, aber nicht Ihre Smartphones.”

„Wie gesagt, das mögen Ihre Regeln sein, aber die gelten nicht für uns”, erklärte ich mit Nachdruck. „Im Übrigen sind wir hier, um das Verschwinden eines Wissenschaftlers sowie einiger Proben mit höchst infektiösem Material aufzuklären. Diese Kombination bedeutet, dass es sich um einen Fall handelt, der die nationale Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland betrifft.”

Dr. Breloer machte ein leicht verächtliches Gesicht. „Ich persönlich glaube Ihnen sofort, dass Sie nicht hier sind, um irgendwelche Forschungsergebnisse zu stehlen…”

„Ihr Vertrauen ehrt uns ja richtig”, ließ sich Rudi mit einem etwas galligen Unterton vernehmen.

„...aber es wäre durchaus möglich, dass jemand Ihre Smartphones gehackt und übernommen hat. Diese Geräte lassen sich dann als Spionageinstrumente erster Güte verwenden. Zum Beispiel, um den Inhalt der Gespräche abzuhören, die gleich mit Ihnen geführt werden.”

„Es bleibt dabei”, sagte ich. „Und was den Sicherheitsaspekt angeht, so sollten Sie schon darauf vertrauen, dass Kommissare des BKA nicht ganz so naiv in der Handhabung ihrer elektronischen Kommunikation sind, wie Sie es vielleicht glauben.”

Einige Augenblicke herrschte ein angespanntes Schweigen.

Man konnte Dr. Breloer ansehen, dass ihr jetzt die Situation zu entgleiten drohte. Anscheinend schien sie mit der Möglichkeit, dass sich jemand irgendeiner Anordnung, die von ihr ausgesprochen wurde, widersetzen könnte, gar nicht in Betracht gezogen hatte. Das schien so weit außerhalb ihres Vorstellungsvermögens zu sein, dass sie sich auf eine derartige Situation nicht einmal gedanklich vorbereitet hatte.

Anscheinend hatten wir es tatsächlich geschafft, sie zu überraschen.

„Also…”, sagte sie und dann kam aber erstmal nichts.

„Gut, dass wir das klären konnten”, sagte ich, ohne darauf zu warten, dass ihren roten Faden wiederfand.

„Es wäre schön, wenn Sie uns nun umgehend zu unserem Gesprächspartner bringen würden”, hörte ich jetzt Rudi sagen. Sein Unterton war keineswegs weniger nachdrücklich als es meiner gewesen war.

„Ich hoffe doch, dass wir nicht erst einen Gerichtsbeschluss erwirken müssen, damit wir mit normaler Dienstausrüstung Ihren Sicherheitsbereich betreten und Ermittlungen anstellen können”, fügte ich noch hinzu.

„Ich werde Rücksprache halten müssen, ehe ich Ihnen noch etwas dazu sagen kann”, erklärte Dr. Breloer, was im Klartext wohl nichts anderes bedeutete, als dass sie sich bereits auf dem Rückzug befand.

„Tun Sie das”, ermunterte ich sie.

Rudi verdrehte die Augen.

Gott sei dank machte er das so, dass sie es nicht mitbekam.

Ich aber schon, was mich wiederum in die heikle Situaton brachte, ein Grinsen unterdrücken zu müssen, was manchmal durchaus anstrengend sein kann.


6


Dr. Breloer ging zu einem der zahlreichen hausinternen Sprechgeräte, die hier überall installiert waren. In knappen Worten schilderte sie anschließend einem Vorgesetzten das Problem, das sie mit uns hatte.

„In Ordnung”, sagte sie schließlich, ehe sie das Gespräch beendete und sich erneut uns zuwandte. „Folgen Sie mir jetzt in das Besprechungszimmer und behalten Sie meinetwegen bei sich, worauf Sie nicht verzichten zu können glauben.”

„Danke”, gab ich zurück.

„Danken Sie lieber Dr. Martini, dem Leiter unseres Instituts. Er scheint ein weiches Herz zu haben.”

„Von Ihnen kann man das nicht sagen, oder?”

„Wollen Sie mich provozieren?”

„Nur befragen, Dr. Breloer.”

„Ich hoffe, dass Sie den professionellen Anforderungen dieser Ermittlungen gewachsen sind, Herr Kubinke. Ich habe da durchaus meine Zweifel und hoffe, dass ich mich irre. Denn die Gefahr, in der sich womöglich ganz Berlin oder sogar halb Europa befinden, ist unvorstellbar groß.”

„Und ich hoffe auf etwas mehr Kooperationsbereitschaft, Dr. Breloer. Denn alles andere nutzt nur denjenigen, die vielleicht hinter diesem Diebstahl stecken oder daraus Kapital ziehen wollen.”

„Sie machen sich vielleicht nicht wirklich klar, worum es hier eigentlich geht, Kommissar.”

„Dann klären Sie mich auf. Dafür sind wir ja hier!”

„Abgesehen davon, dass offenbar Terroristen versuchen, Panik in der Bevölkerung zu erzeugen, steht auch das Image unseres Instituts und unserer Firma auf dem Spiel. Wenn erst Schlagzeilen im Umlauf sind, in denen wir als Hersteller von genveränderten Pest-Bakterien erwähnt werden, dann wird es sehr schwer für uns, an diesem Standort noch ruhig arbeiten zu können.”

„Sie haben Angst vor Aktivisten?”

„Und vor Leuten, die uns verklagen, weil angeblich ihre Nachbargrundstücke weniger wert geworden sind, da sich niemand mehr dort ansiedeln mag.”

„Ich fürchte, es wird sich kaum vermeiden lassen, dass der Name Ihres Instituts an die Öffentlichkeit gelangt”, vermutete ich.

„Soll das eine Drohung sein, Herr Kubinke?”

„Nein, nur ein Erfahrungswert aus vielen Jahren als BKA-Ermittler.”

„Ihr Chef hat mir Diskretion zugesagt.”

„Die wird er im Rahmen seiner Möglichkeiten auch einhalten. Aber wir alle leben in der Realität und Sie wissen so gut wie ich, dass man manches einfach nicht unter der Decke halten kann. Vor allem dann nicht, wenn die Öffentlichkeit ein verständliches Interesse an der Aufklärung hat. Also sollte sich Ihr Unternehmen darauf einstellen, dass man schon sehr bald vielleicht auch ein paar unangenehme Fragen beantworten muss.”


*


Wir wurden in ein Besprechungszimmer geführt. Dort trafen wir auch Dr. Wiedelsbacher, den Gerichtsmediziner. Der Bayer war für seine hemdsärmelige Art bekannt. Ich fragte mich insgeheim, ob er sich sein Smartphone für den Aufenthalt in diesem Hochsicherheitstrakt der Gen-Forschung hatte abnehmen lassen.

Und weil Rudi still vor sich hin grinste, war mir klar, dass auch mein Kollege sich insgeheim einen heftigen Wortwechsel zwischen Wiedelsbacher und Dr. Breloer vorzustellen schien.

Außer Wiedelsbacher waren noch einige weitere Personen im Raum, die uns von Dr. Breloer vorgestellt wurden. Da war einerseits der bereits von ihr erwähnte Dr. Florian Martini, der Leiter des Instituts. Neben ihm saß ein schmächtiger Mann mit schütterem Haar. Er trug keinen weißen Kittel, sondern einen grauen Dreiteiler und machte schon durch sein äußeres Auftreten klar, dass er nicht zu den hier tätigen Forschern gehörte. Es handelte sich um Kurt J. Gernsheim, ein Vorstandsmitglied der Mohndorf-Drehser Holding, die das Institut betrieb. Und dann war da noch Andrea Raskoviak. Sie trug zwar einen weißen Kittel, aber das Namensschild am Revers wies keinen akademischen Grad aus.

„Frau Raskoviak hat bei uns eine Assistenzstelle und arbeitet nebenbei an ihrer Promotion”, erklärte Dr. Breloer. „Sie ist hier, weil sie an dem betreffenden Projekt mitgearbeitet hat und sicher zu einigen Einzelheiten Auskunft geben kann.”

Andrea Raskoviak nickte uns kurz zu. Mir fiel gleich auf, dass sie daraufhin fast hilfesuchend zu Dr. Martini blickte. Sie stand unter Druck. Das Gesicht der dunkelhaarigen jungen Frau war leicht gerötet und sie machte auf mich den Eindruck, als hätte Angst davor, irgendetwas Falsches zu sagen.

„Ich weiß nicht, auf welchem Stand Sie sind”, sagte Dr. Florian Martini. „Wir haben uns bislang ja schon notgedrungen etwas mit Ihrem Mediziner vor allem über die potentielle Gefahrenlage für die Bevölkerung unterhalten und dabei immerhin festgestellt, dass er nicht ganz ohne Sachkenntnis ist.”

Ich hoffte in diesem Augenblick nur, dass Wiedelsbacher klug genug war, auf diese Provokation nicht einzugehen. Bei Wiedelsbacher konnte man in dieser Hinsicht für nichts garantieren. In seiner hemdsärmeligen, Art bevorzugte er eigentlich den rustikal-offenen verbalen Schlagabtausch. Aber diesmal hielt er sich mit einer Bemerkung zurück. Und das war sicherlich ganz im Sinne unserer Ermittlungen.

Florian Martini beugte sich etwas vor. Seine Hände waren auf dem Tisch gefaltet. „Trotz all unserer Sicherheitsmaßnahmen ist hochinfektiöses Material entwendet worden. Und da gleichzeitig der Wissenschaftler verschwunden ist, der daran gearbeitet hat, gehen wir davon aus, dass er etwas damit zu tun hat.”

„Dazu muss man sagen, dass Dr. Arnold Braunfeld bisher einer unserer fähigsten und erfolgreichsten Mitarbeiter war”, erklärte Dr. Breloer.

„Jetzt mal ganz langsam”, sagte ich. „Ein Wissenschaftler ist verschwunden?” Schon bei der Vorstellung von Andrea Raskoviak hatte es mich gewundert, dass man eine Assistentin eingeladen hatte, um über Einzelheiten des Projekts Auskunft zu geben - und nicht dessen Leiter.

„Vielleicht ist das eine übertriebene Darstellung”, sagte Dr. Breloer. „Es ist lediglich so, dass wir keinen Kontakt zu Dr. Braunfeld haben.”

„Er ist nicht zur Arbeit erschienen und reagiert nicht auf Anrufe”, ergänzte Florian Martini.

„Und das sagen Sie uns erst jetzt?”, platzte es aus Rudi heraus. Er hatte bereits sein Smartphone in der Hand.

„Nicht hier!”, sagte Dr. Breloer. „Unsere Sicherheitsvor…”

„Wenn jetzt irgendjemand mein Smartphone gehackt hat, ein schönes Bild von Ihnen schießt, es mit dem Originalton meines Wutausbruchs unterlegt und dann ins Internet stellt, werden Sie damit leben müssen, Frau Dr. Breloer”, erwiderte Rudi scharf, der im nächsten Moment schon mit Kriminaldirektor Hoch verbunden war.

„Mein Kollege ist sonst sehr viel diplomatischer”, sagte Dr. Wiedelsbacher in ungewohnt gelassener Art und Weise.

„Dieser Dr. Arnold Braunfeld kommt in die Fahndung”, erklärte ich dann, noch während Rudi telefonierte. „Wir brauchen seine Personaldaten. Alles, was Sie über ihn wissen, was über ihn an Unterlagen vorliegt, von der Smartphone-Nummer bis zur Kontoverbindung…”

„Es macht keinen Sinn, Dr. Braunfeld mit diesem Diebstahl in Verbindung zu bringen”, meldete sich nun Andrea Raskoviak zu Wort.

„Sie haben mit ihm eng zusammengearbeitet?”, fragte ich.

„So, wie auch Dr. Breloer”, sagte Andrea Raskoviak.

„Nur sporadisch und auf der Planungsebene”, wehrte diese ab. „Aber Frau Raskoviak hat ihm assistiert und dürfte Ihre Fragen soweit beantworten können.”

„Ich werde Ihnen einen Datensatz zu Dr. Braunfeld zusammenstellen lassen”, versprach Florian Martini.

Ich wandte mich an Andrea Raskoviak. „Wann war Dr. Braunfeld zuletzt hier im Institut?”

„Vorgestern Nacht”, sagte sie. „Wir haben noch zusammen an der Dokumentation der Analyse-Ergebnisse gearbeitet. Es gab da noch ein kleines EDV-Problem. Ich bin dann irgendwann gegangen.”

„Und Dr. Braunfeld?”

„Hat gegen vier Uhr morgens das Gelände des Instituts verlassen”, mischte sich Dr. Franziska Breloer ein. „Das lässt sich durch unsere Sicherheitskontrollen eindeutig belegen.”

„Und wann wurde der Diebstahl der Proben festgestellt?”, fragte ich.

„Am Morgen wurde das Fehlen einiger Proben festgestellt.”

„Von wem?”

„Von mir.”

„Wie groß darf ich mir das physisch vorstellen?”

„Es handelt sich um drei reagenzglasgroße Spezialbehälter.”

„Wurde Dr. Braunfeld beim Verlassen des Geländes nicht durchsucht?”, hakte ich nach. „Ich meine, mein Kollege und ich sind beim Passieren Ihrer Sicherheitsschleusen so gründlich gefilzt worden, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass so ein Behälter unbemerkt das Institut verlassen könnte.”

„Dr. Braunfeld besitzt bei uns die Sicherheitskategorie A”, sagte Franziska Breloer mit ungerührtem Gesicht.

„Heißt das, dass er nicht kontrolliert wurde?”

Sie wirkte zunehmend gereizt.

Und das wohl nicht ohne Grund.

Denn hier stimmte ganz offensichtlich einiges nicht!

„Nein, das heißt es nicht. Ich will Ihnen nur verdeutlichen, dass wir keinen Anlass dazu gesehen haben, Dr. Braunfeld mit dem Verschwinden der Proben in Verbindung zu bringen. Schon deswegen nicht, weil er am besten weiß, dass das außerordentlich gefährlich wäre und die Risiken kaum abzuschätzen sind.”

„Vor ein paar Jahren wurde ein tiefgefrorener ebola-infizierter Affe in einer Plastiktüte quer durch Berlin transportiert, um von einem Seuchen-Institut zum anderen gebracht zu werden”, mischte sich jetzt der bis dahin auffallend schweigsame Dr. Wiedelsbacher in das Gespräch ein. „Der Affe befand sich auch nicht in einem Spezialbehälter, sondern in einer Plastiktüte. Der Wagen geriet in einen Unfall - nur deswegen ist das damals herausgekommen, wie lax man offenbar mitunter mit gefährlichen Krankheitserregern umgeht!”

„Uns ist dieser Fall wohl bekannt”, sagte jetzt Kurt J. Gernsheim. „Allerdings möchte ich betonen, dass keine Forschungseinrichtung der Mohndorf-Drehser GmbH etwas damit zu tun hatte und bei uns so etwas auch nicht vorkommen könnte.”

Wiedelsbacher runzelte die Stirn. „Berlin hat damals großes Glück gehabt. Ich hoffe, dass wir das wiederholen können, Herr Gernsheim.”

„Was wollen Sie damit andeuten, Dr. Wiedelsbacher?”

„Ich weise nur auf die Gefahrenlage hin.”

„Das führt zu nichts”, stellte ich fest. Im Allgemeinen geht es Leuten wie Gernsheim immer in erster Linie darum, eventuelle Ansprüche von dritter Seite abzuwehren und nicht für die Folgen irgendeines Unglücks verantwortlich gemacht zu werden. Aber die vorsichtige, juristisch sicher einwandfreie Selbstverteidigungsstrategie der Mohndorf-Drehser GmbH hatte sich bereits als ein gravierendes Hindernis bei den Ermittlungen herausgestellt. Schon allein die Tatsache, dass wir mit Verspätung über das Verschwinden von Dr. Arnold Braunfeld unterrichtet worden waren, konnte sich noch fatal auswirken.

Rudi hatte unterdessen sein Gespräch mit Kriminaldirektor Hoch beendet.

„Braunfeld ist in der Fahndung, und es wird mit Hochdruck nach ihm gesucht”, sagte er in meine Richtung.

„Es könnte sein, dass Dr. Braunfeld für den Diebstahl der Proben verantwortlich ist und dies trotz der hier üblichen Sicherheitsmaßnahmen geschafft hat.”

„Und auf welche Weise?”, fragte Dr. Breloer.

„Das wird herauszufinden sein. Wir möchten deshalb mit den Personen sprechen, die zu der Zeit Wachdienst hatten, als Braunfeld zuletzt das Gelände verließ. Wir müssen außerdem in Betracht ziehen, dass Dr. Braunfeld möglicherweise unter Druck gesetzt oder entführt wurde.” Ich wandte mich an Andrea Raskoviak. „Wie gut kennen Sie ihn?”

„Wir sind… gute Kollegen”, sagte sie etwas gepresst.

„Hat er Angehörige? Verwandte?”

„Seine Eltern leben in Süddeutschland. Hier lebt noch seine Schwester. Er erzählt manchmal von ihr.”

„Erinnern Sie sich an einen Namen?”

„Sie heißt Nour.”

„Klingt ungewöhnlich.”

„Das ist Arabisch und heißt ‘Licht’”, sagte sie. „Sie hat sich einen neuen Namen gegeben, nachdem sie zum Islam konvertiert ist.”

Ich wechselte mit Rudi einen vielsagenden Blick. Islamistische Terroristen drohten damit, einen resistenten Pest-Erreger zu verbreiten und ein Genetiker verschwand spurlos, dessen Schwester zum Islam konvertiert war. Langsam ergab sich ein immer beunruhigenderes Bild. „Ich möchte, dass Sie sich zu unserer Verfügung halten, Frau Raskoviak. Wir brauchen sicher noch Ihre Hilfe.”

„Ja, Sir!”, sagte sie kleinlaut. Nicht zum ersten Mal fiel mir auf, dass sie sich in ihrer Haut sichtlich unwohl fühlte und ich hatte langsam das Gefühl, dass es vielleicht besser war, sich mal unter vier Augen mit ihr zu unterhalten. Auf jeden Fall, ohne dass irgendjemand anwesend war, der etwas mit Mohndorf-Drehser zu tun hatte.

„Mal was ganz Grundsätzliches”, mischte sich Dr. Wiedelsbacher ein. „Die entwendeten Präparate mit Pest-Bakterien sollen gegen alle bekannten Antibiotika resistent gewesen sein.”

„Das ist richtig”, sagte Dr. Martini.

„Was ist der Sinn hinter einem Forschungsprojekt, das eine ohnehin schon ziemlich gefährliche Krankheit noch gefährlicher macht?”

Ein dünnes Lächeln erschien auf dem Gesicht von Dr. Martini. Ein Lächeln, das seine Unsicherheit ausdrückte. Er sah kurz zu dem Mann neben ihm. Erst als Kurt J. Gernsheim kurz nickte, äußerte sich Martini zu diesem Thema.

„Sie denken wahrscheinlich an Bio-Waffen oder dergleichen.”

„Der Gedanke kommt einem schon”, gab Wiedelsbacher zu. „Und was diese Terroristen angeht, die scheinen Ihre Präparate ja auch genau dafür einsetzen zu wollen.”

„Vorausgesetzt, sie sind tatsächlich bereits in ihrem Besitz, was noch nicht erwiesen ist!”, gab Martini zurück.

Eins zu Null für den Institutsleiter, dachte ich. Denn damit hatte er natürlich recht. Es war noch nicht erwiesen, nur sehr wahrscheinlich. Und vielleicht hatten wir noch die Möglichkeit, das Schlimmste zu verhindern.

„Meine Frage ist noch nicht beantwortet”, erinnerte Wiedelsbacher unser Gegenüber.

Aber anstelle des Institutsleiters antwortete jetzt überraschenderweise Andrea Raskoviak. „Die Antibiotika-Resistenz ist eine Art unerwünschtes Nebenprodukt von Dr. Braunfelds Projekt”, sagte sie.

„Woran hat er genau gearbeitet?”, fragte Wiedelsbacher.

„Bisher dachte man, dass der Erreger Yersinia pestis zum ersten Mal während der sogenannten justinianischen Pest im sechsten Jahrhundert aufgetreten ist. Aber neuere genetische Untersuchungen zeigen, dass es die Pest möglicherweise schon seit der Jungsteinzeit gibt. Allerdings in einer offenbar weniger aggressiven Form, die nicht durch Flöhe übertragen wurde, sondern nur von Säugetier zu Säugetier, beziehungsweise Mensch zu Mensch. Dr. Braunfeld hat daran gearbeitet, diese ältere Version des Pest-Erregers zu rekonstruieren.”

„Eine anspruchsvolle Aufgabe”, sagte Dr. Wiedelsbacher. „Ich habe mit Kollegen oft über die Problematik gesprochen, die durch biochemische Prozesse bei der Zersetzung von Zellen entstehen. Wir haben ja bei der Sicherung oder der biochemischen Rekonstruktion von DNA-Test-fähigem Beweismaterial durchaus vermutlich ähnliche Schwierigkeiten, wie Sie bei Ihrer Aufgabenstellung.”

„Es ist so...”, antwortete Andrea Raskoviak gedehnt, aber sie stockte und Dr. Breloer unterbrach sie grob.

„Einzelheiten unserer Methodik sind nicht Thema dieser Unterredung, Frau Raskoviak”, stellte sie in aller Schärfe klar.

„Denken Sie, dass ich etwa gleich nach dieser Zusammenkunft zu Ihrer Konkurrenz gehe, um das, was ich hier möglicherweise erfahren habe, weiterzugeben?”, fragte Wiedelsbacher kopfschüttelnd. „Mei, das ist ja net zu glauben!”

„Sie sollten langsam begreifen, dass wir auf Ihrer Seite stehen, und Ihnen nicht Schaden wollen”, sagte ich.

„Wer hat diese genetische Rekonstruktion eines quasi historischen Virus denn in Auftrag gegeben?”, fragte Dr. Wiedelsbacher.

„Eine Stiftung in Zusammenarbeit mit einer Universität”, antwortete Dr. Breloer.

„Auch darüber sollten wir alles wissen, Dr. Breloer”, stellte ich klar, denn ich hatte erneut das Gefühl, dass man uns nur gerade so viel Informationen zur Verfügung stellte, wie unbedingt notwendig.


7


Andrea Raskoviak wurde damit beauftragt, Wiedelsbacher zu Braunfelds Labor zu begleiten. Der Bayer bat darum, sein Smartphone aus dem Wagen holen zu dürfen, um damit Fotos zu machen.

So war Wiedelsbacher also der Forderung ausgewichen, sein Handy abgeben zu müssen. Vermutlich hatte er gewusst, dass so etwas auf ihn zukommen könnte.

Schließlich war das ganz sicher nicht das erste gentechnische Labor, dass er betrat.

Rudi und ich sprachen in der Zwischenzeit mit Bruno Slotkowski, einem der Wachmänner, der Dienst gehabt hatte, als Braunfeld zum letzten Mal das Gelände des Instituts verlassen hatte.

Man hatte uns inzwischen die Aufzeichnung einer Überwachungskamera zur Verfügung gestellt. Die Video-Sequenz hätte eigentlich zeigen müssen, wie Slotkowski Braunfeld gründlich durchsuchte.

Stattdessen wurde der junge Wissenschaftler einfach nur mehr oder weniger durchgewunken.

„Herr Slotkowski, kann es sein, dass Sie die bei Mohndorf-Drehser geltenden Sicherheitsvorschriften nicht so ganz eingehalten haben?”, fragte ich ihn.

„Hören Sie, ich verstehe, dass man hier sehr pingelig ist, aber ich kenne Dr. Braunfeld nun wirklich gut. Und da dachte ich…”

„Wir werden auch noch mit dem Kollegen sprechen, der dabei war”, sagte ich. „Und mit den Kollegen, die an der zweiten Sicherheitsschleuse postiert waren.”

„Sie wussten doch, dass es eine Videoaufzeichnung gibt.”

„Ja, aber wer hätte ahnen können, dass sich die nochmal jemand ansieht. Ich meine, das wird 48 Stunden danach gelöscht. Zumindest, wenn nichts vorgefallen ist, was irgendwie verdächtig war. Und Dr. Braunfeld war nun wirklich über jeden Zweifel erhaben. Ich meine, er war doch der Stolz der ganzen Firma und speziell dieses Instituts.”

„Wie soll ich das verstehen?”

Bruno Slotkowski zuckte mit den Schultern. Er schwitzte etwas und wirkte nervös. „Er war doch so eine Art Star unter den ganzen Eierköpfen hier. Wenn er nicht dabei war, haben einige von ihm als ‘unser Einstein’ gesprochen. Naja, er war ein Star, hat ein paar Preise gewonnen und irgendwelche Erfindungen gemacht, von denen ich nicht mal die Namen aussprechen könnte, geschweige denn, dass ich behaupten würde, zu wissen, worum es dabei überhaupt geht. Aber es muss wichtig gewesen sein, und bei den Kollegen mächtig Eindruck gemacht haben.”

„Verstehe”, sagte ich, obwohl das gelogen war. Ich verstand immer weniger. Aber vielleicht bekam ich ja ein aussagekräftigeres Bild, wenn ich noch ein paar mehr Puzzleteile zusammenbekam.

„Also mal ehrlich, wieso sollte ich annehmen, dass der junge Star-Wissenschaftler von Mohndorf-Drehser sein eigenes Institut beklauen sollte?”

„So wie Sie das sagen, klingt das durchaus plausibel.”

„Na sehen Sie!”

„Hätte denn irgendeiner der Sicherheitskräfte Zugang zu dem Bereich gehabt, aus dem die Proben verschwunden sind?”

„Ausgeschlossen.”

„Wieso?”, hakte ich nach.

„Weil wir dort gar keinen Zugang haben. Das ist alles elektronisch gesichert und nur Personen mit der Sicherheitskategorie A kommen in diesen Bereich überhaupt hinein. Und ehrlich gesagt, zieht mich dort auch nichts hin.”

„Wie meinen Sie das?”

„Na, denken Sie, ich will mich mit irgendetwas anstecken?

„Glauben Sie denn, dass dazu die Gefahr besteht?”

„Na, ausschließen kann man das doch wohl nie, oder? Wenn man so am Rande mal mitbekommt, mit was für fiesen Sachen die Forscher hier herumexperimentieren, da schüttelt’s einen. Besser man denkt gar nicht darüber nach.”

„So kann man das natürlich auch sehen”, meinte Rudi.

Er beugte etwas über den Tisch des kahlen, spartanisch eingerichteten Besprechungszimmers.

Er schluckte.

„Ich schätze, ich bekomme jetzt wahrscheinlich ein paar Schwierigkeiten. Aber Braunfeld hatte es sehr eilig an dem Abend - oder besser gesagt ‘Morgen’, wenn man die Zeit bedenkt.”

„Was hat er zu Ihnen gesagt?”

„Nichts. Genau das war es ja, was mich so gewundert hat. Wissen Sie, Dr. Braunfeld mag ja so ein richtiges Superhirn sein, aber lässt das nie heraushängen. Der Mann ist überhaupt nicht arrogant oder so, sondern man kann sich ganz normal mit ihm unterhalten. Und wenn er er sonst den Kontrollbereich passierte, haben wir immer ein bisschen miteinander geredet.”

„Worüber?”

„Zum Beispiel, dass seine Eltern erzkonservative sogenannte wiedergeborene Christen in einer Freikirche sind, die alles, was er macht, diese ganzen Sachen mit Genetik und so, total ablehnen. Das sei Teufelszeug für sie. Aber die hätten es ja auch wirklich nicht leicht mit ihren Kindern. Schließlich sei seine Schwester auch noch zum Islam konvertiert.”

„Klingt nicht gerade nach großer Harmonie in der Familie!”

„Arnold meinte…”

„Sie haben ihn Arnold genannt?”

„Ja. Er hat auch Bruno zu mir gesagt. Wir sind übrigens auch mal ein Bier zusammen trinken gegangen.”

„Sie waren dabei, zu erzählen, was er über seine Schwester gesagt hat.”

„Er hatte die Dinge immer recht locker und entspannt gesehen. Auch wenn sie manchmal kompliziert für ihn waren.”

„Wie meinen Sie das jetzt?”

„Na, zum Beispiel das mit seinen Eltern und seiner Schwester. Er meinte, es hätte gar nichts Besseres passieren können, als das seine Schwester Muslimin wird, denn dass sei für seine Eltern noch viel schlimmer als das was er getan habe und so hätte sich sein Kontakt zu seinen Eltern seitdem spürbar verbessert.”

„Alles ist eben relativ…”

„Sie sagen es. Naja, und Arnold hatte auch wirklich gute Witze drauf.”

„Auch morgens um vier?”

„Dem hat man nicht angemerkt, dass er die Nacht quasi durchgearbeitet hatte. Ich meine, ich mache meine Schicht und mehr nicht. Wenn ich um vier an meinem Kontrollposten bin, dann bin ich ausgeschlafen. Aber bei Arnold war das natürlich ganz anders. Aber an dem Morgen, als ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, da war er anders. Ich kann das auch schwer beschreiben. Er hat mich kaum angesehen, wirkte irgendwie… verbissen. Ja, das ist das richtige Wort. Er sah aus wie jemand, der durch irgendetwas sehr angestrengt wird. Und er hat nicht ein einziges Wort gesagt. Ich meine, Sie haben die Videoaufzeichnung und können ja mal nachsehen, ob sich seine Lippen irgendwann bewegt haben. Eine Audio-Spur wird ja nicht aufgezeichnet.”

„Gibt es irgendeinen Grund, den Sie vielleicht vermuten”, fragte ich. „Ich meine für dieses veränderte Verhalten?”

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe es darauf geschoben, dass er vielleicht überarbeitet war. Ich meine, es hat ja schließlich jeder mal einen schlechten Tag.”

„Natürlich.”

Rudis Handy klingelte. Er nahm das Gespräch entgegen. „Wir haben die Adresse von Braunfelds Schwester. Sie ist momentan nicht erreichbar. Kriminaldirektor Hoch hat sich mit der Polizei vor Ort in Verbindung gesetzt. Die suchen sie jetzt.”

„Gut”, sagte ich.

„Wenn Sie wirklich noch mehr über Dr. Braunfeld wissen wollen, dann sollten Sie sich vielleicht noch mit jemand anderem hier aus der Firma unterhalten”, sagte Bruno Slotkowski.

„Mit wem?”, fragte Rudi.

Bruno Slotkowski hob die Augenbrauen und beugte sich etwas vor. „Naja, ich will ja nichts gesagt haben, aber… mir ist da was aufgefallen.”


*



Der Mann im schneeweißen dreitausend Dollar-Maßanzug war groß und kräftig. Der Kopf war kahlrasiert. Das Licht der Neonröhren in dem fensterlosen Keller spiegelte sich darin. Seine kräftigen Augenbrauen und der dunkle, exakt ausrasierte Knebelbart hingegen waren so schwarz, dass beides nur gefärbt sein konnte.

Vor ihm, auf dem Boden, lag ein zusammengekrümmter Körper. Es roch nach Schweiß und Blut. Der Kerl am Boden war übel zugerichtet. Von seinem Gesicht war kaum noch etwas zu erkennen. Mit voller Kraft trat der Mann im weißen Anzug zu.

Der Kerl am Boden stöhnte schwach auf.

Der Bärtige ging daraufhin in die Hocke.

Er sah in das aufgequollene Gesicht seines Gegenübers.

„Du weißt doch, wie man mich nennt, oder?”

Ein stöhnender Laut kam von dem am Boden liegenden Mann. Sein Mund war eine einzige blutige Höhle. Zähne lagen auf dem Boden. Er war vermutlich im Moment gar nicht in der Lage, irgendein verständliches Wort herauszubringen.

„Man nennt mich nicht umsonst ‘Prophet’, mein Lieber. Ein Prophet sieht alles und weiß alles, denn er hat einen direkten Draht nach ganz oben, verstehst du?”

„Ja…”

„Und das meiste weiß er sogar schon im Voraus. Zum Beispiel, wenn er es mit jemandem zu tun hat, der ihn bescheißt. Ich habe gleich gewusst, dass ich bei so einer Ratte wie dir aufpassen muss.”

„Schei...!”

„Und du kannst nicht sagen, dass ich dich nicht gewarnt hätte.”

„Ah…”

„Du Dummkopf hast wohl geglaubt, du könntest deine linke Nummer trotzdem durchziehen. Heute hast du die Quittung gekriegt.”

Der Kerl am Boden versuchte zu reden. Es waren ein paar unverständliche Silben, die ihm über die blutigen Lippen kamen.

„...hör...mich..”

„Scheiß drauf, was du sagst. Ich hör diesen Mist nicht mehr an.”

„Aber…”

„Und ich will es auch nicht mehr hören, was du mir zu erzählen hast.”

„Ich…”

„Das Kapitel, das deinen Namen trägt, ist für mich beendet.” Der ‘Prophet’ grinste schief. „Und für dich auch, Walther”, fügte er noch hinzu.

Die Augen des am Boden liegenden Mannes weiteten sich vor Angst.

Der ‘Prophet’ erhob sich. Er griff unter seinen weißen Anzug und zog eine Automatik hervor und drückte ab. Dreimal kurz hintereinander. Walthers Körper zuckte noch einmal und blieb dann reglos und in eigenartig verrenkter Haltung liegen.

„Sie hätten das nicht zu tun brauchen, Boss”, sagte eine Stimme, die wie ein Reibeisen klang. Ein Mann in dunklem Anzug und Rollkragenpullover trat auf den Toten zu und drehte ihn mit dem Fuß herum.

„Manche Dinge mache ich gerne selbst”, sagte der ‘Prophet’. „Du kannst es ruhig herumerzählen, Jerome. Das sorgt für ein solides Image.”

„Ich verstehe.” Jerome deutete auf die Leiche. „Soll ich dieses Stück Dreck hier entsorgen?”

„Hat Zeit, Jerome”, sagte der ‘Prophet’. Er grinste. „Der Kerl läuft uns ja nicht weg. Hier liegt der erstmal gut und sicher. Du kannst später mit ein paar von den Jungs vorbeikommen und dafür sorgen, dass hier sauber gemacht wird.”

„Alles klar.”

„Vorher will ich, dass noch ein anderes Problem gelöst wird, das mir ziemlich unter den Nägeln brennt.”

„Welches?”

„Dieser Gen-Wissenschaftler. Ich bin heute von einem unserer Leute angerufen worden. Da gibt es ein paar Probleme, die gelöst werden müssen.”

„Betrachten Sie die Dinge als geregelt”, sagte Jerome.


*

Rudi und ich fuhren zur Wohnadresse von Dr. Arnold Braunfeld. Wir hatten Andrea Raskoviak gebeten, uns zu begleiten. Sie war uns mit ihrem Wagen, einem Mitsubishi, gefolgt und jetzt trafen wir uns auf einem Parkplatz wieder.

Rudi und ich stiegen aus dem Jaguar. Andrea Raskoviak hatte ihren Mitsubishi in der Nähe abgestellt.

„Frau Raskoviak, über eine Sache wollte ich noch gerne mit Ihnen reden, bevor wir zur Wohnung von Dr. Braunfeld gehen”, sagte ich, als wir uns mit ihr trafen. Braunfeld wohnte in einem achtstöckigen Sandsteinhaus in unmittelbarer Nähe.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich in jeder Hinsicht kooperiere”, sagte Andrea Raskoviak. „Und ich versichere Ihnen, dass dasselbe auch für das Mohndorf-Drehser Institute gilt.”

„Ich denke, hier können wir anders reden”, sagte ich. „Ohne die Floskeln der Firmenpolitik von Mohndorf-Drehser.”

„Was meinen Sie damit?”

„Frau Raskoviak, Sie kennen Dr. Braunfeld sehr viel näher, als Sie uns bisher gesagt haben, nicht wahr?”

„Was wollen Sie damit andeuten?”

„Ich will nichts andeuten, ich habe nur die Aussage eines Wachmanns, der Sie beide beobachtet und seine Schlüsse daraus gezogen hat, wie sie miteinander umgegangen sind. Das ging über kollegiale Gemeinsamkeiten hinaus, nicht wahr?”

„Die Institutsleitung sieht Beziehungen unter den Mitarbeitern nicht gerne”, sagte sie.

„Ich hatte den Eindruck, dass Sie unter großem Druck stehen und uns bisher nicht alles gesagt haben, was Sie möglicherweise wissen.”

„Sehen Sie ich bin sehr froh, dass ich die Stelle im Institut habe und an meiner Promotion arbeiten kann. Es gibt eine sehr restriktive Informationspolitik bei Mohndorf-Drehser. Jedes Wort, das nach außen gelassen wird, durchläuft vorher mehrere Kontrollen.”

„Verstehe.”

„Bevor man mit der Presse spricht, wird man vorher eingehend gebrieft und alles, was wir veröffentlichen, wird gegengelesen.”

„Klingt fast so, als wäre Nordkorea ein freies Land, wenn man es mit dem Reich der Mohndorf-Drehser Holding vergleicht.”

„Das wäre übertrieben.”

„Wirklich?”

Sie lächelte kurz. „Ich habe schon ein bisschen Verständnis dafür. Schließlich schläft die Konkurrenz nicht und Mohndorf-Drehser will sichergehen, dass keine Informationen nach außen dringen, die entweder das Firmenimage demontieren oder der Konkurrenz wertvolle Hinweise gegeben werden. Schließlich sind die Patente das wertvollste Kapital der Holding, wie ich mir habe sagen lassen.”

„Sie haben auf jeden Fall deren Argumentationsweise schon stark verinnerlicht.”

Sie lächelte erneut.

Verhalten zwar, aber immerhin.

Etwas lockerer wirkte sie, außerhalb des Institutsgeländes schon. Aber befreit und offen wirkte sie noch immer nicht. Davon war sie noch weit entfernt. „Hören Sie, ich will keinen Ärger”, sagte sie. „Weder mit dem Institut, noch mit der Firma, die das Institut finanziert, noch mit dem BKA.”

„Wie schön, dass Sie auch an uns denken, Frau Raskoviak.”

„Ich helfe Ihnen gerne. Aber alles hat seine Grenzen.”

„Hören Sie, wenn Ihnen irgendetwas… Persönliches… an Dr. Braunfeld liegen sollte, dann sollten Sie uns wirklich vorbehaltlos alles erzählen, was Sie über ihn wissen.”

„Denken Sie, dass er…”

„...in Gefahr ist?”

„Sie haben gesagt, er könnte entführt oder unter Druck gesetzt worden sein.”

„Ja. Das ist eine der Möglichkeiten, die wir in Betracht ziehen. Die andere ist, dass er sich auf einen sehr einsamen Irrweg begeben hat. Aber was auch immer in diesem Fall vorliegen mag, es läuft stets auf dasselbe hinaus: Sie müssen uns so viel wie möglich über ihn erzählen.”

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Einen Augenblick lang schien sie mit sich zu ringen. Ich konnte nur ahnen, worum es bei diesem inneren Ringkampf eigentlich ging. Das Wichtigste war, dass er zu meinen Gunsten ausging. Und das schien der Fall zu sein.

Zumindest machte sie einen ersten Schritt in die richtige Richtung.

„Okay, ich gebe zu, dass Arnold und ich eine Affäre hatten. Eine Beziehung würde ich das nicht nennen. Und vielleicht ist es sogar vollkommen unmöglich mit einem Mann wie Arnold Braunfeld eine richtige Beziehung zu haben.”

„Wieso?”, hakte ich nach.

„Weil er alles seiner Arbeit unterordnet. Er ist vollkommen von dem erfüllt, was er tut, da ist kaum Platz für irgendetwas anderes.” Sie deutete auf das Haus, in dem sich Braunfelds Wohnung befand. „Sie sehen ja, wo er lebt! Er könnte sich bei dem Spitzengehalt, das er bekommt, locker was richtig Teures leisten. Stattdessen verbringt er seine Nächte hier! Aber für ihn ist das in Ordnung, denn er schläft hier nur. Sein Leben fand innerhalb des Institutsgeländes statt.”

„Sie sprechen in der Vergangenheit, so als ob das ein abgeschlossenes Kapitel wäre.”

„In privater Hinsicht ist es das auch. Auch wenn wir nie wirklich einen Schlussstrich gezogen haben.” Sie griff in ihre Handtasche und holte ein Schlüsselbund hervor. „Ich habe sogar noch einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Irgendwie habe ich es immer wieder verschoben, ihn zurückzugeben.”

„Ja, so ist das manchmal.”

„Wenigstens brauchen Sie jetzt keinen Schlüsseldienst rufen oder die Tür aufbrechen, wenn wir in seine Wohnung gehen.”

„Das ist längst geschehen”, sagte ich. „Zwei Kollegen sind dort mit dem Auftrag, die Wohnung zu sichern und nach Erkenntnissen über Dr. Braunfelds gegenwärtigen Aufenthaltsort zu durchsuchen.”

Andrea Raskoviak sah uns erstaunt an. Sie wirkte tatsächlich sehr überrascht.

„Die Sache mit dem Schlüssel hätten Sie uns ruhig früher sagen können”, mischte sich Rudi ein. „Ich hoffe, dass Ihnen jetzt klar ist, dass die Dinge, die Sie vielleicht wissen, in Kürze schon nichts mehr wert sein können.”

Mein Handy klingelte. Ich nahm das Gespräch entgegen und hatte im nächsten Moment Dr. Friedrich G. Furtwängler am Ohr, unseren Naturwissenschaftler und Forensiker. „Ich habe jetzt die Ergebnisse der bakteriellen Untersuchungen an sämtlichen sichergestellten Rattenkadavern, die bei den Aktionen dieser islamistischen Fanatiker zum Einsatz gekommen sind“, sagte er in seinem unnachahmlichen und unverkennbar Hamburger Akzent. Dieser Akzent gab allem, was er sagte, immer eine leicht überhebliche Note. Zumindest wurde das von vielen so aufgefasst und zu denen, die sich daran immer wieder stießen, gehörte unter anderem unser Gerichtsmediziner Gerold M. Wiedelsbacher. Zusammen mit Furtwängler bildete er zwar wissenschaftlich ein gutes Team, kulturell und menschlich bildeten sie allerdings eher ein Gegensatzpaar.

„Das heißt, es waren Bluffer”, stellte ich fest.

„Bislang ja.”

„Halten Sie es für einen Zufall, dass diese Fanatiker gerade jetzt mit antibiotikaresistenten Pest-Erregern drohen?”

„Absolut nicht. Wir müssen damit rechnen, dass sie tatsächlich über die Möglichkeit verfügen, solche Erreger einzusetzen und es zunächst einmal nur deshalb nicht getan haben, weil sie Panik entfachen wollten. Ich habe mit einem Kollegen hier in Quantico gesprochen, der sich mit der Motivation von Terroristen auseinandergesetzt hat und…”

„Sie sprechen nicht zufällig von Rainer Geyer?”, unterbrach ich Furtwänglers Redefluss.

„Genau von dem rede ich”, bestätigte er. „Er war schon im Ruhestand und ist jetzt reaktiviert worden. Er würde sich bei Gelegenheit gerne mit Ihnen austauschen und sähe es positiv, wenn er in die Ermittlungen stärker einbezogen würde.”

„Wir werden sehen”, sagte ich. „Erst müssen wir hier ein bisschen Luft haben.”

„Vielleicht werden Sie aus der Schnappatmung gar nicht mehr herauskommen, wenn Sie seine Erkenntnisse nicht genügend beachten, Harry. Ist nur ein Tipp.”

„Danke.”

„Wenn Sie diesen Terroristen nicht wenigstens einen Schritt gedanklich voraus sind, dann werden Sie solche zu allem entschlossenen Fanatiker auch nicht stoppen können!”


8


Wir standen wenig später vor der Wohnungstür von Dr. Arnold Braunfeld. Sie war geschlossen. Ich klingelte. Aber niemand öffnete.

„Vielleicht kommt mein Schlüssel jetzt ja doch noch zum Einsatz”, meinte Andrea Raskoviak.

„Die Kollegen müssten in der Wohnung sein”, stellte Rudi klar.

Ich klingelte ein zweites Mal. Dafür, dass die Kollegen vielleicht erstmal durch den Türspion sahen, hatte ich Verständnis. Aber eigentlich konnten sie nicht überrascht davon sein, dass wir hier auftauchten. Schließlich waren sie telefonisch vorgewarnt worden.

Mein Handy klingelte. Ich ging dran. Jemand sagte: „Hier spricht Kommissar Heinz-Jürgen Köhnermann. Wir haben seit kurzem keinen Telefonkontakt zu unseren Ermittlern in der Wohnung von Dr. Braunfeld. Letztes Handy-Gespräch mit war vor einer Viertelstunde, da war noch alles in Ordnung. Ein Anruf-Versuch vor wenigen Minuten misslang. Eine Störung im Netz oder beim Handy-Empfang kann wohl ausgeschlossen werden.”

„Schicken Sie Verstärkung”, sagte ich und beendete das Gespräch. Ich zog die Dienstwaffe. Rudi ebenfalls. „Treten Sie zur Seite”, wandte ich mich an Andrea Raskoviak.

„Aber…”

„Weg von der Tür!”

„Aber…”

„Sofort!”

Sie gehorchte.

Rudi ließ die Tür mit einem Tritt zur Seite springen. Ausgefeilte Sicherheitstechnik gab es hier nicht.

Ich stürmte mit der Waffe in der Faust in die Wohnung.

„BKA!”, rief ich.

Schon im Flur musste ich über die erste Leiche steigen. Es war ein Mann in den Dreißigern.

Ein Kollege.

Das Etui mit der ID-Card hatte er hinter den Gürtel geklemmt. Die rechte Hand umfasste die Dienstwaffe. Auf seiner Stirn befand sich ein Einschussloch. Die Austrittswunde war wesentlich größer.

Einen zweiten Treffer hatte er offensichtlich in die Herzgegend bekommen. Sein Hemd war jedenfalls rot.

Rudi war bereits an mir vorbei gegangen und ins Wohnzimmer vorgedrungen.

„Hier ist niemand”, sagte er.

Ich nahm mir noch kurz Küche und Bad vor, während Rudi ins Schlafzimmer ging.

Ich fand den zweiten Kollegen in der Küche. Er saß aufrecht auf dem Stuhl und sah mich mit starren Augen an. Die Dienstwaffe lag auf dem Boden und war seiner Hand offenbar entfallen. Er hatte einen Schuss ins Herz und einen weiteren fast genau zwischen die Augen bekommen.


*


„Wir sind offensichtlich zu spät gekommen”, meinte Rudi.

„Offensichtlich”, knurrte ich.

„Und nun?”, fragte Rudi.

„Wir müssen Kriminaldirektor Hoch informieren”, sagte ich.

„Das mache ich. Ich schlage vor, du kümmerst dich um unsere Zeugin.”

Damit meinte Rudi natürlich Andrea Raskoviak.

„Ich hoffe nur, dass sie jetzt endlich begreift, dass sie restlos auspacken muss.”

„Denkst du, das hat sie noch nicht?”

„Ich glaube nicht, dass sie die ganze Sache so ernst nimmt, wie es angemessen wäre”, gab ich zurück. Ich ging zurück zur Wohnungstür. Andrea Raskoviak war dort geblieben und hatte sich nicht von der Stelle gerührt. „Kommen Sie rein”, sagte ich. „Das ist nicht ganz den Vorschriften entsprechend. Aber die Erkennungsdienstler müssen ohnehin Vergleichsfingerabdrücke von Ihnen nehmen, um Ihre Spuren von denen der Täter zu unterscheiden. Ich möchte jetzt allerdings, dass Sie das sehen...”

„Was sehen?”

„Kommen Sie!”

Sie folgte mir und schluckte dabei. Die erste Leichte musste sie schon vom Flur aus gesehen haben.

„Steigen Sie drüber und verändern Sie nichts. Das ist ein Kollege von uns. Und der andere ist in der Küche.”

„Wer….?”

„Frau Raskoviak, da sind ein paar Leute unterwegs, die es absolut nicht gut mit Ihrem Ex-Freund meinen! Sie sollten jetzt wirklich einsehen, dass Sie mit uns kooperieren müssen - und zwar ohne die geringste Rücksicht! Auch nicht auf das Mohndorf-Drehser Institute oder diese Frau Dr. Breloer und die anderen, die vorhin mit uns im Raum gesessen haben. Es geht hier nicht um den guten Ruf einer Firma oder um Firmengeheimnisse und dergleichen! Es geht hier höchst wahrscheinlich um Terrorismus und eine immense Gefahr für sehr viele Menschen.”

„Und Sie glauben wirklich, dass Arnold etwas damit zu tun hat?”

„Das weiß ich nicht. Aber irgendjemandem hat versucht, Arnold in seine Gewalt zu bringen und wollte Beweismittel vernichten… Irgendetwas in der Art! Und dafür mussten zwei BKA-Kommissare sterben! Also wenn Sie auch nur die leiseste Vermutung haben, auf welche Weise Ihr Freund oder Ex-Freund oder was immer er auch zurzeit für Sie sein mag, in diese Sache verwickelt ist, dann reden Sie jetzt!”

Sie schluckte. Wir gingen aus der Küche. Sie hatte vermieden zu dem toten Kollege hinzusehen. Und sie versuchte auch, den Blick auf den anderen Toten zu vermeiden. „Schauen Sie sich um!”, sagte ich. „Sagen Sie mir, ob Ihnen etwas auffällt, ob etwas fehlt...”

„Arnold mag ein besessener Wissenschaftler sein. Aber ich glaube auf gar keinen Fall, dass er Terroristen unterstützen würde.”

„Gibt es etwas, womit man ihn unter Druck setzen könnte?”, fragte ich.

„Nicht, dass ich wüsste.” Sie sah sich um. „Sie sehen ja, diese Wohnung sieht aus wie geleckt. So als hätte hier überhaupt niemand gelebt. Er hatte noch nicht einmal einen Fernseher oder einen Rechner hier.”

„Womit hat er denn gearbeitet?”

„Er hatte ein Laptop. Das hatte er auch immer bei sich.”

„Durfte er denn seinen eigenen Rechner an seinen Arbeitsplatz mitnehmen?”, fragte ich. „Ich meine, bei all den Sicherheitsmaßnahmen, die dort herrschen… Selbst mit einem verseuchten Datenstick könnte dort doch schon einer Menge Schaden angerichtet werden.”

„Das war das einzige Privileg, das Arnold bei Mohndorf-Drehser hatte.”

„Weil er so ein Genie ist!”

„Ja, darauf läuft es hinaus. Aber er durfte seinen Rechner nicht an das interne System anschließen.”

„Die Kollegen kommen gleich”, sagte Rudi, der inzwischen eifrig telefoniert hatte. „Und außerdem hat sich unser bayrischer Alm-Doc gemeldet.”

„Und?”

„Nachdem er sich den Arbeitsplatz angesehen und die Arbeitsabläufe im Labor hat erläutern lassen, ist er davon überzeugt, dass eigentlich nur einer als Dieb der Proben in Frage kommt: Arnold Braunfeld selbst oder jemand anderes aus der Firma mit der Sicherheitskategorie A.”

„Wenigstens können Sie dann nicht mich verdächtigen”, sagte Andrea Raskoviak. „Ich habe die nämlich nicht.”

„Ich war gerade im Schlafzimmer. Während sonst in der Wohnung alles ordentlich aussieht, ist das offensichtlich durchwühlt worden. Alle Kleidungsstücke liegen auf dem Boden. Die Taschen sind nach außen gedreht. Der Nachttisch steht offen.”

Ich ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. „Vielleicht brauchte hier nicht gesucht werden, weil alles so kahl ist, dass man nirgendwo etwas verstecken könnte”, meine ich. Die Sitzgarnitur hatte noch nicht einmal Polster, die man aufschneiden musste. Die Sessel bestanden aus Metallgestängen mit dazwischengespannten Sitzflächen aus Kunstleder. Ich wandte mich an Andrea Raskoviak. „Haben Sie eine Ahnung, was die gesucht haben könnten?”

„Meinen Sie, dass es mehrere waren?”

„Sie haben zwei gut ausgebildete BKA-Ermittler überrumpelt und getötet.” Ich zuckte mit den Schultern. „Sie haben Recht, vielleicht war es auch nur einer.” Ich versuchte mir vorzustellen, wie genau die Tat abgelaufen sein konnte. Vielleicht hatten der oder die Täter einen Schlüssel gehabt, weil sie Braunfeld in ihrer Gewalt hatten. Aber auch mit einem Schlüssel war es fast undenkbar, dass jemand so plötzlich in die Wohnung gelangte, dass er zwei BKA-Kommissare überrumpeln konnte, ohne dass sie etwas bemerkt hatten.

Die Versuchung war groß, jetzt in die Einzelheiten zu gehen und zum Beispiel zu überprüfen, ob aus der Waffe des toten Kollegen im Flur noch ein Schuss abgefeuert worden war. Ich vermutete nicht, denn ich hatte kein Einschussloch gesehen, das einigermaßen gepasst hätte.

Die logischste Erklärung war, dass unser Kollege seinen Mörder entweder gekannt oder nicht als potenzielle Bedrohung angesehen hatte.

Andrea Raskoviak lenkte mich jetzt ab. Sie ging auf den Schreibtisch zu. Die Tischfläche war aus Kunstglas. Es gab aber eine Schublade. Sie war vollkommen transparent. Kein Wunder, dass sie nicht durchsucht worden war.

„Da fehlt was”, sagte sie.

„Was meinen Sie?” fragte Rudi.

„Naja, vielleicht war es auch gar nicht mehr da, als diese Killer hier gewesen sind. Ich war das letzte Mal vor einer Woche hier…”

„Ich dachte, Ihre Beziehung oder was immer das war, ist schon länger zu Ende.”

„Wir hatten etwas zu besprechen. Etwas Dienstliche, wenn Sie wollen. Es ging ...” Sie zögerte. „Ich sollte eigentlich nicht darüber sprechen. Er hat mich darum gebeten, kein Wort darüber zu verlieren, weil ihm das sehr schaden könnte. Aber ich sage es Ihnen jetzt doch.”

„Ich höre.”

„Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm zu wechseln.”

Ich hob die Augenbrauen.

War ich schwer von Begriff?

Oder hatte sie sich einfach nicht klar ausgedrückt?

„Wechseln?”

„Wie ich Ihnen schon sagte: Privat war es nicht mehr ganz so harmonisch zwischen uns, weil ich mir vielleicht auch falsche Hoffnungen gemacht habe. Aber beruflich waren wir ein Super-Team. Da hatte sich nichts geändert. Sein Angebot lief darauf hinaus, dass ich mit ihm zusammen Mohndorf-Drehser verlasse.”

Ich hakte nach: „Wäre das nicht schwierig gewesen, wegen Ihrer Promotion?”

Sie schüttelte den Kopf.

„Er hat mir gesagt, dass das zu regeln wäre.”

„Warum wollte Dr. Braunfeld Mohndorf-Drehser verlassen?”, fragte ich. „Ich meine, so wie sich mir das bisher darstellt, war er dort doch so eine Art Star. Man hat ihm doch quasi alles zu Füßen gelegt.”

„Es gab da wohl ein paar Punkte, die nicht so liefen, wie er sich das dachte.”

„Aha!”

„Ja, so war’s eben!”

„Was zum Beispiel?”

„Zum Beispiel dieses Projekt mit dem Pest-Bazillus.”

„Was war damit?”

Manchen Leuten muss man alles aus der Nase ziehen.

Sie atmete tief durch.

Es schien ihr schwer zu fallen, darüber zu reden.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief durch, ehe sie schließlich weitersprach. „Im Grunde ist es gescheitert. Es hat nur noch niemand gemerkt.”

„Wegen der Nebenwirkung? Dieser Antibiotikaresistenz, die der Virus offenbar aufwies.”

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach das! Das war ihm völlig egal. Und es hat ihm sogar geholfen, erstmal zu verschleiern, dass die Sache eigentlich gescheitert war, weil sich jetzt jeder erstmal auf diese zugegebenermaßen ziemlich fiese Eigenschaft des Erregers gestürzt hat und es gleich hieß: Ja, die Pest war in der Jungsteinzeit noch viel aggressiver als heute und hat die Menschen wahrscheinlich nur deswegen nicht ausgerottet, weil sie noch nicht so zahlreich waren und sich wenige zehntausend Personen ein Areal geteilt haben, in dem heute Millionen leben würden.”

Ich runzelte die Stirn.

„Stimmt das denn nicht?”

„Es ist alles Quatsch.”

„Ach!”

„Der springende Punkt ist nämlich, dass der Erreger, den wir hergestellt haben, nicht dem historischen Erreger entsprochen hat.”

„Wie kommt das denn? Und sowas fällt niemandem auf?”

„Doch.”

„Nur in diesem Fall nicht!”

„Die Partner, mit denen unser Labor zusammengearbeitet haben, hätten das sicher früher oder später gemerkt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Nachwuchs-Einstein an irgendeiner Universität mit demselben Forschungsschwerpunkt das herausbekommen hätte. Und dann wäre es für Arnold sehr viel schwerer geworden, irgendwo anders einen guten Job zu bekommen.”

„Das kann ich nachvollziehen“, sagte ich. „Also wollte er wechseln, bevor sein Versagen auffliegt und sich in der wissenschaftlichen Community herumspricht.”

„So würde ich das sehen, ja.”

„Hatte er ein konkretes Angebot?”

„Ja, hatte er.”

„Von welcher Firma?”

„Hat er mir nicht gesagt. Aber dort in dem Glastisch hatte ein zusammengefaltetes Dokument gelegen, dass das Logo von NORREX trug.”

„Was ist NORREX?”, fragte ich

„Die NORREX Group ist ein Unternehmen in den Sparten Biochemie, Gentechnik, Pharmazie. Im Grunde etwas ganz Ähnliches wie die Mohndorf-Drehser GmbH. Ich erinnere mich so genau an das Logo, weil ich mich während meines Studiums bei NORREX wegen eines Praktikumsplatzes beworben hatte.”

„So?”

„Die haben mich aber nicht genommen. Und es hätte jetzt schon eine ganz besondere Note gehabt, zusammen mit Arnold doch noch dorthin zu kommen.”

„Sie sind sicher, dass das Stück Papier, das sie gesehen haben, damit zu tun hatte?”

„Ich denke, dass das ein Vertrag war. Und normalerweise ist Arnold jemand, der nichts aufbewahrt. Sie sehen ja, wie steril es hier ist. Fast wie in einem Labor, habe ich ihm mal gesagt. Wenn Arnold dieses Schriftstück aufbewahrt hat - in der einzigen Schublade, die es hier gibt! - dann, hatte das was zu bedeuten!”

„Und jetzt ist das Dokument nicht mehr hier.”

„So ist es.” Sie zuckte mit den Schultern. „Ich meine, ich weiß auch nicht, was ich darüber denken soll, aber wenn man das alles zusammen betrachtet, dann wirkt das schon sehr beängstigend.”

„Würde ich auch sagen.”

„Was glauben Sie, was mit Arnold geschehen ist?”

„Das wüssten wir ebenfalls gerne.”

„Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass das alles etwas mit Arnolds Wechselplänen zu tun hatte?”

„Wir werden das herausfinden”, sagte ich.

„Denken Sie, Sie schaffen das?”

„Ich bin zuversichtlich.”

„Das freut mich zu hören.”

„Wir kriegen alles raus”, sagte ich. „Früher oder später jedenfalls. Da bin ich sehr zuversichtlich.”


9


Die Kollegen trafen ein. Der Einsatz wurde von einem Kollegen namens Hermann Pötterhoff geleitet. Er war groß und sehr beleibt.

Ein richtiger Koloss.

In seinem Schlepptau kamen einige weitere Ermittler.

„Die Kollegen vom Erkennungsdienst und der Gerichtsmediziner sind noch unterwegs”, sagte Kollege Pötterhoff, während er einen finsteren Blick auf den im Flur liegenden Ermittler warf. „Wenn es Kollegen erwischt, wird das nie Routine”, knurrte er. „Wer tut sowas?”

„Entweder jemand, der glaubte, dass Arnold Braunfeld hier ist und eigentlich ihn erschießen wollte oder jemand, dem es nur darum ging, Beweise für etwas fortzuschaffen, wovon wir noch nicht wissen, was es ist.”

„Was schlagen Sie vor?”

„Es wäre gut, wenn ein Teil Ihrer Leute in der Nachbarschaft herumfragt, ob jemand etwas bemerkt hat.”

„Gut.”

„Ich will den Erkennungsdienstlern nicht vorgreifen, aber für mich sieht das so aus, als hätte der Kollege seinen Mörder hereingelassen.”

„Wer soll das gewesen sein?”

„Jemand, den der für harmlos hielt.”

„Ein Kollege kann es nicht sein.“ Pötterhoff zuckte mit den Schultern. „Ein Paketbote?”

„Wäre eine Möglichkeit.”

„Es gibt hier keine Überwachungskameras.”

„Aber vielleicht auf einem der Parkplätze hier in der Umgebung. Das sollen Ihre Leute herausfinden.”

„In Ordnung.”

„Irgendwo müssen der oder die Killer ja ihren Wagen abgestellt haben. Die sind schließlich nicht zu Fuß gekommen.”

„Sagen Sie das nicht! Zwei Straßen weiter ist eine U-Bahn Station.”

„Dann soll da auch jemand hingehen. Wir brauchen die Überwachungsvideos vom Eingangsbereich.”

„Wir tun, was wir können, Herr Kubinke. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass auch etwas dabei herauskommt.”

Wir blieben noch am Tatort. Andrea Raskoviak sprach mich an.

„Ich müsste jetzt dringend zurück ins Institut”, sagte sie. „Wenn Sie im Moment keine weitere Fragen an mich haben…”

„Im Moment nicht. Aber Sie sollten sich zu unserer Verfügung halten.”

„Das tue ich.”

Ich gab ihr eine der Karten, die das BKA für seine Kommissare drucken lässt. „Da steht drauf, wie Sie mich erreichen können”, erklärte ich ihr. „Notfalls rund um die Uhr.”

„Gut.”

„Wann immer Ihnen etwas einfällt, was uns helfen kann, Dr. Braunfeld zu finden, sollten Sie es uns wissen lassen. Und zwar umgehend.”

„Natürlich.”

„Und falls er sich bei Ihnen melden sollte, natürlich auch.”

Sie gab mir auch ihre Handynummer. Ihre anderen Daten hatten wir ja ohnehin.

„Glaubst du, sie hängt noch tiefer in der Sache drin?”, fragte mich Rudi, nachdem sie gegangen war.

Ich zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen”, meinte ich. „Aber ich bin mir sicher, dass sie uns noch einiges mehr sagen könnte.”

„Ich habe kurz mal mit dem Handy im Internet recherchiert. Wegen dieser Firma namens NORREX.”

„Und?”

„Also wie ein Platzhirsch der Branche wirkt das auf mich nicht. Aber ich will da auch nicht vorschnell urteilen.”

„Charlotte soll die Firma mal unter die Lupe nehmen.”

Charlotte Matschke war unsere Spezialistin für betriebswirtschaftliche Fragen. Sie konnte uns sicher ein paar wertvolle Auskünfte geben. Zum Beispiel, ob es bei NORREX irgendwelche verdächtigen Geschäftsbeziehungen gab. Geschäftsverbindungen, bei denen vielleicht das organisierte Verbrechen oder Kreise eine Rolle spielten, die terroristische Aktivitäten finanzierten. Geldströme nahmen manchmal sehr seltsame Wege. Wege, die oft genug zunächst einmal im Verborgenen lagen.

Während Rudi mit Charlotte Matschke sprach, bekam ich eine Nachricht von einem anderen Mitglied des SRT-Teams.

Anna-Lisa, unsere IT-Spezialistin und Mathematikerin meldete sich. Sie hatte eine Liste von mehreren hundert Personen herausgefiltert, die auf Grund ihrer bisherigen religiösen oder politischen Aktivitäten als potenzielle Urheber der Drohung angesehen werden konnten. Darunter jener Hassprediger aus dem Wedding, der sich seit seiner Konvertierung Omar Yussuf Drösel nannte. Dessen Schwester wiederum betrieb zusammen mit Nour Jennifer Braunfeld eine Website, die sich an deutsche Konvertitinnen richtete.

„Haben Sie sich zufällig den Inhalt mal angesehen, Anna-Lisa?”, fragte ich.

„Es geht vorwiegend darum, wie man halal lebt und halal kocht. Viele der Frauen, die sich in dem angegliederten Forum äußern, scheinen wohl in erster Linie deshalb zum Islam übergetreten zu sein, weil sie muslimische Männer geheiratet haben”, antwortete Anna-Lisa. „Trotzdem ist diese Verbindung zwischen Braunfelds Schwester und einem bekannten Hassprediger etwas, was wir nicht außer Acht lassen sollten. Gibt es den inzwischen irgendwelche Hinweise auf den Aufenthaltsort von Nour Jennifer Braunfeld?”

„Man hat bisher noch nicht herausfinden können, wo sie sich momentan befindet.”

„Sie will nicht gefunden werden, Harry. Sonst hätte sie ein Handy eingeschaltet oder wäre von den Kollegen längst gefunden worden. Trottel sind das ja schließlich auch nicht.”

„Ich werde den Kollegen Ihre wertschätzenden Worte übermitteln, Anna-Lisa”, sagte ich.

Anna-Lisa ist eine hochintelligente Frau, deren komplexe Gedankengegänge für andere manchmal nur schwer nachvollziehbar sind. Sie begreift Zusammenhänge, die den meisten von uns wahrscheinlich für immer verschlossen bleiben. Nur Ironie und Sarkasmus, damit hat sie manchmal ihre Schwierigkeiten. Allerdings kann man sich sicher sein, dass sie es nie so meint, wenn sie überheblich oder herablassend wirkt. Wirklich nie. Sie beschreibt dann einfach nur die Dinge so, wie sie ihrer Meinung nach sind. Dass sie dabei mitunter jede diplomatische Rücksicht weglässt, macht es einerseits einfacher und andererseits komplizierter, mit ihr zusammenzuarbeiten. Das hängt wohl letztlich immer davon ab, wie empfindlich man ist.

„So hatte ich das nicht gemeint, Harry”, sagte sie. „Die Kollegen tun sicher ihr Bestes.”

„Vielleicht können Sie herausfinden, wo sie möglicherweise stecken könnte.”

„Habe ich schon versucht. Sie hat Posts auf dem Twitter-Account ihrer Homepage hinterlassen. Die könnten aber auch von Laila Drösel stammen, der Schwester dieses Hasspredigers aus Brooklyn. Die wohnt übrigens im Umland und ich könnte jetzt mal ganz gezielt nachforschen, ob es nicht Anzeichen dafür gibt, dass sich Nour Jennifer Braunfeld bei ihr aufhält.”

„Vielleicht ist sie bei ihr untergetaucht.”

„Ich werde dazu mal versuchen, in die Rechner der Strom- und Wasserversorger hereinzukommen. Wenn es da signifikante Schwankungen im Verbrauch gibt, dann wohnt möglicherweise seit kurzem eine weitere Person unter der Adresse.”

„Gut.”

„In dieser Sache melde ich mich wieder. Ansonsten bin ich hier bis über die Ohren damit beschäftigt, die Videos mathematisch und IT-technisch auseinanderzunehmen.”

„Sie meinen die Videos von den Rattenwerfern?”

„Exakt. Sowohl die Bilder der Überwachungskameras als auch die Propaganda-Versionen, die ins Netz gestellt wurden. Wir suchen natürlich nach Merkmalen, die es uns vielleicht erlauben, irgendeinen der Täter zu identifizieren.”

„Er muss auf jeden Fall einer gut organisierten und zahlenmäßig starken Gruppe angehören”, meinte ich. „Diese Rattenwürfe haben schließlich gleichzeitig an mehreren Orten stattgefunden.”

„Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Wenn wir nur einen einzigen Täter identifiziert hätten, könnten wir leicht die Beziehungen zu diversen Gruppen, Syndikaten, Vereinigungen, Moscheegemeinden und meinetwegen auch Fan-Clubs von Fußballmannschaften abfragen und würden auch ein Ergebnis bekommen, da bin ich mir sicher. Nur sind die Typen leider ziemlich gut maskiert gewesen. Und allein auf Grund der Körpergröße kann ich niemanden identifizieren.”

„Sie werden das schon schaffen”, sagte ich optimistisch.

„Im Moment konzentrieren wir uns auf Waschmuster von Jeans. Die sind so individuell wie Fingerabdrücke und falls einer von denen mal versucht hat, einen Geldautomaten zu manipulieren oder seinen Tank nicht bezahlt hat, haben wir eine Chance. Nur leider gibt es noch kein landesweites Register für Waschabdrücke von Jeanshosen und die Datenbank mit Fällen, in denen Täter auf diese Weise überführt und vor Gericht gestellt wurden ist noch vergleichsweise klein.”

„Mit schnellen Ergebnissen darf ich da wohl nicht rechnen.”

„Seien Sie froh, wenn Sie überhaupt ein Ergebnis bekommen, Harry.”

„Sie machen mir Mut.”

„Sehen Sie es positiv, Harry. Mathematisch gesehen ist die Chance auf einen Lottogewinn verschwindend gering. Und trotzdem gibt es jede Woche einen, der es schafft.”


*


Die Ermittlungen am Tatort kamen voran. Eine Rentnerin, die im selben Haus wohnte, hatte sich gewundert, dass zwei Männer eines privaten Paketdienstes ins Haus gekommen waren. „Ohne mir die Sendung mitzubringen, auf die ich schon lange warte!”, sagte sie uns, als wir zusammen mit einem weiteren Kollegen mit ihr sprachen. „Und außerdem hat es mich gewundert, dass die zu zweit kommen und gar nicht so ein großes Paket dabei haben”, fuhr die alte Dame fort. „Ich meine, das konnte sich einer von denen bequem unter den Arm klemmen. Und das waren kräftige Männer!”

„Können Sie die beiden etwa näher beschreiben?”, hakte Rudi nach. Unser Kollege Mackenroth hatte sie zuerst befragt und sich an diesem Punkt schon die Zähne an ihr ausgebissen. Die Zeugin schien zwar einerseits sehr genaue Angaben machen zu können und sich an bestimmte Dinge gut zu erinnern. Aber ihre Aufmerksamkeit war offenbar mehr auf das Paket als auf die Männer fokussiert gewesen. Immerhin hatte Mackenroth beim Erstgespräch schon die Uhrzeit relativ sicher feststellen können, da die alte Dame immer einen Nachrichtenkanal im Fernsehen laufen ließ, der im oberen linken Eck des Bildes eine sehr deutlich sichtbare Zeitanzeige aufwies.

Zeitlich kam es hin. Die beide Männer waren möglicherweise die Killer unserer Kollegen. Und da sich herausgestellt hatte, dass von den ermordeten Ermittler keiner einen Schuss abgegeben hatte, sprach vieles dafür, dass unsere Kollegen die mutmaßliche Maske der Täter für überzeugend gehalten hatten.

„Also das Paket, da muss ich Ihnen ehrlich was sagen…”

Kollege Mackenroth, der uns diesmal begleitete, verdrehte die Augen. Rudi konnte seine Gesichtsmuskulatur deutlich besser unter Kontrolle halten.

„Frau Malmströter”, sagte Rudi, aber es war sinnlos, die alte Dame davon abhalten zu wollen, das zu sagen, was sie sich nunmal zu sagen vorgenommen hatte.

„Also dieses Paket! Ich hatte den Eindruck, dass das sehr leicht gewesen sein muss. Da schien nur Luft drin gewesen zu sein!”

„Haben Sie den Wagen sehen können?”, fragte ich.

„Nein, den kann ich von meinem Fenster aus nicht sehen. Ich gehe davon aus, dass er auf einem der Parkplätze hier in der Nähe stand. Manchmal stehen die einfach in der Einfahrt und dann gibt es immer ein großes Theater, weil dann alles stillsteht.”

„Waren die Männer dunkelhaarig oder blond?”, fragte ich.

„Die hatten Mützen auf - und so Jacken mit dem Zeichen ihrer Firma. Deswegen habe ich sie auch gleich gesehen. Ich denke: Jetzt kommt es endlich! Aber nichts ist gekommen!”

„Von den Gesichtern konnten Sie nichts sehen?”

„Ich habe ehrlich gesagt nicht so genau hingesehen. Meine Augen sind noch gut, aber die Gesichter… Einer trug eine Sonnenbrille, die spiegelte. Und der andere, der lief komisch.”

„Was heißt komisch?”

„Ja, das heißt: Schnell aber eigenartig. Anders als andere Leute jedenfalls. So als wäre irgendetwas mit seinem Bein oder seinem Fuß nicht ganz so, wie es sein sollte.”

„Danke, ich denke, Sie haben uns sehr geholfen”, sagte ich.

„Da sollen zwei Männer erschossen worden sein, habe ich gehört. Hier im Haus.”

„Ja, das ist richtig.”

„Ich habe aber nichts gehört. Keinen Schuss.”

„Manche Mörder benutzen Schalldämpfer”, sagte ich. „Dann hört man nichts.”


*


Die Parkplätze in der Gegend wurden überprüft. Einige hatten Überwachungsanlagen. Bis zum Abend hatten die Kollegen die Aufzeichnungen überprüft. Ein Paketwagen war auf keiner dieser Aufzeichnungen zu sehen gewesen. Zumindest keiner, der zu der Firma passte. Ein Anruf bei dem privaten Paketdienst hatte im Übrigen unseren Verdacht bestätigt. Innerhalb des Zeitfensters, in dem unsere Kollegen umgebracht worden waren, war kein Wagen dieses Unternehmens eingesetzt worden.

Auch die Aufzeichnungen der Kamera am Haupteingang der nächsten U-Bahn-Station blieb ergebnislos. Bei den Tätern schien es sich um echte Profis zu handeln. Sie hatten wirklich alles vermieden, was sie identifizierbar machte.

Die Kollegen erweiterten ihre Nachforschungen auf die nächstgelegenen Subway-Stationen. Wenn das Paket wirklich so leicht gewesen war, wie Frau Malmströter behauptet hatte, dann war es für diese Männer auch kein Problem gewesen, zur nächsten oder übernächsten Station damit zu laufen.

Und da wurden unsere Kollegen dann schließlich fündig.

Wir saßen spät am Abend zusammen mit ein paar Innendienstlern und dem Kollegen Heinz-Jürgen Köhnermann in einem Dienstzimmer und sahen uns die entsprechenden Videosequenzen an, die die Kollegen herausgefiltert hatten.

Zwei Männer in Paketdienst-Uniformen. Das Firmenlogo stimmte. Einer trug eine Sonnenbrille und das Paket, das er bei sich trug, schien wirklich federleicht zu sein.

Und der andere ging tatsächlich etwas eigenartig.

„Der trägt orthopädische Schuhe”, stellte Köhnermann fest. „Der eine ist viel größer als der andere.”

„Wahrscheinlich ist ein Bein kürzer als das andere”, meinte einer der Innendienstler. „Die Bildqualität lässt stark zu wünschen übrig. Für Gesichtserkennungsprogramme ist das möglicherweise etwas mager, aber zusammen mit so einem Merkmal müsste eine Identifikation möglich sein. Vorausgesetzt, es gibt etwas in unseren Datenspeichern über die Kerle.”

Eine halbe Stunde später hatten wir ihre Namen.

Christoph Landmeier und Alex Korell.

Beide vorbestraft. Und beide hatten Verbindung zu Niko Farlin, einer lokalen Größe des organisierten Verbrechens in Berlin. Sowohl Korell als auch Landmeier wurden sofort in die Fahndung gegeben.

Ich wandte mich an Kollege Köhnermann. „Was ist dieser Farlin für ein Typ?”, fragte ich.

„Einer, dem wir bisher nichts beweisen konnten, aber wir sind überzeugt davon, dass er seine Finger in allem hat, was Geld bringt und illegal ist. Vor allem Geldwäsche und Drogenhandel. Kein Heroin oder so etwas, sondern chemische Designerdrogen. Und wir denken, dass er auch Verbindungen zum illegalen Medikamentenhandel hat. Mit falschen Viagra-Tabletten oder Krebsmedikamenten kann man noch mehr Geld als mit Heroin oder Kokain machen.”

„Wissen Sie, für wen er arbeitet?”

„Genau das ist das große Rätsel”, sagte Köhnermann. „Wir wissen nur, dass er unmöglich auf eigene Rechnung tätig sein kann und es gibt sehr starke Indizien, dass er Teil einer sehr viel größeren Organisation ist, über deren Ausmaße wir allerdings so gut wie nichts wissen. Wir haben schon versucht, ihn mit verschiedenen großen Syndikaten hier an der Ostküste in Verbindung zu bringen, aber letztlich war nichts davon wirklich so stichhaltig, dass auch nur irgendein Staatsanwalt es gewagt hätte, darauf eine Anklage zu bauen.”

„Hat dieser Farlin irgendwelche Verbindungen zu radikalen Islamisten? Macht er Geschäfte mit Saudi-Arabien? Hat er Geschäftskontakte in den Nahen Osten?”

„Ein ganzes Bündel an Fragen, Herr Kubinke. Die Antwort lautet in allen Fällen: Wir wissen es nicht. Es könnte möglich sein.”

„Wie meinen Sie das?”

Köhnermann hob die Augenbrauen. „Ich meine, worin besteht die Schwierigkeit von Geldwäschern? Sie haben Unmengen an Geld aus illegalen Geschäften, die irgendwie in den normalen Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden müssen, damit man etwas damit anfangen kann. Ölfirmen, die im Nahen Osten tätig sind, können da durchaus eine gute Tarnung sein. Zumal zurzeit der Ölpreis dermaßen im Keller ist, dass es auch nicht so schnell auffällt, wenn eine Firma in dieser Branche große Verluste macht und es ihr trotzdem blendend geht - was ja bei Geldwäsche immer die erste Verdachtsstufe auslöst!”

„Wir brauchen alles, was Sie über diesen Farlin und seine Geschäftsverbindungen haben”, sagte ich. „Schicken Sie die Daten unserer Kollegin Charlotte Matschke.”

„Okay, das veranlasse ich.”

„Danke.”

„Können Sie mir eine Frage beantworten, Kubinke?”

„Natürlich.”

„Glauben Sie im Ernst, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen Rattenwerfern und irgendwelchen Pest-Terroristen gibt?”

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber allein die Tatsache, dass diese Killer offenbar hinter Arnold Braunfeld her waren, stellt schon einen Zusammenhang her, finde ich.”

„Ich hoffe, dass das bald geklärt wird. Denn dieser Fall bekommt für mein Gefühl allmählich eine beunruhigende Dimension.”


10


Rudi und ich waren gegen Mitternacht noch unterwegs. Aber es ging nicht etwa nach Hause in den wohlverdienten und nur aus einigen Stunden Schlaf bestehenden Feierabend. Zuerst machten wir noch einen Abstecher, um Kriminaldirektor Hoch Bericht zu erstatten. Unser Chef war nämlich noch im Büro.

Der Platz von Frau Schneider, seiner Sekretärin, war schon längst nicht mehr besetzt, als wir sein Vorzimmer durchschritten, um zum Zimmer unseres Chefs zu gelangen.

„Herein”, sagte Kriminaldirektor Hoch, nachdem ich kurz geklopft hatte.

Kriminaldirektor Hoch saß in seinem Bürostuhl, in der Hand eine Fernbedienung und sah auf einen Flachbildschirm, auf dem ein Nachrichtenkanal lief.

Die Schlagzeilen wirkten beunruhigend.

BREAKING NEWS: RESISTENTER PEST-ERREGER IN DER HAND VON TERRORISTEN - GEN-WISSENSCHAFTLER SPURLOS VERSCHWUNDEN, stand da in Großbuchstaben unterhalb des eigentlichen Bildfensters. Eine Vertreterin des Gesundheitsministeriums gab ein paar ziemlich verdrehte Sätze von sich, deren Bedeutung sie wahrscheinlich nicht einmal selbst richtig zu deuten wusste. Sätze, die nur eine einzige Funktion hatten: möglichst wortreich gar nichts zu sagen.

Es ist also passiert!, dachte ich. Die Nachricht vom Diebstahl des resistenten Erregers war draußen. Irgendwo gab es immer eine undichte Stelle. Da waren nicht einmal Geheimdienste eine Ausnahme, wieso hätte es also bei Mohndorf-Drehser Institute anders sein sollen?

Kriminaldirektor Hoch drehte sich nicht zu uns um, sondern sah angestrengt zum Bildschirm.

Aber da er ja mit unserem Auftauchen gerechnet hatte, brauchte er sich auch gar nicht umzudrehen. „Setzen Sie sich, Harry und Rudi”, sagte der Chef. „Wie Sie sehen, werden wir morgen jede Menge Ärger bekommen.”

„Wie konnte das passieren?”, fragte Rudi.

„Ehrlich gesagt wundert es mich eher, dass es so lange gut gegangen ist”, sagte Kriminaldirektor Hoch. Er schaltete den Ton der Nachrichtensendung weg. „Das Gerede unserer offiziellen Repräsentanten wirkt in solchen Momenten immer ziemlich hilflos.” Er drehte sich zu uns herum. „Ich halte es nicht einmal für ausgeschlossen, dass es die Terroristen selbst waren, die dafür sorgten, dass diese Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie die Medien gezielt für ihre Zwecke einsetzen.”

„Und die öffentliche Aufregung über den Diebstahl eines resistenten Pest-Erregerstamms ist natürlich das ideale Begleitkonzert für die Rattenwerfer-Aktionen”, meinte ich.

Kriminaldirektor Hoch blickte auf die Uhr. „Wenn Sie mir heute Abend noch irgendetwas Erfreuliches berichten wollen, wäre ich Ihnen sehr dankbar.”

Ich fasste knapp den Stand der Ermittlungen zusammen und Rudi ergänzte hier und da etwas.

„Farlin…”, murmelte Kriminaldirektor Hoch, nachdem ich geendet hatte. „Ich habe diesen Namen schon in einem anderen Zusammenhang gehört.”

„Es ist die Frage, wieso es jemandem wie Farlin so wichtig zu sein scheint, jemanden wie Dr. Arnold Braunfeld in die Hände zu bekommen”, meinte Rudi.

Kriminaldirektor Hoch hob die Augenbrauen. „Sie sollten die Geschehnisse nicht vorschnell interpretieren”, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Im Übrigen kann ich mir kaum vorstellen, dass Farlin hier eigene Interessen verfolgt.”

„Und warum nicht?”, fragte ich.

Kriminaldirektor Hoch zuckte mit den Schultern. „Der ist einfach eine zu kleine Nummer. Ein regionaler Statthalter des organisierten Verbrechens. Ein Mann, dem man sagt, was er zu tun hat und der das dann brav ausführt. Jemandem die Knie brechen, einen Mord von seinen Gorillas durchführen lassen oder ein paar Millionen durch irgendeine Geldwaschanlage zu schleusen… Das sind seine Jobs! Der macht sich keine eigenen Gedanken, es sei denn vielleicht um seine eigene Sicherheit und darum, dass ihm juristisch niemand ans Bein pinkeln kann.”

„Dann ist die eigentlich interessante Frage, wer hinter Farlin steckt”, schloss ich.

Kriminaldirektor Hoch nickte. „Ja, so würde ich das auch sehen”, stellte er fest. „Auch wenn es mir bislang eher schwer fällt, einen Zusammenhang zwischen Farlin, seinem unbekannten, bislang hypothetischen Boss und ein paar fanatischen Muslimen zu sehen, die angeblich pestverseuchte Ratten auf Passanten in der U-Bahn werfen.”


*


Auf dem Weg zu unseren Wohnungen redeten Rudi und ich nicht mehr viel. Es war einfach zu spät. Die Ereignisse des Tages schwirten mir immer noch im Kopf herum. Wir hatten einfach noch nicht die entscheidenden Teile dieses Puzzles gefunden, sodass das Gesamtbild nach wie vor sinnlos erschien.

Aber es musste einen verborgenen Sinn geben. Zumindest dann, wenn man die ganze Angelegenheit aus der Perspektive derjenigen betrachtete, die diese eigenartige Verschwörung angezettelt hatten, die sich hier vor unseren Augen abspielte, ohne das wir bislang den richtigen Dreh gefunden hatten, um sie zu beenden.

Genau genommen hatten wir nicht einmal richtig verstanden, was die andere Seite überhaupt beabsichtigte.

Ich ließ Rudi an der bekannten Stelle raus.

„Bis morgen”, meinte mein Kollege.

„Ich hoffe, dass unsere Kollegen vom Erkennungsdienst dann irgendetwas für uns haben, das uns weiterbringt”, meinte ich.

„Für die nächsten paar Stunden werde ich darüber nicht weiter nachdenken”, meinte Rudi und unterdrückte ein Gähnen.


*


Am nächsten Morgen fand ich eine Nachricht von Anna-Lisa auf dem Handy.

„Wir fahren zu der Adresse, die im Navi siehst”, eröffnete ich Rudi, als ich ihn abholte.

„Weißt du etwas, was ich noch nicht weiß?”

„Anna-Lisa hat den Verdacht, dass Nour Jennifer Braunfeld zurzeit bei ihrer Glaubensschwester Laila Drösel wohnt. Sie hat mir jetzt geschrieben, dass sich der Verdacht erhärtet hat.”

„So sehr, dass es sich lohnt, dorthin zu fahren?”

„Ja.”

„Wie hat sie das denn geschafft?”

„Sie hat herausbekommen, dass der Wasserverbrauch sich so erhöht hat, dass man annehmen kann, dass seit ein paar Tagen eine weitere Person in der Wohnung lebt.”

„Das ist alles?”

„Zusätzlich hat sich Nour Jennifer Braunfeld wohl durch einen ihrer Posts auf diesem Halal-Forum verraten. Kaum zu glauben: Das Selfie einer voll verschleierten Frau hat sie trotzdem verraten, weil im Hintergrund eine Straße zu sehen ist.”

„Eine bestimmte Straße, die man identifizieren konnte?”

„Genau.”

„Na, dann sollten wir hoffen, dass Laila Drösel etwas über den Verbleib ihres Bruders weiß.”

Die gute Dreiviertelstunde, die wir für den Weg brauchten, nutzte Rudi dafür, um ein paar Dinge mit dem Laptop zu erledigen.

„Der ballistische Bericht zu den Projektilen, die unsere Kollegen getötet haben, ist da”, stellte er fest.

Jetzt konnte es interessant werden!

Dachte ich zumindest.

„Und? Eine bekannte Waffe?”

„Ja. Es sind zwei verschiedene Waffen.”

„Dann haben beide Paketboten geschossen!”

„Und beide Waffen sind schon bei verschiedenen anderen, bisher nicht aufgeklärten Schießereien benutzt worden. Alle im weiteren Dunstkreis von Farlins Kreisen.”

„Na, dann liegen wir da ja schonmal richtig.”

„Wenn Christoph Landmeier und Alex Korell gefasst werden, werden sie froh sein, überhaupt noch irgendeinen Deal angeboten zu bekommen und sich vielleicht als auskunftsfreudig erweisen.”

„Das kommt darauf an, vor wem sie mehr Angst haben: Vor dem Gesetz oder dem langen Arm ihrer Organisation.”

„Ich habe mich übrigens mal ein bisschen auf der Website umgesehen, die Nour Jennifer Braunfeld zusammen mit dieser Laila Drösel betreibt”, berichtete Rudi dann.

„Wann hast du dazu denn Zeit gehabt?”

„Beim Frühstück.”

„Na, wirklich genießen konntest du das dann aber nicht.”

„Jedenfalls hatte ich nicht das Gefühl, dass sich dort hasserfüllte Terroristen tummeln, Harry. Es ist eine Seite, auf der vor allem deutsche Islam-Konvertitinnen sich darüber austauschen, wie sie ihr Leben mit den Geboten und Traditionen ihrer Religion in Einklang bringen können.”

„Aber Laila Drösels Bruder…”

„...ist als sogenannter Hassprediger bekannt, ja das weiß ich. Aber dieser Bruder scheint in dieser Hinsicht ein ganz anderes Kaliber zu sein. Dessen Web-Auftritt habe ich mir nämlich auch angesehen.”

„Worauf willst du hinaus, Rudi?”

„Wir sollten nicht vorschnell über Nour Jennifer Braunfeld urteilen und falsche Schlüsse ziehen - nur, weil sie sich einer vergleichsweise strengen Religion angeschlossen hat!”

„Da würde ich dir nicht widersprechen.”


*


Als wir das Reihenhaus erreichten, in dem wir den gegenwärtigen Aufenthalt von Nour Jennifer Drösel vermuteten, spielten sich dort tumultartige Szenen ab. Mindestens hundert Personen standen vor dem Haus. Es flogen Steine. Scheiben waren bereits zu Bruch gegangen.

Männer, Frauen und ein paar Jugendliche waren in der Menge, die sich versammelt hatte. Hasserfüllte Rufe waren zu hören. Hier und da auch ein Sprechchor.

„Wir wollen hier keine Terroristen!”, rief jemand.

Da die Straße durch mehrere Fahrzeuge blockiert war, hatte ich den Jaguar in einiger Entfernung am Fahrbahnrand abstellen müssen.

„Scheint so, als wären wir gerade richtig gekommen”, meinte Rudi.

„Da scheint sich irgendwas zusammengebraut zu haben.”

„Wir sollten Verstärkung rufen.”

In der Ferne waren Sirenen zu hören zu hören. Möglicherweise hatte einer der Anwohner die Polizei bereits verständigt.

In diesem Moment fiel ein Schuss. Dann ein zweiter. Eine Fensterscheibe im zweiten Stock ging zu Bruch.

Die Situation drohte vollkommen aus dem Ruder zu gehen. Was diesen Mob veranlasst hatte, sich hier zu versammeln, wussten wir noch nicht. Aber es stand fest, dass wir sofort eingreifen mussten, um Schlimmeres zu verhindern.

Inzwischen fiel ein weiterer Schuss. Ein Brandsatz wurde durch eines der inzwischen zerstörten Fenster geworfen.

Ich riss kurz entschlossen die Dienstwaffe heraus. Rudi ebenfalls. „BKA! Geben Sie den Weg frei und legen Sie Waffen und gefährliche Gegenstände auf den Boden!”, rief ich. Mit der freien Hand hielt ich meine Dienstmarke hoch.

Der Tumult verebbte. Es herrschte plötzlich Schweigen. Mir fiel ein Mann auf, der eine Automatik in der Hand hielt.

„Hören Sie schwer? Die Waffe runter! Sofort! Oder muss ich erst von meiner Dienstwaffe Gebrauch machen?”

Die Wahrheit war: Ich hätte im Ernstfall gar nicht von meiner Schusswaffe Gebrauch machen können, ohne Unbeteiligte zu treffen. Es wäre schlicht und ergreifend unverantwortlich gewesen zu schießen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man in allen Polizeieinheiten normalerweise Teilmantelgeschosse verwendet, die im Körper stecken bleiben und eine stärkere mannstoppende Wirkung haben. Wer kann schon garantieren, dass nicht doch eine Kugel durch den Körper eines Menschen hindurchschießt und gleich noch zwei weitere Personen schwer verletzt oder gar tötet? Und dasselbe kann ein Querschläger auf dem Asphalt bewirken, der dann völlig unkontrolliert in die Menge fetzt.

Aber es gibt Augenblicke, in denen geht es weniger darum, was man wirklich tun kann, sondern darum, wer am lautesten brüllt. Und offenbar war mir das ganz gut gelungen.

Der Mann legte jetzt vorsichtig seine Waffe auf den Boden.

Möglicherweise hatte auch das Eintreffen der Polizei ihn dazu bewogen, auf sein verfassungsmäßiges Recht, Waffen zu tragen, wenigstens für einen Moment zu verzichten.


11


Da wir unsere Marken hochgehalten hatten, erkannten uns die eintreffenden Polizisten als Kollegen. Andernfalls hätte die Lage für uns kompliziert werden können.

„Wissen Sie, was hier los ist?”, fragte ich den Einsatzleiter.

„Sie sehen kein Fernsehen, oder?”

„Wir sind im Dienst und mit Arbeit so überhäuft, dass wir für solche Dinge wenig Zeit haben”, meinte ich.

„Vor einer Stunde kam auf die Nachricht, dass dieser verschwundene Gen-Wissenschaftler, der den Terroristen die Pesterreger geliefert hat, eine Schwester hat, die zum Islam konvertiert ist.”

Offenbar hatte sich diese halbwahre Version der Geschichte nicht nur in den Medien, sondern auch bei der örtlichen Polizei inzwischen verbreitet.

„Woher können die wissen, dass die Frau hier ist? Sie wohnt doch normalerweise gar nicht hier!”

„Da fragen Sie mich was! Aber diese Adresse wurde durch den Sender verbreitet. Zusammen mit dem Aufruf, etwas gegen den Terror von Muslimen zu unternehmen.”

„Was für ein Sender war das?”

„CBT sagten Sie? Was ist das denn für ein Sender?”

„Christian Television Berlin. Wird aus Russland finanziert.”

„Die Hassprediger der anderen Seite”, meinte Rudi. „Ich glaube im letzten Jahr hat ein Kommentator auf CBT für Schlagzeilen gesorgt, weil er zur Selbstjustiz gegen Abtreibungsärzte aufgerufen hat.”

Ich deutete auf die Menge. Der Waffenträger war inzwischen verhaftet worden und seine Personalien wurden gerade überprüft. „Wir brauchen die Daten, die Sie hier erfassen”, sagte ich.

„Werde ich veranlassen”, versprach der Einsatzleiter.

„Ansonsten nehme ich an, dass Sie die Situation hier in den Griff kriegen.”

„Keine Sorge. Es kommen noch zwei Mannschaftswagen.”

„Wir werden uns jetzt mal ins Haus begeben.”

Wir hatten die Eingangstür noch nichtmal erreicht, da riefen einige der Leute in der Menge: „Ja! Verhaftet die Terroristen!”

Ein paar Minuten später standen wir vor der Wohnung von Laila Drösel und klingelten.

Zunächst reagierte niemand. Ich versuchte es nochmal. „Hier ist das BKA! Machen Sie bitte auf!”, rief ich laut.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Kette versperrte noch den Weg. „Kann ich Ihren Ausweis sehen?”, fragte eine weibliche Stimme.

„Natürlich.”

„Reichen Sie ihn mir.”

Ich reichte ihr den Ausweis durch den Spalt. Die Tür schloss sich wieder. „Ob das jetzt eine gute Idee war, Harry?”, meinte Rudi.

Einige Augenblicke vergingen. Dann öffnete sich die Tür. Eine zierliche Frau stand mir gegenüber. Sie trug ein Kopftuch. Trotzdem war ich mir aufgrund der Augenbrauenfarbe sicher, das ihre natürliche Haarfarbe blond war.

„Sie sind Laila Drösel??”

„Ja, die bin ich.”

Sie gab mir meinen Ausweis zurück. Ich deutete auf Rudi. „Dies ist mein Kollege Kommissar Rudi Meier. Wer ich bin, haben Sie ja auf dem Ausweis gesehen.”

„Was wollen Sie von mir, Herr Kubinke? Mich als Terroristin verhaften, weil ich Rezepte für Gerichte poste, die halal sind? So weit ich mich erinnere ist dies ein Land, in dem Religionsfreiheit herrscht.”

„Wir sind uns sicher, dass sich derzeit noch eine weitere Person in Ihrer Wohnung aufhält: Nour Jennifer Braunfeld. Wir müssen mit ihr sprechen.”

„Gehen Sie in die Küche. Im Wohnzimmer ist die Scheibe kaputt und ich glaube keiner von uns möchte, dass einer der Irren da draußen auf uns schießt.”

„Ich bin überzeugt davon, dass die Kollegen die Lage in Kürze im Griff haben und sich dann alles entspannen wird.”

„Da sind Sie aber optimistisch. Wissen Sie überhaupt, was heute passiert ist? Haben Sie überhaupt eine Ahnung davon, was diesen Lynchmob verursacht hat?”

„Es gab eine Sendung in einem Lokalsender, der die Dinge wohl nicht ganz objektiv dargestellt hat. Der Kollege berichtete mir davon.”

„Nicht ganz objektiv dargestellt - das ist aber sehr diplomatisch formuliert.”

„Hören Sie, es ist uns bewusst, dass bei vielen Menschen im Augenblick die Emotionen ziemlich hochkochen. Aber wir müssen jetzt wirklich dringend mit Nour Jennifer Braunfeld sprechen…”

„Ich hoffe, Sie haben keine Angst, dass Sie irgendwo in dieser Wohnung einer toten, pestverseuchten Ratte begegnen, gegen deren Bakterienstamm es kein Antibiotikum gibt”, sagte sie, während sie voranging und uns in die Küche führte. Wir kamen dabei an der Tür zum Wohnzimmer vorbei. Es war ein faustgroßes Loch darin. Ein Schuss war offenbar von der Straße aus durch die Fensterscheibe gegangen und anschließend durch die Tür geschlagen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs war ein Einschussloch in der Wand und vermutlich konnte man dort auch das Projektil herauskratzen.

Ich blieb kurz stehen.

„Worauf warten Sie?”, fragte Laila Drösel.

„Es wird nachher jemand vom Erkennungsdienst vorbeikommen, um das Projektil zu untersuchen.”

„Und was bringt das? Ich bin froh, dass es niemanden getroffen hat.”

„Verändern Sie nichts”, sagte ich. „Den Schaden werden Sie vor Gericht geltend machen können.”

„Albträume werde ich in nächster Zeit vermutlich trotzdem bekommen.”

In der Küche trafen wir eine weitere Frau. Sie trug ebenfalls ein Kopftuch. Die Ähnlichkeit zu Bildern, die wir von ihrem Bruder gesehen hatten, war frappierend. Es war nicht zu leugnen, dass sie die Schwester von Dr. Arnold Braunfeld war. Im Internet hatte sie immer ihr Gesicht mit einem Niqab verschleiert, der nur die Augen freiließ. Zu Hause schien sie das nicht für notwendig zu halten.

Wir stellten uns kurz vor.

„Können wir Sie allein sprechen?”, fragte ich. „Wenn Sie wollen, können wir ein Besprechungszimmer im Präsidium in Anspruch nehmen.”

„Ich habe vor Laila keine Geheimnisse”, sagte Nour Jennifer Braunfeld. „Im Gegenteil, ich hätte gerne, dass sie als Zeugin bei unserer Unterredung dabei ist.”

„Sie scheinen mir nicht zu trauen.”

„Das ist nicht gegen Sie persönlich gerichtet.”

„Sondern?”

„Wenn man zum Islam übertritt, hat man in diesem Land mehr Feinde als Freunde. Vor allem bei der Polizei.”

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich keinerlei Vorurteile gegenüber irgendeiner Religion habe”, sagte ich. „Und dasselbe gilt für meinen Kollegen. Ich glaube weder, dass Muslime geborene Terroristen sind, noch nehme ich an, dass Christen es mit der Friedfertigkeit immer so ernst nehmen, wie ihr Glaube ihnen das eigentlich vorschreibt. Das, worum es mir geht, ist das Recht. Und das ist für alle gleich.”

„Schön wär’s.” Sie sah zu Rudi hinüber. „Starren Sie mich nicht an, als wäre ich ein exotische Tier, Herr… Meier war Ihr Name, oder?”

„Ich bin nur verwundert”, sagte mein Kollege.

„Weshalb?”

„Bei Ihrem Web-Auftritt zeigen Sie nie Ihr Gesicht.”

„Es ist ein Unterschied, ob man sich in einer Öffentlichkeit zeigt, die quasi Millionen umfasst oder hier in den eigenen vier Wänden einer Freundin.”

„Es geht um Ihren Bruder”, kam ich auf den Kern der Sache zurück. „Er ist seit einigen Tagen verschwunden und mit ihm ein gefährlicher Krankheitserreger. Zwei unserer Kollegen sind von Personen getötet worden, die offensichtlich hinter Ihrem Bruder her waren. Er ist also in Gefahr und wenn Sie ihm helfen wollen, dann sollten Sie uns alles sagen, was Sie über seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort wissen.”

„Ich habe keine Ahnung, wo Arnold ist”, sagte sie. „Und wenn Sie diesen Mist glauben, den irgendwelche Fernsehleute behaupten…”

„Ich glaube nur die Dinge, die ich beweisen kann”, sagte ich. „Und schon gar nicht irgendwelche Dinge, die in den Medien verbreitet werden. Aber es gibt da schon ein paar sehr merkwürdige Verbindungen.”

„Welche?”

Ich sah zu Laila Drösel hinüber, die neben der Anrichte stehen geblieben war und unser Gespräch aufmerksam verfolgt hatte. „Zum Beispiel, dass Sie zusammen mit der Schwester eines sogenannten Hasspredigers aus Brooklyn eine Website betreiben…”

„...auf der aber niemals Hass gepredigt wurde!”, unterbrach sie mich. „Zeigen Sie mir ein einziges Posting, das in diese Richtung geht und ich würde es höchstpersönlich entfernen! Wir achten sehr darauf, dass so etwas nicht geschieht.”

Rudi mischte sich nun in das Gespräch ein. „In diesem Punkt muss ich Ihnen recht geben”, erklärte er.

„Für die Ansichten ihres Bruders kann Laila nichts - genauso wenig wie ich für die Ansichten meines Bruders.”

„Wie sind denn diese Ansichten?”, versuchte ich es jetzt von einer anderen Seite. „Ich meine, Sie sagen das so, als würden Sie in zentralen Punkten nicht mit ihm übereinstimmen.”

„Das ist auch so. Sehen sie, mein Bruder ist jemand, dem es immer in erster Linie darum gegangen ist, beruflich etwas zu erreichen. Dafür würde er über Leichen gehen, so hatte ich manchmal den Eindruck. Krankheitserreger manipulieren, sodass es kein Heilmittel mehr dagegen gibt - das sieht ihm ähnlich. Und warum? Nur, damit er mit einem spektakulären Projekt hervortreten kann oder weil ihn dafür irgendjemand, der genauso skrupellos ist wie er, teuer bezahlt.”

„Und Sie? Wo liegen Ihre Schwerpunkte?”

„Interessiert Sie das wirklich, oder hoffen Sie auf diese Weise nur darauf, dass ich Ihnen doch noch unfreiwillig irgendwelche Details preisgebe, aus denen Sie dann auf den Aufenthaltsort meines Bruders oder eine große islamistische Verschwörung schließen können?”

„Nein, das interessiert mich wirklich. Denn wenn ich Sie verstehe, verstehe ich vielleicht auch Ihren Bruder etwas besser, was es mir erleichtern könnte, ihn zu finden...”

„Also doch!”

„...und zu schützen.”

„Das sagen Sie doch nur!”

„Hat Ihr Bruder jemals einen Mann namens Farlin erwähnt? Wissen Sie davon, dass er mit ihm jemals zu tun hatte?”

„Keine Ahnung. Mir ist der Name unbekannt. Wer soll das sein?”

„Das ist der Mann, für den die beiden Killer normalerweise arbeiten, die Ihren Bruder mutmaßlich töten wollten. Das heißt nicht, dass die beiden auch diesmal für diesen Farlin gearbeitet haben, sondern nur, dass es da eventuell einen Zusammenhang gibt, den wir gerne verstehen würden.”

„Wie gesagt - keine Ahnung.”

„Auf jeden Fall werden diese Killer weiter versuchen, Ihren Bruder in ihre Gewalt zu bekommen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass dies über Sie versucht wird.”

„Über mich?”

„Es könnte sein, dass man versuchen wird, Sie zu entführen, um Druck auf Ihren Bruder auszuüben”, mischte sich Rudi ein. „Dass Sie Beide sich anscheinend nicht sonderlich gut verstehen, wissen die ja nicht unbedingt.”

Nour Jennifer Braunfeld schluckte. Sie schien etwas nachdenklicher geworden zu sein. Jedenfalls hatte ich jetzt zum ersten Mal den Eindruck, dass sie uns gegenüber von nun an nicht mehr ganz so radikal auf Abwehr gepolt war. „Denken Sie nicht, dass ich mir nicht auch Sorgen mache”, sagte sie. „An dem Tag, als diese wahnsinnigen Rattenschmeißer überall in den Medien zu sehen waren, da hat sich Arnold bei mir gemeldet.”

„Was wollte er?”

„Er hat nur gefragt, ob es mir gut ginge. Das war sehr eigenartig, weil wir schon lange gar keinen Kontakt mehr hatten. Ich habe ihn gefragt, ob irgendetwas los sei.”

„Haben Sie da schon hier gewohnt?”

„Ja.”

„Woher wusste er das?”

„Das wusste er nicht. Ich habe meine Festnetznummer auf mein Handy geschaltet.”

„Was ist der Grund dafür, dass Sie nicht dort wohnen, wo Sie eigentlich zu Hause sind?”

Nour Jennifer Braunfeld sah kurz zu Laila Drösel hinüber. „Es gab zusammengeklebte Drohbriefe”, sagte Laila Drösel schließlich. „Deswegen habe ich ihr angeboten, dass sie für eine Weile zu mir zieht.”

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wer hinter diesen Drohungen steckt?”, fragte ich.

Nour Jennifer Braunfeld zuckte mit den Schultern. „Das sind ganz ähnliche Leute wie die, die Sie draußen vor der Tür erlebt haben.”

„Sie sollten nicht hier bleiben”, sagte ich. „Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass die Leute, die Ihren Bruder gesucht haben, früher oder später auch auf Sie kommen werden, zumal jetzt in den Medien über Sie berichtet wurde. Ob Sie nun viel Kontakt zu Ihrem Bruder hatten oder nicht, spielt dabei keine Rolle.”

„Und was sollte ich Ihrer Meinung nach tun?”

„Das BKA unterhält konspirative Wohnungen für Verbrechensopfer oder Zeugen, die geschützt werden müssen. Dort könnten Sie eine Weile unterkommen, bis sich die Situation etwas beruhigt hat.”


*


„Glaubst du ihr?”, fragte Rudi.

„Du meinst, dass sie nur diesen einen flüchtigen Kontakt zu ihrem Bruder hatte?”

„Genau das.”

„Ich weiß es nicht. Aber Tatsache ist, dass sie auf unser Angebot eingegangen ist, sich von den Kollegen sicher unterbringen zu lassen.”

„Sollte ihr Bruder dann noch einmal Kontakt zu ihr aufzunehmen versuchen, wird er das kaum tun können, ohne dass die Kollegen das zurückverfolgen könnten.”

„Die Genehmigung, ihre Telekommunikation zu überwachen, liegt vor, also dürfte das kein Problem sein.”

Wir telefonierten von unterwegs mit Kriminaldirektor Hoch, mit Kollege Köhnermann und mit Wiedelsbacher und Furtwängler. Furtwängler machte sich seine Gedanken darüber, wie der gestohlene Erreger fachgerecht aufbewahrt werden musste und ob man nicht möglicherweise dadurch Hinweise auf den Verbleib der Proben bekommen konnte.

Wir verabredeten außerdem eine Besprechung mit den Kollegen des Teams für den frühen Nachmittag. Es hatten sich anscheinend ein paar neue Erkenntnisse ergeben, und es war war wichtig, dass wir alle auf denselben Stand gebracht wurden. Das galt nicht nur für Rudi und mich, sondern insbesondere auch für die anderen Mitglieder des Teams.

Bei Köhnermann informierten wir uns über den Stand der Fahndung nach Christoph Landmeier und Alex Korell, die mutmaßlichen Killer unserer Kollegen in Arnold Braunfelds Wohnung.

Aber das sah ziemlich entmutigend aus.

„Die beiden sind offenbar schon vor längerer Zeit untergetaucht und nicht mehr unter ihren offiziellen Adressen zu finden”, berichtete Köhnermann. „Unsere Informanten, die wir in der Szene haben, werden sich umhören, aber da werden wir erst noch etwas abwarten müssen.”

„Ich denke, es müssten inzwischen Fotos und Steckbriefe draußen sein”, meinte ich.

„Das ist alles geschehen. Aber da sollten wir keine Wunderdinge erwarten.”

„Und Farlin?”

„Wir überwachen ihn. Aber das ist ein Fuchs. Der weiß, dass wir ihn seit Jahren überwachen und trotzdem nie etwas gegen ihn in die Hand bekommen haben, was man juristisch hätte verwerten können. Ich wette, er wird sich auch diesmal nur ins Fäustchen lachen.”

„Und für seinen geheimnisvollen Hintermann wird das wohl erst recht gelten”, vermutete Rudi.



12


Wir kamen dann noch gerade rechtzeitig zur Zusammenkunft mit unserem Team der Ermittlungsgruppe Erkenungsdienst.

„Also ich bin mit den Abläufen bei der Aufbewahrung von infektiösem Material vertraut und ich habe mir eingehend angesehen, wie das im Mohndorf-Drehser Institute gehandhabt wird”, sagte Gerold M. Wiedelsbacher. „Außerdem hat sich unser Kollege FFF noch gesondert am Arbeitsplatz von Dr. Braunfeld umgesehen und nach eventuell nicht identifizierbaren Spuren gesucht.”

FFF - so wurde unser Naturwissenschaftler Friedrich F. Furtwängler im Allgemeinen von seinen Kollegen genannt.

„Es waren ausschließlich Spuren von Personen zu finden, die auch Zugang zu diesem Bereich hatten”, berichtete Furtwängler. „In den Personaldaten des Instituts sind telemetrische Daten inklusive Fingerabdrücke gespeichert, so dass es sehr leicht war, einen Vergleich durchzuführen.”

„Glauben Sie nicht, dass der Dieb der Proben solche Spuren auch zu vermeiden wüsste?”, fragte Rudi.

„Natürlich, aber das wäre äußerst schwierig. Davon abgesehen müsste er auch sämtliche Sicherheitsbarrieren manipuliert oder sonstwie ausgetrickst haben. Nach meiner abschließenden Beurteilung - und da stimme ich mit unserem Freund von der Ranch in Texas mal ausnahmsweise vorbehaltlos überein: Es kommt nur eine einzige Person für den Diebstahl in Frage und das ist Dr. Braunfeld selbst.”

„Nach Angaben von Andrea Raskoviak sei Braunfeld bei dem Projekt mehr oder minder gescheitert”, sagte ich. „Der Erreger würde nicht dem historischen Bakterienstamm entsprechen, der gentechnisch rekonstruiert werden sollte.”

„Das können wir jetzt natürlich nicht mehr feststellen, weil uns die Proben fehlen”, stellte Furtwängler fest.

„Und wenn das der Sinn dieser ganzen Aktion war”, meinte Wiedelsbacher.

„Ich glaube, wir kommen nicht weiter, wenn wir an diesen Tatortreiniger-Spitzfindigkeiten kleben bleiben”, äußerte sich jetzt Anna-Lisa Cha.

Furtwängler und Wiedelsbacher sandten ihr beide einen geradezu vernichtenden Blick zu. Und selbst unsere ebenfalls anwesende Betriebswirtin Charlotte Matschke runzelte zumindest die Stirn. „Wie nennen Sie das?”, fragte Furtwängler mit einem Unterton, der seine ganze Empörung zum Ausdruck brachte.

„Ich wollte damit all die forensischen Kleinigkeiten, die für Sie beide so wichtig sind, durchaus nicht noch kleiner reden, als sie ohnehin schon sind”, versuchte Anna-Lisa den Schaden irgendwie etwas einzugrenzen und die Stimmung wieder zu geben, was ihr allerdings wohl gründlich misslang. Diplomatie war nun wirklich nicht ihr Haupttalent. „Aber wissen Sie, manchmal sollte man über diesen Kleinigkeiten die wirklich wichtigen Dinge nicht aus den Augen verlieren. Und ich habe nach langer Suche etwas Wichtiges gefunden, das dem Fall eine völlig neue Richtung geben könnte.” Anna-Lisa wartete die Reaktion der anderen gar nicht erst ab. Sie aktivierte mit einer Fernbedienung einen großen Flachbildschirm. Dass sie sich mit der Analyse der Videoaufzeichnungen von den Rattenwerfern beschäftigte, war uns ja bekannt. Wir sahen also die uns inzwischen sattsam bekannten Szenen vor uns ablaufen. Sie glichen sich alle im Wesentlichen, gleichgültig, in welcher Stadt sie aufgenommen worden waren.

„Sagen Sie bloß, einer der Typen war wirklich dumm genug, seine Maske abzunehmen, weil er sich zwischendurch mal jucken musste”, meinte Wiedelsbacher etwas ungeduldig.

„Ganz so gut ist es leider nicht”, gab Anna-Lisa zu. „Aber fast. Ich habe die Stelle gleich.”

Sie schaltete die Standbildfunktion ein und zoomte das Bild dann heran. Einer der Rattenwerfer war gerade in Aktion zu sehen. Ein Ärmel rutschte dabei etwas hoch. Und darunter kam ein Schatten zum Vorschein. „Sehen Sie das hier?”, fragte Anna-Lisa. „Ich zoome es noch etwas näher heran und außerdem lasse ich ein spezielles Programm drüberlaufen, dass die Bilddefizite durch die schlechte Aufnahmequalität und die problematischen Lichtverhältnisse ausgleicht. Naja, zum Teil jedenfalls. Und wenn man nun noch einen Spezialfilter…”

„Haben Sie nicht gerade was davon gesagt, dass man vor lauter Kleinigkeiten das Wesentliche nicht aus dem Blick geraten lassen sollte?”, knurrte Wiedelsbacher sichtlich genervt.

„Jetzt sehen Sie es! Kleine Hilfe, es ist ein Tattoo. Keine große Tattoo-Kunst, aber immerhin einigermaßen symmetrisch, würde ich mal sagen.”

„Ein Kreuz!”, entfuhr es Rudi.

„Bingo”, sagte Anna-Lisa. „Ich meine, viele Leute lassen sich Kreuze tätowieren. Und das in allen nur erdenklichen Variationen und je nachdem, wie derjenige eben so drauf ist. Mit Jesus dran und ohne, achtspitzig wie bei den Tempelrittern oder mehr wie auf einem Friedhof. Vielleicht auch umgedreht wie das Zeichen des Antichristen. Ich frage mich allerdings ernsthaft, ob ein eintätowiertes Kreuz wirklich die Art von Körperschmuck ist, die man bei einem fanatischen Muslim erwarten würde!”

„Es könnte jemand sein, der konvertiert ist”, sagte ich. „Die sind ja manchmal besonders streng.” Anscheinend stand ich noch etwas unter dem Eindruck von meinem Gespräch mit Nour Jennifer Braunfeld und Laila Drösel.

„Harry, jetzt enttäuschen Sie mich nicht”, sagte Anna-Lisa. „Glauben Sie diesen Unsinn wirklich? Ich würde eine viel einfachere Erklärung bevorzugen: Der Kerl da hat eine Moschee noch nie von innen gesehen und ist ganz sicher kein Muslim.”

Einige Augenblicke herrschte jetzt vollkommenes Schweigen im Raum. Eins hatte Anna-Lisa zumindest geschafft: Selbst Furtwängler war sichtlich beeindruckt und wusste für einen Moment nichts zu sagen.

„Ich glaube, das ist ein voreiliger Schluss”, sagte Furtwängler.

„Ich habe mich kundig gemacht”, fuhr Anna-Lisa fort. „Es ist nicht nur die Tatsache, dass es ein Kreuz ist, das dieser Typ sich in die Haut gebrannt hat. Dass es ein Mann ist, davon gehen wir auf Grund der Körperform jetzt mal aus. Tätowierungen werden von fast allen Islam-Gelehrten als ‘haram’ angesehen. Also verboten. Der Gedanke, den menschlichen Körper durch solche Eingriffe verschönern zu wollen, ist eine Missachtung Gottes, denn der hat den Menschen ja geschaffen. Und zwar ohne Tattoo.”

„Der Mann könnte doch ein Konvertit sein”, meinte Rudi. „Tattoos sind schwer zu entfernen. Man kann sich davon nicht so leicht entledigen wie man vielleicht einen Glauben ablegt.”

„Es gibt heute schon sehr gute Laser-Methoden, um Tattoos zu entfernen”, sagte Furtwängler. „Aber Sie haben recht, einen Beweis sehe ich nicht dafür, dass dies kein Muslim ist.”

„Vielleicht ist Anna-Lisa in ihrer Bewertung etwas über das Ziel hinaus geschossen”, mischte sich jetzt Charlotte Matschke ein. „Aber in einem hat sie meiner Ansicht nach Recht: Wir haben uns vielleicht zu sehr auf die Ermittlungsrichtung ‘islamistische Glaubenskrieger’ festgelegt und die Möglichkeit vorschnell ausgeschlossen, dass das auch ganz andere Leute sein könnten.”

„Angesichts der Videos, die im Netz kursieren und eifernde Gotteskrieger zeigen, sicher nicht ganz unbegründet!”, meinte Furtwängler.

„Ja, und was ist, wenn jemand genau diese Absicht hatte?”, meinte Charlotte. „Wenn wir durch diese Aktionen nur davon überzeugt werden sollten, dass fanatische Terroristen hinter der ganze Sache stecken?”

„Wer sollte denn sonst dahinterstecken?”, fragte Wiedelsbacher.

„Mich hat nur gewundert, dass offenbar zwei Killer hinter Arnold Braunfeld her waren, von denen die Kollegen glauben, dass sie höchstwahrscheinlich für einen gewissen Farlin arbeiten, einen bekannten Kriminellen, Geldwäscher und Statthalter eines bisher nicht bekannten größeren Syndikats.”

„Ich habe auch etwas, dass die Zweifel an der Islamisten-Hypothese nähren könnte”, eröffnete Charlotte jetzt. Wir sahen sie gespannt an. Charlotte wandte sich Rudi und mir zu. „Sie haben mich doch gebeten, mal etwas mehr über dieses Unternehmen herauszufinden, zu dem Dr. Arnold Braunfeld angeblich wechseln wollte.”

„Genau”, sagte ich.

„Zunächstmal ist NORREX bisher eine vergleichsweise unbedeutende Firma. Gegenüber direkten Konkurrenten wie Mohndorf-Drehser fallen die kaum ins Gewicht. Die Patente, die die halten, werden von Analysten im mittleren Wertschöpfungsbereich angesiedelt. Wenn Braunfeld dorthin gewechselt hätte, dann wäre das eigentlich ein Abstieg gewesen.”

„Aber nach Aussage von Andrea Raskoviak wollte man ihm sehr viel mehr Geld zahlen”, gab ich zu bedenken. „So viel, dass er seinen Star-Status bei Mohndorf-Drehser dafür aufgegeben hätte.”

„Ja, das würde auch durchaus Sinn machen”, sagte Charlotte. „Und zwar für den Fall, dass er wertvolle Patente mitgebracht hätte. Dann hätte sich das auch für ein vergleichsweise kleines Unternehmen wie NORREX gelohnt. Das Problem ist nur: Es gab nichts an Patenten, was Dr. Braunfeld hätte einbringen können“, sagte Charlotte.

„Ich dachte, er ist so ein Genie”, meinte Rudi. „Er muss doch was entwickelt haben…”

„Aber die Patente dafür gehen an Mohndorf-Drehser. Ich habe die Einträge überprüft.”

„Was schließen Sie daraus?”, fragte ich.

„Das einzige, was diesen Wechsel sinnvoll erscheinen lässt, wäre diese Möglichkeit”, fuhr Charlotte fort. „Braunfeld hat etwas entwickelt oder stand kurz davor. Er wollte aber nicht, dass auch dieses Patent an seinen Arbeitgeber geht, sondern hat diese Entdeckung in seine Verhandlungen mit NORREX eingebracht.”

„Dann muss es sich dabei wirklich um eine ganz große Sache handeln”, stellte ich fest.

„Eine ohnehin schon gefährliche Krankheit noch gefährlicher zu machen, stelle ich mir darunter allerdings nicht vor”, äußerte sich Dr. Wiedelsbacher. „Zumal solche resistenten Keime mittlerweile Dutzendweise von selbst entstehen. Ich erinnere nur mal an die antibiotika-resistenten Tuberkulose-Varianten, die inzwischen gehäuft auftreten.”

„Vielleicht entspricht das, was man uns bisher über den Auftrag gesagt hat, an dem Braunfeld arbeitete, nicht der Wahrheit”, vermutete Rudi. „Ich meine: Eine historische Pest-Variante gentechnisch erzeugen - wer zahlt denn dafür Geld?”

„Sagen Sie das nicht”, widersprach Furtwängler. „Es gibt da eine ganze Reihe hochinteressanter Forschungsprojekte, die ganz ähnliche Fragestellungen verfolgen und…”

„Ich wollte eigentlich noch etwas vorbringen, was unseren Blick auf den Fall etwas verändern könnte”, unterbrach Charlotte ihren Kollegen. „Unmittelbar nach Braunfelds Verschwinden, sind enorme Geldströme in Bewegung gekommen. Und all diese Ströme haben nur eine Fließrichtung: NORREX.”

„Über was für Dimensionen reden wir hier? Millionen?”

„Mehrere Milliarden US-Dollar. Und der Strom hält an”, sagte Charlotte.

„Das heißt, der Branchenzwerg NORREX ist gerade dabei, sich zu einem Riesen aufzublähen?”, schloss ich.

„So ist es.”

„Und was sind das Ihrer Erkenntnis nach für Gelder?”, fragte Rudi. „Ich meine, dass plötzlich die Investoren der halben Wall Street ein relativ kleines Unternehmen für sich entdeckt haben, weil sie glauben, dass dort das nächste große Börsending passiert, hat man ja öfter mal.”

„Das geht über einen Geheimtipp, der zum Selbstläufer wird hinaus”, gab Charlotte zurück. „Wenn ich die Daten richtig deute, dann liegt hier eine konzertierte Aktion vor.”

„Was heißt das genau?”, fragte ich.

„Große Investoren-Gruppen haben auf ein ganz bestimmtes Ereignis gewartet und dann den Geldstrom in Bewegung gesetzt. Die Gelder gehen alle über sehr verdächtige Kanäle auf den Cayman-Islands und ein paar anderen Steueroasen, die bekannt dafür sind, dass man mit ihrer Hilfe sehr gut die Herkunft von Geldern verschleiern kann.” Charlotte machte eine Pause und blickte auf. „Ich kann die Herkunft dieser Gelder vielleicht noch weiter verfolgen, aber für mich sieht das wie eine ganz groß angelegte Geldwaschaktion aus.”

„Dazu würde es dann auch passen, dass wir zwei mutmaßliche Killer in der Fahndung haben, die für einen gewissen Farlin arbeiten”, sagte ich. Ich wandte mich an Anna-Lisa. „Ist es vielleicht möglich, den Tattoo-Träger anhand seines Kreuze zu identifizieren?”

„Schwierig. Aber vielleicht haben wir bisher auch in der falschen Personengruppe gesucht”, sagte Anna-Lisa. „Möglicherweise ist ja mal jemand aus der Organisation von diesem Farlin erkennungsdienstlich behandelt worden, der ein Kreuz-Tattoo hat.”

Ich fragte: „Und was macht die Sache mit den Waschabdrücken der Jeans?”

„Ist in der Mache, Harry. Aber das ist langwierig. Und einen Erfolg kann ich Ihnen nicht garantieren.”


*


„Wer ist das, Herr Farlin?”, fragte der Mann mit dem orthopädischen Schuh. Die Sohle war einige Zentimeter dicker als bei seinem anderen Schuh, was eine unterschiedliche Länge der Beine ausgleichen sollte. Christoph Landmeier rieb die Hände aneinander.

Er sah sich um.

Die leerstehende Fabrikhalle am Rande von Berlin war kein gemütlicher Ort. Aber einer, an dem man sich unbehelligt treffen konnte.

Da Gelände gehörte Niko Farlin. Es war ein Spekulationsobjekt. Besser als die meisten Aktien.

Christoph Landmeier und Alex Korell standen ungefähr fünf Meter von Niko Farlin entfernt. Farlin trug einen maßgeschneiderten Dreiteiler. Er war ein schlanker Mann mit gegelten Haaren und kantigem Gesicht. Die Augen waren grau und ihr Blick hatte etwas Kaltes, Falkenhaftes an sich.

Neben Farlin stand ein weiterer Mann. Christoph Landmeier hatte ihn noch nie gesehen. Und für Alex Korell galt offenbar dasselbe, denn auch er machte einen ziemlich irritierten Eindruck.

„Hey Mann, was macht der fremde Typ hier? Ich dachte, wir treffen uns mit Ihnen, Herr Farlin.”

„Das ist Jerome”, sagte Farlin. „Sagt ‘hi’ zu Jerome.”

„Ich hatte ehrlich gesagt, nicht damit gerechnet, dass hier noch jemand ist, Herr Farlin”, sagte Landmeier.

„Schöne Grüße vom ‘Propheten’”, sagte der Mann, der als Jerome vorgestellt worden war. „Es gibt hier anscheinend ein paar Probleme.”

„Wer sagt das denn?”, fragte Landmeier aufgebracht.

„Hat man dir das nicht gesagt?”, fragte Jerome.

„Keine Ahnung, was du meinst!”, gab Landmeier zurück.

„Hat man dir nicht gesagt, dass der Prophet alles sieht und alles weiß?” Jerome grinste. „Darum ist er ja auch der Prophet - und du nur ein Arschloch!”

Landmeiers Gesicht wurde dunkelrot. Er wandte sich an Farlin. „Darf dieser Scheißkerl so mit mir reden? Was bildet der sich ein!”

„Er darf”, antwortete Jerome, während Farlin nur scheinbar unbeteiligt daneben stand und schwieg. „Zwei tote BKA-Ermittler und ein vermasselter Auftrag. Die ganze Sache wird ein bisschen heiß, würde ich sagen. Und eure Unfähigkeit bringt auch andere in Schwierigkeiten. Daran habt ihr zwei wohl überhaupt nicht gedacht.”

„Wir bringen das noch zu Ende”, sagte Alex Korell.

„Nein. Dafür bin ich jetzt hier”, sagte Jerome. Er griff unter seine Jacke. Eine Automatik mit aufgeschraubtem Schalldämpfer war im nächsten Moment in seiner Hand.

Landmeier machte noch einen Schritt zurück. Alex Korell versuchte, unter seine eigene Jacke zu greifen, wo sich ein Schulterholster abdrückte. Aber Jerome war viel zu schnell und zu präziser. Von den Schüssen selbst war fast nichts zu hören. Mündungsfeuer blitzte aus dem Schalldämpfer heraus.

Christoph Landmeier und Alex Korell sanken getroffen zu Boden.

„Schade um die beiden”, sagte Farlin. „Waren eigentlich gute Leute.”

„Naja…”

„Doch, das finde ich!”

„Okay…”

„Ist meine ehrliche Meinung.”

„Aber ihr Versagen lockt nur Bullen an. Und es gefährdet unser Vorhaben”, erklärte Jerome.

Er wirkte eiskalt.

Farlin sah seinem Gegenüber geradewegs in die Augen. „Wie lauten die Anweisungen des ‘Propheten’?”, fragte er dann.

„Das brauchst du nicht mehr zu wissen”, sagte Jerome.

„Aber…”

Die Erkenntnis kam sehr langsam.

Farlin wurde bleich wie die Wand.

Jerome verzog das Gesicht.

„Ich bin hier, um die Sache zu Ende zu bringen…” Er feuerte zweimal. Farlin sackte in sich zusammen und fiel wie ein gefällter Baum zu Boden. Er blieb in eigenartig verrenkter Haltung liegen. Sein Gesicht konservierte den Ausdruck vollkommener Fassungslosigkeit. „Du bist jetzt nicht mehr dabei, Farlin”, murmelte Jerome. Er griff zu seinem Smartphone.

„Alles gut gelaufen?”, fragte die Stimme aus dem Gerät.

„Schritt eins verlief planmäßig”, erklärte Jerome.

„Und Schritt zwei?”

„Folgt umgehend.”

„Wir dürfen uns kleine weiteren Fehler leisten. Sonst ist das ganze Projekt in Gefahr.”

„Das ist mir durchaus klar”, versicherte Jerome.


*


Am Abend erreichte uns ein Anruf. Wir waren gerade ins Präsidium zurückgekehrt, hatten jeweils unsere Dienstzimmer aufgesucht und ein paar Dinge aufgearbeitet, die angefallen waren. Von Frau Schneider erfuhren wir, dass Kriminaldirektor Hoch derzeit nicht im Haus war. Das war ungewöhnlich, hatte aber mit den Umständen dieses Falles zu tun. Es fand eine Pressekonferenz statt. Man war offensichtlich der Meinung, dass man etwas zur Beruhigung der Bevölkerung tun musste und dazu wollte man auch ein paar sachkundige Worte von einem ranghohen BKA-Vertreter hören, der in den Fall involviert war. Ich wusste, dass Kriminaldirektor Hoch solche Auftritte nicht besonders mochte. Aber sie ließen sich wohl einfach nicht vollkommen vermeiden. Schon gar nicht in der Position, die er inzwischen innehatte.

„Hier Kubinke”, sagte ich. „Was gibt es?” Ich hatte auf dem Display meines Handys gesehen, dass es Kollege Köhnermann persönlich war, der mich anrief.

„Ihr Arbeitstag ist wahrscheinlich offiziell bereits genauso vorbei mir meiner”, begann er.

„Sie wissen doch, dass das Wort Feierabend in unseren Arbeitsverträgen nicht vorkommt”, meine ich.

„Ich bekam gerade die Meldung, dass man in einer Lagerhalle am Rande von Berlin drei Leichen gefunden hat. Es sind gute Bekannte: Farlin, Korell und Landmeier.”

„Dann will da offenbar jemand auf Nummer sicher gehen”, meinte ich.

„Wenn Sie mich nach meiner Meinung fragen: Da hat die harte Hand des geheimnisvollen Bosses zugeschlagen, der über Farlin steht.”

„Die drei waren offenbar inzwischen ein zu großes Risiko.”

„Sie sagen es.”


13


Als Rudi und ich am Tatort eintrafen, standen dort bereits mehr als ein Dutzend Einsatzfahrzeuge. Ein Kollege namens Braduskowski leitete und koordinierte den Einsatz. Überall auf dem Gelände waren Kollegen des Erkennungsdienstes auf der Suche nach Spuren.

Braduskowski führte uns in die Halle. Die Toten waren bereits weggebracht worden. Markierungen deuteten an, wo sie gelegen hatten. Dunkle Flecken auf dem Betonboden zeigten, dass hier im wahrsten Sinn des Wortes Blut geflossen war.

„Die Kollegen haben den eigentlichen Tatortbereich schon abgespurt”, sagte Braduskowski. „Wir hätten Sie auch früher verständigt, wenn die Identität der Täter früher klargewesen wäre. Aber die Kollegen vom Police Department, die zuerst hier waren, haben Farlin nicht gleich erkannt.”

„Organisiertes Verbrechen ist ja auch nicht deren tägliches Geschäft“, sagte Rudi.

„Sie sagen es”, meinte Braduskowski.

„Wann ist das hier passiert?”, fragte ich. Angesichts der Tatsache, dass die Flecken auf dem Betonboden noch zu sehen waren, konnte die Tat selbst noch nicht allzu lange her sein. Ein paar Stunden maximal.

„Es war genau um Viertel nach vier heute Nachmittag”, erklärte Braduskowski.

„So exakte Angaben macht unser Gerichtsmediziner nie!”, stellte ich fest.

Braduskowski lächelte „Wie wir alle wissen, ist das normalerweise auch gar nicht möglich. Aber in diesem Fall gibt es eine Ausnahme.”

„Wieso?”

„Es gibt einen Zeugen”, erklärte Braduskowski. „Sein Name ist Frank Möckelpeter. Er ist in der Gegend eher unter dem Namen 'Mad Frank' bekannt. Ein Obdachloser, der in letzter Zeit wohl öfter in dem Gebäude nebenan kampiert hat. Mad Frank besitzt eine Uhr, die ziemlich exakt geht.”

„Ist er noch hier, sodass wir mit ihm sprechen könnten?”, fragte ich.

„Einer unserer Kollegen ist gerade noch damit beschäftigt, die Aussage aufzunehmen. Die sitzen in dem Van, der draußen steht. Sie können gerne dazustoßen.”


14


Kollege Vandersteen saß zusammen mit Mad Frank in dem zum Klein-Büro ausgebauten Van. Während Rudi sich noch am Tatort weiter umsah, setzte ich mich dazu.

Mad Frank trug einen Bart, der ihm fast bis unter die Augen wucherte und so lang war, dass er beinahe bis zum Brustbein herabreichte.

„Kommissar Harry Kubinke, BKA”, stellte ich mich vor und zeigte ihm meinen Ausweis.

„Sie können mich Frank nennen”, sagte er.

„Meinetwegen. Dann habe ich auch nichts dagegen, wenn Sie Harry zu mir sagen.”

„Frank hat den gesamten Vorgang bereits zu Protokoll gegeben”, sagte Kollege Vandersteen. „Aber wenn Sie ihm ein paar zusätzliche Fragen stellen wollen...”

„Ein Kommissar beim BKA ist was Hohes, oder?”, fragte Frank.

Ich lächelte. „Naja, es hat zumindest ziemlich lange gedauert, bis ich einer wurde.”

„Wenn sich das BKA um so einen Fall kümmert, dann ist es was Größeres, oder?”

„Sie kennen sich aus?”

„Ich war früher selbst mal in der Sicherheitsbranche.”

„So?”

„Wachmannn.”

„Ah, ja…”

„Drüben in Potsdam. Bis mich ein paar Dinge etwas vom Weg abgebracht haben…” Er deutete auf die Uhr an seinem Handgelenk. „Das hier ist mir von meinem damaligen Leben noch übrig geblieben. Ist extrem stoßfest. Man könnte damit tauchen. Und sie ist auf die Sekunde zuverlässig.”

„Eine schöne Uhr.”

„Ich erzähle Ihnen gerne nochmal, was ich gerade schon Ihrem Kollegen gesagt habe.”

„Was haben Sie gesehen?”

„Ich bin ja seit einiger Zeit öfter hier in der Gegend. Man hat seine Ruhe hier. Und vor allem diese verfluchten Drogensüchtigen lassen einen hier in Ruhe. Jedenfalls hat es mich schon gewundert, dass mehrere Fahrzeuge auf das Gelände kamen. Klar, dass ich mich gleich verkrochen habe. Ich wollte keinen Ärger.”

„Von wo aus haben Sie das gesehen?”

Er deutete zum Fenster hinaus auf ein benachbartes Gebäude. „Von da da drüben. Jedenfalls sind zwei Wagen hierher gefahren. Diejenigen, die ausstiegen waren fein gekleidet. Passte zu den guten Wagen. Und dann kam noch ein zweiter Wagen. Das war ein Mietwagen.”

„Woran haben Sie das gesehen?”

„An dem Firmenschild. War nicht groß, aber ich habe gute Augen. BATCOC GmbH. stand darauf. Und darunter eine Telefonnummer, die ich mir gemerkt habe. Ihr Kollege hat sie aufgeschrieben. Die Adresse konnte ich nicht lesen, die war zu klein. Aber ich wette, dass Sie auch so drauf kommen.”

„Was geschah dann?”

„Aus dem Leihwagen stiegen zwei Typen aus. Einer lief etwas eigenartig. Der hatte so einen Klumpfuß oder so etwas. Tja, seltsam war, dass wenig später nur ein einziger Mann wieder lebend ins Freie trat. Er stieg in seinen Wagen und fuhr davon.”

„Können Sie den Mann beschreiben?”

„Groß, schlank, dunkler Rollkragenpullover und Jackett. Und er lief so, als hätte er eine Waffe drunter. Ich kenne das. Man achtet dann darauf, dass die Jacke nicht zur Seite gleitet und man die Pistole gleich sieht.”

„Glauben Sie, dass Sie mit einem Kollegen ein Phantombild von dem Kerl erarbeiten könnten?”

„Kann ich versuchen.”

„Damit würden Sie uns sehr helfen.”

Mein Handy klingelte. Es war Anna-Lisa „Harry, Sie können mir gratulieren und sich einen Haftbefehl besorgen.”

„Das klingt nach eine Erfolgsmeldung”, stellte ich fest.

„Ich bin systematisch die Daten der Leute durchgegangen, auf die folgende Merkmale zutreffen: Verbindungen zu Farlin, Kreuz-Tattoo und vorbestraft. Da blieb nur ein Name übrig: Calvin Dolani.”

„Dass er zum Islam konvertiert ist, steht nicht zufällig in den Akten?”

„Bei seiner letzten Verhaftung hat er angegeben, Katholik zu sein.”

„Jedenfalls haben wir jetzt vielleicht einen der Rattenwerfer.”

„Worauf soll sich denn das Wort vielleicht beziehen, Harry? Wenn Sie damit in Erwägung ziehen, dass Sie ihn vielleicht nicht kriegen: okay! Aber wenn Sie glauben, es bestünde noch irgendein vernünftiger Zweifel daran, dass Calvin Dolani mit einem der Rattenwerfer identisch ist, dann irren Sie sich. Das ist mathematisch gesehen wasserdicht, denn auch wenn es theoretisch möglich wäre, dass sich verschiedene Personen ein identisches Tattoo stechen lassen, so wäre doch schon sehr unwahrscheinlich, dass auch noch sämtliche telemetrischen Daten übereinstimmen. Körpergröße, Schulterbreite, Halslänge, Beinlänge, Armlänge, Handspanne im Verhältnis zur Armlänge und so weiter und so fort. Ich habe wirklich alles verglichen, was irgendwie zu vergleichen war - abgesehen vom Gesicht. Aber das leuchtet Ihnen ja sicher ein.”

„Jedenfalls vielen Dank.”

„Schlagen Sie ihm am besten gleich einen Kooperations-Deal vor. Kronzeugenregelung oder sowas. Dann ersparen Sie es mir, seine Komplizen ebenfalls mit diesem aufwändigen Jeans-Waschmuster-Abgleich zu überführen!”

„Herr Dolani hat bestimmt Verständnis für Ihre Nöte”, sagte ich schmunzelnd.

„Na, dann!”

„Nur bin ich leider kein Staatsanwalt oder Richter, der da irgendwelche Zusagen machen könnte.”

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es trotzdem versuchen würden.”

Ich nickte.

„Sicher.”


*


Calvin Dolani wohnte in einem Altbau. Wir rückten zusammen mit einer Handvoll Kollegen an. Rudi und ich begaben uns zusammen mit einem weiteren Kollegen zur Wohnung. Mit einem Tritt ließen wir die Tür zur Seite springen. Rudi stürmte als Erster hinein. „Polizei! Keine Bewegung!”, rief er mit der Waffe in der Hand.

Das Apartment bestand aus einem einzigen großen Raum. In der Mitte saßen fünf Personen an einem Tisch. Zwei Männer und drei Frauen, alle zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Auf dem Tisch wurde gerade Kokain mit Mehl versetzt und zu Crack aufgekocht.

Von der Bildern aus unserem Datenverbundsystem erkannte ich Dolani. Er trug ein kurzärmeliges T-Shirt. Das Kreuz an seinem Unterarm war nicht zu übersehen. In seinem Hosenbund steckte eine Waffe.

Die drei Frauen schien ziemlich vollgedröhnt zu sein. Eine von ihnen kicherte irre.

Der zweite Mann hatte dunkle Locken. Er ließ das Crackbesteck fallen und wollte unter den dünnen Blouson greifen, den er trug.

„Mein Kollege sagte: Keine Bewegung!”, erinnerte ich ihn.

Er blickte in den Lauf unserer Dienstwaffen. Ich versuchte anhand der Pupillengröße abzuschätzen, wie viel Drogen er zurzeit wohl intus hatte. Mit normalen Reaktionen kann man dann nicht unbedingt rechnen.

Aber dieser Kerl war zumindest vernünftig genug, die Waffe, die er unter dem Blouson verbarg, nicht mehr anzurühren. Ich nahm sie ihm ab, was er widerstandslos geschehen ließ.

Unterdessen wandte sich Rudi an Dolani.

„Herr Calvin Dolani?”

„Warum fragen Sie, wenn Sie wissen, wer ich bin!”

„Sie sind verhaftet.”

„Hey Mann, was soll die Scheiße, ich habe nichts gemacht!”

„Die Liste der Anklagepunkte wird lang sein. Im Kern läuft es auf Terrorismus hinaus”, sagte Rudi. „Sie haben angeblich pestverseuchte Ratten in der U-Bahn auf Passanten geschleudert und dazu Hassparolen gerufen.”

„Wollt ihr mich verarschen?”

Eine der jungen Frauen kicherte immer noch und wirkte vollkommen weggetreten.

„Ich denke, wir unterhalten uns besser im Präsidium weiter”, meinte ich. „Bis dahin werde ich Sie schonmal über Ihre Rechte belehren. Falls Sie jetzt irgendetwas sagen, kann und wird dies vor Gericht gegen Sie verwendet. Aus diesem Grund haben Sie das Recht zu schweigen…”

„Ihr könnte mich alle mal!”, rief Dolani.


15


Später, saß er uns in einem der Büros im Gebäude des Field Office Berlin gegenüber. Auf einen Anwalt hatte Dolani bisher nicht bestanden. Und das war für ihn vielleicht sogar besser. Schließlich gingen wir davon aus, dass Dolani in den letzten Jahren Teil derselben Organisation gewesen war, zu der auch Niko Farlin gehört hatte. Und ein Anwalt, der letztlich von seinem Syndikat bezahlt worden wäre, wäre sicher nicht besonders hilfreich gewesen, um ihn zur Kooperation zu überreden.

Wir zeigten ihm eine der Video-Sequenzen, auf denen Dolani zu sehen war. „Ihr Tattoo erkennt man gut wieder, finde ich”, sagte Rudi.

„Das ist doch alles manipuliert.”

„Hören Sie, Sie kommen vielleicht mit einem blauen Auge davon”, meinte ich. „Schließlich ist das, was Sie getan haben, letztlich nur unappetitlich, aber nicht lebensbedrohend für irgendjemanden gewesen. Zumindest bei wohlwollender Interpretation.”

„Was ist für mich drin, wenn ich rede?”, fragte Dolani schließlich.

„Zum Beispiel, dass wir dafür sorgen können, dass Sie am Leben bleiben.”

„Nehmen Sie mich jetzt auf den Arm, oder was? Todesstrafe gibt es nicht in Deutschland.”

„Nicht durch die Justiz. Aber gewisse andere Leute sehen das nicht so eng.”

„Wie?”

Ich zeigte ihm ein Tatortbild von dem Blutbad, das ‘Mad Frank’ entdeckt hatte. Das Foto füllte den gesamten Flachbildschirm in dem Besprechungszimmer aus. Niko Farlin war dort in eigenartig verrenkter Haltung zu sehen.

Dolani wandte den Blick ab.

„Wenn das Ihrem Boss passiert - was glauben Sie wohl, wie man mit Ihnen umspringen wird”, gab Rudi zu bedenken.

Dolani fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht. Er schien nachzudenken und ich dachte, dass es vielleicht das Beste war, ihm dazu auch ein paar Augenblicke Zeit zu geben. „Halten Sie mich vielleicht für einen islamistischen Gotteskrieger?”, fragte er dann. „Ich bin ein guter Katholik!”

„Über das Wort gut könnten wir streiten”, sagte ich. „Das andere wissen nur Sie selbst.”

„Also ich will, Ihnen sagen, wie es gewesen ist.”

„Gut, wir hören.”

„Das Ganze war eine Riesen-Show, verstehen Sie.”

„Nein. Erklären Sie es uns.”

„Also Herr Farlin hat ein paar von seinen Leuten zusammengerufen. Unter anderem mich. Er meinte, es gäb was zu tun. Ein Auftrag von ganz oben und das Ganze würde sich für jeden von uns lohnen.”

„Worum ging es dabei?”

„Das wurde uns erst nicht gesagt.”

„Und was bedeutet ‘ein Auftrag von ganz oben’?”

„Naja…”

„Ging es um jemanden, der über Niko Farlin stand?”

„Ja, so könnte man es ausdrücken.”

„Wissen Sie, wer Niko Farlins Boss war?”

Dolani schüttelte den Kopf. „Das weiß niemand. Jedenfalls niemand, den ich kenne. Manche nennen ihn ‘den Propheten’. Weil er alles weiß und über alles informiert ist. Mit Religion hat das nichts zu tun.” Er zuckte mit den Schultern. „Mehr weiß ich nicht. Und Farlin selbst können Sie jetzt nicht mehr fragen, wenn das Bild, das Sie mir gezeigt haben, nicht einfach nur gefaked war, um mich etwas zu erschrecken.”

„Erzählen Sie uns, wie es weiterging.”

„Ich fand mich am Treffpunkt ein. Zusammen mit anderen.”

„Wir wollen die Namen”, mischte sich Rudi ein.

„Ich kenne nur die Namen von ein paar Jungs aus Berlin, die dabei waren. Aber die meisten von denen, die dort waren, hatte ich nie zuvor gesehen.”

„Und wo liegt der Treffpunkt?”

„Ein brachliegendes Industriegelände. Ich weiß die Adresse nicht auswendig, würde es aber auf der Karte wiederfinden.”

Rudi und ich wechselten einen kurzen Blick. Wie vertrauenswürdig war der Kerl? Das war hier die Frage. Aber das würde sich zeigen, wenn wir die Namen seiner Komplizen überprüfen und den angeblichen Treffpunkt von Erkennungsdienstlern untersuchen ließen.

„Fahren Sie fort”, sagte ich. „Wie kam es dazu, dass man Sie zur besten Sendezeit einen Rattenkadaver durch die Gegend werfen sieht, während sie kämpferische Hassparolen schreien!”

„Das wurde mit uns trainiert. Ich meine, das mit den Ratten war unappetitlich. Aber man sagte uns, dass es nicht gefährlich wäre und außerdem wurden wir wirklich sehr gut bezahlt. Alles war genau durchgeplant. Dieser Typ…”

„Welcher Typ?”

„Er wurde Jerome genannt. Mehr weiß ich nicht.”

„Können Sie ihn beschreiben?”

„Groß, schlank, Rollkragenpullover und… Seine Stimme klang wie ein Reibeisen. So als hätte er sich in den letzten Jahren von Whisky oder noch schlimmeren Dingen ernährt. Wenn der Typ mir heute auf der Straße begegnen würde, würde ich ihn vielleicht gar nicht wiedererkennen, wenn er nicht gerade dasselbe anhätte. Aber seine Stimme, die würde ich unter Tausenden heraushören. So etwas gibt es nur einmal.”


*


Wir zeigten Dolani das Phantombild, das mit Mad Franks Hilfe angefertigt worden war.

„Das ist er”, bestätigte Dolani.

„Sind Sie sicher?”, fragte ich. „Schauen Sie lieber nochmal hin.” Das sagte ich vor allem deshalb, weil das Phantombild, das nach Mad Franks Angaben erstellt worden war, einen Mann zeigte, der alles andere als besonders charakteristische Züge aufwies. Immerhin schien er tatsächlich eine Vorliebe für Rollkragenpullover zu haben.

„Sie haben nicht zufällig auch eine Stimmprobe von ihm?”, fragte Dolani. „Dann wäre ich mir hundertprozentig sicher. Aber auch so… Doch, dass ist er. Er hielt seinen rechten Arm immer so eigenartig.”

„Eigenartig?”, echote ich.

„So wie jemand, der eine Waffe unter der Jacke trägt, verstehen Sie?”

„Das hat schonmal jemand über ihn gesagt”,erinnerte ich mich.


*


Später saßen wir im Büro von Kollege Köhnermann.

„Ein Dutzend Haftbefehle sind ausgestellt”, sagte Köhnermann. „Dolani war ja bei Ihnen ziemlich gesprächig.”

„Dazu kommt noch eine Person, die unsere IT-Spezialistin inzwischen durch die Waschmuster der Jeans identifiziert hat”, sagte ich, denn Anna-Lisa war es tatsächlich gelungen, einen weiteren Rattenwerfer auf diese Weise zu identifizieren. Manuel Kratzow war ein halbes Jahr zuvor anhand des Waschmusters seiner Jeans als derjenige identifiziert worden, der sich an einem Geldautomaten zu schaffen gemacht hatte.

„Wie jemand so dumm sein kann, eine auf diese Weise identifizierte Jeans später nochmal zu tragen, wenn er bei so einer Aktion mitmacht, werde ich wohl nie begreifen”, meinte Rudi.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, Kratzow hat einfach nicht mehr daran gedacht. Geschweige denn, dass ihm klar gewesen ist, dass man die Aufnahmen von der Video-Kamera des Geldautomaten noch einmal heranziehen würde, um ihn zu identifizieren.”

„Bei Fingerdrücken ist das inzwischen jedem klar”, meinte Köhnermann. „Selbst Amateur-Verbrecher tragen heute schon Latexhandschuhe. Aber was Waschmuster angeht, wissen selbst viele Cops nicht darüber Bescheid.”

Für mich stand noch etwas anderes im Vordergrund.

„Die Namen, die Dolani genannt hat, gehören alle zu Leuten, die hier aus Berlin kommen und auf die eine oder andere Weise für Niko Farlin tätig waren”, fasste ich unsere Erkenntnisse zusammen. „Und dann ist da dieser Kratzow...”

„Du meinst er könnte etwas mit diesem ‘Propheten’ zu tun haben?”

Ich nickte. „Exakt. Mit dieser bisher unbekannten grauen Eminenz des organisierten Verbrechens, die ‘der Prophet’ genannt wird”, sagte ich. „Wer sonst sollte die Verbindung hergestellt haben?”

„Ist das nicht ein etwas voreiliger Schluss, Kommissar Kubinke?”, fragte Köhnermann.

Ich hob die Augenbrauen. „Finden Sie?”

„Die Kollegen haben ihn ja vielleicht bereits festgenommen - so wie die anderen.” Er unterdrückte ein Gähnen. „Ich schlage vor, wir machen Schluss für heute. Morgen werden wir sicher Zeuge von sehr aufschlussreichen Verhören werden!”


*


Am nächsten Morgen fuhren wir zu einem kleinen Hotel am Rand von Berlin. Als wir eintrafen, waren dort bereits fast ein Dutzend Einsatzfahrzeuge. „Wieso ist der Leichenwagen noch nicht hier?”, hörte ich jemanden rufen. „Der müsste doch längst da sein!”

Ich suchte einen Parkplatz, was nicht so ganz einfach war, denn die schmale Straße war durch die Einsatzfahrzeuge ziemlich verstopft. Rudi und ich stiegen aus. Wir zeigten einem der uniformierten Kollegen unsere Dienstausweise und wurden durchgewunken.

Kollege Hermann Pötterhoff leitete den Einsatz.

Wir trafen ihn, als wir das Gebäude betraten. Pötterhoff sprach gerade mit dem Portier. Als er uns bemerkte, nickte er uns zu.

„Sie haben meine Nachricht bekommen, wie ich sehe”, sagte er.

„Allerdings.”

„Wollen Sie die Kurzfassung? Dr. Arnold Braunfeld wurde in einem Zimmer im zweiten Stock mit mit einer Kugel im Kopf aufgefunden. Niemand hat ein Schussgeräusch gehört. Also wurde vermutlich ein Schalldämpfer verwendet.”

„Todeszeitpunkt?”, fragte ich.

„Der Gerichtsmediziner steckt irgendwo fest. Das Opfer starb vermutlich in der letzten Nacht. Nach Angaben des Nachtportiers, war ein Mann gegen Mitternacht an Braunfelds Zimmertür.”

„Ich dachte erst, das sei ein anderer Gast, der sich in der Tür geirrt hat”, sagte der Portier und unterdrückte ein Gähnen. „Aber jetzt scheint es so, als könnte das der Killer gewesen sein.”

„Können Sie den Mann beschreiben?”, fragte ich.

„Er glaubt ihn sogar wiedererkannt zu haben”, mischte sich Hermann Pötterhoff ein. „Ich habe ihm das Phantombild gezeigt, das nach Angaben von diesem Mad Frank entstanden ist.”

„Und Sie sind sich sicher, dass das der Mann war?”, vergewisserte ich mich beim Portier.

„Ja, bin ich.”

„Haben Sie mit ihm gesprochen?”

„Nur kurz. Er hat nur gesagt: ‘Kann ja mal vorkommen, dass man sich vertut.’”

„Ist Ihnen sonst noch irgendetwas an ihm aufgefallen.”

„Eigentlich nicht. Wenn Herr Dole nicht heute Morgen tot gewesen wäre, hätte ich den Vorfall komplett vergessen.”

„Arnold Braunfeld wohnte hier seit vorgestern unter dem Namen Peter Dole”, erklärte Kollege Pötterhoff.

„Eine Sache, an die erinnere ich mich”, ergänze jetzt noch der Portier. „Seine Stimme. Die klang … wie soll ich das sagen?”

„Wie ein Reibeisen?”

„Jedenfalls einzigartig. So viel Whisky kann kein Mensch trinken, würde ich sagen! Barry White und Vin Diesel klingen dagegen wie Mädchen.”


*


Während wir uns am eigentlichen Tatort umsahen, erreichte mich ein Anruf von Anna-Lisa. „Gute Neuigkeiten, Harry! Zwei weitere Rattenwerfer konnten identifiziert werden.”

„Wieder mit Hilfe von Waschmustern?”

„Nein, diesmal mit Hilfe ihrer eigenen Dämlichkeit. Sie sind auf den Bildern einer Überwachungskamera zu sehen ohne Maske. Und zwar kurz nach ihrem Rattenwurf, als sie in der Menge verschwanden und sich davongemacht haben. War ein bisschen schwierig sie zu finden und eine Sequenz zu finden, wo genug von ihrer Kleidung zu sehen ist, sodass man sie eindeutig mit den Rattenwerfern in Übereinstimmung bringen kann. Und dabei spielte in einem Fall dann schon ein Waschmuster nochmal eine Rolle.”

„Was sind das für Leute?”, fragte ich.

„Tony Maranow und Kevin-Jaden Meierhoff.”

„Hm.”

„Ich hoffe, die werden schnell verhaftet. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir hier noch weitere Täter identifizieren können.”

„Gibt es irgendetwas, was die vielleicht gemeinsam haben?”

„Es ist nicht ein einziger Muslim dabei.”

„Also vergessen wir die Fahndungsrichtung ‘islamistischer Terror’!”

„Weiter lässt sich sagen, dass es sich tatsächlich um alte Bekannte handelt. Die Delikte, deretwegen sie aufgefallen sind, sind eigentlich typisch für…”

„Leute fürs Grobe, die die Syndikate beschäftigen?”

„Körperverletzung, Drogen, Vergehen gegen das Waffengesetz… Manche sind Türsteher in irgendwelchen Clubs, andere haben einfach nur Geld und niemand weiß woher.”

„Mit wem stehen die in Verbindung?”

„Außer mit Niko Farlin?”

„Ja.”

„Die Männer in unserem Portfolio identifizierter Rattenwerfer haben gemeinsam, dass sie mal für einen gewissen Maik Khalban gearbeitet haben.”

„Könnte das dieser ‘Prophet’ sein?”

„Glaube ich nicht, Harry. Khalban hat früher ein paar dubiose Clubs besessen. Inzwischen hat er sich aus der Szene aber völlig zurückgezogen und tritt als Großinvestor und Aufkäufer von Firmen auf. Charlotte kann ihn ja mal durchchecken. Und ansonsten: Unsere Stichprobe ist vielleicht einfach noch zu klein, Harry. Ein paar Namen mehr und wir bekommen auch mathematisch aussagekräftigere Ergebnisse!”

Ich beendete das Gespräch. Rudi und ich sahen uns in Braunfelds Zimmer um. Die Leiche saß mit starrem Gesicht in einem tiefen Ledersessel. Die Taschen seiner Kleidung wurden alle nach außen gedreht. Braunfelds Gepäck lag auf dem Bett verstreut. Offenbar war alles gründlich durchsucht worden.

„Sie werden hier nichts mehr finden”, meinte der Kollege vom Erkennungsdienst. Er hieß Seiters. „Wenn es hier was zu finden gab, dann hat der Täter es auch gefunden, so gründlich wie hier gesucht wurde.”

„Wurde Dr. Braunfeld hier im Sessel erschossen?”, fragte ich.

„Definitiv.”

„Wenn er nicht aufgestanden ist, um zur Tür zu gehen und zu öffnen…”

„Dieses Hotel ist so ziemlich das Billigste vom Billigsten”, meinte der Erkennungsdienstler. „Man kann die Zimmer stundenweise mieten, ich will nicht wissen, wie oft die Wäsche gewechselt wird, und das Schloss genügt nichtmal den minimalsten Sicherheitsbedürfnissen.”

„Was ist damit?”

Seiters ging mit mir zur Tür. „Der Täter hat die Tür einfach mit der Schulter eingedrückt. Hinterher konnte er sie trotzdem wieder schließen. Sehen Sie, das ist alles ziemlich ausgeleiert und hat Spiel. Ach ja, ich kann Ihnen die ungefähre Körpergröße des mutmaßlichen Täters sagen - und wir haben einen Ohr-Abdruck.”

„Er hat zuerst an der Tür gelauscht, bevor er eingedrungen ist”, begriff ich.

„Genau.”

„Leider gibt es für Ohr-Abdrücke kaum Vergleichsdaten.”

„Aber wenn Sie einen Verdächtigen haben, können Sie ihn damit überführen.”

„Mal was anderes”, mischte sich Rudi ein. „Der Mann hatte bestimmt ein Handy.”

„Wir haben es nicht gefunden”, stellte Seiters fest.

„Ich möchte, dass alle Mülltonnen in der näheren Umgebung danach abgesucht werden”, meinte ich. „Wenn wir Glück haben, wollte der Täter es schnell loswerden.”


16


Kollege Pötterhoff wies ein paar seiner Leute an, nach dem Handy zu suchen. Wenn es in der Nähe ein offenes Gewässer gegeben hätte, wäre diese Suche vermutlich aussichtslos gewesen, weil der Täter das Handy dann dort entsorgt hätte. Zumindest so ein Profi, wie der geheimnisvolle Killer mit der Reibeisenstimme.

„Warum wollte Braunfeld untertauchen?”, fragte Rudi. „Glaubst du, es hat Sinn, seine Schwester nochmal danach zu fragen?”

„Ich fürchte nein. Inzwischen glaube ich, dass die beiden wirklich keinen weiteren Kontakt mehr hatten und Braunfeld sie nicht in seine Pläne eingeweiht hat.”

„Um sie zu schützen.”

„Natürlich.”

„Vor wem? Wer steckt dahinter? Dieser ‘Prophet’? Und was ist das Ziel der ganzen Sache, die da abläuft?”

Noch passten da ein paar Dinge nicht wirklich zusammen. Unser Bild war unvollständig und lückenhaft. Aber eins glaubte ich inzwischen zu wissen. „Es muss irgendetwas mit Braunfelds entweder beabsichtigten oder schon vollzogenen Wechsel zu NORREX zu tun haben”, war ich überzeugt.

„Dann sollten wir dort vielleicht mal vorbeischauen.”

„Aber vielleicht sehen wir uns zunächst mal an, wem die Firma überhaupt gehört.”

„Charlotte kann uns dazu vielleicht was sagen.”

Wir riefen unsere Betriebswirtschaftspezialistin an. Sie hatte sich inzwischen eingehend mit den Besitzverhältnissen von NORREX befasst und weiteres darüber herausgefunden, woher die großen Geldsummen kamen, die plötzlich in diese eigentlich nicht sonderlich große Firma hineinflossen.

„Das Beste ist: Ich kenne inzwischen auch den mutmaßlichen Grund dafür, dass sich plötzlich bestimmte Kreise in der Finanzwelt dafür interessieren, in dieses Unternehmen zu investieren”, sagte sie.

„Und was wäre das für ein Grund?”, fragte ich. „Irgendeine neue Erfindung, die unser aller Leben verändern wird?”

„NORREX soll über das Patent zu einem revolutionären gentechnischen Verfahren verfügen, das die Behandlung von Infektionskrankheiten völlig verändern wird”, sagte Charlotte.

„Ist das ein Aktionsmärchen oder eine Tatsache?”

„Eine Mischung aus beidem, würde ich sagen. Die Quelle dieser Informationen lässt sich nicht genau ermitteln. Aber diese Nachrichten müssen eine reale Grundlage haben, die sehr viele Akteure in diesem Spiel überzeugend genug finden, um ihr Geld darauf zu setzen.”

„Kann man herausfinden, ob Arnold Braunfeld irgendetwas mit diesem neuen Patent zu tun hat?”

„Es dürfte selbst für Anna-Lisa nicht so leicht sein, an solche Firmengeheimnisse heranzukommen”, sagte Charlotte. „Aber vielleicht interessiert Sie noch, woher der Hauptstrom des Geldes kommt und wer dahintersteckt. Ich meine damit den primären Geldstrom, der quasi diese Lawine ausgelöst hat und schließlich zu den enormen Kursgewinnen führte, die sich in den letzten Tagen bei NORREX ergeben haben.”

„Sie meinen, das Geld von den Cayman-Islands?”

„Da hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, die Herkunft der Mittel zu verschleiern, aber Sie wissen ja, ich gelange immer irgendwann zur Quelle.”

„Und wo ist die in diesem Fall?”

„Hier in der Nähe”, sagte Charlotte.

„Lassen Sie mich raten: Hat zufällig jemand namens Maik Khalban damit zu tun?”

„Wie zum Teufel haben Sie es geschafft, mir die Pointe zu stehlen, Harry?”

„Ich habe nur geraten.”

„Also ich habe die Zahlungen zu einem ganzen Konglomerat an Firmen und Gesellschaften zurückverfolgen können. Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass ein erheblicher Teil davon direkt oder indirekt unter der Kontrolle eines gewissen Maik Khalban steht.”

„Dem Saubermann mit dem weißen Kragen, der sich angeblich seit langer Zeit aus dem Geschäft zurückgezogen hat.”

„An den werden Sie nicht herankommen, Harry.”

„Ich wette, es ist Mafia-Geld, mit dem er spielt.”

„Aber das werden Sie ihm nie beweisen können. Dazu ist er einfach zu geschickt vorgegangen. Vor dem Gesetz ist er einfach nur ein Investor, der in eine vielversprechende Gen-Technik-Firma investiert, die etwas revolutionär Gutes für unser aller Gesundheit tun will!”

„Wir werden sehen”, sagte ich.


*


Die Kollegen fanden tatsächlich ein Handy in einem Müllcontainer, zwei Blocks weiter. Einem Erkennungsdienstler, der sich damit auskannte, gelang es auch, das Gerät zu entsperren und ins Menue vorzudringen. Danach war auch klar, dass das Gerät tatsächlich Arnold Braunfeld gehört hatte.

„Vielleicht lässt sich anhand der GPS-Daten ein Bewegungsprofil rekonstruieren”, meinte Rudi. „Dann können wir feststellen, wo Braunfeld in den letzten Tagen so gewesen ist - und vielleicht sogar, mit wem er sich getroffen hat, wenn die Ortsangaben entsprechend aussagekräftig sind.”

„Das ist eine Sache für Anna-Lisa. Aber bis wir da Ergebnisse haben, müssen uns die Nummern genügen, die im Menue sind.” Ich wandte mich an Kollege Pötterhoff. „Ihre Leute sollten dieses Gerät so schnell wie möglich untersuchen und sämtliche Daten an unsere Kollegen.”

„Dafür sorge ich”, versprach Pötterhoff.


*


Zwei Stunden später waren wir auf dem Weg nach Baltimore. Wir wollten mit Manuel Kratzow sprechen. Der Rattenwerfer war inzwischen verhaftet worden. Ob er bereit war, Komplizen zu verraten, spielte nicht mehr eine so große Rolle, denn Anna-Lisa hatte inzwischen weitere Tatbeteiligte identifizieren können, die früher oder später auch im Netz der intensiven Fahndungsmaßnahmen landen würden.

Ich glaubte auch nicht, dass Kratzow uns etwas über den geheimnisvollen ‘Propheten’ zu sagen vermochte oder ob der vielleicht mit Maik Khalban identisch war.

Uns ging es zunächst einmal um den Mann mit der Reibeisenstimme.

Jerome - so hatte Dolani ihn genannt.

Ob Jerome jetzt sein echter Name oder nur ein Pseudonym war - das musste sich noch herausstellen.

Jerome war jedenfalls der Mörder von Braunfeld, Farlin, Landmeier und Korell. Ich ging jede Wette ein, dass er auch noch einige andere auf dem Kerbholz hatte. Die Frage war nur, in wessen Auftrag er handelte.

„Maik Khalban, das ist die Spinne in der Mitte des Netzes”, meinte ich.

„An die wir nicht herankommen”, sagte Rudi. „Ich weiß, sein Name taucht immer wieder auf, wenn man irgendeine Spur zu Ende verfolgt. Aber einer wie der scheint extrem vorsichtig zu sein. Der lässt vielleicht einen Kettenhund wie diesen Jerome los, aber der würde niemals so dumm sein, sich selbst in die Schusslinie zu begeben.”

„Ich weiß es nicht. Wir wissen zu wenig über ihn.”

Rudi hatte das Laptop während der Fahrt auf den Knien. „Ich bin gerade dabei, einiges über ihn zu lernen”, meinte er. „Und Charlotte hat mir auch noch interessantes Material geschickt.”

Wir telefonierten mit Kriminaldirektor Hoch, um mit ihm das weitere Vorgehen zu besprechen.

„Sollte Khalban wirklich in der Sache mit drinhängen, werden wir sehr vorsichtig vorgehen müssen”, meinte unser Chef. „Solche Leute sind wie scheue Rehe. Wenn irgendwo was knackt, sind sie auf und davon oder schaffen es irgendwie, sich unangreifbar zu machen.”

„Das heißt, wir müssen ihn erstmal in Ruhe lassen?”

„Einen anderen Weg gibt es nicht. Und was eine Überwachung der Telekommunikation und so weiter angeht: Ich habe im Moment keine Argumente, um damit bei irgendeinem Richter Gehör zu finden. Wenn da nicht mehr kommt, als ein paar vage Indizien, dass er Dreck am Stecken haben könnte…”

„Ich denke, das ist mehr als nur ein bisschen Dreck, Sir.”

„Ich vertraue Ihrem Instinkt, Harry. Aber allen anderen wird das nicht reichen.”

In diesem Punkt hatte Kriminaldirektor Hoch natürlich absolut recht.


*


Später saßen wir dem verhafteten Manuel Kratzow gegenüber. Er grinste uns ziemlich selbstgefällig an. „Erst stellt mir so ein angeblicher Verhörspezialist ein paar dämliche Fragen und kaum ist mein Anwalt nicht mehr da, da kommen Sie!”

„Herr Kratzow, wir…”

„Sie können mir nichts! Ich muss nichtmal mit Ihnen reden!”

„Und warum tun Sie es dann trotzdem?”, fragte ich. Einige Augenblicke herrschte Schweigen. „Ich will Ihnen jetzt einfach mal ein paar Dinge sagen und Sie hören schlicht und ergreifend nur zu. Erstens bin ich nicht hier, weil ich Ihnen was will oder weil ich einen Prozess gegen Sie gewinnen möchte oder dergleichen. Dass Sie ein halbes Land in Panik versetzt haben, weil Sie angeblich pestverseuchte Ratten in eine Passantenmenge geworfen haben, das sehen manche Staatsanwaltschaften und manche Gerichte vielleicht als Terrorismus. Mir ist es egal, ob man Sie deswegen nur wegen Störung der öffentlichen Ordnung ermahnt oder für Jahre hinter Gitter bringt! Uns geht es um diejenigen, die Sie für diesen Quatsch angeheuert haben!”

„Ach, wirklich?”

„Und das sind vermutlich zufällig dieselben, die Ihnen den Anwalt bezahlen. Also würde ich mal darüber nachdenken, ob dessen Interessen wirklich die Ihren sind.”

Ich zeigte ihm Fotos vom Tatort in der Berliner Lagerhalle, in der Korell, Landmeier und Farlin erschossen worden waren.

„Wer ist das?”

„Das sind Männer, die für Ihren Boss gearbeitet haben. Sie sehen, was mit ihnen passiert ist. Das könnte Ihnen auch blühen, wenn die den Eindruck haben, dass Sie zuviel wissen und eine Gefahr darstellen könnten.”

Sein Grinsen war schon nicht mehr ganz so breit wie zu Anfang. „Sie wollen mir Angst machen.”

„Ich will Ihnen einfach nur Ihre Lage verdeutlichen. Und glauben Sie nicht, dass Sie im Knast unerreichbar sind…”

„Wer garantiert mir, dass das, was hier gesprochen wird, in diesem Raum bleibt?”, fragte er.

„Ich.”

„Und Sie werden nichts davon vor Gericht verwenden? Sodass darüber berichtet wird?”

„Ich sagte doch: Sie sind mir egal. Aber das gilt nicht für… Jerome!”

Er lehnte sich zurück. Ich sah ihm an, dass er mit diesem Namen etwas anfangen konnte. Die erste Sekunde, nachdem ich ihn ausgesprochen hatte, war sehr verräterisch gewesen, Recognition Reflex nennt man das.

„Wer soll das sein?”

„Fangen Sie nicht mit dieser Tour an”, sagte ich. „Das ist der Mann, der Sie und die anderen angeheuert hat, um für Panik zu sorgen und es so aussehen zu lassen, als würden islamistische Fanatiker dahinterstecken.”

„Die üblichen Terror-Verdächtigen also”, ergänzte Rudi.

„Ich weiß nichts über ihn”, sagte er. Aber besonders glaubhaft war das nicht.

„Ich denke, Sie und Jerome sind beide die Drecksarbeiter fürs Grobe für eine große Organisation. Er etwas weiter oben, Sie ganz unten. Und Sie wollen mir wirklich erzählen, dass Sie ihn zum ersten Mal gesehen haben, als er Sie für den Einsatz in den U-Bahn-Stationen eingewiesen und trainiert hat - zusammen mit ein paar Dutzend Typen?”

Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Vielleicht überlegte er noch, ob er sich wirklich auf unsere Seite schlagen sollte oder doch besser den Mund hielt.

Ich sammelte die Fotos von den Leichen in der Lagerhalle wieder ein.

„Wir können anscheinend doch nichts für ihn tun”, sagte Rudi daraufhin.

„Einen Moment”, sagte Kratzow. Er beugte sich vor. „Mit diesem Jerome ist nicht zu spaßen”, sagte er dann in gedämpftem Tonfall. Die Angst war förmlich zu riechen.

„Was meinen Sie damit?”

„Es gibt da ein paar Gerüchte. Der soll mehr Leute auf dem Gewissen haben, als man sich vorstellen kann!”

„Für wen arbeitet er?”, fragte ich,.

Kratzow deutete mit dem Zeigefinger in die Höhe. „Für jemanden ganz oben.”

„Für den ‘Propheten’?”

Er schien überrascht darüber zu sein, dass ich diese Bezeichnung kannte. Aber seine Reaktion zeigte mir, dass zumindest Kratzow schonmal was von dem sogenannten ‘Propheten’ gehört hatte.

„Möglich”, sagte er.

„Wissen Sie, wer ‘der Prophet’ ist?”

„Ich würde es nicht einmal wagen, darüber nachzudenken”, behauptete Kratzow. „Und wenn ich es wüsste, dann wäre ich vermutlich nicht mehr am Leben.”

„Haben Sie den Namen Maik Khalban schonmal gehört?”

„Es gibt so viele Namen, die man hier und da hört”, sagte Kratzow. „Ich dachte aber, Sie wären an diesem Jerome interessiert…”

„Ja, das trifft zu.”

„Für eine Adresse oder seinen echten Namen wären wir Ihnen sehr dankbar”, ergänzte Rudi. „Und ich denke, dass man dann auch eine sehr gute Gesprächsgrundlage mit dem Staatsanwalt finden würde…”

„Mit einem Namen oder sowas kann ich nicht dienen”, sagte Kratzow. „Aber ich habe etwas viel Besseres.”

„Was?”, hakte ich nach.

„Eine Handynummer. Ich musste sie mir merken und sollte sie anrufen, sobald der Auftrag in der U-Bahn erledigt war. Diese Nummer hat nicht jeder gekriegt. Immer nur einer aus jeder Gruppe. Zumindest, soweit ich das mitgekriegt habe.”


*


Wir saßen in einem Büro. Über eine Konferenzschaltung waren wir mit Anna-Lisa und und Charlotte Matschke verbunden. Jede der beiden Spezialistinnen hatte einen Flachbildschirm für sich.

„Ich habe den Vor-Vertrag gefunden, den Arnold Braunfeld mit NORREX geschlossen hat”, sagte Anna-Lisa.

„Sowas findet man doch nicht einfach auf der Straße”, meinte ich.

„Aber so gut wie”, gab sie zurück. „Bei den mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen, die deren Vertragsabteilung anwendet, ist es doch nur eine Frage der Zeit, wann der erstbeste Hacker vorbeikommt. Es ist immer dasselbe. Alles, was die an hochgeheimen Verfahren entwickelt haben, ist vollkommen abgeschirmt, aber wenn es um sowas geht, dann sitzen in der Abteilung Leute, die viel weniger vorsichtig sind.”

„Anna-Lisa, das sind illegal erlangte Daten, die wir nicht vor Gericht benutzen könnten”, sagte Rudi.

„Dann sagen Sie mir also allen Ernstes, dass es Sie gar nicht interessiert, dass dieses neue gentechnische Verfahren zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten tatsächlich von Braunfeld stammt und dass er alle Unterlagen darüber an NORREX übergeben hat? Übrigens gehörten auch ein paar Behälter mit Pesterregern dazu. Die müssen irgendetwas damit zu tun haben, sonst wären sie nicht extra aufgeführt worden.”

„Dann haben wir jetzt immerhin den letzten Beweis, dass Braunfeld die Proben gestohlen hat”, sagte Rudi.

„Ich habe die Summe, die bei Unterzeichnung abgemacht worden ist, auf einem Konto auf den Cayman Islands gefunden, das eindeutig Braunfeld zuzuordnen ist”, ergänzte Charlotte. „Was wohl nur bedeuten kann, dass der Deal wirklich über die Bühne gegangen ist.”

„Und weshalb musste Braunfeld dann sterben?”, fragte Rudi. „Mal angenommen, dieser Prophet ist Maik Khalban, der Mann, dem NORREX letztlich gehört. Und Khalban ist auch der Auftraggeber von Jerome - wieso lässt Khalban den Mann töten, dessen Patent doch dafür sorgen wird, dass NORREX zu einem der großen Player in der Branche aufgebläht wird? Das macht doch keinen Sinn!”

„Der Sinn ergibt sich dann, wenn man annimmt, dass Braunfeld kalte Füße bekommen hat und aussteigen wollte”, stellte ich fest.

„Warum sollte er das tun?”

„Es gibt ein paar Nachrichten in seinen Smartphone-Daten, die darüber Auskunft geben”, sagte Anna-Lisa. „Braunfeld hat sie zwar gelöscht, aber sowas kann man ja rekonstruieren. Und die Kollegen sind darin offenbar ganz gut.”

„An wen sind diese Nachrichten gerichtet?”, fragte ich.

„Ich zeige sie euch einfach, wenn ihr ein Stück vom Bildschirm dafür frei habt”, kündigte Anna-Lisa an. „Zusammenfassend kann man sagen: Braunfeld erklärt, dass er sich geirrt hätte, dass er über den Tisch gezogen worden sei und dass man bei NORREX gar nicht vor habe, wirklich etwas mit seinem Patent anzufangen - worum es auch immer genau dabei gehen mag.”

„Kein Wunder, denn meiner Analyse nach, dient die Firma nach wie vor in erster Linie der Geldwäsche”, mischte sich Charlotte ein.

Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte Anna-Lisa bereits wieder das Wort ergriffen.

„Ach ja, der Mann, an den er sich mit seinen Nachrichten wendet, ist, wie ich mit viel Mühe ermitteln konnte, ein gewisser Meinhard Reitzke.”

„Wer soll das sein?”, fragte Rudi.

„Ein Kollege von Braunfeld”, antwortete Anna-Lisa. „Reitzke ist ebenfalls eine Kapazität in der Gen-Technik. Und er war eine Weile bei NORREX angestellt.”

„Vielleicht hat Braunfeld durch ihn Dinge erfahren, die er nicht hätte wissen sollen…”, meinte Rudi.

„Können wir ihn orten?”, fragte ich.

„Sein Smartphone ist GPS-fähig und eingeschaltet”, berichtete Anna-Lisa. „Er ist aufzufinden. Adresse lässt sich ermitteln.” Anna-Lisa schien plötzlich etwas abgelenkt zu sein. Sie verschwand für einen Moment vom Bildschirm. Was immer Sie im Moment auch tun mochte, es geschah außerhalb des Ausschnitts, den die Kamera erfasste.

Dann war sie plötzlich wieder da. „Harry? Rudi?”

„Wir sind ganz Ohr”, versicherte ich ihr. „Was ist da los bei Ihnen?”

„Sie haben mir doch die Handy-Nummer gegeben, unter der Manuel Kratzow diesen Jerome anrufen sollte.”

„Richtig.”

„Ein Prepaid-Gerät ohne Vertragsbindung. Aber das überrascht sicher niemanden. Das Gerät wurde vorhin eingeschaltet und lässt sich orten. Er ist ganz in Reitzkes Nähe.”

„Dann wette ich, dass Jerome ihm einen Besuch abstatten will”, murmelte ich.

„Einen Besuch von der Sorte, an dessen Ende Reitzke dann vermutlich eine Kugel im Kopf hat”, meinte Rudi.


*


Es war klar, dass wir zu spät kommen würden. Reitzke befand sich in einem Haus im Umland. Das war fast vierzig Minuten vom Präsidium entfernt.

Mit mehreren Dutzend Kollegen trafen wir dort ein. Das Haus wurde umstellt. Rudi und ich hatten Kevlar-Westen angelegt und hielten unsere Dienstwaffen in der Faust.

Auf Grund der Handy-Ortung waren wir sicher, dass sich Jerome zurzeit noch im Haus von Reitzke aufhielt.

Rudi und ich pirschten uns zusammen mit ein paar Kollegen an das Haus heran. Durch die Terrassentür drangen wir ein. Jerome stand vor uns. Er war anhand der Phantomzeichnung, die nach Mad Franks Angaben erstellt worden war, leicht wiederzuerkennen. Er war gerade damit beschäftigt ein Schloss zu knacken. Das Werkzeug dazu trug er bei sich. Er wirbelte herum, hatte die Hand an der Waffe und zögerte dann doch einen Augenblick.

„Waffe weg!” BKA!”, rief ich.

Jerome erstarrte mitten in der Bewegung. „Schon gut”, sagte er. „Ich leiste keinen Widerstand! Nur nicht nervös werden!”

Seine Stimme klang tatsächlich wie ein Reibeisen. Im nächsten Augenblick klickten die Handschellen. Jeromes Waffe wurde sichergestellt. Wir waren uns ziemlich sicher, dass sie nach einer umfassenden ballistischen Untersuchung eine ganze Reihe von Argumenten dafür liefern würde, ihn für sehr lange Zeit hinter Gitter zu bringen.

„Ich will einen Anwalt”, sagte Jerome.

„Den werden Sie auch brauchen”, sagte ich. Ich griff zu meinem Smartphone. „Herr Reitzke, Sie können Ihren Panik-Raum verlassen”, sagte ich dann.” Wir haben den Kerl, vor dem wir Sie telefonisch gewarnt hatten.”

Eine Stahltür öffnete sich. Sie war gut in die Umgebung eingepasst, sodass sie kaum auffiel. Jerome hatte vergeblich versucht, sie aufzubrechen. Ein drahtiger Mann Mitte fünfzig trat uns entgegen. Er trug eine ziemlich dicke Brille.

„Harry Kubinke, BKA”, stellte ich mich vor und zeigte ihm meine ID-Card.

„Ich bin Dr. Meinhard Reitzke”, sagte er. Sein Gesicht war ziemlich blass, gewann jetzt aber an Farbe. Er schien förmlich aufzuatmen. „Wenn Sie mich nicht gewarnt hätten… „

„...wären Sie vermutlich nicht mehr am Leben, Dr. Reitzke”, stellte ich fest.

Und Rudi ergänzte: „Sie sollten uns jetzt ein paar Fragen beantworten, die uns auf den Nägeln brennen.”


*


Wir unterhielten uns zuerst mit Reitzke. Wie sich herausstellte, hatte er mit Braunfeld zusammen studiert. Die Verbindung zwischen den beiden Männern war nie abgerissen. Auch nicht, als sie bereits für konkurrierende Firmen arbeiteten.

„Wir haben uns über all die Jahre auch immer wieder fachlich ausgetauscht”, berichtete Reitzke. „Er hatte da dieses Projekt am Hals, bei dem er eine historische Variante des Pest-Erregers gentechnisch rekonstruieren sollte. Das hat nicht so richtig geklappt. Aber bei dieser Gelegenheit hat er durch Zufall einen biochemischen Mechanismus entdeckt, mit dessen Hilfe sich Infektionskrankheiten zukünftig sehr viel wirksamer bekämpfen lassen.”

„Aber das Patent daran hätte Mohndorf-Drehser gehört”, stellte ich fest.

„Deswegen wollte er zu NORREX zu wechseln. Dort waren die natürlich ganz begeistert. Die Rahmenbedingungen schienen zu stimmen. Arnold hatte die Gelegenheit, mit einem Schlag reich zu werden. Natürlich hat er zugegriffen. Allerdings gab es ein Problem. Er musste die Proben mit dem gentechnisch veränderten Pesterreger verschwinden lassen. Denn anhand dieser Proben hätte man nachweisen können, dass Arnold diesen Mechanismus bereits während seiner Zeit am Mohndorf-Drehser Institute angewendet hatte. Und dann hätten die Rechte daran seinem Arbeitgeber zugestanden.”

„Also musste der Diebstahl vorgetäuscht werden.”

„So ist es.”

„Und diese Show mit den Rattenwerfern, die sich als islamistische Terroristen aufführten, diente nur der Ablenkung?”

„Ja. Aber in diese Pläne war Arnold im Einzelnen nicht eingeweiht.”

„Und Sie?”

„Ich bin ein Ex-Mitarbeiter, habe aber immer gute Kontakte zu einigen Leuten bei NORREX. Darum habe ich manches erfahren, was ich wohl nicht hätte erfahren sollen.” Er atmete tief durch. „Mir war klar, dass NORREX keine normale Firma war. Chronisch unwirtschaftlich und trotzdem war immer Geld da. Da macht man sich irgendwann so seine Gedanken. Und deswegen bin ich dort auch seinerzeit ausgestiegen. Ich bekam eine gute Abfindung und damit war die Sache für mich erledigt. Als ich von Arnolds Plänen erfuhr, zu NORREX zu wechseln, habe ich ihn gewarnt. Aber die hatten in so eingelullt, dass ich gar keine Chance hatte, zu ihm vorzudringen.”

„Haben Sie gewusst, dass NORREX in Wahrheit eine Fassade für Geldwäsche war?

„Ich habe es geahnt und das Arnold gegenüber auch geäußert. Als er dann erkannte, dass ich recht hatte, wollte er aussteigen. Aber aus der Nummer kam er jetzt nicht mehr so einfach heraus.”

„Was ist dann passiert?”

„Ihm wurde das alles eine Nummer zu heftig. Ich fand dann heraus, dass man gar nicht vorhatte, mit Arnold weiter zu arbeiten. Es bestand auch in Wahrheit gar keine Absicht, einem genialen Biochemiker ein Forscherparadies einzurichten, wie man es ihm zugesichert hatte. Stattdessen wollte man NORREX so schnell wie möglich verkaufen. Da lief irgendeine gewaltige Finanztransaktion im Hintergrund. Und um die in Gang zu setzen hatte man alles, was man brauchte. An Arnold war man gar nicht wirklich interessiert.”

„Man brauchte also nur Arnolds Verfahren, um den Wert der Firma zu steigern?”, fragte ich.

„So ist es. Der Mechanismus, den Arnold entdeckt hatte, hätte auch von jedem anderen, einigermaßen begabten Biochemiker schließlich weiterentwickelt werden können. Dazu brauchte man Arnold nicht. Und außerdem: An der Börse brauchen Sie weder ein Patent noch eine geniale Erfindung. Es reicht schon, genügend Eingeweihte davon überzeugen zu können, dass man eine begründete Aussicht auf so etwas hat, um aus einem Branchenzwerg einen aufgeblähten Riesen zu machen.”

„Eine andere Frage: Der Mann, der Sie umbringen wollte, heißt mit vollständigem Namen Jerome Assadi, wie wir inzwischen wissen. Haben Sie ihn irgendwann schonmal gesehen?”

„Ja.”

„Wo und wann?”

„Das war ganz zu Anfang meiner Zeit bei NORREX. Dieser Kerl war in Begleitung unseres Hauptinvestors dort.”

„Herrn Maik Khalban?”

„Ich durfte ihm kurz die Hand schütteln. Und das war’s dann. Dieser Jerome Assadi hat dann gesagt: Herr Khalban, wir sind schon zu spät zum nächsten Termin.” Reitzke machte eine kurze Pause. „Er hatte eine Stimme wie ein Reibeisen. An die erinnere ich mich viel mehr als an sein Gesicht.”


*


Etwas später sprachen wir mit Jerome Assadi.

„Wo ist Ihr Anwalt?”, fragte ich ihn. „Sie wollten doch nicht mit uns reden, bevor nicht Ihr Anwalt dabei ist.”

„Genau genommen, haben Sie ihn nicht einmal angerufen”, ergänzte Rudi.

„Ich habe es mir anders überlegt”, sagte er. „Ich will einen Deal.”

„Ohne Anwalt? Das ist mutig.”

„Ich bin überzeugt davon, dass man mir sehr weit entgegen kommen wird. Sehr weit… Sie sollten einen Vertreter der Staatsanwaltschaft herbitten, damit wir die Sache unter Dach und Fach bringen können.”

„Nicht ganz so schnell”, sagte Rudi. „Sie haben uns nichtmal gesagt, was Sie bieten.”

Er lächelte. „Na, wen würden Sie denn gerne kriegen und wissen andererseits, dass Sie gar keine Chance haben, weil diese Person in dem Ruf steht, sich nicht die Hände schmutzig zu machen?” Er lehnte sich zurück. Sein triumphierendes Lächeln gefiel mir nicht. Aber ich ahnte bereits, dass seine Rechnung letztlich aufgehen würde. Zum Teil wenigstens. „Ich dachte, da mein Anwalt traditionell gute Kontakte zu einem gewissen Herr Maik Khalban unterhält, wäre es nicht günstig, wenn so eine Person hier am Tisch sitzt und Khalban möglicherweise vor einer drohenden Verhaftung warnt.”

„Ist Maik Khalban ‘der Prophet’?”, fragte ich.

„Das ist er. Das Problem ist nur, Sie werden es ihm nicht beweisen können. Es gibt sehr viele, die das zu wissen glauben, aber wirklich beweisen können Sie es ihm nicht. Und Sie werden auch große Mühe haben, ihm sonst irgendetwas nachzuweisen. Nichtmal falsches Parken.” Jerome Assadi bleckte die Zähne. „Er hat nämlich einen Chauffeur.”

„Gerüchte über den Propheten gibt es viele”, sagte Rudi. „Wenn Sie nicht mehr zu bieten haben.”

„Maik Khalban ist keineswegs so beherrscht und kontrolliert, wie er von außen erscheint”, fuhr Jerome Assadi fort. „Er kommt von der Straße. Und das merkt man ihm auch manchmal an. Er hat seinen Jähzorn mühsam in den Griff gekriegt, aber ab und zu geht er mit ihm durch. Nur sorgen Leute wie ich dafür, dass davon niemand was mitkriegt.”

„Worauf wollen Sie hinaus?”, fragte ich.

„Sie bekommen von mir eine Aussage in einem Mordprozess und Angaben darüber, wo sich die Leiche befindet. Ich habe sie nämlich für Khalban entsorgt.” Er beugte sich vor. Seine Stimme war jetzt kaum mehr als ein sehr tiefes Wispern. „Ich war dabei, als er Walther Zemlitza, einen seiner Geschäftspartner, von dem er glaubte, dass er ihn betrogen hätte, zu Brei geschlagen und getötet hat. Eigenhändig. Ich weiß, wo die Leiche ist, ich weiß, wo Sie nach der Waffe suchen müssen und Sie haben meine ausführliche Aussage, die sich nach und nach durch die Untersuchungen Ihrer Hampelmänner aus den Labors auch bestätigen wird. Wenn Sie dem ‘Propheten’ das Handwerk legen wollen, ist jetzt die Gelegenheit dafür…”

Ich wechselte einen Blick mit Rudi. Vermutlich hatte Jerome Assadi Recht und wir hatten die einmalige Chance, einer großen Verbrecher-Organisation den Kopf abzuschlagen.

„Erzählen Sie uns alle Einzelheiten”, verlangte ich.


*


„Herr Khalban ist zurzeit nicht zu sprechen!”, behauptete ein blassgesichtiger Mann im dunklen Anzug, der uns die Tür von Khalbans Villa öffnete.

„Ich denke, er wird sich für uns Zeit nehmen müssen”, sagte ich und zeigte ihm meinen Ausweis. Rudi tat dasselbe.

„Das Haus ist umstellt”, ergänzte Rudi. „Wir haben einen Haftbefehl für Herr Khalban und einen Durchsuchungsbeschluss für alle Räume dieses Anwesens.”

„Ich weiß nicht, ob ich das so akzeptieren kann.”

„Das werden Sie müssen!”, sagte ich und drängte mich an ihm vorbei.

Wir traten in eine große Eingangshalle. Ein halbes Dutzend Kollegen folgten uns.

„Ich bringe Sie zu ihm”, erklärte der Mann im dunklen Anzug schließlich.

Wir folgten ihm eine Freitreppe empor. Dann ging es durch einen kurzen Flur zu einem weiträumigen Raum, dessen Wände mit großformatigen abstrakten Gemälden behängt waren.

Maik Khalban stand am Fenster. Er hatte ein Telefon am Ohr. „Wir sind im Zeitplan. Es gibt genügend Interessenten für die NORREX-Anteile - und das Interesse wird täglich größer. Seien Sie unbesorgt… Außerdem…” Er brach da Gespräch ab und sah uns irritiert entgegen.

„Herr Maik Khalban! Sie sind verhaftet”, sagte ich. „Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie von diesem Recht kein Gebrauch machen, wird alle, was Sie von nun an sagen vor Gericht gegen Sie verwendet werden.”

„Wir sprechen später weiter”, sagte Khalban in sein Telefon hinein und beendete das Gespräch, kurz bevor ihm ein Kollege die Handschellen anlegte. „Ich habe keine Ahnung, was hier gespielt wird!”

„Wir verhaften Sie unter dem Verdacht, einen gewissen Walther Zemlitza umgebracht zu haben. Dazu liegen uns Beweise vor, die sicher jedes Gericht überzeugen werden.”

„Wer sind Sie?”, fragte er. Seine Augen wurden schmal dabei.

„Kommissar Harry Kubinke, BKA. Ich weiß nicht, was wir Ihnen noch nachweisen können. Geldwäsche, Betrug, Verabredung zum Mord, da kommt sicher noch einiges zusammen. Und ich bin überzeugt, dass es nach und nach noch einige Mitglieder Ihrer Organisation geben wird, die es vorziehen, gegen Sie auszusagen. Möglich, dass Ihren Anwälten da noch ein paar Tricks einfallen, um das Schlimmste zu verhindern. Aber was den Mord an Zemlitza angeht, werden Sie den Kopf nicht aus der Schlinge ziehen können, Herr Khalban.”

„So können Sie mit einem angesehenen Geschäftsmann nicht umgehen!”, ereiferte er sich. Sein Gesicht wurde dunkelrot. Der Jähzorn, von dem Jerome Assadi gesprochen hatte, schien im Moment wohl nur durch die Tatsache gebremst zu werden, dass er Handschellen trug.

„Mal sehen wie angesehen dieser Bürger noch ist, wenn bekannt wird, dass er rücksichtslos mit der Angst unzähliger Menschen vor einem Antibiotika-resistenten Pest-Erreger gespielt hat, um seine kriminellen Interessen zu verfolgen”, meinte Rudi, bevor Khalban abgeführt wurde.


17


„Gute Arbeit”, sagte Kriminaldirektor Hoch später, als Rudi und ich in seinem Büro saßen. „Wirklich gute Arbeit.”

„Danke”, sagte Rudi.

„Danke”, sagte ich ein paar Sekunden später, sodass daraus ein etwas eigenartiger Kanon wurde.

„Gut, davon mal abgesehen, habe ich da noch eine andere Sache, die nur Sie betrifft”, sagte Kriminaldirektor Hoch dann und sah mich an.

„Mich?”

„Genau.”

„Worum geht es?”

„Es geht um ein Essen in einem Lokal, das sich >Indianerküche< nennt.”

„Ja und?”

„Es liegt etwas über dem üblichen Budget.”

„Die Informantin ist wichtig. Und abgesehen davon habe nicht ich gezahlt.”

„Hm.”

„Wieso sollte sich datan jemand stören!”

„Wenn Sie das sagen!”

„Ich sage es.”

„Der springende Punkt ist, dass Sie sich haben einladen lassen, anstatt selber zu bezahlen.”

„War der Wunsch der Informantin.”

„Ja, aber der Betrag liegt über dem Satz, der hier normalerweise angemessen wäre.”

„Wenn ich die Informantin eingeladen hätte, hätte man sich vermutlich beklagt, dass das Geld des Steuerzahlers verschwendet wurde!”

„Ja, das kann schon sein. So glaubt der zuständige Sachbearbeiter nun die Frage stellen zu müssen, ob Sie vielleicht bestochen wurden.”

„Durch ein Essen?”

„In einem teuren Szene-Lokal.”

Ich hob die Augenbrauen. „Was glauben Sie denn, Herr Hoch?”

Mein Chef verzog das Gesicht.

„Ich habe dem Mitarbeiter gesagt, dass Sie über jeden Zweifel erhaben sind.”

„Danke.”

„Aber ich denke, Sie sollten in Zukunft bei solchen Gelegenheiten selbst zahlen!”

„Okay…”

„Das ist besser.”

„Nur nicht für den Steuerzahler.”

„Ach kommen Sie, wer denkt denn an den?”

Ich atmete tief durch. „Ja, da mögen Sie leider Recht haben, Herr Hoch.”


*


Ein paar Tage später traf ich mich abends mit meiner Informantin in der >Indianerküche<.

„Ihre Methode scheint gewirkt zu haben”, sagte sie. „Der Chef der >Indianerküche< hat seitdem keinen Ärger mehr gehabt.”

„Ich hoffe, es bleibt so.”

„Sie sind heute Gast des Hauses.”

„Besser nicht.”

„Wieso?”

„Ich bin Beamter.”

„Na,und?”

„Einladungen bringen jemanden wie mich in Schwierigkeiten.”

„Wenn das so ist…”

„Tut mir Leid.”

„Aber das müssen Sie dem Chef der Indianerküche schon persönlich erklären.”


*


Es war spät, als ich ging. Meine Informantin ließ sich von einem Taxi abholen. Ich hatte meinen Wagen ein paar Blocks weiter geparkt.

In einer Seitenstraße hörte ich Stimmen.

Ein Wimmern.

Und ein paar Typen traten auf jemanden ein. Eine menschliche Gestalt lag zusammengekrümmt am Boden.

Die Typen waren Skinheads.

Neonazis.

Eine Frau war dabei, auch wenn das erst auf den zweiten Blick erkennbar war, denn sie trug auch Glatze. Aber ihre hohe Stimme ließ keinen Zweifel an ihrem Geschlecht, ebenso wenig wie die relativ voluminösen Brüste, sie sich selbst unter der Bomberjacke deutlich abhoben.

„Macht sie fertig, die Punk-Bratze!”, feuerte sie die Männer an.

Selbst zuzutreten war ihr wohl zu anstrengend.

„Sie ist ‘ne Scheiß-Volksverräterin!”, kreischte sie.

Ich zog meine Waffe.

„Sofort aufhören rief ich. „Kriminalpolizei!”

Einer der Typen trat nochmal zu.

Die Gestalt am Boden stöhnte auf.

Ich schoss.

In die Luft zwar, aber der Knall beeindruckte die Neonazis doch.

Es waren insgesamt ein halbes Dutzend Skinheads. Und ich sah, dass jetzt noch ein paar von ihnen aus dem Schatten traten.

Zu viele, um sie hier und jetzt allein verhaften zu können. Aber nicht zu viele, um sie zu verscheuchen.

„Ich schlage vor, ihr verschwindet jetzt. Sofort. Denn sonst sind in Kürze die Kollegen da und sacken euch ein.”

„Ey du Blödmann kannst uns mal!”, meinte einer mit einem Baseball-Schläger.

„Gib mir einen Anlass, mich verteidigen zu müssen und ich erschieß dich!”, gab ich zurück. „Meine Waffe hat sechzehn Patronen. Rechnet damit, dass sechzehn mal treffe.”

Einige Augenblicke sagte niemand etwas.

Irgendwo war eine Sirene zu hören.

Und das half mir.

Es war nicht die Polizei. Ich hatte die Kollegen ja so schnell noch gar nicht rufen können. Es musste ein Notarzt sein, der in der Gegend unterwegs war. Aber die Feinheiten der unterschiedlichen Sirenentöne kannten diese Typen offenbar nicht gut genug.

Und so blieb die Wirkung nicht aus.

„Verschwinden wir!”, sagte einer.

Und dann waren sie ziemlich schnell weg.

Ich wandte mich der am Boden liegenden Gestalt zu, die von den Skinheads zusammengetreten worden war.

Erst jetzt sah ich, wer die Gestalt war.

Es handelte sich um die Frau von den Antifa-Leuten, die ich ausgeknockt hatte.

Sie war übel zugerichtet worden.

„Scheiß-Faschos”, sagte sie.

Da musste ich ihr ausnahmsweise mal zustimmen.

„Du hast doch gesagt, du hast einen schwarzen Gürtel!”

„War… gelogen…”

„Ich rufe einen Arzt.”

„Scheiße…”

„Ich glaube, das ist das Beste. Mal vorausgesetzt, du lässt dich von so einem Arzt aus dem faschistischen Schweinesystem überhaupt behandeln.”

Ich griff zum Handy.


*


„Wir werden die Täter kriegen”, sagte Kriminaldirektor Hoch ein paar Tage später. „Die Überwachungskamera einer Kunstgalerie hat den Angriff der Skinheads auf diese Frau gefilmt.” Hoch wandte sich an mich. „Ihr couragiertes Eingreifen ist auch zu sehen...”

„Ich wette, diese Kunstgalerie wird von diesen Antifa-Leuten auch als bürgerlicher Bonzentempel angesehen, der nicht ins Viertel passt und nur dem kapitalistischen Mainstream dient”, sagte ich.

„Ja, apropos, diese Frau, der Sie geholfen haben…”

„Was ist mit ihr?”

„Sie behauptet, dass Sie es gewesen seien, der sie so zugerichtet hätte - und nicht die Skinheads.”

„Was?”

„Mir liegt eine Anzeige vor.”

„Das ist nicht Ihr Ernst!”

„Leider ja.” Herr Hoch deutete auf den Bildschirm. „Sie haben großes Glück, dass es diese Bilder gibt und sich die Angaben dieser Dame sehr leicht als Falschaussage entlarven lassen…”


ENDE





















ENDE










Die mörderischen Zwillinge

Von Cedric Balmore


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die mörderischen Zwillinge: Kriminalroman

Von Cedric Balmore

»Hallo, Richy«, sagte der Mann und legte mir seine Hand auf den Unterarm.

»Da bist du ja! Ich bin so froh, dich endlich gefunden zu haben.«

Ich wandte langsam den Kopf. Die Berührung der fremden Hand war mir unangenehm, aber ich zog meinen Arm nicht zurück. Ich hieß weder Richy, noch konnte ich mich erinnern, den Mann, der neben mir an den Bartresen getreten war, jemals gesehen zu haben.

In seinen blauen Augen schimmerte es feucht. Er wirkte freudig erregt und ergriffen zugleich. Sein rundes Gesicht mit dem quergekämmten, schon etwas schütteren Haar machte eine Altersschätzung schwierig. Fünfunddreißig? Nein, eher vierzig. Sein Atem roch nach Pfefferminz.

»Es geht ja schließlich nur um Vater«, fuhr er fort. »Seine Krankheit… Nun, du weißt Bescheid. Er ist vor Sorge um dich fast gestorben. Du hast Fehler gemacht, das weißt du, aber er wird dir verzeihen. Deine Rückkehr wird ihm ein neues Leben eröffnen. Er hat nie etwas anderes gewollt, als dich wiederzusehen. Wirklich, wir alle freuen uns über deine Entscheidung.«

Pech! dachte ich. Da will man einen ruhigen Abend im Tabakdunst von Greggs Mahagonibar verbringen, und was geschieht? Irgendein Verrückter fühlt sich berufen, alberne Witze zu reißen oder eine Wette zu gewinnen!


***


Ich blickte über meine Schulter, um festzustellen, wer die Szene beobachtete, aber niemand schenkte uns Aufmerksamkeit. Greggs Bar war, wie an jedem Sonnabendabend, brechend voll. Ich kannte einige der Gäste; es waren vornehmlich Zeitungsleute und Reporter.

Gregg’s Place, wie die Bar hieß, galt als inoffizielle Nachrichtenbörse. Wenn ich hier mein Bier trank, bot sich mir nicht selten die Chance, ein paar Informationen aufzuschnappen, die sich beruflich verwerten ließen.

»Natürlich«, fuhr der Fremde fort, ohne seine Hand zurückzuziehen, »wird es Rachel nicht recht sein. Sie war immer schon eifersüchtig auf dich. Ich bin es manchmal auch gewesen, aber das war nicht deine Schuld. Du kennst Rachel. Sie denkt nur ans Geld.«

Ich nahm seine Hand von meinem Unterarm, aber er legte sie sofort wieder drauf. '

»Vater«, meinte er, »hat dir stets vor uns anderen den Vorzug gegeben. Ist dir das eigentlich jemals richtig klargeworden?«

Gregg, der Wirt, schob sich heran. Er war ein kahlköpfiger Muskelberg, der wie ein Excatcher aussah, aber wer ihn näher kannte, wußte, daß er vor wenigen Jahren für ein Bändchen zarter Lyrik einen bedeutenden Literaturpreis gewonnen hatte.

»Was darf’s sein, Mister?« fragte er den Mann.

»Gin-Tonic, bitte! Aber keinen einheimischen Gin, bitte. Beefeater, wenn’s recht ist.«

»Okay, Mister«, schnaufte Gregg. Er wandte sich ab, um die Bestellung auszuführen.

»Vater ist draußen, im Wagen«, sagte der Mann neben mir. »Ich kann mir vorstellen, wie ihm zumute ist. Er hoffte zwar, daß du Wort halten würdest, aber insgeheim zweifelte er daran, daß dieser Abend die Erfüllung seiner Wünsche bringen würde. Sei nett zu ihm, Richy. Keine Szene, bitte! Keine harten Worte. Vergiß bitte nicht, was er deinetwegen leiden mußte.«

Ich leerte mein Glas. Das Bier schmeckte mir nicht mehr. Es wurde Zeit, daß ich mich auf die Socken machte und nach Hause fuhr.

Endlich nahm der Fremde seine Hand zurück. Er setzte sich neben mich auf den freien Barhocker und lächelte mir gewinnend zu. Er sah nicht übel aus, sogar recht intelligent. Ich mußte zugeben, daß er seine Rolle mit dem Schwung eines begabten Schauspielers meisterte. Aber für wen spielte er sie, und was versprach er sich davon?

Er war gut gekleidet, gut und unaufdringlich. Grauer Tweed, ein seidenes, offenbar handgearbeitetes Oberhemd, eine dezente Krawatte. Nichts, was ins Auge fiel, und doch ließ sich leicht erkennen, daß hier Geld und Geschmack im Spiel waren.

»Ja, Rachel«, seufzte er und begann mit einem Ascher zu hantieren, der direkt vor ihm stand. Er rückte ihn vor und zurück, er drehte ihn hin und her, als sei er ein Fotograf, der den richtigen Blickwinkel suchte. »Manchmal glaube ich, daß sie dich haßt. Sie steht unter Mortimers Einfluß. Er ist genau wie sie.«

Mir lagen ein paar grobe Worte auf der Zunge, aber ich unterdrückte sie. Es hatte keinen Sinn, sich mit einem Mann anzulegen, von dem ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob er ein Verrückter oder ein Spaßvogel war.

»Ja, Mortimer«, fuhr er bitter fort und gab dem Ascher einen plötzlichen Stoß, der ihn bis an den Rand des Tresens segeln ließ, »der schreckt wahrhaftig vor nichts zurück. Der geht über Leichen.«

Etwas in der Stimme des Fremden brachte mich dazu, ihn aufmerksamer zu betrachten. Plötzlich stellte ich mir die Frage, öb dieser Mann nur auf seine Weise versuchte, mir etwas zu signalisieren. Enthielten seine Worte eine geheime Botschaft, die dem FBI-Agenten galten, den ich verkörperte?

»Bitte«, meldete sich Gregg und stellte das Glas vor den Fremden hin.

»Ich zahle«, meinte der Fremde. »Auch für meinen Bruder. Was bekommen Sie, bitte?«

Gregg musterte mich verblüfft. Er hörte zum erstenmal, daß ich einen Bruder hatte. Ich nahm mir nicht die Mühe, den Irrtum zu korrigieren, blickte aber genau hin, als der Mann neben mir seine Brieftasche öffnete. Sie war gespickt voll mit großen Dollarnoten.

»Drei achtzig«, sagte Gregg.

Der Fremde legte einen Fünfer auf den Tisch und sagte: »Stimmt.« Dann schaute er mir lächelnd in die Augen. »Gehen wir? Dad wartet schon!« Er unternahm keinen Versuch, einen Schluck aus dem Glas zu nehmen, obwohl er auf die richtige Zusammensetzung des Drinks so außerordentlichen Wert gelegt hatte.

Ich glitt von meinem Hocker und schritt zur Tür. Der Fremde hängte sich lose bei mir ein. »Was für ein Tag, Richy!« meinte er. »Wie fühlst du dich, alter Junge?«

Ich merkte, daß der Wirt uns verdutzt hinterherstarrte und daß Ben Fisher, ein bekannter Kriminalreporter, aus leicht verkniffenen Augen unseren Weg zur Tür verfolgte. Wahrscheinlich überlegte er, ob es sich für ihn empfahl, dem Fremden und mir zu folgen.

Ben Fisher wußte, daß ich fast immer für eine brauchbare Story gut war, aber schließlich blieb er doch sitzen. Vermutlich hatte er keine Lust, auf seinen Sonnabendpoker zu verzichten.

Der Fremde und ich betraten die Straße. Ich griff in die Tasche und holte zwei Dollar hervor. »Bitte«, sagte ich. »Für Ihre Auslagen.«

»Aber Sie waren mein Gast!« protestierte er. Ich sah, daß er sich unruhig umschaute, und mir fiel auf, daß er mich gleichsam als Deckung zur Fahrbahn hin benutzte. Die Straße war um diese Zeit nur mäßig belebt. Es hatte bis vor kurzem geregnet; die Leuchtreklamen zauberten schillernde Lichtschlangen auf den naßglänzenden Asphalt.

»Wollen Sie mir nicht endlich erklären, was das alles zu bedeuten hat?« fragte ich.

Er schaute, mich an. Seine Augen lächelten nicht mehr. Sein Gesicht wirkte straff und konzentriert, aber auch leicht abgespannt. »Kommen Sie«, sagte er. »Ich möchte jetzt nicht allein sein.«

Er zog mich zur Fahrbahn. Als wir ihre Mitte erreicht hatten, fiel der Schuß. Er hörte sich fern und verloren an, wie die Fehlzündung eines Autos in einer Parallelstraße, aber seine Wirkung war nah, unmittelbar und tödlich.

Ich sprang zur anderen Straßenseite, stoppte aber, als mir klar wurde, daß der Mann nicht mehr an meiner Seite war. Ein Auto bremste scharf, als ich herumwirbelte. Der Mann, der mich in Greggs Bar angesprochen hatte, lag auf dem nassen Asphalt. Den rechten Arm hatte er um den Kopf gewinkelt, der linke lag dicht am Körper.

Der Wagen war dicht vor ihm zum Stehen gekommen. Sein Fahrer, ein schwergewichtiger Endvierziger, kletterte keuchend ins Freie. Er schien zu glauben, daß ihm ein Betrunkener vor den Wagen gelaufen war.

Mit wenigen Schritten erreichte ich die Fahrbahnmitte. Ich beugte mich über den Mann, der reglos am Boden lag, und griff nach seinem Handgelenk.

»Wenn ich nicht so auf Draht gewesen wäre, hätte ich ihn glatt überrollt«, meinte der Dicke aufgeregt. »Was ist denn los mit ihm?«

Ich ließ die Hand des Fremden los.

»Er ist tot«, sagte ich.

Ein paar Neugierige kamen heran.

»Tot«, echote der Dicke betroffen und holte tief Luft. »Aber ich hab’ ihn mit meinem Schlitten doch gar nicht berührt!«

»Es hat nichts mit Ihnen zu tun«, beruhigte ich den Mann und schaute mich um. Die Straßenlaternen bildeten große helle Lichtkreise. Es war schwer, zu erkennen, was sich dahinter befand. Fenster, Balkone, Hausfassaden, Dächer. Wo hatte der Todesschütze gestanden?

Ich zog dem Toten die Brieftasche aus dem Jackett. Außer den Geldscheinen enthielt sie nur noch einen Ausweis auf den Namen Peter Drewitt, Park Avenue 51. Ich prägte mir die Adresse ein und schob die Brieftasche in sein Jackett zurück.

»Bleiben Sie hier bei ihm«, sagte ich zu dem Dicken. »Ich benachrichtige die Polizei.«

Ich betrat Greggs Bar. Ben Fisher folgte mir in den schmalen Korridor, der zu den Toiletten führte und drei Telefonboxen enthielt. »He, was ist passiert?« fragte er. »Wo ist der Mann geblieben, der sich an Sie rangemacht hat?«

»Er ist mausetot«, informierte ich ihn. »Liegt draußen auf der Straße.«

»Mord?« stieß er hervor.

»Mord«, bestätigte ich.

»Ausgerechnet am Sonnabend! Das ist perfid und geschmacklos«, meinte Ben Fisher, der seine Pokerrunde gefährdet sah. Er machte kehrt und stürmte hinaus.

Ich rief die Mordkommission an und bekam Lieutenant Hobson an die Strippe. Seiner Stimme war zu entnehmen, daß er keineswegs beglückt war, mit mir verbunden zu werden. Er wußte aus Erfahrung, daß ich um diese Zeit nicht anrief, um ihm ein- schönes Wochenende zu wünschen.

»Peter Drewitt«, sagte ich. »Können Sie mit dem Namen etwas beginnen?«

»Nein«, erwiderte er, »aber wie ich Sie kenne, Jesse, werden Sie rasch und nachhaltig dafür sorgen, daß sich das ändert.«

»Genau«, sagte ich. »Der Bursche hat mich in Gregg’s Place angesprochen und dabei eine erstaunliche Schau abgezogen.« Ich schilderte, was geschehen war, und schloß: »Mehr kann ich Ihnen vorerst nicht sagen. Wenn Sie es erlauben, werde ich am Tatort nicht auf Sie warten, weil ich das Gefühl habe, daß Drewitt mir auf seine mysteriöse, verschrobene Weise eine Botschaft zukommen lassen wollte. Ich möchte zu ihm fahren und feststellen, was mit ihm los war.«

»Alles Gute«, meinte Hobson.

***

Um dreiundzwanzig Uhr zehn lenkte ich meinen Jaguar in die Tiefgarage eines Hauses, dessen moderne klare Fassade deutlich machte, daß hier kein Platz für Angestellte der mittleren und gehobenen Einkommensklasse war. Man mußte schon sehr reiche Eltern oder einen hochdotierten Managerjob haben, um diese vornehme Adresse auf seine Visitenkarten drucken lassen zu können.

Der Lift brachte mich in die zweite Etage. Das Treppenhaus und die Stufen glänzten in beigefarbenem Marmor. Ein dicker roter Veloursläufer vertiefte noch den Eindruck von Reichtum und Gediegenheit.

Ich klingelte an der imponierenden Schleiflacktür, die das Namensschild: »Peter Drewitt« trug. Niemand öffnete. Ich klingelte abermals, aber erst beim drittenmal wurden hinter der Tür zögernde Schritte laut.

»Wer ist da, bitte?« erkundigte sich eine ängstlich klingende Frauenstimme.

»Jesse Trevellian, FBI«, meldete ich mich.

Die Tür öffnete sich eine Handbreit. Ich sah, daß auf der Innenseite die Sicherheitskette vorgelegt blieb. In dem dunklen Spalt zeigte sich ein schmales, mit weißer Creme bedecktes Frauengesicht.

»FBI?« fragte es atemlos.

»Ja. Spreche ich mit Mrs. Drewitt?«

Sie nickte. »Ich möchte Ihren Ausweis sehen, bitte.«

Ich zeigte ihn ihr. Sie ließ mich eintreten. Ihr Gesicht war eine Crememaske, die nur Mund, Augen und Nasenlöcher frei ließ. »Ich — ich wollte gerade ins Bett gehen«, entschuldigte sie sich verwirrt. »Was ist denn geschehen, um Himmels willen?«

»Es handelt sich um Ihren Mann, Mrs. Drewitt«, sagte ich.

»Um Peter? Soll ich ihn wecken?«

»Er ist zu Hause?«

»Natürlich. Er hat sich heute ausnahmsweise schon sehr früh hingelegt. Das Golf spiel mit… Nun ja, das interessiert Sie gewiß nicht. Er war müde, das ist alles.«

Die Frau trug einen weißseidenen Schlafrock, dessen Saum den Boden fegte. Es gehörte nicht viel Scharfblick dazu, um zu erkennen, daß das Kleidungsstück eine Menge Geld gekostet hatte und nicht im Kaufhaus erstanden worden war.

Das cremebedeckte Gesicht ließ zwar von der Schönheit dieser Frau nicht allzuviel erkennen, aber der Gesichtsschnitt und die Größe ihrer langbewimperten goldfarbenen Augen legte den Schluß nahe, daß sie die Extraklasse hatte, die man in dieser Umgebung vermutete.

»Ich — ich wecke Peter und mache mich selbst ein wenig salonfähig«, meinte sie hastig, als sie mir die Wohnzimmertür öffnete. »Bitte setzen Sie sich einen Moment. Es dauert nur wenige Minuten.«

Ich trat über die Schwelle. Die Frau schloß hinter mir die Tür. Ich war allein.

Das Wohnzimmer hatte die Ausmaße eines kleineren Ballsaals. Seine Ausstattung verriet den Geschmack von Leuten, die es verstehen, Altes mit Modernem zu kombinieren, und die genügend Geld besitzen, um sich jede Extravaganz leisten zu können.

Ich setzte mich in einen bequemen englischen Ledersessel, der den Eindruck erweckte, als hätte er noch bis vor kurzem in einem Londoner Klub der Hocharistokratie gestanden. Ich saß mit dem Gesicht zu den beiden Türen, und fragte mich, was die Frau wohl sagen würde, wenn sie feststellen mußte, daß ihr Mann sich gar nicht im Hause befand.

Draußen blieb alles still. Ich hörte nur einmal, wie der Wasserhahn aufgedreht und wieder geschlossen wurde. Hinter mir tickte eine Fayenceuhr auf dem Kaminsims. Von dem Straßenverkehr war nichts zu hören. Offenbar hatte der Erbauer des Hauses eine ebenso wirksame wie kostspielige Geräuschisolation vornehmen lassen.

Schritte näherten sich der zweiten Tür. Sie wurde geöffnet. Ich schoß aus meinem Sessel hoch, als sei ich vom Stich eines Eispickels dazu animiert worden.

Der Mann, der den Raum betrat, war in dezentes graues Tweedtuch gekleidet. Er trug ein handgearbeitetes seidenes Oberhemd und eine wenig auffällige, aber sichtlich teure Krawatte.

Ich kannte jedes Detail seiner Aufmachung, ich kannte auch das schüttere quergekämmte Haar und die blauen Augen mit der warmen Tönung.

»Drewitt«, stellte er sich vor und kam ohne Eile auf mich zu. Er machte einen Schritt vor mir halt und streckte seine Hand aus. »Sie kommen vom FBI? Ist das richtig, oder hat meine Frau sich geirrt?«

»Streng genommen komme ich von einem Toten«, sagte ich und ergriff seine Hand. »Es muß Ihr Zwillingsbruder sein.«

***

Er ließ meine Hand jäh fallen und starrte mir ins Gesicht. Seine Mundwinkel zuckten. Er sah betroffen aus, schockiert. Ich vermochte nicht auf Anhieb festzustellen, ob Form oder Inhalt meiner Nachricht seine Reaktion bestimmten.

»Ich bin Peter Drewitt«, sagte er langsam. »Ich habe keinen Bruder.«

»Der Mann sieht aus wie Sie.«

»Welcher Mann?«

»Er ist tot. Er wurde erschossen. In seiner Tasche fand ich einen Ausweis mit Ihrem Namen. Als Sie hereinkamen, dachte ich für einen Moment, der Tote sei wiederauferstanden.«

»Ich bin froh, daß Sie das nicht mehr zu glauben scheinen«, meinte er spöttisch. »Darf ich erfahren, was Sie veranlaßt, mich liebenswürdigerweise als Lebenden einzustufen?«

»Ihre Stimme klingt dunkler als die des Mannes, der erschossen wurde«, antwortete ich. »Aber im übrigen gibt es geradezu erschreckende Ähnlichkeiten, die sich bis auf die Kleidung erstrecken. Er trug den gleichen Sakko, die gleiche Krawatte und sogar exakt die gleichen Manschettenknöpfe.«

»Machen Sie Witze?«

»Ich hoffe, so sehe ich nicht aus.« Drewitt setzte sich. Er runzelte nachdenklich die Augenbrauen. »Das ist ja phantastisch«, murmelte er. »Einfach nicht zu glauben. Er muß einen gefälschten Ausweis besessen haben und…«

»Und?« drängte ich.

Drewitt schaute mich an. »Wenn Ihre Worte zutreffen, bleibt nur eine Schlußfolgerung übrig«, sagte er. »Der Mann, der Sie angesprochen hat, sollte in meine Rolle schlüpfen. Er ist darauf trainiert worden. Ehe er jedoch die Chance hatte, seine Rolle zu übernehmen, wurde er ermordet.«

»So könnte es gewesen sein«, sagte ich.

Peter Drewitt holte ein Taschentuch aus seinem Anzug und tupfte sich damit die Stirn ab, obwohl ich keinerlei Schweißspuren bemerkte. »Ich hoffe, es gelingt Ihnen, sehr rasch Licht in das mysteriöse Dunkel dieser Angelegenheit zu bringen«, meinte er. »Ich wüßte nämlich selbst sehr gern, was es damit für eine Bewandtnis hat.«

»Darf ich erfahren, welchem Beruf Sie nachgehen?«

»Ich bin Kaufmann. Selbstständig. Mir gehört die Firma Novotex. Ich importiere Modeaccessoires aus Europa, vornehmlich aus Paris und London. Ich glaube behaupten zu können, daß ich ausgezeichnete Umsätze mache.«

»Sie sind reich?«

»Nicht, wenn Sie mich mit einem Mann von der Größenordnung Henry Fords vergleichen… aber sicherlich vermögend genug, um für einige Leute der Unterwelt interessant zu sein«, meinte er.

»Kinder?«

»Nein.«

»Seit wann verheiratet?«

»Ich habe Rachel vor drei Jahren auf einer Schiffsreise kennengelernt. Wir haben sofort beschlossen, den Rest unseres Lebens gemeinsam zu verbringen, und ich glaube sagen zu können, daß keiner von uns diesen Entschluß bis jetzt bereut hat.«

»Rachel«, murmelte ich.

»Das ist der Name meiner Frau«, meinte er. »Warum sehen Sie so nachdenklich und erstaunt aus?«

»Es ist nichts«, winkte ich ab. »Kennen Sie einen Mann namens Mortimer?«

»Nein«, sagte er.

»Ihr Double erwähnte den Namen.«

»In welchem Zusammenhang?«

»Oh, er redete ziemlich konfuses Zeug«, sagte ich. »Es begann damit, daß er mich mit Richy ansprach. Er tat so, als sei ich sein Bruder, der nach längerer Abwesenheit endlich wieder nach Hause gekommen sei… sehnlichst erwartet von dem Vater, aber weniger willkommen geheißen von Rachel, der Schwester.«

»Das hat er gesagt?« staunte Peter Drewitt.

»Ja.«

»Der Kerl muß verrückt gewesen sein.«

»Verrückte tötet man nicht«, widersprach ich ihm. »Man steckt sie in eine Heilanstalt.«

»Ja, das ist richtig… Aber haben Sie eine bessere Erklärung für das Auftreten des Mannes?«

»Nein«, gab ich zu.

»Ich sehe dem Mann wirklich täuschend ähnlich?« fragte er.

»Sogar die Augenfarbe stimmt«, erwiderte ich.

»Was kann sich dahinter verbergen?«

»Wir werden es herausbekommen«, sagte ich. »Allerdings kann ich Ihnen nicht versprechen, ob das FBI daran mitarbeiten wird. Das hängt davon ab, zu welchen Ergebnissen die Mordkommission kommt. Wie Sie wissen werden, sind wir nicht für jedes Verbrechen zuständig.«

»Aber es betrifft doch Sie selbst, nicht wahr?« fragte er. »Welche Erklärung haben Sie dafür, daß der Mann mit Ihnen ins Gespräch zu kommen versuchte?«

»Er muß gewußt haben, daß ihm Gefahr drohte«, sagte ich. »Er war sich jedoch nicht völlig sicher, ob es für ihn noch eine Möglichkeit zur Flucht gab. Er wollte abwarten. Um mich vorübergehend an sich zu fesseln und um meine Aufmerksamkeit zu wecken, zog er die merkwürdige Schau ab. Sie kann natürlich auch dem Zweck gedient haben, seine Verfolger zu irritieren. Leider hielt sie den Mörder nicht davon ab, das Äußerste zu wagen.«

Das Telefon klingelte. Peter Drewitt setzte sich steil auf. Ich hatte das sichere Gefühl, daß er plötzlich Furcht empfand, und fragte mich, inwieweit er mir bis jetzt die Wahrheit gesagt hatte.

»Merkwürdig — ein Anruf um diese Zeit?« meinte er und blickte auf seine Uhr.

»Nehmen Sie ab«, sagte ich.

»Jaja, natürlich«, nickte er, traf aber keine Anstalten, sich zu erheben. Mir schien es fast so, als hoffte er, daß das Klingeln des Telefons ebenso plötzlich verstummen würde, wie es begonnen hatte.

Die Tür öffnete sich und Rachel Drewitt betrat den Raum. Sie hatte die Creme abgeschminkt und ihren Schlafrock gegen einen Hausanzug vertauscht. Das schimmernde auberginefarbene Material schmiegte sich an ihren jungen, sehr weiblichen Körper und sorgte dafür, daß jede Rundung betont wurde.

Ihr Gesicht war noch aufregender, als es' unter der dicken Cremeschicht zu vermuten gewesen war. Sie wirkte erstaunlich jung, sinnlich und intelligent. Im Typ paßte sie nicht zu Peter Drewitt, aber andererseits verkörperte sie die Klassefrau, die man sich nur an der Seite eines älteren, sehr gut verdienenden Karrieremannes vorzustellen vermochte.

»Warum gehst du nicht an den Apparat?« erkundigte sie sich erstaunt.

Peter Drewitt erhob sich mit einem Ruck. »Drewitt«, meldete er sich. »Für Sie, Mr. Trevellian«, meinte er dann und streckte mir den Hörer entgegen. Ich bemerkte seine Erleichterung, obwohl er sich Mühe gab, sie zu verbergen. Warum hatte er sich vor dem Anruf gefürchtet?

»Trevellian«, sagte ich.

»Lieutenant Hobson. Ich habe eine Überraschung für Sie. Der Ausweis des Toten ist gefälscht. Offenbar heißt der Mann gar nicht Drewitt.«

»Das habe ich inzwischen auch herausgefunden. Der wirkliche Peter Drewitt lebt noch.«

»Wie schön«, meinte der Lieutenant. »Ist er imstande, etwas über die Hintergründe des Verbrechens zu sagen?«

»Nein.«

»Sie drücken sich auffällig knapp aus«, meinte er. »Liegt es daran, daß Sie sich im Augenblick vor Zeugen nicht frei äußern möchten?«

»Ja.«

»Gut, wir sprechen uns später. Von dem Mordschützen fehlt bis jetzt übrigens jede Spur. Fest steht, daß er für die Tat ein 7-mm-Mausergewehr benutzte, mit Zielfernrohr, wie ich annehme.«

»Danke«, sagte ich und legte auf. »Neuigkeiten?« fragte Peter Drewitt, der sich wieder gesetzt hatte. Seine Frau war hinter seinen Sessel getreten. Sie stützte die gespreizten Finger auf die Lehne und sah mich aus ihren großen Augen an.

»Ja und nein. Der Ausweis des Mannes ist gefälscht.«

»Warum hat er sich meinen Namen zugelegt?«

»Er versuchte, daraus Profit zu schlagen, daß er Ihnen wie ein Zwillingsbruder glich.«

»Mag sein. Aber wenn das stimmt, gerate ich doch wohl automatisch in Mordverdacht, oder? Es wird eine Menge Leute geben, die sich einzureden versuchen, daß ich auf diese Weise versuchte, ein gegen mich gerichtetes Komplott zu stoppen.«

»Machen Sie sich darüber keine Gedanken«, sagte ich. »Seit wann wohnen Sie übrigens in New York?«

»Oh, schon seit zwanzig Jahren.«

»Sie sind amerikanischer Staatsbürger?«

»Das will ich meinen«, sagte er. »Ich wurde in Blytheville, Arkansas, geboren.«

»Leben Ihre Eltern noch?«

»Nein, sie sind 1960 gestorben.«

»Wo?«

»In Blytheville.«

»Wo haben sie dort gewohnt?«

»Main Street 144.«

»Verwandte?«

»Keine, Gott sei Dank!«

»Du bist sehr häßlich, Peter«, meinte die junge Frau, aber sie belächelte seine Worte verständnisinnig.

»Wer macht sich schon etwas aus Verwandten?« fragte er.

»Da du keine hast, kannst du das nicht beurteilen«, erklärte die junge Frau.

»Haben Sie Geschwister?« fragte ich sie.

»Nicht mehr«, erwiderte Rachel Drewitt. »Mein älterer Bruder kam vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben.«

Ich wiederholte, was sie nicht gehört hatte, und fragte dann: »Haben Sie eine Erklärung dafür, daß der Tote sich den Namen Ihres Mannes zugelegt hat und Mr. Drewitts äußere Aufmachung geradezu sklavisch kopierte?«

»Nein«, antwortete sie.

»Ich denke, das ist voräufig alles«, sagte ich und verabschiedete mich. Peter Drewitt brachte mich zur Wohnungstür. Erneut hatte ich das deutliche Gefühl, daß er sehr erleichtert war.

Der Lift brachte mich ins Erdgeschoß.

Ich klingelte den Hausmeister heraus, einen Mann namens Willy Lait. Er präsentierte sich mir in verknitterten Popelinehosen und einem Unterhemd, das seine starke Brustbehaarung nur unvollkommen bedeckte. Aus dem Wohnungsinneren ertönte Lautsprechermusik; ich hatte Lait also nicht aus dem Schlaf geholt.

Ich wies mich aus, und er führte mich in das kleine, überladen wirkende Wohnzimmer. Er machte einen Sessel frei, indem er die daraufliegenden Magazine auf die Couch warf, drehte den Ton des Fernsehgerätes zurück und ließ sich dann mir gegenüber auf einen Stuhl fallen. Er griff mechanisch nach einer offenen Bierdose, die auf dem Tisch stand, und fragte: »Well?« Seine Augen spiegelten wache Neugierde.

»In der Hurst Street ist ein Mann erschossen worden, der wie Mr. Drewitt aussah und auch einen Ausweis auf dessen Namen bei sich trug — natürlich einen gefäschten«, begann ich. »Ich habe soeben mit den Drewitts über diesen Fall gesprochen, aber beide zeigten sich leider außerstande, mir eine plausible Erklärung für das Verhalten — und das Ende — des Unbekannten zu geben.«

»Erschossen! In der Hurst Street!« murmelte Lait mit weit aufgerissenen Augen.

»Seit wann wohnen die Drewitts in diesem Haus?« fragte ich.

»Sie sind vor knapp neun Monaten eingezogen.«

»Wo wohnten sie vorher?«

»In Long Island, glaube ich. Genau kann ich es Ihnen nicht sagen.«

»Sie sind vermutlich ein Mann mit Erfahrungen und Menschenkenntnis«, stellte ich fest. »Wie würden Sie die Drewitts beurteilen?«

»Hm«, machte er und stülpte nachdenklich seine Unterlippe nach vorn. »Oberklasse. Geldleute mit Niveau. Wer es sich leisten kann, in diesem Haus zu wohnen, muß eine Menge Geld verdienen.«

»Haben die Drewitts viele Freunde?«

»Eher wenige«, sagte er. »Sie bekommen nur selten Besuch. Seltener jedenfalls als die anderen Hausbewohner.«

»Wer sind die Besucher?«

»Keine Ahnung. Ich bekomme sie nur selten zu Gesicht, wissen Sie. Die meisten Gäste fahren mit ihren Wagen in die Tiefgarage und von dort mit dem Lift nach oben.«

»Haben Sie jemals einen Mann in Mr. Drewitts Begleitung gesehen, der ihm so ähnlich war, daß er sein Zwillingsbruder hätte sein können?«

»Nein, nie.«

»Fährt Mr. Drewitt regelmäßig ins Geschäft?« ‘

»Zu bestimmten Tageszeiten, und so? Ja, das würde ich sagen. Nur mit der Heimkehr ist es anders. Da kommt er mal früher, mal später, wie das bei selbständigen Unternehmern so üblich ist.«

»Wie steht es mit Mrs. Drewitt?« fragte ich. »Ist sie viel unterwegs?«

»Fast jeden Tag, aber das gilt auch für die anderen Frauen der Mieter.«

»Kennen Sie einen Mann, der Mortimer heißt?«

»Mit Vor- oder Zunamen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Spielt keine Rolle.«

Er dachte nach und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er.

»Welchen Wagen fährt Mr. Drewitt?«

»Einen 70er Cadillac, flaschengrün«, antwortete Lait. »Er steht in der Garage, gleich neben dem Flitzer von Mrs. Drewitt, einem Fiat Coupé.«

»Danke«, sagte ich und stand auf. Wenige Minuten später schaute ich mich in der Tiefgarage nach dem Cadillac um. Der von Lait beschriebene Wagen stand nicht darin, aber dafür entdeckte ich einen chromgelben Fiat.

Der Platz neben ihm war leer.

Ich kletterte in meinen Jaguar und fuhr zurück zur Hurst Street. Ich mußte zweimal um den Block kurven, ehe ich eine Parklücke fand.

Als ich vor Gregg’s Place Umschau hielt, waren die Fahrzeuge der Mordkommission bereits verschwunden. Nur noch eine Kreidezeichnung auf dem inzwischen abgetrockneten Asphalt zeugte davon, was an dieser Stelle geschehen war.

Ich überquerte die Fahrbahn und gab mir Mühe, mich zu erinnern, welche Richtung der falsche Drewitt einzuschlagen versucht hatte. Als ich meine Blicke an der langen Reihe der parkenden Fahrzeuge entlangwandern ließ, entdeckte ich in etwa dreißig Yard Entfernung einen' flaschengrünen 70er Cadillac.

Ich ging darauf zu und stoppte neben ihm. Seine Türen waren unverschlossen. Ich setzte mich hinter das Lenkrad und schaute mir das Wageninnere an.

Auf dem Rücksitz lag ein Karton mit rosafarbenen Kleenextüchern und eine volle Schachtel Raleigh-Zigaretten. Im Handschuhkasten fand ich eine zerbrochene Sonnenbrille, einen neuen Satz Zündkerzen, einige alte Lappen und eine Schachtel mit Autosicherungen. Ich stieg aus, ging um das Fahrzeug herum und probierte, ob sich die Kofferraumklappe öffnen ließ.

Sie schwang leicht und federnd nach oben. Mein Herz machte einen jähen schmerzhaften Sprung.

Im Kofferraum lag ein Toter.

***

In seinen weit offenen, gebrochenen Augen spiegelte sich der Schein der Straßenbeleuchtung. Er hatte den Mund halb geöffnet, so daß ich die gelblichen, unregelmäßig gewachsenen Zähne mit ihren Gold- und Silberplomben sah.

Der Tote trug eine Sportkombination von sehr konservativem Schnitt, graue Hosen und einen Sakko mit Glencheckmuster. Er hatte die Knie so weit angezogen, daß sie fast sein Kinn berührten.

Ich griff nach seinem Handgelenk. Man hatte ihm die Armbanduhr abgenommen. Ein schmaler Streifen markierte die Stelle, wo sie gesessen hatte.

Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten. Möglicherweise hatte der Tote bereits im Wagen gelegen, als der falsche Peter Drewitt mich in Gregg’s Place angesprochen hatte.

Ich schlug den Sakko des Toten zurück. Die Einschußwunde lag genau in Höhe des Herzens. Er hatte nur wenig Blut verloren.

Ich tastete die Taschen des Toten ab. Sie waren leer. Ich warf einen letzten prüfenden Blick in das Gesicht des Toten. Er war ungefähr vierzig, eher etwas darunter als darüber. Sein glattrasiertes Gesicht wirkte schmal und durchschnittlich; es hatte keine besonderen Merkmale.

Ich schloß die Kofferraumklappe und holte tief Luft. Alles deutete darauf hin, daß ich in dieser Nacht keinen Schlaf bekommen würde, aber daran dachte ich nicht, als ich mich langsam Greggs Bar näherte. Ich stellte mir vielmehr die Frage, ob man den falschen Drewitt erschossen hatte, um den Tod des Unbekannten zu rächen.

In Gregg’s Place war nicht mehr viel los. Ich nickte dem Wirt zu und ging hinaus, um zu telefonieren.

»Hobson«, meldete sich der Lieutenant.

»Trevellian.«

»Was Neues?« fragte er rasch.

»Und ob«, sagte ich. »Noch einen Toten.«

»Gerechter Himmel, das hätte ich mir denken können«, stöhnte er. »Wenn Sie Ihre Finger im Spiel haben, gibt’s immer erst einen Haufen zusätzlicher Schwierigkeiten, ehe man den Fall zu den Akten legen kann.«

»Was soll ich dagegen tun? In den Hudson springen?« fragte ich und erklärte ihm, wie es zu der grausigen Entdeckung gekommen war.

»Okay«, sagte er. »Ich kenne ja nun den Weg. Bis gleich!«

Ich legte auf. Mein Mund war pulvertrocken. Ich ging in das Lokal zurück und setzte mich an den Tresen.

»Ein Bier, bitte«, sagte ich.

»War das wirklich Ihr Bruder, vorhin?« erkundigte sich Gregg, als er das Gewünschte vor mir hinstellte.

»Nein«, erwiderte ich und griff nach dem Glas. »Haben Sie ihn schon mal hier gesehen?«

»Zweimal sogar. Beide Male in der vergangenen Woche«, sagte er.

»War er allein?«

»Ja.«

»Um welche Zeit kreuzte er hier auf?«

»Gegen zweiundzwanzig Uhr.«

»Wieso ist er Ihnen aufgefallen? Nur weil er nicht zum Stamm gehörte?«

»Schwer zu sagen«, meinte Gregg. »Er schien nach jemand Ausschau zu halten. Vielleicht nach Ihnen?«

Ich überlegte und schüttelte den Kopf. »Kaum. Dafür komme ich zu selten her.«

»Was, wie ich meine, ein Jammer ist«, sagte Gregg. »Jetzt ist der Bursche also tot. Haben Sie eine Erklärung dafür?«

»Nein, aber ich wüßte gern, wo der Schütze gestanden hat. Er muß sich auf der anderen Straßenseite in eine Wohnung oder ein Büro eingeschlichen haben. Fest steht, daß der Schuß von oben kam, vielleicht sogar vom Dach.«

»Dazu kann ich mich nicht äußern«, meinte Gregg. »Ich habe nicht mal den Knall gehört. Die Haustüren auf der anderen Straßenseite werden Sonnabends kaum vor Mitternacht geschlossen. Jemand, der sich auf einem Dach postieren will, hat keine Mühe, das zu tun.«

Ich nahm einen langen Schluck aus dem Glas, stellte es ab und ging nochmals nach draußen, um zu telefonieren. Peter Drewitt meldete sich so rasch, daß er unmöglich schon geschlafen haben konnte.

»Trevellian«, sagte ich. »Ich habe noch ein paar Fragen. Sind Sie allein?«

»Ja, Rachel hat sich bereits hingelegt.«

»Ich wüßte gern, welche Nummer Ihr Wagen hat und wo er sich befindet.«

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Alte Freundin braucht Hilfe (Horst Bieber)

Kubinke und der kommende Tod (Alfred Bekker)

Die mörderischen Zwillinge (Cedric Balmore)

Jesse und das Schlitzohr (Cedric Balmore)

Überrrollt (Uwe Erichsen)

Der Zeuge, den ich töten wollte (Cedric Balmore)

Spur in den Abgrund (Theodor Horschelt)

Das Rätsel der silbernen Spinne (Cedric Balmore)

Bount Reiniger und der Psychopath (Franc Helgath)

Drei Tage bis zur Katastrophe (A.F.Morland)

Kommissar Jörgensen und der Serienkiller (Alfred Bekker)

Elga, die charmante, junge Frau Colonel Ashburtons, die erst vor wenigen Jahren aus Ungarn nach England geflüchtet war, verschwindet spurlos. Inspector Taggart und sein Adlatus Sergeant Hulbert vom C.I.D., Scotland Yard, wittern schon bei Aufnahme der Ermittlungen, welche Ausmaße der Fall haben würde — und sie sollen recht behalten. Die Tatsache, dass der Colonel leitender Beamter im Kriegsministerium ist, deutet auf eine mögliche Entführung Mrs. Ashburtons, auch Spionage ist nicht auszuschließen, deshalb wird Major Playford von der Abwehr hinzugezogen. Elgas Verschwinden setzt eine Lawine in Gang: Alte, ungeklärte Fälle erscheinen in neuem Licht und Leute tauchen wieder auf, die schon seit Jahren tot sind — und am Ende kommt alles anders ...

Details

Seiten
1100
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738955941
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
krimis september krimi paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Uwe Erichsen (Autor:in)

  • Theodor Horschelt (Autor:in)

  • Horst Bieber (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • Franc Helgath (Autor:in)

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Titel: Die besten 11 Krimis im September 2021: Krimi Paket