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10 Herbstkrimis September 2021: Krimi Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) Tomos Forrest (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) Konrad Carisi (Autor:in) Sophie Carisi (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in)
2021 900 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Wolf G. Rahn: Eine Leiche im Gepäck

Konrad Carisi/Sophie Carisi: Der Auftragskiler, der nicht wusste, warum er tötet

Wolf G. Rahn: HK Greiff - DIe schrecklche Wahrheit

Alfred Bekker: Ein Mann für besondere Aufträge

Alfred Bekker: Kein Grund zum Feiern

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

Cedric Balmore: Kommissar Morry: Schieß, wenn du kannst

Horst Friedrichs: Pacinos Killer-Garde

Horst Friedrichs: Entführung ins Nirgendwo

Tomos Forrest/Wolf G. Rahn: Junge Liebe mordet nicht

Stede Rumsey befindet sich in einer schier ausweglosen Situation: Als er den schwarzen Cadillac stiehlt, hat er nicht damit gerechnet, im Kofferraum eine Leiche mit Einschusslöchern in der Brust zu finden. Er ist ein kleiner Autoknacker, aber mit Mord hat er noch nie etwas zu tun gehabt. Bei seinem Pech ist damit zu rechnen, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Deshalb wendet sich der Ganove an den Privatdetektiv Bount Reiniger, dem er vertraut, auch wenn dieser ihn schon einmal wegen Autodiebstahls in den Knast gebracht hatte. Der Detektiv ist der Einzige, der ihn vor einer Mordanklage bewahren könnte - vorausgesetzt er findet den wahren Täter ...

Leseprobe

10 Herbstkrimis September 2021: Krimi Paket

Alfred Bekker, Tomos Forrest, Wolf G. Rahn, Cedric Balmore, Horst Friedrichs, Konrad Carisi, Sophie Carisi

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Wolf G. Rahn: Eine Leiche im Gepäck

Konrad Carisi/Sophie Carisi: Der Auftragskiler, der nicht wusste, warum er tötet

Wolf G. Rahn: HK Greiff - DIe schrecklche Wahrheit

Alfred Bekker: Ein Mann für besondere Aufträge

Alfred Bekker: Kein Grund zum Feiern

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

Cedric Balmore: Kommissar Morry: Schieß, wenn du kannst

Horst Friedrichs: Pacinos Killer-Garde

Horst Friedrichs: Entführung ins Nirgendwo

Tomos Forrest/Wolf G. Rahn: Junge Liebe mordet nicht


Stede Rumsey befindet sich in einer schier ausweglosen Situation: Als er den schwarzen Cadillac stiehlt, hat er nicht damit gerechnet, im Kofferraum eine Leiche mit Einschusslöchern in der Brust zu finden. Er ist ein kleiner Autoknacker, aber mit Mord hat er noch nie etwas zu tun gehabt. Bei seinem Pech ist damit zu rechnen, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Deshalb wendet sich der Ganove an den Privatdetektiv Bount Reiniger, dem er vertraut, auch wenn dieser ihn schon einmal wegen Autodiebstahls in den Knast gebracht hatte. Der Detektiv ist der Einzige, der ihn vor einer Mordanklage bewahren könnte - vorausgesetzt er findet den wahren Täter ...

Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, ALFREDBOOKS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Eine Leiche im Gepäck: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn





Stede Rumsey befindet sich in einer schier ausweglosen Situation: Als er den schwarzen Cadillac stiehlt, hat er nicht damit gerechnet, im Kofferraum eine Leiche mit Einschusslöchern in der Brust zu finden. Er ist ein kleiner Autoknacker, aber mit Mord hat er noch nie etwas zu tun gehabt. Bei seinem Pech ist damit zu rechnen, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Deshalb wendet sich der Ganove an den Privatdetektiv Bount Reiniger, dem er vertraut, auch wenn dieser ihn schon einmal wegen Autodiebstahls in den Knast gebracht hatte. Der Detektiv ist der Einzige, der ihn vor einer Mordanklage bewahren könnte - vorausgesetzt er findet den wahren Täter ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Die Hauptpersonen des Romans:

Stede Rumsey - Ein Superschlitten sticht ihm in die Augen. Doch schon bald wünscht er sich, ihn nie angerührt zu haben.

Strode, Delmer und Brooks - Die Gangster sind nicht gewillt, sich ihre Beute stehlen zu lassen. Sie schlagen zurück.

Smith - Er glaubt, auf die Schnelle absahnen zu können. Das geht ins Auge, und zwar in seins.

Mary Flippen - Sie weiß, dass ihr Mann sie betrügt. Doch die Gefahr nähert sich von einer ganz anderen Seite.

June March – unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.



1

Stede Rumsey war alles andere als zufrieden. In seinem Leben hatte es zwar schon miese und sehr miese Tage gegeben. Doch dieser hier gehörte ohne Frage zu den allermiesesten.

Er brauchte unbedingt Kohle. Die Miete war er seit zwei Monaten schon schuldig. Die Haare schnitt er sich selbst, und sein Speisezettel bot die Abwechslung eines Zuchthausfraßes.

Stede schüttelte sich. An den Knast wollte er lieber nicht denken. Die achtzehn Monate gehörten zu seinen unerfreulichsten Erinnerungen.

Damals hatte er auch unbedingt Knete gebraucht. Eine Situation wie jetzt. Es war ganz einfach gefährlich, unter finanziellem Druck arbeiten zu müssen.

Der Ganove blieb unter einer Straßenlaterne stehen und zündete sich ungeschickt eine Zigarette an.

Der flackernde Lichtschein des Zündholzes fiel auf das magere Gesicht mit den etwas hervorstehenden Augen und der leicht gekrümmten Nase.

Sein Blick blieb an einem Ford Mustang hängen, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt war. Ganz verlassen und traurig stand der Wagen da.

War es nicht Stede Rumseys Pflicht, sich dieses bedauernswerten, einsamen Fahrzeugs anzunehmen?

Stede Rumsey warf einen Blick über seine Schulter. Nein, es kam niemand. Das hier war eine recht ausgestorbene Gegend.

Er setzte sich in Bewegung und überquerte die Fahrbahn.

Als er nur noch fünf Schritte von dem Ford entfernt war, öffnete sich die Tür des Hauses, vor dem der Wagen stand. Ein Pärchen trat scherzend heraus und hielt auf den Ford zu.

Verflucht! Es war wirklich ein mieser Tag. Heute ging alles schief. Das war nun schon der sechste Versuch, der missglückt war. Vielleicht sollte er doch besser umsatteln und in Zukunft gebrechlichen Rentnerinnen die Handtaschen klauen. Dazu war er wohl hoffentlich noch in der Lage.

Stede Rumsey schwenkte geschickt ab und bog um die Ecke, während hinter ihm der Motor des Ford Mustang angelassen wurde und der Wagen sich entfernte.

Die Augen des Autoknackers schienen plötzlich noch etwas weiter hervorzutreten, als er die schwarze Limousine in der Hauseinfahrt entdeckte. Ein Cadillac Seville. Ein Traumwagen mit allen Schikanen. So einen Schlitten wurde er reißend los.

Schon von Weitem sah er, dass die Tür auf der Fahrerseite nicht ganz geschlossen war. Der Besitzer würde gleich zurückkommen. Wahrscheinlich hatte er nur etwas im Haus vergessen.

Stede Rumsey überlegte nicht lange. Vielleicht war dieser Tag doch nicht ganz so schlecht.

Er sprintete los, umrundete den Wagen und warf sich auf die atemberaubend weichen Polster.

Er wollte schon den Draht aus der Tasche nehmen, den er zum Kurzschließen von Zündungen stets bei sich trug, als er den Schlüssel entdeckte.

Das war ja zu schön, um wahr zu sein. Ein Geschenk des Himmels. Leichter ging es wirklich nicht mehr.

Der Motor war beim Anlassen kaum zu hören. Lautlos glitt der Caddy auf die Straße und gehorchte dem Autodieb, der ihn in weitem Bogen nach links zwang.

Einen solchen Wagen zu fahren war ein Genuss. Stede Rumsey hätte ihn liebend gerne für sich behalten. Wenigstens ein paar Wochen.

Doch das ging nicht. Erstens würde ein Kerl wie er in einer solchen Luxuskarosse schon nach einer Stunde auffallen und das Misstrauen der Bullen auf sich ziehen. Und zweitens brauchte er das Geld nötiger als eine Karre, die dazu noch einen unverschämten Durst entwickelte.

Dass sich die Außenspiegel mühelos von innen einstellen ließen, verstand sich von selbst. Stede Rumsey erledigte diese Handgriffe und zuckte im gleichen Moment zusammen.

Eine dunkelblaue Limousine schoss hinter ihm aus einer Seitenstraße heraus und nahm mit quietschenden Reifen Kurs auf ihn.

Die Bullen! Das hätte er sich ja denken können. An einem solchen Tag fasste man am besten erst gar nichts an. Nicht einmal einen Cadillac Seville.

Aber noch gab sich Stede Rumsey nicht geschlagen. Seine Verfolger waren ihm unterlegen, was ihren fahrbaren Untersatz anging.

Er gab Gas, und der Caddy ging wie eine Rakete los. Nur wesentlich leiser.

Seine Verfolger blieben dran. Jetzt waren die letzten Zweifel beseitigt. Sie meinten ihn.

Stede Rumsey presste die Lippen zusammen.

Also gut, Freunde! Wollen doch mal sehen, ob ihr’s mit einem Caddy und mir aufnehmen könnt. Hoffentlich habt ihr bei den Schleuderkursen in euren Schulungen ordentlich aufgepasst. Sonst klebt ihr nämlich gleich am nächsten Baum.

Es war eine Freude, wie der Schlitten auf jeden noch so behutsamen Pedaldruck reagierte.

Stede Rumsey hatte den Stadtplan der Riesenstadt New York im Kopf. Das war seine Stärke. Er kannte sich in den stillen Außenbezirken genauso gut aus wie im dichtesten Gewühl von Manhattan.

Er hielt es für besser, jetzt in der Menge unterzutauchen. Um diese Zeit endeten die Theatervorstellungen am Broadway. Auf den Parkplätzen und in den Parkhäusern fiel in dieser Gegend ein Caddy weniger auf als in der biederen Wohngegend von Queens.

Der Ganove riss das Lenkrad herum und stieg gleichzeitig auf die Bremse.

Der Cadillac brach hinten aus, ließ sich aber willig in die neue Richtung zwingen. Fast ohne Tempoverlust jagte er weiter.

Hinter ihm kreischte es. Die Bullen hatten wesentlich mehr Mühe, ihm dieses Manöver nachzumachen. Sie schafften es zwar auch, aber sie verloren fast hundert Meter dabei.

Jetzt hatte er Zeit genug, um zwei Straßenecken zu biegen und damit seine Verfolger an der Nase herumzuführen. Sie rechneten bestimmt nicht damit, dass er wieder zurückfuhr. Ein alter Trick.

Mist! Den hatten sie anscheinend doch gekannt. Der dunkelblaue Chevy tauchte jetzt seitlich von ihm auf. Mit diesem Manöver hatte sich Stede Rumsey selbst in den Hintern getreten.

Unweit von ihm blitzte es auf. Etwas knallte hinten gegen den Kofferraum.

Jetzt wurde es ernst. Die Halunken machten von der Schusswaffe Gebrauch.

Der Gauner biss die Zähne zusammen. Es war ungewöhnlich, auf einen kleinen Autodieb gleich zu schießen. Wahrscheinlich glaubten sie, einer organisierten Autoknackerbande auf der Spur zu sein. Die Konkurrenz betrieb dieses Geschäft ja im großen Stil.

Sie stellten das Feuer nicht ein, aber inzwischen hatte Rumsey den Abstand wieder vergrößert, sodass ihn sämtliche Kugeln verfehlten.

Er ärgerte sich. Der Einschuss machte ihm zusätzliche Arbeit.

Aber vielleicht übernahm Brady den Schlitten so, wie er war, und führte die Reparatur und die neue Lackierung selbst aus. Allerdings würde das den Preis erheblich drücken.

Doch darüber konnte er sich später Gedanken machen. Vorläufig war noch gar nicht sicher, dass er die Beute auch behalten durfte. Seine Anhängsel waren mächtig hartnäckig.

Er peitschte den Cadillac kreuz und quer durch Long Island City. Erst als er den Chevrolet nicht mehr sah, schoss er auf die Zufahrt zur Queensboro Bridge zu und setzte nach Manhattan über.

Auch hier war er sich noch nicht sicher, dass er es geschafft hatte. Er raste nach Norden, durchquerte den Central Park und sauste an der West Side wieder zurück.

Die ganze Zeit war von der Polizei nichts zu sehen, und auch andere Streifenwagen kümmerten sich nicht um ihn.

Da endlich wurde Stede Rumsey ruhiger, und er begann sich über den gelungenen Coup zu freuen.

Er brauchte jetzt unbedingt einen Drink. Nur einen ganz kleinen, denn er wollte die Übersicht nicht verlieren.

Er stellte den Caddy in ein Parkhaus in der 58sten Straße und schloss ihn gewissenhaft ab.

Beim Vorbeigehen stellte er erleichtert fest, dass die Kugel nicht den Lack beschädigt, sondern lediglich eine Zierleiste ein wenig platt gedrückt hatte. Das war nicht der Rede wert.

Gut gelaunt fuhr er mit dem Lift hinunter und trat ins Freie.

Auf den ersten Blick entdeckte er den „Bird of Paradise“ mit seiner grellen Lichtreklame.

In solche nicht gerade billigen Schuppen hatte er seine Nase schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesteckt. Heute konnte er sich das leisten. Der Caddy würde ihm mindestens fünf Riesen bringen.

Stede Rumsey überprüfte seine Barschaft, bevor er das Nachtlokal betrat. Sechzehn Dollar und dreißig Cent. Das reichte für einen Drink oder auch zwei.

Er gab sich einen Ruck und öffnete die Tür.

Als er den Mann am Ecktisch erkannte, der genau in seine Richtung blickte, erschrak er heftig. Ausgerechnet!

Am liebsten wäre er rückwärts wieder auf die Straße gerannt, doch damit wäre er erst recht aufgefallen.

Also gab er sich Mühe, ein möglichst unbefangenes Grinsen zu zeigen. Er wusste aber schon im Voraus, dass er damit bei diesem gerissenen Fuchs nicht durchkommen würde.



2

Bount Reiniger war nicht blind. Auch wenn er im Verlauf dieses Abends bereits vier Whisky genossen hatte, trübte das seinen Blick nicht. Und seine Menschenkenntnis litt erst recht nicht darunter.

„Entschuldige mich einen Moment“, sagte er zu dem Mann an seinem Tisch. „Ich möchte einen alten Bekannten begrüßen. Er könnte mich sonst für unhöflich halten.“

Er erhob sich und ging auf den Burschen zu, der unschlüssig an der Tür stehen geblieben war.

„Suchen Sie noch einen Platz, Stede? Um diese Zeit ist es im 'Paradiesvogel' meistens gesteckt voll. Wenn Sie wollen, setzen Sie sich doch zu uns. Mr. Sharp werden Sie wahrscheinlich nicht mehr kennen. Er war schon im Ruhestand, bevor wir beide uns kennenlernten. Früher arbeitete er für das Raubdezernat. Wir haben uns zufällig getroffen.“

Bount machte eine einladende Handbewegung, aber Stede Rumsey lehnte mit allen Zeichen deutlichen Entsetzens ab.

„Ich möchte wirklich nicht stören, Bount“, versicherte er eifrig. „Außerdem, wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich in der Gesellschaft eines Polizisten noch immer nicht sonderlich wohl.“

„Eines ehemaligen Polizisten“, korrigierte der Privatdetektiv schmunzelnd. „Der tut Ihnen nichts mehr. Da brauchen Sie keine Angst zu haben.“

„Ich habe keine Angst“, brauste der Ganove auf. „Sehen Sie das Tischtuch hier, Bount? So sauber ist mein Gewissen.“

Bount lachte und schob den Aschenbecher beiseite. Darunter kam ein bräunlicher Fleck von der Größe einer Dollarnote zum Vorschein.

„Hoffentlich haben Sie das nicht wörtlich gemeint, Stede“, sagte er belustigt. „Womit verdecken Sie Ihren Fleck auf der weißen Weste?“

„Na hören Sie mal! Ich bin kuriert. Die Sache damals hat mir gelangt. Wissen Sie, wie viel ich bekommen habe? Achtzehn Monate. Und die hatte ich Ihnen zu verdanken.“

„Irrtum! Die hatten Sie einzig und allein sich selbst zu verdanken. Man fährt eben nicht mit Autos davon, die einem nicht gehören. Früher oder später geht das ins Auge und von da aus auf direktem Weg ins Gefängnis. Das können Sie unmöglich mir zum Vorwurf machen.“

„Sie haben ja recht, Bount“, lenkte Stede Rumsey ein. „Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Jetzt kann mir niemand mehr etwas nachsagen. Sie nicht und Ihr Mr. Sharp auch nicht.“

„Aber zu einem Drink darf ich Sie trotzdem einladen“, lockte Bount. Er wurde das Gefühl nicht los, als hätte Stede Rumsey etwas auf dem Herzen und suchte nur einen Zuhörer, dem er sich anvertrauen konnte. „Der Whisky ist hier ausgezeichnet. Mich interessiert, wie Sie den Sprung in das ehrliche Leben geschafft haben. Es tut gut zu hören, dass jemand trotz aller Schwierigkeiten den richtigen Weg gefunden hat.“

Stede Rumsey schwankte. Einen kostenlosen Whisky durfte er nicht einfach ausschlagen. Erstens schonte das seine Finanzen - schließlich hatte er die fünf Riesen ja noch nicht. Zweitens würde sich Bount Reiniger wundern, und wenn sich der zu wundern begann, wurde es gefährlich. Dann folgte die Neugier, und die führte ihn in neunundneunzig von hundert Fällen auf genau die Spur, die man eigentlich vor ihm geheim halten wollte. Ein hartnäckiger Bursche, dem man einfach nichts vormachen konnte.

„Da sage ich nicht nein, Bount“, erklärte er mit erzwungener Freude. „Ich kann mich aber nicht revanchieren. So rosig geht es mir nun auch wieder nicht. Der Nachteil ehrlicher Arbeit ist der, dass man immer einen Dollar zu wenig hat.“

Bount führte seinen Gast zum Tisch und stellte ihn dem ehemaligen Fahnder Sharp vor, ohne freilich etwas von seiner Vergangenheit zu erwähnen.

Sharp blickte auf die Uhr und seufzte.

„Schon so spät? Nehmt’s mir nicht übel, aber ich muss Feierabend machen. In meinem Alter kann man leider nicht mehr so, wie man gerne möchte. Ruf mich doch gelegentlich mal an, Bount. Meine Nummer hast du ja.“

„Du meine auch, Jeff“, erinnerte Bount und schüttelte dem knochigen Mann mit den Tränensäcken unter den Augen herzlich die Hand.

Jetzt wird er dich nach allen Regeln der Kunst ausquetschen, dachte Stede Rumsey. Und draußen steht der Caddy und wird möglicherweise von der Polizei entdeckt. Ich hätte doch besser auf den Drink verzichten sollen.

Bount bestellte zwei Doppelstöckige und wartete, bis der andere getrunken hatte. Dann wiederholte er die Bestellung.

„Ich nehme an, Sie reden nicht mehr gerne über die alten Zeiten“, begann er schließlich. „Ich gebe zu, dass auch ich lieber mit Ihnen den Whisky genieße, als dass ich Ihnen eine Verfolgungsjagd liefere. Junge, Junge, fahren konnten Sie. Das musste man Ihnen lassen.“

„Leider waren Sie noch etwas besser, Bount“, bekannte der Ganove. „Deshalb haben Sie mich auch erwischt. Eigentlich müsste ich heute noch sauer auf Sie sein. Eineinhalb Jahre. Die sitzt so ein kleiner Fisch wie ich nicht auf einer Backe ab.“

„Reden wir von Erfreulicherem“, schlug Bount vor. „Was treiben Sie jetzt?“

„Gelegenheitsjobs. Mal dies, mal das. Aber alles sauber. Vor Kurzem habe ich es mit ’nem Hamburger-Stand versucht. Doch ich kann nicht stundenlang auf einem Fleck rumstehen. Das macht mich ganz krank. Ich habe jetzt die Chance, einen Vertreterposten zu bekommen. Dann bin ich ständig auf Achse und kann meine alten Fähigkeiten wenigstens nutzbringend verwerten.“

Diese Story war vom ersten bis zum letzten Buchstaben frei erfunden. Aber Bount Reiniger sollte ihm erst einmal das Gegenteil beweisen.

Bount nickte wohlwollend.

„Ich wünsche Ihnen, dass es klappt, Stede. Wenn sich irgendwelche Probleme einstellen sollten, rufen Sie mich einfach an. Ich werde dann versuchen, etwas für Sie zu tun. In gewisser Weise fühle ich mich für Sie verantwortlich.“

„Das ist riesig nett, Bount. Aber es ist wirklich nicht nötig. Bei mir ist alles in Ordnung.“

„Sind Sie ganz sicher, Stede?“

Den Autoknacker traf ein forschender Blick, den er noch allzu gut in Erinnerung hatte. Damit brachte Bount Burschen zum Reden, wenn sie nicht ganz und gar hartgesotten waren.

Stede Rumsey hielt dem fragenden Blick stand, obwohl er innerlich ins Schwitzen geriet. Es war, als ob der Detektiv ihm die Sache mit dem Cadillac auf der Nasenspitze ablas.

„Absolut sicher“, behauptete er und griff hastig nach dem Glas. „Danke für den Whisky. War nett, Sie wieder mal getroffen zu haben.“

Er erhob sich abrupt, und der Detektiv hielt ihn nicht zurück.

Irgendwie hatte Bount das Gefühl, dass Stede ihm einen riesigen Bären aufgebunden hatte. Die Nervosität des Mannes ließ sich fast greifen.

Hamburger-Stand? Handelsvertreter? Da konnte er doch nur lachen.

Aber ihm sollte es egal sein. Falls Stede wirklich zu den Unbelehrbaren, gehörte, sollte sich die Polizei mit ihm auseinandersetzen. Er hatte keinen Auftrag, sich um den Burschen zu kümmern, der noch vor drei Jahren seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Erlös aus Autodiebstählen bestritt.

Bount fand, dass es auch für ihn an der Zeit war, dem „Paradiesvogel“ den Rücken zu kehren.

Er lächelte, als er merkte, dass Stede Rumsey seine Begleitung gar nicht angenehm war.

Aber er schwieg und verabschiedete sich nach kurzer Zeit.

Stede Rumsey überquerte an der Kreuzung die Straße und hastete anschließend die Achte Avenue hinauf.

Auch Bount war zu Fuß. Bis zu seinem Büro-Apartment hatte er es nicht allzu weit, und abends machte er ganz gerne einen Verdauungsspaziergang. Dass der durch das Zusammentreffen mit Jeff Sharp bis weit nach Mitternacht dauern würde, hatte er ja nicht ahnen können.

Bevor er ins Bett ging, stellte er sich noch unter die Dusche und hörte dabei das Tonband des Anrufbeantworters ab.

Er machte sich anschließend ein paar Notizen für den kommenden Tag und hatte vor dem Einschlafen Stede Rumsey längst vergessen.

Das war zu dem Zeitpunkt, als der Autoknacker fast aus den Schuhen kippte.



3

Stede Rumsey ging um den ganzen Häuserblock herum und kehrte zu dem Parkhaus zurück. Er hoffte, Bount Reiniger dadurch abgeschüttelt zu haben. Zumindest hatte er von dem Detektiv nichts mehr gesehen, sooft er sich auch blitzschnell umgedreht hatte.

Als er den Cadillac Seville genauso in der Parkbucht stehen sah, wie er ihn abgestellt hatte, atmete er erneut auf. Der dritte und letzte Stein fiel ihm vom Herzen, als ihn niemand daran hinderte, in das gestohlene Fahrzeug einzusteigen und damit das Parkhaus zu verlassen. Der Wagen war von den Bullen also nicht entdeckt worden.

Der Ganove beeilte sich nun, die heiße Kiste zu verstecken. Für diesen Zweck hatte er vor einiger Zeit eine geräumige Garage in Brooklyn gemietet. Dort konnte er den Wagen stehen lassen, bis er mit Brady handelseinig war.

Die Garage befand sich in der Hafengegend. Hier achtete niemand darauf, wenn Rumsey mit immer wieder anderen Autos daherkam.

Stede Rumsey fuhr trotzdem einmal eine Runde, um sicherzustellen, dass die Luft rein war. Erst dann hielt er vor der Garage, öffnete das Tor, ließ den Caddy hindurchgleiten und verschloss es wieder.

Geschafft! Er rieb sich begeistert die Hände und ließ sie über das weiche Leder der Sitze gleiten.

Nein, für fünf Scheine gab er den nicht her. Brady kassierte bestimmt nicht unter zwölf dafür. Also waren achttausend wohl angemessen.

Der Ganove schaltete die Innenbeleuchtung ein und nahm sich vor, am nächsten Tag den Wagen gründlich zu reinigen. Ausräumen konnte er ihn jetzt schon. Wenn das Glück schon so richtig in Fahrt war, bescherte es ihm im Handschuhfach vielleicht noch die Brieftasche des Besitzers, die standesgemäß mit grünen Scheinen gefüllt sein müsste.

Dieser Wunsch erfüllte sich zwar nicht, trotzdem nahm Stede Rumsey alles an sich, was das Fach enthielt, und stopfte es in eine bereitgehaltene Plastiktüte.

Es handelte sich um ein paar Straßenkarten, Zigaretten und allen möglichen anderen Kram.

Am wertvollsten erschien ihm ein goldenes Gasfeuerzeug. Das ließ sich zu Geld machen. Schade, dass ein Monogramm eingraviert war. Wer kaufte schon ein Feuerzeug mit fremden Initialen?

Stede Rumsey zog den Zündschlüssel ab und stieg aus. Er freute sich über das gediegene „Plopp“, als er die Tür zuwarf.

Er umrundete den Wagen und öffnete den Kofferraum in der Hoffnung, dort auf ein paar Gepäckstücke zu stoßen.

Nur mit Mühe unterdrückte er den Entsetzensschrei.

Im Kofferraum lag eine Leiche.

Stede Rumsey schloss sekundenlang die Augen. Als er sie zögernd wieder öffnete, hoffte er, dass sich der Tote als Trugbild erwies und verschwunden war.

Aber den Gefallen tat ihm der Bursche nicht. Mit weit aufgerissenen, blicklosen Augen starrte er nach oben. Er hatte dunkle, an den Schläfen leicht angegraute Haare. Sein nachtblauer Anzug verriet guten Geschmack und einen noch besseren Schneider. Der einzige Schönheitsfehler waren die Einschüsse, die nicht nur das weiße Oberhemd, sondern auch den damit bekleideten Brustkorb durchlöchert hatten.

Ein glasklarer Mord. Stede Rumsey durchrieselte es eiskalt.

Noch nie hatte er etwas mit einem Blutverbrechen zu tun gehabt. Von solchen Dingen hatte er sich immer wohlweislich ferngehalten. Autodiebstahl war das eine, Mord etwas ganz anderes.

Stede Rumsey war aber nicht so naiv, sich einzubilden, dass ihn der fremde Tote nichts anging, nur weil er ihn nicht erschossen hatte.

Die Polizei dachte darüber ganz anders.

Er erinnerte sich an einen Fall, den man ihm im Bau erzählt hatte. Da wäre einer um ein Haar auf dem Stuhl gelandet, weil man seinen Boss mit Gift im Bauch und Leichenflecken am Rücken aufgefunden hatte.

Die Tatsache, dass der Bursche ein Verhältnis mit der Frau des Toten unterhielt und diese sein Alibi partout nicht bestätigen wollte, hätte ihn fast mit ein paar tausend Volt in innige Berührung gebracht. Es bedurfte eines ausgezeichneten Anwalts, der einen zweiten Liebhaber der Frau aufspürte und damit den wirklichen Täter entlarvte.

So konnte es einem ergehen. Besonders, wenn man vorbestraft war.

Stede Rumsey atmete tief durch. Der Whisky benebelte noch etwas sein Gehirn. Das konnte er sich nicht leisten. Es war lebensnotwendig, jetzt einen klaren Kopf zu behalten.

Die Leiche musste verschwinden. Schließlich konnte er den Cadillac nicht verkaufen, solange sich ein Toter in seinem Kofferraum befand. Sogar Brady würde das nicht akzeptieren.

In der Garage konnte er auch nicht bleiben. Früher oder später musste er auf alle Fälle weg. Dann also besser gleich. Sobald morgen die Sonne auf das Garagendach knallte, würde der Leichnam noch schneller verwesen. Dann ließ sich seine Existenz nicht länger verheimlichen.

Aber wohin mit ihm?

Stede Rumsey zwang sich, den Fremden genauer zu betrachten, obwohl ihn die Übelkeit zu übermannen drohte.

Er schätzte ihn auf fünfzig. Vielleicht auch etwas darüber. Wie ein Gangster sah er eigentlich nicht aus. Trotzdem gab es sicherlich tausend Gründe, warum er hatte sterben müssen.

Mit dieser Frage brauchte Rumsey sich zum Glück nicht zu befassen. Vielleicht las er morgen etwas darüber in den Zeitungen.

Sein eigenes Problem drückte ihn wesentlich stärker.

Zum Glück war es noch mindestens drei Stunden lang finster. Diese Zeitspanne musste genügen, sich des lästigen Fahrgastes zu entledigen.

Welche Möglichkeiten besaß er?

Er konnte den Toten irgendwo vergraben, im East River versenken oder einfach während der Fahrt aus dem Wagen stoßen.

Die eine Lösung erschien ihm so schlecht und gefährlich wie die andere. Je länger er darüber nachdachte, umso mehr geriet er ins Schwitzen.

Es verstand sich von selbst, dass er nicht stundenlang mit seiner grausigen Fracht durch die Stadt fahren wollte. Je schneller er den unerwünschten Gast los wurde, desto besser war es.

Andererseits durfte er ihn nicht zu nahe bei der Garage zurücklassen. Es wäre für die Polizei dann zu einfach, die Spur zurückzuverfolgen.

Nach dem eleganten Aussehen des Toten zu urteilen, hatte er den Besitzer des Caddys vor sich.

Himmel! Er durfte nicht vergessen, die Nummernschilder auszutauschen. Die Bullen, die ihn verfolgt hatten, kannten natürlich das richtige Kennzeichen. Es stand längst in sämtlichen Fahndungslisten. Sobald er sich mit dem Wagen aus der Garage wagte, würden sie wieder hinter ihm her sein. Dann hatte er keine Möglichkeit, sich von dem Leichnam zu trennen.

Gefälschte Schilder hatte er in der Garage vorrätig. Die meisten stammten von Wagen, die er früher gestohlen hatte. Er kratzte jedes Mal das Datum hinten ein. Nach einem halben Jahr verwendete er sie dann wieder. Diese Methode hatte sich bis jetzt bestens bewährt.

Er verzichtete auf das Werkzeug aus dem Cadillac. Darauf lag der Tote, und den wurde er noch früh genug anfassen müssen.

Er holte seine eigene Werkzeugtasche und löste geschickt die beiden Blechtafeln.

Als er den Ersatz montiert hatte, war er ein wenig ruhiger. Er brachte es sogar fertig, die Leiche anzusehen, ohne zu frösteln.

Unschlüssig näherte er sich mit der Hand dem Sakko. Zwar war er überzeugt, dass der Mörder sein Opfer längst ausgeraubt hatte, doch wollte er nichts unversucht lassen.

Er griff unter angehaltenem Atem in die Innentasche und stieß auf eine dünne Ledermappe. Seine Finger spürten knisternde Scheine.

Als er die Mappe herausholte und aufklappte, traute er seinen Augen kaum. Der Bedauernswerte konnte sich von den vielen Hundertern nun nichts mehr kaufen. Überschlägig kam der Autodieb auf zweitausend Dollar.

Stede Rumsey wollte die ganze Brieftasche einstecken, dann überlegte er es sich anders. Er nahm alles bis auf zwei Scheine. So sah es nicht nach Raubmord aus, und er geriet nicht so leicht in Verdacht, der Täter zu sein.

Er schob die Tasche wieder zurück und betrachtete seine Hand, die sich klebrig anfühlte.

Er erschrak erneut. Blut. Er war mit dem Hemd in Berührung gekommen. Der Mann konnte erst vor ganz kurzer Zeit umgebracht worden sein.

An einem alten, etwas öligen Lappen wischte er sich die Finger sauber und hielt nach einer alten Decke Ausschau, in die er den Toten wickeln wollte.

Er fand nur eine alte Plastikplane, die er unlängst von einem Rohbau hatte mitgehen lassen. Die Plane war blau und undurchsichtig. Das mochte gehen.

Hastig breitete er die Plane hinter dem Wagen aus und hob nun den Toten aus dem Kofferraum. Er legte ihn auf die Plane und wickelte ihn sorgfältig ein. Mit zwei Schnüren band er das Paket wie eine Riesenwurst an beiden Enden zu. Nun hatte er weniger Scheu, den Mann wieder im Kofferraum zu verfrachten.

Er legte einen zusammengeklappten Spaten daneben und nickte zufrieden.

Schwer atmend schlug er den Deckel zu und prüfte, ob er nicht irgendwo einen Blutspritzer hinterlassen hatte.

Als er alles in Ordnung fand, öffnete er das Garagentor und fuhr den Cadillac wieder heraus.

Sein Plan stand fest. Er wusste, auf welche Weise er sich des Unbekannten entledigen würde.



4

Bis zur Gravesend Bay waren es nur zwei Meilen.

Stede Rumsey wählte eine Stelle, die dicht mit Büschen bewachsen war. Hier fuhr er den Wagen fast bis zum Wasser und stoppte ihn.

Er schaltete die Scheinwerfer aus und blieb noch einige Minuten sitzen. Er wollte erst ganz sicher sein, dass niemand auf ihn aufmerksam geworden war.

In einiger Entfernung hinter ihm rauschte der Verkehr über den Shore Parkway. Von den Autofahrern kümmerte sich niemand um ihn.

Endlich stieg er aus und öffnete den Kofferraum. Er nahm den Spaten heraus und legte ihn neben das rechte Hinterrad. Anschließend wuchtete er das schwere Bündel aus dem Wagen und klappte den Deckel wieder zu.

Der Tote war kein Leichtgewicht. Stede Rumsey schleifte ihn bis zum Ufer und verschnaufte.

Dann holte er den Spaten, klappte ihn auseinander und verschraubte ihn.

Der Boden war hier locker. Rumsey brauchte sich beim Graben nicht besonders anzustrengen. Allerdings schaffte er nur ein paar Spatenstiche.

Das Rascheln von Zweigen schreckte ihn auf. Der grelle Strahl einer Taschenlampe traf voll sein Gesicht.

„Ein Schatz ist es wohl nicht, nach dem du hier buddelst, Partner. Sieht mir eher nach ’ner toten Leiche aus. Habe ich recht?“

Stede konnte den Kerl nicht erkennen, weil er durch den Lichtkegel geblendet wurde. Er war aber sicher, dass der Schuft ihn schon seit seinem Eintreffen beobachtet hatte.

Dass ihm das trotz seiner Vorsicht passieren musste! Jetzt durfte er nicht die Nerven verlieren.

„Manchmal trügt der Schein, mein Freund. Ich hatte Pech. Der Hund meines Nachbarn lief mir genau vor die Räder. Du kennst meinen Nachbarn nicht. Der macht mir die Hölle heiß, wenn er die Wahrheit erfährt. Bei dem zählt ein Tier mehr als ein Mensch. Deshalb hielt ich es für das Beste, den Hund verschwinden zu lassen.“

Der Lichtfinger strich über sein Gesicht. Der andere konnte sich sein Aussehen haargenau einprägen.

„Das kann man nun glauben oder auch nicht“, näselte er. „Ich habe mich entschlossen, es nicht zu glauben. Damit liege ich bestimmt nicht verkehrt. Aber keine Panik, Partner. Meine Devise lautet immer: leben und leben lassen. Schieß drei Riesen rüber, und ich habe nichts gesehen.“

„Dreitausend Dollar?“, krächzte Stede Rumsey. „Wofür?“

„Es gibt ziemlich wertvolle Hunde. Besonders die mit nur zwei Beinen. Wenn man der Polizei einen Tipp gibt, ist die außer sich vor Freude. Dafür, dass ich dich vergesse, sind drei Lappen herzlich wenig. Du musst berücksichtigen, was dir dadurch erspart bleibt.“

Der Autodieb zitterte vor Wut. Das hatte er kommen sehen. Es war eben doch ein mieser Tag heute.

„Was du dir da zusammenreimst, ist deine Sache“, sagte er gepresst. „Jedenfalls siehst du von mir nicht einen Dollar. Ratten wie dich soll man nicht auch noch füttern, sonst wird man sie überhaupt nicht mehr los.“

„Du machst einen Fehler, Partner. Es geht nicht um mich, sondern um die Bullen. Die wirst du bestimmt nicht mehr los, wenn ich denen mein Wissen verkaufe.“

„Lass dich nicht aufhalten“ meinte Stede Rumsey abfällig. Er packte den Spatenstiel fester. Im nächsten Moment schleuderte er eine Fuhre Sand dorthin, wo der lästige Halunke mit seiner Taschenlampe stand.

Der Unbekannte schrie wütend auf und ließ die Lampe fallen. Er rieb sich verzweifelt den Sand aus den Augen.

Stede Rumsey ließ nicht locker. Mit hocherhobenem Spaten schnellte er auf den anderen zu. Dabei hatte er das Pech, zu stolpern und der Länge nach hinzustürzen.

Er ließ den Spaten los, um seinen Sturz abzufangen.

Der Stiel traf seinen Gegner genau an der Stirn und warf ihn zurück.

Nun lagen beide Männer am Boden. Es kam jetzt darauf an, wer schneller wieder auf den Beinen stand.

Es war Stede Rumsey. Doch diesmal war er im Nachteil, denn sein Widersacher war in den Besitz des Spatens gelangt. Damit verteidigte er sich verbissen.

Dem Autodieb lag nichts daran, sich zu prügeln. Er wollte dem anderen lediglich klarmachen, dass er mit dem Toten in der Plastikplane nichts zu tun hatte. Er war dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Das musste doch in dessen sturen Schädel reinzubringen sein.

Dummerweise interessierte sich der Fremde überhaupt nicht dafür, wie es zu dem Mord gekommen war. Er wollte Geld, und er fand, dass es kaum eine bessere Gelegenheit dafür gab, als wenn man einen Gangster unter Druck setzte.

Nachdem klar war, dass es zu keiner gütlichen Verständigung kommen würde, brach die alte Feindschaft wieder auf.

Stede Rumsey wich ein paarmal geschickt den Spatenhieben aus. Dabei prägte er sich gleichzeitig das Gesicht des anderen ein. Er nahm sich vor, ihm in Zukunft nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.

Es entstand ein heftiges Gerangel um den Spaten, bei dem Stede Rumsey letztendlich Sieger blieb.

Da bei beiden allmählich die Kräfte nachließen, zog Rumseys Gegner es vor, sich aus dem Staub zu machen.

Dies tat er nicht, ohne eine eindeutige Drohung auszustoßen: „Das kommt dich teuer zu stehen, du Killer. Du hast es so gewollt. Jetzt hole ich die Polizei.“

Damit hetzte er davon, und Stede Rumsey hielt es ebenfalls für angeraten, schleunigst abzuhauen. Er nahm sich nicht mehr die Zeit, die geplante Grube fertigzustellen und den Leichnam darin zu versenken.

Er warf sich in den Cadillac und raste davon.

Erst als er den Wagen bereits zur Garage zurückgebracht hatte, fiel ihm der Spaten ein. Den hatte er vergessen. Und daran war nur der Fremde mit seinem knolligen Gesicht schuld. Er hatte ihn ganz verrückt gemacht.

Der Spaten trug seine Fingerabdrücke. Mit ihrer Hilfe war er mühelos zu identifizieren. Die Bullen hatten seine Prints nämlich in der Kartei.

Er überlegte, ob es noch einen Sinn hatte, den Spaten zu holen.

Er entschied sich dagegen. Wenn der Schuft seine Drohung wahr gemacht und die Polizei informiert hatte, wimmelte es an der Gravesend Bay längst von Uniformierten.

Was sollte er nur tun?

Er traute sich kaum aus der Garage heraus.

Schließlich gab er sich einen Ruck und schlich in den dämmernden Morgen hinaus.

In der Ferne hörte er das Jaulen einer Sirene. Schleunigst drückte er sich in den Schatten einer Lagerhalle.

Der Wagen raste vorbei. Die Insassen kümmerten sich nicht um ihn.

Stede Rumsey hastete weiter und erreichte nach fast einer Stunde auf Umwegen seine Zweizimmerwohnung, deren Tür er von innen zuschloss und verriegelte.

Im Spiegel betrachtete er sein Gesicht, das bei der tätlichen Auseinandersetzung einige Schrammen davongetragen hatte.

Er wusch sich mit kaltem Wasser, um klarer denken zu können.

Viel nützte es nicht.

In voller Bekleidung warf er sich auf sein Bett und starrte zur Zimmerdecke, als stünde dort die Lösung seines Problems.

Er bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen. Doch je intensiver er nachdachte, umso verworrener wirbelte alles durch seinen gepeinigten Schädel. Zu viele gegensätzliche Empfindungen waren in den vergangenen Stunden auf ihn eingestürmt.

Da war zuerst die Weltuntergangsstimmung gewesen, weil in seiner Kasse wieder mal Ebbe war und sich kein Hoffnungsschimmer zeigen wollte.

Dann hatte plötzlich der funkelnde Cadillac wie ein Wink des Schicksals mitten im Weg gestanden. Er, Stede Rumsey, hatte nur noch einzusteigen und damit wegzufahren brauchen.

Den nächsten Tiefschlag hatte er erhalten, als er den Toten entdeckt hatte.

Die zweitausend Bucks in dessen Tasche hatten allerdings einen gewissen Ausgleich für diese nervliche Belastung geschaffen.

Schließlich war dann noch der ekelhafte Fiesling aufgetaucht, der ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hatte.

Wäre es klüger gewesen, auf seine Forderungen einzugehen und wenigstens die zweitausend Dollar herauszurücken?

Kaum. Damit hätte er die Gier des anderen nur vergrößert. Außerdem war es jetzt müßig, darüber nachzugrübeln. Die Scheine knisterten zwar in seiner eigenen Tasche, aber er schaffte es nicht, sich darüber zu freuen.

Normalerweise hätte er jetzt Brady angerufen und ihm freudestrahlend den Caddy angeboten. Nun wartete er noch damit. Der Wagen war einfach zu heiß. Der sollte wenigstens noch ein paar Tage in der Garage bleiben. Auch Brady sollte nichts von dem Toten erfahren.

Alles hing davon ab, wie sich der Fremde verhielt. Der Halunke würde ihn jederzeit identifizieren können. Lange genug hatte er ihn ja angestarrt.

Stede Rumsey lauschte auf jedes Geräusch. Er wartete darauf, dass unten Polizeiwagen vorfuhren, dass harte Schritte die Treppe heraufeilten und vor seiner Wohnungstür stehen blieben.

Dass nichts dergleichen geschah, beruhigte ihn keineswegs. Selbst wenn der Kerl das Maul hielt, weil er selber bestimmt genug Dreck am Stecken hatte, würde man spätestens in einigen Stunde die Plane mit dem Ermordeten finden. Das setzte die gewaltige Polizeiapparatur in Gang. Nichts konnte dann die Ermittlungen mehr stoppen.

Dem war er nicht gewachsen. Er brauchte Hilfe.

Einen Anwalt?

Stede Rumsey kannte nur Ellis Springteen, und mit dem hatte er damals keine guten Erfahrungen gemacht.

Er überlegte bis zum frühen Morgen, ehe er sich zu einer Antwort auf die Frage durchgerungen hatte, wem er sich anvertrauen sollte.

Zögernd nahm er den Telefonapparat auf die Knie und drückte ein paar Tasten.

Als sich der Mann wegen der frühen Stunde ungnädig meldete, bereute er seinen Entschluss schon wieder. Nur weil er sich die Folgen vor Augen hielt, die auf ihn warteten, wenn er sich vom Mordverdacht nicht reinwaschen konnte, entschuldigte er sich und nannte seinen Namen.

„Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Sie müssen mir unbedingt helfen, Bount.“

„Sie, Stede?“

Bount richtete sich im Bett auf und schaute auf den Radiowecker. Kurz vor halb sechs. Sofort fiel ihm der Mann wieder ein, den er vor einigen Stunden im „Bird of Paradise“ getroffen hatte.

Sein Gefühl hatte ihn also nicht getrogen. Stede Rumsey schleppte eine Last mit sich herum.

„Sie sind meine letzte Rettung, Bount“, kam es überstürzt. „Wenn Sie mich im Stich lassen, ist alles aus.“

„Es kann keine Rede davon sein, dass ich Sie im Stich lasse. Das habe ich Ihnen doch gesagt. Was haben Sie denn ausgefressen?“

„Es geht darum, was ich nicht ausgefressen habe, Bount. Jemand will mir einen Mord anhängen.“

Bount pfiff leise durch die Zähne. Bei Mord hörte der Spaß auf. Egal, wie spät es war.

„Wir sollten uns treffen“, schlug er vor. „Können Sie gleich zu mir kommen?“

„Mir wäre es andersherum lieber. Ich gehe momentan nicht so gerne aus dem Haus.“

„Auch gut. Sagen Sie mir Ihre Adresse.“

Bount notierte die Anschrift in Flatbush und versprach, in spätestens einer Stunde dort zu sein.

Stede Rumsey erwartete ihn schon. Ihm war anzusehen, dass er die ganze Nacht kein Auge zugemacht hatte.

Bount blickte sich in dem Zimmer um, in das der Ganove ihn geführt hatte. Es war spartanisch eingerichtet. Den einzigen Luxus stellte ein Video-Gerät dar, das allerdings reparaturbedürftig war.

Bount suchte sich eine Sitzgelegenheit und wartete, dass Rumsey mit seinem Problem herausrückte.

„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, Bount. Alles ist so verrückt, dass Sie es mir bestimmt nicht glauben. Niemand wird mir glauben. Schon gar nicht die Polizei.“

„Demnach weiß die Polizei noch nichts von diesem Mord, den Sie am Telefon erwähnten?“

Stede Rumsey hob die Schultern. „Keine Ahnung. Ich hänge völlig in der Luft. Dabei fing alles so gut an.“

„Sie hätten sich getrost schon heute Nacht an mich wenden können“, meinte Bount. „Ich habe Ihnen Ihre Schwierigkeiten angesehen, aber Sie haben sie ja geleugnet.“

„Im 'Paradiesvogel' war die Welt noch in Ordnung, Bount“, beteuerte Stede Rumsey. „Es fing erst an, als ich die Leiche fand.“

„Auf der Straße?“

„Nein, im Kofferraum.“

„Sie besitzen einen Wagen?“

„Nun ja ...“ Stede Rumsey druckste herum.

Bount seufzte. „Verstehe. Ihr Job als Handelsvertreter bezieht sich wieder einmal auf gestohlene Autos. Und ich hatte so sehr gehofft, dass Sie Ihre Lektion gelernt hätten. Waren achtzehn Monate nicht genug?“

„Mehr als genug. Aber was soll ich denn machen? Die Stadt ist voll von Arbeitslosen. Bilden Sie sich wirklich ein, ausgerechnet mir würde jemand ’nen Job anbieten? Ich muss schließlich leben.“

„Und da stehlen Sie also weiterhin die Autos fremder Leute. Wann haben Sie wieder damit angefangen?“

„Ich hatte überhaupt nicht aufgehört“ gestand der Gauner. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass mir einer ein solches Ei ins Nest legen würde.“

„Okay. Erzählen Sie am besten der Reihe nach“, schlug Bount vor.

Stede Rumsey begann mit seinem Bericht. Erst stockend, dann flüssiger. Schließlich sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus.

„Der Kerl wollte erst dreitausend Mäuse von mir“, schloss er, „und dann hat er mir mit der Polizei gedroht. Ich habe den Spaten in der Aufregung vergessen. Da drauf sind meine Fingerabdrücke. Was soll ich nur tun, Bount? Ich habe den Typ doch nicht erschossen. Ich besitze ja nicht einmal eine Waffe.“

„Diese Behauptung wird nicht ausreichen, um die Polizei von Ihrer Unschuld zu überzeugen“, befürchtete Bount. „Eine Pistole kann man schließlich wegwerfen. Nahe genug am Wasser sind Sie ja gewesen. Sie wollen also, dass ich Ihnen helfe?“

„Sie müssen beweisen, dass ich mit dem Mord nichts zu tun habe. Finden Sie einfach den wirklichen Täter. Ich kann Sie bezahlen. Ich besitze zweitausendvierhundert Dollar.“

„Geld, das Sie bestimmt gestohlen haben“, vermutete Bount. „Wem gehört es? Dem Toten?“

Stede Rumsey nickte bekümmert. „Er kann es ja sowieso nicht mehr ausgeben.“

„Er nicht, aber seine Erben. Wenn Sie wirklich wollen, dass ich Sie da heraushaue, verlange ich dreierlei von Ihnen.“

„Ich soll das Geld zurückgeben?“

„Klarer Fall, Stede. Ich würde mich mitschuldig machen, wenn ich davon auch nur einen Cent annähme. Außerdem erwarte ich, dass Sie mir die volle Wahrheit sagen.“

„Das habe ich getan, Bount. Ich schwöre es.“

„Mag sein, aber ich werde noch eine Menge Fragen stellen, auf die ich korrekte Antworten verlange.“

„Das verspreche ich. Was ist das dritte?“

„Falls es mir gelingt, Sie vom Mordverdacht zu befreien, werden Sie sich der Polizei wegen der Autodiebstähle stellen.“

„Ich soll mich selbst anzeigen?“, fragte der Ganove ungläubig. „Dann muss ich ja wieder in den Bau.“

„Aber Sie kommen auch wieder raus. Bei Mord hingegen ist das nicht zu erwarten. Seien Sie nicht töricht. Sie können nicht von mir verlangen, dass ich Ihre krummen Touren decke. Eine Selbstanzeige bringt Ihnen auf alle Fälle Strafminderung. Im Übrigen sind die Gefängnisse überfüllt. Es ist also gar nicht sicher, ob Sie die Strafe überhaupt in absehbarer Zeit antreten müssen. Wenn Sie mit meinen Bedingungen nicht einverstanden sind, dann tut es mir leid. Ich frage mich, warum Sie sich ausgerechnet an mich gewandt haben. Sie mussten doch wissen, dass ich nur wenig Verständnis für Autodiebstahl aufbringe.“

„Aber Sie bringen ’ne Menge Verständnis für Leute auf, die sich in ausweglosen Schwierigkeiten befinden“, antwortete Stede Rumsey leise. „Ihnen ist es egal, ob einer ein angesehener Botschafter oder ein süchtiger Puertoricaner ist.“

„Nicht ganz“, schränkte Bount ein. „Im Allgemeinen hat der Süchtige mein Verständnis nötiger. Aber im Prinzip haben Sie völlig recht. Und ich mache auch bei Ihnen keine Ausnahme. Wie stehen Sie also zu Punkt drei?“ Er erhob sich und wandte sich der Tür zu.

Stede Rumsey vertrat ihm hastig den Weg.

„Ich bin einverstanden, Bount. Ich gehe zur Polizei. Aber natürlich erst, wenn ich wegen des Mordes nichts mehr zu befürchten habe.“

Bount kehrte wieder zu seinem Stuhl zurück und lächelte. „Dann können wir ja zur Sache kommen. Wer ist der Tote?“

„Woher soll ich das wissen? Ich habe ihn vorher noch nie gesehen.“

„Aber Sie haben doch seine Brieftasche ausgeräumt. Haben Sie keinen Blick auf seine Papiere geworfen?“

Der Ganove zögerte, bevor er sagte: „Mir sind gar keine aufgefallen. Da war nur das Geld. In den anderen Taschen habe ich nicht nachgesehen. Ich bin doch kein Leichenfledderer.“

„Aber Sie wissen noch, wo Sie den Cadillac mitgenommen haben?“ Stede Rumsey machte ein betretenes Gesicht. „Nicht genau. Es ging alles so schnell. Ich bin in der Nacht kreuz und quer durch die Straßen gegangen und habe mal hier, mal dort mein Glück versucht. Ich glaube, es war die 215te Straße oben in Bayside. Die Nummer weiß ich nicht. Die Häuser dort sehen auch alle ziemlich gleich aus. Ich bin nicht sicher, ob ich es wiedererkennen würde.“

„Dabei wird uns die Autonummer helfen. Die haben Sie doch hoffentlich noch?“

„Die Schilder liegen in der Garage.“

„Die holen wir gleich. Ebenso die Sachen aus dem Handschuhfach. Kommen wir nun zu dem Wagen, der Sie verfolgt hat. Sind Sie sicher, dass es sich dabei um die Polizei gehandelt hat?“

Stede Rumsey sah ihn groß an. „Um wen denn sonst? Sie haben ja sogar auf mich geschossen.“

„Der Mann im Kofferraum des Cadillacs wurde ebenfalls erschossen, aber wohl kaum von der Polizei. Es hat sich doch um keinen normalen Streifenwagen gehandelt?“

„Das nicht. Aber die Burschen machen sich leider nicht immer schon von Weitem mit Rotlicht und Sirene bemerkbar.“

„Aber sie verfügen über Funk und hätten bei einer Jagd quer durch Queens bestimmt noch ein paar Kollegen angefordert.“

„Sie meinen doch nicht etwa, dass es sich um die Mörder gehandelt hat?“, fragte Stede Rumsey erschrocken und wurde blass.

„Sie sagten doch selbst, dass der Mann noch nicht lange tot gewesen sein konnte. Also wird sich sein Mörder, vielleicht handelt es sich auch um mehrere, noch in der Nähe aufgehalten haben, als Sie sich den Cadillac unter den Nagel rissen. Vielleicht gehört der Wagen sogar dem Gangster.“

„Dann hätte er mir doch nicht in einem anderen Fahrzeug folgen können.“

„Doch. Nämlich dann, wenn sie zu zweit waren. Aber das ist jetzt auch nicht so wichtig. Vor allem müssen wir die Leiche sicherstellen, falls sich die Polizei nicht schon darum kümmert. Sie zeigen mir, wo sie liegt. Alles andere erledige ich dann.“

„Ich soll mit Ihnen hinausfahren, Bount?“, fragte der Gauner erschrocken. „Das können Sie nicht von mir verlangen.“

„Und Sie können nicht verlangen, dass ich auf Grund Ihrer vagen Beschreibung die ganze Gravesend Bay absuche. Wir sehen doch schon von Weitem, ob sich Polizeibeamte dort eingefunden haben. Außerdem müssen wir die Schilder und das andere Zeug holen.“

Stede Rumsey machte kein glückliches Gesicht, aber er fügte sich. Das Bewusstsein, möglicherweise von einem Killer verfolgt worden zu sein, ließ ihn noch nachträglich schaudern.

Auf der einen Seite die Bullen, auf der anderen mindestens ein Typ, der mit der Schusswaffe schnell zur Hand war. Nur gut, dass er Bount hatte!



5

Aus der Garage holten sie die Nummernschilder und den Plastikbeutel.

Bount nahm den Cadillac gewissenhaft in Augenschein. Er ließ sich auch die Stelle zeigen, an der die Zierleiste etwas abbekommen hatte.

Auf Grund der Vertiefung ließen sich aber keine Schlüsse auf die verwendete Waffe ziehen.

Weder im Kofferraum noch im übrigen Wagen oder in der Garage entdeckte Bount auch nur einen Blutstropfen. Eine Ausnahme bildete der Öllappen, den Stede Rumsey noch nicht weggeworfen hatte. Bount stellte ihn sicher.

Dann fuhren sie zur Gravesend Bay.

Der Gauner schrumpfte auf dem Beifahrersitz immer mehr zusammen, je näher sie ihrem Ziel kamen.

„Da drüben ist es“, wisperte er schließlich und deutete mit dem Finger auf eine Bucht. „Unter den Büschen liegt er.“

Als Bount den silbergrauen Mercedes 450 SEL zum Ufer lenkte, ging Rumsey vorsichtshalber auf Tauchstation. Es waren von Weitem zwar keine Polizisten zu sehen, aber man konnte ja nie wissen.

„Bleiben Sie vorläufig, wo Sie sind“, riet Bount. „Ich sehe mir den Mann erst mal an.“

Er stieg aus, nachdem er den Zündschlüssel abgezogen hatte. Er wollte den Autodieb lieber nicht in Versuchung führen.

Die Reifenspuren waren in dem weichen Boden noch deutlich zu sehen. Allerdings merkte Bount sofort, dass es sich um unterschiedliche Profile handelte. Es musste also noch ein zweiter Wagen hier gewesen sein.

Es wunderte ihn daher kaum, dass das angekündigte blaue Paket mit dem makabren Inhalt nirgends zu entdecken war. Auch den Spaten und die Taschenlampe, von der Rumsey gesprochen hatte, fand er nicht.

Es gab zwei Erklärungen: Entweder befanden sie sich nicht an der richtigen Stelle, oder andere waren schneller gewesen als sie.

Stede Rumsey schwor Stein und Bein, sich nicht zu irren.

„Sehen Sie da hinten, Bount? Da ist ja noch die angefangene Grube. Jemand hat sie nur flüchtig zugeschüttet.“

Das stimmte. Bount hatte es auch schon gesehen. Also war der Leichnam weggeschafft worden.

Von der Polizei? Dann hätten sich mindestens die breiteren Spuren eines Leichenwagens finden müssen. Es war auch nicht sehr wahrscheinlich, dass die Beamten schon mit ihrer Spurensicherung fertig waren.

Trotzdem wollte Bount sichergehen. Er rief deshalb seinen Freund Toby Rogers an, der die Mordkommission Manhattan C/II leitete.

„Ich weiß, dass es nicht dein Zuständigkeitsbereich ist, Toby. Trotzdem wird es für dich wohl nicht schwer sein, in Erfahrung zu bringen, ob heute in den Morgenstunden an der Gravesend Bay ein Toter gefunden wurde. Ungefähr fünfzig Jahre alt. Bekleidet war er mit einem dunkelblauen Maßanzug und eingewickelt in eine Plastikplane.“

„Ein Mord? Willst du den hiermit offiziell zur Anzeige bringen?“

„Dazu müsste ich erst ein bisschen mehr wissen. Vielleicht ist ja alles nur ein Ulk. Ohne Leiche gibt es keinen Mord.“

„Wenn du der Meinung wärst, dass es sich um einen Ulk handelt, würdest du nicht die Mordkommission rebellisch machen. Bleib mal dran. Ich frage nach.“

Bount ließ den Hörer des Autotelefons sinken und sah Stede Rumsey prüfend an. Der magere Mann zitterte wie Espenlaub.

„Bestimmt vergleichen sie schon längst die Fingerabdrücke“, wimmerte er. „Ich hätte abhauen sollen. Weg von New York. Irgendwohin.“

„Mit zweitausendvierhundert Dollar und einem gestohlenen Caddy?“, konterte Bount. „Damit wären Sie nicht weit gekommen. Warten wir ab, was Captain Rogers herausfindet. Wir sind eng befreundet, wenn wir auch nicht immer dieselben Ansichten vertreten.“

Stede Rumsey wurde etwas selbstbewusster. Da keine Polizei auftauchte, wagte er es, den Kopf wieder in die Höhe zu nehmen.

„Bist du noch dran?“, meldete sich der Captain nach einer Weile.

„Lass schon das Schiff vom Stapel, Dicker.“

„Also, da haben die Kollegen tatsächlich eine Leiche aufgespürt, Bount. Allerdings war das am Ufer der Jamaica Bay. Ein Jogger stolperte über die Ermordete, als er den Spring Creek Park unsicher machte. Dürfte sich um ’ne Prostituierte handeln.“

„Ich sprach von einem fünfzigjährigen Mann, Toby“, erinnerte Bount.

„Mit nichts bist du zufrieden“, maulte Toby Rogers. „Damit kann ich nicht dienen. Aber vielleicht wird dein Freund ja noch gefunden. Der Tag hat gerade erst angefangen.“

„Und wie. Danke für die Hilfe. Übrigens, falls ihr im Laufe des Tages doch noch einen Toten findet, auf den meine Beschreibung passt, wäre ich dir sehr verbunden, wenn du mich informieren würdest.“

„Hör mal, du weißt doch mehr, als du ausspuckst. Darf ich dich daran erinnern, dass du ...“

„Geschenkt, Toby. Ich kenne meine Pflichten. Aber wie gesagt, ich will dir nicht mit Gerüchten kommen. Sobald ich etwas Handfestes habe, erfährst du es. Dafür kannst du dich auch gleich revanchieren. Ich suche den Besitzer eines Wagens mit folgendem Kennzeichen.“ Er gab die Ziffern durch. „Es könnte sich um einen schwarzen Cadillac handeln. Soll ich wieder warten?“

„Sag mal, träumst du?“, brauste Toby auf. „Ich bin doch nicht deine Auskunftei. Was ist das für ein Wagen?“

„Das erzähle ich dir später. Versprochen. Sei so gut und beeile dich ein bisschen. Das Gespräch kostet mich sonst ein Vermögen.“

Toby Rogers knurrte etwas und wiederholte die Nummer.

Bount hörte, wie der Freund sich über einen anderen Apparat die gewünschte Auskunft besorgte. Es ging ziemlich schnell.

„Also ein Cadillac ist unter dieser Nummer nicht zugelassen, sondern ein Buick, Baujahr 83. Er gehört einer gewissen Sandy Witch, die ihn vor acht Monaten als gestohlen gemeldet hat.“

„Irrtum ausgeschlossen?“

„Unser Computer irrt sich nie“, behauptete Toby Rogers und verschluckte sich fast dabei. „Was kann ich als nächstes für dich tun? Ich habe gerade zwölf Monate Zeit und würde mich glücklich schätzen, dir deine Arbeit abzunehmen.“

„Ich komme bestimmt irgendwann auf dein selbstloses Angebot zurück“, kündigte Bount an. Er ärgerte sich, dass er sich nicht gleich die Fahrgestellnummer des Cadillacs notiert hatte. Er hätte sich eigentlich denken können, dass die Zulassungsnummern falsch waren.

Immerhin stand damit fest, dass Stede Rumsey nicht der Erste war, der den Caddy gestohlen hatte. Entweder der Tote oder dessen Mörder war ihm bereits mit schlechtem Beispiel vorangegangen.

Bount versprach, Toby zu informieren, sobald er selbst mehr erfahren hatte, und schob den Hörer in die Halterung zurück.

Rumsey sah ihn fragend an. „Verstehen Sie das, Bount?“

„Ich setze mal voraus, dass diese Leiche tatsächlich existiert. Warum hätten Sie sie erfinden sollen? Weiter lege ich zugrunde, dass der Tote nicht von der Polizei mitgenommen wurde und dass sie von ihm noch nicht einmal etwas wusste. Dann habe ich für sein Verschwinden nur eine Erklärung: Der Mörder hat ihn beiseite geschafft, um die Tat zu vertuschen.“ Der Gauner schüttelte zweifelnd den Kopf. „Wie hätte er ihn finden sollen?“

„Weiß ich nicht“, gab Bount zu. „Entweder zufällig. Vielleicht aber, und das ist wahrscheinlicher, hat der Bursche im dunkelblauen Chevy Sie später wiederentdeckt und ist Ihnen heimlich gefolgt oder hat festgestellt, wo Sie mit dem Leichnam hingefahren sind.“

„Und warum hat er dann nicht wieder auf mich geschossen oder sich den Caddy zurückgeholt?“

Bount bot dem Ganoven eine Pall Mall an und klopfte sich selbst eine aus der Packung.

Nach den ersten Zügen meinte er: „Dafür, dass ich heute noch nicht gefrühstückt habe, stellen Sie ganz schön knifflige Fragen. Vorläufig haben wir nichts in der Hand als einen Wagen, dessen Besitzer wir nicht kennen, und einen Berg vager Vermutungen. Es könnte sein, dass dem Killer gar nichts an dem Cadillac liegt. Er wollte lediglich die Entdeckung des Mordes verhindern. Da ihm das nicht gelungen ist, ließ er wenigstens sein Opfer verschwinden. Ohne den Toten wird es schwer sein, seinen Mörder zu fassen.“

„Mit anderen Worten, meine Bedenken waren völlig umsonst. Ich hätte Sie also gar nicht zu belästigen brauchen.“

Bount grinste. „Das könnte Ihnen so passen, Stede. Mit einem Schulterzucken winden Sie sich nicht aus Ihrem Versprechen. Haben Sie den Burschen vergessen, mit dem Sie sich geprügelt haben? Vielleicht hat er den Toten eingesackt und setzt Sie damit weiter unter Druck.“

„Das traue ich dem Strolch zu.“

„Bevor der Fall nicht restlos geklärt ist, stecken Sie bis zu den Haarwurzeln mit drin. Deshalb schauen wir jetzt noch einmal gründlich nach, ob wir nicht doch einen Anhaltspunkt finden.“

„Sie wollen, dass ich aussteige?“

„Warum nicht? Vier Augen sehen mehr als zwei.“

„Ich sehe nur, was so groß wie ein Auto ist“, behauptete der Ganove listig. „Im Übrigen würde ich allenfalls vorhandene Spuren zertrampeln. In dieser Beziehung bin ich viel zu ungeschickt.“

„Dafür stellen Sie sich umso geschickter an, wenn es darum geht, sich vor etwas Unangenehmem zu drücken“, konterte Bount. „Also gut. Ich kann verstehen, dass Ihnen diese Gegend nicht ganz geheuer ist. Warten Sie. Wenn der Leichendieb etwas verloren hat, dann werde ich es auch finden.“

Er stieg erneut aus und wandte seine Aufmerksamkeit dem Boden zu. Besonders gründlich sah er sich die Umgebung der zugeschütteten Grube an. Außer einer angerauchten Zigarette fand er aber nichts. Er steckte sie in eine Zellophantüte. Solche Dinge lieferten manchmal den entscheidenden Beweis.

Auf ein Blatt Papier zeichnete er die Muster der fremden Reifenprofile, von denen eins zu dem Cadillac gehören musste.

Das war seine ganze Ausbeute.

Er kehrte zum Mercedes zurück und bückte sich, um auch unter dem Wagen nachzusehen.

Da merkte er, wie sich auf der anderen Seite die Büsche bewegten.

Es konnte sich um ein Tier handeln. Vielleicht waren die Zweige auch nur vom Wind bewegt worden.

Er zog es aber vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Er richtete sich auf und rief Stede Rumsey zu: „Kleinen Moment noch. Ich muss mal.“

Bount ging zu den Büschen hinüber, aber nicht genau dorthin, wo er die Bewegung gesehen hatte.

Er wandte sich halb um und nestelte an seiner Hose. Doch das diente nur zur Täuschung. Mit zwei schnellen Sprüngen warf er sich ins Gebüsch, und als er den Körper hochschnellen sah, packte er zu.

Eine Faust traf ihn. Der Kerl riss sich los. Er hatte ein knolliges Gesicht.

Bount setzte nach. Er war entschlossen, die Flucht des Burschen zu verhindern, der bestimmt nicht grundlos schon wieder hier herumlungerte.

Als er nachfassen wollte, stolperte der andere, und Bount fiel über ihn hinweg.

Das erwies sich schnell als übler Trick, denn blitzschnell stand der Fremde schon wieder auf den Beinen und schwang den Spaten, den Rumsey erwähnt hatte.

Das stählerne Blatt sauste auf Bount nieder.

Bount warf sich zur Seite und zog gleichzeitig die Beine an. Als sein Gegner erneut ausholte, ließ Bount die Beine vorschnellen und brachte den Halunken damit aus dem Gleichgewicht.

Der Bursche fluchte fürchterlich, doch das half ihm wenig. Bount entwand ihm den Spaten und hatte ihn jetzt sicher im Griff.

Routiniert tastete er ihn nach Waffen ab, stieß aber nicht einmal auf ein Messer oder einen Schlagring, geschweige denn auf eine Schusswaffe.

„Was fällt Ihnen ein?“, beschwerte sich der Knollige. „Ich zeige Sie an.“

„Tun Sie das. Sie wollten ja sowieso zur Polizei rennen. Da sparen Sie sich gleich einen Weg.“

„Zur Polizei? Ich? Wie kommen Sie denn darauf?“

Bount wurde ungeduldig.

„Können wir uns diese Spielchen nicht sparen? Sie kosten doch nur Zeit und verschlechtern die Laune auf beiden Seiten. Sie haben den Mann in meinem Wagen längst erkannt. Sie können sich also denken, warum wir hier sind. Wie heißen Sie?“

„Ich frage Sie ja auch nicht nach Ihrem Namen“, kam es schnippisch.

„Ich sag’s Ihnen trotzdem. Mein Name ist Reiniger. Ich bin Privatdetektiv und im Moment auf der Suche nach einem verlorengegangenen blauen Paket. Ich bin sicher, dass Sie mir da helfen können.“

„Detektiv?“ Der Mann wurde ein paar Spuren blasser. Dann fing er sich aber wieder und motzte auf: „Na und? Sie können mir überhaupt nichts anhaben. Als Detektiv werden Sie wohl wissen, dass es nicht verboten ist, in Gottes freier Natur ein Schläfchen zu halten.“

„Werden Sie bloß nicht lyrisch. Das passt nicht zu Ihrer geldgierigen Art. Ich lasse meinen Gesprächspartnern normalerweise die Wahl zwischen der umgänglichen und der harten Methode. Welche ziehen Sie vor?“

„Das ist eine Bedrohung. Das lasse ich mir nicht gefallen.“

„Sollen Sie ja auch gar nicht. Nur auf den Spaten müssen Sie diesmal verzichten. Und auf die Illusion, mich ins Bockshorn jagen zu können. Ich bin eine Seele von Mensch, aber wenn mich einer für dumm verkaufen will, schnappe ich ein. Probieren Sie’s also erst gar nicht, dann werden wir uns gut verständigen. Haben Sie inzwischen einen Namen bekommen?“

„Smith“, antwortete der andere missmutig.

Bount nickte zufrieden. „Warum nicht Smith? Kann ja sein, dass Sie tatsächlich so heißen. Falls es wichtig wird, werde ich ohnehin selbst in Ihren Taschen nachsehen. Was haben Sie hier also zu suchen, Smith?“

„Das sagte ich schon. Ich habe geschlafen. Ich bin erst aufgeschreckt, als Sie mir mitten ins Gesicht pinkeln wollten.“

Bount behielt die Ruhe. Wenn er wirklich etwas erfahren wollte, durfte er sich nicht alle Türen verbauen.

„Versuchen wir es von der anderen Seite. Ich erzähle Ihnen, was ich weiß, und Sie erzählen mir den Rest, den ich wissen will.“

„Ich glaube, Sie haben Sand in den Ohren, Reiniger. Ich weiß nichts, und ich kann nichts erzählen.“

Bount überging den Einwand und fasste zusammen: „Heute Nacht fuhr genau an dieser Stelle ein schwarzer Cadillac Seville vor. Ein Mann stieg aus und wollte ein großes blaues Paket vergraben. Sie hielten es aus irgendeinem Grund für eine Leiche und boten dem Mann Ihr Schweigen für dreitausend Dollar an. Der Mann sah keinen Grund, sich von Ihnen erpressen zu lassen. Daraufhin kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Sie liefen davon, kehrten aber offensichtlich wieder zurück, nachdem der Caddy fortgefahren war. Ich habe nur eine einzige Frage. Wo ist das Paket?“

„Sie wollten doch sowieso bei mir in den Taschen nachsehen“, erinnerte Smith frech. „Vielleicht finden Sie es da.“

„Unheimlich witzig. Sie scheinen überhaupt ein sehr humorvoller Mensch zu sein. Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut. Ich bin nämlich auch für jeden Spaß zu haben, und das werde ich Ihnen jetzt beweisen. Wir rufen gemeinsam Captain Rogers von der Mordkommission an. Dem können Sie Ihr Leid über mich klagen, und ich erzähle ihm, dass ich Sie verdächtige, eine Leiche beseitigt zu haben. Alles klar?“

„Ich glaube Ihnen jedes Wort, Reiniger. Sehen Sie, wie ich vor Angst zittere?“

„Ich liebe Ihre Sprüche, Smith. Vorwärts! Ich habe Telefon im Wagen.“

Er packte den angeblichen Smith am Arm und schob ihn vor sich her.

Am Mercedes angekommen, fragte er: „Kennen Sie den Mann, Stede?“ Stede Rumsey nickte krampfhaft. „Das ist der Schuft, der drei Riesen von mir wollte. Was hat der denn noch hier zu suchen?“

„Er machte ein Nickerchen. Was denn sonst?“

Bount nahm den Hörer und hielt ihn so, dass Smith alles verstehen konnte, was gesprochen wurde. Dann rief er das Police Headquarter an.

„Bount Reiniger hier. Geben Sie mir doch bitte noch mal Captain Rogers.“

Smith wurde unsicher. Als sich Toby mit seinem bärbeißigen Bass meldete, fiel sein Gesicht ein.

„Pass auf, Toby. Ich habe da einen Herrn getroffen, der möchte sich unbedingt bei dir beschweren. Es betrifft den bewussten Mann von der Gravesend Bay. Du erinnerst dich?“

„Jetzt wird es mir aber zu dumm“, fauchte Toby Rogers. „Bring den Kerl her.“

„Moment, Toby. Ich will nur noch sichergehen, ob er sich lieber mit dir oder mit mir unterhalten möchte.“ Bount sah Smith aufmunternd an.

„Sie haben gewonnen, Reiniger“, presste er hervor. „Ich sage Ihnen, was ich weiß. Sie werden aber nichts damit anfangen können.“

Bount schmunzelte. „Pech für dich, Toby. Du hast wieder einmal das Nachsehen. Halte dich trotzdem zur Verfügung. Es könnte ja sein, dass ich nicht alles glaube, was man mir auftischen will.“

„Zum Teufel! Darf ich jetzt endlich erfahren, was überhaupt los ist?“, brüllte Toby unbeherrscht. „Ich verlange, dass du ...“

Sicherheitshalber legte Bount den Hörer zurück. Er konnte seinem Freund so schlecht etwas abschlagen.

„Nun?“, forderte er Smith auf. „Spannen Sie uns nicht länger auf die Folter. Was haben Sie mit dem Paket zu tun?“

„Gar nichts. Ich schwöre es. Ich halte mich öfter in dieser Gegend auf.“

„Mitten in der Nacht?“, fragte Bount argwöhnisch.

„Da kriegt man allerhand zu sehen.“ Smith grinste lüstern. „Das ist oft interessanter als das Fernsehen.“

„Aha! Also ein Spanner.“

„Nicht so, wie Sie vielleicht denken. Ich lasse die Leute in Ruhe. Aber wenn plötzlich ein Superschlitten auftaucht und kein Pärchen, sondern ein einzelner Mann aussteigt, werde ich natürlich neugierig. Als ich das Paket gesehen habe und der Typ dann auch noch anfing, ein Loch zu graben, kam mir plötzlich die Idee, dass die andere Hälfte des Pärchens in der blauen Plane stecken müsse. Ich wäre natürlich nie zur Polizei gerannt, aber ganz ungeschoren sollte der Bursche auch nicht wegkommen.“

„Okay! Bis hierher scheint alles klar zu sein. Sie hatten Pech und bekamen nicht drei große Scheine, sondern Prügel. Was veranlasste Sie, trotzdem wieder zurückzukommen, zumal Ihr Gegner gar nicht mehr da war? Sie konnten schon von Weitem sehen, dass der Wagen weggefahren war.“

„Das Paket ließ mir keine Ruhe. Es hätte ja auch etwas anderes sein können. Etwas, das man brauchen kann. Ich sah also nach und band einen Strick auf. Verdammt! Da war tatsächlich ein Toter drin. Ich habe mich beeilt, dass ich wieder wegkam.“

„Und dann trieb Sie Ihre Neugier erneut zurück.“

„Ob es Neugier war, weiß ich nicht. Ich habe mir überlegt, dass der Mörder sein Opfer bestimmt nicht dort liegen lassen würde. Er war nur überstürzt abgehauen. Da lag schließlich auch noch der Spaten mit seinen Fingerabdrücken. Ich bin also umgekehrt. Aber bevor ich zur Stelle war, hörte ich einen Wagen. Das ist er, dachte ich mir. Aber es war ein blauer Chevy. Und drei Kerle saßen drin. Die haben den Toten in den Wagen geladen und sind wieder davongebraust. Das Ganze dauerte kaum zwei Minuten.“

Bount wurde hellhörig. Ein blauer Chevy. Ein solcher Wagen war Stede Rumsey gefolgt. Dass es sich um die Killer handelte, konnte wohl nicht mehr bezweifelt werden.

„Sie werden lachen, Smith, ich glaube Ihnen. Jetzt brauchen Sie mir die drei Männer nur noch zu beschreiben und ihre Autonummer zu verraten.“

Smith atmete merklich auf. Er spürte, dass sich das Interesse des Detektivs den drei Burschen im Chevy zuwandte.

„Die Nummer konnte ich von meinem Versteck aus nicht sehen. Ich hätte sie mir wahrscheinlich auch gar nicht gemerkt. Die Männer haben gar keinen üblen Eindruck gemacht. Zumindest die beiden Größeren wirkten seriös. Der dritte war ein Typ mit fettigen schwarzen Haaren. Einer nannte ihn Johnny. Die Namen der anderen weiß ich nicht. Johnny trug ’ne dunkle Lederjacke und Jeans. Die anderen sahen wie Geschäftsleute aus. Graue Anzüge. In der Wall Street würden sie bestimmt nicht auffallen. Ich halte sie aber eher für Strumpffabrikanten.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Einer erwähnte den Namen 'Soft Butterfly'. Das ist ’ne bekannte Marke für Damen-Strumpfhosen.“

„Damit kennen Sie sich offenbar aus. Haben Sie nicht herausgehört, wohin die drei fahren wollten oder was sie mit dem Toten vorhatten?“

„Der eine Börsentyp sagte: 'Er muss es noch bei sich haben'. Mehr wurde nicht gesprochen. Ich erwähnte ja schon, dass sie es mächtig eilig hatten, wieder wegzukommen.“

„Im Gegensatz zu Ihnen. Sie konnten sich überhaupt nicht von hier trennen, obwohl Sie um diese Zeit bestimmt keine Liebespärchen mehr beobachten können.“

Smith hob die Hände. „Was soll ich sagen, Reiniger? Irgendwie fand ich das alles mächtig spannend. Ich habe versucht, mir zusammenzureimen, wie die drei im Chevy und der Typ im Caddy zusammengehören. Darüber bin ich dann, ob Sie’s mir glauben oder nicht, tatsächlich eingeschlafen. Ich hatte ja die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ihr Mercedes hat mich erst geweckt. Ich dachte, mich tritt ein Regenwurm, denn ich habe schnell kapiert, dass auch Sie sich für den Toten interessieren. Es wurde immer toller. So, und jetzt können Sie mich auspressen oder zu diesem Captain schleppen, weder Sie noch er wird mehr aus mir rausbekommen.“

„Wurde nicht auch der Name des Toten genannt?“

„Mit keiner Silbe.“

Das war nicht sehr viel. Ein Chevrolet, von dem ein paar zigtausend in New York herumfuhren. Drei Männer ohne nennenswerte Merkmale.

Ein namenloser Toter. Dazu ein offensichtlich gestohlener Cadillac.

„Würden Sie einen der drei gegebenenfalls wiedererkennen?“

Smith legte die Stirn in Falten. „Vielleicht, wenn sie sich nicht Bärte wachsen lassen oder auf andere Weise ihr Aussehen verändern. Ganz sicher bin ich da nicht. Es war noch fast dunkel.“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie nehmen meine Karte. Darauf steht meine Telefonnummer. Rufen Sie mich an, falls Ihnen doch noch irgendetwas einfällt oder die drei gar noch einmal herkommen sollten. Winken Sie nicht gleich ab. Ich bin nicht nur besonders lästig, sondern hin und wieder auch überraschend großzügig, wenn es um freiwillige Informationen geht.“

Smith nahm die Karte und steckte sie ein. „Ich kann Ihnen nichts versprechen, Reiniger.“

„Das erwarte ich auch nicht. Sie sollen nur die Augen offen halten.“



6

Bount nahm Stede Rumsey das Versprechen ab, den Cadillac vorläufig nicht anzurühren oder gar zu verkaufen. Er notierte sich die Fahrgestellnummer, die er später an Toby Rogers weiterleitete.

„Sag mal, Bount, was war das vorhin für ein seltsamer Anruf? Wer war der Mann, auf den du mich hetzen wolltest?“

„Er nannte sich Smith und war hinterher recht umgänglich.“ Dann erzählte Bount seinem Freund die ganze Geschichte, ohne allerdings den Namen Stede Rumseys preiszugeben. „Nimm mir das nicht übel, Toby. Vertrauen gegen Vertrauen. Er hat sich an mich um Hilfe gewandt, und er wird den gestohlenen Wagen zurückgeben, sobald du seinen rechtmäßigen Besitzer herausgefunden hast. Ich glaube ihm, dass er mit dem rätselhaften Mord nichts zu tun hat. Sobald ich meine Meinung ändere, gehört er dir beziehungsweise deinen Kollegen in Queens oder Brooklyn.“

„Du hast keinen Mörder und kein Opfer“, erinnerte Toby brummig. „Demzufolge ist dir das Motiv erst recht schleierhaft. Wo willst du ansetzen?“

„Die drei haben etwas bei dem Toten gesucht, Toby. 'Er muss es noch bei sich haben', hat einer angeblich gesagt. Die lächerlichen zweieinhalbtausend Dollar hat er wohl kaum gemeint. Es muss sich um etwas Wertvolleres handeln. Rauschgift vielleicht, der Schlüssel zu einem Schließfach oder auch belastendes Material. Ich werde wohl einmal den Strumpfwirkern von 'Soft Butterfly' auf die Bude rücken. Wer weiß? Vielleicht kommt mir ein Gesicht bekannt vor.“

June March, die gerade mit der Unterschriftenmappe kam, stutzte und sah Bount fragend an.

„Ist was, Teuerste?“, wollte Bount wissen.

„Die Briefe, die du noch unterschreiben musst. Grass habe ich eine Frist von zwei Wochen gesetzt. Wenn er dann noch immer nicht gezahlt hat, solltest du dir ernstere Schritte überlegen.“

„Und deshalb guckst du mich wie einen lahmen Schimmel an?“

„Deswegen nicht, sondern wegen 'Soft Butterfly'.“

Bount schmunzelte. „Wunderst du dich, dass ich mich neuerdings intensiv für Damen-Strumpfhosen interessiere?“

„Keineswegs. Wenn du dich ernsthaft dafür interessieren würdest, müsstest du wissen, dass es die Firma schon seit mindestens einem Jahr nicht mehr gibt. Sie hat pleite gemacht.“

„'Soft Butterfly'? Woher weißt du das?“

„Ich habe die Marke selbst ein paarmal gekauft. Sie hat aber nicht viel getaugt. Meine jetzige ist besser. Sag selbst!“

Sie reckte ihr wohl geformtes Bein vor und hob den Rock ein wenig in die Höhe.

„Toby, komm sofort rüber“, stöhnte Bount ins Telefon. „Ein Angriff auf meine Unschuld wird gestartet.“ Und zu June gewandt, beteuerte er: „Genügt es dir, wenn ich dir sage, dass du eines der aufregendsten linken Beine besitzt, die je mein Büro betreten haben?“

June lächelte atemberaubend. „'Soft Butterfly' ist trotzdem pleite.“

Bount knirschte mit den Zähnen. Er war enttäuscht. Er hatte sich von dieser Spur einiges versprochen.

Er beendete das Gespräch mit Toby und nahm Zuflucht zu einer Pall Mall. Er befand sich offensichtlich in einer Sackgasse und wusste noch nicht, wie er da wieder herausfinden sollte.

Die Ermittlungen einfach aufzugeben, nachdem die Unschuld seines Klienten an dem Mord als sicher gelten konnte, zog er vorläufig nicht in Erwägung. Stede steckt mit drin. Spätestens, wenn er den Cadillac zurückgab, musste er auch den Toten zu Protokoll geben.

Konnte „Soft Butterfly“ ein Codewort sein?

Vielleicht existierte von der Strumpffirma noch eine Verkaufsstelle, die die Restbestände unter die Leute brachte.

Bount beauftragte June, die aktuellen und ehemaligen Anschriften sämtlicher „Soft Butterfly“-Produktionsstätten, Verkaufsstellen oder Verwaltungsgebäude in Erfahrung zu bringen. Viel versprach er sich davon allerdings nicht.

Umso mehr geriet er aus dem Häuschen, als June ihm zwei Stunden später die Liste vorlegte.

„Das sind nur die Adressen der Staaten New Jersey, New York und Pennsylvania“, betonte sie. „Wenn du sie auch noch von den übrigen Staaten brauchst, musst du mir noch etwas Zeit lassen.“

„Das ist es“, rief er aufgeregt und tippte mit dem Zeigefinger auf das Blatt Papier. „Das müssen die Halunken gemeint haben.“

June schaute ihm über die Schulter.

„Die Fabrik in der Bronx? Aber da rührt sich seit einem Jahr nichts mehr. Außer Ratten und möglicherweise ein paar Fixern findest du dort nichts, was noch an das Leben erinnert. Die Maschinen wurden verkauft, die Büros geräumt. Von der Sorte findest du da draußen einen ganzen Haufen leerer Fabrikgebäude.“

„Aber nur eins der 'Soft Butterfly'. Ich fahre mal hinaus und schaue mir den Laden an.“

„Soll ich mitkommen?“, bot sich June an.

„Bist du versessen auf Ratten und Fixer?“

„Nicht unbedingt.“

„Dann bleibst du also hier und hütest das Telefon. Toby wird dir hoffentlich bald den Besitzer des Cadillacs durchgeben. Ich brauche seine Adresse und nähere Lebensumstände. Du weißt schon.“

„Wann bist du wieder zurück?“

„In zwei Stunden kannst du mit mir rechnen. Ich rufe vorher an. Vielleicht besuche ich dann gleich noch den Caddy-Besitzer. Halte ein bisschen Kontakt zu Stede Rumsey, damit er auf keine dummen Gedanken kommt.“

Bount verließ das Büro und fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage.

Draußen in Schuylerville standen die verlassenen Fabriken wie auf einer Perlenschnur aufgezogen. Öde, geschwärzte Fassaden mit toten Fenstern und beklemmenden Gerüchen. Eine Gegend zum Davonlaufen.

Bount lief nicht davon. Langsam fuhr er an den Fabrikhöfen vorbei und suchte die Adresse von Junes Liste.

Er fand sie mühelos, obwohl die Straßenschilder zum größten Teil abmontiert worden waren. Neben dem brüchigen Werkstor war ein Schild angebracht, das mit blassen Farben ein schlankes Frauenbein zeigte, über dem ein Schmetterling gaukelte. Das Firmenzeichen von „Soft Butterfly“.

Er befand sich am Ziel. Bount stieg aus und versuchte, ob sich das Tor öffnen ließ. Er wollte den Mercedes nur ungern auf der Straße stehen lassen. Er war sicher, bei seiner Rückkehr nur noch das Chassis vorzufinden.

Das Tor war verschlossen.

Bount umrundete das Werksgelände und hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, wie er in das Werk eindringen konnte.

Es existierte ein Hintereingang, der für die Durchfahrt eines Wagens allerdings zu schmal war. Außerdem ließ auch er sich nicht öffnen.

Ein paar Fenster im ersten Stockwerk luden zum Einstieg ein. Ihre Glasscheiben waren zertrümmert. Mit ein wenig Geschick ließ sich das eine oder andere erreichen.

Doch da war der Wagen. Was passierte mit ihm, solange Bount sich im Inneren des Gebäudes aufhielt? Überall lungerten fragwürdige Gestalten herum, die nur darauf warteten, dass er seinen Silbergrauen für ein paar Minuten aus den Augen ließ. Das Mindeste war, dass sie ihm die Reifen aufschlitzten. Aber dabei würde es kaum bleiben.

Bount kehrte zum Haupttor zurück und musterte aus der Ferne das Schloss. Es wirkte stabil, aber keineswegs übermäßig kompliziert. Mit den Hilfsmitteln, die er für gewöhnlich bei sich trug, müsste er es eigentlich knacken können. Dann konnte er den Mercedes in den schützenden Hof fahren und das Tor wieder schließen.

Als er erneut ausstieg, brach hinter ihm eine Glasscheibe.

Bount zuckte herum, während seine Hand unters Sakko glitt und auf den Griff der Automatic stieß.

Er ließ die Waffe jedoch stecken, denn er sah lediglich eine Katze, die gerade auf das Dach seines Wagens sprang und ihren Rücken zum nächsten Satz krümmte. Misstrauische Augen funkelten ihn an.

„Du kannst einem aber einen Schrecken einjagen!“, tadelte er lächelnd und wandte sich dem Schloss zu. Er zog einen Stahlhaken, dessen Größe ihm angemessen erschien, aus der Tasche.

Wieder verdächtige Geräusche. Diesmal kamen sie von der Ecke des Fabrikgebäudes. Jemand tuschelte dort.

Bount war wachsam. Er hielt nach beiden Seiten Ausschau, doch niemand ließ sich blicken.

Er machte sich ans Werk und schob den Haken ins Schloss.

Da peitschte ein Schuss auf. Die Kugel schrammte dicht über seinem Kopf hinweg und verursachte auf dem Eisentor einen kreischenden Laut. Ein paar Funken blitzten auf.

Bount ließ den Haken los und lag schon auf dem Boden. Er konnte zwar keinen Schützen sehen, rechnete sich jedoch aus, dass er dort stehen musste, wo er das Tuscheln gehört hatte.

Vorsichtshalber nahm er die Automatic aus dem Schulterholster und wartete ab.

Nichts geschah. Der Halunke mit dem Schießeisen gab sich keine Blöße.

Bount gab sich nicht der Illusion hin, dass durch den Schuss ein Streifenwagen angelockt werden würde. In dieser Gegend knallte es öfter einmal. Die Polizei hatte es längst aufgegeben, jedes Mal nach der Ursache zu forschen. Sie kam ohnehin in der Regel zu spät.

In den übelsten Ecken der Bronx existierte kein Gesetz. Brutale Jugendlichen-Gangs zogen sich hierher zurück. Süchtige träumten zwischen Kot und stinkenden Abfällen den Traum eines gemeisterten Schicksals. Farbige Schulmädchen gingen für ihre Väter auf den Drei-Dollar-Strich. Gelegenheitskiller versteckten sich in den Ruinen vor der Polizei und konnten sicher sein, hier nie aufgespürt zu werden.

Für einen Mann in guter Kleidung und mit einem Wagen drohte überall vielfache Gefahr.

Bount behielt die Ecke im Auge und richtete sich wieder auf, um seine Arbeit am Schloss fortzusetzen.

Da ließ ihn ein metallenes Geräusch auf der anderen Seite herumfahren.

Er sah gerade noch, wie ein Halunke, der sich einen schmutzigen Fetzen vors Gesicht gebunden hatte, auf ihn feuerte.

Schon erklangen auch von der Fabrikecke wieder Schüsse. Bount befand sich genau dazwischen.

Als auch noch eilige Schritte näher kamen, zog Bount es vor, sein Vorhaben schleunigst abzubrechen. Aus diesem Kesseltreiben würde er kaum mit heiler Haut herauskommen.

Er gab einen einzigen Schuss ab, um den frechsten seiner Gegner in die Deckung zurückzutreiben. Dann warf er sich in den Mercedes, dessen Schlag er zum Glück offen gelassen hatte.

Blitzschnell startete er den Motor und gab Gas.

Der Silbergraue schoss vor.

Bount fuhr an der Fassade der Fabrik entlang. Als er die Ecke erreichte, sah er einen Kerl davonlaufen und weiter hinten über die Mauer klettern, die den Fabrikhof umfasste. Der Bursche trug Jeans und eine schwarze Lederjacke.

Bount fiel der Typ ein, dessen Namen Smith mit Johnny bezeichnet hatte. Er war einer der drei Männer aus dem dunkelblauen Chevrolet, die die Leiche weggeschafft hatten.

Wenn Jeans und eine Lederjacke auch nicht unbedingt als ein untrügliches Erkennungsmerkmal gelten konnten, so erhärteten sie doch Bounts Vermutung, dass er sich bei der alten Fabrik der Strumpffirma an einer interessanten Adresse befand.

Er war fest entschlossen, hierher zurückzukehren. Dann aber sollte ihn niemand vertreiben.



7

Die Fahrgestellnummer des Cadillacs brachte Bount nicht weiter. Toby Rogers hatte herausgefunden, dass der Wagen dem Popstar Jude Buggy während eines Auftritts in Las Vegas vor drei Monaten gestohlen worden war. Zu dieser Zeit hatte ihn allerdings noch eine weiße Lackierung geziert. Zu dem Diebstahl hatte es bisher nicht die leiseste Spur gegeben.

Momentan befand sich Jude Buggy auf einer Tournee durch Japan und verschiedene Ostblockländer. Es sprach nichts dagegen, den Wagen bis zu ihrer Rückkehr in New York zu lassen.

Bount berichtete Toby von seinem Erlebnis in der Bronx.

„Sei froh, dass du mit heiler Haut herausgekommen bist“, sagte der Captain. „Dort geht man auch nicht alleine hin. Das ist glatter Selbstmord.“

„Überredet, Toby. Wann und wo treffen wir uns?“

„Ich verstehe nicht ganz, Bount. Sind wir verabredet?“

„Du hast doch gerade angeboten, mich zur Bronx zu begleiten. Heute Nacht. Diesmal fangen wir es geschickter ah. Ich wette, dass wir in der alten Fabrik eine Überraschung erleben.“

„Die hast du ja schon hinter dir. Hast du immer noch nicht die Nase voll? Was erwartest du, bei 'Soft Butterfly' zu finden?“

„Weiß ich nicht. Vielleicht die Leiche.“

„Stimmt. Wahrscheinlich deine eigene. Sei vernünftig. Wenn du einen konkreten Verdacht vorbringen kannst, veranlasse ich eine Durchsuchung. Dass irgendein Typ beiläufig diesen Firmennamen erwähnt hat, ist kein konkreter Verdacht.“

„Mit anderen Worten, du hast Angst“, bemerkte Bount lauernd.

„Erwartest du darauf etwa eine Antwort? Selbst wenn ich wollte, könnte ich dich nicht begleiten, um einen Toten zu suchen, den es möglicherweise gar nicht gibt. Vorläufig existiert er doch nur in der Behauptung eines Mannes, dessen Identität du starrköpfig vor mir geheim hältst. Ich bin zu Kellys Dienstjubiläum eingeladen. Du kennst doch Kelly. Wenn ich den vor den Kopf stoße, wirft er mir die nächsten zwei Jahre so viele Knüppel vor die Beine, dass ich aus dem Stolpern nicht mehr herauskomme.“

„Ihr werdet kaum die ganze Nacht feiern“, beharrte Bount.

„Aber die halbe, und die andere Hälfte bin ich dann bestimmt nicht mehr zu gebrauchen. Du solltest mal Kellys Sortiment an Whisky und Brandy sehen. Privat ist er erstaunlich umgänglich, aber dienstlich kehrt er das Ekel heraus, wenn man ihn gekränkt hat.“

„Ist schon gut. Dass ich mich jetzt gekränkt fühle, interessiert dich ja nicht. Ich hätte dich sowieso nicht gerne mitgenommen. Das Werkstor ist nämlich nicht breiter als vier Meter. Wie hättest du dich da durchzwängen wollen?“

Bount legte den Hörer auf und traf seine Vorbereitungen für den nächtlichen Ausflug.

Vor allem steckte er seine Ersatzpistole ein. Außerdem ein paar Dinge, auf die er glaubte nicht verzichten zu können.

Das Besondere war seine Kleidung. Um dort draußen nicht unnötig aufzufallen, musste er sein Äußeres anpassen. June half ihm bei dieser Maskerade.

„Ich sehe nur eine Schwierigkeit“, sagte die Blondine, als sie ihr gemeinsames Werk betrachtete. „Es wird für dich nicht einfach sein, aus Manhattan herauszukommen, ohne von der nächsten Polizeistreife aufgegriffen zu werden. Nimmst du ein Taxi?“

„So weit, wie ich damit komme. Für die letzte Strecke versuche ich es mit Roller Skates. Damit kommt man schnell voran und fällt dort auch nicht auf.“

„Du hast vielleicht Ideen!“

Nachdem June das Büro verlassen hatte, rief Bount bei Stede Rumsey an, um sich über etwaige besondere Vorkommnisse zu erkundigen.

„Danke der Nachfrage, Bount. Wie soll’s mir schon gehen? Da hat man ’nen Caddy im Stall und darf ihn nicht anrühren. Ein Leben ist das!“

„Ein Leben ist besser als ein Tod“, fand Bount. „Ich melde mich morgen wieder.“

Nach dem Telefonat studierte Bount den Stadtplan. Er musste in der Gegend, in der die verlassene Fabrik stand, genauso gut Bescheid wissen wie die Typen, die dort zu Hause waren. Möglicherweise war er wieder zu einem schnellen Rückzug gezwungen. Da ihm sein Wagen nicht zur Verfügung stand, musste er jede Sackgasse und jede Abkürzung kennen.

Nach Mitternacht zog er los.

Der Taxifahrer schüttelte den Kopf, als Bount sein Ziel nannte.

„Kannst du überhaupt zahlen?“

Bount zeigte ihm eine Fünfzigdollarnote, die die schlimmsten Bedenken des Taxifahrers beseitigte.

„In diese Ecke fahre ich nicht. Ich bin doch nicht lebensmüde.“

„Dann fährst du eben so weit, wie du dich traust“, schlug Bount vor.

Damit war der Mann einverstanden.

Eine halbe Stunde später war Bount auf sich alleine gestellt. Die Roller Skates hatte er sich an den Gürtel gebunden. Jetzt löste er sie und schnallte sie unter die Schuhe.

Er kam sich ein bisschen albern vor. Doch wenn er an seinen Plan dachte, erschien ihm jedes Mittel recht.

Also kurvte er auf gut geschmierten Walzen los.

Er musste ungefähr eine Meile zurücklegen. Dann erreichte er die tote Fabrikgegend.

Er schnallte die Skates wieder ab und zog es nun vor, sich auf leisen Gummisohlen durch den Schatten zu schleichen.

Eine Straßenbeleuchtung gab es hier so gut wie nicht. Das war Bount durchaus recht.

Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um auf verdächtige Geräusche zu horchen.

Trotz aller Vorsicht stolperte er fast über einen Körper, der mitten im Weg lag. Glückliche Augen starrten ihn an. Der Bursche, der höchstens sechzehn war, hatte den Hemdärmel hochgestreift. Die Armbeuge war violett verfärbt.

Vielleicht blieben ihm noch ein paar Wochen. Dann würde er erlöst sein.

Bount würde sich nie an dieses Bild gewöhnen, das ihm deutlicher als jedes andere seine Ohnmacht vor Augen führte.

Was konnte er schon tun?

Er war wohl in der Lage, einen Mörder zur Strecke zu bringen, eine Geisel zu befreien oder Diebesbeute wieder heranzuschaffen. Doch um ihn her rollte unterdessen die Lawine von Verbrechen, Not und Hoffnungslosigkeit weiter. Trotzdem wollte er seinen Kampf weiterführen.

Der Süchtige reagierte nicht, als Bount über ihn hinwegstieg. Er befand sich in einer anderen Welt. In einer Welt voller Farbe und Verständnis.

Am Morgen würde er zu sich kommen und die hässliche Wirklichkeit um sich erkennen. Die Arbeitslosigkeit, die Ghettos, den Dreck und den Kampf ums Überleben. Er würde sich nach seiner schöneren Welt zurücksehnen und sich eine Fahrkarte zu ihr verschaffen, indem er vielleicht einem ahnungslosen Freund sein Messer in den Bauch stieß und sich für die magere Beute wieder einen Schuss besorgte.

Bount hastete weiter. Wut kochte in ihm. Wut auf jene Männer, die aus dieser Ausweglosigkeit ein florierendes Geschäft machten.

Er wusste, dass der Diebstahl eines Wagens und die Verteilung von Rauschgift gleichermaßen unter Strafe gesetzt wurden. Es fiel ihm aber schwer, an den Knacker einer Luxuslimousine mit dem gleichen Abscheu zu denken wie an den Lump, der für fünf Dollar Stoff dealte und damit den qualvollen Tod eines Vierzehnjährigen verschuldete.

Endlich sah er die Silhouette der Strumpffabrik vor sich. Bis jetzt war ihm niemand in die Quere gekommen.

Vielleicht lag es daran, dass sich des Nachts kaum jemand hierher verirrte, den man ausrauben konnte. Deshalb lagen die Mugger nicht auf der Lauer.

Bount versuchte sein Glück diesmal an der Hintertür. Mit dem Schloss hatte er nur wenig Mühe.

Er schlüpfte durch den Spalt und zog die Tür hinter sich zu. Er verschloss sie nicht. Möglicherweise war er noch für einen Fluchtweg dankbar.

Er hatte zwei Taschenlampen mitgenommen. Bei der einen handelte es sich um einen kräftigen Strahler. Die andere besaß die Form eines Kugelschreibers und lieferte lediglich einen dünnen Lichtfaden, dessen Schein nicht nach draußen drang.

Diese Lampe benutzte er nun.

Er befand sich in einem Treppenhaus mit Steinstufen. Vor sich sah er eine offen stehende Eisentür.

Bount warf einen Blick in den dahinterliegenden Raum und stellte fest, dass es sich um eine riesige Maschinenhalle handelte, die jedoch leer war. Lediglich ein paar zerbrochene Regale lagen noch auf dem Boden. Außerdem waren überall Scherben zu sehen.

Bount drehte sich um und schlich die Treppe hinauf.

Im ersten Stockwerk hatten sich früher die Verpackungsräume befunden. Man sah es noch an den vielen Kartons.

Die oberste Etage war den Büros vorbehalten gewesen.

Bount öffnete eine Tür nach der anderen. Keine war zugeschlossen. Wozu auch? Hier gab es nichts mehr zum Stehlen.

Bei der vorletzten Tür hielt er den Atem an. Im ganzen Fabrikgebäude war die Luft nicht gerade angenehm. Hier aber stank es ungewöhnlich penetrant.

Bount versuchte, den Geruch zu analysieren, und mutmaßte, dass es sich um verbrannte Haare handeln müsse.

Die Automatik hielt er schon längst in der Rechten, während in der linken Hand die Taschenlampe dafür sorgte, dass er seine nächste Umgebung erkannte.

Bount betrat den Raum und war auf der Hut. Er sah gegenüber zerbrochene Fensterscheiben. Dass der Gestank trotzdem so intensiv war, deutete darauf hin, dass er noch nicht genügend Zeit gehabt hatte, sich zu verflüchtigen.

Bounts Vorsicht schien sich zu erübrigen. Niemand griff ihn an. Wer auch immer sich erst kürzlich in dem Raum aufgehalten hatte, war inzwischen verschwunden.

Vor einem der beiden geborstenen Fenster stand ein ausgedienter Schreibtisch. Dahinter schaute ein blauer Fetzen hervor. Ein Stück Plastik.

Bounts Herz tat ein paar raschere Schläge. Hatte er gefunden, wonach er suchte?

Vorsichtig schob er sich an den Schreibtisch heran. Dabei achtete er darauf, dass ihm niemand in den Rücken fiel.

Als er endlich neben dem Möbelstück stand, sah er den Leichnam, von dem der grässliche Gestank ausging. Die nackten Füße schauten unter der Plane hervor.

Bount bückte sich und zog die Plastikhaut beiseite.

Er fuhr zusammen.

Bount schluckte und entfernte die Plane vollständig.

Vor ihm lag eine männliche Leiche. Sie war völlig nackt. Damit wollten die Gangster vermutlich ihre Identifizierung erschweren.

Wie sollte jemals ermittelt werden, um wen es sich bei dem Toten handelte?

Aber irgendeinen Fehler beging jeder Gangster. Selbst der gerissenste übersah früher oder später eine Kleinigkeit. Auf diese Kleinigkeit baute Bount. Er musste sie nur noch entdecken.

Ohne die Unterstützung der Polizei kam er allerdings nicht mehr aus. Dies war jetzt ohnehin ein Fall für die Mordkommission. Die Leiche war endlich aufgetaucht.

Es war wichtig zu erfahren, wer in den vergangenen Stunden als vermisst gemeldet worden war. Es kamen nur Männer in Betracht, die ungefähr fünfzig Jahre alt waren. Die Zahl konnte nicht unüberschaubar sein.

Bount wusste aber sehr wohl, dass ein Mann im Maßanzug durchaus zu einer Berufsgruppe gehören konnte, deren Angehörige erst nach einiger Zeit vermisst wurden. Geschäftsreisende zum Beispiel. Man wähnte sie in Europa, dabei schwamm ihre Leiche längst den Hudson hinunter.

Manche Vermisste wurden bei der Polizei auch gar nicht gemeldet. Wenn der Tote aus Zuhälterkreisen stammte, würde seine Identität möglicherweise nie ermittelt werden.

Auf jeden Fall musste Bount die Polizei verständigen. Am besten Toby. Ein kopfloser Toter musste eigentlich als Grund ausreichen, um eine Jubiläumsparty vorzeitig verlassen zu können.

Natürlich gab es in der ganzen Fabrik kein Telefon mehr. Die öffentlichen Fernsprecher im Umkreis waren längst das Opfer zerstörungswütiger Rowdies geworden.

Also musste Bount dorthin zurückkehren, wo ihn das Taxi abgesetzt hatte.

Argwöhnisch betrachtete er den Leichnam. Schon einmal war er verschwunden. Er fürchtete, dass sich das wiederholen könnte.

Aus diesem Grund suchte er wenigstens den Fußboden nach Spuren oder Hinweisen ab.

Er tat das sehr gründlich und lag mehr als einmal auf dem Bauch, um in die kleinste Ritze zu spähen.

Etwas geronnenes Blut, ein Büschel angegrauter Haare und ein Knopf, der wohl von einem Sakko stammte, das war seine ganze Ausbeute.

Getrennt schob er die Fundgegenstände in kleine Tüten und steckte es zu sich. Dann verließ er den Raum und trat den Rückweg an.

Nach dem Verlassen der Fabrik bediente er sich erneut der Roller Skates. Damit rauschte er bis zum ersten funktionierenden Telefon und rief bei Captain Kelly an.

Er musste lange warten, bis endlich der Hörer abgehoben wurde und sich eine säuselnde Frauenstimme meldete: „Bist du’s, Bobby? Ich habe dir doch gesagt, dass er diese Nacht zu Hause ist. Wir können uns unmöglich treffen.“

„Geben Sie mir bitte Captain Rogers, Miss.“

Die Frau schnappte hörbar nach Luft. Sie überlegte wohl, welchen Reim sich der Anrufer, bei dem es sich offensichtlich nicht um ihren Bobby handelte, auf ihre Worte machen konnte.

„Moment!“, stieß sie hervor und entfernte sich.

Am Anschwellen von Lärm, Lachen und Musik erkannte Bount, dass die Frau eine Tür geöffnet hatte.

„Toby! Für Sie“, hörte er sie rufen. Durch das Stimmengewirr drang Toby Rogers's Bass. „Wer ist es denn, Gloria?“

„Keine Ahnung. Er hat seinen Namen nicht genannt.“

„Verdammt! Kann man denn nirgends ungestört feiern? Das kann nur die Zentrale sein.“

„Lassen Sie sich ja nicht abkommandieren, Toby. Sam würde Ihnen das nie verzeihen. Und ich auch nicht.“ Sie ließ ein schelmisches Kichern hören.

Bount überlegte, ob Captain Kelly wohl deswegen so unleidlich sein konnte, weil er genau wusste, dass ihm seine Gloria bei jeder sich bietenden Gelegenheit Hörner aufsetzte.

„Rogers!“ Tobys verärgerte Stimme unterbrach seine Mutmaßungen. „Was, zum Teufel, ist denn schon wieder los? Bist du’s, Ron? Dann soll dich der Henker holen.“

„Wird nicht gut möglich sein, Dicker“, antwortete Bount. „Der Henker ist gerade damit beschäftigt, wehrlose Leichen herumliegen zu lassen.“

„Du, Bount? Bist du noch zu retten, mich hier anzurufen? Ich habe dir doch klipp und klar erklärt, dass Kelly zum Berserker wird, wenn ich ihm die Stimmung verderbe.“

„Dann komme ich kurz vorbei und lege ihm einen nackten Toten aufs kalte Büfett. Bin gespannt, wie sich der auf seine Stimmung niederschlägt.“

Toby Rogers's Stimme wurde versöhnlicher. „Du hast ihn gefunden?“

„Bei 'Soft Butterfly'. Ich bin sicher, dass er es ist. Ich möchte, dass du herkommst und ihn dir ansiehst.“

„Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Bount. Das sollen gefälligst die zuständigen Kollegen von der Bronx machen.“

„Können sie ja auch. Ich fürchte nur, dass die eine nicht identifizierbare Leiche in einer verlassenen Fabrik nicht sonderlich aus dem Häuschen bringt. Das gehört für die Jungs doch schon fast zum täglichen Brot.“

„Ist ’ne üble Gegend, aber schließlich nicht meine Schuld.“

„Ich will wissen, wer es ist“, erklärte Bount. „Unbedingt. Eure Medizinmänner müssen ihn auf schneiden.“

„Obduktion? Was versprichst du dir davon? Wir erfahren allenfalls, was er zuletzt gegessen hat.“ „Vielleicht hatte er einmal einen komplizierten Bruch oder eine seltene Krankheit. Irgendetwas muss sich doch finden lassen. Oder willst du vor ein paar Gangstern kapitulieren? Ich bringe hiermit ganz offiziell einen Mord zur Anzeige. Genauso, wie du es gewünscht hast. Kümmere dich gefälligst darum.“

„Ich sage den Kollegen Bescheid“, lenkte Toby ein. „Sie werden mit ihrer kompletten Mannschaft antanzen. Von wo aus rufst du an?“

Bount sagte es ihm, legte aber gleichzeitig Protest ein: „Die Jungs aus der Bronx sollen getrost kommen, aber dich will ich mit dabei sehen, verstanden? Will das nicht in deinen verdammten Schädel? Sei froh, dass er noch auf deinen Schultern sitzt. Hier geht es nicht um einen simplen Mord. Dahinter steckt mehr. Der Aufwand, den die Burschen im Chevy treiben, ist viel zu groß. Wer einen Caddy fährt, und wenn er auch nur geklaut ist, gibt sich nicht mit kleinen Fischen ab. Einem normalen Killer wäre es egal gewesen, ob sein Opfer gefunden wird. Aber nein, die drei setzen sich mehrfach der Gefahr aus, erwischt zu werden. Und warum? Sie haben etwas gesucht und wahrscheinlich auch gefunden, weil sie die komplette Kleidung ihres Opfers mitgenommen haben. Vielleicht war das erst der Anfang einer verbrecherischen Kette. Deshalb müssen wir den Toten kennen. Nur so werden uns die Fragen nach Motiv und Täter beantwortet.“

„Weißt du, was ich in den letzten Stunden konsumiert habe, Bount? Wenn ich mich hinters Steuer meines Wagens klemme, muss ich mich selbst verhaften.“

„Soll ich dir die Telefonnummer deiner Dienststelle geben?“, fragte Bount ungehalten. „Dort forderst du einen Wagen mit Fahrer an und holst mich hier ab. Ende der Durchsage.“

Bount hängte den Hörer schleunigst ein. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Toby ihn sitzen ließ.



8

Toby ließ seinen Freund nicht sitzen, und ihm war auch nicht anzumerken, dass er übermäßig getrunken hatte.

Das Polizeiaufgebot aus der Bronx war ebenfalls zur Stelle. Bount lieferte brav seine Tütchen mit Haaren und Knochensplittern ab und war zufrieden, als die Spurensicherer auch nicht mehr entdeckten als er. Das hätte ihn gewurmt.

Toby versprach, die Obduktion durchzusetzen. Außerdem wollte er Bount am nächsten Morgen eine komplette Liste aller an den letzten beiden Tagen als vermisst Gemeldeter aushändigen.

Bounts Versuch, einen vor der Fabrik Herumlungernden, den er vom Bürofenster aus eine Weile beobachtet hatte, zu stellen und ihn über die drei Burschen im Chevrolet auszuquetschen, schlug fehl. Kaum tauchte er vor dem Tor auf, da verschwand der Halunke auch schon.

„Von dem hätten Sie ohnehin nichts herausbekommen“ tröstete einer der Polizisten Bount. „Dieses Pack schlachtet sich gegenseitig ab, ohne mit der Wimper zu zucken, doch gegen unsereins hält es zusammen wie Pech und Schwefel. Die lassen sich eher die Zunge herausschneiden, als dass sie ihresgleichen ans Messer liefern.“

Der Tote wurde abtransportiert. Bount ließ sich von Toby zu Hause abliefern und schmiedete unterwegs bereits seine Pläne für den nächsten Tag.



9

„Habt ihr sie?“, fragte der Mann mit den silbergrauen Haaren, als die drei Gangster bei ihm eintrafen. „Gebt her! Es hat lange genug gedauert.“

„Tut uns leid, Boss“, gestand Dave Delmer. „Wir haben uns nicht die Zeit genommen, alles an Ort und Stelle zu durchsuchen. Da hat ein Kerl rumgeschnüffelt.“

„Was heißt das? Was für ein Kerl? Was wollte er?“

„Er hat versucht, in die Fabrik einzudringen. Aber wir konnten ihn verjagen.“

„Polizei?“, fragte Arthur Conrad, der Mann mit den silbergrauen Haaren, stirnrunzelnd.

„Kaum. Ein einzelner Bulle würde das nicht versuchen. Deshalb haben wir ihn ja zu der Fabrik gebracht. Da wird er nicht so schnell entdeckt.“

„Soll das heißen, dass ihr ihn dort liegen gelassen habt?“, brauste der Gangsterboss auf. „Wenn sie ihn identifizieren, wissen sie gleich, was die Glocke geschlagen hat.“

Delmer winkte großspurig ab.

„Wir sind doch nicht blöd. An dem beißen sie sich die Zähne aus. Wir haben sämtliche Klamotten mitgenommen. Sie können ganz unbesorgt sein. Den erkennt keiner.“

„Ich bin nicht besorgt. Delmer. Ich will endlich das Geschäft zum Abschluss bringen. Übermorgen ist der letzte Termin für die Übergabe.“

„Das wissen wir. Wir brauchen ja nur noch in sämtlichen Taschen nachzusehen. Die Sachen sind hier im Koffer. Mach mal auf, Leo.“

Leo Brooks trug einen braunen Handkoffer, den er nun auf den Tisch legte und öffnete. Ein blauer Anzug kam zum Vorschein, Unterwäsche, Schuhe, ein durchlöchertes Oberhemd, eine gestreifte Krawatte und Strümpfe. Die komplette Garderobe des Ermordeten.

„Fangt schon an!“, befahl der Boss ungeduldig.

Die drei Gangster fielen über die Sachen her und untersuchten sie gründlich. Ihre Gesichter wurden immer länger.

Sie entdeckten eine Brieftasche mit zweihundert Dollar, eine zerknüllte Zigarettenpackung, einen Kamm, ein Heftpflaster und eine zerbrochene Lesebrille. Das, was sie suchten, fanden sie jedoch nicht.

„Verdammt! Sie müssen doch irgendwo sein“, fluchte Delmer. „Er versprach am Telefon, sie mitzubringen.“

„Und ihr Narren musstet ihn abknallen, bevor ihr sie hattet.“

„Er wollte uns für dumm verkaufen, Boss“, verteidigte sich Leo Brooks hastig. Er war der Mann, der die Schüsse abgefeuert hatte. „Er verlangte plötzlich die dreifache Summe. Andernfalls weigerte er sich zu liefern. Hätten wir uns erpressen lassen sollen? Ihre Partner sind bestimmt nicht bereit, ihr Angebot zu erhöhen.“

„Natürlich nicht. Der Preis steht fest. Aber wenn ich die Ware nicht habe, sehen wir keinen Cent. Ihr auch nicht. Das scheint ihr vergessen zu haben.“

Das hatten die Gangster keineswegs vergessen. Sie blickten sich ratlos an und schüttelten die Köpfe.

Sie hatten alles abgesucht. Das Futter aus dem Anzug war herausgerissen. Die Schuhe hatten keine Sohlen und Absätze mehr. Jeden Saum hatten sie abgegriffen, obwohl der als Versteck kaum in Betracht kam.

Nichts. Der Halunke hatte sie geblitzt.

„Er hat uns angelogen“, erkannte Delmer. „Er hat das Zeug gar nicht bei sich gehabt.“

„Also muss es sich noch in seiner Wohnung befinden“, folgerte Brooks.

„Worauf wartet ihr dann noch?“, brüllte der Boss ungeduldig. „Seht nach. Nehmt die Bude auseinander. Und kommt mir ja nicht mit leeren Händen zurück.“

Die drei Gangster ließen die Köpfe hängen. Sie begriffen, dass sie einen Fehler begangen hatten.

Aber sie waren entschlossen, ihn wieder auszubügeln. Sie waren auf das Geld scharf. Eine hübsche Summe hatten sie in Aussicht. Dafür konnte man schon ein paar Schränke zerlegen.

Sie wandten sich der Tür zu und gingen.



10

Bount wartete nicht, bis das Obduktionsergebnis vorlag. Das konnte bis zum Abend dauern. Auch Tobys versprochene Liste der Vermissten konnte Bount nicht hindern, schon vorher die Initiative zu ergreifen.

Bereits am frühen Morgen rief er Stede Rumsey an.

„Ich komme gleich bei Ihnen vorbei, Stede. Wir machen eine kleine Spritztour nach Queens. Sie sollen mir zeigen, wo Sie den Cadillac abgestaubt haben.“

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich mich nicht mehr genau erinnere, Bount“, antwortete der Ganove kläglich.

„Es ist ja auch nur ein Versuch. Ich habe übrigens heiße Neuigkeiten. Ihre Leiche ist wieder da.“

„Machen Sie nicht solche Scherze, Bount“, wehrte Stede Rumsey verbittert ab. „Es ist nicht meine Leiche. Wo haben Sie sie entdeckt?“

Bount erzählte es ihm, als er ihn mit dem Wagen abholte.

Stede schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie haben eine selbstmörderische Ader, Bount. Das hätte Sie Kopf und Kragen kosten können.“

„Jetzt werden Sie aber makaber, Stede. Kopf und Kragen hat es unseren Freund gekostet, vom dem ich zu gerne wissen möchte, um wen es sich handelt. Ich sehe eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wohnte er in dem Haus, vor dem der Cadillac stand, oder sein Mörder wohnte darin. Das eine wie das andere würde uns einen tüchtigen Schritt weiterbringen.“

Sie fuhren in die Gegend der 215ten Straße.

Stede Rumsey machte ein verdrossenes Gesicht.

„Bei Tag sieht alles ganz anders aus als in der Nacht“, stellte er fest. „Ich kann mich gar nicht erinnern, jemals in dieser Ecke gewesen zu sein.“

„Reißen Sie sich zusammen, Stede“, forderte Bount. „Sie wissen sehr wohl, dass Sie noch längst nicht aus dem Schneider sind. Die Leiche ist da, und wenn wir keinen anderen Mörder finden, bleibt womöglich doch noch alles an Ihnen hängen.“

Das sagte er allerdings nur, um Rumsey auf Vordermann zu bringen. Nach wie vor hielt er ihn nicht für einen Gewaltverbrecher.

Der Gauner rieb sich verzweifelt die Nase und meinte unschlüssig: „Da drüben das Haus könnte es gewesen sein. Die Einfahrt mit dem Kiesweg sieht jedenfalls so ähnlich aus.“

Bount lenkte den Mercedes an das Haus heran und stoppte.

„Da müssen Sie weg!“, brüllte jemand aus dem Fenster. „Sehen Sie nicht, dass Sie genau vor der Ausfahrt stehen?“

Bount ließ den Wagen noch ein Stück vorrollen und stieg aus.

„Ich komme wegen des Inserats“, behauptete er.

„Was für ’n Inserat?“, wollte der Mann wissen, der ihn angemeckert hatte.

„Sie haben einen Cadillac Seville angeboten. Zwanzigtausend Verhandlungsbasis. Ich wollte mir den Wagen einmal ansehen. Oder ist er etwa schon verkauft?“

Der Mann beugte sich so weit aus dem Fenster, dass er fast ins Blumenbeet kippte.

„Ein Cadillac? Sehe ich wie ein Millionär aus? Ich fahre einen Dodge. Der tut seine Dienste.“

Bount machte ein unglückliches Gesicht. „Dann muss ich wohl die Hausnummer verwechselt haben. Sie wissen nicht zufällig, wer hier in der Nähe ’nen schwarzen Caddy fährt?“

Der Mann dachte nach, bevor er entschieden den Kopf schüttelte. „So ein Wagen wäre mir aufgefallen. Ich sehe oft aus dem Fenster. Da hat Ihnen einer einen Bären aufgebunden, Mister. Pech für Sie. Aber schließlich fahren Sie ja auch nicht gerade einen müden Eimer.“

Bount fand trotz des Misserfolges seine Idee gar nicht schlecht, und er wiederholte den Trick mit dem Inserat noch an verschiedenen anderen Stellen in der Umgebung. Immer mit dem gleichen negativen Ergebnis.

Erst an der sechsten Station, als er schon aufgeben wollte, trat etwas ein, womit er nicht mehr gerechnet hatte.

„Tut mir leid, Mister“, bedauerte ein dürrer Mann und wollte die Haustür zuschlagen. „Ich kenne keinen in der näheren Umgebung, der einen Cadillac fährt.“

Hinter dem Mann tauchte ein blasser Bursche auf und tönte: „Der gehört nach Nummer 62, Dad. Ein toller Schlitten. So einen kaufe ich mir später auch mal.“

Der Mann drehte sich um und schüttelte verärgert den Kopf. „Was erzählst du da für einen Unfug, Harry? Mach lieber deine Hausaufgaben.“

„Aber wenn ich ihn doch gesehen habe“, beharrte der Junge. „Ein schwarzer Cadillac Seville. Dort drüben stand er.“ Er streckte den Arm aus und zeigte auf eine Einfahrt.

Bount sah Stede Rumsey fragend an. Der nickte zögernd.

„Dort könnte es gewesen sein“, räumte er ein.

Der Vater des Jungen widersprach: „Der Bengel fantasiert. Das Haus ist überhaupt nicht bewohnt. Es steht schon seit einem Vierteljahr leer. Der Besitzer verlangt anscheinend eine zu hohe Miete. Er selbst wohnt in Vermont.“

Bount wandte sich an den Jungen. „Wann hast du den Wagen dort stehen sehen?“

„Vorletzte Nacht. Ich konnte nicht einschlafen und habe mir aus der Küche ein Glas Milch geholt. Da fuhr der Caddy hier vorbei und hielt vor dem Haus. Drei Männer stiegen aus. Mehr habe ich nicht gesehen. Ich bin dann wieder ins Bett gegangen.“

„Glauben Sie ihm kein Wort, Mister. George hat eine blühende Fantasie. Nur mit der Mathematik hapert es. Marsch! Du hast noch zu tun.“

„Eine Frage noch, George. Stand noch ein anderer Wagen vor dem Haus oder in der Nähe?“

Der Junge nickte eifrig. „Neben der Laterne. Ein dunkler Chevrolet. Blau war er. Normale Kutsche. Nichts Weltbewegendes.“

Bount schenkte dem Jungen fünf Dollar und mahnte: „Reiß dich am Riemen mit der Mathematik, George. Du bist ein heller Kopf. Du schaffst das schon.“

Er ging mit Stede Rumsey zum Haus Nummer 62 hinüber und stellte schnell fest, dass die Tür nicht geschlossen war. Kein Wunder! Als die Gangster den Cadillac hatten davonfahren hören, waren sie schleunigst losgerannt und hatten im Chevrolet die Verfolgung aufgenommen.

„Wir sehen einmal nach“, entschied Bount und stieß die Tür mit dem Fuß vollends auf.

Stede Rumsey zögerte. Sein Gesicht war grau. Ihm war anzusehen, dass er am liebsten auf und davon gelaufen wäre.

In einem der hinteren Räume brannte Licht. Die Vorhänge waren geschlossen, die Möbel mit weißen Tüchern abgedeckt. Lediglich von den Stühlen waren die Tücher entfernt worden. Sie lagen zusammengeknüllt auf dem abgetretenen Teppich. Ein Stuhl war umgekippt.

„Hier war es“, versicherte Bount gepresst. „Hier haben sie ihn erschossen. Sie haben sich in dem Haus getroffen, weil sie wussten, dass es unbewohnt ist. Ein idealer Übergabetreffpunkt.“

„Übergabe für was?“, wollte Stede Rumsey erregt wissen. „Glauben Sie, dass er noch mehr Geld bei sich getragen hat?“

„Nein. Er hoffte wohl eher, einen dicken Packen davon zu bekommen. Stattdessen spickten sie ihn mit Blei und steckten ihn in den Kofferraum ihres Wagens. Da sie fürchten mussten, dass die Schüsse in der Nachbarschaft gehört worden waren, wollten sie ihn wegschaffen und erst später durchsuchen. Er trug etwas bei sich, was sie unbedingt haben wollten. Sie hätten ihn dafür wahrscheinlich bezahlen sollen, aber sie zogen es vor, das Geld zu sparen.“

„Langsam fange ich an zu kapieren“, stieß Stede Rumsey hervor. „Der Mann trug etwas bei sich, und ich fuhr nichtsahnend mit ihm davon. Ganz klar, dass die Strolche scharf darauf waren, den Leichnam wiederzubekommen.“

„Richtig. Und das haben sie ja nun leider auch geschafft. Wenn es der Polizei nicht gelingt, den Toten zu identifizieren, werden wir wohl nie erfahren, warum er sterben musste.



11

Dave Delmer, Leo Brooks und Johnny Strode verloren keine Zeit. Sie fuhren nach Staten Island zu der Adresse, die sie genau kannten.

Vor dem Haus stellte Brooks den Motor ab und sah Delmer auffordernd an.

„Was ist los? Willst du nicht aussteigen?“

„Flippen war verheiratet.“

„Na und?“, fragte Brooks kalt. „Die Sorge ist er jetzt los.“

„Er schon, aber wir nicht. Vielleicht ist seine Alte zu Hause und hat schon die Bullen rebellisch gemacht?“

„Siehst du hier irgendwo ’nen Bullen?“

„Es ist unser Geld genauso wie seins“, mischte sich Strode missmutig ein. „Ich bin dafür, dass wir reingehen. Egal, ob die Tante da ist oder nicht.“ Er zog seine Pistole aus der Tasche und schraubte genussvoll einen Schalldämpfer vor den Lauf.

„Du hast eben kein Hirn“, tadelte Delmer, der sich als Anführer fühlte. „Ich kundschafte erst mal die Lage aus. Wenn die Luft rein ist, gebe ich euch ein Zeichen.“

Bevor er ausstieg, setzte auch er auf seine Pistole einen Schalldämpfer. Er prüfte das Magazin und schob es zufrieden zurück. Die Waffe ließ er in der Innentasche seines Sakkos verschwinden.

Als er die Straße überquerte, wirkte er wie ein seriöser Geschäftsmann. Niemand hätte ihn auf den ersten Blick für einen skrupellosen Killer gehalten.

Er läutete an der Haustür und drehte sich grinsend zu seinen Komplizen um, die aus einiger Entfernung sein Tun beobachteten.

Er hörte Schritte. Seine Gestalt straffte sich. Er hatte also richtig vermutet.

Eine Frau mit breiten Hüften, massigen Schultern und schwammigem Gesicht öffnete die Tür und musterte den Fremden argwöhnisch.

„Ich kaufe nichts“, erklärte sie unwirsch und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht „Ich hätte auch nichts, was ich Ihnen verkaufen könnte, Mrs. Flippen. Mein Name ist Miller. Ich bin mit Ihrem Mann verabredet.“

„Davon hat er mir nichts gesagt. Er ist nicht da.“

„Das macht nichts“, meinte der Gangster unbeeindruckt. „Er kommt sicher gleich zurück. Ich warte solange.“

„Er ist nach Paris geflogen. Ich erwarte ihn erst am Wochenende zurück.“

„Nach Paris?“ Der angebliche Miller sah enttäuscht aus. „Dann muss er unsere Verabredung vergessen haben, sonst hätte er mich informiert. Ich sollte ein Schriftstück abholen. Hoffentlich wissen Sie Bescheid.“ Dave Delmer triumphierte. Flippen hatte also einen Flug nach Europa geplant. Wahrscheinlich hatte er sich mit dem Geld absetzen wollen. Die fette Schlampe wusste bestimmt nichts davon. Das bedeutete, dass sie vorläufig ihren Mann auch nicht als vermisst melden würde. Ausgezeichnet!

Mary Flippen schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Ahnung, wovon dieser Miller redete. Sie interessierte sich nicht für die beruflichen Belange ihres Mannes. Davon verstand sie nichts. Ihr genügte es, wenn immer genug Geld auf dem Konto war.

Er betrog sie. Das wusste sie seit Langem. Vielleicht hatte ihn gar nicht die Firma nach Paris geschickt. Vielleicht war er mit einem von seinen Flittchen geflogen. Na, wenn schon. Sollte sie ihn haben. Hauptsache, er lieferte das Geld ab. Es war Mary Flippen viel zu anstrengend, mit den Jüngeren, Hübscheren in Konkurrenzkampf zu treten.

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Er hat mir nichts gesagt. Sie müssen ein andermal wiederkommen.“

„Ausgeschlossen! Ich habe schon mein Ticket in der Tasche. Ich kann den Flug unmöglich verschieben. Vielleicht sind Sie so freundlich und sehen in seinem Schreibtisch nach.“

„Er mag es nicht, wenn ich in seinen Sachen herumschnüffle.“

„Das ist doch kein Schnüffeln“, beruhigte der Gangster die Frau. „Sicher liegt die Mappe griffbereit obenauf.“

Mit sanftem Druck schob er Mary Flippen tiefer in den Gang und folgte ihr. Mit dem Fuß warf er die Haustür ins Schloss.

Die Frau seufzte und ging voraus. Sie ahnte nicht, wer in ihr Haus eingedrungen war.

Sie führte den Besucher in das Arbeitszimmer, in dem tatsächlich ein Schreibtisch stand. Er war aufgeräumt. Auf der Platte lagen nur eine Schreibunterlage, ein Aschenbecher und eine Schale mit Kugelschreibern. Außerdem stand ein Telefonapparat darauf.

„Sehen Sie, es ist nichts da“, stellte die Hausherrin fest.

„Dann werden wir eben suchen“, erklärte Delmer wütend und zog die Pistole aus der Tasche. „Vorwärts! Es geht nicht um ein Schriftstück, sondern um Filme. Ich lege dich um, wenn du sie nicht rausrückst.“

Mary Flippens Kinnlade sackte nach unten. Sie war nicht gerade ein helles Köpfchen, aber selbst sie begriff, dass es dem Eindringling mit seiner Drohung ernst war.

Ihre Finger zitterten, als sie an den Schreibtisch herantrat und die Schublade herauszog. Sie riss sämtliche Papiere heraus, stieß aber auf keinen Film.

„Weiter!“, verlangte der Gangster. „Versuche nicht, mich hinzuhalten.“ Sie durchsuchte den ganzen Schreibtisch. Ohne Erfolg. Weinerlich richtete sie sich auf. „Bestimmt hat er die Filme bei sich, wenn sie so wichtig sind“, vermutete sie und starrte die Pistole an.

„Hat er nicht, verdammt noch mal.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Wir hätten sie gefunden.“

Mary Flippen taumelte. Sie begriff die Bedeutung dieser Worte. Der Gangster musste mit Clark zusammengetroffen sein, bevor er zu ihr kam. Sie hatten sich getroffen.

„Sie ... Sie haben ihn ...“ Sie öffnete den Mund zu einem entsetzten Schrei.

Dave Delmer kam ihr zuvor und drückte ab.

Der Schuss löste sich mit einem kaum hörbaren „Plopp“.

Mary Flippen hob die Hände in hilfloser Abwehr, als könnte sie die Kugel aufhalten.

Ihre Bluse färbte sich rot.

Der Killer schoss erneut. Noch dreimal. Dann war es endgültig vorbei.

Die Frau brach zusammen und röchelte nicht mehr.

Delmer beugte sich über sie und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich tot war. Gelassen wechselte er das Magazin seiner Pistole und steckte die Waffe wieder ein.

Er ging zur Haustür zurück, öffnete sie und winkte seinen Komplizen zu.

Johnny Strode und Leo Brooks stiegen aus und rannten über die Straße.

„Hat ziemlich lange gedauert“, fand Strode.

„Ich hatte gehofft, sie könnte mir zeigen, wo Flippen die Filme versteckt hat“, antwortete Delmer. „Aber die blöde Kuh war vollkommen ahnungslos.“

Gemeinsam kehrten sie ins Arbeitszimmer zurück. Die Tote brachte die beiden anderen Gangster nicht aus der Fassung.

„Also müssen wir suchen“, stellte Brooks lediglich fest. „Das wird eine Heidenarbeit. Das ganze Haus. Das dauert doch den ganzen Tag.“

„Vielleicht finden wir sie ja auch auf Anhieb“, sagte Delmer hoffnungsvoll. „Er wird sie nicht ausgerechnet in der Küche versteckt haben.“

Sie machten sich ans Werk in der Erwartung, ihrem Ziel ganz nahe zu sein. Aber von Stunde zu Stunde wurden sie wütender.

Delmer rief den Boss an.

„Sie sind nicht hier“, klagte er. „Wir haben alle Zimmer auf den Kopf gestellt.“

„Sie müssen da sein, Idiot! Sucht weiter, und kommt mir ja nicht ohne die Filme.“

„Jawohl, Boss“, sagte Delmer gehorsam und legte den Hörer auf.

Gleich darauf nahm er ihn wieder zur Hand und schraubte die Muscheln ab. Seine Hoffnung erfüllte sich aber nicht. Er wusste einfach nicht, wo er noch suchen sollte.

„Macht weiter!“, herrschte er seine Komplizen an. „Irgendwo müssen sie ja sein.“

Die Gangster setzten die Suche fort. Ihre Stimmung näherte sich dem Nullpunkt.



12

Die polizeiliche Durchsuchung des Hauses Nummer 62 in der 215ten Straße in Queens erbrachte keinerlei Anhaltspunkte auf die Mörder und deren Opfer. Die vier konnten sich nur kurze Zeit in dem Raum aufgehalten haben. Dann musste es zu dem Verbrechen gekommen sein.

Auch Bount hatte allerhand zu tun. Er brachte Stede Rumsey dazu, den Cadillac bei der Polizei abzuliefern, damit auch der Wagen auf Herz und Nieren untersucht werden konnte.

Der Gauner musste ein langes Vernehmungsprotokoll unterschreiben. Des Mordes bezichtigte ihn jedoch niemand.

„Wenn Sie ganz großes Glück haben, gehen Sie vielleicht sogar straffrei aus“, meinte Bount. „Sie haben Jude Buggy den Cadillac ja nicht gestohlen, sondern im Gegenteil dafür gesorgt, dass sie ihn wieder zurückbekommt. Was die übrigen Autodiebstähle betrifft, werden sie vielleicht gegen Ihre Mithilfe bei der Suche nach den Mördern aufgewogen.“

„Was für eine Mithilfe?“, fragte Stede Rumsey abwehrend. „Ich werde mich schwer hüten, mit Ihnen auf Killerjagd zu gehen, Bount. Das ist nichts für mich. Ich habe genug zu tun, mich nach ’nem Job umzusehen. Ich schlage vor, dass Sie Ihren Auftrag jetzt als erledigt betrachten. Ich weiß nicht, wann ich Sie jemals bezahlen kann. Jede weitere Stunde, die Sie für mich tätig sind, stürzt mich tiefer in Schulden. Ich habe mein Versprechen eingelöst und mich gestellt. Die Polizei hält mich nicht für den Mörder. Damit ist alles erledigt.“

Bount wusste, dass er von dem Mann nie einen Dollar sehen würde. Und eigentlich gab es für ihn tatsächlich keinen Grund mehr, noch weiter mit der Polizei in Konkurrenz zu treten.

Aber der nicht abgeschlossene Fall befriedigte ihn in keiner Weise. Er befürchtete, dass man ihn bald zu den Akten legen würde, falls es nicht gelang, die Identität des Ermordeten zu ermitteln.

Das bedeutete, dass drei Gangster ungeschoren blieben. Drei Halunken, die nicht nur einen Menschen getötet, sondern dazu noch etwas an sich gebracht hatten, das für sie von großer Bedeutung sein musste. Es drängte ihn, der Sache wenigstens so lange auf den Grund zu gehen, bis er endgültig in einer Sackgasse stecken blieb.

Die Sachen aus dem Handschuhfach des Cadillacs brachten ihn nicht weiter. Und die Initialen J.B. auf dem goldenen Feuerzeug sprachen dafür, dass es sich um das Eigentum der Popsängerin handelte. Er lieferte das Zeug bei der Polizei ab.

Bount grübelte darüber nach, warum die Killer ihr Opfer ausgerechnet zu der Fabrik Von „Soft Butterfly“ gebracht hatten. Er sagte sich aber, dass es wohl verkehrt war, eine Beziehung zu der Pleitefirma zu suchen. Die Gangster hatten das Gebäude als Schlupfwinkel gekannt, in dem man sie nicht stören und in dem auch der Tote nach menschlichem Ermessen nicht so bald entdeckt werden würde.

Hätte Smith nicht zufällig den Namen der Fabrik erlauscht, hätte der Leichnam dort noch wochenlang liegen können.

Größere Hoffnungen setzte Bount auf die Liste der Vermissten, die Toby Rogers ihm im Laufe des Vormittags zustellen ließ.

Es standen siebzehn Namen darauf, von denen er gleich die meisten strich, weil es sich um Frauen oder um solche Männer handelte, die man beim besten Willen und selbst unter Berücksichtigung eines Schocks nicht für fünfzig halten konnte.

Es blieben fünf Kandidaten übrig, und Bount verbrachte die folgenden Stunden, die Spuren dieser Verschwundenen aufzunehmen.

June half ihm dabei.

Das Resultat war ernüchternd.

Zwei Männer hatten sich in der Zwischenzeit wieder eingefunden. Einer war von einer ausgedehnten Sauftour zurückgekehrt, den anderen hatte seine Frau bei einer Geliebten überrascht und windelweich geschlagen.

Auch hinter dem dritten Namen konnte Bount schon bald ein Kreuzchen machen. Er war ins Vanderbilt Hospital eingeliefert worden. Ohne Papiere in der Tasche, dafür aber mit einer Handvoll Schlaftabletten im Magen. Als er endlich wieder ansprechbar war, verriet er zweierlei. Erstens, dass er es wieder versuchen würde, weil er vor Schulden nicht mehr aus noch ein wisse, und zweitens seinen Namen. Der stand auf Bounts Liste.

Es blieben noch zwei Männer. Ein Edward Rugh und ein gewisser Toddy G. Preston.

June und Bount teilten sich die Arbeit und fuhren zu den Frauen der Vermissten.

Edward Rugh hatte angeblich noch nie einen blauen Maßanzug besessen. Toddy G. Preston wurde als semmelblond bezeichnet.

Trotzdem ließen sich June und Bount Fotos der beiden aushändigen, die Bount Stede Rumsey vorlegte.

Der schüttelte entschieden den Kopf.

„Keiner von beiden“, beteuerte er. „Ich werde das Gesicht nie vergessen, Bount. Die hier sehen ganz anders aus.“

Bount hatte eine Idee.

„Wenn Ihr Gedächtnis so ausgezeichnet funktioniert, dann sollten Sie der Polizei helfen, ein Phantombild herzustellen“, schlug er vor. „Das könnte dann in den Zeitungen oder auch im Fernsehen erscheinen. Ich bin sicher, dass daraufhin Hinweise aus der Bevölkerung eingehen.“

Stede Rumsey wollte nicht anbeißen, aber Bount erinnerte ihn, dass er Punkte sammeln könne.

„Ich bringe Sie zu Captain Rogers“, sagte er. „Das ist ein Mann, der zwar nie die Gesetze umgeht, dessen Fürsprache vor Gericht aber zweifellos Gewicht haben wird.“

Dieses Argument überzeugte den Gauner. Er stieg in den Mercedes ein und fuhr mit Bount zur Centre Street.

Toby Rogers stürzte gerade aus seinem Büro, als die Besucher eintrafen.

„Keine Zeit, Bount. Ich muss dringend weg.“

„So viel Zeit wirst du wohl haben, um Mr. Rumsey zu eurem Zeichner bringen zu lassen. Die beiden sollen ein Bild unseres Toten zusammenstellen. Deine Liste war ein Reinfall. Da steht er nicht drauf.“

Der Dicke zögerte einen Moment. Dann war er einverstanden und stoppte einen Sergeant, der gerade mit einem Aktenstapel vorbeihastete.

„Bringen Sie diesen Mann zu McCorney. Er soll ein hübsches Bild malen. Alles andere erfährt er von Mr. Rumsey. Ich möchte das Ergebnis dann vorgelegt bekommen.“

Der Sergeant nickte Rumsey zu und hastete weiter, nachdem er ihm ein „Kommen Sie mit!“, zugerufen hatte.

„Bringen Sie mich wieder nach Hause, Bount?“, rief der Ganove zurück.

„Versprich ihm lieber nichts, Bount“, riet der Captain. „McCorney arbeitet sehr gewissenhaft. Das kann ein paar Stunden dauern. Wir bringen ihn dann zurück.“

„Das fehlte mir noch“, lehnte Stede Rumsey entrüstet ab. „Was sollen denn die Nachbarn von mir denken, wenn mich die Bul... äh, ich meine die Polizei zu Hause abliefert? Das macht einen ganz schlechten Eindruck. Da bleibt gleich was an einem hängen. Drücken Sie mir lieber ’nen Zehner in die Hand. Das kommt Sie viel billiger als der Einsatz eines Dienstwagens.“

„Sorgen Sie dafür, Chart“, wies Toby Rogers den Sergeant an. Zu Bount gewandt, fuhr er fort: „Kommst du mit? Ich bin gerade ins Gerichtsmedizinische gerufen worden.“

„Geht’s etwa um unseren Toten?“, erkundigte sich Bount gespannt.

„Anscheinend haben die Ärzte etwas Ungewöhnliches entdeckt.“

Bount war selbstverständlich sofort mit von der Partie. Ergab sich endlich eine heiße Spur?



13

„Was ist das?“, fragte Toby Rogers und kniff die Augen zusammen. Behutsam nahm er das glitschige Ding in die Hand, das höchstens halb so groß war wie das letzte Glied seines kleinen Fingers.

„Das wissen Sie sicher besser als wir, Captain“, vermutete Doctor Jackman. „Ich hielt es jedenfalls für richtig, Sie sofort zu informieren. Oder hätten wir bis zum Abschluss der Untersuchungen warten sollen?“ Der Mediziner grinste harmlos.

„Natürlich nicht“, sagte Toby heftig. „Danke, Doc. Wo haben Sie es gefunden?“

„In seinem Magen. In trauter Eintracht mit Schellfisch, Chips, gedünsteten Tomaten, einer ansehnlichen Menge Bier und unverkennbaren Spuren von Vanilleeis. Außerdem hatte er anscheinend ein Beruhigungsmittel geschluckt.“

Toby drehte die kleine Kapsel zwischen den Fingern.

„Das ist kein Beruhigungsmittel“, stellte er fest. „Sieht so aus, als enthielte die Kapsel einen Film.“

„Hol ihn schon raus“, drängte Bount und griff nach dem Winzling zwischen Tobys Fingerkuppen.

„Griffel weg!“, donnerte der Dicke. „Du bist hier nur geduldet.“

Bount grinste und wartete ungeduldig. Alles in ihm vibrierte. Dass sie der Lösung des Rätsels um einen gewaltigen Schritt näher gekommen waren, brauchte ihm niemand erst zu erklären.

„Ist das alles?“, wollte Toby Rogers von dem Mediziner wissen. „Oder ist es sinnvoll, noch zu warten?“

Jackman wandte sich wieder dem geöffneten Leichnam zu.

„Wenn Sie meinen, ob er sonst noch etwas verschluckt hatte, dann kann ich Sie beruhigen. Mehr haben wir in seinem gesamten Verdauungstrakt nicht gefunden.“

Der Captain bedankte sich und zog Bount mit sich fort.

Sie gingen in ein Labor, in dem Wissenschaftler vor Mikroskopen und Projektoren saßen.

Toby zeigte einem der Männer die Kapsel und bat: „Können Sie sie öffnen, ohne den Inhalt zu beschädigen?“

Innerhalb weniger als einer Minute lagen zwei winzige Filmstreifen auf der Tischplatte. Jeder war nicht länger als fünf Zoll. Mit bloßem Auge war nichts darauf zu erkennen.

Als der erste Film unter einem Sichtgerät scharf gestellt worden war, atmeten Toby und Bount hörbar aus.

„Das sind Konstruktionszeichnungen“, stellte Toby fest. „Auf dem Zeichnungskopf ist deutlich die Firma vermerkt. 'Turbo Machine Association'.“

„Stellen die nicht Triebwerke für Flugzeuge her?“, überlegte Bount laut.

„Für die zivile, aber auch für die militärische Luftfahrt. Seit einiger Zeit stecken sie auch dick im Weltraumgeschäft drin.“

„Also Werksspionage“, konstatierte Bount. „Möglicherweise mit politischem Hintergrund. Was könnte die Zeichnung darstellen?“

Der Captain hob die Schultern und schob das nächste Foto unter das Objektiv. Wieder war eine technische Zeichnung derselben Firma zu sehen: Als Bezeichnung war lediglich eine zwölfstellige Ziffernkombination angegeben.

„Auf jeden Fall müssen wir die Firma verständigen“, sagte Toby düster. „Dort wird man wissen, welchen Wert diese Zeichnungen besitzen.“

Er notierte sich sämtliche Zeichnungsnummern. Es waren weit über hundert. Mit dieser Liste bewaffnet, stürzte er zum nächsten Telefon und ließ sich mit der „Turbo Machine Association“ verbinden.

Bount stand neben ihm und verfolgte mit Spannung, wie Toby in der Triebwerksfirma von einem zum anderen gereicht wurde, ohne dass sich jemand zuständig fühlte.

Endlich hatte er einen der höheren Herren am Apparat, dem er den Sachverhalt schildern konnte.

Danach entspannte sich Toby Rogers's Gesicht.

„Offensichtlich keine Militärspionage“, raunte er Bount zu. „Die Forschungsabteilung von 'Turbo Machine' hat im Auftrag einer Fluggesellschaft, deren Name noch geheim gehalten wird, ein neues Düsenaggregat entwickelt. Der Witz dabei ist der um mindestens dreißig Prozent niedrigere Verbrauch an Treibstoff. Man kann sich leicht vorstellen, dass sämtliche Flugzeughersteller scharf auf diese Erfindung sind. Spätere Lizenzen werden horrende Summen kosten, falls in absehbarer Zeit überhaupt welche vergeben werden.“

„Und die Erdölfirmen, die ihr Kerosin an den Mann bringen wollen, sind vermutlich überhaupt nicht interessiert, dass dieses genügsame Triebwerk zum Einsatz kommt“, ergänzte Bount.

„Damit kannst du recht haben. Auf jeden Fall ist das illegale Geschäft nicht zustande gekommen. Die Geschäftsleitung von 'Turbo Machine' beruft gerade eine Krisensitzung ein. Dabei soll geklärt werden, wer die Zeichnungen fotografiert hat und auf eigene Rechnung zu Geld machen wollte.“

„Dabei hilft den Leuten vielleicht das Phantombild, das hoffentlich bald fertig ist.“

„Ich werde veranlassen, dass ein paar Kopien unverzüglich der Geschäftsleitung zugestellt werden. Ich selbst werde an der Sitzung teilnehmen.“

„Ich auch“, entschied Bount sofort. „Du wirst nicht leugnen wollen, dass ich die Details in diesem Fall besser kenne als du.“

„Die Sitzung ist geheim“, betonte Toby zögernd.

„Ich liebe geheime Sitzungen. Die Herren von 'Turbo Machine' können unbesorgt sein. Ich halte mich lediglich für den Fall zur Verfügung, dass man mich braucht. Die technischen Details interessieren mich nicht. Mein Mercedes schluckt kein Kerosin.“

Bount dachte allerdings weniger an die aufgescheuchte Geschäftsleitung, sondern daran, möglicherweise Informationen über die in Frage kommenden Interessenten für die Neuentwicklung zu erhalten. Zwischen ihnen und dem Spion von „Turbo Machine“ gab es eine Gruppe von Männern, die der Unterwelt angehörten und die einen Mann ermordet hatten.

Sie wollte er fassen.



14

Als Bount und Toby das Werksgelände von „Turbo Machine Association“ erreichten, war die Besprechung längst in vollem Gange.

Professor Yul Crows, der technische Direktor, begrüßte die Besucher und nahm die Mikrofilme entgegen.

Eine Expertengruppe untersuchte die winzigen Aufnahmen und kam zu dem einhelligen Ergebnis: „Der Schuft hat den gesamten Zeichnungssatz abgelichtet. Es handelt sich um die wesentlichen Baugruppen und Einzelteildarstellungen. Mit diesem Wissen könnte die Konkurrenz das Triebwerk nachbauen und uns sogar aus dem Rennen werfen, da sie natürlich die gewaltigen Entwicklungskosten sparen würde.“

„Haben Sie schon eine Idee, wer als Täter in Betracht kommt, Professor?“, erkundigte sich Toby Rogers. „Der Mann muss doch seit zwei Tagen vermisst werden. Ich darf wohl annehmen, dass kein Betriebsfremder Zugang zu diesen Unterlagen hatte.“

„Selbstverständlich nicht, Captain. Diese Konstruktion unterliegt der höchsten Geheimhaltung. Nur besonders zuverlässige Mitarbeiter haben von ihr Kenntnis.“

„Aber einer war offensichtlich nicht zuverlässig genug“, entgegnete Bount. „Wen vermissen Sie?“

„Das ist ja das Verrückte. Keinen.“

„Das gibt es nicht“, widersprach Toby Rogers. „Wir haben die Filme im Magen eines Toten gefunden. Der Mann wurde in der vorletzten Nacht erschossen. Er kann also gestern und heute nicht zum Dienst erschienen sein.“

Professor Crows nickte eifrig.

„Wir sind selbstverständlich dabei, alle Leute zu überprüfen, die Urlaub oder sich krank gemeldet haben. Auch ist ständig eine Reihe von Mitarbeitern dienstlich unterwegs.“

„Aber von all denen kommt doch höchstens eine Handvoll in Frage“ meinte Toby. „Die sind schnell überprüft. Haben Sie eine Liste?“

Der Direktor gab ihm ein Blatt, auf dem die meisten Namen bereits mit einer Bemerkung versehen waren. Ihre Träger erfreuten sich bester Gesundheit.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass der Tote keineswegs in der Firma angestellt gewesen sein muss“, sagte Bount. „Er kann die Filme von einem anderen erhalten haben. Sicherheitshalber verschluckte er sie. Ich bin der Meinung, dass vorläufig kein einziger Name von dieser Liste gestrichen werden darf. Jedenfalls nicht aus dem bloßen Grund, weil die Leute zufällig nicht tot sind. Was ist mit denen, die noch nicht ausgestrichen wurden?“ Er deutete auf die drei verbliebenen Namen.

Crows erklärte, dass sich die drei zurzeit auf der entgegengesetzten Seite der Erde auf hielten.

„Mr. Dillon befindet sich in Manila, Mr. Flippen in Kioto und Mr. Gleason in Hongkong. Dort ist es jetzt Nacht. Um diese Zeit können wir unsere Geschäftspartner leider nicht erreichen. Wir haben selbstverständlich Fernschreiben abgeschickt, damit man sich unverzüglich mit uns in Verbindung setzt.“

Das war Bount nicht genug. „Haben Sie in den Hotels nachgefragt? Dort gibt es doch schließlich Nachtportiers.“

„Wir kennen die Hotels nicht, in denen unsere Mitarbeiter abgestiegen sind. Die Zimmer werden in der Regel von den dortigen Firmen besorgt. Unabhängig davon sind wir dabei, in sämtlichen Hotels nachzufragen, in denen unsere Herren bei früheren Gelegenheiten gewohnt haben.“

„Hat sich keiner der drei während der letzten achtundvierzig Stunden hier gemeldet?“, fragte Toby verwundert. „Wenn bei uns einer eine Dienstreise antritt, dann ist er verpflichtet, regelmäßig Bericht zu erstatten.“

Der Professor lächelte. „In unserem Geschäft liegen die Dinge ein wenig anders. Natürlich ist es auch bei uns üblich, Kontakt zur Firma zu halten. Das ist bei Verhandlungen ohnehin oft erforderlich. Bei den drei Genannten handelt es sich jedoch nicht um Kaufleute. Sie sollen drüben lediglich den Markt erforschen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, und es wäre unsinnig, täglich einen Bericht zu erwarten.“

Toby Rogers gab bekannt, dass ein Phantombild des Ermordeten angefertigt wurde. „Dann müssen wir hoffentlich nicht noch stundenlang warten, bis die Herren auf den Philippinen aufzustehen geruhen.“

Während er von Crows in Erfahrung zu bringen suchte, wer am meisten an der Erfindung interessiert sein könnte, ließ sich Bount die Anschriften der drei noch nicht ermittelten Mitarbeiter geben. Er sagte sich, dass sie sich möglicherweise zu Hause eher gemeldet hatten als im Betrieb.

„Ich gebe June jeweils Bescheid, wo du mich erreichen kannst“, sagte er zu Toby. „Ich hoffe, du hältst mich ebenfalls auf dem Laufenden. Das Phantombild hast du schließlich mir zu verdanken.“

„Willst du gestreichelt werden?“, knurrte Toby ungehalten.

Bount schüttelte den Kopf. „Nur informiert, Dicker. Deine Hände sind mir zu rau.“



15

Bount begann bei der Frau von Dillon, der nach Manila geflogen war.

Er rief sie an und erfuhr von ihr, dass ihr „wilder Kater“ schon mindestens sechsmal angerufen hatte.

„Das letzte Mal heute früh. Wir sind erst seit einem halben Jahr verheiratet, Mr. Reiniger. Aber er hat versprochen, mich beim nächsten Mal mitzunehmen.“

Was sie sagte, hörte sich aufrichtig an. Bount hütete sich aber, die Auskunft hinzunehmen, ohne eine Überprüfung ins Auge zu fassen. Vor allem wollte er sich ein Foto des Mannes besorgen und es Stede Rumsey vorlegen. Es war nicht auszuschließen, dass Mrs. Dillon in die Pläne ihres Mannes eingeweiht war und ihn in Sicherheit wähnte.

Bevor er aber zu ihr fuhr, rief Bount auch noch die beiden anderen Nummern an.

Bei den Flippens meldete sich niemand. Bei den Gleasons erfuhr er vom Sohn, dass sich sein Vater zwar nicht gemeldet habe, dass er aber morgen zurückkommen wollte. Bount wollte sich hier ebenfalls eine Fotografie beschaffen.

Auch der zweite Versuch, bei den Flippens jemand an den Apparat zu bekommen, schlug fehl. Bount entschloss sich daher, nach Staten Island zu fahren. Bei dieser Gelegenheit konnte er gleich die Fotos einsammeln. Auf sein Läuten öffnete niemand. Er fragte eine Nachbarin, ob sie Mrs. Flippen habe weggehen sehen, was verneint wurde.

„Sie hatte Besuch“, berichtete die Frau. „Männerbesuch. Es geht mich ja nichts an, aber ich finde es einfach unpassend, da doch ihr Mann verreist ist. Na ja, über ihn hört man ja auch so allerlei. Sie werden sich schon einig sein. Für mich wäre das keine Ehe. Ich sage immer zu meinem Edward, Edward, sage ich, wenn du..

„Männerbesuch?“, unterbrach Bount den Redeschwall. „Wie lange ist das her?“

„Gekommen sind sie schon am Vormittag. Aber ihr Wagen ist höchstens seit einer halben Stunde weg. Da drüben stand der Chevrolet. Da, wo jetzt der Mercury steht.“

„Ein Chevrolet?“, wiederholte Bount mit gemischten Gefühlen. „Etwa ein blauer?“

„Ja. Dunkelblau.“

„Und wie viele Männer war es?“

„Erst ging nur einer ins Haus, aber nach einer Weile wurden dann die beiden anderen auch hineingebeten. Schlimme Zustände sind das heutzutage.“

Bount hatte genug gehört. Er wusste, welche drei Männer Mrs. Flippen ihre Aufwartung gemacht hatten. Die Frage war nur, wie dieser Besuch verlaufen war. Welche Rolle spielte die Frau jenes Mannes, in dem Bount nun den Ermordeten gefunden zu haben glaubte?

Bount wurde die Nachbarin nur schwer wieder los. Er musste massiv werden, weil sie ihm unbedingt sämtliche Gerüchte anvertrauen wollte. Darauf kam er vielleicht später zurück. Jetzt musste er sich unverzüglich Zutritt in das Haus der Flippens verschaffen. Er ahnte Böses.

Er läutete erneut, aber nichts rührte sich.

Da umrundete er das Gebäude und schaute in sämtliche Fenster, die er erreichen konnte. Das veranlagte die Nachbarin, ihre Ansichten über erschreckend neugierige Zeitgenossen kundzutun.

Schon auf den ersten Blick bot sich Bount ein Bild der Verwüstung. In der Küche befand sich keine Schublade mehr in den Schränken, sämtliche Türen standen offen. Mehl, Zucker, alles war auf dem Fußboden verstreut.

Ähnlich wie in der Küche sah es auch in den übrigen Räumen aus.

Bount hastete zu seinem Mercedes und verständigte über Autotelefon die Polizei.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis ein Streifenwagen neben ihm hielt und ein paar Beamte heraussprangen.

„Sind Sie Mr. Reiniger?“

Bount zeigte seine Lizenzkarte und deutete anschließend auf das Haus, in das die Beamten eindringen sollten. Ein Blick durchs Fenster überzeugte auch sie von der Notwendigkeit.

Sie schlugen eine Fensterscheibe ein und kletterten hindurch.

Bount war einer der Ersten. Die Polizisten protestierten nur schwach. Sein Name war ihnen bekannt. Sie wussten, welch hervorragende Rolle er schon bei fast aussichtslosen Fällen gespielt hatte. In den Revieren erzählte man sich Wunderdinge über diesen Mann.

Bount fand die Tote im Arbeitszimmer. Sie war zwar völlig unbekleidet, er glaubte aber nicht an ein Sittlichkeitsverbrechen.

Die Gangster hatten eine Menge Zeit investiert, um sämtliche Räume auf den Kopf zu stellen. Auch die Kleidung der Frau war zweifellos genau durchsucht worden.

Sie hatten die Filme gesucht. Ganz klar. Bount konnte sich nun zusammenreimen, wie alles abgelaufen war.

Flippen hatte die Konstruktionspläne des geheimen Triebwerkes fotografiert und aus dem Werk geschmuggelt. In jener unheilvollen Nacht sollte es zur Übergabe an seinen Abnehmer oder dessen Mittelsmänner kommen. Hierfür wurde ein neutraler Ort ausgewählt, an dem sich beide Seiten ungestört fühlten, eben das Haus Nummer 62 in der Straße von Queens.

Aus irgendeinem Grund wurde man dann doch nicht handelseinig. Möglicherweise wollte sich eine Seite nicht an die vereinbarten Bedingungen halten.

Als Flippen merkte, dass er gegen die drei den Kürzeren ziehen würde, verschluckte er die Kapsel mit den Filmen, um sie vor dem Zugriff der Gangster zu schützen. Dadurch, so glaubte er wohl, konnten sie ihm nichts anhaben.

Aber die Gangster hatten keine Ahnung von seiner Manipulation. Sie ließen ihm auch keine Zeit für Erklärungen. Ihre Rechnung sah anders aus. Wenn Flippen tot war, brauchten sie ihm nur die Filme abzunehmen und sparten die Summe, die er dafür gefordert hatte.

Also schossen sie ihn nieder.

Sie verfrachteten ihn im Kofferraum des Wagens, mit dem sie gekommen waren, und kehrten ins Haus zurück. Vielleicht wollten sie eventuelle Spuren beseitigen, oder sie hatten dort irgendetwas vergessen.

Jedenfalls war dies genau der Moment, an dem Stede Rumsey auftauchte und sich für den Cadillac begeisterte. Er fuhr ahnungslos damit davon und hatte daraufhin die Gangster am Hals, denen nicht so sehr am Cadillac lag als an dem Toten, in dessen Taschen sie die Mikrofilme wähnten.

Sie verloren vorübergehend Rumseys Spur, stießen dann aber wohl doch wieder auf ihn. Dadurch entdeckten sie den Leichnam an der Gravesend Bay und brachten ihn zur verlassenen Fabrik von „Soft Butterfly“.

Als er, Bount, dort auftauchte, fühlten sie sich verständlicherweise gestört und eröffneten auf ihn das Feuer. Die Filme fanden sie bei dem Toten nicht.

Es gab für sie nur eine Erklärung. Flippen konnte die Filme gar nicht bei sich gehabt haben. Sie lagen also noch bei ihm zu Hause.

Sie suchten Flippens Frau auf und brachten sie kaltblütig um, damit sie in Ruhe das ganze Haus durchwühlen konnten.

Inzwischen wusste Bount, dass ihre Suche auch hier ergebnislos verlaufen sein musste, denn das Geheimmaterial war von den Gerichtsmedizinern entdeckt worden.

Das konnten die Gangster nicht wissen. Auch jetzt noch würden sie sich den Kopf zerbrechen, wo die Filme geblieben sein konnten.

Bount versuchte, sich in ihre Lage zu versetzen. Welche Möglichkeiten gab es? Wo konnten die Filme sein?

Er ging noch einmal sämtliche Stationen durch und fand automatisch die scheinbare Lösung. Es gab einen Mann, der die winzige Kapsel gefunden und an sich genommen haben konnte. Genau wie das Geld, das er in der Brieftasche des Ermordeten entdeckt hatte. Stede Rumsey, der Autodieb.

Dass Rumsey damit zur Polizei gerannt war, erschien den Killern bestimmt nicht wahrscheinlich. Jemand, der in Cadillacs davonfuhr, die ihm nicht gehörten, hatte zweifellos ein gestörtes Verhältnis zu den ordnungshütenden Organen der Stadt.

Demnach mussten sich die Filme noch in seinem Besitz befinden.

Bount wollte wetten, dass die Gangster, sobald sie mit ihren Überlegungen bei diesem Punkt anlangten, nicht zögern würden, zu Stede Rumsey zu fahren, um bei ihm das grausige Werk zu wiederholen, das in diesem Haus einer ahnungslosen Frau das Leben gekostet hatte.

Bount hatte es plötzlich sehr eilig. Das Telefon der Flippens war total zerlegt worden und funktionierte nicht mehr. Er lief also wieder zu seinem Wagen und setzte sich mit Toby Rogers in Verbindung, der sich noch immer bei der „Turbo Machine Association“ aufhielt.

„Ihr braucht euch nicht mehr den Kopf über den Schuldigen zu zerbrechen, Toby“, stieß er hervor. „Clark Flippen ist unser Mann. Seine Frau bekam heute Besuch von drei Männern im blauen Chevrolet. Jetzt ist sie tot.“

„Verdammt!“, sagte der Captain, verriet aber gleich darauf, dass die Geschäftsleitung selbst gerade Flippen als Mann auf dem Phantombild identifiziert habe. „McCorney hat ein kleines Kunstwerk gezaubert, und dieser Rumsey verfügt über eine erstaunliche Beobachtungsgabe.“

„Hauptsächlich seinetwegen rufe ich an, Toby. Ihr dürft ihn keinesfalls nach Hause schicken. Jedenfalls nicht ohne massiven polizeilichen Schutz. Die Gangster vermuten die Filme jetzt mit Sicherheit bei ihm. Es würde ihm nicht besser ergehen als den Flippens.“

Wieder hielt Toby Rogers ein „Verdammt!“ für die passende Antwort.

„Er ist schon weg, Bount. Mit zehn Dollar fürs Taxi, wie er es gewollt hatte.“

Bount presste die Lippen zusammen. Ihm war klar, was diese Auskunft bedeutete. Falls Stede Rumsey noch nicht tot war, so schwebte er jedenfalls in höchster Lebensgefahr.



16

Stede Rumsey drehte den Zehn-Dollar-Schein zwischen den Fingern. Er hielt es für krasse Verschwendung, einem Taxifahrer das schöne Geld in den Rachen zu werfen, wo er selbst jetzt jeden Buck dringend brauchte.

Nach Flatbush kam er bequem auch mit der Subway. Vor allem erheblich billiger.

Der Ganove ging zur Station der Untergrundbahn und wartete auf seinen Zug. Zweimal musste er umsteigen, dann stieg er in Flatbush aus.

Er hatte noch ein paar hundert Schritte zu Fuß zu gehen. Während dieser Zeit grübelte er darüber nach, was er in Zukunft anfangen sollte. Er konnte nicht viel mehr als fremde Autos aufbrechen und damit losfahren. Seines Wissens gab es keine Firma, die solche Fähigkeiten honorierte.

Als er um die Ecke bog und sich nun in der Straße befand, in der er wohnte, erstarrte er.

Vor seinem Haus hielt gerade ein dunkelblauer Chevy. Zwei Männer in grauen Anzügen stiegen aus.

Stede Rumsey sprang schleunigst hinter einen Lieferwagen, der von zwei Männern abgeladen wurde. Mit brennenden Augen starrte er zu den Gangstern hinüber, von denen einer im Chevy sitzen geblieben war.

Was hatte das zu bedeuten? Was wollten sie bei ihm?

Die zwei verschwanden im Haus und blieben zehn Minuten weg. Danach kehrte einer zurück und holte den dritten.

Stede Rumsey hielt sich vor Augen, dass diese Schufte einen Mann erschossen hatten. Es handelte sich um Burschen, die vor nichts zurückschreckten.

Dass ihr Besuch ihm galt, stand für Rumsey fest. Er fragte sich nur, was sie von ihm wollten? Den Caddy?

Inzwischen hatten sie wohl festgestellt, dass er nicht zu Hause war. Trotzdem kamen sie nicht wieder. Demnach durchsuchten sie seine Wohnung. Es war kaum anzunehmen, dass sie dort eine Luxuslimousine zu finden hofften.

Bount hatte gesagt, dass sie bei dem Toten irgendwelche Papiere gesucht hätten. Vielleicht waren sie ihnen doch noch nicht in die Hände gefallen, und sie glaubten sie nun bei ihm, weil er ja Gelegenheit gehabt hatte, den Toten auszuplündern.

Er hätte ihnen zwar versichern können, dass er außer zweitausendvierhundert Dollar nichts an sich genommen hatte. Und die besaß er nun auch nicht mehr. Das Geld hatte die Polizei ihm abverlangt. Auch das goldene Feuerzeug und der übrige Kram befand sich längst nicht mehr in seiner Wohnung.

Aber würden sie ihm das glauben? Würden sie ihn nicht kurzerhand abknallen, sobald sie ihn erblickten?

Stede Rumsey ahnte, dass ihm seine Sparsamkeit möglicherweise das Leben gerettet hatte. Hätte er ein Taxi genommen, wäre er viel früher zu Hause gewesen. Dann hätten ihn die Gangster in der Wohnung überrascht und gnadenlos niedergemacht.

Er begann zu zittern. Das Bewusstsein, nur wegen eines Zufalls noch zu leben, machte ihm zu schaffen.

Was sollte er tun? Sich alleine mit den Killern anzulegen wäre blanker Wahnsinn. Er besaß keine Schusswaffe und hätte damit auch gar nicht umgehen können.

Er konnte warten, bis sie wieder abzogen. Sie würden bei ihm nichts finden, und zu stehlen gab es auch nicht viel. Die drei waren bestimmt fettere Beute gewöhnt.

Doch würden sie nicht früher oder später wiederkommen? Mussten sie nicht annehmen, dass er das, wonach sie suchten, an einem anderen Ort in Sicherheit gebracht hatte? In einem Schließfach zum Beispiel. Oder in einem Bankdepot.

Dann war er geliefert. Wenn er ihnen nicht die Auskunft gab, die sie erhofften, schossen sie ihn über den Haufen.

Der Ganove kam zu dem Schluss, dass er Hilfe holen musste. Er konnte sich an die Polizei wenden oder an Bount Reiniger.

Er entschied sich für den Privatdetektiv. Zu ihm hatte er mehr Vertrauen. Wenn der Verstärkung mitbrachte, war das seine Sache.

Stede Rumsey wusste, wo die nächste Telefonbox stand. Um sie zu erreichen, musste er an dem dunkelblauen Chevrolet vorbeigehen.

Dabei riskierte er nichts. Der Wagen war leer.

Und selbst wenn die Gangster ausgerechnet jetzt wieder aus dem Haus kamen, woher sollten sie ihn kennen? Während der wilden Verfolgungsjagd in der Nacht hatten sie sich wohl kaum sein Gesicht eingeprägt.

Wenn er sich gleich darauf auch sagte, dass ihn die Killer noch bei anderer Gelegenheit beobachtet haben mussten, weil sie sonst nicht wissen könnten, wo er wohnte, beunruhigte ihn diese Erkenntnis nicht sonderlich. Die kritische Stelle hatte er innerhalb weniger Sekunden passiert.

Stede Rumsey holte tief Luft und sprintete los.

Er hatte Glück. Die Gangster ließen sich nicht blicken. Unangefochten erreichte er die Telefonbox an der Ecke und wühlte in seinen Taschen nach Kleingeld.

Bount Reinigers Nummer wusste er inzwischen auswendig. Er wählte sie und sprudelte hastig sein Anliegen hervor, nachdem sich June March gemeldet hatte.

„Tut mir leid, Mr. Rumsey“, hörte er die Frau sagen. „Mr. Reiniger ist im Augenblick nicht im Büro. Sobald ich ihn erreiche, werde ich ihm aber ausrichten, was Sie mir gesagt haben. Unternehmen Sie nichts auf eigene Faust und lassen Sie sich von den Gangstern nicht sehen. Ich verständige sicherheitshalber die Polizei.“

Stede Rumsey hängte den Hörer ein und überlegte einen Augenblick.

Wie groß konnte das Interesse der Polizei sein, einen Autodieb zu beschützen? Zweifellos hatten die Beamten ihrer Meinung nach Wichtigeres zu tun. Bis sie oder Bount hier eintrafen, konnte also einige Zeit verstreichen. Er hatte keinen Nerv, so lange auszuharren.

Zögernd ging er zurück.

Als er sich auf gleicher Höhe mit dem Gangsterfahrzeug befand, ging ein Ruck durch ihn.

Wenn er den Wagen an sich brachte, konnte die Polizei nicht nur darin Fingerabdrücke der Killer finden und ihnen vielleicht dadurch auf die Spur kommen. Er schränkte damit auch ihre Mobilität ein und versetzte ihnen dadurch einen empfindlichen Schlag. Vor allem aber konnte er sich selbst damit in Sicherheit bringen. Zu Fuß kam er nicht weit, und die paar Dollar in seiner Tasche hob er lieber für Wichtigeres auf.

Sein Entschluss stand fest. Er warf nur noch einen hastigen Blick zur Haustür hinüber und registrierte beruhigt, dass von dort noch keine Gefahr drohte. Bis die Schurken merkten, was geschehen war, war er längst über alle Berge.

Er wollte zu Bount Reiniger fahren und in dessen Büro auf ihn warten. Dort konnte ihm nichts passieren.

Er prüfte, ob sich der Schlag auf der Fahrerseite öffnen ließ und schmunzelte zufrieden. Das Glück war ihm hold.

Sekundenlang hoffte er, dass auch die Drahtbrücke zum Kurzschließen der Zündung bereits vorbereitet war. Schließlich hatte der Chevrolet nach Bounts Theorie dem Ermordeten gehört, und die Gangster besaßen demzufolge für ihn keinen Zündschlüssel.

Doch Stede Rumsey erinnerte sich, dass die Killer ja in der alten Fabrik die Kleidung des Toten an sich genommen hatten. Darin hatten zweifellos auch die Wagenschlüssel gesteckt.

Nun, das war nur ein kleiner Schönheitsfehler. Trotz seiner guten Vorsätze, nie wieder einen fremden Wagen gegen den Willen seines Besitzers anzurühren, hatte sich der Ganove noch nicht von seinen Spezialwerkzeugen getrennt. Er trug sie griffbereit in der Tasche.

Deshalb war es auch nur eine Augenblickssache, den Motor aufdröhnen zu lassen.

Stede Rumseys erfahrenes Ohr hörte sofort den Unterschied zu dem Cadillac. Aber für seine Zwecke reichte der Chevy vollkommen.

Er richtete sich wieder auf und blickte in den Außenspiegel, bevor er den Wagen aus der Parklücke herauslenkte.

Doch dazu kam es nicht. Neben dem Wagen tauchte ein Mann auf, den er noch nie gesehen hatte. Ein Mann mit silbergrauen Haaren.

Er hielt einen Revolver in der Hand, und den richtete er haargenau auf Stede Rumseys Nasenwurzel.

„Ich beobachte dich schon geraume Zeit“, zischte er. „Steig aus! Oder willst du, dass ich dich im Wagen abknalle?“

Stede Rumsey wollte beides nicht. Das eine erschien ihm so ungemütlich wie das andere.

Er zerbrach sich nicht lange darüber den Kopf, wer der bieder aussehende Kerl sein könnte. Irgendetwas musste er mit den drei Killern zu tun haben. Der Revolver in seiner Faust wies ihn als deren Komplizen aus.

Verdammt! Wieso hatte er sich darauf verlassen, dass es nur diese drei Schufte im Chevrolet gab? Sollte er sich umbringen lassen? Er musste Zeit gewinnen.

„Ich fürchte, da liegt eine Verwechslung vor, Mister“, sagte er mit rauer Stimme.

„Stimmt. Du hast anscheinend den Wagen verwechselt. Der Chevy gehört nämlich zufällig meinen Freunden. Sie haben mir von einem Burschen erzählt, der sich an fremden Autos vergreift. Cadillacs und so. Er soll hier in diesem Haus wohnen. Du kennst ihn nicht zufällig, wie?“

„Hören Sie, Mister, ich weiß nicht, wonach Sie suchen, aber ich versichere Ihnen, dass ich ...“

Stede Rumsey sprach nicht weiter. Er stieß die Tür mit voller Wucht auf und knallte sie dem Silbergrauen gegen die Faust, die den Revolver hielt.

Unwillkürlich drückte der Mann ab, aber die Kugel schnarrte am Blech entlang.

Im nächsten Augenblick stieg der Ganove kräftig aufs Gas und riss das Lenkrad nach links.

Der Fremde brachte sich durch einen Satz zur Seite in Sicherheit, sonst wäre er von dem vorpreschenden Chevrolet niedergestoßen worden.

Stede Rumsey sah noch, wie der Kerl zu einem metallicbraunen Alfa Romeo GTV 6 hetzte und sich hinters Lenkrad warf. Da wusste er, dass er nun um sein Leben fahren musste.



17

Bount fuhr wie der Teufel. Vielleicht war schon alles zu spät, und er konnte auch diesen dritten Mord nicht mehr verhindern. Erst Clark Flippen, dann dessen Frau und nun Stede Rumsey.

Als er in Flatbush ankam, atmete er auf, als er weit und breit nirgends einen dunkelblauen Chevrolet entdeckte.

Dass er daraus voreilige Schlüsse gezogen hatte, merkte er, als er die Treppen hinaufeilte und das Schloss an Stede Rumseys Wohnungstür herausgebrochen fand. Die Gangster waren also schon hier gewesen.

Mit gemischten Gefühlen betrat Bount die Wohnung. Seine Automatic hielt er dabei schussbereit in der Hand.

Ihm bot sich ein ähnliches Bild wie im Haus der Flippens. Auch hier hatten die Gangster ein unbeschreibliches Chaos angerichtet.

Mit jeder Tür, die er öffnete, fürchtete Bount, auf den Toten zu stoßen. Doch als er sämtliche Räume durchsucht hatte, war er sicher, dass sich Stede Rumsey nicht in der Wohnung befand. Weder tot noch lebendig.

Dass die Gangster seinen Leichnam mitgenommen hatten, glaubte er nicht. Diese Mühe hatten sie sich bei Mary Flippen auch nicht gemacht.

Er gewann den Eindruck, dass die Halunken mit ihrer Suche noch nicht fertig waren. Im Schlafzimmer und im Bad war es verhältnismäßig aufgeräumt.

Sie mussten gestört worden sein.

Bount konnte sich denken, wer die Störung verursacht hatte. Anscheinend war Stede Rumsey erst verspätet nach Hause gekommen und hatte die Gangster in seiner Wohnung überrascht. Das Ende dieser Begegnung wollte er sich lieber nicht ausmalen.

Er probierte das Telefon aus. Es funktionierte.

Bount rief in seinem Büro an und erklärte June, wo er sich im Augenblick befand. Bevor er ihr die Gründe auseinandersetzen konnte, unterbrach sie ihn und sagte ihm, dass Stede Rumsey angerufen hatte.

„Stede? Was wollte er?“

„Als er nach Hause kam, tauchten die drei Gangster auf, die den Mann in Queens erschossen haben. Stede wollte, dass du sofort zu ihm kommst. Ich riet ihm, nichts auf eigene Faust zu unternehmen.“

„Hoffentlich hat er sich daran gehalten. Der Gangsterwagen ist weg, und Stede hat sich bisher auch nicht blicken lassen. Sag Toby Bescheid. Er soll seine Leute herschicken.“

„Die müssten schon unterwegs sein, Bount. Ich habe mit Ron Myers gesprochen.“

„Ausgezeichnet! Pass auf, du verlässt auf keinen Fall das Büro. Es ist unbedingt erforderlich, dass du ständig erreichbar bist. Für mich, für Rons Männer, vor allem aber für Stede. Ich habe keine Ahnung, was mit ihm geschehen ist und wo er sich momentan aufhält. Falls er sich wieder bei dir meldet, rufst du mich unverzüglich an. Ich bleibe in der Nähe des Wagens. Ich informiere dich über jeden meiner Schritte. Sorge dafür, dass das Telefon frei bleibt. Gespräche, die nichts mit unserem Fall zu tun haben, wimmelst du ab. Ich fürchte, dass sich Stede in einer brenzligen Situation befindet, falls er noch lebt. Du weißt noch nicht, dass die Killer inzwischen auf der Suche nach den Filmen einen zweiten Mord begangen haben. Sie haben die Frau des ersten Opfers erschossen. Das Verrückte ist, dass die Gangster sowieso nicht mehr finden werden, wonach sie suchen.“

„Ja, aber das wissen sie nicht. Und deshalb werden sie ihre Suche weiter fortsetzen und weiter morden.“

Bount legte den Hörer auf. Er hatte unten auf der Straße die Polizeisirenen gehört. Das mussten Rons Leute sein.

Der schlanke Lieutenant riegelte mit seinem Aufgebot die Straße in beiden Richtungen ab.

Als er Bount entdeckte, ließ er sich über die veränderten Verhältnisse informieren.

„Das bedeutet, dass wir völlig umsonst hergekommen sind.“

„Das wohl nicht, Ron. Die Gangster kommen unter Umständen zurück, denn sie haben ihre Suche in der Wohnung noch nicht abgeschlossen.“

„Okay! Ich werde ein paar Männer zurücklassen. Aber wo ist dieser Rumsey?“

Bount seufzte. „Wenn ich das wüsste, wäre mir erheblich wohler.“



18

Stede Rumsey hatte den Alfa Romeo abgehängt, obwohl er den wesentlich schwächeren Wagen fuhr. Aber es kam eben nicht nur auf das Material an. Wichtiger war, was man daraus machte. Das fahrerische Können des Kerls mit den silbergrauen Haaren hatte sich glücklicherweise als ausgesprochen mäßig erwiesen.

Der Autodieb war sich im Klaren, dass er sich schleunigst von dem Gangsterwagen trennen musste. Der Chevy würde ihn verraten.

Aber vorher brauchte er ein sicheres Versteck.

Verzweifelt blickte er sich nach allen Seiten um. Trostlose Häuserreihen. Ein Gebäude war wie das andere.

Sein Blick fiel auf eine Plastiktüte auf der Rückbank. Stede Rumsey spürte plötzlich nagenden Hunger. Er hatte zum letzten Mal gegessen, bevor Bount ihn abgeholt hatte. Das war schon eine Ewigkeit her.

Vielleicht enthielt die Tüte etwas Essbares. Dann würde er sich gleich erheblich besser fühlen.

Er überzeugte sich im Rückspiegel, dass der metallicbraune Wagen noch nicht wieder hinter ihm aufgetaucht war. Er durfte es riskieren.

Mit der linken Hand hielt er das Lenkrad, mit der rechten langte er über die Sitzlehne nach hinten und schnappte sich den Beutel. Na also!

Erwartungsvoll spähte er in die Plastiktüte - und war sehr enttäuscht, als er den Inhalt entdeckte. Nur geraubte Wertsachen.

Er schlug vor Entsetzen die Hände vors Gesicht.

Der Chevrolet fuhr zwar weiter, aber seine Lenkung machte sich selbständig. Das hatte Folgen.

Während Stede Rumsey noch gegen den Durst und den aufsteigenden Hunger ankämpfte, prallte der Chevy gegen einen Baum und kam blitzartig zum Stehen.

Der Ganove wurde nach vorne geschleudert. Er ließ den Beutel mit dem wertvollen Inhalt fallen und biss die Zähne zusammen. Sein Brustkorb war zusammengepresst worden. Außerdem war er mit der Stirn gegen die Windschutzscheibe geknallt, die im gleichen Moment zersplitterte.

Ernstlich schien er zum Glück nicht verletzt zu sein, aber der Chevy war im Eimer. Den brachte er nicht ohne Weiteres wieder in Gang.

Weiter hinten bog ein metallic brauner Alfa Romeo GTV um die Ecke. Das war sein Verfolger. Er hatte ihn also wieder eingeholt.

Stede Rumsey warf sich gegen die Tür, die etwas klemmte. Noch bevor sich die ersten Neugierigen einfanden, rannte er los. Jetzt war er dem motorisierten Gangster rettungslos unterlegen.

Der Alfa Romeo raste heran.

Stede Rumsey rettete sich in einen Hauseingang und hetzte weiter. Trotz seiner Schmerzen in der Brust holte er das Äußerste aus sich heraus.

Sekundenlang zögerte er, ob er sich für den Hof oder die Treppe entscheiden sollte.

Er wählte den Hof. Das Wichtigste war, von dem Haus wegzukommen, vor dem der verbeulte Chevy stand.

Vom Hof aus erreichte er das angrenzende Gebäude. Auf diese Weise legte er drei bis vierhundert Meter zurück.

Erst jetzt war Endstation. Die Tür, vor der er nun stand, war verschlossen.

Also die Treppe. Er musste versuchen, aufs Dach zu gelangen. Von dort aus konnte er dann auch die Straße beobachten und sehen, was der silbergraue Typ tat.

Vielleicht war er ihm ins Haus gefolgt und suchte nun nach ihm. Dann konnte Stede versuchen, sich zu dem verlassenen Alfa Romeo zu schleichen und damit abzuhauen. Diesmal würde hoffentlich nicht wieder einer von der Gang aufkreuzen.

Falls der Verfolger aber im Wagen geblieben war und darauf hoffte, dass sein Opfer früher oder später herauskommen musste, sollte er sich täuschen. Wenn Stede sein Versteck verließ, dann erst nach Einbruch der Dunkelheit und ganz bestimmt nicht an einer Stelle, die der Schuft da draußen beobachten konnte.

Die Häuser hier waren nur drei oder vier Stockwerke hoch. Ihre Dächer stießen aneinander.

Stede Rumsey lauschte. Nein, es war nichts zu hören.

Er keuchte die Treppe hinauf und fand die Klappe, die aufs Dach führte, unverschlossen.

Er kletterte nach oben und schloss die Klappe so geräuschlos wie möglich hinter sich.

Nun schlich er zum äußersten Rand des Daches und schaute hinunter.

Er entdeckte den Alfa Romeo in einiger Entfernung. Soviel er sehen konnte, war der Wagen leer. Das bedeutete, dass der Kerl mit dem Schießeisen noch immer hinter ihm her war. Wenn er auf die Idee kam, ebenfalls aufs Dach zu klettern, würde er ihn früher oder später entdecken.

Nein, dort unten ging er. Er schritt zu seinem Wagen und setzte sich hinein. Aber er fuhr nicht los.

Stede Rumsey war unsicher. Was hatte das zu bedeuten?

Er durfte nicht länger warten. Er musste zusehen, dass er sich auf der anderen Seite des Häuserblocks davonstahl.

Er zog sich geduckt zurück und schlich über die Dächer. Er suchte einen Dachausstieg, der unverriegelt war, und stieg die Treppe hinunter.

Vorübergehend verharrte er, als sich unter ihm eine Tür öffnete und zwei Männer ins Treppenhaus traten. Sie redeten miteinander.

„Bei mir gibt es kein Pardon, Herr Kollege“, hörte er den einen sagen. „Unsere Gerichte sind viel zu lasch. Ich sage immer, einmal straffällig, immer straffällig. Diese Resozialisierungsversuche sind doch hinausgeworfenes Geld.“

„Ganz meine Meinung“, schnarrte der andere. „Im Vertrauen gesagt, ich trage stets eine geladene Pistole bei mir. Wenn irgendwann so ein Strolch versucht, sich an mich ranzumachen, dann warte ich nicht, bis er mir eins auf den Schädel gibt. Da schieße ich lieber vorher.“

„Sie sagen es. Die Zeiten sind wirklich schlimm. Ich trage mich schon seit Langem mit der Absicht, mein Büro nach Queens zu verlegen. Wenn dort nur nicht die Mieten so teuer wären.“

„Schließen Sie die Tür gut ab, Kollege. Bei einem Freund von mir wurde zweimal hintereinander bei helllichtem Tag eingebrochen.“

Ein Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht. Die beiden Männer gingen schimpfend die Treppe hinunter. Nach einiger Zeit schlug unten die Haustür zu.

Stede Rumsey atmete auf. Er sah im Augenblick ganz so aus, wie sich die beiden einen Räuber und Einbrecher vorstellten: die Kleidung ramponiert, eine blutige Beule auf der Stirn. Das hätte ihm noch gefehlt, von denen unter Beschuss genommen zu werden.

Er setzte nun ebenfalls seinen Weg nach unten fort und öffnete die Haustür.

Da kamen sie direkt auf ihn zu, die drei Gangster, die einem Taxi entstiegen. Der Silbergraue musste sie telefonisch herangetrommelt haben.

Sie erkannten ihn auf Anhieb und reagierten spontan.

Einer riss seine Pistole aus der Tasche. Er schoss nur deshalb nicht, weil seine Komplizen auf die Tür losstürmten und dadurch in die Schussbahn gerieten.

Stede Rumsey machte erschrocken kehrt und jagte die Treppe wieder hoch. Es war eine Sackgasse. Die Killer folgten ihm.

Jetzt war er verloren.



19

Bount kurvte ziellos durch die Gegend. Noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, Stede Rumsey oder den dunkelblauen Chevrolet zu entdecken.

Als das Autotelefon schnarrte, stoppte er den Mercedes und hob den Hörer ans Ohr.

Es war June. Sie hörte sich mächtig aufgeregt an.

„Eben hat Rumsey wieder angerufen. Er sitzt in der Klemme. Er hat sich in irgendeinem Büro verbarrikadiert, aber die Gangster rennen ihm schon die Tür ein. Es sind die drei im Chevrolet. Es gibt noch einen vierten Mann, der zu ihnen gehört. Er fährt einen metallicbraunen Alfa Romeo GTV und hat silbergraue Haare.“

„Hat Stede wenigstens angegeben, von wo aus er angerufen hat?“, fragte Bount schnell.

June wusste die Adresse. Stede Rumsey hatte die genaue Anschrift von einem der Briefbögen abgelesen, die er in dem Büro gefunden hatte. Sie sagte Bount auch die Telefonnummer, unter den er den Ganoven in den nächsten Minuten noch erreichen konnte.

Bount wollte aber nicht telefonieren. Er musste sich an Schnelligkeit selbst überbieten, wenn er überhaupt noch eine Chance haben wollte, Stede Rumsey zu retten.

Abrupt beendete er das Gespräch und kurvte los. Zum Glück befand er sich nur ein paar Minuten von der angegebenen Adresse entfernt. Doch einige Minuten waren eine Ewigkeit, wenn draußen drei Killer lauerten, die lediglich eine windige Tür aufhalten sollte.



20

Stede Rumsey war schweißgebadet. Er wusste jetzt, was Todesangst ist. Er spürte sie in jeder Pore.

Er war nicht zurück aufs Dach geflohen, sondern hatte sich an die beiden Männer erinnert, die das Büro, sorgsam verschlossen hatten. Dieses Büro stand jetzt leer, und in jedem Büro gab es mindestens ein Telefon.

Er hatte die Tür kurzerhand eingetreten und von innen den schwachen Riegel vorgeschoben.

In einem der Büroräume hatte er den schweren Schreibtisch vor die Tür gewuchtet, während draußen die Killer gegen den Riegel ankämpften. Sie wussten längst, wo er Zuflucht gesucht hatte.

Er hatte sofort in Bounts Büro angerufen, aber wieder war nur Miss March da gewesen. Ihr Versprechen, Bount unverzüglich zu verständigen, brachte ihm nur schwachen Trost.

Das dauerte alles viel zu lange. Ehe Bount über seine Lage Bescheid wusste, lag er schon mit durchlöcherter Brust auf dem Teppichboden. Und das alles wegen eines Caddys, der ihm von Anfang an nur Scherereien gemacht hatte.

Er sehnte sich nach einer Verurteilung wegen Autodiebstahls. Die Höchststrafe wollte er freudig akzeptieren, wenn er nur leben durfte.

Draußen sprengten die Gangster den Riegel. Er hörte sie durch den Flur stolpern und ein paar Türen aufstoßen.

Dann hatten sie sein Versteck entdeckt. Das jämmerliche Gewicht eines Schreibtisches trennte ihn noch vom unausweichlichen Tod.

Er musste sie aufhalten. Dort der Aktenschrank war nicht so ohne Weiteres fortzuschieben.

Aber er machte sich ja nur etwas vor. Was er schaffte, das brachten sie zu dritt spielend zuwege. Es gab keine Rettung mehr.



21

Arthur Conrad beteiligte sich nicht an der Treibjagd. Dafür hatte er schließlich seine Leute, die ohnehin bisher nur Mist gebaut hatten. Sie sollten das gefälligst alleine wieder ausbügeln.

Wäre er nicht so wachsam gewesen, wäre dieser Bursche unbemerkt mit dem Chevrolet abgehauen.

Aber jetzt hatten sie ihn sicher in der Falle. Selbst wenn er bewaffnet war, hatte er gegen drei Profis keine Chance.

Das Autoradio spielte leise Musik. Sie beruhigte die Nerven des Gangsterbosses. Zu viel war in den letzten Tagen schiefgegangen. Es war wie verhext.

Sie mussten die Filme haben. Bei der Summe, die sie dafür von ihren Auftraggebern erhalten würden, wurde ihm schwindlig. Er hatte ausgesorgt. Das war sein letzter Coup. Was Delmer und die anderen danach machen würden, war ihm egal.

Die Musik wurde von einer Durchsage der Polizei unterbrochen.

Arthur Conrads Hände begannen zu zittern. Das durfte nicht wahr sein. Es handelte sich um den Appell an ein paar unbekannte Gangster, ihre Suche nach gewissen Mikrofilmen aufzugeben. Die Kapsel sei im Magen des Diebes gefunden worden.

Er wusste, wer da gemeint war. Das waren seine Filme. Seine Millionen, die er sich nun in den Rauch schreiben konnte. Oh, zur Hölle mit Delmer, Brooks und Strode! Die Stümper hatten alles verdorben.

Warum die Durchsage über den Sender ging, konnte sich der Gangster lebhaft vorstellen. Die Polizei wollte damit das Leben dieses Rumseys schützen. Die Burschen waren ganz schön clever. Woher sie nur so genau Bescheid wussten?

Der folgende Augenblick brachte die Antwort. Ein silbergrauer Mercedes raste heran. Exakt dieselbe Marke, von der Brooks gestern gesprochen hatte. Kein Zweifel, das musste der Kerl sein, der schon bei der Fabrik herumgeschnüffelt hatte.

Fieberhaft startete der Gangster den Alfa Romeo.

Zu spät. Der Mercedes stellte sich bereits quer davor und versperrte ihm den Fluchtweg. Ein großer Mann mit einer Pistole sprang heraus und ließ Arthur Conrad keine Zeit, ebenfalls zur Waffe zu greifen. In Sekundenschnelle war der Gangster überwältigt und mit Handschellen an sein eigenes Lenkrad gefesselt.

Bount Reiniger hielt sich nicht mit Fragen auf. Was er wissen wollte, sollte ihm der Schuft später beantworten. Lediglich seinen Revolver nahm er an sich, nachdem er die Taschen abgeklopft hatte. Den Zündschlüssel zog er ebenfalls ab.

Dann sprang er wieder in den Mercedes und jagte weiter, bis er vor der von Stede Rumsey angegebenen Hausnummer stoppte.

Mit fliegender Hast hetzte er ins Haus. Von den Stufen nahm er jeweils drei auf einmal.

Von oben hörte er laute Stimmen. Dann belferten die ersten Schüsse.

„Halten Sie durch, Stede!“, brüllte er. „Wir kommen.“

Er sagte absichtlich „wir“, um die Gangster zu täuschen. Außerdem feuerte er jeweils zwei Schüsse aus seiner Automatic und dem beschlagnahmten Revolver ab. Der Klang verschiedener Waffen sollte die Schufte ebenfalls bluffen.

Der Trick glückte. Die Killer glaubten an ein größeres Polizeiaufgebot und zogen es vor zu fliehen. Da die Treppe ihrer Meinung nach besetzt war, wollten sie ihr Heil auf dem Dach suchen.

Sie stürzten aus dem Büro und sahen Bount um die Ecke kommen.

Dave Delmer schoss und rannte weiter. Ihm folgte Johnny Strode. Erst Leo Brooks durchschaute den Bluff.

„Das ist nur der Typ von der Fabrik“, schrie er und hoffte, damit seine Kumpane zur Umkehr zu bewegen.

Doch er irrte sich. Die beiden ließen ihn im Stich. So sah er sich Bount allein gegenüber.

Er ballerte wie wild. Allerdings hatte er den größten Teil seiner Munition schon bei dem Versuch verschossen, Stede Rumsey zur Aufgabe zu zwingen.

Bount streckte ihn mit einer Kugel nieder und überwältigte ihn vollends.

Er verzichtete darauf, die anderen zu verfolgen. Es war wichtiger, sich um Stede Rumsey zu kümmern.

Der Ganove lag hinter einem umgestürzten Ledersessel und blutete aus einer Fleischwunde, die eine Kugel verursacht hatte. Sonst war er unverletzt.

Als er Bount sah, richtete er sich zuerst mühsam auf und kippte dann vollends um. Er kam erst im Hospital wieder zu sich.

Hier besuchte Bount ihn.

Er berichtete, dass auch Delmer und Strode nicht entkommen waren. June hatte unverzüglich die Polizei zu der angegebenen Adresse gehetzt. Die hatte mit dem Rest der Gang aufgeräumt.

Stede Rumsey konnte schon wieder lächeln, wenn es auch ein schmerzliches Lächeln war.

„Ich habe Ihnen so viel zu verdanken, Bount. Aber ich muss wohl ewig in Ihrer Schuld bleiben. Ich kann Sie nicht bezahlen.“

Bount tröstete ihn: „Das hat schon die 'Turbo Machine Association' besorgt. Die Leute haben sich sehr großzügig gezeigt. Nun ja, ihnen ist ja auch allerhand erspart geblieben. Übrigens gibt es noch mehr dankbare Leute, Stede. Die Sängerin Jude Buggy findet, dass sie Ihnen die Wiederbeschaffung ihres Cadillacs zu verdanken hat. Sie bietet Ihnen einen Job als Chauffeur und Wagenpfleger an. Was halten Sie davon?“

Der Ganove war überwältigt und drückte Bount stumm die Hand.


ENDE

Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet

von Konrad Carisi & Sophie Carisi






1
Mein Name tut nichts zur Sache. Außerdem habe ich so viele davon, dass ich schon gar nicht mehr sicher bin, wie mein wirklicher Name ist. Am Besten gefällt mir 'Naughty Nick', der ungehorsame Nick, nicht der Ungezogene. Das will ich mal klarstellen.
Von Beruf bin ich Hitman. Ich habe andere Sachen ausprobiert, aber irgendwie liegt mir ein Bürojob nicht und auch dieses Verkäuferdings ist nicht meins.
Das mit dem Hitman hat sich durch Zufall ergeben. In einer Bar hat mich jemand angesprochen, ob ich jemanden kenne, der einen solchen Job macht. Als ob ich jemanden kenne, der für Geld Leute umbringt. Also bitte.
Naja, und da habe ich mir gedacht, ich mache das selbst. Kann ja nicht so schwer sein. Ich hatte darin ja auch schon einiges an Erfahrung. Schließlich spiele ich seit meinem sechsten Lebensjahr Light-Gun-Shooter und ich bin gut darin. Okay, eigentlich waren das Spiele für Erwachsene, aber meine Mutter sah das nicht so eng. Wenn sie ihre Ruhe hatte, konnten mein großer Bruder und ich spielen, was wir wollten.
Also, selbst ist der Mann. In einem Jobs, in dem man weiter kommen möchte, ist Eigeninitiative gefragt. Und hier war die Bezahlung echt gut, wenn man bedenkt, was das für ein Stundenlohn ist. Mann, da muss eine alte Frau lange für stricken.
Also habe ich den Job klargemacht und den Typen alle. Danach gab's die Kohle und ich war im Geschäft. Es hat sich rumgesprochen, dass ich solche Dinge zu hundertprozentiger Zufriedenheit erledige.
Okay, ich bin manchmal etwas unkonventionell und das mit den Kollateralschäden passiert einfach. Aber meistens trifft es ohnehin Typen, die echt fies sind und ihre Lebensberechtigung schon verwirkt haben.
Da bin ich nicht so kleinlich. Ich nehme das sportlich. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.
Natürlich ging es bei meinem ersten Job nicht alles so einfach, wie ich das in Erinnerung habe. Aber ehrlich, warum war der Typ auch nicht wohnhaft an der angegebenen Adresse. Um den Typen, den ich fälschlicherweise erwischt habe, tut es mir schon ein wenig Leid. Aber wie gesagt, es war mein erster Job. Heute leiste ich mir solche Sentimentalitäten nicht mehr.
Ich versuche allerdings auch, mich besser vorzubereiten.
Als ich mitbekommen habe, dass der Typ, den ich zuerst fälschlicherweise umgenietet habe, auch auf der Abschussliste meines Auftraggebers stand, habe ich die Sache so gedreht, als gäbe es zwei Leichen zum Preis von einer.
Das kam natürlich super gut an. Wer macht nicht gerne ein Schnäppchen! Und so hatte ich den Folgeauftrag schon im Sack.
Und da sitze ich nun.
In einer kleinen schmierigen Bar namens Carisi’s Valentine, irgendwo in der Bronx. Ohne mein Handy hätte ich hier nicht hergefunden. Es war gar nicht so leicht immer schnell die Navi-Funktion zu benutzen, ohne das diese ganzen Armen hier mein Handy sehen. Das ist nämlich nagelneu, dieses Tolle ist es. Ich komm gleich noch auf den Namen, von den Typen, die auch das MacBook machen. Das sind so teure Laptops die nichtmal ein Laufwerk haben.
Ich sitze am Fenster und lasse den Blick unauffällig schweifen. Lauter harte Kerle hier, Schwarze, Latinos und White Trash, wie man heute ja wohl politisch korrekt sagt. Da hab ich es nicht so mit. Also mit politischer Korrektheit, die ganzen Takkofresser aus dem Süden stören mich nicht. Ich mag mexikanische Küche sehr gern.
Ein Schwarzer, oder sagt man jetzt Farbiger? Ne, Bunt ist der ja nicht. Jedenfalls setzt sich so ein Sklavennachfahre mir gegenüber und fragt:”Wie es wohl dem alten Finnigan geht?”
Das ist eine Anspielung an meinen letzten Auftrag, da musste einer von den Iren dran glauben. Das ist immer heikel, die Italiener haben ja die Mafia, aber die Iren die Polizei. Da muss man höllisch aufpassen bei seinen Spuren. Immerhin lebe ich gerne in New York. Es ist die schönste Stadt der Welt.
“Der schläft tief und fest”, erwidere ich, wie vereinbart. Da ich die Codeworte gesagt habe, wird mir ein Umschlag gereicht.
Er ist dick, da ist Geld drin und mein neuer Auftrag.
So gefällt mir das. Inzwischen gibt es oft mal einen Vorschuss. Ich bin eben bekannt, also so bekannt wie man als Auftragskiller sein darf, ohne dass man gleich im Knast landet.
Ich zwinkere dem Schwarzen verschwörerisch zu und nicke wissend.
Mir kann man nix vormachen. Der rollt mit den Augen und geht.
“Erledigen Sie das”, sagt er noch.
“Bis morgen”, erwidere ich großspurig.
Ich drehe mich unauffällig vom Raum weg und sehe in den Umschlag. Will ja nicht das jeder gleich sieht, was da drin ist.
Das ist aber mal ein Batzen Geld! Meine Fresse! Jetzt ist nur noch wichtig, wer dafür dran glauben muss.
Ich ziehe ein Foto raus. Irgend ein Mittvierziger mit Glatze und echt fiesem Blick. Er hat dünne Augenbrauen, aber nicht so Satanischen wie bei Mr. Spock. Im Moment sehe ich mal wieder die Serien meiner Kindheit. Dank Blu-Ray ja alles heute möglich. Ich drehe das Bild um. Mirko Telafat steht drauf. Dazu eine Adresse drüben in Jersey. Ich trinke meinen Kaffee auf und lege der netten brünetten Servierdame das Geld hin. Oder sagt man jetzt eher Servicekraft?
Ich fahre mit der U-Bahn nach New Jersey. Ich habe meine Pistole dabei. Das verdeckte Waffen tragen ist in New York Gottlob noch erlaubt. In einigen Bundesstaaten will ich gar keine Aufträge bekommen. Da ist es echt schwer überhaupt ‘ne Waffe tragen zu dürfen. Oder Virginia. Da ist das andere Extrem. Da muss ich eher Angst haben, dass mein Ziel ein Sturmgewehr oder anderen Militärbedarf hat.
Jersey City liegt drüben, von New York aus gesehen. Direkt neben der Upper New York Bay, nur rüber über den Hudson River.
Ich sehe mir das Bild von Mirko an und präge mir sein Gesicht ein. Dann suche ich seine Adresse mit Hilfe von meinem Handy. Ohne Routenplaner wäre so ein Auftragsmord echt verdammt schwer. Ich weiß noch wie man mir das erste Mal versucht hat so ein Ding aufzuschwatzen. Für die Arbeit ist es echt prima. Aber all dieses Geschreibe mit ‘Freunden’. Da mache ich nicht mit. Ich habe eine Handvoll Freunde und denen sehe ich lieber in die Augen als Unmengen an Text zu produzieren.
Meiner Erfahrung nach, verstecken sich manche Menschen gerne hinter vielen, vielen Worten.
Dann merkt man nicht, dass man eigentlich niemanden zum reden hat. Verschwiegenheit ist aber auch wichtig in meinem Beruf. Ich hab da so von einigen mitbekommen, wie sie mal geprahlt haben. Einer auch bei einem ersten Date. Stellen sie sich das mal vor! Ach übrigens, ich töte Menschen. Nee, du musst den Wahnsinn in einer viel kleineren Dosis zeigen.
Die U-Bahn kommt zum stehen und ich steige aus. Durch den alten, vollplakatierten Bahnhof geht es hinauf auf die George-Lane und ich sehe mich kurz um, um mich zu orientieren.
Mirko Telafat. Das Netz findet nichts zu ihm. Aber das ist auch nicht mein Spezialgebiet, wenigstens gibt es die Adresse, die sie drauf geschrieben haben.
Ich folge der Straße und biege irgendwann in eine Seitengasse ein. Zwischen ein paar alten Brownstonehäusern führt mein Weg mich hindurch. Das hier ist ein Randbereich, die Mehrfamilienhäuser weichen kleinen niedrigen Reihenhäusern. Das muss es sein, wovon die Leute ein paar hundert Meter vorher träumen: eine Handvoll eigener Quadratmeter, nicht mehr einen Nachbarn über und unter dir. Nur noch neben dir.
Naja und es gibt einen eigenen Garten. So ein grünes Viereck ist manchen leuten ja auch sehr viel wert.
Ich kontrolliere meine Position auf dem Handy und stecke es dann weg.
In meinem Schulterholster habe ich eine Pistole, extra für diesen Auftrag. Später werfe ich sie in den Hudson. Da kommt die nie mehr raus und wenn, dann ohne Fingerabdrücke.
Ich gehe zum Haus und sehe mir an, was auf dem Türschild steht.
Mila Novakova, steht dort. Dann ist Mirko wohl bei einem Liebchen untergetaucht. Ich zucke die Schultern. Vielleicht auch seine Schwester oder die liebe Verwandtschaft. Mir solls gleich sein. Es ist Abend und im oberen Stock brennt Licht. Ich sehe mich um. Niemand ist auf der Straße, der mich beachtet. Also gehe ich durch das Gartentörchen, nach hinten zum Haus. Bei der Küche ist das Fenster nur angelehnt, ich habe Glück. Ich streife mir meine dünnen Lederhandschuhe über und öffne das Fenster mit einem behänden Tritt. Das geht ziemlich leise, wenn man weiß wie. Ist natürlich jetzt irreparabel beschädigt, aber das wird Mirko auch sein, wenn ich mit ihm fertig bin.
Für mich ist sowas ja nie persönlich. Ich will gar nicht wissen, warum jemand sterben soll. Irgendjemand anders will es und ist bereit eine echt große Stange Geld dafür hinzulegen. Irgendeinen Grund wird es schon geben, dass jemand so angepisst von Mirko ist. Ich ziehe meine Pistole und schleiche durchs Haus. Oben ist die Dusche an. Ich kontrolliere einen Raum nach dem anderen. Niemand ist im Erdgeschoss. Also geht es weiter nach oben. Unten gab es nur Küche und Wohnzimmer, dazu kein winziges Bad. Oben ist es ebenfalls nur ein Raum, der eine Mischung aus Büro und Gästezimmer darstellt. Bleibt also noch ein Zimmer. Ich wappne mich. Hoffentlich ist Mirko da. Ich möchte ungerne die Frau erschießen, die hier auch mitwohnt. Nicht dass ich sentimental bin, aber ich bin ja kein Psychopath. Eher ein Soldat im Inland, ja so kann man das sagen.
Ich öffne die Tür zum verbleibenden Raum einen Spalt breit.
Das Geräusch aus der Dusche hat aufgehört. Durch den Spalt sehe ich wie eine junge Frau mit einem umgebundenen Handtuch aus einem Badezimmer tritt und zum Bett geht. Dort liegt Kleidung zurechtgelegt. Sie hat einen dieser komischen Handtuchturban Dinger, die Frauen oft haben. Hab ich nie verstanden, aber mit meinem Haar ist es auch nicht so weit her. Ich gehöre eher zu der Fraktion Mann, die sich mit einem Waschlappen kämmen kann und die Frisur sitzt.
Während sie mit beiden Händen diesen Turban auflöst und ihre Haare damit abtrocknet, rutscht ihr Handtuch herunter. Kurz sinkt meine Hand, mit der ich die Pistole festhalte. Meine Güte, ich wusste nicht, dass die Rückseite einer Frau derart gut aussehen kann. Ich meine jetzt ungeschminkt, nicht im Film halt. Also bei einer Frau in echt, ohne Tricks.
Dann fasse ich mich und atme einmal tief durch. Konzentrier dich Nick, das hier ist Arbeit, du bist nicht im Striplokal! Andererseits, für Geld habe ich sowas Schönes auch noch nie…. Ich schüttle den Kopf und öffnete die Zimmertür.
“Keine Bewegung und keinen Mucks, klar!”, sage ich. Sie kreischt kurz und hält sich dann die Hand vor den Mund. Dann versucht sie das Handtuch vom Boden aufzuheben, hält aber inne, weil sie merkt, dass sie sich nicht bewegen soll. Sie wirkt unentschlossen und versucht ihre Scham mit den Händen zu verdecken. Ich seufze leise. Super Nick, du hättest ihr wirklich noch zwei Minuten geben können, um sich anzuziehen.
“Los, ziehen Sie sich was an”, sage ich, auch wenn nur ein Teil von mir das will. “Ich will Ihnen nichts tun. Versprochen.”
Sie sieht skeptisch aus. Da ist ein Feuer in ihren Augen, sie gewinnt ihre Fassung zurück.
Ihre schulterlangen schwarzen Haare sind noch ein wenig nass. Als sie mich ansieht, bemerke ich, dass sie haselnussbraune Augen hat. Richtig kräftig, fast so wie bei einem Toffee. Dann sitzt sie in Jeans und einem T-Shirt vor mir auf dem Bett, die Arme verschränkt.
“Mila Novakova, richtig?”, sage ich. Sie nickt. Ihre hohen Wangenknochen verbergen nicht wie ihre Kiefer mahlen. Sie schiebt das Kinn ein wenig trotzig hervor. Ganz ruhig Nick, du hast die Pistole in der Hand. Genaugenommen ist es ein Revolver. Das hat den Vorteil, dass man keine Patronenhülsen aufsammeln muss. Die bleiben ja in der Trommel. Man will ja als Profi keine Spuren hinterlassen.
“Gut, also das hier muss nicht schlimm enden.” Ich stehe auf und sehe ins Badezimmer. Es hat kein Fenster, nur einen Abzugsschacht.
“Wo ist Ihr Handy?”
Sie sieht mich wütend an, bewegt sich aber nicht. Ich sehe mich ein wenig im Raum um und entdecke, dass es an einer Steckdose hängt. Ich schenke ihr ein freundliches Lächeln.
“Gut, dann bitte wieder ins Bad. Ich werde Ihnen nichts tun, kann Sie aber grad nicht gebrauchen. Also los.”
Sie steht widerwillig auf und geht ins Badezimmer. Ich schließe mit dem Schlüssel von außen zu und klemme zur Sicherheit einen Stuhl vor die Tür. Das ganze wirkt robust. Bald ist es sechs Uhr. Ich denke, Mirko wird bald nach Hause kommen. Also gehe ich hinunter ins Wohnzimmer, wo man einen vortrefflichen Blick hat in den Flur. Wer auch immer reinkommt, ich habe ein freies Schussfeld.
Die Zeit vergeht und ich blicke immer wieder auf meine Armbanduhr. Hin und wiede höre ich, wie Mila oben versucht die Badezimmertür zu öffnen. Erfolglos, wie man hören kann. Sie gibt irgendwann ihre Versuche auf.
Schließlich sehe ich auf meine Uhr und merke, ich warte hier seit geschlagenen drei Stunden. Ich seufze und gehe nach oben.
Dann öffne ich die Badezimmertür.
“Keine Panik, ich öffne die Tür und Sie kommen raus. Ich tue Ihnen nichts.”
Ich lasse die Tür aufschwingen und sehe Mila einige Schritte von mir entfernt. Sie hat sich mit einem Eisenrohr bewaffnet, das glaube ich von der Dusche stammt.
Nicht schlecht, aber ehrlich? Gegen meinen Revolver ist das doch sehr gewagt.
“Wo ist Mirko”, frage ich nun. Ich habe Hunger und will diesen Job zu Ende bringen.
“Wer?”
“Tun Sie nicht so. Ich weiß, dass er in der Stower-Lane 23 wohnt. Das weiß ich aus sicherer Quelle.”
“Das ist ja toll für Sie”, sagt sie langsam und blickt mich herablassend an. “Aber das hier ist die Stower-Lane 21.”
“Was? Unmöglich. Ich habe…”
“Mich von meinem Routenplaner herführen lassen? Glauben Sie einem großen Unternehmen geht nicht mal ein Fehler durch? Einige meiner Freunde sind auch schon beim falschen Haus gelandet, wegen diesem Fehler. Ich habe sogar mal eine Email an den Support geschickt. Bisher keine Rückmeldung”, stellt sie fest.
Meine Schultern sacken herab.
“Wirklich?”, sage ich und merke dass ich wütend werde. Nicht auf Mila, nein auf mich selbst. Gott, das ist echt peinlich Nick!
“Okay, hören Sie. Ich gehe einfach und Sie rufen nicht die Cops, okay?”, sage ich hoffnungsfroh. Ich will sie nicht erschießen müssen. Aber sie ist andererseits auch ein Sicherheitsrisiko.
“Okay”, sagt sie. Man merkt, dass sie eine Chance wittert hier lebend rauszukommen.
Ich geh zu ihrem Handy, klappe es auf und nehme den Akku raus.
“So, den können Sie nachkaufen und ich muss keine Sorge haben, dass Sie einen Anruf machen”
Mit diesen Worten reiße ich ihr Telefon aus der Wand und trete einmal beherzt drauf. Somit ist sie vorerst von der Welt abgeschnitten.
“Tut mir echt leid für die Unannehmlichkeiten”, stelle ich fest und lege ihr ein paar Geldscheine aufs Bett. “Lassen wirs gut sein, okay?”
Mila sieht mich völlig verdattert an. Dann nickt sie. “Okay”, flüstert sie.
Ich stehe einen Moment herum und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Kurz setze ich an, um noch etwas zu sagen, dann schüttele ich den Kopf und gehe einfach so schnell wie möglich.
Gott ist mir das peinlich! Puh, hoffentlich schlägt das keine großen Wellen.
Diesmal sehe ich mir die Hausnummer genauer an. Verdammt, sie hat recht! Es ist die falsche. Warum ist die auch so klein hier? Ich gehe rüber zum richtigen Haus.
Licht brennt und ich spähe durchs Fenster rein. Das Wohnzimmer ist funktional eingerichtet. Mirko sitzt auf einem Sofa und schaut fern. Er sieht in die falsche Richtung, von hier kann er mich nicht entdecken.
Ich schleiche ums Haus herum. Es ist baugleich, die ganze Reihe scheint aus einem Grundplan zu bestehen. Das immer gleiche Haus reiht sich hier an das immer gleiche Haus.
Ich zermartere mir das Hirn nach einem guten Plan und entscheide mich dann für die schnellste Lösung. Dreimal betätige ich den Klingelknopf. Dann öffnet Mirko Telafat.
“Ja, was kann ich für Sie tun?”, fragt er und ich ziehe meine Waffe.
Ich schieße zweimal in die Brust. Mirko zuckt und versucht sich an der Tür festzuhalten. Dann liegt er auf dem Rücken. Ich ziele und schieße noch einmal, diesmal in den Kopf.
Jetzt noch ein Foto für den Auftraggeber und das wars.
Ich drehe mich um und renne los.
Ich verlasse mich auf meinen Orientierungssinn, meinem Handy vertraue ich erstmal nicht.
Schließlich bin ich zurück an der U-Bahnstation und nehme die nächste Bahn in Richtung Hafen.
Dort werde ich die Pistole los, indem ich sie in den Hudson werfe. Den Handy-Akku hinterher.
Sicher, das ist nicht gut für die Umwelt, aber besser für meine Karriere.
Von dort aus fahre ich direkt in meine Stammbar. Ich muss bis morgen warten, um den Rest des Geldes zu bekommen.


2
Am nächsten Abend sitze ich am vereinbarten Platz und warte. Ich spiele erst etwas mit meinem neuen Handy herum und zieh dann aus meiner Jackentasche das Buch, das ich im Moment lese.
Ich habe mit dem Lesen auch erst angefangen, kurz nachdem ich als Auftragskiller zu arbeiten begonnen habe. Denkt man so gar nicht, aber als Auftragskiller hat man oft was zu lesen dabei. Nicht, dass mein Job langweilig wäre, nein im Gegenteil. Es ist eher so, das man oft lange warten muss. Das ist wie bei einem Schauspieler, Der sitzt auch lange rum, bis er seinen Auftritt hat. Da sitzen sie dann vor der Wohnung der Zielperson und der will und will einfach nicht ins Bett gehen und das Licht ausmachen. Oder sie sitzen an einem Ort, weil sie die tägliche Route des Opfers kennen. Jemand, der immer Joggen geht. Natürlich muss man rechtzeitig vorher da sein und irgendwie muss man die Zeit ja rumbekommen. Lesen ist da eine gute Möglichkeit. Ich kann ja schlecht häkeln, zu auffällig. Obwohl, dran gedacht habe ich schon. Nein, natürlich nicht. Was denken Sie denn!
“Das ist nicht Ihr Ernst, oder?”
Ich sehe von meinem Buch auf. Der Schwarze von gestern ist wieder da. In Gedanken nenne ich ihn Simson. So hat er sich mir mal vorgestellt. Ob er so heißt? Pah, das kann man in diesem Gewerbe nie genau wissen. Simson hat so ein fieses Lächeln. Er ist mein Kontakt, bringt mir immer wieder mal neue Aufträge und bezahlt mich.
“Was?”, frage ich. “Was ist nicht mein Ernst?”
Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
“Das Buch?”
Er musterte mich skeptisch.
“Ja, wieso nicht?”, frage ich ehrlich verblüfft. Ich lege das Taschenbuch beiseite. In roten Buchstaben steht “Murder Inc. - Die ganze Geschichte!” darauf.
“Ist ein Sachbuch, von einem Journalisten”, erkläre ich ruhig. “Die Murder Inc. war mal eine Verbrecherorganisation in New York. Den Namen hat sie von der Presse. Da waren Iren, Mafiosi und auch Kosher Nostra Leute drin”
“Kosher Nostra?” Der Schwarze sieht mich skeptisch an. Er winkt die Bedienung ran und lässt sich einen Kaffee geben.
“Ja, das waren Juden, die eine eigene Mafia aufgemacht haben. Die Italienermafia nennt man ja Cosa Nostra, deswegen nannte man die der Juden Kosher Nostra”, doziere ich und bin froh gleich mal mit dem Wissen aus dem Buch punkten zu können.
Er schaut mich ungläubig an.
“Wissen sie”, fahre ich fort.. “Auch unser Gewerbe hat eine Geschichte”
“Ahha”, sagt Simson und nimmt der Bedienung den Kaffee ab.
“Besser ist es aber wenn man keine hat. Dann kann man sich zur Ruhe setzen und friedlich leben”, sagt er dann.
Da hat er natürlich auch wieder recht. Ich nicke.
Er trinkt einen Schluck von seinem Kaffee, verzieht zufrieden das Gesicht und greift dann in seine Jackentasche. Er gibt mir einen Umschlag. Ich spüre das Gewicht der Geldscheine.
“Ein weiterer Auftrag?”, frage ich. Simson schüttelt den Kopf.
“Nein Mann. Warte ein paar Tage. Das war gute Arbeit, aber jetzt müssen wir erstmal abwarten. Der Boss will, dass wir ein wenig warten.”
“Was immer der Kunde will”, sage ich. Simson nickt. Er trinkt den Kaffee aus und verlässt das Carisis Valentine.
Ich sitze noch eine Weile da und lese in meinem Buch. Dann zahle ich und gehe nach Hause. Die Bar ist in der Bronx, nicht weit von meinem zu Hause.
Es ist ein kleines Brownstone Haus in einer Nebengasse. Es sind nur zwei kleine Zimmer, aber es sind meine Beiden. Außerdem kann es immer mal sein, dass ich schnell untertauchen muss. Für den Fall habe ich eh nicht viel in den Räumen.


3
Zu Hause angekommen stelle ich überrascht fest, dass ich Post habe.
Nicht, dass ich mich nicht über Post freue, das macht jeder denke ich. Es ist nur so, dass ich berufsbedingt eben niemanden habe, der mir schreibt. Hin und wieder kommen Rechnungen, natürlich. Aber das hier ist ein dicker kartonierter Umschlag. Neugierig nehme ich ihn in meine kleine zwei Quadratmeter Küche und schneide ihn auf.
Drinnen sind ein paar Fotos und ein Brief. Er ist mit ausgeschnittenen Buchstaben geschrieben. Erst finde ich das ziemlich lustig, dann beginne ich aber zu lesen und das Lächeln gefriert auf meinem Gesicht.

Sehr geehrter Herr Auftragskiller.
Ihr altes Handy war auf Nick eingestellt. Ich weiß natürlich nicht, ob sie so heißen. Was ich aber weiß, ist dass Sie ein Mörder sind. Ich weiß auch wo sie wohnen. Sie fragen sich, woher?
Sie erinnern sich vielleicht an Ihr altes Handy. Das haben Sie zum Recycling gegeben, Eigentlich ist das ziemlich löblich, Sie haben aber Ihr Handy nicht anständig gelöscht. Wussten Sie, dass die Chips da drauf teuer sind? Die Speicherchips werden oft nochmal für USB-Sticks verwendet. Raten Sie mal, was da alles noch drauf war. Ich habe Fotos von Tatorten und SMS von Verbrechern darauf gefunden. Ich bin nicht dumm, ich konnte mir zusammenreimen, was Sie tun. Weil Sie ganz gerne auch mal Kartendienste nutzen, um nach Hause zu finden, weiß ich auch, wo Sie wohnen. Natürlich können Sie jetzt versuchen, unterzutauchen, aber das will ich gar nicht. Ich werde Ihnen alles aushändigen, wenn Sie etwas für mich tun.
Ich habe Ihnen vier Bilder beigelegt. Hinten steht drauf, wer das ist und was Sie mit ihm tun sollen. Wenn sie mich auf der nachfolgenden Nummer anrufen, sobald alles erledigt ist, werde ich Ihnen anschließend den USB Stick zukommen lassen.
Mit freundlichen Grüßen

Ich lege den Brief weg und versuche meine Gedanken zu ordnen. Er ist leider nicht unterschrieben, wäre ja noch schöner gewesen. Ich fluche laut und kräftig. Danach geht es mir aber immer noch nicht besser.
Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich will schreien, ach was ich will etwas oder jemandem verdreschen! Frustriert pfeffere ich den Brief weg.
Jetzt geht es etwas besser.
Ich atme tief ein und aus. In diesem Beruf kommt es auf Ruhe an. Man muss abwarten können. Erstmal die Gedanken sortieren, bevor man reagiert.
Also gut: Was weiß ich?
Der Erpresser, oder vielleicht auch die Erpresserin, wird mich nicht verpfeifen. Ich soll tun, was mir befohlen wird und dann bin ich frei. Soweit die Theorie.
Ich sehe mir die Personen an. Es sind vier Fotos, vier Personen, um die ich mich kümmern soll.
In mir reift eine Idee: Was verbindet diese Drecksäcke? Sie müssen immerhin alle demselben ans Bein gepinkelt haben.
Ich schnappe mir einen Block und schreibe mir die Fakten der Typen auf. Es muss doch eine Verbindung geben!
Ich male ein wenig herum, aber nach einer halben Stunde intensiven Nachdenkens muss ich mich geschlagen geben. Ich sehe keine richtige Verbindung!
Ich nehme das Bild mit der Eins drauf. Jemand hat mit Kugelschreiber eine Eins draufgemalt und auf die Rückseite ein paar Dinge geschrieben waren. Es ist in Druckschrift geschrieben, keine Ahnung, ob die Schrift zu einem Mann oder einer Frau gehört.
Nummer eins ist ein Punk. Die Haare sind in blau und rot gefärbt, mit Nietenjacke und echt viel Altmetall im Gesicht. Ich zähle nach. Sechzehn Piercings, in der Nase, dem linken Ohr und über dem rechten Auge. Sieht nicht gut aus, der wird wohl als Jungfrau sterben. Wie das wohl ist, wenn er Schnupfen hat, kann er die dann alle aus der Nase nehmen?
Sein Name steht auf der Rückseite. Johnny King. Er wohnt in der Philips Road in New Rochelle. Ich kratze mich am Kopf. New Rochelle, das ist im Norden von New York, glaube ich. Mit meinem Handy überprüfe ich das. Die Stadt liegt nördlich von New York City, im gleichen Bundesstaat.


4
Kurzentschlossen will ich mir das nächste Opfer mal ansehen. Ich brauche eine U-Bahn, eine Bahn und eine Busfahrt bis schlussendlich ein Taxi mich an seiner Adresse rauslässt. Der Loftblock 56 ist ein großer grauer Kasten abseits der Hauptstraße. Irgendjemand hat Feuerleitern drangehängt, aber am Ende sieht es doch so aus, wie ich mir den Sozialismus vorstelle: Ein Bauklotz, in die Landschaft geworfen.
Ich sehe mir noch einmal das Foto an. Auf der Rückseite steht neben Johnny Kings Namen nur: “Verprügeln, nicht töten. Sag ihm das ist für Larissa”.
Ich seufze. Dann hellt sich aber meine Laune auf. Für Larissa? Das ist doch eine Spur! Irgendwer wird das ja wohl sein. Jeder ist schließlich irgendjemand. Ich klappe den Kragen meiner Jacke hoch und greife mir unauffällig unter den Arm um den Sitz meiner Pistole zu kontrollieren.
Der kleine 38. Revolver sitzt an seinem Platz. Ich soll ihn nicht töten, aber vielleicht muss ich ihm ziemlich Angst machen, damit er fröhlich singt.
Ich gehe zur Tür und suche den richtigen Klingelknopf.
Ich drücke eine Weile Sturm bis aus der Gegensprechanlage knirschend eine Männerstimme zu hören ist.
“Wer stört? Willst du das ich taub werde?”
“Entschuldigen Sie bitte”, sage ich so freundlich wie möglich. “Pizza für Loft 56.”
“Ich hab nix bestellt.”
“Scheiße, aber auf meinem Zettel steht Ihre Adresse”, sage ich.
“Pech”, höre ich und der Kerl legt auf. Ich drücke den Klingelknopf erneut.
“Was?”, blafft es mich aus der Gegensprechanlage an.
“Ich bin den ganzen Weg hergefahren, mir ist egal, wer hier ‘ne falsche Adresse angegeben hat. Wollen Sie die Pizza? Ich geb sie Ihnen zum halben Preis.”
“Was ist es denn?”
Das ist jetzt kniffelig. Was wird der wohl mögen? Ich probiere es mit einem Klassiker.
“Salami.”
Kurze Stille. Ist er vielleicht einer dieser Typen, die nur essen, was von selbst umkam? Ich finde es ja zynisch zu sagen, man soll nur essen was glücklich war. Also bitte! Ein unglückliches Tier, das erlöst man doch. Oder diese Glutenunverträglichkeit, die sich die Leute einbilden. Mehr als tausend Jahre menschliche Evolution und plötzlich ist jeder gegen irgendwas allergisch!
“Okay, kommen Sie rauf.”
Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Die Tür surrt und ich eile die Treppenstufen hinauf. Ich entdecke den Kerl an seiner Tür stehen, er mustert mich neugierig.
“Ey, wo ist denn die Pizza?”, schafft er noch zu sagen, da ramme ich ihm meinen Pistolengriff auf die Nase. Er taumelt nach hinten in seine Wohnung und bleibt der Länge nach auf dem Flurboden liegen.
Ich schließe die Tür hinter mir wieder und greife mir eine Mütze von der Kommode neben der Tür. Die stopfe ich ihm in den Mund.
“Nimm sie raus und ich töte dich”, sage ich. “Ist noch wer in der Wohnung?”
Es gibt nur einen winzigen Flur und ein Schlaf-Wohn-Esszimmer, mit Klo. Trotzdem frage ich. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe.
“Schüttel den Kopf oder nicke”, sage ich. Er schüttelt den Kopf. Zufrieden sehe ich trotzdem im Bad nach und schleife den Kleinen dann ins einzige andere Zimmer. Dort werfe ich ihn aufs Bett. Seine Nase blutet stark und er wimmert.
“Tut ziemlich weh, was?”, sage ich und reiche ihm eine Rolle Küchenpapier. Dankbar nimmt er ein paar Blätter und versucht das Blut aufzufangen.
“Nimm die Mütze raus. Wenn du schreist...”, sage ich und lasse den Satz unvollendet. Stattdessen halte ich nur die Waffe hoch. Ich denke, er sieht jetzt ziemlich mitgenommen aus, mein mysteriöser Auftraggeber sollte zufrieden sein.
“Okay, es gibt jetzt ‘ne harte und ‘ne leichte Tour”, sage ich. Er beginnt zu weinen. Laut schluchzt er.
“Bitte”, wimmert er. “Bringen Sie mich nicht um.”
“Was?”
“Bitte!”
“Nein, die harte Tour ist doch nicht umbringen! Entweder ich werde dich mehr oder weniger verdreschen, aber du musst nicht sterben”, sage ich und will ihn etwas beruhigen. Ich muss sagen, das mag ich sonst an meinem Beruf: Man hat keinen Kontakt mit anderen Menschen.
Das hier ist nichts für mich. Ich warte bis Johnny sich etwas beruhigt hat.
“Okay”, sage ich und lasse die Waffe etwas sinken. Er hat endlich aufgehört zu heulen, ich werde also ein paar Antworten aus ihm herausbekommen. “Nun, Johnny King. Hast du eine Ahnung, wieso ich hier bin?” Ich mustere die Piercings, die er in der Nase und dem linken Ohr hat. Die über dem rechten Auge hat er nicht drin, da waren auf dem Foto mehr. Deswegen sind es jetzt weniger als Sechzehn. Ist mir trotzdem zu viel Altmetall.
“Ich… nein”, stammelt er. Der Rotz läuft ihm über die Oberlippe. Das ist ja nicht zum ansehen!
“Sagt dir Larissa was?”
“Larissa?”, fragt er dümmlich. Ich hebe die 38. er und drücke ihm den Lauf vor die Stirn. “Ich soll dir ausrichten, das ist für Larissa.”
Er beginnt erneut zu jaulen und jammert in einem fort.
“Ich..., es tut mir leid! Ehrlich! Ich war damals auf Drogen, ich fass die aber nicht mehr an, oder wollen Sie welche? Ich kann Sie in Koks bezahlen. Hören Sie, es tut mir leid, bitte Sie müssen das nicht”, ruft er.
“Ich bring dich nicht um!”, brülle ich ihn an und er wird still. Endlich, denke ich. Also, die Anweisung bei dem hier war einschüchtern und sagen, dass es für Larissa war. Nun beginnt mein persönlicher Auftrag.
“Wer ist Larissa und in welcher Beziehung stehen Sie zu ihr?”, frage ich und fühle mich dabei wie ein FBI Agent. Bin ich ja auch, so in der Art jedenfalls.
“Larissa… Larissa Smith. Eine Andere kenne ich nicht”, stammelt er überrascht. Das ist immerhin ein Anfang, auch wenn der Name jetzt wirklich ein Witz ist.
“Okay, woher kennst du Larissa?”
“Wir…. wir haben zusammen gewohnt.”
“Daher kennst du sie?”
“Nein, Unsinn. Also ich gehe gerne in diesen Club, der heißt EDEN. Dort gibt es…. naja guten Stoff gibt es da. Die Musik ist auch in Ordnung. Dort arbeitete sie als Kellnerin und hatte einen kleinen Nebenerwerb”
Er druckst etwas herum.
“Ey Alter, sehe ich aus wie ein Bulle?”, frage ich. “Die ganze Geschichte will ich hören - jetzt!”
“Naja, sie findet da manchmal wen zum anschaffen. Sie ist von zu Hause weggelaufen, vor Jahren schon. Wohnte irgendwo in unten in der Bronx vorher, glaube ich. Weiß ich nicht so genau, jedenfalls lebt sie nun hier und schafft manchmal an. Daher kennen wir uns. Ich war erst ein Kunde, aber sie konnte hier umsonst wohnen, wir haben uns da geeinigt.”
“Aha”, brumme ich. “Weiter. Wieso sollte sie sauer auf dich sein?”
“Na… ich weiß auch nicht!”
“Wo ist sie jetzt?”, frage ich und blicke in die Wohnung.
“Ich hab sie rausgeworfen.”
“Ach?”, sage ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme. “Was du nicht sagst, meinst du, das nimmt sie dir übel?”
“Ey, was kann ich dafür! Da war so eine, die sagte, sie sei ihre Schwester. Larissa war nicht da und als ich ihr sagte, dass ihre Schwester da war, ist sie voll ausgetickt. Sie sagte, sie würde mit ihr reden und dann würde sie uns in Ruhe lassen, aber als sie wiederkam...”, erklärte Johnny King, als wäre es die größte Beleidigung, die er sich vorstellen konnte. “Also, kommt die Schlampe wieder und sagt, dass sie ihr Leben umstellen wollte. Kein Anschaffen mehr! Da hab ich gesagt, keine Miete, keine Wohnung. Sie ist ausfallend geworden, da habe ich…. na ich hab mal halt auf den Tisch gehauen. wissen Sie?”
Ich denke eher, er hat Larissa gehauen, aber das behalte ich für mich.
“Na und dann ist sie abgehauen. Vielleicht zu ihrer Schwester? Ich hab keine Ahnung, Mann!”
Ich mustere den Punk, schüttle den Kopf und wende mich zur Haustür.
Kurz halte ich inne.
“Wenn du die Bullen rufst, verteile ich deine Gedärme auf der ganzen Hauptstraße, klar?”
Er nickte, seine Unterlippe zittert schon wieder.


5
Sobald ich aus der Wohnung raus bin, kaufe ich mir am Kiosk einen kleinen Block. In der U-Bahn sitzend beginne ich mir alles aufzuschreiben, damit ich nichts vergesse. Meine beste Verdächtige ist Larissas Schwester. Aber bei dem Namen? Da kann ich ja ewig suchen. Larissa Smith….. das könnte auch ein Prostituierten-Pseudonym sein. Obwohl, dann hieße sie vielleicht ja eher Candy oder Lilly… ach keine Ahnung! Wütend klappe ich den Notizblock zu. Das bringt mich erstmal nicht weiter!
Als ich an der Grand Central umsteigen will, sehe ich in haselnussbraune Augen, die mich wiedererkennen. Ich erkenne sie auch wieder, wie könnte ich die vergessen?
“Scheiße”, fluche ich. Da, nur einen Meter von mir entfernt, steht Mila Novakova. Diesmal hat sie natürlich mehr an, aber ich erkenne die dunklen schwarzen Haare ebenso wie die braunen Augen wieder. Sie hat mich auch gesehen und ist stehengeblieben. Kurz blinzelt sie mich an, dann macht sie auf dem Absatz kehrt. Ich bin unentschlossen. Soll ich ihr hinterherlaufen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in einer Millionenstadt wie New York über den Weg laufen? Wird sie die Polizei rufen? Ich denke zu lange nach, da ist sie bereits in der Menschenmenge verschwunden.
Ich seufze. Irgendwie bin ich froh, dass sie weg ist. Andererseits, hätte ich gerne noch mit ihr… ich halte inne. Was hätte ich? Geredet, über meinen Arbeitstag? Ich schüttle den Kopf und mache mich auf den Weg nach Hause. Was für ein Unsinn, ich bin wohl mehr mitgenommen von der Erpressung als ich dachte! Ich fahre nach Hause und mache mir eine Portion Spaghetti mit Bolognese. Während der dampfende Teller vor mir auf dem Küchentisch steht, schaue ich mir die anderen Fotos an. Eines fällt mir besonders auf.
Larissa kam aus der Bronx, das hat Johnny King gesagt. Ich schaue es kurz in meinen Aufzeichnungen nach. Einer der anderen, wohnt in der Bronx. Okay, er ist ein Latino, oder Hispanic? Jedenfalls hat er einen spanischen Namen, also ist die Bronx jetzt durchaus ein Ort, wo ich ihn vermuten würde. Aber es ist ein dünner Faden. Trotzdem, besser als gar nichts.
Ich gehe zeitig ins Bett, um Morgen in aller Frühe loszuziehen. Juan sieht nicht wie einer aus, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht. Natürlich kann das ein Vorurteil sein, aber er hat diese Tätowierungen unter den Augen. Sie sehen aus wie Tränen. Es gibt eine Gang in New York , die an der halben Ostküste aktiv ist. Sie nennen sich Marabunta und wer dazugehören will, muss einen Mord begehen. Dafür darf er sich dann die erste Träne tätowieren lassen. Ich habe nie einen von denen getroffen und halte das für eine tolle Geschichte. Vielleicht tätowieren die sich die auch alle nur, damit sie wie harte Jungs aussehen und erzählen die Geschichte, wer weiß? Bis man vor einem Richter sitzt, rundet man die Zahl seiner Opfer ja gerne auf. Danach werden viele sehr bescheiden, habe ich schon oft gesehen bei Kollegen.


6
Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg in die Bronx. Die Adresse führt mich zu einer kleinen Straße, in der ich umgeben bin von sechs stöckigen braunen Gebäuden. Feuerleitern sind außen angebracht. Hier und dort sitzen Jugendliche in den Hauseingängen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die schon länger nicht in der Schule waren.
Ich sehe noch mal auf das Foto. Juan Esteban Baptiste Gonzales. Er hat eine Glatze und mehrere großflächige Tätowierungen am Hals. Für mich wäre das ja nichts. Nicht nur, dass es einem den Beruf unnötig schwer macht, was bitte soll ich mir in die Haut stechen lassen? Wenn man schon etwas für immer in die Haut sticht, sollte es bedeutend sein, nicht irgendeine Banalität. So ein, Nutze deinen Tag, Kram ist jetzt nicht so ungewöhnlich, dass ich ihn vergesse, wenn er mir nicht auf dem Oberarm steht. Dazu kommt, was machst du wenn du deine Meinung änderst? Da stichst du dir den Elefanten der Republikaner auf die Brust und erlebst eines Tages, dass du dann doch lieber Demokraten wählen willst. Oder deine Lieblingsband bringt nur noch Scheißalben heraus. Dann stehst du da, mit deren Schriftzug auf der Stirn.
Ich gehe zu dem Haus, in dem Esteban wohnen soll. Im Eingang sitzen drei Jugendliche mit dunkler Hautfarbe. Also keine richtigen Schwarzen, eher so Latinos. Sagt man das noch? Oder ist das wie mit dem N-Wort? Sagt man das nur, wenn man selbst so ein afrikanischer Amerikaner ist?
Die Jungs sitzen auf den Treppenstufen des Hauses und versperren jedem den Weg, der durch will. Ich setze mich auf eine Bank ein Stück die Straße herunter und nehme mir mein Handy. Ich scrolle wahllos über eine Nachrichtenseite und warte. Man kann nicht einfach zu so einem Kerl gehen und schauen, ob er da ist. Nicht dass ich ihn nicht wie den Punk einfach abknallen kann, aber was nützt mir das? Ich weiß einfach noch zu wenig. Da ist meine Arbeit vielleicht gar nicht so anders als die eines Polizisten. Es kommt auf gute Recherche an.
Ich warte also, wann Esteban geht und wann er nach Hause kommt.
Die Zeit vergeht und ich beginne zu bereuen, dass ich mir keinen Kaffee mitgenommen habe. Andererseits, dann müsste ich jetzt irgendwann pinkeln. Auch blöd dafür die Observation zu unterbrechen. Ein Straßenkehrer kommt vorbei und fährt durch die Straße. Er hält nicht, obwohl hier offensichtlich mal sauber gemacht werden müsste. Aber das ist wohl so eine dieser Straßen, wo die Einwohner zwar jammern, dass hier nie geputzt wird, aber unschuldig sind sie nicht daran. Wäre keine Arbeit für mich, bei der Straßenreinigung. Wirklich gut bin ich eher darin jemanden zu töten. Es geht schnell und du wirst erstaunlich gut bezahlt. Hat sich einfach so ergeben. So wie andere echt gut darin sind einen Football zu werfen oder einen Golfball zu schlagen. Endlich verlässt Esteban seine Wohnung. Ich erkenne ihn sofort, wie er aus dem Haus heraus kommt und die Kinder davor aufspringen. Meine Güte sind die auf einmal mobil.
Er geht die Straße herunter, steigt in einen Wagen und fährt weg. Ich betätige die Stoppuhrfunktion meines Handys. Ich denke, ich habe mindestens eine halbe Stunde, bevor er zurück kommt, denn hier ist auch eine U-bahn Station. Wenn er das Auto nimmt, will er weiter weg.
Die dunkelhäutigen Jungen sitzen jetzt wieder auf dem Treppenabsatz von Estebans Wohnhaus und damit mir im Weg. Ich bleibe stehen und musterte sie.
“Lasst mich durch”, sagte ich. Ich trage bequeme Halbstiefel, ich kann mir meinen Weg schon dadurch bahnen.
Einer der drei springt auf die Beine und baut sich vor mir auf. Seine sackförmige Hose rutscht etwas herunter, sodass er sie mit einer Hand festhalten muss. Seine Kumpels springen auch auf die Beine, sind aber deutlich langsamer als er. Seine freie linke Hand nutzt der Kurze, um mir seinen Finger ins Gesicht zu halten.
“Ey, so redet man nicht mit mir. Wenn du in mein Haus willst, zahlst du mir was dafür.”
“Ich bezweifle, dass dir das Haus gehört, Junge”, sage ich ruhig. “Jetzt mach, dass du wegkommst. Ich bin eine Nummer zu groß für dich.”
Es blitzt in seinen Augen. Die Hände habe ich in den Jackentaschen. Ich ziehe die Jacke etwas zurecht, sodass sich mein Schulterholster abzeichnet.
Der Junge ist nicht dumm. Seine Augen weiten sich und er nickt. Dann dreht er sich von mir weg und macht ein Zeichen mit der Hand, dass ihm seine Spießgesellen folgen sollen.
Die schauen etwas doof aus der Wäsche, sind aber ganz gut abgerichtet und folgen ihm wortlos.
Der Junge hat die richtige Entscheidung getroffen. Es ist nicht so, dass ich Angst vor einer Konfrontation habe, aber man kann sich sowas ja auch sparen. Die Tür zu dem Haus ist nicht abgeschlossen, die Gegensprechanlage sieht aus als wäre sie aus den Achtzigern und seit damals kaputt. Ich gehe ins Treppenhaus und bewundere auf dem Weg nach oben die verschiedenen Comicfiguren, die jemand an die Wand gesprüht hat. Ich erkenne einen echt guten Batman. Batmans wache Augen ruhen auf mir, als ich vor Juan Estebans Tür stehen bleibe. Das Namensschild ist selbst ausgedruckt und angeklebt an der Holztür. Ich lege mein Ohr auf die Tür und lausche. Hinter mir, aus der Wohnung gegenüber höre ich eine Frau kreischen und wütend fluchen. Jemand versucht immer wieder zaghaft etwas einzuwerfen, wird aber von ihr niedergeschrien. Aus Estebans Wohnung höre ich gar nichts.
Ich besehe mir das Türschloss und zücke ein kurzes Messer, das ich immer bei mir habe. Ich fummele eine Weile zwischen Tür und Rahmen herum bis es knackt und im Rahmen etwas zerbricht. Die Tür lässt sich öffnen und ich kann sie wieder zuschieben, so dass man von außen nichts sieht.
Gott sei Dank hat der kein zweites Schloss davor gehängt! Aber ich denke mal, einen Marabunta Kerl greift man nicht einfach so an. Kurz überlege ich, ob es eine gute Idee ist, aber dann schüttel ich den Kopf. Es wird schon nichts passieren. Ich bin ohne jede Verbindung zum Opfer, deswegen heuert man mich an. Auf mich kommt man nicht, das klassische Ermitteln nützt dir nichts bei einer bestellten Tat.
Nur leider bin ich dieses mal unbezahlt, wie mir wieder einfällt.
Ich sehe mich in der kleinen Wohnung um. Es sind nur zwei Zimmer und ein Bad, alles so leer wie ein Hotelzimmer. Das ist seltsam. Juan Esteban sah nicht nur wie ein Mann fürs Grobe aus, sondern auch wie jemand, der nicht den ganzen Tag aufräumt. Ich sehe mir die Schränke und Schubladen genauer an. Es ist fast nichts drin. Nach und nach wird mir klar, dass das hier eine Zweitwohnung ist.
Es fehlen die persönlichen Dinge. Bis auf einen Schrank. Da finde ich ein Fotoalbum. Ich schlage es nach wenigen Blicken wieder zu und lege es weg. Allerdings habe ich nichts Besseres zu tun, während ich auf ihn warte. Er wird wiederkommen, im Kühlschrank ist nicht nur Obst, es ist noch Kaffee in einer Kanne. Ich hätte auch nicht gedacht, dass dieser Kerl soviel Obst hat. Aber andererseits, muss man ja auch keine Vorurteile haben.
Ich sehe mir das Album genauer an. Es sind Frauenfotos... Erst sind es Sofortbildkamera-Bilder, diese mit dem Rahmen. Diese Bilder, die man so hin und her wedelt damit sie sich entwickeln. Später sind es ausgedruckte, so wie man sie in jedem Drogeriemarkt machen lassen kann, oder im Internet. Die Frauen darauf sehen nicht gut aus. Sie haben Veilchen und liegen auf dem Bett, das ich hier vor mir habe. Ich glaube nicht, dass sie tot sind, denn sie sind da in Posen, als hätte man sie verprügelt.
Ein Foto fällt mir auf. Larissa Howard. Es ist die einzige Larissa. Leider sieht sie auf dem Bild nicht gerade gut aus, aber vielleicht ist es ja die ominöse Larissa Smith?
Ich stecke das Foto ein.
Dann packe ich das Album weg. Ich nehme mir einen Stuhl und setze mich darauf. Auf dem Bett will ich nicht mehr sitzen.
Ich warte also auf die Rückkehr von Juan und fülle mir einen Kaffee ein. Die Zeit vergeht, ich habe es schließlich nicht eilig. Heute ist Juan Estebans letzter Tag, da will ich mal nicht so sein, wenn es später wird. Wenn es nach mir geht, muss niemand sterben, aber ein Auftrag ist ein Auftrag. Trotzdem wurmt mich, dass ich nicht bezahlt werde hierfür. Irgendwann klickt es im Schloss und Juan Esteban tritt in seinen Hausflur. Er schließt die Tür hinter sich. Die kleine Küche, in der ich sitze, ist ums Eck, er kann mich nicht sehen. Ich kann ihn aber deutlich hören. Er flucht auf Spanisch, weil er entdeckt hat, dass das Schloss kaputt ist. Dann stürmt er an mir vorbei zum Schlafzimmer, sucht sein Album. Er nimmt mich im Halbdunkel der Küche gar nicht wahr. Also stehe ich auf, ziehe meine Pistole und traten in den Türrahmen des Schlafzimmers.
“Hände hoch”, sage ich. Der Kerl wirbelt herum und wirft das widerliche Fotoalbum nach mir, doch ich weiche aus und ziele noch immer auf ihn. Er hebt die Hände und flucht auf Spanisch.
“Putos ladrones!”, flucht er und funkelt mich böse an. “Quien eres?”
“No comprende”, sage ich die einzigen spanischen Wörter, die ich kann. Natürlich weiß ich auch was Tacos sind, aber das hilft mir jetzt nicht. “Sprich Englisch. Das hier ist New York, Mann!”
“Was tust du in meinem Haus? Wer schickt dich?”
“Erstmal hab ich eine Frage”, sage ich. “Du bist Juan Esteban Bapstiste Gonzales?”
Ich erkenne ihn unzweifelhaft von dem Foto wieder, aber ich will ein Gespräch beginnen. Vielleicht weiß er etwas.
“Ja”, sagt er und sieht sich um. Ich habe schon kontrolliert, dass hier keine Waffen versteckt sind.
“Was hat es mit den Frauen in dem Album auf sich? Sind sie tot?”, frage ich. Verdammt, das wollte ich eigentlich nicht wissen! Das ist mir jetzt so rausgerutscht. Ich beiße mir auf die Zunge. Sowas will ich im Zweifelsfall doch gar nicht wissen! Es ist nicht dein Auftrag, rufe ich mir in Erinnerung. Es geht dich nichts an!
“Nein Pendejo.”, sagt Esteban und lacht dreckig. “Ich hab sie härter angefasst, ja und? Das ist meine Sammlung, ey? Ich bring hier gerne welche mit hin und ich mags gerne feste, klar?”
“Hmm”, brumme ich. “Bist du auch ihr Zuhälter?”
Ich erinnere mich, dass Larissa Smith einen gehabt hatte.
Esteban wiegt den Kopf etwas hin und her.
“Nein, Prostitution ist illegal hier im schönen Estado New York.”
“Das ist mir sowas von egal. Sehe ich aus wie ein Polizist? Also, bist du?”
“Also ich habe Mädchen, die mich sehr mögen”, sagt Esteban. “Die geben mir gerne mal Geld dafür, dass ich mit ihnen schlafe.”
“Auch die aus dem Album?”
“Auch die, ja”, sagt Juan Esteban und grinst anzüglich. Seine Tätowierung verzieht sich dabei. “Ich bin halt wirklich gut.”
“Ist dir eine weggelaufen?”, frage ich.
Er schüttelt den Kopf.
“Nee, die kommen alle wieder und wieder. Ich bin sehr anziehend, weißt du?”
“Ist dir vor kurzem eine Larissa Howard weggelaufen?”, werde ich deutlich. Ich zeige mit der freien Hand auf das Foto aus dem Album.
“Ach die… geht es um sie?” Er spuckt aus. “Deswegen bist du hier? Ich fass sie einmal härter an als sonst und schon glaubt sie, sie kann abhauen.”
“Konnte sie aber nicht?”
Er blinzelt verdutzt.
“Bisher”, sagt er leise. “Bisher ist sie nicht wieder aufgetaucht.”
“Du weißt nicht, wo sie ist?”, frage ich. “Denk nach, das ist sehr, sehr wichtig für dich.”
Ich ziehe den Hahn meiner 38., um der Bitte Nachdruck zu verleihen. Dabei sehe ich mir auch seine beeindruckenden Tätowierungen an. Am Hals ist es ein chinesischer Drache, über dem Herz ein Kreuz. Ich glaube nicht, dass er sich in seinem Leben sehr christlich verhalten hat.
“Caramba, ich weiß es nicht! Ich hab sie von der Straße aufgelesen, und eine Weile arbeiten geschickt, okay? Dann wurde sie hysterisch und ist mir weggelaufen. Ich habe sie seit mehr als einem Monat nicht gesehen, ich schwöre es!”, ruft er aus.
“Schwöre bei der Marabunta.”
Kurz zögert er und nickt dann. “Ich schwöre bei der Ehre meiner Brüder von der Marabunta. Die werden dich sowas von schlachten, wenn du mir was antust, Pendejo!”
“Seitdem sie dir vor ein paar Wochen weglief, hast du also Larissa Howard nicht wieder gesehen?”, frage ich unbeirrt weiter.
„Nein, Hombre! Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du eine Nervensäge bist?“
„Das höre ich immer wieder.“
Ich ziehe meine Waffe und richte sie auf ihn.
„Du wirst es allerdings nie wieder hören müssen“, sage ich und drücke ab.
Ich hinterlasse einen hässlichen Fleck an der Wand, während der harte Latino in sich zusammenfällt wie eine Puppe, deren Fäden man durchtrennt hat.
Anschließend sehe ich mich noch einmal kurz um, kann aber nichts Interessantes finden als das Album. Das Foto von Larissa habe ich bereits, also ist es wohl Zeit zu gehen.
Ich ziehe ein Taschentuch heraus und wische beim Hinausgehen die Türklinke sauber. Beim Rausgehen lasse ich die Tür ins Schloss fallen.
Niemand ist auf den Fluren, entweder hat den Schuss keiner gehört oder es interessiert keinen. Das hier ist so eine Gegend, wo die Wahrheit meist irgendwo dazwischen liegt.


7
Ich fahre mit der U-Bahn Downtown und suche mir eine Pizzeria. Während ich auf die Pizza warte, hole ich meinen kleinen Notizblock heraus und schreibe nochmal auf, was ich weiß. Ich will es ordnen.
Ich denke, ich habe jetzt eine bessere Ahnung, worum es hier geht. Larissa Howard wird von Juan aufgesammelt auf der Straße. Sie wird anschaffen geschickt, vielleicht Drogenabhängig gemacht. Sie geht anschaffen und arbeitet im EDEN. Keine besondere Geschichte, auch wenn sie traurig ist. Sowas passiert jeden Tag irgendwo. Dann passiert etwas, sie landet bei dem Punk Johnny King. Erst ist er ihr Kunde, dann wohnt sie bei ihm. Auf die Weise kommt sie weg von Juan. Dann kommt ihre Schwester ins Spiel.
Ich male Larissas Werdegang als kleinen Zeitstrahl auf. Bei ihrer Schwester mache ich ein Fragezeichen. Die redet mir ihr und danach trennt sie sich vom Punk Johnny. Sie will nicht mehr anschaffen.
Meine Pizza kommt. Es ist eine Salamipizza, die hier mit zwei Sorten echten italienischen Käse gemacht wird. Ich muss zwar ein wenig auf meine Figur achten, aber man muss sich ja auch mal was gönnen! In meinem Beruf muss man fit sein. Ich will nicht eines Tages gefasst werden, nur weil ich nicht schnell genug wegrennen kann! Einen dicken Auftragskiller, das hat man auch noch nicht gesehen….
Während ich anfange zu essen, denke ich über meinen Fall nach.
Ich ergänze auf meinem Block das Larissas Nachname wohl Howard ist und sie sich dann Smith nannte. Ihre Schwester wäre interessant kennen zu lernen, aber ich glaube nicht, dass Johnny da helfen kann. Wenn Larissa Familie hat, die sich Sorgen macht oder vor der sie weggelaufen ist, wäre das ein Anknüpfungspunkt. Ich überlege wie Larissa das verbindende Element sein kann, komme aber nicht so richtig darauf wie das zu mir führt.
Also esse ich genüsslich meine Pizza zu Ende und zahle.
Mein Handy vibriert. Ich habe eine sms von Finnigan. Ich hab natürlich keine Ahnung, ob er wirklich so heißt. Aber er ist Ire und irgendwie muss ich die Nummer ja einspeichern.
Der Text ist knapp: Treffen uns im Dublin. Heute Abend, 17 Uhr.
Ich hebe überrascht die Augenbrauen. Finnigan hat mich schon eine Weile nicht mehr kontaktiert. Das passiert immer mal wieder. Manchmal wollen sie neue Hitmen, manchmal wollen sie lieber nicht zu oft Gebrauch von dir machen, damit es keine Regelmäßigkeiten gibt, die man zurückverfolgen kann.
Das Dublin ist eine Kneipe unten in Alphabet City. Das sind die Avenue A, B, C und so weiter.
Ich rufe mir sofort ein Taxi. Wenn ich da bis neunzehn Uhr sein will, mach ich mich besser jetzt auf den Weg.
Ich komme gerade rechtzeitig. Das Dublin ist ein kleiner Club, mit einer grünen Neonreklame. Der Club hat schon auf, aber es ist kaum etwas los. Es ist einfach zu früh. Der Türsteher will mich kontrollieren, doch ich lehne ab. “Ich werde erwartet. Nick”. Der Mann sieht auf seine Liste, ziemlich skeptisch. Doch er muss leider erkennen das “Nick” wirklich auf der Liste steht. Unzufrieden verzieht der breite Kerl den Mund, lässt mich aber durch. Drinnen sind nur eine Handvoll Leute, es geht gerade erst los. Ein paar grell geschminkte Asiatinnen kommen auf mich zu, doch ich schüttle den Kopf.
An der Theke sitzt Finnigan. Er ist ein dürrer beinahe skelettartiger Kerl ohne jede Haare und mit tiefliegenden blauen Augen.
“Ah, Mister Nick”, sagt er als ich mich neben ihn setzte.
“Nick reicht”, erwidere ich. “Was kann ich so kurzfristig für Sie tun?”
Finnigan arbeitet für eine kleine irische Mafia Gruppe, deren Gründer mal Geld mit Schnapsbrennereien während der Prohibition verdient haben. Sie haben Hochs und Tiefs durchgemacht, aber es gibt sie noch heute. Das ist auch eine Leistung, mehr als drei Generationen Mafia. Ist somit ein richtiges Traditions-Familienunternehmen.
“Wir haben einen Auftrag für dich”, sagt Finnigan. Er hat eine Stimme wie brüchiges Papier, die man kaum hören kann bei der Bumsmusik hier.
Ich habe zwar grad einen Auftrag, aber für den werde ich nicht bezahlt.
Irgendwie muss man ja auch die Miete verdienen. Deswegen habe ich diesen Beruf ja ursprünglich angefangen. Man bekommt viel Geld für etwas, das mir jetzt nicht sonderlich viele Probleme bereitet. Andere Leute scheinen da nicht so gestrickt zu sein wie ich.
“Worum geht es?”, fragte ich und winke den Barman heran. “Einen Whiskey”, sage ich. Finnigan wartet ab bis ich ein halbvolles Glas vor mir habe.
“Kennst du Trevor Liffey?”
“Ist der nicht vor einem Monat getötet worden? Jemand hat doch sein Auto in die Luft gejagt. Der Zeitzünder war denke ich miese Arbeit, sonst wäre der Wagen nicht erst hochgegangen als er mitten auf einer Hauptstraße war”, sage ich und kratzte mich nachdenklich am Kopf. Dann nippe ich am Glas und verziehe zufrieden das Gesicht. Oh, man muss das ausnutzen, wenn man bei den Iren zu Gast ist!
“Das war einer unserer Jungs. Es war nicht so, wie es sein sollte.”
“Das kommt vor”, sagte ich.
“Nicht mehrere Male. Es war zu groß, zu auffällig. Das können wir nicht gebrauchen. Wir werden nur in Ruhe gelassen, wenn wir andere in Ruhe lassen. Er geht jeden Tag auf der Brooklyn Bridge joggen, um sechs Uhr.”
Verdammt, geht es mir durch den Kopf. Um sechs Uhr? Das ist echt früh.
“Wie sieht er aus?”, frage ich und trinke mein Glas aus. Mir wird ein Briefumschlag gereicht. Dollarscheine und ein Foto. Ich sehe mir an wie viele Scheine da drin sind und bin wirklich zufrieden! Meine Erfahrung sagt mir allerdings, dass es dabei noch einen Haken geben muss.
“Wann soll es erledigt werden?”
“Morgen früh. Wenn er joggen geht. Auf der Brooklyn Bridge, mit einem Scharfschützengewehr.”
“Das wird aber eine Welle in der Presse schlagen”, sage ich vorsichtig. Finnigan nickt.
“Genau das soll es. Er hat schlampige Arbeit geliefert. Jeder soll wissen, dass wir das nicht tolerieren. Wir wollen ein Zeichen setzen.”
Ich schlucke und auf einmal fühlt sich meine Kehle trocken an. Wie er das “jeder” betont hat. Ich glaube, das war eine Drohung oder zumindest eine Warnung. Ich bleibe äußerlich ganz ruhig und nicke abgeklärt.
“Kein Problem, wird erledigt.”
Wir geben uns die Hände und ich mache mich auf den Weg nach Hause.
Dort seh ich mir nochmal die Notizen an, bezüglich Larissa Howard. Aber mir fehlt irgendwie ein Stück des Puzzles. Es passt so nicht ganz. Eine Weile suche ich zu ihrem Namen,was ich so finden kann. Aber ehrlich gesagt ist das einfach zu viel. Der Name kommt alleine in New York einige Dutzend Male vor und dann beschränke ich mich nur auf die Stadt New York. Wenn man auch den Bundesstaat mit reinnimmt, werden es richtig viele. Also gebe ich erstmal auf, was das angeht. Ich stelle mir den Wecker, damit ich morgen auch früh genug raus komme, um mich passend zur Brooklyn Bridge zu setzen. Normalerweise hätte ich da gerne ein paar Tage Vorbereitung und würde mir einen Ort suchen, an dem ich unbeobachtet jemanden töten kann. Aber hier soll es ja groß in die Medien kommen. Ich hoffe sehr, dass mich das nicht trifft. Aus meinem Waffenschrank hole ich ein altes Springfield Scharfschützengewehr. Ein altes Stück, mehr als zehn Jahre. Ich habs ein paar Mal auf dem Schießstand dabei gehabt und es funktioniert tadellos. Vor allem aber ist es nicht registriert und ziemlich gut auf zwei, dreihundert Meter. Ich sehe mir im Internet eine Karte der Brooklyn Bridge an und markiere mir Positionen, von wo aus man gut auf die Brücke schießen können müsste. Ich muss daran denken, wie mich diese blöde Navigationsfunktion zum falschen Haus geführt hat und ich seufze.
Als ich mit allem durch bin, sehe ich mir mein nächstes Opfer von meinem namenlosen Erpresser an. Dazu nehme ich mir eine Packung Chips. In irgendeiner Dokumentation habe ich mal gehört, dass sie in New York erfunden wurden. Da muss ich sie ja quasi als guter Lokalpatriot essen.
Mit der Chipstüte bewaffnet sehe ich mir mein nächstes Opfer an.
Frank McKinley, ist sein Name. Auf dem Bild sieht er bieder aus. Ich denke es ist ein Profilbild, von irgendeiner Berufswebsite. Weißes Hemd, dunkle Weste und Jackett. Am Halsansatz ist ganz schwach etwas zu sehen, vielleicht ein geschickt verstecktes Tattoo? Ich sehe auf die Rückseite. Außer seinem Namen und der Adresse in Queens steht dort, dass er Polizist ist. Ich sehe mir nochmal das Bild an. Frank hat kurze dunkelbraune Haare, die auf dem Rückzug sind. Es bleibt eine Spitze vorne übrig, die Schläfen werden weniger. Sein imposanter Schnauzer soll vielleicht davon ablenken. Den stell ich mir ehrlich gesagt aber unpraktisch vor. Wenn man mal erkältet ist, zum Beispiel.
Das mit der Tätowierung erinnert mich an etwas, aber ich komm grade irgendwie nicht drauf. Erschrocken stelle ich fest, dass ich bereits die halbe Tüte leer gefuttert habe. Ich seufze. So ist das immer mit diesem Zeug. Ich klebe die Tüte wieder zu und packe sie in dem Schrank und gehe ins Bett.
Eine Weile liege ich noch wach und kann nicht recht einschlafen. Mich hat es nie belastet was ich tue. Deswegen bin ich wohl auch gut darin. Doch als ich jetzt die Frau wieder gesehen habe, komme ich ins Grübeln. Ich war im falschen Haus, hätte vielleicht die falsche Person erschossen. Unwillkürlich frage ich mich, ob Esteban jemanden hat, der auf ihn zuhause wartet. Ich schüttle den Kopf. Wohl kaum. Meine Gedanken kreisen um dieses widerliche Buch. Dann komme ich erneut ins Grübeln. Das war vermutlich eine Zweitwohnung. Also hat er eine Erstwohnung. Vielleicht also doch jemandem vor dem er alles versteckt?
Ich schweife ab in wirre Träume. Bevor die Sonne aufgeht, plärrt mein Wecker und reißt mich aus den Armen des Schlafes. Ich mache mich fertig, packe das Scharfschützengewehr in eine Golftasche und mache mich auf den Weg. In der Golftasche sind auch zwei Steine. Die brauche ich später noch. Der erste Punkt, den ich mir herausgesucht habe, ist nicht so gut geeignet. Ein paar Sträucher sind mir im Weg, ich kann die Brooklyn Bridge nicht gut sehen. Also gehe ich weiter zum nächsten Punkt. Hier ist ein kleiner Park, Menschen sind vereinzelt mit ihren Hunden unterwegs. Es gibt genügend Grün um mich zu verbergen, als ich mich hinlege und auf die Brücke ziele.


8
Morgens um sechs auf der Brooklyn Bridge entdecke ich mein Opfer. Ich atme ruhig ein und aus, warte ab. Dann schieße ich. Er sackt zusammen. Jemand schreit. Ich springe auf, schnappe mir das Gewehr und stecke es in die Golfschlägertasche. Ich mache mich auf den Weg zum Hudson. Die Waffe werfe ich dann, mit den Steinen beschwert in den Hudson. Sie wird sich dort sicher eine Weile in den tiefen Strömungen bewegen und irgendwann an die Oberfläche kommen. Ich benutze selten eine Waffe mehrmals. Meine 38. hole ich auch heraus und werfe sie gleich hinterher. Ich weiß, dass es teuer ist, jedes mal eine Waffe zu wechseln. Zudem mag man ja seine schönen Stücke. Aber man muss da konsequent sein, sonst müsste ich öfter den Wohnort wechseln. Und wer will schon New York für irgendeinen anderen Ort auf der Welt aufgeben?
Ich spaziere zurück in die Stadt, pfeife leise vor mich hin. Bevor ich mich Frank McKinley widme, will ich eine neue Waffe. Das Foto habe ich in der Jacke. Da steht, er soll die Knie zerschossen bekommen. Nicht sehr nett, aber es ist ja nicht meine Entscheidung.
Ich fahre nach Downtown und gehe dort in den Waffenladen “El Commodore”. Eine kubanische Flagge hängt hinter der Theke. Mich begrüßt Juan Martinez, ein Exilkubaner.
“Miralo”, ruft er nach unten in den Laden. “Schau wer da ist”
Von hinten kommt sein Bruder Pedro. Sie beide mussten wegen irgendwas aus Kuba fliehen. Obwohl sie nicht zurückkehren können, halten sie die Revolution hoch, wie sie beide immer wieder beteuern. In der Nachbarschaft gelten sie als nette Eigenbrötler. Ihr Waffenladen läuft gut, sie verkaufen unter der Hand auch unregistrierte Waffen.
“Ah, Senor Nick. Was kann ich für sie tun?”, fragt Pedro und wischt sich Öl von den Händen mit einem Lappen.
“Eine 38. Revolver, kurzer Lauf”, sage ich.
“Eine Handtaschenwaffe?”, fragt Pedro lachend und verschwindet nach hinten im Laden.
“Eine unbefleckte, für die Selbstverteidigung”, sage ich. Pedro weiß schon, was ich meine.
Er kommt mit einer Holzkiste wieder.
Darin ist eine 38.er, blitzblank mit Munition.
“Bitte, das sind dann aber 300 Dollar.” Er hebt entschuldigend die Hände. “Ich weiß, das ist happig. Aber sowas ist einem ja auch was wert. Es ist ja nicht nur die Waffe an sich, nicht wahr?”, sagt er und lächelt. Ich seufze und zähle die Scheine ab. Für die Hälfte würde ich eine Legale bekommen. Aber er hat recht. Eine unregistrierte Waffe, die garantiert noch nicht in einem Verbrechen verwendet wurde, ist nunmal soviel wert.
Ich bezahle also widerwillig, lade die Waffe, sichere sie und stecke sie in meinen Schulterholster unter der Jacke.
“Lass es krachen”, ruft Pedro mir noch nach, als ich den Laden verlasse. Sein Lachen begleitet mich nach draußen. Darauf erwidere ich besser nichts, das ist mir einfach zu doof.


9
Nach Queens brauche ich eine ganze Zeit. Leider kann ich nicht einfach mit dem Taxi fahren. Das wäre mal eine gute Spur, für die Polizei. Am besten würde ich den Taxifahrer bitten ein wenig zu warten, damit er mich hinterher gleich wieder mit nach Hause nehmen kann.
Schlussendlich komme ich in der J.-Shanow-Road Nr 228 an. Es ist ein Wohngebiet.
Ich bin im Viertel Astoria, am Rand von Queens und damit auch am Rand von Long Island.
Eine Reihe brasilianischer Läden gibt es hier. Ich glaube jedenfalls, dass es Brasilianer sind. Die Sprache kann ich schwerlich von Spanisch unterscheiden. Aber so ist New York, hier gibt es jede Sprache der Welt.
Ein Wohngebäude aus dunklem braunen Backstein ragt hier drei Stockwerke über mir auf. Unten ist ein brasilianisches Restaurant. Das erkenne ich einwandfrei an der Fahne im Fenster. Eine kleine Tür daneben führt wohl zu den Wohnungen da oben. Wie es sein muss, jeden Tag diese Gerüche da oben zu haben? Es riecht nach gebratenem Fleisch und mir läuft ein wenig das Wasser im Mund zusammen. Ich bin allerdings zum Arbeiten hier, schärfe ich mir ein.
Ich gehe zur Haustür der Wohnungen und sehe mir die Namen an. Frank McKinley wohnt im dritten Stock. Ich überlege wie ich da rauf kommen soll. Es ist ein wenig zu früh am Tag, um es mit dem Pizzatrick zu versuchen. Mein Blick fällt auf den Wagen eines Paketboten. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht.
Ich klingele.
“Ja? Wer stört?”, fragt eine grantige Stimme, vom Whiskey oder Rauchen beeindruckend rau.
“Mister Mckinley? Ich habe ein Päckchen für Sie. Leider müssen Sie unterschreiben. Kommen Sie runter oder soll ich raufkommen? Bitte, ich werd nach erledigten Aufträgen bezahlt, ich habs eilig!”
“Haben wir alle, Junge. Komm rauf!”
Der Türsummer geht und ich gehe hinauf. Jetzt kommt es darauf an schnell zu sein. Ich bin bereits oben im dritten Stock, als die Tür zur Wohnung aufgeht. Ich erkenne sofort Frank McKinley an seinem imposanten Schnauzer.
“Was?”, bringt er noch heraus, dann schubse ich ihn schon zurück in seine Wohnung. Er stolpert, fällt um und landet der Länge nach auf dem Flur. Ich ziehe die Tür zu, hole meine 38.er heraus und sehe in die Zimmer, die vom Flur abgehen. Er ist alleine, die Wohnung ist klein. Hier wohnt sonst niemand. Er kriecht vor mir, will zu einer Kommode. Sicher hat er da eine Waffe drin. Ich habe auch zwei in meiner Wohnung versteckt. Nur für den Fall, dass mal jemand mich lieber mit Blei als Dollar bezahlen will.
Ich ziehe den Hahn meines Revolvers zurück. Das Geräusch lässt Frank McKinley innehalten.
“Keine Bewegung”, sage ich. “Und kein Mucks! Damit das klar ist, ich verspreche, Sie nicht zu töten. Das habe ich nämlich nicht vor und da haben wir dann beide nichts von. Klar soweit?”
“Und das soll ich Ihnen glauben?”, fragt Frank und dreht sich etwas schwerfällig um.
Ich zucke die Schultern.
“Müssen Sie wohl. Ich habe eine Waffe in der Hand. Damit hab ich das bessere Argument.”
Frank lacht trocken und ohne sonderlich viel Humor.
“Klar. Ist das nicht von Al Capone? Mit Höflichkeit und einer Waffe kann man mehr erreichen als nur mit Höflichkeit.”
Frank hustet erneut. “Darf ich mich hinsetzen und eine anzünden?”
“Klar”, sage ich. Er lehnt sich an den Türpfosten und ich sehe dabei zu wie er sich eine Zigarette anmacht.
“Sie auch?”, fragt er. Ich schüttle den Kopf.
“Nein danke, das bringt einen um.”
Er lacht. Ich sehe ihn fragend an.
“Was?”
“Ich denke, dass in Ihrem Gewerbe gefährlichere Dinge auf Sie warten als Krebs im Alter.”
Da hat er wohl recht und ich bin erstmal kurz sprachlos. So habe ich das noch nie gesehen. Bevor ich jetzt weiter aus dem Konzept gebracht werde, frage ich: ”Kennen Sie Larissa Howard? Auch bekannt als Larissa Smith?”
“Was ist mit ihr?”, fragt Frank McKinley und zieht genüsslich an der Zigarette. Er bläst einen beachtlichen Rauchkringel.
“Ich stelle die Fragen”, erinnere ich ihn und sehe erst zu der Waffe, dann zu ihm. “Klar?”
“Schon klar”, sagt er. Also… Larissa Howard?” Er kratzt sich am Kinn. “Ist jetzt nicht so der ungewöhnlichste Name. Schwarz oder Weiß?”
“Weiß”, sage ich. “Auch bekannt als Larissa Smith. Klingelt da irgendwas?”
Er lässt sich Zeit, denkt in Ruhe nach. Ein Leben lang im Polizeidienst hat ihn wohl ein wenig abgebrüht. Vielleicht glaubt er mir aber auch, dass ich ihn nicht töten will. Ich zeige ihm das Foto.
Er kneift die Augen zusammen und nickt dann.
“Da war mal was. Ist ein paar Monate her”, sagt er dann. “Ein Vermisstenfall.”
“Weiter”, knurre ich. Ich muss meine Aufregung verbergen. Nicht das er merkt, dass er nun mich am Haken hat.
“Also, da ist auf dem Revier eine Vermisstenanzeige eingegangen. Eine Larissa Howard ist verschwunden. Sie lebt draußen, in einem kleinen Vorort von Syracuse. Beschauliches Nest. Eigentlich nicht unsere Zuständigkeit. Da ist eine Larissa Howard weggelaufen von zuhause. Hatte irgendeinen üblen Streit? Das weiß ich nicht mehr. Die Schwester, Lisa Howard war wohl ihr Dreh- und Angelpunkt. Die lag im Krankenhaus. Dann kommt sie raus und ihre Schwester ist mir nichts dir nichts weggelaufen. Einfach weg, ohne viele Sachen, ohne ihre Bankkarte ja selbst ohne Handy. Dabei gehen die doch heute alle nichtmal mehr aufs Klo ohne.”
“Und wie landete das auf Ihrem Schreibtisch in New York?”, hake ich nach. Ich will, dass der Mann beim Thema bleibt.
“Naja ich arbeite ja auf dem 43. Revier. Das ist ein ganzes Stück, aber die Schwester hat wohl in den sozialen Medien eine Kampagne veranstaltet. Das Bild von Larissa gezeigt, wer sie gesehen habe, solle sich melden. Sowas. Da haben sich ein paar New Yorker gemeldet und schlussendlich hat der zuständige Deputy es an uns gemeldet. Waren wohl glaubwürdige Zeugenaussagen dabei. Dann sollten wir mal sehen, ob wir sie finden. Die üblichen Orte halt.”
“Die üblichen Orte?”
“Bei den Obdachlosen, den Asylen und Heimen und dann in den Bordellen. Sie ist jung und sah auf dem Foto gut aus.” Er zuckt die Schultern. “Irgendwann braucht so ein Streuner Geld und dann gibt es Geier, die davon leben. Sind Sie so einer?”
“Scheiße nein”, sage ich und stecke das Foto wieder ein. “Das habe ich jemandem abgenommen.”
“Kümmern Sie sich jetzt um sie?”, fragt Frank.
Ich schüttle den Kopf. “Ist echt kompliziert”, erkläre ich.
“Ist es immer”, sagt er und nickt verständnisvoll. Ich erinnere mich daran, dass ich ihm die Kniescheiben durchschießen soll. Er wird sein Leben lang nicht mehr richtig gehen können. Nur noch Innendienst schieben dürfen. Ich fühle mich nicht gut. Das hier gefällt mir nicht. Wenn ich Leute umbringe, sind es meist Drecksäcke, um die es nicht schade ist. Ich muss nicht mit ihnen reden, erfahren ob sie nett sind oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Ich muss nichtmal wissen, warum sie sterben sollen. Das hier, ist was anderes. Jemanden so zu quälen, das ist nicht richtig. Wie einer Fliege die Flügel auszureißen und sehen wie sie rumrennt. Hab mal als Kind ein anderes Kind geschlagen, dass das gemacht hat. Manchmal muss man jemandem eine Lektion erteilen, das ist klar. Da kann auch mal ein Finger gebrochen werden. Aber das hier fühlt sich einfach falsch an, da bin ich sicher.
“Und haben Sie sie gefunden?”
“Larissa?”
“Ja, die.”
“Nein. Wir haben alles abgeklappert. Aber es war nichts zu finden. Und wir haben gesucht, das können sie mir glauben”, sagte Frank. “Hab da einige Schichten reingelegt. Sowas geht immer sehr ans Herz. Die Schwester, Lisa ist mir richtig aufs Dach gestiegen. Ich würde mir keine Mühe geben und mir wäre das Schicksal ihrer Schwester egal. Hat mir mal versucht, das Gesicht zu zerkratzen, wie eine Furie!”, erklärt Frank und seufzt dabei. “Sowas tut dann doppelt weh, wenn man sich reinhängt. Aber ich versteh das. Für sie war es wohl eine echt wichtige Angehörige.”
“Sie ist nicht wieder aufgetaucht?”
Er schüttelt den Kopf.
“Doch, im Hudson”
“Tot?”
“Na schwimmen war sie da sicher nicht.”
“War es Mord?”
“Nein. Wir haben das erst geglaubt, bei der Geschichte. Es hat sich rausgestellt, dass sie psychisch labil war. Die Mutter ist wegen Schizophrenie lange eingeliefert worden und hat die Kinder misshandelt. Als Lisa wegen eines Beinbruchs ins Krankenhaus musste, hat sich niemand um die labile Schwester gekümmert. Sie hat wohl ihre Pillen nicht genommen. Irgendwann war es dann alles zuviel und sie ist in den Hudson gesprungen. Es gab keine Anzeichen für Fremdverschulden.”
“Wenn man das so nennen kann. Es hat sie ja niemand aufgehalten.”
“Wenn es einer drauf ansetzt, ist es echt schwer ihn aufzuhalten”, sagt Frank McKinley und nimmt den letzten Zug seiner Zigarette. Er bläst den Rauch nachdenklich aus. “Die Schwester hat dann versucht, mir die Augen auszukratzen. Es sei alles unsere Schuld. Wir hätten sie nicht gefunden. Lisa hat wohl rausbekommen, dass ihre Schwester bei einem Zuhälter untergekommen ist. Ein Marabunta Junge. Angeblich hätten wir zuviel Angst gehabt um gegen ihn vorzugehen.”
Frank zuckt die Schultern. “Aber es waren einfach keine Beweise. Nur weil jemand sie da gesehen hat, können wir nicht ‘ne Hausdurchsuchung machen! Selbst so ein Drecksack hat nunmal Rechte. Davon wollte Lisa nichts hören.”
“Sie war eher für Selbstjustiz”, sage ich.
Frank nickt. “Ist wohl so. Was ist denn Ihre Rolle in diesem Stück, wenn ich fragen darf?”
Er sieht dabei ruhig auf die Waffe, aber man kann erkennen, dass er das nur vorspielt.
“Das ist ‘ne gute Frage”, sage ich und überlege. “Wissen Sie, wo die Schwester arbeitet?”
“Lisa? Keine Ahnung, irgendwo im Norden New Yorks auf ‘nem Recyclinghof. Hab sie mal durchleuchtet, aber war nichts Auffälliges. Keine Gefahr.”
Seine Augen weiten sich, als ihm die letzten beiden Worte rausrutschen.
“Keine Gefahr?”, frage ich. Frank rutscht ein wenig weiter von mir weg. Sein Hemdkragen verrutscht. Einer vagen Eingebung folgend, schiebe sich seinen Hemdkragen mit der Pistole weiter herunter.
Ein Tattoo kommt zum Vorschein. Es ist ein chinesischer Drache.
“Hübsch”, sage ich. “Also? Keine Gefahr?”
“Naja, manche Leute haben Berufe, die machen ihnen echt Ärger, wenn sie glauben, dass sie nicht angestrengt genug arbeiten. Hier war ja nichts zu machen! Wenn jemand abhaut und sein Leben ohne die vorherigen Kontakte leben will”, setzt Frank an, doch da fällt mir ein, woher mir der Drache bekannt vorkommt.
“Hat Ihr Freund Juan auch so ein Tattoo?”, frage ich. Frank blinzelt ein paar mal.
“Wer? Ich kenne keinen Juan”, stammelt er, aber ich sehe, dass er lügt. Das kann er echt nicht gut.
“Kann es sein”, sage ich während sich das Puzzle ein wenig zusammensetzt. “Dass Sie genau wussten, wer da Hilfe suchte? Larissa landete bei Juan. Vielleicht sind Sie in der gleichen Gang gewesen, aber vielleicht nur aus dem gleichen Viertel? Ach verdammt, vielleicht sind sie ein Paar, es ist mir egal. Aber Sie arbeiten nicht richtig, nicht sorgfältig, weil Sie wissen, dass die Kleine für Ihren Freund anschaffen geht. Vielleicht bekommen Sie ja was ab? Lisa Howard wird also sauer.”
“Okay, na und? Ich kenne Juan und er sagte, dass er nichts mit dieser Larissa zu schaffen hatte”, verteidigt sich Frank.
Meine Gedanken schweifen ab. Lisa Howard arbeitet auf einem Recylinghof…. daher kommt sie an meine Daten. Ich soll also den Laufburschen für sie machen und ihre Schwester rächen. Frank McKinley springt auf und unterbricht damit meinen Gedankengang. Er schlägt mir mit links kräftig gegen das Kinn und ich taumle zurück. Dann rennt er zu einer Kommode, reißt die Schublade auf. Ich komme wieder auf die Beine, hebe die Waffe in dem Augenblick, wo Frank eine Pistole zieht.
Sofort feuere ich. Der Schuss geht in die Wand neben ihm, Frank lässt sich fallen und feuert zurück. Irgendwo neben mir schlägt der Schuss ein, Putzsplitter fliegen an meinem Gesicht vorbei.
Ich funktioniere auf Autopilot. Während Frank hinfällt, feuere ich weiter. Drei Schüsse, einer geht daneben. Die anderen beiden landen in seinem linken Bein und in der rechten Kniescheibe. Er schreit, jault auf wie ein verwundetes Tier.
“Waffe loslassen”, rufe ich, doch er feuert weiter.
Ich weiche in den Flur zurück, stecke die Waffe ein und renne aus der Wohnung raus. Es ist mitten am Tag, das hier ist eine Gegend, wo Leute um diese Uhrzeit eher bei der Arbeit sind. Ich treffe niemanden auf dem Weg die Treppe herunter, eile nach draußen und zur nächsten U-Bahn Station.
Ob er mich verfolgen wird?, denke ich. Nicht er selbst natürlich, der Mann ist vermutlich Zeit seines Lebens ein Krüppel. Aber wird er mir seine Polizeifreunde auf den Hals hetzen? Wie sehr muss er fürchten, dass ich unbequem werden kann, wenn man mich offiziell festnimmt?


10
Ich sitze nachdenklich in der U-Bahn. Vielleicht wird er es als Raubüberfall melden. Dann kommt er nicht in Erklärungsnot.
Viel wichtiger ist aber die Frage, wo ist Lisa Howard? Auf meiner Liste steht auch die Telefonnummer, die ich anrufen soll, wenn alles erledigt ist.
Ich gebe sie in mein Handy ein. Ist sicher eine Wegwerfnummer, denke ich.
Es klingelt ein paar mal, dann geht die Mailbox ran. Ich seufze und lege auf. Dann schreibe ich eine SMS an die Nummer.
Ist alles erledigt, Nick.
Ich erwähne erstmal nicht, dass ich weiß, wer sie ist. Immerhin hat sie meine Daten, irgendwas Belastendes von meinem Handy. Ich muss da auf jeden Fall vorsichtiger sein. Habe vorhin erst festgestellt, dass mein Handy bei Fotos die Koordinaten miteinträgt. Das hab ich dann sofort abgestellt. Da kann ich mich ja auch gleich selbst überwachen.
Ich fahre weiter mit der U-Bahn, bis an die Endstation und wieder zurück. Dann endlich, kommt die Antwort.
Wir treffen uns morgen Abend, in der Central Station. Acht Uhr, sei pünktlich!
Ich lese das und will erst antworten, wie sie mich den bei diesem schrägen Blinde Date erkennen will. Dann wird mir aber klar, dass sie durch, was immer auf meinem Handy noch drauf war, sicher erkennen wird.
Verdammt, ich hoffe sehr, dass sie mich nicht in eine Falle lockt!
Ich überlege eine Weile, was ich jetzt mache und steige aus der U-Bahn aus. Nach einem Linienwechsel, mache ich mich auf den Weg nach Hause. Irgendwie muss ich diesen angebrochenen Tag ja rum bekommen. Zur Sicherheit wechsle ich meine Kleidung, falls Frank McKinley doch irgendwas meine Person betreffend angezeigt hat. Ich ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose an und mache mich auf den Weg zum nahen Park. Eine Weile jogge ich dort und biege dann ab Richtung Hudson. Dabei versuche ich den Kopf ein wenig frei zu bekommen.
Meine Gedanken schweifen, während ich laufe. Ich denke an Mila Novakova, und verwerfe den Gedanken sie anzurufen. Wie sollte ich mich denn melden? Hallo, der Auftragskiller, erinnern Sie sich? Da Sie ja eh wissen wie ich mein Geld verdiene, was halten Sie davon, mit mir auszugehen?
Ich muss lächeln bei dem Gedanken. Das Lächeln gefriert aber, als ich überlege, was ich eigentlich mache mit meinem Leben. Alt wird man in diesem Gewerbe nicht sonderlich und man hinterlässt nur eine Spur aus Leichen. Mir wird klar, dass mich die Frage schon länger beschäftigt, aber ich laufe vor ihr davon. Wortwörtlich, muss man sagen.
Ich drehe ab und renne in einem Bogen wieder Richtung meiner Wohnung.
Bis acht Uhr ist noch eine Menge Zeit, die ich damit verbringe, eine Weile auf den Schießstand zu gehen. Man muss im Training bleiben, wie bei jedem anderen Beruf auch. Danach gehe ich nach Hause und versuche mich ein wenig an meiner neuen Spielkonsole zu erfreuen, doch irgendwie bin ich abgelenkt. Was soll ich Lisa Howard sagen? Soweit ich das verstehe, hat sie mich eingesetzt, um ein paar echt fiese Dreckskerlen eins auszuwischen. Mich auszunutzen, das ist nicht okay. Aber der Rest? Es ist ja nicht so, dass meiner einer für derartige Tätigkeiten im Telefonbuch zu finden ist. Ja nichtmal im Internet, wobei es da schon Ecken gibt. Schlussendlich mache ich mich, mit einem Apfel in der Hand auf den Weg zur Central Station. Dort angekommen sitze ich und warte. Ich weiß nicht, wie Lisa Howard genau aussieht. Meine Internetsuche war da ja erfolglos, der Name ist einfach zu häufig. Wenn ich genau wüsste, wo sie wohnt vielleicht… Ich verwerfe den Gedanken und werfe den Apfel in den Müll. Als ich mich wieder auf eine der Bänke in der großen eindrucksvollen Halle der Central Station setze, sitzt dort eine Frau. Sie hat ein Kapuzenshirt an, die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen, aber man erkennt am Kinn, dass es eine junge Frau ist. Sie sieht müde aus, fertig und erschöpft. Ihr Makeup ist nachlässig, das erkenne sogar ich und das ist nicht wirklich mein Fachgebiet.
Dennoch ist die Ähnlichkeit mit Larissa zu sehen. Die Wangenknochen, die sind eindeutig von ihren Eltern, die teilen sie sich.
“Sehen Sie nicht her, sehen Sie geradeaus”, sagt sie. “Wir kennen uns nicht.”
Ich nicke, merke dann, dass sie das ja aus den Augenwinkeln nicht richtig sehen kann und sage: “Ja.”
“Ich habe mich erkundigt. Sie haben alles getan, was ich wollte. Ich gebe Ihnen jetzt einen USB-Stick, da sind alle Daten drauf über Sie, die ich habe. Ich verspreche Ihnen, ich habe eine Sicherungskopie für mich gemacht. Wenn ich in nächster Zeit sterbe, geht die an einige Freunde von mir. Aber ich schwöre, Sie können mir vertrauen, wenn das ganze hier erledigt ist, werden Sie nie mehr von mir hören.”
Ich greife nach dem dargebotenen USB-Stick und stecke ihn ein.
“Ich weiß nicht, Lisa. Finden Sie das nett? Mir so zu drohen, wo ich doch alles getan habe, was Sie wollten? Sie sind hier die Erpresserin. Klar, die Leute waren echt nicht nett und hatten aus verschiedenen Gründen sicher einiges verdient, aber… ich trage das ganze Risiko und was ist wenn Sie einen Unfall haben in den nächsten Tagen? Dann gehen die Infos ja wohl auch einfach zur Polizei. Das ist nicht fair. Ich soll jetzt hier mit dieser Angst im Nacken leben? Finden Sie das gut? Ich kann dann nicht ruhig schlafen”, erkläre ich ruhig.
Lisa sieht zu mir hin. Sie ist entsetzt, jede Farbe aus ihrem Gesicht gewichen.
“Sehen Sie nicht her, sonst denken die Leute noch wir kennen uns”, sage ich und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.
Ihre Mundwinkel zucken kurz. Dann wird sie wieder ernst.
“Also, wie soll das dann laufen”, sagt sie. Ich bin etwas verblüfft und überlege. Dabei kratze ich mir nachdenklich am Kinn.
“Naja”, sage ich. “Ich habe alles getan, was Sie wollten. Löschen Sie, was Sie von mir haben. Wir werden uns nie wieder sehen, nie wieder miteinander zu tun haben. Ende der Geschichte, Sie sparen sich sogar meinen üblichen Tarif.”
Wieder zucken ihre Mundwinkel kurz.
“Woher wissen Sie es?”
Ich verkneife mir ein Grinsen. Das ist ja wohl ein Eingeständnis, dass sie Lisa Howard ist. Aber ich muss ja ernst bleiben.
“Naja, ein wenig detektivischen Spürsinn habe ich nunmal auch”, sage ich und versuche nicht all zu großspurig zu klingen. “Immerhin muss man ja auch denken können wie ein Verbrecher, um einen zu fangen. Sagt man zumindest immer so. Also muss man auch umgekehrt wie ein Bulle denken können, um nicht erwischt zu werden, macht doch Sinn, oder?”
Sie lächelt und nickt.
“Aber Sie haben trotzdem alles für mich getan. Warum?”
“Was hätte ich denn wegen Ihrer Erpressung machen sollen?”, frage ich ehrlich. Sie zuckt die Schultern.
“Mich jagen und töten? Ich hatte deswegen jedenfalls ziemlich Angst”, gibt sie zu. Ich gebe zu, sie einfach so zu töten, war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Das wäre natürlich auch eine Lösung gewesen.
“Also. Sie garantieren mir, dass ich keinen Ärger bekomme und dafür sorgen Sie durch das Vernichten Ihrer Sicherungskopien. Dafür begegnen wir uns nie wieder. Einverstanden?”
“Oder was sonst?”
“Ich werde Sie doch noch töten!” Die Drohung kommt mir leicht über die Lippen. Dass ich das höchstens im Notfall in Betracht ziehen würde, brauche ich ihr ja nicht auf die Nase binden.
“Okay, einverstanden”, sagt sie und steht auf und geht.
Im ersten Moment sitze ich etwas verdutzt da. Nun kann ich nur hoffen, dass sie sich auch daran hält.


11
Mein Leben verläuft wieder in beschaulichen Bahnen. Aufträge kommen regelmäßig rein, sodass ich mir meine Wohnung in der schönsten Stadt der Welt leisten kann.
Von Lisa habe ich nichts mehr gehört und ich bin mir inzwischen sicher, dass sie die Sicherungskopie vernichtet hat.
Ich denke nur noch selten an Mila Novakova. Ich habe sie auch nie mehr wieder gesehen. New York ist schließlich kein Dorf.
Ab und zu habe ich schon mal ans Aufhören gedacht und mir überlegt, einen Job zu machen, der es mir ermöglicht, eine Beziehung zu führen. Ist halt manchmal etwas einsam so als Hitman. Mir ist leider noch kein Job eingefallen, der mir so viel Kohle in so wenig Zeit einbringt. Wenn jemand einen weiß, ich bin dankbar für jeden Tipp.
Doch dann kam ein Auftrag rein, der hat mich glatt umgehauen. Aber das ist eine andere Geschichte…

ENDE

HK GREIFF: Die schreckliche Wahrheit

Kriminalerzählungen von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 78 Taschenbuchseiten.


- Die alte Wilhelmine nimmt den fremden Mann nicht nur mit nach Hause, sie verrät ihm sogar, dass sie ein kleines Vermögen besitzt, das sie keiner Bank anvertrauen will. Solche vertrottelten Weiber kommen dem Gauner gerade recht. Die Alte wird sich noch wundern …

- Mona ist ganz wild darauf, Karriere beim Film zu machen. Deshalb tut sie auch alles, was ihre Barbekanntschaft Harry Sander von ihr verlangt. Dabei benutzt er sie nur, um drogenhaltige Süßigkeiten an Schulkinder zu verteilen, um diese süchtig und zu künftigen Kunden zu machen …

  • Einen Autounfall übersteht Karin zwar verhältnismäßig glimpflich, dafür erfährt sie auf Grund der Röntgenaufnahmen von ihrer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung. Kein Wunder, dass sie durch eine Verzweiflungstat den zu erwartenden Leiden zuvorkommen will …

Und 10 weitere spannende Kurzkrimis


Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




So ein Leichtsinn

Wilhelmine Neugebauer saß auf der Parkbank und fütterte die Tauben. Sie sprach mit ihnen wie zu Menschen.

Die Kinder mochten Wilhelmine Neugebauer, denn die alte Dame hatte meistens ein paar Süßigkeiten in ihrer Einkaufstasche für sie.

"Kommt nur her, meine Kleinen", munterte sie die drei Mädchen freundlich auf und schielte über ihren Brillenrand. "Oder mögt ihr keine Bonbons?"

Ein junger Mann lehnte drüben am Baum und beobachtete die verschrobene Alte. Er sah, wie ihre pralle Geldtasche zu Boden fiel, als Wilhelmine Neugebauer nach der Bonbontüte kramte. Macht nichts, dachte er, als eines der Mädchen das Portemonnaie aufhob. So billig kommst du ohnehin nicht davon.

"Darf ich?", fragte er höflich und deutete auf den Platz neben der über Siebzigjährigen, als die Kinder verschwunden waren.

Wilhelmine Neugebauer hatte nichts dagegen, dass er sich neben sie setzte. "Mögen Sie Tauben?", fragte sie erwartungsvoll.

"Meine Lieblingstiere", behauptete Ferdinand Windbacher dreist. "Ich habe mein ganzes Frühstücksbrot an sie verfüttert, das mir meine Frau für die Arbeit mitgegeben hatte."

Wilhelmine Neugebauer strahlte. "Das finde ich aber reizend. Nun müssen Sie ja hungern. Wissen Sie was? Ich richte Ihnen ein paar neue Brote. Was halten Sie von Schinken?"

"Schinken hört sich gut an. Aber bekommen Sie denn eine so große Rente, dass Sie wildfremden Männern ein Frühstück spendieren können?"

Die Frau warf den Tauben die letzten Brocken vor und schüttelte die Krümel von ihrem Rock. "Auf meine Rente bin ich zum Glück nicht angewiesen", meinte sie bereitwillig. "Mein seliger Heinrich hat mir ein nettes Sümmchen hinterlassen. Das reicht bis an mein Lebensende."

"Das freut mich aber für Sie. Hoffentlich haben Sie es auch gewinnbringend angelegt?"

"Wo denken Sie hin?", ereiferte sich Wilhelmine Neugebauer. "Ich bin doch nicht närrisch und trage mein Geld zur Bank. Eines Tages trifft mich in meiner Wohnung der Schlag, und mein Bernhard muss kräftig Erbschaftssteuer zahlen. Wussten Sie, dass die Banken bei Todesfällen verpflichtet sind, die Finanzämter zu informieren?"

Über solche Vorschriften wusste Ferdinand Windbacher nicht Bescheid, denn er hatte keine Erbschaft zu erwarten. Umso besser kannte er sich mit verkalkten Omas aus. Die meisten wurden sträflich leichtsinnig, wenn man ihnen nur mit ausreichender Freundlichkeit begegnete.

"Wollen Sie damit etwa sagen, dass Ihr ganzes Geld bei Ihnen zu Hause im Sparstrumpf steckt?", tat er entrüstet.

Wilhelmine Neugebauer schmunzelte triumphierend. "Nicht im Sparstrumpf, junger Mann. Ich habe es gut versteckt. Außerdem besitzt meine Wohnungstür ein Sicherheitsschloss."

Details

Seiten
900
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955934
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
herbstkrimis september krimi paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Tomos Forrest (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • Konrad Carisi (Autor:in)

  • Sophie Carisi (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

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Titel: 10 Herbstkrimis September 2021: Krimi Paket