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Das Giganten Krimi Paket September 2021: Krimi Paket 13 Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Fred Breinersdorfer (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) Horst Bieber (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in)
2021 1200 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F.Morland: Keine lebenden Zeugen

Horst Bieber: Eine Tote in Tondorf

Horst Friedrichs: Aufstand der Unterwelt

Horst Friedrichs: Blutrache am Lake Michigan

A.F.Morland: Wer den Killer-Bos betrügt

Fred Breinersdorfer: Die Quarantäne-Zone

Alfred Bekker: Die Sache mit Caroline

Alfred Bekker: Bluternte 1929 - Umgelegt in Chicago

Alfred Bekker:Ausgebrenst!

Alfred Bekker: Verschwörung der Killer

Alfred Bekker: Ein Fall für Tom die Nase

Alfred Bekker: Hass, der wie Feuer brennt

Wolf G. Rahn: Cora Martin: Unter falschem Verdacht?

Mörderische Brandanschläge erschüttern die die Stadt. Ganze Gebäude werden von Unbekannten die Luft gesprengt und es gibt Tote. Ermittler Jesse Trevellian und sein Team stehen vor einem Rätsel, während die Opfer der unbekannten Hassverbrecher immer zahlreicher werden...

Aber dann stoßen Trevellian und seine Kollegen auf ein altes Unrecht und gnadenlosen Rachedurst. Bald ist klar, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, um weitere Morde zu verhindern...

Leseprobe

Das Giganten Krimi Paket September 2021: Krimi Paket 13 Romane

Alfred Bekker, Fred Breinersdorfer, Horst Bieber, A.F.Morland, Horst Friedrichs, Wolf G. Rahn

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


A.F.Morland: Keine lebenden Zeugen

Horst Bieber: Eine Tote in Tondorf

Horst Friedrichs: Aufstand der Unterwelt

Horst Friedrichs: Blutrache am Lake Michigan

A.F.Morland: Wer den Killer-Bos betrügt

Fred Breinersdorfer: Die Quarantäne-Zone

Alfred Bekker: Die Sache mit Caroline

Alfred Bekker: Bluternte 1929 - Umgelegt in Chicago

Alfred Bekker:Ausgebrenst!

Alfred Bekker: Verschwörung der Killer

Alfred Bekker: Ein Fall für Tom die Nase

Alfred Bekker: Hass, der wie Feuer brennt

Wolf G. Rahn: Cora Martin: Unter falschem Verdacht?


Mörderische Brandanschläge erschüttern die die Stadt. Ganze Gebäude werden von Unbekannten die Luft gesprengt und es gibt Tote. Ermittler Jesse Trevellian und sein Team stehen vor einem Rätsel, während die Opfer der unbekannten Hassverbrecher immer zahlreicher werden...

Aber dann stoßen Trevellian und seine Kollegen auf ein altes Unrecht und gnadenlosen Rachedurst. Bald ist klar, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, um weitere Morde zu verhindern...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Keine lebenden Zeugen: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland




Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.


Gleich mehrere Barbesitzer werden erpresst, man verlangt Schutzgeld von ihnen. Wer sich weigert, erhält keine zweite Chance, er wird getötet. Als der Privatdetektiv Bount Reiniger auf diese Weise einen Klienten verliert, ist es für ihn schon eine Frage der Ehre, diese Kerle aufzuspüren. Aber es ist kaum festzustellen, wer dahintersteckt. Denn lebende Zeugen gibt es keine.



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Die Hauptpersonen des Romans:

Lorne Rogers – Nach außen hin spielt er den erfolgreichen Geschäftsmann. Er ist aber ein Wolf im Schafspelz.

Maggie Taylor – Eine mutige Frau, die ohne die Hilfe ihres Mannes zurechtzukommen versucht.

Ben Shaw – Warum der alte sympathische Barkeeper plötzlich den Tod an seinen Fersen hat, ist allen ein Rätsel.

Arthur Douglas – Er könnte Bount Reiniger helfen, aber er hat zu viel Angst.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.



1

Der Anruf kam gegen 19 Uhr. June March war vor einer Stunde nach Hause gegangen, deshalb nahm Bount Reiniger ihn selbst entgegen.

„Hier ist Jay Pepper, Mister Reiniger“, sagte eine vibrierende Stimme. Das hörte sich zweifellos nach Angst an.

„Ja, Mister Pepper?“, sagte Bount Reiniger. Der Mann war seit vierundzwanzig Stunden sein Klient. Bount hatte versprochen, ihm zu helfen. Es hatte sich aber noch keine Möglichkeit ergeben, dieses Versprechen einzulösen.

Wurde Pepper etwa schon ungeduldig? Auch solche Klienten gab’s hin und wieder. Denen sagte Bount dann zumeist, dass gut Ding Weile brauche. Er konnte schließlich nicht hexen.

„Was gibt’s, Mister Pepper?“, fragte Bount.

Der Mann am anderen Ende des Drahtes druckste herum.

„Immer frei von der Leber weg“, ermunterte ihn Bount Reiniger. „Was haben Sie auf dem Herzen?“

„Hören Sie, Mister Reiniger, es liegt mir fern, Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber es war vielleicht doch ein Fehler, Sie zu engagieren.“

„Finde ich nicht.“

„Sie sind bestimmt ein großartiger Privatdetektiv … aber … Naja, ich meine, selbst Sie können Ihre Augen nicht überall haben. Verstehen Sie mich?“

„Nein“, sagte Bount, obwohl er sehr gut heraushörte, was Pepper wollte. „Drücken Sie sich ein bisschen klarer aus“, verlangte er.

„Also es ist etwas im Gange, und ich war gestern bei Ihnen und bat Sie um Hilfe.“

„Kann sein, dass Sie’s nicht für möglich halten, aber daran erinnere ich mich noch.“

„Sehen Sie, und heute möchte ich Sie bitten, zu vergessen, dass ich bei Ihnen war. Ich habe die Angelegenheit zu eng gesehen und darauf etwas hysterisch reagiert. Mittlerweile hatte ich genug Zeit, mir die Geschichte in aller Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen. Ich denke jetzt, dass kein Grund vorliegt, deswegen gleich einen Mann wie Sie zu bemühen. Sie haben bestimmt Wichtigeres zu tun.“

„Zufälligerweise gerade nicht“, gab Bount Reiniger ärgerlich zurück.

Jay Pepper wollte ihn für dumm verkaufen, und dagegen hatte er etwas. Dem Vibrato seiner Stimme war unschwer anzumerken, dass er immer noch Angst hatte.

Gestern hatte diese Angst Pepper in Bounts Büro getrieben, und heute veranlasste sie ihn, die Sache wieder abzublasen, weil er befürchtete, jene Leute, denen Bount auf die Füße treten sollte, könnten von seinem waghalsigen Schritt Wind bekommen.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass wir einen Vertrag haben, Mister Pepper“, sagte Bount.

„Wir werden keinen Richter brauchen, okay? Sagen Sie mir, was Sie von mir kriegen, und ich überweise den Betrag auf Ihr Konto. Ich möchte natürlich nicht, dass Sie durch meine Schuld einen Schaden haben.“

„Augenblick noch, Mister Pepper“, sagte Bount Reiniger schneidend. „Sie scheinen mich für einen Hampelmann zu halten, der sich bewegt, wenn man Lust hat, an seinen Fäden zu ziehen. Hat

man keine Lust, dann hängt er eben bloß an der Wand, und man kann ihn vergessen.“

„Aber Mister Reiniger, ich …“

„lassen Sie mich bitte ausreden, Mister Pepper“, fiel Bount Reiniger dem Klienten ins Wort. „Ich besitze keinen Kindergarten, sondern eine Privatdetektei, und wenn jemand, der zu mir kommt, heute weiß und morgen schwarz sagt, dann mache ich mir auch meine Gedanken.“

„Meine Güte, man wird doch noch seine Meinung ändern dürfen, Mister Reiniger.“

„Sie haben sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden um hundertachtzig Grad gedreht.“

„Na und? Niemand kann mir verbieten, über Nacht klüger zu werden.“

„Was für einen Grund haben Sie für diesen gewaltigen Kurswechsel, Pepper?“, fragte Bount eindringlich. „Hat man Sie inzwischen unter Druck gesetzt?“

„Nein. Nein, wie kommen Sie denn darauf?“

„So etwas soll schon vorgekommen sein.“

„Ich schwöre Ihnen, es ist alles in Ordnung. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

„Was hat Sie veranlasst, Ihren Auftrag zurückzuziehen, Mister Pepper?“, versuchte Bount weiter in den angsterfüllten Mann zu dringen. „Befürchten Sie, man könnte ein Exempel statuieren?“

„Also ich kann mich doch noch frei entscheiden, oder?“, begehrte Jay Pepper auf. „Ich kann einen Privatdetektiv engagieren, kann ihm den Auftrag aber auch wieder entziehen, und das tue ich hiermit. Tut mir leid, wenn Ihnen das nicht passt, aber Sie müssen sich damit abfinden.“

„Oh, so einfach geht das nicht“, widersprach Bount Reiniger. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Pepper. Ich setze mich jetzt in meinen Wagen, komme zu Ihnen, und dann sprechen wir das Problem in aller Ruhe durch.“

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Reiniger!“, schrie Pepper mit schriller Stimme. Klar hatte der Mann Angst, und Bount hoffte, sie ihm bei einem ausführlichen Gespräch nehmen zu können.

Er legte auf und erhob sich, um sein Office zu verlassen.



2

Der dunkelblaue Dodge rollte in einer dämmerigen Seitenstraße aus. Zwei Männer verließen das Fahrzeug.

Die Männer waren Killer, und sie befanden sich auf dem Weg zu Jay Pepper, denn es war richtig, was Bount Reiniger vermutete: Es sollte ein Exempel statuiert werden, damit nicht noch jemand auf die hirnrissige Idee kam., sich an einen Schnüffler zu wenden.

Die Kaltmacher vom Dienst waren kein bisschen nervös. Für sie war das, was sie vorhatten, ein Job wie jeder andere. Ihre Gewissenhaftigkeit war beängstigend.

Wo immer sie auftauchten, blieb eine Leiche zurück, und die Polizei hatte einen Fall mehr, den sie unerledigt zu den Akten legen musste.

Die beiden Profis schritten gelassen den Bürgersteig entlang.

Sie erreichten den Notausgang eines Apartmenthauses. Die Tür zur Feuertreppe ließ sich normalerweise nur von innen öffnen, doch die Killer überlisteten die Sperre mit einem kleinen Trick und betraten unbemerkt das Gebäude, in dem Jay Pepper wohnte.

Mit grüner Ölfarbe gestrichene Wände umgaben die Mörder. Einer der beiden holte seine Pistole aus der Jacke und schraubte einen klobigen Schalldämpfer auf den Lauf.

Sein Komplize hatte das bereits im Wagen erledigt. Er zog die Waffe nun ebenfalls, und dann stiegen sie die Treppe hoch. Auf weißen Feldern prangten große schwarze Ziffern, die verrieten, in welchem Stock man sich befand.

Die Profis ließen 1, 2 und 3 hinter sich und erreichten die vierte Etage. Peppers Etage. Er wohnte in Apartment 4 G. Die Killer öffneten die Tür, die in den Gang führte.

Stimmen. Schritte. Ein Mann und eine Frau begaben sich zum Fahrstuhl. Sie mit Schmuck überladen und grell geschminkt. Er übergewichtig, kurzatmig und schwitzend. Der dunkle Anzug hätte ihm gepasst, wenn er zehn Pfund weniger gewogen hätte.

Die Frau war nervös und machte ihm Vorhaltungen, zu lange telefoniert zu haben. Seinen Einwand, es wäre ein geschäftlich sehr wichtiges Telefonat gewesen, ließ sie nicht gelten.

Sie schimpfte über den Lift, der nicht schnell genug zur Stelle war, meckerte über das scheußliche Muster der Krawatte ihres Mannes und ließ an seinem Anzug kein gutes Haar.

Der Mann bewies, dass er eine Eselsgeduld hatte. Er ließ die Nörgelei seiner Frau gottergeben über sich ergehen. Sie schimpfte noch weiter, als sie in den Fahrstuhl stiegen, und als sich der Lift in Bewegung setzte, drang die keifende Frauenstimme immer noch durch die geschlossene Aufzugtür.

„Die sollte zu mir gehören“, sagte einer der beiden Gangster und grinste. „Ich würde ihr mit Vergnügen den Hals umdrehen.“

„Oder ins Backrohr schieben und braten, wie man’s mit ’ner Hexe tut“, sagte der andere.

Sie setzten ihren Weg zu Jay Pepper fort. Vor 4 G blieben sie stehen, und einer der beiden nahm sich des Türschlosses an.



3

Jay Pepper goss reichlich Bourbon in ein Glas. Er war ein schlanker Mann von etwa vierzig Jahren, hatte glattes, kurz geschnittenes Haar und sah gut aus.

In seinem Schrank hingen jede Menge Anzüge, er besaß einen teuren Wagen, hatte Geld auf der Bank und keine Schulden. Eigentlich hätte er zufrieden sein können, und das war er auch bis vor Kurzem gewesen, doch nun hatte sich einiges geändert, und Pepper hatte Angst und Sorgen.

Ihm gehörte eine Bar auf dem Broadway, in der er gute Umsätze erzielte. Das Lokal lag sehr günstig – in unmittelbarer Nähe zweier Theater, einer Diskothek und einem Kinocenter.

Vor und nach den Vorstellungen herrschte Hochbetrieb in seiner Bar, und wenn jemand den Lärm der Disco nicht mehr ertragen konnte, wechselte er auch zu Jay Pepper über.

Er verdiente auf seriöse Art gutes Geld und hatte eigentlich nie daran gedacht, dass über ihm düstere Wolken auftauchen könnten. Doch genau dazu war es gekommen.

Mit dem Glas in der Hand wandte sich Pepper um. Sein Blick heftete sich auf das Telefon, und er hoffte, Bount Reiniger abgewimmelt zu haben. Wie hatte er bloß so verrückt sein können, dieses hohe Risiko einzugehen?

Hatte er im Ernst geglaubt, Bount Reiniger könnte ihm so umfassend helfen, dass ihm keine Gefahr mehr drohte? Dieses Kunststück brachte nicht einmal New Yorks bester Privatdetektiv zustande.

Okay, Reiniger konnte versuchen, an die Wurzel des Übels zu gelangen. Doch bis er sie erreichte, würde viel Zeit vergehen, in der jene Leute, die Pepper im Moment Kummer bereiteten, nicht untätig sein würden.

Und sie würden mit Sicherheit nicht Bount Reiniger aufs Korn nehmen, sondern denjenigen, der den Privatdetektiv engagiert hatte. Der war ja schuld daran, dass Bount Reiniger ihnen Unannehmlichkeiten zu machen versuchte.

„Bleib, wo du bist, Reiniger“, brummte Pepper. „Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Das ist mir zu gefährlich. Ich habe nur ein Leben, und das möchte ich behalten.“

Er setzte sein Glas an die Lippen und trank. Langsam schlenderte er durch das Wohnzimmer, das von einer fliederfarbenen Sitzgruppe beherrscht wurde. An der Wand zwischen den Fenstern hingen alte Bilder, die Pepper in einem Trödelladen entdeckt hatte. Sie zeigten Ansichten europäischer Städte: Wien, Rom, Paris, Lissabon.

Pepper trat an eines der beiden Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Obwohl der Betrieb seiner Bar um diese Zeit bereits auf Hochtouren lief, hatte er es sich zur Regel gemacht, erst gegen 21 Uhr dort zu erscheinen.

Da das Lokal bis vier Uhr früh geöffnet hatte, verbrachte er noch genug Stunden dort. Auf der Straße rollte ein silbergrauer Wagen heran. Pepper gab es unwillkürlich einen Stich. Er atmete erst erleichtert auf, als er erkannte, dass es sich bei diesem Fahrzeug um keinen Mercedes 450 SEL handelte, denn diesen Exoten fuhr Bount Reiniger.

Nervös drehte er sich um. Er leerte sein Glas und vernahm plötzlich ein metallisches Schnappen. Ein eisiger Schreck fuhr ihm in die Glieder. Seine Augen weiteten sich. Er hielt furchtsam an und lauschte.

Machte sich jemand an der Apartmenttür zu schaffen? Wollte sich jemand Einlass in seine Wohnung verschaffen? Jay Pepper bekam eine Gänsehaut. Hatte man ihn etwa bereits auf die Abschussliste gesetzt?

Beunruhigt stellte er das Glas auf einen Rauchtisch und schlich auf Zehenspitzen zur Livingroom-Tür. Es kostete ihn einige Überwindung, sie zu öffnen.

Unzählige Gedanken gingen ihm wie ein Mühlrad durch den Kopf. Man hatte keine Möglichkeit, sich in dieser Stadt vor verbrecherischen Elementen zu schützen.

Die Chance, zu überleben, lag darin, dass man sich fügte. Doch genau das hatte Jay Pepper nicht getan, und dieser Ungehorsam sollte ihm, so meinte er, nun zum Verhängnis werden.

Langsam schwang die Tür, von Peppers Hand bewegt, zur Seite. Er blickte in einen stillen, leeren Flur. Hatte er sich das metallische Schnappen nur eingebildet?

Bei seiner hochgradigen Nervosität war das durchaus möglich. Er erschrak ja beinahe schon vor seinem eigenen Schatten. Aufgeregt biss er sich auf die Unterlippe, während er das Wohnzimmer verließ.

Sein Ziel war die Apartmenttür. Er beabsichtigte, einen Blick durch den Spion zu werfen, um zu sehen, ob jemand draußen stand. Sein Herz schlug kräftig gegen die Rippen. Ein dünner Schweißfilm legte sich auf seine Stirn.

Herrgott noch mal, welcher Teufel hatte ihn geritten, als er sich entschloss, Bount Reiniger einzuschalten. Er hätte doch wissen müssen, dass diese Leute ein Auge auf ihn haben würden.

Er hatte bestimmt keinen Schritt tun können, über den sie nicht Bescheid wussten, und er hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu Bount Reiniger zu begeben.

So viel Dummheit musste sich ja rächen. Pepper erreichte die Tür. Vorsichtig brachte er sein Auge an den Spion, und er spürte eine große Erleichterung, als er feststellte, dass sich niemand draußen befand.

Junge, du fängst an, dich selbst verrückt zu machen, sagte er sich, während er sich entspannte, doch im nächsten Augenblick übersprang sein Herz einen Schlag, denn ihm fiel auf, dass die Tür nur angelehnt war.

Jemand hatte sich bereits Einlass in seine Wohnung verschafft und musste sich in einem der Räume versteckt haben, die man vom Flur aus erreichte! Diese Erkenntnis traf Jay Pepper mit der Wucht eines Keulenschlages.

Er begriff sofort, dass er keine Sekunde länger in seinem Apartment bleiben durfte. Blitzschnell riss er die Tür auf und wollte hinausstürmen, aber da traten die Killer aus der Küche.

Er hörte sie und reagierte in seiner panischen Angst falsch. Statt loszuhetzen, kreiselte er herum, und als er in die Waffenmündung blickte, fing er an wie von Sinnen zu schreien.



4

Bount Reiniger fuhr mit dem Lift vom 14. Stock zur Tiefgarage hinunter. Er schloss seinen Mercedes auf, ließ sich hinter das Steuer fallen, gurtete sich an und startete den Motor.

Augenblicke später rollte das Fahrzeug durch die Garage und auf die Auffahrt zu. Sobald Bount Reiniger die 7 th Avenue erreichte, musste er kurz warten. Er nützte die Zeit, um sich eine Pall Mall anzustecken, dann fädelte er sich in den Verkehr ein und schwamm im Strom nach Norden mit.

Er fuhr am Central Park vorbei, Manhattans großer grüner Lunge. Am Tag war hier viel los. Nach Einbruch der Dunkelheit war es allerdings nicht ratsam, den Park zu betreten. Es trieb sich zu viel lichtscheues Gesindel herum – Räuber, Diebe, Junkies …

Als Bount die 125. Straße Ost erreichte, drückte er die Zigarette im Aschenbecher aus. In einer Minute würde er das Apartmenthaus erreichen, in dem Jay Pepper wohnte.

Er war gespannt, wie sich Pepper verhalten würde. Würde er ihn gar nicht erst in seine Wohnung lassen, sondern ihm die Tür vor der Nase zuschlagen? Oder würde er sich überreden lassen, den Auftrag nicht zurückzuziehen und die Sache mit Courage durchzustehen?

Bount hielt bereits nach einer Parkmöglichkeit Ausschau. Kaum befand sich der Mercedes in der Parklücke, stoppte neben ihm ein Wagen mit kreischenden Rädern, und der Fahrer drückte wütend auf den Hupring.

Bount stieg aus. „Wenn das ein Hupentest sein soll, ist das Ergebnis positiv“, sagte er.

Der Autofahrer sprang aus seinem Wagen. „Verdammt noch mal, das gibt’s ja nicht. Ich fahre nur mal um den Block, und schon nimmt mir einer meinen Parkplatz weg.“

„Tut mir leid“, sagte Bount. „Damit müssen wir New Yorker leben.“

„Wie wär’s, wenn Sie sich eine andere Parkmöglichkeit suchen würden, Mister?“

„Denselben Vorschlag wollte ich gerade Ihnen machen“, erwiderte Bount Reiniger und ging seines Weges.

„Ich lass dir die Luft aus den Rädern, du sturer Hund!“, schrie ihm der Mann nach.

Bount zuckte nicht einmal mit den Schultern. Er wusste, dass der Typ das nicht wirklich tun würde. Sollte er sich aber doch hinreißen lassen, dann hatte Bount sich sicherheitshalber das Kennzeichen des andern gemerkt, damit er dafür sorgen konnte, dass der Bursche eine Menge Ärger kriegte.

Bount überquerte die Straße und betrat wenig später das Gebäude, in dem Pepper wohnte. Seine Schritte hallten von den Wänden wider, als er sich zum Lift begab.

Er fuhr zur vierten Etage hoch, orientierte sich kurz und steuerte dann die Tür von Apartment 4 G an. Als er läuten wollte, fiel ihm auf, dass die Tür nicht ganz geschlossen war.

Sofort breitete sich ein unangenehmes Kribbeln zwischen seinen Schulterblättern aus. Jay Pepper hatte Angst, und ein Mann, der sich fürchtet, lässt seine Tür nicht offen, damit jeder, dem es gefällt, in sein Apartment gelangt.

Bount tat zwei Dinge gleichzeitig: Er angelte seine 38er Automatic aus dem Schulterholster und drückte die Wohnungstür vorsichtig auf. Zunächst stieg ihm der Geruch von verbranntem Kordit in die Nase, und dann entdeckte er auf dem PVC-Belag Bluttropfen.

„Mister Pepper?“

Er bekam keine Antwort.

Bount beging nicht den Fehler, einfach loszustürmen. Wenn er die Zeichen richtig deutete, war Jay Pepper angeschossen worden, und vielleicht befand sich der Schütze noch in der Wohnung.

Bount ging an keiner Tür vorbei, ohne einen Blick in den Raum zu werfen, in den sie führte. Er war kein Freund von unliebsamen Überraschungen. Mit wachsender Spannung näherte er sich dem Wohnzimmer. Darauf führte die Blutspur zu.

Als er seinen Fuß in den Raum setzte, spannte sich seine Kopfhaut. Er sah zwei Beine, und als er zwei weitere Schritte vorging, sah er den Mann: Jay Pepper.

Er lag auf dem Bauch, seine Finger waren in den Teppich gekrallt. Mit gebrochenen Augen starrte er die weiße Wand an. Verletzt war er wahrscheinlich draußen im Flur worden.

Er schaffte es noch, sich in den Livingroom zu schleppen. Vermutlich wollte er telefonieren, denn der Apparat stand von ihm nur einen Meter entfernt. Er hatte ihn nicht mehr erreicht.

Bount beugte sich über die Leiche. Er drehte den Toten um. Sechs, sieben Kugeln hatten ihn getroffen. Ein Mörder mit zwei Waffen? Oder zwei Killer mit je einer Waffe?

Im Moment mussten diese Fragen unbeantwortet bleiben, aber Bount hatte nicht die Absicht, sie zu vergessen. Mit der Waffe in der Hand richtete er sich auf.

Da schnarrte hinter ihm jemand: „Keine Dummheiten, Mann, sonst geht’s dir schlecht!“



5

Bount spürte einen Kloß im Hals. Er spreizte die Arme ab, denn er war sicher, dass der Mann hinter ihm eine Kanone in der Faust hielt, und er war nicht scharf auf eine Kugel.

Langsam drehte er sich um, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, und er spürte eine gewisse Erleichterung, als er sich zwei Polizisten gegenübersah. Sie zielten zwar mit ihren großkalibrigen Dienstwaffen auf ihn, aber sie würden nicht abdrücken, wenn er ihnen keine Veranlassung dazu gab.

Er hob die Hände. Die Cops verfolgten gespannt jede seiner Bewegungen. „Okay, Freundchen“, sagte einer der beiden. „lass fallen!“

Bounts Finger öffneten sich, und die Automatic fiel auf den Teppich. Dem Cop genügte das aber noch nicht. Er wedelte mit seinem Revolver.

„Da hinüber! Stütz die Wand!“

Bount kam auch dieser Aufforderung folgsam nach. Er begab sich zur Wand und legte die Handflächen darauf.

„Einen Schritt zurück!“, verlangte der Uniformierte. „Und Beine grätschen!“

Bount gehorchte.

„Bill, sieh mal nach, ob er sauber ist!“

Bill, der jüngere Cop, näherte sich Bount mit großer Vorsicht.

Als er den Detektiv erreichte, setzte er ihm erst einmal die Waffe an die Rippen, und dann durchsuchte er Bount so, wie man es ihm auf der Polizeischule beigebracht hatte.

„Sauber“, sagte Bill.

„Hätte ich euch gleich sagen können“, bemerkte Bount, „aber ihr hättet es mir nicht geglaubt.“

„Tja, unser Misstrauen hält uns am Leben“, sagte der Uniformierte, der Bill vorgeschickt hatte. „Warum hast du den Mann umgelegt?“

„Hab’ ich nicht, ich bin kein Killer“, erwiderte Bount Reiniger barsch.

„Bleib freundlich, Kleiner, sonst halsen wir dir zusätzliche Schwierigkeiten auf. Hast wohl nicht damit gerechnet, dass wir so schnell zur Stelle sein würden, wie?“

„Ich bin Privatdetektiv. Der Tote war mein Klient“, sagte Bount wahrheitsgemäß.

„So, so, ’n Schnüffler bist du also. Kannst du auch beweisen, was du behauptest?“

„Sicher. Meine Lizenz steckt in der linken Brusttasche.“

„Nicht du holst sie raus“, entschied der vorsichtige Cop. „Bill wird so freundlich sein, es für dich zu tun.“

„Ist mir recht“, sagte Bount Reiniger, und Bills Hand ging auf Wanderschaft. Er warf seinem Kollegen den Ausweis zu. Der warf nur einen kurzen Blick darauf und wurde dann blass.

„Verdammt“, entfuhr es ihm. „Da haben wir einen ganz schönen Bock geschossen. Es ist gut, Bill. Alles okay. Entschuldigen Sie, Mister Reiniger. Mir kam Ihr Gesicht zwar irgendwie bekannt vor, aber wenn ein Mann mit ’ner Waffe in der Hand neben einer Leiche steht … Ich hoffe, Sie verstehen das.“

„Aber natürlich“, sagte Bount. „Darf ich die Hände herunternehmen?“

„Ist doch klar“, erwiderte der Cop.

Er gab Bount seinen Ausweis zurück. Bill hob die Automatic auf und hielt sie dem Detektiv hin.

„Nichts für ungut, Mister Reiniger“, sagte er verlegen.

„Sie haben nur Ihre Pflicht getan“, entgegnete Bount Reiniger und steckte Ausweis und Pistole weg.

„Freut uns, dass Sie das so sehen“, sagte der ältere Polizist. Er nannte seinen Namen und den seines Kollegen. Sie hießen George Morland und Bill Wyman.

Bount erfuhr von ihnen, dass einer der Nachbarn die Polizei alarmiert hatte, als Jay Pepper seine Todesangst herausbrüllte. Die Zentrale hatte die Meldung unverzüglich an Morland und Wyman weitergegeben. Da die beiden mit ihrem Streifenwagen gerade in der Nähe gewesen waren, hatte es nur wenige Minuten gedauert, bis sie den Tatort erreichten.

Der Detektiv erklärte ihnen, wie er den Fall sah und forderte sie anschließend auf, die Mordkommission zu verständigen.

Die Männer der Homicide Squad trafen zwanzig Minuten später ein. Angeführt wurden sie von Captain Toby Rogers, Bounts langjährigem Freund. Sein lautes Organ war im ganzen Haus zu hören.

Als er das Apartment betrat und Bount sah, nickte er mit gesäuerter Miene. „Wie gehabt. Du stolperst schon wieder mal über Leichen.“

Bount holte die Pall Mall-Packung hervor und hielt sie dem Captain hin. „Sag mal, was ist denn das für eine Begrüßung?“

Toby nahm sich unverschämterweise gleich zwei Stäbchen. Eines steckte er sich hinters Ohr, das andere zwischen die Lippen. „Hast du Feuer?“, fragte er den Freund.

„Versprichst du mir, dass du sie wenigstens selber rauchst?“, fragte ihn Bount Reiniger grinsend. Er brannte zuerst Tobys Zigarette an und dann seine. „Und was nun?“, erkundigte er sich.

Die Leute von der Spurensicherung schwärmten im Apartment aus. Scheinwerfer auf dünnen Stativen wurden aufgestellt, und man schoss die ersten Bilder von der Leiche.

„Ich denke, du erzählst mir nun eine spannende Geschichte“, sagte der übergewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II. Er wies auf den Toten. „Wer hat ihn erschossen?“

„Ich weiß nur, wer es mit Sicherheit nicht getan hat“, gab Bount zurück. „Ich.“

„Versuch bloß nicht, komisch zu sein. Das geht bei dir immer in die Hosen“, sagte Toby unwillig. „Wie kommst du hierher?“

„Mit dem Wagen.“

„Interessant. Vielleicht sollte ich dir Attorney Brown auf den Hals hetzen, was hältst du von der Idee. Der kann Privatdetektive nicht ausstehen, wie du weißt. Warum sollte er dir das Leben nicht genauso schwer machen, wie du es mir machst? Also noch mal: Wie kommst du hierher?“

„Mit dem … Na schön“, sagte Bount schmunzelnd. „Jay Pepper war mein Klient.“

„Seit wann?“

„Seit gestern.“

„Und heute bist du ihn schon wieder los.“

„Leider ja.“

„Mann, hast du einen Verschleiß. Aus welchem Grund hat er dich engagiert? Wenn du mich bei Laune halten möchtest, kommst du mir jetzt nicht damit, das würde unter dein Berufsgeheimnis fallen.“

„Warum denn so giftig? Ist dir was über die Leber gelaufen?“

„Ja. Eine Laus namens Bount. Meine Herren, ich habe so viel zu tun, dass ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht, und da bescherst du mir auch noch eine Leiche.“

„Hör mal, wieso beschwerst du dich deswegen bei mir und nicht bei dem, der Pepper umgelegt hat?“

„Würde ich furchtbar gern tun. Gibst du mir seine Adresse?“

„Wenn ich die hätte, wäre ich bestimmt nicht mehr hier.“

„Ich kenne immer noch nicht den Grund, weshalb dich Pepper engagiert hat.“

„Er war Besitzer einer gutgehenden Bar auf dem Broadway.“

„Und?“

„Clevere Gangster kamen auf die glorreiche Idee, ihn zur Kasse zu bitten. Sie wollten Schutzgeld von ihm erpressen, andernfalls würden sie ihm beweisen, wie dringend er ihren Schutz nötig hatte. Sie legten ihm nahe, mit seinen Sorgen nicht zur Polizei zu gehen.“

„Also ging er zu dir, und das nahm man ihm übel.“

„So sehe ich es“, sagte Bount. Er berichtete dem Captain von Peppers’ Anruf und dessen Absicht, ihm den Auftrag nach 24 Stunden schon wieder zu entziehen.

„Er bekam es mit der Angst zu tun“, sagte Toby. „Aber da hast du nicht mitgespielt, wie ich dich kenne. Wenn man dich einmal eingeschaltet hat, kann man dich nicht mehr abstellen.“

„Richtig. Das wollte ich Pepper klarmachen. Deshalb setzte ich mich in meinen Wagen und fuhr hierher. Leider hatte er vor mir schon Besuch.“

Toby nahm einen tiefen Zug von der Zigarette. „Wer hat ihn deiner Ansicht nach auf dem Gewissen, Bount?“

Bount Reiniger zuckte die Schultern.

„Ich meine nicht den, der geschossen hat, sondern den, der den Killer schickte“, sagte der Captain.

„Ich bin in den Fall erst gestern eingestiegen“, entgegnete Bount. „Bisher fand ich nur heraus, dass Jay Pepper nicht der einzige Barbesitzer ist, an den sich die Schutzgeldgangster wandten.“

„Eine groß angelegte Sache?“

„Scheint so“, sagte Bount. „Ich bin bereits etlichen Gesichtern begegnet, in denen ganz deutlich die Angst geschrieben stand.“

„Gibt es schon einen Plan, nach dem du den Fall aufzurollen gedenkst?“, erkundigte sich der Captain.

„Auf meinem Programm steht eine Tour durch alle in Frage kommenden Bars. Mal sehen, ob ich dabei fündig werde.“

„Ein Tipp, der deiner Leber gefallen wird: trink Fruchtsaft.“ Toby grinste.



6

Die Bar hatte den wohlklingenden Namen „Salome“ und gehörte einem Mann, der ein nicht ganz astreines Leben hinter sich hatte: Lorne Rogers. Früher war er die Brutalität und Rücksichtslosigkeit in Person gewesen.

Sein Name hatte in der New Yorker Unterwelt einen gewissen Klang gehabt. Er war mit fast allen Bossen auf Du und Du gewesen, und sie konnten ihn jederzeit um einen Gefallen bitten.

Einbruch, Raub und viele Gewaltdelikte gingen auf sein Konto. Gute Anwälte boxten ihn aber immer wieder geschickt aus der Klemme. Zeugen wurden eingeschüchtert, so dass sie vor Gericht umfielen, und so blieb es Lorne Rogers all die Jahre erspart, die Gastfreundschaft des Staates in Anspruch nehmen zu müssen.

Als er auf die Vierzig zuging, wurde er etwas ruhiger. Bestimmt kam das auch daher, dass ihn eines Tages ein Konkurrent abzuservieren versuchte – und es beinahe geschafft hätte.

Sechs Wochen lang lag er in der Intensivstation und rang mit dem Tod. Er sagte der Polizei nicht, wer auf ihn geschossen hatte, obwohl er es genau wusste.

Da es ein offenes Geheimnis war, dass Bodo Biggs die Schüsse abgefeuert hatte, wollte die Polizei dafür sorgen, dass der Mann nicht „zufällig“ zu Schaden kam.

Als die Cops ihn abholen wollten, sprang er aus dem Fenster. So lautete die offizielle Version. Die inoffizielle wusste zu berichten, dass Bodo Biggs aus dem Fenster geworfen worden war.

Kein Selbstmörder schreit so markerschütternd, wie es Biggs getan hatte, als er in die Tiefe fiel. Als das geschah, lag Lorne Rogers immer noch im Krankenhaus, und es war unmöglich, ihm einen Mordauftrag anzuhängen.

Nach dem Krankenhausaufenthalt zog sich Rogers für ein Jahr aufs Land zurück. Er mietete am Fuße der Catskills eine Farm und lebte da friedlich mit seinen engsten Freunden.

Zwölf Monate später sah ihn New York wieder, und die Nachricht machte die Runde, dass er nicht mehr derselbe wäre. Vor dem Auge des Gesetzes brach er alle Brücken zu Verbrecherorganisationen ab. Jeder, der es hören wollte, erfuhr von ihm, dass er die Absicht hatte, ein neues Leben zu beginnen.

Niemand wollte so recht glauben, dass sich Lorne Rogers unter dem Mäntelchen der Seriosität, das er sich umgehängt hatte, wohlfühlte, aber von krummen Touren kam keinem mehr etwas zu Ohren.

Lebte Rogers von nun an tatsächlich sauber? Oder war er nur noch vorsichtiger geworden? Rogers kaufte sich im Herzen von Manhattan eine Bar.

Geld besaß er genug, und so ließ er sie nach seinen Vorstellungen umbauen und gab ihr den Namen „Salome“. Als Gast war jeder willkommen, der bezahlen konnte.

Rogers verpflichtete gute Künstler, die bei ihm auftraten und für Stimmung sorgten, und er bewies ein Händchen fürs Geschäft, wodurch es ihm gelang, sich mit seiner Bar in New Yorks Nachtleben sehr rasch zu etablieren.

Heute, zehn Jahre später, war Rogers’ Lokal so etwas wie eine Institution, an der Bount Reiniger nicht vorbeigehen konnte, denn Lorne Rogers erzielte beachtliche Umsätze.

Wenn die Schutzgeldgangster verrückt genug waren, hatten sie sich auch an ihn gewandt, um ihn zur Kasse zu bitten. Vielleicht waren es Newcomer, die nicht wussten, dass mit Rogers immer noch nicht gut Kirschen essen war.

Wer ihn sich zum Feind machte, tanzte auf einem Vulkan und spielte garantiert mit dem Leben, wenngleich Lorne Rogers das niemals zugegeben hätte. Die harte Welle von einst passte nicht mehr zu seinem heutigen Image, das er so sehr pflegte.

Die Bar war gut besucht. Bount Reiniger betrat das Lokal, und Musik aus den Fünfzigerjahren begrüßte ihn. Auf einer Bühne standen fünf farbige Sänger, die die Platters imitierten. Soeben sangen sie den Welthit „Only you“, und wenn man nicht hinsah, konnte man meinen, Lorne Rogers hätte tatsächlich diese legendäre Gesangsformation ins „Salome“ geholt.

Bount steuerte auf die eiförmige Theke zu. Er enterte einen Hocker, befolgte Toby Rogers Rat und bestellte sich einen Orangenjuice. Der Mixer, schick gekleidet, in weißem Jackett mit korrekt sitzender Fliege, musterte ihn kurz und schien zu wissen, wen er vor sich hatte.

Auch Bount Reiniger kam das Gesicht des Mannes bekannt vor. Er kramte in seinen Erinnerungen und sagte schmunzelnd: „Wie geht’s, Langfinger-John?“

Der Bursche zuckte zusammen, als hätte ihm Bount eine Ohrfeige gegeben. Sein Blick wieselte unruhig über die Gesichter der Gäste. Zum Glück hatte die Anrede niemand gehört.

„Ist es dir peinlich, wenn ich dich mit deinem Spitznamen anrede?“, fragte Bount.

Langfinger-John räusperte sich verlegen. „Nun ja, eine große Freude machen Sie mir damit nicht gerade.“

„Kann ich verstehen. Wie heißt du denn jetzt?“

„Für Sie – nur John.“

Bount grinste. „Aus alter Kameradschaft.“

„So ist es.“

„Siehst prächtig aus, John“, sagte Bount Reiniger anerkennend. „Ist aus dir auch ein anderer Mensch geworden?“

„Ich hatte es satt, immer mit der Angst zu leben, erwischt zu werden.“

„Lorne Rogers scheint einen großartigen Einfluss auf dich auszuüben.“

„Er gab mir ’ne Chance, und ich hab’ sie genützt.“

„Das war das Vernünftigste, was du tun konntest“, sagte Bount lobend. „Ist Rogers hier? Ich möchte mit ihm reden.“

„Augenblick“, sagte Langfinger-John und begab sich zum Haustelefon. Bount erinnerte sich noch sehr gut an die Zeit, als dieser Bursche alles mitgehen ließ, was ihm unter die Augen kam.

Der Detektiv hatte dem einstigen Ganoven insgesamt dreimal zu einer Haftstrafe verholfen. Das war mindestens neun Jahre her, und Langfinger-John schien ihm das nicht mehr krummzunehmen.

Wer ein Verbrechen verübt, muss damit rechnen, erwischt zu werden, wobei es ziemlich nebensächlich ist, ob von der Polizei oder einem rührigen Privatdetektiv.

„Mister Rogers erwartet Sie“, sagte John.

„Vielen Dank“, sagte Bount. Er wies auf seinen Drink. „Behalt ihn im Auge, damit ihn kein anderer kippt. Ich muss sparen.“

Langfinger-John wies in die Richtung, in die Bount gehen sollte. Bount Reiniger kam an einem beachtlichen Dekolleté vorbei, und das Mädchen, dem es gehörte, machte ihm schöne Augen.

Er seufzte und dachte: Tut mir leid, keine Zeit. Dienst ist Dienst und das da … na ja.

An der Tür stand zwar „Büro“, aber man gelangte nicht sofort zu Lorne Rogers. Der ehemalige Verbrecher wusste aus Erfahrung, dass viele Menschen schlecht sind, deshalb hatte er eine Sicherheitszone eingerichtet.

Es war ein kleiner Raum mit drei Sesseln, die um einen niedrigen Tisch gruppiert standen. Zwei Sessel waren besetzt. Das änderte sich jedoch, sobald Bount Reiniger die Tür öffnete, da flitzten die beiden Kerle nämlich hoch.

Es hatte den Anschein, als wär’s nur ein Mann, der sich neben einem Spiegel erheben würde, denn die zwei Knaben sahen völlig gleich aus. Bount wusste, wen er vor sich hatte: die Czukor-Zwillinge.

Einer hieß Ivan, der andere Ferenc. Welcher von beiden wer war, wussten wahrscheinlich nur sie selbst. Man nannte sie die Ungarn, die Magyaren, die Bulldozer. Die Behörden waren davon überzeugt, dass sie einigen Dreck am Stecken hatten, doch bisher hatte es noch niemand geschafft, ihnen das nachzuweisen, und vor dem Gesetz ist man so lange unschuldig, bis einem die Schuld bewiesen wurde.

Bount war der Ansicht, dass sich Lorne Rogers keinen guten Dienst damit erwies, die beiden als Bodyguards zu beschäftigen. Das waren gleich zwei Schmutzflecken auf der weißen Weste des ehemaligen Gangsters.

Die Zwillinge machten kein Hehl daraus, dass sie etwas gegen Bount hatten. Er nahm ihnen das nicht übel, konnte ihre Abneigung verstehen. Als Ferenc oder Ivan die Nase rümpfte, fragte Bount grinsend: „Was ist? Hat mich mein Deodorant im Stich gelassen?“

„Tragen Sie eine Kanone?“, wollte Ivan oder Ferenc wissen.

„Ist ja klar. Muss ich wohl, solange Typen wie ihr in dieser Stadt frei herumlaufen.“

Es blitzte in den Augen der Zwillinge auf. „Her mit der Waffe“, verlangte einer der beiden.

„Keine Sorge, ich bin nicht hier, um eurem Boss mein Monogramm in den Bauch zu schießen.“

„Wir lassen niemand mit ’ner Waffe zu ihm.“

„In meinem Fall werdet ihr eine Ausnahme machen.“

„Garantiert nicht“, knurrte entweder Ivan oder Ferenc.

„Freunde, euch fehlt der Überblick. Ihr müsst allmählich zu unterscheiden lernen, wem man trauen kann und wem nicht. Ich bin nicht einer jener halbseidenen Ganoven, mit denen euer Boss für gewöhnlich verkehrt. Nachdem das klargestellt ist, solltet ihr den Weg freigeben. Ich hab’ wirklich keine Zeit, mich noch länger mit euch zu unterhalten.“

Die Zwillinge nahmen eine drohende Haltung an. Bount Reiniger war nicht gewillt, sich von diesen Knaben die Automatic abnehmen zu lassen.

Natürlich würde er sie in Lorne Rogers’ Büro nicht brauchen, aber es ging ihm hier ums Prinzip. Es widerstrebte ihm, sich solchen Kerlen unterzuordnen.

„Seien Sie vernünftig, Reiniger. Geben Sie uns Ihren Ballermann.“ Bount entschied sich dafür, dass das Ferenc zu ihm gesagt hatte. Der Koloss streckte die Pranke verlangend aus.

„Na schön“, sagte Bount Reiniger und zog die Waffe aus dem Leder. Aber er drückte sie dem Ungarn nicht in die Hand, sondern in den Bauch. Ferenc stöhnte vor Wut und Überraschung.

„Verdammt, Reiniger, das kann für Sie gefährlich werden!“, sagte Ivan.

„Merkt euch eines: Man kann noch so groß und stark sein, mit ’ner Kugel im Pelz schrumpft man auf null Komma nichts zusammen. Setzt euch!“

Die Bulldozer hatten keine Wahl. Sie mussten gehorchen. Sobald sie Platz genommen hatten, trat Bount Reiniger durch die nächste Tür in Lorne Rogers’ Allerheiligstes.

Obwohl erst fünfzig, hatte Rogers kein Haar mehr auf dem Kopf. Er saß an einem großformatigen Schreibtisch, trug einen schwarzen Smoking, und ein Glas Whisky stand vor ihm.

Als er die Automatic in Bounts Hand sah, runzelte er irritiert die Stirn. Der Detektiv steckte die Waffe weg. „Ich wollte Sie nicht erschrecken, Mister Rogers. Vielleicht sollten Sie sich mal die Mühe machen, Ihren beiden Gorillas zu erklären, dass man nicht alle Menschen über denselben Kamm scheren kann. Sie verlangten, dass ich Ihnen nackt gegenübertrete.“

Rogers erhob sich. „Ich bitte, vergessen Sie’s, Mister Reiniger. Ivan und Ferenc sind zwar hervorragende Wachhunde, aber in ihrem Schädel haben sie Stroh.“

Rogers kam um seinen Schreibtisch herum. Er war nicht sehr groß. Einladend wies er auf eine lederne Sitzgruppe und forderte Bount auf, Platz zu nehmen.

„Darf ich Ihnen etwas anbieten?“, fragte er ausgesucht höflich. Bount musste zugeben, dass der ehemalige Gangster seine neue Rolle hervorragend beherrschte. Wer Lorne Rogers’ Vergangenheit nicht kannte, hätte ihn tatsächlich für einen Gentleman halten können. Ein freundlicher Mensch mit guten Manieren, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Brauchte er auch nicht. Wenn er wollte, dass jemandem die Knochen gebrochen wurden, konnte er die Czukor-Zwillinge schicken.

„Ich hab’ noch einen Juice auf dem Tresen stehen“, erwiderte Bount Reiniger.

Rogers lächelte. „Sind Sie unter die Antialkoholiker gegangen?“

„Ich befinde mich zur Zeit auf einer Sightseeingtour durch die New Yorker Bars und möchte einen klaren Kopf behalten“, sagte Bount.

„Immer nur Juice, ist das nicht langweilig?“

„Es ist vor allem gesund“, sagte Bount. „Sie können sich denken, dass ich nicht hier bin, um mir die Farbe Ihrer Augen anzusehen.“

Rogers faltete die Hände, als wollte er beten. Jetzt sah er ein wenig scheinheilig aus. „Was führt Sie zu mir, Mister Reiniger?“

„Sie sind, wie ich weiß, der Besitzer einer gutgehenden Bar.“

„Gott sei Dank“, sagte Rogers und lachte.

„Hat schon jemand versucht, Ihnen Schutzgeld abzupressen?“

Rogers sah Bount Reiniger erstaunt an. „Läuft so etwas etwa zur Zeit in der Stadt?“

Bount war der Meinung, dass Lorne Rogers etwas zu dick auftrug. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Mann keine Ahnung hatte, was um ihn herum passierte.

„Gangster haben sich darauf spezialisiert, von Barbesitzern, die mit ihren Umsätzen zufrieden sein können, Schutzzoll zu erheben“, sagte Bount. „Ich denke, sie können Ihr Lokal unmöglich übersehen.“

Rogers schüttelte den Kopf. „An mich ist bis jetzt noch keiner herangetreten.“

„Meinen Sie, man hat vor Ihnen zu viel Respekt?“

„Keine Ahnung. Wie viele Barbesitzer werden denn schon erpresst?“

„Da bin ich im Moment leider noch überfragt“, sagte Bount. „Sicher weiß ich nur, dass Jay Pepper auf der Liste der Gangster stand. Er bat mich, ihm zu helfen. Jetzt ist er tot. Er wurde in seinem Apartment ermordet. Kannten Sie Pepper?“

„Ich war mal in seiner Bar“, sagte Rogers ernst. „Die Kerle greifen verdammt hart durch, was?“

„Was würden Sie tun, wenn sich die Gangster an Sie wenden würden, Mister Rogers? Würden Sie die Polizei einschalten?“

Lorne Rogers lächelte, aber dieses Lächeln erreichte nicht seine Augen. „Ich denke, ich würde versuchen, mit diesem Problem allein fertigzuwerden.“

„Das wäre nicht der richtige Weg“, sagte Bount.

„Darüber kann man verschiedener Ansicht sein, Mister Reiniger. Ihnen kann ich nichts vormachen. Sie kennen meine Vergangenheit. Diese Gangster kennen sie bestimmt auch, deshalb werden sie mich in Ruhe lassen. Wenn ich Schwierigkeiten zu meistern hatte, brauchte ich noch nie die Hilfe der Polizei, und so werde ich es auch weiterhin halten. Ich bin davon überzeugt, dass von mir niemand Schutzgeld verlangen wird. Sollte es aber doch dazu kommen, werde ich die Angelegenheit auf meine Weise regeln.“

„Selbstjustiz? Ist das nicht verboten? Und sind Sie nicht bestrebt, seit zehn Jahren nichts Verbotenes mehr zu tun?“, fragte Bount lächelnd.

„Es wird nicht nötig sein, dass ich etwas gegen diese Leute unternehme“, behauptete Rogers zuversichtlich.

„Bestimmt wird Sie meine Frage befremden, ich stelle sie aber trotzdem: Wären Sie bereit, mich in diesem Fall zu unterstützen?“

Rogers schaute Bount Reiniger an, als wäre er der Meinung, dieser habe soeben den Verstand verloren. „Was ich vorhin über die Polizei sagte, gilt selbstverständlich auch für Sie, Mister Reiniger“, antwortete er unumwunden. „Ich halte sehr viel von guten Sprüchen, und einer davon lautet: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Folglich wird es zwischen uns beiden zu keiner Zusammenarbeit kommen. Vielleicht habe ich meine Vergangenheit doch noch nicht so ganz überwunden. Ich fühle mich in Gesellschaft von Polizisten und Privatdetektiven immer noch nicht sehr wohl.“

„Kann es daran liegen, dass Ihr Gewissen immer noch nicht ganz rein ist?“,

Rogers nahm diesen Stachel, den ihm Bount Reiniger ins Fleisch gedrückt hatte, mit erstaunlicher Gelassenheit hin. Völlig emotionslos sagte er: „Ich denke, Sie sollten jetzt gehen, Mister Reiniger. Wir haben einander nichts mehr zu sagen.“



7

Jimmy Taylor war ein Hansdampf in allen Gassen. Er servierte Drinks an den Tischen, half hinter dem Tresen aus, wenn Ben Shaw, der alte Keeper, es allein nicht mehr schaffte, sorgte für Ordnung im Lokal, und beförderte betrunkene Störenfriede auf die Straße. Und das alles mit nur achtzehn Jahren.

Er war schlank, groß und blond. Das genaue Abbild seiner Mutter Maggie, der die Bar gehörte. Er packte jede Arbeit an, und es gab nichts, was er mit Widerwillen anfasste.

Seit einem Jahr bemühte sich Jimmy, den fehlenden Vater zu ersetzen. Er wusste, dass ihm das niemals ganz gelingen konnte, aber wenn er es wenigstens einigermaßen schaffte, war er schon zufrieden.

Mark Taylor, Jimmys Vater, war vor einem Jahr nicht etwa gestorben. Er war nur einfach fortgegangen, weil er der Meinung war, nicht mehr mit Maggie leben zu können.

Es hatte keinen Streit gegeben, keine hässliche Szene, nur ein „Tut mir leid“, und dann hatte Mark Taylor die Tür hinter sich geschlossen und war nicht mehr wiedergekommen.

Weder Jimmy noch seine Mutter wussten, wo er sich aufhielt. Ihnen war nur einmal zu Ohren gekommen, dass er sich sein Geld als Sparringspartner für aufstrebende Boxtalente verdiente, doch in Wirklichkeit war er nichts anderes als deren Prügelknabe.

Mehrmals hätten sie ihn in den vergangenen zwölf Monaten gebraucht, und Jimmy hatte seiner Mutter vorgeschlagen, ihn zu suchen und zu bitten, wieder nach Hause zu kommen, doch dazu war Maggie zu stolz.

Mark konnte wiederkommen. Sie würde ihn nicht wegschicken. Aber heimholen würde sie ihn auch nicht. Er musste seinen Weg selbst zurückfinden. Sie war sicher, dass die Tür, die er vor einem Jahr geschlossen hatte, eines Tages wieder aufgehen und er eintreten würde.

Bis es soweit war, wollte sie ohne ihn auskommen und den harten Existenzkampf allein austragen, unterstützt von Jimmy, auf den sie sich in jeder Beziehung verlassen konnte und der mit seinen Aufgaben wuchs und reifte.

Ein Glas fiel klirrend zu Boden. Jimmy Taylor drehte sich ärgerlich um. „Jerry Miller schon wieder!“, sagte er verdrossen.

Der grauhaarige Keeper beugte sich über den Tresen und legte seine Hand auf Jimmys Schulter. „Sei vorsichtig, Junge. Jerry ist unberechenbar, wenn er betrunken ist.“

„Keine Sorge, Ben. Der ist schneller draußen, als er Frank Sinatra sagen kann.“

Jerry Miller war ein unangenehmer Gast. Jimmy hatte sich schon überlegt, ob er ihm nicht Lokalverbot erteilen sollte, hatte bisher aber immer wieder noch mal davon abgesehen.

Miller, dieser komische Kauz, war nüchtern der friedfertigste Mensch, aber der Alkohol machte ihn rabiat. Wenn er betrunken war suchte er Streit, stänkerte die Gäste an oder warf – wie eben – mit dem Glas um sich, weil ihm irgend etwas nicht passte.

„Okay, Jerry“, sagte Jimmy Taylor. „Ich denke, du gehst jetzt besser nach Hause.“

Miller schüttelte den Kopf. „Nein, Bubi, ich krieg’ noch ’nen Drink!“

„Du hast genug, Jerry.“

„Das bestimme immer noch ich.“

„Wenn du dich vorbeugst, rinnt dir der Whisky schon bei den Augen heraus.“

„Meine Sache, oder?“, sagte Jerry Miller.

„Warum hast du das Glas an die Wand geschmissen?“

„Ich habe dich zweimal gerufen. Du hast nicht reagiert. Da ist eben dann das Glas an die Wand geflogen. Und jetzt schwing die Keulen, und bring mir noch ’nen Drink.“

„Mach kein Aufsehen und geh. Oder bist du nicht mehr in der Lage, aufzustehen? Soll ich dir helfen?“ Jimmy trat auf Miller zu. Als seine Hände den Mann berührten, stieß dieser ihn derb zurück.

„Pfoten weg!“, fauchte er. „Ich lass’ mich von Milchkindern nicht anfassen!“

Jimmy fiel gegen den Nachbartisch, an dem ein Mann und eine Frau saßen. Das war ihm sehr unangenehm. Er entschuldigte sich und stürzte sich dann auf den Betrunkenen.

Miller sprang auf. Er schlug mit seinen Fäusten auf den Jungen ein. Jimmy hatte viel von seinem Vater gelernt. Mark Taylor war ein guter Boxer gewesen, und er hatte oft mit seinem Sohn trainiert.

Wenn Maggie Taylor nicht dagegen gewesen wäre, hätte Jimmy den Boxsport möglicherweise aktiv ausgeübt. Er hatte ein sicheres Auge, war schnell und wendig.

Millers Schläge verpufften fast alle wirkungslos. Nachdem der erste Dampf abgelassen war, konterte Jimmy. Es lag nicht in seiner Absicht, den Betrunkenen nach allen Regeln der Kunst zusammenzuschlagen, sondern er wollte sich Miller nur gefügig machen.

Doch jeder schmerzhafte Treffer brachte Miller mehr in Rage, und als ihn die nächste große Zornwelle überflutete, riss er ein Springmesser aus der Tasche.

Die Gäste hielten gebannt den Atem an. Jimmy regte sich nicht. Er starrte unentwegt auf das Messer, dessen Spitze gegen ihn gerichtet war.

„Miller!“, rief Ben Shaw hinter dem Tresen. „Steck’ sofort das Messer weg!“

„Halt die Schnauze, Ben, das geht dich nichts an!“, schrie Jerry Miller. Er lachte gemein. „Jetzt hast du die Hosen gestrichen voll, was, Jimmy-Boy?“

„Verdammt, ich nehme dir das Messer weg, und dann fliegst du raus aus dieser Bar und darfst sie nie wieder betreten!“, keuchte Jimmy Taylor.

„Dann zeig doch mal, was du kannst, Großmaul!“

„Okay“, sagte Jimmy und fintierte.

Miller war viel zu betrunken, um den Trick mitzukriegen. Er stach daneben, und dann trafen ihn Jimmys Fäuste. Er schrie auf, japste nach Luft, und das Messer entfiel seinen Fingern.

Jimmy kickte es fort, packte Miller, drehte ihn um und stieß ihn vor sich her durch das Lokal. Augenblicke später landete Miller in der Gosse.

„Pack dich!“, sagte Jimmy wütend. „Ich will dich hier nie mehr wiedersehen! Hörst du? Nie mehr wieder!“

Miller, der das nötige Quantum an Hieben kassiert hatte, war an einer Fortsetzung des Kampfes nicht mehr interessiert. Er stand schwankend auf und zog mit hängendem Kopf ab.

Jimmy kehrte in die Bar zurück. Der unliebsame Vorfall würde bald vergessen sein. Jimmy sammelte die Glasscherben ein und warf sie in den Mülleimer. Dann wollte er nach seiner Mutter sehen, die in ihrem Büro saß und glücklicherweise nichts mitbekommen hatte.

Ein schmaler Flur führte zum Büro. Die Tür war nicht ganz geschlossen. Jimmy hörte, wie seine Mutter telefonierte. Ihre Stimme klang zornig. Sie schien sich über die Person, mit der sie sprach, sehr zu ärgern.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“, sagte sie soeben mit einer Härte, die bei ihr ungewöhnlich war.

„Fünf Prozent vom Umsatz? Ich denke ja gar nicht daran … Warum sollte ich? …. Wir brauchen Ihren Schutz nicht… Versuchen Sie mit Ihren Verbrechermethoden jemand anders zu erpressen. Bei mir haben Sie kein Glück! … Wir wissen uns selbst zu schützen. Auch gegen Leute wie Sie … Hören Sie, wenn Sie mich noch einmal belästigen, wende ich mich an die Polizei… Wie? … Das wagen Sie nicht… Wir werden ja sehen!“, sagte Maggie Taylor schneidend und warf den Hörer in die Gabel. „Mistkerl!“, machte sie sich Luft.

Jimmy trat ein. Maggie blickte zu ihm hoch. Sie war neununddreißig, sah großartig aus mit ihrer blonden Mähne und den klugen, hellblauen Augen. Man hätte es ihr auch abgenommen, wenn sie behauptet hätte, sie wäre dreißig. Eine Naturschönheit, die mit Schminke nicht viel nachzuhelfen brauchte.

„Ärger, Ma?“, fragte Jimmy.

„Ach …“ Es schien ihr lästig zu sein, darüber zu reden.

„Ich hab’ das Gespräch unfreiwillig mitgehört“, sagte Jimmy.

Seine Mutter zündete sich eine Zigarette an, stellte das Tischfeuerzeug an seinen Platz und blies den Rauch aggressiv mit gespitzten Lippen aus.

„Jemand wollte dich erpressen, nicht wahr?“, bemerkte Jimmy, der es nicht vertrug, wenn seine Mutter Sorgen hatte. Er dachte an seinen Vater und daran, dass bestimmt einiges anders gewesen wäre, wenn er endlich den Weg nach Hause gefunden hätte.

„Der Kerl bot uns Schutz an“, sagte Maggie wütend. „Für fünf Prozent vom Umsatz. Er sagte, er wüsste ganz genau, dass wir ohne Schutz nicht mehr lange auskommen werden.“

„Wie reagierte er auf deine Drohung, du würdest dich an die Polizei wenden?“

„Er sagte, sie würden … uns umbringen.“

Jimmy begab sich zu seiner Mutter und legte seine Arme um sie. „Niemand wird dir ein Leid zufügen, Ma. Ich versprech’s dir.“



8

Nachdem sich Bount Reiniger bei Lorne Rogers eine glatte Abfuhr geholt hatte, verließ er dessen Bar. Die Czukor-Zwillinge starrten ihn grimmig an. Wenn ihre Wimpern Zähne gewesen wären, hätten sie damit gebissen.

Bount hakte die „Salome“ ab und fuhr zu jener Bar weiter, die Maggie Taylor gehörte. Er betrat sie nicht zum ersten Mal, erinnerte sich, dass er hier sogar schon einmal völlig versackt war, setzte sich an den Tresen und begrüßte Ben Shaw, den Keeper.

„Alles in Ordnung, Ben?“

„Einigermaßen“, erwiderte Shaw und fragte, was es sein dürfe. Bount blieb seiner Linie treu und verlangte wieder Orangenjuice. „Haben Sie’s mit dem Magen? Wenn ich mich recht erinnere, trinken Sie für gewöhnlich doch immer Johnnie Walker, Black Label“, sagte Ben.

„Bin im Dienst“, sagte Bount lächelnd.

„Ach so. Das ist natürlich auch ein Grund, trocken zu bleiben. Sie hätten vor einer halben Stunde hier sein sollen, da hätten Sie Jimmy ganz schön in Fahrt erlebt. Der Junge war großartig. Sein Vater hätte es nicht besser gekonnt.“ Ben berichtete, was passiert war. Er erzählte es so stolz, als wäre Jimmy sein Sohn.

„Hört man was Neues von Mark Taylor?“, erkundigte sich Bount Reiniger.

Ben schüttelte mit finsterer Miene den Kopf. „Nichts. Keiner will’s so recht wahrhaben, aber Mister Taylor fehlt an allen Ecken und Enden. Jimmy gibt sich zwar reichlich Mühe, aber in manchen Dingen fehlt ihm eben doch noch die Reife des Vaters.“

Bount nippte an seinem Drink. „Wie geht das Geschäft?“

„In den letzten Wochen ist der Umsatz zufriedenstellend gestiegen.“

„Es wird Sie wundern, aber das höre ich gar nicht gern, denn ein hoher Umsatz macht die Bar für gewisse Leute interessant.“

„Für was für Leute?“, fragte Ben Shaw und zog die Augenbrauen zusammen.

„Gangster. Sie bedienen sich eines alten Drehs, bieten Lokalbesitzern ihren Schutz an. Lehnen diese ab, kommt möglicherweise bald danach ein Rollkommando und schlägt alles kurz und klein.“

„Solche Methoden hat die Mafia schon in den Zwanzigerjahren angewandt.“

„Leider kommt das nie ganz aus der Mode“, meinte Bount. „Hat man sich schon um diese Bar gekümmert?“

„Nein, und ich hoffe, diese staubigen Brüder lassen das auch in Zukunft bleiben.“

Maggie Taylor erschien mit ihrem Sohn. Beide begrüßten Bount sehr freundlich, und Maggie bedauerte, dass er nicht öfter bei ihr hereinschaute. Bount Reiniger schmunzelte. „Ich werde mich bessern.“

Ihm fiel auf, dass Maggie Sorgen hatte, und als Ben Shaw von den Schutzgeldgangstern erzählte, zuckte Maggie zusammen und wurde ein wenig bleich um die Nase.

Sie warf Jimmy einen raschen Blick zu, als wollte sie ihm Schweigepflicht auferlegen. Wenn sich die Gangster mit ihr in Verbindung gesetzt hatten – was Bount Reiniger annahm –, dann hatte die Frau jetzt verständlicherweise Angst. Die Verbrecher hatten ihr bestimmt nicht verheimlicht, was passieren würde, wenn sie sich an die Polizei wandte.

Sie hatten das ja auch Jay Pepper gesagt und die Drohung mittlerweile wahrgemacht, damit es bald jeder wusste: Sie blufften nicht.

Bount sprach über seinen Job und meinte: „Wenn Sie mir irgend etwas zu sagen haben, Mistress Taylor, Sie finden in mir einen aufmerksamen Zuhörer.“

Sie biss sich auf die Lippe und wich Jimmys drängendem Blick aus. Um irgend etwas zu sagen, verlangte sie von Ben Shaw einen Gin Tonic. Bount fühlte, dass es falsch gewesen wäre, die Frau zum Reden zu bewegen.

Sie hätte sich vor ihm wie eine Auster verschlossen. Er erkannte, dass sie Zeit brauchte, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Vermutlich würde sie sich dann aus freien Stücken an ihn wenden.

Er legte eine Banknote auf den Tresen, ließ die Bemerkung fallen, dass er telefonisch rund um die Uhr zu erreichen wäre, und verließ dann die Bar. Für ihn stand fest, dass die Absahner auch dieses Lokal aufs Korn genommen hatten. Aber er konnte nur helfen, wenn Maggie Taylor es wollte, ihm vollstes Vertrauen entgegenbrachte und ihm alles erzählte.

Bount überquerte die Straße und überlegte, welche Bar als nächstes an der Reihe war. Als er den Mercedes erreichte, bemerkte er Jimmy Taylor. Der Junge ging um das Fahrzeug herum, blieb auf der Beifahrerseite stehen und fragte: „Nehmen Sie mich ein Stück mit, Mister Reiniger? Ich lauf dann zurück.“

Bount ließ ihn einsteigen und fuhr los. Er hoffte, dass niemand den Jungen beobachtete, sonst konnte es ihm so ergehen wie Jay Pepper.

„Ma hat Angst, Mister Reiniger“, sagte Jimmy.

„Das ist mir nicht entgangen.“

„Deshalb hat sie geschwiegen. Aber ich fürchte diese Bastarde nicht. Ich rede.“ Jimmy erzählte grimmig vom Anruf der Verbrecher. „Wissen Sie, was ich vorhabe?“, sagte er anschließend. „Ich suche meinen Vater und hole ihn heim. Und dann werden wir diesen Banditen gemeinsam trotzen. Daddy ist hart im Nehmen. Der lässt sich von diesen dreckigen Ratten nicht unterkriegen.“

„Rufst du mich an, wenn sich die Gangster wieder melden, Jimmy?“

Der Junge nickte trotzig. „Klar, mach’ ich.“

„Dafür helfe ich dir, deinen Vater zu finden“, sagte Bount. „Denn eine Hand wäscht die andere.“



9

Nachdem Jimmy Taylor ausgestiegen war, suchte Bount Reiniger die nächste Bar auf. Er ackerte sich quer durch Manhattan, und manchmal konnte er die Angst der Barbesitzer direkt riechen, aber sie wagten nicht, mit ihm über ihre Schwierigkeiten zu reden.

Bei einigen hatte er den Verdacht, dass sie schon eine ganze Weile an die Schutzgeldgangster bezahlten, um von ihnen in Ruhe gelassen zu werden. Diesen Verdacht hatte er auch bei Arthur Douglas, doch kein Wort der Klage kam über dessen Lippen.

Aber Bount erkannte, dass er diesen Mann mit einem zweiten Besuch möglicherweise mürbe machen konnte. So beschloss er, in naher Zukunft noch einmal vorbeizukommen.

Nachdem er fünfundzwanzig Bars hinter sich und ebenso viele Juices im Bauch hatte, fuhr er nach Hause. Der Vitaminstoß, den er sich zugeführt hatte, würde wohl auch für das kommende Jahr reichen.

Hundemüde ging er zu Bett, und Alpträume quälten ihn. Er sah die penetrant grinsenden Visagen der Czukor-Zwillinge. Und er sah seinen Klienten Jay Pepper tot auf dem Teppich liegen.

Fünfundzwanzig Bars, und die Ausbeute war relativ gering. Bount erwachte am nächsten Morgen wie gerädert.

June Marchs Kaffee stellte ihn dann wieder einigermaßen auf die Beine. „Wenn du mich fragst“, sagte die blonde Assistentin, „du könntest heute nach dem Kaffee noch ein schönes großes Glas Orangenjuice vertragen.“

Bount stöhnte. „Alles, nur das nicht.“ Er erzählte seiner Mitarbeiterin, wie viel Juice er in der vergangenen Nacht getrunken hatte und bat sie, ihm lieber noch einen Kaffee zu kochen, der ruhig so dick sein könne, dass der Löffel darin steckenblieb.

Während sie diesen Auftrag lächelnd ausführte, informierte er sie über die Ereignisse, von denen sie nichts wusste.

„Was schätzt du, wie viele Barbesitzer derzeit Schutzgeld bezahlen?“, fragte June und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie trug ein rostrotes Strickkostüm mit weißer Rüschenbluse, in dem sie bezaubernd aussah.

„Etwa fünfzehn, und wir können damit rechnen, dass es mit jedem Tag mehr werden“, sagte Bount. Er erzählte ihr von Maggie und Jimmy Taylor. June kannte die beiden. Auch Mark Taylor war ihr nicht unbekannt. Als er seine Familie verließ, hatte das June sehr leid getan.

Vielleicht war die Midlife crisis daran schuld gewesen, dass Mark Taylor davongelaufen war.

Bount sagte: „Maggie und Jimmy brauchten ihn noch nie so sehr wie jetzt. Der Junge will versuchen, seinen Vater wiederzufinden und nach Hause zu holen, und ich habe ihm versprochen, ihm dabei zu helfen. – Du wirst das für mich in die Hand nehmen, okay?“

„Ja, Bount. Wo soll ich anfangen?“

„Ich wollte, ich wüsste es. Es wird nicht leicht sein, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden, aber du schaffst das schon. Schließlich bist du ja eine bestens geschulte Detektivin, die weiß, worauf’s ankommt.“

Während June sich in dieser Richtung nützlich machte, wollte Bount weiter versuchen, den Gangstern auf die Spur zu kommen. Bei der Gelegenheit beabsichtigte er auch, mit Arthur Douglas ein zweites, tiefschürfendes Gespräch zu führen, denn dieser Mann hatte nicht die Härte, zu schweigen. Er gehörte zu der Sorte, die man nur oft und intensiv genug bearbeiten musste, wenn man wollte, dass sie umfielen.



10

Ben Shaw wohnte in einer kleinen Mansardenwohnung im Norden von Manhattan. Im Sommer war es hier oben zum Ersticken heiß, im Winter zum Erfrieren kalt. Seit fünfzehn Jahren wohnte Shaw nun schon hier, und mindestens zweimal im Jahr schwor er sich, dass es das letzte Jahr war, das er hier verbrachte.

Er stand gegen zehn Uhr auf und war seine eigene Putzfrau. So, wie er saubermachte, konnten es neun von zehn Hausfrauen nicht. Gründlich und gewissenhaft wischte er Staub, als hätte sich allerhöchster Staatsbesuch angesagt.

Danach schrieb er seine Einkaufsliste und verließ die Wohnung. Sein alter Kleinwagen stand direkt vor dem Haus. Er setzte sich in das Fahrzeug und startete den Motor.

Bevor er losfuhr, warf er einen Blick in den Außenspiegel, dann gab er bedächtig Gas und schaltete hoch. Schon an der nächsten Ecke glaubte er, ihm würde ein Wagen folgen.

Natürlich konnte er sich irren, deshalb war er auch noch nicht unruhig. Er fuhr zur Hillside Avenue weiter und warf wieder einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Der schwarze Wagen rollte noch hinter ihm her. Shaw hielt an einem Kiosk und kaufte Zigaretten. Der schwarze Wagen blieb in einer Entfernung von ungefähr hundert Metern stehen.

Das gefiel Shaw nicht. Was wollten die Kerle von ihm? Trotz der spiegelnden Scheibe erkannte er, dass das Fahrzeug mit zwei Männern besetzt war. Handelte es sich um Gangster?

Ihn konnten sie nicht zur Kasse bitten. Ihm gehörte die Bar nicht, in der er arbeitete. Nervös stieg Ben Shaw wieder in seinen Kleinwagen und fuhr weiter.

Auch das schwarze Fahrzeug rollte wieder an. Ben Shaw wurde unruhig. Er war kein besonders routinierter Autofahrer, deshalb brauchte er gar nicht den Versuch zu unternehmen, die Verfolger abzuhängen. Das würde ihm kaum gelingen.

Was aber sollte er tun? Es wäre ein schwerer Fehler gewesen, die beiden Kerle einfach nicht mehr zu beachten. Sie führten etwas im Schilde, und Ben Shaw zerbrach sich den Kopf, wie er sich vor diesen Männern schützen konnte.

Zunächst ließ er sich im Verkehrsstrom treiben. Er fuhr an dem Supermarkt, den er eigentlich aufsuchen wollte, vorbei und hielt nach einem Cop Ausschau.

Auch ein Streifenwagen wäre ihm recht gewesen. „Aber wie stets, wenn man die Polizei braucht, ist sie nicht vorhanden“, brummte der Barkeeper verdrossen.

Ein grüner Ford Mustang fuhr hinter ihm. Aber schon dahinter fuhr jener schwarze Gangsterwagen. Beunruhigt nagte Ben Shaw an der Unterlippe. Er dachte an Bount Reiniger, der ihm bestimmt helfen würde.

Sofort beschloss Shaw, den Privatdetektiv anzurufen. Bount Reiniger würde ihm zunächst einen Rat geben und sich dann beeilen, um ihm aus der Klemme zu helfen.

Fragte sich nur noch, von wo aus er Bount Reiniger anrufen sollte. Rechts ragte die Marmorfassade eines Großkaufhauses auf. Shaw schaltete sofort. Das Kaufhaus besaß ein Parkhaus, das unmittelbar daran grenzte.

Shaw wusste, was er tun musste. Ohne Zeichen zu geben, bog er blitzartig rechts ab. Sein Kleinwagen flitzte auf den Schlagbaum zu. Shaw riss die Parkkarte aus dem Automaten und raste los, sobald sich die Sperre gehoben hatte.

Er erreichte die Auffahrtsspirale, als der Gangsterwagen sich aus dem Verkehrsstrom schälte. Ben Shaw drückte, ganz gegen seine Gewohnheit, fest aufs Gaspedal.

Sein Wagen schraubte sich die Spirale hoch. Erste Etage, zweite Etage, dritte Etage … Hier entdeckte Shaw eine Möglichkeit, sich zu verstecken. Er steuerte seinen kleinen Wagen zwischen zwei dicke Betonsäulen.

Lieferwagen verdeckten ihn. Shaw stieg hastig aus dem Auto. Seine Hände waren feucht. Er wischte sie am Jackett trocken, während er hörte, wie die Pneus des schwarzen Wagens in den engen Kurven jaulten.

Shaw entfernte sich von seinem Fahrzeug. Er sprang hinter einen schweren Kombi, und sein altes Herz hämmerte wild gegen die Rippen. Vorsichtig peilte er die Lage.

Der Verbrecherwagen tauchte auf. Der Fahrer stoppte. Der Beifahrer sprang heraus und blickte sich suchend um. Als er weder Shaw noch dessen Auto entdeckte, stieg er wieder ein, und sie fuhren zur nächsten Etage hinauf.

Shaw stieß die Luft geräuschvoll aus und trocknete seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn mit dem Jackettärmel. Verdammt und zugenäht, sie jagten ihn wie einen Hasen, ohne dass er wusste, weshalb.

Er kehrte nicht zu seinem Auto zurück, sondern folgte einem gelben Pfeil, der ihm den Weg ins Kaufhaus zeigte. Dort gab es Telefone, und von einem dieser Apparate aus würde er sich mit Bount Reiniger in Verbindung setzen.

Hoffentlich ist er in seinem Büro und nicht auf Achse, dachte Ben Shaw. Der automatische Anrufbeantworter hätte ihm keinen brauchbaren Tipp gegeben. Und bis Bount Reiniger das Band abhörte, konnte weiß Gott was passiert sein.

Shaw vernahm das Schrillen der Pneus. Die Gangster kamen zurück. Größte Eile war geboten. Der alte Keeper fing an zu laufen. Auf dem Beton glänzte ein schwarzer Ölfleck, auf dem Shaw beinahe ausgerutscht wäre.

Er fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, erlangte das Gleichgewicht wieder und lief geduckt an mehreren Fahrzeugen vorbei.

Der gelbe Pfeil wies auf eine offene Metalltür. Dahinter befand sich ein erhelltes Treppenhaus. Shaw scheute sich, vom düsteren Parkhaus in das helle Licht zu treten.

Der schwarze Wagen zwang ihn aber dazu. Ohne viel zu überlegen, lief er einige Stufen hinauf. Ein Materialaufzug. Eine Kettenabsperrung … Hier ging es nicht mehr weiter.

Shaw wurde bleich. Er schluckte trocken und drehte sich bebend um. Der schwarze Wagen blieb stehen. Wussten die Gangster, wo sie ihn finden würden? Oder stoppte das Fahrzeug nur zufällig fast direkt vor der Tür?

Ben Shaw büßte in diesen Minuten alle Sünden ab, die er je in seinem Leben begangen hatte. Er atmete heftig und hielt sich am Handlauf fest, während die Stimmen der Verbrecher an sein Ohr drangen.

Er hätte viel darum gegeben, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, sich in Sicherheit zu bringen. Zitternd setzte er seinen Fuß auf die oberste Stufe der Treppe. Es nützte alles nichts, er musste zurück. Hier ging es nicht weiter.

Der Materialaufzug war außer Betrieb. Es gab keine Tür, durch die er in das Kaufhaus hätte gelangen können. Man hätte besser daran getan, die Absperrung bereits weiter unten anzubringen, nicht erst hier.

Manche Menschen arbeiten völlig ohne Hirn, dachte Shaw wütend. Ihm konnte diese Gedankenlosigkeit jetzt unter Umständen zum Verhängnis werden. Zaghaft machte er den nächsten Schritt, immer darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen.

Er hörte das Klappen einer Autotür, und dann fuhr der Wagen weiter. Ben Shaw konnte es kaum glauben. War für ihn wirklich ein Wunder geschehen? Er wusste zwar nicht, was diese Verbrecher ihm antun wollten, aber dass sie nicht die Absicht gehabt hatten, mit ihm über den Verfall des Rohölpreises oder das Wetter zu reden, lag für ihn auf der Hand.

Als der Wagen losfuhr, fasste er neuen Mut. Die Verbrecher hatten die Suche aufgegeben. Er konnte zu seinem Auto zurückkehren.

Zehn Minuten, eine Viertelstunde würde er verstreichen lassen, um einigermaßen sicher sein zu können, dass die Verbrecher das Feld geräumt hatten. Den Anruf bei Bount Reiniger schenkte er sich.

Er hatte noch eine bessere Idee. Er würde Bount Reiniger in dessen Büro aufsuchen und ihn persönlich um Hilfe bitten. Erst dann würde ihm mit großem Gepolter der schwere Stein vom Herzen fallen, der ihn im Augenblick zu erdrücken drohte.

Misstrauisch näherte sich Ben Shaw der Tür, die ins Parkhaus führte. Er getraute sich nicht, zu glauben, dass die Gefahr vorüber war. Vor ihm lag eine dämmerige Etage, in der es nach Öl, Benzin und Abgasen roch.

Voller Argwohn trat der Barkeeper durch die Tür. Hass keimte in ihm. Hass auf Menschen, die sich nicht um die Gesetze kümmerten, die machten, was ihnen passte, die Leute terrorisierten, einschüchterten, verfolgten, wie Parasiten von ihrem Geld lebten, zu faul waren, um mit ehrlicher Arbeit ihr Geld zu verdienen.

Wieso nahmen sie sich das Recht, so zu leben? Warum waren die Behörden so machtlos gegen sie? Was war falsch an diesem Gesellschaftssystem, das zuließ, dass sich solche verbrecherischen Elemente dermaßen frei entfalten konnten?

Shaw schlich an der Wand entlang. Im Parkhaus herrschte vorübergehend Stille. Beinahe unheimlich war das. Als endlich wieder irgendwo ein Anlasser mahlte, war das für Shaw beinahe ein angenehmes Geräusch, das ihm das Gefühl des Verlorenseins nahm.

Innerlich völlig durcheinander erreichte er seinen Kleinwagen. Als er die Tür öffnen wollte, vernahm er hinter sich ein leises Geräusch. Er zuckte entsetzt herum, und nun erkannte er, dass er dem Frieden mit Recht nicht getraut hatte.

Er erinnerte sich, dass er nur eine Wagentür zuklappen gehört hatte, bevor der schwarze Wagen weiterfuhr. Beide Gangster waren ausgestiegen, nur einer hatte sich aber wieder in das Fahrzeug gesetzt.

Der andere war zurückgeblieben und hatte sich in dieser Etage auf die Lauer gelegt. Shaw starrte den Mann entgeistert an. Der Gangster hielt ein schlankes Stilett in der Hand.

„Warum?“, fragte Ben Shaw verdattert.

Der Killer sagte kein Wort. Er stach einfach zu.



11

Bount Reiniger hatte auch beim zweiten Mal kein Glück bei Arthur Douglas. Die Angst des Mannes verschloss ihm doch fester den Mund, als Bount Reiniger angenommen hatte.

Die Serie der Erfolglosigkeit setzte sich dann den ganzen Tag lang fort. Niemand konnte oder wollte mit Bount über die Schutzgeldgangster reden. June March erreichte ihn zweimal über das Autotelefon, und er erfuhr von ihr, dass sie zwar schon eine Menge unternommen hatte, im Grunde aber ebenso erfolglos geblieben war wie er.

Doch sie ließen sich beide nicht entmutigen. Während June weiter nach Mark Taylor suchte, begab sich Bount Reiniger zu einem Fotografen namens Jesse Crocker.

Der Mann zog von Bar zu Bar und fotografierte die Gäste. Er knipste immer, ohne zu fragen, damit die Leute nicht ihr Fotogesicht aufsetzen konnten, wodurch seine Aufnahmen natürlicher und origineller wurden.

Bount bog in die 148. Straße West ein. Es begann zu dämmern. Durch eine düstere Einfahrt gelangte Bount Reiniger in einen handtuchschmalen Hinterhof. Er stieg aus, die Mercedestür schwappte zu, und Bount ging auf eine braun lackierte Tür zu, die so stark verzogen war, dass man sie nicht mehr ganz schließen konnte.

Hinter der Tür begann ein finsterer Gang mit lockeren Terrazzoplatten. Sie klapperten bei jedem Schritt, den der Detektiv weiterging. Aber es drang auch noch ein anderes Geräusch an Bount Reinigers Ohr. Es hörte sich an, als würde jemand zu viel Kraft an einen Sandsack verschwenden.

Und zwischendurch war jedes mal ein „Uff!“ und „Ah!“ zu hören. Da trainierte niemand – da bezog jemand Dresche. Kaum war Bount Reiniger das klargeworden, da startete er auch schon.

Blech schepperte. Keramik zerschellte. Und dann hatte Bount Reiniger die Tür erreicht, hinter der es rund ging. Es war wohl kein Zufall, dass die Tür Jesse Crockers Namensschild trug.

Bount rammte mit der Schulter die Tür auf und übersah die Szene mit einem Blick. Crocker, der Fotograf, lag auf dem Boden, und zwei Typen, die für gewöhnlich im Fernsehen die Gangster spielten, wurden soeben ihrem Aussehen gerecht.

Crocker hatte einiges einzustecken, und es wäre noch dicker für ihn gekommen, wenn nicht Bount Reiniger eingegriffen hätte. Als die Tür gegen die Wand knallte, drehten sich die Schläger gleichzeitig um.

Bount fackelte nicht lange. Die Situation ließ keine falschen Schlüsse zu. Dies war Crockers Wohnung. Die Burschen hatten hier nichts zu suchen, und Jesse Crocker hatte den Streit garantiert nicht angefangen.

Im Nutzen von Vorteilen war Bount Reiniger große Klasse. Er münzte seinen überraschenden Auftritt in einen Schlaghagel um und gab damit zumindest einem der beiden Ganoven zurück, was er an Jesse Crocker ausgeteilt hatte.

Der Getroffene tänzelte mit grotesken Bewegungen durch die geräumige Wohnküche und wäre um ein Haar im Spülbecken gelandet.

Dann widmete sich Bount Reiniger dem zweiten Schläger. Er stampfte mit seinem Absatz auf dessen Schuh. Der Mann schrie auf, und Bount schloss ihm den Mund mit einem Aufwärtshaken.

Mit dem breiten Rücken donnerte der Bursche gegen den Besenschrank, und Schläger Nummer eins schleuderte mit Gewürzdosen nach dem Detektiv. Die ersten beiden gingen daneben, aber das Salz traf, und vor Bounts Augen brannte ein Feuerwerk ab.

Die Ganoven nutzten seine kurze Benommenheit, um schleunigst das Weite zu suchen. Als Bount wieder klar sah, war der Spuk vorbei, und Jesse Crocker lag inmitten von Geschirrscherben.

Bount massierte seine hämmernde Schläfe. Crocker war zwar nicht bewusstlos, aber auch nicht ganz bei Besinnung. Bount begab sich zum Spülbecken, drehte das kalte Wasser auf, hielt ein blau kariertes Geschirrtuch in den Strahl und klatschte dem Fotografen das Tuch dann aufs Gesicht.

Das weckte Crockers Lebensgeister. Er gab wieder einen Laut von sich. „Brrr!“, machte er. Eine Lippe war dick angeschwollen, und für Bount grenzte es an ein Wunder, dass der Mann noch alle Zähne im Mund hatte.

Das Wasser rann Crocker über das Kinn ins Hemd. Er wischte es nicht weg. Bount warf das Geschirrtuch beiseite und fragte: „Wissen Sie schon wieder, wie Sie heißen?“

„Ja“, murmelte der Fotograf. „Ich glaube, mein Name ist Jesse Crocker.“

„Gewonnen“, sagte Bount und streckte dem Mann die Hand entgegen.

Der Fotograf ergriff sie und stand auf. Er grinste schief. „Glück muss der Mensch haben, gescheit braucht er nicht zu sein. Sie hat mir der Himmel geschickt, Reiniger.“

„Freut mich, dass das Ihre Ansicht ist, Jesse.“ Bount wies mit dem Daumen über die Schulter. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Freunde von Ihnen waren.“

„Gott bewahre, solche Freunde wären mir zu anstrengend.“

„Warum haben die Knaben Sie verprügelt?“

„Sie kennen meine Methode, zu knipsen, ohne um Erlaubnis zu fragen.“

Bount nickte. „Ich dachte mir schon, dass das eines Tages ins Auge geht. Heute war’s wohl soweit.“

„Ich habe einen Kerl vor die Linse gekriegt, der nicht nur was auf dem Kerbholz hatte, sondern auch noch mit der Mieze seines Todfeindes poussierte.“

Bount grinste. „Wie Sie schon sagten: Glück muss der Mensch haben.“

„Der Bastard schickte mir diese Schläger ins Haus. Sie nahmen mir zuerst den Film weg und machten mir anschließend klar, dass ich nächstens lieber fragen solle, bevor ich auf den Auslöser drücke.“

„Ich könnte mir denken, dass Sie diesen Rat beherzigen werden.“

Jesse Crocker massierte sein Kinn. „Die Kerle sprachen eine deutliche Sprache. Wenn Sie nicht dazwischengefunkt hätten, wäre ich wohl im Krankenhaus zu mir gekommen.“

„Ich gebe Ihnen Gelegenheit, sich zu revanchieren, Jesse“, sagte Bount. Er sprach von den Schutzgebühren und wollte wissen, ob Crocker davon schon etwas läuten gehört hatte.

Der Fotograf schüttelte den Kopf. „Nein, das ist mir neu, aber wenn Sie wollen, höre ich mich gern für Sie um.“

„Ich will“, sagte Bount.

„Sobald ich etwas in Erfahrung gebracht habe, rufe ich Sie an.“

„Wunderbar.“

„Wissen Sie, wer alles erpresst wird?“, wollte der Fotograf wissen.

„Sicher weiß ich es nur bei Arthur Douglas und Maggie Taylor. Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, wo sich Mark Taylor herumtreibt?“

„Leider nein, aber auch danach werde ich fragen. Ich nehme an, es interessiert Sie nicht so sehr, wer die Erpressten sind, sondern mehr, wer die Erpresser sind.“

Bount nickte. „Und da die Erpresser auch schon einen Mord auf dem Gewissen haben, wäre mir sehr gedient, wenn ich diese Information bald bekäme.“



12

Natürlich suchte auch Jimmy Taylor überall in der Stadt seinen Vater. Er redete mit vielen Leuten.

Einige hatten Mark Taylor in guter Erinnerung, andere wollten an ihn nicht erinnert werden. Jimmy hatte es sich nicht so schwierig vorgestellt, den Vater wiederzufinden.

Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, wie groß New York und wie klein dagegen ein Mann ist. Aber er gab nicht auf. Er klapperte sämtliche Boxschulen ab, die er kannte, und er suchte sich weitere aus dem Adressbuch heraus.

Um 19 Uhr machte er Pause. Da war er mit seiner Freundin Hester in der 125. Straße Ost verabredet. Er wartete auf sie in einem Coffeeshop. Davon, dass Ben Shaw einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war, hatte er noch keine Ahnung.

Hester Collins, ein quirliges, achtzehnjähriges Mädchen mit tanzenden braunen Locken, betrat kurz nach 19 Uhr das Lokal. Sie trug einen dieser hochmodernen überlangen Pullover und die passenden Legwarmers dazu.

Jimmy hob die Hand. Hester erblickte ihn, setzte ein strahlendes Lächeln auf und begab sich zu ihm. Sie küsste ihn ungeniert und setzte sich. „Ich kann leider nicht lange bleiben“, sagte sie.

„Ich auch nicht“, sagte er.

Jimmy erzählte der Freundin von den Sorgen, die seine Mutter und er neuerdings hatten.

Hester blickte ihn erschrocken an. „Das ist ja schrecklich.“

Er setzte zu einem Lächeln an, das aber nicht zustande kam. „Wir werden das schon irgendwie schaffen. Ich bin auf der Suche nach meinem Vater. Sobald er bei uns ist, geht’s wieder aufwärts. Außerdem können wir mit der Hilfe des besten Privatdetektivs von New York rechnen. Bount Reiniger ist sein Name. Er ist ab und zu Gast bei uns. Ich bin überzeugt, dass es ihm gelingt, diesen Verbrechern das Handwerk zu legen. Reiniger hat bisher noch jeden erwischt.“

Jimmy legte seine Hand auf ihren Arm. „Hör zu, Hester, es ist wahrscheinlich besser, wenn wir uns für eine Weile nicht sehen.“

„Warum nicht?“

„Ich habe Angst um dich, und ich möchte dich in unsere Schwierigkeiten nicht hineinziehen, verstehst du?“

Hester schüttelte den Kopf. „Nein, Jimmy, das verstehe ich nicht. Wir gehören nicht nur zusammen, wenn die Sonne scheint.“

„Nett, dass du das sagst. Ich danke dir dafür. Aber wenn man eine Gefahr kennt, sollte man ihr aus dem Wege gehen, und genau das wirst du tun. Versprichst du mir das? Ich habe schon genug um die Ohren. Ich möchte mir nicht auch noch um dich Sorgen machen müssen. Vielleicht ist die Sache in ein paar Tagen ausgestanden, dann melde ich mich wieder bei dir. Bis dahin beschränken wir uns aufs Telefonieren, okay?“

Hester seufzte. „Okay, wenn du es wünschst.“ Sie blickte auf ihre Uhr und sagte, sie müsse gehen.

„Was hast du denn so Wichtiges zu tun?“, wollte er wissen.

„Du weißt doch, dass ich meine Finanzen mit Nachhilfeunterricht aufbessere“, sagte Hester Collins. „Da ist ein Junge aus der Nachbarschaft. Er hängt ziemlich in Mathematik und hat morgen eine schwierige Prüfung vor sich. Ich will versuchen, ihm zu helfen. Vielleicht geht ihm heute noch ein Licht auf. Wenn nicht, wird er die Klasse wohl oder übel wiederholen müssen.“

„Deswegen stürzt die Welt nicht ein.“

„Für ihn schon. Er ist sehr sensibel.“

Hester erhob sich. Sie bat Jimmy, seiner Mutter schöne Grüße von ihr zu bestellen und verließ den Coffeeshop. Er sah ihr nach, als sie an der großen Glasscheibe vorbeiging.

Sie winkte ihm noch einmal zu, überquerte die Straße, begab sich zur nächsten U-Bahn-Station und fuhr nach Hause. Das Gebäude, in dem sie wohnte, stand in Long Island City.

Es war ein schmales, hohes, altes Haus mit einem schäbigen offenen Lift, der bei jeder Fahrt furchtbar ächzte und in naher Zukunft wohl seinen Geist auf geben würde.

Hester benützte ihn nicht gern, da sie aber im neunten Stock wohnte und keine Lust hatte, Weltmeisterin im Treppensteigen zu werden, nahm sie doch immer wieder seine Dienste in Anspruch.

Im Flur war es dunkel. Die Lampe, die ihn normalerweise erhellte, war ausgefallen. Hester fand sich auch ohne Licht zurecht. Sie hätte den Fahrstuhl mit verbundenen Augen gefunden, wusste genau, wie viele Schritte sie machen musste, um ihn zu erreichen, und kannte jeden Mauervorsprung.

Beim Gitterkäfig angelangt, drückte sie auf den Rufknopf. Irgendwo hoch oben setzte sich der Aufzug ratternd und ächzend in Bewegung. Diese Geräusche überlagerten ein anderes, das hinter dem Mädchen entstand.

Hester Collins bemerkte nicht, wie sich aus dem dunkelgrauen Schatten einer Mauernische eine Gestalt löste und auf sie zu schlich. Ahnungslos stand sie vor der Aufzugtür und wartete auf die Kabine.

Die Gestalt bewegte sich vorsichtig auf sie zu, hob beide Hände. Einen Schritt war sie von Hester nur noch entfernt. Das Mädchen spürte plötzlich den heißen Atem eines Menschen über ihren Nacken streichen.

Ihr Herz übersprang einen Schlag. Sie wollte sich erschrocken umdrehen, aber da wurde sie hart gepackt und festgehalten. Eine Messerspitze drückte sich schmerzhaft in ihren Hals.

„Keinen Laut!“, knurrte der Mann hinter ihr.

Hester war steif wie ein Brett geworden. Auf ihrem blassen Gesicht spiegelte sich die Angst. Würde der Kerl zustoßen? Was hatte er im Sinn? Eine Vergewaltigung?

O Gott, nein, dachte Hester bestürzt. Lieber will ich sterben.

„Ganz still!“, sagte der Mann.

„Ja“, stammelte Hester. „Ja.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Was wollen Sie von mir?“

„Du bist doch Jimmy Taylors Freundin.“

„Ja.“

„Uns passt nicht, was der Junge tut. Wie wär’s, wenn du in unserem Sinn Einfluss auf ihn nehmen würdest?“

„Was soll ich ihm denn sagen?“

„Dass er den Dingen ihren Lauf lassen soll. Er kann ja doch nichts verhindern, handelt sich nur zusätzlichen Ärger ein, wenn er weitermacht. Ich glaube, er hängt sehr an dir. Wenn er uns ärgert, könntest du zu Schaden kommen. Wirst du ihm das bestellen?“

„Ja …“, keuchte Hester Collins.

Der Mann lachte. „Du bist ein kluges Mädchen. Wäre schön, wenn es dir gelänge, Jimmy zur Vernunft zu bringen. Schaffst du es nicht, könnte es passieren, dass ich mich noch einmal um dich kümmere. Dann kommst du aber nicht bloß mit dem Schrecken davon, das kannst du von mir schriftlich haben. Ist alles klar?“

„Ja …“, flüsterte Hester. Ihre Knie zitterten und waren weich wie Gummi. Wenn der Kerl sie doch nur endlich losgelassen hätte.

Der Fahrstuhl traf im Erdgeschoss ein. „Du steigst jetzt in den Lift, ohne dich umzudrehen“, sagte der Mann.

Hester wagte wegen des Messers, das an ihrer Kehle saß, nicht zu nicken. Sie hatte sich im Leben noch nie so sehr gefürchtet.

„Du fährst nach oben und rufst Jimmy an“, sagte der Verbrecher. „Wohlgemerkt: Jimmy! Nicht die Polizei! Solltest du die Bullen einschalten, bist du dran. Glaub nicht, dass wir das nicht bemerken würden. Vielleicht haben wir dein Telefon angezapft. Also sei vernünftig, dann wird dir nichts geschehen.“

Der Mann griff an Hester Collins vorbei und öffnete die Aufzugtür. Endlich nahm der Gangster das Messer fort. Das zitternde Mädchen atmete erleichtert auf.

Der Kerl versetzte ihr einen Stoß, der sie in die Liftkabine beförderte. Hinter ihr fiel die Tür zu. Ohne sich umzudrehen, suchte sie mit zitternder Hand die Etagenknöpfe.

Sie wusste nicht, ob sie auf den richtigen Knopf drückte, das war im Moment auch nicht so wichtig. Hauptsache, der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und brachte sie fort von hier.

Mit einem Ruck hob sich die Kabine. Hester blieb so stehen, wie sie stand. Nicht einmal im vierten Stock wagte sie sich umzudrehen. Jetzt begriff sie erst in vollem Umfang, in was für Schwierigkeiten Jimmy Taylor und seine Mutter steckten.

Der Auftritt dieses Verbrechers hatte ihr gezeigt, wie skrupellos diese Leute ihr Ziel verfolgten. Maggie Taylor schien letzten Endes keine andere Chance zu haben, als zu zahlen.



13

Von dem Mord an Ben Shaw erfuhr Bount Reiniger nach seiner Heimkehr. Die Nachricht befand sich auf Band. Gleich zweimal. Einmal übermittelte sie ihm Maggie Taylor, das zweite Mal Toby Rogers.

Für Bount Reiniger ergab dieser Mord keinen Sinn. Wem war damit gedient? Gehörte das zur Einschüchterungstaktik der Schutzgeldgangster? Oder war der alte Barkeeper zufällig irgendeinem Süchtigen in die Hände gefallen, der dringend Geld für den nächsten Schuss brauchte und im Parkhaus auf ein Opfer gewartet hatte?

Obwohl es so gewesen sein konnte, hatte Bount etwas gegen solche Zufälle. Er konnte sich deshalb mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Es passte ihm besser ins Bild, dass die Schutzgeldgangster hinter diesem sinnlos erscheinenden Mord standen.

Es würde sich schon noch herausstellen, was sie damit bezweckten. Diese Kerle taten keinen Schritt, den sie sich vorher nicht gründlich überlegten. Bount verließ sein Büroapartment wieder und begab sich zu Maggie und Jimmy Taylor.

Die Bar war so voll wie immer. Nur hinter dem Tresen vermisste Bount jemand: Ben Shaw, die gute, alte, treue Seele. Nie mehr würde Ben dort stehen, die Gäste bedienen und sich ihre Sorgen anhören.

Maggie Taylor nahm seinen Platz ein. Jimmy assistierte ihr. Beide arbeiteten mit ernsten Gesichtern und traurigem Blick. Bens Tod hatte sie so schwer getroffen, als hätten sie einen Angehörigen verloren.

Bount setzte sich auf einen Hocker. „Tut mir leid … das mit Ben.“

Maggie sah ihm verzweifelt in die Augen. „Er war ein herzensguter Mensch, von dem man alles haben konnte. Warum ihn, Mister Reiniger? Warum ihn?“

Bount hob die Schultern. „Ich weiß es noch nicht.“

„Captain Rogers glaubt, dass Ben das Opfer irgendeines Räubers wurde.“

„Haben Sie dem Captain von Ihren Schwierigkeiten erzählt?“

Maggie schüttelte den Kopf. „Ich hatte nicht den Mut. Vor diesem heimtückischen Mord war ich noch entschlossen, den Gangstern zu trotzen.“

„Und nun?“

Maggie seufzte schwer. „Ich glaube, nun bringe ich die Courage dazu nicht mehr auf.“

„Haben sich die Verbrecher mit Ihnen schon wieder in Verbindung gesetzt?“, fragte Bount.

„Nein.“

„Sie warten wohl erst ab, bis der Schock voll wirkt“, sagte Bount Reiniger. „Diese Kerle wissen, wie sie ihre Opfer mürbe machen müssen.“

Jimmy trat neben seine Mutter. „Haben Sie schon etwas wegen meines Vaters unternommen, Mister Reiniger?“

„Meine Assistentin war in dieser Angelegenheit heute den ganzen Tag unterwegs.“

„Ich auch“, sagte Jimmy Taylor. „Leider ohne Erfolg.“

„June March hatte auch kein Glück, aber sie wird weitersuchen.“

„Ma ist jetzt auch dafür, dass Dad zurückkommt“, sagte Jimmy.

„Ich glaube auch, dass Mark Taylor euch beiden den Halt geben könnte, den ihr jetzt braucht“, meinte Bount.

Jimmy Taylor wischte mit einem Tuch über den Tresen. Er stellte Bount einen Johnnie Walker hin, ohne zu fragen. Kummerfalten gruben sich in seine Stirn. Bount sah, wie der Junge nach Worten suchte.

Außer dem Tod des Barkeepers schien ihn noch etwas zu bedrücken. Bount blickte ihn abwartend an. „Mister Reiniger…“, begann Jimmy und knüllte das Tuch zusammen.

„Ja, Jimmy?“

„Da ist noch etwas, was Sie wissen müssen.“

„Heraus damit“, forderte Bount Reiniger den Jungen auf.

„Ich bin mit einem Mädchen befreundet. Hester Collins heißt sie … Diese Verbrecher haben sich auch an sie gewandt, um uns kleinzukriegen.“

„Was ist passiert?“, fragte Bount.

Jimmy Taylor erzählte es ihm mit abgehackten Worten. Zweifellos lag ihm sehr viel an Hester Collins, und das hatten die Verbrecher in Erfahrung gebracht. Nun übten sie über dieses Mädchen Druck auf Jimmy Taylor und dessen Mutter aus.

Denen war jedes Mittel recht. Bount hatte nichts anderes erwartet. Diese Kerle hatten ja nicht einmal davor zurückgeschreckt, Jay Pepper zu erschießen, weil er die Unverfrorenheit besaß, einen Privatdetektiv zu engagieren.

Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ging auch der Mord an Ben Shaw auf ihr Konto, wenn im Augenblick auch noch nicht erkennbar war, was diese Leute damit bezweckten.

Bount bat um Hesters Adresse. Jimmy Taylor schluckte. „Ich möchte nicht, dass Hester da hineingezogen wird, Mister Reiniger.“

„Sie ist bereits drinnen.“

„Was wollen Sie von ihr?“

„Mit ihr reden.“

„Sie kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich Ihnen gesagt habe.“

„Vielleicht ist ihr an dem Kerl, der sie bedrohte, irgend etwas aufgefallen.“

„Das hätte sie mir erzählt.“

„Sie kann es in der ersten Aufregung vergessen haben.“

„Gib Mister Reiniger Hesters Adresse, Jimmy“, sagte Maggie Taylor.

„Nein“, sagte der Junge aufgeregt. „Ich will nicht, dass ihr etwas zustößt.“

Da Jimmy nicht zu bewegen war, Hester Collins’ Adresse preiszugeben, nannte Maggie Taylor sie. Jimmy starrte seine Mutter entgeistert an. „Ma! Bist du dir darüber im Klaren, was du getan hast? Du bringst Hester damit möglicherweise in Lebensgefahr!“

„Ich werde mit ihr so Kontakt aufnehmen, dass keiner es merkt“, versprach Bount Reiniger.

„Und wenn die Gangster doch dahinterkommen? Dann ist Hester Collins tot!“, stieß Jimmy aufgeregt hervor. „Ma, wie konntest du nur …“ Er wandte sich um und entfernte sich.

Bount nickte. „Ich kann verstehen, wie ihm zumute ist.“

„Was soll ich tun, wenn sich die Gangster wieder bei mir melden, Mister Reiniger?“, fragte Maggie Taylor.

„Gehen Sie auf alle Forderungen ein – und informieren Sie mich umgehend“, antwortete Bount Reiniger. Er kippte den Drink und fasste in die Hosentasche, doch Maggie schüttelte den Kopf und meinte, der Whisky ginge auf ihre Rechnung.

Bount verließ die Bar. Mit Hester wollte er morgen früh reden, wenn sie zur Arbeit fuhr. Jimmy konnte sich bestimmt nicht mehr daran erinnern, dass er mit Bount schon einmal über seine Freundin gesprochen hatte. Bei der Gelegenheit hatte er auch erwähnt, wo sie arbeitete und dass sie immer mit der U-Bahn fuhr.

In diesem Rushhour-Gedränge würde es nicht auffallen, wenn Bount Reiniger zufällig neben dem Mädchen stand. Bount hoffte, dass Hester ihm einen wertvollen Hinweis auf den Täter geben konnte.

Sie hatte ihn zwar nicht gesehen, aber sie musste trotzdem wissen, ob der Mann groß, klein, schlank oder korpulent gewesen war. Außerdem hatte er mit ihr geredet. Vielleicht gab seine Stimme irgendwelche Aufschlüsse.

Bounts Mercedes parkte um die Ecke. Er hatte viel Mühe gehabt, sich in die kleine Parklücke zu zwängen, und es würde noch mal so viel Mühe kosten, da wieder herauszukommen.

Ein Wagen löste sich vom Fahrbahnrand. Bount sah ihn nicht. Er bog in die Querstraße ein, und das Fahrzeug folgte ihm ohne Beleuchtung.

Vielleicht besaß Bount Reiniger so etwas wie einen sechsten Sinn.

Vielleicht war es aber auch reiner Zufall, dass er sich gerade in diesem Moment umsah. Jedenfalls rettete ihm das das Leben. Das Seitenfenster war langsam heruntergekurbelt und eine Faust war zum Vorschein gekommen, die den Kolben einer Pistole umschloss.

Bount erblickte den klobigen Schalldämpfer vor der Waffe und reagierte ohne Schrecksekunde. Wie vom Blitz getroffen fiel er auf den Gehsteig. „Plop! Plop! Plop! Plop!“, ging es.

Rote Feuerzungen leckten aus der Mündung. Die Kugeln sirrten über Bount Reiniger hinweg und klatschten gegen die Hausmauer. Bounts Hand stieß ins Jackett. Er riss die Automatic aus dem Schulterholster.

Auf der Fahrbahn heulte der Motor auf, und das Auto raste mit zunehmender Geschwindigkeit davon, ohne dass Bount Gelegenheit gehabt hätte, einen Schuss abzugeben.

Er sprang auf, steckte die Pistole weg und rannte zu seinem Wagen. Sekunden später saß er im Mercedes und startete die Maschine. Und dann quälte er sich damit ab, aus der engen Parklücke zu kommen, ohne den vorderen und den hinteren Wagen zu beschädigen.

Als ihm das endlich gelungen war, konnte er die Gangster vergessen, denn jetzt waren sie nicht mehr einzuholen. Er brannte sich grimmig eine Pall Mall an und sah, wie seine Hand leicht zitterte.

Er war eben nicht abgebrüht genug, dass es ihm nichts ausmachte, wenn jemand versuchte, ihn umzulegen. Eigentlich war dieses Ereignis ja bereits überfällig gewesen.

Warum sollten die Gangster ausgerechnet ihn verschonen?



14

Am nächsten Morgen fuhr Bount Reiniger mit der U-Bahn. Eingezwängt zwischen zumeist übelgelaunte, unausgeschlafene Menschen. Er war von ernsten bis griesgrämigen Gesichtern umgeben. Den einzigen Lichtblick stellte Hester Collins dar.

Er hatte vor ihrem Haus auf sie gewartet und war ihr unbemerkt gefolgt, wobei er sich vergewisserte, dass sich außer ihm niemand sonst für das Mädchen interessierte.

Im Waggon drängte er sich an sie heran. Es ging nicht, ohne die Ellbogen zu Hilfe zu nehmen. Als sie die Station Lexington Avenue erreichten, zeigte Bount dem Mädchen seine Detektivlizenz.

Hester las seinen Namen und erinnerte sich daran, dass Jimmy ihn gestern erwähnt hatte. Angst schimmerte immer noch in ihren Augen, aber sie beantwortete Bount alle Fragen.

Natürlich hatte sie versucht, sich ein Bild von dem Mann zu machen, der sie bedroht hatte, und diese Vorstellung gab sie an Bount Reiniger weiter.

„Können Sie damit etwas anfangen?“, fragte sie.

„Im Moment nicht“, gab Bount zu. „Aber wenn ich diesem Mann gegenüberstehe, werde ich möglicherweise wissen, wen ich vor mir habe.“

„Wie geht es Jimmy und seiner Mutter?“

„Sie waren schon mal glücklicher.“

„Glauben Sie, dass Sie ihnen helfen können?“

„Ich arbeite daran“, sagte Bount. Er fuhr bis zum Union Square mit. Dort stieg er aus und legte den Rest des Weges nach Hause zu Fuß zurück.

June traf nach ihm im Büro ein. Sie musterte ihn verwundert. „Kamst du vor wenigen Minuten erst nach Hause?“

„Erraten.“

„Du warst doch nicht etwa die ganze Nacht unterwegs? Dafür machst du einen zu ausgeschlafenen Eindruck.“

„Du hast eine hervorragende Beobachtungsgabe.“ Bount sagte ihr, wo er gewesen war, und wie sich der Fall inzwischen weiterentwickelt hatte. Als sie hörte, dass man auf ihn geschossen hatte, schluckte sie und atmete erleichtert auf, als Bount ihr sagte, dass alle vier Kugeln ihn verfehlt hatten.

Die blonde Detektivin verließ eine halbe Stunde später die Detektei, um ihre Suche nach Mark Taylor fortzusetzen. Kurz nach ihr stieg Bount Reiniger in seinen Mercedes und fuhr los, um Arthur Douglas zum dritten Mal auf die Nerven zu gehen.

Der magere Mann mit den wulstigen Lippen erschrak, als er die Haustür öffnete und Bount erblickte. „Sie schon wieder“, stöhnte er.

Bount lächelte. „Haben Sie jemand anders erwartet, Mister Douglas?“ Das Toupet, das der Barbesitzer trug, war zwar gut und teuer, man erkannte aber trotzdem, dass die sprießende Haarpracht nicht echt war. „Waren Sie darauf eingerichtet, Besuch der Gangster zu erhalten, an die Sie so brav Ihr Geld abliefern?“

Douglas blickte nervös an Bount vorbei. „Hören Sie, warum lassen Sie mich nicht endlich in Ruhe, Mister Reiniger? Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich nicht erpresst werde!“

„Eine Lüge wird nicht dadurch zur Wahrheit, indem man sie so oft wie möglich wiederholt“, sagte Bount. „Darf ich reinkommen?“

„Nein.“

„Ist es Ihnen lieber, wenn jedermann mich hier draußen stehen sieht?“

„Ich möchte, dass Sie sich in Ihren Wagen setzen und verschwinden. Warum begreifen Sie nicht, dass ich mit Ihnen nichts zu tun. haben will?“

„Ich könnte Ihr Freund und Helfer sein.“

„Ich brauche keine Hilfe, und meine Freunde suche ich mir selbst aus!“

„Haben Sie heute schon einen Blick in den Spiegel geworfen, Mister Douglas? Sie sehen erbärmlich aus. Sie sind ein nervliches Wrack.“

„Daran tragen Sie ein gerüttelt Maß an Schuld!“

„Wollen Sie Ihr Schweigen nicht endlich brechen, Douglas?“

„Denken Sie, ich bin lebensmüde?“

„Aber wieso denn, wenn Sie doch gar nicht unter Druck gesetzt werden.“

Arthur Douglas senkte den Blick. „Ich bitte Sie inständig, gehen Sie, Reiniger.“

Bount merkte, dass er den Mann schon fast soweit hatte, deshalb sagte er: „Ich gehe erst, wenn wir uns ausführlich unterhalten haben.“ Er legte die Hand auf die Tür, drückte sie zur Seite, trat ein und schloss sie.

Douglas blickte ihm immer noch nicht in die Augen, als er sagte: „Das hätten Sie nicht tun dürfen, Mister Reiniger. Sie wissen nicht, in welche Gefahr Sie mich damit bringen.“

„Möchten Sie nicht, dass diese quälende Angst bald aufhört? Ich wette, Sie schlafen kaum noch. Helfen Sie mir, diesen Verbrechern das Handwerk zu legen. Sagen Sie mir alles, was Sie von diesen Leuten wissen. Wie lange werden Sie schon erpresst?“

„Einen Monat“, gestand Arthur Douglas mit kaum hörbarer Stimme. Bount atmete auf. Der Bann war gebrochen. Douglas begab sich mit ihm in den Livingroom. Sie setzten sich.

„Fünf Prozent vom Umsatz?“, fragte Bount.

„Ja.“

„Wie traten die Gangster mit Ihnen in Verbindung?“

„Zuerst riefen sie mich an. Ich hielt das Ganze für einen dummen Scherz, musste aber sehr bald erkennen, dass ich mich irrte. Ich wurde überfallen und zusammengeschlagen. Im Keller dieses Hauses brach ein Brand aus, den ich glücklicherweise rechtzeitig bemerkte und löschte. Sie setzten

mir mit Drohanrufen zu, und als man mir ankündigte, die Schläger würden wiederkommen, erklärte ich mich bereit, den Schutz dieser Gangster anzunehmen.“

„Wann bezahlen Sie?“ fragte Bount Reiniger.

„Einmal in der Woche.“

„Kontrolliert jemand Ihren Umsatz? Sie könnten theoretisch fünf Prozent von einer geringeren Summe abführen.“

„Das würde ich niemals wagen, und das wissen diese Bastarde verdammt genau.“

„Wie kriegen die Gangster das Geld?“

„Es kommt jemand in meine Bar.“

„Immer derselbe?“, fragte Bount.

„Nein, bisher war es jedes mal ein anderer.“

„Wie wissen Sie, dass Sie das Geld dem richtigen Mann aushändigen?“

„Man ruft mich kurz vorher an und nennt mir ein Losungswort. Der Mann, der das Losungswort in der Bar sagt, kriegt dann das Geld.“

„Haben Sie schon versucht, einem dieser Boten zu folgen?“

Arthur Douglas schüttelte den Kopf. „Um Himmels willen, nein. Die würden mich umlegen, wenn ich das täte.“

„Ich werde es für Sie tun“, sagte Bount. Douglas war darüber nicht sehr glücklich. Er gehörte zu denen, die lieber fünf Prozent weniger in der Tasche hatten, als ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Bount fragte ihn, wann die nächste Zahlung fällig sei.

„Heute Abend“, sagte Douglas.

„Großartig. Dann bin ich heute Abend Gast in Ihrer Bar – mit Ihrer geschätzten Erlaubnis.“

Douglas erhob sich. Er holte sich einen Drink und fragte Bount, ob er auch einen haben wolle. Bount Reiniger lehnte ab.

Nachdem er sich mit viel Whisky Mut gemacht hatte, sagte Arthur Douglas: „Ich glaube, jetzt will ich, dass damit endlich Schluss ist, Mister Reiniger. Ich sehe ein, dass es falsch war, zu schweigen. Wenn niemand die Courage aufbringt, sich gegen die Verbrecher zu stellen, geht das ewig so weiter.“

„Und sie würden mit der Zeit unverschämtere Forderungen stellen“, sagte Bount.

„Vielleicht schaffen Sie’s, diese Hundesöhne hochgehen zu lassen.“

„Ich werde mir die größte Mühe geben, das kann ich Ihnen versprechen, Mister Douglas. Wann soll ich in Ihrer Bar sein?“

„Um zwanzig Uhr.“

„Ich werde schon um neunzehn Uhr dreißig erscheinen, wenn’s recht ist.“



15

Punkt 19 Uhr 30 betrat Bount Reiniger die volle Bar. Arthur Douglas hatte einen Tisch für ihn reserviert. Bount setzte sich und sah sich den Betrieb in Ruhe an.

Die Attraktion dieses Lokals waren die hübschen Service-Girls, die zwischen den Tischen umherflitzten. Sie trugen hautenge Trikots, die vom Hals bis zu den Zehenspitzen reichten und ihre makellosen Körper wie eine zweite Haut umschlossen.

Das gefiel den zumeist männlichen Gästen sehr. Ein ungeschriebenes Gesetz in Douglas’ Bar lautete: Ansehen ist erlaubt, anfassen verboten! Und alle hielten sich daran.

Eines dieser bezaubernden Mädchen kam zu Bount und fragte ihn nach seinen Wünschen. Er verkniff es sich, zu sagen, was ihm angesichts dieser üppigen Formen auf der Zunge lag. Da er schon für ein Jahr voraus Orangenjuice konsumiert hatte, bestellte er diesmal Kräuterbier, und er bedauerte, dass ihm nicht das Mädchen, sondern Arthur Douglas das Getränk brachte.

„Haben sie schon angerufen?“, erkundigte sich Bount Reiniger.

Douglas schüttelte den Kopf. „Es wird aber bald geschehen.“ ,

„Kopf hoch“, sprach Bount dem vor Angst schwitzenden Mann Mut zu. „Wir kriegen die Brüder. Dann können Sie und etliche andere Barbesitzer aufatmen und endlich wieder ruhig schlafen.“

Douglas erweckte den Eindruck, als wäre er nicht mehr so ganz sicher, ob er richtig gehandelt hatte. Bount Reiniger war nur ein Mann. Und die anderen? Wie viele waren sie?

„Wir wollen hoffen, dass die Sache gut ausgeht“, sagte Douglas heiser, wandte sich um und zog sich zurück. Er hielt sich von nun an in der Nähe des Bartelefons auf, um den Anruf der Gangster sofort entgegennehmen zu können.

Der Betrieb lief zufriedenstellend. Eine zwölfköpfige Gruppe im Hintergrund des Lokals hatte irgendeinen Grund zum Feiern und leerte eine Flasche Champagner nach der anderen.

Der Klavierspieler, der allabendlich in Douglas’ Bar klimperte, sorgte für eine angenehme Atmosphäre. Er spielte mit geschlossenen Augen, phantasierte zwischen den einzelnen Nummern und verband sie auf eine großartig musikalische Weise.

Wenn ein Gast einen Liederwunsch hatte, brauchte er ihn dem Klavierspieler nur mitzuteilen, und ein Stück ging nahtlos in das andere über.

Arthur Douglas zog nervös an seiner Zigarette und legte sie auf den Rand des schweren Glasaschenbechers.

Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch, während neben ihm zwei flinke Keeper laufend dafür sorgten, dass die Gäste ihre Drinks so rasch wie möglich erhielten.

Douglas fixierte mit den Augen das graue Telefon. Verdammt, warum ließen sie sich diesmal mit dem Anruf so lange Zeit? Wussten sie von Bount Reinigers Anwesenheit?

Der Barbesitzer schluckte trocken. Konnte man diesen Verbrechern überhaupt etwas verheimlichen? Ihr Vorteil war es, dass niemand sie kannte. Theoretisch konnten sie täglich einen Beobachter hier sitzen haben.

Unwillkürlich sah sich Douglas die Gesichter der zahlreichen Gäste an. Die meisten waren ihm bekannt. Manche kamen öfter, manche weniger häufig. Es gab aber auch immer wieder neue Gesichter, die hier auftauchten.

Vor allem auf sie konzentrierte sich Arthur Douglas. Befand sich jemand unter den Fremden, der ihn beobachtete? Douglas fuhr sich mit dem Finger in den Hemdkragen, der von Minute zu Minute enger zu werden schien.

Warum läutete nicht endlich das Telefon? In Griffnähe lag das Geld für die Gangster bereit. Die Lade war abgesperrt, der Schlüssel befand sich in Douglas’ Tasche.

Alles war für die Übergabe vorbereitet. Es fehlte nur noch der Anruf. Douglas musterte wieder die fremden Gesichter. Keiner dieser Leute kümmerte sich um ihn.

Das Telefon schlug an. Arthur Douglas zuckte wie unter einem Stromstoß zusammen und griff blitzschnell nach dem Hörer. Er meldete sich mit der Telefonnummer der Bar.

Am anderen Ende der Leitung war jedoch keiner der Gangster, sondern Mrs. Rymbler, die ihren Mann sprechen wollte, der zu Douglas’ langjährigen Stammgästen zählte.

„Brett!“, rief Arthur Douglas. „Brett!“ Er winkte. „Deine Frau!“ Er hielt den Hörer hoch.

Brett Rymbler erhob sich. Fast zwei Meter war er groß, und er hatte so breite Schultern, dass ihm kein Anzug von der Stange passte. Douglas kannte auch seine Frau. Die beiden passten optisch überhaupt nicht zusammen. Nelly Rymbler war ein kleines, zartes Persönchen. Aber sie führten eine glückliche Ehe, soweit es Douglas bekannt war.

„Danke, Arthur“, sagte Rymbler und nahm Douglas den Hörer aus der Hand. Er hielt grinsend die Muschel zu. „Ist’n Kontrollanruf.“

Der Barbesitzer nickte. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

„Du sagst es.“ Rymbler nahm die Pranke von der Sprechmuschel und sagte freundlich: „Ja, Schätzchen?“ Douglas hoffte, dass Brett Rymbler nicht lange mit seiner Frau telefonierte, damit die Leitung bald wieder für die Gangster frei wurde. Nelly Rymbler hatte ihrem Mann zum Glück nicht viel zu sagen.

„Nein, ich trink’ nicht zu viel“, sagte Rymbler lächelnd. „Ja, ich fahre bald nach Hause. Bis später, Schätzchen.“ Er legte auf. „Vierzehn Jahre bin ich nun schon mit ihr verheiratet“, sagte er schmunzelnd, „und sie bemuttert mich immer noch wie am ersten Tag unserer Ehe.“

„Tu nicht so, als würde dir das nicht behagen“, sagte Douglas.

„Sie ist ein gutes Mädchen“, sagte Rymbler und nickte bestimmt. „O ja, das ist sie wirklich.“ Er begab sich wieder zu seinen Freunden.

Und das Telefon schlug abermals an. Jetzt, dachte Arthur Douglas. Jetzt! Er stand sofort unter Strom. Seine Finger schlossen sich um den Hörer, der noch warm von Brett Rymblers Hand war, und er meldete sich mit belegter Stimme.

Es war der Anruf, auf den er so nervös gewartet hatte. „Douglas?“, schnarrte eine unsympathische Stimme.

„Am Apparat“, beeilte sich der Barbesitzer zu sagen.

„Verdammt, wir haben Sie für etwas klüger gehalten!“

Douglas stöhnte auf, als hätte ihn ein schmerzhafter Faustschlag getroffen. „Ich … ich verstehe Sie nicht…stammelte er.

„Sie verstehen mich sehr gut, Douglas!“

„Das Losungswort! Sie haben doch angerufen, um mir das Losungswort zu sagen!“ Douglas’ Stimme klang weinerlich und flehend. „Bitte sagen Sie es mir!“

„Sie haben einen schweren, unverzeihlichen Fehler gemacht, Douglas!“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Ich rede von Bount Reiniger, Sie verdammter Narr!“, herrschte der Gangster ihn an. „Und das wissen Sie auch! Spielen Sie nicht den Ahnungslosen! Uns zu unterschätzen war das dümmste, was Sie tun konnten, Douglas! Das wird sich rächen!“ Es klickte in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt.

Arthur Douglas hatte das Gefühl, jemand wolle ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Er wankte, starrte den Hörer entgeistert an, presste ihn noch einmal ans Ohr und rief: „Hallo … Sie wollten mir doch das Losungswort …“

Kraftlos ließ er die Hand sinken. Der Hörer fiel auf den Apparat, und Douglas schleppte sich wie ein alter Mann, dessen Beine nicht mehr wollen, zu Bount Reiniger.

Er war kreidebleich. Bount wusste sofort, dass etwas schiefgelaufen war. Douglas ließ sich auf den gegenüberliegenden Stuhl fallen. Er vergrub sein Gesicht in den Händen.

„Mein Gott, jetzt ist alles aus. Sie haben angerufen, Mister Reiniger. Sie wissen alles. Der Mann nannte mir das Losungswort nicht. Es wird niemand kommen, um das Geld abzuholen. Warum habe ich mich darauf eingelassen, Ihnen zu helfen? Man wird mich umbringen.“

Bount wollte wissen, was der Anrufer gesagt hatte. Douglas berichtete es ihm fast wörtlich. Bount Reiniger nahm an, dass die Gangster auf Douglas’ Geld nicht verzichten würden.

Möglicherweise war der Anruf als Schreckschuss gedacht gewesen. Es war durchaus drin, dass sich die Verbrecher das Geld – vielleicht mit einem saftigen Aufschlag – zu einem späteren Zeitpunkt holten.

Er machte den Barbesitzer mit diesen Überlegungen vertraut. „Ein zweites Mal kriegen Sie mich nicht herum, Reiniger“, sagte Douglas mit zitternder Stimme. „Ich werde jeden Betrag zahlen, den diese Leute verlangen. Wenn Sie sie kriegen wollen, müssen Sie sich an jemand anders wenden. Mich können Sie vergessen. Ich tu’ Ihnen keinen Gefallen mehr.“

Bount nahm dem Mann diese Reaktion nicht übel. Er konnte Douglas verstehen. Das Leben des Barbesitzers hing im Augenblick an einem seidenen Faden. Bount wollte es mit seiner Anwesenheit nicht noch mehr gefährden, deshalb ging er und legte sich in der Nähe auf die Lauer, um nötigenfalls eingreifen zu können, wenn es Douglas an den Kragen gehen sollte.

Doch es passierte nichts. Arthur Douglas blieb am Leben, und das war der erfreulichste Aspekt an der ganzen leidigen Sache.



16

Tags darauf gab es einen weiteren Lichtblick: June March fand heraus, dass Mark Taylor bei einem windigen Box-Manager namens Martin Jackson unter Vertrag stand.

Sie versuchte zweimal, Jackson in dessen Büro aufzusuchen, hatte aber in beiden Fällen kein Glück. Zu Mittag aß sie mit Bount Reiniger in einem spanischen Restaurant in der 34. Straße.

Die beiden hatten einander viel zu berichten, und in June March reifte ein gefährlicher Plan. Wenn sie Bount gegenüber davon auch nur ein einziges Wort hätte verlauten lassen, hätte er sie im Büro mit Handschellen an ihren Schreibtisch gefesselt, deshalb schwieg sie.

Aber sie nahm sich vor, ohne Bounts Wissen ein Auge auf Arthur Douglas zu haben. Ihr Ehrgeiz war erwacht. Bount war es nicht gelungen, den Gangstern auf die Schliche zu kommen. Es würde großartig sein, wenn sie Erfolg hätte.

Vielleicht holten sich die Verbrecher das Geld doch heute. June beschloss, sich in Douglas’ Bar als Service-Girl nützlich zu machen. Da sie dem Barbesitzer unmöglich reinen Wein einschenken konnte, würde sie sich an eines der Mädchen wenden und die Bitte äußern, es vertreten zu dürfen. Wenn sie mit ein bisschen Geld nachhalf, würde sich das schon irgendwie arrangieren lassen.

Namen und Adresse eines der Mädchen herauszufinden, würde nicht schwierig sein, und die Nacht würde dem Service-Girl June March gehören.

„Schade, dass Douglas nichts mehr von einer Zusammenarbeit wissen will“, sagte Bount Reiniger bedauernd.

„Ist verständlich“, bemerkte June und zerteilte ihre köstliche Paella, während ihre Gedanken der Zeit weit vorauseilten. Sie sah sich schon in Douglas’ Bar, in einem hautengen Trikot … und später auf den Fersen eines Boten.

Nach dem Essen setzte Bount Reiniger seine Mitarbeiterin in der 7 th Avenue ab. Er nahm an, dass sie den Rest des Tages im Büro verbringen würde, doch weit gefehlt.

June March führte einige Telefonate, und als sie wusste, was sie wissen wollte, verließ sie die Detektei, um eines von Douglas’ Service-Girls aufzusuchen.

Mittlerweile begab sich Bount Reiniger zu Maggie und Jimmy Taylor. Maggie erzählte ihm, dass die Gangster sie wieder angerufen hatten.

„Und?“, fragte Bount.

„Ich habe Ihren Rat befolgt und mich den Forderungen nicht widersetzt.“

„Wann wird zum ersten Mal kassiert?“

„Ende nächster Woche. Es wäre zu schön, wenn ich nie bezahlen müsste“, sagte Maggie Taylor seufzend.

„Die Zeit arbeitet für uns“, sagte Bount. Er blickte Jimmy an. „Ich habe mit Hester gesprochen. Niemand hat’s bemerkt.“

„Ich weiß. Danke, Mister Reiniger.“ Bount lächelte. „Ich weiß noch etwas, nämlich, wer Mark Taylor unter Vertrag hat.“

Jimmys Augen strahlten. „Sie haben Dad gefunden?“

„Noch nicht ganz“, erwiderte Bount Reiniger. „Aber wer Martin Jackson gefunden hat, der müsste theoretisch auch Mark Taylor gefunden haben.“

„Ich suche Jackson auf. Geben Sie mir seine Adresse, Mister Reiniger.“

Bount nannte die Anschrift. „Soll ich dich begleiten?“

„Das ist nicht nötig. Jackson wird mir sagen, wo ich Dad finde. Ich werde ihn bitten, nach Hause zu kommen.“

Bount sah Maggie Taylor an. „Ich nehme an, das ist auch in Ihrem Sinn.“

Maggie nickte. „Ja, Mister Reiniger. Es ist jetzt nicht die Zeit für dummen Stolz. Ich wäre froh, wenn Mark wieder bei uns wäre.“

„Gemeinsam sind wir stark, Ma“, sagte Jimmy Taylor mit geröteten Wangen. „Dann brauchen wir vor diesen Bastarden keine Angst mehr zu haben, du wirst sehen! Wir werden wieder eine glückliche Familie sein. – Ich muss gehen! Ich muss Daddy holen!“

Der Junge stürmte davon. Die Bar hatte zwar schon auf, aber es war noch nicht viel Betrieb. Maggie sagte, sie erwarte einen neuen Keeper. „Wir müssen einfach einen neuen Mann einstellen“, sagte sie. „Jimmy und ich schaffen’s nicht allein.“

Der Mann, den Maggie erwartete, hieß Lewis Greene. Er sah gut aus und machte einen sympathischen Eindruck auf Bount und die Barbesitzerin. Auch seine Referenzen waren gut. Mit seiner freundlichen Art fiel es ihm nicht schwer, rasch Kontakt zu seinen Mitmenschen zu bekommen.

Er hatte seine vorherige Stellung nicht aufgegeben. Man hatte ihm gekündigt, weil das Lokal geschlossen wurde. Maggie fragte ihn nach seinen Gehaltsvorstellungen. Er nannte sie, und sie waren nicht übermäßig, sondern hielten sich im üblichen Rahmen. Ben Shaw hatte sogar etwas mehr verdient.

Auf die Frage, wann er mit der Arbeit beginnen könne, sagte er: „Wenn Sie wollen, sofort.“

Maggie zeigte ihm, wo er sich umziehen konnte, und wenig später nahm Lewis Greene Ben Shaws Platz ein.

„Sind Sie ein Stammgast, Mister Reiniger?“, erkundigte er sich, nachdem er sich kurz mit seinem neuen Arbeitsplatz vertraut gemacht hatte.

„Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege, einer zu werden“, antwortete Bount. „Wissen Sie schon, wo der Johnnie Walker steht?“

„Aber sicher.“

„Dann geben Sie mir einen.“

Greene bediente ihn mit flinken, fließenden Bewegungen. Es war ein Vergnügen, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Die Handgriffe schienen nach einer unhörbaren Melodie abzulaufen.

„Ist Ihnen bekannt, was Ihrem Vorgänger zustieß?“, fragte Bount, als Maggie sich entfernte, um einen Gast zu begrüßen.

Greene zog die Augenbrauen zusammen und nickte. „Böse Geschichte. Manchmal frage ich mich, wo man in dieser Stadt noch sicher ist.“

„Eine berechtigte Frage“, sagte Bount, und er fand, dass der neue Keeper ein Gewinn für Maggie Taylors Bar war.



17

Jimmy Taylor war aufgeregt wie ein kleiner Junge vor seinem ersten Schultag. Er hatte sehr darunter gelitten, dass sein Vater vor einem Jahr einfach fortgegangen war.

Er hatte versucht, es irgendwie zu verdrängen, doch so ganz war ihm das nicht gelungen, das merkte er jetzt, wo er wusste, dass er den Vater bald wiedersehen würde.

Er versuchte, sich irgendwelche Worte zurechtzulegen. Was sollte er seinem Vater sagen, wenn er ihm gegenüberstand? Einfach: Hi, Dad, schön, dich gefunden zu haben?

Auf keinen Fall wollte er ihm einen Vorwurf machen. Dad hatte wohl seine Gründe gehabt, die Familie zu verlassen. Wenn Jimmy es auch nicht verstehen konnte, so sagte er sich doch, dass er nicht das Recht hatte, zu kritisieren.

Die Straße, in der Martin Jackson sein Büro hatte, war schmal und dreckig. Papierfetzen wirbelten, vom Wind getrieben, durch die Gosse. Jimmy sagte sich: Dad geht es nicht gut. Wer weiß, wie oft er schon daran gedacht hatte, wieder nach Hause zu kommen.

Jimmy wollte es seinem Vater leicht machen, den Weg zurück zu gehen. Alle wollten es. Warum zum Teufel sollte es nicht dazu kommen? Der Junge blieb vor einem schäbigen Haus stehen, das wohl nicht mehr allzu lange auf die Abbruchkugel zu warten brauchte.

Der Verputz war an manchen Stellen bis auf die Ziegel abgebrochen. Menschen – soziale Notfälle – bevölkerten die Wohnungen im Erdgeschoss. Ein Mann brüllte mit seiner Frau. Die Frau schimpfte so lange zurück, bis ihr Mann sie schlug. Dann kreischte sie und warf mit dem Geschirr um sich.

Jimmy Taylor betrat das Haus. Er erreichte das dämmerige Treppenhaus. Eine klapperdürre, betrunkene Frau wankte ihm entgegen. Mit ihrem Atem konnte man Ungeziefer vernichten.

„Hast du ’nen Dollar für mich, Junge?“, fragte sie mit einer unangenehm kratzenden Stimme.

Jimmy gab ihr den Geldschein. „Zu Martin Jackson, bin ich hier richtig?“

„Was willst du denn von diesem Aasgeier?“

„In welchem Stock finde ich ihn?“

„Im zweiten, aber ich würde an deiner Stelle nicht hinaufgehen. Ein Junge wie du sollte seine Seele nicht dem Teufel verkaufen.“ Die Betrunkene knüllte den Dollar zusammen, hielt die Banknote in der Faust und wankte an Jimmy vorbei.

Jimmy blickte ihr nachdenklich nach. Hatte sein Vater seine Seele dem Teufel verkauft? So etwas hätte er doch nicht nötig gehabt. Der Junge lief die Treppen hoch.

Im zweiten Stock prangte ein riesiges Messingschild unübersehbar an einer Tür. Über dem Klingelknopf befand sich ein zweites Schild. BITTE LÄUTEN, stand darauf.

Jimmy tat es. Schlurfende Schritte näherten sich der Tür. Eine schlampige Frau öffnete im fadenscheinigen Schlafrock, der vor ihrer knöchernen Brust aufklaffte. In ihrem Mundwinkel hing eine Zigarette.

„Ja?“

„Ich möchte zu Mister Martin Jackson.“

Die Frau zuckte mit den Schultern, als wäre ihr das völlig egal, gab die Tür frei und ließ Jimmy eintreten. Sie sagte ihm, in welchem Zimmer er Jackson finden würde und zog sich in einen anderen Raum zurück.

Jimmy fragte sich, wie sein Vater so tief absacken konnte. Er klopfte an die Tür, auf die die Frau gewiesen hatte. Jackson meldete sich mit einem deutlichen „Herein!“, und Jimmy betrat einen kleinen Raum, der als Büro eingerichtet war.

An den Wänden hingen Plakate von Boxveranstaltungen. Klangvolle Namen standen darauf. Männer mit entschlossenen Gesichtern und erhobenen Fäusten blickten dem Betrachter finster ins Auge.

Da nicht genug Regale vorhanden waren, lagen dicke Papierpakete auf dem Boden. Hinter dem Schreibtisch, der den Raum beinahe völlig ausfüllte, saß ein kleiner feister Mann.

Er nebelte sich mit einer Zigarre ein. „Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Taylor. Jimmy Taylor. Man hat mir gesagt, Sie hätten Mark Taylor, meinen Vater, unter Vertrag.“

Jackson musterte den Jungen. „Das ist richtig. Möchtest du auch ins Boxgeschäft einsteigen?“

„Nein, Mister Jackson. Ich möchte von Ihnen lediglich wissen, wo sich mein Vater zur Zeit befindet.“

„Wozu?“, fragte der Manager misstrauisch. „Dein Vater hat viel zu tun.“

„Wo finde ich ihn?“

Martin Jackson nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete angelegentlich die Glut. „Ich kenne Mark Taylors Geschichte. Er hat sie mir erzählt. Er hielt es zu Hause nicht mehr aus, wollte wieder Ringluft schnuppern. Natürlich reicht’s bei seinem Alter nicht mehr zum großen Champion, aber er trägt das Seine dazu bei, andere groß zu machen, verstehst du? Das befriedigt ihn. Ich weiß nicht, ob er dich sehen will, Junge. Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. Darf ich sie ohne sein Einverständnis wieder aufbauen? Mark Taylor ist für mich sehr wertvoll. Ich möchte ihn nicht verärgern.“

Jimmy Taylor wurde wütend. Er griff über den Tisch und krallte seine Hände in Jacksons Jackett. „Wo ist mein Vater?“, schrie er den feisten Manager an. „Ich muss ihn sehen! Ich kann mir vorstellen, dass er für Sie sehr wertvoll ist. Sie verheizen ihn, solange er noch allein in einen Ring steigen kann. Er lässt sich Tag für Tag für Sie zusammenschlagen, und Sie kassieren dafür Ihre fette Provision.“

„Daran ist nichts Ungesetzliches. Dein Vater verdient dabei schließlich auch etwas. Er bestreitet diese Trainingskämpfe freiwillig.“

„Weil seine Unterschrift unter einem schmutzigen Vertrag steht, dessen Kleingedrucktes er wahrscheinlich nicht gelesen hat.“

„Was geht mich das an?“

„Mann, ich schlage Sie zusammen, wenn Sie mir nicht auf der Stelle sagen, wo ich meinen Vater finde!“, schrie Jimmy Taylor und schüttelte den Manager.

Die Wut in seinen Augen machte Jackson Angst. Er war ein listiger, schleimiger Kriecher, der Schmerzen nicht ertragen konnte, und er sah Jimmy an, dass dieser ihm die versprochenen Prügel tatsächlich geben würde, deshalb nannte er rasch die Adresse der Boxschule, in der Mark Taylor zur Zeit arbeitete.

Jimmy stieß den Mann in den Schreibtischsessel zurück. „Ich begreife nicht, wie sich mein Vater mit einem solchen Widerling zusammentun konnte“, sagte er verächtlich.

„Er brauchte Geld, und ich bot ihm die Gelegenheit, sich welches zu verdienen. So ist das nun mal. Wir müssen alle leben.“

„Das ist richtig, aber man sollte es nicht auf Kosten anderer tun“, sagte Jimmy und wandte sich um.

„Hast du vor, deinen Vater zurückzuholen?“, fragte Jackson.

Jimmy starrte ihn aggressiv an. „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!“

„Ich mache dich darauf aufmerksam, dass dein Vater bei mir einen Vertrag unterschrieben hat, aus dem ich ihn nicht rauslasse.“

„Weil Sie auf das Geld nicht verzichten wollen, das dadurch hereinkommt.“

„Verträge werden geschlossen, damit sich beide Partner an die Vereinbarungen halten!“

„Wir werden die Geldstrafe aufbringen“, erwiderte Jimmy Taylor und stürmte aus dem Raum. Sein Zorn ebbte auf der Straße allmählich ab. Die Boxschule, in der er seinen Vater finden würde, befand sich nur drei Straßen von Jacksons Büro entfernt.

Der Eingang war klein und düster. An zwei offenen Holzflügeltüren hingen ebenfalls Boxveranstaltungsplakate. Eine steile Treppe führte in den feuchten Keller.

Der Geruch nach säuerlichem Schweiß stieg Jimmy in die Nase. Das hier war keine Boxschule, sondern ein Rattenloch. Jimmy konnte sich nicht vorstellen, dass sich sein Vater hier wirklich wohlfühlte.

Er gelangte in einen großen Saal, in dem ehrgeizige junge Leute, die glaubten, ein Talent zum Boxen zu haben, ein stupides Trainingsprogramm abspulten.

Von den meisten würde man nie etwas hören. Einige würden es vielleicht mal zu irgendeinem Rahmenkampf bringen, aber bestimmt nicht weiter. Im Hintergrund des Saals befand sich ein hell ausgeleuchteter Ring, in dem geboxt wurde.

Als Jimmy Taylor seinen Vater wiedersah, gab es ihm einen Stich. Schweißnass war Mark Taylors Rücken. Er kämpfte ohne Kopfschutz gegen einen Mann, der halb so alt war wie er.

Jimmy sah blaue Flecken am Körper seines Vaters, die von anderen Kämpfen herrührten. Martin Jackson schien ihm keine Pause zu gönnen, in der er sich erholen konnte.

Mark Taylors Gegner wurde von seinen Freunden angefeuert. Er hatte die größere Reichweite und den härteren Punch und dominierte den für den Boxsport schon zu alten Mann in jeder Situation.

Mark Taylor kämpfte beherzt und mutig, doch er hatte keine Chance gegen den jungen Fighter, der sich einen Spaß daraus machte, seinen Gegner in Grund und Boden zu boxen.

Ein Niederschlag folgte dem anderen – in immer kürzeren Abständen. Der zähe Mark Taylor kämpfte sich immer wieder auf die Beine. Anscheinend nur deshalb, damit ihn der andere wieder knallhart und mitleidlos auf die Matte schicken konnte.

Irgendwann war’s dann genug. Mark Taylor schaffte es trotz hilflosen Bemühens nicht mehr, hochzukommen. Er blieb liegen. Sein Gegner verließ grinsend den Ring. Um Mark Taylor kümmerte sich niemand.

Jimmy krampfte es das Herz zusammen, als er seinen Vater so erledigt und verlassen im Seilgeviert liegen sah. Er hatte schon lange nicht mehr geweint, aber jetzt füllten sich seine Augen mit Tränen.

„Daddy“, flüsterte er und begab sich zaghaft zum Ring. „Mein Gott, Daddy, warum erniedrigst du dich so? Das hast du doch nicht nötig.“

Er stieg in das Seilgeviert. Niemand scherte sich um ihn. Er sank neben seinem zusammengeschlagenen Vater ergriffen auf die Knie, wollte ihn anfassen, wagte es aber nicht, weil er befürchtete, ihm wehzutun.

„Daddy“, flüsterte er wieder.

Da ging durch Mark Taylors Körper plötzlich ein Ruck. Seine Reflexe funktionierten wieder. Er hob sein mit Schwellungen übersätes Gesicht.

Jimmy erkannte ihn kaum wieder. „Jimmy, mein Junge“, sagte der Mann ungläubig.

Etwas schnürte Jimmy die Kehle zu. Er nickte stumm, während ihm Tränen über die Wangen rannen.

„Jimmy!“

„Ja, Daddy, ich bin’s. Und ich bin glücklich, dich wiedergefunden zu haben.“



18

Bount Reiniger versuchte sich in die Lage der Schutzgeldgangster zu versetzen. Arthur Douglas’ Geld lag für sie nach wie vor bereit. Würden sie darauf verzichten und den Barbesitzer auf eine ähnliche Weise bestrafen wie Jay Pepper?

So oder so würden die Verbrecher bei Douglas aufkreuzen. Entweder, um doch noch zu kassieren, oder mit der ihnen eigenen Härte zuzuschlagen. Da Bount Reiniger dabei sein wollte, wenn das eine oder das andere passierte, bezog er in der Nähe von Douglas’ Bar erneut Posten.

Er saß im Mercedes und rauchte eine Pall Mall, während er sich die Leute genau ansah, die Douglas’ Bar betraten oder verließen. Er hoffte, irgendwann ein bekanntes einschlägiges Gesicht zu entdecken, doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Sein Blick wanderte gelangweilt die Straße hinauf, und plötzlich ging ein Stromstoß durch seinen Körper. Er hatte sich ohne besondere Absicht die Autos angesehen, die am Fahrbahnrand abgestellt waren, und dabei war ihm ein Wagen aufgefallen, den er gut kannte.

June Marchs VW-Käfer!

Bount traute seinen Augen nicht. Er glaubte zuerst an einen Irrtum, aber dann identifizierte er an Hand der Extras das Fahrzeug zweifelsfrei als Junes Auto.

Das Mädchen musste sich in Douglas’ Bar befinden. Herrgott noch mal, dazu hatte sie keinen Auftrag. Bount schätzte so viel Selbständigkeit nicht, denn June konnte sich damit sehr leicht in Schwierigkeiten bringen.

Es ärgerte ihn, dass sie ihm davon nichts gesagt hatte. Diese Eigenmächtigkeiten konnten ihr noch einmal zum Verhängnis werden. Bount nahm sich vor, seiner tatendurstigen Mitarbeiterin gehörig die Leviten zu lesen.

Es ging nicht an, dass sie etwas unternahm, wovon er keine Ahnung hatte, und es missfiel ihm ganz besonders, wenn sie sich zu weit an die vorderste Front vorwagte. Schließlich wollte er sie noch recht lange behalten.

Bount drückte die Zigarette in den Aschenbecher und brummte: „Na, du kannst dir was anhören, Mädchen!“ Er wollte aussteigen und Douglas’ Bar aufsuchen. Da schnarrte das Autotelefon. Er zog seine Hand vom Türöffner zurück und griff nach dem Hörer.

„Reiniger.“

Am anderen Ende war Maggie Taylor. Sie sagte, sie habe ohne Erfolg versucht, ihn in seinem Büro zu erreichen. Ihre Stimme klang fremd. Maggie war völlig konfus, und Bount erfuhr auch den Grund.

„Jimmy hat Mark wiedergefunden, Mister Reiniger.“

„Das ist ja wunderbar.“

„Der Junge brachte seinen Vater wieder heim.“

„Dann ist die Familie endlich wieder vereint.“

„Leider nicht, Mister Reiniger.“ Die Frau schluchzte.

„Was ist geschehen, Mistress Taylor?“, fragte Bount Reiniger beunruhigt.

„Sie … sie haben Jimmy entführt.“

Bount rieselte es eiskalt über den Rücken. „Wann?“, fragte er wie aus der Pistole geschossen.

„Vor fünfzehn Minuten etwa. Mark und ich bekamen es nicht mit. Jimmy war mit Mister Greene, unserem neuen Keeper, im Lager. Dort wurden die beiden überfallen. Die Gangster haben Greene niedergeschlagen und Jimmy mitgenommen.“

Bount biss sich auf die Lippe. Diese verfluchten Gangster zogen alle Register, um Maggie Taylor so fest wie möglich in den Griff zu bekommen. Bount nahm an, dass dies die Reaktion der Verbrecher auf Mark Taylors Heimkehr war, aber er irrte sich.

Jimmy Taylor war nicht gekidnappt worden, damit Maggie und Mark Taylor gefügig waren, denn Maggie hatte sich ohnedies schon mit den Bedingungen der Schutzgeldgangster einverstanden erklärt.

Der Verbrecherbrut ging es um etwas anderes bei diesem gemeinen Schachzug. „Sie haben uns angerufen“, berichtete Maggie Taylor heiser.

„Was verlangen sie für Jimmys Freilassung?“, wollte Bount Reiniger wissen.

Maggies Antwort brachte sein Blut zum Kochen. „Sie!“, sagte die Frau.

„Mich?“

„Ja, Mister Reiniger. Die Gangster wollen Sie. Diese Leute haben gedroht, Jimmy umzubringen, wenn Sie ihre Bedingungen nicht akzeptieren. Mister Reiniger, ich bin so furchtbar unglücklich. Als Mark zur Tür hereinkam, dachte ich, nun würde es mit uns endlich wieder aufwärts gehen, und nun trifft mich dieser harte Schlag. Was soll nur geschehen?“

„Versuchen Sie sich zu beruhigen, Maggie“, sagte Bount eindringlich.

„Man hat mir meinen Jungen weggenommen!“ Die Frau schluchzte. „Nichts Schlimmeres kann einer Mutter passieren.“

„Was verlangen die Gangster?“, fragte Bount.

„Sie sollen allein und unbewaffnet zu den New York City Railroad Piers kommen.“

„Wann?“

„Um zweiundzwanzig Uhr.“

„Wird Jimmy da sein?“

„Das weiß ich nicht. Man sagte mir nur, dass Jimmy seine Freiheit wiederbekommt, sobald man Sie hat.“

Allein und unbewaffnet, dachte Bount Reiniger. Das kommt einem Himmelfahrtskommando gleich. Die Gangster hatten schon einmal versucht, ihn aus dem Weg zu räumen, weil er für sie ein unbequemer Zeitgenosse war.

Wie aber sollte er das verhindern? Er hätte die Möglichkeit gehabt, nicht hinzugehen.

Aber dann würde Jimmy Taylor das büßen müssen. Die Kerle blufften nicht. Die brachten den Jungen wirklich um, wenn ihre Forderung nicht erfüllt wurde. Man müsste sie austricksen, dachte Bount Reiniger. Ihnen ihren Trumpf wegnehmen.

Aber wie? Bount konnte davon ausgehen, dass sich Jimmy Taylor nicht bei den Piers befand, und es war fraglich, ob sie den Jungen laufenlassen würden, sobald sie Bount hatten. Vielleicht behielten sie Jimmy in ihrer Gewalt. Niemand konnte sie zwingen, ihn freizulassen.

Der Junge tat Bount leid. Was auf Jimmy in letzter Zeit alles einstürmte, war nicht leicht zu verkraften. Würde Jimmy diesen Höllentanz ohne Schaden überstehen?

All das ging Bount Reiniger in Gedankenschnelle durch den Kopf. Es entstand nur eine ganz kurze Pause. Bount hörte Maggie zaghaft fragen: „Werden Sie die Piers aufsuchen, Mister Reiniger?“

„Es wird mir nichts anderes übrigbleiben.“

„Was werden diese Leute mit Ihnen tun, Mister Reiniger?“

„Belasten Sie sich nicht damit. Denken Sie lieber an Ihren Jungen, und beten Sie für ihn“, sagte Bount und schob den Hörer in die Halterung. Eine ohnmächtige Wut erfüllte ihn.

Nach wie vor diktierten diese Verbrecher das Geschehen. Es wurde Zeit, dass sich das änderte. Bount blickte auf die Uhr. 20 Uhr. Dir bleiben noch zwei Stunden bis zur Ewigkeit, sagte er sich. Nütze sie.

Als erstes wollte er June March aus Arthur Douglas’ Bar holen und nach Hause schicken. Anschließend würde er sich zu den Piers begeben, um vorzeitig da zu sein und Vorkehrungen treffen zu können, die ihm das Weiterleben sicherten.

Aber es sollte anders kommen. Ganz anders.

Ein Wagen fuhr an Douglas’ Bar vorbei. Glas klirrte, und dann explodierte im Lokal eine Bombe. Bounts Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen, denn in der Bar befand sich June March!



19

Im Inneren des Lokals war ein grellroter Feuerball entstanden, der von einem dumpfen Knall begleitet wurde.

Die Druckwelle drückte das große Fensterglas aus dem Rahmen. Es fiel klirrend auf den Gehsteig, und dann herrschte eine Stille, die Bount Reiniger nie vergessen würde.

Totenstille!

Bount Reiniger rammte den Wagenschlag auf und sprang aus dem Mercedes. Jetzt ertönten die ersten Schreie. Panik griff in der Bar um sich. Die Gäste ergriffen die Flucht.

Verletzte schrien. Es war ein Inferno – und June March steckte mittendrin. Das trieb Bount Reiniger den kalten Schweiß aus allen Poren. Er rannte zur Bar. Rufe nach Polizei und Rettung wurden laut.

Bount war der einzige, der in das Lokal hinein wollte. Alle anderen drängten heraus. Es war unmöglich, durch die Tür in die Bar zu gelangen. Bount hastete zum Fenster.

Das Feuer fraß sich mit unvorstellbarer Gier über Vorhänge und Stoffbezüge. Die Explosion hatte etliche Schnapsflaschen zertrümmert. Der Alkohol brannte lichterloh, während glosende Schaumdämmplatten gefährlich giftige Rauchgaswolken absonderten.

Hitze, Feuer, Qualm … Wo war June March? Bount brüllte ihren Namen. Er stolperte über Tische und Stühle, die die Druckwelle umgeworfen hatte. Die Hitze nahm ihm den Atem.

„June!“, schrie er aus vollen Lungen.

Beißender Rauch stürzte sich in seinen Hals und zwang ihn, zu husten.

„June!“

Die Luft waberte. Prasselnd fraß sich das Feuer durch das Lokal. Bount entdeckte einen Verletzten. Er eilte zu ihm, schleuderte alles zur Seite, was auf dem Mann lag, half ihm auf die Beine und führte ihn zum Ausgang. Irgend jemand übernahm den Verletzten, und Bount kehrte um.

Er kämpfte sich durch die Flammen bis zum Tresen vor. Arthur Douglas lag dahinter. Tot. Die Flammen leckten über Douglas’ Jackett. Bount ließ den Toten nicht liegen.

Schwitzend und keuchend zerrte er den Mann hinter dem Tresen hervor und schleppte ihn zum Fenster, wo sich jemand fand, der ihm den Leichnam abnahm.

„Kommen Sie heraus!“, rief ihm ein Mann zu.

„Kann ich nicht!“, erwiderte Bount Reiniger aufgewühlt. Er war in großer Sorge um June March, deren Schicksal immer noch ungewiss war.

„Sie bringen sich um!“, schrie der Mann.

„Ich muss zurück!“, keuchte Bount und hetzte davon. „June! June!“

Er hielt die Arme schützend vors Gesicht und hatte das Gefühl, verrückt zu werden, weil sich June nicht meldete. In einer Ecke des Lokals fand er sie schließlich.

Ihm blieb das Herz vor Schreck stehen. June trug das Trikot eines Service-Girls. Es war jetzt unwichtig, wie sie es erreicht hatte, zu einem solchen Trikot zu kommen.

Sie lag auf dem Rücken, hatte die Augen geschlossen, regte sich nicht. Die Fülle ihres Blonden Haares war um ihren Kopf auf dem Teppichboden ausgebreitet.

Bount schob seine Arme unter ihren Körper und stand mit ihr auf. Draußen traf inzwischen die Feuerwehr ein.

Bount schritt mit seiner Last durch das Feuer. Sein Gesicht wirkte in diesem Augenblick wie aus Granit gemeißelt. Es hatte den Anschein, als hätte er June für immer verloren. Er wusste, dass er über diesen Verlust nie hinwegkommen würde.

Feuerwehrleute stürmten mit Atemschutzmasken in die Bar und begannen sogleich mit der Brandbekämpfung. Jemand wollte Bount das Mädchen abnehmen, doch er gab June nicht her.

Mehrere Ambulanzfahrzeuge erreichten die Bar. Um Bount herum wurde alles seltsam unwirklich. Er vernahm aufgeregte Stimmen, ohne zu verstehen, was die Leute sagten.

Vor seinem geistigen Auge erschien June March, strahlend frisch, quicklebendig, mit einem Lächeln, das ihm die Seele wärmte.

„Bitte, Sir!“, sagte jemand eindringlich zu ihm. Er schien es schon zum zweiten Mal zu sagen. „Geben Sie uns das Mädchen!“

Bount sah, dass der Mann zur Ambulanzbesatzung gehörte. Er überließ ihm und seinem Kollegen das Mädchen. Sie legten sie auf eine fahrbare Trage, stülpten ihr eine Sauerstoffmaske über das Gesicht, und rollten sie fort.

„Wohin bringen Sie sie?“, hörte sich Bount fragen.

Man nannte ihm den Namen des Hospitals. Wie in Trance machte Bount Reiniger kehrt.

Er setzte sich in seinen Wagen, fuhr los und erreichte das Krankenhaus in wenigen Minuten. Was für ein Fall, dachte er wütend. Was für ein gottverdammter Fall!

Jimmy Taylors Leben hing an einem seidenen Faden. Die Gangster verlangten, dass er, Bount, sich freiwillig in ihre Gewalt begab. June March lebte möglicherweise nicht mehr … Jay Pepper – tot. Arthur Douglas – auch tot!

Bount riss sich zusammen. Er musste wieder klarkommen, das war jetzt ungemein wichtig, sonst geriet auch er unter die Räder. Er eilte in das Hospital und entdeckte in der großen Halle die Bahre, auf der June March lag.

Er hatte das Gefühl, sein Herz würde hoch oben im Hals schlagen, und eine unbeschreibliche Freude übermannte ihn, als er sah, dass June die Augen offen hatte.

„June!“

„Bount!“

Er rannte auf sie zu. Sie wollte sich aufsetzen, doch der Pfleger, der bei ihr war, ließ es nicht zu.

„Mein Gott, June, du lebst!“ Bount trat neben sie und nahm ihr Gesicht in seine Hände.

„Es… es tut mir schrecklich leid, Bount …“

„Vergiss es. Hauptsache, du bist okay. Bist du okay?“

„Ich glaube schon. Ich wollte dir helfen, Bount … Ich hoffte, dich überraschen zu können …“

Bount nickte heftig. „Das ist dir – verflixt noch mal – gelungen. Eigentlich müsste ich furchtbar böse mit dir sein, aber ich kann es nicht. Ich bin so froh, dass du lebst.“

„Die Bombe, Bount … Ich weiß, wer sie geworfen hat. Ich habe den Mann gesehen.“

Bounts Augen weiteten sich. Wissbegierig starrte er seine Mitarbeiterin an. „Wer war’s?“

„Einer der Czukor-Zwillinge.“ Jetzt verengten sich Bounts Augen und wurden zu schmalen Schlitzen, während er zwischen den Zähnen hervorpresste: „Das war’s dann wohl, Mister Lorne Rogers!“

Man rollte June fort, denn sie musste untersucht werden. Bount rief ihr nach, er würde sich bald wieder um sie kümmern, dann stürmte er aus dem Krankenhaus, denn nun war eine große Abrechnung fällig.



20

Auch Jesse Crocker, der Fotograf, erreichte Bount Reiniger über das Autotelefon. „Ich habe Ihnen eine gute und eine schlechte Mitteilung zu machen, Reiniger“, sagte er. „Mit welcher soll ich beginnen?“

„Mit der schlechten“, antwortete Bount. Er war wieder voll da, und er brannte darauf, die Schutzgeldgangster hochgehen zu lassen.

„Ich hab’ ne Menge Leute gefragt. Niemand weiß, wo Mark Taylor steckt.“

Bount grinste. „Warum haben Sie nicht mich gefragt? Ich hätte es Ihnen sagen können.“

„Sie machen sich einen Scherz mit mir.“

„Mark Taylor ist wieder zu Hause.“ Bount berichtete dem Fotografen, wie das zustande gekommen war. „Und nun heraus mit der guten Mitteilung“, verlangte Bount Reiniger.

„Also in einschlägigen Kreisen ist man der Ansicht, dass Lorne Rogers hinter den Aktionen der Schutzgeldgangster steht. Die Methoden verraten seine Handschrift. Außerdem ist er der einzige Barbesitzer, der mit seinem Lokal hohe Einnahmen erzielt, aber nicht zur Kasse gebeten wird. Das gibt einigen Leuten zu denken. Außerdem ist bekannt, dass Kerle wie Rogers den Hals nie voll kriegen.“

„Ich befinde mich soeben auf dem Weg zu ihm“, sagte Bount Reiniger.

„Sind Sie dem Knaben etwa auch schon auf die Schliche gekommen?“

„Etwa vor einer halben Stunde“, sagte Bount.

„Wissen Sie, was ich mich frage? Wozu ich mir für Sie den Mund fusselig gefragt habe. Sie wissen ja ohnedies bereits alles.“

„Es hätte aber auch sein können, dass Ihre Tipps neu für mich gewesen wären“, bemerkte Bount. Da Jesse Crocker ein Anrecht darauf hatte, zu erfahren, wie Bount an sein Wissen gelangt war, berichtete der Detektiv dem Fotografen vom Bombenanschlag der Czukor-Zwillinge.

„Höchste Zeit, dass die Magyaren hinter Schloss und Riegel kommen!“, sagte Crocker.

„Dafür werde ich jetzt höchstpersönlich sorgen“, gab Bount zurück und beendete damit das Gespräch. Er legte aber nicht auf, sondern tippte die Nummer des Police Headquarters in den Apparat und ließ sich mit Captain Toby Rogers verbinden.

„Hast du zur Abwechslung mal erfreuliche Neuigkeiten für mich?“, erkundigte sich der Leiter der Mordkommission.

„Und ob. Ich hab’ mal wieder deine Arbeit erledigt“, erwiderte Bount Reiniger. „Manchmal frage ich mich wirklich, wozu wir dich von unseren Steuergeldern durchfüttern.“

„Kann sein, dass irgend jemand die Auffassung vertritt, dass ich doch zu irgend etwas nütze bin“, brummte der Captain.

„Hör zu, ich habe herausgefunden, wer die Schutzgeldgangster sind. Sie unterstehen Lorne Rogers’ Kommando.“

„Bist du sicher?“

„Für wen arbeiten die Czukor-Zwillinge?“

„Für Rogers.“

„Und einer der beiden hat in Arthur Douglas’ Bar eine Bombe geworfen.“ Bount lieferte die Details nach. Als der Captain hörte, dass sich June March in dem Lokal befunden hatte, wetterte er schrecklich los. Unter anderem warf er dem Freund an den Kopf, wie unverantwortlich es wäre, seiner Mitarbeiterin so einen heiklen Job zu übertragen.

Als Toby kein Ende fand, fiel ihm Bount mit der Frage ins Wort: „Darf ich dazu auch etwas sagen?“

„Verdammt noch mal, dafür gibt es keine Entschuldigung, Bount“, donnerte Toby gleich wieder los.

„Doch, die gibt es.“

„Da bin ich aber gespannt.“

„Ich hatte keine Ahnung von dieser Fleißaufgabe. June tat das hinter meinem Rücken, also ohne mein Wissen und Einverständnis.“

„Na, wenn das so ist, dann werde ich ihr eben mal tüchtig den Kopf waschen“, knurrte der Captain, unter dessen rauer Schale ein butterweiches Herz schlug.

„Vorerst unterstützt du mich aber bei Rogers, einverstanden?“

„Mit dem größten Vergnügen“, sagte Toby.

Bount erklärte dem Captain, wo er auf ihn und seine Männer warten würde und legte auf. Zehn Minuten später stoppte er den Mercedes zweihundert Meter von Lorne Rogers’ „Salome“ entfernt.

Der Kater lässt das Mausen nicht, dachte er und steckte sich eine Pall Mall an. Da sah er die Ungarn aus der Bar treten. Sie stiegen in einen Wagen und fuhren los.

Bount Reiniger disponierte sofort um. Um Lorne Rogers konnte sich Toby Rogers auch allein kümmern. Es war wichtig, dass die Czukor-Zwillinge nicht in der Versenkung verschwanden.

Da Jimmy Taylor sich nach wie vor in der Gewalt der Gangster befand, beschloss Bount Reiniger, die Magyaren mit Nachdruck nach dem derzeitigen Aufenthaltsort des Jungen zu fragen. Sie würden es ihm sagen müssen.

Während er den Kerlen folgte, rief er noch einmal das Police Headquarter an. Der Captain war schon unterwegs, aber man konnte ihn jederzeit über Funk erreichen, und so bat Bount Reiniger, ihm zu bestellen, dass er Lorne Rogers allein einkassieren solle.

Danach konzentrierte sich Bount Reiniger nur noch auf die Czukor-Zwillinge. Wenn er Glück hatte, führten sie ihn direkt zu Jimmy Taylor. Einen besseren Dienst hätten sie ihm nicht erweisen können.

Sie verließen Manhattan über die Triborough Bridge und fuhren auf dem Interstate Highway nach Port Morris. Ihr Ziel war ein Fabrikneubau, dem noch zwei Drittel bis zur Fertigstellung fehlten.

Ein Stahlbetonskelett ragte auf. Die Fertigteiltreppen liefen im Zickzack bis zum Blechdach hinauf, und es waren bereits einige Zwischenwände aus Betonfertigteilen montiert.

Der Wagen der Ungarn verschwand zwischen Kränen und Bauteilen. Bount ließ den Mercedes neben einem Autobus ohne Räder ausrollen. Das Gefährt diente den Bauarbeitern als Umkleideraum.

Der Detektiv stieg aus und betrat die Baustelle. Er zog die Automatic aus dem Schulterholster und tauchte in die Dunkelheit ein. Die Czukor-Zwillinge bewiesen, dass sie ungemein aufmerksam waren.

Sie hatten Bount Reinigers Mercedes bemerkt und versuchten ihm nun auf dem unübersichtlichen Areal aufzulauern. Ivan Czukor kletterte auf einen Metallsilo und eröffnete den Feuerzauber.

Als der erste Schuss krachte, sprang Bount Reiniger in Deckung und schoss zurück. Seine Kugel schlug gegen eine Eisenstrebe und gellte als Querschläger durch die Finsternis.

Ferenc Czukor tauchte wie ein Schemen neben einem großen Sandberg auf. Er drückte mehrmals ab. Die Kugeln flogen Bount gefährlich nahe um die Ohren. Er wechselte blitzschnell die Position. Erde spritzte ihm ins Gesicht. Mit mehreren Schüssen trieb Bount den Verbrecher hinter den Sandberg zurück, dann federte er hoch und hastete hinter eine Bretterhütte, verfolgt von Ivan Czukors Kugeln.

Er jagte die letzten Patronen aus dem Magazin und lud die Waffe mit geübtem Griff nach. Dann stürmte er an der Flanke des Sandbergs hoch. Er sank bis zu den Knöcheln ein.

Jeder Schritt kostete ihn viel Kraft, und er rutschte mehrmals zurück. Ivan Czukor jagte schießend heran. Bount drehte sich um und stoppte den Gangster mit einer einzigen Kugel mitten im Lauf.

Der Ungar bäumte sich auf, warf die Arme hoch und brach zusammen. Bount kämpfte sich zur Spitze des Sandbergs hinauf. Ferenc Czukor hatte dieselbe Idee gehabt, und so trafen sie sich auf dem Gipfel.

Ehe der Verbrecher abdrücken konnte, schlug Bount Reiniger mit der Automatic zu. Ferenc Czukor fiel auf die Knie, war benommen. Aber er versuchte erneut, seine Waffe gegen Bount Reiniger einzusetzen.

Bount trat sie ihm aus der Faust. Da wuchtete sich der Magyar gegen Bounts

Beine der Detektiv verlor das Gleichgewicht, und sie kugelten beide den Sandberg hinunter.

Bount verlor bei dem Gerangel seine Pistole. Er riss sich von Ferenc Czukor los und schlug mit den Handkanten auf ihn ein. Ihm kam dabei zugute, dass der Bulldozer den Treffer mit der Automatic noch nicht verdaut hatte.

Czukor begriff, dass nicht mehr viel bis zur totalen Niederlage fehlte, um die wollte er aber herumkommen.

Da sein Bruder in das Geschehen nicht eingriff, musste er annehmen, dass dieser entweder so schwer verletzt war, dass er nichts mehr für ihn tun konnte, oder dass er nicht mehr lebte.

Ferenc Czukor war zum ersten Mal in seinem Leben auf sich allein gestellt. Kopflos versetzte er Bount Reiniger einen Stoß, und dann jagte er mit langen Sätzen auf den Neubau zu. Sand knirschte unter seinen Schuhen.

Schnaufend stürmte das Schwergewicht die Fertigteiltreppen hoch. Bount folgte ihm. Im ersten Stock kam er an Czukor bis auf drei Meter heran. Im zweiten Stock konnte er den Gangster schon fast berühren, und auf dem Blechdach holte er Ferenc Czukor schließlich ein.

Der Riese kämpfte mit zäher Verbissenheit. Er besaß die größere Rohkraft, doch sie nützte ihm nicht viel, denn Bount Reiniger beherrschte die ausgefeiltere Kampftechnik.

Ferenc Czukors Schläge verfehlten ihr Ziel meistens, oder blieben in Bount Reinigers Deckung hängen.

Und wer mit Wut kämpft, verspielt gegenüber einem Gegner, der einen kühlen Kopf bewahrt, seine letzte Chance. Der Magyar stieß einen wilden Kampfschrei aus, von dem sich Bount Reiniger jedoch nicht beeindrucken ließ. Czukor drehte die Arme wie Windmühlenflügel.

Das gab Bount die Möglichkeit, mehrmals den ungedeckten Körper des Gegners zu treffen. Daraufhin packte ihn Czukor und riss ihn an sich. Sie drehten sich im Kreis und kamen dem Dachrand besorgniserregend nahe.

Bount hakte seinen Fuß hinter das Bein des Magyaren, und sie stürzten.

Der Aufprall trennte sie, riss sie auseinander. Bount war schneller wieder auf den Beinen, und sein Schlag traf Ferenc Czukors dicken Schädel. Der Ungar schüttelte sich benommen.

Und dann drehte er durch. Brüllend wuchtete er sich gegen Bount Reiniger. Bount federte wie ein Matador zur Seite, und der Killer raste mit großer Wucht an ihm vorbei – direkt auf das Ende des Dachs zu.

Bount schnellte herum. Er wollte Ferenc Czukor packen und zurückreißen, doch zu spät. Der Gangster konnte den eigenen Schwung nicht mehr abbremsen. Bounts Finger glitten an ihm ab, und Czukor stürzte schreiend in die Tiefe. Bount vernahm ein dumpfes Aufprallgeräusch. Der Schrei verstummte.

Hastig verließ Bount Reiniger das Dach des Fabrikneubaus. Er übersprang immer gleich zwei oder drei Stufen, um schneller hinunterzukommen.

Bount lief zu dem Gangster und stellte fest, dass der Mann noch lebte. Aber er würde sterben, das war sicher. Bount fragte den Killer, wo sie Jimmy Taylor versteckt hatten.

„Keller …“, röchelte der Ungar. „Im … Keller …“

Sein Kopf rollte zur Seite. Er war tot. Bount richtete sich auf. Sein Blick glitt durch die Finsternis. Er musste sich um den zweiten Gangster kümmern. Bount lief Richtung Sandberg.

Auf halbem Wege fand er Ivan Czukor. Auch dieser Mann lebte nicht mehr. Bount suchte und fand seine Automatic. Die Rechnung der Gangster konnte nun nicht mehr aufgehen.

Wahrscheinlich hätten sich die Czukor-Zwillinge bei den Piers um Bount kümmern sollen. Da man verlangt hatte, dass er sich unbewaffnet in ihre Gewalt begab, hätten sie leichtes Spiel mit ihm gehabt.

Doch nun hatte Lorne Rogers kein Druckmittel mehr in der Hand. Seine Killer hatten ihr Leben verloren. Während Bount nun den Jungen befreite, schnappte wahrscheinlich bereits über Rogers’ Handgelenken die Stahlspangen Captain Rogers zu.

Bount begab sich in den Keller des Neubaus. Es war nicht schwierig, Jimmy Taylor zu finden. Es gab zwar dort unten etliche Holzverschläge, aber nur einer war mit einem Vorhängeschloss versehen.

Bount schoss es einfach auf, und dann riss das Licht seiner Kugelschreiberlampe den gefesselten und geknebelten Jungen aus der Dunkelheit. Bount steckte die Automatic weg und nahm Jimmy Taylor die Fesseln ab.

„Mister Reiniger“, stieß Jimmy verwundert hervor. „Wie haben Sie mich so schnell gefunden?“

Bount erzählte es ihm, und er berichtete ihm noch eine Menge mehr. Dann sagte er: „So, und nun komm. Deine Eltern machen sich große Sorgen um dich. Ich bring’ dich zu ihnen.“

Während sie durch den Keller gingen, lieferte der Junge dem Detektiv eine große Überraschung, die auch das letzte Rätsel dieses Falles aufklärte. Jimmy Taylor behauptete – und Bount Reiniger hatte keinen Grund, ihm das nicht zu glauben –, Lewis Greene, der neue Barkeeper, gehöre zur Bande der Schutzzollgangster.

„Er lockte mich ins Lager und schlug mich zusammen“, behauptete Jimmy.

Anschließend übergab Greene den Jungen seinen Komplizen und erzählte Maggie und Mark Taylor, sie wären beide überfallen worden. Da dieser Schwindel nach Freilassung des Jungen aufgeflogen wäre, nahm Bount Reiniger an, dass Jimmy Taylor diesen Coup der Gangster nicht überlebt hätte.

Sie wollten ihn, Bount Reiniger, kriegen. Deshalb schnappten sie sich den Jungen. Und wenn sie Bount aus dem Weg geschafft gehabt hätten, hätten sie auch diesen gefährlichen Zeugen liquidiert.

Sie verließen den Keller. Nun war klar, warum Ben Shaw sterben musste. Der Mord war für die Gangster nicht sinnlos gewesen. Shaw hatte für einen Mann Platz machen müssen, der zu den Schutzzollgangstern gehörte. Auf diese Weise hatten sie die Taylors bestens unter Kontrolle.

Bount Reiniger und Jimmy Taylor stiegen in den Mercedes. Bount Reiniger veranlasste mit einem Anruf, dass die Polizei sich um die toten Zwillinge kümmerte. Bevor er den Motor startete, sagte er: „Hör zu, was wir jetzt tun …“



21

Nicht nur Lewis Greene blickte immer wieder auf die Uhr. Auch Maggie Taylor und ihr Mann taten es, denn es war eine Minute vor 22 Uhr. War es Bount Reinigers Todesstunde? Würde Jimmy gleichzeitig die Freiheit wiedererlangen? Maggie fragte sich, ob die Gangster Wort halten würden. Bekam sie ihren Sohn zurück?

Lewis Greene wusste, dass sie weder Bount Reiniger noch ihren Jungen wiedersehen würde. Für ihn war klar, wie die Geschichte ablaufen und enden würde. Ein unbequemer Detektiv und ein unbequemer Zeuge würden in dieser Nacht für immer von der Bildfläche verschwinden. Das Geschäft mit den Schutzgeldern würde aufblühen.

Als es Punkt 22 Uhr war, seufzte Maggie Taylor schwer. Mark Taylor stand neben ihr. Er streichelte sanft über ihr Haar. Die Schwellungen in seinem Gesicht waren noch nicht abgeklungen, doch sie störten Maggie nicht. Sie war glücklich, ihren Mann wiederzuhaben. Er hatte ihr versprochen, nie mehr wegzugehen.

Mit Martin Jackson, dem Manager, konnte man sich einigen. Wenn er sein Geld bekam, so dass er keinen Verlust hatte, zerriss er den Vertrag und suchte sich einen anderen Prügelknaben, den er an die Schläger im Boxring vermitteln konnte.

Maggies Glück wäre vollkommen gewesen, wenn jetzt Jimmy zur Tür hereingekommen wäre. Und dieses Wunder passierte. Die Tür öffnete sich, und Jimmy Taylor betrat die Bar.

„Jimmy!“, stieß Maggie strahlend aus und eilte auf den Jungen zu.

Für Lewis Greene war Jimmys Erscheinen der größte Schock seines Lebens. Er riss die Augen auf, wurde totenblass und hätte das Glas beinahe fallen lassen, das er in der Hand hielt. Er stellte es hart ab.

Mark Taylor befremdete die Reaktion des Keepers. Hätte der Mann sich nicht auch über Jimmys Rückkehr freuen müssen? Wenigstens ein bisschen. Stattdessen geriet er in Panik.

„Was ist denn mit Ihnen los, Mister Greene?“, fragte Mark Taylor.

Die Antwort des Verbrechers war ein Faustschlag, der Mark Taylor nur deshalb gegen das Flaschenregal warf, weil er mit keinem Angriff gerechnet hatte.

Und dann stürmte Lewis Greene los, Richtung Hinterausgang. Jetzt wurden auch die Gäste aufmerksam. Mark Taylor hechtete dem Gangster nach, erwischte ihn aber schlecht, so dass ihn Greene abschütteln konnte.

Taylor folgte ihm. Greene hetzte durch einen schmalen Korridor, in dem Kunststoffkisten aufgestapelt waren. Er riss sie um, damit es Taylor schwerer hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Doch Taylor zeigte, wie fit ihn der Job des vergangenen Jahres gemacht hatte. Er sprang über die Kisten und versetzte Greene einen Stoß. Der Gangster schleifte mit der Schulter über die Mauer, fing sich wieder und riss die Hintertür auf. Aber damit war seine Flucht zu Ende.

Draußen stand Bount Reiniger mit der Waffe im Anschlag. Greene prallte zurück. Er begriff, dass sein falsches Spiel verloren war und gab resignierend auf.

„Mich würde interessieren, was das sollte!“, herrschte Mark Taylor den Verbrecher an. „Warum sind Sie so furchtbar erschrocken, als Sie Jimmy wiedersahen?“

„Jimmy wäre nicht wiedergekommen, wenn es nach dem Willen der Gangster gegangen wäre“, antwortete Bount Reiniger an Greenes Stelle. Er blickte den Mann durchdringend an. „Sie dürfen mich korrigieren, wenn ich etwas Falsches sage“, erklärte Bount Reiniger, und dann weihte er Mark Taylor in Lewis Greenes Geheimnis ein.

Taylor überkam die Wut. „Du Dreckskerl!“, schrie er und wollte mit den Fäusten auf den Gangster losgehen, doch Bount verhinderte es. Sie führten Greene ins Büro, von wo aus Bount seinen Freund, Captain Toby Rogers anrief, der die Polizeiaktion im „Salome“ inzwischen erfolgreich abgeschlossen hatte.

Toby erschien mit einem Sergeant, um Greene abzuholen. „Wie ging’s bei Lorne Rogers?“, wollte Bount Reiniger wissen.

Der Captain grinste. „Man sollte es nicht für möglich halten. Rogers leistete nicht den geringsten Widerstand. Wir konnten ihn so total überfahren, dass er auch gleich ein umfassendes Geständnis ablegte.“

„Mit einem Wort, ein durchschlagender Erfolg.“

„Kannst du laut sagen.“

„Ich hoffe, du vergisst nicht, wem du die Lorbeeren zu verdanken hast“, bemerkte Bount feixend.

Der Captain führte Greene ab.

Sein Sergeant hatte nichts weiter zu tun, als ihm zu folgen.

Bount verabschiedete sich von der nun wieder vollzähligen Familie Taylor. Die vergangenen zwölf Monate hatten Mark Taylor klargemacht, dass sein Platz hier war und nirgends sonst. Er drückte Bount Reiniger ein wenig schuldbewusst die Hand. In seinen Augen lag das stumme Versprechen, dass sich das nicht wiederholen würde.

Als Bount ging, begleitete ihn Jimmy nach draußen. „Halt die Ohren steif, Jimmy“, sagte Bount Reiniger.

„Kommen Sie mal wieder vorbei, Mister Reiniger.“

„Mach’ ich“, sagte Bount und stieg in seinen Wagen. „pass gut auf deine Eltern auf.“

„Darauf können Sie sich verlassen.“

Bount fuhr nach Hause. Am nächsten Morgen begab er sich ins Krankenhaus, und zu seiner großen Überraschung begegnete er da Toby Rogers, der einen riesigen Blumenstrauß in seiner Pranke hielt.

Bount fragte sich, woher der Captain die schönen Blumen hatte, mitten im Dezember. Dass dieser geizige Schotte sie gekauft hatte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Er würde es wohl nie erfahren, denn June, die man die Nacht über hierbehalten hatte, wurde entlassen und lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung.

Bount war froh, seine Assistentin unversehrt wiederzusehen, und er hörte sich mit Vergnügen Toby Rogers Gardinenpredigt an, denn ausnahmsweise war er mit dem Captain ungeteilter Meinung.


ENDE

Eine Tote in Tonndorf

von Horst Bieber







ein Hamburg-Krimi




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Eine unbekleidete Frauenleiche liegt an der Rahlauböschung im Hamburger Stadtteil Tonndorf. Für diese Gegend ist der Tod eigentlich kein seltener Anblick, nur dass es sich bei dieser Toten um eine echte Leiche handelt und nicht um eine gespielte aus irgendeinem Film, der hier gerade gedreht wird.

Die Tote ist in dieser Gegend keine Unbekannte, es ist Gunda Harsfeld, eine Schauspielerin mit einem nahezu zwanghaften Drang vor der Kamera zu stehen, egal um was für eine Rolle es sich handelt. Dafür tut sie alles. Warum das so ist, stellte für alle ein großes Rätsel dar.

Jede erkennbare Spur verläuft im Sande; die Mordermittlungen erweisen sich als äußerst schwierig, da weder ein Motiv erkennbar noch ein möglicher Täter in Sicht ist – bis eines Tages ein recht außergewöhnlicher Blumenstrauß die erhoffte Wende in diesen verworrenen Fall bringt …



***



Personen:

› Gunda Harsfeld, Schauspielerin

› Mareike Schertz, ihre Freundin

› Peter Schröder, ein Ex-Freund Gundas

› Siegfried Bork, ein anderer Ex-Freund Gundas


› Lisaweta (Lisa) Koschwitz, KHK in Hamburg

› Kai Ringel, KK in Hamburg

› Heike Saling, Staatsanwältin in Hamburg


Alle Namen, Personen und Taten, Firmen und Unternehmen, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.



***



Prolog


Besucher in Hamburg staunen immer wieder, wenn man ihnen versichert, die meisten gewaltsamen Todesfälle würden nicht auf St. Pauli oder in St. Georg begangen, sondern im friedlichen Tonndorf nahe dem S-Bahnhof an der Strecke nach Rahlstedt. Freilich handelt es sich um recht merkwürdige Opfer, die sich erheben, wenn der Mann mit der Schirmmütze brüllt „Gestorben“ oder „Im Kasten“ oder „Schluss für heute“. Dann eilen die „Toten“ zum Abschminken, oder plaudern noch ein paar Minuten mit den Kollegen, schimpfen auf Drehbuch und Regisseur, über Beleuchter und Komparsen, und versichern sich gegenseitig, wenn das Finanzamt mit seiner unverschämten Nachforderung nicht so hartnäckig dränge, würden sie nie und nimmer ein solches Miniröllchen in so einer schmalzigen Knall-Schote angenommen haben.

„Gehen wir noch ein Bier trinken?“

„An sich gerne, aber ich muss noch für meine neue Rolle lernen.“

„Spielst du wieder Theater?“

„Oh ja. Weißt du, eine richtige Bühne und ein lebendiges Publikum – da spüre ich meine wahre Berufung. Und ein ordentlicher Szenenapplaus ersetzt jede Zeitungskritik.“

Letzteres ist nicht einmal gelogen; denn in den Zeitungskritiken werden höchstens die Hauptdarsteller namentlich erwähnt, nie aber die vielen Zimmermädchen, Barfrauen, Verkäuferinnen, Bedienungen und eben auch nicht – die Leichen, die nach einem brutalen Raubüberfall auf die Tankstelle oder nach dem bleihaltigen Bankraub dekorativ postiert und mit Theaterblut verschmiert am Tatort zurückbleiben.



1


„Du meine Güte, die ist doch wohl verrückt. Bei diesem Wetter nackt auf der Böschung.“ Susanne, eine kleine zierliche Blondine, gab sich immer alle Mühe zu beweisen, dass die Blondinen-Witze keine Berechtigung hatten. Doch diesmal wollte niemand lachen, sondern alle rückten zur Seite, um Susanne einen ungehinderten Blick auf die Leiche zu ermöglichen. Susanne schrie leise auf und schlug eine Hand vor den Mund. „Die ist ja wirklich tot.“

Daran bestand kein Zweifel. Die recht attraktive Frau lag regungslos in dem kalten, nassen Gras der Rahlauböschung, unter der linken Brust steckte ein schwarzer Messergriff, von der Klinge war nichts zu sehen, das lange brünette Haar war wie ein Schleier um den Kopf ausgebreitet. Rund um die Einstichstelle bildete getrocknetes Blut eine Art Kranz, den der seit zwei Stunden fallende eiskalte Nieselregen zum Teil schon aufgeweicht und abgewaschen hatte. Der Körper glänzte feucht. Die Zuschauer standen stumm auf dem asphaltierten Weg, der oben auf dem Damm verläuft, und rührten sich erst, als Polizisten mit rotweißen Bändern und Eisenstangen erschienen, um eine Absperrung rings um den Frauenkörper zu stecken. Niemand wollte gehen, im Gegenteil, immer neue Passanten blieben, von dem Auflauf angelockt, bei der Gruppe stehen und warteten darauf, dass etwas geschah.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis ein Trio erschien und sich energisch einen Weg durch die Neugierigen bahnte. Der Arzt hatte sich schon die Handschuhe angezogen und kniete neben der Leiche nieder. Der Polizeifotograf begann mit seiner Arbeit. Eine schlanke, energische Frau, gefolgt von einem großen, breitschultrigen Mann, wandte sich an die Neugierigen. „Kennt jemand die Tote?“

„Ja.“ Ein älterer Mann mit einem Dreitagebart hob die Hand. „Sie heißt Gunda Harsfeld.“

„Und wer hat die Leiche gefunden?“

„Ich.“

„Darf ich nach Ihrem Namen fragen?“

„Ich heiße Peter Schröder.“

„Und woher kennen Sie Frau Harsfeld?“

„Ich bin Inspizient drüben in einer Studiofirma.“ Mit dem Daumen deutete er über die Schulter auf die Gebäude in seinem Rücken. „Frau Harsfeld war eine Kleindarstellerin.“ Aus der Gruppe ertönte zustimmendes Gemurmel. „Gunda hat gelegentlich bei uns gedreht.“

„Und wo wohnte Frau Harsfeld?“

Jetzt antwortete eine mollige Frau. „Da unten im Wöschenhof.“

Die Kriminalbeamtin runzelte die Stirn. „Wer oder was ist der Wöschenhof?“

Schröder lachte gutmütig. „Sagen Sie bloß, Sie kennen den Wöschenhof nicht. Die stadtberühmte Verlängerung der Tonndorfer Schulstraße?“

„Nein“, antwortete Lisaweta Koschwitz gereizt.

„Wie gut, dass Sie nicht bei der Feuerwehr arbeiten“, pflaumte der Mann sie gutmütig an.

„Dann hätten wir längst die Schläuche eingekuppelt und Sie alle abgeduscht.“

Der Arzt richtete sich auf. Vielleicht wollte er ein Blutbad verhindern; er kannte Lisaweta Koschwitz und ihr Temperament, das sehr oft im falschen Moment überschäumte. „Ein einziger Stich, genau ins Herz, Lisa.“

„Und wann?“

„Gestern gegen siebzehn Uhr. Pi mal Daumen geschätzt. Sie hat aber nicht die ganze Zeit hier gelegen. Schau dir mal die Leichenflecken an! Die Wunde muss außerdem scheußlich geblutet haben. Aber hier ist kaum Blut in den Boden gesickert.“

„Wann ist die Leiche hier abgelegt worden?“

„Ich würde denken, gegen Mitternacht, als der Regen noch nicht begonnen hatte. Aber Näheres …“

„… erst nach der Obduktion“, ergänzt Lisa Koschwitz ergeben. „Anzeichen für eine Sexualtat?“

„Nix. Es sieht nach einem sauberen Mord aus.“

„Na dann. Mögliche Fußspuren auf dem Rasen und auf dem Weg haben die freundlichen Gaffer zertreten. Ihr dürft sie haben.“ Der Fotograf packte seine Kamera ein, nachdem er sie sorgfältig abgetrocknet hatte.

Zwei Männer mit einer Art Bahre traten heran und legten die Leiche auf das Segeltuch. Einer deckte endlich ein Tuch über den nackten Frauenkörper, und für die Mehrheit schien das eine Art Kommando zu sein. Die Gruppe zerstreute sich und Lisa winkte Schröder heran. „Wo finde ich Sie nachher?“

„Gebäude L wie Ludwig, achter Stock. Ordania-Film.“

„Okay, dann bis nachher.“

Lisas Begleiter hatte schon mit dem Präsidium telefoniert.

„Harsfeld, Wöschenhof 39. Die Saling ist zuständig und kommt, wenn ihre Verhandlung nicht so lange dauert.“

„Die Kollegen sollen sich mal nach der Kleidung, Handtasche und den Schuhen umsehen. Bei der Temperatur müsste es eigentlich auch einen Mantel oder eine dicke Jacke geben.“

Der Polizeitrupp rückte ab, und Lisa Koschwitz winkte Kai Ringel heran. „Du musst Klinken putzen, Kai. Tut mir leid, aber vielleicht ist einem Nachbarn heute Nacht etwas aufgefallen.“

„Und du?“

„Ich rede mit diesem Schröder. Wer zuerst fertig ist, ruft an, damit wir uns die Wohnung anschauen. Die Spurensicherung soll so lange warten.“



2


In der Ordania-Film herrschte gedämpfte Aufregung. Männer und Frauen standen auf dem Flur und tuschelten hastig miteinander. Heute würde es dauern, bis von regulärer Arbeit die Rede sein konnte.

Schröder bot Lisa einen bequemen Stuhl und einen großen Becher Kaffee an, verzog allerdings das Gesicht, als Lisa Koschwitz ihr kleines batteriebetriebenes Aufnahmegerät aus der Handtasche puhlte.

„Danke für den Kaffee. Bei diesem Scheißwetter …“

Schröder holte aus einem Stahlschrank mit Hängefächern eine Akte heraus. Rechts oben war ein Portraitfoto aufgeklebt, darunter eine Reihe von Daten getippt, mehrere gefaltete DIN-A4-Blätter waren mit einer farbigen Büroklammer an der Personalkarte befestigt. „Die Filmtitel, Produktionsdaten und -nummern, außerdem Szenendauer und die dazugehörigen Szenennummern, in denen Gunda aufgetreten ist.“ Schröder begegnete Lisas Blick. „Ja, das sind alle Auftritte Gundas in unseren Filmen.“

„Können Sie mir bitte die Akte kopieren? Die Liste darf ich doch mitnehmen?“

„Dafür habe ich sie aus dem Computer geleiert.“

„Du meine Güte, mehr nicht? Hat sie sich bei dieser Menge nicht verzettelt?“

„Tja, wer Gunda kannte, konnte sie fast jede Woche in einer Fernsehproduktion bewundern.“

„Aber alles Miniszenen – oder?“

„In der Regel – ja.“

„Das würde ich mir gerne mal anschauen.“

„Kein Problem.“



3


Er kam schnell mit den Kopien zurück und Lisa faltete erleichtert seufzend die Blätter zusammen. Sie hasste Abschreiben, bei dem man sich keinen Fehler erlauben durfte.

„Es sieht aber nicht so aus, als habe Gunda Harsfeld jemals eine Hauptrolle gespielt.“

„Ganz richtig, das hat sie nie. Obwohl sie viel dafür gegeben hätte.“

„Was hat sie denn so gespielt?“

„Platzanweiserin im Kino. Verkäuferin im Süßwarengeschäft. Kellnerin in einem Restaurant. Bardame. Kundin im Frisiersalon. Reisende in einem Intercity-Abteil. Busfahrerin. Neugierige Passantin an einem Tatort. Oder auch Opfer bei Schießereien. Tote nach einem Busunglück oder einem Dammbruch.“ Schröder grunzte mitleidig. „Sie war sehr gut als Opfer, besonders, wenn sie wenig oder gar nicht bekleidet war …“

„So was wie die Reichswasserleiche?“

„Nein, so weit hat es Gunda nie gebracht“, verbesserte Schröder.

„Dann hat sie also nie einer bekannteren oder prominenten Schauspielerin eine wichtige Rolle weggenommen?“

„Nein, nie. Gunda spielte ausschließlich Kleinzeug.“

„Sie war eine hübsche Frau, sehr ansehnlich, nicht wahr?“

„Ja, auch sehr sexy. Für ihre Figur und ihr Aussehen tat sie auch sehr viel. Bräunungsstudio und Gymnastik, Fitnesstraining und so weiter.“

Lisa hatte den Unterton nicht überhört und musterte Schröder scharf. „Sie tat also auch sehr viel für so kleine Rollen, meinen Sie?“

„Oh ja. Brutal formuliert: Sie drückte sich durch so ziemlich jedes Bett, wenn nur eine winzige Rolle dabei heraussprang.“

„Auch durch Ihr Bett, Herr Schröder?“

Er zögerte zwei Sekunden: „Ja, obwohl sie den Laden gut genug kannte, um genau zu wissen, dass ich auf die Besetzung von Rollen wenig oder keinen Einfluss habe.“

„So ehrgeizig?“

„Ja, wie besessen!“

„Oder brauchte sie das Geld?“

„Nein. Das ist das Komische an Gunda.“

„Das war …“, berichtigte Lisa sanft.

„Wie bitte?“

„Das war das Komische, Gunda Harsfeld ist tot, Herr Schröder.“

„Verdammt ja. Tot. Dann klingt es ziemlich herzlos, was ich über sie erzähle, nicht wahr?“

„Könnte man so sagen, ja.“

„Ist aber nicht so gemeint, sondern nur die Wahrheit. Ich mochte Gunda gut leiden, sehr gut sogar. Sie hat mir oft leidgetan. Aber gegen diese verdammte Leidenschaft und den Drang vor die Kamera kam auch ich nicht an.“

„Haben Sie dafür eine Erklärung?“

„Indirekt vielleicht. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie sehr erleichtert war, als ihre Mutter starb. Denn die Mutter habe ihr immer vorgeworfen; erst mit ihren engen Hosen und tiefen Ausschnitten habe das ganze Elend doch begonnen.

„Welches Elend, Herr Schröder?“

„Das habe ich sie auch gefragt, aber nie eine vernünftige Antwort bekommen.“

„Hoffte sie denn jetzt noch auf den großen Durchbruch?“

„Glaube ich nicht, sie war schon über vierzig.“ Lisa sah ihn erstaunt an, aber Schröder nickte bestätigend. „Zweiundvierzig, um genau zu sein, Frau Hauptkommissarin. Und sie hatte das Gewerbe von der Pieke auf gelernt und erlitten. Und dieses Gewerbe kann verdammt grausam sein, wenn Sie nicht mehr jung sind, Falten bekommen und keinen Erfolg haben.“

„Sie haben eben gesagt, Gunda Harsfeld sei auf das Honorar nicht angewiesen gewesen?“

„Nein, sie hatte von ihrer Mutter ausreichend geerbt. Für ihren Lebensunterhalt musste sie nicht arbeiten.“

„Herr Schröder, kennen Sie die Familie, die Verwandten? Wen müssen wir vom Tod der Gunda Harsfeld benachrichtigen?“

„Keine Ahnung. Nein, bestimmt nicht. Gunda hat, wenn sie überhaupt mal auf ihre Familie zu sprechen kam, pausenlos auf Vater und Mutter geschimpft. Wenn mich nicht alles täuscht, hat sie ihre Mutter verachtet. Reich und frigide, das war Gundas Urteil dazu. Bodo, ihren Vater, hat sie gehasst. Feige und gewissenlos war er in ihren Augen gewesen. Warum das so war, hat sie nie verraten. Ich bringe Sie gleich zu unserer Personalabteilung. Vielleicht wissen die mehr über Angehörige.“

„Sie hatten also einmal ein Verhältnis mit Gunda Harsfeld?“

„Nein, wir haben ein paar Mal miteinander geschlafen, aber kein festes Verhältnis.“ Dann schaute er hoch und begann zu grinsen.

„Nein, keine Eifersucht auf die anderen Männer, Frau Koschwitz.“

„Trotzdem muss ich Sie fragen: Wo haben Sie sich gestern Nachmittag und gestern Abend aufgehalten?“

„Bis zur Tagesschau hier in meinem Büro. Dann habe ich mit Kolleginnen und Kollegen im Fernsehraum eine Produktion der schmutzigen Konkurrenz angesehen. Bis einundzwanzig Uhr fünfundvierzig, und anschließend haben wir auf das Fiasko der Konkurrenz drüben im Studiolokal ein paar Biere gekippt.“

„Dafür gibt’s Zeugen?“

„Zwei Dutzend, wenn Sie wünschen.“

„Wir werden aus diesem Gespräch ein Protokoll herstellen, das Sie noch bei uns im Präsidium unterschreiben müssen.“

„Himmel, muss das sein? Sie sitzen doch draußen an der Hindenburgstraße, nicht wahr? Ich wohne hier in Rahlstedt. Keine Viertelstunde zu Fuß vom Studiogelände. Zu Ihnen ist es eine halbe Weltreise, besonders morgens beim Berufsverkehr.“

„Okay. Ich brauche eine Visitenkarte von Ihnen. Wir melden uns rechtzeitig, und ich bringe das Protokoll mit, das können Sie dann hier unterschreiben. Ist das ein kriminaler Service nach Ihrem Herzen?“

„Großartig. Ich werde sofort darauf dringen, dass alle unfreundlichen Passagen über die Hamburger Kripo sofort aus den Drehbüchern gestrichen werden.“

„Fein, aber bitte Wort halten!“ Lisa gab ihm eine Visitenkarte und packte ihr kleines Aufnahmegerät ein. „Übrigens arbeite ich beim Landeskriminalamt.“

„Auch das wird in Zukunft in allen unseren Produktionen besser wegkommen.“

„Ich danke heftig. Und wenn Sie mich jetzt bitte in ihr Personalbüro bringen würden. Ach, und noch eine Bitte, Herr Schröder. Ein paar jüngere Fotos von Gunda Harsfeld und einige Filmausschnitte würden uns sehr helfen.“

„Wenn’s der Gerechtigkeit dient, auch das!“



4


Die Personalabteilung wusste auch nicht mehr, als auf der Schröderschen Karteikarte vermerkt war. Auf Lisas Bitten hin wurde sie auch in die Honorarabteilung begleitet und staunte dort über die bescheidenen Summen, die Gunda Harsfeld verdient hatte. „Sie hat natürlich auch noch für andere Firmen gearbeitet und gelegentlich synchronisiert. Aber Millionärin ist sie hier nicht geworden.“

Lisa verzog sich dankend und verstaute einen kleinen Packen Zettel mit Anschriften und Telefonnummern. Immerhin hatte sie Namen und Anschrift einer Bankfiliale am Wandsbeker Markt erfahren, bei der Gunda ein Girokonto besaß.



5


Als Lisa aus dem Büroanbau trat, klingelte ihr Handy. Kai Ringel forderte sie auf, ihn vor einem Blumengeschäft im Wöschenhof zu treffen. Er hätte was.

Der Nieselregen ließ allmählich nach, die Wolken verzogen sich und fern am Horizont wurde es so hell, als wolle die Sonne heute doch noch mal durchbrechen.

In dem Blumenladen beteuerte die junge Frau, dass Gunda Harsfeld, eine gute Kundin, vorgestern bei ihr weiße Nelken, einige rote Rosen und gedrahtete orangefarbene Gerbera bestellt hatte.

„Eine merkwürdige Mischung“, wunderte sich Lisa, und die junge Frau nickte eifrig:

„Das habe ich ihr auch gesagt. Aber diese Blumen in dieser Zusammenstellung seien der Lieblingsstrauß einer früheren Theaterkollegin gewesen, und Frau Harsfeld wollte den Strauß gestern in Ohlsdorf auf das Grab der Kollegin bringen. Es sei deren Geburtstag.“

„Und? Hat sie es getan?“

„Vermutlich, sie ist gestern gegen Mittag gekommen und hat die bestellten Blumen abgeholt.“



6


Das Haus Nummer 39 war ein langgetreckter Bau mit einem Flachdach, in einem scheußlichen Rosa gestrichen. Nach dem Klingelbrett zu urteilen, wohnten hier an die achtzig Parteien. Der Aufzug wurde gerade inspiziert und war deshalb außer Betrieb, und die Steinstufen glänzten glitschig nass. Lisa fluchte leise und klammerte sich an Ringels Arm fest; natürlich musste der liebe Kollege wieder eine seiner unnötigen Bemerkungen über die Eitelkeit der Frauen und unpassendes Schuhwerk absondern.

Die Wohnungstür war verschlossen, aber Ringel öffnete das Schloss mühelos mit einer uralten, abgelaufenen Telefonkarte. Lisa staunte immer wieder über die kriminellen Fähigkeiten ihres Kollegen.

„Besser, als die Tür einzutreten“, meinte der, und dem musste sie zustimmen. Als sie die Tür aufstießen, schlug ihnen der unverwechselbare Gestank von getrocknetem Blut entgegen. Die bis zur halben Höhe geflieste Küche sah wie ein Arbeitsraum im Schlachthof aus. Kein Zweifel, hier war Gunda Harsfeld erstochen worden. Zwischen Spüle und Herd stand ein Holzblock mit verschieden großen Küchenmessern. Eins fehlte.

Die Blutlache auf dem Fußboden war teilweise aufgewischt worden, aber der Mörder oder die Täterin hatte bald die Lust verloren und den Rest eintrocknen lassen. Lisa ging ins Bad, während Ringel die Kriminaltechnik anrief.

„Schau mal, Kai, hier hat jemand nach der Tat geduscht.“ Vor dem Abfluss hatten sich auf dem Boden der Wanne rosa Schlieren gebildet, in denen lange Haare klebten. Im Wohnraum fehlten an den Wänden kleinere Bilder, noch erkennbar an den grauen Staublinien der Rahmen auf der Tapete. Im Schreibtisch waren zwei Schubladen und eine Tür gewaltsam aufgebrochen.

„Wartest du bitte auf die Kollegen? Ich gehe mal Klinken putzen.“

Doch das brachte nichts. Wie sie schon befürchtet hatte, lebten in diesen Ein- und Zweiraumwohnungen vornehmlich alleinstehende Berufstätige, die zu dieser Tageszeit das Haus verlassen hatten.

Auf der Harsfeldschen Etage öffnete nur eine ältere Frau mit grauen Haaren und einer starken Brille; eigentlich hätte sie auch noch ein Hörgerät benötigt. Nein, zu Frau Harsfeld konnte sie überhaupt nichts sagen, eine ruhige Nachbarin, die wenig Wert auf Kontakte im Haus legte. Vielleicht wusste der Hausmeister mehr, und wenn nicht der, dann seine überall herumschnüffelnde Frau.

Der Hausmeister war nicht in seiner Wohnung, aber seine Frau schien einem kleinen Plausch nicht abgeneigt, nachdem sie das gebührende Entsetzen ob der Todesnachricht überwunden hatte. Nein, über Frau Harsfeld konnte sie nichts sagen, und ihre Miene verriet, dass sie das der Toten auch jetzt noch verübelte. Eine Schauspielerin, die viel in den Studios drüben gearbeitet hatte. Wann zuletzt getroffen? Vorgestern hatte sie Frau Harsfeld zum letzten Mal gesehen. Nee, dabei war ihr nichts aufgefallen. Frau Harsfeld hatte es wieder einmal eilig, es reichte nie zu einem kleinen Plausch oder Gespräch unter Nachbarn. Familie? Angehörige? Oh je, da war sie total überfragt, da konnte wohl diese Mareike Schertz weiterhelfen. Drüben, auf der anderen Seite der Kuehnstraße Nummer 166B. Die trieb sich doch dauernd bei der Gunda Harsfeld herum. Ein fester Freund? Nein, keine Ahnung. Es hatte sie auch schon verwundert. Denn an sich war sie ganz attraktiv, die Gunda Harsfeld. Sehr ruhig, zurückhaltend, beschwerte sich nie, und wenn ihr Mann mal was in ihrer Wohnung reparieren musste, geizte sie nicht mit dem Trinkgeld, ganz anders als die anderen Mieter, von denen sie vielleicht Geschichten erzählen könnte. Lisa winkte rasch ab.



7


Mareike Schertz meldete sich nicht am Telefon, und Lisa hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, sie möge bitte morgen unbedingt vormittags im Landeskriminalamt anrufen. Dezernat 41. Hauptkommissarin Lisaweta Koschwitz.

Schluss für heute Morgen. Die Sonne brach durch, der Himmel hatte endgültig aufgeklart.



8


In der Harsfeld-Wohnung herrschte noch Hochbetrieb, Kai Ringel seufzte und raufte sich die Haare. „Fingerabdrücke en masse, Lisa. Dafür nichts Schriftliches, keine Briefe oder Urkunden, kein Telefonverzeichnis, keine Familienbilder oder Hinweise auf einen Anwalt oder Notar.“

„Das hat der Täter aus den aufgebrochenen Fächern mitgenommen. Wirst du alleine fertig?“

„Sicher doch, wenn Ricki nicht wieder den großen Rappel kriegt und die Wohnungswände mitnehmen will.“

Ricki Kulz, klein und rundlich, tüchtig und zuverlässig, aber von Natur aus ein gefährlicher Choleriker, hatte leider die letzte Bemerkung gehört und brüllte aus Leibeskräften: „Ringel, du Arschloch. Rede kein dummes Zeug, sondern hilf lieber, die Bilder von den Wänden zu nehmen.“

Lisa und der dicke Ricki verstanden sich gut und mochten sich. „Wenn das der erste Schritt zum Abbau der Wände ist, nehme ich Ringel mit.“

„Dachte ich mir. Kannst wieder mal mit deinen Absätzen nicht alleine die Treppe hinunterlaufen?“ Ricki wusste, wohin er welche Giftpfeile schießen musste.



9


Lisa saß noch an den Berichten und Protokollen, als das Telefon klingelte und die Staatsanwältin Heike Saling die Hauptkommissarin Lisaweta Koschwitz zu sehen wünschte.

„Ich muss nur noch ein Protokoll fertig tippen.“

„Sie sollen meinetwegen nichts überstürzen, Frau Koschwitz.“

Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen war nicht gut. Vordergründig hatte es mit gegenseitigen unfreundlichen Bemerkungen zu tun. Weil Heike Saling eine Vorliebe für extrem kurze Röcke besaß, sprach Lisa so laut wie abschätzig von den Bauchbinden der Staatsanwältin, und Heike Saling zahlte mit abfälligen Bemerkungen über die Storchenbeine der Hauptkommissarin zurück. Anlass zu diesen Unfreundlichkeiten war der Kommissar Kai Ringel, den – so Lisas Vorwurf – die Staatsanwältin etwas zu liebevoll und zu zärtlich anzusehen pflegte, was objektiv betrachtet nicht zutraf. Aber wenn es zwischen Lisa und Kai wieder einmal knisterte, drohte er, bei der Staatsanwaltschaft vorbeizuschauen, und Lisa schoss jedes Mal an die Decke.

„Sie wurde also in ihrer Küche erstochen?“

„Ja.“

„Kein Hinweis auf den Täter? Oder das Motiv?“

„Bis jetzt nicht.“

„Wo sind ihre Kleider?“

„Spurlos verschwunden.“

„Merkwürdig. Und in der Nacht ist die Leiche an den Fundort gebracht worden?“

„So sieht es aus.“

„Warum eigentlich?“

„Keine Ahnung, Frau Saling.“

„Der oder die Täter haben bei dem Transport doch ein erhebliches Risiko auf sich genommen?“

„Völlig richtig.“

„Um wie viel Uhr soll diese Harsfeld erstochen worden sein?“

„Gegen siebzehn Uhr, schätzt unser Arzt, die Obduktion steht noch aus.“

„Wo haben sich der oder die Täter von siebzehn bis vierundzwanzig Uhr aufgehalten?“

„Das wissen wir noch nicht.“

„Ich habe den Eindruck, Sie haben noch viel zu tun, Frau Koschwitz.“

„Das fürchte ich auch.“

„Dieser Schröder scheint, Gunda doch gut gekannt zu haben.“

„Ja, aber das ist vorbei, und weil er ein loyaler Mann zu sein scheint, wird er mit der vollen Wahrheit über Gunda Harsfeld, soweit er sie kennt, nicht herausrücken.“

„Und diese Frau, die angeblich bei der Harsfeld ein- und ausging?“

„Die habe ich heute noch nicht erreicht.“

Jemand klopfte energisch.

„Herein.“

Kai Ringel stampfte herein, grüßte und gähnte.

„Etwas Neues, Herr Ringel?“ Heike Saling schaute nicht zärtlich, aber doch ausgesprochen wohlwollend zu dem müden Kommissar. „Nein, noch nicht. Die Harsfeld-Wohnung ist die reinste Fingerabdruck-Sammlung. Ich habe noch mit einigen Nachbarn gesprochen, die von der Arbeit nach Hause gekommen sind. Niemand will nachmittags oder gegen Mitternacht etwas bemerkt haben. Die Tatwaffe war höchstwahrscheinlich ein Messer aus diesem Küchen-Block. Aber Konrad wollte sich noch nicht festlegen.“

Konrad war der Rechtsmediziner, ein tüchtiger, aber übervorsichtiger Mann, bei dem alles etwas länger dauerte.

„Wer sagt uns eigentlich, dass die Beziehung Schröder – Harsfeld tatsächlich beendet war?“

„Wenn dem nicht so wäre, hätte er die Leiche nicht finden und nicht auf uns warten müssen. Es gibt mehrere Wege von seiner Wohnung in die Studios.“

„Na schön“, resignierte Saling. „Wie ich sehe, bleibt noch etwas Arbeit für morgen.“



10


Lisa lud Kai Ringel zum Essen ein. Plötzlich legte er Messer und Gabel zur Seite und kicherte. „Ich wollte es nicht in Heikes Gegenwart erzählen.“

„Du meinst, nicht in Gegenwart der Frau Staatsanwältin. Was wolltest du nicht erzählen?“

„Ich erlaube mir, unter vier Augen und privatim die Staatsanwältin zu duzen. Halt, halt, kein Grund, gleich wieder an die Decke zu gehen. In dem Gebäudekomplex dieses Studios gibt es eine kleine Bar, und mit einer der Bardamen bin ich seit Längerem – hm – befreundet.“

„Deswegen kommst du morgens immer zu spät.“

„Lisa! Mach nun bitte mal halblang. Ich habe mir erlaubt, dort während der Dienstzeit einen Cappuccino zu trinken und mich nach Gunda Harsfeld zu erkundigen. Diese Gunda war sehr bekannt. Sie hieß die Leiche vom Dienst oder auch die Nackte vom Dienst.“

Lisa musterte ihn strafend. „Kai!“, tadelte sie scharf.

„Wirklich, das ist so, die Namen stammen nicht von mir. Es gibt noch einen dritten Namen, der noch hässlicher ist. Die Matratze vom Dienst.“

„Pfui. Und wer hat sie weshalb umgebracht?“

„Keine Ahnung. Beliebt war sie unter den Kollegen und Kolleginnen nicht, aber auch nicht verhasst.“

„Ich verstehe nicht, warum man sie an der Rahlau abgelegt hat.“

„Vielleicht sollte sie rasch gefunden werden.“

„Mag sein, aber warum?“

Sie aßen schweigend zu Ende, und weil sie zuerst an seiner Wohnung vorbeikamen, lud er Lisa noch zu einem Glas Rotwein ein. „Vergiss das Ladegerät für dein Handy nicht“, mahnte er. Sie schmollte immer noch, und entspannte sich erst, als er sie behutsam auszog und in sein Bett trug.

„Du brauchst ein breiteres Bett“, teilte sie ihm mitten in der Nacht mit, und er knurrte.

„Dann brauche ich zuerst eine größere Wohnung, Lisa. Denk an die Miete, woher nehmen und nicht stehlen?“

„Als Oberkommissar verdienst du bald mehr.“

„Klar, ungeheuer viel mehr!“, murrte er.



11


Seine bewegte Klage hatte sie nicht vergessen, deshalb stand sie auf und holte aus einer Bäckerei um die Ecke frische Brötchen, während er noch gewaltig schnarchte. Nach dem Frühstück mussten sie sich trennen, er fuhr ins Amt und sie verabredete sich mit Peter Schröder und Mareike Schertz.

Schröder schnitt eine betrübte Grimasse, als Lisa ihm berichtete, welche Spitznamen der verblichenen Gunda sie erfahren hatte. Er widersprach aber nicht, sondern nickte traurig und gestand, dass er sich deshalb von ihr getrennt hatte: Bei aller Zuneigung ertrug er es nicht länger, von allen möglichen Kollegen hämisch-höhnisch-verächtlich angesehen zu werden.

„Warum zum Teufel musste sie um jeden Preis vor der Kamera stehen oder liegen?“, erkundigte sich Lisa.

„Das weiß ich bis heute nicht“, seufzte Schröder. „Sie hat zu einer Zeit mit dem Theater angefangen, als es für sie noch viele andere Jobs gegeben hätte. Zumal sie ja gar nicht arbeiten musste, bei dem, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie hat mir einmal verraten, dass ihre Mutter als Opernsängerin gescheitert war. Die Eltern wollten ihre Mutter, deren einzige Tochter, von der Bühne fernhalten, zumal das Talent objektiv nicht ausreichte. Da machte sich Gunda übrigens nichts vor.

Sie war fleißig, zuverlässig und jederzeit bereit, auch kleinste Rollen zu übernehmen. Sie wohnte extra hier in der Nähe des Studios, um auch einmal ganz schnell einspringen zu können. Aber das Talent, das gewisse Etwas, das man weder kaufen noch erlernen kann, fehlte ihr. Ein Trauerspiel.“

„Haben alle Männer so gedacht, die mit ihr zusammengelebt haben?“

„Die anderen Männer kenne ich nicht.“

Lisa hatte schon die Hand an der Türklinke, als er sich räusperte.

„Es gibt eine Anekdote aus dem Leben von Thomas Mann, Frau Koschwitz. Er hatte eine ungewöhnlich schöne Mutter, Julia, und die Töchter, respektive Schwestern, haben sich geärgert, wenn die Mutter sie auf einen Ball begleitete, weil die potentiellen Verehrer sich nicht entscheiden konnten, ob sie der Mutter oder den Töchtern den Hof machen sollten.“

„Ja, und?“

„So was Ähnliches muss sich zwischen Gunda und ihrer Mutter Annabella Harsfeld abgespielt haben.“ Lisa schüttelte den Kopf. Die Tochter war zweiundvierzig Jahre alt, als sie starb. In dem Alter sollte sie sich von der Mutter auch seelisch abgenabelt haben.



12


Zu Lisas großem Erstaunen trug Mareike Schertz eine ähnliche Interpretation und Erklärung für Gundas Drang zur Kamera vor.

„Wissen Sie das oder vermuten Sie es nur?“

„Teils – teils, ich habe ihr mal geraten, sie würde sich verzetteln; sie hätte doch genug Geld, um auf ein richtig gutes Angebot zu warten. Da hat sie abgewinkt, das verstünde ich nicht, es sei wichtig, dass sie möglichst oft auf der Mattscheibe erscheine, wobei es egal sei, ob in einer großen oder in einer winzigen Rolle; Hauptsache, man gebe niemandem eine Chance, sie zu vergessen oder aus der Erinnerung zu tilgen …“

„Und warum soll das so wichtig gewesen sein?“

„Eben das hat sie mir nie erklären wollen. Sie war überhaupt in manchen Dingen sehr verschwiegen.“

Lisa musterte Mareike misstrauisch, aber die mittelgroße Frau mit dem hübschen Puppengesicht und den kurzen, blonden Locken hielt Lisas Blick stand. Mareike trug engen Hosen und ein enges Sweatshirt, ihre gute Figur zeigte sie ausgiebig und gern. „Sind Sie eine Kollegin von Gunda?“

„Nein, ich habe mit Schauspiel und Fernsehen nichts zu tun, ich arbeite in einem Buchladen am Wandsbeker Markt.“

„Und woher kennen Sie Gunda Harsfeld?“

„Wir haben uns vor Jahren in einem Speisewagen der Bahn kennengelernt und Gefallen aneinander gefunden, wie man so sagt. Und als Gunda dann nach Hamburg ziehen wollte, hat sie ein paar Wochen bei mir im Haus gewohnt, bis sie da drüben eine Wohnung mieten konnte.“

„Ist Gunda einmal bedroht worden. Hat jemand versucht, sie zu erpressen? Hatte sie Schulden? War sie krank?“

Mareike schüttelte bei jeder Frage heftig den Kopf, sodass die Löckchen flogen.

„Sind Sie mal in Gundas Wohnung gewesen?“

„Oft sogar, wie waren gute Freundinnen, Frau Koschwitz.“

„Wann haben Sie Gunda Harsfeld das letzte Mal gesehen?“

„Gestern, drüben im Wöschenhof. Auf der Straße. Gunda hatte einen Strauß Blumen gekauft, den sie einer früheren Kollegin aufs Grab stellen wollte. In Ohlsdorf.“

„Danach nicht mehr?“

„Nein. Wir haben uns noch für heute verabredet, und das war das letzte Mal.“

„Frau Schertz, können Sie mir etwas über Gundas Verwandtschaft erzählen? Wen müssen wir über deren Tod benachrichtigen?“

„Ich glaube, niemanden. Die Eltern sind schon tot, Geschwister gibt es wohl nicht, und von einem Ehemann oder einem festen Freund weiß ich nichts.“

„Wollen Sie etwa behaupten, dass eine so attraktive Frau wie Gunda Harsfeld keinen festen Freund gehabt hat?“

„Nein, das will ich nicht, sie hatte einen Freund, sogar über lange Zeit. Der ist oft über Nacht bei ihr geblieben. Aber sie hat mir nie den Namen verraten, obwohl ich immer wieder gebohrt habe.“

Dabei kicherte sie albern, und Lisa musterte sie strafend. „Ich habe doch schon gesagt, Gunda konnte sehr verschwiegen sein. Und vor diesem großen Unbekannten gab es einen Mann, der drüben in den Studios arbeitet, aber das war kein enges Verhältnis.“

„Mit dem habe ich schon gesprochen. Frau Schertz, hat Gunda mal was über ihre Familie erzählt?“

„Wenig, doch ja, etwas schon. Die Mutter war eine gescheiterte Sängerin, von der Gunda, wie sie sagte, den Drang zur Bühne geerbt hat. Den Vater hat sie gehasst, aus Gründen, die ich nicht mal erraten kann. Er muss sehr streng und dominant gewesen sein.“

„Aber es war kein arme Familie?“

„Oh nein, die Mutter besaß von ihren Eltern eine hübsche Stange Geld, und der ungeliebte Vater muss glänzend verdient haben.“

„Wo ist Gunda aufgewachsen?“

„Wenn mich nicht alles täuscht, in Stuttgart. Dort hat sie jedenfalls Abitur gemacht, bevor sie nach München an die Schauspielschule ging.“

Lisa schaltete ihr Aufnahmegerät aus. „Vielen Dank, Frau Schertz. Sie müssen dann leider mal zu uns ins Präsidium kommen, um das Protokoll zu unterschreiben.“ Mareike warf ihr einen scharfen Blick zu und rieb sich die Hände an den Hosenbeinen.



13


Lisa wollte gerade den Zündschlüssel drehen, als ihr Handy bimmelte, ein aufgeregter Kai Ringel jubelte. „Chefin, wir haben einen ganz dicken Fisch an Land gezogen.“

„Was soll das heißen?“

„Einige der Fingerabdrücke in Gundas Wohnung stammen von Sigfried Bork.“

„Was? Vom schönen Sigi? Dem Bordell-Bork?“

„Kein Zweifel. Wir treffen uns gleich vor seinem sogenannten Restaurant an der Rahlstedter Straße.“

„Ich bekomme richtig Hunger.“

„Auf was, auf Menschenfleisch?“

Es war so selten wie schön, wenn man in einem Fall nicht dauernd von einem Stadtteil östlich der Alster zu einem Ziel westlich der Alster fahren musste.

Der schöne Sigi hatte sein erstes Geld mit einem Bordell im Nordosten der Stadt gemacht, später ein etwas zweifelhaftes Restaurant gekauft und neben überteuerten Gerichten auf einer fantasiereichen Karte parallel auch unsittliche Angebote zur Entspannung für männliche wie weibliche Gäste offeriert. Alles sehr diskret, aber schweineteuer. Immerhin blieb Sigi bei seinen Leisten und traute sich nicht nach St. Georg oder St. Pauli, störte also nicht die Kreise seiner eher zur Gewalt neigenden Konkurrenz. Wegen Hehlerei hatte er drei Jahre gebrummt und war danach noch vorsichtiger geworden. Die Kollegen meinten jedoch, er betreibe immer noch Hehlerei in großem Stil mit Rückendeckung einiger seiner prominenten Gäste.



14


Kai Ringel hatte gleich ein Überfallkommando mitgebracht, doch Lisa winkte erst mal ab. Was konnten sie Sigi bisher vorhalten? Dass er sich einige Male in der Harsfeld-Wohnung aufgehalten hatte. Das hatten viele Personen, aus den zahlreichen noch nicht identifizierten Fingerabdrücken zu schließen. Sigi besaß einen guten Anwalt und genug Erfahrung mit Kripo und Justiz, um sich nicht überrumpeln zu lassen. Also langsam und mit Gefühl.

Genau so kam es. Sigi schien aufrichtig erschrocken, als er von Gundas Tod erfuhr, bot Lisa einen Platz in seinem Büro an und bestritt nicht, dass er mit Gunda Harsfeld einmal intim befreundet gewesen war, wobei er nervös seine Hände knetete.

Er war ein großer, breitschultriger und kräftiger Mann, mit dem selbst Ringel seine Last gehabt hätte, und das Leichtgewicht Lisa reichte dem unruhigen Sigi gerade bis zu den Schultern.

„Muss ich meinen Anwalt anrufen?“

„Wenn Sie ein Alibi für die Zeit von fünfzehn bis achtzehn Uhr und gegen Mitternacht des gestrigen Tages besitzen – nein.“

„Von sechzehn bis achtzehn Uhr habe ich hier im Büro mit zwei Vertretern um Preise und Rabatte gefeilscht und um Mitternacht eine heftige Auseinandersetzung mit einer Streife wegen angeblichen Lärms aus meinem Restaurant gehabt.“

„Welches Revier?“

„Weiß ich nicht. Wer rückt aus, wenn sich meine Nachbarn über Lärm bei mir beschweren?“

„Das werden wir feststellen, Herr Bork. Mein Aufnahmegerät stört Sie doch nicht?“

„Wenn ich nachher die Aufnahme kopieren darf – nein.“

„Himmel hilf, seit wann sind Sie so vorsichtig? So schlechte Erfahrungen mit der Kripo?“

Der schöne Sigi nickte kummervoll. Lisa hatte schon von dem Gerücht gehört, dass man Sigi mit einer manipulierten Gesprächsaufnahme hereingelegt hatte. Ringel verschwand lautlos nach draußen; dort wartete die Besatzung des Streifenwagens.

„Also, Herr Bork: Gunda Harsfeld.“

„Beim Derby in Horn saß sie neben mir, es war schönes Wetter, sie trug ein weit aufgeknöpftes Oberteil und hatte nichts einzuwenden, als ich ihren Busen bewunderte. Und weil ich mit einem Außenseiter eine schöne Summe gewonnen hatte, lud ich sie zum Essen ins Blockhaus an der Schlossstraße ein. So fing es an.“

„Wann war das?“

„Moment – vor drei Jahren, beim letzten Derby mit schönem Wetter.“

„Wie lange hat Ihr Verhältnis gedauert?“

„Wir haben uns vor gut zwei Monaten getrennt.“

„Und warum, Herr Bork?“

„Schwer zu erklären, Frau Koschwitz.“

„Versuchen Sie es trotzdem. Ich bin nicht so dumm, wie ich manchmal aussehe.“

„Um Gottes willen, das habe ich nicht mal im Traum gedacht. Hat man Ihnen schon im Studio erzählt, dass Gunda geradezu süchtig nach der Kamera war? Sie hat jeden Scheiß und jeden Mist gedreht, wenn es nur eine Chance gab, auf der Mattscheibe zu erscheinen. Privatim ging es nicht anders. Sie wollte unbedingt überall erscheinen, wo es eine Kamera gab. Ob Fernsehen, Film oder Journalisten, Hauptsache, sie wurde aufgenommen und ein Bild von ihr erschien. Oder eine Notiz mit ihrem Namen.“

„Da sind Sie doch ganz anders gestrickt“, spottete Lisa.

„Bin ich“, entgegnete Sigi mit einer gewissen Würde. „Ich hatte und habe viele Gründe, mich nicht so deutlich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ich halte auch nicht viel vom Schauspielhaus, vom Thalia-Theater oder von der Oper. Gunda wäre am liebsten jeden Abend in eine Vorstellung gegangen. Sie wollte um jeden Preis gesehen werden und auffallen. Haben Sie einmal recherchiert, wie oft Gunda winzigste Rollen und Auftritte hatte? Lassen Sie sich mal die Honorare zeigen. Da kommen Stundenlöhne heraus, für die selbst meine illegalen Küchenhilfen aus Osteuropa keinen Teller spülen.“ In dem Moment rumpelte es gewaltig in den Hinterräumen, Glas oder Geschirr klirrte, und dann brüllte Ringel: „Bleiben Sie stehen, Polizei!“

„Was ist da los?“, sprang Sigi auf und stürzte zur Tür.

„Ich fürchte, mein Kollege ist über Ihre illegalen Küchenhilfen gestolpert, Herr Bork.“

„Haben Sie eigentlich eine Durchsuchungserlaubnis, Frau Koschwitz?“

Lisa schüttelte noch den Kopf, als ein Schuss krachte. Sigi raufte sich die dünn und licht gewordenen Haare, blieb aber an der Tür stehen und Lisa sagte trocken: „Jetzt brauche ich keinen mehr. Man nennt das Gefahr im Verzug“

„Stehen bleiben, oder ich schieße.“ Unmittelbar danach krachte ein weiterer Schuss. Wieder klirrte Glas. Der schöne Sigi sauste davon.

Lisaweta folgte ihm langsamer. Aus dem Büro gelangte man auf eine Galerie, von der eine geschwungene Treppe ins Erdgeschoss führte, direkt vor eine große Tür zum Restaurant.

Als Lisa die Tür aufstieß, quoll ihr der Geruch von Wasser und Chlor entgegen. In der Mitte des kleinen Restaurants befand sich ein quadratisches Schwimmbecken, von unten beleuchtet, und Kai Ringel kämpfte darin mit einer jungen Frau, die zwar voll bekleidet war, sich aber trotzdem nicht so ohne Weiteres einfangen ließ. In einer Ecke des Raumes war Mobiliar zu Bruch gegangen. Die beiden Polizisten hatten Mühe, sich gegen zwei Männer in langen weißen Schürzen zu wehren, die ihre uniformierten Gegner unbedingt niederschlagen wollten, um fliehen zu können.

Der schöne Sigi lag am Boden, und ein einsames Stuhlbein neben ihm signalisierte, wem er zum Opfer gefallen war. Ein Schuss hatte eine große Glasscheibe zertrümmert, die an einer Wand ein großes buntes Foto von hübschen und unbekleideten Frauen gegen Staub und Feuchtigkeit geschützt hatte. Ein weiterer Schuss hatte eine geschmacklose Deckenleuchte zerlegt und Lisa zielte ohne Bedenken auf die traurigen Reste.

„Schluss jetzt“, brüllte sie. „Polizei. Sie, ja Sie, kommen Sie aus dem Becken, bevor ich gezielt schießen muss. Und ihr da hinten ergebt euch brav, ich habe keine Lust mehr auf Dummheiten und Ärger. Und meine Geduld ist auch erschöpft.“

Die junge stämmige Frau kletterte aus dem Becken, während Ringel zur nächsten Leiter schwamm. Doch die Stämmige mit den kurzen schwarzen Haaren hatte die Nase längst noch nicht voll, sondern griff ohne Vorwarnung Lisa an, die nicht schießen wollte und sich im letzten Moment mit dem Rücken gegen eine Wand lehnen und zutreten konnte.

Sie traf mit ihrem spitzen Schuh wohl sehr präzise, die junge Frau brüllte auf, ruderte zuerst mit den Armen, stolperte rückwärts und griff dann doch noch nach Lisa, die vor Schreck ihre Waffe fallen ließ. Gemeinsam taumelten sie Richtung Becken und fielen gemeinsam ins Wasser.

„Vorsicht!“, schrie Ringel erst jetzt, „die ist lebensmüde, die hat als Erste hier geschossen.“

„Wo ist ihre Waffe?“

„Die hat der schöne Sigi noch ins Becken werfen können, bevor sie ihn mit dem Stuhlbein schlafen geschickt hat.“

Lisa schluckte unfreiwillig eine Menge Wasser, bis Ringel herangekrault war, die wild strampelnde Furie an den Haaren ergriff und so lange untertunkte, bis sie Ruhe gab.

„Geht es?“, keuchte er.

„Ja, danke, Kai.“

„Hast du noch Handschellen?“

„Im Auto.“

Es wurde ein Stück Schwerstarbeit, die sich sofort wieder wehrende Frau aus dem Becken zu schaffen, und nach draußen ins Auto zu bringen.

Die beiden Kollegen von der Streife konnten ihre Gegner fesseln und im Auto absetzen, doch sie keuchten und hatten blutunterlaufene Augen. Lisa rief über Handy Verstärkung herbei und schickte die Kollegen mit den beiden unbekannten Männern zum Erkennungsdienst. „Jede Wette, dass wir sie mit Haftbefehl suchen.“

„Was haben die im Lokal gemacht?“

„Ich vermute, der schöne Sigi hat sie gegen Honorar hier als unbezahlte Küchenhilfen versteckt. Wie habt ihr sie gefunden?“

„Weil Ringel nach dem ersten Schuss um Hilfe gebrüllt hat, sind wir in die Pantry gelaufen.“

„Und wo hat die Frau gesteckt?“

„Die ist oben auf der Galerie aus der Tür ganz links gekommen.“

Dahinter befand sich eine Art Schlafzimmer, in dem ihnen eine leicht bekleidete und verschreckte junge Frau entgegensah, und der schöne Sigi leugnete nicht, dass er sich hier mit weiblichen Gästen des Clubs Exotisch und Erotisch vergnügt hatte.

„Wer ist die überhaupt?“, fragte Lisa.

„Sie heißt Kati Holl.“ Nach einer Weile klickte es bei Lisa. Sie las selten Klatschnachrichten oder Wer-mit-wem?-Spalten. Doch sogar sie hatte von Kati Holl gehört, einem skandalumwitterten kleinen Hürchen oder – was besser klang – einer professionellen Partyläuferin mit einer hübschen Figur und einem hübschen Gesicht. Kati legte es mit äußerster Freizügigkeit darauf an, in die Klatschspalten der Zeitungen und Illustrierten zu gelangen oder sich in Talkshows zu produzieren, weniger mit geistreichen als mit eindeutig zweideutigen Bemerkungen. Zurzeit rätselte die Boulevardpresse, ob sie wirklich von einem prominenten verheirateten Schriftsteller schwanger war, der das strikt leugnete.

„Wie kommt die zu Ihnen?“, fragte Lisa den frustrierten Bork.

„Gunda hat ihr meine Adresse gegeben.“

„Und woher kennen sich die beiden Frauen?“

„So weit waren wir noch nicht gekommen, als Sie klingelten.“



15


Die beiden Schürzenträger wurden tatsächlich mit Haftbefehl gesucht. Der schöne Sigi verzichtete darauf, die Aufnahme des Gespräches zu kopieren, rief seinen Anwalt an, der wilde, aber fruchtlose Drohungen wegen ungerechtfertigter Hausdurchsuchung ausstieß, und sein Mandant schlurfte ergeben wieder einmal in eine Polizeiarrestzelle.

Die schießwütige Stämmige war bei einem Gefangenen-Transport ausgebrochen und hatte bei „Onkel Sigi“ Unterschlupf gesucht. Auf sie wartete eine nette Einzelzelle und ein Verfahren wegen Geiselnahme und schwerer Körperverletzung.

Staatsanwältin Saling schüttelte den Kopf. „Liebe Frau Koschwitz, Sie räumen ja wieder einmal gründlich auf. Ich warte auf den Tag, an dem Sie einen Bagger mit Abrissbirne zu Ihren Verhören mitnehmen.“

Lisa lächelte dünn.

Doch „Onkel Sigi“ hatte Lisa auf eine Idee gebracht, und deshalb rief sie Peter Schröder an. „Hat Gunda jemals den Namen Kati Holl erwähnt?“

„Kati Holl? Das ist doch diese schamlose Skandalnudel.“

„Das Wort schamlos aus dem Munde eines Fernseh-Inspizienten erstaunt mich und gibt mir Hoffnung auf Wiederkehr der alten Werte.“

„Bravo. Nein, eine Kati Holl hat Gunda bei mir nie erwähnt.“



16


Die nächsten Tage fuhren Lisa Koschwitz und Kai Ringel viel herum, kamen aber im Fall Gunda Harsfeld nicht einen Schritt weiter. Von der Bank lernten sie, dass Gunda in der Tat herzlich wenig Honorare verdient, aber monatlich mehr an Zinsen und Erträgen aus dem geerbten elterlichen Vermögen bezogen hatte, als Lisa brutto verdiente.

Eine Neuigkeit konnte Lisa mitnehmen. Die Mutter war vor dem Vater gestorben. Gunda hatte zweimal geerbt, zur großen Freude des Finanzamtes.

Sie fanden keine Freunde oder Freundinnen, Gunda hatte früher in München und Berlin gelebt und sich dort völlig unauffällig verhalten. Das Blut in der Badewanne der Wöschenhof-Wohnung stammte von Gunda, die Haare aber nicht, die fehlende Kleidung war nicht auffindbar.

Lisa begann zu knöttern und über alles zu meckern, was ihnen auch nicht weiterhalf. Sie und Kai hatten sich angewöhnt, beim abendlichen Rotwein in seiner Wohnung regelmäßig die Filmaufnahmen, die ihnen Peter Schröder besorgt hatte, in denen die winzigen Szenen mit Gunda Harsfeld enthalten waren, anzuschauen.

Sie hörten damit auf, als sie die Szenen praktisch auswendig kannten. Auch eine gründliche Vernehmung aller Hausbewohner brachte sie nicht weiter. Allein Sigi Bork, Eigentümer des Clubs Exotisch und Erotisch, wurde als häufiger Besucher identifiziert, der sich aber in letzter Zeit rar gemacht hatte.

Die etwas ängstliche Gunda hätte nach übereinstimmendem Urteil aller Nachbarn nie einen fremden Menschen in ihre Wohnung gelassen, doch das Schloss ihrer Wohnungstür war weder aufgebrochen noch mit einem Dietrich geöffnet worden. Die meisten Fingerabdrücke aus der Wohnung führten in eine Sackgasse.

Als einzige regelmäßige Besucherin in der Harsfeld-Wohnung stand nur Mareike Schertz fest, die nach einiger Zeit auch zugab, dass Gunda ihr immer wieder einmal Geld geschenkt hatte. „Schauen Sie sich doch meinen Schuppen an. Er braucht ein neues Dach, neue Fenster, eine neue Fassade. Die Heizung ist defekt, eigentlich müssten alle Wasserleitungen ersetzt werden, von den Fliesen in Küche und Bad ganz zu schweigen. Meine Eltern wollten mir etwas Gutes tun, als sie mir diese Fast-Ruine vererbten, aber wer noch keine Sorgen hat, sollte sich ein eigenes Haus, besser noch einen Altbau, zulegen. Das weiß ich allerdings erst jetzt.“ Sie fügte nicht hinzu, was Lisa und Ringel in dem Moment dachten: Warum die Gans schlachten, die für Mareike goldene Eier legte.

Peter Schröder war aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeschieden, auch Sigi Bork mussten sie streichen, nachdem sich seine Alibizeugen als korrekt herausgestellt hatten. Dass er in einem Sperrgebiet einen Edelpuff betrieb, fiel nicht in ihr Ressort, und dass er gegen Honorar gesuchte schwere Jungs versteckte, ebenfalls nicht. Ringel meinte sogar, unbezahlte Küchenarbeit sei Strafe genug, ein solches Maß an Quälerei sei in Santa Fu vom Gesetz leider verboten.

Doch Sigi Bork atmete tief durch, als sie ihm mitteilten, dass gegen ihn kein Mordverdacht mehr bestand. „Dann kann ich Ihnen ja auch helfen“, sagte er fest. „Wahrscheinlich wissen Sie noch nicht, dass Gunda mal verheiratet war, und zwar mit einem Werner oder Walter Funke. Dieses kleine Hürchen Kati Holl ist Gundas Tochter. Das Früchtchen hat immer wieder Geld gebraucht, was Gunda ihr nur unter der Bedingung gegeben hat, dass sie sich nicht mehr Harsfeld oder Funke nennt.“

„Sie spinnen doch“, fauchte Lisa los.

„Nein, warum sollte ich. Fragen Sie doch Kati einmal.“

Ringel zupfte Lisa am Ärmel ihrer Bluse. „Lisa, wir ärgern uns noch über ein paar nicht identifizierte Fingerabdrücke aus der Wohnung.“

Sie knurrte, gab aber nach und versuchte, Sigi einen moralischen Tritt zu verpassen. „Erst mit der Mutter, dann mit der Tochter ins Bett. Bork, das ist nicht die feine hanseatische Art.“

„Das habe ich Kati auch gesagt, aber die verabscheute ihre Mutter so sehr, dass sie es als besondere Art der Rache empfand.“



17


Borks Tipp erwies sich als goldrichtig. Zuerst leugnete Kati, den Namen Harsfeld je gehört zu haben, knickte aber ein, als die erzürnte Lisa ihr androhte, sich eine richterliche Verfügung für einen DNA-Vergleich zu besorgen. Und siehe da, Kati Holls Fingerabdrücke fanden sich in Gunda Harsfelds Wohnung. Mit dem Tod ihrer Mutter, der sie keine Träne nachweinte, wollte Kati freilich nichts zu tun haben. Nach ihrer Aussage hatte sie Gunda drei Wochen vor deren gewaltsamen Ende besucht, um von ihr über Peter Schröder ans Fernsehen vermittelt zu werden, was Gunda aber abgelehnt habe. Stattdessen habe sie Kati Namen und Anschrift von Siegfried Bork gegeben.

„Das ist doch kein Restaurant, sondern ein Puff“, sagte Lisa ungläubig.

„Sicher, so blöd bin ich nicht. Und was ist dabei? Sigi hat ordentlich gelöhnt, damit ich im Schwimmbecken ein paar Runden drehte, zur Freude der Gäste und zum Appetit anregen.“

„Und Ihre Mutter glaubte also, da gehörten Sie hin?“, staunte Ringel.

„So habe ich das ausgelegt.“

„Sie sollten dort nackt schwimmen?“, vergewisserte er sich.

„Na klar doch. Da finden keine kirchlichen Modenschauen statt.“

Ringel verstummte. Diese Kati Holl hatte ein Mundwerk, mit dem er sich nicht gerne auf Debatten einließ.

„Was sagt den Ihr Vater zu Ihrem Lebenswandel?“, erkundigte sich Lisa.

„Meinen Vater kenne ich nicht. Der ist spurlos verduftet, als ich vier oder fünf Jahre alt war, und hat sich nie um mich gekümmert.“

„Hatte Ihre Mutter denn noch Kontakt zu ihrem Ex-Mann?“

„Nein, keinen – jedenfalls nicht, dass ich wüsste.“

„Diese Beleidigung, an ein Bordell vermittelt zu werden, haben Sie sich also ohne Widerrede von Ihrer Mutter gefallen lassen?“

Hatte sie.

An Gundas Todestag war Kati angeblich mit ihrem Auto von Berlin nach Hamburg unterwegs und kurz hinter dem Dreieck Wittstock in einen stundenlangen Stau wegen eines Bus-Unfalles geraten. Den Unfall hatte es gegeben, ob Kati in der Schlange Richtung Hamburg gestanden hatte, blieb offen. Vorerst konnte sie gehen.

„Kann stimmen, muss aber nicht“, brummte Lisa abends. Ringelschnitt, Käse in Würfeln. Rotwein machte sie beide hungrig.

„Was sagt denn die Busenfreundin Mareike zu dieser Geschichte?“

„Die windet sich wie ein Aal. Dass Gunda einmal ein Kind geboren hat, wusste sie angeblich. Aber soviel ihr Gunda erzählt habe, sei das Kind noch vor seiner Einschulung gestorben.“

„Und der flüchtige Ehemann?“

„Von dem will Mareike nicht einmal Vornamen oder Beruf wissen.“

Am Telefon wurde sogar Staatsanwältin Saling ungeduldig. „Bei Ihren anderen Fällen hat es nicht so lange gedauert, Frau Koschwitz.“

„So ein Biest“, murrte Ringel, als Lisa ihm davon erzählte. Er war noch einmal bei Mareike Schertz gewesen.

„Ist dieser geldbedürftigen Mareike denn wenigsten eingefallen, wie die Ex-Kollegin heißt, deren Grab Gunda an ihrem Todestag besuchen wollte?“

„Nein.“ Danach grinste Lisa so hässlich, dass Ringel, der sehr schnell schalten konnte, laut aufheulte.

„Das tust du mir nicht an.“

„Was soll ich dir nicht antun?“

„Den ganzen Ohlsdorfer Friedhof nach einem Strauß orangener, gedrahteter Gerbera mit weißen Nelken und einigen roten Rosen abzusuchen.“

„Nicht den ganzen Friedhof. Das wäre in der Tat auch bei schönem Wetter eine Zumutung. Was wollen wir denn herausbekommen?“

„Nicht wir, sondern was willst du Dickkopf herauskriegen? Wem könnte Gunda begegnet sein, als sie den Strauß auf das Grab brachte.“

„Genau. Und wann gehen Menschen auf den Friedhof, auch wenn es kalt ist und windet und jeden Moment zu regnen droht wie an Gundas Todestag?“

„In der Regel, wenn sie an einer Beerdigung teilnehmen.“

„Denke ich auch. Deswegen rufst du die Friedhofsverwaltung an, wer an Gundas Todestag über Mittag beerdigt worden ist und auf welchem Gräberfeld.“

Zwei Stunden später schlich Ringel in ihr Zimmer und prustete anerkennend. „Deine Ahnungen möchte ich haben.“

„Danke, also bist du fündig geworden?“

„Ja, könnte sein, an dem Dienstag ist gegen Mittag Anna-Maria Funke, geborene Wehlern in der Ohlsdorfer Familiengruft beigesetzt worden.“

„Wehlern, Wehlern – woher kenne ich den Namen?“

„Die Import- und Exportfirma am Ballindamm. Der erste Wehlern stammte aus Pöseldorf, deshalb die Gruft in Ohlsdorf. Die Familie residiert seit zwei Generationen standesgemäß an der Elbchaussee.“

„Nasse Seite wahrscheinlich“, ergänzte Lisa und grinste über Ringels verdutztes Gesicht. „Auf der Wasserseite, zur Elbe hin.“

„Weiß ich nicht.“

„Das werden wir gemeinsam feststellen. Wie finden wir die Familiengruft?“

„Das habe ich mir beschreiben lassen.“

„Worauf warten wir dann noch?“



18


Ringel beharrte nach dem Studium des Stadtplanes, den er immer im Auto mitführte, darauf, über die Bramfelder Chaussee zu fahren und dann in den Bräsigweg abzubiegen. Lisa schwieg und dirigierte ihn später über die Cordesallee zur Kapelle 6. Von dort war die Familiengruft der Wehlern nicht schwer zu finden, die Kränze, Gebinde und großen Sträuße auf dem frischen Grabhügel waren nicht zu übersehen. Meiner geliebten Frau Anna-Maria Funke geborene Wehlern, unserer geliebten Tochter Anna-Maria. Nach der Blumenmenge zu urteilen, war es ein großer Leichenzug gewesen. Eine ältere Frau blieb neben ihnen stehen und musste unbedingt ihre Weisheit loswerden. „Was nutzt das ganze schöne Geld, wenn das Schicksal es anders will.“

Lisa musterte sie ungnädig. „Was soll das heißen?“

„Brustkrebs, zu spät entdeckt.“

Lisa und Ringel gingen Hand in Hand los, zogen immer größere Kreise um die Familiengruft der Wehlern und standen nach einer halben Stunde vor einem älteren Grab mit einem kleinen, rötlichen Stein. In einer Grabvase steckten orangene Gerbera, Nelken und Rosen. An der Einmündung des Weges musste Gunda Harsfeld den Trauerzug, der von der Wehlern-Gruft kam, gesehen haben. Lisa hatte einen schmalen Mund bekommen und stöhnte plötzlich: „Verdammt, ich muss unbedingt auch mal wieder zur Vorsorge.“

„Bitte bald.“

„Warum?“

„Ich würde dich gerne noch etwas behalten.“

„Danke. Jetzt links.“ Lisa dirigierte Ringel an ein freies Feld heran, auf dem nur große Tafeln mit den Namen von Hamburger Stadtteilen standen.

„Was ist das, Lisa?“

„Das Ehrenfeld der Bombenopfer.“

„Gibt es einen Grund, weshalb du mir das jetzt zeigst?“

„Ein Großteil meiner Familie ist 1943 bei dem Feuersturm umgekommen.“

Ringel schwieg, bis sie wieder im Präsidium waren, und erst beim Mittagessen sprach er aus, was sie beschäftigte. „Du vermutest also auch, dass Gunda Harsfeld an dem Dienstag auf dem Friedhof ihrem früheren Ehemann begegnet ist?“

„Möglich. Aber der Name Funke ist nicht so selten.“

„Reden wir mit ihm?“

„Langsam. Selbst wenn Gunda ihrem früheren Ehemann begegnet ist, was wäre daran so schlimm gewesen?“

„Vielleicht hatte er seiner zweiten Frau und seinen Schwiegereltern verheimlicht, dass er schon einmal verheiratet war.“

„Unangenehme Situation, ja. Aber Grund für einen Mord? Können wir ihm überhaupt nachweisen, dass er einmal in Gundas Wohnung am Wöschenhof gewesen ist?“

„Bis jetzt nicht. Aber wir haben noch eine Reihe nicht identifizierter Fingerabdrücke.“

„Klar, und wie kriegen wir auf legalem Wege Funkes Abdrücke zum Abgleich?“

Ringel kratzte sich den Kopf. „Ein kleines Problem, zugegeben, vielleicht fällt dir was ein?“

Lisa hatte immer Ideen, aber diesmal besprach sie sich lieber mit Heike Saling. Die Staatsanwältin schoss auch prompt an die Decke. „Sind Sie verrückt geworden? Die Wehlern sind eine geachtete und einflussreiche Hamburger Familie, die sich nicht einschüchtern oder herumschubsen lässt.“

„Ich bin nicht so verrückt, das war Ringels Einfall“, log Lisa schamlos.

„Was?! Ich hatte Kai immer für einen vernünftigen Mann gehalten.“

„Man kann sich in allen Krawattenträgern täuschen“, murmelte Lisa zufrieden. Ihrem Kai verschwieg sie den hässlichen Trick und schickte ihn am nächsten Tag mit seiner Kamera zur Elbchaussee. Das Wetter war gut, eine kraftlose Sonne schien hell aus einem wolkenlosen Himmel, und Ringel konnte den Mann in dem dunklen Anzug mit der schwarzen Krawatte mühelos aufnehmen.

Doch dann irritierte ihn etwas; ein Chauffeur trat auf den Trauernden zu und zog höflich die Mütze. Der Mann sagte etwas, und der Chauffeur zog sich zurück zu seinem großen Schlitten. Der Mann mit der schwarzen Krawatte setzte sich in einen hellen Sportwagen und startete, dass der Kies aufspritzte, und bog auf die Elbchaussee ein. Ringel hatte viele Bilder geschossen, konnte den Flitzer mühelos verfolgen und erkundigte sich nun über Handy, auf wen der helle Wagen zugelassen war.

Wie erwartet: Werner Funke.

Der trauernde Witwer bog von der Elbchaussee nach Othmarschen ab und kurvte zielstrebig in eine kleine Sackgasse auf zwei scheußliche Hochhäuser zu. Dort parkte er und lief eilig ins Haus, zum Glück durch sonnige Stellen, sodass Ringel ihn eifrig knipste. Im Feldstecher registrierte Ringel, dass der Mann – Werner Funke? – für die Haustür einen Schlüssel benutzte.



19


Lisa brummelte am Telefon: „Was soll ich in Othmarschen? Den Stadtteil kenne ich schon, Teufelsbrück auch.“

„Auch die Häuser, die Witwer morgens aufsuchen, statt in die Firma zu fahren?“

„He, he, was ist da los?“

„Überzeuge dich selbst.“

„Es dauert aber etwas.“

„Ich warte geduldig wie immer.“

Bis Lisa eintraf, hatten mehrere Personen das Haus verlassen oder betreten, und Ringel hatte alle brav geknipst. Im Präsidium begann Inge, Lisas treue Dienstzimmerseele, schon zu fluchen, weil Ringel immer neue Halterabfragen stellte. Doch dafür konnte er die etwas unwirsche Lisa überraschen.

„Der helle Flitzer ganz links ist auf Werner Funke zugelassen. Und der dunkle Uralt-Kadett mit den vielen Beulen drei Stellplätze weiter rechts auf Mareike Schertz.“

„Das gibt’s doch nicht, Kai. Das hast du gut gemacht.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Gar nichts. Wir warten. Der gute Polizist lernt als Erstes Warten und Geduld. Wenn Funke rauskommt, fährst du ihm nach, bis er das nächste Mal parkt. Ich folge Mareike, wenn sie wieder Richtung Tonndorf gondelt.“

Lisa bereute ihre klugen Worte, denn sie musste zwei Stunden warten, bis Mareike aus dem Haus kam und in den verbeulten Kadett stieg. Dafür fuhr Mareike zügig, ohne Umwege nach Tonndorf und parkte vor ihrem Haus in der Kuehnstraße. Ringel meldete sich über Handy: „Funke ist in ein Bürohaus am Ballindamm gegangen. Soll ich warten?“

„Nein, komm’ zurück, ich brauche so rasch wie möglich die Fotos.“

Ringel war noch immer verblüfft, als er in das Dienstzimmer kam: „Hättest du das gedacht?“

„Nein, aber so was erstaunt mich nicht sonderlich.“

„Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie diese Kati Holl in das Durcheinander passt.“

„Auch dazu hab’ ich schon eine hervorragende Idee, Kai.“

Ringel hatte gelernt, Lisas Ideen halb zu fürchten, halb zu bewundern. Sie sah seine Verwirrung und kicherte boshaft: „Du weißt doch, die meisten Morde sind Familienangelegenheiten.“



20


Noch am Nachmittag zog sie mit den Fotos, so nannte sie unbeirrt die Farbausdrucke, los, nachdem ein Anrufbeantworter in Berlin sie belehrt hatte, dass Kati Holl zurzeit nicht zu erreichen sei, sich aber melden wolle. Lisa hinterließ eine neutrale Botschaft. Peter Schröder schüttelte den Kopf, den Mann und die Frau hatte er nie gesehen. Sigi Bork deutete auf den Mann. „Er nennt sich Alfred Müller, aber der Name ist mit Sicherheit falsch. Er war in den letzten Wochen häufiger hier und hat sich sehr intensiv für die Schwimmerin Kati Holl – hm – interessiert.“

Die Bewohner auf Gundas Etage erkannten beide Personen nicht wieder, Mareike Schertz dagegen wurde blass und musste sich am Türrahmen abstützen: „Woher haben Sie die Bilder?“

„Heute Morgen gemacht, Frau Schertz. Sie kennen den Mann also?“

„Ja, tue ich. Er heißt Werner Funke.“

„Der Ehemann, der Ihrer Freundin Gunda, geborene Harsfeld weggelaufen ist?“

Mareike nickte verbissen.

„Na schön, dann werde ich zuerst mit ihm reden. Sie bekommen eine Vorladung.“



21


Funke wollte am Telefon den Harmlosen und Unwissenden spielen, bis Lisa ihm versprach, wenn er sich nicht sofort auf die Socken mache, werde sie zwei Streifen mit amtlichen Vorladungen in das Haus an der Elbchaussee und in die Villa seiner Schwiegereltern schicken. Sie hatte kaum aufgelegt, als Kati Holl anrief. „Was wollen Sie von mir?“

„Ich möchte, dass Sie mir helfen, den Mörder ihrer Mutter zu überführen.“

„Muss das sein?“

„Sie würden so den Verdacht zerstreuen, Sie seien am Mord beteiligt gewesen.“

„Verfluchte Inzucht.“



22


Werner Funke wollte anfangs alles leugnen, bis Lisa ihm die Bilder mit Mareike Schertz zeigte, wie sie das Haus in Othmarschen betrat und verließ. Danach schüttelte Funke den Kopf. „Ich hätte es mir denken können.“

„Was, Herr Funke?“

„Dass Mareike versuchen wird, mir den Mord anzuhängen.“

„Wie das? Wer denn sonst hat Ihre Frau Gunda erstochen?“

„Ich weiß es nicht, ich weiß nur – ich war es nicht.“

„Können Sie mal der Reihe nach erzählen?“

„Es wird eine lange Geschichte.“

„Wir haben viel Zeit, Herr Funke. Sie sind also Katis Vater und Gundas Ehemann.“

„Sehen Sie, da geht es schon los. Juristisch bin ich Katis Vater, weil ich in der vom Gesetz definierten Frist mit Gunda Harsfeld verheiratet war. Aber zum Zeitpunkt der Eheschließung war sie schon schwanger, und zwar nicht von mir.“

„Sondern von wem?“

„Sie können mich foltern, ich weiß es nicht. Ich kannte Gunda und ihre Eltern, weil meine Familie ein Haus neben den Harsfelds besaß. Ich habe mehr als einmal die störrische und aufdringliche Gunda beim Spielen im Sandkasten verhauen. Eines Tages erschien Gundas Vater bei mir – ich studierte Maschinenbau in Aachen – und bot mir ein Vermögen an, wenn ich heimlich Gunda heiraten und mich als Vater des Kindes bekennen würde, das Gunda erwartete …“

„Von wem …?“, unterbrach Lisa resolut.

„Das weiß ich bis heute nicht, das müssen Sie mir einfach glauben. Bodo Harsfeld, Gundas Vater, hat mit mir einen Vertrag aufgesetzt. Ich würde ein Vermögen für die Heirat bekommen, allerdings nur unter der Bedingung, dass nie ein Mensch von diesem Geschäft erfahren dürfe, und ich nie versuchen würde, den Vater – den Erzeuger – des Kindes herauszufinden.“

„Moment mal!“, stoppte Lisa energisch. „Das muss doch viele Jahre zurückliegen, wenn Kati Holl oder Funke heute etwas über zwanzig Jahre alt ist.“

„Richtig.“

„Zu der Zeit war ein uneheliches Kind doch kein moralischer oder gesellschaftlicher Genickbruch mehr.“

„Nein. Es sei denn, der Erzeuger hätte sich strafbar gemacht oder ein gesellschaftliches Tabu gebrochen und wollte nicht entdeckt werden.“

„Haben Sie da einen Verdacht?“

„Nein. Ich habe mir nach dem Angebot zurechtgelegt, dass es etwas mit einer Erbschaft und irgendwelchen Testamentsbestimmungen zu tun gehabt hat. Aber wissen tu’ ich das bis heute nicht.“

„Na schön. Fahren Sie fort, Herr Funke.“

„Wir haben in Südfrankreich geheiratet, sind nach der Geburt noch einige Zeit in Sète geblieben und als glückliches Paar mit einer hübschen, gesunden Tochter von neun oder zehn Wochen nach Deutschland zurückgekehrt.“

„Glücklich …?“, zweifelte Lisa.

„Nein, ich war nicht glücklich, Frau Hauptkommissar.“

„Gab es dafür einen bestimmten Grund?“

„Oh ja, ich durfte meine Ehefrau nicht anfassen, geschweige denn mit ihr schlafen.“

„Hat sie dafür einen Grund angegeben?“

„Nein, und wenn ich mich beschwerte, hieß es nur: ‚Du bist großzügig bezahlt worden‘ – was auch stimmte – ‚aber ich war und bin in diesem Handel nicht inbegriffen‘. Also begann ich fremdzugehen. Ganz diskret natürlich. Aber eines Tages, kurz vor Ende meines Studiums, habe ich meine angetraute Frau mit ihrem Vater im Bett erwischt, und da ging mir auf, dass ich doch ein sehr schlechtes Geschäft gemacht hatte. Gunda wollte sich um keinen Preis scheiden lassen. Mit meinem Schwiegervater habe ich dann ausgehandelt, dass ich ohne Aufsehen verschwinden und keine Scheidung einreichen würde, und über das, was ich gesehen hatte, immer schweigen würde. Bodo Harsfeld hatte mir zugesichert, dass Gunda ebenfalls schweigen, ihre Karriere als Schauspielerin aufgeben und sich sozusagen aus der Öffentlichkeit zurückziehen würde.

In früheren Jahrhunderten hätte man solche missratenen Töchter wohl ins Kloster gesperrt, das ging ja leider nicht mehr. Also habe ich mich verdünnisiert und meine Freiheit genossen. Bis ich auf einem Trip durch Brasilien dort die Unternehmer-Familie Wehlern kennenlernte; die Tochter Anna-Maria, ein blasses Mauerblümchen, schlief bald mit mir, und die Eltern waren nicht böse, dass wir in Belo Horizonte heirateten. Im Gegenteil.

In Deutschland ging alles glatt, ich hatte zwar kräftig Muffensausen, als wir nach Hamburg zogen; denn aus einer Zeitung wusste ich, dass die Schauspielerin Gunda Harsfeld ebenfalls in Hamburg lebte.“

„Zurückgezogen …?“, warf Lisa ein.

„Nein. Im Gegenteil. Wer abends Zeit hatte fernzusehen, konnte Gunda fast jede Woche in einer Minirolle bewundern. Mal mit viel, mal mit wenig Garderobe.“

„Haben Sie Gunda auch bewundert?“

„Nicht bewundert. Ich habe sie gesehen, nicht oft, aber einige Male.“

„Mir haben viele Leute erzählt, es sei bei ihr wie ein Drang gewesen, vor der Kamera zu stehen. Gleich, welche Rolle, gleich, welches Honorar.“

Funke rieb sich das Kinn. „Vielleicht hatte das was mit dem Tod ihrer Mutter zu tun. Annabella Harsfeld ist vor neun Jahren gestorben, und Gunda musste sich danach nicht länger verstecken – oder konnte sich an ihrem Vater rächen, der sie so lange missbraucht hatte, während die Mutter wegsah, um einen Skandal zu vermeiden.“

„Kannten Sie Kati Funke?“

„Nein, ich habe eine Kati Holl erst kurz vor Gundas Tod kennengelernt – ja, im Bordell Exotisch und Erotisch von Sigi Bork – und da hat sie mir aus heiterem Himmel gebeichtet, dass sie eines Tages einen Brief von ihrem Großvater Bodo Harsfeld bekommen habe. Nur wenn sie sich vor aller Welt ab sofort Kati Holl nennen würde, könne sie damit rechnen, ihn, Bodo Hardfeld, einmal zu beerben. Das Argument hat bei Kati gezogen.“

„Haben Sie sich Kati Holl als ihren Vater zu erkennen gegeben?“

„Bin ich verrückt?! Erstens wollte ich mit ihr eine Nummer schieben und zweitens hätte sie mich umgehend erpresst. Sigi hatte mich vorgewarnt. Kati war für ihre Kunden gefährlich.“

„Apropos verrückt? – Ist oder war Kati normal?“

„Keine Ahnung. Überspannt, überdreht und hektisch, meinetwegen auch hysterisch – aber geisteskrank – nein. Sie möchten wissen, ob der Inzest etwas ausgelöst hat?“

Lisa nickt bei dem Wort Inzest verlegen und Ringel bewunderte, wie elegant sie es geschafft hatte, dass Funke als Erster das Wort aussprach. Funke hustete: „Keine Ahnung, Frau Koschwitz. Ich wollte es auch gar nicht wissen. Für Kati habe ich nie väterliche Gefühle aufgebracht. Erst recht nicht, als ich ahnte, wer ihr Erzeuger war.“

„Und Hamburg ist groß, man muss sich nicht begegnen.“

„Besonders nicht, wenn man in so unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen verkehrt“, brummte Ringel unfreundlich.

„Haben Sie nie befürchtet, wegen Bigamie aufzufliegen?“, wollte Lisa wissen.

„Doch. Vor allem, als feststand, dass meine Frau unheilbar an Krebs erkrankt war. In der Familie Wehlern besaß und besitze ich nicht nur Freunde, und es ist ja eine Menge zu vererben. Und dann stand eines Tages eine recht hübsche, dreiste, skrupellose und geldgierige Frau in meinem Büro. Ihre Freundin Gunda Harsfeld hätte ihr eine Menge über ihren Ehemann Werner Funke erzählt. Was sie wollte, war klar, und deshalb habe ich ein Verhältnis mit ihr angefangen.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte Lisa verwirrt.

„Sie wollte Geld, und ich wollte sie etwas unter Kontrolle behalten. Ein Verhältnis schien mir da eine passable Möglichkeit, sie bei Laune zu halten.“

Ringel schnaufte. „Sagen wir es doch offen. Sie wollten wenigstens eine kleine Gegenleistung für das, was Sie abdrücken mussten.“

„So können Sie es auslegen, wenn Sie möchten. Wie haben sie mich überhaupt gefunden?“

„Durch einen ungewöhnlichen Blumenstrauß in einer Grabvase in Ohlsdorf.“

„Ja, das war vielleicht ein Schlag in den Nacken, da in Ohlsdorf auf dem Friedhof. Gunda hat mich sofort erkannt, wir konnten uns nur in aller Eile für den Nachmittag in ihrer Wohnung verabreden. Ich musste doch mit den Trauergästen vorher noch essen gehen.

Im Wöschenhof lief mir dann Mareike Schertz über den Weg. Ich habe ihr in Kurzform die Katastrophe zugeflüstert und sie hat mir vorgeschlagen, am Berliner Platz Kuchen und Pralinen zu kaufen und dann erst bei Gunda zu klingeln. Das habe ich getan.

Auf dem Rückweg hat mich Mareike an der Einmündung in die Kuehnstraße abgefangen, alles sei in Ordnung, sie hat mich in ihr Häuschen geschickt, weil sie bei Gunda noch aufräumen und duschen wollte, und Mareike hat mir zugeflüstert, sie hätte meine Sorgen ein für alle Mal beseitigt.“

„Haben Sie das verstanden?“, fragte Ringel scharf und Funke schüttelte den Kopf:

„Nein, aber so genau wollte ich es auch nicht wissen. Sie wollte, dass ich erbe, um sie weiterhin monatlich bezahlen zu können. Kurz vor Mitternacht sind wir gemeinsam in Gundas Wohnung gegangen. Mareike hatte die Schlüssel. Es war fürchterlich. Dieser schreckliche Gestank nach Blut, und in der Küche lag Gunda tot auf dem Boden, das Messer in der Brust, rings um sie herum eine Blutlache.

Mareike hatte Gunda schon ausgezogen und die Kleidung in einen Müllsack gesteckt, außerdem Bilder von den Wänden genommen und Papiere und Unterlagen aus aufgebrochenen Schubladen zusammengetragen. Mareike hat mir geholfen, die Wohnung gründlich zu durchsuchen und alles zu beseitigen, was auf mich hinwies.

Außerdem hatte sie eine alte Wolldecke bereitgelegt, auf die wir Gunda gelegt haben. Mit der Decke sind wir dann im Aufzug nach unten gefahren. Mareike hatte Gundas Auto schon vorgefahren. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, aber wir konnten unbemerkt die Leiche in den Kofferraum legen, um die paar Meter bis zur Rahlau zu fahren. Auch dort war um diese Zeit und bei diesem Wetter niemand unterwegs, sodass wir die Leiche ungesehen auf der Böschung ablegen konnten. Als wir wieder in Sicherheit waren, habe ich Mareike gefragt, warum sie dieses Risiko eingegangen sei, und sie hat ziemlich kaltschnäuzig geantwortet: ‚Für die Hälfte dessen, was dir deine Frau Anna-Maria dank meiner Hilfe hinterlassen wird‘.“

Funke schwieg erschöpft, und Lisa schickte ihn in eine Arrestzelle. War es so abgelaufen? Oder hatte er geschickt die Chance genutzt, dass er früher als Mareike aussagen konnte, um alle Schuld auf sie zu schieben?



23


Mareike wurde wenig später vorgeführt und erzählte ihre Geschichte, die sich von Funkes Version nur an einem wichtigen Punkt unterschied. Sie war bei Gunda in der Wohnung gewesen, hatte sie aber nicht erstochen. Lisa und Ringel gaben sich alle Mühe, aber Mareike ließ sich nicht erschüttern. Erpressung, Beihilfe, ja, kein Protest, aber den tödlichen Stich hatte Funke ausgeführt. Ja, Gunda hatte eines Abends etwas viel Rotwein getrunken und von ihrem gekauften Ehemann Werner Funke erzählt, der wenige Jahre nach der Heirat aus „unerfindlichen Gründen“ das Weite gesucht habe, worauf ihr Vater, um einen Skandal zu vermeiden, sie gezwungen habe, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen und Hausmütterchen zu spielen.

Mit dem Namen, der letzten Adresse und Funkes Beruf war es für Mareike nicht allzu schwierig gewesen, Werner Funke in Hamburg aufzutreiben, der zu ihrer Verwunderung wieder verheiratet war, obwohl Gunda hoch und heilig versichert hatte, sie sei nie von Funke geschieden worden.

Lisa und Ringel traten bei der Staatsanwältin an, die sehr interessiert zuhörte, aber zum Schluss den Kopf einzog: „Was sagt denn unser verehrter Leichenschnitzer?“

„Ein einziger kraftvoller Stich, es kann ein Zufallstreffer gewesen sein.“

„Wo sind die Kleidungsstücke?“

„Irgendwo in einem großen Müllcontainer. Funke hat Gundas Wagen auf einen Parkplatz an den ehemaligen Kasernen an der Sieker Landstraße abgestellt und seine eigenen Klamotten Stück für Stück in Mülltonnen versenkt.“

„Gibt es keinen objektiven Hinweis darauf, wer Gunda Harsfeld erstochen hat?“

„Bis jetzt nicht“, seufzte Lisa unglücklich, und eine so kleinlaute Hauptkommissarin Lisaweta Koschwitz hatte die Staatsanwältin Heike Saling noch nicht erlebt. Beinahe hätte sie so was wie Mitleid verspürt. Kai Ringel zuckte ratlos die Schultern.



24


Kati Holl meldete sich am nächsten Tag bei Lisa. Ja, sie hatte ihre Mutter an deren Todestag noch besucht, um fünfzehn Uhr waren sie verabredet, und Gunda erzählte, dass sie über Mittag in Ohlsdorf am Grab einer früheren Kollegin gewesen sei und auf dem Friedhof einen „alten Bekannten“ getroffen habe, der sie heute Nachmittag noch besuchen wolle.

„Was wollten Sie eigentlich bei Ihrer Mutter?“, fragte Ringel spitz.

„Ein Journalist will eine Zeitschriftenserie über mich schreiben, und ich wollte von Gunda einiges wissen: Warum uns mein Vater verlassen hatte. Warum Gunda mich ins Internat gesteckt hatte. Warum sie nicht wieder geheiratet hat. Warum sie jetzt diese fürchterlichen Minirollen annahm und sich nicht schäme, in ihrem Alter halbnackt vor der Kamera herumzuturnen. Warum meine Großmutter Annabella immer so schweigsam gewesen sei. Warum Opa Bodo mich immer wie ein Stück Dreck behandelt hat. Es gab viel zu fragen, Mutter und ich haben uns nie vorher ausgesprochen. Aber ich wollte mich vor dem Journalisten nicht blamieren. Es gab auch heikle Punkte, verstehen Sie? Zum Beispiel Sigi Bork. Sollte ich leugnen, dass Gunda den Sigi kannte, oder wussten zu viele Menschen von ihrem früheren Verhältnis? Was war mit Peter Schröder? Na ja, Gunda begann zu kramen, holte alte Bilder aus einer Schublade und Urkunden, die ich noch nie gesehen hatte.“

„Wo sind diese Papiere und Bilder?“

„Ich habe alles, was sie mir geben wollte, in eine große Papiertüte gesteckt, und die habe ich vergessen, als ich ging. Kurz vor fünf wurde Gunda nämlich unruhig. Ich müsse jetzt gehen, ihr Bekannter könne jeden Moment klingeln. Ich durfte mir gerade noch im Bad die Haare richten. Also bin ich abgezogen. Ich war noch auf der Treppe, als ich es bei Gunda klingeln hörte, und dann sagte Gunda – ziemlich enttäuscht – wie mir schien: ‚Ach, du bist es. Eigentlich habe ich jetzt keine Zeit‘.“

„Wer war der Besucher?“, wollte Lisa wissen.

„Das weiß ich nicht, ich habe ihn oder sie nicht gesehen.“

„Und weiter!“

„Ich bin dann zu meinem Auto gegangen.“

„Wo stand das?“

„Direkt an der damaligen Bushaltestelle Kuehnstraße Ost gibt es einen kleinen Parkplatz. Da stand ich.“

„Gibt es Zeugen dafür, dass Sie von dort mit dem Auto fortgefahren sind?“

„Wieso Zeugen?“

Entweder war sie so naiv oder doch eine kleine gerissene Heuchlerin.

„Wir stellen die Fragen“, fauchte Lisa sie an. Und Kati antwortete eingeschüchtert.

„Ja, da schlängelte sich ein Mann mit einem Kuchentablett und einer Schachtel Pralinen unter dem Arm durch die abgestellten Autos. Den habe ich aus Versehen ganz leicht angefahren. Er hat den Kuchen und die Pralinen fallen lassen und war ziemlich sauer.“

„Kannten Sie den Mann?“

„Ja, er war ein Kunde aus Sigis – hm – Restaurant und hat sich für mich – na ja – interessiert. Deshalb wurde er auch schnell wieder freundlich und meinte, ich sollte ruhig losfahren. Ihm sei ja nichts passiert.“

Lisa und Ringel schauten sich an und holten wie auf Befehl tief Luft. Das Kuchen-Pralinen-Intermezzo konnte Kati nur wissen, wenn sie tatsächlich mit Werner Funke zu einem Zeitpunkt zusammengestoßen war, als Gunda einen Besucher – oder genauer: eine Besucherin – in ihrer Wohnung hatte.

Kati murrte, weil sie eigentlich schon was anderes vorhatte, ließ sich aber mit Bitten und Einschüchterungen dazu bringen, Ringel in die Kantine zu begleiten, während Lisa ein Protokoll anfertigte, das Kati Holl anstandslos unterschrieb.

„Haben Sie Lust, Ihren Vater kennenzulernen?“, fragte Lisa. „Ihren gesetzlichen Vater, meine ich, Ihr Erzeuger ist schon vor Jahren gestorben.“



25


Es wurde eine sehr dramatische Begegnung zwischen Werner Funke und Kati Holl, und nach vielen Tränen, langen Reden und verworrenen Erklärungen und Entschuldigungen rief Kati über Handy den Journalisten an und kündigte das Projekt einer Artikelserie auf.

Staatsanwältin Saling staunte: „Was es nicht alles gibt! Liebe Frau Koschwitz, ich hätte sozusagen noch eine private Frage, nicht für die Akte. Warum hat sie das Kind ausgetragen? Eine Familie mit so viel Geld und solchen Beziehungen hätte doch immer eine Möglichkeit für eine illegale, aber medizinisch ordentliche Abtreibung gefunden?“

„Das hat Kati auch gefragt. Gunda hoffte, nach der Geburt würde ihr Vater Bodo sie in Ruhe lassen. Was sich als Irrtum herausstellte.“

„Und die Mutter?“

„Die hat systematisch weggeschaut.“

„Tja, was der Geschlechtstrieb so an Unheil anrichten kann“, murmelte Heike Saling, und eine Sekunde lang befürchtete die Hauptkommissarin, die Staatsanwältin wisse, dass Kommissar Kai Ringel auf seine Chefin wartete – und hoffentlich schon den Rotwein bereitgestellt hatte.



Epilog


Wochen nach dem Prozess vor dem Landgericht lud Peter Schröder Lisa zum Essen in ein Restaurant in Rahlstedt ein. Und zwischen Dessert und Mokka gestand er, dass er bisher etwas verschwiegen habe, – nämlich die Erklärung, die ihm Gunda für ihre Kamerasucht gegeben hatte: „Vater Harsfeld hat mich immer vor den anderen Leuten versteckt; wenn wir Besuch bekamen, musste ich stets in meinem Zimmer bleiben. Dem habe ich es dann gegeben. So oft wie möglich im Fernsehen – nicht als Gunda Funke, sondern als Gunda Harsfeld. Am liebsten in skandalösen Posen und Kleidern. Er sollte sich seines Namens schämen, so wie er sich immer seiner missratenen Tochter geschämt hat.“

„Wieso missraten, sie war doch missbraucht worden und zwar von ihm.“

„Das hat er nie einsehen – geschweigen denn zugeben – wollen.“

„Arme Gunda“, seufzte Lisa und Schröder antwortete sofort:

„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass Gunda auf dem besten Wege war, ihrer Tochter etwas Ähnliches anzutun?“

Sie deutete auf die Kirche schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. „Bis ins wievielte Glied verfolgen uns die Sünden der Väter?“

Schröder betrachtete sie heiter: „Das weiß ich nicht. Diesen Film habe ich noch nicht gedreht.“



ENDE

Aufstand der Unterwelt

Privatdetektiv Tony Cantrell

von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.


Mit der Veröffentlichung einer breit gestreuten Reportage über die Unterwelt-Bosse macht sich die Zeitung Stars and Stripes unbeliebt. Nach dem ersten Mond an einer der Journalisten, erhalten die Mitarbeiter Polizeischutz. Als jedoch auch ein Polizist umgebracht und eine Reporterin entführt wird, übernehmen der Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team die weiteren Ermittlungen.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Barney Goldberg hatte ausgesprochen gute Laune. Aus dem Autoradio schmetterte eine Marschband reihenweise Sousa-Stücke. Über Chicago Downtown lag der zarte Glanz milder Frühlingssonne. Und in dem offenen Sportflitzer, der links neben Barney an der Ampel wartete, lächelte ein braungebranntes blondes Girl mit atemberaubenden Mini-Shorts. Er konnte sich den Beginn eines Tages nicht angenehmer vorstellen. Und überhaupt: Barney Goldberg hatte doppelten Anlass zu guter Laune. Der Job, an dem er monatelang mitgearbeitet hatte, war erste Klasse gewesen. Aufregend, vielseitig und manchmal auch ein bisschen gefährlich. Immerhin, die Sache war eingeschlagen wie eine Bombe. Barney grinste bei diesem Gedanken.

Die Ampel sprang auf Grün. Wehmütig blickte er dem Flitzer nach, dessen Fahrerin ihm nur noch ihr hübsches blondes Haar zeigte. Gegen den Sportwagen war sein alter Chevy nicht mehr als ein müder Gaul. An der nächsten Kreuzung bog Barney nach rechts ab in die LaSalle Street. Beim zweiten Gebäude hielt er.

Ein Betonriese mit sechzig Stockwerken. Die quadratischen Fassadenfenster funkelten im Schein der Frühlingssonne.

Zwei Häuserblocks weiter fand Barney eine Parklücke. Er rangierte den Chevy an die Bordsteinkante. Der altersschwache Sechszylinder erstarb mit einem Patscher.

Als Barney Goldberg ausstieg, scherte fünfzig Yards hinter ihm ein dunkelblauer Pontiac aus der Reihe der parkenden Fahrzeuge.

Barney schlug die Tür ins Schloss.

Der Tod kam feurig rot aus mildem Sonnenlicht.

Zweimal, dreimal zuckte das Mündungslicht aus dem heruntergekurbelten Seitenfenster. Das dumpfe „Plopp“, das die Schüsse begleitete, ging im Verkehrslärm der sechsspurigen Fahrbahn unter. Das Heck des Pontiac senkte sich. Mit rasanter Beschleunigung jagte die schwere Limousine davon.

Bereits die erste Kugel hatte Barney Goldberg tödlich getroffen. Niemand bemerkte es. Vornüber schlug er neben dem Hinterreifen seines Chevys auf den Asphalt. Unter seinem Gesicht wuchs eine dunkelrote Blutlache.

Erst zehn Minuten später wurde der Tote entdeckt. Der Mann, der in den Wagen hinter dem Chevy steigen wollte, wurde wachsbleich, als sein Blick auf den verkrümmten Körper fiel.



2

Der schnittige Kajütkreuzer pflügte mit schnurrbartförmiger Bugwelle durch die hellblauen Fluten des Lake Michigan. In der schäumenden Hecksee ließen sich Möwen nieder, um geduldig auf nahrhafte Brocken zu warten, die nicht kamen.

Die Männer an Bord hatten andere Sorgen. Jack O’Reilly hatte die Windschutzscheibe des Kommandostandes nach vorn geklappt. Eine leichte Brise fächerte seinen flachsblonden Haarschopf. Die harten Fäuste des breitschultrigen Hünen hielten das Ruder mit der Sicherheit eines routinierten Seebären.

Tony Cantrell und Morton Philby beobachteten die Wasserfläche aus der rundum verglasten Kajüte. Cantrell trug das enganliegende Trikot.

„Es ist reichlich riskant, Sir“, murmelte Philby, ohne den Kopf zu wenden.

„Du siehst zu schwarz, Silk“, erwiderte der Gangsterjäger mit hintergründigem Lächeln. Er hatte die Gesichtsmaske noch nicht aufgesetzt. Um seine Augen zog sich ein Kranz winziger, kaum erkennbarer Narben. Die ständige Erinnerung an das Attentat heimtückischer Verbrecher, die glaubten, ihrem gefährlichsten Widersacher für immer das Augenlicht genommen zu haben. Nur wenige Menschen kannten das Geheimnis von Rechtsanwalt und Privatdetektiv Tony Cantrell, der in der Öffentlichkeit tatsächlich die Rolle des Blinden spielte. Er hatte seine Gründe dafür.

Philby runzelte unzufrieden die Stirn. Eine Vorliebe für seine Krawatten hatte dem schlanken Detektiv den Spitznamen „Silk“ eingetragen. „Wir hätten den Trip bei Dunkelheit machen sollen“, widersprach er, „die Sache ist es nicht wert, bei Tageslicht den Ruf der Schwarzen Maske aufs Spiel zu setzen.“

„Ich bin anderer Meinung“, konterte Cantrell ruhig, „der Ruf der Schwarzen Maske wird dadurch eher gefestigt. Erstens rechnet bei Tageslicht niemand mit mir. Außerdem ist es gerade fünf Uhr morgens, und die Sonne ist eben erst aufgegangen. Neunzig Prozent aller Bürger Chicagos horchen zu diesem Zeitpunkt noch ihre Matratzen ab. Nachts sieht es im Übrigen kaum anders aus. Eine hundertprozentige Menschenleere kann es nur geben, wenn man die Stadt evakuieren würde.“

„Zugegeben, Sir, aber …“

„Außerdem“, unterbrach ihn sein Chef, „ist die Uhrzeit für unser Vorhaben noch aus einem anderen Grund günstig. Wenn unser Freund Coughlin seine Gewohnheiten nicht geändert hat, dürfte er bestenfalls erst vor zwei oder drei Stunden nach Hause gekommen sein.“

„Okay“, seufzte Silk ergeben, „ich gebe mich geschlagen. Sie sind nicht zu belehren, Sir.“ Er sah Cantrell sekundenlang verschmitzt an.

„Alter schützt vor Torheit nicht, Silk. Vielleicht werde ich eines Tages vernünftig, um auf deinen Rat zu hören.“

Jack O’Reilly machte sich lautstark bemerkbar. „Backbord voraus!“, brüllte er aus dem Kommandostand in die Kajüte. Der Motorenlärm des dreihundert PS starken Innenborders war an seinem luftigen Standort lauter als bei Cantrell und Philby.

Zum Zeichen, dass er verstanden hatte, hob Cantrell kurz die Hand. Gemeinsam mit Philby blickte er in die angegebene Richtung, wo zwei grüne Landzungen in Sicht kamen, die sich gegenüberlagen. Zwischen den Endpunkten der beiden Halbinseln lag eine etwa dreihundert Yard breite Einfahrt, die in einen der zahlreichen Häfen am Lake Michigan führte.

Belmont Harbor. Domizil des exklusiven Chicago Yacht Club im Süden. Die nördlichen Ufer des Belmont Harbor sahen weniger aufgeräumt aus. Ein nahezu unübersehbares Gewirr von Wasserfahrzeugen aller Schattierungen erstreckte sich auf eine Gesamtfläche, die mehr als zwei Quadratmeilen ausmachte.

Und irgendwo in diesem Gewirr lag das Hausboot von Slim Coughlin.

Mit langsamer Fahrt tuckerte der Kajütkreuzer durch die Enge zwischen den spitzen Nasen der beiden Halbinseln. Wachsam beobachtete Butch die ausgedehnte Wasserfläche des natürlichen Hafenbeckens.

Die Aufbauten luxuriöser Segeljachten waren zur Linken zu erkennen. Mehrere Clubhäuser lagen am Ufer, weißgetüncht und in der Form moderner Bungalows.

Die Landzunge zur Rechten hatte eine Ausbuchtung in Richtung zum Häusermeer von Chicago City. Unmittelbar dahinter begannen die Liegeplätze der Motorboote, Segeljollen, plumpen Motorsegler und Hausboote.

Butch, so wurde der blonde Hüne O’Reilly genannt, hatte die Information mit nach Hause gebracht. Er wusste daher am besten Bescheid. In etwa kannte er den Kurs, den er einschlagen musste. Langsam legte er den Kajütkreuzer in einem langgezogenen Bogen auf Nordkurs.

Von Norden nach Süden dehnte sich die Wasserfläche von Belmont Harbor auf einer Länge von etwa einer Meile aus. Von Osten nach Westen schwankte der Abstand von Ufer zu Ufer zwischen vierhundert und sechshundert Yards.

Die Wasserfläche wirkte wie ausgestorben. Sanft dümpelten die zahllosen Boote im leichten Wellengang. Das Licht der frühen Morgensonne zauberte kleine Reflexe auf das Wasser.

Butch ließ den Kajütkreuzer im Schatten der Boote am Ostufer von Belmont Harbor entlangrauschen. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Die langgezogenen Bootsstege und die einfachen Holzbaracken am Ufer waren ohne jede Betriebsamkeit.

Knapp zweihundert Yards nördlich der Ausbuchtung der Landzunge drosselte Butch den Motor, um ihn schließlich ganz abzustellen. Er brachte das Ruder in Ruhestellung und verließ seinen Posten im Kommandostand. An den Füßen trug er leichte Leinenschuhe mit dicken Gummisohlen. Mit wenigen raschen Schritten war Butch auf dem Vorderdeck. Er packte den Anker, warf ihn in die hellblauen Fluten und ließ das Nylontau durch seine Hände gleiten. Es dauerte nur wenige Sekunden. Er zurrte das Tau fest und eilte zu Cantrell und Silk in die Kajüte.

„Coughlins Quartier kann nicht mehr weit entfernt sein“, meinte der blonde Hüne etwas außer Atem.

„Gut“, nickte Team-Chef Cantrell, „auf hundert Yards mehr oder weniger kommt es ohnehin nicht an. Ich kann mich auf die Beschreibung verlassen?“

„Sicherlich, Sir.“ Butch zuckte die Achseln. „Wenn unser V-Mann mir etwas vorgeflunkert hat, wird er die längste Zeit in unserem Schutz gestanden haben.“

Die drei Männer verloren keine Zeit mehr. Spätestens in einer Stunde würde vermutlich Belmont Harbor zu erstem Leben erwachen. Und dann konnte der Einsatz der Schwarzen Maske tatsächlich riskant werden.

Mit wenigen Handgriffen lockerten Butch und Silk das Zweimann-Schlauchboot, das auf dem Achterdeck des Kajütkreuzers befestigt war. Lautlos ließen sie die Gummi-Nussschale zu Wasser. Der Gangsterjäger stieg als erster ein. Dann half er Silk, in dem winzigen Boot nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Butch reichte die beiden Paddel und ein Walkie-Talkie hinterher, das Silk mit eingefahrener Antenne vor seinen Füßen deponierte. Das tragbare Funkgerät war nur für den Notfall gedacht. Butch verfügte über ein zweites, das sich in der Kajüte befand.

Möglichst geräuschlos tauchten Silk und sein Chef die Paddel ein. Leise schob sich das Schlauchboot durch die winzigen Wellen. Die Geschwindigkeit, die die beiden Kriminalisten auf diese Weise erreichten, war naturgemäß nur gering. Dennoch waren sie innerhalb von fünf Minuten bereits einen guten Steinwurf weit vom Kajütkreuzer entfernt.

Cantrell und Philby sprachen kein Wort. Sie verständigten sich nur durch Handzeichen. Am Rand der vertäut liegenden Boote nutzten sie jede Deckung aus, die sich ihnen bei ihrer unbemerkten Annäherung an das Ziel bot.

Nach weiteren fünf Minuten kamen die ersten Hausboote in Sicht. Der Gangsterjäger legte für einen Moment das Paddel weg und streifte die schwarze Gesichtsmaske über, die bislang in seiner Brusttasche gesteckt hatte. Nur seine Augenpartie sowie Mund und Nase waren jetzt noch frei. Unmöglich, in ihm den blinden Rechtsanwalt Tony Cantrell zu erkennen.

Die Hausboote lagen wahllos verstreut zwischen Segeljollen und kleineren Motorbooten an verschiedenen Stegen. Bei einigen handelte es sich offensichtlich um Eigenbauten, kleineren Fahrzeugen, die von ihren Besitzern nur zu Wochenendausflügen oder im Urlaub benutzt wurden.

Slim Coughlins Hausboot war größer und ständig bewohnt. Der Gangsterjäger entdeckte es plötzlich in einer kleinen Bucht, die zum Land hin von dichtem grünen Buschwerk abgeschirmt wurde. Auch Silk bemerkte es fast im gleichen Augenblick.

Cantrell stellte fest, dass sie eine freie Fläche von etwa zwanzig Yards überwinden mussten, wenn sie sich Coughlins schwimmender Behausung nähern wollten. Es ließ sich nicht vermeiden. Sie mussten es riskieren.

Am Heck des Bootes war ein Ruderboot festgemacht. Der Gangsterjäger schloss daraus, dass Slim Coughlin zu Hause sein musste. Denn vom Ufer der Landzunge aus war das Hausboot nicht mit dem Wagen zu erreichen. Coughlin benutzte daher vermutlich das Boot, um vom gegenüberliegenden westlichen Ufer aus zu seiner schäbigen Wohnung zu kommen.

Das Hausboot machte einen heruntergekommenen Eindruck. Der kastenförmige Aufbau war grau gestrichen, doch der Lack blätterte bereits an verschiedenen Stellen ab. Die Fensterrahmen waren schief. Auf dem etwa zwei Quadratyard großen überdachten Achterdeck waren Wäscheleinen gezogen, an denen bunte Baumwollhemden in der Brise wehten. Auf Sauberkeit schien Coughlin immerhin etwas zu halten.

Nichts rührte sich an Bord.

Wie gebannt beobachteten Silk und der Gangsterjäger den schwimmenden Kasten, während sie sich mit vorsichtigen Paddelschlägen heranwagten.

Unbehelligt erreichten sie nach wenigen Minuten das Heck des Hausbootes.

Der Gangsterjäger nickte seinem Mitarbeiter zu. Dann packte er die hölzerne Reling des Achterdecks. Behände enterte er Coughlins Wäschetrockenplatz. Silk blieb im Schlauchboot und zog vorsichtshalber die Antenne des Walkie-Talkies heraus.

Auf dicken Kreppsohlen schlich der Gangsterjäger lautlos zu der fast farblosen Tür, die ins Innere des Hausbootes führte. Vorsichtig ergriff er die Türklinke und drückte sie langsam herunter.

Er brauchte sein Spezialwerkzeug nicht zu Hilfe zu nehmen. Die Tür war unverschlossen. Blitzschnell trat der Gangsterjäger ein und schob die Tür hinter sich ins Schloss. Er stand in einem schmalen, dunklen Korridor, in dem es nach kaltem Rauch und abgestandenem Bier roch. Links befanden sich drei Räume, rechts offenbar zwei. Der Maskierte schloss es aus der Zahl der Türen, die er erblicken konnte.

Geräuschlos setzte er seinen Weg fort. Seine ungewöhnlich scharfen Augen konnten in dem fast völlig dunklen Korridor jede Einzelheit erkennen. Seit ihm ein junger Chirurg nach dem Attentat mit einer gewagten Netzhauttransplantation das Augenlicht gerettet hatte, konnte er nicht nur wieder sehen. Er hatte zusätzlich eine Fähigkeit, die man als Nachtsichtigkeit bezeichnet.

An der zweiten Tür auf der linken Seite blieb der Gangsterjäger wie auf ein Signal stehen. Die Geräusche, die an sein Ohr drangen, waren nicht zu verkennen. Jemand schien im Schlaf gewaltige Hickorys zu zersägen.

Der Maskierte zögerte nicht lange. Wieder drückte er langsam die Türklinke herunter. Und wieder hatte er Glück. Slim Coughlin schien sich auf seinem Hausboot so sicher wie in Abrahams Schoß zu fühlen.

Der Gangsterjäger wusste, dass dies in Coughlins Fall kein Zeichen für Leichtsinn war. Der Mann galt als äußerst gefährlich. Es war kein Fall bekannt, in dem es jemand gewagt hatte, sich freiwillig mit dem eiskalten Gangster anzulegen, von dem sich die Unterwelt erzählte, dass er das war, was man einen bezahlten Killer nennt.

Mit der Rechten zog der Gangsterjäger einen seiner beiden 38er Smith and Wesson Special Revolver aus der Schulterhalfter. Mit der Linken stieß er ruckartig die Tür auf. Sie knallte krachend gegen einen Schrank.

Die Schwarze Maske machte zwei Schritte und stand mitten im Zimmer. Jetzt war auch der zweite kurzläufige Revolver in Bereitstellung.

Slim Coughlin fuhr wie angestochen von einer zerwühlten Schlafcouch hoch. Seine Rechte zuckte unter das Kopfkissen.

„Lass es bleiben, Coughlin!“, stoppte ihn der Gangsterjäger schneidend. „Ich würde mir nichts dabei denken, dir die Hand zu zerschießen.“

Coughlin sackte zurück. Er wischte sich über die Augen und kratzte mit den Fingern zwischen seiner verfilzten dunkelblonden Mähne. Sein schmales, faltiges Gesicht wirkte grau und ungesund. Die dunklen Augen waren zusammengekniffen und funkelten heimtückisch.

„Hm“, brummte Coughlin verschlafen, „muss wohl ’n Traum sein. Die Schwarze Maske in meinen heiligen Hallen – kann eigentlich nicht sein.“

Der Gangsterjäger wusste, dass Coughlin ihn täuschen, seine Aufmerksamkeit ablenken wollte. Jede Muskelfaser in ihm war auf einen Angriff vorbereitet.

Die Schwarze Maske hatte sich nicht getäuscht.

Slim Coughlin wirbelte los wie ein Mini-Tornado. Seine Bettdecke flog dorthin, wo sich vor einem Sekundenbruchteil noch die Schwarze Maske in sein Blickfeld geschoben hatte. Er selbst rollte blitzschnell zur anderen Seite von seiner Bettcouch. Aus dieser Deckung heraus wagte er erneut den Griff unter das Kopfkissen.

Coughlin hatte den geschickten Sidestep seines Besuchers nicht mitbekommen. Als seine Finger auf den kalten Stahl seiner Beretta trafen, zuckte im gleichen Moment ein wilder Schmerz durch sein Handgelenk bis hinauf in die Schulter. Coughlin schrie auf und wich zurück.

Der Gangsterjäger fegte mit dem Knauf seines Revolvers das Kopfkissen zur Seite. Den linken Revolver steckte er in die Schulterhalfter. Dann packte er die Beretta und warf sie kaltblütig durch das Fenster, dessen ungeputzte Scheiben in tausend Scherben zersprangen. Draußen klatschte die Pistole ins Wasser.

Slim Coughlin gab es neuen Auftrieb. Wutschnaubend sprang er auf und stürmte auf den Maskierten los. Die drohende Mündung des 38ers schien ihn nicht zu interessieren. „Dir reiß ich den Kopf ab!“, brüllte er und machte einen Satz auf seinen unheimlichen Gegner, der gelassen auswich und ihm mit einem knallharten Fußtritt die Beine unter dem Körper weg hieb.

Coughlin ging klanglos zu Boden. Erst als sein Gesicht auf das scharfkantige Leder seiner ausgezogenen Schuhe prallte, entrang sich ein Schmerzensschrei seiner Kehle. Sekundenlang rührte Coughlin keinen Finger. Fast schien es, als hätte er das Bewusstsein verloren.

Der Gangsterjäger steckte auch den zweiten Revolver wieder ein. Viel erwartete er nicht mehr von Coughlin. Ein paar hinterhältige Tricks vielleicht. Aber die waren leicht zu vermasseln, wenn man von vornherein darauf gefasst war.

Vorsichtig näherte sich der Maskierte dem scheinbar Bewusstlosen. Coughlin rührte sich noch immer nicht. Er wartete auf seine Chance. Und er ahnte nicht, dass ihm sein Gegner diese Chance absichtlich gab, um ihn aus der Reserve zu locken.

Als Coughlin die Hand an seinem Rücken spürte, die ihn herumdrehen wollte, reagierte er. Sein Körper zuckte zusammen, wollte wie von einer Feder abgeschnellt zur Seite schießen, um dann das Überraschungsmoment zu nutzen und den Maskierten zu überwältigen.

Nur der Gedanke daran blieb Coughlin. Er kam zehn Inches hoch, dann fällte ihn ein Handkantenhieb, der ihn sekundenlang lähmte. Coughlin fiel auf die Seite. Seine aufgerissenen Augen starrten auf die schwarzen Schuhe mit den dicken Kreppsohlen.

Cantrell hatte wenig Freude daran, den Gangster auf diese Weise gefügig zu machen. Doch er wusste, dass er Coughlin anders nicht kleinkriegen konnte. Der Mann musste seelisch zermürbt werden, musste den Glauben an seine kämpferischen Fähigkeiten verlieren, wenn man überhaupt ein Wort aus ihm herausholen wollte.

Mit beiden Fäusten packte der Maskierte den Gangster am Hemd und zog ihn in die Höhe. Coughlins Gesicht war dicht vor dem seinen. „Du bist ein verdammt kleines Licht, Slim Coughlin!“, zischte er gefährlich leise. „Ich würde dich wie einen Wurm zertreten, wenn es darauf ankäme.“

„Warum tust du es dann nicht?“, ächzte Coughlin schmerzerfüllt. „Worauf wartest du noch?“

„Ich habe Zeit. Vorher möchte ich mit dir über einige Dinge plaudern.“

Slim Coughlin schien ein Stichwort bekommen zu haben. Plötzlich kam Bewegung in ihn. Er wand sich im Griff seines Gegners. Der Maskierte musste einen Tritt gegen das linke Schienbein hinnehmen. Er verkniff sich den Schmerz und feuerte reaktionsschnell zwei Ohrfeigen ab, die es in sich hatten.

Coughlins Schädel wurde hin und her gerissen. Seine Wangen färbten sich unter der Wucht der Schläge glühend rot. Im nächsten Moment spürte er einen Dampfhammer, der ihm vor die Brust klopfte und ihn gegen die Holzwand katapultierte. Kraftlos und mit schmerzverzerrtem Gesicht sank Coughlin. in sich zusammen. Vor seinen Augen tanzten tausend feurige Sterne.

„Ich denke, damit hätten wir eine brauchbare Verhandlungsbasis geschaffen“, stellte der Gangsterjäger ruhig fest. Breitbeinig und drohend stand er vor dem Häufchen Elend, das in der Unterwelt als gefürchteter Killer galt.

„Was willst du, zum Teufel!“, wimmerte Coughlin, der sich nicht mehr bezwingen und seine Schmerzen unterdrücken konnte.

„Nicht viel“, erwiderte der Maskierte knapp, „ich will nicht mehr wissen als den Namen deines derzeitigen Arbeitgebers.“

„Spaßvogel!“, ächzte Coughlin, „du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir den verrate!“

„Du wirst es mir sagen, Slim Coughlin. Du stehst so oder so auf meiner Liste. Machst du auch nur den geringsten Schnitzer, bist du geliefert. Und glaub mir, ich werde verdammt gut auf jeden deiner Schritte aufpassen!“

Die Schmerzen standen immer noch überdeutlich in Coughlins Gesicht. Er dachte nicht mehr an eine Gegenwehr. Instinktiv hatte er erkannt, dass er der Schwarzen Maske, die er bislang nur vom Hörensagen gekannt hatte, einfach nicht gewachsen war. „Woher willst du wissen, dass ich ’nen Job habe?“, stöhnte er gequält. „Kein Wort davon ist wahr.“

„Ich bin über ziemlich viel unterrichtet, was in deinen Kreisen vor sich geht, Coughlin. Und meine Informationen sind noch stets brauchbar gewesen. Also, heraus mit der Sprache!“

„Von mir erfährst du nichts, verdammter Schnüffler! Und wenn du mich totschlägst, kein Sterbenswörtchen wirst du von mir hören.“

Der Gangsterjäger nickte. „Danke“, meinte er mit freundlichem Lächeln. „Das genügt, Coughlin. Mehr wollte ich nicht wissen.“ Er wandte sich ab, um zu gehen.

Slim Coughlin erwachte plötzlich zu neuem Leben. „He! Moment mal!“, schrie er. „Was soll das heißen? Ich hab doch überhaupt nichts gesagt!“

„Mir genügt es, Coughlin.“ Der Maskierte lächelte immer noch.

Der Gangster wurde sichtlich nervös. Er biss sich auf die Lippen. Deutlich war zu erkennen, wie er überlegte. War ihm ein unbeabsichtigtes Wort herausgerutscht? Zum Teufel, er wusste es nicht. Sein Schädel schmerzte ihn zu sehr. Dieser Maskierte trieb ihn zum Wahnsinn mit seinem überheblichen Grinsen!

Statt die Tür zu öffnen, machte die Schwarze Maske plötzlich zwei rasche Schritte auf Coughlin zu. Der Gangster wollte zurückweichen. Er kam nicht mehr dazu. Ein millimetergenau berechneter Karatehieb schickte ihn ins Land der Träume. Die Bewusstlosigkeit würde etwa zehn Minuten dauern.

Cantrell wusste es. „Sorry, Coughlin“, murmelte er, „leider ging es nicht anders. Es ist nämlich schon hell, und du hättest mir nachspionieren können.“

Wie ein Schatten, huschte der Gangsterjäger aus dem Zimmer. Silk schob beruhigt die Antenne wieder in das Walkie-Talkie, als sein Chef erschien.

Den Rückweg legten sie mit rascherem Paddelschlag zurück. Genau sieben Minuten brauchten sie bis zum Kajütkreuzer, auf dem Butch bereits in wachsender Nervosität seine achte Zigarette rauchte.

Auf dem Rückweg zum Segelhafen, wo Butch den Kajütkreuzer geliehen hatte, tauschte Cantrell sein Kostüm gegen den bequemen grauen Tweedanzug und die dunkle Hornbrille aus.



3

Die LaSalle Street glich einem Hexenkessel. Hundert Yards vor der Ecke Jackson Boulevard hatten uniformierte Beamte der City Police ein etwa quadratisches Terrain abgeriegelt. Die Cops, die sich zu einer Kette eingehakt hatten, konnten die Menschenmassen nur mit Mühe zurückhalten.

Eine knappe Viertelstunde nach der Entdeckung des heimtückischen Mordes war die zuständige Mordkommission unter Leitung von Lieutenant Harry Rollins am Tatort eingetroffen.

Das kastenförmige Spezialfahrzeug mit den Gerätschaften der Spurensicherungsexperten war kurzerhand auf den Bürgersteig gefahren, um dort Platz zu schaffen. Zwei Streifenwagen der City Police parkten mit rotierendem Rotlicht auf der äußersten rechten Fahrspur der LaSalle Street in Höhe von Barney Goldbergs Chevy. Vier Verkehrscops waren eingesetzt, um den Fahrzeugstrom über die verbleibenden Fahrspuren zügig am Schauplatz des blutigen Geschehens vorbeizuleiten.

Um die Streifenwagen herum, bis auf den Bürgersteig hinter den Kastenwagen, hatten die Beamten der City Police ihre Absperrung aufgebaut, die sie nur mit Mühe halten konnten. Innerhalb der Absperrung waren die Beamten der Mordkommission fieberhaft bei der Arbeit.

Diese Arbeit, die zu tragisch war, um jemals zur Routine zu werden, wurde durch die Neugierigen erschwert.

Die Stimmung der Leute näherte sich dem Siedepunkt. Immer häufiger wurde das aufgeregte Gemurmel der Menschenmassen durch wütende Zwischenrufe übertönt.

„Zurück in die dreißiger Jahre!“, grölte jemand.

„Al Capone lebt!“, fiel ein anderer ein. Einen Augenblick herrschte Stille.

„Wozu sind die Cops eigentlich da!“, schrie plötzlich eine Frau in schrillem Diskant. Beifallsrufe gaben ihr Auftrieb. „Unsere Steuergelder können sie verplempern. Und der Erfolg? Man ist seines Lebens nicht mehr sicher! Nicht einmal am hellen Tag auf offener Straße!“

Die Menge steigerte sich zu einem erregten Gebrüll, dessen Durcheinander kaum noch zu verstehen war. Für die Beamten an der Absperrung wurde die Lage zusehends kritischer.

Lieutenant Rollins steigerte das Arbeitstempo seiner Leute mit knappen Anweisungen.

Der Fotograf hatte seine letzten Aufnahmen geschossen. Die Position der Leiche war mit Kreidestrichen auf dem Asphalt markiert worden. Der Arzt beugte sich noch einmal über den Toten, dann ließ er ihn mit einem weißen Laken zudecken.

Er trat an Rollins heran. „Meinetwegen kann er weg, Lieutenant.“

Rollins nickte. Er war nervös. „In Ordnung, Doc. Ich möchte wissen, wo der Leichenwagen bleibt. Er hätte schon vor fünf Minuten hier sein müssen.“

Der Polizeiarzt deutete vielsagend auf den Fahrzeugstrom, der sich an ihnen vorbeischob. „Bei diesem Verkehr? Wir sind mitten in der Rushhour. Da hilft selbst das Rotlicht nur wenig.“

Rollins zuckte die Achseln. Natürlich hatte der Doc recht. Aber in dieser Situation konnten selbst dem vernünftigsten Mann die Nerven durchgehen.

Die Spurensicherer nahmen jeden Inch in der Umgebung des Chevy unter die Lupe. Obwohl jeder von ihnen ahnte, dass die Arbeit wenig Erfolg bringen würde, musste sie erledigt werden. Mit der gewohnten Sorgfalt, die schon so manches Mal wertvolle Hinweise erbracht hatte.

Doch es war völlig eindeutig, dass Goldberg von einem vorbeifahrenden Wagen aus erschossen worden war. Der Arzt hatte es an den Einschüssen in seinem Körper mit ziemlicher Sicherheit feststellen können. Weitere Einzelheiten musste die Obduktion ergeben.

Der Leichenwagen kam mit heulender Sirene und zuckendem Rotlicht in Sicht. Minutenlang verstummte das wütende Stimmengewirr der Zuschauer. Barney Goldbergs Leiche wurde in einen Sarg gelegt und in Sekundenschnelle verladen. Wenige Augenblicke später brauste der Leichenwagen los.

Der Hauptanziehungspunkt für die Schaulustigen war von der Bildfläche verschwunden. Allmählich begannen sich die Menschenmassen zu lichten. Die Proteststimmen wurden kläglicher und wichen nach und nach einem undeutlichen Gemurmel, das merklich leiser wurde.

Lieutenant Rollins atmete auf. Auch die Beamten an der Absperrung konnten Luft holen.

Bis auf den Mann, der die Leiche entdeckt hatte, gab es keine Zeugen. Jedenfalls hatte sich niemand gemeldet.

Die Personalien waren anhand von Goldbergs Papieren festgestellt worden. Beim Eintreffen der Mordkommission waren Barney Goldbergs Kollegen bereits zur Stelle gewesen. Sie hatten kaum ein Wort hervorgebracht, als Rollins sie gebeten hatte, zurück in ihr Büro zu gehen und dort auf ihn zu warten. Sie hatten eingesehen, dass es so sein musste. Goldberg konnten sie ohnehin nicht mehr helfen.

Die Spurensicherer packten ihre Geräte ein. Sie hatten getan, was sie konnten. Rollins hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Es war einer jener Fälle, in denen man von vornherein ahnte, dass kaum Aussicht bestand, den oder die Mörder jemals zu erwischen.

In seine Gedankengänge platzte erneutes Sirenengeheul. Ein dritter Streifenwagen der City Police bahnte sich mit Rotlicht seinen Weg zu der Stelle, an der vor etwa einer halben Stunde Barney Goldberg gestorben war.

District Attorney Richard Snyder und Captain Horatio McConnors, Polizeichef von Chicago City, kletterten aus dem Fond des Wagens. Snyder war schlank und hochgewachsen, das Auffälligste an ihm war eine dicke Hornbrille. McConnors’ kantiger Schädel mit dem eisgrauen Stoppelhaar, sein buschiger Schnurrbart und die dichten Augenbrauen verliehen ihm ein bärbeißiges Aussehen. Wer ihn kannte, wusste, dass dieser Eindruck nur äußerlich war.

Die beiden Männer begrüßten den Leiter der Mordkommission. Wortlos sahen sie sich um. Rollins gab ihnen im Telegrammstil die wichtigsten Informationen.

„Drei Kugeln“, wiederholte McConnors stirnrunzelnd. Mechanisch schob er sich eine seiner berüchtigten Zehn-Cent-Zigarren zwischen die Lippen. In geschlossenen Räumen ließ der Gestank des Krauts alle Anwesenden nach kurzer Zeit flüchten. Jetzt verfinsterte der schweflig-gelbe Qualm die Frühlingssonne.

„Wir werden bald wissen, mit welcher Art Waffe der Mann erschossen wurde“, meinte Snyder.

„Mit Sicherheit war es keine Maschinenpistole“, brummte McConnors, „bei nur drei Kugeln …“

„Sie haben vermutlich recht, Sir“, nickte Rollins, „die Schüsse waren sehr gut gezielt. Weitere Einschüsse fanden sich nicht. Weder in dem Chevy noch sonst irgendwo in der Umgebung.“

„Wahrscheinlich hat der Killer einen Schalldämpfer benutzt.“ McConnors sog nachdenklich an seiner Kraut-Zigarre.

„Das würde erklären, warum sich keine Tatzeugen gemeldet haben“, bestätigte Lieutenant Rollins.

„Wenn der oder die Killer eine Maschinenpistole oder ein Schnellfeuergewehr benutzt hätten“, folgerte Snyder, „dann hätte es durch die Knallerei sofort einen Menschenauflauf gegeben. Möglich ist allerdings auch, dass von einem der gegenüberliegenden Häuser aus geschossen wurde.“

„Der Doc meint nein“, widersprach Rollins, „er will die Einschusswinkel noch genau prüfen. Aber nach dem, was er an Ort und Stelle feststellen konnte, schließt er darauf, dass die Schüsse beinahe waagerecht und aus allernächster Nähe kamen.“

„Okay“, meinte McConnors, „das lässt sich alles rekonstruieren. Aber wie sieht es mit dem Motiv aus? Was für ein Mann war der Ermordete? Welchen Beruf hatte er, wo wollte er hin? Und so weiter.“

Er blickte Rollins fragend an.

„Kommen Sie“, bat der Lieutenant, „Sie werden es gleich erfahren.“ Wortlos ging er voraus. Snyder und McConnors folgten ihm erstaunt. Die Absperrung war inzwischen aufgelöst worden. Die Zuschauermassen hatten sich fast vollständig verflüchtigt.

Lieutenant Rollins führte seine Begleiter zu dem Wolkenkratzer, der direkt neben dem etwa gleich hohen Eckgebäude stand. Sie betraten die Eingangshalle und enterten den Lift. Draußen fuhren die Fahrzeuge der City Police ab. Lediglich ein Streifenwagen blieb stehen, der in eine Parklücke rangierte, um auf McConnors, Snyder und Rollins zu warten.

Rollins drückte den Knopf für das zwanzigste Stockwerk. Er deutete auf das Schild, das Aufschluss über die einzelnen Firmen gab, die sich in den verschiedenen Etagen des Bürogebäudes befanden. „Die Zeitschrift Stars and Stripes ist Ihnen vermutlich ein Begriff“, erklärte er, während sie im Expresstempo hinauf fuhren. „In diesem Haus befindet sich die Chicagoer Redaktion. Die Zentrale des Verlages ist in New York, aber in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten werden Außenredaktionen unterhalten. Barney Goldberg war Reporter. Er bezog bei Stars and Stripes ein festes Gehalt!“

„Moment mal!“, platzte es Richard Snyder über die Lippen. „Stars und Stripes? Das ist doch die Illustrierte, die jetzt diese Reportage veröffentlicht hat…“

„Natürlich!“, fiel ihm McConnors ins Wort. „Vorgestern erschienen. Meine Sekretärin hat es mir gleich auf den Schreibtisch gepackt. Knallharte Geschichte. Wie war noch der Titel – äh …“

„Die heimlichen Bosse von Chicago“, klärte ihn Snyder trocken auf, „es ist eine Serie. Was vorgestern erschienen ist, war die erste Folge.“

„Richtig!“, echoten Snyder und McConnors fast gleichzeitig.

Sie kamen nicht mehr dazu, den Wortwechsel fortzusetzen. Die Fahrstuhlkabine stoppte sanft im zwanzigsten Stockwerk. Sie stiegen aus. Rollins ging voran. Links befand sich die Anmeldung der Redaktion. In einem Glaskasten saß ein bebrilltes Girl, das einen völlig verstörten Eindruck machte. Beinahe erschrocken verließ sie ihren Platz, als Rollins ihr seine Dienstmarke hingehalten hatte. Das Girl öffnete die Tür und ließ die drei Beamten eintreten.

„Hier entlang“, bat sie leise und deutete auf eine gepolsterte Tür, die am Ende des kurzen Korridors lag. Sie öffnete und ließ die Männer eintreten.

Sie kamen in einen rechteckigen Raum, der offenbar für Konferenzen diente. Um einen langen Marmortisch waren insgesamt zehn Stühle mit Lederpolster gruppiert.

„Einen Augenblick bitte“, hauchte das Empfangsgirl und verschwand durch eine Mattglas-Schiebetür in einem Nebenraum.

Es dauerte keine halbe Minute. Die Schiebetür wurde erneut geöffnet, und die ganze Mannschaft drängte sich herein. Vorweg ein zur Fülligkeit neigender Mittvierziger mit markantem Hakennasenprofil, spärlichem Haarwuchs und randloser Brille.

„Melloway“, stellte er sich vor, „Saul Melloway.“ Er brauchte nichts hinzuzufügen. Seine Stimme war leise und bedrückt. Trotzdem war herauszuhören, dass er der Boss in diesem Laden war.

McConnors, Snyder und Rollins nannten. ihre Namen. Melloway schüttelte ihnen spontan die Hand.

„Bitte nehmen Sie Platz, Gentlemen“, bat er und deutete auf die Ledergepolsterten.

Nacheinander stellte er seine Mitarbeiter vor. Susan Morales war die einzige Frau. Sie hatte einen leicht südländischen Teint und kurzgeschnittenes schwarzes Haar. Ihr knappsitzendes auberginefarbenes Kostüm bewies, dass sie über Idealmaße verfügte. Der Rock bedeckte die Knie.

Chuck Hendricks, ein Sechs-Fuß-Mann mit strohblondem Crew Cut, war Chefreporter der kleinen Truppe. Er neigte zu Sommersprossen, die ihn jungenhaft erscheinen ließen. Earl Sanders war dunkelblond, athletisch gebaut und breitschultrig. Man sah ihm an, dass er Sportler war. Simon Ferrer, der Fotograf der Mannschaft, wirkte leicht gedrungen. Ein unverkennbarer Bauchansatz verstärkte diesen Eindruck. In seinem runden Gesicht mit den braunen Augen lag etwas, das ihn sympathisch machte.

„Unsere ersten Ermittlungen haben in etwa Aufschluss darüber gebracht, wie ihr Kollege ermordet wurde“, informierte Harry Rollins das Redaktionsteam. „Letzte Sicherheit werden wir haben, wenn der Obduktionsbefund vorliegt.“ In knappen Zügen erläuterte er die Feststellungen der Mordkommission.

„Vielen Dank“, sagte Melloway leise, nachdem der Lieutenant geendet hatte. „Es war für uns alle ein Schock. Unfassbar. Es ist einfach nicht zu begreifen …“ Er schüttelte fassungslos den Kopf.

„Für mich ist die Sache klar“, meldete sich Chuck Hendricks erregt zu Wort. Er blickte die beiden Polizeibeamten und den Attorney beschwörend an. „Sie wissen von unserer ersten Veröffentlichung über Chicagos Unterwelt, Gentlemen. Barney Goldberg hat maßgeblich daran mitgearbeitet. Wie wir alle. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass es eine der sensationellsten Veröffentlichungen seit Jahren ist.“

„Kann man wohl sagen“, nickte McConnors zustimmend.

„Genau“, bekräftigte Hendricks eifrig, „was wir ausgegraben haben, ist geeignet, Chicagos Syndikatsbossen schlaflose Nächte zu bereiten. Es liegt doch auf der Hand, Gentlemen: Die Gangster fürchten um ihre Sicherheit. Deshalb haben sie uns einen Warnschuss vor den Bug gesetzt.“

„Dieser Warnschuss, wie du es nennst, hat immerhin Barney Goldbergs Leben gefordert“, stöhnte Saul Melloway. Er wandte sich an die drei Beamten. „Wissen Sie, wenn Chuck recht hat, dann können wir keinen Schritt mehr tun, ohne um unser Leben fürchten zu müssen.“

„Warum haben Sie nicht vorher daran gedacht?“, fragte Richard Snyder knapp.

Melloway blickte ihn überrascht an. „Sie meinen, vor der Veröffentlichung?“

„Richtig.“

„Nun, äh – um ehrlich zu sein, also …“ Melloway wand sich in Verlegenheit und fand keinen rechten Anfang.

„Reden wir nicht drum herum“, unterbrach ihn Earl Sanders heftig, „wozu sollen wir uns etwas vormachen? Wir haben die Sache auf die leichte Schulter genommen. Wir wollten ganz Chicago damit überraschen, auch die Polizei. Es sollte wie eine Bombe einschlagen. Ist es ja auch. Daran gibt es für mich keinen Zweifel.“

„Eine verdammt harte Selbstbeschuldigung“, knurrte Melloway grimmig.

„Stimmt’s denn etwa nicht?“, schrie Sanders mit rotem Kopf.

„Seid doch vernünftig!“, bat Susan Morales, die bislang geschwiegen hatte. „Es hat keinen Zweck, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen. Deshalb wird Barney nicht wieder lebendig.“

„Phrasendrescherei“, murmelte Sanders wenig galant. Er senkte beleidigt den Kopf.

„Na und?“, konterte Susan forsch. „Manchmal sind Phrasen durchaus angebracht!“

„Hören Sie auf, sich gegenseitig verrückt zu machen“, fuhr Captain McConnors väterlich dazwischen. „Uns geht es jetzt um zwei Dinge: Erstens, den Mord an Barney Goldberg aufzuklären, und zweitens, Sie vor möglichen weiteren Anschlägen zu schützen, was nach den Vermutungen von Mr. Sanders durchaus begründet erscheint. Dazu habe ich noch eine Bitte.“ McConnors sah jetzt Melloway, den Redaktionschef, an. „Schildern Sie uns in kurzen Zügen, welche Fakten im ersten Teil Ihrer Reportagen-Serie bereits genannt wurden, und was in den weiteren Fortsetzungen folgen soll. Sie werden verstehen, dass wir den Text nicht mehr genau im Kopf haben.“

„Selbstverständlich, Sir“, ergriff Melloway das Wort, „am besten gibt Ihnen Chuck Hendricks dazu ein paar Erläuterungen. Er hat das Reportage-Team geleitet, zu dem die Anwesenden gehörten – und Barney Goldberg.“

„Okay“, begann Hendricks gedehnt, „wir haben fast ein halbes Jahr an der Story gearbeitet. Auf eigene Faust. Ohne jede Unterstützung. Aber es hat sich gelohnt. Wir brauchten eine Menge Informanten dazu, die wir mit einiger Mühe auch bekommen haben. Unser Verlag ist zum Glück in finanzieller Hinsicht nicht kleinlich. Es ist so“, Hendricks grinste, „mit kriminalistischen Ermittlungen sind unsere Recherchen natürlich nicht zu vergleichen. Wir konnten unseren Informanten zusichern, dass wir ihre Namen niemals preisgeben werden. Es ist uns gelungen, ein paar Leute aufzutreiben, die den Mut hatten, den Mund aufzumachen. Wenn auch zum Teil nur andeutungsweise. Aber immerhin. Was uns fehlte, haben wir uns durch eigene Aufenthalte in der Unterwelt herangeholt. Es war nicht immer ganz ungefährlich, zugegeben. Aber wir haben es geschafft. Nun, ich will es kurz machen. Der erste Teil unserer Reportage, der jetzt erschienen ist, schildert ganz allgemein die Arbeit der Gangstersyndikate. In erster Linie, was den Rauschgifthandel, die Prostitution und die sogenannten Schutzorganisationen anbetrifft. Wir haben einen Kneipenbesitzer an Land gezogen, der von solch einer Organisation kontrolliert wird und regelmäßig seine Abgaben zahlen muss.“

„Wer ist der Mann?“, wollte McConnors wissen.

„Sorry, Sir.“ Hendricks zuckte die Achseln. „Sie kennen das Pressegesetz. Wir haben uns verpflichtet, seinen Namen nicht preiszugeben. Niemandem. Auch der Polizei nicht. Okay, in dem ersten Teil der Reportage haben wir also angekündigt, dass wir in den nächsten Fortsetzungen mit konkreten Fakten und auch Namen von Syndikatsbossen aufwarten werden. Wir haben geschildert, welche Nachforschungen wir angestellt haben. Unsere Angaben waren so gewählt, dass mit Sicherheit einige der Bosse schlagartig nervös geworden sind.“ Deutlich war aus Hendricks’ Worten zu hören, wie stolz er auf die geleistete Arbeit war.

Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen im Konferenzzimmer der Illustrierten-Redaktion.

„Sie hätten sich vorher mit uns in Verbindung setzen sollen“, meinte der Attorney schließlich. „Diesen Vorwurf kann ich Ihnen nicht ersparen.“

Susan Morales war die einzige, die eine Antwort wusste. „Sie mögen recht haben, Mr. Snyder. Und Sie können sicher sein, dass wir uns alle am Tod von Barney mitschuldig fühlen. Aber das Geschehene kann nun einmal nicht mehr rückgängig gemacht werden.“

„So war es nicht gemeint“, lenkte Snyder ein, „für zukünftige Fälle sollten Sie an meine Worte denken. Sie können uns glauben, dass wir die Gepflogenheiten der Unterwelt aus jahrelanger Erfahrung kennen.“

„Lassen wir es dabei bewenden“, schlug McConnors vor. Er erhob sich. „Sie werden im Laufe des Tages noch telefonisch von uns hören.“

Sie verabschiedeten sich und fuhren mit dem Lift bis ins Erdgeschoss. Auf der Straße wartete der Streifenwagen.

„Zum Headquarters, Sir?“, erkundigte sich der Fahrer bei McConnors, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.

„Nein.“ Der Captain schüttelte den Kopf. „Fahren Sie nach Western Springs, Clinton Street.“



4

Tony Cantrell hielt sich erst seit zehn Minuten wieder in seinem Bungalow auf, als die drei Beamten, mit denen er seit Jahren zusammenarbeitete, bei ihm klingelten.

Carol, Cantrells blonde Frau, öffnete den Besuchern und führte sie in das Arbeitszimmer des renommierten Anwalts, der gemeinsam mit Butch und Silk über der Auswertung des gerade beendeten Einsatzes brütete.

Als Cantrell die Gewittermienen seiner Besucher sah, wusste er sofort, in welcher Richtung er ihr Anliegen zu suchen hatte. Er bot ihnen die voluminösen Sessel seines Arbeitszimmers an und wartete gespannt auf den Bericht.

Lieutenant Rollins übernahm es, Cantrell und seine beiden Mitarbeiter mit den notwendigen Informationen zu versorgen. Er brauchte eine volle Zigarettenlänge für seine inhaltsschwere Ansprache. Es ließ sich nicht vermeiden, dass McConnors zur Überbrückung der Zeit eine seiner Kraut-Zigarren in Brand setzte. Die missbilligenden Blicke der anderen ignorierte er völlig.

Tony Cantrell konnte seine Überraschung nicht verbergen. „Wenn es tatsächlich stimmen sollte, dass der Mordanschlag der Gangster auf die Veröffentlichung der Illustrierten zurückzuführen ist“, meinte er nachdenklich, „dann sind die von den Reportern ausgegrabenen Fakten mit Sicherheit so schwerwiegend, dass einige Syndikatsbosse um ihre Existenz fürchten.“

„Sonst würden sie keinen Mann umbringen, dessen Tod einen Riesenwirbel verursacht“, fügte Silk hinzu. „Es hat doch schon Fälle gegeben, in denen Journalisten mehr oder weniger gewaltsam ums Leben kamen; verständlicherweise entfachten ihre Kollegen jedes Mal einen Aufstand.“

„Das kann ihnen niemand verdenken“, meinte Butch trocken, „hinzu kommt, dass sie die besten Möglichkeiten, haben, um diesen Wirbel anzukurbeln.“

McConnors nahm sein Kraut aus dem Mund. „Wie dem auch sei“, brummte er, „wir könnten ein paar Mitarbeiter gebrauchen, die nicht an dienstliche Weisungen gebunden sind.“

„Eine treffende Umschreibung“, lächelte Snyder, „wenn unser Polizeichef jemanden um etwas bittet, erfindet er die tollsten Formulierungen. Nur, um nicht direkt auf das Ziel loszusteuern.“

McConnors stieß ein unwilliges Brummen aus. Statt eine Antwort zu geben, schob er die Zigarre zurück unter seinen buschigen Schnauzbart.

Tony Cantrell lachte leise. „Ich kann mich nicht erinnern, euch jemals eine derartige Bitte abgeschlagen zu haben. Außerdem habe ich eine Spur aufgenommen, die unter Umständen den Tod des Reporters am Rande berühren könnte.“

Cantrells Gäste waren mit einem Schlag hellwach.

„Wir haben einen Tipp bekommen“, erläuterte der Kriminalist bereitwillig, „einer unserer V-Leute gab Butch zu verstehen, dass sich in mehreren Syndikaten eine Sache von nie gekannten Ausmaßen anbahne. Mehr wusste der Mann allerdings auch nicht. Der einzige Hinweis, den er uns noch geben konnte, war, dass Slim Coughlin in der Geschichte drinsteckt.“

„Coughlin?“, echote Rollins erstaunt. „Der Killer? Ich würde etwas darum geben, wenn ich auch nur den winzigsten Beweis bekäme, um diesem Burschen endlich das Handwerk zu legen.“

Cantrell wusste, dass der Lieutenant bereits des Öfteren versucht hatte, Coughlin schachmatt zu setzen. Doch stets hatte es der Killer verstanden, zur richtigen Zeit die richtigen Zeugen zu beschaffen, die ihm die nötigen Alibis lieferten.

„Vielleicht werden wir bald genug Beweise haben“, meinte der Anwalt vieldeutig. „Ich habe Coughlin besucht. Er hat mir zwar nicht viel gesagt. Im Grunde genommen gar nichts. Aber für mich war es genug, um zu wissen, dass unser V-Mann tatsächlich recht hatte.“



5

Sam Shrimpton kurbelte ärgerlich an der Sendereinstellung des Autoradios. „Ich will keine Nachrichten hören!“, schimpfte er. „Warum, zum Teufel, senden diese Idioten alle um die gleiche Zeit Nachrichten?“

„Nur um dich zu ärgern“, grinste sein Nebenmann, der auf den seltenen Namen Dusty Darnell hörte, „dich und alle anderen Typen, die sich einen Dreck um das scheren, was in der Welt passiert.“

Nur wenige kannten Darnells richtigen Vornamen. Zu Beginn seiner Laufbahn als Gangster hatte er in einer Brotfabrik gearbeitet. Nach Feierabend war er mit Mehlstaub in Ohren und Haaren herumgelaufen. Es war mindestens zehn Jahre her. Doch seinen Spitznamen hatte er für alle Zeiten: Dusty, der Staubige.

Wütend drehte Shrimpton den Nachrichtensprechern den Hals ab. „Lasst mich doch alle in Ruhe!“, maulte er und klemmte sich zur Abwechslung einen filterlosen Glimmstängel in den linken Mundwinkel.

Dusty Darnell hing wie hingegossen im Beifahrersitz. Seine Augen konnten gerade noch über die Türkante hinwegsehen und den Eingang des Bürogebäudes im Blickfeld behalten. Das breite Portal lag schräg rechts vor ihnen, etwa zwanzig Yards entfernt.

Shrimpton trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad des hellgrauen Buick. Die unscheinbare Limousine stand wie zufällig in der Reihe der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge.

„Wir brauchen nur noch herauszufinden, wo sie ihre Karre abgestellt hat“, freute sich Dusty, „dann ist der Job für uns gelaufen. Dann sind die anderen dran.“

„Ist auch vernünftiger“, nuschelte Shrimpton, „der Boss ist nicht von gestern. Der Zufall kann es wollen, und irgendein schräger Fürst erinnert sich daran, unsere Gesichter hier schon mal gesehen zu haben. Schon stecken wir in der Klemme. Also erledigen wir die Vorarbeiten, und die anderen machen den Rest.“

„Du bist doch ein verdammt schlaues Kerlchen“, lobte ihn Dusty. „Ich glaube, es gibt keinen Trick, den du nicht durchschaust.“

Shrimpton wusste nicht, ob ihn sein Komplice auf den Arm nehmen wollte, oder ob das Lob echt war. Er beschloss, letzteres anzunehmen und keinen Kommentar dazu abzugeben. Also stierte er stumpfsinnig durch die Windschutzscheibe.

Trotzdem hatte Dusty Darnell die Frau zuerst entdeckt. Er fuhr hoch. „Da ist sie!“

Shrimpton zuckte zusammen und ließ irritiert die Augäpfel kreisen. „Wo?“

„Sie kommt aus dem Eingang. Los, sieh zu, dass du die Karre in Gang kriegst!“ Darnell schien auf einmal vom Jagdfieber gepackt zu sein. „Hinterher! Sie marschiert von uns weg.“

Shrimpton schaffte es tatsächlich, den Buick innerhalb von drei Sekunden anrollen zu lassen. „Wahrscheinlich macht sie jetzt Mittagspause“, meinte er und fädelte die Limousine langsam in den fließenden Verkehr ein.

„Darauf haben wir von Anfang an gewartet“, belehrte ihn Dusty geduldig. „Fahr so langsam wie möglich und versuche, kurz vor der nächsten Ecke eine Parklücke zu finden.“

Sam Shrimpton hatte seinen reaktionsschnellen Tag. Er schaffte auch das.

„Warte hier!“, befahl der Staubige und war im nächsten Moment im Menschengewühl auf dem Bürgersteig verschwunden.

Dusty Darnell bewies, dass er sehr gute Augen hatte. Vor der Auslage eines Zeitschriftenkiosks ging er in Lauerstellung. Nach einer knappen Minute kam Susan Morales tatsächlich in Sicht.

Die Journalistin trug einen leichten Sommermantel im hellen Beigeton. Zielstrebig bahnte sie sich ihren Weg durch die Passantenströme.

Der Staubige folgte ihr. Es war nicht schwierig, im Fußgängergewühl unauffällig in ihrem Kielwasser zu schwimmen. Dusty machte sich keine Sorgen. Selbst wenn sie sich zufällig sein Gesicht einprägen würde – ihn würde sie garantiert nicht wieder zu sehen bekommen. Dafür andere.

Susan Morales bog um die Ecke in eine Nebenstraße. Das zweite Gebäude hinter der Einmündung war eine Hochgarage.

Dusty Darnell wusste Bescheid. Jetzt nur noch eine Kleinigkeit. Er ließ die Frau allein weitergehen und baute sich neben der Ausfahrt des Blechkutschensilos auf.

Er brauchte nur noch zu warten. Ein verdammt einfacher Job …

Pausenlos rollten dicke Limousinen durch die Ausfahrt. Der Staubige achtete auf die Fahrer. Er brauchte nicht lange zu warten. Hinter einem gigantischen Cadillac Fleetwood tauchte ein silbermetallic-lackierter Volkswagen-Käfer auf. Durch die Windschutzscheibe erkannte Dusty dunkles kurzgeschnittenes Haar und weibliche Gesichtszüge. Er wartete noch einen Moment, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich Susan Morales war.

Sie war es.

Mit einem fröhlichen Song auf den Lippen machte der Staubige kehrt. Er hatte seinen Auftrag zur Zufriedenheit erledigt. Und Sam Shrimpton konnte von seinem Erfolg am Rande mitprofitieren. Der Bursche war dumm, aber zuverlässig. Und das reichte für solche Jobs.

Shrimpton drehte den Zündschlüssel nach rechts, als Darnell sich auf den Beifahrersitz schwang. Zügig ordnete der Komplice des Staubigen die Limousine in den Verkehr ein.

„Alles okay?“, fragte Shrimpton nach einer Weile.

„Alles okay“, nickte Dusty wortkarg und schaltete das Autoradio wieder ein. „Jetzt kannst du wieder Musik hören. Die Nachrichten sind vorbei.“



6

Sie fuhren auf der LaSalle Street eine Viertelstunde lang geradeaus nach Norden. Dann steuerte Shrimpton den Buick nach links in die Eugene Street, dann wieder rechts und noch einmal rechts.

Das Grundstück St. Paul Street Nummer sechsundvierzig wurde zur Straße hin von einer übermannshohen weißen Mauer begrenzt. Der geschwungene Torbogen über der Einfahrt und die kunstvoll geschmiedeten Gitterstäbe verliehen dem Anwesen etwas Arabisch-Vorderasiatisches.

Wippend kam die Schnauze des Buick eine Handbreit vor dem Tor zum Stehen. Dusty Darnell drückte auf einen Knopf, der sich vor dem Beifahrersitz unter dem Armaturenbrett befand. Ein elektronisches Signal wurde ausgelöst. Wie auf Kommando erschien hinter dem Tor ein Mann im grauen Overall. Er baute sich links neben der Einfahrt auf, öffnete einen Metallkasten, der an der weißen Mauer befestigt war, und betätigte einen Schalter.

Lautlos glitt das Tor auf gut geölten Lagern zur Seite. Shrimpton ließ den Buick anrollen. Im Vorbeifahren winkte er dem Toröffner zu.

Die Limousine knirschte über einen breiten Weg, der mit feinem Kies ausgestreut war. Der Garten zu beiden Seiten war mit Blicken nicht zu durchdringen und schien völlig verwildert zu sein. Nur der Fachmann konnte erkennen, dass hier ein Gartenbauarchitekt viel Mühe darauf verwendet hatte, ein dschungelähnliches Gelände mit heimischen Zierpflanzen verschiedenster Größen anzulegen.

Die Villa war flach, eingeschossig und ebenso weiß wie die Außenmauer an der Straße. Das langgestreckte Gebäude, das aus zwei Trakten bestand, die einen rechten Winkel bildeten, kam erst in Sicht, als der Buick eine scharfe Linkskurve des Kiesweges hinter sich gelassen hatte.

Auf dem betonierten Vorplatz der Villa standen zwei schwere Limousinen. Ein schneeweißer Cadillac Eldorado und ein cremefarbener Mercedes 6,3 – frisch aus Deutschland importiert.

Dusty Darnell stieg aus. „Bring den Wagen in die Garage“, ordnete er an und schlug die Beifahrertür zu. Sam Shrimpton reagierte prompt.

Zwischen zwei kitschig verschnörkelten Marmorsäulen befand sich der Eingang der Villa. Mittelpunkt des aufwendigen Portals war eine schwere Eichentür mit handgeschmiedeten Beschlägen. Etwa in Kopfhöhe befand sich in beiden Türflügeln je ein kreisrundes Ornament, in dessen Mitte bei näherem Hinsehen ein Objektiv zu erkennen war.

Darnell trat vor das rechte Ornament und betätigte den Klingelknopf. Geduldig ließ er die Gesichtskontrolle über sich ergehen, die von drinnen aus vorgenommen wurde. Der Boss hatte seine Anordnungen getroffen. Und die musste man befolgen.

Die optische Kontrolle fiel zur Zufriedenheit aus. Mit saugendem Geräusch wurde die Tür geöffnet, und ein hagerer Typ in stilechter Butlerkluft ließ Darnell eintreten. Der Boss hatte eine Vorliebe für orientalischen Baustil und britische Traditionen. Er konnte es sich leisten. Beides.

Sie waren in der Bibliothek versammelt. Drei Yards Bücher an drei Wänden, in Regalen bis zur Decke.

Eine vierte Wand gab es nicht. Statt dessen eine Fensterfront aus sonnen schutzgetöntem Doppelglas. Der Blick fiel auf einen nierenförmigen Swimmingpool, üppig wuchernde Dschungelgewächse und drei nicht mehr üppige Bikinigirls. Sie räkelten sich am Rand des himmelblauen Badewassers und warteten geduldig auf ihre Gönner, die sich zwischen prall vollen Bücherwänden aufhielten.

„Hallo“, sagte Darnell leicht verlegen. Die Anwesenheit von gleich drei großen Bossen machte ihn etwas unsicher.

„Setz dich“, sagte Mike Feldman, der Boss des Hauses. Feldman hatte eine super kurze Haarbürste auf dem schmalen, sonnengebräunten Schädel. Seine Augen waren eisgrau und unangenehm herrisch. Der hagere Körper des Mannes, von Lederhaut umgeben, steckte in einem orangefarbenen Polohemd und blauen Badeshorts. Feldmans Eltern waren deutsche Einwanderer gewesen. Er selbst war in New York geboren und später nach Chicago übergesiedelt.

Dusty Darnell ließ sich in den noch freien Sessel vor dem flachen Glastisch sinken. Links und rechts von Feldman saßen Tony „Fats“ Corelli und Serge Kovacz.

Corelli hieß „Fats“, wie alle Leute seiner Körpergröße, die nicht anders als fett genannt werden konnten. Er hatte einen schweißglänzenden Kugelkopf, der übergangslos auf breiten Schultern ruhte. Corellis komplette Fülle verbarg sich unter einem weißen Sommeranzug. Sein dunkles Haar deutete auf die italienische Abstammung hin.

Serge Kovacz war erst vor zehn Jahren nach Amerika gekommen. Aus politischen Gründen, wie er es motiviert hatte. Keiner hatte je erfahren, welches die wirklichen Gründe gewesen waren, die ihn aus seinem Heimatland Jugoslawien getrieben hatten. Tatsache war, dass er es in Chicago ziemlich schnell geschafft hatte, zu den tonangebenden Leuten der Unterwelt zu zählen.

Kovacz konnte sitzen, stehen oder liegen – in jeder Lebenslage machte er den Eindruck eines sprungbereiten Tigers. Alles an ihm war geballte Energie. Unter seinem dünnen Hemd aus hellgrauem Feincord wölbten sich ansehnliche Muskelpakete. Die hautenge schwarze Samthose zeigte, dass Kovacz viel von Herrenmode hielt. Bei seinem athletischen Körperbau konnte er es sich leisten, solche Produkte der Modeindustrie spazieren zu tragen, die bei weniger imposanten Typen unweigerlich zur Erheiterung der Umwelt beitrugen.

„Schieß los!“, forderte Mike Feldman. Er reichte eine randvolle Zigarettendose aus gehämmertem Silber herum.

„Keine Probleme“, begann Dusty Darnell mit schiefem Grinsen, „die Kleine hat ihren Käfer in ’nem Autosilo. Hundert Yards von ihrem Büro entfernt, gleich um die Ecke.“

„Die Nebenstraße, parallel zum Jackson Boulevard?“ Kovacz sah den Staubigen fragend an. Sein Amerikanisch war fast akzentfrei.

„Stimmt genau. Allerdings ist es ’ne Einbahnstraße. Man kann von der LaSalle Street ’reinfahren. Hinaus geht es nur zur Quincy Street. Aber von dort aus kommt man Ja nach allen Seiten weg.“

„Sehr gut“, nickte Feldman, „das war gute Arbeit, Dusty. Was meint ihr?“ Er blickte seine Nebenmänner an.

„Okay, okay“, winkte Corelli ab. Seine Stimme klang schnarrend und ölig. „Wir wissen, dass du gute Leute hast.“

„Soweit ist die Geschichte all right“, fügte Kovacz hinzu, „wir müssen nur noch die genauen Zeiten festlegen.“

„Richtig, Serge.“ Feldman lächelte dünn. „Dusty kann es uns auf die Minute genau sagen. Und dann lassen wir das Ganze gleich morgen abrollen. Je eher, desto wirkungsvoller.“

Die anderen stimmten in Feldmans meckerndes Lachen mit ein.



7

Sumpfenten und Blässhühner nahmen schnatternd Reißaus.

„Mit deinen Elefantenmanieren vertreibst du selbst die friedlichsten Tiere aus ihrem beschaulichen Dasein!“, meinte Silk kopfschüttelnd.

„Reg dich nicht auf“, knurrte Butch mit gespieltem Ärger. „Dem Federvieh schadet es nicht das geringste, wenn mal Menschen in einem Wasserfahrzeug in diesen Breiten aufkreuzen.“

O’Reilly hatte das geliehene Ruderboot mit ungestümem Riemenschlag in einen Seitenarm der Lagoon getrieben. Die Lagoon, im Nordteil des Douglas Park gelegen, hatte viel mit einer echten südländischen Lagune gemeinsam. An diesem Tag sogar die strahlende Sonne, die ihr Wohlwollen über Chicago ausschüttete.

Der Seitenarm war etwa drei bis vier Yards breit und an beiden Seiten von den herunterhängenden Zweigen mächtiger Trauerweiden umrahmt.

„Irgendwo muss er stecken“, meinte Butch zuversichtlich und ließ sich von Silk durch die Biegungen des Seitenarmes dirigieren.

Sie passierten eine enge Stelle, in der Butch die Ruder seitlich an das Boot klemmen musste. Mit genügend Schwung kamen sie durch.

Butch wollte die Riemen wieder eintauchen, als ein leiser Ruf ertönte. Ganz aus der Nähe.

Die beiden Detektive sahen sich suchend nach allen Seiten um.

„Nichts zu sehen“, meinte Silk achselzuckend, „er hat sich zu gut versteckt.“

„Hier!“, kam die Stimme wieder. „Hierher.“ Die ungewöhnliche Akustik unter den Trauerweiden machte eine genaue Ortung unmöglich.

„Hier ist gut“, brummte O’Reilly, „mir scheint, der Typ will uns auf den Arm nehmen.“

„Moment mal!“ Silk starrte angestrengt nach rechts, an der breiten Schulter seines Kollegen vorbei. Er hatte eine Bewegung unter den Ästen der Trauerweiden ausgemacht, die fast bis auf die Wasseroberfläche herunterhingen. Im nächsten Moment war er sicher, den dunkelbraunen Rumpf eines Ruderbootes ausgemacht zu haben.

„Hast du ihn?“, erkundigte sich Butch.

Silk nickte. „Zwei Strich Steuerbord, dann sind wir dran.“

„Aus dir spricht der perfekte Sailor“, grinste Butch. Er setzte den Kahn in Bewegung. Sekunden später zogen sie die Köpfe ein und ließen die Zweige über sich hinwegrascheln.

Mit einem dumpfen Laut schlug Holz gegen Holz. Die beiden Detektive richteten sich auf.

„Müsst ihr einen gleich rammen!“, protestierte die Stimme von vorhin. Sie gehörte einem schmächtigen Kerlchen, das auf dem Boden seines ebenfalls geliehenen Ruderbootes kauerte und vorsichtig über die Bordkante hinwegspähte.

„Nichts für ungut“, erklärte Silk lächelnd, „das Vergnügen ist im Honorar inbegriffen.“

„Weiß der Teufel, was ihr noch alles mit mir anstellen wollt“, murrte das Kerlchen. „Für die lausigen Dollars, die ihr ausspuckt, riskiere ich Kopf und Kragen. Wenn ihr wüsstet, was ich mir da aufgeladen habe – bei der nächsten Gelegenheit legen sie mich um, wenn ihr mich weiter auszuquetschen versucht.“

„Hör auf mit der Preistreiberei, Paul!“, warnte Butch. Er sog zwei Zwanziger aus dem Jackett. Die dürren Finger des Kleinen grapschten gierig danach. Blitzschnell waren die Dollarscheine in Pauls schmuddeliger Wildlederjacke verschwunden. „Ihr wisst doch, dass ich euch alles gesagt habe, was mir zu Ohren gekommen ist“, murrte er, „die Sache, in die ihr da eure Nasen ’reinstecken wollt, ist verdammt heiß. Viel zu heiß, sage ich euch!“

„Eben drum“, lächelte Silk, „du kennst uns doch lange genug. Wir interessieren uns nun mal brennend für heiße Sachen.“

„Ihr werdet euch noch früh genug die Finger verbrennen. Das garantiere ich euch. Und mir wird es nicht viel besser ergehen, wenn ich noch weiter den Mund aufreiße.“

„Okay“, winkte Butch mit gütlicher Miene ab. „Die Vorrede hat uns jetzt lange genug aufgehalten. Kommen wir endlich zum Geschäft, alter Knabe! Du hast deinen Teil weg. Jetzt wollen wir unseren.“

„Was soll’s denn sein?“ Paul grinste listig. Obwohl er alles andere als einen zuverlässigen Eindruck machte, war er doch bereits seit Jahren einer der wertvollsten V-Männer des Cantrell-Teams. Paul arbeitete als Hehler. Einer von der kleinen Sorte, die sich mit relativ geringfügigen Sachen abgaben und daher auf freiem Fuß wertvoller waren als hinter Gittern. Denn Paul – seinen Nachnamen kannte niemand – hatte seine Ohren überall dort, wo es in der Unterwelt interessant war.

„Wir wissen, dass Slim Coughlin tatsächlich in einer heißen Geschichte drinsteckt“, erklärte Silk, „dein Tipp war also in Ordnung, Paul. Jetzt möchten wir noch wissen, um was für eine Sache es sich handelt.“

„Ihr seid lustig“, gluckste der V-Mann. „Ich würde was drum geben, wenn ich’s wüsste. Dann wüsste ich nämlich auch, ob ich meines Leben noch sicher bin.“

„Komm, komm! Spiel nicht den großen Märtyrer“, mahnte Butch. „Bislang bist du noch immer mit heiler Haut davongekommen. Auch wenn du so getan hast, als ob du das Messer schon halb im Rücken gehabt hättest. Also, sing uns dein Lied!“

„Ihr verlangt wirklich zu viel von mir, Jungs.“ Paul zuckte die mageren Schultern. „Okay, ich werde euch das sagen, was ich weiß. Aber dann seid vernünftig und gebt euch damit zufrieden.“

„Ist genehmigt.“ Silk nickte gespannt. „Nun“, fuhr der V-Mann gedehnt fort, „einige Leute fühlen sich verdammt auf den Schlips getreten. Wer, kann ich euch nicht sagen. Jedenfalls dreht es sich um diese Illustriertengeschichte, wisst ihr.“

„Wissen wir“, bestätigte Butch, „weiter!“

„Na ja, das hat einigen Wirbel gegeben. Unsereins bekommt so was natürlich nur am Rande mit. Aber immerhin habe ich erfahren, dass Coughlin einen neuen Job gekriegt hat. Ich hab’s euch ja schon erzählt. Ihr wisst, dass Coughlin in den Monaten vorher für niemanden gearbeitet hat. Okay, es ist zwar nur ’ne Vermutung von mir, aber ich nehme an, dass Coughlins Job mit dem Aufruhr wegen der Illustriertengeschichte zusammenhängt. Das macht die Erfahrung. Man bekommt in den Jahren ein Gefühl für solche Dinge.“

„Du schwafelst, Paul“, mahnte Silk, „bis jetzt haben wir noch nichts wesentlich Neues gehört.“

„Sachte, sachte. Schließlich muss ich euch die Vorgeschichte erklären. Nun, es hat sich also herumgesprochen, was Coughlin neuerdings treibt. Und nach und nach sickert es auch durch, was möglicherweise dahintersteckt …“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Puh“, stöhnte Butch, „wenn du glaubst, dass wir vor Spannung platzen, hast du dich schwer getäuscht.“

„Hi, hi, hi“, kicherte Paul, „du bist ’n schlechter Schauspieler, O’Reilly. Aber ich will euch wirklich nicht auf die Folter spannen. Um auf die Sache zurückzukommen: Man munkelt, dass sich mehrere Syndikate zusammengeschlossen haben, um gemeinsam gegen die drohende Gefahr vorzugehen. Und zwar mit ziemlich radikalen Mitteln. Sie sollen eine Art Sonderkommando gebildet haben, dem einige der gefährlichsten Killer angehören. Das wär’s. Mehr kann ich euch leider nicht bieten.“

Die beiden Detektive waren für einen Moment sprachlos.

„Es reicht“, meinte Silk dann, „du hast uns ein ziemliches Stück weitergeholfen, Paul.“

„Donnerwetter“, staunte der Kleine, „diese Dankbarkeit kennt man gar nicht an euch.“

Butch setzte bereits seine Ruder in Aktion. „Bis später, Paul! Vielleicht brauchen wir deine Hilfe noch einmal. Vielleicht aber auch nicht.“

„Letzteres wäre mir lieber“, meinte der V-Mann ehrlich.

Dann war das Boot mit den beiden Detektiven aus seinem Blickfeld verschwunden.

Eine Viertelstunde später saßen Butch und Silk in dem schwarzen Buick Electra, den ihr Chef für seine offiziellen Fahrten benutzte. Den Wagen hatten sie auf dem Parkplatz vor dem Bootsverleih ab gestellt.

Für die Rückfahrt nach Western Springs brauchten sie fast eine Dreiviertelstunde.

Dann ließen sie sich im Arbeitszimmer des Anwalts nieder, um einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Butch und Silk wechselten sich dabei ab. Tony Cantrell hörte aufmerksam zu.

Die Nachricht schien ihn nicht übermäßig in Erstaunen zu versetzen.

„Im Grunde genommen war damit zu rechnen“, meinte er, nachdem seine Mitarbeiter geendet hatten.

Butch und Silk sahen ihn ziemlich verdutzt an.

„Das Attentat auf Barney Goldberg war der Anfang“, sagte Cantrell nachdenklich. „Nach dem, was Lieutenant Rollins uns berichtet hat, sind zumindest einige von Goldbergs Kollegen überzeugt, dass der Mordanschlag eine Reaktion auf die Veröffentlichung des ersten Teils der Fortsetzungsserie ist. Ich glaube, dass diese Überzeugung richtig ist.“

„Nun gut“, gab Silk zu, „aber damit ist noch immer nicht gesagt, dass sich die Syndikate gleich zur Kooperation entschließen.“

„Ich bin anderer Meinung“, widersprach Cantrell. „Erstens fühlt sich durch die Veröffentlichung vermutlich nicht nur einer allein angesprochen. Und zweitens: wenn es nur einer wäre, bedeutete es für ihn ein erhebliches Risiko, allein etwas gegen die Reporter zu unternehmen. Wenn aber die Syndikate zusammenarbeiten, können sie sicher sein, dass die Reporter, die immerhin über gute Informationsquellen verfügen, keine Chance haben, sich gegen den Vergeltungsschlag zu wehren.“

„Dann haben sie aber nicht mit uns gerechnet“, knurrte Butch grimmig.

„Eben“, lächelte Cantrell vieldeutig.



8

In der Redaktion der „Stars and Stripes“ lastete dumpfe Gewitterstimmung.

Saul Melloway hockte zusammengesunken hinter seinem Mahagonischreibtisch. Seine Finger trommelten nervös auf der ledernen Schreibunterlage.

„So ist das“, murmelte er bitter, „wenn man die Kollegen in New York wirklich mal braucht –, wenn man mal Unterstützung oder nur einen Rat braucht, dann ziehen sie sich in ihr Mauseloch zurück.“

„Wer kann ihnen das verdenken?“. meinte Susan Morales. Sie saß neben Hendricks, Sanders und Ferrer auf Melloways Besuchersesseln. „In diesem Fall eine Entscheidung zu treffen, ist nicht leicht. Immerhin könnte es eine Entscheidung über Menschenleben sein.“

„Typisch weiblich“, knurrte Chuck Hendricks, „immerhin sind wir Journalisten, und wir sollten unbestechlich sein. Unbestechlich auch im Hinblick auf drohende Gewalt.“

Earl Sanders lief rot an. Seine Faust krachte auf die Tischplatte. „Den Mord an Barney hast du also schon vergessen, was?“

„Keineswegs“, konterte Hendricks ruhig, „im Gegenteil, Earl. Gerade jetzt sollten wir es ihnen zeigen. Ich bin sicher, dass es auch in Barneys Sinn gewesen wäre. Denn immerhin hat er seinen Teil zu unserer Arbeit beigetragen. Und ich glaube kaum, dass es ihm recht wäre, wenn alles umsonst gewesen sein sollte.“

„Um Himmels willen, streitet euch nicht!“, versuchte Melloway zu schlichten. „Damit kommen wir am allerwenigsten weiter. Die Burschen wollen uns doch bloß nervös machen.“

„Das dürfte ihnen bereits gelungen sein“, erklärte Simon Ferrer unumwunden. Er steckte sich eine Zigarette an. „Ich würde vorschlagen, dass wir abstimmen, ob die nächsten Folgen erscheinen sollen oder nicht.“

„Quatsch“, widersprach Hendricks, „wir haben noch fünf Tage Zeit, bis die nächste Nummer erscheint. In diesen fünf Tagen sollte es der Polizei gelingen, den Mord aufzuklären.“

„Glaubst du denn an den Weihnachtsmann?“ Earl Sanders setzte ein mitleidiges Grinsen auf.

„Diese Möglichkeit ist allerdings ziemlich abwegig“, unterstützte ihn Susan. „Wir haben doch selbst genügend herum recherchiert, um zu wissen, dass der Polizei in vieler Hinsicht die Hände gebunden sind. Oder sind wir schon so weit, dass wir nicht einmal mehr an das glauben, was wir selbst schreiben?“

„Das sollte es immerhin geben“, lenkte Hendricks ab.

„Jedenfalls wird es die Polizei in fünf Tagen niemals schaffen“, stieß Sanders erregt hervor. Er hob die Arme hoch, um sie kraftlos wieder sinken zu lassen. „Jedenfalls weiß bislang keiner von uns, was wir wirklich unternehmen könnten. Dann bleibt wohl nur noch, dass wir uns jeder mit einem Schießprügel ausstatten und schließlich pro Person einen Privatdetektiv anheuern. Damit wären wir zwar trotzdem nicht hundertprozentig sicher. Aber immerhin könnte man sich ein solches Gefühl einreden. Dann stirbt’s sich leichter.“

„Ihr seht entschieden zu schwarz, Leute“, versuchte Melloway erneut einzulenken. „Ich meine …“

Das Schrillen des Telefons unterbrach ihn. Sekundenlang starrte er irritiert auf den Hörer. Dann riss er ihn von der Gabel.

„Stars and Stripes, Melloway.“

„Sieh da! Der Boss persönlich“, ertönte eine kalte Stimme, die vor Hohn triefte. „Das trifft sich gut, mein Lieber. Ausgezeichnet sogar.“

Saul Melloway zuckte unwillkürlich zusammen. Dann reagierte er instinktiv und drückte den Knopf des Tischlautsprechers, damit auch die anderen mithören konnten, Sie starrten ihn atemlos an. Jeder sah an Melloways Gesichtsausdruck, worum es ging.

„Wer – wer ist denn da?“, stotterte Melloway hilflos.

„Meinen Namen können Sie erraten, Melloway!“, klang die Stimme, jetzt verstärkt durch den Lautsprecher. „Vielleicht heiße ich Smith, Miller oder Jackson oder so ähnlich. Was tut das schon zur Sache! Habe ich nicht recht?“

Simon Ferrer flitzte plötzlich aus dem Zimmer und kam im nächsten Moment mit seinem Reportertonbandgerät wieder herein. Mit geübten Griffen schaltete er auf Aufnahme und hielt das Mikrofon vor den Tischlautsprecher.

Melloway nickte irritiert. „Was – was wollen Sie von mir?“, stammelte er in den Hörer.

„Nicht nur von Ihnen, Melloway! Meine Forderung gilt auch für Ihre lieben Mitarbeiter, verstanden! Ich will Sie nicht mit langen Erklärungen langweilen. Also: Sie werden ab sofort die vorgesehene Veröffentlichung der weiteren Fortsetzungen stoppen. Sie wissen schon – die Dinger mit dem schönen Titel: Die heimlichen Bosse, und so weiter. Der Titel ist wirklich gut, Melloway. Alle Achtung. Aber der Rest ist nicht geeignet, für Sie und Ihre Kollegen ein hohes Alter zu garantieren. Haben wir uns in etwa verstanden?“

„Was soll das?“, konterte Melloway. Die Worte des unbekannten Gesprächspartners hatten für ihn gereicht, um seine Fassung wiederzugewinnen. „Ich denke nicht daran, mich von irgendeinem Unbekannten erpressen zu lassen. Niemand hat das Recht, uns an einer Veröffentlichung zu hindern. Das sollten Sie wissen, auch wenn Sie die Gesetze unseres Landes vielleicht nur noch vom Hörensagen kennen.“

„Sie wollen also nicht.“ Die Stimmung des Unbekannten war plötzlich um etliche Grade schärfer geworden. „Ich mache Sie darauf aufmerksam, Melloway, dass Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben haben. Denken Sie an Ihren Mitarbeiter Barney Goldberg. Er war …“

„Sie waren das also!“, schrie Melloway erregt.

„Er war der erste“, fuhr der andere unbeirrt fort, „und er würde der letzte bleiben, den es erwischt, wenn Sie Vernunft annehmen, Melloway. Aber wenn Sie nicht wollen … Okay, dann tut es mir leid.“

„Wir kriechen nicht vor Ihnen ins Mauseloch“, rief Melloway erregt. Er sprang auf. „Sie werden uns kennenlernen, das versichere ich Ihnen. Wir haben auch etliche Möglichkeiten, unsere Macht auszuspielen.“

„Macht!“, höhnte der Unbekannte. „Ist das Ihre feste Überzeugung? Wunschdenken, Melloway, reines Wunschdenken! Sie sind nicht der erste Pressemann, mit dem ich zu tun habe. Wenn ihr Zeitungsschreiber in die Klemme geratet, dann glaubt ihr immer, ihr seid einflussreich genug, um anderen eins auszuwischen. Einen Dreck seid ihr! Nichts als bezahlte Schreiberlinge, die hübsch brav das tun, was ihr Verleger anordnet. Habe ich recht?“

„Wunschdenken“, äffte ihn Melloway ungerührt nach.

„Sie werden es bereuen, Melloway!“, zischte der andere gereizt. „Meine Geduld ist am Ende. Sie haben Ihre letzte Chance verspielt!“

Klick.

Saul Melloway knallte wutentbrannt den Hörer in die Gabel. Simon Ferrer schaltete mit zufriedenem Lächeln sein Tonbandgerät ab.

„Damit hätten wir den ersten Beweis in den Händen“, freute sich Ferrer, „ich werde das Band gleich ein paarmal überspielen lassen. Dann haben wir das Gespräch gleich mehrfach, und es geht nicht so leicht verloren.“

„An dir ist direkt ein Kriminalist verlorengegangen“, meinte Sanders, „aber du hast recht. Und wir haben endlich Klarheit darüber, dass die Gegenseite uns ans Leder will.“

„Schwacher Trost“, seufzte Melloway. Er vergrub das Gesicht in den Händen.



9

„In Ordnung, Captain“, sagte Cantrell, „ich melde mich wieder. So long!“ Er legte auf.

Butch und Silk hatten mitgehört.

„Die Sache nimmt zusehends ernstere Formen an“, grübelte Silk. „Wir müssen uns überlegen, wie wir Melloway und seine Reporter vor weiteren Anschlägen bewahren können.“

„Polizeischutz“, meinte Butch. „McConnors muss einige seiner Leute abstellen. Dann haben wir freie Hand, um weitere Schritte zu unternehmen.“

„Wir werden sehen“, erklärte Cantrell, „warten wir zunächst ab, was Mr. Melloway uns zu berichten hat.“

Der Redaktionschef der „Stars and Stripes“ traf eine knappe Stunde später in dem Bungalow an der Clinton Street ein. Draußen wurde es bereits dunkel.

Melloway stellte sich vor. Er stutzte kurz, als er sah, dass Cantrell allem Anschein nach blind war. Nach einem Blick auf Butch und Silk glättete sich seine Miene. Dann ließ er sich stöhnend in einen der Besuchersessel sinken.

„Captain McConnors sagte mir, dass Sie die Arbeit der Polizei unterstützen“, murmelte Melloway. Er zog ein blütenweißes Taschentuch aus dem Jackett und wischte sich damit über die schweißnasse Stirn.

„McConnors hat Sie bei uns angekündigt“, nickte Cantrell. Er blickte scheinbar an dem Besucher vorbei und setzte mit sicheren Handbewegungen seine Pfeife in Brand. In Wahrheit musterte er Melloway sehr genau, um sich ein Bild von diesem Mann zu machen.

„Dann wissen Sie wahrscheinlich auch, dass einer dieser Gangster vorhin bei uns angerufen hat“, ächzte der Redaktionschef. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und förderte eine Tonbandkassette zutage, die er Silk überreichte. „Wir haben das Gespräch auf Band aufgenommen und es gleich mehrmals überspielt. Sie können das Band behalten.“

„Vielen Dank, Mr. Melloway.“ Cantrell nahm das Band, das Silk ihm in die Hand drückte. Er zog eine Schublade seines Schreibtisches heraus. Silk half ihm dabei, die Kassette in das Tonbandgerät einzusetzen. Im nächsten Augenblick erklang ein Rauschen aus dem Lautsprecher. Dann waren abwechselnd die Stimme des unbekannten Anrufers und die Melloways zu hören.

Interessiert hörten sich Cantrell und seine Mitarbeiter das Gespräch bis zu Ende an. Dann drückte der Anwalt auf den Knopf, der das Gerät ausschaltete.

„Was halten Sie davon?“, wollte Melloway wissen. „Ich denke, ich habe die Fronten ausreichend geklärt.“ Er war stolz auf sich. Es stand deutlich in seinem Gesicht.

Die schmalen Lippen des Anwalts verzogen sich zu einem kaum erkennbaren Lächeln. „Ihre Reaktion war durchaus verständlich, Mr. Melloway“, wich er aus. „Haben Sie eine Ahnung, wer der Anrufer gewesen sein könnte?“

„Bestimmt kein kleiner Gangster.“ Melloway zuckte die Achseln. „Es muss einer von den verantwortlichen Leuten gewesen sein. Ein anderer würde doch nicht solche Drohungen vom Stapel lassen.“

„Auf die Idee, dass der Anrufer im Auftrag seines Bosses gehandelt hat, sind Sie noch nicht gekommen?“ Morton Philby konnte sich die Frage nicht verkneifen. Melloway war ihm eine Idee zu großspurig.

Der Kopf des Redaktionschefs ruckte herum. „Nein, wieso? Ich glaube es auch nicht. Es muss einer der Großen aus der Unterwelt gewesen sein.“

„Sie haben also keine Ahnung, wer es gewesen sein könnte?“, kam Cantrell auf seine ursprüngliche Frage zurück.

„Nein, tut mir leid.“

Der Anwalt ließ nicht locker. „Mr. Melloway! Die Reportagen-Serie in Ihrer Illustrierten richtet sich doch mit Sicherheit gegen bestimmte Personen aus der Unterwelt. Also müssen Sie doch wenigstens vage Vermutungen haben. Der in Frage kommende Kreis der Verdächtigen kann doch nicht so groß sein!“

„Sorry.“ Melloway schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich kann Ihnen bei besten Willen nicht sagen, wer es war. Ich weiß es nämlich einfach nicht. Und was die Reportage anbetrifft: darin werden keine Namen genannt. Ich kenne die Namen selbst nicht. Die Texte sind lediglich so

abgefasst, dass Eingeweihte sofort wissen, um welche Leute es in der jeweiligen Story geht.“

„Okay. Das ist verständlich.“ Cantrell nickte. „Dann sollten Sie uns wenigstens die Reportagen zur Verfügung stellen, damit wir uns ein Bild machen können. Wir sind nämlich mit den Verhältnissen in der Unterwelt auch bestens vertraut.“

„Unmöglich!“, wehrte Melloway ab. „Ich kann Ihnen die Manuskripte auf keinen Fall geben. Jedenfalls nicht vor der Veröffentlichung …“

Cantrell hatte keine Lust, darum zu betteln. „Wie Sie wollen“, erwiderte er, „es war lediglich ein Vorschlag, der Ihnen und Ihren Mitarbeitern möglicherweise weitergeholfen hätte. Aber wenn Sie nichts damit im Sinn haben, kann ich Sie nicht zwingen.“

Saul Melloway sah betreten zu Boden. Er fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Überhaupt machte ihm seit dem Mord an Barney Goldberg ein Problem furchtbar zu schaffen: Er war nicht mehr in der Lage, irgendeine vernünftige Entscheidung zu treffen. Deswegen wollte er sich wenigstens in dieser Situation hart zeigen. Was sollten diese Detektive auch schon mit den Manuskripten anfangen! Dass Cantrell bereits die logische Schlussfolgerung gezogen hatte, ahnte Melloway nicht im mindesten.

Für den Anwalt gab es nur einen Grund, weshalb der Illustriertenboss die Herausgabe der Manuskripte verweigerte. Er fürchtete, dass aus den Texten möglicherweise deutlich werden könnte, wer die Informanten gewesen waren. Und möglicherweise war mit diesen Informationen nicht alles hundertprozentig in Ordnung. So in etwa war Saul Melloways strikte Weigerung zu erklären.

„Wir tun, was wir können“, wandte sich Butch an Melloway. „Dafür müssen wir allerdings auch ein Minimum an Unterstützung von Ihnen erwarten. Oder ist das zu viel verlangt?“

„Nein, nein!“ Melloway hob beschwichtigend die Hände. „Ich will Ihnen doch keine Schwierigkeiten machen. Gentlemen. Das wäre ja geradezu paradox. Aber verstehen Sie doch bitte meine Lage! Ich kann Ihnen die Manuskripte beim besten Willen nicht aushändigen. Es geht einfach nicht. In jeder anderen Hinsicht werden meine Mitarbeiter und ich Ihnen alle nur erdenkliche Unterstützung geben.“

„Das wollen wir hoffen“, knurrte Butch absichtlich grob.

„Schon gut“, winkte der Anwalt ab. „Mr. Melloway, Sie werden bald wieder von uns hören. Ich werde mit Captain McConnors besprechen, welche Maßnahmen zum Schutz für Sie und Ihre Mitarbeiter ergriffen werden müssen. Der Captain wird Sie umgehend davon unterrichten.“

„Vielen Dank.“ Saul Melloway stand auf und verabschiedete sich. Es war deutlich, dass er diesem Besuch keinen besonderen Wert beigemessen hatte.

Die Männer im Arbeitszimmer warteten, bis der Mann gegangen war.

„Wenn McConnors ihn nicht hergeschickt hätte, wäre dieser Melloway garantiert nicht gekommen“, meinte Silk anschließend, „er scheint sich von uns nicht viel zu versprechen.“

„Der Mann ist mit seinen Nerven am Ende“, lenkte Tony Cantrell ein, „man muss seine Lage verstehen. Er ist der Chef der Chicago-Redaktion dieser Illustrierten. Auf seinen Schultern lastet die ganze Verantwortung für das, was in Zusammenhang mit der Reportage geschieht. Man kann es ihm nicht verdenken, wenn er damit nicht fertig wird.“

„Mir ist der Bursche nicht sonderlich sympathisch“, gab Butch freimütig zu.

Cantrell telefonierte mit Captain McConnors, der in seinem Büro Überstunden machte. Wie Cantrell, war auch der Polizeichef für eine ständige Bewachung aller Mitglieder des Redaktionsteams.

„Ich habe bereits alle Vorbereitungen getroffen“, erklärte McConnors, „ich kann mich doch auf Ihre zusätzliche Mithilfe verlassen? Denn mit einem Polizeischutz allein ist es nicht getan.“

„Sie können“, erwiderte Cantrell, „auch wenn Saul Melloway von unserer Mitarbeit nicht gerade erbaut ist.“

„Das wird sich noch ändern“, versicherte der Captain. „Garantiert!“



10

Erst gegen zehn Uhr kam Leben in die Redaktionsräume der „Stars and Stripes“. Durch die Doppelglasfenster des Gebäudes an der LaSalle Street flutete morgendliches Sonnenlicht in die Büros.

Susan Morales und ihre Kollegen erledigten die gewohnte Vormittagsroutine: Post durchsehen, Telefongespräche führen, Termine festlegen, Konkurrenzblätter studieren .

Die Detektive hatten es sich im Konferenzzimmer bequem gemacht. Sie trugen Zivil, denn sie kamen von der Kriminalabteilung der City Police. Saul Melloways Empfangsgirl hatte die Beamten mit Kaffee und Sandwiches versorgt.

Um 11.55 Uhr brach Susan Morales ihre Schreibtischarbeit ab. Gleich nach der Mittagspause hatte sie eine Verabredung mit dem Pressechef der Baubehörde von Chicago.

Susan verabschiedete sich von ihren Kollegen und verständigte ihren persönlichen Bewacher. Er ließ Kaffee und Sandwiches stehen und folgte ihr zum Fahrstuhl. Gemeinsam fuhren sie per Expresslift hinunter. Der Mann war schlank, hatte ein sympathisches, braungebranntes Gesicht und dunkelblonde Haare. Er trug einen durchschnittlichen Glencheckanzug. Das Jackett hatte eine deutliche Beule unter der linken Achselhöhle.

Sie verließen das Bürogebäude und stürzten sich in den Lärm, der auf der LaSalle Street herrschte.

„Was würden Sie tun, wenn jetzt jemand eine Bombe wirft?“, fragte Susan.

„Gemeinsam mit Ihnen in die Luft gehen“, gestand der Beamte lächelnd. Er hieß John Quincy.

„Sie geben also zu, dass es im Prinzip wenig nützt, wenn Sie ständig in meiner unmittelbaren Nähe herumspazieren.“

„Im Prinzip haben Sie recht, Miss Morales. Aber nur im Prinzip. Denn sonst wäre die gesamte Polizei überflüssig.“

„Nehmen Sie es mir nicht übel, Mr. Quincy.“ Susan sah ihn entschuldigend von der Seite an. „Ich wollte damit nicht sagen, dass Sie ein schlechter Beschützer für mich sind.“

„Seien Sie nicht zu voreilig mit der Bewertung“, erwiderte der Beamte, „warten Sie ab, bis ich wirklich auf die Probe gestellt worden bin.“

„Meinen Sie, dass es dazu kommen wird?“

„Rechnen Sie etwa nicht damit? Als Journalistin müssten Sie doch den Tatsachen nüchtern ins Auge sehen.“

Susan schwieg. Die Worte des Beamten hatten in ihr etwas ausgelöst. Etwas, worüber sie bislang noch zu wenig nachgedacht hatte.

Neben John Quincy bahnte sie sich ihren Weg durch die Menschenmassen auf dem Bürgersteig der LaSalle Street. Sie sah die Gesichter der Leute vorbeihuschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Plötzlich begannen sich in Susans Kopf die Gedanken zu jagen. Da war der Mord an Barney Goldberg. Endgültig, unauslöschlich. Warum ausgerechnet Barney? Hatte es einen besonderen Grund? Nein, unmöglich. Ebenso gut hätte es jeden anderen aus der Redaktion erwischen können. Jeden anderen!

Zum ersten Mal seit dem hinterhältigen Attentat auf ihren Kollegen verspürte Susan Morales Angst. Angst, die sie nicht mehr leugnen konnte. Die Worte des Polizeibeamten gingen ihr durch den Kopf. Er hatte recht. Man musste jederzeit damit rechnen. Vielleicht jetzt. Vielleicht in einer Minute. Oder erst in einer Stunde. Irgendwann, wenn man es am allerwenigsten erwartete. Wie in einem schlechten Kriminalfilm.

Diese Gangster suchten sich vermutlich wahllos ihre Opfer aus. Für sie war es gleich, wen sie erwischten. Wenn sie nur ihr Vorhaben verwirklichen konnten: die weiteren Veröffentlichungen der Reportage verhindern.

Susan und der Beamte bogen um die Ecke in die Einbahnstraße. Der Fußgängerstrom wurde dünner. Sie erreichten den Eingang der Hochgarage.

Susan zog ihr Dauerticket aus der Handtasche und hielt es dem Pförtner in seinem Glaskasten hin. Der Mann nickte automatisch. Er kannte die Journalistin, die jeden Tag ein paarmal aus und ein ging.

Quincy öffnete ihr die Fahrstuhltür. Der Lift wartete im Erdgeschoss. Sie fuhren hinauf in den dritten Stock, wo Susan für ihren Volkswagen einen Dauerplatz gemietet hatte. Sie war aus beruflichen Gründen darauf angewiesen, ihr Auto schnell abstellen und ebenso schnell wieder abholen zu können.

„Sie gehören also auch zu den schlechten Amerikanern, die der heimischen Autoindustrie das Wasser abgraben“, meinte Quincy, als Susan ihn zu ihrem silbermetallic-farbenen Käfer führte.

„Ich habe den Wagen gekauft, der für mich am praktischsten ist“, erwiderte sie und klimperte mit den Schlüsseln. „Woher er kommt, ist für mich ziemlich uninteressant.“

„Ein bisschen mehr Nationalbewusstsein täte Ihnen gut“, flachste Quincy ungerührt.

Susan lachte leise. Sie schloss den Wagen auf und warf die Handtasche achtlos auf die Sitzbank im Fond. Mit geübtem Schwung klemmte sie sich hinter das Lenkrad und stieß die Beifahrertür auf.

Zwischen den Betonmauern der Hochgarage herrschte das übliche Halbdunkel. In unregelmäßigen Abständen rauschten pausenlos Limousinen im unteren Drehzahlbereich an den Parkbuchten vorbei.

Für Susan war es eine gewohnte Atmosphäre. Sie brauchte sich nicht auf ihre Umgebung zu konzentrieren.

Ein schwerer Chevrolet Impala röhrte mit gedrosselter Maschine vorbei.

John Quincy machte Anstalten, sich auf den Beifahrersitz zu zwängen. „Okay“, sagte er, „fahren wir …“

Mitten im Satz brach er ab.

Susan blickte erstaunt zur Seite. Sie hatte bereits den Anlasser betätigt. „Was ist …“, brachte sie noch hervor. Dann erstarrte sie vor Schreck.

John Quincy stieß einen gurgelnden Laut hervor. Seine Augen waren weit aufgerissen und starr auf Susan gerichtet. Sekundenlang schien es, als sei er gelähmt und unfähig, sich zu bewegen.

Dann erkannte Susan die Ursache seiner merkwürdig verkrümmten Haltung.

John Quincy sank kraftlos in sich zusammen. Er war bereits tot, als er mit dem Oberkörper auf den Beifahrersitz fiel.

Susan riss entsetzt den Mund auf. Ein dunkelroter Fleck auf Quincys Rücken breitete sich rasend schnell aus.

Sie wollte schreien. Doch das Grauen ließ ihre Stimmbänder versagen.

„Sei ganz still, Puppe!“, ertönte eine eiskalte Stimme hinter ihr. „Sonst geht es dir genauso wie deinem Aufpasser.“

Susan zuckte zusammen, wie vom Blitz getroffen. Sie wagte nicht sich umzudrehen.

Doch dann fiel ihr Blick in den Innenspiegel. Im gleichen Moment spürte sie den heißen Atem in ihrem Nacken.

Der Mann hockte grinsend auf der hinteren Sitzbank. Seine Unterarme hatte er auf die Rückenlehnen der Vordersitze gelegt. In der Rechten hielt er eine Pistole, deren Lauf auf Susans Oberkörper gerichtet war.

Sie konnte nicht mehr denken. Das Entsetzen hatte alles in ihr ausgelöscht. Ihre Hände waren um das Lenkrad geklammert. Ihr linker Fuß trat immer noch die Kupplung durch. Leise tuckerte der Wagen im Leerlauf.

Unvermittelt tauchte rechts irgendwo zwischen den parkenden Fahrzeugen ein zweiter Mann auf. Seine rechte Hand war unter dem Jackett verborgen. Mit wenigen raschen Schritten kam er näher. Wortlos packte er den Toten und zerrte ihn vom Sitz auf den kalten Betonboden der Hochgarage.

Dann schwang er sich selbst auf den Beifahrersitz und zog mit einem Ruck die Tür ins Schloss. Jetzt kam seine Hand unter der Jacke zum Vorschein. Susan war nicht einmal mehr erstaunt, als sie die schwere Pistole mit dem klobigen Schalldämpfer erblickte.

„Fahr los, Baby!“, herrschte sie der Gangster an. „Und mach keine Zicken, sonst lernst du uns von der ungemütlichen Seite kennen.“

Susan gehorchte automatisch. Sie kam nicht auf den Gedanken, nach einem Ausweg zu suchen. Ihr Instinkt sagte ihr ganz einfach, dass sie tun musste, was die Männer von ihr verlangten.

Zitternd wartete sie, bis die Fahrbahn vor den Parkbuchten frei war. Dann ließ sie den Käfer langsam anrollen. Im ersten Gang steuerte sie ihn die gewundenen Abfahrten der Hochgarage hinunter.

Mehrmals hatte Susan bei ihren Recherchen in der Unterwelt den Namen Slim Coughlin gehört. Sie wusste, dass dieser Mann ein gefährlicher Killer war, der gegen Bezahlung Mordaufträge ausführte. Doch sie ahnte nicht im mindesten, dass eben dieser Slim Coughlin jetzt neben ihr saß und mit genüsslichen Blicken ihren Körper abtastete.

Der Gangster im Fond hatte sich zurückgelehnt. Seine Haare waren feuerrot, das Gesicht bleich und mit Pickeln übersät. Um seine Mundwinkel lag ein gemeiner Zug. Er hieß Al Marrero. Sein Ruf war nicht schlechter als der von Coughlin. Der einzige Unterschied zwischen den beiden war, dass Marrero fest in den Diensten von Tony „Fats“ Corelli stand, während Coughlin als Einzelgänger galt, der sich nur für bestimmte Jobs anheuern ließ.

Susan bemerkte nicht, dass ihr ein weißer Ford Mustang folgte, in dem nur ein einzelner Mann saß.

An der Ausfahrt stand ein Angestellter der Garagenfirma. Er trug einen leuchtend blauen Kittel. Für einen winzigen Moment dachte Susan daran, neben dem Mann anzuhalten, hinauszuspringen und zu fliehen … Dann fiel ihr der grauenvolle Anblick des toten John Quincy ein, und sie verwarf den Gedanken im gleichen Moment.

Es war klar, dass sie mit einem solchen Fluchtversuch nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen gefährden konnte, die den Gangstern vielleicht zufällig in die Quere kommen würden.

Susan spürte, dass sie keine Chance hatte. Barney Goldberg hatte ebenfalls keine Chance gehabt, und auch John Quincy nicht. Was bedeutete diesen Gangstern schon ein Menschenleben?

Slim Coughlin brachte sie mit knappen Anweisungen auf die Fahrtroute, die er haben wollte. Mehrmals sah Susan unterwegs uniformierte Beamte der Verkehrspolizei, einmal sogar einen Streifenwagen, der neben ihnen an einer Ampel hielt. Aber was nützte es? Sie konnte nicht verlangen, dass diese Polizisten durch Autokarosserien hindurchsehen konnten. Wie sollte ein Unbeteiligter überhaupt Verdacht schöpfen? Unmöglich. Die beiden Gangster hatten ihre Pistolen unter den Jackenaufschlägen verborgen.

Coughlin dirigierte Susan auf den Eisenhower Expressway. Dann ging die Fahrt in östlicher Richtung bis über die Stadtgrenze von Chicago hinaus. Unterwegs wurde kein einziges Wort gesprochen. Der weiße Ford Mustang folgte in einem Abstand von etwa hundert Yards.

Sie passierten Berwyn, einen der zahlreichen Vororte Chicagos. In Forest Park überquerten sie den Des Plaines River. Dann kam Maywood.

Susan musste nach rechts in die 1st Avenue abbiegen, die schnurgerade nach Norden führt, etwa parallel zum Des Plaines River. Sie durchquerten Melrose Park, den nördlichen Nachbarort von Maywood.

Kurz vor der Grenze nach River Grove kam der Fluss in einem weit geschwungenen Bogen bis unmittelbar an die vierspurige Fahrbahn der Avenue heran,

„Langsamer!“, befahl Slim Coughlin knapp. „Die nächste Abfahrt nach rechts, Baby!“

Susan nickte krampfhaft. Sie nahm den Fuß vom Gaspedal und schaltete in den dritten Gang hinunter.

Die Abbiegespur kam in Sicht. Susan betätigte den Blinker. In ihr Blickfeld kam ein Hinweisschild. „Ferry to Elmwood Park“. Es gab keine Brücke in dieser Gegend. Für den geringen Verkehr war es nicht erforderlich.

Denn unmittelbar westlich von der Avenue begann das riesige Waldgelände der Thatcher Woods. Mitten durch dieses Landschaftsschutzgebiet, das durch großflächige Golfplätze und kleine Seen aufgelockert wurde, floss der Des Plaines River. Eine idyllische Landschaft für Ausflügler und Urlauber.

Susan fröstelte beim Anblick der riesenhaften Bäume, die als dunkle, undurchdringlich scheinende Wand vor ihr aufragten. Die Straße, die von der Avenue abzweigte und nach Westen durch den Wald führte, war schmal und nur zweispurig.

Nach etwa fünfhundert Yards erreichten sie die Fähre. Der flache Kahn, der für drei durchschnittliche Limousinen Platz bot, lag am Ufer. Der Fährmann, ein hagerer Bursche in grauem Overall, löste sich gemächlich von seinem Sitzplatz neben dem offenen Kommandostand der Fähre. Er wartete, bis der Volkswagen auf die holprigen Bohlen des Kahns gerollt war. Dann hängte er eine Kette vor und warf den Motor in Gang. Es war ein Diesel. Er nagelte blechern. Die Benutzung der Fähre war kostenlos.

Am anderen Ufer setzte sich die zweispurige Fahrbahn fort. Nach etwa zweihundert Yards lichtete sich der Wald ein wenig. Zwischen dem aufgelockerten Baumbestand waren flache Bungalows zu erkennen. Villenähnliche Prunkbauten, deren Eigentümer schwindelnd hohe Grundstückspreise aufbringen konnten, ohne mit der Wimper zu zucken. Die einzelnen Bungalows standen unterschiedlich weit voneinander entfernt. Mindestens fünfzig Yards betrugen die Abstände, manchmal hundert und mehr. Mehrere kleine Erschließungswege mit provisorischer Schotterfahrbahn führten von der Straße zu den Häusern.

„Die dritte links!“, ordnete Coughlin an.

Susan ahnte, was ihr bevorstand. Die Bungalows waren um diese Jahreszeit kaum bewohnt. Wenn, dann höchstens an den Wochenenden. Obwohl der Frühlingsanfang schon einige Tage zurücklag, waren die Temperaturen dennoch nicht hoch genug für einen mehrtägigen Aufenthalt in freier Natur.

Der Bungalow war im Blockhüttenstil gebaut. Er lag am Ende des Schotterweges, mindestens dreihundert Yards von der Straße entfernt. Die nächsten Häuser waren durch die dicht stehenden Bäume kaum zu erkennen.

Slim Coughlin schraubte den Schalldämpfer ab und steckte die Waffe weg. „Anhalten, Baby!“, schnarrte er.

Susan stoppte auf dem rechteckigen, asphaltierten Vorplatz des Bungalows.

„Aussteigen!“

Sie drehte den Zündschlüssel nach links. Der Motor lief aus. Dann kletterte sie zaghaft ins Freie. Coughlin war bereits draußen. Marrero kletterte auf der Fahrerseite hinaus.

„Verdammt nett, dieses Häuschen“, grinste Marrero, „hier wirst du dich garantiert wohl fühlen. Also los!“ Er machte einen auffordernden Schwenker mit seiner Pistole. „Ab durch die Mitte, Süße!“

Susan umrundete mit weichen Knien die Kofferraumhaube ihres Volkswagens und näherte sich dem Eingang des rustikal wirkenden Bungalows. Slim Coughlin probierte bereits die Schlüssel aus, die er in der Tasche gehabt hatte. Schließlich fand er den richtigen.

Drinnen herrschte milchiges Halbdunkel. Es gab keinen Flur. Man trat direkt in einen gemütlich eingerichteten Wohnraum von etwa zwanzig Quadratyards. Im Hintergrund waren insgesamt drei Türen zu sehen, die in die Nebenräume abzweigten.

Coughlin schaltete die Deckenlampe ein, die an drei kunstvoll geschmiedeten Ketten hing und einem Wagenrad aus der Siedlerzeit nachgebildet war. Er trat einen Schritt zur Seite, um Susan vorbeizulassen.

„Das wär’s, Puppe“, erklärte er ölig. „Deine Umgebung für die nächsten Tage. Vielleicht auch Wochen. Wer weiß? Die Zeitdauer bestimmt einzig und allein dein lieber Boss.“

Al Marrero stieß ein meckerndes Lachen aus.

Susan sah sich ängstlich um. In einer normalen Situation hätte sie die herbe Einrichtung des Bungalows hinreißend gefunden. Aber jetzt … Sie schauderte bei dem Gedanken an das, was möglicherweise vor ihr lag.

„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Sie traute sich nicht, einem der Gangster in die kalten Augen zu blicken.

„Sieh an!“, freute sich Coughlin. „Unser hübscher Gast beginnt Interesse zu zeigen.“ Er kratzte sich den Kopf. „Nun, was wir vorhaben, hängt nicht von uns ab, Kleine. Wir haben nichts weiter zu tun, als aufzupassen, dass du keine Dummheiten machst.“

„Die hohe Politik wird von anderen gemacht“, ergänzte Marrero mit unverschämtem Grinsen. „Darum brauchen wir uns nicht zu kümmern. Und wenn du hübsch brav das tust, was wir von dir verlangen, dann wird’s dir gar nicht mal schlechtgehen. Wir werden uns ganz auf dich einstellen, Baby!“ Er stieß von neuem sein meckerndes Lachen aus.

Susan begann zu frieren. Sie spürte die anzüglichen Blicke der Gangster und wusste, dass sie ihnen ausgeliefert war.

Marrero knallte die Tür ins Schloss.

„Zieh deinen Mantel aus, Puppe!“, verlangte Coughlin barsch.

„Dann sehen wir weiter“, grinste Marrero.

Susan wich zurück. Ihre Schritte waren unsicher. Sie spürte ein unbezwingbares Schwindelgefühl in sich emporsteigen. Dann versagten ihr die gepeinigten Nerven ihren Dienst.

Susan Morales fiel in eine wohltuende Ohnmacht. Sie spürte nicht mehr, wie sie hart auf den derben Holzfußboden aufschlug.

Coughlin und Marrero machten sich nicht die Mühe, sie aufzuheben.



11

Saul Melloway legte den Telefonhörer auf die Schreibtischplatte.

„Wo steckt Susan?“, brüllte er in den Nebenraum. „Die Baubehörde ist an der Strippe. Susan hatte dort einen Termin vereinbart.“

„Genau dort wollte sie hin! Gleich nach der Mittagspause!“, scholl es aus dem Redaktionszimmer zurück.

Melloway blickte auf seine Armbanduhr. Es war halb drei. Susan Morales hatte den vereinbarten Termin bei der Behörde um eine halbe Stunde überzogen. Etwas, was sie sonst nie tat.

Melloway nahm den Hörer ans Ohr. „Tut mir leid“, brummte er, „Miss Morales hat keine Nachricht hinterlassen, dass sie verhindert ist. Streichen Sie bitte den Termin. Wir rufen Sie wieder an.“

Er legte auf.

Sekundenlang trommelte er mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. Sein Blick war starr geradeaus gerichtet. Dann sprang Melloway ruckartig auf und eilte in den Nebenraum.

Simon Ferrer hatte sich in seine Dunkelkammer zurückgezogen. Chuck Hendricks und Earl Sanders saßen an ihren Schreibtischen. Sie sahen von ihrer Arbeit auf und musterten ihren Chef, der nervös von einem Bein auf das andere trat. Mit fahrigen Bewegungen trat Melloway ans Fenster, als könne er dort etwas entdecken.

„Was ist los?“, fragte Hendricks verwundert. „Es ist doch schließlich kein Beinbruch, wenn man mal ’nen Termin verpasst. Oder?“

Melloway wirbelte herum. „Du hast gut reden!“, knurrte er. „Vielleicht überlegst du mal. Dann würdest du dir vielleicht sagen, dass es nicht nur um den Termin geht. Am allerwenigsten sogar.“

„Unsinn“, mischte sich Sanders ein, „schließlich hatte Susan ihren Bewacher mit. Glaubst du vielleicht, dass ihr etwas passiert sein könnte? No, unter diesen Umständen garantiert nicht.“

„Unter diesen Umständen!“, äffte ihn Melloway nach. „Gerade wegen der Umstände müssen wir mit allem rechnen. Mir scheint, ihr habt schon vergessen, dass gestern euer Kollege Barney unter den gleichen Umständen ins Gras beißen musste!“

„Du siehst viel zu schwarz, Saul“, versuchte Hendricks seinen Chef zu beruhigen. „Mehr als Polizeischutz können wir schließlich nicht verlangen. Und die Gangster werden sich hüten, uns auf den Pelz zu rücken, solange wir mit einer kleinen Privatarmee ausgestattet sind. No, Saul.“ Hendricks deutete mit dem Daumen hinüber zum Konferenzraum. „Frag doch die Beamten! Sie werden dir haargenau sagen können, dass Susan nach menschlichem Ermessen einfach nichts passieren konnte.“

„Nach menschlichem Ermessen “, seufzte Melloway, „wenn du so willst, ist alles möglich, mein lieber Chuck.“ Das Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. Melloways Empfangsgirl schob sich durch die Tür und hielt dem Chef ein Kuvert hin.

„Dieser Brief wurde eben abgegeben, Sir.“

Melloway grapschte nach dem Umschlag und nickte geistesabwesend. Dann stutzte er. „Moment mal, Miss Gordon! Da ist weder eine Adresse noch ein Absender drauf. Wer hat den Brief bei Ihnen abgeliefert? Und was hat derjenige gesagt?“

„Es tut mir leid, Sir.“ Das Girl senkte den Kopf. „Er sagte ausdrücklich, dass dieser Brief für Mr. Melloway bestimmt und sehr wichtig sei. Es war ein Negerjunge. Einer von den Boys, die für ein paar Cents Botengänge erledigen, wissen Sie.“

„Schon gut, Miss Gordon.“ Melloway winkte ab. „Sie können ja nichts dafür.“

Das Girl verschwand wieder auf seinen Platz im Vorzimmer.

Saul Melloway drehte nachdenklich den Umschlag in seinen Fingern.

„Nun mach schon auf!“, drängte Chuck Hendricks, der von seinem Schreibtischstuhl aufgesprungen war. Auch Sanders kam näher.

Melloway machte einen völlig verwirrten Eindruck. Wie aus einer plötzlichen Eingebung heraus riss er das Kuvert auf. Darin befand sich eine weiße Briefkarte. Sie enthielt nur wenige Worte.

„Rufen Sie 873673 an. Um 15 Uhr.“

Mehr nicht. Die Buchstaben und Zahlen waren in der üblichen Masche aus Zeitungen ausgeschnitten und aufgeklebt worden.

Saul Melloways Unterkiefer klappte herunter. Er brachte kein Wort hervor. Hendricks und Sanders erging es nicht viel anders.

Zwei Sekunden später überschlugen sich die Ereignisse.

Die Tür zum Redaktionsraum flog plötzlich auf. Lieutenant Harry Rollins und zwei Kollegen stürmten mit steinernen Mienen herein.

Melloway und seine beiden Mitarbeiter vergaßen den Brief, den sie eben auf mysteriöse Weise erhalten hatten.

„Wo stecken unsere Beamten?“, wandte sich Rollins ohne Begrüßung an den Redaktionschef.

Stumm deutete Melloway auf die Tür zum Konferenzraum. Rollins nickte nur. Dann hastete er mit seinen Männern zu der Tür hin.

„Um Himmels willen!“, rief Melloway hinterher. „Was ist denn passiert?“

Rollins hatte es nicht mehr gehört. Hinter ihm und den beiden anderen fiel die Tür krachend ins Schloss. Dann wurden im Konferenzraum einige Worte gewechselt. Im nächsten Moment war es totenstill.

Melloway, Hendricks und Sanders sahen sich verständnislos an.

Plötzlich wurde die Tür wieder aufgezogen. Lieutenant Rollins trat in den Redaktionsraum. Zwei Schritte vor Melloway blieb er stehen. Sekundenlang sah er den Chef der Illustrierten stumm an.

„Unser Kollege John Quincy wurde ermordet“, sagte der Lieutenant leise. Seine Worte tropften wie flüssiges Blei in den Raum. „Und von Susan Morales fehlt jede Spur.“

Saul Melloway und seine Mitarbeiter waren völlig fassungslos. Keiner von ihnen brachte ein Wort hervor. Verständnislos starrten sie den Lieutenant an.

Dann stöhnte Melloway auf. Er entsann sich der Karte, die er immer noch in der Hand hielt. Stumm hob er sie hoch, dass Rollins die aufgeklebte Mitteilung lesen konnte.

Reflexartig warf der Lieutenant einen raschen Blick auf seine Armbanduhr. „Noch zehn Minuten“, stellte er fest. „Sie werden anrufen, Melloway.“

„Muss das sein?“ Der Redaktionschef hatte plötzlich alle Selbstsicherheit verloren.

„Es muss sein. Sie haben keine andere Wahl.“ Rollins’ Stimme klang eisig. „Nach dem Mord an Barney Goldberg ist einer unserer Beamten hinterrücks erschossen worden. Sie können sich vielleicht vorstellen, was das bedeutet.“

„Wie ist es passiert, Inspector?“, fragte Chuck Hendricks mit belegter Stimme.

Aus der Tür des Konferenzraumes sahen die Beamten der City Police stumm herüber. Einer von ihnen war aus ihrer Mitte gerissen worden. In diesem Moment gab es für sie nichts mehr zu sagen. Jeder von ihnen war entschlossen, zu handeln.

„In der Hochgarage, wo Miss Morales ihren Wagen abgestellt hatte. Die Gangster müssen ihr und Quincy aufgelauert haben. Sie haben ihn von hinten erschossen. Eine Kugel in den Rücken. Dagegen ist jeder machtlos.“

„Wann ist das gewesen?“, wollte Earl Sanders wissen.

„Wir haben den genauen Zeitpunkt noch nicht feststellen können. Quincys Leiche wurde kurz nach ein Uhr von einem anderen Autofahrer, der in seinen Wagen steigen wollte, entdeckt.“

„Was?“, stieß Melloway hervor. „Susan und der Beamte haben doch schon um zwölf Uhr die Redaktion verlassen!“

Rollins nickte nur. „Wenn sie auf direktem Weg zu der Garage gegangen sind, bedeutet das möglicherweise, dass Quincys Leiche erst fast eine Stunde nach seinem Tod gefunden wurde. Aber die genaue Uhrzeit wird uns wenig weiterhelfen. Viel wichtiger ist es im Moment, dass wir eine Spur von Miss Morales finden.“

„Verdammte Gleichgültigkeit“, knurrte Melloway, „da liegt ein Toter stundenlang in einer Garage, in der laufend Hochbetrieb herrscht, und kein Mensch kümmert sich darum.“

„Sie sollten sich nicht über andere aufregen, Mr. Melloway“, mahnte ihn Rollins kühl. „Ich habe heute Vormittag erfahren, dass Sie nicht bereit sind, Mr. Cantrell und uns die Manuskripte für Ihre Reportage zur Verfügung zu stellen. Diese Gleichgültigkeit ist fast noch schlimmer. Hätten Sie sich nicht so bockbeinig angestellt, wären der Mord und die Entführung von Miss Morales unter Umständen gar nicht passiert.“

„Entführung?“, echote Melloway ungläubig.

„Was denn sonst!“ Lieutenant Rollins musste sich beherrschen, um Melloway gegenüber nicht einen härteren Tonfall anzuschlagen.

Chuck Hendricks war wortlos an seinen Schreibtisch gegangen. Mit einem dicken roten Schnellhefter kam er zurück. Er gab Rollins die Akte.

„Die Manuskripte, Sir. Ich überlasse Sie Ihnen. Sie können damit machen, was Sie wollen. Die Verantwortung trage ich.“

Der Lieutenant nickte. Er streifte Hendricks mit einem dankbaren Blick.

Saul Melloway ballte die Fäuste. Sein Gesicht lief rot an. Er sah aus, als wolle er sich jeden Moment auf Hendricks stürzen. Doch dann sackte er in sich zusammen wie ein aufgeschlitzter Mehlsack. Müde ließ er die Arme sinken. Mit hängenden Schultern machte er kehrt und marschierte zurück in sein Büro.

„Ich werde das Telefongespräch erledigen“, murmelte er im Weggehen.

Rollins lief hinter ihm her. „Sie gestatten, dass ich mithöre“, erklärte er. „Und außerdem: Gehen Sie nicht auf die Forderung der Gangster ein. Fordern Sie eine Bedenkzeit! Haben Sie verstanden?“

„Natürlich. Ich tue, was Sie sagen. Aber noch wissen wir ja nicht, wer sich unter der Nummer meldet.“

„Das kann ich Ihnen jetzt schon sagen.“ Zum ersten Mal war in den Mundwinkeln des Lieutenants der Anflug eines Lächelns zu sehen. Nur sekundenlang. Er blickte erneut auf seine Armbanduhr. „Rufen Sie an“, sagte er, „es ist zwei Minuten vor drei. Bis Sie gewählt haben, ist es drei.“

Melloway nickte mechanisch. Er legte den Zettel mit den aufgeklebten Buchstaben und Ziffern vor sich auf die Schreibtischplatte. Dann schaltete er den Tischlautsprecher ein und nahm den Hörer ab.

„Moment!“, rief Chuck Hendricks plötzlich. Im nächsten Augenblick war er im Nebenraum verschwunden, um gleich darauf mit dem Tonbandgerät zurückzukommen. „Teufel, das hätten wir beinahe vergessen“, murmelte er und schaltete das Gerät mit hastigen Bewegungen ein.

Saul Melloway nahm den Hörer ans Ohr und begann die Nummer herunterzukurbeln. Aus dem Tischlautsprecher erklang ein trockenes Rauschen. Mehrmals knackte es, dann ertönte das Rufzeichen. Einmal, zweimal …

Am anderen Ende wurde abgenommen. „Melloway?“, ertönte unvermittelt eine schnarrende Stimme.

„Am Apparat“, krächzte der Redaktionschef zurück. Er räusperte sich. „Mit wem spreche ich? Was wollen Sie von mir?“

„Stellen Sie nicht so dämliche Fragen, Melloway. Darauf kriegen Sie doch keine Antwort. Um zur Sache zu kommen: Vielleicht ist es Ihnen schon aufgegangen, dass Ihre süße kleine Reporterin verschwunden ist. Falls es Sie interessiert, die Kleine ist in Sicherheit. Ihr wird nichts passieren, solange Sie …“

„Verdammt noch mal!“, brüllte Melloway plötzlich „Was Sie da gemacht haben, ist Kidnapping, Mann! Darauf steht in Illinois immer noch der Elektrische Stuhl!“

„Na und? Zum Stuhl gehört immer erst einer, der sich draufsetzt. No, Melloway, mit solchen dämlichen Drohungen können Sie uns nicht kommen. Sie haben’s nicht mit dummen Jungen zu tun, die noch an den Weihnachtsmann glauben.“

„Geben Sie Susan heraus!“, schrie Melloway mit sich überschlagender Stimme. Rollins versuchte, ihn mit Handbewegungen zu beruhigen, doch es half nichts. Melloway hatte seine Umwelt vergessen.

„Diesen Wunsch können wir Ihnen erfüllen“, höhnte der andere. „Wir haben nur eine einzige Bedingung. Stoppen Sie die weiteren Veröffentlichungen ihrer Reportagen-Serie. Das ist alles.“

Ein tiefes Stöhnen entrang sich Melloways Brust. „So schnell kann ich das nicht entscheiden“, ächzte er, „geben Sie mir Bedenkzeit. Bitte! Vierundzwanzig Stunden.“

„Oho!“ Die Stimme des Anrufers klang hohl. Lieutenant Rollins sah seine Vermutung bestätigt, dass der Gangster aus einer Telefonzelle sprach. „Gleich vierundzwanzig Stunden! Scheint mir ’n bisschen happig, Melloway.“ Es gab eine kurze Pause. Der andere schien nachzudenken. „Okay – meinetwegen. Vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Ich werde Sie morgen um die gleiche Uhrzeit anrufen. Denken Sie daran, dass Sie dann in Ihrem Büro sein müssen!“

Es knackte in der Leitung. Der Gangster hatte aufgelegt. Melloway kam zu keiner Antwort mehr. Im Zeitlupentempo ließ er den Hörer in die Gabel sinken. Das Rauschen des Tischlautsprechers verklang. Chuck Hendricks schaltete das Tonbandgerät aus.

Saul Melloway sah den Lieutenant an. „Ich werde die vierundzwanzig Stunden einhalten“, sagte er leise, „aber ich brauche nicht mehr nachzudenken. Wenn die Frist abgelaufen ist, werde ich den Gangstern sagen, dass ich ihre Forderungen erfülle. Egal, ob die Polizei bis dahin zu einem Ergebnis gekommen ist oder nicht.“

Rollins verzichtete auf eine Antwort.


12

Cantrell hatte die Nachricht noch vor Rollins’ Besuch in der Redaktion der „Stars and Stripes“ von dem Chef der Mordkommission erhalten. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bei der gesamten City Police von Chicago Alarmstimmung ausgebrochen. Verbitterung, dumpfe Trauer und gleichzeitig wilde Entschlossenheit, die Täter dingfest zu machen, bemächtigten sich der Beamten in Uniform und Zivil.

Kurze Zeit nach dem Anruf von Lieutenant Rollins traf Captain McConnors im Bungalow in der Clinton Street ein. Er war auf das äußerste erregt. Man sah es ihm jedoch nicht an. Lediglich die Tatsache, dass der Captain eine Kraut-Zigarre nach der anderen ansteckte und ungerührt das Arbeitszimmer des Anwalts verpestete, ließ auf seinen inneren Zustand schließen. Und ebenso wie Butch und Silk kannte Tony Cantrell die Angewohnheiten des Polizeichefs schon seit vielen Jahren.

McConnors hatte in kurzen Zügen Einzelheiten über den heimtückischen Mord an John Quincy erläutert. „Quincy wurde vermutlich mit einer Schalldämpferpistole erschossen“, schloss er. „Der Standort des Schützen wurde von den Spurensicherern ermittelt. Daran gibt es nicht viel zu deuteln.“

Der Anwalt setzte nachdenklich seine Pfeife in Brand. „Mir scheint, die Syndikate schrecken vor nichts mehr zurück. Die Illustrierte hat mit ihrer Reportage vermutlich einen wahren Aufstand der Unterwelt entfesselt.“

„So kann man es fast nennen“, bestätigte McConnors grimmig. Er beugte sich vor. „Aber eines kann ich garantieren. Jetzt werden die Burschen auf Granit beißen. Alles was in Chicago auch nur auf die Bezeichnung Polizei hört, wird hinter ihnen her sein. Und das ist nicht wenig. Mit dem Mord an Quincy haben die Kerle ihren ersten Fehler gemacht.“

„Vielleicht haben sie nicht damit gerechnet, dass Susan Morales und auch ihre Kollegen bereits unter Polizeischutz standen“, meinte Philby tiefsinnig, „möglicherweise ist die Entführung schon vorher geplant gewesen, und dann kam ihnen Quincy in die Quere.“

„Möglich“, sinnierte der Anwalt, „aber kaum wahrscheinlich. Quincy ist aus dem Hinterhalt erschossen worden. Ähnlich wie Barney Goldberg. Die Gangster mussten also vorher gewusst haben, dass Susan Morales einen Begleiter hatte, und sie haben sich von vornherein darauf eingestellt. Denn sonst hätten sie improvisieren müssen. Und dann wäre Quincy wahrscheinlich nicht in den Rücken geschossen worden.“

„Vielleicht haben sie diese Susan Morales ständig beschattet“, meinte Butch, „oder sie sind sonstwie informiert worden. Wer weiß, über welche düsteren Informationskanäle diese Brüder verfügen.“

„Keine Unterstellungen!“, protestierte Captain McConnors. An dem Zwinkern in seinen Augen war zu erkennen, dass er es nicht ernst meinte. „Chicagos Polizei ist heute nicht mehr mit den Verhältnissen vor dreißig Jahren zu vergleichen. Korruption ist ein Wort, das wir zumindest in dieser Stadt nicht mehr kennen. Wie es anderswo aussieht, kann ich nicht beurteilen.“

Cantrell musste lächeln. „Haben Sie jemals festgestellt, dass wir etwas an der Polizei auszusetzen hätten?“

McConnors musste verneinen. „Natürlich nicht. Aber ich habe jetzt noch eine kleine Überraschung auf Lager.“

„Überraschungen sind das Salz des Lebens“, erklärte Butch mit Denkermiene, „besonders dann, wenn sie von der Polizei kommen.“

McConnors ließ sich nicht beirren. „Auf der Fahrt hierher habe ich per Funk mit Rollins gesprochen. Er hat es geschafft, die Manuskripte der Illustriertenreportage zu bekommen. Allerdings nicht von diesem komischen Melloway, sondern von seinem Chefreporter. Melloway soll vor Wut fast geplatzt sein.“

„Das kann ich mir gut vorstellen“, nickte Cantrell. „Die Überraschung ist im Übrigen wirklich gelungen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, noch an die Manuskripte heranzukommen, wenn ich ehrlich sein soll.“

Eine knappe Zigarettenlänge später traf auch Lieutenant Rollins im Bungalow an der Clinton Street ein. Er gab Captain McConnors den roten Schnellhefter mit den Manuskripten. Flüchtig stocherte der Polizeichef die eng beschriebenen Seiten.

„Ich werde mich später damit befassen“, meinte er dann, „unser Freund Cantrell wird damit mehr anfangen können. Oder sollte ich mich täuschen?“ Lächelnd reichte er den Hefter weiter.

Cantrell nahm ihn mit einem dankbaren Nicken entgegen. „Sie täuschen sich keineswegs, Captain. Wenn es stimmt, was Saul Melloway uns über die Art des Texte gesagt hat, dann werde ich schon sehr bald wissen, in welche Richtung wir unsere nächsten Schritte zu lenken haben.“

„Okay“, meinte Inspector Rollins, „dann würde ich vorschlagen, dass wir die Gentlemen nicht länger stören, Captain. Bei der bevorstehenden Lesestunde würden wir uns sowieso nur langweilen.“

„Ich glaube, Sie haben recht, Rollins“, nickte McConnors. Er erhob sich ächzend aus seinem Besuchersessel und verabschiedete sich von den drei Kriminalisten. „Als Gegenleistung für die Manuskripte verlange ich lediglich, ständig auf dem Laufenden gehalten zu werden!“, rief er im Hinausgehen.

„Ein Versprechen, das wir noch nie gebrochen haben“, erinnerte ihn Silk.

Der Captain nickte nur. Dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss und folgte Rollins nach draußen.

Cantrell und seine beiden Mitarbeiter bereiteten sich auf das Studium der umfangreichen Texte vor. Vorher ließen sie sich von Carol einen duftenden Tee servieren, der ihren Eifer beflügelte. Dann teilten sie die Manuskripte in drei gleiche Stapel auf. Jeder nahm sich einen vor.

Fast eine Stunde lang herrschte im Arbeitszimmer des Anwalts tiefes Schweigen. Selbst der Fall einer Stecknadel wäre zu hören gewesen. Sowohl Cantrell als auch Butch und Silk hatten Notizpapier neben sich liegen, auf dem sie besonders beachtenswerte Punkte herausschrieben.

Dann war es geschafft.

Fast gleichzeitig legten Cantrell und Philby ihren Lesestoff beiseite. O’Reilly war wenige Minuten später ebenfalls fertig.

Cantrell blickte in die Runde. „Was meint ihr?“

„Genügend Ansatzpunkte“, erklärte Butch rundheraus.

„Die Auswahl ist groß genug“, bestätigte der Anwalt. „Wir werden uns das beste heraussuchen und einen Anfang machen.“



13

Der Ford Mustang ging in die Knie. Unmittelbar neben Susan Morales’ Volkswagen kam der rassige Sportflitzer zum Stehen. Der Motor erstarb mit einem Röcheln. Im gleichen Moment wurde die Tür auf der Fahrerseite aufgestoßen.

Der Mann, der sich mit elastischen Bewegungen herausschwang, war fast sechs Fuß groß. Er hörte auf den Namen Eddy Mills. Gewissermaßen als rechte Hand arbeitete er für den Syndikatsboss Serge Kovacz. Mills trug einen eleganten dunklen Anzug mit feinen Nadelstreifen. Sein schmales, kantiges Gesicht wurde von dünnen Lippen und stechenden schwarzen Augen bestimmt. Der dunkle Haarschopf des Mannes war leicht gekräuselt.

Die Waffe, die Mills unter der linken Achselhöhle trug, war von außen nicht zu sehen. Nicht umsonst ließ Eddy Mills seine Anzüge beim Schneider nach Maß anfertigen.

Die Tür des Bungalows wurde geöffnet, als er darauf zu stelzte. Slim Coughlin blickte ihm entgegen. „Du hast dir ziemlich viel Zeit gelassen“, bemängelte er.

Unbeeindruckt schob sich Mills an ihm vorbei ins Innere des blockhüttenähnlichen Gebäudes. Sein Blick fiel auf Susan Morales, die immer noch bewusstlos am Boden lag.

„Was habt ihr mit der Kleinen gemacht?“, bellte er Coughlin und Marrero an.

„Noch nichts!“, konterte Marrero aggressiv.

Coughlin baute sich seitlich vor Mills auf. Mit dem Zeigefinger tippte er dem hageren Riesen auf die Brust. „Damit wir uns von vornherein darüber klar sind, Kollege: Keiner spielt hier den Boss, verstanden! Weder du noch irgendein anderer. Zu bestimmen haben höchstens unsere Auftraggeber. Und auch dann kann beispielsweise ich mir immer noch überlegen, ob ich einen Job ausführe oder nicht.“

„Nimm das Maul nicht so voll, Coughlin“, erwiderte Mills ruhig, „du kriegst dein Geld von unseren Auftraggebern, wie du es nennst. Und dafür hast du dich genauso an die Spielregeln zu halten wie wir auch.“

„Dann bilde dir nur nicht ein, dass diese Spielregeln für dich nicht gelten!“, knurrte Coughlin zurück. Al Marrero bedachte seine Worte mit einem beifälligen Brummen.

„Ich weiß, was ich zu tun habe“, erklärte Mills ungerührt, „das brauchst du mir nicht zu erzählen.“

„Okay“, fuhr Coughlin halsstarrig fort, „warum, zum Teufel, hast du dir dann so viel Zeit gelassen? Du hättest längst hier sein können.“

„Idiot!“, zischte Mills. „Bis zur Fähre war es kein Problem, euch dichtauf zu folgen. Aber spätestens der Fährmann hätte sich daran erinnert, wenn ein Volkswagen und ein Mustang auf seinem Kahn über den Des Plaines geschippert wären. Jedem halbwegs denkfähigen Zeitgenossen müsste es klar sein, dass ich dieses Risiko nicht eingehen konnte. Deshalb habe ich den Umweg über die nächste Brücke in River Grove gemacht.“

„War das vorgesehen?“, wollte Marrero wissen.

„Ich hatte freie Hand“, korrigierte ihn Mills. Seine Augen begannen zu funkeln. „So, Freunde! Jetzt reicht’s mir. Schluss mit der Quatscherei! Legt das Girl auf die Couch, und dann seht zu, dass ihr den Silberkäfer da draußen verschwinden lasst!“

„Ich muss mich wiederholen, Mills“, flüsterte Coughlin gefährlich leise, „ich sagte vorhin, dass hier keiner den Boss zu mimen hat. Wir machen es anders: Du legst das Girl auf die Couch, und wir lassen den Käfer verschwinden. So, wie es vorgesehen war. Okay?“

Eddy Mills starrte dem Killer sekundenlang hasserfüllt in die Augen. Deutlich war zu erkennen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Dann schien er zu erkennen, dass eine Auseinandersetzung jetzt am allerwenigsten angebracht war.

„All right“, brummte er, „seht zu, dass ihr die Karre loswerdet.“

„Na also!“, lachte Marrero meckernd. „Ein paar klärende Worte, und schon versteht man sich besser als je zuvor.“

„Recht hast du“, nickte Coughlin mit breitem Grinsen. Dann folgte er seinem Komplicen ins Freie.

Eddy Mills drückte die Eingangstür ins Schloss und drehte den Schlüssel von innen herum. Mit wenigen Schritten war er bei der Bewusstlosen und beugte sich über sie.

Ein leises Stöhnen kam aus der Kehle der Frau. Beinahe behutsam packte Mills sie unter Schultern und Beinen und trug sie auf die breite Ledercouch, die zu einer teuren Sitzgruppe gehörte. Als Mills sie auf die weichen Polster bettete, schlug Susan Morales die Augen auf. Es dauerte fast eine Minute, bis sie vollends bei Bewusstsein war.

Ihr Blick wurde klar und erfasste das ausdruckslose Gesicht von Eddy Mills. „Wo – wo bin ich?“, hauchte sie verwirrt. „Wer sind Sie?“

„Keine Angst“, erwiderte Mills leise, „Sie sind noch an der gleichen Stelle, an der Sie vorübergehend aus der Gegenwart abgetreten sind. Die beiden Typen, die Sie hergebracht haben, sind vorübergehend verschwunden. Möchten Sie etwas zu trinken? Whisky, Bacardi, Gin?“

„Whisky“, antwortete Susan schwach. Sie richtete sich halb auf und stützte sich mit den Ellenbogen auf das Leder der Couch.

Mills erhob sich und ging hinüber zu der kleinen Hausbar, die hinter einem handgeschmiedeten Gitter neben dem Kamin verborgen war. Er goss sich selbst ebenfalls einen Whisky ein und kam mit den gefüllten Gläsern zurück.

„Eis kann ich Ihnen leider nicht bieten“, erklärte er. „Der Bungalow hat mehrere Monate leer gestanden. Wir müssen erst wieder alles auf Vordermann bringen.“

Susan nahm das Glas entgegen. „Danke.“ Sie kippte den Scotch mit einem Zug hinunter. Mills bot ihr eine von seinen Zigaretten an. Sie erkannte sofort, dass dieser Mann mehr Niveau hatte als die beiden anderen Gangster, die sie hergebracht hatten. Aber war er deswegen nicht vielleicht um so gefährlicher?

Susan ließ sich von ihm Feuer geben. Tief inhalierte sie den ersten Zug. „Sagen Sie “, begann sie zaghaft, „machen Sie mit den beiden Männern, die mich hergebracht haben, gemeinsame Sache?“

Mills fabrizierte so etwas wie ein Lächeln. Er wog nachdenklich den Kopf. „Schwere Frage, Miss Morales. Wir arbeiten zusammen, so kann man es nennen. Aber gemeinsame Sache dazu zu sagen, wäre etwas übertrieben. Mich verbindet mit den beiden nichts mehr als die Tatsache, als dass sie an dem gleichen Job arbeiten wie ich.“

„Und dieser Job ist es, die Veröffentlichung unserer Reportage zu verhindern“, folgerte Susan furchtlos.

„Erraten.“ Mills kippte den letzten Schluck seines Whiskys hinunter. „Was diesen Job anbetrifft, ziehen alle Beteiligten an einem Strang. Es gibt keine Gegensätze zwischen uns, bis die Sache aus der Welt geschafft worden ist.“

Susan schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht. Gut, dass unsere Reportagen für Sie und Ihre – hm, Verbündeten nicht gerade angenehm sind, kann ich mir gut vorstellen. Aber muss man deswegen gleich so weit gehen, zwei Menschen umzubringen und einen dritten zu entführen?“

„Bei uns gelten andere Maßstäbe.“ Er stand auf. „Möchten Sie noch einen Whisky?“

Susan nickte. „Gern. Es ist das einzig Erfreuliche hier.“

Mills nahm ihr Glas und ging hinüber zu der Hausbar. „Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, Miss Morales, aber mit dem, was wir bisher gegen Sie und Ihre Kollegen unternommen haben, sind noch nicht einmal alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die wir in Erwägung gezogen haben.“ Er kam zurück und reichte Susan das gefüllte Glas.

Sie nippte daran. „Das ist mir einfach unbegreiflich. Es muss doch andere Wege geben, sich zu einigen, als durch Mord und Entführung.“

„Für uns nicht“, widersprach Mills, „für uns steht zu viel auf dem Spiel.“

„Tatsächlich?“

„Wenn Sie das nicht wissen, Miss Morales, dann haben Sie bei Ihren Nachforschungen, die Sie gemeinsam mit den anderen für die Reportagen angestellt haben, vermutlich nicht im geringsten an die eventuellen Auswirkungen gedacht.“

„Wieso?“

„Ganz einfach. Wenn jemand seine Existenz bedroht sieht, reagiert er sauer. Und unsere Existenz wäre durch die Veröffentlichungen mehr als bedroht. Soviel haben wir inzwischen herausbekommen. Im Übrigen sind uns auch Ihre Informanten bereits bekannt. Die kommen anschließend dran, wenn wir diese Sache erledigt haben.“

Susan kam nicht mehr dazu, das Gespräch weiter fortzusetzen. Wenn ihr dieser Mann auch nicht sonderlich sympathisch war, so konnte man sich mit ihm doch wenigstens wie mit einem zivilisierten Menschen unterhalten. Außerdem war er ziemlich intelligent. Ganz im Gegensatz zu den anderen beiden Gangstern.

Draußen war Motorengebrumm zu hören. Eddy Mills eilte zum Fenster und blickte hinaus. Er nickte befriedigt. Mit zwei Schritten war er bei der Tür und schloss sie auf.

Der Mann, der hereinkam, war Susan Morales bekannt. Sein Bild war mehr als einmal in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Es war ein offenes Geheimnis, dass Serge Kovacz der Kopf eines weitverzweigten Rauschgift-Syndikats war. Doch niemand hatte bislang die Möglichkeit gehabt, dieses offene Geheimnis mit handfesten Beweisen zur unwiderlegbaren Tatsache zu machen. Die zahlreichen Prozesse, in denen Kovacz seit seiner Einwanderung bereits vor Gericht gestanden hatte, waren stets zu seinen Gunsten ausgegangen. Susan wusste, warum. Für einen Mann wie ihn bedeutete es keine Schwierigkeit, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Zeugen zu haben.

Susan schwang die Beine von der Ledercouch und setzte sich kerzengerade auf. Kovacz blieb drei Schritte vor ihr stehen und musterte sie mit offenkundigem Wohlgefallen. Susan überlegte. Durfte er wissen, dass sie ihn kannte? Oder war es vorteilhafter, so zu tun, als ob sie noch nie etwas von ihm gehört hatte? Sie hatte ihn nur auf Fotos gesehen und in Gesprächen von ihm gehört. In voller Lebensgröße hatte er ihr noch nie gegenübergestanden.

Susans Überlegungen beantworteten sich von selbst.

„Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl, Miss Morales“, sagte Kovacz in seinem leichten Akzent, „jedenfalls, soweit es den Umständen entsprechend möglich ist. Im Übrigen brauche ich mich wohl nicht vorzustellen. Wie es scheint, kennen Sie mich.“

„Woher wissen Sie das?“, platzte es aus Susan heraus.

„Ich verstehe ein wenig von Physiognomie, Miss Morales“, lächelte der Syndikatsboss, „in Ihrem Gesicht war deutlich zu lesen, was Sie bei meinem Auftauchen dachten.“

„Sie sind ein Scheusal“, erklärte Susan furchtlos. „Sie sind also für die beiden Morde und für meine gewaltsame Entführung verantwortlich.“

„Aber, aber!“, lachte Kovacz belustigt. „Was für harte Worte, Miss Morales! Abgesehen davon, dass Ihr Vorwurf nur zum Teil gerechtfertigt ist, möchte ich sagen, dass das, was wir unternommen haben, durchaus zu erwartende Gegenmaßnahmen waren. Es kommt darauf an, wie sich Ihr Chef, Mr. Melloway, jetzt verhält. Davon hängt es ab, ob wir gezwungen sind, weitere Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“

„Wer ist wir?“, wollte Susan wissen.

„Tut mir leid, das werde ich Ihnen nicht auf die Nase binden. Es genügt, dass Sie wissen, dass ich mit der Sache zu tun habe.“

„Ist das nicht reichlich riskant für Sie? Ich meine, wenn Sie damit rechnen, dass ich irgendwann einmal wieder frei sein werde, dann müssen Sie doch fürchten, dass ich zur Polizei gehe und sage, wer für meine Entführung verantwortlich war.“

Serge Kovacz lachte schallend. Er schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Nehmen Sie’s mir nicht übel!“, prustete er. „Aber diese Möglichkeit ist wirklich die letzte, die ich in Betracht ziehen würde. Glauben Sie denn, dass Sie auch nur einen Schritt tun können, ohne unter der Kontrolle meiner Leute zu stehen? Bevor Sie auch nur zwei Worte mit einem Schnüffler wechseln könnten, hätten wir Sie stumm gemacht. Verzeihen Sie die harten Worte, Miss Morales. Aber Sie sollten nach Ihren Recherchen, die Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen angestellt haben, eigentlich wissen, welche Gesetze bei uns gelten.“

Susan wusste, dass sie seinen Worten glauben konnte. Serge Kovacz war eiskalt. Er würde nicht mit der Wimper zucken, wenn er den Befehl gab, eine Frau umbringen zu lassen. „Es war nur ein Gedanke von mir“, sagte sie daher, „ich weiß ja nicht einmal, ob ich jemals wieder lebend hier herauskomme.“

„Sie sehen den Tatsachen ins Auge“, nickte Kovacz anerkennend, „das muss ich bewundern. Jedenfalls sind Sie nicht hysterisch, Miss Morales. Das ist etwas, was ich an Frauen sehr schätze.“

„Warum sind Sie eigentlich hergekommen, Mr. Kovacz?“

„Reine Neugier, Miss Morales. Ich wollte mich davon überzeugen, ob Sie tatsächlich so hübsch sind, wie man mir sagte. Und ich muss feststellen, dass meine Informanten durchaus die Wahrheit gesagt haben.“

Susan schwieg. Das Kompliment eines Gangsters war ihr nichts wert. Genauso wie alle Worte, die ein Mann vom Schlage dieses Kovacz von sich gab, absolut nichts galten.

„So long, Miss Morales.“ Der Jugoslawe drehte sich abrupt um und verließ den Bungalow. Eddy Mills folgte ihm.

Draußen kamen ihnen Slim Coughlin und Al Marrero aus dem Wald entgegen.

„Der Käfer ist kein Schwimmtier“, verkündete Coughlin breit, „wir haben ihn in einen Tümpel getunkt. Eine Meile entfernt. Jetzt krabbelt er im Schlamm herum.“



14

Der Einsatz der Schwarzen Maske begann eine halbe Stunde vor Einbruch der Dunkelheit.

Durch die Geheimtür in der Bücherwand des Arbeitszimmers traten Cantrell und seine beiden Mitarbeiter ins Kellergeschoss des Bungalows an der Clinton Street. Als sie die Tür am Fuß der Treppe öffneten, schloss sich oben lautlos der Durchlass in der Bücherwand. Die drei Männer betraten einen durch indirektes Licht taghell erleuchteten Raum. Links standen die Schminktische mit so zahlreichen Utensilien, dass sie manches Kleinstadttheater vor Neid hätten erblassen lassen. An der gegenüberliegenden Wand des Raumes befand sich der Stahlschrank, der neben dem Kostüm für die Schwarze Maske auch die Waffen des Gangsterjägers und seiner Mitarbeiter barg.

Während Silk und Butch zur unterirdischen Garage durch einen schmalen Gang vorausgingen, öffnete Cantrell den Schrank und verwandelte sich in die Schwarze Maske. Er tauschte seinen bequemen grauen Tweedanzug gegen das Kostüm des maskierten Gangsterjägers aus, vor dem zu zittern Chicagos Unterwelt oft genug gelernt hatte.

Er legte das schwarze Trikot an und steckte die schwarze Gesichtsmaske ein, die nur die Augen und die Mundpartie freiließ; er würde sie erst am Einsatzort überstreifen.

Der Kriminalist folgte seinen beiden Mitarbeitern in die unterirdische Garage. Butch saß am Steuer des unauffälligen schwarzen Einsatzwagens. Silk hatte auf der Sitzbank im Fond Platz genommen.

Der blonde Hüne wartete, bis sich sein Chef auf den Beifahrersitz geschwungen hatte. Dann betätigte er den Anlasser und drückte im nächsten Moment einen Knopf am Armaturenbrett, der durch ein elektronisches Signal das Garagentor und die getarnte Ausfahrt öffnete.

Unbeleuchtet ließ Butch den Wagen über das Grundstück auf die rückwärtige Parallelstraße der Clinton Street rollen. Auf einen erneuten Knopfdruck schloss sich geräuschlos die geheime Zufahrt an der Rückfront des Cantrell’schen Anwesens. Butch gab Gas und schaltete erst an der Einmündung in die Clinton Street die Scheinwerfer ein.

Das unauffällige Chevelle Malibu Coupe rollte durch das abendliche Lichtermeer von Chicago nach Süden in Richtung City. Niemand hätte unter der Karosserie des Fahrzeuges das Fahrwerk eines Ferrari Super Fast und dessen Zwölfzylindermotor mit vierhundert Pferdestärken vermutet. Bei mancher Verfolgungsjagd waren den Gangstern die Augen übergegangen, wenn es ihnen nicht gelang, den Wagen abzuschütteln.

Nur kurz streifte das Einsatzfahrzeug auf seiner Route das Gebiet von Chicago City. Das Ziel der Schwarzen Maske war Cicero, einer der zahlreichen Vororte der Millionenstadt am Lake Michigan. Auf der Harlem Road steuerte Butch den schweren Wagen nach Süden. In North Riverside bog er nach links ab auf die Cermak Road.

Sie passierten Berwyn und erreichten schließlich ihren Zielort Cicero. Hinter der Kreuzung Central Street verlangsamte Butch das Tempo. Vor ihnen kam auf der linken Straßenseite das riesige Sportgelände der Western Electric in Sicht. Die eingeschaltete Flutlichtanlage deutete darauf hin, dass irgendwelche Wettkämpfe stattfanden, um diese Jahreszeit vermutlich Baseball.

Der Gangsterjäger beugte sich vor. Es bereitete ihm keine Mühe, die Schilder der nach rechts abzweigenden Straßen trotz der Dunkelheit zu erkennen.

„Die übernächste ist es“, sagte er.

Butch nickte. Er betätigte den Blinker, bog nach rechts ab und ließ die Limousine zehn Yards von der Einmündung entfernt ausrollen. Die Straße trug die Nummer 54. Es herrschte nur geringer Verkehr. Nur in längeren Zeitabständen tauchten Fahrzeuge auf, die mit abgeblendeten Scheinwerfern in mäßigem Tempo dahinrollten.

„Ziemlich ruhig“, stellte Silk fest, „eine reine Wohngegend.“

„Anders habe ich es nicht erwartet“, meinte der Gangsterjäger, „unser Freund kann sich eine solche Umgebung mit Sicherheit leisten.“ Er deutete hinaus auf die gepflegten Vorgärten und die luxuriösen Bauten zahlreicher Villen.

„Kein Wunder bei dem Geschäft, das er betreibt“, fügte Butch hinzu. Sein Blick wanderte über den von Straßenlampen erhellten Bürgersteig. „Das dritte oder vierte Haus müsste es sein, nehme ich an.“

„Nummer dreiundvierzig“, nickte die Schwarze Maske, „ich werde es nicht verfehlen.“ Er wartete einen günstigen Moment ab. Dann schwang er sich hinaus und tauchte im nächsten Moment im Dunkel des Gartengeländes unter, vor dem der Einsatzwagen parkte.

Mit Fußgängern, die ihn beobachten konnten, rechnete der Gangsterjäger kaum. Dies war eine Gegend, in der man nicht gewohnt war, zu Fuß zu gehen. Die Bürgersteige waren bestenfalls für den Zeitungsjungen, den Milchmann oder den Briefträger da. Alle übrigen Fortbewegungen vollzogen sich in schweren Limousinen auf der Fahrbahn der Straße.

Auf leisen Sohlen durchquerte der Maskierte unbemerkt zwei Grundstücke. Das dritte erreichte er über eine mannshohe Backsteinmauer, die er mit einem kraftvollen Klimmzug und elastischem Sprung überwand. Auf der anderen Seite ging er blitzschnell hinter einer Gruppe von Rhododendronbüschen in Deckung.

Prüfend musterte der Gangsterjäger seine Umgebung. Er stellte fest, dass er sich fünf Yards vom Bürgersteig entfernt zwischen den Büschen befand. Zur Straße hin wurde das Grundstück von einer mit Glasbausteinen durchsetzten Mauer abgeschirmt. Den Mittelpunkt des Vorgartens bildete eine weitläufige Rasenfläche, die ringsherum von sorgsam gestutzten Büschen umrahmt wurde.

Rechts von Cantrell, einen Steinwurf weit entfernt, lag der Bungalow. Ein Flachdachgebäude in Rechteck oder U~ Form. Vom Standpunkt der Schwarzen Maske her war es nicht genau zu erkennen.

Systematisch suchte der Gangsterjäger seine nähere Umgebung mit Blicken ab. Er war sicher, dass zur Sicherheit des Hausbesitzers irgendwelche Raffinessen eingebaut waren. Möglicherweise hatte er schon bei seinem Sprung über die Mauer eine Alarmanlage ausgelöst. Doch weil sich bislang nichts gerührt hatte, rechnete er nicht mehr damit.

Seine scharfen Augen tasteten den frisch geharkten Erdboden zwischen den Büschen ab. Plötzlich entdeckte der Gangsterjäger einen winzigen Reflex, der vom matten Schimmer der Straßenbeleuchtung verursacht wurde. Er sah genauer hin und erkannte einen hauchdünnen Draht, der knöchelhoch über dem Boden gespannt war.

Die Schwarze Maske lächelte. Eine simple Falle. Aber äußerst wirksam, das musste man zugeben. Die kleinste Berührung des Drahtes würde einen elektrischen Kontakt schließen und möglicherweise ein Alarmsignal auslösen, das wiederum eine Horde von Gorillas auf den Plan rufen würde.

So in etwa stellte sich der Gangsterjäger die Sicherheitsmaßnahmen vor, die zum Schutz des Bungalows und seines Besitzers getroffen worden waren. Möglicherweise lauerten noch mehr versteckte Fallen auf ungebetene Besucher. Cantrell beschloss, weiter auf der Hut zu sein. Er richtete sich halb auf und schlich in gebückter Haltung über den gefährlichen Draht hinweg, ohne ihn zu berühren.

Im Schatten der Büsche huschte die Schwarze Maske weiter nach rechts. Die Vorderfront des Bungalows war unbeleuchtet. Vermutlich lagen die Wohnräume nach hinten hinaus um eine Art Innenhof.

Die Vermutung des Gangsterjägers bestätigte sich wenige Minuten später. Er erreichte das rückwärtige Ende des rechten Bautrakts. Deutlich war ein Lichtschein zu erkennen, der von links kam. Vorsichtig verließ der Maskierte den Schutz der Büsche. Mit wenigen lautlosen Schritten hatte er die Außenmauer des Bungalows erreicht. Hier gab es keine Fenster.

Er umrundete die Ecke des Gebäudetrakts und ging vorsichtshalber zu Boden. Die hintere Querwand, etwa fünf Yards breit, hatte jedoch ebenfalls kein Fenster. Langsam arbeitete sich der Gangsterjäger weiter vorwärts. Vor der nächsten Ecke verharrte er. Er schob den Kopf vor. Jetzt konnte er den Innenhof überblicken.

Der Bungalow war tatsächlich in U-Form gebaut. Die gesamte Fensterfront lag an den Innenseiten der drei Trakte und gab den Blick auf den Innenhof frei, der mit einem Swimmingpool, viel Rasen und exotischen Gewächsen aufwendig gestaltet worden war.

Die Fenster des mittleren Trakts, der die beiden Außenflügel verband, waren erleuchtet. Weiße Vorhänge, die von der Decke bis zum Fußboden reichten, verhinderten jedoch den Blick ins Innere.

Der Gangsterjäger überlegte nicht lange. Auf direktem Weg vorzugehen wäre in dieser Situation halber Selbstmord gewesen. Er konnte nicht wissen, wie viele Gorillas sich als Bewacher im Wohnraum der Villa aufhielten. Also nahm er sich die Fenster des linken Außenflügels vor.

Das erste war sorgfältig verriegelt. Schwierig, es aufzubekommen. Als der Maskierte den Rahmen des zweiten Fensters abtastete, stellte er fest, dass es sich bewegen ließ. Nur um wenige Millimeter, aber es reichte. Vermutlich lag es daran, dass das Gestänge des Schließmechanismus nicht mehr hundertprozentig intakt war.

Der Gangsterjäger zog das flache Kästchen mit seinem Spezialwerkzeug hervor. Geräuschlos machte er sich an die Arbeit. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, von außen an den Mechanismus heranzukommen. Hundertfach hatte er in ähnlichen Fällen diese Arbeit geprobt. Jeden Handgriff führte er mit traumhafter Sicherheit aus.

Der maskierte Gangsterjäger bewegte sich bei seiner Einbrechertätigkeit keineswegs außerhalb der Legalität. Den erforderlichen Haussuchungsbefehl hatte er sich vor seinem Einsatz bei District Attorney Richard Snyder besorgt.

Nach wenigen Minuten war’s geschafft. Die Schwarze Maske steckte das Werkzeug wieder ein und zog das Fenster vorsichtig auf. Es würde sich jetzt nicht mehr schließen lassen. Falls es nötig sein sollte, konnte er es also als raschen Fluchtweg benutzen. Aber er rechnete kaum mit dieser Möglichkeit.

Die Scharniere des Fensters waren gut geölt. Sie gaben kein verräterisches Quietschen von sich. Blitzschnell kletterte der Maskierte über die hüfthohe Fensterbrüstung ins Innere der Villa. Er streifte die Gardine beiseite und zog das Fenster provisorisch wieder zu. Dann sah er sich um.

Er hatte ein Schlafzimmer erwischt. Das Schlafzimmer eines Mannes, wie auf den ersten Blick einwandfrei zu erkennen war. Der Gangsterjäger blickte sich weiter um. Der Kleiderschrank, der eine ganze Wand einnahm, stand offen. Die Anzüge, die darin zu sehen waren, machten klar, wem dieser Raum für die Nachtruhe diente.

Der Maskierte lächelte zufrieden. Er brauchte nur noch zu warten. Das war die beste Möglichkeit. Butch und Silk waren darauf vorbereitet, dass der Einsatz unter Umständen einige Stunden dauern würde. Sie würden sich also keine Sorgen machen, wenn ihr Chef länger auf sich warten ließ. Außerdem beobachteten sie abwechselnd die Villa von der Straße her. Falls etwas passieren würde, konnten sie es auf diese Weise mit Sicherheit bemerken.

Der Gangsterjäger ließ sich in einen flauschigen Sessel sinken, der in einer Ecke neben dem Fenster stand, und von der Tür aus nicht sofort zu sehen war.

Dann wurde seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Nichts rührte sich in den angrenzenden Räumen. Keine Schritte waren zu hören, keine Stimmen, nichts. Das Wohnzimmer, in dem sich die Burschen vermutlich aufhielten, war zu weit entfernt.

Die Schwarze Maske ertrug das Warten mit der Ausdauer des erfahrenen Kriminalisten, der ähnliche Situationen in unzähligen Fällen miterlebt hat. Warum sollte es diesmal anders sein? Der Gangsterjäger war sicher, dass sein Ausharren zum Erfolg führen würde.

Er sah absichtlich nicht auf die Uhr. Es hätte das Warten nur nervtötender gemacht. Cantrell schaltete völlig ab. Er entspannte sich und konzentrierte gleichzeitig seine Sinne auf jedes kleinste Geräusch.

Es mochten eineinhalb oder zwei Stunden vergangen sein, als ihn ein kaum hörbares Schlurfen schlagartig hellwach machte. Er richtete sich in seinem Sessel auf.

Die Geräusche kamen näher. Schritte, die unsicher klangen. Der Mann trug offenbar Pantoffeln aus Stoff oder weichem Leder. Dann hörte der Gangsterjäger, dass es zwei Personen sein mussten.

Unwillkürlich zuckte er zusammen, als plötzlich Stimmen zu hören waren, die nicht weit von der Tür zum Schlafzimmer entfernt sein konnten.

„Hau dich hin, Eddy“, brummte jemand mit leicht angesäuseltem Zungenschlag, „wir haben morgen ’nen schweren Tag vor uns.“

„Okay, Boss“, antwortete der andere. Dann klappte eine Tür zu.

Der Gangsterjäger richtete sich auf und drückte sich an die Wand, jeden Moment bereit, blitzschnell zur Tür zu huschen.

Die Schritte kamen näher. Die Türklinke wurde heruntergedrückt. Im nächsten Moment flog die Tür auf und prallte gegen den Stopper.

Serge Kovacz rammte sich den Ellenbogen an der Türklinke ein. „Verfluchter Mist!“, knurrte er wütend. Er hielt sich die schmerzende Stelle und knallte die Tür mit dem rechten Fuß ärgerlich ins Schloss.

Unsicher tappte er zum Lichtschalter. Cantrell roch die Whiskyfahne bis zu seinem drei Yards entfernten Standort. Er spannte die Muskeln an.

Die Deckenbeleuchtung flammte auf.

Der Gangsterjäger zog blitzschnell einen seiner 38er Smith and Wesson Special Revolver und war mit einem kraftvollen Satz vor der Tür.

Serge Kovacz prallte erschrocken zurück. Mit dem Rücken schob er sich an den Kleiderschrank heran. Ungläubig starrte er auf die geisterhafte Erscheinung der Schwarzen Maske.

„Vom Schrank weg!“, zischte der Gangsterjäger. „Los, machen Sie keine Umstände, Kovacz! Wenn Sie gehorchen, passiert Ihnen nichts, verstanden!“

Der Syndikatsboss war nur mit einer Hose und einem am Kragen offenstehenden Hemd bekleidet. Er war zu verdattert, um sofort Widerstand zu leisten. Reflexartig befolgte er den Befehl des unheimlichen Eindringlings und machte ein paar Schritte zur Seite. Sein Mund stand weit offen. Noch immer brachte er kein Wort hervor.

„Stellen Sie sich mit dem Rücken vor das Bett!“, befahl der Maskierte im Flüsterton. Er wusste, dass er nach Möglichkeit kein Geräusch verursachen durfte, wenn er nicht riskieren wollte, dass der Gorilla des Syndikatsbosses aus dem Nebenraum auftauchte.

Kovacz schien plötzlich aufzuwachen. In seine Augen trat ein heimtückisches Glitzern. Es war das einzig erkennbare Zeichen seiner Absichten.

Dennoch war der Gangsterjäger darauf gefasst. Ein Mann wie Kovacz konnte ein solches Überrumpelungsmanöver einfach nicht widerspruchslos hinnehmen.

Der Angriff kam von einem Sekundenbruchteil auf den anderen. Wie von einer Feder abgeschnellt, schoss der Syndikatsboss plötzlich vorwärts. Seinen Whiskyrausch schien er völlig abgeschüttelt zu haben.

Es geschah so blitzschnell, dass Kovacz nicht einmal mehr Zeit bekam, einen Schmerzenslaut von sich zu geben.

Buchstäblich im letzten Moment vollführte der Gangsterjäger einen gekonnten Sidestep. Seine linke Handkante zuckte auf den ins Leere tappenden Syndikatsboss herab. Kovacz’ Bewegung wurde wie von einer unsichtbaren Faust gestoppt. Bevor er auf die Bretter gehen konnte, hatte ihn sein Gegner gepackt. Beinahe behutsam legte die Schwarze Maske den Gangster auf das weiche französische Bett. Es ging ihm darum, unnötige Geräusche zu vermeiden.

Abwartend blieb der Gangsterjäger vor dem Bewusstlosen stehen. Den 38er hielt er immer noch in der Rechten. Nach wenigen Sekunden schlug Kovacz verwirrt die Augen auf. Der Hieb war so gezielt gewesen, dass er keine Dauerohnmacht bewirkte.

„Wenn Sie um Hilfe schreien sollten, muss ich etwas härter zupacken!“, flüsterte der Maskierte drohend. Der Klang seiner Stimme ließ keinen Zweifel darüber, dass er es ernst meinte.

Kovacz schüttelte den Kopf, als wolle er einen lästigen Fliegenschwarm verscheuchen. Wütend blies er die Luft durch die Zähne. „Ich habe noch nie jemanden um Hilfe gebeten“, zischte er böse, „mit meinen Gegnern bin ich stets allein fertig geworden.“

„Wozu brauchen Sie dann Ihre Leibwache, Serge Kovacz?“ Um die Mundwinkel der Schwarzen Maske spielte ein spöttisches Lächeln.

„Blödsinn! Leibwache! Habe ich noch nie nötig gehabt.“

„Lassen wir das“, winkte die Schwarze Maske ab, „ich bin nicht hergekommen, um mich mit Ihnen über Nebensächlichkeiten zu unterhalten.“

Kovacz gewann einen Teil seiner Selbstsicherheit zurück. „Sie glauben wohl, ich lasse mich durch Ihren dämlichen Mummenschanz beeindrucken, wie? Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse, mein Lieber! Wie immer Sie auch heißen mögen, es interessiert mich nicht im geringsten.“

„Sie werden es auch nie erfahren, Kovacz.“

„Dass ich nicht lache, Mr. Unbekannt!“ Kovacz stieß einen selbstgefälligen Grunzlaut aus. „Ein paar laute Worte von mir, und meine Leute werden Ihnen diese lächerliche Maske von der Visage reißen.“

„So weit werden Sie nicht kommen, Kovacz“, versicherte der Gangsterjäger.

„Das werden wir sehen!“ Der Syndikatsboss richtete sich halb auf. Plötzlich riss er den Mund auf. Sein Kehlkopf ruckte hoch.

Das geplante Alarmgebrüll blieb ihm im Hals stecken.

Mit einem Satz war der Maskierte über ihm. Ein trockener Fausthieb, mit geringer Wucht geführt, machte Kovacz stumm. Im nächsten Moment fühlte sich der Syndikatsboss hochgerissen. Er starrte in die zornig funkelnden Augen seines Gegners.

„Ich könnte Sie schlimm zurichten, Kovacz!“, flüsterte der Gangsterjäger. „Sie können es sich selbst überlegen. Ihre Komplicen werden sich wundern, wenn sie erfahren, was mit Ihnen passiert ist. Und Märchen können Sie denen nicht auftischen, glauben Sie mir. Es dürfte sehr unangenehm für Sie werden, wenn Ihre Freunde erfahren, dass die Schwarze Maske bei Ihnen zu Gast war. Haben Sie verstanden?“

Kovacz hatte keine Antwort parat. Er machte ein verkniffenes Gesicht. Dann schien er begriffen zu haben, dass die Worte seines unheimlichen Besuchers nicht von Pappe waren.

Der Gangsterjäger lockerte seinen Griff um keinen Inch. Zwar glaubte er, dass Kovacz seinen Widerstand aufgegeben hatte. Er musste einfach einsehen, dass er gegen die Schwarze Maske keine Chance hatte. Und die Alkoholeinwirkung verlangsamte seine Reaktionsfähigkeit noch mehr. Dennoch wollte der Gangsterjäger sichergehen und den Syndikatsboss fest in der Kontrolle haben.

„Seit wann arbeitet Slim Coughlin für Sie?“, schoss der Maskierte unvermittelt seine erste Frage ab.

In Kovacz’ Augen war für den Bruchteil einer Sekunde ein verräterisches Aufblitzen zu sehen. „Coughlin?“, echote er scheinbar verständnislos. „Kann sein, dass ich den Namen schon mal gehört habe. Aber ich kenne den Burschen nicht.“

„Die dümmste Lüge, die ich je gehört habe“, lachte der Gangsterjäger leise. „Erinnern Sie sich an den großen Rauschgiftprozess vor ungefähr sechs Jahren? Damals hat Coughlin als Zeuge für Sie ausgesagt, und Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Kovacz war verblüfft. Sekundenlang war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht wusste, wie er reagieren sollte. „Hm“, meinte er dann, „kann sein, dass es so war. Man lernt im Laufe der Jahre viele Typen kennen, die man schnell wieder vergisst, weil sie einem nichts bedeuten.“

„Sie sitzen in der Klemme, Kovacz“, prophezeite der Maskierte, „ich habe mir Coughlin vorgeknöpft. Leider hat sich der Gute verplappert. Es ist nur noch eine Frage von Stunden, dann hat die Polizei die nötigen Beweise zusammen.“

Kovacz’ Unterkiefer klappte herunter. Es war die einzige Bewegung, die ihm der stahlharte Griff der Schwarzen Maske gestattete. Trotz des seelischen Tiefschlags, den ihm der Gangsterjäger versetzt hatte, war er immer noch gerissen genug, um nicht zu kapitulieren. „Na und?“, knurrte er. „Die Beweise möchte ich erst mal sehen.“

„Keine Angst, Kovacz. Sie werden früh genug damit zu tun bekommen. Und dann dürfte es endlich zu spät für Sie sein. Ihre Mordanschläge im Zusammenhang mit der Illustrierten-Reportage werden Ihnen das Genick brechen. Sie haben sich selbst ans Messer geliefert!“

Kovacz versuchte verzweifelt, sich aus dem Griff des Gangsterjägers zu befreien. „Damit habe ich nichts zu tun“, heulte er los. „Verdammt noch mal, die Sache geht mich überhaupt nichts an.“

„Die Tatsache, dass Sie davon wissen, genügt mir“, stellte der Gangsterjäger trocken fest. „Hinzu kommt noch die Entführung von Susan Morales. Das dürfte für den Elektrischen Stuhl reichen, Serge Kovacz!“

„Sie reden wirres Zeug!“, zischte der Syndikatsboss entnervt. „Wenn Sie glauben, dass ich Ihnen auf den Leim krieche, sind Sie schief gewickelt. Auf solche Tricks falle ich nicht herein. Außerdem müssten Sie das Ganze erst mal beweisen.“

„Was keine große Schwierigkeit mehr sein dürfte“, versicherte der Maskierte grimmig.

Bei Kovacz riss der Faden. Ruckartig zog er sein rechtes Knie hoch. Gleichzeitig versuchte er, den Gangsterjäger mit einer plötzlichen Vorwärtsbewegung zu Fall zu bringen.

Im letzten Moment konnte der Maskierte dem Knie ausweichen. Dann machte er kurzen Prozess. Das Gespräch mit Kovacz hatte lange genug gedauert. Die Wirkung des Wortwechsels würde mit Sicherheit nicht ausbleiben.

Der Gangsterjäger ließ Kovacz los, wich zur Seite und feuerte im gleichen Augenblick zwei glasharte Handkantenhiebe ab. Wie vom Blitz getroffen sank der Syndikatsboss auf sein gut gefedertes Bett.

Mit wenigen Schritten war der Maskierte beim Fenster. Er schwang sich hinaus und verließ auf leisen Sohlen das Grundstück. Er achtete sorgfältig auf den Stolperdraht, um nicht zu guter Letzt noch einen unnötigen Alarm bei Kovacz’ Leibwache auszulösen. An der Einfriedung zur Straße hin verharrte er einen Moment. Bürgersteig und Fahrbahn waren menschenleer. Der Gangsterjäger sprang über die Mauer und eilte auf das Einsatzfahrzeug zu, das fünfzig Yards entfernt am Straßenrand parkte.

Butch und Silk hatten die Straße während der letzten halben Stunde von den Polstern der Limousine aus beobachtet.

„Es war nichts zu sehen und zu hören“, meinte Silk. „Wir haben vermutet, dass alles glattgegangen ist, Sir.“

Der Gangsterjäger zog die Beifahrertür ins Schloss und streifte die Gesichtsmaske ab. „Eine durchaus richtige Vermutung“, bestätigte er und griff zum Hörer des Autotelefons. „Captain McConnors muss am paar Beamte vom Überwachungsdienst in Marsch setzen. Es wird sich lohnen, Serge Kovacz von jetzt ab nicht mehr aus den Augen zu lassen.“


Details

Seiten
1200
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955927
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
giganten krimi paket september romane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Fred Breinersdorfer (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • Horst Bieber (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

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Titel: Das Giganten Krimi Paket September 2021: Krimi Paket 13 Romane