Lade Inhalt...

Acht Killer im September 2021: Krimi Paket 8 Thriller

von Alfred Bekker (Autor:in) Don Pendleton (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in)
2021 0 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Katzenjammer für einen Killer

Horst Friedrichs: Borgmann und der indische Tod

Horst Friedrichs: Borgmann - Kein Ausweg für Verräter

Horst Friedrichs: Borgmann und die Entführung

Horst Friedrichs: Wes Larkins großer Coup

Alfred Bekker: Wettlauf mit dem Killer

Alfred Bekker: Die teure Kunst des Mordes

Don Pendleton: Die heilige Witwe

Was als Ermittlung gegen einen sizilianischen Mafia-Paten in Dortmund beginnt, wird unverhofft zu einer Ermittlung wegen Entführung. Kriminalrat Borgmann und sein Kollege Karaschewski müssen in Kalabrien nach zwei verschwundenen Frauen suchen, doch die 'Ndrangheta' hat etwas dagegen. Wird es eine Ermittlung mit möglicherweise tödlichem Ausgang?

Leseprobe

Acht Killer im September 2021: Krimi Paket 8 Thriller

Alfred Bekker, Horst Friedrichs, Don Pendleton

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Alfred Bekker: Katzenjammer für einen Killer

Horst Friedrichs: Borgmann und der indische Tod

Horst Friedrichs: Borgmann - Kein Ausweg für Verräter

Horst Friedrichs: Borgmann und die Entführung

Horst Friedrichs: Wes Larkins großer Coup

Alfred Bekker: Wettlauf mit dem Killer

Alfred Bekker: Die teure Kunst des Mordes

Don Pendleton: Die heilige Witwe


Was als Ermittlung gegen einen sizilianischen Mafia-Paten in Dortmund beginnt, wird unverhofft zu einer Ermittlung wegen Entführung. Kriminalrat Borgmann und sein Kollege Karaschewski müssen in Kalabrien nach zwei verschwundenen Frauen suchen, doch die 'Ndrangheta' hat etwas dagegen. Wird es eine Ermittlung mit möglicherweise tödlichem Ausgang?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/


Zum Blog des Verlags

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!



Erfahre mehr über Bücher aus unserem Verlag:

Bücher von Alfred Bekker

Bücher von Henry Rohmer

Bücher von A.F.Morland

Bücher von Manfred Weinland

Bücher von Hendrik M. Bekker

Bücher von Konrad Carisi

Bücher von Wolf G. Rahn

Bücher von Horst Bieber

Bücher von W.A.Hary

Bücher von G.S.Friebel

Bücher von Theodor Horschelt

Bücher von Pete Hackett

Bücher von Cedric Balmore

Bücher von Bernd Teuber

Bücher von Don Pendleton

Bücher von Freder van Holk

Bücher von Horst Friedrichs

Bücher von Glenn Stirling

Bücher von Horst Weymar Hübner

Bücher von Jo Zybell

Bücher von Joachim Honnef

Bücher von Tomos Forrest

Bücher von Stefan Hensch

Bücher von Wilfried A. Hary

Katzenjammer für einen Killer

von Alfred Bekker




Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Die schwarze Katze näherte sich mit geschmeidigen Bewegungen dem rechten Hinterrad der Limousine. Ihre Schritte waren vollkommen lautlos. Sie verharrte regungslos und spitzte die Ohren.

Das breite, weiße Halsband bildete einen starken Kontrast zu dem pechschwarzen, seidigen Fell. An der linken Seite befand sich eine Verdickung - ein streichholzschachtelgroßer, quaderförmiger Gegenstand.

Es handelte sich um eine digitale Mini-Kamera.

Das kleine, nur wenige Millimeter hervorragende Objektiv zeigte in die Blickrichtung des Tieres. Alle dreißig Sekunden machte diese Kamera ein Bild aus der Katzenperspektive, sodass man später nachvollziehen konnte, wo es herumgestreunt war.

Vorsichtig schlich die Katze unter den Wagen. Ihre Pfoten hinterließen Spuren, nachdem sie durch die dunkelrote Flüssigkeitslache gegangen war.

Dann erreichte sie einen lang hingestreckten menschlichen Körper. Blut war aus einer Wunde an der Schläfe geronnen. Ein Augenpaar starrte die Katze starr an. Sie blickte lang genug zurück, sodass der Selbstauslöser der Kamera gemäß seines 30 Sekunden-Rhythmus aktiv wurde und ihre Sicht der Szene auf einen Daten-Chip bannte.



2

Miles Torres war ein dunkelhaariger Lieutenant im Dienst des Yonkers Police Department. Zwanzig Jahre Homicide Squad hatte er hinter sich und dabei alles mit angesehen, was es da an Schrecklichem zu ertragen gab.

Aber der Fall, mit dem Torres an diesem Dienstag konfrontiert wurde, begann so skurril, dass er erst an einen Scherz der Kollegen glaubte.

Er lehnte sich zurück und strich sich nachdenklich über das glatte, dunkle Haar, dessen Ansatz sich bereits in bedenklicher Weise nach oben verlagert hatte.

Sein Blick war auf die Frau gerichtet, die vor ihm in dem stickigen Büro Platz genommen hatte, das Miles Torres seit seiner verspäteten Beförderung zum Lieutenant für sich allein hatte.

Sie war blond. Das gelockte Haar hing ihr als wilde, ungebändigte Mähne über die Schultern herab. Ihr Kleid war sehr eng anliegend und verbarg so gut wie nichts von dem, was darunter war. Ein paar Steine und Ringe machten sofort klar, dass sie nicht in Armut lebte – genauso wie die Designer-Handtasche.

„Ihre Katze hat also einen Mord gesehen“, sagte Torres gedehnt. Einer der Sergeants von den uniformierten Kollegen hatte die Frau zuerst befragt. Erst danach war sie an die Homicide Squad weitergereicht worden und musste nun alles noch einmal von vorn berichten.

„Nein, sie hat keinen Mord gesehen, sondern einen Mann, der ermordet wurde. Eine Leiche mit einem Schussloch im Kopf“, korrigierte die Frau etwas genervt.

Torre blickte auf den Personalbogen, den sein Kollege angelegt hatte. Sie hieß Sabrina McCauly, war 26 Jahre alt, gab an als Tänzerin in einem Club zu arbeiten. Sie wohnte in Yonkers. Torres hielt sie für ein Edel Call Girl, und es juckte ihn, ihren Namen in das Datenverbundsystem NYSIS einzugeben, um nachzusehen, ob sie einmal wegen Prostitution verurteilt oder wenigstens in einem einschlägigen Zusammenhang verhaftet worden war.

Eigentlich interessierte ihn das nur, um die eigene Instinktsicherheit unter Beweis zu stellen. Wenn eine Professionelle erstmal so weit war, dass sie sich solchen Schmuck wie Sabrina McCauly leisten konnte, dann war es fast nicht mehr möglich, ihr das im Bundesstaat New York illegale Gewerbe auch nachzuweisen. In dieser Preisklasse ging es einfach zu diskret vor sich.

Sie beugte sich vor. Ihr Dekolleté kam dabei so gut zur Geltung, dass Torres einen Moment lang abgelenkt war. Zwischen ihren Augen bildete sich eine tiefe Furche. „Hören Sie, Lieutenant, man hat mir gesagt, Sie wären bei der Homicide Squad…“

„Das bin ich auch! Zwanzig Jahre Mordaufklärung!“

„Ich würde es schätzen, wenn mich hier endlich mal jemand ernst nehmen würde! Ich habe ein Verbrechen zu melden – und wenn ich auch nicht selbst die Zeugin bin, so ist meine Katze doch mindestens genauso glaubwürdig.“

„Wo ist Ihre Katze?“, fragte Torres.

„Zu Hause“, erwiderte sie mit schneidendem Unterton. „Sie mag nämlich Männer mit aufdringlichem Parfum nicht. Dann fängt Sie immer an zu kratzen und ich wollte das Risiko vermeiden, deswegen Schwierigkeiten zu bekommen.“

Torres seufzte. „Also noch mal ganz von vorn.“

Sabrina McCauly verdrehte die Augen. „Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was eine Cat Cam ist.“

„Ehrlich gesagt nein.“

„Das ist eine Minikamera, die man seiner Katze am Halsband befestigt. Ein automatischer Auslöser sorgt dafür, dass alle 20 oder 30 Sekunden ein Bild aus der Perspektive der Katze geknipst wird. Man kann auf diese Weise nachträglich ansehen, wo sie gewesen ist, unter welchen Wagen sie nach Mäusen gejagt hat, in welche Keller sie eingestiegen ist und welche anderen Katzen sie getroffen hat.“

Torres schüttelte den Kopf. „Das muss der totale Überwachungsstaat sein, in dem schon nicht einmal mehr Katzen den Kater ihrer Wahl treffen können, ohne dass die Besitzer das mitbekommen!“

„Sie können sich ruhig darüber lustig machen, Lieutenant Torres. Aber mir ist es sehr ernst. Meine Katze hat nämlich bei einem ihrer Streifzüge einen Toten entdeckt, dem jemand eine Kugel verpasst hatte. Jedenfalls sah das für mich Laie so aus. Aber Sie können sich gerne selbst davon überzeugen!“

Sie griff in ihre Handtasche nach ihrer Geldbörse. Aus dem Münzfach holte sie dann einen 1 GB Chip hervor. „Ich hoffe, Sie haben hier einen Computer, der modern genug ist, um diese Dinger lesen zu können. Da sind alle Bilder dieses besagten Ausflugs drauf. Es ist sogar jedes Mal die Zeit angegeben, wann die Kamera ausgelöst wurde.“

Torres’ Gesicht wurde jetzt ernster. Er nahm den Chip und begann seinen Rechner hochzufahren. Als das geschehen war, steckte er den Chip in den Schlitz des integrierten Kartenlesers.

Wenig später erschienen die ersten Bilder auf dem Schirm. Man konnte sich tatsächlich sehr gut vorstellen, wie der Weg der Katze aus ihrer Perspektive ausgesehen hatte. Sie ging über eine Straße. Man konnte Reifen und Radklappen aus der Bodenperspektive bewundern, einen Hundehaufen in Großaufnahme, der einen Rinnstein verstopfe, mehr oder weniger gut geputzte Schuhe von Männern und Frauen, einen Hund, der grimmig die Zähne fletschte und an seinem Halsband riss und dann noch jede Menge Aufnahmen, die offenbar unter parkenden Fahrzeugen gemacht worden waren.

„Was machen Sie normalerweise mit diesen Aufnahmen?“, fragte Torres während er weiterklickte und dabei den abenteuerlichen Weg einer Katze mehr oder weniger lustlos mitverfolgte.

Sabrina McCauly hob das Kinn etwas an. „Es gibt Leute, die stellen diese Bilder ins Internet. Aber das finde ich krank…“

„Sie machen nur einen privaten Diaabend daraus?“

„Da ich Sie nicht einmal dazu einladen würde, wenn Sie der letzte Mann auf Erden wären, kann Ihnen das getrost egal sein!“, versetzte sie schneidend und so schroff, dass Torres sich zu ihr umdrehte.

„Uh, Sie haben ja Haare auf den Zähnen!“, grinste er.

„Sehen Sie besser in die andere Richtung. Das nächste Bild müsste es nämlich sein!“

Torres’ Gesicht veränderte sich, als er das nächste Bild ansah. Er veränderte den Zoom, sodass es etwa größer zu sehen war. Dann verengten sich seine Augen.

Zu sehen war ein Mann, der ausgestreckt dalag – offenbar unter einem parkenden Wagen. Aus einer Wunde an der Schläfe war offenbar sehr viel Blut gesickert. Auf dem Boden konnte man eine dunkelrote Lache sehen, durch die das Tier offenbar durchgetapst war. Torres sah sich auch noch das nächste Bild an. Die Szenerie schien für die Katze interessant genug gewesen zu sein, um etwas länger an dieser Stelle auszuharren. Insgesamt gab es vier Bilder, die den Toten aus leicht veränderten Perspektiven zeigte. Auf einem war das Gesicht besonders gut zu erkennen.

„Sie scheinen da tatsächlich auf etwas gestoßen zu sein“, sagte Torres.

„Das sage ich doch die ganze Zeit.“

„Ich ziehe mir die Bilder von Ihrem Chip herunter. Dann können Sie den Datenträger wieder mitnehmen, falls Sie Ihre Katze…“

„Meinen Sie, die lasse ich in nächster Zeit noch mal raus?“, schnitt Sabrina McCauly ihm das Wort ab. „Was werden Sie jetzt tun?“

„Wir werden in einem gewissen Umkreis um Ihre Wohnung nach Parkplätzen suchen, die als Tatort in Frage kommen. Und natürlich werden sich die Spezialisten unseres Departments die Sache ansehen. Falls der Mann auf dem Bild ein Straftäter war oder aus irgendeinem Grund in unseren Archiven gespeichert ist – zum Beispiel weil er sich für den öffentlichen Dienst oder die Army beworben hat – dann stehen unsere Chancen gar nicht so schlecht, dass wir ihn mit einem Bilderkennungsprogramm identifizieren können.“

„Und falls nicht?“

„Dann ist das noch lange kein Grund aufzugeben, Ma’am. Wir bekommen heraus, wer das ist. Versprochen. Sind Sie in den nächsten Tagen zu Hause?“

„Ich bin Tänzerin in einem Club und arbeite am Abend. Tagsüber treffen Sie mich fast immer in meinem Apartment an. Die Adresse hat Ihr Kollege aufgenommen.“

Torres nickte. „Wir melden uns bei Ihnen. Ganz bestimmt.“



3

Es war dunkel. Die Straßenbeleuchtung war in den Spar-Modus geschaltet. Zwischen ein Uhr nachts und vier Uhr in der Früh brannte nur jede zweite Leuchte. Eine feuchtkalte Nacht in einem Gewerbegebiet am Rand von Yonkers. Nach den zwei Stunden, die wir schon hier draußen waren, gab es wohl niemanden, der nicht fror.

Wir trugen Kevlar-Westen und waren über Headsets funktechnisch miteinander verbunden. Die Dienstwaffe vom Typ SIG Sauer P226 lag schussbereit in meiner Hand. Zwanzig Agenten des FBI Field Office New York waren an diesem Einsatz auf dem Gelände der Speditionsfirma Broderick & Dickins Ltd. in der Braden Street von Yonkers beteiligt. Frank Chessman, ein Informant aus der Szene des illegalen Kunsthandels hatte uns Ort, Zeitpunkt und Beteiligte eines Riesendeals mit illegal eingeführten Asiatika gegeben. Es ging um Kunstgegenstände aus dem Khmer Reich in Kambodscha, dessen legendäre Hauptstadt Angkor vor tausend Jahren neben Bagdad und Kairo eine der wichtigsten Metropolen der Welt gewesen war. Die Umsätze der Kunst-Mafia können inzwischen locker mit denen anderer Zweige des organisierten Verbrechens mithalten und nahmen zwischen dem illegalen Handel mit Drogen, Waffen, Müll, Menschen und Falschgeld einen der vorderen Plätze ein.

Die Gewinne konnten sich sehen lassen und das Risiko erwischt zu werden, war viel geringer als beispielsweise im Drogenhandel, was vor allem damit zu tun hatte, dass es an Kunst-Spezialisten fehlte.

Jetzt warteten wir zusammen mit unseren Kollegen darauf, dass dieser Deal des Jahres, den Frank Chessman uns verraten hatte, auch tatsächlich über die Bühne ging und wir unsere Falle zuschnappen lassen konnten.

Wir versprachen uns sehr viel davon, denn einige der Beteiligten gehörten zu den derzeit aktivsten Mitspielern in diesem illegalen Match. Wir hofften, dass wir durch ihre Festnahme endlich auch einige der Hintermänner dingfest machen konnten. Leute, die die Kunst-Mafia durch ihr Geld und ihre Aufträge überhaupt am Leben hielten, auch wenn sie selbst peinlich genau darauf achteten, sich nicht in die Schusslinie der Justiz zu begeben.

„Langsam könnte dieser O’Reilly aber auftauchen“, raunte mir mein Kollege Milo Tucker zu. Wir hatten uns an der Ecke einer Lagerhalle verschanzt. Der gesamte Bereich war von unseren Kollegen umstellt.

Dan O’Reilly war einer der Kunst-Mafiosi, von denen wir hofften, dass er uns hier in die Falle ging. Eine Spezialität von ihm waren Asiatika aller Art. Er hatte exzellente geschäftliche Kontakte vor allem nach Südostasien und China und verdiente im Jahr dreistellige Millionenbeträge durch den Zwischenhandel mit illegal ausgeführten Kunstgegenständen aus diesen Ländern. Insider nannten ihn einfach „die Drehscheibe“ – und das beschrieb wohl auch seine Position in diesem Business.

Wenn es uns gelang, O’Reilly aus dem Verkehr zu ziehen, wäre das ein entscheidender Schlag gewesen.

Eine Limousine fuhr jetzt auf den Hof der Speditionsfirma. Gleich gefolgt von einem Möbelwagen und einem Van.

Aus dem Van sprangen sechs Mann in dunklen Anzügen. Sie waren mit automatischen Waffen ausgerüstet. Zwei trugen sogar MPis vom israelischen Typ Uzi.

Diese Leibwächter–Truppe verteilte sich und sah sich kurz um.

Einer der Kerle gab dann ein Handzeichen an die Insassen der Limousine. Die Türen wurden geöffnet. Ein Mann im weißen Anzug stieg aus. Das war Jeffrey „White Suit Man“ Jackson, eine große Nummer in der Kunstmafia. Er fiel durch sein exzentrisches Gehabe auf und trug grundsätzlich nur weiße Anzüge. Sein Anfangsvermögen hatte er im Drogenhandel gemacht, war aber früh genug ausgestiegen, bevor man ihm rechtlich etwas anhaben konnte – und vor allem bevor die Konkurrenz ihn aus dem Weg gedrängt hatte. Im Laufe der Jahre hatte er eine mächtige Organisation aufgebaut, die auch vor Mord nicht zurückschreckte, wenn jemand ihre Kreise störte.

Zwei weitere Männer stiegen aus der Limousine. Beide relativ unauffällig. Einer war ein Leibwächter. Er hieß Billy Braganza, war ein eher schmächtiger Mann mit dunkelblondem Haar, der auf den ersten Blick wie ein Bankangestellter wirkte. Braganza war Jeffrey „White Suit Man“ Jacksons Mann fürs Grobe und sein Name wurde mit mindestens fünf Morden in Verbindung gebracht, ohne dass es auch nur in einem Fall überhaupt zur Anklage gekommen war. Spätestens die Vorahnhörung vor der Grand Jury war die Endstation der Ermittlungen gegeben, obwohl sich die Kollegen der Staatsanwaltschaft wirklich alle Mühe gegeben hatten. Aber die Beweise reichten einfach nicht aus und außerdem waren immer wieder wichtige Zeugen im letzten Moment abgesprungen. Bei den Morden, die mit Braganza in Verbindung gebracht wurden, handelte es sich um Taten, die wir als Säuberungsaktionen innerhalb der Organisation interpretierten, die „White Suit Man“ aufgebaut hatte.

Der andere Mann, der mit dem Syndikats-Boss aus dem Wagen gestiegen war, wirkte genauso unscheinbar. Er war klein, etwas übergewichtig und hatte eine hohe Stirn. Sein Name war Brian Patterson. Er war Jacksons Kunstexperte, Spezialist für Süd- und Südostasien. Insbesondere was die Kunst der Khmer anging, hatte er sich einiges an wissenschaftlichen Meriten erworben. Aber in den Diensten eines Mannes wie Jeffrey „White Suit Man“ Jackson konnte Patterson sein Fachwissen natürlich sehr viel besser zu Geld machen, als wenn er sich irgendwo als Leiter eines wissenschaftlichen Instituts an einer Universität anstellen ließen.

Jackson sah auf die Uhr. Er wirkte nervös und ungeduldig. Zwei seiner Männer öffneten den Möbelwagen.

„Die Ladefläche scheint leer zu sein“, meldete sich unser Kollege Jay Kronburg über Headset. Er war so positioniert, dass er einen besseren Blick in den Möbelwagen hatte.

In diesem Moment klingelte ein Handy bei Jackson.

Der Mann im weißen Anzug griff zum Apparat und führte ihn ans Ohr. Unsere Kollegen hatten Richtmikrophone auf den Ort des Deals ausgerichtet, sodass wir jedes Wort mithören konnten.

„Wir warten schon eine Weile! Wenn Sie in fünf Minuten nicht hier sind, sind wir weg und das war’s dann.“

Jeffrey „White Suit Man“ Jackson klappte das Handy ein und steckte es wieder weg. Es handelte sich um ein Prepaid-Mobiltelefon, über das er offenbar solch sensible Geschäftskontakte abwickelte. Wir waren leider nicht in der Lage gewesen, es im Vorfeld abzuhören.

Captain Rick Delvecchio, der Einsatzleiter des Yonkers Police Department, meldete über Funk die Ankunft einer weiteren Limousine und eines Lastwagens auf dem Cumberland Drive, nur wenige Minuten entfernt. Delvecchios Männer waren dafür zuständig, im Notfall Straßensperren zu errichten und das Gebiet weiträumig abzuriegeln. Selbst wenn uns bei dieser Aktion jemand durch die Lappen ging, würde er nicht weit kommen.

Die zweite Limousine erreichte das Firmengelände, gefolgt von einem Mercedes Lastwagen. Ein 7,5-Tonner mit Plane. Dort befand sich vermutlich die Ware, die dann in den Möbelwagen umgeladen werden musste.

Drei Männer stiegen aus der Limousine. Zwei trugen MPis, der dritte schien der Anführer zu sein. Ein breitschultriger, fast kahlköpfiger Mann im Anzug und dunklem Schnauzbart. Wir erkannten ihn von den Fahndungsfotos. Er hieß Blake Davis und war Dan O’Reillys rechte Hand.

„Chessman hat gesagt, dass O’Reilly persönlich den Deal über die Bühne bringt“, raunte Milo mir zu.

„Aber von O’Reilly sehe ich weit und breit nichts, Milo“, stellte ich fest.

„Fragt sich, wie die andere Seite das aufnimmt!“

Jackson schien etwas irritiert zu sein. „Wo ist euer Boss?“, fragte der „White Suit Man“. „Ich verhandele nicht mit der Nummer 2!“

„Dann entgeht Ihnen eine sehr lukrative Ladung zu einem Preis, den Sie sonst nie bekommen würden. Ich bin sogar befugt, noch etwas nach unten zu gehen“, sagte Blake Davis.

„Was Sie nicht sagen…“

„Ihr Gelehrter soll sich die Sachen erst einmal ansehen – und wenn er dann vor Staunen seinen Mund endlich wieder schließen kann, werden wir uns sicher einig!“

Blake Davis machte ein Zeichen. Zwei Männer stiegen aus dem Lastwagen. Sie begannen damit, ihn hinten zu öffnen.

Brian Patterson blickte fragend zu Jackson. Als der Mann im weißen Anzug ihm zunickte, ging er zur Rückfront des Lastwagens, ließ sich auf die Ladefläche helfen und begann damit, den Inhalt der Kisten zu überprüfen, die sich dort befanden. Die Schweinwerferkegel von Taschenlampen kreisten durch die Gegend.

Einige Augenblicke lang sagte niemand ein Wort.

„Ich nehme an, Sie haben das Geld bar dabei, wie abgemacht“, sagte Blake Davis.

Jeffrey Jackson schnipste mit den Fingern. Billy Braganza ging daraufhin zum Kofferraum von Jacksons Limousine und holte ein Diplomatenköfferchen heraus.

„Darf ich mal sehen?“, fragte Davis. Unter dem Jackett des Kahlkopfs zeichnete sich eine großkalibrige Waffe im Schulterholster ab. Seine Begleiter wirkten nervös. Zahlenmäßig waren sie in der Unterzahl.

Jeffrey Jackson sagte an Billy Braganza gewandt: „Gib dem Mann ein Bündel Scheine. Den Rest kriegt er zusehen, wenn unser Schlaukopf grünes Licht gibt!“

„Okay, Boss.“

Braganza öffnete den Koffer, sodass Davis kurz hineinsehen konnte. Dann nahm er ein Bündel Scheine heraus und warf es Davis zu. Dieser fing es sicher mit der Linken. Davis sah sich die Scheine an. Er hielt sie ins Licht eines Autoscheinwerfers. Es schien alles in Ordnung zu sein.

Brian Patterson kehrte ein paar Minuten später zurück.

Auf Seiten unserer Einsatzkräfte waren natürlich jetzt die Nerven bis auf das Äußerste gespannt. Der Deal musste über die Bühne gegangen und dokumentiert worden sein, damit das ganze juristisch entsprechend ausgewertet werden konnte. Wenn Geld und Ware eindeutig den Besitzer gewechselt hatten, waren wir auf der sicheren Seite. Erst wenn dass geschehen war, durften wir zuschlagen.

„Alles klar, Mister Jackson“, wandte sich Brian Patterson an seinen Boss. „Die Ware macht einen exzellenten Eindruck. Ich kann natürlich in der Kürze der Zeit keine Expertise machen, aber es scheint alles in Ordnung zu sein.“

Der Mann im weißen Anzug verzog das Gesicht.

„Ich weiß nicht… Mir wäre es lieber, wenn O’Reilly persönlich anwesend wäre. So war es auch abgemacht.“

„Wir gehen mit dem Preis herunter…“, lenkte Davis ein.

Jackson hob die Schultern. „Wie gesagt, so ein Deal ist Vertrauenssache. Bei O’Reilly wusste ich, dass er nicht versucht, mich zu bescheißen. Und eigentlich mache ich keine Geschäfte mit Leuten, denen ich nicht hundertprozentig vertraue.“

Blake Davis wirkte nervös.

„Zwanzig Prozent Nachlass. Das müsste Ihre Bedenken doch zerstreuen.“

„Und wenn ich bei einer genaueren Untersuchung feststelle, dass Sie mir Müll angeboten haben?“

„Wir wollen weiter mit Ihnen Geschäfte machen, Mister Jackson. Das würden wir daher nicht versuchen!“

Jackson verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Sie sollten nicht einmal daran denken, Davis! Sonst Sie nämlich ein toter Mann.“

„Entscheiden Sie sich jetzt. Es ist nicht so, dass Sie der einzige Interessent für die Ware sind.“

Jackson überlegte. Dann beriet er sich kurz mit seinem Kunstexperten Patterson – und zwar so leise, dass wir nichts davon mitbekamen.

Schließlich stimmte er zu. Der Kaufpreis wurde um zwanzig Prozent gemindert. Billy Braganza nahm ein paar Bündel mit Geldscheinen aus dem Koffer, dann übergab er ihn Davis. Dieser reichte ihn zum Nachzählen an einen seiner beiden Leute.

In diesem Moment gab unser Kollege Clive Caravaggio, seines Zeichens stellvertretender Leiter des FBI Field Office New York, das Zeichen zum Zugriff.



4

Eine Megafonstimme ertönte. „Hier spricht das FBI! Sie sind verhaftet! Legen Sie die Waffen auf den Boden und heben Sie die Hände. Das Gelände ist umstellt…“

Das Gesicht von Blake Davis veränderte sich. Er riss eine Automatik unter dem Jackett hervor. Seine beiden Leibwächter griffen zu den MPis. Die Waffen knatterten los. Blutrot leckte das Mündungsfeuer aus den kurzläufigen Waffen.

Jeffrey „White Suit Man“ Jackson zuckte unter einem halben Dutzend Kugeln. Getroffen brach er zusammen. Brian Patterson warf sich zu Boden und blieb bewegungslos liegen. Billy Braganza und Jacksons andere Leibwächter feuerten wild um sich. Sowohl auf uns, als auch auf Blake Davis und seine Männer. Die Frontscheibe des Lastwagens mit den Khmer-Kunstgegenständen ging zu Bruch. Der Fahrer und der Beifahrer versuchten sich in Sicherheit zu bringen.

Blake Davis erreichte um sich schießend seine Limousine. Der Fahrer hatte bereits ein Stück zurückgesetzt. Davis riss die Tür auf und hechtete hinein, während der Wagen mit quietschenden Reifen davon fuhr.

Doch er kam nicht bis zur Straße.

Ein Ford aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft schnellte auf die Ausfahrt zu und blieb nach einer Vollbremsung stehen.

Davis’ Limousine war der Weg versperrt. Zwei Männer sprangen mit der Waffe im Anschlag aus dem Ford. Es war unser Kollege Jay Kronburg und sein Dienstpartner Leslie Morell.

Leslie feuerte der Limousine in den vorderen rechten Reifen. Der Wagen blieb stehen.

Billy Braganza rannte in unsere Richtung.

Offenbar hoffte er auf der dunkleren Rückseite, der zu der Speditionsfirma gehörenden Lagerhalle, abtauchen zu können. Dort schloss sich ein Parkplatz an, auf dem mehrere Trucks standen. Und der Zaun, der das Firmengelände von den Nachbargrundstücken abgrenzen sollte, wies ein paar Lücken auf, an denen der Maschendraht schon einmal aufgeschnitten worden war.

Billy Braganza spurtete los, als wir aus unserer Deckung kamen.

„Keine Bewegung! FBI!“, rief ich.

Er stand wie erstarrt da. Wir kamen hinter der Ecke der Lagerhalle hervor.

Braganza feuerte sofort. Ohne zu zögern. Milo bekam die volle Ladung ab. Die Wucht des Schusses ließ ihn rückwärts zu Boden gehen. Ich feuerte nur den Bruchteil einer Sekunde später. Meine Kugel traf Braganza in die Brust. Das Projektil riss seine Kleidung auf. Darunter kam grauer Kevlar zum Vorschein.

Er taumelte zurück, schnappte nach Luft und prallte mit dem Rücken gegen das Wellblechtor der Lagerhalle. Dort rutschte er zu Boden.

Die kugelsichere Weste, die er offenbar trug, hatte zwar verhindert, dass das Geschoss in seinen Körper eindrang, dessen Wucht aber damit nur auf eine größere Fläche verteilt. Die Wirkung war mit einem kräftigen Tritt vergleichbar. Blaue Flecken und möglicherweise sogar ein paar gebrochene Rippen konnten die Folge sein - je nachdem, wo man getroffen wurde.

Braganzas Rechte krallte sich immer noch um die Waffe. Er riss die Pistole erneut hoch.

„Weg damit!“ rief ich.

Braganza zögerte einen Augenblick zu lang.

Er atmete schwer. Der Aufprall des Projektils musste ihm schwer zu schaffen machen.

„Der nächste geht in den Kopf!“, kündigte ich an. „Also weg mit der Waffe!“

Einen Augenblick lang hing alles in der Schwebe. Braganzas Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Endlich sah er ein, dass er keine Chance mehr hatte. Bevor er richtig auf mich zielen und abdrücken konnte, hätte ihn mein Schuss getötet. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn nicht verfehlte, schätzte er offenbar hoch genug ein, um die Waffe sinken zu lassen. Ich ging auf ihn zu und nahm die Waffe an mich, die er auf den Boden hatte sinken lassen.

„Milo?“, rief ich.

„Es geht schon!“, ächzte mein Partner. Braganzas Kugel hatte ihn ebenfalls in die Kevlar-Weste getroffen, die wir bei solchen Einsätzen tragen müssen. In diesem Fall hatte dieses Kleidungsstück ihm zweifellos das Leben gerettet.

Unser indianischer Kollege Orry Medina war inzwischen auch aus der Deckung gekommen. Er half Milo auf, während ich Billy Braganza die Handschellen anlegte.

„Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie von diesem Recht keinen Gebrauch machen, kann und wird alles vor Gericht gegen Sie verwendet werden, was Sie von nun an sagen…“

„Sparen Sie sich Ihre Sprüche!“, knurrte Braganza. „Ich kenne mich aus!“

„Das glaube ich gerne! Aber diesmal wird Sie Ihr Anwalt wohl kaum heraushauen!“, war ich überzeugt. Schließlich war alles auf Video dokumentiert.



5

Überall klickten jetzt die Handschellen. Die Gefangenen wurden – sofern sie unverletzt waren, in verschiedene Einsatzwagen gebracht, um sie zum Field Office abzutransportieren. Der Emergency Service traf schon nach wenigen Minuten ein, um die Verletzten zu versorgen.

Für Jeffrey „White Suit Man“ Jackson kam jedoch jede Hilfe zu spät. Ein halbes Dutzend Schüsse von Blake Davis waren ihm in den Oberkörper gefahren und hatten seinen schneeweißen Anzug zerfetzt. Allerdings hatte er darunter eine Kevlar-Weste getragen, sodass er daran nicht gestorben war.

Getötet hatte ihn ein Treffer in den Kopf und eine Kugel, die ihm in den Hals gefahren und in der Wirbelsäule stecken geblieben war.

Die Ballistiker würden eine Menge zu tun haben, um genau rekonstruieren, wer in welcher Reihenfolge welchen Schuss abgegeben hatte.



6

Zwei Stunden später saßen wir Billy Braganza in einem der Verhörräume in unserem Field Office an der Federal Plaza 26 gegenüber. Braganza war ärztlich behandelt worden. Meine Kugel hatte dafür gesorgt, dass er jetzt ein ziemlich großes Hämatom am Oberkörper hatte. Aber es war nichts gebrochen. So lange er weder einen Hustenanfall bekam oder lachte, ging es ihm einigermaßen gut.

Milo ging es ganz ähnlich, auch wenn er etwas besser dran war, was vielleicht mit der Qualität der verwendeten Weste zu tun hatte. Die Westen, die wir bei unseren Einsätzen verwenden, trägt man normalerweise über der Kleidung. Das heißt, sie sind dicker und enthalten mehr Lagen der hochwertigen Kunststofffasern, die das Geheimnis dieser Schutzwesten sind. Braganza hingegen hatte eine sehr dünne Weste getragen, damit sie unter der Kleidung nicht gleich auffiel.

Parallel zu unserem Verhör von Braganza nahm sich unser Kollege Clive Caravaggio zusammen mit dem Verhörspezialisten Dirk Baker den Urheber der Schießerei in einem anderen Raum vor: Blake Davis, die Nummer zwei in O’Reillys Organisation.

„Sie sollten mit uns kooperieren, Mister Braganza“, sagte ich. „Die Videoaufzeichnungen belegen, dass Blake Davis auf Jeffrey ‚White Suit Man’ Jackson gefeuert hat. Ob auch der tödliche Schuss von ihm oder einem seiner Komplizen kam, wird erst die ballistische Untersuchung zweifelsfrei nachweisen, aber eigentlich habe ich nach Ansicht der Video-Aufzeichnungen wenig Zweifel daran.“

„Dieser Bastard!“, knurrte Braganza vor sich hin.

„Wen meinen Sie jetzt?“, mischte sich Milo ein. „Davis? Oder Jackson!“

„Ich sage nichts“, sagte Braganza. „Erst will ich meinen Anwalt sprechen!“

„Ihr Anwalt ist auf dem Weg hier her“, erklärte ich ihm. „Aber ich dachte, ich mache Ihnen trotzdem vorher schon mal Ihre Lage klar: Davis hat mit der Schießerei angefangen und er wird wohl wegen Mordes verantworten müssen. Alles was danach geschah, einschließlich Ihres tätlichen Angriffs auf zwei FBI-Beamte, ist rechtlich unterschiedlich interpretierbar. Schließlich hätte wahrscheinlich niemand geschossen, wenn Davis nicht zur Waffe gegriffen hätte!“

„Was wollen Sie jetzt? Mir ein Angebot machen?“, fauchte Braganza.

„Sie kommen vielleicht mit einem blauen Auge davon“, sagte ich.

Und Milo ergänzte: „Aber das läuft nur, wenn Sie jetzt gleich mit uns kooperieren.“

„Ich warte auf ein Angebot des Staatsanwalts“, sagte Braganza.

„Dann warten Sie vielleicht zu lang, denn es könnte sein, dass bis dahin Ihre Aussage gar nichts mehr wert ist, weil wir die Informationen inzwischen auf anderem Weg erlangt haben.“

„Na, wenn Sie gar nicht auf mich angewiesen sind…“

„…dann sollten wir uns vielleicht auch nicht länger mit ihm aufhalten“, meinte ich. „Es wird uns sicher auch jemand anders verraten, weshalb Dan O’Reilly diesen größten Deal seiner Kartiere als illegaler Kunsthändler verpasst hat!“

Das war nämlich die entscheidende Frage für uns. Unser Informant Frank Chessman hatte uns versichert, dass O’Reilly den Deal selbst machen würde. Geschäfte dieser Größenordnung basierten auf persönlichem Vertrauen der Beteiligten. Und an Jeffrey „White Suit Man“ Jacksons Reaktion war auch deutlich zu sehen gewesen, wie irritiert er darüber gewesen war, nicht O’Reilly persönlich anzutreffen.

Braganza schwieg. Er lehnte sich zurück.

„Wieso kommen Sie darauf, dass ich darüber etwas wüsste? Fragen Sie besser Davis’ Leibwächter – sofern Sie noch antworten können!“

Die Leibwächter von Blake Davis wurden derzeit in der Gefängnisklinik von Rikers Island behandelt. Sie hatten beide schwere Schussverletzungen davongetragen und es würde wohl noch ein paar Tage dauern, bis sie vernehmungsfähig waren.

Aber es hatte einen guten Grund, dass wir uns in dieser Sache Braganza vornahmen.

„Unser Labor nimmt sich gerade Ihr Prepaid-Handy vor, Mister Braganza. Die Kollegen sind noch lange nicht fertig damit, aber Sie haben anderthalb Stunden vor dem Deal ein Gespräch mit Blake Davis geführt! Die Nummer passt jedenfalls zu dem Prepaid Handy, dass wir bei Mister Davis sichergestellt haben.“

Braganza war blass geworden.

Milo sagte: „Ist doch merkwürdig, dass der Leibwächter von des ‚White Suit Man’ beim Stellvertreter eines Handelspartners anruft, der dann wenig später seinen Herrn und Meister bei einem Riesen-Deal vertritt!“

„Warum finden Sie das merkwürdig?“, fragte Braganza. „Möglicherweise habe ich ja in Mister Jacksons Auftrag dort angerufen, um mich zu erkundigen, ob alles glatt gehen wird.“

„Wie praktisch, dass wir Mister Jackson nicht mehr fragen können“, erwiderte ich kühl.

„Es war aber genau so, wie ich sage! Ich habe Davis angerufen und gefragt ob alles glatt geht.“

„Und? Was hat er gesagt?“

„Er hat es bestätigt.“

„Hat Davis irgendetwas davon gesagt, dass O’Reilly nicht persönlich erscheinen wird?“

„Nein, natürlich nicht. Wenn er das gesagt hätte, wären wir gar nicht gekommen. Die Sache ist eigentlich auch noch etwas anders.“

„Wie?“

„Das Prepaid-Handy, das ich anrufen habe, gehörte O’Reilly. Nicht Davis. Ich habe mehrfach mit O’Reilly über diese Nummer gesprochen und den Deal abgemacht…“

Ich runzelte die Stirn. „Sie? O’Reilly hat sich damit zufrieden gegeben, mit dem Leibwächter zu sprechen anstatt mit dem Boss?“

„’White Suit Man’ hatte eine panische Angst davor abgehört zu werden.“

„Was bei einem Prepaid Handy sehr unwahrscheinlich ist.“

„Aber nicht unmöglich! Er wollte einfach nicht, dass seine Stimme irgendwann mal aufgezeichnet und identifiziert wird, deswegen, habe ich diese Gespräche für ihn geführt. O’Reilly wusste das – und vielleicht hätte er sich auch bei niemand anderem darauf eingelassen. Aber es war sehr wichtig für Reilly, mit ‚White Suit Man’ ins Geschäft zu kommen.“

Ich lehnte mich zurück, wechselte einen kurzen Blick mit Milo und fragte dann. „Und Sie haben sich nicht gewundert, dass Sie nur Davis am Apparat hatten?“

„Er hat es mir plausibel erklärt.“

„Wie?“, hakte ich nach.

„Im Hintergrund war eine Frau zu hören und Davis hat erzählt, dass O’Reilly gerade mit ihr herummachen würde und deswegen nicht zu sprechen sei…“

„Anderthalb Stunden vor einem Deal, der für ihn angeblich so wichtig war?“, fragte jetzt Milo. „Was erzählen Sie uns da eigentlich für eine Geschichte?“

„Es ist die Wahrheit. Was hätte ich davon, Sie anzulügen? Sie haben mir meine Situation ja klar eindringlich klar gemacht. Und mein Boss lebt nicht mehr.“ Er atmete tief durch. „Ihre Leute haben ihn ja erschossen.“

„Blake Davis hat Ihren Boss erschossen!“, korrigierte ich ihn.

„Ist das etwa nicht einer Ihrer Spitzel? Genau wie O’Reilly, der sich wohl schon abgeseilt hatte. Als er nicht bei dem Deal auftauchte, war mir klar, dass das Ganze eine Falle war. Hat sich dann ja auch so herausgestellt…“

„Und was denken Sie, warum hat Davis sofort geschossen?“, fragte Milo.

Braganza zuckte mit den Schultern. „Ich schätze er wollte nichts riskieren. Seine Leute waren in der Unterzahl…

In diesem Moment flog die Tür des Verhörzimmers zur Seite. Ein groß gewachsener Mann im grauen Dreiteiler trat ein. Seine Haare passten farblich dazu. „Barry Ransom von Ransom & Associates. Der Zirkus hier ist zu Ende. Ich bin Mister Braganzas Anwalt.“

Er trug eine abgewetzte Aktentasche, die überhaupt nicht zu dem piekfeinen Rest seines Outfits passte. Offenbar hatte sie irgendeine ideelle Bedeutung für ihn. Vielleicht hatte er sie schon, als er seinen ersten Prozess gewann.

Ransom wandte sich an mich. „Lassen Sie mich bitte mit meinem Mandanten allein.“

„Kein Problem. Er hat bereits eine Aussage gemacht.“

„Die wir anfechten werden.“

„Warum? Sie könnte sich positiv für ihn auswirken!“

„Das können weder Sie noch er wirklich beurteilen. Und jetzt lassen Sie uns allein oder Sie fangen sich eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein, weil Sie einem Verhafteten seine verfassungsmäßigen Rechte vorenthalten.“

Ransom wollte offenbar gleich klarstellen, wer hier der Platzhirsch war. Wir gingen auf den Flur.

„Dieser Kerl hat den Charme einer Dampfwalze“, sagte Milo.

Ich zuckte mit den Schultern „Das muss sein Erfolgsgeheimnis sein. Dieser Ransom hat Braganza doch schon mehrere Male herausgepaukt.“

„Aber diesmal nicht.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“



7

Es dauerte nur fünf Minuten, bis Ransom in den Flur trat. „Mein Mandant wird kein Wort mehr sagen“, erklärte er. „Wer von Ihnen beiden ist Agent Trevellian?“

„Das bin ich.“

„Sie haben meinen Mandanten mit einem potenziell tödlichen Schuss in die Brust niedergestreckt. Dass er eine Kevlar-Weste unter der Kleidung trug, konnten Sie ja nicht ahnen!“

„Er hat auf meinen Partner geschossen!“

„Werden Sie nicht darauf trainiert auf Arme oder Beine zu schießen?“

„In diesem Fall ging es um einen lebensbedrohlichen Angriff auf einen FBI-Agenten“, erklärte ich. „Ich hatte keine andere Wahl, als so zu schießen, dass eine mannstoppende Wirkung erzielt wird!“

„Ist das bei Ihnen die spezielle Ausdrucksweise für besondere Rücksichtslosigkeit und Polizeibrutalität?“

„Nein. Das ist die besondere Ausdrucksweise für eine eindeutige Notwehrsituation, die mein Vorgehen rechtfertigt.“

Ein dünnes Lächeln spielte um seine blutleeren Lippen.

„Ich teile Ihre Sicht der Dinge nicht, Agent Trevellian. Und die Öffentlichkeit wird es auch kaum gutheißen, wenn schießwütige Polizisten selbst zu einem Sicherheitsrisiko werden.“

„Sie verdrehen die Tatsachen, Ransom!“

Er lächelte kalt. „Bin wirklich ich der derjenige, der hier etwas verdreht?“

„Die ganze Szene ist auf Video dokumentiert. Ich habe mir nichts vorzuwerfen!“

„Wir werden sehen, ob die Geschworenen das genauso sehen, Agent Trevellian“, sagte Ransom.

Damit zog er ab. Ich sah ihm ziemlich perplex nach. Mit vielem hatte ich gerechnet – aber nicht damit.

„Der kommt damit nicht einmal bis vor die Grand Jury!“, war Milo überzeugt.

„Ich hoffe du hast Recht! Aber jemand, der in der Vergangenheit dafür gesorgt hat, dass Billy Braganza keinen einzigen Tag im Knast verbringen musste, dem traue ich alles zu!“

„Jesse, der will sich nur wichtig machen und dich einschüchtern. Das ist alles.“

Ich atmete tief durch. „Na, hoffentlich!“



8

Braganza hielt sich von an die Anweisungen seines Anwalts. Er redete kein einziges Wort mehr mit uns. Aber die entscheidende Information hatten wir bereits.

Eine halbe Stunde später sprachen wir mit unserem Kollegen Agent Dirk Baker, der mit Blake Davis gesprochen hatte.

„Ein harter Brocken!“, meinte Baker. „Er hat wohl gedacht, dass Jackson mit der Polizei zusammenarbeitet und deswegen sofort auf ihn geschossen. Er war mit seinen Leuten in der Minderzahl…“

„Und deswegen musste er gleich losballern?“, fragte ich zweifelnd. „Ich glaube wir müssen noch mal genauer darauf eingehen, wer hier wem eine Falle stellte.“

„Was willst du damit sagen, Jesse?“, fragte Baker.

„Vielleicht hatte O’Reilly einen guten Grund, um nicht dort zu erscheinen, wo der Deal über die Bühne ging. Und es leuchtet mir nach wie vor ebenso wenig ein, wieso Blake Davis gleich geschossen hat!“

„Er sagt, er sei in Panik gewesen“, berichtete Baker. „Er habe gedacht, dass er schießen muss! Schließlich sei die andere Seite zahlenmäßig überlegen gewesen!“

„Überzeugt mich nicht“, sagte Milo.

Dirk verschränkte die Arme vor der Brust. „Mich auch nicht – und vor den Geschworenen wird er mit dieser Tour wohl kaum Glück haben.“

„Hat er irgendetwas dazu gesagt, weshalb O’Reilly nicht am Ort des Deals erschienen ist?“

„Nein.“

Eigentlich hätten wir Dirk Baker gerne bei der nächsten Runde des Verhörs begleitetet. Aber stattdessen wurden wir ins Besprechungszimmer unseres Chefs gerufen.

Irgendetwas Dramatisches hatte sich getan.



9

Mr Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York, nippte an seinem Kaffeebecher und machte ein sehr ernstes Gesicht. Er nickte uns kurz zu, als wir den Eingang seines Büros betraten. Wir setzten uns. Offenbar wartete er noch auf ein paar Kollegen. Clive und Orry waren bereits dort. Wenig später tauchten noch Jay und Leslie, sowie Max Carter, ein Innendienstmitarbeiter aus der Fahndungsabteilung auf. Zu guter letzt erschien noch Agent Dirk Baker. Was ihn noch aufgehalten hatte, wusste ich nicht.

„Ich reiße Sie ungern aus Ihrer Arbeit heraus, aber es gibt etwas, worüber Sie umgehend Kenntnis haben sollten“, eröffnete Mr McKee. Er wandte sich an Max Carter. „Sie haben das Wort, Max.“

„Danke Sir.“

Max aktivierte den Beamer seines Laptops.

Ein paar Aufnahmen aus einer sehr eigenartigen, bodennahen Perspektive folgten. „Der letzte Schrei hier in New York ist es derzeit, die eigene Katze mit einer Mini-Kamera auszurüsten, die in regelmäßigen Abständen Bilder knipst. Auf diese Weise kann der Katzenbesitzer dann nachträglich mitverfolgen, wo sich sein Stubentiger so herumgetrieben hat“, berichtete Max. „So etwas nennt man eine Cat Cam. Es gibt im Internet inzwischen zahlreiche Seiten, auf denen Cat Cam User ihre Katzenbilder präsentieren.“

„Schön und gut, aber was hat das mit einem geplatzten Deal mit Khmer-Kunst zu tun?“, fragte Dirk Baker.

„Der Zusammenhang ist hier!“, erklärte Max und drückte dabei auf die Fernbedienung seines Beamers. Das Bild, das nun zu sehen war, zeigte einen Mann, der offenbar tot war. An der Schläfe gab es eine Wunde, die wie eine Schussverletzung aussah und eine Blutlache ergoss sich auf den Boden.

Max zoomte das Bild nähe ran, sodass nun das Gesicht besser zu sehen war. „Das hier ist Dan O’Reilly“, erklärte unser Kollege aus dem Innendienst der Fahndungsabteilung. „Jedenfalls sagt das unser Bilderkennungsprogramm. Insgesamt zwölf telemetrische Punkte stimmen mit den Aufnahmen, die wir von O’Reilly haben überein. Damit gilt er als identifiziert.“

Ein weiteres Bild aus leicht veränderter Perspektive folgte. Offenbar lag der Tote unter einem parkenden Fahrzeug.

„Woher stammen diese Aufnahmen?“, fragte Milo.

„Eben von einer solchen Cat Cam. Die Katze hatte offenbar ein Faible für Parkplätze und die Jagd im Schatten von Autos. Man beachte die Angabe von Datum und Uhrzeit im oberen linken Eck. Dadurch ist nachvollziehbar, wann die Aufnahmen entstanden sind, nämlich gestern Mittag. Wir können von Glück sagen, dass sich die Besitzerin der betreffenden Katze die Aufnahmen gleich angesehen hat und dies nicht erst nach Wochen geschah. Die Frau heißt Sabrina McCauly und wohnt in Yonkers. Sie hat sich umgehend an die dortige Polizei gewandt, die den Toten mit Hilfe des Bilderkennungssystems identifizierte. Sobald das abgeschlossen war, hatte wohl niemand mehr Zweifel daran, dass das ein Fall für uns ist. Dan O’Reilly ist schließlich kein unbeschriebenes Blatt.“

„Dann wird uns Blake Davis noch ein paar Fragen zu beantworten haben“, stellte ich fest. Die anderen wandten den Blick in meine Richtung.

„Wovon sprechen Sie, Jesse?“, fragte Mr McKee.

„Billy Braganza hat anderthalb Stunden vor Ablauf des Deals mit Davis telefoniert. Er sagt, dass sein Boss eine Art Telefonphobie hatte, weil er befürchtete abgehört zu werden. An O’Reillys Apparat meldete sich Davis und behauptete, dass O’Reilly gerade mit einer hübschen Lady beschäftigt und nicht zu sprechen sei, aber man sich darauf verlassen könne, dass alles glatt ginge.“

„Anderthalb Stunden vor dem Deal?“, echote Mr McKee. „Zu diesem Zeitpunkt war O’Reilly offensichtlich schon tot!“

„Genau“, nickte ich.

„Leider wissen wir noch immer nicht, wo diese Aufnahme gemacht wurde“, sagte Max Carter. „Die Polizei von Yonkers sucht nach wie vor alle Parkplätze und Fahrzeuge ab, die als zumindest zeitweilige Ruhestätte von Mister O’Reilly in Frage kämen. Das sind natürlich in erster Linie alle Parkgelegenheiten in einem gewissen Umkreis um Sabrina Dohertys Wohnung.“

„Ich hoffe, dass sie bald Erfolg damit haben“, meinte Mr McKee.



10

Wir begleiteten Dirk Baker zur weiteren Befragung von Blake Davis. Wir konfrontierten ihn mit den Bildern von O’Reilly. „Zu einem Zeitpunkt, da Ihr Boss längst tot war und Sie wussten, dass er nicht zum Deal erscheinen konnte, haben Sie gegenüber Braganza das Gegenteil behauptet“, stellte ich fest. Zuvor hatte Dirk Baker ihm schon eindringlich seine rechtliche Situation klargemacht. Schließlich hatte Blake Davis die Schießerei begonnen. Wenn er nicht zur Waffe gegriffen hätte, wäre vielleicht überhaupt kein weiterer Schuss gefallen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte er darüber hinaus Jackson auf dem Gewissen. Die Videoaufzeichnungen zeigten das so eindeutig, dass man nicht erst die ballistischen Untersuchungen abwarten musste, um dies als gegebene Tatsache anzusehen.

Auf einen Anwalt hatte Davis bisher verzichtet.

Allerdings wäre es uns in diesem Fall durchaus lieber gewesen, wenn er einen Rechtsbeistand gehabt hätte, dem er vielleicht eher den Ernst seiner Lage geglaubt und ihn zur Kooperation hätte überreden können.

„Jetzt zieht sich die Schlinge zu, Mister Davis“, stellte Dirk Baker fest. „Irgendwann – und zwar in Kürze – wird die Polizei von Yonkers diesen Wagen und die Leiche finden. Und falls sie etwas damit zu tun haben, Mister Davis, dann werden sich dort auch Spuren von Ihnen finden! So gut ist niemand, dass er das vollkommen vermeiden kann! Dazu sind die technischen Möglichkeiten, die wir heute haben auch viel zu weit fortgeschritten! Selbst kleinste Partikel, Hautreste, DNA-Material oder Faserspuren reichen heute schon für eine Analyse aus! Also, wenn Sie etwas zu sagen haben, dann sollten Sie das wirklich jetzt tun! Ein Anwalt würde Ihnen da auch nichts anderes raten!“

„Was wollen Sie denn von mir? Mir vielleicht den Mord an O’Reilly anhängen?“, fuhr Davis nun auf. „Warum sollte ich denn so etwas tun? Das ist doch alles Blödsinn, was Sie mir da vorhalten?“

„Vielleicht haben Sie es nicht mehr ausgehalten, die Nummer zwei in O’Reillys Organisation zu sein“, sagte ich. „Vielleicht wollten Sie an seine Stelle treten und haben ihn kurz vor dem großen Deal aus dem Weg geräumt, um von nun an die Geschäfte selbst übernehmen zu können.“

„Das ist nicht wahr!“, zeterte er.

„Dann klären Sie uns doch darüber auf, was wahr ist!“, erwiderte ich. „Sie haben nichts mehr zu verlieren! Sie haben Jeffrey ‚White Suit Man’ Jackson auf dem Gewissen – und noch Ihren eigenen Boss!“

„Ich will jetzt doch einen Anwalt!“, erklärte er.

Das war sein gutes Recht. Und er würde einen Rechtsbeistand angesichts seiner Lage auch zweifellos nötig haben.



11

Wir fuhren nach Yonkers. Sabrina McCauly wohnte in einem luxuriösen Appartement Haus in der 223 Balmore Road. Die Kollegen vom Yonkers Police Department hatte sie überprüft. Es gab eine Vorstrafe wegen Drogenkonsums, aber da war sie noch minderjährig gewesen. Außerdem eine anonyme Anzeige wegen Prostitution, die aber im Sande verlaufen war und nicht zu einem Verfahren geführt hatte. Den Kollegen vom YPD hatte sie angegeben, in einem Club als Tänzerin zu arbeiten.

Als wir an ihrer Tür klingelten, öffnete uns eine gut aussehende Blondine in einem atemberaubend engen und zweifellos sehr teuren Kleid.

Milo und ich zeigten ihr unsere Ausweise und wir stellten uns kurz vor.

„Special Agent Jesse Trevellian, FBI – und dies ist mein Kollege Special Agent Milo Tucker. Ich hoffe, wir kommen nicht gerade ungelegen“, sagte ich, weil sie so aussah, als wolle sie ausgehen.

Sie blickte auf die Uhr und schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin erst in einer Stunde verabredet.“ Sie bat uns herein und bot uns in dem großzügig ausgestatteten Wohnzimmer einen Platz an. An den Wänden hingen sehr modern wirkende Gemälde.

„Setzen Sie sich. Und wenn ich Ihnen einen Drink anbieten darf…“

„Wir sind im Dienst“, wehrte Milo ab.

Sie sah uns prüfend an und zuckte dann mit den schmalen Schultern.

„Wie Sie meinen!“

Eine schwarze Katze fiel mir auf, die uns aufmerksam zu beobachten schien. Vollkommen lautlos bewegte sie sich über den Teppichboden. Sabrina McCauly bückte sich, um sie auf den Arm zu nehmen. Aber die Katze hatte offenbar andere Pläne. Sie fauchte und sprang davon. Sabrina richtete sich wieder auf und setzte sich dann zu uns. „So ist das eben“, meinte sie. „Wenn man ein Kuscheltier sucht, sollte man sich einen Hund anschaffen – und keinen Kater. Die haben ihre eigenen Vorstellungen und dass sie einem aufs Wort gehorchen oder dergleichen, funktioniert schon mal gar nicht.“

„Wie heißt das Tier denn?“, fragte Milo.

„Willy. Ein edles Rassetier. Wenn ich ihn rauslasse, dann schnalle ich ihm jetzt immer seine Cat Cam um. Ich bin erst vor kurzem darauf gestoßen, dass man auf diese Weise verfolgen kann was so ein Tier da draußen so treibt…“ Eine dunkle Röte überzog nun ihr feingeschnittenes Gesicht. Sie schluckte. „Wenn ich gewusst hätte…“ Ihre Stimmte erstickte und sie schüttelte den Kopf und wich meinem Blick aus.

„Möglichweise wird Ihr Kater Willy dazu beitragen, ein Verbrechen aufzuklären“, sagte ich und musterte sie dabei. Ihr Verhalten wirkte reichlich theatralisch, aber das schien ihre Art zu sein.

Sie erwiderte jetzt plötzlich meinen Blick und fragte: „Diese Dorfpolizisten vom Yonkers Police Department haben mich zuerst überhaupt nicht ernst genommen! Ich wurde behandelt wie eine Hysterikerin, die man am besten in eine geschlossene Abteilung einweist!“

„Sie müssen zugeben, dass der Fall schon etwas ungewöhnlich ist“, gab ich zurück.

„Wie kommt es, dass sich plötzlich das FBI für den Fall interessiert?“

„Weil der Tote im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen steht“, sagte ich. „Er heißt Dan O’Reilly.“ Ich holte einen Ausdruck hervor, der aus unserem über das Datenverbundsystem NYSIS zugänglichen Archivbestand stammte und legte es vor ihr auf den niedrigen Wohnzimmertisch aus Glas.

„Haben Sie diesen Mann vielleicht schon einmal gesehen?“, fragte Milo.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wie kommen Sie darauf, dass ich ihn kennen sollte?“

„Da der Aktionsradius Ihrer Katze ja begrenzt ist, könnte es ja sein, dass O’Reilly öfter hier war und Sie ihm mal begegnet sind.“

„Nein.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. Mir fiel auf, dass sie sich das Bild kaum angesehen hatte. „Was werfen Sie ihm denn vor?“

„Illegaler Kunsthandel“, sagte ich. „Er war darauf spezialisiert, Kunstschätze aus Asien illegal ins Land einzuführen und weiter zu verkaufen.“

Sie hob die Augenbrauen. „Damit lässt sich Geld machen?“

„Die Gewinnspannen sind derzeit höher als bei Drogen“, erklärte ich. „Aber gleichgültig, was Dan O’Reilly auch auf dem Kerbholz gehabt haben mag – für uns ist er jetzt in erster Linie ein Mordopfer und wir werden versuchen, alles in unserer Macht stehende zu tun, um den oder die Täter zu ermitteln.“

Sie verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. „Seien Sie ehrlich: Es geht Ihnen doch mehr darum, seine Komplizen und Hintermänner zu fangen, als darum, wer diesen Gangster umgebracht hat!“

Ich sah sie etwas verwundert an. „Woher wollen Sie das wissen? Schlechte Erfahrungen mit der Polizei!“

„Die Drogensache von damals hängt mir wohl ewig an…“

„Nein. Das ist lange her und Ihre Aussage ist nicht weniger glaubwürdig, nur weil Sie mal Probleme mit der Polizei hatten!“

„Wissen Sie was: Damals war es genauso: Die Cops waren nur auf eins aus: Den Dealer von dem ich den Stoff hatte! Alles andere hat die überhaupt nicht interessiert!“

„Sie sollten das nicht verallgemeinern, Miss McCauly“, sagte ich. „In welchem Club arbeiten Sie übrigens?“

„Hat das irgendetwas mit dem Fall zu tun? Tut der Club, in dem ich tanze, irgendetwas zur Sache, wenn es um die Schnappschüsse meiner Katze geht?“

Ihre Empfindlichkeit überraschte mich.

„Wir wollen uns nur ein Gesamtbild machen“, sagte Milo. „Es ist nicht unsere Absicht, gegen Sie zu ermitteln oder Ihnen irgendwelche Schwierigkeiten machen.“

„Und was Ihre früheren Schwierigkeiten mit der Vice Abteilung der Polizei von Yonkers angeht, so fällt das nicht in unseren Zuständigkeitsbereich“, ergänzte ich.

Sie atmete tief durch. „Es ist der Blue Lagoon Club, hier in Yonkers. Sie können dort gerne jeden über mich ausfragen, wenn Sie es für nötig halten. Und wenn Sie weiter die Absicht haben, mich alles doppelt zu fragen, dann gehen Sie doch am besten gleich zu Ihrem Kollegen Lieutenant Torres von der Homicide Squad des Yonkers Police Department. Dem habe ich nämlich ausführlich Rede und Antwort gestanden!“

„Hat Ihre Katze irgendwelche speziellen Angewohnheiten?“, brachte ich das Gespräch jetzt auf ein anderes Thema. Ich bemerkte ihre Unruhe und begriff nach einem kurzen Moment auch, wodurch sie ausgelöst wurde. Willy beschäftigte sich auf wenig zartfühlende Weise mit einem bestickten Seidenkissen. Die ausgefahrenen Krallen ritzten den Stoff auf. Sabrina McCauly scheuchte Willy wütend davon. Mit einem Fauchen verzog sich der Kater hinter einen Sessel.

Sabrina McCauly lächelte gezwungen. „Willy ist eben ziemlich verwöhnt!“, meinte sie. „Ich fürchte, dem wird niemand mehr seinen eigenen Kopf weg-erziehen. Aber da ist er genau wie ich. Er hat übrigens ein ausgesprochenes Faible für parkende Fahrzeuge. Er kriecht immer wieder darunter. Der Inhalt des Chips, den ich Ihrem Kollegen von der Homicide Squad überließ, war voll von Bildern, die zeigten wie er unter irgendwelche Fahrzeuge kroch und dort nach was weiß ich wonach suchte…“

„Nun denn, jedem das seine, Miss McCauly.“

„Sie sagen es, Agent Trevellian.“



12

„Die Lady wohnt ziemlich luxuriös für eine einfach Club-Tänzerin, würde ich sagen“, meinte ich, nachdem wir Sabrina McCaulys Wohnung verlassen hatten und wieder in unseren Sportwagen gestiegen waren. Der Wagen war natürlich mit allen kommunikationstechnischen Finessen ausgestattet war, die in ein ziviles Dienstfahrzeug des FBI gehörten – zum Beispiel einen integrierten Bordrechner mit Online-Verbindung und hochauflösenden TFT-Bildschirm.

„Vielleicht hat Miss McCauly einen reichen Gönner, der sie aushält“, glaubte Milo. „Und ehrlich gesagt, glaube ich auch nicht, dass sie ihr Geld nur mit Tanzen verdient.“

„Prostitution?“

„Das oder Drogen.“

„Oder beides.“

„Hast du ihre rote Nase gesehen, Jesse? Sie hat sich alle Mühe gegeben, das wegzupudern und vielleicht hatte sie auch wirklich nur einen Schnupfen, weil es im Blue Lagoon Club zu zugig ist.“

„Du glaubst, sie schnupft Kokain?“

„Ja.“

„Aber wir ermitteln nicht gegen sie, sondern sie ist unsere wichtigste Zeugin!“

Als nächstes suchten wir Lieutenant Torres von der Homicide Squad des Yonkers Police Department auf. Wir trafen ihn in seinem Büro an, wo er vor dem Bildschirm seines Computers saß und sich digitalisierte Tatortfotos ansah. Ein Anblick, der nichts für zarte Gemüter war, denn vom Gesicht des Opfers war so gut wie nichts mehr erkennbar.

„Jesse Trevellian, FBI – die ist mein Kollege Milo Tucker“, stellte ich uns vor und zeigte ihm meinen Ausweis. „Sie sind Lieutenant Torres?“

„Ja, bin ich. Sie kommen wahrscheinlich wegen des Mordes an Dan O’Reilly!“

„Ja. Wir haben uns bereits ausführlich mit Sabrina McCauly unterhalten.“

Torres grinste und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Eine hysterische Ziege ist das. Die hat mich den letzten Nerv gekostet. Ich hatte es gleich im Gefühl, dass sie was mit Prostitution zu tun hat – oder zumindest hatte – und siehe da, beim NYSIS-Abruf gab es gleich einen Treffer.“

„Sie ist nie verurteilt worden“, sagte ich.

„Nein. Aber Sie wissen doch wie das ist. Wenn alle Beteiligten dichthalten, sind diese Dinge schwer nachzuweisen. Wir wissen genau, wer die Zuhälter und wer die Prostituierten sind und welche Hotels dazu benutzt werden und trotzdem kann man diesen Sumpf einfach nicht trockenlegen.“

„Uns geht es eigentlich mehr um den Toten auf den Bildern der Cat Cam“, stellte Milo fest.

„Auf einem der vorhergehenden Bilder ist in Großaufnahme einer Radkappe zu sehen. Wir wissen daher, dass es sich bei dem Fahrzeug, unter dem der Tote gelegen hat, um einen Mercedes gehandelt hat. Ich nehme an, Sie haben sich die Bilderserie ebenfalls zu Gemüte geführt.“

„Haben wir“, sagte ich. „Zumindest die relevanten Bilder. Unsere Leute sind nach wie vor auf der Suche.“

„Auf einer der Aufnahmen, die nicht relevant zu sein scheinen, ist aus der Ferne ein Autokennzeichen eines Ford Maverick zu sehen“, stellte Torres fest. Er drückte ein paar Tasten an seiner Computertastatur. Die grässlichen Tatort-Fotos verschwanden. Torres murmelte irgendetwas von einer Leiche, die am Morgen in einem städtischen Park gefunden worden war und von der noch niemand wusste, um wen es sich handelte.

Dann wählte er den Ordner mit den Bildern an, die er sich von Sabrina McCaulys Cat Cam Chip herunterkopiert hatte.

Wir sahen zunächst noch einmal die Bilder, die uns auch Max Carter vorgeführt hatte. Torres machte uns dann jedoch auf ein Bild aufmerksam, das der Uhrzeit- und Datumsangabe im oberen linken Eck nach einen Tag vor den Aufnahmen von O’Reilly entstanden war.

Willy war offenbar auf einem Parkplatz unterwegs gewesen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bildern, auf denen nur Rinnsteine, Gullydeckel, Radkappen und Treppenabsätze Haustüren zu sehen waren, hatte man hier freie Sicht auf die Vorderfront eines Ford Maverick.

„Wir haben das Bild etwas bearbeitet“, sagte Torres. Er zoomte das Nummernschild heran. Die Nummer war jetzt gut zu erkennen. „Der Halter heißt Craig Markovich, ist 76 Jahre alt, pensionierter Schulleiter an der Yonkers Central McKee School und bis gestern auf Besuchsreise zu seinem Sohn, der an der USC in Kalifornien studiert.“

„Sie sind gut informiert“, sagte ich.

„Glücklicherweise gibt es redselige Nachbarn“, gab Torres zurück. „Wenn Sie wollen, können wir zu ihm fahren.“

„Okay“, meinte Milo.



13

Ob Craig Markovich uns weiterhelfen konnte, war natürlich nicht gesagt. Aber immerhin war Willy in der Nähe seine Wagens gewesen und vielleicht lernten wir auf diese Weise wenigstens einen Lieblinsplatz des Katers kennen. Ob das dann auch der Ort war, an dem es sich lohnte, nach Spuren des toten Dan O’Reilly zu suchen, musste sich erst noch herausstellen.

Lieutenant Miles Torres fuhr zusammen mit einer jungen Kollegin namens Rebecca Duvalier in einem Dienst-BMW des Yonkers Police Department voraus, wir folgten mit dem Sportwagen.

Die Adresse von Craig Markovich lag nur ein paar Blocks von dem Haus entfernt, in dem Sabrina McCauly lebte. Aber das hatten wir auch nicht anders erwartet.

„Ich verstehe nicht, wieso die Kollegen aus Yonkers den Parkplatz, auf dem der Tote von der Cat Cam fotografiert wurde, nicht längst gefunden haben“, übte Milo deutliche Kritik an den Kollegen. „Das kann doch nicht so schwer sein!“

„Die haben lange nicht so viele Spezialisten zur Verfügung wie wir“, nahm ich Miles Torres und seine Leute in Schutz. „Du weißt, dass der Erkennungsdienst des YPD nicht einmal ausreicht, um alle Fälle zu bearbeiten, die hier anfallen und sie immer wieder auf Unterstützung durch die Scientific Research Division aus der Bronx angewiesen sind.“

„Dann sollten wir vielleicht besser auf die Amtshilfe des YPD verzichten und die Sache unseren Kollegen im Field Office übergeben“, knurrte Milo.

„Abwarten. Geben wir ihnen noch ´ne Chance“, schlug ich vor. „Wunderdinge könnten wir selbst von unseren eigenen Leuten da nicht erwarten.“

„Trotzdem... Es gibt doch nur eine Handvoll öffentlicher Parkplätze, die von Sandra McCaulys Wohnung aus für diesen Kater erreichbar sind…“

„Der Täter wird wohl kaum darauf gewartet haben, bis sich dort weitere Katzen und noch anderes Getier einfinden, um mal kurz an der Leiche zu schnüffeln. Ich nehme an, der Tote war nur vorübergehend unter den Wagen gelegt worden, und später ist jemand gekommen, hat die Leiche und den Wagen verschwinden lassen und auch alle Spuren vernichtet – so weit das möglich ist.“

„So weit das möglich ist“, echote Milo. „Das ist der springende Punkt. Du weißt so gut wie ich, dass das fast unmöglich ist. Denn wenn wir den Ort hätten, wo der Tote gelegen hat, dann würden wir auch etwas von ihm finden… Und wenn es nur ein einziger DNA-Strang sein sollte!“
Wir parkten hinter Torres’ BMW am Straßenrand. In einem mehrstöckigen Mietshaus aus Sandstein, dass durchaus der gehobenen Mittelklasse angehörte, fanden wir die Wohnung von Craig Markovich.

Ein rüstig wirkender Mann in den Siebzigern öffnete uns.

Das Haar war grau-weiß, aber immer noch erstaunlich voll für sein Alter.

Er trug einen grauen Kinnbart. Zwei blaue Augen musterten uns zunächst misstrauisch. Nachdem wir ihm unsere Ausweise gezeigt hatten, entspannte sich seine Körperhaltung etwas.

Torres zeigte ihm einen Ausdruck des Fotos und eine vergrößerte Fassung. „Sie sind der Halter dieses Ford Maverick, nicht wahr?“

„Ja, der bin ich. Was ist mit dem Wagen? Ich war in den letzten Tagen auf Reisen und hatte ihn auf einem Parkplatz hier in der Nähe stehen. Hat es da irgendeinen Unfall gegeben… Aber Moment mal, da würde ja wohl kaum das FBI auftauchen!“

„Wir möchten, dass Sie uns zeigen, wo der Wagen steht“, sagte ich ruhig.

„Wenn ich Ihnen damit helfen kann – warum nicht. Geht es um irgendeinen Terror-Verdacht? War vielleicht eine Bombe im Kofferraum oder so etwas? Ich bin Patriot und habe mit solchen Machenschaften nichts zu tun!“

„Zeigen Sie uns einfach den Wagen, Mister Markovich“, beruhigte ich ihn. „Wir ermitteln nicht gegen Sie oder wollen Sie in Zusammenhang mit irgendeinem Verbrechen bringen. Uns geht es nur um den Parkplatz.“

Markovich zuckte mit den Schultern.

„Ich ziehe mir eben noch eine Jacke an“, kündigte er an.



14

Markovich brachte uns zu einem Parkplatz, der sich nur wenige Schritte entfernt auf einem abgegrenzten Gelände befand. Man musste für das Parken bezahlen. Markovich erläuterte uns das Tarifsystem und meinte, dass das extrem ungerecht sei. „Die nutzen einfach die Parkplatzknappheit hier in der Gegend aus!“, sagte er. „Man kann zwar auch an der Straße stehen, aber wenn ich ein paar Tage verreist bin, ist mir das zu unsicher. Früher habe ich in New York gewohnt und war Lehrer an der East Harlem McKee. Wir sind weggezogen, als die Kinder kamen – aber heute sind die Verhältnisse hier in Yonkers kaum anders als die Manhattan!“

„Der Parkplatz wird bewacht?“, hakte ich nach. „Das heißt, es gibt auch Überwachungskameras?“

Malkovich nickte. „Natürlich! Wofür bezahle ich denn sonst?“

Lieutenant Torres meldete sich Wort. „In dem Fall können wir davon ausgehen, dass die entsprechenden Aufzeichnungen von unseren Leuten bereits sichergestellt wurden“, erklärte er. „Allerdings sind unsere erkennungsdienstlichen Kapazitäten nicht so groß, dass wir die Videoaufzeichnungen von Dutzenden bewachten Parkplätzen schon hätten auswerten können…“

„Ich schlage vor, dass wir das ganze Material später mitnehmen und unseren Spezialisten übergeben“, sagte ich.

„Tun Sie das, Agent Trevellian“, nickte Torres.

„Aber es ist extrem unwahrscheinlich, dass dies der Parkplatz ist, den wir suchen“, mischte sich seine Kollegin Sergeant Duvalier. Sie hatte eine Liste der Parkplätze dabei. Dieser war von ihren Kollegen laut Liste überprüft worden – allerdings bevor man die Nummer des Maverick identifiziert hatte. „Die Überwachungskameras erfassen den gesamten Parkplatzbereich und es wäre unmöglich gewesen, dass jemand eine Leiche unter irgendein Fahrzeug hätte legen können, ohne das das aufgenommen worden wäre.“

„Eine Leiche unter einem Fahrzeug?“, fragte Markovich. „Worum geht es hier eigentlich? Und was sind das für Bilder, die Sie mir gerade gezeigt haben?“

„Bilder aus einer Cat Cam, die am Halsband eines schwarzen Katers befestigt war“, erläuterte ich. „Und die hat auch einen Toten fotografiert. Wir wissen allerdings nicht wo – und Ihre Wagennummer ist der erste konkrete Hinweis.“

Wir erreichten den Parkplatz. Der Ford Maverick war schnell gefunden und wir konnten ungefähr den Punkt bestimmen, wo die Katze gestanden hatte, als sie ihn geknipst hatte.

Miles Torres hatte den Rest der Bildsequenz auf ein PDA geladen und jetzt suchten wir nach weiteren Übereinstimmungen.

Markovich runzelte die Stirn. „An die schwarze Katze erinnere ich mich“, sagte er.

„Erzählen Sie, Mister Markovich“, forderte ich ihn auf.

Markovich zuckte mit den Schultern. „Was wollen Sie denn wissen? Ich habe ja keine Ahnung, was für Sie wichtig sein könnte!“

„Alles, was Ihnen zu dieser Katze einfällt. Legen Sie einfach los. Was wichtig ist, werden wir schon herausbekommen – aber dieser schwarze Kater ist leider der einzige brauchbare Zeuge, den wir haben!“

Markovich seufzte hörbar. „Das war vor einer Woche, als ich den Wagen hier abstellte und die Dauerkarte löste, weil ich doch zu meinem Sohn an die Westküste fliegen wollte! Da war eine Frau und ein Mann. Die haben sich gestritten. Und dabei ging es um die Katze. Sie haben versucht, dem Tier irgendetwas um den Hals zu schnallen. Das war so ein breites Halsband in Weiß. Die Katze ist dann auf und davon – ohne das Band. Und die beiden haben sich angeschrieen!“

„Können Sie mir die beiden beschreiben?“, fragte ich.

Markovich nickte. „Die Frau war blond und hatte ein ziemlich enges Kleid an. Den Mann habe ich leider nur von hinten gesehen. Über den kann ich nichts weiter sagen.“ Markovich hob die Augenbrauen. „Habe ich Ihnen damit irgendwie weiterhelfen können?“

„Möglicherweise, Mister Markovich“, gab ich zur Antwort.



15

Etwa zur selben Zeit trafen sich unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina mit unserem Informanten Frank Chessman in einem Coffee Shop in Manhattan. Er hieß Antonios und lag in der Mott Street.

Clive und Orry hatten bereits einiges unternommen, um Chessman aufzutreiben. In seiner Wohnung war er nicht erreichbar gewesen und sein Handy hatte er abgeschaltet.

Schließlich war er es, der sich über ein neues Prepaid-Handy bei Clive gemeldet und mit ihm dieses Treffen verabredet hatte.

Aber jetzt ließ Chessman auf sich warten. Orry blickte ungeduldig auf die Uhr.

Clive nippte an seinem Espresso.

„Ich fürchte, der hat uns im Stich gelassen“, meinte Orry.

„Abwarten.“

In diesem Moment kam ein Mann im grauen Dreiteiler durch den Hinterausgang des Coffee Shops herein. Das war Chessman. Das Haar war grau meliert, das Gesicht kantig.

Er wechselte ein paar Worte mit dem Besitzer des Coffee Shops und setzte sich dann zu uns. „Tut mir leid, dass ich etwas zu spät dran bin“, sagte er.

Clive fiel gleich die Wölbung unter der Jacke auf. Er trug offenbar eine Waffe. Außerdem wirkte er dicker als sonst und der Anzug saß schlecht, was wohl nur damit zu erklären war, dass er eine Kevlar-Weste unter der Kleidung trug.

„Ist Ihnen jemand auf den Fersen oder was ist los?“, fragte Clive.

„Genauso ist es“, bestätigte Chessman. „Ich wurde verfolgt.“

„Sie waren nicht zu Hause.“

„Dahin werde ich auch so schnell nicht hin zurückkehren. Ich habe mir ein Hotelzimmer genommen.“

„Haben Sie eine Ahnung, wer dahinter steckt?“, hakte Clive nach.

Chessman zuckte mit den Schultern. „Jemand, der herausgefunden hat, dass ich mit Ihnen gemeinsame Sache mache! Kann mir fast egal sein, wer das ist. Von denen würde niemand zögern, einen Verräter einfach über den Haufen zu schießen.“

„So wie es jemand mit Dan O’Reilly gemacht hat“, stellte Clive fest.

Chessman verengte die Augen, sah sich einmal kurz um und fragte dann: „Was?“

Entweder seine Reaktion war sehr gut gespielt oder tatsächlich echt. Weder Clive noch Orry trauten sich in dieser Situation eine abschließende Beurteilung in dieser Frage zu.

Clive schob ihm einen der Fotoausdrucke zu, die es von den Cat Cam-Fotos ab. „Oder haben Sie irgendeinen Zweifel daran, dass das O’Reilly ist?“

„Hundertprozentig! Das ist der.“ Chessman atmete tief durch. „Einige aus der Organisation sind jetzt höchst misstrauisch geworden. Und was unsere Geschäftspartner angeht, so gilt das natürlich doppelt und dreifach! Dan O’Reilly ist nicht zum Deal erschienen, es gab eine Riesen Schießerei…“

„…die von Blake Davis vom Zaun gebrochen wurde!“, gab Clive zu bedenken. Er beugte sich etwas vor und sein Gesichtsausdruck wurde jetzt sehr ernst. „Ich schlage vor, Sie erzählen uns jetzt umgehend alles, was Sie über diese Sache wissen, Mister Chessman – und zwar ohne jede Einschränkung! Sonst können wir nämlich nichts mehr für Sie tun…“

„Aber…“

„Wissen Sie, wie das aus unserer Sicht jetzt aussieht, Mister Chessman?“

„Ich ahne es, aber ich sage Ihnen: Sie irren sich!“

„Für mich wirkt das so, als hätten Sie die ganze Bande und uns zu dem Deal bestellt und wir sollten ein paar Leute aus dem Verkehr ziehen, die Ihnen vielleicht in Ihre ganz persönlichen Geschäfte hineingefunkt haben!“

„Das ist nicht wahr!“, behauptete Chessman.

„Wann haben Sie das letzte Mal mit Dan O’Reilly gesprochen?“, fragte Orry.

Chessman schluckte. Sein Gesicht wurde dunkelrot. Er löste den ersten Hemdknopf und lockerte etwas die Krawatte. „Werde ich jetzt verdächtigt?“

„Nein, das ist noch ein informelles Gespräch zwischen ermittelndem FBI-Agent und Informant. Sonst hätte ich Sie auch bereits auf Ihre Rechte hingewiesen. Aber der Status eines Gesprächspartners kann sich ja bekanntlich sehr schnell ändern – also wenn Sie jetzt schon der Meinung sind, dass Sie einen Rechtsbeistand brauchen, dann führen wir das Gespräch vielleicht besser im Büro unseres zuständigen Staatsanwalts oder in einem der Verhörräume an der Federal Plaza fort – falls Ihnen das lieber ist!“

Clives Tonfall machte klar, dass er nicht bereit war, sich länger etwas vormachen zu lassen. Chessman hatte dem FBI gegenüber bisher offenbar nicht so umfänglich ausgepackt, wie er bis dahin immer behauptet hatte. Und auch jetzt schien er aus irgendeinem Grund ein Versteckspiel aufzuziehen. Wahrscheinlich, weil er noch eigene Geschäftsinteressen mit der Organisation verband. Er hatte seine Schäfchen wohl noch nicht ins Trockene gebracht. In wie fern seine Angaben darüber, dass er verfolgt wurde, der Wahrheit entsprachen, oder nur Theater waren, vermochte Clive nicht zu beurteilen. Zweifellos hatte Chessman eine dramatische Ader. Das hatte sich auch bei früheren Treffen mit dem Informanten immer wieder gezeigt.

Oft dramatisierte er Dinge stark, um damit das Interesse seines jeweiligen Gesprächspartners zu wecken oder in eine bestimmte Richtung zu manipulieren.

Clive wusste inzwischen, dass man bei ihm immer auf der Hut sein musste und sich am besten nie nur auf seine Angaben allein verließ.

„Na los, diese Frage kann ja wohl nicht so schwer zu beantworten sein, oder?“, hakte Clive nach.

„Ich habe ihn vorgestern Abend zum letzten Mal gesehen“, gab Chessman Auskunft. „Das war vierundzwanzig Stunden vor dem Deal. Ich wollte unbedingt sicher gehen, dass das ganze auch tatsächlich über die Bühne gehen würde. Darum wollte ich mit ihm sprechen. Ich habe einem seiner Jungs fünfhundert Dollar gegeben, damit er mir verriet, wo er war.“

„Welcher von seinen Jungs war das?“

„Tony Pratt. Ein übler Finger. Er rasiert sich den Schädel immer kahl. O’Reilly hat ihn bei offiziellen Geschäftsterminen immer nur mitgenommen, wenn er ein Hemd mit langen Ärmeln oder ein Jackett an hatte, weil er jede Menge Tätowierungen an den Unterarmen hat und die Abnehmer unserer hochwertigen Asiatika eher – wie soll ich sagen - konservativ eingestellt sind.“

„Wo haben Sie Pratt getroffen?“

„In seiner Stamm-Bar. Ich habe ihm irgendetwas vorgelogen, dass da wegen dem Deal noch etwas zu klären so und so. Er hat es geschluckt, und weil ich ihm fünfhundert Dollar gegeben habe, konnte ich auch sogar sicher sein, dass er darüber gegenüber Mister O’Reilly nichts gesagt hätte.“

Clive nickte. „Okay, und wo haben Sie O’Reilly dann gefunden?“

„Im Blue Lagoon, einem Nachtclub in Yonkers.“

„Kam das öfter vor, dass O’Reilly zum amüsieren das kleine Dorf Manhattan verließ und die Weltstadt Yonkers aufsuchte?“

Frank Chessman schüttelte energisch mit dem Kopf.

„Noch nie. Zumindest nicht, dass ich davon wüsste, Agent Caravaggio. Ich habe dann so getan, als würde ich O’Reilly zufällig im Blue Lagoon treffen. Er hat versichert, dass mit dem Deal alles glatt gehen würde. Und dann hat er mich noch gefragt, dass er diesen Brian Patterson mal überprüfen könnte.“

„Jeffrey ‚White Suit Man’ Jacksons Kunstexperte?“, hakte Clive nach.

„Genau. Jackson hat wohl angekündigt ihn mitzubringen und O’Reilly war das nicht geheuer.“

„Haben Sie etwas herausgefunden?“

„Ja. Der Mann ist als Experte wirklich eine Kapazität. Im Internet finden Sie Dutzende von Fachaufsätzen von ihm. Was das Khmer-Reich und die Geschichte Südostasiens angeht, macht ihm keiner was vor. Das habe ich am Tag gegen Mittag per Handy übermittelt. Allerdings nicht ihm direkt, sondern Blake Davis. O’Reilly war irgendwie verhindert.“

„Wir nehmen an, dass er da schon nicht mehr lebte…“

„Hören Sie, ich glaube, da war eine Rebellion gegen O’Reilly innerhalb der Organisation im Gang. Und Blake Davis gehörte dazu!“

„Wer noch?“

„Das kann ich Ihnen vielleicht morgen oder übermorgen sagen.“

„Ich dachte, Sie werden verfolgt. Wollen Sie nicht lieber in Schutzhaft genommen werden?“, fragte Clive.

„Nein, ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Ich muss noch ein paar geschäftliche Dinge in Ordnung bringen.“

Frank Chessman stand auf. „Versuchen Sie nicht mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich rufe Sie an – nicht umgekehrt. Verstanden, Agent Caravaggio?“

„War ja deutlich genug!“

Er verließ den Coffee Shop durch den Hinterausgang, so wie er gekommen war.

Orry trank seinen Espresso aus. „Ich habe bei diesem Typen immer das Gefühl, dass er uns an der Nase herumführt!“

„Urteile nicht zu hart über ihn. Ohne ihn wären wir an O’Reilly oder diesen Kerl im weißen Anzug nicht herangekommen, Orry.“

„Ich mag ihn trotzdem nicht. Kann ich leider nicht ändern.“



16

Schussgeräusche ließen Clive und Orry zusammenzucken. Zwei Schüsse kurz hintereinander wurden im hinteren Teil des Coffee Shops abgegeben.

Die beiden G-man zogen ihre Dienstwaffen und stürzten hinter den Tresen des Coffee Shops. Der Besitzer stand wie erstarrt da. Orry hielt ihm den Ausweis hin. „Zur Seite! FBI!“

Clive trat die Tür zum Hintereingang zur Seite. Dahinter befand sich ein halbdunkler Flur.

Ein Stöhnen klang ihm entgegen. Auf dem Boden lag jemand und krümmte sich. Am Ende des Gangs bewegte sich etwas. Ein Mann. Er drehte sich herum. Das Mündungsfeuer einer Pistole leckte wie eine blutrote Zunge aus dem Lauf. Der Schuss ging knapp an Clive vorbei und schlug in den Türrahmen. Ein Loch so dick wie drei Finger wurde in das lackierte Holz hineingerissen.

Clive feuerte ebenfalls. Aber der Kerl war schon um die nächste Ecke.

Clive setzte nach. Orry folgte ihm, beugte sich zu dem Verletzen hinab. Es war Chessman. Eine Kugel hatte ihn in der Brust erwischt, eine zweite am Kopf. Ein Streifschuss an der Schläfe. Es blutete entsetzlich. Orry griff als erstes zum Handy und rief den Emergency Service – und dann Verstärkung. Vielleicht konnte man Chessman noch retten.

Der Informant fasste Orry mit seiner blutigen Hand am Oberarm, krampfte sich regelrecht daran fest. Seine Augen traten aus ihren Höhlen hervor. Er spuckte Blut. Der Treffer in den Oberkörper musste ziemlich schlimm sein.

„Ganz ruhig“, sagte Orry.

Chessman versuchte zu sprechen. „Ich… will…“

Mehr kam nicht mehr über seine Lippen. Er vermochte einfach keine verständlichen Worte mehr zu äußern. Das Blut rann ihm bei den Mundwinkeln heraus. Der Blick wurde glasig.

Clive setzte unterdessen dem flüchtenden Mörder nach.

Schon als er die nächste Ecke erreichte, schossen ihm gleich zwei, drei Kugeln um die Ohren. Er stoppte, zuckte zurück, ging in Deckung. Dann tauchte er hinter der Ecke hervor, um das Feuer zu erwidern.

Ungezielt feuerte Clive drei Schüsse ab.

Sein Gegenüber schoss so massiv zurück, dass der stellvertretende Leiter des Field Office New York wieder in Deckung gehen musste. Einige Schüsse gab der Unbekannte noch ab. Im nächsten Moment hörte Clive Schritte und eine knarrende Tür, die einen Augenblick später geräuschvoll ins Schloss fiel.

Clive tauchte aus der Deckung hervor. Mit der Dienstwaffe vom Typ SIG Sauer P 226 im Anschlag rannte er auf die Tür zu und riss sie auf.

Auf der Rückfront des Gebäudes, dessen Erdgeschoss von Antonios Coffee Shop ausgefüllt wurde, schloss sich ein Hinterhof an, der auch als Parkplatz genutzt wurde. Ein paar Fahrzeuge standen hier. Eine Ford Limousine, ein Van, ein Kleinlastwagen.

Der Flüchtende trug eine Sturmhaube. Er war sehr große und breitschultrig. Während er auf die Ausfahrt des Hinterhofs zurannte, drehte er sich um und feuerte in Clives Richtung. Die Kugeln gingen dicht an ihm vorbei. Sie schlugen in die Gebäudewand ein und kratzten daumendicke Löcher in den Sandstein.

Clive ging hinter dem Ford in Deckung, tauchte dann darunter hervor und feuerte zurück.

Der Schuss war auf die Beine des Flüchtenden gezielt. Er ging aber in den Asphalt.

Der Kerl mit der Sturmhaube drehte sich noch einmal um und drückte erneut ab.

Aber es machte nur ‚klick’.

Er zog den Stecher noch einmal voll durch, ohne dass sich ein Schuss löste. Offenbar hatte er nicht mitgezählt, wie viele Patronen aus dem Magazin seiner Automatik bereits verschossen waren.

Starr stand er einen Moment lang da. Dreißig Meter waren es noch bis zur Ausfahrt, die in eine Nebenstraße mündete.

„Stehen bleiben und keine Bewegung!“, rief Clive Caravaggio.

Unser Kollege ging mit der Pistole im beidhändigen Anschlag auf den Kerl zu.

Der Maskierte hob zögernd die Hände. Er ließ die Automatik fallen. Die Sturmhaube ließ lediglich die Augen frei. Er rührte sich kein bisschen.

„FBI! Sie sind verhaftet!“, rief Clive. In der Ferne waren bereits die Sirenen der Einsatzfahrzeuge von Emergency Service und Polizei zu hören. Dass auch bereits Verstärkungskräfte des FBI dabei waren, erschien Clive eher unwahrscheinlich. Der Weg bis zur Federal Plaza wäre zu weit dazu gewesen - aber vielleicht gab es Agenten, die gerade in der Nähe im Einsatz gewesen und jetzt hierher beordert worden waren.

„Nicht schießen!“, klang es unter der Sturmhaube hervor.

„Das liegt ganz an Ihnen, Mister!“, stellte Clive klar.

In diesem Moment startete auf der Nebenstraße, zu der die Ausfahrt des Hinterhofs führte, ein Wagen. Er brauste ein paar Meter nach vorn, blieb mit quietschenden Reifen stehen.

„Vorsicht!“, rief Clive.

Aber es war zu spät.

Aus dem geöffneten Fenster eines Toyota blitzte ein Mündungsfeuer heraus. Schüsse krachten.

Der Kerl mit der Sturmhaube zuckte unter mehreren Treffern zusammen und schlug wie ein gefällter Baum zu Boden.

Clive warf sich zu Boden. Ein Schuss ging auch über ihn knapp hinweg. Clive riss im Liegen die Waffe hoch und feuerte, während der Toyota mit quietschenden Reifen losbrauste. Clives Schuss war auf die Hinterreifen gerichtet, stanzte aber dafür ein Loch in die hintere Stoßstange. Dann war er weg.

Clive rappelte sich auf, spurtete bis und erreichte nach wenigen Sekunden die Nebenstraße. Er riss die Waffe hoch, nahm sie wieder in beidhändigen Anschlag und zielte – aber genau in diesem Moment war der Wagen hinter der nächsten Biegung verschwunden.

Ein Fahrradkurier konnte dem Ford in letzter Minute ausweichen. Clive senkte die Waffe.

Er griff zum Handy, um den Ford in die Fahndung einzugeben. Das Kennzeichen hatte der flachsblonde Italoamerikaner immerhin erkannt und konnte dafür sorgen, dass es in Kürze jedem Cop in New York auffiel.

Er kehrte zu dem maskierten Mann zurück.

Neben ihm kniete er nieder. Der Mann rührte sich nicht mehr. Die Augen waren starr – und tot. Clive zog ihm vorsichtig die Sturmhaube vom Kopf, sodass sein volles Gesicht zum Vorschein kam.

Die Beschreibung passt!, dachte Clive, als er die Tätowierungen unter dem hochgerutschten Jackenärmel entdeckte.

In der Gesäßtasche seiner Jeans trug der Mann einen Führerschein auf den Namen Tony Pratt.

Orry trat in diesem Moment aus der Hintertür des Coffee Shops ins Freie.

„Unsere Leute sind da!“, stellte er fest, als er Clive erreichte.

„Was ist mit Chessman?“

„Der Emergency Service kam zu spät. Er starb kurz bevor der Notarzt eintraf.“

„Verdammt“, murmelte der Italoamerikaner. Dann deutete er auf Tony Pratt. „Sein Komplize, der im Wagen wartete, hat ihn auf dem Gewissen. Offenbar wollte er verhindern, dass er etwas ausplaudern kann!“



17

Am Abend trafen wir uns zur Besprechung in Mr McKees Zimmer.

Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell berichteten von der Wohnungsdurchsuchung bei O’Reilly, der ein schmuckes Loft in einem Cast Iron Haus in Greenwich Village bewohnte. „Leider war das alles ergebnislos“, berichtete Jay. „Die Wohnung war so sauber geleckt wie ein Hotelzimmer, das dem nächsten Gast übergeben werden soll. Da war wirklich nichts. Kein Telefonregister, keine Zeitschrift, kein Computer – nichts, was irgendwie eine persönliche Note verraten hätte.“

„Bekommen wir wenigstens eine Telefonliste seiner Gespräche?“, fragte Mr McKee, der nicht gerade erfreut darüber wirkte.

Jay nickte. „Aber ich schätze, dass der Festnetzanschluss von O’Reilly für brisante Gespräche nicht benutzt wurde, also wird uns die auch nicht weiterbringen.“

„Wo ist sein Wagen?“

„Steht an Ort und Stelle in der Tiefgarage. Ein Porsche. Wir lassen ihn natürlich kriminaltechnisch untersuchen, allzu viel brauchen wir uns davon nicht zu erwarten.“

Anschließend berichteten Clive und Orry über ihr Treffen mit Chessman und den anschließenden Mordanschlag auf ihn. „Dieser Tony Pratt wurde aus einem Wagen heraus erschossen, dessen Kennzeichen einen Mann namens Gary Myers aus New Rochelle als Halter ausweist“, ergänzte Max Carter von der Fahndungsabteilung die Ausführungen. „Wir haben Myers überprüft. Er liegt seit einer Woche wegen einer Hüftoperation im New Bethesda Hospital, hier in Manhattan. Er kann den Wagen nicht gefahren haben – auch wenn der Typ übereinstimmt.“

„Dann war das Nummernschild falsch?“, schloss Mr McKee.

„Es ist nicht so schwer, sich in die Datenbanken der Zulassungsstellen hineinzuhacken. Tatsächlich existierende Kennzeichen mit den passenden Typ-Angaben dürften ein begehrtes Handelsobjekt in der Fälscher-Szene sein.“

„Da Tony Pratt vermutlich von einem Komplizen umgebracht wurde, werden wir einfach nur die Reihe seiner besonderen Freunde abklappern müssen, wenn wir auf den Richtigen treffen wollen“, war Clive überzeugt. „Auch wenn das jetzt etwas leichter klingt, als es wohl sein wird.“

„Was Chessman angeht, so hat er behauptet, O’Reilly zuletzt einen Tag vor dem Deal in einem Club in Yonkers getroffen zu haben“, ergänzte Orry. „Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr so recht, ob wir wirklich gut beraten waren, auf Chessman zu bauen. Der scheint nach meinem Eindruck sein eigenes Spiel gespielt zu haben.“

„Was für ein Spiel meinen Sie, Medina?“, fragte Mr McKee.

Orry hob die Schultern. „Es könnte doch sein, dass er uns nur benutzt hat, um ein paar Leute aus der Organisation entfernen zu lassen, sodass er selbst leichter aufsteigen kann!“

„War das zufällig der Blue Lagoon Club, in den O’Reilly ging?“, fragte ich dazwischen.

Orry sah mich überrascht an und nickte. „Genau! Woher weißt du das?“

„So viele Clubs dürfte es in Yonkers nicht geben. Das Blue Lagoon ist der Club, in dem die Frau als Tänzerin arbeitet, die mit ihrer Cat Cam das Ganze ins Rollen gebracht hat“, stellte ich fest.

„Hört sich für mich nicht nach Zufall an!“, meinte Milo.

„Sie können sich diesen Club ja gerne mal vornehmen“, schlug Mr McKee vor.



18

Genau das machten wir an diesem Abend. Anstatt den Feierabend zu genießen, fuhren wir noch einmal nach Yonkers, unterwegs nahmen wir uns einen Hot Dog mit, damit uns nicht der Magen so sehr knurrte. Zuvor hatte Max Carter für uns ermittelt, ob es irgendwelche Besonderheiten gab, was die Besitzverhältnisse des Blue Lagoon anging. Und die gab es tatsächlich.

Der Betreiber hieß Ricky Jordache. Jordache betrieb noch zwei andere Clubs, beide in Manhattan. Aber den Ermittlungen unseres Field Office nach, war Jordache nur ein Strohmann, der für jemand anderen die Geldwäsche besorgte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das O’Reilly gewesen. Die Millionen, die er im illegalen Kunsthandel erwarb, mussten irgendwo gereinigt werden. Aus Schwarzgeld wurde mit Hilfe von weniger profitablen Lokalen ein blütenweißes, völlig legales Vermögen, das in ganz normale Wirtschaftsunternehmen oder Immobilien investiert werden konnte.

„Ich habe doch gleich gesagt, dass das kein Zufall war!“, meinte ich, während wir bereits den Harlem River überquerten.

„Ja, dein untrüglicher Instinkt, ich weiß“, spottete Milo. „Jedenfalls könnte dieser Jordache vielleicht ein Motiv haben, O’Reilly umzubringen. Überleg doch mal! Angenommen, es gab irgendwelchen Ärger. Vielleicht wartete dieser Jordache nur auf eine Gelegenheit, O’Reilly aus dem Geschäft zu drängen…“

„Das ist alles reichlich hypothetisch, Milo.“

„Du siehst ja sogar schon einen Zusammenhang zu Sabrina McCauly!“

„Die hat gesagt, dass sie O’Reilly nicht kennt – und es könnte sein, dass sie uns angelogen hat!“

„Jesse, da machst du dir jetzt aber entschieden zu weitgehende Hoffnungen.“

„So?“

Wir erreichten den Expressway, der quer durch die Bronx geht und nach Norden führt. Richtung Yonkers. Ich hatte freie Bahn, hätte mich aber in jedem Fall davor gehütet, die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu überschreiten. Schließlich wusste ich besser als die meisten anderen Verkehrsteilnehmer, die im Moment unterwegs waren, wo die Highway Patrol ihre Blitzgeräte aufgestellt hatte. Und auch als FBI-Agent genoss ich ja leider keine Immunität, was Verkehrsdelikte anging. Allenfalls wenn eine entsprechende Notlage vorlag.

„Es ist schon seltsam“, meinte ich. „Wir haben noch nicht einmal O’Reillys Leiche und zerbrechen uns schon den Kopf über das Motiv, das zu seiner Ermordung geführt haben könnte!“

„Es sind schon Mörder verurteilt worden, ohne dass es eine Leiche gab, Jesse!“

„Ich weiß. Aber irgendwie hat man dabei immer das Gefühl, dass es so eigentlich nicht sein sollte!“

Der Blue Lagoon Club war in einem Brownstone Gebäude 4325 Dorset Road in Yonkers zu finden. Zu Glück gab es eine Tiefgarage. Wir stellten den Sportwagen dort ab und fuhren mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. Zwei Türsteher erwarteten uns am Eingang zum eigentlichen Club Bereich. Wir zeigten unsere Ausweise.

„Ich denke, das gilt hier als Eintrittskarte“, sagte ich.

Die beiden Kerle wechselten einen kurzen Blick miteinander.

„Falls Mister Jordache zufällig da sein sollte, würden wir ihn gerne sprechen“, ergänzte Milo.

„Gehen Sie rein und amüsieren Sie sich“, sagte einer der beiden Männer. Er fiel mir auf, weil er eine Narbe am Kinn hatte. Außerdem trug er ein Headset und ich war mir sicher, dass er seinen Boss über unser Auftauchen sofort informieren würde.

Wir gingen an die Bar.

Ich sah Sabrina McCauly ziemlich knapp kostümiert daher gehen. Sie hatte uns zunächst nicht bemerkt und wohl auch kaum mit uns gerechnet. Jetzt stutzte sie. Aber sie hatte mich bereits ein paar Sekunden zu lange angestarrt, um noch so tun zu können, als hätte sie mich nicht bemerkt.

Ich ging auf sie zu. Milo blieb an der Bar.

„Guten Abend. Was für eine Überraschung!“

„Wohl kaum. Haben Sie vergessen, dass ich hier arbeite?“

„Nein, ich sprach eigentlich von Ihrer Überraschung, Miss McCauly. Sie können übrigens Jesse zu mir sagen, wenn Sie möchten.“

„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte sie.

„Ein paar Fragen haben sich neu gestellt. Zum Beispiel haben Sie mir bei unserer letzten Begegnung noch gesagt, dass Sie Dan O’Reilly nicht kennen und nie gesehen haben.“

Sie verschränkte abweisend die Arme vor der Brust. „Warum sollte das nicht der Fall sein?“

„Weil wir wissen, dass O’Reilly kurz vor seinem Tod noch hier war. Und außerdem haben wir Grund zu der Annahme, dass er in Wahrheit sogar der Kapitalgeber für Mister Jordache ist.“

„Hören Sie, Agent Trevellian, das interessiert mich alles nicht. Kaum einer der Gäste schaut mir ins Gesicht. Umgekehrt tue ich das auch aber auch nicht. Das hier ist mein Job und damit fertig! Wer hier ein- und ausgeht, bekomme ich kaum mit und wenn wir jemand von den Gästen irgendwo auf der Straße oder im Supermarkt begegnet, würde ich ihn nicht wieder erkennen. Das will ich auch gar nicht! Sind Sie zufrieden?“

Ich lächelte. „Sie scheinen uns als Ihren Feind zu betrachten, aber das ist nicht der Fall. Ihre Katze hat durch Zufall eine Leiche entdeckt, deren Hinscheiden mit Sicherheit noch nicht bekannt werden durfte. Und gleichzeitig stellt sich heraus, dass sie viel enger mit dem Opfer zu tun hatten, als es auf den ersten Blick schien! Sie müssen schon verstehen, dass sich da bei mir im Hirn ein Mechanismus in Gang setzt.“

„Was für ein Mechanismus soll das denn sein? Einer, der bei Leuten, die irgendwann vor langer Zeit mal etwas mit Drogen oder Prostitution zu tun gehabt haben, immer wieder unter Generalverdacht zu stellen? Ist es das, wovon Sie sprechen?“

„Nein, eigentlich nicht“, erwiderte ich kühl. Sie musterte mich auf eine Weise, mit der sie mich ganz offensichtlich zu manipulieren versuchte.

Sie lächelte verhalten und mit einer Freundlichkeit, die aufgesetzt und verkrampft wirkte.

„Ist sonst noch irgendetwas, Agent Trevellian?“

Sie blieb als ganz betont beim Nachnamen und meinem Rang. Das war ein deutliches Signal - zumal in dieser Umgebung.

Wenig später erschien Jordache bei mir.

Sabrina McCauly nutzte die Gelegenheit und verschwand. Sie rauschte davon und warf mir dabei einen entschuldigenden Blick zu – und ein geschäftsmäßiges Lächeln. Milo gesellte sich unterdessen zu uns.

„Kann ich Ihnen einen Drink anbieten, Gentlemen?“, fragte Jordache.

„Wir sind im Dienst“, widersprach ich.

„Sie bedauernswerten Geschöpfe. Anscheinend werden Sie von Ihrem Vorgesetzten rund um die Uhr auf die Jagd nach Kriminellen geschickt. Und dann auch noch an die ganz falschen Orte.“

Ich zeigte ihm meinen Ausweis. „Ich bin Agent Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Wir ermitteln im Mordfall Dan O’Reilly.“

„Ich habe davon gehört, dass deswegen ermittelt wird.“ Jordache seufzte schwer. „Schrecklich.“

„Für Sie wahrscheinlich auch geschäftlich“, gab ich zurück. „Schließlich soll O’Reilly doch die finanzielle Kraft hinter den drei Clubs sein, die Sie betreiben!“

„Ah, Sie wollen mir ans Bein pinkeln“, erwiderte Jordache, der die Sache ziemlich leicht nahm. Wenn sich jemand wie er sich so sicher fühlte, dann konnte das eigentlich nur bedeuten, dass er sich juristisch gut abgesichert hatte und für die Justiz wahrscheinlich nichts zu holen war. Er lächelte breit. „Gut, dass Sieb mir das gleich zu Anfang sagen, dann weiß ich, wie ich bei Ihnen dran bin, Agent Trevellian.“

„Es geht uns ehrlich gesagt im Augenblick nicht um Sie, sondern darum, herauszufinden, wer Dan O’Reilly ermordet hat!“, erwiderte sich sachlich.

Er führte uns zur Bar und ließ sich vom Barkeeper einen Drink mixen. „Und Sie wollen wirklich nichts?“

Ich zeigte ihm eines der Katzenfotos. „Wann war Mister O’Reilly das letzte Mal hier in diesem Club?“

„Wer sagt Ihnen, dass er überhaupt hier war?“

„Frank Chessman. Es geht uns eigentlich nur darum, seine Angaben zu bestätigen oder zu widerlegen.“

„Hat Chessman etwas mit der Sache zu tun?“ Er zuckte mit den Schultern. „Würde mich nicht wundern…“

„Ist das eine Angewohnheit von Ihnen?“

„Was?“

„Auf Fragen immer mit Gegenfragen zu antworten.“

Er sah mich einen Augenblick lang etwas unschlüssig an. Seine dunklen Augen wirkten unruhig. Er warf einen Blick zur Seite. Dort stand Sabrina McCauly, die uns beobachtete. Von Chessmans Tod schien Ricky Jordache noch nichts gehört zu haben. „Er war am Dienstag hier.“

„Kennt er Sabrina McCauly?“, hakte ich nach.

„Er kennt sie schon. Jeder kennt sie, der den Club besucht. Sie sieht doch einfach von allen Girls hier am besten aus, das müssen Sie zugeben. Aber ob sie ihn kennt, diese Frage kann nur sie selbst Ihnen beantworten.“

„Das hat sie schon.“

„Na, dann müssten Sie doch zufrieden sein.“ Er setzte sein Glas an die Lippen und kippte den Drink hinunter, als würde es sich um Mineralwasser oder Milch handeln. Dann stellte er das Glas zurück auf die Bar. Jordache schickte sich an zu gehen. „Ich habe leider noch eine Menge zu tun. So ein Laden wie dieser hier führt sich nicht von selbst, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und wenn man drei davon betreibt, zwischen denen dann auch noch ein paar sehr stark befahrene Highwaykilometer liegen, dann gilt das eben dreifach…“

„Es wäre nett, wenn Sie uns noch Ihre Bemerkung über Mister Chessman erläutern“, mischte sich Milo ein.

„Besser nicht. Dieser Kerl zerlegt einem den halben Laden in einer Nacht, wenn er übel drauf ist.“

„Hat er das hier getan?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „In einem meiner Clubs in Manhattan.“

„Welchem?“

„Heißt auch Blue Lagoon, liegt aber in der Avenue B, Manhattan.“

„Mister Chessman ist deswegen nie angezeigt worden!“

Jordache lachte laut auf. „Meinen Sie, ich will, wegen so etwas großes Aufhebens machen? Wir haben uns privat geeinigt. Aber ich bin ehrlich gesagt nicht erpicht darauf, noch mal Ärger mit ihm zu haben, deswegen stellen Sie mir besser keine weiteren Fragen über ihn. Ende gut alles gut, so sehe ich das.“

„Interessant, dass Sie das so sagen“, meinte Milo.

Er runzelte die Stirn. „Wieso?“

„Weil Chessman sein Ende heute gefunden hast. Man hat ihn erschossen und wir denken, dass das irgendwie mit der O’Reilly Sache zusammenhängt.“

„Und da Sie ja nun von Chessman nichts mehr zu befürchten haben, wäre es vielleicht an der Zeit auszupacken, Mister Jordache.“

Ricky Jordache schluckte. Er sah zuerst mich, dann Milo prüfend an und man konnte das Misstrauen in seinen Zügen so deutlich sehen, als hätte ihm jemand dieses Wort auf die Stirn geschrieben. „Chessman war ein übler Finger. Ich habe nie verstanden, wieso sich Mister O’Reilly mit so jemandem abgegeben hat.“

„Hatten die beiden Streit?“

„Mehr als einmal!“

„Worum ging es da?“

„Keine Ahnung. Geschäftliche Dinge.“

„Dann kam Chessman auch öfter hier her – in die Blue Lagoon Yonkers?“

Er zögerte mit der Antwort. „Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“

Ich kam nicht mehr dazu, meine nächste Frage zu stellen, denn in diesem Moment klingelte Jordaches Handy. Sein Gesicht wirkte plötzlich ziemlich angestrengt. Er sagte zweimal kurz und knapp „Ja!“ und schloss dann mit einem „Okay, ich bin schon unterwegs!“ ab.

„Sie entschuldigen mich. Ich muss mich zwischendurch mal um mein Geschäft kümmern. Wenn Sie noch ‚ne Weile hier bleiben, können wir uns nachher gerne weiter unterhalten.“

„Gerne, Mister Jordache“, antwortete ich.

„Sie entschuldigen mich…“

Er ging davon. Ich sah ihn eine Freitreppe hinaufgehen, die zu einer Balustrade hinaufführte. Er drehte sich noch mal zu uns um, als er beinahe oben angekommen war.

„Was hältst du von ihm?“, fragte Milo.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ein Mann, der versucht, seine geschäftlichen Interessen nicht zu gefährden und jetzt wohl abwarten muss, wer O’Reillys Organisation übernimmt und die Clubs von Ricky Jordache künftig für die Geldwäsche benutzt – denn nach allem was wir wissen, ist keiner der Blue Lagoon-Etablissements ansonsten profitabel.“

„Scheint allerdings auch so, als müssten wir unser Bild von Frank Chessman revidieren“, glaubte Milo. „Könnte es nicht sein, dass einer wie er die Geschäfte seines Bosses endlich selbst übernehmen wollte?“

„Aber die Nummer zwei in der Organisation war Blake Davis“, stellte ich fest.

„Richtig! Und da war es doch sehr praktisch, dass wir ihm den unwissentlich aus dem Verkehr gezogen haben!“

„Und wie passt die Sache mit Jeffrey ‚White Suit Man’ Jackson da hinein?“

„Vielleicht wollte Chessman mit ‚White Suit Man’ in Zukunft gar nicht mehr zusammenarbeiten.“

„Das bedeutet, er müsste für zukünftige Deals ein besseres Angebot gehabt haben! Ein so gutes, dass es rechtfertigt, diesen Mega-Deal in den Sand zu setzen!“

Der ganze O’Reilly-Fall blieb undurchsichtig. Und das eigentliche Problem war, dass wir nach Chessmans Tod niemanden in der Szene drin hatten, der uns über irgendwelche Entwicklungen frühzeitig informieren konnte. Sich anbahnende Machtkämpfe, Verschiebungen in der Hierarchie der Organisation - das alles bekamen wir jetzt erst mit, wenn irgendwo ein Toter gefunden wurde und man sich zusammenreimen musste, wem er vermutlich im Weg gestanden hatte. So fragwürdig Chessman auch gewesen sein mochte – seine Mitarbeit war für uns von unschätzbarem Wert gewesen und wir hatten derzeit nicht die Möglichkeit, ihn gleichwertig zu ersetzen.

Mit anderen Worten: Wir bewegten uns wie Blinde in der Szene und sahen mögliche Gefahren nicht rechtzeitig kommen.



19

Ein Schuss krachte. Im ersten Moment konnte man ihn für ein Klangelement der stampfenden Musik halten – aber der über die Balustrade taumelnde Körper machte klar, dass dies kein in den laufenden Song integriertes Sample handelte.

Der Körper schlug hart auf dem Boden auf. Die Gäste des Blue Lagoon Club stoben auseinander. Panische Schreie erhoben sich.

Der DJ setzte die Musik aus.

Oben an der Balustrade sah ich einen Mann mit einer Waffe in der Hand hinabblicken. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke. Es handelte sich um den Türsteher mit der Narbe am Kinn.

„Zur Seite! FBI!“, rief ich und drängelte mich durch die Gäste. Milo folgte mir. Der Kerl mit der Narbe am Kinn war längst verschwunden.

Ich sah kurz auf den Mann am Boden, dessen weit aufgerissene Augen mich starr ansahen.

Es war Ricky Jordache.

In seiner Stirn war ein Einschussloch. Da der Schuss am Hinterkopf nicht wieder ausgetreten war, musste der Schütze wohl ein Teilmantelgeschoss verwendet haben, dass sich im Körper spreizte und damit die hohe Auftreffgeschwindigkeit im Inneren des Körpers abbremste, sodass es meist nicht mehr zu einem Wiederaustritt kaum. Vor allem Polizisten verwendeten diese Munition, um Unbeteiligte nicht durch Durchschüsse zu gefährden.

Im Club brach Panik aus. Der Großteil der Gäste stürzte in Richtung der Ausgänge und es wäre in dieser Situation vollkommen aussichtslos gewesen, sie daran hindern zu wollen.

Dieser Lawine konnte man sich nicht entgegenstellen.

Milo telefonierte bereits und schrie ins Handy, in der Hoffnung, dass man ihn angesichts des Lärms auf der anderen Seite der Verbindung einigermaßen verstehen konnte. Er alarmiertre das Yonkers Police Department, von wo aus dann auch gleich der Notarzt und Sanitäter des nächsten Krankenhauses alarmiert werden würden, denn selbst wenn man für Ricky Jordache nichts mehr tun konnte, so doch für die Verletzten, mit denen man bei einer solchen Massenpanik einfach rechnen musste.

Es war unvermeidlich, dass es unter den hinausströmenden Gästen unter diesen Umständen zu Blessuren kam.

Und der Täter nutzte die Menge, zum unterzutauchen!, ging es mir bitter durch den Kopf.

Ich drängelte mich weiter in Richtung der Freitreppe und zog dabei meine Dienstwaffe. „FBI! Zur Seite!“, rief ich, was kaum jemand zur Kenntnis nahm. Schließlich hatte ich mich bis zur Treppe vorgedrängelt und hetzte hinauf. Ein paar empörte Bemerkungen von Clubgästen, die mir entgegenkamen, schrillten mir in den Ohren, aber ich hatte keine Zeit, darauf einzugehen.

Milo war irgendwo hinter mir. Ich hatte schließlich den Bereich hinter der Balustrade erreicht. Hier standen Tische und es gab eine zweite Bar. Man konnte von hier aus den Hauptsaal des Clubs gut überblicken. Lediglich ein Ausgang führte von hier fort. Die Tür stand halb offen. Ich stieß sie ganz zur Seite und blickte in einen breiten, relativ gut beleuchteten Flur.

Meine Suche galt dem Türsteher, der mit einer Waffe in der Hand oben an der Balustrade gestanden hatte.

Ob der Kerl mit der Narbe tatsächlich geschossen oder seine Waffe nur gezogen hatte, weil er seinerseits den Killer hatte abwehren wollen, wusste ich natürlich nicht.

Aber zweifellos hatte der Mann mit der Kinnnarbe sehr viel mehr gesehen, als ich.

Ich rannte den Korridor bis zum Ende, wo er auf einen anderen Flur traf.

Ich entschied mich für die linke Seite, denn dort gab es eine zertrümmerte Glastür, durch die man ins Freie gelangen konnte. Ich hetzte dort hin. Ein paar Schüsse wurden von draußen abgegeben. Ich zuckte zurück, ging in Deckung und wartete ab bis drei, vier schnell hintereinander abgegebene Schüsse durch die offene Glastür knallten. Einer blieb in der Wand stecken. Ein weiterer stanzte ein großes Stück aus dem Türrahmen heraus und ein dritter wurde wohl durch das Metallrost abgelenkt, das zu der Feuertreppe gehörte, auf die man über die Glastür gelangen konnte.

Der Schütze befand sich offenbar schon unten und schoss schräg nach oben in meine Richtung. Ich konnte die Funken am Metall sprühen sehen, als die Kugel als tückischer Querschläger auf eine ungewisse Reise geschickt wurde.

Der Geschosshagel verebbte. Ich tauchte aus der Deckung heraus. Für einen Moment sah ich den schattenhaften Umriss einer Gestalt davonrennen. Ob es der Typ mit der Narbe gewesen war, konnte ich nicht erkennen. Er gab allerdings einen weiteren Schuss ab. Diesmal auf eine Neonreklame, die bis dahin dafür gesorgt hatte, dass es in dem Hinterhof, der sich an die Rückfront des Blue Lagoon Clubs anschloss, recht hell gewesen war.

Damit war es jetzt vorbei.

Von einer Sekunde zur anderen war es sehr dunkel. Von dem Flüchtenden war nichts mehr zu sehen.

Ich hetzte die Feuertreppe hinunter. Unglücklicherweise ging das nicht, ohne ziemlich viel Krach zu machen. Irgendwo im Hintergrund hörte man die Sirenen der Einsatzfahrzeuge. Aber möglicherweise konnten die zunächst gar nicht bis zum Club vordringen, weil von den in Panik geratenen Gästen der Großteil einfach auf die Straße strömte. Wer seinen Wagen erreichen oder in die Tiefgarage gelangen konnte, versuchte natürlich, auf diesem Weg das Weite zu suchen.

Den anrückenden Einsatzkräften kam also ein Strom von in Panik geratenen Gästen entgegen, sodass die Kollegen es nicht leicht haben würden, ihren Job zu machen.

Ich konnte nur hoffen, dass Milo die Kollegen so instruierte, dass sie vorzugsweise von der Rückfront des Blue Lagoon Clubs aus anrückten.

Schüsse peitschten durch die Nacht.

Offenbar hatte mich mein Gegner gesehen – oder auch nur geahnt, wo ich mich gerade befand.

Laut genug war ich ja, als ich die Metallstufen der Feuerleiter hinunterklapperte. An der Veränderung der Geräusche konnte man auch genau erkennen, wann immer ich einen der Absätze erreichte.

Irgendwo in der Dunkelheit blitzte ein Mündungsfeuer auf, sodass auch ich nun ungefähr wusste, wo sich der Killer befand.

Ich war erleichtert, als ich endlich Asphalt unter den Füßen hatte. Ein paar Müllcontainer standen hier herum und boten Deckung. Im Erdgeschoss gab es eine Laderampe, über die wohl vor allem die Getränke für den Blue Lagoon Club angeliefert wurden. Ein Stapel von Getränkekisten fiel mir auf.

Ich lauschte. Von meinem Gegner konnte ich weder etwas sehen noch hören.

Ich arbeitete mich vorwärts, verschanzte mich hinter einem Müllcontainer und wartete ein paar Augenblicke ab.

Dem Klang der Sirenen nach, hatten die Einsatzkräfte des YPD begriffen, von welcher Seite sie sich dem Gebäude nähern mussten. Aber sie hatten dort eine enge Einbahnstraße zu überwinden, die häufig zugeparkt war, sodass es trotzdem noch ein paar Minuten dauern konnte, bis die ersten Cops auftauchten.

Ein Geräusch ließ mich herumfahren.

Ein Stapel mit angestellten Getränkekisten fiel geräuschvoll in sich zusammen.

Das Mündungsfeuer einer Waffe blitzte auf. Schüsse krachten in rascher Folge.

Ich fuhr herum und feuerte zurück. Ein Schrei gellte. Schattenhaft sah ich eine Gestalt, die zu Boden fiel. Mit der Waffe in beiden Händen näherte ich mich dem am Boden liegenden und drehte ihn herum. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse erkannte ich ihn nun. Die Narbe an seinem Kinn ließ über seine Identität keinen Zweifel.



20

„Er heißt Sidney Monahan und seine Vorstrafenliste ist so lang, dass NYSIS das nicht auf einer Bildschirmseite darzustellen vermag“, berichtete uns Lieutenant Miles Torres vom Yonkers Police Department, nachdem er seine Identität überprüft hatte. „Hat er Jordache erschossen?“

Ich nickte. „Es sieht so aus. Genau kann man das natürlich erst nach Abschluss der ballistischen Untersuchungen sagen. Aber wenn es anders gewesen wäre, dann hätte er wohl auch kaum einen Grund gehabt, auf mich zu schießen.“

„Ich wage mir gar nicht auszumalen, was unser guter Mister Ransom von Ransom und Associates daraus machen würde“, mischte sich Milo ein, der sich inzwischen auch am Ort des Geschehens befand.

„Wahrscheinlich würde er mich zum schießwütigen Brutalo-Cop hochstilisieren und diesen Vorfall im Interesse seines Mandanten ausnutzen“, gab ich zurück. „Und ich fürchte, das wird er auch noch, denn es ist so gut wie ausgeschlossen, dass Ransom nichts davon erfährt!“

„Ich verstehe das nicht“, meinte Lieutenant Torres. „Wieso hast Monahan seinen Boss erschossen? Er musste froh sein, diesen Job überhaupt gekriegt zu haben – und nach seinen Vorstrafen hätte er etwas Vergleichbares wohl bei keinem anderen Clubbesitzer bekommen! Jedenfalls bei keinem, der noch einen Funken Verstand hat und Ärger vermeiden will…“

„…und die Cops nicht als Dauergast haben will“, vollendete ich.

„Genau! Dieser Monahan hat nun wirklich so gut wie nichts ausgelassen! Mit Drogen gedealt, schwere Körperverletzung, leichte gleich im Dutzend und so weiter.“

„Vielleicht war es gar nicht Jordaches freie Entscheidung, ihn einzustellen und es hat jemand anders die Hand über ihn gehalten“, äußerte Milo eine Vermutung, die – falls sie stimmte – einiges erklärt hätte.

Ich wandte den Kopf in seine Richtung und hob die Augenbrauen. „Du meinst O’Reilly!“

„Natürlich. Jordache war dich von ihm abhängig. Wenn O’Reilly es verlangt hätte, hätte er gar keine andere Wahl gehabt, als Monahan einzustellen. Und er wäre auch nicht der erste Mann fürs Grobe, der auf einem scheinbar ganz normalen Arbeitsplatz geparkt wird, um bei Bedarf in Aktion treten zu können!“

„Das ist bislang nur Spekulation ohne einen greifbaren Beweis“, wandte Lieutenant Torres ein. „Und außerdem setzt des voraus, dass O’Reilly noch lebt, denn wer hätte Monahan sonst die Order geben sollen, Jordache zu töten? Aber erstens wissen wir definitiv, dass O’Reilly tot ist und zweitens hätte der auch gar kein Motiv gehabt, seinen Partner und Geldwäscher umzubringen!“

„Möglicherweise war das eine persönliche Sache zwischen Monahan und seinem Boss“, vermutete Milo.

Der Gerichtsmediziner traf schließlich ein. Es war Dr. Brent Claus von der Scientific Research Division in der Bronx, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten. Aber häufig genug musste diese Truppe von Wissenschaftlern, Spezialisten, Gerichtsmedizinern und Spurensicheren auch in den unmittelbar an New York angrenzenden Städten wie Yonkers oder New Rochelle tätig werden, wenn es dort Fälle gab, die die Kapazitäten der eigenen Erkennungsdienste überschritten.

Davon abgesehen half man sich natürlich auch gegenseitig bei der Absicherung von Notdiensten in der Nacht und an Sonn- und Feiertagen, was im Moment wohl der ausschlaggebende Grund dafür war, dass wir es mit Dr. Claus und seinen Kollegen zu tun hatten.

„Die Obduktion wird nicht vor morgen zehn Uhr beendet sein“, erklärte Dr. Claus. „Aber ich denke, die Todesursache ist auch kaum zu übersehen! Mehrere Schussverletzungen…“

„Die Schüsse kamen aus meiner Waffe“, erklärte ich. „Es war Notwehr.“



21

Durch die vielen Scheinwerfer war es hinter dem Blue Lagoon Club von Yonkers richtig hell geworden. Mir fiel eine Frau in einem hellen Regenmantel auf, die etwas abseits stand und den Erkennungsdienstlern bei der Arbeit zusah.

Es war Sabrina McCauly.

Ich hatte sie im ersten Moment gar nicht wiedererkannt, weil sie ihre Haare zu einem strengen Knoten zurückgebunden hatte. Die Kollegen des Yonkers Police Department hatten Kaffee in Thermoskannen mitgebracht. Ich besorgte zwei Becher mit diesem dampfenden Gebräu, das einem vielleicht ein bisschen dabei helfen konnte, trotz der späten Stunde wach zu bleiben und ging damit zu ihr.

Einen der Kaffeebecher reichte ich ihr. Sie nahm ihn wortlos an sich.

„Warum sind Sie nicht nach Hause gegangen?“, fragte ich. „Die meisten Leute, die sich zum Zeitpunkt des Schusses, der Mister Jordache getötet hat, im Blue Lagoon Club befanden, konnten das Gebäude ja gar nicht früh genug verlassen!“

„Ich wollte wissen, was geschehen ist… Deshalb bin ich noch hier. Schließlich ist das Blue Lagoon mein Arbeitsplatz und Mister Jordache hatte mich angestellt, sodass sein Tod auch für mich in nächster Zeit ein paar Probleme mit sich bringen wird.“

Sie zitterte leicht. Ich nahm an, dass das daran lag, dass sie unter ihrem dünnen Regenmantel wahrscheinlich so gut wie nichts trug. Sie nippte an dem heißen Kaffee. Ich ebenfalls.

„Wo ist eigentlich Ihre Katze?“, fragte ich.

Sie wirkte überrascht und sah mich mit großen Augen an.

„Wieso…?“, stammelte sie.

„Wenn Sie hier arbeiten – wo bleibt dann Ihre Katze? Lassen Sie allein in der Wohnung? Oder streunt Ihr Willy mit seiner Cat Cam, durch die Nacht und geht auf Mäusefang?“

„Er ist bei einer Freundin.“

„Miss McCauly, wir haben zumindest einen der Plätze identifizieren können, an dem sich Ihr Willy immer gerne aufgehalten hat. Ein Parkplatz ganz in Ihrer Nähe. Ein Zeuge will Sie dort gesehen haben.“

„Ich habe keinen Wagen.“

„Aber vielleicht der Mann, mit dem Sie sich gestritten haben.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern.“

„Es ging um die Cat Cam und darum, dass Willy das Ding sich offenbar nicht so ganz freiwillig anlegen lassen wollte. Das war vor gut einer Woche. Kommen Sie, Sie werden sich doch daran erinnern!“

„Nein“, sagte sie mit einem Unterton, der eisig klang. „Und ich finde im übrigen auch, dass Sie das nichts angeht. Finden Sie lieber den Kerl, der den Toten auf dem Gewissen hat, den meine Katze fand, anstatt dass Sie in meinem Privatleben herumschnüffeln. Dazu besteht nämlich nicht der geringste Anlass – aber es ist immer dasselbe!“

„Was ist immer dasselbe?“

„Wenn man sich an die Behörden wendet, ist man doch immer der Gelackmeierte! Ich hätte wohl am besten einfach die Bilder von Willys Cat Cam löschen sollen und damit fertig. Dann hätten Sie keinen Fall und ich keinen Ärger. Stattdessen habe ich mich wie eine gesetzestreue Bürgerin verhalten und bekomme nur Scherereien dadurch.“ Sie leerte den Kaffee, reichte mir den Becher und ging davon.

„So empfindlich?“, fragte Milo, der zumindest den letzten Teil der Szene mitbekommen hatte. „Irgendetwas musst du verkehrt machen, Jesse – oder du hast deine Sensibilität im Umgang mit Frauen aus irgendeinem Grund verloren!“

Er grinste, wurde aber im nächsten Moment schon dafür bestraft, denn seine Prellung durch den Geschosstreffer auf seine Kevlar-Weste duldete keine noch so vorsichtige Betätigung der Lachmuskulatur.

„Ich weiß nicht, aber irgendwie verhält sie sich merkwürdig“, sagte ich. „Das habe ich schon vom ersten Moment an gedacht.“

„Kapriziös wie ihr Kater, würde ich sagen.“



22

Am nächsten Morgen gegen zehn lagen die vorläufigen Obduktionsberichte vor. Das, woran ohnehin niemand zweifelte, bestätigte sich. Jordache war von Monahan erschossen worden. Der Bericht der Ballistik folgte gegen Mittag.

Monahan war nicht nur der Mörder von Jordache. Den Tests nach, die man mit seiner Waffe durchgeführt hatte, war mit derselben Pistole auch Tony Pratt, der Mörder von Frank Chessman, umgebracht worden.

Also war Sidney Monahan der zweite Mann gewesen, der im Wagen darauf gewartet hatte, dass Pratt von seinem Mords-Job zurückkehrte. Aber bevor Pratt in unsere Hände geraten konnte, hatte er ihn erledigt, da ihm natürlich klar war, dass die Spur danach zu ihm geführt hätte.

„Gibt es irgendetwas, was Pratt und Monahan gemeinsam haben“, fragte Mr McKee während der Besprechung an unseren Innendienstler Max Carter gewandt, der sich mit den Datensätzen der beiden eingehend auseinandergesetzt hatte.

„Sie haben mal für sechs Monate eine Zelle auf Rikers Island geteilt“, stellte Max fest. „Und außerdem galten sie als getreue Gefolgsleute von Dan O’Reilly. Bei Pratt wissen wir es sicher. Es gibt ein paar Aussagen von Chessman über ihn. Bei Monahan liegt es nahe, sonst hätte er den Job im Blue Lagoon nicht gekriegt! Nicht mit dem, was er auf dem Kerbholz hatte!“

„Was ist mit den Wagen unter dem der tote O’Reilly gelegen hat? Sind wir da endlich weiter gekommen?“, hakte Mr McKee nach.

Die Fortschritte hielten sich in Grenzen. Auf einem der Cat Cam Fotos war durch Vergrößerungen ein sehr charakteristischer Kratzer unmittelbar neben dem Hinterrad aufgefallen.

Wenn der Wagen also gefunden wurde, konnte man ihn eindeutig identifizieren, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es eine so komplizierte Kratzerform zweimal gab, war so gut wie ausgeschlossen. Außerdem handelte es sich den Radkappen nach um einen Mercedes. Mehr wusste man über den Wagen nicht.

Die Überwachungsvideos sämtlicher Parkplätze, die in Frage kamen, wurden untersucht. Aber der Kratzer war zu klein, um ihn auf den Überwachungskamera-Bildern identifizieren zu können. Dazu war die Auflösung zu gering. Und vor allem war die Katze mit ihrer Mini-Kamera natürlich viel näher dran gewesen.

Und auch was den Mann betraf, mit dem Sabrina McCauly sich getroffen hatte, standen unsere Chancen, die Szene auf den Überwachungsvideos zu entdecken, bei Null. Die Datensicherungszeit betrug eine Woche.

Danach war das Material unwiederbringlich gelöscht.

Ich schlug vor, sämtliche Kennzeichen der Wagen auf den Überwachungsvideos, die in der letzten Woche den Parkplatz angefahren hatten, zu überprüfen. Möglicherweise ergab sich bei den Fahrzeugen ein Zusammenhang, der uns weiterbrachte.

„Dich interessiert immer noch, wer der Mann war, der sich mit Sabrina McCauly über das richtige Anlegen einer Cat Cam gestritten hat, was, Jesse?“

„Ertappt, Milo!“

„Aber das war vor mehr als einer Woche. Das heißt, er ist nicht in den Aufzeichnungen zu sehen.“

„Mag sein, aber man streitet sich nicht mit Leuten über so intime Dinge wie das Halsband der eigenen Katze, wenn man sich nicht gut kennt. Also denke ich, dass der Kerl öfter in der Gegend gewesen ist und vielleicht diesen Parkplatz benutzt hat. Viel Auswahl gibt es dort ja nicht!“

Milo sah mich zweifelnd an. „Warum schießt du dich so auf diese Sabrina McCauly ein?“

„Weil bei dieser Frau ein paar Dinge nicht zusammen passen. Zum Beispiel die Art und Weise, wie sie mit Katzen umgeht. Ich bin kein Katzenkenner und ich habe auch nicht die geringste Ahnung, wie man die Tiere hält – aber das Verhältnis zwischen Frauchen und Willy scheint mir irgendwie ziemlich angespannt zu sein! Jedenfalls ist es weit davon entfernt, dem Ideal einer vorbildlichen Haustierhaltung zu entsprechen!“

„Was glaubst du, wie viele Leute sich irgend so ein edles Tier kaufen und nach zwei Wochen feststellen, dass das gar nichts für sie ist und vor allem Dreck und Arbeit macht!“

„Das zweite, was mir zu denken gegeben hat, war die Szene gestern Nacht nach der Schießerei im Blue Lagoon. Und dass sie nicht wusste, wer O’Reilly war, wie immer noch behauptet, das nehme ich ihr inzwischen auch nicht mehr ab!“

„Warten wir einfach mal ab, was bei unserer Suche herauskommt!“, schlug Milo vor.

Zusammen mit Max Carter und ein paar weiteren Mitarbeitern unseres Innendienstes gingen wir also daran, sämtliche Kennzeichen jener Fahrzeuge zu überprüfen, die in der vergangenen Woche den Parkplatz frequentiert hatten, auf dem Markovichs Ford Maverick gestanden hatte.

Nachdem wir die Halter hatten, jagten wir ihre Namen durch den Computer und sahen uns an, ob NYSIS uns irgendwelche Querverbindungen zu unserem Fall aufzeigte. Allein eine Beziehung zur Deliktgruppe des illegalen Kunsthandels wäre da schon ein Volltreffer gewesen.

Und genau so einen Treffer landeten wir.

Der Name lautete Eric Johnson. Er war Anwalt und hatte früher in der Kanzlei Ransom & Associates gearbeitet, bevor er sich mit einer Kanzlei in der Fifth Avenue selbstständig machte. Johnson hatte eine starke Verbindung zum illegalen Kunsthandel. Insbesondere organisierte er den Rückkauf illegal vertriebener Kunstschätze durch die eigentlichen Besitzer. Außerdem hatte er Dan O’Reilly verschiedentlich vor Gericht vertreten. Insbesondere hatte er es geschafft, sowohl O’Reilly als auch Ricky Jordache zumindest juristisch vom Vorwurf der Geldwäsche rein zu waschen.

„Wir sollten diesem Johnson vielleicht mal einen Besuch abstatten“, meinte Milo.

In noch einer Hinsicht war der Anwalt ein Volltreffer. Er fuhr nämlich einen Mercedes. Die Radkappen stimmten mit denen überein, die auf Willys Cat Cam gebannt worden waren. Die Farbgebung war ebenfalls identisch. Was wir nicht überprüfen konnten, war der Kratzer.



23

Kurz vor Büroschluss erreichten wir die Fifth Avenue. Eric Johnson hatte sich dort eine Traumetage mit Blick auf den Central Park genehmigt. Büroräume und Privatwohnung nahmen zusammen gut vierhundert Quadratmeter ein – und das in einer der teuersten Ecken von New York City.

„Offenbar laufen Mister Johnsons Geschäfte recht gut“, stellte Milo fest.

„Ich nehme an, dass Dan O’Reilly ihn für seine Dienste fürstlich entlohnt hat“, meinte ich.

Eine Sekretärin empfing uns. Sie war Anfang dreißig, brünett und sehr seriös gekleidet. Ihr Kostüm wirkte wie aus einem Katalog für Businessmode.

„Mister Johnson macht heue keine Termine mehr, Gentlemen. Es tut mir leid.“

Ich hielt ihr meinen Ausweis unter die Nase. „Special Agent Jesse Trevellian, FBI. Für meinen Kollegen Agent Tucker und mich wird Mister Johnson ganz sicher einen Termin machen - und zwar notfalls auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten.“

„Es tut mir wirklich leid, es ist beim besten Willen unmöglich!“

„Sie tun Ihrem Chef keinen Gefallen damit, indem sie uns von ihm fernzuhalten versuchen“, erwiderte ich, während Milo bereits auf die Tür des eigentlichen Büros zumarschierte.

Die Sekretärin wurde nervös. Sie ließ mich stehen und versuchte, sich Milo in den Weg zu stellen. Doch dazu war sie nicht schnell genug. Milo hatte bereits die Klinke heruntergedrückt. Die Tür flog zur Seite. Mein Kollege trat ein. Ich folgte ihm.

Ein Büro war zu sehen.

Der Schreibtisch war eine Antiquität. Auf mehreren Regalen standen wertvolle Asiatika. Vasen und Statuen vor allen Dingen.

Johnson schien sich auch privat für jene Ware zu interessieren, die dieses illegale Business in Gang hielt.

„Sie dürfen sich hier nicht umsehen“, sagte die Sekretärin. Wir hatten in der Tat nur einen Durchsuchungsbefehl, der sich auf die Überprüfung von Johnsons Mercedes beschränkte. Mehr hatte Mr McKee nicht durchbekommen. Je nachdem, was die Überprüfung dann ergab, konnte dieser Durchsuchungsbefehl natürlich rasch erweitert werden.

Ich hielt ihr trotzdem das Papier hin. „Lesen Sie sich das durch. Wo befindet sich Mister Johnsons Wagen – und wo Mister Johnson selbst?“

Die Sekretärin verschwand für einen Moment durch eine Tür, die zum Privatbereich der Etage führte.

Wenig später kam sie in Begleitung einer vornehm gekleideten Frau Anfang vierzig zurück.

„Mein Name ist Melinda Johnson“, erklärte sie mit ziemlich hoch erhobenem Kinn und auf eine Art und Weise, als würde allein die Nennung Ihres Namens ausreichen, um Ehrfurcht zu erzeugen.

„Die Ehefrau von Mister Eric Johnson, wie ich annehme?“, vergewisserte ich mich.

„Sehr richtig. Unsere Sekretärin hat mir gerade diesen richterlichen Beschluss gezeigt. Was hat das alles zu bedeuten?“

Ich zeigte ihr eines der Cat Cam Fotos. „Wir denken, dass der Wagen, unter dem dieser Mann liegt, ihrem Mann gehört.“

Sie sah sich das Bild an und gab es mir dann zurück. „Von Dans Tod habe ich natürlich gehört. Das hat sich mittlerweile wie ein Lauffeuer verbreitet. Aber Sie glauben doch nicht im Ernst daran, dass mein Mann etwas damit zu tun haben könnte.“

„Das würden wir gerne ausschließen. Ist sein Wagen in der Tiefgarage, die zu diesem Gebäude gehört? Ma’am, wir finden ihn auch ohne, dass Sie uns helfen – und die Security Guards, die hier für die Sicherheit zuständig sind, werden uns dabei jede Unterstützung zukommen lassen. Sie sorgen nur dafür, dass sich alles etwas verzögert!“

„Sie können sich ja gerne in der Tiefgarage umsehen. Wir haben die Plätze G345 bis G348. Aber dort werden Sie nur meinen Wagen und den unserer Sekretärin finden. Einen Porsche und einen Chevrolet.“ Sie wandte sich an die Sekretärin. „Oder, Miss Carmichael?“

„Ja, ich fahre einen Chevrolet.“

„Dann ist Ihr Mann unterwegs?“, fragte ich.

Sie nickte, vermied des dabei aber, mich direkt anzusehen.

„Er führt wichtige Verhandlungen“, behauptete sie. Aber das klang für mich alles andere als glaubwürdig. Ich war überzeugt davon, dass e nichts weiter als eine Schutzbehauptung war.

„Welche Verhandlungen und wo?“, hakte ich daher nach.

„Das geht Sie nichts an.“

„Es tut mir leid, aber ich muss Ihnen diese Frage stellen. Und ich werde auch nicht eher locker lassen, ehe ich nicht eine vernünftige Antwort bekommen habe!“

Sie hob die Augenbrauen und unterzog mich einer abschätzigen Musterung, die ihre ganze Verachtung zum Ausdruck brachte.

„Ich werde auch nicht zulassen, dass er dabei gestört wird, nachdem Sie Ihre dortigen Kollegen alarmiert haben! Im übrigen nehme ich das Recht für mich in Anspruch, keine weiteren Auskünfte zu geben, denn ich bin keineswegs verpflichtet, als Zeuge auszusagen, wenn ich dadurch meinen Ehemann belaste.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, weshalb Ihr Mann sich mit einer gewissen Sabrina McCauly in Yonkers getroffen haben könnte?“

„Tut mir leid, diesen Namen habe ich noch nie gehört, Mister…“

„Agent Trevellian. Die Polizei von Yonkers nimmt an, dass Sabrina McCauly ein Edel-Callgirl ist. Das ist doch eigentlich nicht die übliche Mandantschaft Ihres Mannes, oder?“

Das Gesicht von Mrs Johnson gefror zu einer eisigen Maske. „Sie wollen mich jetzt nur dazu bringen, dass ich etwas Unüberlegtes sage!“, glaubte sie.

„Wenn Sie mir ganz einfach die Wahrheit sagen würden, bräuchten Sie nicht lange zu überlegen!“, hielt ich ihr entgegen. „Ich halte ja auch nicht Ihnen gegenüber mit meinem Wissen hinter dem Berg.“

„Ich habe zu diesem Thema nichts mehr zu sagen, Agent Trevellian. Wenn Sie jetzt bitter diese Räumlichkeiten verlassen würden! Wie Sie sich ja überzeugen konnten, befinden sich weder mein Mann noch sein Mercedes hier in diesem Büro!“

Milos Handy klingelte in diesem Moment. Er ging an den Apparat. „Ja, wir sind gleich da“, sagte er.

„Das hört sich nicht so an, als könnten wir bald Feierabend machen“, meinte ich, während wir uns bereits in Richtung Ausgang bewegten.

„Das waren die Kollegen aus Yonkers“, berichtete Milo so laut, dass auch Mrs Johnson das mithören konnte.

„Und?“

„Eric Johnsons Wagen wurde auf einem einsamen Parkplatz am Highway Richtung Norden gefunden. Die Kollegen von der Spurensicherung sind dorthin unterwegs. Der Schlüssel war abgezogen. Ach ja - und noch was: Der Kratzer stimmt mit den Cat Cam Aufnahmen überein. Es ist das gesuchte Fahrzeug, Jesse.“

Ich wandte mich an Mrs Johnson. „Rühren Sie hier bitte nichts mehr an. Wenn Sie telefonieren wollen, dann von unseren Apparaten und nur, um einen Anwalt zu benachrichtigen!“

„Was soll das heißen?“

„Ich werde jetzt ein paar Kollegen rufen und dann wird hier eine Durchsuchung durchgeführt. Ich denke, angesichts der Tatsache, dass wir nun mit Sicherheit wissen, dass der tote Dan Reilly unter dem Wagen Ihres Mannes lag, wird sich da kein Richter mehr kleinlich zeigen!“


24

Etwas später traf unser Kollege Fred LaRocca mit einem halben Dutzend weiterer G-Men ein, um die Durchsuchung durchzuführen. Darunter war auch Nat Norton, unser Spezialist für Betriebswirtschaft.

Im Bereich der organisierten Kriminalität brachten sehr häufig erst die Geldströme an den Tag, wie die Verflechtungen waren. Welche Verknüpfungen es zwischen Eric Johnson und Dan O’Reilly gab, würde sich hoffentlich bald herausstellen.

„Ich werde alle rechtlichen Schritte ausschöpfen!“, kündigte uns Mrs Johnson an. „Was hier geschieht ist illegal und verstößt gegen die Zusätze der amerikanischen Verfassung!“

„Nein“, sagte ich. „Aber was Ihr Mann getan hat verstößt gegen das Gesetz und es wird die Frage zu beantworten sein, was Ihre Rolle bei der ganzen Sache war.“

„Dem sehe ich sehr gelassen entgegen, Agent Trevellian! Sehr gelassen!“ Aber ihre gesamte Körpersprache strafte sie Lügen.

Wenig später klingelte Milos Handy. Er ging an den Apparat. Sen Gesicht wirkte plötzlich angestrengt. Er klappte den Apparat ein und wandte sich an mich. „Das war Lieutenant Torres aus Yonkers.“

„Gibt es was Neues über den Wagen?“

„Das kann man wohl sagen! Es hat ein bisschen gedauert, bis der Kofferraum geöffnet werden konnte. Schließlich sollten keine Spuren vernichtet werden… Im Kofferraum war eine Leiche, Jesse.“

„Dan O’Reilly!“

„Nein. Eric Johnson. An der Identifizierung kann es keinen Zweifel geben. Er hatte Papiere dabei. Lieutenant Torres sagt, dass er durch einen Schuss in den Kopf starb.“



25

Mrs Johnson erstarrte regelrecht, als sie die Neuigkeiten erfuhr.

Ihr Gesicht zeigte keine Regung. Es gefror einfach nur zu einer Maske und man konnte nur ahnen, was hinter dieser Maske vor sich gehen mochte.

„Mrs Johnson, es tut mir sehr leid, was mit Ihrem Mann geschehen ist“, sagte ich. „Das hat niemand von uns geahnt.“

Sie hob das Kinn, sah mich direkt an und verzog die Lippen verächtlich. „Sparen Sie sich Ihr Mitgefühl, Agent Trevellian. Ich kann Ihr Gerede nicht ertragen.“

Ich verstand sehr gut, dass sie nicht besonders auf uns zu sprechen war. Ich hatte sie ja auch nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wenn Dan O’Reillys Leiche im Kofferraum des Mercedes gefunden worden wäre, hätte alles zusammengepasst. So waren auch wir etwas verwirrt. Wir mussten offenbar die Einzelteile dieses Puzzles neu ordnen.

„Ich verstehe Ihren Ärger, Ihre Wut und…“

„Meine Trauer?“ Sie lachte heiser. „Ich bitte Sie, spielen Sie jetzt nicht den sensiblen FBI-Agenten, Agent Trevellian. Sie und Ihresgleichen haben meinen Mann doch immer in die Nähe von Kriminellen gerückt.“

„Ihr Mann operierte in einer Grauzone, Mrs Johnson. Und sein Tod dürfte mit seinen Geschäften zu tun haben. Es geht jetzt nicht mehr darum, einen Ruf zu wahren oder die Anwaltskammer davon abzuhalten, ihn mit Sanktionen zu belegen…“

„Ach, nein, worum geht es denn Ihrer Meinung nach?“

„Ich nehme an, dass Sie auch wollen, dass der Mörder Ihres Mannes gefasst wird.“

„Dass Sie mich noch nicht nach meinem Alibi gefragt haben, wundert mich…“

„Wenn Sie irgendetwas wissen, was mit dem Tod Ihres Mannes im Zusammenhang stehen könnte, dann sollten Sie uns das jetzt sagen, Ma’am!“, forderte ich sie auf. „Auch wenn Sie jetzt unter Schock stehen mögen – je länger Sie warten, desto mehr helfen Sie dem Mörder Ihres Mannes. Wollen Sie das?“

Sie wandte mir einen nachdenklichen Blick zu, der sich im Verlauf von einer Minute veränderte. Am Schluss schien er nach innen gerichtet zu sein. Sie wirkte völlig weggetreten. Versunken in einer inneren Welt.

„Dan O’Reilly“, murmelte ich. „Ich bin mir sicher, dass Sie diesen Namen schon einmal gehört haben.“

„Lassen Sie mich in Ruhe!“, erwiderte sie. Ihre Stimme klang tonlos. Ich wollte noch einmal ansetzen, aber Milo schüttelte den Kopf und machte mir damit unmissverständlich klar, dass ich im Begriff war eine Grenze zu überschreiten. Mrs Johnson stand unter Schock. Und sie war offensichtlich im Moment nicht in der Lage, vernünftig mit uns zu reden.



26

Bevor wir an diesem Abend nach Hause fuhren, sahen wir noch kurz im FBI Field Office an der Federal Plaza vorbei. Auf dem Computertisch des Dienstzimmers, das ich mir mit Milo zelte, lag eine Mappe.

Darin ein Computerausdruck aus dem Internet und ein paar erläuternde Zeilen.

„Das ist von Max Carter!“, stellte ich überrascht fest. „Er hat offenbar etwas über Sabrina McCauly im Internet gefunden…“

„Ja, ehe man sich versieht, hat da irgendjemand ein paar Stories aus deinem Privatleben veröffentlicht und du hast keine Ahnung, warum dich plötzlich alle so angrinsen, wenn sie dir auf dem Flur begegnen“, meinte Milo.

Ich sah kurz die Anzeigenseite an. Es waren Verkaufsanzeigen für Kleintiere. Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Papageien und ab und zu auch mal ein paar haarige Spinnen oder eine Ratte, die offenbar ein Überlebender der Punk-Bewegung veräußern wollte. Eine Anzeige hatte Max farbig markiert. Ein schwarzer Kater namens Willy war preiswert abzugeben. Zubehör inklusive – und dazu gehörte unter anderem ein weißes Halsband mit integrierter Cat Cam. Am Rand hatte Max eine Bemerkung hingekritzelt. Telefonnummer stimmt mit Nummer von S. McCauly überein!!! war dort mit drei Ausrufungszeichen zu lesen.

Ich reichte den Ausdruck an Milo weiter. „Sieh dir das mal an! Die Katzenliebe von Miss McCauly scheint aber recht rasch wieder erkaltet zu sein!“

„Tja, manche Leute merken eben erst mit der Zeit, dass sie nicht zur Haustierhaltung geboren wurden“, lautete Milos Kommentar, während er die Anzeige las.

„Ich habe doch gesagt, dass mit der Frau etwas nicht stimmt.“

„Nun mach mal halblang, Jesse. Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass es manche Menschen traumatisieren kann, wenn sie auf den Bildern ihrer Cat Cam plötzlich einen Toten sehen? Vielleicht will sie das ganze Thema einfach für sich persönlich abhaken.“

„Da ist was faul, Milo. Am liebsten würde ich gleich hinfahren, und sie mal darauf ansprechen.“

„Das ist Blödsinn, Jesse! Und davon abgesehen, würde es ein seltsames Licht auf dich werfen, wenn um diese Zeit noch eine Zeugin aufsuchst… Glaub mir, die Sache mit Barry Ransom von Ransom & Associates wird nicht einfach so im Sand verlaufen. Du wirst dich noch sehr anstrengen müssen, im rechten Licht dazustehen!“

Wir meldeten uns noch kurz bei Mr McKee. Unser Chef war meistens morgens der erste im Field Office, aber trotzdem abends der letzte, der das Bundesgebäude an der Federal Plaza verließ.

„Blake Davis hat inzwischen eine Aussage gemacht und dafür eine Absprasche mit dem Staatsanwalt getroffen, dass er wegen seinem ersten Schuss auf Jeffrey White Suit Man Jackson, mit dem die ganze Schießerei begann, nur wegen Totschlags drankommt.“

„Dass war eine Tat, die im Rahmen einer Straftat begangen wurde“, ereiferte sich Milo. „Wie kann man da auf Totschlag plädieren?“

„Das ist eine juristische Interpretationssache“, erklärte Mr McKee. „Blake Davis hat zu Protokoll gegeben, dass er geglaubt habe, ‚White Suit Man’ würde mit der Polizei zusammen arbeiten und er deswegen sofort geschossen hätte. Emotionaler Ausnahmezustand!“

„Ja, weil ihm der größte Deal seines Lebens durch die Lappen gegangen ist und er nun wohl jahrelang auf Rikers Island sitzen wird!“, erwiderte Milo, immer noch etwas ungehalten.

„Darüber hinaus haben wir von ihm sehr wertvolle Hinweise auf die Vorgänge innerhalb von O’Reillys Organisation erhalten“, ergänzte Mr McKee. „Und das rechtfertigt in meinen Augen auch die Absprache, denn es wird uns helfen, den Fall aufzuklären! Blake Davis hat zugegeben, dass O’Reilly schon verschwunden und nicht erreichbar war, als er mit Billy Braganza telefoniert hat. Aber Davis wollte, dass der Deal unter allen Umständen über die Bühne gebracht wird! Er persönlich hatte sofort den Verdacht, dass O’Reilly vielleicht seine illegal erwirtschafteten Millionen in einen sicheren Geldhafen transferieren wollte. Dieser Verdacht hat sich übrigens durch Nats Ermittlungen bestätigt. Die Hausdurchsuchung von Eric Johnsons Wohnung und Anwaltsbüro war sehr ergiebig.“

„Johnson sollte O’Reilly beim abtauchen helfen?“, entfuhr es mir. Ich fasste mir an die Stirn.

Mr McKee nickte entschieden. „Johnson war sogar der entscheidende Faktor dabei, um diesen Plan verschleiern zu können. Da sind offenbar viele Millionen auf Schweizer Bankkonten geflossen. An die kommen wir nicht einmal über den Rico Act heran.“

„Da stellt sich ja die Frage, ob O’Reilly vielleicht gar nicht tot ist“, entfuhr es mir.

„Jedenfalls hatte er allen Grund dazu, abzutauchen. Nicht nur, dass die Justiz ihm auf den Fersen war, sondern offenbar hatten sich auch einige der führenden Leute seiner eigenen Organisation gegen ihn verschworen. Blake Davis gibt zu, das er dabei war.“ Mr McKee hob die Schultern. „Inzwischen halte ich in diesem Fall alles für möglich. Sicherheitshalber ist er in der Fahndung drin, sodass es für ihn äußerst schwierig sein dürfte das Land zu verlassen, falls er tatsächlich noch am Leben sein sollte.“

„Hat er irgendetwas über Chessman gesagt?“, erkundigte ich mich.

Mr McKee ging zu seinem Schreibtisch, nahm das Aussageprotokoll hervor und gab es mir. „Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, dann lesen Sie es sich durch. Jede Einzelheit habe ich nicht mehr im Kopf.“

Ich überflog den Ausdruck des Protokolls. Der Aussage von Blake Davis nach gehörte auch Chessman zu den Verschwörern. Gegenüber Davis hatte Chessman damit geprahlt, dass er soviel belastendes Material über O’Reilly gesammelt hätte, das er den großen Boss damit mühelos manipulieren könnte.

Ich sprach Mr McKee auf diesen Punkt an. „War Chessman in dem Punkt nur ein Angeber? Oder muss man das ernst nehmen?“

„Das wissen wir erst, wenn das Material auftaucht. Wir suchen natürlich danach. In Chessmans Wohnung war es nicht und an uns hat er davon auch nichts übergeben. Vielleicht nimmt Chessman dieses Geheimnis mit ins Grab. Warum fragen Sie?“

„Ich versuche mir nur gerade einen Reim darauf zu machen, weshalb Chessman umgebracht wurde und wie sein Tod mit den Morden an Jordache und Johnson auf einen Nenner zu bringen ist!“

Mr McKee hob die Augenbrauen. „Und? Haben Sie einen gemeinsamen Nenner gefunden, Jesse?“

Ich zögerte, wehe ich es aussprach. Aber ein anderer gemeinsamer Nenner wollte mir einfach nicht einfallen. „Alle drei waren anscheinend aus unterschiedlichen Gründen ausgesprochen gut über Dan O’Reilly und seine Geschäfte informiert“, stellte ich fest. Und ergänzte noch: „Sein Anwalt, sein Geldwäscher und sein Erpresser!“

„Leider können wir die beiden Killer Tony Pratt und Sidney Monahan nicht mehr dazu befragen, wer sie beauftragt hat“, meldete sich nun Milo zu Wort.



27

„Und das gesamte Zubehör ist wirklich gratis?“, fragte die rothaarige Frau in den Dreißigern, die Willy über den Rücken strich. Der Kater schnurrte in seinem Körbchen.

„Ja natürlich“, sagte Sabrina McCauly. „Wissen Sie, es geht mir darum, dass Willy ein gutes Zuhause bekommt. Es geht mir nicht darum, mit dem Tier viel Geld zu machen, obwohl das durchaus möglich wäre! Schließlich handelt es sich um ein edles Rassetier. Sie haben ja das Abstammungsgutachten gesehen.“

„Ja schon…“

„Aber mir ist nur wichtig, dass Willy es gut hat“, behauptete Sabrina McCauly. Sie strich sich eine verirrte Strähne ihrer blonden Haare zurück. Ihr Lächeln war breit und wirkte geschäftsmäßig. „Und bei Ihnen ist er in guten Händen, Miss Gardener.“

„Nennen Sie mich ruhig Francine“, sagte die Rothaarige.

„Gerne… Francine!“

„Darf ich noch mal genauer nachfragen, welche Umstände genau es sind, die Sie zwingen das Tier abzugeben? Ich meine, wenn man Willy so ansieht, dann hat man ja wirklich den Eindruck, das alles in Ordnung ist, aber...“

„Keine Sorge, Sie werden keinerlei unangenehme Überraschungen erleben“, versicherte Sabrina McCauly. „Die Umstände haben nichts mit dem Tier zu tun – sondern mit mir.“

„Ah, ich verstehe“, murmelte Francine auf eine Art und Weise, die deutlich machte, dass sie kein bisschen begriff, was Sabrina meinte.

„Ich will kein großes Geheimnis darum machen“, sagte Sabrina schließlich, als sie spürte, dass sie noch etwas nachlegen musste, um Francine restlos zu überzeugen. „Ich bin Tänzerin und habe daher sehr unregelmäßige Arbeitszeiten. Leider habe ich erst mit der Zeit gemerkt, wie schwierig das mit der Haltung eines so sensiblen Tiers vereinbar ist. Wissen Sie, ich lebe allein und da sehnt man sich natürlich nach jemandem, der auf einen wartet, wenn man in die Wohnung zurückkehrt. Aber für Willy ist das hier einfach nicht das Richtige – zumal ich in nächster Zeit wahrscheinlich die Stadt verlassen muss.“

„Ein anders Engagement?“, fragte Francine. „Tänzerin also... Da ist ja wahnsinnig interessant. Haben Sie auch schon mal in einer Broadway Show getanzt?“

Sabrinas Lächeln wurde etwas dünner. „Ich hatte schon verschiedene Engagements…“, wich sie aus. Angesichts des auffällig großen Kruzifix, das um den Hals der rothaarigen Francine hing und auf eine stark religiös geprägte Orientierung schließen ließ, war es wohl besser, wenn Sabrina über ihre Tätigkeit im Blue Lagoon und ähnlichen Clubs den Mantel des Schweigens breitete. Außerdem hatte sie auch keine Lust, sich länger mit Francine zu unterhalten. „Soll ich Ihnen helfen, alles in den Wagen zu bringen?“

„Das wäre sehr nett.“

„Wissen Sie übrigens, was da Ding an dem weißen Halsband ist?“

„Nein.“

„Man nennt es eine Cat Cam. Sie wissen dann immer, was Ihr Liebling auf seinen Streifzügen so erlebt hat…“



28

Am nächsten Morgen fuhren Milo und ich zunächst in das Gerichtsmedizinische Institut der Scientific Research Division in der Bronx. Dr. Brent Claus hatte die Obduktion an Eric Johnson durchgeführt.

„Er starb an einen Schuss aus nächster Nähe“, erläuterte uns der Gerichtsmediziner. „Anschließend wurde er in den Kofferraum seines Wagens gelegt. Dabei sind ihm Post Mortem diverse Hämatome zugefügt worden. Es dürfte dem Täter nicht ganz leicht gefallen sein. Ich nehme an, dass er von seiner eigenen Statur her eher zierlich war.“

„Eine Frau?“, fragte ich.

„Eine Frau oder ein eher zierlicher, kleiner Mann. Die Handgröße lässt sich zum Beispiel an Hand einiger Hämatome ungefähr abschätzen. Ach ja – der Täter oder die Täterin hat sehr wahrscheinlich links einen Ring getragen. Nichts Besonderes und auch nicht breiter als ein gewöhnlicher Ehering. Aber er hat ein paar Abdrücke hinterlassen.“

„Kann man den Todeszeitpunkt genauer bestimmen?“, fragte ich.

„Ich nehme an, dass Mister Johnson schon am Sonntag getötet wurde.“

„Das kann nicht sein!“, entfuhr es mir. „Ich habe das Video einer Überwachungskamera gesehen, auf dem zu sehen war, wie er noch am Dienstag seinen Wagen auf einen Parkplatz fuhr.“

Aber Dr. Claus ließ sich davon nicht erschüttern. „Dienstag kann er nicht mehr gelebt haben. Das ist vollkommen ausgeschlossen.“



29

Wir sprachen auch mit den anderen Mitarbeitern der SDF, die sich mit dem Mercedes befasst hatten. Man hatte unter dem Wagen geringfügige DNA-Spuren sichergestellt. Es hatte vor kurzem jemand unter dem Wagen gelegen, das stand fest. Und sofern man die Leiche O’Reillys hatte, konnte man auch feststellen, ob er es gewesen war.

Vorher allerdings nicht.

Allerdings war etwas gefunden worden, was – neben dem charakteristisch geformten Kratzer – nun wohl endgültig bewies, dass dies der Wagen war, unter dem die Cat Cam zu dem erschreckenden Schnappschuss gekommen war, der den toten O’Reilly zeigte.

Oder zumindest einen O’Reilly, der stark blutete.

„Der Fundort des Wagens ist auf keinen Fall der Tatort für den Mord an O’Reilly“, erläuterte Dr. Gregory Jamieson, ein Chemiker, der für die SRD tätig war und auch schon des Öfteren mit uns zusammengearbeitet hatte. „Die Kollegen des Yonkers Police Department haben überall nach einem Parkplatz gesucht, wo Spuren einer derart großen Blutlache zu finden sind, wie man sie auf dem Cat Cam Foto sieht. Aber bisher ist das nicht gelungen.“

„Davon müsste eigentlich noch eine Spur da sein, oder?“, fragte ich.

„Ja.“



30

Als wir wieder in unserem Sportwagen saßen, aktivierte Milo den TFT-Bildschirm. Wir ließen uns die Videoaufzeichnung per Mail schicken, auf dem das Nummernschild des Mercedes zu sehen gewesen und von uns überprüft worden war.

Tatsächlich war der Fahrer vom Standpunkt der Kamera aus nicht zu sehen. Er saß ständig im Schatten.

„Wir wissen nicht, ob Johnson noch am Steuer saß – oder schon hinten im Kofferraum ruhte“, stellte ich klar.

„Wer sollte sonst den Wagen gefahren haben?“

„Sein Mörder, Milo.“



31

Wir fuhren weiter nach Yonkers. Zunächst suchten wir noch einmal Craig Markovich auf. Ich zeigte ihm ein Foto von Dan O’Reilly.

„Könnte das der Mann gewesen sein, der sich mit der Katzenbesitzerin stritt?“

Markovich sah sich die Bilder eingehend an. Schließlich nickte er. „Ja, er könnte es gewesen sein. Aber ich sagte Ihnen ja schon, dass ich ihn nicht richtig von vorn gesehen und auch kaum auf ihn geachtet habe!“

„Wie schätzen Sie seine Größe?“, fragte ich.

Markovich kratzte sich am Kinn. „Der Mann war auf jeden Fall nicht größer als die Frau…“

„Also cirka 1,70 m“, ergänzte Milo.

„Könnte hinkommen“, stimmte Markovich zu.



32

Sabrina McCauly machte ein ziemlich verwundertes Gesicht, als sie uns vor ihrer Tür stehen sah.

„Sie haben nicht mit uns gerechnet, Ma’am?“, fragte ich.

Sofort gewann sie die Kontrolle über ihre Gesichtszüge zurück. Das übliche geschäftsmäßige Lächeln spielte wieder um ihre Lippen.

„Sie haben recht“, gab sie zu, „ich hätte jetzt tatsächlich nicht mit Ihnen gerechnet.“

„Wir möchten gerne einen Moment hereinkommen.“

„Aber ich habe nicht viel Zeit“, erklärte sie. „Kommen Sie, Sie können sogar eine Tasse Kaffee bekommen, wenn Sie wollen. Es ist noch ein Rest da.“

Sie führte uns zu ihrer Sitzrecke. Ein paar Koffer standen dort.

„Sie haben vor zu verreisen?“, fragte Milo.

„Ja. Irgendetwas dagegen? Sagen Sie jetzt nicht, dass ich mich zur Verfügung halten müsste. Ich in streng genommen noch nicht einmal eine Zeugin! Schließlich…“

„…hat Willy den Toten geknipst“, vollendete ich ihren Satz.

Sie nickte. „Sie sagen es!“

„Wohin geht die Reise?“, fragte Milo.

„Auch wenn es Sie nichts angeht: Ich will an die Westküste und mich etwas ablenken.“

„Und Willy?“, fragte ich.

„Hören Sie, ich habe eigentlich keine Lust mehr, die Unterhaltung fortzusetzen. Sie haben durch mich Kenntnis von einem Verbrechen bekommen und sollten mir dankbar sein. Stattdessen machen Sie mir nur unnötige Schwierigkeiten. Ich schlage daher vor, dass Sie jetzt gehen!“

„Wollen Sie sich mit O’Reilly treffen? Hat er Ihnen irgendwelche weitergehende Versprechungen gemacht?“

Sie bewegte ruckartig den Kopf. „Sie sind ja verrückt! O’Reilly ist tot!“

„Zumindest sollten wir das alle glauben, damit niemand noch auf die Idee käme, ihn und seine Millionen zu verfolgen.“

„Erstens konnte man auf den Cat Cam Bildern sehen, dass es anders war und zweitens weiß ich nicht, was ich mit der ganzen Sache zu tun haben sollte!“

„Ganz einfach: Sie haben in O’Reillys Auftrag eine Rolle gespielt, um allen scheinbar zu beweisen, dass O’Reilly tot ist. Wie viel haben Sie dafür bekommen? Ich hoffe, es war das Risiko wert, dass Sie damit eingegangen sind.“

„Sie sind ja verrückt! Das muss ich mir nicht anhören!“

„Das sollten Sie aber! Alle anderen, deren Wissen O’Reilly gefährlich werden konnte, sind nämlich schon tot. Und ich glaube nicht, dass er Sie ungeschoren davonkommen lassen wird. Da geht er lieber auf Nummer sicher. Ricky Jordache musste er umbringen, weil der wohl seine Absicht frühzeitig geahnt hat. Wie hätte er auch so unauffällig sein Kapital aus den Blue Lagoon Clubs herausziehen können, ohne dass Jordache das gemerkt hätte? Frank Chessman, einer unserer Informanten, spielte offenbar ein doppeltes Spiel. Aber bevor er O’Reilly erpressen konnte, ließ er ihn niederstrecken. Und der letzte im Bund ist Eric Johnson, sein Anwalt gewesen.“ Ich holte ein Foto hervor, das den geöffneten Kofferraum des Mercedes zeigte, in dem Johnson lag. „Sind Sie ihm auch mal im Blue Lagoon Club begegnet? Wäre durchaus wahrscheinlich!“

„Entweder, Sie verhaften mich und können mir einen entsprechenden Wisch vorweisen oder Sie lassen mich jetzt in Ruhe und verschwinden!“, zischte es zwischen ihren vollen Lippen hindurch.

Unbeirrt fuhr ich fort: „Diebstag fuhr jemand mit Johnsons Wagen auf einen Parkplatz hier ganz in der Nähe. Ich nehme an, dass Es O’Reilly war. Eric Johnson lag da schon tot im Kofferraum. Und es war auch nicht das erste Mal, dass sie sich mit O’Reilly trafen! Dafür gibt es einen Zeugen! Unter anderem haben Sie Ihre unterschiedlichen Ansichten zur Katzenerziehung wohl ziemlich lautstark ausgetragen. Der gute Willy wollte sich nämlich die Cat Cam nicht umbinden lassen und es muss ziemlich mühsam gewesen sein, ihn so zu trainieren, dass im Endeffekt die Aufnahmen dabei entstanden sind, die Sie uns gezeigt haben!“

Sabrina McCauly verschränkte die Arme vor der Brust und wirkte jetzt ziemlich genervt. Sie verdrehte die Augen und eine dunkle Röte hatte ihr Gesicht vollkommen überzogen. „Ich hoffe, Sie sind jetzt bald fertig, Agent Trevellian. Ich bin nämlich nicht länger bereit, mir diesen Quatsch mitanzuhören.“

„Wissen Sie, wo O’Reilly jetzt ist?“, fragte Milo. „Dann sollten Sie es uns jetzt sagen, denn für uns – und später auch für die Staatsanwaltschaft, wird sich die Frage stellen, in wie fern Sie in O’Reillys Taten eingeweiht waren und vielleicht sogar mit Urheber sind! Danach richtet sich unter anderem in unserem Rechtssystem das Strafmaß…“

„O’Reilly ist tot! Und wenn Sie zu dusselig sind, seine Leiche zu finden und den Ort, an dem er starb, dann sollten Sie das nicht zu meinem Problem machen, Agent Trevellian!“

„Wo haben Sie die Nummer durchgezogen und die Katze auf die Reise geschickt? Hier in der Umgebung war es nicht – und auch nicht auf dem Highway Parkplatz, auf der der Wagen gefunden wurde. Ich nehme an, die Blutlache werden wir vergeblich suchen. Was haben Sie dafür genommen? Filmblut?“

„Sie sind verrückt, Agent Trevellian!“

„Arbeiten Sie mit uns zusammen, Miss McCauly! Eine andere Wahl haben Sie gar nicht.“

„Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Also verschwinden Sie jetzt!“

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Sabrina McCauly zuckte regelrecht zusammen.

„Wer könnte das sein?“, flüsterte ich. „Erwarten Sie Besuch? Dann sagen Sie uns besser, wen Sie vermuten…“

„Ich habe keine Ahnung!“, behauptete sie. Ihr Gesicht sagte etwas anderes.

Milo ging zum Spion, während es ein zweites Mal klingelte. Er blickte hindurch und nickte mir dann bestätigend zu. Ich folgte ihm und griff nun ebenfalls zu meiner Dienstwaffe.

„Gehen Sie an die Sprechanlage!“, flüsterte ich Sabrina zu. „Fragen Sie, wer draußen ist! Na los!“

Sie zögerte. Aber dann folgte sie meiner Anweisung und betätigte die Sprechanlage. „Wer ist dort?“, fragte sie laut.

„Ich bin es“, sagte eine dunkle, angenehm klingende Stimme.

„Wer ist ich?“, fragte Sabrina.

„O’Reilly. Machen Sie schon auf, ich muss dringend mit Ihnen sprechen!“

Mit ein paar Gesten wies ich Sabrina an, sich in einer Ecke aus Sicherheitsgründen nieder zu kauern. Diesmal gehorchte sie bereitwillig. Offenbar hatte ihr O’Reillys plötzliches Auftauchen klargemacht, dass ich Recht hatte und sie tatsächlich in Gefahr war.

Ich hoffte nur, dass sie nicht auf irgendwelche dummen Gedanken kam. Mit einem Auge musste ich sie jedenfalls in Beobachtung halten. Um ihr Handschellen anzulegen, war jetzt keine Zeit. Es klingelte ein drittes Mal.

Ich stand am Eingang des Korridors.

Milo würde auf ein Zeichen von mir die Tür öffnen. Mein Kollege drehte die Klinke herum und riss dann die Tür auf.

Ein Mann in einem blauen Monteursoverall stand dort. Außerdem trug er eine Baseballmütze, deren Schirm ziemlich weit ins Gesicht gezogen war.

Es war O’Reilly, auch wenn man das erst auf den zweiten Blick sehen konnte. Ich erkannte ihn trotzdem sofort von unseren Fotos her wieder, obwohl er sich großer Mühe gegeben hatte, damit man ihn auf den Aufnahmen der Überwachungskameras nicht identifizieren konnte. Er stand da und wartete überhaupt nicht ab, sondern feuerte sofort. Die Waffe hatte er schon in der Hand, als sich die Tür öffnete. Seine Automatik gab kurz hintereinander drei Schüsse von sich. Das Mündungsfeuer blitzte, aber man hörte kein Schussgeräusch, da O’Reilly seiner Waffe einen Schalldämpfer aufgesetzt hatte. Ich ließ mich zur Seite fallen, obwohl mir bewusst war, dass mich so ein Sprung auch nicht hätte retten können. Gleichzeitig feuerte ich in Richtung meines Gegenübers. Dicht zischten die Kugeln an mir vorbei. Eine fuhr in den Kronleuchter an der Decke, der in tausend Scherben zersprang. Andere Geschosse blieben in den Schränken und in den Wänden hängen.

Der Geschosshagel verebbte.

O’Reilly war plötzlich verschwunden. Ich rappelte mich auf und setzte zum Spurt an.

Auf dem Flur sah ich ihn davonlaufen.

Ohne groß zu zielen, hielt er einfach seine Waffe in meine Richtung und drückte noch ein paar Mal ab. Diese Schüsse waren schlecht gezielt. Aber gefährlich waren sie trotzdem. Ich zuckte zurück in Deckung. „FBI! Waffe fallen lassen!“, rief ich.

Aber ich konnte nicht ernsthaft erwarten, dass mein Gegner darauf reagierte. Er schoss weiter wild drauflos. Ich warf mich in eine Türnische, um Deckung zu finden.

Milo gab mir Feuerschutz.

Als ich wieder hervorschnellte und die Waffe mit beiden Händen in Anschlag brachte, war O’Reilly bereits hinter der nächsten Ecke verschwunden.

Ich spurtete los.

Hinter der nächsten Korridorecke befanden sich die Aufzüge. O’Reilly drängte brutal eine Enddreißigerin mit dunkelblonden Haaren zur Seite und feuerte ungezielt in meine Richtung. Die Frau schrie. Ein einziger Schuss löste sich noch, dann machte es ‚klick’. Das Magazin seiner Waffe war leer. Das letzte Projektil zischte dicht über mich hinweg und ging dann schräg in die Decke. Eine Neon-Röhre ging dabei zu Bruch.

Er stürzte in die sich öffnende Liftkabine.

Ich erreichte die Aufzüge gerade noch rechtzeitig, sodass ich sehen konnte, dass er allein in der Kabine war. Die Schiebetür schloss sich.

O’Reilly grinste triumphierend und schob ein frisches Magazin in seine Waffe, während sich die Schiebetür endgültig schloss. Die Liftkabine setzte sich in Bewegung.

Über das Treppenhaus zu laufen und ihn im Erdgeschoss zu stellen, erschien mir aussichtslos.

Mir fiel ein die Wand eingelassenen Kasten auf. Dort befanden sich höchstwahrscheinlich die Sicherungen für Aufzüge. Kurz entschlossen richtete ich meine Pistole darauf und drückte mehrfach ab. Fast ein Dutzend Löcher stanzte ich dort hinein.

Es gab den erwartenden Kurzschluss. Funkern sprühten, eine Notbremsung wurde zumindest im Fall nach unten korrigiert. Auch ein Teil der Beleuchtung wurde in Mitleidenschaft gezogen.

O’Reilly konnte uns nun nicht mehr davonlaufen.



33

Seit einiger Zeit haben sich in New die Vorschriften für den Betrieb von Aufzügen stark verschärft – und die unmittelbar an den Big Apple angrenzenden Gemeinden haben diese Vorschriften größtenteils übernommen. So mussten seitdem Liftkabinen so beschaffen sein, dass es unmöglich war, von innen Teile der Verkleidung zu lösen und die Kabine über den Schacht zu verlassen. Unter Jugendlichen war das für ein paar Jahre ein beliebter Sport gewesen. Sie waren dann unter Lebensgefahr von einem Kabinendach zum anderen gesprungen und es hatte eine Reihe von tödlichen Unfällen bei diesem „Lift Surfen“ gegeben.

So hatte O’Reilly keine Chance gehabt, aus seiner Kabine herauszukommen.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, ehe O’Reilly aus seinem Gefängnis herausgeholt werden konnte.

Inzwischen war Verstärkung des Yonkers Police Department eingetroffen, darunter auch Lieutenant Torres.

Als sich die Lifttür öffneten, sah sich O’Reilly einem Dutzend Mündungen von Polizeiwaffen gegenüber, sodass er seine eigene Waffe sinken und sich widerstandslos festnehmen ließ.

„Hände hoch und Waffe fallen lassen!“, rief einer der NYPD-Beamten.

O’Reilly gehorchte sofort. Ein Selbstmörder war er nicht.

„Nicht schießen!“, rief er.

Einen Moment später klickten die Handschellen.

Ich klärte ihn über seine Rechte auf. Schließlich sollte alles seinen richtigen Gang gehen. Die Chance, dass ihn ein Anwalt diesmal aus der Bredouille holen konnte, war gering.

„Sparen Sie sich Ihr Gequatsche!“, knurrte O’Reilly.

Wir ließen ihn erst einmal zu den Gewahrsamszellen des Police Departments bringen, von wo er dann zwei Stunden später von Kollegen unseres Field Office abtransportiert wurde.

Auch Sabrina McCauly wurde vorläufig festgenommen und musste sich auf ein Gerichtsverfahren gefasst machen. Wie weit sie in O’Reillys Pläne eingeweiht gewesen war, musste sich noch herausstellen. Auf jeden Fall war sie jetzt bereit, umfassend auszusagen.

Bei O’Reillys Sachen fand sich ein Wohnungsschlüssel, der zu einem Apartment in New Rochelle gehörte, das er offenbar schon vor Monaten unter einem falschen Namen angemietet hatte.

Im Verlauf der folgenden Tage und Wochen wurde dann das volle Ausmaß klar, in dem O’Reilly sein Kapital auf geheimen Wegen verlagert hatte. Nicht alles davon konnte man beschlagnahmen. Manches war einfach auf verschlungenen Finanzpfaden versickert.

Sabrina McCauly sagte später aus, dass O’Reilly sie angeheuert hatte, um dafür zu sorgen, dass die Cat Cam Bilder entstanden und zur Polizei weitergeleitet wurden. Sie wurde wegen Begünstigung einer Straftat angeklagt und bekannte sich schuldig.

Ausführlich erläuterte sie vor Gericht, welche Schwierigkeiten damit verbunden gewesen waren, die Szene zu inszenieren. Der Kater hatte nämlich erst nicht so mitspielen wollen wie geplant. Die Fotos, die den scheinbar toten O’Reilly zeigten, waren auf einem abgelegenen Parkplatz inszeniert worden, der auf Grund seiner Entfernung zu Sabrina McCaulys Wohnung nicht ins Suchschema der Polizei gefallen war. Dazu hatte man den Wagen des zu diesem Zeitpunkt bereits ermordeten Eric Johnson benutzt und ihn später auf einem Highway-Parkplatz abgestellt.



34

„Der einzige, für den die Geschichte gut ausgegangen ist, ist dieser Kater“, meinte Milo ein paar Tage nach der Verhaftung von O’Reilly und Sabrina McCauly, als wir im Besprechungszimmer von Mr McKee saßen. „Der hat immerhin ein angenehmes zu Hause gefunden.“

Außer uns waren auch Clive, Orry und Max anwesend. Wir warteten auf Nat Norton, dessen Ermittlungen in diesem Fall auch jetzt noch nicht beendet waren, denn es kamen immer neuer finanzielle Verwicklungen zum Vorschein. Der illegale Kunsthandel war weitaus stärker mit der legalen Wirtschaft verwoben, als das in irgendeinem anderen Zweig des organisierten Verbrechens der Fall war.

„Ich wusste gleich, dass mit Sabrina McCaulys Katzenliebe irgendetwas nicht stimmen kann“, erwiderte ich. „Sie war irgendwie nicht der Typ für die Pflege von Haustieren.“

„Bin ich auch nicht“, sagte Milo.

„Jedenfalls ist unserem Field Office ein entscheidender Schlag gegen eine Organisation gelungen, die vollkommen skrupellos ihre Geschäftsinteressen durchgesetzt hat“, stellte Mr McKee fest. „So, wie es im Moment aussieht, wird es für Dan O’Reilly wohl nicht so schnell einen Nachfolger geben. Gute Arbeit!“

Dass dies nur ein Etappensieg im Kampf gegen das Verbrechen sein konnte, war natürlich jedem von uns klar. Und trotzdem war jeder dieser Siege des Rechts wichtig.


ENDE

Borgmann und der indische Tod


Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Ein geflohener russischer U-Boot-Kommandant, der sein Boot an die Inder verkaufen will, wird von den Russen gejagt. Die Inder hingegen versuchen, ihn außer Landes zu bringen. Eine unangenehme Lage für Kriminalrat Borgmann, der statt des Flüchtigen in die Luft gejagt werden soll. Einen solchen Anschlag nimmt er persönlich und sucht nun seinerseits die Unruhestifter.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe! –



1

»Peter Borgmann«, flüsterte sie in mein Ohr. Ich hatte ihr meinen Namen gerade erst verraten, und sie wiederholte ihn auf eine atemberaubende Weise. Es klang wie: »Komm. Ich will dich. Jetzt.«

In dem Punkt täuschte ich mich nicht. Schon ihre nächste Aktion lieferte den Beweis.

Ihre geöffneten Lippen streichelten meine Wange. Ihre Zungenspitze setzte kleine, neckende Punkte in das Streicheln.

Luysa war mir verdammt nahe auf diesem edlen weißen Ledersofa in dieser edlen Wohnung.

Warum musste ich die ganze Zeit die Tür ansehen? Dieses Weiß, Glanzlack, etwas größer als normale Wohnungstüren. Auch die Wohnung war größer als normal. Ein Loft. Geräumig wie ein Saal.

Ich war nicht bei der Sache, zugegeben. Trotzdem erzielte Luysas geschicktes Hantieren mächtigen Erfolg. Der da unten führte ein Eigenleben, manchmal, in Situationen wie dieser. Die Gürtelschnalle stand bereits unter Hochdruck.

Luysa schnippte sie auf.

Da explodierte die Tür.

Ein Meer von weißen Lacksplittern raste herein, breitete sich aus. Dunkle Holzfasern folgten. Alles zusammen puffte herein, blies sich zur Wolke auf wie unter Druckluft – wie ein Airbag ohne Hülle, aber mit Spänefüllung.

Dann erst folgte das Krachen der Detonation.

Das Ganze kam mir vor wie eine Zeitlupenaufnahme. Irgendetwas in meinen Gehirnwindungen spielte mir das Geschehen mit Verzögerung vor – so, als sollte ich mich ausführlich daran erfreuen. Ich kannte das. Eine gefährliche Gaukelei, selbst gemacht, von den eigenen grauen Zellen ausgelöst. So was konnte grausam enden. Es musste die Schrecksekunde sein, die das verursachte.

Die Größe der Wohnung war unsere Rettung.

Ich reagierte, noch bevor die Druckwelle uns erreichte.

Blitzschnell zog ich die Beine an und packte Luysa. Von der Sofakante stieß ich mich ab, schnellte hoch und riss die Frau mit mir, schräg nach hinten. Die Rückenlehne gab unter uns nach. Das schwere Möbelstück kippte. Luysa schrie. Im Fallen klammerte sie sich an mich. Ich spürte ihren Körper, die straffen Rundungen, die großen Brüste. Ich hätte mir einen besseren Moment dafür gewünscht.

Wir landeten gemeinsam, noch halb auf der Rückenlehne.

Das Gürtelholster mit der Beretta rutschte zu mir herab. Die Dienstwaffe war das Erste gewesen, was ich im Beisammensein mit Luysa abgelegt hatte. Jetzt folgte mir die Kanone, treu wie ein anhängliches Wesen. Vor meiner Nase blieb sie liegen. Nur Luysas Klammern hinderte mich am Zufassen.

Der Schwall aus Lacksplittern und Holzfasern erreichte uns als schlapper Regen.

Aber dann brach die Hölle los.

Im selben Moment.

Es hämmerte, als sollte die ganze Bude in Stücke geschlagen werden.

Mich durchzuckte die Gewissheit, dass dies alles ein verdammter Irrtum war. Nicht Luysa und ich hätten in der Wohnung sein sollen, sondern die wirkliche Eigentümerin. Sie und ein russischer Kapitän zur See, der in Berlin war, um den Deal seines Lebens zu machen. Ich konnte mir vorstellen, dass einige Leute in Moskau was dagegen hatten.

Denn was der Mann zu verkaufen hatte, war nicht mehr und nicht weniger als ein russisches Atom-U-Boot.

Aber wie sollte ich den schießwütigen Eindringlingen klarmachen, dass ich kein russischer U-Boot-Kommandant war? Sie würden erst fragen, wenn sie mit dem Schießen fertig waren.

Ich stieß Luysa von mir. Es musste sein.

Sie schrie erneut, krümmte sich auf dem Fußboden und barg den Kopf zwischen den Händen. Ich schnappte mir die Beretta.

Zwei Maschinenpistolen waren es, die ihre Feuerstöße hereinhackten.

Kalaschnikows. Ungedämpft. Ohne Rücksicht auf die Feierabendruhe hier in der Sophienstraße, am Rand von Berlin-Mitte.

Dumpf klatschend schlugen die Geschossgarben ins Sofa.

Die Sitzfläche, senkrecht jetzt, war unsere Deckung.

Was sie hielt, musste sie noch zeigen.

Kleine Fransenlöcher erschienen im weißen Leder. Braune Polsterfasern und komische Krümel traten hervor, herausgezupft von den Projektilen.

Federkern war auch nicht mehr das, was es mal gewesen war.

Nur ganz unten, wo uns auch die dick gepolsterte Rückenlehne schützte, blieben die Kugeln stecken.

Ich hatte keine Zeit, mich um Luysa zu kümmern. Jede Sekunde, die ich nicht nutzte, würde uns dem Tod näherbringen. So viel stand fest.

Nach links und rechts war kein Rauskommen. Da sauste der Bleihagel.

Ein paar Geschosse pflügten Furchen in den Holzfußboden, die meisten aber zerlegten Fensterscheiben – weit hinter mir. Das Schmettern der Einschläge und das Klirren der Scherben mischten sich in das harte Stakkato der Schüsse, übertönten sie fast.

Ich zog die Beine an, drehte mich auf der Seite liegend.

Luysa schrie nicht mehr. Zumindest hörte ich sie nicht mehr. Ihre Schultern zuckten. Noch immer hielt sie den Kopf zwischen den Armen. Ich nahm an, dass sie wimmerte oder schluchzte. Bevor ich sie allein ließ, berührte ich ihren Oberarm. Sie lugte unter ihren Armen hervor, mit großen, furchtsamen Augen.

Ich bedeutete ihr, liegen zu bleiben, sich nicht vom Fleck zu rühren.

Leicht gesagt, bei dem Höllenlärm, der um uns herum tobte.

Ich wusste nicht, wie stark Luysas Nerven waren. Deshalb musste ich etwas unternommen haben, bevor das Sofa von Kugeln zerfetzt war.

Ich robbte los. Mein Spielraum war die Breite des Sofas, meine Richtung die der Kugeln, die links und rechts schwirrten. Auf dem glatten, versiegelten Holzfußboden kam ich schnell vorwärts. Klotzige Einrichtungsgegenstände markierten meinen Weg. Sessel, Beistelltische, Pflanzkübel auf Rollen, ein Audio-Video-Rack auf Rollen, zwei Sideboards ohne Rollen. Das eine oder andere Ding hatte bereits Kugeln kassiert; hässliche Schrammen und gestanzte Löcher zeugten davon.

Das Rollen-Rack sah aus wie eine große, massive Naturholztheke, bestückt mit dem kompletten Geräteprogramm von TV bis DVD. Der Unterhaltungskoloss hatte Bodenfreiheit wie ein Geländewagen. Ich schlitterte darunter hindurch, verharrte und riskierte den ersten Blick links an dem klobigen Holz vorbei.

Die Kerle waren nicht zu sehen. Logisch. Aber sie feuerten, als ob Munitionsmangel ein Fremdwort für sie war. Längst mussten sie ihre Doppelmagazine umgesteckt haben. Garantiert schleppten sie einen ganzen Vorrat davon mit sich herum. Und vor den Berliner Schutzmännern hatten sie keinen Respekt. Bevor die durchschnittliche Reaktionszeit auf 110-Notrufe um war, wollten die MP-Schießer ihren Job hier erledigt haben.

Jenseits des umgekippten Sofas gab es eine Reihe von Deckungsmöglichkeiten. Da war ein Kamin mit Sitzbänken aus massiver Eiche davor, und um ein Bärenfell. Dann die Hausbar als Raumteiler. Eine antike Vitrine auf der anderen Seite des Kamins.

Ich ergriff eines der mächtigen Holzbeine und testete die Beweglichkeit des Racks. Die Räder waren mehr als handtellergroß und gummibereift. Schon ein leichter Druck genügte, und der Koloss legte ein paar Millimeter zurück.

Ich zog die Kabel aus den Bodensteckdosen und schickte das Entertainment-Möbel auf die Reise. Linker Hand, neben den Sesseln war genug Platz. Auf dem blitzblanken Fußbodenholz geriet das schwere Rack in mäßigen Schwung. Aber es rollte. Die träge Masse war in Fahrt, und es gab nichts, was sie bremsen würde bevor sie die weit entfernte Wand erreichte, dort, wo die Reste der weißen Tür verstreut lagen.

Meine Rechnung ging auf.

Die Schießer vermuteten mich hinter dem rollenden Monstrum.

Sofort lenkten sie ihren Geschosshagel um.

Die TV-Bildröhre implodierte, und scharf schmetternde Einschläge nieteten Vollmantelblei in die Geräte. Eine Fernbedienung sprang in die Luft, wie vom Entsetzen gepackt.

Ich schnellte nach rechts hinter einen Pflanzkübel.

Besser konnte ich es nicht erwischen. Faserige Fächer einer Zimmerpalme hingen bis auf den Rand des wuchtigen Bottichs. Sichtschutz, wie für den Dschungelkampf gemacht. Und die Richtung stimmte. Der Kübel war knapp rechts von der Seitenlinie des Sofas.

Noch aus der Bewegung heraus kam ich halb hoch.

Beidhändig stieß ich die Beretta durch die Faserblätter.

Die Mündungsblitze der Kalaschnikows zuckten blass rot.

Ich jagte meine Kugeln hinein, wechselte die Visierlinie nach jedem Schuss. Links, rechts, links, rechts. Schon nach vier Schüssen verstummten die Kalaschnikows. Meine Beretta wummerte solo. Nachdem ich acht Patronen verbraucht hatte, nahm ich den Finger vom Abzug.

Stille kehrte ein.

Obwohl der Straßenlärm durch die zerschossenen Fenster lauter als zuvor hereindrang, schien auf einmal totale Stille zu herrschen.

Es war die Stille des Todes.

Ich wusste es.

Trotzdem ging ich auf Nummer sicher.

»Bleib unten!«, zischte ich Luysa zu, während ich mich auf den Weg machte.

Die Beretta im Beidhandanschlag, pirschte ich auf die Gegend zu, an der meine Kugeln die Mündungsfeuer ausgeblasen hatten. Ich hatte immer noch acht Patronen. Das reichte für den Fall, dass es noch einmal hart auf hart gehen sollte.

Doch nichts dergleichen passierte.

Den einen Mann fand ich hinter der Theke der Hausbar. Den anderen hatten die Einschüsse halb in den Kamin geschleudert, aus der Deckung hinter einer der Sitzbänke. Von beiden drohte keine Gefahr mehr. Ich sammelte die Kalaschnikows ein, sicherte sie, und legte sie in einen Sessel.

Luysa riskierte einen Blick, dann setzte sie sich auf, als sie mich mit dem Handy telefonieren sah. Ich rief meine Dienststelle an, das Büro am Potsdamer Platz.

»BKA, Soko II«, meldete sich Alfred Specht mit sonorer Stimme. Die Kürzel, die er da aufsagte, waren die offizielle Bezeichnung unseres Reviers, des Bundesbullen-Reviers.

Es tat mir gut, Alfreds Stimme zu hören. Wir waren mehr als nur Kollegen. Er war eine Vaterfigur für mich, und ich ersetzte ihm, der eine kinderlose Ehe führte, den Sohn.

Ich schilderte ihm im Schnelldurchgang, was passiert war.

»Schick das ganze Programm«, bat ich. Vom Notarztwagen bis zu den Spurensicherern musste alles in Marsch gesetzt werden. Ob ein Toter wirklich tot war, konnte ich letzten Endes nicht entscheiden.

Ich sicherte die Beretta und ließ meinen Blick schweifen. Die weiße Tür, die mir so unheilvoll erschienen war, existierte nicht mehr. Die Kerle mussten die Hohlladung völlig lautlos angebracht haben, und doch hatten sie diese Ahnung in mir ausgelöst.

Aus dem Treppenhaus waren Stimmen zu hören. Was da unten geredet wurde, musste ich nicht erst raten.

Berlin war auf dem besten Weg, eine echte Hauptstadt zu werden. Mit allen Konsequenzen, bis hin zur Schießerei am helllichten Tag. Auch Washington D.C., USA, gehörte letzten Endes zu den amerikanischen Großstädten mit den höchsten Verbrechensraten. Und das als Hauptstadt. Die Hauptstädte aller Länder vereint im Sumpf der Kriminalität. Darauf lief es wohl hinaus.

Und uns hatten sie mitten hinein gesteckt – mich, den Bundesbullen, und meine Kollegen von der Soko II, der neuen BKA-Dienststelle in Spree City.

Ein bisschen Farbe war in Luysas Gesicht zurückgekehrt. Sie konnte sogar schon wieder schmunzeln, als sie auf meine Gürtelschnalle zeigte.

»Besser, du machst den Laden wieder dicht, bevor deine Kollegen hier aufmarschieren.«



2

Im Hafenbecken klatschte das dunkle Wasser gegen die Kaimauer. In den Schattenzonen hatte das Tageslicht schon nichts mehr zu melden. Die untergehende Sonne verabschiedete sich mit feuerrotem Schein, der den westlichen Himmel bis hoch über Berlin ausfüllte.

Abendrot.

Valerij Taranow dachte an seine Heimat, hilflos und gefesselt, wie er war. Er dachte an das weite Land, das ihn hervorgebracht hatte, und an die Menschen dort, die er liebte. Wenn sie ein Abendrot sahen, wussten sie, dass der darauf folgende neue Tag ihnen schönes Wetter bescheren würde. Sonnenschein, Wärme und gute Gefühle.

Doch Valerij machte sich nichts mehr vor.

Er würde die Menschen in seiner Heimat nie mehr wiedersehen.

Und er würde auch den schönen neuen Tag in Berlin nicht mehr erleben.

Er war schon so gut wie tot.

Denn seine Bezwinger hatten ihm ihre Gesichter gezeigt. Sie hatten nichts getan, um unerkannt zu bleiben, nicht das Geringste. Das sagte alles. Sie konnten ihn nicht am Leben lassen. Unter keinen Umständen konnten sie das. Denn es würde ihren eigenen Tod bedeuten. Sie kannten die Organisation, der Valerij Taranow angehörte – ebenso, wie er die Namen kannte, die zu ihren Gesichtern gehörten.

Er hatte sie auf Fotos gesehen. Zusammen mit Namen und Fakten konnte man so was kaufen, wenn man genug Geld hatte und die richtigen Leute in der Moskauer Unterwelt kannte. Die Organisation, für die Valerij Taranow gearbeitet hatte und für die er nun sterben sollte, hatte genug Geld.

Es würde schwer werden, verdammt schwer.

Er war stolz gewesen, als er von der Organisation aufgenommen worden war, die sie hier im Westen schon immer Mafia genannt hatten. Er hatte seiner Familie viel Geld schicken können, mehr als die Männer, die in normalen Berufen arbeiteten. Das Risiko war ihm von Anfang an bewusst gewesen, und so hatte er sich die ganze Zeit gewünscht, durch eine gnädige Kugel zu sterben, falls es ihn denn eines Tages erwischen würde.

Sein Wunsch würde nicht in Erfüllung gehen.

Grauenvolle Qualen warteten auf ihn.

Diese Männer, die mit der kalten Überheblichkeit der Sieger vor ihm standen, beherrschten ihr Handwerk. Sie wussten, wie man den Tod eines Menschen auch dann noch hinauszögern konnte, wenn sie ihm bereits Wunden zugefügt hatten, die eigentlich tödlich sein mussten.

Sie hatten ihn an die Innenwand der Lagerhalle gestellt und an einer Stahlverstrebung festgezurrt, damit er nicht umkippen konnte. Rechts von ihm war das offene Tor mit dem schmalen Kai und dem Hafenbecken dahinter. Nur ein paar Schuten lagen da, Lastkähne ohne eigenen Antrieb.

Den Knebel hatten sie ihm abgenommen, damit er sprechen konnte, wenn er wollte. Er wollte nicht. Nicht eine Silbe hatte er von sich gegeben, seit sie ihm das pelzige Stoffknäuel aus dem Mund gezogen hatten.

Valerij beobachtete seine Peiniger, und er hatte das Gefühl, Mitwirkender in einem aberwitzigen Traum zu sein.

Gern wäre er ein unbeteiligter Beobachter gewesen – etwas wie eine Maus in ihrem Loch, die sich bei Gefahr im Verzug blitzschnell zurückziehen konnte, in die Tiefe ihres Gangsystems, wo niemand sie erwischte.

Dann – so unbeteiligt und vor jeglicher Gewalt sicher – wäre er in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Denn sie bauten diese Filmszene nach.

Der große Boss ließ sich seinen persönlichen Stuhl bringen. Eher ein Sessel war das. Ein Thron. Damit platzierte er seine furchterregende Präsenz in den letzten Streifen Tageslicht in der Halle, von Halbdunkel und Dunkel umgeben.

Die beiden Handlanger versorgten ihn eilfertig mit dem Notwendigsten, damit er es gemütlich hatte. Ein kleiner Tisch, neben den Thron gestellt, wurde mit Thermoskanne, Kaffeegeschirr und Aschenbecher bestückt. Der Boss griff sich an die Hüfte und legte seine Makarow auf die Tischplatte, zu den Behaglichkeits-Utensilien.

Es war nur eine symbolische Geste.

Die gnädige Kugel ist möglich, sollte sie andeuten, aber nur dann, wenn du den Mund aufmachst.

Diese Möglichkeit schied für Valerij Taranow aus, denn er wollte nicht, dass die Organisation an seinen Familienmitgliedern Rache übte. Er hatte einen Fehler gemacht, als er gestern Abend zu der Hure gegangen war. Da hatten sie ihm aufgelauert. Ein einziges Mal war er allein gewesen, ohne seine Freunde, und schon passierte es. Er hätte es wissen müssen, aber der Alkohol und das Verlangen nach einer Frau raubten einem Mann den Verstand. Da nützten manchmal die besten Vorsätze nichts.

Die Handlanger legten andere Utensilien bereit.

Sie mussten diese Halle gemietet oder gekauft haben, denn sie hatten eine Menge Sachen zur Verfügung. Einen Servierwagen, auf dem sie blitzende Chirurgen-Instrumente heranrollten, und außerdem Aluminiumkoffer verschiedener Größen, in denen sie die gröberen Geräte aufbewahrten. Als sie die Kofferdeckel öffneten, drehte sich Valerij der Magen um.

Da funkelten Messer unterschiedlicher Größe und Form. Zwei Kosakensäbel steckten in ihren Scheiden, und eine Kettensäge beanspruchte einen ganzen Koffer für sich allein.

Die Handlanger bauten sich auf, beiderseits, sodass der Boss ihn im Blickfeld hatte. Genau so, wie es auf der Leinwand abgelaufen war.

Er erinnerte sich nicht mehr an den Titel des Films, wusste aber, dass der in New York gespielt hatte. Sein Traumziel. Er hatte Verwandte dort, in Little Odessa, Brooklyn. Sie hatten ihn eingeladen. Du musst uns besuchen, Valerij, unbedingt. So was wie diese Stadt hast du noch nicht gesehen. So was gibt es auf der Welt kein zweites Mal.

Ihre Worte hatten ihm geschmeichelt. Auf diese Einladung war er stolz gewesen. Sie hatten ihn bei sich haben wollen, die Onkel und Tanten im fernen Amerika, die auf ihr New York ebenfalls stolz waren und es ihm zeigen wollten, wie etwas, das sie selbst mit erschaffen hatten.

Nun aber würden sie um ihn trauern müssen.

»Hast du es dir überlegt?«, fragte der Boss in seinem arroganten Moskauer Akzent. Sein Name war Leonid Rudow. Oberst Leonid Rudow. Damals, als die Sowjetunion noch existierte, war er Agent des KGB gewesen. Heute gehörte er der KGB-Nachfolge-Organisation an, dem Staats-Sicherheits-Dienst, kurz FSB.

Valerij Taranow antwortete nicht.

Rudows Blick nahm einen verächtlichen, zugleich mitleidigen Ausdruck an. Er war groß und breitschultrig, ein südländischer Typ. Das schwarze Haar und die dunklen Augen hatte er von seiner Mutter geerbt, einer Georgierin. Sein Vater war dort unten stationiert gewesen, als junger Offizier! Die Karriere hatte ihn zurück nach Moskau geführt; in Regierungsdienste.

Leonid war zu jener Zeit ein kleiner Junge gewesen. Doch die Beziehungen des Vaters hatten den Grundstein auch für seine Karriere gelegt.

Rudow trug einen eleganten hellgrauen Straßenanzug, dazu ein fein gemustertes helles Hemd und eine blaue Krawatte. Die schwarzen Schuhe waren Maßanfertigungen, handgearbeitet, wie man sie heutzutage in Berlin bekommen konnte.

Die Mafia wusste alles über diesen Mann, der zu ihren erbittertsten Feinden gehörte.

Fast konnte man meinen, sich in einer Art familiärer, privater Vertrautheit mit ihm zu befinden. Aber kein Eindruck konnte trügerischer sein als dieser. In dem Punkt machte Valerij Taranow sich nichts vor.

»Du hältst dich also für tapfer«, stellte der FSB-Oberst fest. »Du willst nicht reden.«

Valerij erwiderte auch darauf nichts.

Er sah die Handlanger grinsen. In ihren Gesichtern stand Vorfreude. Obwohl sie einfältig aussahen, waren auch sie Offiziere des FSB.

Leutnant Wladimir Olin. Ein schlanker Mann mit langem blondem Haar, das er im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

Und Leutnant Sergej Bronski. Ein untersetzter schwarzhaariger Mann mit Vollbart. Ein echtes Muskelpaket, für die gröberen Sachen zuständig.

Olin dagegen hatte Chirurgenhände.

Valerij Taranow wusste nicht, vor wem er sich mehr fürchten sollte. Tapfer war er jedenfalls nicht. Im Gegenteil, er hatte gottserbärmliche Angst. Aber das würde er weder Rudow noch seinen Schweinehunden auf die Nase binden. Sie würden sich noch früh genug über ihn lustig machen, wenn die Schmerzen seine Schließmuskeln versagen lassen würden.

»Wenn er nicht redet«, sagte Bronski höhnisch, »vielleicht singt er dann.«

»Spätestens wenn wir ihm die Eier rausnehmen«, fügte Olin hinzu. »Dann kreischt er seine Arie – für Sopran und ohne Orchester.«

Rudow machte eine unwillige Handbewegung. »Los jetzt. Keine Ankündigungen. Taten.«

Olin und Bronski ließen sich nicht zweimal ermahnen.

Als Erstes stopften sie Taranow das Stoffknäuel wieder in den Mund. Sie sicherten den Knebel mit einem Tuch, das sie ihm zwischen die Zähne zogen, es straff spannten und im Nacken zusammenknoteten.

Leutnant Bronski ließ seinem Offizierskollegen den Vortritt.

Es überraschte Valerij Taranow nicht, dass Leutnant Olin mit einem Skalpell auf ihn zutrat. Er hob es in Augenhöhe, und die kleine, rasiermesserscharfe Klinge funkelte glutrot im Widerschein der untergehenden Sonne.

Der erste Schmerz war nicht mehr als ein feines Ziehen.

Doch Valerij gab sich keinen Illusionen hin. Er wusste, dass es immer schlimmer werden würde, von Minute zu Minute, vielleicht sogar in Intervallen von Sekunden.

Er täuschte sich nicht.

Seine Schreie vergurgelten im Knebel.

Seine reflexartigen Versuche, den Folterinstrumenten zu entkommen, endeten im Ansatz, blieben in den erbarmungslosen Fesseln hängen.

Die Schmerzen schwollen an, pochten und hämmern, schrillten und brüllten tobend durch seinen Körper.

Schon nach den ersten Grausamkeiten war er sicher, es nicht auszuhalten und das Bewusstsein zu verlieren. Doch das geschah nicht. Die Folterer gewährten ihm die Gnade der Bewusstlosigkeit nicht. Obwohl die Schmerzen absolut unerträglich wurden, driftete er nicht ab. Er sehnte die Erlösung herbei – den Tod oder wenigstens eine Ohnmacht.

Doch sie gönnten ihm nichts dergleichen.

Als er nur noch ein blutendes, von grauenvollen Schmerzen geschütteltes Bündel war, ließ Oberst Rudow ihm noch einmal den Knebel abnehmen.

Es war noch genug Leben in Valerij Taranow, und so schaffte er es, augenblicklich die Lippen zusammenzupressen.

»Du kennst die Frage«, sagte Oberst Rudow kalt. »Ein Marineoffizier aus Murmansk ist in Urlaub gefahren und an seinem Heimatort nicht angekommen. Wir wissen, dass er nach Berlin gereist ist. Und du weißt, wo er steckt. Sag es mir, dann befreie ich dich von deinen Schmerzen.«

Valerij Taranow schwieg.

Abermals schnürten sie ihm den Knebel in den Mund.

Seine Zeit ging nun zu Ende.

Die Gewissheit erhielt er, als Bronski und Olin den Sarg holten.

Sie förderten ihn aus dem dunklen Teil der Halle zutage. Es war ein schlichter Sarg aus massivem Holz. Er ruhte auf einem Rollgestell, dessen Gummiräder auf dem Betonboden der Halle keinerlei Geräusche verursachten.

Die beiden Leutnants wuchteten den Sarg zu Boden und öffneten ihn. Der untere Teil war mit weißer, schimmernder Seide ausgepolstert.

Bronski und Olin banden ihr blutendes Opfer von der Stahlverstrebung los. Valerij Taranow hatte keine Kraft mehr. Er konnte sich nicht wehren, als sie ihn in den Sarg legten. Er konnte sich nicht einmal aufbäumen, als sie den Sargdeckel über ihm schlossen und zuschraubten.

Dann, wie aus weiter Ferne, hörte er es.

Das Geräusch der Kettensäge.



3

Entweder war Luysa härter im Nehmen, als ich gedacht hatte, oder sie stand unter Schock. Oder beides. Die Entscheidung würde ich dem Notarzt überlassen, sobald er da war. Ich begutachtete noch einmal ihre Gesichtsfarbe und stufte sie als gesund ein. Nachdem ich meine Gürtelschnalle geschlossen hatte, wurde aus Luysas Schmunzeln ein verschmitztes Lächeln.

Sie war in den paar Minuten noch hübscher geworden. So kam es mir vor. Das blonde Haar trug sie ultrakurz, fast männlich. Aber sonst gab es nichts an ihr, was männlich gewirkt hätte. All das Runde, Weibliche wurde von einem Minirock und einem engen T-Shirt wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Chantal Chartre, die Eigentümerin des Lofts, hatte mir Informationen versprochen – über diesen russischen Kapitän zur See, der in Berlin aufgekreuzt sein sollte, um ein Atom-U-Boot zu verkaufen. Einschließlich Besatzung. Für ausländische Dienste. Hauptsache, es brachte das Geld, das die Jungs in ihrem Heimathafen nicht verdienten.

Offenbar zweifelte der U-Boot-Kommandant aus Murmansk nicht daran, in Berlin einen Interessenten für seine ausgefallene Handelsware zu finden. Konnte ja sein, dass er einen

potentiellen Käufer auch schon an der Hand hatte.

Chantal Chartre war eine Edelhure. Französin. Sie hatte Berlin zu ihrer zweiten Heimat gemacht, die neue Mitte der alten Hauptstadt und die neue Mitte Europas. Gelegentlich arbeitete Chantal für uns vom BKA als Informantin.

Doch ich hatte weder sie noch den russischen Marine-Kapitän in ihrem Loft angetroffen.

Stattdessen hatte mich eine verführerische Blondine empfangen, die so getan hatte, als wäre sie eine Berufskollegin von Chantal.

Luysa Engberting Reifenstein.

So hieß sie wirklich. Unter diesem anspruchsvollen Namen arbeitete sie als freiberufliche Journalistin für die intellektuellen Zeitungen und Illustrierten des Landes. Nachdem ich ihr auf den Kopf zugesagt hatte, dass sie keine Nutte war, hatte sie alles gestanden.

Luysa hatte für einen Bericht über die Prostituierten-Initiative JAGURA recherchiert und dabei Chantal kennengelernt. Das exotisch klingende Kürzel stand für »Junge Amazonen gegen Unterdrückung, Rechtlosigkeit und Ausbeutung«. Luysa hatte beschlossen, ihren lange gehegten Plan zu verwirklichen. Ein Buch mit dem Titel »Heute eine Hure«, Untertitel: »Wie sie wirklich leben.« Dafür sammelte sie jetzt praktische Erfahrungen, mit Rat und Tat von Chantal unterstützt.

Dazu gehörte auch, dass Luysa die riesige Wohnung benutzte und so tat, als würde sie die Eigentümerin vertreten.

Ich hatte sofort den Polen angerufen – Paul Karaschewski, meinen Kollegen und besten Freund. Als Erstes hatte er festgestellt, dass Chantals Wagen nicht auf dem Parkplatz hinter dem Haus stand. Das war der Stand der Dinge, soweit ich ihn kannte.

Der Pole hatte sich auf die Suche begeben, zusammen mit Hermann Stahlmann und den anderen. Eine Suche, die erfolgreich sein würde, denn Chantals Wagen war mit einem starken Peilsender ausgerüstet, seit sie für uns arbeitete. Das LKA unterstützte uns mit allen technischen Mitteln, auch beim Aufspüren des Senders.

Luysa und ich waren uns trotz allem näher gekommen. Wenn ich schon auf den Anruf des Polen warten musste, weshalb dann nicht mit ihr zusammen?

Ich hatte nicht ahnen können, dass die Verfolger dem U-Boot-Mann bereits so dicht auf den Fersen saßen. Eine andere Erklärung für den Feuerüberfall gab es nicht. Wir hatten Chantals Information noch nicht einmal richtig geglaubt, weil sie einfach zu unwahrscheinlich klang.

Zumindest ich wusste jetzt, dass die Sache heiß war.

Zu heiß zum Anfassen.

Sirenengeheul, das eben noch aus der Ferne zu hören gewesen war, kam näher.

Ich war froh, dass ich Luysa hatte beschützen können. Genau genommen hatte ich ihr das Leben gerettet.

In ihren Augen las ich Dankbarkeit. Aber ich sagte ihr mit meinem Blick, dass sie es nicht auszusprechen brauchte. Ich hatte getan, was ich tun musste.

Ich wollte ihr auf die Beine helfen.

Da sah ich die Kunststoffkrümel.

Dunkelbraune Splitter waren es, auf dem weißen Leder der Rückenlehne verstreut, zusammen mit dem faserigen Kram, den die Kugeln sonst noch herausgezupft hatten.

Ich kniete mich neben Luysa, nahm einen der Splitter und betrachtete ihn.

»Gehört so was heutzutage zum Federkern?«, fragte ich.

Luysa machte im Sitzen kehrt und sammelte ein paar von den Splittern auf. Es gab genug davon.

»Mit so was polstert kein Mensch«, stellte sie fest. »Das würde ja alles kaputt machen. Das Leder, meine ich.«

Sie musste es wissen, denn als Journalistin hatte sie bestimmt eine hervorragende Allgemeinbildung.

Sie half mir suchen.

Auf der anderen Seite des Sofas sahen wir, dass die Unterseite der Sitzfläche aus weißem, leinenartigem Stoff bestand. Die Einschusslöcher waren klein. Wir rissen sie trotzdem auf. Die Polsterung war nicht nennenswert beschädigt. Die Kugeln waren ziemlich glatt hindurch gegangen und hatten lediglich ein paar Fasern mitgenommen, wie ich bereits festgestellt hatte.

Unten vor dem Haus heulte sich die erste Sirene aus und verstummte. Ein Blick zu den zerschossenen Fenstern zeigte mir, dass Blaulicht über die Fassaden auf der anderen Straßenseite huschte. Zusätzliche Stimmen erschollen im Treppenhaus. Energische Polizistenstimmen. Und weitere Sirenen eilten herbei.

In der Mitte des Sofas fand ich das Geheimfach.

Eine flache Schatulle aus dem schon bekannten dunkelbraunen Kunststoff. Unter der Sitzpolsterung, die nur mit Druckknöpfen befestigt war, gab es eine Aussparung im Federkern, verborgen unter dunklem Filz, der sich hochklappen ließ.

Ich nahm den halb zerstörten Kunststoffbehälter heraus. Er enthielt Disketten, nichts als Disketten. Die meisten waren heil geblieben.

»Geheimnisse!«, staunte Luysa. Sie sah mich von der Seite an. »Ist das nicht verrückt, Peter? Objekte des Computer-Zeitalters in einem mittelalterlichen Versteck! Wer weiß, vielleicht finden wir hier noch eine Tapetentür mit Geheimgängen dahinter.«

Ich richtete mich auf. Den halb kaputten Behälter hielt ich wie eine Schatzkiste. Auch Luysa machte den Rücken gerade. In ihren Augen sah ich ein Glimmen. Kindliche Entdeckerfreude? Abenteuerlust? Alles gekoppelt mit der Erleichterung, noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein?

»Zeig mir lieber Chantals Computer«, sagte ich.

Stimmen und Schritte im Treppenhaus schwollen an, kamen höher.

Draußen versammelten sich die Sirenen zum Chor.

Ihr Gesang klang hohl zwischen den Häusern, unheilvoll und total verstimmt.

Luysa lachte leise. »Was erwartest du? Chantals Kundenkartei mit ein paar prominenten Namen drin?«

Ich schüttelte den Kopf. »Je weniger man erwartet, desto größer die Überraschung.«

Luysa machte ein beeindrucktes Gesicht. »Und was erwartest du von mir? Viel oder wenig?«

»Weder noch«, entgegnete ich. »Von dir erwarte ich, dass du die Anweisungen des Notarztes befolgst.«

»Von Männern lasse ich mir gar nichts befehlen«, behauptete sie.

»In diesem Fall wirst du¹s müssen. Ich will nicht die Verantwortung dafür tragen, dass du nach einem Schock zusammenklappst.«

»Peter Borgmann!«, sagte sie, doch diesmal klang es empört wie: Du spinnst!, oder Da kennst du mich aber schlecht.

Mein Name schien ihr zu gefallen. Ich durfte gespannt sein, auf wie viel verschiedene Arten sie ihn noch aussprechen würde.

Die Splitter der aufgesprengten Tür knirschten und knackten, als die ersten Kollegen von der Schutzpolizei das Loft betraten. Sie hatten ihre Dienstwaffen gezogen und schwärmten vorsichtshalber aus. Erst als ich meinen BKA-Ausweis gezeigt hatte, entspannten sie sich.

Unter den Uniformierten war auch eine junge Polizei-Kommissarin. Eine blonde Mähne quoll unter ihrer Dienstmütze hervor und wellte sich bis auf die Schultern. Sie sah Luysa an, dann mich, dann wieder Luysa und wieder mich.

Was sich hinter der Stirn der Beamtin abspielte, war vermutlich weibliche Intuition. Ich nahm an, dass sie Luysa und mir an den Nasenspitzen ansah, was wir gern miteinander getrieben hätten.

Ob die in der Wohnung anwesenden Personen den Geschlechtsverkehr miteinander vollzogen hatten, ließ sich nicht feststellen.

So würde es später im Protokoll stehen. Weil sie es gelernt hatten, sich so und nicht anders auszudrücken wie die meisten Polizeibeamten dieser Welt. Die hübsche blonde Kommissarin machte da vermutlich keine Ausnahme.

Vollzug oder Nichtvollzug, das war hier die Frage.

Auch für mich.



4

»Nett, dass du mich nicht verraten hast«, sagte Luysa, als wir uns in Chantals Computerbude zurückgezogen hatten.

Von nebenan, aus der Weite des Lofts, drangen Stimmen herüber, Schritte in geschäftigem Hin und Her, und das Klappern von Gerätschaften. Unten in der Straße hatten sie die Sirenen abgestellt. Nur das Blaulicht kreiste noch.

»Verraten?«, wiederholte ich verdutzt. »Was hast du denn zu verbergen?«

»Ich?«, zwinkerte sie. »Überhaupt nichts! Aber du – du wolltest mich doch beim Notarzt denunzieren.«

Ich fasste es nicht.

»Willst du die Heldin spielen?«, knurrte ich. »Wohl zu viel Jerry Cotton gelesen, was?«

Luysa lachte, während sie sich einen Stuhl heranzog, um mir und dem Bildschirm nahe zu sein.

»Zu lange in Krisengebieten gewesen«, stellte sie richtig. »Frauen als Geiseln männlicher Gewalt. Das war mein Thema. In Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien, im Kosovo und auf Jolo. Da sind mir schon mal die Kugeln um die Ohren geflogen.«

Ich schob die erste Diskette ins Laufwerk und sah die Journalistin überrascht an.

»Wow!«, bewunderte ich sie.

Sie nickte ernsthaft. »Und wenn du so willst, ist es noch immer mein Thema, auch jetzt, bei dieser Huren-Kiste.«

»Einschließlich Kugelflug«, sagte ich und zog die Mundwinkel nach unten.

Sie hängte sich an meine Schulter. Ich sah ihren klein mädchenhaft schwärmerischen Gesichtsausdruck, ganz nahe, in meinem rechten Augenwinkel.

»Es bleibt doch dabei?«, wisperte sie. »Du hältst mir den Notarzt vom Hals, okay? Irgendwie hab ich das Gefühl, unbedingt bei dir bleiben zu müssen. Weil du mir nicht mehr lange erhalten bleiben wirst.«

Ich lächelte väterlich. »Ich würde dich ins Krankenhaus begleiten. Im Krankenzimmer übernachten.«

»Versprich nichts, was du nicht halten kannst.«

»Einverstanden. Und du?«

Sie gurrte in mein Ohr. »Habe ich dir nicht schon genug versprochen? Bin ich nicht das Fleisch gewordene Versprechen?«

Ich musste an Alfred Specht und seine Turtelflieger denken. Mit dem Liebesleben im Taubenschlag kannte sich mein guter alter Kumpel und Kollege aus. Ich hatte da manche Stunde mit ihm zusammen gesessen und philosophische Parallelen gezogen. Zwischen den gefiederten Sexbesessenen und unserer Spezies gab es eine Menge Gemeinsamkeiten.

Zumindest, was das Balzverhalten betraf.

»Du willst mich ablenken«, sagte ich.

Luysa war nicht überrascht. »Und wird es mir gelingen?«

Ich verdrehte die Augen und tat genervt. »Lass mich wenigstens erst die Disketten ansehen.«

»Die laufen doch nicht weg«, lockte Luysa. »Ich würde dir gern den Rest der Wohnung zeigen. Chantal hat es echt neckisch hier.«

Luysa begann mit einer Art Massage meiner Nacken und Schulterpartie. Genau genommen war es aber eher ein Kraulen, wie man es von den englischen Ladys in den alten Filmen kannte, wenn sie ihre Schoßhündchen liebkosten.

Okay, ich hatte nichts dagegen, Luysas Schoßhund zu sein. Aber wenigstens eine einzige Diskette wollte ich checken. Als Alibi. Damit ich mir einreden konnte, ich hätte wenigstens etwas getan, während meine Kollegen draußen ihre Arbeit taten.

Ich schaffte es, das Paint-Programm aus der Microsoft-Zubehörkiste zu locken und das Diskettenverzeichnis auf den Bildschirm zu holen. Die Dateinamen sahen seltsam aus.

ChaNam1

ChaNam2

ChaNam3

Und so ging es weiter bis zu Nummer 20.

»Was könnte das bedeuten?«, fragte ich. »Cha könnte für Chantal stehen. Aber Nam?«

Luysa seufzte enttäuscht. Dass ich mich mit etwas anderem befasste als mit ihr, wollte ihr nicht in den Kopf. Ihre rechte Hand wanderte nach vorn, auf meine Brust und dann ohne Umschweife abwärts.

Ich raffte den Rest meiner Konzentration zusammen und klickte mit der Maus herum, bis sich die erste Datei öffnen ließ.

Ein Foto flammte auf den Schirm.

Die Farben leuchteten brillant, und die Einstellung war messerscharf.

Ich stieß einen Pfiff aus.

Luysa erreichte meine Gürtelschnalle und wollte da weitermachen, wo sie vorhin aufgehört hatte. Als sie das Bild sah, hielt sie erbost inne.

»Pornografie!«, schnaubte sie. »Als ob wir so was brauchen!«

Ich ging nicht darauf ein.

»Das ist Chantal«, sagte ich und tippte auf die eine der beiden nackten Frauen.

Obwohl sie nur von hinten zu sehen war, erkannte ich sie an der Haarfarbe, einem Blond, das in ein mattes Rostrot überging. Leicht dauergewellt, endete Chantals Haar knapp über der Schulter.

»Hast du was mit ihr gehabt?«, fragte Luysa giftig.

»Nein«, erwiderte ich. »In meinem Job könnte man mir das als Bestechung auslegen. Immerhin ist die Dame eine Professionelle.«

Luysa murmelte etwas, das besänftigt klang.

Das Digitalfoto zeigte Chantal, wie sie auf dem Bärenfell kniete, vor dem Kamin, das Gesicht zwischen den gespreizten Schenkeln der anderen Frau vergraben.

Eine dunkelhäutige Frau mit jettschwarzem, straff zurückgebundenem Haar. Ihr Mund war geöffnet, die Augen geschlossen. Ihr Gesicht spiegelte höchste Lust, alle Wonnen dieser Welt.

»Ist das nun echt oder gespielt?«, fragte ich.

»Echt«, antwortete Luysa fachmännisch. »Die ist kurz vor dem Kommen.«

Sie hatte meine Erektion erreicht und begann, das Ergebnis ihres Bemühens abzutasten und freizulegen.

»O mein Gott!«, hauchte sie. »Peter der Große!«

Ihre Augen leuchteten entzückt zu mir herauf.

»Kennst du die andere?«, fragte ich und ächzte.

»Nein«, antwortete Luysa geistesabwesend. Sie war nun vollständig auf den Großen konzentriert, konnte sich gerade noch zu einem mäßig interessierten »Sieht südländisch aus«, bequemen. Womit die fremde Frau auf dem Foto gemeint war.

Luysas Lippen hauchten über meine Wangen, dann abwärts, meine Halsbeuge hinunter. Und weiter.

»Eine Inderin«, stellte ich fest. »Oder eine Pakistanerin. Könnte auch eine Ceylonesin sein – vielleicht eine Bangladeschi …«

Selbst wenn sie gewollt hätte, Luysa hätte nicht mehr antworten können. Ihre Lippen umschlossen mein Glied, legten sanft schiebend die schwellende Spitze frei. Dann spürte ich Luysas Zungenspitze von Neuem – diesmal, wie sie einen rasanten kleinen Trommelwirbel auf meiner Eichel hinlegte.

Ich schaffte es noch, ein zweites Bild zu öffnen. Es zeigte Chantal mit derselben Frau, wieder vor dem Kamin, in einer ähnlichen Position. Wenn alle ChaNam-Dateien digitalisierte Fotos von unserer Informantin mit der Inderin enthielten, war das ganz sicher nicht besonders aufregend.

Viel aufregender war die Heimlichtuerei. Weshalb hatte Chantal die Disketten so sorgfältig versteckt? Und was für Dateien befanden sich auf den anderen Disketten?

Ich kam nicht weiter, konnte mich weder mit der einen noch mit dem Rest der Disketten beschäftigen. Denn meine Konzentration ließ rapide nach.

Das lag weniger an der Tatsache, dass es nur dünne Holzwände waren, die Chantals Computerbude vom Rest des Lofts abteilten. Man konnte jeden Laut hören, jedes Wort, das die Kollegen da draußen sprachen. Von Russen war die Rede, und damit waren die Toten gemeint, wie ich feststellte. Russen also, die dem U-Boot-Kommandanten aus Murmansk den Superdeal vermasseln wollten.

Ich hörte auch die Stimme der hübschen blonden Kommissarin. Sie diktierte etwas wie »… wurden nach Eintreffen am Tatort zwei männliche Personen mutmaßlich russischer Herkunft angetroffen. An beiden genannten Personen stellte der Notarzt den bereits eingetretenen Tod fest: Eine genaue Identifizierung der toten Personen konnte nicht vorgenommen werden, da sie keine Ausweispapiere bei sich trugen. Es muss daher beantragt werden, über die Datenbanken von Interpol …«

Vollzug!, hätte ich am liebsten gerufen. Hier findet der Vollzug eines Tatbestands statt! Zwischenmenschliche Handlung sexueller Art. Nennt man das nicht so in der Beamtensprache?

Aber nicht mal das kriegte ich heraus.

Denn der Hauptgrund für das Schwinden meiner Konzentration lag in Luysas Treiben.

Ihre Lippen hielten meinen Ständer fest und kraftvoll umschlossen, und sie benutzte ihn wie eine Hundeleine, indem sie mich von meinem Platz wegzog.

Erst jetzt bemerkte ich, dass sie mich unterhalb der Gürtellinie bereits von sämtlichen Klamotten befreit hatte. Und so zog sie mich quer durch den Raum, gebückt ruckend, rückwärts gehend, auf eine Wendeltreppe zu.

»Hier kann doch jeden Moment einer reinkommen«, keuchte ich, als Luysa mich da hatte, wo sie mich haben wollte.

»Aber das macht die Sache doch erst richtig interessant«, flüsterte sie und setzte sich auf die fünfte Treppenstufe.

Sie spreizte die Beine. Der kurze Rock hinderte sie nicht nennenswert daran. Und erst jetzt sah ich, dass sie darunter nichts anhatte.

Wieder ergriff sie meine steife Pracht und zog.

Es war das letzte Mal, dass sie ziehen musste.

Mühelos und zielsicher glitt ich in sie hinein.

Sie dämpfte ihren Aufschrei, indem sie sich ihre kleine Faust auf den Mund presste. Ich ließ sie nicht erst zur Besinnung kommen. Behutsam und doch machtvoll stieß ich zu. Langsam noch, doch schon mit einer spürbaren Steigerung.

Luysa schloss die Augen und schluckte ihre Schreie in sich hinein.

Die Möglichkeit, dass die hübsche Kommissarin am Ort des Vollzugs erscheinen konnte, beflügelte mich. Ob sie, wenn sie die Uniform abgelegt hatte, auch beamtisch sprach? Es musste unglaublich sinnlich klingen, wenn ihre zarten Lippen in mein Ohr flüsterten: »Möchtest du die Ausübung des Geschlechtsverkehrs mit mir vornehmen?«

Der Gedanke verflog rasch. Denn Luysa beanspruchte nun einmal meine volle Aufmerksamkeit, einfach alles von mir.

Unter meinen Stößen geriet die Wendeltreppe in Schwingungen. Es war eine Stahlkonstruktion, eher grazil-kunstvoll aussehend als stabil. Die Schwingungen verursachten einen Ton von dumpfer Frequenz. Nicht mehr lange, und die Kollegen draußen würden auf diesen Bass-Rhythmus aufmerksam werden. Und womöglich brachten Luysa und ich es noch fertig, die ganze verdammte Treppe einstürzen zu lassen.

Wir erkannten die Gefahr gleichzeitig, trotz unserer Versunkenheit. Denn nichts wäre unangenehmer gewesen als ein abrupter Abbruch.

Luysa schlang die Beine um meine Hüften, und ich trug sie aufwärts. Meine Erektion war eine starke Unterstützung dabei.

Wir erreichten Chantals Privatgemach, eine Mischung aus Salon und Schlafzimmer. Viel mehr als ein gläsernes Kuppeldach und eine ganze Landschaft aus weichen Polstern und Decken nahm ich nicht wahr. Luysa wahrzunehmen war mehr als genug.

Ich ließ mich auf den Rücken sinken, ohne Luysa freizugeben. Erst jetzt kam ich dazu, ihr das Shirt über den Kopf zu ziehen. Ihre Brüste senkten sich auf mich herab, als sie sich vornüber beugte. Weich und schwer wurde mein Gesicht begraben, und vorübergehend konnte ich den wolkenlosen Sternenhimmel über Berlin nicht mehr sehen.

Dann aber ließ ich Luysa erneut die Kraft meiner Erektion spüren. Von unten kommend, drängte ich noch tiefer in sie hinein. Sie bäumte sich auf, streckte den Oberkörper mit einem Schrei, und der funkelnde Abendhimmel war wieder da.

Wir fanden unseren Rhythmus. Luysas Aufbäumen und meine Stöße verschmolzen ineinander, steigerten sich zur Ekstase. Luysas Schreie blieben im Takt, wurden mit zunehmendem Tempo immer kürzer, immer abgehackter.

Irgendwann, nach einer wilden Ewigkeit, schien der Berliner Himmel zu explodieren. Die Sterne wirbelten durcheinander wie Diamanten, als würde der große Juwelier sie aus vollen Händen auf ein schwarzes Samttuch werfen.

Luysas letzter, alles übertreffende Schrei versiegte, und sie sank auf mich herab, ohne mich aus ihrem erregten Körper herauszulassen. Ich glaubte, ihr inneres Vibrieren zu spüren, wie es langsam der Entspannung wich. Wir waren allein auf unserer einsamen gläsernen Insel unter dem dunklen Himmel. Seinen festlichen Diamanten-Glanz hatte er nur für uns angeknipst. Davon war ich in diesem Moment überzeugt, und Luysa empfand es sicherlich ähnlich.

Unser Atem beruhigte sich langsam, als plötzlich die Stimme erscholl.

»Herr Borgmann! Kriminalrat Borgmann!«

Eine weibliche Stimme, unten, in Chantal Chartres Computerbude. Da war die ganze Zeit nicht abgeschlossen gewesen. Siedend heiß fiel es mir ein. Doch andererseits – hätte es irgendeinen Unterschied gemacht?

Luysa hob irritiert den Kopf. Schweißperlen standen in ihrem Gesicht. Fragend blickte sie auf mich herab.

»Herr Borgmann!«, erklang es wieder.

Es musste wirklich dringend sein bei der Dame.

»Ich wette, das ist die blonde Kommissarin«, flüsterte ich. »Rate mal, was die von uns will.«

Luysa grinste mitleidig. »Männerphantasien«, sagte sie und schnaufte. »Du denkst jetzt allen Ernstes, die Kleine könnte scharf drauf sein, zu uns ins Bett zu steigen.«

»Klar, das wär’s doch.« Ich grinste zurück. »Ein flotter Dreier. Mit einer Beteiligten in Uniform. Soll ich dir mal sagen, wie sich das bei ihr anhören würde?«

»Ich ahne es.« Luysa verdrehte die Augen.

»Ich stelle den Antrag«, sagte ich trotzdem, »am Vollzug des Verkehrs als dritte Person teilnehmen zu dürfen.«

Luysa kicherte.

Die Ungeduldige unten schien es nicht mehr lustig zu finden.

»Herr Borgmann!« Ihre Stimme klang schärfer. Gereizt.

Seufzend beschloss ich zu antworten.

»Was ist los?«, rief ich zur Öffnung der Wendeltreppe hin. Ich war überzeugt, jetzt die Beantragung der Vollzugsteilnahme zu hören.

Ein Riesenirrtum.

»Dr. Simone Wessling, Notärztin«, stellte sich die Frau laut und vernehmlich vor. »Polizei-Kommissarin Bergmann hat mich gebeten, nach Ihnen zu sehen – und nach der sich in Ihrer Obhut befindlichen weiblichen Person.«

Ich glaubte es nicht. Die Notärztin war infiziert. Unüberhörbar. Der Sprachbazillus der Beamtenwelt griff um sich. Die Wenigsten, so schien es, konnten sich davor schützen.

Luysa trommelte mit den Fäusten auf meine Brust. Ihre Lippen formten lautlos die Worte »Du Schuft!«.

»Ich kann nichts dafür«, flüsterte ich. »Wirklich nicht. Das hat die Kommissarin Bergmann eigenmächtig entschieden, glaub mir.«

Luysa sah ganz so aus, als würde sie sich besänftigen lassen. Mit einer kleinen, wie nebensächlichen Bewegung ließ ich sie spüren, was immer noch ihr Lustzentrum ausfüllte. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Sie war besänftigt.

»Es besteht keine Notwendigkeit!«, rief ich laut, erneut zum Treppenloch gewandt. »Bitte richten Sie der Kommissarin aus, dass ich den Vollzug der notärztlichen Unterstützung nicht für erforderlich halte!«

Luysa kommentierte es mit einem Kopfschütteln und einem tadelnden Zungenschnalzen. Aber es war nun mal die Sprache, die Notärztinnen und Kommissarinnen verstanden.

Eine Etage tiefer bedankte sich die Medizinfrau und verabschiedete sich.

»Gott sei Dank«, seufzte Luysa erleichtert. »Ich hatte schon befürchtet, aus der zweiten Runde würde nichts werden.«



5

Hermann Stahlmann lenkte den Dienstwagen, einen dunkelblauen Audi A 8. Neben ihm, auf dem Beifahrersitz, saß Paul Karaschewski, den sie in der Soko II den Polen nannten.

Stahlmann kannte die Gegend nicht, in der sie sich befanden. Flughafen Schönefeld, am südöstlichen Rand von Berlin, genau genommen Brandenburg, früher mal DDR-Piste. Hermann der Cherusker und seine Kollegen waren noch nicht lange genug in der Hauptstadt, um alles zu kennen.

Schönefeld, heute der drittgrößte Airport der Hauptstadt, hatte nichts mit Schöneberg zu. Das musste man auseinanderhalten. Schönefeld, Schöneberg. Nur Auswärtige kriegten das durcheinander. Hermann hatte es ein paar Mal aufgesagt, und nun saß es wohl.

Die Flughafengebäude glitten vorüber. Eine startende Maschine stieg steil aufwärts, als würde sie es eilig haben, ihre Positionslampen mit dem Sternenhimmel zu vereinen. Das Donnern der Triebwerke war bis in den schweren Wagen mit der Achtzylindermaschine zu hören.

Stahlmann spähte in den Innenspiegel. Ein Kontrollblick, obwohl er wusste, dass die Kollegen garantiert nicht den Anschluss verlieren würden. Nicht bei diesem Zockeltrab. Sie waren kurz vor dem Ziel.

Das Ortungsfahrzeug, mit Technikern des Landeskriminalamts besetzt, hatte Chantal Chartres Wagen aufgespürt, nachdem ein Hubschrauber zuvor die grobe Richtung bestimmt hatte. Der Peilsender war das Leistungsstärkste, was es zur Zeit gab. Borgmann hatte sich durchgesetzt, und so war ausnahmsweise mal nicht gespart worden.

Die Männer vom BKA wussten, es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, dann hatten sie die Kiste.

Der 7er BMW folgte dem Audi mit 30 Meter Abstand, wie schon seit einer Stunde. Die Gesichter von Werner TNT Kocker und Walther Lazarus Lichter waren hinter der getönten Windschutzscheibe nur als helle Flecken zu erkennen. Sie kannten Berlin nicht besser als Karaschewski und Stahlmann.

Aber sie alle lernten jeden Tag ein bisschen dazu. So würde es nicht mehr lange dauern, bis sie jeden Winkel dieser Stadt erforscht hatten – gründlicher und genauer als die meisten Einheimischen. Einsätze wie dieser an diesem sommerlichen Herbstabend trugen massiv dazu bei.

Sie befanden sich im östlichen Teil der Stadt.

Manche im westlichen Teil sprachen noch heute von Ost-Berlin, einige nannten es aus sturer alter Gewohnheit gar noch SBZ – Sowjetische Besatzungszone. Doch auch hier, auf der Ostseite des ehemaligen Eisernen Vorhangs, gab es Hardliner – Leute, die sich die Mauer zurück wünschten.

Borgmann und seine Männer hörten sich das alles an, und manchmal waren sie geneigt, eher den Kopf zu schütteln, als nur zu schmunzeln. Man konnte meinen, dass der Kontrast zwischen Ossis und Wessis nirgendwo so stark war wie ausgerechnet in Berlin. Dickschädel, so schien es, gab es nicht nur in Nordrhein-Westfalen.

Seit Borgmann und seine Crew vom Dortmunder Ruhrrevier an die Spree versetzt worden waren, hatte sich einiges geändert. Jetzt waren sie kein normales Polizeirevier mehr. O nein, jetzt hatten sie die Ehre, dem Bundeskriminalamt anzugehören, und zwar als eine eigene Dienststelle – unter der Leitung des Bundesbullen. Gleichzeitig waren sie mit ihrem Büro am Potsdamer Platz auch offiziell die Berliner Zweigstelle des BKA.

»Das Zielfahrzeug parkt neben einem Wohnmobil«, knarzte die Stimme des Ortungstechnikers aus dem Funklautsprecher. »Ein ziemliches Schiff – weiß, amerikanisches Fabrikat – Dodge Van. Klappen vor den Fenstern. Man kann also nicht erkennen, ob drinnen Licht brennt. Das Zielfahrzeug steht am hinteren Ende von Abschnitt D wie Dora, das Wohnmobil davor, aus eurer Richtung gesehen. Eine dunkle Ecke. Das war’s dann, nehme ich an.«

»Verstanden, in Ordnung«, antwortete Karaschewski. »Ihr geht in Bereitstellung – okay?«

»Wie vereinbart«, antwortete der Kollege vom Landeskriminalamt Berlin. Für den Fall, dass Chantal Chartres grüner Mercedes C wegfahren würde, blieben die Funk-Spür-Experten in der Nähe.

Hermann Stahlmann bog in die Hauptzufahrt des Parkplatzes ein. Die Lichtkegel der Scheinwerfer schwenkten von Asphalt auf Verbundpflaster. Die Buchstabenmarkierungen der einzelnen Abschnitte kamen in Sicht.

Unter den Pranken des Cheruskers wirkte das Lederlenkrad klein und spielzeughaft. Seinen Beinamen verdankte Stahlmann einem Ereignis, das sich vor Jahren unter dem Hermanns-Denkmal abgespielt hatte. Da hatte er, der dreimalige Polizei-Schwergewichtsmeister im Boxen, eine nicht genehmigte Kundgebung von Rechtsradikalen aufgelöst. Mit eben diesen Fäusten. Das Personal der umliegenden Krankenhäuser hatte Sonderschichten einlegen müssen.

Und Hermann, von nun an »der Cherusker«, hatte seine Heimatstadt Detmold verlassen müssen. Wegen seiner persönlichen Schlacht im Teutoburger Wald war er strafversetzt worden. Nach Dortmund. Ins Ruhrrevier. Dort war er mit offenen Armen aufgenommen worden. Und schon nach ein paar Tagen hatte es für sämtliche neuen Kollegen festgestanden: Diesen Prachtkerl würde man nicht wieder gehen lassen.

Das galt noch immer.

In Berlin erst recht.

»Lazarus«, sagte der Pole in den Handapparat des Funkgeräts.

»Ja«, antwortete der Kollege vom Beifahrersitz des BMWs.

»Bleibt auf der Zufahrt, wo ihr uns sehen könnt und den Überblick behaltet.«

»In Ordnung«, antwortete Lichter, dem sie den Spitznamen Lazarus gegeben hatten, weil er so dürr und elend aussah wie jemand, der schon mal beerdigt worden und wieder auferstanden war.

Der Cherusker zog den Audi in die Abzweigung hinter dem Schild mit dem Buchstaben D. Er beobachtete im Spiegel, wie Kocker den BMW vor der Abzweigung zum Stehen brachte und die Scheinwerfer löschte.

Werner Kocker kam von der Berufsfeuerwehr. Da war er Sprengstoffexperte gewesen, und noch heute war er es mit Leib und Seele. Er hatte eine Hassliebe zu allem Hochexplosiven entwickelt. Brisanten Sachen wie TNT galt sein größtes Interesse, und weil er Trinitrotoluol, den ausgeschriebenen Namen des gelben Teufelszeugs so mühelos und selbstverständlich aussprechen konnte wie andere Schnaps und Bier, war es an ihm hängengeblieben.

Selbst Susanne Steiner, seine Verlobte in Dortmund, konnte nicht abstreiten, dass Sprengstoffe wie TNT ihren Werner bisweilen mehr interessierten als sie, die Frau seiner Wahl.

Hermann Stahlmann ließ die Scheinwerfer seines Dienstwagens wohlweislich eingeschaltet. Ein herumschleichendes unbeleuchtetes Fahrzeug fiel garantiert eher auf als eines, das so aussah, als ob sich sein Fahrer bei der großen Auswahl nicht für eine Parkbucht entscheiden konnte.

Die Parkbuchten auf der rechten Seite von Abschnitt D waren fast vollständig leer.

Nur ganz hinten, wie beschrieben, stand das weiße Dodge-Wohnmobil. Chantals Baby-Benz parkte vermutlich dahinter. Die Ecke war tatsächlich nur schwach beleuchtet.

Auf der linken Seite sah es ähnlich aus. Ein Passat gleich vornean, dann ein Škoda Octavia und ein Mazda 626, alle drei gleichmäßig verteilt. Grünstreifen mit mannshohen Büschen und Ziersträuchern trennten die Parkplatzabschnitte voneinander. Durch Lücken war jedoch zu erkennen, dass auch die benachbarten Abschnitte nur schwach belegt waren.

»Wir parken zwischen dem Škoda und dem Mazda«, entschied Karaschewski. »In der Mitte.«

»Warum nicht rechts?«, entgegnete der Cherusker. »Da ist doch alles frei.«

Der Pole schüttelte den Kopf. »Hier gilt das Gleiche wie bei Wohnungen. Zuerst schießen sie immer durch die Tür. Und wir wollen ja unseren schönen Dienstwagen nicht unnötig gefährden.«

Hermann Stahlmann grinste. 30 Meter von dem Wohnmobil entfernt brachte er den Audi zum Stehen und setzte ihn zurück. Der Pole wusste, wovon er sprach. Das musste man ihm lassen.

Paul Karaschewski stammte tatsächlich aus Polen, aus einem Ort, der auf keiner Landkarte verzeichnet war und dessen Namen nur er selbst aussprechen konnte. Im Laufe der Jahre war er ein 200-prozentiger Deutscher geworden, weshalb das Dorf mehr und mehr in Vergessenheit geraten war.

»Pole« hatten sie ihn zuerst in der Unterwelt genannt – aus Respekt. Überall, wo Paul Karaschewski aufgetaucht war, hatte er die Strolche das Fürchten gelehrt. Auch in Berlin würde es nicht lange dauern, bis die zwielichtigen Existenzen ein Zittern in der Stimme kriegten, wenn sie den Beinamen »der Pole« auch nur erwähnten.

Paul Karaschewski arbeitete normalerweise mit Borgmann zusammen – wenn der nicht gerade aus dienstlichem Anlass mit den Schönen der Nacht anbandelte. Doch auch alle anderen aus der Soko II waren bestens aufeinander eingespielt.

Hermann Stahlmann schaltete die Scheinwerfer aus und drehte den Zündschlüssel herum. Das Summen des Achtzylinders erstarb.

Die Schnauze des grünen Mercedes C war jetzt in der Dunkelheit hinter dem Wohnmobil zu sehen. Lichtausläufer der Parkplatzbeleuchtung erreichten immerhin, dass der grüne Lack und das Scheinwerferglas glänzten. Dahinter begrenzte dichtes Buschwerk die gepflasterte Fläche.

Die Fensterabdeckungen des Dodge Van zeigten keinen Lichtschimmer, nicht den winzigsten Spalt.

Sekundenlang saßen die beiden BKA-Beamten schweigend da. In ihrem Blickfeld lag jetzt der gewaltige Gebäudekomplex des Flughafens, der einmal der »Hauptstadt der DDR« als Airport gedient hatte. Maschinen starteten und landeten in kurzen Abständen. Flugbetrieb herrschte hier 24 Stunden am Tag; die Nacht gehörte vor allem den Frachtmaschinen.

Rechts unter der Armaturenabdeckung hustete der Funklautsprecher. Lichter hörte sich an, als ob er hundert Kilometer entfernt war.

»Da tut sich was – auf Abschnitt C. Sieht so aus, als ob sich da einer wegschleichen will – ohne Licht – heimlich, still und leise …«

Der Pole blickte hinüber, nahm den Handapparat und antwortete: »Nichts zu sehen von hier. Fahrzeugtyp?«

»Voyager – Chrysler – mit diesen schwarz getönten Fensterscheiben, da siehst du nichts – sieht aus wie ein Geisterschlitten. Nobody an Bord.«

»Wohl kaum«, erwiderte Karaschewski. »Hängt euch dran. Wir haben ja für den Notfall noch die LKA-Kollegen.«

»In Ordnung«, erwiderte Lazarus.

»Ende«, sagte der Pole und verständigte die Kollegen im Spür-Fahrzeug. Er klemmte den Handapparat in die Halterung.

»Da drüben«, sagte der Cherusker und zeigte auf den Grünstreifen. »Da bewegt sich was.«

Der Pole kniff die Augen zusammen und blickte in die angegebene Richtung. Tatsächlich glitt ein Schatten hinter den Büschen weg, nach rechts, zur Zufahrt hin. Wie es aussah, war der Voyager komplett schwarz.

»Was meinst du?«, sagte Karaschewski. »Könnte das mit uns zu tun haben?«

Stahlmann sah ihn an. »Du meinst, die hauen ab, weil wir angekommen sind?«

»Weil sie’s ohne Licht tun«, nickte der Pole.

»Mhm.« Hermann der Cherusker rieb sich das Kinn. »Dann müssten wir wohl mal rausfinden, ob es in dem Wohnmobil jemanden gibt, den sie verständigt haben könnten. Kann ja sein, dass diese schwarze Kiste uns ablenken soll.«

»Sehe ich auch so«, bestätigte der Pole. »Also los!«

Er stieg als Erster aus, drückte die Tür lautlos ins Schloss. Seine Lederjacke war offen. Der Griff zum Schnellziehholster lief geschah automatisch, wie etwas, das nicht erst ausgelöst werden musste. Die Beretta wog schwer und beruhigend in seiner rechten Hand.

Er drehte sich nicht um, während er auf das Wohnmobil zuging. Er wusste, der Cherusker folgte ihm mit drei bis vier Schritten Abstand, seitlich nach links versetzt. Auf Hermann Stahlmann konnte man sich verlassen.

Es geschah, als Stahlmann und Karaschewski noch zehn Meter von dem weißen Dodge-Kasten entfernt waren.

Die Tür des Wohnmobils schwang auf.

Kein Schimmer von Licht fiel heraus.

Dennoch funktionierten die Reflexe der BKA-Beamten perfekt.

Blitzartig, wie von einem gemeinsamen Schalter ausgelöst, lagen sie flach.

Beidhändig stießen sie die Dienstwaffen nach vorn.

Im selben Moment zuckten Mündungsblitze aus der Türöffnung.

Das Hämmern einer Kalaschnikow untermalte das zuckende Rot.

Der Pole und sein Kollege feuerten im selben Moment.

Trocken hackten die Berettas in das Sengen der Geschosse. Die beiden Männer auf dem Betonpflaster spürten es, wie es über sie hinwegstrich. Doch ihre Gegenwehr blieb nicht ohne Wirkung.

Die russische MP verstummte.

Im versiegenden Mündungsfeuer sah Karaschewski eine Bewegung, kaum mehr als schattenhaft.

Eine Hand, die etwas warf.

Etwas, das nicht größer war als eine Hand.

Irgendwo, nicht weit vor der Nase des Polen, prallte das Ding zu Boden und rollte heran – mit hellem, dünnem Rumpeln. Es hörte sich an wie ein Spielzeug-Truck auf Spielzeug-Kopfsteinpflaster.

Und doch sträubten sich Paul Karaschewski die Haare.

»Feuerschutz!«, rief er, ohne sich umzudrehen.

Er ließ die Beretta sinken, konzentrierte sich auf das Heranrollen. Sehen konnte er das Ding noch nicht. Aber er hörte es zwischen dem Wummern von Stahlmanns Schüssen, wie es auf ihn zukam. Es wurde langsamer. Verdammt, würde er es noch zu sehen kriegen? Rechtzeitig?

Die Kerle im Wohnmobil riskierten keinen einzigen Schuss mehr.

Sie wussten, dass das nicht mehr erforderlich war. Das Einzige, was sie tun mussten, war abzuwarten. Ein paar Sekunden noch. Dann würde sich für sie alles selbst erledigt haben.

Plötzlich sah der Pole das warzige, olivgrün lackierte Ei.

Schräg vor ihm war es zum Stillstand gekommen.

Keinen Meter entfernt.

Es schimmerte matt im Halbdunkel.

Karaschewski warf sich nach vorn, packte es mit der Linken.

Und schleuderte es, noch während er halb hoch war.

»Volle Deckung!«, brüllte er und rollte sich nach rechts ab, noch bevor er sich vom Gelingen seines Wurfs überzeugen konnte.

Hermann Stahlmann stellte das Feuer ein. Augenblicklich folgte er Karaschewskis Beispiel, rollte sich nach links.

So sahen sie beide nicht, wie die Handgranate zielgenau in die Türöffnung des Wohnmobils sauste und detonierte, bevor sie irgendwo aufschlug.

Die Explosion dröhnte über den Parkplatz, hallte weit, bis zum Airport hin. Die Granatsplitter prasselten in die Aufbauteile des Dodge, während diese auseinandergerissen wurden. Nur wenige Splitter zischten durch die Tür ins Freie, während weiße Trümmerteile emporwirbelten und langsam herabsegelten.

Eine zweite Explosion folgte der ersten mit geringem Abstand, als das Benzin im Tank hochging. Noch mehr Trümmer flogen durch die Luft. In fetten Wolken stieg ein schwarzer Rauchpilz auf.

Paul Karaschewski und Hermann Stahlmann lagen mit dem Gesicht auf den Betonsteinen, den Kopf schützend zwischen den Armen geborgen. Ein fladengroßes Stück glasfaserverstärkten Kunststoffs klatschte dem Polen auf den Rücken. Der Cherusker glaubte, einen Tritt in den Hintern zu kriegen, als die unversehrte Plexiglashaube des Oberlichts auf seiner verlängerten Kehrseite landete.

Beide Männer riskierten es nicht, den Kopf zu heben.

Auch ihre Kollegen in dem Spür-Fahrzeug waren in Deckung gegangen.

Deshalb sah niemand den schwarzen, verlängerten Mercedes S, der von Abschnitt B des Parkplatzes losfuhr – ebenfalls ohne Licht.



6

Die Stimmung in der luxuriösen Lang-Limousine war bedrückt.

Keiner der fünf Insassen sagte ein Wort, als Rahul Battacharya, der Fahrer, das Flughafengelände hinter sich brachte und auf die Grünauer Straße einbog. Der Mann neben dem Inder, auf dem Beifahrersitz, hieß Boris Abramow.

Battacharya war 26 Jahre alt, ein knorriges, hoch gewachsenes Kraftpaket aus Kalkutta. Mit seinem kurz geschorenen schwarzen Kraushaar und dem kantigen Gesicht sah der Inder zehn Jahre älter aus als er war.

Den hageren, hakennasigen Russen an seiner Seite konnte Battacharya nicht leiden. Abramow trug das blonde Haar im Stoppelschnitt, und seine Augen waren wässrig blau. Zusammen mit der vorspringenden Nase verlieh ihm das alles das Aussehen einer Albino-Ratte.

Rahul Battacharya hasste Ratten wie die Pest. Er war in den Slums von Kalkutta geboren und aufgewachsen. Er kriegte das Kotzen, wenn er westliche Kids sah, die mit Ratten auf der Schulter herumliefen.

Abramow konnte nichts dafür, dass er aussah wie eine weiße Ratte.

Aber der Kerl hatte auch das Wesen einer Ratte.

Und das war der Punkt.

Battacharya war froh, dass er mit Abramow nicht vollständig isoliert war – durch das Panzerglas, das man zwischen den Rückenlehnen der beiden vorderen Sitze und dem großen Passagierraum hochfahren konnte. Aus dem Radio perlte leise Musik, nur vorn zu hören.

Rahul Battacharya war auch kein Chauffeur, und sein Chef wusste das zu würdigen. Allerdings war auch die russische Ratte kein Mann von niederem Rang. Genau genommen, und das wurmte den Inder, war Abramow so ziemlich das Gleiche wie er selbst.

Bodyguard.

Persönlicher Helfer in allen Lebenslagen.

So was wie eine rechte Hand.

Namita Shah saß mit dem Rücken zur Fahrtrichtung.

Rahul Battacharya bedauerte es, im Innenspiegel nur das Haar der betörend schönen Frau sehen zu können – und den Kragen und ein bisschen Schulterpartie ihrer dunkelroten Kostümjacke. Namita trug das jettschwarze Haar straff zurückgebunden, was ihre edle Kopfform hervorhob.

Battacharya wusste, dass eine Frau wie sie für ihn unerreichbar war. Da nützte es ihm gar nichts, dass er schon in seiner Armeedienstzeit, als Ranger in Kaschmir, positiv aufgefallen war. Für sich selbst hatte er seine Herkunft abgeschüttelt, doch Landsleute höheren Standes würden den Makel, der an ihm haftete, stets sofort erkennen. Einmal Paria, immer Paria – auch wenn man glaubte, sich hochgearbeitet zu haben.

Ein Hauch von ihrem Parfüm wehte nach vorn, wenn Battacharya bremsen oder vor einer Ampel halten musste. Es war der Duft von Sandelholz. Der Duft einer weiblichen Welt, die ihm immer fremd bleiben würde.

Doch wenigstens etwas verband ihn, den Underdog, mit dieser Lady.

Sie arbeiteten zusammen, und er durfte sie beschützen.

Auch wenn sie ganz gut auf sich selbst aufpassen konnte.

Aber er war Fachmann fürs Beschützen. Wenigstens darauf konnte er stolz sein. Wegen seiner verschiedenen Tapferkeitsauszeichnungen als Ranger hatten sie ihn nach Delhi geholt. Zwei Jahre lang hatte er als Leibwächter für Mitglieder der Regierung gedient, dann war sein jetziger Dienstherr auf ihn aufmerksam geworden.

Pankaj Singh saß auf der hinteren Sitzbank des Lang-Mercedes, in Fahrtrichtung, neben dem Russen-Boss.

Gennadij Kotkin.

Kotkin war ein mächtiger und gefürchteter Mann in Berlin, auch wenn er nicht so aussah. Er schätzte es sogar, wenn man ihn Mafia-Boss nannte. Das warf ihn in einen Topf mit dem großen Marlon Brando in seiner Rolle als Don Corleone, der Pate. Mit Brando-Corleone verglichen zu werden war eine Ehre für Kotkin. In Wodka-Laune hatte er es oft genug hinausposaunt.

Klein und rundlich war er, dieser Russen-Mafioso aus Berlin, und er wirkte gemütlich wie ein guter Onkel, den seine kleinen Neffen liebten, weil er nie vergaß, ihnen Süßigkeiten mitzubringen. Mit seinen 51 Jahren hatte Kotkin bereits den größten Teil seines Haupthaars verloren. Nur ein grauer Kranz schimmerte noch unterhalb der kahlen Schädeldecke.

Rahul Battacharya beging nicht den Fehler, Menschen dieses Aussehens zu unterschätzen.

Solche Männer, die scheinbar zum Schmunzeln, wenn nicht zum Lachen reizten, waren oft gefährlicher als die größten Muskelprotze. Der Mann aus Kaschmir wusste: Das Gehirn triumphierte letztlich über die Muskeln. Immer und überall.

Sie näherten sich bereits der Mitte von Berlin, als sich Pankaj Singh räusperte und das Wort ergriff.

»Wenigstens hat uns dieser Abend Klarheit gebracht«, sagte Singh, ein schlanker und sportlicher Mann von 48 Jahren. Sein Haar war schwarz, mit wenigen silbernen Fäden durchsetzt. Ein dichter Schnauzbart verlieh seinem ernsten, schmalen Gesicht zusätzliche Strenge.

»Klarheit?«, wiederholte Kotkin gereizt. »Ich sehe eher eine zusätzliche Front, an der wir kämpfen müssen. Bislang hatten wir es nur mit den Schurken vom FSB zu tun. Jetzt haben wir auch noch die Germanski-Bullen am Hals.«

Pankaj Singh lächelte. »Ein erkannter Feind ist meist schon ein toter Feind.«

»Indische Weisheiten?« Kotkin lachte rau. »Weshalb gibt’s dann immer noch die Pakistaner? Wie viele Jahrzehnte ist es her, dass ihr die erkannt habt? Und sie leben immer noch.«

Pankaj Singh schwieg. Es gehörte zu seinen Grundsätzen, sich nicht provozieren zu lassen; Rahul Battacharya bewunderte ihn dafür. Als Geheimagent war Singh das, was die Menschen im Westen einen Seiteneinsteiger nannten.

Das Intelligence Bureau, in Indien kurz IB genannt,war auf den Import- und Export-Kaufmann Singh wegen seiner weltweiten Handelsbeziehungen aufmerksam geworden. Und so hatte man ihn verpflichtet, quasi nebenamtlich die Interessen seines Heimatlandes zu vertreten.

Singh war geschäftsführender Gesellschafter der Firma Karamshi Trading Co. Ltd., eines großen Handelsunternehmens in Bombay. Zunächst leitender Angestellter, hatte Singh schließlich vom IB Geld erhalten, um den Firmengründer Asad Karamshi in den Ruhestand zu schicken und 70 Prozent der Anteile zu übernehmen. Die restlichen 30 Prozent brachten Karamshi und seiner Familie immer noch genug Profit ein, um ein angenehmes Leben davon führen zu können.

Pankaj Singh hatte Handelsniederlassungen in Moskau und Berlin gegründet. In der deutschen Hauptstadt hatte er sich für Büroräume an der Straße mit dem alten, glanzvollen Namen »Unter den Linden« entschieden. Die regulären kaufmännischen Geschäfte liefen blendend, jährliche Umsatzsteigerungen waren die Regel. Niemand wäre darauf gekommen, dass der stets elegant gekleidete Firmenchef aus Bombay nicht nur an den eigenen Profit dachte, sondern auch den Interessen seines Landes diente.

Rahul Battacharya wunderte sich nicht, als Namita Shah für ihren Chef einsprang. Sie tat das immer. Sie verteidigte ihn wie eine Löwin ihre Brut.

»Wenn Sie erlauben, Gentlemen«, sagte sie, »möchte ich die Dinge ein wenig zurechtrücken.«

Im Innenspiegel sah Battacharya, dass um Singhs Mundwinkel ein feines Lächeln spielte.

Kotkin dagegen grinste und starrte der Agentin ungeniert auf die Brüste. Ihre Kostümjacke war geöffnet, und darunter trug sie einen eng anliegenden weißen Pulli, der ihre kräftigen Nippel deutlich hervortreten ließ.

Rahul Battacharya hatte das sofort gesehen, als sie eingestiegen und losgefahren waren. Zum Glück war es bereits dunkel gewesen, und so hatte niemand seine Erektion bemerkt.

Namita Shah war eine echte IB-Agentin, und sie kämpfte mit allen Waffen, wenn es sein musste – auch mit den weiblichen. Sie hatte keinen anderen Beruf. Obwohl sie so gesehen eine Kollegin Battacharyas war, rangierte sie vom Status her dennoch haushoch über ihm. Sie hatte in England Jura und Politologie studiert, und seit jenen Jahren im Herzen der ehemaligen Kolonialmacht sprach sie Englisch ohne den typischen rollenden Hindi-Akzent, den die meisten ihrer Landsleute drauf hatten.

Bei offiziellen Anlässen gab sie sich als Singhs Sekretärin aus. Eine Tarnung, die sich bewährt hatte. Innerhalb des IB gab es jede Menge Klatschgeschichten über Namita und ihren Chef. Hatten sie nun ein Verhältnis oder nicht? Rahul Battacharya wusste, dass es definitiv nicht der Fall war. Pankaj Singhs Familie lebte in Bombay; er war seiner Frau treu, und er finanzierte seinen beiden Söhnen das Studium.

Gennadij Kotkin konnte seinen Blick nicht von Namitas Brüsten losreißen.

»Na, dann rücken Sie mal, mein Täubchen«, sagte er in seinem gutturalen, kehligen Englisch. »Von den Argumenten einer schönen Frau lässt ein Mann sich immer gern überzeugen.«

Namita lachte. »Das bezweifle ich, Gennadij. In Ihrem Fall bezweifle ich es stark. Aber ich werde trotzdem versuchen, es Ihnen zu erklären.«

Kotkin lachte röhrend wie ein russischer Bär. Er faltete die Hände auf dem Bauch, richtete die Augenbrauen auf und spielte gespannte Aufmerksamkeit.

»Ich höre«, verkündete er väterlich wohlwollend.

Namita nickte nur. »Die Klarheit, von der Pankaj sprach, haben wir in der Tat bekommen. Wir wissen jetzt, wie wir Chantal Chartre einzuschätzen haben. Entweder arbeitet sie als Polizeispitzel, oder sie wird von der Polizei verdächtigt. Welche der beiden Möglichkeiten auch in Betracht kommt, es hat dazu geführt, dass ihr Auto offenbar mit einem Peilsender ausgerüstet wurde. Wir können froh sein, dass wir sie und Kapitän Viktorow rechtzeitig an einen sicheren Ort gebracht haben – mit einem Wagen, der nicht verwanzt ist.«

Kotkin brummte zustimmend. »So weit, so gut. Die Frage ist nur, wie lange die beiden dort sicher sein werden.«

»Wir können heute das Geschäft abschließen«, sagte Pankaj Singh in sachlichem Ton. »Und morgen kann Viktorow zurück auf dem Weg nach Murmansk sein. Es liegt ganz bei Ihnen. So viel zur Frage der Sicherheit.«

»Ich weiß«, erwiderte der Mafia-Boss, und theatralisch fuhr er fort: »Aber ich kann meine Verhandlungen mit Viktorow nicht übers Knie brechen. Er muss mit dem guten Gefühl nach Hause fahren, dass er das Beste für seine Mannschaft und ihre Familien herausgeholt hat. Wir verhandeln hier schließlich nicht über eine Ladung Kartoffeln oder Getreide. Es geht um Schicksale. Diese Menschen sind bereit, alles hinter sich abzubrechen. Sie reißen sich ein Atom-U-Boot unter den Nagel. Sie stehlen es dem russischen Staat. Sie desertieren damit, und sie verkaufen das Boot und sich selbst der indischen Marine. Viktorow und seine Männer müssen sicher sein, dass ihre Familien unbehelligt aus Russland abreisen können, bevor sie mit der Odessa verschwinden.«

Rahul Battacharya grinste zur Windschutzscheibe hin, während er sich aufs Fahren konzentrierte. Dieser Kotkin liebte es, dramatische Reden zu schwingen und die Wirklichkeit damit zu vertuschen. Er war eben ein echter Russe geblieben, auch wenn er seine Zelte in Deutschland aufgeschlagen hatte.

Alles, was der Kerl da anführte, hätte längst erledigt sein können – einschließlich der künftigen Aufenthaltsorte der U-Boot-Familien in Südamerika. Und immerhin würde Mr. Singh eine Menge Millionen über den Tisch schieben. US-Dollar. Keine Rupien. Keine Rubel.

Pankaj Singh schwieg abermals.

Und wieder war es Namita, die dem Russen-Boss Paroli bot.

»Sie hätten das alles längst erledigen können, Gennadij«, sagte sie mit ihrer unvergleichlichen Sanftheit in der Stimme, in der zugleich eine eiserne Härte mitschwang. »Es ist Ihr Job, das Geschäft zügig über die Bühne zu bringen.«

Kotkin beugte sich vor. Sein rundes Gesicht sah nicht mehr gutmütig aus, und die kleinen Augen funkelten böse.

»Natürlich ist es mein Job«, knurrte er. »Aber ich darf Sie daran erinnern, dass ich das FSB am Hals habe. Oberst Rudow soll sich bereits in Berlin aufhalten, und ich wette mit Ihnen, dass der Schuft nicht herumsitzt und Däumchen dreht.«

Battacharyas Muskeln spannten sich reflexartig an, als er sah, wie die Ratte Abramow auf dem Beifahrersitz herumfuhr und rief: »Und Valerij Taranow ist verschwunden! Valerij ist mein Freund, und ich weiß nicht, wo er steckt. Bestimmt steckt dieses Schwein Rudow dahinter.«

»Das ist leider zu befürchten«, sagte Kotkin und seufzte. »Beruhige dich, Boris. Wir sind hier in Berlin die Stärkeren. Rudow wird das noch begreifen.«

Battacharya entspannte sich. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er die Abramow. Tränen standen in den Augen des Mannes. Der Inder wusste, weshalb er solche Typen verachtete. Unberechenbar waren sie. Entweder kriegten sie einen Wutanfall, oder sie heulten zum Herzerweichen.

»Wie auch immer«, sagte Namita. »Es war Ihre Idee, den Kapitän in Chantals Obhut zu geben.«

Kotkin brach in Gelächter aus. Er prustete, hatte Mühe, sich zu beruhigen.

»Bleiben Sie auf dem Teppich, mein Täubchen«, schnaufte er schließlich. »Meine Idee war, Kapitän Viktorow einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten – möglichst in den Armen einer Frau, die zu allem bereit ist. Wie ich Ihnen außerdem bereits erklärte, ist der gute Viktorow Junggeselle. Und in Murmansk gibt es nun weiß Gott keine Abwechslung der sexuellen Art. Chantal kannte ich ja gar nicht. Chantal haben Sie ins Spiel gebracht, mein Täubchen.«

Wieder starrte er anzüglich auf Namitas Brüste.

»Ich bin nicht Ihr Täubchen!«, fauchte die Inderin.

Kotkin lachte wieder. »Lenken Sie nicht ab, verehrte Dame. Und erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, Sie würden Chantal nur flüchtig kennen. Ich habe meine Informanten. Ich weiß es besser.«

Feuer des Zorns erglomm in Namitas Augen. Sie öffnete den Mund, wollte den Russen anschreien.

Doch Pankaj Singh hob die Hand. »Namita«, sagte er sanft aber bestimmt. »So kommen wir nicht weiter. Ich schlage vor, wir sollten die Dinge so sehen, wie sie sind.« Er wandte sich Kotkin zu. »Sie wollten Betreuung für den U-Boot-Kapitän, und wir haben Chantal Chartre für den Job vorgeschlagen. Keiner von uns wusste, dass wird durch Chantal die Aufmerksamkeit der Polizei auf uns lenken würden. Können wir uns auf diesen Stand der Dinge einigen?«

»Meinetwegen«, brummte Kotkin. »Viel wichtiger ist, dass wir uns all die Störenfriede vom Hals schaffen.«

Singh sah die Agentin an. »Einverstanden, Namita?«

Die Inderin holte tief Luft und wollte zustimmen.

Doch sie kam nicht mehr dazu.

Denn plötzlich lärmte das Autoradio los.

Rahul Battacharya hatte die Lautstärke hochgedreht.

Die Stimme des deutschen Nachrichtensprechers dröhnte in den Lederluxus des langen Mercedes.

»… soeben von der Polizei verlautbart, gab es am frühen Abend zwei Todesopfer bei einer Schießerei. Schauplatz der blutigen Auseinandersetzung war eine Dachwohnung an der Sophienstraße in Berlin-Mitte …«

Namitas Augen weiteten sich.

Sie öffnete den Mund, doch sie brachte keinen Laut hervor.

»… handelte es sich, wie in einer Pressekonferenz mitgeteilt wurde, vermutlich um Auseinandersetzungen im Bereich des organisierten Verbrechens. Die Identität der beiden getöteten Männer konnte noch nicht ermittelt werden. Bei einem schweren Unfall auf der Avus sind am Abend …«

Battacharya drehte die Lautstärke wieder herunter.

Wie alle anderen im Wagen wusste er, dass mit der Dachwohnung an der Sophienstraße nur das Loft von Chantal Chartre gemeint sein konnte. Und die beiden getöteten Männer, die da erwähnt worden waren, gehörten nicht dem organisierten Verbrechen an, sondern dem russischen Geheimdienst FSB. Das wiederum bedeutete, dass sie Kapitän zur See Aleksej Viktorow dicht auf der Spur waren. Um ein Haar hätten ihn die FSB-Agenten bei Chantal erwischt.

Kotkin hatte den richtigen Riecher gehabt. Das musste man ihm lassen. Hätte er nicht darauf gedrängt, Chantal und den Kapitän in ein sicheres Versteck zu bringen – nun, das U-Boot-Geschäft wäre damit zu Ende gewesen, bevor es richtig begonnen hatte.

In das betretene Schweigen fiel Kotkins raue Stimme.

»Wenn wir mit der Sache durch sind, steht eines fest: Chantal darf niemals wieder frei herumlaufen.«

Er brauchte nicht zu erklären, was er damit meinte.



7

Das Haus war bestimmt hundert Jahre alt. Seine Backsteinwände – vier Etagen unter einem steilen Ziegeldach – mussten turbulente Zeiten erlebt haben. Feindliche Bomben hatten es nicht erwischt. Die Erbauer hätten es sich vermutlich nicht träumen lassen, dass einmal eine kleine aber feine Leuchtschrift den Eingang zieren würde – und dass ein Türsteher darüber entscheiden würde, wer rein durfte und wer nicht.

Die roten, leuchtenden Großbuchstaben waren gerundet und verschlungen, altindischen Schriftzeichen nachempfunden.

RUPAJIVA

Ich blieb auf dem Bürgersteig vor dem Haus stehen, versenkte die Hände in die Hosentaschen, legte den Kopf in den Nacken und tat, als würde ich über »Rupajiva« nachdenken.

Ich war zu Fuß gekommen. Von meiner Wohnung an der Belziger Straße hatte ich nur 20 Minuten gebraucht. Power Walking, konditionsfördernd. In der sicheren Geborgenheit meiner vier Wände wartete Luysa auf mich. Ich hatte ihr jedenfalls eingeschärft, das und nichts anderes zu tun. Der Lohn ihrer Folgsamkeit würden zwei entscheidende Dinge sein.

Sie würde am Leben bleiben.

Und sie würde den Rest der Nacht mit mir verbringen.

Deshalb war die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich auf mich wartete, wirklich groß.

Mit meiner Lederjacke, den Jeans und den Walking-Schuhen sah ich nicht gerade aus wie der typische Kunde eines indischen Bordells der gehobenen Klasse.

Der Türsteher, ein Schrank von einem Kerl, beäugte mich entsprechend misstrauisch.

Die Adresse hatte ich von Luysa. Chantal hatte das Etablissement erwähnt, mehr aber auch nicht.

Dass ich die geheimnisvolle Inderin von den ChaNam-Dateien hier treffen würde, war natürlich Wunschdenken. Solche wundersamen Zufälle wurden bestenfalls in Fernsehkrimis wahr. Die Wirklichkeit war rau und erbarmungslos logisch.

Auf den Bürgersteig waren kaum Leute unterwegs. Nur gelegentlich schlich ein Auto vorbei. Dafür schien in vielen Wohnungen ringsum Party zu sein. Das Musik- und Stimmengemisch war von der fröhlichen Art.

Der Schrank stieß sich von der Backsteinwand neben der Tür ab. Sein Anzug war korrekt, spannte aber über den Schultern und den Oberarmen. Seit der Maßanfertigung musste er fleißig gewesen sein und sich zusätzliche Zentimeter Muskelmasse antrainiert haben. Auch seine Kaumuskulatur war hochwirksam. Ein Kaugummi wanderte zwischen seinen zermalmenden Zahnreihen hin und her. Den schnellen Rhythmus, den er sich dafür vorgegeben haben musste, hielt er ein wie ein Metronom.

Zwei Schritte vor mir blieb er stehen, musterte mich von Kopf bis Fuß und ließ seinen Blick in Augenhöhe zurückkehren.

»Wat is?«

Er spuckte die Frage aus, ohne den Kaugummi mitzuspucken.

Eine höfliche Frage für Berliner Begriffe, und hier in Kreuzberg wohl erst recht. Ich kannte die Hauptstadt inzwischen so weit, dass ich solche Feinheiten einschätzen konnte.

»Bedeutet’n das?«, nuschelte ich und deutete mit einem Kinnrucken auf die rote Schrift.

»Is indisch.«

»Und?«

Seine Augen wurden schmal. »Und wat?«

»Rupajiva«, las ich vor, langsam und deutlich, damit er jeden Buchstaben mitkriegte. »Was heißt das? Wie viele Rupien oder so was?«

»Willst ma wohl verarschen, wa?« Er bellte es wie ein Pitbull vor dem Sprung.

»Mann, verarschen kann ich mich selbst!« Da er den Sinnesschlenker in meiner Erwiderung nicht kapierte und entsprechend dumpf dreinblickte, fuhr ich fort: »Ich hab diesen Tick, weißt du, ich muss immer wissen, was ein Wort bedeutet, wenn ich’s noch nicht kenne.«

»So einer biste!« Er grinste. »Von der schlauen Truppe, wa?«

»Du weißt Bescheid«, lobte ich ihn.

»Also det …«, sagte er mit einem Kopfrucken rückwärts, »det is aus diesem Kammerdings.«

»Kama …?«

»So isset.«

»Kamasutra«, vervollständigte ich.

Er nickte und kaute. »Saje ick doch.«

Ich gab mich mit der Auskunft zufrieden und versuchte, freundlich zu sein.

»Waschechter Berliner, was?«

Stolz leuchtete in seinen Augen auf. »Woran merkste ’n det?«

»Ihr habt was«, teilte ich mit. »Wahrscheinlich das Herz auf dem rechten Fleck, wie man so sagt. Man könnte euch umarmen.«

Ich hatte zu dick aufgetragen. Aus seinem Stolz wurde Misstrauen. Er runzelte die Stirn, deutete mit dem Daumen über die Schulter.

»Biste da drin auch richtich? Ick meine, ick weess nich, wie deine Penunzen aussehen, aber – da drinne jibts nur Weiber. Keine süßen Jungs.«

»Indische Weiber?«, vergewisserte ich mich.

»Und wat für welche!« Sein Stolz kehrte zurück, als hätte er sie persönlich aus dem Subkontinent geholt. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. »Aber wirste dir nich leisten können. Is Luxusklasse.«

Luxusklasse hier, im Herzen von Kreuzberg? Ich wusste nicht, ob was dagegen sprach. Aber wahrscheinlich hatte ich noch immer nicht genügend Ortskenntnis, um solche Dinge richtig einstufen zu können.

»Ich geh trotzdem rein«, entschied ich und wollte an dem Schrank vorbei.

»Wat?«, schnaubte er und stoppte mich, indem er die Arme ausbreitete.

Schranken hätten nicht stabiler sein können.

Es war der linke Schrankenarm des Kerls, der mir gegen den Brustkasten schmetterte – nachfedernd.

Aus dem Federn heraus wollte er seine Muskelmasse einsetzen, um mich zum Rückzug zu zwingen. Doch ebenso gut hätte er versuchen können, eine Betonwand wegzuwischen. So musste es ihm vorkommen. Denn mein Vorwärtsdrall war unerschütterlich. Und ich war nicht hier, um rumzualbern.

Er quittierte es mit einem Grunzen. Es klang überrascht. Doch nicht mal davon konnte er sich erholen. Ich ließ es nicht zu.

Viel zu langsam kam er auf die Idee, die rechte Schranke einzufahren, um mich damit im Nacken zu packen.

Noch bevor er es auch nur halb geschafft hatte, fand er sich im Auge eines Hurrikans wieder. Und das in deutschen Klimazonen, auf hauptstädtischem Pflaster. Natürlich war auch das nur ein Eindruck, den er kriegte. Ich folgerte es aus seinem erschrockenen Aufschrei.

Er hörte sich an wie ein vorwitziger Berliner Steppke, der seine Badehose eingepackt und einen Tritt in die Eier kassiert hatte. Weil er beim Linsen durch die Löcher erwischt wurde, hinter den Umkleidekabinen der Frauen.

Ich hatte lediglich zugepackt und seinen Schrankenarm als Hebel benutzt. Er machte eine Art unfreiwilligen Salto aus dem Stand, wobei er diesen Steppke-Schrei von sich gab. Ich passte auf, dass er sich nicht den Kopf einschlug, denn seine Rückenlandung auf den Bürgersteigplatten war hart. Krachend.

Ich ließ ihn los, nachdem ich seinen mittlerweile schlaffen Arm benutzt hatte, um seinen Hinterkopf behutsam aufkommen zu lassen. Fast tat er mir leid, denn nun lag er da, gestreckt und leise wimmernd. Ich rechnete damit, dass er nach seiner Mama rufen würde. Vielleicht tat er es per Handy. Der rechte Arm funktionierte ja noch. Für die linke Seite würde ein Chiropraktiker gefragt sein. Das Einrenken des ausgekugelten Schultergelenks würde noch mal höllische Schmerzen bereiten. Aber danach hatte er dann Ruhe.

Ob sie ihn weiter als Türsteher beschäftigen würden, war allerdings die Frage. Vielleicht brauchten die Inder einen Hausmeister.

Gut getarnt unter der Leuchtschrift hatten sie eine Videokamera eingebaut. Weitwinkeloptik, davon durfte ich ausgehen.

Deshalb wunderte es mich nicht, dass die Tür aufschwang, noch bevor mein Daumen den Klingelknopf erreichte.

Jetzt war ich an der richtigen Adresse.

Das sagte mir mein Gefühl. Die Jahre als Bundesbulle hatten es geschult, erst im Dortmunder Ruhrrevier und jetzt hier. Riesenbeck, mein Vorgesetzter, hatte mich gewarnt. In Berlin müssen Sie mit allem rechnen, Borgmann. Da gibt es nichts, was nicht auf Sie zukommen kann. Berlin ist so etwas wie eine Drehscheibe zwischen Ost und West – auch in Hinblick auf die Kriminalität.

Riesenbeck musste einen von diesen halb intellektuellen Artikeln gelesen haben, die seit dem Fall der Mauer zuhauf gedruckt worden waren. Trotz der Vorwarnungen hatten wir uns eingelebt. Wir – das waren die Jungs von der Soko II – fühlten uns wohl in der Hauptstadt. Letzten Endes waren wir auch ganz schön aufgewertet worden. Unser schönes neues Büro am Potsdamer Platz hatte Weltstadtcharakter, und als offizielle Berliner BKA-Zweigstelle waren wir nicht irgendwer.

Die beiden strammen Kerle hinter der aufschwingenden Tür sahen mir nichts davon an. Groß und böse musterten sie mich. Ihre Blicke wanderten kurz an mir vorbei, zu ihrem Türsteher, dann zurück zu mir. Mit ihren Turbanen erinnerten sie mich an britische Gurkha-Regimenter, blitzende Bajonette, Krummdolche und erbarmungsloses Gemetzel.

Die schwache, rötliche Beleuchtung in dem Hausflur hinter ihnen hatte was Bengalisches. Dieses feurig Geheimnisvolle. Es hätte mich nicht gewundert, wenn im Hintergrund ein Tiger aufgetaucht wäre. Einer von der Sorte Mankiller. So eine Bestie, die ganze Dörfer ausrottet.

Der Turban rechts war lila, der andere weiß.

Darunter dunkelbraune Hautfarbe, kohlschwarze Augen und schwarz glänzende Zwirbel-Vollbärte, die aussahen wie mit Schuhcreme gebürstet.

Obwohl ich nicht gerade zwergenhaft gebaut bin, überragten mich die Palastwächter um halbe Haupteslänge. Zum Volk der Gurkhas gehörten sie jedenfalls nicht; doch damit war die Sache mit dem Krummdolch keineswegs vom Tisch. Ihre Anzüge aus Glitzerseide, vielfarbig gepunktet, hatten was Maharadscha-mäßiges. Aber ich ließ mich nicht täuschen.

Die beiden Typen waren Sikhs.

Gefürchtete Leute in ihrer Heimat.

Ich hatte mal gelesen, dass sie sich aus Glaubensgründen nie die Haare schnitten und die Mähne unter diesem Turban zusammenrollten. Das Unangenehmere aber war, dass sie ständig einen Dolch bei sich hatten. Dann hieß es noch, dass sie dauernd so was wie Bermudas trugen. Auch das aus Glaubensgründen und sogar während des Schlafens. Ein Sikh musste nämlich in jeder Sekunde seines Lebens kampfbereit sein: 24/7, wie die Amis sagen. 24 Stunden pro Tag und das an allen sieben Wochentagen.

Wenn man so einen Typ aus dem Schlaf riss, brauchte er nur aufzuspringen und konnte sofort loskämpfen. Das war es, was man von ihm erwartete.

Und nun hatten sie mit ansehen müssen, wie ihr Berliner Original da draußen vor der Tür versagt hatte.

Schränke aus deutscher Eiche waren auch nicht mehr das, was sie mal gewesen waren. Möglich, dass so was gar nicht mehr gebaut wurde.

»Was heißt Rupajiva auf Deutsch?«, fragte ich statt einer Begrüßung.

Sie verstanden mich beide, denn sie starrten mich an, wie man einen Alien anstarrt. Dabei hatte ich immer geglaubt auszusehen wie von dieser Welt.

Es war der mit dem lila Turban, der antwortete. Vermutlich fiel ihm vor lauter Verblüffung nichts Besseres ein.

»Eine Rupajiva ist eine Frau, die von ihrer Schönheit lebt«, erklärte er.

Sein Deutsch klang so ähnlich wie das Englisch eines Inders. Bestimmt würde er Russisch mit dem gleichen rollend-kehligen Akzent sprechen. Schulmeisterhaft fügte er hinzu: »Das stammt aus dem Kamasutra, und zwar aus dem Teil über die Kurtisanen, sechstes Kapitel, Überschrift: Der Gewinn des Geldes. Da werden die verschiedenen Kurtisanen-Typen beschrieben.«

»Nutte, würde man heute sagen«, fügte der mit dem weißen Turban hinzu. »Einfach Nutte. Dieser ganze Kamasutra-Mist ist Steinzeit.«

Der lila Turban fauchte ihn an. Auf Hindi.

Wahrscheinlich war er sauer, weil sein Kumpel das indische Kulturerbe in den Dreck zog. Oder, weil sie beide vergessen hatten, weshalb sie hier waren. Dabei war der Grund nicht zu übersehen. Er lag nach wie vor hinter mir auf dem Bürgersteig und jammerte.

Der Mann mit dem weißen Turban fauchte zurück und schüttelte den Kopf. Auch wenn es eher ein Hin und Her als ein Schütteln war, sah es doch aus wie ein klares Nein. Irrtum. Es bedeutete Ja. Ich erinnerte mich, dass es bei den Jungs genau umgekehrt war. Nicken hieß Nein.

Mister Lila hatte was gut zu machen. Seinen Redeschwall, als er total perplex auf meine Rupajiva-Frage reingefallen war. Deshalb langte er zu, als ich noch damit beschäftigt war, mir meinen Reim auf die Kopfschüttelei zu machen.

Seine Hände zuckten vor. Er erwischte mich an den Revers meiner Lederjacke und zog.

Meine Reaktionszeit war um eine Zehntelsekunde zu lang. Deshalb konnte ich nicht verhindern, dass ich in den bengalischen Flur geschleudert wurde. Auch der Mann mit dem weißen Turban übte sich nämlich im Wettmachen der Freundlichkeit, zu der ich sie verführt hatte.

Sie hatten Power in den Muskeln, das musste man ihnen lassen.

Ich stolperte in die schwach beleuchtete Gegend, in der ich mir den Tiger vorgestellt hatte. Keine Chance, meine vorübergehende Bewegungsfreiheit zu nutzen. Die Realität holte mich ein. Die Turban-Kerle waren so schnell zur Stelle, dass ich nicht mal einen Schwenk zur Seite schaffte.

Einer trat gegen eine spaltbreit offene Tür. Noch während die Tür an die Innenwand krachte, rissen sie mich herum und verpassten mir einen Tritt. Ich segelte in einen fast kahlen Raum. Meine Füße kamen nicht mehr mit, und die aufrechte Haltung war Vergangenheit. Ich war drauf und dran, eine Tischkante zu küssen. Gerade noch rechtzeitig streckte ich die Arme aus, blockte meinen Schwung mit den Handflächen ab – und stemmte mich hoch.

Noch während ich in die Senkrechte zurückkehrte, wirbelte ich herum.

Damit hatten sie nicht gerechnet.

Wie sie auf mich zukamen, um mir den Rest zu geben, waren sie eine Spur zu gemütlich. Ich sah keine Krummdolche und war erleichtert. Offenbar hielten sie mich nicht für gefährlich genug. Ihre geheime Bewaffnung, versteckt unter den Maharadscha-Klamotten, war für ernstere Bedrohungen reserviert.

Ich schnellte auf Mister Lila zu und bediente ihn mit einer Folge von Aufwärtshaken und Handkanten – blitzschnell und betonhart.

Als er wegsackte, riss ich ihn hoch, warf ihn seinem Partner in die Fäuste. Der Mann mit dem weißen Turban fluchte in seiner Muttersprache. Zumindest hört es sich nach Fluchen an.

Beide zusammen taumelten an die kahle Wand. Mister Lila, schon bewusstlos, musste schwer sein wie ein Sack. Denn der andere konnte nicht verhindern, dass er mit dem Kopf an die Tapete knallte.

Ich hatte nicht mehr viel zu tun. Mit glasigen Augen sah er mich kommen. Er versuchte noch, die Fäuste hoch zu bringen. Gleichzeitig musste er von der Schwere des zu Boden Sackenden loskommen. Beides zusammen war einfach zu viel für ihn.

Ich erlöste ihn von seinen Mühen. Zwei knochentrockene Haken reichten aus. Gemeinsam, um die Fußleiste herum, bildeten sie ein Knäuel aus Glitzerstoff und Turbanen.

Ich setzte mich auf einen Stuhl an dem Tisch, von dessen Kante ich verschont geblieben war. An der anderen Seite des Raums standen die Monitore der Überwachungsanlage. Alle mit Farbbildröhre, insgesamt mehr als ein Dutzend. Ich zählte nicht nach. Während ich mein Handy hervorholte, stellte ich fest, dass das Programm auf den Bildschirmen abendfüllend war – zumindest für einen, der es nicht jeden Tag ansehen musste. Und es war für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet.

Die meisten Bildschirme zeigten Innenansichten von Ein-Bett-Zimmern.

Was man dem Rupajiva von draußen nicht ansah, war die Auslastung. Es herrschte Hochbetrieb. Kaum ein Monitor ohne Action. Auch ein Blick in die Bar war zu sehen. Da wurde getanzt, getrunken und gelacht.

Nur auf dem Bild vom Hauseingang war nichts los. Mein Türsteher hatte es gerade mal geschafft, sich aufzusetzen. Niemand eilte herbei, um ihm unter die Arme zu greifen. Nachbarschaftshilfe schien hierzulande ein Fremdwort zu sein.

Auf den Bildschirmen waren alle Stadien des horizontalen Gewerbebetriebs zu sehen. Zwei, drei vollschlanke Damen mit Schönheitspunkt auf der Stirn schälten sich gerade aus der Farbenpracht ihrer Saris.

Ich staunte, hätte nicht gedacht, dass auch solche Kleidungsstücke dafür geeignet waren, nichts darunter zu tragen. Vor meinem verschämten Ego musste ich mir eingestehen, dass ich noch nie eine Inderin im Bett gehabt hatte. Eine Nichtprofessionelle, versteht sich. Okay, eine Indianerin hatte mich auch noch nicht beglückt, ganz zu schweigen von einer Nord-Koreanerin oder einer Falkland-Britin.

Andere Liebesdienerinnen des Hauses Rupajiva waren bereits über, unter oder neben ihren Freiern aktiv. An den Wänden aller Zimmer gab es Illustrationen aus dem Kamasutra, der Lehre von der indischen Liebeskunst. Trotzdem war auf den Monitoren nichts zu sehen, was mir neu gewesen wäre. Im geheimnisvollen Indien wurde also auch nur mit Wasser gekocht. So schien es. Aber andererseits war das Rupajiva vielleicht nicht gerade der Maßstab. Schon möglich, dass es die wahren Künstlerinnen auf diesem Gebiet woanders gab.

Ich zog das Bild aus der Innentasche meiner Jacke.

Ein Computerausdruck.

Ich hatte ein Porträt der Inderin per Bildbearbeitungsprogramm aus einer der ChaNam-Dateien herausgefiltert, vergrößert und mit Hilfe von Chantal Chartres Farblaserdrucker ausgedruckt.

Keine der Huren im Rupajiva war Chantals Sexpartnerin auch nur im Entferntesten ähnlich. Die meisten hier waren mollig, einige sogar vollschlank oder üppig. Die Unbekannte aus Chantals versteckten Disketten dagegen war schlank wie ein Model.

Auch auf dem Bar-Bildschirm vermochte ich die Geheimnisvolle nicht zu entdecken.

Stöhnen und Ächzen aus Richtung Fußleiste verhieß, dass ich niemanden ins Leben zurückrufen musste. Mit einem Eimer Wasser oder so.

»Kreuzberger Nächte sind lang«, sagte ich, als die Turban-Träger zu sich kamen.

Sie verstanden den Sinn nicht.

Wie sollten sie auch?

Sie hatten die Dorffeste nicht mitgefeiert, im Lipperland, vor 20 Jahren, wenn ich in den Sommerferien zu Besuch bei Tante Hertha gewesen war und der Party-Hit pro Abend mindestens fünf Mal gespielt wurde. Keine Feier ohne die Kreuzberger Nächte, damals, in dem Deutschland, das man heute die alten Bundesländer nannte.

Erstaunlicherweise waren die Turbane der Sikhs kein bisschen verrutscht oder sonst wie in Unordnung geraten. Ich sah es, als sie sich aufsetzten. Mit dem Rücken an der Wand hockten sie da und sahen nicht sehr kampfbereit aus.

»Es kommt immer darauf an, wo man seine Zeit verbringt«, erklärte ich ihnen, was ich meinte. »In einer Arrestzelle der Polizei sind die Kreuzberger Nächte besonders lang. Kapiert?«

In ihren Kohleaugen las ich, dass sie es noch immer nicht geschnallt hatten. Gut, vielleicht verlangte ich zu viel des Denkens. Ich hatte ihnen ja noch nicht mal gesagt, wer und was ich war.

»Was du hier machst, ist Hausfriedensbruch«, sagte Mister Lila. Bis auf den Akzent war sein Deutsch hervorragend.

»Damit kommst du nicht durch«, fügte sein Kollege wütend hinzu. »Die Polizei wird gleich da sein. Die brauchen wir gar nicht zu rufen. Das hat bestimmt schon jemand getan.«

Ich grinste. »Nicht mal das war nötig, Gentlemen. Die Polizei ist hier – und kein Schwein hat sie gerufen.«

Ich zeigte ihnen meinen Dienstausweis, und sie kriegten den Mund nicht wieder zu.

»Der ist gefälscht«, behauptete der Mann im lila Turban.

Ich nickte geduldig. »Du findest es heraus, indem du die eins-eins-null anrufst und auf den Streifenwagen wartest. Angenommen, mein Dienstausweis ist echt, marschiert ihr in dem Fall ab – hinter Gitter. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und so weiter. Ist mein Dienstausweis nicht echt, marschiere ich ab.«

Die beiden wechselten einen Blick.

Dann sagte der Typ mit dem weißen Turban lauernd: »Gehen wir mal davon aus, der Ausweis ist echt, und wir rufen die Bullen nicht an – was müssten wir dann tun?«

»Nur eine Kleinigkeit«, erwiderte ich. »Ihr schickt euren Türsteher in private Behandlung und sagt mir, wer diese Lady ist.«

Ich zeigte ihnen das Bild von der schönen Unbekannten.

In beiden Augenpaaren leuchtete das Erkennen auf.

Ich würde es ihnen nicht abkaufen, wenn sie das Gegenteil behaupteten.

Doch erstaunlicherweise versuchten sie es gar nicht erst.

»Namita!«, entfuhr es ihnen unisono. »Namita Shah!«

Ich war von den Socken. »Habe ich da jetzt eine Wissenslücke? Ist sie ein Hollywoodstar? Ein Supermodel? Eine Supersportlerin?«

Die Sikhs waren an der Reihe, überlegen zu grinsen.

»Nichts von allem«, erklärte der mit dem weißen Turban. »Wir sind eine kleine Gemeinde, hier in Berlin. Da kennt jeder fast jeden.«

»Miss Shah ist eine vornehme und vielseitige Lady«, ergänzte Mister Lila. »Chefsekretärin in einer großen Handelsfirma. Dann leitet sie ein eigenes Restaurant, und sie setzt sich für die Rechte von ach so bedauernswerten, unterdrückten Frauen ein. Indischen Frauen.« Er grinste abfällig und zeigte auf die Bildschirme.

Ich ließ mir ein paar Adressen geben und machte mich auf den Weg. Bevor ich das Rupajiva endgültig hinter mir ließ, half ich dem Türsteher ins Haus. Still und dankbar ließ er es geschehen.



8

Das Handy am Ohr, erreichte ich die Belziger Straße.

»Ach, könntest du mich jetzt nur sehen!«, seufzte Luysa theatralisch.

»Sieben bis acht Minuten, dann habe ich dich voll im Blickfeld«, erwiderte ich und beschleunigte meine Schritte. Ich ahnte, in welcher Stimmung sie war.

»Was glaubst du, was eine Frau in sieben bis acht Minuten mit sich anstellen kann, Peter Borgmann!« Diesmal klang es ein wenig mitleidig, als ob sie mich bedauerte, wie sie meinen Namen aussprach. Gleichzeitig hörte ich auch diese Warnung heraus: Ich musste mit allem rechnen, wenn ich zu Hause ankam – auch damit, dass sie kein Interesse mehr an mir haben würde.

»Keine Ahnung«, behauptete ich.

»Eine Frau könnte einen wildfremden Mann anrufen, mit ihm Telefonsex machen und einen multiplen Orgasmus erleben.«

»Lass mich dein wildfremder Mann sein«, bat ich und achtete nicht auf die Passantenblicke, die mich irritiert erfassten.

»Einverstanden«, antwortete Luysa so bereitwillig, wie ich es erwartet hatte. »Weißt du, was ich anhabe?«

»Nichts.«

Luysa war verdutzt. Sie brauchte eine Sekunde, um zu antworten. »Hast du eine versteckte Kamera oder so was?«

»Schräg gegenüber wohnt ein Spanner mit einem Fernrohr. Weißt du, diese Dinger, die man eigentlich zum Sternegucken benutzt. Den habe ich angerufen, bevor ich dich angerufen habe.«

Luysa kicherte. »Und was hat er gesagt?«

»Da läuft schon wieder eine Nackte in deiner Wohnung rum, Borgmann.«

»Schon wieder?«

»Ich habe eine Haushälterin, die sich zum Saubermachen gern auszieht – wenn ich nicht zu Hause bin.«

»Borgmann, du spinnst!«

»Überhaupt nicht. Mein Spannerfreund hat gesagt, so schöne große Titten wie deine sieht man selten. Außerdem könnte er sehen, dass deine Nippel voll erigiert sind. Er hat mir den Rat gegeben, mich zu beeilen.«

»Mein Gott!«, rief die Journalistin beeindruckt. »Dein Freund mit dem Fernrohr ist ein Hellseher, kein Spanner.«

»Wieso denn das?«

»Ich hab die Jalousien runtergelassen.«

»Mist«, seufzte ich. »Das war dann wohl voll daneben.«

»War es«, bestätigte Luysa und konnte vor Heiterkeit kaum an sich halten. »Bist du jetzt bald da?«

»Noch vier Minuten. Höchstens.«

»Viel zu lange. Lass es uns per Telefon machen. Jetzt sofort. Ah …« Sie stöhnte auf. »Ich stelle mir vor, du bist hier drin – in deinem Home-Handy. Und ich nehme dich mit aufs Sofa – das dreisitzige – ah – o mein Gott, ja – das ist es!«

»Was tust du?«, fragte ich und sagte mir, dass eine dumme Frage besser war als gar keine Frage.

»Ich hab mich hingelegt – mache die Beine breit – o, das ist himmlisch, Peter Borgmann! Und jetzt – jetzt nehme ich dich mit auf die Reise – durch ein Tal zwischen zwei ziemlich großen Hügeln …«

Mehr hörte ich nicht, denn nun drang ein Gleiten in mein Ohr, glatt und geschmeidig. Wenig später ein Rascheln. Offenbar hatte ich ein Waldgebiet erreicht und schlug mich durchs Gebüsch. Dann war auch das vorbei, und es kam mir vor, als würde ich versinken – in Wärme und Weichheit, weggetaucht von allen anderen Geräuschen, die es in meiner Wohnung sonst noch geben mochte.

Nach einer Weile war die vertraute Akustik wieder da, und ich hörte einen Schrei.

Mir stockte der Atem.

Vielleicht klang durchs Telefon alles anders, aber so hatte ich Luysa überhaupt noch nicht schreien gehört. Und ich hatte eine Menge von ihrem Stimmumfang mitgekriegt.

»Luysa!«, rief und fing an zu laufen, im Slalom durch die immer noch beträchtlichen Fußgängerscharen. »Luysa, was ist passiert? Was ist da los?« Ich kümmerte mich nicht um die

erstaunten Blicke von allen Seiten und legte Tempo zu.

»Mein Gott, Borgmann!« Vor meinem geistigen Auge konnte ich Luysa sehen, wie sie tadelnd den Kopf schüttelte. »Ich bin gerade gekommen. Die Nummer eins der angekündigten Serie. Wenn du dich beeilst, kannst du vielleicht noch einsteigen. Bei Nummer vier oder fünf.«

»Luysa, du bist verrückt«, sagte ich aus tiefster Überzeugung.

»Freut mich, dass du das so siehst. Hat sich bei dir wenigstens was gerührt?«

»Telefonsex auf offener Straße ist in diesem Land verboten«, erklärte ich.

»Aber nicht mehr lange«, kommentierte ein Witzbold im Vorbeigehen.

Ich wandte den Kopf und sah einen Jungen mit einem Mädchen im Arm. Die Plateauschuhe waren die umfangreichsten Bekleidungsstücke der Kleinen. Ihre Brüste und ihre Hinterbacken wippten unter minimalen Stoffstreifen.

Es stimmte also. Wir waren auf dem Weg ins Verderben. Im allerkatholischsten Irland hatte ich schon vor zehn Jahren in einer Zeitung gelesen, Deutschland sei ein krankes Land; da würden die Menschen nackt herumlaufen und in aller Öffentlichkeit kopulieren – auf den Bürgersteigen, in der U-Bahn, im Fußballstadion, wo es ihnen gerade in den Sinn kam.

Das war damals die Zeit gewesen, in der die schwarzen irischen Jungs auf der Kanzel noch gegen jenes Teufelswerk gewettert hatten, das da hieß »Kondome« oder gar »Pille«. Es war nicht die richtige Urlaubslektüre für mich gewesen, damals. Die schöne grüne Insel hatte plötzlich nach Mittelalter gerochen.

»Als Bundesbulle hast du doch alle Freiheiten«, mutmaßte Luysa.

»Lass mich bei Nummer zwei einsteigen«, bat ich und beendete das Gespräch, bevor meine heiße Partnerin das Schnurlose erneut missbrauchen konnte.

Ich klinkte das Handy an den Hosenbund. Weil ich schon mal dabei war, blieb ich beim Laufschritt. Es konnte nichts schaden. Außerdem hatte ich dieses ungute Gefühl. Schöne Frauen, die man allein in einer Wohnung zurückließ, wurden fast immer überfallen. Und wenn man zurückkehrte, stand da ein höhnisch grinsender Schweinehund, der sie gerade vergewaltigt hatte und ihr nun das Messer an die Kehle hielt. So lief es jedenfalls in den Fernsehkrimis, die ich mir gelegentlich reinzog.

Bevor ich losmarschiert war, hatte der Pole mich angerufen und mich über den Stand der Dinge informiert.

In dem Wohnmobil auf dem Airport-Parkplatz waren zwei Männer an der eigenen Handgranate gestorben und dann verbrannt. Die Spurensicherer hatten persönliche Gegenstände gefunden – Armbanduhren, Ringe, Schlüsselbunde, metallene Kugelschreiber – und festgestellt, dass es sich um einen Russen und einen Inder gehandelt haben musste.

Auf der Autobahn in Richtung Frankfurt/Oder hatten Lichter und Kocker den schwarzen Voyager gestoppt, den sie vom Flughafen Schönefeld aus verfolgt hatten. In dem Wagen hatte nur der Fahrer gesessen, ein total Ahnungsloser. Klar, dass man ihn als Ablenkungsmanöver losgeschickt hatte. Die Kollegen hatten den Mann trotzdem festgenommen. Sein Erinnerungsvermögen würde wieder einsetzen – spätestens dann, wenn wir weitere Festnahmen getätigt hatten und das große Wettsingen einsetzte.

Chantals Spur war abgeschnitten.

Ihr Mercedes war mit dem Wohnmobil zusammen ausgebrannt. Nach dem Ergebnis der Spurensicherung stand jedoch fest, dass der Baby-Benz leer gewesen war.

Ich fragte mich, ob der Grund noch existierte, dessentwegen Chantal mich in ihr Loft gerufen hatte. In letzter Minute musste sie mit dem Mann aus Murmansk geflohen sein – von ihren Verbündeten gewarnt?

Die Männer im Wohnmobil mussten mit dem Schlimmsten gerechnet haben. Nur so war zu erklären, dass sie Karaschewski und Stahlmann mit einem Explosiv-Ei begrüßt hatten.

Entweder hatte Chantal kein Vertrauen mehr in die Soko II, oder sie konnte ihr Handy nicht unbemerkt benutzen. Ich vermutete das Letztere.

Unterdessen war ich sicher, dass ich zwar einen schönen Namen herausgefunden hatte und auch wusste, was das Dateikürzel ChaNam bedeutete – Chantal und Namita, logisch.

Aber ich ahnte zugleich, dass es über die Chefsekretärin und Restaurant-Inhaberin noch eine Menge mehr herauszufinden geben würde als das, was die Gentlemen aus Sikh-Country mir verraten hatten. Denn andernfalls hätte Chantal die Disketten nicht im Geheimfach unter dem Sofa aufbewahrt.

Mein Zuhause kam in Sicht.

Es war ein top renoviertes Altbaugebäude mit vier Stockwerken. Meine Wohnung befand sich in der zweiten Etage. Eine Eigentumswohnung. Tante Hertha hat sie mir gekauft und damit ein Vermächtnis meiner Eltern erfüllt. Lange vor ihrem Tod durch einen Verkehrsunfall hatten sie einen Teil ihres Vermögens festgelegt, »damit der Junge nicht zu früh auf dumme Gedanken kommt«.

Tante Hertha hatte mir mit der Schenkung klugerweise die spätere Erbschaftssteuer erspart. Zumindest für diesen Teil des Erbes.

Tatsächlich waren die Jalousien im zweiten Stock heruntergelassen worden. Kein Lichtstrahl drang aus meinen vier Wänden nach draußen. In den anderen Etagen wiesen erhellte Fenster darauf hin, dass die Nachbarn zu Hause waren. Auch im Souterrain brannte Licht. Da unten lebte Wolfgang Janke, der Hausmeister.

Immerhin war die Wohnung sein Eigentum. Mit seinen 56 Jahren war Janke bereits Frührentner und schon seit langer Zeit Witwer. Vor neun Jahren war seine Frau an Brustkrebs gestorben, und er hatte seither niemals auch nur daran gedacht, sich mit einer anderen einzulassen. »Wenn ich Gisela im Himmel wiedersehe, will ich ihr sagen können, dass ich ihr treu geblieben bin. Mein ganzes Leben lang.« Ich hatte nie einen Mann gehört, der von derart stolzer Entschlossenheit erfüllt war, ein solches Versprechen einzuhalten.

Wolfgang Janke war ein Pfundskerl. Nächtelang hatten wir schon zusammengesessen und geredet. Ich hatte seither den Verdacht, dass die Frauen von früher anders gewesen waren als die von heute.

Im Treppenhaus flammte die Fünf-Minuten-Beleuchtung auf, nachdem ich die Eingangstür aufgeschlossen hatte. Die Wände waren in sanften Beigetönen tapeziert. Eine freundliche Umgebung. Ich nahm drei Stufen auf einmal und hatte den Wohnungsschlüssel parat, noch bevor ich die Tür erreichte.

Und dann stürmte ich mit gezogener Waffe in meine eigenen vier Wände. Schuld war die TV-Dramaturgie. Eine Frau allein in einer Wohnung – das konnte einfach nicht gut gehen.

Obwohl ich höchst selten fernsehe, hatte sich diese Furcht in meinem Hinterkopf festgesetzt. Da konnte man mal sehen, dass selbst ein ausgewachsener Kriminalrat bei nur wenigen Wochenstunden Glotze vor den schädlichen Einflüssen des Fernsehens nicht gefeit war.

»Luysa!«, rief ich, während ich den geräumigen Eingangsflur durchquerte.

»Hier!«, quiekte sie, übermütig wie ein Häschen – von irgendwo aus der Wohnung. Das klang nun ganz und gar nicht nach Geiselnahme, Vergewaltigung oder sonstiger Gefahr.

Erleichterte bremste ich meine Schritte und verstaute die Beretta im Holster.

Ich hatte 160 Quadratmeter zu durchsuchen. Tante Hertha hatte entschieden, dass ein Kerl, der sich mit einem Porsche 911 Turbo auf der Autobahn den Weg freikämpfte, auch privat Fläche brauchte.

Ich fing im Wohnzimmer mit der Suche an. Ohne Erfolg, denn Luysa hatte sich kein zweites Mal auf dem Sofa niedergelassen. Auch im Schlafzimmer fand ich sie nicht. Im Esszimmer, das ich zum Computerraum umfunktioniert hatte, gab es ebenfalls keine Spur von meiner geschätzten Journalistin. Auch das Gästezimmer war leer.

Und kein Geräusch war zu hören. Die Fenster waren perfekt schallisoliert; vom Berliner Straßenlärm war nicht mal ein Summen zu hören.

Luysa gab ein Piepsen von sich, als sie meine Schritte näher kommen hörte.

»Heiß!«, rief sie bedeutungsvoll. Und dann: »Heißer, immer heißer!«

Ich entdeckte sie gleich darauf.

Sie hatte sich selbst auf dem Küchentisch garniert – mit Ananaskringeln, kandierten Kirschen, Weintrauben und gezielt hingetupfter Schlagsahne.

»Nummer zwei ist überfällig«, rief sie ungeduldig und winkte mich mit eindeutigen Beinbewegungen zu sich heran.

Ich brauchte zwei Sekunden, um meine Sachen abzustreifen, zwischen ihre Schenkel zu treten und in sie einzudringen. Nicht viel mehr Zeit verging, und ich entlockte ihr ähnliche Schreie wie jene, die ich aus dem Handy gehört hatte.

Erleichtert trug ich sie ins Schlafzimmer.

Und das Fernsehen hatte doch Unrecht. Sämtliche bösen Buben, mit denen ich gerechnet hatte, glänzten durch Abwesenheit. Manchmal war die Wirklichkeit eben doch recht freundlich.

Ich kniete mich neben das Bett und begann, meine Obstration des Abends zu mir zu nehmen.

Luysa begleitete mein Tun mit wohligen Lauten, als würde sie die eigentliche Genießerin sein.

Wir fingen an, uns zu überbieten. Je genussvoller ich schleckte, desto herausfordernder neckte sie mich mit ihren Lustlauten. Und da, wo der Obstvorrat aufhörte, fing es erst richtig an. Ich stieg zu Luysa in die Daunen und zeigte ihr, was ein Missionar ist.

Wieder einmal bewahrheitete sich die Theorie, die da sagte, dass das Herkömmlichste oftmals das Aufregendste sein kann. Und diesmal brauchten wir den Federkern unter uns nicht als Kugelfang zu benutzen.

Die Matratzen dienten nur ihren eigentlichen Zweck – abzufedern. Genau das taten sie auf vollkommene Weise, indem sie Luysas natürliches Aufbäumen unterstützten.

Die Zeit verrann. Dann endlich, als wir gemeinsam kamen, waren wir schweißgebadet. Wir sanken zurück, keuchten im Takt.

»Peter Borgmann!«, hauchte Luysa mit einer Stimme, die wie ersterbend klang. So bewundernd und hingebungsvoll hatte sie meinen Namen noch nie ausgesprochen. Nach einer Weile wisperte sie mir ins Ohr: »Das war schon Nummer drei!«

»Schon?«, wiederholte ich und tat verblüfft. »Du meinst erst!«

Sie schmiegte sich an mich und kicherte leise. »Angeber!«

Eben das war ich nicht. Und ich hatte Zeit, es ihr zu beweisen. Wir schliefen in Phasen. Immer wenn einer von uns erwachte, war es für den anderen vorbei mit der Nachtruhe. Einmal träumte ich, ein Pferd zu sein. Ein Hengst vermutlich. Ich galoppierte über grüne Wiesen, und erst, als ich die Augen aufschlug, sah ich, dass Luysa sich bereits auf mich geschwungen und meine hochstabile Erektion für einen wild bewegten Ritt vereinnahmt hatte.

Ein anderes Mal musste ich massive Streicheleinheiten anwenden, um die Unersättliche wach zu bekommen. Dann aber langte sie herzhaft in meine Richtung, und das Hineingleiten geschah wie von selbst. Der erneute Höhepunkt läutete die nächste Runde Schlaf ein.



9

Das Versteck war ein unheimlicher Ort – für beide.

Der Flugzeughangar weit außerhalb von Berlin schien ein Eigenleben zu haben. Der Wind verursachte klappernde und quietschende Geräusche an den verschiedensten Stellen der riesigen Wellblech-Konstruktion. Nachtvögel landeten dumpf auf dem Dach und trippelten und scharrten, vermutlich beim Zerlegen und Hinunterwürgen ihrer Beute. Ein Regenschauer erzeugte einen halbstündigen Trommelwirbel und endete dann ebenso abrupt wie er begonnen hatte.

Chantal Chartre und Kapitän Aleksej Viktorow hatten den Hangar nur im Dunkeln gesehen, als Kotkins Leute sie hergebracht hatten.

Chantal war an die Geräusche der Großstadt gewöhnt, Aleksej an die des Meeres. Deshalb zuckten sie bei jedem neuen Klappern, Quietschen oder Scharren zusammen und horchten angespannt. Doch da näherte sich kein Eindringling. Gennadij Kotkin schien Recht zu behalten. Hier draußen drohte ihnen wirklich keine Gefahr.

Der Hallenbau stand einsam und allein in der Landschaft. Das einfache Hallenbauwerk gehörte einem Fliegerclub. Imposantestes Prachtstück unter den vorhandenen Privatflugzeugen war ein alter Antonow-Doppeldecker, die riesige, legendäre An 2.

Im Schein ihrer MagLites hatten die beiden Kotkin-Männer Chantal und Aleksej herumgeführt und ihnen die Flugzeuge erklärt, als gäbe es in der augenblicklichen Lage nichts Wichtigeres zu tun. Die eigentliche Beleuchtung hatte man nicht einschalten können, weil es durch die Ritzen im Wellblech zu sehen gewesen wäre.

Die beiden Russen waren Mitglieder im Fliegerclub, und besonders beim Beschreiben des Doppeldeckers hatten sie leuchtende Augen gekriegt und waren nicht zu bremsen gewesen.

Die Hure und der U-Boot-Kommandant hatten die Kerle zum Teufel gewünscht. Sie hatten endlich allein sein wollen, um ihre Nerven beruhigen zu können.

Doch mittlerweile sehnten sie ihren Fahrer und den Beifahrer zurück. Lieber hätten sie sich nun noch stundenlang Flugzeugdetails erläutern lassen, als in dem nach Kerosin stinkenden Kellerraum unter dem Betonboden des Hangars auszuharren.

Aber wenigstens konnten sie hier unten das Licht einschalten, und es waren genügend Vorräte da, sowohl Essbares als auch Wodka und Mineralwasser. Und Zigaretten, stangenweise.

Die Lüftung arbeitete nur mangelhaft. Trotzdem rauchte Aleksej fast ununterbrochen. Und er trank. Wodka natürlich. Zu viel davon, wie Chantal meinte. Doch sie hatte kein Recht, sich zu beschweren. Gennadij Kotkin bezahlte sie gut dafür, dass sie den Mann aus Murmansk betreute.

Der Kellerraum war noch in den Zeiten des kalten Krieges entstanden. Ein privater kleiner Luftschutzbunker, den sich die damaligen Privilegierten zusammen mit ihrem Fliegerhobby gegönnt hatten. Die Einrichtung war weitgehend so karg wie damals. Feldbetten und einfachste Tische und Stühle bestimmten das Bild im Aufenthaltsraum. Nur die Küche, mit Kühlschränken für Lebensmittel und Getränke und mit einer großen Gefriertruhe für Fertigkost, war anheimelnder. Von der Mikrowelle bis zur Kaffeemaschine waren alle Geräte vorhanden, die zum heutigen Wohnstandard gehörten.

Aleksej Viktorow hatte den Aufenthaltsraum zu seinem Rauch- und Trink-Salon gemacht. Die Heizung dort funktionierte gut; es war angenehm warm.

Chantal leistete dem U-Boot-Kommandanten Gesellschaft, wie es von ihr erwartet wurde. Allerdings schien Aleksej eben dies am allerwenigsten zu erwarten. Er war ein verteufelt gut aussehender Mann – schlank, strohblond, ein skandinavischer Typ. Bedauerlicherweise war er mit seinen 33 Jahren bereits Familienvater, und er schien die ganze Zeit an nichts anderes zu denken als an seine Frau und die beiden kleinen Söhne.

Er hatte Chantal Fotos gezeigt. Seine Frau Irina war ein mollig-mütterlicher Typ. Der dreijährige Jewgenij und der fünfjährige Oleg waren strohblond und ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Erneut nahm er die Fotos aus der Innentasche seines Jacketts und fächerte sie auf dem Tisch auseinander.

Es war das vierte Mal.

Und wie bei den vorherigen drei Malen traten Tränen in seine Augen. Wenn der Wodka eine Wirkung bei ihm zeitigte, so war dies die Einzige. Ein trauriger Gedanke genügte, und er konnte in Tränen ausbrechen.

»Alles«, sagte er und schien durch Chantal hindurch zu blicken, »alles, was ich tue, tue ich für sie. Meine Familie ist mein Leben. Aber wenn wir gemeinsam nicht überleben können, dann muss ich etwas unternehmen! Das muss ich doch, nicht wahr?«

»Aber natürlich«, antwortete Chantal. Und sie zitierte ihren Lieblingssatz aus den amerikanischen Romanen, die sie so gern las: »Ein Mann muss tun, was er tun muss, Aleksej. Verstehst du?«

»Ja«, antwortete er und schluchzte.

»Ein Mann muss tun, was er tun muss«, wiederholte Chantal, um es ihm einzuhämmern. »Das ist alles, worauf es ankommt. Und ein Mann darf von seinem Weg nicht abweichen, denn die Menschen in seiner Umgebung verlassen sich auf ihn. Es geht nicht nur um deine eigene Familie, Aleksej. Es geht auch um die Familien deiner Männer, für die du verantwortlich bist.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte er mit vibrierender Stimme.

»Erinnere dich, wie lange ihr beratschlagt habt, und wie schwer ihr es euch mit dem Entschluss gemacht habt? Es konnte ja nur einstimmig geschehen, das wusstet ihr alle. Und dann habt ihr es geschafft! Alle hundertzwanzig Mann an Bord deines U-Boots haben sich zum schwerwiegendsten Schritt ihres Lebens durchgerungen.«

Auch das gehörte zu Chantals Auftrag. Sie musste Aleksej moralisch aufrichten, wenn er Gewissensbisse bekam. Und die würde er zwangsläufig bekommen, sobald er Zeit hatte, sich allein mit seinen Gedanken zu befassen.

Chantal hatte mit Namita zusammen geübt. Alles, was sie, Chantal, dem Kapitän einzuhämmern hatte, war mehr oder weniger auswendig gelernt. So ähnlich hatte Chantal früher für ihre Abschlussprüfungen in der Schule gebüffelt. Aber das war eine Ewigkeit her, hatte praktisch in einem anderen Leben stattgefunden.

»Aber ich trage die Verantwortung!«, rief Aleksej, und es hörte sich beinahe verzweifelt an. Er tippte auf die Fotos. »Wenn wir erwischt werden, bin ich als Erster dran.« Er holte tief Luft. »Vielleicht als Einziger, denn ich werde alle Schuld auf mich nehmen, auch wenn es für Irina und die Kinder das Ende bedeutet.«

Chantal ergriff seine Hand über die Tischplatte hinweg. Zum ersten Mal zog er die Hand nicht zurück.

»Entspanne dich«, sagte sie fürsorglich. »Du solltest die Dinge lockerer sehen, sonst stehst du’s nicht durch.«

Mittlerweile zuckten sie nicht mehr bei jedem Geräusch zusammen, das von oben aus dem Hangar zu ihnen in den Bunker drang. Chantal hielt es für ein gutes Zeichen, und so beschloss sie, ebenfalls eine Zigarette zu rauchen und einen Wodka zu trinken.

Aleksej quittierte es mit einem anerkennenden Nicken. Mit Rauchen und Trinken machte sie sich zu seiner Gefährtin. Sie schien begriffen zu haben, dass er es so sah.

Sie prosteten sich zu.

Chantal blies den Rauch über den Tisch, sodass der gut aussehende Kapitän halb im Nebel verschwand.

»Ihr, hier im Westen, seht vieles viel zu locker«, sagte er und grinste zum ersten Mal. »Daran werdet ihr ja auch zu Grunde gehen.«

Chantal lächelte. »Bevor das so weit ist, werden wir noch eine Menge Spaß haben. Darauf kannst du dich verlassen.«

»Spaß.« Er nickte versonnen. »Das ist das Wichtigste für euch.«

»Immer und überall«, gluckste Chantal. »In allen Lebenslagen. Auch hier und jetzt.«

Sie stand einfach auf und ging zu ihm hinüber.

Sein Glied war bereits steif, als sie seine Hose öffnete.

Erstaunt stellte sie fest, dass er diese enorme Erektion bekam, obwohl er geistesabwesend war. Er starrte auf die Fotos, während Chantal ihn dazu bewegen konnte, mit dem Stuhl herumzurücken, sodass sie ihn besteigen konnte, während er auf dem Stuhl sitzen blieb.

Sie wusste nicht genau, weshalb er diesen Ständer kriegte.

Weil er seine Frau auf den Bildern ansah?

Weil seine Betreuerin die Dinge in die Hand genommen hatte?

Oder wegen beidem?

»Irina!«, flüsterte er, als Chantal begann, sich behutsam auf ihm zu bewegen. Sie spürte seine Härte in ihrem Körper anschwellen, und gleich darauf durchflutete sie eine Welle der Genugtuung, als er flüsterte: »Chantal!«

Wieder kam es ihr vor, als hätte sie eine Prüfung bestanden.

So rauchten und tranken sie gemeinsam, während sie gleichzeitig eine geruhsame, gemütliche Art der körperlichen Liebe praktizierten, die stundenlang so andauern konnte.



10

Die Gegend hatte was von Duisburg. Binnenhafen in verkleinertem Maßstab. Sonst war Berlin in allen Dingen gewaltig, nur die Wasserstraßen glänzten durch Bescheidenheit. Spree, Havel und was da sonst noch so floss, hatten keine rheinischen Ausmaße.

Trotzdem war es genauso kalt wie überall auf dem Wasser.

Die Kollegen vom Wasserschutz hatten uns aufs Achterdeck ihres Bootes gebeten. Es war halb acht morgens, und noch nicht mal richtig hell. Normalerweise kein Problem für mich. Je früher die Morgenstunde, desto mehr Gold versprach der Tag. Das war Tante Herthas Version des Uralt-Sprichworts.

An diesem Tag hätte ich auf das Gold pfeifen können.

Während uns ein scharfer Wind Gischt oder Nieselregen oder beides um die Ohren wehte, fiel mir ein, dass Tante Hertha mich in Berlin besuchen wollte. Sie hatte es versprochen, und es wurde Zeit. Meine Wohnung hatte sie über einen Makler kaufen lassen; sie war selbst nicht mal zum Vertragsabschluss da gewesen.

Keiner von uns auf dem Achterdeck sagte ein Wort.

Bei Jochen Riesenbeck konnte es daran liegen, dass er sauer auf mich war. Weil ich ihn erpresst hatte.

Aus dem schönsten Schlaf hatte er mich geklingelt. Um halb sechs hatte er mich aus Luysas Armen in die raue Wirklichkeit gerissen. Aus der Traum vom langen Schlafen und einem ausgedehnten Frühstück mit Luysa. Statt knusprig frische Brötchen vom Bäcker zu holen, sollte ich ein nasskaltes Hafenerlebnis haben.

Natürlich hatte ich mich gesträubt und alles angeführt, was zu meinen Gunsten sprach: Erstens konnte ich Luysa nicht allein lassen, weil sie hochgradig gefährdet war – in ihrer Eigenschaft als Chantal Chartres Biografin und Freundin. Zweitens war der FSB hinter ihr her, drittens wohl auch die Russen-Mafia, und viertens musste ich mit ihr schnellstens ein indisches Restaurant aufsuchen.

»Wenn es gar nicht anders geht, und ich tatsächlich bei der Waschpo antanzen soll«, hatte ich gesagt, »dann muss Luysa unter Schutz gestellt werden.«

Genau das hatte ich gesagt – und gehofft, damit niemals durchzukommen. Du lieber Himmel, es gab schließlich wichtigere Dinge für mich zu tun, als einen Sarg zu besichtigen!

Letzteres hatte ich Riesenbeck natürlich nicht anvertraut.

Aber es hätte sowieso nichts geändert, denn er hatte mich bis auf die Knochen durchschaut, mit seinen kalten blauen Augen, durch die Telefonleitung hindurch. So war es mir vorgekommen. Es war einer dieser Momente gewesen, in denen ich ihn heimlich einen Giftzwerg nannte.

Riesenbeck hatte nicht lange gefackelt. Er hatte mir den Treffpunkt im Westhafen genannt, und eine halbe Stunde nach unserem Gespräch hatte eine junge Kriminalkommissarin in Zivil an meiner Wohnungstür geklingelt.

Lederblouson, Jeans, Reeboks und die dunkelblonde Kurzfrisur standen ihr gut. Attraktiv und tatkräftig sah sie aus, die Kollegin. Ich kriegte gerade noch mit, dass sie Vanessa hieß. Luysa hatte sich mit ihr in Sekundenschnelle angefreundet. Und die paar Minuten, die ich zum Rasieren brauchte, reichten den beiden Damen, ihre Lebensgeschichten auszutauschen.

Außer der Dienstpistole hatte Vanessa einen Aktenkoffer mit MP und Reservemagazinen mit in die Wohnung gebracht.

Wenn das Stichwort Russen-Mafia fiel, rechneten die Kollegen nun mal mit dem Allerschlimmsten. Trotzdem rebellierte mein Beschützerinstinkt. Wie, in aller Welt, konnte ich nur zwei schwache Frauen sich selbst überlassen – und möglicherweise einer tödlichen Gefahr?

Ich hatte es Riesenbeck ins Gesicht gesagt, beim Entern des Wasserschutzbootes. Aber er hatte nur abfällig gegrinst. Wahrscheinlich hatte er Recht damit.

Unsere Zukunft lag auf dem Wasser.

Zumindest die unseres aktuellen Falls.

Es ging um Chantal Chartre.

Sie war verschwunden, nicht Luysa.

Wir mussten ganz einfach jedem Hinweis nachgehen, wenn wir Chantal lebend finden wollten – und mit ihr den geheimnisvollen Mann aus Murmansk.

Mit Riesenbeck und mir waren auf dem Achterdeck des Polizeistreifenboots – so die dienstlich korrekte Bezeichnung – Karl Rahmeier und Pole Karaschewski ins Schweigen vertieft. Außerdem zwei blaue Jungs von der Wasserschutzpolizei, der Bootsführer und sein Stellvertreter.

Unter unseren Füßen rumorten zwei Mal 400 PS, verhalten allerdings, denn nur mit langsamer Fahrt glitten wir durch Nebelschwaden, die über dem Wasser hingen, und vorbei an dicken schwarzen Kähnen.

Ich unterdrückte ein Gähnen.

Fröstelnd schlug ich den Jackenkragen hoch und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

Der Pole bemerkte es, weil er neben mir stand. Er sah mich von der Seite an und grinste. Ich nahm mir vor, ihm zu sagen, dass er sich auf dem Holzweg befand. Die Nacht, die ich hinter mir hatte, war nicht zum Grinsen.

O Mann, nein, auf so eine Nacht durfte man neidisch sein.

Das galt sogar für einen Paul Karaschewski, der von sich behauptete, die Herzen der stolzesten Frauen zu brechen. Weil er so stürmisch und so leidenschaftlich war. Dazu sang er auch gern und falsch die Melodielinie des gleich lautenden Uralt-Songs. Jedem, der es nicht hören sollte, sang er das vor, und alle ließen ihn gewähren. Denn es war ein Zeichen seines Fortschritts.

Er hatte sich abgenabelt.

Die schöne Schwarzwälderin, mit der er fatalerweise verheiratet gewesen war, suchte ihn nicht mal mehr in seinen Albträumen heim. Für den Sohn, der aus der Ehe hervorgegangen war, zahlte er, was er zahlen musste.

Paul hatte die Scheidungsfolgen abgeschüttelt, und er war wieder voll auf Kurs. Es gab keinen Rockzipfel, der ihn nicht interessierte, und keine weiblichen Reize, denen er nicht seine volle Aufmerksamkeit gewidmet hätte.

Das Polizeiboot wurde noch langsamer und schwenkte gleich darauf in ein Hafenbecken ein. Die Nebelschwaden waren dichter, hingen wie schwere Watte zwischen Kaimauern und düsteren Schiffsrümpfen.

Mein Handy vibrierte in der Hosentasche.

»Borgmann«, meldete ich mich.

Und erntete vorwurfsvolle Blicke von allen Seiten.

Als hätte ich die andächtige Stille gestört.

Nur der Pole grinste wieder. Oder noch immer.

»Kriminalkommissarin Rodewald«, sagte die Anruferin.

»Vanessa?«, entgegnete ich. »Bist du es, Vanessa?«

Die Blicke fingen an, mich zu durchbohren.

»Ja«, antwortete die Wächterin in meiner Wohnung. »Ich habe ein Problem mit Ihrer Freundin, Herr Borgmann.«

»Peter«, stellte ich richtig. »Wir waren bereits per Du.«

Die Blicke nahmen einen interessierten Ausdruck an. Wahrscheinlich, weil es sich so anhörte, als würde ich anfangen, mit der Anruferin unzweideutige Einzelheiten auszutauschen.

»Gut, Peter. Das Problem ist, Luysa besteht darauf, frische Brötchen vom Bäcker zu holen.«

Mein Job. Ich war an der Reihe, Riesenbeck einen feindseligen Blick zuzuwerfen. Natürlich verstand er den Grund nicht, aber er sollte durchaus zu spüren bekommen, dass er was vermasselt hatte.

»Und?«, sagte ich.

»Was – und?«, entgegnete Vanessa.

Die Farbe der Schiffsrümpfe wechselte vom Einheits-Schwarz zu einem Nebelgrau mit weiß gestrichelten Quadraten.

Hausboote mit weißen Fensterrahmen.

»Ich sehe nicht, was daran problematisch sein soll«, erklärte ich.

Meine Zuschauer fingen an, den Kopf zu schütteln.

Alle harrten wie gebannt auf das, was vor uns lag, und ich hatte nichts Besseres zu tun, als ein Gespräch mit einer neuen Bekanntschaft zu führen. Ausgerechnet jetzt, da das organisierte Verbrechen im Begriff war, uns seine scheußliche Fratze zu zeigen.

Alle kannten Luysa, seit ich mit ihr zusammen den Kugelhagel in Chantals Loft überlebt hatte.

Aber Vanessa?

Nicht mal Riesenbeck kam darauf, dass er die nahe liegende Erklärung hätte liefern können.

»Ich kann sie doch nicht rausgehen lassen!«, rief Vanessa.

»Du gehst ganz einfach mit ihr.«

Eine Pause entstand.

»Oh – ich soll …«

»Sie begleiten. Ist doch ganz einfach. Ihr tut so, als wäret ihr Freundinnen, die sich fürs Frühstück eindecken. Und wenn euch einer dumm kommt, legst du ihn um.«

Mein Publikum kriegte den Mund nicht mehr zu.

»Was?«, rief Vanessa entsetzt.

»Natürlich nur in Notwehr«, sagte ich. »Wir sind ja hier nicht in New York.«

Kommissarin Vanessa war mit dem Ratschlag zufrieden, und wir beendeten das Gespräch.

»Also, Borgmann!«, rief Oberstaatsanwalt Rahmeier inbrünstig empört. »Was reden Sie denn da? Und vor allem – mit wem? Ich meine, Sie können doch nicht allen Ernstes Selbstjustiz vorschlagen. Ganz abgesehen davon, dass so was auch in New York strafbar wäre.«

Ich nickte. »Was die Cops aber manchmal nicht daran hindert, erst zu schießen und dann zu fragen. Das ist nun mal so, wenn man an der Front steht und um sein Leben kämpfen muss.«

Rahmeier gab seine Antwort schneidend und mit energisch vorgerecktem Kinn. »Borgmann, solche Kommentare können Sie sich schenken. Wir sind hier auf deutschem Boden, in Berlin.«

»Wo wir langsam die New Yorker Verhältnisse von früher kriegen«, konnte ich mir nicht verkneifen zu erwidern. »Nur mit stark östlicher Prägung.«

»Sie müssen doch immer das letzte Wort haben«, sagte Rahmeier spitz.

Riesenbeck winkte ab. »Ich glaube, ich weiß, mit wem Borgmann da gerade geschnäbelt hat. Ich bin mitschuldig.«

Gleich darauf wurden wir ohnehin abgelenkt.

Der Bootsführer nahm endgültig Fahrt weg. Durch die Kajütfenster war ein weiterer Beamter zu sehen, der sich auf das Vordeck begeben hatte, ganz vorn am Bug. Mit Handzeichen gab er seinem Kollegen am Ruder Richtungsanweisungen.

Lautlos glitt unser Boot mit der Steuerbordseite an die Bugplattform eines Hausboots. Der Beamte vom Vordeck sprang hinüber und machte eine Leine fest. Die Plattform war groß genug, sodass wir sie auch vom Achterdeck aus bequem erreichten konnten.

Die Bugplattform schloss direkt an das Heck eines weiteren Hausboots an. Dort, längsseits, lag ein weiteres Boot der Wasserschutzpolizei.

Erst auf den zweiten Blick sahen wir den Sarg.

Fast unauffällig stand er da, an der Bugkante.

Es war ein schlichter Sarg aus hellem, offenbar massivem Holz.

Der Einsatzleiter vom vorderen Streifenboot schilderte uns die Vorgeschichte.

Die Bewohner des Hausboots, ein pensionierter Binnenschiffer und seine Frau, standen unter Schock. Sie waren bereits ins Krankenhaus eingeliefert worden. Frühaufsteher, die sie beide waren, hatten sie ihr morgendliches Luftschnappen auf dem Vordeck absolviert und das helle Rechteck im Wasser dümpeln sehen, festgekeilt zwischen Bug und Heck der beiden benachbarten Hausboote.

Das Rentnerpaar hatte es noch geschafft, die 110 anzurufen.

Dann hatten die beiden bedauernswerten Leute nur noch schwer atmend dagesessen und auf den Notarztwagen gewartet.

Auch uns machte der Anblick des Sarges zu schaffen.

Der Deckel war kreuz und quer eingeschnitten – tief, bis hinunter in Höhe der Schraubnägel.

Die Schnitte hatten faserige Ränder und waren von Blut rot gefärbt. Teilweise war das Blut über die Schnitte heraus bis auf den Deckel gedrungen.

Es war eindeutig.

Eine Kettensäge war hier am Werk gewesen.

In der Mitte, zwischen zwei parallelen schrägen Schnitten, war mit dickem schwarzem Filzstift ein Wort in kyrillischer Schrift aufs Holz gemalt worden.

предупреждение

»Weiß jemand, was das heißt?«, fragte Riesenbeck und blickte in die Runde.

»Warnung«, sagte Karaschewski.

Ich klopfte ihm auf die Schulter. »Hey, Mann! Dein Russisch war nie besser. Hast du Abendkurse genommen – oder eine Natascha?«

Außer dem Polen fand es niemand lustig.

»Beides«, antwortete er und lachte. »Ich meine, in Berlin wird einem ja alles geboten. Weshalb sollte man da nicht zugreifen?«

»Meine Herren!«, rief Rahmeier mit Oberlehrermiene. »Wir stehen vor einem Toten – das nehme ich jedenfalls an. Also ein bisschen mehr Pietät, wenn ich bitten darf!«

Paul Karaschewski fiel das Lachen aus dem Gesicht. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und um seine Mundwinkel herum bildeten sich scharfe Linien. Letztere entstanden durchs Zähneknirschen.

Ich wusste, wenn Paul so aussah, nahm er sich jeden zur Brust. Ohne Ansehen der Person. Und unserem Oberstaatsanwalt blies er besonders gern den Marsch. Genau wie ich. Weil Rahmeier, diesem graumausigen Büromenschen, viel zu häufig der Bezug zur Wirklichkeit verloren ging.

Der Pole starrte ihn feindselig an, während sich Riesenbeck abwenden musste, um nicht schon wieder zu grinsen.

»Na dann«, knurrte Paul. »Dann gehen Sie mal mit gutem Beispiel voran, mit Ihrer Pietät. Wie funktioniert das? Kopf runter und Hände zum Gebet falten? Ich will Ihnen mal was sagen, mein lieber Oberstaatsanwalt. Keiner von uns würde sich jemals respektlos gegenüber einem Toten verhalten. Nicht mal in diesem Fall, wo es sich ganz offensichtlich um eine Gangsterhinrichtung handelt. Wenn da mal eine lockere Bemerkung von uns fällt, dann hat sie nichts mit der Person des Toten zu tun, sondern nur damit, dass wir versuchen, uns ein bisschen abzulenken. Wenn wir gleich den Sargdeckel aufmachen, werden Sie kapieren, wovon ich rede.«

Rahmeier holte tief Luft und schnaubte. »Woher wollen Sie denn das wissen? Ich meine das mit der Gangsterhinrichtung.«

Logisch, dass er auf das andere nicht einging.

Wenn man ihm einen Schuss vor den Bug knallte, zog er den Schwanz ein. Das war er, unser Rahmeier, wie er leibte und lebte.

Paul sah mich Hilfe suchend an.

»Das russische Wort auf dem Deckel«, rief ich in Erinnerung, an Rahmeier gewandt. »Jemand hat eine Warnung ausgesprochen.«

Der Oberstaatsanwalt nickte wie ein gelehriger Schüler. »Aber wer? Und an wen?«

Riesenbeck drehte sich um und meldete sich zurück.

»Genau das wollen wir ja herausfinden«, sagte er beinahe grob. »Und wir sind hier, weil es auf den persönlichen Eindruck ankommt. Ich nehme an, wir sehen deutlich genug, was für eine Sorte Mensch diese sogenannte Warnung ausgesprochen hat.«

Rahmeier schluckte trocken hinunter.

Riesenbeck bat die Kollegen von der Wasserschutzpolizei, den Sarg für uns zu öffnen. Die Männer in den blauen Uniformen hatten Erfahrung im Umgang mit Wasserleichen. Was hier angeschwemmt worden war, verursachte allerdings auch bei ihnen versteinerte Gesichter.

Sie hatten die Schrauben bereits gelöst und den Deckel nur lose wieder aufgelegt. So brauchten sie ihn nur anzuheben und an die Seite zu legen.

Das Grauen sprang uns aus einem Meer von Blut an.

Keiner von uns brachte ein Wort hervor.

Dann war ein Gurgeln zu hören.

Rahmeier, grünlich weiß im Gesicht, hielt sich beide Hände vor den Mund. Nur einen Moment glaubte er noch, es aushalten zu können. Dann warf er sich herum, hastete zur anderen Seite der Plattform und würgte seinen Mageninhalt außenbords.

»Mein Gott«, flüsterte Riesenbeck. Auch er war kreidebleich.

Dem Polen und mir erging es nicht viel besser.

Auch der Gedanke an die schönen Seiten des Lebens, die ich in meiner Wohnung zurückgelassen hatte, machten es nicht leichter.

Was sich uns hier offenbarte, war mehr als nur die Fratze des Todes.

Es war das Antlitz der Bestie Mensch.

Auch wenn wir uns ausgrenzten, indem wir von uns selbst wussten, dass wir zu einer solchen Grausamkeit niemals fähig sein würden, blieb doch die furchtbare Gewissheit, dass es Menschen waren, die dies getan hatten. Artgenossen. Unsere bestialische Spezies.

Für den Augenblick, in dem wir fassungslos dastanden, glaubte ich alles verloren, was unsere Zivilisation an Kultur hervorgebracht hatte.

Schlimm genug, dass Menschen überhaupt imstande waren, ihresgleichen umzubringen.

Doch wie sollte man begreifen, dass sie fähig waren, einen anderen Menschen bei lebendigem Leibe zu zerstückeln?

Denn genau das war geschehen.

Ich versetzte mich in die Lage des Mannes im Sarg.

Wie er dagelegen hatte, gefesselt und geknebelt und schon halb tot.

Ja, sie hatten ihn übel zugerichtet, bevor sie ihrer Grausamkeit die Krone aufgesetzt hatten. Der Mann war eindeutig gefoltert worden, ehe man ihn in den Sarg gelegt hatte. Also mehr als nur eine Hinrichtung.

Er musste noch gelebt haben, als sie den Sargdeckel zugeschraubt hatten.

Es musste dunkel um ihn herum gewesen sein.

Dann das Kreischen der Kettensäge.

Vielleicht war ein winziger Streifen Licht hereingefallen, als sich die Kettenglieder durch das Holz gefressen hatten.

Vielleicht hatte er die Säge gesehen, wie sie sich durch das Holz gefressen hatte.

Vielleicht auch nicht.

Aber er hatte sie gespürt.

Genau das hatten seine Peiniger beabsichtigt.

Ich schüttelte mich.

Trotz allem trat ich zusammen mit Paul Karaschewski an den Sarg heran. Es kostete höllische Überwindung. Wir brauchten nur die endgültige Gewissheit, einen kleinen Hinweis. Ob dieser Tote jemals identifiziert werden würde, war eine andere Frage.

»Da«, sagte Paul. Mehr brachte er nicht heraus. Stattdessen zeigte er auf eine Stelle, wo das linke Handgelenk des Mannes noch halbwegs zu erkennen war.

Die Uhr hing an Restfasern des ledernen Armbands, blutverschmiert wie alles andere. Aber das Zifferblatt schimmerte noch durch.

Ich sah genauer hin und wusste, was der Pole meinte.

Es war eine von diesen mechanischen russischen Marine-Armbanduhren. Nagelneu, so kam es mir vor. Das Motiv auf dem Zifferblatt sah aus wie ein dicker schwarzer Wal.

»Du meinst, er war Russe?«, fragte ich gepresst.

»Das war er«, antwortete Paul.

»Aber kann nicht auch ein Deutscher diese Uhren kaufen?«

»Unwahrscheinlich. Das ist ein Atom-U-Boot auf dem Zifferblatt. Diese Uhren gibt’s nur für aktive Angehörige der entsprechenden Marine-Einheiten.«

Ich runzelte die Stirn. »Dann könnten wir den Mann aus Murmansk vor uns haben. Oder einen, der mit ihm Kontakt hatte. Geschäftlichen Kontakt.«

Paul nickte. »Russen schenken sich gerne gegenseitig Armbanduhren.«

Ich richtete mich auf, und der Pole folgte meinem Beispiel. Während wir uns abwandten, rief ich Alfred Specht an und bat ihn, mir alles über zersägte Särge zu besorgen.



11

Der Tod kam im Morgengrauen.

Die Sikhs hätten es wissen müssen, denn sie kannten all die über viele Generationen und Jahrhunderte hinweg bewahrten Grundsätze.

»Sei besonders wachsam, wenn ein neuer Tag beginnt. Es ist die Zeit der allergrößten Gefahr.«

Doch die Männer mit den Turbanen hatten sich an ein anderes Leben gewöhnt. Ihre Nächte endeten erst im Morgengrauen, und sie schliefen bis weit in den Tag hinein.

Alle in dem Bordell in Kreuzberg schliefen lange. Morgens glich das Haus einem leblosen Gemäuer ohne jeglichen Inhalt. Die Leuchtreklame über dem Eingang war erloschen. Der Schriftzug Rupajiva hatte jegliche Bedeutung verloren.

Rahul Battacharya beobachtete das indische Bordell aus einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite. Er griff in seine Hosentasche und tastete nach dem Schlüsselbund mit den Spezialstiften aus gehärtetem Stahl.

In seinem schwarzen Anzug mit dem hochgeschlossenen Jackett verschmolz der Inder mit dem Halbdunkel, das noch herrschte. Nur das Weiße seiner Augen war zu sehen.

Doch die wenigen Frühaufsteher, die jetzt schon unterwegs waren, beachteten ihn nicht. Die meisten bemerkten ihn nicht einmal. Er ließ eine Kehrmaschine der Stadtreinigung vorbeirumpeln und wartete anschließend noch eine Minute. Dann war er sicher, dass ihn drüben, in der Höhle der Verkommenheit, niemand stören würde.

Schlafende störten keinen Menschen, solange sie nicht aufwachten.

Tote störten niemanden mehr – vorausgesetzt, sie waren zu Lebzeiten unbedeutend genug gewesen, dass ihr Tod niemanden aufregte.

Die beiden Sikhs, die in dem Dreckshaus da drüben als Aufpasser arbeiteten, hatten Sehnsucht danach, bedeutend zu werden. Deshalb hatten sie Namita angerufen und wichtig getan. Hatten von diesem gefährlichen Mann berichtet, der für das BKA herumschnüffelte und dabei ein Pornofoto von ihr, Namita, bei sich trage und es jedem zeige.

Ein Pornofoto!

Von Namita!

Battacharya knurrte wütend. Die Kerle wollten sich wirklich nur aufblasen. So ein Foto konnte es von Namita gar nicht geben. Sie war viel zu vornehm für so etwas. Trotzdem hatte sie angeordnet, die Bastarde zum Schweigen zu bringen.

Recht so. Allein für die Tatsache, dass sie solche Lügengeschichten verbreiteten, hatten sie den Tod verdient.

Battacharya überquerte die Straße. Er steuerte auf den Torweg zu, der zum Hinterhof führte. Er sah aus wie jemand, der seinen Wagen dort hinten geparkt hatte und ihn jetzt abholte. Ein Inder und ein indisches Bordell – nichts hätte plausibler sein können.

»Rupajiva!« Im Vorbeigehen flammte das Wort in Battacharyas Bewusstsein, ohne dass er es wollte.

Ein Missbrauch des Edlen und des Schönen. Es war typisch für eine bestimmte Sorte seiner Landsleute. Sie verschacherten indisches Kulturgut, das über Jahrtausende gehegt und gepflegt worden war. Hier im Westen brachten sie es wie Marktschreier an den Mann, entstellten die ursprüngliche hochgeistige Bedeutung bis hin zum Lächerlichen und machten unendlich viel Geld damit.

Die Leute hier im Westen waren großenteils natürlich selbst schuld. Sie flogen geradezu auf indische Wörter, und selbst wenn diese Wörter nur Bahnhof oder Küchentisch bedeuteten, hielten sie sie für etwas Esoterisches oder Spirituelles.

Battacharya öffnete den Hintereingang des Bordells mit seinem Spezialwerkzeug. Selbst wenn ihn aus den umliegenden Häusern jemand beobachtete, würde es so aussehen, als ob er die Tür mit einem ganz normalen Schlüssel öffnete.

Er betrat das Haus, spähte kurz in das Halbdunkel und stellte fest, dass er sich in einem Flur mit Sicherungskästen, Telefonkästen und Schränken für Reinigungsgeräte befand. Lautlos schloss er die Tür.

Er verschwendete keine Zeit, drang auf leisen Sohlen in den vorderen Teil des Hauses vor. Er brauchte nicht zu suchen; den Lageplan des Gebäudes hatte er sich eingeprägt. Das Intelligence Bureau besaß solche Pläne von allen indischen Etablissements in Berlin, die in irgendeiner Weise mit der organisierten Kriminalität in Verbindung zu bringen waren.

Battacharya blieb vor dem Zimmer stehen, in dem die Sikhs schliefen. Als Wächter mussten sie diesen Gemeinschaftsraum benutzen; das stand in ihrem Vertrag. Notfalls sollten sie sich gegenseitig alarmieren, wenn einer fester schlief als der andere.

Der IB-Agent grinste, während er seine SIG zog und den Schalldämpfer aufschraubte. Er benutzte die kompakte P 228, die sich bequem im Inside-Holster unter dem Hosenbund tragen ließ.

Battacharya entsicherte die Pistole, bevor er die Tür öffnete. Sie war unverschlossen. Auch das gehörte zur Dienstvorschrift der Sikhs. Sie mussten schnell hinausstürmen können, wenn sie gefordert waren.

Eine Wolke von Alkohol schlug dem Inder aus dem Zimmer entgegen.

Er rümpfte die Nase und kniff die Augen zusammen.

Die Jalousien waren heruntergelassen.

Doch Battacharyas Augen hatten sich an das Halbdunkel im Haus gewöhnt. Überdies waren die langen schwarzen Haare deutlich zu erkennen, wie sie sich auf den weißen Kissen schlängelten.

Der Geheimagent trat nahe genug heran, um sich mit dem Zielen nicht anstrengen zu müssen.

Er jagte jedem der Schlafenden zwei Kugeln in den Kopf.

Während er es tat, stellte er sich vor, dass ihre Träume durch eine Art Explosion unterbrochen wurden, die innerhalb ihrer Schädeldecke stattfand. Etwas wie ein finales Neutronen-Gewitter, das den persönlichen Weltuntergang einleitete.

Das Klatschen der schallgedämpften Schüsse war außerhalb des Zimmers nicht zu hören. Außerhalb des Hauses sowieso nicht. Battacharya wusste es.

Er verließ den verkommenen Ort rasch.

Niemand kam ihm in die Quere.



12

Carla sah mich an, wie eine Ehefrau den heimkehrenden Ehemann ansieht, von dem sie weiß, dass er gerade fremd gegangen ist.

Carla Möckler, meine Sekretärin im BKA-Büro am Potsdamer Platz, hatte diese Angewohnheit nicht abgelegt.

Sie betrachtete mich als ihr Eigentum.

Dabei hätte zwischen uns alles geklärt sein können, nachdem wir einmal fast zusammen in ihrem Bett gelandet waren. Gerade noch rechtzeitig hatten wir uns besonnen. Carla war eine verheiratete Frau; daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ihr Ehemann noch in Wiesbaden lebte. Sie waren weder getrennt noch geschieden.

Doch Carla war immer noch eifersüchtig, obwohl wir uns ausgesprochen hatten. Jedes weibliche Wesen, von dem sie erfuhr, dass es in meine Nähe gekommen war, betrachtete meine hübsche Sekretärin als ihre Konkurrentin.

»Da hat eine Frau angerufen«, sagte sie vorwurfsvoll über ihren Schreibtisch hinweg. Sie sprach das Wort »Frau« aus, als hätte ich sie angewiesen, eine Zitronenscheibe in den Mund zu nehmen und auszulutschen.

»Luysa?«, fragte ich, obwohl es unwahrscheinlich war, denn Luysa hatte meine Handynummer. Noch während ich den Namen der Journalistin aussprach, bereute ich es.

Denn Carlas Augen weiteten sich vor Entsetzen.

»Wer?«, rief sie.

Ich atmete tief durch und sandte einen Hilfe suchenden Blick nach oben, obwohl ich wusste, dass ich mir nur selber helfen konnte.

»Die Frau hat bei dir angerufen«, erinnerte ich sie, »nicht bei mir.«

»Aber ihr Name war nicht Luysa!« Carla war empört. »Sag mal, treibst du es mit mehreren gleichzeitig?«

»Aus dem Alter bin ich raus«, behauptete ich. Ich wurde ernst. »Nun komm schon. Raus damit. Wer hat angerufen? Wenn es dienstlich war, und du kommst nicht pronto damit rüber, schaufelst du an deiner eigenen Rückversetzung.«

Gemeint war Wiesbaden. Allein der Gedanke daran, wieder in die BKA-Zentrale versetzt zu werden, war ein Horror für Carla, würde es doch bedeuten, in die Nähe ihres Mannes zurückkehren zu müssen.

Sie schluckte, rief ihre PC-Notizen auf den Schirm und las ab: »Namita Shah. Sie erwartet dich in einem Restaurant namens Taj Mahal.«

»Wann?«

»Wann du willst«, antwortete Carla widerstrebend.

»Na, das ist doch was«, sagte ich und spielte mit dem Gedanken, ihr das Sexfoto mit der Inderin zu zeigen. Doch ich brachte es nicht übers Herz.

Wie Carla so dasaß, mit Weltuntergang-Miene und den Tränen nahe, tat sie mir leid. Am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen. Aber ich wusste, was ich damit hervorgerufen hätte. Und falsche Hoffnungen konnte sie noch viel weniger gebrauchen als die quälenden Gedanken an die böse weibliche Konkurrenz.

»Dann wünsche ich dir viel Spaß beim indischen Essen«, sagte sie und schniefte herzerweichend.

»Wenn ich den Laden getestet habe«, versprach ich, »gehe ich auch mal mit dir hin – privat.«

Carla blickte zu mir auf und blinzelte wie ein kleines Mädchen, das aus Tränen heraus neue Hoffnung schöpft.

Ich ging hinüber in mein Büro, blätterte die Post durch, fand nichts Wesentliches und setzte meinen Weg fort.

Mein Büronachbar war Alfred Specht, mein väterlicher Freund und Kollege. Er sah so missmutig aus wie immer, ein bulliger Griesgram hinter einem Schreibtisch, den er liebend gern mit dem Beifahrersitz eines Dienstwagens vertauscht hätte. Denn trotz seiner 60 Jahre gehörte er noch lange nicht zum alten Eisen.

Aber Riesenbeck hatte ihn nun mal zum Innendienst verdonnert.

Und bei Riesenbeck gegen solche Entscheidungen anzugehen, war das Gleiche, als würde man versuchen, eine meterdicke Betonwand einzurennen.

Specht hob den Kopf. »War kein schöner Anblick, was?«

»Ich kapier’s nicht«, erwiderte ich und setzte mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Dass Menschen zu so was fähig sind?« Er hielt mir die Computerausdrucke zum Thema entgegen – zehn, zwölf zusammengeheftete Blätter. »Mach dir keinen Kopf drüber, Peter. Sonst fällst du vom Glauben ab.«

Ich nickte und blätterte die Informationen durch.

Mafia-Bräuche weltweit.

Es gab ein paar Fotos von zersägten Särgen, zum Glück nicht vom Inhalt.

»Russische Tradition«, murmelte ich kopfschüttelnd, während ich die Zeilen überflog.

»Drohgebärden«, sagte Specht grollend. »Damit schüchtern sie ihre Gegner ein. Gleichzeitig ist es eine beliebte Hinrichtungsmethode. Wenn du mich fragst, sind deine Freunde von der Berliner Russen-Mafia gerade dabei, übereinander herzufallen.«

Er hatte diese Angewohnheit, die halbe Unterwelt meine Freunde zu nennen. Ich wusste es, und ich störte mich nicht daran. Viel Freund, viel Ehr.

Ich blickte vom Gedruckten auf. »Nicht ganz, Alfred. Diese Sargsäger tun nur so als ob. Das sind keine Mafia-Leute. Aber sie wollen Mafia-Leute beeindrucken.«

»Das heißt …«, Specht stützte das Kinn in die Hand, »sie wollen deinen U-Boot-Deal verhindern.«

Es war auch nicht mein U-Boot-Deal, aber trotzdem hatte Alfred mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.



13

»Stell dir das vor«, sagte der Pole.

»Was?«, fragte ich, weil er nicht weitersprach.

»Du würdest deiner Lieblingsfrau so einen Palast bauen.« Hingebungsvoll betrachtete er das große bunte Bild aus Agra, das jeden Reiseprospekt für Indien zierte.

»Dazu musst du erst mal eine Lieblingsfrau haben«, erwiderte ich entsagungsvoll.

»Und Maharadscha sein«, bestätigte Paul seufzend.

»Oder Scheich.«

Mein Kumpel maß mich mit einem strafenden Blick. »Araber sind doch keine Inder, Mann.«

»Auch Inder kriegen Kinder«, hieb ich in die Nonsens-Kerbe.

Wir feixten uns an, doch zu einem ausgiebigen Gelächter reichte es nicht. Irgendwie ahnten wir wohl, dass wir bald nichts mehr zu lachen haben würden.

Das Restaurant mit dem Bild und dem Schriftzug vom weltberühmten Taj Mahal in Agra gehörte zu den Läden, die mit Werbeanzeigen in Berlin-Prospekten vertreten waren – mit diesen bunten kleinen Blickfängern und dem Zusatz »Nur einen Steinwurf vom Ku’damm entfernt«.

Man musste seinen Stein ganz schön weit werfen, in diesem Fall. Doch das störte uns nicht. Wir waren mit dem Porsche gekommen, und ich hatte den Renn-Grünen direkt vor der Haustür geparkt. Immerhin waren wir angekündigt, brauchten also nichts zu verheimlichen.

Lediglich die Kollegen Stahlmann, Kocker und Lichter harrten im Verborgenen aus – in ihrem Dienstwagen, in der Parallelstraße.

Es war erst halb elf. Das Restaurant hatte bereits geöffnet, doch drinnen herrschte noch gähnende Leere. Zwei indische Kellner – schwarze Weste, weißes Hemd, schwarze Hose und lange weiße Schürze – waren damit beschäftigt, die Tische einzudecken. Sie klapperten so lautstark mit den Tellern, als würden sie es darauf anlegen, einen Scherbenhaufen zu erzeugen.

»Sieht so aus, als ob du der erste Gast bist«, sagte ich.

Paul sah mich an. »Nichts dagegen einzuwenden. Unter einer Bedingung.«

»Steht so was neuerdings in unserer Dienstvorschrift?«

»Als ob du dich an die halten würdest!«

Ich machte es kurz. »Also, was für eine Bedingung?«

»Kein Vögeln im Dienst. Ich hab so eine Ahnung, dass diese Inderin dich flach legen will. Weshalb sollte sie dich sonst hergerufen haben?«

»Frauen denken nicht immer nur an das eine, Paul.«

»Und du?«

»Nur gelegentlich.«

Mein Dienstpartner furchte die Stirn. »Nur gelegentlich was?«

»Nur gelegentlich denke ich nicht daran.«

Der Pole grinste grimmig. »Dachte ich mir – so was Ähnliches. Wenn du glaubst, ich warte hier länger als eine halbe Stunde, hast du dich geschnitten.«

Zehn Minuten waren ausgemacht, aber daran brauchte ich ihn nicht zu erinnern. Und warten sollte er auch nicht, sondern die Augen offen halten. Mir den Rücken frei halten, all diese taktisch wichtigen Aufgaben.

Paul steuerte auf die Bar zu, gleich links vom Eingang, wo ein Barkeeper angefangen hatte, Gläser zu sortieren. Paul schwang sich auf einen Hocker.

»Kein Alkohol im Dienst«, ermahnte ich ihn.

Ich erhielt keine Antwort darauf. Während ich zu den Kellnern ging, kriegte ich mit, dass mein Freund und Dienstpartner ein Mineralwasser bestellte. Manchmal hörte er eben doch noch auf mich.

Die Geschirrklapperer unterbrachen ihren Radau, und einer zeigte mir den Weg. Durch einen Bogen aus Goldimitat, mit einem Vorhang aus blutrotem Samt, ging es in den hinteren Teil des Gebäudes.

»Hinten rechts die Treppe hoch«, sagte mein Wegweiser in akzentfreiem Deutsch. »Dann kommen Sie direkt auf ihr Büro zu.«

Der ganze hintere Korridor strahlte Verwaltungsatmosphäre aus. Leuchtstoffröhren erhellten weiße Tapeten, hellgraue Türen und gerahmte Air-India-Plakate.

Niemand begegnete mir auf meinem Weg nach oben. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass Wände und Türen Augen und Ohren hatten. Oben gab es tatsächlich ein Namensschild, rechts am Türrahmen. Namita Shah – schnörkellose Buchstaben in einem sachlich-kühlen Kunststoffrahmen.

Ich trat ein und fand mich in einem Saal wieder, in dem es nicht mal einen Hauch von Indien gab.

Abgesehen von der Frau hinter dem gläsernen Schreibtisch, versteht sich.

Die Einrichtung war so kühl und europäisch zweckmäßig, dass ich Namita bedauert hätte, wenn mir nicht auf Anhieb klar geworden wäre, dass sie die Kälte ihrer Umgebung bewusst nutzte, um sich als heißer Mittelpunkt zu präsentieren.

»Herr Borgmann!«, stellte sie erfreut fest, als ich die Tür hinter mir schloss.

»Sie kennen mich?«, erwiderte ich erstaunt. »Ist das nun Hellseherei oder Hexerei?«

Sie lachte. »Ein bisschen von beidem. Ich habe Sie herbei gehext und vorhergesehen, dass Sie kommen würden.«

»Also haben Sie übersinnliche Fähigkeiten«, folgerte ich.

»Die haben wir in Indien alle«, sagte sie mit dieser Altstimme, die einem die Haarwurzeln vibrieren ließ.

Ich wusste nicht, wohin ich zuerst sehen sollte, als ich auf den Schreibtisch zuging. Dass der aus Glas war, musste volle Absicht sein.

Namita hatte die Beine übereinander geschlagen, und der Rock war bis zur Kante des Drehsessels hochgerutscht. Diese Andeutung von einem Rock schien zu einem Kostüm zu gehören, denn sie trug eine klassische weiße Bluse. Allerdings waren die beiden oberen Knöpfe geöffnet, sodass ein Rätselraten über die hinreißenden Wölbungen ihrer Brüste von vornherein entfiel.

Doch ihre Augen waren mindestens genauso atemberaubend wie ihre Rundungen. Glut war gar kein Ausdruck, wie sie zu mir aufblickte. Ich fühlte mich geschmeichelt. Das Lächeln dieser Frau war eine einzige unverblümte Einladung.

In ihren Augen loderte das heißeste Feuer, dass ich je gesehen hatte. War es eine Vorahnung vom Fegefeuer, in das sie mich und meine Eitelkeit hinabzuziehen gedachte?

Denn ich bildete mir ein, neben diesem Glühen in ihren Augen auch noch etwas anderes entdeckt zu haben. Interesse. An mir. Als Mann.

Die innere Stimme, die mich zu warnen versuchte, überhörte ich keineswegs. Aber ich würde ihr nicht allzu viel Beachtung schenken. Nur halbherzig fragte ich daher: »Weshalb haben Sie mich hergebeten?«

»Frauen haben mich angerufen«, erklärte sie. »Unterprivilegierte Frauen, deren Beschützer Sie bedroht haben. Die Frauen hatten Angst vor Ihnen. Ich nehme an, Sie wissen, wovon ich rede.«

Ich nickte. Was ich von ihrer Geschichte hielt, sagte ich ihr nicht. Stattdessen zeigte ich ihr das Foto.

»Ich wäre so oder hier aufgekreuzt«, erklärte ich und zeigte ihr das Foto. »Ich habe Sie gesucht.«

Ohne erkennbare Überraschung blickte sie auf den Farbdruck, als hätte sie genau dies von mir erwartet.

»Das nennt man Samgara«, sagte sie in beinahe geschäftsmäßigem Ton. »Was Chantal und ich da praktizieren, ist laut Kamasutra eigentlich Männern vorbehalten. Aber was gelten die Männergesetze heute schon noch! Oder anders ausgedrückt: Was gibt es heute noch, das Frauen nicht ebenso dürfen?«

»Alles ist erlaubt«, sagte ich und merkte, dass ich eine trockene Kehle bekam.

Es lag daran, dass Namita aufstand und um den Schreibtisch herumkam. Jede ihrer Bewegungen war atemberaubend.

»Ich habe auf dich gewartet«, flüsterte sie, als uns nur noch Zentimeter trennten. »In einem Wachtraum habe ich uns beide in einem Padmasana gesehen.«

Ich wollte fragen, was das sei, aber ihre Lippen hinderten mich daran.

Es war schwer zu erkennen, wie sie es anstellte, mich gleichzeitig mit den Armen zu umschlingen und ihre Kleidung abzustreifen. Dann, als ich ihre Nacktheit spürte, hatte sich meine Erektion bereits zur Härte von Beton gesteigert. Mit Lauten des Entzückens, von denen ich später nachlas, dass sie ebenfalls im Kamasutra festgelegt waren, legte sie meinen aufstrebenden Stolz frei und dirigierte mich an die Kante ihres Schreibtisches.

Geschickt glitt sie auf die Glasplatte, drehte sich auf den Rücken und spreizte die Beine um meinen Rücken herum. Fast wie automatisch glitt ich in sie hinein.

Im nächsten Moment geschah etwas Ungewöhnliches.

Sie hielt mich fest.

Allein mit der Kraft ihrer Muskulatur hielt sie mein Glied in ihrer Vagina.

Es war alles andere als unangenehm.

Und während sie mich ihre Muskelkraft spüren ließ, mich nicht entrinnen ließ, kreuzte sie die Beine vor meinem Oberkörper.

»Es ist vollbracht!«, rief sie. »Das Padmasana! Man nennt es auch die Lotoslage. Gefällt es dir?« Wie, um ihre Frage auszuschmücken, erzeugte sie wellenförmige Bewegungen ihrer Vaginalmuskeln.

»Hundertprozentig«, antwortete ich.

Ich drang tiefer in sie ein, bewies ihr, dass ich trotz allem noch Bewegungsfreiheit besaß. Weil ich der Stärkere war.

»Der Höhepunkt lässt sich auf die Weise unvorstellbar lange hinauszögern«, erklärte sie. »Es ist Genuss ohne Ende.«

Eine Ahnung keimte in mir auf.

Dieser Genuss ohne Ende war ihr Plan.

Auch wenn er mir gefiel – ich tat, was ich tun musste.

»Nein!«, rief sie prompt, beinahe verzweifelt, als ich meine Kraft in ihr entfaltete. »Nein, nicht doch!« Dennoch stöhnte sie vor Lust. Sie konnte es nicht verhindern. Es gelang ihr einfach nicht.

Mühelos trieb ich sie dorthin, wo ich sie haben wollte.

Dem Orgasmus entgegen.

Sie schrie und wimmerte, keuchte und stöhnte unter meinen Stößen. Vergessen waren die Vorzüge ihres so genannten Padmasana. Innerhalb von Sekunden schaffte ich es. Sie schrie auf, bäumte sich auf. Streckte sich erschöpft auf der Glasplatte.

Und das Telefon klingelte.

Sie zuckte zusammen.

Ich zog mich aus ihr zurück.

Sie griff neben sich, nahm den Hörer ab und meldete sich.

Dann, als sie zuhörte, sah ich, wie sie erbleichte.



14

»Frau Namita Shah möchte auch Sie sprechen«, sagte der Kellner, der auf Paul Karaschewski zugekommen war.

Der Pole glaubte dem Kerl kein Wort.

»Das hört man gerne«, erwiderte er jedoch und rutschte vom Barhocker. Er drückte die Zigarette in den Aschenbecher und folgte dem Schürzen-Pinguin.

Auf dem Weg zu den hinteren Räumen rief er Stahlmann an.

»Lage?«, fragte er nur.

»Still ruht der See«, antwortete der Cherusker.

Der Pole nuschelte ein »Verstanden« und steckte das Handy ein.

Der Kellner öffnete die Tür für ihn und ließ ihm den Vortritt.

Karaschewski gab sich arglos, nickte dankend und tat, als wollte er zügig über die Schwelle treten.

Doch schon nach einem Schritt, ohne erkennbaren Ansatz, wich er ruckartig nach links.

Die Folgen waren enorm.

Sein Wegweiser, der ihm beide Fäuste in den Rücken rammen wollte, wurde durch den ungebremsten Schwung nach vorn gerissen.

Hinter dem Türblatt tauchte der Kerl auf, der dort gelauert hatte.

Die beiden verfehlten sich nur um ein Haar.

Ihre Fäuste zischten aneinander vorbei.

Sie brüllten vor Schreck und vor Wut, als sie mit den Schultern zusammenprallten. So schnell sie konnten, versuchten sie, ihren Fehler wieder gutzumachen. Sie wirbelten herum.

Sie hatten nicht sehen können, dass der Pole bereits zur Stelle war – allem voran seine Fäuste.

Die eigenen Fäuste bekamen die Inder nicht mal mehr hoch.

Ein Trommelfeuer wie von Vorschlaghämmern brach über sie herein.

Karaschewski kannte keine Gnade. Er nutzte seinen Vorteil ohne Rücksicht auf Verluste. Die Sorge um den Freund trieb ihn. Er mochte nicht daran denken, was die Inderin mit Peter Borgmann angestellt hatte.

Kaum waren die beiden Inder in der Kellner-Tracht unter den Fäusten des Polen zusammengesunken, überschlug sich das Geschehen.

Am Ende des Korridors tauchte plötzlich ein hünenhafter Kerl auf.

Ein Inder, so viel war noch auszumachen.

Im nächsten Moment war er auch schon verschwunden.

Karaschewski erkannte die Ursache.

Der Mann stürmte die Treppe hinauf, die dort ins Obergeschoss führte.

Der Pole rannte los.

Auf dem Hof, hinter dem Haus, brüllten Motoren auf.

Reifen kreischten.

Mindestens zwei Wagen mussten es sein, die da losjagten.

Im Laufen drückte Karaschewski die Kurzwahl für den Cherusker.

Aus der Hörmuschel dröhnte es.

»Wir sind dran!«, brüllte Hermann Stahlmann. »Ein grüner Mercedes, ein blauer Audi – Kennzeichen erkannt – Schutzpolizei verständigt. Gleich haben die halb Berlin am Hals.«

»Krieg dich wieder ein«, sagte der Pole.

Dann erreichte er die Treppe. Das Handy steckte er weg und zog die Beretta.



15

Fragen konnte ich später.

Ich schnellte von Namita weg, brachte meine untere Hälfte in Ordnung und hatte die Beretta aus dem Holster, noch bevor ich zu Boden ging.

Die Schritte auf der Treppe dröhnten.

Glattes Holz empfing mich. Parkett. Oder Laminat. Ich hatte keine Zeit, das näher zu ergründen. Während ich schlitterte, warf ich mich herum. Aus der Rückenlage krümmte ich mich halb hoch – mit der Waffe im Beidhandanschlag.

Die Tür flog auf.

Namita schrie.

Wie ein Schatten flog der Kerl herein.

Federte sich breitbeinig ab.

Stand.

Und feuerte wie wahnsinnig.

Namitas Schreie gingen im Dröhnen der Schüsse unter.

Ich konnte nicht feststellen, ob der Mann nicht begriff, dass ich nicht mehr da stand, wo ich eben noch gestanden hatte – an jenem Fleck nämlich, den er mit Namita vereinbart hatte.

Sie hatte gerade versucht, sich hochzustemmen.

Die Kugeln trieben sie zurück auf die Glasplatte und schnitten ihren Lebensfaden abrupt durch.

»Die Waffe runter!«, brüllte ich. »Oder ich schieße!«

Er hörte es nicht mal.

Im Sitzen zog ich durch.

Die Beretta wummerte und ruckte in meinen Fäusten.

Meine Schüsse erhielten ein Echo aus dem Treppenhaus.

Die Einschüsse schüttelten den hochgewachsenen Inder durch.

Wie ein Baum unter den Axthieben eines Holzfäller-Teams wackelte er vor und zurück und hin und her, ehe er umkippte.

Ich ließ die Waffe sinken.

Auch im Treppenhaus wurde es still.

»Paul!«, rief ich.

»Gott sei Dank!«, antwortete der Pole. Er konnte eben nicht verleugnen, dass seine Wiege in einem tief religiösen Land gestanden hatte.

Wir überzeugten uns, dass von dem Inder keine Gefahr mehr drohte. Ich kickte seine Waffe weg. Paul fischte einen Dienstausweis aus der Brusttasche des Leblosen.

»Rahul Batta – cha – rya«, las er radebrechend. »Intelligence Bureau.«

»Keiner von den guten Jungs«, sagte ich, als wir uns bei der nackten Toten trafen. Für Namita kam jede Hilfe zu spät. Ich schüttelte den Kopf. »Er muss doch gemerkt haben, dass er nicht auf mich gefeuert hat, sondern auf sie. Ich meine, nach dem ersten Reinplatzen, muss er doch mitgekriegt haben …«

Ich unterbrach mich, als Paul mir die Hand auf die Schulter legte.

»Peter«, sagte er, »lass das Denken sein. Er wollte euch beide umlegen. Sie wird gewusst haben, was auch er wusste. Und das war vermutlich zu viel.«

Ich nickte düster, sicherte die Beretta und verstaute sie so umständlich im Holster, als würde ich es zum ersten Mal tun. Paul schilderte mir, was gelaufen war.

Ohne ein Wort zu verschwenden, rief ich Riesenbeck an und sagte ihm, dass wir einen Hubschrauber brauchten. Wir mussten noch schneller sein als mein Porsche. Die Kollegen zu Lande würden uns den Kurs nennen.



16

Vor dem Hangar tobte der Krieg.

Details

Seiten
0
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955910
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
acht killer september krimi paket thriller

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Don Pendleton (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

Zurück

Titel: Acht Killer im September 2021: Krimi Paket 8 Thriller