Lade Inhalt...

In zwei Leben

von Lion Obra (Autor:in)
2021 200 Seiten

Zusammenfassung

Der Euro und die EU sind abgeschafft. Die einzige weltweit gültige Währung lautet auf Mundo. Deutschland ist in drei Territorien aufgeteilt, die von Konzernen regiert werden. Eine Handvoll unerschrockener Exterritorialer begehrt auf gegen die Unterdrückung durch eine übermächtige Clique.

Die Ereignisse überschlagen sich, als ein Cyborg im Ruhestand und der deutsche Urvater utopischer Literatur zwischen die Mühlen der Macht geraten. In dieser literarischen Melange aus Phantastik, Zeitkritik und Groteske begegnen nicht nur schlesischer Humor, die neue Wissenschaft der Kairologie und viele Memories of Green, sondern auch der Breslauer Schriftsteller Kurd Laßwitz in persona, der 1897 mit seinem Roman Auf zwei Planeten den Reigen deutschsprachiger Science Fiction eröffnet hat.

Der akribisch recherchierte Roman verbindet historische Fakten und die authentische Beschreibung der alten Hauptstadt Schlesiens mit einer fesselnden Handlung, die sowohl in die phantastische Welt eines zukünftigen und eines vergangenen Breslaus entführt, als auch den verzweifelten Versuch schildert, die letzten lebenden Bäume der Stadt zu retten. So entsteht ein schillerndes Gemälde der Vergangenheit und der Zukunft, gleichzeitig aber auch ein dramatisches Bild der Gefährdung des Menschen in einer bedrohten Gegenwart.

Leseprobe

Der Euro und die EU sind abgeschafft. Die einzige weltweit gültige Währung lautet auf Mundo. Deutschland ist in drei Territorien aufgeteilt, die von Konzernen regiert werden. Eine Handvoll unerschrockener Exterritorialer begehrt auf gegen die Unterdrückung durch eine übermächtige Clique.

Die Ereignisse überschlagen sich, als ein Cyborg im Ruhestand und der deutsche Urvater utopischer Literatur zwischen die Mühlen der Macht geraten. In dieser literarischen Melange aus Phantastik, Zeitkritik und Groteske begegnen nicht nur schlesischer Humor, die neue Wissenschaft der Kairologie und viele Memories of Green, sondern auch der Breslauer Schriftsteller Kurd Laßwitz in persona, der 1897 mit seinem Roman Auf zwei Planeten den Reigen deutschsprachiger Science Fiction eröffnet hat.

Der akribisch recherchierte Roman verbindet historische Fakten und die authentische Beschreibung der alten Hauptstadt Schlesiens mit einer fesselnden Handlung, die sowohl in die phantastische Welt eines zukünftigen und eines vergangenen Breslaus entführt, als auch den verzweifelten Versuch schildert, die letzten lebenden Bäume der Stadt zu retten. So entsteht ein schillerndes Gemälde der Vergangenheit und der Zukunft, gleichzeitig aber auch ein dramatisches Bild der Gefährdung des Menschen in einer bedrohten Gegenwart.

Für Ursel,

der unvergleichlichen Vratislavierin,

die ihre Heimatstadt Breslau nie vergessen hat und

die durch ihre himmlische Gastfreundschaft

Vorfreude schenkt auf unsere ewige Heimat!

image
image
image

Prolog

image

Ja, ich war einer von den Damons. So nannten wir uns – nach Matt Damon, der in der Verfilmung von ‚The Bourne Identity‘ die Hauptrolle gespielt hatte. Doch während Jason Bourne seine Haut immer wieder retten konnte, hatten wir nicht so viel Glück. Nach den CIA-Operationen Medusa und Treadstone stand Jason Bourne als Gewinner da. Aber wir zehn Damons... - uns hatte das europäische Gegenstück zur CIA die Lichter ausgeblasen, ein für alle Mal.

Im Grunde war unsere Truppe ja schon längst aufgelöst und aus dem Dienst entlassen. Jeder von uns Damons war ins Zivilleben zurückgekehrt: manche an ganz unspektakuläre Orte, zum Beispiel ich selbst.

Ich war gerade Ende Zwanzig und hatte an der NHB, der Nordeuropa Hochschule Bremen, eine Stelle als Assistent inne. Das war leider nicht so toll, wie es klang. In Bremen befand sich nur ein kleiner Ableger der Nordeuropa Hochschule, die ihren Zentralsitz in Trondheim an der Nidelva hatte. Der Chronist Adam von Bremen hatte Trondheim einst zu Ansehen verholfen und mochte bei der Gründung der internationalen Hochschule neben der nationalen Technischen Universität als Pate hergehalten haben. Aber das war eine andere Geschichte.

Ich saß jedenfalls in Bremen, während die übrigen Damons in alle Winde verstreut waren. Wüste, Tiere, Engel: In dieser Reihenfolge waren wir durch unsere aktiven Dienstjahre gehetzt. Doch statt am Ende des Weges in der Einheit der Schöpfung zu landen, also auf Abrahams Schoß, führte uns diese Kette des Seins nicht zum großen Reigen der Engel, sondern an den Rand eines jähen Absturzes. Bis heute hatte ich nicht in Erfahrung bringen können, nach welchen Kriterien man uns eigentlich ausgewählt hatte. Blutgruppe, Charakter oder irgendetwas in unseren Genen? Wie viele hatten sie aufgeschnitten, um sie in Cyborgs zu verwandeln? Ich hatte nur diejenigen kennengelernt, die die massiven Eingriffe in die Nervenbahnen und Gelenkfunktionen überlebt hatten und schließlich am Projekt teilnehmen durften. Also die erfolgreich operierten Kandidaten. Was das Alter betraf, waren wir fast gleich: alle Anfang zwanzig, ungebunden und durchaus unterschiedlicher sozialer Herkunft. Nach dem Ende des Projekts konnte jeder von uns Damons tun, was er oder sie wollte. In diesem Punkt war das Verteidigungsministerium in Brüssel entgegenkommend. Auch was die Ruhestandsgelder betraf. Schließlich mussten wir mit diesen technischen Implantaten herumlaufen, die derart tiefgreifend mit unseren Körperfunktionen verbunden waren, dass man sie nicht mehr entfernen konnte. Im Grunde waren wir zehn Cyborgs. Aber dieses Wort hörte ich gar nicht gerne.

Ich war also eine Kampfmaschine im Ruhestand. Noch dazu eine, die nie gekämpft hatte. Jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, falls es doch so gewesen sein sollte. Ich genoss mein Leben an der NHB und tat, was ich immer schon gerne getan hatte, ich beschäftigte mich mit Science-Fiction. Jetzt gerade war ein Seminar angelaufen mit dem Titel ‚Von Laßwitz bis Munsonius‘. Es waren schon einige Referate gehalten worden, zuerst über Marten Munsonius und Herbert W. Franke sowie über Dieter Hasselblatt und Hans Dominik. Weitere über Edmund Kiss und Friedrich Freksa sollten folgen, bis ich selbst dann meinen Abschlussvortrag über Kurd Laßwitz halten wollte. Aber dazu kam es nicht.

Ob das EU-Militär oder ein amerikanischer Geheimdienst dahintersteckte, ist wohl nie bekannt worden. Jedenfalls machten sie irgendwann Jagd auf uns Damons. Warum? Das ist schwer zu sagen. Ich vermute, dass sie uns nicht in Kliniken sehen wollten. Nun ja, wir wurden älter. Und einen von uns hatte man in den Ferien in Florida wegen einer Gallenkolik ins Krankenhaus eingewiesen. Die Ärzte staunten nicht schlecht über die aufregende Nerven-Organ-Verkabelung, die sich ihnen im Ultraschallbild zeigte. Und dann wurde die einzige Frau unter uns Damons auch noch schwanger. Ich nahm an, damit unterzeichnete sie unser Todesurteil, denn Geheimhaltung ging vor. So dachte ich damals. In Wirklichkeit musste sie sterben, weil manche mächtigen Leute es nicht ertragen konnten, dass unsereins sich fortpflanzen konnte.

Mich erwischte es, als ich die Abkürzung hinter der Mensa nahm, um Unterlagen über Kurd Laßwitz aus dem Zentralarchiv der Universitätsbibliothek zu holen. Ich hätte gewarnt sein müssen, denn gerade in jenen Tagen lebte ich wie auf Wolken. Ich meinte fast, Schlaraffia würde sich vor mir ausbreiten, und der Genuss der Welt wollte sich mir in jeder Begegnung, jedem Lächeln einer schönen Frau, in all seiner verführerischen Fülle darbieten. Ich war topfit, hatte Geld und pflegte einen wunderbaren Zeitvertreib in kultivierter Umgebung. Da erschossen sie mich aus einem Gebüsch heraus. Ich hege deswegen keinen Groll. Die Leute taten nur, was sie tun mussten. Warum ich das kann? Ohne Hass, ohne Leiden? Ich habe das bei Abbas Poimen gelernt, der gesagt hat: Der Sieg über jede Plage, die über dich kommt, ist das Schweigen.

Mein Glück war, dass die Studenten, die mich fanden, die Johanniter alarmierten. Denn die Notfallretter unter dem Malteserkreuz überstellten alle Tatopfer grundsätzlich an das Hauptkrankenhaus. Und dort gab es, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, keine Möglichkeit der Kremierung. Und das war entscheidend. Aber dazu später.

––––––––

image
image
image

In der Blume Europas

image

Die Frau warf dem muskulösen Mann, der flach ausgestreckt auf seidig schimmernden Laken ruhte, ein Kissen zu, das ihn knapp verfehlte und auf der anderen Seite des Bettes zu Boden fiel. Er blickte auf. »Willst du mit mir unter die Dusche, Nysa?«

Sie lachte und schüttelte den Kopf, dass ihre roten Locken wie leuchtende Girlanden umherflogen. »Heute nicht. Weißt du, Theo, ich bin gleich weg. Zur Nachtschicht muss ich pünktlich sein. Du weißt schon, es geht um die Sicherheit.«

Die Frau erinnerte mich an jemanden. Aber mir wollte nicht einfallen, wer das war.

Der Mann, den sie Theo genannt hatte, räusperte sich. »Habt ihr euren ungebetenen Gast schon identifiziert?«

Sie sah ihn überrascht an. »Davon hast du erfahren?«

»Natürlich. Tor gibt die wichtigen Sachen immer gleich an mich weiter.«

Die Frau nickte.

Tor Zaisser leitete das Büro für Sicherheit, die Hauptabteilung XX. Er galt als Seismograph feinster Störungen im feinen Gewebe der Sicherheit der großen Stadt. Warum ich das wusste? Mir standen alle Informationen zur Verfügung, die dem Zentralrechner zur Verfügung standen. Freilich, der Grund dafür war mir zum jetzigen Zeitpunkt noch unbekannt. Und das gefiel mir gar nicht. Ich war nämlich gerne Herr der Situation. Das hatte uns unser Ausbilder so antrainiert.

»Unseren Gast haben wir noch nicht identifiziert. Weder persönlich noch zeitlich.«

Also, ich muss sagen, mir gefiel gar nicht, was ich da hören musste. Ein ungebetener Gast. Damit meinten sie ja wohl mich. Und außerdem, Poimen hätte diese Szene auch nicht gebilligt. Ein derartiges Stelldichein von Mann und Frau... – das konnte den Menschen wahrlich ins Verderben führen.

»Habt ihr es mit der Wahrheitsdroge probiert?«

Die Frau, die der Mann Nysa genannt hatte, unterbrach das Entwirren ihrer Strümpfe. »Oh nein, Theo. Das ist zu riskant. Außerdem ist er gefroren wie ein Klotz Trockeneis. Wir haben ihn jetzt aus der Kryonik teilerweckt, damit wir ihn einem Gehirnscan unterziehen können.«

»Ein Gehirnscan?« Theo richtete sich auf.

»Ja. Er bleibt tiefgefroren, atmet nicht und sagt nichts. Nur einige seiner Synapsen im Köpfchen feuern etwas hin und her. Das genügt schon.«

»Wofür?«

Sie seufzte. Dann begann sie, ihre Kleidungsstücke zusammenzusuchen. »Aber das musst du doch wissen. Auf diese Weise erhalten wir Zugang zu seinem Bewusstseinsraum, lassen seine Gedanken in unserem internen Datennetz schwadronieren und beobachten genau. So kann man viel erfahren über Identität, Absichten, mundofeindliches Potential und so weiter.« Nysa ging zur Vitrine und griff sich ein vorgewärmtes Handtuch.

Der Mann auf den Laken wälzte sich träge herum. »Kannst du mir erklären, wie das überhaupt passieren konnte?«

»Was meinst du?«

»Na das mit diesem Jungen.«

»Wahrscheinlich hat ihn eine Epistize erwischt, während wir gerade nicht hingesehen haben.«

»Bitte lass die Witze.«

»Das ist kein Witz. Ich kann dir jetzt gerne einen Vortrag über die Grundlagen der Kairologie halten.«

»Bitte, Nysa, verschone mich. Versuche einfach, mir das Ganze auf Deutsch zu erklären.«

Sie stöhnte. »Du willst immer alles ganz genau wissen, dich aber nicht anstrengen. Weißt du, das nervt. Überhaupt würdest du es gar nicht verstehen. Ich glaube, ich verstehe es selbst nicht so ganz.« Sie griff nach ihrer Bluse, die achtlos auf dem Flauschteppich lag, dort, wo diese Begegnung ihren Anfang genommen hatte.

»Versuche es einfach. Ich bin ganz Ohr.«

Etwas in seinem Blick brachte sie dazu, sich zu fügen. »Nun gut. Du weißt, dass wir mit dem DNA-Material aus Gräbern ganz brauchbare Erfolge erzielen konnten.«

»Und zahllose Misserfolge.«

»Die werden bald der Vergangenheit angehören. Alles deutet darauf hin, dass unsere Fledderer den Dreh jetzt raushaben. Bei Familiengräbern wird immer abwechselnd links und rechts beerdigt. Darauf musste man erst einmal kommen.«

Der Mann richtete sich auf. »Wie bitte?« Fast hätte er darüber gelächelt, wie sie das Wort Fledderer verwendete. Er wusste, dass so die Archäologen genannt wurden, die DNA-Proben bestimmter Verstorbener in Gräbern und Grüften aufspürten.

»Verstehst du nicht? In ein breites Grab passen zwei Särge nebeneinander. Man stapelte sie im alten Mitteleuropa so, dass sie abwechselnd links und rechts zum Liegen kamen. Und zwar in der Regel in einer Tiefe von etwa zwei Metern beginnend immer übereinander bis das Grab voll ist. Hat man auch nur eine einzige Bestattung innerhalb eines Grabes genau lokalisiert, ergeben sich die übrigen von selbst. Freilich nur, wenn die Sterbedaten bekannt sind. Aber ohne diese wäre die Suche sowieso unsinnig.«

»Aha.«

»Ja. Du brauchst gar nicht so zweifelnd zu schauen. Bei den letzten zwei Dutzend Sippen, die wir untersuchten, brachten die Fledderer schon bei der ersten Grabung die richtige DNA-Probe. Wenn man die dreidimensionale Anordnung der Bestattungen im Grab kennt, kann man durch ein winziges Bohrloch die richtige Probe ohne großen Aufwand ganz leicht besorgen. Man muss die Bohrtiefe lediglich genau berechnen. Mit etwas Übung ist das kein Problem. Die routinierten Fledderer schaffen das oft schon beim ersten oder zweiten Versuch. Den Rest erledigt der Zeitapparat.« Sie überlegte. »Also, ich meine den neuen Zeitapparat, den von Buorgwart-Nimksdorff.«

»Ist schon klar. Ich bin der Bürgermeister. Die Anschaffung ging über meinen Schreibtisch, bevor ich sie an den Lenkungsausschuss weitergeleitet habe.«

Nysa winkte ab. »Natürlich.« Sie überlegte. »Bei ganz bestimmten DNA-Proben nutzt der Buorgwart-Nimksdorff-Apparat die kinetischen Epistizen, greift in die Vergangenheit und transportiert längst verstorbene Personen quicklebendig in unsere Zeit. Der Apparat sollte eigentlich nur die Personen herausfischen, deren DNA vorliegt. Und bald«, sie streifte die Strümpfe über ihre langen Beine, »bekommen wir tatsächlich nur noch die Leute, die wir auch wirklich haben wollen.«

Theo kicherte schadenfroh. »Außer wenn sie sich feuerbestatten ließen. Dann gibt es nichts mehr zu wollen.«

Nysa zuckte mit den Achseln und begann ihre Bluse zuzuknöpfen. »Unser Problem mit dem Jungen ist diesmal nicht, dass wir den Falschen bekommen hätten. Unser Problem ist, dass wir überhaupt niemanden erwartet haben. Plötzlich lag er in der Stellitwanne. Und keiner konnte erklären, wie er dorthin gekommen war.«

Ich dachte es mir schon. Ein seltsames Material, dieses Stellit. Es war mir gleich irgendwie seltsam erschienen. Kurd Laßwitz hatte darüber geschrieben. Offenbar gab es das Zeug wirklich.

»Aber-«, setzte Theo an.

Sie legte ihm den Finger auf die Lippen. Dann küsste sie ihn. Bevor seine Leidenschaft entflammen konnte, entwand sie sich seinem Griff mit einer koketten Drehung.

Sie zog ihren weißen Kittel über. Er war gar nicht so zerknittert, wie sie befürchtet hatte. Schließlich strich sie ihr Haar glatt und verknotete es mit einem transparenten Gummiband.

Theo Mommsen stand auf, drückte sie an sich und küsste sie noch einmal. Lange und ausgiebig.

Er genoss diesen letzten Kuss. Denn es konnte passieren, dass sie sich mehrere Tage nicht mehr treffen konnten. Das Problem mit ihnen beiden war, dass ihre Beziehung bislang in keiner Weise offiziell gemacht worden war. Nysa sperrte sich gegen jeden seiner Versuche, ihre Beziehung legalisieren zu lassen. Immer führte sie als Begründung seine Stellung als Bürgermeister dieser großen Stadt an.

»Bleib mir treu, Theo Mommsen«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Dann entwand sie sich ein weiteres Mal seinem Griff. Mit kessem Hüftschwung ging sie zu seinem privaten Aufzug im Ankleideraum. Er sah ihr nach, bis sich die Lifttüren schlossen. Er war allein.

Theo Mommsen streckte sich, gähnte ausgiebig und zog sich schließlich einen leichten Morgenmantel aus purer Seide über. Auf dem Weg ins Bad fing er einen Hauch von Nysas Parfüm ein. Gierig sog er ihren Duft auf, der sich erst verflüchtigte, als das warme Wasser im Becken rauschte.

Seine Beziehung zu Nysa bedeutete ihm mehr als nur einen angenehmen Zeitvertreib. Mehr als die Art von Unterhaltung, die die Mächtigen aller Jahrhunderte von ihren Mätressen erwarteten. Viel mehr als kurzfristigen Kitzel, sinnliches Vergnügen und erotische Abwechslung. Was war es, das ihn für Nysa brennen ließ? Er hätte es nicht zu sagen vermocht. Es war ein Geheimnis.

Sein Erfolg, sein Amt, seine Ziele bedeuteten ihm nichts im Vergleich zu einem Leben mit ihr, das er sich sehnlich erhoffte. Wenn er ihr doch nur irgendwie begreiflich machen könnte, dass er es ernst meinte. Er würde Geduld haben. Ganz gewiss.

Mommsen blickte auf die Uhr. Es bestand kein Grund zur Eile. Über die weichen Teppiche schlenderte er barfuß zu seiner Arbeitsecke neben dem Musikzimmer. Dort hielt er seine Dateien und Notizen bereit. Manche handschriftlich. Hierher zog er sich zurück, wenn er allein sein wollte. Es machte ihm Freude, sich intellektuell mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen, seiner Stadt.

Mommsen zog sich einen Stuhl heran und ließ sich inmitten der Bibliografien, Quellen und uralten Filme nieder. Die Ausstattung in diesem Raum kam einem technischen Paradiesgarten gleich. Schon die Klimatisierung war ein Wunderwerk für sich. Die Luft blieb frisch und angenehm temperiert trotz zahlreicher elektrischer Apparaturen, Abspielgeräte und Monitore.

Mommsens Morgenmantel klaffte auseinander, als er sich setzte. Dass er darunter nackt war, störte ihn nicht. Sobald er sich in sein Studium vertieft hatte, vergaß er alles um ihn her. Manchmal passierte es, dass ihn seine Referenten auf der privaten Leitung rufen mussten, weil er einen Termin völlig vergessen hatte.

Er ließ sich auf einem der Monitore die Datei anzeigen, an der er zuletzt gearbeitet hatte. Eine lange Liste mit Namen.

Es waren die Namen der Stadt, der Blume Europas. Seiner Stadt, wie er sich in Erinnerung rief. Seit ihrer Gründung hatte sie mindestens fünfzig Mal ihren Namen gewechselt. Manche Namen klangen sehr ähnlich. Bei anderen war nur schwer zu glauben, dass sie den gleichen Ort bezeichneten. Vratislavia und Presslaw bildeten ein solch gegensätzliches Paar. Andere waren Wrotizla und Breslau. Welcher wohl der ursprüngliche Name seiner Stadt gewesen sein mochte, blieb ungewiss. Die Bezeichnung Breslau kam nicht vor 1770 durchgehend in Gebrauch. Wroclaw erst nach 1945.

Mommsen lehnte sich zurück. Sein Blick ging in die Ferne. Gerade noch hatte er die Blume Europas in seinen Armen gehalten. Unwillkürlich musste er an den kleinen Leberfleck an ihrem Hals denken, den er so gern liebkoste. Nysa besaß noch viele andere entzückende Details.

Er ließ sich treiben. Seinen Gedanken wuchsen Flügel. Nysa war ein polnischer Name. So wurde einst ein historischer Fluss bezeichnet. Ein Fluss, den es heute nicht mehr gab: die Neiße. Und Nysa war die Flussnymphe. Sehr passend. Mommsen schmunzelte. Kein anderer Name hätte zu diesem feuerroten Wirbelwind besser gepasst. Und keine andere Frau würde jemals zu Theo Mommsen passen.

Was empfand Nysa wirklich für ihn? Diente er ihr nur als Sprungbrett nach oben in das Zentrum der Macht? Diese Frau war schwer einzuschätzen. Geld interessierte sie nicht, Luxus kümmerte sie nicht, das Spiel um die Million war ihr schlicht und einfach egal. Sie wollte Macht. Dessen war er sicher. Als IM, als inoffizielle Mitarbeiterin im Büro für Sicherheit, war sie zwar nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Aber sie war gut. Mit ihrem Ehrgeiz und ihren Talenten würde sie früher oder später jeden anderen Ehrgeizling aus dem Feld schlagen. Sollte er versuchen, beim Chef des BfS ein Wort für sie einzulegen? Tor Zaisser, der Kopf und unangefochtene Herrscher des Büros für Sicherheit, war ein brandgefährlicher Mann. Gleichermaßen mächtig wie skrupellos. Er würde sich nicht gerade vor Eilfertigkeit überschlagen, um sich ihm, Theo Mommsen, anzudienen. Vor allem, wenn sie beide bald zur Tat schreiten mussten... - Jedenfalls waren bisher von Nysas Seite keine Wünsche in dieser Richtung zu hören gewesen.

Gegenwärtig observierte sie einen ihrer vorgesetzten Wissenschaftler aus der Truppe um den Buorgwart-Nimksdorff-Zeitapparat. Ihre Berichte über Chefingenieur Mateusz Kacper gingen erst an einen Strohmann, dann an Tor Zaisser. Auf diese Weise leistete sie wie viele andere ihren Beitrag zur Sicherheit der Stadt. Die Befehlsstruktur, die Mitarbeiter und erst recht die Informationswege waren streng geheim. Jeder, der inoffiziell Informationen sammelte und weitergab, kannte immer nur die nächst höhere Stelle. Die einzige wirklich öffentliche und allgemein bekannte Person im BfS, im Büro für Sicherheit, war Tor Zaisser.

Jeder Mann und jede Frau in Breslau wussten, dass er über ein Heer inoffizieller Mitarbeiter gebot, die Berichte an ihn lieferten. Doch wer diese Berichte im Einzelnen verfasste, wie sie weitergegeben wurden und welche Folgen daraus resultierten, das wusste niemand.

Ob Nysa Berichte über ihre intimen Treffen verfasste? Theos Gewohnheiten, Neigungen, Vorlieben genau notierte, um sie direkt an das BfS weiterzureichen? Abrupt schob er jeden Gedanken daran beiseite. Mommsen mochte die Vorstellung nicht, Zaisser ergötzte sich möglicherweise an einem Bericht über das gerade stattgefundene Stelldichein. Mit einem Seufzer schnitt er diesen Gedanken ab und widmete seine Aufmerksamkeit wieder den Aufzeichnungen über die reiche Geschichte der Stadt, seiner Stadt.

Oben auf lag eine biographische Notiz aus dem Jahr 1572 über den so genannten ‚Breslauer Hans Sachs‘. Er war ein Meistersinger, seiner Profession nach ein Schuhmacher aus Augsburg. Er konnte zwar gut singen und dichten, aber er hieß natürlich nicht wirklich Hans Sachs. Sein Name war Wolfgang Herolt. Nach seiner Übersiedlung nach Breslau soll er das älteste Breslauer Meisterlied verfasst haben.

Unwillkürlich kam Mommsen die Idee, das Grab von Wolfgang Herolt suchen zu lassen. Es wäre doch eine immense Überraschung und sicherlich ein gelungener Gag, wenn Herolt bei der Hauptversammlung vor dem Lenkungsausschuss auftreten würde, um einige Breslauer Meisterlieder zum Besten zu geben. Durch diese Überraschung wären die Teilnehmer der Hauptversammlung ein wenig eingelullt. Herolts Auftritt gäbe einen herrlichen Kontrast zu der bitterbösen Überraschung, die dann folgen sollte. Mommsen rieb sich voller Vorfreude die Hände.

Bestimmt war ich tot.

Ich konnte nichts sehen, nichts hören, nichts riechen. Oder bildete ich mir das nur ein? Waren meine Sinne durch irgendeine Gemeinheit betäubt?

Wenn ja, worauf konnte ich mich überhaupt verlassen? Was war sicher, was nicht? Für einen schockierenden Moment verstummten meine Gedanken. Dann rasten sie wieder aufs Neue.

Ich denke, also bin ich.

War das ein Spruch von Poimen? Nein, das stammte von keinem der Altväter. Abbas Poimen hätte gesagt, dass er jeden Tag einen Anfang machte. Ganz gewiss. Aber er hätte sicher keinen festen Grund für sein Denken suchen müssen. Für ihn lag die tägliche Pflicht klar und deutlich vor Augen, nämlich die Wachsamkeit seiner Sinne zu schulen. Vielleicht hatte man Abbas Poimen deshalb zum Vorbild der Damons erkoren.

Damals in der Ausbildung war mir das alles so einfach erschienen. Aber jetzt? Meine Sinne schienen gleichzeitig wach und taub. Derartiges konnte es für einen Cyborg eigentlich gar nicht geben. Was sollte ich nur tun? Wenn ich schon nicht sicher sein konnte, ob ich meinen Sinnen trauen konnte, ob ich in einem Lügengespinst gefangen war, über eines konnte ich doch immerhin sicher sein: nämlich dass ich Gedanken fassen, dass ich überlegen und denken konnte.

Und da fiel ich wieder zurück ins Vergessen.

Später: Ich hatte das unbestimmte Gefühl, ich würde liegen. Warum? Das konnte ich nicht sagen. Wenn die Sinne nicht arbeiteten, war es im Grunde unmöglich festzustellen, ob man lag oder saß oder stand. Noch nie in meinem Leben war ich mir im Unklaren gewesen über diese banalen Dinge. War ich nun endgültig verrückt?

Dann fiel ich wieder zurück ins Vergessen.

Später: Vielleicht war ich wirklich tot. Aber wie sollte ich das feststellen? Wenn ich tot war, dann müsste eigentlich ein Engel auftauchen. Oder ein Teufel. Aber es kam weder der eine noch der andere.

Plötzlich schaute einer auf mich herab. So eine Überraschung.

»Hallo, Abbas Poimen«, dachte ich laut.

Er nickte mir freundlich zu.

Hallo, wiederholte ich. Bin ich in Valhala?

Wiederum nickte er. Konnte er nicht sprechen? Der Altvater erschien mir stumm wie ein Fisch.

War das wirklich Poimen? Weshalb redete er nicht?

Ich nahm mir vor, ihn zu testen. Ich würde ihn etwas fragen, was niemand außer ihm wissen konnte. »Wie stellt man Gold her?«

Sofort antwortete er: »Indem du Gutes sagst, denkst und tust.«

Das klang nach Altvater Poimen. Plötzlich war ich wieder allein. Poimen war weg. Irgendwie musste ich lächeln. Etwas amüsierte mich. Bestimmt war das nicht der Altvater gewesen.

Das hätte ich mir gleich denken können. Ich wusste zwar nicht mehr genau, was er mir geantwortet hatte, aber die Tatsache, dass er mir verraten hatte, wie man Gold herstellte, konnte nur bedeuten, dass hier etwas faul sein musste.

Dann fiel ich wieder ins Vergessen.

Wie lange?

Später: Als ich merkte, dass ich mich bewegen konnte, ohne meine Beine zu gebrauchen, war ich zugegebenermaßen überrascht. Noch mehr überrascht war ich über die Stellit-Oberfläche, auf der ich lag. Aber das erzählte ich ja schon.

Ich konnte mich zwar bewegen, nur leider sah ich nicht, wohin ich mich bewegte, nicht einmal, ob in der Horizontalen oder Vertikalen. Um mich herum waren nur Schemen und diese sausten an mir vorüber, manche ganz fürchterlich schnell. Der Wunsch, die Augen zu schließen, half nichts. Meine Augen schlossen sich nicht. Die Schemen ließen sich nicht vertreiben.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das der Tod sein sollte. Zu viel Bewegung.

Ich war bei Bewusstsein. Eindeutig.

Wie lange war ich weggetreten gewesen? Keine Ahnung. Warum konnte ich mich nicht bewegen. Keine Ahnung.

Ich versuchte krampfhaft, den Kopf zu bewegen. Es ging nicht.

Überall um mich herum tanzten wie wild diese Schemen, Funken, Lichtblitze. Ich fand kein Oben und kein Unten.

Da erkannte ich etwas Schreckliches. Mein Leib war weg.

Ich war noch da, aber ohne Leib. Auch die Stellitwanne war weg. Merkwürdig.

Das Sehen war gar kein Sehen. Ich war nicht mehr in meinem Körper, hatte keine Augen. Oder vielmehr, meine Augen waren wo ganz anders.

Probeweise versuchte ich, mit der Zunge zu tasten. Aber es ging nicht. Meine Zunge wollte mir nicht gehorchen. Keines meiner Glieder reagierte. Sie waren verschwunden.

Es stimmte also. Mein Bewusstsein steckte nicht mehr in meinem Körper. Und mir wurde von den Schemen, die sich nicht vertreiben ließen, schwindelig. Ganz fürchterlich schwindelig. Alles drehte sich. Immer weiter, immer schneller.

Und dann wurden die Schemen plötzlich mehr. Viel mehr. Der Raum gewann an Tiefe. Und Höhe. Und erreichte eine unermessliche Weite. Ich wollte schreien. Und ich schrie.

Und ich erhielt beinahe augenblicklich Antwort.

‚Was möchten sie erfahren, wen wollen sie sprechen?‘

Mein Schrei brach ab. Ich schwieg verblüfft.

Nach wenigen Augenblicken erklang erneut diese Stimme, gefühllos, monoton. ‚Was möchten sie erfahren, wen wollen sie sprechen?‘

»Wer bist du?«, fragte ich.

‚Ich bin die Stimme der Zentraleinheit. Ich spreche für Buorgwart-Nimksdorff.‘ Die Stimme wurde deutlicher und lauter. ‚Ich gebe Informationen und vermittle Kommunikation. Was möchten sie erfahren, wen wollen sie sprechen?‘

Welcher Teufel sprach zu mir? »Wo bin ich?«, fragte ich. Grauen hüllte mich ein.

Dann wieder diese schreckliche Stimme. ‚Sie befinden sich in Breslau.‘

Das musste die Hölle sein. Ganz nah bei mir tanzten jetzt Schemen, die wie Trollgeister um mich her fuhren. Mein Leib, meine Glieder, alles unsichtbar. »Das ist die Hölle.«

‚Hier muss ein Missverständnis vorliegen. Am besten rufe ich für sie die Raumkamera vier auf. Diese zeigt eine Totale des Ortes, an dem sie sich gerade befinden. So können sie sich orientieren.‘

Plötzlich verschwanden alle Geister und Schemen. Die Lichtblitze und eiligen Funken verblassten. Ich schwebte in einem weißen Zimmer direkt unter der Decke und blickte nach unten auf einen durchsichtigen Sarg wie aus Glas, darinnen lag in einer Wanne eine Gestalt. Ich selbst.

Wieder schrie ich, wollte nur eines. Weg von hier.

Kaum hatte ich den Gedanken gefasst, verschwand das Zimmer und wurde von einem völlig verrückten Bild abgelöst. Ich war draußen, es war Nacht. Wind pfiff, in der Ferne grollte Donner. Lichtkaskaden türmten sich wie Berge hoch zu den Wolken, manche bewegten sich.

Wieder die Stimme: ‚Bitte geben sie bekannt, wenn sie eine neue Sicht wünschen.‘

Ich spürte, wie er kam. Der Irrsinn.

Schnell flüchtete ich mich zurück, befand mich wieder in dem Raum mit dem Glassarg. In meiner Not schrie ich nach dem Ausbilder, fing zu beten an, flehte laut um Schutz und Hilfe.

Da betrat ein Mann den Raum, ganz in Weiß gekleidet. Er trat an meinen Glassarg, dann an einen Kasten, der daneben stand, ging wieder zum Sarg, strich zärtlich darüber, verharrte einen Moment, lächelte und ging zum Ausgang.

»Halt«, schrie ich. »Halt! Warte doch.«

Aber er hörte mich nicht. Immer noch ein Lächeln auf den Lippen, verließ er den Raum. Wenn ich ihm doch nur folgen könnte.

Da erlebte ich etwas Seltsames. Ich sah die Tür, durch die er gegangen war, von der anderen Seite. Der Mann war herausgekommen und ging nun langsam den Gang entlang. Immer einige Schritte vor ihm wurde es hell, hinter ihm wieder dunkel. Wände und Boden waren glatt und sauber, warfen keine Schatten. Es gab keine Fuge, keinen Sturz, keine Tragbalken. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Ich klebte wieder unter der Decke und sah ihn, als wäre ich ein Vogel, der über seinem Nacken schwebte.

Als er um eine Ecke bog, folgte ich und blickte in diese neue Richtung. Ohne Übergang sprang meine Wahrnehmung dorthin. Eben hatte ich ihn noch in jenem Gang laufen sehen, jetzt sah ich ihn in diesem. Eben noch blickte ich auf seine Rückseite, jetzt dagegen sah ich ihn von vorne. Wirklich seltsam. Ich bewegte mich schneller als der Wind.

Nach wenigen Schritten trat er durch eine Tür und die Stimme ertönte wieder. ‚Drei Raumkameras stehen zur Verfügung. Wünschen sie wieder die Totale?‘

Ich flüsterte. »Wer bist?« Eigentlich flüsterte ich gar nicht, denn ich konnte gar nicht sprechen, hatte ja keinen Mund. Aber ich dachte die Worte und erhielt Antwort.

‚Ich bin die Stimme der Zentraleinheit. Ich spreche für Buorgwart-Nimksdorff.‘ Die Stimme wurde deutlicher und lauter. ‚Ich gebe Informationen und vermittle Kommunikation. Was möchten sie erfahren, wen wollen sie sprechen?‘

Ratlos starrte ich den Gang entlang, der sich in einem finsteren Viereck verlor. Der Mann war nirgends zu sehen.

In eine merkwürdige Welt war ich da geraten. Die Hölle war es nicht. Hätte mich auch gewundert, wenn ich dort gelandet wäre. Würde nicht zu meinem bisherigen heldenhaften Leben als arbeitsloser Cyborg passen. Also, wo war ich?

Eine Tür ging auf und siehe da: Der Mann kam wieder heraus. Er führte ein junges Mädchen am Arm. Ihr Haar war lang und schwarz, die Gestalt zierlich, ihre ganze Erscheinung bildhübsch. Sie war ein paar Jahre jünger als ich, kein Kind mehr, aber noch nicht ganz eine Frau. Ihre Haut hatte die Zartheit von Elfenbein. War sie eine Elfe?

Zu gern hätte ich ihr Gesicht aus der Nähe gesehen. Kaum hatte ich diesen Wunsch gedacht, sah ich sie ganz groß vor mir. Besser wäre es gewesen, ich hätte nie den Wunsch gehabt, sie zu sehen. Denn kaum hatte ich ihr Antlitz, umrahmt von langem, schwarzem Haar zu Gesicht bekommen, war es schon um mich geschehen. Unrettbar war ich in ihren strahlend hellen Augen ertrunken.

Ich hatte sie gesehen und ich hatte mich in sie verliebt. Sofort.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich musste diese unbekannte Schöne für mich gewinnen. Koste es, was es wolle.

Ich war zwar ein Fremder in einer merkwürdigen Welt, aber dieses eine Ziel war unumstößlich, dessen war ich gewiss.

Plötzlich eine Bewegung. Die beiden liefen unter mir hindurch und entschwanden meinem Blick. Aber schon allein der Wunsch, sie weiter betrachten zu wollen, genügte. Schon sprang mein Blick in eine neue Perspektive und ich sah, wie sie in einen Seitenkorridor einbogen.

Wieder erblickte ich sie jetzt von vorne, meine Elfe. Wie geschmeidig ihre Hüften wiegten, wie schutzbedürftig und gleichzeitig frech sie daherkam... Ich hätte sie so gern in den Arm genommen. Doch ich bestand nur aus Augen.

Der Mann in Weiß sagte etwas und lächelte dann, als hätte er einen gelungenen Scherz gemacht. Die Elfe aber lächelte nicht. Sie blieben vor einer Tür stehen und warteten. Sie warteten lange. Nichts geschah.

Was würde jetzt passieren? Was sollte das? Auf keinen Fall darf ich die beiden verlieren. Wieder genügte schon der Wunsch und meine Augen sprangen weiter. Der Raum war niedrig und eng. Seine Tür konnte nicht aufschwingen, vielmehr teilte sie sich in der Mitte und verschwand in der Wand. Als der Mann meine Elfe mit einer groben Handbewegung hineingeschoben hatte und selbst eingetreten war, schloss sich die Tür wieder. Ich folgte. Die beiden blieben stumm und reglos stehen. Eine ganze Weile.

Ganz unvermittelt öffnete sich die Tür wieder. Es war niemand da, der einen Mechanismus betätigt hatte.

Die Umgebung draußen hatte sich verändert. Nein, wir befanden uns nur in einem anderen Stockwerk. Es war hell und licht und sonnig. Hätte ich riechen können, hätte ich wohl frisches Grün, Blätter und Wasser gerochen.

Aber wir waren keineswegs im Freien, sondern in einer Kaverne, deren Ausmaße alles sprengten, was ich mir vorzustellen vermochte. Der Raum war groß wie eine Sportarena.

Die beiden traten hinaus in die riesige Höhle. An der weit entfernten Decke strahlten viele kleine Sonnen.

Ich hätte mir wirklich keine Sorgen zu machen brauchen, etwa in die Hölle geschickt zu werden. Vielmehr war ich im Paradies gelandet.

––––––––

image
image
image

Blume mit Stacheln

image

Nysa musste zweimal den Lift wechseln, um in den abgeschotteten Bereich des Turmes zu gelangen, wo der Zeitapparat installiert war. Zeit genug, ihre körperliche Erregung abzubauen. Die Wangen waren gerötet, die Ohren weißglühend wie Schmelze. So war es bei ihr jedes Mal.

Dieser Nachmittag mit Theo hatte sich ganz schön in die Länge gezogen. Sie wollte auf keinen Fall zu spät zu ihrer Nachtschicht erscheinen. Um sich abzulenken, konzentrierte sie sich auf das Geräusch des schnell beschleunigenden Lifts, der in einer schier endlosen Röhre nach unten jagte. Es faszinierte sie immer wieder, zu welch gigantischer Größe man die Türme Breslaus in den Himmel getrieben hatte. Gewiss, groß waren sie alle. Aber dieser hier übertraf jeden Einzelnen von ihnen.

In Turm 11 waren nicht nur die wichtigsten Forschungseinrichtungen untergebracht, sondern auch die Regierungszentrale der Stadt und der immerwährende Sitz des Lenkungsausschusses, der die Geschicke des ganzen Territoriums in Händen hielt.

Ihre eigene kleine Wohnzelle befand sich in einer abgelegenen Wohnpyramide im Nachbarsektor. Der Weg dorthin war zwar nicht weit, höchstens achtzig bis neunzig Kilometer, da sie aber keine Fluglizenz besaß, reichlich umständlich. Schon unter diesem Aspekt war es für sie praktisch, wenn sie bei Theo Mommsen übernachten konnte.

Es war ihr von der Verwaltung wiederholt eine Wohnzelle in Turm 11 auf der Ebene des Zeitapparates angeboten worden. Als Assistentin des Chefingenieurs stand ihr dieses Privileg zu. Doch stets hatte sie mit dem Hinweis abgelehnt, sie habe kein Interesse, in einer Wabe ohne Fenster zu hausen. Theo wollte ihr sogar ein komfortables Quartier im oberen Bereich zukommen lassen. Aber nie und nimmer wäre sie in eine Mätressenwohnung gezogen. Sie konnte auf eigenen Beinen stehen. Mit abfälligen Bemerkungen hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie es nicht nötig hatte, von ihm ausgehalten zu werden.

Es gab da aber noch einen anderen Grund, weshalb sie ihr Quartier abseits des Zentrums nicht aufgeben wollte: Ihre Wohnpyramide befand sich in einer Gegend mit eher geringer Sicherheitspräsenz. Dort erfuhr das BfS vielleicht nicht, mit wem sie sich traf, oder wann sie ihr Quartier verließ. Das kam ihr sehr entgegen, da sie im Grunde zwei Tätigkeiten ausübte. Eine offizielle, für die sie Kairologie studiert und sich der Territorialdisziplin unterworfen hatte, wodurch sie auf eine der begehrten Assistentenstellen beim Zeitapparat gelangt war. Daneben übte sie noch eine weitere Tätigkeit aus, die sie an die Schalthebel der Macht bringen sollte. Sie war inoffizielle Mitarbeiterin des BfS.

Theo Mommsen saß bereits dort, an den Schalthebeln der Macht. Er stammte aus einer uralten Breslauer Familie. Einer der Mommsenvorfahren hatte 1902 den Nobelpreis für Literatur erhalten für ein historisches Werk über die römische Geschichte. Sie grinste in sich hinein. Theo passte gut in eine Sippe, in der man schon seit Langem über ein ausgeprägtes Gespür für die Funktionsweisen der Macht verfügte.

Theo selbst war ein Paradebeispiel eines genialen Machtmenschen. Auf den Stuhl des OB von Breslau gelangte er, indem er wenigstens vier Rivalen über die Oder hatte springen lassen. Und niemand konnte ihm etwas nachweisen. Sie musste unwillkürlich lächeln. Dieser seltsame Ausdruck, über die Oder springen, hatte sich erhalten, obwohl es die Oder als Fluss schon lange nicht mehr gab. Ein Stückchen Flussbett wurde zwar im historischen Teil der Stadt erhalten, aber es würde nie wieder einen Tropfen Wasser führen. Alles Wasser war längst umgeleitet in gigantische Rohrleitungssysteme, wie auch die Neiße und viele weitere Flüsse, Bäche und Rinnsale, als man damals den künstlichen Wasserkreislauf in den Städten des Buorgwart-Nimksdorff-Territoriums einführte. Aus Trinkwasser wurde Abwasser, aus Abwasser wieder Trinkwasser, und immer so weiter in einem endlosen Kreislauf. Das war lange vor ihrer Geburt.

Immerhin konnte sie sich noch daran erinnern, wie die letzten Bäume aus der Stadt verschwanden. Auf einmal waren sie alle tot. Auch die anderen Pflanzen kamen mit dem biochemisch gereinigten Wasser nicht zurecht. Sie gingen alle ein. Fast wäre es damals zum Volksaufstand gekommen. Aber inzwischen hatte wohl der Letzte gemerkt, dass man ohne Bäume genauso leben konnte.

Würde Mommsen sie ebenfalls über die Oder springen lassen, wenn er ihrer überdrüssig wurde? In den letzten Monaten hatte er ihr mehrmals Anträge gemacht. Immer wieder wollte er ihre Verbindung legalisieren. Konnte das ernst gemeint sein? Der OB und die kleine Assistentin? Aber diese Phase schien inzwischen wieder vorbei zu sein.

Er mochte sie. Immer noch. Dessen war sie sich sicher. Hatte er vielleicht resigniert, weil sie ihm so oft einen Korb gegeben hatte?

Vielleicht war sie für ihn ja doch nur eine nette Abwechslung zu seiner Arbeit in der Regierungszentrale? Sie verscheuchte den Gedanken sofort wieder. Als OB hätte er jede beliebige andere Frau haben können. Der Aufzug vibrierte leicht, als die schnelle Fahrt langsamer wurde und die Kabine schließlich zum Stillstand kam.

Es gab noch viel zu tun, bis sie ihr Ziel, die Schalthebel der Macht, erreicht hatte. Als inoffizielle Mitarbeiterin des BfS beobachtete sie alles und jeden. Vor allem Doktor Mateusz Kacper, für den sie als Assistentin beim Projekt am Zeitapparat arbeitete. Ob der Doktor ahnte, dass sie ihn überwachte? Gerade stand er im Begriff, schwerwiegende Fehler zu machen. Einen hatte er schon begangen. Er hätte den jungen Mann, der im Zeitapparat aufgetaucht war, gar nicht am Leben lassen dürfen. Das war eine grobe Regelverletzung. Aber noch nicht ausreichend, um ihm in den Rücken zu fallen. Sie musste ihn weiter beobachten.

Entscheidend war, dass sie immer dabei war, wenn etwas Wichtiges vor sich ging. Früher oder später würde sie etwas finden, das ihn zu Fall brachte. Sie würde alles notieren. Und über Hartmut gingen ihre Berichte dann direkt zu Tor Zaisser. Zumindest glaubte sie das.

Der Aufzug hielt. Die Türen glitten auf. Sie betrat die Schleuse und ließ geduldig die Sicherheitsprozeduren über sich ergehen. Natürlich war das überflüssig. Niemand konnte auf diese Ebene gelangen, der nicht autorisiert war. Denn schon den Lift konnten nur berechtigte Personen benutzen. Und auch der Turm selbst war eine Festung, die niemand betrat, der nicht hierher gehörte.

Die innere Schleusentür öffnete sich. Mit einer Miene, die herablassende Professionalität ausdrückte, ignorierte sie die anderen Mitarbeiter, denen sie auf dem Korridor begegnete. Sie grüßte niemanden. Wozu auch? Die anderen waren niedere Wasserträger. Nur sie hatte Zutritt zu allen Bereichen des Projekts, zu denen auch der Doktor Zutritt hatte.

Manche der jungen Männer, die ebenfalls als Assistenten des Chefingenieurs arbeiteten, unterbrachen ihre Gespräche, als sie an ihnen vorüber ging. Zwei von ihnen lächelten ihr zu. Nysa gönnte ihnen nicht einmal einen Blick kalter Verachtung. Sie dienten weit unter ihr. Was sollte sie sich mit Versagern aufhalten? Freilich mochte im Lächeln des einen oder anderen die Verheißung unterhaltsamen Zeitvertreibs verborgen liegen, dennoch beachtete sie es nicht. Die Gefahr, dass daraus eine sentimentale Beziehung entstand, war viel zu groß. Und einer solchen Gefahr wollte sie sich nicht aussetzen. Nicht mehr.

Nysa ging bis ans Ende des Ganges, tippte eine Zahlenkombination in ein Tastenfeld und stieß die Tür auf, sobald das leise Summen des Türöffners ertönte. Vor ihr lag ein breiter Korridor mit Räumlichkeiten zu beiden Seiten. Vor einer der Türen blieb sie stehen, gab wiederum einen Code ein und verlor alle Farbe aus ihrem Gesicht, als sie in den Raum trat.

image
image
image

Frühlingserwachen

image

Also gut. Ich war doch nicht im Paradies angekommen. Alle Menschen, die ich sah, waren angezogen. Sie trugen eng geschnittene Kleidung in eintönigem Weiß oder Grau. Keiner war in paradiesische Nacktheit gekleidet.

Wohin hatte es mich nur verschlagen?

Augenblicklich erhielt ich Antwort. Mitten in meinem Kopf erklang wieder diese gefühllose Stimme, die ich schon kannte. ‚Sie befinden sich in Breslau.‘

Den Namen Breslau hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Die Stadt hieß jetzt anders. Aber wie?

‚Sie befinden sich in Breslau‘, war die Antwort auf die gedachte Frage.

Aber warum war ich hier? Ich wurde erschossen, als ich von der Mensa zur Universitätsbibliothek gegangen war. Wie konnte ich jetzt hier sein?

‚Ihre Fragen können gegenwärtig leider nicht beantwortet werden.‘

Was? Ich überlegte. Willst du mir nicht endlich verraten, wer du überhaupt bist?

‚Ich bin die Stimme der Zentraleinheit. Ich spreche für Buorgwart-Nimksdorff. Was möchten sie erfahren, wen wollen sie sprechen?‘

Wen sollte ich sprechen wollen?

‚Ich gebe Informationen und vermittle Kommunikation. Was möchten sie erfahren, wen wollen sie sprechen?‘

Ich seufzte. So kam ich nicht weiter. Schließlich formte ich in Gedanken eine Frage: Ich – befinde – mich – in – der – Stadt – Breslau. Ist – das – richtig?

‚Zutreffend.‘

Wo – liegt – diese – Stadt?

‚Im Buorgwart-Nimksdorff-Territorium.‘

So kamen wir auch nicht weiter.

Seit – wann – bin – ich – hier? - Welches – Datum – haben – wir – heute?

‚Offensichtlich sind sie nicht auf dem aktuellen Stand hiesiger Basisinformation. Heute ist der 19. März des Jahres 2274. Erlauben sie bitte, dass ich darauf hinweise: Jedermann in diesem Territorium sollte das Tagesdatum und das derzeit gültige Jahr ständig abrufbar in seinem Gedächtnis bereithalten. Aber das nur nebenbei...‘

Der 19. März war ein Feiertag, wo ich herkam. Der Josefstag. Und wie war das? Welches Jahr haben wir gerade?

‚2274.‘

Ist das jetzt nach dem gregorianischen Kalender oder nach dem... – wie hieß der doch gleich?

‚Das korrekte Datum lautet 19. März 2274 nach Christus. Die Zählung basiert auf der Kalenderreform, die 1582 mit der päpstlichen Bulle ‚Inter gravissimas‘ in Kraft trat.‘

2274 nach Christus. War das jetzt der Traum meines toten Gehirns oder phantasierte ich gerade in den letzten Sekunden meines Lebens, während ich hinter der Mensa auf dem Weg lag und allmählich verblutete?

‚Ist das eine Anfrage? In diesem Fall bitte ich um genauere Angaben.‘

Hä?

‚Ihre Frage bezieht sich auf ihren gegenwärtigen Zustand.‘

Ja.

‚Wünschen Sie eine ausführliche Antwort auf ihre Anfrage? Dann muss ich um Spezifizierung bitten.‘

Ich habe aber keine genaueren Angaben. Und überhaupt: Woher weißt du so viel?

‚Mein Datenspeicher ist der umfangreichste des Buorgwart-Nimksdorff-Territoriums. Ich verfüge über die dreißigfache Potenz aller Grundspeichereinheiten. Man könnte meinen Informationspool als umfassend bezeichnen.‘

Wer bist du, oder was bist du? Bist du ein konstruiertes Wesen oder ein lebender Apparat oder was?

‚Ich bin die Stimme der Zentraleinheit. Ich spreche für Buorgwart-Nimksdorff.‘

Ja, ja. Aber ich verstehe das nicht.

‚Man nennt mich den Compañero, oder einfach Comp.‘

Comp?

‚Ja.‘

Compañero bedeutet Kamerad. Ein konstruierter Kamerad. So einer ist mir noch nie untergekommen. Bist du mein Kamerad?

‚Das auch. Ja.‘

Und du behältst alles für dich, was wir besprechen?

‚Wenn sie das wünschen.‘

Ja. Ich wünsche es.

‚Dann ist es so.‘

Und noch eins, Compañero. Nenn mich Damon.

‚Wir sollen uns duzen?‘

Wieso nicht? Wenn du mein Kamerad bist, können wir uns duzen.

‚Das ist bisher noch nicht vorgekommen.‘

Ja und?

‚Das ist völlig irregulär, völlig einmalig, völlig... - Ich finde das, ich finde das, nun ja, durchaus... schön.‘

Fein. Also dann, Comp, niemand erfährt, was wir so daherreden.

‚Abgemacht.‘

Dann sag mir ganz unter uns, was hier los ist. Ich wurde niedergeschossen. Eigentlich müsste ich tot sein. Jetzt bin ich hier. Und seit ich hier bin, geistere ich durch diese Welt, kann mich aber in Wirklichkeit gar nicht mehr bewegen.

‚Wenn du wissen willst, wie sich deine äußeren Umstände ändern konnten, dann ist das einfach zu erklären. Du machtest eine Zeitreise. Der Buorgwart-Nimksdorff-Zeitapparat brachte dich nach Breslau ins Jahr 2274. Das erklärt wohl deine Desorientierung.‘

Der Buorgwart-Nimksdorff-Zeitapparat? So so. Und der hat mich hergebracht?

‚Richtig. Eine räumliche und eine zeitliche Versetzung.‘

Und damit soll einer klar kommen? Na ja. Vielleicht kann ich ja Nutzen aus der Sache ziehen. Willst du mir helfen, mich zurechtzufinden?

‚Logisch.‘

Dann klär mich bitte darüber auf, was es mit diesem Zeitapparat auf sich hat. Bring mich dorthin. Ich will zu diesem Apparat.

‚Das wird schwierig. Du bist kryonisch fixiert.‘

Was bin ich?

‚Nur dein Bewusstsein ist frei, dein Körper liegt auf Eis.‘

Dann bin ich also tatsächlich der Mensch in dem Glassarg, den ich gesehen habe?

‚Ja.‘

Macht ihr das mit allen Leuten so?

‚Nein. Nur mit manchen Zeitreisenden.‘

Und wie komme ich frei.

‚Keine Information vorhanden.‘

Aber wer hat mich denn eingefroren?

‚Doktor Mateusz Kacper. Dort steht er.‘

Das Bild in meinem Kopf zeigte das Panorama der gewaltigen Kaverne, deren Abmessungen ich nicht schätzen konnte. Zahlreiche äußerst merkwürdige Bäume versperrten mir die Sicht auf die Begrenzungen des Raumes. In großzügigen Abständen wuchsen sie krumm und kümmerlich bis in Höhen von etwa zwölf Metern. Am Eingang zu diesem unterirdischen Garten standen zwei Personen.

Doktor Mateusz Kacper hatte mit meiner Elfe die Kaverne betreten und führte sie nun einen schmalen Waldweg entlang.

Er ging neben dem Mädchen her, das ich liebte, das ich sofort geliebt hatte, das ich um jeden Preis treffen musste. Aber wie?

Du Comp, fragte ich den Compañero, wer ist eigentlich das Mädchen?

‚Das ist Jenny.‘

Jenny?

‚Ja, eine Zeitreisende.‘

Ich konzentrierte mich auf den Doktor und Jenny, die hintereinander über den weichen, feuchten Boden zwischen den Bäumen gingen, und konnte auf diese Weise hören, was sie sprachen; gerade so, als wäre ich neben ihnen her gegangen. »Es ist ein Privileg, hier gehen zu dürfen«, sagte der Doktor. »Millionen Menschen draußen beneiden sie darum.«

Ja, vor allem ich.

Jenny sagte: »Das ist ja die reinste Monokultur. Was für eine Baumsorte haben sie hier?«

»Das sind Ginkgos.«

»Und außer Ginkgos nichts anderes?«

»Nichts anderes.« Der Doktor blickte starr.

Jenny ging weiter und kam auf einmal von dem schmalen Pfad ab. Sie trat auf einen Zweig. Er knackte laut.

»Bitte bleiben sie auf dem Weg. Der Boden ist kostbar.«

Schweigend gingen sie an einer Lichtung vorbei. Alles war still. Kein Laut. Es gab offenbar weder Vögel noch Insekten oder sonstige Tiere. Hinter der Lichtung fiel das Gelände ab. In die Senke gebettet, ruhte ein Teich, frisch und einladend.

Ich konnte nicht mehr länger an mir halten. Meine Neugier platzte zusammen mit einem ärgerlichen Zorn auf den Doktor aus mir heraus, der aufdringlich seine Hand auf Jennys Schulter gelegt hatte. Ist das hier ein Sanatorium, eine Gärtnerei, oder was?

Der Compañero antwortete in meinem Kopf. ‚Das ist die Zuchtanlage des Buorgwart-Nimksdorff-Territoriums. Nach meinen Daten die einzige ihrer Art.‘

Jenny war stehen geblieben und beobachtete einen älteren Herrn, der kopfüber in den kleinen Teich sprang. Das Wasser spritzte.

»Würden sie mir jetzt bitte folgen.« Der Doktor blickte von der Seite zu Jenny und verzog den Mund. Ungeduldig erklärte er: »Das hier sind die Mutterpflanzen. Dort drüben befindet sich die Zuchthalle für die Jungpflanzen. Kommen sie. Na kommen sie. Sie haben später noch genügend Zeit, sich alles in Ruhe anzusehen.«

––––––––

image

Nysa versuchte, ihren Ärger zu unterdrücken. Sie war zu spät gekommen. Mateusz Kacper hatte gehandelt, während sie sich mit Theo Mommsen vergnügt hatte.

Sie hätte sich ohrfeigen können. Gut möglich, dass der Doktor heute schon reif gewesen wäre für den Abschuss. Wochenlang war sie nicht von seiner Seite gewichen, ohne auch nur einen winzigen Anhaltspunkt für eine territoriumsfeindliche Einstellung erhaschen zu können. Und dabei war diese ohne jeden Zweifel vorhanden. Jetzt, wo es darauf ankam, war sie nicht zur Stelle gewesen. Dabei war sie sich völlig sicher: Mateusz Kacper verfolgte Absichten, die nicht seiner Aufgabe entsprachen, territoriumsfeindliche eben. Er war eine negative Person. Diese Überzeugung hatte sie schon mehrfach in ihre Berichte einfließen lassen. Jetzt endlich hätte sich vielleicht die Gelegenheit geboten, ihn zu überführen.

Der junge Mann aus der Vergangenheit lag steif und eisig in seinem transparenten Behälter. Leblos. Er schien ihr viel jünger zu sein, als erwartet. Sein Äußeres gemahnte eher an einen Teenager, denn an einen Mann Ende zwanzig. Auch wenn er äußerlich wie tot erschien, er war lebendig und sein Bewusstsein frei. Völlig frei. Und das war ungeheuerlich.

Wie konnte das passieren?

Sie erkannte es sofort an den Anzeigen des Compañero. Das Bewusstsein des Jungen war im internen Bereich unterwegs und bewegte sich ungehindert auf die externen Systeme zu.

Das konnte nur Mateusz Kacper verschuldet haben. Doch sie war nicht dabei gewesen, hatte keinen Beweis und hatte ihn vor allem nicht auf frischer Tat ertappt. Was tun?

Sie würde einfach auf ihn warten und dann, dann würde sie ihn packen. Danach gab es für ihn kein Entrinnen mehr.

Nachdem der ältere Herr sich in dem Teich ausgiebig erfrischt hatte, kehrte er zur Zuchthalle zurück. Er setzte sich an das Eingabefeld und überlegte. Dann begann er mit geschickten Fingern die Tastatur zu beackern. Gehorsam füllte er einen Fragebogen aus, den der Comp ihm vorgelegt hatte.

Name: Kurd Laßwitz. Geboren: zu Breslau am 20. April 1848. Eltern, evangelischer Confession: Kaufmann Karl Laßwitz und Emma Laßwitz, geborene Brier. Ab 1853: Besuch der Vorklassen, von Ostern 1856 an das Gymnasium zu St. Elisabet, woselbst ich durch acht Jahre im Fach Mathematik den Herrn Professor Kambly genoss und 1866 mit dem Zeugnis der Reife entlassen wurde. Von dieser Zeit bis Ostern 1868 war ich an der hiesigen Universität, von 1868 bis Ostern 1869 an der Universität zu Berlin, und von da ab wieder in Breslau immatrikuliert. Eine Unterbrechung erlitten meine Universitätsstudien durch den Eintritt ins Militär im Juli 1870, in Folge dessen ich im Winter 1871 nach Frankreich geschickt wurde.

Der Comp nahm alles in sich auf und verwahrte es in seinen Datenbanken.

––––––––

image

Schon dreimal war Nysa zum Erfrischungsautomaten gelaufen, der neben Kacpers Raum aufgestellt war. Die Assistenten bedienten sich dort kostenlos an den dünnen Schläuchen, aus denen Luft mit diversen Zusätzen strömte. Sie empfand es als gleichzeitig berauschend und erregend, wenn der parfümierte Schwall kühler Luft aus dem Schlauchende direkt in die Nase fuhr.

Sie führte einen Schlauch ans rechte Nasenloch und aktivierte den Mechanismus. Hell und klar fuhr ihr das Mentholaroma bis in die Lungen. Gleichzeitig erfasste sie eine Erregung, die ihr für einen Moment den Atem nahm. Sie drückte den Handrücken an die offenen Lippen, vibrierte innerlich, genoss die kühle Klarheit. Bald ebbte das Gefühl wieder ab und ging in eine ruhige, entspannte Stimmung über. An ihrem Gaumen blieb das Aroma von Mango und Maracuja zurück.

Manche ihrer Kollegen waren süchtig nach dieser Art Sinnlichkeit und schoben sich den Schlauch wenigstens nach jedem Gang zur Toilette in die Nase. Nysa wurde immer leicht schwindelig, vor allem, wenn sie das Gemisch mehrmals nacheinander atmete, so wie jetzt, wo sie auf das Eintreffen Mateusz Kacpers wartete.

Als sie sich, um nicht durch ihre Untätigkeit aufzufallen, gerade zwingen wollte, einen vierten Zug davon zu nehmen, bog er in den Korridor ein. Schnell zog sie den Schlauch wieder aus der Nase, setzte ihr freundlichstes Lächeln auf und eilte ihm entgegen. »Was gibt es Neues, Doktor? Hat sich unser Patient erinnert?«

Sofort verlangsamte er sein Tempo und erwiderte ihr Lächeln. Er gab nichts auf das Gerede der anderen Assistenten, sie wäre eine Inoffizielle Mitarbeiterin des BfS und speziell auf ihn angesetzt worden. Mateusz Kacper schob das beiseite. Ihre strahlenden Augen, ihr bezaubernder Mund, ihre Ausstrahlung... - wie bei jeder Begegnung erlag er ihr sofort. Ihre Gesichtszüge weckten nichts anderes als Beschützerinstinkte in ihm. Für Nysa hätte er alles gegeben. Sich in ihr verlierend flüsterte er: »Wie bitte?«

»Haben sie etwas über den Jungen herausbekommen? Ich habe gesehen, dass er Zugang zum Netz hat.«

Er winkte ab. »Ach das.« Auf einmal wirkte er müde. Fast entschuldigend sagte er: »Darüber können wir doch später sprechen. Gleich beginnt die Übertragung. Wollen sie vielleicht«, er zögerte, »bei mir zusehen?« Verlegen fuhr er mit einer Hand über seinen kahlen Schädel.

»Welche Übertragung?«

Details

Seiten
200
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955903
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
leben

Autor

  • Lion Obra (Autor:in)

Zurück

Titel: In zwei Leben