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Erschießt den Sheriff! Cowboy Western Sammelband 8 Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Heinz Squarra (Autor:in) Horst Weymar Hübner (Autor:in) Tomos Forrest (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in)
2021 1000 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Western:

Mann auf der Flucht (Glenn Stirling)

Der Steckbrief zeigt dein Gesicht (Glenn Stirling)

Drei Trümpfe für Old Joe (Glenn Stirling)

Der Ranger von Austin (Heinz Squarra)

Trouble für Wild Bill (Tomos Forrest/Horst Weymar Hübner)

Gold gegen Wasser (Glenn Stirling)

Reiter ohne Spur (Heinz Squarra)

Nelsons Rache (Alfred Bekker)

Wer hat den Sheriff hinterrücks erschossen? Spencer Tilgham, den man verdächtigt, muss aufgrund widersprechende Zeugenaussagen freigelassen werden. Doch die Zeugen werden erschossen, und dann gibt es noch mehr Tote. Tom Cadburn verfolgt eine Fährte, Old Joe hat eine Spur und gerät dabei in eine böse Klemme, aus der er sich dieses Mal selbst befreien muss.

Leseprobe

Erschießt den Sheriff! Cowboy Western Sammelband 8 Romane

Alfred Bekker, Tomos Forrest, Glenn Stirling, Horst Weymar Hübner, Heinz Squarra

Dieser Band enthält folgende Western:


Mann auf der Flucht (Glenn Stirling)

Der Steckbrief zeigt dein Gesicht (Glenn Stirling)

Drei Trümpfe für Old Joe (Glenn Stirling)

Der Ranger von Austin (Heinz Squarra)

Trouble für Wild Bill (Tomos Forrest/Horst Weymar Hübner)

Gold gegen Wasser (Glenn Stirling)

Reiter ohne Spur (Heinz Squarra)

Nelsons Rache (Alfred Bekker)


Wer hat den Sheriff hinterrücks erschossen? Spencer Tilgham, den man verdächtigt, muss aufgrund widersprechende Zeugenaussagen freigelassen werden. Doch die Zeugen werden erschossen, und dann gibt es noch mehr Tote. Tom Cadburn verfolgt eine Fährte, Old Joe hat eine Spur und gerät dabei in eine böse Klemme, aus der er sich dieses Mal selbst befreien muss.


Copyright

COVER FIRUZ ASKIN


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Folge auf Twitter:

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Mann auf der Flucht


Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.


Jube Naylor und sein Partner werden um ihr hart erarbeitetes Geld betrogen. Als sie die Verbrecher stellen wollen, eskaliert die Situation, es kommt zu einer Schießerei. Obwohl Jube keine Schuld trägt, behaupten einige Zeugen genau das. Von nun an wird er gejagt, und auch Tom Cadburn beteiligt sich an der Suche nach dem vermeintlichen Mörder.



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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Hugo Kastner sen,, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Völlig erschöpft rutschte Jube Naylor aus dem Sattel, lehnte sich an sein Pferd, um den Halt nicht zu verlieren. Im Schein der Laterne des Saloons sah er ein gutes Dutzend Pferde am Haltebalken. Mit unsicheren Schritten ging er, den Zügel seines Pferdes an der Linken, auf die Tiere zu, versuchte ihre Brandzeichen zu erkennen und riss dazu ein Zündholz an. Er hielt es in der hohlen Hand, leuchtete an ihre Flanken und sah das liegende C der Lazy-C-Ranch.

Ich bin am Ziel, dachte er. Diese Hundesöhne sind tatsächlich hierher geritten. Sie müssen drinnen im Saloon sein – mit meinem Geld.

In diesem Augenblick spürte er die Anstrengung des langen Ritts. Er ging hinauf auf die Veranda und blickte über die Flügeltüren hinweg in den Saloon.

Rauchwolken wogten über den vielen Menschen im Raum. Vorn an der Theke waren mindestens zwanzig, die dicht an dicht standen. Weiter rechts hinten wie in einem Nebel die beiden Spieltische, grün überzogen, im grellen Licht der Kerosinlampen; ringsherum die Spieler, umlagert von Mädchen, die wie bunte Paradiesvögel auf Brosamen warteten.

Er sah Mike Mansfield, Clem Brighton und Pit Ellers nicht sofort. Erst als er das typische Lachen von Ellers hörte, wurde er auf sie aufmerksam, denn sie saßen an einem dritten Tisch, und den konnte er erst sehen, als er sich etwas vorbeugte und nach rechts blickte. Da saßen sie mit einem Berufsspieler zusammen und einem fünften Mann am Tisch und pokerten. Keiner von ihnen trug noch den Bart des langen Treibens. Wie aus dem Ei gepellt sahen sie aus, und nicht so heruntergekommen und stoppelbärtig wie Jube.

Sie werden noch eine Weile spielen, dachte Jube. Erst muss ich mein Pferd versorgen. Er wandte sich um, ging zu dem erschöpften Tier, strich ihm freundschaftlich mit der Hand über den Hals und murmelte: „Du kommst jetzt dran. Du brauchst hier nicht zu stehen mit den anderen. Komm, du bekommst Futter und zu saufen und einen trockenen Platz. Wir müssen nur noch Les finden.“

Er zog sein Pferd am Zügel herum, verzichtete darauf, noch einmal in den Sattel zu steigen, um die wenigen Meter bis zum Mietstall zu reiten.

Ein Reiter kam von rechts, und schon an der Art, wie der Mann im Sattel saß, erkannte Jube seinen Partner Les. Er ließ ihn herankommen und sagte: „Sie sind drin.“

„Ich weiß“, erwiderte Les, ein großer, breitschultriger Mann, der leicht vorgebeugt im Sattel saß und sich nun auf das Sattelhorn stützte und zu Jube herabsah. „Da war ein Alter, der hat es mir gesagt. Was hast du vor?“

„Ich glaube, für die Pferde ist es Zeit, dass sie etwas bekommen. Die drei spielen.“

„Mit unserem Geld!“ Les Royce konnte kaum sprechen vor Erregung, und er fuhr fort: „Ich zittere am ganzen Körper vor Wut.“

„Dann ist es wichtig, dass wir noch eine Weile warten, sonst sind wir verloren. Was wir brauchen gegen diese drei Hundesöhne, ist Ruhe. So eiskalt, wie sie uns ausgenommen haben, so eiskalt müssen wir sein, wenn wir ihnen gegenübertreten.“

„Die sind drei, und wir sind zwei. Ich denke den ganzen Ritt über an nichts anderes“, entgegnete Les, als er neben Jube her in Richtung auf den Mietstall ritt. Als er dort ankam, ließ er sich aus dem Sattel gleiten, schwankte, und Jube meinte schon, er müsse ihn festhalten.

„Mir sind doch, verdammt noch mal, die Beine eingeschlafen! Aber das setze ich denen alles auf die Rechnung, den langen Ritt hierher und was noch kommt. – Hast du noch Geld?“

„Genug, dass die Pferde sich satt fressen können.“

Bevor Les eine weitere Frage stellen konnte, wurde die Stalltür geöffnet. Der Schein einer funzeligen Petroleumlaterne traf die beiden, und sie sahen im diffusen Licht dieser Lampe einen Alten mit einem Holzbein. „Na endlich zwei vernünftige Gentlemen, die wissen, was sich für ihre Pferde gehört! Hereinspaziert, wenn Sie die Tiere unterbringen wollen. Es wird ihnen blendend gehen bei mir.“

„Wie viel für die Nacht?“, wollte Jube wissen.

Der Alte hob die Laterne etwas höher, so dass der Schein in die Gesichter der beiden fiel. Abschätzend musterte sie der Stallmann und sagte dann mit einem zweiten Blick auf die Pferde: „Na ja, die werden‘s brauchen. Ein Dollar für beide, und das wird ein Pferdeparadies werden.“

„Spar dir die Sprüche, Alter“, knurrte Les. „Wo können wir sie hinstellen?“

„Nehmt ihnen erst mal die Sättel herunter, und dann ganz am Ende rechts. Hoffentlich sind es keine Schläger!“

„Die sind zahm wie Schoßhündchen“, erwiderte Jube und ließ sein Pferd, nachdem er den Zaum abgenommen hatte, an der Tränke neben der Stalltür saufen. Das Tier war so erschöpft, dass es gar nicht in einem Zug trinken konnte.

Nach ein paar Minuten waren die Pferde dann untergebracht, der Alte kam mit der Futterschüssel, und Les hielt ihn an. „Moment, ich will sehen, was du unter einem Paradies verstehst. Wenn es bloß Spreu ist, was du ihnen gibst, dann soll dich der Teufel holen.“

Der Alte schielte misstrauisch zu Les empor. „Ich habe noch kein Geld gesehen. Vielleicht fällt mir dann etwas mehr Hafer in die Futterschüssel.“

„Also hier ist der Dollar“, sagte Jube und gab dem Alten das Geld. Der schielte skeptisch auf die Münze, steckte sie dann weg und humpelte wieder zurück zur Futterkiste, tat noch einen Schlag Hafer in jede Futterschüssel hinein und stampfte dann wieder die Stallgasse entlang.

Les blieb stehen, bis die Pferde dieses Futter auch hatten. Er traute dem Alten offenbar zu, dass der alles wieder, zurücktrug. Sie blieben auch, bis Heu in der Raufe hing. Dann erst gingen sie.

Der Alte fluchte hinter ihnen her, setzte sich dann aber wieder auf seine Futterkiste und brummte: „Müssen Texaner sein. Nur Texaner sind so. Die Hölle verschlinge alle Südstaatler!“

Les und Jube wussten, was ihnen bevorstand. Freiwillig würden ihnen Mansfield, Brighton und Ellers nicht einen Nickel geben, geschweige denn das ganze Geld. Aber sie waren diesen weiten Weg nicht geritten, um jetzt etwa aufzugeben.

„Wenn wir sie herauskommen ließen, wäre alles viel einfacher“, meinte Les.

„Wenn wir sie herauskommen lassen, haben sie das Spiel hinter sich. Sie sitzen mit einem Berufsspieler zusammen“, erklärte ihm Jube. „Ich weiß nicht, was sie dann noch besitzen. Vielleicht haben sie unser Geld nicht mehr, und davon, dass wir sie verprügeln, haben wir selber auch nichts.“

„So einfach wird es mit dem Verprügeln sowieso nicht sein“, meinte Les. „Es sind immerhin drei.“

„Das hast du schon einmal gesagt“, brummte Jube. Dann standen sie vor der Schwingtür, blickten beide in den Saloon, und da drinnen schien es inzwischen noch rauchiger geworden zu sein. Nebelwolken wogten um die Kerosinlampen herum.

„Ganz schöner Hecht da drinnen, was? Wo sitzen die denn?“

„Gleich rechts. Du musst dich vorbeugen.“

Les tat es, wandte sich dann Jube zu und meinte: „Ganz schön hitziges Spiel, scheint mir. Gehen wir hinein.“ Er stieß die Schwingtür zurück, warf einen Blick in die Runde, leckte sich über die Lippen, als er die vielen Flaschen im Regal sah, wandte sich dann aber dem Tisch ganz rechts zu, an dem die drei mit jenem Spieler und einem Fremden zusammensaßen.

Eins der Mädchen, die hinten am Tresen lungerten, kam mit wackelndem Po auf sie zu.

Les hätte zu jeder anderen Gelegenheit einen Heidenspaß daran gehabt, ein Mädchen in den Arm zu nehmen, selbst wenn es sich für diese Zärtlichkeiten bezahlen ließ.

Doch es ging hier um fünftausend Dollar, den Ertrag von fast einem Jahr schwerster Arbeit. Darüber vergaß Les die Puppe.

Sie gingen langsam an den herumstehenden Männern vorbei auf den Tisch zu. Die Kerosinlampe, die dort brannte, hing tief und bildete eine Art Glocke über dem Tisch und den Männern, die daran saßen. Dahinter war es zu dunkel, um vom Tisch aus etwas zu erkennen. So konnten sich die beiden bis auf Armweite an Ellers heranschieben, ohne von den dreien gesehen zu werden. Das Spiel war hitzig. Mit einem Blick hatte Les, der selbst leidenschaftlich spielte, erkannt, dass es um eine ausgewogene Partie ging.

Aber weder Les noch Jube hatten Lust, bis zu Ende abzuwarten, wie das Spiel ausgehen würde. Und nun hatte auch Les erkannt, dass der Stoß der Geldscheine und Münzen um den Berufsspieler herum weit höher war als der vor Brighton, Mansfield und Ellers. Die schienen verloren zu haben. Gewonnen hatte dagegen der fünfte Mann am Tisch, ein großer hagerer Mann mit dunklem Haar und einem Oberlippenbart. Jube, der sich angewöhnt hatte, immer erst auf die Hände zu sehen, sah, dass dieser Mann zwar schlanke, aber äußerst kräftige Hände besaß. Aber sie trugen keine Lassonarben, und damit stand für Jube fest, dass es sich nicht um einen Rindermann handelte.

Der Spieler war ein blasser, unscheinbarer Typ, der auf Jube wie ein Buchhalter wirkte mit seinem Augenschirm und den Stulpen über den Unterarmen. Mike Mansfield an seiner Seite war mindestens doppelt so breit, ein Koloss von einem Mann mit Fäusten wie Schmiedehämmer, in denen sich die Karten winzig aus nahmen.

Neben ihm Clem Brighton, schmal, hohlwangig mit dünnem blondem Haar, tiefliegenden, rot unterlaufenen Augen, die gierig auf das Geld in der Mitte des Tisches starrten. An seiner Seite der untersetzte, ein wenig zur Fülle neigende Pit Ellers. Er war mittelblond und zeigte schon Ansätze einer Hinterhauptglatze. Sein Gesicht war zerfurcht von Narben und Falten, und zeigte Flecken als Erinnerung an Frostbeulen des vergangenen Winters. Jube schätzte ihn als den härtesten der drei ein, obgleich Mike Mansfield von der Figur her viel mehr darstellte.

„Wir haben euch doch gefunden“, sagte Les in die lastende Spannung der Männer hinein, die vom Kartenspiel gebannt waren.

Die Köpfe von Mansfield, Brighton und Ellers flogen förmlich herum. Sie starrten auf Les, konnten ihn aber nicht richtig erkennen, weil er außerhalb des Lichtkreises stand. Sie blinzelten und versuchten mehr von ihm zu sehen, und statt sein Gesicht sahen sie dann die Mündung des Revolvers.

Jube hätte Les dafür verdammen können. Sie hatten extra ausgemacht, dass die Waffen nicht gezogen werden sollten, und nun hatte es Les doch getan.

„Bist du allein?“, dröhnte Mansfields Bass in den Lärm des Saloons hinein.

„Ich bin auch noch da“, meldete sich Jube, und er sah keine andere Möglichkeit, diese Partie zu ihren Gunsten zu entscheiden, wenn er nicht auch den Revolver zog. Er tat es widerwillig, und noch einmal verfluchte er Les für seine Voreiligkeit.

Brighton griff mit einer Hand zum Lampenschirm und drückte ihn auf der einen Seite herunter, so dass der Lichtschein in Richtung auf Les und Jube fiel.

„Lass die Pfoten von der Lampe!“, fuhr Les den Blonden an. „Ihr bezahlt jetzt das, was uns gehört, und danach holt euch der Teufel!“

„Bezahlt, was euch gehört? Was gehört euch denn?“, brüllte Mansfield so laut, dass mit einem Mal im Saloon alle Gespräche abbrachen. Nun sah jedermann zu diesem Tisch hin, und damit gewahrten die anderen auch die Revolver in den Händen der beiden, die vor dem Tisch standen. Ein paar von den Mädchen am Nebentisch kreischten, als sie die Szene sahen und zogen sich sofort zurück, ängstlich, von einer verirrten Kugel getroffen zu werden.

„Ihr drei steht jetzt auf!“, befahl Les. „Und keine falsche Bewegung, das sage ich euch! Ihr steht auf, nehmt euer Geld, steckt es ein und kommt zur Wand herüber.“

„Glaubst du wirklich, dass du diesen Saloon auf deinen Beinen verlässt?“, fragte Brighton.

„Augenblick mal, Gentlemen“, mischte sich der dunkelhaarige Mitspieler in die Auseinandersetzung. „Das ist ein Spiel, und wir sind mittendrin in der Partie. Sie können es nicht einfach unterbrechen.“ Er sah, als er das sagte, in die Richtung von Les.

„Ich unterbreche, wann ich will. Es geht um fünftausend Dollar, lieber Freund, fünftausend Dollar, für die wir ein ganzes Jahr geschuftet haben, mein Freund Jube und ich. Und diese drei Hundesöhne haben es einfach kassiert, mir nichts, dir nichts, und sind damit abgehauen. Dagegen haben wir etwas.“

„Wie? Abgehauen und einfach kassiert? Das müssen Sie schon genauer erklären“, meinte der Dunkelhaarige.

„Ich bin nicht hier, um irgendwem etwas zu erklären. Die drei wissen schon, um was es geht, und ich habe mich auch mit denen unterhalten, nicht mit Ihnen.“

„Sie werden sich aber mit mir unterhalten müssen“, erklärte der Dunkelhaarige, und erst jetzt sah Jube, dass er in der Linken die Karten, in der Rechten aber etwas anderes hielt. Er konnte nicht genau sehen, was es war, denn diese Hand war unter die Tischkante gesunken. Und dann sagte der Dunkelhaarige selbst, was sich in dieser Hand befand: „Ich habe den Hammer zurückgezogen, den Abzug gibt es bei meinem Revolver nicht, der ist abgefeilt. Wenn mich ein Schuss trifft, löst sich mein Daumen vom Hammer, und mein Revolver wird noch einen einzigen Schuss abgeben, und dieser Schuss wird den treffen, auf den meine Waffe gerichtet ist, und das sind Sie, Mann.“ Er blickte Les an. „Es wird Sie in den Bauch treffen. Keine schöne Art zu sterben. Es kann Tage dauern, bis Sie der Teufel holt, Mister. Also rechnen Sie von jetzt an mit mir.“

Les, dieser Idiot!, dachte Jube. Der mit seinem Revolver, er hat alles verpatzt! Aber er grinste schief und sagte, zu diesem Fremden gewandt: „Vielleicht ist es besser, Sie halten sich da raus, Mister. Diese Auseinandersetzung geht Sie nichts an. Ihnen will keiner etwas, also halten Sie sich heraus.“

„Es geht in diesem einzigen Spiel um mehr als um das, was Sie von diesen drei Männern verlangen“, klärte ihn der Dunkelhaarige auf. „Im Übrigen sollen Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Mein Name ist Bud Viola.“

Weder Jube noch Les sagte das etwas. Les zuckte die Schultern und war weit davon entfernt, seinen eigenen Namen zu nennen, Jube ebenso wenig. Aber während Jube noch zögerte und sich durch diesen Bud Viola vor eine neue Situation gestellt sah, handelte Les.

Plötzlich und durch nichts vorauszusehen sprang Les mit einem Satz beiseite, prallte gegen den anderen Tisch, an dem ebenfalls Spieler saßen, die wie gebannt herübergesehen hatten. Und dann schoss er.

Bud Viola zuckte von seinem Stuhl hoch. Alle sahen den Revolver in seiner Hand, und dann schoss schon eine Mündungsflamme aus dieser Waffe heraus. Der Schuss schlug in den grün bespannten Tisch. Während Viola noch zusammensackte, mit vorgesunkenem Oberkörper dann auf die Tischplatte zu schlagen drohte, hatte Clem Brighton seinen Revolver heraus. Aber weiter kam er nicht. Der zweite Schuss von Les stieß Brighton zurück, warf ihn hinten an die Wand, und dort sackte er nieder. Zu diesem Zeitpunkt lag Viola schon mit dem Oberkörper auf dem Tisch, und Blut sickerte in den grünen Filz der Bespannung.

Mike Mansfield und Ellers standen vielleicht eine Sekunde reglos. Dann reagierten auch sie.

Ellers ging in die Hocke, riss seinen Revolver heraus, stieß die Hand mit der Waffe nach vorn, hielt die zweite darunter und feuerte.

Les, der zum dritten Mal schoss, verfehlte Ellers, feuerte über ihn hinweg. Und genau damit hatte Jube gerechnet. Jetzt endlich griff Jube ein. Er hatte die ganze Zeit auf niemand anderen als auf Ellers geachtet. Ihm erschien dieser Mann als der gefährlichste von allen.

„Hierher!“, schrie Jube, um die Aufmerksamkeit von Ellers auf sich zu lenken.

Ellers zuckte auch prompt herum und feuerte auf der Stelle. Aber Jube beugte sich zur Seite, der Schuss verfehlte ihn haarscharf und schlug hinter ihm in die Wand.

Jube selbst feuerte unmittelbar danach und sah, wie Ellers wie von einer Faust in die rechte Schulter getroffen und herumgerissen wurde.

In dieser Drehung schoss Ellers noch, aber der Schuss erreichte nicht Jube, sondern fuhr Mansfield in den Bauch.

Mansfield stand wie erstarrt. Er hatte die ganze Zeit überhaupt noch nicht zur Waffe gegriffen. Der große, schwergewichtige Mann hatte das Gesicht verzerrt, die Augen weit aufgerissen, bewegte den Mund, als wolle er einen Schrei ausstoßen, aber es war ganz still. Im ganzen Raum war es still. Pulverdampf umwölkte die Lampen, von denen eine heftig schwankte. Mansfield neigte den Kopf nach vorn, blickte an sich herunter, und alle konnten deutlich sehen, wie sein eben noch gerötetes Gesicht jäh erblasste. Die Nase schien wächsern zu werden. Als er dieses Gesicht wieder hob und alle voll hineinsehen konnten, war es von nacktem Entsetzen gezeichnet. In diesem Lande und zu dieser Zeit hatte einer von tausend Bauchschussverletzten eine Chance. Mansfield wusste das so gut wie alle anderen. Aber er stand noch, stand mit leicht angewinkelten Armen, und dann schossen seine gewaltigen Pranken vor, pressten sich gegen seinen Bauch. Er riss den Mund auf zu einem urgewaltigen, unmenschlich klingenden Schrei, der diesen Saloon fast erbeben ließ, und er fiel auf die Knie. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor. Alle sahen es, und Jube krampfte sich bei diesem Anblick fast das Herz zusammen.

Der einzige, den das überhaupt nicht zu beeindrucken schien, war Les. „Bedanke dich bei diesem Schweinehund“, sagte Les und deutete auf den am Boden liegenden Ellers. „Und jetzt wollen wir unsere fünftausend Bucks.“

Jube hatte für ein paar Momente lang das Geld völlig vergessen, und auch jetzt zögerte er noch.

Les blickte vorwurfsvoll in seine Richtung und knurrte: „Worauf wartest du noch?“

Noch immer kniete Mansfield, und niemand rührte eine Hand, dem Mann zu helfen. Und noch immer lag Ellers am Boden, schwer verletzt, wie es schien.

Les ging zu ihm, stieß ihn auf den Rücken und richtete die Mündung seines Revolvers auf Ellers‘ Gesicht. „Auf den Augenblick habe ich schon lange gewartet. Das ganze Treiben über hast du uns zur Schnecke gemacht, hast du uns geschunden, als wären wir deine Kulis. Dabei sind wir Rancher, Männer, die eigenes Vieh in der Herde hatten, Vieh, um dessen Gewinn du uns jetzt betrügen wolltest, du und diese anderen Stinktiere. Los, nimm die Hände beiseite!“

Es schien, als dächte Ellers überhaupt nicht an Widerstand. Aber in dem Augenblick, als ihm Les das Hemd aufriss und den Brustbeutel ergriff, in dem, wie er wusste, der sein Geld hatte, da handelte Ellers. Jube konnte Ellers nicht sehen, weil Les ihn mit seinem breiten Rücken verdeckte, und so sah er auch den Revolver nicht, auf dem Ellers gelegen und den er jetzt mit der Hand erwischt hatte, ohne dass es von Les bemerkt worden war.

Ellers riss die Waffe hoch, und im gleichen Augenblick feuerte Les mit einem wütenden Schrei auf ihn. Seinem Schuss folgte sofort der nächste von Ellers. Beide Schüsse trafen.

Les stieß einen gurgelnden Schrei aus, machte ein paar Bewegungen, als wolle er schwimmen, und fiel dann mit der ganzen Last seines Gewichtes auf Ellers, den er unmittelbar vor der eigenen Verletzung noch in den Kopf geschossen hatte.

In Jube kam Panik auf. Er begriff, dass er jetzt alleine war, die fünftausend Dollar immer noch nicht hatte und sein Freund zumindest schwer verletzt worden war. Wie sollte er den hier herausholen?

Sie werden nichts gegen mich unternehmen, dachte er und versuchte sich damit zu beschwichtigen. Mit „sie“ meinte er all diese Menschen hier im Raum, die noch immer unter dem Zwang des Geschehens standen, von denen keiner eine Hand rührte, noch nicht.

Jube sprang nach vorn, beugte sich über Les, wälzte ihn von dem reglosen Ellers herunter und sah, dass Ellers tot sein musste. Aber Les sah auch nicht besser aus. Der Brustbeutel von Ellers war, das war deutlich zu sehen, leicht geöffnet. Das Bündel mit Geldscheinen, das zu erkennen war, zog Jubes Blicke magnetisch an. Er griff zu, riss das Geld heraus, zählte einen Teil der Scheine ab, stopfte ihn sich in die Tasche und ließ das andere einfach zurückfallen. Dann blickte er noch einmal auf Les, und als er sicher zu sein glaubte, dass Les nicht mehr lebte, richtete er sich auf und stürmte hinüber zu Mansfield. In diesem Augenblick kippte Mansfield um. Vielleicht war er tot, vielleicht nur bewusstlos. Jube jedenfalls wagte nicht, das genau nachzuprüfen. Die eben noch entsetzt dreinblickenden Menschen zeigten in diesem Augenblick eine solche Feindseligkeit ihm gegenüber, dass die Panik in ihm wieder die Oberhand bekam. Ich muss weg!, dachte er.

Plötzlich schrie aus dem Hintergrund eine schrille Stimme: „Packt dieses Schwein! Packt ihn! Der darf nicht entkommen!“

Weg!, fuhr es Jube durch den Kopf. Er drehte sich um und jagte mit zwei Sprüngen auf die Schwingtür zu.

Einer der Männer wollte sich ihm in den Weg werfen, aber Jube hatte noch immer in der Rechten seinen Revolver, schlug mit dem Lauf zu und traf den Mann quer über der Stirn. Der brach hinter ihm zusammen, während sich Jube in die Schwingtüren warf, dass die bis zum Anschlag zurückgeschnellt wurden.

Jube sprang hinaus in die Nacht, erreichte das äußerste der angebundenen Pferde, konnte die Schlinge des Zügels lösen, war mit einem Satz über den Haltebalken direkt im Sattel.

Das erschrockene Pferd bäumte sich auf, wurde von Jube hart herumgenommen, und dann trieb er es an.

Das wäre gar nicht nötig gewesen. Das Tier schoss, wie von der Sehne geschnellt, in die Nacht hinein.

Drei oder vier Männer waren schon aus der Tür heraus, schossen Jube nach, aber keiner von ihnen konnte etwas Genaues sehen. Die Dunkelheit schien Jube verschlungen zu haben.

Im Handumdrehen hatte sich ein halbes Dutzend Männer in die Sättel geschwungen und jagte jetzt dem Geräusch des sich entfernenden Hufschlags nach. Aber sie hörten das schon nicht mehr richtig, da sie selbst zu Pferde waren, und nach kurzer Zeit brachen die meisten von ihnen die Jagd ab; bis auf drei, die ritten weiter, und sie schienen den Verfolgten fast eingeholt zu haben. Deutlich hörten die Männer gar nicht weit vor sich ein Pferd galoppieren. Dann sahen sie es sogar. Sofort begannen sie, darauf zu schießen. Das Pferd wurde wieder schneller.

Die Schüsse hatten indes wieder andere auf den Plan gelockt. Mittlerweile beteiligten sich an die zwanzig Männer an der nächtlichen Hetzjagd, und nach einer knappen halben Stunde gelang es ihnen, den vermeintlichen Gegner zu umstellen. Fackeln wurden angezündet, und dann sahen sie ein Pferd, ein Pferd ohne Reiter.

„O Hölle!“, schrie einer der Männer. „Der Kerl ist irgendwo unterwegs abgesprungen.“

Ein anderer sagte, als er seine Fackel neben das Tier hielt, das mit bebenden Flanken und keuchendem Atem dastand: „Das ist ein Pferd von den Kerlen, die mit Jim gespielt haben. Das liegende C.“

Wenig später erfuhren sie, dass der von ihnen Gesuchte mit seinem und seines Partners Pferd die Stadt verlassen hatte, in einer ganz anderen Richtung, und niemand war auf die Idee gekommen, ihn daran zu hindern. Niemand hatte vermutet, dass dieser Reiter jener Mann war, den sie alle suchten, und der alte Stallmann, der es ihnen hätte sagen können, war von dem Gesuchten in die Futterkiste gesperrt worden. Er fluchte und tobte, als die Männer ihn da herausholten.

Der Deputy Sheriff der kleinen Ortschaft Glain war mittlerweile zur Verfolgerschar gestoßen und sagte: „Regt euch nicht auf. Ich werde nachher auf einem frischen Pferd hinüber nach Hatford reiten und es dort auf den Telegrafen geben. Dann kann ich auch den Sheriff verständigen. Weit kommt der nicht.“

„Gibt es eigentlich was Neues von dem mit dem Bauchschuss?“, wollte einer der Männer wissen, der schon die ganze Zeit mit unterwegs war.

„Der überlebt die Nacht nicht“, meinte der Deputy Sheriff. „Dann sind sie alle drei hin.“

„Aber Viola ist auch tot“, meinte einer.

Der Deputy nickte. „Ja, und das ist schlimm. Deswegen sage ich, der kommt nicht weit. Denn Viola war schließlich ein US Deputy Marshal. Dafür hetzen sie diesen Kerl bis ans Ende der Welt.“

„Ist denn sicher, dass er Viola erschossen hat? Ich meine, das hätte der andere gemacht“, meinte einer der Männer, der auch im Saloon gewesen war.

Der Deputy zuckte die Schultern. „Ich war nicht dabei. Aber ich glaube nicht, dass das die Richter so sehr interessiert. Die beiden sind hereingekommen, wie man mir berichtet hat, haben Streit angefangen und hatten beide ihre Revolver in der Hand. Sie wollten es also auf die harte Art haben, und sie haben es auf die harte Art bekommen. Wer von ihnen Viola erschossen hat und wer die drei anderen, ich glaube nicht, dass das eine Rolle spielt.“

„Den großen Dicken, der mit dem Bauchschuss, den hat sein eigener Kumpan erwischt“, meinte einer der Männer. „Ich habe es ganz genau gesehen, ich war in nächster Nähe.“

„Und wenn schon, bleiben immer noch drei andere“, erwiderte der Deputy. „Ich sage doch, dafür jagen sie ihn bis ans Ende der Welt. Kommt, Männer, wir reiten zurück. Ich gebe es durch den Telegrafen. Dieser Bursche hat keine ruhige Minute mehr. Ich hoffe bloß, dass der große Dicke noch lebt. Der weiß bestimmt, wie dieser Junge heißt. Das macht die Sache viel einfacher, wenn auf einem Steckbrief auch ein Name steht.“ Der Deputy lachte heiser. „Also, kommt, Jungs, reiten wir!“



2

Jube war wie der Teufel geritten, aber als der Tag anbrach, wurde ihm klar, dass er eigentlich so weit nicht gekommen war, wie das für ihn gut gewesen wäre. Für die Pferde war die Zeit der Erholung viel zu kurz gewesen. Sie hatten ja nicht einmal ausgiebig gefressen. Immerhin war es Jube gelungen, Futter in die Satteltaschen zu stopfen und die Wasserflaschen zu füllen. Aber die Erschöpfung, von denen beide Pferde schon bei der Ankunft in Glain gezeichnet waren, konnte er damit nicht wegzaubern.

Er schalt sich einen Narren, unbedingt das eigene Pferd reiten zu wollen. Er wäre vielleicht mit einem anderen viel besser vorwärts gekommen, mit einem, das erholt gewesen war.

Nein, dachte er, ein Pferd will ich nicht stehlen, dann hätten sie tausend Gründe, mich zu hetzen. Aber so, was habe ich denn eigentlich getan? Ich habe mir die fünftausend Dollar genommen, die uns ohnehin gehören. Die Hälfte davon werde ich der Mutter von Les bringen. Die andere Hälfte gehört mir. Und dann habe ich einen Mann angeschossen, der bereits seine Waffe auf mich angeschlagen hatte. Notwehr also. Mir können sie gar nichts. Aber sie wollten mich umbringen. Ich habe es in ihren Augen gesehen, diese mordlüsternen Blicke. Für sie war ich der wilde Tiger, den es zu erschlagen galt. Nein, ich musste weg, ich musste fliehen, auch wenn ich mich dadurch nur verdächtig mache.

Im Silbergrau des Morgens lagen die flachen Hügel vor ihm, kaum mit Büschen bewachsen, Bäume überhaupt nicht, aber doch genügend Gras, um die Pferde fressen zu lassen. Und in einer Rinne zwischen den Hügeln der Fluss und damit Wasser für die Pferde. Er blickte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war, nach Westen also. Dort lag noch alles im stählernen Blau der schwindenden Nacht, das wellige Land und in weitem Bogen das Flussbett, das sich nach Glain hin verbreiterte.

Er sah nichts von Verfolgung, und das verursachte in ihm ein beruhigendes, wärmendes Gefühl. Er ritt bis zum Wasser, saß ab, nahm den Pferden die Gebissstücke heraus und ließ sie saufen. Sie gingen ein Stück ins Wasser hinein, während er sich am Ufer niederkniete, das Gesicht benetzte und dann auch ein paar Schlucke trank. Die Unruhe trieb ihn wieder hoch. Zu Fuß kletterte er die Böschung empor bis zu einer Erhöhung und spähte dann in Richtung auf Glain zurück. Er versuchte, jeden Punkt der Landschaft in sich aufzunehmen, nichts zu übersehen, aber auch jetzt konnte er von einem Verfolger nichts feststellen.

Als die Pferde gesoffen hatten, hängte er ihnen die Futtersäcke um, nahm sich selbst etwas aus der Satteltasche, das wenige, das er noch besaß. Für die Tiere war Proviant genug da, zumindest für die nächste Zeit, aber ihm fehlte es an allem. Außer hartem, angeschimmelten Brot und einem Stück ranzigem Speck besaß er nichts. Er kaute auf dem Brot herum und lutschte den Speck, und das Ranzige daran trieb Ekel in ihm hoch. Er wehrte sich gegen den Gedanken, erbrechen zu müssen, schleuderte dann den restlichen Speck weg, schüttelte sich vor Widerwillen und lehnte sich dann zurück. So saß er am Ufer, beobachtete die Pferde und lauschte auf das Zwitschern der Vögel, die überall in den Gräsern und den Büschen jubilierten, als sei tiefster Frieden. Ein paar Augenblicke lang ließ sich Jube von dieser Stimmung gefangennehmen. Er vergaß, weshalb er hier war. Er sah, als er sich daran erinnerte, wie ausgepumpt die Pferde waren. Beide legten sich, fraßen kaum, obgleich er ihnen nicht die Sättel abgenommen hatte.

In diesen Augenblicken spürte er selbst die bleierne Müdigkeit, die ihn mehr und mehr übermannte. Der weite Ritt bis nach Glain, dann die Flucht, all das war nicht einfach so an ihm vorbeigegangen. Nun da er sich Ruhe gönnte, empfand er die Erschöpfung um so mehr. Er schloss ein paar Minuten lang die Augen, lag mit aufgestütztem Oberkörper und dachte: Ich werde schon nicht einschlafen. Ich will nur einen Moment dösen, abschalten, mich entspannen.

Mit seinen letzten klaren Gedanken dachte er an Les und daran, dass er seiner Mutter den Tod ihres Jungen berichten musste. Ich werde nach Texas reiten müssen, dachte er noch, nach Hause, obgleich ich damit rechnen muss, genau dort von ihnen gesucht zu werden …

Die Sonne stieg höher. Jube war tief eingeschlafen, war nun ganz auf den Rücken gesunken, lag mit halb geöffnetem Mund und geschlossenen Augen. Aber die Helligkeit der Sonne weckte ihn auf, und sein Instinkt warnte ihn sofort. Denn auf einmal fiel ein Schatten auf sein Gesicht, und davon wurde Jube völlig wach. Instinktiv griff er zum Revolver, riss die Augen auf, aber als sein Blick klarer wurde, erkannte er einen Mann um die Vierzig mit einem blitzenden Stern auf der linken Brustseite. Ein fremdes Gesicht, aber um so deutlicher war die Schrift, die er auf dem Stern las: „Hatford County Deputy Sheriff“.

Und noch etwas sah er: Der Mann hielt einen Revolver in der Hand, dessen Mündung genau auf Jubes Brust zeigte. Im Gesicht des Mannes stand ein hartes Lächeln, eins, das Jube mehr sagte, als Worte es je vermocht hätten.

„Na also“, sagte dieser Mann mit einer gespielten Freundlichkeit, die Jube die ganze Wucht der Bedrohung klarmachte, und dann fuhr dieser Mann fort und sagte, ohne den Blick von Jube zu wenden: „Slim und Hal, kommt herüber. Ich habe ihn sicher. Wir können ihn einpacken.“

Jube sah zur Seite und entdeckte einen von den Männern, die er flüchtig im Saloon gesehen hatte, als er zur anderen Seite sah, kam da ein anderer, der allerdings war ihm fremd. Die beiden hatten Gewehre, und auch in ihren Gesichtern erkannte er dieses hämische, triumphierende Grinsen. Er selbst verfluchte sich seines Leichtsinns wegen. Wie konnte ich nur einschlafen? Natürlich bin ich eingeschlafen, die Sonne steht schon so hoch. Es muss ein Kinderspiel für die gewesen sein, meiner Spur zu folgen und mich hier zu fassen. Wo sind die Pferde? Er blickte nach allen Seiten, sah aber nichts von den Pferden.

„Wenn du die Gäule suchst, die haben wir natürlich erst mal weggebracht. Slim und Hal haben das besorgt. Ich bin solange bei dir geblieben. Wir wollten dich nicht auf dumme Gedanken kommen lassen, dass du dir womöglich eine Chance ausrechnest und dann in eine Kugel läufst. Wir haben Verständnis für Leute, die den Kopf verlieren, verstehst du. Wir sind anständig, nachsichtig. Du bist in guten Händen. Steh auf!“ Die letzten Worte waren um eine Spur schärfer und unmissverständlicher ausgesprochen worden.

„Was wollt ihr überhaupt? Ich habe keinen erschossen. Ich habe in Notwehr diesen einen Kerl in die Schulter getroffen, das ist alles.“

Der Deputy Sheriff grinste, als sei er völlig mit dieser Antwort zufrieden. „So ist es“, sagte er. „Und das Geld? Wie erklärst du mir das? Ist das von alleine in deine Tasche gesprungen?“

„Es ist Geld, was mir gehört, mir und Les. Seinen Anteil bekommt seine Mutter.“

„Gib dir keine Mühe, Jube Naylor. Du siehst, wir wissen sogar, wer du bist. Mansfield hat es uns gesagt. Vielleicht lebt er jetzt schon nicht mehr. Für ihn muss es grauenhaft gewesen sein. Bauchschuss. Schlimme Sache.“

„Damit habe ich nichts zu tun. Jeder im Saloon hat gesehen, wer auf ihn geschossen hat. Es ist sein eigener Mann gewesen.“

„Und warum hat dieser Mann auf ihn geschossen? Du siehst, ich leiste schnelle Arbeit. Dabei habe ich auch noch eine ganze Menge anderer Dinge veranlasst. Ich wollte erst selbst nach Hatford reiten, um das Telegramm aufzugeben, dass man dich sucht. Das hat wer anderer für mich getan. Das Telegramm ist heraus. Wir hätten uns die Mühe sparen können, wir haben dich selbst gefangen. Ich hätte nicht gedacht, dass du so langsam bist. Es war ein Fehler von dir, die müden Pferde zu nehmen, du Narr.“

„Aber verdammt noch mal, ihr könnt mir nichts nachweisen!“

„Natürlich weisen wir dir etwas nach. Ihr seid zu zweit in den Saloon gekommen, habt die Schießerei angefangen. Du hast einen deiner Gegner angeschossen, und zwar diesen Ellers, und im Fallen hat dieser Mann Mansfield in den Bauch geschossen. Das wäre alles nicht geschehen, hättet ihr nicht Stunk anfangen wollen. Ihr seid mit dem Revolver in der Hand aufgetaucht, nicht diese drei. Und das Schlimmste ist, Bud Viola war ein US Deputy Marshal, verstehst du mich jetzt?“ Er sprach noch immer sanft, aber gerade das wirkte so herausfordernd, so aufreizend auf Jube, dass der vor Wut krebsrot wurde.

„Was war das? Ein US Marshal? Der setzt sich an den Spieltisch und spielt mit diesen Geiern? Ich habe kein Abzeichen gesehen bei ihm.“

„Er hat es getragen. Du hast es vielleicht nicht gesehen. Das kannst du jedenfalls dem Gericht erzählen. Ob die dir glauben …“

Jube hatte das Gefühl, in einem winzigen Käfig zu sitzen, aus dem kein Entkommen mehr war.

„Ihr wollt mich reinlegen, ihr verdammten Hunde wollt mich reinlegen!“, schrie er los.

Der Deputy Sheriff sah ihn mit mitleidigem Lächeln an. Einer der beiden, jener Slim, ein großer, schlaksiger Mann, schüttelte verständnislos den Kopf und meinte: „Ist der so dumm oder tut der bloß so?“

Der andere, den der Deputy Hal genannt hatte, zuckte die Schultern und meinte geringschätzig: „Wer so was tut, muss schon ziemlich dumm sein. So blöd, wie die das angefangen haben!“

Hal war derjenige, den Jube an der Theke gesehen hatte. Dieser Hal fuhr jetzt fort, indem er sagte: „Was meinst du, Jesse, sollen wir ihn quer auf das Pferd binden und dann erst mal durchprügeln, damit er weiß, mit wem er es zu tun hat? Schließlich bist du doch nicht der letzte Idiot. Er scheint dich aber dafür zu halten.“ Jetzt wandte sich Hal Jube zu, kam ganz dicht an ihn heran, holte mit dem Gewehr aus und sagte: „Soll ich es dir einmal um den Schädel hauen, um dir beizubringen, dass du aus Jesse Tobler keinen Idioten machen kannst?“

Jube sagte nichts. Er sah Hal nur an und wartete darauf, dass der noch etwas unternahm. Aber Hal spürte die Gefahr, die plötzlich von Jube ausging. Er war viel zu erfahren, um den Mann, auch wenn er am Boden lag, zu unterschätzen.

„Nun wollen wir mal weiterkommen hier“, erklärte Jesse Tobler. „Steh auf und bewege dich nicht. Halte die Hände weit genug vom Colt weg. Nicht, dass ich noch abdrücken muss.“

Als Jube stand, spürte er, wie ihm Slim den Revolver aus dem Holster zog. Zugleich hatte Jube ein Gefühl, als sei die letzte Chance der Situation zu entrinnen, ein für allemal vertan. Krampfhaft versuchte er, sich darauf zu konzentrieren, diesen drei Männern doch noch zu entkommen, aber sie schienen immerzu mit seinem Widerstand zu rechnen, auch jetzt noch. Weder Hal noch Jesse Tobler selbst ließen ihn nur einen Bruchteil einer Sekunde aus den Augen.

„Riskiere bloß nichts“, sagte Tobler, als habe er die Gedanken von Jube geahnt. „Ich würde wie auf eine Klapperschlange auf dich schießen, wenn dir etwas einfällt. Vielleicht wären wir ganz zufrieden, wenn du uns einen Grund gibst. Es ist lästig, so eine weite Strecke mit einem Gefangenen zu reiten. Und die Leute in Glain haben eine Stinkwut auf dich, das kannst du mir glauben. Wir müssen dich am Ende noch vor ihnen schützen. Verstehst du, was ich meine? Ich habe keine Lust, mein Gewehr gegen meine Freunde zu richten, nur weil ich dem Gesetz gehorchen muss. Also mach nur ruhig einen Fehler.“

Jube war sich völlig darüber im Klaren, dass Tobler keine Späße machte. Den dreien war anzusehen, dass es ihnen wirklich im Augenblick genau so im Sinn stand, wie Tobler das eben ausgedrückt hatte.

„Los, voran!“, befahl Slim und rammte ihm die Mündung seiner Winchester in den Rücken. Mit einem Fluch stolperte Jube die Böschung empor, und als er oben war, sah er die Pferde. Sie standen ein Stück entfernt, alle fünf. Als Jube dort ankam, befahl ihm Slim: „Binde dein Pferd los und sitz auf!“

Jube drehte sich zu Jesse Tobler hin um, der ebenfalls nachgekommen war, und sagte: „Ihr drei wisst genau, dass es unrecht ist, was ihr tut. Ihr werft mir etwas vor, was nicht stimmt. Ihr kennt die Wahrheit. Verdammt noch mal, was habt ihr davon?“

„Halt dein Maul, tu, was ich sage, aufsitzen“, wiederholte Tobler mit ausdruckslosem Gesicht.

Jube warf einen kurzen Blick auf die beiden anderen. Deren schiefes Grinsen war so herausfordernd, dass er sich zusammennehmen musste, um nicht den Fehler zu machen, auf den sie warteten. Dann zog er sich in den Sattel.

„Ich hatte gesagt, dass du es erst losbinden sollst, du Idiot!“, fauchte Slim.

Jube gab sich Mühe, ein möglichst einfältiges Gesicht zu machen. „Wieso ich …“, sagte er noch, und dann handelte er blitzartig. Gegen seine Art, ein Pferd zu behandeln, drückte er dem Braunen die Sporen in die Weichen und stieß einen schrillen Schrei aus, so dass dieses Tier mit empörtem Schnauben und keilenden Hufen lossprang. Es war mit den anderen Tieren verbunden, auf die das Entsetzen des Braunen übergriff. Alle fünf Pferde stürmten zugleich los. Der Braune schoss direkt auf den Deputy Sheriff zu.

Vergeblich wollte Tobler noch ausweichen. Der Braune rammte ihn, stieß ihn ein paar Meter weit, und dort stürzte Tobler zu Boden. Slim geriet zwischen den Braunen und den Falben. Dort traf ihn Jubes rechte Stiefelspitze voll an der Brust.

Während Slim zwischen den Pferden zu Boden ging, versuchte Hal auf der anderen Seite, in den Sattel seines eigenen Tieres zu springen, das dicht an ihm vorbeilief. Es gelang ihm zunächst auch, aber das erregte Pferd bockte in dem Augenblick, als sich Hal festsetzen wollte. Er verlor den Halt und flog über die Kruppe seines Tieres hinweg zu Boden.

Mit überschnappender Stimme brüllte Deputy Sheriff Tobler: „Nun schießt doch, ihr Idioten, schießt doch!“ Er selbst hatte seine Waffe verloren.

Aber weder Slim noch Hal waren im Augenblick imstande zu schießen, und sie mussten zusehen, wie sich die Kavalkade immer mehr von ihnen entfernte.

Alle fünf Pferde waren in Panik. Jube hatte selbst zu tun, im Sattel des Braunen zu bleiben. Als er versuchte, das Tier etwas zu zügeln, weil es in wilder Karriere dahinraste, spürte er, dass sich das Tier festgebissen hatte. Unmöglich, den Braunen zu parieren. Die anderen vier Tiere befanden sich in der gleichen panikartigen Stimmung. Wie von Furien gehetzt rasten sie dahin.

Jube wusste aus Erfahrung, dass im Moment nichts besser war, als einfach abzuwarten. Er musste sie laufen lassen. Aber er wollte nicht, dass sie sich zu sehr dabei erschöpften.

Als der Boden weicher wurde, der Untergrund sandiger, ließ das Tempo von allein nach. Nach einer guten Meile fielen sie in Schritt. Ihre Flanken waren weiß und mit flockigem Schaum bedeckt. Der Falbe und der Braune, mit denen Jube gekommen war, gingen stolpernd und mit rasselnden Lungen. Jube saß ab, setzte sich auf eines der Tiere, die mit an den Zügeln hingen. Seiner Meinung nach war es das Pferd von Jesse Tobler, dem Deputy Sheriff.

Er überlegte sich, ob es sinnvoll war, beide Tiere zurückzulassen, damit die von ihm überwältigten Männer damit zurück in die Stadt reiten konnten. Aber dann sagte er sich, dass dies zu viel der Liebe sei. Damit erleichterte er ihnen die Fortsetzung der Verfolgung. Er wollte aber keine Verfolger hinter sich. Er musste Vorsprung haben. Er musste zurück nach Texas, musste der Mutter von Les die Hälfte des Geldes bringen. Dieses Geld besaß er noch. Die Waffen waren ihm weggenommen worden, und doch besaß er noch Waffen. In einem Sattelschuh steckte noch ein Gewehr. Wessen Waffe es war, wusste er nicht.

Später, als er einmal eine Rast machte und den Pferden aus seinem Hut, in den er Wasser laufen ließ, zu saufen gab, entdeckte er in einer Satteltasche auch einen Reserverevolver. Die Waffe sah nicht sonderlich gepflegt aus, aber sie würde ihre Dienste tun. Während die Pferde fraßen, reinigte er die Waffe. Etwas Öl, Werg zum Putzen und sogar Munition fand er in derselben Satteltasche, in der auch der Revolver gewesen war.

Es musste kurz nach Mittag sein, als er wieder den Fluss erreichte. Hier ritt er ein ganzes Stück im flachen Wasser, und solange es ein flaches Ufer gab, bei dem er mit den Pferden reiten konnte, blieb er unten am Fluss. Später aber wurde das Ufer felsig, der Fluss zwängte sich durch rotbraunes Gestein hindurch, war tiefer, so dass ein Weiterkommen hier unten nicht möglich war. Jube ritt vom Fluss weg und suchte einen Weg durch die Felsen. Aber zunächst gab es offensichtlich keinen Durchlass durch die Felsmauer, die sich weit bis nach Südwesten hinzog. Er ritt parallel dazu, entdeckte schließlich eine Art Canyon und bog in diese Richtung ein, in der Hoffnung, dass es kein blinder Canyon sein würde.

Die Tatsache, vier Reservepferde mitzuführen, wurde für ihn zur Behinderung. Er beschloss, drei Tiere zurückzulassen. Aber gleichzeitig wurde ihm klar, dass man ihn an den Brandzeichen fremder Pferde erkennen und womöglich allein dafür festsetzen konnte. Ich muss, sagte er sich, die Pferde von diesen drei Deputys zurücklassen, obgleich sie nicht so erschöpft sind wie das Pferd von Les und mein eigenes.

Was er an Brauchbarem aus Satteltaschen mitnehmen konnte, nahm er mit. Dann zerschnitt er die Sattelgurte der anderen Pferde, nahm ihnen das Zaumzeug ab und ließ die Tiere frei.

Als er dann weiterritt, trompetete sein Falbe sehnsüchtig nach den anderen, und sie folgten eine ganze Weile. Schließlich aber gaben sie es auf und blieben mit hängenden Köpfen unschlüssig stehen, während er den Falben und den Braunen von Les antrieb, weiterzugehen. Das gefiel den beiden nicht sonderlich, aber schließlich gehorchten sie, doch der Falbe wieherte immer wieder. Dann war ihm auch das zu viel, als es bergan ging und er seine Kraft für andere Dinge brauchte.

Der Canyon führte immer weiter in die Berge hinein, und Jube hatte eigentlich keine richtige Vorstellung davon, wo sein Ritt enden konnte. Er wusste, dass die Richtung stimmte, aber ob er so durchkommen würde? Den ihm bekannten Weg zu wählen, hätte einen Umweg von sechzig Meilen bedeutet. Außerdem musste er dafür zurück in die Gegend von Glain und Hatford.

Aber er hatte Glück. Bis zum Abend war er weit in den Bergen, und an einer günstigen Stelle beschloss er, Rast zu machen. Als die Sonne den Himmel kupferrot tönte, wirkten die Felsen, zwischen denen Jube mit den beiden Pferden rastete, wie Schamottsteine eines Backofens. Sie strahlten die Tageshitze noch aus, und er empfand es jetzt als angenehm, sich an den warmen Felsen zu legen, während die Kühle der kommenden Nacht bereits in die Täler sank.

Diese anheimelnde Wärme, gepaart mit der frischen Luft, die von oben kam, machte ihn schläfrig. Er hielt die Augen geschlossen, und es erging ihm wie schon vor Stunden: er schlief ein. Er versuchte sich zwar noch dagegen zu wehren, aber die Natur war einfach stärker. Der Schlaf übermannte ihn.

Diesmal dauerte es nicht lange. Er konnte nicht viel länger als zwei Stunden geschlafen haben, als er erwachte. Mittlerweile war es Nacht geworden. Sterne standen am klaren Himmel, und die vorhin noch empfundene Wärme war unangenehmer Kälte gewichen. Er fröstelte am ganzen Körper, zitterte vor Kälte und blickte unruhig nach allen Seiten, erwartete, dass sein Erwachen durch einen etwaigen Gegner verursacht sein konnte. Aber er sah nichts dergleichen.

Die Pferde, dachte er, wo sind die Pferde? Er hatte sie zwar abgesattelt gehabt, getränkt und ihnen die Futtersäcke umgehängt, sich danach aber nicht mehr um sie gekümmert, weil er eingeschlafen war.

Ich muss ihnen die Futtersäcke abnehmen. Wo stecken die Biester?

Er stemmte sich hoch, aber er konnte die Pferde nirgendwo sehen, er hörte auch nichts von ihnen.

Da muss irgendwo Wasser sein. Sie sind vielleicht weiter hinauf in einen Seitencanyon, weil sie Wasser gewittert haben, sagte er sich. Obgleich er sehr schlecht sehen konnte und der Boden uneben war, zudem mit Geröll bedeckt, stieg er weiter den Canyon hinauf. Er hatte sich sicherheitshalber das Gewehr mitgenommen und benützte es zeitweise wie einen Stock, indem er es oben am Lauf packte und sich auf den Schaft stützte. Manchmal lauschte er, um etwas von den Pferden zu hören. Doch alles, was er wahrnahm, war das Säuseln des Nachtwindes in den Felsen, ein merkwürdiges Pfeifen, das ihm sehr vertraut war. Auch dieses eigenartige Rascheln dürrer Blätter im Wind beunruhigte ihn nicht.

Er kam weiter hinauf. Tatsächlich konnte er im Licht der Sterne den Einschnitt eines Seitencanyons erkennen.

Er schnalzte mit der Zunge in der Hoffnung, dass die Pferde irgendwie darauf reagieren könnten, aber nichts kam.

Er dachte sofort an Verfolger, die ihm womöglich heimlich die Pferde weggetrieben hatten, und abermals verfluchte er es, eingeschlafen zu sein. Er verdammte sich, dass er es nicht fertiggebracht hatte, munter zu bleiben.

Andererseits nützte ihm das alles jetzt gar nichts mehr. Die Pferde waren weg.

Aber sie können doch nicht einfach weg sein! Wenn sie keiner weggetrieben hat, muss ich sie finden. Ich muss sie finden! Ohne Pferde bin ich hier verloren.

Er legte sich auf den Bauch und spähte den Seitencanyon entlang. So glaubte er, gegen den etwas helleren Nachthimmel vielleicht die Silhouetten der Pferde sehen zu können, aber er sah sie nicht.

Missmutig gab er den Versuch auf, in diesen dunklen Canyon hineinzugehen, zumal da noch mehr Schotter lag und er sich fast noch den Fuß vertrat.

Er ging zum anderen Canyon zurück und wollte schon wieder umkehren, da blickte er rein zufällig aufwärts und meinte oben eine Bewegung gesehen zu haben. Er sah schärfer hin, doch nichts rührte sich.

Eine Täuschung, dachte er. Aber nun beschloss er, dasselbe zu tun wie eben. Er legte sich abermals auf den Bauch, um besser gegen den helleren Himmel sehen zu können. Und da sah er sie, sah er den Pferdekopf. Wie aus Stein gehauen, ragte der, so kam es ihm vor, aus der Felswand heraus.

Es ist keine Täuschung, dachte er, es ist das Pferd, ein Pferd immer.

Er ging weiter nach oben und hörte deutlicher das Rauschen von Wasser. Es war nicht sehr laut, mehr ein Rieseln, dann ein Plätschern. Aber er vernahm es immer deutlicher, je näher er den Pferden kam, und die standen da oben, standen da und fraßen. Er hörte ihre Gebisse mahlen, das drang zwischen dem Plätschern des Wassers hindurch.

Ihm wurde auch klar, warum er das alles so spät wahrgenommen hatte. Der Wind wehte von unten herauf, und dieser Aufwind trieb die Geräusche weg. Jetzt aber, als er bei den Tieren ankam, schnaubte der Falbe freudig. Schuldbewusst waren beide Pferde nicht. Auch der Braune von Les ließ sich streicheln, rieb seine Nüstern an der Jacke von Jube und begann nun auch zu schnauben. Aus seinem Maul triefte es heraus, die Zähne mahlten unablässig auf dem Gras herum, und dieses Gras wuchs rund um eine kleine Quelle, die aus den Felsen kam. Wie eine Oase in der steinernen Wüste wirkte diese Quelle. Wie fruchtbar es hier war, erkannte Jube, als er ein Zündholz anriss. Die Pferde schienen dieses frische Gras irgendwie doch gewittert zu haben, trotz des von ihnen wegwehenden Windes. Vielleicht hatte es ihnen auch ihr Instinkt gezeigt, wo sie saftiges Futter finden konnten.

Der nächste Gedanke von Jube galt den Futtersäcken. Irgendwie mussten sie die abgestreift haben. Bei dem Braunen hing er noch um den Hals. Beide Tiere hatten das Kunststück fertiggebracht, die Futtersäcke loszuwerden.

Ich muss auf dem Weg sehen, ob ich den von meinem Falben finde, dachte Jube. Den brauchen wir noch. Ich werde also warten, bis es hell wird. Vielleicht sollte ich mein ganzes Lager hier heraufbringen. Die Stelle ist günstiger als unten.

Im Morgengrauen fand er den Futtersack, wartete nun nicht länger, sondern sattelte die Pferde wieder auf und ritt weiter.

Den ganzen Tag war er unterwegs und traf keinen Menschen, kam aus dem Canyon heraus, an dessen Ende er noch eine Kletterpartie überstehen musste, um auf die Hochfläche zu kommen. Dann lag das Land bretteben vor ihm. Aber in der Ferne waren die Berge, und nun konnte er sich wieder orientieren. Durch die Berge musste er hindurch. Von da an hatte er sich nur noch nach Süden zu richten. Aber vor den Bergen gab es nach Süden zu kein Durchkommen.

Bis zu den Bergen hin hatte er keinerlei Deckung. Trotzdem kam er durch, ohne nur eine Menschenseele zu entdecken. Er schaffte es auch, die Berge zu überwinden und brauchte etwas mehr als eine Woche, bis er texanisches Gebiet erreicht hatte. Nicht verfolgt zu werden, beunruhigte ihn nur am Anfang. Da hatte es ihn misstrauisch gemacht. Mit der Zeit gewöhnte er sich an den Gedanken, dass Tobler ganz einfach nicht den Mut gehabt hatte, ihm weiter zu folgen, obgleich eine innere Stimme ihn vor so einer leichtfertigen Erklärung warnte, denn Tobler, das wusste er eigentlich genau, war ein Typ, der eine Verfolgung so lange nicht aufgab, wie ihn nicht sämtliche Kräfte verließen. Aber vielleicht, so tröstete sich Jube allzu gern, hatte er wirklich nicht mehr die Kraft dazu.

Auf texanischem Gebiet, das wusste Jube auch, konnte ihn Tobler nicht mehr festnehmen, und hier war er frei. Aber es wurmte ihn immer noch, dass Tobler ihn als Mörder bezeichnet hatte und ihm den Tod dieses US Deputy Marshals in die Schuhe schieben wollte. Daran war er doch nun wirklich nicht beteiligt!

Les, dieser Idiot, hat mir alles eingebrockt.

Trotzdem wollte er seiner Mutter das Geld bringen.

Er ritt noch einen halben Tag, und dann sollte er begreifen, dass Tobler keinesfalls die Sache auf sich beruhen ließ. Er musste noch über den Guadeloupe-Pass, um in das Pecostal zu kommen. Dann hatte er nicht mehr weit bis zum Pecos River selbst, und dem musste er bis Pecos folgen. In der Nähe von Pecos wohnte die Mutter von Les. Dort war auch Jube selbst zu Hause.

Er hatte aber noch nicht einmal die halbe Strecke zum Pass hinauf geschafft, als das Gewitter kam. Gewitter um diese Jahreszeit waren sehr selten, und es kam mit aller Macht. Wie gefährlich das sein konnte, wusste Jube aus Erfahrung. Was er brauchte, war jetzt ein sicherer Schutz. Aber hier auf dem Weg empor zum Pass waren nicht massenhaft solche Schutzmöglichkeiten, besonders auf dem Pfad, den Jube gewählt hatte. Es war nicht derselbe Weg, der von Rinderherden, Postkutschen, Frachtwagen und Reisenden allgemein benutzt wurde. Er ritt auf dem alten Indianerpfad über den Pass, und hier blieb er, so hoffte er jedenfalls, allein. Er wollte niemandem begegnen. Teilweise war dieser Pfad sehr schmal und bot gerade Platz für ein Pferd. An manchen Stellen hingen die Felsen über, und er ritt wie unter einer Galerie. An einer solchen Stelle, die aber nicht sehr breit war, hielt er an. Er saß von dem Falben, auf dem er zuletzt geritten war, ab und lehnte sich gegen die Felsen. Er und die Pferde hatten einigermaßen Schutz, und Jube vertrieb sich die Zeit zunächst damit, dass er am Abstand zwischen Blitz und Donner errechnete, in welcher

Entfernung sich das Gewitter noch befand. Aber es näherte sich rasch. Die Blitze wurden greller, der Donner lauter, und der Donner folgte dem Blitz immer dichter.

Die Pferde zeigten Unruhe. Jube versuchte sie zu beruhigen. Er stellte sich zwischen sie, strich ihnen sanft über die Nüstern, tätschelte ihnen den Hals. Das schien auch zu wirken.

Lange Zeit blitzte und donnerte es nicht mehr. Der Regen schüttete nur so herunter. Dann aber ließ auch der Regen nach.

„Es sieht aus, als wäre es vorbei“, murmelte Jube im Selbstgespräch, und er warf gerade einen Blick zum Himmel empor, als ein mörderischer Blitz in die Schlucht schoss. Zugleich mit dem Blitz erfolgte der Donner wie eine Explosion. Es war ein solcher Schlag, dass Jube zusammenzuckte, als habe ihn der Blitz getroffen.

Die Pferde standen den Bruchteil einer Sekunde wie gelähmt. Jube stand selbst noch im Banne dieses nahen Einschlages, klammerte sich zwar an den Zügeln der Pferde fest, doch als die sich aufbäumten und herumwarfen, da konnte sie Jube einfach nicht halten. Er wäre in die Schlucht hinuntergestoßen worden. Das einzige, was er tat: Er warf sich zur Felswand hin, um nicht von den Tieren mitgerissen zu werden.

Der Braune warf sich so hoch, dass er beim Aufsetzen das Gleichgewicht verlor. Er keilte noch aus, und viel zu spät schien er zu begreifen, dass drei seiner Beine im Leeren waren. Er kippte ab, stürzte in die Schlucht, und das letzte, was Jube von ihm sah, waren die wirbelnden Hufe.

Der Falbe jagte, wie von Furien gehetzt, den Pfad weiter bergauf, raste dahin, viel zu schnell für einen so gefährlichen Pfad, den man nur im Schritt passieren konnte, und so geschah, was nach Jubes Meinung geschehen musste: Plötzlich strauchelte der Falbe, stürzte auf die Vorderhand, kam wieder hoch, zog aber dabei die Hinterhand herum, und dann erging es ihm ebenso wie dem Braunen. Während er noch verzweifelt versuchte, Halt auf dem Pfad zu finden, rutschte er mit der Hinterhand ab und wurde mit unwiderstehlicher Kraft in die Tiefe gezogen, heruntergerissen, verschwand aus Jubes Blickfeld.

In ohnmächtiger Wut schlug Jube mit der flachen Hand gegen den Fels. Er fluchte und verdammte sein Pech. Es tröstete ihn wenig, dass er außer seinem Revolver das Geld und das Gewehr noch besaß. Er hatte keinen Bissen zu essen, keinen Schluck zu trinken.

Wasser! Wie sammele ich das Wasser? – Jetzt regnet es noch, dachte er. Aber ich habe keine Flasche, nichts. Ich müsste hinunter in die Schlucht steigen, um alles zu holen. Die Pferde sind tot. Der Weg hinauf zum Pass ist mörderisch weit. Wenn das Gewitter vorbei ist, kommt die Sonne wieder, glühend heiß. Verdammt, ich muss hinunter! Ich muss die Wasserflasche holen und das, was ich noch an Vorräten bei mir habe. Es ist wenig genug.

Es war wirklich wenig genug. Er wusste, dass seine Vorräte ohnehin nur dank der Satteltaschen von Tobler und seinen beiden Kollegen nicht schon lange erschöpft waren. Aber mittlerweile hatte er auch da nicht mehr viel. Unterwegs war es ihm ein paarmal gelungen, Kaninchen zu schießen. Vom letzten hatte er noch angebratenes Fleisch in der Satteltasche. Daran dachte er jetzt. Der Gedanke alleine verursachte in ihm starkes Hungergefühl.

Als das Gewitter nachließ und der Regen schließlich ganz aufhörte, wagte er sich an den Versuch, in die Schlucht hinunterzuklettern. Er besaß kein Lasso, kein Hilfsmittel, um sich den Abstieg zu erleichtern. Die Felsen waren noch feucht, glitschig, gefährlich, den Abstieg zu wagen. Er sagte sich selbst, dass es besser wäre zu warten, aber ein Gefühl trieb ihn vorwärts, keine Zeit zu verlieren.

Er kletterte weiter, und das Glück schien auf seiner Seite. Er schaffte es, ohne einmal in Gefahr zu geraten, vom Felsen abzustürzen. Ganz unten stand er dann auf einem Sockel, der etwa mannshoch war. Dieses letzte Stück wollte er nicht großartig klettern. Er sprang einfach hinunter … und geriet mit dem linken Fuß auf einen etwa faustgroßen Stein. Schon beim Aufsetzen schoss ein stechender Schmerz durch sein linkes Bein bis zur Hüfte hinauf. Er schrie auf. Ihm wurde fast schlecht vor Schmerzen. Er musste sich setzen. Alles drehte sich um ihn, und er verfluchte seinen Leichtsinn, einfach das letzte Stück hinunterzuspringen.

Nach einer Weile ließ der Schmerz nach. Ihm wurde besser. Er stand auf, aber als er auftreten wollte, tat es entsetzlich weh.

Verdammt noch mal, ich hab‘ mir den Fuß gebrochen!, dachte er. Was ist mit dem Fuß? Mühsam erreichte er den Braunen. In dessen Satteltasche war der Vorrat an Essen, und an seinem Sattel hatte auch der Wassersack gehangen. Aber der Wassersack war zerplatzt. Dem Braunen schien es das Genick gebrochen zu haben.

Unter Schmerzen öffnete Jube die Satteltasche, zog das letzte kleine Stück Brot, das von Toblers Männern stammte, heraus, das angebratene Fleisch und den kleinen Beutel mit Tabak, der wohl auch Tobler gehört hatte. Auch die Pfeife war noch da. Als erstes stopfte sich Jube die Pfeife, rauchte ein paar Züge, aber er fühlte sich nicht besser danach. Der Gedanke, hier unten in der Schlucht mit einem offensichtlich gebrochenen Fuß zu sitzen, machte ihn halb wahnsinnig.

Ein unerklärliches Gefühl trieb ihn immer wieder an, auch jetzt. Er schleppte sich mit den Vorräten zurück, sah immer wieder die zerklüfteten Felswände empor, um eine günstige Aufstiegsmöglichkeit zu finden. Mit dem wohl gebrochenen Fuß würde es sehr schwer sein, wieder hinaufzukommen, und er musste hinauf.

Eine Weile quälte er sich hinkend, dann wieder auf den Knien kriechend dahin. Der Schmerz im Fuß nahm wieder zu. Schließlich riskierte er es, den Stiefel auszuziehen. Das war eine Tortur, bei der ihm fast schlecht wurde.

Kaum hatte er den Stiefel herunter, wurde ihm klar, dass er ihn nie wieder an bekommen würde, jedenfalls nicht jetzt und in den nächsten zwei, drei Tagen. Der Fuß schwoll auf der Stelle an, aber der Schmerz ließ augenblicklich nach.

Ein Stück weiter war es auf dem Grund der Schlucht feucht, und dann entdeckte er sogar eine Wasserlache. Er legte den Fuß hinein, und die Kühle tat ihm sehr gut. Die Erleichterung förderte neue Energien in ihm zutage, sein Lebensmut wuchs wieder.

Aber schon der Versuch, wieder an der Felswand emporzuklettern, scheiterte nach kurzer Zeit. Sobald er den Fuß belastete, und er musste ihn belasten, wurde er fast ohnmächtig vor Schmerzen.

So schleppte er sich immer weiter unten auf dem Grunde der Schlucht entlang in Richtung auf den Pass. Manchmal war diese Schlucht sehr tief, da verlief für ihn der Weg fast eben, und dort hatte sich Wasser auf dem Grund der Schlucht angesammelt. Er quälte sich durch Schlamm hindurch, und die Schmerzen in seinem Fuß wurden nicht besser, sondern immer schlimmer. Das Kühlen, das er im Wasser oder im Schlamm mitunter bei einer Rast dem Fuß angedeihen ließ, half nur noch für ganz kurze Zeit. Der Fuß schwoll immer mehr an, wurde heiß. Die Schmerzen schienen unerträglich zu werden.

Als der Abend nahte, befand sich Jube noch sehr weit von der Passhöhe entfernt, und doch wurde es hier oben schon merklich kühler. Jube empfand diese Kühle als angenehm. In der Nacht aber zitterte er vor Kälte hier unten in der feuchten Schlucht.

Die Kälte veranlasste ihn, nicht einfach sitzen zu bleiben, sondern sich durch Bewegung Wärme zu verschaffen. Und wieder schleppte er sich halb gehend, halb kriechend den Hang hinauf. Und plötzlich, so gegen Mitternacht, entdeckte er eine Stelle, wo der Pfad gar nicht so viel höher verlief als der Grund der Schlucht. Er sah die Möglichkeit, hinaufzugelangen, und im Licht der Sterne schaffte er es, wenn auch mühsam und unter größter Anstrengung. Oben dann kniete er, keuchte mit rasselnden Lungen, am ganzen Körper schweißgebadet. Er brauchte eine ganze Weile, um wieder neue Energien zu schöpfen. Dann schleppte er sich weiter. Hier oben aber war das ungleich einfacher als auf dem unebenen Grund der Schlucht. Er konnte sogar hinkend lange Strecken gehen. Das Gewehr war ihm von Nutzen. Er benutzte es wie einen Stock. Das Klappern der Kolbenplatte auf dem glatten Untergrund hallte weit die Schlucht entlang.

Er hatte diesen Weg erst einmal in seinem Leben in der anderen Richtung benutzt, daher kannte er ihn überhaupt. Auf Seitentäler und dergleichen war von ihm da nicht geachtet worden. Jetzt aber, zu Fuß und so langsam, wie er vorankam, bot sich ihm Muße genug, alles zu sehen, auf alles zu achten.

Als der Tag graute und er noch ein gutes Stück von der Stelle entfernt war, wo dieser Pfad auf den Hauptweg unmittelbar unterhalb des Passes stieß, da auf einmal sah er, dass von jenem Pfad, auf dem er sich befand, ein Weg abzweigte, in die Felsen hinein. In Serpentinen führte dieser Weg ein Stück empor und verschwand dann in einer Art Felsspalte.

Jube hätte vermutlich kaum so sehr darauf geachtet, wäre ihm nicht ein Stück weiter oben ein Büschel Haare aufgefallen, das am Felsen hing, Pferdehaare. Und noch etwas sah er: Weiter oben hatte ein Pferd gemistet. Der Pferdedung war von hier unten aus deutlich zu erkennen.

Jube dachte sofort an Menschen, und Menschen bedeuteten Hilfe. Vielleicht fand er Leute, die ihm ein Pferd gaben. Genaugenommen war ein Pferd jetzt das einzige, was er verlangte. Ein Pferd bedeutete, nicht mehr gehen zu müssen, nicht mehr diese Schmerzen zu erdulden.

Er konnte diesen Pfad nicht gehen, er war zu steil, aber er kroch ihn. Er erreichte auch die Stelle, wo er den Pferdedung gesehen hatte. Der Dung war nicht alt, vielleicht zwei, drei Tage.

Er kroch weiter, und dann kam er in die vermeintliche Felsspalte. Aber hier oben erwies sie sich als ein breiter Einschnitt, auf dem wenigstens zwei Pferde nebeneinander gehen konnten. Er stellte sich wieder auf, hinkte, gestützt auf das Gewehr, und von nun an führte der Weg leicht bergab. Der Einschnitt wurde immer breiter, wie ein Trichter. Dann sah Jube ein grünes weites Tal vor sich und in seiner Mitte eine aus Felssteinen gebaute Hütte.

Er rieb sich die Augen, glaubte schon, Halluzinationen zu sehen. Er zwickte sich in den Arm, weil er zu träumen wähnte. Doch nichts war Traum. Das Haus dort vorn stand wirklich da, das Pferd in dem Corral dahinter war keine Fata Morgana, und das zweite Gebäude, das ein gutes Stück entfernt stand, war ebenfalls keine Einbildung. Es schien vielmehr eine Scheune oder dergleichen zu sein, vielleicht auch ein großer Stall. Neben dem Haus befand sich, eingezäunt mit einem Stangenzaun, ein Garten. Zwischen dem Haus und dieser Scheune weideten Kühe. Das waren keine Fleischkühe, wie sie von den Ranchern gezüchtet wurden, es waren braune, niedrige Tiere mit großen Eutern, Milchvieh.

Er hätte jubeln können vor Glück, als er das sah. Aber der Weg dahin wurde ihm zur Tortur. Alles schien zum Greifen nah, aber für ihn war jeder Schritt eine kleine Hölle für sich. Die Schmerzen nahmen unmenschliche Formen an. Er hätte wimmern können, schreien, brüllen, aber er biss nur die Zähne zusammen, biss sich in die Lippen, dass sie bluteten, und dann kämpfte er sich heran, Schritt um Schritt, schweißüberströmt, am ganzen Körper zitternd, mit keuchendem Atem. An dem Haus zeigte sich niemand, nichts und niemand. Zuletzt konnte er nicht mehr hinken, zuletzt fiel er auf die Knie, aber er ließ das Gewehr nicht los. Auf allen vieren kroch er weiter.

Als er sich auf etwa hundert Meter dem Haus genähert hatte, entdeckte er die Gänse, und er hörte sie; sie schnatterten. Aufgeregt reckten sie die Hälse in seine Richtung.

Auf das Schnattern hin wurde in dem Haus ein Fenster aufgestoßen. Jube entdeckte eine Frau mit dunklem Haar, und das Haar glänzte in der Sonne wie schwarze Seide. Er sah das Gesicht dieser Frau, wenn er auch auf diese Entfernung hin keine Einzelheiten erkannte. Es schien eine junge Frau zu sein.

Die Frau beugte sich hastig vor, schloss die Fensterläden, und kurz darauf entdeckte Jube, wie neben der Tür eine Klappe herunterfiel und ein Gewehrlauf herausgestreckt wurde. Es war die übliche Art, sich annähernden Fremden zu zeigen.

„Hallo“, schrie Jube, „ich will Ihnen nichts. Helfen Sie doch … Ich habe mein Pferd verloren … und den Fuß gebrochen.“

Er wartete eine ganze Weile, aber am Haus bewegte sich nichts. Nur die Gänse schnatterten noch immer.

Jube kroch weiter, so schwer es ihm fiel. Er verwünschte die Tatsache, dass er nicht schon näher ans Haus herangekommen war, und er verdammte diese Frau, die so misstrauisch war, obgleich er ihr Misstrauen verstand.

Er war völlig am Ende. Dort zum Greifen nahe das Haus und er hier und seine Schmerzen, die ihn bald wahnsinnig machten. Angesichts der nahen Rettung schwand seine Energie. Er wusste, dass diese Frau ihn bemerkt hatte. Es kam nun nicht mehr darauf an, unbedingt bis zu dem Haus durchzukommen. Sie wird mir helfen, dachte er, sie wird mir helfen, und über diesen Gedanken wurde er ohnmächtig, keine fünfzig Meter mehr vom Haus entfernt.



3

Morengo Place hieß die Pferdewechselstation, die ziemlich genau auf der Staatsgrenze von Texas und Neu-Mexiko stand. Hier vorbei lief die Poststraße. Aber die Linie führte nur noch bis Eddy über den Guadeloupe-Pass hinweg und nicht mehr wie eine Zeitlang quer durch den Llano Estacado.

Dadurch hatte die Station etwas an Bedeutung verloren. Nicht mehr als sechs Wechselpferde wurden hier betreut, und der Alte, der das mit seiner Frau tat, war früher selbst Fahrer gewesen. Unter dem Vordach vor dem ziemlich zerfallen wirkenden Gebäude standen Tische und Stühle für die Reisenden, die hier einmal ihre Fahrt unterbrachen. Jetzt allerdings war eine Kutsche nicht zu erwarten. Stattdessen standen drei Männer um einen der Tische herum. Eine Landkarte war ausgebreitet

Alle drei Männer beugten sich über diese Karte. Der eine war dunkel, breitschultrig und trug an seiner Brust das Abzeichen des US Marshals. Der neben ihm war blond, größer und hatte ein hageres, kantiges Gesicht mit stahlblauen Augen. Der dritte war ein grauhaariger, faltengesichtiger Alter mit einem Dachsbart, dem Schläue und Witz aus seinen Augen sprachen. Er trug die Krempe seines Hutes vorn nach oben geschlagen, hatte eine indianische Fransenjacke an und trug lange Stiefel, wie sie oben im Norden die Fallensteller benutzten.

„Hier jedenfalls ist er zuletzt gesehen worden, und hier haben wir auch seine Spur gefunden“, sagte der US Marshal, schob sich seinen Hut in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Glühende Hitze ließ die Luft über der Station flimmern. Aber auch hier unter dem Vordach wehte kaum ein Lüftchen, das Kühlung versprochen hätte. Darunter litt besonders der große schwarzhaarige Wolfshund, der direkt am Haus lag, die Schnauze geöffnet, hechelnd, die Zunge heraushängend. Er hielt die Augen halb geschlossen, blinzelte, schloss sie mitunter ganz und streckte dann den Kopf vor, um ihn flach auf den Boden zu legen.

Der Marshal tippte wieder mit seinem Finger auf die bestimmte Stelle der Karte. „Wenn du also die Verfolgung ansetzen willst, Tom, dann hier und nicht anders. Ich würde ja von zwei Seiten aus vorgehen. Das bedeutet, dass du dich von Old Joe trennst.“ Er blickte den Alten an, als erwarte er von ihm Widerspruch.

„Vielleicht hast du recht, Colorado“, entgegnete Old Joe. „Wie siehst du das, Tom? Soll ich den Umweg bis hinunter zum Sierra Blanca-Weg machen und von da aus Pecos ansteuern oder …“

„Nein“, widersprach Tom, „das steht ja noch gar nicht fest. Vielleicht erwischen wir ihn auch auf dem Guadeloupe-Weg. Wenn er zum Pass hinauf ist, dann wird er auf der anderen Seite nicht auf dem Weg nach Eddy bleiben. Ich nehme an, dass er bis zum Fluss hinunterreitet und dann den Weg nach Pecos einschlägt.“ Er sah Colorado, den US Marshal, an. „War der Tipp nicht gut, den ich dir über Telegraph gegeben habe, dass er sich auf den Heimweg macht?“

„Ich hatte mir das auch gedacht“, erwiderte Colorado.

„Leute, ich kann mir nicht helfen“, entgegnete Tom Cadburn, „ich verstehe nicht, wieso dieser Junge durchgedreht hat. Ich hätte ihm nie im Leben zugetraut, dass er einen US Marshal erschießt. Ist denn wirklich sicher, dass er ihn erschossen hat?“

„Nach allen Angaben, die ich bekommen habe, ist Viola durch ihn gestorben.“

„Direkt durch ihn oder durch seine Schuld?“

Colorado zuckte die Schultern. „Ich habe mich nicht darum gekümmert, alle Aussagen im einzelnen nachzuprüfen. Ich meine, das kann das Gericht tun. Ich habe diesen Tobler nicht einmal selbst gesprochen, sondern diese Aussage von seinem Chef, dem Sheriff des Hatford County. Mein Befehl war eindeutig. Der Bundesrichter hat mich beauftragt, diesen Burschen zu fassen, und um mehr habe ich mich nicht bemüht.“

„Ist ja richtig. In der Regel bemühe ich mich auch nicht um mehr“, meinte Tom. „Aber ich kenne diesen Burschen zufällig. Der ist ja in der Pecos-Gegend zu Hause. Sein Bruder ist selbst eine Zeitlang Texas-Ranger gewesen, hatte dann einen Kniesteckschuss und konnte keinen Dienst mehr tun. Jetzt betreibt er in El Paso einen General Store.“

„Und du glaubst, man könnte denen das nicht zutrauen? Ich weiß aus Erfahrung, Tom, dass mancher anständige Mensch plötzlich die Nerven verliert und Dinge tut, die man bei ihm nie für möglich gehalten hätte. Soviel ich weiß, hatten ihm Brighton, Ellers und Mansfield den Anteil vom Erlös des Viehs nicht ausbezahlt, sind auf und davon mit dem Geld, und das waren fünftausend Dollar für die beiden. Ich vermute, Jube Taylor will die Hälfte dieses Geldes der Mutter von Les Royce bringen. So etwas hat er Tobler gesagt.“

„Ja, das habe ich auch gehört. Soweit bin ich im Bilde“, erklärte Tom Cadburn. „Um was es jetzt geht, ist nur der Mann selbst. Aber ich habe auch meine Erfahrung, Colorado. Frag Old Joe. Wir sind schon ein paarmal hinter Leuten hergeritten, von denen Richter geglaubt haben, die wären Mörder, und es waren die anständigsten Menschen unter der Sonne. Doch die Flucht und das Verfolgtwerden und die ganze Hetzerei hat sie Dinge tun lassen, die dann wirklich strafbar waren, und so sind aus anständigen Leuten am Ende doch Verbrecher geworden, aber nur deshalb, weil man sie gejagt hat.“

„Du hast recht“, stimmte ihm Colorado zu. „Nur nach den Informationen, die ich habe, und ich kann mich nur auf den Sheriff vom Hatford County verlassen, auf sonst nichts, ist die Sache doch folgendermaßen gewesen: Die beiden sind in den Saloon in Glain hereingekommen mit gezogenen Revolvern und an den Tisch getreten, an dem außer Viola Mansfield, Brighton und Ellers saßen …“

„Moment mal“, unterbrach ihn Tom Cadburn, „was ich bis jetzt nicht verstanden habe, ist folgendes: Viola saß zusammen mit drei Männern, die Vieh getrieben hatten, an einem Tisch, und dann war ja auch noch ein Spieler dabei. Und da wurde Poker gespielt, etwas ungewöhnlich für einen US Deputy Marshal, nicht wahr?“

„Viola hat vermutlich gedacht, dass diese drei, weil sie über soviel Geld verfügten, in Zusammenhang mit einem Bankraub standen. Das ist nicht nur meine Vermutung, das denkt auch der Hatford-Sheriff, und auf diese Idee ist sogar der Spieler gekommen, der mit denen am Tisch gesessen hat. Im Übrigen hat Viola ganz schön gewonnen.“

„Und das Geld?“, wollte Tom wissen.

„Ist nachher ja sichergestellt worden. Das Geld gehört Viola, da beißt die Maus keinen Faden ab. Er ist verheiratet, und man hat es schon seiner Frau ausgehändigt.“

„Ja, und wie ging es weiter?“, fragte Tom. „Die beiden sind an den Tisch getreten, hatten die Revolver in der Hand, und dann?“

„Dann haben sie das Geld verlangt, und als es nicht sofort kam, wurde von beiden geschossen.“

„Ich möchte dir etwas sagen, Colorado“, mischte sich jetzt Old Joe wieder ein. „Quetsch dich auf deinen King, auf diesen prächtigen Schecken, und reite in dieses Kaff, das sich Glain nennt. Nimm dir diese Burschen selber vor. Was wissen wir, ob dieser Hatford-Sheriff sich genug Mühe gegeben hat? Ich denke, so wie ich die Story bis jetzt kenne, verlässt er sich völlig auf diesen Tobler. Tobler ist von dort. Auf dessen Auskünfte würde ich so furchtbar viel Wert nicht legen. Man müsste sich die Leute greifen, die wirklich dabei gewesen sind, einen nach dem anderen, einzeln.“

„Das habe ich sowieso vor. Das ist ja eine Voraussetzung. Aber erst muss ich mal versuchen, diesen Burschen zu erwischen.“

„Der ist mittlerweile in unserem Jagdrevier. Also suchen wir ihn“, entgegnete Old Joe. „Du hast Zeit genug. Du kümmerst dich um die Aussagen. Vielleicht hat Tom recht, und dieser Jube Naylor ist unschuldig.“

„Unschuldig? Jemand, der mit dem Revolver in der Hand in einen Saloon kommt, um sich mit Gewalt das Geld zu holen, das er meint, fordern zu müssen?“, fragte Colorado zweifelnd.

„Natürlich, so wie du es siehst, hast du recht“, gab Tom Cadburn zu. „Aber es kann ja ganz anders gewesen sein. Rede mit diesen Leuten, da hat Old Joe recht. Vielleicht kannst du aus ihnen etwas herausholen, das ganz anders aussieht als die Wahrheit, die der Hatford-Sheriff verbreitet. Vielleicht gibt es noch eine zweite und dritte Wahrheit.“

Colorado lachte. „Da hast du allerdings recht. Das habe ich auch schon so oft erlebt. Nun gut, dann wünsche ich euch viel Glück! Hast du schon eine Ahnung, wo du ihn finden könntest?“

Tom Cadburn nickte. „Ob ich ihn da finde, weiß ich nicht. Aber ich gehe davon aus, was ich täte, wenn ich wie er zurück in meine Heimat wollte. Er muss über den Guadeloupe-Pass. Den Umweg nach Süden hinunter und dann den alten Sierra Blanca-Weg zu nehmen, wird er nicht wählen. Außerdem ist das sehr viel weiter. Ich glaube nicht, dass er Zeit verschenken will. Ich denke mir, er hat sich vorgenommen, so rasch wie möglich hinzukommen, das Geld abzuliefern und dann unterzutauchen, für den Fall, dass man ihn dort auch noch sucht. Es könnte ja auch sein, dass er sich in Texas für sicher hält. Aber davon gehe ich nicht einmal aus. Er hat also, da zweifle ich keine Sekunde, den Guadeloupe-Weg genommen, und da bieten sich zwei Möglichkeiten an. Möglichkeit Nummer eins: den Wagen-Weg, Möglichkeit Nummer zwei: den Apachen-Weg.“

„Möglichkeit Nummer zwei wird stimmen“, meinte Old Joe.

„Denke ich auch. Dort trifft er auf niemanden. Ich denke auch, dass er den Weg kennt. Viele kennen ihn nicht, aber er wird ihn kennen. Er ist bestimmt schon einmal diesen Weg geritten. Außerdem ist dort Wasser. Wenn man hinunterklettert in die Schlucht, findet man Wasserstellen. Auf dem Wagenweg ist nicht eine einzige Wasserstelle. Schon deshalb wird er als Einheimischer diesen Weg benutzt haben.“

„Da möchte ich euch nicht aufhalten, Freunde. Außer den Befragungen der Leute in Glain habe ich noch eine ganze Menge mehr vor. Mir geht es wie euch. Wenn ich denke, mit einem Auftrag wäre ich am Ende und hätte etwas Ruhe, dann warten schon zwei neue auf mich.“ Colorado lachte. „So ist nun mal unser Job.“

„Und da“, meinte Tom Cadburn, „ist dieser Viola verheiratet gewesen. Das muss sich ein Mensch überlegen, das einer Frau zuzumuten, dass sie Tag für Tag um das Leben eines Mannes zittert, den sie sowieso nur ganz selten zu Gesicht bekommt.“

Colorado zuckte die Schultern.

Dann streckte er Old Joe die Hand hin, verabschiedete sich von ihm und dann auch von Tom Cadburn, sah zu Sam, dem schwarzen Halbwolf, hinüber, der scheinbar schlafend vorm Haus im Schatten lag, und sagte: „Seit ich meinen Adler nicht mehr habe, ist mir schon öfter der Gedanke gekommen, einen Hund auszubilden, der mich so unterstützt wie dich dein Wolf, Tom. Aber es ist schwer, einen Hund zu finden, der die Vorzüge deines Wolfes hat.“

Tom Cadburn lächelte. „Sam ist ein Glücksfall. Ich glaube nicht, dass es den noch einmal gäbe.“



4

Joan Loman starrte aus schmalen Augen hinüber zu der Stelle, wo der Mann reglos auf dem Boden lag. Sie spürte in sich eine kaum zu unterdrückende Spannung und ein stärker werdendes Angstgefühl, das sofort beim Anblick des Fremden in ihr aufgekeimt war. Sie versuchte, nicht mehr zu zittern, über Kimme und Korn hinweg blickte sie auf den Mann, der dort vorn lag, und sie fragte sich verzweifelt, was sie tun sollte. Die lange Zeit der Einsamkeit, das furchtbare Erlebnis, das sie vor zwei Monaten durchzustehen hatte, und die Entschlossenheit, ihre beiden Kinder zu verteidigen gegen jedermann, waren Empfindungen, die in ihr eine alarmierende Stimmung hervorriefen. Sie wusste, dass sie sich am Rande einer Panik befand, aber ihre Erfahrung in der Wildnis, das Leben an der Seite von Ernest hatte sie gelehrt, sich zu bezwingen, die Nerven nicht zu verlieren, wenn sie sich nicht aller Chancen begeben wollte.

Der Mann rührte sich noch immer nicht.

Sie wollte ihn nicht dort liegenlassen. Dass irgend etwas mit ihm war, hatte sie gesehen, aber wie konnte sie sicher sein? Wenn Hawk dagewesen wäre! Aber der befand sich auf einem Jagdzug. Hawk, das war der alte Indianer, dem Ernest vor vielen Jahren einmal das Leben gerettet hatte und der sich seitdem den Lomans verbunden fühlte. Manchmal war er eine Zeitlang da, half da und dort, brachte Wildbret, und schließlich verschwand er wieder für Wochen. Jetzt war er weg, und sie hätte sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihn an ihrer Seite zu haben.

Ich kann den Mann doch nicht liegenlassen, dachte sie wieder und beschloss, unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen zu ihm zu gehen und nachzusehen, ob sie ihm nicht helfen musste.

Kurz entschlossen zog sie das Gewehr zurück, ging durch den Raum zum Nebenzimmer, trat auf Zehenspitzen hinein und blickte auf die beiden schlafenden Kinder, die jetzt ihren Mittagsschlaf hielten, die kleine, anderthalbjährige Tochter und der vierjährige Junge.

Sie klappte den Riegel an der Tür hoch, öffnete die Tür und trat in die brütende Hitze hinaus. Das Gewehr in beiden Händen, den Finger am Abzug, ging sie vorsichtig auf die Gestalt zu. Die schnatternden Gänse folgten ihr. Die Gänse waren es auch, durch die sie gewarnt worden war. Sie musste an Ernest denken, der immer gesagt hatte, dass Gänse besser wachen als mancher Hund.

Und dann hatte sie den Mann erreicht, der mit fahlem Gesicht und verkrampften Händen am Boden lag. Sie sah, dass er an einem Fuß keinen Stiefel trug. Dieser Fuß war unförmig aufgequollen. Nun wusste sie, dass der Mann sie nicht angelogen hatte.

Aber sie entdeckte auch das Gewehr und den Revolver. Nach kurzem Zögern ergriff sie den Revolver und zog ihn aus dem Holster heraus, fasste auch nach dem Gewehr, aber er lag mit dem linken Knie darauf. Mit einem Ruck zog sie die Waffe weg, und darüber kam er wieder zu sich. Verwirrt blickte er um sich, schaute dann zu ihr empor, und sie senkte die Mündung des Gewehrs unwillkürlich so, dass es auf ihn gerichtet war.

„Wer sind Sie?“, fragte sie mit spröder Stimme.

„Ich heiße Jube Naylor. Ich habe mein Pferd verloren, bin unglücklich gestürzt. Mein Fuß …“

„Wie kommen Sie in dieses Tal?“

„Ich wollte über den Pass, aber unterwegs habe ich die Pferde verloren, zwei waren es. Sie sind im Gewitter abgestürzt.“

An das Gewitter konnte sie sich auch gut erinnern. Das hatte furchtbar getobt. Sie sah ihn an und hörte, wie er weiter erzählte: „Die Pferde sind scheu geworden und abgestürzt, und ich bin hinuntergeklettert, weil in den Satteltaschen Dinge waren, die ich brauchte. Dabei bin ich unglücklich aufgesprungen, und da ist das mit dem Fuß geschehen. Ich glaube, er ist gebrochen.“

„Kommen Sie, ich werde Ihnen helfen.“

In diesem Augenblick erkannte er, als er sich aufstützte, dass sein Gewehr ein Stück entfernt lag und sie sich seinen Revolver in den Schürzenbund geschoben hatte. „Sie sind sehr vorsichtig, das ist gut. Aber Sie haben von mir nichts zu befürchten“, beteuerte er.

Sie sagte nichts dazu, half ihm hoch, und er stützte sich auf sie, ohne zu ahnen, was diese Berührung bei ihr auslöste. Sie hatte viele Monate lang mit keinem Mann mehr Kontakt gehabt, und sie war eine Frau von sechsundzwanzig Jahren.

Die Berührung durch ihn löste einen Schauder in ihr aus. Aber dann hörte sie sein Ächzen und vergaß diese Empfindung auf der Stelle. Angst hatte sie nicht mehr.

„Warten Sie“, sagte sie leise, legte ihr Gewehr zu Boden und half ihm dann, zum Haus zurückzugehen. Sie spürte selbst, dass es ein einziges Martyrium war, jeder Schritt eine furchtbare Qual für ihn. Dann hatte sie ihn im Haus und ließ ihn in einen der beiden Sessel sinken, die Ernest vor vielen Jahren gebaut hatte.

„Warten Sie, ich will die Gewehre und den Revolver holen. Bleiben Sie ganz ruhig sitzen“, sagte sie.

Er sah sich nach allen Seiten um. Sie beobachtete, wie er lauschte, und daraufhin sagte sie: „Die Kinder sind nebenan. Sie schlafen. Bitte, seien Sie leise. Ich werde mich sofort um Ihren Fuß kümmern.“

Dann lief sie rasch, holte die Waffen und war sehr schnell wieder da. Er saß noch immer im Stuhl, hielt die Augen geschlossen und krampfte die Hände um die Lehne.

Sie holte den Krug mit kaltem Wasser und ein Tuch, kniete sich vor ihn hin und krempelte ihm das Hosenbein hoch. Als sie zu ihm aufschaute, sah er sie an. „Mein Name ist Joan Loman“, sagte sie. „Viel kann ich nicht für Ihren Fuß tun, aber ich werde es versuchen.“

Er sprach kein Wort, schaute sie nur an, aber die Art, wie er das tat, löste abermals Schauder in ihr aus. Sie hätte selbst nicht sagen können, ob die Blicke, die er auf sie warf, für sie angenehm waren oder nicht. Sie empfand nur ein prickelndes Gefühl und zwang sich dazu, das zu tun, was sie ihm eben versprochen hatte. Joan schnitt ihm den Strumpf einfach vom Fuß herunter. Es wäre eine höllische Tortur gewesen, ihn ausziehen zu wollen. Dann tauchte sie das Tuch ins kalte Wasser und schlang es um den Fuß herum. Sie hörte sein Aufstöhnen, blickte überrascht nach oben, sah aber dann, dass er es wohl als wohltuend empfand.

„Es tut gut“, murmelte er. „Es tut verdammt gut.“

Sie richtete sich auf, goss aus dem Krug noch einmal auf das Tuch, zog dann einen Stuhl heran und bettete seinen Fuß auf diesen Stuhl. Das Wasser lief übers Holz. Er räusperte sich, wollte etwas sagen, aber sie ahnte wohl seinen Einwand voraus und erklärte: „Es macht nichts. Das ist hier alles so trocken. Das verdunstet im Nu.“ Sie hob den Kopf, lauschte wieder in Richtung zur Tür des Nebenzimmers. „Die Kinder schlafen noch“, sagte sie. „Aber gleich werden sie wach werden. Susan weint immer, wenn sie aufwacht und ich nicht bei ihr bin. Mein Mann ist noch auf der Jagd“, erklärte sie, aber der Ton ihrer Stimme hatte sich so deutlich verändert, dass Jube aufmerksam wurde.

Aber er schwieg. Später machte sie ihm etwas zu essen. Dann wurde die kleine Susan wirklich wach und wenig später der vierjährige Bob. Mit dem Jungen hörte Jube sie tuscheln, und danach kam der Kleine auch, sah ängstlich auf den Fremden und wollte ihm auch die Hand nicht geben, als Jube sie ihm entgegenstreckte. Irgend etwas, dachte Jube, hat sie ihm gesagt, aber es beunruhigte ihn weiter nicht. Er konnte verstehen, dass diese Frau Angst vor ihm hatte, und über sie und ihr Leben hier hatte er sich schon seine Gedanken gemacht. Ganz schlüssig war er allerdings noch nicht.

Als das Essen fertig war und sie ihm das Gericht aus Chili, Speck und Eiern vorsetzte, da empfand er den Hunger so stark, dass er die nächsten Minuten nur mit dem Essen beschäftigt war. Indessen saß Joan mit der kleinen Susan im Arm auf der anderen Seite des Tisches und sah ihm

zu.

Die Kleine erwies sich als sehr zutraulich. Als Jube dann gegessen hatte, kam sie zu ihm getappt, hielt sich an seinem Knie fest, und Joan fürchtete, die Kleine könnte ungewollt Jube an seinem Fuß weh tun. Sie wollte das Mädchen wegholen, aber er sagte: „Lassen Sie doch. Ich habe Kinder sehr gern.“

Sie warf einen ängstlichen Blick auf ihre Tochter, blickte dann ein wenig zweifelnd und misstrauisch in sein Gesicht, und er spürte den Zwiespalt, in dem sie sich mit ihren Gefühlen befand. Aber schließlich ließ sie die Kleine bei ihm, und er nahm sie dann auf den Schoß, was ihr offensichtlich sehr gefiel.

Auch der Junge überwand seine Furcht, kam näher und schien nach kurzer Zeit in ihm einen lang gesuchten Spielkameraden entdeckt zu haben. Dann begann er alles an Spielzeug heranzuschleppen, was er besaß, ein handgeschnitztes Pferdchen, einen Wagen, den wohl seine Mutter gebastelt hatte, vielleicht auch sein Vater, dann einen hölzernen Indianer, bei dem man allerdings viel Phantasie besitzen musste, um ihn als Indianer zu erkennen. Und die kleine Susan wollte ihm ihre Puppe zeigen. Dass diese Puppe keinen Kopf mehr hatte, beeinträchtigte Susans Zuneigung zu ihr keineswegs.

„Sehen Sie“, erklärte Jube, „die Kinder haben vor mir keine Angst“

Joan stellte das selbst mit Erstaunen fest. Das Gefühl, dass die Kinder keine instinktive Scheu vor ihm empfanden, nahm auch die Anspannung von ihr. Ihr Zutrauen zu ihm wuchs, aber da gab es doch eine Barriere, die es einfach nicht zuließ, dass sie sich ihm so zeigte, wie sie sich ihm gern zeigen wollte. Immerhin lächelte sie und fragte: „Wie geht es jetzt dem Fuß?“

„Dem geht es viel besser. Die Ruhe tut gut.“

„Wollten Sie nach Eddy hinüber?“, erkundigte sie sich.

Er schüttelte den Kopf. „Nach Pecos. Ich bin dort zu Hause.“

Sie überlegte. „Sind Sie einer von den Naylors, die das Anwesen am Pecos River haben?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, weiter östlich, noch hinter der Lazy-C-Ranch.“

„Die Lazy-C kenne ich nicht.“ Sie überlegte, grübelte und spürte nicht, dass er sie dabei beobachtete.

Er fand sie reizend. Etwas an ihr erinnerte ihn an seine Schwester. Sie wirkte nur fraulicher als seine Schwester, ein wenig weicher, trotz aller Härte, die sie vorhin noch gezeigt hatte, aber das war im Grunde nicht ihr Wesen.

Sie spürte nun doch, dass er sie ansah, hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Er hätte viel darum gegeben zu wissen, was sie dachte. Ihr Lächeln gab ihre Gedanken nicht wieder.

Sie wiederum hatte ihre Furcht vor ihm verloren, und doch quälten sie Zweifel. Er ist aus der Gegend von Pecos, wollte zurück nach Hause, sagte sie sich. Das ist eine ganz plausible Erklärung. Dann ist ihm das passiert, und er hat zufällig dieses Tal gefunden. Aber dass er den Weg gefunden hat, wundert mich doch. Habe ich einen Fehler gemacht? Ernest hatte mir beigebracht, keine Spur zu hinterlassen. Es muss doch eine Spur gegeben haben.

Er sah, dass sie die Stirn in Falten zog, dass sie irgend etwas beschäftigte, und er fragte: „Was denken Sie? Haben Sie Angst? Angst vor mir?“

Sie lächelte, schüttelte den Kopf und meinte: „Wie haben Sie nur das Tal gefunden?“

„Ach, das ist es? Büschel von Pferdehaaren am Felsen, und weiter oben auf dem Serpentinenweg hatte ein Pferd gemistet.“

Er sah ihr Erschrecken und begriff mit einem Mal den ganzen Zusammenhang. Auch das mit dem Mann, der sich auf der Jagd befand. Er wollte ihr sagen, dass er anders darüber dachte, als sie wohl glaubte.

„Haben Sie vergessen, die Spuren zu verwischen?“, fragte er, und es klang fast wie eine Anklage.

Schuldbewusst erwiderte sie: „Ich habe nicht daran gedacht. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass die Stute …“

Sie hielt sich die Hände vor den Mund. „Wenn Sie es gefunden haben“, meinte sie dann, als sie die Hand wieder sinken ließ, „könnten auch andere …“

Er nickte. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich bin hier. Ich habe das, als ich den Serpentinenpfad hinaufgekrochen bin, weggemacht, und, wie gesagt, ich würde Sie schützen, Mrs. Loman.“

Sie ahnte wohl, was er dachte, aber sie wagte nicht, sich Gewissheit zu verschaffen. Sie fürchtete, er könnte es aussprechen, und dann tat er es sogar.

„Ihr Mann ist nicht auf der Jagd, Mrs. Loman. Ihr Mann ist schon eine sehr lange Zeit nicht mehr hier gewesen. Es gibt viele Kleinigkeiten, an denen man das sieht. Das habe ich vorhin schon entdeckt, kurz nachdem Sie mich heraufgebracht haben.“

Sie blickte ihn erschrocken an. Instinktiv zog sie die kleine Susan, die zufällig neben ihr stand, schützend an sich. Am liebsten hätte sie wohl auch Bob von ihm weggeholt, aber der spielte neben dem Sessel, auf dem Jube saß, und störte sich nicht an der Furcht seiner Mutter.

Jube lächelte und meinte beschwichtigend: „Sie sollten sich wirklich nicht fürchten. Ich nutze die Situation nicht aus, wirklich nicht. Was ist mit Ihrem Mann? Ist er Ihnen weggelaufen?“

Sie schüttelte heftig den Kopf, und dann entschloss sie sich, die Wahrheit zu sagen.

Sie hatte ihr Kind auf dem Schoss, kämmte der Kleinen das Haar und berichtete dann: „Als ich Ernest kennenlernte, war er Scout bei der Armee. Er führte Armeepatrouillen, aber auch Wagenzüge durch den Llano Estacado. Damals lebten wir in Eddy. Eines Tages, es war noch, als ich mit Bob schwanger ging, führte er einen Wagenzug durch den Llano, der von Mescaleros überfallen worden ist. Die Armee behauptete, es sei die Schuld meines Mannes gewesen, dass es dazu kam, und weil sechs Soldaten bei diesem Überfall ums Leben gekommen sind, wurde mein Mann angeklagt. Aber die Anklage brach zusammen. Sie nahmen ihm lediglich den Auftrag weg. Sie wollten ihn nicht mehr. Eine der Frauen von den Getöteten entfachte eine richtige Hetzkampagne gegen uns, und so sind wir da weggegangen, hierher in dieses Tal; mein Mann kannte es schon lange.

Es ist ein Paradies, ein wahres Paradies, und niemand kommt hierher. Es war auch außer meinem Mann und einem alten Indianer, der oft zu uns kommt, noch niemand hier. Der alte Indianer hat auch vor einem Dreivierteljahr, als mein Mann auf einem Jagdzug verschwand, nach ihm gesucht, aber er fand ihn nicht, nicht gleich jedenfalls. Wir waren verzweifelt. Wochenlang ist Hawk unterwegs gewesen, um meinen Mann zu suchen. Ich konnte nicht weg, der Kinder wegen, und auch wegen der Kühe, die gemolken werden müssen. Fragen Sie mich nicht, was dieses Warten bedeutet hat. Dieses Warten war schlimm. Und immer wieder kam er, konnte mir aber nichts anderes sagen, als dass seine Suche vergeblich gewesen ist. Aber eines Tages hat er ihn doch gefunden. Vor einem knappen Vierteljahr ist das gewesen. Hawk hatte sich an eine Höhle erinnert, in deren vorderen Teil er einmal bei einem Unwetter gekrochen war, bei einem Sandsturm. Die war auch in den Llanos gewesen, und immerzu hatte mein Mann behauptet, dort gäbe es Gold. Dessen entsann sich Hawk und ist dorthin geritten, und da hat er meinen Mann gefunden. Tief in der Höhle sind giftige Gase. Deshalb kommen auch keine Raubtiere hinein. Mein Mann muss an diesen Gasen gestorben sein. Fast wäre auch Hawk dabei umgekommen. Er hat die Leiche meines Mannes herausgeholt. Der war, wie Hawk sagt, noch völlig intakt, nichts verwest und dergleichen. Das ist erst auf dem Ritt hierher geschehen.“ Sie schlug die Hand vors Gesicht, schüttelte sich unter dem Schauder des Entsetzens, und die kleine Susan sah überrascht auf ihre Mutter.

Schluchzend fuhr Joan Loman fort: „Wir haben ihn ein Stück hinter dem Haus begraben. Das ist die ganze Geschichte.“

„Und wo ist der Indianer jetzt?“

Sie nahm die Hand vom Gesicht, sah auf Jube und erwiderte: „Er ist noch unterwegs. Er reitet immer mal für eine Zeitlang weg und kommt dann mit Wildbret zurück, bleibt eine Zeitlang hier und verschwindet wieder. Man kann ihn nicht halten. Seine Freiheit geht ihm über alles. Er hilft mir und nimmt nichts dafür. Er hat nie etwas dafür genommen. Er sagt, sein Leben gehöre meinem Mann, und als wir meinen Mann begraben haben, hat er mir erklärt, dass er mich gern hat, aber mein Mann sei nun in den ewigen Jagdgründen, und so könne er ihn hier auf Erden nicht mehr begleiten. Er ist noch einmal wiedergekommen, war ein paar Tage hier. Vielleicht kommt er nie mehr zurück.“

Es ergab sich wie von selbst, dass er damit begann, ihr seine Geschichte zu erzählen, die Geschichte eines Mannes, der ein Rudel Rinder besitzt und dieses mit anderen Rindern von anderen kleinen Ranches zusammentreibt, aber da diese kleinen Rancher alle miteinander nicht viel Erfahrung besaßen, eine Rinderherde nach Kansas zu treiben, schlossen sie sich einer Treibherde an, die drei Männern gehörte: Mike Mansfield, Clem Brighton und Pit Ellers. Diese drei versprachen auch, die geschäftliche Seite des Treibens zu regeln. Das ging sogar so weit, dass drei der kleinen Rancher das Treiben gar nicht zu begleiten brauchten, sondern dass dies gegen ein Entgelt von Cowboys übernommen wurde, die Pit Ellers eingestellt hatte. Les Royce und Jube Naylor allerdings wollten diese Arbeit nicht von anderen machen lassen. Sie konnten das Geld gebrauchen. Auf keinen Cent dieser fünftausend Dollar, die bei dem Treiben herauskommen würden, mochten sie verzichten. Aber genau um das ganze Geld waren sie dann von den dreien betrogen worden. Mit einer dramatischen Verfolgung fanden sie dann jene drei wieder, und was dann geschah, schilderte Jube in allen Einzelheiten. Er hielt auch nicht mit den Vorwürfen hinterm Berge, die er im Grunde Les machte, ihm insgeheim auch schon im Saloon gemacht hatte, die Tatsache nämlich, dass der so voreilig den Revolver zog.

„Aber was hat dieser US Deputy Marshal damit zu tun?“, wunderte sich Joan.

Jube zuckte die Schultern. „Er saß da mit am Tisch und hat mit den anderen gespielt. Ich hab‘ ja ursprünglich gar nicht gewusst, dass er ein Marshal ist. Das alles wurde ich erst später gewahr, aber das Miese an der Geschichte ist, dass sie mir einen Mord in die Schuhe schieben wollen. Ein Mord hat überhaupt nicht stattgefunden, den hat weder Les begangen noch ich. Dieser Marshal hat schießen wollen, warum auch immer. Wenn er wirklich ein Marshal gewesen ist, so hat er sich nicht korrekt verhalten. Abgesehen davon ist alles andere eine Kette von unglücklichen Zufällen gewesen. Mansfield zum Beispiel wurde in den Bauch getroffen von einem Schuss, den in Wirklichkeit aber keiner von uns beiden abgegeben hat.“

„Aber was machen Sie jetzt? Glauben Sie, dass Sie hier sicher sind?“

Er sagte nichts dazu, und sie versuchte, sich damit abzulenken, dass sie sagte: „Ich glaube, Ihre Schwellung geht zurück. Sie müssen immer wieder Wasser darauf gießen. Und nachher werde ich Ihnen einen festen Verband machen. Das gibt dem Fuß etwas Halt.“

Von einem festen Verband wollte er nichts wissen. „Die Schwellung muss erst zurück“, erklärte er. „Wenn das der Fall ist, kann ich sehen, ob der Mittelfußknochen gebrochen ist.“

Später schlief er, und diesmal machte er nicht den Versuch, sich dagegen aufzulehnen. Im Stuhl schlief er ein, sein Kopf sank zur Seite. Der kleine Bob stand neben ihm und schaute aus großen Augen und mit geöffnetem Mund auf den schnarchenden Mann. Er hatte noch nie im Leben einen Mann schnarchen hören.

Als sie Jube so vor sich sah, lächelte Joan, stand auf, nahm die kleine Susan auf den Arm und Bob an die Hand und ging mit beiden nach draußen. Bobs Fragen beantwortete sie erst, als sie die Tür des Hauses hinter sich geschlossen hatte. Dann überließ sie die Kinder sich selbst, die unter dem Vordach zu spielen begannen. Sie aber lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür, blickte nachdenklich über das Tal, wischte sich schließlich über die Augen und versuchte einen Traum zu bannen, der immer wieder als verführerisches Bild in ihrem Kopf auftauchte, der Traum, dass sie die starken Hände eines Mannes an ihren Schultern spürte, dass dieser Mann sie an seine Brust zog, seine hornige Hand über ihr Haar glitt und sanft darüber strich, ein Traum, in dem sich die spröden Lippen eines Mannes auf die ihren senkten und sie heiß küssten.

Sie hatte nun ja wieder die Möglichkeit, zurückzufinden, schluckte, schüttelte den Kopf, als könne sie auf diese Weise den Traum rascher loswerden.

Jube drinnen ahnte nichts von ihren Gedanken. Er nahm auch nicht wahr, dass sie wenig später die Kühe molk, mit den Eimern voll frischer Milch ins Haus zurückkehrte und sie in den hölzernen Trog goss, wo sich die Sahne absetzen sollte. Sie ging nur leise an ihm vorbei, wenn sie durch den Raum musste, um ihn nicht aufzuwecken. Die Kinder spielten immer noch draußen, bewacht von den Gänsen, die sofort schnattern würden, wenn irgend etwas eintreten sollte, was den Kindern Gefahr bringen konnte.

Nachdem sie sich gewaschen hatte, zog sie sich um, und dabei ertappte sie sich selbst dabei, dass sie ein helles, freundliches Kleid aus dem Schrank zog, das sie sonst nur an Sonntagen getragen hatte. Sie zog es an, prüfte den Sitz und war damit zufrieden. Dann kämmte sie ihr langes schwarzes Haar, flocht es wieder zum Knoten und steckte sich die Brosche an, die sie als Kind von ihrer Mutter bekommen hatte. Als sie zurück ins große Zimmer trat, wurde Jube gerade wach. Er blinzelte erst und sah dann im Schein der tief stehenden Sonne, die rötlich golden durchs Fenster schien und direkt auf Joan fiel, diese Frau, die wie verzaubert vor ihm stand.

Im ersten Augenblick glaubte er eine Vision zu sehen, eine Traumgestalt, die nur in seinem Geist spukte. Aber dann hörte er sie sagen: „Haben Sie gut geschlafen? Sie hätten sich nach nebenan auf das Bett legen sollen.“

Er lächelte verlegen, richtete sich dann auf und sah auf seinen Fuß, von dem das Tuch gerutscht war, und sagte: „Die Schwellung ist schon zurückgegangen, finden Sie nicht auch?“ Aber dann sah er sie wieder an. Er wusste nicht sofort, was es war, das sie so verzauberte, aber dann fiel ihm doch das Kleid auf.

„Sie sehen hübsch aus. Sie sind eine schöne Frau, Mrs. Loman, oder …“ Er lächelte. „Darf ich Sie beim Vornamen nennen? Sie nannten sich Joan, nicht wahr? Darf ich Joan sagen? Nennen Sie mich Jube.“

Sie wurde rot im Gesicht und schalt sich selbst eine Närrin, dass sie diese Verlegenheit nicht überwinden konnte. Das war ihr schon immer so gegangen. Dabei gab es gar keinen Grund für sie, rot zu werden. Sie benahm sich wie ein junges Mädchen.

Aber gerade dieses Erröten machte ihn verlegen. Er vermied es, sie anzusehen und meinte: „Ich wollte Sie nicht irgendwie beschämen. Ich meine es auch ganz ernst, wenn ich sage, dass Sie hübsch sind. Ich habe sehr lange keine Frau mehr … Ich meine, ich hatte schon seit langer Zeit keinen Kontakt mehr mit einer Frau, und ich gebe zu, dass Sie etwas Überwältigendes für mich haben. Ich möchte Ihnen aber nicht zu nahe treten.“

Sie schüttelte stumm den Kopf, wartete und hoffte, dass er noch mehr sagen würde.

Er ahnte nicht, was in ihr vorging. Er kannte nichts von ihren Gedanken, von den Nöten, Ängsten und Hoffnungen dieser Frau.

Die Zeit der Ungewissheit, die Monate, als sie im Tal geblieben war, während Hawk nach ihrem Mann gesucht hatte, waren eine Zeit der Entsagung gewesen, weil Hoffnung bestand, dass Ernest irgendwann wiederkommen werde. Ernest war viel älter als sie gewesen, ein Mann, der beinahe ihr Vater hätte sein können. Das Verhältnis zu ihm war von Verehrung und Respekt, weniger von einer innigen Liebe bestimmt gewesen.

Nach seinem Tod aber hatte sie ein Gefühl der Leere ergriffen. Sie war sich zeitweise wie innerlich abgestorben vorgekommen. Dann aber hatte es auch Augenblicke gegeben, in denen sie weg wollte, weg aus diesem Tal, das ihr früher so paradiesisch vorgekommen war. Das Einerlei der täglichen Pflichten allerdings hielt sie immer wieder davon zurück. Die Kühe mussten zweimal am Tag gemolken werden, jemand musste sich um die Kälber kümmern, die es schon gab. Der Garten brauchte seine Pflege, und die Kinder lebten hier frei und ungezwungen.

Das Tal zu verlassen, wäre der Tausch mit der Ungewissheit gewesen, eine Zukunft, in der nichts für sie sicher war. Sie allerdings suchte immer das Sichere. Aus dem gleichen Grund heraus hatte sie Ernest geheiratet. Er war ein Mann, an den sie sich anlehnen, dem sie vertrauen konnte, der, wie sie damals meinte, stets für sie sorgen würde. Doch über den Tod hinaus konnte er nicht für sie sorgen. Immerhin hatte er ihr diese kleine Farm aufgebaut. Wenn sie alles selbst machte, konnte sie leben. Früher hatte er noch etwas dazuverdient, indem er Wagenkolonnen durch den Llano führte oder ganz einfach Felle in El Paso zum Verkauf anbot. Dies alles fiel für sie weg, und sie spürte mehr und mehr, dass eine ganze Reihe von Dingen hier die Kraft und die Kenntnisse eines Mannes erforderten. Das war ihr besonders kürzlich zu Bewusstsein gekommen, als eine Färse zum ersten Mal kalben sollte und dies nicht mit eigener Kraft vermochte. Hätte sie einen Mann dagehabt, wäre es möglich gewesen, das Kalb herauszuziehen. Sie allerdings hatte es nicht geschafft. Das Kalb war an den Hüften hängengeblieben, und die Färse war daran zugrunde gegangen. Die Qualen des Tieres hatte sie durch einen Schuss beendet. Für die kleine Farm war es ein herber Verlust gewesen.

Am Abend dann brachte sie die Kinder zu Bett und richtete für Jube ein Lager in dem Zimmer, wo sich bei ihnen alles abspielte. Sie hatte erst haben wollen, dass er mit den Kindern schlief und in einem Bett lag, aber das wurde von ihm energisch abgelehnt. Er meinte, er brauche nichts weiter als eine Decke. Aber sie sah, dass er mehr brauchte. Sie fühlte, spürte es mit allen Fasern ihres Körpers, dass es ihm so ging wie ihr selbst, dass er ein Mann war, der sich nach Liebe sehnte, nach Zärtlichkeit, nach einem anderen Menschen, dem er vertrauen konnte, aber sie wusste nicht, wie sie ihm zeigen sollte, dass es ihr ebenso erging wie ihm. Zu sehr unterlag ihr Denken der Strenge ihrer Erziehung.

Jube war kein Mann von Traurigkeit, aber er fühlte sich Frauen gegenüber gehemmt. Als er dann in der Dunkelheit des Raumes auf den Decken am Boden lag, fühlte er sich gar nicht müde, im Gegenteil, die Erholung den Tag über, der nicht mehr schmerzende Fuß, das alles ließ seine Kräfte zurückkehren, und nun, da er lag und sich entspannen konnte, kamen Gedanken, die er vergeblich abschütteln wollte. Er war auf der Flucht, und sie wusste es. Vielleicht würden sie nach ihm suchen. Er jedenfalls gab sich nicht damit zufrieden, dass er sich einredete, niemand habe noch ein Interesse an ihm. Als er selbst seine eigene Geschichte erzählt hatte, ließ das ihn auf die Tatsache erneut aufmerksam werden, dass der Tod eines US Deputy Marshals die Verfolger, gleich in welchem Bundesstaat, auf seine Spur hetzen musste, wenn sie eine Spur besaßen.

Auch Joan lag noch wach in ihrem Bett, sah mit offenen Augen in die Dunkelheit, hörte das Atmen ihrer Kinder und dachte an den Mann nebenan.

Er wagte nicht, ihre Gastfreundschaft anzutasten, indem er den Versuch machte, ihr zu nahe zu treten. Er fürchtete, sie könnte ihn abweisen, trotz allem, was sie ihm erzählt hatte.

Sie wiederum war sich nicht sicher, ob er sich wirklich so nach einem anderen Menschen sehnte. Vielleicht stimmte das, aber musste sie selbst dieser andere Mensch sein? Bewertete sie sein Lob über ihr Aussehen nicht zu hoch? Vielleicht war das nur ein freundliches Wort, das nichts mehr zu bedeuten hatte als eben eine Freundlichkeit.

An diesem Abend schliefen sie beide recht spät ein. Aber dann forderte die Natur ihr Recht, der Schlaf war stärker, und erst das Schnattern der Gänse am frühen Morgen weckte Joan wie alle Tage. Für die nächsten zwei Stunden brauchte sie an nichts als an ihre Arbeit zu denken.

Obgleich sie sich mühte, leise zu sein, wurde Jube, der nun ausgeschlafen war, wach, setzte sich auf, als sie herauskam und fast vergessen hatte, dass da draußen ein Mann lag.

Sie hatte sich eine Decke umgehängt, huschte an ihm vorbei nach draußen, und er hörte, dass sie sich am Brunnen wusch. Nach einer Weile kehrte sie zurück, kleidete sich hastig an, und als sie dann herauskam aus dem kleinen Zimmer, sagte sie: „Ich muss die Kühe melken. Ich habe eine ganze Weile zu tun. Es tut mir leid, wenn Sie auf das Frühstück noch warten müssen.“

Er sagte gar nichts, und als sie draußen war, versuchte er aufzustehen. Ganz vorsichtig belastete er seinen Fuß. Es tat im ersten Moment noch weh, doch die Schwellung war sehr weit zurückgegangen, und wenn er sich ein wenig in Acht nahm, konnte er sogar gehen.

Er hatte ein Paar Mokassins stehen sehen, vielleicht stammten sie von Hawk, dem Indianer. Er suchte nach ihnen, fand sie auch und zog sie über. Sie waren reichlich, aber er konnte darin besser gehen als in Stiefeln. Kurz entschlossen humpelte er aus dem Raum, schloss die Tür hinter sich und sah sich suchend um. Neben dem Haus war eine Art Holzschuppen, und hier entdeckte er Schaufeln, Spaten und eine Axt. Mit der Axt schlug er sich eine Holzstange zurecht zu einem Stock, und dann fand er einen umgestülpten Eimer an einem Haken unter dem Vordach, wo sonst noch das übrige Milchgeschirr hing. Auch einen Melkschemel fand er. Auf den Stock gestützt, Milchschemel und Eimer am linken Arm, humpelte er zu den Kühen hin, summte dabei eine Melodie und konnte sich ihnen nähern, ohne sie zu beunruhigen. Joan, die gerade mit dem Melken einer Kuh begonnen hatte und von dem Geräusch der einstrahlenden Milch abgelenkt wurde, nahm Jube nicht wahr.

Er trat neben ein Kuh, tastete an ihr Euter und fühlte, dass sie noch nicht gemolken war. Er setzte sich auf den Hocker und tat das, was er schon als Junge gekonnt hatte: er begann zu melken. Die Kuh stand still wie ein Denkmal.

Joan bemerkte ihn erst, als er den Eimer schon halbvoll gemolken hatte und sie mit ihrer Kuh fertig war. Sie war so überrascht, dass sie beim Durchseihen in die Kanne fast die Milch verschüttete.

In diesem Augenblick schnatterten drüben beim Haus die Gänse so heftig, dass die Köpfe von Joan und Jube wie elektrisiert herumfuhren.

Vom Zugang des Tales her näherte sich etwas Dunkles. Als beide genauer hinsahen, meinte Joan: „Das sieht aus wie ein großer Hund.“

„Es ist schwarz“, stellte Jube fest, „ein großer schwarzer Hund.“

Die Entfernung war so groß, dass sie es mit absoluter Gewissheit nicht erkennen konnten, aber sie blickten doch gespannt in diese Richtung. Das Schnattern der Gänse wurde immer lauter, und nun, da das Tier, das sich da näherte, nicht mehr so weit entfernt war, konnten sie es deutlich erkennen. Es war ein großer schwarzer Wolfshund. Er hielt den Kopf gesenkt und trabte auf das Haus zu. Das Schnattern der Gänse schien ihn überhaupt nicht zu interessieren. Jetzt, so etwa zwanzig Meter vom Haus entfernt, blieb er stehen, hob den Kopf, hielt die Ohren steil aufgerichtet und blickte witternd in Richtung auf das Haus. Dann drehte er sich um und starrte zurück, als erwarte er noch jemanden. Dann aber senkte er wieder den Kopf und näherte sich dem Haus und den Gänsen, deren aufgeregtes Geschnatter immer lauter wurde.

„Was hat das zu bedeuten?“, stieß Joan hervor.

„Ein Suchhund“, murmelte Jube mehr zu sich selbst.

Dass dieser schwarze Hund etwas suchte, begriff auch Joan. Entsetzt sah sie, wie das große schwarze Tier stehenblieb, während die Gänse zischend und völlig furchtlos auf den schwarzen Wolf zukamen.

Aber dann schoss er auf eine der Gänse los, und da war es plötzlich mit dem Mut der kleinen Herde vorbei. Schnatternd und flatternd stürmten sie in Richtung auf das Haus zurück. Er jagte ihnen ein Stück nach, blieb dann aber stehen, hob den Kopf und äugte in Richtung auf Joan und Jube, die ja noch weit weg waren. Schließlich wandte er sich um und trottete auf der eigenen Spur zurück, blieb halbwegs zum Zugang des Tales wieder stehen, und dann tauchte er zwischen den Büschen unter.

„Und ob das ein Suchhund gewesen ist! Ich wette, da kommen welche, die hinter Ihnen her sind“, sagte Joan. „Ob das dieser Sheriff Tobler ist, der Sie verfolgt?“

Jube sah sie überrascht an. Sie hatte sich sogar diesen Namen gemerkt. „Es könnte sein, aber ich glaube nicht, dass er einen Hund hat. Das ist ein besonders großes Exemplar, sieht fast wie ein Timberwolf aus.“

„Man kann doch keinen Timberwolf dressieren“, erwiderte Joan. „Aber das ist auch jetzt nicht wichtig. Sie müssen weg! Wenn ein Aufgebot kommt, sind Sie bei mir nicht sicher.“

„Ja, ich gehe. Ich möchte Sie nicht in Gefahr bringen“, erklärte er enttäuscht. „Es war so schön hier, kurz, aber schön.“ Er lächelte schmerzlich, als er sie anblickte.

Sie lächelte zurück. „Das Pferd. Nehmen Sie unser Pferd. Warten Sie, ich zeige Ihnen was, da findet Sie niemand. Da ist Wasser dazwischen. Kein Hund wird die Spur bis dahin verfolgen können. Reiten Sie ans Ende des Tales, ganz durch. Es gibt einen Ausgang hinten, aber den dürfen Sie nicht reiten, das ist ein Trampelpfad. Er führt direkt an einem kleinen See vorbei. Reiten Sie durch den kleinen See hindurch nach links. Das Wasser ist flach, es reicht dem Pferd nur bis zum Bauch. Reiten Sie hindurch, und Sie werden auf der anderen Seite Büsche finden, reiten Sie ruhig in diese Büsche hinein, und steigen Sie dann ab. Sie können das Pferd freilassen, es wird von allein zurückkommen. Hinter den Büschen finden Sie eine Höhle, eine Art Stollen, den Ernest gebaut hat. Wir haben das gemacht, falls einmal Indianer kämen oder andere und wir uns retten müssten. Beeilen Sie sich, bevor das Aufgebot kommt. Vielleicht sind sie gleich da.“

Er nickte. „Und wenn ich zu Fuß gehe?“

„Mit Ihrem Fuß schaffen Sie das nicht schnell genug. Es ist viel zu weit. Nehmen Sie das Pferd. Warten Sie, bleiben Sie hier, ich hole es Ihnen.“

Sie setzte ihren Eimer ab und rannte los. Sie raffte ihre Röcke, und er sah ihre Beine bis zu den Knien. Es waren schlanke Beine, die ihn auf Gedanken kommen ließen, die er jetzt nicht gebrauchen konnte.

Und dann hatte sie das Pferd aus dem Corral geholt und kam damit an. Es war ungesattelt, aber es sollte auch ungesattelt bleiben. Er sprang auf das Tier. Sie sah ihn noch einmal an und rief, als er schon anritt: „Wir sehen uns wieder. Wir sehen uns wieder, wenn sie weg sind.“

„Ganz bestimmt sehen wir uns wieder“, erwiderte er. „Ich habe hunderttausend Gründe, dich wiederzusehen, Joan.“

Es irritierte sie keine Sekunde, dass er sie geduzt hatte, im Gegenteil. Sie lächelte, streckte die Hände nach ihm aus, als wollte sie ihn festhalten, aber er ritt schon davon. Er ritt genau in die Richtung, die sie ihm gezeigt hatte.

Kaum war er weg, blickte sie auf den Zugang des Tales hin. Aber da geschah nichts, und von dem schwarzen Timberwolf war auch nichts zu sehen.

Vielleicht ist es Unsinn, was ich denke. Vielleicht kommt überhaupt niemand, und es ist am Ende tatsächlich ein Wolf. Aber dann hätte er doch eine der Gänse gepackt, und er wäre nicht wieder zurückgelaufen. Angst hat er bestimmt nicht vor den Gänsen gehabt; im Gegenteil, er hat sie in die Flucht gejagt. Das schaffen wenige Hunde, weil es so viele Gänse sind.

Schließlich sah sie dem immer kleiner werdenden Jube auf seinem Pferd nach. Und dann war er ganz verschwunden. Sie atmete erleichtert auf, weil noch immer niemand am Zugang des Tales aufgetaucht war.

Sie musste die Kühe melken, und das duldete keinen Aufschub. Also machte sie ihre Arbeit.

Als sie zwei Kühe fertig gemolken hatte, ohne dass jemand gekommen war, glaubte sie nun wirklich, dass es sich um ein streunendes Tier gehandelt hatte und nicht um einen Suchhund. Sie wollte das auch gern glauben, es erleichterte sie, das zu denken. Aber als sie zwei weitere Kühe gemolken hatte und sich neben die letzte setzte und gerade dabei war, ihr die vorderen Striche zu massieren, da hörte sie die Gänse wieder aufgeregt schnattern, viel aufgeregter als zuvor. Sie unterbrach ihre Arbeit, stand auf, weil die Kuh ihr die Sicht verdeckte, und sah, dass der schwarze Wolf wieder aufgetaucht war, diesmal aber nicht allein. Ihm folgten in weiterem Abstand zwei Reiter. Der eine saß auf einem großen Blauschimmel, der andere auf einem Maultier. Der mit dem Maultier ritt voraus, zog sein Maultier herum und ritt auf eine Buschgruppe zu, die etwas abseits vom Pfad stand. Und hier tauchte er unter.

Nur zwei, dachte Joan. Kein Aufgebot. Vielleicht suchen die gar nicht nach Jube. Aber dann kam dieser Reiter auf dem Blauschimmel näher, und in der Morgensonne blitzte etwas auf seiner rechten Brustseite.

Sie wusste sofort, dass es sich um ein Abzeichen handeln musste, und damit stand für sie fest, dass dieser Mann gekommen war, um Jube zu holen.

Sie blickte noch einmal in ihrem Umkreis herum, ob nicht irgend etwas auf Jube hindeutete. Seinen Eimer und den Melkschemel stellte sie hinter einen Busch. Jetzt war nichts mehr da, was auf ihn hinwies, jedenfalls sah sie nichts mehr.

Ohne sich weiter um die Fremden zu kümmern, setzte sie das Anrüsten des Euters fort und begann zu melken.

Der Boden des Eimers war noch nicht bedeckt, als der Reiter auf dem Blauschimmel ein Stück von ihr entfernt sein Pferd zügelte. Er hatte sich so hingestellt, dass sie ihn sehen konnte. Er tippte mit zwei Fingern an die Krempe seines schwarzen Hutes, und sie musterte ihn kurz. Er war ein großer, blonder, eigentlich sehr sympathisch wirkender Mann. Auf seiner rechten Brustseite war das Abzeichen eines Texas-Rangers zu sehen.

Es ist eigenartig, dachte sie, monatelang, ja, jahrelang ist niemand hierhergekommen, und jetzt auf einmal kommt einer nach dem anderen. Aber sie empfand trotz seines sympathischen Aussehens Widerwillen gegen den Texas-Ranger, denn er war gekommen, um Jube zu holen, da war sie jetzt ganz sicher.



5

Der große schwarze Hund, der aussah wie ein Timberwolf, näherte sich.

„Bleib da, Sam“, hörte Joan den Texas-Ranger sagen, und dann wandte er sich ihr zu. „Mein Name ist Cadburn. Für wen ich reite, sehen Sie. Ich suche einen Mann namens Jube Naylor. Ist er hier gewesen?“

Sie schüttelte stumm den Kopf. Cadburn betrachtete Joan nachdenklich. Für ihn stand es fest, dass dieser Mann hier gewesen sein musste. Die Spur führte hierher.

„Er war also nicht hier?“, fragte er erneut, und sie schüttelte wieder den Kopf. Da wandte sich Cadburn um und rief dem schwarzen Timber zu: „Lauf vorbei, da drüben!“ Er machte eine kreisende Handbewegung, und Joan sah ganz deutlich, wie der Timberwolf erst auf der Spur weitersuchen wollte, dann aber dem Befehl nachkam und einen Bogen um die Kühe machte, die von der Nähe dieses vermeintlichen Wolfes ohnehin schon beunruhigt waren. Er lief in weitem Kreis um die Herde herum, den Kopf tief am Boden, und plötzlich schien er wieder eine Spur zu haben. Er stand genau auf der anderen Seite, ungefähr dort, wo Jube weitergeritten war.

„Also lauf, such!“, rief ihm Tom Cadburn zu.

„Was soll er denn suchen?“, wollte Joan wissen.

„Den Mann, diesen Jube Naylor.“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, er war nicht hier.“

Cadburn schwieg dazu. Er betrachtete die Frau und überlegte wohl, wie er sie einordnen sollte. War sie eine Bekannte von Jube Naylor? Eigenartig, dachte er, dass ich dieses Tal nie gekannt habe. Dabei bin ich schon oft den Apachen-Pfad geritten. Aber von dieser Seitenabzweigung habe ich nichts gewusst. Sam hat die Spur verfolgt und damit auch den Serpentinenpfad hier herauf gefunden.

„Wie lange leben Sie schon hier?“, erkundigte er sich.

„Schon einige Jahre.“

„Darf ich erfahren, wie Sie heißen?“

Sie nannte ihren Namen.

„Sind Sie die Frau von Ernest Loman?“, fragte er sofort.

„Ernest ist tot.“

Tom Cadburn kannte die Geschichte von Ernest Loman. Er wusste auch, dass er einer der besten Scouts gewesen war, die es jemals gegeben hatte. Niemand kannte den Llano Estacado besser als er.

„Wieso? Ist ihm etwas zugestoßen?“, fragte er teilnahmsvoll.

„Ernest ist in Llano in einer Höhle umgekommen.“

Tom Cadburn konnte sich sofort denken, woran. „Giftige Gase, nicht wahr? Daran wäre ich selbst einmal fast gestorben. Wer hat ihn denn gefunden?“

„Hawk, der Indianer.“

„Und Hawk ist nicht mehr bei Ihnen? Sie könnten ihn hier gut gebrauchen.“

Sie nickte. „Das könnte ich. Er ist auf einem Jagdzug. Er wird bald wiederkommen.“

Tom sah sie zweifelnd an. „Glauben Sie wirklich? Er war Ihrem Mann verschworen. Ich kenne die Geschichte und habe die beiden oft getroffen. Sie sind ja auch später noch mit Wagenkolonnen durch die Llanos. Ich weiß nicht, ob er wiederkommt. Mit Ihnen hat er keinen Kontrakt. Sie kennen doch die Indianer. Ihr Mann hat ihm das Leben gerettet, und damit war Hawks Leben Ihrem Mann verpfändet, so will es indianische Religion. Nun ist Ihr Mann tot, da wird Hawk wieder frei herumstreifen.“

„Er ist noch einmal hier gewesen“, sagte sie.

„Wollen Sie hier allein bleiben? Es ist nicht ungefährlich.“

„Mir hat bis jetzt noch niemand etwas getan. Es ist noch niemand dagewesen“, erklärte sie, vermied es aber, ihn anzusehen. Sie presste die Stirn in die Flanke der Kuh und molk weiter.

Tom Cadburn blickte über die Rinder hinweg zu Sam hin, der zielstrebig zum anderen Ende des Tales hin trabte.

„Ich glaube nicht, dass Sie mir die Wahrheit sagen, Mrs. Loman. Das sollten Sie aber tun. Der Mann, den wir suchen, ist nicht ganz ungefährlich, jedenfalls wird das von ihm behauptet. Er ist schnell mit dem Revolver zur Hand.“

Sie tat gar nichts dergleichen und molk weiter. Am liebsten hätte sie ihm eine barsche Antwort gegeben und erwidert, dass Jube alles anders als ein Killer war, als den ihn dieser Texas-Ranger wohl hinstellen wollte.

„Sie sollten mir doch die Wahrheit sagen, Mrs. Loman“, erklärte Cadburn.

„Und Sie sollten Ihren Partner offen zeigen! Meinen Sie, ich hätte nicht gesehen, dass er sich in den Büschen verkrochen hat?“

Tom Cadburn lachte. „Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme. Dieses Tal hat, soviel ich annehme, keinen zweiten Ausgang. Wenn Jube Naylor also hier im Tal ist und entkommen will, muss er zurück zu demselben Zugang, durch den er wie ich das Tal erreicht hat. Ich will aber nicht, dass er mir entkommt. Deswegen sitzt mein Partner da vorn in den Büschen. Er wartet nicht auf Sie, er wartet auf Naylor.“

„Er wird alt und grau über diesem Warten, denn da kommt niemand“, erklärte sie fest. „Es ist ja auch niemand hier.“ Sie hielt weiter die Stirn gegen die Flanke der Kuh gepresst und molk. Sie vermied es, ihn anzusehen. Vielleicht, so sagte sie sich, sieht er, dass ich ihn anlüge. Aber womöglich weiß er es auch so. Er ist so sicher. Vertraut er seinem Hund so sehr?

Als habe Cadburn diese Gedanken geahnt, sagte er: „Ich kann mich auf Sam verlassen. Er ist ein halber Schwarzwolf und ein halber Schäferhund. Wenn er eine Spur verfolgt, irrt er sich nicht, und er hat eine Spur hier herauf verfolgt, die Spur des Mannes, den wir suchen. Bei einer Rast hat der etwas zurückgelassen. Deswegen haben wir seine Witterung.“

„Vielleicht war es ein Irrtum. Vielleicht haben Sie die Witterung von Hawk. Er ist der einzige, der in letzter Zeit hier heraufgekommen ist“, entgegnete sie.

Cadburn nickte. „Mag alles sein. Ich traue am meisten den Dingen, die ich sehe. Wir treffen uns gleich wieder, denke ich.“ Dann ritt er los.

Sie hielt mit dem Melken inne, stellte sich auf, damit sie ihn auch weiterhin sehen konnte und blickte über die Kuh hinweg ihm nach.

Er ritt in dieselbe Richtung, in die auch der schwarze Wolfshund gelaufen war. Irgendwo dort hinten war der See, und irgendwo dort hatte sich hoffentlich auch Jube versteckt. Sie wünschte inständig, dass der Texas-Ranger ihn nicht finden würde. Das Versteck war gut, aber vielleicht hatte Jube einen Fehler gemacht. Vielleicht führte auch das Pferd diesen Ranger auf die richtige Spur. Womöglich stand es noch im Wasser oder, was schlimmer war, am anderen Ufer zwischen den Büschen, dann wusste er Bescheid. Dann würde er sich überzeugen wollen.

Die Ungewissheit zehrte an ihren Nerven. Sie war mit dem Melken fertig, hängte die Kannen an das Tragejoch, legte es sich auf die Schultern und ging mit der schweren Last zum Haus zurück. Dort setzte sie die Kannen ab und holte noch den halb gefüllten Eimer und das Seihsieb.

Eine Weile lang hatte sie mit dem Abfüllen der Milch in die Bottiche zu tun. Dann musste sie sich um die Kinder kümmern. Susan war wach, Bob allerdings schlief noch, und Susans erste, kaum verständliche Frage war: „Onkel?“ Sie wollte den Onkel sehen.

„Da ist niemand. Da ist kein Onkel“, sagte Joan unwirsch.

Als dann auch noch Bob aufstand und sich sofort nach Jube erkundigte, erklärte sie ihm, dass er nicht mehr darüber sprechen dürfe. Es wären zwei fremde Männer da, die Jube suchten.

„Sie wollen ihn wegschaffen. Sie wollen ihn mitnehmen. Sie wollen ihn in ein Gefängnis sperren. Du darfst nicht sagen, dass Jube hier war. Du darfst überhaupt nichts von ihm sagen. Sprich nicht mit diesen fremden Männern“, schärfte sie Bob ein.

Etwas Ähnliches hatte sie zuvor Bob von seinem Vater gesagt, aber dann war doch alles herausgekommen. Das hatte sogar Bob verstanden, und er nahm sich vor, nichts von Jube zu verraten. Überhaupt wollte er mit den fremden Männern nicht sprechen. Aber es interessierte ihn, wo sie waren, aber er sah nichts von ihnen. Joan erklärte ihm, der eine sei hinter den Büschen, und sie zeigte ihm auch die Richtung, und der andere sei ans Ende des Tales geritten. Er habe auch einen großen schwarzen Wolfshund.

Bob hatte noch nie im Leben einen Hund gesehen. Er wollte unbedingt wissen, was das ist. Aber Joan vertröstete ihn und schärfte ihm noch einmal ein, ja nicht mit den beiden Fremden zu sprechen.

Es dauerte lange Zeit, ehe Tom Cadburn zurückkam. Er saß lässig auf seinem großen blaugrauen Pferd, und voraus trabte der schwarze Wolfshund. Diesmal hielt er den Kopf hoch. Er lief zielstrebig am Haus vorbei. Dann kamen wieder die Gänse, aber als sie ihn gewahrten, liefen sie schnatternd davon. Er knurrte nur, und das reichte ihnen.

Joan, die den Hund beobachtete, konnte deutlich sehen, dass er am liebsten den Gänsen nachgerannt wäre und eine von ihnen gepackt hätte. Aber er bezwang sich offenbar und war gut abgerichtet. Vor dem Tränketrog am Haus setzte sich der Hund nieder. Tom Cadburn ließ den Hengst saufen, füllte seine Wasserflasche, und als Joan in die Tür trat, sagte er: „Sie haben recht gehabt, wir haben nichts gefunden.“

Joan bezwang sich, ihre Erleichterung nicht offenkundig werden zu lassen. Es kostete sie Überwindung, mürrisch zu sein und in diesem Ton zu sagen: „Ich habe es Ihnen gleich gesagt. Der Hund hat die Spur von Hawk verfolgt. Sie sind auf der falschen Fährte.“

Tom Cadburn lächelte. „Offensichtlich sind wir das. Tut mir leid, Ma‘am.“ Er legte die Wassersäcke quer über sein Pferd, saß auf, tippte mit zwei Fingern wieder an die Hutkrempe und sagte: „Vielleicht später einmal.“ Dann wandte er sich dem schwarzen Wolfshund zu. „Komm, Sam, zurück.“

Er ritt vom Haus weg und drehte sich auch nicht nach der Frau um. Er war sicher, dass sie ihm nachsah, und er hatte, obgleich sie das zu vertuschen versucht hatte, ihre Erleichterung deutlich erkannt.

Als er bei den Büschen ankam, tauchte Old Joe auf, führte Rosinante, ein hässliches Maultier, aus der Deckung heraus und fragte: „Du willst doch nicht sagen, dass er verschwunden ist?“

Sie waren weit genug vom Haus entfernt, dass sie reden konnten, ohne gehört zu werden.

„Die Spur führt bis ans Ende des Tales zu einem kleinen See. Der See ist ziemlich flach. An diesem See endet die Spur, und es gehört nicht viel dazu, um sich vorzustellen, dass er dort durchs Wasser ist. Aber er hatte ein Pferd gehabt, und dieses Pferd befand sich ein Stück weit entfernt auf einer guten, saftigen Wiese. Es ist ja die Spur des Pferdes, der Sam gefolgt ist, und das hat ihn irritiert. Er ist dann zu dem Pferd hingelaufen, und da war für ihn endgültig Schluss. Ich habe mir dieses Pferd angesehen. Jemand ist darauf geritten. Es ist ungesattelt gewesen. Also ist jemand mit dem Pferd durch den See. Ich bin mit Thunder durchs Wasser geritten, und es geht an der tiefsten Stelle noch nicht einmal bis zum Bauch des Pferdes. Auf der anderen Seite sind Büsche. Irgendwo hat er sich da verkrochen. Es gibt hundert Möglichkeiten für ihn, denjenigen, der sich ihm nähert und ihm gefährlich wird, abzuschießen. Ich möchte nicht die Zielscheibe sein.“

„Also willst du auf die Nacht warten“, meinte Old Joe.

„Das oder darauf, dass er das Tal verlässt.“

„Da kannst du lange warten. Was sagt die Frau?“

„Die Frau hält zu ihm. Sie behauptet, es sei niemand hier gewesen. Die Lüge steht ihr auf der Stirn geschrieben. Ich frage mich nur, warum sie es tut. Weißt du, wer sie ist?“

„Keine Ahnung. Ich habe ja von diesem Tal noch nicht einmal etwas gewusst.“

„Sie ist die Frau von Ernest Loman.“

„Und wo ist Ernest?“

„Sie sagt, er sei tot, vergiftet in einer der Höhlen im Llano. Du weißt, wo ich meine.“

„Was hatte er da zu tun?“

„Er wird angenommen haben, dort sei Gold. Das hat er immer wieder behauptet. Wenn man in den vorderen Teil der Höhlen eindringt, passiert weiter nichts. Da habe ich mich selbst einmal vor einem Sandsturm gerettet. Aber wenn man tiefer hineingeht, und die sind sehr tief, können die giftigen Gase nicht mehr abziehen. Dann schläft man einfach ein. Und da hat ihn Hawk gefunden, der Indianer. Diese Giftgase sind nicht immer da, jedenfalls nicht so, dass man gleich daran stirbt. Man wird nur müde. Aber bei bestimmter Witterung sind sie so stark, dass man einfach erstickt. Das hängt mit der Windrichtung zusammen. Jedenfalls ist Ernest nicht mehr am Leben.“

„Und Hawk ist auch nicht da?“

Tom Cadburn schüttelte den Kopf. „Nein. Weißt du, wir beide haben Ernest Loman sehr geschätzt. Er war ein phantastischer Mann. Irgendwie fühle ich mich auch seiner Witwe gegenüber verpflichtet. Wie oft hat uns Ernest geholfen, wie viele Menschen hat er vor Sandstürmen, vor Gewittern, aber auch vor dem Verdursten in der Wüste gerettet! Er hat irgendwie einen Anspruch darauf, dass wir seine Frau nicht so hart herannehmen. Sie scheint diesen Jube Naylor zu kennen.“

„Aber wir haben einen eindeutigen Befehl. Wir müssen ihn fassen. Dabei werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Burschen in Neu-Mexiko ziemlich lässig an diese Sache herangegangen sind.“

„Das wird Colorado klären. Darüber brauchen wir uns den Kopf nicht zu zerbrechen. Er geht gründlich vor. Er ist ein harter Bursche. Der lässt sich von niemandem ein X für ein U vormachen.“

„Aber wir müssen ihn fassen und ausliefern.“

„Ausliefern an Colorado. Er ist in diesem Bezirk zuständig. Viola war sein Mann. Diese drei Burschen, die Naylor betrügen wollten, betrifft es erst in zweiter Linie.“

„Wenn ihn Lomans Frau kennt, dann hat ihn auch Ernest gekannt. Ernest hatte keine Kriminellen zu Freunden.“

„Dieser Junge ist kein typischer Krimineller“, verbesserte Tom Cadburn seinen alten Partner. „Du weißt doch, wie das ist. Die waren unterwegs, haben Rinder getrieben. Ein paar Rinder gehörten denen, und dann sind da so drei Burschen, die glauben, sie könnten das Geschäft alleine machen. Sie sind ganz einfach mit dem Geld abgehauen, das sie eigentlich jenem Royce und Naylor auszahlen mussten. Versetz dich doch mal in die Lage von Naylor. Dem läuft doch die Galle über, Royce natürlich genauso. Sie kommen in die Stadt nach einem langen Ritt, und da sitzen diese drei Geier am Kartentisch.“

„Und mit ihnen sitzt ausgerechnet ein US Marshal“, stellte Old Joe fest.

„Das Thema hatten wir schon. Der hat sie wohl auch falsch eingeschätzt. Jedenfalls kommen die zwei ‘rein, die Kanonen in der Hand, und wollen ihre Greenbacks zurück, mehr nicht. Alles andere ergibt sich blitzartig. Vielleicht eine falsche Handbewegung. Womöglich hatte doch einer von denen schon die Waffe gezogen. Vielleicht kamen sie gar nicht mit dem Revolver in der Hand herein, und das hat in Wirklichkeit ganz anders ausgesehen. Aber es sind Leute, die sich untereinander kennen, die reden dann, wenn es darauf ankommt, nicht das, was die Wahrheit war, sondern das, was ihnen in den Kram passt. Ich habe sie nicht verhört, ich weiß von nichts. Colorado hat es ebenso wenig getan. Der wird sich jetzt erst damit beschäftigen. Jedenfalls sitzt dieser Bursche hier im Tal, das ist absolut sicher. Holen wir ihn heute Nacht heraus oder wollen wir darauf warten, dass er uns ins Netz läuft?“

„Ich habe keine Lust, den Rest meiner Tage in diesem Tal zu verbringen“, meinte Old Joe, „so schön es hier auch ist.“

„Und ich habe keine Zeit dazu. Also heute Nacht.“

„Willst du hier warten?“, erkundigte sich Old Joe.

Tom Cadburn schüttelte den Kopf. „Nein, hier warten ist Blödsinn. Das Tal hat hinten einen Ausgang. Es ist sehr schwierig, da hinauszukommen. Man braucht ein äußerst trittfestes Tier, wenn man es nicht zu Fuß versuchen will. Zu Fuß ist es auf alle Fälle zu schaffen.“

„In anderen Worten, einer von uns muss den hinteren Ausgang dichtmachen und der andere hier vorn.“

„Genauso ist es“, bestätigte Tom Cadburn. „Er könnte sonst bei Tag schon verschwinden.“

„Kann man das Tal nicht umgehen?“

Tom Cadburn schüttelte den Kopf. „Nein. Die Berge ringsherum sind viel zu zerklüftet. Also übernimmst du das Warten hier vorn, und ich reite zum anderen Ende.“

„Hoffentlich macht dieser Junge keinen Blödsinn“, sagte Old Joe nachdenklich. „Bei uns wäre er in guten Händen.“

„Mir wäre am liebsten gewesen, wir hätten ihn geschnappt, bevor er in dieses Tal gekommen ist.“

Old Joe sah ihn überrascht an. „Wieso? Meinst du wegen Mrs. Loman?“

Tom nickte. „Sie hat ihn so beharrlich verleugnet. Wann tut das eine Frau?“

„Wenn sie einen Mann liebt“, erwiderte Old Joe. „Oder wenn er mit ihr eng verwandt ist.“

„Dann ist es auch eine Art Liebe. Auf alle Fälle hält sie zu ihm. Sie muss ihn kennen, und sie muss ihn schon länger kennen, anders kann ich es mir nicht erklären.“

„Ja, jetzt möchte ich auch sagen, dass es besser gewesen wäre, wir hätten ihn vorher geschnappt. Auf alle Fälle warte ich unten auf dem Apachen-Pfad, direkt unterhalb der Serpentinen. Wann treffen wir uns wieder?“

„Morgen früh. Ich werde jetzt nach hinten reiten und dort warten. Die Nacht treibe ich ihn aus seinem Versteck. Entweder gelingt es mir, ihn zu fassen, das wäre die beste aller Lösungen, oder aber er flieht. Dann wird er versuchen, durchzubrechen. Denk daran, dass noch nichts bewiesen ist, was seine Schuld angeht. Hätte Colorado mir gesagt, er selbst hat alle Leute verhört und ist ganz sicher, dass es zutrifft, was sie dem Jungen anhängen wollen, dann gäbe es keinen Pardon, aber so …“

„Es geht dir auch um die Frau, nicht wahr?“ Old Joe blickte seinen langjährigen Sattelpartner aufmerksam an.

Tom nickte. „Ja, es geht mir auch um Mrs. Loman, Ernest zuliebe, verstehst du?“

Old Joe nickte. „Ich verstehe dich. Also dann, bis morgen früh.“



6

Jube tat die Ruhe gut, und seinem Fuß ging es immer besser. Er saß vor dem durch Büsche verdeckten Stollen, an dem Ernest Loman gebaut hatte. Die Sonne stand noch ziemlich tief. Das Land war kühl. Jube tat die Wärme der Sonne gut. Aber all das war mit einem Schlag vergessen, als er den Reiter wiederkommen sah. Er hatte ihn vorhin schon beobachtet, als der am Wasser herumgestrichen war. Dann schien alles gut auszugehen. Der Mann hatte sich wieder verzogen mit seinem Pferd und seinem schwarzen Hund. Nun kam er zurück. Diesmal folgte der Hund keiner Spur. Er lief neben dem Pferd her. Der Reiter ritt zielstrebig auf den See zu.

Hastig verkroch sich Jube im Stollen. Er zog die Zweige des direkt vor dem Stolleneingang gepflanzten Busches wieder herüber, so dass er sehen konnte, aber nicht gesehen wurde. Durch die Blätter hindurch beobachtete er den Mann, der jetzt am Wasser hielt, ziemlich genau an der Stelle, wo zuvor der schwarze Wolfshund am Ende der Spur angelangt war.

Etwas weiter stand noch immer der Fuchs, auf dessen Rücken Jube den See durchquert hatte, der dort drüben graste und wieherte, als er den Hengst sah. Auch dieser Blauschimmelhengst blähte die Nüstern und schnaubte erregt, und seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz der Stute. Vielleicht, dachte Jube, setzt bei der Stute die Rosse ein, dann wird dieser Ranger zu tun haben, dass er seinen Hengst im Zaum hält.

Der schwarze Wolfshund lief am Wasser entlang, suchte wohl immer noch nach einer weiterführenden Spur, kehrte dann aber zum Texas-Ranger und dessen Blauschimmel zurück.

Der Texas-Ranger blickte aufmerksam in die Runde, als wolle er sich jede Einzelheit einprägen. Jube rechnete schon damit, dass der Mann auftauchen werde, aber er kam nicht. Zu seiner Verblüffung ritt der Ranger auf seinem großen Blauschimmel weiter. Zunächst blieb er direkt am Ufer des Sees, bog aber dann davon ab und hielt auf das Ende des Tales zu.

Einen Augenblick lang war Jube geneigt zu frohlocken, fühlte Triumph in sich aufkommen, glaubte, der Ranger habe sich täuschen lassen. Aber dann bekam sein Misstrauen Oberhand. So leicht würde es sich dieser Mann doch nicht machen. Vorhin war er noch durch den See geritten. Er hätte gut und gerne bis ans andere Ufer herankommen können, warum hatte er es nicht getan? Und jetzt ritt er weg.

Es gab irgendwo da hinten einen Ausgang. Vielleicht wusste er das und wollte die letzte Fluchtmöglichkeit unterbinden.

Zum Ende des Tales hin war alles von Büschen bedeckt, die zum Teil beträchtliche Ausmaße hatten. Zwischen diesem Buschwerk verschwand der Reiter. Jube hätte viel darum gegeben, ihn zu sehen. Aber weder das Pferd noch der Mann und sein schwarzer Wolfshund tauchten noch einmal auf. Dabei war Jube absolut sicher, dass der Texas-Ranger irgendwo da drüben in den Büschen sein musste.

Jube beobachtete die Zweige, ob sich nicht einer oder der andere augenfällig bewegte. Doch nichts verriet, dass dort ein Pferd, ein Mann und ein schwarzer Wolfshund lauerten.

Jube beobachtete die Felsen. Vorhin, als der Reiter in das Buschwerk hineingeritten war, hatte Jube Vögel beobachtet, die aufgeflogen waren, sich dann aber wieder niederließen.

Und auch die Vögel gaben ihm durch ihr Verhalten keinen Hinweis darauf, ob der Texas-Ranger nicht dort oder da zwischen den Büschen steckte.

Vielleicht ist er dort weitergeritten. Vielleicht versucht er, den Zugang des Tales am anderen Ende zu erkunden. Verdammt, man sieht einfach nichts! Diese Büsche, sie nehmen einem die Sicht, dachte Jube und wäre am liebsten aus seinem Stollen herausgekommen, den Hang heraufgeklettert, um mehr von dem zu sehen, was ihn so beschäftigte. Aber das ließ er doch besser.

Die Sonne stieg höher, es wurde wärmer. Er spürte Hunger. Etwas mitzunehmen, hatte die Zeit nicht gereicht. Noch nicht einmal seinen Tabaksbeutel hatte er bei sich, diesen jämmerlichen, allerletzten Rest, den er besaß.

Hoffentlich kommt sie nicht und will mir etwas bringen! Sie würde mich verraten, dachte er. Und als seine Gedanken bei Joan waren, wurde ihm warm. Sie war eine phantastische Frau. Auf Anhieb hatte sie ihm gefallen, und er verfluchte seine eigene Situation. Er konnte es einfach nicht fassen, dass sie ihn zum Mörder stempeln wollten. Ein paar Sekunden lang war er geneigt, einfach aufzugeben, sich zu stellen. Sie mussten doch die Wahrheit anerkennen, das ließ sich doch alles feststellen. Warum sollte er sich jagen lassen wie ein tollwütiger Hund?

Sie werden lügen, dieser Tobler ebenso wie alle anderen. Dann hätten sie gleich im Saloon die Wahrheit sagen können. Aber sie hatten alle miteinander gelogen und würden es ganz sicher auch vor einem Gericht tun. Ich darf mich nicht stellen. Ich darf nicht aufgeben. Ich muss versuchen, diesem Texas-Ranger ein Schnippchen zu schlagen. Ich muss fliehen. Aber ich werde zurückkommen, zurück zu Joan. Ich weiß, dass sie mich mag, und ich mag sie auch, sie und ihre Kinder. Vielleicht werden es dann meine Kinder sein. Ich möchte so gerne glücklich sein, jetzt endlich, wo ich eine Frau gefunden habe, von der ich weiß, dass sie die richtige ist, da hängt mir diese verdammte Geschichte am Bein. Wie komme ich da nur wieder heraus? Wenn es nur eine Gerechtigkeit gäbe! Aber ich glaube nicht daran. Alle lügen. Les hat auch immer gesagt, dass es eine Gerechtigkeit nicht gibt. Wir müssen uns das Geld mit Gewalt holen, das Geld, das drei Lumpenkerle einfach behalten haben und womit sie abgerückt sind. Die hätte niemand bestraft, und uns, uns wollen sie zu Verbrechern machen.



7

Deputy Sheriff Jesse Tobler hatte die Stiefel in die Kante seines Schreibtisches gestemmt und wippte mit dem Stuhl, auf dem er saß. Sein Hut hing im Genick, und mit der Spitze seines Bowiemessers reinigte er sich umständlich die Fingernägel.

Ihm gegenüber lehnte im Rahmen der Tür US Marshal Colorado, der eigentlich Bud Clayburn hieß.

„Sie machen es sich reichlich bequem, Tobler“, erklärte der US Marshal. „Ich habe jetzt dreizehn Zeugen verhört, und ich musste mich beeilen. Ich muss mich noch immer beeilen. Vielleicht begeht dieser Mann eine Kurzschlusshandlung, wenn er sich Cadburn gegenübersieht. Der Texas-Ranger weiß nicht, was wirklich gespielt wird. Er wird, so ist anzunehmen, den Burschen so anpacken, als sei das alles wahr, was ihr ihm angedichtet habt.“

„Wir haben ihm nichts angedichtet“, entgegnete Tobler und warf entrüstet das Messer auf den Schreibtisch. Er nahm die Füße vom Tisch herunter, setzte sich in Positur und blickte Colorado herausfordernd an. „Diese Leute reden einen Haufen Unsinn, wenn das Ganze schon eine Zeitlang vorbei ist. Sie wissen genau, wie viel Wert man einem Zeugen beimessen kann.“

„Ich weiß es. Sie brauchen mir das nicht zu sagen, Tobler. Ich habe natürlich voneinander abweichende Auskünfte, aber in einem Punkt waren sie alle übereinstimmend, als ich ein wenig bohrender gefragt habe, als Sie das wohl getan hatten. Der Punkt ist, dass dieser Naylor seinen Revolver viel später zog als Royce, und der Punkt ist auch, dass Viola seinen Revolver längst heraus hatte, dass er offensichtlich auch schon geschossen hatte und sich Naylor wohl in einer Notwehrsituation gewähnt haben muss. Alles in allem: Das, was ihr Naylor anhängen wollt, ist völlig in sich zusammengefallen. Ich sagte ja, über ein Dutzend Zeugen. In dem Punkt habe ich überall dieselbe Aussage.“

„Mir haben jedenfalls die Leute etwas anderes erzählt“, behauptete Tobler. Er lehnte sich wieder zurück, stemmte die Stiefel erneut in die Tischkante und begann zu wippen. „Vielleicht erzählen sie dem Richter, wenn es irgendwann zu einem Prozess kommt, abermals eine neue Story. Ich kenne die Leute hier. Wenn man sie zuerst fragt, wenn es frisch ist, erfährt man die Wahrheit. Alles, was danach kommt, ist Quatsch.“

Colorado lächelte. Er kam einen Schritt auf den Schreibtisch zu, hakte die Daumen in den Gürtel und blickte den Deputy Sheriff nachsichtig an. „Hören Sie, Tobler, Sie machen es sich immer noch zu leicht. Man muss schon bei dem Verdacht von Mord, den man einem Menschen nachsagt, ein wenig gründlicher sein, ich möchte sagen, entschieden gründlicher!“, fügte er mit durchdringender Schärfe hinzu, und sein eben noch freundliches Gesicht verwandelte sich zu einem strengen Ausdruck. „Sie haben geschludert, Tobler. Es geht ja nicht nur um die Aussagen. Ich habe im Saloon diese ganze Geschichte rekonstruieren lassen, habe Leute an die Plätze dieser fünf Personen gesetzt, die am Tisch saßen, und vor allen Dingen habe ich etwas getan, was Sie völlig versäumt haben: ich habe diesen Spieler verhört.“

„Ich habe auch mit ihm gesprochen.“

„Sie haben nicht mit ihm gesprochen“, widersprach Colorado. „Er war ja schon weg, als Sie die Untersuchung eingeleitet haben. Sie haben sich nur erzählen lassen, was er gesagt hat. Aber mit ihm selbst haben Sie gar nicht gesprochen, konnten Sie gar nicht, er war fort. Und ich habe mit diesem Spieler ein langes Gespräch geführt.“

„Er ist überhaupt nicht in der Stadt“, erklärte Tobler.

Colorado schüttelte den Kopf. „Nein, das ist er nicht. Deswegen musste ich zu ihm hin reiten, das heißt, mit ihm habe ich vor allen anderen gesprochen, bevor ich hier ankam, und das hat mich stutzig gemacht. Dieser Mann erklärt nämlich, dass Naylor so gut wie unschuldig ist. Das einzige, was man ihm vorwerfen könnte, ist die Tatsache, dass er Les Royce begleitet hat, der ganz offensichtlich auf Gewalt aus gewesen ist. Les Royce ist tot. Wir können ihm nichts mehr vorwerfen. Aber Naylor, der einzige, der außer dem Spieler heil davongekommen ist, dürfte alles andere sein als ein Mörder, und es wird niemand da sein, der die Hand für Ihre Geschichte hochhebt. Tobler, die lassen Sie völlig alleine. In meiner Eigenschaft als US Marshal kann ich eine Vorvereidigung vornehmen, das heißt, ich habe sie das beschwören lassen, was sie mir ausgesagt haben. Sie kennen die Zeremonie, Tobler: linke Hand auf die Bibel, rechte Hand erhoben bei Kerzenschein, so will es das Gesetz. Da werden Wankelmütige weich. Ich habe schon manche Aussage widerrufen hören angesichts dieser Zeremonie. Der Gesetzgeber hat sich dabei etwas gedacht. Viele bekommen Angst vor einem höheren Richter und sagen dann die Wahrheit. Ich habe bei dieser Gelegenheit die Wahrheit erfahren. Das einzige, was ich jetzt noch tun kann, ist folgendes: Ich muss so schnell wie möglich den Texas-Ranger finden, und ich muss dafür sorgen, dass Naylor außer Verfolgung gesetzt wird. Das einzige, was wir von ihm brauchen, ist eine Aussage. Das ist aber kein Grund, um ihn durch Texas-Rangers, Sheriffs und Marshals hetzen zu lassen.“

Tobler zuckte die Schultern. „Mein Gott, man kann sich irren. Ich kann nur etwas tun aufgrund dessen, was mir die Leute sagen. Wenn sie mich anlügen, habe ich mit Zitronen gehandelt. Was will ich machen? Verdammt noch mal, benutzen Sie den Telegrafen. In Fort Davis ist eine Telegraphenstation, und das ist das Hauptquartier der Ranger. Also werden Sie ein Telegramm hinschicken, und für Sie hat sich die Sache.“

„Unsinn!“, widersprach Colorado. „Sie wissen genau, dass dieser Texas-Ranger unterwegs ist, unterwegs, sein Wild zu stellen. Für ihn ist Naylor sein Wild. Können Sie voraussehen, wie das ausgeht? Naylor hat Angst. Vielleicht schießt er um sich. Damit findet der Ranger bestätigt, dass Naylor genau der Mann ist, für den wir ihn gehalten haben. Nein, das Telegramm schicken wir. Und Sie werden sofort Ihren Sheriff informieren und im Hatford County meinen Befehl, dass Naylor außer Verfolgung ist, verbreiten. Sie werden auch dafür sorgen, dass alle Instanzen und Behörden das erfahren. Damit können Sie eine Menge wiedergutmachen, mir einen Gefallen tun und einen Haufen Zeit ersparen, Zeit, die ich dringend nötig habe, um Cadburn zu erreichen.“

„Wer zum Teufel ist dieser Cadburn?“

„Cadburn“, erklärte Colorado, „ist der Texas-Ranger, den Captain McNelly, der Chef der Texas-Ranger, auf Naylor angesetzt hat. Er ist einer der besten Texas-Ranger, die es überhaupt gibt. Er ist auf Naylor angesetzt, weil Naylor für die Behörden bis jetzt ein Mörder gewesen ist. Cadburn ist ein harter Bursche. Der fackelt nicht lange. Ich habe große Sorgen, dass wir hier einen Unschuldigen in unser Netz treiben und er aus diesem Netz lebend nicht herauskommt. Verdammt noch mal, so was darf nie wieder passieren, haben Sie verstanden, Tobler? Sie waren sehr leichtfertig, und ich schwöre Ihnen, wenn Naylor etwas passiert, unterhalten wir beide uns noch einmal, und dann wird Ihr Boss dabei sein.“

Tobler zog den Kopf ein, als habe er Schläge bekommen. Er schwieg, und er atmete erst auf, als Colorado die Tür hinter sich zuschlug, draußen auf seinen langbeinigen Schecken stieg und davongaloppierte.



8

Waffenlos fühlte sich Jube dem schwächsten Verfolger ausgeliefert. Ganz sicher wusste dieser Texas-Ranger, der irgendwo dort drüben lauerte, nichts davon, dass sein Gegner unbewaffnet war. Vielleicht hätte er sonst sofort das Gelände durchstöbert. Aber dieser Mann ging den Weg der Sicherheit und wollte weder sich noch eines seiner beiden Tiere in Gefahr bringen. Er wartet also auf die Nacht, dachte Jube, und bis dahin muss ich weg sein. Ich kann nicht warten. Ich muss bis dahin verschwinden.

Er verließ den Stollen, ungeachtet der Gefahr, der er sich jetzt aussetzte. Als er längs der Böschung entlanggehen wollte, spürte er wieder den Schmerz im Fuß, wenn auch längst nicht so schlimm wie am Vortag.

Die Böschung erhob sich gut zehn Meter vom Ufer des Sees bis hinauf zu den Felsen. Hier unten, wo Jube entlangzugehen versuchte, war das Ufer dicht mit Büschen bewachsen. Zugleich war der Boden morastig. Er rutschte leicht ab. Er hatte Mühe, sich auf dieser Schräge überhaupt hochzubewegen, und musste sich an den Ästen der Büsche festhalten. Die Belastung für seinen lädierten Fuß war bei einem solchen Vorwärtskommen um so größer. Mit zusammengebissenen Zähnen und verkniffenem Gesicht stand er nach kurzer Zeit da und fragte sich, ob es überhaupt lohnen würde, unter solchen Umständen weiterzugehen. Er musste auch dadurch, dass er sich an den Ästen festhielt, damit rechnen, dass sich die Büsche auffällig bewegten, und schließlich würde der Texas-Ranger das von seinem Standort aus beobachten. Vielleicht besaß er sogar ein Fernglas. Ganz sicher besaß er ein Fernglas, wie sich Jube sagen musste. Diese Leute haben alles, was zu einer Jagd notwendig ist, dachte er bitter.

Er fürchtete den schwarzen Wolf. Der hatte die Spur bis zum Ufer verfolgt. Dieser Texas-Ranger, so sagte sich Jube, weiß genau, dass ich hier drüben bin. Was er nicht weiß, ist die Tatsache, dass ich keine Waffe habe. Er will also wirklich abwarten, bis es dunkel wird, und dann holt er mich, holt mich mit Hilfe seines Wolfshundes, der mich aufstöbert. Er reitet durch den See. Er hat es ja schon probiert und weiß auch, dass der nicht tief ist.

Die Verzweiflung trieb Jube an. Er brauchte nur daran zu denken, dass der Texas-Ranger ganz gelassen bleiben konnte, um ihn einzufangen und nach Glain zurückzubringen. Natürlich werden sie mich nach Glain bringen, sagte sich Jube. Und dort ist Tobler, dort sind alle diese Lügenbolde, die mich unter den Galgen bringen möchten. Warum nur wollen sie das?

Er wollte unter keinen Galgen. Er wollte kein Mörder sein. Er wollte frei leben, und vor allen Dingen wollte er es zusammen mit Joan tun, mit Joan und ihren Kindern.

Er hatte Hunger, und er fühlte sich schlapp. Die kurze Anstrengung hatte seine Reserven fast schon wieder verbraucht. Aber die Furcht, gefasst zu werden, trieb ihn an. Er empfand jetzt wieder Furcht. Gestern hatte er eine viel gleichgültigere Haltung eingenommen, jetzt aber hatte er keine Lust zu sterben und wehrte sich verzweifelt dagegen. Er wollte leben, wollte mit Joan zusammen sein. Der Gedanke an sie trieb ihn an. Er arbeitete sich weiter am schrägen Hang entlang, rutschte aus, fiel hin, stand wieder auf, kletterte weiter, rutschte abermals, glitt fast bis hinunter ins brackige Wasser, das schon zwischen den untersten Büschen stand, aber er quälte sich wieder höher hinauf, noch immer von Schmerzen im Fuß gepeinigt. Aber es war dennoch nicht so schlimm wie gestern. Er konnte sich sogar auf diesen Fuß stützen, obgleich es weh tat

Er war ein gutes Stück vorwärts gekommen, als er eine Stelle erreichte, wo keine Büsche standen. Verkohltes Holz ragte aus dem Boden. Hier musste es mal gebrannt haben. Das Feuer hatte eine Schneise in den Buschbestand geschlagen, eine Schneise, in der es keine Deckung für ihn gab.

Als er an dieser Stelle angelangt war, richtete er sich auf und versuchte, im Schutze der Zweige die Lage zu peilen. Plötzlich zuckte er zusammen, als er in Richtung auf Joans Farm sah. Da kam ein Wagen, ein Zweispänner, allerdings nur mit einem Pferd. Langsam näherte sich das Fahrzeug. Der Wind trieb ihm die Geräusche der ratternden Räder zu. Und dann erkannte er auch, wer auf dem Bock saß. Es war Joan, neben ihr der Junge. Vielleicht hatte sie das Kind hinten auf der Pritsche liegen.

Sie kommt, dachte er, um das Pferd zu holen, und vielleicht will sie versuchen, mir etwas zu essen zu bringen, womöglich auch meine Waffen. Verdammt noch mal, wie kann ich sie vor dem Ranger warnen? Der wartet doch nur auf diese Gelegenheit, dass sie mich durch eine Unachtsamkeit verrät. Der sitzt irgendwo dort hinten in den Büschen, lauert und beobachtet Joan bestimmt schon die ganze Zeit. Er hat sie sicherlich früher gesehen als ich.

Eine Chance der Flucht, dachte er, ist es. Ich könnte fliehen. Während sie auf den Texas-Ranger zufährt und er womöglich mit ihr sprechen will, werde ich meine Flucht in dieser Richtung fortsetzen. Ich zeige mich Joan nicht. Sie kann nicht wissen, dass dieser Texas-Ranger hier irgendwo lauert.

Er legte sich auf den Bauch und kroch über die deckungslose freie Strecke hinweg. Er robbte einfach diese knapp zehn Meter und hoffte, nicht gesehen zu werden. Vielleicht verdeckten die Büsche, durch die er vorhin gekommen war, dem Texas-Ranger die Sicht auf dieses freie Stück.

Er hörte den Wagen deutlicher als zuvor, konnte ihn aber von hier aus nicht sehen. Er rechnete damit, beschossen zu werden. Schweiß lief ihm den ganzen Körper herunter, rann ihm von der Stirn in die Augen, aber er hatte nicht einmal die Zeit, mit dem Handrücken den Schweiß aus den Augen herauszuwischen. Er kroch weiter und atmete erst auf, als er die deckenden Büsche erreicht hatte. Hier wandte er sich um und sah, dass er mit seiner Vermutung recht gehabt hatte. Das freie Stück war zwar drüben vom Weg aus, nicht aber vom Talende aus einzusehen.

Weiter!, dachte er. Ich muss weiter. Ich muss es ausnützen, dass er durch den Wagen abgelenkt wird. Und schon setzte er seine Flucht fort. Hier war es nicht mehr ganz so steil. Er kam besser vorwärts. Aber das Buschwerk war dichter. Er hatte Mühe, sich hindurchzuarbeiten, ohne allzu verräterische Bewegungen der Äste auszulösen.

Als er einmal zum See hinsah und damit auch zum Weg auf der anderen Seite, entdeckte er den Wagen, der gerade mit ihm auf gleicher Höhe dahinfuhr. Er sah sogar die kleine Susan hinten auf dem Wagen sitzen, und eine Kiste und ein Sack lagen ebenfalls auf der Pritsche.

Plötzlich ertönte vom Talende her ein schrilles Wiehern, dann ein brünstiges Schnauben.

Der Hengst!, dachte Jube sofort. Die Stute hat angefangen zu rossen.

Er richtete sich auf, blickte über die Büsche hinweg, befand sich aber noch im Schutz der obersten Zweige, und er sah, wie plötzlich dieser phantastisch schöne Blauschimmelhengst auftauchte. Er war ohne Sattel, ohne Zaum. Jetzt trabte er neben der Stute her, die zunächst davonzulaufen schien, dann aber stehenblieb. Der Hengst rieb seine Nüstern an der Flanke der Stute. Sie tänzelte nervös, wieherte wieder schrill, deutete ein Ausschlagen an. Aber er schien ihre Hinterhufe nicht zu fürchten, war jetzt neben ihr, fuhr mit seinem Maul an ihren Widerrist, an ihren Hals. Sie wandte den Kopf zu ihm nach oben, bleckte die Zähne, aber auch das scheuchte ihn nicht weg, und sie wollte es sicher auch gar nicht. Sie ließ es geschehen, dass er seine Nüstern an ihren Flanken rieb, an ihrem Bauch, und wieder tänzelte sie, aber ganz anders als eben. Sie hob den Schwanz, peitschte damit ihre Flanke, bewegte sich auf der Stelle. Und dann kam er. Mit der ganzen Kraft eines Hengstes in seinen Jahren bäumte er sich auf, ein Bild der Kraft. Sein uriges Schnauben ließ die Stute erbeben. Er klemmte ihren Körper zwischen seine Vorderbeine, während zugleich sein urgewaltiges Glied in sie drang. Die Stute sank fast auf die Knie unter dieser Last. Sie schnaubte erregt, und der Hengst strich ihr seine gebleckten Zähne über den Hals.

Es währte eine Minute oder zwei, dann ließ sich der Hengst von der Stute herabsinken, liebkoste sie noch einmal an Hals und Flanken, und sie erwiderte seine Zärtlichkeiten, indem sie den Kopf zu ihm zurückwandte und ihm ebenfalls mit ihren Lefzen über Brust und Hals fuhr. Dann aber, als er erneut auf sie steigen wollte, stieß sie ein zorniges Schnauben aus, keilte aus und trabte davon. Ein Stück weit folgte er ihr, dann blieb er stehen, reckte den Kopf hoch empor und trompetete durch dieses Tal, dass man es bis weit in den Bergen hören konnte.

Joan war mit dem Wagen stehengeblieben, und Jube konnte sich denken, welche Fragen Bob an sie stellen würde. Der Wallach, der im Geschirr stand, hatte, uninteressiert an dem Schauspiel, den Kopf gesenkt und versuchte, von dem Gras zu fressen, das zu seinen Füßen wuchs.

Er ist also da, dachte Jube. Irgendwo da hinten lauert er. Er hat sein Pferd freigelassen, aber die Tatsache, dass die Stute rossig ist, hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Hengst ist weggelaufen von der Stelle, wo er bleiben sollte, hat die rossige Stute gewittert und ist zu ihr, dachte Jube sofort. Das ist die Gelegenheit für mich, weiterzufliehen. Ich muss weg. Ich muss zum Haus, brauche mein Gewehr. Und dann werde ich durch die Berge verschwinden.

Er wusste nicht, dass der vordere Zugang besetzt war, aber er rechnete damit. Dieser Texas-Ranger, sagte er sich, ist nicht allein gekommen. Bestimmt warten vorn am anderen Zugang Tobler und dessen Männer. Die haben den Texas-Ranger ja mitnehmen müssen, denn sie hatten ja hier keine Befugnis, überlegte er sich. Nein, die kriegen mich nicht. Ich schieße mir den Weg frei, ganz gleich, was geschieht. Ich werde kein Risiko scheuen, meine Freiheit zu bewahren. Ich werde ihnen entkommen, auch dann, wenn sie dabei auf der Strecke bleiben sollten. Unschuldig hängen lasse ich mich nicht.

Im Schutze des Buschwerks kletterte er höher. Aber dann hatte er die Grenze der ihn schützenden Sträucher erreicht. Darüber war nackter Felsen, den er so ohnehin nicht emporklettern konnte.

Er wollte eigentlich seine Flucht fortsetzen, sah aber noch einmal zurück und entdeckte auf der anderen Seite vom See, wie Joan die Fuchsstute eingefangen hatte und jetzt zu ihrem Gespann führte. Der Hengst stand ein Stück abseits. Von dem Texas-Ranger und seinem schwarzen Wolfshund war nichts zu sehen. Aber Jube war sicher, dass der Ranger irgendwo lauerte.

Jube marschierte weiter, so schwer es ihm fiel. Er hatte sich einen Ast zurechtgeschnitzt, auf den er sich stützen konnte. Das half ihm zunächst ganz gut, vor allen Dingen hier am Hang. Aber dann kam die Stelle, wo der Busch endete und freie Grasfläche begann. Hier würde er auch von Weitem gesehen werden. Diese Stelle war auch das Ende des Sees. Es gab zwar noch Buschgruppen am Ufer, aber bis zu der Scheune und dem ein Stück dahinter befindlichen Haus bestanden keine Deckungsmöglichkeiten mehr für Jube.

Er beschloss, einfach loszumarschieren. Zunächst hielt er sich weiterhin am Rande des Tales, weil er hoffte, so viel später entdeckt zu werden, wenn der Texas-Ranger ihn überhaupt entdecken sollte. Noch schützte das zurückliegende Buschwerk, aber später dann konnte der Texas-Ranger die Weite des Tales gut übersehen, möglichst noch mit Hilfe eines Fernglases.

Wenn ich bis zum Abend hier warte, sagte sich Jube, könnte ich in der Dunkelheit wegkommen, aber da ist der Hund. Der Hund hat meine Spur sofort. Jetzt hat er den Hund bei sich und lässt ihn nicht suchen. Nein, ich muss jetzt bei Tag marschieren, muss das Haus erreichen, ich brauche meine Waffen. Vielleicht hat er die Waffen längst beschlagnahmt. Er ist doch sicher im Haus gewesen und …

Nein, ich werde weitergehen. Vielleicht kommt Joan zurück mit dem Wagen. Ganz sicher kommt sie zurück. Ich werde sehen, dass ich bis zum Weg komme, und dort lege ich mich flach auf den Boden. Vielleicht sieht er mich nicht.

Alles erschien ihm als ziemlich gewagt. Trotzdem wollte er den Versuch auf jeden Fall machen.

Aber bevor er dazu kam, seinen Beschluss in die Tat umzusetzen, hatte Joan durch ihr Handeln den weiteren Verlauf der Dinge bestimmt. Die Stute war von ihr mit einem Strick hinten am Wagen festgebunden worden, und nun stieg Joan wieder auf den Bock, kehrte um und fuhr am See entlang zurück. Verstohlen blickte sie immer wieder auf die andere Seite des Sees und hoffte etwas von Jube zu erkennen. Sie wollte eigentlich ein Stück weiter wieder anhalten und dort einfach warten. Niemand konnte ihr das hier verbieten. Sie wollte auf die Nacht warten und hatte sich mit allem darauf vorbereitet. Auf dem Wagen lagen versteckt unter Säcken das Gewehr und der Revolver von Jube. Lebensmittel hatte sie dabei, auch für sich selbst und die Kinder. Decken waren da und die Stiefel ihres Mannes, die ganz sicher Jube passen konnten. Er hatte keine Stiefel. Er lief immer noch mit den Mokassins herum. Weit konnte er damit nicht kommen.

Aber während sie noch auf jene Stelle zu fuhr, wo sie warten wollte, sah sie drüben in den Büschen eine Bewegung. Sie fragte sich, ob der Texas-Ranger, der ja in der Talspitze versteckt war, dies auch sehen konnte. Vielleicht nicht, überlegte sie sich. Von da aus wird die Stelle von vielen Büschen verdeckt. Da war es wieder! Zweige bewegten sich, und diese Bewegung pflanzte sich in Richtung auf das Seeende fort.

Jube, dachte sie. Er ist dort drüben, nachdem er das Versteck verlassen hat. Er will weg. Er will nicht in dieser Mausefalle sitzenbleiben, wo ihn der schwarze Wolfshund aufstöbern könnte. Natürlich, daran hätten wir denken können. Hunger muss er auch haben, der arme Kerl. Hoffentlich kann ich ihm helfen.

Und dann sah sie ihn, als sein Kopf zwischen den obersten Zweigen auftauchte und wieder verschwand. Schließlich hatte er wohl das Ende des Gebüschs erreicht.

Sie wusste in diesem Augenblick, was sie zu tun hatte. Sie fuhr weiter, blieb am Ufer des Sees, fuhr an dessen Ende um die Biegung herum und hier dann auf das offene Land zu. Dabei machte sie abermals einen Bogen auf die Büsche zu, hielt an, stieg vom Bock und tat so, als suche sie irgend etwas. Der Texas-Ranger würde sie ganz sicherlich mit einem Fernrohr beobachten. Eine ganze Weile tat sie so, als hantiere sie am Wagenrad. Sie nahm sogar den Hammer aus der Kiste unter dem Bock und hämmerte auf der Radnabe. Die Hammerschläge hallten weit durchs Tal. Schließlich warf sie den Hammer geräuschvoll in den Kasten zurück, und dann sah sie Jube.

Er war keine zwanzig Meter von ihr entfernt. Wenn ich mit ihm rede, dachte sie, kann es der Texas-Ranger keinesfalls hören, dafür ist er viel zu weit weg.

„Zeig nicht, dass du mich siehst“, sagte Jube, der sie wieder unbewusst duzte, aber sie empfand das wie eine Selbstverständlichkeit.

„Nein“, sagte sie, während sie ihm den Rücken zuwandte. „Ich werde gleich aufsteigen und werde weiterfahren, bis dicht an dich heran. Er wird es so nicht sehen können. Steig hinten auf den Wagen.“

Bob fragte: „Warum soll ihn niemand sehen? Das ist doch der Onkel.“

„Still, Bob. Sag gar nichts. Und du bist auch still, Susan. Seid ganz brave Kinder jetzt.“ Dann stieg sie auf den Wagen, fuhr los, bis sie auf gleicher Höhe mit Jube war. Der Wagen war von den letzten Büschen verdeckt. Jube sprang hinten auf die Pritsche, legte sich sofort flach hin, und Joan deckte ihn, während sie sich zurückbeugte, mit den Säcken zu. Sie ließ den Wagen immerzu fahren, hielt nicht an, fuhr einen leichten Bogen und war dann für den sie beobachtenden Texas-Ranger wieder zu sehen. Jedenfalls dachte sie das. Aber alles war ganz anders, als sie beide vermuteten. Denn Tom Cadburn war nicht an der Stelle am Ende des Tales, wie sie glaubten. Er befand sich woanders, und er hatte sie beide fest im Visier!



9

Das Auftauchen von Joan Loman war für Tom die Bestätigung dessen, was er längst vermutete. Naylor war irgendwo auf der anderen Seite des Sees, und sie kam jetzt, um ihm irgendwie zu helfen, vielleicht auch nur, um ihm Verpflegung zu bringen. Aber es würde sicher mehr sein. Sie hatte vor, ihn zu unterstützen und vielleicht mit diesem Wagen wegzubringen.

Tom hatte Thunder, seinen Hengst, freigelassen. Das Tier würde auf einen Pfiff hin sofort kommen. Er brauchte es jetzt nicht. In Gefahr befand er sich nicht, und von einem Fremden ließ es sich nicht reiten.

Er verließ also seinen ursprünglichen Beobachtungspunkt am Ende des Tales, kletterte hoch in die Felsen und arbeitete sich dort parallel zum Tal um ein gutes Stück nach Westen. Behielt er diese Richtung bei, würde er längs des Tales oben im Fels den Zugang erreichen, wo Old Joe wartete. Doch so weit wollte er gar nicht vorankommen. Als er glaubte, mit der Westspitze des Sees in gleicher Höhe zu sein, kletterte er auf das Tal zu und fand eine wunderbare Stelle, von der aus er einen umfassenden Überblick übers Tal hatte. Er befand sich auf einem kleinen, höchstens für drei Mann Platz bietenden Plateau, und es war zudem nach dem Tal hin durch eine Felsmauer abgeschirmt, die wie eine Brustwehr wirkte, und sie reichte ihm tatsächlich nicht viel höher als bis zur Brust. Er hätte sein Gewehr darauf legen und das ganze Tal mit seiner Waffe in Schach halten können. Tatsächlich legte er das Gewehr auf diese Felsmauer, zog das Fernglas, das er umgehängt trug, aus dem Futteral und begann, die andere Seite des Sees abzusuchen. Er sah jetzt, wie der Wagen weit rechts von ihm angehalten hatte. Dort hinten war auch das Pferd. Zu diesem Zeitpunkt tauchte gerade der Hengst auf.

Du Gauner!, dachte Tom. Du solltest doch an Ort und Stelle bleiben. Aber diese Stute, das habe ich mir vorhin schon gedacht, hat angefangen, rossig zu werden, und jetzt ist sie wahrscheinlich schon rossig, da sie dem Hengst begegnet ist. Und Thunder kann es sich nicht verkneifen, den Herrscher zu spielen.

Er hatte aber für das Liebesspiel von Thunder und der Stute wenig Muße. Ihn interessierte viel mehr, was drüben auf der anderen Seite des Ufers geschah. Ab und zu setzte er das Fernglas einmal ab und warf einen Blick in Richtung auf Mrs. Loman und ihre Kinder. Sie befand sich immer noch beim Wagen. Aber auf der anderen Seite des Sees hatte er eben schon einmal Vögel auffliegen sehen, und jetzt entdeckte er auch eine Bewegung der Zweige. Er konnte das ganz deutlich beobachten, setzte das Fernrohr an, und dann plötzlich sah er den Mann selbst. Der schaute zurück in die Richtung, in der er Tom Cadburn vermutete. Dass der in Wirklichkeit in seiner Flanke lauerte, hatte Jube Naylor noch nicht begriffen. Er darf es auch nicht merken, dachte Tom.

Tom konnte mit bloßem Auge sehen, wie Naylor über die niedergebrannte Stelle robbte. Von nun an war es ein Kinderspiel, die Flucht Naylors weiterzuverfolgen. Ein Fernglas wäre nicht mehr nötig gewesen, und es boten sich fortan Hunderte von Gelegenheiten, Naylor unter Feuer zu nehmen, ihn zu zwingen, die Deckung zu verlassen, aber Tom wollte es nicht. Ein Mann, dessen Schuld nicht einwandfrei feststand, durfte nicht verletzt werden. Zumindest wollte Tom versuchen, das zu verhindern, und noch hatte Naylor sich nicht zur Wehr gesetzt. Tat er das aber, wurde es schlimm. Dann zögerte Tom nicht mehr, auf ihn zu schießen.

Später kam der Augenblick, wo, von Tom beobachtet, Jube Naylor auf den Wagen kletterte. Trotzdem konnte Tom nichts machen. Da waren einmal die Kinder, und da war die Frau. Alle drei durfte er nicht in Gefahr bringen.

Naylor lag hinten auf dem Wagen, war zugedeckt mit Säcken, und das eine der beiden Kinder krabbelte jetzt zu ihm, zog einen der Säcke weg. Er konnte deutlich das Gesicht und den Oberkörper von Naylor sehen. Er hielt ein Gewehr fest an den Leib gepresst. Also ist er doch bewaffnet! Vorhin hatte Tom keine Waffe sehen können. Aber jetzt sah er sie.

Warum tut die Frau das? Wieso hilft sie ihm nur?, fragte sich Tom. Die Kinder auf dem Wagen machen die Sache nicht einfacher. Am Ende bereut die Frau noch, ihm geholfen zu haben. Womöglich macht er sie, die Kinder, zu seinen Geiseln.

Die Frau trieb das Pferd an, ließ eine Peitsche knallen, und der Wagen fuhr rascher. Die hinten angebundene Stute sträubte sich erst mitzulaufen, dann aber gab sie nach und trabte hinterher. Deutlich konnte Tom sehen, wie Naylor das kleine Mädchen, das hinten auf der Pritsche bei ihm war, fest mit dem Arm umschlang und an sich drückte.

Verdammt, die fahren mir auf und davon. Wer weiß, was Old Joe vorne tut. Aber ich kann ihm Sam nicht entgegenschicken. Naylor wäre imstande, auf Sam zu schießen, und gegen einen Schuss ist Sam machtlos. Ich muss diesen Wagen stoppen, und zwar jetzt.

Er ließ den Wagen noch ein Stück weit fahren, bis sich das Gespann einer Blechdose genähert hatte, die neben dem Fahrweg lag. Tom zielte, feuerte, und die Dose machte unter dem Treffer einen Satz. Das Donnern des Schusses und der fast gleichzeitig erfolgte Aufschlag auf die Dose ließen das Pferd scheuen. Es warf den Kopf hoch, brach zur Seite hin aus, und Tom begriff, dass er womöglich einen Fehler gemacht hatte. Hoffentlich, dachte er, geht es nicht durch! Ich müsste es töten, um die Kinder nicht in Gefahr zu bringen.

Aber die Frau hatte das Pferd fest im Griff. Sie konnte das Tier parieren. Doch nun beugte sie sich nach hinten, als der Wagen fast stand und das aufgeregte Pferd auf der Stelle trat. Die hinten angebundene Stute hatte sich losgerissen und galoppierte jetzt den Weg weiter auf das Haus zu, wurde aber nach einer Weile langsamer, blieb schließlich stehen und schaute zurück.

Beim Wagen geschah jetzt etwas, dessen Bedeutung Tom viel zu spät klar wurde. Noch beugte sich die Frau vom Bock nach hinten über die Pritsche, und es sah aus, als spräche sie mit Naylor. Doch dann entdeckte Tom, um was es zu gehen schien. Naylor hatte das Gewehr losgelassen und hielt seinen Revolver an die Schläfe des kleinen Mädchens, das er im Arm hielt. Er hielt es so, dass Tom es ganz deutlich sehen konnte. Er brauchte noch nicht einmal ein Fernglas dazu, um dies zu erkennen.

Und die Frau hatte sich ihm noch immer zugewandt, hielt mit einer Hand den Jungen, aber dann hob sie ihn über die Rückenlehne hinweg auf die Pritsche. Naylor setzte das Mädchen ab, hielt aber noch immer den Revolver auf das Kind gerichtet. Dann setzten sich beide, der Junge und das Mädchen, vor ihm nieder, und die Revolvermündung richtete sich unverwandt auf das Mädchen.

Die Frau richtete sich auf, hielt die Hände trichterförmig an den Mund und schrie in Toms Richtung: „Er lässt Ihnen sagen, dass er mich in seiner Gewalt hat. Er bedroht meine Kinder. Er verlangt, dass Sie aus Ihrem Versteck kommen und sich zeigen. Er will mit Ihnen reden.“

Mit dieser Wendung hatte Tom eigentlich nicht gerechnet. Er war der Meinung gewesen, die Frau sei bereit, freiwillig alles für Naylor zu tun. Die Befürchtung, er könne sie als Geiseln nehmen, war ihm eigentlich gar nicht so ernsthaft gewesen. Aber jetzt wurde ihm klar, dass Naylor tatsächlich in seiner Verzweiflung zu allem bereit schien.

Tom zeigte sich. Die Entfernung war groß. Aber so wie er die Frau verstanden hatte, würde ihn Naylor vielleicht auch verstehen.

Er brüllte: „Naylor, lassen Sie die Frau mit den Kindern ziehen. Ich spreche mit Ihnen, und ich garantiere Ihnen faire Behandlung. Aber geben Sie auf. Sie haben in Wirklichkeit keine Chance.“

Naylors Hohngelächter drang bis zu ihm herauf. „Zuerst stirbt der Junge und dann das kleine Mädchen, und wenn Sie dann nicht kapieren, Ranger, dann stirbt auch die Frau“, schrie Naylor.

Tom zweifelte nicht daran, dass Naylor in seiner Bedrängnis am Ende zu diesem Wahnsinn fähig war. Er hatte oft genug in seiner Laufbahn als Texas-Ranger erlebt, dass Menschen, die sonst nie zu so etwas fähig gewesen wären, in einer Notlage Verzweiflungstaten begingen, die sich durch nichts wiedergutmachen ließen.

„Schnall deinen Gürtel ab, und pack das Gewehr nicht an“, schrie Naylor. „Halte die Hände in die Hüften gestützt, ich will genau sehen, was du tust. Die Frau wird mit dem Pferd zum Haus fahren, das Tier ausspannen und satteln, und sie wird auch das andere Pferd einfangen, und wehe dem, du hinderst sie daran! Es würde eines der Kinder das Leben kosten. Ich nehme eins der Kinder mit. Sollten Kumpane von dir vorn am Zugang zum Tal sein, so mach dich schon auf den Weg und sage ihnen, dass sie zu verschwinden haben. Wenn du willst, dass dieses kleine Mädchen hier am Leben bleibt, wirst du tun, was ich sage.“

„Tun Sie, was er sagt!“, schrie die Frau. „Er meint es ernst.“

Die Entwicklung hatte Tom nicht vorausgesehen und das auch nicht gewollt. Er musste die Situation entschärfen. Es durfte keinesfalls so weit kommen, dass Naylor eines der Kinder mitnahm. Eher wollte er ihm freien Abzug gewähren.

„Hören Sie, Naylor, ich komme jetzt herunter. Ich bringe meine Waffen mit, aber ich lege sie unten ab und komme zu Ihnen.“

„Sie können die Waffen ruhig bei sich haben, das ist mir egal. Aber wehe dem, Sie nehmen sie zur Hand, dann stirbt das Kind“, schrie Naylor.

Tom hatte nicht vor, auf Sam zu setzen. Der würde die Situation kaum begreifen und bildete womöglich noch eine Gefahr für die Kinder. Sam war ein Stück weiter entfernt von ihm.

Tom nahm seine Waffen, hängte das Gewehr um und machte sich an den Rückweg. Hier konnte er nicht heruntersteigen, aber ein Stück entfernt würde es möglich sein, und da konnte auch Sam herunter. Es verging eine ganze Weile, bis Tom Cadburn unten auftauchte. Er schickte Sam zum Sattel und Zaumzeug zurück, das sich an der Stelle befand, wo er zuerst Wache geschoben hatte. Irgendwo da hinten war auch Thunder, der Hengst. Tom wollte Sam jetzt nicht dabeihaben, um die Sache nicht zu komplizieren.

Inzwischen war Joan mit dem Wagen losgefahren. Beide Kinder hatte sie bei Jube zurückgelassen. Sie saßen am Boden, Jube Naylor kauerte vor ihnen und hielt noch immer den Revolver auf das kleine Mädchen gerichtet.

Tom kam näher, aber als er auf zwanzig Schritt heran war, fuhr ihn Naylor an: „Das ist weit genug. Was wir uns zu sagen haben, können wir uns auch so erzählen. Schnall ab, Texas-Ranger. Ich will nicht, dass du dir etwas einfallen lässt. Ich bin bereit, alles zu riskieren, verstehst du. Ich möchte nicht unschuldig aufgehängt werden, und das habt ihr vor.“

„Das ist Unsinn, Naylor. Ich habe einen Haftbefehl, aber das bedeutet nicht, dass du deswegen aufgehängt wirst.“

„Du wirst mich zurück nach Neu-Mexiko bringen, nicht wahr? Das bedeutet, dass dieser Tobler, dieser Mistkerl, mit seinen Lügen auf mich wartet. Sie werden alle lügen. Recht?“ Jube Naylor lachte geringschätzig. „Wo gibt es Recht?“

„Hör zu, Naylor, ich lasse dich ziehen. Aber ich will nicht, dass du die Kinder mitnimmst oder eins davon. Diese Frau hatte ein schlimmes Schicksal. Ihr Mann ist umgekommen. Sie hat nicht verdient, dass du sie so behandelst.“

„Machst du dich zu ihrem Anwalt?“, fragte Jube höhnisch.

„Junge, mach keinen Quatsch! Du bist dabei, ein Verbrechen zu begehen, wofür man dich wirklich aufhängen wird. Entführung, Menschenskind, hast du dir überlegt, was es dafür gibt? Die andere Geschichte, die muss ja noch nachgeprüft werden. Ein US Marshal ist dabei, die Leute alle zu verhören, die dabei gewesen sind. Es ist Marshal Clayburn, viele nennen ihn Colorado. Ich weiß nicht, ob du von ihm gehört hast Und wenn er alles nachgeprüft hat, dann wird sich herausstellen, ob überhaupt Anklage gegen dich erhoben wird.“

„Die Anklage ist ja schon erhoben.“

„Unsinn“, widersprach Tom. „Man will dich dem Gericht erst einmal vorführen. Wenn du aber fliehst, muss man dich suchen.“

„Hängen wollen sie mich, hängen.“

„Wer sagt das?“

„Tobler hat es gesagt.“

„Hör zu: Lass dich nicht in deiner Verzweiflung zu etwas bringen, was du nicht mehr in der Gewalt hast. Ich hätte dich tausendmal abschießen können, vorhin, als du durch die Büsche gekrochen bist. Habe ich es getan?“

Jube Naylor sagte nichts, und Tom fuhr fort: „Jetzt wo du das Kind hast, werde ich natürlich nichts versuchen. Aber ich habe auch vorhin nichts versucht, und weißt du auch, warum? Weil niemand bis jetzt den Beweis für das erbracht hat, wessen man dich beschuldigt.“

„Das sagst du alles nur, damit ich aufgeben soll.“

„Ich sage es, damit du begreifst, dass bis jetzt alles noch ganz harmlos war, aber in dem Augenblick, wo du auf ein Pferd steigst und dieses Kind zu dir in den Sattel nimmst und dir den Abzug erpressen willst, ist Schluss. Von da an bist du für mich ein Verbrecher, denn was du dann tust, das ist ein Verbrechen.“

„Vielleicht ist alles ganz anders, als du denkst“, entgegnete Jube.

„Was soll anders sein? Entführung ist Entführung, Geiselnahme ist Geiselnahme.“

Jube Naylor hatte eine Antwort auf der Zunge, aber er schwieg dann doch.

In diesem Augenblick machte Tom eine merkwürdige Feststellung. Während Jube Naylor gesprochen hatte, war sein Daumen über die Trommel des Revolvers geglitten, den er auf das Mädchen gerichtet hielt, und dabei hatte er diese Trommel gedreht. Tom konnte von vorn in die einzelnen Kammern der Trommel hineinsehen. Sie waren alle leer. Naylor richtete einen ungeladenen Revolver auf die Kinder, und Tom hielt ihn nicht für einen Mann, der das womöglich nicht wusste.

Warum tut er das?, dachte Tom. Wieso in aller Welt hat er so etwas vor?

Aber es war keine Zeit zum Überlegen. Er musste die Gelegenheit einfach ausnützen.

Langsam machte er einen Schritt, dann noch einen in Richtung auf Naylor zu.

Er hatte sich so auf zehn Schritte allmählich herangeschoben, während er gleichzeitig den Dialog mit Naylor fortsetzte. Als er etwa auf acht Schritt heran war, sagte Naylor: „Ich hatte dir vorhin gesagt, dass es weit genug ist, verdammt noch mal! Willst du, dass das Kind stirbt?“

„Nein“, entgegnete Tom und kam jetzt auf Naylor zu. Er hatte zwar sein Gewehr drüben an den Felsen lehnen, besaß aber noch seinen Revolver. Er glaubte nicht, dass er den nötig haben würde.

Naylor hob den Revolver, richtete ihn jetzt auf Tom, aber der schüttelte den Kopf, lachte nur und meinte: „Einfach abdrücken, Naylor, einfach abdrücken!“

In diesem Augenblick begriff Jube, dass der Ranger seinen Trick durchschaut hatte. Kurz entschlossen packte er das kleine Mädchen. Bis jetzt hatte Susan ebenso wie Bob alles für einen Spaß gehalten. Aber nun, als er sie so hastig anfasste und ihr dabei wohl unbeabsichtigt etwas weh tat, schrie sie auf. Der kleine Bob sprang auf, packte Jube am Hosenbein und trat ihn gegen das Schienbein.

Die Ablenkung, die er damit bei Naylor erzielte, reichte Tom. Mit einem Satz war Tom bei seinem Gegner, und obgleich der das Mädchen vor sich hielt, packte Tom ihn an der linken Schulter, riss ihn herum, schlug mit der Linken auf den ungeladenen Revolver und stieß ihn so dem Mann aus der Hand.

Naylor, der nicht wollte, dass der kleinen Susan etwas geschah, beugte sich zur Seite, wollte das Kind absetzen, und so bot er ungedeckt sein Kinn. Toms Schlag traf voll ins Schwarze. Naylor hatte gerade noch das Kind losgelassen, bekam den Schlag ans Kinn und flog rückwärts zu Boden.

Die Kleine weinte, der Junge schrie, und Tom hatte im Handumdrehen die Handschellen vom Gürtel gelöst, ließ sie um Naylors Gelenke schnappen und durchsuchte ihm hastig die Kleidung.

Nach einer Weile kam Naylor wieder zu sich. Tom hatte inzwischen den Revolver untersucht und festgestellt, dass der tatsächlich nicht geladen gewesen war. Sollte Naylor das wirklich nicht gewusst haben, dann hätte er sicher zu schießen versucht, als Tom angegriffen hatte. Das war nicht geschehen, also wusste es Naylor. Tom kam nicht auf die Idee, was hinter der Geschichte steckte. Später bekam er die Erklärung.

Joan Loman kam mit beiden Pferden zurück. Das eine Tier war gesattelt, das andere trug einen Packsattel und war offensichtlich mit Vorräten beladen worden. Sie ritt selbst auf dem gesattelten Pferd, parierte dann vor Tom und dem am Boden liegenden Naylor und ihren Kindern die Pferde. Sie saß ab, und die Kleinen liefen weinend auf sie zu.

Als die Kinder vor ihr standen, griff sie sich unter die Schürze, kauerte sich vor den Kindern hin, und Tom sah nicht, dass sie plötzlich einen Revolver in der Hand hielt. Es war ein alter, schon stumpf wirkender Colt, ganz sicher von ihrem Mann. Als Tom die Waffe erkannte, hielt sie Joan Loman aus einer Entfernung von nur einem Meter auf ihn gerichtet.

„Schnallen Sie Ihren Gürtel ab. Ich schieße ganz bestimmt.“

„Sind Sie wahnsinnig?“, fragte Tom. „Kümmern Sie sich um Ihre Kinder, und seien Sie froh, dass …“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht froh. Ich selbst habe ihm den Rat gegeben, Ihnen diese Komödie vorzuspielen. Ich hatte gehofft, so könnte er Ihnen entkommen. Aber jetzt haben Sie ihn doch in Ketten gelegt.“

„Hör auf, sag nichts mehr. Sag nichts mehr“, beschwor sie Naylor, der wieder voll bei Bewusstsein war. „Das bringt dich hinter Schloss und Riegel. Hör auf!“

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Ich höre nicht darauf. Ich hatte einen guten Mann. Ich habe ihn respektiert und zu ihm aufgesehen. Dann eines Tages, als er von Hawk tot gebracht wurde, da dachte ich, das Leben ging nicht weiter. Es geht weiter. Und dann ist er gekommen. Schon als ich ihn sah, wusste ich, dass er ein ganz anderer Mann ist als Ernest, und ich habe für ihn etwas empfunden von der ersten Sekunde an, das ich noch für keinen Mann empfand. Und jetzt, jetzt weiß ich, warum ich so denke. Ich möchte ihn nicht mehr hergeben, verstehen Sie? Ich möchte nicht, dass Sie ihn mitnehmen, dass er irgendwo aufgehängt wird von ein paar Wahnsinnigen, die viel schlechter sind und die in Wirklichkeit aufgehängt gehören. Nein, ich geb‘ ihn nicht her. Ich will, dass er hierbleibt. Mein Mann damals, der ist unschuldig gewesen, und trotzdem hat die Armee behauptet, er wäre schuld am Tode einiger Männer, weil die Mescaleros über die Kolonne hergefallen sind. Mein Mann war völlig unschuldig, aber alles ist ihm kaputtgemacht worden. Man hat hinter uns her geredet, und wir sind praktisch in dieses Tal geflohen. Er“, sie deutete auf Jube, „ist auch hierher geflohen. Ihm ist es auch so gegangen wie meinem Mann und mir. Warum verschwindet ihr nicht? Warum geht ihr nicht? Lasst uns doch glücklich sein. Er hat nichts getan, was schlecht ist. Die anderen, jene, die lügen, die sollten Sie einsperren, nicht ihn.“

„Lass doch, ich gehe mit ihm mit. Wenn es eine Gerechtigkeit gibt …“ Weiter ließ sie Jube nicht sprechen.

„Eine Gerechtigkeit? Du hast vorhin selbst gelacht, als er das gesagt hat. Es gibt keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit gibt es nur für die Starken und die Reichen, für die, die sich einen guten Anwalt leisten können oder einen Richter zum Freund haben. Wo gibt es Gerechtigkeit?“

„Nimm den Revolver weg, ich bitte dich“, sagte Jube. „Er ist es doch nicht, der mich angeklagt hat. Der muss doch nur tun, was ihm befohlen worden ist.“

„Er hat mir alles erzählt. Es ist ja ganz anders gewesen. Die Leute lügen, diese Leute da in Glain. Schnallen Sie jetzt Ihren Revolver ab. Ich mache, was ich sage.“

„Sie machen nicht, was Sie sagen“, widersprach Tom und ging, ohne sich durch den auf ihn gerichteten Revolver beeindrucken zu lassen, auf sie zu. „Ich bin eigentlich ein Narr. Ich hätte darauf kommen müssen, was hier gespielt wird, als ich festgestellt habe, dass er einen ungeladenen Revolver hat. Das wollte er Ihren Kindern ja nicht antun, sie auch noch mit einer geladenen Waffe zu bedrohen, nicht wahr? Tun Sie den Revolver weg, Mrs. Loman. Sie machen nichts besser, aber vieles schlimmer.“

Er sah, wie sie zitterte, und er entdeckte das Flackern in ihren Augen. Vielleicht drehte sie durch. Vielleicht würde sie wirklich abdrücken. Wer konnte hinter die Stirn eines Menschen schauen, der zu allem entschlossen war wie sie jetzt?

Vielleicht hätte sie wirklich geschossen, aber da war Jube, Jube, dessen Hände vorn mit Handschellen zusammengeschlossen waren. Jube sprang völlig unerwartet für Joan, aber auch für Tom vom Boden hoch; die beiden Fäuste nebeneinander nach vorn gestreckt, flog er förmlich auf Joan zu und schlug dann von oben herunter mit beiden Fäusten und den Handschellen auf ihren Unterarm, schlug ihr den Revolver aus der Hand. Im selben Augenblick löste sich ein Schuss. Eine Feuerblume blühte auf, und eine grelle Stichflamme schoss vor beiden in den Boden. Der gellende Schrei der Frau vermischte sich mit dem Knall. Dann schrien beide Kinder. Aber Joan hatte den Revolver aus der Hand verloren, taumelte rückwärts und hielt immer noch die rechte Hand von sich gestreckt.

Jube stieß den Revolver mit dem Fuß auf Tom Cadburn zu und sagte: „Da, nehmen Sie ihn. Ich komme mit. Ich komme mit, weil ich ihr nicht noch mehr Ungelegenheiten machen möchte.“ Er wandte sich Joan zu. „Wenn es diese Gerechtigkeit gibt, von der er gesprochen hat, dann werde ich wiederkommen. Ich schwöre dir, dass ich wiederkomme, zu dir und deinen Kindern.“

Sie sah ihn entsetzt an. „Du willst wirklich …“

Er nickte nur. Da schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte. Er ging zu ihr, wollte sie trösten, aber es war ihm unmöglich, sie mit den zusammengefesselten Händen zu umarmen.

„Naylor, habe ich Ihr Wort, dass Sie nichts mehr versuchen?“, fragte Tom.

Naylor nickte. Da schloss ihm Tom die Handfesseln wieder auf. Naylor umarmte Joan, strich ihr übers Haar. Sie schluchzte, und auch die Kinder weinten, klammerten sich an den Rock der Mutter. Jube nahm sie noch einmal auf den Arm, und sogar Bob ließ sich das gefallen, obgleich er vorhin nach ihm getreten hatte. Dann wandte sich Jube ab, ging auf Tom zu und sagte: „Von mir aus können wir los.“



10

Sie trafen den US-Marshal Bud Clayburn, genannt Colorado, etwa fünf Meilen vor der Grenze von Neu-Mexiko. Kurz darauf wusste Tom Cadburn, dass sein Gefangener für das, was man ihm vorwarf, nicht belangt werden konnte. Er war unschuldig.

„Tom, du kannst ihn sofort auf freien Fuß setzen“, erklärte Colorado. „Es tut mir leid, Mr. Naylor. Schneller konnte ich nicht kommen, um Ihnen das zu sagen.“

Old Joe schaute erst Tom an, dann Colorado, wandte sich schließlich Naylor zu und fragte:

„Willst du eigentlich wieder zu ihr zurück?“

Jube nickte. „Und das so schnell, wie es geht. Schließlich reite ich auf ihrem Pferd. Das hätte ich sowieso zurückbringen müssen.“

„Tu du‘s für uns“, meinte der Alte. „Und noch etwas. Ich glaube, du erwischst die großartigste Frau weit und breit. Hoffentlich werdet ihr zwei glücklich miteinander, was meinst du?“

Jube Naylor grinste nur.

„Worauf wartest du noch?“, fragte Tom Cadburn. „Auf und davon! Du bist frei, Jube Naylor, frei wie der Vogel im Wind.“

Jube Naylor schluckte. Dann zog er den Wallach herum und ritt den Weg zurück, den sie gekommen waren. Es gab nichts, das ihn noch aufhalten sollte.

Tom Cadburn kratzte sich am Kinn und meinte nachdenklich: „Die Geschichte wäre fast ins Auge gegangen.“

Colorado nickte. „So leichtfertig sind manche mit ihren Aussagen. Den hätte das an den Galgen bringen können. Er hat noch mal Schwein gehabt. Wir aber auch, dass es so ausgegangen ist.“


ENDE

Der Steckbrief zeigt dein Gesicht


Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Mike Drawer ist auf der Flucht vor Tom Cadburn. Ein Steckbrief zeigt sein Gesicht, auch wenn er behauptet, nichts getan zu haben. Während der Flucht wird er wider Willen zum Geburtshelfer und befindet sich plötzlich in einer Auseinandersetzung zwischen Siedlern und Indianern. Wie soll er unter diesen Umständen seine Unschuld beweisen?



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Edward Martin, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Alles, was Mike Drawer brauchte, war ein frisches Pferd, Wasser für die nächsten vierundzwanzig Stunden und etwas Proviant.

Was er fand, als er die armselige Hütte unten am fast ausgetrockneten Arroyo betrat, war eine verzweifelte, von Geburtswehen gepeinigte Frau. Und niemand war da, um ihr beizustehen.

Mike Drawer hatte schon Hunderten von Kühen beim Kalben geholfen, hatte Stuten in schwierigen Geburtssituationen beigestanden, aber bei der Geburt eines Menschen war er noch nie dabei gewesen.

Er begriff zwei Dinge. Die Frau brauchte Hilfe. Das Kind schien in Steißlage geboren zu werden. Und zum zweiten: Half er der Frau, würde all sein Vorsprung vor den Verfolgern zum Teufel sein … und ihm damit der Galgen sicher.

Sie lag keuchend und schweißgebadet auf einem primitiven Bett. Das blonde Haar hing ihr strähnig im Gesicht. Ein Gesicht, das nach Drawers Meinung ebenso gut zwanzig wie fünfzig Jahre alt sein konnte, so sehr hatten es die Qualen gezeichnet.

Sie empfand nur noch Not, keine Scham, keine Furcht, und sie wehrte sich nicht, dass ein Fremder zu ihr kam.

Vorhin, als er hereingekommen war, hatte sie den Namen James gerufen. Aber dann, als er vor ihr stand, da sagte sie nur: „Oh, ich hatte gedacht, mein Mann wäre … Das Kind kommt schon. Ich weiß nicht weiter. Es kommt mit einem Bein …“

Mensch, dachte Drawer, Cadburn und der Alte sind mir auf den Socken. Wenn ich nicht schleunigst mache, dass ich hier verschwinde, holen die den siebenstündigen Vorsprung auf, und dann sitze ich denen auf der Pelle. Cadburn ist stur, der schleppt mich tatsächlich zu Richter Collins, und der kennt nur ein Urteil. Für den steht alles felsenfest. Verdammt, o Hölle, was mache ich?

Sie hat ein Kind in Steißlage. Klar, jetzt nimmt sie die Decke weg. Zum Kuckuck, das habe ich noch nie gesehen. Sie bekommt ein Kind, ein Bein ist zu sehen, ein winziges Bein … Wie ist das denn bei Menschen? Ich habe doch, o Himmel hilf!, noch nie bei einem Menschen bei der Geburt geholfen. Ich weiß doch nicht, wie das geht. Ich … Stopp, Mike, alter Junge, stopp und ganz ruhig. Ein Mensch ist soviel anders als eine Kuh oder ein Pferd doch nicht. Und wenn bei einer Kuh das Kalb zuerst mit dem Hinterbein kommt, dann musst du eingreifen, ja hineingreifen, das Kalb drehen. Mike, wozu bist du vierzehn Jahre als Cowboy geritten? So etwas weißt du doch!

„Helfen Sie … helfen Sie mir und meinem Baby!“, flehte die Frau.

Er sah sie an, diese Augen, diese inständige Bitte, diese Not!

Wie soll ich das denn machen? Eine Frau. Ich kann doch nicht einfach so tun, als wäre sie eine Kuh oder eine Stute? Zum Donnerwetter, aber irgendwas muss ich doch machen!

Die geht drauf, wenn ich nichts tue, dachte er. Ich muss, muss, muss was tun. Aber was?

Er hatte Hemmungen, dieses winzige Bein in seine hornigen Pranken zu nehmen. Aber er tat es und überwand auch seine innere Abwehr, weil dieses Bein glitschig und schleimig war. Und dann versuchte er mit seinen riesigen Fingern das zweite Bein zu erwischen. Wieder diese Hemmungen, weil sie eine Frau war und er so etwas noch nie gesehen hatte.

Stell dir vor, dachte er sich, es wäre eine Stute. Stell dir das nur vor und sonst nichts!, hämmerte er sich ein.

Sie bekam wieder eine Austreibungswehe und schrie, ächzte, wimmerte. Sie presste, aber es war sinnlos. Er merkte, dass sie das Kind so nicht gebären konnte. Irgendwie hing es fest.

Klar, sagte er sich, so geht das bei keinem Tier und auch bei keinem Menschen. Ruhig, Mike, mach es, wie du es bei einer Stute machen würdest. Fisch das andere Bein heraus, dreh aber erst ein wenig den Körper des Kindes. Du musst auch auf dem Leib der Mutter leicht mitdrücken. Ja, so geht es, das ist der Kindesrücken.

Die Frau schrie gequält auf, und diese Schreie kannte er von keinem Tier. Es irritierte ihn, er hielt inne.

Sie aber begriff, dass er ihr nur helfen konnte, wenn er sich weiter bemühte. „Machen Sie doch! Machen Sie weiter! Achten Sie nicht auf mich! Bitte!“, flehte sie keuchend.

Er begann wieder, den Kindeskörper dadurch zu drehen, dass er mit der Linken den Kindesrücken, den er spürte, von der Bauchseite der Mutter her ein wenig nach unten schob, das Bein des Kindes mit der Rechten sanft drehte. Dann langte er vorsichtig in die Vagina der Frau und erwischte tatsächlich das linke Bein des Kindes am Fußgelenk. Er zog es behutsam heraus, als wieder eine Presswehe einsetzte, zog mit beiden Händen an den Füßen des Kindes und hatte es dann bis unter die Achseln heraus.

Er wusste von den Pferden und Kühen her, dass dort die Sache verloren war, wenn es nicht gelang, die Vorderbeine mitsamt dem Kopf herauszubekommen.

Geduld!, sagte er sich. Mit Hast geht nichts. Ich muss an die Stuten denken. Nur mit einer Presswehe zusammen kann ich weitermachen.

Die Wehen waren schwach; Folge dieses harten Geburtskampfes. Doch jetzt kam wieder eine.

Er zog, bekam den Kopf fast heraus, auch die Arme hingen bis an die Ellenbogen, aber dann saß wieder alles fest.

O Himmel steh mir bei!, flehte er. „Nochmal!“, keuchte er. „Pressen Sie!“

Sie war fix und fertig, und eine neue Wehe kam noch nicht. Sie schrie, als diese Wehe dann endlich kam, und das machte ihn wieder fast verrückt. Wenn ich das Kind nicht bald heraus habe, wird es ersticken. Verdammt, wenn mir doch einer sagte, wie ich es richtig machen muss! Wenn mir, in aller Welt, mir das einer sagen könnte!

Es war ihr erstes Kind, sie war einundzwanzig. Er wusste das nicht. Er wusste auch nicht, dass sie ihren Mann losgeschickt hatte, beim Nachbarn Hilfe zu holen. Gestern schon. Er war so wenig gekommen wie die Frau des Nachbarn, die dreißig Meilen entfernt wohnte. Und seit dem frühen Morgen quälte sie sich. Ahnungslos, weil sie selbst so etwas nie erlebt hatte. Zuerst war alles so schnell und scheinbar leicht gegangen. Schon in den Minuten zwischen Nacht und Tag war die Fruchtblase zersprungen, viel eher als sonst bei einer Erstgebärenden hatten nach den Eröffnungswehen die Presswehen eingesetzt. Eine Empfindung, die diese junge Frau nicht kannte und daher nicht einmal genau begriff, was eigentlich mit ihr vorging. Aber als Frau ahnte sie instinktiv, woran sie war. Und dann ging nichts mehr, stattdessen wurden die Schmerzen immer größer, die Angst, hier allein umzukommen, war ins Uferlose gewachsen und hatte die Frau in nackte Panik gebracht. Das Erscheinen des Mannes war wie eine Hilfe vom Himmel für sie gewesen. Für sie, die sonst so sensibel in Schamfragen war, die sich nicht einmal ihrem eigenen Mann nackt gezeigt hatte und sich nur im Dunkeln umzog. So prüde sie sonst war, jetzt wischte die Todesfurcht all das einfach weg. Nun fühlte sie sich nur noch als Kreatur, als gequältes Wesen, das nicht sterben will.

Drawer dachte in diesen Sekunden an Cadburn, der ihn erbarmungslos seit Tagen jagte, so gut Drawer auch versuchte, seine Spur zu verwischen. Immer hatte der Schwarztimber des Rangers die Spur wiedergefunden. Und dann war noch dieser alte Fuchs. Oh, Drawer wusste genau, wie raffiniert und schlau dieser alte Joe war. Schließlich kannte er sie beide gut, seit Cadburn damals vor drei Jahren die Rinderherde von Texas nach Dodge gebracht hatte, ohne sich von einer stattlichen Schar von Banditen aufhalten zu lassen. Old Joe hatte den Herdenkoch gemacht, und außer Cadburn und ihm waren nur vier Cowboys gewesen, die den Mut gehabt hatten, die Herde zu treiben. Denn da hatte doch einer der Bandenbosse gedroht, dass er jeden erschießen lassen wird, der Slaughters Herde nach Dodge treiben hilft. Er, Mike Drawer, hatte sich einen Teufel um die Drohung gekümmert und die fünfzehnhundert Stück Vieh durch tausend Höllen in die Verladestadt mitgetrieben.

Aber nun war aus dem Freund Cadburn von da an ein Jäger geworden, der einen Steckbrief in der Tasche trug, ausgestellt von Bezirksrichter Collins in Menardville.

Sie bekam wieder eine Wehe, stöhnte, wimmerte, schrie.

Jetzt oder nie!, dachte er und fasste die Fußgelenke des Kindes. Drehen, überlegte er, drehen, das haben wir immer bei den Bullenkälbern gemacht, wenn sie festhingen. Aber vorsichtig, beim Himmel, ganz vorsichtig! Jetzt kommt es. Da, jetzt muss ich den einen Arm fassen, herausziehen. Hoppla! Das hat ja geklappt.

„Es wird“, sagte er mit heiserer Stimme, die ihm selbst ganz fremd vorkam. Mann, ich habe Durst bis unter die Ohren. Mein Pferd wird sich im Arroyo was gesucht haben, da ist ja noch etwas Wasser.

Der Arm ist heraus. Welcher ist das? Ah, der linke. Jetzt der andere, was … ja, den Ellenbogen … Oh, jetzt zieht alles wieder zurück. Gut, ich werde auf die nächste Wehe warten. Was ist das? Schon wieder! Da, sie presst. Teufel, warum schreit sie so? Ich werde verrückt, wenn ich eine Frau schreien höre. Wenn sie doch still sein könnte, beim Johnny! Der Arm ist frei, der Kopf muss heraus, er muss! Ich kann noch nicht mehr ziehen. Ich reiße dem Kind ja das Genick … noch etwas, Frau, noch ein wenig! Oh, warum ist das alles so verdammt eng? Mach doch!

„Pressen, zum Kuckuck, pressen!“, hörte er sich schreien. Und sie presste, und … Der Kopf! O Himmel, der Kopf, jetzt ist er fast heraus, die Schläfe fassen, unten die andere Hand vor den Damm. Hat doch Prewitt immer gesagt: Jungs, bei der Kuh den Damm gegenhalten! – Ja, der Prewitt, alter Cowpuncher, der! Wo der wohl jetzt stecken mag, wie? – Heh, heraus ist der Kopf! Alles heraus!

Da lag das Kind glitschig, ein wenig mit Blut beschmiert, die Nabelschnur einmal um den Leib, aber nur locker.

Aus dem Aufschrei der Frau war ein Stöhnen geworden wie nach einer schweren Arbeit.

„Es ist da, Frau, ein Junge? Nee, Madam, ein Mädchen! Weiß ich alter Esel schon nicht mehr, was ein Mädchen ist, was? Zum Glück war der Kopf klein, und es ist ganz schön am Leben. Ich muss noch abbinden. Tut mir leid, wenn ich das wie bei einem Kalb mache, Madam, aber anders verstehe ich das nicht. Komm her, du kleines Weib! – Warte, den Mund wische ich dir noch aus, siehst du, da quäkst du schon. Hast vorher gar keine Luft bekommen, was? Ein Weib, das keine Luft zum Schreien hat, wie? Hoppla, jetzt binden wir erst eine Handbreit vor dem Bauch von dir kleinem Frauenzimmer ab. Siehst du? Lederriemen, Rohleder ist das. Wenn du wüsstest, woher dieser dünne Riemen ist, wie? Ist von Chowapeeh, dem Sohn des Häuptlings. Ein Riemen von einem Apachenhäuptling, meine kleine Fee. – So, jetzt noch einmal ein Stück weiter, und nun das Bowiemesser … so, abgetrennt. Genau zwischen beiden Abschnürungen. – Bravo, kleine Miss! Sieh mich aus deinen Augen nicht so an … Was ist das, sind die Augen blau oder …“

In diesem Augenblick hörte er den Hufschlag. Aber er sagte sich, dass Cadburn und der Alte das keinesfalls sein konnten. „So, jetzt muss ich Wasser aufsetzen, Wasser, um die Kleine zu waschen. Warten Sie, vielleicht können Sie die Kleine inzwischen etwas halten und dabei abwischen?“

Die Frau sah ihn sehnsüchtig an und streckte ihm die Hände wortlos entgegen. Er gab ihr das noch immer nicht ganz saubere, aber in ein Tuch gehüllte Kind. Sie nahm es hastig, legte es sich dann aber behutsam auf die Brust und lächelte so glückselig, dass Drawer sich gar nicht vorstellen konnte, dass dieselbe Frau eben noch solche Pein erlitten hatte.

Ein Pferd wieherte draußen. Dann näherte sich ein leichter Schritt mit gleichzeitigem Sporenklirren. Drawer hätte seit dem Treiben damals von Texas nach Dodge diesen Schritt unter Hunderten herausgekannt.

Verdammt!, dachte er. Das darf doch nicht wahr sein. Sie sind schon da. O Hölle, dieser Teufel von einem Ranger muss Flügel haben. Ein Teufel mit Flügeln? Aber ein Engel, nee, ein Engel ist Cadburn nicht.

Der Wolf heulte draußen. Kein Zweifel, Cadburn war da. Und nun schrie auch noch das Maultier von Joe. – Alle Schrecken der Wüste, wie haben die das fertiggebracht? Sieben Stunden Vorsprung aufgeholt! Und ich, sagte sich Drawer weiter, sitze astrein in der Tinte. Und das nicht nur bis zum Hals.

Er dachte daran, dass hier noch nicht alles vorbei war. Flucht hatte keinen Sinn mehr. Aber womöglich spielt Cadburn verrückt und ballert herum oder versucht etwas anderes. Ich muss mich melden.

„Eh, Cadburn, ich bin hier!“, schrie Drawer. Er blickte auf die Frau, lächelte ihr aufmunternd zu und rief dann in Richtung aufs Fenster: „Eine Frau liegt hier und hat eben ein Kind bekommen. Spielt bloß nicht die Helden.“

Eine Weile verging, Schritte tappten, dann heulte der Wolf auf, und schließlich sagte eine sonore Stimme draußen vor dem Haus: „Pass auf, Mike, wenn das ein Trick ist, dann bestimmt dein letzter. Schnall schon da drinnen ab, komm heraus, die Hände erhoben und mach keine Zicken!“

„Wer … wer ist das“, fragte die Frau ängstlich. Besorgt presste sie ihr kleines Würmchen an sich.

„Ein Texas-Ranger, der mich unbedingt zu einem Richter schaffen will, und das, weil dieser Richter sich einbildet, ich hätte einen Store geknackt und den Besitzer flügellahm geschlagen. Verdient hatte dieser mistige alte Geizhals es ja, aber ich war es nun wirklich nicht. Cadburn ist das allerdings ziemlich egal. Er tut, wie er das nennt, seine verdammte Pflicht. Also will er mich zu Collins schaffen, und der fällt ein Urteil, das für ihn schon seit Langem feststeht. So ist das also, aber mit Ihnen hat das nichts zu tun …“

„Sie dürfen nicht gehen! Bleiben Sie, Fremder, bleiben Sie!“, bat sie. „Ich habe … wir haben Ihnen soviel zu verdanken. Wenn mein Mann kommt, wird er Ihnen auch helfen und …“

Drawer kannte Cadburn. Der ließ sich auf Sonderregelungen nicht ein. Konnte der ja gar nicht, wohin käme er da?

„Ich komme!“, rief Drawer.

„Fremder, bleiben Sie, gehen Sie nicht! Ich werde dem Ranger sagen, wie Sie mir geholfen haben!“, rief die Frau mit noch vom Schreien heiserer Stimme.

Drawer hatte seinen Gurt gelöst und fallenlassen. Er sah die Frau und dann das Kind lächelnd an. „Ich sorge für heißes Wasser. Cadburn ist kein Unmensch, so ist das nicht. Er ist nur Ranger, und das ist sein Job. Leider hat er einen Steckbrief von mir. So ist das eben …“

Er ging hinaus, hob, als er durch die Tür trat, die Arme und blinzelte gegen die Sonne.

Er brauchte ein paar Augenblicke, bis er sie sah. In der Mitte stand der alte Joe. Er hielt seine furchterregende Hawken-Büchse schussbereit in den Händen. Eine richtige Kanone von einem Gewehr.

Hinter Old Joe stand mit hängendem Kopf das Maultier. Es schlabberte noch, also hatte es bereits Wasser bekommen.

Von Cadburn war nichts zu sehen, dafür von seinem Wolfsblut. Schwarz, die Fänge geöffnet und hechelnd stand der Halbwolf da und ließ Drawer keine Sekunde aus den Augen, bereit, sofort anzugreifen, wenn Drawer nun etwas Missverständliches tun würde oder wenn Cadburn einen Befehl zum Angriff gab.

Thunder, der Blauschimmelhengst, kam vom Wasser heraus. Die abgekämpfte Stute von Drawer folgte ihm. Dieses Weibsstück!, dachte Drawer. So fertig ist sie nun auch wieder nicht, dass sie nicht noch diesem Hengst nachlatschen kann, was?

Wo, zum Teufel, steckt Cadburn?, fragte sich Drawer.

Plötzlich hörte er ihn schräg hinter sich, fuhr herum und sah den blonden, ganz in Schwarz gekleideten Texas-Ranger mit hartem Lächeln an der Hüttenwand.

Weiß der Teufel, dachte Drawer verblüfft, wo der hergekommen ist, und gehört habe ich auch nichts. Typisch für diesen Satansbraten!

„Steh ganz still, Mike, ich will nachsehen, ob es wahr ist, was du uns verkaufen wolltest“, sagte Tom Cadburn, nickte kurz in Old Joes Richtung, und der grauhaarige alte Haudegen nickte zurück.

Der muss ja sechzig sein oder noch älter, dachte Drawer. Dieser alte Joe, der tausendundeinen Trick kennt, ausgekocht bis dahinaus. Wie ein Goldgräber sieht er aus, aber tatsächlich ist er nicht nur das. Er kennt den ganzen Westen, hat Jim Bridger zum Freund, kann es wie ein Bruder mit einer Reihe von Indianerhäuptlingen, und hat Cochise in Arizona das Pokern beigebracht und ihm ein Pferd abgeluchst. Hunderte von Geschichten gibt es über ihn zu erzählen. Und der liebe Kuckuck weiß, warum dieser alte Lederbeißer jetzt hinter mir her ist, als wäre das auch seine Sache. Er ist doch kein Ranger. Aber ein Kerl, der so was wie eine Geburt beim Menschen kennt. Der hätte nur früher kommen sollen, wo sie nun sowieso da sind, was! Hätte helfen können.

„Eh, Joe, warum bist du nicht eher gekommen? Drinnen, die Frau, die hätte deine Tricks brauchen können. Es war eine Steißlage.“

Cadburn war schon drinnen. Sam, der schwarze Wolfshund, knurrte drohend, obgleich er sich doch noch an Mike Drawer von damals her erinnern musste, als sie die Herde nach Dodge gebracht hatten. Da war Sam auch dabei gewesen.

Sam erinnerte sich wirklich, aber er hatte gelernt, dass ein Bekannter von gestern nicht unbedingt ein Freund von heute sein musste. Tatsächlich war ihm Mike nicht unsympathisch. Mike gehörte nicht zu den Menschen, die ein Tier wie Sam entweder fürchten oder aber wie einen Plüschteddy herumwursteln wollen. Angefasst zu werden mochte Sam nur von Tom und Old Joe.

Tom Cadburn war ins Haus getreten, erfasste mit einem Blick die ganze Armseligkeit der Einrichtung im Zimmer, sah die Frau mit dem noch ungewaschenen Baby im Arm und begriff, dass ihn Mike nicht angelogen hatte.

„Hallo, Madam, alles klar?“

„Tun Sie ihm nichts!“, sagte die Frau aufgeregt. „Er ist ein guter Mensch. Ohne ihn wäre ich gestorben … und mein Kind auch.“

„Keine Sorge, Madam, ich schicke Ihnen einen alten Mann, einen Freund, der fast so gut ist wie ein richtiger Doktor. Die Indianer haben ihn noch lieber als einen Doktor. Er wird sich um Sie kümmern … und um das Kind.“ Er trat zurück, ging dann hinaus und rief Old Joe zu: „Steck deine Haubitze ein und geh ins Haus. Ich lasse dich hier, bis sie Hilfe bekommen hat. Ich schicke jemand her. Dann kannst du nach kommen. Behalte Sam hier. Der Marsch durch die Wüste wird ihm sowieso keinen Spaß machen. Ich bringe Mike allein weg.“

Old Joe blickte verkniffen in Drawers Richtung, spie dann aus und meinte: „Meine Meinung kennst du, Tom. Ich will diesem Pferdebetrüger nicht die Freude machen, sie hier noch mal zu wiederholen. – Was ist mit der Frau?“ Jetzt kam er, den Lauf der Hawken zum Boden gesenkt, auf Drawer zu.

Mike Drawer erzählte ihm, was er erlebt hatte und vor allem, wie er die Situation zu meistern versuchte. Der Alte hörte zu, nickte und meinte trocken: „Für einen, den sie wegen Totschlags haben wollen, hast du das ziemlich gut gemacht. Ein Mensch ist geboren, Mike! Du hast einen erschlagen. Und nun hast du geholfen, einen auf die Welt zu bringen. Ist dir da nicht alles wie ein Wunder vorgekommen?“

„Es ist wie ein Wunder, so einen kleinen Menschen zu sehen, der eben noch im Mutterleib war. Und sie lebt, die Kleine … Aber ich habe keinen umgebracht. Es ist Lüge.“

„Sagen alle“, rief Tom Cadburn. „Ich habe selten einen, der sagt, dass er dies oder das gemacht hat, dass er ein Mörder, Brandschatzer oder Räuber ist.“

„Es ist eine Lüge.“ Drawer sah Cadburn schon an, dass der zweifelte.

Cadburn war zu Sam getreten, hatte ihn am Hals gekrault und sagte leise ein paar Worte zu ihm. Sam fiepte bekümmert, wedelte traurig mit gesenkter Rute und trottete dann zu Old Joe.

„Los, Mike, streck die Hände vor, ich lege dir Handschellen an!“, befahl der Texas-Ranger, als er auf Mike Drawer zukam.

„Du weißt, dass wir hier nicht mehr in Texas sind“, sagte Mike. „Du hast hier gar keine Befugnisse.“

Cadburn schlug mit der Hand an seinen Revolver. „Das ist ein Argument, Mike. Aber es gibt noch ein zweites. Ich habe einen Haftbefehl, den ein US Marshal unterschrieben hat. Er gilt auch für New Mexico.“ Er zog mit der Linken etwas aus der Westentasche, schüttelte das gefaltete Papier auf und hielt es so, dass Drawer es lesen konnte.

„Aber du fragst nicht, ob Collins, dieser Mistkerl von einem geschmierten Richter, wirklich Recht sprechen wird, was?“, knurrte Mike.

Cadburn lächelte. „Daran habe ich gedacht, Mike. Ich habe mir auch überlegt, dass er womöglich nicht so korrekt ist, wie er sein sollte. Aber sein Haftbefehl ist okay, Mike. So sehr okay, dass dir, wenn ich dich wirklich sausen ließe, bald sämtliche Marshals, Sheriffs und Rangers auf den Socken kleben. Daher habe ich mir gedacht, dass du die Sache hinter dich bringen solltest. Notfalls eben bei einem anderen Gericht und …“

Drinnen schrie die Frau schrill auf. Mike zuckte erschrocken zusammen, Cadburn blickte starr auf Mike, sein Gesicht wirkte dabei verzerrt.

„Mensch, bringt Old Joe sie um?“, platzte Mike heraus und lief auf das Haus zu. Er erwartete, von Cadburn zurückgerufen zu werden, aber da hörte er schon die Schritte des Texas-Rangers hinter sich. Als Mike in den Raum trat, sah er den Schwarztimber hechelnd in der Ecke stehen, wo sich der Kamin befand. Vorn am Bett beugte sich der alte Joe über den Unterleib der Frau und schien mit seinen Fäusten ihren Bauch zu pressen.

„Heh, du verdammter alter Coyote, was machst du mit ihr?,“ rief Mike aufgeregt.

Die Frau warf den Kopf herum und sah ihn mit schmerzlichem Lächeln an. „Es ist … ist schon gut … Er hat mir doch … doch nur geholfen.“

„Alles heraus“, sagte der Alte. „Die Nachgeburt ist da, alles klar, Madam.“ Jetzt drehte er sich um, blickte verwundert auf Mike und brummte mürrisch: „Du weißt wohl auch noch nicht, wie so etwas zugeht, was? Denkst, mit dem Baby ist alles vorbei. Sieh mal nach, ob das Wasser endlich warm ist, ich muss das Kind waschen.“

Mike blickte zum Kamin. Da brannte Feuer. Der Kessel hing über den zuckenden Flammen. Das Wasser dampfte noch nicht einmal.

Tom Cadburn unternahm nichts, um Mike zurückzuhalten. Dem waren die Hände vorn mit Handschellen gefesselt, aber den Wasserkessel konnte er damit vom Feuer heben, wenn es soweit war.

Die Frau sah jetzt die Handschellen und rief erbost: „Sie tun es ja doch! Und er hat gesagt, Sie wollten nur sein Bestes!“ Sie machte eine kurze Kopfbewegung auf Old Joe zu.

Tom Cadburn nickte. „Wir wollen wirklich sein Bestes, Madam. Man würde Mike zu Tode hetzen, wenn wir ihn nicht mitnehmen und vor ein korrektes und objektives Gericht bringen. Und das wird in Pecos sein.“

Mike ruckte herum, als habe sich unter ihm der Boden bewegt. Er starrte Cadburn an und fragte verdutzt: „Pecos? Das ist doch das Gericht von Richter McGrew!“

„Natürlich, und er wird dich völlig unbeeinflusst behandeln. – Siehst du nun endlich ein, dass wir es wirklich gut mit dir meinen?“, fragte Tom Cadburn, wandte sich dann sofort an Old Joe und erkundigte sich: „Wie geht es ihr?“

„Die Plazenta saß ziemlich fest, aber nun ist alles bestens. – Ist das verdammte Wasser immer noch nicht warm?“

In diesen Sekunden fuhren Tausende von Gedanken durch Mike Drawers Kopf. Erst einmal war er drauf und dran, nachzugeben und sich wirklich nach Pecos bringen zu lassen. Der Weg durch die Wüste war hart, aber das, was Cadburn vorhatte, hörte sich fair an. Richter McGrew galt tatsächlich als ehrenwerter und gerechter Mann. Aber dann dachte Mike an die verschlagenen Tricks der Burschen in Menardville, die einen Schuldigen brauchten und dafür Dutzende von Meineiden zu schwören bereit schienen. Collins war viel zu sehr mit denen verstrickt, hatte seine Tochter mit dem größten Grundbesitzer verheiratet und war der Schwager des Mannes, der geschworen hatte, in Mike den Totschläger erkannt zu haben. Eine ganz einfache Sache, wie es schien, und das würde sicher auch McGrew annehmen, wenn er sich die Unterlagen aus Menardville schicken ließ. Er würde den Meineid-Zeugen ebenso glauben, wie es Collins zu gerne tat. – Nein, wenn ich mich nicht verdünnisiere, bin ich geschmissen.

Das war der Moment, wo er die alte Schrotflinte sah, eine einläufige Jesska, wie sie russische Fallensteller oben im Norden verwandten. Der Teufel mochte wissen, wie die hierher nach New Mexico gekommen war. Aber Mike hatte zufällig schon einmal so eine Einlaufflinte in der Hand gehalten. Die Dinger besaßen ein gewaltiges Kaliber, reichten aber nicht sehr weit. Auf kurze Entfernung war die Wirkung schlimm.

Wenn ich nur wüsste, fragte sich Mike, ob sie geladen ist. – Quatsch, dachte er weiter. Ich kann im Ernstfall ja nicht auf die beiden schießen. Dafür sind wir einfach zu lange nebeneinander geritten.

Nicht schießen? Aber die werden dich nach Pecos schaffen. Und dieser McGrew steckt dich in gesiebte Luft, vielleicht sogar in die Hanfkrawatte. Cadburn kann mich da nicht mehr herausholen. Der denkt am Ende auch, dass alles richtig ist, was sie mir anhängen wollen.

Ich will nicht mit diesen Handschellen neun Tage durch die Wüste reiten, und ich will auch nicht in gesiebte Luft. Der Teufel soll Cadburn und den Alten holen. Sorge der Himmel dafür, dass die Jesska geladen ist.

Er handelte sofort, als die beiden nicht auf ihn achteten. Nur der Schwarztimber sah ihn, knurrte wütend und sprang von seinem Platz am Kamin auf.

Da hatte Mike schon die Jesska gepackt, heruntergerissen und auf Sam gerichtet.

Cadburn wirbelte auf dem Absatz herum, Sam zuckte zurück. Beide wussten, dass ein Schuss den Schwarzen töten würde. Und Mike war klar, dass Tom Cadburn zu sehr an Sam hing, um ihn einfach preiszugeben.

„Nimm das Wolfsblut zurück, sonst stirbt es!“, drohte Mike.

Die Frau sah jetzt von ihrem Lager aus, dass Mike die Flinte in den Händen hielt und schrie: „Sie ist geladen, o Mann, sie ist mit Hackschrot geladen! Mein Mann hat es selbst getan. Machen Sie sich nicht unglücklich!“

Mike hörte nicht hin. Er war durch die Handschellen nicht so behände, aber die Flinte vermochte er gut und gefährlich genug zu halten.

„Sam, hierher!“, befahl Cadburn.

„Ich habe keine Hemmungen, Tom“, sagte Mike. „Es geht um meinen Kopf, und der ist mir mehr wert, als ihr glaubt. – Joe, mach du bloß keinen Mist. – Tom, den Schlüssel von den Handschellen! Wirf ihn nicht weg, sondern leg ihn dort auf den Sims.“

„Du wirst doch diesen Rosstäuscher nicht …“, wollte Old Joe protestieren, aber Tom Cadburn unterbrach ihn. Er wusste, wann einen Mann die Verzweiflung gepackt hielt. Nur so, wie sich Mike das vorstellte, würde er einmal nicht weit kommen und zum anderen kein Recht bekommen, sondern womöglich bis zum bitteren Ende ein Gejagter bleiben.

„Nichts, Joe, nichts machen wir. Hier ist der Schlüssel“, sagte Tom und legte ihn auf den Sims, hielt dann die Hände weit vom Revolver und fragte: „Du wirst Proviant und Wasser brauchen und ein frisches Pferd haben wollen. Mehr ist nicht drin. Wir bekommen dich, Mike, oder besser gesagt, ich bekomme dich.“

„Abwarten!“, brummte Mike unschlüssig, sah die Frau an, und die rief: „Im Schrank ist zu essen.“

Er nahm sich, was er brauchte, aber er sah die Armut dieser Leute hier und blieb sehr bescheiden. Dann ging er nach draußen. Bei der Gelegenheit hätte Cadburn ihn erschießen können. Auch nachher, als Mike auf das Pferd der Farmersleute seinen Sattel legte, hätte Cadburn ihn töten können. Doch er tat nichts dergleichen. Die Frau war da, und ein Schuss hätte sie und das Kind unnötig aufgeregt. Tom wusste, dass Mike durch die Wüste musste, so oder so. Und der Weg war lang. Tom wollte diesen Mann nicht verletzen oder töten. Er wollte ihn ohne Kampf, und er war überzeugt, dass er nur Geduld genug haben musste, dann würde er Mike wie einen reifen Apfel, der vom Baum fällt, bekommen.

Doch in der Wüste konnten sich, und das wusste Tom auch, die Gesetze der Logik auch umkehren.

Tom hatte, als Mike losritt, eine dumpfe Ahnung, dass es womöglich ganz anders ausgehen könnte, als er sich das jetzt dachte.

Ich sollte mal Joe fragen, was der darüber denkt, überlegte er. Joe besaß den feinen Instinkt eines alten Bären und spürte Gefahren lange voraus. Vielleicht, dachte Tom noch, sollte ich mich den Teufel um Mike kümmern. Damals auf dem Treiben nach Dodge war er ein prächtiger Bursche. Aber eben darum sollte ich ihn nach Pecos bringen, genau darum!

Sie würden ihn wirklich wie einen Hasen jagen, zumal dieser Collins, den ich auch nicht ausstehen kann, alle Hebel in Bewegung setzen wird.

Wenn man nur wüsste, was er tun wird, wenn man das nur wüsste!, sagte sich Tom, während er nachdenklich dem davonreitenden Mike nachsah. Auch jetzt noch hätte Tom den Flüchtenden mit Joes weittragender Hawken stoppen können. Anderthalb Meilen weit trägt dieser Vorderlader. Auf gut eine Meile kann man noch damit genau treffen. Mike hätte nicht den Schimmer einer winzigen Chance gehabt. Und eigentlich, sagte sich Tom, hätte Mike das auch wissen müssen.

Sollte Mike wirklich darauf vertrauen, dass ihn alte Freunde von einst auch jetzt niemals aus dem Sattel holen würden?


2

Old Joe legte der strahlenden Mutter das Kind in die Arme. „So, jetzt haben wir das kleine Ding herausgeputzt, als wollte es zum Ball“, sagte er schmunzelnd. „Und Ihnen geht es jetzt auch wieder besser, wie?“

„Ich mach mir Sorgen um meinen Mann. Er ist so lange schon weg, und ich begreife das gar nicht.“

„Er wird schon kommen, Madam“, versuchte Old Joe sie zu trösten.

„Ich heiße Sheila Johnson“, erklärte sie ihm und blickte ein wenig unsicher auf ihr Kind, das sie in den Armen hielt. Das kleine Gesicht wirkte zerknautscht, und eine Locke des dunklen Haares hing in der Stirn. Das Kind schlief und schien die Nähe der Mutter behaglich zu finden.

Der Alte stand, die Ärmel aufgekrempelt, ein Handtuch über der Schulter, breitbeinig vor der im Bett liegenden Frau und ihrem Baby.

Sie sah ihn aus ihren großen blauen Augen forschend an. „Warum jagen Sie ihn?“ Ihre Stimme klang jetzt noch brüchig und ein wenig atemlos.

„Er soll einen Mann im Streit erschlagen haben, mit einem Revolverkolben.“

„Ich glaube es nicht, aber vielleicht war es Notwehr.“

Old Joe schüttelte den Kopf. „Er streitet es überhaupt ab, aber da sind Zeugen. – Wollen Sie etwas trinken? Sie sollten es, damit Ihre Nieren funktionieren und Sie auch genug Milch haben. Nachher wird die Kleine etwas wollen.“

Die Frau war unruhig geworden. „Wenn ich nur wüsste, wann mein Mann kommt. – Ist Ihr Freund schon losgeritten? Ich habe nichts gehört.“

„Er ist noch draußen. Mike kommt ihm schon nicht aus. Wir wollen Mike nicht niederschießen oder so. Ich denke, Mike wird es nicht schaffen, durch die Wüste zu reiten, ohne sich eine Blöße zu geben, wo ihn Tom fassen wird. Ohne Blutvergießen und ohne Blei.“

Sie atmete erleichtert auf. „Er war so gut zu mir, hat sich so bemüht. Er ist wirklich kein schlechter Mensch, im Gegenteil. Er hätte ja auch weiterreiten können.“

Old Joe nickte. „Hätte er wirklich.“ Plötzlich hörte er Toms Pfiff. Sam war schon an der Tür, sprang hoch und schob mit der rechten Vorderpfote den Schieber zurück, sprang zurück, machte mit der Pfote die Tür auf und huschte nach draußen.

Unmittelbar danach hörte Old Joe schon das wilde Aufheulen des Wolfsblutes und zugleich Toms Stimme, die Sam aufforderte, bei ihm zu bleiben.

Old Joe ging zur Wand, packte seine Hawken und schielte durchs Fenster. Er trat nur bis zum Rand an die Scheiben. Es war ein winziges Fenster, fast eine größere Schießscharte, mehr nicht.

Draußen stand Tom Cadburn im gleißenden Sonnenlicht. Neben ihm Sam. Aber noch weit entfernt näherte sich ein Reiter. Der Mann hing mehr im Sattel, als dass er saß, und sein schwarzweiß geschecktes Pferd schien zu taumeln.

Eine Staubfahne wehte dünn von den schlurfenden Hufen des Pferdes hoch.

Der Reiter kam aus der Wüste, etwas weiter südlich jener Richtung, in die Mike geritten war.

„Mein Mann?“, fragte Sheila Johnson.

„Hat er einen Schecken?“, fragte Old Joe, ohne den Blick aus dem Fenster zu lassen.

„Ja, es ist Sally, unsere Stute … Was ist mit James?“

„Wenn James Ihr Mann ist und dieser James dort im Sattel sitzt, hat er so etwas wie einen verdammt harten Ritt hinter sich.“

Sheila wollte noch tausend Fragen stellen, aber Old Joe war anzusehen, dass er nicht eine einzige beantworten würde, nicht jetzt.

Er stand am Fenster, hatte die Hawken fest in den faltigen Fäusten, deren Rücken sich wie Pergament spannten. Und der Blick der Falkenaugen war fest auf den Ankömmling gerichtet.

Der drohte jeden Augenblick aus dem Sattel zu kippen. Das Pferd aber, so erschöpft es schien, hatte Sam entdeckt und blieb mit einem Ruck stehen. Das genau hatte der Reiter nicht erwartet. Er verlor das Übergewicht, rutschte nach vorn, kippte mit dem Oberkörper auf die Mähne des Schecken und glitt dann nach rechts, rutschte, sich verzweifelt haltend vom eigenen Gewicht gezogen in den Sand. Er schlug schwer auf, wollte sich noch herumwälzen, aber das schien er nicht mehr zu schaffen. Apathisch blieb er in der grellen Sonnenglut liegen.

In der Helligkeit, die auf sein schmutziges einst rotgestreiftes weißes Hemd fiel, wirkte der große Blutfleck an der Hüfte um so dunkler.

Tom lief auf Mann und Pferd zu, Sam kam ihm nach, aber das Pferd scheute, war aber zu erledigt, um weit zu laufen. Es machte ein paar matte Sprünge und trottete dann hinunter zum Arroyo, wo schon die anderen beiden Pferde und Old Joes Maultier Rosinante standen. Die

begrüßten Stute Sally mit dumpfem Wiehern.

Tom hatte den am Boden liegenden Mann erreicht, kniete neben ihm nieder und wälzte ihn weiter auf die Seite. Old Joe konnte hier drinnen nicht hören, was Tom oder der Verletzte sagten, aber er sah, wie Tom dem Manne das Hemd aufriss.

„Was ist mit James? Bitte, sagen Sie, was mit James ist!“, rief Sheila erregt.

„Ruhig Blut, Tom ist bei ihm. Ich denke, er kommt gleich mit ihm herein. Der Mann, wenn es Ihr James ist, hat einen schlimmen Ritt hinter sich und ist ein bisschen verletzt.“ Ein bisschen viel, dachte Old Joe noch, als er das gesagt hatte, aber er sprach das nicht aus.

Tom nahm den Verletzten in die Arme, hob ihn auf und trug ihn nun auf das Haus zu.

„Ist Ihr Mann dunkelhaarig?“, wollte Old Joe wissen, ohne den Blick vom Fenster zu wenden.

„Ja, ist er. Wieso ist er verletzt?“, fragte sie ungeduldig.

„Woher soll ich es wissen, Madam? – Tom bringt ihn.“ Old Joe hängte seine Hawken genau an den Haken, wo zuvor das russische Einlauf-Gewehr gehangen hatte. Dann öffnete er die Tür bis zum Anschlag. Tom kam mit dem Verletzten herein.

Der Mann in seinen Armen war bei Sinnen. Er stöhnte. Jetzt entdeckte Old Joe das abgebrochene Stück Pfeil, das aus der Hüftwunde ragte, die unter dem aufgerissenen Hemd zu erkennen war.

„Lipans?“, fragte der Alte und sah dem etwa dreißigjährigen Mann mit dem dunklen Haar in die grünen Augen. ,

„Jede Menge“, ächzte der Verletzte, dann hatte er seine Frau mit dem Baby entdeckt.

„Ich habe ihm schon gesagt, dass alles gutgegangen ist mit der Geburt“, erklärte Tom und legte den Verletzten auf die Felle in der hinteren Raumecke. Dort hatte vorhin noch Sam herumgeschnüffelt.

„O James, was ist nur passiert?“, rief die Frau aufgeregt.

„Sheila … ist … ist mit dem Baby und dir …“

„Alles gut, James, aber du,was ist dir zugestoßen? Wo bist du nur so lange geblieben?“

„Er ist mit Indianern zusammengeraten“, erklärte Tom. Er wandte sich an Old Joe. „Machst du das mit dem Pfeil? Ich werde mich um sein Pferd kümmern und es absatteln. Das Pferd ist so groggy wie der Mann.“



3

Mike Drawer entdeckte die Kette der Indianer weit am Horizont. In der flimmernden Luft wirkte das Bild der Reiterkette verzerrt, unwirklich wie eine Fata Morgana. Und doch war es kein Trugbild. Darüber war sich Mike absolut im Klaren.

Dreißig zählte Mike, dreißig Reiter und zwei Packtiere. Keine Travois, keine zwei oder drei Kinder auf Pferderücken, keine Zeltstangen, die vor und hinter den Packtieren herausragten. Also kein Dorf auf dem Weg zu einem anderen Wohnplatz. Das dort konnten nur Krieger sein. Nein, sagte er sich, Krieger nicht, dann würden sie ungesattelt reiten. Sie sind auf der Jagd. Es müssen Lipans sein. Lipan-Apachen, von denen er wusste, dass sie in dieser Gegend verzweifelt versuchten, ihr Land gegen die immer stärker eindringenden Weißen zu behaupten und sie zurückzudrängen. Er wusste es und dachte doch nicht lange darüber nach. Die Auseinandersetzung mit den Roten hatte sich so sehr verhärtet, dass es nur noch heißen konnte: Auge um Auge, Zahn um Zahn. So dachten die Weißen, und so dachten auch die Indianer. Das mit der Ritterlichkeit war längst bei den Indianern ausgestanden. Sie waren sich im Klaren, dass die Weißen darauf nichts mehr gaben. Es ging um Sein oder Nichtsein, also war Fairness längst so etwas wie Schnee von gestern.

Wenn sie mich sehen, dachte Mike, bin ich erledigt.

Er blickte sich um. Hinter ihm war noch nichts von Cadburn und seinem Hengst zu sehen. Vielleicht, dachte Mike, folgt er mir doch nicht. Aber ich muss vom Pferd, brauche Deckung. Jeden Augenblick können mich die Rothäute auf dem Kieker haben.

Er ließ sich aus dem Sattel gleiten, hielt dabei aber die Zügel fest und zog den Wallach, den er aus dem Corral des Farmers mitgenommen hatte, herum und führte ihn dann auf den Steinwall zu, der vor Jahrtausenden am Rande einer Lawinenstraße entstanden war. Die Felsen, die drüben aufragten, waren mittlerweile von Wind, Hitze und nächtlicher Kälte zermürbt, dass sie wie zerfressen wirkten.

Bis zu diesen Felsen muss ich kommen!, dachte Mike, aber er fragte sich zugleich, wie das gelingen konnte, ohne dass ihn die Indianer von drüben her sehen konnten.

Er versuchte es, lief, das Pferd am Zügel, geduckt hinter dem Steinwall entlang auf den Einschnitt zwischen den rotbraunen verwitterten Felsen zu.

Immer wieder schaute er hinüber zum Horizont im Süden, wo die Reihe der dreißig Reiter dahinzog. Nichts deutete darauf hin, dass er von den Lipans gesehen worden war.

Außer der Einlaufflinte und seinem Revolver besaß er keine Waffe. Er verfluchte sich, Cadburns Winchester nicht mitgenommen zu haben. Die Gelegenheit dazu hatte er gründlich verpasst. Aber er hatte vermeiden wollen, dass Cadburn nur wegen seines wertvollen Gewehres die Verfolgung fortgesetzt hätte.

Jetzt allerdings vergaß er Cadburn sofort. Die Indianer zogen weiter, bis auf zwei Reiter. Diese zwei scherten aus, ritten ein Stück in gerader Richtung genau auf die Stelle zu, wo Mike eben noch gewesen war.

Zwei, dachte er, mit denen werde ich fertig. Und er hastete weiter. Jetzt sahen sie ihn noch nicht, nur den Wallach. Aber gleich, wenn er am Ende des Steinwalls über den freien Hang bis hinauf zum Felseinschnitt musste, dann würden sie nicht nur das Pferd sehen.

Warten!, dachte er, als er am Ende des Walls ankam. Für die Indianer musste es aussehen, als sei dies ein reiterloses Pferd, das nun unschlüssig stehenblieb.

Er sah die beiden Reiter zwischen Felsritzen hindurch. Sie ritten im Galopp, und ihre Mustangs griffen weit aus. So näherten sie sich viel schneller, als er es ursprünglich erwartet hatte.

Er musste an die junge Mutter denken. Was mochte sie tun, wenn Old Joe sich nicht mehr um sie kümmerte? War vielleicht ihr Mann doch noch gekommen? Oder ein Nachbar?

Am Ende hatten die Lipans dort den Mann dieser Frau erwischt?

Die beiden Indianer ritten auf Schecken, braun-weiße Pferde mit kräftigen Brüsten, wehenden Mähnen und kurzen, stämmigen Beinen. Pferde, die bei Jagd und im Gebirge jedem großen Reittier überlegen waren wegen ihrer Wendigkeit und ihrem Klettertalent.

Jetzt erkannte er sogar die Gesichter. Keine Kriegszeichen, und doch war das keine Garantie für eine friedliche Absicht. Die Indianer hatten von den Weißen zu viel gelernt, auch das Tricksen. Und für sie war jetzt ständig Krieg, überall und immer. Nein, auf friedliche Absichten brauchte er keine Sekunde zu hoffen. Sie wollten das Pferd.

Er hatte die Einlaufflinte schon unterwegs überprüft. Sie war wirklich mit Hackblei geladen, eine Ladung, deren Wirkung Mike kannte. Nein, sagte er sich, damit auf einen Menschen zu schießen … da müsste ich wirklich keinen Ausweg mehr haben.

Er sollte gleich sehen, dass er nur die Wahl zwischen sterben oder abdrücken hatte. Denn mit einem Male trennten sie sich. Der eine ritt nach rechts, der andere versuchte von der Stelle hinter den Wall zu kommen, wo Mike vorhin gewesen war, als er die Indianer entdeckt hatte.

Beide waren nicht arglos, wie Mike schon gehofft hatte. Ganz plötzlich und nur auf ein Zischen hin fegten sie los. Der vordere verschwand mit einem Male auf der rechten Seite seines dahinpreschenden Mustangs, der andere jagte tief über den Hals seines Tieres gebeugt mit schrillem Schrei an der Stelle vorbei, wo der Steinwall begann, zog den Mustang hart herum … und sah Mike voll an.

Ein junger Bursche, dachte Mike. Mit einer Narbe quer über den Augenbrauen. Er sieht fast wie ein Mexikaner aus. Gelbe Zähne hat er, bestimmt vom Tabak oder Peyotl kauen.

Und dann raste dieser Mann schon heran.

Wenn ich auf den schieße, packt mich anschließend der andere von hinten. Erst den anderen, fuhr es Mike durch den Kopf. Sie wollen, dass ich erst auf den dort schieße, zu früh möglichst. Der wird gleich einen Trick versuchen.

Da war er schon, der Trick! Der Reiter, der – wie Mike glaubte – sich zur Zielscheibe machen wollte, glitt rasend schnell zur Seite weg, tauchte richtig vom Rücken seines Mustangs fort, aber der von diesem jungen Burschen erwartete Schuss des Gegners kam nicht.

Mike fuhr hoch, sah den anderen Indianer, der jetzt direkt auf den Wall zupreschte und mit dem Pferd über das Hindernis springen wollte. Und er war nicht mehr neben seinem Pferd. Er saß voll im Fellsattel, hatte eine Springfield in den Händen und wollte gerade abdrücken.

Mit einem Satz warf sich Mike gegen die Brust seines Pferdes, ließ zugleich die Zügel los und spürte, wie das Pferd hinter ihm hochging.

Der Wallach bäumte sich auf, warf sich erschrocken herum und schleuderte Mike nach vorn. Dann preschte der Wallach auf und davon.

Genau in dem Augenblick feuerte der Indianer aus seiner Springfield auf Mike. Aber der war nicht mehr dort, wo er eben noch ein Ziel geboten hatte. Stattdessen feuerte er aus der russischen Einlaufflinte die verheerende Ladung des Farmers ab.

Die Wirkung war entsetzlich. Den Indianer riss es vom Pferd. Das Tier bekam auch noch etwas ab. Und während noch der Donnerschlag der wuchtigen Detonation an den Felsen verhallte, hatte sich das Pferd überschlagen und den grauenhaft zugerichteten Reiter von seinem Rücken katapultiert.

Mike traf der Anblick des durch die Luft fliegenden Mannes wie ein Hammer. Er musste sofort an das Baby denken, daran, wie es ist, wenn ein Mensch auf die Welt kommt. Auch dieser Indianer war irgendwann und irgendwie auf die Welt gekommen, hatte eine Mutter und …

Es war noch ein zweiter Mann da, und Mike hatte keine Zeit zu verschenken, wenn er kein Selbstmörder sein wollte.

Mit einem Male war alles in ihm wieder auf Kampf eingestellt, auf den absoluten Willen, das hier zu überleben. Nein, sagte er sich, nicht hier und nicht so!

Und dann hatte er den Revolver heraus, feuerte, schlug mit der flachen linken Hand den Hammer zurück, drückte ab, repetierte, drückte ab …

Mit dem ersten Schuss traf er das Pferd, aber es raste weiter auf ihn zu. Mit dem zweiten Schuss traf er den Arm des Indianers, den der angewinkelt hatte, um mit der Hand den Kolbenhals seines Spencer-Gewehrs zu umspannen, mit dem Zeigefinger aber selbst auch abdrücken wollte.

Dazu kam er nicht mehr. Der dritte Schuss traf den Lipan-Apachen mitten in die Stirn. Aber da waren Pferd und Mann schon knapp vier Schritt von Mike entfernt. Da brach das Pferd zusammen, warf den Reiter ab, und als der aufschlug, löste sich der Schuss aus der Spencer.

Das Pferd schlug noch mit den Hufen um sich, dass Mike aus dem Weg springen musste, um nicht getroffen zu werden. Ein letzter Schuss erlöste das Pferd, dann lud Mike hastig und gewohnheitsmäßig den Revolver auf, rannte zu dem reglos am Boden liegenden Indianer, entriss der verkrampften Hand die Spencer, prüfte sofort den Mechanismus und lief dann zu dem anderen Toten, der so grauenhaft zugerichtet war. Die Springfield lag ein Stück abseits. Es war ein US Militärkarabiner. Die Buchstaben U.S. waren im Kolben eingebrannt.

Das Pferd des Toten lebte ebenfalls noch, und auch dieses Tier erlöste Mike durch einen Revolverschuss hinters Ohr von den Qualen.

Der Donner des Schusses erinnerte Mike jäh wieder daran, dass diese beiden Lipans nicht allein gewesen waren. Was, wenn die anderen achtundzwanzig diese Schießerei gehört hatten und schon auf dem Weg hierher sein sollten.

Als ihm dies siedend heiß bewusst wurde, erfasste ihn für ein paar Sekunden Panik. Er sah sich nervös nach seinem Pferd um, konnte es aber nirgendwo entdecken. Wütend auf den Wallach überlegte er sich einen anderen Ausweg. Aber erst, so beschloss er, wollte er sich Gewissheit darüber verschaffen, wo die anderen Lipans abgeblieben waren.

Er stieg bergan über Geröll bis zum ersten der rotbraunen, vom Zahn der Zeit zermürbten Felsen. Aber so einfach, wie es sich von weiter unten angesehen hatte, war es nicht, auf diesen Fels zu klettern. Das Gestein war bröcklig und stellenweise auch glatt. Trotzdem kletterte Mike ein gutes Stück hoch und konnte von hier aus bis weit in die Ebene hinab sehen. Doch von den achtundzwanzig Lipans und ihren Pferden entdeckte er keine Spur.

Diese Tatsache beunruhigte ihn so sehr, dass er wieder die Angst verspürte, den Indianern in die Falle zu geraten. Er wusste, dass sie wenig Erbarmen zeigen würden. Wenig?, dachte er. Gar keins!

Plötzlich sah er sie. Es war genau das eingetreten, was er befürchtet hatte. Sie waren durch die Schüsse alarmiert worden und kamen jetzt weit verteilt näher. Und sie kamen dicht unter den Felsen dieser Kette von Gesteinstürmen und Steilwänden entlang. Er sah, wie drei anhielten, absaßen und in einem Felskamin verschwanden. Vermutlich, so überlegte er sich, werden sie dort hinaufklettern und dann hier oben irgendwo auftauchen. Dann sitze ich in der Zwickmühle.

Die anderen fünfundzwanzig bildeten eine weite Kette. Ein Flügel von fünf Reitern schwenkte aus und ritt schneller. Die Kette bildete einen Halbkreis.

Die Falle war komplett. Drei auf den Felsen, unten die Reiterkette wie ein riesiges Netz, aus dem Mike nicht entrinnen konnte.

Nein, dachte er, noch bin ich frei, und noch habe ich eine Chance, ihnen in die Felsen zu entkommen. Und ich muss es jetzt und sofort tun.

Er hatte keine Zeit zu verschenken und stieg ab, beide Gewehre und Munition dazu bei sich. Die letzten drei Meter sprang er vom Felsturm ab, jagte dann über einen Felsrücken bis an einen Gesteinseinschnitt, und hier hoffte er rasch höher zu kommen. Es gelang ihm nicht mit zwei Gewehren. Auch wenn er sie umgehängt trug, sie behinderten ihn zu sehr. Er entschloss sich, die beiden Waffen zurückzulassen, zog noch die Schlösser heraus und schleuderte sie weit weg. Die Gewehre zertrümmerte er am Felsen. Direkt am Kolbenhals brach der Kolben vom Schaft. Mike ließ die Waffen unter sich fallen und kletterte hastig weiter. Nun kam er gut voran.

Als er oben anlangte, rasselte sein Atem, japste er nach Luft. Schweiß rann ihm in die Augen und brannte wie Pfeffer. Er wischte sich das Gesicht ab, sah in die Runde, entdeckte aber nichts von den drei Lipans, die irgendwo weiter südlich sein mussten. Aber er sah sie auch nach einer Weile nicht. Zeit zum Warten gab es nicht Also weiter.

Er lief über ein Plateau, erreichte eine Art Terrasse und zog sich am Felsabsatz hoch, blickte abermals nach Süden, doch auch jetzt sah er die drei Lipans nirgendwo.

Das beunruhigte ihn. Er wollte nicht irgendwo von ihnen überrascht werden, sagte sich aber, dass sie noch nicht in seiner Nähe sein konnten.

Er kletterte weiter, als das Ende des Felssimses erreicht war, gelangte er in einen breiten Felseinschnitt und kam hier höher, als hätte die Natur eigens für ihn so etwas wie eine Treppe gebaut.

Er sah über sich den Nachmittagshimmel und entdeckte auch die Geier. Sie schienen ihrer Beute unten am Fuß des Felsens absolut sicher zu sein.

Als er schließlich oben anlangte und sich umsah, begriff er jäh, dass er am Ende aller Wege angekommen war. Von hier kam er nur wieder zurück. So sah es im Moment aus. Da war ein winziges Plateau, und auf der anderen Seite dieser kleinen Plattform fiel der Fels so steil ab, dass er ohne Seil niemals daran herunterklettern konnte. Ein Lasso oder Kletterseil besaß er nicht.

Weit drüben, von ihm durch einen tiefen Canyon getrennt, tauchten die drei anderen Kletterer auf.

In diesem Augenblick wurde Mike klar, dass die Lipans nicht aus dieser Gegend stammten. Sie kannten das Gebirge nicht, sonst wären sie keinesfalls an jener Stelle in den Fels geklettert, von wo aus es keinen Weg hier herüber gab.

Die Rettung!, fuhr es Mike durch den Kopf. Wenigstens im Moment aus dieser Gefahr heraus.

Er verbarg sich vor den Blicken der drei, und die hatten ihn ganz offenbar auch noch nicht entdeckt. Dafür erreichten sie den Canyon, dessen Steilwände sie ebenso zur Umkehr zwangen, wie dies für Mike an seinem Platz der Fall sein würde.

Mike wollte nicht umkehren. Denn unten, da warteten auf ihn fünfundzwanzig Gegner, mit denen er nie im Leben fertig werden konnte.

Es war Nachmittag, heiß wie in einem Backofen hier oben, obgleich die Sonne schon tief stand. Die Hitze setzte dem von der ganzen Flucht erschöpften Mike zu. Jetzt spürte er, wie fertig er war, und seine größte Furcht war, hier einfach einzuschlafen.

Er hoffte auf die Nacht, obgleich die Lipans schon lange nicht mehr die Geister der Nacht fürchteten und durchaus auch nachts angriffen. Es gab nur noch wenige Stämme, die den Krieg bei Sonnenuntergang mit in ihre Decken rollten.

Sobald es dunkel wird, verdufte ich, dachte Mike. Aber da fiel ihm ein, dass gegenwärtig Vollmond herrschte. Der Mond ging schon am frühen Abend auf. Das wusste er noch von der letzten Nacht, die er auch nicht zum Schlafen gekommen war.

Und dennoch hatten ihn Cadburn und Old Joe eingeholt, war der wertvolle Vorsprung von sieben Stunden dahingeschmolzen.

Ich hätte auf Tom hören und mich von ihm festnehmen lassen sollen. Vielleicht hätte ich eine Chance gehabt.

Unten waren Stimmen zu hören, gutturale, typische Apachen-Stimmen. Er roch die Indianer sogar bis hier herauf.

Zu gerne hätte er jetzt Tom Cadburn in der Nähe gewusst. Aber nichts wies auf so eine Wendung hin. Und was will Cadburn auch viel ausrichten?, sagte er sich. Auch zwei werden mit achtundzwanzig Lipans nie fertig. Ich werde ihnen trotzdem die Hölle bereiten. Bis die mich haben, gehen einige von denen zum Teufel!

Warum, fragte er sich, kommen sie nicht schneller? Ich werde es ihnen zeigen, ich werde …

Ist doch Wahnsinn!, dachte er dann. Die wollen mich umbringen, ich sie, und keiner kennt wirklich den anderen. Vorhin habe ich schon gedacht, dass sie Menschen sind wie ich, dass sie eine Mutter haben, die sie so geboren hat wie die Farmersfrau ihr Baby. Ein Wunder, wenn so ein kleiner Mensch geboren wird. Und dann, wenn ihn die Mutter mit Liebe und Hingabe aufzieht, wenn sie ihn bei Krankheit pflegt und endlich groß hat, dann wird so ein Mensch einfach umgebracht.

Ich bin ein Mörder, wenn ich auf sie schieße. Aber sie werden mich töten, selbst wenn ich ihnen sage, dass ich nichts gegen sie habe. Sie werden es tun, weil ich ein Weißer bin. Sie würden es auch tun, wenn ich die beiden unten nicht erschossen hätte.

Sie verstehen nicht einmal, wenn ich mit ihnen reden will. Es ist das schlimme, dass wir sie nicht verstehen und sie uns nicht. Und wenn sie wirklich etwas von unserer Sprache beherrschen, dann nicht genug. Und wir Weißen nehmen ihnen alles weg, dabei ist dieses Land so groß, dass wir alle miteinander Platz hätten.

Die Stimmen unten wurden deutlicher, kamen näher …

Und ich werde wieder kämpfen und töten, weil ich leben will, dachte Mike. Sie werden in ein paar Minuten weit genug sein, um mich zu sehen, und dann werden sie schießen, wenn ich es nicht tue!



4

Der Pfeil hatte Widerhaken, und es war nicht leicht, ihn herauszubekommen. Old Joe zog das abgebrochene Stück nicht heraus, er musste es herausschneiden, und das Aufbrüllen des Mannes, als der schnelle Schnitt mit einem rasiermesserscharfen Dolch erfolgte, vermischte sich mit dem Schrei der Frau, die zufällig zusehen konnte. Old Joe hatte sich vorher ins Sichtfeld gestellt, aber beim Schnitt wandte er sich zur Seite, und da sah sie es.

Auch das Baby schrie kläglich. Und wenn Old Joe etwas nicht vertragen konnte, dann waren das schreiende Kinder. Nicht der Lärm störte ihn, sondern die eigene Hilflosigkeit. Er wusste nicht, was er machen sollte, wie man das Kind zu beruhigen vermochte.

Sam, der neben dem Lager der Frau saß, blickte zu dem Baby empor. Aber er wagte sich nicht näher heran. Old Joe hatte ihm das vorhin verboten. Dabei hätte Sam zu gerne das Baby durch Zungenlecken beruhigt. Er wusste auch, dass die Frau sich vor ihm fürchtete. Er wusste es, weil ihr vorhin vor Angst der Schweiß ausgebrochen war. Und das war ein ganz deutliches Signal für Sam, der auch sonst die Angst anderer ganz genau witterte.

James Johnson blutete stark, und das war ein Anblick, bei dem Sheila schlecht wurde. Ihr Schreien verklang, dann war es still, denn auch das Baby war wieder still. Old Joe hantierte schweigend, legte eine Kompresse an und sagte: „Halt das solange fest, ich muss es ausbrennen, sonst stirbst du an Blutvergiftung.“

„Ausbrennen?“, keuchte der Verletzte verstört. Immerhin hielt er die Hand auf die Kompresse gepresst, die seine Hüftwunde bedeckte.

Der herausgeholte untere Pfeilschaft mit der Widerhakenspitze, noch voller Blut, lag auf dem Boden. Sam war herangekommen und schnupperte daran. Da trat Tom Cadburn ein. Sam hob sofort den Kopf und kam ihm entgegen. Sein wedelnder Schwanz zeigte die Freude, dass Tom wieder im Haus war.

„Wie sieht es aus?“, fragte Tom, während er mit der Rechten Sam am Hals kraulte.

„Schür das Feuer!“, brummte der Alte unwirsch.

„Ist dir was auf die Zehen gefallen?“, wollte Tom wissen. „Du hast ja wieder eine Laune …“

„Rede nicht, mach das Eisen warm. Hier, das da.“ Er hatte immer für solche Zwecke ein leicht gebogenes Flacheisenstück in seiner Satteltasche. Tom kannte es schon, nahm es und legte es ins Feuer, dann packte er noch Holzkohle in die Flammen. Es dauerte nicht lange, und die Flammen brannten blau. Tom betätigte den Blasebalg. Diese Feuerstellen in Farmhäusern mussten für vieles gut sein, auch dazu, ein Hufeisen oder etwas anderes rotglühend zu machen.

James zitterte vor Angst, denn er schien gut zu wissen, was ein Ausglühen zu bedeuten hatte. Old Joe gab ihm einen Schluck Brandy aus der flachen Flasche. James trank, aber dieser Schluck war zu wenig, um ihm die Furcht vor dem grauenhaften Schmerz zu nehmen, der ihm bevorstand. Und doch sah James ein, wie wichtig es war, was da geschehen sollte. Mit Alkohol war das alles nicht zu erreichen. Außerdem musste die Blutung gestillt werden. Das Blut rann trotz der Kompresse durch James‘ Finger, mit denen er die Kompresse hielt. Die Zeit tröpfelte dahin.

Sheila war wieder zu sich gekommen, und Old Joe sprach beruhigend auf sie ein. Dann raunte er Tom zu, als der neben ihm stand: „Die Frau und das Baby bleiben hier. Ich mache das mit dem Mann allein, draußen im zweiten Zimmer.“

„Das ist eine Vorratskammer, Joe.“

„Dann eben ganz draußen. Pass auf die Frau und das Kind auf.“

„Ich glaube“, meinte Tom, „du willst, dass ich Mike sausen lasse, was?“

„Blöd genug, ihn zu jagen, ist es ja auch“, brummte der Alte. Er wandte sich an James. „Hör mal, Bruderherz, wir gehen nach draußen. Komm, soviel Kraft hast du noch.“

James begriff den Grund. Tom bekam von Old Joe einen Wink, begriff sofort und nickte. Kaum war Old Joe mit James draußen, war auch das Eisen fast rotglühend. Tom drehte es im Feuer, und als es richtig heiß war, trug er es nach draußen. Sheila, die ahnte, was vorging, rief ängstlich: „Was tun Sie mit meinem Mann?“

Tom gab ihr keine Antwort und tat, als habe er nichts gehört.

„Geh wieder zu ihr! Er wird es ertragen, er ist kein Schwächling“, sagte Old Joe, und Tom ging ins Haus. Draußen aber biss James die Zähne zusammen, spannte alle Muskeln an, und dann kam, was kommen musste.

Der Schrei von James, als das Eisen sich in die Wunde senkte, war markerschütternd. James wurde vor Schmerz fast ohnmächtig und sackte zusammen. Doch die Blutung stand. Old Joe, der zuvor die Kompresse abgenommen hatte, legte ein mit Brandy getränktes Tuch auf die Wunde und machte aus Mull, den er in seiner Satteltasche immer mitführte, einen sorgfältigen Verband.

Schon während er das tat, schienen bei James die Schmerzen rasch nachzulassen. Er grinste sogar schlapp und brummte: „Mensch, du hättest einen erstklassigen Doc abgegeben, alter Mann, oder bist du am Ende einer?“

„Übung, mein Sohn, nichts als Übung. – Erzähle mir mal von den Lipans. Wie bist du an sie geraten? Hast du schon Hilfe für deine Frau holen können oder …“

James nickte. „Das ist ja der Mist. Bei den Keith‘ war nur der alte Vater da und Mrs. Keith. Sie wollte kommen. Aber erst musste sie die Kuh melken, die sie auf der Farm haben. Die Männer, ihr Mann und die beiden Söhne, sind alle drei mit den McLures in den Canyons, um verirrtes Vieh herauszutreiben. Da kommen sie frühestens in einer Woche zurück. Und nun ist Mrs. Keith mit ihrem Schwiegervater womöglich unterwegs und gerät auch den Lipans in die Finger. Der Alte ist über siebzig. Der richtet nichts aus, genau wie ich allein keine Chance gehabt habe. Ich konnte nur

fliehen. Mein Pferd war gut, besser als die der Roten.“

„Das Land hier ist doch Apachenland, nicht wahr?“, fragte Old Joe.

„Stimmt, aber wir sind schon zehn Jahre hier. Die Lipans sind sogar zu uns gekommen und haben mit uns gehandelt. Im Winter haben wir denen Proviant geschenkt.“

„Vielleicht sind das nicht dieselben.“

„Stimmt auch“, erwiderte James Johnson. „Es muss ein anderer Stamm sein. Erst habe ich gedacht, die sind nur auf der Jagd. Aber dann legten die los. Ich bin sofort getürmt, aber ein Pfeil hat mich noch erwischt. Fast fünf Meilen sind die mir nach, dann sind sie plötzlich umgekehrt.“

„Wo liegt die Farm der Familie Keith?“, wollte Old Joe wissen.

James deutete in die Ebene hinaus nach Süden. „Dreißig Meilen fast. Dazwischen ist Wüste. Die Keith‘ haben einen guten Zipfel Land, der in die Wüste ragt wie ein Speer. Sie sitzen an einer guten Quelle. Mit den Lipans sind die immer prächtig ausgekommen.“

Old Joe gab James einen Schluck aus der Brandyflasche. James trank und seufzte dann: „Mensch, das tut gut!“

„Wir werden uns um Mrs. Keith kümmern. – Kannst du aufstehen?“

James versuchte es, und Old Joe half ihm dabei. Dann stützte er ihn auf dem Weg ins Haus. Drinnen sah ihnen die junge Frau entgegen. Ihr ängstlicher Blick wandelte sich rasch, als sie erkannte, dass es ihrem Mann besser ging.

Old Joe schob mit Toms Hilfe den von Sheila vorbereiteten Korb für das Baby ans Bett der jungen Mutter heran, dann sagte er zu Tom: „Es sieht so aus, als wären hier ein paar Lipans verrückt geworden, oder was immer sein mag.“ Er berichtete, was er von James wusste und schloss mit den Worten: „Ich glaube, es wäre besser, ich bleibe hier. Wohl ist mir aber nicht, wenn du allein nach der Frau und dem alten Mann Ausschau halten willst. Du müsstest Sam mitnehmen …“

„Und damit ist Mike Drawer endgültig aus der Partie heraus, was?“ Tom dachte an seinen Auftrag, sah aber andererseits ein, dass es jetzt um weit mehr als um die Festnahme eines Mannes ging, von dessen Schuld er ohnehin nicht überzeugt war. „Nun gut, beschreib mir genau den Weg“, wandte er sich an James.

James lag wieder dort, wo er vorhin schon gelegen hatte. Old Joe begann damit, im Haus etwas aufzuräumen. Tom schickte Sam nach draußen, damit sie rechtzeitig gewarnt wurden, falls Lipans auftauchen sollten.

Zehn Minuten später hatte Tom seinen Hengst wieder marschbereit, zog den Sattelgurt stramm und saß auf. „Sam, Seite!“

Der große Wolfshund kam näher und trabte dann neben dem Blauschimmelhengst her. Sam schien zu ahnen, dass er in diesem heißen Spiel noch eine besondere Aufgabe zu erledigen hatte.

Tom Cadburn wandte sich noch einmal um. Er sah, wie Old Joe vor der Tür des Hauses stand und ihm nachwinkte. Dann konzentrierte sich Tom bereits auf das wüstenhafte Gelände vor seinen Augen.

Wenige Büsche, einzelne Kakteen, mitunter auch ganze Streifen dornigen Gestrüpps, das man umreiten musste, ansonsten harter Boden, Steine, die manchmal den ganzen Boden bedeckten, so dass Thunder, der Hengst, nur im Schritt gehen konnte. Das kündete von einem Gebirge, das hier einst gestanden hatte und von dem man nur noch im Osten die skurrilen Felstürme und ausgewaschenen Wände sah.

Immer wieder blickte Tom prüfend zur tiefer stehenden Nachmittagssonne, um nicht aus der Richtung zu geraten. Er stieß dann auch auf die Spur von James. Sie war deutlich genug, und Sam hatte sie schon von Anbeginn ihres Ritts an in der Nase behalten.

Plötzlich fiepte Sam, knurrte dann und blieb stehen. Die Lauscher hoch, die Nase im Wind, so stand er da und blickte unverwandt nach Süden.

Tom hatte Thunder gezügelt, holte sein Fernrohr aus der Satteltasche und suchte das Land ab, das im Süden vor ihm lag. Erst sah er nichts Verdächtiges, doch dann entdeckte er zwischen Gestrüpp etwas, das aussah wie ein paar wahllos am Boden herumliegende Säcke.

Bei genauerem Hinsehen machte er es deutlicher aus. Das waren keine Säcke. Das waren Pferdekadaver. Die reglos am Boden liegenden Leiber von zwei Pferden.

„Aber wieso sind die Geier noch nicht da?“, wunderte sich Tom und spähte vergeblich nach den gefiederten Gesundheitspolizisten der Wildnis.

Weder sah er welche kreisen, noch hüpften sie auf den Kadavern.

Sam knurrte noch stärker als zuvor. Seine Nackenhaare sträubten sich, die Rute ging schräg nach unten. Die Lefzen hatte er hochgezogen.

Tom zog sein Gewehr aus dem Scabbard. Gefahr!, dachte er. Allerhöchste Gefahr. Und das da vorn sieht wie eine wunderhübsche Falle aus, in die ich hineinspazieren sollte.



5

Unten näherten sich Stimmen, näherten sich die Geräusche kletternder Menschen. Geröll bröckelte ab, Metall klirrte, bald konnte Mike die Lipans sogar riechen. Dieser eigenartige Geruch, der sich aus den Ausdünstungen von Fett, Urin und Tabakstaub zusammensetzte, ging hauptsächlich vom Leder aus, das die Lipans als Kleidung trugen. Die Lederhäute waren mit Urin gegerbt, dann mit Tabakstaub eingerieben. Der Staub sollte die Mücken und anderes Ungeziefer vertreiben. Das Fett nahmen sie, um sich die Haut einzureiben, vor allem aber ihr Haar. Zusammen mit dem Schweiß der Männer gab das einen starken, ja, penetranten Gestank ab, den sie selbst nicht mehr wahrnahmen, den aber Weiße von Weitem riechen konnten.

Mike war entschlossen, den ersten von ihnen, den er sah, niederzuschießen. Und den nächsten, immer so weiter, bis er keine Munition mehr in der Trommel hatte. Vielleicht kam er noch zum Nachladen von ein oder zwei Schüssen. Vielleicht auch nicht. Auf alle Fälle waren sie zu viele, als dass er eine Chance gehabt hätte. Er wusste, dass er hier nicht mehr lebend wegkommen würde. Aber sich zu ergeben, war so gut wie kampflos zu sterben. Sie sollten dafür bezahlen. Sie sollten teuer bezahlen.

Er kannte sie nicht, hasste sie nicht, hätte ihr Freund sein können. Aber er würde sie töten, solange er dazu Kraft und Munition besaß. Er musste es tun, wie er es täte, wären sie angreifende Wölfe.

Wieder fragte er sich, wieso dieser Irrsinn niemals ein Ende nahm. Wieso die Weißen die Indianer unbedingt ausrotten wollten und damit diesen furchtbaren Kampf heraufbeschworen. Er fragte es, aber er wusste keine Antwort. Und sie kamen höher. Er roch sie immer mehr, ein Geruch, den er nicht ausstehen konnte, weil er so widerlich war.

Er hatte den Revolver mit dem Lauf auf dem rechten Oberschenkel liegen, die Rechte um den Kolben gekrallt, den Zeigefinger am Abzug. Sechsmal konnte er schießen, ohne nachzuladen. Sechs weitere Patronen hatte er sich zwischen die Schneidezähne gespickt, bereit, sie sofort in die Kammern der Trommel zu schieben.

Alles an ihm war gespannt, und er ähnelte einer Bogensehne, die jederzeit vorschnellen konnte.

Es gab tausend Dinge, an die er in jenen Sekunden denken musste. Er hätte lachen können, wenn er nur daran dachte, wie dieser Richter Collins auf groteske Weise Zeugen ausgewählt hatte, die ihn belasten sollten. Die anderen, die Mikes Unschuld hätten bezeugen können, waren gar nicht angehört worden. Außer der Flucht blieb Mike dann gar keine Möglichkeit mehr.

Sein Hass konzentrierte sich jetzt voll und ganz auf Richter Collins und die Leute, die bereit waren, Meineide zu schwören. Ihm war auch klar, dass es denen gar nicht darum gegangen war, gerade ihn, den stellungslosen Cowboy Mike Drawer zu belasten. Das hätte auch ein x-beliebiger anderer sein können, der nur gerade in dieses Nest Menardville gekommen wäre. Für diese Eingesessenen war er nichts als ein Tramp. Einer, dem man keine Träne nachzuweinen brauchte. Er kam ihnen recht, eine Tat für einen anderen zu sühnen.

Auch an die junge Frau musste er wieder denken; an sie und das Kind. Aber bald schon schweiften seine Gedanken zu Tom Cadburn ab. Dass der ausgerechnet auf seiner Spur war, wurmte Mike besonders. Jeden anderen hätte Mike wie einen wirklichen Feind behandeln können, aber nicht Tom und Old Joe. Sicher, sagte er sich, geht es den beiden mit mir ebenso. Und alles wegen dieses verdammten Richters Collins!

Die Lipans kamen näher. Zwei waren es. Jetzt sah er sie, aber sie blickten erstaunlicherweise nicht einmal nach oben, sondern hielten mit Klettern inne und schauten beide auf einen Punkt weiter unten, den Mike von hier gar nicht erkennen konnte, weil die Felsen dazwischen aufragten.

Und dann geschah etwas Verrücktes, etwas, das Mike überhaupt nicht fassen konnte.

Jemand rief unten etwas. Das musste viel tiefer sein. Die beiden aber kletterten wieder abwärts, und auch jetzt sahen sie nicht nach oben, sondern verschwanden rasch aus Mikes Gesichtskreis.

Die wollen dich irgendwie reinlegen!, war sein erster Gedanke. Aber als nach einer Weile nichts geschah, fragte er sich, welche Möglichkeiten es etwa noch gäbe.

Vielleicht, überlegte er, wollen die dich mitsamt dem Felsen in die Luft sprengen.

Nein, das erschien ihm unwahrscheinlich. Die Indianer waren ständig knapp an Pulver und würden eine solche Menge eines einzelnen Mannes wegen niemals opfern.

Es musste da noch etwas anderes dahinterstecken. Aber was?

Seine verkrampfte Haltung lockerte sich. Er lauschte weiter und spürte im Rachen die Trockenheit. Durst würgte seine Kehle. Aber er wagte nicht, nur eine Sekunde unaufmerksam zu sein.

Die geben nicht einfach auf, sagte er sich. Die haben etwas vor.

Doch da hörte er dumpfen Hufschlag. Und wenig später sah er sie davonreiten. Erst sechs, dann in langer Reihe alle anderen. Keiner blieb zurück. Er zählte sie allesamt.

Fast ratlos sah er ihnen nach. Sie ritten genau in die Wüste hinein, aber Mike begriff den Grund nicht, und das beunruhigte ihn.

Als er aber gegen die tief stehende Sonne mit zusammengekniffenen Augen in die Wüste spähte, meinte er weit entfernt zwei winzige Staubfahnen erkennen zu können. Erst hielt er es für eine Täuschung, doch dann hielt er die Hände so, dass sie eine Art Rohr bildeten. Er blickte hindurch, als sei dies ein Fernrohr. Das auf einen Punkt in der Wüste konzentrierte Auge gewahrte tatsächlich mehr als zuvor. Es war wirklich eine Staubfahne, aber nur eine und nicht zwei. Jetzt legte sie sich. Der Reiter – oder was immer es war, musste angehalten haben.

Kurz darauf näherte sich von Süden her eine zweite Staubfahne, die aber weit schwächer wehte als die erste vorhin.

Da begann Mike zu begreifen, was er gesehen hatte. Das erste musste ein Wagen gewesen sein, das zweite wohl ein Reiter. Aber auch das blieben für ihn nur Vermutungen, denn im flimmernden Dunst sah er nicht genug auf diese große Entfernung.

Die Indianer ritten genau in Richtung auf diese Stelle.

Plötzlich entdeckte Mike noch etwas: Weiter rechts, also nördlich, züngelte eine kurze dünne Rauchsäule zum Himmel. Sie war nur zehn Meter lang oder wenig mehr. Im Wind, der in größerer Höhe wehte, zerstob sie sekundenschnell. Aber es kam weiter kein Rauch nach.

Die Lipans ritten schneller.

Mike begriff immer noch nicht, wieso die Indianer ihn einfach zurückgelassen hatten. Sein Pferd schienen sie ebenfalls nicht mitgenommen zu haben. Er sah es jedenfalls nicht in ihrem Gefolge. Diese Erkenntnis machte ihm neue Hoffnung.

Ich werde mein Pferd suchen und verschwinden. Weiß der Teufel, warum sie sich verdünnisiert haben, und ich will es auch nicht erfahren. Die Hauptsache, ich lebe noch.

Er wollte schon absteigen, da sah er, wie die Kette der Indianer zu einer Gruppe verschmolz und wie die Lipans auf ihren Mustangs dahinstoben. Eine dicke Staubwolke hüllte sie schließlich ein. Und sie hielten immer noch auf die Stelle zu, wo Mike den Wagen vermutete.

Jetzt teilten sich die indianischen Reiter zu zwei Gruppen, von denen die eine geradeaus weiterritt, die andere aber im Bogen zunächst nach Süden schwenkte, dann aber wiederum auf die Stelle zuritt, auf die auch die andere Gruppe zustrebte.

Es war ganz klar für Mike, was dort geschah, und er zweifelte auch keine Sekunde daran, dass es Weiße waren, die von den Lipans angegriffen werden sollten.

Ein Wagen, dachte Mike, da sind höchstens zwei Mann drauf, dann noch ein Reiter, macht allerhöchstens drei. Und dann die achtundzwanzig Lipans. Was, in aller Welt, haben die vor? Wieso lassen sie mich, mit dem sie nun wirklich ein Hühnchen zu rupfen gehabt hätten, plötzlich in Frieden?

Er hatte so eine schwache Ahnung, dass sich die beiden, von denen er zuerst angegriffen worden war, in Wirklichkeit bei ihm in der Adresse vertan hatten.

Er zimmerte sich eine Theorie zusammen, nach der die Indianer eigentlich ihn gar nicht haben wollten, sondern wohl die dort drüben mit dem Wagen.

„Hmm, dann wäre alles wunderbar. Lieber die als ich, und ich verdufte und mache die Mücke. Das Große Los in der Lotterie. Prächtig, alter Junge, nun brauchte ich nur noch den Wallach!“

Er versuchte sich einzureden, dass die Probleme der Leute dort in der Wüste, die mit dem Wagen und dem einen Pferd gekommen waren, absolut nicht seine Probleme waren. Und zunächst gab er sich damit zufrieden. Er stieg ab, um das Pferd zu suchen. Von den Indianern fand er lediglich eine Wasserflasche, eigentlich eine Blase. Sie war halb gefüllt, und er wollte sie schon nehmen, den Stöpsel herausziehen und trinken. Da fiel ihm ein. was er von den Apachen wusste. Nein, nur keinen dummen Fehler machen. Immerhin nahm er die Blase mit. Als er an der Stelle ankam, wo er in den Fels geklettert war, goss er den Inhalt der Blase in den dort angewehten Sand. Die Flüssigkeit war grünlich. Da wusste Mike schon einiges. Als er aber sah, wie ein Käfer, den er mit dem Nass begossen hatte, alle Beine von sich streckte und reglos liegenblieb, war es Gewissheit geworden. Das Wasser war vergiftet und die Blase nicht ohne Absicht zurückgelassen worden.

Er warf die Blase in eine schmale Felsspalte, wo sie keiner herausholen konnte, dann ging er los, um die Spur des Wallachs zu suchen.

Er war noch keine zwanzig Schritt weit gegangen, da meinte er den dünnen Knall eines Schusses zu hören. Bald darauf noch dreimal, danach den dumpfen Abschuss einer schweren Vorderladerbüchse.

Das alles kam genau aus der Richtung, in die jene Lipans geritten waren.

Lieber die als ich, dachte Mike wieder, aber diese einfache Lösung gefiel ihm nicht. Er wusste genau, dass er sich etwas einzureden versuchte, das seiner eigenen Bequemlichkeit und seinem Vorteil diente. In seinem innersten Innern hielt er diese Schutzbehauptung für Feigheit.

Sei kein Schwein, sagte eine Stimme in ihm, lass die Leute nicht im Stich. Du selbst hast eine riesige Portion Glück gehabt. So etwas kann man sich auch durch eine gute Tat verdienen. Hilf denen, sobald du ein Pferd hast. Vielleicht findest du sogar bei dem einen Indianer noch ein Gewehr.

Er fand kein Gewehr, er fand nicht einmal mehr die beiden Toten. Die waren von ihren Stammesbrüdern offenbar mitgenommen worden. Aber er fand die Spur seines Wallachs und ein paar Minuten später das Tier selbst. Es stand gar nicht weit entfernt durch einen Felskamm von der Stelle verdeckt, wo Mike mit den beiden Indianern gekämpft hatte.

Der Wallach hatte sich mit dem Zügel im Gestrüpp verheddert und konnte nicht vor und zurück. Den Kopf nach unten gezerrt, so stand er hilflos da und wieherte kläglich, als sich Mike näherte.

Mike machte ihn los, rückte Zaumzeug und Sattel zurecht, schnallte nach und saß auf. „So, Sportsfreund, jetzt geht es zur Sache. Brüderchen Mike wollte eigentlich die Fliege machen und sich verkrümeln, aber das schmeckt mir zu sehr nach Kneifen. Tja, mein Freund, und deshalb müssen wir beide losziehen und sehen, ob wir nicht ein wenig mitmischen können. Verstehst du, ein wenig. Ich habe kein Gewehr. Da sitzen wir beide verdammt im Nassen. – Weil wir gerade vom Nassen reden. Du hast Durst, ich habe auch welchen, also erst einmal Wasser.“

Er saß ab, füllte aus dem Wassersack, der noch immer am Sattel hing, in seinen Hut und ließ trotz des eigenen Durstes erst einmal den Wallach saufen, gab ihm noch eine Portion, und erst dann trank er selbst.

„So, das wird im Augenblick alles sein. Jetzt auf, mein Freund, damit wir nicht ankommen, wenn die Sache gelaufen ist.“

Er ritt im kurzen Galopp, denn zu sehr wollte er den Wallach nicht antreiben. Womöglich kam es noch darauf an, rasch wegzukommen. Und dann wäre der Wallach ausgepumpt gewesen.

Eine ganze Strecke lang sah Mike hier unten in der Ebene nichts von dem, was oben von den Felsen gut zu erkennen gewesen wäre. Dabei kam er gut voran. Er hörte auch nichts mehr, keine Schüsse, keine Schreie, aber ersah kreisende Geier. Und dieser Anblick machte ihm Sorge. Dabei hätten die Geier mit den beiden toten Pferden genug zu tun gehabt. Aber dort waren nur wenige Geier gewesen, wie Mike vorhin gesehen hatte. Drüben aber, wo ungefähr der Wagen sein musste, waren es mindestens zwei Dutzend.

Dann hörte er wieder das Krachen eines Schusses, diesmal viel deutlicher als vorhin. Er war ja auch schon ein gutes Stück näher gekommen. Dem Schuss folgte ein Knattern wie aus mehreren Revolvern gleichzeitig. Danach war es totenstill.

Die Geier, die Mike von hier sehr gut beobachten konnte, waren nach den Schüssen etwas höher geflogen, kamen nun aber sehr rasch tiefer. Einige sah er schon nicht mehr von hier aus, so tief waren sie heruntergekommen. Dann senkten sie sich alle ab, um – wie Mike glaubte – zu landen. Es schien fette Beute zu geben.

Mensch, dachte Mike, besser wäre, ich haute ab! Da vorn ist doch sowieso schon alles gelaufen.

Er war nahe daran, einfach umzukehren und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Doch dann siegte seine Hilfsbereitschaft. Ich kann, dachte er, doch andere nicht in der Tinte zurücklassen. Vielleicht ist gar nicht alles verloren. Vielleicht ergibt sich eine Chance, zu helfen.

Wenn die Geier unten sind, könnten die Indianer sogar abgezogen sein und gar keine Gefahr mehr bilden. Womöglich haben welche von den Weißen das überlebt?

Er beschloss, sich vorsichtig weiter heranzupirschen.

Die Sonne stand schon so tief, dass sie ihn empfindlich blendete. Er überlegte schon, ob er nicht einen Bogen schlagen sollte, statt auf der Spur der Lipans zu reiten, die den kürzesten Weg genommen hatten.

Da sah er den Mustang, sah den Lipan.

Es war ein junger Bursche, der am Boden kniete und den Gurt seines Fellsattels neu verknotete. Vermutlich war er ihm gerissen. Das Pferd war ein Falbe, mittelgroß, struppig, aber erstklassig von den Anlagen her.

Der Lipan besaß ein Gewehr. Er hatte es in Griffweite neben sich liegen. Und schon wegen des Gewehrs war Mike fest entschlossen, den Indianer zu überwältigen.

Lautlos glitt Mike aus dem Sattel, zog sein Pferd hinter Gestrüpp und band es dort fest.

Hoffentlich, dachte er, wiehert keines der beiden Tiere!

Wie eine Raubkatze bewegte sich Mike. Das hatte er einmal von einem Mexikaner gelernt. Von Busch zu Busch arbeitete er sich an den offenbar ahnungslosen Indianer heran.

Jetzt schnaubte der Mustang, wieherte sogar.

Sofort zuckte der junge Lipan herum, hatte sofort das Gewehr gepackt und sah sich suchend nach allen Seiten um. Aber er entdeckte Mike nicht.

Es währte eine ganze Weile, bis der junge Indianer seine Vorsicht insofern wieder aufgab, als er sich dem Gurt widmete, das Gewehr aus der Hand legte und die Riemen mit beiden Händen zum Verknoten fasste.

Mike hatte das Gewehr gesehen. Eine funkelnagelneue Winchester 73. Davon gab es im Westen noch gar nicht so viele. Dass ein Indianer sie besaß, erfüllte Mike mit Erstaunen. Die Dinger waren unsinnig teuer. Sie galten gegenüber der 66er als Wunderwaffe im Westen, und er selbst hatte so ein Ding gerade einmal in der Hand gehalten und nicht einmal damit geschossen.

Die muss ich haben!, dachte Mike.

Er war gerade noch knappe zehn Schritt von dem jungen Lipan entfernt und beobachtete ihn durch die Zweige eines dürren gelben Strauches.

Er sah das Gesicht des jungen Menschen von der Seite. Die Haut dunkel wie alte Bronze, der Backenknochen wuchtig, in der Wange die Narbe von einem Schnitt, vielleicht ein Andenken an einen Messerkampf. Die Muskeln des fast bloßen Oberkörpers glänzten in der Sonne. Ein prächtiger Körper. Eine Kampfmaschine, wie sich Mike sagte. Irgendwie empfand er es wieder als schwachsinnigen Vorgang, dass sich Menschen gegenseitig umzubringen versuchten. Aber er wollte auch nicht derjenige sein, der hier liegenblieb.

Das Gewehr, sagte er sich, ich brauche sein Gewehr!

Und dann huschte er weitere fünf Schritte von hinten an den Lipan heran. Der zerrte immer noch an seinem Gurt.

Noch zwei Schritte … noch einen …



6

Mit einem langen Sprung flog Mike durch die Luft. Er hatte alle Kraft in diesen Satz gelegt, knallte gegen den Indianer, rutschte auf dessen öliger Haut aus, krallte sich in dessen Schultern und riss ihn herum.

Er sah das Gesicht des jungen Lipan ganz dicht vor sich. Ein verzerrtes Gesicht. Und er spürte plötzlich die Hände des Mannes an seiner Gurgel. Aber es gelang ihm, mit einem Schlag in den Unterleib den anderen zurückzuwerfen. Der Indianer fiel auf den Rücken, Mike warf sich auf ihn.

Der Schlag kam urplötzlich. Mike spürte noch den Schmerz am Kopf, dann drehte sich alles rasend schnell vor seinen Augen. Das Gesicht des Indianers schien auseinanderzulaufen. Und mit einem Male wurde es Mike schwarz vor Augen.

Er spürte die Fäuste nicht mehr, die ihn von dem jungen Lipan herunterrissen, er sah die bronzehäutigen Gestalten nicht, die ihn umstanden, sah nicht, wie der junge Lipan sich aufrappelte und vor Schmerzen krümmte. Und er wusste auch nichts davon, wie ihm der Revolver weggenommen und die Munition aus Gürtel und Taschen gezogen wurde.

Sie standen zu dritt um ihn herum. Der junge Lipan und zwei seiner Stammesbrüder; beide gut zehn Jahre älter als der junge Mann.

Einer von ihnen sagte etwas, und sofort machte sich der junge Lipan auf den Weg. Es schien ihm schon viel besser zu gehen. Während er das Pferd von Mike holte, legten die anderen Rohlederfesseln an Armen und Beinen des Bewusstlosen an.

Der junge Indianer starrte hasserfüllt auf den Reglosen. Plötzlich riss er sein Messer aus dem Gürtel und wollte sich auf Mike stürzen. Einer der beiden älteren Männer sah es, fiel dem Jungen in die Arme und warf ihn zurück, schrie ihn dabei an, und der Junge stand wutschnaubend da, steckte aber das Messer zurück.

Ungefähr in diesem Augenblick kam Mike wieder zu sich, sah wie durch einen Schleier die Umrisse der beiden Indianer und begriff, dass er Pech gehabt hatte. Aber noch hielt er alles für einen schlechten Traum, schloss wieder die Augen, wurde aber jäh an die Gegenwart und ihre absolute Wahrhaftigkeit durch einen Tritt erinnert, den ihm der eine der beiden älteren Männer in die Hüfte gab.

Mike zuckte zusammen, sah aus schmalen Augen auf den Indianer, der da breitbeinig vor ihm stand, und nun wusste er, dass dies alles kein verdammter Traum war, sondern blutiger Ernst.

„Du aufstehen!“, sagte der Indianer in kehligem Englisch. „Du schnell! Du aufstehen oder mich du totmachen!“

Es war nicht einfach, auf die Beine zu kommen. Die Fesseln behinderten Mike ebenso wie sein flauer Magen. Er meinte, sich übergeben zu müssen, würgte, konnte aber den Brechreiz unterdrücken.

Die Indianer sahen stumm zu, bis er stand. Der eine hatte eine Spencer in den Händen und hielt sie auf Mike gerichtet. Der junge Kerl starrte noch immer voller Hass auf Mike und hatte seine funkelnagelneue Winchester 73 auf Mikes Bauch gerichtet. Mike musste nicht viel Phantasie aufbringen, um sich vorzustellen, dass dieser Knabe zu gerne abdrücken würde. Und ein Schuss in den Bauch war die Garantie für grauenhafte Stunden, bis es endlich vorüber war.

Zum ersten Male seit Jahren empfand Mike so etwas wie Todesangst. Dass sie ihn vorhin nicht gleich umgebracht hatten, bedeutete seiner Meinung nach, dass sie ihn foltern wollten. Im Martern waren die Lipans noch einfallsreicher als ihre anderen Apachenbrüder.

Diese Vorstellung versetzte Mike ein paar Sekunden lang in helle Panik. Aber dann fasste er den Entschluss, es kurz und bündig zu machen. Wenn er es darauf anlegte, würden sie schießen, und alles war schnell vorbei.

Ich muss nur aufpassen, dachte er, dass nicht dieser Hundesohn mit der Winchester zuerst feuert.

„Wo Carrigan?“, fragte der Indianer, der eben schon mit ihm gesprochen hatte.

Mike verstand zuerst nicht einmal, dass es ein Name war, der da genannt worden war. Und als der Indianer die Frage wiederholte, fragte sich Mike, wen der Bursche wohl meinen mochte. Er kannte einen Carrigan aus Tennessee. Der war vor sieben Jahren einmal mit ihm in einer Mannschaft geritten. Pretty Jim hatten sie ihn genannt. Aber den konnte der Lipan ja wohl nicht gemeint haben.

„Carrigan?“, wiederholte Mike fragend. Er schüttelte verblüfft den Kopf, und das war nicht gespielt. „Ich kenne keinen Carrigan.“

Wider Erwarten schien der Lipan ihm das zu glauben. Er sagte etwas zu den beiden anderen, dann packten die Mike und rissen ihn einfach von den Beinen und schleiften ihn mit wie einen Toten. Es ging aber nicht weit. Dann hatten sie Mikes Wallach erreicht, den der junge Lipan hergeführt hatte. Sie schoben Mike quer in den Sattel, fesselten ihn ans Pferd, dann führten sie das Tier zu Fuß durch die Büsche bis zu einem großen freien Platz, von dem aus man gut nach Norden sehen konnte. Und hier warteten die übrigen Indianer. Mike konnte sie nicht alle sehen, dachte aber, dass keiner fehlte. Mit ausdruckslosen Gesichtern schauten sie ihn an. Einer stand für sich allein, sah irgendwie imposanter aus als die anderen, und Mike sagte sich, dass es der Häuptling sein müsse. Für Mike war das nicht weiter von Bedeutung, wie er glaubte. Seine Lage, so quer im Sattel zu liegen, verstärkte noch den Kopfschmerz an der Stelle, wo sie ihn beim Niederschlag am Schädel getroffen hatten.



7

Sie hielten genau vor dem etwa vierzig Jahre alten Mann an, der nach Mikes Meinung der Häuptling war. Alles an ihm sah besser aus als bei den anderen, und er erschien Mike auch stolzer.

Bevor Mike weiter über etwas nachdenken konnte, wurde er losgebunden und mit einem Ruck aus dem Sattel des Wallachs gerissen. Schwer schlug er auf dem kiesigen Boden auf.

Er versuchte sofort, auf die Beine zu kommen, aber der eine der beiden Indianer, die ihn vorhin überwältigt hatten, stieß ihn wieder zu Boden – kein Kunststück, da Mike an den Füßen gefesselt war.

Ein Gewehrlauf richtete sich auf sein Gesicht. Das war eine klare Aussage, und Mike fragte sich, ob dieser Mann schießen würde, wenn er jetzt etwas versuchte.

Ja, dachte er, er wird schießen, schon aus dem Reflex heraus. Und die Qualen werden gar nicht erst anfangen. Er zielt genau auf meine Stirn, so dass ich auf der Stelle tot bin.

Qualen, wie diese Kerle sie erfinden, werden so sein, dass sie kein Weißer aushält. Vielleicht auch kein Indianer. Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie lange zu ertragen, so lange, dass sie diese Schindereien mehr und mehr steigern.

Jetzt!, dachte Mike, schnellte hoch, direkt dem Gewehrlauf und der Mündung entgegen. Es war, als wolle er angreifen.

Abdrücken, er muss abdrücken!, dachte Mike.

Aber er bekam stattdessen einen Tritt auf die Schulter, der hart genug war, ihn zurückzustoßen. Und der mit dem Gewehr hatte doch nicht geschossen. Derjenige, von dem der Tritt gekommen war, stellte sich nun vor ihn. Es war derselbe, der ihn nach Carrigan gefragt hatte.

„Wo Carrigan?“, kam es wieder kehlig aus dem Mund des Mannes. Kaum dass er dabei die Lippen bewegte.

„Ich kenne keinen Carrigan.“

Der, den er für den Häuptling hielt, sah ihn interessiert an. So, wie man ein exotisches Tier ansieht, das sich hinter Gittern befindet und dessen Unfreiheit man eigentlich etwas bedauert. Neugierde mischte sich in diesem Blick mit Mitleid. Und das verwunderte Mike. Er hatte noch nie einen Indianer erlebt, der womöglich Mitleid empfunden hätte.

Der vermeintliche Häuptling sagte etwas zu dem, der mit Mike gesprochen hatte. Daraufhin fragte der in seinem kehligen Englisch: „Du Freund von Carrigan. Du Freund von Blut-im-Gesicht.“

Mike hatte nicht den Schimmer, wovon der redete. Begriffsstutzig sah er den Mann an, schüttelte verständnislos den Kopf und wartete auf weitere Erklärungen, aber da kam nichts mehr.

Sie starrten ihn an, und er spürte, dass sie ihm nicht glaubten. Auch das Gesicht des Häuptlings wirkte nun gar nicht mehr so verständnisvoll, sondern eher grimmig.

Der Häuptling sagte etwas, der Sprecher von eben antwortete. Mike begriff nicht einmal andeutungsweise, was sie redeten.

Der Sprecher sah ihn wieder an. „Carrigan nix? – Keith nix? – McLure nix? Blume-in-Sonne nix?Blume-in-Sonne Frau. Kleine Frau von Lipan. Versteh?“

Mike verstand nicht. Kleine Frau, damit meinten sie oft ein Mädchen. Aber er hatte weder diesen noch die drei anderen Namen je gehört. Er beschloss, ihnen seine Geschichte zu erzählen.

„Ich werde gejagt von einem Texas-Ranger. Ein Richter in Texas will mich verurteilen. Ich soll einen Mann totgeschlagen haben, aber es war irgendwer anderer. Ich war es gar nicht. Ich bin geflohen und habe ein frisches Pferd gebraucht. Da war eine kleine Farm …“ Er beschrieb die Farm der Johnsons. Er nannte auch den Namen. Da horchte der Lipan auf. Besonders als Mike von der Geburt erzählte. Doch sie ließen ihn ausreden. Wenn der Sprecher ihn nicht verstand, stellte er Fragen, und Mike mühte sich, es so zu berichten, dass der Mann begriff.

Dann war er fertig, und der Sprecher übersetzte. Die Gesichter der Zuhörer verrieten nicht, was sie sich dabei dachten. Stoisch standen sie da – jedenfalls dachte es sich Mike so. Ihm waren sie unheimlich. Und doch begann er zu ahnen, das etwas dahintersteckte, das die Lipans in wilde Wut versetzt zu haben schien, irgendeine schlimme Geschichte.

Und als habe der Sprecher geahnt, was Mike dachte, sagte er: „Du nix wissen? Du nix wissen, McLure, Carrigan, Keith reiten mit Pferd in Berge. In heilige Berge von Lipans. In Berge verboten für weißer Mann. Dürfen nix jagen, nix suchen Gold, nix bauen Haus. Berge vieles Tiere. Alles gehören Lipans. Vertrag mit großer weißer Vater. Schlechte Vertrag. Lipans glauben, weißer Mann betrügen. McLure nehmen Gewehr und jagen. Lipan kommen und sagen, das nicht dürfen. McLure lachen. Carrigan fangen Blume-in-Sonne und jagen. Lipans nix können machen. Wollen nicht Tod von Blume-in-Sonne. Weißer Mann schlecht. McLure schlecht. Carrigan schlecht. Keith schlecht. Du bleiben bei Lipan bis Blume-in-Sonne hier. – Du sterben, wenn Blume-in-Sonne sterben. Du sagen, du nix wissen. Weißer Mann mit gespaltener Zunge sprechen. Weißer Mann nix gut.“

„Aber ich habe nichts damit zu tun!“, beschwor sie Mike. „Mein Gott, wenn ihr verrückt genug seid, dann erschießt mich, aber ich kenne McLure, Carrigan und Keith gar nicht. Ich kenne nur Johnsons Frau.“

„Johnson alles wissen, du alles wissen …“

Plötzlich ertönte Hufschlag, und unmittelbar darauf tauchten zwei Indianer zu Pferde auf. Der eine redete auf den Häuptling ein, der stirnrunzelnd zuhörte. Dann sagte er etwas, und auf der Stelle liefen an die zehn Indianer los. Da erst entdeckte Mike ihre Pferde zwischen Büschen. Die Männer saßen auf und ritten unter Führung der beiden, die eben gekommen waren, davon.

Der Sprecher bückte sich auf ein Wort des Häuptlings hin und zerschnitt Mikes Fußfesseln. Dann sagte er: „Aufstehen!“

Mike erhob sich und sah nun mehr. Er entdeckte die Staubwolke der davonreitenden Indianer im Westen zwischen Gestrüpp. Dann sah er auch davon nichts mehr.

Aber dann stießen sie ihn vor sich her. Die ganze Bande brach auf, aber sie hatten Pferde, bis auf jene beiden, die ihn bewachten. Die blieben zu Fuß bei ihm. Er empfand es als Vorzug, dass der junge Bursche mit seiner neuen Winchester ebenfalls mitritt. Übrigens hatten viele der Indianer so neue Waffen. Mike fragte sich, wie sie wohl daran gekommen sein mochten.

Die Gruppe der Reiter entfernte sich rasch, Mike aber und seine beiden Bewacher gingen durch dichtes Buschwerk, das vor Blicken verbarg, aber auch einem selbst keine Möglichkeit bot, etwas von dem zu sehen, was außerhalb dieses Buschstreifens geschah.

Sie erreichten eine Lichtung. Hier befanden sich wieder drei Indianer, alle drei mit Gewehren. Und erst als Mike auf die Lichtung geschoben wurde, sah er die Frau und den alten Mann. Dem Mann war der Kopf mit einem blauen Tuch verbunden. Die Frau, die etwa Mitte Vierzig war, machte einen erschöpften Eindruck. Ihr dunkles Kleid war zerrissen, und sie hatte es schamhaft gerafft, damit man ihre Beine nicht sehen konnte. Sie hockte am Boden und blickte verwundert auf Mike. Auch der Alte sah Mike wie ein Fabelwesen an.

Weder Mike noch die Frau und der Alte ahnten, dass sie von den Lipans in diesen Augenblicken ganz genau beobachtet wurden.

„Hallo!“, sagte Mike. „Und ich dachte, die haben nur mich. Habt ihr etwa mit diesem Carrigan und den Brüdern was zu tun? Oder heißt einer von euch Keith oder McLure?“

Der Alte sah ihn trotzig an, die Frau vermied es, seinem Blick standzuhalten. Sie sah auf ihre Hände herab. Beim Erwähnen des Namens Keith, so kam es Mike vor, war sie zusammengezuckt.

„Wer bist du, junger Mann?“, bellte der Alte heiser.

„Mike Drawer, und ich möchte verdammt wissen, wie ich in diesen Teufelskram reingeschliddert bin.“

Die beiden Indianer ließen ihn reden. Der Sprecher stand nur da und hörte zu, aber an seinem Gesicht war keinerlei Regung abzulesen.

Dafür zeigte der Alte ganz deutlich, dass Mike für ihn ein Fremder war. „Ich bin Jonathan Keith“, sagte er, „wir waren auf dem Weg zu den Johnsons. Die Frau bekommt ein Kind.“

Bevor Mike etwas sagen konnte, bedeutete ihm der Sprecher der beiden Indianer, sich hinzusetzen. Das geschah gar nicht mehr so feindselig wie vorhin noch. Mike nickte nur und tat, was sie von ihm verlangten.

Ein kurzer Geierschrei kam von den Kakteen herüber, die jenseits der Büsche standen. Der Sprecher legte die Hand vor Mikes Mund und raunte ihm zu: „Du nix sprechen! Du nix Geräusch machen!“ Er richtete sein Gewehr auf die beiden anderen und bedeutete ihnen, still zu sein.

Die Schatten der Büsche und Kakteen wurden lang. Ringsum war nur das Summen von Insekten zu hören, wenige hier in dieser Gluthölle, aber dass sie schon wieder aktiv wurden, zeigte die späte Nachmittagsstunde. Die größte Hitze war vorbei, es ging auf den Abend zu.

Ein Lipan kam angelaufen, lautlos. Er tuschelte mit den beiden Posten, dann verschwand er wieder. Mike konnte es sich an den Fingern abzählen, dass die Indianer irgendwen erwarteten. Er hätte allerdings zu gerne gewusst, wer das sein mochte, aber ihm drängte sich sofort der Gedanke auf, dass es nur Cadburn sein konnte. Cadburn und der Alte, sagte er sich. O Himmel, die sind gleich hier und machen so dumme Gesichter wie ich und die beiden hier.

Tja, dachte er weiter, Cadburn hat es wieder mal nicht lassen können. Er muss mich haben, koste es, was es wolle. Und gleich sitzt du prächtig in der Tinte, alter Junge!

Er sah mehr zufällig einmal zu den Büschen hin, wo vorhin der eine Indianer aufgetaucht war, nach dessen Weggang hier alles still zu sein hatte.

Da war eine Gasse im Gestrüpp, durch die man ein Stück weit bis zu den Kakteen sehen konnte. Und genau da sah Mike den großen schwarzen Wolf. Er stand da, die Lauscher hoch, die Nase im Wind, die grünen Augen funkelnd im Sonnenlicht, das durch die Büsche fiel.

Mike kannte ihn ja gut genug. Sam, dachte er, also ist es wirklich Cadburn.

Da war der große Schwarze schon wieder weg, verschwunden wie ein Spuk, und von den beiden Posten, nach denen Mike sofort schielte, hatte das keiner bemerkt.

Verdammt, da ist er ja schon wieder!, dachte Mike, der das schwarze Wolfsblut plötzlich an einer ganz anderen Stelle entdeckt hatte. Sam stand nun auf der entgegengesetzten Seite zwischen dichtem Gestrüpp, aber nichts war zu hören gewesen, keine brechenden Zweige, kein Rascheln oder dergleichen. Und nun verschwand er schon wieder so spukhaft wie vorhin.

Er umkreist uns, dachte Mike und schöpfte mit einem Male kräftig Hoffnung. Donnerwetter, sollte es Cadburn gelingen, die Lipans auszutricksen? Zuzutrauen wäre es ihm und dem alten Joe, was? Die beiden sind ja mit allen Wassern gewaschen. Aber so viele Indianer, nein, die schafft er auch mit einem Trick nicht. Zu viele Hunde sind des Hasen Tod.

Teufel, Teufel, sagte sich Mike, er ist ein Mensch, der raffinierte Old Joe auch, und Sam kann ebenfalls keine Wunder bewirken.

Hölle! Da ist Sam schon wieder, jetzt da drüben. Und die beiden Lipans merken es nicht. Er ist immer in ihrem Rücken, aber er kommt nicht näher. Ich wette, er sucht nach einer Möglichkeit. Gut abgerichtet hat ihn Cadburn, alle Achtung. Das hat er schon damals auf dem Treiben nach Dodge gezeigt.

Plötzlich fiel weit entfernt ein Schuss. Winchester, dachte Mike sofort. Er blickte verstohlen in die Richtung, wo Sam eben noch gewesen war, aber da schien er längst nicht mehr zu sein.

Wieder fiel ein Gewehrschuss, dann zwei weitere von weiter links, also südlich. Dann war es still.

Und plötzlich sah er Sam erneut. Diesmal war er aus dem Schutz der Büsche herausgekommen, befand sich schräg hinter dem alten Mann und der Frau, die ihm beide ihre rechte Schulter zeigten. Die beiden Posten hatten Sam völlig im Rücken, nur Mike sah den Wolfshund. Aber er bemühte sich, mit halb gesenktem Kopf unter den Wimpern hindurch auf Sam zu sehen.

Geduckt wie seine wilden Artgenossen pirschte sich Sam näher und näher an die beiden Indianer heran. Lautlos. Ganz langsam. Mike, der das sah, verfolgte es mit angespannten Nerven. Gleich musste der Schwarze springen. Noch ein Stück.

Um die Indianer abzulenken, machte Mike eine Bewegung mit den gefesselten Händen zum Mund hin, als habe er eine Flasche und wolle trinken.

Der Sprecher der beiden Posten hob beschwichtigend die Hand und schüttelte den Kopf, sprach aber nicht.

Da setzte der Schwarze zum Sprung an.


8

Tom Cadburn hatte sich vorsichtig weiter an die Stelle herangepirscht, die er für eine Falle hielt. Drei Pferdekadaver hatte er ausgemacht und sich darüber gewundert, dass kein einziger Geier in der Nähe zu sein schien.

Er sah bald noch mehr. Ein Wagen stand etwas abseits, ein Pritschenwagen war das, und hinten stand eine schwarze Tasche. Menschen waren nicht zu entdecken. Und doch spürte Tom die Nähe von Menschen, roch sie dann sogar. Indianer!

Er hatte damit gerechnet. Sam war immer noch neben ihm. Doch Tom beschloss, den schwarzen Partner loszuschicken. Der würde geschickt genug sein, um sich an die Gegner heranzuarbeiten.

Der Wagen und die Pferde hatten Weißen gehört. Wagen benutzten Indianer nicht, und die Pferde trugen noch Geschirre, das eine Sattel und Zaumzeug. Das alles war keine indianische Machart.

Das einzige, was Tom verwunderte, war die Tatsache, dass die Indianer Pferde getötet hatten. Sie waren sonst scharf auf jedes Pferd, weil sie daran seit den letzten Jahren ebenso knapp waren wie an Waffen. Es lag an ihrem System, einen Mustang zu zähmen. In der Regel fingen sie mit dem Fohlen an es zu erziehen, ließen es mit der Mutter mitlaufen, so dass es ganz allmählich an seine spätere Aufgabe gewöhnt wurde. Wenn wilde Pferde eingefangen wurden, dann gab es keine raue Art, ein Pferd zu brechen, sondern auch hier eine lange, sehr geduldige Angewöhnung an die Menschen. Diese langsame, viele Wochen währende Erziehung verschlang einfach zu viel Zeit, wenn Apachen und Weiße miteinander im Kriegszustand lagen, so dass sie bereits an den Menschen gewöhnte Pferde vorzogen. Um so verwunderlicher war es, die drei Pferde dort tot zu sehen.

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955880
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
erschießt sheriff cowboy western sammelband romane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Heinz Squarra (Autor:in)

  • Horst Weymar Hübner (Autor:in)

  • Tomos Forrest (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

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Titel: Erschießt den Sheriff! Cowboy Western Sammelband 8 Romane