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Die besten 7 Hochspannungs-Thriller im September 2021: Krimi Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) Hans-Jürgen Raben (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in)
2021 1000 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Trevellian und der Schlitzer von Harlem (Pete Hackett)

Trevellian und die tödlichen Millionen (Pete Hackett)

Der Fall mit dem Stadtpark-Killer (Alfred Bekker)

Tod in der Nebelbank (Hans-Jürgen Raben)

Das Todes-Syndikat (Hans-Jürgen Raben)

Operation Apokalypse (Hans-Jürgen Raben)

Bount Reiniger und der Auftrag im Sudan (Hans-Jürgen Raben)

Für den Raubzug seines Lebens braucht Ron Kelso ein halbes Dutzend ausgekochte Profis. Der Coup geht dann auch mit generalstabsmäßiger Präzision über die Bühne. Doch den Gangstern fällt, außer der erwarteten Beute, auch noch ein Koffer mit wertvollen Steinen in die Hände. Und damit beginnt der Ärger, denn der Koffer gehört dem Syndikat.

Als Bount Reiniger den Fall übernimmt, ahnt er nicht, dass auch das Syndikat die Räuber jagt, und er so mitten in die Schusslinie gerät.

Leseprobe

Die besten 7 Hochspannungs-Thriller im September 2021: Krimi Paket

Pete Hackett, Alfred Bekker, Hans-Jürgen Raben

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Trevellian und der Schlitzer von Harlem (Pete Hackett)

Trevellian und die tödlichen Millionen (Pete Hackett)

Der Fall mit dem Stadtpark-Killer (Alfred Bekker)

Tod in der Nebelbank (Hans-Jürgen Raben)

Das Todes-Syndikat (Hans-Jürgen Raben)

Operation Apokalypse (Hans-Jürgen Raben)

Bount Reiniger und der Auftrag im Sudan (Hans-Jürgen Raben)


Für den Raubzug seines Lebens braucht Ron Kelso ein halbes Dutzend ausgekochte Profis. Der Coup geht dann auch mit generalstabsmäßiger Präzision über die Bühne. Doch den Gangstern fällt, außer der erwarteten Beute, auch noch ein Koffer mit wertvollen Steinen in die Hände. Und damit beginnt der Ärger, denn der Koffer gehört dem Syndikat.

Als Bount Reiniger den Fall übernimmt, ahnt er nicht, dass auch das Syndikat die Räuber jagt, und er so mitten in die Schusslinie gerät.



Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


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Alles rund um Belletristik!

Trevellian und der Schlitzer von Harlem


Krimi von Pete Hackett


Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Prostituierte vom Straßenstrich werden in mehreren Städten ermordet, das Herz wird ihnen herausgeschnitten. Die FBI-Agenten Trevellian und Tucker ermitteln gegen Anhänger von Satanskulten. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten, wie die Agenten wissen. Und die Täter gehen wortwörtlich über Leichen.



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1

Belinda Brown stand am Straßenrand und wartete auf Kundschaft. Sie ging auf den Strich. Das Geld benötigte sie, um für sich und Ken Douglas die notwendigen Drogen beschaffen zu können. Beide waren heroinabhängig.

Belinda schlenderte etwas gelangweilt hin und her. Noch ein paar andere Ladys vom horizontalen Gewerbe belagerten die Gehsteige. Keine von denen, die hier anschafften, war registriert. Autos rollten die Straße hinauf und hinunter. Es war kühl und Belinda fröstelte es in ihrem Outfit, das mehr zeigte als es verbarg; kurzer Rock, freizügige Bluse, kniehohe Stiefel. Das war alles.

Ein weißer Ford Lincoln rollte heran. Bei Belinda bremste der Fahrer. Schnell waren sich das Mädchen und der Kunde einig. Belinda stieg in den Wagen ein. Es wurde eine Fahrt in den Tod …

Der Freier lenkte den Ford an den Rand des Marcus Garvey Parks und hielt an einer dunklen Stelle an. Er beugte sich etwas hinüber zu Belinda. Ein fast betreten wirkendes Lächeln bog seine Mundwinkel in die Höhe. Er sagte: „Ich denke, auf dem Vordersitz ist es ziemlich unbequem. Gehen wir nach hinten in den Fond. Dort haben wir Platz.“

„Von mir aus“, sagte Belinda und öffnete die Beifahrertür.

Auch der Kunde stieg aus. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, schlank, etwa eins-achtzig groß. Seine Haare begannen sich schon grau zu färben. Er war mit einem Anzug und einem hellblauen Hemd bekleidet. Belinda tippte, dass es sich um einen Beamten oder höheren Angestellten handelte.

Belinda ließ sich auf den Rücksitz fallen. Der Mann setzte sich neben sie, legte ihr den rechten Arm um die Schulter und griff mit der linken Hand nach einer ihrer prallen Brüste.

„Das ist im Preis nicht enthalten“, stieß sie hervor. „Du hast lediglich für …“

Brutal drückte er sie mit seinem rechten Arm an sich heran. Ihre Stimme erstarb. Nur noch ein japsender Laut kam über ihre Lippen. Die linke Hand des Mannes packte sie an der Kehle und drückte sie unerbittlich zusammen. Belinda wand sich unter dem erbarmungslosen Griff, bäumte sich auf, ihre Lippen klafften auseinander. Ihre Lungen schrien nach Sauerstoff. Die Augen quollen ihr aus den Höhlen. Benommenheit brandete gegen ihr Bewusstsein an, weil durch die würgende Hand die Blutzufuhr zum Gehirn nicht mehr gewährleistet war. Und dann verlor Belinda die Besinnung. Ihre Gestalt erschlaffte.

Der Mann nahm seine Hand von ihrem Hals. Er stieg aus dem Wagen, ging zur Beifahrertür, öffnete sie, beugte sich ins Innere des Wagens und klappte das Handschuhfach auf. Er entnahm ihm eine dünne Schnur und ein Stück Tuch. Mit der Schnur fesselte er Belindas Hände auf den Rücken. Mit dem Tuch knebelte er das Mädchen. Er ließ es auf dem Rücksitz liegen. Der Bursche klemmte sich hinter das Steuer und fuhr weg.

Die Uhr im Armaturenbrett zeigte 23 Uhr 16.

Der Mann fuhr mit seinem Opfer in die 121. Straße. Hier gab es fast nur Ruinen und unbewohnte Häuser. Ratten und ein paar Obdachlose lebten hier. Viele Türen waren mit Brettern vernagelt. Die Fenster waren eingeschlagen. Vor einem vierstöckigen Gebäude wurde der Lincoln angehalten. Der Motor starb ab, die Scheinwerfer verloschen.

Die Straße war wie ausgestorben. Es war in dieser Gegend gefährlich, sich zu fortgeschrittener Stunde auf die Straße zu wagen. Brutale Streetgangs machten Harlem unsicher. Selbst die Polizei hütete sich, in diesen dunklen Straßen Patrouille zu fahren. Gegen eine Kugel aus einer finsteren Ecke waren nämlich auch die Cops nicht gefeit.

Der Mann stieg aus dem Ford. Er schaute sich um. Dann öffnete er die Hintertür und zog Belinda aus dem Auto. Das Mädchen war noch immer nicht bei Besinnung. Der Mann schleppte es zu einer Treppe, die zur Tür einer Kellerwohnung führte. Hinter dem Fenster war es finster. Der Mann schloss die Tür auf und schleifte Belinda hinein. Dann kehrte er zu seinem Wagen zurück und verschloss ihn.

Anschließend ging er in die Wohnung und sperrte die Tür ab. Ehe er Licht machte, zog er sorgfältig die dicken Vorhänge vor dem Fenster zu. Von außen einen Blick in die Wohnung zu werfen war unmöglich.

Der Mann hob Belinda auf und legte sie auf die Couch, die in dem Raum stand. Er trat durch eine Tür ins Badezimmer und wusch sich die Hände. Dann kam er in den Livingroom zurück. Er zog sich einen Stuhl an die Couch heran und setzte sich. Geduldig wartete er, bis Belinda erwachte.

Die Lider des Mädchens zuckten. Dann öffnete es die Augen. Sekundenlang starrte Belinda mit dem Ausdruck des absoluten Nichtbegreifens zur Zimmerdecke hinauf. Dann schien die Erinnerung einzusetzen, und in ihre Miene schlichen sich die Angst und das Entsetzen. Der Mann zog ihr den Knebel aus dem Mund. Belinda zerrte an ihrer Handfessel. Sie drehte den Kopf ein wenig und sah den Burschen neben der Couch sitzen.

Das Begreifen kam mit einer fast schmerzhaften Intensität. Sie befand sich in der Gewalt eines Perverslings, eines Sittenstrolchs, vielleicht sogar eines gefährlichen Verrückten. Eine unsichtbare Hand schien Belinda zu würgen. Ihr Blick begegnete dem des Mannes. Sie registrierte, dass er braune Augen hatte. Kalt starrten sie diese Augen an.

„Was soll das?“, entrang es sich Belinda. „Warum haben Sie mich gefesselt und …“

Er unterbrach sie. „Du bist es nicht wert zu leben, du kleine, miese Hure. Darum werde ich dich töten. Erst aber wirst du durch die Hölle gehen. Und mach dir keine Hoffnungen. Du entkommst mir nicht. Was ich einmal habe, lasse ich nicht mehr los.“

„Wer sind Sie? Warum tun Sie das?“ Belinda versuchte, ihren Oberkörper aufzurichten.

Der Mann drückte sie auf das Sofa zurück. „Liegenbleiben“, knurrte er. Dann fügte er hinzu: „Du hast sicher schon in der Zeitung von mir gelesen oder in den Nachrichten von mir gehört. Man nennt mich den Schlitzer. Ich fühle mich berufen, die Welt von Parasiten wie dir zu säubern. Drei deiner Kolleginnen habe ich schon bestraft. Auch du wirst büßen. Und dir werden noch viele Huren folgen.“

Ein Verrückter! Das stand für Belinda schlagartig fest. Vielleicht ein religiöser Eiferer!

Das Grauen kam bei Belinda wie ein Schwall eiskaltes Wassers. Natürlich hatte sie schon vom „Schlitzer“ gehört. Die Medien begannen ihn schon mit Jack the Ripper zu vergleichen. Drei Frauen hatte er bisher brutal ermordet. Alle drei waren auf den Strich gegangen.

Die Polizei tappte im Dunkeln.

„Aus welchem Grund?“, keuchte Belinda. Sie wand ihre Hände in den Fesseln. Tief schnitten die Schnüre in ihre Haut ein. Die Blutzufuhr zu den Fingern war eingeschränkt, die Hände wurden taub.

„Ich muss es tun“, sagte der Mann. „Du und deinesgleichen verbreiten Krankheiten, Seuchen, die unter der Menschheit wüten werden wie die Pest im Mittelalter, wenn man das Übel nicht an der Wurzel packt. Darum musst du sterben. Deshalb mussten auch die drei Huren vor dir sterben. Und weitere werden euch in die Hölle folgen.“



2

Ken Douglas kam um zwei Uhr in die Morningside Avenue. Viele der Bordsteinschwalben hatten ihre Arbeit bereits beendet und waren nach Hause gefahren. Douglas fuhr einen Pontiac. Er hielt bei der Ecke, an der Belinda immer zustieg. Heute war sie nicht da.

Douglas stellte den Motor ab und stieg aus. Ein kühler Nachtwind streifte sein Gesicht. Nur noch wenige Autos befuhren die Morningside Avenue. Bei einer Straßenlaterne sah Douglas eines der Mädchen stehen und ging hin. „Hallo, Mary. Wo ist Belinda? Ist sie noch mit ‘nem Freier unterwegs?“

„Ich hab sie seit etwa drei Stunden nicht mehr gesehen, Ken. Himmel, mir fällt das jetzt erst auf. Ich sah sie gegen elf Uhr in einen Wagen steigen. Sie ist seitdem nicht mehr aufgetaucht.“ Das Mädchen schaute betroffen.

Ken Douglas nagte an seiner Unterlippe. „Das gefällt mir nicht“, knurrte er. „Was war es für ein Wagen, in den sie gestiegen ist?“

„Ich hab nicht aufgepasst. Vielleicht weiß es Cindy. Cindy hat den ganzen Abend in der Nähe gestanden. Gegen Mitternacht hat James sie abgeholt.“

„Hast du Cindys Telefonnummer?“

„Nein. Ich kenne nicht mal ihren richtigen Namen. Machst du dir Sorgen wegen Belinda? Vielleicht hat sie einen besonders zahlungskräftigen Freier aufgerissen. Sie aalt sich vielleicht in einem weichen Hotelbett …“

„Sie hätte mir Bescheid gesagt“, versetzte Ken Douglas.

„Du denkst an den Schlitzer?“

„Mal bloß nicht den Teufel an die Wand.“

„Das liegt mir fern. Aber Tatsache ist, dass der Schlitzer in New York drei Mädchen brutal umgebracht hat.“

„Ich warte hier auf sie.“

„Warum rufst du sie nicht an?“

„Wenn Belinda ihrer Arbeit nachgeht, hat sie ihr Handy ausgeschaltet.“

Ein Wagen kam im Schritttempo die Straße herunter. Es war ein Porsche. Bei Mary hielt der Flitzer an. „Das ist Larry“, sagte Mary. „Er holt mich ab. Lass dir die Zeit nicht zu lang werden, Ken.“

Mit dem letzten Wort öffnete Mary die Beifahrertür des Porsche und stieg an. Der Sportwagen fuhr davon.

Ken Douglas setzte sich in den Pontiac. Diesen Wagen hatte er Belinda zu verdanken. Auch für den Unterhalt der schönen Wohnung in Clinton sorgte Belinda. Sie verdiente in drei Tagen mehr Geld als er früher im ganzen Monat. Da arbeitete er noch als Automechaniker. Jetzt ließ er Belinda für sich arbeiten. Sie finanzierte das Heroin, das sie beide benötigten. Ken Douglas fühlte sich wie ein Mann, der ausgesorgt hatte.

Jetzt machte er sich Sorgen.

Es wurde drei Uhr. Belinda kam nicht. Er wählte ihre Handynummer. Sie hatte ihr Mobiltelefon nicht eingeschaltet.

Um halb vier Uhr fuhr Ken Douglas nach Hause.

Er fand aber keinen Schlaf. Am Morgen fuhr er noch einmal in die Morningside Avenue. Von Belinda keine Spur. Und als ihm Belinda bis gegen 10 Uhr vormittags noch immer kein Lebenszeichen zukommen hatte lassen, verständigte er die Polizei.



3

Drei Tage später, es war Montag, der 28. Juni, wurde im Zentralpark die Leiche der Prostituierten aufgefunden. Wie die drei Mädchen vor Belinda war ihr Leib aufgeschlitzt worden, ihr Herz fehlte. Der Fund sorgte in den Medien für Schlagzeilen. In der New York Times, die vor mir auf dem Schreibtisch lag, hieß es: „Der Schlitzer von New York hat wieder zugeschlagen.“

Ich las den Bericht durch.

Da war von einem Serienmörder die Rede. Ähnliche Morde, hieß es in dem Bericht, waren in den vergangenen Wochen in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis geschehen. Der Verfasser des Artikels wandte jedoch ein, dass nicht ein und derselbe Täter am Werk gewesen sein konnte, da zwei Morde zur selben Zeit in Indianapolis und New York geschehen waren, und zwar am 6. Juni.

Es war auch von möglichen Ritualmorden die Rede. Das schloss der Journalist der New York Times aus der Tatsache, dass den Mädchen jeweils die Herzen herausgeschnitten worden waren.

War hier eine Sekte am Werk?

Teufelsanbeter vielleicht?

Waren die Mädchen Opfer Schwarzer Messen geworden?

Ich sprach mit Milo darüber. Mein Kollege sagte: „Eines ist Fakt: Es wurden nur Mädchen vom Straßenstrich ermordet. In New York hier sind alle vier Girls in Harlem verschwunden. Dass es sich hier um ein und denselben Täter handelt, dürfte keine Frage sein. Entweder es ist einer, der die Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis nachahmt, oder es handelt sich um eine Gruppe von Leuten, die in mehreren Städten gleichzeitig operiert.“

„Eine Sekte“, stieß ich hervor.

„Möglich. Wir sollten vielleicht mal mit der Mordkommission Verbindung aufnehmen.“

Ich rief beim Police Department an. Der Beamte, der mit der Sache betraut war, erklärte mir, dass es keinen Hinweis auf den oder die Mörder gebe. Dass immer derselbe Täter am Werk gewesen war, stand zur Überzeugung des Kollegen fest. „Warum interessiert Sie der Fall?“, fragte er abschließend.

„Weil es in einigen anderen Staaten ähnliche Morde gab“, versetzte ich. „Es könnte also ein Fall für das FBI werden.“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht, Kollege“, sagte mein Gesprächspartner lachend. „Zumindest hätte ich ihn dann vom Tisch.“

Ich bedankte mich bei dem Kollegen und beendete das Gespräch.

„Vielleicht sollten wir mal mit dem Chef drüber sprechen“, schlug Milo vor.

„Keine schlechte Idee. Ich schätze aber, dass es unser Fall ist, sobald wir Mr. McKee wieder verlassen.“ Ich grinste. „Das bedeutet, dass wir vor dem Rätsel stehen werden, vor dem im Moment noch die Mordkommission steht.“

„Rätsel sind da um gelöst zu werden“, versetzte Milo.

Ich rief Mandy an und ließ uns beim Special Agent in Charge anmelden.

Wenig später saßen wir am Besuchertisch im Büro Mr. McKees. Der Chef war damit einverstanden, dass wir den Fall übernahmen. Nachdem es sich wahrscheinlich um einen Täterkreis handelte, der in verschiedenen Staaten sein Unwesen trieb, war es Bundessache und damit Sache des FBI.

Tags darauf hatten wir auch die Ermittlungsakten von den vier New Yorker Mordfällen auf dem Tisch. Der Eintritt des Todes bei Belinda Brown war den Feststellungen der Gerichtsmedizin zufolge Sonntag, der 27. Juni. Am 24. Juni war das Mädchen spurlos verschwunden.

Wir studierten die Akten ausgiebig. Milo sagte dazwischen einmal: „Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass die Mädchen jeweils an einem Donnerstag entführt werden? Der Mörder schlägt seit dem dritten Juni im Wochentakt zu.“

„Und der Tod ist laut Gerichtsmedizin jeweils an einem Sonntag eingetreten.“

„Das bedeutet, dass am ersten Juli wieder ein Mädchen entführt werden wird.“

„Die Mädchen wurden auch nie dort ermordet, wo sie aufgefunden worden sind. Man hat sie nach Eintritt des Todes zu den jeweiligen Fundorten gebracht. Leider konnte niemand Angaben darüber machen, was es für Fahrzeuge waren, in die die Mädchen gestiegen sind.“

„Wann geschahen die Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis?“, fragte Milo.

Eine halbe Stunde und drei Telefongespräche später wussten wir es. Die Mordserie begann am 5. Mai. Die Mädchen wurden an unterschiedlichen Tagen entführt. Morde aber wurden jeweils an einem Sonntag verübt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Ritualmorde handelte, nahm Formen an. Wir waren uns einig, dass irgendwelche Teufelsanbeter für die Morde verantwortlich waren, die jeweils an den Sonntagen Schwarze Messen abhielten, sowohl in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis wie auch in New York.

Blutiger Satanskult! Anders war es nicht erklärbar, dass den Mädchen die Herzen herausgeschnitten worden waren. Satansjünger, die in verschiedenen Städten ihrem furchtbaren Glauben frönten und miteinander in Verbindung standen.

Milo und ich waren uns einig. Es handelte sich um Ritualmorde. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass wir mit Satanskult konfrontiert worden wären.

Die Frage war, wo wir ansetzen sollten. Wir gingen unsere Möglichkeiten durch. Das Ergebnis war nicht besonders zufriedenstellend. Es lief im Endeffekt darauf hinaus, dass wir einschlägig Vorbestrafte überprüfen würden müssen.

Ich klickte mich in den Zentralcomputer des FBI ein. Milo versuchte sein Glück im Zentralcomputer des Police Department, zu dem wir Zugang hatten.

Nach einiger Zeit hatten wir einige Namen und Adressen von Leuten, die sich in der Szene des Okkultismus einen Namen gemacht hatten. Wir sortierten jene Leute aus, die nicht in New York wohnten oder die sich derzeit in Haft befanden.

Übrig blieben:

Sebastiano Valdez, mexikanische Abstammung, lebte seit 12 Jahren in New York. Seine derzeitige Adresse war Greene Street, SoHo.

Hugh McLeod, wohnhaft in der 38. Straße Ost, Murray Hill. McLeod hatte wegen Körperverletzung mit Todesfolge sieben Jahren auf Rikers Island verbracht.

Fred Harper, er wohnte in der 77. Straße, Upper West Side. Er hatte wegen Totschlags 12 Jahre hinter Gittern gesessen und war auf Bewährung frei.

Richard Jackson, 42 Jahre alt. Er war wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung vorbestraft. Jackson wohnte in Staten Island, Rockland Avenue No. 1465.

Diese vier Männer pickten wir uns heraus. Jeder von ihnen hatte irgendwann einmal einem Satanszirkel angehört.

Milo sprach aus, was ich dachte: „Damit haben wir vier potentielle Täter, Jesse, die aber nur für die Morde in New York in Frage kommen. Es wurden aber – zum Teil zeitgleich – in Cincinnati, Baltimore und Indianapolis Morde nach demselben Muster verübt. Das Täterprofil ist dasselbe. Die Leichen der Frauen waren immer auf dieselbe Art verstümmelt.“

„Kümmern wir uns erst einmal um unsere vier Kandidaten“, versetzte ich. „Sollte einer dabei sein, der sich verdächtig macht, bleiben wir solange an ihm dran, bis wir ihn haben. Und dann löst sich vielleicht der Rest des Rätsels von selbst.“

„Was ist, wenn wir ihm einen Köder hinwerfen würden“, kam es von Milo.

„Du denkst an eine Frau?“

„An eine Agentin.“

Ich grinste. „Sind Agentinnen keine Frauen?“

„Es sind besondere Frauen“, knurrte Milo. „Ich erinnere mich eines Zitats, das deine Kollegin Sarah Anderson mal gebrauchte. Du hast mir davon erzählt. Wie sagte sie gleich wieder?“ Milo legte theatralisch die Hand an die Stirn. „Ach ja. Jetzt weiß ich‘s. Sie sagte: Ich bin Special Agent, losgelöst von geschlechtlichen Attributen.“

„Sarah war in der Tat eine besondere Frau“, sagte ich und begann für einen Moment in Erinnerungen zu schwelgen. Doch im nächsten Augenblick riss ich mich gewaltsam los und konzentrierte mich wieder auf die Gegenwart. Ich sagte: „Keine schlechte Idee, Milo. Aber zunächst sollten wir mal die vier Gentlemen checken. Mal sehen, ob sie Alibis für die Tage haben, an denen die Girls verschwanden.“



4

Zunächst fuhren wir in die Greene Street. Dort lebte Sebastiano Valdez. Der Stadtteil SoHo war nur einen Katzensprung vom Federal Building entfernt. Von einer Nachbarin erfuhren wir, dass sich Valdez in der Arbeit befand. Er fuhr eine Straßenkehrmaschine. Die Lady nannte uns auch den Betrieb. Wir ließen Valdez eine Vorladung zurück. Danach sollte er am folgenden Tag um 8 Uhr im Federal Building vorsprechen. Ich vermerkte unsere Zimmernummer auf der Vorladung.

Als nächstes statteten wir Hugh McLeod in der 38. Straße einen Besuch ab. Er war zu Hause und bat uns – nachdem wir uns ausgewiesen hatten – in seine Wohnung. McLeod war nur mit Unterhemd und Hose bekleidet. Er hatte sich seit mindestens drei Tagen nicht mehr rasiert. Übler Geruch drang uns aus der Wohnung entgegen. Es sah hier aus wie in einem Schweinestall. Auf der Couch im Livingroom lag eine Decke. Auf dem Tisch stand eine halbleere Flasche billigen Weines. Der Aschenbecher quoll über. Ein Blick in McLeods gerötete Augen sagte mir, dass der Bursche schon am hellen Vormittag angesäuselt war.

Für mich schied er als Mörder aus.

„Ich bin arbeitslos“, erklärte der Bursche. „Wenn ich mich bei einem Arbeitgeber vorstelle und in den Bewerbungsbogen schreibe, dass ich sieben Jahre eingesperrt war, habe ich schon verloren. Gelegenheitsjobs – ja. Aber eine richtige Anstellung finde ich nicht.“

Ich hätte ihm schon sagen können, woran das – unter anderem – lag. Aber ich hielt mich zurück.

Milo sagte: „Anlässlich der Verhandlung gegen Sie damals kam zur Sprache, dass Sie einem Satanszirkel angehörten, McLeod. Sind Sie nach Ihrer Haftentlassung diesem Zirkel wieder beigetreten? Haben Sie wieder begonnen, an Schwarzen Messen teilzunehmen und …“

McLeod lachte fast belustigt auf, so dass Milo abbrach. Dann stieß der angetrunkene Bursche hervor: „Ich habe mich damals den Satansjüngern zugewandt, weil sie Rauschgift- und Sexorgien feierten. Allerdings war ich kein überzeugter Anhänger Satans.“ Wieder lachte McLeod auf. Er leckte sich über die Lippen, ging zum Tisch, nahm die Schachtel Marlboro, und schüttelte sich einen Glimmstängel heraus. Als er brannte und McLeod den ersten Zug inhaliert hatte, fuhr er fort: „Ich glaube weder an Gott noch an den Satan. Meine Teilnahme an den Schwarzen Messen diente ausschließlich der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Im Suff erwürgte ich beim Sex eine dieser Schlampen, die Satan anbeteten. Das brachte mir zehn Jahre ein, von denen ich sieben absaß.“

„Wo waren Sie am dritten, zehnten, siebzehnten und vierundzwanzigsten Juni?“, fragte ich.

Er blinzelte mich an. „Wahrscheinlich habe ich hier auf der Couch gelegen und Fernsehen geglotzt. Es kann aber auch sein, dass ich auf der Couch lag und geschlafen habe. Warum fragen Sie das?“

„Weil an diesen Tagen – es war jeweils donnerstags – junge Prostituierte in der Morningside Avenue, Harlem, entführt worden sind. Man hat sie einige Tage später in irgendwelchen Parks gefunden. Ihre Herzen fehlten.“

McLeod kratzte sich hinter dem Ohr. „Sie sprechen von den Opfern des Schlitzers, nicht wahr?“

„So ist es.“

McLeod ging zur Couch und ließ sich drauf fallen. Sie ächzte verdächtig in der Federung. Das Ding sah aus, als hätte er es sich vom Sperrmüll besorgt. Der Bursche saugte an seiner Zigarette, als wäre es der letzte Zug eines Lebens, dann schnappte er: „Schieben Sie mir nur nichts in die Schuhe, Trevellian. Ich hab mit dem Satanskult nichts mehr am Hut. Wie ich schon sagte: Meine Tage verbringe ich mit Schlafen und Fernsehschauen. Da ich alleine lebe, habe ich für die Tage, die Sie genannt haben, natürlich kein Alibi. Aber ich muss meine Unschuld nicht beweisen.“

„Besitzen Sie ein Auto?“

McLeod tippte sich mit dem Daumen gegen die Brust. „Ich – ein Auto?“ Er lachte rasselnd auf. „Nein. Wie sollte ich mir ein Auto leisten können? Wenn ich ein geregeltes Einkommen hätte, dann wäre das was anderes. Aber so …“ Er brach vielsagend ab.

Wir verabschiedeten uns von McLeod. Als wir wieder im Wagen saßen, sagte Milo: „McLeod scheidet aus. Wie hätte er die Leichen der Frauen transportieren sollen? Außerdem vermittelte er ganz den Eindruck, vom Alkohol abhängig zu sein. Als Schluckspecht dürfte er andere Interessen haben, als Frauen die Herzen aus der Brust zu schneiden.“

Ich war Milos Meinung. Alles sprach gegen eine Täterschaft McLeods.

Wir fuhren zu Fred Harper. Er war zu Hause. Im Gegensatz zu McLeod wohnte er in einem ordentlich eingerichteten Apartment, er sah gepflegt aus und erklärte uns, dass er seit einem halben Jahr verheiratet sei. Seine Frau sei berufstätig. Sie sorge für das Geld, während er den Hausmann spiele.

„Haben Sie nach Ihrer Haftentlassung wieder Kontakt mit einem Satanszirkel aufgenommen?“, fragte ich. „Frönen Sie wieder dem Teufelskult?“

„Woran ich glaube, müssen Sie schon mir überlassen, Trevellian“, stieß Harper hervor. „Ja, ich glaube an den Satan. Aber ich bin nicht mehr aktiv tätig. Meine Frau würde dafür kein Verständnis aufbringen.“

Auf meine Frage nach einem Alibi für die Tage, an denen die Mädchen entführt wurden, antwortete Harper: „Meine Frau wird Ihnen bestätigen können, dass ich an den jeweiligen Tagen zu Hause war.“ Er räusperte sich, dann fuhr er fort: „Wie Sie wahrscheinlich wissen, bin ich auf Bewährung draußen. Zwölf Jahre habe ich abgebrummt. Ich habe nicht vor, mir die Bewährung zu verscherzen. Ich habe damals jenem Kerl, der mich angriff, eine verpasst. Er fiel derart unglücklich, dass er einen Schädelbasisbruch davontrug, woran er starb. Ich bin kein Straftäter im herkömmlichen Sinn, einer, der kriminelle Energie an den Tag legt und immer wieder rückfällig wird. Meine Straftat ordne ich mehr dem Bereich Unfall zu.“

„Sie sind also der Meinung, zu Unrecht verurteilt worden zu sein?“, fragte ich.

„Man hat mir fünfzehn Jahre aufgebrummt. Ich denke, Jury und Richter waren auf Grund der Tatsache, dass ich einem satanischen Zirkel angehörte, nicht objektiv.“

„Das Urteil wurde in der zweiten Instanz bestätigt“, wandte ich ein.

Harper winkte ab. „Ich habe mit den Morden an den Prostituierten nichts zu tun. Meine Frau kann Ihnen bestätigen, dass ich meine Abende zu Hause verbringe.“

Ich glaubte es ihm.

Zuletzt begaben wir uns nach Staten Island, in die Rockland Avenue, wo Richard Jackson lebte. Jackson war nicht zu Hause. Wir fragten bei einer Nachbarin nach.

Die Frau sagte: „Jackson arbeitet bei Jefferson-Industries Ltd., drüben, in New Jersey. Die Firma stellt Autobatterien her.“ Die Stimme der Frau sank herab, nahm einen verschwörerischen Ton an. „Vor zwei Monaten ist Jackson die Frau weggelaufen. Man sagt, Jackson sei mit HIV infiziert. Er soll sich bei einer Hure angesteckt haben. Was Genaues weiß man nicht. Jackson sieht jedenfalls schlecht aus. Vielleicht liegt es auch daran, dass er in der Batteriefabrik mit Giftstoffen umgeht.“

„Wo lebt seine Frau?“

„Das müssen Sie Jackson schon selber fragen“, erwiderte die Lady. „Soviel ich weiß, muss er Unterhalt an sie bezahlen. Wahrscheinlich hat er sie sogar angesteckt. Aber das ist nur eine Vermutung. Man muss vorsichtig sein mit solchen Äußerungen. Denn man kann leicht in Teufels Küche kommen, wenn man Unwahrheiten in die Welt setzt.“

„Ja“, sagte Milo lächelnd, „das kann man. Darum sollte man sich hüten, unbestätigte Gerüchte in die Welt zu setzen.“

Die Frau nickte ernsthaft. „Das ist der Grund, weshalb ich immer ausgesprochen zurückhaltend bin.“

„Eine gute Einstellung, Ma‘am“, sagte ich.

Wir ließen auch Jackson eine Vorladung für den kommenden Tag 9 Uhr zurück.



5

Es war Donnerstag, 1. Juli. Laura Bennett, die 22-Jährige, schaute auf ihre Armbanduhr. Es war 22 Uhr 24. Laura trug nur ein sogenanntes heißes Höschen, ein freizügiges T-Shirt und Stöckelschuhe. In der linken Hand schwang sie eine kleine Tasche, in dem sie Lippenstift und ein paar andere Schönheits-Utensilien aufbewahrte.

Laura hatte Angst. Sie hielt sich in der Nähe der anderen Mädchen auf, die in der Morningside Avenue auf den Strich gingen. Der „Schlitzer“ hatte wieder zugeschlagen. Vor genau einer Woche war Belinda Brown spurlos verschwunden. Drei Tage später hatte man ihre Leiche gefunden.

Die Girls vom Straßenstrich hatten sich abgesprochen. Sobald eine von ihnen ein Auto bestieg, wurde von den anderen die Zulassungsnummer des Wagens notiert. Das gab zwar dem Mädchen, das mit dem Wagen gefahren war, keine Sicherheit, aber diese Vorsichtsmaßnahme entlarvte vielleicht den Mörder, falls er wieder zuschlug.

Die Angst hielt sie alle im Klammergriff. Aber die Gier der Zuhälter war stärker als die Angst der Mädchen. Und so standen sie auch nach dem vierten Mord auf der Straße und warteten auf Kundschaft.

Laura ging hin und her. Die Stöckel ihrer Schuhe klapperten leise. Heute lief das Geschäft nicht besonders. Sie hatte erst fünfzig Dollar eingenommen. Mark würde sauer sein. Mark war ihr Zuhälter. Er hatte Laura versprochen, dass sie mit fünfundzwanzig aufhören konnte. Bis dahin – so Mark – habe sie genug Geld verdient, um sich ein kleines Haus in Queens zu gönnen, sich in eine Firma einzukaufen und ein sorgenfreies Leben zu führen. Laura glaubte ihm. Sie war dem Burschen hörig. Darauf, dass er sie nur schamlos ausnutzte, kam Laura nicht. Daran, dass er gar nicht daran dachte, sein Versprechen einzulösen, dachte sie nicht. Sie liebte Mark – sie würde für ihn durchs Feuer gehen.

Autos fuhren langsam vorbei. Hin und wieder wurde eine zotige Bemerkung aus einem der heruntergekurbelten Fenster gerufen. Einige der Huren antworteten mit ordinären Sprüchen.

Ein Streifenwagen fuhr vorbei. Die Polizisten schauten weg. Sie hatten auch gar keine Handhabe gegen die Mädchen, solange sie sie nicht auf frischer Tat ertappten. Einige der Girls winkten den Cops sogar zu. Es war so etwas wie ein kameradschaftliches Verhältnis zischen den Streifenwagenbesatzungen und den Bordsteinschwalben.

Ein weißer Ford Lincoln fuhr vor. Langsam rollte er am Randstein entlang. Laura trat ins Licht einer Straßenlaterne, um ihre körperlichen Vorzüge besser in Szene zu setzen. Der Wagen hielt an. Ein etwa 40-Jähriger Mann saß drin. Er ließ das Fenster herunter.

„Wie viel verlangst du?“

„Eine Nummer auf dem Autositz kostet fünfundzwanzig Dollar“, sagte Laura.

„Der Preis ist in Ordnung. Komm rein.“

Laura warf einen schnellen Blick in die Runde. Ganz in der Nähe standen Mary und Ann. Die beiden schauten her. Laura gab ihnen mit der rechten Hand ein Zeichen. Dann öffnete sie die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen. „Fahr zum Marcus Garvey Park“, wies sie den Fahrer an.

Der Bursche nickte. „Ich war schön öfter hier. Ich kenne mich aus.“

Laura warf ihm einen Seitenblick zu. Die Morningside Avenue war hell genug, so dass auch im Wageninnern keine absolute Dunkelheit herrschte. Laura sah vom Profil ein hohlwangiges Gesicht mit einer geraden Nase und einem dünnlippigen Mund. Der Mann schien sich voll und ganz auf den Verkehr zu konzentrieren.

„Ich habe dich noch nicht gesehen“, sagte Laura.

„Schon möglich“, kam es wortkarg zurück.

Sie erreichten den Park. An einer dunklen Stelle hielt der Mann den Ford an. Er stellte den Motor ab und sagte: „Wir sollten auf den Rücksitz gehen. Hier vorne ist es unbequem.“

„Hast du denn keinen Liegesitz?“

„Schon, aber …“

„Für fünfundzwanzig Dollar kannst du nichts Besonderes erwarten“, fiel ihm Laura ins Wort. Sie fühlte sich plötzlich unbehaglich. Durch die Dunkelheit, die hier herrschte, sah sie den Blick des Mannes auf sich gerichtet. Seine Augen glitzerten leicht. Sie erinnerten Laura plötzlich an die Lichter eines Raubtieres.

Der Bursche beugte sich ein wenig zu ihr herüber. „Ich kann zumindest erwarten“, gab er zu verstehen, „dass ich mir keinen Bandscheibenschaden hole. Aber wenn du meinst …“

Er beugte sich über Laura und griff nach dem Hebel, mit dem man die Rückenlehne des Beifahrersitzes umlegen konnte. Plötzlich hielt er inne. „Was war das für ein Zeichen, das du den anderen Mädchen gegeben hast, als du bei mir eingestiegen bist?“

Laura roch den Duft seines Rasierwassers. Ihm haftete auch der Geruch von Seife an. Wahrscheinlich hatte er sich geduscht, ehe er in die Morningside Avenue fuhr.

„Das ist wegen dem Schlitzer“, versetzte Laura. „Wir notieren gegenseitig die Zulassungsnummern der Autos, in die wir steigen. Sollte noch einmal was passieren, können wir der Polizei vielleicht einen Anhaltspunkt liefern.“

Sekundenlang presste der Mann die Lippen zusammen. Dann legte er mit einem entschlossenen Hebeldruck die Rückenlehne um. Laura fiel zurück.

„Zieh deine Hose aus“, forderte der Bursche. Er selbst begann, am Verschluss seiner Hose herumzunesteln.

Eine halbe Stunde später stand Laura wieder auf der Morningside Avenue. Sie hatte keine Ahnung, dass sie im Wagen des „Schlitzers“ gesessen hatte.



6

Kurz vor acht Uhr erschien Sebastiano Valdez im Federal Building. Er saß auf der Bank im Flur, als Milo und ich den Dienst antraten. Da war es Punkt acht. Wir baten den Mexikaner in unser gemeinsames Büro und boten ihm einen Sitzplatz an.

„Weswegen haben Sie mich vorgeladen?“, fragte er. „Ich hatte seit einigen Jahren Ruhe vor der Polizei.“

„Einige Morde sind geschehen, Mr. Valdez“, sagte ich. „Wir nehmen an, dass es sich um Ritualmorde handelt. In New York waren es bisher vier Mädchen, die ermordet wurden. Allen wurden die Herzen herausgeschnitten.“

Valdez schluckte krampfhaft. „Was habe ich damit zu tun?“

„Sie waren mal als Priester in einer Satanssekte tätig. Damals wurde gegen Sie wegen Drogenhandels ermittelt. Das Verfahren wurde eingestellt. Allerdings nicht, weil Ihre Unschuld bewiesen wurde, sondern aus Mangel an Beweisen.“

„Das ist sieben Jahre her. Wir haben den satanischen Zirkel damals aufgelöst. Ich habe auch nie wieder versucht, einen zu gründen. Ich habe mich vom Satanskult losgesagt und begonnen, mich mit der Bhagavadgita zu beschäftigen.“

„Das bedeutete ein Gesinnungswandel um dreihundertsechzig Grad“, sagte Milo.

„So ist es. Ich war immer bemüht, die Wahrheit zu ergründen. Der Satan ist Wahrheit. Er verkörpert das Böse. Also muss es auch einen Gott geben, der das Gute personifiziert. Ich …“

„Schon gut“, unterbrach ich ihn. „Wir haben Sie nicht vorgeladen, um von Ihnen bekehrt zu werden. Wo waren Sie am vierundzwanzigsten Juni? In der Nacht, zwischen elf und ein Uhr?“

„Zu Hause, in meinem Bett. Ich gehe jeden Abend gegen zehn Uhr schlafen. Ich muss morgens immer früh raus, und ich brauche mindestens sieben Stunden Schlaf.“

„Besitzen Sie ein Auto?“

„Ja, einen alten Chevy.“

„Sind Sie mit dem Wagen da?“

„Natürlich. Warum sollte ich mit der Subway fahren, wenn ich ein Auto besitze?“

„Haben Sie ein Alibi für die Nacht vom vierundzwanzigsten Juni auf den fünfundzwanzigsten?“

„Ich lebe allein.“

„Leider müssen wir Ihren Wagen vorübergehend beschlagnahmen“, erklärte ich. „Er muss von der SRD auf Spuren untersucht werden. Sie werden also einige Tage die Subway benutzen müssen.“

Mit einem Ruck stand der Mexikaner auf. „Stehe ich etwa im Verdacht, der Schlitzer von Harlem zu sein?“

„Wir müssen jeder möglichen Spur nachgehen, Mr. Valdez“, versetzte Milo. „Wir nehmen an, dass die Mädchen im Rahmen Schwarzer Messen ermordet wurden. Sie waren mal Satanspriester. Die Katze lässt das Mausen nicht. Sie verstehen?“

„Nein. Was hat das mit meinem Wagen zu tun?“

„Die Mädchen wurden nicht dort ermordet, wo sie aufgefunden worden sind. Also müssen die Leichen mit einem Fahrzeug befördert worden sein. Auf entsprechende Spuren wird Ihr Fahrzeug untersucht. Sie bekommen Ihren Chevy innerhalb von drei Tagen wieder zurück, sollten sich keine Verdachtsmomente gegen Sie ergeben.“

„Ich werde einen Rechtsanwalt einschalten!“, erregte sich Valdez. „Sie haben schon einmal bei mir auf Granit gebissen. Dieses Mal wird es nicht sein Bewenden damit haben, dass man das Verfahren gegen mich einstellen muss. Ich werde mich beschweren. Bei Ihrer vorgesetzten Dienststelle. Es ist eine Ungeheuerlichkeit …“

Ich unterbrach seinen Redefluss. „Gegen Sie ist kein Verfahren eröffnet, Mr. Valdez. Und wenn Ihr Wagen sauber ist, wird auch keines gegen Sie eröffnet, und an Ihnen wird nicht der geringste Makel haften bleiben. Sie als steuerzahlender Staatsbürger müssen doch Interesse daran haben, dass die Polizei ihren Job ordentlich macht. Wenn sich Ihre Unschuld herausstellt, ist das auch zu Ihrem Besten. Also beginnen Sie nicht, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.“

Valdez beruhigte sich. „Gut. Untersuchen Sie meinen Chevy auf Spuren. Sie werden nichts finden. Ich habe mit den Morden nichts zu tun.“ Er warf mir den Autoschlüssel auf den Tisch und erklärte mir, wo er den Wagen abgestellt hatte. Außerdem gab er die Zulassungsnummer bekannt, die ich auf einem Zettel notierte.

Valdez verabschiedete sich von uns.

„Was meinst du?“, fragte Milo, als wir alleine waren. „Ist er ein Mörder?“

„Das sieht man ihm leider nicht an der Nasenspitze an“, versetzte ich. „Aber wenn ich meiner Menschenkenntnis vertrauen kann, dann ist er nicht unser Mann.“

„Heute ist der erste Juli“, meinte Milo. „Donnerstag. Dem Gesetz der Serie entsprechend, nach dem der Schlitzer zuschlägt, ist wieder eine Entführung fällig.“

„Und wir stehen dem machtlos gegenüber.“

„Es ist zum Heulen.“

Wir widmeten uns wieder unserer Schreibtischarbeit.

Um 9 Uhr klopfte es gegen die die Tür.

„Herein!“, rief ich. Ich vermutete, dass es sich um Richard Jackson handelte, der geklopft hatte.

Die Tür öffnete sich, ein hohlwangiger Mann mit bleicher Gesichtshaut streckte den Kopf ins Büro. „Mein Name ist Jackson. Ich habe für heute um neun Uhr eine Vorladung von Ihnen erhalten.“

„Treten Sie ein“, forderte ich den Mann noch einmal auf. Als er im Büro war und die Tür hinter sich zugedrückt hatte, bot ich ihm einen Sitzplatz auf dem Stuhl an, auf dem vorhin Sebastiano Valdez gesessen hatte.

„Es geht um die Morde an vier Prostituierten“, begann ich.

Sofort stand Jackson senkrecht. „Was habe ich damit zu tun?“

Ich wies auf den Stuhl. „Setzen Sie sich wieder, Mr. Jackson. Es handelt sich um eine reine Routineüberprüfung. Sie sind vor einigen Jahren als Satansjünger in Erscheinung getreten. Da wir annehmen müssen, dass die Prostituierten Ritualmorden zum Opfer fielen, überprüfen wir die Leute, die irgendwann mal mit Satanskult in Verbindung standen.“

Jackson setzte sich wieder. In seinem Gesicht arbeitete es. „Ich habe von den Morden in den Nachrichten gehört“, sagte er schließlich mit sachlichem Tonfall. „Man spricht vom Schlitzer von Harlem.“

„Sehr richtig“, erwiderte ich. Dann fragte ich ihn nach seinem Alibi für die Tage, an denen die Mädchen verschwunden waren. Jackson hatte keines. „Ich gebe mich kaum mit jemand ab. Meine Frau hat mich verlassen …“

„Warum hat Sie Ihre Frau verlassen?“

Jackson zögerte etwas. Es mutete an, als musste er die Antwort erst im Kopf formulieren. Dann sagte er: „Wir haben uns auseinandergelebt und hatten uns nichts mehr zu sagen.“

„Wo wohnt Ihre Frau jetzt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Müssen Sie nicht an sie Unterhalt bezahlen?“

„Doch. Das Geld geht auf ein Konto bei der City Bank.“

Ich fragte ihn, ob er ein Auto besaß. Er bejahte, worauf ich ihm erklärte, dass wir seinen Wagen für einige Tage konfiszieren mussten, damit er von der SRD unter die Lupe genommen werden konnte.

„Ich brauche den Wagen für den Weg zur Arbeit“, stieß Jackson hervor.

„Es verkehrt sicher ein öffentliches Verkehrsmittel zwischen Staten Island und New Jersey“, entgegnete ich. „Außerdem nehmen wir Ihnen den Wagen nicht weg. Sie bekommen ihn auf der Stelle zurück, wenn sich keine Spuren von den Mädchen finden.“

„Welche Spuren?“

„Haare, Hautschuppen, vielleicht auch Speichel …“

„Aaah, für eine DNS-Analyse. Ich verstehe. Na schön, G-men. Sehen Sie zu, dass ich mein Auto bald zurückbekomme. Ich brauche es.“

„Was für einen Wagen fahren Sie denn?“

„Einen Chevrolet. Ein älteres Fabrikat.“

„Welche Farbe hat der Wagen?“

„Metallic-Silber.“

„Sie arbeiten in einer Batteriefabrik. Werden Sie regelmäßig auf Ihren Gesundheitszustand durchgecheckt?“

„Ja.“ Jackson zögerte ein wenig. Dann erklärte er: „Mir fehlt nichts. Noch nicht. Welche Langzeitschäden sich infolge des Umgangs mit Blei und Säure ergeben, ist allerdings nicht abzusehen.“ Jackson grinste säuerlich, fast betreten.

Schließlich hatten wir keine Fragen mehr. Wir zogen die Autoschlüssel ein, fragten ihn, wo er den Wagen geparkt hatte und wie das Kennzeichen lautete, dann er durfte gehen.

Es war nicht viel, was wir herausgefunden hatten.

„Möglicherweise handelt es sich gar nicht um Ritualmorde“, meinte Milo. „Wenn es auf den ersten Blick vielleicht auch so aussieht. Kann es nicht sein, dass der Mörder vom Hass auf Prostituierte geleitet wird?“

An diesen Aspekt hatte ich auch schon gedacht, ihn aber noch keiner intensiveren Beurteilung unterzogen, denn es sprach einiges dagegen. „In Baltimore, Cincinnati und Indianapolis geschehen Morde nach dem selben Strickmuster. Am dritten Juni müsste sich der Täter gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten aufgehalten haben. Das spricht gegen diese Theorie.“

„Ein Nachahmer“, sagte Milo. „Der Personenkreis der Opfer lässt diesen Schluss zu. Dadurch, dass der Killer den Mädchen die Herzen aus dem Leib schneidet, will er vielleicht eine falsche Spur legen.“

Ich konnte mich Milos Theorie nicht völlig verschließen.

Mein Freund und Kollege fuhr fort: „Es handelt sich jedes Mal um Prostituierte. Und zwar nur um Mädchen, die auf den Straßenstrich gehen. Würde es sich um Ritualmorde handeln, wäre es den Tätern egal, woher ihre Opfer kommen. So aber steckt System dahinter. Bei dem Täter handelt es sich möglicherweise um einen Psychopathen, der vom Hass auf die Huren vom Straßenstrich geleitet wird. Vielleicht ein Kindheitserlebnis, ein Trauma, eine Neurose.“

„Das erweitert unseren Täterkreis immens“, knurrte ich. „Es gibt auch keinen Hebel, wo wir ansetzen könnten. – Was hältst du von Jackson?“

„Sieht krank aus, der Mann. Im Übrigen ist er schlecht einzustufen. Wir sollten vielleicht mal mit seiner Gattin ein paar Worte wechseln.“

„Dazu müssen wir ihre Anschrift herausfinden. Ich bin fast überzeugt davon, dass Jackson sie kannte, sie uns aber verschwieg.“

„Warum sollte er?“

„Ist nur ‘ne Vermutung“, sagte ich und beendet das Thema. „Vielleicht verrät man uns bei der City Bank ihre Anschrift.“

Milo wiegte skeptisch den Kopf. „Wir werden eine richterliche Anordnung erwirken müssen.“

„Dann erwirken wir sie eben“, stieß ich hervor.



7

Es war 22 Uhr 35. Der Ford rollte langsam die Morningside Avenue hinunter. Laura Bennett wartete auch an diesem Abend wieder auf Kundschaft. Sie trat ins Licht der Straßenlaterne, damit der Fahrer auf sie aufmerksam wurde. Sie erinnerte sich des Fahrzeugs. Der Mann war gestern schon einmal hier und mit ihr zum Marcus Garvey Park gefahren. Der Ford wurde abgebremst. Der Mann kurbelte die Seitenscheibe nach unten. Er lächelte. Seine stechenden Augen waren auf das Mädchen gerichtet.

Laura bückte sich, um besser in den Wagen blicken zu können. Sie hatte sich nicht geirrt. Es war ihr Kunde vom Vortag. „Willst du noch einmal fünfundzwanzig Dollar investieren?“, fragte sie.

„Was kosten Extras?“

„Das kommt ganz auf die Art der Extras an.“

„Steig ein. Wir werden uns sicherlich einig.“

„Das denke ich auch.“ Laura öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz sinken. Sie war ähnlich gekleidet wie am Vortag. Heißes Höschen, freizügiges T-Shirt, Stöckelschuhe. Wenn Laura am Tag vorher den grünen Farbton bevorzugt hatte, so überwog heute rot.

Der Fahrer gab Gas. Der Ford rollte vom Gehsteig weg und nahm die Richtung zum Park. Laura hatte ihr Misstrauen abgelegt. Wenn der Bursche Übles von ihr gewollt hätte, dann hatte er schon am Tag zuvor die Gelegenheit dazu. So dachte das Mädchen. Der Mann parkte den Ford wieder an einer verlassenen Stelle am Rand des Parks. „Liegesitz oder Rücksitz?“, fragte er lachend.

„Reden wir erst über die Extras.“

Er beugte sich zu Laura hinüber, legte ihr den Arm um die Schultern, zog sie näher zu sich heran. Laura wollte sich wehren. Der Griff wurde härter. Der Bursche hielt sie plötzlich wie im Schwitzkasten. Laura wollte schreien, der Schrei kämpfte sich auch in ihrer Brust hoch, erstickte aber in der Kehle.

Der Mann drückte mit dem Arm ihren Hals zu. Mit der anderen Hand hielt er ihre Hände an den Gelenken fest. Laura hatte seiner Kraft nichts entgegenzusetzen. Sie drehte den Kopf, wand sich, versuchte ihre Hände zu befreien. Benommenheit brandete gegen ihr Gehirn an, ihr wurde es schwindlig. Verzweifelt versuchte sie Luft zu holen. Und dann riss ihr Denken. Sie versank in einer schwarzen Wolke.

Der Mann ließ sie los und schob ihren Oberkörper hinüber auf den Beifahrersitz. „Dreckige Hure“, knirschte er. Dann startete er den Motor und fuhr los. Erst als er in die 121. Straße einbog, machte er die Scheinwerfer an. Er brachte das Mädchen in die Kellerwohnung, fesselte und knebelte es und wartete dann, dass es das Bewusstsein wieder erlangte. Das Licht hatte er ausgemacht. Die Wohnung lag in Dunkelheit.

Als Laura die Augen aufschlug, umgab sie nur Nacht. Dann aber konnte sie die schemenhafte Gestalt auf dem Stuhl neben der Couch, auf der sie lag, ausmachen. Der Schreck kam bei dem Mädchen in langen, heißen Wogen. Laura wollte etwas sagen, aber wegen des Knebels brachte sie nur unartikulierte Laute zustande.

Der Mann zog ihr den Knebel heraus. „Wo – bin – ich? Warum – warum tun Sie das?“

„Was?“

„Sie – Sie sind doch der Schlitzer“, kam es mit zittriger Stimme von Laura. „Mein Gott. Sie wissen doch hoffentlich, dass meine Kolleginnen Ihre Zulassungsnummer notiert haben.“

„Sicher“, sagte der Mann heiser. „Darum habe ich zwei gestohlene Kennzeichen an den Wagen geschraubt, ehe ich zu dir gefahren bin.“

„Was haben Sie vor?“ Panik stieg wie ein alles verzehrendes Feuer in Laura auf, verbreitete sich und erfasste ihren ganzen Körper.

„Ich werde dich umbringen und in irgendeinem Park ablegen“, sagte der Schlitzer. „Und die dämlichen Bullen werden von einem weiteren Ritualmord ausgehen. Ich sehe schon die Schlagzeilen: Satansjünger haben in New York die fünfte Frau geopfert!“

Der Bursche gluckste vor Lachen. „Oder: Der Schlitzer hat wieder zugeschlagen!“

Wieder lachte der Mann auf. „Ich werde künftig an die New York Times Briefe schicken. Ja, das verleiht dem Ganzen viel mehr Würze. Ich werde ab sofort unsere Vergeltungsschläge ankündigen.“

Der Mann erhob sich und beugte sich über Laura. Seine Stimme senkte sich, sie war nur noch ein fanatisches Geflüster, als er fortfuhr. „Ihr elenden Huren! Wie viele Menschen habt ihr dreckigen Nutten schon ins Unglück gestürzt. Ihr verbreitet Geschlechtskrankheiten. Ehen gehen euretwegen kaputt. Weltreiche gingen schon der Hurerei wegen zu Grunde. Ihr seid eine Geißel der Menschheit.“

Er holte Luft. Groß und unheilvoll stand er vor Laura. Jetzt hub er wieder an: „Du wirst büßen, ebenso wie die Huren, die wir uns vor dir geholt haben, und diejenigen, die wir uns nach dir noch holen werden. In drei Tagen bist du tot. Und dann holen wir uns die nächste Schlampe vom Straßenstrich.“

Die Stimme sank herab. „Sicher, wir können euch nicht alle umbringen. Aber wir verbreiten Angst und Schrecken. Und bald wird sich keine von euch Schlampen mehr auf die Straße wagen. Wenn es soweit ist, dann ist unsere Mission erfüllt. Dann werden wir voll Stolz auf unser Werk blicken.“

Das Grauen nahm Laura jede andere Empfindung. Ihr Herz raste. Laura zitterte an Leib und Seele.

Das einzige, was sie begriff und was mit aller Wucht auf sie einstürmte, war die Androhung, dass sie sterben würde.



8

Es hatte tatsächlich eines richterlichen Beschlusses bedurft, damit wir von der City Bank die erforderlichen Auskünfte bezüglich der Frau Richard Jacksons erhielten. Obwohl wir Mr. McKee eingeschaltet hatten, dauerte es einen vollen Tag, bis wir den Beschluss hatten. Wir fuhren damit zur City Bank. Der zuständige Sachbearbeiter nannte uns nach Vorlage des Beschlusses die Adresse. Mrs. Jackson wohnte in Brooklyn, Strauß Street Nummer 427. Wir bekamen auch die Telefonnummer der Frau. Ehe wir nach Brooklyn fuhren, riefen wir sie an, um festzustellen, ob sie überhaupt zu Hause war.

Sie nahm ab und nannte ihren Namen.

„Trevellian, Special Agent, FBI New York“, sagte ich. „Wir hätten Sie gerne mal gesprochen, Mrs. Jackson.“

„Das FBI will mich sprechen?“

„Ja. Es ist wegen Ihres Mannes. Nur ein paar Fragen.“

„Dieses verdammte Schwein! Ist er straffällig geworden?“

Das war eine Reaktion, die ich nicht erwartet hatte. „Nein“, erwiderte ich. „Es handelt sich um einige Routinefragen, seine Vergangenheit betreffend. Wann können wir Sie sprechen?“

„Ich bin zu Hause. Arbeitsunfähig. Das habe ich diesem elenden Hurenbock zu verdanken.“

„Wir sind in einer Stunde bei Ihnen“, sagte ich und unterbrach die Verbindung. Da ich den Lautsprecher eingeschaltet hatte, konnte Milo alles hören, was Mrs. Jackson von sich gegeben hatte. Er sagte: „Besonders gut ist sie ja nicht auf ihren Mann zu sprechen. Schwein, Hurenbock, das sind nicht gerade Kosenamen, mit denen sie ihn tituliert.“

„Fahren wir zu ihr“, knurrte ich, „und hören wir uns an, was sie zu sagen hat.“

Wir nahmen die Brooklyn Bridge. Eine knappe Stunde später standen wir vor dem Gebäude mit der Nummer 427 in der Strauß Street. Es war ein Wohnblock. Wir fanden das Apartment Mrs. Jacksons in der 3. Etage. Milo läutete. Die Frau öffnete uns. Ich schaute in ein eingefallenes Gesicht, in dem fiebrige Augen glänzten und das von einer fahlen Blässe war. Die dunklen Haare, die das Gesicht einrahmten, verstärkten diesen krankhaften Eindruck noch.

Sie ließ uns in die Wohnung. Im Livingroom bot sie uns Sitzplätze an. Ich schaute mich um. Mrs. Jackson war ziemlich ärmlich eingerichtet. Kein Möbelstück passte zum anderen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Wohnung nur für einen vorübergehenden Aufenthalt eingeräumt worden war.

Hatte es etwas mit der Erkrankung der Frau zu tun?

Ich erinnerte mich der Aussage der Nachbarin Jacksons. Sie sprach davon, dass Richard Jackson an Aids erkrankt sein sollte.

„Stellen Sie Ihre Fragen“, sagte Carol Jackson.

„Ihr Mann gehörte mal einer Teufelssekte an.“

„Das stimmt.“ Mrs. Jackson hob die Schultern. „In den ersten Jahren unserer Ehe hatte er noch Kontakt mit den Teufelsanbetern. Dann ist der Zirkel aufgelöst worden. Ich habe hinterher nie mehr feststellen müssen, dass das Schwein dem Satanskult frönte.“

„Wie lange waren sie mit Richard Jackson verheiratet?“

„Neun Jahre.“

„Sie sind nicht gut auf Ihren Mann zu sprechen“, sagte Milo.

„Seinetwegen bin ich dem Tod geweiht“, erklärte die Frau. „Er hat mich mit Aids angesteckt. Bei mir kam die Krankheit nach sieben Jahren zum Ausbruch. Er hat sich bei einer Hure vom Straßenstrich infiziert. – Ich habe nur noch kurze Zeit zu leben. Sehen Sie sich nur um hier. In meiner Wohnung finden Sie nur altes Gerümpel, das mir Bekannte und Freunde geschenkt haben. Es rentiert sich für mich nicht mehr, mich neu einzurichten. Außerdem hätte ich gar nicht das Geld dazu. Mit dem Unterhalt, den mir der Schuft zahlt, komme ich gerade so über die Runden. Manchmal gibt mir mein Bruder etwas Geld. Er ist auch der einzige, zu dem ich noch Kontakt habe. Nach und nach haben sich alle Freunde und Bekannten zurückgezogen. Sie fürchten, ich könnte sie anstecken.“ Mrs. Jackson lachte bitter auf.

Das war eine Eröffnung, die ich zuerst einmal verdauen musste. In meinem Kopf klickerte es. Ein Wort zog mir durch den Sinn. Es lautete „Rache“. Plötzlich betrachtete ich Milos Theorie, wonach der Täter ganz profane Beweggründe hatte, mit völlig anderen Augen.

Ein Mann, der allen Grund hatte, sich zu rächen, war Richard Jackson. Er hatte sich bei einer Hure mit Aids infiziert. Seine Ehe war kaputtgegangen. Er war ein zum Tode Verurteilter. Und er hatte seine Frau, die er sicher mal geliebt hatte, mit ins Verderben gerissen. Außerdem hatte er früher einmal zu einer Satanssekte gehört.

Alles passte wunderbar zusammen.

War Jackson unser Mann?

Vieles sprach gegen ihn.

„Ich habe mich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen“, hörte ich Mrs. Jackson sagen. „Ich war der Meinung, im Verein mit anderen Betroffenen könnte ich darüber hinwegkommen, dass mein Leben so gut wie beendet ist. Aber es ist nicht so einfach, zu akzeptieren, dass man in wenigen Wochen oder Monaten tot sein soll. Solange es einem gut geht, so lange man gesund ist, verschwendet man kaum einen Gedanken an den Tod. Das ändert sich aber schlagartig, wenn man direkt damit konfrontiert wird. Ein positiver HIV-Test ist ein Todesurteil. Und plötzlich fragst du dich, ob das wirklich alles gewesen sein soll im Leben. Ich bin achtunddreißig Jahre alt. An der statistischen Lebenserwartung gemessen habe ich noch nicht mal die Hälfte des Lebens hinter mir. Real ist, dass ich meinen neununddreißigsten Geburtstag wohl nicht mehr erleben werde. Ich habe nur noch Hass für Richard übrig. Er hat mir ein halbes Leben gestohlen.“

Carol Jacksons Augen schimmerten feucht.

Es waren bittere Worte gewesen, die sie gesprochen hatte. Was sollten wir darauf antworten? Milo und ich wechselten einen betretenen Blick.

Dann fragte ich: „Wann trifft sich die Selbsthilfegruppe jeweils?“

„Jeden Donnerstag. Immer in der Wohnung eines anderen Betroffenen.“

„Wer leitet diese Sit-ins?“

„Dr. Steven Martin. Er ist Diplompsychologe.“

„Wo wohnt Dr. Martin?“

Carol Jackson stand auf, ging zu einem Sideboard, zog einen Schub auf und griff hinein. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Visitenkarte. Sie kam zum Tisch zurück und reichte sie mir wortlos.

Es war eine Visitenkarte Dr. Martins. Danach wohnte der Psychologe in der 22. Straße Ost. Auch seine Telefonnummer war angegeben.

„Dr. Martin ist Professor an der Columbia Universität“, erklärte Mrs. Jackson. „Er besitzt aber auch eine eigene Praxis.“

„Besitzen Sie einen Pkw?“, fragte ich und schob die Visitenkarte ein.

„Nein. Ich lebe sozusagen von der Hand in den Mund. Ein Auto kann ich mir nicht leisten. Warum fragen Sie?“

„Im Juni wurden vier Mädchen vom Straßenstrich in New York ermordet. Es hat den Anschein, als stecke ein Zirkel von Satansanbetern dahinter. Nach dem, was wir jetzt von Ihnen hörten, ist aber nicht auszuschließen, dass Rache das Motiv für die Morde ist. Die Mädchen wurden nicht dort ermordet, wo sie gefunden wurden. Darum muss der Mörder ein Auto besitzen, mit dem er sie transportierte.“

„Sie denken doch nicht, dass ich …“ Mrs. Jackson verschluckte sich fast. Sie musterte uns mit allen Anzeichen des tiefen Entsetzens.

„Nein“, erklärte ich. „Sie verdächtigen wir nicht, Mrs. Jackson.“

„Verdächtigen Sie Richard?“

Ich zuckte nur mit den Achseln. „Wir werden ihm sicher einige Fragen stellen.“

Da wir keine weiteren Fragen mehr hatten, verließen wir Mrs. Jackson.

Im Wagen brachte ich zum Ausdruck, was mich beschäftigte. Milo hörte mir schweigend zu.

Als ich geendet hatte, sagte er: „Sicher, Jackson könnte unser Mann sein. Irgendwie aber kommt mir das alles zu einfach vor. Warten wir ab, was die Kollegen im SRD feststellen, wenn sie seinen Wagen checken. Wenn sie keinen Hinweis darauf finden, dass eines der Mädchen in dem Auto transportiert wurde, bleiben wir auf unserer Vermutung sitzen. Dann können wir ihn allenfalls beschatten und darauf warten, dass wir ihn auf frischer Tat ertappen.“

Mein Handy dudelte. Ich nahm es aus der Freisprechanlage und nannte meinen Namen. Es war Mr. McKee. Er sagte: „In der vergangenen Nacht wurde wieder ein Mädchen in der Morningside Avenue entführt. Ihr Name ist Laura Bennett. Andere Mädchen haben beobachtet, dass sie in einen weißen Ford Lincoln eingestiegen ist. Eines der Girls hat das Kennzeichen notiert. Danach ist ein gewisser Jack Baccon der Wagenbesitzer. Allerdings fährt Baccon einen Dodge. Die Kennzeichen waren von seinem Wagen gestohlen worden.“

Die Nachricht schockierte mich. Sekundenlang spürte ich tief in meiner Seele die Qual des Hilflosen. „Heute ist der zweite Juli, Sir“, presste ich schließlich hervor. „Übermorgen ist Sonntag. Großer Gott! Der Killer wird das Mädchen töten, wenn es uns nicht gelingt, ihn bis übermorgen zu entlarven und festzunehmen.“

„Das ist zu befürchten“, meinte Mr. McKee. „Bis jetzt haben wir noch nicht mal einen Anhaltspunkt, außer der Theorie, dass es sich um Ritualmorde handelt.“

Ich erzählte dem Chef, was wir bei Mrs. Jackson in Erfahrung gebracht hatten. „Jackson hätte also ein Motiv“, endete ich. „Wir werden ihm in der nächsten Zeit etwas genauer auf die Finger sehen.“

„Hätte nicht auch Mrs. Jackson ein Motiv?“, wandte der Chef ein.

Ich war einen Moment ziemlich verdutzt. Dann sagte ich: „Bei der gegebenen Sachlage – ja, Sir. Das Motiv ist sicherlich auch bei ihr vorhanden. Aber bei ihr ist die Krankheit bereits ausgebrochen. Sie sieht schwach aus. Außerdem besitzt sie kein Auto. Mrs. Jackson schließe ich aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Wenn diese Frau im Stande wäre, einen Mord zu begehen, dann den Mord an ihrem Ehemann, der sie mit der Krankheit infizierte.“

„Sie haben Recht, Jesse“, sagte Mr. McKee. „Nach allem, was wir wissen, kommt Richard Jackson als Hauptverdächtiger in Frage. Tun Sie und Milo alles, um das Mädchen, das sich wahrscheinlich in der Gewalt des Schlitzers befindet, zu retten. Wir haben nur noch zwei Tage Zeit.“

Mr. McKee beendete das Gespräch. Ich drückte die Aus-Taste und stellte das Gerät in die Halterung der Freisprechanlage zurück.

„In die Rockland Avenue“, knurrte Milo. „Wir stellen das Haus Jacksons auf den Kopf.“



9

Jackson war Zuhause. Er ließ uns in die Wohnung. Misstrauisch musterte er uns abwechselnd.

Ich sagte: „Wir haben mit Ihrer Frau gesprochen, Mr. Jackson. Sie ist ziemlich sauer auf Sie.“

„Wundert Sie das?“, fragte Richard Jackson. „Sicher wissen Sie nach dem Besuch bei Carol Bescheid. Ich habe sie mit Aids angesteckt. Ein einmaliger Ausrutscher von mir, als ich zu einer Hure ging. Ich suchte schlicht und einfach nur mal etwas Abwechslung.“

Er wirkte ziemlich zerknirscht. Sein Blick schien sich nach innen verkehrt zu haben.

„Dürfen wir uns etwas in Ihrer Wohnung umsehen?“

„Was gedenken Sie zu finden?“

„Gestern in der Nacht wurde wieder ein Mädchen in der Morningside Avenue entführt. Sie hätten ein Motiv, die Girls vom Straßenstrich zu hassen.“

Jackson prallte zurück. Dann aber sagte er kehlig: „Sie verdächtigen den falschen Mann. Ich habe seit gestern Nachtschicht. Ich war nachweislich ab zweiundzwanzig Uhr in der Fabrik. Da ich nicht hingeflogen sein kann und Sie mein Auto konfisziert haben, musste ich mich gegen einundzwanzig Uhr auf den Weg machen, um mit dem Omnibus rechtzeitig die Firma zu erreichen. Zu spät zu kommen kann ich mir nicht leisten. Man hat dafür im Betrieb wenig Verständnis. Wenn es sich wiederholt, fliegt man.“

Ich war wie vor den Kopf gestoßen.

Jackson hatte ein Alibi. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass das, was er von sich gegeben hatte, der Wahrheit entsprach. Eine Lüge hätte ihm nichts genützt. Denn er musste davon ausgehen, dass wir seine Angaben überprüfen würden.

Auch Milo schaute nicht besonders geistreich drein. „Wir würden uns trotzdem gerne mal in Ihrer Wohnung umsehen, Mr. Jackson“, sagte er.

„Gerne“, erwiderte Jackson.

Dann führte er uns durch sämtliche Räume, die die Wohnung aufwies. Es waren drei Zimmer und Küche. Sogar den Keller und den Dachboden ließen wir uns zeigen. Es gab nicht den geringsten Hinweis, dass in Jacksons Wohnung jemals jemand gegen seinen Willen festgehalten worden wäre.

„Haben Sie sich auch einer Selbsthilfegruppe angeschlossen?“, fragte ich.

„Nein. Das bringt nichts, außer dass man ständig daran erinnert wird, dass man lebensbedrohlich erkrankt ist.“

Wir fuhren zu der Batteriefabrik in New Jersey. Dort bestätigte man uns, dass Jackson am vergangenen Abend um 22 Uhr seinen Dienst angetreten und bis morgens um 6 Uhr 30 gearbeitet hatte.

Das Kartenhaus, das wir uns für kurze Zeit aufgebaut hatten, stürzte in sich zusammen.

„Vielleicht gibt es einen Helfershelfer“, sagte Milo, als wir nach Manhattan zurückfuhren. „Nachdem es in anderen Städten identische Morde gab, ist davon auszugehen, dass es sich eine ganze Gruppe zur Aufgabe gemacht hat, Straßenmädchen auf die brutale Art aus dem Verkehr zu ziehen. Ob das nun Satansjünger sind oder einfach nur Leute, die sich rächen wollen, lasse ich mal dahingestellt.“

Das war ein völliger neuer Aspekt.

Milo fügte hinzu: „Von Carol Jackson wissen wir, dass sich die Selbsthilfegruppe jeweils donnerstags trifft. Die Entführungen der Mädchen fanden auch jeweils an einem Donnerstag statt. Diese Übereinstimmung kann Zufall sein, muss aber nicht …“

„Eine Gruppe“, sinnierte ich laut. „Gleichgesinnte, die sich irgendwo gefunden haben.“ Ich schaute Milo an. „In einer Selbsthilfegruppe. So etwas gibt es sicherlich in jeder größeren Stadt. Warum sollten sie nicht miteinander kommunizieren, Erfahrungen austauschen, Treffs vereinbaren? Himmel, Milo, das ist ein hervorragender Gedanke.“

„Ab und zu findet auch ein blindes Huhn ein Korn“, knurrte Milo und grinste mich an. Doch sogleich dämpfte er meinen Enthusiasmus, indem er hinzufügte: „Leider auch nur Theorie. Bis wir die Wahrheit herausfinden, dürfte es für das Girl, das sich in der Gewalt des Schlitzers befindet, zu spät sein.“

„Wir sollten mal in den anderen Städten anrufen, ob dort auch Mädchen entführt wurden“, sagte ich.

„Also fahren wir zurück ins Büro“, knurrte Milo. „Mir schwant Fürchterliches.“

Ich rief in Baltimore an. Der Kollege, mit dem ich sprach, konnte keine Entführung feststellen. Währenddessen sprach Milo mit einem Beamten des Police Department in Cincinnati.

Nachdem ich das Gespräch mit Baltimore beendet hatte, wählte ich die Nummer des Field Office Indianapolis. Der Kollege sagte: „Ein neuer Entführungsfall ist nicht bekannt. Wir benutzen eine Agentin als Köder. Es ist zwar ein Spiel mit dem Feuer, aber anders kommen wir dem Mörder kaum auf die Spur. Sollten wir zu irgendwelchen Erkenntnissen gelangen, werden wir Sie informieren.“

Ich legte auf.

Auch Milo hatte das Gespräch beendet.

„Und?“, fragte ich.

„Nichts.“

„In Indianapolis arbeiten sie mit einem Köder. Eine Agentin hat sich dafür hergegeben.“

„Diesen Vorschlag habe ich auch schon mal gemacht“, erklärte Milo.

„Wir müssten es mit dem Chef abklären“, antwortete ich. „Es kann auch schief gehen. Und dann möchte ich nicht in der Haut des SAC stecken, der die Verantwortung für den verdeckten Einsatz übernehmen muss.“

„Wir sollten auch mal mit den anderen Mädchen in der Morningside Avenue reden“, schlug Milo vor. „Laura Bennett ist in einen Ford mit gestohlenen Kennzeichen gestiegen. Vielleicht hat das eine oder andere Mädchen irgendwelche Beobachtungen gemacht, die uns weiterhelfen.“

„Das heißt, wir müssen eine Abendschicht einlegen“, gab ich zu verstehen. „Tagsüber triffst du kaum eines der Girls an. Für die meisten von denen beginnt der Tag erst am Abend.“

Wir begaben uns zu Mr. McKee. Zunächst erklärten wir ihm, dass Richard Jackson ein Alibi für den vorhergehenden Abend hatte, dass er also nicht als Entführer Laura Bennetts in Frage kam. Milo wies auch darauf hin, dass möglicherweise eine ganze Gruppe am Werk war, die hinter den Morden an den Strichmädchen steckte. Er brachte die Sprache auch darauf, dass Mrs. Jackson einer Selbsthilfegruppe angehörte, die sich jeweils donnerstags traf, und dass die Mädchen bisher allesamt an einem Donnerstag entführt worden waren. Schließlich kam ich auf den Einsatz einer Agentin als Köder zu sprechen.

Mr. McKees Brauen hatten sich zusammengeschoben. Zwei steile Falten hatten sich über seiner Nasenwurzel gebildet. „An wen haben Sie gedacht?“, fragte er schließlich.

„Annie Francesco oder Jennifer Johnson“, versetzte ich.

Der Chef nickte. „Es muss auf freiwilliger Basis geschehen. Ich will weder Annie noch Jennifer zwingen, sich auf dieses Vabanquespiel einzulassen.“

„In Indianapolis arbeitet bereits eine Kollegin undercover auf dem Straßenstrich“, rückte ich mit der Sprache heraus.

„Die Idee ist nicht schlecht“, sagte der SAC. „Aber es kann ins Auge gehen. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben. Wir wissen nur, dass er konsequent und brutal mordet. Außerdem muss es strikt geheim bleiben, dass eine unserer Agentinnen auf den Schlitzer angesetzt ist. Die anderen Mädchen werden in ihr eine Konkurrenz sehen und ihre Zuhälter auf sie hetzen.“

„Ich werde unsere Agentin beschützen“, erklärte ich mich bereit. „Es wird mir nicht schwer fallen, in die Rolle ihres Zuhälters zu schlüpfen. Unabhängig davon sollten wir unseren Köder mit einem Funkpeilsender ausstatten und in der Nähe der Morningside Avenue einen Funkpeilwagen platzieren.“

Der Chef griff zum Telefon und wählte eine Nummer. Dann sagte er: „Jennifer, kommen Sie doch bitte mal zu mir. Und bringen Sie Annie mit. Es geht um einen Einsatz. – Danke.“

Mr. McKee legte auf.

Zwei Minuten später kamen Jennifer und Annie. Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, bot ihnen Mr. McKee Sitzplätze an, dann begann er: „Jesse und Milo ermitteln in Sachen des Schlitzers von Harlem, der bis jetzt vier Mädchen ermordet und ein fünftes entführt hat. Sicher sagt Ihnen das etwas.“

Jennifer erwiderte: „Natürlich. Die lokalen Nachrichten sind voll davon. In einigen anderen Städten sollen aber ähnliche Morde geschehen sein.“

„Ja. In Baltimore, Cincinnati und Indianapolis. Jesse und Milo kommen nun mit der Idee zu mir, dem Killer einen Köder anzubieten. Ich finde die Idee nicht schlecht, will aber niemand dazu zwingen, sich dafür zur Verfügung zu stellen. Denn es ist ausgesprochen gefährlich. Wir wissen bisher nur, dass wir es mit einem gnadenlosen, brutalen Mörder zu tun haben. Die Kollegen in Indianapolis arbeiten bereits mit einem Köder.“

„Ich stelle mich zur Verfügung“, erklärte Jennifer Johnson spontan.

„Ich auch“, kam es von Annie Francesco, unserer rassigen Latina.

Ich hatte eine Idee. „Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, mit zwei Ködern zu arbeiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns der Killer ins Netz geht, würde sich verdoppeln.“

„Und ich dürfte mich ebenfalls als Zuhälter betätigen“, kam es grinsend von Milo.

Mr. McKee lächelte nachsichtig.

Ich sagte: „Bisher sind die Mädchen immer an einem Donnerstag entführt und an einem Sonntag ermordet worden. Da identische Morde auch in anderen Städten geschahen, ist es nicht auszuschließen, dass es sich eine ganze Gruppe zum Ziel gesetzt hat, den Straßenstrich zu bekämpfen. Es kann dafür unterschiedliche Beweggründe geben. Religiöser Wahn, Rache, es ist auch nicht auszuschließen, dass Satanskult dahintersteckt. Auf letztere Annahme lässt die Tatsache schließen, dass den getöteten Mädchen die Herzen herausgeschnitten worden sind.“

Jennifer verzog das Gesicht.

Annie atmete tief durch. In ihren Mundwinkeln zuckte es.

Es ging den beiden Agentinnen sicher an die Nieren. Aber es gab nichts zu beschönigen. Die Wahrheit ist in unserem Job eben manchmal grausam und unmenschlich.

„Auch wenn wir dem Mörder einen Köder präsentieren“, wandte der Chef ein, „so wird er seinem Rhythmus entsprechend erst wieder am kommenden Donnerstag zuschlagen. Das ist der achte Juli. Wir müssen aber davon ausgehen, dass er Laura Bennett bereits am vierten ermordet. Was können wir unternehmen, um das zu verhindern?“

Milo und ich mussten passen. Es traf jeden von uns zwar bis in den Kern, aber keiner hatte eine Idee, wie wir verhindern sollten, dass der Schlitzer am 4. Juli das Mädchen ermordete, das er am 1. entführte.

„Wir können das Mädchen nicht einfach abschreiben“, murmelte Mr. McKee, und schaute ratlos von einem zum anderen.



10

Bei Carol Jackson schlug das Telefon an. Sie nahm ab, hob den Hörer vor das Gesicht und nannte ihren Namen.

„Hallo, Carol“, sagte eine männliche Stimme. „Ich bin‘s, Josh. Wie geht es dir?“

„Ich fühle mich schwach und elend“, erwiderte die Frau. „Wann kommst du mich wieder besuchen? Ich glaube, mir bleibt nicht mehr viel Zeit.“

„Ich komme am Montagabend zu dir. Im Moment habe ich keine Zeit. Leg dich nieder, Carol, wenn du dich schlecht fühlst.“

„Zwei FBI-Agenten waren hier, Josh. Ich glaube, sie verdächtigen Richard, der Schlitzer von Harlem zu sein.“

„Wie kommen Sie auf ihn?“

„Ich weiß es nicht. Jedenfalls stellten sie einige Fragen, seine Vergangenheit als Teufelsjünger betreffend, und sie brachten die Sprache auch auf die Morde an den Huren vom Straßenstrich.“

„Irgendeinen Grund müssen die Bullen ja haben, wenn sie Richard verdächtigen. Lass dir keine grauen Haare deswegen wachsen, Schwester. Würde mich nicht wundern, wenn er tatsächlich der Mörder wäre.“ Josh Meredith, der Bruder Carols, lachte kehlig. „Soll ich dir etwas mitbringen, wenn ich komme?“, fragte er dann. „Brauchst du Geld?“

„Einige Lebensmittel, Josh. Milch, Joghurt, Brot – du weißt schon. Geld habe ich noch.“

„Bis Montag also, Schwester. Adios, bis dann.“

„Auf Wiedersehen, Josh.“ Carol legte auf.




11

Laura Bennett war auf das Bett im Schlafzimmer der Kellerwohnung gefesselt. Der Killer hatte sie geknebelt und den Knebel festgebunden. Laura hatte es aufgegeben, an ihren Fesseln zu zerren. Der einzige Effekt, den sie damit erzielte, war, dass die dünnen Nylonschnüre tiefer in ihre Handgelenke schnitten.

Das Mädchen war voll Angst. Finsternis umgab Laura. Sie war sich ihrer Einsamkeit und Verlorenheit voll bewusst. Unter der Tür zum Livingroom schimmerte ein Streifen Licht hindurch. Laura hörte eine männliche Stimme. Der Killer hatte entweder Besuch oder er telefonierte. Laura hörte ihn lachen. Dann ging die Tür auf. Lichtschein huschte in das Zimmer, sogleich aber verdunkelte die Gestalt des Mannes das Türrechteck. Scharf wurde die Gestalt vom Licht umrissen. Groß und verzerrt fiel der Schatten des Mannes auf den Fußboden und gegen die der Tür gegenüberliegende Wand.

Lauras Hände und Beine waren an den Bettpfosten festgebunden. Es handelte sich um ein Bett aus weißem Eisenrohr, wie es in den Krankenhäusern Verwendung findet. Der Killer kam in den Raum. Er beugte sich über das Mädchen. Sein Atem schlug Laura ins Gesicht.

„Bevor ich dich in die Hölle schicke, will ich noch etwas Freude mit dir haben“, stieß er hervor. „Das macht dir dreckiger Schlampe doch sicher nichts aus. Es ist doch dein Job. Allerdings bekommst du heute keine fünfundzwanzig Dollar. Heute geht es umsonst.“

Er band die Beinfesseln des Mädchen auf. Laura gab einige unartikulierte Laute von sich. Der Knebel hinderte sie am Sprechen. Sie wand ihre Handgelenke in den Fesseln und spürte stechenden Schmerz.

Der Killer hatte sich wieder aufgerichtet. Er stand vor dem Bett. Aus Lauras Perspektive mutete er sie unheimlich groß und unheilvoll an. Plötzlich löste er das Tuch, das den Knebel in Lauras Mund festhielt. Er zog ihr den Knebel heraus. „Wenn du schreist, erwürge ich dich. Ich werde jetzt deine Handfesseln lösen. Du wirst ganz besonders lieb und nett zu mir sein. Ich verlange Extras, meine Süße. Und mach dir keine Hoffnungen. Aus dieser Wohnung gibt es kein Entrinnen.“

Er knüpfte auch die Handfesseln des Mädchens auf. Laura massierte ihre Handgelenke. In ihren Fingerkuppen stach es, als das Blut wieder in ihre Hände zirkulierte.

Der Killer zerrte ihr die Kleidung vom Leib. Das Mädchen hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Nackt lag es schließlich auf dem Bett. Dann begann der Killer sich zu entkleiden. Er hatte seine Hose aufgeknöpft und schob sie nach unten.

Das Mädchen ergriff seine Chance beim Schopf. Es rammte dem Killer beide Beine in den Leib. Er, der dabei war, aus seiner Hose zu steigen, verlor das Gleichgewicht und stürzte der Länge nach zu Boden. Laura sprang vom Bett, gelangte in den Livingroom und rannte zur Tür, die nach draußen führte. „Hilfe!“, brüllte sie. „Hiiilfe!“

Die Tür war verschlossen. Der Schlüssel war abgezogen. Laura rüttelte daran. Ihre Kraft reichte nicht aus, das Schloss herauszureißen. Sie warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die Türfüllung, aber diese hielt stand.

Der Killer erschien in der Tür zum Schlafzimmer. Er hatte sich seiner Hose völlig entledigt. Seine unterlaufenen Augen waren auf Laura gerichtet. Seine Wangenmuskulatur vibrierte, sein Mund war fest zusammengekniffen.

„Hiiilfe!“, schrie Laura und dehnte das Wort in die Länge. Erneut rüttelte sie an der Tür. Gehetzt blickte sie über die Schulter auf den Killer.

Der Mann kam auf sie zu. Sein Gesicht hatte sich zu einem höhnischen Grinsen verzerrt. „Keine Chance, Honey“, löste sich es heiser aus seiner Kehle. Er hob die Hände. Schritt für Schritt näherte er sich Laura. Seine Finger krümmten sich, seine Hände erinnerten an die Klauen eines Greifvogels. „Nachts ist die Straße menschenleer. Die Wohnungen über uns sind unbewohnt. Niemand hört dich.“

Laura warf sich herum, duckte sich, stand ihrem Peiniger sprungbereit gegenüber. Die Panik, die sie befallen hatte, ließ ihr Herz rasen. Ihr Blick huschte durch den Raum, als suchte sie nach einem Ausweg. Zur Panik gesellte sich die Verzweiflung.

„Warum tun Sie das?“, keuchte Laura.

„Ich muss es tun“, stieß der Killer hervor. „Ich habe es geschworen. Wir haben uns zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Ihr elenden Schlampen verbreitet tödliche Krankheiten, ihr zerstört Ehen, ihr … Ach was. Du bist so gut wie tot. Und dir werden noch viele von euch in die Hölle folgen. In New York, in Baltimore, in Cincinnati, in Indianapolis. Wir haben uns viel vorgenommen. Es gibt noch viele Städte, die wir von euch Pack säubern wollen.“

Er sprang mit dem letzten Wort auf Laura zu. Seine Hände zuckten nach ihrem Hals. Das Mädchen warf sich behände zur Seite, und seine Hände stießen ins Leere. Laura rannte zum Tisch. Auf der dem Killer abgewandten Seite blieb sie stehen und beobachtete den Mann. Er hatte sich umgewandt.

Der Killer stürmte los, kam rechts um den Tisch herum. Laura floh und schrie wieder nach Hilfe. Plötzlich packte der Killer den Tisch und schleuderte ihn zur Seite. Quer durch den Raum sprang er das Mädchen an, erwischte es und riss es nieder. Ein gellender Aufschrei entrang sich Laura. Dann lag der Killer auf ihr. Seine Hände verkrampften sich um ihren Hals. Die Luft wurde ihr knapp. Sie riss den Mund weit auf.

Laura hatte keine Chance!



12

Milo und ich waren in die Morningside Avenue gefahren. Es war abends, nach 22 Uhr. Ich stellte den Wagen am Straßenrand ab. Wir stiegen aus. Im Schatten eines Gebäudes stand ein Mädchen. Da wir zu zweit waren, hielt es sich zurück. Es beobachtete uns nur. Ein kleines Stück weiter konnte ich eine Kollegin von ihr wahrnehmen. Sie verschwand soeben in einer dunklen Hofeinfahrt.

Wir näherten uns dem Mädchen, das im Schatten stand. Es versuchte nicht zu fliehen. Als wir bei der Kleinen angelangt waren, fragte ich: „Wirst du uns ein paar Fragen beantworten, eine Kollegin von dir betreffend?“

„Seid ihr Bullen? Von der Sitte vielleicht?“

Ich spürte fast körperlich den Anprall von zurückweisender Ablehnung. „FBI“, sagte ich. „Ich bin Special Agent Trevellian …“ Mit einer knappen Handbewegung auf Milo deutend fügte ich hinzu: „Mein Kollege Milo Tucker. Es geht um Laura Bennett.“

„Ich kann euch nicht viel sagen“, erklärte das Girl. „Laura ist in einen Ford eingestiegen und nicht mehr aufgetaucht. Eine Freundin hat die Nummer des Wagens aufgeschrieben. Die Nummer hat die Polizei.“

Das Mädchen schwieg.

„Wie heißen Sie?“, fragte Milo.

„Jenny. Sag einfach Jenny zu mir.“

„Wurde der weiße Ford schon öfter hier gesehen?“

„Wer achtet schon darauf? Viele unserer Kunden fahren einen weißen Ford. Nachdem Belinda Brown ermordet worden war, haben wir begonnen, uns die Zulassungsnummern der Wagen der Kunden zu notieren.“

„Wer hat die Nummer des Wagens notiert, mit dem Laura weggefahren ist?“

„Ann. Sie müssen etwa dreihundert Yards weiterfahren. Dort steht Ann. In ihrer Nähe befand sich auch Laura.“

Wir gingen die dreihundert Yards zu Fuß. Ein Mädchen lehnte an einer Hauswand, hatte den linken Fuß angewinkelt und dagegengestemmt. Es maß uns misstrauisch von oben bis unten.

„Sind Sie Ann?“, fragte ich.

„Ja. Ihr seid Bullen, nicht wahr? Ihr könnt mir gar nichts. Ich darf hier stehen, solange ich will. Das ist ein freies Land und …“

Ich unterbrach sie, indem ich hervorstieß: „Wir ermitteln wegen der Entführung Laura Bennetts. Zuvor wurden vier Mädchen, die hier anschafften, brutal ermordet. Es ist zu befürchten, dass sich Laura in der Gewalt des Mörders befindet.“

Ann gab ihre lässige Haltung auf und kam einen Schritt näher. „Es muss ein Verrückter sein, ein Wahnsinniger. Wir alle haben furchtbare Angst.“

„Sie haben die Zulassungsnummer des Wagens notiert, in den Laura gestiegen ist.“

„Ja.“

„Wurde der Ford schon vorher einmal hier gesehen?“

„Am Tag vor ihrem Verschwinden fuhr Laura ebenfalls mit einem weißen Ford weg. Ich hatte seine Nummer aufgeschrieben. Nachdem Laura unversehrt zurückkehrte, habe ich den Zettel in die Mülltonne geworfen.“

„In welche Mülltonne?“

Ann wies mit dem Daumen über ihre Schulter. Einige Schritte entfernt stand ein Müllcontainer. „Er ist heute geleert worden“, sagte Ann. „Der Unrat ist zwischenzeitlich wohl in der Müllverbrennung gelandet.“

„Haben Sie die Zulassungsnummer noch im Kopf? Überlegen Sie mal, denken Sie nach!“ Meine Stimme klang zuletzt drängend.

„Es war eine New Yorker Nummer“, erwiderte Ann. Sie starrte nachdenklich auf einen unbestimmten Punkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß die Nummer nicht mehr. Tut mir leid.“

Ohne einen Schritt weitergekommen zu sein verließen wir die Morningside Avenue. „In diesem Fall scheint sich alles gegen uns verschworen zu haben“, knurrte Milo. „Warum mussten hier ausgerechnet heute die Mülltonnen entleert werden?“

Ja, es war zum Haareraufen.

Wir kamen nicht weiter, wir traten auf der Stelle.

Ich lud Milo an unserer Ecke ab, dann fuhr ich nach Hause.

Ich duschte, dann ging ich ins Bett. Aber das Schicksal des Mädchens, das sich in der Gewalt des Schlitzers befand, ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ich fasste im Geiste noch einmal alles zusammen, was wir bisher herausgefunden hatten.

Es war so gut wie gar nichts.

Und wir hatten nur noch zwei Tage Zeit. Am Sonntag – dessen war ich mir sicher – sollte Laura Bennett sterben. Wenn wir es nicht schafften, sie vorher aus den Klauen des Killers zu befreien, würde man uns am Montag die Leiche des Mädchens präsentieren.



13

Am Samstag, dem 3. Juli, ging ein Brief bei der New York Times ein, in dem der Killer den Mord an Laura Bennett ankündigte. Wir wurden davon in Kenntnis gesetzt. Dass das Mädchen zu diesem Zeitpunkt bereits tot war, konnten wir nicht ahnen. Der Brief war mit einem Computer geschrieben und mit einem Tintenstrahldrucker ausgedruckt worden. Er ließ keinen Schluss auf den Schreiber zu.

Am 5. Juli wurde die Leiche Laura Bennetts gefunden. Der Mörder hatte ihr das Herz aus der Brust geschnitten.

An diesem Tag erfuhren wir auch von der SRD, dass in den konfiszierten Autos nicht ein einziger Hinweis auf die getöteten Mädchen gefunden worden war. Jetzt war Richard Jackson endgültig aus dem Schneider.

In der Pathologie wurde festgestellt, dass bei Laura Bennett der Tod schon am Freitag, dem 2. Juli eingetreten war. Irgendein Ereignis hatte den Täter aus dem Rhythmus gebracht. Oder es war Zufall gewesen, dass die Mädchen bisher immer an einem Sonntag ermordet worden waren.

Unsere Theorie, dass es sich um Rachemorde handelte, hatte sich verfestigt. Dass den Mädchen die Herzen herausgeschnitten worden waren, sollte die Polizei auf eine falsche Spur locken.

Wir waren frustriert bis in die Knochen.

Der Mörder triumphierte über uns.

„Vielleicht sollten wir mal die Selbsthilfegruppe unter die Lupe nehmen, der Mrs. Jackson zugehört“, schlug Milo vor.

Ich holte die Visitenkarte, die mir Mrs. Jackson gegeben hatte, aus der der Jackentasche. „Ich will mal mit dem Leiter der Gruppe sprechen“, sagte ich. Dann nahm ich den Telefonhörer zur Hand und tippte die Telefonnummer Dr. Martins. Wenig später meldete sich eine männliche Stimme: „Dr. Martin.“

„Hier spricht Jesse Trevellian vom FBI New York“, sagte ich. „Sie leiten eine Selbsthilfegruppe, in der sich einige Aidskranke zusammengeschlossen haben?“

„Das ist richtig. Warum fragen Sie?“

„Es geht um die Morde an den Mädchen vom Straßenstrich. Sicher haben Sie in den Nachrichten davon gehört.“

„Ja. Schrecklich. Ich denke, dass ein Psychopath am Werk ist. Ein normaler Mensch würde den Mädchen nicht die Herzen herausschneiden.“

„Es gab ähnliche Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis. Wir nehmen daher an, dass eine Gruppe dahintersteckt. In New York wurden die die Mädchen jeweils donnerstags entführt. Es begann am dritten Juni. Donnerstags finden auch die Zusammenkünfte Ihrer Gruppe statt.“

„Ja, das ist seltsam“, sagte der Professor. „Unsere Sit-ins finden immer in der Zeit zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr statt. Denken Sie etwa, dass jemand aus meiner Gruppe dahintersteckt?“

„Wir müssen jeder Möglichkeit nachgehen“, versetzte ich.

„Ich verstehe. In meiner Gruppe befinden sich acht Männer und fünf Frauen. Einen Mord traue ich niemandem von ihnen zu.“

„Mrs. Jackson ist auch in Ihrer Gruppe.“

„Ja. Ihr Mann hat sie angesteckt. Er suchte irgendwann mal auf dem Straßenstrich sein Vergnügen. Tragisch für die Frau. Bei ihr ist die Krankheit schon zum Ausbruch gekommen.“

„Wir haben mit Mrs. Jackson gesprochen. Sie hasst Ihren Mann. Wie haben sich die anderen Mitglieder Ihrer Gruppe infiziert?“

„Fast alle durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Die Frauen wurden – bis auf eine – von ihren Ehemännern angesteckt. Die Ehemänner wiederum haben sich bei Seitensprüngen infiziert.“

„Spielt der illegale Straßenstrich eine große Rolle bei der Verbreitung von Aids?“, erkundigte ich mich.

„Die illegale Prostitution ist eine der Hauptursachen von Aids. Die Mädchen werden von Freiern infiziert und geben den Virus weiter an andere Kunden, und die wiederum stecken ihre Ehefrauen, Lebensgefährtinnen und Freundinnen an. Es ist ein Teufelskreis. Hunderttausende sind auf der ganzen Welt schon infiziert. Die Dunkelziffer dürfte noch um einiges höher sein. Irgendwann wird die Krankheit Ausmaße annehmen wie die Pest im Mittelalter. Sie entwickelt sich zu einer Geißel für die Menschheit.“

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Stimme Dr. Martins zuletzt gepresst und verzerrt geklungen hatte, als hätte ihm etwas die Kehle zugeschnürt.

„In wessen Wohnung fand das letzte Sit-in statt?“, fragte ich.

„Das war am ersten Juli. Wir waren in der Wohnung Robert Youngers in der vierundneunzigsten Straße. Er hat sich auch bei einer Hure angesteckt.“

„Welche Nummer?“

„Was meinen Sie?“

„Die Hausnummer Youngers.“

„Moment.“

Es verstrich fast eine Minute. Dann meldete sich Martin wieder. „Ich habe in meinen Unterlagen nachgesehen. Es ist die Hausnummer vierhunderteinundzwanzig.“

„Vielen Dank“, sagte ich. „Sollte es noch Fragen geben, werde ich mich wieder an Sie wenden.“

„Jederzeit, Mr. Trevellian. Soweit ich dazu in der Lage bin, werde ich Ihnen gerne Rede und Antwort stehen.“

Mir fiel noch etwas ein. „Eine Frage noch, Dr. Martin. Bei wem findet das nächste Treffen statt.“

„Moment, ich muss einen Blick in meinen Terminkalender werfen.“ Es dauerte wieder eine gute Minute. „Am achten Juli, bei George Wilson, Queens, fünfundfünfzigste Straße, Nummer zweihundertvierundfünfzig.“

„Stehen Sie mit anderen Gruppen in Kontakt?“

„Nein. Aber ich leite eine weitere Gruppe, mit der ich mich jeweils dienstags treffe.“

Ich bedankte mich noch einmal, dann legte ich auf. An Milo gewandt sagte ich: „Die Sitzungen finden jeden Donnerstag zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr statt. Die Mädchen wurden immer nach zweiundzwanzig Uhr entführt. Langsam werden es der Zufälle zu viele.“

Milo nickte. „Ich denke, wir sollten uns zu dem Treffen am achten begeben.“

„Nein“, wehrte ich ab. „Wir sollten lediglich mal beobachten, wer mit welchem Auto in die fünfundfünfzigste Straße in Queens kommt. Und wenn ein weißer Ford dabei ist, sollten wir den Fahrer beschatten, sobald das Sit-in beendet ist.“

„Am achten Juli werden auch Jennifer und Annie in der Morningside Avenue stehen“, sagte Milo. „Wenigstens einer von uns sollte aufpassen.“

„Ja“, pflichtete ich bei. „Übernimmst du das?“

„Warum nicht?“



14

Dienstag, 6. Juli, Indianapolis

Es war 22 Uhr 35. Liz Tanner stand am Straßenrand. Liz war eine Frau von etwa dreißig Jahren, schlank, aber dennoch wohlproportioniert, blondhaarig und ausgesprochen sexy. Der kurze Rock ließ den Blick auf ihre schlanken Oberschenkel frei. Ihre Oberweite war beachtlich. Die Brustansätze lagen infolge des weiten Ausschnitts, den das T-Shirt aufwies, frei.

Es befanden sich kaum Mädchen auf der Straße. Die Angst ging um. Liz stand im Schein einer Straßenlaterne. Gelangweilt schwenkte sie die kleine Tasche, die sie trug. Die Straße war nur mäßig von Autos frequentiert. Die meisten fuhren einfach nur durch, ohne sich um die Mädchen zu kümmern, die hier auf Kunden warteten. Es hatte sich herumgesprochen, dass auf dem Straßenstrich nicht mehr viel los war, nachdem in den vergangenen Wochen drei der Huren brutal ermordet worden waren.

Ein blauer Mercury rollte im Schritttempo die Straße hinunter. Hinter dem Steuer saß ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Er sah Liz Tanner im Schein der Straßenlaterne und hielt an. Sofort kam Liz zum Auto. Der Mann ließ die Seitenscheibe herunter. „Wie viel verlangst du?“

„Dreißig Dollar. Du wirst sehen, dass das Geld gut angelegt ist. Mein Service ist von besonderer Klasse. Du wirst es spüren.“

„Steig ein.“

Liz öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz sinken.

Der Mann hinter dem Steuer blickte starr geradeaus. Er legte den ersten Gang ein und fuhr an. Der Wagen beschleunigte.

„Ich zeige dir den Weg“, sagte Liz. „Du musst die nächste Straße rechts abbiegen …“

„Ich kenne den Weg“, knurrte der Mann. „Ich bringe dich zu einem Ort, wo wir wirklich ungestört sind.“

Der Bursche bog nicht zum Park ab. Er fuhr geradeaus weiter. „Wohin bringst du mich?“

„In meine Wohnung. Ich zahle dir fünfzig Dollar. Ich will es nicht auf einem Autositz treiben. Wir werden uns in mein Bett legen. Und du wirst mich verwöhnen.“

„Dafür werden fünfzig Dollar nicht reichen“, sagte Liz.

„Mach deinen Preis, Süße“, sagte der Mann. „Und ich werde ihn bezahlen. Vorausgesetzt, ich bin zufrieden mit dir. Aber wenn du hältst, was dein Aussehen verspricht, dann dürfte es kein Problem geben.“

„Wo wohnst du?“

„In der St. Clair Street.“

„Ich will nicht in deine Wohnung!“, stieß Liz hervor. „Entweder du fährst mit mir zum Park oder …“

Ein zynisches Lachen ließ sie abbrechen. „Es ist eine schöne Wohnung, du wirst es sehen. Es wird dir gefallen dort. Also keine Panik.“ Der Fahrer gab Gas. Er lachte schallend. „Sicher“, rief er dann durch den Motorenlärm. „Ich werde dich zu einem Park bringen. Ganz sicher. Aber vorher will ich etwas Spaß mit dir haben. Du bist schön und begehrenswert.“

Der Mann griff mit der rechten Hand nach ihr, erwischte sie an den Haaren und zerrte sie zu sich heran.

Liz schrie auf. Und dann explodierte sie regelrecht. Ihr linker Arm schnellte herum. Mit der Handkante traf sie den Burschen am Hals. Er japste und fiel in den Sitz zurück. Noch einmal schlug Liz zu. Und wieder knallte ihre Handkante gegen den Kehlkopf des Burschen. Er verriss das Steuer. Das rechte Vorderrad prallte gegen den Randstein. Der Mann lenkte nach links. Der Wagen kam ins Schleudern. Liz griff nach dem Lenkrad und riss es wieder nach rechts herum. Jetzt jagte der Wagen auf den Gehsteig und prallte gegen die Hauswand. Blech verbog sich, Glas splitterte. Der Motor starb ab. Der Fahrer war mit dem Brustkorb gegen das Lenkrad geprallt und schnappte verzweifelt nach Luft.

Liz Tanner sprang aus dem Pkw, rannte zur Fahrertür und riss sie auf. Mit einem Ruck zerrte sie den Kerl aus dem Wagen. Er fiel auf die Straße. Liz drehte ihn auf den Bauch und packte seinen rechten Arm, bog ihn in die Höhe und stieß hervor: „FBI Indianapolis! Sie sind verhaftet.“

Ein Buick fegte heran, wurde abrupt abgebremst, drei Männer, die ihre Dienstwaffen in den Fäusten hielten, sprangen aus dem Wagen. Handschellen klickten. Der Fahrer des Mercury röchelte. Einer von Liz Tanners Kollegen rief per Funk eine Ambulanz. Minuten später kam sie mit viel Getöse an.

Der Mann wurde mit Verdacht auf innere Verletzungen ins Hospital gebracht. Die FBI-Beamten fuhren hinterher.



15

Am 7. Juli teilte mir das Field Office in Indianapolis telefonisch mit, dass die Falle, die sie dem Mädchenmörder gestellt hatte, wahrscheinlich zugeschnappt war. Eine Agentin, die sich als Köder hergegeben hatte, hatte einen Sexualstraftäter überwältigt und mit Hilfe einiger Kollegen dingfest gemacht.

Es handelte sich um einen Mann namens Jules Sibley.

„Gibt es Hinweise, dass er auch für die anderen Morde in Indianapolis verantwortlich ist?“, fragte ich den Kollegen.

„Sein Wagen und seine Wohnung werden auf Spuren untersucht. Wir werden aber frühestens übermorgen Bescheid erfahren. Haare, Hautschuppen und ähnliches, was die Spurensicherung in dem Wagen findet, müssen erst einer DNS-Analyse unterzogen werden.“

„Ist der Mann HIV-Infiziert?“

„Wieso diese Frage?“

„Bei uns besteht der Verdacht, dass sich einige HIV-Infizierte zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen und den Girls vom Straßenstrich den Kampf angesagt haben.“

„Das ist ja ein völlig neuer Aspekt“, stieß der Kollege hervor. „Aber so abwegig erscheint mir das gar nicht. Ich werde mich drum kümmern. Sollte Sibley nicht bereit sein zu sprechen, werden wir sein Blut analysieren lassen. Sie hören wieder von mir, Trevellian.“

Schon eine Stunde später schellte wieder mein Telefon. Es war noch einmal der Kollege aus Indianapolis. Er sagte: „Sibley hat zugegeben, HIV infiziert zu sein. Er bestreitet jedoch, etwas mit der Ermordung der Huren in den vergangenen Wochen zu tun zu haben. Er habe auch nicht den Schimmer einer Ahnung, wer dahinterstecken könnte.“

„Er lügt“, behauptete ich. „Einige HIV-Infizierte, die in verschiedenen Städten leben, haben sich zusammengeschlossen, um Rache zu üben dafür, dass sie irgendwann mit Aids angesteckt wurden. Wahrscheinlich haben Sie sich die Krankheit bei illegal arbeitenden Strichmädchen geholt. Das würde einiges erklären.“

„Sibley schweigt. Als Erklärung dafür, dass er Liz Tanner zu misshandeln versuchte, gibt er an, dass sie sich weigerte, mit ihm in seine Wohnung zu fahren. Er wollte keinen Sex im Auto.“

„Es ist nicht auszuschließen, dass die Morde von verschiedenen Personen begangen wurden“, sagte ich. „Es ist also durchaus möglich, dass Sibley mit den Morden in den vergangenen Wochen nichts zu tun hat, dennoch aber zum Kreis der Täter gehört. – Geben Sie uns Bescheid, sobald sein Wagen durchsucht und das Ergebnis ausgewertet ist.“

„Natürlich“, versprach der Kollege. „Umgekehrt werden Sie uns auch verständigen, wenn Sie etwas herausfinden.“

„Klar.“



16

Es war Donnerstag, 19 Uhr 50. Ich parkte den Dienstvan, den ich mir im Fuhrpark des FBI ausgeliehen hatte, in der Nähe des Hauses Nummer 254 in der 55. Straße in Queens. Mehrere Autos fuhren vor. Männer oder Frauen stiegen aus und gingen in das Gebäude. Einer der Männer war mit einem weißen Ford gekommen, eine Frau mit einem beigefarbenen. Der Mann war grauhaarig. Wenig später sah ich auch Carol Jackson aus einem weißen Lincoln steigen. Sie verschwand ebenfalls in dem Haus. Der Wagen, mit dem sie gekommen war, fuhr wieder weg. Am Steuer saß ein Mann um die vierzig Jahre. Ich erinnerte mich, dass Mrs. Jackson von einem Bruder gesprochen hatte.

Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach 20 Uhr. Um 21 Uhr 30 wollten Jennifer und Annie ihre „Arbeit“ in der Morningside Avenue aufnehmen. Sie würden jeweils mit einem Funkpeilsender ausgerüstet sein, ein Funkpeilwagen würde sich in der Nähe der Morningside Avenue befinden. Um 22 Uhr würde das Sit-in der Selbsthilfegruppe beendet sein.

Meine Gedanken arbeiteten. Zwei Mitglieder der Gruppe waren mit einem weißen Ford gekommen. Laura Bennett war in einen weißen Ford gestiegen, ehe sie spurlos verschwand, um wenige Tage später ermordet aufgefunden zu werden.

Die Frau, die mit beigefarbenen Ford gekommen war, schied als Mörder aus. Blieben der Grauhaarige übrig und der Mann, der Carol Jackson in die 55. Straße gebracht hatte.

Die Zeit verrann nur zähflüssig. Irgendwann wurde es düster. Die Schatten der Abenddämmerung woben zwischen den Gebäuden. Mein Handy dudelte. Ich ging auf Empfang. Es war Milo, der mir erklärte, dass Jennifer und Annie in der Morningside Avenue angekommen seien.

Meinerseits gab es nichts zu berichten. Wir vereinbarten, in Kontakt zueinander zu bleiben.

Ich schaute auf die Uhr. Es war 21 Uhr vorbei.

Noch eine knappe Stunde!

Hinter zwei Fenster des Gebäudes No. 254 flammte Licht auf. Die Jalousien wurden heruntergelassen.

Die Dunkelheit nahm zu. Die Minuten reihten sich aneinander. Die Stunde kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Ein Auto fuhr vor. Ein weißer Ford. Er wurde am Straßenrand geparkt. Die Scheinwerfer gingen aus.

Schließlich war es 22 Uhr. Die Lampe neben der Tür des Hauses ging an. Die Tür öffnete sich. Lichtschein flutete ins Freie. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe drängten ins Freie. Stimmendurcheinander drang an mein Gehör. Vor dem Haus trennten sich die Leute und gingen zu ihren Autos. Carol Jackson stieg in den Ford, der eben vorgefahren war. Zu den beiden anderen Fords gingen der grauhaarige Mann und die Frau, die ich schon beobachtete, als sie kurz vor 20 Uhr hier ankamen.

Ich beschloss, dem Grauhaarigen zu folgen.

Er fuhr nach Manhattan. Um über den East River zu gelangen benutzte er die Williamsburg Bridge. Ich hängte mich an. In Manhattan angekommen fuhr der Mann ein Stück auf der Delancy Street, bog dann in die Allan Street ein und wandte sich nordwärts.

In der 22. Straße bog der Mann ab und fuhr nach Osten. Vor einem Hochhaus parkte er den Ford. Ich fuhr ein Stück hinter ihm in eine Parklücke. Der Grauhaarige stieg aus, verschloss per Fernbedienung das Fahrzeug und verschwand in dem Gebäude.

Auch ich parkte den Van. Mein Blick wanderte an der Fassade des Hochhauses hinauf. Es verfügte über zehn Stockwerke. Hinter vielen Fenstern brannte Licht. Ich stieg aus und begab mich in das Gebäude. Es war ein Wohn- und Geschäftshaus. Hinter einer Rezeption saß ein Mann. Er las in einer Zeitschrift.

Ich trat an die Rezeption heran und fragte: „Soeben hat ein Mann mit grauen Haaren das Gebäude betreten. Wohnt er hier?“

Der Portier schaute mich durch dicke Brillengläser, die seine Augen immens vergrößerten, an. „Warum wollen Sie das wissen?“

Ich zückte meine ID-Card und hielt sie ihm vor die Nase. „FBI“, sagte ich dazu. „Special Agent Trevellian.“

Der Mann zeigte sich nicht besonders überrascht oder beeindruckt. „Ja, er wohnt hier“, erklärte er. „Es handelt sich um Dr. Steven Martin. Dr. Martin ist Diplompsychologe. Er wohnt in der siebten Etage.“

„Ist er verheiratet?“

„Nein, Junggeselle. Er lebt nur für seinen Job.“

Ich bedankte mich und verließ das Gebäude.

Draußen setzte ich mich in den Van. Ich rief Milo an. Er berichtete mir, dass gegen 20 Uhr 45 ein weißer Ford im Schritttempo durch die Morningside Avenue gefahren sei, allerdings nicht angehalten habe.

„Hast du dir die Zulassungsnummer notiert?“, wollte ich wissen.

„Ja.“

„Gut. Wir werden sie morgen auswerten.“

Für mich begann das Warten.



17

Dr. Martin telefonierte. Er sagte: „Ich wurde, seit ich Wilsons Haus verlassen habe, verfolgt. Es ist ein Van. Er parkt jetzt unten vor dem Gebäude, in dem ich wohne. Wahrscheinlich handelt es sich um den FBI-Agenten, der mit mir telefoniert hat. Kann es sein, dass man uns verdächtigt?“

„In Indianapolis haben sie Sibley erwischt. Aber er wird nichts verraten. Ebenso wenig wie ich etwas verraten würde, wenn sie mich schnappten.“

„Ich werde mich jedenfalls in nächster Zeit zurückhalten. Übernimm du die nächsten drei, vier Wochen. Wir müssen höllisch aufpassen.“

„Mach ich. Ich bin durch die Morningside Avenue gefahren und habe eine Neue dort gesehen. Blond, langbeinig, die personifizierte Sünde. Ein Prachtweib. Ich werde sie …“

„Halt dich in den nächsten Wochen von der Morningside Avenue fern. Das Prachtweib kann eine Polizistin sein. Ich habe das seltsame Gefühl, dass das FBI auf der richtigen Spur ist. Fehler können wir uns nicht erlauben. Hol dir das nächste Opfer in der hundertsechzehnten Straße. Dort gehen sie auch auf den Strich. – Wir sind schlauer als die Bullen.“

„Das will ich meinen. Falls sie in der Morningside Avenue tatsächlich eine Agentin postiert haben, kann sie sich die Beine in den Bauch stehen.“ Der Sprecher lachte. „Spielen wir ein wenig Katz und Maus mit der Polizei.“

„Wir dürfen nichts herausfordern“, sagte Steven Martin. „Ich werde auch mit unseren Leuten in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis Verbindung aufnehmen. Sie sollen ihre Jagdreviere ändern.“

„Soll ich mich um den Kerl kümmern, der vor deiner Wohnung parkt?“

„Ein Schuss vor den Bug täte vielleicht ganz gut. Ja, kümmere dich drum. Die Polizei soll sehen, dass sie es nicht mit Anfängern sondern mit Profis zu tun hat. – Wir bleiben in Verbindung. Bis zum nächsten Mal.“

Steven Martin unterbrach die Verbindung.



18

Es war 23 Uhr 45. Eine gute Stunde stand ich nun schon vor dem Gebäude, in dem Dr. Martin wohnte. Der Psychologe war nicht mehr erschienen. Wahrscheinlich lag er in seinem Bett und ließ alle Fünfe gerade sein. Ich rief Milo an.

Mein Freund und Kollege meldete keine besonderen Vorkommnisse. Ich erklärte ihm, dass ich den Einsatz in der 22. Straße abbrechen würde. Mitten im Satz brach ich ab, denn ich sah einen weißen Pkw aus der 10. Avenue in die 22. Straße einbiegen. Langsam rollte er näher. Ein Lichtkegel huschte vor dem Wagen her über den Asphalt.

„Was ist?“, fragte Milo.

„Da kommt ein weißer Wagen auf mich zu“, sagte ich ins Handy. „Sieht aus wie ein Ford. Verdammt, Milo, es ist ein Ford …“

Ich unterbrach die Verbindung und schob das Handy in die Jackentasche. Meine Rechte tastete nach der SIG Sauer P226 im Holster an meiner rechten Hüfte. Ich ließ den Motor des Van an.

Der weiße Ford war nur noch einen Steinwurf weit entfernt. Ich konnte erkennen, dass er nur mit dem Fahrer besetzt war. Ich schaute auf die Zulassungsnummer. Da sah ich es auch schon aus dem Seitenfenster blitzen. Mündungsfeuer. Der Bursche schoss mit einer Pistole. Ich hörte es krachen und rutschte auf dem Sitz nach unten, verschwand fast unter dem Lenkrad. Der Van sackte ein kleines Stück nach vorne links ab. Glas klirrte. Dann war der Ford vorbei.

Ich riss die Tür auf und sprang ins Freie.

Der Ford war beschleunigt worden. Ich sah die Rücklichter und riss den Arm mit der Pistole hoch. Die Bremslichter glühten auf. Da wurde der Wagen auch schon herumgerissen und verschwand in der 8. Avenue.

Ich wandte mich um. Der linke Vorderreifen des Van war platt. Ein Kugelloch befand sich im Kotflügel. Eine andere hatte beide hintere Seitenscheiben durchschlagen, war also im linken Fenster ein-, im rechten wieder ausgetreten.

Ich begriff, dass es der Schütze gar nicht auf mich abgesehen hatte. Es war eine Warnung. Ich fragte mich, wer mir den Schützen auf den Hals gehetzt hatte. Kurzentschlossen betrat ich das Hochhaus. Der Portier las nicht mehr in der Zeitschrift, sondern hatte den kleinen Fernseher angemacht und schaute sich irgendeinen Film an. Jetzt erregte ich seine Aufmerksamkeit.

„Welches Apartment bewohnt Dr. Martin?“

„Sieben-null-fünf“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Soll ich Sie anmelden?“

„Nein“, versetzte ich und ging zum Aufzug. Ich drückte den Knopf. Laut Stockwerksanzeige stand der Lift in der 5. Etage. Ich vernahm durch die geschlossene Tür im Schacht ein leises Rumpeln, als sich der Aufzug nach unten in Bewegung setzte.

Dann glitten die beiden Türhälften fast lautlos auseinander, und ich betrat die Kabine. Mein Finger legte sich auf den Knopf mit der Nummer sieben. Die Türhälften aus Edelstahl glitten wieder zusammen, der Lift hob ab und schwebte mit mir höher und höher. In der 7. Etage stieg ich aus. Ich fand das Apartment mit der Nummer 705 und läutete.

Es dauerte einige Zeit, dann sah ich Licht durch den Spion schimmern, und im nächsten Moment erklang eine dunkle Stimme: „Wer ist draußen?“

„Trevellian, FBI. Machen Sie auf, Dr. Martin.“

Ich hörte, wie die Sicherungskette entfernt und die Tür entriegelt wurde, dann schwang das Türblatt auf, und ein Mann, der mit einem rotgestreiften Schlafanzug bekleidet war, stand vor mir.

„Was führt Sie zu mir, Trevellian?“, fragte Dr. Martin. Seine Haare standen vom Kopf ab, was mir verriet, dass er schon im Bett gelegen hatte. „Ich muss morgen früh um acht Uhr in der Uni sein.“

„Entschuldigen Sie“, sagte ich und drängte den Mann einfach zu Seite, betrat den Livingroom und sah den Telefonapparat auf einer Konsole an der Wand. Ich ging hin, nahm den Hörer ab und drückte den Knopf für die Rufwiederholung. Fünfmal ertönte das Freizeichen, dann meldete sich der automatische Anrufbeantworter der Columbia Universität.

Ich legte wieder auf. „Besitzen Sie ein Handy?“

Dr. Martin hatte die Tür geschlossen und musterte mich mit einer Mischung aus stummer Frage und Verärgerung. Jetzt sprangen seine Lippen auseinander. „Was soll das, Trevellian? Nein, ich besitze kein Handy.“

„Haben Sie, nachdem Sie von ihrem Sit-in in Queens zurückgekehrt sind, telefoniert?“

„Nein. Wieso beschatten Sie mich?“

„Die Mädchen vom Straßenstrich wurden jeweils donnerstags nach zweiundzwanzig Uhr entführt“, erklärte ich. „Ein weißer Ford Lincoln spielt dabei eine gewisse Rolle. Die Entführungen fanden also jeweils nach Beendigung des Sit-ins Ihrer Selbsthilfegruppe statt. Und Sie fahren einen weißen Lincoln, Professor.“

„Und damit habe ich mich verdächtig gemacht, wie?“

„Wir müssen jede Möglichkeit ins Kalkül ziehen. – Ich muss Ihren Wagen beschlagnahmen.“

„Was wollen Sie mit meinem Wagen? Himmel, Trevellian, Sie verdächtigen doch nicht etwa mich, der Schlitzer von Harlem zu sein?“ Entgeistert schaute mich der Professor an.

„Sie gehören zu dem Personenkreis, der für die Morde in Frage kommt, Dr. Martin. Wie ich schon sagte, dürfen wir keine Möglichkeit auslassen, die uns bei der Fahndung nach dem Mörder möglicherweise weiterbringt. Wenn sich in Ihrem Wagen keinerlei Hinweise auf die entführten Mädchen ergeben, sind Sie über jeden Verdacht erhaben. Es muss also auch in Ihrem Interesse liegen …“

Im Gesicht Dr. Martins zuckten die Nerven. „Aber ich brauche meinen Wagen.“

„Zur Uni gelangen Sie auch mit der Subway“, versetzte ich. „Geben Sie mir bitte die Autoschlüssel.“

„Das ist ungeheuerlich“, blaffte Dr. Martin. „Ich …“

„Beruhigen Sie sich“, sagte ich. „Wenn Sie sich nichts vorzuwerfen haben, gibt es keinen Grund zur Aufregung. In drei Tagen haben Sie Ihr Auto wieder, wenn sich keine Hinweise auf die Mädchen ergeben.“

Scharf stieß der Professor die Luft durch die Nase aus. Plötzlich wandte er sich ab. Er ging zur Garderobe und nahm einen Schlüsselbund aus der Tasche einer Jacke, löste einen der Schlüssel von dem kleinen Stahlring und reichte ihn mir. Mit erzwungener Ruhe sagte er: „Sicher, Trevellian, Sie tun nur Ihre Pflicht. Ich will Sie in Ihrer Arbeit auf keinen Fall behindern. Ja, lassen Sie meinen Wagen auf Spuren untersuchen. Sie werden sehen, dass ich über jeden Verdacht erhaben bin.“

„Davon bin ich überzeugt, Professor“, erklärte ich.



19

Dr. Martin hatte den G-man zur Tür begleitet. Nachdem Trevellian das Apartment verlassen hatte, war der Professor ins Schlafzimmer geeilt. Aus der Schublade seines Nachttischchens holte er sein Handy. Dem G-man hatte er die Unwahrheit gesagt, als er behauptete, kein Handy zu besitzen. Er drückte die Wahlwiederholungstaste, und gleich darauf meldete sich eine männliche Stimme: „Was gibt‘s? Ich hab dem Burschen vor deinem Haus ein paar Kugeln um die Ohren geknallt.“

„Er war bei mir. Es war Trevellian vom FBI. Er hat meinen Wagen beschlagnahmt. Verdammt, in dem Fahrzeug habe ich drei der Huren befördert, die wir in die Hölle geschickt haben. Irgendeine Spur wird sich sicherlich finden.“

„Ich werde mich auch darum kümmern. Sicher ist Trevellian mit deinem Wagen zum Federal Building unterwegs. Ich fahre hin. Und dann sehe ich mich mal in der hundertsechzehnten Straße um.“



20

Ich hatte in der Tat den Wagen Dr. Martins benutzt, um zur Federal Plaza zu gelangen. Der Van hatte vorne links einen Plattfuß und musste entweder abgeschleppt werden, oder ein Mechaniker aus dem Fuhrpark musste das Rad auswechseln.

Jetzt stand der Ford in der Tiefgarage, und ich war mit dem Wagen auf dem Weg nach Hause. Dem Kollegen, der als Chef vom Dienst die Nachtbereitschaft leitete, hatte ich Bescheid gesagt, dass ich einen beschlagnahmten Wagen auf einem der reservierten Parkplätze abgestellt hatte. Ich hatte dem Kollegen auch den Wagenschlüssel übergeben.

Während ich den Sportwagen durch die Straßen New Yorks steuerte, telefonierte ich mit Milo. Soeben sagte mein Partner: „Mir scheint, wir haben heute Pech gehabt, Jesse. Jennifer und Annie hatten nichts anderes zu tun, als einige Kunden abzuwimmeln. Es gab auch einige Anfeindungen durch echte Bordsteinschwalben, die in unseren beiden Girls wahrscheinlich massive Konkurrenz sehen. Ansonsten war es ruhig hier.“

„Ich habe mit Dr. Martin gesprochen. Er besitzt einen weißen Ford, wie wir ihn suchen. Ich habe den Wagen beschlagnahmt und in die Tiefgarage des Federal Building gebracht.“

„O verdammt, was ist das?“, schnappte Milo plötzlich. „Sie kommen mit drei Autos. Sie halten bei Jennifer. Wahrscheinlich sind es die Zuhälter der Mädchen, die hier anschaffen. Es sind insgesamt sechs Kerle. Ich muss Schluss machen, Jesse …“

Dann war die Leitung tot. Ich gab Gas, denn ich war mir sicher, dass meine Anwesenheit in der Morningside Avenue vonnöten war. Während ich nach Norden raste, sagte ich mir, dass ich wahrscheinlich zu spät kommen würde. Der Verkehr war zu dieser nächtlichen Stunde zwar gemäßigt, aber es waren immer noch genug Autos, die mich am Vorwärtskommen behinderten.



21

Milo sprang aus dem Wagen. Er sah, dass drei der Kerle Jennifer Johnson attackierten. Die anderen drei widmeten sich Annie Francesco, die ein Stück von Jennifer entfernt auf dem Gehsteig stand.

Jetzt wandten sich zwei der Kerle Milo zu.

Milo hielt drei Schritte vor ihnen an. „Aufhören“, stieß er hervor. „Diese beiden Mädchen stehen unter meinem Schutz.“

Natürlich konnte Milo nicht sagen, dass er, Jennifer und Annie FBI-Agenten waren, die dem „Schlitzer von Harlem“ das Handwerk legen wollten. Es wäre wie ein Lauffeuer durch die Morningside Avenue und die anderen Straßen, in denen die Mädchen anschafften, gegangen. Von einem Undercover-Einsatz hätte man nicht mehr sprechen können. Wahrscheinlich hätte es sogar die Runde bis zur Presse gemacht und der Killer wäre gewarnt gewesen.

Wortlos näherten sich die beiden Kerle Milo. Einer hielt eine Stahlfeder in der Rechten.

Ein dritter Mann näherte sich von dort, wo Annie Francesco versuchte, sich der Kerle zu erwehren. Ein ganzes Stück entfernt kreischte eine der Huren: „Gebt es den beiden Schlampen anständig! Verleidet ihnen das Wiederkommen!“

Die beiden Zuhälter waren bei Milo angelangt. Der Special Agent stand sprungbereit da. Er schaute zu Jennifer hin. Der Kerl, der sie bedrängt hatte, starrte her. Die beiden anderen hielten Annie an den Armen gepackt. Sie widmeten ihre Aufmerksamkeit ebenfalls dem Geschehen bei dem vermeintlichen Zuhälter der beiden Ladys.

Der Bursche mit der Schlagfeder schnellte auf Milo zu, holte aus und schlug nach Milo. Milo wich einen Schritt zurück, wirbelte herum und sah den anderen Zuhälter heranstürmen. Er empfing ihn mit dem ausgestreckten Bein. Und sofort sprang Milo einen Schritt zur Seite. Die Stahlfeder sauste wieder ins Leere.

Aber jetzt war der dritte der Zuhälter heran. Er sprang Milo von der Seite an und versuchte, ihn niederzuringen. Wahrscheinlich wollte er Milo am Boden haben, damit sie ihn zu dritt mit den Füßen traktieren konnten.

Milo drehte sich in den Burschen hinein, griff nach oben, erwischte ihn an der Hemdbrust und ging in vorgebeugter Haltung ruckartig hoch. Der Bursche flog über seine Schulter und landete der Länge nach auf dem Gehsteig. Der Aufprall hatte ihm die Luft genommen. Aber die beiden anderen Kerle ließen nicht zu, dass Milo sich dem Burschen widmete. Der mit der Stahlfeder schlug nach Milos Kopf, doch Milo duckte sich unter dem Schlag hinweg und drosch dem Kerl die Faust in den Magen.

Der Zuhälter machte eine unfreiwillige Verbeugung. Milo knallte ihm von der Seite die Faust aufs Ohr. Der Schlag warf den Kerl um. Doch jetzt war es dem dritten der Kerle gelungen, seinen Arm von hinten um Milos Hals zu schlingen. Gnadenlos würgte er Milo. Der rammte den Ellenbogen nach hinten, hatte aber damit keinen Erfolg.

Aber jetzt trat Jennifer Johnson in Aktion. Sie rammte dem Kerl neben sich die flache Hand in die rechte Seite. Der Bursche stieß einen röhrenden Schrei aus. Unwillkürlich fuhren seine beiden Hände zu der Stelle unter den Rippen, wo ihn Jennifer schmerzhaft getroffen hatte.

Jennifers Handrücken knallte gegen seinen Kehlkopf. Fast im selben Moment schlug Jennifer ihm mit einem Fußfeger die Beine vom Boden weg. Haltsuchend ruderte der Bursche mit den Armen, aber es gab nichts, woran er sich hätte klammern können. Er ging zu Boden.

Blitzschnell war Jennifer bei dem Kerl, der wie eine Klette auf Milos Rücken hing und den Agenten würgte. Zwei blitzschnelle Handkantenschläge auf die Nierengegend veranlassten den Bursche, seinen Klammergriff um Milos Hals zu lösen. Ein weiterer Schlag gegen den Halsansatz schickte ihn aufs Pflaster.

Die beiden Zuhälter, die Annie Francesco festgehalten hatten, stürmten heran. Einer wollte sich auf Milo werfen, doch der steppte einen halben Schritt zur Seite und ließ den Kerl ins Leere laufen. Der andere griff Jennifer an, diese aber schickte ihn mit einem eleganten Hüftwurf zu Boden. Milo machte zwei schnelle Schritte und trat an den Kerl heran, der vom eigenen Schwung getragen an ihm vorbei gerannt war und sich nun herumwarf. Milo schoss eine kerzengerade Rechte ab, und seine Faust knallte auf die Nase des Burschen. Sofort schoss Blut aus seinen Nasenlöchern. Sein Kopf war in den Nacken geflogen.

Milo ließ dem Kerl keine Zeit, sich zu erholen. Er hämmerte ihm einen Schwinger in den Leib, knallte ihm die Linke gegen das Kinn und sah ihn auf die Knie fallen.

„Verschwindet“, knirschte Milo. „Und lasst meine Girls künftig in Ruhe. Ihr habt jetzt am eigenen Leib erfahren, dass wir ziemlich unangenehm werden können.“

Die Kerle taumelten hoch und halfen sich gegenseitig. Sie waren ziemlich angeschlagen. Die Stahlfeder lag auf dem Gehsteig.

Annie war herangekommen. Sie hatte nicht mehr eingreifen müssen. Als Kung-fu-Expertin hätte sie den Kerlen sicherlich noch etwas härter aufgemischt als Milo und Jennifer es getan hatten.

„Das werdet ihr büßen“, keuchte einer der Zuhälter und presste die linke Hand gegen seinen Leib. Er taumelte davon und setzte sich in eines der Fahrzeuge, mit denen sie gekommen waren.

Auch seine Kumpane wankten zu den Autos und ließen sich auf die Sitze sinken. Dann fuhren sie davon.

Milo schaute auf die Uhr. „Es ist Mitternacht vorbei“, sagte er. „Ich denke, wir brechen den Einsatz ab. Heute geschieht schätzungsweise nichts mehr.“

Jennifer und Annie folgten Milo zum Dienstwagen und setzen sich in den Fond des Fahrzeugs. Milo nahm sein Handy und rief seinen Partner Jesse Trevellian an. „Alles im Griff, Partner“, sagte er. „Es waren ein halbes Dutzend Zuhälter, die uns aus der Morningside Avenue vertreiben wollten. Jetzt haben sie sicherlich gegen eine große Not anzukämpfen.“

„Ich bin auf dem Weg nach Harlem“, sagte ich.

„Nicht mehr nötig“, erklärte Milo. „Wir brechen für heute den Einsatz hier ab. Fahr nach Hause, Partner. Hier gibt es nichts mehr zu tun für dich.“

Kaum, dass die Leitung tot war, dudelte mein Handy erneut. Es war der Kollege im Field Office, der die Nachtbereitschaft leitete. Er sagte: „Es hat soeben in der Tiefgarage eine Explosion gegeben, Jesse. Jemand hat den Wagen, den du konfisziert hast, in Brand gesetzt. Die Rauchmelder lösten Alarm aus. Die Sprinkleranlage konnte den Brand nicht löschen. Es muss jemand einen ganzen Kanister voll Benzin ins Wageninnere geschüttet und angezündet haben.“

Damit waren sämtliche Spuren, die der Ford vielleicht aufgewiesen hatte, vernichtet. Das sagte mir, dass Dr. Steven Martin etwas zu verbergen gehabt hatte. Aber leider hatte ich keinen Beweis für diese These. Das FBI würde ihm wahrscheinlich sogar noch Schadenersatz für den Pkw leisten müssen. Es war zum Heulen.

Und das war noch nicht alles.

Als ich am Morgen meinen Dienst antrat, erreichte mich eine Meldung, wonach in der Nacht in der 116. Straße ein Straßenmädchen entführt worden sei. Ihr Name war Melanie Stockton, 23 Jahre alt, und sie schaffte seit einem Jahr etwa in der 116. Straße an. Es handelte sich um eine Afroamerikanerin.

Andere Mädchen hatten beobachtet, dass Melanie in einen weißen Ford Lincoln eingestiegen war. Eine von ihnen hatte das Kennzeichen sogar notiert, doch die Überprüfung hatte ergeben, dass es sich wiederum um gestohlene Nummernschilder handelte.

Der Schlitzer hatte wieder zugeschlagen.

Er hatte lediglich sein Jagdrevier gewechselt.

Und wieder war ein weißer Lincoln das Tatfahrzeug gewesen.

Ein weißer Ford Lincoln! Sofort tauchte die Frage auf, weshalb in der Nacht Dr. Martins Ford in Brand gesteckt worden war.

Arbeiteten die Täter mit mehreren weißen Fords?“

Mir kam in den Sinn, dass Carol Jackson mit einem weißen Ford nach Queens zum Sit-in der Selbsthilfegruppe gebracht worden war. Ich sprach mit Milo darüber.



22

Zunächst besorgten wir von der Telefongesellschaft eine Liste mit den Gesprächen, die Dr. Martin am Vortag geführt hatte. Es waren in der Tat lediglich drei Anrufe bei der Columbia Universität. Im Besitz eines Handys zu sein hatte der Professor bestritten.

Sein ausgebrannter Wagen war abgeschleppt worden und stand nun in der Werkstätte der SRD, wo er auf Spuren untersucht wurde. Wobei ausgeschlossen war, dass Spuren der Personen auffindbar waren, die vor dem Brand mit dem Fahrzeug gefahren waren. Es ging nur noch um letztendliche Klärung der Brandursache.

Milo und ich fuhren nach Brooklyn. Carol Jackson ließ uns in ihr Apartment. Fragend schaute sie von einem zum anderen. „Ich habe Ihnen alles erzählt“, sagte sie. „Was führt Sie noch einmal zu mir?“

„Sie wurden gestern mit einem weißen Ford nach Queens zum Sit-in Ihrer Selbsthilfegruppe chauffiert“, sagte ich. „Wem gehört der Wagen?“

„Meinem Bruder Josh. Ich habe Ihnen doch von ihm erzählt. Er unterstützt mich finanziell.“

„Wie heißt Ihr Bruder mit vollem Namen, und wo wohnt er?“

„Josh Meredith. Er wohnt in Manhattan, in der Henry Street. Warum wollen Sie das wissen? Sie verdächtigen doch nicht meinen Bruder, der Schlitzer von Harlem zu sein?“

„Wir müssen seinen Wagen einer Routineüberprüfung unterziehen“, versetzte ich. „Bringt Sie Ihr Bruder immer zu den Versammlungen der Selbsthilfegruppe?“

„Ja.“

„Wie steht Ihr Bruder zu Ihrem Mann?“

„Warum fragen Sie das?“

„Beantworten Sie einfach meine Frage.“

„Was soll ich sagen? Mein Bruder und ich hatten schon immer eine sehr enge Beziehung miteinander. Das änderte sich auch nicht, nachdem ich Richard geheiratet habe. Als Josh erfuhr, dass Richard mich mit Aids infiziert hatte, drohte er im ersten Impuls, ihn umzubringen. Aber schon bald besann er sich. Er gab nicht Richard die Schuld, sondern der Hure, bei der sich mein Mann angesteckt hatte. Die Huren gehören ausgerottet, meinte Josh.“

„Haben Sie eine Ahnung, was Ihr Bruder treibt, sobald er Sie jeweils zu Hause abgeliefert hat?“

„Nun, ich denke, er fährt zu sich nach Hause.“

„Haben Sie mit ihm schon einmal über den Schlitzer von Harlem gesprochen?“

„Josh brachte einmal die Sprache darauf. Er meinte, dass es wohl noch mehr Menschen gibt, die voll Hass auf die Huren sind.“

„Die Zeitungen schrieben von Ritualmorden. Wie kommt Ihr Bruder darauf, dass Hass auf die Mädchen das Motiv ist?“

„Das müssen Sie meinen Bruder schon selber fragen.“

„Das werden wir“, versicherte ich. „Ist Ihr Bruder beschäftigt?“

„Ja, er arbeitet bei der Welsh Corporation in der Leroy Street. Josh ist Buchhalter. Zu Hause werden Sie ihn um diese Zeit nicht antreffen.“

Wir verabschiedeten uns von Mrs. Jackson.

Eine Stunde später sprachen wir Josh Meredith. Er hatte ein eigenes Büro bei der Welsh Corporation. Eine Sekretärin meldete uns an. Josh Meredith war in gehobener Position bei der Firma tätig. Das wurde uns sehr schnell klar.

Ich glaubte ein unruhiges Flackern in seinen Augen wahrzunehmen, als wir sein Büro betraten. Er bot uns an dem runden Konferenztisch Sitzplätze an. Wir ließen uns nieder. Meredith verließ seinen Platz hinter dem Schreibtisch und setzte sich zu uns. „Was darf‘s sein, meine Herren?“, fragte er.

„Wo waren Sie in der vergangenen Nacht nach zweiundzwanzig Uhr?“, fragte ich und fiel damit gleich mit der Tür ins Haus.

Der Mann überlegte nicht lange. „Ich habe um zweiundzwanzig Uhr meine Schwester vom Treffen ihrer Selbsthilfegruppe abgeholt. Zwischen zweiundzwanzig Uhr fünfzehn und zweiundzwanzig Uhr dreißig haben ich sie vor ihrem Haus in Brooklyn abgesetzt und bin anschließend nach Hause gefahren. Ich wohne in der Henry Street in Manhattan.“

„Haben Sie ein Alibi für die Zeit zwischen zweiundzwanzig Uhr dreißig und zwei Uhr?“

„Wozu brauche ich das?“

„Haben Sie ein Alibi?“, wiederholte ich meine Frage.

„Ich bin geschieden und lebe alleine. Meine Schwester kann bezeugen, dass ich sie gegen halb elf abends vor ihrer Wohnung in Brooklyn abgesetzt habe.“

„Sie fahren einen weißen Ford Lincoln.“ Das war keine Frage, sondern eine glasklare Feststellung.

„Das ist richtig. Warum fragen Sie?“

„Ein weißer Ford Lincoln spielt eine große Rolle bei der Entführung und Ermordung einiger Mädchen vom Straßenstrich.“

Josh Meredith lächelte starr. Aber er schwieg.

Ich fuhr fort: „Fünf der Girls wurden in der Morningside Avenue entführt, Nummer sechs gestern Nacht in der hundertsechzehnten Straße. Die Entführungen geschehen jeweils nach den Sit-ins der Selbsthilfegruppe, der Ihre Schwester angehört. Einige Tage später werden die Mädchen ermordet aufgefunden. Der Killer schneidet ihnen die Herzen aus dem Leib.“

Meredith nickte. „Sie sprechen vom Schlitzer von Harlem, nicht wahr?“

Ich nickte. „Laura Bennett und Melanie Stockton wurden zuletzt gesehen, als sie in einen weißen Ford Lincoln stiegen.“

„Ich stelle Ihnen meinen Wagen gerne zur Verfügung, damit Sie ihn auf Spuren nach den Mädchen untersuchen können“, sagte Meredith. „Was sollte ich für einen Grund haben, irgendwelche Mädchen vom Straßenstrich zu ermorden?“

„Ihre Schwester hat sich bei ihrem Mann mit Aids infiziert. Richard Jackson hat sich auf dem Straßenstrich angesteckt. Vielleicht sind Hass und Rachsucht das Motiv.“

Meredith erhob sich, ging zu einem Kleiderschrank, öffnete ihn und griff in die Tasche seiner Jacke, die da an einem Bügel hing. Seine Hand förderte einen Schlüsselbund zu Tage, von dem er einen Schlüssel abnahm. Den Schlüsselbund ließ er wieder in die Tasche gleiten. Er kam zu uns zurück und reichte mir den Schlüssel. „Er ist für die Tür und das Zündschloss“, sagte er.

Ich nahm den Schlüssel und war ein wenig verdutzt. Entweder Meredith hatte mit der Sache wirklich nichts zu tun, oder er war ganz besonders unverfroren und kaltschnäuzig.

Ich schob den Schlüssel ein.

„Der Wagen steht im Hof“, sagte Meredith, und ein hintergründiges Lächeln umspielte seinen Mund. „Es gibt nur den einen weißen Ford Lincoln auf den Firmenparkplätzen. Sie können ihn gar nicht verfehlen.“

„Haben Sie noch Kontakt zu Richard Jackson?“

„Nein. Er hat meine Schwester auf dem Gewissen.“

„Hassen Sie ihn deswegen?“

„Nun, ich bin ihm nicht gerade freundlich gesonnen. Schließlich und endlich aber ist er selbst Opfer seines Sexualtriebes geworden. Nein, ich hasse ihn nicht. Vielleicht bedauere ich ihn sogar. Er hat das Leben meiner Schwester nicht vorsätzlich zerstört. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem klar wurde, dass er meine Schwester mit der tödlichen Seuche angesteckt hatte, führten die beiden sogar eine harmonische Ehe.“

„Zu Ihrer Schwester sprachen Sie davon, dass der Täter kein Ritualmörder sei, sondern vom Hass getrieben werde.“

„Ja, das ist meine Auffassung. Aber eben nur eine Vermutung. Vielleicht spielt sogar beides eines Rolle. Ritual und Hass.“

Das war eine dritte Variante, die Josh Meredith ins Spiel brachte. Ich ging nicht mehr weiter drauf ein. „Sie erhalten Ihren Wagen zurück“, sagte ich, „sobald die erforderlichen Untersuchungen stattgefunden haben.“ Als ich es sprach, war ich davon überzeugt, dass wir in seinem Wagen nichts finden würden, was auf seine Täterschaft hindeuten würde.

Was hatten wir bisher?

So gut wie nichts.

Einige Verdächtige. Richard Jackson, Dr. Steven Martin, Josh Meredith. Jackson fuhr einen Chevrolet, der auf Spuren untersucht worden war. Ergebnis negativ.

Dr. Martin hatte einen weißen Ford Lincoln besessen, der in der Nacht Opfer einer Brandstiftung wurde. Das warf natürlich Fragen auf. Wurde der Wagen angezündet, um Spuren zu vertilgen? Wer hatte den Wagen in Brand gesetzt? Sollten wir auf eine falsche Spur gelockt werden? Wenn es so war, dann war ich vom „Schlitzer“ überwacht worden.

Und auch Josh Meredith besaß einen weißen Ford Lincoln. Er überließ ihn uns freiwillig, damit wir ihn auf Spuren untersuchen konnten. Soviel Sicherheit wie Meredith kann nur ein Mann vermitteln, der weiß, dass sein Wagen „sauber“ ist.

Es sah ganz und gar nicht danach aus, dass sich eine Lösung des Rätsels, vor dem wir standen, anbahnte.

Wie eine tonnenschwere Last legte sich das Wissen auf mich, dass sich seit der vergangenen Nacht wieder ein Mädchen in den Händen des Mörders befand. Wir tappten im Dunkeln. Laura Bennett zu retten war uns nicht gelungen. Der „Schlitzer“ hatte uns geradezu vorgeführt. Irgendwann würde sich Mr. McKee einer Pressekonferenz stellen müssen. Und er würde eingestehen müssen, dass wir mit unseren Ermittlungen noch kein Jota weitergekommen waren. Ein gefundenes Fressen für die Medien!

Aber darum ging es nicht. Es ging um ein Menschenleben. Es ging um das Leben Melanie Stocktons. Nicht unser Ansehen in der Öffentlichkeit musste für uns Triebfeder sein, sondern die Rettung Melanies.

Wir verließen Josh Meredith. Milo übernahm es, dessen Ford zur SDR zu schaffen, damit er auf Spuren untersucht wurde.



23

Als ich ins Field Office zurückkehrte und mein Büro aufsuchte, lag ein Fax auf meinem Schreibtisch. Ich las es und war geschockt. Das Büro in Baltimore meldete, dass in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ein Mädchen vom Straßenstrich verschwunden war und es keinen Hinweis auf seinen Verbleib gäbe. Die ermittelnden Kollegen ordneten die Entführung dem Mörder zu, der in den vergangenen Wochen schon drei Girls vom Straßenstrich ermordet hatte.

In Baltimore, Cincinnati, Indianapolis und New York waren zwischenzeitlich insgesamt über ein Dutzend Mädchen verschwunden und ermordet worden. Und jetzt lagen zwei neue Entführungsfälle vor.

Ich rief in Indianapolis an. Der Kollege erklärte mir, dass Jules Sibley nichts ausgesagt hatte, was ihn belasten konnte. Er sei lediglich ausgerastet, als die vermeintliche Hure nicht mit ihm zu seiner Wohnung fahren wollte.

„Wahrscheinlich wird Sibley innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden auf freien Fuß gesetzt“, gab der Kollege zu verstehen. „Einen Anwalt hat er bereits eingeschaltet. Es ist nur noch die Höhe der Kaution festzusetzen.“

Das nächste Gespräch führte ich mit Cincinnati. Dort war weder eine Entführung noch ein neuer Mord bekannt geworden.

Ich war zwischenzeitlich davon überzeugt, dass hier eine Bande Gleichgesinnter am Werk war. Auch ging ich davon aus, dass in jeder Stadt nicht nur ein Bandenmitglied operierte, sondern dass es sich jeweils um zwei, drei oder noch mehr Leute handelte, die es sich Aufgabe gemacht hatten, ihre Stadt von der illegalen Prostitution zu säubern.

Was für ein verrückter Gedanke!

Je länger ich jedoch darüber nachdachte, umso weniger abwegig wurde er. Bald würde sich keines der Mädchen vom Strich mehr auf die Straße wagen. Wenn der Straßenstrich lahm lag, hatten die Mörder den Erfolg erzielt, den sie erzielen wollten.

Trotzdem war es absurd. Die illegale Prostitution ließ sich nicht ausmerzen. Dafür sorgten schon verschiedene Mafias, die sich damit eine goldene Nase verdienten. In den Kneipen und Clubs schafften Mädchen und Frauen an, die weder registriert noch einer gesundheitsamtlichen Überwachung unterworfen waren. Das horizontale Gewerbe ließ sich einfach nicht ausradieren.

Wir hatten es mit fanatischen Hassern zu tun. Sie ermordeten Freudenmädchen stellvertretend für die gesamte Gilde der Damen vom ältesten Gewerbe der Welt. Das war es. Die Morde geschahen wahllos. Um von den wahren Gründen abzulenken und eine falsche Spur zu legen, hatte man den Mädchen die Herzen herausgeschnitten, um der Polizei Ritualmorde vorzugaukeln. Einige Zeit war es den Tätern sogar gelungen, dem Polizeiapparat Sand in die Augen zu streuen.

Ja, wir glaubten das wahre Motiv der Täter zu kennen. Hass und Rache. Wir befanden uns auf der richtigen Spur. Doch es war nur der Anfang einer Fährte. Zu wem sie führte, wussten wir nicht. Wir hatten nichts in Händen, was über den bloßen Verdacht hinaus reichte.

Carol Jackson!, fuhr es mir durch den Sinn. Sie war unschuldiges Opfer des Sexualtriebes ihres Mannes geworden. Eigentlich müsste sie von allen Verdächtigen den größten Hass auf die Prostituierten haben. Doch sie konnte die Taten nicht alleine verübt haben. Wer wäre im Fall des Falles also ihr Handlanger, ihr Werkzeug? Josh Meredith, ihr Bruder? Ihr Ehemann vielleicht sogar, den sie vorgab zu hassen wie der Teufel das Weihwasser?

Ich zerbrach mir den Kopf.

Irgendwann kam Milo, der den Wagen Josh Merediths zur Werkstätte der SDR chauffiert hatte. Ein Kollege hatte ihn zur Federal Plaza gefahren.

Guter Rat war teuer.

Plötzlich aber kam mir eine Idee. Ohne ein Wort zu verlautbaren rief ich bei der Kfz-Zulassungsstelle an. Von dort aus hatte der Beamte Zugriff auf alle in New York zugelassenen Kraftfahrzeuge und die dazugehörigen Besitzer.

Ich erkundigte mich, welche Autos auf Dr. Steven Martin, Josh Meredith und Richard Jackson seien.

Auf Dr. Martin war der Ford Lincoln zugelassen, den ich konfisziert hatte und der in Flammen aufgegangen war.

Auf Josh Meredith war ebenfalls ein Ford Lincoln zugelassen, und zwar jener Wagen, den wir heute beschlagnahmt hatten und den Milo zur Spurensicherung gebracht hatte.

Und schließlich sagte der Beamte am anderen Ende der Strippe: „Auf Richard Jackson sind zwei Wagen zugelassen. Ein Chevy, Baujahr 1995, und ein Ford Lincoln, Baujahr 1999.“ Der Mann nannte die Zulassungsnummer.

Ich war wie elektrisiert, bedankte mich bei dem Beamten und schrieb die Zulassungsnummer auf ein Blatt Papier.

Ich hielt, nachdem ich aufgelegt hatten, den Zettel hoch und zeigte ihn Milo. „Wir haben den Schlitzer“, sagte ich. „Es ist Richard Jackson. Neben seinem Chevy läuft ein Ford Lincoln auf seinen Namen.“

„Da gibt es ein Problem“, sagte Milo. „Für den Zeitpunkt der Entführung Laura Bennetts hat Jackson ein Alibi. Er war in der Arbeit. Nachtschicht …“

„Die Entführung hat sein Komplize durchgeführt“, antwortete ich. „Ich gehe davon aus, dass es sich um Dr. Martin handelt. Dass sein Auto in Brand gesteckt wurde, um Spuren zu beseitigen, ist aus meiner Sicht Fakt.“

„Der Haftbefehl dürfte nur noch Formsache sein“, meinte Milo und erhob sich entschlossen.



24

Melanie Stockton lag gefesselt auf dem Bett im Schlafzimmer der Kellerwohnung. Ein Knebel steckte in ihrem Mund. Es war Tag. Die Vorhänge vor dem Fenster waren zugezogen. Nichts rührte sich. Dumpf schlug das Herz in Melanies Brust. Die Angst fraß in ihr wie schleichendes Gift. Sie wusste, dass sie sich in der Gewalt des „Schlitzers von Harlem“ befand. Ihre Zuversicht, ihm zu entkommen, war gleich Null.

Melanie Stockton hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Muffiger Geruch stieg ihr in die Nase. Melanie mutete es an wie der Geruch von Tod und Verderben. Wahrscheinlich war der Raum schon seit Monaten nicht mehr gelüftet worden. Melanie ahnte, dass hier die Mädchen festgehalten worden waren, die man später tot, mit herausgeschnittenen Herzen, aufgefunden hatte.

Ihr Peiniger hatte sie im Auto – einem weißen Ford Lincoln – bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, dann gefesselt und geknebelt und hierher gebracht. Hier war sie erst zu sich gekommen. Über ihr spannte sich eine helle Zimmerdecke. Die vier Wände waren kahl und schmucklos. An vielen Stellen war der Putz abgebröckelt.

Jetzt öffnete sich die Zimmertür, und der Killer betrat das Schlafzimmer. Es war ein großer Mann mit eingefallenen Wangen und einem dünnlippigen Mund. Seine Haare begannen sich grau zu färben. Seine Augen blickten kalt. Melanie hatte das Gefühl, unter diesem Blick frösteln zu müssen.

Der Killer beugte sich über sie. „Du bist die Nummer fünf hier in New York. Ich bin gespannt, wie lange deinesgleichen noch die Straßen unsicher macht. Pech gehabt, Kleine. Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber dann hätte es eine andere von deiner Sorte erwischt. Im Endeffekt ist es doch egal.“

Der Killer löste Melanies Fußfesseln, dann knüpfte er die Fessel um ihre Handgelenke auf. Zuletzt zog er ihr den Knebel aus dem Mund. „Zieh dich aus. Ganz nackt. Du wirst mir zu Willen sein, ehe du in die Hölle fährst. Euch zu erniedrigen ist Teil unserer Rache …“

Der Mann verstummte und lachte kehlig.

Dann erhob er wieder das Wort. „Und denk nicht, dass du mir entkommen kannst. Deine Vorgängerin hat es auch versucht. Es ist sinnlos. Also sei artig und versuch nichts.“

Da dudelte im Livingroom ein Telefon.

Der Killer packte Melanies linkes Handgelenk und drehte ihr brutal den Arm auf den Rücken. Das Mädchen schrie auf, dann beugte es den Oberkörper nach vorn, um dem Schmerz im Schultergelenk etwas entgegenzuwirken. Der Killer bugsierte sie durch die Tür, zum Tisch, auf dem sein Handy lag und griff mit der Linken nach dem Mobiltelefon. Er drückte die OK-Taste. „Was ist?“

„Das FBI – scheint mir – ist auf der richtigen Spur. Die Agenten Trevellian und Tucker waren vor einer Stunde bei mir und haben meinen Wagen beschlagnahmt. Allerdings werden sie Pech haben, denn in meinem Ford hat keines der Mädchen gesessen. Aber der Verdacht ist da. Es war dumm von dir, einen Ford Lincoln als Zweitwagen anzumelden.“

„Jeder fünfte in New York fährt wahrscheinlich einen Ford Lincoln. Außerdem habe ich zuletzt gestohlene Kennzeichen benutzt. Sollen Sie doch deinen Ford durchsuchen. Wie du schon sagtest wurde in dem Wagen nie eine der Huren befördert.“

„Wo bist du im Moment?“

„In der Wohnung in Harlem. Ich will mich ein wenig mit der Nutte vergnügen, ehe ich sie über den Jordan schicke und ihr das Herz herausschneide.“

„Verdammt, lass die Finger von den Weibern! Das bringt uns möglicherweise noch in Teufels Küche. Lass die Bullen nur auf die Idee verfallen, einen genetischen Fingerabdruck von dir zu nehmen und mit den gespeicherten DNS-Analysen zu vergleichen.“

„Keine Sorge. Ich habe den Narren ein Alibi präsentiert, als Laura Bennett entführt wurde. Ich war in der Arbeit. Die Spuren der Entführung sind mit Stevens Ford verbrannt. Ich fahre einen alten Chevy. Er wurde auf Spuren durchsucht. Ich bin aus dem Schneider. Die beiden FBI-Schnüffler lassen mich in Ruhe, nachdem der Wagen bei der Spurensicherung war.“

„Wir sollten einige Zeit aufhören. Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns Trevellian und Tucker dicht auf den Fersen sind. Ein Anfangsverdacht – scheint mir – ist vorhanden. Der Beweis fehlt den beiden Schnüfflern noch. Aber sie lassen sicher nicht locker.“

„Du machst dir viel zu viele Gedanken“, sagte Richard Jackson. „Der Verdacht nützt Trevellian und Tucker nichts. Ein Beweis lässt sich weder gegen dich noch gegen Steven finden. Ich bin über jeden Verdacht erhaben, nachdem ich ein Alibi lieferte und sich in meinem Wagen keine Spuren fanden. Aber meinetwegen. Hören wir für einige Zeit auf, Huren zu bestrafen. Ich bin allerdings der Meinung, dass gerade dies den Verdacht gegen dich und Martin verstärkt. Gerade in dieser Phase sollten wir nicht aufhören.“

„Dann musst du es alleine machen. Es ist nicht auszuschließen, dass Martin und ich überwacht werden. Erst wenn wir den Bullen über einen gewissen Zeitraum nichts liefern, was den Verdacht gegen uns erhärten könnte, werden sie ihre Aufmerksamkeit von uns nehmen.“

„Ich habe sowie fast die ganze Arbeit allein gemacht“, knurrte Jackson.

„Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Trevellian und Tucker sowohl mir wie auch Steven im Genick sitzen. Wir können uns im Augenblick keinen Fehler leisten. – Aber du hast Recht. Es würde sogar den Verdacht von uns ablenken, wenn sie uns observieren und trotzdem weiterhin Huren verschwinden und umgebracht werden. Ein besseres Alibi können Steven und ich uns gar nicht wünschen.“

„Na also. Wie sieht es bei unseren Verbündeten in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis aus? Hat Steven irgendwelche Rückmeldungen erhalten? Schließlich ist er der Boss.“

„Sibley können sie nichts am Zeug flicken. Sie können ihn lediglich wegen tätlichen Angriffs auf die Hure und eventuell wegen Körperverletzung anklagen. Er kommt innerhalb kürzester Zeit wieder auf freien Fuß. James hat in Baltimore eine Hure in seine Gewalt gebracht. Er wird ihr noch den Garaus machen. Dann ist für eine Weile Schluss. Unsere Leute werden sich in den kommenden Wochen zurückhalten.“

„Dann wird also nur der Schlitzer von Harlem sein satanisches Werk fortführen“, knurrte Jackson. Dann gewann seine Stimme einen leidenschaftlichen Ausdruck. „Das gibt mir ein Gefühl tiefer Befriedigung. Ich übe Macht aus. Macht über die Huren, die in der Kellerwohnung landen. Ich kann sie meinen Hass spüren lassen, sie demütigen, mich an ihrer Angst weiden. Und wenn ich irgendwann an Aids zugrunde gehe, werde ich die Genugtuung mit ins Grab nehmen, mich gerächt zu haben. Sie haben mein Leben zerstört. Sie sind schuld daran, dass die Frau, die ich mit jeder Faser meines Herzens liebte, mit HIV infiziert ist. Sie haben meine Ehe zerstört …“

„Du solltest klaren Kopf behalten, Rich“, sagte der Sprecher am anderen Ende der Leitung. „Wenn du dich von deinen Emotionen leiten lässt, haben sie dich schneller, als du denken kannst. Und du gefährdest auch mich und Steven.“

In diesem Moment riss sich Melanie los. Sie hatte bemerkt, dass der Druck in ihrer Schulter etwas nachließ, ein kraftvoller Ruck, und ihr Arm war frei.

„Verdammt!“, blaffte Richard Jackson. Er warf das Telefon auf den Tisch und setzte hinter Melanie her, die zur Tür gelaufen war. Melanie warf sich dagegen, drehte den Türknauf herum. Die Tür war verschlossen.

Das Mädchen wirbelte herum. Jackson sprang. Behände wich Melanie zur Seite aus. Jackson prallte gegen die Tür. Da lief Melanie schon in Richtung Schlafzimmer. Sie erreichte das Fenster und riss den Vorhang herunter. „Hilfe!“, brüllte sie. „Hiiilfe!“

Ehe sie das Fenster hochschieben konnte, war Jackson bei ihr. Er griff mit beiden Händen nach dem Mädchen, das jetzt herumwirbelte und sein Bein in die Höhe schnellen ließ. Es traf Jackson in den Leib. Ein dumpfer Ton brach aus seiner Kehle, seine Hände verkrampften sich über seinem Leib, sein Oberkörper pendelte nach vorn.

Melanie schlug ihm die kleine Faust ins Gesicht, dann stieß sie ihn zur Seite und rannte wieder in den Livingroom. Und wieder schrie sie gellend nach Hilfe.

Einer jähen Eingebung folgend packte sie einen Stuhl und warf ihn in das Fenster. Glas klirrte. Scherben regneten draußen auf den Boden. „Hilfe!“ Die Stimme des Mädchens überschlug sich. Melanie musste husten.

Jetzt kam Jackson aus dem Schlafraum. Der Hass verzerrte sein Gesicht zur dämonischen Fratze. Er hatte die Hände erhoben und zu Klauen geformt. In seinen Augen loderten der Irrsinn und die Mordlust. Dieser Mann war nicht mehr Herr seiner Sinne. Der Hass hatte ihn verrückt gemacht.

Melanie wandte sich ihm zu.

„Du bist tot“, flüsterte Jackson heiser. „Wir befinden uns hier in einer Straße mit Abbruchhäusern. Niemand hört dich dreckige Hure. Ich werde dich töten und dein Herz dem Satan opfern. Er gibt mir die Kraft, die Krankheit zu ertragen. Er hält mich am Leben, um mich zu rächen. Denn ich führe ihm Seelen zu. Seelen, die im Feuer der Hölle brennen werden, wie auch deine Seele. Er ist der Herr des Lichts – und mich wird er zum Licht führen.“

Die Besessenheit leuchtete aus seinen Augen. Das Mädchen erschauerte. Ein Eishauch schien es zu streifen.

Schnell bückte sich Melanie nach dem Stuhl, mit dem sie die Fensterscheibe zertrümmert hatte. In dem Moment, als Jackson sie ansprang, schlug sie zu. Und sie traf. Jackson ging zu Boden. Der Aufprall nahm ihm die Luft. Er japste. Melanie holte noch einmal mit dem Stuhl aus und ließ ihn auf den Killer niedersausen. Der Stuhl ging zu Bruch. Melanie hatte nur noch ein Stück der Rückenlehne in den Händen. Und damit schlug sie erneut zu.

Jackson, der im selben Moment auf die Knie gekommen war, kippte mit einem verlöschenden Seufzen zur Seite und blieb liegen.

Melanie trieb die Angst. Sie nahm ihr jeden klaren Verstand. Sie sprang zum Fenster und löste voll Panik die Verriegelung. Gezackte Scherben ragten aus den vier Seiten des Rahmens. Sie schob das Fenster hoch. Das Holz knirschte in der Führung. Das Mädchen warf noch einen gehetzten Blick auf den besinnungslosen Killer, der am Boden lag. Dann stieg es durch das Fenster und sprang ins Freie.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Ihre Hilferufe hatte wohl wirklich niemand gehört. Am Straßenrand stand ein weißer Pkw. In diesen Wagen war Melanie in der Nacht zuvor gestiegen. Es war ein Ford Lincoln.

Melanie begann zu laufen. Sie achtete nicht auf ihre Umgebung. Das Grauen trieb sie!



25

Milo und ich waren mit einem Haftbefehl nach Staten Island gefahren. Das Haus Nummer 1465 in der Rockland Avenue war verwaist. Milo öffnete mit seinem Spezialwerkzeug die Tür. Wir schauten in sämtlichen Räumen nach, auch im Keller und auf dem Dachboden.

Richard Jackson war nicht zu Hause. Ich rief das Polizeihauptquartier in Staten Island an und bat, einige Einsatzfahrzeuge und die Spurensicherung zu Jacksons Haus zu schicken. Mit knappen Worten erklärte ich dem Kollegen, dass es sich bei Richard Jackson mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den „Schlitzer von Harlem“ handelte.

Dann rief ich bei Jefferson-Industries Ltd. in New Jersey an und erfuhr, dass sich Jackson nicht in der Arbeit befand.

Es gab nur eine Möglichkeit. Er war bei dem Mädchen, das in der Nacht aus der 116. Straße entführt worden war.

Kamen wir zu spät?

Würde er Melanie Stockton grausam umbringen, während wir nach ihm fahndeten?

Natürlich hatte ich die Fahndung nach dem weißen Ford Lincoln mit dem Kennzeichen, das ich von der Kfz-Zulassungsstelle erfahren hatte, auf die Reihe gebracht. Jeder Polizist in New York wusste Bescheid. Eine Rückmeldung, dass der Wagen irgendwo gesehen worden wäre, hatte ich jedoch noch nicht erhalten.

Da dudelte mein Handy. Es war ein Kollege vom Police Department. Er sagte: „Man hat mir im Field Office Ihre Handynummer gegeben, Trevellian. Eine Frau namens Melanie Stockton ist völlig aufgelöst von einer Polizeistreife in Harlem angetroffen worden. Sie behauptet, dem Schlitzer von Harlem entkommen zu sein. Leider war sie völlig verwirrt und orientierungslos.“

„Großer Gott“, entfuhr es mir. „Wo befindet sich das Mädchen jetzt?“

„Im Polizeirevier in Harlem. Das Girl ist total außer sich, stammelte ziemlich wirres Zeug, spricht von Rache und Satanskult und ist mit den Nerven völlig am Ende.“

„Halten Sie Melanie Stockton auf jeden Fall fest“, sagte ich. „Und – seien Sie versichert – wie es scheint, ist sie tatsächlich einem geistesgestörten Mörder entkommen.“

Ich drückte die Aus-Taste. Dann schaltete ich die Sirene ein, Milo setzte das Blinklicht auf das Autodach. Und dann raste ich in Richtung Bayone Bridge, um nach New Jersey und von dort aus nach Manhattan zu gelangen.



26

Josh Meredith ließ sich mit einem Taxi zum Malcolm Boulevard chauffieren. Er bezahlte den Cabby, wartete, bis dieser in der nächsten Querstraße verschwunden war, dann setzte er sich in Bewegung.

Sein Ziel war die 121. Straße.

Vor einem Backsteinbau stand ein weißer Ford Lincoln. Josh Meredith schaute sich um. Niemand war zu sehen. Er stieg die Stufen zu der Kellerwohnung hinunter. Das Fenster neben der Eingangstür war zerschlagen. Scherben lagen auf dem Beton des engen Ganges, der von der Treppe zur Eingangstür führte.

Die Tür ließ sich nicht öffnen. Sie war von ihnen verschlossen.

Josh Meredith warf einen Blick durch das Fenster. Am Tisch saß Richard Jackson. Er presste sich ein Taschentuch gegen die Stirn. „Lass mich rein, Rich“, sagte Meredith.

Ächzend erhob sich Richard Jackson. Er musste sich am Tisch festhalten. Sekundenlang stand er schwankend wie ein Schilfrohr im Wind, dann ging er mit stockenden Schritten zu einem Schlüsselbrett, nahm den Türschlüssel und schloss auf.

Meredith betrat die Wohnung und drückte hinter sich die Tür ins Schloss. „Was ist geschehen?“

„Das verdammte Luder hat mich niedergeschlagen und ist geflohen.“

„Und da sitzt du so ruhig ‘rum?“, entrang es sich Meredith.

„Ich bin eben erst zu mir gekommen. Keine Ahnung, wie lange ich ohne Besinnung war. Wir haben doch miteinander telefoniert …“

„Darum bin ich hergekommen. Das war vor einer knappen halben Stunde. Der erste Weg der Hure wird zu einer Polizeistation geführt haben. Ein Wunder, dass die Bullen noch nicht hier sind.“

„Verschwinden wir!“

„Langsam.“ Josh Meredith griff unter seine Jacke. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Glock. Die Mündung deutete auf Richard Jackson. Die Waffe war geladen und entsichert. „Du hast dich zu einem Risikofaktor entwickelt, Rich. Die Hure kann dich beschreiben. Trevellian und Tucker werden sofort wissen, an wen sie sich halten müssen. Es steht viel zu viel auf dem Spiel.“

Mit dem letzten Wort drückte Meredith ab. Die Wucht der Kugel riss Richard Jackson von den Beinen. Er krümmte sich am Boden, seine Hände waren vor der Brust verkrampft. Mit einem verlöschenden Gurgeln starb er.

Meredith verstaute die Glock wieder unter seiner Jacke. Er nahm das Mobiltelefon, das auf dem Tisch lag, an sich und steckte es ein. Dann holte ein paar Latexhandschuhe, wie sie in jedem Autoverbandskasten zu finden waren, aus der Jackentasche, zog sie sich über und öffnete die Tür. Da schien ihm etwas einzufallen. Er ging noch einmal in die Wohnung zurück. Am Schlüsselbrett hing ein Schlüsselbund. Ein Autoschlüssel war daran befestigt. Meredith nahm den Schlüsselbund an sich. Dann verließ er die Wohnung. Er öffnete per Fernsteuerung die Zentralverriegelung des Ford. Die Türknöpfe sprangen heraus. Meredith öffnete den Kofferraum. Da lag ein Reservekanister. Der Verbrecher griff danach. Der Kanister war leer. Meredith fluchte in sich hinein.

Er warf den Kanister wieder in den Kofferraum, schlug den Deckel zu und ging zur Fahrertür. Er klemmte sich hinter das Steuer, führte den Zündschlüssel ins Zündschloss, startete den Motor und fuhr an.

Josh Meredith fuhr mit dem Fahrzeug in den Central Park, stellte es in der Transverse Road No. 4 ab und verschloss es. Die Schlüssel warf er ins Gebüsch. Jetzt erst zog er die Latexhandschuhe wieder aus. Er warf sie unter das Fahrzeug und entfernte sich zu Fuß. In der 96. Straße stieg er in ein Taxi und ließ sich zu seiner Wohnung in der Henry Street chauffieren.

Er zog sich aus und legte sich ins Bett.

Den Betrieb hatte er mit der Entschuldigung verlassen, dass er sich nicht wohl fühle. Diesen Schein wollte er wahren, sollte jemand an seiner Tür läuten. Er dachte dabei an die Special Agents Trevellian und Tucker.



27

Melanie Stockton war zum Polizeirevier in der 119. Straße Ost gebracht worden. Dieses Revier war für den 25. Bezirk zuständig, zu dem auch Harlem gehört.

Als wir ankamen, hatten die Beamten herausgefunden, dass sie in einer Kellerwohnung in einer Straße festgehalten worden war, in der es fast nur verlassene, abbruchreife Gebäude gebe. Sie habe den Mann, der sie sie festgehalten habe, mit einem Stuhl niedergeschlagen und sei dann durchs Fenster geflohen.

Melanie war fix und fertig. Sie war mit ihrer Psyche am Ende. Um sie würde sich wohl ein Psychologe kümmern müssen. Als ich mit ihr sprechen wollte, konnte sie nur hemmungslos weinen.

„Da es sich nur um die hunderteinundzwanzigste Straße handeln kann“, meinte einer der Cops, die sich um das Mädchen gekümmert hatten, „habe ich einen Streifenwagen dorthin geschickt. Eine Rückmeldung habe ich noch nicht erhalten. Nun, das kann dauern. Die hunderteinundzwanzigste endet beim Marcus Garvey Park und setzt sich im Westen fort. Zu bemerken ist, dass es auf der Westseite noch viele Bewohner gibt.“

Da klingelte auch schon das Telefon auf dem Schreibtisch des Cops. Er nahm den Hörer ab, lauschte, nickte und senkte die Hand mit dem Hörer. „In einer der Kellerwohnung haben die Kollegen eine männliche Leiche entdeckt. Der Mann wurde erschossen. Wahrscheinlich handelt es sich um die Wohnung, in der das Girl festgehalten wurde.“

Milo und ich fuhren sofort hin. Vor dem Gebäude stand das Patrolcar, so dass wir es gar nicht verfehlen konnten. Noch war niemand von der Mordkommission oder von der Spurensicherung da. Milo und ich gingen in die Wohnung. Das Fenster neben der Tür musste von innen zerschlagen worden sein, denn die Scherben lagen außerhalb der Wohnung.

„Heh, hier gibt es nichts zu glotzen“, empfing uns einer der Cops, als wir die Wohnung betraten. „Verschwindet …“

„FBI“, sagte ich. „Special Agent Trevellian, mein Kollege Tucker. Wir befanden uns gerade im Revier, als Ihr Anruf einging.“ Ich hatte meine ID-Card gezückt und hielt sie dem wenig freundlichen Burschen vor die Nase.

„In Ordnung“, sagte er. „Fassen Sie nichts an und lassen Sie alles, wie es ist, damit die Spurensicherung alles unverändert vorfindet.“

„Wir sind schon ein paar Tage dabei“, knurrte ich gereizt. „Darum wissen wir Bescheid.“

Der Leichnam lag mit dem Rücken zu uns am Boden. Ich sah die Haare des Mannes, die sich bereits grau zu färben begonnen hatten. Ich ging um den Toten herum und erkannte ihn auf Anhieb.

„Jackson!“, entfuhr es mir. „Milo, es ist Richard Jackson.“

„Das ist ‘n Hammer“, stieß Milo hervor und kam an meine Seite. „Also hatte er doch etwas mit den Morden an den Freudenmädchen zu tun.“

„Satansjünger und mit HIV infiziert. Wegen des Motivs, das ihn geleitet hat, brauchen wir wohl nicht lange nachzudenken.“

„Er war aber nicht allein“, wandte Milo ein. „Sein Mörder dürfte zu dem Verein gehören.“

„Wo sich wohl der Ford Lincoln befindet, mit dem er die Girls entführt und hierher geschafft hat?“

„Vielleicht hat ihn der Mörder weggefahren.“

Ich nickte. Anders konnte es nicht sein. „Wahrscheinlich hat sich Jackson zu einem Risiko entwickelt, nachdem Melanie Stockton entkommen konnte“, sagte ich. „Bemerkenswert ist die Kaltblütigkeit, mit der der Mörder vorgegangen ist. Er musste doch damit rechnen, dass jeden Moment die Polizei auftaucht, nachdem Melanie die Flucht gelungen war.“

„Ja“, pflichtete Milo mir bei, „das ist in der Tat von einer Unverfrorenheit, die ihresgleichen sucht.“

Einer der beiden Cops ging hinaus. Wir folgten ihm. Er setzte sich auf den Beifahrersitz des Einsatzfahrzeuges. Ich sah, wie er sich das Mikrofon des Funkgerätes schnappte. Ich ging zu ihm hin und hörte ihn sagen: „… handelt es sich nach der Aussage des FBI-Mannes um einen gewissen Richard Jackson. Auf dem Bett im Schlafzimmer der Wohnung liegen einige Schnüre. Es ist also sicher, dass es sich um die Wohnung handelt, in der das Mädchen festgehalten wurde. Um den Schlupfwinkel des Schlitzers.“

„Mordkommission und Spurensicherung sind informiert“, kam es aus dem Mikro. Sie werden innerhalb der nächsten Minuten eintreffen. Bleibt bei der Wohnung. Niemand darf sie betreten …“

Ich ließ mir das Mikrofon geben und sagte: „Hier spricht Special Agent Trevellian, FBI. Veranlassen Sie sofort die verstärkte Fahndung nach einem weißen Ford Lincoln, Zulassungsnummer …“ Ich gab die Nummer durch. Dann endete ich: „Mit dem Wagen ist vielleicht der Mörder Jacksons unterwegs.“

Ich übergab dem Cop wieder das Mikro.

Nach einiger Zeit kamen die Kollegen von der Mordkommission und der Spurensicherung. Es erschienen auch weitere Streifenfahrzeuge, die die Gegend um das Haus mit der Leiche absperrten. Einige Reporter erschienen. Schließlich tauchten ein Vertreter der Staatsanwaltschaft und der Coroner auf …

Und dann kam der Funkspruch, dass ein weißer Ford Lincoln im Central Park aufgefunden worden war. Er war mit gestohlenen Kennzeichen ausgestattet.

Es konnte nur der Wagen sein, den wir suchten.

Milo und ich verließen die 121. Straße und fuhren zur Transverse Road No. 4 in den Central Park. Ein Abschleppwagen war bereits an Ort und Stelle. Die Besatzungen zweier Streifenwagen waren anwesend. Ich gab zu verstehen, dass der Ford zum Gelände der SRD zu bringen sei.

Jetzt mussten wir nur noch die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten.

Zwei Tage später wussten wir Bescheid.

In dem Ford Josh Merediths waren keine Spuren von den ermordeten Mädchen gefunden worden. Man hatte aber die DNS des Wagenbesitzers analysiert. Im Wagen, der in der Transverse Road No. 4 gestanden hatte, wurden Spuren von Laura Bennett und Melanie Stockton gefunden. Man hatte auch an der Rückenlehne des Fahrersitzes Haare gefunden und analysiert. Die meisten stammten von Richard Jackson.

Ein Haar aber stammte von – Josh Meredith.

Der Abgleich der DNS-Analysen hatte es eindeutig ergeben.

Josh Meredith, der Bruder Carol Jacksons, hatte in dem Wagen gesessen, in dem Laura Bennett und Melanie Stockton befördert worden waren.

Er gehörte also zu der Bande, die sich auf die Ermordung Prostituierter spezialisiert hatte. Und er war wahrscheinlich der Mörder Richard Jacksons.

Wir fuhren zu seiner Wohnung in der Henry Street.

Josh Meredith war nicht zu Hause.

Also fuhren wir zur Welsh Cooperation in der Leroy Street, wo Meredith als Buchhalter beschäftigt war.

Als wir sein Büro betraten, diktierte er gerade seiner Sekretärin einen Brief oder etwas in der Art. Da wir ohne anzuklopfen in sein Büro geplatzt waren, kniff er die Augen eng, über seiner Nasenwurzel erschienen zwei steile Falten, er schnappte: „Was fällt Ihnen ein …“

Und dann schien er zu begreifen.

Jetzt ging alles blitzschnell.

Meredith griff rechts in seinen Schreibtisch. Plötzlich hielt er eine Pistole in der Hand. Er hielt sie auf seine Sekretärin angeschlagen.

Milo und ich waren überrumpelt. Mit dieser Reaktion des Gangsters konnten wir nicht rechnen.

Jetzt sprang Meredith auf. Sein Bürostuhl rollte ein Stück zurück. „Lassen Sie nur Ihre Pistolen stecken, G-men“, stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Oder ich erschieße Kath.“

Die Sekretärin war steif vor Schreck.

Meredith trat hinter sie, legte ihr den linken Arm um den Hals und zog sie in die Höhe. „Rühren Sie sich nicht vom Fleck“, knurrte er und drückte Kath die Pistolenmündung unter das Kinn.

Die Frau schien gar nicht zu begreifen, was mit ihr geschah. Lediglich in ihren weit aufgerissenen Augen spiegelten sich Schreck und Entsetzen wider.

„Geben Sie auf, Meredith“, sagte ich. „Sie machen alles nur noch schlimmer.“

Der Gangster lachte klirrend auf. „Ich kann nichts mehr schlimmer machen. Was gibt es Schlimmeres als Mord? Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Städte von den elenden Huren zu säubern, die skrupellos Elend über die Menschheit bringen. Mein Schwager war dem Tod geweiht, meine Schwester wird sterben, hunderte – tausende sind gestorben und werden noch an Aids zu Grunde gehen.“

„Wer ist wir?“, fragte ich.

Meredith bewegte sich rückwärtsgehend auf die Tür zum Nebenzimmer zu. Es war das Büro seiner Sekretärin.

„Das würden Sie gern wissen, Trevellian, wie? Aber ich werde es Ihnen nicht sagen. Wie sind Sie auf mich gekommen?“

„Sie haben in Jacksons Ford Lincoln Ihren genetischen Fingerabdruck hinterlassen. Warum musste Jackson sterben?“

Meredith richtete die Pistole auf mich. „Stellen Sie sich dort an die Wand“, kommandierte er, ohne auf meine Frage einzugehen. „Auch Sie, Tucker. Vorher aber legen Sie Ihre Waffen auf den Fußboden.“

Er hatte fast die Tür erreicht, die ins Nachbarbüro führte.

„Wird‘s bald?“ Meredith drückte wieder seiner Geisel die Mündung unter das Kinn. Jeder Zug im Gesicht der Frau drückte jetzt Angst und Schrecken aus. Sie schien begriffen zu haben, dass sie sich in der Gewalt eines gewissenlosen Killers befand.

Vorsichtig zogen Milo und ich unsere Pistolen, legten sie auf den Fußboden und traten zurück. Ich ließ Meredith nicht aus den Augen. Ein entschlossener Ausdruck hatte sich um seinen Mund festgesetzt. Dieser Mann würde über Leichen gehen. Das war mir plötzlich klar.

„Haben Sie allen Ernstes angenommen, Sie könnten die Prostitution bekämpfen und ausmerzen?“, fragte Milo.

„Jede tote Hure war ein Gewinn für die Menschheit. Jackson war der Vollstrecker. Er betete zum Satan. Die Herzen der Huren opferte er. Wir ließen es zu, weil es nach Ritualmorden aussah. Um eine falsche Spur zu legen, wurden auch in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis den Huren die Herzen herausgeschnitten.“

„Beinahe wäre es Ihnen gelungen, eine falsche Spur zu legen“, sagte ich. „Wir ermittelten zunächst in Richtung Ritualmord.“

„Wir haben Sie beide unterschätzt, Trevellian. Wie sind Sie uns auf die Spur gekommen?“

„Ihnen das jetzt zu erzählen würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen, Meredith. Sagen Sie uns, wer noch zu Ihrem Killerverein gehört. Ist es Dr. Martin?“

Meredith nahm seinen Arm vom Hals der Frau. „Hol deine Autoschlüssel, Kath!“, kommandierte er. „Und versuch lieber nicht zu fliehen. Eine Kugel ist immer schneller als du.“

Er versetzte seiner Sekretärin einen Stoß. Die Frau taumelte zur Seite und war für uns nicht mehr zu sehen. Meredith ließ die Mündung der Pistole über mich und Milo pendeln.

Plötzlich holte er mit der linken Hand ein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Ohne seine Aufmerksamkeit länger als einen Sekundenbruchteil von Milo und mir zu nehmen, klickte er eine Nummer her, dann drückte er den Verbindungsknopf. Gleich darauf sagte er: „Sie haben uns. Ich habe eine Geisel. Trevellian und Tucker stehen in meinem Büro. Ich fahre mit der Geisel zur Wohnung meiner Schwester. Du solltest auch hinkommen.“

Meredith lauschte. Sein Gesprächspartner redete einige Zeit auf ihn ein. Schließlich sagte Meredith: „Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Aber denk nur nicht, dass ich den Kopf allein in die Schlinge stecken werde. Wir treffen uns in einer halben Stunde bei Carol. Und dann sehen wir weiter.“

Meredith unterbrach die Verbindung und ließ das Handy wieder in die Jackentasche gleiten. „Bist du bereit, Kath?“

„Ja“, kam es zaghaft von der Frau, die wir nicht sehen konnten.

„Sie haben gehört, dass ich zu meiner Schwester will. Versuchen Sie nicht, mich aufzuhalten, Trevellian, Tucker. Kath würde dafür bezahlen. Wenn ich bei Carol bin, werde ich meine Forderungen stellen.“

Meredith verschwand aus der Tür.

Ich hörte einen ersterbenden Aufschrei, als er sich wahrscheinlich wieder die Geisel schnappte.

Fast gleichzeitig traten Milo und ich vor. Wir hoben unsere Pistolen auf, dann öffnete ich die Tür zum Korridor. Ich trat hinaus. Meredith hielt seine Sekretärin wie ein lebendes Schutzschild vor sich. Rückwärts gehend bewegte er sich in Richtung Treppenhaus. Dort gab es auch einen Aufzug.



28

Ich rief von Merediths Büro aus Mr. McKee an und berichtete ihm, was vorgefallen war.

Der Chef machte mir keine Vorwürfe. Er sagte: „Das sind Nachrichten, die ich nicht so gern höre. Ich werde veranlassen, dass ein Polizeiaufgebot in Brooklyn bereit steht. Begeben Sie und Milo sich ebenfalls dorthin, Jesse. Wir werden uns anhören, was Meredith fordert. Und dann sehen wir weiter.“

„Die Kollegen sollen Meredith auf jeden Fall ungeschoren passieren lassen“, sagte ich.

„Natürlich“, sagte der Chef. „Die Geisel darf auf keinen Fall gefährdet werden. – Ob Carol Jackson mit ihrem Bruder gemeinsame Sache gemacht hat?“

„Ich weiß es nicht, Sir. Ich will es aber nicht ausschließen.“

Milo stand am Fenster und schaute in den Hof hinunter. Als ich aufgelegt hatte, sagte er: „Meredith und seine Geisel sind mit einem Mitsubishi Galant weggefahren. Die Farbe des Wagens ist dunkelgrün. Wir sollten uns beeilen!“

Wir fuhren von der Leroy Street zur Houston Street und folgten ihr nach Osten. Auf der Bowery wandten wir uns nach Süden und erreichten bald die Williamsburg Bridge. Auf dem Brooklyn-Queens Expressway wandten wir uns in Richtung Brooklyn.

Dann erreichten wir das Gebäude, in dem Carol Jackson wohnte.

Der grüne Mitsubishi stand vor der Tür. Meredith und Kath, seine Sekretärin, saßen noch drin.

Ich sah einige Einsatzfahrzeuge des Police Department. Das Haus war sozusagen umstellt. Sicher hatten sich auch einige Scharfschützen der Polizei in den umliegenden Gebäuden postiert.

Ich stellte den Sportwagen etwa 100 Yards von dem Wohnhaus entfernt hinter einem Patrolcar ab. Zwei Polizisten, die ihre Pistolen in den Händen hielten, waren hinter dem Fahrzeug in Deckung gegangen.

Ich wies mich aus und erkundigte mich nach dem Einsatzleiter.

Sein Name war Chessman. Sein Dienstrang Captain. Er hatte sich hinter einem Mannschaftstransportwagen der State Patrol verschanzt. Einige andere Uniformierte waren bei ihm.

Milo und ich liefen zu dem Captain hin.

„Was ist los?“, fragte ich. „Warum sitzen Meredith und die Geisel noch in dem Mitsubishi?“

„In Carol Jacksons Wohnung befindet sich Merediths Komplize. Sein Name ist uns unbekannt. Er droht, Carol Jackson zu erschießen, sollte auch nur ein Polizist das Haus betreten. Wir stehen mit dem Mann telefonisch in Kontakt. Er fordert ein vollgetanktes Fluchtfahrzeug und ein startklares Flugzeug auf dem La Guardia Airport.“

„Sein Name ist schätzungsweise Steven Martin“, sagte ich. „Dr. Steven Martin. Dozent an der Columbia Universität. Er dürfte der Kopf der Bande sein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die illegale Prostitution in New York und ein paar weiteren Großstädten auszumerzen. Lässt er Meredith nicht in die Wohnung?“

„Meredith, so scheint es, wartet ab, ob wir auf die Forderung seines Komplizen eingehen. Wahrscheinlich steht auch er mit Martin in Verbindung.“

„Ich kann es kaum glauben, dass Meredith es gutheißt, dass Martin seine Schwester als Geisel genommen hat“, sagte Milo. „Ihretwegen hat er ja wohl der illegalen Prostitution den Krieg erklärt.“

„Was hat Carol Jackson für eine Telefonnummer?“, fragte ich und zückte mein Handy.

Der Captain diktierte mir die Zahlen, ich tippte sie und ging auf Verbindung.

„Was ist?“, kam es aus dem Lautsprecher. „Gehen Sie auf meine Forderung ein? Sie wollen doch nicht Carol Jacksons Leben aufs Spiel setzen?“

„Hier spricht Trevellian, FBI New York“, sagte ich. „Hallo, Dr. Martin. Glauben Sie allen Ernstes damit durchzukommen? Sie wissen doch, dass der Polizeiapparat nicht erpressbar ist. Warum ergeben Sie sich nicht?“

„Woher wissen Sie, dass ich … Hat Meredith, dieser verdammte Narr, meinen Namen genannt?“

„Nein. Es war nicht schwer, es herauszufinden, Dr. Martin. Nachdem Ihr Ford in Flammen aufgegangen war, stand es für mich fest, dass Sie zu der Bande gehören. Zwischenzeitlich bin ich sogar davon überzeugt, dass Sie der Boss sind. Sie waren seit Jahren mit dem Elend der HIV-Infizierten konfrontiert worden. Das ließ Ihren Frust, aber auch Ihren Hass anwachsen. Schließlich fanden sich ein paar Betroffene, die Sie vor Ihren Karren spannen konnten. Liege ich richtig mit meiner Annahme, Professor?“

„Ja, Trevellian, Sie sind ein ziemlich schlauer Bursche. Ihnen kann man so schnell nichts vormachen, wie?“ Es klang zynisch. „Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich im Moment am Drücker bin. Ich warte jetzt noch genau eine Viertelstunde. Und wenn dann der Fluchtwagen nicht vor der Tür steht, erschieße ich Carol.“

„Warum nehmen Sie nicht den Mitsubishi, in dem Meredith und seine Geisel sitzen?“

„Was interessiert mich Meredith. Ich habe mit ihm gesprochen. Er will, dass ich seine Schwester freilasse. Doch ich denke nicht dran.“

„Warum nicht? Meredith hat seine Sekretärin als Geisel. Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Martin. Ich stelle mich Ihnen im Austausch gegen Carol Jackson und Merediths Sekretärin als Geisel zur Verfügung. Nehmen Sie mit Meredith Kontakt auf und besprechen Sie mit ihm meinen Vorschlag.“

„Nein, o nein, Trevellian. Sie legen mich nicht herein. Carol Jackson ist und bleibt mein Faustpfand. Es sind jetzt noch dreizehn Minuten, Trevellian!“

„Wenn Sie die Geisel erschießen, haben Sie auch verloren, Martin. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar.“

„Lebendig kriegt ihr mich nicht!“, stieß Martin wild hervor. „Und ihr werdet Carol Jackson auf dem Gewissen haben.“

„Sie bekommen das Auto“, versprach ich.

„Das will ich Ihnen auch geraten haben, Trevellian“, schnaubte der Gangster, den ich für geistesgestört hielt. Die Idee, die seinen Verbrechen zu Grunde lag, zeugte davon. Aber gerade das machte ihn unberechenbar und gefährlich.

Ich unterbrach die Verbindung.

In diesem Moment sagte Captain Chessman: „Einer unserer Scharfschützen hat Meredith im Visier. Soll ich Befehl geben, den finalen Rettungsschuss abzufeuern?“

„Nein“, sagte ich schnell. „Wenn wir Meredith erschießen, könnte Martin die Nerven verlieren.“

Chessman rief dem Beamten, der das Funkgerät bediente, eine entsprechende Antwort zu. Der Cop hob das Mikrofon vor seinen Mund und sagte etwas.

Ich sagte zu Chessman: „Lassen Sie einen Streifenwagen vorfahren …“

„Er will auch ein Flugzeug“, stieß Chessman hervor.

„Ich denke nicht, dass Martin bis zum Airport kommt“, versetzte ich.

„Was haben Sie vor?“

„Zunächst einmal müssen wir versuchen, Meredith zu überwältigen. Es muss so ablaufen, dass Martin nichts davon mitkriegt. Es wäre vielleicht gut, Milo, wenn du den Streifenwagen vor die Haustür fahren würdest.“

„Meredith kennt mich“, gab Milo zu bedenken. „Er wird sofort Verdacht schöpfen.“

„Du wirst den Wagen hinter den Mitsubishi fahren und ihn verlassen. Du bleibst neben dem Fahrzeug stehen. Ich werde zwischen den vorderen Rückenlehnen und dem Rücksitz verborgen sein. Während Meredith sein Augenmerk ausschließlich auf dich richten wird, krieche ich aus dem Einsatzfahrzeug und robbe zur Fahrerseite des Mitsubishi. Ich werde mich im toten Winkel zu Meredith befinden, der auf dem Beifahrersitz sitzt. Und dann muss alles blitzartig ablaufen. Während ich die Sekretärin aus dem Auto zerre, rennst du zur Beifahrertür und überwältigst Meredith.“

„Das kann verdammt ins Auge gehen“, murmelte Milo.

„Vor allem müssen wir verhindern, dass ein Schuss fällt“, sagte ich achselzuckend. „Martin darf nicht mitkriegen, was vor dem Haus passiert. Er muss der Überzeugung sein, dass wir ihm freien Abzug gewähren.“

„Ihr Einsatz gegen Meredith wird ihm nicht verborgen bleiben“, wandte Chessman ein.

„Er müsste sich aus dem Fenster beugen, um sehen zu können, was sich vor der Haustür abspielt“, antwortete ich. „Und das wird er nicht wagen, da er weiß, dass rundum in den Gebäuden Scharfschützen versteckt sind.“

Chessman schaute skeptisch.

Dann aber gab er Befehl, einen Streifenwagen zu bringen.

Ich rief noch einmal Martin an. „Sie bekommen ein Einsatzfahrzeug. Auf die Schnelle ein ziviles Auto herbeizuschaffen ist unmöglich. Wird Ihr Komplize Meredith die Ruhe bewahren, wenn das Einsatzfahrzeug auf ihn zukommt?“

„Ich sagte Meredith Bescheid“, kam es von Martin.

Das Patrolcar kam. Der Wagen hielt an einer Stelle, an der es den Gangstern nicht möglich war, ihn zu beobachten.

Ich kroch in den Fußraum zwischen Vorder- und Rücksitzen. Milo setzte sich hinter das Steuer und fuhr vor die Tür des Gebäudes, in dem Carol Jackson wohnte. Er parkte das Fahrzeug unmittelbar hinter dem Wagen, in dem Meredith und dessen Geisel saßen.

Mein Partner stieg aus. Er ließ die Tür offen. Im Schutz der aufstehenden Fahrertür öffnete ich die linke hintere Tür und kroch auf den Gehsteig. Milo ging vorne um das Einsatzfahrzeug herum. Er hatte die Hände in Schulterhöhe angehoben. Wenn meine Rechnung nicht aufging, dann hing sowohl Milos Leben an einem seidenen Faden wie auch das Leben der Geisel in dem Mitsubishi.

Ich hatte die SIG Sauer in der rechten Faust. Noch schien Meredith mich nicht entdeckt zu haben. Auf allen Vieren bewegte ich mich dicht an der linken Seite des Mitsubishi nach vorne. Und dann riss ich die Fahrertür auf. Meine Linke schoss hoch und erwischte die Sekretärin am Arm. Ein scharfer Ruck, die Frau kippte mir entgegen. Ich kam halb hoch und richtete die P226 auf den Gangster auf dem Beifahrersitz, der noch keine Zeit gefunden hatte, zu reagieren. Doch jetzt schlug er seine Waffe auf mich an.

Da riss auch schon Milo die Tür auf der Beifahrerseite auf.

Die Hand Merediths mit der Waffe zuckte zu ihm herum.

„Fallen lassen!“, peitschte meine Stimme.

Milo aber schlug schon zu. Meredith bekam den Lauf der P226 gegen die Stirn und sackte auf dem Sitz zusammen. Mit einem Griff entwand Milo ihm die Pistole. Ich vermutete, dass mit dieser Waffe Richard Jackson erschossen worden war.

Handschellen klickten. Milo ließ Meredith auf dem Beifahrersitz und drückte die Tür zu. Er kam um den Mitsubishi herum. Ich half schon Kath, der Sekretärin, auf die Beine. Die Frau schluchzte. In ihrem Gesicht zuckten die Nerven. Ihre Augen waren gerötet vom Weinen.

Ich bedeutete Milo, Kath zu Captain Chessman zu bringen. Milo führte die Frau davon. Er blieb auf der Seite, auf der sich das Gebäude befand, in dem sich Steven Martin verschanzt hatte. So konnte Martin sie von der Wohnung aus nicht sehen, es sei denn, er hätte sich aus dem Fenster gebeugt.

Ich ging auf der dem Haus abgewandten Seite des Einsatzfahrzeuges auf Tauchstation und gab Chessman ein Zeichen. Der Captain verschwand hinter dem Mannschaftstransportwagen aus meinem Blickfeld. Ich vermutete, dass er jetzt mit Steven Martin telefonierte. Milo überquerte mit Kath etwa 100 Yards entfernt die Straße.

Wenig später tauchte Chessman wieder auf und bedeutete mir, dass es gleich so weit sei.

Milo war mit Kath hinter dem Fahrzeug, bei dem Chessman postiert war, verschwunden. Dass es uns gelungen war, die Sekretärin aus der Gewalt des Gangsters zu befreien, verschaffte mir eine immense innere Befriedigung. Wenn es uns jetzt auch noch gelang, Carol Jackson zu befreien, dann würde uns wieder einmal ein voller Erfolg in der Verbrechensbekämpfung beschieden sein.

Einige Minuten verstrichen. Dann erschien Steven Martin mit seiner Geisel in der Haustür. Er hatte den linken Arm von hinten um Carol Jacksons Hals geschlungen und hielt der Frau die Mündung seiner Waffe gegen die Schläfe. Langsam bewegten sich der Gangster und die Geisel auf das Einsatzfahrzeug zu. Martin gebot Carol, die Tür zu öffnen. Dann musste sie einsteigen und vom Beifahrersitz auf den Fahrersitz rutschen. Dicht hinter ihr stieg Steven Martin ein.

Ich lauerte neben der Fahrertür. Jetzt riss ich sie auf. Als ich nach Carols Jacksons Arm greifen wollte, um sie aus dem Wagen zu reißen, reagierte Martin schon. Sein Gesicht verzerrte sich, seine Hand mit der Pistole zuckte etwas herum. Die Mündung starrte mich an …

Für mich gab es nichts zu überlegen. Ich drückte ab. Meine Kugel warf den Professor gegen die Tür. Seine Faust mit der Pistole sank nach unten. Der entsetzte Blick des Verbrechers war auf mich gerichtet. Und plötzlich fiel sein Kopf nach vorn. Sein Kinn sank auf die Brust. Die Hand, die die Pistole hielt, öffnete sich. Die Leere des Todes hielt Einzug in seinem Gesicht.

Ich atmete auf.

Die Gefahr war gebannt.

Milo kam mit langen Sätzen die Straße herauf.



29

Steven Martin war tot.

Aber wir hatten Josh Meredith. Und dessen Zunge löste sich, als er merkte, dass er der einzige war, der für die Verbrechen hier in New York zur Verantwortung gezogen werden konnte. Er versuchte für sich herauszuholen, was herauszuholen war. Die Idee, sich an den Prostituierten zu rächen, sei von Steven Martin gekommen. Über Carol Jackson hatte Dr. Martin ihn, Josh Meredith, und Richard Jackson, einen unmittelbar und einen mittelbar Betroffenen also, kennengelernt und für seine Idee gewinnen können. Auch in den anderen Städten hatten sich Betroffene bereit erklärt, mitzumachen.

Meredith verriet die Namen der Gangster, die unter den Prostituierten in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis Angst und Schrecken verbreiteten. Es fiel auch der Name Jules Sibley, der Name des Mannes also, der der Agentin Liz Tanner in Indianapolis ins Netz gegangen war.

Meredith stellte sich der Anklage als Kronzeuge zur Verfügung. Dafür würde der Staatsanwalt für ihn nicht die Todesstrafe fordern. Die Freiheit aber würde er nie wieder sehen.

Die Verbrecher in den anderen Städten zu verhaften war nur noch Formsache.

Der Fall war gelöst.

Der „Schlitzer von Harlem“ war in Wirklichkeit eine verbrecherische Interessengemeinschaft, die von einem Wahnsinnigen angeführt worden war.

Die Verbrecher würden verurteilt werden. Dem Gesetz war Genüge getan. Doch Ruhe würde in mein und Milos Leben nicht einkehren. Der nächste Fall wartete schon.


ENDE

Trevellian und die tödlichen Millionen


Krimi von Pete Hackett


Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.


Achtzehn Millionen Dollar sind genauso viele Gründe, eine krumme Tour zu reiten. James Sanders wird mit seinem Lotteriegewinn nicht glücklich, denn kaum hat er das Geld auf dem Konto, da wird seine Frau entführt, und die Kidnapper fordern die gesamte Summe. Entführung fällt in die Zuständigkeit des FBI, und die besten Agenten ermitteln.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Die Türglocke läutete bei James Sanders. Er schlug die Augen auf. Finsternis umgab ihn. Die rote Digitalanzeige des Radioweckers zeigte 0 Uhr 35 an. Es läutete erneut.

James Sanders fluchte in sich hinein, schleuderte die Bettdecke von sich und schwang die Beine aus dem Bett. Dann drückte er sich hoch. Schlaftrunken taumelte er zur Tür, kam in den Livingroom, machte Licht und durchquerte ihn. Dann war er bei der Apartmenttür. Er schaute durch den Spion, konnte aber niemand sehen. Also öffnete er die Tür soweit, wie es die Sicherungskette zuließ.

Etwas Schweres prallte gegen das Türblatt. Es gab einen trockenen Krach. Die Kette wurde aus der Verankerung gerissen. Die Tür flog auf und traf James Sanders an der Stirn. Im nächsten Moment glitt eine Gestalt zur Tür herein, etwas Stahlhartes traf James Sanders an der Schläfe. Seine Sinne schwanden. Er brach wie vom Blitz getroffen zusammen!

Zwei Männer drangen in die Wohnung ein. Sie waren maskiert. Einer hielt eine Glock in der rechten Hand. Damit hatte er James Sanders niedergeschlagen. Der andere schloss die Tür hinter sich. Zielstrebig schritten die beiden zur Schlafzimmertür.

„Was ist denn los, James?“, fragte die müde Stimme einer Frau.

Einer der Maskierten machte Licht. Er richtete die Pistole auf Barbara Sanders. Mit einem Ruck saß die Frau. Schlagartig war sie hellwach. „Was …“

„Steh auf und zieh dich an. Mach schon.“

Im Livingroom ächzte James Sanders.

„Kümmere dich um ihn“, knurrte der Gangster mit der Pistole.

Sein Kollege schwang wortlos herum und ging zu James Sanders hin. Der war zu sich gekommen, hatte sich aufgesetzt und drückte seine Hand gegen die Stelle, an der ihn die Pistole getroffen hatte. Im Lichtschein, der aus dem Schlafzimmer fiel, war sein Gesicht gut zu erkennen. Seine Augen drückten Verständnislosigkeit aus.

Der Gangster zog einen Kabelbinder aus Plastik aus der Jackentasche, und ehe James Sanders sich versah, waren seine Hände auf den Rücken gefesselt. „Großer Gott“, keuchte er, „was …“

„Keine Fragen!“, zischte der Gangster. „Außerdem solltest du dir denken können, was Sache ist.“

„Ihr – ihr wollt Geld …“

Der Gangster schaute sich um und fand, was er suchte. Es war eine kleines Dekorationsdeckchen auf einem Sideboard, auf dem eine farbig verzierte Blumenvase stand. Er holte sich das Deckchen, zerriss es und stopfte James Sanders eines der Stücke als Knebel in den Mund.

Die Verständnislosigkeit in James Sanders‘ Blick wich dem Begreifen und der Angst. Er brachte nur noch unverständliche Laute zustande. Der Maskierte musterte ihn ohne Gemütsregung und schwieg.

Es vergingen wenige Minuten, dann kamen der Gangster mit der Pistole und Barbara aus dem Schlafzimmer. Sie trug eine Bluse und eine Jeans. Ihre Haare waren unordentlich.

Barbara zuckte zusammen, als sie ihren Mann gefesselt und geknebelt am Boden sitzen sah. Unwillkürlich stockte sie im Schritt.

„Weiter!“, drängte der Maskierte.

Die Frau schritt an ihrem Mann vorbei. James Sanders‘ musterte sie aus weit aufgerissenen Augen. Der Maskierte mit der Glock schenkte ihm keinen Blick. Er und Barbara verließen das Apartment. Der zweite Gangster folgte und zog hinter sich die Tür zu. Das leise Klappen schien für James Sanders etwas Abschließendes, etwas Endgültiges zu beinhalten.

Stille umgab ihn. Er begann, an seinen Fesseln zu zerren. Der Schädel schmerzte ihm von dem Schlag mit der Pistole. Er versuchte, mit der Zunge den Knebel herauszustoßen. Es gelang ihm nicht. Er rieb sich die Handgelenke wund. Schließlich gab er auf und erhob sich. Es gelang ihm, die Tür zu öffnen. Die Treppenhausbeleuchtung war erloschen. Der Lichtknopf leuchtete rot durch die Dunkelheit. James Sanders stellte sich mit dem Rücken zur Wand und drückte ihn. Das Licht flammte auf. Der Mann erreichte die Tür des benachbarten Apartments …



2

Mr. McKee rief uns zum Rapport. Es war kurz nach acht Uhr morgens. Milo und ich hatten vor wenigen Minuten unseren Dienst angetreten.

Nachdem der Chef unseren Morgengruß erwidert und uns Plätze am Konferenztisch angeboten hatte, sagte er: „Es geht um eine Entführung, Jesse, Milo. Eine Frau namens Barbara Sanders wurde in der Nacht auf gestern von zwei maskierten Gangstern gekidnappt. Ihr Mann hat vor vier Wochen achtzehn Millionen Dollar in der Lotterie gewonnen. Forderungen haben die Erpresser bisher nicht gestellt. Aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit.“

Der Chef brach ab und schaute uns abwechselnd an.

„Warum erfahren wir erst heute davon?“, fragte ich.

„Zunächst hat das Police Department in dem Fall ermittelt. Gestern Nachmittag wurde er dann zuständigkeitshalber an uns abgegeben.“

Kidnapping ist ein Fall für die Bundespolizei. Wenn der Chef uns über das Verbrechen unterrichtete, hieß das nichts anderes, als dass er uns mit der Klärung beauftragen wollte. Allerdings waren Milo und ich gerade an einem Geldfälscherring dran. Eine Bande, die sich auf Hundert-Dollar-Noten spezialisiert hatte. Die Sache stand kurz vor der Aufklärung.

Ich brachte einen entsprechenden Einwand, indem ich sagte: „Wir stehen kurz vor der Aufklärung des Falles mit den gefälschten Hundert-Dollar-Noten, Sir. Sollten wir diesen Fall nicht abschließen? Mit dem Kidnapping-Fall könnten Sie doch …“

„Die Kidnapper sind ziemlich brutal vorgegangen, Jesse“, erklärte Mr. McKee. „Barbara Sanders ist ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ihr Leben ist möglicherweise gefährdet. Und ich habe niemand anderen, der sich des Falles annehmen könnte. Die Geldfälscher laufen Ihnen nicht weg.“ Der Chef zeigte ein ernstes Lächeln. „Außerdem sind Sie beide sehr wohl in der Lage, an zwei Fällen gleichzeitig zu arbeiten.“

Na, wenn das kein Kompliment war!

Ich schielte zu Milo hinüber. Unsere Blicke trafen sich. Gewiss dachten wir beide dasselbe. Da aber erklang wieder die sonore Stimme des Chefs. „Und weil das so ist, Jesse, Milo, übertrage ich Ihnen beiden den Fall Sanders. Tun Sie, was in Ihrer Macht steht, um Barbara Sanders aus der Hand der Kidnapper zu befreien.“

„Wurde ihr Ehemann schon einvernommen?“

„Ja. Die Kollegen vom Police Department haben mir das Vernehmungsprotokoll zugefaxt. Es gibt nicht viel her. Die beiden maskierten Verbrecher drangen in der Nacht um null Uhr fünfunddreißig in die Wohnung ein, schlugen James Sanders nieder, fesselten und knebelten ihn und nahmen Barbara Sanders mit. Dem Mann gelang es, einen Nachbarn zu alarmieren, der die Kollegen verständigte. Einer der Täter war bewaffnet. Mehr konnte James Sanders nicht aussagen.“

„Seltsam“, murmelte ich. „Warum haben die Kidnapper nicht gleich an Ort und Stelle irgendwelche Forderungen gestellt?“

„Auf diese Frage gibt es im Moment keine Antwort“, versetzte der Spezial Agent in Charge. „Eine eventuelle Erklärung wäre vielleicht, dass es sich um Auftragstäter handelte, dass sie die Entführung für jemanden erledigten. Aber das ist reine Theorie.“

„Die Kerle sind also in die Wohnung spaziert“, resümierte Milo, „schlugen James Sanders nieder und nahmen seine Frau mit. Einfach so.“

„Genauso sieht es aus“, bestätigte Mr. McKee.

„Hat man die Nachbarn befragt? Haben sie gegebenenfalls etwas beobachtet?“

„Man hat sie befragt, aber niemand konnte etwas sagen. Die einzige Aussage, die wir haben, ist die von James Sanders. Und die ist dürftig genug.“

„Man wird abwarten müssen, was die Kidnapper fordern“, wandte Milo ein. „Bei der Geldübergabe schlagen wir dann zu.“

„Und Barbara Sanders wird es womöglich auszubaden haben“, gab der Chef zu bedenken.

„Wir müssen eine Fangschaltung in der Wohnung Sanders‘ installieren lassen“, sagte ich. „Und dann müssen wir wohl in der Tat abwarten, dass sich die Entführer melden.“

„Sie haben völlig freie Hand“, sagte Mr. McKee. „Schöpfen Sie sämtliche Möglichkeiten aus, um die Frau zu befreien. Die Kidnapper werden das Leben Barbara Sanders in die Waagschale werfen, um an das Geld James Sanders‘ ranzukommen.“

„Wir werden unser Möglichstes tun“, versicherte ich.

„Das weiß ich. Da Ihre Aufklärungsquote mit Abstand die höchste im Field Office New York ist, habe ich Sie beide mit dem Fall betraut.“

„Danke für die Blumen“, knurrte Milo, und es hörte sich ziemlich humorlos an.

Der Chef brachte uns mit seinem Hinweis auf unsere erfolgreiche Arbeit in Zugzwang. Im Klartext hieß das, dass er ein positives Ergebnis erwartete. Und wir würden alles daran setzen, um ihn nicht zu enttäuschen. In Führungskreisen nennt man das Mitarbeitermotivation.

Mr. McKee verstand es vorzüglich, auf dem Klavier der Mitarbeitermotivation zu spielen. Da war er wahrhaftig ein Virtuose.



3

Wir sprachen mit James Sanders. Er wiederholte noch einmal, was er den Kollegen vom Police Department gegenüber schon zu Protokoll gegeben hatte.

Milo und ich saßen dem völlig geknickten Mann in seinem Apartment gegenüber. Wir hatten es uns in schweren Sesseln bequem gemacht. Sanders hatte sich auf die Couch gesetzt. Unablässig knetete er seine Hände.

„Barbara und ich sind seit etwas mehr als fünf Jahren glücklich verheiratet“, erzählte er. „Es ging uns zu keiner Zeit schlecht, denn wir verdienten beide. Vor vier Wochen gewann ich achtzehn Millionen in der Lotterie. Dieses verdammte Geld! Nur darum geht es wahrscheinlich. Des verfluchten Geldes wegen wurde Barbara entführt.“

„Haben Sie Ihren Gewinn etwa an die große Glocke gehängt?“, fragte Milo.

„Nein. Nur wenige Menschen wissen davon. Meine Eltern, Barbaras Eltern, mein Bruder …“

„Und die Entführer haben kein Wort von Geld gesprochen?“, rückversicherte ich mich noch einmal.

„Nein.“

„Befindet sich das Geld überhaupt schon in Ihrem Besitz?“, wollte ich wissen.

„Es wurde vor vier Tagen meinem Konto gutgeschrieben“, erwiderte Sanders. „Wir sind noch gar nicht dazu gekommen, auch nur einen Cent von dem Gewinn auszugeben.“

„Wo wohnen Ihre Eltern, Ihr Bruder und die Eltern Ihrer Frau?“, fragte Milo.

„Sie denken doch nicht …“ Sanders verstummte. Entsetzt schaute er uns an. Die Ungeheuerlichkeit wollte einfach nicht über seine Lippen.

„Wir müssen jeder Spur nachgehen“, sagte ich. „Es ist nicht auszuschließen, dass jemand von denen, die von Ihrem Gewinn wissen, weitere Personen eingeweiht haben. Ihre Frau kann nur jemand entführt haben, der auch von dem Geld weiß. – Wir werden Ihr Telefon anzapfen, Mr. Sanders. Das bedeutet, dass sich in der nächsten Zeit einige unserer Kollegen in Ihrer Wohnung aufhalten müssen.“

„Ich weiß“, meinte Sanders nickend. „Sie wollen eine Fangschaltung installieren.“

„So ist es.“

„Ich habe Angst um Barbara“, stieß der Mann plötzlich hervor. Er ballte die Hände zu Fäusten. „Diese elenden Bastarde! Wenn Sie Barbara was antun …“

Er brach vielsagend ab.

Weder Milo noch ich gingen auf die unausgesprochene Drohung ein. Ich sagte: „Wir werden einige Kollegen herschicken, die alles Notwendige veranlassen.“

Mit dem letzten Wort erhob ich mich.

Auch Milo stand auf.

„Kann man denn nichts tun?“, presste Sanders‘ hervor. Seine Mundwinkel zuckten. Fast flehend schaute er mich an.

„Wir können nur abwarten“, versetzte ich. „Und nun bitte ich Sie, mir die Adressen Ihrer Eltern, Ihres Bruders und Ihrer Schwiegereltern zu geben.“

„Meine Eltern wohnen in Queens, dreiundsechzigste Avenue, Nummer dreihundertachtzehn, beim Cedar Grove Friedhof. Mein Bruder lebt in Manhattan, siebenundsechzigste Street, Nummer vierhunderteinundzwanzig, meine Schwiegereltern besitzen ein Haus in Staten Island, West Brighton, Bemenet Avenue fünfhundertzweiundsiebzig.“

Milo notierte die Adressen in seinem Taschenkalender.

„Sollten sich die Entführer bei Ihnen melden, ehe die Kollegen eintreffen, geben Sie uns auf jeden Fall Bescheid, Mr. Sanders“, sagte ich und reichte dem Mann eine Visitenkarte.

„Mach ich“, versprach er. „Mach ich ganz gewiss.“ Er verzog weinerlich das Gesicht. „Dieses verdammte Geld! Hätte ich es bloß nicht gewonnen.“

„Hätten Sie bloß niemand davon erzählt“, versetzte Milo trocken.

Sanders griff sich an den Kopf. „Sie werden doch nicht ernsthaft glauben, dass meine Eltern oder meine Schwiegereltern meine Frau entführt haben, um mich zu erpressen. Auch mein Bruder kommt nicht in Frage. Ich habe ihm genug Geld versprochen, so dass er bis ans Ende seiner Tage sorglos leben hätte können.“

„Wie viel haben Sie ihm denn versprochen?“

„Zwei Millionen.“

„Was ist das gegen achtzehn Millionen?“, sagte Milo trocken.

Aus großen Augen starrte der Lotto-Millionär meinen Freund und Partner an. Er musterte ihn wie einen Mann, der ausgesprochenen Unsinn von sich gegeben hatte.



4

Natürlich war der Fall in die Schlagzeilen geraten.

„Lottomillionär soll erpresst werden! Frau eines Lottomillionärs entführt! Lottomillionär im Visier brutaler Kidnapper …“

So und ähnlich lauteten die Überschriften auf den Titelseiten der lokalen Zeitungen. Rundfunk und Fernsehen berichteten über das Verbrechen. Sie berichteten aber auch darüber, dass das FBI die Ermittlungen übernommen hatte und es noch keinen Hinweis auf die Entführer gab.

Milo legte die Evening Post zusammen und warf sie wütend auf den Schreibtisch. „Diese elenden Zeitungsschmierfinken“, schimpfte er. „In dem Bericht schreiben sie, dass die Kidnapper von James Sanders den gesamten Lottogewinn erpressen wollen und sie mit der Ermordung seiner Frau gedroht haben. Die wissen schon wieder mal mehr als wir. Wäre interessant zu wissen, aus welcher Quelle sie ihr Wissen beziehen.“

„Vielleicht ist mit einem Reporter wieder mal die Fantasie durchgegangen“, erwiderte ich.

Wir hatten den Rest des Tages damit verbracht, Sanders‘ Eltern, seinen Bruder und seine Schwiegereltern einzuvernehmen. Der Erfolg war gleich Null. Vor allem die Eltern Barbara Sanders‘ waren völlig aufgelöst. Die Mutter weinte steinerweichend. Sie hatte – verständlicherweise – Angst um ihre Tochter.

Jetzt befanden wir uns im Field Office, ohne einen brauchbaren Hinweis auf die Kidnapper in Händen zu haben. Weder Sanders‘ Eltern, noch sein Bruder oder seine Schwiegereltern wollten mit jemand über den Millionengewinn James Sanders‘ gesprochen haben.

„Er wollte mir zwei Millionen schenken“, hatte Ned Sanders, der jüngere Bruder James Sanders‘, erklärt. „Damit hätte ich ausgesorgt gehabt.“

James Sanders‘ Eltern schieden als Kidnapper aus.

Ebenso die Eltern Barbara Sanders‘.

Wer sonst hatte von dem Millionengewinn Wind bekommen?

Wir standen vor einem Rätsel.

Ich rief bei James Sanders an. Er meldete sich, ich nannte meinen Namen. James Sanders sagte mit gepresster Stimme: „Ihre Kollegen haben eine Fangschaltung installiert, Mr. Trevellian. Haben Sie schon irgendwelche Erkenntnisse gewonnen?“

„Wir haben in der Abendpost gelesen, dass die Erpresser von Ihnen achtzehn Millionen Dollar wollen“, presste ich hervor.

„Achtzehn Millionen“, wiederholte Sanders. „Sie wollen also den gesamten Gewinn. Von mir aus! Sollen sie das verfluchte Geld haben. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht …“ Plötzlich stutzte Sanders. Sekundenlang herrschte Schweigen. Dann stieß er hervor: „Woher weiß die Zeitung von der Forderung der Kidnapper?“

„Das werde ich herausfinden“, erwiderte ich. „An Sie sind die Entführer noch nicht herangetreten?“

„Nein. Mein Gott, Trevellian, die Angst um Barbara verzehrt mich regelrecht.“

Ich fühlte mit ihm, fand aber keine Worte des Trostes. Was hätte ich in dieser Situation auch sagen sollen? Was immer ich auch zum Ausdruck gebracht hätte, es hätte banal und abgedroschen geklungen. Also zog ich es vor, zu schweigen.

Ich verabschiedete mich von Sanders und rief bei der Evening Post an. Gleich darauf hatte ich den Chefredakteur an der Strippe. Ich fragte ihn, woher der Verlag des Wissen bezüglich der Forderung der Kidnapper bezogen hatte.

Der Mann sagte: „Uns liegt ein anonymer Brief der Entführer vor. Er ist auf einem Computer geschrieben worden. Darin teilen die Kidnapper mit, dass Barbara Sanders sterben wird, wenn sich ihr Mann weigert, den gesamten Lottogewinn von achtzehn Millionen Dollar an die Entführer zu zahlen.“

„Wann ist der Brief bei Ihnen eingegangen?“

„Heute Vormittag. Wir haben das Police Department verständigt und ihm den Brief überlassen.“

Ich bedankte mich, legte auf und schaute Milo an, der alles mit angehört hatte, weil der Lautsprecher eingeschaltet war. „Elende Schlamperei“, erregte ich mich. „Bin gespannt, auf wessen Schreibtisch der Brief gelandet ist. Man sollte diesem Burschen Beine machen.“

„Wir sollten vielleicht sicherheitshalber mal nachfragen, ob dieser Brief nicht schon bei uns eingegangen ist“, wandte Milo ein.

Ich rief Mandy, die Sekretärin Mr. McKees, an, und bat sie, nachzusehen, ob sich der Erpresserbrief in der Eingangspost befand, die täglich über den Schreibtisch unseres Chefs ging. Mandy erklärte uns, dass Mr. McKee am Nachmittag nicht im Field Office anwesend war, weil er an einer Konferenz teilnahm, die der Bürgermeister in der City Hall einberufen hatte. Es ging um die Verbrechensbekämpfung in New York. Die Leiter sämtlicher Polizeidienststellen nahmen daran teil. Dann sagte sie: „Ich erinnere mich, dass ein Bote vom Police Department den Brief heute Nachmittag brachte. Ich hatte allerdings keine Ahnung, dass ihr beide den Fall bearbeitet.“

Sie brachte mir den Brief. Ein kurzes Anschreiben des Police Department war an dem Blatt Papier festgeklammert.

Ich nahm den Brief entgegen und bedankte mich. Mandy verließ wieder unser Büro.

„James Sanders hat achtzehn Milionen Dollar im Lotto gewonnen, stand da zu lesen. Wir haben seine Frau. Entweder Sanders bezahlt, oder seine Frau stirbt. Eine andere Alternative gibt es nicht.“

Mir fiel auf, dass das Wort Millionen nur mit einem L geschrieben war. Vielleicht handelte es sich um einen Tippfehler, möglicherweise aber wusste es der Briefschreiber nicht besser.

„Oder die Frau stirbt“, sagte ich wie im Selbstgespräch vor mich hin. Mit erhobener Stimme fuhr ich fort: „Ich glaube nicht, dass die Kidnapper bluffen. Selbst wenn Sanders zahlt, ist es fraglich, ob sie die Frau laufen lassen. Das wird am Ende wohl davon abhängen, wie viel sie über ihre Entführer aussagen kann.“

„Irgendwann wenden sie sich entweder an die Evening Post oder an Sanders selbst, um die Modalitäten für die Geldübergabe festzulegen“, meinte Milo.

„Sicher“, versetzte ich. „Spätestens dann sind wir gefordert. Wir werden ganz besonders vorsichtig operieren müssen. Die Kidnapper werden zur Bedingung machen, dass sich die Polizei rauszuhalten hat. Der kleinste Fehler unsererseits kann Barbara Sanders das Leben kosten.“



5

Richard Anderson las die Abendpost. „Achtzehn Millionen Dollar“, sagte er fast ehrfürchtig. „Was für eine Summe.“ Er legte die Zeitung zur Seite, erhob sich, ging zum Telefon, nahm den Hörer und tippte eine Nummer.

Im nächsten Moment meldete sich eine Stimme: „Carter.“

„Hi, Fred“, grüßte Anderson. „Hast du die Abendpost schon gelesen?“

„Nein. Weshalb?“

„Die Frau eines Lottomillionärs wurde gekidnappt. Die Entführer verlangen achtzehn Millionen Dollar Lösegeld. Was sagst du dazu?“

„Achtzehn Millionen“, staunte Fred Carter. „Ein ziemlicher Batzen Geld. Aber warum rufst du mich deswegen an? Denkst du, ich habe die Lady?“

„Nein. Ich will, dass du herausfindest, um wen es sich bei dem Lottomillionär handelt und wer seine Frau gekidnappt hat. Achtzehn Millionen sind kein Pappenstiel. Nennen wir es mal einen großen Kuchen, von dem ich ein Stück abhaben will. Und dieses Stück soll nicht unbedeutend sein. Natürlich sollst du auch etwas abhaben. Und natürlich auch Will. Über die Höhe eures Anteils werden wir uns sicherlich einigen.“

„Ich habe für dich schon eine Menge Schmutzarbeit für ein Taschengeld verrichtet, Rich. Dieses Mal verlange ich fünfundzwanzig Prozent. Das ist angemessen, würde ich sagen. Falls du nicht einverstanden bist, musst du dir einen anderen suchen, der den Job erledigt.“

„Viereinhalb Millionen also. Von mir aus. Ich verlange aber hundertprozentige Arbeit.“

„Die hast du immer bekommen. Ein Problem wird es allerdings geben, Rich. Entführung ist Sache der Bundespolizei. Also wird das FBI mitmischen. Und diese Brüder sind mit Vorsicht zu genießen.“

„Bei achtzehn Millionen sind wir gewiss nicht zimperlich, Fred. Sollten uns ein paar FBI-Agenten in die Quere kommen, pusten wir sie auf den Mond.“

„Wir sollten das FBI nicht unterschätzen“, gab Fred Carter zu bedenken. „Ich melde mich wieder bei dir, Rich.“

„In Ordnung. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wenn der Lottomillionär zahlt oder wenn die Entführer der Lady den Hals umdrehen, ist es zu spät. Also setz alle Hebel in Bewegung, Fred.“



6

Milo und ich waren nach Brooklyn gefahren, um in der Neptune Avenue das Haus Emerson Fitzpatricks zu beobachten. In der Sache Barbara Sanders konnten wir im Moment nichts tun.

In New York waren exzellente Hunderter-Blüten aufgetaucht, die die Handschrift Fitzpatricks trugen. Wir gingen aber davon aus, dass der alte Gangster nicht alleine arbeitete. Darum observierten wir sein Haus.

Wegen Geldfälscherei hatte Fitzpatrick schon mehrere Jahre im Gefängnis verbracht. Seit einem halben Jahr erst befand er sich wieder in Freiheit. Wir hatten ihm vor drei Monaten schon einen Besuch abgestattet. Natürlich wusste der alte Gauner von nichts. Er versicherte uns hoch und heilig, dass er seine letzten Jahre in Freiheit verbringen wollte und mit Falschgeldherstellung nichts mehr am Hut habe.

Wer‘s glaubt, wird selig! Unter dieser Devise beschatteten wir ihn. Einige Zeit kehrte auch tatsächlich Ruhe ein. Es tauchten keine weiteren Blüten mehr auf. Wir konnten Fitzpatrick nichts nachweisen und verloren das Interesse an ihm. Und siehe da – in New York waren plötzlich wieder falsche Hunderter im Umlauf!

Es war finster. Die Uhr im Armaturenbrett meines Wagen zeigte 9 Uhr 46 an. Die Tage wurden schon kürzer. Es ging auf den Herbst zu. Aus zwei Fenstern im Obergeschoss des Hauses fiel Licht. Fitzpatrick hatte die Jalousien nicht heruntergelassen.

„Wahrscheinlich warten wir vergebens“, meinte Milo. „Alles, was wir haben, ist ein Verdacht. Vielleicht ist Fitzpatrick gar nicht unser Mann.“

„Ich bin davon überzeugt, dass er es ist“, antwortete ich. „Die Hunderter sind in Umlauf, seitdem er wieder in Freiheit ist. Irgendwann merkte er, dass wir ihm dicht auf den Fersen sind, und er stellte die Produktion für einige Zeit ein. Nachdem wir uns zurückgezogen hatten, tauchten die Blüten plötzlich wieder auf. Er ist unser Mann, Milo. Dafür würde ich meinen rechten Arm verwetten.“

„Geh nicht so leichtfertig mit deinen Gliedmaßen um“, sagte Milo grinsend.

Da fuhr auf der anderen Seite ein dunkelgrüner Ford heran. Ein älteres Modell. Er wurde vor Fitzpatricks Haus abgebremst. Ich sah zwei Kerle in dem Fahrzeug sitzen. Die Lichter gingen aus, der Motor wurde abgestellt. Der Mann, der auf dem Beifahrersitz saß, stieg aus. Er ließ den Wagenschlag offen stehen, ging zu Fitzpatricks Haus und läutete. Eines der beleuchteten Fenster wurde hochgeschoben. Fitzpatricks Oberkörper wurde im Fensterrechteck vom Licht scharf umrissen.

Fitzpatrick rief etwas, schob das Fenster wieder hoch, und dann ging in dem Raum das Licht aus. Eine Minute später verließ Fitzpatrick das Haus. Er setzte sich in den Fond des Fords, auch der andere Mann stieg wieder ein, der Motor wurde gestartet und die Abblendlichter gingen an …

Wir folgten dem Ford in einem sicheren Abstand. Alles deutete darauf hin, dass die Fahrt nach Queens ging. Es ging kreuz und quer durch die Wohnsiedlungen von Brooklyn, schließlich erreichten wir Queens und befanden uns auf dem Jackie Robinson Parkway.

Nach einiger Zeit verließ der Ford den Parkway wieder und wir landeten in der Harrow Street. Der Ford wurde angehalten. Die drei Insassen stiegen aus. Sie verschwanden in einer stockdunklen Einfahrt.

Ich parkte den Sportwagen. Milo und ich verließen den Wagen.

„Bleib du hier zurück, Partner“, sagte Milo, als wir am Ende der Einfahrt angelangt waren, „und sichere gegebenenfalls meinen Rückzug.“

Die Einfahrt führte wie ein Tunnel unter einer Wohnung in der 1. Etage des Gebäudes hindurch. Die Finsternis in dem Hinterhof mutete geradezu stofflich und greifbar an. Sie wirkte fasst bedrohlich.

Während ich zurückblieb, ging Milo weiter. Seine Gestalt verschwand in der Finsternis. Ich vernahm nur noch das leise Tackern seiner Absätze. Und dann versank auch dieses Geräusch in der Stille.

Meine Rechte umklammerte den Griff der SIG Sauer P226. Notfalls konnte ich sie im Bruchteil einer Sekunde ziehen und damit schießen, wobei ich nicht hoffte, dass dieser Notfall eintrat.

Schon bald kehrte Milo wieder zurück. „Der Hintereingang des Hauses ist abgeschlossen“, murmelte er. „Ich habe keine Ahnung, in welcher Wohnung die drei Typen verschwunden sind.“

Wir kehrten zur Vorderseite des Hauses zurück. Neben der Haustür war ein Klingelschild angebracht, das uns – im Licht einer Taschenlampe – verriet, dass es in dem Gebäude 12 Wohnungen gab. Die Namen waren teilweise so sehr verwaschen, dass sie nicht mehr zu entziffern waren. Hinter einigen Fenstern in den verschiedenen Stockwerken brannte Licht.

„Warten wir einfach“, schlug Milo vor. „Irgendwann werden die Kerle ja wieder auftauchen.“

Ich schaute auf meine Armbanduhr. Es war 10 Uhr 28. „Meinetwegen. Warten wir also.“

Wir setzten uns in den Wagen.

Unsere Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt.

Zwei Männer kamen aus der Hofeinfahrt. Als sie auf die Straße traten, die von Peitschenmasten gesäumt war, konnte ich Fitzpatrick erkennen. Er trug einen Koffer. Die beiden marschierten zu dem Ford.

„Zugriff“, knirschte ich und öffnete die Fahrertür. Meine Stimme gellte: „Stehenbleiben! FBI! Nehmen Sie die Hände hoch!“

Milo sprang auf der Beifahrerseite aus dem Sportwagen. Ich richtete mich zu meiner vollen Körpergröße auf. In meiner Rechten lag die SIG.

Auf der anderen Straßenseite dröhnte ein Schuss. Ich sah das grellgelbe Mündungslicht aus der Mündung der Pistole lecken und feuerte ohne zu zögern zurück. Der Schütze brach zusammen.

Fitzpatrick hatte wohl seine Schrecksekunde überwunden, denn er begann zu laufen. „Stehenbleiben, Fitzpatrick!“, brüllte ich. „Bleiben Sie stehen!“

Der Gangster dachte nicht daran, meinem Befehl nachzukommen. Er rannte, so schnell ihn seine Beine trugen.

„Kümmere dich um den Kerl auf der anderen Straßenseite, Milo“, schrie ich, dann nahm ich die Verfolgung auf. Mir fiel nicht auf, dass Milo nicht antwortete.



7

Ich legte einen Spurt hin, der sich sehen lassen konnte. Die Entfernung zu Fitzpatrick, der wohl 20 Jahre älter war als ich, schmolz. Plötzlich aber verschwand der Gangster in einer Seitenstraße. Gleich darauf legte ich mich in die Kurve. Es handelte sich um eine verkehrsberuhigte Wohnstraße, wie ich an dem entsprechenden Schild am Beginn der Straße erkennen konnte.

Fitzpatrick war verschwunden. Ich hielt an und lauschte, hörte aber auch keine Schritte mehr. Vorsichtig ging ich weiter. Die SIG hielt ich schussbereit. Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen. Mein Blick bohrte sich in die Dunkelheit in den Passagen zwischen den Häusern.

Nichts!

Fitzpatrick schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Ich kehrte um. Auf der Harrow Street angekommen sah ich vor dem Haus, aus dem Fitzpatrick und der andere Gangster gekommen waren, die Gestalt eines Mannes. Er beugte sich über den Burschen, der das Feuer eröffnet und den ich niedergeschossen hatte. Als er mich wahrnahm, richtete er sich ruckartig auf und begann zu schießen. Die Kugeln pfiffen heran, begleitet vom Dröhnen der Detonationen. Ich warf mich zur Seite. Und dann feuerte ich. Der Bursche wirbelte herum und gab Fersengeld.

Verdammt!, durchfuhr es mich. Was ist mit Milo? Warum konnte sich der Kerl ungestört auf dem Gehsteig bewegen und sich um seinen Kumpan kümmern? Jäh krampfte sich mir der Magen zusammen. Mein Herz schlug höher. Und ich ließ den Gangster, der wie von Furien gehetzt den Gehsteig entlangrannte, in Ruhe. Von innerer Rastlosigkeit getrieben lief ich schräg über die Straße. Da stand der Wagen. Ich hatte Milo noch aus dem Wagen springen sehen.

Und dann stand ich vor meinem Freund. Er lag auf dem Gehsteig neben dem Sportwagen. Sein leises Stöhnen schnitt mir ins Herz. Eine Gangsterkugel hatte Milo getroffen.

„Milo, Partner“, entrang es sich mir. „Großer Gott …“ Ich holsterte die SIG und ging auf das linke Knie nieder.

„Die Schulter“, röchelte Milo mit schmerzverzerrter Stimme. „Es brennt wie Höllenfeuer.“

Ich richtete mich auf, holte das Handy aus der Freisprechstation im Sportwagen und tippte den Notruf. „Schicken Sie den Notarzt in die Harrow Street in Queens!“, keuchte ich. „Ein FBI-Agent und ein weiterer Mann wurden niedergeschossen.“

„Ich werde die Polizei verständigen“, sagte mein Gesprächspartner. „Bleiben Sie bei dem Verwundeten. Es gibt sicher eine Reihe von Fragen.“

Ehe ich sagen konnte, dass auch ich FBI-Agent war, legte der Mann in der Notrufzentrale auf.

Ich kümmerte mich wieder um Milo, zog meine Jacke aus, rollte sie zusammen und schob ihm den Packen unter den Kopf. Dann öffnete ich Milos Hemd und presste ein sauberes Taschentuch auf die Wunde. „Halte es fest, Milo“, sagte ich. „Ich muss nach dem Kerl sehen, den ich getroffen habe.“

„Schon in Ordnung“, kam es abgehackt von Milo. Er hob die Hand und legte sie auf das Taschentuch. „Geh nur.“

Zwischenzeitlich waren Menschen auf die Straße gekommen. Stimmen schwirrten durcheinander. Ich überquerte die Straße. Eine Reihe von Leuten standen um den Gangster herum, der auf dem Gehsteig lag.

„Treten Sie zur Seite!“, forderte ich die Neugierigen auf. „FBI.“ Ich hielt meine Dienstmarke in die Höhe, während ich mir einen Weg durch den Pulk bahnte.

Dann kniete ich bei dem Burschen. Er lebte, aber er war besinnungslos. Sein Hemd war über der Brust dunkel vom Blut. Sein Atem ging rasselnd. „Kennt jemand diesen Mann?“, fragte ich laut.

Ein Mann meldete sich. „Ich habe ihn zwei- oder dreimal im Treppenhaus gesehen. Er gehört nicht in unser Haus. Ich glaube, er besuchte Winslow. Meistens war er nicht allein.“

„Winslow?“, echote ich.

„Ja, Bob Winslow. Er lebt in diesem Haus. In der zweiten Etage. Alleine. Ein seltsamer Vogel.“

Ich richtete mich auf. In der Ferne waren Sirenen zu hören. Inbrünstig hoffte ich, dass es der Notarzt war. Die Sorge um Milo zerfraß mich nahezu. Ich kehrte zu ihm zurück. „Halt durch, Partner. Gleich kommt Hilfe.“

„Was ist mit dem anderen Kerl?“, fragte Milo abgehackt.

„Wahrscheinlich Brustschuss“, erwiderte ich. „Fitzpatrick und der dritte Gangster sind mir leider entkommen. Aber jetzt haben wir etwas in der Hand gegen Fitzpatrick und können die Fahndung nach ihm einleiten. Nach Hause kann er sich jedenfalls nicht mehr wagen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn schnappen.“

Nach wenigen Minuten traf eine Ambulanz ein. Der Notarzt kümmerte sich um Milo, und als dieser versorgt war, um den Gangster.

Auch ein Einsatzfahrzeug der Highway Patrol kam an. Zwei Cops stiegen aus. Ich klärte sie mit wenigen Worten auf. Einer der beiden klemmte sich sofort hinter das Funkgerät und forderte Verstärkung an.

Milo und der verwundete Gangster wurden abtransportiert. Der Notarzt versicherte mir, dass die Verwundung meinen Freund und Partner zwar für einige Zeit aus dem Rennen werfen würde, dass aber keine Lebensgefahr bei ihm bestehe.

Ich rief im Field Office an. Leiter der Einsatzbereitschaft war Jay Kronburg. Ich berichtete ihm, was vorgefallen war. Er versprach mir, die Fahndung nach Emerson Fitzpatrick sofort in die Wege zu leiten und eine Streife vor dem Haus Fitzpatricks zu postieren.

Weitere Patrol Cars kamen mit heulenden Sirenen und rotierenden Blinklichtern in der Harrow Street an. Rote und blaue Lichtreflexe wurden auf die Straße und gegen die Fassaden der Gebäude geworfen.

Das Haus, dem der Besuch Fitzpatricks und seiner Kumpane gegolten hatte, wurde umstellt. Mit zwei Polizisten betrat ich es. In der zweiten Etage klebte an einer Tür ein Schild mit dem Namen B. Winslow. Ich läutete. In der Wohnung blieb es still. Einer der beiden Polizisten trat kurzerhand die Tür ein. Wir betraten das Apartment und machten Licht.

Der Vogel war ausgeflogen.

Wahrscheinlich hatte er die Zeit, die ich bei Milo und dem angeschossenen Gangster verbrachte und in der ich auf die Ambulanz und die Kollegen wartete, genutzt, um die Fliege zu machen.

Wir durchsuchten die Wohnung.

In einem Nebenraum stießen wir auf einen Farbkopierer und eine Papierschneidemaschine. Daneben lag ein Packen Papier. Es handelte sich um Blüten im Nennwert von jeweils 100 Dollar, die noch nicht geschnitten worden waren.

Wir hatten die Geldfälscherwerkstatt entdeckt. Emerson Fitzpatrick und Bob Winslow, der das Apartment angemietet hatte, hatten zusammengearbeitet. Und es gab noch zwei weitere Gangster, die mit von der Partie waren.

Ich nahm das oberste Blatt von dem Packen. Darauf waren die Vorderseiten von vier Hundert-Dollar-Noten abgebildet. Als ich den Bogen Papier umdrehte, sah ich die Rückseiten der Dollarnoten. Obwohl ich kein Fachmann war, war mir klar, dass es sich um erstklassige Fälschungen handelte. Sauber geschnitten waren sie von echten Hundertern auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden.

Ich hatte mich also nicht geirrt. Emerson Fitzpatrick war unser Mann. Um ihn zu überführen, mussten wir jedoch einen hohen Tribut entrichten. Milo war schwer verwundet worden. Selbst wenn die Verletzung nicht lebensgefährlich war, so konnte sie Folgeschäden – wie beispielsweise einen steifen Arm – nach sich ziehen. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass Milo ein solches Schicksal erspart blieb.

Einer der uniformierten Kollegen nahm mit dem Police Department Verbindung auf und forderte die Spurensicherung an.



8

Mr. McKee war zutiefst betroffen. Ich hatte ihm ausführlich berichtet. Milo war in das New York University Medical Center eingeliefert worden. Der Chef hatte sich sofort mit dem Krankenhaus telefonisch in Verbindung gesetzt und sich nach Milos Gesundheitszustand erkundigt.

In der Nacht war meinem Partner noch die Kugel herausoperiert worden. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, versicherte der behandelnde Arzt. Und es sei nicht zu befürchten, dass die Schusswunde irgendwelche bleibende Schäden nach sich ziehen würde.

Milo hatte Glück im Unglück gehabt.

Zwischenzeitlich war auch der Name des Gangsters bekannt, den ich niedergeschossen hatte. Er hieß Wes Logan. Die Kugel war ihm in die rechte Brustseite gefahren und er war noch nicht über den Berg. Auch er befand sich im New York University Medical Center. Auf keinen Fall war der Gangster vernehmungsfähig.

„Danken wir Gott, dass Milo nicht ernsthafter verwundet wurde“, sagte der Chef und schaute mich ernst an.

Ich nickte und erwiderte seinen Blick.

„Trotz allem war es ein Erfolg, Jesse. Sie und Milo haben die Geldfälscherbande entlarvt. Die Festnahme Fitzpatricks und seiner Spießgesellen ist nur noch Formsache. Ich muss Sie und Milo wegen dieses Erfolges beglückwünschen. Erstklassige Arbeit.“

„Danke, Sir“, versetzte ich. „Ich werde Milo im Krankenhaus besuchen und die Belobigung an ihn weitergeben. Soll ich ihm Grüße von Ihnen bestellen?“

„Natürlich, Jesse. Haben Sie in der Entführungssache schon irgendwelche Erkenntnisse gewonnen?“

„Nein. Die Einvernahme des Personenkreises, der von dem Lottogewinn wusste, hat nichts ergeben. Lediglich ein Brief mit der Forderung der Kidnapper ist bei der Evening Post eingegangen. Aber das wissen Sie ja. Wir müssen den Entführern den nächsten Zug in diesem fiesen Spiel überlassen.“

Der Chef hob die Brauen. „Wir?“

„Milo und …“ Ich brach ab und kniff die Lippen zusammen. „Mein Fehler, Sir. Nachdem Milo ausfällt …“

„Sie mussten schon mal einige Zeit ohne Milo auskommen, nachdem er den Dienst beim FBI quittiert hatte.“

„Das ist richtig, Sir“, bestätigte ich, und Erinnerungen, die ich längst an den äußersten Rand meines Bewusstseins verdrängt hatte, wurden geweckt. „Aber er ist zurückgekehrt. Und irgendwie fühle ich mich seitdem noch enger mit ihm verbunden.“

„Ich kann das nachvollziehen, Jesse. Mir geht es ähnlich. Unabhängig davon will ich Sie nicht alleine gegen die Kidnapper ins Feld schicken. Man darf diese Gangster nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

„An wen denken Sie, Sir? An Blacky, oder Clive?“

„Die beiden sind einem Kinderporno-Ring auf der Spur und unabkömmlich. Ich hätte Sarah Anderson zu bieten. Mit der jungen Lady haben Sie doch schon einige Zeit zusammengearbeitet. Wenn ich mich nicht irre, waren Sie sehr zufrieden mit ihr.“

Ich musste unwillkürlich lächeln. Und ich spürte, dass mir das Herz ein wenig höher schlug. Ich war in das attraktive Girl zeitweise sogar ziemlich verknallt gewesen. Aber Kolleginnen waren tabu für uns. Also hatte ich meine Gefühle für Sarah unterdrückt. „Sie hat sich zu einer hervorragenden Agentin gemausert, Sir“, versetzte ich.

„Ich stelle sie Ihnen, bis Milo wieder auf den Beinen ist, als Partnerin zur Seite, Jesse. Sie haben dagegen doch nichts einzuwenden?“

Der Chef schaute mich fragend an. Ich hatte das Gefühl, sein Blick drang bis in die geheimsten Winkel meines Bewusstsein vor und analysierte es. Der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen.

„Ganz und gar nicht, Sir“, beeilte ich mich zu versichern.

„Dann wollen wir die junge Lady doch gleich mal dazu holen“, sagte der Chef und griff zum Telefonhörer.


*


Sarah und ich hatten schon eine Reihe von Fällen gelöst. Wir waren zeitweise gemeinsam durchs Fegefeuer gegangen, wie man so schön sagt. Und jetzt hatte mir Mr. McKee die dunkelhaarige Schönheit erneut als Partnerin zur Seite gestellt.

In mir stritten sich die Gefühle. Einerseits freute ich mich darüber, wieder einmal mit Sarah zusammenzuarbeiten, andererseits war meine Freude von der Tatsache getrübt, dass dafür Milo eine Kugel kassieren musste.

Auch Sarah schien sich darüber zu freuen, dass Mr. McKee sie mir zur Seite stellte. Doch drückte sie auch ihr Bedauern bezüglich Milos Missgeschick aus, und ihre Anteilnahme kam vom Herzen. Da war ich mir völlig sicher.

Sie sagte: „Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, Jesse, wieder einmal als deine Partnerin fungieren zu dürfen. Andererseits bedauere ich es sehr, dass Milo von einer Gangsterkugel außer Gefecht gesetzt worden ist. Er und du – ihr seid ein erfolgreiches Team. Ich werde Milos Stelle einnehmen. Aber ich werde nicht versuchen, ihn zu ersetzen. Denn das könnte ich nicht.“

Ich wusste, was sie meinte. Es betraf die Freundschaft zwischen Milo und mir. Nicht die dienstliche Partnerschaft. Wobei auch hier niemand in der Lage war, Milo zu ersetzen …

Wir fuhren ins Krankenhaus. Milo sah etwas bleich aus, aber seine Augen blickten hellwach und interessiert. „Aaah“, machte er, „schon Ersatz für mich gefunden. Du warst schnell, alter Freund.“ Er grinste vielsagend.

Ich war erleichtert. Die Frage, wie es ihm ging, sparte ich mir. „Mr. McKee war der Meinung, dass ich nicht alleine fungieren sollte“, sagte ich. „Ich soll dir übrigens schöne Grüße von ihm bestellen.“

„Danke. Ich hoffe, dass ich bald wieder auf den Beinen und an deiner Seite bin. Was bist du ohne mich? Einer, dem der Chef eine Aufpasserin zur Seite stellen muss, damit er keine Dummheiten macht.“

Seinen Humor hatte Milo also auch nicht verloren. „Die Missgunst ist ein großes Laster“, versetzte ich. „Ich hoffe, sie steht deiner Genesung nicht entgegen. Ich kann Mr. McKee ja mal fragen, ob er dir nicht auch Sarah für ein paar Tage als Partnerin zu Seite stellt, wenn du wieder einsatzfähig bist. Nur, damit dein Ego nicht allzu sehr leidet.“

„Ich – missgünstig“, dehnte Milo und grinste breit. „Dafür gibt es keinen Grund. Ich erinnere mich an eine Aussage Sarahs. Danach ist sie Special Agent, losgelöst von geschlechtlichen Attributen. Special Agent bist auch du, mein Freund, sind Blacky, Jay, Leslie und Clive. Hat mein Ego schon einmal darunter gelitten, einen Special Agent als Partner zu haben, dessen Geschlecht mich in keinster Weise anspricht?“

„Könnten wir vielleicht das Thema wechseln“, kam es lächelnd von Sarah. „Eure geschlechtsspezifischen Interessen sind wenig fesselnd für mich. Wenn ich das so höre, Milo, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dir viel besser zu gehen scheint, als wir angenommen haben. Ich wette, dass du schon daran gedacht hast, das Bett zu verlassen und im Field Office zu erscheinen.“

„Ganz so eilig hab ich es nun auch wieder nicht“, gab Milo zurück. „Lass Jesse doch ein paar Tage an deiner Seite genießen. Hat ja sonst wenig Freude im Leben, der Junge.“

Wir flachsten noch einige Zeit miteinander, hin und wieder kam auch von Sarah ein Einwurf, doch dann verabschiedeten wir uns. Schließlich befanden wir uns im Dienst.

Ich sprach mit dem Arzt, der für Wes Logan, jenen Burschen, den ich niederschoss, zuständig war. Zunächst wollte er nicht zulassen, dass ich Logan ein paar Fragen stellte. Letztendlich aber konnte ich ihn doch so weit bringen, mit Logan sprechen zu dürfen. Allerdings wich uns der Doc nicht von der Seite.

Wes Logan sah ziemlich mitgenommen aus.

„Ich bin Special Agent Jesse Trevellian vom FBI New York“, stellte ich mich vor, wies mit der Hand auf Sarah und fuhr fort: „Special Agent Sarah Anderson. Werden Sie mir ein paar Fragen beantworten, Mr. Logan?“

„Haben Sie auf mich geschossen, Trevellian?“, kam es matt von Logan.

„Ja. Sie ließen mir keine andere Wahl, nachdem Sie das Feuer eröffneten. Ihre Kugel hat im Übrigen meinen Partner getroffen. Sie können von Glück reden, dass er überlebt hat.“

„Ihre Kugel also, Trevellian.“ Der Gangster atmete tief durch. „Gehen Sie zur Hölle!“

„Wer außer Ihnen, Bob Winslow und Emerson Fitzpatrick gehört noch zu dem Geldfälscher-Ring?“, fragte ich unbeirrt. „Wer war der vierte Mann?“

„Sie erfahren von mir nichts, Trevellian“, stieß Logan hervor. „Nicht eine Silbe werde ich von mir geben.“

„Sie sollten reden“, mischte sich Sarah ein. „Es könnte Ihnen vor Gericht Pluspunkte bescheren, Logan.“

Ein Grinsen verzerrte den Mund Logans. „Heh, Puppe, mit dir möchte ich auch mal …“

„Was Sie möchten, interessiert mich nicht!“, unterbrach ihn Sarah schroff. „Nennen Sie uns lieber die Namen Ihres vierten Kumpans.“

„Der Mann braucht Ruhe“, sagte der Arzt. „Sie sollten ihn nicht über die Gebühr in Anspruch nehmen. Ich bitte Sie daher …“

Logan fiel ihm ins Wort. „Lassen Sie nur, Doc. Bei jungen, hübschen Ladys bin ich hart im Nehmen. – Du willst also den Namen unseres vierten Mannes wissen, Süße. Na schön. Ich kann dir nicht widerstehen. Er heißt Luke Sheldon, und er wohnt in Manhattan, sechsundvierzigste Straße West. Mit der Hausnummer kann ich dir leider nicht dienen. Die musst du schon selbst herausfinden.“

„Wer war der Kopf eurer Bande?“, fragte ich. „War es Fitzpatrick?“

„Du kannst mich mal, Trevellian. An deiner Kugel wäre ich beinahe krepiert. Sollte ich irgendwann mal die Gelegenheit kriegen, dir ein Stück heißes Blei zu verpassen, werde ich gewiss nicht zögern.“

„Bis zu dieser Gelegenheit werden viele Jahre vergehen“, erwiderte ich kalt, „die Sie hinter Gefängnismauern verbringen werden, Logan. Beim Mordversuch an Bundesbeamten kennen die Gerichte nämlich keinen Spaß.“

Wir verließen das Zimmer, verabschiedeten uns von dem Arzt und fuhren mit dem Lift nach unten. Wenig später rollten wir im Wagen aus der Tiefgarage des Krankenhauses.



9

„Sechsundvierzigste Straße West“, sagte Sarah. „Vielleicht finden wir das Haus, in dem Sheldon wohnt. Unter Umständen haben sich Fitzpatrick und Winslow bei ihm verkrochen.“

Daran glaubte ich nicht. Meine Skepsis musste von meinem Gesichtsausdruck abzulesen gewesen sein, denn Sarah fügte mit Nachdruck hinzu: „Versuchen können wir es doch. Im Moment haben wir sowieso nichts anderes zu tun.“

„Abwarten“, sagte ich und nahm Verbindung mit den Kollegen auf, die in der Wohnung James Sanders postiert waren und auf einen Anruf der Kidnapper warteten. Das Ergebnis auf meine Anfrage war negativ. Die Entführer hatten sich noch nicht gemeldet. Wir konnten uns in der Tat auf die Geldfälscher-Bande konzentrieren.

Also lenkte ich den Sportwagen in die 46. Straße West. Sie war gut und gerne 1.500 Yards lang und reichte von der Fifth Avenue bis zur Twelfth Avenue. Auf den Avenues, die die 46. kreuzten, rollten die Blechlawinen von Norden nach Süden und von Süden nach Norden. Die 46. Straße selbst war weniger belebt. Es gab hier Geschäfte, Wohnblocks, Cafés und auch einige Bars, die aber erst am Abend öffneten.

Ich hatte keine Lust, Klingeln zu putzen und mich nach Luke Sheldon zu erkundigen. Also suchte ich einen Parkplatz für den Sportwagen, dann rief ich im Field Office an. Zehn Minuten später hatte ich ein Ergebnis. Luke Sheldon war polizeibekannt. Vorbestraft wegen schweren Diebstahls, Körperverletzung und Fahrens ohne Führerschein. Die zuletzt bekannte Anschrift war New York, Manhattan, 46. Straße West, No. 1364.

Na also!

Zufälligerweise waren wir nur wenige Häuserblocks von der Nummer 1364 entfernt. So konnten wir den Sportwagen stehen lassen und uns zu Fuß auf den Weg machen.

Es handelte sich um ein achtstöckiges Wohn- und Geschäftshaus, in dem Sheldon lebte. Vom Portier erfuhren wir, nachdem wir uns ausgewiesen hatten, dass sich sein Apartment in der 5. Etage befand. Während Sarah den Aufzug nahm, stieg ich die Treppe hinauf. Ein wenig außer Atem kam ich oben an. Sarah war schon da. Sie lächelte mich entwaffnend an und sagte: „Du solltest mal wieder was für deine Kondition tun, Partner.“

Ich hatte eine etwas gehässige Erwiderung auf der Zunge, behielt sie aber für mich und antwortete: „Wenn mir die Gangster New Yorks mal etwas mehr Zeit lassen, melde ich mich in einem Fitnessstudio an. Bis dahin werde ab sofort ich den Aufzug benutzen, und du darfst Treppen steigen.“

„Dann wollen wir doch mal sehen, ob Sheldon zu Hause ist“, sagte Sarah und legte ihren Daumen auf den Klingelknopf des Apartments Nummer 55.

Der Ton, den die Glocke erzeugte, war durch die geschlossene Wohnungstür zu hören. Einige Zeit verging, ohne dass sich in dem Apartment etwas tat.

Sarah klingelte erneut.

Und jetzt wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet. Durch den Spion waren wir von innen nicht zu sehen, denn wir befanden uns zu beiden Seiten der Tür. Eine weibliche Stimme fragte: „Wer ist da?“

„FBI!“, sagte ich. „Wir …“

Die Tür klappte zu. In der Wohnung erklang eine schrille Stimme. Was sie rief, konnte ich nicht verstehen. Ich verstand lediglich, dass sie die drei magischen Buchstaben F, B und I nannte, die jeden Gangster zunächst einmal hart schlucken ließen.

Wir waren also richtig.

Ich trat vor die Tür, hob das Bein und rammte es gegen die Türfüllung. Die Tür flog krachend auf, ich sprang zur Seite. Da brüllte auch schon in der Wohnung eine Waffe auf. Der Knall schien den Livingroom aus allen Fugen zu sprengen.

Sarah und ich zogen fast gleichzeitig unsere Dienstwaffen. Die Kugel pfiff zwischen uns hindurch und meißelte aus der der Tür gegenüberliegenden Wand ein faustgroßes Loch. Mauerwerk spritzte. Eine Kalkstaubwolke senkte sich auf den Boden.

„Geben Sie auf, Sheldon!“, rief ich. „Sie haben keine Chance, aus der Wohnung zu entkommen. Werfen Sie die Waffe weg und kommen Sie heraus.“

„Niemals! Warum kommt ihr nicht herein, um mich zu holen? Es ist mir ein inneres Bedürfnis, einen oder zwei von euch in die Hölle zu schicken.“

„Wer ist noch bei Ihnen außer der Frau?“, fragte ich.

„Ein guter Freund, der wie ich bewaffnet und bereit ist, euch dreckigen Schnüfflern zum höllischen Marsch aufzuspielen.“

„Wer ist es? Fitzpatrick oder Bob Winslow?“

„Komm rein und finde es selbst heraus, Bulle!“, kam es fast hysterisch zurück. Die Stimme gehörte einem anderen Mann.

„Ihr verschlimmert eure Situation nur, wenn ihr euch nicht ergebt“, rief Sarah. Sie hatte die Hand mit der SIG erhoben. Die Mündung deutete hinauf zur Decke. Ihre Stimme hatte absolut ruhig geklungen.

Nun, Sarah hatte – trotz der kurzen Zeit, in der sie beim FBI New York eingesetzt war – eine harte Schule durchgemacht. So schnell brachte sie nichts aus dem Gleichgewicht.

„Komm rein, du Miststück!“, brüllte wieder Sheldon. „Wir schießen dich durch Sonne und Mond. O verdammt! Ich glaube es nicht. Jetzt schicken sie uns schon Weiber, die uns festnehmen sollen. Heh, Lady, du solltest heiraten und Kinder kriegen. Das ist dein Job als Frau.“

„Zerbrich dir wegen meiner Berufswahl nicht den Kopf“, rief Sarah. „Und jetzt streckt endlich die Waffen. In spätestens einer Viertelstunde ist das Haus von Polizei umstellt. Und so lange nageln wir euch in der Wohnung fest.“

Sheldon lachte höhnisch auf. „Wir haben eine Geisel, Lady. Meine Freundin Lydia wird dran glauben, wenn ihr uns nicht abziehen lasst. Ich spaße nicht.“

„Du verdammtes Schwein …“, ertönte es, dann erstickte die Stimme.

Der Schuft präsentierte uns tatsächlich seine Freundin als Geisel. Und es hatte ganz und gar nicht danach geklungen, dass es mit ihrem Einverständnis geschah. Ein Rest Skepsis blieb jedoch.

„Ich komme jetzt. Soviel Zeit, um den Finger krumm zu machen und die Geisel zu erschießen habe ich selbst mit einer Kugel im Kopf noch. Verschwindet von der Tür, ihr Scheißbullen. Ihr wollt doch das Leben Lydias nicht gefährden?“

Sarah und ich wechselten einen vielsagenden Blick. Guter Rat war teuer. Ich nickte, dann rief ich: „In Ordnung, Sheldon, wir ziehen uns zurück. Aber Sie sollten sich keinen Illusionen hingeben. Man wird Sie schneller schnappen, als Sie denken. Der gesamte Polizeiapparat New Yorks wird innerhalb kürzester Zeit mobilisiert sein. Jeder Cop wird Jagd auf Sie machen.“

„Spar dir deine Worte, Bulle“, rief Luke Sheldon. „Wenn ich jetzt zur Tür hinaus komme und auch nur die Nasenspitze von dir oder deiner Partnerin sehe, kracht es.“

Ich wies mit dem Kopf in Richtung Aufzug.

Sarah verstand mich. Sie setzte sich in Bewegung. Ich folgte ihr. Der Lift stand noch in der 5. Etage. Wir stiegen hinein und fuhren nach unten. Nachdem wir im Erdgeschoss ausgestiegen waren, schloss sich die Tür automatisch.

Der Aufzug fuhr wieder nach oben. Ich verfolgte seinen Weg über die Stockwerksanzeige, die über der Aufzugtür an der Wand angebracht war. Die Zahl 5 leuchtete auf.

Sheldon, sein Komplize und ihre Geisel benutzten also den Aufzug. Fragend schaute Sarah mich an. In meinem Kopf rotierten die Gedanken. Ich wollte die Gangster nicht entkommen lassen, durfte aber die Geisel nicht gefährden.

Ein Mann und eine Frau kamen zur Eingangstür herein. Sie lenkten ihre Schritte in die Richtung des Aufzuges. Hinter der Rezeption stand der Portier und blickte zu uns her. Der Aufzug kam bereits nach unten. Die Nummer 3 leuchtete kurz auf.

Während wir nach unten gefahren waren, hatten wir unsere Pistolen eingesteckt. Jetzt zog ich sie wieder und zischte: „Schaff die Leute hinaus, Sarah. Ich gehe hinter der Rezeption in Deckung. Vorwärts.“

Sarah handelte ansatzlos. Auch sie zog ihre Waffe und rief: „Verlassen Sie sofort die Eingangshalle. Machen Sie schon. Wir sind vom FBI, das ist ein Einsatz.“

Der Mann und die Frau erschraken und standen starr. Sarah lief zu ihnen hin und drängte sie in Richtung Ausgang. Der Portier schaltete schneller. Er kam hinter der Rezeption hervor und hastete zu der Glastüre, die in eine Fassade aus Beton eingelassen worden war.

Ich rannte hinter die Rezeption und ging in Deckung. Wenige Sekunden später glitten die beiden Türhälften des Aufzugs auseinander.

Ich sah einen Mann, der eine Frau von hinten mit dem linken Arm im Würgegriff hielt und vor her schob. Seine rechte Hand hielt eine Pistole, deren Mündung er der Frau unter das Kinn drückte.

Die Frau war blond. Sie trug die langen Haare offen. Ihr Gesicht war schmal und blass. Ihre Lippen bebten. In ihren Augen wühlte die Angst. Das war nicht gespielt. Diese Geiselnahme war echt. Das war zumindest mein Eindruck. Luke Sheldon schien vor nichts zurückzuschrecken. Um seine Haut zu retten, war ihm nichts heilig.

Sheldon und der Frau folgte – Emerson Fitzpatrick. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Geiselnahmen und bewaffnete Auseinandersetzungen waren nicht sein Ding. Daran konnte wohl auch die Tatsache nichts ändern, dass er eine Pistole in der Hand hatte. Jeder Zug seines Gesichts drückte Unbehaglichkeit aus.

Sie bewegten sich in Richtung Ausgang. Ich äugte über die Rezeption hinweg und sah die drei vom Rücken. Jetzt überholte Fitzpatrick Sheldon und die Geisel und öffnete die Tür. Sheldon bugsierte seine Freundin ins Freie. Die Tür fiel zu.

Ich kam hinter der Rezeption hoch und glitt ebenfalls in Richtung der Tür. Da drehte sich Fitzpatrick um und sah mich. Er schrie etwas und feuerte wie von Sinnen. Es war wohl mehr die Panik, die ihn dazu veranlasste, denn der Wille, mich zu töten. Aber der Grund, aus welchem Fitzpatrick seine Kugeln in meine Richtung schickte, war von untergeordneter Bedeutung. Ich hechtete zur Seite. Dort, wo ich eben noch gestanden hatte, pfiffen die Geschosse durch die Luft. Die Glastür ging in Scherben. In das Krachen der Schüsse hinein hörte ich es Klirren.



10

Sarah Anderson stand an der Ecke des Gebäudes. Sie sah Emerson Fitzpatrick herumwirbeln und dann brüllte dessen Pistole in wahnsinnig schneller Folge mehrere Male auf.

Menschen, die sich auf der Straße befanden, begannen zu schreien und flüchteten in Deckung. Sekundenlang herrschte ein chaotisches Durcheinander. Und dann peitschte Sarahs Waffe. Fitzpatrick wurde das Bein vom Boden weggerissen. Er stürzte. Seine Waffe schlitterte einige Schritte davon und blieb im Rinnstein liegen.

Luke Sheldon wirbelte sein lebendes Schutzschild zu Sarah herum. „Ich erschieße sie!“, brüllte er überschnappend.

Die Geisel schrie auf. Die Situation war brenzlig.

„Waffe runter!“, brüllte der Gangster.

Sarah hatte keine andere Chance, als ihre Waffe auf den Gehsteig zu legen. Sie kam wieder hoch und hob die Hände in Schulterhöhe. „Ich stelle mich Ihnen an Stelle Ihrer Freundin als Geisel zur Verfügung!“, rief sie mit klarer, präziser Stimme.

„Komm her!“, rief Sheldon. „Komm schon! Schwing die Hufe, Süße!“

Sarah setzte sich in Bewegung. Ihr Gesicht mutete an wie erstarrt. Die Hände behielt sie oben. Sie nahm ihren Blick nicht von dem Gangster. Es war, als wollte sie ihn hypnotisieren.

Dann stand sie dicht vor Sheldon und seiner Geisel.

Fitzgerald lag am Boden und wimmerte. Mit beiden Händen umklammerte er sein durchschossenes Bein. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor. Der Schmerz verzerrte sein Gesicht zur Grimasse.

„Nimm mich mit, Luke“, ächzte Fitzgerald. „Du wirst mich doch nicht zurücklassen? O verdammt, mein Bein!“

Sheldon achtete nicht auf ihn, sondern richtete die Waffe auf Sarah, gleichzeitig versetzte er seiner Freundin einen Stoß in den Rücken. Sie taumelte zwei Schritte nach vorn. „Hol den Wagen her, Lydia. Und du rühr dich nicht, Süße. Oder muss ich dir ein Loch in die Figur schießen.“

Sheldon griff mit der Linken in die Hosentasche und warf Lydia zwei Schlüssel zu, die an einem Ring hingen. Geschickt fing die Frau sie auf, wandte sich um und lief weg.

Sheldon griff nach Sarah, zog sie dicht an sich heran, griff ihr in die Haare und drückte ihr die Mündung seiner Pistole unter das Kinn. „Keine krummen Touren, Süße!“, giftete er. „Ich würde dir den Kopf von den Schultern schießen.“

Sein Atem schlug Sarah ins Gesicht!

Ich befand mich in der Eingangshalle des Gebäudes und konnte durch die zerschossene Tür alles mitverfolgen. Sheldon wandte mir die linke Seite zu. Ich hielt die SIG mit beiden Händen auf den Gangster angeschlagen, wagte aber nicht abzudrücken. Wenn ich nämlich nicht hundertprozentig traf, war es mit Sarah aus.

Ich war mit plötzlich nicht mehr sicher, ob die Geiselnahme echt gewesen war. Vielleicht war diese Lydia eine erstklassige Schauspielerin und hatte es verstanden, uns zu bluffen.

Jetzt hatte Sheldon jedenfalls, was er wollte. Er hatte eine echte Geisel in seiner Hand, und ich musste davon ausgehen, dass er schießen würde, sollte er sich in die Enge gedrängt fühlen.

In mir riss ein Zwiespalt auf.

Eine drängende Stimme sagte mir, dass ich Sarah aus der Gewalt des Gangsters befreien musste. Der Verstand jedoch hämmerte mir ein, dass ich den Gangster gewähren lassen musste, um Sarahs Leben nicht aufs Spiel zu setzen.

Ein roter Mercury gelangte in mein Blickfeld. Lydia saß am Steuer. Sie blickte in die Richtung des Gangsters. Der drehte Sarah jetzt so, dass sie ihm den Rücken zuwandte. Sein linker Arm legte sich von hinten um ihren Hals.

Da zuckte Sarahs rechter Ellenbogen nach hinten. Sie rammte ihn dem Gangster in den Magen. Gleichzeitig wirbelte Sarah herum. Mit dem linken Arm schlug sie die Hand mit der Waffe zur Seite. Ein Schuss krachte. Ich staute den Atem. Sarah packte den rechten Arm des Gangsters mit beiden Händen, schwang ihn herum, drehte sich in Sheldon hinein und warf ihn über ihre Schulter. Der Gangster krachte der Länge nach auf das Pflaster.

Ich stürmte los, riss die Tür auf und gelangte auf die Straße.

Sheldon wollte seinen Oberkörper aufrichten. Er japste nach Luft. Der Aufprall am Boden musste ihm die Luft aus den Lungen gedrückt haben. Seine Rechte umklammerte nach wie vor die Pistole. Da schnellte Sarahs Bein vor. Sie traf die Hand mit der Waffe. Die Pistole flog im hohen Bogen davon.

Dann war ich heran. Ich drückte Sheldon die Mündung der SIG gegen die Schläfe. „Schluss jetzt!“, peitschte meine Stimme.

Lydia, die Freundin des Gangsters, sprang aus dem Mercury und versuchte zu türmen. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass sie eine Show abgezogen hatte, als sie als Geisel fungierte. Sicher war es kein bewusster Wille, die sie vorwärts peitschte, sondern die Panik.

Sarah nahm ansatzlos die Verfolgung auf. Schon nach wenigen Schritten holte sie Lydia ein und riss sie zu Boden.

Ich nahm die Handschellen, die ich unter der Jacke am Gürtel trug, und fesselte Sheldons Hände auf den Rücken. Dann kümmerte ich mich um Emerson Fitzpatrick. Der jammerte steinerweichend, aber ich konnte kein Mitleid mit ihm empfinden. Er hatte sich sein Dilemma selbst zuzuschreiben.

Sarah führte Lydia heran. Auch ihr wurden Handschellen verpasst. Ich sammelte die Waffen ein. Dann rief ich im Field Office an, damit einige Leute geschickt wurden, die die Festgenommenen übernehmen sollten, außerdem bat ich um eine Ambulanz für den verwundeten Fitzpatrick.

Sarah holte ihre Dienstwaffe, dann brachten wir Sheldon, Lydia und den verletzten Fitzpatrick in die Eingangshalle des Gebäudes, in dem Sheldon wohnte. Ich legte die Pistolen der Gangster auf der Rezeption ab. Fitzpatrick durfte auf dem Stuhl des Portiers Platz nehmen. Blut tropfte von seinem Oberschenkel auf den gefliesten Fußboden.

Zunächst kam mit heulender Sirene und rotierenden Lichtern auf dem Dach ein Streifenwagen in die 46. Straße. Irgendjemand hatte die Polizei verständigt. Zwei Cops sprangen vor der Tür aus dem Wagen, nachdem er mit quietschenden Bremsen in der 2. Reihe angehalten worden war. Mit gezückten Pistolen kamen sie in die Halle.

Ich wies mich aus. Dann bat ich die beiden, unsere Gefangenen zu bewachen und keine Neugierigen in die Halle zu lassen. Sarah und ich fuhren in die 5. Etage und verschafften uns Einlass in die Wohnung Sheldons.

Wir schauten uns um. Neben dem Tisch im Livingroom stand ein Koffer. Er kam mir bekannt vor. Fitzpatrick hatte einen solchen Koffer getragen, als er das Haus in Queens verließ und Wes Logan meinen Partner Milo Tucker niederschoss.

Ich nahm den Koffer, legte ihn auf den Tisch und öffnete ihn. Er war voll falscher Hunderter!



11

Diesmal war es die Morning Post, die am folgenden Tag die Schlagzeile brachte:

„Geheimnis um Lottomillionär gelüftet. Entführer seiner Frau stellen erste Bedingungen.“

Ich las den Bericht. Danach war bei der Redaktion des Verlages ein Brief der Entführer eingegangen, in dem James Sanders namentlich erwähnt wurde. Die Kidnapper forderten, dass er die achtzehn Millionen bereit hielt und sich die Polizei herauszuhalten habe, da ansonsten Barbara Sanders getötet werden würde.

Sarah befand sich bei mir im Büro.

„Man sollte dem Redakteur ein lebenslängliches Berufsverbot erteilen“, schimpfte sie. „Wie kann dieser Dummkopf Sanders‘ Namen veröffentlichen? Jetzt werden die Trittbrettfahrer auf den Zug aufspringen. Und der eine oder andere Gangster wird auf den Plan treten, um Jagd auf die Millionen zu machen.“

„Das ist sicher zu befürchten“, bestätigte ich. „Die Morning Post hat uns sicher keinen Gefallen erwiesen, als sie den Artikel brachte.“ Ich griff nach dem Telefonbuch und suchte die Nummer des Verlages heraus. Dann tippte ich sie in den Apparat und wartete. Das Freizeichen ertönte. Dann meldete sich jemand. Ich bat, mit dem Chefredakteur verbunden zu werden. Es dauerte einige Zeit, aber dann hatte ich den Mann an der Strippe. Ich fragte ihn nach dem Brief der Kidnapper.

„Der liegt mir vor“, sagte der Chefredakteur. „Ich kann ihn Ihnen faxen, wenn Sie das möchten.“

„Ich will das Original“, sagte ich.

„Natürlich. Beweissicherung. Sie können das Original gerne haben. Lassen Sie es bei mir abholen. Oder …“

„Ich komme selbst vorbei“, knurrte ich. Ich war stinksauer auf diesen Burschen. Um einen reißerischen Bericht veröffentlichen zu können, hatte er sogar in Kauf genommen, dass der Gewinner der Lottomillionen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt wurde und keine ruhige Minute mehr haben würde. Wie Sarah schon angedeutet hatte: Auf den Zug der Entführer würden Trittbrettfahrer aufspringen. Die Unterwelt würde sich für die Millionen interessieren. Dazu kamen die Bettler, die Sanders persönlich oder per Telefon frequentierten, des weiteren die Bittbriefschreiber …

Ein Run, dem die unterschiedlichsten Motive zugrunde lagen, würde die Folge sein.

Nachdem ich aufgelegt hatte, sagte Sarah: „Da nur ein kleiner Personenkreis von den Lottomillionen wusste, können die Entführer den Tipp auch nur aus diesem Dunstkreis erhalten haben. Die Eltern Barbara Sanders‘ scheiden meiner Meinung nach aus. Bleiben also nur noch die Eltern James Sanders‘ und sein Bruder.“

„Sanders‘ Mutter schließe ich auch aus“, erwiderte ich.

„Dann sollten wir uns noch einmal mit Sanders‘ Vater und seinem Bruder beschäftigen“, sagte Sarah.

„Holen wir zunächst mal den Brief ab“, schlug ich vor und erhob mich. „Da wir – abgesehen von Bob Winslow – die Geldfälscherbande auf Nummer sicher haben, können wir uns voll und ganz der Sache Sanders widmen. Du warst übrigens gestern allererste Sahne, Sarah. Wie du Sheldon schachmatt gesetzt hast – das war lehrbuchmäßig.“

„Ich hatte einen erstklassigen Lehrer“, antwortete Sarah schnippisch. „Er heißt Jesse Trevellian.“

„Nun lass mal die Kirche beim Dorf“, knurrte ich. „Sicher konntest du einiges von mir abschauen. Aber …“

„Nur keine falsche Bescheidenheit“, unterbrach mich Sarah lächelnd. Dann versiegte ihr Lächeln, sie schaute mich offen an und fuhr fort: „Im Ernst, Jesse. Von dir habe ich innerhalb weniger Wochen die praktische Erfahrung vermittelt bekommen, die Quantico keinem künftigen Agenten nahe bringen kann. Ich bin dir sehr dankbar dafür. Deine Schule war es auch, die mir gestern half, Sheldon zu überwältigen.“

„Dann bin ich also doch zu etwas gut gewesen auf dieser Welt“, flachste ich.

„Hast du je daran gezweifelt?“

Ich wiegte den Kopf. Dann sagte ich: „Genug der Lobhudelei. Lass uns aufbrechen.“

Wir verließen das Federal Building und fuhren zur Morning Post. Wenig später hielt ich den Brief in Händen. Er war – wie schon der Brief, der bei der Evening Post eingegangen war, mit dem Computer geschrieben worden. Ich las ihn. Das Wort Millionen kam in dem Brief vor, und es war wieder nur mit einem L geschrieben.

Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder, der Briefschreiber war Ausländer und der englischen Sprache nicht besonders gut mächtig, oder es war einer, der mit Rechtschreibung auf Kriegsfuß stand.

Diese Erkenntnis half uns jedoch nicht weiter.

„Okay“, sagte ich. „Fahren wir noch einmal zu Sanders‘ Vater.“

„Und anschließend zu seinem Bruder“, sagte Sarah.



12

Richard Anderson sagte: „Einen größeren Gefallen konnte uns das Käseblatt gar nicht erweisen. Jungs, die Suche hat ein Ende. Wir wissen jetzt, dass der Lottomillionär James Sanders heißt. Seine Adresse und seine Telefonnummer herauszufinden kostet uns ein Lächeln.“

Vor ihm auf dem Tisch lag die Morning Post. Anderson griff nach seiner Tasse und trank einen Schluck Tee. Dann räusperte er sich und sagte: „Fred, hol das Telefonbuch her.“

Fred Carter erhob sich, ging zu der Konsole, auf der der Telefonapparat stand, und nahm aus dem Fach darunter das New Yorker Telefonbuch. Er brachte es Rich Anderson. Der begann in dem Wälzer zu blättern. „S …“, murmelte er vor sich hin. „S – a … Sanders.“ Sein Zeigefinger glitt die Reihe der Eintragungen mit dem Namen Sanders hinunter, dann stieß er hervor. „Hier haben wir ihn ja. James Sanders. Such was zum Schreiben, Fred. Die Nummer lautet …“



13

„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich mit keinem Menschen über James‘ Lottogewinn gesprochen habe?“, sagte Steve Sanders, der Vater James Sanders‘, fast beschwörend. „Und dass ich meine Schwiegertochter nicht entführt habe, werden Sie mir wohl glauben.“

„Ich lege für meinen Mann die Hand ins Feuer“, erklärte Ann Sanders, James‘ Mutter. „Mein Mann ist Beamter bei der Stadtverwaltung und verdient genug Geld, so dass wir beide ausgesorgt haben.“ Tränen schossen ihr in die Augen. „Mein armer Junge. Er liebt Barbara doch abgöttisch. Er ist am verzweifeln.“

Ich glaubte den beiden.

Sarah hingegen ließ nicht locker. „Denken Sie nach, Mr. Sanders. Vielleicht haben Sie doch irgendjemand gegenüber eine Andeutung gemacht. Haben Sie Geschwister? Cousins und Cousinen? Neffen und Nichten?“

„Ich habe einen Bruder. Er heißt Milton. Er hat in Staten Island ein Haus. Mit meinem Bruder habe ich sehr wenig Kontakt. Gerade mal zu Weihnachten oder anlässlich eines Geburtstags telefonieren wir miteinander. Gesehen habe ich meinen Bruder schätzungsweise schon ein Jahr nicht mehr.“

„Hat Ihr Sohn Kontakt zu Ihrem Bruder?“

„Welcher? James oder Ned?“

„Ich spreche von Ned, ihrem jüngeren Sohn“, gab Sarah zu verstehen.

„Ned lebt nicht mehr zu Hause. Kaum vorstellbar, dass er Kontakt zu Milt hat. Die Jungs hatten eigentlich nie irgendeinen Bezug zu ihm. Nein, ich glaube nicht, dass Ned Kontakt zu Milt unterhält.“ Der Mann schüttelte den Kopf.

„Wieso arbeiten Sie nicht?“, fragte ich.

„Ich bin seit zwei Wochen krank geschrieben. Die Bandscheibe …“

„Was hatten Sie für ein Verhältnis zu Ihrer Schwiegertochter?“

„Ein gutes“, antwortete Mrs. Sanders. „Wir haben Barbara sehr gern. Fast wie eine eigene Tochter.“

„Den Hinweis, dass Ihr Sohn einen hohen Geldbetrag im Lotto gewonnen hat, können die Kidnapper nur von jemand erhalten haben, der eingeweiht war. Das waren außer Ihnen die Schwiegereltern Ihres Sohnes und Ihr Sohn Ned.“

Steve Sanders knetete seine Hände. Er saß auf der Kante der Couch. Sarah und ich hatten in Sesseln Platz genommen. Mrs. Sanders saß neben ihrem Mann. Die Frau war mit ihrer Psyche ziemlich am Ende. In ihrem Gesicht zuckten die Nerven.

„Ich kann Ihnen nichts sagen“, presste Steve Sanders hervor. „Von uns hat jedenfalls niemand einen Hinweis erhalten. – Hätte James dieses verdammte Geld bloß nicht gewonnen. Wie meine Frau schon sagte: Barbara ist uns ans Herz gewachsen – fast wie eine leibliche Tochter …“

„Haben Sie nach der Entführung mit Ihrem Sohn James gesprochen?“, wollte Sarah wissen.

„Natürlich. Irgendjemand musste ihm ja Trost spenden. Der Junge ist mit den Nerven fertig. Er ist bereit zu zahlen. Es geht ihm nur um seine Frau. Um sonst nichts. Sie will er gesund und wohlbehalten zurück.“

„Ich habe keine Fragen mehr“, sagte Sarah. „Willst du noch etwas wissen, Jesse?“

Ich schüttelte den Kopf und erhob mich. „Nein.“ Mein Blick traf Mr. Sanders. „Tut mir leid, dass wir Sie noch einmal belästigen mussten. Aber meine Partnerin hat recht. Die Entführer können nur von einem Eingeweihten von den Lottomillionen erfahren haben. Und dazu gehören Sie nun einmal.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erklärte Steve Sanders. „Sie machen lediglich Ihren Job.“

Wir verabschiedeten uns.

„Was glaubst du?“, fragte Sarah, als wir im Wagen saßen. „Ist Steve Sanders sauber?“

„Mir kommt er ehrlich vor. Ist auch kaum vorstellbar, dass er sein eigen Fleisch und Blut um die Millionen erleichtern möchte. Steve Sanders kommt als Täter nicht in Frage, ebenso wenig wie Mrs. Sanders.“

„Das ist auch meine Meinung. Da auch die Eltern Barbaras ausscheiden, bleibt nur noch Ned Sanders übrig. Nehmen wir ihn in die Mangel.“

Wir fuhren in die 67. Straße Ost, wo Ned Sanders ein Apartment inne hatte. Sanders war nicht zu Hause. Eine Nachbarin verriet uns, dass er bei einem Transportunternehmen als Buchhalter tätig war. Es handelte sich um die Spedition Freshman in Brooklyn, Quentin Avenue. Also fuhren wir dort hin. Und wir trafen Ned Sanders an. Er bot uns in seinem Büro Sitzplätze an einem kleinen Besuchertisch an. „Kaffee oder Tee?“, fragte er. Wir lehnten dankend ab.

Sarah kam sofort auf den Grund unseres Erscheinens zu sprechen. Sie erklärte Ned Sanders, dass eigentlich nur noch er als derjenige in Frage käme, von dem die Kidnapper den Tipp mit den Lottomillionen haben konnten.

Ned Sanders prallte geradezu zurück. Er tippte sich mit dem Daumen gegen die Brust: „Von mir!? Entschuldigen Sie, Special Agent, aber Sie müssen verrückt sein. Wie Sie wissen, hat mir James zwei Millionen Dollar versprochen. Was also sollte ich für ein Interesse daran haben, dass Barbara entführt und James erpresst wird?“

„Darum geht es nicht“, versetzte ich. „Bei Ihnen mag gar keine böse Absicht dahinter gesteckt haben, als Sie mit jemand über den Gewinn sprachen …“

Ned Sanders ließ die flache Hand auf den Schreibtisch klatschen. Sein Gesicht hatte sich gerötet. Er war wütend. Seine Augen versprühten zornige Blitze. „Ich habe mit niemandem drüber gesprochen, verdammt! Warum glauben Sie mir nicht?“

„Haben Sie ein leeres Blatt Papier?“, fragte ich.

„Natürlich.“ Ned Sanders griff in das Papierfach des Druckers, der an seinen PC angeschlossen war, und holte ein leeres Blatt Papier heraus. Er reichte es mir.

Ich winkte ab. „Schreiben Sie mal das Wort Million“, forderte ich.

Ned Sanders schaute mich verdutzt an. „Das Wort Million?“, echote er fragend.

„Sehr richtig. Schreiben Sie es.“

Achselzuckend griff er nach einem Kugelschreiber, schrieb das Wort auf das Papier und reichte mir den Bogen. Ich warf einen Blick drauf. Er hatte das Wort mit zwei L geschrieben.

„Was soll das?“, fragte Ned Sanders.

„Nur ein Test“, antwortete ich und deutete ein Grinsen an. „Sie haben ihn bestanden, Ned.“

Er schaute mich an wie jemand, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Plötzlich aber lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Ich bin nicht länger bereit, Ihnen Rede und Antwort zu stehen. Ich habe mir nämlich nichts vorzuwerfen. Sollten Sie noch einmal kommen, um mich einzuvernehmen, wird mein Anwalt mit von der Partie sein. Und jetzt bitte ich Sie, mein Büro zu verlassen. Was es meinerseits zu sagen gab, haben Sie erfahren.“

„Sie gehören zum Kreis der Verdächtigen“, gab Sarah unbeeindruckt zu verstehen. „Wenn wir der Meinung sind, dass wir Sie noch einmal einvernehmen müssen, erhalten Sie eine Vorladung ins Field Office. Sie können Ihren Anwalt dann ja mitbringen.“

„Worauf Sie Gift nehmen können“, stieß Ned Sanders grimmig hervor.



14

Bei James Sanders läutete das Telefon. Sanders griff nach dem Hörer, stockte jedoch in der Bewegung, und seine Hand blieb in der Luft hängen. Er schaute einen der Beamten, die die Fangschaltung bedienten, fragend an. Der Polizist nickte. Sanders nahm den Hörer ab und hob ihn sich vor das Gesicht.

„James Sanders.“

„Ausnahmsweise nehmen wir heute direkt mit dir Kontakt auf, Sanders“, sagte der Anrufer. Seine Stimme klang blechern und unecht. Sie war verzerrt, damit sie nicht zu identifizieren war. „Hast du das Geld?“

„Noch nicht. Achtzehn Millionen sind kein Pappenstiel. Die Nebenstelle der Bank, bei der ich mein Konto eingerichtet habe …“

„Ich weiß, dass die Bullen eine Fangschaltung installiert haben. Du willst Zeit schinden, damit sie orten können, von wo aus ich anrufe. Es ist ein öffentlicher Fernsprecher. Bis die Bullen hier sind, bin ich über alle Berge.“ Der Sprecher lachte. Dann fuhr er fort: „Gib Acht, Sanders. Du besorgst das Geld bis Freitag und bringst es um achtzehn Uhr in einem Koffer zur U-Bahn-Haltestelle in der Spring Street, stellst den Koffer neben dem Fahrkartenautomaten ab und verschwindest. Klar?“

„Ja. Werdet ihr Barbara laufen lassen?“

„Wenn ich die achtzehn Millionen in Händen habe, kriegst du deine Frau zurück, Sanders. Mein Ehrenwort drauf. Ich hoffe, sie will dich dann noch, da du doch wieder ein armer Schlucker sein wirst.“ Wieder lachte der Gangster. „Noch was, Sanders. Komm allein zur Subway-Station. Sollten wir feststellen, dass sich in deinem Schlepptau Polizisten befinden, geht es deiner Frau dreckig. Sicher hören die Bullen mit. Mir recht. Sollte sich auch nur ein einziger Schnüffler in der U-Bahn-Station herumtreiben, werden wir mit deiner Frau die Fische im Hudson füttern.“

Der Gangster legte auf.

Einer der Polizisten sagte: „Er hat von dem öffentlichen Fernsprecher beim Madison Square Garden angerufen. Bis eine Streife dort eintrifft, ist er längst fort. Das einzige, was wir vielleicht sichern können, sind seine Fingerabdrücke auf dem Telefonhörer.“

„Verständige Trevellian“, sagte der andere Polizist. „Er soll entscheiden, was zu tun ist.“



15

Wir befanden uns auf der Brooklyn Bridge, als mein Handy in der Freisprechanlage dudelte. Ich ging auf Empfang. „Hallo, Trevellian“, tönte eine Stimme aus dem Lautsprecher. „Soeben hat der Entführer Barbara Sanders‘ angerufen. Wir konnten lokalisieren, von wo aus er anrief. Es war der öffentliche Fernsprecher beim Madison Square Garden.“

„Was sprach der Strolch?“, fragte ich.

„Die Übergabe des Geldes soll am Freitag, achtzehn Uhr, in der U-Bahn-Haltestelle Spring Street erfolgen. Ausdrückliche Forderung ist, dass keine Polizei bei der Haltestelle anwesend sein darf. Wenn doch, wollen die Kidnapper Barbara Sanders umbringen.“

„Verständigen Sie die SRD“, sagte ich. „Sie sollen etwaige Fingerabdrücke an dem öffentlichen Fernsprecher sichern und auswerten.“

SRD ist die Abkürzung für die Scientific Research Division. Hierbei handelte es sich um den zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeidienststellen.

„Mach ich“, sagte der Beamte. „

„Sie sollen sich mit der Auswertung beeilen“, gab ich zu verstehen, „und das FBI vom Ergebnis unterrichten. Geben Sie den Kollegen meine Telefonnummer.“

„Verstanden, Trevellian.“

Dann war die Leitung tot.

„Langsam gerät Bewegung in die Sache“, knurrte ich.

„Die Gangster haben mit Barbara Sanders ein Druckmittel in der Hand“, sagte Sarah, „das uns dazu zwingt, tatenlos herumzusitzen und Daumen zu drehen.“

„Völlig tatenlos werden wir sicher nicht herumsitzen“, erwiderte ich. „Wir werden bei der U-Bahn-Station sein. Und wir werden sehen, wer den Koffer mit dem Geld an sich nimmt. Vielleicht führt er uns zu Barbara Sanders.“

„Genau diese Antwort habe ich von dir erwartet“, sagte Sarah.

Unsere Blicke begegneten sich. Ich verspürte ein leichtes Kribbeln im Bauch. Ja, Sarah war schön und begehrenswert. Sie schlug mich voll und ganz in ihren Bann. Es kostete mich Mühe, mich daraus zu lösen und einen gleichmütigen Gesichtsausdruck zur Schau zu tragen. „Es ist wahrscheinlich unsere einzige Chance, an die Kidnapper heranzukommen.“

„Das sehe ich genau so“, meinte Sarah. „Was hältst du davon, wenn wir Fitzpatrick und Luke Sheldon einvernehmen? Vielleicht verraten sie uns den Schlupfwinkel Bob Winslows. Möglicherweise geht uns auch der letzte Mann des verbrecherischen Quartetts ins Netz.“

Ich war einverstanden. Also fuhren wir zur Federal Plaza, ich stellte den Sportwagen in der Tiefgarage ab, dann fuhren wir mit dem Aufzug nach oben. Ehe wir daran gingen, Luke Sheldon einzuvernehmen, meldeten wir uns bei Mr. McKee an, um Bericht zu erstatten.

„Wie wollen Sie vorgehen?“, fragte der Chef, nachdem er alles wusste, was es zu berichten gegeben hatte. „Wenn die Gangster Sie als Polizisten erkennen, ist Barbara Sanders‘ Leben keinen Pfifferling mehr wert. Wir müssen ganz behutsam vorgehen. Der Frau darf kein Leid widerfahren.“

„Wir werden uns unter die Leute mischen, die die U-Bahn-Station bevölkern“, sagte ich. „Uns zu verkleiden wird nicht notwendig sein. Es ist kaum zu erwarten, dass die Gangster Sarah oder mich kennen. Sobald einer der Gangster den Koffer an sich nimmt, folgen wir ihm. Und dann sehen wir weiter.“

„Sie haben also noch keinen durchdachten Plan?“, stellte Mr. McKee ohne Begeisterung fest.

„Nein. Unser Vorgehen hängt vom Verhalten des Mannes ab, der den Koffer abholt.“

„Was wird in dem Koffer sein?“

„Achtzehn Millionen Dollar“, beantwortete ich die Frage des SAC. „Wir können kein Risiko eingehen. Wenn wir den Koffer mit Zeitungspapier oder sonst etwas füllen und der Gangster entkommt uns, wird Barbara Sanders es auszubaden haben. So besteht wenigstens die Hoffnung, dass die Kidnapper sie laufen lassen, wenn sie das Geld haben.“

„Irgendeiner spielt mit gezinkten Karten“, kam es von Sarah. „Ich tippe auf Ned Sanders. Er hat sich als wenig kooperativ gezeigt. Irgendjemand gegenüber hat er von dem Lottogewinn seines Bruders erzählt. Er muss ja mit den Kidnappern gar nicht unter einer Decke stecken.“

„Dann würde er uns nicht verheimlichen, wem er den Tipp gegeben hat“, wandte ich ein. „Was hätte er für ein Interesse …“ Schlagartig brach ich ab. „Es sei denn, er will mehr herausholen als die zwei Millionen, die ihm sein Bruder versprochen hat. Das wäre ein Motiv.“

„Das heißt unter Umständen“, sagte Mr. McKee, „dass er entweder mit den Kidnappern unter einer Decke steckt, oder dass er weiß, wer die Kidnapper sind und er sie zu erpressen versucht.“

„Was für ein Hohn“, kam es sarkastisch von Sarah. „Er erpresst möglicherweise die Erpresser.“

„Wir sollten dem Burschen doch etwas näher auf den Zahn fühlen“, sagte ich. „Bis jetzt ist das zwar alles nur graue Theorie, aber da James Sanders‘ Eltern und seine Schwiegereltern aller Voraussicht nach ausscheiden, gibt es nur noch Ned Sanders, an den wir uns halten können.“

„Wir werden seine Telefongespräche überprüfen“, erklärte Sarah. „Und wir werden ihn beobachten. Wir könnten auch Laterna Magica einsetzen und den Computer Ned Sanders analysieren, vorausgesetzt, er ist vernetzt. Vielleicht gibt es verräterische E-Mails oder irgendwelche andere Daten, die für unsere Ermittlungen von Nutzen sind.“

„Von mir bekommen Sie dafür grünes Licht“, sagte Mr. McKee. Mit gesenkter Stimme fügte er hinzu: „Mir ist jedes Mittel recht, wenn es darum geht, irgendwelchen Verbrechern das Handwerk zu legen.“

Mr. McKees Familie war von Verbrechern ausgelöscht worden. Das war einer der Gründe, weshalb er alles, was nicht gesetzeskonform war, hasste und bis aufs Blut bekämpfte. Einen fanatischeren Verfechter von Recht und Ordnung kannte ich nicht. Er war uns Agenten zum Vorbild geworden!

„Da fällt mir ein“, fuhr der SAC fort, „dass morgen Vormittag eine Pressekonferenz wegen der Entführungsgeschichte stattfindet. Ich möchte, dass Sie, Jesse, und auch Sie, Sarah, dabei sind.“

„Wir können den Medienleuten nicht viel bieten“, sagte ich. „Zeitpunkt und Ort der Übergabe des Geldes werden wir ihnen sicher nicht auf die Nasen binden.“

Mr. McKee lächelte. „Wir sind verpflichtet, die Öffentlichkeit zu unterrichten. Dass wir nicht über Dinge sprechen, die unsere Ermittlungen gefährden könnten, wissen die Medienleute, und sie akzeptieren das auch.“

„Um wann findet die Pressekonferenz statt?“, fragte ich.

„Um zehn Uhr, im Sitzungssaal.“

„Wir werden da sein.“

Wir ließen Mr. McKee allein und begaben uns in den Zellentrakt. Luke Sheldon war als einziger der Geldfälscher im Federal Building arretiert. Emerson Fitzpatrick befand sich wegen seines durchschossenen Oberschenkels im Hospital des Stadtgefängnisses. Sheldons Freundin saß ebenfalls im City Prison ein.

Wir ließen Sheldon in den Vernehmungsraum bringen. Es war ein nüchtern eingerichteter Raum, in dem eine grelle Neonbeleuchtung für Licht sorgte. Über der Tür hing ein eisernes Kreuz an der Wand. Das war der einzige Schmuck. Die Wände waren weiß gestrichen und kahl. In der Raummitte stand ein Tisch. Um ihn herum waren einige Stühle gruppiert. Es gab noch einen Bildschirmarbeitsplatz für die Schreibkraft, die die Vernehmungsprotokolle zu tippen hatte. Eine Schreibkraft brauchten wir heute jedoch nicht. Wir wollten von Sheldon nur wissen, wo sich eventuell sein Kumpan Bob Winslow verkrochen hat.

„Wenn ihr denkt, dass ich ein Geständnis ablege, dann seid ihr auf dem Holzweg“, begrüßte uns der Gangster, als er in den Raum geführt wurde.

„Setzen Sie sich zunächst mal“, sagte ich, dann wies ich den Wachmann an, Sheldon die Handschellen abzunehmen. Nachdem dies geschehen war und Sheldon saß, erhob ich erneut die Stimme: „Ihr Geständnis kriegen wir schon noch. Im Moment sollen Sie uns nur zwei Fragen beantworten, Sheldon. Frage eins: Wo finden wir möglicherweise Ihren Kumpel Winslow?“

„Sucht ihn von mir aus in der Hölle!“, zischte Sheldon. „Ich weiß nicht, wo er sich verkrochen haben könnte. Was wollen Sie noch wissen?“

„Gab es außer Ihnen, Fitzpatrick, Logan und Winslow weitere Bandenmitglieder?“

„Nein.“ Sheldon erhob sich. „Ich habe beide Fragen beantwortet. Also bin ich fertig. Ich will zurück in meine Zelle.“

„Eine Frage noch, Sheldon“, sagte Sarah.

Der Kopf des Gangsters ruckte zu meiner Partnerin herum. „Hat dir schon jemand gesagt, dass du einsame Klasse bist, Honey?“

Sarah verzog keine Miene. „Wer war der Kopf der Bande?“, fragte sie.

„Fitzpatrick. Er hatte die Idee, er beschaffte auch die Geräte, die wir brauchten. Für das Falschgeld interessierte sich ein Gangsterboss. Er wollte es zu einem Kurs von eins zu zehn aufkaufen, um damit Drogen zu bezahlen, die aus Südamerika kommen. Ganz einfach, nicht wahr? Unser Pech, dass ihr uns auf die Schliche gekommen seid.“

„Kennen Sie den Namen des Gangsterbosses?“

„Nein. Daraus machte Fitzpatrick ein Geheimnis. Ich glaube, er hatte Angst vor dem Kerl.“

„Sie erweisen sich als ziemlich kooperativ, Sheldon“, sagte ich. „Wollen Sie nicht mal scharf nachdenken? Vielleicht fällt Ihnen doch noch ein, wo sich Winslow verkrochen haben könnte.“

Sheldon griff in die Brusttasche seines Hemdes und zog eine Schachtel Lucky Strike hervor. Er schüttelte sich einen Glimmstängel aus der Schachtel und zündete ihn an. Wir ließen ihn gewähren. Nachdem er den ersten Zug tief inhaliert und den Rauch wieder ausgestoßen hatte, sagte er: „Was springt für mich raus, wenn ich euch einen Tipp gebe?“

„Wir werden bei der Staatsanwaltschaft ein gutes Wort für Sie einlegen“, versprach ich.

„Na schön“, sagte Sheldon. „Winslow hat eine Freundin. Sie wohnt in East Village, zehnte Straße, gleich beim Tompkins Square Park. Bei Lucy könnte er sich versteckt haben. Falls ihr ihn schnappt, sagt ihm nicht, dass ihr den Tipp von mir habt. Und vergesst vor allen Dingen nicht, für mich ein gutes Wort beim Staatsanwalt einzulegen.“

„Ganz sicher nicht“, versprach ich. Dann ließ ich Sheldon wieder abführen.

„Versuchen wir unser Glück in der zehnten Straße“, sagte Sarah unternehmungslustig. „Vielleicht ist uns heute noch ein Erfolg beschieden.“ Ihre Augen blitzten.



16

Der Name der Freundin war Lucy Foley. Es stand auf dem Türschild. Sie bewohnte ein Apartment im 3. Stock eines Hochhauses. Sarah und ich standen zu beiden Seiten der Tür. Sarah klingelte. Gleich darauf ertönte die Stimme einer Frau: „Wer ist draußen?“

„FBI New York“, rief ich. „Die Agenten Trevellian und Anderson. Befindet sich Bob Winslow in Ihrer Wohnung?“

„Was möchten Sie von ihm?“

Konnte es sein, dass diese Lady nicht Bescheid wusste? „Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor“, antwortete ich. „Er gehört einer Geldfälscher-Bande an. Öffnen Sie die Tür, Miss Foley.“

„Bob ist nicht hier. Ich habe keine Ahnung, wo er sich herumtreibt.“

„Davon würden wir uns gerne selber überzeugen“, stieß Sarah hervor. „Öffnen Sie, oder wir verschaffen uns gewaltsam Eintritt in ihre Wohnung.“

„Das dürfen Sie nicht …“

„Und ob wir das dürfen“, rief Sarah ungeduldig. „Ich zähle bis drei. – Eins …“

Drin knirschte ein Riegel, die Sicherheitskette schepperte, als sie ausgehängt wurde, dann schwang die Tür auf. Sarah und ich hatten unsere Waffen gezogen. Denn wir mussten davon ausgehen, dass sich auch Bob Winslow, falls er sich überhaupt in der Wohnung aufhielt, seiner Verhaftung mit Waffengewalt widersetzen würde. Luke Sheldon und Emerson Fitzpatrick hatten uns gezeigt, dass auch Geldfälscher nicht vor Gewalt zurückschreckten.

Ich betrat als erster die Wohnung. Die SIG hielt ich schussbereit. Es gab einen kurzen Flur, dann stand ich im Livingroom. Meine Hand mit der Pistole vollführte einen Halbkreis. Da nichts geschah ging ich weiter. Sarah folgte mir, blieb aber an der Ecke des Flures, von wo sie aus Einsicht in das Wohnzimmer hatte, stehen.

Vom Livingroom führten drei Türen in andere Räume. Sie waren geschlossen. Lucy Foley überholte mich. „Ich habe es Ihnen doch gesagt“, stieß sie hervor. „Bob ist nicht da.“

„Wir werden sehen“, versetzte ich und ging vorsichtig weiter. Dann erreichte ich eine der Türen. Ich drehte den Knauf und stieß sie auf, blieb aber im Schutz der Wand daneben.

Sarah kam näher. Ich wirbelte um den Türstock, ging auf das linke Knie nieder und schwenkte die Hand mit der Pistole herum.

Ich war in der Küche gelandet. Hier befand sich Winslow nicht.

Sarah war schon bei der nächsten Tür. Sie stieß sie auf. Nichts geschah. Es war das Badezimmer.

Nun gab es nur noch einen Raum, den wir überprüfen mussten. Ich beobachtete Lucy Foley. Sie wirkte unruhig. Ihre Mundwinkel zuckten. Sie knetete ihre Hände. „Sie sollten es uns sagen, wenn er da drin ist“, gab ich zu verstehen. „Wollen Sie sich mitschuldig machen?“

Lucy Foley zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Plötzlich nickte sie. „Bob hat sich im Schlafzimmer versteckt.“ Sie fing an zu weinen. „Großer Gott, ich hatte doch keine Ahnung …“

Ich öffnete die Tür und stieß sie auf. „Wir wissen, dass Sie da drin sind, Winslow. Falls Sie bewaffnet sind, rate ich Ihnen, die Waffe wegzulegen und mit erhobenen Händen den Raum zu verlassen.“

Ich vernahm ein Geräusch und spähte um den Türstock. Es fehlte nicht viel, und ich hätte aufgelacht, als ich Bob Winslow aus dem Kleiderschrank steigen sah. Er war bleich. Seine Augen flackerten. Und er war unbewaffnet.

Ich trat in die Tür.

Bob Winslow verzog das Gesicht. Es sah aus, als wollte er jeden Moment zu weinen anfangen.

„Sie sind verhaftet“, sagte ich, und dann klärte ich ihn über seine Rechte auf.

Sarah drängte sich an mir vorbei in das Schlafzimmer. Handschellen klickten. Sarah durchsuchte den Kleiderschrank und fand eine Beretta. Winslow war also bewaffnet gewesen. Doch er hatte nicht den Mut aufgebracht, sich uns zu widersetzen. Wir führten den Gangster ab.



17

Das Telefon klingelte. Der Grauhaarige nahm den Hörer ab und sagte: „Was gibt es?“

„Bei mir waren die Bullen. Zwei Agenten vom FBI. Ihre Namen sind Trevellian und Anderson. Bei Anderson handelt es sich um eine Frau. Sieht ganz so aus, als hätten sie mich ins Visier genommen. Die Agentin erklärte mir unverblümt, dass nur noch ich als derjenige in Frage käme, der den Kidnappern den Tipp gegeben haben konnte.“

„So lange sie dafür keinen Beweis haben, solltest du dir deswegen keine Gedanken machen.“

„Verdammt, als ich dir von dem Lottogewinn meines Bruders erzählte, dachte ich doch nicht daran, dass du auf die Idee kommen könntest, daraus Kapital zu schlagen. Lass die Sache sausen. Lass Barbara frei. Ich habe die Hose voll! Die Bullen lassen sicher nicht locker.“

„Du bekommst dein Trostpflaster, Ned“, sagte der Grauhaarige. „Drei Millionen, wie versprochen. Damit kannst du dich in jedem Land Südamerikas einkaufen, wenn du willst.“

„Du lässt Barbara doch frei, wenn James zahlt?“

„Sicher.“

„Na schön. Es ist wohl nicht mehr rückgängig zu machen. Hör zu, Onkel. Ich will ein Drittel. Sechs Millionen. Wenn schon – denn schon. Warum sollte ich mich mit drei Millionen zufrieden geben? Zwölf Millionen sind auch für dich genug.“

„Ich muss auch Randall und Turner jeweils eine Million bezahlen.“

„Dann hast du immer noch zehn Millionen.“

„Du wirst habgierig, mein Junge“, kam es durch die Leitung. „Das schätze ich nicht besonders. Drei Millionen! Keinen Cent mehr und keinen Cent weniger.“

„Ich könnte der Polizei reinen Wein einschenken“, drohte Ned Sanders. „Mir könnte nicht viel passieren. Über den Lottogewinn seines Bruders zu plaudern ist nicht strafbar.“

„Du bist Mittäter, mein Junge. Du steckst bis zum Hals mit drin. Mach dich also auf eine Reihe von Jahren hinter Gefängnismauern gefasst, wenn du den Mund nicht hältst.“

Ned Sanders warf wütend den Hörer auf den Apparat.

Er ließ sich in einen der Sessel fallen, die um einen niedrigen Couchtisch herum gruppiert waren. Draußen wurde es düster. Der Tag neigte sich seinem Ende zu. Ned Sanders barg das Gesicht in beiden Händen. Ja, er hatte über den Lottogewinn seines Bruders gesprochen. Er konnte aber nicht ahnen, was sich daraus entwickelte. Nun hatte er das Gefühl, dass ihm die ganze Sache über den Kopf wuchs. Er steckte mit drin. Wenn er auch nicht direkt an der Tat beteiligt gewesen war. Er kannte die Täter, und sie hatten sich für das Versprechen, ihm drei Millionen Dollar zu bezahlen, sein Schweigen erkauft.

Die Habgier war stärker als alles andere. Und wenn am Ende Barbara frei kam, war aus Ned Sanders‘ Sicht alles nur noch halb so schlimm. Er beschloss, den Dingen ihren Lauf zu lassen.



18

Die Presskonferenz am folgenden Tag begann um Punkt zehn Uhr. Alle Zeitungen New Yorks sowie die lokalen Rundfunk- und Fernsehsender hatten Reporter und Journalisten geschickt.

Es war ein Frage- und Antwortspiel.

„Der Kreis der Verdächtigen ist ziemlich eng“, gab Mr. McKee zu verstehen. „Da nur die nächsten Angehörigen James Sanders‘ von dem Lottogewinn gewusst haben, beschränken sich die derzeitigen Ermittlungen auf diesen Personenkreis.“

„Haben die Entführer schon Ort und Zeitpunkt der Geldübergabe festgelegt?“

„Nein.“ Mr. McKee sagte es und verzog keine Miene.

„Besteht Sicherheit, dass Barbara Sanders überhaupt noch am Leben ist?

„Nein. Aber wir gehen davon aus.“

„Wird James Sanders bezahlen?“

„Darüber kann ich keine Aussage machen.“

„Wird sich die Polizei raushalten, wenn die Kidnapper es fordern?“

„Das FBI wird alles versuchen, um die Frau aus der Gewalt ihrer Entführer zu befreien. Man kann jedoch keine Prognose abgeben, wie sich die Sache entwickeln wird. Ja, möglicherweise muss sich die Polizei heraushalten, wenn die Entführer dies fordern. Das Leben und die Gesundheit Barbara Sanders‘ werden wir auf keinen Fall gefährden.“

So ging es noch eine Weile hin und her. Einmal überließ Mr. McKee mir das Wort. Der Reporter wollte wissen, wen ich als ermittelnder Beamter in Verdacht hätte und auf wen sich unsere Ermittlungen konzentrieren würden. Ich gab eine ausweichende Antwort, was den Reporter veranlasste, an meiner Kompetenz zu zweifeln. Allerdings traf mich das nicht besonders.

Schon bald zogen die Reporter und Journalisten wieder ab. Es war nicht viel, was sie mitnehmen konnten. Einige murrten. Einer rief: „Im Klartext heißt das, dass das FBI nichts weiß und im Dunkeln tappt.“

Dann waren der Chef, Sarah und ich allein. Sarah sagte: „Sie werden uns in der Luft zerreißen. Man wird uns an den Pranger stellen. Himmel, ich sehe schon die Schlagzeilen: FBI versagt auf der ganzen Linie. Oder: FBI-Agenten beweisen wieder einmal ihre Unfähigkeit.“

„Ganz so schlimm wird es schon nicht werden“, wandte Mr. McKee ein. „Jeder vernünftige Mensch muss einsehen, dass wir nichts publik machen können, was den Erfolg unserer Arbeit gefährden würde. Viele Fragen können wir einfach nicht beantworten.“

Wir kehrten in unsere Büros zurück.

Ich war ziemlich frustriert. Der Reporter hatte es auf einen Nenner gebracht, als er rief, dass das FBI nichts weiß und im Dunkeln tappt. Was hatten wir denn schon? Den Verdacht, dass Ned Sanders jemand von dem Lottogewinn erzählt hat. Das war alles. Wir hatten weder einen Hinweis auf die Entführer, noch ein Lebenszeichen von Barbara Sanders, noch sonst irgendetwas Konkretes in Händen. Es war zum Verzweifeln.



19

Die Evening Post brachte am späten Nachmittag den Bericht über das Ergebnis der Pressekonferenz.

Der Täterkreis wurde vom FBI auf die nächsten Angehörigen James Sanders‘ eingegrenzt, hieß es da unter anderem. Möglicherweise war es auch nur die unbedachte Bemerkung eines nahen Verwandten jemandem gegenüber, der dann den verbrecherischen Plan ausheckte. Im Übrigen gab es keinen Hinweis darauf, wer die Kidnapper sein könnten. Fakt ist bisher nur, dass es zwei Täter waren, die gewaltsam in die Wohnung des Lottomillionärs eindrangen und seine Frau entführten …

Wir, ich meine damit das FBI, kamen entgegen unserer Erwartungen gar nicht so schlecht weg in dem Artikel. Uns betreffend war lediglich ausgeführt, dass das FBI alles unternehmen werde, um die Frau aus der Gewalt der Kidnapper zu befreien, dass jedoch abgewartet werden müsse, wie sich die Dinge entwickeln. Es waren in etwa die Worte Mr. McKee, die der Reporter in seinem Artikel verwandte.

Den Bericht las auch Richard Anderson. Bei ihm waren seine Kumpane Fred Carter und Will Sherman. Bei den dreien handelte es sich um ein absolut verworfenes, skrupelloses Trio. In der Unterwelt New Yorks fühlten sie sich zu Hause. Sie gehörten zu jenen Zeitgenossen, die zwar ernten, aber nicht säen wollten.

Anderson sagte: „Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Die Bullen vermuten, dass die Entführer im engsten Verwandtenkreis James Sanders‘ zu suchen sind. Wir müssen herausfinden, wer dazu gehört. Und dann nehmen wir sie nacheinander in die Mangel. Kümmert euch drum, Fred, Will. Es geht um achtzehn Millionen Bucks. Ich muss euch ja nicht sagen, dass wir damit ausgesorgt hätten.“

„Ich sehe mal im Telefonbuch nach“, sagte Fred Carter. „So viele Sanders gibt es sicherlich nicht im Big Apple. Wir werden diejenigen, die James Sanders besonders nahe stehen, schon herausfinden.“

Er holte das Telefonbuch und begann zu blättern. Schließlich sagte er: „Gib mir was zum Schreiben, Rich. Es sind neun Sanders eingetragen.“

Richard Anderson holte einen Kugelschreiber und ein Blatt Papier.

Will Sherman sagte: „Die nahen Verwandten seitens der Frau Sanders‘ kommen auch in Frage. Um sie herauszufinden, müssten wir den Geburtsnamen der Lady wissen.“

Anderson schaute zunächst verblüfft drein. Dann winkte er ab. „Halten wir uns zunächst mal an die Verwandtschaft James Sanders‘. Vielleicht haben wir Glück …“

Sie hatten Glück. Nachdem Fred Carter die fünfte Nummer angewählt hatte, meldete sich ein Mann namens Ned Sanders. „Jim Hawkins von der New York Times“, log Carter. „Ich hätte gerne James Sanders interviewt. In seiner Wohnung ist er nicht anzutreffen. Hält er sich vielleicht bei Ihnen auf?“

Es war zum fünften Mal dieselbe Masche, die er abzog.

„Mein Bruder ist nicht bei mir“, sagte Ned Sanders, und es klang ein wenig ungeduldig. „Wie kommen Sie darauf, dass Sie ihn bei mir erreichen könnten?“

„Entschuldigen Sie“, sagte Fred Carter, ohne auf Ned Sanders‘ Frage einzugehen, und legte auf. „Ned Sanders ist sein Bruder“, erklärte er, den Blick auf Anderson gerichtet. „Leider steht im Telefonbuch nicht, wo er wohnt.“

„Mist!“, knirschte Richard Anderson. Er presste die Lippen zusammen. „Wir brauchen ein Adressbuch“, knurrte er nach kurzer Überlegung.

„Nein“, sagte Carter. „Ich ruf ihn einfach noch einmal an …“

Er wählte noch einmal die Nummer Ned Sanders‘. Als Sanders sich meldete, stellte er sich noch einmal als Jim Hawkins von der New York Times vor. „Ich würde sie gerne interviewen, Mr. Sanders. Es geht um die Entführung Ihrer Schwägerin.“

„Was sollte ich Ihnen dazu sagen können?“, fragte Ned Sanders. „Ich weiß nichts, außer, dass Sie entführt wurde. Aber das wissen Sie selbst.“

„Hat das FBI nicht auch Sie im Verdacht, etwas mit der Tat zu tun zu haben? Sie sollten mal die Evening Post lesen. Da steht es schwarz auf weiß, dass das FBI die Täter im engsten Familienkreis James Sanders‘ sucht.“

„So ein Unsinn. Von mir aus, Mr. Hawkins. Sie sollen Ihr Interview haben. Ich will mit diesem Unsinn aufräumen. Kommen Sie in die siebenundsechzigste Straße, Nummer vierhunderteinundzwanzig, vierte Etage.“

„Passt es heute Abend noch?“

„Ja. Kommen Sie nur her. Es kommt mir sehr gelegen.“

Carter schaute auf seine Uhr. „Es ist jetzt achtzehn Uhr vorbei. Ich bin bis spätestens neunzehn Uhr bei Ihnen. Ist das in Ordnung?“

„Ja, kommen Sie nur. Ganz New York soll erfahren, dass ich mit der Entführungssache nichts zu tun habe.“

„Ganz New York wird es erfahren“, versetzte Fred Carter mit Nachdruck, dann unterbrach er die Verbindung. „Siebenundsechzigste Straße, Nummer vierhunderteinundzwanzig, vierte Etage“, sagte er und schaute Richard Anderson triumphierend an. „Machen wir uns auf die Socken. Ned Sanders wird uns sagen, wer noch zum Personenkreis der Verdächtigen zählt.“

Wenig später waren sie in einem Mitsubishi-Jeep unterwegs.

Die 67. Straße befindet sich im Stadtteil Lenox Hill. Die drei Gangster quälten sich mit ihrem Fahrzeug durch den Verkehr. Die Rushhour war um diese Zeit noch nicht zu Ende. Motorengedröhn und der Klang von Hupen erfüllten die Atmosphäre. Durch die Lüftungsanlage wurde der Geruch von Diesel ins Wageninnere geblasen.

Will Sherman saß am Steuer. Manchmal fluchte er, dann sprang er wieder auf die Bremse, kaum dass er Gas gegeben hatte, dann schlug er wieder mit der flachen Hand auf die Hupe. Hin und wieder stieß er ein Schimpfwort hervor. Einem Fußgänger, der ihm vor das Auto lief und ihn zum Bremsen nötigte, zeigte er den hochgereckten Mittelfinger seiner Rechten.

Es war 18 Uhr 45, als sie in der 67. Straße ankamen. Sie fanden das Gebäude mit der Nummer 421. Will Sherman suchte einen Parkplatz, fand einen und parkte den Jeep. Die drei Gangster stiegen aus. Ihre Zügen waren von einer unumstößlichen Entschlossenheit geprägt.

Sie fuhren mit dem Aufzug in die 4. Etage. Es gab vier Apartments in jedem Stockwerk. In welchem Apartment Ned Sanders wohnte, verriet das Namensschild an der Tür.

Richard Anderson läutete. Er blieb direkt vor der Tür stehen. Gleich darauf sah er, dass jemand durch den Spion blickte. Er setzte ein freundliches Lächeln auf. Dann wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet. „Sind Sie Hawkins von der New York Times?“

„Sehr richtig“, versetzte der Gangster.

Ned Sanders hakte die Sicherungskette aus und öffnete die Tür. Im nächsten Moment wirbelte Fred Carter um den Türstock. Er hielt Ned Sanders eine Pistole unter die Nase. „Rein mit dir!“, knirschte der Gangster und versetzte Sanders einen derben Stoß, der ihn zwei Schritte in die Wohnstube taumeln ließ.

Anderson und Sherman folgten. Sherman drückte die Tür hinter sich zu.

„Was …“ Ned Sanders verschluckte sich und hustete. Tränen traten ihm in die Augen.

„Setz dich!“, forderte ihn Fred Carter auf und versetzte ihm einen weiteren Stoß.

Ned Sanders fiel in einen Sessel. Er hatte den Hustenreiz überwunden. „Was soll das?“, keuchte er. „Ich dachte …“

„Was du dachtest, ist uninteressant!“, unterbrach ihn Anderson. „Hast du die Evening Post gelesen?“ Anderson wartete die Antwort erst gar nicht ab, sondern fuhr sogleich fort: „Da steht, dass das FBI zum einen vermutet, dass die Entführer aus dem engsten Familienkreis James Sanders‘ kommen. Zum anderen schließt man nicht aus, dass jemand aus dem engsten Familienkreis den Schnabel nicht gehalten und den Kidnappern einen Tipp bezüglich der Lottomillionen gegeben hat. Du gehörst zum engsten Familienkreis James Sanders‘.“

„Ich – ich habe mit der Entführung nichts zu tun“, stammelte Ned Sanders. „Das FBI hat mich bereits einvernommen. Ich …“

Andersons Hand schoss vor und verkrallte sich in Ned Sanders‘ Haaren. Brutal riss er ihm den Kopf nach vorn. Ned Sanders schrie auf. „Wem hast du einen Tipp gegeben, Sanders?“, stieß Anderson hervor. „Du solltest reden. Oder es wird sehr schmerzhaft für dich.“

„Ich – ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Ich erfuhr von der Entführung durch meinen Vater.“

„Aber du wusstest von den Lottomillionen?“

„Ja. Mein Bruder hat mich eingeweiht. Er versprach mir zwei Millionen. Von mir hat niemand etwas erfahren.“

Anderson schlug zu. Seine Linke klatschte auf Ned Sanders‘ Wange. Ein schmerzhafter Schlag, der dem Geschlagenen einen erneuten Aufschrei entlockte.

„Wie heißt dein Vater?“

„Steve Sanders.“

„Pech für dich, dass du in der alphabetischen Reihenfolge vor ihm im Telefonbuch stehst, Ned“, knurrte Anderson. Und mit dem letzten Wort ließ er wieder seine flache Hand in Sanders‘ Gesicht klatschen. Auf dessen Wange zeichneten sich die fünf Finger Anderson ab.

„Ich – ich kann euch nichts sagen“, sagte Ned Anderson weinerlich. „Warum glaubt ihr mir denn nicht? Ich weiß nicht, wer meine Schwägerin entführt hat.“ Er schluckte würgend. „Ich habe mit niemandem über den Gewinn meines Bruders gesprochen.“

Anderson schlug ihm die Faust mitten ins Gesicht. Aus seiner Nase schoss Blut. Die Unterlippe platzte auf. Blut tröpfelte auf die Hemdbrust Ned Sanders. Seine Augen waren ein Abgrund der Angst. Entsetzen und Verzweiflung drückten sich in jedem Zug seines malträtierten Gesichts aus. Ned Sanders zitterte an Leib und Seele, wie man so sagt.

„Selbst wenn ihr mich totschlagt“, presste er hervor, „ich kann euch nichts sagen. Weil ich nichts weiß.“

„Er scheint wirklich nichts zu wissen“, knurrte Fred Carter. Er beugte sich zu Ned Sanders hinunter, der ihn ängstlich anstarrte. „Nenn mir den Geburtsnamen deiner Schwägerin.“

„Osborne. Sie ist eine geborene Osborne.“

„Hat sie Geschwister?“

„Nein. Ihr Vater heißt Jack Osborne. Soviel ich weiß, wohnt er in Staten Island, West Brighton.“

„Hast du noch weitere Geschwister?“

„Nein. James ist mein einziger Bruder.“

„Wo wohnt dein Vater?“

„Ihr – ihr denkt doch nicht, dass er …“

„Eigentlich kommt er nicht in Frage. Aber man kann nicht wissen. Darum werden wir deinen Vater auch ein wenig in die Mangel nehmen. Es sei denn, du öffnest endlich den Mund.“

Ned Sanders wischte sich mit dem Handrücken über den blutenden Mund. Sein Atem ging stoßweise. „Ich kann euch nichts sagen“, erklärte er nach einiger Zeit. „Ihr habt euch den falschen Mann ausgesucht.“

„Wo wohnt dein Vater?“

Ned Sanders musste zweimal ansetzen, dann entrang es sich ihm: „Queens, dreiundsechzigste Avenue, Nummer dreihundertachtzehn.“

„Schießen wir ihm eine Kugel in den Kopf und verschwinden wir“, sagte Will Sherman, der bis jetzt nur dabei gestanden und zugeschaut hatte.

Fred Carter nahm die Pistole aus dem Hosenbund, wo er sie verstaut hatte, nachdem er Ned Sanders zum Sitzen genötigt hatte. Dann griff er in die Jackentasche und holte einen Schalldämpfer heraus. Seelenruhig schraubte er ihn auf die Mündung der Pistole. Dann richtete er die Waffe auf Ned Sanders.

Sanders hob abwehrend die Hände. Er erschauerte. Aus seinen Augen brüllte die Todesangst. „Nicht schießen“, stammelte er. „Bitte …“

Carter zögerte ein wenig.

Wie das hohle Auge eines Totenschädels starrte die Mündung des Schalldämpfers Ned Sanders an. Ein Fingerdruck genügte, um den Tod daraus hervorbrechen zu lassen. Ned Sanders wurde schwindlig vor Angst. Er war kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Mund war ausgetrocknet. Seine Lippen bewegten sich, als formulierten sie tonlose Worte.

„Warum schießt du nicht?“, fragte Anderson ungeduldig.

„Halt!“, brach es aus Ned Sanders‘ Kehle. Er holte Luft. „Ich – ich habe mit meinem Onkel Milton Sanders darüber gesprochen. Er – er hat Barbara entführen lassen. Sie befindet sich in seiner Gewalt.“

„Na also“, sagte Richard Anderson voll Genugtuung. „Geht doch. Sag uns jetzt nur noch, wo dein Onkel wohnt. Ich will die genaue Adresse wissen.“

„Staten Island, Lake Avenue. Er hält Barbara in seinem Haus fest.“

„Lake Avenue“, wiederholte Anders. „Welche Hausnummer?“

„Weiß ich nicht auswendig. Ich kann Ihnen die Telefonnummer meines Onkels geben.“

„Schieß los“, knurrte Anderson, nachdem er ein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber gezückt hatte.

Ned Sanders nannte ihm die Telefonnummer. Anderson notierte sie. Er schrieb auch die Straße auf. Dann sagte er: „Okay, Fred. Wir brauchen ihn nicht mehr.“

Ned Sanders wollte aufspringen. Sein Mund klaffte auf zu einem stummen Schrei. Als Fred Carter abdrückte, war nur ein leises Plopp zu hören, wie wenn man den Korken aus einer Champagnerflasche zieht. Die Wucht der Kugel warf Ned Sanders in den Sessel zurück. Sein Kopf kippte nach vorn. Ein letzter, verlöschender Atemzug. Dann war Ned Sanders tot.

Anderson hatte das Notizbuch und den Kugelschreiber wieder weggesteckt. „Verduften wir.“

„Willst du heute noch diesem Milton Sanders einen Besuch abstatten?“, fragte Will Sherman.

„Warum nicht? Ich will diese Barbara Sanders so schnell wie möglich in meine Gewalt bekommen. Sobald wir sie haben, stellen wir die Forderungen. Diesen Milton Sanders und seine Spießgesellen fegen wir zum Teufel.“

Fred Carter verstaute seine Pistole unter der Jacke. „Also verschwinden wir.“



20

Der Grauhaarige sagte in den Telefonhörer: „Ned bekommt Schiss. Zwei FBI-Agenten sitzen ihm im Genick. Um bei der Stange zu bleiben, will er plötzlich ein Drittel der achtzehn Millionen. Er beginnt sich zu einem Risikofaktor zu entwickeln.“

„Ich ahne, was du zum Ausdruck bringen willst“, gab Randall zu verstehen. „Ned Sanders soll zum Schweigen gebracht werden. Richtig?“

„Richtig. Übernimm du das, Conrad. Noch in dieser Nacht. Vorher aber will ich, dass du Barbara in deine Wohnung bringst.“

„Warum?“

„Auch ich gehöre zum engeren Verwandtenkreis von James. Es ist davon auszugehen, dass die Bullen auch zu mir kommen und mein Haus auf den Kopf stellen. Es wäre sicher nicht gut, wenn sie Barbara in meinem Keller finden würden.“

„Kein Problem.“ Randall schaute auf die Uhr. Es war kurz vor 20 Uhr. „Ich werde Barbara holen, sobald es finster ist. Und dann fahre ich zu Ned. Er wird den Sonnenaufgang nicht mehr erleben.“

„Du meldest mir Vollzug, Conrad. Klar?“

„Ned Sanders ist so gut wie tot.“ Conrad Randall beendete das Gespräch. Er ging zu einem Wandschrank und öffnete ihn. Im untersten Fach lag eine Nowlin Challenger, Kaliber 9 Millimeter Luger. Conrad Randall nahm sie und wog sie in der Hand. Dann griff er noch einmal in den Wandschrank und holte einen Schalldämpfer heraus.



21

Bei Milton Sanders dudelte das Telefon. Gerade eben war Conrad Randall bei ihm gewesen. Sie hatten Barbara Sanders in den Kofferraum von Randalls Chevy gelegt. Randall brachte sie zu seiner Wohnung in Brooklyn. Es war kurz nach zehn Uhr. Sanders hob ab und nannte seinen Namen.

„Entschuldigen Sie, ich habe falsch gewählt“, sagte eine männliche Stimme, und im nächsten Moment war die Leitung tot. Der Anrufer hatte aufgelegt.

Auch Milton Sanders legte den Hörer auf den Apparat. Er machte sich keine Gedanken wegen des Anrufs. 15 Minuten später ging er zu Bett. Er schlief sofort ein.

Irgendwann schreckte Sanders aus dem Schlaf in die Höhe. Er glaubte ein Geräusch gehört zu haben und lauschte. Es blieb still. Sanders holte aus dem Schub des Nachtkästchens eine Pistole, repetierte und entsicherte sie. Nebenbei registrierte er, dass der Radiowecker 0 Uhr 55 anzeigte.

Das Geräusch glaubte er bei der Eingangstür vernommen zu haben. Die Tür vom Schlafzimmer in den Livingroom stand offen. Sanders erhob sich. Seine Hand war um den Knauf der Pistole verkrampft. Er hielt die Waffe in der Waagerechten. Sein Finger lag um den Abzug.

Im Wohnzimmer ging der Mann zum Fenster und schaute hinaus. Die Straße war wie ausgestorben. Das Licht eines Peitschenmasten warf einen gelben Schein auf den Asphalt. Sanders atmete ganz flach. Er ging zur Tür und blieb an der Wand daneben stehen. Angespannt lauschte er. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Nichts!

Er schloss die Tür auf und öffnete sie ein Stück. Da war niemand. Das Rascheln der Blätter in den Baumkronen, in die der kühle Nachtwind fuhr, erfüllte die Luft.

Milton Sanders schloss die Tür wieder. Er hatte sich wohl doch getäuscht.

Er ging ins Schlafzimmer zurück, legte die Pistole in den Nachtkästchenschub zurück und ging wieder zu Bett.

Er lebte alleine in dem Haus. Seine Frau hatte sich vor sieben Jahren von ihm scheiden lassen. Sein Sohn und seine Tochter waren erwachsen. Die Tochter war Hausfrau und lebte mit ihrer Familie in Manhattan, der Sohn hatte seinen Wohnsitz in den mittleren Westen verlegt. Der Kontakt mit dem Vater erschöpfte sich in einigen wenigen Telefonaten.

Sanders lag noch eine Zeitlang wach da. Dunkelheit umgab ihn.

An das Geräusch, das er an der Haustür vernommen zu haben glaubte, dachte er schon bald nicht mehr.

Schließlich überwältigte ihn wieder die Müdigkeit. Er schlief ein.

Als er geweckt wurde, fand er sich nicht sofort zurecht. „Was – wer …“ Dann kam das Begreifen mit schmerzhafter Schärfe. Er sah die Gestalten von drei Männern vor seinem Bett stehen. Das spärliche Licht, das durch das Fenster hereinsickerte, umriss die drei Silhouetten. In der Hand eines der Kerle schimmerte etwas matt. Eine Pistole!

Milton Sanders erschrak bis in seinen Kern. Mit einem Ruck richtete er seinen Oberkörper auf. „Wer seid ihr? Was wollt ihr?“

Ein brutaler Schlag warf ihn zurück auf den Rücken. Die Sinne schwanden ihm.

„Sicher hat er die Lady im Keller eingesperrt“, knurrte Richard Anderson.

Zwei der Kerle verließen das Schlafzimmer. Will Sherman blieb zurück. Anderson und Fred Carter stiegen in den Keller hinunter. Richard Anderson trug eine Taschenlampe. Der Lichtkegel huschte vor ihm her. Es gab Türen zu verschiedenen Räumen. Sie öffnete sie der Reihe nach. In keinem der Räume befand sich Barbara Sanders. Nichts deutete darauf hin, dass sich die Frau je hier befunden hatte.

Anderson zerbiss einen Fluch. Dann knirschte er: „Ned Sanders hat uns angelogen. Dieser elende Bastard. Schade, dass er schon tot ist. Ich würde ihm für seine Lüge eine Rechnung präsentieren, die sich gewaschen hat.“

Sie kehrten ins Schlafzimmer zurück. Milton Sanders war in der Zwischenzeit aus der Ohnmacht erwacht. Er saß auf dem Bett. Will Sherman hielt ihn mit einer Pistole in Schach.

„Wo ist die Frau?“, fragte Richard Anderson.

„Welche Frau?“

„Die du gekidnappt hast. Leugnen ist zwecklos, Sanders. Dein Neffe Ned hat geredet.“

„Dann hat er euch Scheiß erzählt.“ Milton Sanders sagte es mit fester Stimme. Er wollte Sicherheit vermitteln und sprach mit Nachdruck. „Sicher, ich kenne die Geschichte aus der Zeitung. Ich bin aber nicht der Entführer Barbaras. Möglicherweise steckt mein Neffe dahinter und hat euch auf eine falsche Spur angesetzt. Ihr könnt mich erschlagen. Ich habe keine Ahnung, wo sich Barbara befindet.“

„Wir können auch anders, Sanders!“, zischte Anderson. „Dein Neffe könnte ein Lied davon singen. Auch er stellte sich zunächst stur und bockig an.“

„Was habt ihr mit ihm gemacht?“

Darauf gab Anderson keine Antwort. Er griff in Milton Sanders‘ Haare und drückte Sanders‘ Kopf in den Nacken. „Spuck es schon aus! Wo wird die Lady festgehalten?“

„Ich weiß es nicht.“

„Fred, erschieß ihn.“

Fred Carter drückte Milton Sanders die Pistole gegen die Schläfe. Aber er zog nicht durch. „Deine letzte Chance“, knurrte er.

„Ich kann euch nichts sagen“, röchelte Milton Sanders. „Ich weiß nicht, wo sich Barbara befindet. Wenn ich es wüsste, würde ich es sicher nicht verschweigen.“

„Verdammt!“, knirschte Fred Carter und senkte die Hand mit der Waffe. „Es ist wohl tatsächlich so, dass uns Ned Sanders auf eine falsche Spur gehetzt hat. Leider kann dieser Bastard nicht mehr sprechen.“

„Sieht ganz so aus“, kam es von Anderson. „Aus dem hier kriegen wir nichts heraus. Er lässt sich lieber erschießen. Verschwinden wir.“

„Willst du ihn am Leben lassen?“, fragte Carter.

„Gib mir deine Pistole“, forderte Anderson. Carter reichte sie ihm. Milton Sanders japste vor Schrecken, als Anderson die Waffe auf ihn anschlug. Plötzlich aber schien er es sich anders zu überlegen. Er hob die Faust mit der Pistole und ließ sie auf Milton Sanders‘ Kopf heruntersausen. Mit einem verlöschenden Seufzen kippte Sanders um. „Er hat uns nur im Dunkeln gesehen und kann der Polizei nichts Brauchbares über uns sagen“, murmelte Anderson. „Wozu ihn also umbringen?“



22

Irgendwann erwachte Milton Sanders. Um ihn herum war es finster. Er richtete sich stöhnend auf. Sein Schädel brummte. In seinen Ohren dröhnte der Herzschlag. Er tastete vorsichtig mit den Fingerkuppen seiner Rechten über die Stelle, wo ihn die Pistole getroffen hatte. Seine Haare waren feucht. Er hatte eine Platzwunde davongetragen. Schlagartig setzte die Erinnerung ein. Drei Kerle waren in sein Haus eingedrungen und wollten von ihm erfahren, wo er Barbara Sanders versteckt hielt.

Aus den Andeutungen der Gangster hatte er entnehmen können, dass sein Neffe Ned tot war – ermordet.

Milton Sanders verspürte unvermittelt ein flaues Gefühl im Magen. Er verfluchte seinen Neffen.

Milton Sanders erhob sich. Er machte Licht im Schlafzimmer. Dann ging er ins Badezimmer und wusch sich das Blut aus den Haaren. Anschließend begann er, eine Reisetasche mit Kleidungsstücken vollzupacken. Eine Viertelstunde später verließ er sein Haus. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr davon. In New Jersey wollte er sich zunächst in einem Hotel einmieten und abwarten.



23

Es war weit nach Mitternacht, als Randall das Haus betrat, in dem Ned Sanders lebte. Er stieg im Finstern die Treppe hinauf und erreichte die Etage, in der sich Sanders‘ Apartment befand. Durch die Treppenhausfenster sickerte genügend Licht, um sich zurechtzufinden.

Randall läutete. Die Glocke war durch die geschlossene Tür zu hören. In der Wohnung rührte sich nichts. Randall legte noch einmal den Daumen auf den Klingelknopf. Wieder sickerte das Ding-dong der Glocke durch die Tür. Doch auch auf das erneute Läuten blieb es in der Wohnung still.

Randall konnte nicht ahnen, dass Ned Sanders tot in seiner Wohnung lag.

Randall holte sein Handy aus der Tasche. Das Display leuchtete auf. Er klickte eine eingespeicherte Nummer an und ging auf Verbindung. Das Handy, dessen Nummer er angewählt hatte, war ausgeschaltet. Milton Sanders Nummer!

Randall zuckte mit den Schultern, schaltete das Handy aus und stieg wieder die Treppe hinunter. Unverrichteter Dinge verließ er das Haus.



24

Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass an dem öffentlichen Fernsprecher keine Fingerabdrücke gefunden worden waren, die mit registrierten übereinstimmten. Im Laufe des Vormittags bekamen wir eine Liste über die von Ned Sanders Privatanschluss geführten Telefongespräche. Eine Nummer fiel besonders auf. Sie war wiederholt angerufen worden. Wir fanden heraus, dass es sich um den Anschluss Milton Sanders handelte. Ich erinnerte mich des Namens. Steve Sanders hatte von seinem Bruder Milton gesprochen, der in Staten Island ein Haus besitzen sollte.

„Im Gegensatz zu der Aussage seines Vaters scheint Ned Sanders doch ein engeres Verhältnis zu seinem Onkel gehabt zu haben“, meinte Sarah.

„Wir müssen die genaue Anschrift Milton Sanders‘ herausfinden“, sagte ich. Und hoffnungsvoll setzte ich hinzu: „Vielleicht löst sich der Fall heute auf. Womöglich hat uns die Liste auf die Spur des Entführers gebracht.“

Wenig später wussten wir, dass Milton Sanders in der Lake Avenue, No. 523 wohnte. Sarah und ich fuhren nach Staten Island. Diesem Onkel wollten wir einen intensiveren Blick unter den Haaransatz werfen.

Es war ein gepflegtes Einfamilienhaus mit einem kleinen Vorgarten. Eine gepflasterte Einfahrt führte zur Garage. Im Vorgarten wuchsen Büsche. Neben dem ebenfalls gepflasterten Gehweg zur Haustür hatte Milton Sanders eine Rosenrabatte angelegt. Wir läuteten an der Eingangstür.

Niemand öffnete uns.

Ich schaute durch das Fenster der Garage. Sie war leer. Milton Sanders war nicht zu Hause. Er war mit seinem Wagen unterwegs.

Sarah und ich setzten uns in den Wagen und warteten. Als Milton Sanders nach einer Stunde noch immer nicht aufgetaucht war, sagte ich: „Ich frag mal einen Nachbarn …“ Ich verließ den Sportwagen.

Niemand konnte uns etwas sagen.

Ich ging um das Haus herum. Und ich stellte fest, dass die Hintertür nur angelehnt war. Als ich sie etwas näher in Augenschein nahm, entging mir nicht, dass sie aufgehebelt worden war. Deutlich konnte ich sehen, wo der Einbrecher ein Stemmeisen angesetzt hatte. Der Türrahmen war beschädigt.

Ich lief zur Vorderseite und winkte Sarah. Gemeinsam betraten wir wenig später das Haus. Wir schritten durch einen kurzen Flur und gelangten in die Wohnstube.

Nacheinander durchsuchten wir sämtliche Räume des Hauses. Die Türen des Kleiderschranks im Schlafzimmer standen offen. Einige Kleidungsstücke waren achtlos auf das Bett geworfen worden. Eines der Kissen wies einige Blutflecken auf. Alles sah nach einem ziemlich überstürzten Aufbruch aus. Die aufgebrochene Hintertür und die Blutflecken auf dem Kopfkissen warfen eine Reihe von Fragen auf.

War auch Milton Sanders das Opfer einer Entführung geworden?

Ich rief sofort das Police Department. Nach einer gewissen Zeit kamen einige Beamte. Schließlich trafen auch die Kollegen von der SRD ein.

Sarah und ich hatten das Haus vom Keller bis zum Dachboden durchsucht. Es fand sich kein Hinweis, der verraten hätte, dass in dem Gebäude Barbara Sanders festgehalten worden wäre.

„Vielleicht sollten wir mal Ned Sanders fragen, was er soviel mit seinem Onkel Milton zu telefonieren hatte“, sagte Sarah.

Für uns gab es hier tatsächlich nichts zu tun. Es war zunächst ein Fall für das Police Department. Der Einsatzleiter versprach, mir einen Bericht über das Ergebnis der Spurensicherung zukommen zu lassen.

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955873
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
hochspannungs-thriller september krimi paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Hans-Jürgen Raben (Autor:in)

  • Pete Hackett (Autor:in)

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Titel: Die besten 7 Hochspannungs-Thriller im September 2021: Krimi Paket