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Die besten 14 Morde im September 2021: Krimi Paket

von Alfred Bekker (Autor:in) Horst Bieber (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Thomas West (Autor:in)
1300 Seiten

Leseprobe

Die besten 14 Morde im September 2021: Krimi Paket

Alfred Bekker, Horst Bieber, A.F. Morland, Pete Hackett, Thomas West, Cedric Balmore





Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Diese Ebook beinhaltet folgende Krimis:

Was bleibt, ist das Verbrechen von Horst Bieber

Wettlauf mit dem Killer - von Alfred Bekker

Striptease für den großen Boss von A. F. Morland

Ein todsicherer Coup von Pete Hackett

Die Farm des Schreckens von Pete Hackett

Rächer ohne Namen von Thomas West

Die Gen-Bombe von Alfred Bekker

Die Angst geht um in der Paracelsus-Klinik von A. F. Morland

Ahnengeister - von Alfred Bekker

Der finale Absturz - von Alfred Bekker

Mein Freund, der Mörder - von Cedric Balmore

Böse Kollegen - von Alfred Bekker

Wenn ich sterbe, stirbst du auch - von Cedric Balmore

Kubinke und der Sturm - von Alfred Bekker




Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Zum Blog des Verlags

Was bleibt, ist das Verbrechen


Kriminalroman von Horst Bieber



© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.d e

postmaster@alfredbekker.de


EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de


Was bleibt, ist das Verbrechen, Krimi von Horst Bieber, 2011/14

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Korrektorat Antje Ippensen


Der Umfang dieses Ebook entspricht 326 Taschenbuchseiten.


Für die erste Juniwoche hatte auch die Dämmerung viel zu früh eingesetzt. Auf dem Parkplatz, den eine Mauer von der Schlucht abtrennte, standen riesige Pfützen, ein böiger Wind kräuselte ihre Oberflächen, es troff nur so von den Bäumen und bei jedem Windhauch prasselten Sturzgüsse herab. Thilo hatte an dem Abend einiges getrunken, bei der rechtsmedizinischen Untersuchung wurden später 1,5 Promille festgestellt. Warum er ohne Jacke und Mantel nach draußen gegangen war, wurde nie geklärt. Er verschwand wortlos und unbemerkt aus der Gaststube und aus dem Leben aller seiner Freunde, und kam nicht mehr zurück.“


20 Jahre später lädt die Zwillingsschwester Thea die Freunde von damals zu einer Wiedersehensfeier ein. Auch ihren früheren Freund Rolf Kramer, der inzwischen als Privatdetektiv arbeitet. Nicht ohne Hintergedanken!

Denn es gibt neue Informationen, dass der Tod des Bruders kein Zufall war. Rolf Kramer muss lernen, wie wenig er doch damals seine Freunde wirklich kannte.

Das Treffen wird wohl ein Abschied auf ewig. Von der Vorstellung die er von seiner Vergangenheit gehabt hatte, von seiner Jugendliebe Thea und von der Stadt, die sich nicht unterscheidet von anderen Städten, wenn es um ein Tötungsdelikt geht.

Denn es ist nur zu wahr: Einem Verbrechen in der Nachbarschaft zum Opfer zu fallen, ist nicht jedermanns Sache – aber so etwas passiert ja Gott sei Dank immer nur bei den anderen…





Personenverzeichnis:

1. Dr. Thea Schabranski [Rechtsanwältin in Würzburg]

2. Thilo Schabranski [Theas verstorbener Zwillingsbruder]

3. Hans-Peter Beck, [Eigentümer der Chemischen Fabrik Beck & Falke in Neustadt/Ulitz] [Eltern: Eberhard Beck und Adrienne Falke-Beck]

4. Christian Neufel [Prokurist in München]

5. Cordula (genannt Dula) Oppenstedt [Galeristin in Neustadt]

6. Martin Adler(mit Spitznamen Adlerauge) [Ingenieur in Veitshöchsheim]

7. Rolf Kramer [Privatdetektiv in Tellheim.)

8. Corinna Altmann/Etzel [Hausfrau und Mutter in Fulda]

9. Sonja Drexler [Nachtbarbesitzerin in Neustadt]

10. Klaus Etzel (mit Spitznamen Klein-Attila, verheiratet mit Corinna Altmann) [kaufmännischer Angestellter in Fulda]

Diese eng befreundeten "Zehn schlimmen Finger" haben vor zwanzig Jahren gemeinsam Abitur am Jean-Paul-Gymnasium in Neustadt an der Ulitz gemacht.

Tina Schabranski Theas und Thilos zwei Jahre jüngere Schwester.

Anke Ludwig auch Jean-Paulianerin, ein Jahrgang jünger als die Schlimmen Finger, heute Hotelbesitzerin in Neustadt/Ulitz

Brigitte Moll Schülerin auf dem Jean-Paul, als ihr Vater Richard Moll ermordet wurde.

Alfons Kullisch Mathe- und Physiklehrer, als "gestreiftes Ferkel" bei seinen Schülern verhasst.

Milli Wirth bediente in der Wolfsbachschlucht

Jutta Wirth Millis ältere Schwester, unglücklich verheiratet mit Georg Mühlen.

Heidrun Falke bei der Aufteilung eines Erbes sehr benachteiligt.

Guido Sandmann Jean-Paulianer, ein Jahrgang älter als die Schlimmen Finger.

Ann-Katrin von Zeeden Sandmanns Ehefrau.

Erwin Stange glück- und erfolgloser Kriminalbeamter.


Alle Personen und Namen sind frei erfunden, ebenso alle Taten und Ereignisse, die im Jahre 2010 spielen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig. Das gilt auch für das Jean-Paul-Gymnasium in Neustadt. Selbst die Orte Tellheim und Neustadt an der Ulitz existieren real nicht.



I.

Lebensweisheit eines alten Geographielehrers, den seine Schüler nur "den Schnurz" nannten: "Die Welt ist merkwürdig eingerichtet - zu groß, um sein Glück zu finden, zu klein, um sich vor seinem Unglück zu verstecken."



Gegen 13 Uhr klopfte es an seine Bürotür, und Rolf Kramer stand verwundert vom Schreibtisch auf. Wenn er sich nicht irrte, hatte er keine Verabredung, und seine Nachbarin Anielda aus dem Studio gegenüber ( Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis) hielt Anklopfen für eine lästige Anstrengung und Zeitverschwendung, die zumal unter Freunden unnötig sei. Er öffnete und starrte so verwundert wie beindruckt auf die Frau vor ihm. Ein verdammt hübsches Weib. Fast genau so groß wie er, mit einem rundlichen Koboldgesicht und kurz geschnittenen kastanienbraunen Haaren. Sie strahlte Kramer aus großen braunen Kulleraugen an, sagte aber vorerst nichts. Zwar kam sie ihm sofort bekannt vor, aber im Moment fiel ihm beim besten Willen nicht ein, woher er sie kannte und wer sie war. Sie merkte wohl seine Unsicherheit und zog einen Schmollmund.

"Sag bloß, du weißt nicht mehr, wer ich bin. Rolf, das kannst du mir doch nicht antun. Du kannst mich doch nicht vergessen haben. Schließlich habe ich dir meine Jungfräulichkeit geopfert, um uns gemeinsam in den Club einzuführen, und wenn ich mich recht erinnere, hat es dir großen Spaß gemacht. Mir auch, wie ich dir damals schon gestanden habe, und deswegen haben wir die Prozedur sofort wiederholt. Den Höhepunkt habe ich bis heute nicht vergessen. Das kannst du doch nicht alles verdrängt haben. Oder habe ich mich so verändert?", klagte sie bewegt. Ihre lockeren Sprüche halfen ihm auf die richtige Spur.

"Ja", antwortete er fest. "Du hast dich sehr verändert. Du bist noch schöner geworden, Thea."

Die nächsten Sekunden war er vollauf damit beschäftigt, sein Gleichgewicht zu bewahren. Sie hatte ihre Aktenmappe fallen lassen und war ihm so schwungvoll um den Hals gefallen, dass er nach rückwärts taumelte und sich ausnahmsweise beglückwünschte, ein so winziges Büro gemietet zu haben. Denn nach fünf oder sechs Schritten durch den kleinen, schmalen Flur stieß er schon an die Schreibtischkante und konnte sich aufrichten, wobei er beide Hände fest um ihre Taille legen musste, die immer noch beneidenswert schlank war. Der Kontrast zwischen ihrem großen, festen Busen und den schmalen Hüften hatte ihn schon vor gut zwanzig Jahren so fasziniert, dass er nachts davon träumte.

Sie lachte fröhlich. "Du bist nach wie vor der charmanteste Lügner, den ich kenne. Ich liebe Komplimente, immer noch."

Dabei hatte er nicht einmal besonders geflunkert. Sie war unverändert attraktiv, sexy und lebhaft, aber in den vergangenen zwanzig Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten, reifer und weiblicher geworden. Thea Schabranski, vor zwei Jahrzehnten, als Kramer am Jean-Paul-Gymnasium in Neustadt an der Ulitz auf das Abitur zusteuerte, der absolute Schwarm der Oberstufe (männlich). Thea hatte an jedem ihrer langen, kräftigen Finger zehn Verehrer zappeln. Dass sie ausgerechnet den eher schüchternen und zurückhaltenden Rolf Kramer, der sie schweigend verehrte und aus der Ferne anbetete, schließlich erhörte und, wie sie es nannte, in den Club einführte, war ihm schon damals wie ein großes und unverdientes Wunder erschienen.

Trotz aller Schwüre hatten sich die zehn Freunde nach der feierlichen Ausgabe der Abiturzeugnisse aus den Augen verloren. Das hatte sicherlich mit dem schrecklichen Ende ihrer privaten Abitur-Abschiedsfeier zu tun, bei der Theas Zwillingsbruder Thilo über die Parkplatzmauer ihrer Stammkneipe Wolfsbachschlucht in die Tiefe gestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Es war ein kühler, ungemütlicher, regnerischer Juniabend gewesen, mit tief herabhängenden Wolken, viel zu kalt für die Jahreszeit. Für die erste Juniwoche hatte auch die Dämmerung viel zu früh eingesetzt. Auf dem Parkplatz, den eine Mauer von der Schlucht abtrennte, standen riesige Pfützen, ein böiger Wind kräuselte ihre Oberflächen, es troff nur so von den Bäumen und bei jedem Windhauch prasselten Sturzgüsse herab. Thilo hatte an dem Abend einiges getrunken, bei der rechtsmedizinischen Untersuchung wurden 1,5 Promille festgestellt. Warum er ohne Jacke und Mantel nach draußen gegangen war, wurde nie geklärt, er verschwand wortlos und unbemerkt aus der Gaststube, die die Schulfreunde reserviert hatten, und kam nicht mehr zurück. Gegen Mitternacht waren sie alle aufgebrochen, nur Thea hatte sich geweigert, nach Hause zu gehen, sie wolle bleiben, bis Thilo zurück war. Alle, die bei ihr bleiben und mit ihr auf Thilo warten wollten, hatte sie barsch und unfreundlich weggeschickt, auch Rolf Kramer. Eine Stunde später wollte der Wirt schließen.

Thilos Leiche wurde erst am nächsten Morgen gefunden, aufgestöbert von einem Hund, den sein Herr spazieren führte. Thilo hatte sich bei dem Sturz rücklings in die mit Steinen und Felsen übersäte Schlucht Genick und Schädeldecke gebrochen. Sobald am nächsten Tag dieses schreckliche Unglück bekannt geworden und Thea mit einem Streifenwagen zur Identifizierung ihres Bruders in die Rechtsmedizin gebracht worden war, hatten die anderen Abiturienten wie in einer wortlosen Vereinbarung vermieden, sich noch einmal zu treffen oder in den späteren Jahren Abitur-Jubiläen zu feiern. Einige wenige kamen noch zu Thilos Beerdigung fünf Tage später auf den Neustädter Südfriedhof, und von den meisten seiner früheren Klassenkameraden und -kameradinnen wusste Kramer mit einer Ausnahme nicht einmal, ob sie noch lebten, geschweige denn, was aus ihnen geworden war oder wo sie heute wohnten. An Thea Schabranski hatte er häufiger auch mit Sehnsucht gedacht, aber nie die Energie aufgebracht, sich nach ihr zu erkundigen oder einen Kontakt zu suchen. Der Gedanke an Thilo und seinen Tod lähmte alle und flößte allen ein unbegründetes, aber peinigend schlechtes Gewissen ein.

Und Kramer konnte einfach nicht den Tag der Beerdigung vergessen, als er vor der Friedhofskapelle neben einem Pfeiler stand und beobachtete, wie Thea aus Guidos Auto stieg und Guidos Arm nahm. Der schöne Guido Sandmann hatte im Jahr zuvor Abitur gemacht; dass er sich schon lange um Thea bemühte, war kein Geheimnis. Kramer hatte auf dem Friedhof mit aller Kraft die Wut- und Enttäuschungstränen unterdrücken müssen, aber die Kränkung saß noch heute tief. Es gab nach Thea immer wieder einmal Frauen, bei denen er an eine längere Verbindung, gelegentlich sogar ans Standesamt gedacht hatte, aber im entscheidenden Moment trat immer wieder das Bild vor seine Augen. Thea, blass und schön, stieg aus Guido Sandmanns Auto und warf Kramer nur einen flüchtigen Blick zu; selbst als er ihr am Grab die Hand drückte und sein Beileid aussprach, drehte sie rasch den Kopf zur Seite. Am folgenden Tag saß Kramer mit allen Unterlagen im Zug nach Hildesheim und kam erst knapp drei Jahre später nach Neustadt an der Ulitz zurück. Seine Mutter erzählte ihm, dass Thea weggezogen sei. Doch wo Thea studierte, wusste sie angeblich nicht.

Es gefiel ihr sichtlich nicht, dass er sich so bald nach Thea erkundigte.


Sie gingen in die Alte Waage, und Thea ließ ihre Mappe im Büro. Sie müssten nachher sowieso noch einiges besprechen. Die Waage war kein Lokal für Feinschmecker, sondern "gut bürgerlich", wie das so hieß. Zwischen zwölf und eins waren die meisten Tische besetzt. Viele Firmen in der Umgebung des Marktes sparten sich eine eigene Kantine und gaben an ihre Angestellten Gutscheine aus, die in der Waage wie Bargeld eingelöst werden konnten. Normalerweise aß Kramer unter der Woche nicht zu Mittag, um die anschließende Müdigkeit zu vermeiden. Thea hielt es ähnlich, wie sie gestand, wobei sie auf ihre Gürtelschnalle klopfte, war aber gestern mit alten Freundinnen in Neustadt unter die Räder geraten und musste nun etwas für Kopf und Leber tun. In der Alten Waage steuerte Kramer eine Nische an, in der sie einen kleinen Tisch für sich hatten, die Nachbarn saßen weit genug entfernt, um nichts zu verstehen. Bei nächster Gelegenheit konnte er dann auch fragen, ob Thea, die keinen Ring trug, verheiratet sei. War sie nicht. Geschieden. Seit fast zehn Jahren schon. Nein, keine Kinder.

"Und du?"

"Gelernter Junggeselle, Thea. Immer noch. Nein, ab und zu lebe ich mit einer Frau zusammen, aber es hält nie sehr lange. Liegt an mir und meinem Beruf. Nein, ich bin nicht unglücklich. Auch nicht unzufrieden. Aber zu behaupten, ich wäre rundum glücklich, nein, das wäre eine Übertreibung."

"Du wolltest nach dem Abi ins Ausland, stimmt's?"

"Ja, bin ich auch gewesen. Du hast doch mal meine Tante Cornelia kennengelernt, die mit den schlohweißen Haaren."

"Die aus Hildesheim? Die so fantastische Plätzchen backen konnte?"

"Genau die. Sie war zwei Monate vor unserem Abi gestorben und hatte mir für damalige Verhältnisse einen Haufen Geld vererbt, freilich unter der Bedingung, dass ich mit diesem Geld Neustadt verlassen müsse. Es reichte, dass ihre Schwester Paula in diesem reaktionären, miefigen Nest zu einer unerträglichen Nörglerin versauert sei." Thea nickte, mit Kramers Mutter hatte sie sich nie verstanden; und dass ihr schüchterner Rolf auf dieses "schamlose Weib" hereingefallen war, bekümmerte die Mutter Tag und Nacht. An Thea passte ihr vieles nicht: Vater Schabranski hatte ein Feinkostgeschäft im Stadtzentrum aufgebaut und verdiente sehr gut, was Kramers Mutter als ganz persönliche Kränkung empfand. Denn ihr Mann Eduard war ein kleiner Beamter im Neustädter Katasteramt und würde, wie die Dinge lagen, nie so viel verdienen, wie Paula Kramer sich das wünschte und irgendwie als ihr gutes, aber vom Schicksal vorenthaltenes Recht betrachtete. Dass ihr Eduard die flotte und witzige Thea ausgesprochen gut leiden konnte und Thea diese Sympathie offen erwiderte, bildete zwischen den permanent verzankten Eheleuten Eduard und Paula einen weiteren Streitpunkt.

"Was hast du denn mit Tante Cornelias Erbschaft angestellt?"

"Ich bin auf gut Glück losgezogen, zuerst nach Spanien, Madrid, dann Sevilla und Andalusien, habe da und dort gejobbt, was damals nicht so einfach war, auf der anderen Seite gab es noch überall Arbeit. Und wenn ich mal zur Guardia Civil oder aufs Bürgermeisteramt zitiert wurde, konnte ich immer nachweisen, dass ich genug Geld besaß, um jederzeit nach Deutschland zurückzukehren. Und irgendwie fühlten sich die Spanier damals noch geschmeichelt, wenn ich erklärte, ich zöge durch ihr schönes Land, um die Sprache zu lernen. Von Andalusien aus bin ich in die Algarve nach Portimao weitergezogen, habe durch einen unglaublichen Zufall einen Job in Porto bekommen und bin dort einem Franzosen begegnet, der mir eine befristete Stelle in Le Havre anbot. Die habe ich angenommen, von Le Havre hat es mich über Nantes und Brest nach England verschlagen."

In Nantes hatte er auch die jüngsten Entwicklungen aus Neustadt gehört, er traf ein deutsches Paar, Arno Brügge (Abitur 1985 auf dem Jean-Paul) und Gisela Fröhlich (Mittlere Reife 1987 auf dem Gertrud Bäumer), beide wurden ziemlich vom Heimweh geplagt und unterhielten deshalb einen regen Briefwechsel mit ihren Eltern. Gisela brach in Tränen aus, als sie aus einem Schreiben ihrer Mutter vorlas, dass es am Gertrud Bäumer gebrannt hatte. Keine Einzelheit, die Kramer so erfuhr, ließ ihn seine Abreise aus Neustadt bedauern oder gar bereuen.

Thea räusperte sich und er schreckte aus seiner Träumerei hoch.

"... und als ich in Leeds massiven Ärger mit den Behörden wegen fehlender Arbeitserlaubnis bekam, ging auch mein geerbtes Geld zur Neige und ich bin nach Neustadt zurückgekehrt. Mutter wollte, dass ich dort blieb und wahrscheinlich hat sie damit genau das Gegenteil erreicht, ich habe mir umgehend eine Lehrstelle in Tellheim gesucht, bei einer kleinen Import-/Exportfirma Heuermann & Weiden, die von der Konkurrenz als Heu und Gras verspottet wurde, bin für Heu & Gras in Brasilien und Guatemala gewesen, bis wir dort geschäftlich nichts mehr zu vermelden hatten. Also bin ich nach Tellheim zurückgegangen und habe da in der Zentrale - wie das klingt! Zentrale!- gearbeitet. Als kleiner Angestellter ohne Ehrgeiz und Aufstiegschancen."

Über ein Jahr hatte Paula Kramer die ihr wichtig erschienene Post an ihren Sohn Rolf aufgehoben, und als er an einem Wochenende aus lauter Langeweile in dem Stapel wühlte, fand er ein Schreiben des Jean-Paul-Altschülervereins, das ihn zum Beitritt aufforderte. Er hatte das Blatt umgehend im Papierkorb versenkt.

Thea musterte ihn regelrecht besorgt.

"Rolf, das sieht dir aber gar nicht ähnlich. Ohne Ehrgeiz, ohne Gedanke an Karriere."

"Mag sein. Und der Henker weiß, wieviele Jahre ich den Trott ausgehalten hätte, wenn mir nicht bald eine wunderschöne Kollegin über den Weg gelaufen wäre. Sie hieß Petra Auffermann und wurde, nachdem sie mir den Laufpass gegeben hatte, die Assistentin und Geliebte eines neuen Geschäftsführers, der die Firma systematisch ausplünderte und mit einer gigantischen Kardamom-Spekulation ruinierte. Dazu brauchte er Petras Hilfe, doch am letzten, größten Coup wollte er die Auffermann nicht mehr beteiligen. Sie merkte es und drohte ihrem Geliebten Eberhard Johns, allgemein nur Ejo genannt, alles an die Eigentümer zu verraten. Ejo brachte sie um und verstand es, den Verdacht auf mich, Petras früheren Liebhaber, zu lenken. Das machte er so geschickt, dass die Kripo mich tatsächlich wegen Mord einbuchten wollte. Besonders eine Kommissarin Caroline Heynen war fest davon überzeugt, dass ich meine frühere Geliebte Petra um die Ecke gebracht hätte. Also blieb mir gar nicht anderes übrig, als selbst den wahren Mörder zu finden und zu überführen. Ejo gestand, wurde verhaftet und schließlich verurteilt."

"Deswegen bist du Privatdetektiv geworden?"

"Nein, nicht nur. Sobald Ejo gestanden hatte, haben Caro Heynen und ich ein Verhältnis begonnen, das aber nicht lange gedauert hat - immerhin so lange, dass wir heute noch Freunde sind. Als sie mich wegen eines anderen Mannes fortschickte, meinte sie, ich sollte doch Privatdetektiv werden. Erstens läge mir das ja wohl, zweitens würden wir uns dann bestimmt häufiger über den Weg laufen, was doch ganz nett wäre, und drittens sei ich von Natur aus zwar schüchtern, aber schrecklich neugierig."

"Eine kluge Frau. Gibt es eine Chance, sie mal kennenzulernen?"

"Warum nicht?"

"Und wie sieht es privatim aus? Bist du im Moment solo?"

"Nein. Bei einer Recherche habe ich eine Frau in meinem Alter kennengelernt, mit der ich noch befreundet bin."

"Warum betonst du 'noch'?"

"Dörte - so heißt sie -hält mich im Grunde ihres Herzens für einen unsoliden Hallodri und deswegen wird unsere Beziehung wohl nicht mehr lange dauern, fürchte ich."

"Abwarten. Unsere Beziehung hat ja auch zwanzig Jahre gehalten." Dabei lachte sie ihn an und trat ihm unter dem Tisch kräftig auf den Fuß. Wenn sie es so ausdrückte...

"So, liebe Thea, nun hätte ich gerne auch eine Kurzversion deines Lebens."

"Sobald wir bestellt haben. Ich möchte gerne eine Weißweinschorle."

"Trinkst du das immer noch?"

"Ja, warum fragst du?"

"Weil das auch mein Lieblingsgetränk geworden ist. Ich habe es von dir gelernt und muss immer mal an dich denken, wenn ich es bestelle."

"Liebe geht halt wirklich durch den Magen. Wie schmecken denn mittlerweile die Forellen aus der Ulitz?"

"Nicht mehr empfehlenswert."

"Was soll ich nehmen?"

"Großer oder kleiner Hunger?"

"Eher klein, aber sauer sollte es sein."

Er schaute sie fest an, bis sie etwas kläglich lächelte.

"Ganz richtig, Rolf. Zuviel Krötenblut."

"Und wo bist du auf dem Krötenblut ausgerutscht?"

Mit diesem wenig appetitlichen Namen wurde in Neustadt ein dort hergestellter dunkelroter Brombeerlikör bezeichnet, der sich durch Aroma, kratzige Süße und Alkoholgehalt auszeichnete. Man brauchte allerdings eine starke Speiseröhre, einen guten Magen, eine trainierte Leber, einen unempfindlichen Kopf und überhaupt eine Bombenkonstitution, um mehr als drei Gläschen zu vertragen.

"Im Steghaus."

So, wie sie das Wort aussprach, musste ein Ortsfremder vermuten, dort würden saftige Stücke Rindfleisch gebraten. Doch das Wort leitete sich von dem hölzernen Steg ab, der bis in die 1880er Jahre, als die steinerne Brücke in Neustadt gebaut wurde, der einzig trockene Weg über die Ulitz war, der freilich mit unschöner Regelmäßigkeit vom Wintereis oder vom Frühlingshochwasser weggerissen und ebenso unverdrossen wieder aufgebaut wurde. So exklusive Dinge wie Steaks bot das Steghaus nicht an, sondern Bratkartoffeln, Pommes, Frikadellen, Bier und eben Krötenblut.

"Dann empfehle ich dir Weinkraut mit der kleinen Schlachtplatte. Die Gewürzgurken sind hier ausgezeichnet."

"Okay. Buße muss sein."

Nach der Bestellung begann sie zu erzählen.

Weil der Vater sie darum gebeten hatte, arbeitete sie noch rund ein halbes Jahr im Geschäft, das eigentlich Bruder Thilo hatte übernehmen sollen und wollen. Doch auf Dauer war das nichts für sie, zur großen Enttäuschung des Vaters, der sie erst ziehen ließ, als sie ernsthaft krank geworden war. "Ich muss doch nicht alle medizinischen Details meiner Eingeweide vor dir ausbreiten?" Für das Geschäft fand sich im großen Schabranski-Clan ein Pächter. Thea begann mit dem Jura-Studium in Heidelberg, wechselte dann häufiger die Universitäten, war auch zwei Semester in Genf und kehrte schließlich nach Tellheim zurück, um hier Examen zu machen. Referendariat, Assessor-Zeit an verschiedenen Stellen im Lande, sie musste sich etwas beeilen, weil der Vater kränkelte und sie ihm noch helfen sollte, das Geschäft so schnell wie möglich verkaufen; der Pächter wollte seinen Vertrag nicht mehr verlängern. Im letzten Semester vor dem Staatsexamen hatte sie einen Kommilitonen aus Würzburg kennengelernt. Sie heirateten, nachdem er im zweiten Anlauf die Hürde des ersten Staatsexamens bewältigt hatte. "Er war fleißig und gewissenhaft, aber leider nicht sehr intelligent und auch nicht klug. Und als er endlich merkte, dass ich schneller vorankommen würde als er, begann er zu schmollen und seine alte Liebe zu den Bocksbeuteln wieder zu pflegen. Nach einigen Jahren ging es nicht mehr, und ich habe mich scheiden lassen."

Kramer musterte sie ungläubig: "Thea, das war doch sicher nicht alles. Wenn es eine Frau gab, von der wir in der Schule die verrücktesten Dinge und die tollste Karriere erwarteten, dann warst das doch du."

Sie nickt etwas traurig. "In der Kurzfassung hört es sich wirklich ziemlich langweilig an."

"Hast du denn einen Freund?"

"Nein, der ist mir vor drei Monaten nach Berlin entlaufen." Ihre Stimme zitterte, und Kramer traute seinen Ohren nicht. Ausgerechnet die freche, forsche Thea. Vorsichtshalber wechselte er das Thema:

"Wie geht es denn deiner Familie?"

"Mein Vater ist gestorben. Meine Mutter und ich haben das Geschäft verkauft. An eine Supermarkt-Kette. Feinkost Schabranski existiert im Neustädter Ladenhof nicht mehr."

"Du hast doch eine Schwester, die kleine mit den Sommersprossen."

"Tina."

"Richtig. Was treibt sie?"

"Ich weiß es nicht."

"Wie bitte?"

"Ja, du hast richtig gehört, sie ist seit - Moment - knapp fünf Jahren spurlos verschwunden."

Kramer schüttelte ungläubig den Kopf. Tina Schabranski, zwei Jahre jünger als das Zwillingspärchen Thilo und Thea, war ein lebhaftes, hochintelligentes und, wie Kramer damals fand, auch reichlich vorlautes und aufdringliches Wesen, das sich mit seinen älteren Geschwistern erstaunlich gut verstanden hatte. Kramer erinnerte sich vor allem daran, dass Tina keine fünf Minuten ruhig auf einem Fleck bleiben konnte. Sie war dauernd in Bewegung, unterwegs, plante etwas, hatte etwas vor oder gerade etwas angestellt. Dabei konnte man ihr nicht böse sein, sie besaß Charme für zehn und entwickelte, wenn sie etwas erreichen wollte, eine fast unglaubliche und vor allem unwiderstehliche Liebenswürdigkeit. Als sie spitz bekommen hatte, dass Kramer ihre Schwester Thea "verehrte", lauerte sie ihm bei allen möglichen Gelegenheiten auf und hielt ihm ihre Hausaufgaben in Englisch oder Französisch hin. "Für dich ist das doch eine Kleinigkeit", lockte sie mit umwerfendem Schmelz in der Stimme. "Hab' Mitleid, ich müsste Stunden darüber brüten."

Sprachen waren ihm tatsächlich immer leicht gefallen, und deswegen ließ er sich oft erweichen, wobei er natürlich auch hoffte, Tina werde ihn vor Schwester Thea gebührend rühmen. Kramers auch zwei Jahre jüngere Schwester Annette ging ebenfalls auf das Gertrud-Bäumer-Gymnasium und war vorübergehend mit Tina Schabranski befreundet.

"Was macht denn deine Schwester? Moment, wie hieß sie noch? Annette, nicht wahr?"

"Ja. Annette ist nach dem Abi und einem Praktikum auf die Textilfachschule gegangen und hat nach dem Examen sehr schnell geheiratet. Den Erben einer Textilfabrik in Stadtausa. Dem hat sie zwei männliche Erben geschenkt, wie sie das auszudrücken pflegt." Er fügte nicht hinzu, dass sein Kontakt zur ehrgeizigen Schwester schlechter war als zu seinem Schwager, der die Dinge lässiger sah und vor allem sich selbst nicht so ernst nahm.

"Na, wie sich das so getroffen hat", bemerkte Thea scheinbar arglos.

"Wir sehen uns selten", beeilte er sich klarzustellen, weil er sich durchaus korrekt daran erinnerte, dass sich Thea Schabranski und Annette Kramer zuletzt wie Hund und Katze begegnet waren. Annette war in jeder Beziehung ein Mamakind und hatte stets blind Partei für ihre Mutter ergriffen. Weil Kramers Mutter Thea Schabranski nun mal nicht ausstehen konnte, mochte Tochter Annette gegen Ende der Schulzeit auch die Schwester der "roten Thea" nicht mehr leiden.

"Habt ihr Tina seinerzeit nicht gesucht?"

"Doch, natürlich. Wir haben sie sogar als vermisst melden wollen. Aber die Polizei hat gleich abgewunken. Tina war volljährig, sie hatte in Hamburg einen regulären Job bei einer Versicherung, hatte keine Probleme mit Polizei oder Justiz: Dass sich ein Erwachsener nicht mehr bei seinen Eltern oder seinen Geschwistern meldet, kommt ja nicht selten vor. Hinweise auf ein Verbrechen gab es nicht, und leider auch kein Lebenszeichen mehr von Tina. Für meinen Vater war diese Enttäuschung das Ende. Erst der Sohn Thilo, dann die Tochter Tina und die Tochter Thea weit weg."

"Und deine Mutter?"

"Meine Mutter lebt in einem Pflegeheim für Demenzkranke in Kromburg und will von ihrer Familie nichts mehr wissen", versetzte Thea kühl. "Wenn du zahlst, können wir in dein Büro zurück."

Kramer wunderte sich über Theas plötzlichen Stimmungsumschwung, sagte aber nichts, weil sie die Zähne zusammenbiss, als müsse sie eine innere Explosion verhindern. Auf dem Rückweg bummelte sie dann wieder ganz entspannt an den Schaufenstern vorbei, schwieg aber die meiste Zeit.

"Was hat dich eigentlich heute nach Tellheim geführt?", erkundigte Kramer sich schließlich.

"Ich möchte heute Nachmittag einen Krankenbesuch machen. Und weil ich eine Fahrkarte für den Bus lösen musste, wollte ich zum Ausgleich das Porto für einen Brief sparen, der für dich bestimmt ist."

"Da bin ich aber gespannt."

"Kannst du dich noch an Brigitte Moll erinnern?"

"Ja, schwach."

"Sie liegt im Bethanienkrankenhaus und möchte mit mir was Juristisches besprechen."

Auf dem Neuen Markt kam ihnen Eva Posipil entgegen, in der rechten Hand einen Geigenkasten, in der linken ein Netz voll mit Äpfeln. Für Ende Mai war es angenehm warm, das launische Wetter schien sich darauf zu besinnen, dass der Sommer vor der Tür stand und übte sich deswegen schon einmal in trockenen, windstillen Tagen mit einigen Sonnenschein-Stunden.

"Hei, Rolf!"

"Hei, Eva. Darf ich bekannt machen, Eva Posipil, die Tochter eines Freundes, der auf meinem Flur im Ruhlandhaus seinen Betrieb hat. Thea Schabranski, ihres Zeichens Rechtsanwältin in Würzburg und vor zwanzig Jahren meine große Schülerliebe."

"Wie romantisch", zwinkerte Eva und setzte ihr Netz ab, um Thea eine Hand zu geben.

Thea grinste: "Er ist überhaupt ein romantischer Mensch, er glaubt an die große Liebe, an die Gerechtigkeit ..."

"... und den unvergänglichen Wert der klassischen Musik", ergänzte Eva rasch. "Ich bin Geigerin, ich darf das beurteilen. Kommen Sie am Samstag zu unserem Konzert?"

"Konzert?", fragte Thea verständnislos.

"Eva hat mit Kollegen und Kolleginnen von der Musikhochschule ein Klavierquintett gegründet", musste Kramer erklären.

Thea schüttelte den Kopf. "Ich fürchte, nein. Dieser neugierige Mensch hier soll mir helfen, ein Problem zu lösen."

"Schade", bedauerte Eva, "dann vielleicht ein andermal."

"Eine hübsche junge Frau", urteilte Thea, nachdem sie sich von Eva verabschiedet hatten.

"Dazu klug, intelligent und fleißig", ergänzte Kramer. "Außerdem fast erschreckend zielstrebig."

"Aha. Höre ich da eine gewisse Bewunderung heraus? Oder gar eine versteckte Zuneigung?"

"Zuneigung ja, aber nicht die, die ältere Männer in der Regel für jüngere Frauen aufbringen."

"Wie alt ist denn deine Eva?"

"Weiß ich gar nicht genau, 26 oder 27, schätze ich."

"Also zu alt für deine Tochter?"

"Das schon, aber eine Tochter wie Eva würde mir schon gefallen."

"Warum hast du nie geheiratet?"

"Die richtige ist mir nie über den Weg gelaufen."

Thea schnaubte entrüstet, sagte aber nichts. Sie standen vor dem Gänsemarktbrunnen und beobachteten die winzigen Fontänen.

"Hast du dir eigentlich keine Kinder gewünscht?", fragte Kramer nach einer Weile.

"Doch", antwortete sie hart, "aber nicht von dem Mann, den ich geheiratet habe. Komm, lass uns weitergehen, bevor wir beide richtig sentimental werden." Zweihundert Meter weiter hatte Thea ihre Stimmung schon wieder geändert. Sie blieb vor einem Modegeschäft stehen und winkte Kramer heran. "Gefällt dir das zweiteilige Kleid da hinten?"

"Das blaue?"

"Genau."

"Ja, es sieht sehr gut aus."

"Finde ich auch. Brigitte hat ihre Lieferanten gewechselt und die Neuen oder genauer: die neue Firmen haben schöne Sachen und geben sich viel Mühe."

"Brigitte ...?"

"Brigitte Moll. Kannst du dich nicht mehr an sie erinnern? Jean-Paul, zwei Jahre unter uns."

"Ehrlich gesagt, so gut wie gar nicht."

"Der Vater hatte das Juweliergeschäft neben dem Gemeindezentrum an der Langen Gasse."

"Es dämmert, der Vater ist doch von Einbrechern getötet worden?"

"Genau. Etwa ein Jahr vor unserem Abi, Brigitte hat das Jean-Paul- Gymnasium verlassen und bei einer Tante hier in Tellheim eine Lehre begonnen. Mit dem Geld aus der Lebensversicherung des Vaters haben sie und ihre Mutter dieses Modengeschäft eröffnet. Zu Anfang mussten sie heftig strampeln, aber seit etwa vier Jahren läuft der Laden ganz ordentlich."

"Woher weißt du das alles?"

"Brigitte und ich schreiben uns, früher Briefe und Glückwunschkarten zu Weihnachten, heute tauschen wir mails aus, und wenn ich mal in der Gegend bin, kaufe ich bei ihr ein. Gitte war mit meiner kleinen Schwester Tina befreundet und ziemlich erschüttert, als Tina verschwand."

"Ist der Mörder ihres Vaters eigentlich gefunden worden?"

"Nein."

"Willst du jetzt reinschauen?"

"Nein, heute nicht. Brigitte sehe ich heute Nachmittag im Krankenhaus, und das Kleid kann ich mir auch noch morgen besorgen. Komm, lass uns weitergehen."


Kramer schloss gerade sein Büro im Ruhlandhaus auf, als Anielda aus ihrem Studio " Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis" herauskam und so tat, als sei sie überrascht, ihn in Begleitung zu sehen. "Entschuldigung", murmelte sie, "ich wusste nicht, dass du Besuch hast." Thea hatte das Schild an der Tür gelesen und verzog nun den Mund zu einem amüsierten Lächeln.

"Ich bin kein Besuch, ich habe ein Problem, das dieser Sherlock Holmes für mich lösen soll. Er ist ein alter Schulkamerad."

"Aha!", machte Anielda, und in dem kleinen Wörtchen schwang soviel Skepsis und Misstrauen mit, dass Thea lachen musste.

"Sie glauben mir nicht?"

"Doch, doch. Aber ich kenne auch meinen lieben Rolf. Er ist gefühlvoll bis dorthinaus, und ich weiß nicht, was er von einer alten Schulfreundin erwartet."

"Alte Liebe rostet nicht", warf Kramer grob ein. "Man muss allerdings mal eine gehabt haben." Anielda ging ihm mit ihren unbegründeten Besitzansprüchen gelegentlich schwer auf den Wecker.

Prompt machte die Seherin der Zukunft auf dem Absatz kehrt und verschwand in ihrem Studio. Hinter ihr donnerte die Tür ins Schloss. Thea kicherte. "Seit wann so empfindlich, lieber Rolf?"

"Nicht jetzt. Anielda ist ein abendfüllender Roman." Thea sagte dazu nichts mehr.

Er schaute sie amüsiert an: "Du wolltest mir doch persönlich einen Brief geben, um das Porto zu sparen."

"Bitte, hier."

Der gedruckte Briefkopf lautete "Dr. Thea Schabranski, Rechtsanwältin“. Eine Kanzleiadresse in Würzburg, eine ganze Reihe von Telefon- und Faxnummern, e-mail-Adresse. Bürozeiten. Konten. Wenn er mal ganz viel Geld verdient hatte, würde er sich auch so eindrucksvolles Briefpapier drucken lassen. Sie schmunzelte, als habe sie seine Gedanken erraten.


Liebe Freundinnen und Freunde,

in diesem Sommer ist es zwanzig Jahre her, dass wir am ruhmreichen Jean-Paul-Gymnasium zu Neustadt an der Ulitz unser Abitur gemacht haben; viele haben sich seitdem nicht mehr gesehen oder gesprochen. Ich meine, wenn unser verehrter alter Klassensprecher es nicht schafft, zu diesem Jubiläum die Mannschaft der alten C zusammenzutrommeln, dann sollten die "Schlimmen Finger" ein Treffen auf eigene Faust organisieren. Und deshalb würde ich gerne alle Neun zu einem Abendessen einladen: Am Samstag, 16. September, 19.00 Uhr in unserer alten Stammkneipe "Zur Wolfsbachschlucht". Ich habe bereits das alte Jägerzimmer, das nun vornehmer Jagdstube heißt, für uns reserviert und nachgefragt, ob es die berühmten Wolfsschnitzel noch gibt. Es gibt sie noch, jetzt allerdings als Schweineschnitzel nach Art des Hauses. Überhaupt hat sich unsere Kneipe sehr gemausert. Sie ist jetzt ein weithin gerühmter Fresstempel mit Stern oder Sternchen, aber das Bier ist noch die vertraute alte Marke, preiswert und gut.

Bitte kommt doch alle und schickt mir eine kurze Nachricht, ob ja und mit wieviel Personen. Am Sonntag, 17. September, beginnt um 15 Uhr das jährliche Schulfest. Auf dem Programm stehen für alle, die es wünschen, Rundgänge durch das Jean-Paul, das sich übrigens unter der Direktorin auch schwer herausgemacht hat. Die alte Turnhalle steht inzwischen unter Denkmalschutz, am Ende des Schulhofes, wo früher die schönen Platanen wuchsen, ist eine neue moderne Halle entstanden, schräg gegenüber steht ein modernes Gebäude für die Naturwissenschaften und die Computerfreaks. Die Aula ist geblieben, sie ist sogar restauriert worden und strahlt im alten Glanz der Holztäfelung und der Stuckdecke. Es gibt wieder ein großes Schulorchester, an das einige wohl mit Vergnügen zurückdenken. Am ersten Abend steht ein Konzert auf dem Programm, am zweiten Abend ein Theaterstück mit - lest und staunt! - Ballett-Einlage. Wir können an allem, aber wir müssen an nichts teilnehmen. Dann bleibt auch viel Zeit zum Quatschen und Tratschen oder zu einem Spaziergang durch das Städtchen, das leider nicht sehr viel schöner geworden ist.

Ein Hinweis für alle, die länger bleiben wollen; am Mittwoch, 19. September, beginnen die Feiern zum fünfzigjährigen Bestehen des Landschulheimes Josephshöhe, und das heißt, die Hotels werden gut belegt sein. Ich empfehle Euch das Hotel "Rieker Höhe", das von der ehemaligen Jean-Paulianerin Anke Ludwig geleitet wird; sie ist bei rechtzeitiger Anmeldung zu einem großzügigen Rabatt bereit.

So, dieser Brief geht an folgende Paulianer der Gattung Ex-C; ich habe alle Anschriften, Telefon-, Faxnummern und mail-Adressen, die mir bekannt sind, nach bestem Wissen und Gewissen beigefügt. Wenn ich einen Fehler begangen haben sollte, schickt mir doch bitte eine Korrektur, ich werde sie unverzüglich an alle neun Freunde und Freundinnen der ehemals "Schlimmen Finger" weiterleiten. Es grüßt Euch herzlich und freut sich darauf, Euch nach 20 Jahren wiederzusehen Eure Thea.

Kramer nahm das zweite Blatt und spürte plötzlich einen sanften, aber festen Druck auf der Brust. Ja, das waren sie, die neun, ursprünglich zehn Unzertrennlichen, die sich dann doch so schnell aus den Augen verloren hatten.

Thea Schabranski. Rechtsanwältin in Würzburg

Hans-Peter Beck. Fabrikant in Moosberg/Ulitz.

Christian Neufel. Prokurist in München.

Cordula "Dula" Oppenstedt, Galeristin in Neustadt/Ulitz.

Martin Adler, Diplom-Ingenieur in Veitshöchheim

Rolf Kramer, Privatdetektiv in Tellheim

Corinna Altmann/Etzel, Hausfrau in Fulda

Sonja Drexler, Gastronomin in Neustadt/Ulitz.

Klaus Etzel, kaufmännischer Angestellter in Fulda.

Einer fehlte aus der alten Gruppe, Thilo Schabranski, vor zwanzig Jahren beerdigt auf dem Neustädter Südfriedhof.

"Weit sind die C-ler ja nicht herumgekommen", sagte Kramer versonnen, doch Thea widersprach sofort. "Du meinst, die neun Freunde aus der C, von den anderen weiß ich es nicht. Vielleicht lebt einer von ihnen mittlerweile am Südpol und dressiert freilaufende Pinguine?"

"Von den großen Lieben aus der Schulzeit hat offenbar nur die Liaison Corinna Altmann - Klaus Etzel gehalten."

Thea warf ihm einen bitterbösen Bick zu. "Du meinst, weil sie geheiratet haben?"

Er nickte nur, von ihrem Ton alarmiert, und wollte ablenken: "Wenn du schon in Neustadt warst, hättest du die Einladungen auch Sonja Drexler und Hans-Peter Beck persönlich geben können." Moosberg war nicht weit von Neustadt entfernt.

"Du weißt doch sicher noch, dass ich nicht gerne mit Hans-Peter unter vier Augen zusammentreffe."

Hans-Peter Beck war in der Mittelstufe als Sitzenbleiber in die C gekommen, ein anfangs großmäuliger, aufgeblasener Typ, der sich nur schwer in die Klassengemeinschaft integrierte und eigentlich bis zum Abitur in einer gewissen Außenseiterposition geblieben war. Wenn ihr Primus Christian Neufel ihn nicht verteidigt hätte, wäre Beck isoliert worden. Zu seinen Versuchen, von den Klassenkameraden doch anerkannt und aufgenommen zu werden, zählten die vielen Partys im Keller der elterlichen Villa, in dem es neben einer immer reichlich bestückten Bar und einer Sauna auch einen Swimmingpool gab. Die Eltern Beck waren beruflich und privat viel unterwegs, Hans-Peter konnte oft mit einer sturmfreien Bude locken. Vater Beck besaß am Rande von Neustadt direkt an der Ulitz eine kleine, sehr gut gehende Chemische Fabrik, die Komponenten für Kosmetika und Medikamente herstellte, Hans-Peter war der einzige Sohn und sollte den Laden einmal übernehmen, seine Halbschwester Heidrun, die seine Mutter mit in ihre zweite Ehe gebracht hatte, sollte ausbezahlt werden. Das Geldausgeben hatte Hans-Peter bereits perfekt gelernt und wegen seiner Großzügigkeit waren seine Partys immer gut besucht, auch wenn der Gastgeber nicht übermäßig beliebt war.

Die Kleinstadt Neustadt an der Ulitz lag nur 35 Kilometer von der Großstadt Tellheim entfernt, aber es hätten auch 3500 oder mehr Kilometer sein können. Wie in vielen Kleinstädten achteten die Neustädter streng auf heile und saubere Fassaden, hinter denen sie sorgfältig alles verbargen, was sie bei anderen Leuten sofort als unmoralisch, verderbt und verworfen anprangerten. Die Zahlen 19 und 68 hätten sie am liebsten aus der Reihe der zweistelligen Ziffern getilgt, die Romane von Jean Paul stellten das Maximum erlaubter Frivolität dar, und eine Party junger Leute in einem dunklen Keller ohne visuelle Dauer-Kontrolle durch die Eltern war hier selbst in den 1980er Jahren noch eigentlich unvorstellbar, verrucht, unmöglich, unverzeihlich. Der liebe Herrgott hatte nun einmal den Fehler begangen, zwei Geschlechter zu schaffen, aber nirgendwo stand geschrieben, dass man sie vor dem 25. Lebensjahr zueinander lassen solle. Koedukation war eine Erfindung des Teufels und der Anfang aller Laster; ordentliche Eltern schickten ihre Töchter nicht auf das Jean-Paul-Gymnasium mit gemischten Klassen, sondern auf das Gertrud-Bäumer-Gymnasium für Mädchen. Ordentliche Eltern waren auch damit einverstanden, dass man nach Einbruch der Dämmerung die Bürgersteige hochklappte, alle Cafés und Lokale schloss und Tanzveranstaltungen und Tanzschulkurse am besten im Gemeindehaus unter Aufsicht des Pfarrers und des Kirchenvorstandes organisierte.

Kramer war in dieser bigotten, engstirnigen, reaktionären Umgebung und vermufften Einstellung aufgewachsen; wie vermieft, verklemmt und verlogen sie war, begriff er erst später, als er Neustadt an der Ulitz für immer verlassen hatte. Später las er einmal in einer Heimatgeschichte, dass sich schon im 17. und 18. Jahrhundert anderswo vertriebene Sekten an der Ulitz niedergelassen hatten, die auch später sogenannte strenggläubige Mitglieder aus dem Land anzogen und schnell integrierten. Als Sekte konnte man in Neustadt nicht bestehen, aber man konnte einer der großen Kirchen beitreten und problemlos seine Gesinnung behalten und auch bekennen. Eine jüdische Gemeinde hatte es in Neustadt nie gegeben, dafür schon Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Ortsgruppe der Nazi-Partei. Als die deutschen Christen aus den Pfarrstellen vertrieben werden sollten, hatte es beinahe Aufstände in den Gemeinden des Ulitz-Tales gegeben.

Deswegen waren Hans-Peters Parties bei seinen Mitschülern so beliebt. Hier durfte man knutschen, schmusen und sogar Petting wagen. Unvorstellbare Schweinereien für die meisten Neustädter. Unter den regelmäßig eingeladenen Mädchen war Sonja Drexler besonders beliebt, weil sie willig war und sich nie lange zierte. Sie war das erste nackte Mädchen, das Kramer je sah, als sie nach einer besonders "wilden" Party morgens mit den Jungens in die Sauna ging und später nackt in den Swimmingpool hüpfte.

Bei einer Party sprang der Junge, der Sonja zu Hans-Peter mitgebracht hatte, plötzlich ab und beschäftigte sich mit einem anderen Mädchen. Kramer hatte es mitbekommen und war als Tröster bei der Schulfreundin Sonja herzlich willkommen. Bei ihr durfte er zum ersten Mal einen BH aufhaken und einen Busen küssen. Das wiederum hatte die scharfsichtige Thea Schabranski trotz der Dunkelheit mitbekommen und ihm mächtig verargt. Kramer bewunderte Thea aus der Ferne, er hätte nie den Mut aufgebracht, sich an die von allen Jungens umworbene und umschwärmte Thea heranzumachen oder sie zu einer Hans-Peter-Party einzuladen. Thea wiederum vermochte sich nicht vorzustellen, dass ein 17jähriger Junge so schüchtern und so unerfahren sein konnte, sie vermutetet also, dass Rolf Kramer eben für Thea Schabranski nicht viel übrig hatte, aber einiges für das kleine Flittchen Sonja Drexler, das sich so widerstandslos von allen anfassen ließ. Das Missverständnis dauerte bis ins letzte Jahr vor ihrem Abitur.

Dabei wurde Kramer schon auf einer der nächsten Parties von Sonja Drexler in die Ecke gestellt, eine Kränkung, die er ihr nie vergessen hatte.

1988, ein Jahr vor dem Abitur, wurde das alljährliche Ulitzer Talfest in Neustadt ausgerichtet. Am Nachmittag setzte sich Kramer auf dem Schützenplatz zu Rosemarie Scholz. Ihre Eltern wohnten auch in der Gärtnerstraße im Nebenhaus und Kramer hatte mit ihr gespielt, so lange ein "richtiger" Junge noch mit kleinen Mädchen spielen durfte. Unmittelbar nach seiner Einschulung griff Paula Kramer ein. Schluss mit kleinen Mädchen im Sandkasten und Schluss mit dieser ordinären Scholz-Blase. Nach der Hauptschule hatte Rosemarie zu arbeiten begonnen und war zurzeit als Hausmädchen bei den Becks angestellt. Natürlich kamen sie auf Hans-Peter zu sprechen, den Rosemarie nicht leiden konnte. "Ein arrogantes Schwein, milde formuliert. Und dazu stinkfaul. Er glaubt, man könne alles kaufen. Und wenn er in der Schule mal nicht mitgekommen ist, dann liegt das nie an ihm, sondern an den dummen Lehrern, die was gegen ihn haben. Und seine Mutter ist so dämlich, ihm immer Recht zu geben."

"Wie meinst du das?"

"Gestern hatte er mal wieder in Chemie nichts begriffen und abends sagt sie zum ihrem Mann: 'Ich hab' dir ja gleich gesagt, wir sollten uns nicht gefallen lassen, dass Hans-Peter in die C zu diesem sozialen Schrott gesteckt wird'." Doch Eberhard Beck konterte:

"Er hätte ja in seiner vornehmen A bleiben können, wenn er sich etwas mehr angestrengt hätte. Aber dazu hast du ihn ja nicht bringen können."

"Ach, jetzt bin ich wieder an allem schuld?"

Rosemarie schnaufte. "Zanken können die sich wie die Bürstenbinder."

Sie war ein mäßig hübsches Mädchen, fleißig und zuverlässig, und die Bemerkung ihrer Chefin hatte sie mehr empört als ihn. Kramer hörte aufmerksam zu und musste, was ihm schwerfiel, seiner Mutter recht geben: Rosemarie war ziemlich laut und ordinär.

Kramer erzählte mit eigenen Worten Thilo, was Rosemarie ihm berichtet hatte. Thilo grinste nur: "Auch schon bemerkt? Also, von der schnellen Truppe bist du aber auch nicht. Ganz klar, als die zu großen Klassen A und B geteilt werden mussten, wurde in die C reingesteckt, was nicht zur High Society Neustadts zählt, arm und unbedeutend ist oder neureich und noch nicht angepasst."

"He, und was ist mit Corinna Altmann?"

"Das Feigenblatt, oder die moralische Korsettstange für einen Haufen sozial nicht oder noch nicht Vollwertiger."


Dass die zugewanderten Schabranskis auch zu diesen noch nicht Anerkannten zählten, war kein Geheimnis. Man kaufte bei ihnen, aber das hieß noch lange nicht, dass man sie schätzte. Kramer fuhr aus seiner Träumerei hoch und begegnete Theas spöttischem Blick: "Wieder in der Gegenwart?"

"Okay, du gehst Beck immer noch gern aus dem Weg. Was ist mit Sonja?"

"Da beginnt das Problem, das du für mich lösen sollst."

Thea holte eine weitere Klarsichthülle aus ihrer Mappe heraus. "So, ich hoffe, deine Geographiekenntnisse haben ausgereicht, aus der Adressenliste zu ersehen, dass Martin Adler und ich nicht weit voneinander entfernt wohnen."

"Haben sie."

"Er kam eines Tages zu mir in die Kanzlei, ziemlich bedeppert, weil er eine Anklage wegen Betrugs am Halse hatte. Einzelheiten fallen ohnehin unter meine Schweigepflicht, aber soviel kann ich sagen, dass er sich ziemlich dämlich aus Geldgier in eine böse Sache hatte hineinziehen lassen. Er war eher Opfer als Täter. Das konnte ich in der Hauptverhandlung dem Gericht beweisen und klarmachen. Adler wurde freigesprochen und hat mich anschließend zu einem Dankeschön-Essen eingeladen. Kennst du Würzburg?"

"Ein wenig."

"Früher war ein sehr bekanntes Fresslokal Der Stiefel. Jetzt hat es Konkurrenz bekommen, und die nennt sich Der Knecht."

"Nicht die feine Art!"

"Mag sein, aber das Essen ist gut, sehr gut sogar. Wir haben geschlemmt wie die Fürstbischöfe und wahrscheinlich etwas viel Bocksbeutel getrunken. Jedenfalls wurde der liebe Martin plötzlich sentimental und meinte mit feuchten Augen, er sollte mir etwas erzählen, was alle vor mir über die Jahre verschwiegen haben. Etwas, was an dem Abend in der Wolfsbachschlucht passiert ist."

"An dem Abend ...?"

"Ja, an dem Abend, an dem Thilo in die Schlucht gestürzt wurde."

Kramer musterte sie schweigend von der Seite, nicht erstaunt, weil er etwas in der Art erwartet hatte. Das war es also. Thea glaubte seit zwanzig Jahren, dass ihr Zwillingsbruder Thilo umgebracht worden war.

Sie bemerkte seinen nachdenklichen Blick nicht. Martin Adler hatte sich seinerzeit gewaltig in Sonja Drexler verguckt und hoffte, an dem Abend bei ihr zum Zuge zu kommen. Deswegen fiel ihm auf, dass Sonja heimlich das Jägerzimmer verließ und längere Zeit wegblieb. Also hatte er es nach einer gewissen Zeit nicht mehr ausgehalten und war ebenfalls nach draußen geschlichen. Martin Adler(auge) war krankhaft neugierig und gab erst Ruhe, wenn er alles herausbekommen hatte, was man vor ihm zu verbergen suchte. Und festzustellen, dass es zwischen Hans-Peter Beck und Sonja Drexler zu einer Verstimmung gekommen war, konnte man nicht übersehen.

Als er Sonja fand, stand sie seitlich vor der Tür unter dem Regendach, starrte ins Dunkle auf den Parkplatz und war ziemlich erschrocken, als er ihr auf die Schulter tippte. Natürlich hatte er sinngemäß gefragt: "Was machst du denn hier?" Und sie erwiderte: "Meine Augen haben von dem Qualm im Jägerzimmer so getränt, dass ich unbedingt frische Luft brauchte. Ich stehe hier und warte, bis ich klar sehen kann und das Gefühl verspüre, wieder Sauerstoff in den Lungen zu haben."

Er hatte dann gefragt: "Frierst du nicht?" Sie trug nur einen dünnen Rock und ein dünnes, tief ausgeschnittenes Oberteil.

"Nein", hatte sie zu Adlers Erstaunen gesagt. Er hat ihr einen Arm um die Taille gelegt und die Hand auf ihre Hüften gleiten lassen, worauf sie den Kopf schüttelte. "Nicht jetzt, Martin, später, bei mir. Du, ich habe eben was Merkwürdiges gesehen. Ich hatte mich gerade hier hinter den Vorsprung hingestellt, als Thilo und Hans-Peter auf den Parkplatz rausgegangen sind."

Thea wandte sich direkt an Kramer: "Kannst du dich noch an das Wetter erinnern?"

"Oh ja, es hat gegossen. Und es war für Juni lausig kalt und windig."

"Richtig. Und das - so Martin Adler - habe Sonja so verwundert, dass sie habe warten wollen, bis die beiden pitschnass in das Lokal zurückkehrten."

"Wieso pitschnass?"

"Thilo hatte nur seine Jacke, aber nicht seinen Regenmantel an, Hans-Peter war ohne Anorak rausgegangen."

Darauf sagte Kramer erst einmal nichts, sie war sehr erregt geworden.

"Aber nach acht, neun Minuten sei nur Beck allein zurückgekommen, von meinem Bruder fehlt ab da jede Spur."

Er musterte sie gespannt.

"Sonja ist dann mit Adler in das Jägerzimmer zurückgegangen. Unterwegs haben sie verabredet, von dieser Episode niemandem etwas zu erzählen."

"Und warum nicht, sie mussten sich doch gefragt haben, wo denn Thilo abgeblieben war."

"Martin hat mir auf diese Frage nur gesagt, er habe von Sonja gehört, dass sich Thilo an dem Abend noch mit Milli treffen wollte. Vielleicht sei er ja am Haus entlang zum Seiteneingang geschlichen. Der Wirt durfte ihn ja nicht sehen und anfangen zu kombinieren, warum Thilo Schabranski und Milli Wirth plötzlich gemeinsam von der Bühne abgetreten waren."

Kramer kaute auf seinen Lippen, eine dünne Erklärung, wie er fand, aber an dem bierfeuchten Abend mochte sie alle, die nach Thilo oder Milli fragten, überzeugt haben. Milli, die im Jägerzimmer bediente, war hübsch und bis über die Ohren in Thilo Schabranski verschossen.

"Warum denn dieses Schweigen?", wollte Kramer wissen,

"Das habe ich auch gefragt. Martin sagte, Sonja habe darauf bestanden, ohne irgendeine Begründung. Und er - Martin - habe den Eindruck gehabt, dass Sonja dem Hans-Peter Schwierigkeiten ersparen wollte. Wenn er - Martin Adler - ihr das nicht versprechen wolle, würde auch ihre private Nachfeier heute nicht stattfinden. Warum, das konnte er mir auch nicht erklären. Wahrscheinlich war das Sonjas Bedingung für das Weitere, von dem Hans-Peter Beck auf keinen Fall was erfahren sollte."

"Kannst du mir das erklären?"

"So halbwegs, du weißt doch, Hans-Peter und Sonja waren damals recht eng verbandelt, und ich vermute, Hans-Peter hat Sonja damals schon mit Geld geködert."

"Oder für bestimmte Dinge bezahlt?"

"Auch das ist möglich. Martin und Sonja sind nämlich später zusammen weggegangen und Martin Adler hat mir gestanden, mit glutroten Ohren, dass er und Sonja die Abiturfeier in ihrem Zimmer privatim fortgesetzt haben. - Natürlich im Bett! - Sonja hatte in dem Häuschen ihrer Eltern ein separates Zimmer unter dem Dach direkt an der Treppe, so dass niemand ihr Kommen und Gehen bemerkt hat."

"So, und jetzt glaubst du, dass Beck deinen Bruder in die Schlucht gestürzt hat?"

"Glauben nutzt mir nichts, Rolf. Ich muss es wissen. War er's und wenn ja, warum hat er das getan? Warum sind die beiden in den strömenden Regen hinausgegangen? Warum hat Thilo seinen Mantel im Jägerzimmer zurückgelassen? Ich verstehe ja, dass Martin nicht an die große Glocke hängen wollte, er sei Sonja nachgelaufen." Was fast alle Freunde taten oder bereits getan hatten, aber eben deswegen nicht gerne erzählten. "Aber warum hat Sonja sofort festgelegt, von der Geschichte nichts zu erzählen?"

"Hast du sie nicht danach gefragt?"

"Nein, danach nicht. Ich habe sie an der alten Brücke getroffen, und wir sind in die Stadt gegangen, Kaffee trinken. Ich habe ihr die Einladung gegeben und sie dann gefragt, was da passiert sei, also die Geschichte, die mir Martin Adler erzählt hatte. Es war ihr gar nicht recht, dass ich davon erfahren hatte. Erklären wollte sie nichts, sondern hat mir eine Bedingung gestellt: Sie sei aus lauter Dusseligkeit in eine böse Falle getappt, und erst, wenn ich ihr da herausgeholfen hätte, würde sie mir erzählen, was da los war. Ich war nicht gerade begeistert, wie du dir denken kannst, aber sie ist stur geblieben. Sie habe nur wenig Geld und könne meine Anwalts-Rechnung wohl gar nicht bezahlen. Ihre Geschichte wäre dann das Honorar für meine Arbeit."

"Was hast du darauf getan?"

Thea zuckte die Achseln, und Kramer erinnerte sich, dass sie mit dieser Bewegung schon früher bekräftigt hatte: "Ich will und ich werde nicht."

Weil sie dabei eine Grimasse schnitt, fragte er vorsichtig weiter: "War Sonja der Anlass für zuviel Krötenblut?"

"So ist es."

"Hast du alleine getrunken, liebe Thea?"

"Nein, du weißt doch, dass ich nicht gerne alleine trinke."

"Würdest du mir verraten, wer dir Gesellschaft geleistet hat?"

"Die eine kennst du - Anke Ludwig. Die andere wahrscheinlich nicht - Hermine Gundlach."

"Nein, wer ist das?"

"Sie war eine gute Freundin meiner Eltern und hat fast dreißig Jahre in der Lokalredaktion Ulitztal des Tageblatts gearbeitet. Was Hermine über Neustadt nicht weiß, hat auch nicht stattgefunden."

"Und wo hast du an dem Abend gewohnt?"

"In unserer alten Villa."

"Die habt ihr noch?"

In der alten Villa hatte an dem Tag, an dem sie ihre Abschiedsfeier in der Wolfsbachschlucht hatte nachmittags das stattgefunden, was Thea spöttisch den "Eintritt in den Club" nannte. In ihrem Zimmer. Thilo war zu seiner Geliebten Jutta Mühlen gegangen, einer mit einem Vertreter verheirateten Frau Anfang dreißig, die sich im Alltag und in ihrer Ehe langweilte. Juttas Schwester Milli Wirth, acht Jahre jünger als Jutta Mühlen, ledig, zierlich und hübsch, bediente in der Wolfsbachschlucht und hätte ihrer älteren Schwester Jutta nur zu gern den Geliebten Thilo Schabranski ausgespannt. An dem Tag wäre sie ihrem Ziel ein gutes Stück näher gekommen. Denn unerwartet kam Thilo viel früher in die alte Villa zurück als sonst, Kramer stand noch im Bad unter der Dusche und konnte nicht verstehen, was der zornige Thilo unten brüllte, er hörte nur aus dem Tonfall heraus, dass Thilo gefährlich schlechte Laune hatte. Thea kam zu Kramer ins Bad gehuscht und lachte schadenfroh. Juttas Mann Georg Mühlen war ohne Vorwarnung nach Hause gekommen und Bruder Thilo musste sich wie in einem schlechten Boulevardstück vorübergehend in einem Wandschrank verstecken, bis er unbemerkt die Wohnung verlassen konnte. Jutta hatte immer gewarnt, ihre eifersüchtige Niete von Ehemann würde nicht zögern, einen Liebhaber seiner Frau mit dem Beil oder einer Hacke zu erschlagen. Auch Kramer musste nach Thilos Rückkehr abtauchen, und zwar in die Speisekammer, bevor Thea ihn ins Freie lotsen konnte. Thilo wünschte nämlich nicht, dass sich seine Schwester einen Liebhaber zulegte. Was er als sein gutes Recht beanspruchte, hatte nicht für seine Schwestern Thea und Tina zu gelten. Die Eltern Schabranski waren geschäftlich nach Ingolstadt verreist.

Kramer hatte nicht geahnt, geschweige denn gewusst, was ihn an dem Nachmittag in der alten Schabranski-Villa erwartete.

"Kannst du dich noch an Jutta Mühlen und Milli Wirth erinnern?", fragte er versonnen, und Thea gluckste. "Und ob."

"Weißt du, was aus den Schwestern geworden ist?"

"Nein, mein Lieber. Das weiß ich nicht. Das alles darfst du für mich herausfinden."

"Dabei kann ich mich auch einmal nach Maria Ruiz Costa erkundigen."

"Warum denn das?", wollte Thea wissen und ihre Miene verfinsterte sich jäh.

"Ich habe sie seit dem Abitur nicht mehr gesehen."

"Ist das ein Grund, einer Frau nachzulaufen?"

"Ich laufe ihr nicht nach, ich möchte ihr nur mal wieder Guten Tag sagen."

"Wer's glaubt, wird selig."

"Eifersüchtig?"

"Lachhaft."

Vor zwanzig Jahren hatte Thea ihm gestanden, dass sie auf Maria Ruiz Costa sogar mächtig eifersüchtig war. Grundlos, wie Kramer beteuerte, ohne Glauben zu finden. Auf sehr verschlungenen Wegen hatte es die Studentin der Romanistik aus Asturien nach Neustadt an der Ulitz verschlagen, und als es Zeit für sie wurde, Geld zu verdienen, fand sich für sie am Internat Schloss Josephshöhe eine Stelle als Spanisch-Lehrerin.

Kramer hatte Maria an einem glühend heißen Tag in Neustadt kennengelernt. Neben der alten Ulitzbrücke gab es ein winziges Einkaufszentrum, "Ladenhof" genannt, mehrere kleine Geschäfte rings um einen quadratischen Innenhof, der bei Ulitz-Hochwasser regelmäßig überschwemmt wurde. Zu den Geschäften gehörte auch die einzige Eisdiele des Ortes, und Kramer hatte sich einen Becher gekauft, um sich draußen auf eine schattige Bank am Ulitzufer zu setzen. Maria saß auf einer anderen Bank, sah sein Eis und fragte auf Spanisch aufgeregt: "Wo gibt es das?"

Kramer verstand und sprach zu der Zeit schon genug Spanisch, um ihr zu erklären, dass sie da drüben in den Innenhof gehen müsse. Dort gebe es eine Eisdiele. Sie bedankte sich, sprintete los und kam mit einem gewaltigen Papp-Becher zurück, setzte sich zu Kramer auf die Bank und fragte ehrlich neugierig, wo er Spanisch gelernt habe.

"Aus dem Lehrbuch meiner kleinen Schwester." Annette träumte zu der Zeit noch von großen Expeditionen durch Lateinamerika und auf den Quellflüssen des Amazonas.

"Sprachen fallen dir leicht, wie?"

Das stimmte. Er musste keine Vokabeln pauken oder Grammatiken büffeln, er lernte durchs Zuhören und Sprechen. Die Anfangsgründe des Portugiesischen hatte ihm zum Beispiel Federico - Rico - Freire Almeida beigebracht. Der gleichaltrige Rico wohnte in der Gärtnerstraße zwei Häuser nebenan, sein Vater war als eine Art Hausmeister im Internat Schloss Josephshöhe angestellt, Rico machte eine Elektrikerlehre in einem kleinen Handwerksbetrieb und spielte in jeder freien Minute Fußball; sein Traum und Ziel war die Libero-Position bei Benfica Lissabon, und wenn das nicht klappen sollte, würde es auch Bayern München tun. Seine Eltern waren von Coimbra nach Kassel gezogen, als Rico sechs Jahre alt war, heute sprach er so perfekt die übliche Mischung aus Hessisch, Bayerisch und Thüringisch, dass kein Einheimischer ihn für ein Ausländerkind hielt.

Bei Maria war das anders. Sie musste und wollte noch viel Deutsch lernen; Kramer und sie schlossen ein gegenseitiges Lehr- und Lernabkommen. Er brachte ihr Deutsch bei, sie unterrichtete ihn in Spanisch. Als er aus Neustadt abreiste, hatten sie mit der Lektüre des Cervantes begonnen und er hatte ihr versprechen müssen, einmal durch die Extremadura und die Mancha zu reisen. Erfüllt hatte er sein Versprechen erst vor zwei Jahren. Was aus der sanften Maria mit den langen schwarzen Haaren geworden war, wusste er nicht.

Thea stieß ihm schmerzhaft einen Ellbogen in die Rippen. "Sag' bloß, du träumst von der guten alten Penne?"

"So gut war sie nicht."

"Nein, aber die Zeit war nicht schlecht."

"Das stimmt nur zum Teil."

"Warum bist du damals eigentlich ohne Piep und Kommentar aus Neustadt abgereist und hast dich nie bei mir gemeldet?"

"Willst du das wirklich wissen?"

"Aber ja. Du hast mich damals mächtig enttäuscht."

"Wenn du Kaffee kochst, erzähle ich's dir."

"Wollen wir es nicht auf heute Abend verschieben und lieber fahren? Bei mir ist es auch - verzeih' - gemütlicher als in deiner Bude hier."

"Fahren? Wohin?"

"Nach Neustadt, mein Schatz. Hat dein Gedächtnis gelitten?"

"Von Neustadt hast du noch nichts gesagt."

"Aber sicher hab' ich. Du musst in die Palette gehen und Sonja ausquetschen." Sie kicherte albern. "Sie ausquetschen, wie du es früher mit ihr in Hans-Peters Partykeller gemacht hast. Ich habe mich immer gewundert, dass ihr stürmischen Knaben der anschmiegsamen Sonja nie eine Rippe oder einen Rückenwirbel gebrochen habt." Kramer musste laut lachen, weil er in derselben Sekunde genau dasselbe gedacht hatte. Aber Sonja war so weich und nachgiebig, man konnte sie so fest an sich pressen, wie man wollte, sie leistete keinen Widerstand und ihr Körper gab immer nach. Sie schien weder Rippen noch Rückgrat noch Beckenknochen zu besitzen.

"Ich fahre zu Brigitte Moll in das Bethanien und du packst ein Köfferchen für erst mal - sagen wir - eine Woche."

"Und wo werde ich wohnen? Bei dir oder mit dir in der alten Villa?"

"Nein, mein Schatz, für dich werde ich bei Anke ein Zimmer in der Rieker Höhe bestellen. Wo treffen wir uns? Du musst mich mitnehmen, mein Wagen steht wegen des Restalkohols noch in Neustadt."

"Warum das?"

"Meine Leber und mein Kopf kämpften heute Morgen noch mit dem Krötenblut."

"Okay, meinetwegen. Frau Rechtsanwältin wünschen mir einen festen Auftrag zu erteilen?"

"Das wird sich noch herausstellen. Vielleicht geschieht ja auch alles aus alter Zuneigung."

"Dann muss ich zu Hause vorbeifahren und einen kleinen Koffer packen."

"Nix dagegen, mein Schatz. Und anschließend zum Bethanien. Wie sieht es mit deinen andern Aufträgen aus?"

"Im Augenblick herrscht Funkstille. Ich muss nur Anielda Bescheid sagen, dass sie sich ums Büro und mögliche Post kümmert."

Thea schniefte etwas hämisch, sagte aber nichts. Anielda sagte auch nichts, als sie hörte, dass Kramer mit seiner alten Schülerliebe nach Neustadt an der Ulitz fahren und dort ein paar Tage bleiben würde. Sie grinste zwar anzüglich, hielt aber zu ihrem Glück ihre vorlaute Klappe.

"Wirklich ein richtiger Auftrag?", spottete sie, "du brauchst dabei nicht zufällig meine Hilfe?" Also war sie wieder mal knapp bei Kasse.

"Das weiß ich noch nicht. Ich werde mich rechtzeitig melden."


Thea Schabranski staunte nicht schlecht, als er in die Haffstraße einbog. "Du wohnst wirklich an dieser Rotlichtmeile?"

"Als ich hier mit der Detektei anfing, konnte ich mir nichts Besseres leisten. Außerdem liegt die Haffstaße zentral, und weil hier immer Verkehr herrscht, wagt kein Einbrecher, sich mit Bohrer oder Stemmeisen an meiner Haustür zu vergreifen. Wir sind etwas zu früh dran, sonst könnte ich dir auch meine Sprachlehrerin vorstellen."

"Wie bitte?"

"Von dem alten Meilenstein da betreibt Babsie Kundenfang. Ab und zu lässt sie mir ein Schnäppchenangebot zukommen und wenn ich ablehne, beschimpft sie mich mit Vokabeln, die ich sonst nie hören und lernen würde."

"Außerdem bleibst du, was Tarife und Leistungen angeht, immer auf dem Laufenden", stichelte Thea und schüttelte ungläubig den Kopf.

"Auch über die Zimmerpreise in den Stundenhotels da drüben. Eine meiner Ex-Freundinnen hat bei Babsie eine gefährliche Leberentzündung diagnostiziert, Babsie ist noch gerade rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen, und seitdem gelte ich als eine Art Schutzpatron der Prostituierten, werde nicht belästigt, nicht überfallen und nicht beklaut."

"Ich kann's einfach nicht glauben. Mein schüchterner Rolf!"

"Schüchtern bin ich immer noch, und weil ich nicht will, dass alle Welt erfährt, wo ich wohne, stehe ich auch nicht im Telefonbuch."

In seiner Wohnung bewunderte sie als erstes den Riesenkaktus im Wohnzimmer. "Der ist ja prächtig. Und diese vielen Blüten. Wie machst du das?"

"Das hängt nur von der Bewässerungs-Methode ab. Er bekommt alle Reste aus meinen Gläsern und Tassen, von Bier, Whisky, Weinschorle, auch Kaffee und Tee und selten einmal Mineralwasser. An hohen mexikanischen Feiertagen spendiere ich ihm auch ein paar Tröpfchen Tequila gegen das Heimweh. Allergisch reagiert er nur auf ein Bier mit dem sinnigen Namen Desperados."

"Mineralwasser wohl nur mit Alka Seltzer, was?"

"Warum soll ein Kaktus nicht auch einmal Kopfschmerzen haben?" Darauf wusste Thea keine Antwort; sie strich neugierig durch die Zimmer, während er packte, und begann laut zu lachen, als er von seinem Schlafzimmerfenster aus ihr seine "grüne Insel", den für die Chefs reservierten Parkplatz des Allgemeinen Versicherungsvereins mit den Kirschlorbeer-Hecken zeigte.

"Erstaunlich ruhig hast du es hier", meinte sie verblüfft.

Kramer musterte sie von der Seite und beschloss, alles auf heute Abend zu verschieben. Jede Wette: Die liebe Thea plante schon etwas, und dafür lockte sie ihn nach Neustadt, die Aussage von Sonja Drexler war doch nur ein Vorwand. Aber im Moment hatte er tatsächlich keinen anderen Auftrag angenommen, und die ungewöhnlich tiefschwarzen Zahlen auf seinem Konto-Auszug erlaubten ihm problemlos einen Kurzurlaub, der sogar etwas länger ausfallen durfte.


Er brachte sie zum Bethanien-Krankenhaus. Sie war heute zum ersten Mal mit dem Bus durch den Tunnel der B 111 gefahren, der die mühselige Kurbelei von Tellheim rauf auf die Talhöhen und auf der anderen Seite wieder runter ins Ulitztal oder rauf nach Tellheim zum Teil ersparte. Außerdem hatte man auf dieser Seite für die B 111 eine neue Brücke westlich von Mingenbach über den Fluss gebaut und die Bundesstraße vierspurig an der Stadt vorbei bis zur Autobahnauffahrt Tellheim Nord verlängert. Als die Steuerquellen noch reichlich sprudelten, war sogar eine zweite, gigantische Hochbrücke in der Planung gewesen, von der Mündung des B 111-Tunnels um die hundert Meter hoch über das Ulitztal hinweg bis zum sogenannten Rieker Loch, einer Schlucht, die nach Süden quer durch das sich von Ost nach West erstreckende Riek verlief. Die Neustädter wären vom lästigen Durchgangsverkehr entlastet, aber auch von einer der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsadern des Landes abgeschnitten worden. Die A 7 verlief weit außerhalb der Stadtgrenzen. Die Trauer hielt sich deswegen in Grenzen, als das heftig umstrittene Brückenprojekt mangels Geld aufgegeben werden musste. Man brauste also mit Tempo 100 - erlaubt waren 80 km/h - durch einen modernen Tunnel, musste am südlichen Ausgang scharf bremsen und dann vorsichtig die Serpentinen ins Ulitztal hinunterschleichen. Manchen Autofahrern bereitete das keinen Ärger, weil sie von den Abgasen der dicken Brummis vor ihnen sowieso halbwegs betäubt waren. Nur Lebensmüde wagten ein Überholmanöver auf der engen, schlechten Straße. Und Kramer war ein vorsichtiger Viel-Fahrer, der unnütze Risiken scheute.

Als sie auf den Krekeler Platz im Zentrum einbogen, stand auf dem Bürgersteig gegenüber eine Frau in ihrem Alter, die Kramer auch bekannt vorkam, ohne dass er sie unterbringen konnte. So eine Panne wie heute Morgen mit Thea sollte ihm nicht noch einmal passieren, deswegen ging er langsam neben Thea auf die Frau zu, um sich die Unbekannte in aller Ruhe anzuschauen. Zufällig hob er den Kopf und bemerkte an einem Fenster des Kreis-Behördenhauses und Landratsamtes einen Mann, der ein Fenster geöffnet hatte und durch einen Feldstecher auf den Platz hinunterschaute. Es war nicht sicher auszumachen, was ihn dort so interessierte, aber Kramer hatte den Eindruck, dass der Mann Thea und ihn beobachtete. Als sie näherkamen, machte es Klick in seinem Kopf: Das war doch Cordula, genannt Dula, Oppenstedt, die "Künstlerin" der Klasse C; schon lange vor dem Abitur stand für sie fest, was sie einmal werden wollte - Malerin. Zweifellos hatte sie Talent, aber ob sie auch genug Ausdauer und Disziplin besaß, Rückschläge zu verkraften und sich durchzubeißen, wagte Kramer nicht zu beurteilen.

"Ich werd' verrückt, der Rolf."

Dula warf sich ihm regelrecht an die Brust und küsste ihn heiß auf den Mund. Es hätte ihm mehr Spaß gemacht ohne Theas finsteres Gesicht und den erneuten Kampf um seine senkrechte Position. Dass die Frauen ihn heute unbedingt auf den Rücken werfen wollten! Als er sich von Dula freimachte, schaute er noch einmal hoch. Der Mann mit dem Feldstecher am Fenster war verschwunden, das Fenster wieder geschlossen.

"Mensch, ist das schön, euch mal wieder zu sehen! Wann treffen wir uns? Oder ihr besucht mich mal in der Galerie. Ich freue mich riesig."

"Machen wir bestimmt, Dula!", versprach Thea. "Gibst du uns deine Telefonnummer?"

"Aber sicher." Dula kramte hastig in ihrer Handtasche und fischte zwei Karten heraus. Cordula Oppenstedt, Grafik- und Mal-Unterricht. Galerie für moderne Kunst im Ladenhof. Kramer und Thea beglückten Dula mit jeweils einer Karte und Dula bekam riesige Augen: "Du bist Privatdetektiv? Das ist ja toll. Du hast bestimmt eine Menge zu erzählen. Tut mir leid, ihr Lieben, ich muss jetzt abzwitschern. Gleich habe ich Unterricht." Damit machte sie kehrt und lief mit langen Schritten zum Eingang der Geschäftszeile. Kramer schaute ihr nachdenklich hinterher. Dula war immer schon überschwänglich gewesen und auch etwas flatterhaft. Bereits in der Schulzeit war sie "künstlerisch" gekleidet, es passte nicht immer alles zusammen, manches war schreiend bunt und saß arg figurbetont oder schlabberte weit um sie herum, was sie sich damals wie heute leisten konnte, und ihre von Natur gekräuselten Haare bildeten selten eine erkennbare Frisur, sondern standen ihr als Markenzeichen wild vom Kopf ab. Dula war lebhaft, beweglich und immer unternehmungslustig gewesen, aber nie so hektisch wie in den vergangenen Minuten.

Thea musterte ihn finster: "Sag mal, ist mir da was entgangen?"

"Wie meint du das?"

"Sie hat dich wie einen früheren Liebhaber geküsst."

"Stimmt, das ist mir auch aufgefallen. Aber da war nix."

"Hoffentlich."

"Du meine Güte, sie hat halt für mich geschwärmt." Thea tippte sich an die Stirn und rümpfte die Nase.

"Du kannst mir helfen, dort im Supermarkt eine Kiste Mineralwasser zu holen."

"Mineralwasser?" Sie verstand den wahren Grund seiner skeptischen Frage, und pochte sich an die Stirn: "Schorle besteht immer noch halb aus Wein, halb aus Wasser."

"Und Wein hast du sicher im Haus."



II.

Die alte Villa in der Rhönstraße hatte sich nicht verändert, wenn man davon absah, dass sie frisch gestrichen worden war, einige der hölzernen Fensterläden waren zweifellos neu, ein Fachmann hatte den großen verwilderten Vorgarten auf Vordermann gebracht, und an der rechten Seite war eine zweite Garage angebaut worden. "Schön", sagte Kramer ehrlich. "Da hast du aber viel Geld und Arbeit reingesteckt."

"Ja", murmelte sie. "Ich würde das Haus gern verkaufen, aber das wird wohl so schnell nichts, es gibt im Moment keine Interessenten und ich brauchte Tinas Zustimmung. Aber ich möchte es wenigstens so bald wie möglich vermieten."

"Hör mal, Thea. Das wäre schon eine schöne Ausrede, wenn dich einer fragt, was ich hier in Neustadt treibe. Du hast mich gebeten, wegen des Hausverkaufs deine Schwester Tina zu suchen."

Sie zögerte zwei, drei Sekunden und nickte dann: "Gute Idee, das machen wir."

Auch drinnen sah es noch so aus, wie Kramer es in Erinnerung hatte. Die Teppiche schienen nachgedunkelt, wie auch die Tapeten, das Parkett hatte eine dunkelgoldene Honigfarbe angenommen. Im Esszimmer stand eine Klappleiter neben der Tür, Thea schaute ihn fröhlich an: "Ein, zwei Glühbirnen müssten noch ausgewechselt werden. Du bist doch hoffentlich schwindelfrei?"

"Das bist du auch", sagte Kramer düster. "Du müsstest dir nur Schuhe mit flachen Absätzen anziehen."

"Und Hosen, wie? Du alter Voyeur würdest mir doch glatt unter den Rock schauen." Thea war schon früher der Meinung gewesen, massive Beleidigungen würzten und belebten die Unterhaltung.

Noch entschied er, wer ihn wann beleidigte. "Ein Vorschlag: Du holst alles, was der Mensch für eine gute Weißweinschorle braucht, ich wechsele dir die Glühbirnen aus und dann reden wir mal ehrlich über die Vergangenheit und deine Pläne für die Gegenwart."

"Einverstanden."

Als er die Birnen ausgewechselt hatte, saß sie im Wohnzimmer auf der Couch und klopfte auf den Platz neben sich. "Komm, mein Schatz."

Sie hatte sich umgezogen, trug jetzt Hose und einen dünnen Rollkragenpulli und hatte die Fenster einen Spalt geöffnet.

"Danke für deine Akrobatiknummer. Mir ist bei deiner Ungeschicklichkeit der kalte Schweiß ausgebrochen. Warum hast du dich nie bei mir gemeldet, sondern bist nach Thilos Beerdigung einfach nach Hildesheim abgedampft, um das Erbe deiner Tante anzutreten?"

"Woher weißt du das mit Hildesheim?"

"Ich habe mich selbstverständlich nach dir erkundigt. Zum Beispiel bei deiner Schwester Annette."

"Der Hauptgrund war Guido Sandmann."

"Wie denn das?", fragte sie, ehrlich verblüfft.

"Bei Thilos Beerdigung bist du mit ihm in seinem Auto zum Friedhof gekommen. Selbst am Grab hast du so getan, als seien wir uns fast fremd."

"Hat dich das so gekränkt? Komm, trink einen Schluck."

"Ja, es hat mich fürchterlich gekränkt, aber noch mehr verunsichert. Was sollte ich denn von dem halten, was wir hier am Nachmittag erlebt hatten? Ich habe schon nicht verstanden, dass du mich wie alle anderen weggeschickt hast, als du noch in der Wolfsbachschlucht geblieben bist, um auf Thilo zu warten."

"Ich wollte nicht mit einem Mörder da herumsitzen."

"Mörder ...?"

"Ja, sicher, Thilo ist ermordet worden, davon war ich damals sofort und bin ich auch noch heute überzeugt ..."

Er schüttelte ungläubig den Kopf.

"Moment, Rolf!", fuhr sie hastig fort. "Heute kennen wir beide den Unterschied zwischen Mord und Totschlag und fahrlässiger Tötung. Damals war das für mich noch eins, und ich wollte nicht mit dem Mitschüler oder der Mitschülerin zusammenbleiben, die Thilo in die Schlucht gestürzt hatte."

"Das war doch gar nicht gesagt, zu dem Zeitpunkt. Und wenn er sich zu Milli ins Zimmer unter dem Dach geschlichen hätte?"

"Ich habe, bevor ich euch abgewimmelt habe, mit Milli gesprochen. Sie hat mir geschworen, dass sie nicht wisse, wo Thilo stecke. Er wusste doch, dass ich da saß und ohne ihn nicht nach Hause kommen würde. Weil ich gleich das Schlimmste befürchtet habe, habe ich euch alle weggeschickt. Auch dich, ich wollte dich nicht anders behandeln als den Rest der Mannschaft. Es sollte kein Getuschel und keine Gerüchte geben. Die Wirtsleute haben mich dort noch eine Stunde sitzen lassen, dann haben sie Milli vorgeschickt, sie müssten jetzt abschließen. Ich habe Milli gefragt, ob ich bei ihr in der Dachkammer schlafen könnte. Aber Milli wollte nicht, ich denke mir, sie hoffte immer noch, Thilo würde doch noch zu ihr kommen. Da musste ich telefonieren, dass mich jemand holte, ich hatte doch kein Geld, das Portemonnaie und die Schlüssel für's Haus und für das Auto hatte Thilo immer in seinen Hosentaschen. Meine Eltern waren nach Ingolstadt verreist, wie du weißt. Heute würde ich ein Taxi rufen, meinen Personalausweis vorzeigen und dem Fahrer meine Karte geben: 'Ich bezahle Sie morgen', aber damals ...? Ich wusste mir nicht anders zu helfen, ich habe Guido Sandmann angerufen, und er hat mich abgeholt und nach Hause gebracht. Tina war schon ganz aufgeregt. Wo ich denn so lange geblieben wäre. Wir haben vor Sorge und Unruhe nicht mehr geschlafen und auf Thilo gewartet, bis am Vormittag die Polizei anrief. Ein Mann, der seinen Hund ausführte, habe in der Wolfsbachschlucht unterhalb des Parkplatzes eine Leiche gefunden mit Ausweisen auf den Namen Thilo Schabranski. Ich musste die Leiche identifizieren, du weißt ja, wie schrecklich das ist. Und am Tag von Thilos Beerdigung stand Guido früh morgens vor der Villa, um mich zum Friedhof zu fahren. Ich konnte ihn nicht wegschicken. Außerdem war mein Vater von Guido sehr angetan und sah es ausgesprochen gern, dass ich zu Guido ins Auto stieg."

Das bezweifelte Kramer nicht. Der alte Schabranski liebte das Geld, und bei den Sandmanns war eine Menge zu holen.

Sie trank hastig und wich Kramers Blick aus. Er war überzeugt, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatte, aber er glaubte nicht, dass sie alles erzählt hatte. Doch dann sah er, dass sie die Zähne zusammenbiss und nach der Weinflasche griff. Heute wollte sie nicht mehr berichten. Sie schüttete sich ungeschickt ein, das Glas schwappte über, und sie lief rasch in die Küche, einen Lappen zu holen, mit dem sie fahrig die Überschwemmung beseitigte. Doch sie setzte sich nicht wieder, sondern blieb vor ihm stehen. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du vor zwanzig Jahren auf Guido Sandmann eifersüchtig gewesen bist."

"Er war ja ganz offen hinter dir her."

"Das stimmt. Und gerade deswegen mochte ich ihn nicht. Wenn er mir heimlich Blumen geschickt oder Gedichte für mich geschrieben hätte -wer weiß. Aber er tat so, als reiche es, dass ein Guido Sandmann, der reiche Supermann, sich für ein Mädchen interessierte, um es zu erobern."

"In den ersten Wochen hätte ich ihn ermorden können."

"Dasselbe hab' ich von Maria Ruiz gedacht", gestand sie flüsternd.

"Wie gut, dass du es nicht in die Tat umgesetzt hast. Du hättest eine Unschuldige umgebracht."

"Wirklich?" Sie wollte wohl, aber sie konnte ihm nicht unbedingt glauben.

"Ja, wirklich. Du, ich will gar nicht leugnen, dass ich manchmal auch gedacht oder vielleicht sogar gehofft habe, sie wolle mehr von mir, als nur mit mir unregelmäßige Verben und deutsche Redensarten zu pauken. Aber heute bin ich froh, dass ich nie den Mut aufgebracht habe, eine Probe aufs Exempel zu machen. Wenn sie da so dicht neben mir saß, weil wir nur ein Buch hatten, in das wir beide die Köpfe stecken mussten, wenn sie nach einem bestimmten Parfüm duftete, dann musste ich mich schon gewaltig zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Aber heute weiß ich, dass sie hier einsam war, dass sie nicht Sex, sondern Gesellschaft suchte. Wahrscheinlich ist ihr damals nie klar geworden, wie sehr sie mich in Versuchung geführt hat."

Thea schaute ihn groß an, kaute auf ihren Lippen und schwieg. Ihre Gedanken war nicht schwer zu erraten: Auch bei ihr hatte er nicht gewagt, den ersten Schritt zu tun, gut möglich also, dass er sich bei Maria Ruiz genau so verhalten hatte. Sie musste die Initiative ergreifen, hinter der Schulbühne. Später in ihrem Zimmer, und er hatte nie den dummen Spruch vergessen, den sie ihm zugeflüstert hatte: "Der Mann kann die Keuschheit auch übertreiben. Die Menschheit braucht Nachwuchs, um weiter zu bestehen."

Ihre Blicke begegneten sich jetzt, und sie mussten beide lachen. "Es wird Zeit für dich, in die Palette zu fahren. Sonst ist unsere Sonja schon vergeben."

"Wo finde ich den Laden?"

"An der Ulitz. Da, wo früher die wilde Müllkippe war, du weißt schon, an der Straße nach Moosberg."

Bevor sie aufstehen konnten, erschreckte sie ein dumpfes Poltern draußen vor dem Fenster. Dann knirschte zerbrechendes Glas.

"Was ist das, Thea?"

"Keine Ahnung, das war nebenan."

Sie stürzte aus dem Zimmer und er folgte ihr auf dem Fuß, raste in das Nebenzimmer und knipste das Licht an. Wie gut, dass ich die Glühbirnen ausgewechselt habe", dachte er noch, da schrie sie erschrocken: "Rolf!"

Das Gesicht der Person, die eine Scheibe zerschnitten hatte und davonjagte. Als das Licht anging, hatte er nichts mehr gesehen, nur die Umrisse eines Menschen, der in den Garten hinter der Villa flüchtete. Er würde, bis sie über die Veranda in den Garten gelaufen waren, einen viel zu großen Vorsprung haben. Und in wenigen Augenblicken würde er auch den Bereich verlassen haben, der von den Gartenlampen erleuchtet wurde. Trotzdem, einen Versuch war es wert. "Los, ich will über die Veranda hinterher."

"Er ist doch längst über alle Berge."

"Vielleicht, vielleicht auch nicht."

Thea brachte ihn ins Wohnzimmer, öffnete eine Tür zur Veranda und schaltete die restliche Gartenbeleuchtung ein. Hell konnte man das Resultat nicht nennen, aber es reichte so eben zu erkennen, wohin man trat. Über Beete, Einfassungen und Rabatten springend rannte er zum hinteren Zaun. Doch er kam zu spät. Keine Person weit und breit. Auch kein Geräusch eines startenden Motors auf der Straße, die er über einen Plattenweg an den Garagen entlang und durch ein niedriges Törchen erreichte. Da war nix zu machen, der andere war schneller gewesen.

Nach zwei, drei Minuten gab er es auf, ging zur Haustür und klingelte. "Was erreicht?", fragte sie unruhig.

"Nix. Er oder sie war weg."

"Pech! Was mag er gesucht haben?"

"Also, für einen Profi halte ich ihn nicht. Dem wäre so ein dummes Missgeschick wie mit der zerbrechenden Fensterscheibe nicht passiert."

"Ein Amateur oder Anfänger?"

"Keine Ahnung, Thea. Soll ich nicht lieber bleiben?"

"Nein. Mach dir keine Sorgen. Ich pass schon auf mich auf." Sie drängte ihn regelrecht aus dem Haus, was ihn ärgerte, aber er ließ sich nichts anmerken. Thea war nicht seine erste Kundin, die glaubte, klüger als der Detektiv zu sein, den sie gerade angeheuert hatte. Nun denn!


In Neustadt hatte sich wirklich nicht viel verändert. Nur an den Rändern des kleinen Ortes mit der alten Ulitzbrücke im Mittelpunkt waren neue Häuser entstanden. Die Müllkippe existierte nicht mehr, sie war mit Erde zugeschüttet und planiert worden und bot heute einen Parkplatz für zwei niedrige Gebäude direkt am Uferweg; die Palette nahm den linken Bau ein, im rechten schien eine Familie zu wohnen. Die Gardinen waren vorgezogen, drinnen brannte Licht. Auf dem Parkplatz standen nur drei Autos, davon würde eines kaum noch die nächste TÜV-Plakette erhalten.

Er fuhr noch gut zweihundert Meter Richtung Ortsausgang und bremste vor dem Hotel Rieker Höhe. Es war neu gebaut, nicht sehr groß, aber modern und ordentlich. Für das Nest Neustadt fast luxuriös. An der Rezeption stand eine große, schlanke Blondine mit auffallend blauen Augen, die ihn anstrahlte, als sei mit ihm endlich das Glück in ihr Haus eingetreten. Anke Ludwig hatte sich in den vergangenen zwanzig Jahren anscheinend überhaupt nicht verändert, immer noch so anziehend und herzlich wie auf dem Jean-Paul.

"Guten Abend, Anke."

"Hei, Rolf."

"Schön, dich mal wieder zu sehen. Du hast dich überhaupt nicht verändert, immer noch so schön wie früher."

"Heißen Dank, der Herr." Sie knickste und freute sich ehrlich über sein Kompliment. Er wusste, dass sie eine kleine Schwäche für ihn hatte, seit er sie vor den Handgreiflichkeiten eines zudringlichen Mannes bewahrt hatte, und er hatte die Blondine mit den schönen, weichen Locken oft betrachtet. Und wenn da nicht Thea Schabranski gewesen wäre, die seine Gedanken noch mehr beschäftigte, hätte aus ihnen was werden können. Anke Ludwig wurde umschwärmt, aber sie ließ sich durch Balzen nicht beeindrucken.

"Thea hat dich schon angekündigt."

"Dann hast du noch ein Zimmer für mich?"

"Aber natürlich. Hast du schon eine Ahnung, wie lange du bleibst?"

"Vor dem Klassentreffen muss ich noch einmal nach Tellheim zurück - Thea hat dir doch bestimmt erzählt, was sie plant?"

"Hat sie. Bei zuviel Krötenblut im Steghaus. Sie hat auch erzählt, dass sie gern die Villa verkaufen möchte, aber dafür Tinas Zustimmung braucht."

Das traf sich gut, da konnte er gleich einen Pfahl einschlagen. "Und ich darf mich jetzt darum kümmern, wo das freche Mädchen abgeblieben ist."

"Wie das, Rolf?"

"Ich bin inzwischen Privatdetektiv und suche verschwundene Schwestern, abgängige Ehemänner und verschollene Erbtanten. Gegen Honorar, versteht sich."

"Darüber musst du unbedingt mehr erzählen."

"Tu ich bei Gelegenheit bestimmt."

"Nicht vergessen!", mahnte sie und drehte sich um: "Zimmer 112?"

"Wenn es ruhig ist, okay."

"Ist es."

"Ich bringe nur meinen Koffer nach oben; ich muss noch einmal fort."

"Fein, dann sehen wir uns beim Frühstück. Christian ist übrigens auch hier."

"Welcher Christian? Christian Neufel?"

"Na klar. Er sitzt im Kuratorium der Josephshöhe, und das tagt zurzeit im Landschulheim."

"Prima. Das trifft sich ja gut."

Das Zimmer war wirklich ruhig, hatte einen kleinen Balkon zum Garten auf der Rückseite des Hotels, und war so eingerichtet, wie Kramer es liebte, praktisch und nüchtern, ohne Staubfänger und Schnickschnack, modern. Es gab unter dem Fernseher die unvermeidliche Minibar, aber er hatte in der Lobby unten gesehen, dass es im Hotel auch eine richtige Bar gab, und ein Hotel, das sich Rieker Höhe nannte, würde auch Weißwein aus dem Riek führen, das für die Qualität seiner Weine berühmt war.

Er ließ den Schlüssel an der Rezeption zurück, nachdem er seinen Karren in die Tiefgarage gefahren hatte, und spazierte die paar Meter zur Palette. Das ganze Etablissement sah von außen nicht gerade vertrauenerweckend aus, und der Schaukasten neben dem Eingang mit den Bildern halbnackter Frauen verriet sofort, dass den Besucher eine bunte Vielfalt, aber keine moderne Bohème erwartete. Ein muskelbepackter Gorilla musterte ihn scharf, ließ ihn aber ohne weiteres eintreten. In der Garderobe hingen nur zwei Regenmäntel. Wahrscheinlich war es noch zu früh, der richtige Betrieb lief erst später an. Hinter der Bar standen zwei Frauen, die ihn neugierig ansahen. Beide trugen Oberteile mit riesigen Ausschnitten, verfügten aber auch über die erforderlichen und beeindruckenden Oberweiten. Am anderen Ende der langen Bar saßen zwei mittelalterliche Männer, die je ein Bier vor sich stehen hatten.

"Guten Tag", sagte er laut, und wurde von beiden umgehend korrigiert: "Guten Abend."

Die Brünette beugte sich vor und gewährte ihm einen großzügigen Einblick. "Was kann ich dir bringen?"

"Gibt es eine Weißweinschorle?"

"Aber ja. Ein Glas?"

"Vorerst ja. Ich würde gerne mit Sonja sprechen."

"Mit Sonja? Sonja Drexler?"

"Ja." Und weil er ihren erstaunten Blick sah, fügte er rasch hinzu: "Sonja und ich sind zusammen auf die Schule gegangen."

Wenn er gesagt hätte, "Wir sind beide vom Mond gefallen", hätte er nicht mehr Verblüffung auslösen können.

"Echt?", fragte die andere Frau.

"Ganz echt."

"Sollen wir sie holen?"

"Das wäre sehr freundlich."

"Und wen sollen wir melden?" Das klang nach schlechtem Film.

"Ich heiße Kramer, Rolf Kramer."

Die eine Frau verschwand nach hinten und die andere stellte die Schorle vor ihm ab. Kramer trank einen Schluck und ärgerte sich über die lauwarme süße Pampe mit Kohlensäure. Die beiden Männer hatten offen gelauscht und flüsterten nun miteinander. Dann hörte Kramer, dass sich energische Schritte näherten und eine Frau sagte laut: "Rolf Kramer?"

"Hallo, Sonja."

Sie kam hinter die Bar und streckte ihm die Hand hin: "Ich werd' verrückt. Nicht zu glauben. Tatsächlich der Rolf."

"Hei. Schön, dich mal wieder zu sehen!" Was streng genommen gelogen war. Sonja war kein schöner Anblick. Sie hatte tiefe Falten um den Mund bekommen, ihre Haare waren stumpf geworden, Lippen und Fingernägel trugen ein zu grelles Rot, und am meisten entsetzte ihn ihre Kleidung. Sie trug enge Hosen aus einer Art Samtstoff und ein dünnes, durchsichtiges Oberteil ohne BH und Hemdchen. Ihr früher so schöner, straffer Busen war schlaff geworden. Zwanzig Jahre gingen an keinem Menschen spurlos vorbei, aber verglichen etwa mit Anke Ludwig war Sonja Drexler alt geworden, richtig alt und schlimmer noch: Sie sah verlebt aus, abgegriffen und ordinär. Kramer hatte Mühe, sein Gesicht unter Kontrolle zu behalten, und trank hastig.

"Hast du Zeit mitgebracht?", erkundigte sie sich.

"Ja, habe ich, Sonja."

"Dann lass uns nach drüben gehen. Da ist es gemütlicher und da sind wir ungestört."

"Drüben?"

"Ich wohne in dem Haus nebenan."

Sie verließen die Bar durch einen schmalen Flur und erst dabei warf Kramer einen Blick in einen Nebenraum, in dem sechs oder sieben Frauen saßen, warteten, lasen oder strickten oder häkelten; Kleidung, Frisuren und Aufmachung ließen keinen Zweifel, was sie waren und worauf sie warteten. Am Ende des Flures gab es eine stabile Tür, den Schlüssel hatte Sonja sich an einer Schmuckkette umgehängt. Durch die Verbindungstür traten sie in eine Art Diele, mit Garderobe, Gäste-WC und Windfang vor der Haustür. Er bemerkte nur eine in den Keller führende Treppe, das Häuschen war ansonsten einstöckig. Sie gingen in eine Art Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch, Computer, Drucker, Tischkopierer, Regal mit Ordnern, einem kleinen runden Tisch und zwei Sesseln samt einer dazu passenden Zweier-Couch.

"Setz dich doch. Möchtest du was trinken?"

"Eine Weißweinschorle wäre schön. Aber bitte kein Süßwein."

"Moment, bin gleich wieder da." Sie sauste aus dem Zimmer, und er blickte ihr ungeniert nach. Ihre Figur konnte sich immer noch sehen lassen. Weil sie ziemlich viel Zeit brauchte, sah er sich um. Eine nüchterne und sachliche Einrichtung, ohne Schleifchen, Blümchen und neckische Bilder mit leicht geschürzten jungen Damen.

Was sollte er eigentlich hier? Thea würde bestimmt nicht wünschen, dass er mit der Tür ins Haus fiel und Sonja direkt fragte, was vor zwanzig Jahren in der Wolfsbachschlucht vorgefallen war. Also Geduld.

"So, da bin ich wieder, tut mir leid, es hat was gedauert, aber wie immer, wenn es flott gehen soll, streikt der Korkenzieher. Zum Wohl, Rolf."

"Danke und zum Wohl, Sonja." Wenn er sich nicht täuschte, war das ein gut gekühlter Rivaner, der in den letzten Jahren das Riek erobert und den alten Müller-Thurgau radikal verdrängt hatte.

"Sehr gut", sagte er ehrlich.

"Ich hab' alles behalten, was du und dein Vater mir damals erzählt habt."

Einmal im Herbst waren er und sein Vater bei einer Wanderung ins Riek Sonja Drexler am Busbahnhof begegnet, wo sie ziellos herumstreunte. Eduard Kramer, der wenig verdiente, aber ein großes Herz besaß, guten Wein schätzte und immer gastfreundlich war, hatte die sich langweilende Sonja eingeladen, sie in ein Dorf zu begleiten, wo an dem Tag Weinproben bei den Winzern stattfanden. Sie hatte so etwas noch nie mitgemacht und ließ sich von Vater Kramer gern belehren, woran man einen guten Wein erkannte, wie man ihn behandeln musste und was er so ungefähr kosten dürfe. Sonja war schwer beeindruckt, ihr Vater war ein stadtbekannter Alkoholiker, der sich mit Bier und Schnaps zuschüttete. Was sie offen erzählte. Die Kramers hatten sie noch zum Essen eingeladen, und als sie sich in Neustadt trennten, hatte Sonja Tränen in den Augen. "Du wirst es mir nicht glauben, Rolf, aber das war der erste Ausflug meines Lebens. Ich beneide dich um deinen Vater." Es war eine angenehme Erinnerung, über die Kramer und Sonja sich jetzt anlächeln konnten.

Die erste Viertelstunde verplauderten sie mit dem üblichen Small-talk - Wie geht es dir, wie ist es dir ergangen, was machst du so. Wann warst du das letzte Mal in Neustadt, hast du noch Kontakt zu den anderen, das Übliche halt, unverbindliche Neugier. Kramer kam nur selten nach Neustadt, vielleicht ein-, zweimal im Jahr, blieb dann auch nicht lange, ging zum Grab seiner Eltern und sah zu, dass er abends wieder nach Hause fahren konnte. Sie kam selten nach Tellheim, eigentlich nur zu Untersuchungen im Krankenhaus, zur Krebsvorsorge und zu ihrer Frauenärztin. Nein, sie hatte auch keinen Kontakt mehr zu den anderen, hier in Neustadt lebten von den ehedem zehn „Schlimmen Fingern“ nur noch Hans-Peter Beck, der in zweiter Ehe verheiratet war und mit seiner Frau in Moosberg, einem Nachbarort von Neustadt, wohnte. Die alte Villa - sie zwinkerte ihm zu - die mit dem Partykeller und Swimmingpool, war verkauft. "Und du, wen triffst du noch?"

"Niemanden."

"Und Thea?"

"Thea ist zu mir gekommen, weil ich was für sie erledigen soll."

"Und was, wenn ich fragen darf?"

"Sie muss das Haus in der Rhönstraße verkaufen und braucht dazu die Einwilligung von Tina. Doch das Schwesterchen ist untergetaucht, verschwunden, nicht mehr auf der Bildfläche."

"Dann habt ihr gar nicht über mein Problem gesprochen?"

"Nein, welches Problem?"

Es wurde eine längere Geschichte, bei der jeder ein zweites Glas Schorle vernichtete. Sonja hatte, wie sie behauptete, in leicht angetrunkenem Zustand einen Liefervertrag mit einem neuen Getränkevertrieb unterschrieben und offenbar nicht genau genug auf die Konditionen, Klauseln und Preise geachtet. Nach der Rechnung für die erste Bestellung hatte sie den Vertrag sofort kündigen wollen, aber die Firma hatte kühl abgewinkt. Hier, ihre Unterschrift, der Vertrag war frühestens nach zwei Kalenderjahren kündbar, und in der Zeit verpflichtete sie sich, von keinem anderen Lieferanten Getränke zu beziehen. Für diese zugegeben erschwerenden Klauseln verpflichtete sich der Vertrieb, ihr auf jede Rechnung einen Rabatt von zwölf Prozent zu gewähren, den man ihr, falls sie das wünschte, bar aushändigen würde. Kramer sagte vorerst nichts. Was sie da schilderte, war eine beliebte Masche der organisierten Kriminalität. Wenn ein halbwegs seriöser Zeuge aussagte, dass Sonja Drexler bei der freiwilligen Unterzeichnung dieses Knebelvertrags bei vollem Bewusstsein war und nicht bedroht oder unter Druck gesetzt worden war, würde es höchst kompliziert sein, der Gegenseite eine betrügerische Absicht nachzuweisen.

So war der Stand, als Sonja zufällig vor der alten Ulitz-Brücke Thea Schabranski traf, von der sie wusste, dass die ehemalige Schulkameradin Rechtsanwältin geworden war.

"Wir haben uns zusammengesetzt und Thea hat sich alles mal angeschaut. Dann meinte sie, das würde kompliziert, aber sie kenne da jemanden, der vielleicht helfen könne, und den würde sie mal zu mir schicken. Deswegen habe ich vermutet, dass Thea dich heute geschickt hat."

"Nein", log er, wütend auf das Luder von Thea, das ihn auf doppelte Art ausnutzen wollte. "Ich soll Tina suchen und muss hier mal anfangen, eine Spur aufzunehmen."

"Schade." Das klang ehrlich betrübt. "Ich dachte, ich hätte noch was gut bei dir."

"Und was und wofür, liebe Sonja?"

"Den Kaufpreis eines durch Übereifer und Ungeschicklichkeit zerstörten BHs und für die großzügige Präsentation des Inhalts."

Das kam so geschwollen und zugleich so witzig daher, dass er laut lachen musste. "Zinsen für die lange Wartezeit verlangst du nicht?"

"Nein."

"Dann kopiere mir mal den Vertrag und die Rechnung, über die du dich so aufgeregt hast. Ich verspreche nichts, aber ich kenne doch einige Leute, die dir und mir vielleicht helfen können."

"Du bist ein Schatz." Sie sprang aus ihrem Sessel auf, sauste um das Tischchen und ließ sich auf die Zweiercouch fallen. Von ihrer alten Geschmeidigkeit und Nachgiebigkeit hatte sie nichts verloren. Schnaufend machte er sich frei und schob sie zurück.

"Bleibst du heute Nacht?"

"Nein, das geht nicht."

"Wohnst du bei Thea?"

"Nein, wie kommst du denn darauf?"

"Ich dachte, zwischen euch sei mal was gewesen."

Das gefiel ihm nun gar nicht, und deswegen log er erneut: "Sicher, ich bin hinter ihr hergedackelt, doch sie hat mir die kalte Schulter gezeigt."

"So war das. Und wo schläfst du heute Nacht?"

"Drüben im Hotel Rieker Höhe." Sonja stand auf und ging zum Schreibtisch, schaltete den Kopierer ein. Kramer musste heimlich schmunzeln. Alles lag schon griffbereit in einer schmalen Aktenmappe. Und während sie kopierte, dachte sie nach. "Du solltest mal mit Anke Ludwig reden!"

"Warum denn das?"

"Sie war im letzten Jahr vor ihrem Abitur eng mit Tina Schabranski befreundet. Wenn überhaupt, dann dürfte Anke wissen, wo Tina heute steckt."

"Danke für den Tipp." Das hätte Thea auch wissen und ihm sagen müssen.

"Bitte, bitte! So, hier sind der Vertrag, eine der ersten Rechnungen und das magere Ergebnis meiner Korrespondenz. Du willst also nicht bleiben?"

"Nein, Sonja, erstens bin ich hundemüde", was nur halb stimmte, "und zweitens haben ich morgen einen anstrengenden Tag vor mir."

"Okay. Danke für deinen Besuch und lass dich mal wieder blicken. Aber nicht erst wieder in zwanzig Jahren!"

"Nein, wir treffen uns doch auf dem Klassenfest. Thea hat dir doch eine Einladung gegeben?"

Sie strich sich über die Hüften und sah ihn düster an. "Doch, hat sie, aber ich weiß nicht, ob ich zusagen soll."

"Was hindert dich?"

Sie holte tief Luft. "Du scheinst immer noch ein netter Kerl zu sein und hast deswegen wohl nichts gesagt. Rolf, ich führe eine Nachtbar, hier wird gesoffen und gehurt und gebumst. Glaube man ja nicht, dass mich alle Mitschüler von früher noch grüßen."

Was sollte er darauf sagen? Dass sie es sich selbst zuzuschreiben hatte? Er faltete die Kopien und steckte sie in die Brieftasche. "Es wäre schön, wenn du kämst. Es geht um die Vergangenheit, weder um die Gegenwart noch um die Zukunft."

"Das hast du schön gesagt. Ich werd's mir überlegen. Bis dann, ciao."

"Tschüss, Sonja."

Sie ließ ihn durch die Haustür hinaus. Nebenan in der Palette war es voller geworden, man sah es an den parkenden Autos und hörte die Musik durch die Wände.


Eigentlich war es angenehm warm, und er ging über die Straße auf die Treppe zu, die auf den Uferweg hinunterführte. Die Ulitz gluckerte diskret, es war dunkel, hohe, dicke und dicht belaubte Bäume schirmten große Teile des Weges gegen das Licht der wenigen Laternen ab, die ein paar Meter höher am Rande der Straße nach Moosberg standen. Kramer wunderte sich. Zu seiner Zeit war der Uferweg zu dieser Stunde und bei diesem angenehmen Wetter immer gut besucht gewesen. Hier wurde geschmust, geküsst und Liebesschwüre ausgetauscht. Die Bänke, gestiftet von der Kreissparkasse, waren fast immer gut besetzt. Heute hatte er die lauschige Pracht für sich allein. Doch dann zögerte er. Nicht ganz allein. Hinter ihm ging jemand, und zwar so energisch, dass es ein einzelner Fußgänger sein musste, so zielstrebig schnell marschierte kein Pärchen. Bei nächster Gelegenheit drehte er sich um. Tatsächlich, im Licht der Laterne hinter ihm sah er einen jungen Mann, der ihm folgte und nun, als er bemerkte, dass Kramer zu ihm hinschaute, rasch den Kopf zur Seite drehte, so, als wolle er nicht erkannt werden. Ohne diese hastige Bewegung hätte sich Kramer nicht weiter um ihn gekümmert. So aber verspürte er Unbehagen. Er mochte es nicht, wenn er Menschen hinter sich wusste, die ihn entweder beobachteten oder verfolgten. Vorsicht war die Mutter der privatdetektivischen Porzellankiste. Er beschleunigte, bis er einen Wegabschnitt erreichte, der dunkler war als die anderen, weil die Straßenlaterne oberhalb dieses Abschnitts nicht brannte. Und siehe da, wie bestellt wuchs vor ihm ein dicker Baum. Kramer huschte hinter den Stamm und lauschte. Die Schritte wurden schneller, kamen näher, und er ging vorsichtig und lautlos um den Baum herum, so dass der Stamm immer zwischen ihm und dem Mann blieb. Als er den Baum fast vollständig umrundet hatte, blieb der junge Mann stehen und sah sich ratlos um. Kramer ging leise und langsam auf ihn zu: "Probleme, mein Freund?"

Doch damit kam er nicht gut an. Der Kerl fuhr erschrocken herum und platzte dann heraus: "Arschloch."

"Was ist los, hast du Verstopfung? Das kann sehr schmerzhaft sein, lässt sich aber mit ein paar kräftigen Tritten in das Loch beheben."

Doch auf dieses naturheilkundliche Angebot gedachte der Knabe nicht einzugehen. Er machte plötzlich kehrt und beschleunigte, als wolle er Kramer umrennen, aber so leicht kriegte man ihn schon lange nicht mehr. Er wartete bis zum letzten Moment, trat einen Schritt zur Seite, ließ aber einen Fuß zur Begrüßung stehen. Der Aufprall war schmerzhaft, aber der junge Mann setzte ungewollt zu einem Hechtsprung an und landete ungedämpft auf Brust, Bauch und Knien. Der Schmerzensschrei war die reinste Musik in Kramers Ohren. Er sagte aber nichts und versuchte auch nicht festzustellen, wer der Kerl war. Stattdessen ging er weiter und drehte sich noch einmal um. Sein Freund schlich kräftig humpelnd in die entgegengesetzte Richtung und schien irgendwie geknickt zu sein.

Bis zum Hotel verfolgte ihn niemand mehr.

An der Rezeption stand jetzt ein junger Mann und bedauerte: Wenn der Gast noch Hunger habe, könne er ihm nur die Bar oder den Zimmerservice anbieten.


Kramer entschied sich für die Bar, in der es angenehm viel Licht und frische Luft gab. "Guten Abend", sagte er laut, und bei seinem Gruß drehte sich ein Mann rasch um, der am unteren Ende der Bar saß und sich mit der Bardame unterhalten hatte.

"Rolf?", fragte er zögernd und hob den Kopf. "Rolf Kramer?"

"Ja." Erst jetzt schaltete Kramer und wiegte ungläubig den Kopf: "Das gibt es doch nicht. Christian Neufel?"

"Eben der. Hei, guten Abend, Rolf."


Christian Neufel. Der schöne Christian. Der Spitzname traf zu und tat ihm gleichwohl Unrecht. Denn Neufel war nicht nur ein großer, kräftiger und sportlicher junger Mann mit einem damals schon interessant hässlichen Gesicht, er war auch ohne jede Mühe Primus, unumstrittener Anführer der C und bei jedem Streich dabei. Die besten Streiche, die in die Schul-Annalen eingingen, hatte er ausgeheckt. Er half, wo er konnte und wer immer ihn darum bat. Außerdem ging er keinem Streit aus dem Wege, ob der nun mit Argumenten oder mit Fäusten ausgetragen wurde. Viele Mädchen himmelten ihn an, doch er hatte eine feste Freundin, Marie Schrader, die auf das Gertrud-Bäumer-Gymnasium ging, der er treu ergeben war und auch blieb. Er machte das beste Abitur des Jahrgangs, studierte und promovierte mit summa cum laude, drang bis in die deutsche Olympia-Fechtmannschaft vor - auf diesem Weg gerieten er und seine Biographie ab und zu in die Spalten auf der Sportseite im Tageblatt. Heute focht er nicht mehr, sondern spielte Golf mit einem sagenhaften Handicap.

Christian Neufel hatte auch dafür gesorgt, dass Hans-Peter Beck und Kramer in den inneren Zirkel der C aufgenommen wurden, trotz Becks blödem Benehmen und seiner Angeberei. Ein sehr hässliches Gerücht wollte später wissen, Christian Neufel sei dafür bezahlt worden, und zwar von Hans-Peters schöner Mutter Adrienne, die jünger war als ihr heute aus dem Leim gegangener Ehemann, dem sie freilich auch bei jeder Gelegenheit Hörner aufsetzte, was in dem Klatschnest Neustadt natürlich sofort Stadtgespräch wurde und von dem der Ehemann - wenn überhaupt - immer als letzter erfuhr, gemäß der Neustädter Erkenntnis: "Es ist angenehmer, über einen Menschen zu reden, als mit ihm."


Neufel stand auf und kam auf ihn zu, streckte ihm die Hand hin. "Darauf müssen wir einen Schluck trinken." Sie umarmten sich und klopften sich kräftig auf die Schultern. Die Bardame hatte dem allem höchst verwundert zugeschaut und zupfte an ihrem Ausschnitt, als sich Neufel umdrehte und so laut sagte, dass es alle Gäste hören und verstehen konnten: "Sie haben soeben ein Wunder erlebte. Zwei alte Schulkameraden haben sich nach zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder gesehen und sofort erkannt. Das ist doch einen Schluck wert, nicht wahr?"

"Nicht nur einen!", sagte sie und stimmte dann in das beifällige Gelächter der anderen Gäste ein. Kramer und Neufel einigten sich umgehend auf eine Riesling Spätlese aus dem Riek, und Kramer bestand darauf, aus Sicherheitsgründen etwas zu essen, bevor er sich mit dem alten "Fingerling" Neufel an die Vernichtung der ersten Flasche machte. Die Bardame, die sich als Carmen vorstellte, verschwand daraufhin in der Küche und bereitete dort mit viel Liebe, vielen Zutaten und einem größeren Zeitaufwand ein "Clubsandwich" vor, das, wie Kramer meinte, einen ganzen Club und nicht nur ein Mitglied gesättigt hätte. Als sie das nun sehr gut riechende Produkt endlich servierte, waren die beiden Männer schon tief in Schulgeschichten versunken. "Weißt du noch ...? Kannst du dich noch erinnern ...?" Und natürlich: "Was machst du ...? Wie ist es dir ergangen?" Christian Neufel hatte Betriebs- und Volkswirtschaft studiert und dann ein Trainee-Programm bei einem großen Unternehmen in Süddeutschland absolviert, bei dem Unternehmen als Assistent des Vorstands gearbeitet und war dann von einem Headhunter angesprochen worden. Ob er sich vorstellen könne, in ein kleineres, aber glänzend laufendes Unternehmen zu wechseln, dessen Alleineigentümer sich zur Ruhe setzen wolle, aber nur eine Tochter habe, die sich als Malerin schon einen Namen gemacht hatte und im Traum nicht daran dachte, ihre Karriere aufzugeben, um eine Firma zu übernehmen, von der sie nichts verstand. Neufel stimmte zu, war heute Prokurist des Unternehmens und der mit Billigung des Vaters freudig in Haus und Firma aufgenommene Schwiegersohn, dem der Vater nur eine Bedingung machte: Er musste den Betrieb unter dem alten Namen weiterführen und den Kindern vererben. Bis jetzt gab es nur einen Sohn, den der Vater im Landschulheim Josephshöhe untergebracht hatte.

Neufel fühlte sich recht wohl bei diesem, für ihn auch finanziell vorteilhaften, Arrangement.

"Und in der Josephshöhe sitzt du im Kuratorium?", warf Kramer ein.

"Woher weißt du?"

"Von Anke."

Neufel lachte: "Anke ist immer noch so schön und verführerisch wie früher, findest du nicht auch?"

"Kein Widerspruch."

"Und aus welchem Grund kommst du nach Neustadt an die Ufer der romantischen Ulitz? Weißt du übrigens, dass man im Oberlauf Lachse ausgesetzt hat?"

"Thea Schabransi hat mich gebeten, nach ihrer kleinen Schwester Tina zu suchen, von der sie seit Jahren nichts mehr gehört hat."

"Wieso - ist diese kleine Giftkröte denn verschwunden? Und wieso kommt Thea damit zu dir?"

"Ich bin Privatdetektiv geworden."

"Waas? Duuuu? Na, dann pack mal aus."

Also musste Kramer heute Abend zum zweiten Mal aus seiner Lebensgeschichte vortragen, was ihm jetzt schwerer fiel, was einmal am Riesling lag und zweitens an der Tatsache, dass er schon bei Sonja sein curriculum vitae heruntergespult hatte. Den Namen Sonja erwähnte er nicht. Erstens war er sich nicht sicher, wie Neufel darauf reagieren würde und zweitens musste man nicht alles sofort freiwillig ausbreiten.

"Kommst du zum Abiturtreffen?"

"Ach, weißt du, ich bin ohnehin hier wegen des Jubiläums der Josephshöhe. Hast du schon gehört, dass die damals von uns allen so umschwärmte Milli Wirth als Schulsekretärin in der Josephshöhe arbeitet?"

"Die Welt ist doch klein", wich Kramer aus. "Hast du eine Ahnung, was Millis Schwester treibt?"

"Ja, von Milli. Jutta hat sich scheiden lassen, ihren Mädchennamen wieder angenommen und arbeitet im Touristikbüro Ulitztal im Rathaus neben der alten Brücke."

"Darf ich den Herren noch eine Flasche bringen?" Die Bardame schwenkte die zweite leere Flasche, Kramer und Neufel seufzten wie auf Befehl. "Nein, vielen Dank. Wir haben morgen einen harten Tag vor uns." Neufel lud ein, was Kramer sofort akzeptierte. Ein Prokurist und künftiger Werksbesitzer durfte einem armen Privatdetektiv ruhig etwas spendieren. Sie waren mittlerweile die einzigen Gäste in der Bar.


Kramer schlief hervorragend. Bei geöffneter Balkontür war das Zimmer kühl, ruhig und dunkel. Der Riesling hatte am nächsten Morgen keinerlei unerwünschte Folgen erzeugt, die Nacht war wohl etwas kurz gewesen, aber sein Kopf war klar und er würde die nächsten zwölf Stunden glatt und gut überstehen. Als er in den Frühstücksraum kam, hatten Neufel und Anke Ludwig bereit fertig gefrühstückt und sahen ihm vergnügt entgegen.

Beide winkten: "Hei, Rolf."

"Guten Morgen, Anke, Christian."

Als mitfühlende und verständnisvolle Menschen ließen sie ihn allein frühstücken und in aller Ruhe wach werden. Neufel ging bald und sagte im Vorbeigehen nur: "Vielleicht sehen wir uns im Landschulheim?"

"Gut möglich."

Anke kam, als er fertig war und setzte sich zu ihm: "Christian hat mir erzählt, dass Tina verschwunden ist und du sie suchen sollst."

Er nickte.

"Du weißt, dass ich zum Schluss mit Tina befreundet war?"

"Ja."

"Ich war ein Jahrgang unter euch und ein Jahrgang älter als Tina. Bis zu meinem Abitur haben wir uns oft gesehen, aber danach aus den Augen verloren. Ich hatte eine Lehrstelle in München und sie musste erst mit der Schule fertig werden. Ihr Vater wollte sie überreden, Thilos Stelle einzunehmen."

"Aber ihr habt euch doch nicht völlig aus den Augen verloren?"

"Nein, nein. In dem Jahr, in dem Tina Abi machte, konnte ich über Ostern zu meinen Eltern fahren. Ich habe mich mit Tina im Ort getroffen und da hat sie mir erzählt, dass sie gerne studieren würde, aber der Vater immer noch hoffte, sie würde an Thilos Stelle mal das Geschäft übernehmen, nachdem Thea endgültig abgelehnt hatte. Tina wollte auch nicht und hatte sich eine Lehrstelle bei einer Versicherung besorgt, beim Allgemeinen Versicherungsverein in Tellheim."

"Mich laust der Affe. Ich wohne direkt hinter dem AVV-Gebäude und habe mit einer Abteilung dort häufiger zu tun. Vielen Dank, Anke, jetzt weiß ich wenigstens, wo ich mit der Suche beginnen kann."

Sie legte den Kopf schräg, ihre Locken fielen ihr über Stirn und Augen. "Ich hätte noch zwei Tipps für dich, Rolf."

"Bitte, jede Hilfe wird dankbar angenommen."

"Tina war auch mit Brigitte Moll gut befreundet. Brigitte hat heute ein Modegeschäft in Tellheim, nicht weit vom Alten Markt."

"Ich weiß, das hat Thea mir gezeigt."

"Dann hat mir Tina noch erzählt, dass sie sich nach Thilos Beerdigung häufiger mit Milli getroffen hat."

"Milli?"

"Milli Wirth, du kennst sie doch. Sie hat damals in der Wolfsbachschlucht gekellnert, ich glaube, auch an dem Abend, an dem Thilo starb."

"Ach nee." Wer mochte ihr das erzählt haben?

"Nach Thilos Tod muss es in der Familie Schabranski ein großes Zerwürfnis gegeben haben."

"Davon hat Thea nichts erzählt."

"Es war aber so, der Vater und Thea haben sich mächtig gezankt, aber Thea hat ihrer Schwester nie erzählen wollen, warum oder worüber. Diese Geheimnistuerei hat auch zu einer Verstimmung zwischen den Schwestern geführt. Will sich Thea jetzt mit Tina versöhnen?"

"Vielleicht, aber zuerst braucht sie Tinas Zustimmung, um das Haus in der Rhönstraße zu verkaufen. Du weißt wirklich nicht, warum sich die Schwestern entzweit haben? Früher waren sie doch ein Herz und eine Seele."

"Ich habe Tina selbstverständlich danach gefragt. Aber sie wollte nicht mit der Sprache herausrücken. Das hätte sie Thea versprochen."

"Hast du das verstanden?"

"Nein. Wenn du Tina aufstöbern solltest, bestell ihr doch bitte schöne Grüße von mir, ich würde mich riesig freuen, wieder einmal von ihr zu hören."

"Mach' ich, klar."


Er bestellte noch ein Kännchen Kaffee und nahm sich die Kopien vor, die er von Sonja bekommen hatte.

Zwei der fünf Blätter schienen ganz normale Rechnungen von einem Getränkegroßhandel zu sein. Dann stutzte er, weil ihm das Wort Piccolo in die Augen gefallen war. Der Großhändler hatte an die Palette zehn Kisten Pikkolos der Marken Veuve Cliquot bzw. Ponsardin brut, geliefert. Das Stück zu zehn Euro plus Verpackung plus Fracht plus Steuer. Das gab's doch nicht. Kramer wusste aus der Haffstraße, dass die schönen Pikkolos, die sich die offenherzigen Damen in bestimmten Etablissements von den männlichen Kunden wünschten, mit hellem Apfelsaft, vermischt mit Mineralwasser, gefüllt waren; die Damen sollten im Laufe eines Abends nicht betrunken werden, sondern nüchtern bleiben und gezielt den Kunden animieren, noch mehr zu trinken und für sie zu bestellen. So ein Fläschchen erschien später auf der Rechnung je nachdem mit 30 bis 60 Euro, und kostete im darauf spezialisierten Handel je nach Qualität der aufgeklebten gefälschten Etiketten beim Einkauf zwischen 30 und 52 Cent mit Glas. Die Differenz teilten sich die "Dame" und der Wirt, die Summe hieß bei Kennern auch die Abtastgebühr.

Die dritte Kopie war ein Vertrag zwischen Sonja Drexler, Wirtin der Nachtbar Palette in Neustadt/Ulitz und dem Großhandel für Restaurationsbedarf Jork & Wille in Köln. Bestellungen bitte unter Angabe der folgenden Vertragsnummer an das Auslieferungslager Jork & Wille in Kreestedt, Rieker Straße 30. Die Niederlassung im Ulitztal würde auch die Rechnung stellen und sei für alle Reklamationen und dergleichen zuständig. Der Vertrag war, und darüber staunte Kramer am meisten, erstmals zum 31. Dezember in drei Jahren kündbar. Warum hatte Sonja diesen Quatsch unterschrieben und sich auf Jahre selbst geknebelt und eine Schlinge um den Hals gelegt?

Das letzte Blatt war die Kopie eines Briefes, den Jork & Wille an Sonja Drexler geschrieben hatten: "Sehr verehrte Frau Drexler, wir haben mit Erstaunen und Befremden Ihr Schreiben vom 31. Januar mit den haltlosen Vorwürfen gegen unsere Firma gelesen. Wir haben Sie bei den Vertragsverhandlungen mehrfach, mündlich und schriftlich, auf die Laufzeitregelung hingewiesen und Ihnen erklärt, dass wir Ihnen dafür neben dem Rabatt auch die Möglichkeit einräumen, alle Getränke, Lebensmittel aller Art und Toilettenartikel für den Betrieb Ihres Lokals zu ungewöhnlich günstigen Preisen und Bedingungen bei uns einzukaufen. Wir können uns nicht daran erinnern, dass Sie im Laufe der Verhandlungen auch nur einmal, mündlich oder schriftlich, Einwände gegen die Vorschläge vorgebracht hätten, die wir Ihnen unterbreitet haben. Den Vorwurf, wir hätten Sie vor der Unterschrift getäuscht oder gar genötigt, weisen wir entschieden als Verleumdung zurück und möchten Ihnen unmissverständlich mitteilen, dass wir, sollten Sie solche Vorwürfe Dritten gegenüber wiederholen, rechtliche Schritte gegen Sie unternehmen werden. Unter dem heutigen Datum haben wir auch Ihrer Rechtsanwältin geschrieben. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr Max Vohberg, Leiter der Filiale Kreestedt."

Am meisten störte Kramer bei der Lektüre, dass Vohberg so oft das Wörtchen "wir" verwendet hatte. Die Kerle hatten ihren Betrug also langfristig geplant und stets dafür gesorgt, dass "unbeteiligte Dritte mit bestem Leumund" später als Zeugen über die Verhandlungen mit Sonja Drexler aussagen konnten. Kramer steckte die Kopien wieder ein und beschloss, Thea gewaltig den Kopf zu waschen. Sie musste wissen, auf wen sie Kramer hetzen wollte.

Aus seinem Zimmer rief er in Tellheim den Allgemeinen Versicherungsverein (AVV) an. Victor Seyboldt saß an seinem Platz. Im Hause wurde er wegen seiner unausrottbaren Vorliebe für die Farbe Grau nur "Der Graue" genannt. Er leitete seit Jahren erfolgreich die Abteilung "Ungeklärte Schadensfälle", was sich im gedruckten Briefkopf besser ausnahm als die korrekte Bezeichnung "Versicherungsbetrug"; ab und zu gab Victor dem Privatdetektiv Kramer kleinere Aufträge. Er zahlte nicht wirklich großzügig, aber recht anständig und problemlos. Eine große Versicherung im Rücken half kleinen Privatdetektiven auch gegen anmaßende Polizisten und unfreundliche Staatsanwälte.

"Ich denke, du hast erst vor kurzem so ein fantastisches Honorar verdient", kollerte er. "Wieso brauchst du schon wieder einen Auftrag von mir?"

"Ich will keinen Auftrag, sondern ich hätte gerne deine Hilfe."

"Dann lass mal hören."

"Eine alte Freundin, mit der ich in Neustadt an der Ulitz auf das Gymnasium gegangen bin, sucht ihre kleine Schwester, die untergetaucht zu sein scheint. Sie hatte nach unverbürgten Aussagen eine Lehre beim AVV in Tellheim begonnen."

"Und wie heißt die junge Dame?"

"Tina Schabranski aus Neustadt an der Ulitz. Geboren 1972, Abitur 1990 oder 91, im Jahr darauf nach Tellheim. Ich möchte nur gerne wissen, wo man sie jetzt erreichen könnte. Kennst du sie zufällig?"

"Zufällig ja. Hör mal, Rolf, am Telefon kann ich dir nichts erzählen, Schau doch bitte mal bei mir vorbei. Okay?"

"Meinetwegen, du Geheimniskrämer."

Er hatte gerade die Verbindung unterbrochen, als sein Handy zu bimmeln begann. Es war eine aufgeregte Thea. "Hör mal, Rolf, bei mir ist man heute Nacht eingebrochen."

"Nein, wie denn das?"

"Ich bin heute Morgen wach geworden und habe so ein seltsames Gefühl gehabt. Also habe ich mir alle Fenster und die Türen angesehen, zerstört oder aufgebrochen ist nichts, aber die Tür im Keller, die auf die Treppe hoch in den Garten führt, war heute Morgen nicht abgeschlossen. Dabei bin ich ganz sicher, dass ich sie verschlossen und nach dem Ärger mit dem Fenstergucker gestern vor dem Schlafengehen noch einmal kontrolliert habe. Am Schloss kann ich nichts erkennen, aber ich habe ein ziemliches Flattern in der Magengrube."

"Ist denn was gestohlen worden?"

"Nein, das ist ja das Verrückte. Ich habe eben alles mehrfach kontrolliert. Bargeld, Kreditkarten, Schmuck, meine Wagenpapiere und -schlüssel, die paar wertvollen Bilder - alles da."

Kramer rieb sich das Kinn. Entweder war sie halb hysterisch und hatte schlecht geträumt, oder es war tatsächlich nachts jemand unbemerkt im Haus gewesen und hatte nichts mitgenommen. Dann gab es immer noch die Möglichkeit, dass jemand nichts stehlen, sondern im Gegenteil was ins Haus bringen wollte. Aber weil er fürchtete, dass sie ausrasten würde, wenn er diese Möglichkeit erwähnte, schwieg er lieber und versprach, so schnell wie möglich zu kommen. Sie sollte sich in der Zwischenzeit um einen Glaser kümmern.

"Schon geschehen, der kommt in der nächsten halben Stunde."

Anielda nahm sofort ab und riskierte gleich wieder eine dicke Lippe: "Na, kannst du es ohne meine Hilfe bei deiner großen Ex-Liebe nicht mehr aushalten?"

"Irrtum, allein sind wir sehr glücklich. Um die Zukunft machen wir uns noch keine Sorgen."

"Und was willst du dann von mir?"

"Du brauchst doch sicher Geld?"

"Hm, ja, etwas schon."

"Ich wollte dir was zu verdienen geben."

"Du meinst, wenn du im sexuellen Glücksrausch schwelgst, soll die arme Büronachbarin nicht ganz leer ausgehen?"

"Was dagegen einzuwenden?"

"Nein."

"Na also. Du holst aus meinem Büro den Scanner, das Peilgerät und den Heuler und bringst die Sachen unfallfrei nach Neustadt an der Ulitz. Entweder bin ich in meinem Hotel Rieker Höhe oder in der Rhönstraße 2 bei Schabranski. Dein Auto fährt doch?"

Die Frage war nicht gehässig und auch nicht spitz gemeint. Anielda, Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis, konnte sich nur einen verbeulten und fleißig rostenden Kleinstwagen biblischen Alters leisten, der mehr Zeit stehend in der Werkstatt als fahrend auf der Straße verbrachte.

"Keine Angst, seit gestern fährt er wieder."

"Prima. Bis bald dann."

Manchmal musste man illegal in ein Haus eindringen, nicht, um sich zu bereichern, sondern um dem Bewohner heimlich etwas zu überlassen, vornehmlich ein verstecktes Mikrophon mit Sender, volkstümlich "Wanze" genannt. Wer's noch weiter treiben wollte, versteckte Miniaturkameras, die ihre Bilder auf einen Laptop funkten, von dem aus sie über eine mail-Verbindung an jeden gewünschten Ort geschickt wurden. Die Technik kannte keine Grenzen mehr und vor allem nicht mehr den Grundsatz von der Unverletzlichkeit der Wohnung; Privatsphäre schien nur noch ein leerer Begriff.

Sendende Wanzen spürte man mit dem Scanner auf, der automatisch nacheinander alle in Frage kommenden Frequenzen abhörte. Jeden aufgefangenen Wanzensender peilte man dann mit einer speziellen Antenne an. Nun gab es seit geraumer Zeit eine gemeine Weiterentwicklung: Wanzen, die ihren Sender erst einschalteten, wenn das Mikro etwas auffing. Das schonte den Akku und verlängerte die Standzeit. Der Heuler war eine Art Gegen-Gemeinheit. Er produzierte ebenfalls vollautomatisch einen Heulton, der ganz tief begann und sich dann automatisch immer weiter in die Höhe schraubte, und wieder umkehrte. Dieses Gejaule rauf und runter war nicht zu verkennen, wenn man es während des Peilens im Empfänger hörte, wusste man, das war die Wanze aus dem Raum, in dem sich der Heuler gerade austobte. Dieses Jaulen ließ sich auch nicht von anderen Geräuschen überdecken. Kramer hatte sofort an Wanzen gedacht, als Thea von der nicht verschlossenen Kellertür erzählt hatte. Offenbar waren seine Ankunft und Theas Absicht irgendwie bekannt geworden, warum sonst hätte ihn der dumme Kerl gestern Abend auf dem Uferweg von der Palette Richtung Hotel verfolgen sollen.

Er holte den Wagen aus der Tiefgarage und steuerte Richtung Rhönstraße.

Dort klingelte er Sturm und sie öffnete erst nach zwei Minuten: "Du bist spät dran!"

"Findest du?"

"Ja, das tue ich. Komm, erzähle mal, wie es war."

"Nein, mein Schatz, erst reden wir und du packst aus."

"Ich habe nichts auszupacken."

"Thea, bitte! Ich bin nicht verblödet, ich kann mir sehr gut vorstellen, warum du mich nach Neustadt gelockt hast, aber ich möchte es von dir hören. Erst wenn zwischen uns klar ist, was hier gespielt wird, bleibe ich und versuche, dir zu helfen."

"Na schön." Sie hatte eingesehen, dass er es ernst meinte. "Dann hole ich mal die Akte. Aber die musste ich lange unter der Decke halten."

In dem Moment klingelte, eine Minute vor Ablauf der versprochenen halben Stunde, Glasermeister Baatz an der Haustür. Als Handwerker alter Schule hatte er gleich alles passende Material und Werkzeug mitgebracht, schaute sich die Bescherung an und legte los. Trotz seiner grauen Haare arbeitete er wie im Akkord, hatte sogar einen kleinen Akkuhandstaubsauger dabei und hinterließ ein sauberes Zimmer. "Ich schicke Ihnen eine Rechnung, Frau Doktor", sagte er an der Tür.

Meister Baatz war gerade abgefahren, als ein anderes Auto vor der Villa bremste. Thea ging zur Tür und Kramer hörte verwundert: "Guten Tag, ich möchte gerne zu Rolf Kramer."

"Sie sind doch die wissenschaftliche Zukunft, nicht wahr?"

"Nicht ganz, ich bin nur die Vermittlung dahin."

Anielda hatte sich ungeheuer beeilt. Ihre Geldnot musste größer sein, als sie zugeben wollte. Kramer ging raus und klappte den Kofferraumdeckel auf. Thea schaute ihm zu und seufzte.

"Jetzt bist du mir eine Erklärung schuldig, mein Lieber."

"Thea, die Person, die heute Nacht im Haus war, hat unter Umständen nichts gesucht, was sie mitnehmen konnte, sondern etwas gebracht, was sehr unangenehm ist."

"Und was sollte das sein?"

"Im Volksmund heißen sie Wanzen. Mechanische Tierchen mit Mikrofonen und Antennen."

"Ach nee."

"Anielda hat die Geräte gebracht, um sie aufzuspüren. Und deswegen werden wir, solange wir suchen, in der Villa nicht miteinander sprechen. Wenn wir einen versteckten Lauscher haben, soll der nicht hören, dass wir hinter ihm her sind."

Anielda musste er das nicht erklären, sie hatte ihm mehr als einmal geholfen, verwanzte Gebäude zu "reinigen", aber Thea machte ein Gesicht wie das berühmte Kalb, das es zum ersten Mal donnern hört.

Aber als intelligente Frau lernte sie rasch, und während er mit Scanner und Kopfhörer in Theas Begleitung von Zimmer zu Zimmer ging, trug Anielda brav den lärmenden Heuler hinter ihm her. Thea hatte sich ein kleines tragbares Radio genommen und stellte immer wieder Sendungen ein, in denen gesprochen wurde. Die Suche lohnte sich, Kramer entdeckte im Erdgeschoss fünf Wanzen; in den ersten Stock, wo Theas Schlafzimmer lag, hatte er sich wohl nicht raufgetraut. Drei Wanzen konnte Kramer mit der Richtantenne anpeilen und finden. Keine besonders schwierigen Verstecke, eine Lampe, eine Schrankdecke und ein Bilderrahmen. Wahrscheinlich wieder ein nervöser Anfänger, einem wirklichen Profi wäre nicht der Fehler unterlaufen, die Kellertür hinter sich unverschlossen zu lassen. Anielda hielt im letzten Moment Thea davon ab, eine der Wanzen herunterzureißen, und als Thea tief Luft holte, um zu protestieren, legte Anielda ihr rasch einen Zeigefinger vor die Lippen und deutete mit der anderen Hand zur Diele. Vorsichtshalber drehte Kramer noch einmal eine Runde. Fünf Wanzen, und nur zwei Räume hatte der nächtliche Besucher nicht mit seinem Spielzeug beglückt, die Küche und die Diele. Kramer stellte sich mit Anielda und Thea vor die Haustür. Frau Nachbarin packte die Geräte schon in ihren Kofferraum.

"Warum lässt du die Wanzen in den Räumen?"

"Wenn plötzlich aus einem Zimmer nichts mehr gesendet wird, kann er sich ausrechnen, dass man seine Wanze gefunden hat."

"Und wo können wir uns unbelauscht und ungestört unterhalten?"

"Vor dem Haus oder in der Diele. Ich helfe dir gleich, zwei Sessel und einen Tisch in die Diele zu stellen; wenn du dann alle Zimmertüren schließt, können wir da offen in normaler Lautstärke sprechen."

Anielda wollte sofort zurückfahren, machte aber ein sehr unglückliches Gesicht. Es dauerte, bis er es bemerkte und schaltete. "Na, wieviele Stunden?"

"Vier - einverstanden?"

"Also sechzig Euro", und weil er ein mitdenkender und mitfühlender Nachbar war, erkundigte er sich diskret: "Und wieviel brauchst du, um vollzutanken?"

"Fünfzig."

Sie griente verlegen. "Ich brauche wohl Öl. Das Lämpchen brennt seit Tellheim."

"Hast du ein Glück, dass ich die Spendierhosen anhabe."

"Wie lange noch? Die fallen doch, sobald ich weg bin."

"Könnte sein."

"Du meinst nicht, dass er hier in der Nähe ein Relais aufgebaut hat?"

Die Wanzen hatten in der Regel eine sehr geringe Sendeleistung und eine entsprechend beschränkte Reichweite. Wenn sich der Lauscher nicht in der Nähe des Objekts sehen lassen wollte, musste er ein Relais aufbauen - einen Empfänger, der das, was er von den Wanzen auffing, in einem stärkeren Sender mit größerer Reichweite aufmodulierte.

"Ich riskier's."

"Viel Glück."

Ihr Autochen knatterte gewaltig.

Kramer und Thea setzten sich in die Diele.

"Und warum musstest du die Akte unter der Decke halten?"

"Es handelt sich um die alte Handakte des Oberkommissars, der vor zwanzig Jahren den Tod meines Bruders untersucht hat. Als der Tunnel für die B 111 fertig war, ist die Kriminalabteilung der Kreispolizeibehörde Neustadt/Ulitz aufgelöst worden, und KOK Stange ist nicht nach Tellheim übernommen, sondern vorzeitig in den Ruhestand versetzt worden. Ich habe ihn dann mal bei meinem Korrespondenzanwalt in Tellheim kennengelernt, und als er meinen Namen hörte, hat er natürlich sofort gefragt, ob ich mit einem Thilo Schabranski verwandt sei. Kurz und gut, ich habe ihm die Akte abgekauft und er hat für das Geld quasi als Privatdetektiv, als pensionierter Oberkommissar, Nachforschungen angestellt. Die Sache haben wir niemandem, und ganz bestimmt nicht dem Finanzamt oder seiner früheren Behörde erzählt, deswegen durfte die Akte nie in falsche Hände geraten. Für Stange hing unter Umständen seine Pension dran."

"Und? Ist bei der Sache was herausgekommen?"

"Ja und nein. Widersprüche schon und Ungenauigkeiten bei der Untersuchung."

"Ich würde gern mal ein Beispiel hören."

"Na schön. Im offiziellen Abschlussbericht heißt es, Thilo habe zum Zeitpunkt des Sturzes einen Alkoholpegel von 2,5 Promille gehabt. In Stanges Handakte steht, dass man ihm bei einem Anruf in der Rechtsmedizin den Wert von 1,5 Promille genannt hat. Der mir auch in meiner Erinnerung als wahrscheinlicher erscheint. Thilo musste ja uns noch nach Hause fahren oder sich bei Milli als Mann bewähren. Schreibfehler? Druckfehler? Hörfehler am Telefon? An dem Abend hat Milli Wirth in der Wolfsbachschlucht bedient. Sie ist befragt worden und hat ausgesagt, dass Thilo Schabranski an dem Abend, verglichen mit anderen Abenden, sehr mäßig getrunken habe, unter anderem auf ihren Wunsch hin."

"Wieso auf ihren Wunsch?"

"Thilo hatte nach seinem dramatischen Abgang aus dem Mühlen-Haus mit Milli telefonisch verabredet, die Nacht bei ihr zu verbringen, sobald er mich nach Hause gebracht hätte. In einer Dachkammer über der Kneipe. In der Kammer schlief Milli öfter, wenn es sehr spät geworden war. Weil sie auf Thilo wartete, hat sie mir auch die Bitte abgeschlagen, dort übernachten zu dürfen. Aus meiner Ehe weiß ich nun noch, dass die Beischlaffähigkeit eines Mannes mit steigendem Alkoholpegel nachlässt."

Kramer musste grinsen. Theas Ausdrucksfähigkeit war schon immer mit der Delikatesse des Gesprächsgegenstandes gewachsen.

"Stange hat noch etwas herausgefunden, was er als Leiter der Ermittlungen leider erst viel zu spät erfahren hatte. Sagt er wenigstens. Vor den Garagen der Wolfsbachschlucht hatte an dem Abend ein Fahrer so idiotisch geparkt, dass die Garage des Wirts blockiert wurde. Der hat ein paar Mal bei allen Gästen, auch bei uns im 'Jägerzimmer', nachgefragt, wem das Auto gehöre, der Eigentümer möchte den Wagen doch bitte wegfahren. Aber niemand hat sich gemeldet. Das hat den guten Mann vergrätzt, also hat er sich Kennzeichen, Fabrikat und Farbe notiert, die Sache aber wegen Thilos Sturz und der allgemeinen Aufregung vergessen und den Zettel viel zu spät an Stange weitergegeben. Der Wagen gehörte Georg Mühlen, vor dem sich mein Bruder am Nachmittag in einen Schrank flüchten musste. Mühlen war wegen Körperverletzung vorbestraft."

"Hast du denn der Polizei damals von dem turbulenten Nachmittag deines Bruders überhaupt erzählt?"

"Nein, mich hat ja niemand danach gefragt. Nur so das Nullachtfünfzehn Gelaber: Hatte Ihr Bruder Feinde? War er mit jemandem in einen Streit, eine juristische Auseinandersetzung etc. verwickelt?"

"Das ausgedehnte Liebesleben deines Bruders ist also gar nicht zur Sprache gekommen?"

"Nein, Stange war bass erstaunt, als ich ihm davon bei - na - sagen wir - bei der Übernahme der Handakte erzählte."

Kramer blieb hartnäckig: "Entweder war er als Kriminalbeamter eine ziemliche Null, dann hat man ihn ja völlig zu Recht auch nicht nach Tellheim übernommen - oder er ist ausgebremst worden."

"Bei ihm trifft wohl beides zu, Rolf. Das Pulver und den Mut hatte Stange in der Tat nicht erfunden, und ausgebremst hat ihn wohl die heilige Mafia."

"Die bitte wer?"

"Die heilige Mafia, der überkonfessionelle Neustädter Gemeinderat, in dem alle engagiert waren, die etwas zu sagen hatten oder sagen wollten. Die Ulitzer Schwäne mit dem Heiligenschein."

"Warum haben ausgerechnet die gebremst?"

"Na, überleg' mal, es liegt auf der Hand."

"Corinna? ... Corinna Altmann?"

Thea schwieg. Corinnas Vater war Pastor, Pfarrer in der Trinitatis-Gemeinde, eine, wie Kramer immer geurteilt hatte, aufgeblasene Null, die freilich sehr gut und flüssig reden konnte und viele Neustädter beeindruckte. Thilo Schabranski mit seiner Kodderschnauze verpasste ihm den Spitznamen "Gottes Heizlüfter", weil der selbstgerechte Altmann nur warme Luft ablasse. Aber er war geschätzt im ganzen Städtchen und er hatte eine bezaubernde Tochter, zart, etwas elfenhaft, sehr zurückhaltend und vom Papa bis zur eigenen Urteilslosigkeit eingeschüchtert, intelligent, freundlich und hilfsbereit, wahrscheinlich auch zärtlich und anschmiegsam, also genau Thilos Kragenweite. Doch Thilo Schabranski gab sich, als sein begehrlicher Blick auf Corinna fiel, mit zärtlichen Küssen in lauen Vollmondnächten auf Mund und Busen bei romantisch zirpenden Grillen schon nicht mehr zufrieden. Mehr wollte indes Corinna nicht gewähren. Die große Liebe endete so rasch wie sie begonnen hatte.

"Papa Altmann wollte nicht, dass seine Tochter mit einem gewaltsamen Todesfall in Verbindung gebracht wurde und hat im Rat den Direktor der Polizeiabteilung überredet, im Interesse des Neustädter Rufes Thilos Sturz nicht weiter zu untersucht. Vergiss nicht, im kleinen Neustadt müssen zwei große Gymnasien gefüllt werden, das geht nur mit Fahrschülern, und die kommen nur, wenn der Ruf beider Gymnasien nicht angekratzt ist. So hat mir wenigstens Stange berichtet. Ob es die Wahrheit ist oder Stange nur seine Feigheit vertuschen wollte, weiß ich nicht."

"Dann hat aber der Staatsanwalt mitspielen müssen."

"Seine beiden Töchter gingen auf das Gertrud Bäumer."


Thea schob ihm die Handakte hin, eine recht gewichtige Angelegenheit in einem dicken DIN A 4-Ordner, auf dem Rückenschildchen beschriftet mit "Zwanzig Jahre Abitur". Kramer schwante nichts Gutes. Sie nickte und stand auf: "Stange ist vor gut einem Jahr gestorben, er hat nichts mehr zu befürchten. Und Familie gibt es auch nicht. Ich bin mit der Akte nicht weitergekommen, und dann erschien Martin Adler in der Kanzlei. Ich bin nach Neustadt gefahren und wollte Sonja zum Reden bringen - na schön, zwingen. Sie hat sich rundweg geweigert und mir zum Schluss ein Geschäft vorgeschlagen. Wenn ich sie von dem Ärger befreie, den man diesen Rechnungen und Briefen entnehmen könne, würde sie mir erzählen, was an dem und vor dem Abend passiert sei. Erst dann; in dem Punkt war sie ganz stur."

"Und so komme ich ins Spiel?"

"Du sagst es. Siehst du eine Möglichkeit, Sonja aus diesem Vertrag rauszuboxen?"

"Eine sehr vage Möglichkeit. Versprechen kann ich dir nichts. Und deswegen möchte ich auch nicht darüber reden, welche Idee mir da gekommen ist."

Sie sah ihn böse an, aber er tippte sich an die Stirn. "Geduld und Verschwiegenheit zeichnen den erfolgreichen Privatdetektiv aus."

"Okay, du Geduldiger, und jetzt erweitere ich meinen Auftrag: Wer hört uns ab und warum?"

"Uns? Dich, liebe Thea. Du hast mich ja ins Hotel gescheucht. Und wer könnte wie erfahren haben, dass du mich nach Neustadt holst?"


Thea streckte eine Hand aus, die er ergriff. Sie ließ sich mühelos auf seinen Schoß ziehen. "Deine Schüchternheit hat sich gelegt", lobte sie. Nach dem ersten, heißen Kuss stand sie auf. "Komm, auf deinem Schoß sitzt es sich bequem, aber das Bett ist bequemer. Oder hört man mich - uns - auch in meinem Schlafzimmer ab?" Thea musste halt immer das letzte Wort haben. Er schüttelte den Kopf.

Ihr Zimmer im ersten Stock hatte sich nicht verändert, wie beim ersten Mal stellte sie sich vor ihn hin und befahl: "Nun zieh mich schon aus, aber schone meine Klamotten!"

Er gehorchte, und sie schliefen miteinander, als müssten sie zwanzig verlorene Jahre bei dieser Gelegenheit nachholen. Hinterher schliefen sie beide ein, Thea wachte vor ihm auf und weckte ihn ohne Erbarmen. "Los, auf auf! Wir können nicht den ganzen Tag verschlafen. Du musst recherchieren und ich muss einkaufen. Weißt du, auf Herrenbesuch bin ich seit Jahren weder in Würzburg noch hier eingerichtet."

"Prima, dann lass uns mal am Jean-Paul vorbeifahren."

"Du spinnst."

"Nein, da hat doch alles angefangen."


Der Bau des Jean-Paul-Gymnasiums war 1899 begonnen und 1902 vollendet worden. Ein großes, schier unverwüstliches Gebäude im wilhelminischen Zeitgeschmack, das zwei Kriege und unzählige Schülergenerationen überstanden hatte, weitläufig, altmodisch und in vieler Beziehung unpraktisch, bis man sich daran gewöhnt hatte. Kramer war nicht gerne hingegangen. Zwar war er immer ein mittelprächtiger Schüler gewesen und hatte die Versetzungszeugnisse nie fürchten müssen, aber er war anfangs unfreiwillig ein Einzelgänger gewesen. Dass er sozusagen in die Schülergemeinschaft und dann noch in den inneren Zirkel der zehn Schlimmen Finger aufgenommen wurde, verdankte er indirekt Anke Ludwig, die er im Uferpark vor den Zudringlichkeiten eines Mannes geschützt hatte. Der Mann war größer und stärker gewesen, Kramer hatte ziemlich Prügel einstecken müssen. In der Zeit konnte Anke fliehen und Hilfe holen. Sie verbreitete seine uneigennützige Heldentat auf dem Jean-Paul und brach damit das Eis. Kramer wurde plötzlich akzeptiert, war nicht mehr nur der Amateur-Funker und Radiobastler, sondern ein Kumpel, der dazugehörte.

Als Thea und er nach zwanzig Jahren wieder über den inzwischen asphaltierten Schulhof schlenderten, überlegte er, was aus ihm geworden wäre ohne das Eingreifen des Zufalls, der Dankbarkeit des "blonden Engels" (so Thilo Schabranski über Anke). Skeptisch und misstrauisch war er schon immer gewesen. Verstärkt hatte es ihr hochbetagter Geographielehrer, der aus unerfindlichen Gründen nur "Der Schnurz" genannt wurde, ein kleiner verhutzelter Mann mit schütteren grauen Haaren, einer dürftigen Stachel-Bürste auf der Oberlippe und mit einer leicht überschnappenden Stimme. Er war ein staubtrockener Pedant und bestand auf pedantischer Genauigkeit. Das Höchstmaß an Ironie lag in seinem Lieblingsspruch: "Die Welt ist schon merkwürdig eingerichtet. Zu groß, um sein Glück zu finden, zu klein, um sich vor seinem Unglück zu verstecken. Deswegen ist Misstrauen immer angebracht, die Menschen meinen es selten gut mit anderen Menschen." Seine zweite Lebensweisheit, die er gern vortrug, lautete: "Die Zeit verrinnt/ das Licht verbrennt/ wie rasch ist immer nichts getan." Die dritte der Schnurz'schen Sentenzen hatte Kramer am stärksten beeindruckt und auch geprägt: "Worte sagen immer mehr, als der Sprecher ausdrücken will." Der Schnurz liebte Jean-Paul Friedrich Richter, dessen Schinken er freiwillig mit Genuss immer wieder las, und wenn man ihn vom Unterricht ablenken wollte, musste man sich nur nach der Residenz Meiningen erkundigen, und nach Jean-Pauls dortiger Nachbarin, Chistophine Reinwald, der älteren Schwester Schillers, oder man musste wieder einmal harmlos fragen, ob denn die Anekdote stimme, wonach Jean-Paul auf Goethes Bemerkung, er warte auf die Inspiration, geantwortet habe, er brauche keine Inspiration, er brauche nur schwarzen Kaffee. Dann konnte der Schnurz plötzlich reden wie ein Wasserfall.

Die meisten Jahre am Jean-Paul hatte Kramer den Direktor Karl Grossmann (Geschichte und Deutsch) gehabt, einen Zwei-Meter-Mann, der sich immer benahm, als stecke er in einer Uniform und so herrisch auftrat wie ein deutscher König oder Kaiser - wenn er nicht gerade vor Canossa fror. Der Spitzname Karl der Große war somit für Grossman unvermeidlich. Als sich die erste leise Kritik an seiner Person und seinem Stil rührte, hatte er sich in einer Abiturienten-Verabschiedungsfeier, an der auch die zehnten Klassen teilnehmen mussten, mit den Worten verteidigt: "Ich empfinde das Attribut 'nationalkonservativ' nicht als beleidigend, im Gegenteil, obwohl es mir in der Tat lieber wäre, man würde mich einen 'pflichtbewussten Patrioten' nennen."

Und nach ihm zog eine Frau ins Direktorenzimmer ein, schlank, gepflegt, geschmeidig und hübsch. Sie trug lange Hosen und elegante Blusen im Unterricht, schminkte sich und lackierte ihre Finger- und Fußnägel, hörte aufmerksam zu und lachte gerne. Sie unterrichtete Latein und Musik, bot einen Grundkurs Griechisch an und mischte allein durch ihre Person halb Neustadt auf: Die Revolution hatte Einzug in das beschauliche Ulitztal gehalten und ließ sich kaum noch zurückdämmen. Seit sie Kramer zum ersten Mal im Tellheimer Schloss bei einem Konzert getroffen hatte, hatte er bei ihr einen Stein im Brett.

Anke Ludwigs offen gezeigte Sympathie war das erste Wunder gewesen, Thea Schabranski das zweite Wunder, das er lange erhofft, aber nicht mehr zu erwarten gewagt hatte. Nachdenklich drehte er sich um, vom Eingang auf den Schulhof her hatte sie ein Mann beobachtet, der sich nun blitzschnell hinter die Hausecke zurückzog, aber nicht schnell genug. Kramer hatte ihn noch bemerkt, aber nicht erkannt. Groß, mit hellen kurzen Haaren, Brille. Er hielt Thea am Arm fest. "Dieses Arschloch von Hausmeister gibt es doch nicht mehr - oder?"

"Warum fragst du?"

"Da hat uns jemand beobachtet, von der Ecke da drüben, und als ich mich zufällig umgedreht habe, ist er sofort in Deckung gegangen."

"Der Stocker? Nein, der Idiot ist schon lange tot, sein blöder Köter zum Glück auch."

Dieser Köter, ein großer, schmuddeliger, bissiger Schäferhund, hatte Generationen von kleineren Jean-Paulianern Angst und Schrecken eingejagt. Stocker, der Hausmeister, ließ seinen Hund nach Schulschluss oder auch in den größeren Pausen im Gebäude frei herumlaufen, um im Haus Fremde und jene Schüler aufzuspüren, die sich vor dem Pausengang nach draußen drücken wollten. In der Regel verbellte der Köter nur die Aufgespürten, es sei denn, die machten falsche Bewegungen, von denen der Hund sich herausgefordert fühlte, dann biss er auch schon mal zu.

"Schau mal, Thea, die haben sogar die Aula renoviert." Durch die hohen Fenster konnten sie vom Schulhof auf die stuckverzierte Decke sehen.

Sie gingen weiter und Thea sagte plötzlich: "Leg' dich nicht fest!"

Jetzt blieben sie stehen und lachten wie auf Befehl gemeinsam los. Eine rückwärtige Schmalwand der Aula konnte geöffnet werden und dahinter lag das Musikzimmer, mit Flügel, Plattenspieler, Bandgerät und Verstärker. Normalerweise fand dort der Musikunterricht statt, nur bei großen Veranstaltungen wurde das Musikzimmer zur Aula hin geöffnet, zum Beispiel bei Konzerten des sehr umfangreichen Schülerorchesters. Sein Leiter war Felix Fiedler, der nicht fidelte, aber hervorragend Oboe spielte. Für sein geliebtes Orchester tat er alles, und die Mitglieder dankten es ihm durch Eifer und Pünktlichkeit. Als er in den Ruhestand verabschiedet wurde, gab es feuchte Augen bei Lehrern und Schülern, obwohl Felix eine launige Rede hielt und überhaupt nicht sentimental wurde. "Habt ihr eine Ahnung, was für einen Orchesternarren wie mich der Größte Anzunehmende Unfall ist? Nein, nicht, wenn die Bratschen meutern und streiken, der GAU ist das Abitur, wenn so viele seltene und unentbehrliche Instrumente die Schule verlassen. Ich bin dafür, dass wir das Abi abschaffen, damit ich mit euch ein paar Jahre in Ruhe üben kann." Von den Schülern gab es Beifall, vom Kollegium Pfiffe.

Fiedler unterrichtete auch gerne. Eines Tages saß die C im Musikzimmer, Fiedler hatte eine Bachsche Fuge gespielt und fragte nun: "Hornig, war das nun homophon oder polyphon?" Hornig zögerte, er war die Unmusikalität auf zwei Füßen, und als er immer noch nicht antworten konnte, erscholl aus dem Hintergrund eine tiefe Schüler-Stimme: "Leg' dich nicht fest!", worauf Hornig herausplatzte: "Dazwischen." Selbst Fiedler musste lachen, dass ihm die Tränen herunterliefen, und der Satz wurde eine Art Parole der C: "Leg' dich nicht fest!", worauf die korrekte Antwort lautete: "Dazwischen".

Thilo, der Zwischenrufer, schenkte Fiedler zum Abschied eine frei nachempfundene Federzeichnung; Thilo beherrschte einige Fähigkeiten, die im Unterricht weder gebraucht wurden noch erwünscht waren. Auf der Zeichnung saß ein Cello-Spieler mit verzücktem Gesicht und strich über sein Instrument, das die Form eines nackten Frauenkörpers hatte, über Busen und Bauch waren vier Saiten gespannt, und die Unterzeile lautete: "Nicht jeder kann beim Cello-Schaben solch' erotische Gefühle haben." Fiedler bedankte sich erfreut und Thilo wurde wegen des erotischen Realismus seines Instruments von seinem Tutor gerügt.

"Es gibt also wieder ein großes Orchester? Wie geht das, ohne Fiedler?"

"Es wird von der Direktorin geleitet. Sie ist eine hervorragende Flötenspielerin, und wenn bei ihr die Zeit mal nicht reicht, hilft Fiedler aus."

"Wie bitte? Felix muss doch mindestens 85 sein."

"Einundneunzig. Aber wenn einer auf der leeren Saite spielt, wird er immer noch so fuchtig und wild wie vor dreißig Jahren."

"Man soll's nicht glauben, aber Felix und die Musik ... Sag' mal, die haben also die ganze Aula von Grund auf renoviert?"

"Ja, nur mit Spenden der Altschüler. Das Renovieren gehört sich auch so. Schließlich haben wir uns dort gefunden."

Was nicht ganz stimmte, dort hatte Thea den schüchternen, gehemmten Rolf Kramer hinter der Bühne zum ersten Mal richtig geküsst, er konnte und wollte sich nicht wehren, er musste beide Hände um ihre Taille legen und den Kuss erwidern. Das Theaterstück, das sie einübten, war der reine Schwachsinn, eine zu Recht vergessene französische Boulevardkomödie, in der die Kostüme den größten Eindruck hinterließen, genauer: Theas Kleid mit tiefem Ausschnitt und Reifrock, in dem sie sich so geschickt bewegte, als habe sie nie was anderes getragen, während ihr Partner Rolf Kramer entweder über seinen Degen oder über die Stoffmassen des Reifrocks stolperte wie ein Kamel auf Glatteis. Immerhin, es gab mäßigen Beifall, und mit den heißen Bühnenküssen erwarb sich Kramer den Ruf eines Miniatur- oder, wie Thea lästerte, Schmalspur-Casanovas. Thea und er übten auch privatim viel hinter den Kulissen, nach Ende der Proben, bis eines Tages der verfluchte Köter des Hausmeisters sie aufstöberte. Die selbstbewusste Thea stellte den empörten Hausmeister souverän mit einem Zwanzig-Mark-Schein ruhig.

Kramer hätte gerne mit Thea geschlafen, wagte aber nicht, sie zu fragen, bis sie erneut die Initiative ergriff und ihn am Nachmittag vor ihrer privaten Abschlussfeier in der Wolfsbachschlucht in die alte Villa einlud. Er hatte alles Mögliche erwartet, aber nicht, dass sie in ihr Zimmer gingen, sie die Tür innen verriegelte und sich vor ihn hinstellte und aufforderte: "Nun zieh mich schon aus, du Casanova mit Hemmungen."

Als sie sich nach Stunden entschlossen, das Bett zu verlassen, flüsterte sie: "Das mit den Hemmungen nehme ich zurück." Ein weiteres Mal konnte er es nicht mehr beweisen, weil Bruder Thilo, vom Ehemann seiner Geliebten Jutta Mühlen verscheucht, früher als erwartet und mit gewaltig schlechter Laune in der Villa auftauchte.

Dass es ausgerechnet an dem Tag zu ihrem ersten sexuellen Kontakt gekommen war, lag wohl daran, wie er heute vermutete, dass Thea sehr genau ahnte, er werde bald aus Neustadt und aus ihrem Gesichtsfeld verschwinden. Sie wollte sich in seiner Erinnerung verankern, sie hatte, so ging ihm jetzt plötzlich durch den Kopf, wohl immer mehr für ihn empfunden, als er für sie.


Vor der Schule begegnete ihnen ein älterer Mann, der Thea zuerst neugierig anstarrte, dann aber höflich grüßend weiterging. Für Kramer hatte er keinen Blick übrig. Nach zwanzig Schritten begann sie zu kichern. "Na, das werde ich mir im Kalender rot anstreichen."

"Was?"

"Dass der Kerl mich höflich grüßt. Hast du ihn nicht erkannt?"

"Nein, hätte ich müssen?"

"Eigentlich schon. Das war Alfons Kullisch, allgemein nur das 'gestreifte Ferkel' genannt."

"Ach nee." Auch diesen Spitznamen hatte Thilo Schabranski erfunden und verbreitet, abgeleitet von der Tatsache, dass Kullisch, der Mathematik und Physik unterrichtete, Tag für Tag gestreifte Hemden trug, meist in einem farblich schreienden Kontrast zu seinen billigen Krawatten. Als Pädagoge taugte er absolut nichts, für die meisten Schüler waren Mathe und Physik am Jean-Paul Angstfächer. Kullisch konnte nicht erklären, und er war zudem noch ungeduldig. Die Mädchen hassten ihn regelrecht, weil er ihnen ungeniert auf die Busen und in die Ausschnitte starrte und im Unterricht mit Vorliebe schlüpfrige Witzchen und Geschichten erzählte, über die niemand lachen wollte, was Kullisch stets mächtig erzürnte. Es gab nur zwei Schüler in der C, vor denen das Ferkel sich hütete, Christian Neufel, der freiwillig in seinem Mathe- und Physikbuch las wie andere Leute in Romanen oder Zeitschriften und der es sich leisten konnte, im Unterricht die Hand zu heben: "Das stimmt so nicht, Herr Studienrat." Der zweite war Thilo Schabranski, der den Mitschülern in Minuten erklären konnte, was das Ferkel in Stunden nicht vermocht hatte. Viele schwächere Schüler hatten Angst vor dem Ferkel und nannten ihn das gestreifte Schwein, weil er auch rachsüchtig und nachtragend war. Da nutzten später die besten Leistungen nichts mehr, das Ferkel legte es darauf an, diejenigen, die einmal bei ihm in Verschiss geraten waren, immer wieder stolpern zu lassen. Sonja Drexler war so ein armes Opfer, das ihm zwecks Besänftigung geradezu unanständige Ausschnitte darbot. Sie konnte aber beim Ferkel selbst damit nichts mehr erreichen. Es hatte ihn gegenüber dem weiblichen Geschlecht nicht milder gestimmt, besonders Dula konnte ein Lied davon singen. Sie wurde noch schlechter behandelt als Sonja, auf der, wie Kramer bald bemerkte, der Blick des Ferkels mit einem seltsam neugierigen Wohlwollen ruhte. Bei den Jungens litt am meisten Hans-Peter Beck unter Kullisches gezielter Ungerechtigkeit und Schikane; den Grund kannte keiner. Von der ersten Stunde an hatte Kullisch seinen Hass auf Beck merken lassen. Alle atmeten auf, als sie nach dem Abitur das gestreifte Ferkel los waren.

Kramer hatte nur einmal so etwas wie Mitleid mit Kullisch empfunden. Bei einem Experiment hatte Anja Bohn, das Bohnenstroh, das Kunststück fertiggebracht, bei einem geladenen Kondensator einen Pol anzufassen und mit der anderen Hand sich über die Wasserleitung zu erden. Es hatte sie regelrecht in die Zimmerecke geschleudert und Kullisch stand da, als würde er jetzt hingerichtet, totenbleich und starr vor Angst. Seine Hände flatterten unkontrolliert. Es waren die damals größten verkauften Kondensatoren, hundert Mikrofarad, mit Metall umhüllte Zylinder. Anja war bis auf einige blaue Flecken nichts passiert, das wäre bei einem Exemplar von einem Farad, die man heute kaufen konnte, wohl nicht so glimpflich ausgegangen.

"Die armen Paulianer, die ihn jetzt haben."

"Er ist schon im Ruhestand."

"Woher weißt du?"

"Von Hermine Gundlach. Ich hab dir doch gesagt, was Hermine nicht weiß, hat im Ulitztal nicht stattgefunden."

"Ist Kullisch eigentlich verheiratet?"

"Ja, das war er, aber seine Frau ist ihm früh weggelaufen, und sich scheiden lassen wollte oder konnte er nicht. Darüber hat sich ganz Neustadt das Maul zerrissen.

"Das heißt, Kullisch war verheiratet, musste wahrscheinlich sogar noch für sie zahlen und hatte keine Frau."

"Vielleicht. Aber damals war der Gesetzgeber noch stark männlich dominiert. Sie war weggelaufen, nicht er. Und mit dem Zahlen konnte es nicht so schlimm werden, wenn überhaupt, sie war physikalisch-technische Assistentin und hat bei Beck gearbeitet.

"Und seinen Hass hat Kullisch an seinen Schülern ausgelassen. Gut, dass er nicht mehr unterrichtet und ein Mathelehrer mit mehr Geschick und pädagogischen Kenntnissen heute dort arbeitet."

"Wünschen wir es allen Jean-Paulianern."


Thea verspürte Hunger und empfahl zu seinem Erstaunen einen Schnellimbiss im "Ladenhof" an der alten Ulitzbrücke, die heute für den Autoverkehr gesperrt war und Fußgängern und Radfahrern vorbehalten blieb.

Kramer fuhr einen Umweg durch die Gärtnerstraße, in der sich seit seiner Kindheit nichts verändert hatte, nur der Verputz der Häuser war noch grauer und schäbiger geworden. Es hatte ihn nie zurückgezogen, und von allen Kindern aus der Straße hätte Kramer nur gern von Rico gewusst, was aus ihm geworden war, ob und wo er Libero spielte, bei einem deutschen Verein oder seinem großen Vorbild Benfica.

Ob Rosemarie Scholz, das Nachbarskind, immer noch Hausmädchen bei der Familie Beck war? Er bremste, und Thea maulte: "He, was soll das?"

"Ich würde nur gerne ganz rasch jemandem Guten Tag sagen."

"Einer Jugendliebe?"

"Wenn du glaubst, solche Gefühle entstünden schon im Sandkasten, hast du sogar Recht."

"Junge, Junge", murmelte sie unfreundlich, "bei dir ist aber die Sentimentalität mit voller Kraft ausgebrochen."

"Stimmt! Sei vorsichtig! So was ist ansteckend."

Rosemarie war nicht zu Hause, aber ihre Mutter erkannte ihn sofort wieder. "Du willst bestimmt zu Rosie."

"Ist sie nicht da?"

"Nein, sie arbeitet noch. Komm' doch herein, sie müsste jede Minute kommen."

"Danke, Frau Scholtz, aber unten sitzt jemand in meinem Wagen und wartet. Ob Rosie mich mal anrufen könnte?"

"Hat sie deine Nummer?"

"Glaube ich nicht. Ich wohne zurzeit im Hotel Rieker Höhe."

"Mach ich, Rolf, das richte ihr aus."

"Vielen Dank, Frau Scholz, grüßen Sie doch bitte Rosie von mir. Auf Wiedersehen." So ein entschlossener energischer Abschied war nötig, Mutter Scholz redete gern und viel und hatte nie etwas gegen ein längeres Schwätzchen einzuwenden, erst recht nicht, wenn sie dabei Dinge erfuhr, die sie immer schon wissen wollte - zum Beispiel, was aus dem Nachbarsjungen Rolf Kramer geworden war.

"Das ging ja schnell", lobte Thea.

"Die Angebetete war nicht zu Hause, aber ihre Mutter will ihr ausrichten, dass ich auf ihren Anruf warte." Thea tippte sich an die Stirn.

Der Schnell-Imbiss war in den Räumen der früheren Eisdiele Perlucci untergebracht, es roch durchdringend nach Pommes und Bratwurst und Frikadellen, die hier, knapp hinter der Dialektgrenze, schon Fleischpflanzerl hießen. An einem Tisch am Fenster stand Dula auf und winkte ihnen heftig zu. Das traf sich ja wie verabredet.

"Hei, Thea, hallo Rolf."

"Hallo, Dula."

"Mich haben Kunden erledigt, zwei Stunden lang und dann kein Stück gekauft. Manchmal ist das Leben doch verdammt hart."

Er fragte nicht, wie sie finanziell über die Runden kam. In einer so reaktionären Mittelstadt eine Galerie für moderne Kunst zu führen, konnte die Eigentümerin nicht reich machen. Sie schien seine Gedanken zu ahnen und setzte unaufgefordert hinzu: "Von der Galerie alleine könnte ich nicht leben. Ich gebe nebenbei Unterricht, Malen und Grafik, und zum Glück ist es gerade für junge Damen Mode geworden, etwas von Kunst zu verstehen und selbst etwas Künstlerisches zu produzieren. Drückt mir die Daumen, dass sich der Geschmack so bald nicht wandelt. Außerdem habe ich guten Kontakt zu einer Innenarchitektin in Tellheim, die mir ab und zu Kunden schickt."

"Bist du verheiratet?", fragte Kramer Dula direkt.

"Nein, ich lebe mit einem Freund zusammen. Und du?"

"Junggeselle mit gelegentlich wechselnden Freundinnen."

"Wie steht es mit dir, Thea?"

"Geschieden, und im Moment verspüre ich wenig Lust, mich für längere Zeit zu binden." Dabei trat sie Kramer unauffällig auf den Fuß, so dass er seinen Protest hinunterschluckte.

Dula zwinkerte. In der Schule hatte sie immer so getan, als sei sie eine zügellose Herumtreiberin, die von einem Bett ins andere hüpfte. Aber Kramer hatte ihr schon damals diese Attitüde nicht geglaubt. Vater Oppenstedt, von Beruf Werkzeugmacher, spielte sonntags Orgel in der Johannis-Kirche, die sich keinen hauptamtlichen Organisten leisten konnte. Er war ein großer, starker Mann mit ausgeprägtem Humor und unerschütterlicher Hilfsbereitschaft. Was immer seine Tochter außerhalb der Schule trieb - sie trieb sich bestimmt nicht herum.

"Kommst du zu Theas Einladung?", erkundigte sich Dula bei Kramer.

"Ja, ich muss, das kannst du dir doch vorstellen?"

"Natürlich."

"Hast du eigentlich noch Kontakt zu dem alten Haufen?"

Sie wurde verlegen. "Eigentlich nur noch zu Sonja Drexler."

"Sie betreibt die Palette, nicht wahr?"

"Nicht nur, Rolf. Sie macht auch - äh, hm - Hausbesuche."

"Arme Sonja."

Diese Reaktion verblüffte Dula. Aber Kramer hatte keine Lust, über die alte Klassenkameradin zu schludern, wie seine Büro-Nachbarin Anielda das hemmungslose Klatschen und Verleumden nannte. Und Dula kam nicht mehr dazu, das Thema neu aufzurollen. Ein großer, kräftiger Mann mit einer brünetten Lockentolle, die seit Monaten keinen Friseur mehr erlebt hatte, kam in den Schnellimbiss, schaute sich um und steuerte dann entschieden auf ihren Tisch zu. Dula sah ihn und gickste erschrocken. "Verflixt, es wird wirklich Zeit."

Der Mann blieb vor ihrem Tisch stehen und sah neugierig auf Kramer. Er hatte graue Augen und einen scharfen Blick. Obwohl er nach landläufigen Maßstäben gut aussah, war er Kramer auf Anhieb unsympathisch. "Darf ich vorstellen", sagte Dula nervös. "Zwei frühere Klassenkameraden. Rolf Kramer und Thea Schabranski. Mein Freund, Max Vohberg." Kramer beherrschte sich.

Sie gaben sich die Hände, Vohberg hatte einen festen Händedruck.

"Freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Kramer. Ich habe schon viel von Ihnen gehört."

"Oh."

"Sie müssen in einem Theaterstück einen unauslöschlichen Eindruck auf Cordula gemacht haben. Sie schwärmt noch heute von Ihren Fechtkünsten."

"Dula. Das ist unfein", sagte Kramer, halb im Spaß, halb ernsthaft erzürnt. Mit dem Degen hatte er sich auf der Bühne mächtig blamiert und ziemlich große Heiterkeit im Publikum provoziert, aber zum Glück keinen Mitspieler ernsthaft verletzt.

Sie lachte zaghaft. "Du solltest es auch nicht erfahren. Aber Max kann keinen Fettnapf auslassen."

"Apropos Fettnapf, mein Schatz, wir müssen los, sonst kriegen wir überhaupt nichts mehr von dem wahrscheinlich wieder zu knapp bemessenen Buffet."

"Ich habe vorsichtshalber schon eine Bratwurst mit Pommes gegessen. Tschüss, Rolf, bis bald mal, tschüss, Thea."

"Tschüss, Dula. Auf Wiedersehen, Herr Vohberg. Und einen schönen Tag noch."

Nach ihren Gesichtern zu urteilen, erwarteten sie beide eben das nicht. Kramer aß noch eine Bratwurst mit Pommes, die besser schmeckte, als er befürchtet hatte. Thea drängte zur Eile, sie wollte noch einkaufen.

"Kennst du diesen Vohberg?", fragte er später auf der Fahrt zum Friedhof. "Ist er der Vohberg auf dem Brief von Jork & Wille?"

"Vermutlich. So häufig ist sein Name ja nicht. Bisher kannte ich ihn nur aus den Unterlagen, die Sonja dir kopiert hat."

"Mir hat er nicht gefallen!"

"Mir auch nicht. Da hat Dula wohl ein besonders faules Ei aufgelesen."


Thea und er kauften in dem winzigen Blumengeschäft neben dem Eingang des Friedhofs drei kleine Sträuße. Die junge Verkäuferin schien froh, dass sich überhaupt einmal ein Kunde in den Laden verirrte. Auf Thilos Grab vertrocknete ein Strauß in einer Steckvase und Thea sagte wie zur Entschuldigung. "Von mir, ich hatte gedacht, sie würden länger halten."

Auf dem Grab ihres Vaters wucherte das Unkraut, sie zog einen Notizblock aus der Jackentasche und notierte sich etwas: "Denen werde ich einheizen. Alle drei Monate eine gepfefferte Rechnung, aber offenbar tun sie gar nichts und pflanzen auch nichts."

Kramers Eltern lagen in einem anderen Abschnitt. Seine Mutter war kurz nach dem Vater gestorben, Annette kümmerte sich ab und zu um die Gräber und bezahlte auch die Rechnungen des Friedhofgärtners. Annette und Mann wohnten in Stadtausa, ein ganzes Stück nördlich von Tellheim gelegen. "Was zieht einen Menschen nach Stadtausa?", fragte Thea leicht gehässig.

"Dort steht auch das Werk."

Aus Erfahrung glaubte Kramer an den Spruch "Wenn man den Teufel nennt, kommt er gleich gerennt." In diesem Fall rannte er nicht, sondern hockte vor dem Grab von Eduard und Paula Kramer und zupfte Unkraut. Thea hatte sie vor ihm gesehen und stieß ihm schmerzhaft in die Seite. "Kramer männlich war sehr schön heute, Kramer weiblich muss nicht sein. Ich warte im Auto auf dich." Damit bog Thea schnell in einen schmalen Pfad ab, der von hohen Hecken gesäumt war.

"Dass man dich hier mal trifft!", sagte Annette böse. Kramer betrachtete sie kühl. Mit seiner Schwester verstand er sich nicht sonderlich. Sie war für seinen Geschmack zu ehrgeizig, aber erwartete die Erfolge stets von anderen, damit sie daran teilhaben konnte. Ihre Leistung war die, wie ihr Mann spottete, "Aufzucht" von zwei Kindern, die den Onkel Rolf ganz gut leiden mochten, weil der immer zu einem Streich oder einer Albernheit aufgelegt war, was Annette, die sich in Wahrheit ihres Bruders schämte, jedes Mal vergrätzte: Er übe einen schlechten Einfluss auf die Kinder aus, und als Kramer einmal nachfragte, wie denn und wodurch, bekam er keine Antwort. Wahrscheinlich verübelte sie ihm, dass ihr sonst so korrekter Ehemann, den sie gewaltig unter der Fuchtel hielt, jeden Besuch seines Schwagers Rolf nutzte, mit dem eine Runde durch die Kneipen zu drehen und die Produkte der immer noch existierenden selbständigen Stadtausaner Kleinst- und Hausbrauereien zu verkosten, was einmal - das bekam Kramer jedes Mal aufs Butterbrot geschmiert - in einer Ausnüchterungszelle endete und als Meldung der Polizei ("Zwei schwer betrunkene Männer haben ...") in die Ausaner Zeitung geriet. Soviel Skandal vertrug die penible und leicht säuerliche Annette nicht.

Und die Kosten für die Pflege des elterlichen Doppelgrabes hatte sie bestimmt nicht übernommen, weil sie so besonders an Eduard und Paula Kramer gehangen hatte, sondern eher wohl, weil es sich so gehörte und sie niemandem Anlass bieten wollte, über sie herzuziehen oder ihr Geiz vorzuwerfen oder Vernachlässigung ihrer Kindes-Pflichten.

"Ich komme selten nach Neustadt", verteidigte sich Kramer.

"Und was führt dich jetzt hierher?"

"Thea Schabranski hat mir einen Auftrag erteilt", log er schnell, weil er nichts erklären wollte.

"Sollst du abends ihr Bett vorwärmen?"

"Nun reicht es aber", empörte er sich. "Ich weiß ja, dass du sie nicht leiden kannst, aber Thea und ich haben uns zwanzig Jahre lang nicht gesehen."

"Dann wurde es ja auch Zeit nachzuholen, was ihr in den Jahren versäumt habt." 'Wenn du wüsstest', dachte Kramer belustigt, sagte aber kein Wörtchen. Sie spürte, dass er sich über sie lustig machte, und biss die Zähne zusammen.

Zornrot riss sie ihm den kleinen Blumenstrauß aus der Hand. "Mehr konntest du nicht anlegen?"

"Ich bin kein Industrieller, sondern ein kleiner Selbständiger, der von der Hand in den Mund lebt."

"Vielleicht zahlt sie dir ja genug, um für das Grab deiner Eltern mal einen anständigen Blumenstrauß zu kaufen. Was will sie denn von dir?"

Das war's also. Annette war neugierig, aber würde sich eher die Zunge abbeißen, als es zuzugeben.

"Ich soll noch einmal versuchen, Tina zu finden."

"Ach nee. Hat sie plötzlich Sehnsucht nach ihrer kleinen Schwester?"

"Glaube ich nicht. Es geht darum, die Villa in der Rhönstraße zu verkaufen, und die gehört nach Thilos Tod zu einem Viertel Tina."

"Zur Hälfte."

"Nein. Mutter Schabranski lebt in einem Heim und hat Anspruch auf die Hälfte, die andere Hälfte müssen sich die Kinder teilen. Aber dazu muss Tina gefunden werden. Du warst doch mal mit Tina gut befreundet. Weißt du nicht, wo sie abgeblieben ist?"

"Nein", erwiderte Annette zögernd. Wenn es um Geld ging, war die Sache wohl wichtig, auf jeden Fall bedeutungsvoller als Sex oder Erotik. "Sie hat mir noch mal aus Hamburg geschrieben und eine neue Adresse mitgeteilt. An die habe ich ihr eine Antwort geschickt, der Brief ist aber zurückgekommen."

"Ob du mir den Brief mit der neuen Anschrift schicken könntest?" Sie hatte ihn mit Sicherheit aufgehoben. Annettes Ordnung war fast berüchtigt, wegwerfen konnte sie nämlich nichts, und dagegen half nur strengste Ordnung, und wenn sie ihm den Brief schickte, bestand keine Gefahr, dass Ehemann und Bruder wieder im Stadtausaner Bier versanken und erneut Sachschaden anrichteten.

"Ich rufe Helmut gleich an!", sagte sie eifrig und holte ihr Handy heraus.

Kramer lauschte und amüsierte sich. Offenbar hatte der Göttergatte Helmut sofort gefragt, warum Schwager Rolf den Brief nicht persönlich in Stadtausa abholen könne, und sie hatte prompt abgewehrt: "Rolf hat schrecklich viel zu tun und steht massiv unter Zeitdruck." Der Göttergatte kannte seine Frau, resignierte und versprach, den Brief umgehend nach Tellheim loszuschicken.

Annette steckte ihr Handy in die Handtasche, drehte sich zur Seite, schrie auf und stürzte um. Kramer war völlig verdutzt und erst, als sie mit einer Hand wimmernd an den anderen Oberarm griff, wo sich der helle Stoff ihrer Jacke dunkel verfärbte, ahnte er, was passiert war. Sie jammerte jetzt vor Schmerzen und Kramer hielt ihre Hand fest, "Nicht anfassen! Ich rufe sofort den Notarzt." Die Jacke war ohnehin ruiniert, also schnitt er sie mit seinem Taschenmesser auf, um mit seinem Gürtel einen Druckverband um ihren Oberarm legen zu können. Gott sei Dank sah es nur nach einem Streifschuss aus. Die Blutung stand auch bald still. Wer zum Teufel schoss auf seine Schwester und warum? Den Schuss hatte er nicht gehört, von dem Schützen nichts gesehen, nichts bemerkt.


"Wenn du nichts dagegen hast, fahren wir zurück in die Stadt."

Er musterte sie einen Moment scharf, und Thea spitzte die Lippen. "Ich bin nicht blind, mein Liebling. Die Jacken." Sie gingen zum Grab und zu Annette zurück.

Er nickte nur. Seine Schwester und Thea trugen fast identische Stoffjacken, gelb mit blauen, schmalen Streifen, die große Vierecke bildeten, dazu weiße Shirts, Jeans und Sandalen mit halbhohen Absätzen. Durchaus möglich, dass der Schütze Thea noch beobachtet hatte, als sie mit Kramer aus dem Blumenladen gekommen war, dann aber übersehen hatte, dass Thea schnell Richtung Ausgang abgebogen war, weil sie Annette Kramer nicht begegnen wollte, die eine sehr ähnliche Jacke trug.

Der junge Mediziner auf dem Notarztwagen war Kramers Meinung: "Glück gehabt, nur ein Streifschuss. Wir nehmen sie mit ins Kreiskrankenhaus; denn nähen müssen wir die Wunde." Die Polizei machte auch nicht viele Umstände; denn der zuständige Beamte kannte Thea von früher. "Ein leicht verständliches Motiv, Thea, das kommt davon, wenn man zu vielen netten jungen Männern immer wieder Körbe gibt, eines Tages siegt der Rachedurst."

"Du meinst also, der Schütze hatte es auf mich abgesehen?"

"Sagen wir mal so, es würde mich nicht verwundern."

Dann schaute er Kramer vorwurfsvoll an: "Sagen Sie mal, sind Sie nicht auch ein Jean-Paulianer?"

"Bin ich, ja." Thea mischte sich ein: "Du hast dich auch nicht verändert, Lothar Voigt, aber nicht ich, sondern die Schwester meines Begleiters ist angeschossen worden."

Lothar besaß ein lockeres Mundwerk, aber auch einen scharfen Blick. "Alles klar, Thea, dann wäre das die Strafe dafür, dass zwei Frauen fast die gleichen Jacken tragen."

"Na prima. Wir kommen morgen oder übermorgen mal auf deiner Dienststelle vorbei, einverstanden?"

"Dein Wunsch war mir doch schon immer Befehl. Du erinnerst dich doch: Mich hast du über den Zaun oder die Straße geschickt, wenn du beim Schlagball mal wieder eine Scheibe getroffen hattest." Er zwinkerte Kramer zu und flüsterte bühnenreif, so dass alle Umstehenden es verstehen konnten: "Nicht unterkriegen lassen. Thea sammelt Skalpe."

"Stimmt!", sagte sie böse, "und deiner bekommt einen Ehrenplatz auf der Toilette."

Immerhin durften sie losfahren, und Kramer beruhigte sie: "So lange wir in Bewegung bleiben, sind wir vor dem Schützen sicher."

"Na prima. Und wohin wollen wir uns bewegen?"

"Zuerst nach Hause. Ich habe Durst."


Thea hatte schon eingegossen und lächelte etwas schief, als er sich in der Diele nicht in den Sessel neben sie setzte, sondern den Sessel herumschob, bis er ihr gegenüber saß.

"Alte Verhörregel, du musst dem Verdächtigen immer ins Gesicht sehen können."

"Du sagst es!", murmelte Kramer. "Trotzdem - zuerst Prost."


Der Alkohol half nicht, sie grübelten und grübelten, wer da geschossen haben könnte, beide waren sie davon überzeugt, dass der Schütze Thea Schabranski und Annette Kramer verwechselt hatte. Thea bestritt immer wieder, dass sie jemandem anvertraut hatte, sie wolle endlich die Umstände von Thilos Tod aufklären, dass sie folglich auch keinen Beteiligten aufgescheucht hatte.

Kramer konnte sich nicht vorstellen, warum jemand auf Schwester Annette schießen sollte; sie war nicht beliebt, aber doch nicht so verhasst, dass einer meinte, er solle sie aus der Welt schaffen.

Irgendwo musste eine undichte Stelle sein. Gestern der junge Mann auf dem Uferweg, gestern Abend der Neugierige am Fenster, nachts der Unbekannte, der Theas Haus verwanzte und heute der Schuss auf Thea. Das sah ganz so aus, als wolle da jemand unbedingt herausfinden, was Thea und ihr Besucher aus Tellheim im Schilde führten. Oder er wollte beide vertreiben.

Als Kramer ins Hotel fuhr, waren sie so klug wie zuvor, hatten sich nur darauf einigen können, dass es doch eine Person gab, die jetzt wissen mochte, was Thea plante und welche Rolle Kramer dabei in Neustadt spielte. Doch mit Sonja Drexler darüber zu reden, war noch viel zu früh.


An nächsten Morgen hatte er nach dem Frühstück noch eine unangenehme Szene zu bestehen. Annette hatte schlecht geschlafen und war gewillt, ihre schlechte Laune an ihm auszulassen. "Du kommst jetzt sofort zu mir ins Krankenhaus", befahl sie.

"Von wegen!" Er hieß nicht Eduard und sie nicht Paula. "Ich muss arbeiten." Damit legte er auf, packte seine Sachen zusammen und nahm den Fahrstuhl in die Tiefgarage. Eins nach dem anderen.

Schloss Josephshöhe war aufwendig restauriert worden und erstrahlte in einem satten Orange. Der erste Mensch, der Kramer über den Weg lief, war Rico. Sie umarmten sich.

"Was machst du denn hier, Rico?"

"Ich bin jetzt Hausmeister und Haustechniker."

"Nicht Libero bei Benfica oder Bayern München?

"Nee, Rodolfo, dafür Trainer der Josephianer. Mit Trainerschein. Und stolzer Vater."

"Hast du schon eine vollständige Familien-Abwehr zusammen?"

"Nee, die beiden Jungens spielen sehr gut Außenverteidiger, aber das Mädchen treibt lieber Leichtathletik."

Rico schien mit seinem Los sehr zufrieden zu sein, er verlegte gerade Glasfaserkabel für das Schul-Computernetz. "Der heilige Joseph hat sich sehr der Neuzeit angepasst."

"Und seine Maria schaut fern, wie?"

"Wenn unsere Terroristen ihr Zeit dazu lassen."

"Ich komme bald mal bei dir vorbei, Rico. Ich will jetzt aber ins Sekretariat."

Rico verzog das Gesicht, sagte aber nichts.

Die junge Frau hinter dem Sekretariats-Computer schaute ihn unsicher forschend an. Er betrachtete sie ebenfalls zweifelnd und genau. Dann sagte er: "Guten Tag, mein Name ist Rolf Kramer und ich möchte mich nach einer früheren Lehrerin an der Josephshöhe erkundigen."

"Rolf", jubelte sie erleichtert. "Wie toll. Ich bin die Milli, weißt du noch, wir kennen uns aus der Wolfsbachschlucht."

Ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich: Milli Wirth. Die flotte Bedienung aus ihrer Stammkneipe. Für Milli hatten alle Jungens wenigstens vorübergehend geschwärmt, Kramer eingeschlossen. Aber die hübsche Milli war hart und gegenüber allen Verführungs-Versuchungen standhaft geblieben, sie flirtete mit allen gleichermaßen und gewährte niemandem etwas. Bis sich Thilo Schabranski mit ihrer älteren, verheirateten Schwester Jutta Mühlen einließ. Da benahm sich Milli plötzlich, als sei Thilo der einzige Mann auf der Welt und sie, Milli, drohe bis zum jüngsten Gericht leer auszugehen. Ob sie Thilo wirklich mochte oder nur ihrer Schwester Jutta eins auswischen wollte, blieb unklar.

"Was treibt dich hierhin, du warst doch auf dem Jean-Paul - oder irre ich?"

"Nein, du irrst dich nicht. Aber ich habe mal Spanisch-Unterricht bei Maria Ruiz Costa gehabt und wollte mich erkundigen, was aus ihr geworden ist."

"Sie ist nach Spanien zurückgegangen, hat dort geheiratet und lebt jetzt in Salamanca. Ihr Mann ist Dozent für skandinavische Sprachen."

Kramer wunderte sich einen Moment, dass sie so prompt Auskunft geben konnte, vergaß es aber gleich wieder.

"Hast du zufällig ihre Adresse?"

"Ja, einen Moment." Milli zog ein schwarzes Büchlein hervor und fand die gewünschte Seite auf Anhieb. Kramer schrieb sich die Adresse ab. "Danke, Milli. Dann habe ich noch eine Bitte. Ich suche nach Tina Schabranski und habe von Anke Ludwig erfahren, dass du mit Tina gut bekannt warst."

"Na ja, bis sie Abitur gemacht hat und aus Neustadt weggezogen ist."

"Trotzdem! Kannst du mir ein paar Fragen zu Tina beantworten?"

"Hör mal, Rolf, an sich gerne, aber ich muss bis Mittag noch einige Post erledigen. Hättest du nicht Lust und Zeit, mich heute Nachmittag zu besuchen, damit wir in aller Ruhe darüber mal reden können?"

"Warum nicht?" Sie kritzelte ihre Anschrift auf einen weiteren Zettel, und er hatte den Eindruck, dass sie ihn gern aus dem Sekretariat schaffen wollte.

"Wann soll ich bei dir antreten?"

"Wenn du mit dem Auto hier bist, könntest du gegen drei hier vor dem Eingang auf mich warten?"

"Einverstanden."


Weil er bis drei Uhr noch viel Zeit hatte, stieg Kramer den sogenannten Ziegenpfad zum Gipfel der Josephshöhe hoch. Von dort hatte man einen wundervollen Blick in das Ulitztal im Norden und auf das Rieker Vorland im Süden. Richtig warm war es heute nicht, aber angenehm lau, der Wind nahm sich zusammen, säuselte nur und blies nicht. Südlich des Kamms würde es noch angenehmer sein, dort blühte alles früher und wuchs schneller. Als Schüler war Kramer häufiger mit seinem Vater hier gewandert. Eduard Kramer beschwerte sich regelmäßig, er würde an dem Staub in seinem kleinen Büro noch einmal ersticken, was jedoch nur ein Vorwand war, er hatte ein recht großes, sehr helles Büro, das er mit niemandem teilen musste. Den größten Teil der Fläche nahmen die breiten und langen Tische für die Stadt- und Landkarten und die schweren Folianten des Katasters und die Grundbücher ein. Bei ihren Wanderungen über das Riek konnte Kramer senior alle Flurgrenzen und Eigentümer und Bodenwertzahlen zitieren. Er fühlte sich wohl in dieser Landschaft. Seine Vorfahren waren Landarbeiter in Ostpreußen gewesen und als Industriearbeiter gen Westen gewandert. Eduards Mutter war nach dem Ersten Weltkrieg an der spanischen Grippe gestorben, eine ihrer Schwestern im Winter 1917/18 verhungert. Sein Versprechen, alles niederzuschreiben, was er aus Erzählungen und damals noch vorhandenen Unterlagen wusste, hatte Eduard Kramer nicht mehr einhalten können.

Auf dem Kamm blieb Kramer eine Viertelstunde stehen und schaute nach Süden, wo sich gegen den hellen Himmel die hessische Rhön deutlich abzeichnete. Er kehrte um und kämpfte energisch gegen die plötzliche Depression an.


Wie versprochen wartete er auf dem Parkplatz und Milli kam Punkt 15 Uhr aus dem Gebäude, lief rasch auf ihn zu und warf ihre Mappe mit einem Seufzer der Erleichterung auf die Hinterbank. "Die tagen immer noch, das kann spät werden."

"Wer tagt?

"Kuratorium und Vorstand des Landschulheims. Es geht mal wieder um Geld, um Reparaturen, um Neubauten. Immer dasselbe und immer schrammt der Laden angeblich nur knapp am Konkurs vorbei. Fahr mal los, Rolf!"

"Und wohin?"

"Zuerst Richtung Brücke, dann in die Uferstraße abbiegen. Ich wohne am Schlüser Hang."

Es wurde eine ziemliche Kurbelei durch ein Gebiet, in dem er sich schlecht auskannte.

"Da vorne, das alte Fachwerkhäuschen."

Er war ziemlich erschrocken. Das winzige Häuschen war alt, windschief und schien vom Einsturz bedroht. Die Fußbodenbalken des ersten Stocks wölbten sich regelrecht nach unten durch, vom Dach waren viele Schindeln heruntergefallen. Rechts neben dem Haus stand ein alter Schuppen mit Flachdach, den Milli als Garage benutzte, wenn sie mal ein Auto hatte, wie sie seufzte. Das Tor hing so schräg in den Angeln, dass es jeden Moment nach vorn zu stürzen drohte.

"Hast du Hunger?"

"Vielen Dank, Milli, ich muss heute Abend noch ordentlich essen."

"Wo wohnst du eigentlich?"

"Im Moment? - im Hotel Rieker Höhe. Sonst wohne und arbeite ich in Tellheim."

"Da hat Tina Schabranski auch gewohnt, als sie ihre Lehre machte."

"Und wo wohnt sie heute?"

"Das weiß ich nicht. Sie hat mich mal angerufen: Sie hätte einen neuen, tollen Job in Hamburg angenommen, müsse deswegen umziehen und sobald sie dort eine feste Adresse habe und eingerichtet sei, würde sie mir schreiben. Was sie aber nie getan hat. Und dann ging mit einem Mal auch ihre alte Handynummer nicht mehr. Die 11833 kennt keine Tina Schabranski in Hamburg oder Umgebung."

"Und wann hast du denn Thilo zum letzten Mal gesehen?"

"Na, bei eurer Feier."

"Richtig. Und wann hast du zum letzten Mal mit ihm gesprochen, unter vier Augen, meine ich?"

"Bevor er aus der Villa in der Rhönstraße zur Wolfsbachschlucht losfuhr. Da hat er im Lokal angerufen und mich gefragt, ob er die Nacht bei mir in dem Dachstübchen verbringen solle."

"Du hast zugesagt?"

Sie nickte und kramte immer noch in der Handtasche nach dem Schlüssel.

"Milli, er war der Liebhaber deiner Schwester."

"Na und?"

Kramer sah sie eine ganze Weile stumm von der Seite an und hielt den Mund, bis sie die Lippen spitzte. Er hatte vollständig vergessen oder verdrängt, dass Milli früher zwar ein süßer Fratz, aber auch eine ausgewachsene Egoistin gewesen war. Nicht viel anders als ihre Schwester Jutta, die sich in ihrer Wohnung eingeschlossen fühlte und ihre Schwester beneidete, weil die in der Kneipe angeblich immer wieder neue Leute kennenlernte. Milli hatte ihrer Schwester, die von ihrem Mann sehr knapp gehalten wurde, einen Aushilfsjob für den Abend in der Küche der Wolfsbachschlucht besorgt. Jutta hatte an dem Abend die riesigen panierten Schweineschnitzel mit Pilzen in Rührei gebraten. Sie brauchten alle eine feste Unterlage für die folgenden größeren Mengen Brenner-Bier.

"Hast du an dem Abend noch mit Thilo in der Wolfsbachschlucht gesprochen?"

"Nur ganz kurz. Der Wirt sah es nicht gern, wenn man sich mit den Gästen länger unterhielt. Ich habe ihn nur gefragt, ob es dabei bleiben würde und er hat gesagt, sicher, wie besprochen. Es kann allerdings etwas später werden, weil es heute Abend noch Ärger gibt.

"Noch Ärger? Hast du das verstanden?"

"Nein. Aber ich konnte nichts mehr fragen, weil der Wirt an der Tür erschien."

Nach einer Weile schien Milli zu spüren, dass Kramer mit ihren Argumenten nicht ganz einverstanden war, und fuhr deshalb eifrig fort: "Weißt du, so schön war das Bedienen in der Wolfsbachschlucht auch nicht, das darfst du mir glauben. Thilo hatte versprochen, er würde mir einen festen Job in seinem Feinkostladen besorgen. Das war also ein ziemlicher Schlag für mich, als er dann starb."

"Sag' mal, Milli, hast du deinen Schwager Georg angerufen und ihm von Jutta und Thilo erzählt?"

"Ja, habe ich. Was dagegen?" Er schüttelte nur den Kopf und sie holte tief Luft: "So, und jetzt habe ich Hunger, ich mache mir zwei Spiegeleier. Für dich auch?"

"Nein, vielen Dank." Er ging mit ihr in die Küche und setzte sich an den großen Esstisch, während sie am Herd herumfuhrwerkte. Vorher hatte sie sich eine lange Schürze über den hellen Rock und den hellen Pullover gebunden, und Kramer war die Bewegung aufgefallen, mit der sie etwas von der Arbeitsplatte herunterwischte und in einer Schürzentasche verschwinden ließ. Die beiden Spiegeleier auf einer Scheibe trocken Brot verschlang sie sichtlich mit Heißhunger. Danach klopfte sie sich auf den Bauch: "Ruhe da unten! Hier wird nicht geknurrt, mehr gibt es nicht!"

"Bei der Menge würde ich auch knurren", hielt er ihr vor.

"Ja, aber mehr ist nicht drin. Ich muss meine Figur behalten."

Kramer fragte nicht, wozu oder für wen, für seinen Geschmack war sie schon zu schlank. Kaum Busen, kaum Hüften. Weil er sie und ihre überschlanke Figur nur stumm ansah, glaubte sie, sie sollte sich verteidigen.

Noch vor wenigen Wochen hatte sie fast immer in der Josephshöhe gegessen. Zu Mittag ohnehin, weil sie an den meisten Tagen bis 18 Uhr dort arbeitete, dann aber oft auch abends. Durch Zufall war sie einmal mit einer Schülerin ins Gespräch gekommen, die fragte, ob Milli wüsste und ihr zeigen könnte, wie man nähte. Ein Kurs wollte ein Theaterstück aufführen, aber der Kostümverleih verlangte Summen, die sie nicht aufbringen konnten. Milli war Feuer und Flamme, und aus der Kostümnähstunde war bald ein freiwilliger Abendkurs geworden, in dem Mädchen häkeln, stricken und nähen lernten. Manche mussten auch zum ersten Mal selbst etwas stopfen. Milli war sehr geschickt und hatte von Mutter und Großmutter manche Kniffe und Tricks gelernt, die sie mit Feuereifer weitergab. Es hob ihr Ansehen im Landschulheim und damit ihr Selbstbewusstsein, wie Kramer sich gut vorstellen konnte. Das Tüpfelchen auf dem I war dann ein Junge, der 14jährige Harald Neufel, der an dem Abendkurs teilnahm, weil er nach dem Abitur schon jetzt eine Segeltour rund um die Welt plante und sehr vernünftig meinte, es könne nicht schaden, bestimmte Alltags-Fertigkeiten vorher zu lernen. Sein Vater übernahm einen Großteil der Kosten für Stoffe, Knöpfe und Material, so hatte Milli Christian Neufel kennengelernt. Der Kurs wurde ihr nicht bezahlt, sie gab ihn auf, als die Verwaltung monierte, es ginge nicht an, dass sie abends nach dem Kurs auf Kosten des Landschulheimes mit ihren Schülerinnen im Internat esse.

"Verwaltungen sind so, Milli", versuchte Kramer sie zu beruhigen.

"Kann ja sein, dann soll die Verwaltung einen solchen Kurs einrichten und eine unbezahlte Lehrerin finden." Es hatte sie schwer getroffen und wenn nicht Christian Neufel gewesen wäre, der sie getröstet und ihr eine Gehaltserhöhung verschafft hätte, wäre sie gegangen.

Kramer bedauerte sie ausgiebig und nahm wortreich für sie Partei, lenkte dann aber auf sein Thema zurück: "Sag mal, Milli, hatte der Thilo eigentlich Krach mit jemandem, als er in die Schlucht stürzte?"

"Das musst du Jutta oder Thea fragen, ich habe nicht oft mit Thilo geredet." Das konnte sogar stimmen, so oft kamen die Schlimmen Finger nun auch nicht in das Lokal und sie musste arbeiten. Milli stand auf, öffnete das Küchenfenster einen Spalt und zog die Übergardinen vollständig zurück.

"Milli, ist dir an dem Abend, als Thilo abstürzte, irgendwas Ungewöhnliches aufgefallen?"

Sie überlegt eine Weile und schüttelte dann den Kopf.

"Aber deinen Schwager Georg Mühlen hast du gesehen?"

Sie nickt zögernd. "Zuerst nur sein Auto. Der Wirt schimpfte wie ein Rohrspatz, so ein Idiot blockiere seine Garagenzufahrt. Ich habe den Wagen erkannt, habe aber nichts gesagt, um keinen Ärger zu kriegen. Oder Jutta Ärger zu machen."

"Kannst du dich noch an den Namen des Polizisten erinnern, der dich nach Thilos Sturz befragt hat?"

"Ja, Moment, Stock oder Stanger oder Stab oder so ähnlich." Also hatte sie auch bei Stange nichts von ihrem Schwager erzählt, der Kriminalbeamte erfuhr es erst sehr viel später von dem Wirt der Wolfsbachschlucht.

"Triffst du dich ab und zu mit Dula Oppenstedt? Oder Sonja Drexler?"

"Ja schon, aber sehr selten. Manchmal beim Einkaufen an der Ulitzbrücke, ab und zu helfe ich ihr in der Galerie aus, aber sonst privatim - nein. Dula ist mit ihrem merkwürdigen Freund vollauf beschäftigt, mit diesem Vohberg, bei dem ich immer eine Gänsehaut bekomme, wenn ich ihn treffe, und Sonja gehen alle aus dem Weg."

"Weil sie die Palette betreibt?"

"Ja, und weil sie immer neue Frauen für ihre Bar sucht. Mit Sonja will keiner so richtig was zu tun haben, es ist, als ob sie eine ansteckende Krankheit hätte."

Einige Fragen hatte er noch gehabt, aber in diesem Moment klingelte irgendwo ein Handy, und Milli fischte ihren Apparat umständlich aus der Handtasche. "Milli Wirth".

"Du bist das? Das ist aber eine seltene Überraschung. Nein, ich bin zu Hause, im Moment habe ich noch Besuch, aber der will gerade gehen. Zehn Minuten? Fein, ich freue mich."

Kramer verstand einen Rauswurf, wenn der ausgesprochen wurde, und erhob sich deshalb sofort. "Wir sehen uns bestimmt noch!"

"Bis dann mal, Rolf."

Dass sie am Handy den Anrufer nicht mit Namen angesprochen hatte, war ihm natürlich aufgefallen. Wen wollte sie da verheimlichen? Mit dem Auto fuhr er nur so weit, dass er wenden konnte, holte aus dem Kofferraum den Feldstecher und richtete sich aufs Warten ein. Keine zehn Minuten später bremste ein Taxi vor Millis Abbruchbude. Ein großer, schlanker Mann stieg aus. Ihn erkannte Kramer sofort: Christian Neufel, ihr Primus und nie gewählter, aber auch nie angezweifelter Klassenchef. Was mochte der mit Milli Wirth zu besprechen haben? Internats-Probleme doch wohl kaum. Kramer wechselte den Feldstecher gegen die Kamera aus dem Kofferraum aus. Noch reichte das Licht für eine scharfe Aufnahme. Mit aller Vorsicht schlich er sich so an das Häuschen heran, dass man ihn nicht unbedingt sehen musste. Das Küchenfenster wurde geschlossen, aber die Vorhänge nicht vollständig zugezogen. Kramer riskierte es, den Kopf hochzunehmen und durch den Spalt zu schielen, den die Übergardinen offen ließen. Milli stand vor Neufel, hatte die Arme hoch über den Kopf gestreckt und er zog ihr gerade das Shirt aus. Nach fünf Aufnahmen verzog Kramer sich wieder in Deckung.

Neufel blieb nicht lange. Eine Viertelstunde später trat er vor die Haustür, Kramer schoss zwei Aufnahmen, und Neufel ging ohne Zögern Richtung Westen los. Also wartete er nicht auf ein Taxi, und sein Wagen mochte noch vor dem Internat stehen. Dorthin konnte er zu Fuß nur über die Ulitz-Brücke im Osten laufen oder auf der anderen Seite der Brücke den Bus zur Josephshöhe nehmen. Kramer musste sich ducken, als Neufel an seinem Auto vorbeilief, ohne auf den Wagen zu achten. Kramer gab ihm zwei Minuten Vorsprung und folgte ihm dann. Ihr alter Primus legte ein beachtliches Tempo vor; trotzdem hielt sich Kramer auf der rechten Seite in der Nähe der Hecken und Vorgartentüren, um notfalls in Deckung zu huschen. Minutenlang drehte Neufel nicht den Kopf, er schien sich hier auszukennen und hatte offenkundig ein festes Ziel. Dann wurde er plötzlich langsamer, blieb stehen, Kramer - fast überrumpelt -sprang mit einem Satz hinter einen übermannshohen Lebensbaum, der am Rand der nächsten Einfahrt wuchs. Neufel sah sich um, als sei er seiner Sache nicht mehr ganz sicher, bemerkte dann wohl eine Art Wegzeichen und verschwand auf einem schmalen Pfad, der zwischen zwei Vorgärten und Häusern den Hang hinunter ins Ulitz-Tal führte. Kramer hätte den winzigen Abgang glatt übersehen, so folgte er mit respektvollem Abstand seinem alten Klassenkameraden, der mächtig aufdrehte und den steilen Hang regelrecht hinuntersprang und -hüpfte. Auf dem holprigen, steinigen Weg mit den vielen Löchern und Rinnen hatte er gar keine Zeit, sich umzudrehen und auf mögliche Verfolger zu achten, er musste seine ganze Aufmerksamkeit auf den Pfad richten, um nicht zu stolpern. Dann sprang er mit einem mächtigen Satz über einen Entwässerungs-Graben auf die asphaltierte Straße und marschierte weiter Richtung Westen. Wollte er zu Fuß in sein Hotel? Kramer sah sich um und staunte: Wenn ihn nicht alles täuschte, war das die Straße, die zur alten Müllkippe führte, vor ihnen mussten gleich die beiden Gebäude der Palette auftauchen. Da waren sie auch schon und sahen im hellen Sonnenlicht schäbiger aus als im gnädigen Halbdunkel.

Die Bar hatte noch geschlossen, nirgends brannte Licht, und Neufel ging forsch auf das Wohnhaus zu, klingelte und sah sich zum ersten Mal gründlich um. Kramer duckte sich hinter ein Auto und konnte nur hoffen, dass Neufel die Bewegung nicht in einem Augenwinkel registriert hatte.

Doch das Glück hatte ihm wohl beigestanden. Die Tür wurde geöffnet, ganz genau konnte Kramer die Person nicht sehen, aber es schien Sonja gewesen zu sein. Neufel trat ein, die Tür wurde geschlossen und Kramer kratzte sich den Kopf. Dass Neufel Sonja kannte, war ja klar, aber was wollte er zuerst bei Milli und dann direkt danach bei Sonja?

Ein Königreich für eine Wanze in dem Haus, aber es sah so aus, als müsse er sich auf seine Ohren verlassen. Doch das Gehör war auf solche Entfernungen nicht eingerichtet. Er würde nichts hören, wenn Sonja die Fenster fest geschlossen hatte. Und so warm war es leider nicht, dass jemand um diese Tageszeit die Fenster aufriss. Vorsichtig pirschte er sich an das Haus heran, so weit wie möglich außerhalb des Winkels, in dem man durch die Fenster die Straße beobachten konnte.

Dann ging alles sehr schnell, im Haus schrie eine Frau gellend auf, eine Männerstimme brüllte etwas Unverständliches, ein Schuss krachte, eine Tür knallte ins Schloss, die Haustür wurde aufgerissen und Neufel stürmte heraus. Kramer lag bereits vor der fensterlosen Schmalseite auf dem Boden, eng an die Hauswand gepresst und riskierte nur Blicke um die Hausecke herum. Neufel floh im Zickzack auf die Straße, in einer Hand hielt er eine gewaltige Pistole, die er plötzlich hob und auf die offene Haustür abfeuerte. Ein mittelalterlicher Mann in einem Trainingsanzug war herausgekommen, ebenfalls mit einer Waffe in der Hand, und hatte nicht sorgfältig genug aufgepasst. Neufel hatte zuviel Vorsprung gewonnen, er konnte sich umdrehen und ohne Überstürzung zielen. Der Schuss dröhnte wie eine mittlere Flakkanone, Trainingsanzug drehte sich hastig um und floh regelrecht ins Haus zurück. Dabei schrie er wie am Spieß, und Kramer drückte sich wieder tief an den Boden. Er hasste Schusswaffen, besonders, weil er keine besaß. Der schöne Christian rannte nach dem Schuss wieder im Zick-Zack weg, zurück zu dem schmalen Pfad, der den Abhang hoch auf die Straße führte, auf der Kramers Wagen stand. Kramer ließ ihn laufen, blieb an der Hausecke neben der fensterlosen Schmalwand stehen und riskierte ab und zu einen Blick auf die Haustür. Lange musste er nicht warten, zwei Männer, die er nicht kannte, deren Ohrfeigengesichter er aber nicht so rasch vergessen würde, traten auf die Straße und gingen hinüber zum Parkplatz. Mit einer gelben Limousine kamen sie zurück, und als der Wagen vor der Haustür stand, stürzte ein Mann heraus und warf sich regelrecht in das Auto, das mit heulendem Motor und quietschenden Reifen davonschoss. Wer war das gewesen? Die Strecke im Freien war nicht lang genug gewesen, ihn zu erkennen und außer der Tatsache, dass der Flüchtende ihm irgendwie bekannt vorkam, hatte Kramer nichts gesehen.

Im Sonjas Haus schloss jemand jetzt die Eingangstür. Wenn der Helfer und Sonja ein reines Gewissen hatten, würden sie jetzt die Polizei rufen. Kramer zählte bis 100, stand auf, klopfte sich so gut es ging den Dreck von Hose und Jacke und folgte im unauffälligen Normaltempo Christian Neufel, der schon den halben Weg den Hang hoch geschafft hatte. Dadurch fand Kramer auf Anhieb die Einmündung des schmalen Pfades, und kletterte gemütlich in die Höhe. Als er oben auf die Straße trat, war von Neufel weit und breit nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich besaß er ein Handy und hatte sich ein Taxi gerufen - oder auch nicht, wie Kramer überlegte. So oft fuhren die sparsamen Neustädter kein Taxi. Und so ein cleverer Polizist wie Lothar Voigt würde auch die Taxifahrer befragen, ob sich kurz nach dem Vorfall in der Palette ein Mann aus diesem Stadtteil hatte wegbringen lassen. Und wenn ein seriöser Prokurist aus Grünwald hier mit einem Ballermann herumlief und ihn auch benutzte, war an der ganzen Geschichte etwas oberfaul und geradezu polizeiträchtig. Kramer tippte sich an die Stirn. Wenn er in Neufels Lage gewesen wäre, würde er jetzt noch einmal bei Milli hereinschauen. Das ergab zwar kein hieb- und stichfestes Alibi, aber wenn er gar nicht verdächtigt wurde, war es vielleicht völlig überflüssig, sich überhaupt ein Alibi zu zimmern.

Also pirschte er ein zweites Mal an diesem Tag an ein Haus heran. Und siehe da, er hatte richtig getippt und die Intelligenz seines früheren Klassenprimus richtig eingeschätzt. Christian Neufel saß in der Küche an dem großen Tisch, eine Flasche mit einem dunkelroten Likör und zwei gefüllten Gläsern in Reichweite, Milli hockte auf seinem Schoß, das T-Shirt war schon gefallen, er streichelte ihren aufregend hübschen Busen und ein erfahrener Mann wie der schöne Christian würde auch mit dem BH-Verschluss fertig werden. Was nach drei Gläsern Krötenblut sicher nicht jedem Mann glückte. Für alle Fälle holte Kramer noch einmal seine Kamera hervor und knipste; Millis Unterleib wurde vom Fensterrahmen abgeschnitten, aber dass sie einen besaß, war eindeutig. Und auch, wohin sich Neufels Hand verirrt hatte.

Die beiden ließen sich Zeit; Kramer musste eine gute Stunde Geduld aufbringen, bis Neufel das Häuschen verließ. Wieder wartete Neufel nicht auf ein Taxi, sondern lief mit langen Schritten diesmal nach Osten. Wenn er das Tempo durchhielt, brauchte er eineinhalb Stunden bis zum Internat, doch wahrscheinlich hatte er seinen auffälligen Wagen mit dem Münchner Kennzeichen vorsichtshalber in einer Nebenstraße abgestellt. Kramer ließ ihn laufen. Der verehrte Ex-Primus hatte sich sehr verdächtig benommen, und deshalb wollte er lieber einmal nachsehen, wie es Milli ging. Auf sein Klingeln öffnete niemand. Und als Kramer durch das Fenster in die Küche schaute, sah er niemanden. Also holte er Kamera, das Mäppchen mit dem kleinen Universalwerkzeug und ein Paar Plastikfingerhandschuhe aus seinem Auto, öffnete fachmännisch, ohne Einbruchsspuren zu hinterlassen, die Haustür. Milli meldete sich nicht auf sein Rufen, und mit einem äußerst unguten Gefühl stromerte er durch das kleine Häuschen, stieg die lebensgefährlich steile Treppe hinauf und öffnete eine Tür. Millis Schlafzimmer. Sie lag nackt, regungslos und besinnungslos auf ihrem Bett. Aber sie atmete, ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Rolf Kramer, der unheilbare Samariter, nahm eine Wolldecke, die auf einem Stuhl lag, und deckte Milli zu, nachdem er sie geknipst hatte. Sie rührte und bewegte sich nicht, als die Decke ihren Körper berührte. War sie so betrunken? Oder hatte sie was geschluckt? Ohne etwas anzufassen verließ Kramer das Zimmer, warf nur noch einen Blick in die Küche; auf dem Tisch stand eine leere Flasche Krötenblut, aber dummerweise hatte er sich nicht gemerkt, wie voll die Flasche noch gewesen war, als er zum ersten Mal Voyeur spielte. Dann bemerkte er einen Zettel neben der Flasche, auf den jemand eine Vorwahl- und eine Netz-Telefonnummer gekritzelt hatte. Diese Nummer notierte er sich, die Vorwahl war für Tellhein. Millis Kleidung lag auf einem Stuhl, teils auf dem Boden. Er nahm sich die Schürze und kontrollierte die Taschen, aus einer fischte er einen flachen Schlüssel, der zu einem Fach in einer Bank passen mochte. Er fotografierte das gute Stück mehrfach sehr sorgfältig von allen Seiten und steckte den Schlüssel in die Schürzentasche zurück. Die Haustür schloss er nicht mehr ab.


Anke hatte Rezeptionsdienst und musterte ihn belustigt: "Zieht es dich so zu mir?"

"Erstens privat immer, und zweitens jetzt auch beruflich."

"Lass mal hören."

"Ich habe hier eine Telefonnummer, weiß aber nicht, wem sie gehört und wo ich den Betreffenden finde. Wenn ich ihn jetzt anrufe, besteht die Gefahr, dass sein Apparat die Nummer anzeigt, von der aus er angerufen wird, und dann ruft er zur Kontrolle zurück. So mache ich es wenigstens. Deswegen würde ich mich gerne als Hotel Rieker Höhe einstellen, und du weißt dann Bescheid, wenn ein Kontrollanruf kommen sollte."

"Das heißt, du machst mich zur Zeugin einer unerlaubten Handlung?"

"Komplizin", verbesserte er rasch und fand sie hübscher denn je, als sie zu verzweifeln schien und die Augen verdrehte.


Immerhin begleitete sie ihn ohne Protest ins Büro, wo er die Nummer vom Zettel wählte.

"Spedition Gebrüder Lender, Müller. Guten Tag." Eine helle Frauenstimme.

"Hotel Rieker Höhe, Arndt. Guten Tag, Frau Müller, ich hätte gern mit Herr Polter, Lukas Polter gesprochen."

"Mit wem bitte?", fragte sie verwirrt.

"Mit Herrn Polter, Lukas Polter. Polter wie der Geist."

"Den kenne ich nicht."

"Arbeitet er denn nicht mehr bei Ihnen?"

"Nein, wie kommen Sie darauf?

"Vor einer Woche ist ein Mann bei uns gewesen, der sich als Lukas Polter vorgestellt hat. Er wollte sich erkundigen, ob er für eine große Feier das ganze Hotel über Silvester und Neujahr mieten könne. Dazu ein festliches Menü für 130 Personen. So eine Antwort kann man nicht aus dem Ärmel schütteln, und deswegen sollte ich ihn heute anrufen. Er hat mir die Nummer gegeben, unter der ich jetzt Sie erreicht habe."

"Komisch. Ich arbeite seit fast zehn Jahren bei Gebrüder Lender. Aber der Name Polter ist mir nie untergekommen. Sie sind sicher, dass Sie sich nicht eine falsche Nummer aufgeschrieben haben?"

"Sehr sicher."

"Menü für 130 Personen. Wir sind ein kleines Speditionsunternehmen mit Lagerbetrieb. Wir beschäftigen keine 130 Personen. Nein, ich fürchte, da hat Sie jemand an der Nase herumführen wollen oder Sie haben sich doch geirrt."

"Bitte eine Frage noch: Sie haben diese Telefonnummer schon längere Zeit?"

"So lange ich hier arbeite. Also seit zehn Jahren hat sie sich nicht verändert."

"Vielen Dank, Frau Müller."


Er legte auf, und Anke betrachtete ihn grinsend. "Du heißt also Arndt. Irgendwie hatte ich mir die Arbeit eines Privatdetektivs anders vorgestellt. Einen Hauch seriöser und solider. Und jetzt brauchst du bestimmt eine Telefonbuch von Tellheim?"

"Du machst dich." Sie hatte sich an ihn gelehnt, als würden ihre Beine bei solchen Schmeicheleien nachgeben, und richtete sich jetzt mit einem Seufzer auf.


Es gab ein Telefonbuch und es gab eine Spedition Gebrüder Lender. Tellheim, Aachener Straße 16-18."

"Und wenn da ein Kontrollrückruf kommt, was sage ich dann?"

"Meinetwegen: Der Herr Arndt ist beim Zahnarzt."

"Viel Glück - was immer du jetzt vorhast."


Kramer fuhr zum Krekeler Platz, machte absichtlich einen kleinen Umweg. Auf dem jetzt menschenleeren Severinsplatz hielten auch die Busse aus dem Umland, mit denen viele Schüler und Schülerinnen täglich kamen. Neufel war nicht zu sehen.

In Dulas Galerie brannte noch Licht, gleich hinter der Eingangstür wies ein Schild mit einem großen Pfeil auf eine Treppe: "Malstunde im Souterrain." Die Treppe mündete vor einer großen zweiflügeligen Holztür, auf der Dula ein weiteres Pappschild befestigt hatte: "Malstunde Freitag von 18 - 20 Uhr. Garderobe rechts." Hinter der Tür war nur eine einzelne Frauenstimme zu hören. Kramer klopfte leise und drückte dann die nicht verschlossene Tür auf. Als erstes bemerkte er eine Frau im Bikini auf einem Holzpodest, von zwei Deckenstrahlern in helles Licht getaucht, die ihn ziemlich verführerisch anlächelte, sein Zwinkern und seinen lauten Gruß aber nicht erwiderte, sondern unverändert einladend lächelte. Dann fiel ihm auf, dass sie trotz des grellen Lichts nicht einmal die Augenlider bewegte. Und welcher Mensch konnte so unbeweglich seinen Arm nach vorn strecken, ohne zu zittern oder auch nur die geringste Bewegung zu machen? Dann endlich schaltete er, die Hübsche war eine Schaufensterpuppe, unglaublich lebensecht zwar, aber eben nur eine Puppe. Sein verblüfftes Gesicht rief bei dem Dutzend Schülerinnen, die ihn neugierig anschauten, ein leises, aber unverkennbar schadenfrohes Gekicher hervor. Wahrscheinlich hatte sie alle noch nicht "Hoffmans Erzählungen" von Jacques Offenbach gesehen und kannten Olympia nicht. Die jungen Damen hockten mit Zeichenblock und Stiften in kleinen Bänkchen, die ihn an seine erste Grundschulklasse erinnerten - niedrig, unbequem hart, abgenutzt, aber anscheinend unverwüstlich. Dula stand gerade neben einer Schülerin und richtete sich jetzt von dem Zeichenblock auf. Ihre Miene verriet keine ungetrübte Freude über ihren Besucher. "Rolf", sagte sie verwundert.

"Ich würde gerne mit dir sprechen, Dula", erklärte er schnell.

"Im Moment geht es nicht."

"Ich habe Zeit", versicherte er.

"Dann setz' dich doch bitte oben in die Galerie, du musst bis 20 Uhr warten."

"Kein Problem, Dula, mache ich."

"Es ist abgeschlossen, nimm den Schlüssel mit."

Neben der Kasse oben stand ein bequemer Lehnstuhl, Kramer drehte vorher eine Runde durch die beiden Ausstellungsräume und schüttelte nur noch den Kopf. Von Malerei und Plastiken verstand er nichts, aber wie Dula diese Sachen den Neustädtern andrehen wollte, verstand er noch weniger. Hier an der Ulitz waren glutäugige Zigeunerinnen mit schulterfreien weißen Blusen oder röhrende Hirsche vor abendlicher Waldkulisse gefragt, und wer sich modern und weltläufig geben wollte, hängte sich ein vollgetakeltes Segelschiff auf hohen, schaumgekrönten Wellen an die Wand. Warum die Mannschaft bei diesem Sturm noch keine Segel geborgen oder zumindest gerefft hatte, blieb für Kramer schon immer ein Rätsel. Aber Kunst hatte halt ihre eigenen Gesetze.

Er setzte sich und fuhr zusammen. An der Eingangstür stand Max Vohberg und starrte ihn finster an. "Was machen Sie denn hier?"

"Ich wollte mit Cordula sprechen, aber sie hat Unterricht und hat mich deshalb zum Warten hier raufgeschickt."

"Okay", grunzte Vohberg. "Aber das wird Ihnen nichts nutzen."

"Wie bitte?"

"Auch wenn die Malstunde vorbei ist, wird Cordula nicht mit Ihnen reden. Wir haben uns über Sie und Ihren sogenannten Beruf unterhalten. Wir mögen beide keine Schnüffler, weder solche vom Finanzamt noch Privatdetektive. Und deswegen werden Sie jetzt die Kurve kratzen und meine Freundin in Zukunft nicht weiter belästigen! Ich hoffe, wir haben uns verstanden."

Kramer dachte zuerst, er dürfe seinen Ohren nicht trauen, aber ein Blick auf Vohbergs Gesicht verriet ihm, dass der Kerl es ernst meinte. Er war bereit, es auf eine Schlägerei mit Kramer ankommen zu lassen. Ob Dula ihn wirklich aufgefordert hatte, den früheren Klassenkameraden an die frische Luft zu befördern oder ob Vohberg ganz persönliche Gründe hatte, den Privatdetektiv Rolf Kramer einzuschüchtern und auf Distanz zu schicken, spielte keine Rolle. Wahrscheinlich hatten beide etwas zu verheimlichen; eine Sekunde lang beschäftigte Kramer die Frage, ob Thea, die kluge Frau, ihn auch deshalb mit nach Neustadt genommen hatte, damit er für Unruhe sorgte, Staub aufwirbelte und die alte Clique aufscheuchte? Zuzutrauen war es ihr ...

"Na, wird's bald!", dröhnte Vohberg ihn an und kam näher. Kramer stand auf, er verspürte nicht die geringste Lust auf eine Schlägerei, ganz abgesehen von dem Sachschaden, den sie dabei anrichten konnten.

"Ich gehe ja schon. Bestellen Sie doch bitte Dula schöne Grüße von mir, ich hätte gerne auf sie gewartet, sei aber von einem sogenannten Freund daran gehindert worden."

"Raus!", brüllte Vohberg; Humor besaß er nicht für zwei Cent und mit humorlosen Menschen musste man vorsichtig sein. Max der Zornige hatte, was er nicht wusste, zwei große Fehler begangen; er hatte einmal mit einem Schreiben an Sonja ziemlich heftig Kramers Neugier geweckt und jetzt ein weiteres Mal mit einem Rauswurf. Das war immer schlecht, Neugier zu erregen, wenn man etwas zu verbergen hatte. Kramer konnte nicht gut schlafen, wenn nicht alle Fragen, die im Laufe einer Recherche auftauchten, zufriedenstellend beantwortet waren. Lieber etwas Schlaf opfern, eine Antwort finden, und dann beruhigt ins Bett gehen.

Vor dem Eingang zu dem kleinen Zentrum rangierte er sein Auto so, dass er den Ausgang des Innenhofes, an dem Dulas Galerie lag, ohne Mühe und Halsverrenkungen beobachten konnte.


Das Warten machte ihm nichts aus, das war ein Haupt-Bestandteil seines Berufs, und solange die Autobatterie über genügend Saft verfügte, sorgte der Öffentlich-rechtliche Rundfunk dafür, dass er sich nicht übermäßig langweilte. Radio Bayern strahlte sogar ein Programm aus, das nur aus klassischer Musik bestand, und eine der Moderatorinnen, Patricia de Alves mit Namen, würde er sogar gerne einmal kennenlernen, weil er sich in ihre Stimme verliebt hatte. Im Moment brach sich ein Medizin-Historiker einen ab mit der Erklärung, was vor 130 Jahren "hitziges Frieselfieber" gewesen sei, also jene Krankheit, die auf Mozarts Totenschein vermerkt war. Kramer schaltete um, er wusste es in der Regel gern genau, aber auch nicht unbedingt in allen Details.


Er hätte kaum weiter zuhören können, weil in dieser Minute die Malstunden-Teilnehmerinnen auf die Straße herauskamen, alle leicht erkennbar an den großen Zeichenblöcken, die sie unter einem Arm trugen. Dula war nicht dabei, aber das Großmaul Max ging zwischen zwei jungen Damen, die sich angeregt mit ihm unterhielten. Kramer schwankte nicht lange. Mit Dula konnte er nicht reden, weil Vohberg jeden Augenblick in die Galerie zurückkehren konnte, und dann fing der gewalttätige Ärger richtig an. Also würde er sich per pedes an die Fersen des aufgekratzten Trios heften, das Richtung alte Ulitz-Brücke ging. Doch dann bogen Vohberg und seine zwei Begleiterinnen nicht zum Autobusbahnhof ab, sondern hielten auf die kleine Christophorus-Kapelle zu, in der früher viele Kerzen mit der Bitte brannten, vom nächsten Ulitz-Hochwasser verschont zu bleiben. Zwischen Kapelle und Alter Brücke, die jetzt nur für Fußgänger und Fahrradfahrer freigegeben war und so die Autobrücke nebenan entlastete, stand das Mauthaus, heute eine der wenigen Kneipen Neustadts, in die man gehen konnte. Ausgeschenkt wurde leicht muffig schmeckendes Oker-Bier, das unvermeidliche Krötenblut und an der langen Bar alle harten oder süßen Getränke, die schnell zu Kopf stiegen. Zu Kramers Erstaunen verabschiedete sich eine der jungen Damen und lief zur alten Brücke, wo ein junger Mann offenkundig auf sie wartete. Vohberg und die Rothaarige betraten das Mauthaus, Kramer folgte ihnen unauffällig drei Minuten später.

Das Lokal war gut besetzt, Vohberg und die Rothaarige saßen an der Bar, und Kramer bekam an einem Vierertisch noch einen Stuhl, von dem aus er Vohberg und seine Begleiterin beobachten konnte. Ihre Gesichter konnte er zwar nicht sehen, aber ihre Bewegungen ließen keinen Zweifel. Der forsche Max versuchte, die Rothaarige zu erobern, indem er erst einmal größere Mengen Krötenblut in sie abfüllte, was Kramer für eine mehr als fiese Technik hielt, besonders, wenn er sich vorstellte, wie sich die Rothaarige morgen beim Aufwachen fühlen würde. Allerdings verstand er auch nicht, wie sie solche Mengen dieses roten Gesöffs schlucken konnte, ohne sich die Speiseröhre nachhaltig zu verätzen. Entweder hatte sie Organe aus Nirosta und eine durchtrainierte Leber oder sie kannte die Heimtücke dieses Likörs noch nicht. Eingreifen konnte er nicht. Noch hatte Vohberg seinen Verfolger nicht entdeckt, und das sollte eigentlich auch so bleiben. Dann schaute er zum Nachbartisch hinüber und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Der junge, unauffällige Mann mit der getönten Brille würde gleich an unheilbarer Nackenstarre erkranken, so sehr hatte er seinen Hals verdreht, um etwas an der Bar zu beobachten. Warum rückte der Schwachkopf nicht seinen Stuhl herum? Wer oder was interessierte ihn so? Der Zufall gab Kramer die Lösung ein. Die Barfrau stellte ein neues Glas vor der Rothaarigen ab und der Brillenträger schlug seinen Notizblock auf und malte ein Kreuz: Unglaublich, aber wahr: Er führte Buch über das Volumen Krötenblut, das sich die Rothaarige einverleibte, Vohberg hob sein Whiskyglas und trank seiner Begleiterin zu. In dem Moment richtete der Brillenträger nebenan vier Finger seiner gespreizten rechten Hand auf Vohberg aus und bewegte gleichzeitig den Daumen, als müsse er einen Knopf in seiner Handfläche betätigen. Eine solche Kamera besaß Kramer auch. Das Miniatur-Objektiv saß an der Spitze eines dünnen, kaum sichtbaren Glasfaserkabels, die eigentliche Kamera mit Bildverstärker und digitalem Speicherchip trug der geübte Beschatter bruchsicher in einer Jackentasche. Bemerkenswert! Wer interessierte sich da für Max Vohberg? Für einen eifersüchtigen Freund der Rothaarigen war die Ausrüstung zu professionell, zu kompliziert zu bedienen und auch zu kostspielig; es konnte ein Kollege vom Fach sein, den Kramer aber bei der Arbeit nicht stören wollte. Er beeilte sich, sein zweites Bier auszutrinken und zu zahlen und verließ dann unauffällig das Mauthaus. An der Bar war der forsche Max immer noch damit beschäftigt, die vielleicht harmlose, aber arg leichtsinnige Rothaarige für seine Absicht mit Krötenblut zu konditionieren. Kramer drückte ihr alle Daumen, dass sie heute Abend Glück und morgen früh einen klaren Kopf haben möge.

Am Ufer wehte ein kühler Wind, nach wenigen Minuten hatte Kramer das Gefühl, dass er wieder völlig klar im Kopf war, nur sein Magen knurrte unverdrossen, und so langsam begann er zu frösteln. Der junge, bebrillte Mann hatte scheint's Mitleid mit ihm und erschien schon nach wenigen Minuten auf der Straße; doch bevor Kramer ihn ansprechen konnte, hatte der junge Mann sich in ein Auto geschwungen, das wider alle Verkehrsregeln auf dem Bürgersteig vor dem Mauthaus parkte und war davongebraust.

Im letzten Moment merkte sich Kramer das Kennzeichen und rief sofort Otto Kuhfus an. Der wollte brummen wegen der späten Störung, wurde aber umgehend zuvorkommend, als er Kramers Stimme erkannte. Denn die verhieß in der Regel einen größeren, steuerfreien Schein, der dem unterbezahlten und im Straßenverkehrsamt von Tellheim gnadenlos ausgebeuteten Otto jederzeit herzlich willkommen war.

"Otto? Ich brauche mal wieder deine Hilfe. Theodor - Friedrich Ludwig Zwei zwei acht. Es eilt ein wenig."

"Geht in Ordnung, Rolf."

Weil er das Handy schon mal in der Hand hielt, rief er Dula an. Sie hielt sich noch in der Galerie auf und wartete wohl auf ihren Max.

"Ach, du bist es", sagte sie hörbar enttäuscht.

"Wenn du auf deinen lieben Max wartest, der sitzt im Mauthaus an der Bar und füllt deine rothaarige Schülerin mit Krötenblut ab."

"Woher weißt du?"

"Er hat mich sehr unfein aus der Galerie rausgeschmissen, als ich oben auf dich wartete. Da bin ich ihm nachgegangen, ich mag es nicht, wenn man mich so behandelt, und siehe da, er und seine Rothaarige haben mich ins Mauthaus gebracht. Kannst du dir vorstellen, was er von der Rothaarigen will?"

Ohne Vorwarnung begann Dula zu schluchzen: "Der Saukerl. Er hatte mir doch versprochen, künftig die Finger von meinen Schülerinnen zu lassen."

"Dann ist das heute nicht der erste Fall?"

"Nein", antwortete sie automatisch und schaltete dann erst: "Was geht dich das eigentlich an?"

"Nichts. Ich hätte dir heut Abend gerne eine ganz andere Frage gestellt. Kannst du dich noch an Milli Wirth erinnern?"

"Aber ja. Sie hat uns bei unserer Abifeier doch bedient."

"Genau. Siehst du sie gelegentlich in Neustadt?"

"Hm", machte Dula nur.

"Pass mal auf. Ich habe mich heute Abend vor deinen Schülerinnen blamiert, weil ich der Schaufensterpuppe im Bikini zugezwinkert habe. Ein hervorragendes Modell. Aber ich weiß, dass du ab und zu richtige Menschen auf das Podest stellen musst - zum Beispiel Sonja Drexler. Auch mal Milli Wirth?"

"Warum fragst du, wenn du es schon weißt?"

"Ich hab's gerne genau."

"Ja. Milli hat früher öfter Modell gestanden. Bis ich herausgefunden habe, dass sie sich mit Schülern und mit Max verabredet hat. Da habe ich mir die Puppe angeschafft."

"Du hast also auch Schüler? Ältere oder jüngere?"

"Ich nehme Männer erst mit 18 Jahren in den Aktzeichenkurs."

"Danke, Dula."

Am Samstag wurde unter Umständen noch gearbeitet, nur den Sonntag heiligten die reaktionären Ulitztaler um jeden Preis. Also rief er Victor Seyboldts Privatnummer an:

"Hallo, Victor. Könnten wir uns in Sachen Tina Schabranski vielleicht morgen Mittag in deinem Büro treffen?"

"Meinetwegen." Kramer wusste, dass sich Freund Victor, der allein in einer zu großen Villa hauste, übers Wochenende oft ins Büro verzog, wo er sich wohler fühlte als in seinem einsamen Gehäuse.

"Es wird aber sicher so zwölf Uhr - in der Kante. Vorher muss ich hier in Neustadt noch zur Polizei."

"Falsch geparkt?

"Nein, man hat auf meine Schwester geschossen, aber gemeint war wohl Thea Schabranski, Tinas ältere Schwester."

"Steckt deine Nase also wieder tief in einer Sache, die dich eigentlich gar nichts angeht?"

"So könnte man sagen, ja."

"So, so, also gegen zwölf, ich warte auf dich."


Thea war von seiner Idee gar nicht begeistert, als er noch vor dem Frühstück anrief, aber er blieb stur. "Einmal müssen wir hin, Thea. Heute müssen wir bestimmt nicht warten."

Im Frühstückszimmer setzte sich Anke an seinen Tisch. Er täuschte sich sicher nicht. Sie suchte seine Nähe.

Auf der Polizeistation ging es dann auch wie das Brezelbacken. Lothar Voigt strahlte, als er seine Thea wiedersah, der er offenbar einige massive Körbe in der Vergangenheit verziehen hatte. Sie blieben bei der halben Wahrheit. Sie wollte das Haus in der Rhönstraße verkaufen und brauchte dazu die Einwilligung der Miterbin, ihrer Schwester Tina. Und Lothar Voigt wisse ja, dass Tina seit Jahren keinen Laut mehr gegeben habe. Also habe sie ihren alten Schulkameraden Rolf Kramer, der mittlerweile Privatdetektiv in Tellheim geworden sei, gebeten, Tina zu suchen.

Kramer bestätigte alles. Dass er seine in Stadtausa lebende verheiratete Schwester Annette hier am Grab ihrer Eltern angetroffen habe, sei reiner Zufall. Nein, ein Motiv, warum jemand auf Annette schießen sollte, konnte er sich nicht vorstellen.

Lothar lächelte etwas süffisant: "Danke. Wir waren uns ja schon auf dem Friedhof einig, dass der Schuss nicht Ihrer Schwester Annette, sondern Ihrer Begleiterin Thea gegolten hat."

"Aber wer sollte auf mich schießen, der muss doch einen Grund haben, nicht wahr?"

"Sollte man meinen, Thea. Keine Vorstellung, keine Vermutung?"

"Nei... nein", sagt sie so zögernd, dass auch Kramer aufmerkte.

"Also hast du doch einen Verdacht?"

"Lothar, ich mache mich nicht gerne lächerlich. Aber seit ein paar Tagen werde ich das blöde Gefühl nicht los, dass mich jemand heimlich beobachtet ... nein, nur so ein Gefühl, keine Hinweise, keine Zeiten, keine Orte, keine Briefe, keine Anrufe, keine versteckten Attacken in der Öffentlichkeit, nur so ein Gefühl." Sie wollte also weder den Einbruchsversuch am Abend, noch ihr Gefühl, dass nachts darauf jemand im Haus gewesen war, auch nicht die aufgefundenen Wanzen preisgeben. Kramer staunte ein wenig, sagte aber nichts. Er wartete immer noch auf den Tag, an dem ein Kunde, der ihn engagierte, auch rückhaltlos alles berichtete.

"Das ist nicht viel, Thea."

"Nein, ich weiß. Ich wollte es nur mal ausgesprochen haben."

"Und du?", wandte sich Lothar jetzt an Kramer, dem gerade noch rechtzeitig einfiel, dass sich alle Jean-Paulianer lebenslang duzten. Freund Lothar war mit dem Einjährigen abgegangen, hatte damit aber das Recht auf die vertrauliche Anrede nicht eingebüßt.

"Nein, ich kann auch nichts erklären." Die Verfolgung am ersten Abend von Sonjas Haus zum Hotel auf dem Uferweg würde er nicht erwähnen, weil sie genau so wenig Konkretes enthielt wie Theas Gefühl, heimlich beobachtet zu werden. Nun hatte Kramer zuviele Fälle gehabt, die mit so einem Gefühl begannen, um sich darüber lustig zu machen.

Lothar entließ sie sichtlich unzufrieden. "Ich werde mal bei dir vorbeischauen, Thea, und mir ansehen, was das sein könnte."

Thea lachte leise: "Okay, mein Freund, und wenn ich auf die Klingel nicht reagiere, liege ich vielleicht mit diesem Jean-Paulianer hier gerade im Bett."

"Ich komme trotzdem!", versicherte Lothar tapfer. Er hatte gelernt, einzustecken, ohne zu klagen.


Thea wollte im "Ladenhof" noch etwas einkaufen, und Kramer ließ sich den Weg zum Kreiskrankenhaus erklären. Ewig konnte er es nicht hinausschieben.

Schwesterchen Annette riss den Mund auf, als er die Tür ihres Zimmers öffnete und er sagte schnell: "Wenn du hier eine Szene machen willst, bin ich sofort wieder weg."

"Nein, keine Angst, ich finde es geradezu toll, wie du dich noch daran erinnerst, dass du eine Schwester im Krankenhaus hast, und mich heute schon und nicht erst in einer Woche besuchst."

"Habe ich da was versäumt? Gibt es den Mann nicht mehr, dem du zwei Erben geschenkt hast?"

"Der muss arbeiten."

"Und das Geld verdienen, das du mit vollen Händen sinnlos ausgibst!"

Das war, wie er genau wusste, höchst unfair. Annette hatte unter der erzwungenen Sparsamkeit in der elterlichen Wohnung sehr gelitten, hatte aber nie die Kurve gekriegt, sich ihr Taschengeld zu verdienen, wie er es musste, um seine Radiobastelei und Funkerei zu bezahlen. In dem Punkt war sie unverkennbar Paulas Tochter: Andere hatten sich anzustrengen, um Annette Kramer zu geben, worauf sie einen Anspruch zu haben glaubte. So großzügig ihr Mann Helmut sein konnte, so kleinkariert benahm sich Annette gelegentlich. Auch jetzt wollte sie die große Schwester spielen und begann ihm Vorhaltungen zu machen, dass er in einem "teuren Hotel" übernachtete, statt jeden Tag zwischen Neustadt und Tellheim zu pendeln.

"Du hast ja keine Ahnung", bemerkte er trocken und freute sich auf den schmerzhaften Treffer, den er ihr jetzt versetzen würde.

"Was soll das heißen?"

"So kann ich wenigstens jeden Tag Anke Ludwig sehen und sprechen."

Sie zuckte zusammen; auf den "blonden Engel" war sie eifersüchtig gewesen, auf ihr Äußeres und die Tatsache, wie sehr Anke beliebt war und umschwärmt wurde. Dass ihr Bruder sich hatte verprügeln lassen, um Anke vor einer Belästigung zu schützen, hatte ihr schon damals missfallen.

Sie trennten sich in der seit Jahren üblichen Verstimmung und er sagte mit keiner Silbe, dass und wann er noch einmal kommen würde. Je eher sie nach Stadtausa abschwirrte, desto besser.

Auf dem Flur begegnete ihm ein großer, sportlicher und gut aussehender Mann, der ihn forschend musterte. Auch Kramer kam er sofort bekannt vor, aber erst, als der Mann grüßte: "Guten Tag", erkannte er Guido Sandmann wieder.

"Ich glaub's nicht", sagte Kramer. "Guten Morgen, Guido."

"Dann habe ich mich doch nicht geirrt. Rolf Kramer."

"Wie geht's dir?"

"Danke gut. Dir hoffentlich auch?"

"Ja, ich kann nicht klagen. Was treibt dich hierher?"

"Ein Verrückter hat meine Schwester auf dem Friedhof angeschossen."

"Ja, davon habe ich schon gehört."

Kramer staunte ihn an, und Sandmann verstand die nicht ausgesprochene Frage. "So was erfahre ich dienstlich."

"Dienstlich?"

"Ja, ich bin seit drei Jahren Landrat im Ulitz-Riek-Kreis. Wusstest du das nicht?"

"Nein, ich komme nicht oft nach Neustadt."

"Und was hat dich jetzt in die alte Heimat gezogen?"

Kramer blieb höflich, weil er sich sagte, dass Sandmann unter Umständen gar nicht wusste, wie sehr sich Kramer vor zwanzig Jahren über ihn geärgert hatte.

"Thea hat mich gebeten, nach ihrer Schwester Tina zu suchen."

"Immer noch kein Lebenszeichen von der Kleinen?"

"Nein."

"Es klingt jetzt herzlos, aber ich meine es nicht so. Tina passiert schon nichts, die ist wie Unkraut, das nicht vergeht, oder wie eine Katze, die immer auf ihre Füße fällt."

Kramer musste lachen. "So habe ich sie eigentlich auch in Erinnerung. Aber Katzen streunen und liegen selten in ihrem Körbchen, wenn man sie braucht."

Sandmann schaute auf seine Uhr. "Tut mir leid, Rolf, ich muss weiter. Wenn du noch etwas länger in Neustadt bleibst, schau doch mal rein. Ich wohne jetzt in Moosberg, nicht weit von deinem alten Kumpel Hans-Peter Beck."

"Mach' ich", versprach Kramer. "Tschüss, bis die Tage."


Während er die Serpentinen aus dem Ulitz-Tal zum Tunnel hochkurbelte, fiel ihm der Schnurz und seine Weltsicht ein. "Zu groß, um sein Glück zu finden, zu klein, seinem Unglück zu entgehen."

Der Tunnel war wirklich eine Erleichterung. Auf der Tellheimer Seite mündete er in einer vierspurigen, zum Teil aufgeständerten Schnellstraße, die es erlaubte, mit 80 bis 100 km/h hinunter ins Tal zu rauschen, auf einer neuen Brücke zwischen Mingenbach und den westlichen Stadtteilen von Tellheim zuerst den Fluss zu überqueren und weiter im Norden den Kanal und die Bahn. Die Schnellfahrtpracht endete bei der Autobahn-Auffahrt Tellheim-Nord. Kramer bog schon vorher ab, schlängelte sich durch die Stadt und parkte den Karren in einem Innenhof des Ruhlandhauses auf seinem gemieteten Stellplatz.

Als er sein Büro im ersten Stock aufschloss, kam Anielda aus ihrem Studio Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis.

"Hei", grüßte sie fröhlich. "Die Nase etwa schon voll von der alten Liebe?"

"Nein, ich muss nur was aus dem Büro holen."

"Schade. Hast du den Wanzenfreund erwischt? Kannst du mit Thea wieder ungestört im ganzen Haus flirten?"

"Nein. Das geht immer noch nur in der Diele oder in ihrem Schlafzimmer. Eifersüchtig?"

"Bild' dir bloß nichts ein."


Sie hatte regelmäßig die Post heraufgeholt und Schwager Helmut hatte Wort gehalten. Annettes Brief an Tina Schabranski trug als Anschrift "Brigittenstraße 11" und einen Stempelaufdruck "Empfänger unbekannt verzogen."

Der Inhalt interessierte Kramer nicht. Er holte aus dem Stahlschrank noch die beiden "Piepser" und machte sich auf den Weg zur Kromburger Allee, an der die Hauptverwaltung des Allgemeinen Versicherungsvereines lag. Victor Seyboldt wartet schon auf ihn.

"Hei, Victor. Ich suche immer noch eine Tina Schabranski aus Neustadt an der Ulitz, die vor fünfzehn, sechzehn Jahren beim AVV Lehrling war. Was ist aus ihr geworden?"

"Deine Tina hat ihre Lehre mit Bravour abgeschlossen, natürlich haben wir sie übernommen. Aber Schadensformulare zu bearbeiten und Prämien zu berechnen hat sie auf Dauer gelangweilt, und weil sie ein neugieriges, intelligentes und vor allem nicht zu bremsendes Geschöpf war, ist sie eines Tages zu mir gekommen. Ob sie nicht in meiner Abteilung arbeiten könne. Ich hab sie mit Handkuss genommen. Eine gute Erwerbung, Rolf. Dein Kaliber in weiblich, also hübscher und zäher als du. Aber eines Tages rief mein Freund Hendrik aus Hamburg an. Er arbeitet bei der Budjadinger Hilfskasse."

"Budja ... was?"

" Budjadinger Hilfskasse. Ein ganz normaler kleiner Schiffsversicherer, der sich allerdings spezialisiert hat auf kleinere Einheiten, Kümos, Küstenfischer, auf Schiffe, die eher in Küstennähe herumschwimmen, zum Beispiel in der Ostsee."

"Und dazu die ferngesteuerten Modellschiffe auf der Alster?"

"Nein, die fahren auf der Wandse.

"Klingt aufregend, Victor."

"Nicht so voreilig, Freund. Das ist die eine Aufgabe der Hilfskasse, die andere sollte möglichst geheim bleiben. Dort laufen alle Informationen zusammen, die mit Diebstahl von Ladung, Einbrüchen in Häfen, Betrug und Urkundenfälschung, Überfällen, Piraterie etcetera zu tun haben."

"Also ungeklärte Schadensfälle zu oder am Wasser?"

"Du hast es erfasst. Hendrik näherte sich dem Rentenalter, und sein angelernter Vertreter, der seinen Job übernehmen sollte, war einige Monate zuvor von einer Hafengang ziemlich brutal ermordet worden. Zur Beerdigung schickten die Unbekannten einen Kranz und danach einen kleinen Kondolenzbrief: Dem Nachfolger würde es nicht anders ergehen, wenn der seine Nase auch in Dinge stecken sollte, die ihn nichts angingen. Hendrik suchte Ersatz. Und ich habe ihm deine Tina geschickt. Hendrik ist sehr zufrieden mit ihr, und sie wird wohl seinen Job in zwei Jahren übernehmen."

Dann legte Seyboldt den Kopf schräg: "Immer noch ein starker Mann und ein starker Magen?"

"Na klar."

"Dann schau dir das Foto mal an."

Von wegen starker Mann und starker Magen. Kramer musste würgen und schlucken, ihm wurde beinahe schlecht bei dem Bild dieses zu Tode gefolterten Mannes. "Tina soll seinen Job übernehmen", sagte der Graue ruhig.

"Woher hast du die Aufnahme?"

"Die Täter haben sie in dem Kondolenzbrief an Hendrik geschickt, und der hat sie mir geschickt um zu erklären, warum Tina absolut incommunicado bleiben musste. Alle Kontakte nur über ihre Büroadresse."

Viktor betrachtete Kramer spöttisch.

"Wenn sie es bis dahin überlebt ...?"

"Genau, Rolf. Und deswegen weiß selbst ich nicht, wo sie unter welchem Namen wohnt. Warum wird sie denn gesucht?"

"Ihre ältere Schwester Thea will das Haus von den Eltern geerbte Haus verkaufen und Tina ist Miterbin."

"Kennt Tina dich zufällig?"

"Gut sogar. Ich habe ihr zahllose Schulaufsätze in Englisch und Französisch geschrieben, weil ich in ihre Schwester Thea verschossen war und hoffte, Tina würde für mich gute Worte einlegen."

"Na, das ist doch eine echte Vertrauens-Beziehung. Ich muss in der Hilfskasse anrufen und Hendrik bitten, dass er Tina überredet, dich anzurufen. Mehr kann ich leider für dich nicht tun."

"Das ist völlig okay, Victor. Meine Handynummer hast du, und wenn es mit dem Handy wider Erwarten nicht klappt, ich logiere zurzeit im Hotel Rieker Höhe in Neustadt an der Ulitz."

"Augenblick, das schreibe ich mir besser auf. Das Gedächtnis und das Alter - weißt du?"

Kramer grinste, es gab nur wenige intelligente Menschen, die sich so gerissen und so überzeugend dämlich anstellen konnten wie Victor Seyboldt. Wer das nicht wusste und nicht jedes Wort bei dem Grauen auf die Goldwaage legte, wunderte sich, was er dem Grauen alles verraten hatte. Viele hatten es nicht gewusst und sich hinterher gefragt, wie sie nur so dumm gewesen sein konnten, alles das zu verraten, was sie doch verbergen wollten.

"Wie geht's Sabrina?" Sabrina war seine Sekretärin, die ihn mächtig unter der Fuchtel hatte, was ihm gut gefiel. Für Victor war die halbe Welt untergegangen, als sie kündigte, um zu heiraten und nach dem ersten Kind die Zwillinge, die sie jetzt erwartete, aufziehen wollte.

"Das Luder denkt gar nicht daran, wieder zur Arbeit anzutreten. Sie meint am Telefon, eine hübsche, gesunde Tochter würde ihr Glück vollständig machen."

"Ist das Glück schon lange unterwegs?"

"Ja, sogar im Doppelpack."

"Und wie geht es deinem Patensohn?"

"Der strotzt vor Gesundheit und Energie. Ein Prachtkerl! Bei dem Paten ja auch kein Wunder."

"Na großartig. Wollen wir essen gehen, Victor?"

"Tut mir leid, Rolf, ich kann heute nicht, ein andermal, okay?"


Kramer war dem Grauen nicht böse, so hatte er Zeit, bei Brigitte Moll vorbeizuschauen.

Sie bot ihm Kaffee an, den er gerne annahm.

"Nein, tut mir leid, Rolf, wo Tina jetzt wohnt, weiß ich nicht. Sie hat mir vor Jahren einen Brief aus Hamburg geschrieben und darin angekündigt, dass sie wegen eines neuen Jobs umziehen müsse. Sie wollte sich wieder melden, was sie aber bis jetzt nicht getan hat."

"Diesen Ich-Muss-Umziehen-Brief - hast du den noch?"

Sie musterte ihn von der Seite. "Ja, habe ich."

"Kannst du mir den bitte in Kopie zuschicken?"

Sie zögerte. "Ich weiß nicht. Tina hat geschrieben, dass Schwester Thea diesen Brief nie, unter keinen Umständen sehen darf. Das müsstest du mir versprechen."

"Ich versprech es."

"Bei Siebenkäs und Quintus Fixlein?"

Einen höheren Schwur konnte man einem Jean-Paulianer nicht abverlangen.

"Ja, bei Quintus Siebenkäs."

"Dann warte mal." Sie schloss einen kleinen Tresor auf und holte einen schmalen Ordner heraus, in dem einzelne Briefe und Dokumente gesammelt waren. Kramer hatte ungewollt sehr genau zugesehen. Brigitte war schlank geworden, trug ein enges Kleid mit einem hübschen Ausschnitt und hatte sich eine verwegene Frisur verpassen lassen. Sie war jetzt, zweite Hälfte dreißig, eine sehr anziehende Frau geworden, die sich - anders als in der Schulzeit - selbstsicher und selbstbewusst gab und einem Flirt nicht abgeneigt schien.

"Hier, Rolf."

Das oberste Blatt wies weder Absender noch Datum auf, und Tinas Handschrift war seit ihrer Schulzeit auch nicht besser geworden.

Liebe Gitte,

ich möchte Dir schreiben, sitze vor einem weißen Blatt Papier und weiß nicht, ob ich heulen oder lachen soll. Fange ich mal mit dem Heulen an. Du weißt ja, dass ich in Tellheim Guido wiedergetroffen habe. Wir waren drei Jahre zusammen, und im vorigen Monat habe ich zum ersten Mal nachts geträumt, ich würde meine Hochzeitsglocken hören. Da muss er zu einer Tagung nach Kettenburg und lernt dort Ann-Katrin von Zeeden kennen. Du kennst ihn ja und Ann-Katrin vielleicht auch, kannst dir also vorstellen, was passiert ist. Ich hab sofort was gemerkt, als er zurück war, und habe ihn zur Rede gestellt. Er hat nicht geleugnet, und ich war nach drei Jahren binnen zwei Wochen total abgemeldet. So, aber das Schicksal spielt schon merkwürdig. Kaum hatte ich mich entschlossen, nicht Guido, sondern besser mich umzubringen, bekam ich ein tolles Angebot für einen neuen Job in Hamburg. Ich habe zugesagt und werde in den nächsten Wochen dorthin ziehen. Aus Gründen, die ich dir im Moment noch nicht schreiben darf, muss ich meinen Job, meine Tätigkeit und meine Anschrift geheimhalten, auch vor meiner Familie und vor Dir.

Liebe Gitte, meine Schwester Thea darf diesen Brief nie sehen, das musst Du mir bei unserer Freundschaft versprechen. Und Du musst mir bitte glauben: Wenn Du jetzt lange nichts mehr von mir hören wirst, heißt das nicht, dass ich Dich vergesse habe oder von Dir nichts mehr wissen will. Ich verspreche Dir, eines Tages alles zu erklären und dann wirst Du mich verstehen. Und an dieser scheinheiligen Schlange von Ann-Katrin wird Guido hoffentlich keine dauerhafte Freude haben. Soll ich darüber weinen?!

Alles Gute und Liebe - auf ewig Deine Freundin Tina Schabranski.

Er gab ihr den Brief zurück und notierte sich zwei Dinge, die ihm bei der Lektüre aufgefallen waren und die er nachprüfen musste.

"Guido ist Guido Sandmann?"

"Ja." Mehr wollte Brigitte dazu nicht mehr sagen. Seit sie aus Neustadt weggezogen war, hatte sie sich gewaltig zu ihren Gunsten verändert.

"Woher kennst du Guido?"

"In Neustadt kennt doch jeder jeden. Wir haben uns mal an der Brücke getroffen und lange unterhalten. Gleiches Schicksal verbindet halt."

"Das verstehe ich nicht ... gleiches Schicksal?"

"Guidos Vater ist doch auch ermordet worden."

"Waas? Das habe ich nicht gewusst."

"Nein, da warst du schon aus Neustadt abgereist. Die Täterin hat man nie gefasst."

"Täterin?"

"Die Polizei vermutet, dass es eine Polin war, die illegal bei den Sandmanns gearbeitet hat und mit Vater Sandmann ein Verhältnis hatte, bis der sie abschieben wollte. Er ist mit einem Stein erschlagen worden, auf dem Uferweg bei Kreestedt."

"Und wann war das?"

"Ich glaube, im September 1989. Also etwa ein Jahr nach dem Mord an meinem Vater."

"Hat man eigentlich den Mörder deines Vaters je gefunden? Vermutet die Kripo einen Zusammenhang zwischen den beiden Verbrechen?"

"Nein." Ihr Gesicht verschloss sich so jäh, dass er nicht weiter fragen wollte.

"Dann bedanke ich mich für deine Hilfe und rufe Siebenkäs an: Thea wird von Tinas Brief nichts erfahren."

"Okay! Schau ruhig mal wieder rein!"

Als er ging, wurden im Laden drei Kundinnen bedient. Das Geschäft schien gut zu laufen.

Für heute hatte er genug getan und etwas Staub aufgewirbelt, also steuerte er nach Neustadt ins Hotel.


Doch der Arbeitstag war noch nicht beendet. Er saß gerade vor dem Fernseher, als das Telefon neben seinem Bett klingelte.

"Ja?"

"Rolf Kramer? Hier ist Rosemarie Scholz."

"Hallo, Rosy. Schön, dass du dich meldest."

"Ich hab's nicht glauben wollen, als Mutter sagte, du seiest bei uns an der Wohnungstür gewesen. Bist du nach Neustadt zurückgekommen?"

"Nein, ich lebe weiterhin in Tellheim, aber ich habe hier beruflich etwas zu erledigen. Und das ist auch der Grund, warum ich gerne mit dir sprechen würde. Wann hättest du denn mal Zeit?"

"Warum nicht sofort - wenn du Zeit hast?"

"Ja, das ginge, wo bist du denn im Moment?"

"Unten an der Rezeption deines Hotels." Sie kicherte. "Weißt du, ich war noch nie in der Rieker Höhe und wollte mir den Laden schon immer mal anschauen."

"Prima. Dann bleib' unten, ich komme sofort zu dir."


Das klappte ja wie bestellt. Rosemarie hatte sich "fein" gemacht, dabei aber eine dankenswerte Diskretion walten lassen. Der Rock stand ihr, das Shirt saß nicht zu stramm, und die junge Frau, die an der Rezeption Dienst hatte, betrachtete sie ausdrucklos.

Kramer verstand es, sich einer Umarmung geschickt zu entziehen, ohne sie zu kränken, und als er fragte, wohin sie gehen sollten, meinte sie harmlos: "Eben ist da das Licht an der Bar angegangen. Meinst du, wir können da einen Schluck trinken?"

"Warum nicht?"

Sie waren die ersten Gäste und konnten sich den schönsten Tisch aussuchen. Als er sich eine Weißweinschorle bestellte, nahm sie "dasselbe." Natürlich wollte auch sie wissen, was ihn an die Ufer der Ulitz getrieben hatte, und so erzählte er die Geschichte von Thea, Tina und dem Haus in der Rhönstraße. Rosy schaute höflich drein. Sie kannte die Schabranskis nicht.

"Du bist noch bei den Becks?"

"Wieder", korrigierte sie. "Als die Familien nach Moosberg umzogen, habe ich gekündigt und mir einen Job in der Stadt gesucht. Aber der hat mir nicht gefallen, und als ich Frau Beck zufällig getroffen habe und sie mich gefragt hat, ob ich nicht zurückkommen wolle, habe ich zugesagt, noch eine Hauswirtschaftsschule besucht und bin dann nach Moosberg gezogen ..."

"Entschuldige, Rosy, welche Frau Beck? Hans-Peters Mutter oder seine Frau?"

"Seine Mutter, Adrienne Falke. Mit Hans-Peter will ich nichts zu tun haben. Seine erste Frau war schon fürchterlich, aber die jetzige ist noch schlimmer."

"Wie geht es denn den Eltern Beck?"

"So lala", meinte sie trocken. "Sie langweilt sich, und er hat ja seine Freundin Annegret."

"Freundin?"

"Schon seit Ewigkeiten."

"Kennst du sie?"

"Nein. Ich weiß nur, dass sie in Kettenburg wohnt und früher einmal in der Firma im Labor gearbeitet hat; dort hat Eberhard sie auch kennengelernt."

"Geht das schon sehr lange?"

"Mehr als zwanzig Jahre. Diese Annegret scheint so ein Art Zweitfrau zu sein. Die Chefin weiß davon und anscheinend stört es sie nicht. Zufällig habe ich einmal ein Gespräch mitgehört, zwischen Adrienne und ihrer Tochter. Heidrun hat gefragt: 'Warum lässt du dir das gefallen?', und ihre Mutter hat nur gelacht: 'Wir haben uns schon vor langer Zeit arrangiert. Jeder tut, was er will und macht dem andern keine Vorwürfe. Ehrlich gesagt, mir ist lieber, ich weiß, wo und mit wem er sich austobt, als dass er das Geld in Bordellen rauswirft oder bei einer Bereitwilligen, die ihm plötzlich erklärt: Du wolltest mich doch immer schon heiraten, nun wird es Zeit. Sie arbeitet und verdient sich ihren Lebensunterhalt selber. Und bei einer Scheidung hätten wir die Firma verkaufen müssen. Sie gehört zur Hälfte mir. Und verkaufen will er nicht, weil Hans-Peter sie unbedingt erben soll."

"Diese Heidrun ist ...?"

"Adriennes Tochter aus erster Ehe. Die Chefin hat mir mal erzählt, was damals passiert ist. Unglaublich."

"Wie meinst du das?"

"Eine so verrückte Geschichte kann man gar nicht erfinden. Adrienne, ihr erster Mann und Baby Heidrun saßen im Auto, um zur Taufe in die Kirche zu fahren. Auf einer Kreuzung hat sie ein angetrunkener Fahrer gerammt. Der Ehemann ist ausgestiegen, um mit dem anderen die Formalitäten zu regeln, dreht sich noch einmal zu Frau und Tochter um und fällt zu Boden. Als der Krankenwagen endlich eintraf, war Heidruns Vater schon tot."

"Schrecklich", sagte er automatisch und hatte gleichwohl den Eindruck, dass Rosy solche Tragödien liebte - bei anderen selbstverständlich oder in billigen Kitschromanen.

Doch sie vermochte noch eins draufzusetzen. "Die Paten haben vor der Kirche gewartet. Der Taufpate war ein Freund des Toten gewesen, hatte sich auch einmal um Adrienne bemüht und hat dann nach dem Trauerjahr die Witwe geheiratet."

"Eberhard Beck?"

Sie nickte und schob ihr leeres Glas so vor ihn hin, dass er der Bedienung winken musste.

"Lebt diese Heidrun jetzt bei Eberhard und Adrienne?"

"Nein. Sie arbeitet in Darmstadt in einer Pillenfabrik, kommt aber häufiger zu Besuch."

"Verheiratet?"

"Nein. Warum fragst du das alles?"

"Weil ich mit Hans-Peter einmal gut befreundet war", log er. "Und auch seine Eltern kenne."

Das schien ihr zu reichen; sie begann von sich zu erzählen, und er versuchte nicht mehr, das Gespräch auf Hans-Peter zurückzulenken. Adrienne Beck-Falke behandelte Rosy ganz ordentlich. Eberhard übersah sie so gut wie möglich, Hans-Peter war ein Arschloch allererster Güte und seine zweite Frau setzte ihm sozusagen am laufenden Meter Hörner auf.

"Es bleibt eben immer alles in den Familien."

"Was soll das heißen, Rolf?"

"Als ich noch zur Schule ging, hat man das auch von Adrienne erzählt."

"Warum nicht. Hübsch genug war sie ja, und wenn der Mann sich eine Dauerfreundin hielt, durfte sich doch seine Frau ab und zu einen Hausfreund leisten."

So konnte man das sehen, Rosy besaß ein ausgeprägtes Gefühl für ausgleichende Gerechtigkeit. Ihren Eltern ging es gesundheitlich nicht sehr gut. Der Vater war in Rente, die Mutter plagte sich mit schmerzenden Hüftgelenken herum, Rosys Freund war ganz okay, und ihr ging es gut.

"Du lebst bei den Becks?"

"Ja. Stell' dir vor, die haben mir unter dem Dach sogar eine kleine Wohnung eingerichtet." Rosy hatte vom Leben nicht viel mehr erwartet. Und dann musste Kramer ran, von sich erzählen. Der Privatdetektiv imponierte ihr, sie hatte bestimmt eine Menge Jerry Cotton gelesen. Also tat er ihr den Gefallen und tischte seine wenigen Fälle auf, in denen es gewaltsam zugegangen war. Ihre Augen leuchteten, sie hatte Kontakt mit dem richtigen, großen, wilden Leben in der Großstadt und am Ende des dritten Glases glänzten ihre Augen so, dass es ihn zur Vorsicht gemahnte. Zum Glück betraten jetzt andere Gäste die Bar und Rosy meinte, es werde ungemütlich, sie sollte vielleicht besser gehen. Er hielt sie nicht zurück, versprach ihr, sie bei seinem nächsten Besuch in Neustadt ganz bestimmt anzurufen.


Am nächsten Morgen fuhr er sofort in die Rhönstraße. Thea öffnete erst nach langer Zeit und sah gar nicht gut aus, grau, müde, unruhig und irgendwie eingeschüchtert-verängstigt.

"Was ist passiert?"

"Heute Nacht hat jemand versucht, bei mir einzubrechen."

"Wie bitte?"

"Komm mal mit!"

Im Keller der Villa war er noch nie gewesen. Sie nahm ihn mit in den größten Vorratsraum und zeigte ihm ein Kasemattenfenster. Die Scheibe war eingeschlagen, das innen angebrachte zusätzliche Metallgitterfenster hatte der Unbekannte nicht aufbekommen. Die Glasscherben lagen noch auf dem Boden der Kasematte. Thea hatte das Klirren gehört und war in den Keller gegangen; als sie das Deckenlicht anknipste, hatte sie den Mann wohl verscheucht.

"Ein Mann, Thea?"

"Denke ich mir."

"Wenn du im ersten Stock das Klirren einer Fensterscheibe im Keller gehörst hast, musst du eigentlich wach gewesen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auch im leisesten Schlaf so ein Geräusch gehört hätte."

Sie strich sich müde über die Haare. "Kann schon sein. Ich schlafe sehr schlecht in letzter Zeit, wache nachts oft auf und liege dann lange wach."

"Gibt es einen einsichtigen Grund dafür?"

Sie schüttelte nur den Kopf und ging voraus in die Küche. Als er kam, hatte sie noch beim Frühstück gesessen. Er nahm sich eine Tasse Kaffee, setzte sich zu ihr und erzählte ihr mit Ausnahme seines Besuchs bei Brigitte Moll, was er gestern getan und erlebt hatte. Als er Guido Sandmann und die Begegnung im Krankenhaus erwähnte, legte sie den Kopf schräg. Er betrachtete sie unfreundlich. "Du hättest mir ruhig sagen können, dass Guido jetzt euer Landrat ist."

"Hätte das was an deinen Entscheidungen geändert?"

"Nein", musste er zugeben.

"Na also. Ich wollte nicht, dass du wieder schmerzhafte Ausbrüche von Eifersucht erleidest."

"Sehr gütig. Als ich dich das letzte Mal sah, standest du neben Guido am Grab deines Bruders Thilo. Wie ist das zwischen dir und Guido weitergegangen?"

"Gar nicht, weil da nichts angefangen hatte. Im Herbst ist sein Vater erschlagen worden, und wenig später hat seine Mutter Selbstmord begangen."

"Erschlagen? Warum, wann und wo und von wem?"

"Die Polizei vermutet, dass eine Lydia Marchova ihm mit einem Stein den Schädel eingeschlagen hat. Auf einem Rastplatz am Ulitzufer."

"Und warum sollte sie das getan haben?"

"Sie war illegal in Deutschland und hatte ein Verhältnis mit Sandmann senior. Eines Tages wollte er sie wohl loswerden und abschieben lassen."

"Sagt wer?"

"Sandmanns Frau, die von dem Verhältnis wusste, aber sich vor ihrem Mann geduckt hat."

"Und Guido?"

"Den habe ich nur noch ein- oder zweimal auf der Brücke oder am Rathaus getroffen. Nach dem Tod seiner Mutter musste er das Haus auflösen, außerdem das Geschäft seines Vaters verkaufen. Und als wir uns das letzte Mal getroffen haben, wollte er in der Woche darauf sich in Göttingen oder in Tellheim immatrikulieren."

Er hatte Brigitte versprochen, keine Silbe von Tinas Brief zu erwähnen, also konnte er schlecht weiter fragen. "Was machst du heute?"

"Nichts, ich fühle mich wie gerädert."

"Schade ... halt, halt, mein Schatz, das bezog sich nicht auf leichte Tätigkeiten als Helfer."

"Sondern?"

"Ich wollte irgendwo einbrechen und du solltest Schmiere stehen."

"Aber sonst bist du gesund?"

"Thea, in dem Vertrag, den Sonja dir gezeigt hat, steht ein Satz, der mich alarmiert hat ..."

"So?"

"Als Ausgleich für die ungewöhnlich lange Laufzeit bieten Jork & Wille an, Sonja könne bei ihnen Dinge des Bar-Bedarfes sehr günstig einkaufen. Und diese Dinge interessieren mich, vor allem wie Jork und Wille daran gekommen sind."

Das verstand sie nicht.

"Schau, viel spricht dafür, dass Sonja der Organisierten Kriminalität in die Hände gefallen ist. Das kann, aber muss nicht sein. Jork & Wille kann ein ganz normaler Getränkehandel sein, und die Eigentümer wissen unter Umständen gar nichts von dem Nebengeschäft, das der Filialleiter Max Vohberg in Kreestedt aufgezogen hat."

"Das ist aber nicht wahrscheinlich."

"Nein, aber immerhin möglich."

"Fantasie hast du ja", lobte sie sarkastisch.

"Danke, und die wurde angeregt durch die Beziehung Dula-Vohberg."

"Und was nun?"

"Sobald du wieder wach genug bist, dich anzuziehen und eine Stunde wachzubleiben, kutschieren wir nach Kreestedt, und du stehst für mich Schmiere."

"Allerhöchstens sitze ich Schmiere."

"Auch das meinetwegen. Hauptsache, du bedienst im richtigen Moment dieses Gerät." Er holte den Piepser und sie staunte. "Was ist denn das?"

"Ein Warngerät. Ich trag einen Knopf im Ohr und einen Empfänger in der Tasche. Du drückst auf diese große Taste, wenn du siehst, dass sich jemand dem Gebäude nähert, in dem ich gerade verbotenerweise herumturne."

"Ich bin ein Organ der Rechtspflege, nicht des Rechtsbruchs."

"Dann lernst du auch mal die andere Seite der Medaille kennen."

"Deine Überredungskünste haben seit dem Jean-Paul nicht gelitten, im Gegenteil."

"Danke! Möchtest du mir zuliebe dein Gedächtnis noch einmal anstrengen?"

"Kommt darauf an."

"Du hast mir erzählt, Kullischs Frau sei ihrem Göttergatten fortgelaufen. Kannst du dich noch erinnern, wie sie mit Vornamen hieß, wohin sie gelaufen ist und wo sie davor gearbeitet hat?"

"Ich kann mich nicht daran erinnern, aber ich weiß, wo man sich erkundigen kann. Gib mir mal dein Handy."

Sie wählte eine Nummer in Neustadt und sagte rasch: "Hallo, Hermine, ich brauch' mal wieder deine Hilfe und dein Gedächtnis. Wie hieß die Frau, die dem Kullisch weggelaufen ist, mit Vornamen? Und wo hat sie vorher gearbeitet? Wir sind ihm begegnet. Mich hat er erkannt, meinen Begleiter Rolf Kramer nicht. Richtig: ein Frauengucker. Ja, ich schreibe es mir auf."

Ein, zwei Minuten hörte sie gespannt zu, dann sagte sie laut: "Hervorragend. Vielen Dank, Hermine." Und zu Kramer: "Sie heißt Annegret mit Vornamen und hat, bevor sie das Weite suchte, bei Beck-Falke im Labor gearbeitet."

"Großartig. Nein, Thea, keine langen Erklärungen jetzt. Wir müssen los!"


Kreestedt war ein 400-Seelen-Dorf, eine Siedlung rund um das verlassene Schloss, das seinen Namen angeblich von den riesigen Krähenschwärmen ableitete, die sich hier versammelt haben sollten. Das Schloss war von den Besitzern längst aufgegeben und schon teilweise verfallen, als ein ausländischer Saatgutkonzern Gebäude plus Land aufkaufte. Der Konzern war der wichtigste Arbeitgeber im Ort, und ein Ortsvorsteher, der sich aus dieser Abhängigkeit befreien wollte, wies entlang der neu gebauten Landstraße nach Neustadt ein "Industriegebiet" aus. Die Industrie blieb aus, dafür kamen Speditionen und Lagerbetriebe, und das Gelände an der Rieker Straße war heute eine triste Ansammlung von Hallen mit angeklebten Büroteilen, Containerstellplätzen und Abstellflächen für große und kleine Laster. Am Ende der Straße gab es eine Tankstelle.

Jork & Wille machten von der tristen Einfallslosigkeit keine Ausnahme. Die Lagerhalle stand mit einer Schmalseite zur Straße, an der anderen von der Straße aus nicht sichtbaren Schmalseite hatte man den Bürotrakt errichtet. Der Piepser funktionierte und Kramer zeigte Thea, dass er hinten in das Bürogebäude einsteigen wolle. Zwar schien das Gelände menschenleer, aber ein am Sonntag aufgeschobenes Hallentor konnte einem vorbeikommenden Autofahrer auffallen.

"Und wie kommst du in den Büroteil?"

"Schau mal!" Er klappte den Kofferraumdeckel hoch, sie warf einen Blick hinein und seufzte: "Ehrlich gesagt, ich hatte mir deinen Beruf seriöser vorgestellt."

Da konnte er ihr nun auch nicht helfen, schnappte sich den Schlüsselbund, den Leinenbeutel mit dem Werkzeug und die Kamera.

Die Eingangstür zu den Büros war mit einem recht ordentlichen Schloss gesichert, er brauchte mehrere Anläufe, um mit dem Universaldietrich aufzuschließen. Direkt gegenüber dem Eingang führte eine nicht verschlossene Tür in die Halle, in der es jetzt richtig hell war.

Rechts und links an den Längswänden standen Kisten und Kartons, Stapel von Getränkekästen und vereinzelte Regale, beladen mit allen möglichen Packungen.

Er zog langsam an den Vorräten vorbei, nichts Besonderes, nichts Auffälliges und vor allem leider nichts, was nach gestohlener Ware aussah. Aber bald plagte ihn das Gefühl, nicht allein in dem großen Raum zu sein. Die Stapel und Kisten warfen dunkle Schatten. Zu hören war nichts, er blieb stehen und lauschte. Nichts. Trotzdem blieb das Gefühl, nicht allein zu sein. Dann wartete er darauf, sich bewegende oder sich verändernde Schatten festzustellen. Kein Geräusch, keine Bewegung, aber das Gefühl einer in der Nähe lauernden Gefahr wollte einfach nicht weichen. Er lauschte noch einmal. Es war so still, dass man trotz der geschlossenen Türen und Fenster in der Umgebung die Kirchenglocken läuten hörte. Dann ein schlurfendes Geräusch. Er fuhr herum. In der Mitte der Halle gab es eine Art Käfig aus Stahlträgern, die mit festem Maschendraht verbunden waren, für den man einen Seitenschneider brauchte. Auf einer Seite war eine Metalltür in einem Metallrahmen in das Zaungitter eingelassen. Kramer hatte das seltsame Konstrukt aus der Ferne betrachtet und sich nicht vorstellen können, wozu dieser Käfig in der Halle dienen sollte. Als er daran vorbeiging, war die Tür doch geschlossen - oder? Jetzt stand sie einen Spalt offen und als er in der Deckung einer ganzen Wand aus aufeinandergestapelten Kartons vorsichtig heranging, sah er, dass innerhalb des Käfigs eine Treppe nach unten führte. So was reizte seine Neugier ungemein, aber er war nicht lebensmüde. Wenn da einer die Treppe hinuntergelaufen war, so leise wie nur möglich, dann hatte Kramer schlechte Karten, wenn er dem Unbekannten in den Keller folgte und von ihm überrumpelt wurde. An dem Stapel Kartons vorbei schlich er zu seiner Wand zurück, blieb stehen, als er zum ersten Mal ein leises Wummern hörte. Ein rhythmisches Stampfen und Klacken, nicht laut oder heftig, aber völlig regelmäßig. Da lief eine Maschine. Er witterte wie ein Hund vor dem Fuchsbau. Und da meldete es sich zurück, das blöde Gefühl, dass sich außer ihm und dem Unbekannten im Keller unterhalb des Käfigs noch ein Dritter in der Halle aufhielt. Und der gab sich bald weniger Mühe, leise zu sein. Im Gegenteil, sehr energische Schritte - harte Sohlen auf Steinfußboden - näherten sich von der Tür zum Bürotrakt dem Gitterkäfig. Kramer legte sich auf den Boden. Wenn er den Kopf ein paar Zentimeter vorstreckte, konnte er um die Ecke des Kartonstapels schielen. Die herankommende Frau kannte er nicht, sie war recht groß, breitschultrig und trug einen einteiligen Monteuranzug aus Jeansstoff, dazu schwere Sicherheitsschuhe mit Metallkappen.

Er konnte ihr Gesicht nur für Sekundenbruchteile sehen und schätzte sie auf Mitte dreißig. Sie verschwand im Käfig und wenig später verdoppelte sich das Geräusch, so, als sei eine zweite Maschine angeworfen worden. Auf seinem Rückzug zur Tür in den Bürotrakt leistete er sich das Vergnügen, aus einzelnen Kisten und Kartons Weinflaschen hochzunehmen und die Etiketten zu studieren. Er wollte mehrere Besen samt anhängenden Putzfeen fressen, wenn sich in den Flaschen wirklich Riesling Spätlese, Jahrgang 1959 befand oder ein St. Emilion. Erstaunlich war allerdings, dass zwei Regale weiter Jack Daniels in den charakteristischen viereckigen Flaschen mit den abgerundeten Ecken stand, auch Cointreau und Dimple in den "richtigen" Flaschen. "After Eight" in allen möglichen Darbietungsformen, kartonweise Salzgebäck und Snacks. Damit ließen sich mehrere Dutzend von Nachtbars und Discos versorgen. Und auf diesen Kartons fand Kramer, wonach er suchte. Auf einem Karton klebte das nur unvollständig herabgerissene Adressen-Etikett: Semper & Sohn Halle/Saale. Er fotografierte das magere Beweisstück und schnitt aus dem anderen Karton ein Stück mit dem Absenderaufdruck heraus: Baleweis & Co KG, Miesbach/Oberbayern.

Bevor er sich auf die Suche nach weiteren Indizien machen konnte, hörte er ein sehr unfreundliches Knurren in seiner Nähe, das auf einen ziemlich großen Hund hindeutete, dem er nicht gerne begegnen wollte. Also gab er Fersengeld und hatte wohl Glück, dass der Hund an einer Leine geführt wurde. Das Knurren wurde zwar lauter, kam aber nicht näher und eine helle Frauenstimme sagte zornig. "Hör auf so zu ziehen, du blöde Töle!" Noch eine Person am heiligen Sonntagmorgen in der Halle und nicht einmal hatte der Piepser Laut gegeben ... Es gelang ihm, geräuschlos die Verbindungstür zu öffnen, in den Bürotrakt zu schlüpfen und die Tür leise zu schließen. Auf der anderen Seite begann der Hund jetzt zu bellen, aber die Tür wurde nicht geöffnet, Kramer beeilte sich, in das nächste Zimmer zu laufen und die Tür hinter sich zu verschließen. Ein ganz normales Büro mit Regalen voller Aktenordner entlang der Wände, einem Schreibtisch mit einem Computer und auf einem kleineren, separaten Tisch ein Drucker. Das Fenster war geklappt, es roch fast aufdringlich nach Parfüm, und dann sah er auch die Handtasche auf dem Stuhl. Die Frau, die hier ihren Arbeitsplatz hatte, war nur kurz aus dem Raum gegangen, vielleicht zur Toilette, vielleicht in eine Kaffeeküche. Sie konnte jeden Moment zurückkommen: er sah sich hastig nach einem Versteck um. Neben dem Fenster gab es eine schmale Lücke zwischen Außenwand und einem massiven deckenhohen Holzschrank. Wenn er den Bauch einzog, passte er in die Lücke und stand hier in der Falle. Wenn sie ihn bemerkte, musste er alles auf eine Karte setzen, hervorpreschen, sie umwerfen und aus dem Zimmer brausen - direkt in den aufgerissenen Rachen eines zornigen Wachhundes?

Dann hörte er auch schon die Schritte. Jemand kam in das Zimmer, setzte etwas auf dem Schreibtisch ab und begann eine Telefonnummer zu tasten.

"Guten Morgen, mein Schatz. Wie hast du geschlafen? ... Ich bin schon seit neun im Büro ... Das meiste habe ich geschafft ... jetzt warte ich nur noch auf Karin und Helga ... die sind im Keller und drucken noch ... Nein, hier ist alles ruhig ... ja, die Kataloge habe ich eingetütet, die liegen fertig für den Boten ... Na klar, sofort, sobald ich hier abschließen kann ... Ich nehme aber die Fähre ... bis nachher dann, mein Schatz." Das Telefon wurde aufgelegt, wenn das ein halbwegs modernes Festnetzgerät war, sollte der Apparat eine Wahlwiederholungstaste haben. Sie würde also abschließen, und als ordentliche und zuverlässige Mitarbeiterin das geklappte Fenster schließen. An dem Griff hatte er kein Schloss gesehen, also konnte er im Fall der Fälle das Fenster auch wieder öffnen und hinausklettern. Wie schön, dass sie sich im Erdgeschoss befanden. Die Zeit wurde ihm doch noch lang. Er hörte das gedämpfte Klappern der Computertasten. Zweimal schnarrte der Drucker, Papier knisterte, sie schien die ausgedruckten Seiten in einen Umschlag zu stecken und rückte einmal ihren Stuhl und stand auf. Jede Wette, dass sie an eines der Regale gegangen war und einen Ordner herausgeholt hatte, in den sie sofort den Zweitausdruck ablegte. Für seine Arbeit schätzte er sehr den anderen Typ von Sekretärin, der alle Durchschläge erst einmal in einem hohen Stapel sammelte, um sie eines fernen Tages einzuordnen. Es las sich viel leichter auf einzelnen Blättern, als in fast vollen Ordnern die Durchschläge über den Mechanismus zu schieben.

Dann wurde es noch einmal lebhafter. Das Telefon klingelte, sie nahm ab: "Gesine ... na prima ... Ja, ihr könnt kommen, ich hab nicht abgeschlossen."

Gut zwei Minuten später hörte er in seinem Versteck, dass draußen eine Tür ins Schloss geworfen wurde, zwei Frauen näherten sich, Karin und Helga?, und unterhielten sich. Dann kamen sie in das Zimmer und ächzten, als seien sie völlig außer Puste: "Hier, zweimal fünfhundert."

Ihm stockte der Atem. Jemand machte sich an dem hohen Schrank zu schaffen, neben dem er sich verbarg, nur einen Schritt zur Seite und er war entdeckt und hatte es dann mit drei Gegnerinnen zu tun. Und Sicherheitsschuhe konnten schmerzhaft zutreten. Der Geier mochte wissen, wieviel Karate und Selbstverteidigung sie beherrschten.

"Wohin?", fragte eine der Frauen.

"Ganz nach unten, wenn da noch Platz ist."

Zweimal polterte es, als ob schwere Kartons ohne Vorsicht in dem Schrank abgestellt würden. Die Schranktür knallte, ein Schlüssel wurde gedreht und abgezogen und dann sagte Gesine: "Prima, dann können wir ja endlich gehen." Noch zum Abschied wollte sie ihm einen Herzinfarkt beibringen, sie kam, wie er befürchtet hatte, an das Fenster, schloss es und drehte dabei zu seinem Glück nicht einmal den Kopf. Der Computer wurde ausgeschaltet, die drei Frauen gingen, schlossen von außen ab, und er schob sich mit schmerzenden Knochen und steifen Muskeln aus seinem Versteck. Wie schön, den Bauch wieder zu entspannen.

Natürlich interessierte ihn brennend, was Karin und Helga gedruckt hatten, aber der Schrank war zu massiv, den bekam er nicht ohne Einbruchsspuren auf. Dagegen ließ sich ein anderer unverschlossener Materialschrank öffnen und Kramer steckte sich von den Stapeln zwei Angebots- und Preislisten für Getränke ein, begnügte sich damit, die Wahlwiederholungstaste zu drücken und das Display zu studieren, auf dem zuvorkommenderweise die Nummer erschien, die der Apparat gerade wählte.

Am anderen Ende wurde abgenommen: "Wille."

"Entschuldigung, wer spricht da bitte?"

"Wille, Sven Wille."

"Dann entschuldigen Sie bitte. Ich habe mich wohl verwählt."

"Schon gut." Der Mann legte auf. Kramer notierte sich Nummer und Namen, gab dann seiner Neugier nach und nahm sich den aufgerissenen Briefumschlag vor, der auf ihrem Schreibtisch lag. Das Schreiben stammte von einem Franziskus Jork, mit einer Anschrift in Köln-Chorweiler.

Der Inhalt dürfte dem Empfänger Max Vohberg wenig Freude bereitet haben.

Max, lies diese Zeilen jetzt ganz genau. Wir haben dich gewarnt: Wenn wir noch einmal hören, dass du auf eigene Rechnung Nebengeschäfte betreibst, die unser großes Geschäft gefährden, ist es aus zwischen uns. Dann werden wir dafür sorgen, dass du überhaupt keine Geschäfte mehr machen kannst. Was mag deine Cordula dazu sagen? Sei vorsichtig. Franz und Holger."

Es gab genug Licht, diesen schönen Brief zu knipsen. Kramer steckte das Blatt wieder zurück in den Umschlag, kletterte aus dem Fenster, das er hinter sich bis auf einen Spalt zuzog und marschierte dann zwischen den abgestellten Lastern und Lieferwagen auf die Straße zu seinem Wagen.

Wie er befürchtet hatte; auf dem Fahrersitz saß eine tief schlafende und leise vor sich hinschnarchende Thea. Kein Wunder, dass die halbe Mannschaft von Jork & Wille, Zweigstelle Kreestedt, unbemerkt zum Sonntagsdienst antreten konnte. Er schüttelte Thea an der Schulter; sie kämpfte sich mühsam in die Gegenwart zurück und er betrachtete sie unfreundlich. "Gut geschlafen?"

"Entschuldigung, nur einen Moment."

"Der Moment war lang genug, dass vier Personen und ein Hund unbemerkt in die Halle und die Büros gehen konnten." Sie drehte den Kopf zur Seite und schwieg, bis er in der Rhönstraße vor der Villa anhielt. Er wollte ihr keine Vorwürfe machen, aber er war auch nicht gewillt, so zu tun, als sei nichts geschehen. Für wen riskierte er denn das alles? Und wenn sie schmollen wollte - bitte. Wortlos ging sie ins Haus und Kramer fuhr ins Hotel.

Als er in der Tiefgarage seinen Wagen abschloss, hielt auf der anderen Seite ein Coupé mit einem Münchner Kennzeichen. Nach einer Weile stieg Christian Neufel aus und kam breit grinsend auf Kramer zu. "Immer noch hier? Zieht dich nichts nach Hause?"

"Nein, nichts, was zwei Beine hätte und sprechen kann. Wie steht's mit dir?"

"Zuhause wartet schon jemand auf mich, aber Hans-Peter und ich müssen noch einen Sponsor für die Josephshöhe weichklopfen. Vielleicht reist meine Teure auch vorzeitig an, wenn ich ihr verspreche, dass sie ihren Sohn verwöhnen darf."

"Hans-Peter Beck?"

"Ja, einer der alten zehn Finger. Er wohnt in Moosberg und kennt die wichtigsten Leute in der Umgebung ..."

"Kannst du dich noch an Guido Sandmann erinnern?"

"Aber ja. Warum fragst du?"

"Ich bin ihm zufällig im Krankenhaus begegnet, und da hat er mir erzählt, dass er in Moosberg, gar nicht weit von Hans-Peter, wohnt."

"Ja, richtig, da ziehen viele hin. Neustadt ist nicht so schön und Bauplätze gibt es auch nicht."

Gemeinsam kamen sie in die Halle hoch, an der Rezeption stand Anke und winkte ihnen zu.

Im Restaurant wurde ein sogenannter Schneller Sonntags-Snack (SSS) angeboten, was Kramer eine Bulette mit Beilage genannt hätte. Aber sie schmeckte sehr ordentlich und wurde erfreulich schnell serviert.

Die unersetzliche Anke zauberte auch ein Telefonbuch für Kettenburg hervor, und darin war eine Annegret Kullisch mit der Anschrift Lanzengasse 9 verzeichnet.

Danach gönnte er sich ein superkurzes Mittagsschläfchen und ließ sich von Anke belehren, wie man am schnellsten nach Moosberg kam. "Vor dem Hotel nach links abbiegen und immer die Landstraße geradeaus. Sie führte über Moosberg nach Tockel und dort gab es eine Fähre nach Kattenburg auf dem andern Flussufer.

"Kannst du mir bitte noch zwei Anschriften und zwei Telefonnummern heraussuchen?"

"Kein Problem. Wer darf's denn sein?"

"Hans-Peter Beck und Guido Sandmann."

"Bei Hans-Peter wirst du kein Glück haben, er und Christian sind nach Kattenburg gefahren, sie wollen jemandem ein paar Tausender für das Landschulheim aus dem Kreuz leiern."

"Stimmt das, dass der Guido mit der Ann-Katrin von Zeeden verheiratet ist?"

Sie nickte.

"Kennst du sie?"

"Flüchtig. Warum willst du das wissen?"

"Du weißt doch, dass ich von Geburt an neugierig bin. Und wen hat Hans-Peter geheiratet?"

"Welche willst du hören."

"Gibt's mehrere?"

"Ja, er ist von seiner ersten geschieden und von der zweiten heißt es, sie habe auch schon die Schnauze voll von ihm."

"Anke, welche Ausdrücke aus dem Mund unseres blonden Engels!"

"Rede bitte nicht von Thilo. Du weißt, dass er mir diesen Spitznamen angehängt hat."

"Ja, weiß ich."

"Hier, deine Namen und Anschriften."

"Danke, bis heute Abend."


Er kannte Moosberg nicht, weil ihn während seiner Schulzeit nichts dahin gezogen hatte. Es war ein merkwürdiger Ort: Ursprünglich nur ein Club mit Golfplatz, Reitställen und einem großen Schwimmbad. Für den Schüler Rolf Kramer völlig unerschwinglich. Um diese "Keimzelle" herum waren Häuser und Villen, zum Teil richtige Landsitze gebaut worden, und als die Landstraße von Neustadt über Moosberg hinaus bis zum Fluss verlängert worden war, blühte Moosberg erst richtig zum Wohnort der Promis und Reichen auf. Viele Jahre war das Clubhaus der einzige Restaurationsbetrieb gewesen, jetzt fand Kramer ein kleines Café, das Tische und Stühle nach draußen gestellt und Sonnenschirme aufgespannt hatte.

Er bestellte und schaute sich um. An einem Nebentisch stand eine Frau auf und kam auf ihn zu.

"Normalerweise reden ältere Männer jüngere Frauen an. Heute ist das mal umgekehrt, wenn Sie nichts dagegen haben."

Kramer stand auch auf und schaute sie verwundert an. Sie war nicht mehr taufrisch, merklich älter als er, aber der Henker mochte wissen, um wieviele Jahre. Ein schönes, glattes, faltenloses, tief gebräuntes Gesicht, die Figur einer jungen Frau und ein Selbstbewusstsein, von dem viele Jüngere wohl nur träumten.

"Sie erkennen mich nicht mehr?"

"Es tut mir schrecklich leid, nein, das tue ich nicht."

"Sie sind doch Rolf Kramer, nicht wahr?"

"Ja, der bin ich."

"Sie sind mit meinem Sohn Hans-Peter auf das Jean-Paul gegangen."

Zum Teufel, das war unangenehm. Natürlich, Adrienne Falke-Beck, die schöne Adrienne, Miteigentümerin der Firma Beck & Falke.

"Es ist mir schrecklich peinlich, Frau Beck ..."

"Unsinn", unterbrach sie ihn resolut, "das muss Ihnen doch nicht leid tun. Wie lange ist das jetzt her?"

"Zwanzig Jahre", sagte Kramer leise. "Wir wollen im Herbst das zwanzigjährige Abi-Jubiläum feiern."

"Du meine Güte. Zwanzig Jahre. Wie die Zeit verfliegt. Wollten Sie zu Hans-Peter?"

"Nein, ich weiß, dass Ihr Sohn mit Christian Neufel nach Kettenburg gefahren ist, um einem reichen Mitbürger etwas von seinem Reichtum für die Josephshöhe abzuschwatzen."

"Himmel hilf, hat sich das in dem Nest Neustadt schon allgemein herumgesprochen?"

"Nein, so schlimm ist es nicht, ich weiß es von Anke Ludwig, Christian und ich wohnen in ihrem Hotel."

"Die Welt ist klein, was. In welchem Teil dieser Kugel haben Sie sich denn herumgetrieben?" Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm an den Tisch. Da sie offenbar das Gespräch mit ihm fortsetzen wollte, erzählte Kramer in Stenogrammform seinen Lebenslauf, vermied die Namen Wolfsbachschlucht, musste zum Schluss aber, weil sie hartnäckig fragte, doch die mit Thea vereinbarte Schutz-Lüge vorbringen: "Thea Schabranski will das geerbte Haus in der Rhönstraße verkaufen. Dazu braucht sie die Einwilligung ihrer Schwester Tina. Doch Tina ist seit einigen Jahren spurlos verschwunden."

"Und Sie wollen jetzt hier in Neustadt sozusagen Witterung aufnehmen?" Seine berufliche Tätigkeit schien sie zu faszinieren. Kramer hatte ihr noch nicht verraten, dass er keinen Revolver besaß, nicht gerne Bourbon trank und Schlägereien aus dem Wege ging. Er nickte. Bevor sie eine weitere Frage stellen konnte, blieb eine junge Frau neben Adriennes Stuhl stehen und sagte hörbar missgelaunt: "Hier bist du. Ich denke, du wolltest in den Club?!" Kramer mochte diese nörgelnden, sägenden, dick mit Unzufriedenheit belegten Stimmen nicht leiden. Er hielt auch nichts von Frauen, die sich wie Prostituierte auf Freiergang auftakelten und dabei nicht verführerisch, sondern schlicht ordinär aussahen. Das einzige, was aus dem Rahmen fiel, waren ihre Haare, fast weiß und ganz kurz geschnitten; sie sah aus wie ein in weiße Farbe getauchter Igel.

"Das war ich auch, und dann habe ich einen jungen Mann getroffen, den ich von früher kenne."

Kramer stand auf, machte Männchen und sagte: "Ich heiße Rolf Kramer, guten Tag."

"Milena Beck", stellte Adrienne vor, "meine Schwiegertochter." Wenn sich die gewöhnlich gut informierte Anke nicht geirrt hatte, also die zweite Schwiegertochter.

"Herr Kramer ist mit deinem Mann zur Schule gegangen."

Nach dem vernichtenden Blick des Igels zu urteilen, war das für Milena keine Empfehlung.

Mit der Mutter hatte er sich noch unterhalten können, aber das dummdreiste Benehmen dieser Milena ging ihm auf den Geist. So rasch wie möglich verabschiedete er sich.


Der sentimentale Privatdetektiv nahm nicht die schnelle Strecke durch den Tunnel nach Mingenbach und Kattenburg, sondern gondelte auf der Landstraße bis nach Tockel am Fluss und fuhr dort auf die Fähre, die ihn sanft tuckernd über das Wasser nach Kattenburg brachte. Vom Anlieger zum Marktplatz fuhr man eine Minute, stellte dort den Wagen ab und ging zu Fuß weiter. Ein wenig kannte er sich in Kattenburg aus. Er setzte sich auf die nächste freie Bank und rief Annegret Kullisch an.

"Kullisch."

"Guten Tag, Frau Kullisch. Mein Name ist Rolf Kramer. Sie kennen mich nicht, aber ich war einmal ein Schüler Ihres Mannes auf dem Jean-Paul und würde gerne mit Ihnen sprechen."

"Worüber denn?"

Das klang so barsch und unfreundlich, dass er spontan beschloss, kein Süßholz zu raspeln, sondern mit dem großen Hammer zuzuschlagen.

"Über Ihren Geliebten Eberhard Beck."

"Wie bitte? Was soll der Quatsch? Geliebter!? Was wollen Sie mir da unterstellen? Ich kenne keinen Eberhard."

Manchmal war es wunderschön, wenn man mit der Wahrheit lügen konnte. "Ich unterstelle nichts. Ich habe heute Nachmittag mit Adrienne Beck-Falke gesprochen. Wir kennen uns von früher."

"Ach nee, von früher? Aus dem Bett, was?"

"Nein. Aber wie kommen Sie darauf, dass ich mit Frau Beck geschlafen haben könnte?"

Sie war so aufgebracht oder aufgeregt, dass sie sich verriet: "Von Eberhard natürlich."

"Aha, von dem Eberhard, den Sie gar nicht kennen?"

Sie merkte, dass sie unvorsichtig gewesen war, und schwieg lange.

"Frau Kullisch", fuhr Kramer langsam und beruhigend fort, "ich will Ihnen keinen Ärger machen, aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten könnten. Es geht auch nicht um Eberhard Beck, sondern um seinen Sohn Hans-Peter. Er war auch ein Schüler Ihres Mannes."

Ob sie jetzt die Neugier zwickte oder sie ein schlechtes Gewissen hatte - jedenfalls lenkte sie ein: "Meinetwegen, ich habe aber nicht viel Zeit."

"Ich brauche auch nicht lange. Darf ich zu Ihnen kommen, ich sitze im Moment am Fuß der Langen Rampe."

"Na schön, wenn Sie sich beeilen."

"Mach' ich, bis gleich."


Die Lanzengasse entsprach nur in einem Punkt ihrem Namen, sie war sehr schmal, aber nicht sehr lang. Nummer 9 stellte sich als ein älteres dreistöckiges Mietshaus heraus, das vor einiger Zeit renoviert worden war. Sie wohnte auf der zweiten Etage und öffnete sofort. Kramer schätzte sie auf Anfang fünfzig, eine recht große Frau, die sich sehr gut gehalten hatte, sich sehr gerade hielt und viel Wert auf ihr Äußeres legte. Begeistert war sie von ihrem Besucher nicht, das leugnete sie gar nicht. Aber Höflichkeit und Zurückhaltung waren ihr irgendwie in Fleisch und Blut übergegangen.

"Kommen Sie 'rein!", begrüßte sie ihn kurz. "Ihretwegen habe ich einen Schwur brechen müssen, den ich einmal getan habe."

Kramer sah sie groß an.

"Ich hatte mir geschworen, nie meinen Mann anzurufen, aber Sie haben mich dazu gezwungen."

"Das verstehe ich nicht."

"Ich musste mich doch erkundigen, ob Sie wirklich einmal ein Schüler meines Mannes gewesen sind und früher überhaupt eine Möglichkeit hatten, Adrienne Beck-Falke kennenzulernen."

"Hat er sich an mich erinnert?"

"Ja, es hat eine Weile gedauert. Dann meinte er, Sie seien einer der Zehn schlimmen Finger gewesen, und ich sollte bei Ihnen aufpassen. Sie wären schon damals ein unangenehm genauer Zuhörer gewesen."

Als Kompliment war das bestimmt nicht gedacht.

"Frau Kullisch, haben Sie gewusst, dass Hans-Peter Beck ein Schüler Ihres Mannes war?"

"Ja, das habe ich. Herr Kramer, wir sollten zuallererst die Chronologie der Ereignisse ordnen. Ich habe mich von Kullisch getrennt, weil ich es mit ihm nicht länger aushalten konnte. Danach habe ich mir einen Job gesucht und bin bei Beck & Falke gelandet. Dort habe ich Monate später Eberhard Beck kennengelernt. Und dann hat es noch einmal ein halbes Jahr gedauert, bis es zwischen uns gefunkt hat. Weil das Getuschel in der Firma unerträglich wurde, habe ich gekündigt, und Eberhard hat mir geholfen, einen Job im Casino zu bekommen und diese Wohnung zu beziehen."

"Und seitdem ist er Ihr Freund?"

"Ja. Ist er. Schockiert Sie das?"

"Überhaupt nicht. Frau Kullisch, eine sehr persönliche Frage: Warum haben Sie sich nicht scheiden lassen?"

"Was hätte es verändert? Eberhard hätte mich nicht geheiratet und zu Kullisch wäre ich sowieso nie zurückgegangen. Meinetwegen konnte er doch machen, was er wollte."

"Ich glaube, da irren Sie. Einem Lehrer in dem reaktionären Nest sind, was sein Privatleben betrifft, recht enge Grenzen gezogen."

Sie dachte nach und sagte dann trocken: "Da haben Sie wohl Recht."

"Hat Ihr Mann gewusst, dass Sie mit Eberhard Beck zusammen sind?"

"Ja, das habe ich ihm dummerweise im Zorn mal am Telefon verraten."

Sie haben bei mir am Telefon auch so eine merkwürdige Bemerkung gemacht, als hätte ich mit Adrienne Beck-Falke sexuelle Beziehungen gehabt. Wie sind Sie auf diese absurde Idee gekommen?"

"Weil Eberhard mal so was erzählt hat. Seine Teuerste treibe es mit einem Schüler, damit der ihrem Hans-Peter in der Schule helfe."

"Kennen Sie Heidrun Falke?"

"Nicht persönlich, aber ich weiß, wer sie ist und welchen Streit sie zwischen den Eheleuten ausgelöst hat. Während Eberhard den Laden unbedingt seinem Sohn weitergeben will, pocht sie darauf, dass ihre Tochter Heidrun besser geeignet sei."

"Was ja wohl auch stimmt."

"Von mir hören Sie da keinen Widerspruch. Aber das Verhältnis Vater-Sohn war nicht sonderlich gut. Eberhard warf seinem Sohn vor, er sei faul und vergeude seine Zeit mit einer unsäglichen Mitschülerin, die ein vernünftiger Mensch nicht einmal mit der Feuerzange anfassen würde. Hans-Peter, der Liebenswürdige, hat gekontert, der Vater treibe sich dafür mit einer verheirateten Frau herum."

"So entsteht ehrliche Zuneigung und Vertrauen."

Sie lächelte einmal kurz, und er wunderte sich über ihre Gesprächigkeit und Offenheit. "Kann man sagen. Aber als Hans-Peter auf das Abi zuging und klar wurde, dass er das Jean-Paul verlassen müsse, wenn er durchfiele, wurde Eberhard doch sehr nachdenklich. Wenn das geschehe, bekomme doch diese Heidrun den ganzen Laden und nicht sie, sondern ihr Halbbruder werde ausgezahlt."

"Das wusste ich nicht. Das erklärt manches an Hans-Peters Verhalten vor dem Abi."

"So, und jetzt muss ich Sie rauswerfen, ich bin zum Essen verabredet."

Kramer stand schnell auf. "Vielen Dank, Frau Kullisch, Sie haben mir alle meine Fragen beantwortet."

Nach dem Übersetzen gönnte er sich in Tockel an der Tankstelle eine Riesen-Bockwurst mit Brot und Senf. Ein gigantisches Festmahl. Nach Neustadt fuhr er sehr langsam zurück, immer wieder tief in Gedanken versunken. Sprache war manchmal sehr ungenau, sogar irreführend. Unter einer Geliebten stellte man sich was anderes vor als diese gleichmütige, eigentlich sehr nette Frau, auf die das Wort "Geliebte" nicht passen wollte, sondern der Begriff "Freundin". Der Schnurz kam ihm in den Sinn: "Sprache verrät immer mehr, als man preisgeben wollte." Und deswegen war er überzeugt, dass es zwischen ihr und Beck senior Spannungen gab, sonst hätte sie wohl bei einem Fremden nicht so offen geredet.


Anke wurde an der Rezeption gerade abgelöst, als er seinen Schlüssel holte, und als er sie zu einem Schluck einlud, willigte sie ein. "Aber nicht in der Bar, sondern bei mir." Sie hatte im obersten Stockwerk eine kleine abgeschlossene Wohnung und setzte ihm einen Rieker Riesling vor. "Donnerwetter", lobte er nach dem ersten Schluck. "Du gibst mir nachher das Etikett, ja?"

"Wie war's in Moosberg?"

"Ich bin gar nicht bis zu Sandmann gekommen, hatte mich zu einem Wasser in ein Straßencafé gesetzt und wurde von Adrienne Beck festgehalten. Stell' dir vor, die hat mich nach zwanzig Jahren oder mehr wiedererkannt. Ich sie nicht. Später kam dann noch ihre zweite Schwiegertochter dazu. Das ist vielleicht eine dumme Nuss."

"Stimmt. Niemand kann Milena leiden."

"Hans-Peter auch nicht?"

"Nein, der ist aber ein richtiger Hurenbock geworden. Eines Abends war er mit Geschäftsfreunden hier zum Essen, und wir haben uns hinterher noch etwas privat unterhalten." Sie kicherte unernst und zupfte an einer Locke, was bei ihr dem entsprach, was für eine Weitspringerin der Anlauf war. "Sonja Drexler hatte seine Milena angerufen und ihr verraten, wo sie ihren Hans-Peter mit seiner neuesten Flamme überraschen könne. Was sie auch mit Erfolg getan hat und seitdem fürchtet er, dass er bald für eine zweite geschiedene Frau löhnen muss."

"Wer ist denn die dritte Beckerin?"

"Also, die wird bestimmt nicht Frau Beck. Erstens ist sie verheiratet, zweitens zu erfahren, sich von einem Hans-Peter an der Nase herumführen zu lassen. Drittens hat sie mal in der Palette gearbeitet, würde also im Tal immer mal wieder alten Kunden über den Weg laufen, was Sonja ausdrücklich betont hat.

"Verrätst du mir ihren Namen?"

"Rolf!", sagte sie vorwurfsvoll und er musste lachen. "Liebe Anke, wenn ich mit jeder leichtsinnigen Frau oder Hure, mit der ich beruflich zusammentreffe, auch noch was Bettlägeriges anfangen würde, wäre ich völlig verarmt und wahrscheinlich wohl schon längst HIV-infiziert."

"Du warst nie verheiratet?"

"Nein, da ist nie die richtige gekommen. Und du?"

Anke war Witwe, wie er zu seinem Erstaunen jetzt von ihr erfuhr. Sie hatte einen Hotelbesitzer geheiratet, mit dem sie noch gemeinsam dieses Hotel aufgebaut hatte. Kaum lief dieser Laden einigermaßen, verunglückte ihr Mann bei einem Verkehrsunfall tödlich. Sie hatte etwas Geld und Schmuck, dieses Hotel und das von seinen Eltern übernommene Hotel in München geerbt. Das Haus in München hatte sie gut verkauft, mit der Summe alle Schulden auf diesem Bau ablösen können und lebte seitdem allein. Kinder hatten sie nicht gehabt und sie war mit der Rieker Höhe gut ausgelastet.

"Das Ulitztal ist nicht gerade der Treffpunkt des Jet-Sets oder eine prickelnde Quelle der Kultur und Ablenkung!"

"Nein", seufzte sie, "und manchmal ist es hier verdammt einsam und auch schon langweilig. Aber ich hätte es schlechter treffen können, findest du nicht auch?"

"Doch", brummte er; sie legte den Kopf schräg und lächelte ihn an.

Das Handy, das im Ladegerät neben seinem Bett steckte, weckte ihn. Otto Kuhfus stotterte vor Nervosität: "Willst du mich auffliegen lassen?"

"Nein, was soll das, Otto?"

"Das Kennzeichen - nach dem ich mich erkundigen sollte."

"Ja, was ist mit damit?"

"Das gehört zu einem Auto aus dem Landeskriminalamt. Ich muss meinem Informanten 50 Euro zahlen, damit der mich nicht hochgehen lässt."

"Kein Problem, Otto, in dem Umschlag stecken zwei Scheine. Alles klar?"

Er hörte, dass Otto erleichtert schnaufte, und deswegen machte er sofort den Briefumschlag mit den zwei Scheinen fertig und kaufte an der Rezeption eine Marke, als er zum Frühstück ging. Der Tag hatte gut, aber teuer begonnen. Thea rief er nicht an; wenn sie schmollen wollte, sollte sie. Er fuhr in die Innenstadt.


Jutta Mühlen war mittlerweile geschieden und hatte wieder ihren Mädchennamen Wirth angenommen. Sie arbeitete jetzt in der Tourismuszentrale am Alten Rathaus.

Dort einen Parkplatz zu bekommen, ähnelte dem Versuch, in der Arktis einen Goldklumpen zu finden. Aber er hatte unverschämtes Glück; direkt vor ihm fuhr ein Wagen aus einer Lücke, die so groß war, dass er bequem vorwärts einparken konnte. Aus lauter Gewohnheit schaute Kramer auf das Heck-Kennzeichen: KAT-LF 568. LF war natürlich Ro lf Kramer. Solche Spielchen hielten das Gedächtnis in Schwung und den Menschen wach, der schon zu lange am Steuer gesessen hatte. Er hätte sich nie so ein auffälliges, elfenbeinfarbiges Coupé gekauft, allein schon wegen des Spritdurstes nicht.

In der Tourismus-Zentrale herrschte reger Betrieb, er erkannte Jutta nur durch das Namensschildchen an ihrem Platz, stellte sich an den Tresen und wartete, dass sie hochschaute.

"Ja, bitte, wie kann ich Ihnen helfen?"

Weil sie ihn nicht erkannte, blieb er vorsichtshalber beim Sie.

"Sie erkennen mich nicht mehr?"

"Wie bitte?"

"Ich heiße Rolf Kramer und habe vor zwanzig Jahren am Jean-Paul Abitur gemacht. Einer meiner Klassenkameraden war Thilo Schabranski."

Jetzt begann sie zu lächeln. "Natürlich. Der hartnäckige Verehrer von Thilos Schwester. Guten Tag, wie geht es dir?"

"Danke, sehr ordentlich. Ich möchte gerne mit dir über die Schabranskis sprechen."

"Ach nee. Denkt doch noch einer mal an Thilo? Wann hast du denn Zeit?"

"Ich richte mich nach dir."

"Wunderbar. Um 12 Uhr 30 habe ich Schluss, und zu der Zeit meist auch Hunger, wenn du mich dann abholst, könnten wir essen gehen."

"Mit Vergnügen."

Der sparsame Detektiv nutzte jede freie Minute für seinen Auftraggeber und deshalb strolchte er so lange durch die schmalen Gassen der erstaunlich belebten Innenstadt, bis er ein Geschäft gefunden hatte, das ihm vom Chip seiner Kamera Papierbilder herstellte. Trotz des nur schmalen Spalts in der Gardine hatte er Christian Neufel und Milli Wirth bei ihrem Entkleidungsakt hervorragend getroffen. Es konnte kein Zweifel bestehen, was zwischen Milli und Christian als nächstes folgen würde. Dagegen nahmen sich die Aufnahmen, die er in der Kreestedter Halle von Jork & Wille gemacht hatte, demonstrativ langweilig und solide aus.

"Dann habe ich noch eine Bitte. Auf dem Chip sind Aufnahmen von einem komplizierten Flachschlüssel. Die hätte ich gerne so groß wie möglich, aber sie müssen noch scharf sein. Jemand soll den Schlüssel nur nach den Aufnahmen erkennen."

"Machen wir sofort. Wenn Sie warten wollen, nehmen Sie doch bitte da drüben Platz."

Der junge Mann verstand sein Geschäft, die Papierkopien waren hervorragend und er war so klug, nichts zu den Aufnahmen der nackten Milli auf ihrem Bett zu bemerken, obwohl er deutlich schmunzelte, als er an der Kasse das Wechselgeld herausgab.

Punkt 12 Uhr 30 stand Kramer vor der Tourismuszentrale und wartete auf Jutta Wirth. Sie erschien pünktlich und schlug vor: " Altes Brückenzollhaus?"

"Wenn du meinst, okay."

Bei dem schönen Wetter war auf der Veranda gedeckt, von der aus man auf die Alte Brücke und die Ulitz schaute.

Sie bestellten, danach kam sie ihm zuvor: "Was treibt dich zurück nach Neustadt?"

"Thea Schrabranski möchte das Haus in der Rhönstraße verkaufen und braucht dazu die Einwilligung ihrer Schwester Tina. Die ist vor Jahren verschwunden, und ich soll sie suchen."

"Warum gerade du?"

"Ich bin Privatdetektiv."

"Ach nee! Und wieso kommst du damit ausgerechnet zu mir?"

"Weil ich weiß, dass du mit Tinas Bruder Thilo liiert warst."

"Woher willst du das wissen?"

"Du hast Thilo im Wandschrank verstecken müssen, als Georg zu früh nach Hause kam. Thilo hat vor Wut gekocht und sich lauthals bei seiner Schwester beschwert, dass er nicht zum Zuge gekommen war."

"Woher weißt du das?"

"Ich habe es mit eigenen Ohren gehört, Thea hatte mich im Bad verstecken müssen, als Bruder Thilo ins Haus getobt kam."

Einen Moment schaute sie ihn perplex und ungläubig an, dann begann sie lauthals zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören. Als die anderen Gäste sich nach ihnen umdrehten, stand er auf und klopfte ihr auf den Rücken.

Schlagartig hörte sie auf und fauchte ihn an: "Aua. Du tust mir weh. Lass das!"

"Entschuldigung, das wusste ich nicht und das wollte ich nicht."

"Alles in Ordnung. Das konntest du nicht wissen. Aber nun mal raus mit der Sprache, du bist doch nicht wegen Tina zu mir gekommen?"

"Nein. Das bleibt aber bitte unter uns. Ich soll auch herausfinden, was mit Thilo an dem Abend passiert ist."

"Hat Thilo dich bei seiner Schwester erwischt?"

"Nein. Mein Glück, ich weiß, er hatte eine Stinklaune."

"Und das zu Recht! Weißt du, ich glaube, Georg, mein damaliger Mann, ahnte schon längst, dass ich ihn mit Thilo betrog - oder das liebe Schwesterchen hatte ihm was gesteckt - und deswegen war er auch so unangemeldet früh gekommen; er wollte uns überraschen. Wir hatten Schwein, dass ich den Auspuff-Lärm seines Autos gerade noch rechtzeitig erkannt habe. Da waren wir beide schon ausgezogen und hatten mit - hm, hm - begonnen. Thilo musste in den Wandschrank."

"Hat er vor dem Wandschrank irgendetwas gesagt, was er an dem Abend tun wollte? Irgendwas Ungewöhnliches?"

"Also, ich erinnere mich nur an einen Satz, den ich überhaupt nicht verstanden habe. Der lautete ungefähr so: Bis jetzt habe er angenommen, dass es in der Mathematik keine Wunder gebe, aber immer noch fehlende Beweise zu bestimmten Problemen oder Lösungen. Aber nun müsse man ihm erklären, warum das falsch sei."

"Verdammt kryptisch. Und du bist sicher, dass er das so gesagt hat? Jemand müsse ihm erklären, warum es in der Mathematik doch Wunder gebe?"

"Ja, so hat er das formuliert. Und noch etwas angefügt. Vielleicht hat der blaue Engel ja doch Recht. Dem Ferkel traue ich so was jedenfalls zu."

"Moment!", unterbrach er hastig. "Blauer Engel? Das ist aus einem alten Film mit Marlene Dietrich."

"Ich weiß, deswegen hatte ich mir vorgenommen, ihn abends zu fragen, was er damit meinte. Aber ich habe ihn nicht mehr richtig sprechen können."

"Sag mal Jutta, kann es sein, dass du dich verhört hast, dass Thilo gesagt hat: 'Der blonde Engel'?"

Sie zuckte die Achseln. "Gut möglich."

"Weißt du, wen er mit dem blonden Engel gemeint hat?"

"Nein."

"So bezeichnete er Anke Ludwig. Die hast du doch gekannt, nicht wahr?"

"Sicher. Wir haben damals zusammen im Chor gesungen, sie Sopran, ich Alt."

"Das ist ja wundervoll. Und wo?"

"Bei den Ulitzer Unken."

Von denen hatte er schon gehört, ein gemischter Chor, der Volkslieder und -tänze und zu Recht vergessenen Stücke aus der Region probte. Ein zufälliger Zuhörer hatte gemeint, das klinge eher wie das Rufen magenkranker Unken, der Satz sprach sich herum und der Chor hatte seinen Namen weg.

"Du hast an dem Abend in der Küche der Wolfsbachschlucht ausgeholfen?"

"Ja, Milli hatte mir das vermittelt. Der Wirt brauchte eine Aushilfe, und ich konnte das Geld gut gebrauchen. Außerdem wollte ich verhindern, dass das Luder von Schwesterchen die Chance nutzte, mir Thilo auszuspannen und in ihr Bett zu locken. Auch Milli ist nur zu mir in die Küche gekommen, um immer neue Wolfsschnitzel zu holen. Und mit eurem Bierkonsum war der Wirt pausenlos am Zapfhahn beschäftigt. Aber eine interessante Sache habe ich im Keller erlebt. Ich war für kleine Mädchen und wollte gerade hochgehen, als zwei Jean-Paulianer herunterkamen und auf dem Gang vor den Toiletten stehen blieben. Sie haben gezankt. Der mit der tiefen Stimme war stinkwütend und hat fast gebrüllt. 'Ich denke nicht daran, dir noch mal aus der Patsche zu helfen. Diese Scheiße hast du dir selber eingebrockt, mein lieber Hans-Peter, nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst.'"

"Hast du verstanden, was er damit gemeint hat?"

"Nein. Aber dieser Hans-Peter war ziemlich geknickt."

Kramer schaute sie neugierig an, aber sie hielt seinem Blick stand und schien ihn nicht auf den Arm zu nehmen. Endlich sagte sie sehr ernst: "Ich weiß übrigens jetzt auch, wer die beiden waren, die sich da auf dem Gang vor den Toiletten gestritten haben." Dann winkte sie der Bedienung und sagte: "Die Rechnung bitte." Und zu ihm: "Den Kaffee trinken wir bei mir."


Jutta Wirth besaß eine kleine, sonnige Eigentumswohnung im Ginsterfeld; das Ulitztal war in den letzten Jahren Richtung Osten bebaut worden, und sie hatte eine der schöneren Wohnungen bekommen, im ersten Stock mit Blick auf den Hang und den Wald. Ihr Haus war das letzte in einer Reihe und stand etwas versetzt und so weit frei, dass ihr kein Nachbar in die Fenster oder auf den Balkon schauen konnte. Sie füllte Kaffee und Wasser in die Maschine und schob ihn dann ins Wohnzimmer. "Setz' dich!" Dann stellte sie sich mit dem Rücken zu ihm und befahl: "Zieh' den Reißverschluss auf."

"Jutta, nein, ich bin ..."

"Quatsch nicht, mach' schon."

Er zog den langen Reißverschluss auf, das Kleid fiel zu Boden und darunter trug sie nur einen BH und ein Höschen. Doch von Sex und Erotik waren sie beide weit entfernt. Er schnappte vielmehr vor Schreck und Entsetzen nach Luft. Ihr Rücken war ein einziges Muster aus blutigen, geschwollenen Streifen und notdürftig mit Pflaster und Mull verklebten Platzwunden. Sie atmete schwer. "Ich kann von Glück sagen, dass die Schweine mir nur den Rücken gegerbt und meinen Busen verschont haben."

"Wer war das?"

"Hans-Peter Beck und Christian Neufel."

"Das kann ich nicht glauben ..."

"Das würde mir auch kein Mensch glauben. Als sie gingen, haben sie nur gelacht. Natürlich würden sie sich gegenseitig ein Alibi geben, und sollte ich versuchen, sie anzuzeigen, wäre ich wegen Verleumdung, falscher Beschuldigung und versuchter Erpressung dran."

"Haben sie beide ihre Namen genannt?"

"Voller Hohn, ganz deutlich. Neufel und Beck. Klingt wie ein Immobilienmakler, nicht wahr"

"Jutta, warum haben sie das getan?"

"Ich weiß es nicht. Wenn du es einmal herausbekommen solltest und ich zu dem Zeitpunkt wieder auf dem Rücken liegen kann, bist du herzlich zu einer Nacht der Nächte eingeladen."

"Und was meint dein Freund dazu?"

"Welcher Freund?"

"Jutta! Der Mann, der dir geholfen hat, den Rücken zu verbinden und zu verpflastern und auf deine Bitte hin weder einen Notarzt geholt, noch die Polizei verständigt hat."

"Ach der. Der ist tolerant. Kann ich mich jetzt umdrehen? Auf Dauer wird es komisch, mit einem Menschen zu reden, der hinter einem sitzt."

"Willst du das wirklich, Jutta?"

"Ja, wirklich, überleg' es dir."

"Das muss ich nicht. Die Antwort lautet nein. Aber ich hätte gerne eine erotische Erinnerung an dich."

"Soll ich mich also doch umdrehen?"

"Nein, aber so auf mich warten, bis ich meine Kamera aus dem Wagen geholt habe."

Er beeilte sich, legte den Reservechip ein und knipste einige Male ihren geschundenen Rücken.

"Soll ich dich nicht doch in eine Ambulanz bringen? Oder nach Tellheim in eine Klinik?"

"Nein, danke, Rolf, ich habe eine ordentliche Ärztin in Kattenburg, die nicht fragt und schweigt, weil ich sie darum gebeten habe."

Dazu sagte er nichts, so musste er sich ab und zu auch verhalten, also half er ihr schweigend, das Kleid wieder überzuziehen. Wenn er eben im Restaurant nichtsahnend auf eine diese Stellen geklopft hatte, würden ihr wohl die Engel gepfiffen haben.

"Wo ist das passiert?"

"Auf der Josephshöhe. Milli hatte mich angerufen, ob ich sie nicht mit dem Auto abholen könnte, aber als ich in das Büro kam, war sie nicht da, sondern die beiden erwarteten mich im Sekretariat."

Milli hatte bestimmt auf Neufels Wunsch ihre Schwester in die Falle gelockt und war dann gegangen, um nicht Zeugin zu werden.

"Was wollten sie eigentlich von dir?"

"Ich sollte mir ganz genau überlegen, was ich über die Chorproben in den Rieker Sälen erzählen würde."

"Hast du das verstanden?"

"Nein. Sie wollten es mir auch nicht erklären, sondern meinten nur hohnlachend, ich würde das schon begreifen, wenn es so weit wäre. Und als kleinen Vorgeschmack haben sie mir die Sachen heruntergerissen und Beck hatte eine Peitsche dabei. Du, der ist doch krank im Kopf. Ich habe geschrien wie am Spieß, und das hat ein Haustechniker gehört, der ins Büro gekommen ist, worauf Beck und Neufel abgehauen sind."

"Rico."

"Du kennst ihn?"

"Wir haben beide in der Gärtnerstraße gewohnt."

"Er hat dann auf meine Bitte meinen Freund benachrichtigt und mir hoch und heilig versprochen, den Mund zu halten."

"Was er getan hat, Jutta. Du solltest dir jetzt noch was überlegen."

"Ja, und was?"

"Ob du deiner Schwester deinen Rücken zeigst."

"Was willst du damit sagen?"

Er gab ihr wortlos das Bild, das er von Milli und Neufel in dem kleinen Häuschen geknipst hatte, und Jutta schnappte nach Luft.

"Das ist doch der eine Schläger. Was hat das zu bedeuten?"

"Ich weiß es nicht. Aber sie ist mit Neufel - sagen wir mal - gut bekannt."

"Kann ich das Bild behalten?"

Er klopfte auf seine Jackentaschen, ja, den Chip hatte er noch.

"Gut, meinetwegen, ich kann mir weitere Bilder machen lassen. Allerdings tu' mir einen Gefallen. Zeige das Bild Milli oder Neufel erst, wenn ich dir sozusagen grünes Licht gegeben habe."


Der junge Mann in dem Geschäft erkannte ihn wieder und zog die falschen Schlüsse, meinte deshalb mutig: "Ein hübsches Mädchen."

"Aber teuer und gefährlich."

"So sieht sie eigentlich gar nicht aus!"

"Damit hat sie auch schon mehrere Männer ruiniert."


Auf der Rückfahrt grübelte er, was Hans-Peter Beck und Christian Neufel zu einer solchen Tat veranlasst haben mochte. Dass Jutta keine Ahnung haben wollte, glaubte er ihr nicht so recht, wahrscheinlich war es ihr peinlich, den Grund zu nennen, den sie vermutete.

Das Handy unterbrach seine Gedanken. "Rolf, kannst du bitte kommen!?"

"Thea, was ist los?"

"Man hat auf mich geschossen. Nicht getroffen, aber ich habe eine Höllenangst, dass sich der Kerl noch da draußen herumtreibt."

"Ich komme sofort. Willst du nicht Freund Lothar anrufen?"

"Bloß nicht."


Sie hatte die Haustür mit Kette und Riegel gesichert und führte ihn sofort in den - wie sie es nannte - Salon. Dessen Fenster lagen zur Straße, und auf der anderen Seite der Straße erhoben sich der bewaldete Hang, der hinauf zur rechten Talhöhe führte; der obere Teil des Hanges gehörte schon zum Stadtwald, und fünfhundert Meter weiter nach Westen kerbte die Wolfsbachschlucht den recht steilen Hangwald. Der Wolfsbach mündete knapp vor der Ortsgrenze in die Ulitz.

"Ich hatte gerade die Fenster zum Lüften aufgemacht. Da hat es hinter mir mächtig geklirrt und gerummst."

An der Wand stand ein gläserner Geschirrschrank mit grauenvollen Sammeltassen und kitschigen Porzellanfiguren, dessen Frontglas in Stücke zersprungen war. Die Kugel musste aus dem Wald am Hang abgefeuert worden sein, hatte die Frau am Fenster verfehlt und war quer durch den Raum geflogen.

"Hast du jemanden weglaufen sehen?"

Thea schüttelt den Kopf.

"War hier jemand am Haus oder in der Straße? Ein auffälliges Auto oder so?"

"Nein, warum fragst du?"

"Ich versteh' nicht viel von Schusswaffen, aber ich denke mir, der Schütze hat ein Gewehr benutzt. Und damit läuft man nicht so einfach unbemerkt durch die Gegend."

Sie knurrte etwas, was Zustimmung sein mochte, und erst jetzt fiel ihm ein, dass ihr lauschender Wanzenfreund ihre Unterhaltung wohl verstehen konnte.

"Also keine Polizei?"

"Nein."

"Und wie willst du dich gegen einen neuen Anschlag schützen? Was, wenn der Schütze das nächste Mal besser zielt?"

Sie zuckte die Achseln, im Moment war ihr alles gleichgültig.

"Ich kann dich nicht schützen."

"Das erwarte ich auch gar nicht von dir."

"Na großartig. Dann kannst du was zu meinem Erfolg beitragen. Wo wohnt Hermine Gundlach? Hast du eine Telefonnummer von ihr?"

"Willst du mit ihr sprechen?"

"Nein, ich will sie besuchen."

"Dann warte eine Minute." Nach zwei Minuten kam sie zurück mit einem Zettel, auf dem eine Adresse, eine Telefonnummer und eine Uhrzeit standen. 15.30.

"Sie wartet ab halb vier auf dich."


Da blieb ihm noch genug Zeit, vorher ins Hotel zu fahren.


Hermine Gundlach hatte stahlgraue Haare, ein markantes Kinn und einen festen Händedruck. "Thea hat mir gesagt, wer Sie sind und mich gebeten, Ihnen zu helfen."

"Ja, danke. Thea hat mir auch gesagt, was Sie nicht wissen, hat in diesem Nest von Neustadt auch nicht stattgefunden."

Hermine lachte bellend. Es hörte sich sehr nach Raucherhusten plus Bronchialkatarrh an. "Kann schon sein. Was möchten Sie denn wissen?"

"Haben Sie Erwin Stange gekannt?"

"Gut sogar. Er hat mir oft Informationen zugesteckt, und ich habe manchmal auch so geschrieben, wie er es haben wollte und wie es ihm nutzte."

"Warum ist er nicht nach Tellheim übernommen worden?"

"Es gab nicht genug Planstellen nach der Verlegung, man machte ja die Verlagerung auch, um Personal einzusparen. Und Erwin hatte weder das Pulver erfunden noch den Mut vor Fürstenthronen besessen."

"Hat man ihn im Fall Thilo Schabranski ausgebremst?"

"Das hat er immer erzählt; aber offen gesagt, das habe ich ihm immer nur zur Hälfte geglaubt. Er war mit seinen Ermittlungen in eine Sackgasse geraten und wollte das nicht gern zugeben. Sein Versagen im Fall Thilo Schabranski hat niemanden wirklich erschüttert oder überrascht, das stimmt allerdings auch, Thea vielleicht ausgenommen. Thilo war ein Gerechtigkeitsfanatiker und hatte ein Helfersyndrom. Er musste seine Nase in alle Dinge stecken, die ihn nichts angingen. Dadurch konnte er sehr lästig und aufdringlich sein, wusste eine Menge und mancher Neustädter war heimlich ganz froh, dass er nichts mehr ausplaudern konnte. Warum erkundigen Sie sich nach Stange? Hat Thea Sie herumgekriegt mit ihrer Theorie, dass Bruder Thilo ermordet worden ist?"

"Nein, das nicht, aber ich habe ihr versprochen, mal etwas Staub aufzuwirbeln und mal zu sehen, was man erkennen kann, wenn der Staub sich wieder gelegt hat."

"Das Aufwirbeln scheint Ihnen ja gelungen zu sein."

"Was meinen Sie damit?"

"So ein altes Zirkuspferd wie ich bleibt nicht im Stall, das trabt immer mal wieder in die Manege, will heißen, in die Redaktion. Daher weiß ich von dem Schuss, der Ihre Schwester getroffen, aber vielleicht Thea gegolten hat."

Über den Zwischenfall heute wollte er nichts verraten: "Können wir noch mal zu Erwin Stange zurückkehren? Hat Thea Ihnen bei dem glorreichen Krötenblutbesäufnis zusammen mit Anke Ludwig verraten, dass sie Stanges Handakte gekauft hatte ...?"

"... ja und dass sie nicht weiterkam. Deswegen hat sie uns an dem Abend mit der Ankündigung unterhalten, sie würde jetzt einen Fachmann aus Tellheim in Marsch setzen."

"Das Luder!", knurrte Kramer leise, aber Hermine hatte es gehört und brach wieder in ihr furchterregendes Hustengelächter aus.

"Und? Sind Sie bei der Lektüre der Handakte fündig geworden?"

"Nein. Aber mir ist aufgefallen, was Stange alles nicht untersucht hat. Stange war kein Ermittler, den man alleine arbeiten lassen durfte."

"Nein, das ist leider richtig", stimmte sie traurig zu. "Vor allem war es Erwins zweites Versagen.

Kramer sah sie fragend an, bis sie kummervoll fortfuhr: "Im Fall Richard Moll hat er auch nichts erreicht. Haben Sie von dem Fall mal was gehört?"

"Gegenfrage: Haben Thea oder Anke Ludwig Ihnen nicht erzählt, dass ich aus Neustadt stamme und mit den beiden Frauen auf dem Jean-Paul war?"

"Doch, doch. Dann wissen Sie ja, dass der Täter immer noch nicht gefunden ist."

Kramer nickte, und sie lächelte schräg. "Deswegen haben sie bei dem dritten Mord oder Totschlag, der sich im sonst so schönen und ruhigen Ulitztal ereignete, gleich einen Trupp aus Tellheim geschickt."

"Ein dritter Mord?"

"Sagen wir Todesfall nach Moll und Thilo."

"Wer war denn das dritte Opfer?"

"Ein gewisser Haldur Sandmann."

"Der Vater des Landrates?"

"Eben der. Sie sind gut informiert, Herr Kramer."

Er verbeugte sich geschmeichelt. "Das Kompliment darf ich zurückgeben."

"Sandmann senior war ein Schwein. Ein widerlicher Neonazi, der mit sehr dubiosen Methoden als Immobilienmakler reich geworden war. Außerdem ein fanatischer Rassist, wie man ihn selten findet. Sie kennen die Geschichte von der Tracht Prügel, die er wegen Thea mal bezogen hat?"

"Nein."

"Das hat in der Eisdiele im Ladenhof stattgefunden. Thea und noch ein paar Schüler wollten Eis kaufen, auch Haldur Sandmann. Nun glaubte er, er, der große Immobilienmakler, habe selbstverständlich Vortritt, und als er bedient werden wollte, hat Thea ihm gesagt: 'Moment, jetzt bin ich dran.' Worauf Sandmann senior zu schreien begann. Das sei doch typisch und unerträglich, wie sich so eine bolschewistische Ostjudenhure hier wie überall vordränge."

"Das war stark."

"Und folgenreich. Neben Thea standen ihr Bruder Thilo und ein Freund aus dem Jean-Paul, die beiden haben sich kurz angeschaut, und dann mit vereinten Kräften Sandmann senior verprügelt. Wenn Thea nicht zuletzt Thilo und den Freund gebremst hätte, wäre Sandmann im Krankenhaus gelandet."

"Nein, von dem Zwischenfall habe ich nichts gewusst. Wissen Sie zufällig, wer der Freund war?"

"Ja ... Moment ... nicht Attila, sondern Etzel, richtig - ja. Klaus Etzel."

"Und Haldur Sandmann ist ermordet worden?"

"Ja, im Oktober vor jetzt zwanzig Jahren. Er wurde offenbar mit einem Stein erschlagen."

"Und vom wem?"

"Der Verdacht fiel auf Lydia Marchova. Sie war eine illegale polnische Hausangestellte bei den Sandmanns und Haldur hatte ein Verhältnis mit ihr."

"Der Rassist mit einer illegalen Polin."

"Das entsprach wohl so seinen Wertbegriffen von Ausländerinnen aus dem Osten. Lydia verschwand nach dem Mord dann spurlos und Edda Sandmann erzählte den Beamten aus Tellheim, ihr Mann habe Lydia abschieben wollen, was sie sich nicht gefallen lassen wollte. Immerhin ging Edda der Verlust ihres untreuen Mannes dann doch so nahe, dass sie zwei Wochen nach Haldurs Beerdigung Selbstmord verübt hat."

"Ich bin nie ein großer Freund von Guido gewesen, aber er kann einem schon leid tun."

Sie nickte nur und er ahnte bei ihrem Blick auf ihre Uhr, dass sie ungeduldig wurde.

"Frau Gundlach, zwei Personen noch. Cordula Oppenstedt und Max Vohberg."

"Da haben sich die Dummheit und das Verbrechen getroffen und gepaart. Hoffentlich zeugen die keine Kinder, denen sie ihren Charakter und Intelligenzquotienten vererben."

"Könnten Sie mir das näher erklären?"

"Nein, tut mir leid, Herr Kramer, ich habe schon viel zu viel gesagt. Hüten Sie sich vor Vohberg, der geht über Leichen und Cordula ist dumm und ihm so weit hörig, ihm dabei zu helfen, ohne es zu merken."

An der Wohnungstür hielt er sie doch noch einmal zurück: "Frau Gundlach, Thea und ich haben Hinweise darauf, dass wir abgehört werden."

"Sie meinen - belauscht?"

"Ja, mit versteckten Mikrofonen und Sendern. Wer arbeitet hier im Tal mit Wanzen und bei wem könnte ich welche kaufen oder wer würde mir Wanzen in fremden Räumen installieren, zum Beispiel in der Lokalredaktion des Tageblatts?"

"Der Teufel soll Sie holen, wenn Sie das versuchen." Aber er merkte, dass sie mit den Gedanken schon weit weg war und nur fast automatisch irgendwas geantwortet hatte. Nach einer Weile fiel es ihr selber auf und sie entschied sich: "Kommen Sie noch mal mit, Herr Kramer. Hieß Ihr Vater übrigens Eduard mit Vornamen?"

"Ja, er hat im Katasteramt gearbeitet."

Sie lachte und deutete noch einmal auf den Sessel, in dem er gesessen hatte. "Dann habe ich ihn sogar gut gekannt. Ab und zu muss man mal herausbekommen, wem ein Stück Land gehört. Dann braucht man Freunde und gute Bekannte ... also, wer Ihnen ein paar Wanzen ins Wohnzimmer setzt, weiß ich nicht. Aber ich würde mich mal in aller Vorsicht bei der Tankstelle in der Rieker Straße in Kreestedt nach einem Werner Ryda erkundigen. Das ist ein vorbestrafter Schläger, gelernter Autoelektroniker und dem wird so ziemlich alles nachgesagt, was an unerlaubten Dingen im Ulitztal geschieht."

"Danke."

"Halt, halt, nicht so eilig, junger Mann! Kann man solche Wanzen eigentlich finden und unschädlich machen?"

"Ja, kein Problem. Rufen Sie mal bei der Post an, es gäbe in Ihrer Nähe so einen merkwürdigen Sender, den Sie immer mal wieder beim Fernsehen hören würden."

"Vielen Dank, bei der Post in Tellheim kenne ich einen Mitarbeiter, der mir sofort helfen wird, ohne viel zu fragen."

Sie trennten sich in bestem Einvernehmen. Bis auf die kryptischen Bemerkungen zu Vohberg und Dula war es ein sehr erfolgreiches Gespräch gewesen.


Am Steuer fiel ihm ein, was er Hermine zu fragen vergessen hatte. Bei Annegret Kullisch ging niemand ans Telefon. Sie würde um diese Tageszeit wohl arbeiten, und warum sollte er nicht noch einmal nach Kattenburg fahren. Er war lange nicht mehr im Spielcasino gewesen und hatte beim letzten Mal einen sehr schönen Gewinn beim Roulette gemacht, so viel gewonnen, dass er seiner damaligen Mandantin, die nach dem 18. Geburtstag ihre Eltern suchte, die sie als Baby zur Adoption freigegeben hatten, das Honorar erlassen konnte: Rolf Kramer, der Samariter von Dienst.

Der Betrieb hatte schon begonnen, und als er an der Eingangskontrolle nachfragte, wo er Annegret Kullisch finden könne, hieß es nur lakonisch, sie habe heute ihren freien Tag. Also löste er eine Eintrittskarte, tauschte hundert Euro in Jetons und ging in den Roulettesaal. In dem großen und hohen Raum hielten sich vielleicht hundert Personen auf. Vier Tische waren schon geöffnet. Es gab noch viele freie Plätze, und er suchte sich einen Stuhl am ersten Tisch nahe der Tür aus, weil ihm gegenüber eine auffallende Frau saß. Schwarze glatte Haare straff an den Kopf gebürstet, schwarze Augen, ein ovales Gesicht von perfekter Ebenmäßigkeit, gebräunt wie nach langen Ferien an der See, ein hochgeschlossenes Kleid, eine Schönheit, die er hingerissen bewunderte. Sie erinnerte ihn an eine Pianistin, für die er einmal als Schüler geschwärmt hatte. Ihren russisch klingenden Nachnamen hatte er vergessen, aber nicht ihren Vornamen: Nadine. Frauen, die Nadine hießen, durften sich in seinen Augen viel, wenn nicht alles erlauben.

"Nadine" hatte nur ein winziges Häufchen Jetons vor sich liegen, das Spielglück verfolgte sie heute nicht gerade und ihre schönen Lippen zuckten ärgerlich, wenn der Croupier ihren Jeton einzog.

Kramer war ein vorsichtiger Spieler, der sehr überlegt setzte, allerdings für die einfachen Chance Rot-Schwarz, Gerade-Ungrade nicht viel übrig hatte. Etwas mehr Gewinn durfte es dann doch schon sein: Kolonnen, oder Dutzende. Er erwischte eine Glückssträhne, das kleine Häufchen Jetons vor ihm wuchs beharrlich, und erst sehr viel später bemerkte er, dass man ihn und seine Gewinne beobachtete. "Nadine" hatte sogar schon damit begonnen, nach ihm auf seine Kombinationen zu setzen, als er sie deswegen einmal anschaute, lächelte sie ihm zu. Es sah fast so aus, als wolle sie sich für eine Zudringlichkeit entschuldigen. Als er sicher sein konnte, dass er seinen Einsatz gewonnen hatte, wurde er kühner, setzte cheval und carré, und das Glück blieb ihm und "Nadine" hold. Auch bei Transversal simple und transversal plein beschenkte ihn die Kugel im Kessel. Dann riss die Strähne ab, er schaute sich an, was vor ihm lag und stand auf. An der Kasse sprach ihn eine Frau an, die sich neben ihn gestellt hatte: "Ich hoffe, Sie haben mir nicht übelgenommen, dass ich Trittbrett gefahren bin."

Er drehte den Kopf. Da stand "Nadine" und sah ihn ernsthaft an. Aus der Nähe betrachtet war sie noch schöner. "Aber nein", sagte er vergnügt. "Zum Glück hatte der Croupier ja genug Jetons für uns beide."

Sie zwinkerte ihm zu und ging Richtung Garderobe. Kramer hatte rund 500 Euro gewonnen und stiefelte sehr zufrieden in die Tiefgarage, überlebte den Schock, den der Gebührenautomat austeilte, und wurde von einem seitlich auftauchenden Proleten angemotzt: "He, Alter, has'se mal 'nen Euro für mich?"

Darauf hatte Kramer eine Standardantwort: "Ne, du für mich?"

In der Regel war dann Ruhe, doch dieser Kerl reagierte anders: "Werd' nich' frech. Oder soll ich dir die Fresse polieren?"

Solche Ausdrücke schätzte Kramer gar nicht. Aber sanfte Ermahnungen waren hier fruchtlos und deswegen nicht angebracht, der Typ verstand nur eine Sprache und deshalb trat Kramer ihm mit aller Kraft und höchst zielgenau in die Eier. Der Schmerzensschrei übertönte das Geräusch des sich nähernden Komplizen, Kramer bekam mit einem Knüppel oder einem Baseballschläger einen harten Schlag in den Rücken und hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Wenn der Kerl jetzt sofort ein zweites Mal zugeschlagen hätte, wäre Kramer k.o gegangen. Aber dazu kam es nicht, weil sich der Unsichtbare um seinen Kumpel kümmern wollte. Er lief an Kramer vorbei, den Schläger in der linken Hand, und unterschätzte das Reaktionsvermögen seines Gegners oder überschätzte die Auswirkungen seines Schlages. Kramer griff nach dem Schläger, bekam ihn zu fassen und hielt nur fest. Der Besitzer wurde durch den plötzlichen Ruck aus dem Gleichgewicht gebracht und war drei, vier Augenblicke ganz unsicher auf den Beinen, Zeit genug für einen Tritt in den verlängerten Rücken. Warum sich die Hände schmutzig machen, wenn es die Füße auch taten? Baseballschläger stürzte nach vorn und landete ungebremst auf seinem Kumpel, der zur Begrüßung laut und schmerzerfüllt aufschrie. Jetzt machte Kramer, dass er zu seinem Auto kam, und als er losfuhr, sah er die beiden auf sich zulaufen. Die Schranke fuhr hoch, und er gewann Land.

Vor der Fähre glaubte er einmal, seine "Nadine" am Steuer eines Wagens, der hinter ihm stand, zu erkennen. Wollte sie auch nach Tockel?


Anke Ludwig stand an der Rezeption und zwinkerte ihm zu. "Wie geht's?"

"Gut, danke. Vielleicht treffen wir uns noch an der Bar?"

"Ich habe die Telefonzimmernummer 123."

"Leicht zu merken."

Auf seinem Zimmer schaltete er den Laptop ein und begann zu schreiben, was er sich teils gemerkt, teils notiert hatte. "Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen." Der Spruch war steinalt, aber immer noch richtig. Bei solchen Fällen, die Jahrzehnte zurücklagen, traf man selten auf eine Person, die sich als zuverlässige Augenzeugin erwies oder schriftliche Beweise besaß. Man musste geduldig die Mosaiksteinchen zusammentragen und durfte nicht hoffen, dass sie auf Anhieb ein stimmiges Bild ergaben.

Gegen Mitternacht klingelte das Telefon. Anke flötete vergnügt: "Ich habe mein Tagwerk erledigt und würde gerne mit dir einen Schluck trinken."

"Einverstanden. Wo treffen wir uns, in der Bar?"

"Was hältst du davon, zu mir zu kommen?"

"Bin schon unterwegs."

Sie stand vor der Tür, als er die Treppe hochkam und winkte ihm zu. "Je später der Abend, desto netter die Gäste", sagte sie zur Begrüßung, und dafür küsste er sie zärtlich auf die Wange. Anke war schon immer eine der wenige Frauen gewesen, die ein zu ihrer Person passendes Parfüm benutzten. Die Wohnung war wirklich nicht groß, zwei Zimmer, und im Wohnzimmer stand ein Schreibtisch. Wein, Gläser und Mineralwasser hatte sie schon bereitgestellt. Er setzt sich, und sie fragte als erstes: "Bist du deiner Tina näher gekommen?"

"Nein, nicht wirklich. Aber du weißt doch bestimmt was über Theas Schwester?"

"Nicht viel. Ich weiß, dass sie nach dem Abi zuerst im Geschäft ausgeholfen hat und dann doch aus Neustadt wegwollte und irgendwo eine Lehrstelle gesucht hat. Studieren wollte sie nicht. Sie hat auch was gefunden, in Tellheim beim Allgemeinen Versicherungsverein."

"Ach nee."

"Was soll das heißen?"

"Ich arbeite ab und zu für den AVV."

"Tina hätte beim AVV bleiben können. Doch auf Dauer, meinte sie, als ich sie das letzte Mal getroffen habe, wäre ihr das doch zu langweilig, zu öde. Ein Mitarbeiter des AVV hat ihr dann einen Job in Hamburg vermittelt, was sie dort machte, hat sie mir nicht erzählt, hat mich nur noch mächtig verkohlt, sie würde so nahe an Hagenbeck wohnen, dass sie keinen Wecker brauche, sondern morgens vom Trompeten der Elefanten wach würde."

"Wenn du wüsstest, wie oft sie mich früher auf den Arm genommen hat. Aber ich bin immer wieder darauf hereingefallen. Ehrlich gesagt, ich habe nie ein Mädchen gekannt, das so viel Charme versprühen und mich so leicht um den Finger wickeln konnte."

"Das liegt nur daran, dass du mich nicht genügend beachtet hast."

"Anke! Wie kannst du so was behaupten?"

"Du hattest doch nur Augen zuerst für die Künstlerin Dula und dann später für Thea."

"Dula?"

"Na klar."

"Nein. Dula nicht. Thea ja. Und du hattest ja auch immer zehn Verehrer an jedem Finger."

"Zehn Verehrer? Ich?" Sie lachte laut auf. "Nenn' mir bitte nur mal die Anhänger eines kleinen Fingers. Ich möchte zu gerne wissen, wohin die alle verschwunden sind."

"Den schönen Christian."

"Himmel hilf. Nur weil ich mal mit ihm gefrühstückt habe?"

Er sah sie schräg an, und sie warf den Kopf in den Nacken.

"Du bist wahnsinnig empfindlich, mein Lieber. Was ist denn eigentlich passiert, dass du nach Thilos Beerdigung so Hals über Kopf abgereist bist? Weißt du eigentlich, dass Thea deswegen todunglücklich war?"

"Habt ihr euch häufiger gesehen?"

"Natürlich. Weil Thilo nicht mehr da war, hat sie doch das Geschäft übernehmen sollen. Ich habe dort regelmäßig eingekauft und sie hat jedes Mal gefragt, ob ich was von Rolf Kramer gehört hätte."

Er sah sie groß an, aber sie schien es ernst zu meinen. Er musste den Kopf schütteln. "Ich denke, sie war zu der Zeit mit Guido Sandmann liiert."

"Wie kommst du denn darauf? Der ist zwar nach wie vor hinter ihr hergelaufen, aber sie hat sich nur dafür interessiert, wo du abgeblieben warst. Guido hat sie nicht interessiert."

Er wollte das Thema wechseln. "Was ist eigentlich aus den Sandmanns geworden?"

Sie sprang auf und setzte sich neben ihn auf die Couch, rückte näher, als er einen Arm um ihre Taille legte. Sie duftete wieder verführerisch. "Das ist eine nie geklärte Geschichte, Rolf. Du weißt noch, dass die Sandmanns ein polnisches Hausmädchen hatten? Den komplizierten Nachnamen habe ich vergessen, mit Vornamen hieß sie Lydia. Lydia hatte ein Verhältnis mit Vater Sandmann, was kein Geheimnis, aber eine erstaunliche Sache war."

"Wieso erstaunlich?"

"Haldur Sandmann war ein ganz übler Rassist, ein übriggebliebener Nazi. Thea hat er zum Beispiel einmal vor Zeugen eine 'bolschewistische Ostjudenhure' genannt, was ihm nicht gut bekommen ist."

"Ist er angezeigt worden?" Kramer war verblüfft, was sie noch alles wusste und behalten hatte.

"Das auch. Aber im Geschäft befanden sich gerade Thilo und Klaus Etzel und haben den Haldur Sandmann nach Strich und Faden verprügelt. Thea musste eingreifen, sonst wäre Vater Sandmann im Krankenhaus gelandet."

"Wenn wir schon so schön in der Vergangenheit wühlen - du hast mal zusammen mit Jutta Wirth bei den Ulitzer Unken gesungen."

"Stimmt. Wir waren sogar einige Zeit befreundet."

"Ich habe Jutta heute zum Mittagessen eingeladen und da hat sie erzählt, was sie an dem Abend, als Thilo starb, in der Wolfsbachschlucht gehört und erlebt hat."

"Deswegen bist du hier in Neustadt. Die Suche nach Tina ist nur vorgeschoben?"

"Richtig. Ich bin der Fachmann aus Tellheim, den Thea in Marsch setzen wollte - wie sie es bei eurem Krötenblutbesäufnis mit Hermime Gundlach angekündigt hat."

Sie presste beide Handflächen an die Schläfen. "Hör auf damit. Mir wird jetzt noch schlecht."

"Okay, versprochen. Aber ein Glas Wein bekomme ich noch?"

Sie schüttete ein. "Danke, du blonder Engel. Wann hast du zum letzten Mal mit Thilo gesprochen?"

Sie setzte sich gerade hin, er beobachtete, dass sie ihre Hände verkrampfte. "Am Vormittag des Tages, an dem er gestorben ist."

"Und da musst du ihm etwas erzählt oder gestanden haben, was ihn den ganzen Tag über beschäftigt hat. Kannst du dich daran noch erinnern?"

"Du willst also ernsthaft aufklären, warum Thilo in die Schlucht gestürzt ist."

"Nein, Anke, gestürzt worden ist."

"Sagt Thea."

"Sage ich mittlerweile auch."

"Hm." Das Thema gefiel ihr nicht, sie presste die Lippen zusammen, aber er schaute sie fest an. "Bitte, Anke."

"Du weißt, wer Richard Moll war?"

"Ja."

"An dem Abend, an dem er ermordet wurde, hatten die Unken Chorprobe in den Rieker Sälen. Du weißt, wo die sind?

"In der 'Langen Gasse'."

"Stimmt. Und am Eingang der 'Langen Gasse' lag das Geschäft von Richard Moll. Jutta und ich sind zusammen nach Hause gegangen. Später hat uns ein Kriminalbeamter befragt - ich habe seinen Namen vergessen."

"Stange, Oberkommissar Erwin Stange."

"Richtig", sagte sie bewundernd. "Und dieser Stange hatte sich ausgerechnet, dass Jutta und ich etwa zu der Zeit am Moll-Geschäft vorbeigegangen sein müssen, als der Mord geschah. Ob wir was Auffälliges bemerkt hätten."

"Und? Hattet ihr?"

"Ich weiß nicht, Rolf, ich war ziemlich unsicher."

"Worüber unsicher?"

"Ob die beiden Personen, die da vom Geschäft weggingen, wirklich Christian Neufel und Hans-Peter Beck waren."

Kramer hielt die Luft an. Da schlossen sich mit einem Mal unendlich viele lose Enden zu einem Band zusammen. "Und? Hast du das dem Stange erzählt?"

"Nei... nein. Als Stange uns gefragt hat, hatte schon von dem Mord in den Zeitungen gestanden und ich wusste, warum er fragte. Ich konnte doch nicht zwei Schulfreunde einfach so in Verdacht bringen. Jutta meinte das auch und hat deshalb ebenfalls den Mund gehalten. Was ich gut verstanden habe, schließlich kannte sie damals vom Jean-Paul nur Thilo persönlich. Die Namen Neufel und Beck habe ich ihr genannt, als wir uns über den Abend unterhielten. Wer Neufel und Beck waren, wusste sie nur von mir."

Es hörte sich sehr kläglich an. "Aber an dem Vormittag, als du Thilo getroffen hast, hast du ihm dann doch davon erzählt?"

"Ja. Brigitte Moll war bei ihm gewesen und hatte sich bedankt für den netten Abend. Du weißt doch, Thilo musste überall helfen und sich einmischen." Das war sehr freundlich formuliert - aufgedrängt hatte er sich oft, durchaus nicht immer zur Freude der von ihm Beglückten.

"Ja, aber was für ein netter Abend?"

Thilo und Tina hatten Brigitte Moll eingeladen, zu einer Theatervorführung im Kattenburger Arsenalsaal. "Sie kam ja kaum raus, und Thilo hatte schon ein Auto."

"Ach nee."

"Das hast du nicht gewusst? Thilo und Tina waren die einzigen, die sich mal um Brigitte nach dem Tod ihres Vaters gekümmert haben - sie mal zum Eis eingeladen oder ins Kino mitgenommen haben."

"Thilo und Tina. Thea nicht?"

"Nein, mein Bester. Thea hilft, wenn man sie um etwas bittet, aber von selbst kommt sie nicht auf die Idee, mal nachzufragen, ob der andere was braucht, oder spontan Hilfe anzubieten. Sie kann eine ganz schöne Egoistin sein."

Kramer sagte lange nichts. Es war ein hartes und scharfes Urteil, aber wenn er bedachte, wie sich Thea in den letzten Tagen benommen hatte, konnte er nicht mit Überzeugung widersprechen. Sie klopfte ihm auf den Arm. "Ich will deine Liebe nicht madig machen."

"Apropos Liebe. Bist du eigentlich mal mit Thilo ins Bett gegangen?"

Sie blieb ruhig und gelassen. "Nein, aus drei Gründen nicht. Erstens habe ich ihn zwar gut leiden können, war aber nicht verliebt oder verknallt in ihn. Zweites hatte ich Angst vor einer Schwangerschaft. Du weißt selbst, in diesem Nest hätte mir damals kein Arzt die Pille verschrieben. Und wer sich in Neustadt in der Apotheke Kondome besorgen wollte, löste doch gleich öffentlich eine Fahrkarte in die Hölle. Und drittens hatte Thilo was fürs Bett gefunden, Jutta - wie hieß sie damals noch?"

"Mühlen."

"Richtig."

"Eine Ulitzer Unke."

"Ja. Gemeinsames Singen macht gesprächig. Sie war sehr angetan von ihrem Thilo." Nach einer Weile setzte sie hinzu: "Und von der Bettgymnastik mit ihm."

Wenn Anke das meinte, wollte er das so akzeptieren. Dann schaltete er: "Du hast eben gesagt, als du möglicherweise Christian Neufel und Hans-Peter Beck von dem Moll-Geschäft hast fortgehen sehen, war Jutta bei dir?"

"Ja."

"Hast du das dem Stange erzählt?"

"Ja."

"Hat Jutta Christian oder Hans-Peter besser erkannt als du?"

"Nein, glaube ich nicht. Sie kannte ja beide nicht. Warum sollte sie auf zwei Männer achten und sich deren Äußeres merken, die ganz harmlos über die Lange Gasse schlenderten?"

"Aber als du dich mit Thea und Hermine Gundlach in Krötenblut ertränken wolltest, hast du die Geschichte erzählt?"

"Ja."

"Anke, überlege jetzt bitte genau: Kann das jemand gehört haben? Deine Geschichte und Theas Ankündigung, sie werde einen Fachmann aus Tellheim nach Neustadt holen?"

"Gehört ... gehört? Meinst du zufällig oder ob uns jemand belauscht hat?"

"Beides wäre möglich."

"Mitgehört ... mitgehört ... zufällig?" Sie gab sich Mühe, sich den Abend wieder vorzustellen, und er versuchte ihr zu helfen.

"Hast du jemand an dem Abend im Lokal erkannt, der so nahe bei euch saß, dass er vielleicht deine Geschichte und Theas Ankündigung verstanden haben kann?"

"Wer kann ... erkannt. Halt, da war jemand, den ich kannte. Milena Beck." Ganz aufgeregt fuhr sie fort. "Richtig, und Milena saß am Nebentisch."

"Allein?"

Etwas verächtlich erwiderte Anke: "Eine Milena Beck sitzt nie allein, wer sollte sie denn dann bewundern?"

"Den Mann kanntest du nicht?"

"Nein, aber er hatte seine Hand auf ihrem Oberschenkel. Milenas Röckchen war wie üblich extrem kurz."


Bevor er ins Bett ging, malträtierte er noch seinen Laptop. Heute hatten sich eine Menge weißer Flecken auf der Ermittlungskarte Thilo Schabranski gefüllt. Er schlief schlecht, träumte wüst und brauchte am nächsten Morgen eine Extraportion Kaffee, um sein Gehirn wieder auf Touren zu bringen. Anke sah dagegen so frisch und schön aus wie immer, Engel kamen halt auch ohne Schlaf aus.

"Du willst fahren?"

"Nur für einen Tag. Ich muss in Tellheim zwei Freundinnen besuchen, die mich sehnsüchtig erwarten."

Das war gelogen, und als er Ankes betroffenes Gesicht sah, schämte er sich für seinen blöden Scherz. Die Staatsanwältin Heike Saling war über jeden Tag froh, an dem er ihr nicht über den Weg lief, und die Kriminalhauptkommissarin Caro Heynen wusste gar nicht, dass er verreist war. Der blonde Engel lächelte nur. Kramer wusste nicht, dass er so leicht zu durchschauen war. Kurz vor der Ulitzbrücke fuhr er rechts ran, weil eine Kolonne der Feuerwehr mit Blaulicht und Martinshorn an ihm vorbeiraste. Der Lärm war kaum verklungen, als das Handy in der Freisprechhalterung Laut gab. "Ja, Kramer."

"Rolf, kannst du bitte sofort kommen, die Villa brennt." Er gab Gas, der schnellste Weg war, einfach dem Feuerlöschzug zu folgen, der mit Martinshorn und Blaulicht die Straße räumte. In der Rhönstraße wurde er mehrere hundert Meter vor der Villa von der Polizei angehalten. "Sie können nicht weiter fahren."

"Bitte", sagte er. "Thea Schabranski hat mich eben angerufen und gebeten zu kommen."

Einer der Polizisten hatte ein weiches Herz. "Okay, aber nur zu Fuß, mit dem Auto geht es nicht. Wenn das Feuer auf den Wald übergreift, ist hier bald die Hölle los. Melden Sie sich da vorne beim Einsatzleiter."

"Danke."

Von der kleinen Menschengruppe kam eine Gestalt auf ihn zugehumpelt. Thea hatte einen Fuß bandagiert und im Gesicht und auf den nackten Armen mehrere Pflaster. Die Hose des Trainingsanzugs war ihr eindeutig zu groß, dafür war das Oberteil zu klein. Sie fiel ihm in die Arme und heulte, ob vor Erleichterung oder Schmerz oder Schreck.

"Was ist passiert, Thea?"

Früh am Morgen war sie plötzlich wach geworden, weil sie geträumt hatte, rings um sie herum brenne es lichterloh. Dann roch sie den Rauch und lief ans Fenster. Aus den Garagen und dem Haus schlugen links von ihr die Flammen so hoch, dass sie ohne große Besinnung aus dem Fenster im ersten Stock sprang. Der Rosenstrauch fing sie auf und rächte sich für seine gewaltsame Zerstörung durch schmerzhafte Risse und Schrammen. Vor allem behielt er Teile ihres Nachthemds zurück. Sie stand unzüchtig entblößt in der Morgenkühle, hatte ihr Handy neben dem Bett zurückgelassen und musste warten, bis ein Nachbar das Feuer entdeckte und 112 anrief. Den Fuß hatte sie heftig umgeknickt, aber der Arzt meinte, er sei nicht gebrochen. Glück im Unglück.

Mit Wasser aus fünf Rohren wurde auch das Feuer sichtlich eingedämmt.

"Wie und wo ist es ausgebrochen?"

"Ich glaube, in den Garagen." Die waren wohl verloren, auch das Auto, das dort abgestellt gewesen war. Die Flammen hatten auf die linke Hausseite übergegriffen, dort aber noch nicht allzuviel Schaden angerichtet.

Der Einsatzleiter kam zu Thea. "In einer halben Stunde haben wir gelöscht, Frau Dr. Schabranski. Ich muss aber die BUE verständigen."

"Also Brandstiftung", sagten Kramer und Thea gleichzeitig.

"Dafür spricht einiges, ja. Wissen Sie schon, wo Sie unterkommen?"

"Ich gehe die nächsten Tage ins Hotel Rieker Höhe."

"Gut."

"Hilfst du mir?", wandte sie sich an Kramer.

"Selbstverständlich."

Thea hatte noch Fragen an den Fachmann: "Glaube Sie, ich kann heute noch ein paar Sachen aus dem Haus holen? Im Schlafzimmer steht noch meine Handtasche mit Handy, allen Kreditkarten und Ausweisen, den Schlüsseln für Kanzlei und Wohnung in Würzburg. Das Auto ist hinüber?"

"Vollständig. Ich fürchte auch, Sie müssen die Garagen einreißen, die werden nicht mehr." Und als er Kramers skeptische Miene registrierte, fügte er schnell hinzu: "Das Auto war wohl vollbetankt. Durch die Hitze ist der Tank geplatzt und das auslaufende Benzin hat als Brandbeschleuniger gewirkt. Ich denke, Sie sollten jetzt mal ins Hotel fahren. Ich werde einen meiner Männer so schnell wie möglich ins Haus schicken. Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Sachen."


Anke überschlug sich fast vor Eifer, als sie die merkwürdig kostümierte, nach Rauch riechende und mit Ruß geschminkte Thea erkannte. Natürlich war noch ein Zimmer für die alte Jean-Paulianerin frei, es fanden sich Kleider und Schuhe in passender Größe, sogar eine abgelegte Handtasche.

Weil Thea ihn darum bat, fuhr Kramer mit ihr nach Tellheim. Dort kauften sie Brigitte Moll fast eine gesamte Kollektion in Thea-Größe ab. Kramer zückte seine Kreditkarten, mehr wurde von ihm nicht erwartet. Nach Brigitte Moll beglückte Thea ein Wäschegeschäft, eine Parfümerie, einen Schuhladen. Kramer, der nicht gerne einkaufen ging, blieb zuletzt im Auto sitzen und kam nur herein, um seine Kreditkarte vorzuzeigen und die PIN-Nummer einzutasten. Sie landeten wie beim ersten Treffen zum Essen in der Alten Waage, und dort bimmelte auch sein Handy. Der Einsatzleiter hatte zwei positive Nachrichten: Sie hatten Theas Handtasche unversehrt geborgen und würden sie an der Rezeption der Rieker Höhe abgeben. Wenn Thea einverstanden sei, würde die Polizei sofort einen Schreiner in Marsch setzen, der die Schäden an der Haustür so beseitigen würde, dass Frau Schabranski in der kommenden Nacht keinen Einbrecher fürchten müsse. Kramer vermutete, dass inzwischen Lothar Voigt von dem Unglück seiner alten Schulfreundin Thea gehört und die Kollegen von der Feuerwehr gebeten hatte, sich doch anzustrengen. Eine Kleinstadt hatte manchmal eben auch ihre Vorteile. "Vielen Dank für ihre Hilfe, bitte machen Sie das." Thea nickte zustimmend und Kramer erkundigte sich schnell: "Kann ich dich für ein, zwei Stunden allein lassen?"

"Wenn du mir etwas Kleingeld gibst und die Schlüssel für dein Büro, okay."

"Anielda würde sich bestimmt freuen, für dich die Zukunft sehen zu können."

"Ob der Wanzenmann das Feuer gelegt hat?"

"Am besten fragst du sie direkt."

"Du hast nichts mit ihr?"

"Nein. Warum willst du das wissen?"

"Damit ich nicht aus Versehen in einen mehr oder minder großen Fettnapf trete."

"Keine Sorge."


Staatsanwältin Heike Saling trug wieder einen ihrer extrem kurzen Röcke, um ihre perfekten Beine zu zeigen, und schnitt eine Grimasse, als er in ihr Büro kam. "Es war bis jetzt so ein schöner Tag", klagte sie und drehte sich auf ihrem Stuhl, so dass er die schlanke Pracht besser bewundern konnte. Heike Saling kam mit Kramers Freundin Caroline Heynen nicht besonders aus, seit Caro den Spott von den Bauchbinden der Saling oder juristischen Tütüs in die Welt gesetzt hatte und sie sich mit der Verleumdung "die Storchenbeine der Hauptkommissarin" revanchiert hatte. Der wahre Grund der Verstimmung hatte zwei Beine und hieß Jan Riedel, Kriminaloberkommissar in Caros Abteilung, seit vielen Jahren ihr engster Mitarbeiter, der auch der Staatsanwältin gefiel, und immer, wenn sich Caro und Riedel in die Wolle gekriegt hatten, drohte er, er werde noch am gleichen Abend Heike Saling zum Essen einladen. Was noch nie passiert war, aber Caro fürchtete immer noch, es könne geschehen, fest davon überzeugt, dass Heike Saling seine Einladung mit Handkuss - und nicht nur damit - annehmen werde.

Kramer hatte sich eines Tages den Fehler erlaubt, in Gegenwart beider Frauen das Wort Stutenbissigkeit auszusprechen, was ihm nicht gut bekommen war. Die sonst so auf Distanz bedachten Damen fielen gemeinsam über ihn her, er musste aus dem Zimmer fliehen.

"Was ist los? Suchen Sie Trost bei mir, weil Ihre Caro Sie vor die Tür gesetzt hat?"

"Ich habe sie heute weder gesehen noch gesprochen. Ich wollte nur Ihre Position ausnutzen, mir aus dem Landeskriminalamt eine Auskunft zu beschaffen."

"Aber sonst sind Sie noch gesund im Kopf? Kein Sprung in der Schüssel?"

"Ja, nein. Gesund, ohne Sprung. Ich weiß, das LKA beschattet einen gewissen Max Vohberg, der in Kreestedt die Filiale eines Getränkegroßhandels leitet. Victor - Otto - Heinrich und Berg wie Tal."

Heike Saling hatte sich den Namen notiert und griff schon zum Telefon. "Ich weiß, wo die Kollegen sich die Beweise beschaffen können und worauf sie achten müssen." Sie tippte sich wegen der "Kollegen" an die Stirn. "Hatten die Firma Baldeweis aus Miesbach in Oberbayern in letzter Zeit den Diebstahl eines Containers oder eines LKW zu beklagen? Wartet Semper & Sohn in Halle an der Saale ungeduldig auf eine Lieferung? Dann würde ich in der Lagerhalle von Jork & Wille in Kreestedt an der Rieker Straße nachsehen. Kreestedt an der Ulitz."

"Wo fließt die denn, um Himmels willen? Auf dem Mond?"

"Nein, hinter den sieben Bergen, wo die Zwerge auf fleißige Mädchen warten."

Sie deutete mit dem Kopf auf die Tür. "Raus, Kramer!" So viel Unhöflichkeit war ein gutes Zeichen, sie hatte angebissen.

Bei Caro meldete er sich besser telefonisch an. Sie knurrte auch ziemlich gereizt, und er musste viel Süßholz raspeln, bis sie seine Einladung in das Stadtcafé annahm.

"Du willst doch was von mir."

"Richtig. Bist du im Spätherbst 1989 zu einem Mord oder Totschlag in das Ulitztal gerufen worden? Das Opfer hieß Haldur Sandmann und wurde nahe Kreestedt gefunden. Verdächtigt wurde in erster Linie eine illegale polnische Haushaltshilfe, die dann abtauchte."

"Illegal - Haushaltshilfe. Da klingelt was."

"Ich kann noch einen Klingelton beisteuern; ich bin ziemlich sicher, dass du einige Last mit einem schmollenden und beleidigten Kollegen aus Neustadt hattest, Erwin Stange. Das war der dritte Todesfall innerhalb weniger Monate, bei deren Aufklärung er keinen Schritt weitergekommen war."

"Du hast Recht, es klingelt gewaltig. Trotzdem würde ich lieber noch einmal ins Archiv steigen."

"Könntest du, sobald du fündig geworden bist, mich auf dem Handy anrufen? Ich muss heute noch nach Neustadt."

"Was soll ich denn, unter gröblichster Verletzung meiner Dienstverschwiegenheitspflichten, für dich herausfinden?"

"Wo ist diese Polin abgeblieben? Wer hat den Verdacht gegen sie zuerst ausgesprochen? Ist die betrogene Ehefrau nie in Verdacht geraten? Sie hat sich zwei, drei Wochen nach der Beerdigung des Ehemannes das Leben genommen."

"Bist du mal wieder auf historischer Recherche?"

"So ungefähr. Ein Klassenkamerad, mit dem ich Abi gemacht habe, ist 1989 unter mehr als merkwürdigen Umständen gestorben. Und seine Schwester wartet auf mich in meinem Büro."

"Hübsch?

"Mein Büro? Nein, du kennst es doch."

"Und die dort hockende Schwester?"

"Ja, die ist hübsch. Fast so attraktiv wie du."

"Verheb' dich nicht, Rolf. Stadtcafé fällt heute leider aus, ich rufe an."

Während er die Serpentinen ins Ulitztal hinunterkurbelte, fragte Thea, die seelenruhig auf dem Beifahrersitz geschlafen hatte: "Siehst du einen Zusammenhang mit den Wanzen, die wir bei mir gefunden haben?"

"Die Wanzen zeigen, dass jemand neugierig ist. Das Feuer belegt eher, dass dich jemand nicht leiden kann."

Sie brummte, aber er hatte keine Lust, mehr herumzurätseln.

Zum Glück führte der Hotelfahrstuhl bis in die Tiefgarage; es war erschreckend, wieviele Sachen man in doch beschränkter Zeit anschaffen konnte; oder anders: Wieviel Geld man ausgeben konnte. Thea seufzte zufrieden, als man ihr an der Rezeption ihre Handtasche aushändigte. Kramer spielte Gepäckboy und schleppte Tüten, Kartons und Koffer in das Zimmer 344.

Sie saßen im Restaurant, als Anke hereinkam und ihnen einen Schlüsselbund und eine Brieftasche auf den Tisch legte. "Der Handwerker war eben hier und hat die Schlüssel für die Behelfstür gebracht."

"Vielen Dank."

Theas unnötig kurzer Dank veranlasste Kramer, rasch den Kopf zu heben, und die beiden Frauen zu mustern. Sie schauten sich nicht gerade liebevoll an, und ihm fiel wieder Ankes harsches Urteil über Thea ein.

"Was meinst du, begleitest du mich noch in die Rhönstraße, ich möchte zu gerne sehen, welche Schäden das Feuer und das Löschwasser angerichtet haben. Und morgen besorgen wir als erstes einen Leihwagen für mich."

Die Straßenbeleuchtung in der Rhönstraße war schon immer spärlich gewesen, und so fielen die dunklen Flecken an der einen Hauswand gar nicht so auf. Die Behelfstür war sehr massiv und mit drei Sicherheitsschlössern versehen. Innen hielten sich die Zerstörungen in Grenzen. Die Diele war hin, die Holztreppe in den ersten Stock sichtlich beschädigt, und im ersten Stock hatten Fenster offengestanden oder der Wasserdruck aus den Feuerwehrschläuchen hatte mehrere Fensterscheiben zerstört, einige Zimmer schwammen noch. Damit waren sie eine Sorge los. Der Wanzenlauscher konnte nicht überhört haben, was sich hier abgespielt hatte, und wenn seine kleinen Spielzeuge jetzt nicht mehr sendeten, konnte er nicht misstrauisch werden. Thea lief in ihr Arbeitszimmer und kam mit einem Ordner unter dem Arm zurück. Versicherungspolicen, -anschriften und -telefonnummern. Sie begann zu blättern und Kramer nutzte die Zeit, alle fünf Wanzen auszubauen und unbrauchbar zu machen Fünf Locron TX 4. Die Geräte hob er auf; vielleicht konnte er, falls nötig, den Verkäufer ausfindig machen, damit der den Käufer identifizierte.

"Damit bist du die nächsten Tage gut beschäftigt."

"Ja, sicher."

"Wollen wir vorher heute Abend noch den Komplex Sonja Drexler abschließen?"

"Bist du denn schon so weit?"

"Ja. Ich kann sofort anrufen und die Leute bestellen."

"Wohin bestellen?"

"Da wir es mit mindestens einem gewalttätigen Kandidaten zu tun haben, würde ich alle gerne in die Lobby des Hotels bestellen. Zeugen sind immer gut und schrecken in der Regel Täter von schädlichen Handlungen ab."

Thea verzog das Gesicht, aber gegen Kramers Argumentation fiel ihr nichts ein. Also setzte er sich in sein Auto und machte sich daran, den Akku seines Handys zu leeren.

Sonja war gar nicht glücklich, aber Kramer blieb hart. Sie versprach zum Schluss, pünktlich im Hotel zu sein und alle Briefe, Zettel, Schreiben und Verträge mitzubringen, die sie von Jork & Wille erhalten oder unterschrieben hatte.

Auch Vohberg, den Kramer bei Dula in der Galerie erreichte, wollte anfangs nicht. Kramer blieb ganz ruhig: "Ich habe da eine Adresse in Köln-Chorweiler und zwei Vornamen, Franz und Holger. Und die Kopie eines Briefes, den Franz und Holger an Sie geschrieben haben. Ich kann die beiden anrufen und melden, dass Sie wieder aufgefallen sind."

"Du Arschloch", zischte Vohberg.

"Ganz recht. Ich bin sogar ein großes Arschloch, und wenn ich erst einmal eine komplette Darmfüllung auf dich fallen lasse, kriegst du überhaupt keine Luft mehr."

"Na warte, wir sprechen uns noch."

"Wann? Nach deiner Haftstrafe? Und bringe gleich Dula mit."

"Sie will nicht."

"Du wirst sie schon überreden."

"Ich muss die Unterlagen erst aus Kreestedt holen."

"Nichts dagegen. Aber verspäte dich nicht zu sehr. Meine Geduld ist begrenzt. Und irgendwelche Schießeisen solltest du nicht aus Kreestedt mitbringen."

Anke wollte protestieren, als er ihr am Telefon erklärte, er brauche in der Lobby einen etwas höheren Tisch für sich alleine und er erwarte drei Gäste, Sonja, Dula und Vohberg.

Bei den Namen schaltete sie sofort. "Wird's Ärger geben?"

"Glaube ich nicht."

"Vohberg ist bewaffnet."

"Woher weißt du?"

"Er hat sich an meine Hausdame herangemacht und versucht, sie mit Krötenblut abzufüllen."

"Eine Rothaarige? Die bei Dula Malunterricht nimmt?"

"Woher weißt du?"

"Ich habe beobachtet, wie er sie mit Krötenblut traktiert hat."

"Toll. Dabei hat sie bemerkt, dass er eine Pistole bei sich hat."

"Wie ist der Betäubungsversuch ausgegangen?"

"Sehr gut. Er landete in der Ulitz."

"Prima. Ist sie zufällig im Haus?"

"Nein, sie hat schon lange Dienstschluss."


Thea und Kramer setzten sich so lange noch ins Restaurant, Thea war, wie er merkte, mit den Gedanken weniger bei Sonjas Enthüllungen als bei den Reparaturen, die sie jetzt am Haus vornehmen musste.

Die drei trafen sich pünktlich am Eingang, Anke holte sie aus dem Restaurant dazu und deutete auf den Tisch. "Bitte."

Kramer stellte sein kleines batteriebetriebenes Kassettengerät auf den Tisch. "Was soll das?", knurrte Vohberg.

"Nichts. Nur eine kleine elektronische Hilfe gegen spontane Vergesslichkeit."

"Arschloch."

"Eine andere Beleidigung kennst du nicht, du Hurensohn? Wo ist der Vertrag, zu dem ihr Sonja erpresst habt? Bitte, zur Beschleunigung deiner Entscheidung." Er reichte Vohberg eine Kopie des Briefes von Holger und Franz. "Die darfst du behalten, das ist nur eine Kopie, ich habe noch mehrere." Thea gluckste, sie hatte gut geschlafen, während Kramer kopiert hatte. "Sonja gibt dir jetzt die letzte Rechnung von Jork & Wille - keine Vorfreude, auch davon existieren genug Kopien, die ich Holger und Franz zeigen könnte, neben der offiziellen Angebots- und Preisliste. Sonja wird die Briefe zerreißen, sobald du den Vertrag und deine Briefe zerrissen hast. Und zwar hier und jetzt."

In der nächsten Minute war nur das Geräusch reißenden Papiers zu hören. "So", sagte Kramer feierlich. "Jetzt sagen wir alle friedlich in das kleine Anti-Vergesslichkeitsgerät. 'Wir sind quitt plus Name.'"

Auch das klappte wie einstudiert. "Wir sind quitt, Sonja Drexler." "Wir sind quitt, Max Vohberg."

"Wir sind quitt, Rolf Kramer. Hör mal, du Superidiot, wenn Sonja oder Dula jetzt was zustoßen sollte, bin ich schneller beim Staatsanwalt, als du bis drei zählen kannst. So, und jetzt verschwinde. Dula und Sonja können noch bleiben."

Ein sehr geknickter Vohberg zog belämmert ab. Thea war mit Kramers Entscheidung nicht einverstanden. "Soll das Schwein ganz ohne Strafe davon kommen?"

"Wird er nicht!", versprach Kramer, aber schenkte sich Einzelheiten. Seine Intimfeindin Heike Saling, ihres Zeichens Staatsanwältin, hatte bestimmt angebissen. Aber das musste vor der Durchsuchung niemand wissen, und wenn das LKA nicht in Kreestedt erschien, hatte Kramer immer noch genug Kopien zur Hand, mit denen er Holger und Franz aufscheuchen konnte. Und wenn er den Laden richtig einschätzte, sollte Vohberg mehr Angst vor seinen früheren Kumpanen haben als vor der Justiz.

Er wandte sich an Sonja: "Kannst du uns erzählen, mit was Vohberg dich erpresst hat - nein, nein, ich glaube nicht, dass du so unerfahren bist, einen solchen Vertrag freiwillig, ohne Nötigung zu unterschreiben."

"Nein."

"Was heißt 'nein'?"

"Freiwillig habe ich den nicht unterschrieben."

"Kannst du uns sagen, warum denn dann?"

"Muss das sein?"

"Hör bitte gut zu, Sonja! Wenn du wegen einer strafbaren Sache erpresst worden bist, halte jetzt lieber den Mund. Thea ist Anwältin, und ich bin Privatdetektiv. Wir beide können und wollen es uns nicht leisten, eine Straftat nicht anzuzeigen, das kann unter Umständen für uns böse Konsequenzen haben."

Sie musste einen Moment nachdenken, dann nickte sie: "Dula war zufällig dabei, als es ... als es passierte. Sie hat es Vohberg weitererzählt, und der kam eines Tages in die Palette. Ich bräuchte doch sicher einen neuen Lieferanten, um nachts wieder ruhig schlafen zu können. Und damit es bis dahin keinen Ärger gebe, wolle er jeden Abend zwei gute Freunde in die Palette schicken, die auf mich, die Kasse und die - hm - Angestellten achten würden. Die beiden haben übrigens mitgehört, dass du dich als alter Schulfreund Rolf Kramer vorgestellt hast. Vohberg wusste also Bescheid."

Er nickte ihr zu: "Sonja, und dann ist eines Tages Christian Neufel mit einer Zimmerflak bei dir erschienen. Was wollte er?"

"Woher weißt du das?"

"Als bei dir im Haus geballert wurde, lag ich neben dem Haus auf dem Boden."

Sie klimperte mit ihren künstlichen Wimpern. "Vohberg war gerade bei mir, und Neufel wollte den starken Mann spielen, wenn Max nicht sofort verschwände, würde es knallen. Dann hat er tatsächlich eine Waffe gezogen, aber Vohberg war schneller. Zum Glück haben beide nicht getroffen."

"Und Vohberg wollte dich mit einer Sache erpressen, die Dula ihm erzählt hatte?"

Sonja nickte.

"Du bist ja bekloppt, du dämliche Hure. Ich habe keine Silbe erzählt." Dula schien echt empört zu sein, aber auch sie konnte schauspielern. "Ich bin kein Etzel."

"Wer denn sonst hat Vohberg die ... die Geschichte erzählt?"

"Was weiß ich. Bei dir turnen ja genug merkwürdige Gestalten herum."

Kramer sah Thea an, die jetzt kaum merklich den Kopf schüttelte. "Zankt euch nicht!", mischte sie sich ein. "Es ist ziemlich wurscht, wer Vohberg was erzählt hat, Erpressung bleibt Erpressung und Schweigen, liebe Dula, kann ein Gericht als Mittäterschaft oder Beihilfe auslegen. Überleg' dir das in Ruhe!"

Dula stand so heftig auf, dass ihre Schleiergewänder wogten und wallten. Vor zwanzig Jahren hatte sie darin noch exotisch und sogar attraktiv ausgesehen, heute wirkte sie nur noch albern und überspannt. Zornig rauschte sie zum Ausgang und drehte sich nicht mehr um.

Thea prustete halb mitleidig, halb verständnislos vor sich hin und wandte sich an Sonja. "Ich habe mein Versprechen gehalten, nun bist du dran."

"Jetzt sofort?"

"Nein", sagte Kramer energisch. "Das hat noch Zeit." Dabei trat er Thea heimlich auf den Fuß. Sie schaltete richtig und ließ von Sonja ab. Was immer Dula zu erzählen hatte, Zeugen waren auf jeden Fall angebracht.

"Meinetwegen."

"Kann ich dann gehen?", fragte Sonja. "Das Geschäft wartet."

"Wenn du magst ..."

"Danke, Rolf." Auch sie stand sofort auf und ging rasch zum Ausgang.

"War das klug?", wollte Thea von ihm wissen.

"Ich glaube schon. Mir fehlen noch zwei, drei Mosaiksteinchen, und es macht mehr Effekt, wenn die Bombe erst auf dem Jubiläumsessen platzt. Trinken wir noch einen Schluck?" Thea stimmte zu und Kramer winkte Anke, die das Treffen einigermaßen besorgt aus dem Hintergrund beobachtet hatte. Auch sie wollte gerne noch ein Glas in Ruhe trinken. In der Bar sagte Anke als erstes: "Ich habe einen neuen Gast aus dem Jean-Paul."

"Ach nee."

"Hans-Peter Beck hat sein Haus zornig verlassen oder ist an die frische Luft gesetzt worden. Das hat er offen gelassen."

"Ehekrach?", meinte Thea leichthin. Ihr Interesse an Hans-Peter Beck war hörbar klein.

"So genau habe ich es nicht wissen wollen", wehrte Anke ab.

"Also", nahm Kramer das Wort. "Wenn wir schon bei Klatsch und Tratsch sind - ich habe diese Bemerkung über Etzel nicht verstanden."

"Weil du dich nie sonderlich um ihn gekümmert hast", versetzte Thea kühl. Das stimmte. Kramer hatte Klein-Attila nicht wirklich leiden mögen und wenn Etzel nicht bei Corinna Altmann einen Stein im Brett gehabt hätte, wäre er ihm demonstrativ aus dem Weg gegangen. Demonstrativ und instinktiv. Einen Grund hatte er nicht. Dass Etzel viel und manchmal nicht nur dummes, sondern auch sehr gehässiges Zeug schwätzte, war ihm schon in der Schule aufgefallen, was einer der Gründe war, warum er ihn schnitt. Dula, die sich Corinnas schützende Fürsorge gern gefallen ließ, hatte einmal eine sehr boshafte, aber auch treffende Bemerkung gemacht: "Sie schätzt und vertraut dem Attila, weil sein Geschwätz sie an ihren Vater erinnert." Also an den "Heizlüfter Gottes", wie Thilo gespottet hatte.

"Redet ihr über den Attila, den Etzel aus der früheren C.?", fragte Anke harmlos.

"Genau über den."

"Das war einer der schlimmsten Intriganten am Jean-Paul. Geschwätzig, feige, hinterhältig."

"Für mich hat er sich ordentlich geschlagen."

"Na ja", schwächte Anke Theas Lob ab. "Da musste er einmal Farbe bekennen, schließlich stand dein Bruder neben ihm. Wenn er da gekniffen hätte, wäre er bei allen C-lern und schlimmen Fingern unten durch gewesen, auch bei seiner geliebten Corinna."

Alle nahmen kein zweites Glas, sondern gingen auf ihre Zimmer.


Am nächsten Vormittag spielte Kramer zuerst Chauffeur. Es dauerte etwas, bis Thea einen Leihwagen gefunden hatte, der ihr zusagte. Sie hatte ein volles Programm - Versicherung, Architekt, Baufirma, Protokoll mit der BUE, der Brandursachen-Ermittlung. Alles Dinge, bei denen er ihr nicht helfen konnte. Sobald sie mobil war, verabschiedete er sich und fuhr ins Hotel. Anke stand wie fast jeden Tag an der Rezeption und hatte Lust und Zeit zu einem Schwätzchen.

"Ich muss in Moosberg zu den Becks und zu den Sandmanns. Wenn ich dich nachher anrufe und frage, ob Beck im Hause ist, schaust du bitte auf die Schlüssel. Ich möchte nicht, dass er mich in seinem Haus antrifft."

"Dein Interesse gilt also der schönen Milena?"

"Richtig, du kennst sie ja."

"Na ja, es gibt Personen, mit denen man sich nicht wirklich beschäftigt."

"Ich habe sie durch Adrienne Beck-Falke kennengelernt."

"Dann bist ja vorgewarnt."

"Anke, du Ortslexikon auf zwei hübschen Beinen, kennst du auch Frau Sandmann?"

"Ann-Katrin. Ja, tue ich."

"Kannst du mir was über sie verraten?"

"Eine sehr hübsche, sehr zurückhaltende Frau, natürlich mit reichen Eltern, eine der besten Partien im Ulitztal. Guido kann sich überall mit ihr sehen lassen, sie macht überall eine blendende Figur, und weil sie erstens recht intelligent ist und zweitens auch noch klug, weiß sie, wann sie was zu sagen hat und wann sie besser schweigt."

"Das hört sich gut an, aber nicht für einen neugierigen Privatdetektiv, der einiges aus ihr herauslocken möchte."

"Also, bei Ann-Katrin wirst du wenig Glück haben."


Er fand das Beck-Haus ohne Probleme, parkte am Straßenrand und rief Anke im Hotel an: "Wo steckt Hans-Peter?"

"Moment. Sein Schlüssel ist da. Aber wo er sich herumtreibt, weiß ich nicht."

"Dann halt mir mal die Daumen!"


Milena Beck öffnete nach dem zweiten Klingeln die Haustür, erkannte ihn sofort wieder und sagte kurz angebunden: "Hans-Peter ist nicht da."

"Schade. Was meinen Sie? Können wir uns mal unterhalten?"

"Ich wüsste nicht, worüber." Kein Zweifel, sie wäre ihn gern losgeworden.

"Zum Beispiel über Ihre Schwiegereltern. Oder Ihre Schwägerin. Oder die verheiratete Freundin Ihres Mannes."

Der weiße Igel überlegte eine Weile und trat dann zur Seite: "Warum nicht. Komm rein!"

"Danke." Das unvermittelte Duzen gefiel ihm nicht, aber das gehörte bei ihr wohl dazu. Heute trug sie eine enge, bunte Stoffhose und ein dünnes weißes Hemdchen, das sie strammzog und weiter unter den Hosenbund schob, so, als sei sie mit dem Anziehen nicht fertig geworden, als er klingelte. Beide Teile enthüllten mehr, als sie verbargen.

Im Wohnzimmer deutete sie lässig auf einen Sessel: "Setz dich! Was wolltest du mir sagen?"

"Warum mag Adrienne dich nicht leiden?"

"Hat sie dir das gesagt?"

"Ja."

"Sie meint immer noch, ich sei nicht gut genug für ihren Göttersohn."

"Stimmt das?"

Milena lachte verächtlich, zupfte ihr Hemdchen straff. In dem Moment polterte es im oberen Stockwerk. Unwillkürlich schauten sie beide zur Zimmerdecke hoch. Kramer nutzte die Chance. "Ich möchte nicht länger stören."

Sie nickte nur, abgelenkt durch ein neuerliches Poltern, als sei ein schwerer Stuhl umgefallen. Hatte Ehemann Hans-Peter so viel getankt, dass er nicht ins Werk gefahren war und da oben über die Möbel stolperte? Ihr Gesicht gab nichts zu erkennen, sie sagte auch nichts und schien nicht zu erwarten, dass Kramer sich irgendwie einmischte.

Doch an der offenen Haustür wurde dann die Quelle des Lärms offenkundig: Ein Mann brüllte zornentbrannt: "Arschloch!" Das klang in der Diktion und Wortwahl nach Max Vohberg. Ein Typ mit Karnevals-Augenmaske kam die Treppe heruntergesprungen, riss Milena, die in der Haustür-Öffnung stand, mit Schwung zurück in die Diele, so dass sie der Länge nach hinfiel, und bevor Kramer etwas unternehmen konnte, rannte der Maskierte ihn regelrecht über den Haufen. Kramer ruderte wild mit beiden Armen, was nicht half, er kippte um, und knallte schmerzhaft auf die beiden Stufen, die vom Gartenweg zur Haustür hochführten. Die Engel sangen und pfiffen und ließen eine ganze Weile die Sterne tanzen, bis er sich wieder hinstellen konnte. Er kämpfte noch mit dem Gleichgewicht, als die Becksche Haustür zuknallte, drinnen drehte Milena-Igel einen Schlüssel. Nun ja, man konnte auch so zeigen, dass man keine fremde Hilfe wünschte. Der Maskierte war bereits um eine Ecke außer Sicht gerast.

Also setzte Kramer sich in seinen Wagen, steckte das Handy in die Halterung und wurde umgehend mit einem Anruf belohnt.

"Hans-Peter ist ins Hotel zurückgekommen."

"Danke, mein Engel."


Das Sandmann-Haus lag tatsächlich in der Parallelstraße und war etwas bescheidener ausgefallen als die Becksche Protz- und Prunkvilla. Hier öffnete ein Dienstmädchen. Herr Sandmann sei im Amt, aber wenn er wünsche, könne sie Frau Sandmann rufen. Ann-Katrin Sandmann war wirklich eine beeindruckende Frau, in jeder Beziehung das absolute Gegenteil von Milena Beck. Kramer stellte sich vor und sie lachte vergnügt: "Ich weiß, wer Sie sind. Guido hat mir erzählt, dass er Sie im Krankenhaus getroffen hat. Aber wir kennen uns schon von einem Schulfest im Jean-Paul, 1987, glaube ich. Sie waren damals der große prominente Funker aus Neustadt/Ulitz, der sich mit einem Kollegen in Neuseeland auf Kurzwelle unterhalten hat."

"Donnerwetter", lobte Kramer ehrlich beeindruckt, "das haben Sie behalten?"

"Aus Ihrer Frage schließe ich, dass Sie sich an mich nicht mehr erinnern."

"Wenn ich ehrlich sein soll - nein, tut mir aufrichtig leid."

"Das muss Ihnen nicht leid tun. Ich war damals auf einem Internat am Bodensee und zu Ferien bei meinen Eltern. Mein Vater ist auch Jean-Paulianer und hat mich auf das Schulfest mitgenommen und mir da den derzeit berühmtesten Jean-Paulianer vorgestellt. Sie haben mir dann die große Ehre erwiesen, oft und ausgiebig mit mir zu tanzen."

"Es dämmert", sagte er langsam.

"Kommen Sie doch bitte herein. Guido wird's bedauern, dass er Sie nicht getroffen hat. Aber er hat viel Ärger im Amt und meinte, das hinge damit zusammen, dass Sie hier erschienen sind."

"Wie bitte?"

"Zuerst wird Ihre Schwester auf dem Friedhof angeschossen, Guido und die Polizei meinen, das sei eine Verwechslung gewesen und der Schuss habe eigentlich Thea Schabranski gegolten. Und dann wird ein Brandanschlag auf Theas Haus verübt und sie muss aus dem Fenster springen. Keiner weiß, was dahinter steckt, und für den Ruf des Naherholungsgebietes Ulitztal ist das nicht sehr förderlich."

Er überlegte einen Minute. Offenbar sprachen die Eheleute sehr offen miteinander über seine Arbeit und dann konnte er die Mine auch hier und jetzt zünden.

"Frau Sandmann, ich glaube, da wird jemand nervös. Vor zwanzig Jahren ist Theas Bruder Thilo bei einer Abifeier in die Wolfsbachschlucht gestürzt und seine Schwester behauptet seitdem, man habe Thilo ermordet. Nun sind durch Zufall neue Details bekannt geworden, Thea ist wild entschlossen, den Mörder ihres Bruders vor den Richter zu schleifen, und ich helfe ihr dabei."

"Sie?"

"Ja, ich arbeite in Tellheim als Privatdetektiv und Thea hat mich gebeten, einige Details zu klären. Wie das bekannt werden konnte, weiß ich allerdings nicht."

"Mord in Neustadt an der Ulitz? - Das klingt so wie ... wie ... als ob die Außerirdischen angekündigt hätten, sie würden ihre erste Erd-Landung auf dem Kreekeler Platz vorbereiten!"

"Ja. Frau Sandmann, ein bekannter Kriminalist mit unbezweifelbaren Fachkenntnissen hat mal gesagt, wenn auf jedem Grab, in dem ein Opfer eines unentdeckten Mordes liegt, nachts eine Kerze brennen würde, wären unsere Friedhöfe taghell erleuchtet."

"Das klingt ja schrecklich."

"Ist es auch. Kain und Abel sind schließlich Stammväter des menschlichen Geschlechts."

"So was Ähnliches sagt Guido auch immer."

"Schade, dass ich ihn nicht angetroffen habe. Aber ich versuch's noch einmal; grüßen Sie ihn doch bitte herzlich von mir."

"Mit Vergnügen, Herr Kramer, schauen Sie doch auf jeden Fall noch einmal herein."


Auf der Fahrt ins Hotel musste er schmunzeln. Schulfest 1987 - und er hatte bis heute Eindruck hinterlassen. War er doch nicht so grau und unscheinbar gewesen, wie er immer angenommen hatte?

An die Funker-Sensation konnte er sich noch gut erinnern. Er hatte eine Morseverbindung mit einem Amateurfunker in Neuseeland bekommen und von dem eine QSL-Karte erhalten, was irgendwie in Neustadt bekannt wurde. Sogar ein Zeitungsmensch war bei ihm erschienen. Der bewunderte Kramers Sender, dessen wichtigste Komponenten Kramer gekauft hatte, warf aber keinen Blick auf den selbst entworfenen und zusammengelöteten Empfänger mit einer Empfindlichkeit, die kommerzielle Geräte weit übertraf. Auf den war Kramer wirklich stolz, ließ aber den Journalisten vollkommen kalt, genau so wie die selbst berechnete und mit Ricos Hilfe montierte Antenne und das Antennenanpassungsgerät Marke Eigenbau mit definierter Ober- und Nebenwellendämpfung. Den guten Mann erstaunte vielmehr, dass man mit der Energie, die dem Verbrauch zweier kleiner Taschenlampenbirnchen entsprach, um die Welt funken konnte. Er bestand darauf, das sei Kramers Verdienst, genau wie das Morsen vom Deutschen ins Englische, und davon war er - lernresistent - nicht abzubringen.

Der Artikel verriet ein bodenloses Unverständnis für die Kurzwellen-Amateurfunkerei, machte gleichwohl Kramer für kurze Zeit zum Neustadtheros.

Etwas Ähnliches, aus den falschen Gründen zum Helden zu avancieren, passierte ihm später noch einmal als Detektiv. Er half, ein illegales Rauschgift-Labor plus illegaler Giftmüllbeseitigung auszuheben. Beides hätte auf Dauer vielleicht die Trinkwasserversorgung von Tellheim gefährden können. Er erhielt dafür die Verdienstmedaille der Stadt Tellheim, die seitdem, dem schönen Grundsatz folgend, dass man Orden und Titel und Geld möglicherweise hat, aber nicht zeigt und nicht darüber spricht, in einer Schublade vor sich hin alterte.

Anke winkte ihm zu. Er ging zu ihr und bedankte sich für die Meldung zu Hans-Peter. "Was machst du für ein Gesicht?"

"Er kam hier herein, stinkwütend mit dem Handy am Ohr. Dann hat er sich den Schlüssel geben lassen und für dich einen Notiz geschrieben. Moment!"

Eine kaum leserliche Schrift. "Ich habe gerade mit meiner Frau telefoniert. Was bist du nur für ein mieses, feiges und hinterhältiges Schwein. Das mit der Verheirateten zahle ich dir noch heim." Keine Unterschrift.

"Verstehst du das?"

"Ja, ich habe Milena etwas aufgeschreckt. Es hat sie nicht sonderlich erschüttert, denn sie hatte noch einen anderen Besuch. Als der Kerl türmte, trug er eine Augenmaske wie im Karneval. Ich würde wetten, das war Max Vohberg."

"Rolf, du musst mir versprechen, dass ihr euch im Hotel weder prügelt noch duelliert. Ich zeige dir gern den Weg in den Garten, und dort ein geeignetes Plätzchen, wo wir das Blut nicht aufwischen müssen, weil es versickert ..."

"Versprochen."

"Und wie war's bei Ann-Katrin?"

"Du hattest ganz Recht, eine sehr angenehme Frau. Stell dir vor, sie kannte mich noch. Von einem Schulfest im Jean-Paul 1987."

"Ach nee." Sie drehte den Kopf und rief in das Büro: "Betty, lösen Sie mich bitte mal für eine halbe Stunde oder so ab. Ich muss mit diesem Mann in meine Wohnung."

Betty, die Kramer auch schon am Empfang gesehen hatte, kam breit grinsend aus dem Büro und nickte Kramer zu. "In Ordnung, Chefin, viel Spaß."

Im Aufzug tadelte er sie: "Hast du noch alle Tassen im Schrank? Was glaubst du, wird Betty jetzt herumerzählen?"

"Gar nichts. An der Rezeption lernt man als erstes Diskretion."

In ihrer Wohnung drückte sie ihn auf die Couch, lief weg, und kam nach wenigen Augenblicken mit einem dicken Buch unter dem Arm zurück und setzte sich schwungvoll neben ihn.

"Ich bin sentimental", gestand sie kokett, "und deswegen blättere ich ab und zu in meinen Fotoalben."

"Wozu? Du bist heute noch genau so hübsch wie damals."

"Danke für die Blumen. Aber schau mal."

Sie rückte nahe an ihn heran, blätterte und hatte bald das richtige Kapitel erreicht. Schulfest im Jean-Paul 1987.

"Ich glaub's nicht."

"Da, kennst du den noch?"

Kramer grinste wenig intelligent, aber fröhlich in die Kamera. "Mensch, was war ich damals noch ansehnlich."

"Keine Sorge", tröstete sie. "Reste davon sind geblieben." Sie blätterte weiter: "Voilà, deine Schöne."

Ann-Katrin von Zeeden. Tatsächlich eine Schönheit, und sogar den Vater erkannte er jetzt auch wieder: ein Altschüler, der viel für seine alte Penne getan hatte.

"Sieh hier!"

Sie hatte sogar ein Foto von ihm mit Ann-Katrin beim Tanz eingeklebt, es sah so aus, als würden Kramer und Ann-Katrin spontan harmonisieren.

"Siehst du Ann-Katrin häufiger?"

"Nein, wir haben dieselbe Frauenärztin und treffen uns gelegentlich im Wartezimmer. Was kein Wunder ist, denn es gibt weit und breit nur eine Praxis für uns."

"Haben Guido und Ann-Katrin Kinder?"

"Nein, und das ist ihr großer Kummer, wie sie mir mal gestanden hat. Es klappe einfach nicht."

"Und zwei, die sich Nachwuchs überhaupt nicht leisten können, schauen sich nur an und sie wird schwanger."

"Die Welt ist ungerecht eingerichtet." Sie grinsten sich an, weil sie offenbar beide an denselben Skandal im reaktionären Neustädter Nest dachten.

Thea tauchte auf mehreren Bildern auf, manchmal in Begleitung von Thilo, manchmal mit Christian Neufel an ihrer Seite oder Hans-Peter Beck. Der Tanz fand in der Aula statt. Dann schlug sie noch eine Seite auf.

"Halt, Anke, nicht so schnell. Eine Seite zurück bitte."

"Ich werd' verrückt. Ist das wirklich Corinna?"

Anke kicherte, weil sie den zweiten Teil der Frage verstanden hatte. Corinna trug ein weites Kleid mit einem Ausschnitt, der nach Neustädter Begriffen unzüchtig groß war. Er brummte und Anke gluckste. "Ich habe auch nicht gewusst, dass sie einen solch schönen Busen besaß."

"Das Kleid hat der Papa aber vorher nicht gesehen", meinte Kramer und sie flüsterte: "Nein, hinterher auch nicht. Das hatte sie ganz alleine in Tellheim gekauft und ich denke, sie hat beim Anprobieren nicht aufgepasst. Ich glaube nicht, dass ausgerechnet Corinna ein Kleid kaufen wollte, dessen Ausschnitt euch Fast-Männer anzog wie der Honig die Wespen."

Anke hatte mehrere Aufnahmen davon geschossen. Thilo und Corinna, Hans-Peter Beck und Corinna, ein Mann und Corinna. "Hör mal, das ist doch das gestreifte Ferkel."

"Richtig. Und der hat ihr unverfroren in den Ausschnitt geschielt und dabei eine seiner fiesen Bemerkungen abgesondert. Danach kam sie zu mir: 'Anke, was soll ich nur machen? Da habe ich mich geirrt. Und ich fürchte, es steht mir eigentlich auch gar nicht.'"

Was sogar stimmte. Corinna war eher eine brave Tochter, nicht das kokette Liebchen.

"Wie ging's weiter?"

"Wir wohnten damals in der Lothringer Straße"- also wenige Minuten vom Jean-Paul - "sind zu mir gegangen, und ich habe ihr einen Rock und eine Bluse geliehen, in der sie auch sehr reizvoll aussah."

"Und Corinnas Kleid?"

"Meine Mutter konnte sehr gut nähen und hat ihr einen Einsatz in den Ausschnitt genäht, der immer noch viel zu ahnen gab, aber nicht alles entblößte. Papa und Mama Altmann haben nie erfahren oder gesehen, was sich das Töchterchen geleistet hatte."

"Ende gut, alles gut."

"Leider nicht, fürchte ich. Als das Ferkel mit seiner Zote wie üblich entgleiste, stand Klein-Attila in der Nähe und hatte nichts Eiligeres zu tun, als es Hans-Peter bestimmt mit der bei ihm üblichen Übertreibung weiter zu erzählen. Und der stand damals schon mit dem Ferkel auf Kriegsfuß, berichtete die Geschichte in der Attila-Version seiner Mutter und die musste am nächsten Elternabend dem Kullisch das gestreifte Schwein um die Ohren hauen. Danach gab es keine Versöhnung mehr zwischen Beck und der Mathematik."

"Das weißt du von Thilo Schabranski, stimmt's?"

"Stimmt."

"Hast du was für ihn empfunden?". Komisch, der Gedanke gefiel ihm gar nicht, eigentlich immer weniger und ließ ihn auch nicht los.

"Für Thilo? Etwas und vielleicht wäre es mehr geworden, wenn er nicht so plump direkt aufs Bett zugesteuert wäre und bei Jutta damit ja auch genau richtig landete."

Kramer schaute eine ganze Weile stumm zu, wie sie umblätterte und ihm Bilder, Mitschüler und alte Bekannte zeigte. In seinem Kopf arbeitete es ganz ohne sein Zutun, quasi von allein - und dann klickte es. Vielleicht war die Kugel auf Zero gefallen, vielleicht in die 13.

"Anke, was hat denn das Ferkel Corinna zugeflüstert?"

"In der Attila-Version: Ein schöner BH für einen schönen Busen."

"Und was sagt Corinna?"

"Die behauptet, dass das Ferkel gar nichts gesagt hat."

Was Kramer sehr wahrscheinlich erschien. Kullisch wusste genau, wer Corinnas Vater war und welchen Einfluss er besaß. Bei Sonja Drexler hätte er sich solch eine Bemerkung ohne Folgen erlauben können, aber nicht bei Corinna Altmann.


Thea meldete sich ganz vergnügt am Handy. "Ich bin im Haus und gehe mit dem Architekten durch die Räume, um einen Überblick zu bekommen, was gemacht werden muss."

"Was sagt die Versicherung?"

"Die möchte sich gerne auf den Standpunkt stellen, dass eine Brandstiftung kein voraussehbarer Schaden und damit nicht versichert sei."

"So was wie ein Meteoriteneinschlag, was?"

"So ähnlich, ich musste ihnen wahrheitsgemäß sagen, dass ich Rechtsanwältin bin und zur Zeit wenig Fälle habe, ich könne mich also voll und ganz dem Problem Brandstiftung und Versicherungspolice widmen."

"Ich wollte eigentlich nur mal hören, was gemacht werden muss und wie es dir geht."

"Heißt das, du willst abreisen?"

"Ja, Thea, ich muss mich auch mal wieder um meinen Job kümmern. Bleibst du hier?"

"Muss ich ja wohl, bis das Haus wieder in einem verkaufsfähigen Zustand ist."

"Ich brauche ja nicht lange, um nach Neustadt zu kommen, rufe mich an, wenn's brenzlig wird."

"Hast du überhaupt was erreicht?"

"Eine ganze Menge, kleine Details sind noch offen, aber die schließe ich bis zu unserem Jubiläumsessen. Ich melde mich rechtzeitig, um zu hören, wer abgesagt hat. Eine Bitte: Kannst du nachträglich noch Jutta Wirth und Anke Ludwig zum Essen einladen? Beide haben mir sehr geholfen und wussten eine Menge Einzelheiten, die ich gut gebrauchen konnte. Die anderen sollen aber nicht erfahren, dass du Anke und Jutta dazugebeten hast."

Und für alle Fälle würde er doch noch mal bei Adrienne Beck-Falke vorbeischauen.


Im Haus der Senioren Beck brannte Licht.

Als die Haustür geöffnet wurde, blieb ihm vor Erstaunen der Mund offen stehen. Das war doch Nadine, "seine" Nadine aus dem Spielcasino Kattenburg. Sie fasste sich schneller: "Mein Glücksbringer. Seien Sie willkommen."

Er klappte endlich seinen Mund zu und wusste immer noch nicht, wer vor ihm stand. Sie bemerkte es und sagte fröhlich: "Ich bin Heidrun Falke. Und wer sind Sie?"

"Ich heiße Rolf Kramer und war ein ..."

"... schlimmer Finger und Klassenkamerad von Hans-Peter auf dem Jean-Paul. Er hat ab und zu von Ihnen erzählt. Was kann ich für Sie tun?"

"Ihre Mutter ist nicht zu Hause?"

"Nein, sie hat Kaffee- und Tee-Kränzchen mit Freundinnen."

"Schade. Ich wollte mich erkundigen, wie die Familie Beck mit einem bestimmten Lehrer auf dem Jean-Paul ausgekommen ist."

"Fragen Sie doch mich! Ich habe bis zu Hans-Peters Abitur mit ihm unter einem Dach gelebt."

"Alfons Kullisch."

"Oh weh!" Sie verdrehte die Augen und Kramer kam ihr zu Hilfe. "Frau Falke, ich weiß schon lange, dass Ihr Vater ein Verhältnis mit Kullischs Frau Annegret hat."

Sie blubberte erleichtert: "Und Kullisch war damals felsenfest davon überzeugt, dass seine Frau meines Vaters wegen weggelaufen war."

"Was nicht stimmt, ich weiß, ich habe mit Annegret Kullisch gesprochen."

"Okay, und nun ein Geständnis. Dass Hans-Peter nicht nur etwas dumm, sondern auch ein ausgewachsener Faulpelz war, ließ sich nicht übersehen. Und weil er auch ein Feigling ist, stand bei jedem Problem und jeder Schwierigkeit fest - nicht er, sondern die anderen waren schuld, an seinen schlechten Noten, seinem Ärger mit Lehrern - eben an allem. Dann rückte das Abi näher, und Hans-Peter würde mit Sicherheit eine Fünf in Latein bekommen. Wenn er jetzt noch eine Fünf in Mathe einfuhr, also durchfiel, musste er die Schule verlassen. Kein Abi, das würde Hans-Peter nicht übermäßig gejuckt haben, aber für den Fall hatte sein Vater ihm angedroht, nicht er würde die Firma übernehmen und ich ausbezahlt werden, sondern umgekehrt." Sie schnaufte, das Thema erregte sie immer noch. "Wie gesagt, wir - Mutter, Eberhard und ich - haben nicht jede seiner Entschuldigungen und Rechtfertigungen geglaubt. Doch in einigen Fällen musste man stutzig werden, das hörte sich sehr nach gezielter Schikane an. Meine Mutter hat versucht, mit Kullisch zu reden, aber das muss gewaltig schief gegangen sein."

"Richtig", merkte Kramer trocken an. "Sie hat Kullisch an den Kopf geworfen, er sei kein gestreiftes Ferkel, sondern ein gestreiftes Schwein."

"Danach war Holland in Not, so sehr, dass sogar Hans-Peter sich auf seinen Hosenboden gesetzt hat. Er hat Nachmittage lang Mathe gebüffelt, mit seinem Freund Christian Neufel."

"Den kennen Sie also?"

"Ja, den kannte ich sogar lange vor dem Abi. Aber er hat mir so wenig gefallen wie Hans-Peters Dauerfreundin Sonja."

"Sonja Drexler."

"Eben. Wir haben alle nicht verstanden, was er an dem kleinen Hürchen fand."

"Eben das!"

"Wie meinen Sie das?"

"Dass sie ein kleines Hürchen war, das mit Hans-Peter jederzeit ins Bett stieg. Das wussten wir alle, und ich denke, die meisten Lehrer haben es zumindest vermutet. Hat Ihre Mutter von dieser Sprechstunde erzählt, in der sie Kullisch ein gestreiftes Schwein genannt hat?"

"Ja, hat sie. Und deswegen war sie sehr bedeppert, weil ihr wohl aufgegangen war, dass sie ihrem geliebten Sohn damit keinen Gefallen getan hatte. Kullisch war nachtragend und Verfechter der Sippenhaft. Eberhard hat deswegen mit meiner Mutter gewaltig gezankt, das habe sie doch extra getan, um Hans-Peter zu schaden und der Tochter doch noch die Firma zuzuschanzen."

"Was hatte er gegen Sie?"

"Ach, ich glaube, um das zu erklären, müsste man mehrere Semester Psychologie studiert haben ..."

"... oder gelernt haben, genau zuzuhören. Eberhard hatte sich um ihre Mutter bemüht, doch sie hat ihm Ihren Vater vorgezogen. Er war dann bereit, die Patenschaft für das Kind seines erfolgreichen Rivalen zu übernehmen, bis sich nach der schrecklichen Fahrt zum Taufgottesdienst eine Chance geboten hat, doch noch zum Zuge zu kommen. Und dann ein eigener Sohn, den er immer der Tochter seines früheren Rivalen vorgezogen hat, obwohl das Mädchen in jeder Beziehung besser geeignet war als der Sohn."

"Sie wissen sehr viel", staunte sie ihn an, "aber in einem Punkt möchte ich Sie korrigieren. In puncto Forschung, Entwicklung neuer Produkte etcetera wäre ich die bessere Inhaberin gewesen, aber Hans-Peter ist kein schlechter Geschäftsmann. Ganz im Gegenteil. Beck & Falke blüht."

"Entschuldigung. Das kann ich mir nicht vorstellen. Hans-Peter ein guter Geschäftsmann, fleißig und aufmerksam? Einer, der sozusagen seine Schulaufgaben macht?"

"Streichen Sie das Wort fleißig. Und bei den Schulaufgaben, wie Sie das nennen, hilft ihm nach wie vor sein Freund Christian Neufel, der alle naselang hier auftaucht."

"Sieh mal an. Der schöne Christian, deswegen hat er seinen Sohn in die Josephshöhe gesteckt."

"Nein, nicht nur, seine Frau verwirklicht sich künstlerisch als Malerin und fühlt sich durch einen Sohn eingeengt."

"Aha. Kennen Sie die Palette in Neustadt?"

"Wollen Sie mich in Sonjas Schuppen einladen?"

"Nein, aus Ihrer Frage schließe ich, dass Sie Sonja Drexler kennen und nicht schätzen."

"So ist es. Aber wenn ich mir Hans-Peters zwei Ehefrauen anschaue, kommt mir manchmal der Gedanke, er hätte auch nach dem Abi bei seiner Sonja bleiben sollen."

"Ich kenne nur den weißen Igel Milena. Frau Falke, eine letzte persönliche Frage. Die Firma ist zur Hälfte Eigentum Ihrer Mutter?"

"Ja. Sie hat die Lebensversicherung meines Vaters dazu benutzt, mit Eberhard eine kleine Chemie-Klitsche Ulitzer Farben zu kaufen; er hat die andere Hälfte aufgebracht. Deshalb stehen beide als hälftige Eigentümer im Handelsregister."

"Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Auskünfte. Und eine letzte Bitte, es wäre schön, wenn Hans-Peter weder erfahren würde, dass ich bei Ihnen war, noch, was ich so gefragt habe."

"Und wann erklären Sie mir, weshalb Sie mich verhört haben?"

"An jedem von Ihnen gewünschten Ort nach dem 18. September."

"Dann bin ich nicht mehr hier."

"Darmstadt ist nicht aus der Welt."

Darauf tauschten sie die unvermeidlichen Visitenkarten, und als sie auf seiner Karte das Wort "Privatdetektei" las, wurde sie etwas blass: "Ich ahne Schlimmes."

"Kein Grund. Der Glücksbringer ist nicht nur am Roulette-Kessel hilfreich."


In der Tiefgarage geschah, was Anke gefürchtet hatte, am Aufzug wartete Hans-Peter Beck, der Kramer am liebsten angespuckt hätte. "Na, du Schleimscheißer?"

"Sei gegrüßt, syphilitischer Hurenbock." Das Licht neben dem Rufknopf leuchtete auf, der Aufzug war da.

Zum Glück war die Kabine nicht so eng, dass sie auf Tuchfühlung stehen mussten. Beck kochte, aber er hielt den Mund.

Kramer rief Anke in ihrer Wohnung an und schilderte, dass die Begegnung mit Hans-Peter stattgefunden habe, es aber bei "Schleimscheißer" und "Hurenbock" geblieben sei.

"Blut ist also nicht geflossen?"

"Nein, der Fußboden im Fahrstuhl ist noch sauber."

"Sehen wir uns morgen beim Frühstück?"

"Ja. Ich fahre morgen nach Tellheim."

"Schade."

"Ich komme ja wieder, mein blonder Engel. Aber der Schreibtisch in meinem Büro ruft. Ich habe übrigens Thea gebeten, dich und Jutta zu unserem Jubiläumsschmaus einzuladen."

"Ich weiß schon, Thea war heute hier, ich glaube, sie wollte mal kontrollieren, was du so treibst. Ihre Komplimente über mein gutes Aussehen enthielten einen merkwürdig drohenden Unterton."


An der Tür zum Frühstücksraum traf er mit Christian Neufel zusammen.

"Guten Morgen, Rolf."

"Morgen, Christian, alles geschafft? Die Josephshöhe gerettet und die nötigen Kredite bekommen?"

"Ja, alles klar. Und bei dir?"

"Ich muss zurück nach Tellheim. Die Arbeit wartet."

"Wir sehen uns doch bei Theas Jubiläumsessen?"

"Na klar."

Sobald sie sich am Büffet bedient hatten und die erste Tasse Kaffee dampfte, griff Neufel zum Glück nach einer Tageszeitung und schwieg, während der Morgenmuffel Kramer zufrieden und ungestört frühstücken konnte. Ohne Kaffee ging morgens gar nichts, und nach der dritten Tasse brach er auf: "Bis zum September, Christian."

"Toi, toi, toi."

Anke hatte die Rechnung schon fertig und sah etwas betrübt aus. "Wir sehen uns doch im September?"

"Auf jeden Fall. Soll ich heute schon buchen?"

"Nein, rufe aber rechtzeitig an!"

Sobald er die Serpentinen erreicht hatte und zur Tunnelmündung hochschlich, begann es zu regnen. Nicht stark, aber gleichmäßig. Die letzten Wochen waren sonnig und trocken gewesen, etwas Feuchtigkeit konnte nicht schaden. Die Winzer würden sich freuen.


Anielda hörte, wie er seine Bürotür aufschloss, kam heraus und brummte: "Nase jetzt endlich voll?"

"Nein, alles erledigt."

"Sie ist eine hübsche Frau!"

"Wer?"

"Deine Rechtsanwältin aus Neustadt."

"Ich werd's ihr ausrichten. Sie freut sich über jedes Kompliment."

"Bekommt sie so wenige?"

"Sieht so aus."

"Arme Frau."

Er las noch die Post, die Anielda immer brav mit hochgebracht und auf seinem Schreibtisch abgelegt hatte - fast nur Bettelbriefe und Kaufempfehlungen, für das erste hatte er nicht das Geld und für das zweite nicht die geringste Lust - als das Telefon klingelte.

"Dich gibt's noch?"

"Seit etwa einer halben Stunde am gewohnten Platz."

"Dann darfst du mich heute Mittag zum Schirmer einladen."

Schirmer war das beste, aber auch das teuerste Restaurant in der Innenstadt. "Bist du entlassen worden - oder was feiern wir bei Schirmer?"

"Abwarten!"


Sie trafen sich um Punkt 12 Uhr 30 vor dem Restaurant.

"Du bist mir was schuldig", sagte Caroline Heynen statt einer herzlichen Begrüßung. "Ich habe deinetwegen Stunden mit der Lektüre alter Akten verbracht."

"Seit wann schreibst du so lange Berichte?"

"Wie meinst du das?"

"Du hattest doch nur mit einem Fall im Ulitztal zu tun. Mit dem Tod des Haldur Sandmann."

"Theoretisch hast du ja Recht. Praktisch haben mir die Journalisten sofort gesteckt, im Tal gebe es eine Serie von Morden oder Totschlägen. Also habe ich mir die ungeklärten Fälle Thilo Schabranski und Richard Moll noch einmal vorgenommen."

"Und? Hast du einen Zusammenhang entdeckt?"

"Nein, abgesehen davon, dass in dem Nest jeder jeden zu kennen scheint.

"Und mit Argusaugen überwacht. Wer hat Sandmann senior nun erschlagen?"

"Wieso Senior?"

"Es gibt doch noch einen Sandmann junior, der ist heute Landrat in Kreis Riek/ Ulitztal."

"Auch ein alter Schulfreund?"

"Freund nein, aber von der selben Penne, ja."

Nach der Bestellung und dem ersten Schluck Wein holte Caro einen Block aus ihrer Handtasche. Also, der liebe Haldur war an einem Mittwoch gegen 18 Uhr erschlagen und gut zwei Stunden später gefunden worden. Tatwaffe war höchstwahrscheinlich ein schwerer runder Kiesel aus der Ulitz, den der Täter zurück ins Wasser geworfen hat."

"Täter?"

"Vom nötigen Kraftaufwand und so kann es auch eine Täterin gewesen sein. Einer der Polizisten hat Sandmann erkannt und gegen 19 Uhr mit der Ehefrau Edda Sandmann gesprochen. Der Senior war am Nachmittag gegen 15 Uhr aus seinem Geschäft nach Hause gekommen und hatte gesagt, er wolle das schöne Wetter zu einem Spaziergang nach Kreestedt nutzen. Das haben Ehefrau Edda und Sohn Guido gehört. Mich hat man tags darauf in Marsch gesetzt. Es gab eine sehr unschöne Auseinandersetzung mit einem Kollegen namens Erwin Stange, dem der Chef am Telefon verklickert hatte, weil er in den beiden Fällen zuvor so kläglich versagt habe, würde eine Kollegin aus Tellheim den Fall übernehmen, was die Zusammenarbeit mit Stange wahnsinnig erleichtert hat. Erst gegen Mittag sind Spusi und ich in das Haus Sandmann gekommen und da wurden wir von Eddda mit der Botschaft empfangen, die Haushaltshilfe Lydia sei seit dem Vortag spurlos verschwunden. Eine Lydia Marchova, von der Edda Sandmann so gut wie nichts wusste, nur den Namen und die angebliche Herkunft aus Polen. Sohn Guido hat mir dann verraten, dass Lydia wohl illegal in Deutschland sei, und als das klar wurde, hat Edda auch zugegeben, dass Ehemann Haldur ein Verhältnis mit Lydia hatte, aber der Teure habe sie nun abschieben wollen. Ob sie wirklich aus Polen gekommen ist und wie sie wirklich geheißen hat, wissen wir bis heute nicht. Moment."

Caro musste ihren Block zur Seite räumen, damit das Essen serviert werden konnte. Gemäß der guten alten Einsicht, dass man entweder essen oder reden kann, schwiegen sie beide bis zum Dessert.

Edda Sandmann äußerte als erste den Verdacht, Lydia habe den Geliebten, der sie loswerden wollte, an der Ulitz erschlagen. Zeugen und verwertbare Spuren gab es nicht, den polnischen Kollegen gelang es an Hand der wenigen spärlichen Hinweise nicht, eine Lydia Marchova zu finden. Weil Lydia nach Aussage vieler Neustädter sehr schnell Deutsch lernte und bald fast akzentfrei sprach, entstand der Verdacht, sie stamme aus Oberschlesien, habe in Polen was ausgefressen und sich mit einem falschen Pass hier verstecken wollen. Aber eine Vermisstenmeldung oder Fahndung, die auf Lydia Marchova gepasst hätte, lag nicht vor.

"Ich musste also geschlagen abziehen, und Kollege Stange hat gefeixt."

"Was dich so gefuchst hat, dass du dir die Unterlagen seiner beiden zuvor nicht aufgeklärten Todesfälle besorgt hast?"

"Woher weißt du?"

"Weil ich dich jetzt schon ein paar Jahre kenne."

"Schrecklich, wenn man so durchschaut wird. Also, im ersten Fall Thilo Schabranski ist es mehr als zweifelhaft, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Okay, dieser Thilo hatte ein Verhältnis mit einer älteren verheirateten Frau und der Ehemann war dahintergekommen, sein Auto ist angeblich zur Tatzeit in der Nähe des Tat- oder Unfallortes gesehen worden, doch als Stange davon erfuhr, waren alle Spuren erkaltet und alle Teilnehmer an der Sauferei längst ausgeflogen."

"Sauferei?", beschwerte Kramer sich gekränkt. "Wir haben Abi gefeiert, mit vielen Wolfsschnitzeln und etwas Brenner-Bier."

"Seit wann kann man Wölfe essen?"

"Die Schnitzel stammen vom Schwein und sind auf eine bestimmte Art zuerst mariniert, dann mit Wolfsbrotkrümeln paniert und zum Schluss mit einer Auflage aus Pilzen und Rührei verfeinert. Zum Aufwischen der Tunke gibt es Toast."

"Klingt gut", gab sie zu, "und das Brenner-Bier ist wirklich nicht schlecht. Na schön. Mir ist beim Studium der Akten nur aufgefallen, dass Stange nach einem bestimmten Zeitpunkt seine Aktivitäten gewaltig gedrosselt hat."

"Und der erste Fall?

"Der ist irgendwie kurios, wenn man das bei einem Todes-Opfer sagen darf. Wir hätten gerne die Waffe gefunden, ein ganz ungewöhnlich kleines Kaliber. Der Schuss war nicht unbedingt tödlich, die Gerichtsmedizin meinte, wenn der Täter sofort einen Rettungswagen angefordert hätte, wäre Moll wohl gerettet worden."

"Warum sollte ein Raubmörder einen Rettungswagen rufen?"

"Weil es nicht unbedingt ein Raubmord gewesen sein muss. Ein winziger Laden, der kaum seinen Inhaber ernährt. Was ist da schon groß für einen bewaffneten Einbrecher zu holen? Und dann - das Geld ist aus der Kasse geraubt worden, aber kein einziges Schmuckstück und keine Uhr - wenn der Raub nur vorgetäuscht wurde? Moll befand sich ungewöhnlich spät in seinem Geschäft, angeblich wollte er im Keller aufräumen. Oder sich mit jemandem treffen? Zum Beispiel mit Lydia Marchova."

"Das klingt aber nicht sehr wahrscheinlich, Caro."

Mit vollem Magen war sie fast immer friedfertig: "Nein, aber auch nicht unmöglich. Ich habe also Stange gefragt, ob er sich um diese Möglichkeit gekümmert habe, und er hat mich groß angesehen: `Heimlich getroffen? - mit einer Frau? - doch nicht Richard!' Von ähnlicher Qualität und Objektivität waren alle seine Urteile über die Beteiligten."

"Das wusste ich schon, meine Schöne."

"Wer von deinen Mitschülern hat dich denn nach Neustadt gelockt, um Staub aufzuwirbeln?"

"Sie heißt Thea Schabranski und war mal meine große Schülerliebe."

"Ist sie das immer noch, nach der - wie ich vermute - kürzlich vorgenommenen Auffrischung der Gefühle?"

"Nein, da hat sich vieles auf Dauer abgekühlt."

"Und wie steht es mit Cordula Oppenstedt?"

"Wie kommst du auf Dula?"

"Das LKA hat ihren Freund Max hochgehen lassen, gewerbsmäßige Hehlerei und Erpressung. Beim ersten Verhör hat er gedroht, dafür würde das Schwein noch bezahlen müssen. Dula hat dann den Kollegen vom LKA verklickert, mit dem Schwein sei ein gewisser Rolf Kramer gemeint, Privatdetektiv in Tellheim."

"Danke für den Tipp."

"Gern geschehen. Mir schmeckt das Essen bei Schirmer!"

Caro konnte auf sehr charmante Art unverschämt sein. Dabei bezog sie als Landesbeamtin monatlich ein festes Gehalt, von dem eine unverheiratete, kinderlose Frau mit einigem, zinsbringenden Vermögen im Rücken gut leben konnte. Sie trennten sich in alter Freundschaft, ohne Verstimmung.

Der gelernte Junggeselle begann, seine Wäsche zu waschen, zu trocknen und die Hemden zu bügeln. Weil er nun doch ein weiches Herz hatte, rief er Schwester Annette im Krankenhaus an, aber die war schon entlassen und von ihrem Mann nach Stadtausa abgeholt worden.


Die nächsten Wochen verbrachte Kramer damit, wieder einmal Christine zu suchen. Die minderjährige und frühreife Christine besaß alles, was man mit Geld kaufen kann, aber weil Zuneigung und Anerkennung gerade in allen Geschäften ausgegangen waren, riss sie wieder einmal aus, darin hatte sie Übung und damit hatte sie Kramer schon mehr als einmal ein ordentliches Honorar verschafft. Die ersten Male war es ein Kinderspiel gewesen, das Mädchen aufzuspüren. Christine fuhr schnurstracks zu ihrer Großmutter und schüttete der alten Dame ihr kummerbeladenes Herz aus. Kramer hatte die alte Oma kennengelernt und war sehr angetan von ihr. Doch leider lag die krebskranke Großmutter jetzt in einer Klinik, Christine hatte vergeblich geklingelt und sich dann, so fand er heraus, einem skrupellosen Typen in die Arme geworfen, der mit ihr durch Deutschland zog, bis Kramer sie stellte und Christine nach Hause holte. Das Honorar war fürstlich, die Dankbarkeit der Eltern unbeschreiblich, als er die Tochter nach fast drei Wochen ablieferte. Danach war er gerade noch rechtzeitig bei seiner Bank gewesen, um den Verrechnungsscheck einzuzahlen, und seine Kontoführerin zwinkerte ihm zu: "Drucken Sie's mittlerweile selber?" Es hatte in der Vergangenheit Phasen gegeben, in denen eine solche Fähigkeit dringend notwendig gewesen wäre, und deswegen zwinkerte er zurück. In der Tür stieß er mit einer Frau zusammen, sagte "Entschuldigung" und wollte weitergehen.

Sie hatte schneller geschaltet: "Rolf?"

Es war Brigitte Moll, die ihn vergnügt anstrahlte. "Wie geht es dir?"

"Danke gut, dir hoffentlich auch?"

"Ich kann nicht klagen. Anke hat mich angerufen. Du warst mehrere Tage in Neustadt?"

"Ja."

Sie stöhnte leise, schaute auf ihre Armbanduhr und fragte heiter: "Weißt du noch, wo mein Geschäft ist?"

"Aber ja."

"Könntest du mich da um 19 Uhr 30 abholen? Ich würde gerne einen Schluck mit dir trinken."

"Okay, ja. Mache ich. Halb acht."

Sie verschwand in der Schalterhalle und er schaute ihr einen Moment nach. Dass sie sich sehr zu ihren Gunsten verändert hatte, war ihm schon bei ihrem vorigen Zusammentreffen aufgefallen. Im Jean-Paul hatte er sie auf dem Schulhof nur mit gesenktem Kopf, hochgezogenen Schultern und einer abweisenden Trauermiene erlebt, auch schon vor dem Tod ihres Vaters. Kodderschnauze und Frauenkenner Thilo hatte mal zu Kramer gesagt: "Männer mögen keine Mädchen, die sich selbst nicht leiden mögen", was richtiger hieß: "Ich mag keine girls, die sich selbst nicht leiden können, nicht nach Komplimenten haschen und Kleidung tragen, als wollten sie sich darin verstecken." Das hatte sich bei Brigitte Moll sichtlich geändert.

Kramer holte sie pünktlich ab und sie schlug eine kleine, neu eröffnete Weinstube vor; die Weinkarte war kurz, aber sehr ordentlich. Gitte schwor, der neue Rivaner aus dem Riek sei nicht der alte Müller-Thurgau. Nach dem ersten Schluck steuerte sie sofort auf ihr Ziel los. "Du warst bei Thea, nicht wahr?"

"Nein, ich habe bei Anke im Hotel gewohnt."

"Seltsam", sagte sie und ihre schwarzen Augen wurden noch dunkler. "Tina hat mir doch erzählt, dass du bis über beide Ohren in Thea verliebt warst."

"Ja, das stimmt ja auch. Aber das ist mehr als zwanzig Jahre her."

"Und dann ziehst du zu Anke ins Hotel. Ist die große Liebe erloschen?"

Warum wollte sie das wissen? "Nicht erloschen, nur etwas erkaltet, sie glimmt noch, aber sie lodert nicht mehr so heiß wie zu Schulzeiten." Gitte lächelte, und im Kerzenlicht hatte sie ein ausgesprochen hübsches Gesicht. Sanft und fast träumerisch. "Pass auf, Rolf!", ermahnte er sich.

"Aber Anke hat sich fast gar nicht verändert, findest du nicht auch?"

"Nein, sie ist immer noch der blonde Engel."

"Blonder Engel, oho."

Gitte zog die Augenbrauen hoch, und Kramer musste lachen. "Dieser schöne Name stammt nicht von mir, sondern von Thilo."

Sie nickte. "Aber er gefällt dir?"

"Ja, er trifft's nach wie vor."

"Anke meinte, du hättest was für Thea in Neustadt erledigt. Sie glaubt aber nicht, dass es nur darum ging, Tina aufzutreiben."

"Nein, das war nur ein Teil und ein glaubwürdiger Vorwand."

"In Wahrheit ging es um Thilos Tod?"

"Ja. Durch Zufall hat Thea neue Einzelheiten erfahren und ich habe mich auf den Weg gemacht, um ein paar Punkte zu klären, die noch dunkel sind."

"Bist du damit fertig geworden?"

"Eigentlich schon."

Sie legte eine Hand auf seinen Arm. "Rolf, ich habe Kassensturz gemacht, und wenn du nicht zu teuer bist, würde ich dich bitten, auch im Fall meines Vaters dunkle Punkte zu beseitigen."

Er zog seinen Arm nicht weg. "Gitte, das wird kompliziert. Mittlerweile habe ich eine recht klare Vorstellung von dem, was da passiert ist, aber beweisen kann ich das alles nicht. Ich bin darauf angewiesen, bei unserem Jubiläumsessen von zwei Personen ein Geständnis zu bekommen, sei es, dass ich sie überrumpeln kann oder dass sich Mitwisser verraten."

"Und vorher kannst du meinen Auftrag nicht annehmen?"

Er wollte ihr nicht erklären, dass sich ihr Auftrag unter Umständen erledigte, wenn er beim geplanten Essen Thilos Tod aufklären konnte. Gitte hatte für seinen Geschmack zuviele Kontakte zu alten Jean-Paulianern, und er hatte überhaupt nur eine Chance, wenn sich die ahnungslosen und nicht vorgewarnten Beteiligten überrumpeln ließen.

"Ungern, Gitte. Ich verspreche dir, ich melde mich, sobald ich Theas Auftrag abgeschlossen habe."

"Versprochen?"

"Bei Siebenkäs und Quintus Fixlein."

Sie lächelte und drückte seinen Arm. "Darauf trinken wir noch ein Glas?"

Es blieb nicht bei dem einen, und als sie endlich aufbrachen, hatten sie beide sehr gute Laune und eine gewisse, aber nicht störende Schlagseite, die sie beide zwang, sich gegenseitig zu stützen. Und als sie einmal dennoch stolperte und gegen ihn prallte, erinnerte ihn ihre weiche Nachgiebigkeit an Sonja Drexler vor mehr als zwanzig Jahren. Trotzdem kamen sie ohne Unfall bis vor Gittes Haustür und dort legte sie beide Arme um seinen Hals und küsste ihn, dass ihm fast die Luft wegblieb. Es war eine angenehme Situation, und wenn nicht in der Minute ein spät heimkehrender Nachbar sie gegrüßt und die Haustür aufgeschlossen hätte, wären sie unter Umständen in ihrer Wohnung und dort im Schlafzimmer gelandet. So verabschiedete er sich angeregt und grinste, als sie ihm zuzwinkerte.

In der Haffstraße hockte Babsie auf ihrem vom Straßenbauamt vergessenen Meilenstein und machte ihm ein Sonderangebot.

"Wie kömmt's?"

"Du warst so lange weg und ich habe dich vermisst."

"Das ist eine wunderschöne Begrüßung, Babsie, aber ich komme gerade von einer netten Weintrinkerei mit einer netten Frau."

"Also wieder nichts?"

"Nein, tut mir leid."

"Mir auch."

Sein mesquita mexicano hatte die Wochen ohne regelmäßige abendliche Befeuchtung zwar überstanden, schien sich aber auf einen Schluck Whisky mit Soda und Eis zu freuen. Der Riesenkaktus war ein Prachtstück und verkraftete alles, was Kramer von seinen Schlummertrunken an Resten über den Stachelriesen kippte.


Brigittes unmissverständliche Aufforderung war nicht die einzige Überraschung der Woche. Am nächsten Vormittag saß er im Büro am Schreibtisch, las Zeitung und schreckte hoch, als jemand versuchte, seine Tür einzutreten. Auf dem Gang stand eine sportliche junge Frau Ende dreißig, die ihm ebenfalls bekannt vorkam und die er nicht sofort unterbringen konnte.

"Sag bloß, du erkennst mich nicht mehr."

"Müsste ich?"

"Ein Mann, der so viele Englisch- und Französisch-Hausaufgaben für mich geschrieben hat, sollte das."

"Tina! Tina Schabranski! Wo kommst du denn her?"

"Dein Hilferuf über Victor Seyboldt und meinen Chef hat mich in Hamburg erreicht. Und da habe mich mir gedacht, warum fährst du nicht mal nach Neustadt über Tellheim?"

"Ist das nicht zu gefährlich, Victor hat mir erzählt, was mit dem Stellvertreter deines Chefs passiert ist."

"Okay, aber wer kennt schon die Ulitz? Und wer weiß, wo Neustadt an der Ulitz liegt?"

"Hast du Thea gesprochen?"

"Nein, sie war nicht da, als ich in die Rhönstraße kam. Da wird an dem Haus gebaut, was ist denn passiert?"

"Ein nächtlicher Brandanschlag. Thea ist zum Glück rechtzeitig wachgeworden und aus dem Fenster gesprungen."

"Und du?"

"Ich habe zu der Zeit friedlich in meinem Bett im Hotel Rieker Höhe geschlafen."

"Wieso im Hotel. Seid ihr auseinander?"

"Tina, wir waren nie zusammen."

"Na ja, bis auf das eine Mal, an dem Tag, an dem Thilo gestorben ist."

"Hat Thea dir das erzählt?"

"Mehr als einmal. Wenn sie jetzt nicht etwas Schönes aufwärmen wollte, warum war sie denn dann bei dir?"

"Sie hat durch Zufall Neuigkeiten gehört, über den Abend in der Wolfsbachschlucht."

"Glaubt sie immer noch, dass Thilo ermordet wurde?"

"Ja, und ich glaube es mittlerweile auch."

"Dann verstehe ich um so weniger, warum du im Hotel schläfst und nicht bei Thea."

"Weil sie mir was verschweigt. So wie du vor Thea verschweigst, dass du mit Guido Sandmann ein Verhältnis gehabt hast."

"Woher willst du denn das wissen?!", brauste sie auf.

"Das ist kein Geheimnis", sagte er fest. "Ihr habt euch hier in Tellheim ja nicht versteckt. Und du kannst von Glück sagen, dass es noch kein Mensch deiner Schwester hinterbracht hat. Dann wäre wohl die Hölle los."

Man sah förmlich, wie sie innerlich erst Dampf ablassen musste, bis sie etwas kläglich nicken konnte. Er war froh, dass er den Namen Brigitte Moll nicht hatte erwähnen müssen. Tina hob den Kopf. "Was soll Thea dir denn verschweigen?"

"Was in der Nacht passiert ist."

"In welcher Nacht?"

"Nachdem abends Thilo verschwunden war."

"Nichts ist da passiert, was soll denn da passiert sein?"

"Thea hat es mir verraten, unfreiwillig. So, nun hör bitte mal genau zu. Thea hat mir erzählt, dass der Wirt sie um Mitternacht aus dem Lokal raushaben wollte. Sie hatte kein Auto, kein Geld für ein Taxi, deshalb hat sie Guido Sandmann angerufen, er möge sie bitte abholen. Gesetzt den Fall, sie hat ihn erst um null Uhr fünfzehn erreicht. Wie lange hat er wohl mit dem Auto gebraucht, sie in der Wolfsbachschlucht abzuholen?"

"Höchstens eine Viertelstunde."

"Okay, und wie lange ist er von der Wolsbachschlucht bis in die Rhönstraße gefahren? Zehn Minuten?"

"Eher sechs."

"Einverstanden. Dann wäre Thea also kurz vor ein Uhr zu Hause gewesen. Du weißt selbst, dass wir zehn Finger selbst unter der Woche dort sehr viel länger gebechert haben. Aber mir hat Thea erzählt, dass du sie richtig aufgeregt empfangen hast: Wo bist du denn die 'ganze Zeit' gewesen? Sie muss also sehr viel später nach Hause gekommen sein. Wo ist sie gewesen?"

Tina staunte ihn mit offenem Mund an: "Hörst du immer so genau hin?"

"Meistens. Und das verdanke ich dem Schnurz."

"Sag', gibt es in diesem Prachtdomizil was zu trinken? Ich brauche jetzt ein oder zwei Schlucke."

"Ich habe einen Schwarzwälder Kirsch im Kühlschrank."

"Her damit, nur kein Krötenblut. In der Not säuft Tina fast alles, vom Rum pur bis zum Gammeldansk."

Der erste Schluck verriet, dass sie ihre Leber inzwischen mächtig trainiert hatte. Doch danach bekam sie wieder Farbe.

"Das bleibt jetzt unter uns? Ganz großes Ehrenwort?"

"Ja."

"Guido hat sie erst am nächsten Morgen in die Rhönstraße gebracht. Thea war völlig durcheinander, redete wirres Zeug und kriegte keinen vernünftigen Gedanken auf die Reihe. Vor allem konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Thilo verschwunden, große Aufregung, Warten und dann Guido angerufen, und danach reißt bei ihr der Faden."

"Wo ist Thea denn wach geworden?"

Tina kippte das nächste Glas. "Du lässt dich nicht gerne verarschen, wie?"

"Wenn's sich vermeiden lässt - nein."

"In Guidos Bett in seinem Zimmer im Sandmannhaus. Viel später ist ihr wieder eingefallen, dass Guido sie überredet hat, mit ihm hereinzukommen, und dann hat er ihr ein Glas zu trinken gegeben."

"Was?"

"Heute würde ich vermuten – K.o-Tropfen, Liquid Ex. Ich weiß nicht, ob es damals schon solche Sachen gab, aber einer meiner Sekretärinnen ist das vor wenigen Wochen passiert. In der Disco wird ihr so merkwürdig. Ein Freund schleppt sie an die frische Luft und dann Filmriss. Ich habe sie vom Büro aus sofort in eine Klinik gebracht, um einen Abstrich machen zu lassen."

"Keine Blutprobe?"

"Das Medikament ist nur kurze Zeit nachzuweisen, und in meinem Fall war es dazu zu spät."

"Ist Thea von Guido missbraucht worden?"

"Ja, sie hatte Sperma in der Scheide."

"Ist ein Abstrich gemacht worden?"

"Nein. Du musst dir das vorstellen, wir waren beide verrückt vor Sorge wegen Thilo. Und dann zur Identifizierung der Leiche ins Krankenhaus. Erst gegen Mittag hat mir Thea gestanden, dass sie mit dir am Vortag geschlafen hatte. Ich habe sie beschworen, sie sollte dir von ihrem Verdacht erzählen, dass Guido sie betäubt und dann missbraucht hat, aber das wollte sie partout nicht. Ich denke mir, sie hat sich gefürchtet, dass du ihr nicht glauben würdest."

Kramer sagte nichts, sondern schüttete stumm Kirsch nach. Wenn er ehrlich vor sich selbst war und sich an seine damalige Empfindlichkeit erinnerte - er hätte wohl massive Zweifel geäußert. Warum war sie überhaupt mit Guido in das Haus der Sandmanns gegangen?

"Mit meinen Eltern konnte Thea über das Thema gar nicht reden. Sie fielen fast auseinander über den Tod ihres Sohnes. So, und dann hast du dich so komisch auf Thilos Beerdigung benommen und am nächsten Tag warst du mit unbekanntem Ziel abgereist. Thea ist fast verzweifelt, erst recht, als sie feststellen musste, dass sie schwanger war."

"Nein!" Kramer schaute Tina so entsetzt an, dass sie ihm glaubte, als er alle Eide schwor, das habe er nicht gewusst, nicht einmal geahnt.

"Thea hat es Guido gestanden, der bereute schon heftig, was er Thea angetan hatte und hat sie gefragt, ob sie ihn heiraten würde, damit er das Kind anerkennen könne. Sie hat mehr als einmal abgelehnt, erstens hoffte sie, das du dich melden würdest und zweitens war da der Zwischenfall mit der 'bolschewistischen Ostjudenhure' gewesen, Vater Sandmann würde einer Heirat seines Sohnes mit Thea nie zustimmen, und Guido hatte noch keinen Beruf und kein eigenes Geld."

"Tina, bitte ehrlich: Von wem war das Kind?"

"Wie sollten wir das damals wissen? Thea hat Guido gesagt, er sei der Vater und Guido wollte so gut, wie es ging, für Thea und 'sein' Kind sorgen."

"Und dann?"

"Thea hat im Laden ausgeholfen, weil Thilo ja nicht mehr da war. Eines Tages ist sie im Lager von der Leiter gefallen und hat das Kind im fünften Monat verloren."

Er trank sein Glas aus, legte den Kopf auf die Arme und begann zu heulen. Mein Gott, was hatte er da wegen seiner gekränkten Eitelkeit alles angerichtet. Und wieviel Schmerz dem Menschen zugefügt, den er so geliebt hatte. Tina fand auch, dass er Strafe verdient hatte, und bohrte boshaft-gezielt in der Wunde.

"Ich weiß es nicht, aber ich glaube, das Kind war von dir."

"Warum glaubst du das?"

"Schließlich habe ich drei Jahre mit Guido zusammengelebt und wir haben nie verhütet, aber ich bin nie schwanger geworden."

"Ann-Katrin wird auch nicht schwanger, obwohl beide sich Kinder wünschen."

"Woher willst du das wissen?"

"Anke Ludwig trifft Ann-Katrin ab und zu im Wartezimmer ihrer Frauenärztin."

"Und du hast dich mit Anke getroffen?"

"Ausgiebig sogar."

"So, für mich wird es Zeit, das war ja eine böse Stunde für uns beide. Ich gehe jetzt und treffe mich mit Brigitte Moll. Ich werde ihr nichts von der Sache erzählen, einverstanden?"

"Ja, natürlich. Und du lässt dich mal bei Thea blicken, nicht nur wegen des Hauses. Sie vermisst dich, und sie hat wohl tatsächlich einen Kaufinteressenten an der Hand."

"Mach ich, tschüss und trink nicht so viel."

Das war leicht dahin gesagt, er hörte erst auf, als die Flasche leer war, so leer wie sein Kopf. Nicht ein einziges Mal hatte er an Tinas Worten gezweifelt, vielleicht, weil sie so grausam präzise seinen schlimmsten Alpträumen entsprochen hatten.


Bevor er sich wieder nach Neustadt aufmachte, räumte er seinen Laptop auf, seine Taschen und schaute im Notizblock nach, ob alles, was er sich notiert hatte, auch erledigt war. Dabei stieß er auf die Adresse einer Spedition in der Aachener Straße und erinnerte sich an Neufels Besuch bei Milli. Dieses Rätsel sollte er noch lösen, bevor er zu Thea losfuhr.

Bei den Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis baumelte das "bitte nicht stören"- Schild an der Klinke. Also rief er Neutaxi an. Die Kollegin Rita Oppermann war unterwegs, aber würde sofort zu ihm kommen, wenn sie wieder eingelaufen war.

Nach zwanzig Minuten kam Rita Oppermann in sein Büro. Sie war groß, hager, eckig, in ihrem ältesten Monteuranzug weder elegant noch weiblich und sehr viel stärker als man ihr zutraute. Von Beruf war sie Taxifahrerin und kannte die Stadt wie ihre Jackentasche. Außerdem war sie in Kramers Bekanntenkreis die einzige Frau, die wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft war, eine Verletzung, die sie nicht einem Kind oder einer Frau, sondern ohne Waffe einem gleichaltrigen Mann zugefügt hatte, der sie schlagen wollte. Rita beherrschte einige böse Kniffs und Tricks bei Verteidigung und Angriff. Ungewöhnlich bei einer Frau prügelte Rita sich gern und wer sich von ihrer Aggressivität und Härte überraschen ließ, hatte schon verloren. In dem Punkt war sie ganz anders als Anielda, die sich vor körperlicher Gewalt fürchtete.

Wenige Wochen, nachdem das Unternehmen Neutaxi in die Souterrain-Büros des Ruhlandhauses eingezogen war, kam der Krauskopf mit den wild abstehenden Haaren zu Kramer. Ein Stammgast, von dem sie erst sehr viel später gestand, dass sie ihn mehr als nur schätzte, war verhaftet worden. Er sollte bei einem Einbruch die greise Hausbesitzerin erschlagen haben. Es gelang Kramer, eines der geraubten Schmuckstücke bei einem Händler ausfindig zu machen, und der konnte den Verkäufer sehr präzise beschreiben. Es war nicht Ritas Stammgast. Ob der Verkäufer des Schmucks auch der Einbrecher und Mörder war, stand noch nicht fest, als Rita mit einer großen Flasche bei Kramer erschien und sich bedankte.

Seitdem arbeiteten sie gelegentlich zusammen, besonders, wenn es galt, Autos so zu verfolgen, dass der Fahrer seine Verfolger nicht bemerkte. Kramer, Rita und in besonderen Fällen auch Anielda verständigten sich dann über drei Funkgeräte, die alle auf einer Frequenz sendeten und empfingen, so dass jeder immer hörte, was einer der anderen sagte. So konnten sie sich verabreden, wer wen überholte, wer sich wo hinter den verfolgten Wagen setzte, wo sie am besten den Beschatter an der Stoßstange wechselten. Rita, Anielda und Kramer hatten darin mittlerweile so viel Routine, dass sie noch nie entdeckt und abgehängt worden waren.

"Was Bestimmtes?"

"Nein, eine Spedition in der Aachener Straße, und weil es in Speditionen immer Autos gibt, dachte ich mir, es sei besser, Verstärkung zu haben. Für alle Fälle."

"Dann mal los." Auch Rita war, wie Anielda, nie böse über einen zusätzlichen Schein, den sie nicht versteuern musste.

Die Aachener Straße lag im sogenannten Industrieviertel, das im Norden wegen der guten Verkehrsmöglichkeiten durch Fluss, Bahn und Kanal entstanden war. Gleisanschluss und Kanalanleger zählten heute weniger als eine schnelle Verbindung zur Autobahn, und dafür war die Aachener Straße in den vergangenen Jahren mächtig verbreitert worden. Einen Parkplatz fanden sie erst in der nächsten Querstraße, der Jülicher Straße, Kramer schnappte sich die Kamera, das Fernglas, holte aus dem Kofferraum für alle Fälle eine starke Akkulampe, die ein so festes Abschirmglas besaß, dass sie auch als Schlagwaffe dienen konnte. Sie kontrollierten die Piepser, die einwandfrei arbeiteten; er hatte sich angewöhnt, nach jedem Einsatz als erstes die Akkus zu laden.

Der Speditionshof war von einem hohen Zaun umgeben, über den er nicht klettern konnte, deswegen spazierte er an dem offen stehenden Tor vorbei. Der Bau mit den Büroräumen bildete am anderen Ende des Platzes eine Art Sperr-Riegel. Links und rechts hohe und große Garagen, in denen Vierzigtonner problemlos abgestellt werden konnten, Lagerhallen, eine Werkstatt und ein niedriger Bau mit einem Flachdach, der wie ein Materialmagazin aussah, seine Tür zum Hof stand offen. Ein Schlepper rangierte mit einem Hänger und schob ihn rückwärts in eine der garagenähnlichen Hallen. Sobald der Hänger dort abgestellt war, kam der Schlepper heraus, die Schiebetür schloss sich hinter ihm sofort wieder. Es roch nach Motorenöl, Diesel und Gummi.

Kramer überlegte. Die Masche mit dem Unbekannten, der hier arbeiten sollte, wagte er nicht noch einmal zu benutzen. Danach sah er sich die auf dem Hof abgestellten Personenwagen aus der Entfernung an. Ein elfenbeinfarbiges Coupé kam ihm bekannt vor - KAT-LF 568. Den Wagen hatte er doch im Ortskern von Neustadt gesehen. Und der Mercedes daneben, dunkelblau-metallic, trug ein Münchner Kennzeichen, das ihm auch sehr bekannt vorkam.

"Kennst du die Autos?", fragte Rita ungeduldig.

"Eines habe ich mit Sicherheit schon in Neustadt gesehen, weiß aber nicht, wem es gehört. Der Karren aus München gehört einem alten Schulkameraden, mit dem ich zurzeit in einem Hotel wohne."

Die Wagen standen dicht nebeneinander, so, als hätten sie sich darauf vorbereitet, dass Kramer seine Kamera nahm und sie fotografierte. Die hinteren Nummernschilder waren deutlich zu erkennen. Die Buchstabenkombination M-CN stand für einen Besitzer Christian Neufel.

Rita wollte gerade ungeduldig werden, als aus dem niedrigen Bürogebäude eine junge Frau kam und auf die "Halle" zuging, in der vor kurzem der Hänger abgestellt worden war. Sie benutzte eine normale Tür, die Kramer vorher nicht bemerkt hatte, um die Halle zu betreten.

"Worauf warten wir eigentlich?", moserte Rita, die ungern irgendwo nur herumstand.

"Wenn ich das wüsste!", seufzte Kramer und gab sich einen Ruck: "Ich schaue mal in der Halle nach."

"Sei vorsichtig!", mahnte sie besorgt, vielleicht um ihn, vielleicht auch nur um ihr Honorar.

"Bin ich doch immer."

Aber nicht genug. Er schlich über den Hof, weit und breit kein Mensch zu sehen, klinkte leise und lautlos die Tür auf, drückte sich in die Halle und wollte gerade an einem Stapel ausgeladener Kartons vorbeischleichen, als er völlig überraschend von einem harten Gegenstand am Hinterkopf getroffen wurde. Er hatte nichts gesehen und nichts bemerkt. Der Schlag warf ihn nach vorne gegen die Kartons und dann ging für ihn das Licht aus.

Wie lange er da gelegen hatte, bis er ziemlich unsanft auf den Rücken gewälzt wurde, wusste er nicht. Jemand versuchte jetzt, ihn zu ertränken, und als er nach Luft schnappend die Augen öffnete, schüttete ihm Rita ungerührt den Rest aus dem Wassereimer über den Kopf. Die Methode war brutal, aber wirksam. Er drehte sich auf die Seite und bemerkte einen Mann, der neben ihm auf dem Boden lag, Stirn und Kinn blutverschmiert.

"Er hat sich gewehrt", meinte Rita gelassen, "ich musste härter zuschlagen, als ich gewollt hatte. Er schläft bestimmt noch eine halbe Stunde."

"Und wie lange habe ich geschlafen?"

"Schätzungsweise eine Viertelstunde; dann habe ich den Eimer und einen Wasserkran gefunden. Aber während du geschnarcht hast, habe ich mir auch den Hänger mal etwas näher angesehen und was Lustiges entdeckt. Erhebe dich, du Faulpelz."

Sie half ihm auf die Füße und zog ihn dann hinter den Hänger. Das Kennzeichen war nur eine stramm sitzende Klebefolie mit den Buchstaben T-AZ. Sie sah einem echten Kennzeichen täuschend ähnlich. Dann zog Rita an einer Ecke der Folie, die sich schon von dem Untergrund gelöst hatte. Auf dem Original-Kennzeichen erschienen die Buchstaben RO-EM.

"Nicht schlecht, der Trick", murmelte sie anerkennend. "Du musst dir nur einmal falsche Papiere auf ein Kennzeichen beschaffen und kannst auf jeden neu geklauten Wagen diese Folie kleben und hier in Sicherheit bringen."

Kramer schaute auf die Kartons und nickte, als er den Aufdruck las: "Allerdings glaube ich nicht, dass sie es auf Lkw's und Hänger abgesehen haben, sondern auf die Ladungen."

"Woher willst du das wissen?"

"Weil ich solche Waren schon einmal in einem Hehlerlager gesehen habe. Baldeweis & Co KG in Miesbach würden sich freuen, von ihrer verschwundenen Ware zu hören, und noch mehr wahrscheinlich die Versicherung. Dasselbe gilt bestimmt auch für eine Spedition in Rosenheim.

"Kann sein", meinte sie und es klang für Rita ungewöhnlich nervös. "Lass uns verduften, Rolf, ich habe so ein Gefühl, als ob bald jemand diesen Typ vermissen wird."

Sie verzogen sich wieder auf die Aachener Straße, ihm wackelten ziemlich die Knie und die vor seinen Augen tanzenden Kreise wechselten permanent ihre Farbe. Selbstverständlich bedankte er sich für Ritas tat- und schlagkräftige Hilfe. Sie wehrte bescheiden ab. "Bedanke dich bei der jungen Frau, die aus dem Büro gekommen und in die Halle gegangen ist. Kaum war sie drin und du unterwegs, ist eine halbe Kompanie gut trainierter Burschen herausgekommen. Sonst hätte ich mich nicht in die Halle getraut." Und den zurückgelassenen Wächter hatte sie in bewährter Manier außer Gefecht gesetzt.

Allmählich wurde das Tageslicht schwächer. Bei eben noch herrschendem Büchsenlicht erschienen zwei Männer auf dem Hof. Kramer knipste und war sicher, dass der eine, der in den Wagen mit dem Münchner Kennzeichen stieg, Christian Neufel war. Kramer ließ ihn fortfahren, weil er wusste, wo er ihn notfalls aufscheuchen konnte.

"Wir nehmen den anderen", rief er Rita zu, die schon loslief, um ihren Wagen aus der Jülicher Straße zu holen. Der zweite Mann, ein großer, stämmiger Jüngling mit einem blonden Lockenschopf, der farblich zu seiner perfekten Gesichtsbräune passte, hatte es nicht so eilig, räumte noch Büro-Sachen in den Kofferraum und startete manierlich, mit wenig Gas. Als er durch das Tor auf die Aachener Straße rollte, sah Kramer schon Ritas Auto von der Jülicher in die Aachener Straße einbiegen. Das hatte ja hervorragend geklappt. Er ging mit langen, aber unauffälligen Schritten in die Jülicher Straße und startete seinen Wagen.

Rita meldete sich prompt. "Auf der Aachener Straße Richtung Auffahrt Tellheim Nord."

"Ablösen?"

"Noch nicht nötig, es ist sehr voll, wir machen Stop and Go und ich habe drei Wagen zwischen uns."

Voll war es tatsächlich. Zehn Minuten später:

"Rolf?"

"Ich höre ...?"

"Wir gehen auf die Autobahn und fahren Richtung Westen, Kattenburg. Ich würde mich gern vor ihn setzen."

"Sobald ich auf die linke Spur kann, helfe ich."

Das dauerte, alle Welt hatte es eilig und strebte nach links.

Dann durfte auch Kramer ausscheren und Gas geben. An einer langen Schlage von Lastern, Lieferwagen und Autos ging es vorbei, bis er halbrechts vor sich das elfenbeinfarbige Coupé auftauchen sah. Er gab Rita eine Chance, auf die Überholspur zu steuern und setzte sich dann an die Position, die sie freigemacht hatte. Das Coupé fuhr ein manierliches Tempo und machte keine Anstalten, die Wagen vor sich zu überholen.

"Rita, ich hab' nicht den Eindruck, dass er lange auf der Autobahn bleiben will."

"Okay, wenn er in Kattenburg wohnt und nach Hause will, muss er bald runter. Ich fang mal an zu trödeln."

Tausend Meter bis Mingenbach/Ulitztal; der Blonde blieb rechts und begann nach vierhundert Metern nach rechts zu blinken.

"Rita, er fährt in Mingenbach runter."

Eine Taxifahrerin fand immer eine Lücke, und wenn andere ihretwegen scharf bremsen mussten, berührte Rita das so wenig wie die Verfluchungen. Sie wischte nach rechts und schoss auf die Ausfahrt. Lockenkopf und Kramer folgten manierlich, und als sie gemeinsam nach rechts auf die L 987 nach Kattenburg einbogen, stand sie auf dem Parkstreifen und ließ sie passieren. Die Landstraße war früher die wichtigste Verbindung zwischen Tellheim und Mingenbach nach Kattenburg gewesen, und wer sich hier auskannte, benutzte sie immer noch, um in die östlichen Viertel von Kattenburg zu kommen und sich die lange Schleichpartie von der Abfahrt Kattenburg durch die engen Straßen der frühneuzeitlichen Stadt zu ersparen. Es hatte Fälle gegeben, in denen lange Laster die Kurve nicht gekriegt und ein ganzes Fachwerkhaus an der Ecke eingerissen hatten.

"Lass mich vorbei. Ich glaube, hier kenne ich mich besser aus als du."

"Einverstanden."

Sie kutschierte an ihm vorbei, der blonde Lockenschopf in dem Coupé schien es nicht eilig zu haben.

"Er biegt gleich nach links ab."

"Wohin will er wohl?"

"Ich denke, nach dem Auto zu schließen, will er in das Blumenviertel. Die Straße führt geradeaus zur Alten Pulvermühle und zum Fluss."

Das Blumenviertel wurde so genannt nach den Straßennamen, von Veilchenweg, Rosenstraße, Tulpenfeld, Nelkenpfad und Asternbusch. Rita musste sich noch weiter zurückfallen lassen und sah eben noch, dass Blondschopf in die Lilienstraße einbog. Sie hielt an und warnte Kramer: "Mit den Autos können wir nicht weiter. Ich kenne die Straße, es gibt kaum Bäume und keine Parkflächen."

"Ich komme zu dir."

Er griff sich Kamera, Funkgerät und Fernglas und ging zu ihrem Auto. Sie hatte ihm oft genug geholfen, um zu wissen, dass die erforderlichen Haupteigenschaften eines Privatdetektivs Geduld und Sitzfleisch waren.

Schweigend warteten sie, bis es dunkel geworden war. Straßenlaternen gab es hier nicht. Die Hecken und Büsche vor den großen Villen auf den Riesengrundstücken waren bedrohlich schwarz und schienen undurchdringlich. Aber der gute Privatdetektiv hatte nicht nur Augen wie ein Luchs, sondern auch Schwein wie Hans im Glück.

Auf dem fünften oder sechsten Grundstück nach der Einmündung der Lilienstraße in den Gladiolenweg stand eine moderne Villa mit einer Doppelgarage, und das linke Tor war noch offen. Ein helles Coupé: das Licht, das aus einem Fenster fiel, reichte aus, um im Feldstecher das Kennzeichen zu lesen. KAT-LF 568. Also Lilienstraße Nummer 6.

Rita riskierte es, auf die Haustür zuzugehen und das Schildchen neben der Klingel zu lesen.

"Frombeck", sagte sie zu Kramer, "sagt dir der Name was?"

"Nein."

In einem großen Zimmer brannte Licht, und das Fenster war so groß und ging so günstig auf den Vorgarten hinaus, dass sie sich auf den Boden legten und heranrobbten, bis sie neben einem dichten Busch im Finstern lagen. Ein älterer Mann mit grauen kurz geschnittenen Haaren stand neben einer Couchgarnitur und hielt einen Telefonhörer ans Ohr. Dann kam Lockenschopf herein. Der Grauhaarige legte den Hörer auf und griff nach einer Zigarre, die er während des Telefonats abgelegt hatte. Er gehörte zu den Rekord-Luftverpestern, die mit vier, fünf Zügen an einer Zigarre einen Saal vernebeln konnten. Der Lockenschopf schien Nichtraucher zu sein, er ging rasch an das Fenster und öffnete zwei Klappen, so dass Kramer und Rita, wenn auch mit Anstrengung, verstehen konnten, was die beiden Männer besprachen.

"Du wirst dir noch einen Lungenkrebs einfangen, Onkel Karl."

"Danke für deine Fürsorge. Eben hat Frau Scholker angerufen."

"So spät noch? Was ist denn so eilig?"

"Sie war etwas verwundert, dass du mir nicht schon telefonisch berichtet hast, was in der Firma vorgefallen ist."

"Ach Gott, so wichtig war das doch nicht."

"Also, lieber Sven, manchmal zweifele ich ernsthaft an deinem Verstand. Lukaschek schlägt einen Unbekannten nieder, der sich an dem Hänger zu schaffen machen will. Wenig später wird Lukaschek von einem zweiten Einbrecher niedergeschlagen. Als euch Trantüten nach einer halben Stunde endlich auffällt, dass Lukaschek so lange weg bleibt, sind die beiden Typen über alle Berge. Was, wenn sie sich die Ladung des Hängers und das Kennzeichen genauer angesehen haben?"

"Warum sollten sie das tun, Onkel?"

"Hast du schon vergessen, was in Kreestedt passiert ist?"

"Du denkst, das war das LKA - ach Blödsinn, die brechen doch nicht ein und schlagen Leute nieder."

"Gott bewahre dir deine hohe Meinung von Justiz und Polizei, es könnte dir helfen, länger auf freiem Fuß zu bleiben."

Der ältere Mann - Kramer schätzte ihn auf Ende sechzig - paffte wütend ein paar riesige Züge und stürmte dann plötzlich aus dem Zimmer. Lockenschopf nahm das Telefon und wählte. Doch dann sprach er so leise, dass sie nichts verstanden. Dabei machte er nicht den Eindruck, als habe ihn der Zorn seines Onkels irgendwie beeindruckt. Rita, die Männer nur bedingt leiden konnte, flüsterte Kramer zu: "Dem sitzt der Verstand auch in der Hose."

"Wollen wir warten, bis er uns einen Beweise dafür liefert und ein Busenwunder oder so auftaucht?"

"Danke nein, mein Voyeurismus hält sich in Grenzen. Lass uns nach Hause fahren, und wenn du mir mein Geld sofort geben könntest, wäre das sehr hilfreich."

"Dann mal auf." Ihm war es recht, das kalte Wasser, mit dem sie ihn aufgeweckt hatte, war inzwischen durch Jacke, Shirt und Unterhemd bis auf seine Brust vorgedrungen.


Vor dem Schlafengehen stand Kramer mit seinem Schlummerwhisky am Fenster seines Wohnzimmers neben dem durstig zitternden Riesenkaktus, schaute auf die Haffstraße hinunter und freute sich für Babsi, die gerade einen Freier angelte.

In der Firma Baldeweis in Miesbach hatte er nur mit dem Anrufbeantworter sprechen können, dem er anonym anvertraute, an diesem Nachmittag habe sich ein in Rosenheim zugelassener Hänger mit Ware aus Miesbach auf dem Gelände der Spedition Gebrüder Lender in Tellheim, Aachener Straße 16-18, befunden. Auf einen Dank verzichtete er, befeuchtete seinen Kaktus und ging ins Bett.


Anke war in den wenigen Wochen, die er sie jetzt nicht gesehen hatte, noch hübscher geworden. Sie freute sich, als er ihr das sagte und ihr dabei auf die Nasenspitze tippte: "Höhensonne?"

"Nein, nur ein paar freie Stunden im Garten auf dem Duellplatz. Ich gebe dir dein altes Zimmer."

"Prima. Sind schon andere von den 'schlimmen Fingern' da?"

"Ja. Mehrere."

"Sonst was Neues?"

"Thea hat Jutta und mich zu eurem Jubiläumsessen eingeladen."

"Das ist gut."

"Christian Neufel hat seine Frau mitgebracht, wegen der Feiern auf der Josephshöhe."

"So langsam füllt sich Neustadt."

"Die Heimat ruft."

"Zum Beispiel wen?"

"Brigitte Moll hat sich ebenfalls angesagt. Zum Schulfest des Jean-Paul."

"Ach, das freut mich."

"So so, sie ist eine recht attraktive Frau geworden, wie?"

"Das leugne ich nicht. Aber wie kommst du darauf?"

"Sie hat mich gefragt, wann du kommst. Und dann was Komisches gemurmelt: Musste der Kerl ausgerechnet in dem Moment nach Hause kommen? Verstehst du das?"

Ein paar Augenblicke fühlte er sich in seine Jugend zurückversetzt: Das war Neustadt pur. Jeder beobachtete jeden und jeder wollte alles über jeden wissen. An den langen und vielversprechenden Abschiedskuss vor Brigittes Haustür konnte er sich noch genau erinnern, auch an den Mieter, der wirklich zur Unzeit aufgetaucht war. Anke musterte Kramer neugierig. Er winkte freundlich ab: "Ein andermal, Anke."

Sie machte einen Schmollmund.


Als erstes fuhr er in die Rhönstraße. Renovierung und Reparatur schienen erfolgreich abgeschlossen, von dem Feuer war keine Spur mehr zu sehen. Die Garagen waren abgerissen, die Trümmer fortgeschafft.

Thea strahlte, als sie öffnete. "Anke hat schon angerufen, dass du angekommen bist."

Neustadt pur. Morgen würde es in der Zeitung stehen: Rolf Kramer, ehedem Schüler auf dem Jean-Paul, ist in Neustadt eingetroffen.

"Komm herein. Es gibt Kaffee."

"Gibt es auch Neuigkeiten dazu?"

"Ja. Tina war hier, wir haben uns ausgesprochen, auch über Guido Sandmann und darüber, dass sie dir alles über die Nacht erzählt hat, in der Thilo gestorben ist."

"Warum hast du mir davon nie was erzählt?"

"Ich hatte Angst vor deiner Reaktion. Du warst so schrecklich eifersüchtig auf Guido."

"Nein, war ich nicht. Bis zu dem Nachmittag, an dem wir - wie hast du das formuliert - den Beitritt zum Club beantragt haben, hatte ich nie geglaubt, dass es so weit zwischen uns kommen würde. Warum sollte ich da auf einen Guido Sandmann eifersüchtig sein?"

Sie schwieg und er wollte nicht auf einer Antwort bestehen, die sie beide nur verletzen würde.

"Wo warst du bloß zu dieser Zeit? Ich hätte dich so gebraucht."

Was sollte er darauf antworten? Dass er im Ausland die Wunden seiner Eitelkeit geleckt hatte? Und plötzlich begriff er, dass er Thea Schabranski wohl begehrt, aber wahrscheinlich nicht geliebt hatte, weil er damals noch gar nicht wusste, was Liebe ist. Vielleicht hätte er es mit ihrer Hilfe gelernt und das schreckliche Vorbild seiner ewig zankenden Eltern vergessen können. Einen Moment irrten seine Gedanken ab. Ob Schwester Annette ihren Mann so unter der Fuchtel hielt, damit es gar nicht erst zum Zank kommen konnte, vor dem sie auch Angst hatte, ohne zu wissen, warum und woher?

"Kommst du mit hoch in mein Zimmer?"

Auf der Treppe hatte er plötzlich einen fast schmerzhaften Anfall von déjà vu. Doch diesmal zog sie sich ohne seine Hilfe aus, und als er ihren Busen küsste und mit beiden Händen fest über ihre Hüften strich, stöhnte sie: "Warum mussten wir so lange warten?"

Er verschluckte die richtige Antwort: "Weil keiner als erster nachgeben wollte." Er hatte seine Eitelkeit und sie ihren Stolz gepflegt. Sollten sie nachholen, was sie bisher versäumt hatten, würde das Zusammenleben nicht leicht werden.

Ob sie seine Gedanken ahnte, flüsterte sie ihm ins Ohr: "Carpe diem!", und er nutzte den Augenblick. Als es dämmerte, schickte sie ihn ins Hotel. Anke hatte er schon gesehen, Jutta würde er morgen treffen, also machte er einen Umweg, um nach der dritten Frau zu schauen, die sich in den Schicksalstag vor zwanzig Jahren eingemischt hatte.

Das Fachwerkhäuschen lag im Dunkeln, auf sein Klingeln rührte sich nichts und dann erst bemerkte er das Pappschild im Fenster: Zu verkaufen. Immobilien Leutwein.

Er klingelte bei den Nachbarn. Ein älteres Männlein, unrasiert, ungewaschen und gewaltig aus dem Mund riechend, kam an die Tür: "Milli Wirth? Wissen Sie das denn nicht? Sie hat sich aufgehängt, vor vier Wochen schon."

"Selbstmord? Sind Sie sicher?"

"Ne, sicher nicht. Aber da ist ein ganzer Trupp von Kriminalern aus Tellheim gekommen, haben die Bude da von oben bis unten durchsucht, alle Nachbarn befragt und zum Schluss gesagt, es wäre ein Selbstmord gewesen, Milli hat sich aufgehängt."

"Und warum?"

"Das hat keiner sagen können."

"Wissen Sie noch, wie die Kriminalbeamten hießen?"

"Nein. Aber das Kommando hatte eine Frau und bei den Typen in den weißen Kitteln kommandierte so ein kleiner kugelrunder Mann, den sie Egon nannten."

Also das Referat 11 aus Tellheim mit der Spurensicherung.

Kramer bedankte sich und ging, ohne dem neugierigen Nachbarn zu verraten, warum er sich für Milli Wirth interessierte.

Er rief noch Rico an, aber der wusste auch nicht mehr.

"Sie ist einfach nicht mehr zum Dienst gekommen, hier weiß keiner, warum nicht und weshalb sie sich umgebracht hat."


Auch die allwissende Anke Ludwig musste passen. "Ich weiß es nicht, Rolf. Ich habe Milli ja auch kaum gekannt; ich mochte sie nicht sonderlich."

"Du bist doch bestimmt elektronisch voll ausgerüstet?"

"Tja, was man heutzutage so haben muss."

"Wenn ich dir nachher zwei Fotos bringe, kannst du die scannen und an eine mail anhängen?"

"Na klar."

Caro erreichte er noch im Büro. "Wir haben uns vor vier Wochen in Neustadt verpasst."

"Woher weißt du, dass ich in Neustadt war?"

"Milli Wirths Nachbar hat es mir verraten. Du und Egon mit deinen Leuten."

"Es bleibt doch nichts geheim, aber du rufst doch bestimmt nicht aus reiner Liebe zu mir an?"

"Nein. War es wirklich Selbstmord? Oder kann es auch ein gut kaschierter Mord gewesen sein?"

"Nein, Selbstmord. Egon hat alles auf den Kopf gestellt, es gibt keine Spuren von einem Mörder oder einer Mörderin. Außerdem haben wir einen Abschiedsbrief gefunden."

"Schreibt sie darin, warum sie das tun wollte?"

"Nein, keine Silbe. Sie war im vierten Monat schwanger und hat dem Erzeuger vorgeworfen, dass er sie und das Kind im Stich lasse."

"Kein Name?"

"Nein. Sie schreibt nur von 'Er'. 'Er' hat mir doch versprochen, 'er' würde für mich und das Kind sorgen. 'Er' ist einfach gegangen. Ich weiß nicht, wie es ohne 'ihn' weitergehen soll. Deswegen mache ich freiwillig Schluss."

"Ich schicke dir ein Bild von 'ihm' und Milli und seinen Namen und seine Anschrift."

"Ach nee. Hast du mal wieder meine Arbeit erledigt?"

"Nicht ganz, meine Schöne. Dir bleibt noch genug zu tun, und ich leiste Trauerarbeit."

"Was soll denn das heißen?"

"Ich verabschiede mich Stück für Stück von meiner Jugend, von den schlechten, aber mehr noch von den schönen Erinnerungen."

"Hör mal, du wirst doch wohl nicht sentimental oder gar melancholisch werden?"

"Vielleicht, meine Schöne. Tschüss."

Anke machte große Augen, als sie das Bild sah und den Text las, den er an Caro mailte:

Der Erzeuger von Millis Kind heißt wahrscheinlich Christian Neufel und wohnt in Grünwald. Ich habe vier Wochen vor ihrem Tod Milli besucht, und da hat sie krampfhaft versucht, einen Schlüssel vor mir zu verbergen, den ich knipsen konnte, den ich aber dann in ihrer Hütte gelassen habe. Vielleicht kannst du was damit anfangen. Neufel ist verheiratet, hat einen Sohn im Landschulheim Josephshöhe und sitzt dort im Vorstand.

"Hast du das Bild gemacht?"

"Ja."

"Ist er deswegen schon so früh nach Neustadt gekommen?"

"Das kann ich nicht sagen."

"Und ich dachte schon, er habe sich daran erinnert, dass es mich noch hier gibt."

Kramer sah Anke lange an, aber die hielt seinem Blick stand: "Ja, ich habe mal für ihn geschwärmt. Zu Schulzeiten. Aber er hat mich nicht zur Kenntnis genommen." Sie beherrschte das Kunststück, auf ihren Lippen zu kauen und dabei schwermütig zu lächeln. "Für ihn gab es nur seine Marie Schrader. Und auch noch auf Gertrud Bäumer." Kramer zwinkerte ihr zu und steckte die Bilder wieder ein. "Kannst du mir noch einen Gefallen tun?"

"Das kommt darauf an."

"Hole doch bitte morgen Abend Jutta Wirth ab und setze dich mit ihr in der Wolfsbachschlucht in den allgemeinen Gastraum und rufe mich an. Ich hole euch dann, sage aber gleich, es wird was dauern."

"Geht in Ordnung, Rolf."

In der Bar lernte er dann noch Beate Neufel kennen. "Einer der schlimmen Finger meiner Schulzeit, Rolf Kramer. Meine Frau Beate." Christian Neufel war sichtlich stolz auf seine attraktive Frau. Kramer machte höflichen smalltalk und ärgerte sich bald maßlos über Beate Neufel. Sie war auf eine Art schnippisch-hochmütig und von sich selbst überzeugt, dass es einen Gesprächspartner auf die Palme treiben musste. Äußerlich war sie ganz passabel, allerdings störte Kramer, dass sie deutlich eine Spur mollig war; drei, vier Kilo weniger hätten ihr gut gestanden. Das Gespräch wurde anstrengend, und deshalb verzog er sich bald auf sein Zimmer. Dort schaute er einen Moment fern, bekam aber nicht mit, was da über den Bildschirm flimmerte und suchte vergeblich nach einer Antwort, warum Thea und er so krampfhaft das Thema Schwangerschaft und Kind vermieden hatten.

So schnell konnte er nicht einschlafen und so drängte sich Sabine in seine Erinnerung, die Frau, die ihm zum ersten Mal unerträgliche Eitelkeit und selbstgerechten Hochmut vorgeworfen und prophezeit hatte, er werde über diese eitle Überheblichkeit immer wieder stolpern, auch wenn er sich bemühe, sie hinter der Maske der Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit zu verbergen. Sabine war eine Strandschwalbe, so hießen damals jene jungen Frauen, die im Herbst und Winter arbeiteten und sparten, damit sie bei den ersten warmen Tagen ans Mittelmeer fahren konnten und dort von Strand zu Strand wanderten, auf der Suche nach Bekanntschaften, Liebschaften und Verhältnissen, die alle nur einen Sommer dauern durften. Sie waren selten Ballermann-Typen, das war ihnen zu ordinär und zu billig. Kramer lernte sie in Huelva kennen. Ein Amerikaner, der dort mit seinem Segelboot auf Freunde wartete, mit denen er durchs Mittelmeer schippern wollte, hatte ihn engagiert, als Dolmetscher, Fremdenführer, Einkaufshilfe und Schiffsjunge; er hieß Long John und trank den gleichnamigen Whisky wie Wasser. Eines Tages brachte Long John Sabine mit an Bord. Sie schliefen miteinander, dass das große Boot schaukelte, und als Kramer dem Amerikaner erklärte hatte, dass die Abkürzung Bine im Deutschen wie Biene klinge, grölte er, sobald er aufwachte und neue Kräfte in seinen Lenden verspürte. "Hi, Bee, I have some honey for you!"

Kramer ging Sabine aus dem Wege. Eines Tages lag sie nackt auf dem Deck und sonnte sich. Kramer hockte am Niedergang und flickte elektrische Kabelstecker. Sie versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, er antwortete einsilbig und unhöflich kurz, bis sie es merkte: "Du magst mich nicht?"

"Nein."

"Und warum nicht?"

"Du gefällst mir halt nicht."

Schließlich rappelte sie sich hoch und baute sich vor ihm auf. "Ich will dir mal was sagen. Du hältst dich für was Besseres, du glaubst, die Welt schulde dir was, und ein Mädchen, das mit einem Amerikaner auf dem Boot schläft, sei unter deinem Wert, unter deiner Würde. Du bist eitel, hochmütig und arrogant, auch wenn du so höflich und bescheiden tust, du wirst eines Tages gewaltig über deine Schnöseligkeit stolpern."

"Wenn du meinst", hatte er gleichmütig geantwortet.

Wenige Tage später kamen die amerikanischen Freunde und machten in Huelva fest. Kramer wurde entlohnt und brachte auf Long Johns Bitte hin die mit einem anständigen Betrag abgefundene Sabine nach Ayamonte, fuhr mit ihr über die Guadiana und setzte sie auf der portugiesischen Seite in den Bus nach Lagos.


Drei Wochen später sah er sie wieder, am Strand von Portimao. Sie saß in einem geflickten Liegestuhl und hatte ihr Gipsbein auf einen Hocker hochgelegt. Ihr Geld war für die Behandlung des Schienbeinbruchs draufgegangen. Sie hauste in einer verdreckten Pension, hungerte und bettelte um Hilfe. Also kaufte er ihr ein Flug-Ticket nach Düsseldorf und setzte sie am nächsten Tag in Faro in den Flieger. Sie hatte sich seine Anschrift und sein Konto notiert und versprochen, das Geld umgehend zu überweisen. Natürlich kam kein Geld.


Jahre danach hatte er beruflich in Velbert zu tun und beschloss, einen Abstecher nach Düsseldorf zu machen. Unter der Adresse, die sie ihm gegeben hatte, wohnte keine Sabine Mähl und hatte dort, wie die Nachbarn versicherten, auch nie gewohnt.



III.

Der große Tag begann mit strahlendem Sonnenschein aus einem wolkenlos blauen Himmel. Für das Frühstück war auf der Veranda gedeckt, Kramer begrüßte das Ehepaar Neufel und Martin Adler, der auch schon aus Veitshöchstheim angereist war. Es gelang ihm, sich allein an einen freien Tisch zu setzen, er war ein Morgenmuffel und frühstückte am liebsten allein, wobei er Zeitungen las oder Musik hörte. Seine Aktenmappe für den Abend hatte er schon gepackt.


Anke überzeugte Kramer, dass er den Ulitzuferweg entlangwandern müsse. Thea schlief wohl noch tief und nahm das Telefon nicht auf. Dagegen machte Sonja sofort auf, als er an ihrer Haustür klingelte.

"Rolf?", sagte sie verwundert. "Was gibt's, wir sehen uns doch heute Abend ... ja, ich komme ... nein, ich habe mein Versprechen nicht vergessen."

"Für dich wird es nicht einfach, Sonja."

"Ach, so schlimm wird's wohl nicht, die meisten wissen doch seit langem, dass ich eine Hure bin und in der Schulzeit schon war."

Er sah sie groß an.

"Guck' nicht so, irgendwann kann man sich nicht länger verstecken. Vor allem nicht vor sich selber. Ich will reinen Tisch machen und den Laden hier aufgeben. Es lohnt nicht mehr die Mühe, den Ärger und die Demütigungen. Jork und Wille waren mit ihrem Anwalt hier, wenn ich auf eine Anzeige verzichte, bieten sie mir einen schönen Preis für die Palette. Einen neuen Pächter haben sie angeblich auch schon. Mir soll's recht sein, und Vohberg ist dran. Das Landeskriminalamt hat seinen Betrieb in Kreestedt gründlich auseinandergenommen und ist sehr fündig geworden. Der Staatsanwalt wird sich Vohberg vorknöpfen, es handelt sich um - um ... wie heißen die Dinger noch, wo der Staatsanwalt laut Gesetz automatisch tätig werden muss?"

"Meinst du Offizialdelikte?"

"Ich glaube, das war der Ausdruck. Es kommt also gar nicht darauf an, ob ich Anzeige erstatte oder nicht, Vohberg muss auch so vor den Kadi und ich muss nur als Zeugin aussagen. Meine Aussage bei der Polizei habe ich schon gemacht und unterschrieben, die war ganz begeistert über die Kopien der Briefe und Verträge und Rechnungen. Aber deswegen bist du doch sicher nicht gekommen?!"

"Nein, Sonja. ich habe mal aufgeschrieben, was wir heute Abend auspacken müssen."

Sie nahm die Blätter und begann zu lesen. Sie wurden einmal unterbrochen, weil die Tür aufging und ein nacktes sehr sexy Mädchen hereinkam. Sie stutzte einen Moment, als sie Kramer sah, sagte dann aber unbefangen: "Hei."

"Guten Morgen", grüßte er zurück. Das hübsche, schlanke Kind mit dem blonden Wuschelkopf wandte sich an Sonja. "Es bleibt also dabei, du machst heute nicht auf?"

"Nein, es bleibt dabei. Ich rufe dich an, wenn am Sonntag was los sein sollte."

"Okay, wir sehen uns." Sie schaute Kramer neugierig an, stellte aber keine Fragen und er sah ihr ungeniert nach, als sie das Zimmer verließ.

Es war ein ausgesprochen hübscher Anblick. Trotzdem moserte er Sonja an: "Sag mal, bist du verrückt, mit Minderjährigen zu arbeiten?"

"Ja, das denken die meisten Männer. Belinda ist sehr beliebt bei den Kunden. Aber sie ist achtzehn, keine Angst, ich habe mir ihren Personalausweis sehr genau angeschaut." Danach las sie weiter, ließ die Blätter sinken und fragte bewundernd: "Woher weißt du das alles, was hier steht?"

"Ich habe es wie Mosaiksteinchen zusammengetragen und daraus ein Bild gemacht. Ist es denn korrekt?"

"Ja, so ist es abgelaufen. Und das werde ich, wenn du fragst, auch erzählen."

"Prima."

"Eine letzte Frage: Warum hat sich Milli Wirth aufgehängt?"

"Das weiß hier niemand, ich auch nicht. Ein Gast deutete mal an, dass sie Ärger in der Josephshöhe hatte und dort aufhören wollte. Das kann, aber muss nicht stimmen, dieser Stammgast erzählt immer viel und ausführlich."

"Danke, Sonja, bis heute Abend dann."


Er lief das kurze Stück zum Hotel zurück, holte sein Auto und fuhr in die Rhönstraße. Thea öffnete sofort und zog ihn regelrecht ins Haus. "Bist du auch so aufgeregt?"

"Nein. Haben alle zugesagt?"

"Ja, alle wollen kommen."

"Es weiß doch keiner, dass du nachträglich Jutta Wirth und Anke Ludwig eingeladen hast?"

"Natürlich nicht. So, was meinst du, stimmen wir uns auf eine Wiederholung der Abschiedsfeier vor zwanzig Jahren ein?"

"Bitte ohne Tote, Thea."

"Klar, und verstecken musst du dich auch nicht. Tina ist schon wieder in Hamburg."


Sie schliefen miteinander wie früher. Es war nicht mehr so überraschend und aufregend wie vor zwanzig Jahren, dafür aber schöner und lustvoller. Ein Mittagessen schenkten sie sich, nachdem Thea erzählt hatte, dass sie für jeden eineinhalb Wolfsschnitzel bestellt hatte. Sie bestand darauf, schon um 18 Uhr 30 in der Wolfsbachschlucht zu sein, um auch zu früh eintreffende Gäste zu begrüßen. Gemeinsam inspizierten sie die Jagdstube, die bereits für sie eingedeckt war, und zwar für elf Personen. Vor der Tür, in dem kleinen Garderobenraum, stand ein Tischchen mit Sektgläsern und zwei Flaschen Champagner im Kühler.

"Alles perfekt!", lobte Thea und der junge Wirt zog sich zufrieden zurück. Sein Vater war gestorben, der Sohn hatte das Lokal übernommen und daraus eine Art Fresstempel gemacht.

"Er war schwer enttäuscht, als ich Wolfsschnitzel bestellte und nach Brenner-Bier gefragt habe. Er hatte sich schon ein Menü mit mehreren Gängen ausgedacht, das mich ruiniert und Euch nicht gesättigt hätte." Mit diesen Worten goss Thea ein und gab Kramer ein Glas. "Stoßen wir auf einen erfolgreichen Abend an, und ich kann dir bei dieser Gelegenheit gleich schon mal Danke für deine Hilfe sagen."

Als erste erschienen Christian Neufel und Martin Adler. Beide umarmten Thea, als hätten sie eine frühere und lange vermisste Geliebte endlich wiedergefunden, und schüttelten Kramer die Hand so ausdauernd und kräftig, dass er um seine Schulter zu fürchten begann. Adler, nie eine sportliche Größe, war noch etwas rundlicher geworden und strahlte wie ein zufriedener, glücklicher Teddybär. Er freute sich aufrichtig, seine Anwältin Thea zu sehen, und lobte ihre rechtsanwaltlichen Fähigkeiten, die ihn vor einer Verurteilung bewahrt hatten. Neufel fragte nach Einzelheiten und Adler erzählte freimütig, in welchen Schlamassel er mit seiner Dummheit und Gemütlichkeit geraten war.

Kramer hatte den Eindruck, dass er Neufel damit Neuigkeiten erzählte.

Als nächster betrat Hans-Peter Beck den Raum. Er begrüßte Neufel betont herzlich, nickte Adler nur zu, gab Kramer kurz die Hand, wobei er murmelte: "Tach", und ließ keinen Zweifel, dass er den alten Klassenkameraden am liebsten mit einem Einwegticket auf den Mond geschossen hätte. Thea betrachtete ihn kühl, wehrte geschickt seinen Versuch ab, sie zu umarmen und grüßte von oben herab: "Hallo, Hans-Peter."

Beck, Adler und Neufel wärmten sofort lautstark einen gemeinsamen Schul-Streich auf, über den sie noch heute laut lachen mussten. Sie vermochten sich unbefangen zu unterhalten. Was Thea danach mit Neufel beredete, konnte Kramer nicht verstehen. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als Sonja Drexler hereinkam. Adler schien etwas verlegen und lief zartrosa an. Beck hätte sie am liebsten völlig übersehen und Neufel musterte sie düster, als dürfe er seinen Augen nicht trauen. Sonja hatte sich sehr geschickt und sehr dezent herausgeputzt. Ihre Profession konnte ihr niemand ansehen. Mit ihrem schlichten hellgrauen Kleid hätte sie auch in Neustadt jeden Gottesdienst besuchen können. Auch der "Heizlüfter Gottes" hätte an ihr nichts auszusetzen gehabt, und Kramer hörte, dass Thea ihrem Gast ein aufrichtiges "Danke" zuflüsterte.

"Ich habe dir zu danken, Thea."

"Du meinst, wegen Jork und Wille? Das war nicht mein Verdienst, da musst du dich bei Rolf bedanken."


Dula Oppenstedt erschien "sehr künstlerisch" gewandet, und zum ersten Mal überlegte Kramer ernsthaft, dass ihre Karriere als Malerin vielleicht gescheitert war, weil sie farbenblind war. Sie begrüßte alle unbefangen und freute sich sichtlich, so viele vertraute Gesichter nach so langer Zeit wieder zu sehen. Selbst Kramer gab sie die Hand, als sei nie etwas zwischen ihm und Vohberg vorgefallen.

Klaus Etzel und Corinna Altmann kamen Hand in Hand, ein unauffälliges, biederes Ehepaar, seit fünfzehn Jahren verheiratet. Allerdings hatte Corinna ihre, wie Thilo früher gespottet hatte, an eine Elfe erinnernde Zartheit und bestrickende Schönheit verloren, war zwar immer noch ein Frau, nach der man sich auf der Straße umdrehen konnte, aber das Besondere, Einmalige hatte einer normalen Ansehnlichkeit Platz gemacht. Etzel war schon mit vierzig total ergraut und hatte sich neben einer perfekten Tonsur ein unangemessen joviales Benehmen zugelegt, das Kramer an einen erfolglosen, schwadronierenden Vertreter erinnerte. Thea knurrte leise: "Du meine Güte, wie und wo und wann ist der denn so unter die Räder geraten?" Dabei hatte sie fleißig Champagner eingegossen und sagte nun laut: "Wir sind komplett. Ich danke euch, dass ihr alle gekommen seid, und schlage vor, einen Schluck auf zwanzig Jahre Jean Paul hinter uns und einen schönen Abend vor uns zu trinken. Zum Wohl, Freunde."

Wie nicht anders zu erwarten, übernahm Neufel den Dank für alle: "Auf dein Wohl, Thea und auf deine großartige Idee, die zehn schlimmen Finger zu diesem Jubiläum zusammenzuholen." Und dann fügte er hinzu, was Kramer ihm nicht zugetraut hätte: "Noch schöner wäre es freilich, wenn auch der zehnte Finger an diesem Treffen teilnehmen könnte. Keiner von uns hat deinen Bruder Thilo vergessen."

"Danke, Christian."


Sie gingen in den Nebenraum und setzten sich, wie es kam, Thea hatte absichtlich keine Tischordnung vorgegeben. Beck entdeckte als erster, dass zwei Plätze frei geblieben waren: "Thea, kommt da noch jemand?"

"Ich weiß es nicht, Hans-Peter. Ich habe nachträglich noch zwei Gäste eingeladen, die beide nicht versprechen wollten, dass sie es schaffen würden, aber gleich gewarnt haben, dass sie auf keinen Fall pünktlich sein können."

"Wer soll denn noch kommen?"

"Lasst euch doch überraschen", blockte Thea ab. "Wenn ihr euch traut, ein wenig Bier auf nüchternen Magen zu trinken, bestellen wir eine Runde und jeder kann bis zum Essen in Stenoform erzählen, was er nach dem Abi gemacht hat. Neugierig sind wir doch alle - oder?"

Mit ihrem Vorschlag löste sie keine wilde Begeisterung aus, aber niemand protestierte ernsthaft. Also klingelte sie, und eine junge, flotte Bedienung kam herein. "Neun Mal Brenner-Bier", bestellte Thea, und als die junge Frau das Zimmer verlassen hatte, stellte Etzel - als sei es verabredet - eine Frage an die Runde. "Was ist eigentlich aus dem jungen hübschen Mädchen geworden, das uns damals bedient hat? Wie hieß sie noch? Minna?"

"Sag bloß, das hast du wirklich vergessen? Du warst doch über beide Ohren in sie verschossen", spottete Adler. Corinna Etzel lächelte süßsauer.

"Nein", verbesserte Kramer. "Milli. Sie hieß Milli Wirth. Und in Milli waren wir doch alle einmal verschossen, ohne zum Zuge zu kommen. Übrigens hat sie sich vor vier Wochen aufgehängt."

"Wie bitte?! Das glaube ich nicht. Das kann doch nicht sein." Alle sprachen aufgeregt durcheinander, die meisten hatten das nicht gewusst. Corinna fixierte Kramer bitterböse: "Woher willst du das wissen?"

Dula griff ein: "Er ist Privatdetektiv und hat gute Beziehungen zur Kripo."

"Wie bitte?! Was soll denn das? Gibt das hier jetzt eine Märchenstunde?"

"Nein, er ist wirklich ein Schnüffler geworden", bekräftigte Beck. Es klang so unverhohlen gehässig, dass alle für Sekunden verstummten; Kramer grinste. Es ging also los. "Ja, ich bin ein Schnüffler und betreibe in Tellheim eine Detektei. Wenn ich euch erzählen darf, wie ich das geworden bin, werdet ihr auch verstehen, warum ich gute Kontakte zur Kripo in Tellheim habe."

Corinna und Etzel brummten synchron: "Da sind wir aber gespannt." Adler warf Thea einen fragenden Blick zu und lehnte sich entspannt zurück, als sie ihm zulächelte.

"Ich hatte kurz vor dem Abi Geld geerbt und habe die Summe danach ausgegeben, um durch Spanien, Portugal, Frankreich und England zu ziehen. Als das Geld alle war, bin ich nach Tellheim gegangen und habe in einer Import-/Exportfirma eine Lehre gemacht. Für diese Firma war ich einige Zeit in Brasilien und in Guatemala, bin anschließend in die Zentrale zurückgekehrt und habe dort eine wunderschöne, blonde Kollegin kennen und lieben gelernt. Petra wurde kurz nach unserer Trennung ermordet und die Kripo wollte mir den Mord anhängen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als selbst den Mörder zu finden und zu überführen. An dem Tag, an dem das Urteil gegen ihn rechtskräftig wurde, haben die ermittelnde Beamtin und ich ein Verhältnis begonnen. Es hat nicht lange gedauert, aber wir sind immer noch Freunde. Sie hat mir den Rat gegeben, mein Glück als Privatdetektiv zu versuchen; und sie ist heute unter anderem zuständig für gewaltsame Todesfälle hier in Neustadt, und von ihr weiß ich, dass sich Milli aufgehängt hat, weil sie schwanger war und der Mann sie trotz aller Schwüre und Versprechen verlassen hat."

Ein paar Sekunden schwiegen alle; bevor einer etwas sagen konnte, ging die Tür auf und die Bedienung erschien mit dem ersten Schub Brenner-Bier. Thea hob ihr Glas und trank, ohne jemanden direkt anzusehen und nickte. "Als ich die Liste zusammenstellte, fiel mir ein, dass ich einen Privatdetektiv gebrauchen konnte. Ich muss das Haus in der Rhönstraße verkaufen, aber Miteigentümerin ist meine Schwester Tina, und die ist vor Jahren spurlos verschwunden. Ich habe Rolf gebeten, sie zu suchen; er hat sie auch gefunden. Und deswegen ist er seit einiger Zeit in Neustadt unterwegs."

Corinna lächelte zaghaft. "Wenn du schon dran bist, kannst du doch gleich erzählen, wie es dir ergangen ist."

"Gern. Wie einige von euch wissen, sollte Thilo das Geschäft unserer Eltern übernehmen, wozu er auch bereit war. Nach seinem Tod hat mich mein Vater bekniet, im Geschäft auszuhelfen. Dabei bin ich im Lagerraum von einer Leiter gestürzt und habe mich ziemlich verletzt. Im Krankenhaus wurde mir nach den Operationen klar, dass ich das Geschäft nicht haben wollte. Also habe ich Jura studiert, mein erstes und zweites Staatsexamen gemacht und bin heute Rechtsanwältin in Würzburg."

"Bist du verheiratet?", wollte Dula wissen.

"Geschieden. Kinder habe ich auch nicht. Wie steht es mit dir, Dula?"

"Nicht so rosig." Sie holte tief Luft. "In die Kunsthochschule haben sie mich nicht aufgenommen, ich habe privatim Malen und Zeichnen gelernt und später in einer Kunstgalerie in Frankfurt als Mädchen für alles gearbeitet. Dann wollte sich der alte Hensel zur Ruhe setzen und hat mir sein Geschäft im Ladenhof zu einem sehr günstigen Preis angeboten. Seitdem versuche ich, dort moderne Kunst zu verkaufen, was, wie ich euch gestehen muss, in Neustadt etwas arg schwierig ist. Also gebe ich nebenher Mal- und Zeichenunterricht, um über die Runden zu kommen."

Ihr freimütiges Geständnis erstaunte alle. Corinna stellte die nächste Frage: "Wie steht's? Verheiratet oder geschieden?"

"Weder - noch, und im Moment auch ohne Freund." Sie machte keine Anstalten, Kramer und Vohberg zu erwähnen, und Thea schnaufte erleichtert.

"So, dann bin ich wohl an der Reihe", sagte Adler energisch, der neben Dula saß.

"Ich habe in Clausthal-Zellerfeld und Aachen Maschinenbau studiert und bin in die Firma eines Onkels in Veitshöchheim eingestiegen. Wir stellen feinmechanische Teile her und arbeiten viel für die Bundeswehr. Vor drei Jahren wollte ich endlich reich werden, weil ich endlich mal eine Frau kennengelernt hatte" - er lachte offen - "und habe mich mit zwei ausgekochten Gaunern auf Immobiliengeschäfte und geschlossene Fonds eingelassen. Das ging natürlich schief und zum Schluss hatte ich eine Anklage wegen Betrugs und Unterschlagung am Hals. Thea hat mich da herausgeboxt, sie ist eine prima Anwältin."

"Wie schön", kommentierte Beck kurz und es klang so, wie er es in Wahrheit wohl meinte: "Glaub' ich nicht."

Thea betrachtete ihn aus schmalen Augen. "Und du, lieber Hans-Peter. Was hast du nach dem Abi getrieben?"

"Ich? - Nichts, liebe Thea, ich habe die Firma von meinen Eltern übernommen."

"Sonst nichts? Gibst du noch so schöne Partys, an die wir uns alle so gerne erinnern?"

Beck warf ihr einen giftigen Blick zu und kniff die Lippen zusammen.

Bevor sich da ein Gewitter bilden konnte, sagte Corinna rasch. "Wir haben auch nichts Spektakuläres zu vermelden. Klaus hat einen Job in der Betriebsleitung einer Firma in Fulda, wir haben zwei Kinder, eines ist leider stark behindert und deshalb leben wir sehr zurückgezogen. In Neustadt bin ich nach der kirchlichen Trauung nicht mehr gewesen." Und die hatte, was sie nicht eigens erwähnen musste, bestimmt ihr Vater vorgenommen, der "Heizlüfter Gottes".

Dula schaute sie neugierig an: "Was hat du denn gemacht, bevor du Klaus geheiratet hast?"

"Zuerst eine Lehre als Buchhändlerin in Wetzlar. Dann einen Job in Meißen. Und dort ist mir Klaus bei einer Besichtigung des Domes wieder über den Weg gelaufen." Ein anderer Ort hätte bei der Pfarrerstochter Corinna irgendwie unanständig geklungen; Dom, wenn auch von der anderen Konfession, war schon angemessen. Klaus Etzel zeigte auf Neufel, der sich aufsetzte.

"Okay, in Kurzform mein Lebenslauf. Ich habe Volks- und Betriebswirtschaft studiert, ein Trainerprogramm im Münchem absolviert, danach eine Stellung in einem Münchner Betrieb gefunden. Mit der Tochter des Eigentümers bin ich heute verheiratet. Wir haben einen Sohn."

"Also hast du dich in ein warmes, in ein gemachtes Nest gesetzt", bemerkte Sonja spitz. Sie hatte so lange geschwiegen, dass jetzt alle erstaunt zu ihr hinsahen. "Du nicht?", fragte Neufel gehässig.

"Nein, und das wissen doch die meisten von euch. Mein Vater war ein arbeitsloser und arbeitsscheuer Säufer, die Mutter musste putzen gehen, und um etwas Geld zu verdienen, habe ich mich mit Männern eingelassen. Oder nackt fotografieren lassen. Zum Beispiel von Hans-Peter."

Die Bombe explodierte nicht sehr laut, verstreute aber eine Menge bösartiger Splitter. "Du bist ja noch verrückter als früher!", fauchte Beck. "Warum lügst du so schamlos?"

Sie grinste: "Ich lüge nicht. Du hast die Bilder ohne mein Wissen doch im Jean-Paul und vor der Josephshöhe verkauft. Wollen wir mal herumfragen, wer von euch mich damals in Bunt, sechs mal neun, zum Preis von zehn Mark auf dem Schulhof erworben hat?"

"Du spinnst. Und wenn du damit nicht auf der Stelle aufhörst, gehe ich, ich habe keine Lust, mich von einer Nutte beleidigen und verleumden zu lassen."

"Dich beleidigen? Wie kann man ein Mistvieh beleidigen?"

Wieviele Jahre waren sie auf dem Jean-Paul zusammen gewesen? - und es musste in gegenseitigem Hass enden!

Bevor Kramer sich entscheiden konnte, wie es weitergehen sollte, bimmelte sein Handy. "Wir sitzen jetzt in der Gaststube", sagte Anke.

"Einen Moment, ich komme gleich und hole euch." Und zu Thea sagte er nachdrücklich: "Unsere Ehrengäste sind eingetroffen." Neufel hatte sich zu Beck hinübergebeugt und flüsterte eindringlich auf ihn ein. Beck schien zuerst nicht einverstanden zu sein, gab dann aber nach, so dass sich Neufel wieder gerade hinsetzen konnte. Vor der allgemeinen Gaststube traf Kramer auf die Bedienung. "Noch eine Runde bitte, diesmal elf Biere. Und wenn Sie das Bier gebracht haben, können wir mit dem Essen anfangen."

Anke und Jutta sahen ihm unruhig entgegen. Kramer lachte verschwörerisch: "Wir haben gerade angefangen, uns zu fetzen. Aber noch rastet keiner aus, und Blut ist noch nicht geflossen." Anke war ein Traum in Blond, Silber und Blau. Jutta sah daneben sehr streng aus - ein schwarzer enger Rock, ein schwarzes Oberteil mit einem durchgehenden Reißverschluss. Sie trug schwarze Strümpfe und schwarze Pumps. Erst jetzt fiel Kramer ein, dass sie wegen ihrer Schwester Milli Trauer tragen wollte.

"Okay, auf geht's!"

"Hoffentlich gibt es bald was zu essen, ich habe Hunger, und Jutta hat mir soviel von den Wolfsschnitzeln erzählt, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft."

"Es wird bestimmt nicht lange dauern."


Als er mit den beiden Frauen die Jagdstube betrat, war das Erstaunen aller fast mit Händen zu greifen.

"Darf ich vorstellen?", sagte Kramer laut und fixierte dabei Neufel und Beck, die schon die Köpfe zusammensteckten. "Anke Ludwig kennen sicher die meisten, auch Jean-Paul, ein Jahrgang unter uns. Heute die Besitzerin des Hotels Rieker Höhe."

"Guten Abend", sagte Anke vergnügt. Nicht alle antworteten, aber Corinnas schräger Blick zum Beispiel konnte der pure Neid sein. Kramer hatte ja sehr deutlich gesagt, dass Anke nur ein Jahr jünger war als die Schlimmen Finger.

"Jutta Wirth werden nicht alle kennen. Sie ist die Schwester von Milli Wirth, über die wir ja schon gesprochen haben."

"Und was wollen die beiden - Damen hier?" Beck beherrschte sich nur schlecht, seine Verachtung für Jutta und Anke war zu dick aufgetragen, wer hören wollte, vernahm dahinter die Sorge und Unruhe.

Anke tat so, als ginge sie das nichts an. Aber Jutta fühlte sich getroffen, das war ihr anzusehen. Und bevor Kramer sie daran hindern konnte, war sie zwei Schritte vorgetreten, hatte sich umgedreht und zog nun den Reißverschluss ihres Oberteils auf, das sie mit einer Bewegung über die Schultern streifte. Kramer kannte den Anblick ihres Rückens ja schon, aber die anderen stöhnten vor Schreck und Entsetzen auf.

"Wie ist denn das passiert?", erkundigte sich Dula halb mitleidig, halb empört. "Und warum zeigen Sie uns das?" Auch Kramer staunte einen Sekundenbruchteil über das "Sie." Jutta ließ sich nicht beirren. "Damit ihr mit eigenen Augen seht, wozu Neufel und Beck fähig sind."

"Sie spinnen ja total!"

"Sie sind ja völlig verrückt!"

Neufel und Beck hatten gleichzeitig fast geschrien. "Warum hätten wir Sie verprügeln sollen?", erkundigte sich Neufel scheinheilig.

"Die Frage möchte ich beantworten", sagte Kramer laut. "Ihr wolltet verhindern, dass Jutta Wirth einem Menschen erzählt, dass sie dich und Beck an dem Abend, an dem Richard Moll ermordet wurde, zur Tatzeit auf der Langen Gasse in der Nähe des Juweliergeschäftes gesehen hat."

"Quatsch! Blödsinn. Reine Fantasie! Also soll es hier doch eine Märchenstunde geben?"

"Keine Märchenstunde", mischte sich Thea ein, und sie beherrschte die in ihrem Beruf sehr hilfreiche Kunst, mit leiser Stimme so zu drohen, dass jeder genau hinhörte. "Wir werden heute Abend klären, wer meinen Bruder Thilo ermordet hat und warum."

"Du bist ja völlig übergeschnappt. Den Quatsch muss ich mir nicht anhören." Damit stand Neufel auf und schien ernsthaft gehen zu wollen, Kramer holte hastig das Bild aus der Mappe, das er von ihm und Milli gemacht hatte.

"Sieh dir das lieber erst einmal an, Christian. Wenn du jetzt gehst, sieht deine Frau dieses Bild noch heute Abend im Hotel. Bei der Gelegenheit werde ich mich erkundigen, ob sie weiß, in welcher Beziehung du zu der Spedition Gebrüder Lender in der Aachener Straße stehst. An die Kripo habe ich es schon geschickt, die möchte, um die Akte Milli Wirth schließen zu können, doch zu gerne wissen, wer der Erzeuger von Millis Kind war. Mit diesem Foto kriegt die Kripo einen richterlichen Beschluss für eine Speichelprobe von dir und einen DNA-Vergleich mit dem Fötus. Ob du es schaffst, das alles vor deiner Frau zu verheimlichen, hängt ganz davon ab, was du jetzt tust."

"Hat Neufel Milli geschwängert?", fragte Jutta, die ihr Oberteil wieder angezogen hatte. Kramer hatte nur einen flüchtigen Blick auf ihren zerschlagenen Rücken geworfen und war erschrocken, wie wenig die Wunden und Narben in den letzten Wochen verheilt und verschwunden waren.

"Ja."

"Wie bist du an das Bild gekommen?"

"Heimlich durchs Fenster aufgenommen."

"Wie schon gesagt, er ist ein richtiger Schnüffler geworden", platzte Beck heraus, der bis jetzt fasziniert gelauscht hatte, als sei er an der Aktion gegen Jutta gar nicht beteiligt gewesen.

Es war alles so rasch abgelaufen, dass die anderen erst jetzt schalteten. Dula brüllte fast: "Was soll das, Anke? Wieso ist Thilo ermordet worden, Thea?"

"Weil ich Thilo am Tage eures Essens erzählt habe, dass ich Neufel und Beck zur Tatzeit an Molls Geschäft gesehen habe."

Adler schaltete als erster. "Und warum hast du das nicht der Kripo erzählt, die doch halb Neustadt befragt hat, ob jemand etwas Auffälliges in der Langen Gasse bemerkt habe? Wie seid ihr denn dahin gekommen?"

Weil Anke zögerte, antwortete nun Jutta: "Erstens hatten wir an dem Abend eine Chorprobe der Ulitzer Unken in den Rieker Sälen, und zweitens kannte ich Neufel und Beck doch gar nicht, von den Schlimmen Fingern kannte ich nur Thilo, weil ich mit ihm ab und zu geschlafen habe. Ich habe an dem Abend keinen Jean-Paulianer auf der Langen Gasse erkannt."

"Und ich konnte doch zwei Schulkameraden nicht so einfach in einen so schrecklichen Verdacht bringen", erklärte Anke, die sehr ernst geworden war. "Ich wollte schweigen."

"Aber bei Thilo bist du schwach geworden, wie?" Dula konnte gehässiger und bissiger sein, als Kramer in Erinnerung hatte.

Anke schaute die "Künstlerin" gelassen an: "Ja, er war der einzige, der sich um Brigitte Moll nach dem Mord an ihrem Vater gekümmert hat, sie mal ins Theater oder Kino mitgenommen oder zum Eis eingeladen hat. Ihr wisst doch, Thilo wollte immer allen helfen."

"Typisch Helfersyndrom", murmelte Corinna gehässig in Bühnenlautstärke, und das ging Thea denn doch zu weit: "Aus dem Mund einer Pfarrerstochter klingt 'Nächstenliebe' besser, Cor. Aber die muss man praktizieren und nicht nur predigen."

Kramer räusperte sich warnend, aber Neufel schnitt ihm das Wort ab: "Weißt du, dass du ein ganz mieser Erpresser geworden bist?"

"Ach nee!", fuhr Sonja hoch. "Und was bist du? Du hast also kein Geld von mir erpressen wollen, als du mit gezogener Pistole in die Palette gekommen bist? Dein Pech nur, dass gerade ein echter Profi-Erpresser bei mir war, der sich von dir Laienschauspieler das Geschäft nicht verderben lassen wollte. Mein Pech, dass der Schuft von Vohberg so schlecht gezielt hat."

Also doch! Kramer schmunzelte, und Sonja wandte sich an Dula: "Tut mir leid, Dula, aber mit Vohberg hast du dir ein schlimmes Stück Dreck geangelt."

"Es ist vorbei, Sonja."

"Wieso das?"

"Unser Schnüffler vom Dienst hat dafür gesorgt, dass das Landeskriminalamt Max eingebuchtet hat."

Alle schauten auf Kramer, der verlegen die Hände hob: "Ein glücklicher Zufall. Für mich, meine ich. Vohberg wird das wohl anders sehen."

"Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige", seufzte Dula.

In dem Moment wurde die Tür geöffnet und elf goldgelb schimmernde Brenner-Biere, alle mit der perfekten weißen Krone, schwebten auf einem Tablett in das Zimmer, getragen von einer strahlenden Bedienung, die sich an Thea wandte: "Passt es, wenn wir jetzt mit dem Servieren beginnen?"

Thea wechselte einen raschen Blick mit Kramer, der an ihrer Stelle antwortete: "Ja, es passt hervorragend."


Die Bedienung machte kehrt, und dann begann der Auftritt der Wolfsschnitzel. Sie dufteten verlockend und alle langten zu. Neu war eine Kreation des jungen Wirtes: ein scharf gewürztes Mischgemüse aus Auberginen, Pilzen, Paprika und Zucchini. Adler kramte uralte Schulgeschichten heraus, sie konnten lachen, und selbst Neufel und Beck schienen sich zu amüsieren, vergaßen für ein paar Minuten, was sie gehört hatten und was ihnen wohl noch bevorstand. Der ungekrönte Klassenclown der alten C war nicht in den Kreis der Schlimmen Finger aufgenommen worden. Seine Fähigkeit, Lehrer zu imitieren, entfesselte regelmäßig Lachstürme und selbst die so Karikierten, die ihn dabei überraschten, mussten lachen. Pit war ein ernsthafter Reporter geworden und bei einer Recherche in Kolumbien von Narcos erschossen worden.

Einige fragten nach einem Nachschlag und dankten Thea, dass sie mehr Schnitzel bestellt hatte, als Personen eingeladen waren. Die "Wölfe" hatten auf der anderen Seite von Tellheim in den Boroner Bergen gelebt, eine wegen des fetten Fleisches kaum mehr gezüchtete alte Hausschwein-Rasse freilaufender Tiere. Die Bedienungen waren schnell und sie hatten gut zu tun. Denn die Schnitzel und das Gemüse wollten schwimmen und die Brenner-Brauerei durfte sich über ausgezeichneten Absatz freuen.

Die ausgelassene Stimmung, die vor zwanzig Jahren hier geherrscht hatte, stellte sich freilich nicht mehr ein. Das "Hoppla, jetzt gehört uns die ganze Welt, und die wartet schon auf uns" war verflogen. Alle schienen die Spannung zu spüren und mehr oder weniger ängstlich darauf zu reagieren, und Kramer begriff plötzlich, warum viele von ihnen so lange darüber nicht hatten sprechen wollen. Gelobt sei die Erfindung der Bocksbeutel, ohne die und deren zungenlockernden Inhalt wäre wohl auch der dankbare Adler nicht über seinen Schatten gesprungen. Sobald abgedeckt war und jeder mit einem frischen Bier versorgt war, stand Kramer auf. Mit unerklärlicher Sicherheit wusste er, dass jetzt niemand mehr vorzeitig gehen würde. Sie waren alle vielleicht besorgt, aber noch mehr neugierig, die Mit-Wissenden wollten die Last ihres schlechten Gewissens abwerfen und die Schuldigen mochten eingesehen haben, dass der Tag gekommen war, an dem die Rechnungen präsentiert wurden.

"Ich muss leider sehr weit ausholen. Als Hans-Peter geboren wurde, hatte seine Mutter aus erster Ehe eine Tochter Heidrun. Ich kenne sie nur flüchtig, aber ich weiß, dass sie Pharmakologie und Chemie fertig studiert und nie die Hoffnung aufgegeben hat, sie würde einmal die Firma erben und Hans-Peter würde ausgezahlt. Und das würde geschehen, so hatte es Hans-Peters Vater ihm verdeutlicht, wenn er das Abi nicht bestehen sollte." Beck schaute mit grimmiger Miene hoch. "Es gab also einen gewissen Druck für ihn, auf jeden Fall das Abi zu schaffen. Doch entweder die Vererbung oder die Faulheit verhinderten, dass Hans-Peter in Latein und Mathe je auf einen Stand kam, der für ein bestandenes Abi ausreichen würde. So. Eine wichtige Nebenhandlung. Wir bekamen einen neuen Mathelehrer, der uns allen leider bis zum Abi erhalten blieb. Die Mädchen mochten das gestreifte Ferkel nicht leiden, weil er ihnen ungeniert in die Ausschnitte, auf den Busen und auf die Hüften starrte, die meisten von uns Jungens verzweifelten an seiner Unfähigkeit, etwas verständlich zu erklären, was Christian und Thilo übernehmen mussten, und mit Hans-Peter verband das gestreifte Ferkel eine besondere Feindschaft. Das Ferkel glaubte, seine Frau sei weggelaufen, weil sie ein Verhältnis mit Hans-Peters Vater angefangen hatte. Das war zwar falsch, aber das Ferkel war einsichtsresistent, wie ihr alle wisst."

"Feindschaft trifft es genau", brummte Beck vernehmlich.

In dieser Situation half nur eines. Hans-Peter musste im Abi eine ordentliche Mathearbeit schreiben, und der leichteste Weg war, sich die Aufgaben vorher zu beschaffen. Damals wurde am Jean-Paul noch kein Zentral-Abi geschrieben, Kullisch konnte sich also Aufgaben ausdenken und sie beim Schulamt einreichen."

Einigen schien ein Licht aufzugehen, er hörte das Aufatmen.

"Wer Kullisch das Angebot gemacht hat, ihm die Matheaufgaben für das Abi abzukaufen, weiß ich nicht. Aber wir kennen den Preis, den das Ferkel verlangt hat."

Wie einstudiert stellte sich Sonja neben Kramer: "Eine Nacht mit mir. Oder zwanzigtausend in bar. Ich habe viel für Hans-Peter übrig gehabt, aber mit dem Ferkel - nie! Darauf meinte der Herr Fabrikerbe, wenn ich ihn wirklich lieben würde, täte ich das für ihn. Damit war die Liebe zwischen uns schlagartig beendet und er hatte noch die Stirn, mir an den Kopf zu werfen: Dann leih' mir wenigstens die zwanzigtausend." Sonja lachte bitter auf. "Woher sollte ausgerechnet ich zwanzig Riesen nehmen. Selbst wenn ich sie gehabt hätte, dem Kerl hätte ich nicht einen einzigen geliehen."

Alle schauten auf Hans-Peter, der aufsprang und schrie: "Du dreckige Hure lügst hier doch das Blaue vom Himmel herunter."

Dann schien er selbst zu merken, dass ihm keiner in der Runde glaubte. Müde sank er auf seinen Stuhl zurück und wagte niemanden anzuschauen. Kramer flüsterte Sonja zu: "Danke, Sonja. Lass mich jetzt weitermachen."

"Dass das Ferkel immer schon etwas für Sonja übrig gehabt hatte, haben wir doch alle bemerkt. Aber ich glaube, die Bedingungen, die er gestellt hat, hatten nicht nur damit zu tun. Er wusste, wie alle anderen auch, dass Hans-Peter mit Sonja verbandelt war. Indem er Sonja zur Hure herabwürdigte, wollte er auch Hans-Peter treffen, den Sohn des Mannes, der ihm - wie er fälschlicherweise glaubte, - die Ehefrau weggenommen hatte."

"Jetzt wirst du aber arg melodramatisch", warf Dula ein.

"Nein. Okay, wieder ein Zeitsprung. Schulfest im Jean-Paul 1987. Große Tombola und festlicher Tanz in der Aula."

"Du meine Güte, wie lange hast du eigentlich herumgeschnüffelt?"

Becks Ton gefiel Kramer nicht. "Ach, lieber Hans-Peter, das hält sich in Grenzen. Ich hatte sehr oft das Gefühl, dass ich gar nicht lange bohren musste, da waren einige Menschen sehr froh, alte Rechnungen mit dir zu begleichen, man musste das Thema nur antippen und schon sprudelten die Erkenntnisse. Auch alte Freundschaften halten nicht immer ewig."

Beck verzog das Gesicht, schwieg aber.

"Zu diesem Fest durfte sich Corinna Altmann, bis dahin von Vater und Mutter mehr unterdrückt als behütet, zum ersten Mal selbst ein Kleid kaufen. Was sie geritten hat - Übermut, mangelnde Erfahrung oder schlicht ein Versehen - weiß ich nicht. Jedenfalls erstand sie ein Kleid mit einem Ausschnitt, der zu tiefe Einblicke gewährte und das ihr auch gar nicht stand." Corinna wurde glutrot. "Und zum Unglück bemerkte Kullisch seine Schülerin."

Corinna schnitt Kramer das Wort ab: "Plötzlich stand der Kullisch vor mir. Mir war mein Portemonnaie heruntergefallen, und ausgerechnet in dem Moment, als er auf mich zukam, habe ich mich danach gebückt. Ihm sind fast die Augen aus dem Kopf getreten. Er hat sich ebenfalls nach dem Portemonnaie gebückt und wir sind mit den Köpfen zusammengestoßen." Klein-Attila fuhr fort: "Und dann hat er ihr zugeraunt: 'Wie schade, dass du einen BH trägst. Ich würde dir gerne helfen, ihn auszuziehen'."

"Is' nich' wahr! Ich werd' nich' mehr! Das sieht ihm ähnlich! Dieses Ferkel." Die erste absolute Einigkeit an diesem Abend.

Nur einer scherte aus: "Das glaube ich nicht", sagte Neufel laut. "So dumm war der Kullisch nicht. Und gerade weil er vorsichtig sein musste, hätte er nie und nimmer eine solche Bemerkung zu einer Schülerin gemacht."

"Hat er aber!", verteidigte sich Etzel hitzig.

Corinna korrigierte ihn sofort: "Nein, hat er nicht. Er hat 'Entschuldigung' gesagt und hinterher, als wir uns beide aufgerichtet hatten, noch gemeint: ‚Hoffentlich habe ich dir nicht wehgetan.‘ Mehr war da nicht. Und dass er mir so tief in den Ausschnitt gucken konnte, war meine Schuld."

Neufel kratzte sich den Kopf. "Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Aber ich erinnere mich, dass du wenige Tage vor dem Fest mit dem Ferkel zusammengerasselt bist, als er eine Arbeit zurückgegeben hat: 'Wenn Gott seine Schöpfung so falsch berechnet hätte wie du die Tangenten, gäbe es uns schon lange nicht mehr."

"Richtig", sagte Corinna fest, "das stimmt, und das habe ich ihm nicht vergessen."

Kramer schmunzelte: "Es gab nur einen, der diesen Satz gehört haben will, Freund Attila, der neben Corinna stand. Und sich nicht nach ihrem Portemonnaie gebückt hat."

"Aber Klaus hat es mir genau so erzählt, den Spruch über deinen BH", meldete sich unvermutet Hans-Peter Beck zu Wort. Er musste damals schon gewusst haben, dass Klein-Attila, der Maulheld Etzel, ein unverbesserlicher und skrupelloser Aufschneider und Übertreiber war. Aber es ging ja gegen seinen Peiniger aus dem Matheunterricht, und deshalb hatte er Etzel wohl alles geglaubt. Oder glauben wollen. Alle hatten schon erlebt, dass Kullisch, wenn es um Hans-Peter ging, willkürlich und ungerecht handelte. Der Lehrer konnte das gelegentlich sehr arrogante, überhebliche Betragen seines Schülers einfach nicht ertragen, alle möglichen anderen Gründe waren ja nicht bekannt. Die eingeschüchterte Sonja kam bei Kullisch sehr viel besser weg.

Kramer schaute jetzt Beck fest an: "Und du hast es sofort deiner Mutter so erzählt, wie du es von Klein-Attila gehört hattest?"

"Na und?"

"Nicht viel später war Elternsprechtag, und als Kullisch deine Mutter warnte, dass deine Zulassung zum Abi auf der Kippe stand, und du unter Umständen das Jean-Paul ohne Abi verlassen müsstest, ist deine Mutter ausgerastet. Kullisch sei kein gestreiftes Ferkel, wie ihn die Schüler nennen würden, sondern ein gestreiftes Schwein."

"Woher weißt du, was Adrienne Falke-Beck dem Kullisch an den Kopf geworfen hat?", wollte Anke wissen, entweder völlig harmlos oder hervorragend gespielt. Sie war eine kluge Stichwortgeberin und hätte unter anderem eine hervorragende Souffleuse abgegeben.

"Neufel hat es erzählt."

"Woher sollte Christian wissen, was meine Mutter mit dem Ferkel in der Sprechstunde geredet hat?"

"Sie hat es ihm selbst erzählt."

"Wann? Was? Warum? Du spinnst doch."

Martin Adler hob plötzlich die Stimme: "Bist du so blöd oder tust du jetzt nur so? Im Bett haben sie miteinander geplaudert."

Kramer musterte Adler verblüfft, einerseits froh, dass es ihm erspart blieb, dieses heikle Detail dem fassungslosen Beck und vor Wut fast platzenden Neufel verklickern zu müssen, andererseits über sich selbst erstaunt, dass er Adlers unerträgliche und nicht zu bremsende Neugier so total vergessen konnte. Natürlich, nicht ohne Grund hatten sie ihn Martin "Adlerauge" genannt.

Beck würgte, dass er knallrot anlief: "Willst du damit andeuten, dass ... dass ... meine Mutter mit ... mit ...?"

"Genau das!", zischte Sonja. "Und deine Mutter hat deinen angeblich besten Freund fürs Bett bezahlt. Mein Gott, bist du blöd, wie konnte ich das nur so lange übersehen?"

Beck sah wirklich so aus, als habe ihn der Schlag getroffen; der Mund stand halb offen, ihm lief der Speichel aus den Mundwinkeln, und er ballte die Hände zu Fäusten, als wollte er den neben ihm sitzenden Neufel umbringen. Im Boxsport würde man sagen: Beck war stehend k.o. gegangen.

Neufel hob besorgt den Kopf. "Beruhige dich, Hans-Peter, du musst nicht alles glauben, was diese Schwach- und Hohlköpfe erzählen."

"Hast du ... hast du ... mit meiner Mutter geschlafen?"

"Nein, nie!", log Neufel mit fester Stimme und Beck schien ihm zu glauben, glauben zu wollen. Er schloss den Mund und atmete wieder normal.

Diese Hürde war also vorerst auch genommen.

"Wir machen weiter, einverstanden? Hans-Peter brauchte die Matheaufgaben vom Ferkel, Sonja weigerte sich, dafür eine Nacht mit Kullisch zu verbringen, also musste Hans-Peter zwanzig Riesen herbeischaffen. Christian oder Hans-Peter hatte die geniale Idee, einen Juwelierladen zu überfallen und die Kasse auszuräumen."

Wieder schnappten alle kollektiv nach Luft, nur die Etzels schienen völlig ungerührt, die anderen keuchten.

Kramer nahm wieder das Wort.

"In Neustadt gibt es ja keine allzu große Auswahl. Also beschlossen Hans-Peter und Christian, den Juwelierladen Moll zu überfallen. Wer Richard Moll erschossen hat, als der plötzlich aus dem Keller auftauchte, weiß ich nicht, das wird die Kripo untersuchen. Der Schuss war übrigens nicht sofort tödlich, wenn einer umgehend Hilfe geholt hätte, wäre Moll nicht innerlich verblutet. Ich nehme mal an, Beck und Neufel haben alles zusammengekratzt und mit dem bescheidenen Inhalt der Mollschen Kasse reichte es: Beck hatte seine zwanzig Riesen, um das Ferkel zu bezahlen. Dem Kullisch werden sie bestimmt nicht erzählt haben, wie sie sich die Summe beschafft haben. Neufel übte mit Beck die Aufgaben ein und Beck schrieb, oh Wunder, im Abi eine voll befriedigende Mathe-Arbeit." Beck und Neufel schüttelten wie auf Befehl die Köpfe, aber Kramer hatte den Eindruck, dass keiner in der Runde ihnen dieses Nein glaubte. Er nickte Jutta zu, die ohne Zögern aufstand. "So, jetzt möchte ich meinen Teil der Geschichte erzählen. Am Nachmittag vor eurem Essen war ich mit Thilo verabredet - hei ja, in meinem Bett - aber mein Mann war misstrauisch geworden und kam zu früh zurück, bevor wir ... na ja." Leises Geraune und Kichern ringsumher.

"Abends habe ich hier in der Küche ausgeholfen. Erstens konnte ich Taschengeld gebrauchen und zweitens wollte ich verhindern, dass sich mein rücksichtsloses und neidisches Schwesterchen meinen Geliebten schnappte, der sie sehr interessierte und der nach dem verunglückten Nachmittag wohl zu vielen Dingen bereit war. Das Kapitel 'Thilo und die Treue' wollen wir lieber nicht aufschlagen."

Corinna und Dula lächelten in sich hinein.

"Mit Thilo konnte ich nicht ungestört sprechen. Wir haben uns nur sozusagen zwischen Tür und Angel unterhalten. Dabei hat Thilo eine für mich damals unverständliche Bemerkung gemacht: 'Jemand muss mir erklären, warum und wie es in der Mathematik doch Wunder gibt.' Und später haben sich auf dem Gang vor den Toiletten zwei Jean-Paulianer gestritten, und der eine hat laut und zornig gesagt: 'Ich denke nicht daran, dir noch einmal aus der Patsche zu helfen. Diese Scheiße hast du dir selber eingebrockt, nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst.' Und seit mich die beiden Männer so verprügelt haben, weiß ich, dass es Christian Neufel und Hans-Peter Beck waren."

"Du dreckige Lügnerin!", brüllte Neufel los. "Du verlogenes Aas", schloss sich Beck an. Die Wortwahl war ein Fehler, wie auch Kramer sofort spürte. Die Mehrheit der Runde mochte noch Zweifel an Juttas Aussage gehabt haben, diese Reaktion der beiden Beschuldigten überzeugte alle von der Wahrheit der Vorwürfe. Kramer hob die Hand, und die allgemeine Unruhe verebbte allmählich.

Die Tür wurde geöffnet, die nächste Runde wurde gebracht. Die beiden Frauen spürten, dass sich was zusammenbraute und beeilten sich. Kramer wartete, bis sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte:

"So, wir nähern uns dem Ende. Die letzte Zeugin des Abends wird uns nun verraten, wie Hans-Peter Beck versucht hat, aus der Scheiße herauszukommen. Bitte, Sonja."

Sonja Drexler war blass, aber sie stand tapfer auf. Ob Überlegung, Zufall oder ein Geistesblitz - sie fand die richtige Einleitung. "Vor zwanzig Jahren habt ihr nicht nur getrunken wie die Löcher in der Wüste, sondern auch gequalmt wie die Verrückten. Es war so schlimm, dass mir die Augen tränten und ich unbedingt an die frische Luft musste. Ich bin an den Hintereingang gegangen, der auf den Parkplatz führt, habe mich draußen vor die Tür unter das Dach gestellt und tief durchgeatmet. Weil ich etwas an der Seite stand, haben mich Hans-Peter und Thilo nicht bemerkt, als sie nach draußen auf den Parkplatz gingen. Es hat mich gewundert. Keiner hatte einen Mantel oder einen Anorak an und ihr erinnert euch, es hat ganz nett geregnet. Nach sechs oder sieben Minuten ist Hans-Peter alleine vom Parkplatz zurückgekommen, wobei er mich wieder nicht bemerkt hat; danach gab es von Thilo keine Spur mehr. Ich hätte noch auf Thilo gewartet, aber Martin suchte mich und hat mich in das Lokal zurückgeholt."

"Was soll denn das?", brüllte Beck mit hochrotem Kopf.

Kramer nickte Sonja dankend zu und nahm sich Beck vor. "Das soll heißen, dass du an dem Abend der letzte gewesen bist, der Thilo lebend gesehen hat."

"Na und?"

"Thilo ist mit dir nach draußen gegangen, um dir auf den Kopf zuzusagen, dass du ein krummes Ding bei deiner Mathearbeit gedreht hast. Du hattest nicht nur Angst, dass man dir das Abi aberkennen könnte und deine Halbschwester bei der Firma zum Zuge kommen würde. Schlimmer noch: Thilo wird erwähnt haben, dass Anke Ludwig und Jutta Wirth dich und Christian in der Langen Gasse zur Tatzeit am Juweliergeschäft Moll gesehen haben. Da hat es bei dir Klick gemacht. Die Kripo hat später trotz des Regens feststellen können, dass Thilo auf den halbrunden Brüstungssteinen der Parkplatzmauer gesessen hat." Das stimmte zwar nicht, aber Stanges Handakte kannten nur Thea und er. "Du musstest nur nach seinem Fuß greifen und den mit einem Ruck hochreißen. Thilo hatte keine Chance mehr, sich irgendwo festzuhalten und ist rücklings in die Schlucht gestürzt."

Beck hatte angefangen, pausenlos "Nein, nein, nein" zu sagen; Neufel schaltete schneller: "Und mit diesen dünnen Indizien willst du beweisen, dass wir Moll überfallen und dass Hans-Peter an dem Abend Thilo ermordet hat? Warum sollte er? Warum hat sich Thilo, wenn überhaupt, da reingehängt? Du bist ja nicht mehr gesund im Kopf."

"Thilo war ein Gerechtigkeits-Fanatiker, wie ihr alle noch wisst, und er wollte Brigitte Moll helfen. Ich will gar nichts beweisen, lieber Christian, das ist jetzt Aufgabe von Staatsanwaltschaft und hoffentlich später einer Strafkammer. Mord verjährt nicht und damit ihr nicht glaubt, ihr könntet so wie bisher weitermachen - die schwere Körperverletzung, die ihr Jutta zugefügt habt, sollte für eine U-Haft genügen." Und weil Neufel höhnisch zu grinsen begann, schob Kramer eine Lüge nach. "Ihr glaubt natürlich, ihr könntet euch gegenseitig ein Alibi geben, aber ihr habt nicht aufgepasst, es gibt in der Josephshöhe einen neutralen Zeugen für eure Tat."

"Ach, und der hat uns erkannt?", höhnte Beck.

"Dich nicht, dich kennt er gar nicht, aber den anderen, der kommt in die Josephshöhe zu wichtigen Sitzungen aus München in einem dicken Mercedes."

Neufel grinste verächtlich, aber damit überzeugte er Kramer nicht.

"Und dir, lieber Hans-Peter, noch eine kleine Überlegung gratis. Wer sich als Zeuge zur Verfügung stellt, kann mit einer Strafmilderung rechnen. Neufel weiß das längst, und ein wie guter, selbstloser Freund er ist und immer war, kann dir deine Mutter bestätigen."

"Halt's Maul, du dummes Schwein", brüllte Neufel plötzlich los. "Wir gehen, wir hätten nie hierher kommen sollen und dir, liebe Thea, werde ich diese schäbige Täuschung und Einladung noch mit Zins und Zinseszins heimzahlen." Sie zuckte nur die Achseln:

"Nach deinen fünfzehn Jahren im Knast, wie?"

"Grüße bitte deine Frau von mir", assistierte ihr Kramer gelassen. Neufel sprang so heftig auf, dass sein Stuhl umfiel, und einen Moment wappnete sich Kramer für eine Schlägerei. Doch Hans-Peter griff nach Neufels Arm und zerrte ihn Richtung Tür. Keiner erwiderte ihr lautstarkes "Auf Wiederseh'n!", das doch sehr an das Pfeifen im dunklen Keller erinnerte.

Die Runde löste sich bald auf und bis dahin kassierten Thea und Kramer eine Menge böser und vorwurfsvoller Blicke. Thea und er hatten keine rührselige Erinnerung an eine glückliche Schulzeit geweckt, sondern einen Abgrund geöffnet, der einen Teil von Jugendglück oder Heimat oder unbeschwerter Vergangenheit verschluckte. Sie hatten alle etwas endgültig verloren und würden sich nicht wieder treffen, obwohl es alle bei der Verabschiedung versprachen. Thea saß totenbleich und regungslos neben ihm, dicke Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn, und als sie ihre EC-Karte herausholte, um zu zahlen, bemerkte Kramer, dass ihre Hände zitterten. Er stand mit ihr auf, doch sie sagte leise: "Ich möchte jetzt alleine bleiben, Rolf. Nicht böse sein!"

"Nein, ich hole dich dann morgen Vormittag ab."

"Warum?"

"Thea, wir sind in der Stunde stehen geblieben, in der Thilo nicht mehr in die Gaststube zurückkam. Vor uns liegen noch eine Nacht und ein halbes Jahr, die wir aufräumen sollten."

"Muss das sein?"

"Ja." Er sagte ihr nicht, dass er darauf an Stelle eines Honorars bestand. Sie nickte traurig und wartete wortlos, bis das bestellte Taxi kam. Sie nahmen Jutta in ihrem Taxi mit, setzten sie an ihrer Wohnung ab und fuhren zu dritt weiter ins Hotel.


Mitten in der Nacht weckte Kramer das Telefon neben seinem Bett. Anke sagte fröhlich: "Erhebe dich, du schwerhöriger Mensch und öffne mir deine Zimmertür, ich habe mir schon die Knöchel blutig geklopft." Einem blonden Engel musste man tags wie nachts gehorchen.

Sie lachte ihn an, hob die Flasche Wein hoch und bestimmte: "Erstens habe ich noch Durst und zweitens kann ich nicht schlafen. Du doch auch nicht?"

"Doch, habe ich sogar schon. Aber für so netten Besuch unterbreche ich gerne."

Sie trug einen dünnen, bunten Hausanzug direkt auf der Haut und hatte ihre Locken zu einem wilden Pferdeschwanz zusammengebunden. Nachdem er seine Pflichten erfüllt, Gläser geholt, den Korken gezogen und eingeschenkt hatte, setzte sie sich ganz dicht an ihn. Er spürte ihren weichen Köper und roch ihr Parfüm, das ihm so gut gefiel. Nach dem ersten Schluck stellte sie sorgfältig ihr Glas ab, nahm seine Hand und legte sie auf ihren Busen. Dabei sagte sie unbefangen: "Wenn ich warten wollte, bis du den ersten Schritt tust, ist die Flasche leer. Und so viel vertrage ich heute nicht mehr."

Es fiel ihm schwer, aber es musste sein. Er nahm seine Hand fort und küsste Anke auf den Mund. "Du bist wohl die klügste, schönste und liebenswerteste Frau, der ich je begegnet bin. Aber ich liebe dich nicht, Anke, und für einen One Night Stand bist du zu schade."

Es traf sie sichtlich, sie schluckte schwer: "Also bleibst du bei Thea?"

"Nein." Erst beim Sprechen bemerkte er, dass er eine Entscheidung getroffen hatte, die er lange vor sich hergeschoben hatte. "Nein, ich bleibe nicht bei Thea. Zwischen uns steht etwas, was ich dir nicht schildern möchte, weil es ein Vertrauensbruch wäre."

"Und wer wartet auf dich in Tellheim?"

"Niemand."

"Du kannst dir nicht vorstellen, mit mir in Neustadt zu leben? Auch ohne Trauschein?"

"Nein, Anke. In Neustadt nicht und auch mit Thea in Würzburg nicht."

"Also der einsame Wolf."

"Nein, kein Wolf und nicht einsam. Allein, das schon, aber daran habe ich mich gewöhnt."

"Schade." Sie beugte sich vor und küsste jetzt ihn. "Ich bin also nicht verführerisch?"

"Dummes Zeug. Sehr sogar. Aber das reicht für ein, zwei, drei Monate, und dann ist Schluss. Willst du das?"

"Nein", entgegnete sie ohne Zögern. "Nein, das reicht mir nicht. Du fährst also morgen oder besser heute nach Tellheim zurück?"

"Ja. Aber am Vormittag muss ich mit Thea noch nach Moosberg. Dort ist noch was im Zusammenhang mit Thilos Tod zu erledigen."

"Was wird denn jetzt mit Hans-Peter und Christian geschehen?"

"Das entscheide nicht ich, sondern der Staatsanwalt. Wenn er meint, unsere Beweise und Aussagen seien ausreichend, wird er Anklage erheben. Danach gilt die alte Weisheit, auf Hoher See und vor Gericht befindet man sich in Gottes Hand, da ist alles möglich."

Sie rückte noch näher heran, und er musste sich gewaltig zusammenreißen. "Was ist eigentlich aus dem Kriminalbeamten geworden, der damals wegen Moll und Thilo ermittelt hat?"

"Der ist gestorben."

"Er war übervorsichtig und ich hatte immer den Eindruck, auch ängstlich. Verstehst du? Ich habe mir oft überlegt, ob ich nicht meine Aussage korrigieren sollte: 'Ja, ich habe doch zur Tatzeit zwei Bekannte in der Nähe des Juweliergeschäftes gesehen'; und wenn du mich fragst, hat Milli was geahnt."

"Wie kommst du darauf?"

"Sie hatte ein Verhältnis mit Hans-Peter - später, meine ich, lange nach Thilos Beerdigung. Daran ist wohl seine erste Ehe gescheitert. Und Jutta hat mir verraten, dass Hans-Peter seinen Freund Christian bedrängt hat, für Milli einen Job in der Josephshöhe zu besorgen."

"Was du nicht so alles weißt", bewunderte er sie.

"Schließlich lebe ich hier." Sie kuschelte sich an ihn und er versetzte seinem inneren Schweinehund einige harte Tritte. "Du hast mich übrigens zweimal vor wilden Männern gerettet."

"Wie das, Anke?"

"Neufel und Beck sind zu mir ins Hotelbüro gekommen und haben angefangen zu drohen. Ich sollte mir sehr gut überlegen, was ich über die Probenabende der Ulitzer Unken erzählen würde."

"Ach nee." Wenn Anke die beiden gesehen hatte, war das auch umgekehrt möglich.

"Harmlos, wie ich nun einmal bin, habe ich die Wahrheit gesagt. Ich hätte dir schon alles gebeichtet. Beck wollte mit den Fäusten auf mich los, aber Neufel hat ihn zurückgehalten. 'Vorsicht, Hans-Peter, sie hängt eng mit diesem Arsch von Kramer zusammen, und der hat was mit der Thea. Bloß keine schlafenden Hunde wecken!' Darauf sind beide verschwunden."

"Jutta hat nicht so viel Glück gehabt."

"Das weiß ich jetzt. Es tut mir aufrichtig leid."

Plötzlich hörte er, dass sie herzhaft gähnte, und bestimmte: "Nach diesem Glas ist Schluss mit dem Schäferstündchen."

"Wieso Schäfer. Ich bin und bleibe ein schwarzes Schaf."

"Dafür hübsch blond gefärbt, du Schäferin."

Sie wurden beide vor Müdigkeit albern, er schob sie zärtlich aus dem Zimmer und schaute ihr nach. Für den inneren Anstand zahlte man gelegentlich hohe Preise. Jetzt fiel es ihm schwer, wieder einzuschlafen.


Beim Frühstück gelang es Kramer trotz aller Tricks und Manöver nicht zu vermeiden, dass sich Martin Adlerauge an seinen Tisch setzte, angeblich immer noch "voll aufgeregt" und "total erschüttert" über das, was er am Abend gehört und erlebt hatte. Kramer war er lästig, aber er konnte Adlers Geschwätz nicht bremsen. Nun denn, wenn schon, denn schon. "Sag mal, Martin, du bist also an dem Abend zu Sonja gegangen und hast mit ihr geschlafen?"

Adlerauge nickte verschämt.

Weil er Kramers skeptische Miene bemerkte, setzte er rasch hinzu: "Sonja hatte anfangs für Hans-Peter wirklich was übrig. Zu diesen Nacktfotos hat er sie überredet und sie hat mitgemacht, weil sie dachte, er mache die Fotos für sich, meinetwegen für seine Brieftasche oder sein Album. Als sie mitbekam, dass er ihre Nacktfotos auf dem Schulhof und vor der Josephshöhe verscherbelte, bekamen die Leidenschaft und die Liebe einen ersten Knacks."

Das klang logisch, und Adler merkte, dass er Eindruck auf sein Gegenüber gemacht hatte. "Die Sache hatte nur einen Haken für sie. Zu der Zeit fing man an, sie auf dem Jean-Paul zu schneiden, auch bei uns war sie damals doch ziemlich unten durch, und Hans-Peter war bald der einzige, der sich noch mit ihr sehen ließ, ob aus Zuneigung oder aus Angst, sie könnte sonst quatschen und auspacken, ist ja wurscht. Sie brauchte ihn, und er hat es sich gefallen lassen."

Daran hatte Kramer noch nicht gedacht. Aber es stimmte, Beck war zum Schluss der einzige der Schlimmen Finger, der sich noch mit Sonja abgab, und allein deswegen konnte Kullisch ja auch glauben, Beck wäre in der Lage, Sonja für eine Nacht in des Ferkels Bett zu manövrieren.

"Was war der Kullisch eigentlich für ein Typ? Du hast dich doch bestimmt nach ihm erkundigt."

Adler schien das nicht als reines Lob zu empfinden und erwiderte mürrisch: "Seine Frau ist eines Tages verschwunden. Er war ohne Frau verheiratet. In Neustadt konnte er sich eine Freundin nicht leisten, in der Palette durfte man ihn nicht antreffen. Man hat mir erzählt, dass er sich gerne hätte versetzen lassen, aber seine pädagogischen Qualitäten und seine familiären Verhältnisse waren nicht so, dass sich andere Schulen um ihn gerissen hätte. Also blieb ihm nur, hinter den Mädchen herzustarren."

Kramer nickte: "Er war kein Genie und hätte nie Lehrer werden dürfen. Aber glaubst du, dass er so dumm war, Corinna diese Bemerkung über ihren Ausschnitt zuzuflüstern?"

"Wenn du mich so direkt fragst, nein, das hat er wohl nicht getan."

"Du meinst, Klein-Attila hat sie erfunden?"

"Ja, das denke ich. Und Corinna wollte Klaus nicht als Lügner darstellen. Kullisch hatte sich wohl tatsächlich im selben Moment wie Corinna nach dem Portemonnaie gebückt und irgendwas gesagt 'Hoppla, tut mir leid'. `Du hast ein sehr schönes Kleid', oder so was in der Preislage. Sie ist mit ihm zufällig zusammengestoßen. Alles weitere wird sich Klein-Attila aus den Fingern gesogen haben."

"Und Hans-Peter hat es nur zu gerne geglaubt."

"Wahrscheinlich." Adler seufzte und trank seine Tasse aus.

"Und du meinst, Kullisch habe Hans-Peter von Anfang an so auf dem Kieker gehabt? Wegen der Affäre seiner Frau mit Vater Beck?"

"Ist doch denkbar - oder? Auf dem Papier ist die Sippenhaft abgeschafft, aber in der Alltags-Praxis ...?"

Kramer fragte nicht weiter. Er hatte schon manchmal das Gefühl gehabt, als sei er in seiner Schulzeit an den meisten Dingen blind und taub vorbeigelaufen, die sich links und rechts von ihm ereigneten. Hatte er überhaupt je richtig dazugehört? Ohne Dula hätten ihn die zehn Schlimmen Finger nie akzeptiert, das wusste er, aber jetzt erst kam ihm der Gedanke, dass er bei seinen Recherchen zu Thilos Tod nicht einmal befürchtet hatte, das Ergebnis könne alte Freundschaften auseinandersprengen. Auf seiner Wanderung durch Europa hatte er Abstand zu Neustadt gewonnen, jetzt nahm er Abschied von einem Teil seiner Vergangenheit und es tat ihm, wenn er ehrlich war, nicht einmal leid.

"Tja, dann bis zum nächsten Mal", verabschiedeten sie sich und beide wussten, dass es kein nächstes Mal geben würde.



IV.

Thea sah grau und müde aus. Sie hatte sehr schlecht geschlafen und, wie sie gestand, fürchterlich geträumt. Und als er gähnte, meinte sie schadenfroh: "Du auch?"

"Nein, aber meine Nacht wurde unterbrochen. Eine andere Schlaflose hat mich mit einer Flasche Wein besucht."

Es überraschte Thea nicht. "Anke ist eine wunderschöne Frau und unsterblich in dich verliebt."

Ob er das glauben sollte?

"Ich kann in Neustadt nicht arbeiten und sie will ihr Hotel nicht aufgeben."

"Würzburg ist größer. Da findest du genug Aufträge."

"Darüber reden wir später einmal. Ich fühle mich in Tellheim eigentlich sehr wohl. Komm, es wird Zeit."


Ann-Katrin Sandmann öffnete und staunte: "Schön, dass Sie doch noch mal gekommen sind. Guido räumt gerade den Frühstückstisch ab. Er ist ein guter Kaffeekoch, sollen wir ihn beauftragen?"

"Sie kennen Thea Schabranski?"

"Bisher nur aus Guidos Erzählungen. Bitte, kommen Sie doch herein!"

Guido trat ins Zimmer und blieb an der Tür stehen, wie vom Donner gerührt. "Ich traue meinen Augen nicht! Thea." Dann spürte er den amüsierten Blick seiner Frau, ging auf Thea zu und umarmte sie. "Wie schön, dich wieder einmal zu sehen. Wie geht es dir?"

"An sich ganz gut. Aber der Abend gestern war lang und meine Nacht kurz."

"Christian Neufel war bei mir im Amt und hat mir erzählt, dass ihr gestern zwanzig Jahre Abi feiern wolltet."

"Ja und nein, Guido. Wir wollten nach zwanzig Jahren endlich klären, was an dem Abend mit meinem Bruder geschehen ist."

"Und? Habt ihr es klären können?"

"Ja, haben wir", murmelten Thea und Kramer gleichzeitig.

"Würdet ihr mir die Lösung verraten?"

"Warum nicht? Hans-Peter Beck hat Thilo in die Schlucht gestürzt, als mein Bruder ihm auf den Kopf zugesagt hat, dass er und Neufel den Juwelier Moll ermordet hatten."

"Nein!" Ann-Katrin schlug entsetzt eine Hand vor den Mund, ihr Mann blieb gelassener: "Warum sollen sie so was Schreckliches getan haben?"

"Sie brauchten Geld, um von dem gestreiften Ferkel die Abi-Matheaufgaben zu kaufen, damit Hans-Peter das Examen schaffte."

"Du meine Güte. Beck war keine Leuchte in Mathe, das hat man mir auch erzählt, aber wäre es so schlimm gewesen, wenn er das Abi nicht auf Anhieb geschafft hätte?"

Kramer antwortete ruhig: "Das hätte in seinem Fall wohl auch geheißen, dass er nach dem ersten Versuch das Jean-Paul verlassen musste."

Thea fuhr fort: "Und ohne Abi hätten ihm die Eltern die Firma nicht überlassen, sondern Heidrun, Adriennes Tochter aus erster Ehe, das Geschäft übergeben."

Sandmann überlegte und brummte zustimmend. "Na, das wird ja eine Aufregung im Tal geben."

"Ja, das auch, aber wir sind nicht nur deswegen gekommen, Guido."

"Sondern?"

"Du hast an dem Abend Thea in der Wolfsbachschlucht abgeholt."

"Ja, sie hatte mich angerufen und darum gebeten."

"Und was ist dann passiert?"

"Was soll da schon passiert sein ...?" Sandmann war die Harmlosigkeit auf zwei Beinen, bis Thea sich räusperte: "Guido, Rolf hat unter anderem auch lange mit Tina gesprochen."

Es traf ihn wie ein Säbelhieb ins Genick, er zuckte zusammen und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Kramer schaute ihn ohne Vorwurf, aber fest an: "Guido, ich weiß, dass du Thea nicht direkt in die Rhönstraße gebracht, sondern sie in euer Haus mitgenommen hast. Dort hast du mit Thea geschlafen. Gegen ihren Willen, du hast sie betäubt, ich weiß nicht, womit: Aber es war sehr wirksam."

"Guido, sag', dass das nicht wahr ist!", klagte Ann-Katrin laut und entsetzt. Er schaute zu Thea, die etwas geringschätzig lächelte, von ihr hatte er keine Hilfe zu erwarten. "Ich habe mich doch bei ihr tausendmal entschuldigt. Mein Gott, ich war damals verrückt nach Thea und sie hat mir immer nur die kalte Schulter gezeigt, mich ausgelacht. An dem Abend war die Versuchung zu groß."

Ann-Katrin drehte sich voller Verachtung zur Seite, Sandmann sah es und stöhnte auf. "Ich habe mich doch bei Thea immer wieder entschuldigt, sie um Verzeihung gebeten, es hat mir leid getan, was ich da angerichtet hatte. Und sie hat mir doch verziehen, ich wollte alles wieder gut machen und für das Kind sorgen."

"Das Kind?" Ann-Katrins Stimme schraubte sich schrill in die Höhe.

"Ja, an dem Tag, an dem mein Bruder ermordet wurde, bin ich schwanger geworden."

"Schwanger?" Ann-Katrin lachte auf eine schauerliche Art und Weise hohl und verächtlich. "Liebe Frau Schabranski, ich bin mit Guido jetzt fast zehn Jahre verheiratet und wir haben immer noch keine Kinder, die wir uns beide so wünschen. Also haben wir die Leidenstour aller kinderlosen Paare absolviert, deren Wunsch nicht in Erfüllung geht. Guido kann keine Kinder zeugen, das Erbe einer alten Kinderkrankheit."

Thea schien in Ohnmacht fallen zu wollen, sie schluckte und keuchte laut, und Guido richtete sich auf. "Du hast mir damals geschworen, das Kind wäre von mir, deshalb wollte ich dir helfen, dich heiraten, und nur deshalb - ..." Er brach ab und Kramer bekam plötzlich keine Luft mehr, weil sich wieder eine Lücke schmerzhaft schloss. Thea hatte sein Kind verloren.

"Aber weißt du, was dann geschehen ist?"

"Ja", mischte sich Kramer mit gepresster, heiserer Stimme ein, "ich kann es mir denken. Dein Vater hat dir angedroht, wenn du diese schwangere bolschewistische Ostjundenhure in sein Haus brächtest, würde er dich rausschmeißen, entweder verstoßen oder vor die Tür setzen."

"Stimmt. Genau das hätte dieser verbohrte Rassist auch getan. Wie hätte ich Thea dann helfen sollen? Nur deshalb habe ich einen Stein aufgehoben und ihn erschlagen. Nur deshalb, wirklich nur deshalb." Thea krümmte sich unter seinem verzweifelten Anklage-Blick wie bei unerträglichen Schmerzen.

Ann-Katrin stöhnte laut auf und sank ohnmächtig zu Boden. Thea stolperte zu ihr und kümmerte sich um sie. Sandmann sprach wie in Trance weiter. "Und weißt du, was danach das Schlimmste war? Meine Mutter hat geahnt, was ich getan hatte und hat sich deswegen das Leben genommen."

"Nein, das darf doch nicht sein!" Kramer hatte das Gefühl, sein Kopf stecke in einem Schraubstock, der langsam, aber unerbittlich zugedreht werde. Guido sah aus, als habe er mit dem Leben abgeschlossen und warte nur noch auf das Fallbeil. "Ich weiß erst seit Anfang des Jahres, dass ich infertil bin. Geahnt habe ich es schon länger, aber nicht gewusst ... Als Ann-Katrin den Brief vorgelesen hat, wurde mir klar, dass ich wegen einer Lüge meinen Vater getötet und meine Mutter in den Selbstmord getrieben habe. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich seitdem gefühlt habe?"

"Ich kann es nur ahnen", sagte Kramer langsam. "Du hast zweimal auf sie geschossen und sie verfehlt, und einmal nachts ihr Haus angesteckt."

"Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich sie geliebt habe, und wie sehr ich sie jetzt hasse. Weißt du, von wem sie damals schwanger war?"

"Wahrscheinlich von mir, wir hatten an dem Nachmittag zum ersten Mal miteinander geschlafen."

"Mein Gott, warum hast du das zugelassen?"

"Hilfe." Ann-Katrin wachte auf. "Mir ist so fürchterlich schlecht. Guido, wie konntest du das tun, wie soll es denn jetzt weitergehen?" Sie richtete sich auf. Aber ihre Kräfte reichten nichts aus, sie sank wieder in sich zusammen. Thea half ihr wortlos und mied ihren Blick, wagte auch nicht, Guido oder Kramer anzuschauen. Der entschied sich: "Wir halten jetzt den Mund gegenüber jedermann. Was Sie und Guido tun wollen, können Sie in aller Ruhe bereden und gemeinsam entscheiden."

"Du hättest nie nach Neustadt zurückkommen sollen", sagte Guido mühsam beherrscht, und es war nicht klar, ob er damit nur Thea, nur Kramer oder sie beide meinte. Thea stand regungslos vor ihm, die Tränen liefen, aber sie schluchzte nicht. "Das habe ich doch nicht gewollt, Guido."

"Nein, aber du wolltest mich benutzen und hast mir nicht getraut. Wenn du mir einmal nach Thilos Beerdigung ehrlich gesagt hättest, das Kind könne auch von Rolf sein, wäre das alles nicht passiert."

Diesen Vorwurf konnte sie nicht entkräften, und deswegen ging sie wortlos zur Haustür. Kramer verbeugte sich linkisch vor Ann-Katrin: "Es tut mir aufrichtig leid, dass alles so kommen musste." Komisch, dass man dann, wenn es darauf ankam, nur die falschen, die konventionellen und gestelzten nichtssagenden Floskeln fand.

Vor der Tür setzte er Thea in sein Auto und ging noch einmal zu Sandmann zurück, der an der Haustür stand und nicht wusste, wohin er weglaufen sollte.

"Guido, eine Sache noch. Das mit den Schüssen und dem Feuer verstehe ich ja noch, aber warum hast du Theas Haus verwanzt?"

"Verwanzt? - Du meinst, illegal abgehört?" Kramer nickte, und Sandmann hob beide Hände zum Himmel: "Das war ich nicht. Ehrenwort, wenn das Ehrenwort eines Mörders überhaupt noch was wert ist."

Thea blieb vor dem Hotel im Auto sitzen, während er hochging, seinen schon gepackten Koffer holte und an der Rezeption zahlte. "Lass mal wieder von dir hören", befahl Anke heiterer, als ihr augenscheinlich zumute war. "Und nicht erst wieder in zwanzig Jahren!"

Er brachte Thea in die Rhönstraße zurück. Unterwegs fand sie Worte, die ihn überraschten: "Er hat zweimal auf mich geschossen und mir einmal das Haus über dem Kopf abbrennen wollen. Und da willst du ihm wirklich überlassen, welche Konsequenzen er ziehen soll?"

"Du hast sein Leben zerstört. Oder glaubst du wirklich, er hat das, was damals mit seinen Eltern geschehen ist, einfach wegstecken können?"

"Du hast gut reden, du warst unterwegs nach Spanien, ich musste hier in Neustadt bleiben und sehen, wie ich klarkomme. Rede du bitte nicht von Verantwortung oder Vertrauen oder Schuld."

Sie trennten sich nicht im Zorn aufeinander - das hätte man beilegen können - sondern voneinander tief enttäuscht und tief deprimiert. Das blieb haften, und Kramer nahm sich vor, Neustadt an der Ulitz künftig zu meiden. Ob und wann er einmal nach Würzburg kommen würde, hing vom Zufall der Aufträge ab.


Er stieg in sein Auto, langte nach dem Zündschlüssel, stockte und begann sich zu verfluchen. Spielte es wirklich eine Rolle, ob Sandmann ihn in einem Punkt belogen hatte? Guido bestritt, dass er den Auftrag gegeben hatte, Thea elektronisch zu bespitzeln - und Kramer glaubte ihm. Er wusste auch aus Erfahrung, dass ihm diese Frage keine Ruhe mehr lassen würde, so unwichtig die Wahrheit auch sein mochte. Also nahm er sein Notizbuch heraus und schlug den Namen nach, den Hermine Gundlach ihm gegeben hatte, Arno Ryda in der Tankstelle an der Rieker Straße in Kreestedt. Jetzt konnte er den Zündschlüssel drehen.


Die Tankstelle hatte geöffnet, an der Kasse saß eine ältere Frau, die grauenhaft schielte.

"Nee, Werner hat dienstfrei. Was wollen Sie denn von ihm?"

Kramer hütete sich, mit der Wahrheit herauszurücken. "Ich schulde ihm noch Geld, und er hat mich angerufen, er brauche jetzt unbedingt ein paar größere Scheine. Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?"

"Er wird bestimmt zu Hause sein."

"Und wo ist das?"

"In Kreestedt, direkt neben der Kiche, Werner wohnt über dem Lebensmittelladen."

"Vielen Dank." Wenn er Pech hatte, rief sie Ryda jetzt an, um zu vermelden, dass ein Geldsegen im Anmarsch sei.

Da war nichts zu machen.


Kirche und Lebensmittelgeschäft fand er ohne Mühe. Er klingelte bei Ryda und wartete lange, klingelte noch einmal, diesmal Sturm, und wurde nach zehn Minuten mit dem Schnarren des Türöffners belohnt. Im ersten Stock stand ein etwa dreißig Jahre alter Mann mit den Ausmaßen eines mittelgroßen Kleiderschranks in einer Tür. Er fixierte Kramer finster, antwortete auf das "Guten Tag" nicht und schnauzte sofort los: "Was willst du? Du störst." Das mochte stimmen, die Duftwolke eines schwülen Parfüms begleitete jede seiner Bewegungen.

"Ich wollte nur fragen, ob du deine fünf Locrons TX 4 zurückhaben möchtest?"

"Meine was?"

"Die fünf Wanzen, die du im Haus von Thea Schabranski angebracht hast."

"Du spinnst ja. Los, mach dich vom Acker, bevor ich richtig sauer werde."

"Dann kommt in einer halben Stunde ein Oberkommissar Lothar Voigt mit seinen Leuten bei dir vorbei, und die kannst du nicht wegschicken. Dann wird es eng für dich."

Kramer stand noch auf dem Treppenpodest im Hausflur vor der Wohnungstür. Ryda gehörte zu den Typen mit zuviel Kraft und zu wenig Grips. Es zuckte in seinem Gesicht, bevor er die Hand ausstreckte, um seinen Besucher rücklings die Treppe hinunterzustoßen. Bei soviel Vorwarnzeit konnte Kramer bequem zur Seite treten, Rydas Handgelenk ergreifen und schwungvoll zu sich heranziehen. Werner wurde von der Reaktion seines Gegenübers so überrascht, dass er an Kramer vorbei ins Treppenhaus stolperte, die oberste Stufe nicht beachtete und Kopf voran zu einer Flugreise nach unten ansetzte. Die Landung fiel ausgesprochen unrund, heftig und laut aus, aber als Rydas Geschrei verklang, stand Kramer schon in der Diele, schloss die Wohnungstür ab und schob einen Innenriegel vor. Der Parfümgeruch war hier so stark, dass ihm der Gedanke kam, er könne Ryda bei einer Tätigkeit gestört haben, bei der Männer und Frauen normalerweise ausgedehnten Hautkontakt haben. Also klinkte er nacheinander die vier Türen in der Diele auf, die dritte brachte des Rätsels Lösung. Ein Schlafzimmer mit einem breiten Bett, auf dem eine Frau in einem winzigen Slip und einem kurzen durchsichtigen Hemdchen lag und ihn unruhig anstarrte. "Wer bist du denn?"

Ob sie ihn wirklich nicht wiedererkannt hatte? Kramer dagegen musste nicht nachdenken. Das war Milena Beck und vielleicht war der maskierte Kerl, der ihn in Becks Haus umgerannt hatte, nicht Max Vohberg, sondern Werner Ryda gewesen. Der machte sich in dem Moment bemerkbar und schrie: "Aufmachen, du Arschloch. Oder ich zerlege dich in deine Einzelteile." Milena hatte ihren Liebhaber auch verstanden und grinste schadenfroh. "In deiner Haut möchte ich jetzt nicht stecken."

"Ich in deiner auch nicht. Obwohl du ohne blaue Flecken noch recht ordentlich anzuschauen bist." Sie spreizte die Beine, das Signal verstand er, aber es löste bei ihm nichts aus. Sie war in der Tat sexy, aber mehr auch nicht. Im Treppenhaus tobte und donnerte jemand regelmäßig an die Wohnungstür. "Ich könnte vergessen, Hans-Peter zu erzählen, wo und wie ich dich gefunden habe ..."

"... Hans-Peter redet nicht mehr mit dir, nach der Show, die ihr da bei eurem Treffen abgezogen habt."

"Da irrst du dich. Ich kann ihm helfen, bei der Scheidung viel Geld zu sparen."

"Quatschkopf."

"Na, es ist deine erste Scheidung, was? Hans-Peter ist da erfahrener als du. Dass du ihn mit Ryda betrogen hast, spielt bei der eigentlichen Scheidung keine Rolle, aber mit Sicherheit später bei der Festsetzung des sogenannten Versorgungsausgleichs, also der Summe, die du Hans-Peter monatlich aus dem Kreuz leiern möchtest. Die wird verkleinert, wenn sich herausstellt, dass du deinen Mann betrogen hast."

Sie sah ihn groß und einigermaßen unsicher an. Das rhythmische Donnern gegen die Tür machte sie nervös.

"Du kannst mir eine Frage beantworten. Hast du vor einiger Zeit einmal am Nebentisch in einem Lokal gehört, was drei Frauen sich erzählt haben - Thea Schabranski, Anke Ludwig und Hermine Gundlach? Sie haben bei Krötenblut über den Tod eines gewissen Thilo gesprochen und seine Schwester Thea hat laut gesagt, sie würde jetzt einen Fachmann aus Tellheim holen, der Thilos Tod untersuchen solle. Hast du das so deinem Mann erzählt?"

Sie schaute ihn immer noch groß an, sagte weder Ja noch Nein, konnte nicht entscheiden, ob das mit dem Versorgungsausgleich stimmte oder nicht. Unschlüssig strich sie sich mit den flachen Händen über ihren Busen.

"Hat sich Hans-Peter daraufhin entschlossen, bei Ryda einen Lauschangriff zu bestellen? Hast du Ryda so kennengelernt?"

Das Toben im Treppenhaus nahm beängstigende Formen an.

"Hast du oder nicht?"

"Ja." Das war mehr gehaucht als geflüstert.

"Und wo hast du gehört, was die drei Frauen sich erzählt haben?"

"Im Steghaus."

"Okay, das war's auch schon. Ich gehe jetzt."

"Warte, das will ich sehen."

Bis jetzt hatte sie auf dem Bett gelegen, nun sprang sie auf und bückte sich nach ihren Sachen, die auf dem Boden lagen. Er wusste, was sie sehen wollte, nämlich eine Aktion ihres Werners, der einen lästigen Gast in Stücke zerlegte.

Kramer grinste. Zum Zerlegen gehörten immer zwei. In der Diele zog er geräuschlos den Riegel zurück und drehte lautlos den Schlüssel. Dann brüllte er laut: "Deine Freundin ist wirklich gut im Bett! Es hat richtig Spaß gemacht, ich bin fertig und gehe jetzt." Dabei öffnete er vorsichtig die Wohnungstür einen Spalt weit. Neunzig Kilo geballte Wut kamen wie eine Kanonenkugel hereingeschossen, Kramer war hinter die Tür getreten und gab Ryda jeden Platz, den der wünschte. Milena war nicht so glücklich, sie stand in der Diele und war noch vollauf damit beschäftigt, den Verschluss ihres BHs einzuhaken, sie sah ihn zu spät und konnte ihm nicht mehr ausweichen. Es endete mit einem widerlichen Platscher und einem lauten Schmerzensschrei aus Frauenmund. Derweil sprang Kramer die Stufen hinunter und hoffte aufrichtig, dass sie sich nichts gebrochen hatte und Werner vernünftig genug war, in dem Fall einen Krankenwagen zu rufen.



V.

Insgeheim hatte er daran gezweifelt, dass sie ihre Verabredung einhalten würde. Aber Thea erschien pünktlich um 10 Uhr im Präsidium, und dann verbrachten sie zu fünft fast den gesamten Freitagvormittag damit, ein zwanzig Jahre altes Drama zu erzählen: Rolf Kramer, Privatdetektiv in Tellheim, Dr. Thea Schabranski, Rechtsanwältin in Würzburg, Caroline Heynen, erste Kriminalhauptkommissarin, Jan Riedel, Kriminaloberkommissar und Ellen König, Kriminalkommissarin, die als jüngste im Team das Protokoll führen musste.

Caro schüttelte zum Schluss mehr verzweifelt als lobend den Kopf: "Was du immer so ausgräbst, mein Lieber. Aber die Episode mit dem unanständig großen Ausschnitt hast du doch bestimmt erfunden, damit ich etwas Spaß an dem Fall bekomme?"

Kramer verneinte wortlos und Riedel, der seit vielen Jahren mit Caro Heynen eng zusammenarbeitete, grunzte vergnügt. "Nein, Caro, Kramer hofft, dass du daraus die richtigen Lehren ziehst." Ellen König kicherte. Caro war zu Recht stolz auf ihre Figur und zeigte sie gerne, wenn sich dazu Gelegenheit bot. Im Alltag trug sie die praktische Arbeitsuniform, rutschfeste Schnürschuhe, Jeans und je nach Wetter ein lang- oder kurzärmeliges Shirt, dazu eine scheußliche Jacke gegen Regen und /oder Kälte. Aber wenn sie sich einmal in Schale werfen konnte, tat sie das ausgiebig, freizügig und gerne. Sie hielt liebend gerne Hof und versammelte dazu Bewunderer jeden Alters um sich herum.

Weil sie auch klassische Musik und Oper liebte, ging Kramer häufig mit ihr ins Konzert oder in die Oper. Und wenn ihnen die Musik gefallen hatte, beschlossen sie den Abend bei einem guten Schluck im Weinrestaurant Haberland.

"Du meinst, wenn ich weniger tiefe Ausschnitte trage, passieren weniger Morde?"

"So ungefähr."

Caro vertrug Wahrheiten und hatte zudem ein weiches Herz. "Hör mal, Rolf, wenn du das nächste Mal Begleitung in die Oper suchst, nimmst du zur Belohnung Ellen mit."

Ellen König hatte schon als Kommissars-Anwärterin präzise und wegen ihrer sprachlichen Eleganz vielgerühmte Protokolle und Berichte verfasst, doch was sie jetzt, nachdem Thea und Kramer endlich zum Schluss gekommen waren, verfassen musste, war eher ein Roman als ein nüchterner Bericht für eine noch nicht abgeschlossene Mordakte, obwohl die Namen Guido oder Haldur Sandmann noch gar nicht gefallen waren.

"Lange Oper oder kurze Oper?", fragte Kramer schnell.

"Egal, nur optimistisch muss sie enden, Leichen habe ich hier täglich genug."

"Die Entführung aus dem Serail", schlug er vor und Ellen König meinte trocken: "Darüber lässt sich reden. Ich begleite Sie auch nach dem Liebestrank zum Haberland."

"Zum persönlichen Test, ob Dulcamaras Rezept funktioniert?"

"Das hätten Sie gerne, was? Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, Sie Beinahe-Nemorino."


Auf der pompösen Treppe zum Ausgang stupste er Thea an: "Etwas Neues zu unserem Fall?" Sie war noch zweimal zum Schulfest gegangen und hatte dort unter anderem Anke Ludwig und Brigitte Moll getroffen.

"Ja und nein. Hans-Peter übergibt mit Billigung seiner Eltern die Firma an seine Halbschwester Heidrun."

"Vor seinem Scheidungstermin noch?"

"Natürlich. Als reicher Mann sich scheiden zu lassen, heißt in der Regel, gutes Geld einer schlechten Beziehung nachzuwerfen."

"Du musst es ja wissen, Frau Anwältin. Christian und Beate Neufel?"

"Sie hat ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt. Ob der Schwiegervater auch zutreten wird, ist noch offen."

"Was ist mit Guido und Ann-Katrin?"

"Landrat Sandmann wird aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Amt scheiden. Und seine Frau wird zu ihren Eltern in den Taunus ziehen."

"Über juristische Konsequenzen nach Geständnissen und Selbstanzeigen ist nichts weiter bekannt?"

"Du sagst es, nichts."

"Jutta Wirth hat Neufel und Beck wegen schwerer Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung angezeigt. Was daraus wird und wieviel Schmerzensgeld sie herausschlagen kann, müssen wir abwarten. Willst du wirklich diese Kommissarin König in die Oper und zum Wein einladen?"

"Das müssen wir ebenfalls abwarten. Sie hat einen neuen Freund und würde nur mitgehen, wenn er die Erlaubnis gibt. Das könnte vielleicht ein netter Abend werden, aber mehr bestimmt nicht. Da passt Caro Heynen schon auf."

"Auf wen? Auf dich oder diese Kommissarin?"

"Auf beide vermutlich."

"Dann bin ich ja beruhigt. Dieser Oberkommissar wird kein leichtes Leben haben, bei der Frauensolidarität in seiner Abteilung. Wie hieß das Lokal noch, in das du mich eingeladen hast, als ich das erste Mal zu dir nach Tellheim gekommen bin?"

"Die Alte Waage?"

"Ja. Wollen wir hingehen? Ich bin sentimental und meine, man sollte sich dort trennen, wo man sich zum ersten Mal ernsthaft getroffen hat." Er sah sie von der Seite an, sie bemerkte seinen Blick und zuckte die Achseln. "Oder irre ich? Können wir eine alte Liebe mit soviel gegenseitigem Vertrauen fortsetzen, dass es mehr wird als eine Affäre?"

"Nein, Thea, ich fürchte, das klappt in unserem Fall nicht."

"Das befürchte ich auch. Ich habe einen Käufer für das Haus in der Rhönstraße gefunden und werde nicht mehr oft nach Neustadt an der Ulitz kommen. Was macht eigentlich die junge Musikerin, die wir damals getroffen haben und von der du gesagt hast, eine solche Tochter hättest du dir auch gewünscht?"

"Eva hat endlich zwei Partnerinnen gefunden, mit denen sie harmoniert, die drei üben fleißig Trio."

Thea gluckste. "Beaux Arts hat aufgehört, vivent les belles dames."

"Ich werd's ihr ausrichten."


Nach dem Essen flossen dann beim Abschied doch ein paar Tränen.

Er war froh, dass sie Brigitte Moll nicht weiter erwähnt hatte; denn mit Brigitte war er abends verabredet. Sie verband ihn zwar weiterhin mit Neustadt, aber ihr war es gelungen, trotzdem in Tellheim heimisch zu werden. Und das zählte mehr als die Vergangenheit. Je nachdem, wie gut sie sich verstanden, würde er es sogar riskieren, Brigitte einmal zu einem Schulfest des Jean-Paul nach Neustadt zu begleiten.

Brigitte hatte von sich aus versprochen, dass sie sich beim nächsten Mal nicht mehr durch einen Mieter stören lassen würde, der sie an der Haustür überraschte.


Ende

Wettlauf mit dem Killer

von Alfred Bekker




Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1

Der Sportwagen ließ den Motor aufheulen und kam bis auf einen Abstand von maximal zwei Metern an den vor ihm fahrenden Porsche heran. Die zweispurige Straße zog sich wie ein Strich durch die Landschaft. Von vorne näherte sich eine Kolonne von drei Trucks. Der Sportwagen beschleunigte, zog auf die linke Spur, raste den Trucks frontal entgegen und beschleunigte. Der Fahrer trat das Gaspedal offenbar voll durch.

Aber der Porsche beschleunigte ebenfalls.

Keiner der beiden Kontrahenten war bereit nachzugeben.

Der Sportwagen schob sich eine halbe Wagenlänge vor den Porsche. Aber das war nicht genug, um einbiegen zu können.

Der erste der Trucks hupte und bremste bereits ab. Aber zwanzig Tonnen ließen sich nicht so einfach stoppen, zumal die nachfolgenden Fahrzeuge von der Gefahr nichts erkennen konnten.

Noch Sekunden und es gab einen Frontal-Crash zwischen dem Sportwagen und dem Truck, dessen Fahrer nun die Hand auf der Hupe und Fuß auf dem Gaspedal hatte.



2

Der Sportwagen schaffte es kurz vor einer Kollision mit dem Truck eine dreiviertel Wagenlänge Vorsprung vor seinen Porsche-Kollegen zu bekommen. Um einen Crash mit den Trucks zu vermeiden, zog er nach rechts.

Der Truckfahrer trat unterdessen voll in die Eisen. Die Reifen blockierten. Der nachfolgende Truck konnte nicht rechtzeitig bremsen und fuhr von hinten in das vordere Fahrzeug hinein und schob es vorwärts.

Der Porsche bremste ebenfalls. Reifen quietschten.

Der Sportwagen hatte unterdessen den linken Kotflügel des Porsche touchiert. Das genügte, um diesen aus der Bahn zu werfen. Der Porsche brach nach rechts aus, drehte sich einmal komplett herum, bekam dann noch einmal einen Stoß durch den heranrutschenden Truck, der den Porsche dann endgültig von der Straße kegelte und die seitliche Böschung hinunterrutschen ließ.

Der Sportwagen hingegen hatte gerade noch rechtzeitig auf die rechte Spur wechseln können, um nicht von der Kolonne ineinander geschobener Trucks erfasst und zermalmt zu werden.

Bei der Kolonne war inzwischen auch der dritte Truck von hinten aufgefahren. Der erste begann zu schlingern, stellte sich quer und die nachfolgenden schoben ihn von der Fahrbahn, wo er schließlich auf der Seite landete.

Nur der Sportwagen war noch auf der Bahn. Er beschleunigte.

Das Seitenfenster wurde heruntergelassen.

Der Fahrer hielt einen Stinkerfinger hoch.

Außerdem ließ er seine Hupe erklingen.

Als Hupsignal hatte sich der Fahrer den Triumphmarsch von Verdi einrichten lassen.



3

Mr Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York machte ein sehr ernstes Gesicht. Er drückte auf einen Knopf an der Fernbedienung des Beamers, mit dem die Videosequenzen seines Laptops an die Wand projiziert wurden und wandte sich uns zu.

Das Bild des Sportwagens, dessen Fahrer in provozierender Weise seinen Finger in die Höhe reckte, erstarrte. Die harmonisch etwas vereinfachte Hupenversion von Verdis Triumphmarsch brach ab.

Außer Milo und mir hatten auch noch die Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina sowie die Innendienstler Max Carter und Nat Norton in dem schlichten Sitzmobiliar in Mr McKees Büro Platz genommen.

Mandy kam herein und servierte ihren berühmten Kaffee.

„Da hat offenbar jemand denselben Autogeschmack wie du“, raunte mein Kollege Milo Tucker mir zu, während Mandy das Tablett absetzte und die Becher mit dem heißen Kaffee verteilte.

Mr McKee wartete, bis seine Sekretärin den Raum wieder verlassen hatte.

„Sie haben gerade eine Videosequenz gesehen, wie man sie sich aus dem Internet herunterladen kann. Teilnehmer illegaler Autorennen lassen sich bei ihren Heldentaten filmen und stellen die Bilder dann auch noch ins Netz, um sich damit zu brüsten. Wie Sie sehen konnten, sind diese Aufnahmen aus einem Helikopter gemacht worden…“

Illegale, teils transkontinentale Rennen waren ein Problem, mit dem sich das FBI immer wieder auseinanderzusetzen hatte. Und auch unser Field Office hatte sich in der Vergangenheit schon häufig damit beschäftigen müssen. Jahr für Jahr versuchte das FBI immer wieder in Zusammenarbeit mit lokalen Polizeibehörden, diese Rennen zu unterbinden. Aber das war wie beim Rennen zwischen dem Hasen und dem Igel. Der Igel, dass waren in diesem Fall die Veranstalter dieser Rennen, waren immer schon da, bevor wir eingreifen konnten.

Die sogenannten Cannonball-Rennen wurden auf normalen Straßen durchgeführt und immer wieder kamen dabei völlig unbeteiligte Verkehrsteilnehmer durch die waghalsigen Überholmanöver und die völlig überhöhte Geschwindigkeit, mit der gefahren wurde, ums Leben oder wurden schwer verletzt.

Insbesondere Besitzer von luxuriösen Sportwagen sahen hier die Möglichkeit gekommen, ihre Rennschlitten endlich mal auszufahren.

Ein anderer wichtiger Faktor war das Geld. Allein die Antrittsgelder betrugen mitunter 40 000 Dollar und mehr. Für den Sieger winkten astronomische Summen. Und noch mehr konnte durch Wetten und Wettmanipulationen dabei verdient werden.

Und damit war auch schon die Hauptschnittstelle dieser Rennen zum organisierten Verbrechen beschrieben.

„Ich hoffe, der Kerl im Sportwagen sitzt inzwischen auf Rikers Island oder in Utica und hat ein Führerscheinverbot auf Lebenszeit aufgebrummt bekommen!“, kommentierte unser Kollege Clive Caravaggio die Szene, die Mr McKee uns soeben vorgeführt hatte. Der flachsblonde Italoamerikaner war nach Mr McKee der zweite Mann im Field Office. Er schüttelte nur mit dem Kopf.

„Der Mann, der den Sportwagen gefahren hat, sitzt tatsächlich für einige Jahre in Haft“, berichtete Mr McKee. „Er heißt Roger Petaffsky und bekam einige Jahre aufgebrummt, weil bei einem weiteren Unfall zwei Menschen ums Leben kamen. Er geschah etwa zwanzig Kilometer von der Stelle entfernt, an der die Aufnahmen entstanden sind, die Sie gerade gesehen haben.“

„Wie kann man nur solche Aufnahmen ins Netz stellen und glauben, dass man anschließend nicht erwischt wird!“, meinte Orry verständnislos. Unser Kollege indianischer Abstammung nahm einen Schluck Kaffee.

„Ich nehme an, dass die Eitelkeit wohl größer als die Angst vor dem Knast ist!“, glaubte Milo.

„Tatsache ist, dass sich im Netz Tausende solcher Videosequenzen finden lassen!“, berichtete unser Innendienstler Max Carter aus der Fahndungsabteilung. „Soweit sich Rückschlüsse auf strafbare Handlungen ziehen und die Täter identifizieren lassen, werden sie auch vor Gericht gestellt. Aber das ist nicht so leicht, wie man glauben könnte. Erstens sorgen die Täter meistens dafür, dass sie selbst nicht erkennbar sind und außerdem werden häufig auch falsche Nummernschilder benutzt. Im Fall von Mister Petaffsky hat er sich jedoch durch seinen Drang zur Selbstdarstellung selbst überführt.“ Max stand auf und streckte die Hand aus. „Wenn Sie mal eben den Beamer geben würden, Mister McKee.“

„Bitte!“, sagte unser Chef und gab Max das Gerät.

Max zoomte die Hand mit dem obszön emporgereckten Finger heran.

„Auf der Handaußenfläche ist eine Verbrennungsnarbe zu sehen, die so charakteristisch und individuell ist, dass Mister Petaffsky dadurch identifiziert werden konnte. Er ist nämlich bereits einschlägig vorbestraft, sodass seine Daten – darunter auch besondere Kennzeichen gespeichert waren. Der Unfall, den wir hier sahen, ging recht glimpflich für die Beteiligten aus, aber der zweite Vorfall, bei dem eine Mutter und ihr zehnjähriger Sohn in einem Ford mit Petaffsky kollidierten, fand wie gesagt zwanzig Minuten später statt.“

„Ich hoffe, er sitzt noch lange!“, meinte Milo.

„Da muss ich Sie leider enttäuschen, Milo“, erwiderte Mr McKee. „Er wurde durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft auf Bewährung entlassen und versorgt uns seitdem mit wichtigen Informationen aus der Szene der Cannonball-Fahrer. Ich muss niemandem etwas darüber sagen, wie schwierig es ist, da einzudringen. Die sind natürlich extrem misstrauisch. Nicht umsonst ist es so gut wie nie gelungen, ein derartiges Rennen zu verhindern.“

Da hatte unser Chef leider Recht. Die Teilnehmer fanden immer wieder eine Möglichkeit, sich zu treffen, irgendwo einen Startpunkt auszumachen, um dann quer durch die Vereinigten Staaten zu fahren.

Jeder auf eigene Faust – aber nicht nur auf eigene Gefahr wie jedes Mal eine Serie schrecklicher Unfälle zeigte.

Max drückte auf den Knopf des Beamers.

Eine Großaufnahme von Roger Petaffsky wurde gezeigt.

„Petaffsky wandte sich an die Kollegen des FBI Field Office in Seattle und berichtete als Erster darüber, dass es offenbar dieses Jahr in Konkurrenz zum traditionellen Cannonball von New York nach L.A. auch einen sogenannten Northern Cannonball geben soll. Der Sieger bekommt sage und schreibe zwei Millionen Dollar. Ausgangspunkt soll in New York State sein, Zielpunkt Seattle, Washington. Die Gerüchte haben sich inzwischen auch aus anderen Quellen bestätigt und es gibt Anzeichen dafür, dass sich das organisierte Verbrechen mit immens hohen Wetteinsätzen engagiert. Über Petaffsky bekamen wir einen Kontaktmann hier in New York genannt, der bereit ist, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Sein Name ist Alexander Jason Clement. Er betreibt einen Club in der Avenue B, der immer mit illegalem Glücksspiel in Verbindung stand. Daher ist er auf das Wohlwollen der Justiz angewiesen und bereit, mit uns zusammenzuarbeiten. Außerdem hat er wohl irgendeine Rechnung mit einem der Organisatoren offen, aber das ist Spekulation.“

„Mit anderen Worten: Ein gut motivierter Informant“, stellte ich fest.

„In diesem Fall scheint er aber wirklich glaubwürdig zu sein, Jesse!“, gab Max zurück. „Er hat sich gestern Abend hier im Field Office gemeldet und möchte unbedingt ein Treffen arrangiert haben.“

„Ich übernehme das gerne“, sagte Clive.

„Dabei gibt es nur einen Haken, Clive“, erklärte Mr McKee. „Clement hat ausdrücklich um Jesse als Gesprächspartner gebeten.“

Ich war perplex. „Ich kenne diesen Clement nicht“, war ich mir sicher.

Mr McKee wandte sich mir zu. „Aber er kennt offensichtlich Sie, Jesse, und hat sich genauestens über Sie informiert. Über Sie und den Wagen, den Sie fahren.“ Unser Chef zuckte mit den Schultern. „Clement scheint sehr misstrauisch zu sein, aber es ist vermutlich so, dass er den Fahrer eines Sportwagens, der theoretisch an einem solchen Rennen teilnehmen könnte, einfach für vertrauenswürdiger hält. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Aber ich denke, es ist kein Problem, wenn wir Mister Clement in diesem Punkt entgegen kommen. Wenn wir Glück haben könnte es nämlich sein, dass sich zum ersten Mal überhaupt die Chance ergibt, so ein Rennen bereits zu stoppen, bevor es richtig begonnen hat! Das könnte mehrere Dutzend Menschenleben retten – von all den Verletzten mal ganz abgesehen, von denen einige ihr Leben als Invaliden beenden werden.“

„Dazu bräuchte man die Teilnehmerdaten“, stellte Milo glasklar fest.

Mr McKee nickte. „Und genau die hat Clement uns versprochen. Also behandeln Sie ihn wie ein rohes Ei.“



4

Gegen Mittag desselben Tages rief Alexander Jason Clement noch einmal im Field Office an. Das Gespräch wurde an mich weitergeleitet.

„Es freut mich außerordentlich, Sie kennen zu lernen, Agent Trevellian“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Jemand der einen solchen Sportwagen fährt, muss das Herz auf dem rechten Fleck haben!“

Wir vereinbarten ein Treffen in einem Restaurant in Chinatown für den frühen Abend.

Es hieß „I Ging“ und lag in der Mott Street.

Den Sportwagen stellte ich in der dazugehörigen Tiefgarage ab. Das „I Ging“ lang im zehnten Stock und wurde von Sammy Lee Kuan betrieben, einem Taiwan-Chinesen, der allerdings in die Kategorie Haute Cuisine einzuordnen war, als dass er etwas mit den Tausenden von asiatischen Garküchen zu tun gehabt hätte, die in den Straßen Chinatowns zu finden waren. Die ursprüngliche chinesische Küche suchte man hier vergeblich. Vielmehr bekam man eine verfeinerte und für Anglo White Americans genießbare Version.

Wir bekamen ein Tisch zugewiesen, von dem aus man einen hervorragenden Ausblick auf das bunte Treiben von Chinatown hatte – einer Stadt in der Stadt, in der man jahrzehntelang leben konnte, ohne ein einziges Wort Englisch zu sprechen. Die Garküchen, die chinesischen Zeichen an den Neonreklamen, das Straßenbild… man musste schon wissen, dass man sich im Big Apple befand – und nicht in Taipeh, Shanghai oder Hongkong.

„Mister Clement wird sich etwas verspäten“, sagte uns der Kellner, ein junger Mann mit blauschwarzem Haar und asiatischen Gesichtszügen. „Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit schon mal etwas bringen?“

Er bot uns einen Pflaumenwein an, aber wir lehnten beide ab.

„Ich kann mir schon denken, worauf das Ganze hinausläuft und warum der Kerl unbedingt dich sprechen will!“, meinte Milo.

„Ach, ja?“

„Dein Sportwagen wäre doch ideal, um sich bei diesem Rennen als Teilnehmer einzuschmuggeln! Vielleicht denkt Clement an so etwas.“

„Dann ist er aber schief gewickelt – selbst wenn Mister McKee so etwas vorschweben sollte!“

„Komm schon, du hast so etwas Ähnliches schon mal gemacht!“

„Ja, aber der Sportwagen, den ich damals fuhr, gehörte der Fahrbereitschaft des FBI!“

„Dann ist dir dein Wagen also wichtiger als die Bekämpfung von Verbrechern?“, stichelte Milo.

„Ach, Milo, du weiß schon wie ich das meine!“

„Den Organisatoren dieses Rennens, das mit Sicherheit einige Todesopfer und Schwerverletzte fordern wird, gehört das Handwerk gelegt! Das Northern Cannonball ist eine extreme Verkehrsgefährdung auf einer Strecke von mehreren tausend Kilometern!“

„Da bin ich deiner Meinung.“

„Aber mal Hand aufs Herz, Jesse. Würde es dich nicht reizen würde, die 300 Stundenkilometer deines Sportwagens mal ausfahren zu können?“

„Warten wir doch einfach mal ab, was Mister Clement uns zu sagen hat, Milo.“



5

Clement traf eine Viertelstunde später ein. Er war ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann mit einem exakt gestutzten Knebelbart.

„Ich bin Agent Jesse Trevellian und dies ist mein Kollege Milo Tucker“, stellte ich uns vor.

Er nickte. „Ich weiß. Ich habe ein Bild von Ihnen gesehen, Agent Trevellian.“

„Ach, ja?“

„War glaube ich im Lokalteil der New York Times. Sie standen neben Staatsanwalt Robert Thornton und ich nehme an, dass Sie auch eher zufällig im Bild waren.“

„Sie scheinen sich immer genauestens über Ihre Gesprächspartner zu informieren“, stellte ich fest.

„Allerdings. Ich habe alles gesammelt, was man über Sie auf legalem oder illegalem Weg an Informationen zusammentragen kann. Zum Beispiel weiß ich, dass die Beschleunigungswerte Ihres Wagens an denen eines Kampfjets heranreichen…“

Ich war perplex. Der Mann hatte sich wirklich eingehend informiert. Aber letztlich war es theoretisch sogar möglich, dass jemand mit entsprechenden Hackerkenntnissen sogar an die Personaldaten des FBI herankam. Schließlich waren Hacker auch schon mehrfach ins Pentagon eingedrungen, obwohl das dortige Computernetzwerk als das bestabgeschirmte Netzwerk der Welt galt. Dass vor ein paar Jahren eine Handvoll Spaßvögel es mal geschafft hatten, die Fahndungsfotos der Kriminellen auf den Internetseiten des FBI gegen die Köpfe von Micky Maus und Donald Duck auszutauschen, war dagegen schon fast harmlos.

Absolute Datensicherheit gab es wohl nicht, wie ich immer wieder feststellen musste. Das Prinzip, nachdem Hacker vorgingen, war immer dasselbe. Bei einem Verbund von mehreren tausend Rechnern, wie im Pentagon, den Polizeibehörden, dem FBI und anderen öffentlichen Stellen oder großen Firmen, war es statistisch immer so, dass die Sicherheitseinstellungen von einigen wenigen Rechnern auf Werkseinstellung blieben und ein leichtes Eindringen ermöglichen. Je größer der Verbund, desto leichter kam man gewissermaßen durch die Hintertür herein. Eine Schwachstelle in diesem Fall war vermutlich die Exklusivwerkstatt Classic Car Tuning, die den Wagen gefertigt hatte und wo der Wagen regelmäßig zur Wartung und zur Erledigung von Reparaturen war. Bei allem Bemühen um Diskretion – den Sicherheitsstandard des Pentagon erreichten die sicher nicht.

„Bevor Sie nachfragen, Agent Trevellian: Ich werde Ihnen meine Informationsquellen nicht nennen. Und wenn Sie sich auf den Kopf stellen! Andererseits sollte Sie die Tatsache, dass ich ein paar Dinge mehr über Sie und Ihren Wagen weiß, Sie auch nicht weiter beunruhigen. Ich weiß auf diese Weise, dass ich mit jemandem spreche, den ich einzuschätzen vermag und dem ich trauen kann.“

„Was macht Sie da so sicher?“

Clement grinste. „Sie haben eine beachtliche Liste von Verhaftungen vorzuweisen, und sicher haben Sie dabei jeden Trick angewendet, der nötig war, um Ihre Gegner zur Strecke zu bringen. Aber ich nach allem, was ich über Sie weiß, dürfte eins feststehen: Sie sind einfach ein zu aufrechter Charakter, um sich von den Bluthunden kaufen zu lassen, die hinter diesen Cannonball-Rennen stecken und damit das große Geld machen!“

„Und mit denen haben Sie Ärger?“

„Sagen wir so: Ich bin aufs Kreuz gelegt worden und habe bei einer Wette sehr viel Geld verloren. Jetzt hätte ich nichts dagegen, wenn der ganze Laden hochgeht und ein paar Leute, die mich übel gelinkt haben, dabei mit hochgehen.“

„Sie sind ehrlich, was Ihre Motivation für Ihre Kooperation als Informant angeht“, stellte ich fest.

Clement verzog das Gesicht. „Sie haben doch nicht etwa gedacht, dass es die lächerlichen Beträge sind, die das FBI für seine Spitzel bezahlt?“

„Nein, ehrlich gesagt habe ich niemals geglaubt, dass unsere Sätze ausreichen, um jemanden aus Ihrer Liga zur Mitarbeit zu bewegen. Aber jetzt sollten Sie uns langsam mal darlegen, was Sie eigentlich anzubieten haben.“

Die Formulierung ‚jemand aus Ihrer Liga’ war reine Schmeichelei. Schließlich wussten wir noch gar nicht, ob dieser Kerl überhaupt in irgendeiner Liga spielte oder uns nur etwas vormachte. Er wäre nicht der erste Wichtigtuer gewesen, der unsere Zeit verschwendete, in dem er uns vorspielte, dass wir einzig und allein mit seiner Hilfe, den Sumpf des organisierten Verbrechens endlich trockenlegen könnten.

Milo ergänzte: „Es ist davon die Rede, dass Sie uns eine Teilnehmerliste des Northern Cannonball verschaffen könnten.“

„Kann ich. Das wird sich allerdings noch etwas hinziehen. Schließlich ist die Anmeldefrist für dieses Rennen noch nicht abgelaufen. Außerdem könnte ich Ihnen vielleicht die Möglichkeit verschaffen, einen Fahrer einzuschleusen. Normalerweise kommt niemand ins Fahrerfeld, der keine persönliche Empfehlung hat. Aber da könnte ich herankommen. So weit reichen meine Verbindungen.“

„Unser Ziel ist es, dieses Rennen möglichst im Keim zu ersticken“, sagte Milo. „Wenn wir also den Startpunkt und die genaue Zeit wüssten…“

„Nein, beim Northern Cannonball ist das alles anders, Agent Tucker. Wenn Sie denken, dass Sie einfach die beteiligten Fahrer nach dem Start einsammeln können, sind Sie schief gewickelt. Die Organisatoren haben durch die Fehler gelernt, die die Organisatoren vergleichbarer illegaler Rennen schon gemacht haben. Es geht nämlich einfach um viel zuviel Geld…“

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo, der die Augen etwas verengte. Mein Kollege war bisher noch skeptisch, ob wir es vielleicht doch mit jemandem zu tun hatten, der am Ende nicht halten konnte, was er versprach. Ich teilte seine Skepsis. Andererseits wollte ich dieser Frage wirklich gründlich auf den Grund gehen.

„Hören Sie, ich will ganz offen sein“, sagte ich. „Bisher habe ich den Eindruck, dass Sie gar nichts haben, was uns wirklich interessiert, sondern nur viel Lärm um Nichts machen. An den Fahrern wären wir wirklich interessiert, aber damit halten Sie uns hin. Und ich nehme an, was Startpunkt und den genauen Starttermin angeht, sieht das genauso aus!“

„Ich kann Ihnen tatsächlich diese Daten nicht geben, aber wenn Sie mir einen Moment zuhören, dann werden Sie auch verstehen warum.“

„Da bin ich aber doch mal gespannt“, sage ich und lehnte mich zurück.

„Die Sache funktioniert so: Jeder beteiligte Fahrer bekommt über einen Mittelsmann einen GPS-Sender, den er an seinem Wagen befestigen muss. Per Email bekommen Sie ein Datum und eine Uhrzeit mitgeteilt. Vor diesem Zeitpunkt müssen Sie sich östlich des 75. Längengrades befinden.“

„Egal wo?“

„Suchen Sie sich einen strategisch günstigen Punkt aus, um einen guten Start auf dem Weg nach Seattle zu haben, Agent Trevellian. Aber wer den 75. Längengrad vorzeitig überschreitet ist draußen. Definitiv. Anhand des GPS-Signals ist das eindeutig zu sehen. Ziellinie ist der 124. Längengrad bei Seattle.“

„Wohin gehen die Signale?“

„In ein Hotel irgendwo in den Vereinigten Staaten oder sonst wo auf der Welt. Dort sitzen einige superreiche Motorsportfreaks oder Leute, die Wetten mit dem besonderen Kick lieben. Sie können im Gegensatz zu den Teilnehmern mitverfolgen, wer an welcher Position steht und ihre Wetten entsprechend gestalten. Auch während des Rennens noch.“

„Ich nehme an, dass es da nicht unbedingt sauber zugeht.“

„Angeblich sollen Drogensyndikate diese Wetten zur Geldwäsche nutzen. Selbst wenn sie auf den falschen setzen und für einen Schwarzgeld-Dollar nur zehn Cent wiederbekommen ist das noch ein Gewinn, weil das Geld über so viele Kanäle geleitet wird, dass es am Ende praktisch blütenweiß ist. Noch was: Es gibt ausdrücklich keine Regeln bei diesem Rennen – abgesehen von den Startmodalitäten, die ich Ihnen gerade berichtet habe.“ Ein überlegenes Lächeln erschien auf Clements Gesicht. „Wenn Sie Lust haben, Ihrem Konkurrenten die Reifen zu zerstechen, dürfen Sie das! Das macht die Sache für das Publikum besonders reizvoll – und vor allem unberechenbar, was die Wetteinsätze angeht.“

„Sie gehen offenbar davon aus, dass ich mitfahre. Aber das sehe ich ehrlich gesagt nicht.“

„Abwarten, Agent Trevellian.“

„Woher weiß der einzelne Fahrer, wer sein Konkurrent ist?“

Clement lachte. „Gar nicht! Das ist ja der Clou dabei! Jeder Fahrer eines Sportwagens, der einigermaßen PS unter der Haube hat, ist natürlich verdächtig, ein anderer Teilnehmer zu sein! Das exquisite Wettpublikum will natürlich auch sehen, wie sich exquisite Wagen messen! Ansonsten haben Sie keinen Anhaltspunkt! Die Leute, die für die Organisation dieses Rennens verantwortlich sind, haben diesen Modus in kleinerem Rahmen bei einem illegalen Rennen in South Dakota getestet und es hat sich gezeigt, dass durch diese Konstellation der Ungewissheit immer wieder interessante Dinge passieren. Ein Fahrer zersticht einem vermeintlichen Kontrahenten die Reifen, landet für ein paar Tage im Knast und verliert, obwohl er haushoher Favorit ist und so weiter…“

Ich nickte und begann langsam die Dimensionen des Spiels zu begreifen, das hier ablief.

„Ja, oder die Organisatoren schicken jemanden, der die Reifen zersticht oder sorgen auf andere Weise dafür, dass ein bestimmter Wagen nicht das Ziel erreicht – um Wetten zu manipulieren!“, vermutete ich.

„Durch das GPS-Signal ist die Rennleitung jederzeit über die jeweilige Position der einzelnen Wagen informiert, das ist richtig“, bestätigte Clement.

Den Manipulationsmöglichkeiten waren damit natürlich Tür und Tor geöffnet.

„Ich würde Ihren Wagen wirklich gerne mit den anderen Teilnehmern in Wettbewerb treten sehen!“

„Ich glaube, da haben Sie falsch gepokert.“

„Glaube ich kaum!“, sagte er und der Ausdruck absoluter Gewissheit, der jetzt in seine Züge trat, missfiel mir. „Ich habe hier den Köder, der Sie Ihre Bedenken vielleicht noch über Bord werfen lässt! Nein – ganz sicher sogar!“

„So?“

„Sagt Ihnen der Name Robert Dawn etwas?“

Milo und ich sahen uns an.

„Wenn wir denselben Robert Dawn meinen“, meinte Milo zögernd.

Clement grinste. „Wir meinen denselben. Den, der auf den Internetseiten des FBI als einer der zehn meistgesuchten Straftäter des Landes aufgeführt und seit Jahren vergeblich gesucht wird. Den Lohnkiller der Syndikate und jeden anderen, der bereit ist, seine horrenden Honorarvorstellungen zu erfüllen. Angeblich gehen sogar die Morde an mehreren Staatschefs in der dritten Welt auf sein Konto, aber das sind Gerüchte, von denen ich nicht weiß, ob Robert Dawn sie vielleicht nur deshalb streut, damit seine potentielle Kundschaft beeindruckt ist und ihn trotz seiner Super-Honorare noch engagiert, anstatt die Drecksjobs von irgendeinem Straßenköter erledigen zu lassen.“

Der Name Robert Dawn war jedem G-man seit Jahren geläufig.

Es gab mindestens zwanzig Morde im Umkreis des organisierten Verbrechens, die ziemlich eindeutig mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten und bei mindestens noch einmal so vielen Taten war eine Beteiligung dieses Killers nicht ausgeschlossen.

Robert Dawn lebte irgendwo in- oder außerhalb der Vereinigten Staaten unter falschem Namen und falscher Identität.

Er machte sich im Gegensatz zu vielen anderen aus der Zunft der Hit-men überhaupt nicht die Mühe, seine Handschrift zu verbergen. Häufig hinterließ er am Tatort mit voller Absicht Spuren, die auf ihn als Täter hinwiesen oder er benutzte eine Waffe, die er bereits bei früheren Verbrechen verwendet hatte. Aus seiner Sicht der Dinge vergrößerte das wohl seinen Nimbus. Jeder unaufgeklärte Mafia-Mord, der mit ihm in Verbindung gebracht wurde, war inzwischen Werbung für sein zynisches Geschäft. Wer Robert Dawn engagierte, konnte sicher sein, dass die Sache diskret erledigt wurde und der Killer clever genug war, um nicht der Polizei in die Arme zu laufen, so lautete die unterschwellige Botschaften dieser Taten. Denn letzteres war der Albtraum jedes Auftraggebers, da Lohnkiller natürlich in Gefangenschaft dazu neigten, die Schuld nicht allein zu übernehmen, sondern in einem Deal mit der Staatsanwaltschaft ihre Auftraggeber zu nennen.

„Was hat Robert Dawn mit diesem Rennen zu tun?“, fragte Milo.

„Er ist einer der Teilnehmer“, erklärte Clement. „Das weiß ich ganz sicher. Und ich weiß, dass er einen Porsche fährt. Sie hätten die einmalige Chance, diesen Killer zu schnappen, wenn Sie es einigermaßen clever anstellen!“



6

„Robert Dawn ist der Köder, der nötig war, um dich umzustimmen“, stellte Milo fest, als wir im Wagen saßen und aus der Tiefgarage in der Mott Street fuhren, um uns wieder in den Verkehr einzufädeln. „Und gib es zu! Irgendwo tief in deinem Herzen findest du es doch auch bedauerlich, dass du die 510 PS, die unter der Haube deines Wagens schlummern im Stadtverkehr des Big Apple nicht einmal annähernd ausfahren kannst!“

„Quatsch!“, sagte ich.

Aber viel zu schnell, um überzeugend wirken zu können.

Und tatsächlich hatte Milo mich da an einem wunden Punkt erwischt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in New York lag vor allem zur Rush Hour weit unter den erlaubten Höchstgeschwindigkeiten, so dass man nicht einmal die Möglichkeit hatte, so schnell, zu fahren, wie es erlaubt war – geschweige denn, dass man die Kraft der über 500 PS auch nur annähernd spüren konnte.

„Warten wir erstmal ab, was Mister McKee dazu sagt.“



7

Obwohl unsere Dienstzeit längst zu Ende war, fuhren wir am Abend noch zurück zum Office im Bundesgebäude an der Federal Plaza.

Mr McKee war wie üblich noch dort. Er war meistens morgens der Erste und abends der Letzte im Büro.

Ich übergab ihm den Umschlag, den Clement mir überreicht hatte. Er enthielt die Fahrzeugdaten eines Porsche 911 Turbo, Höchstgeschwindigkeit 310 Kilometer.

„Nach Clements Angaben ist der Wagen für das Rennen gemeldet und wird von Robert Dawn gefahren – dem Rennsport-Narren unter den Lohnkillern.“

Mr McKee hob die Augenbrauen. „Dass Robert Dawn ein Autonarr ist, wissen wir ja seit langem, weshalb sich unsere Innendienstler aus der Fahndungsabteilung auch immer wieder an Händler von Luxus-Sportwagen gewandt haben. Schließlich ist nicht anzunehmen, dass er seine Vorlieben plötzlich aufgegeben hat.“

„Der wird sich seine Luxus-Schlitten über irgendeinen Strohmann besorgen“, meinte Milo. „In diesem Fall meinte unser Informant zu wissen, dass es einen Sponsor gibt, der ihm den Porsche 911 Turbo für die Teilnahme am Rennen spendiert. An den Unterlagen sieht man ja auch, dass ein paar kleinere Extras eingebaut sind.“

„Aber nichts, was anzeigepflichtig ist!“, erwiderte Mr McKee nach kurzer Durchsicht der Unterlagen. „Wir werden den Killer nicht einfach dadurch in die Finger bekommen, dass wir sämtliche Besitzer dieses Wagentyps kontrollieren.“

„Der Wagen kostet neu um die 120 000 Dollar“, sagte Milo. „Damit ist er nicht so super-exklusiv, dass die geringe Zahl der Besitzer den Wagen leicht identifizierbar macht.“

„Es ist noch nicht einmal gesagt, dass es der einzige 911er ist, der an dem Rennen teilnimmt“, gab ich zu bedenken. „Die Teilnehmerliste ist uns dieser Clement ja bislang schuldig geblieben.“

„Wir stehen jetzt vor der Frage, ob wir das Rennen schon beim Start abwürgen oder den Start zulassen sollen, um diesen Killer zu fassen!“, brachte Mr McKee seinen inneren Zwiespalt auf den Punkt. „Das will wohl abgewogen sein!“

„Wir können den Start nicht verhindern“, erklärte ich unserem Chef und erläuterte ihm die Startmodalitäten. „Andernfalls ginge es vielleicht darum, abzuwägen, was wichtiger ist: Die Allgemeinheit vor einem unkalkulierbaren Risiko durch dieses Rennen zu schützen oder diesen Killer und mit etwas Glück sogar die betrügerischen Hintermänner des Rennens dingfest machen zu können. Aber das ist hier nicht die Alternative. Das Rennen findet auf jeden Fall statt. Wir können schließlich nicht alle Sportwagen, die sich innerhalb der nächsten Zeit in der Nähe des 75. Längengrades aufhalten, stoppen und die Fahrer festnehmen. Dazu fehlt jede rechtliche Handhabe. Davon abgesehen wäre das auch gar nicht durchführbar.“

„Und die Veranstalter des Rennens sähen darin nur eine weitere Schikane, die die Fahrer zu nehmen hätten, sodass der Wetteinsatz etwas spannender würde!“, ergänzte Milo. Er wandte sich an mich. „Ich fürchte, es gibt keine andere Möglichkeit, als dass wir Clements Vorschlag folgen und einen Fahrer einschleusen.“

Ich nickte. „Wenn wir das geschickt anstellen, dann gelingt es uns vielleicht, unterwegs diesen Robert Dawn zu stellen!“ Die Ergreifung eines Killers wie Robert Dawn war es ganz sicher wert, auch den Sportwagen aufs Spiel zu setzen.

Und vielleicht kam man ja auch an die Hintermänner des Northern Cannonball heran, für die das Ganze einfach nur ein mörderisch gutes Geschäft war…

„Das Risiko ist erheblich, Jesse“, gab Mr McKee zu bedenken. „Dass dieser Robert Dawn – oder wie immer er sich im Moment auch nennen mag, sofort schießt, wenn er glaubt, dass ihm jemand auf den Fersen ist, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen! Aber es gibt noch eine andere Gefahr, die Sie nicht unterschätzen sollen! Die Organisatoren des Rennens sind durch den GPS-Sender jederzeit über Ihre Position unterrichtet. Wenn unser Informant ein doppeltes Spiel spielt oder von seinen Leuten einfach nur mal richtig in die Mangel genommen wird und seine Zusammenarbeit mit uns gesteht, dann sind Sie in akuter Gefahr. Die können in aller Ruhe einen Hit-man auf Sie lauern lassen!“

„Andererseits ist es vielleicht möglich über einen dieser GPS-Empfänger an die Hintermänner heranzukommen“, erwiderte ich.

Mr McKee hob die Schultern.

„Ob es technisch möglich ist, die Signale zu verfolgen, kann sich erst erweisen, wenn wir eines dieser Geräte in den Fingern haben und untersuchen können.“

„Aber diese Sender bekommen nur die Fahrer!“, sagte ich. „Also bin ich dafür, es zu wagen.“

Mr McKee kratzte sich am Kinn. „Ich habe heute Abend noch einen Termin mit einem Bundesanwalt. Bevor man so eine Aktion in Angriff nimmt, müssen wir uns absichern. Ich hoffe, dass ich Ihnen morgen früh näheres sagen kann.“



8

Mr McKee sorgte dafür, dass die Operation auf allen Ebenen grünes Licht bekam. Wir brauchten neben dem Okay der Justiz vor allem auch die Unterstützung der örtlichen Polizeibehörden, mit denen wir über unser Field Office in ständigem Kontakt bleiben würden. Vor allem musste genehmigt werden, dass das FBI das fällige Startgeld vorstreckte.

Zwei Tage nach dem ersten Treffen mit Clement kam es zu einer weiteren Verabredung mit unserem Informanten.

Diesmal trafen wir uns in der Nähe von Loebs Boathouse im Central Park.

„Was ist mit der Liste der Teilnehmer?“, fragte ich.

„Da werden Sie sich noch etwas gedulden müssen.“

„Langsam weiß ich nicht, was diese Hinhalterei soll und ob das Ganze nicht vielleicht nur eine große Luftblase ist, die Sie uns da präsentieren“, konnte ich meine Enttäuschung nicht verbergen.

„Hören Sie, Agent Trevellian, ich muss extrem vorsichtig sein.“

„Konnten Sie wenigstens noch etwas mehr über Robert Dawn erfahren?“

„Nein. Ich fürchte, mit den Angaben, die ich Ihnen gegeben habe, werden Sie auskommen müssen. Aber ich habe inzwischen mit ein paar Leuten über Ihre Teilnahme an dem Rennen geredet. Ich nehme an, Ihr Partner ist als Beifahrer dabei?“

Ich nickte. „Ja, so hatten wir uns das gedacht.“

„Sie werden unter Ihrem richtigen Namen an dem Rennen teilnehmen. Die entscheidenden Personen wissen, dass Sie FBI-Agent sind. Sie sehen darin einen zusätzlichen Reiz für das Publikum.“

Ich starrte Clement an wie einen Geist. Wollte der Kerl die ganze Operation schon zum Scheitern bringen, noch ehe sie begonnen hatte? Ich glaubte mich verhört zu haben. „Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!“, stieß ich hervor.

„Irrtum, Agent Trevellian. Das musste sein. Ihr Wagen ist so individuell, dass die Leute, mit denen ich zu tun haben, Ihre Identität ohnehin im Handumdrehen ermitteln könnten. Ich deutete ja bereits an, wie weit deren Arm reicht. Nein, Sie treten dort als Jesse Trevellian an, ein FBI-Agent, der neben seinem langweiligen Beamten-Job im Dienst der Gerechtigkeit noch ein paar verborgene dunkle Leidenschaften hat, die mit Benzin und PS zu tun haben. Außerdem habe ich erzählt, dass die Anschaffung des Sportwagens Sie hoch verschuldet hat und Sie dringend Geld brauchen. Die Story passt zu Ihnen und Ihrem Wagen. Sehen Sie nur zu, dass Ihr Field Office nicht irgendwelche groß angelegten und möglicherweise auffälligen Begleitaktionen veranstaltet, sodass man auf die Idee kommt, Sie wären im dienstlichen Auftrag dabei. Außerdem brauche ich Ihre private Handynummer.“

Ich gab ihm meine Karte. „Wie geht es dann weiter?“

„Sie überweisen das Startgeld auf ein Schweizer Bankkonto. Sind die vierzigtausend Dollar ein Problem für Sie?“

„Nein.“

„Gut. Bevor das nicht überwiesen ist, läuft nämlich nichts.“

„Verstehe.“

„Sie werden dann in den nächsten Tagen einen Anruf erhalten. Ein Mittelsmann wird ein Treffen mit Ihnen vereinbaren, auf dem Sie den GPS-Sender und die Start-Daten des Rennens bekommen. Das war es dann.“

Er drehte sich um, beobachtete einige Augenblicke lang ein Pärchen am Seeufer, das aus irgendeinem Grund sein Misstrauen erweckt hatte und wirkte insgesamt ziemlich hektisch.

„Wann bekommen wir die Teilnehmer-Liste?“, hakte Milo nach. „Sie hatten sie uns versprochen.“

„Was brauchen Sie noch die Liste?“, fragte er. „Sie können das Rennen nicht mehr stoppen, weil Sie doch Robert Dawn einfangen wollen!“

„Also war alles nur Gerede!“, stellte ich fest. „Die Liste ist für uns auch ein Zeichen dafür, ob wir Ihnen trauen können oder nicht. Im Übrigen brauchen wir sie, um gegen die Teilnehmer juristisch vorgehen zu können, sobald wir Dawn haben.“

Er verzog das Gesicht. „Sie sind ein Optimist, Agent Trevellian!“ Er lachte kurz auf. „Übermorgen. Versprochen. Aber so lange brauche ich noch.“

„Und was ist mit den Namen von Hintermännern?“, ließ ich ihn gar nicht erst zur Ruhe kommen.

„Der Scarbucchi-Clan will hundert Millionen waschen, wie ich gehört habe…“

Er warf uns einen Brocken hin, ohne uns wirklich etwas substanzielles mitzuteilen, begriff ich.

„Was ist mit dem Hotel, in dem die große Wettparty stattfindet? Können Sie uns darüber inzwischen etwas mehr sagen?“, mischte sich Milo ein.

Er seufzte hörbar. „Ich weiß inzwischen, dass es sich innerhalb der Vereinigten Staaten befindet. Mehr kann ich Ihnen vielleicht übermorgen sagen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“

Er hatte es ziemlich eilig, uns zu verlassen. Ich sah ihm noch eine Weile nach. Er lief einem Skateboardfahrer in den Weg und sprang im letzten Moment zur Seite.

„Was spielt der Mann für ein Spiel?“, fragte Milo.

„Keine Ahnung. Aber allein die Chance, einen Killer wie Robert Dawn aus dem Verkehr zu ziehen, ist es schon Wert, sich darauf einzulassen.“



9

Der Anruf erfolgte mitten in der Nacht. Es war zwei Uhr, als das Handy klingelte. Ich nahm den Apparat ans Ohr und fragte „Ja?“, während ich mich verzweifelt bemühte, schnell genug wach zu werden, um alles zu verstehen, was mir der Gesprächspartner an der anderen Seite der Verbindung zu sagen hatte.

„Jesse Trevellian?“

„Am Apparat.“

„Kommen Sie in die HOT & SPICY Filiale in Yonkers, 211 George Washington Lane.“

„Wann?“

„Jetzt sofort. Fahren Sie jetzt los, rufen Sie niemanden an, kommen Sie allein.“

„Was ist mit meinem Beifahrer?“

„Den brauchen wir dabei nicht.“

Es machte klick. Das Gespräch war beendet.

Ich zog mich schnell an und setzte mich in den Wagen. Dann fuhr ich Richtung Norden. New York nennt man zu Recht die Stadt, die niemals schläft. Aber morgens um zwei Uhr ist der Verkehr wenigstens erträglich und so fern nicht irgendwo eine Großbaustelle ist, muss man um diese Uhrzeit auch nicht mit einem der gefürchteten Staus rechnen.

Eine halbe Stunde später erreichte ich Yonkers, die mittlere Großstadt nördlich der Bronx, die mit dem Big Apple teilweise zusammengewachsen war.

HOT & SPICY war eine Kette von Fast Food-Läden mit mexikanischem Essen. Genormte Tortillas und Chili con Carne. Es gab inzwischen im gesamten Big Apple sowie in Newark, Paterson, Yonkers und New Rochelle Filialen und das Netz der Schnellrestaurants, in der man die SPICY ART OF LIVING genießen konnte, wie die Werbung versprach, stand davor, sich noch weiter auszubreiten.

Die Filiale von Yonkers lag in einem etwas heruntergekommenen Teil der Stadt, der gerade einer gründlichen Sanierung unterzogen wurde. Die Eröffnung des HOT & SPICY war somit sicherlich eine Investition in die Zukunft.

Ich stellte den Wagen in einer Nebenstraße ab und aktivierte dann den Rechner auf der Mittelkonsole. Der TFT-Bildschirm leuchtete auf. Ich bekam eine Verbindung ins Netz und sandte eine kurze Mail an Milo und an das Field Office, in dem ich meinen Aufenthaltsort mitteilte. Sicherheitshalber.

Dann stieg ich aus.

Soweit ich das mitbekommen hatte, war ich nicht verfolgt worden.

Die letzten fünf Minuten bis zur HOT & SPICY Filiale ging ich zu Fuß.

Das mexikanische Schnellrestaurant hatte rund um die Uhr geöffnet. Vierundzwanzig Stunden non Stopp. Aber als ich eintrat waren kaum Gäste dort und ich fragte mich, ob sich das für den Franchise-Nehmer eigentlich rechnete.

Hinter dem Tresen stand ein stämmiger Mann mit dunklem Oberlippenbart und Halbglatze.

Ich ging an ihm vorbei bis in die hinterste Ecke des HOT & SPICY. Das Mobiliar war weiß und leicht zu reinigen. Es erinnerte mich immer ein bisschen an die Einrichtung einer Klinik.

An einem Tisch saß ein Mann, der ganz sicher nicht zur typischen Stammkundschaft eines HOT & SPICY Restaurants gehörte. Er trug einen grauen Dreiteiler, war Mitte fünfzig und hatte ein Gesicht, das wie aus Stein gemeißelt wirkte. Harte Linien, von denen mindestens drei Viertel nach unten ausgerichtet waren.

Er sah mich auf eine Weise an, die mir sofort klar machte, dass er auf mich wartete.

„Haben wir gerade telefoniert?“, fragte ich.

„Sie sind Trevellian“, stellte er fest.

„Ja.“

„Setzen Sie sich.“

Ich ließ mich ihm gegenüber nieder. Er schob mir einen Umschlag über den Tisch.

„Ich nehme an, das ist der GPS-Empfänger“, vermutete ich. „Sie sollen mich einweisen, wie er benutzt wird.“

„Das ist nicht nötig. Das Gerät ist aktiviert. Sie können daran nicht herummanipulieren. Von nun an werden Sie es ständig in Ihrem Wagen aufbewahren.“

„Was ist mit dem Starttermin?“

„Die Daten werden Ihnen auf das GPS-Gerät überspielt und angezeigt – exakt 24 Stunden vor dem Zeitpunkt, an dem Sie den 75. Längengrad Richtung Westen überschreiten dürfen!“

Der Mann im grauen Dreiteiler erhob sich.

„Leben Sie wohl und viel Glück beim Rennen, Mister Trevellian. Ach ja, ich hoffe, Sie wissen, dass Sie sich durch die Überweisung des Startgeldes strafbar gemacht haben und dass Ihre Karriere beim FBI ein jähes Ende findet, wenn Ihre Teilnahme bekannt wird.“

„Ich bin nicht so eitel, dass ich einen Hubschrauberpiloten engagiere, der mich filmt und anschließend die Bilder ins Internet setze!“

Der Mann im grauen Dreiteiler lächelte flüchtig. „Das können Sie ruhig tun, Trevellian! Allerdings auf eigene Gefahr! Im Endeffekt vergrößert das nur den Nimbus, den das Northern Cannonball bekommt!“

„Mag sein.“

„Klüger ist es allerdings, einen Helikopter-Piloten zu engagieren, der die Strecke abfliegt und einen vor der Highway Patrol warnt. Ich kenne da ein paar Leute, die so etwas für 500 Dollar die Stunde aufwärts anbieten.“

„Nein danke, ich komme schon klar.“

„Wie Sie meinen, Trevellian.“

Mit diesen Worten ließ er mich sitzen, ging zur Tür und verließ das HOT & SPICY.



10

Am nächsten Morgen machte mich Mandys Kaffee wieder einigermaßen wach. Den GPS-Sender, den ich bekommen hatte, war eine Sonderanfertigung ohne jegliche Tastatur. Das Gerät war aktiviert. Auf einem Display wurde jeweils die genaue Position angegeben, sodass man sich dem 75. Längengrad bis auf ein paar Meter nähern konnte, wenn man das wollte. Unseren Spezialisten war es leider unmöglich, das Gerät zu öffnen und einer genauen Analyse zuzuführen. Das hätte wahrscheinlich das Ende meiner Teilnahme am Rennen bedeutet und wäre von den Organisatoren sofort bemerkt worden.

Nachdem ich Milo morgens an der bekannten Ecke abgeholt hatte und zur Federal Plaza gefahren war, hatte ich den Wagen in der zum Bundesgebäude gehörenden Tiefgarage abgestellt. Ich war zwar überzeugt davon, dass die Organisatoren des Rennens jede meiner Fahrten von nun an genauestens verfolgten, aber ich entschied, dass allem, was von meinen bisherigen Gewohnheiten abwich, gefährlich werden konnte und ihnen vielleicht auffiel. In der Tiefgarage hatten unsere Spezialisten zumindest die Gelegenheit ein paar Untersuchungen an dem Gerät durchzuführen, es zu durchleuchten und die elektromagnetische Signatur aufzuzeichnen.

Ob sich das von dem Gerät ausgehende Signal tatsächlich zurückverfolgen ließ, stand noch nicht fest.

Etwa um zehn Uhr morgens meldete sich Clement bei mir.

„Ich habe jetzt die Liste der Teilnehmer“, behauptete er. „Außerdem eine Liste von New Yorker Unterweltgrößen, die in den mit dem Rennen zusammenhängenden Wettbetrug mit drinhängen.“

„Großartig. Darauf warten wir ja auch schon eine ganze Weile. Vielleicht wäre es besser, wenn Kollegen sich mit Ihnen treffen – ich meine in Anbetracht der Tatsache, dass ich jederzeit damit rechnen muss, beim Northern Cannonball zu starten…“

„Nein, ich will, dass Sie zum Treffpunkt kommen, Trevellian. Ich will kein Risiko eingehen!“

Das Risiko soll dann wohl lieber ich tragen!, ging es mir etwas ärgerlich durch den Kopf. Andererseits war die Liste der Teilnehmer des Northern Cannonball so wichtig, dass man dafür schon einiges riskieren konnte.

„Wo und wann?“, fragte ich.

„Battery Park, am Terminal nach Liberty Island, heute zwei Uhr am Nachmittag. Seien Sie pünktlich. Ich werde nicht warten.“

Das Gespräch wurde unterbrochen.



11

Alexander Jason Clement bewohnte ein Penthouse am Ende der Avenue B. Das Gebäude war eines der wenigen Apartmenthäuser in dieser Gegend, hatte fünfundzwanzig Stockwerke und eine Tiefgarage, die allen Bewohnern einen Parkplatz garantierte. Das „Rolling Bones“, der Club den Clement betrieb, war nur gut hundert Meter entfernt.

Er nahm den Lift in die Tiefgarage und blickte nervös auf die Uhr.

Er lag in der Zeit.

Unter dem linken Arm klemmte eine dünne Aktentasche.

Clement lockerte seine Krawatte. Ihm war plötzlich warm geworden. Das Innere von Liftkabinen erweckte in ihm immer leichte Gefühle von Klaustrophobie. Aber Treppen zu steigen war keine Alternative, die er ernsthaft erwog. Dazu war sein Terminkalender schlicht und ergreifend zu voll – und seine Kondition zu schlecht.

Clement erreichte das Parkdeck, war froh die Liftkabine verlassen zu können und ging mit weiten, raumgreifenden Schritten auf seinen Wagen zu. Einen Mercedes.

Er öffnete und setzte sich ans Steuer.

Ein Mann trat hinter einem der Betonpfeiler hervor. Er musste dort gewartet haben. Er trug einen grauen Dreiteiler, sowie einen dünnen Regenmantel.

Und schwarze Lederhandschuhe.

Er riss die Tür auf und setzte sich neben Clement auf den Beifahrersitz.

Clement saß wie erstarrt hinter dem Lenkrad.

„Hi, Ray!“, murmelte er. „Um ehrlich zu sein…“

„…hattest du mit mir nicht gerechnet“, sagte der Mann im grauen Anzug. Er verzog das Gesicht, das wie aus Stein gemeißelt wirkte und durch zahllose harte Linien gezeichnet wurde.

„Ich habe einen dringenden Termin, Ray.“

„Den du leider nicht wahrnehmen kannst!“

Rays Hand steckte in der rechten Tasche des dünnen Regenmantels. Er hob sie leicht an. Etwas wölbte sich unter dem dünnen Mantelstoff hervor.

„Ich habe hier eine Waffe mit Schalldämpfer“, stellte Ray fest. Seine Stimme klang wie klirrendes Eis. „Mach den Motor an, fahr los und tu genau, was ich dir sage!“

Clement schluckte.

„Hör mal, Ray, ich weiß nicht, was das jetzt soll…“

„Los jetzt!“

Clement startete den Wagen und fuhr aus dem Parkhaus. Anschließend folgte er dem Einbahnverkehr auf der Avenue B, ehe es schließlich Richtung Norden ging.

Etwa eine Dreiviertelstunde später durchquerten sie die Bronx und erreichten schließlich das nördlich des Big Apple gelegene New Rochelle.

Ray befahl Clement auf ein brachliegendes Industriegelände am Rande von New Rochelle zu fahren. Mehrere Werkshallen standen hier nebeneinander, aber produziert wurde dort schon lange nichts mehr. Ein Zulieferer der chemischen Industrie, der Werkstoffe zum Korrosionsschutz gefertigt hatte, war bankrott gegangen und jetzt stritten die Rechtsnachfolger und die Behörden der Stadt New Rochelle darüber, wer für die Kosten der Altlastensanierung aufzukommen hatte. Bis das nicht geklärt war, würde sich hier nichts mehr bewegen.

Hinweisschilder untersagten das Betreten des Grundstücks und wiesen jeden, der es doch tat auf die Gefahren hin.

Ray ließ Clement vor die dritte Halle fahren und aussteigen. Clement gehorchte zögernd. Ray nahm unterdessen die Aktentasche mit, die Clement auf den Rücksitz geworfen hatte, als er eingestiegen war.

Ray öffnete die Tasche. Er zog einen Computerausdruck heraus. Ein Datenträger fand sich auch.

„Wirklich sehr interessant“, sagte Ray. „Wer hätte gedacht, dass du ein Verräter bist!“

„Ray, das sieht nur so aus, aber ich kann das alles erklären!“

„Weißt du was? Wir beobachten dich schon eine ganze Weile. Und eigentlich interessiert es niemanden in der Organisation noch, welche Gründe du vielleicht vorbringst. Das Problem ist einfach, dass mit dir niemand mehr Geschäfte machen will, weil du einfach allen zu sehr auf die Nerven gehst und sie es dich nicht leisten können, sich selbst in Gefahr zu bringen.“

Clement schluckte. Er wich einen Schritt zurück. Einen Augenblick lang erwog er, einfach wegzulaufen. Aber er sah ein, dass er keine Chance hatte. Sein Gegenüber war zu dicht an ihm dran. Es war kaum denkbar, dass Ray daneben schoss.

„Welche Chance habe ich noch?“

„Hängt von den Antworten ab, die ich von dir kriege“, sagte Ray.

„Ich sag dir alles, was du willst.“

„Zunächst mal möchte ich wissen, wer die Liste der Rennteilnehmer bekommen sollte?“

„Niemand! Keine Ahnung, ich…“ Er stammelte vor sich hin und bekam nicht einen einzigen verständlichen Satz auf die Reihe.

„War es dieser Trevellian?“, fragte Ray.

„Ray, du kennst mich!

Ray zog die Waffe aus der Manteltasche, richtete sie auf Clement und feuerte. Das Geräusch glich einem kräftigen Niesen. Clements Schrei war wesentlich lauter – aber auch den würde hier niemand hören. Clement griff sich an den Arm. Rays Pistolenlauf mit dem aufgesetzten Schalldämpfer glitt tiefer. Ein weiterer Schuss folgte und traf Clement im Oberschenkel. Das Hosenbein verfärbte sich blutrot. Clement versuchte, die Blutung zu stillen und taumelte rückwärts. Er strauchelte zu Boden und blickte Ray mit Angst geweiteten Augen an. „Ich bin gespannt, wie viel Blei du brauchst, um mir vernünftige Antworten zu geben!“ Ray trat näher und achtete peinlich genau darauf nicht in die Blutflecken zu treten, die sich am Boden bereits gebildet hatten. Clement kroch vor seinem Peiniger ein paar Meter davon. Ray folgte ihm und richtete erneut die Waffe auf den am Boden Liegenden. „Ich will jetzt wissen, ob dieser Trevellian gegen uns ermittelt und was er weiß!“

„Er weiß nichts!“, zeterte Clement.

„Aber es stimmt, dass er sich nicht einfach so aus Freude an seinem Wagen für das Rennen gemeldet hat!“

„Ja“, keuchte Clement. „Was willst du machen? Das Rennen vielleicht absagen?“

„Nein. Das ist eines von den Dingen, die unter keinen Umständen passieren werden“, erklärte Ray. „Wir regeln das auf unsere Weise.“ Ray atmete tief durch. Sein Mund verzog sich dabei. Er richtete die Waffe jetzt auf Clements Kopf und feuerte zweimal kurz hintereinander. Wie rote Drachenzungen leckte das Mündungsfeuer aus der vorderen Öffnung des Schalldämpfers heraus. Ein Geräusch, das wie zwei kurz hintereinander ausgeführte Schläge mit einer zusammengerollten Zeitung klang, ertönte. Auf Clements Stirn hatten sich zwei kleine rote Löcher dicht nebeneinander gebildet. Er sackte in sich zusammen und eine Blutlache begann sich auf den Asphalt vor der dritten Werkshalle zu ergießen.



12

Um zum Battery Park zu fahren, benutzten Milo und ich einen unscheinbaren Chevrolet aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft. Schließlich hätte die Gegenseite den Weg des Wagens mit Hilfe des GPS-Gerätes jederzeit verfolgen können und außerdem wollten wir unseren Spezialisten noch die Gelegenheit geben, vielleicht doch noch das eine oder andere über das Innenleben des Apparates herauszufinden.

Wir waren pünktlich am angegebenen Ferry Terminal, von wo aus die Touristenfähren nach Liberty Island im regelmäßigen Takt aufbrachen.

Es war ein freundlicher, sonniger Tag. Aus Richtung des Atlantiks wehte ein kräftiger, kühler Wind, der das Wasser kräuselte.

Milo blickte durch eines der Münzfernrohre und warf einen Blick zur Freiheitsstatue, die sich auf Liberty Island erhob und ihre Fackel in die Höhe reckte.

Es wurde zwei Uhr, aber Clement tauchte nicht auf.

Wir warteten eine halbe Stunde, ohne dass er eintraf. Ich rief die Nummer des Prepaid Handys zurück, mit dem er mich immer angerufen hatte. Es meldete sich lediglich eine lapidare Ansage. Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.

„Wenn du mich fragst, ist das kein gutes Zeichen, Jesse“, lautete Milos Kommentar.

Auch am folgenden Tag hörten wir nichts von Clement. Offen ermitteln konnten wir in der Sache nicht. Dann wäre die ganze Operation, durch die wir Robert Dawn fassen wollten, in Gefahr geraten. Es wäre einfach aufgefallen, wenn sich plötzlich FBI-Agenten in seinem Club ‚Rolling Bones’ in der Avenue B getummelt hätten.

„Möglich, dass diesem Clement der Boden einfach zu heiß wurde und er sich aus dem Staub gemacht hat“, lautete Clives Vermutung, als wir uns später in Mr McKees Büro zur Besprechung trafen.

„Jedenfalls war der Club ‚Rolling Bones’ gestern Abend geschlossen“, stellte Orry fest. „Und ich bin gespannt, ob er je wieder aufmacht…“

„Die Frage ist einfach, ob wir die ganze Aktion jetzt abbrechen“, meinte Mr McKee.

„Und uns damit die Chance entgehen lassen, Robert Dawn endlich das Handwerk zu legen?“, fragte ich und schüttelte den Kopf. „Ich bin für das Rennen als Fahrer gemeldet, jetzt ziehen wir das Ganze auch durch.“

„Je nachdem, was unserem Informanten zugestoßen ist, könnte sich Ihr Risiko dadurch sehr erhöhen, Jesse!“, gab Mr McKee zu bedenken. „Angenommen, jemand hat aus Clement alles über seine Zusammenarbeit mit dem FBI herausgequetscht. Dann ist dabei auch Ihr Name gefallen!“

„Aber das Risiko nehme ich auf mich“, entschied ich und wandte mich an Milo. „Es sei denn, mein Beifahrer ist nicht mehr dabei!“

Am Abend bekam ich die Startzeit auf den GPS-Empfänger. Ab 12 Uhr Mittags am Tag darauf durfte ich mit dem Sportwagen den 75. Längengrad überschreiten.

Dieser Längengrad durchschnitt die Staaten New York und New Jersey etwa auf einer Linie Ottawa-Philadelphia. Milo und ich hatten uns natürlich längst mit Hilfe des im Wagen installierten Navigationssystems eine Route nach Seattle angeben lassen. Wir fuhren zunächst über den Lincoln Tunnel nach Jersey City und von dort aus weiter Richtung Newark, wo wir auf die Interstate 80 Richtung Pennsylvania wechselten. Kurz vor Stroudeburg an der Grenze zwischen Pennsylvania und New Jersey verlief der 75. Längengrad, unsere Startlinie.

Da man auf einem Interstate Highway nicht einfach stehen bleiben darf, verbrachten wir die letzten anderthalb Stunden auf einem Parkplatz, der sich etwa ein Meilen östlich von Stroudeburg befand.

Wir stiegen aus, um uns noch mal kurz die Beine zu vertreten.

Gleich mehrere Sportwagen, die von ihren technischen Daten her für eine Teilnahme am Northern Cannonball geeignet gewesen wären, befanden sich auf dem Parkplatz. Zwei Ferraris – einer ein rot und einer in gelb - , ein Lamborghini, ein Maserati und ein Porsche 911 Turbo.

Allerdings sah der Fahrer von letzterem vollkommen anders aus, als die Fahndungsfotos, die von Robert Dawn existierten. Da die letzten Fotos, die wir von dem Killer hatten, von einer Verhaftung stammten, die ihn in einem Alter von 22 erwischt hatte, besaßen wir Aufnahmen, die unser Zeichner Agent Prewitt künstlich hatte altern lassen.

Robert Dawn war jetzt dreiundvierzig Jahre alt.

Der Kerl im Porsche allerdings nicht. Selbst eine Theatermaske hätte ihn so nicht verändern können. Er hatte rotes Haar, Sommersprossen, war keine dreißig und vor allem einen ganzen Kopf kleiner als die Unterlagen es von Robert Dawn behaupteten.

„Jetzt sag’ nur noch einer, dass dieses Sportwagentreffen unweit des 75. Längengrades reiner Zufall ist, Jesse!“, meldete sich Milo zu Wort.

Ich grinste. „Wahrscheinlich sieht es an einem guten Dutzend anderen Highway-Parkplätzen in der Nähe der Startlinie ebenso aus!“

Da ja nicht an einem bestimmten Ort, sondern an einem Längengrad gestartet wurde, gab es auch andere Routen die ebenso günstig sein konnten. Aber spätestens ab Cleveland würden wohl alle Teilnehmer dieselben Highways benutzen, denn von da an war es ziemlich eindeutig, woher man fahren musste. Und dass angesichts der hohen Startgelder jemand die gebührenpflichtigen Highway-Abschnitte in Pennsylvania und Ohio mied, war nicht anzunehmen. Die Highways des mittleren Westens zogen sich gerade durch die Landschaft. Und das Netz an ausgebauten Highways war so dünn, dass sich der Weg von selbst ergab und es eigentliche keine Alternativen gab. Wir hatten einen Weg vor uns, der nach Berechnungen unseres Navigationssystems 2851 Meilen betrug, wozu man eine reine Fahrzeit von 42 Stunden benötigte.

Die Entscheidung fiel wahrscheinlich auf den letzten anderthalb tausend Meilen, die durch die Bundesstaaten North Dakota, Montana, Idaho und Washington führten. Es war wohl für jeden Fahrer eine Art taktischer Frage, ob er sich in den relativ dicht besiedelten Gebieten mit einer hohen Frequenz an Highway Patrouillen noch einigermaßen an die Verkehrsregeln hielt, um nicht von der Polizei gestoppt zu werden. Spätestens in North Dakota war die Wahrscheinlichkeit, von einer Streife erwischt zu werden einfach sehr viel geringer und wahrscheinlich drehten die meisten Teilnehmer von da an auch so richtig auf.

Andere setzten vielleicht gleich alles auf eine Karte.

Ich sah auf die Uhr. „Wetten, wenn der erste in den Wagen springt und losrast, werden ihm die anderen sofort folgen?“, fragte ich.

Milo zuckte mit den Schultern. „Soll mir gleichgültig sein.“

„Vielleicht disqualifizieren sich ja gleich ein paar von ihnen, weil sie übereifrig sind und die Startlinie vor der Zeit überschreiten!“

„Glaube ich ehrlich gesagt nicht, Jesse.“

„Ach, nein?“

„Die sehen alle ziemlich abgebrüht aus. Auch der Kerl mit dem Porsche – obwohl er noch so jung ist.“

Der Fahrer des gelben Ferrari kam auf Milo und mich zu. Er grüßte leger und deutete auf den Sportwagen.

„Ein feiner Wagen!“

„Danke.“

„Aber für so was wie den Northern Cannonball vollkommen ungeeignet. Ich habe schon den Gumball 3000 mitgemacht. Außerdem den Australian Gumball und den Classic Cannonball von New York nach Los Angeles und ich sage euch, mit dieser Karre kommt ihr nicht weit.“ Er trat gegen den hinteren linken Reifen. „Muss ein Schweinegeld gekostet haben…“

„Lass uns einfach abwarten, wer von allen als Erster in Seattle ist“, sagte ich.

Ich war nämlich nicht auf Streit aus und dieser Kerl schien einfach nur seine innere Anspannung irgendwie loswerden zu müssen.

„Nichts für ungut“, erwiderte er und ging zu seinem Partner zurück, mit dem er noch ein paar abfällige Bemerkungen über die Wagen der anderen austauschte.

Dann ging es endlich los.

Der gelbe Lamborghini machte den Anfang. Wir fuhren auch los. Es war schon eigenartig zu sehen, wie sich eine auffällige Ansammlung hochwertiger Sportwagen mit der Mindestgeschwindigkeit fortbewegte, obwohl die Interstate 80 gut ausgebaut und zu dieser Tageszeit und an diesem Abschnitt wenig frequentiert war. Aber natürlich wollte niemand den 75. Längengrad überschreiten, bevor es an der Zeit war. Das GPS-Gerät, das wir bekommen hatten, zeigte uns jeweils im Takt von einer halben Minute unsere gegenwärtige Position an. Wir näherten uns der fraglichen Linie.

Der rote Ferrari überholte uns, war aber anschließend gezwungen, dafür umso langsamer zu fahren, um nicht disqualifiziert zu werden.

Ich ertappte mich selbst dabei, wie ich immer wieder auf die Uhr schaute.

„Es ist zwölf Uhr, Jesse!“, stellte Milo schließlich fest. „Und dahinten etwa bei der Häusergruppe muss der 75. Längengrad verlaufen.“

Die Fahrer des roten und des gelben Ferrari schienen das genauso zu beurteilen, denn sie traten plötzlich in die Eisen und brausten los.

Ungefähr 380 Meilen lagen bis Cleveland vor uns. Die Interstate 80 zog sich in ost-westliche Richtung durch den gesamten Bundesstaat Pennsylvania. Die einzigen Fahrtunterbrechungen, mit denen wir rechnen mussten, waren die Stopps an den Maut-Stationen für die gebührenpflichtige Abschnitte und die Stopps zum tanken.

„Na los, Jesse, jetzt versuch mal mit der Konkurrenz Schritt zu halten!“, stichelte Milo.

Ich beschleunigte und blieb an der Gruppe dran. Der Porsche mit dem auffallend jungen Fahrerteam brauste an uns vorbei. Der Beifahrer machte ein paar provozierende Gesten in unsere Richtung. Da die Interstate 80 ziemlich frei war, beschleunigte er auf Höchstgeschwindigkeit. Wie ein Geschoss raste der Porsche Richtung Westen und verschwand bald hinter dem Horizont.

„Haben wir da einen der Favoriten gesehen?“, fragte Milo.

„Abwarten, Milo.“

„Dass das schöne Wort, dass die Ersten die Letzten sein werden, hier gilt, glaube ich nicht.“

Wir brauchten allerdings nur bis zur ersten Maut-Station zu warten, um es doch bestätigt zu finden. Das junge Porsche-Team war von Beamten der Highway-Patrol herausgefischt worden. Jetzt standen sie auf dem Seitenstreifen und führten eine gestenreiche, aber völlig sinnlose Diskussion mit den Ordnungshütern, während wir unsere Gebühr bezahlten und weiterfahren konnten.



13

Eric Pittkin blickte auf die große Halle mit der überdimensionalen Großleinwand, auf dem eine riesige Karte der USA zu sehen war. Außerdem waren deutlich die beiden Längengrade markiert, die die Start- und Ziellinien in diesem Rennen der Superlative darstellten.

Dreihundert handverlesene Teilnehmer nahmen an diesem Rennen teil. Eine gewisse Hürde, um die Spreu vom Weizen zu trennen, stellte natürlich das Startgeld dar, aber es hatte weitaus mehr Bewerber gegeben, als zugelassen werde konnten. Das Auswahlkriterium war in erster Linie der Wagen. Eric Pittkin wusste, was sein exklusives und in jeder Hinsicht verwöhntes Publikum wollte. Gerade die zahlungskräftigen Gäste aus den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien waren Autonarren und hatten ein Faible für leistungsstarke und stilechte Wagen. Sie wollten Duelle zwischen interessanten Fahrzeugen sehen – und kein Teilnehmerfeld, das aus einem Einheitsbrei von immer denselben Fahrzeugtypen bestand.

Das Salz in der Suppe waren für Pittkin aufgetunte Fahrzeuge, über deren Eigenschaften es letztlich keine verlässlichen Daten gab. Jeder dieser Wagen verfügte über vollkommen individuelle Stärken und Schwächen, die sich erst im Verlauf des Rennens wirklich erweisen konnten. Also war Pittkin immer darauf aus, dass immer ein Teil der teilnehmenden Fahrzeuge aus dieser Gruppe rekrutiert wurde – was nicht ganz einfach war.

Die Ferrari- oder Porsche-Gemeinde war viel zahlreicher und so gab es für manche Fahrtzeugtypen bereits eine Warteliste.

Denn dass der Northern Cannonball nicht der letzte seiner Art sein würde, dass hatte für Eric Pittkin schon im Lauf der Vorarbeiten bei der Organisation des Rennens festgestanden. Das Wettinteresse war so immens, dass man einfach weiter machen musste. Diese Geldquelle schien so schnell nicht zu versiegen und Pittkin sah sich bereits im Besitz eines gigantischen Vermögens.

Ein stilles Lächeln erschien um die dünnen Lippen des hageren Mannes, der die vierzig gerade überschritten hatte. Die hohe Stirn, die graue Haut und das sehr knochige Gesicht ließen ihn allerdings zehn Jahre älter erscheinen. Dazu kam ein harter Gesichtsausdruck, der kompromisslose Entschlossenheit verriet. Wenn Eric Pittkin sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann führte er dies auch durch.

Für zwei Tage war die Dauer dieser Veranstaltung angesetzt. Eine Non Stop-Party, für die die Jet Set Gäste aus aller Welt eingeflogen wurden.

Wer wollte, konnte sich zwischendurch auf eines der Zimmer begeben, um zu schlafen. Wenn man sich an die Verkehrsregeln hielt, konnte man die Strecke in etwas weniger als zwei Tagen Non Stop Fahrt inklusive den nötigen Stopps zum Tanken schaffen. Aber für den Northern Cannonball rechnete Pittkin mit einer Zeit, die etwa bei der Hälfte lag.

Alles, was wesentlich über 24 Stunden lag, kam einer Rufschädigung des Rennens gleich!

Vor allem die ersten 600 Meilen waren schwierig. Eine hohe Polizeidichte verhinderte, dass es richtig zur Sache gehen konnte. Aber dafür war es später ab der Grenze von North Dakota möglich, dass die Fahrzeuge so richtig zeigen konnten, was unter ihren Motorhauben steckte.

Pittkin zündete sich eine Zigarre an.

Da dies eine geschlossene Gesellschaft und keine öffentliche Veranstaltung war, verstieß er damit nicht einmal gegen die strengen Antiraucher-Gesetze, die es inzwischen überall in den USA gab. Mit der Havanna zwischen den Lippen stützte er sich auf den Handlauf der Balustrade und blickte hinab in den Saal. Alle schienen sich gut bei Kaviar und Champagner zu amüsieren. Noch bildeten die Markierungen für die teilnehmenden Fahrzeuge auf der Leinwand kleine Knotenpunkte, die immer dort entstanden, wo eine Interstate den 75. Längengrad nach Westen schnitt. Jeder dieser Punkte war mit einer Nummer Startnummer versehen, sodass alle im Saal mitverfolgen konnten, an welcher Position sich ihr Geheimfavorit gerade befand.

Außerdem wurde natürlich eine regelmäßig aktualisierte Rangfolge eingeblendet. Unten an den Tischen gab es Computerterminals, auf denen weitere Einzelheiten abrufbar waren.

Wer sich noch im letzten Moment dazu entschließen wollte, eine Wette einzugehen, konnte das online erledigen. Die Quoten wurden auf einem Leuchtband eingeblendet.

Aber es würde nicht lange dauern, bis sich das Feld ein wenig auseinanderdividierte und sich die ersten Favoriten herauskristallisierten.

„Hallo, wie geht’s?“, rief hinter ihm jemand.

Pittkin drehte sich um.

Zwei Männer, die sich wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sahen kamen auf ihn zu. Sie trugen Smoking, waren etwa dreißig Jahre alt, hatten dunkles, leicht gelocktes Haar und dunkle Augen.

Ihre Gestik war sehr ausgeprägt.

Bei ihnen war noch ein dritter Mann, mindestens zwanzig Jahre älter und grauhaarig – aber die charakteristischen Einzelheiten des Gesichts verrieten die Verwandtschaft.

Pittkin runzelte die Stirn. Einer der Zwillinge schlug ihm auf die Schulter. „Was ist? Erinnern Sie sich nicht mehr an uns? New York… Tony und Mike Scarbucchi! Na, klingelt es wieder? So viele Zwillinge gibt es in der Welt des Big Business nun auch nicht, oder?“

„Ich erinnere mich noch sehr gut an Sie“, sagte Pittkin leicht überrumpelt. „Auch wenn ich jetzt beim besten Willen nicht mehr sagen könnte, wer von Ihnen nun Mike und wer Tony ist.“

„Ich bin Mike und er ist Tony! Ist doch ganz einfach. Jedenfalls für mich, weil ich weiß, dass ich Tony bin!“ Er lachte laut und ordinär. „Unser Vater hatte auch immer Schwierigkeiten, uns auseinander zu halten. Leider wurde er nicht alt genug, um das noch hinzubekommen.“

„Bedauerlich.“ Pittkin musste sich immer ein bisschen Mühe geben, um nicht zu sehr deutlich werden zu lassen, wie sehr er sich den beiden Brüdern überlegen fühlte, die von ihrem früh verstorbenem Vater ein riesiges Mafia-Imperium geerbt hatten und jetzt bemüht waren, die von ihren Vorfahren ergaunerten Millionen reinzuwaschen.

Immerhin gehörten die Scarbucchis zu den wichtigsten Investoren bei diesem Rennen.

Ohne ihr Geld wäre es gar nicht zu Stande gekommen und das durfte Pittkin nicht vergessen.

„Wir möchten Ihnen jemanden vorstellen, Eric. Unseren Onkel Enrico aus Sizilien. Wir haben da zufällig über ein paar Investitionsmodelle gesprochen und da habe ich mir gedacht, dass ich Onkel Enrico unbedingt mit Ihnen zusammenbringen müsste.“

„Buon Giorno“, sagte Enrico Scarbucchi höflich.

Pittkins Eindruck nach verstand der Sizilianer kaum Englisch und hatte von der bisherigen Unterhaltung so gut wie nichts mitbekommen.

Der Organisator des Rennens deutete zur Leinwand. „Ich glaube, jetzt wird es gerade spannend. Ich schlage vor, Ihr Onkel Enrico und ich unterhalten uns später. Wir werden hier sicher noch Gelegenheit dazu finden.“

Mike Scarbucchi wandte sich seinem Onkel zu und sagte: „Siehst du, ich habe dir ja gesagt, dass mein Freund Eric dir helfen wird, Onkel Enrico!“

„Si, si!“, sagte Enrico, der wohl nicht viel verstanden hatte, da Mike Scarbucchi Englisch gesprochen hatte.

Eric Pittkins Handy klingelte.

„Sie entschuldigen mich!“, wandte er sich kurz an die drei Scarbucchis und ging ein paar Schritte weiter, eher er an den Apparat ging und sich meldete.

„Hier ist Ray in New York“, hörte er eine Stimme.

„Was gibt es?“

„Die Sache mit Clement ist erledigt. Der wird uns nicht mehr schaden können.“

„Gut.“

„Was machen wir jetzt mit diesem FBI-Agenten?“

„Trevellian, nicht wahr?“

„Ja. Soll ich veranlassen, dass er aus dem Feld geräumt wird? Man könnte das so arrangieren, dass es wie ein Unfall aussieht. Ich habe schon mit jemandem in Cleveland gesprochen, der das übernehmen würde.“

„Und ich habe mir die Wetten angesehen. Ich will, dass er erst mal bleibt.“

„Wie bitte?“

„Er kann maximal das wissen, was Clement wusste – und das ist nichts, was uns wirklich gefährlich werden könnte.“

„Er wollte die Teilnehmerliste übergeben!“, ereiferte sich Ray.

„Und wenn schon, dazu ist es doch nicht mehr gekommen, oder?“

„Nein.“

„Na, also! Ich will, dass Trevellian bleibt. Es steht eine Menge Geld auf dem Spiel. Sag deinem Mann in Cleveland, dass er sich bereithalten soll. Es könnte ja eine Situation eintreten, in der wir ihn doch noch brauchen.“

„Gut.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.



14

Es war Nachmittag, als wir gerade die Abfahrt Clearfield mitten in Pennsylvania passierten und uns ein Anruf des Field Office erreichte.

Unser Kollege Max Carter aus dem Innendienst der Fahndungsabteilung war am Apparat. Da wir die Freisprechanlage eingeschaltet hatten, konnten wir beide mithören.

„Clement wurde tot aufgefunden!“, berichtete Max. „Man hat ihn in einem leeren Müllcontainer auf dem Firmengelände eines stillgelegten Chemieunternehmens gefunden. Glück für uns, dass sich gerade heute eine Entsorgungsfirma daran machte, die Abfälle einzusammeln und abzutransportieren, sonst hätte es noch ein Jahr dauern können, bis die Leiche gefunden worden wäre.“

„Dann ist Clement aufgeflogen“, stellte ich fest.

„Ja, das müssen wir annehmen“, bestätigte Max meine Befürchtung. „Ich nehme an, dass jemand ihm dabei auf die Schliche gekommen ist, als er die Teilnehmerliste an uns übergeben wollte.“

„Ich bezweifle inzwischen, dass er das jemals ernsthaft vorhatte!“, sagte Milo. „Es könnte genauso gut etwas anderes dahinter stecken.“

„Jedenfalls solltet ihr auf der Hut sein. Es kann sein, dass es bei der Ermordung von Clement gar nicht um euch ging – aber falls doch, könnte es sein, dass die andere Seite reinen Tisch machen will und ihr auch ins Visier geratet.“

„Warten wir es ab. Was ist mit dem Porsche 991 Turbo?“, fragte ich.

„Die State Police von Ohio hat einen Wagen dieses Typs gestoppt und die Papiere des Halters überprüft. Er war mehr als zwanzig Jahre zu alt, um Robert Dawn sein zu können. Definitiv.“

„Wo fand diese Kontrolle statt?“

„An einer Tankstelle an der Interstate 90, bei Painesville am Lake Erie, kurz vor Cleveland.“

„Das könnte von der Strecke her passen“, sagte Milo. „Dann wäre er weiter nördlich gestartet und würde dann in Cleveland auf unsere Strecke stoßen“, stellte Milo fest.

„Milo? Hast du nicht mitgekriegt, was ich gerade gesagt habe?“, fragte Max. „Der Mann war 67 Jahre alt. Zumindest nach den Angaben in seiner Fahrlizenz.“

„Gehörte ihm selbst der Wagen?“, fragte ich.

„Nein, der Wagen gehörte einem Bekannten. Aber die Kollegen haben dort angerufen und der Besitzer hat bestätigt, dass der Mann den Wagen mit Erlaubnis fuhr…“

„Mit Schminke und den Künsten eines Maskenbildners lässt sich eine Menge machen“, stellte Milo fest.

„Jetzt übertreib dein Misstrauen nicht“, riet Max ihm. „Der Mann schied definitiv aus. Aber wenn der nächste Porsche 911 Turbo euren Weg kreuzt und ich erfahre davon, dann werde ich es euch wissen lassen.“

Die Verbindung wurde beendet.

„Fang ich jetzt schon an, Gespenster zu sehen?“, fragte Milo.

„Mir kommt die Anzahl der Sportwagen, die uns auf der Interstate begegnen auch plötzlich unverhältnismäßig zahlreich vor!“, stellte ich fest.

Wir hatten uns an die beiden Ferraris drangehängt und ich sorgte immer dafür, dass der Abstand zu ihnen nicht zu groß wurde. Irgendeinen Maßstab brauchte man schließlich.

Plötzlich zog der Porsche mit den beiden jungen Kerlen an uns vorbei, der an der letzten Maut-Station von der Highway Patrol gestoppt worden war.

Überraschenderweise überholte er uns rechts auf dem Standstreifen. Ich schätzte Fahrer und Beifahrer auf maximal Mitte zwanzig.

„Irgendwelche Millionärssöhne, denen Daddy die Teilnahme an diesem Rennen zum Abschluss in Harvard oder Yale geschenkt hat“, kommentierte Milo die provozierenden Gesten der beiden. „Und jetzt fühlen sie sich groß, weil sie 500 PS unter der Haube haben!“

„So etwas nimmt man gelassen“, erwiderte ich.

Aber die beiden schienen aus irgendeinem Grund etwas gegen uns zu haben. Vielleicht machten sie uns aus irgendeinem Grund dafür verantwortlich, dass sie der Highway Patrol in die Arme gelaufen waren. Jedenfalls trat der Porschefahrer jetzt voll auf das Gaspedal. Zwischen drei und vier Sekunden brauchte ein Sportwagen dieser Klasse, um auf die Höchstzahl an Umdrehungen zu kommen. Er rauschte an uns vorbei, machte förmlich einen Satz. Dann schwenkte er nach links, setzte sich vor uns und bremste.

Ich trat notgedrungen in die Eisen, riss das Lenkrad herum und konnte nicht verhindern, dass der Sportwagen hinten etwas ausbrach. Er rutschte rechts an dem Porsche vorbei, der längst wieder gestartet war und jetzt auf die Überholspur ging.

Ein herannahender Mercedes musste ebenfalls stark abbremsen, blieb aber in der Spur.

„Hey, was war das denn!“, stieß Milo hervor.

„Ich nehme an, das hat der Kerl, von dem ich das GPS-Gerät bekommen habe gemeint, als er sagte, dass keine Regeln gelten würden!“

„Heften wir uns an seine Fersen!“, verlangte Milo.

„Du vergisst, dass der Einsatz unseres Rotlichts nicht in Frage kommt, Milo!“

Ich brachte den Sportwagen wieder in die Spur und beschleunigte. Der Motor heulte auf. Ein tiefes Brummen erfüllte den Innenraum.

Ich ging auf die Überholspur und zog an einem Van und einem Zwanzigtonner vorbei.

Der Porsche hatte unterdessen schon einen Vorsprung von ein paar hundert Metern.

Er war ebenfalls auf die rechte Spur gezogen und schickte sich gerade an, einen der beiden Ferraris zu überholen.

Es war der Gelbe.

Der Porsche schnitt ihm den Weg ab, sodass der gelbe Ferrari nach rechts ausweichen musste. Er geriet auf den Standstreifen, nahm einen Begrenzungspfahl mit, der sich unter dem Wagen verkeilte. Funken sprühten. Der gelbe Ferrari rutschte die an dieser Stelle mit einer Neigung von fast zwanzig Grad recht steile Böschung hinunter und landete im hohen Gras einer Wiese und schleuderte dabei einmal herum.

„Was sind das für Typen in dem Porsche?“, fragte Milo kopfschüttelnd. „Die müssen ja mit einer Killermentalität an dieses Rennen herangegangen sein!“

„Wahrscheinlich braucht man die, um hier gewinnen zu können!“, sagte ich.

Milo aktivierte den TFT-Bildschirm unseres Bordrechners.

Er gab das Kennzeichen ein und startete eine Halterabfrage. „Die Vermutung von den Millionärssöhnchen war gar nicht so falsch“, sagte er nach ein paar Augenblicken, in denen die Abfrage beantwortet wurde. „Der Halter des Wagens ist ein gewisser James Barrymore.“

„Sagt mir nichts.“

„Jedenfalls ist er mit 57 Jahren entschieden älter, als die beiden Milchbubis, die mit seinem Wagen durch die Gegend fahren.“ Über eine kurze Internetrecherche bekam Milo dann noch mehr heraus. „Sieh an, doch kein Millionär!“, stellte Milo dann fest. „James Barrymore ist Richter am Supreme Court und gilt dort als Verfechter erzkonservativer Werte. Er hat zwei Söhne, 22 und 24 Jahre.“

„Na, in dem Fall bezweifle ich, dass ihr Vater von der Teilnahme seiner Söhne am Northern Cannonball weiß“, erwiderte ich.

„Das kann man ja ändern“, meinte Milo und rief unser Field Office in New York an.

In der Zwischenzeit hatte der Porsche auch den roten Ferrari erreicht. Er drängte ihn zur Seite, aber der Ferrari-Fahrer wolle nicht klein bei geben. Beide Fahrzeuge touchierten sich. Funken sprühten und sowohl der Porsche als auch der Ferrari hatten Mühe, die Spur zu halten. Sie berührten sich erneut. Keiner wollte den anderen vorbeilassen.

„Max wird den Dad der beiden verhinderten Indianapolis-Sieger verständigen“, sagte Milo, nachdem er mit dem Field Office telefoniert hatte.

Ein drittes Mal berührten sich beide Fahrzeuge. Um ein Haar wäre der Porsche aus der Bahn geraten. Er schrammte über den Grünstreifen in der Mitte der Interstate – nur Zentimeter an der Leitplanke entfernt.

Ein Truck fuhr auf der rechten Fahrbahn seine gemächlichen 50 Meilen in der Stunde. Aus Sicht der beiden Sportwagen, die fast die dreifache Geschwindigkeit draufhatten, näherte sich der Zwanzigtonner wie rasend.

Der Ferrari versuchte daraufhin, an seinem Porsche-Konkurrenten vorbei zu kommen, ehe die Entfernung zum Truck zu gering wurde und der Zwanzigtonner ihn ausbremste.

Aber der Porsche ließ sich nicht überholen. Das Beschleunigungsvermögen beider Fahrzeuge war in etwa gleich.

Beide erreichten in weniger als dreieinhalb Sekunden ihre Höchstumdrehung.

Im letzten Moment riss der Ferrari-Fahrer das Lenkrad herum und überholte den Truck links.

Eine ganze Wagenlänge verlor er dadurch auf den Porsche, der auf der linken Spur ungehindert voranrasen konnte. Als der Ferrari den Truck hinter sich gelassen hatte und wieder auf die linke Spur eingeschwenkt war, beschleunigte er auf die Höchstgeschwindigkeit.

Er kam an den Porsche wieder heran, doch bevor der Ferrari links zu überholen vermochte, schnitt ihm der Porsche den Weg ab.

Die beiden Richtersöhne wollten offenbar wirklich um jeden Preis verhindern, dass der Ferrari sich ihnen vor die Nase setzte. Die Fahrzeuge touchierten sich mehrmals hintereinander. Der Porsche geriet aus der Bahn, schleuderte herum. Das Heck brach aus, schrammte gegen die Mittelleitplanke. Der Ferrari geriet ebenfalls ins Schleudern. Ein Reifen platzte. Flammen schlugen empor. Mit dem Heck nach vorne blieb der Ferrari auf der Bahn liegen.

Wir hatten inzwischen mit dem Sportwagen den Zwanzigtonner längst hinter uns gelassen. Jetzt musste ich den beiden Fahrzeugen ausweichen und eine Art Slalom zwischen ihnen hindurchfahren.

„Überlassen wir sie den Kollegen der Highway Patrol“, schlug ich vor.

Milo atmete tief durch und verfolgte im Rückspiegel an seiner Seite, was weiter geschah.

Die beiden Insassen des Ferrari stiegen aus und rannten zum Straßenrand. Der Zwanzigtonner näherte sich hupend und bremste quietschend. Aber zwanzig Tonnen ließen sich nicht einfach so stoppen. Er rutschte in den Ferrari hinein, schob ihn ein Stück vor sich her und kam dann erst zum stehen.

„Falls die Interstate 80 jetzt wegen Bergungsarbeiten in westliche Richtung gesperrt werden muss, dürfte das unsere Position im Rennen nur zu Gute kommen.“

„Milo!“, sagte ich tadelnd. „Bedenke, dass wir an diesem Rennen nur mit einem ganz klar umrissenen Auftrag teilnehmen – und nicht, um den anderen Teilnehmern zu zeigen, was eine Harke ist!“

„Und wer rast dann durch Pennsylvania, als wäre der Teufel hinter ihm her?“

Ich hob die Augenbrauen. „Es ist andersherum, Milo.“

„Wie soll ich das jetzt verstehen?“

„Nicht der Teufel ist hinter uns her, sondern wir vielleicht hinter dem Teufel.“

Milo begriff. „Du sprichst von diesem 911 Turbo-Fahrer mit grauen Schläfen, den die Kollegen der Highway Patrol bei Cleveland kontrolliert haben!“

„Genau“, nickte ich. „Stell dir vor, er ist es doch.“

„Dann bedeutet das, dass er verdammt gut im Rennen liegt...“

„…und uns durch die Lappen geht, wenn wir nicht etwas schneller sind“, ergänzte ich.

Milo schüttelte energisch den Kopf. Er fuhr sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. „Das Statement der Kollegen war doch eindeutig. Er war es einfach nicht, Jesse! Das ist eine fixe Idee von dir!“

„Vielleicht. Aber wenn nicht und dieser Robert Dawn geht uns am Ende durch die Lappen, dann könnte ich mir das nie verzeihen. Ein Killer wie der gehört einfach hinter Schloss und Riegel.“

Und damit ließ ich den Wagen noch etwas anziehen. Notfalls konnten wir den Kollegen ja unsere Dienstausweise zeigen, wenn man uns deswegen ins Visier nahm.



15

Unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina befanden sich in Alexander Jason Clements Penthouse. Die Durchsuchung der Wohnung des Opfers gehörte in jedem Mordfall zu den Standard-Prozeduren. Unterstützt wurden Clive und Orry dabei von unseren Erkennungsdienstlern Sam Folder und Mell Horster.

Außerdem war noch Jay Naismith dabei, ein Computerspezialist der Scientific Research Division, dem regulären Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten. Naismith hatte die Aufgabe, sich den Rechner vorzunehmen, der sich in Clements Penthouse befand.

„Was die moderne Telekommunikation angeht, hatte Mister Clement wirklich das Beste vom Besten“, lobte Naismith. „Allerdings hat er denselben Fehler gemacht wie die meisten!“

„Welchen?“, fragte Clive.

„Ein Passwort genommen, dass so einfach herauszufinden ist, dass der Begriff ‚knacken’ schon gar nicht mehr richtig passt. Zweiter Vorname und Geburtsdatum – das ist nun wirklich nicht sehr originell!“

„Hauptsache, Sie sind im System drin, Jay“, erwiderte Clive etwas gereizt.

Da die Telefonanlage über den Computer lief, ließ sich die Anrufliste normalerweise über ein paar Klicks mit Hilfe des Browsers anwählen.

Aber nachdem Naismith die ausgeführt hatte, seufzte er.

„Leider Fehlanzeige!“, murmelte er. „Clement war sehr vorsichtig. Entweder, er hat seine Festnetzanlage nie benutzt oder er hat die Anrufliste jedes Mal sorgfältig gelöscht, was durchaus möglich ist. Aber das finde ich heraus.“

„Wenn er wirklich so vorsichtig war, dann dürfte er Prepaid-Handys für die wirklich wichtigen Gespräche benutzt haben“, war Orry überzeugt.

Bei der Leiche war ein Handy gefunden worden. Aber das untersuchten gerade die Spezialisten der Scientific Research Division, wobei das Ergebnis wahrscheinlich etwas länger auf sich warten ließ.

Eine Kugel hatte das Gerät nämlich zertrümmert und es war fraglich, ob man die Daten noch lesen konnte.

Clives Handy klingelte.

Der zweite Mann im FBI Field Office New York griff in die Innentasche seiner Jacke und nahm das Handy ans Ohr.

Er war im nächsten Augenblick mit Dr. Brent Claus verbunden, der die Obduktion von Clements Leichnam durchgeführt hatte.

„Was können Sie uns sagen, Dr. Claus?“, fragte Clive.

„Im Wesentlichen das, was auch schon am Tatort erkennbar war. Der Mann hat mehrere Kugeln in Arme und Beine bekommen, ehe er von den tödlichen Schüssen getroffen wurde.“

„Er sollte also leiden“, vermutete Clive.

„Oder es wollte jemand etwas aus ihm herausquetschen“, setzte Dr. Claus den Akzent etwas anders. „Die Kugeln sind im ballistischen Labor. Die Tests werden wohl etwas länger brauchen als die Obduktion. Den schriftlichen Bericht haben Sie in zwei, drei Stunden. Je nachdem wie schnell unsere Schreibkraft den diktierten Bericht in den Computer getippt hat.“

„Schicken Sie mir eine Datei per Email ins Field Office, Dr. Claus.“

„Ja, in Ordnung.“

„Um auf den schriftlichen Bericht zu warten, haben wir nämlich keine Zeit.“

Clive beendete das Gespräch. Mell Horster kam unterdessen aus dem Bad. „Zumindest zeitweise muss hier eine Frau gelebt haben“, erklärte er. „Jedenfalls gibt es entsprechende Utensilien im Bad.“

„Eine Freundin, Lebensgefährtin, irgendetwas in der Art“, vermutete Clive.

„In den Kleiderschränken fanden sich jedoch keine Frauensachen“, ergänzte Sam Folder, der sich dort bereits umgesehen hatte. „Scheint also eine etwas lockere Beziehung gewesen zu sein.“

Etwas später suchte Clive den Schichtführer des privaten Security Service auf, der in dem Gebäude für die Sicherheit zu sorgen hatte.

Er hieß Damian McCorley und war sehr stolz darauf, dass der Sicherheitsstandard auf höchstem Niveau sei.

„Wir haben in allen Korridoren, im Foyer und in der Tiefgarage eine komplette Videoüberwachung. Außerdem elektronische Schlösser, die sofort Alarm auslösen, wenn sich jemand unsachgemäß an ihnen zu schaffen macht.“

„Mister Clement wurde ja auch nicht in seinem Penthouse ermordet“, erinnerte Clive sein Gegenüber, weil er das Gefühl hatte, dass McCorley sich irgendwie unter dem Zwang sah, sich rechtfertigen zu müssen. „Für uns wäre es einfach schon eine Hilfe, wenn wir wüssten, wann genau Mister Clement zum letzten Mal das Haus verlassen hat.“

„Das ist leicht feststellbar“, erklärte McCorley. „Na ja, leicht … Man muss ein bisschen Zeit mitbringen, um sich hier die Videosequenzen anzusehen.“

„Dann kommen Sie wahrscheinlich auch gar nicht dazu, das gesamte Videomaterial anzusehen“, stellte Clive Caravaggio fest.“

„Nein, dafür haben nicht das Personal“, gab McCorley zu. „Und ich gebe gerne zu, dass das der Schwachpunkt in unserem System ist.“

Es war immer dasselbe. Die inflationär verwendeten Kameras zeichneten Unmengen von Bildmaterial auf, aber das Personal, das diese Kameras eigentlich live überwachen sollte, war in den seltensten Fällen aufgestockt worden. Das Ergebnis war, dass die allgegenwärtigen Kameras in der Praxis kaum dazu beitrugen, ein Verbrechen zu verhindern, sondern nur, es anschließend aufzuklären.

So auch in diesem Fall.

Nach einer ziemlich langwierigen Suche im aufgezeichneten Wust der Videodaten, fand McCorley schließlich jene Sequenz, die das FBI interessierte.

Eine Kamera in der Tiefgarage hatte aufgezeichnet, wie Clement seinen Wagen bestieg. Wenige Augenblicke danach setzte sich ein Mann zu ihm in den Wagen. Von dem, was danach geschah, war nicht viel zu sehen, da sich das Wageninnere im Schatten befand und daher nicht richtig ausgeleuchtet wurde.

„Wenn Sie mich fragen, dann war das ein guter Bekannter“, glaubte McCorley.

„War dieser Mann schon einmal hier im Gebäude?“

„Mir ist er nie aufgefallen.“

„Vielleicht stoßen wir auf ihn, wenn wir sämtliche Videodaten durchsuchen.“

„Das kann lange dauern.“

„Ich weiß, deswegen möchte ich, dass unsere Spezialisten an der Federal Plaza das übernehmen. Stellen Sie uns bitte einen geeigneten Datenträger zur Verfügung. Falls das nicht möglich ist, wird jemand kommen, um die Daten aufzuzeichnen.“

„In Ordnung. Dann sollten Sie letzteres veranlassen“, erklärte McCorley.

Clive ließ die Sequenz mit dem Mann, der zu Clement in den Wagen stieg noch einmal zurückspulen. Es kam ihm seltsam vor, dass dieser Fremde Handschuh trug, obwohl es dazu nun wirklich nicht kalt genug war.

Tatsache blieb, dass Alexander Jason Clement später nicht wieder in seine Wohnung zurückgekehrt war.

„Ich brauche einen Ausdruck, der das Gesicht dieses Mannes gut wiedergibt“, erklärte Clive.

„Das lässt sich machen“, versicherte McCorley.

„Wer immer der Kerl auch sein mag, er wird eine Menge Fragen zu beantworten haben.“



16

Es hatte stark zu regnen begonnen, als wir die Grenze nach Ohio überschritten - wir blieben auf der Interstate 80, die an Cleveland und dem Erie See in Richtung Westen vorbeiführte. 209 Meilen durch Ohio lagen vor uns.

Bei Oak Harbour, kurz vor Toledo hielten wir an einer Tankstelle. Wir waren ziemlich schnell vorangekommen. Unterwegs waren uns immer wieder Sportwagen der unterschiedlichsten Fabrikate begegnet, bei denen ich mich jedes Mal fragte, ob es Teilnehmer des Northern Cannonball waren. Die Wahrscheinlichkeit war hoch.

„Wenn wir so weitermachen, stellen wir vielleicht noch einen Rekord auf“, meinte Milo. „Mal ehrlich, du solltest nicht vergessen, was unser Hauptziel bei diesem Einsatz ist: Robert Dawn zu fassen.“

„Das vergesse ich nicht.“

Ich stieg aus und tankte.

Milo vertrat sich etwas die Beine.

„Soll ich dich für eine Weile ablösen?“

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

Er zuckte mit den Schultern. „Hauptsache, du schläfst am Steuer nicht ein!“

Milo besorgte uns ein paar Snacks und bezahlte den Tank.

Wir wollten gerade weiterfahren, da brauste ein Porsche an die Zapfsäulen heran.

„Sieh an, ein 911 Turbo“, murmelte Milo zwischen den Zähnen hindurch. Der Fahrer stieg aus. Er war grauhaarig und wirkte wie Anfang sechzig. Es handelte sich um den Wagen, den die Highway Patrol bereits überprüft hatte. Die Nummer war dieselbe.

„Nun kannst du dich ja selbst davon überzeugen, dass der Kerl nicht mit Dawn identisch ist“, raunte Milo mir zu. „Davon abgesehen nimmt der wahrscheinlich noch nicht einmal an dem Rennen teil.“

„Wieso?“

„Na, dann wäre er längst auf und davon! Wir hätten ihn unmöglich so schnell einholen können. Sein Vorsprung war viel zu groß.“

„Es gab einen Unfall bei Cleveland mit einer Vollsperrung von fast zwei Stunden, Milo“, gab ich zu bedenken. Ich hatte das nebenbei im Radio gehört. Ein Maserati war in diesen Unfall verwickelt, und ich fragte mich, ob er auch etwas mit dem Northern Cannonball zu tun hatte. Es war anzunehmen.

Milo zuckte die Achseln und beobachtete, wie der grauhaarige Sechzigjährige den Tankdeckel seines Porsche abschraubte. „Aber er fährt allein, Jesse! Und davon abgesehen hat er nun wirklich überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Kerl, den wir auf den Fahndungsfotos gesehen haben.“

Wir stiegen ein und fuhren weiter. Milo hatte Recht. Wir machten uns nur verrückt und konzentrierten uns auf einen Mann, der vermutlich mit Robert Dawn nichts zu tun hatte.

Falls der Porschefahrer zusätzlich ein Cannonball-Teilnehmer war, sahen wir ihn mit Sicherheit wieder. Es gab keine Notwendigkeit, auf ihn zu warten.

„Weißt du was, du könntest mir einen Gefallen tun“, sagte ich, nachdem wir zwanzig Meilen gefahren waren. Inzwischen hatte die Dämmerung begonnen. Der Regen hatte sich in leichten Niesel verwandelt, der die Straßen glänzen ließ.

„Was für einen Gefallen?“, fragte Milo.

„Hol uns noch mal die Bilder von Dawn auf den Schirm.“

Milo seufzte. „Wenn du dir davon etwas versprichst!“

Wenig später erschienen auf dem TFT-Bildschirm die zwanzig Jahre alten Fotos von Robert Dawn. Daneben jene Bilder, die mit Hilfe eines Computerprogramms die Alterung simulierten, die inzwischen stattgefunden hatte, sodass man sich vorstellen konnte, wie Robert Dawn heute mit Anfang vierzig aussah.

„Niemand hat je simuliert, wie Robert Dawn mit Anfang sechzig aussieht!“, stellte ich fest.

Milo zuckte mit den Schultern. „Wozu auch?“, fragte er. „Schließlich ist Dawn ja auch nicht Anfang sechzig, oder? Warum sollte man so etwas also simulieren?“

„Vielleicht um zu sehen, wie es wirkt, wenn er sich alter Mann verkleidet hat und dabei einen geschickten Maskenbildner hatte.“

Milo verdrehte die Augen. „Es ist nicht zu fassen Jesse!“

Ich stellte inzwischen eine Verbindung zum Field Office New York her und hatte gleich darauf Max Carter am Apparat. Für die Dauer dieser Operation war Max mehr oder minder im Dauereinsatz. Ich vermutete, dass er sich ein Feldbett im Büro aufgestellt hatte.

Und Mr McKee war natürlich ebenfalls für die gesamte Dauer Nonstop ansprechbar.

„Hallo Jesse, ich kann euch leider noch keine Neuigkeiten mitteilen“, sagte Max. „Unsere Leute arbeiten daran, die Signale zu verfolgen, die mit eurem GPS-Sender per Satellit an diesen ominösen Ort gesandt werden, an dem angeblich das exklusive Wettpublikum den Stand des Rennens mitverfolgen kann. Ich kann euch ehrlich gesagt nicht erklären, was daran so schwierig ist, aber Tatsache ist, dass wir bis jetzt nur den Satelliten haben…“

Zusammenfassung

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Diese Ebook beinhaltet folgende Krimis:

Was bleibt, ist das Verbrechen von Horst Bieber

Wettlauf mit dem Killer - von Alfred Bekker

Striptease für den großen Boss von A. F. Morland

Ein todsicherer Coup von Pete Hackett

Die Farm des Schreckens von Pete Hackett

Rächer ohne Namen von Thomas West

Die Gen-Bombe von Alfred Bekker

Die Angst geht um in der Paracelsus-Klinik von A. F. Morland

Ahnengeister - von Alfred Bekker

Der finale Absturz - von Alfred Bekker

Mein Freund, der Mörder - von Cedric Balmore

Böse Kollegen - von Alfred Bekker

Wenn ich sterbe, stirbst du auch - von Cedric Balmore

Kubinke und der Sturm - von Alfred Bekker

Details

Seiten
1300
ISBN (eBook)
9783738955866
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
morde september krimi paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Horst Bieber (Autor:in)

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Thomas West (Autor:in)

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Titel: Die besten 14 Morde im September 2021: Krimi Paket