Lade Inhalt...

Krimi Paket 12 Super September Thriller 2021

von Alfred Bekker (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in)
2021 1499 Seiten

Leseprobe

Krimi Paket 12 Super September Thriller 2021

Alfred Bekker, Horst Friedrichs, A.F.Morland

Dieser Band enthält folgende Krimis:



Alfred Bekker: Ein Killer läuft Amok

Alfred Bekker: Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Horst Friedrichs: Trevellian und der Tod im Haus

Horst Friedrichs: Trevellian und der schweigende Tod

Horst Friedrichs: Trevellian - Wer überlebt, bestimmt der Boss

Horst Friedrichs: Trevellian, Blues und blaue Bohnen

Horst Friedrichs: Trevellian gegen den programmierten Tod

Alfred Bekker: Toter Killer

Alfred Bekker: Ein Ermordeter taucht unter

Alfred Bekker: Der Killer wartet

A.F.Morland: Ein Grab in Wien

A.F.Morland: Angst bei der CIA



Jemand hat einen Entschluss gefasst und lebt nur noch für den einen Gedanken: Rache! Ein altes Unrecht muss gesühnt werden und ein perfider Plan wird in grausame Taten umgesetzt. Eine Serie von Morden versetzt New York in Angst und Schrecken und die Ermittler folgen der Blutspur durch Manhattan...





Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/

Ein Killer läuft Amok

von Alfred Bekker




Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.


Ein bis dahin friedliebender Mann läuft Amok - und Privatdetektiv Bount Reiniger muss einen Mörder entlasten!


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Vielleicht wusste der Mann nicht wirklich, was er tat. Aber das machte die Sache nicht weniger schlimm. Brannigan hielt die automatische Pistole in seiner Rechten krampfhaft umklammert. Sein Blick war starr, sein Gesicht rot angelaufen und seltsam verkrampft. Die Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. Der Arm mit der Pistole hob sich und als dann der erste Schuss krachte, stoben die Passanten schreiend auseinander. Panik griff um sich, während jemand getroffen zu Boden sank. Der Mann presste die Hände gegen die Brust, aber das Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Der Mann blickte ungläubig zu Brannigan auf, der für einen Augenblick innehielt. Dann brach der Mann zusammen, schlug hart auf den Asphalt und regte sich nicht mehr. Brannigan wirbelte herum. Er hörte die Schreie. Die Stimmen drohten, ihn halb wahnsinnig zu machen.

"Ein Verrückter!", rief jemand. "Ein Irrer!" Dann taumelte Brannigan vorwärts. Ein zweiter Schuss löste sich aus seiner Pistole und dann ein dritter. Nur am Rande nahm Brannigan war, wie jemand getroffen nach hinten gerissen und durch die Wucht des Projektils gegen ein Schaufenster geschleudert wurde. Das Glas ging klirrend entzwei. Brannigan beschleunigte seine Schritte. Er wirbelte herum. Er wusste nicht, wohin er eigentlich wollte. Dunkel erinnerte er sich, gerade noch hinter dem Steuer seines Wagens gesessen zu haben. Und jetzt war er in dieser belebten Einkaufsstraße, umgeben von Menschen, die versuchten, sich vor ihm in Sicherheit zu bringen. Brannigan fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen. Er hatte Angst. Namenloses Entsetzen kroch ihm wie eine kalte, glitschige Hand den Rücken hinauf.

Er hörte eine Stimme, schnellte herum, sah eine Gestalt und feuerte sofort, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern. Immer wieder betätigte er den Abzug. Die Gestalt, die er gesehen hatte, gehörte einem Mann in den Fünfzigern, der gerade in seinen Wagen hatte einsteigen wollen. Schützend hatte der Mann seinen Aktenkoffer hochgerissen, aber das hatte ihm nichts genützt. Die erste Pistolenkugel war glatt durch das harte Kunststoffmaterial hindurchgeschlagen und in seinen Oberkörper eingedrungen. Der Mann war längst tot, aber Brannigan feuerte noch immer. Er war wie besessen und konnte einfach nicht aufhören. Auch nicht, als zwei weitere Passanten getroffen aufschrien. Als Brannigan sich dann herumdrehte, sah er in ein schreckensbleiches Gesicht, das nur stumm den Kopf schüttelte. Ein vielleicht fünfzehnjähriger Junge in Jeans und Turnschuhen, der unwillkürlich erstarrt war, als er in die Pistolenmündung blickte.

"Nein", flüsterte der Junge und schien dabei unfähig zu sein, sich zu bewegen. Brannigan drückte sofort ab.

Glücklicherweise traf er nicht richtig. Die Kugel fuhr dem Jungen in die Schulter.

"Stehenbleiben! Keine Bewegung!", rief eine Stimme, die wie ein Messer in Brannigans Bewusstsein drang und ihn sich erneut herumdrehen ließ. Der Junge nutzte das. Die Lähmung, die ihn noch eine Sekunde zuvor gefangen gehalten hatte, schien wie weggeblasen zu sein. Er rannte um sein Leben und flüchtete in einen Kaufhauseingang. Brannigan sah indessen die dunkelblaue Uniform eines Polizisten, der seine Dienstwaffe aus dem Holster gerissen und auf den Amokläufer gerichtet hatte.

"Ich sagte, Sie sollen die Waffe fallen lassen!", rief der Polizist, der sichtlich nervös war. "Ich will Sie nicht erschießen, aber ich werde es tun, wenn Sie mich dazu zwingen!" Es war Brannigan nicht anzusehen, ob er sein Gegenüber überhaupt verstanden hatte.

Eine volle Sekunde lang geschah überhaupt nichts. Brannigan stand einfach nur da, aber er warf seine Waffe nicht weg.

Niemand wird mich kriegen!, durchzuckte es ihn heiß. Niemand! Nicht noch einmal!

Dieser Gedanke hämmerte immer wieder in seinem Kopf. Brannigan schluckte. Er dachte an damals. Aber es würde sich nicht wiederholen. Nie wieder. Dafür würde er sorgen. Und dann riss er urplötzlich seine Waffe hoch und feuerte. Der Polizist schoss annähernd gleichzeitig und traf Brannigan im Oberkörper. Brannigan wurde nach hinten gerissen, ein weiterer Schuss löste sich aus seiner Waffe und traf einen Passanten in den Rücken, der sich gerade in Sicherheit bringen wollte.

Brannigan taumelte, schaffte es aber bis zu einer Parkuhr, an der er sich aufstützte. Den Polizisten hatte es am Bein erwischt und so lag dieser mit grimmig verzerrtem Gesicht auf dem Asphalt, den 38er Revolver immer noch in der Rechten. Brannigan ächzte. Er fühlte den Schmerz an seiner Seite und presste die Linke dagegen. Er blickte nicht hinab. Stattdessen hob er erneut die Pistole und ließ seinem uniformierten Gegenüber keine andere Wahl.

Bevor Brannigan abdrücken konnte, hatte eine weitere Kugel ihn getroffen und dann noch eine. Er schlug rückwärts gegen einen parkenden Wagen und rutschte an dem glatten Blech zu Boden. Die Pistole hielt er immer noch fest umklammert, auch dann noch, als seine Augen schon erstarrt ins Nichts blickten.



2

Bount Reiniger war ziemlich guter Laune, als er die Räume seiner Agentur betrat, die in einer Traumetage am nördlichen Ende der Seventh Avenue gelegen war. Bount Reiniger war so etwas wie die Nummer eins unter den New Yorker Privatdetektiven. Und so war er bei der Erstellung eines neuen Sicherheitskonzepts hinzugezogen worden, das eine Kette von Juweliergeschäften für ihre an der gesamten Ostküste verstreuten Filialen einführen wollte. Keine aufregende Tätigkeit, dafür ziemlich zeitraubend und arbeitsintensiv. Doch dafür stimmte das Honorar. Bount hatte den Scheck in der Jackett-Innentasche.

Als seine blondmähnige Assistentin June March ihn begrüßte, zog er das Papier grinsend hervor und zeigte es ihr.

"Na, der Stress scheint sich ja gelohnt zu haben!", meinte June dazu und fügte dann noch lächelnd hinzu: "Über eine Erhöhung meiner Bezüge mit dir zu reden dürfte jetzt wohl reine Formsache sein, nehme ich an..."

Bount hob die Augenbrauen.

"Nach diesem dicken Fisch kannst du von Glück sagen, wenn ich mich nicht plötzlich dazu entschließe, die Agentur einfach dicht zu machen, um..."

"...dich zur Ruhe zu setzen?" June stemmte ihre schlanken Arme in die wohlgeformten Hüften und lache dann laut los.

"Warum nicht?", fragte Bount. "Was ist so abwegig daran?"

"Nichts als leere Drohungen! Wir wissen beide, dass du das nie tun würdest!"

Bount zuckte die Achseln. "Vermutlich hast du recht."

"Natürlich habe ich das!"

"Aber für heute finde ich, sollten wir Schluss machen." Doch June schüttelte entschieden den Kopf. "Ich fürchte, daraus wird nichts, Bount."

"Und warum nicht? Soweit ich weiß, habe ich heute keine Termine mehr. Es gibt auch keinen Fall, an dem..."

"Vielleicht doch, Bount."

Bount runzelte die Stirn. Er löste den ersten Hemdknopf und lockerte den Krawattenknoten ein Stück. "Was soll das heißen?", fragte er gleichzeitig.

"In deinem Büro sitzt eine Frau, die ganz so aussieht, als würde sie unsere nächste Klientin. Sie wartet schon eine halbe Stunde..."

"Du hättest ihr einen anderen Termin geben können."

"Natürlich, Bount. Aber sie machte mir einen so niedergeschlagenen Eindruck, dass ich mir dachte, dass ihre Sache wohl nicht länger warten kann."

Bount seufzte. Wann hatte es schon je einen Klienten gegeben, der freudestrahlend im Büro eines Privatdetektivs saß und mit sich und der Welt zufrieden war?

"Hat die Dame dir schon gesagt, worum es geht?"

"Nur, dass ihr Lebensgefährte erschossen wurde. Aber nichts weiter. Sie brach gleich in Tränen aus. Sei also nett zu ihr."

"Sicher."

Als Bount dann einen Moment später sein Büro betrat, saß dort eine gutaussehende Dunkelhaarige, deren verlaufenes Make-up für sich sprach. Bount reichte ihr die Hand und sie nickte. Sie brauchte eine Sekunde, um etwas herauszubringen. Ein Kloß schien ihr im Hals zu sitzen.

"Sie sind Reiniger?"

"Ja."

"Geld spielt keine Rolle", sagte sie und zuckte dann ihre schmalen Schultern. "Oder besser gesagt: fast keine. Ich habe einiges auf der hohen Kante und..."

"Vielleicht sagen Sie mir erst einmal, wer Sie sind und worum es geht, Miss..."

"Carter, Joanne Carter."

Bount nahm in dem Sessel hinter dem Schreibtisch Platz und lehnte sich etwas zurück, während er sein Gegenüber einer knappen Musterung unterzog. Diese Frau schien noch ganz unter einer Art Schock zu stehen und war deshalb wohl etwas durcheinander. Was immer es auch gewesen war, das ihr so zugesetzt hatte - es konnte keine Kleinigkeit sein.

"Meine Mitarbeiterin hat mir gesagt, dass man Ihren Lebensgefährten erschossen hat", begann Bount, nachdem er bemerkte, dass es Joanne Carter schwer fiel, über die Sache zu sprechen und den richtigen Anfang zu finden.

Sie nickte. "So ist es", meinte sie. "Sein Name ist Walt Brannigan. Und der Mann, der ihn erschossen hat, war Polizist und hat selbst eine Kugel ins Bein gekriegt..." Sie atmete tief durch und Bount begann zu dämmern, um welche Sache es sich hier drehte. Indessen hob Joanne den Kopf und sah den Privatdetektiv offen an. "Vielleicht haben Sie in der Zeitung von der Sache gelesen. Walt hat in einer belebten Geschäftspassage wild um sich geschossen und dabei insgesamt fünf Menschen erschossen..."

Bount beugte sich etwas nach vorne.

"Sie meinen..."

"Er ist Amok gelaufen, dass wollten Sie doch sagen, nicht wahr? Ein Verrückter, der wild um sich ballert, der in seiner Verzweiflung oder seinem Wahn oder aus welchen Gründen auch immer so viele Menschen wie möglich mit sich in den Tod zu reißen sucht!" Sie wischte die Träne hastig beiseite, die sich unmerklich auf ihre Wange gestohlen hatte.

"Ich habe von der Sache tatsächlich gehört", meinte Bount.

"Und soweit ich weiß, hatte der Polizist wohl keine andere Wahl..."

Sie nickte. "Ja, so denken alle darüber. Polizei, Staatsanwaltschaft, Presse und so weiter."

"Und was ist falsch daran?"

Sie schluckte. "Vielleicht nichts", murmelte sie dann. "Ich weiß selbst schon nicht mehr, was ich darüber denken soll. Ich weiß nur eins: Es gibt keinen Grund, weshalb Walt auf die Straße gehen und wahllos Menschen erschießen sollte!" Bount zuckte die Achseln. "Aber er hat es doch getan, oder? Aus welchem Grund auch immer..."

Sie hob den Kopf und schien sich ihrer Sache auf einmal sehr sicher zu sein. "Walt und ich leben zusammen. Wahrscheinlich kennt ihn niemand besser als ich. Und ich sage Ihnen, die Vorstellung ist völlig absurd."

Bount musterte sie. Was sollte er dazu sagen? Es schien ihm, als wollte die Frau einfach die Realitäten nicht anerkennen. Walt Brannigan wäre nicht der erste Amokschütze gewesen, der seiner engsten Umgebung als völlig normal erschienen war. Bis zu dem bestimmten Tag, an dem es geschah.

"Sehen Sie, Miss Carter, man kann in den Kopf eines Menschen nicht hineinschauen. Und in den eines Toten schon gar nicht. Ich weiß nicht, warum Ihr Freund das getan hat - und wahrscheinlich wird es man es auch nie mehr erfahren."

"Er war Mitarbeiter eines erfolgreichen Ingenieurbüros. Ein erfolgreicher, dynamischer Mann. Er war gesund, er hatte eine glückliche Kindheit auf dem Lande und mit uns beiden lief es auch sehr gut. Sagen Sie mir, weshalb ein Mann durchdreht, in dessen Leben doch wirklich alles zu funktionieren scheint! Selbst sein Ferrari war abbezahlt!"

Bount überlegte. So, wie sie das sagte, klang das tatsächlich ein bisschen merkwürdig. Aber wahrscheinlich lag es einfach nur daran, dass sie beide zu wenig über Brannigan wussten. Bount fragte sich, wie er ihr schonend beibringen konnte, dass er wahrscheinlich nicht der richtige Mann für ihre Angelegenheit war. Vermutlich wandte sie sich besser an einen Psychologen.

Aber als er sie da so sitzen sah, brachte er es nicht über sich. Und so fragte er: "Vielleicht sagen Sie mir einfach mal, was ich für Sie tun soll und ich sage Ihnen dann, ob es im Bereich meiner Möglichkeiten liegt!"

Sie nickte. "Okay", meinte sie und versuchte ein Lächeln, das ihr aber gründlich misslang. Die innere Anspannung war ihr nach wie vor deutlich anzusehen. "Ich will, dass Sie herausfinden, was wirklich geschehen ist."

"Das steht doch sicher im Polizeibericht - und in etwas öffentlichkeitswirksamerer Form in den Zeitungsartikeln. Ich weiß nicht, was meine Nachforschungen da noch sollen."

"Ich möchte wissen, was wirklich geschehen ist, Mister Reiniger. Das Ende der Geschichte, das steht im Polizeibericht, aber so etwas geschieht nicht aus heiterem Himmel! Das kann mir niemand erzählen!" Sie hielt einen Moment lang inne und der Blick ihrer dunklen Augen ruhte auf Bounts Gesicht.

"Werden Sie die Sache übernehmen? Wie gesagt: Ich bin bereit, tief in die Tasche zu greifen! Aber das ist es mir wert!"

"Ich kann Ihnen nichts versprechen, Miss Carter."

"Das weiß ich. Trotzdem, versuchen Sie etwas herauszufinden."

Bount nickte. Und damit hatte er sich entschieden. Er war sich nicht sicher, ob er diese Entscheidung nicht bald schon wieder bereuen würde. Jedenfalls hatte ein flaues Gefühl dabei.

"Hat Walt Brannigan vielleicht Drogen genommen?"

"Nein."

"Niemals?"

"Niemals. Ich hätte das gemerkt."

"Auch nicht irgendwelche Aufputscher, um mehr Leistung zu bringen? Sie sagten, er war sehr erfolgreich. Manchmal..."

"Nicht Walt!", schnitt sie Bount das Wort ab.

"Haben Sie sonst irgendeinen Verdacht? Dann sagen Sie ihn mir am besten gleich."

"Nein."

"Ich nehme an, die Leiche ist obduziert worden?"

"Ja, aber was sollte man außer den Kugeln, die Walt getötet haben, noch finden?"

Bount zuckte die Schultern. "Das hängt immer ein bisschen davon ab, wonach man sucht!"

"Davon verstehe ich nichts."

"Wenn Sie mir noch Ihre eigene Adresse und die des Ingenieurbüros geben könnten, bei dem Walt Brannigan beschäftigt war."

"Natürlich."

Bount reichte ihr Zettel und Kugelschreiber. Während sie schrieb, fragte er dann: "Woher kam die Waffe, mit der Ihr Freund herumgeballert hat?"

"Er hatte sie immer im Handschuhfach."

"Weswegen? Wurde er bedroht?"

Sie zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht. Aber ist das heutzutTage so ungewöhnlich? Die einen haben abgezählte dreißig Dollar in der Tasche, um bei einem Überfall nicht die ganze Brieftasche abliefern zu müssen, andere tragen Reizgas bei sich oder besuchen Kurse in Selbstverteidigung."

"Und Walt Brannigan hatte eben eine Pistole, meinen Sie."

"Ja."

"Hat er sie zuvor schon einmal gebraucht?"

"Nein, nie."

"Sind Sie sicher?"

"Ich bin sicher. Sie lag immer nur im Handschuhfach. Ich habe sie einmal per Zufall dort gesehen. Das war noch ganz zu Anfang, als wir uns kennenlernten."

"Die Waffe war immer geladen?"

"Das weiß ich nicht."

Bount nickte. "Gut", meinte er. "Ich werde versuchen, etwas herauszufinden. Vielleicht überlegen Sie sich noch einmal, ob Sie Ihr Geld wirklich zum Fenster herausschmeißen wollen oder..."

"Glauben Sie mir, ich weiß, was ich tue!", erwiderte sie bestimmt.

"Okay."

Sie erhob sich. "Ich werde mich bei Ihnen melden, Mister Reiniger!"



3

"Besonders aufschlussreich ist der Untersuchungsbefund von Brannigans Leiche ja nicht gerade...", meinte Bount an Captain Toby Rogers gewandt, während er die entsprechende Mappe auf den Tisch legte. "Warum hat man keine weitergehenden Analysen angestellt?"

Der korpulente Rogers war Leiter der Mordkommission Manhattan C/II und seit vielen Jahren Reinigers Freund. Rogers verschluckte sich fast an seinem Kaffee und blickte den Privatdetektiv stirnrunzelnd an.

"Soll das etwa Kritik sein?"

"Nur eine Frage unter Freunden, Toby!"

Der Captain atmete tief durch und meinte dann: "Der Arzt meinte, dass das nicht notwendig sei. Und der Staatsanwalt war derselben Meinung. Die Sache liegt doch so glasklar auf der Hand, wie nur irgendetwas!"

"Erzähl mal."

"Er hatte keinen Alkohol im Blut und es gibt keine Indizien, die dafür sprechen, dass er drogensüchtig war. Warum sollte man ihn dann auseinanderschneiden?"

"Mag sein, Toby."

"Was soll der ganze Aufstand eigentlich, Bount? Ein Mann ist durchgedreht, das kommt öfter vor!"

"Seine Lebensgefährtin glaubt nicht daran."

"Wundert dich das?"

"Ein Mann, für den alles gut läuft, der erfolgreich im Beruf ist und in einer harmonischen Zweierbeziehung lebt - weshalb geht der auf die Straße und schießt wild um sich? Findest du das nicht ein bisschen seltsam?"

Rogers lachte heiser. "Ich bin zu lange in dem Job, um so etwas noch seltsam zu finden, Bount!"

"Du könntest veranlassen, dass Brannigans Leiche noch einmal untersucht wird."

"Und wonach soll man suchen?"

Bount hob die Schultern. "Bin ich Arzt?" Rogers erhob sich und kam auf die andere Seite seines Schreibtischs. "Hör zu, Bount, ich will dir mal ein paar Dinge über Brannigan erzählen!"

"Ich bin gespannt!"

"Sein Leben war keineswegs so glatt, wie diese Joanne Carter dir vielleicht glauben machen wollte." Der Captain zuckte mit den breiten Schultern. "Wahrscheinlich wusste sie es auch nicht besser. Sie kannte ihn ja kaum anderthalb Jahre..." Bount hob die Augenbrauen. "Und was zum Beispiel wusste sie nicht?"

"Zum Beispiel, dass es vielleicht nicht das erste Mal war, dass Walt Brannigan durchdrehte."

"Wovon sprichst du, Toby?"

"Von einer Vergewaltigungsgeschichte, ist gut zweieinhalb Jahre her. Es war wohl nur ein Versuch, die Frau konnte sich in Sicherheit bringen."

"Wer war die Frau?"

"Nora Gaynor, eine Kollegin aus dem Ingenieurbüro, in dem Walt Brannigan tätig war." Rogers hob die Schultern. "Die Sache ist im Sand verlaufen. Du weißt ja, wie das ist, wenn Aussage gegen Aussage steht und nichts Handfestes vorhanden ist, das irgendetwas beweisen könnte."

Bount machte eine hilflose Geste. "Vielleicht hast du recht und ich jage einer Fata Morgana hinterher."

"Bestimmt. Und da ist übrigens noch etwas! Brannigan nahm seit einem halben Jahr Therapiestunden bei einem Psychologen."

"Weswegen?"

"Anfänge von Paranoia, Bount. Verfolgungswahn."

"Deshalb die Pistole!"

"So ist es. Er hatte sie immer im Handschuhfach liegen."

"Nahm er Medikamente?"

"Ja, Beruhigungsmittel. Aber nur in den Mengen, die ihm der Arzt verschrieben hat." Rogers seufzte. "Die Sache ist abgeschlossen, Bount. Und ich habe nicht die Absicht, den Aktendeckel noch einmal zu öffnen."

"Und eine weitere Untersuchung?"

"Wird es nicht geben. Die Leiche ist frei!"

"Liegt sie noch im Leichenschauhaus?"

"Ja, und wartet darauf, dass sie jemand abholt, um sie zu beerdigen. Warum bohrst du so hartnäckig in der Sache herum, Bount? Was glaubst du, könnte eine weitere Untersuchung bringen?"

Bount zuckte die Achseln. "Was weiß ich! Hinterher ist man immer schlauer! Aber stell dir mal vor, jemand hätte Brannigan etwas eingeflößt..."

"Etwas, dass ihn so wild macht, dass er um sich schießt? Brannigan war so gut wie abstinent! Die einzige Droge, die er in großen Mengen konsumierte, war Kaffee!"

"Und wenn es etwas war, wonach man nicht gesucht hat?" Rogers machte eine wegwerfende Handbewegung. "Komm schon, jetzt fängst du an, dich lächerlich zu machen Bount! Bei aller Freundschaft!"

Bount lächelte dünn. "Ich weiß, Toby. Aber will diese Möglichkeit zumindest sicher ausschließen können, verstehst du?"

Rogers stellte geräuschvoll die Kaffeetasse auf den Tisch und schüttelte dann energisch den Kopf. "Ich kann die Sache nicht noch mal aufrollen und für eine Obduktion sorgen, nur weil eine Klientin von dir irgendeinen vagen Verdacht hat oder sich nicht erklären kann, wie aus dem netten, dynamischen Mann an ihrer Seite plötzlich ein Monster wird! Das ist ihr Problem und damit muss sie - fürchte ich - auch ganz allein fertig werden!"



4

Joanne Carter bewohnte eine sicher nicht billige Wohnung in Midtown Manhattan. An der Tür war noch immer auch Walt Brannigans Name zu sehen. Wahrscheinlich hatte sie es einfach noch nicht übers Herz gebracht, das Schild abzunehmen. Als sie Bount Reiniger die Tür öffnete, schien sie im ersten Moment ein wenig verwundert zu sein.

"Sie, Mister Reiniger?"

"Ich dachte, ich schau mir mal, wie Walt Brannigan gelebt hat!"

"Kommen Sie herein!"

Bount nickte und trat in eine sachlich und sehr modern eingerichtete Wohnung.

"Was machen Sie eigentlich beruflich?"

"Ich habe einen Job in einem Makler-Büro."

"Immobilien?"

"Ja."

Bount sah sie an und meinte dann: "Ich will ganz offen sein: Bis jetzt habe noch nicht viel herausfinden können." Sie zuckte mit den Schultern. "Das wäre wohl auch etwas zuviel verlangt."

"Die Leiche ist freigegeben. Wenn Sie wollen, dann gebe ich Ihnen die Adresse eines Bekannten, der früher bei der Gerichtsmedizin war und sich dann selbstständig gemacht hat." Bount zuckte die Achseln. "Ich habe schon ab und zu mit ihm zusammengearbeitet. Wenn wirklich etwas medizinisch Greifbares übersehen wurde, das die plötzliche Wandlung Ihres Freundes erklären könnte, dann wird er es finden! Von Polizei und Staatsanwaltschaft ist in der Hinsicht wohl nichts mehr zu erwarten. Der Fall gilt als abgeschlossen, und solange nicht neue Indizien vorgelegt werden, kann auch mein Freund Rogers von der Mordkommission da nichts machen."

Sie nickte. "Gut", meinte sie.

"Hat Brannigan noch Angehörige?"

"Nur seine Mutter, soweit ich weiß. Sie wohnt in Queens."

"Das ist ja sozusagen gleich um die Ecke. Kennen Sie sie?"

"Ja, wir verstehen uns großartig."

"Das ist gut. Reden Sie mit ihr, denn sie wird ein Wörtchen mitzureden haben, was die Leiche Ihres Freundes angeht. Wenn Sie beide verheiratet gewesen wären, wäre das etwas unkomplizierter."

"Das wird schon klappen", meinte sie zuversichtlich.

"Ich würde gerne Brannigans persönliche Sachen ansehen. Er wohnte hier zusammen mit Ihnen, nicht wahr?"

"Ja." Sie bewegte den Kopf ein wenig zur Seite. "Kommen Sie mit, Mister Reiniger. Das meiste, was Sie hier sehen, stammt von ihm. Er hat hier zuvor allein gelebt. Ich bin zu ihm gezogen, verstehen Sie?" Sie führte Bount zu Brannigans Schreibtisch. "Ich habe alles so gelassen", meinte sie.

"Hat sich die Polizei das angesehen?"

"Ja."

"Ist etwas mitgenommen worden?"

"Nein. Mit Ausnahme einer Packung Beruhigungspillen und dem dazugehörigen Rezept."

"Die Schublade hier ist abgeschlossen", stellte Bount fest.

"Haben Sie den Schlüssel?"

Sie nickte. Dann drehte sie sich um und ging.

Währenddessen wandte sich Bount dem Büroschrank zu, der nicht abgeschlossen war. Er bestand aus metallenen Laden, in denen jeweils Dutzende von Hängemappen zu finden waren. Es schien sich dabei vorwiegend um technische Zeichnungen und Entwürfe zu handeln. Dazu Notizen und Berechnungen. Für jemanden, der nichts davon verstand, wirkte das wie Chinesisch.

Bount öffnete die nächste Lade und schaute flüchtig in die Hängemappen. Eine war voll mit Quittungen, die Brannigan vermutlich für die Steuer gesammelt hatte, eine andere enthielt aus Zeitschriften herausgerissene Kochrezepte. Mitten dazwischen lag ein aufgeschlagenes Buch, in dem Brannigan offenbar sehr intensiv gelesen hatte. Jedenfalls waren Passagen mit einem grellgrünen Textmarker gekennzeichnet. Bount nahm das Buch heraus und warf einen Blick auf den nach hinten geknickten Umschlag. Angstneurosen - Ursachen, Diagnose und Therapie lautete der Titel. Offenbar ein populärwissenschaftlicher Taschenbuch-Ratgeber.

Indessen war Joanne mit dem Schlüssel zurück und gab ihn Bount. Der Privatdetektiv gab ihr dafür das Buch. "Walt Brannigan hatte psychische Probleme, nicht wahr?" Sie sagte nichts. Sie nahm das Buch an sich, ohne einen Blick darauf zu werfen und nickte dann.

"Ja."

"Er war in Therapie. Ich nehme an, Sie wussten das."

"Wenn ich es Ihnen gesagt hätte, hätten Sie den Fall nicht übernommen, Mister Reiniger! Dann wäre die Sache für Sie genauso klar gewesen, wie für die Polizei!"

Bount zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich haben Sie recht! Und vielleicht ist es noch nicht zu spät, um die Sache aufzugeben!"

"Mister Reiniger! Nur, weil jemand ein paar Probleme hat, muss er noch lange nicht zu einem Killer werden, der ohne jeden Grund auf irgendwelche Menschen schießt!"

"Paranoia ist nicht irgendein kleines Problem, Miss Carter!"

"Ich weiß. Aber Walt war nicht verrückt!" Sie seufzte. "Wie soll ich es Ihnen nur erklären?", stieß sie dann hervor. Unterdessen öffnete Bount die Schublade. "Walts Ängste hatten einen realen Hintergrund", erklärte Joanne Carter dann. Bount zog die Augenbrauen in die Höhe. "Ach, ja?"

"Vor acht Jahren ist Walt auf offener Straße überfallen worden. Er war zusammen mit einem Freund unterwegs, der dabei ums Leben kam. Die Mugger glaubten wohl, dass er irgendeinen Trick versuchen wollte und haben drauflos geschossen."

"Sie kennen die Geschichte nur aus Brannigans Erzählung, nehme ich an..."

"Was wollen Sie damit sagen? Es war ein traumatisches Erlebnis und seitdem hatte er auch die Waffe bei sich." Sie zuckte die Achseln. "Wir haben nicht oft darüber gesprochen. Es war Walt unangenehm und ich wollte nicht in der Wunde herumbohren."

"Bei wem war er in Therapie?"

"Bei einem gewissen Dr. Stanley. Aaron Stanley, glaube ich."

"Wenn Sie noch etwas wissen, erzählen Sie es mir besser. Von diesem Dr. Stanley werde ich es kaum erfahren. Der wird sich auf seine Schweigepflicht berufen!"

Sie nickte.

Bount sah sich den Inhalt der Schublade an. Er fand eine Straßenkarte von Vermont und einige zusammengerollte Bilder. Aquarelle und Kohlezeichnungen in verschiedenen Formaten. Bount zeigte Miss Carter die Blätter. "Kennen Sie die?"

"Nein. Ich wusste gar nicht, dass er sich künstlerisch betätigte."

"Die Sachen sind datiert... Ungefähr jede Woche eins."

"Ich schätze, dass er sie während seiner wöchentlichen Therapie-Sitzungen gemalt hat", meldete sich nun Joanne zu Wort.

"Haben Sie nie mit ihm darüber gesprochen, was dort ablief?"

"Nein. Und das ist jetzt die Wahrheit. Er meinte, dass das allein seine Sache sei und er damit fertig werden müsste." Einige der Bilder zeigten offenbar die Szene des Überfalls. Der tote Freund, die Mugger. Es war alles deutlich zu sehen. Dann nahm sich Bount die Karte von Vermont vor. Eine Stelle war markiert.

"Was könnte das zu bedeuten haben?", fragte Bount.

"Keine Ahnung", kam die Antwort. "Vor ein paar Wochen war Walt mal in Vermont. Ich glaube, das muss etwas mit seiner Arbeit zu tun haben. Aber über den Job haben wir nie gesprochen. Das eine feste Regel in unserer Beziehung." Zum Teufel mit dieser Regel!, dachte Bount. Ohne sie wäre es vielleicht einfacher gewesen, in der Sache voranzukommen.



5

Das Ingenieur-Büro P. McGreedy war eine hervorragende Adresse im Brückenbau, wenn man den Informationen glauben schenken konnte, die Reinigers Assistentin June über diese Firma eingeholt hatte.

Als Bount am nächsten Tag dort auftauchte und die Büros im fünfzehnten Stock eines an der Third Avenue gelegenen Turms sah, schien es nicht geringsten Anlass zu geben, daran zu zweifeln.

Wer sich Geschäftsräume leisten konnte, die eine solche Top-Adresse hatten, der musste sehr gut und sehr erfolgreich sein.

Ein Mann mit dunklem Teint und dünnem Oberlippenbart reichte Bount die Hand und zeigte ihm bei seinem geschäftsmäßigen Lächeln zwei Reihen blitzender Zähne. Dieses Lächeln war gut einstudiert. Aber es sagte nichts aus, sondern war reine Maske.

"Mein Name ist Hernandez. Ich nehme an, Sie kommen von Miller Inc. und wollen die Entwürfe sehen. Man hat mir schon gesagt, dass..."

"Mein Name ist Reiniger und ich komme nicht von Miller Inc.", unterbrach ihn Bount.

Jetzt erst schien Hernandez Bount etwas genauer anzusehen. Er runzelte für einen Moment die Stirn und meinte dann: "Macht ja nichts. Vielleicht kann ich Ihnen trotzdem weiterhelfen."

"In diesem Ingenieurbüro war ein Mann namens Brannigan tätig..."

Ein Schatten flog augenblicklich über Hernandez Gesicht. Seine aufgesetzte Freundlichkeit war wie weggeblasen.

"Was soll die Fragerei? Ich dachte, die Polizei hätte dieses leidige Kapitel endlich abgeschlossen!"

"Hat sie auch. Aber ich interessiere mich trotzdem dafür."

"Sie sind von der Presse, stimmt's? Machen Sie, dass Sie rauskommen!"

"Ich bin Privatdetektiv und ermittle im Auftrag von Brannigans Lebensgefährtin. Sie kommt über die Sache nicht so leicht hinweg!"

Herandez musterte Bount abschätzig von oben bis unten und meinte dann: "Um so schändlicher von Ihnen, dass Sie aus der Geschichte noch Geld zu machen versuchen!" Er verzog das Gesicht und versuchte damit, Verachtung zu signalisieren. Aber seine Maske funktionierte diesmal nicht so ganz. Es war nicht Verachtung Bount gegenüber, die Hernandez in erster Linie empfand. Da war noch irgendetwas anderes, das viel stärker war. Bount konnte es deutlich spüren.

"War Brannigan ein guter Ingenieur?", fragte Bount.

"Schon möglich!", knirschte Hernandez. "Wissen Sie was? Bei mir sind Sie an der falschen Adresse, wenn Sie etwas über Brannigan erfahren wollen."

"Haben Sie nicht zusammengearbeitet?"

"Ich hatte kaum Kontakt zu ihm."

"Mochten Sie ihn nicht?"

"Nein." Er atmete tief durch. "Und Ihre Fragerei mag ich genauso wenig!"

Plötzlich durchschnitt eine energische Frauenstimme die stickige Büroluft und ließ die beiden Männer herumwirbeln.

"Darf ich vielleicht erfahren, worum es hier geht?" Die Frau war eine echte Schönheit. Das enganliegende Kleid zeichnete ihre perfekte Figur ziemlich genau nach. Sie hatte blondes, lockiges Haar, aber Bount schätzte, dass weder die Locken, noch die blonden Haare echt waren. Aber das machte nichts. Beides stand ihr hervorragend.

Hernandez wandte Bount noch einen recht giftigen Blick zu und ging dann wortlos davon. Bount zuckte mit den Schultern, sah ihm kurz nach und wandte sich dann dem schönen Lockenkopf zu.

"Mein Name ist Reiniger. Ich Privatdetektiv und interessiere mich für die Walt Brannigan-Story."

Sie reichte ihm die Hand.

"Pamela McGreedy."

"Draußen steht P. McGreedy. Das sind Sie?"

"Sie sind nicht der erste, den das überrascht. Das zwanzigste Jahrhundert ist zwar fast zu Ende, aber wenn eine Frau behauptet, dass sie Brücken konstruieren kann, sind viele noch immer ziemlich skeptisch."

Bount lächelte dünn. "Aber der Firma P. McGreedy scheint es trotzdem recht gut zu gehen!"

"Wir arbeiten hart dafür." Sie musterte Bount, trat etwas näher an ihn heran und sagte dann in einem ganz anderen, viel weicheren Ton: "Sie sagten, Sie wären wegen Brannigan hier."

"So ist es."

"Kommen Sie in mein Büro. Ein paar Minuten habe ich für Sie!"

Wenig später waren sie allein und als Bount ihr gegenübersaß und so hinter ihrem Schreibtisch sitzen sah, konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass sie es war, die etwas von ihm herauszubekommen versuchte.

"Sehen Sie, Mister Brannigan war einer unserer besten Leute. Sympathisch, sehr gewissenhaft. Es ist mir ein Rätsel, was da plötzlich in ihn gefahren ist!"

"Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?"

"An dem Tag, an dem er Amok lief. Das war vielleicht so gegen Mittag. Ich bin dann noch zu einer Baustelle hinausgefahren!"

"Ist Ihnen etwas an ihm aufgefallen?"

"Nein!" Sie schüttelte energisch den Kopf. "Er war wie immer. Für wen arbeiten Sie eigentlich? Für seine Lebensversicherung?"

"Ich wüsste nicht, dass Mister Brannigan eine hatte."'

"Wer dann? Seine Freundin?"

"Kennen Sie Miss Carter?"

Sie nickte. "Ja, wir sind uns mal auf einer Party begegnet. Hören Sie, Mister Brannigan stand uns allen hier sehr nahe und die Sache hat mich persönlich tief getroffen..." Bount sah ihr gleich an, dass da noch etwas kommen musste. Sie wollte auf etwas anderes hinaus, druckste noch ein paar Sekunden herum und beugte sich dann etwas vor: "Vielleicht könnten Sie mich über den Fortgang Ihrer Ermittlungen auf dem Laufenden halten! Meinetwegen gegen entsprechendes Honorar." Bount lächelte dünn.

"Tut mir leid! Zwei Klienten in derselben Sache, das ist einer zuviel. So etwas mache ich aus Prinzip nicht!" Sie setzte das charmanteste Lächeln auf, dass sie auf Lager hatte. "Keine Ausnahme möglich?"

"Nein."

Bount erhob sich. Die Unterhaltung nahm eine Richtung, die ihm nicht gefiel. "Ich werde vielleicht noch einmal vorbeikommen."

"Tun Sie das. Und vielleicht überlegen Sie sich mein Angebot noch einmal. Ich würde finanziell nicht kleinlich sein."

"Ich frage mich, warum es Ihnen so verdammt viel wert ist. Bauen Sie eigentlich auch Brücken in Vermont?" Vielleicht eine halbe Sekunde lang stutzte sie. Dann blitzten ihre weißen Zähne bei einem Lächeln.

"Wir bauen überall Brücken, wenn uns jemand den Auftrag gibt!", erklärte sie. "Warum fragen Sie?"

"Nur so."



6

Pamela McGreedy atmete tief durch, nach dem der athletisch gebaute Privatdetektiv den Raum verlassen hatte. Wir hätten uns unter anderen Umständen kennenlernen sollen!, dachte sie, denn sie fand, dass er ein überaus attraktiver Mann war. Aber so standen sie und Reiniger vielleicht auf verschiedenen Seiten... Abwarten!, dachte sie, stand auf und ging zum Fenster um einen Blick hinab in das Gewimmel der Straßenschlucht zu werfen.

Als sie merkte, dass sich hinter ihr die Tür öffnete, drehte sie sich wieder herum. Es war Hernandez, der sich da in ihr Büro geschlichen hatte.

"Frank!"

"Was wollte dieser Schnüffler von dir?"

"Dasselbe wie von dir", gab Pamela kühl zurück und musterte den Mann mit dem dunklen Teint, dessen Gesichtsfarbe ein wenig blasser als üblich geworden war. Er hat keine Nerven!, dachte Pamela. Dann stellte sie sachlich fest: "Er hat Vermont erwähnt."

"Was?" Hernandez' Kinnladen fiel herunter, und er vergaß einige Augenblicke lang, seinen Mund wieder zu schließen.

"Was bedeutet das, Pam?"

"Keine Ahnung."

"Und wie hat der Kerl davon erfahren?"

Pamela hob die Arme. Sie wirkte hilflos. "Ich weiß es nicht, Frank!"

Hernandez schluckte. Seine Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben. Er trat jetzt näher und baute sich vor Pamela auf. "Wir müssen etwas unternehmen!", meinte er.

"Nun verlier mal nicht gleich die Fassung, Frank! Wir wissen ja noch nicht einmal, wie viel dieser Reiniger überhaupt weiß..."

"Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie..."

"Hör zu, Frank! Ich bin hier der Boss! Für mich geht es um mindestens genauso viel, wie für dich!"

"Okay, okay..."

Hernandez hob beschwichtigend die Hände. Dann fuhr er sich mit einer fahrigen Geste durch das dunkle Haar. "Ob Brannigan vielleicht noch irgendwo Material über die Vermont Sache hatte? Das würde erklären, weshalb dieser Reiniger Bescheid wusste!"

"Wenn wir jetzt etwas tun, wecken wir vielleicht nur schlafende Hunde, Frank! Nimm einen Drink oder irgendetwas anderes, das dich beruhigt und sieh zu, dass du für unsere Firma ein bisschen Geld verdienst!"



7

"Wie konnte man so etwas übersehen?", fragte Bount an Dr. Clifford gewandt. Clifford war ein erfahrener Mann, der fast zehn Jahre in der Gerichtsmedizin tätig gewesen war. Aber eine eigene Praxis brachte mehr Geld, als jede noch so gute Anstellung und so hatte er sich eines Tages doch noch selbstständig gemacht.

Dr. Clifford hob die Schultern.

"So etwas kann schon mal geschehen, Reiniger. Sie wissen doch, wie das an einem Tatort zugeht! Jede Menge Hektik. Und steht ein ungeduldiger Detective hinter dir und will alles mögliche wissen! Außerdem kann das, was an äußeren Anzeichen eventuell noch zu sehen war genauso gut auf die Beruhigungsmittel zurückzuführen sein, die Brannigan regelmäßig nahm."

"Aber für Sie gibt es keinen Zweifel?"

"So ist es. Walt Brannigan stand unter dem Einfluss einer synthetischen Droge. Vermutlich eine Injektion... Der kleine Einstich ist dem Gerichtsmediziner neben den schlimmen Schussverletzungen wohl nicht weiter aufgefallen. Mir ist das auch schon passiert. Wenn man eine Leiche mit mehreren Einschüssen vor sich hat, neigt jeder dazu, das Urteil schon im Kopf gefällt zu haben, bevor die Fakten da sind!"

"Kennen Sie das Zeug, das Sie bei ihm gefunden haben?"

"Nein. Aber das ist nicht verwunderlich. Diese Sachen werden heute in kleinen Labors gemixt. Am Computerschirm konstruiert man sich Moleküle mit annähernd beliebigen Eigenschaften. Die Behörden können die Stoffe kaum so schnell analysieren und verbieten, wie sie erfunden werden."

"War Brannigan süchtig?"

"Ganz ausschließen kann ich das nicht. Aber dann hätte ich größere Konzentrationen in den inneren Organen vermutet. Ich denke, dass er dieses Zeug noch nicht lange genommen hat, vielleicht sogar zum ersten Mal. Und dann ist da noch etwas." Bount hob die Augenbrauen. "Nur raus damit."

"Er hat an Armen und Beinen Blutergüsse."

"Von denen stand auch etwas im Polizeibericht. Aber der Arzt hat es darauf geschoben, dass Brannigan erstens gestürzt ist, als man ihn erschoss und zweitens vielleicht jemand versucht hat, ihn festzuhalten."

Aber Clifford schüttelte den Kopf. "Der Arzt wusste ja auch nicht, dass Brannigan mit diesem Teufelszeug vollgepumpt war..."

"Und wonach sieht das Ihrer Meinung nach aus?"

"Er wurde festgehalten und hat sich gewehrt! Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er sich die Spritze selbst gesetzt hat - so wie die Einstichstelle liegt. Meiner Ansicht nach gehört Brannigan dorthin, wo er gerade hergekommen ist. In die Gerichtsmedizin!"



8

Das Mega Star war ein Glitzerladen der Sonderklasse, kaum ein halbes Jahr alt und nichts für schmale Brieftaschen. Hier trafen sich Leute, die es geschafft hatten und sich in gepflegter, modern gestylter Atmosphäre amüsieren wollten.

Aber das Mega Star war auch ein Ort an dem synthetische Drogen umgeschlagen wurden. Die Drogenfahnder hielten noch still. Sie waren nicht an den kleinen Fischen interessiert, sondern wollten die großen Hintermänner.

Bount bestellte sich an der Bar einen Champagner. Die Flasche war sündhaft teuer, dafür war immerhin das Lächeln der wohlproportionierten Bedienung umsonst.

Bount saß eine Weile einfach nur da, nippte an seinem Champagner und beobachtete die Leute. Das flimmernde Laserlicht, die Musik... Das alles wirkte ermüdend und förderte nicht gerade die Konzentration. Und dann glaubte Bount plötzlich, seinen Augen nicht mehr zu trauen!

Eine Sekunde lang war er sich nicht ganz sicher, aber im nächsten Moment traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. Zwischen all den herausgeputzten Schickeria-Typen bewegte sich Pamela McGreedy mit der ihr eigenen Geschmeidigkeit. Sie hatte Bount noch nicht gesehen, und das war vielleicht auch besser so.

Pamelas Gesicht schien ziemlich ernst zu sein, fast angespannt. Besonders gut zu amüsieren schien sie sich nicht. Den einen oder anderen, der ihr begegnete, grüßte sie knapp. Sie war also nicht zum ersten Mal hier.

Schließlich ging sie zur Bar und sprach dort einen Mann an, dessen zurückgekämmtes Haar von der Pomade glänze, die er sich da hineingeschmiert hatte.

Was dann zwischen den beiden über die Bühne lief, war nichts anderes, als ein lupenreiner Deal. Und keiner von beiden machte sich die Mühe, es irgendwie zu verbergen. Warum auch?

Der Mann mit den Pomade-Haaren verdrückte sich dann ziemlich schnell, während Pamela McGreedy an der Bar blieb. Bount nahm seinen Champagner und ging zu ihr. Als sie ihn erkannte, schien sie nicht einmal besonders überrascht zu sein. Aber vielleicht konnte sie ihr Erstaunen auch nur besonders gut verbergen.

Jedenfalls hob sie die Augenbrauen und murmelte dann: "Welch eine Überraschung, Bount Reiniger! Ich habe Sie noch nie hier gesehen..."

"Ich war auch noch nie hier!"

Sie lächelte. "Beschatten Sie mich jetzt etwa?"

"Warum nicht?"

Sie zuckte die Achseln und lachte dann sogar. Schließlich meinte sie: "Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich über Walt Brannigan weiß."

"Ich bin inzwischen etwas schlauer geworden. Sie wollten es doch unbedingt wissen, wenn ich etwas herausgefunden habe."

"Haben Sie Ihre Meinung geändert?"

Bount grinste und zündete sich dabei eine Zigarette ab. "Ich sage es ihnen sogar umsonst, Miss McGreedy! Aber vielleicht sollten Sie erst einmal etwas von dem Zeug nehmen, dass Sie gerade von Kerl mit den fettigen Haaren gekauft haben." Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich jetzt deutlich. Sie war ärgerlich, machte aber dann doch gute Miene zum bösen Spiel. Das hatte sie in ihrem Job gelernt. "Wollen Sie auch etwas, oder warum fragen Sie?"

"Danke, nein."

"Sehen Sie, es geht in meiner Branche ziemlich hart zu. Wenn man nicht aufpasst ist man schneller weg vom Fenster, als man sich das in den schlimmsten Alpträumen vorstellen kann." Ihre Züge wurden jetzt weicher. Ein Lächeln stand plötzlich in ihrem Gesicht und umspielte ihre vollen Lippen.

"Brannigan war vollgepumpt mit einem solchen Muntermacher."

Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. "Ach, wirklich? Um ehrlich zu sein: Das Gegenteil hätte mich mehr überrascht!"

"Vielleicht hat er es nicht freiwillig genommen", murmelte Bount wie beiläufig.

Sie verengte ein wenig die Augen. "Was soll das heißen?"

"Das soll heißen, dass es Anzeichen dafür gibt, dass Brannigan das Zeug gewaltsam verabreicht, und er dann hinter das Steuer seines Wagens gesetzt wurde."

"Warum sollte jemand so etwas tun?" Bount spürte ihre innere Unruhe jetzt sehr deutlich.

"Um ihn zu töten. Wenn man mit so einer Dosis am Steuer sitzt, ist ein Unfall praktisch vorprogrammiert."

"Aber Walt Brannigan hatte keinen Unfall, Mister Reiniger!"

"Er ist nicht weit gefahren. Jeder reagiert anders auf diese Substanzen. Brannigans Mörder konnte nicht damit rechnen, dass sein Opfer unter einem Trauma litt und immer eine Pistole im Handschuhfach hatte..."

Pamela sah Bount nachdenklich an und meinte dann: "Sie scheinen wirklich zu glauben, was Sie da sagen!"

"Das ist noch nicht alles", fuhr Bount fort. "Das Zeug, das man bei Brannigan gefunden hat ist noch nicht lange auf dem Markt. Dreimal dürfen Sie raten, wo zum ersten Mal aufgetaucht ist!"

"Na, wo schon! Hier in diesem Laden vielleicht?"

"Ja."

Sie zuckte mit den Achseln, als würde sie das nicht weiter interessieren. Aber das Gegenteil war der Fall, Bount konnte es ihr deutlich anmerken. "Es gibt hier öfter mal etwas Neues", meinte sie wie beiläufig dazu. "Und das in jeder Beziehung." Sie hob das Glas und stieß mit Bount an.

"Wer hätte ein Motiv gehabt, um Brannigan umzubringen?"

"Sie nehmen den unwahrscheinlichsten Fall an, Mister Reiniger. Ich glaube nicht an Mord."

"Das ist inzwischen keine Glaubensfrage mehr, Miss McGreedy."

"Nennen Sie mich Pam, so wie alle anderen. Und lassen Sie uns um Gottes Willen jetzt über etwas anderes reden!" Sie trank ihr Glas aus und ließ es sich Barmixer wieder auffüllen.

"Was ist mit Hernandez?"

"Was soll mit ihm sein?"

"Er schien nicht gut auf Brannigan zu sprechen gewesen zu sein. Warum eigentlich?"

"Rivalitäten gibt es in jeder Firma. Brannigan war immer ein bisschen besser als er, das konnte er nicht vertragen. Hernandez ist Latino und glaubt immer, dass er deshalb benachteiligt würde. Aber das ist Unfug - zumindest, was unsere Firma angeht."

"Bei Ihnen gibt es auch eine gewisse Nora Gaynor, nicht wahr?"

"Von der Geschichte wissen Sie also auch schon. Sie scheinen gut in Ihrem Job zu sein."

"Ich tue mein Bestes."

"Nora arbeitet nicht mehr bei uns. Nachdem ihre Vergewaltigungsanklage gegen Brannigan fallengelassen wurde, hat sie gekündigt."

"Und was war dran an der Sache?"

Pamela zuckte die Achseln. "Keine Ahnung, was wirklich dahinter steckte. Brannigan hatte ein Alibi. Er war auf einer Feier und wurde von zwei Dutzend Menschen zu genau der Zeit gesehen, als er angeblich versucht haben soll, über Nora herzufallen." Sie trat etwas näher an Bount heran und meinte dann: "Geben Sie die Sache auf! Sie sind auf dem Holzweg."

"Es wundert mich, dass Sie da so sicher sind!"

"Ihr Ton gefällt mir nicht, Bount! Verdächtigen Sie am Ende vielleicht sogar noch mich?"

"Was wäre, wenn sich herausstellt, dass Sie haargenau denselben Stoff nehmen, der aus Walt Brannigan einen Berserker machte?"

Sie nestelte etwas an Bounts Jackenrevers herum und meinte dann kühl: "Irgendwie schmeckten die Drinks hier auch schon einmal besser!" Dann stellte sie ihr Glas auf den Tresen und ging wortlos davon. Bount blickte ihr und fragte sich, was für eine Rolle sie in Bezug auf Brannigan wirklich gespielt hatte. Jedenfalls sagte sie ihm nicht alles, was sie wusste. Bount trank sein Glas aus und sah dann den Pomade-Mann sich zwischen den Leuten hindurchschlängeln. Seinem Gesichtsausdruck zu Folge liefen seine Geschäfte nicht eben schlecht.

Der Privatdetektiv beobachtete ihn eine ganze Weile lang, Dann verschwand der Kerl schließlich durch einer Tür, durch die es zum Notausgang und zu den Toiletten ging.

Vielleicht war das eine Gelegenheit, sich mal ein bisschen mit ihm zu unterhalten. Selbst, wenn er das Zeug, das Dr. Clifford in Brannigans Leiche gefunden hatte, nicht selbst verdealte, wusste er vielleicht, woher es kam.

Bount ging ihm nach und kam durch einen engen, kahlen Flur.

Bei den Türen, die zu den Toilettenräumen führte, blieb er kurz stehen. Jemand betätigte eine Spülung und einige Sekunden später kam der Pomade-Mann aus einer der Kabinen heraus und zog dabei noch den Reißverschluss seiner Hose zu. Als er Bount in der Tür stehen sah, erstarrte er unwillkürlich und unterzog den Privatdetektiv einer knappen Musterung. Dann ging der Dealer zum Waschbecken, um sich die Hände zu Waschen. Über den Spiegel behielt er Bount dabei ständig im Auge.

"Was gibt es zu glotzen?", knurrte er.

"Du verkaufst hier Sachen zum Muntermachen, nicht wahr?"

"Bist du ein Bulle?"

"Keine Sorge", wehrte Bount ab.

Der Pomade-Mann drehte sich herum. Er trug ein ziemlich weites Jackett, aber als er sich eines der Einweg-Handtücher griff, konnte Bount deutlich die Ausbuchtung unter der Achsel sehen. Vielleicht ein Schulterholster.

"Du hast aber diesen Ton!", zischte der Pomade-Mann Bount an.

"Dann hast du dich eben verhört. Ich will mich nur ein bisschen mit dir unterhalten..."

Der Pomade-Mann schien ziemlich misstrauisch zu sein, was in seiner Branche auch sicher angebracht war. Jedenfalls griff er blitzschnell unter sein Jackett. Bount hatte diese Bewegung vorausgeahnt und so war er vorbereitet, als sein Gegenüber einen Augenblick später mit dem kurzen Lauf eines 38er Revolvers auf den Privatdetektiv zeigte.

Aber Bounts Reaktion war blitzschnell.

Er ließ den Fuß hochschnellen und kickte dem Dealer die Waffe aus der Hand. Sie fiel geräuschvoll gegen eine der leichten Kunststoffwände, die die einzelnen Toilettenkabinen voneinander trennten und hinterließ dort ein paar Kratzer. Nur den Bruchteil eines Augenblicks verging, da hatte Bount den Pomade-Mann am Kragen gepackt und grob gegen die Wand gedrückt. Ohne Revolver in der Hand, schien er sich nicht zu trauen, etwas gegen Bount zu unternehmen, denn körperlich war er dem Detektiv unterlegen.

Blitzschnell durchsuchte Bounts Linke die Taschen des Mannes. Er fand einen Führerschein auf den Namen Arnold Parker, ein Springmesser und natürlich das Stoffsortiment. Das Springmesser nahm Bount an sich, den Rest beließ er dem Kerl.

"Worum geht es?", knirschte Parker. "Wenn du nicht zu den Bullen gehörst, bist du wahrscheinlich einer von Buzzatis Bluthunden!"

Wahrscheinlich die Konkurrenz!, dachte Bount. "Hör zu!", sagte der Privatdetektiv dann. "Was du hier treibst, interessiert mich nicht sonderlich, aber ich kann dir eine Menge Schwierigkeiten machen!"

"Was willst du?"

"Eine Auskunft!"

"Schieß los!"

"Hast du zufällig etwas Neues in deinem Angebot?"

Er verzog das Gesicht. "Ich habe immer das Allerneuste. Was soll die Frage?"

"Es geht um eine Substanz, die mit der Abkürzung DSE bezeichnet wird!"

"Diese Sachen haben viele Namen!"

"Ja, aber mit dieser Substanz ist ein Mann vollgepumpt und dann hinter das Steuer seines Wagens gesetzt worden!"

"Keine Ahnung, was du meinst." Er wandte das Gesicht ab.

"Du hast sicher davon gehört!"

"Glaube ich nicht!"

"Es geht um den Amokläufer, der in einer Geschäftspassage fünf Menschen umgebracht hat!"

"Damit habe ich nichts zu tun!"

Bount packte ihn fester.

"War Walt Brannigan ein Kunde von dir?" In dieser Beziehung musste Bount sicher gehen.

"Ich kenne die Namen meiner Kunden nicht...", erwiderte Parker schwach.

Bount ließ ihn los und zog ein Foto hervor. Parker warf einen kurzen Blick darauf und schüttelte dann den Kopf. "Kenne ich nicht."

In der nächsten Sekunde bemerkte Bount mit den Augenwinkeln eine blitzschnelle Bewegung. Ehe er ausweichen konnte, war es auch schon zu spät. Ein harter Schlag traf ihn am Kopf und er taumelte zurück. Ein Tritt vor den Solar Plexus raubte ihm für den Bruchteil eines Augenblicks die Luft und ließ ihn zu Boden gehen. Dem nächsten Tritt konnte er gerade noch dadurch ausweichen, dass er sich auf den glatten Fliesen herumdrehte.

Bount sah ein paar klobiger Stiefel. Als er aufblickte, grinste ihn ein sommersprossiges, breites Gesicht an. Am Kinn war eine Narbe, die einen kleinen Halbkreis bildete. Die rotblonden Haare waren kurzgeschoren und zeigten steil nach oben. Reiniger war alles andere, als ein kleiner Mann, aber dieser Kerl überragte ihn noch um einen halben Kopf.

Er fletschte die Zähne und blieb dann wie eine versteinerte Drohung stehen. "Was wollte dieser Wurm?", fragte er an Parker gewandt.

Parker ging indessen ein paar Schritte, nahm seine Pistole wieder an sich und zupfte sich dann sein Jackett glatt. "Dürfte sich erledigt haben, Bill."

"Einer von Buzzatis Leuten?", fragte der Rothaarige. Parker zuckte mit den Achseln. "Alles andere wäre unlogisch, was immer der Kerl auch behauptet. Er wollte wissen, woher wir das neue Zeug haben." In Parkers Gesicht zeigte sich so etwas wie Triumphgefühl, als er Bount noch eines letzten Blickes würdigte. "Buzzatti will uns wahrscheinlich von unserer Quelle abschneiden..." Er lachte heiser und auf eine Weise, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. "Aber das ist die Hose gegangen! Wir werden in Zukunft etwas mehr aufpassen müssen!"

"Was soll ich mit dem Kerl machen?", fragte der rothaarige Bill. "Umlegen?"

Unter seiner Jacke holte er eine Pistole mit Schalldämpfer hervor.

Einen Moment lang schien alles in der Schwebe zu hängen. Parker wandte sich ab, ging drei Schritte zur Tür und blieb dann stehen, ohne sich umzuwenden.

Bount erwog indessen, blitzschnell unter sein Jackett zu greifen und die Automatic herauszureißen. Aber es war zu bezweifeln, dass er schnell genug sein würde. Der rothaarige Riese beobachtete ihn äußerst aufmerksam. Nicht die geringste Anspannung von Reinigers Muskeln und Sehnen schien ihm zu entgegen.

"Umlegen macht nur Komplikationen!", meinte Parker kalt.

"Du kannst ihn ein bisschen vermöbeln, so dass er für einige Wochen im Krankenhaus liegt und wir Ruhe vor ihm haben!" Parker strich sich mit der Rechten durch seine glänzenden Haare und ging dann davon.

Die Augen des Rothaarigen musterten Bount indessen kühl. Parkers Schritte verhallten im Flur. Er schien zur Hintertür hinauszugehen.

Aber dann war da noch ein Geräusch. Es kam von der Bar her. Jemand schien eine Tür zu öffnen und den Flur entlangzugehen.

Für einen sehr kurzen Augenblick war der rothaarige Bill nicht hundertprozentig bei der Sache. Bount riss die Automatic aus dem Schulterholster und rollte sich erneut auf dem Boden herum, während der nervöse Finger seines Gegenübers abdrückte. Bills Pistole machte 'plop!' und das Projektil kratzte dicht neben Bount an den Fußbodenfliesen. Aber als der Kerl dann in den Lauf von Bounts Automatic blickte, erstarrte er.

"Keine Bewegung!", zischte Bount. "Die Waffe auf den Boden!" Die Pistole klackerte auf die Fliesen und in Bills Gesicht stand die stumme Frage, weshalb sein Gegenüber ihn nicht gleich umgelegt hatte. Er selbst hätte umgekehrt sicher nicht gezögert. Dann kam ein Mann in den Toilettenraum. Anfang sechzig, graues, schütteres Haar, ein Anzug für tausend Dollar. Er blickte auf, als er einen Schritt durch die Tür gemacht hatte, runzelte die Stirn und begriff zu spät, was hier gespielt wurde. Bill hatte ihn schon gepackt und ihn mit einer ruckartigen Bewegung wie einen Schutzschild vor seinen Körper gezogen. Bount hätte sich zugetraut, Bills Kopf zu treffen. Aber das war es nicht wert. Er sah die Angst in den Augen grauhaarigen Mannes. Bill war vermutlich ohnehin nur ein Handlanger. Und Arnold Parker, der vielleicht etwas wusste, war sicher schon über alle Berge.

Bill schleifte den Grauhaarigen hinaus den Flur, gab ihm dann einen Stoß und warf ihn Bount entgegen. Gleichzeitig setzte der Gorilla zu einem Spurt an. Bount fing den Mann im Tausend-Dollar-Anzug auf, was ihn wertvolle Sekunden kostete. Die Tür zum Hinterausgang wurde geöffnet und wieder zugeschlagen.

"Was ist hier eigentlich los?", fragte der Grauhaarige, nachdem er zweimal tief durchgeatmet hatte. Bount steckte seine Waffe weg.

"Vergessen Sie's", meinte Bount zähneknirschend.



9

Joanne Carter runzelte die Stirn, als sie mit den übervollen Einkaufstüten im Arm vor ihrer Wohnungstür stand und feststellen musste, dass sie einen Spalt weit geöffnet war. Die Tür war aufgebrochen worden und es versetzte Joanne einen Stich, als sie erkannte, was bedeutete. Jemand hatte bei ihr eingebrochen.

Innerlich fluchte sie. Mir bleibt im Moment auch nichts erspart!, ging es ihr wütend durch den Kopf. Aber zum Glück hatte sie kaum Wertsachen in der Wohnung. Für das, was wirklich wichtig war, hatte sie ein Bankschließfach. Aber das tröstete sie nicht wirklich.

Mit dem Fuß öffnete sie die Tür ganz und ging hinein. Es musste ein sehr rücksichtsvoller Einbrecher gewesen sein. Jedenfalls schien es auf den ersten Blick so, als hätte er kaum Unordnung gemacht.

Joanne stellte die Einkaufstüten im Flur ab. Eine Sekunde lang dachte sie daran, dass der Täter vielleicht in der Wohnung war. Sie lauschte, hörte aber nichts.

Sie würde trotz allem die Polizei verständigen. Das Telefon stand im Wohnzimmer, also ging sie auf direktem Weg dorthin. Sie nahm den Hörer ab und wählte die Notruf-Nummer. Während Sie wenig später einem Beamten vom Einbruchsdezernat zu schildern versuchte, was geschehen war, fiel ihr Blick auf Walt Brannigans Schreibtisch und seinen Büroschrank.

Das war es also gewesen, was der Einbrecher gesucht hatte. Dort war alles durchwühlt. Und dennoch - das Chaos hielt sich Grenzen. Wer immer auch hier gewesen war - er hatte ganz genau gewusst, was er wollte. Für den vergoldeten Füllfederhalter auf dem Schreibtisch hatte er sich zum Beispiel überhaupt nicht interessiert.

"Wir werden jemanden bei Ihnen vorbeischicken!", sagte die gestresst klingende Männerstimme am Telefonhörer.

"Tun Sie das!", erwiderte Joanne und legte auf. Sie atmete tief durch und wandte ein wenig den Kopf. Dann ließ ein Geräusch sie erstarren. Namenloses Entsetzen hatte auf einmal von ihr Besitz ergriffen. Mit den Augenwinkeln sah gerade noch etwas wie eine schemenhafte Gestalt und eine Bewegung.

Sie hob schützend die Hand, aber es ging zu schnell. Der Schlag war wuchtig genug, um sie hart zu Boden schlagen zu lassen. Mit dem Kopf kam sie dabei gegen die harte Kante des niedrigen Wohnzimmertisches. Einen Moment lang war sie wie weggetreten. Ihr war schwarz vor den Augen. Schwindel erfasste sie. Alles begann sich zu drehen, während ihre Rechte den Kopf berührte. Dunkel nahm sie wahr, dass sie aus einer Wunde blutete.

Sie wollte sich herumdrehen und erheben, aber bevor es soweit war, kam der zweite Schlag.



10

Joanne Carter öffnete die Augen. Ein schwaches Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie Bount Reiniger sah. Sie lag in einem Krankenhausbett und hatte einen dicken Verband um den Kopf.

"Wie geht's Ihnen?", fragte Bount.

"Den Umständen entsprechend", meinte sie. "Der Arzt meinte, ich hätte Glück gehabt. Wenn der Kerl etwas fester zugeschlagen hätte, würden wir uns jetzt nicht mehr unterhalten können. Ich werde wohl noch eine ganze Weile hier in dieser Klinik bleiben müssen."

Bount nickte.

"Sind Sie sicher, dass es ein Mann war?" Sie zuckte mit den Schultern und versuchte sich aufzurichten, blieb aber doch in Kissen. Sie stöhnte etwas und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. "Mein Schädel hat, glaube ich, in meinem ganzen Leben noch nicht so gebrummt! Ich hoffe, das geht irgendwann wieder vorbei!"

"Bestimmt."

Sie seufzte. "Um ehrlich zu sein, Mister Reiniger: Ich habe nicht viel von dem Täter gesehen. Die Leute vom Einbruchsdezernat waren auch schon hier, um mich zu befragen. Ich konnte ihnen leider nicht weiterhelfen..."

"Aber Sie sind sich sicher, dass es ein Mann war?" Sie sah Bount etwas hilflos an. "Ich nehme es an", meinte sie.

"Hängt der Einbruch mit Walts Tod zusammen?" Bount nickte entschieden. "Das könnte durchaus sein. Seine Unterlagen sind das einzige, an dem der Täter interessiert gewesen ist."

"Wie reimen Sie sich das zusammen, Mister Reiniger?"

"Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht genau, was fehlt. Mit einer Ausnahme. Da war eine Karte von Vermont..." Sie nickte. "Ich erinnere mich."

"Sie haben sie nicht irgendwohin getan?"

"Nein. Sie müsste dort liegen, wo Sie sie hingelegt haben, Mister Reiniger!"

"Dann hat sie der Einbrecher mitgenommen."

"Und warum?"

"Eine gute Frage. Hatte Ihr Freund in letzter Zeit in Vermont zu tun?"

"Vor einiger Zeit war er mal für zwei Tage dort."

"Hatte das mit seiner Arbeit im Ingenieur-Büro zu tun?"

"Ja. Jedenfalls hat er das gesagt. Die Sache hat ihn eine Weile ziemlich beschäftigt. Ich erinnere mich jetzt, dass er zwei Nächte über seinen Berechnungen gesessen hat."

"Worum ging es?"

"Ich habe ihn nicht gefragt. Warum auch? Für mich waren das alles nur Hieroglyphen, aber ich konnte mir ja denken, dass es um eine Brücke gehen musste. Es war auch nicht das erste Mal, dass Walt Arbeit mit nach Hause genommen hat..." Eine Schwester kam herein. Das charmante Lächeln verschwand augenblicklich, als sie Reiniger sah. "Miss Carter ist heute schon einmal befragt worden", stellte sie mit einem sehr bestimmten Unterton fest. Sie hatte ihre schlanken Arme in die geschwungenen Hüften gestemmt und wirkte sehr entschlossen. "Ich muss Sie bitten zu gehen, Lieutenant!" Bount grinste. So schnell, konnte man zum Polizei Lieutenant aufsteigen. "Eine Frage noch, Miss Carter: Sagt Ihnen der Name Arnold Parker etwas?"

Joanne überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.

"Nein. Nicht, dass ich wüsste."

"Wie ist Ihre Dienstnummer?", forderte die Schwester indessen. "Ich werde mich bei Ihren Vorgesetzten über Sie beschweren."

"Tun Sie das ruhig", lächelte Bount.



11

Während Bount hinter dem Steuer seines champagnerfarbenen 500 SL saß, meldete sich June von der Agentur aus.

"Ich hoffe du hast gute Nachrichten", meinte Bount.

"Ich habe etwas herumtelefoniert, Bount. Rutland, Vermont, so war der Name des Ortes, den Brannigan angekreuzt hatte."

"Es gibt nicht viele größere Städte in Vermont", erwiderte Bount. "Ich habe nur kurz hingesehen, aber ich glaube nicht, dass ich mich täusche."

"Die Firma P. McGreedy ist jedenfalls für eine Brückenkonstruktion in Rutland verantwortlich... Ich bin zwei Dutzend Stadtverwaltungen in Vermont durchgegangen, aber es scheint das einzige Projekt von McGreedy in diesem Staat gewesen zu sein. Doch die Brücke steht seit acht Jahren!"

"Das ist wirklich interessant", meinte Bount. "Ich frage mich, was Walt Brannigan bei einer Brücke zu suchen hatte, an der wohl kaum noch gebaut wurde..."

Eine Viertelstunde später stellte Bount seinen Wagen in der Nähe von Pamela McGreedys Privatadresse in Greenwich Village ab. Es war jetzt halb sechs. Pamela würde vermutlich bald nach Hause kommen und dann würde sie sich ein paar Fragen von Bount gefallen lassen müssen.

Wen jemand in Brannigans Unterlagen herumgewühlt und nur bestimmte Sachen mitgenommen hatte, dann gestattete das nur eine Schlussfolgerung: Der Täter war ein Fachmann. Jedenfalls, was Brücken anging, nicht so sehr, was den Einbruch betraf, denn der Trug alles andere als die Handschrift eines Profis. Die Tür war mit einem Stemmeisen geknackt worden. Plumper ging es kaum noch.

Bount hatte die Tür gerade zugeschlagen, da hörte er hinter sich eine ziemlich unfreundliche Stimme.

"Können Sie nicht lesen!", rief ein Mann aus einem Buick heraus. "Ich bin Arzt, das da vorne ist mein Parkplatz! Was glauben Sie, was passiert wenn es einen Notfall gibt und ich erst um drei Häuserblocks laufen muss, um zu meinem Wagen zu kommen! Dann tragen Sie die Verantwortung!" Bount hob beschwichtigend die Hände. "Ist ja gut!", meinte er. "Ich fahre ein Stück weiter!"

Aber der Mann beruhigte sich noch lange nicht. Er schien wirklich sehr ärgerlich zu sein. "Es ist immer dasselbe! Und immer sind es Leute wie Sie, mit dicken Karossen! Sie glauben wohl, dass die Straße Ihnen gehört! Mercedes, BMW, letztens sogar ein blauer Ferrari!"

Bount hatte schon die Hand an der Fahrertür seines SL gehabt, jetzt ging er um den Buick herum zu dem heruntergekurbelten Fenster. Der Mann schien wirklich Arzt zu sein. Auf seinem Beifahrersitz war seine halb geöffnete Tasche aus der ein Stethoskop herausschaute. Daneben eine Packung mit Einweghandschuhen.

"Sagten Sie gerade etwas von einem blauen Ferrari?" Ferraris waren nicht gerade ein Auto für Jedermann. Aber Walt Brannigan hatte einen gefahren. Einen, mit derselben Farbe. Blau.

"Was soll das? Machen Sie nun Platz und stellen Ihre verdammte Angeber-Karre woanders hin oder muss ich Sie erst abschleppen lassen?"

Bount hielt ihm seine Lizenz unter die Nase und meinte dann: "Es ist sehr wichtig, Mister! Es geht um Mord! Ich suche mir einen anderen Parkplatz, aber sagen Sie mir, wann Sie hier einen blauen Ferrari gesehen haben!"

Er atmete tief durch.

"Meine Praxis ist im zweiten Stock. Kommen Sie dort hin, dann reden wir weiter!"

Bount nickte. "Okay."



12

"Der Ferrari ist am Zwölften dieses Monats hier gewesen", berichtete der Arzt, an dessen Praxis-Tür der Name Max Jeffers stand. "Ein Dienstag... Ich hatte schon den Abschleppwagen bestellt, aber als der eintraf, war der Wagen weg. Die Nummer habe ich mir auch aufgeschrieben." Der Zwölfte!, durchzuckte es Bount. Das war der Tag gewesen, an dem Walt Brannigan Amok gelaufen war.

"Um wie viel Uhr war das?"

"Halb fünf, glaube ich. Warten Sie..." Er blätterte in seinem Terminkalender herum. "Ich musste zu einem Notfall. Ein Kind mit Blinddarmreizung. Ich bin raus zu meinem Wagen und der Kerl hatte mich zugestellt, so dass ich weder vor noch zurück konnte!"

Also war Walt Brannigan vor seinem Amoklauf noch bei Pamela McGreedy gewesen. Und Pamela konsumierte vermutlich dasselbe Zeug, das aus Brannigan einen Berserker gemacht hatte...

"Ich danke Ihnen sehr", meinte Bount und wandte sich zum Gehen.

Dr. Jeffers blickte auf und fragte dann: "Was hat der Kerl denn verbrochen?"

"Er lebt nicht mehr", erwiderte Bount.



13

Als Bount wenig später Pamela McGreedys Wohnungstür erreichte, kam ihm jemand entgegen, den er sehr wohl kannte. Es war Frank Hernandez, dessen Gesicht ein bisschen die Farbe verlor, als er Bount sah. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

"Was machen Sie denn hier, Reiniger? Sie können das Schnüffeln nicht lassen, was?"

Bount grinste schief.

"Was dagegen?"

"Wie man's nimmt!" Hernandez' Augen verengten sich ein wenig. Er musterte Bount abschätzig und ging dann wortlos an ihm vorbei. Er hatte kaum drei Schritte hinter sich gebracht, da ließ ihn Bounts Stimme herumfahren.

"Was glauben Sie, weshalb jemand eine Landkarte von Vermont stehlen könnte, die man an jeder Tankstelle bekommen kann?"

Frank Hernandez schien wie vom Blitz getroffen. Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm buchstäblich in der Kehle stecken.

Bount kam einen Schritt auf ihn zu. Er wusste nicht, was er getroffen hatte, aber es musste etwas sein.

"Was soll die Frage?", knurrte er dann.

"Es wird Sie wohl kaum überraschen, dass in Brannigans Wohnung eingebrochen wurde..."

"Keine Ahnung, wovon Sie sprechen..."

Bount zuckte die Achseln. "Irgendwie kann ich daran nicht so recht glauben..."

Hernandez hob den drohend den Zeigefinger. In seinen Augen funkelte es böse. "Wollen Sie mir irgendetwas unterstellen? Oder was soll das Ganze?"

"Warum verlieren Sie denn gleich die Nerven?" Es lag Hernandez wohl noch etwas auf den Lippen, aber er verkniff es sich. Er ging wortlos den Flur entlang und Bount wandte sich Pamelas Wohnungstür zu.

Er musste dreimal klingeln, ehe sie öffnete. Sie trug Jeans und einen ziemlich knappen Pullover. Aber sie sah darin genauso hübsch aus wie im formellen Büro-Dress. Sie war einfach eine ungewöhnlich attraktive Frau. Und eine Lügnerin, und zwar gar keine schlechte.

Sie schenkte Bount ein entzückendes Lächeln, als sie ihm öffnete.

"Bount Reiniger! Das ist eine Überraschung!"

"Wirklich?"

"Kommen Sie herein! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie meine Privatadresse in Ihre Ermittlungen mit einbeziehen." Sie zuckte die Schultern. "Aber ich habe auch nichts dagegen. Wollen Sie etwas trinken?"

"Das, was Sie mir zuletzt eingeschenkt haben, war jedenfalls nicht reiner Wein!"

Bount ging hinter ihr her in die Wohnung. Als sie dann wieder ansah, war ihr keine Reaktion anzusehen. "Wovon sprechen Sie, Bount?"

"Davon, da Sie mich angelogen haben."

"Bount, ich..."

"Kurz bevor Walt Brannigan Amok lief, war er noch hier. Das ist sicher. Seine Ferrari hat da unten am Straßenrand einen Arzt zugeparkt, der ziemlich sauer war. Und ich wette mit Ihnen, dass Sie im Umkreis einer Meile der einzige Mensch ist, den er hier kannte!"

"Ich hatte gehofft, Sie wären einfach nur so hier..."

"Was wollte Brannigan kurz vor seinem Amoklauf hier?"

"Finden Sie es so ungewöhnlich, dass man sich nach Büroschluss noch auf eine Tasse Kaffee trifft?"

"Der Kaffee scheint ihm nicht bekommen zu sein."

"Er war hier, weil er mir noch ein paar Unterlagen vorbeigebracht hat, die er dringend mit mir besprechen wollte. Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich Brannigan zum letzten Mal gegen Mittag gesehen habe..."

"...weil Sie dann zu einer Baustelle gefahren sind."

"Sie haben ein gutes Gedächtnis." Sie nickte. "Genau so war's, Bount!"

"Und warum haben Sie mir erst etwas anderes erzählt, als ich Sie fragte, wann Sie Brannigan zum letzten Mal gesehen haben?"

"Haben Sie eine Zigarette, Bount?"

"Warum weichen Sie mir wieder aus?"

Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie wand sich noch, aber sie schien langsam zu begreifen, dass sie in der Klemme saß. Bount gab ihr eine von seinen Zigaretten. "Ich habe wohl einfach vergessen, es zu erwähnen", sagte sie leichthin.

Bount gab ihr Feuer.

"Wenn Sie schon lügen, dann denken Sie sich etwas Besseres aus, Pamela! Sie können mich vielleicht einmal aufs Kreuzt legen, aber ein zweites Mal würde ich Ihnen das nicht empfehlen!"

"Bount, das ist alles ein Missverständnis!"

"Ach, ja?"

"Brannigan war hier. Aber er war völlig normal, als wir hier zusammen saßen!" Sie machte eine hilflose Geste und rang nach den passenden Worten. "Ich meine, es deutete nicht das geringste darauf hin, dass er kaum eine halbe Stunde später wie ein Verrückter auf Passanten schießen würde..."

"Wie kam die Droge in ihn hinein? Zufällig dasselbe Zeug, das Sie bevorzugen..."

"Von mir hatte er es nicht!"

"Ach, wirklich?"

"Warum glauben Sie mir nur nicht?"

"Als Brannigan hier her kam, war er noch Herr seiner selbst. Er konnte Autofahren und hatte keine Schwierigkeiten, den Weg vom Büro zu Ihrer Wohnung zu finden. Aber auf dem Rückweg passierte etwas, das mehreren Menschen das Leben gekostet hat!"

"Das tut mir Leid, aber ich habe nichts damit zu tun!"

"Brannigan wurde das Zeug gewaltsam eingetrichtert. Er hatte vermutlich keine Ahnung, was es war und wie es wirkte... Hatten Sie einen Komplizen, Pamela?"

"Was?" Ihre Fassung war jetzt dahin. Sie schüttelte stumm den Kopf.

"Ich nehme an, dass es Hernandez war. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie es allein schaffen konnten, Brannigan zu überwältigen..."

"Und warum sollte ich so etwas tun? Warum sollte ich meinen besten Mann in den Tod schicken?"

Sie wandte sich ab und ging zum Fenster. Ihre Finger zitterten, als sie die Zigarette zum Mund führte und hinausblickte.

"Eine gute Frage", meinte Bount.

Sie drehte sich herum und zischte: "Sie haben doch sonst auf alles eine Antwort!"

"Vermont", sagte Bount einfach nur.

"Was soll das?"

"Hernandez reagierte ganz merkwürdig, als ich ihn vorhin traf und ihm von einer Landkarte von Vermont erzählte, die bei einem Einbruch mitgenommen wurde!"

"Jetzt wollen Sie mir auch noch einen Einbruch anhängen?"

"Ihnen oder jemand anderem aus dem Ingenieur-Büro P. McGreedy. Denn derjenige, der in Brannigans Wohnung eingestiegen ist um ein Haar seine Lebensgefährtin erschlagen hätte, hat sich nur für Brannigans Unterlagen interessiert!" Sie war jetzt still.

"Das wusste ich nicht", sagte sie dann, nach einer Weile.

"Was wussten Sie nicht?", hakte Bount nach. Aber sie wich aus. Als sie aufblickte, erklärte sie: "Waren Sie schon bei der Polizei mit Ihrem Wissen?"

"Wollen Sie mich wieder kaufen?"

Sie zuckte die Achseln. "Jeder Mensch ist käuflich, Bount. Jemand wie Sie müsste das doch wissen! Bohren Sie in dieser Vermont-Sache nicht mehr herum. Mit dem Brannigans Tod hat das nichts zu tun."

"Da bin ich mir nicht so sicher. Und warum sollte ich Ihnen ausgerechnet jetzt glauben, wo Sie mir doch die Zeit nur Lügen erzählt haben?"

"Als Walt meine Wohnung verlassen hatte, stand noch hier am Fenster. Und ich habe gesehen, wie er sich unten mit zwei Männern unterhalten hat...!"

"Und das ist dann passiert?"

Sie zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht. Ich habe mich abgewandt. Es interessierte mich in dem Moment nicht, verstehen Sie? Ich konnte ja nicht, wissen, dass man Walt etwas verabreichen und ihn dann hinter das Lenkrad setzen würde."

"Haben Sie die Männer erkannt?"

"Nein", murmelte sie kopfschüttelnd. Dann meinte sie: "Sie glauben mir nicht, stimmt's?"

"Wundert Sie das?"

Sie atmete tief durch und sagte dann: "Okay, Bount! Ich werde Ihnen jetzt sagen, wie es wirklich war!" Der verzog das Gesicht.

"Ich bin gespannt!"



14

"Wenn Sie mit dieser Sache zur Polizei gehen sollten, werde ich behaupten, dass diese Unterhaltung nie stattgefunden hat, Bount!"

Bount lächelte dünn. "so etwas in der Art habe ich mir schon gedacht", murmelte er.

"Sie hatten schon den richtigen Riecher", meinte sie dann.

"Es geht um die Brücke in Rutland, Vermont. Als unser Büro daran gearbeitet hat, waren wir noch ganz am Anfang... Sie können sich denken, wie das ist, wenn man als Anfänger in einen Markt hineinkommen möchte! Da geht knochenhart zu! Kurz und gut: Uns ist in unserer Konstruktion ein Fehler unterlaufen..."

"Die Brücke steht doch schon seit Jahren", warf Bount ein. Sie nickte. "Ja, so ist es. Wahrscheinlich wäre nie jemand auf die Sache gestoßen..."

"Vorausgesetzt, sie stürzt nicht eines Tages ein!"

"Man merkt, dass Sie nichts davon verstehen, Bount!"

"Dann erklären Sie es mir!"

Sie machte sich einen Drink und bot Bount auch einen an. Aber der lehnte ab. "Es ist gut möglich, dass die Brücke zwanzig Jahre steht, ohne, dass es Grund zu Beanstandungen gibt!"

"Wenn es nicht auch die andere Möglichkeit gäbe, hätten Sie nicht solche Kopfschmerzen deswegen", sagte Bount sachlich. "Sie und Hernandez."

"Hernandez hat damals den Fehler gemacht. Und Brannigan kam darauf, weil er unglücklicher Weise die alten Pläne hervorgekramt hat, um sie als Vorbild für ein anderes Projekt zu benutzen." Sie hob hilflos die Hände. "Er bestand darauf, die Stadt Rutland zu informieren, weil er meinte, das Risiko wäre zu groß, dass das Material der Dauerbelastung nicht standhält..." Sie lächelte schwach. "Aber Risikoabschätzungen sind sowieso ein heikles Gebiet..." Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas uns blickte Bount offen an. "Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet hätte? Die Schadensersatzansprüche wären noch das Geringste gewesen! Wir hatten fast wieder von vorne anfangen müssen! Der gute Ruf, den P. McGreedy in den letzten Jahren sich erworben hat - er wäre dahin gewesen. Die Top Aufträge wären in den nächsten Jahren an uns vorbeigegangen. Und von Frank Hernandez hätte sich wohl kaum noch jemand eine Brücke berechnen lassen!"

"Darum ging es also hier bei Ihnen, als Walt Brannigan bei Ihnen vorbeischaute. Es hat nicht lange gedauert, nicht wahr?" Pamela nickte.

"Wir haben ihm Geld angeboten. Wir haben ihm gesagt, dass er doch auch das Schicksal der Firma mit berücksichtigen müsste. Wirklich alle Register sind gezogen worden."

"Wir?", echote Bount.

"Ja, Frank war auch dabei. Aber Walt war nur gekommen, um uns mitzuteilen, dass er sich endgültig entschieden hätte. Er war kein sehr entschlussfreudiger Mann. Fast zwei Wochen hat er die Sache vor sich hergeschoben und darauf herumgebrütet."

"Was für ein Glück für Sie, dass er nicht mehr lebt!"

"Hören Sie auf, Bount!"

Sie war jetzt wirklich zornig. "Glauben Sie, ich würde Ihnen das erzählen, wenn ich Walt umgebracht hätte? Glauben Sie, ich würde zugeben, dass Frank und ich die Gelegenheit dazu hatten, genau das mit ihm zu machen, was Sie vermuten!"

"Sie haben es nur zugegeben, als Ihnen nichts anders übrig blieb!"

Sie trat auf Bount zu und blieben nahe vor ihm stehen. Ihre vollen Brüste hoben sich und senkten sich. "Ich will, dass mir glauben, Bount!" Ein paar Locken waren ihr in die Stirn gefallen. Mit einer beiläufigen Bewegung strich sie sie zur Seite.

"Nichts lieber als das", erwiderte Bount indessen.

"Ich habe mit Walts Tod nichts zu tun!"

"Und der Einbruch?"

"Das war Frank Hernandez! Er hat einfach die Nerven verloren! Ich habe ihm noch ausdrücklich gesagt, er soll nichts unternehmen. Aber er wusste es natürlich besser, dieser Idiot!"

"Was ist passiert, nachdem Brannigan gegangen ist?" In ihren Augen leuchtete es. "Sie glauben mir also?"

"Eigentlich will ich wenigstens das Ende Ihrer Story erfahren, bevor ich mich da festlege."

"Von den beiden Kerlen da draußen habe ich Ihnen ja erzählt. Es fällt mir übrigens ein, dass einer ziemlich groß war und rote Haare hatte. Von den Gesichtern konnte ich von oben natürlich nichts sehen."

Bount hob die Augenbrauen.

"Rote Haare?"

"Ja. Ein Stoppelschnitt. Man konnte die Kopfhaut sehen. Hernandez ist dann übrigens gleich gegangen." Sie verengte ein wenig die Augen. "Warum schauen Sie mich so an, Bount?" Bount verzog das Gesicht. "Ich habe mir gerade überlegt, dass Sie mir diesmal vielleicht doch die Wahrheit sagen!" Sie hatte plötzlich ihre schlanken Arme um seinen Hals gelegt. Er spürte den Druck ihrer Brüste gegen seinen Oberkörper.

"Was wird das?", fragte Bount lächelnd. "Ein Bestechungsversuch der charmanten Art?"

"Ich möchte, dass wir uns mal wiedertreffen, wenn Sie mich nicht mehr für eine Mörderin halten!"

"Warum nicht!" Er nahm ihre Arme und löste sich von ihr.



15

Frank Hernandez bewohnte ein Penthouse. Als er die Tür öffnete und Bount Reiniger vor sich sah, schlug sie augenblicklich wieder zu. Oder besser: Er versuchte es. Aber Bount hatte blitzschnell reagiert und seinen Fuß hineingestellt. Hernandez atmete tief durch. "Soll ich die Polizei rufen?", rief er. "Ich habe keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten!"

"Rufen Sie ruhig die Polizei! Sie nehmen mir damit etwas ab, was ich vielleicht sonst selbst tun müsste!"

"Sie sind ein Bluffer, Reiniger!"

Bount grinste. "Ich lasse es sehr gern drauf ankommen. Sie auch?"

"Sie sind verrückt!"

"Zumindest die Jungs vom Einbruchsdezernat werden früher oder später den Weg zu Ihnen finden, Hernandez!" Bount zuckte die Achseln. "Sie hätten nicht in Brannigans Wohnung einsteigen sollen, Hernandez. Und vor allem hätten Sie Joanne Carter nicht so behandeln dürfen..."

Hernandez war ziemlich perplex.

Seine Augen sahen Bount ungläubig an und er ließ es sich auch gefallen, dass der Privatdetektiv beim Eintritt in die Wohnung drei Schritte vor ihm her ging.

"Sie reimen sich da nur irgendeine Story zusammen, Reiniger!", presste Hernandez einen Augenblick später heraus. Es klang allerdings nicht so, als wäre er selbst sonderlich überzeugt von dem, was er sagte. Seine Nasenflügel bebten.

"Ich wette, Sie haben nicht den Hauch eines Beweises für das, was Sie da erzählen!"

Bount winkte ab. "Kommen Sie mir nicht auf die Tour, Hernandez. Ich hatte ein intensives Gespräch mit Pamela McGreedy."

"Was Sie nicht sagen!"

"Sie war sehr gesprächig..."

Hernandez verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse.

"Ich sagte doch, das ist alles nur Bluff!"

"Soll ich von der Vermont-Story anfangen? Von der Brücke, bei der Sie sich verrechnet haben? Von dem kurzen Gespräch in Pamela McGreedys Wohnung, in dem Sie und Pamela Brannigan erfolglos versucht haben umzustimmen. Kurze Zeit später spielte er verrückt. Vermutlich wussten Sie nichts von der Pistole, die er bei sich hatte. Sie dachten, er baut einen Unfall..."

"Das ist eine Unterstellung!", zischte Hernandez. Bount ging ein paar Schritte und sah dann zwei gepackte Koffer hinter dem Tisch stehen. "Ich sehe, Sie wollten gerade verreisen..."

"Ein paar Tage Urlaub", meinte Hernandez dazu. "Ich habe ein Ferienhaus auf Long Island und jede Menge Überstunden, von denen ich jetzt ein paar abfeiern werde."

"Wird es Ihnen zu heiß in New York City?"

"Ich habe mit dem Einbruch nichts zu tun!"

"Und mit Brannigans Tod?"

"Machen Sie sich nicht lächerlich, Reiniger!"

"Und Sie haben auch nie eine Brücke für die Stadt Rutland in Vermont gemacht, was?"

"Hat Pamela Ihnen das mit dem Einbruch erzählt?"

"Ja."

"Sie will sich doch nur selbst schützen, indem sie mich anschwärzt!"

Bount nickte. "Dasselbe habe ich mir auch gesagt!" Hernandez hob die Schultern und schien nicht ganz zu begreifen. "Und was wollen Sie dann bei mir?"

"Draußen haben zwei Kerle auf Brannigan geartet, nachdem er Pamelas Wohnung verlassen hatte. Haben Sie die angeheuert, damit sie Brannigan mit etwas voll pumpen, das ihn auf die eine oder andere Art ins Jenseits befördern würde?"

"Sie sind verrückt, Reiniger!"

"Glauben Sie mir, es wird kein besonderes Problem sein, zumindest einen der beiden aufzutreiben..."

Hernandez war ziemlich blass geworden. Bount ging zum Telefon und nahm den Hörer ab.

"Wen rufen Sie an?"

"Die Polizei. Das Einbruchsdezernat. Die werden sich freuen, wenn ich ihnen den Einbrecher präsentieren kann. Man wird die ganze Geschichte mit der Brücke aufrollen..." Hernandez hatte sich kaum merklich zur Seite bewegt. Eine schnelle Bewegung und ehe Bount die Nummer in den Apparat tippen konnte, sah der Privatdetektiv mit den Augenwinkeln den kurzen Lauf einer Revolvermündung.

"Legen Sie den Hörer wieder auf!", sagte Hernandez. Seine Waffe war ein Kleinkaliber, aber deshalb nicht weniger tödlich. Vermutlich war der Ingenieur nicht unbedingt ein routinierter Schütze. Doch Bount hatte keine Lust, es darauf ankommen zu lassen.

Stattdessen sagte der Privatdetektiv ruhig: "Sie sollten die Liste Ihrer Dummheiten nicht noch verlängern, Hernandez!" Seine Zähne blitzten, als er das Gesicht zu einer Maske verzog. "Keine Sorge, Reiniger! Ich weiß sehr genau, was ich tue! Und Sie lassen mir leider keine andere Wahl... Die Hände nach oben!"

Bount gehorchte. Die Automatic aus dem Schulterholster zu reißen wäre Selbstmord gewesen. Dazu stand Bount einfach zu sehr im Schussfeld. Keine drei Meter lagen zwischen ihm und Hernandez. Da hatte selbst ein Stümper hervorragende Chancen, etwas zu treffen.

Hernandez Arm hob sich. Die Waffe zeigte jetzt direkt auf Bounts Kopf. Der Zeigefinger spannte sich nervös um den Abzug.

Bount blieb so gelassen, wie das in dieser Lage möglich war.

"Glauben Sie, Sie können etwas gewinnen, wenn Sie mich erschießen?", fragte er.

"Jedenfalls bin ich erledigt, wenn ich es nicht tue!", erwiderte Hernandez. "Der Einbruch, die Sache mit der Brücke... Das wird mir beruflich das Genick brechen! Aber dafür habe ich nicht all die Jahre hart gearbeitet, um nach oben zu kommen. Jetzt, wo ich es geschafft habe, können Sie nicht im Ernst erwarten, dass ich das alles kampflos aufgebe!"

"Es wird auch so herauskommen...", meinte Bount, aber das schien Hernandez nicht im Geringsten zu überzeugen.

"Meinen Sie?", lachte er heiser. "Brannigans Unterlagen habe ich vernichtet, Pam wird nichts sagen, weil sie nicht so dumm ist, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Bleiben nur noch Sie, Reiniger! Sie würden nicht Ruhe geben, wenn ich Sie am Leben ließe!"

"So wie Brannigan!"

"Jetzt spielt es ohnehin keine Rolle mehr, was Sie denken, Reiniger!"

Hernandez Augen hielten Bount fixiert, während er ein paar Schritte seitwärts ging. Er beugte sich vorsichtig zu seiner Stereo-Anlage hinunter und stellte sie an.

Stampfender Disco-Sound dröhnte im nächsten Moment durch die Wohnung. Bount konnte sich an einer Hand ausrechnen, was nun folgen würde. Der dumpfe Rhythmus würde das Schussgeräusch des Kleinkalibers verschlucken. Hernandez drückte ab.

Aber Bount hatte damit gerechnet und sich einen Sekundenbruchteil zuvor hingeworfen, so dass die Kugel über ihn hinwegpfiff. Bount rollte sich herum, riss die Automatic heraus und rettete sich dann erst einmal hinter die massive Ledercouch.

Hernandez feuerte noch zweimal schnell hintereinander, einer ging in die Couch, der andere zerstörte eine Stehlampe. Dann tauchte Bount blitzartig seiner bescheidenen Deckung hervor und brachte die Automatic in Anschlag. Hernandez stand indessen schon halb in der Wohnungstür.

"Fallenlassen!", rief der Privatdetektiv, aber Hernandez entschied sich anders und drückte noch ein letztes Mal ab. Doch Bount war schneller. Hernandez erwischte es am rechten Unterarm, sein Schuss ging in die Decke. Ächzend rannte er davon.

Mit einem Satz war Bount über die Couch gestiegen. Er spurtete hinaus, während die Disco-Musik noch immer mit ohrenbetäubender Lautstärke vor sich hin stampfte. Hernandez hatte es geschafft, in den Aufzug zu kommen. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu stoppen, bevor er nicht am Ziel angekommen war. Und das war vermutlich das Erdgeschoss. Bount blieben nur die Treppen. Ungefähr ein Dutzend Stockwerke lagen vor ihm und das war auch für jemanden von Bounts guter Kondition kein Pappenstiel.

Als Bount das Erdgeschoss erreichte, war der Aufzug natürlich längst dort. Aber von Hernandez war nirgends eine Spur zu sehen. Bount lief hinaus ins Freie. Mit einem schnellen Blick sondierte er die Lage und sah er Hernandez in einem Wagen sitzen. Hernandez ließ gerade den Motor an. Eine Sekunde lang trafen sich die Blicke der beiden Männer. Bount rechnete damit, dass Hernandez das Steuer seines Wagens herumreißen und sich dann in den Verkehr hineindrängen würde, um so schnell wie möglich davonzukommen.

Aber er tat etwas ganz anderes.

Er setzte den Wagen mit ruckartig in Bewegung ließ ihn auf den Bürgersteig schnellen. Einige Passanten liefen auseinander. Hernandez hielt direkt auf Bount zu.

Der Privatdetektiv rettete sich durch einen Sprung zur Seite. Er rollte herum und wollte Hernandez einen Schuss in die Reifen verpassen, aber da stand plötzlich eine Frau in der Schussbahn, die Bount entsetzt anstarrte.

Hernandez ließ den Wagen unterdessen aufheulen.

Rücksichtslos drängte er sich in den Verkehr. Jemand hupte und irgendwo berührten sich auch ein paar Stoßstangen. Hernandez fuhr wie der Teufel.

Mit quietschenden Reifen sah man ihn dann noch um die nächste Straßenecke biegen.



16

"Du hast es geschafft, Bount!" Captain Toby Rogers ließ eine Mappe auf geräuschvoll den Schreibtisch fallen. "Die Akte ist wieder offen, die Ermittlungen sind erneut aufgenommen!" Bount lächelte kurz. Aber es lag kein Triumph darin. Nicht einmal Zufriedenheit, denn die Sache war noch nicht abgeschlossen.

"Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, Toby!" Rogers lachte dröhnend.

"Nein!", meinte er ironisch. "Da wir hier unter chronischer Unterbeschäftigung leiden, bin ich froh über jedes bisschen an zusätzlicher Arbeit für meine Leute!"

Seit gut zwölf Stunden wurde nach Frank Hernandez gefahndet - bislang ohne Erfolg. Inzwischen hatten die Leute vom Einbruchsdezernat Fotos von Hernandez in Joanne Carters Nachbarschaft herumgezeigt und es gab tatsächlich ein paar Zeugen, die ihn wiedererkannten. Er hatte Handschuh getragen, was bei der warmen Witterung mehr als auffällig war. Außerdem war in seiner Wohnung das Stemmeisen gefunden worden, mit dem man die Tür aufgebrochen hatte. Winzige Farbspuren bewiesen das einwandfrei.

"Auf die Dauer hat der Kerl keine Chance", meinte Rogers.

"Er ist verwundet und wird sich irgendwo seinen Arm behandeln lassen müssen! Wir werden ihn sicher kriegen."

"Davon bin ich überzeugt!", erwiderte Bount. Rogers hob die Schultern. "Fragt sich nur, wer ihn am Ende bekommt: Wir oder die Kollegen vom Einbruch!" Bount nickte. "Auf Mord wird man ihn wohl nur schwer festnageln können..."

"Man hat etwas von diesem neuen Zeug in seiner Wohnung gefunden!", gab Rogers zu bedenken. "DSE wird es, glaube ich, abgekürzt."

"Ja, in gewissen Kreisen scheint dieser Stoff zur Zeit die Runde zu machen."

"Hernandez hatte die Gelegenheit und ein Motiv. Was will man mehr von einem Mörder, Bount?" Bount zuckte die Achseln. Dasselbe galt ebenfalls für Pamela McGreedy. Für sie sprach nur, dass sie Bount gegenüber ausgepackt hatte. Vielleicht war das aber auch nur ein geschickter Schachzug gewesen, um von sich abzulenken.

Aber da war noch eine andere Sache...

"Pamela McGreedy will gesehen haben, wie zwei Männer auf Brannigan gewartet und ihn in Empfang genommen haben... Mit einem davon bin ich wahrscheinlich schon einmal zusammengetroffen. Jedenfalls paßt die Beschreibung. So viele Riesen mit kurzgeschorenen roten Haaren gibt es nun auch wieder nicht."

Rogers legte die Stirn in Falten und lehnte sich zurück. "Was soll das für einer sein?"

"Ein Schläger. Er heißt Bill O'Mara und arbeitet für einen Mann namens Arnold Parker. Und der verkauft genau das Zeug, das Brannigan verabreicht wurde." Er grinste. "Ich war bei Hayes im Rauschgiftdezernat. Die waren ziemlich zugeknöpft, aber immerhin weiß ich jetzt, dass die beiden dort keine Unbekannten sind."

"Und wie bringst du das zusammen?"

"Vielleicht ist das Ganze nur ein Märchen von Miss McGreedy. Sie könnte den rothaarigen Bill im Mega Star gesehen haben. Dann hat sie ihn mir beschrieben, um mich auf eine falsche Fährte zu setzen. Die andere Möglichkeit ist, dass Hernandez ihn und einen zweiten Mann für ein paar Dollar angeheuert hat, um die Sache durchzuziehen..."

"...um sich nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen!"

"So ist es."

Dann klingelte das Telefon auf Rogers’ Schreibtisch und er nahm ab. Als der Captain dann kurze Zeit später wieder auflegte, berichtete er: "Das war Hayes vom Rauschgift!"

"Und?" Bount verschränkte die Arme vor der Brust.

"Wir sollen O'Mara in Ruhe lassen. Die haben diesen Parker, für den er arbeitet schon seit längerem im Auge und wollen über ihn an die höheren Chargen herankommen." Er grinste.

"Das soll ich übrigens insbesondere auch dir noch einmal klarmachen - wenn ich dich das nächste Mal sehe!"

"Na, dann hast du mich eben nicht gesehen, Toby!"

"Du willst denen doch wohl nicht in die Suppe spucken, Bount! Du bringst eine Operation in Gefahr, die mit dem FBI zusammen durchgeführt wird und lange vorbereitet ist! Halt dich da besser heraus! Bill O'Mara wird mit dem ganzen Schwarm ins Netz gehen. Dann können wir ihn befragen."

"Verstehe", murmelte Reiniger.

"Es geht nicht anders, Bount!"

Bount erhob sich und wandte ich zum Gehen. Rogers hatte natürlich recht. Außerdem lag gegen O'Mara ja auch nichts Greifbares vor, wenn man von Pamela McGreedys Aussage absah. Und welches Spiel Pamela wirklich spielte, darüber war Bount sich noch nicht ganz im Klaren.

"Warum hat dieser Hayes mir das eigentlich nicht selbst gesagt?"

Rogers kam nicht mehr dazu, Reinigers Frage zu beantworten. Die Tür ging auf und einer seiner Detectives kam herein. "Was gibt es, Brian?", knurrte der Captain.

"Ich sollte Ihnen doch Bescheid sagen, sobald uns dieser Hernandez ins Netz gelaufen ist!"

Rogers sprang auf. "Wo ist er jetzt?"

"Beim Arzt."



17

"Scheint, als säßen Sie ziemlich tief drin, Hernandez", stellte Rogers fest. Bount stand etwas abseits und hatte dem Verhör bisher mehr oder weniger schweigend zugehört. Es war nicht viel dabei herausgekommen. Hernandez saß auf seinem Stuhl, zupfte nervös an der Bandage an seinem rechten Unterarm herum und blickte immer erst fragend zu seinem Anwalt, bevor er einen Ton von sich gab. Über die Angaben zur Person hinaus, war das auch nicht allzuviel.

"Was den Einbruch betrifft ist die Beweislage doch ziemlich klar!", meinte Rogers, wobei er beschwörend mit den Armen wedelte. "Geben Sie es doch einfach zu!" Der Anwalt schüttelte den Kopf und Hernandez kniff die Lippen aufeinander.

"Sie waren es auch, der Brannigan dieses Teufelszeug gegeben hat, um ihn umzubringen!" Rogers versuchte, Hernandez endlich aus der Reserve zu locken. "So etwas nennt man Mord, Mister Hernandez! Und Sie hatten ein Motiv und waren am Tatort."

"Das sind Unterstellungen!", griff der Anwalt ein. Rogers achtete nicht auf ihn, sondern hielt den Blick auf Hernandez gerichtet.

"Ich habe Brannigan nicht umgebracht", murmelte er dumpf.

"Warum nehmen Sie Pamela McGreedy nicht fest? Wenn ich Motiv und Gelegenheit hatte, dann hatte sie es auch!"

"Vielleicht holen wir das noch nach", meinte Rogers kühl.

"Schließlich könnte es ja auch sein, dass Sie das zusammen durchgezogen haben...!"

Jetzt mischte sich Bount ein.

"Kennen Sie einen Mann namens Bill O'Mara?"

"Nein."

"Sagen Sie nichts, Mister Hernandez!", wies der Anwalt seinen Mandanten an. "Glauben Sie mir, es ist besser so!"

"O'Mara hat rotblondes Haar und eine Narbe am Kinn. Ich wette, Sie sind ihm schon begegnet..."

"Glauben Sie, ich habe jemanden angeheuert?"

"Wäre doch auch möglich, oder etwa nicht?"

"Ich sagte schon, ich habe mit der Sache nichts zu tun!"

"So einfach können Sie sich da nicht herauswinden!", meinte Bount.

"Das werden wir sehen!"



18

Eine trübe Dunstglocke hing über dem Central Park, als Bount Reiniger hinaus aus dem Fenster seines Büros blickte und an seiner Zigarette zog. Hinter sich hörte er June hereinkommen.

"Sieht aus, als würden wir ziemlich auf der Stelle zu treten!", meinte sie.

Bount nickte. "Ja. Hernandez schweigt eisern. Ich kann es ihm noch nicht einmal verdenken."

"Glaubst du, dass er es war?"

"Nicht ohne Komplizen."

"Du denkst an diesen O'Mara?"

"Ja."

June musterte ihren Boss einen Augenblick lang und meinte dann ziemlich spitz: "Diese Pamela McGreedy scheinst du schon von deiner Liste gestrichen zu haben, habe ich recht?"

"Du irrst dich!"

Auf dem Schreibtisch hatte Bount die Bilder ausgebreitet, die Walt Brannigan für seine Therapiestunden angefertigt hatte.

"Ich hatte die Sachen hier in meiner Schublade und habe sie mir noch einmal angesehen", meinte der Privatdetektiv dazu. June lächelte nachsichtig.

"Und du glaubst, dass du durch diese Bilder der Wahrheit auf die Spur kommst?"

Bount nahm eines der Bilder heraus und zeigte es ihr. "Was siehst du?"

June nahm das Bild und runzelte die Stirn. "Vier Männer!", sagte sie dann. "Einer liegt am Boden, ein zweiter hat die Hände hoch."

"Es stellt wohl den Überfall dar, der vor Jahren auf Brannigan verübt wurde. Der mit den erhobenen Händen ist er selbst, der am Boden Liegende ist soeben erschossen worden. Und nun schau dir mal die Täter an!"

"Er scheint sehr schnell und flüchtig gemalt zu haben..."

"Er hat eine Narbe am Kinn, June!"

"Das könnte auch ein Klecks sein!"

"Richtig, wenn nur auf einer Zeichnung zu sehen wäre, dann hättest du recht. Aber Brannigan hat die Szene während seiner Therapie mehrfach gemalt. Und dieser Punkt da vorne fehlt auf keiner einzigen! Und auf zwei Bildern hat der mit der Narbe zusätzlich rote Haare!"

"Könnte Zufall sein, Bount!"

Bount Reiniger zuckte die Achseln. "Ja, aber es könnte auch heißen, dass dieser Bill O'Mara einer der Kerle war, die ihn damals überfallen haben!"

June hob die Schultern, während ihr Blick noch einmal über Brannigans Bilder glitt. "Warum sollte dieser O'Mara Brannigan nach all den Jahren umbringen?"

"Eine gute Frage June..."



19

Dr. Aaron Stanley war ein Mann mit einem braunen Haarkranz. Aber sein Bart war völlig ergraut und deshalb sah er zehn Jahre älter aus, als er in Wirklichkeit war. Bount traf ihn beim Bowling - und er schien alles andere, als begeistert davon zu sein, dass ihn dabei jemand störte.

"Sie sind Reiniger? Der Kerl, dessen Assistentin dauernd mein Telefon klingeln lässt?"

"So ist es."

"Lassen Sie sich von meiner Sekretärin einen Termin geben!"

"Ich will keine Stunden bei Ihnen nehmen, sondern ihnen ein paar Fragen stellen. Es geht um Walt Brannigan."

"Ich habe der Polizei doch schon alles gesagt!" Er kniff die Augen etwas zusammen, griff nach seinem Bier und wischte sich eine Sekunde später den Schaum aus dem Bart. "Aber Sie sind Privatdetektiv, und ich wüsste wirklich nicht, was ich für Sie tun kann! Sie wollen etwas über Walt Brannigan wissen, aber Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich irgendeinem dahergelaufenen Schnüffler Auskünfte über einen Patienten von mir geben werde!"

"Ihre Diagnose war beginnende Paranoia, nicht wahr?"

Stanley legte die Stirn in Falten. "Woher wissen Sie das?"

"Das tut nichts zur Sache. Ich will keine Details aus seiner Krankengeschichte wissen. Ich suche seinen Mörder... Ihm wurde in einer hohen Dosis ein synthetisches Rauschmittel verabreicht. Dann hat man ihn hinter das Steuer seines Wagens gesetzt, damit er sich an der nächsten Kreuzung den Hals bricht. Es hätte wie ein Unfall ausgesehen..."

"Aber Brannigan hatte eine Waffe!", stellte Stanley fest.

"Das hat er Ihnen also erzählt."

"Ich habe es gehört, nachdem er..." Dr. Stanley sprach nicht weiter und zuckte mit den Schultern. Dann faltete er die Hände vor dem kleinen, aber festen Bauch, den er über dem Gürtel mit sich herumtrug. "Ich weiß nicht, wie ich Ihnen da helfen kann!"

"Wann ist Brannigan das erste Mal zu Ihnen gekommen?"

"Vor einem halben Jahr."

"Hatte das vielleicht einen besonderen Anlass?" Stanley wandte sich halb herum und murmelte: "Sie glauben doch nicht im Traum, dass ich Ihnen darauf eine Antwort gebe?" Aber Bount ließ nicht locker. "Brannigan hatte ein traumatisches Erlebnis. Er wurde vor acht Jahren überfallen, sein Begleiter erschossen. Ich nehme an, Sie haben darüber geredet!"

"Wie kommen Sie darauf?"

Bount hatte eine Mappe unter dem Arm, die er jetzt hochhob.

"Ich möchte Ihnen etwas zeigen", sagte er. "Ich schlage vor, wir gehen dort drüben zu dem Tisch!"

"Was soll das sein?"

"Bilder, die Walt Brannigan in Ihren Sitzungen angefertigt hat."

"Es stimmt, ich arbeite mit Bildern. Aber ich glaube kaum, dass die für Ihre Hände bestimmt sind!"

Darauf ging Bount nicht ein. "Er hat immer wieder den Überfall dargestellt!"

Sie gingen zum Tisch. Bount breitete Brannigans Bilder aus.

"Ich kenne die Sachen", murmelte Stanley. Die Angelegenheit schien ihn auf einmal doch zu interessieren. "Es muss ein furchtbares Erlebnis gewesen sein. Die Täter hat man nie gefasst, wie er mir sagte."

"Aber das liegt Jahre zurück, Mister Stanley! Warum ist er vor einem halben Jahr zu Ihnen gekommen? Warum nicht vorher?"

"Das ist nichts Ungewöhnliches. Manche Leute warten jahrelang und schieben ihre Probleme vor sich her oder wollen sie nicht wahrhaben! Ich erlebe das tagtäglich in meiner Praxis!"

"Einer der Täter wird rothaarig porträtiert. Und dieser Klecks dort könnte eine Narbe darstellen. Eine Art Halbkreis..."

"Er erwähnte eine Narbe, ja. Dieses rothaarige Gesicht verfolgte ihn in seinen Träumen."

"War das derjenige von den beiden, der damals geschossen hat?"

"Ja."

"Kurz bevor Brannigan Amok lief, ist er mit zwei Männern gesehen worden. Einer davon war rothaarig."

Dr. Stanley hob die Augenbrauen. "Merkwürdig...", murmelte er

"Hat er über diesen Mann, der ihn damals überfallen hat, noch irgendetwas gesagt?"

"Nein. Aber ich habe in meiner Praxis noch ein paar Bilder, die Brannigan gemalt hat, auf denen er noch deutlicher zu sehen ist. Aber es ist fraglich, ob Sie damit etwas anfangen können."

"Ich möchte sie trotzdem gerne sehen..." Er seufzte. "Das sind vertrauliche Unterlagen! Wenn ein Polizist mit einem entsprechenden Papier vor meiner Praxistür steht, werde ich sie herausrücken, vorher nicht!"

"Verstehe..."

"In meinem Job muss man vorsichtig sein", fuhr Dr. Stanleys dann fort. "Glauben Sie es kommt noch jemand zu mir, wenn es die Runde macht, dass persönliche Dinge bei mir nicht in guten Händen sind? Dann kann ich dicht machen!"

Bount packte Brannigans Bilder ein und wandte sich dann zum Gehen.

"Tut mir Leid, Sie beim Bowling gestört zu haben!" Aber Stanley winkte ab. "Vergessen Sie's! Glauben Sie mir, ich bin eine Menge gewöhnt, aber diese Sache ist mir schon nahe gegangen!"

Keine zwei Schritte hatte Bount zwischen sich und den Psychologen gebracht, da ließ ihn Dr. Stanleys Stimme abrupt stoppen. "Steht es fest, dass Brannigan diese Drogen nicht selbst genommen hat?"

Bount drehte sich halb zu ihm herum und nickte.

"Inzwischen ist das amtlich. Er ist noch einmal einer gerichtsmedizinischen Untersuchung unterzogen worden. Das Zeug ist ihm mit einer Spritze gegeben worden, die so angesetzt worden ist, dass er sie sich unmöglich selbst geben konnte, selbst wenn er ungewöhnlich gelenkig gewesen wäre!" Bount musterte ihn kurz. Da kochte noch etwas in Dr. Stanleys Kopf. Bount konnte es ihm deutlich ansehen. Aber er schien noch mit sich zu ringen, ob er den Dampf herauslassen sollte. "Warum fragen Sie?", hakte schließlich Bount nach. Stanley zuckte nachdenklich mit den Achseln

"Hey, Aaron! Machst du eigentlich noch mit?", rief ein kleiner, drahtiger Mann, der offenbar zu Stanleys Bowling Brüdern gehörte.

"Einen Moment noch!", fauchte der Psychologe unwirsch. Er trat nahe an Bount heran und fuhr dann in gedämpften Tonfall fort: "Vielleicht sollte ich es Ihnen doch erzählen... Aber eines sage ich Ihnen, wenn Sie glauben, mich irgendwo vorführen zu können, dann werde ich alles abstreiten!"

"Reden Sie schon!"

"Als Walt Brannigan zu mir kam, behauptete er, er hätte einen der Täter zufällig in einem Kaufhaus getroffen. Seitdem litt er wieder unter Alpträumen."

"Hat er ihn danach noch einmal gesehen?"

"Ja. Mehrfach. Aber immer nur, wenn niemand dabei war, der das hätte bestätigen können. Ich hielt das für eine Projektion seiner Ängste. Außerdem habe ich ihm geraten, zur Polizei zu gehen, wenn er wirklich davon überzeugt wäre, den Mann gesehen zu haben, der damals seinen Begleiter erschossen hat."

"Aber bei der Polizei ist wohl nicht gewesen", erwiderte Bount.

Stanley lächelte knapp. "Ich weiß", sagte er. "Er meinte, dass ihm niemand glauben würde. Er schob es immer wieder vor sich her. Vermutlich fürchtete er, dass sich herausstellen würde, dass er sich alles nur eingebildet hatte, dass er im wahrsten Sinn des Wortes anfing, Gespenster zu sehen..."

"Aber dieser Mann existiert", stellte Bount fest.

"Mag sein, aber für Brannigan war er zum Symbol seiner unbestimmten Ängste geworden."

Bount begann zu verstehen. Jemand sah ein Gesicht für wenige Sekunden im Menschengewühl eines Kaufhauses. Schon in der nächsten Minute war er sich nicht mehr hundertprozentig sicher und bekam Angst, für verrückt gehalten zu werden.



20

Alles läuft auf Bill O'Mara hinaus!, dachte Bount. Und der war im Augenblick tabu. Zumindest für Rogers und seine Leute.

Bount ging trotzdem ins Mega Star. Es konnten ihm kein Cop und kein FBI-Mann verbieten, hier seinen Drink zu nehmen. Falls O'Mara ihm hier über den Weg laufen sollte, so hatte Bount nicht das Geringste dagegen.

Aber weder von O'Mara, noch von seinem Boss Arnold Parker war an diesem Abend etwas zu sehen. Die beiden schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Vielleicht hatte Parkers' Geschäft' heute gewissermaßen Ruhetag.

Dafür traf er jemand anderen. Pamela McGreedy schenkte Bount ein säuerliches Lächeln, als sie ihn entdeckte und drehte dann demonstrativ den Kopf zur Seite, um ihn nicht zu sehen. Einen Augenblick später war Bount bei ihr.

"Ich bin nicht besonders gut auf Sie zu sprechen, Bount!", meinte sie, wobei ihr nicht anzusehen war, wie ernst sie das wirklich meinte.

Bount zuckte die Achseln. "Das tut mir leid."

"Das glaube ich nicht!"

"Warum so unfreundlich?"

"Ich war nett zu Ihnen, Bount! Ich habe Ihnen gesagt, was ich wusste und sie hetzen die Meute auf mich."

"Nicht auf Sie, Pam!"

"Auf Hernandez oder auf mich, das ist dasselbe."

"Für seine Kurzschlussreaktion kann ich doch nichts, das müssen Sie zugeben!"

"Heute waren ein paar Detectives bei mir! Und ich habe das dumpfe Gefühl, dass es nicht das letzte Mal war. Ich wurde aufgefordert, die Stadt nicht zu verlassen!" Bount lächelte dünn. "Und Sie werden es überleben, Pam!" Sie winkte ab. "Was wissen Sie schon!", zischte sie dann. Sie wandte sich ab. Bount nippte an seinem Drink. Plötzlich wirbelte sie herum. "Sind Sie meinetwegen hier?"

"Ich bin hier, um einen Drink zu nehmen!"

"Erzählen Sie mir nichts! Sie sind hier, weil Sie mir kein Wort geglaubt haben!"

"Schon verwunderlich, wie wichtig es Ihnen ist, was ich glaube!"

Ihre Gesichtszüge wurden jetzt etwas weicher. "Sie interessieren mich eben, Bount!"

"Weil ich in der Brannigan-Sache herumrühre und Sie das beunruhigt?", grinste Bount.

Sie schüttelte energisch den Kopf. Ihr Augenaufschlag war gekonnt.

"Nein", murmelte sie. "Damit hat das nichts zu tun..."

"Wo ist eigentlich Ihr Freund Parker?"

"Wer soll das sein?"

"Der Kerl mit der Pomade im Haar."

Sie zuckte die Achseln. "Ich habe nicht die geringste Ahnung!"

"Er war noch nicht hier!"

"Er kommt nicht jeden Tag." Sie zündete sich eine Zigarette an. Bount gab ihr Feuer. Sie hob die Augenbrauen, als sie fragte: "Was wollen Sie von ihm?"

"Von ihm? Nichts. Ich suche den Kerl, der sein Schatten ist. Vielleicht haben Sie ihn schon einmal gesehen. Er ist rothaarig."

Sie blickte auf. Ihr Gesicht veränderte sich und drückte so etwas wie Erleichterung aus.

"Dann glauben Sie mir also das mit den zwei Männern, die Walt in Empfang genommen haben?"

"Ich weiß es nicht."

Der Blick ihrer dunklen Augen ruhte einen Augenblick nachdenklich auf Reiniger, dann nickte sie.

"Das kann ich Ihnen nicht übel nehmen", meinte sie dann. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. "Vielleicht gehen wir trotzdem noch woanders hin", meinte sie dann. "Auch wenn Sie sich noch nicht entschieden haben, ob ich vielleicht eine Mörderin bin!"

Bount hob die Schultern. "Warum nicht?", lachte er. Vielleicht tauchten weder Parker noch sein Wachhund O'Mara auf. Und wenn er den beiden nicht begegnete, dann ging Bount damit auch gleichzeitig einigen Schwierigkeiten aus dem Weg.



21

Sie gingen hinaus in die Nacht.

"Fahren wir zu mir?", fragte Pamela.

"Meinetwegen. Sind Sie mit dem Wagen da?"

"Ja, er steht da vorne." Sie lächelte. "Sie kennen ja den Weg."

"Bis gleich", nickte Bount.

Einen Augenblick später sah Bount sie einsteigen und davonfahren. Seinen eigenen Wagen hatte er in einer nahen Seitenstraße abgestellt, keine zwei Minuten Fußweg entfernt. Die Seitenstraße war nur mäßig beleuchtet. Eine Straßenlaterne flackerte und schien offenbar kurz vor dem endgültigen Aus zu stehen. Beide Straßenseiten waren mit Parkern besetzt und Bount konnte von Glück sagen, dass man ihn nicht einfach zugestellt hatte.

Kaum hatte Bount den Schlüssel in die Fahrertür seines 500 SL gesteckt, da peitschten zwei Schüsse kurz hintereinander durch die Nacht. Bounts Rechte ging instinktiv zum Schulterholster und zog die Automatic heraus. Er blickte sich um, konnte aber nichts sehen.

Dann kam ein Wagen aus einer engen Einfahrt heraus, über die man vermutlich zum Hintereingang des Mega Star gelangen konnte. Es war ein BMW, aber irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Jedenfalls bog das Fahrzeug nicht ab, sondern fuhr quer über die Straße und rammte seitwärts in einen parkenden Buick. Eine Hupe dröhnte durch die Nacht.

Bount setzte zu einem Spurt an. Einen Moment später hatte er den BMW erreicht. Er sondierte zunächst die Lage, aber, aber nirgends war jemand zu sehen.

Dann riss er die Beifahrertür des BMW auf und schaltete die Wagenbeleuchtung ein.

Der Fahrer lag über das Steuerrad gebeugt. Seine Stirn drückte auf die Hupe. Vom Gesicht hatte Bount nur eine Seitenansicht, aber die genügte. Es war Arnold Parker. Zwei Schüsse hatten den Dealer getroffen, einer in den Bauch, der andere hatte ihn von hinten an der Schulter erwischt. Offenbar hatte er sich nach der Kugel in den Bauch noch ins Auto schleppen und losfahren können.

Aber jetzt war er mausetot.

Bount durchsuchte kurz die Taschen des Dealers und fand ein Notizbuch, das er flüchtig durchblätterte. Eine Seite riss er sich heraus. Die Eintragung bestand schlicht aus einem fürchterlich hingeschmierten und kaum leserlichen 'Bill' und einer Nummer. Wahrscheinlich eine Telefonnummer.

Vermutlich war es Bill O'Maras Nummer. Auf dem Rauschgiftdezernat hatte man Bount erzählt, dass O'Mara unbekannt verzogen war. Vielleicht war das nur ein Ablenkungsmanöver. Ein Trick, um ihn von dem Rotschopf und damit von Parker - fernzuhalten. Aber wenn es die Wahrheit war, konnte diese Nummer Gold wert sein.

Parker war tot - und wer immer ihn auch auf dem Gewissen haben mochte - die Pläne des Rauschgift-Dezernats waren damit durchkreuzt. Parker würde keine großen Hintermänner mehr verraten können. Sein Mund war für immer verschlossen. Bount kam aus dem Wagen heraus und hörte ein Geräusch, das ihn herumfahren ließ.

Bount sah eine schemenhafte Gestalt, die zur Hälfte im Schatten stand. Es war Bill O'Mara. Als der Rotschopf Bount sah, zögerte er nicht eine Sekunde, riss die Waffe hoch, die er in der Rechten hielt und feuerte wild drauflos. Bount sah das Mündungsfeuer aufblitzen und duckte sich hinter das Heck des BMW, während die Kugeln Löcher ins Blech rissen.

Was in O'Maras Kopf vor sich ging, konnte man sich leicht denken. Jemand hatte seinen Boss erschossen und jetzt sah er einen Mann bei dessen Leiche, den er für einen Gorilla der Konkurrenz hielt. Der Fall musste ihm klar erscheinen. Als das Feuer etwas verebbte, tauchte Bount aus seiner Deckung hervor, und brachte seine Automatic in Anschlag. Bount ballerte einmal in O'Maras Richtung. Der Rotschopf feuerte noch einmal zurück und dann machte es 'klick!'. Er hatte seine Waffe leergeschossen und rannte nun davon. Bount kam hinter dem BMW hervor und spurtete hinterher.

Die Jagd ging durch die Einfahrt, aus der BMW gekommen war.

O'Mara war sicher stark wie ein Bär, aber kein sehr schneller Läufer. Bount holte zusehends auf. O'Mara begann zu keuchen. Aus der Jackentasche fingerte er dabei ein Ersatzmagazin für seine Pistole.

Er drehte sich halb herum und sah, dass Bount ihn einholen würde. O'Mara hielt an, schob das Magazin in den Pistolengriff und ballerte einen Sekundenbruchteil später los.

Bount duckte sich hinter einen Pulk von Mülltonnen. Die Projektile, die die Blechtonnen schrammten, verursachten eine ganz eigene Art von Musik. Dann rannte O'Mara weiter und erreichte den Wendehammer mit Parkplatz, der sich vor dem Hintereingang des Mega Star befand. Dabei ballerte er mehr oder weniger ungezielt nach hinten.

Bount konnte sich denken, was O'Maras vorhatte.

Er wollte im Dämmerlicht des Mega Star zwischen den vielen Menschen untertauchen. Und wahrscheinlich war das auch das Aussichtsreichste, was der Rothaarige im Moment versuchen konnte.

Einen Augenblick später sah Bount ihn durch den Hintereingang verschwinden. Es würde alles andere, als leicht sein, ihn da drinnen aufzutreiben. Aber vielleicht war es die letzte Gelegenheit, bevor O'Mara ganz abtauchte. Schließlich hatte man seinen Boss umgebracht und er hatte sicher keine Lust, ebenso zu enden.

Bount hatte den Wendehammer zur Hälfte überquert, da sah er mit den Augenwinkeln einen Mann zwischen zwei parkenden Wagen auf dem Asphalt liegen. Ein leises Röcheln war zu hören.

Wer immer er auch sein mochte, einfach liegen lassen konnte man ihn schlecht. Bount ging zu ihm, hielt dabei aber den Finger straff um den Abzug der Automatic gelegt, denn nur wenige Zoll neben dem Kerl lag etwas auf dem Boden, das wie eine MPi aussah.

Der Mann blickte auf.

Das eigentlich weiße Hemd unter seinem Jackett war rot eingefärbt. Er blutete auch aus dem Mund. Bount beugte sich über ihn, aber da schien jede Hilfe zu spät zu kommen. Er würde sterben, und seinem Blick nach wusste er das auch. Er sank nach hinten, seine Augen erstarrten.

In seinem Rücken hörte Bount dann ein Geräusch. Er drehte den Kopf und blickte in die blanke Mündung eines 38er Special.

Eine Sekunde lang hing alles in der Schwebe. Ein nervös wirkendes Augenpaar fixierte Bount.

"Keine Bewegung und Waffe weg!"

Drei, vier Bewaffnete stürmten zusätzlich heran. Allesamt mit schussbereiten Waffen. Bount hatte nicht den Hauch einer Chance.

"Polizei!", rief einer von ihnen und holte seine Marke hervor. Bount ließ die Automatic auf den Asphalt fallen und hob langsam die Hände. "Seid ihr vom Rauschgift?"

"Mund halten!", zischt jemand. "Sie haben das Recht zu schweigen..."

Bount kannte den Spruch auswendig. Ein paar Sekunden später waren seine Hände mit Handschellen zusammengekettet, während einer der Männer versuchte, Reinigers Lizenz so zu halten, das etwas Licht darauf fiel.

Der Mann war klein und untersetzt. Zwischen Nase und Stirn hatte er eine markante Falte, die seinem Gesicht etwas Unfreundliches gab. Auf seinem Kopf waren kaum noch Haare. Sozusagen als Ausgleich dafür hatte er sich die Koteletten stehen lassen.

"So, Privatdetektiv sind Sie also...", murmelte er und trat nahe an Bount heran.

"Reiniger... Ich habe Ihren Namen schon einmal gehört!"

"Kann gut sein. Ich habe oft mit der New Yorker Polizei zusammengearbeitet!"

Der Glatzkopf lachte heiser und bleckte dabei die Zähne. Er war ein bissiger Hund, das war Bount gleich klar.

"Was Sie nicht sagen, Reiniger! Diesmal scheinen Sie aber auf der anderen Seite zu stehen!"

Bount kniff die Augen zusammen. "Was soll das heißen?" Der Glatzkopf deutete auf den Toten. "Vielleicht erklären Sie uns mal, was hier passiert ist!"

"Denken Sie, dass das auf mein Konto geht?" Der Glatzkopf zuckte die Achseln. "Ich glaube gar nichts. Aber wenn wir jemanden antreffen, der sich mit einer Automatic in der Hand über einen Toten beugt, der gerade ein paar Kugeln abgekriegt hat, dann wird man ja wohl mal fragen dürfen, oder?"

"Meine Kugeln waren es nicht."

"Wird sich herausstellen, Reiniger!"

Ein schlaksiger Kerl, der offenbar auch zu den Polizisten gehörte kam heran. "Lieutenant! Dahinten liegt Parker in seinem Wagen. Auch erschossen!"

Der Glatzkopf bleckte die Zähne. Er hatte nicht eine Sekunde den Blick von Bount abgewandt. "Sieh an!", zischte er. "Geht der auch auf Ihr Konto?"

"Nein."

"Und sonst haben Sie nichts dazu zu sagen?"

"Ich war nicht dabei, als es passierte!"

"Sehr witzig!"

Sie nahmen Bount in die Mitte und führten ihn ab.



22

"Nehmen Sie dem Mann die Handschellen ab!", befahl Captain Hayes vom Rauschgiftdezernat, als man Reiniger in das Büro geführt hatte.

Der Glatzkopf machte ein Gesicht, als wäre sein Vorgesetzter so etwas wie ein Gespenst.

"Aber Captain!"

"Hören Sie schwer? Ich kenne den Mann! Er wird mir schon nichts tun!", erwiderte Hayes unwirsch. Dann nahm er einen Schluck aus dem Pappbecher mit schwarzem Kaffee, den er in der Linken hielt und verzog anschließend das Gesicht zu einer Grimasse.

Bount rieb sich die Handgelenke, nachdem seine Hände wieder frei waren und setzte sich dann auf den freien Stuhl. Hayes schickte den Lieutenant hinaus und meinte dann: "Das ist Cunningham. Er ist neu zu uns versetzt worden und sehr ehrgeizig."

Bount grinste schief. "Habe ich gemerkt. Er scheint etwas übereifrig zu sein!"

Hayes zuckte dazu nur mit den Schultern. "Sie sind gewarnt worden, Reiniger!", gab er zu bedenken.

"Ich habe sowohl Parker als auch O'Mara in Ruhe gelassen!" Bount erzählte in knappen Worten, was passiert war und Hayes nickte schließlich.

"Parkers Konkurrenz scheint uns einen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben", murmelte Hayes dann. "Ein Mann namens Buzzati, dessen Gorillas äußerst brutal vorgehen steckt vermutlich dahinter. Aber ob man das je wird beweisen können, ist fraglich."

Das Telefon klingelte. Hayes nahm ab, gab einige Jas von sich und legte nach ein paar Sekunden wieder auf. Dann wandte er sich an Bount. "Sie können gehen, Reiniger."

"Was ist passiert?"

"Tun Sie einfach, was ich sage und seien Sie froh, dass hinter diesem Schreibtisch nicht Cunningham sitzt!"

"Was ist mit O'Mara?"

Hayes die Augenbrauen. "Wovon sprechen Sie?"

"Ist er immer noch tabu, nachdem Parker tot ist?"

"Was haben Sie gegen den Mann?"

"Nichts Persönliches. Nur, dass er vielleicht ein Mörder ist!" Hayes lehnte sich zurück und musterte Bount nachdenklich.

"Ach, ja?" Dann schüttelte er den Kopf und meinte: "Dass O'Mara kein Heiliger ist, kann ich mir auch denken, aber..."

"Ich glaube, dass O'Mara zusammen mit einem zweiten Mann jemandem eine Spritze verabreicht hat, die in hoher Dosis das Zeug enthielt, mit dem Parker dealte. Das Opfer ist wenig später Amok gelaufen und erschossen worden."

"Ich habe davon gehört", murmelte Hayes. "Diese Brannigan Sache, nicht wahr? Sie sollten mit ihrem Freund Rogers darüber reden, nicht mit mir!"

Bount zuckte die Achseln. "Sie sind es doch, der die Hand über O'Mara hält! Also ist es vielleicht doch besser, mit Ihnen zu reden, finden Sie nicht?"

Hayes winkte ab. "Sie reden Unfug, Reiniger! Sagen Sie mir, weswegen O'Mara so etwas tun sollte?"

"O'Mara hat Brannigan vor Jahren überfallen und seinen Begleiter dabei erschossen."

"Davon steht nichts in O'Maras Akten."

"Die Täter wurden nie gefasst. Die Sache ist im Sande verlaufen. Aber dann haben die beiden sich offenbar zufällig wiedergetroffen! O'Mara könnte Brannigan umgebracht haben, weil dieser ihn identifizieren konnte."

Hayes verzog das Gesicht und schüttelte energisch den Kopf.

"Zu weit hergeholt, Reiniger! Ich glaube nicht daran!"

"Wenn er es nicht war, dann ist er zumindest ein wichtiger Zeuge!"

"Lassen Sie ihn in Ruhe, Reiniger! Und wenn Sie diesmal nicht auf mich hören, dann werde ich Ihnen ganz empfindlich auf die Finger klopfen! Und zwar so, dass Ihnen auch Ihr Freund Rogers nicht mehr helfen kann!"

Bount erhob sich. Er konnte es nicht ausstehen, auf diese Weise unter Druck gesetzt zu werden. Irgendetwas war hier faul, das sagte ihm sein Spürsinn ganz deutlich.

Hayes erhob sich auch, kam hinter seinem Schreibtisch hervor und funkelte Reiniger mit seinen hellblauen Augen wütend an.

"Was glauben Sie, wie schnell eine Lizenz weg sein kann, Reiniger! Wir haben Sie ja nicht irgendwo aufgegriffen, sondern an einem Ort, an dem gerade eine Schießerei stattgefunden hatte! Wer weiß, welche Rolle, Sie wirklich dabei gespielt haben... Man kann das so oder so auslegen, wenn Sie verstehen, was ich meine..."

Bount verstand es nur zu gut. Er blieb trotzdem gelassen.

"Sagen Sie mir einfach, was mit diesem O'Mara ist!", erwiderte er. "Alles, was Sie gegen die Hintermänner dieses Arnold Parker unternehmen wollten, ist doch erst einmal geplatzt. Und O'Mara ist doch nur ein bezahlter Schläger, der seinem Boss den Rücken freihält - wobei er ganz offensichtlich im entscheidenden Moment nicht so richtig auf Draht war." Hayes atmete tief durch. Eine Sekunde später hatte Bount den Zeigefinger seines Gegenübers dicht vor dem Gesicht. "Ich habe Sie jedenfalls gewarnt!"

Bount lächelte dünn. "Ich habe es gehört!"

"Verschwinden Sie! Und laufen Sie unseren Leuten nicht wieder über den Weg!"

"Was ist mit meiner Kanone?"

"Die können Sie sich abholen, wenn sie ballistisch untersucht wurde!"

"Sie wissen, dass das absurd ist!"

"Mir ist jedenfalls wohler dabei, wenn Sie eine Weile ohne Knarre herumlaufen!"



23

Als Bount bei Pamela McGreedy auftauchte, war es schon kurz nach zwei.

"Ich wette, Ihre Klienten lassen Sie nie so lange warten!", meinte sie. Pamela trug einen Seiden-Kimono, der den größten Teil ihrer langen Beine frei ließ.

Bount lächelte matt.

"Sie sind ja auch nicht meine Klientin!"

"Ich habe es ihnen angeboten!"

"Und ich habe es abgelehnt." Er hob die Schultern. "Wollen wir wirklich wieder damit anfangen?"

Sie gingen in die Wohnung. Sie ging vor ihm her und dabei glitt Bounts Blick an ihrer perfekten Figur entlang.

"Was ist passiert?", fragte sie dann.

"Eine Schießerei, zwei Tote, eine unerfreuliche Unterhaltung mit einem Police-Captain und jetzt bin ich erst einmal meine Kanone für eine Weile los!" Bount zuckte die Schultern und fügte dann ironisch hinzu: "Nichts besonderes, also! Sie werde sich Ihre Muntermacher übrigens demnächst woanders besorgen müssen."

"Wieso?"

"Der Kerl mit dem Schmieröl im Haar ist tot!" Pamela sah Bount verwundert an. "Warum sagen Sie mir das, Bount?"

Bount zuckte die Achseln. "Nur so. Ich dachte, es interessiert Sie vielleicht. Sie sprachen von einem Rothaarigen, der Brannigan zusammen mit einem zweiten Mann erwartet hat."

"Ja", nickte sie.

"Wie sah der Zweite aus?"

"Ich erinnere mich nicht."

"War es Parker?"

"Der mit der Pomade im Haar?" Sie schüttelte den Kopf.

"Nein. Das wäre mir sicher aufgefallen."

"Irgendetwas muss ihnen doch zu dem Kerl einfallen, Pam!

Ganz gleich, was es auch ist! Jede Kleinigkeit kann wichtig sein!"

Sie trat an ihn heran. Ihre Arme legten sich um seinen muskulösen Nacken. Es war ein harter Tag für Bount gewesen, aber die körperliche Nähe dieser außergewöhnlichen Frau brachte auf einen Schlag einen Teil seiner Lebensgeister zurück. "Ist das denn so wichtig, Bount?", fragte sie dann nach einer Pause.

Bount zuckte mit den Schultern.

"Ich dachte, ich soll Ihnen glauben", murmelte er. Sie sah ihn offen an und schien einen Moment lang nachzudenken. "Er hatte eine Mütze auf", sagte sie. "Von hier oben habe ich sonst auch nichts von ihm sehen können."

"Was für eine Mütze?"

"Eine Schiebermütze aus dunkelrotem Leder." Dann spürte Bount ihre vollen Lippen auf den seinen. Irgendetwas verursachte ein seltsames, raschelndes Geräusch. Im nächsten Moment bemerkte Bount, dass Pamelas Kimono zu Boden geglitten war.



24

Am nächsten Morgen war das Wetter scheußlich. Es begann zu nieseln, als Bount den champagnerfarbenen Mercedes am Straßenrand abstellte. Die Nummer, die Bount aus Parkers Notizbuch hatte, gehörte zu einer Adresse in dieser Straße. Bount stieg aus und sah zu, so schnell wie möglich durch die Nässe zu kommen. Ein paar Minuten später stand er vor einer Wohnungstür im 4. Stock eines etwas heruntergekommenen Altbaus. An Parkers schlechter Bezahlung für O'Maras Gorilla Dienste lag es wohl kaum, dass er hier wohnte. Vermutlich wollte er einfach nicht auffallen. Und dazu war dies genau die richtige Adresse. Die Fluktuation unter den Mietern war groß, kaum einer kannte den anderen. Wer etwas Besseres fand, verschwand so schnell wie möglich auf Nimmerwiedersehen.

O'Mara hatte hier nicht einmal einen Postkasten. Bount ging die Treppe hinauf. Die Wände waren beschmiert, der Fahrstuhl defekt.

Als Bount dann wenig später vor O'Maras Tür stand, drückte er die Klingel, ohne zu wissen, ob sie auch funktionierte. Dann klopfte er. Vielleicht war O'Mara gar nicht mehr dort und längst untergetaucht. Bount öffnete schließlich die Tür mit einem kleinen Drahtstück.

Bevor der Privatdetektiv eintrat, zog er einen 38er Revolver unter dem Jackett hervor, den er ersatzweise bei sich trug. Auf seine Automatic musste er wohl noch eine ganze Weile warten, denn Hayes würde es mit der Untersuchung der Waffe wohl kaum besonders eilig haben.

Aber ohne Waffe die Wohnung von Bill O'Mara zu betreten, das wäre unter Umständen glatter Selbstmord gewesen. Wie leicht der Kerl zur Waffe griff, hatte er ja bereits unter Beweis gestellt.

Die Wohnung bestand aus zwei Räumen, Küche und Bad. Und was Bount auf den ersten Blick mitbekam, sah nicht danach aus, als wäre hier jemand überstürzt abgereist. Der Privatdetektiv sah sich ein bisschen im Wohnzimmer um. Aber er fand nichts, wovon er glaubte, dass es ihn weiterbringen konnte. Immerhin wirkte das Bett im Schlafzimmer benutzt und im Bad war noch seine Zahnbürste. Vielleicht war O'Mara nur kurz weg.

Bount setzte sich in einen der Sessel im Wohnzimmer und wartete. Ein Foto fiel ihm dabei auf, dass O'Mara in einen Rahmen getan hatte. Es zeigte ihn zusammen mit einer sehr hübschen, dunkelhaarigen Frau, deren Gesicht Bount schon einmal gesehen zu haben glaubte. Im Moment hatte er allerdings keine Ahnung, wo das gewesen war.

Ungefähr eine Dreiviertelstunde dauerte es, dann tat sich etwas an der Tür. Jemand kam in großer Eile herein und durchquerte den Flur mit wenigen Schritten. Er rannte ins Schlafzimmer und schien dort ein paar Sachen zusammenzusuchen. Jedenfalls stand er einen Moment später mit einer halboffenen Reisetasche in der Wohnzimmertür. Es war O'Mara.

Als Bount erblickte, erstarrte er von einer Sekunde zu nächsten zu einer Art Salzsäule. Der Anblick der Mündung des 38er Revolvers in Reinigers rechter Hand schien ihn völlig zu lähmen.

"Die Tasche fallen lassen und an die Wand!", befahl Bount. Eine Sekunde lang nur schien O'Mara mit dem Gedanken zu spielen, seine eigene Waffe herauszureißen. Aber schien einzusehen, dass er keine Chance hatte. Die Tasche plumpste auf den Boden. Er drehte sich und stellte sich an die Wand.

"Was soll das?", murmelte, während Bount von hinten an ihn heran trat. "Warum knallen Sie mich nicht einfach ab? Sie haben es doch gestern schon mal versucht!"

"Ich will Sie nicht abknallen!", erwiderte Bount kühl. "Es sei denn, Sie zwingen mich dazu!"

O'Mara blickte etwas verwirrt drein.

"Was wollen Sie dann?"

"Erst einmal Ihre Waffe!"

Bount zog sie ihm aus dem Hosenbund heraus.

"Und was jetzt?", knurrte O'Mara.

"Drehen Sie sich um und setzen Sie sich in den Sessel da vorne!"

Er gehorchte und blickte Bount dabei giftig an. Als er saß, musste der Rotschopf unwillkürlich schlucken. Der Mann hatte Angst. Vor all Dingen wohl deshalb, weil er Reiniger noch immer für einen Killer der Konkurrenz hielt.

Wahrscheinlich konnte Bount in dieser Beziehung sagen, was er wollte. O'Mara würde es kaum glauben.

"Bringen Sie's schon hinter sich! Bei Parker waren Sie auch nicht so zimperlich!"

"Ich habe Ihren Boss nicht umgebracht!", stellte Bount sachlich fest, ohne dass das auf sein Gegenüber großen Eindruck machte.

O'Mara lachte heiser. "Nein, du vielleicht nicht persönlich... Aber du warst dabei!"

"Mein Name ist Bount Reiniger! Ich bin Privatdetektiv. Mit den Leuten, mit denen Sie sich ansonsten Schießereien liefern, habe ich nichts zu tun!"

Der Rothaarige runzelte die Stirn. "Ich verstehe nicht..."

"Sie heißen Bill O'Mara..."

"Na, und?"

Bount holte ein ausgeschnittenes Zeitungsfoto aus der Jackentasche und hielt es O'Mara hin. "Kennen Sie den Mann?"

"Nie gesehen!"

"Sie haben überhaupt nicht hingeschaut!" Jetzt schaute er hin. Und er verlor den letzten Rest an Gesichtsfarbe. Er atmete tief durch und meinte dann: "Was soll das ganze eigentlich?"

"Der Mann hieß Walt Brannigan - aber ich nehme an, dass Sie das wissen."

"Sie irren sich!"

"Jemand hat Sie gesehen, als sie Ihn zusammen mit einem Komplizen in Empfang genommen haben. Er wolle in seinen Ferrari steigen, aber Sie haben dafür gesorgt, dass er vorher noch eine Spritze bekam! Es sollte wie ein Unfall aussehen..." Er schluckte und gestikulierte mit den Händen. Er wollte schon aufspringen, aber Bount hielt ihm den Lauf des 38er unter die Nase und das beruhigte ihn wieder.

O'Mara grinste schwach. "Warum sollte ich so etwas tun?", fragte er. "Wie gesagt, ich kenne diesen Mann überhaupt nicht!"

"Sie haben ihn vor acht Jahren überfallen."

"Das ist nicht wahr!"

"Zusammen mit einem Komplizen!"

"Sie erzählen hier nur irgendetwas!" O'Mara schnappte nach Luft. Die Sache ging ihm viel näher, als er zugeben wollte.

"Bei dem Überfall kam jemand ums Leben!" Bount zuckte die Achseln. "Vielleicht hat Ihnen so etwas damals ja noch etwas ausgemacht... Jedenfalls haben Sie dann Brannigan zufällig in einem Kaufhaus wiedergetroffen. Nach all den Jahren hat er Sie erkannt. Und das bedeutete sein Todesurteil, nicht wahr? Sie haben vermutlich eine ganze Weile gebraucht, bis Sie Brannigan ausfindig gemacht hatten. Aber Sie haben es schließlich geschafft. Das Risiko war Ihnen einfach zu groß..."

"Sie sind verrückt!"

"So? Brannigan hat Sie porträtiert. Für seinen Therapeuten hat er die Szene des Überfalls immer wieder gemalt. Ihr Gesicht ist gut zu erkennen. Ihre roten Haare, die Narbe..."

"Sie bluffen..."

Bount lächelte dünn. "Darauf würde ich mich an Ihrer Stelle nicht verlassen!"

"Was wollen Sie denn? Die Polizei verständigen? Mich festnehmen lassen?" Er lachte, aber in diesem Lachen schwang schon so etwas wie Verzweiflung mit.

"Warum nicht?"

"Kein Gericht wird mich verurteilen!"

"Das muss man abwarten."

O'Mara beugte sich etwas vor und hob die Hände. "Hören Sie, Mister, wir können uns bestimmt einigen..." Bount verzog das Gesicht. "Sie können mich nicht kaufen!"

"Das glaube ich nicht!", erwiderte O'Mara. "Jeder hat seinen Preis. Auch Sie!"

"Und Sie glauben, ihn bezahlen zu können?"

"Wie viel wollen Sie?"

"Wer war Ihr Partner?"

O'Mara stierte Bount an, als hätte er ein Gespenst vor sich.

"Ich glaube, ich habe mich verhört!"

"Der Mann, der Ihnen geholfen hat, Brannigan zu töten! Der mit der dunkelroten Mütze..."

O'Maras Blick gefror zu Eis. Und für Bount war stand es nun endgültig fest, dass er tatsächlich einen von Brannigans Mördern vor sich hatte.

Im nächsten Moment klingelte es an der Tür.



25

Bount musterte O'Mara fragend, aber der wirkte genauso verwirrt. Seine Finger krampften sich in die Sessellehnen.

"Wer kann das sein?"

"Ich weiß es nicht. Ich erwarte niemanden."

"Gehen Sie zur Tür."

Er schüttelte den Kopf. "Sie wollen, dass jemand anderes Ihre Arbeit erledigt, was?"

"Ich will nur, dass Sie durch den Spion schauen." Es klingelte jetzt bereits zum zweiten Mal. Bount spannte den Hahn des Revolvers. O'Mara stand auf und dann gingen Sie zur Wohnungstür. Bount warf einen kurzen Blick durch den Spion. Draußen stand der Kerl mit der dunkelroten Schiebermütze. Von seinem Gesicht konnte man nur die obere Hälfte sehen, da er den Kragen seines Long-Jacketts hochgeschlagen hatte.

Der Mann blickte sich um und schien nervös zu sein.

"Es ist Ihr Partner", flüsterte Bount. "Überzeugen Sie sich selbst!"

O'Mara gehorchte und nickte dann.

"Was soll ich machen?"

"Mach auf, Bill! Ich bin's! Logan!", kam es indessen von draußen durch die Tür. "Verdammt noch einmal, ich weiß, dass du da bist!"

Bount stellte sich so neben die Tür, dass man ihn nicht sehen konnte, wenn geöffnet wurde. Er machte O'Mara ein Zeichen, das ihm bedeuten sollte, den Kerl hereinzulassen. Die Revolvermündung hielt Bount dabei in Kopfhöhe auf O'Mara gerichtet.

"Einen Moment!", rief der Rothaarige. "Ich komme!" O'Mara machte die Tür auf und hatte dann nicht einmal mehr eine volle Sekunde zu leben.

Dreimal kurz hintereinander gab es ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem verhaltenen Niesen hatte und von einer Pistole mit Schalldämpfer herrührte. O'Mara bekam zwei Kugeln in den Oberkörper, die dritte durchschlug seinen Hals. Er taumelte rückwärts und schlug dann der Länge nach hin, während in seinen erstarrten Zügen blankes Unverständnis stand.

Der Killer machte sich mit schnellen Schritten davon. Bount setzte ihm nach. Der Kerl drehte sich herum und feuerte sofort, als er den Privatdetektiv aus der Wohnungstür treten sah. Logan schoss schnell und ungezielt. Die Kugeln pfiffen über Bount hinweg und kratzten an den kahlen Wänden. Bount nahm Deckung in einer Türnische und setzte zu einem Spurt an, nachdem der Geschosshagel abebbte.

Dann ging es ins Treppenhaus. Logan rammte rücksichtslos eine Frau zur Seite, die mit zwei vollen Einkaufstaschen auf dem Weg nach oben war. Die Frau stolperte. Der Inhalt ihrer Papiertaschen verteilte sich über die Stufen.

Als Logan seinen Verfolger auftauchen sah, schoss er sofort los. Bount blieb nichts anderes übrig, als in Deckung zu gehen. Indessen packte Logan die Frau, riss sie hoch, und hielt sie wie einen Schutzschild vor sich. Die Frau zitterte. Sie wagte es nicht, sich zu wehren.

Als Bount aus seiner Deckung hervorkam, wusste er, dass diese Runde an seinen Gegner ging. Bount konnte nichts tun, als zusehen, wie Logan die Frau vor sich her zog. Die Waffe hatte der Kerl dabei nicht auf seine Geisel gerichtet, sondern auf Bount.

Er schoss ein paar mal. Bount duckte sich. Dann war Logans Pistolenmagazin leer. Er fluchte leise vor sich hin, zog die Frau mit sich und hetzte mit ihr hinab.

Als er das nächste, niedrigere Stockwerk erreicht hatte, ließ er seine Geisel los und hetzte den Flur entlang und lud dabei seine Waffe nach.

Bount spurtete hinterher. Als er den Flur erreichte, sah er Logan gerade eine Tür eintreten.

"Stehen bleiben!", rief Bount mit angelegter Automatic. Sie schossen fast gleichzeitig. Bount warf sich seitwärts in Deckung, während Logan in die Wohnung hineinstürmte. Als Bount kurze Zeit später die Wohnung erreichte, stand ihm ein ziemlich aufgeregter Mann gegenüber. Er stand im Unterhemd da und hielt eine Eisenstange in der Hand, während sich eine Frau und zwei Kinder an der Küchentür herumdrückten.

"Wo ist der Kerl?", fragte Bount knapp.

Der Kerl erwiderte etwas in einer Sprache, die Bount noch nie gehört hatte, geschweige denn auch nur ein einziges Wort davon verstand.

Aber der Mann wirkte sehr entschlossen, trotz des 38ers in Bounts Hand.

Er wollte seine Familie schützen. Was sollte er auch von zwei Bewaffneten halten, die nacheinander durch seine Wohnung stürmten?

Er nahm die Eisenstange mit beiden Händen und kam sogar noch einen Schritt näher. Die Frau rief etwas, eines der Kinder schrie.

Hier ist Endstation!, dachte Bount. Der Mann mit der Eisenstange stand da wie ein Stier.

Bount lief zurück auf den Flur und rannte dann die Treppen hinunter. Bount konnte such denken, was Logan gemacht hatte. Er hatte die Feuerleiter genommen, die sich irgendwo an der Hinterfront des Gebäudes befinden musste.

Im Erdgeschoss gab es einen Hinterausgang.

Bount stürmte hinaus und kam in einen Hinterhof, in dem ein Müllcontainer und mehrere abgestellte Wagen standen. Der Mann, den O'Mara Logan genannt hatte, hatte die Feuerleiter noch nicht bis nach unten geschafft. Gut anderthalb Stockwerke fehlten ihm noch.

Bount grinste.

Der Kerl schien nicht schwindelfrei zu sein. Sein Gesicht war aschfahl, und er bewegte sich nur sehr langsam.

Bount hob den 38er und kam näher.

"Keine Bewegung!", rief er zu dem Kerl namens Logan hinauf.

"Ich mache alles, was Sie sagen!", kam es zurück. Logan schien einer Panik nahe zu sein.

Er klammerte sich mit beiden Händen fest. Die Pistole hatte er offenbar eingesteckt, aber so konnte er sie ohnehin nicht herausziehen.

"Und jetzt schön langsam herunterkommen!", wies Bount den Killer an.

"Nicht schießen!", rief dieser. "Ich komme!" Es ging in Zeitlupe vorwärts. Bount hielt ihn dabei genau im Auge. Logan war ein gerissener Kerl. Wenn er eine Chance witterte, würde er sie sofort nutzen.

Er sollte diese Chance bekommen...



26

Bount nahm die Bewegung nur mit den Augenwinkeln war und wirbelte herum. Aber es war zu spät. Er blickte in ein giftig funkelndes Augenpaar und eine Revolvermündung.

"Polizei! Waffe weg!"

Es war niemand anderes, als der glatzköpfige Cunningham, der da in der geöffneten Hintertür stand. Annähernd im selben Moment fasste Logan den letzten Rest an Mut zusammen und gelangte von der Feuerleiter auf einen der schmucklosen Balkons.

"Da oben, Cunningham! Da ist O'Maras Mörder!" Cunningham kam näher und schüttelte den Kopf. "Der Trick ist so alt wie nur sonst was, Reiniger! Glauben Sie wirklich, ich falle darauf herein? Ihre Waffe!"

Cunningham spannte den Revolverhahn. Er meinte es ernst und soviel war Logan nun auch nicht wert, dass Bount sich für ihn ein Loch in den Kopf schießen lassen wollte.

"Sie sind ein verdammter Idiot, Cunningham!", knurrte Bount ärgerlich.

"Ach, ja? Aber Sie halten sich für sehr schlau, was?" Cunningham lachte heiser. "Das kostet Sie Ihre Lizenz, Reiniger! Und wer weiß! vielleicht auch noch mehr als das!" Cunningham konnte es dann doch nicht lassen und wandte einen flüchtigen Blick die Hauswand hinauf. Aber von Logan war natürlich längst nichts mehr zu sehen.

Cunningham grinste schief.

"Sehen Sie!", meinte er triumphierend. "Da ist niemand! Und da war auch nie jemand."

"Wahrscheinlich spaziert er jetzt gerade seelenruhig durch das Treppenhaus!"

"Hören Sie auf damit, Reiniger!"

Bount sah ihn offen an. Und dabei fragte er sich, wie es kam, dass dieser bissige Hund hier so schnell aufgetaucht war. Vielleicht hatte jemand wegen den Schüssen die Polizei gerufen. Aber Cunningham gehörte zur Drogenfahndung, die war sicher nicht die erste Adresse, die dann gerufen worden wäre.

"Sie haben diesen Kerl nur erfunden!", zischte Cunningham indessen.

Bount verdrehte die Augen. "Warum sollte ich so etwas tun?"

"Weiß ich noch nicht. Aber ich werde es herauskriegen, Reiniger!" Er bückte sich und nahm Bounts 38er an sich. "Was suchen Sie hier?"

Bount zuckte die Achseln.

"Ich wette, dass Sie darauf auch schon eine Antwort parat haben."

"Ich war oben bei O'Mara! Jemand ihn durchsiebt!"

"Ja, und Sie haben gerade dafür gesorgt, dass mir der Kerl durch die Lappen gegangen ist!"

"Ist doch seltsam, Reiniger. Ich finde Sie in der Nähe von Arnold Parkers Leiche und jetzt bei dem toten O'Mara. Ich frage mich, was Sie mit der Sache zu tun haben!" Bount nickte. "Ja, und Sie waren auch immer schnell zur Stelle!"

"Ich mache meinen Job!"

"Ach, ja? Und wie kommt es dann, dass Ihnen und Ihren Leuten Bill O'Mara nach der Schießerei hinter dem Mega Star nicht in die Arme gelaufen ist?"

"Die Fragen stelle ich, Reiniger!", knurrte Cunningham ärgerlich zwischen den Zähnen hindurch.

"Einige Ihrer Leute sind genau aus dem Hintereingang gekommen, in den O'Mara gerade verschwunden war! Wenn Sie Parker beobachtet haben, müssten Sie doch wissen, dass O'Mara für ihn arbeitete. Warum haben Sie ihm nicht wenigstens ein paar Fragen gestellt?"

"Mund halten!"

"Ich glaube auch kaum, dass Sie zufällig hier und jetzt aufgetaucht sind, Cunningham!"

Bount griff in seine Jackentasche, um seine Zigaretten herauszuholen, aber das machte Cunningham nur nervös. Er hob den Revolverlauf. "Keine Dummheiten!"

"Sie sollten mich jetzt besser gehen lassen!"

"Das könnte Ihnen so passen! Meine Leute kommen gleich und Sie werden solange hier bleiben!" Er trat nahe an Bount heran. "O'Mara war unser Spitzel!"



27

"Du wirst nichts mehr in der Sache unternehmen!", dröhnte Captain Rogers aufgebracht. "Deine Lizenz ist vorläufig eingezogen worden und alles, was du jetzt tust, kann dich nur tiefer hineinreiten!"

Rogers hatte nach Dienstschluss noch bei Bount Reiniger in der Seventh Avenue vorbeigeschaut. Und jetzt ging er aufgebracht in Bounts Büro auf und ab und redete auf seinen Freund ein. "Du kannst froh sein, dass man dich auf freiem Fuß gelassen hat, Bount! Deine Lage ist alles andere als rosig! Du solltest dich auf einiges gefasst machen!"

"Ich weiß", nickte Bount. "Gerade deshalb werde ich nicht stillsitzen - ob mit Lizenz oder ohne!"

Rogers wandte sich an June March, die am Fenster lehnte.

"Mach du es ihm klar, June, vielleicht hast du ja mehr Erfolg!" June zuckte die Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Das glaube ich kaum", meinte sie.

"Ich muss diesen Logan finden", meinte Bount.

"Außer dir hat ihn niemand gesehen, Bount", gab Rogers zu bedenken.

"Was ist mit der Frau, die der Kerl auf der Treppe als Geisel genommen hat?"

"Wir suchen nach ihr, Bount. Aber im Haus ist angeblich niemand überfallen worden und gemeldet hat sie sich auch nicht. Vermutlich will sie nichts mit der Polizei zu tun haben. Du kannst dir ja denken, warum. Ich tippe auf fehlende Papiere oder so etwas."

"Und die Leute, durch deren Wohnung dieser Logan geflüchtet ist?"

"Das sind Ungarn. Bis wir einen vernünftigen Dolmetscher und eine vernünftige Aussage haben, kann es ein bisschen dauern."

Bount steckte eine Zigarette zwischen seine Lippen. Er wusste selbst, dass es nicht gut für ihn aussah.

Für Cunningham stand fest, dass Bount in der Sache drinsteckte, auch wenn sich bei den Laboruntersuchungen herausstellen sollte, dass sein 38er nicht die Waffe war, die O'Mara getötet hatte.

Bount konnte Cunningham seinen Verdacht noch nicht einmal wirklich übel nehmen. Vermutlich hätte er selbst genauso gedacht.

"Diesen Logan zu finden ist nicht so einfach, wie du denkst!", erläuterte indessen Rogers. "Du weißt ja nicht einmal, ob das nun sein Vor-oder Zuname ist. Er könnte auch falsch sein."

"Was ist mit dieser Syntho-Drogenszene?", meinte Bount. Aber Rogers schüttelte den Kopf. "Keiner, der sich Logan nennt und auf den deine Beschreibung passt. Das muss aber nichts heißen. Vielleicht ist er bisher einfach noch nicht genug aufgefallen!"

"Schöne Aussichten!"

"Du wirst dir unsere Fotosammlung noch einmal eingehend ansehen müssen, Bount!"

"Inzwischen kann der Kerl sonst wo sein!"

"Lass mich nur machen, Bount!", meinte Rogers. "Es ist ein Mordfall, deshalb kann ich mich um die Sache kümmern, auch wenn ich Hayes dabei ab und zu dazwischen funken muss." Bount blies den Zigarettenrauch heraus und wischte sich dann mit der flachen Hand über das Gesicht.

"O'Mara war Polizei-Spitzel", murmelte der Privatdetektiv dann. "Darüber müsste es doch Unterlagen geben!"

"Bekomme ich morgen. Aber ich würde mir nicht allzuviel Hoffnungen machen, dass wir so auf die Spur von diesem Logan kommen."

"Und O'Mara? Gibt es über den wenigstens etwas?"

"O'Mara hat als Kleinkrimineller angefangen. Wir wissen nicht viel über ihn, was eigentlich nur heißen kann, dass er zu den Cleveren gehört. Für Parker hat er seit einem halben Jahr gearbeitet."

"Und seit wann bedient er die Polizei?"

"Seit ein paar Monaten. Parker war drauf und dran in der Unterwelt-Hierarchie aufzusteigen. Er hätte O'Mara mit hinaufgezogen und dann wären seine Informationen sehr wertvoll geworden. Hayes sagte mir, dass Parker kurz davor war, sich mit den Herstellern zu treffen und direkt mit ihnen zu verhandeln. Das wäre die Chance gewesen, vielleicht den ganzen Ring hochgehen zu lassen."

Bount lehnte sich zurück.

"Ich habe sie nicht vermasselt!"

"Arnold Parker hat sich eine Menge Feinde gemacht, Bount!", stellte Rogers fest. "Da gibt es zum Beispiel einen Mann namens Buzzati, vor dem er ziemlich viel Angst zu haben schien! Vielleicht war dieser Logan einer von dessen Leuten!" Bount schüttelte den Kopf. "Das glaube ich nicht. Dann hätten O'Mara und dieser Logan nicht gemeinsam Walt Brannigan umgebracht!"

"Das stimmt."

"Außerdem - warum sollte dieser Buzzati jemanden wie O'Mara umbringen, wo sich dessen Boss doch schon im Jenseits befand!"

"Vielleicht suchen wir in der falschen Schublade", meinte Bount dann, während er sich erhob.

Rogers hob die Augenbrauen. "Du meinst, dass Logan vielleicht gar nicht in diese Szene hineingehört!"

"Einen Mord begeht man nicht, um jemand anderem einen Gefallen zu tun. Nicht einmal einer wie dieser Logan würde das tun."

"Aber für ein paar Scheine werden Morde begangen!"

"Dann hätte O'Mara sich einen Profi nehmen können. Aber er hat die Sache selbst durchgezogen - mit Stoff, an den er über seinen Boss leicht herumkommen konnte. Warum dieses Risiko?"

"Wir können O'Mara nicht mehr fragen, Bount", erwiderte Rogers. "Und ich weiß im Augenblick auch nicht, worauf du eigentlich hinaus willst?"

"Das will ich dir sagen: Dieser Logan muss selbst ein Motiv gehabt haben, Brannigan umzubringen!"

"Du meinst, er war bei dem Überfall vor acht Jahren der zweite Mann?"

"Ja."

"Und weshalb hat dieser Logan dann O'Mara umgebracht seinen alten Partner und Komplizen?", mischte sich jetzt June ein. "Da sehe ich beim besten Willen keinen Sinn drin!" Rogers blickte auf die Uhr, wandte sich an Bount und meinte dann: "Wie auch immer! Ich denke, ich werde mein Überstunden-Konto für dich noch ein bisschen erhöhen müssen, Bount!"



28

In einer Stunde würde die Sonne aufgehen.

Bount Reiniger saß hinter dem Lenkrad seines champagnerfarbenen Mercedes, den er gegenüber dem Mega Star abgestellt hatte und blickte über die Straße. Vor einer halben Stunde hatte das Mega Star dicht gemacht. Jetzt kamen nach und nach die Angestellten.

Und dann sah Bount sie.

Eine langbeinige Dunkelhaarige, die auf ihren hochhackigen Schuhen überraschend schnell zu laufen wusste.

Bount stieg aus und ging über die Straße. Dabei blickte er sich um und sondierte die Lage. Er hatte nicht die geringste Lust, irgendjemandem vom Rauschgift-Dezernat über den Weg zu laufen.

Bount hatte sie eingeholt, als sie gerade den Schlüssel in die Tür eines Hondas steckte.

"Miss..."

Sie wirbelte herum und verlor vor den Schlüssel. Er klimperte auf die Bürgersteig-Platten. Bount trat ein paar Schritte näher, hob ihn auf und gab ihn ihr.

"Danke", stammelte sie.

"Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten", begann Bount. Aber sie schien alles andere, als begeistert davon zu sein.

"Nein, danke!", erwiderte sie kühl. "Solche Angebote kenne ich! Ich rate Ihnen, mich in Ruhe zu lassen, sonst schreie ich!" Und mit einer schnellen Bewegung hatte sie in die Tasche ihres dünnen Mantels gegriffen und eine Dose mit Reizgas herausgeholt. Bount reagierte blitzschnell, packte ihr Handgelenk und nahm ihr mit einem raschen Griff die Dose ab. Ihr Mund stand offen. Bevor sie schreien oder sonst etwas tun konnte, sagte Bount: "Es geht um Bill O'Mara! Wahrscheinlich wissen Sie schon, dass er erschossen wurde!"

"Woher wissen Sie, dass..." Ihre Stimme stockte. Ein Kloß schien ihr im Hals zu sitzen.

"Ich habe Sie zusammen mit O'Mara auf einem Bild gesehen. Es war in seiner Wohnung. Sie zwei auf dem Jahrmarkt. Ich wusste sofort, dass ich Sie schon einmal gesehen hatte, auch wenn ich es da noch nicht für wichtig hielt. Schließlich ist es mir doch noch eingefallen. Es war hier im Mega Star, wo ich Sie zum ersten Mal gesehen habe..."

"Ich habe bei Bill angerufen", sagte sie matt. "Es hat sich niemand gemeldet. Dann bin ich hingefahren. Überall war Polizei und hat nach Spuren gesucht..." Sie brach plötzlich ab und schluckte. Unwillkürlich rann ihr eine Träne über das Gesicht und verwischte das Make-up.

"Er hat Ihnen viel bedeutet, nicht wahr?", vermutete Bount, nachdem er einen Moment lang geschwiegen hatte.

"Ja, obwohl wir uns noch nicht lange kannten." Ein gezwungenes, fast verzweifeltes Lächeln flog über ihr hübsches Gesicht, das jetzt so traurig wirkte. "Wir waren richtig verliebt..." Sie blickte auf. "Wer sind Sie?"

"Mein Name ist Reiniger, ich bin Privatdetektiv." Bount sah das Misstrauen in ihr aufsteigen. Und er konnte sie nur zu gut verstehen.

"Sie wollen doch sicher etwas von mir!"

"Ich bin hinter dem Kerl her, der Bill O'Mara umgebracht hat."

Ihre Augen wurden schmal. "Warum?"

"Ist das nicht gleichgültig? Ich denke, dass wir dasselbe wollen - und das ist das einzige, was im Moment zählt." Der Blick, mit dem sie ihn dann bedachte, war eine einzige Frage. "Woher weiß ich, dass Ihnen trauen kann?" Bount zuckte die Achseln.

"Sie wissen es nicht", erwiderte er. "Aber ich weiß es von Ihnen genauso wenig!"

Einen Moment lang zögerte Bount, dann gab er ihr die Reizgasdose zurück. Sie verstand die Geste.

"Ich hoffe, Sie kriegen den Kerl!", erklärte sie mit einer Stimme, die vor Wut vibrierte.

"Unterhalten wir uns woanders, Miss..."

"Lopez. Marcia Lopez."



29

Sie gingen zusammen in einen der ersten Coffee-Shops, die um diese Zeit geöffnet hatten, und frühstückten. Marcia hatte eine harte Nachtschicht im Mega Star hinter sich. Der rabenschwarze Kaffee machte sie wieder hellwach. Aber nicht nur der.

"War die Polizei Sie schon befragt?", erkundigte sich Bount. Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Und ich habe mich auch nicht gemeldet!"

"Das verstehe ich nicht..."'

"Meine Einwanderungspapiere sind nicht echt. Und ich will nicht, dass man das alles überprüft - und das wird man sicher, wenn ich erst einmal in der Sache drinhänge."

"Sie hängen längst drin. Die Polizei wird das Foto finden!"

"Ja, aber ob sie mich finden wird, ist eine andere Frage." Sie atmete tief durch und wirkte auf einmal sehr nachdenklich, fast mutlos. Schließlich meinte sie: "Ich glaube nicht, dass es von meiner Aussage abhängt, ob Bills Mörder gefasst wird oder nicht. Und glaube auch nicht, dass es viel nützen wird, was ich Ihnen sagen kann."

"Warten wir's ab!"

Sie schob ihr Frühstück ein Stück von sich. Irgendwie schien ihr der Appetit vergangen zu sein. Nur den Kaffee trank sie noch aus, dann steckte sie sich eine Zigarette zwischen die vollen Lippen. "Er hat sich auf Sachen eingelassen, die zu groß für ihn waren. Verstehen Sie, was ich meine?" Bount horchte auf. "Was wissen Sie darüber?"

"Kaum etwas." Ihr Schulterzucken war fast wie eine Entschuldigung. "Und um ganz ehrlich zu sein: So genau wollte ich das auch gar nicht wissen. Irgendwelche krummen Sachen waren es sicher - und da ist es besser, man weiß von nichts."

"Haben Sie mal den Namen Logan gehört?" Sie überlegte kurz, dann nickte sie. "Da wäre höchstens ein Kerl zu erwähnen, den Bill mal auf einer von diesen Parties getroffen hat, auf die er mich mitnahm. Er kannte den Kerl von früher her. Ein alter Freund, hat er mir später gesagt."

"Was wissen Sie noch über Logan?", hakte Bount nach.

"Nicht viel. Nur, dass die beiden sich offenbar längere Zeit aus den Augen verloren hatten." Sie zuckte mit den Schultern.

"Ist dieser Logan so wichtig?"

"Ja", nickte Bount.

"Ich schätze, er war etwas ganz ähnliches wie Bill!", meinte Marcia. "Einer, der für andere die Drecksarbeit macht."

"Sie wissen nicht zufällig, für wen Logan arbeitet?"

"Nein."

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Bount überlegte, ob er ihr sagen sollte, dass Logan Bill O'Maras Mörder war. Aber er ließ es dann. Er durfte keine Zeit verlieren und genau das würde passieren, wenn er ihr das jetzt auf die Nase band. Sie würde es früh genug erfahren.

"Wussten Sie, dass Bill auch mit der Polizei zusammengearbeitet hat?", versuchte Bount den Faden an anderer Stelle wieder aufzunehmen.

Jetzt war sie wirklich überrascht.

"Nein, das ist mir neu!"

"Es war aber so."

"Ich kann es irgendwie nicht so ganz glauben."

"Weshalb?"

"Er hat in letzter Zeit immer nur von seinem großen Geschäft geredet. Ein Geschäft, das so groß wäre, dass er sich zurückziehen könnte." Sie lachte bitter. "Mein letztes Ding, so hat er es immer genannt!"

"Haben Sie eine Ahnung, was das gewesen sein könnte?" Sie schüttelte bedauernd den Kopf.

"Keine Ahnung!"

"Denken Sie nach! Vielleicht haben Sie irgendeine Kleinigkeit aufgeschnappt, die damit zusammenhängen könnte!"

Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie schüttelte nochmals den Kopf, aber dann blitzte es auf einmal in ihren ausdrucksstarken dunklen Augen.

"Einmal - das ist erst ein paar Tage her! - da habe ein Stück von einem Telefongespräch mitgekriegt. Es war Zufall. Bill wurde angerufen und ich war gerade bei ihm. Er hat mich rausgeschickt, aber Sie wissen ja, wie das ist..."

"Was haben Sie gehört?"

"Einen Namen. Jesper & Smith."

"Klingt wie eine Firma. War das alles?"

"Ja. Und nachdem er aufgelegt hatte, war er unwahrscheinlich guter Laune. Er meinte, dass wir beide bald ein neues Leben anfangen könnten. Ein Haus am Meer fände er schön." Sie begann zu schluchzen.



30

"Jesper & Smith! Ich hab's!", rief June am nächsten Morgen und schüttete dabei fast den Inhalt ihrer Kaffeetasse über die Computertastatur.

Bount hob die Augenbrauen.

"Und?", fragte er. "Was ist das für eine Firma?"

"Eine, die es schon lange nicht mehr gibt!", erklärte June ihm.

"Was?" Das sah gefährlich nach einer Sackgasse aus. June wandte sich zu ihrem Chef herum. "Ich erinnere mich jetzt auch, den Namen schon einmal gehört zu haben. Und zwar in Zusammenhang mit irgendeinem Umwelt-Skandal. Jesper & Smith war ein kleineres Chemieunternehmen. Heute gibt es nur noch eine Industriebrache mit leeren Hallen und jeder Menge Giftmüll, der verhindern wird, dass das Gelände in den nächsten dreißig Jahren von irgendjemandem gekauft wird!" Bount fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und schüttelte dann verzweifelt den Kopf. "Ich verstehe das nicht", meinte er.

"Was könnte O'Mara für ein Geschäft gemeint haben, das mit dem Namen Jesper & Smith verbunden ist!"

"Bodenspekulation scheidet wohl aus. Die Sanierungsmaßnahmen übersteigen den Verkaufswert des Grundstücks."

Bount zuckte die Achseln.

"Vielleicht fahre ich einfach hin und sehe mir das ganze mal an. Vielleicht bin ich dann schlauer!"

"Soll ich Toby Bescheid sagen?"

Bount grinste.

"Toby tut, was er kann, um diesen Logan zu finden. Was ich mache, braucht er nicht zu wissen. Das bringt ihn nur selbst in Schwierigkeiten." Er zuckte die Achseln. "Andererseits kann auch niemand von mir erwarten, dass ich den ganzen Tag nicht aus dem Haus gehe, oder? Ob nun mit Lizenz oder ohne... Außerdem habe ich einen ganz bestimmten Verdacht!"



31

Die riesenhaften, fast mannsgroßen Buchstaben, die zusammengezogen Jesper & Smith Ltd. bedeuteten, mussten aus weitaus besseren Tagen kommen.

Bount hatte seinen Mercedes unauffällig in der Nähe des Firmengeländes abgestellt. Die letzten paar hundert Meter ging er zu Fuß. Die meisten Gebäudekomplexe wirkten verfallen und ziemlich heruntergekommen.

Aber ganz so verlassen, wie es auf den ersten Blick schien, war das Gelände wohl doch nicht.

Bount fand frische Reifenspuren von mehr als einem halben Dutzend Fahrzeugen auf dem unbefestigten Untergrund. Wenig später erreichte er das erste Gebäude. Es war eine einfache Fabrikhalle. Die Tore standen offen. Innen herrschte kahle Leere. Anscheinend war alles ausgeschlachtet worden, was transportabel war.

Ein Geräusch ließ Bount plötzlich aufhorchen.

Schritte.

Bount presste sich an die Betonmauer der Halle, während ein hochaufgeschossener Kerl um die Ecke schlenderte. In der Rechten schlenkerte er lässig mit einer MPi herum, zwischen den Fingern der Linken hatte er eine Zigarette. Aber er war nicht so richtig auf Draht und das rettete Bount das Leben. Als der Kerl seine MPi in die Höhe riss, hatte Bount ihm schon den Arm zur Seite gebogen. Die innerhalb eines Sekundenbruchteils folgende Gerade, ließ den Wächter mit einem dumpfen Ächzen zu Boden gehen. Er rührte sich nicht mehr und Bount nahm ihm die Waffe ab.

Was immer auch hier auf dem ehemaligen Gelände von Jesper & Smith zu finden war - es musste sehr wichtig sein, wenn jemand bewaffnete Posten abstellte, um es zu bewachen. Bount umrundete die Halle. Dahinter kamen andere Gebäudekomplexe, vor allem ehemalige Lager- und Büroräume. Und Labors, wie die alten Hinweisschilder verrieten.

In den ehemaligen Laborräumen schien Betrieb zu sein. Zwischen den verschieden Gebäuden war ein Schotterplatz, auf dem einige Wagen abgestellt waren. Zwei weitere Bewaffnete patrouillierten auf und ab.

Als Bount einen Wagen heranfahren hörte, schnellte er seitwärts und versteckte sich hinter einem Pulk halb durchgerosteter Fässer.

Der Wagen war ein geräumiger Chevrolet. Er parkte bei den anderen und zwei Männer stiegen aus.

Einer davon war Logan. Er wirkte gutgelaunt.

Der andere Mann hatte hellblondes, sehr schütteres Haar, das sich deutlich von seiner höhensonnengebräunten Haut abhob. Seinem Verhalten nach, war er hier der Boss.

"Ist da drinnen alles klar?", fragte der Blonde an einen der Posten gewandt.

Der Mann nickte.

"Wird wohl alles in Ordnung gehen!"

Der Blonde ging an den bewaffneten Wachhunden vorbei in Richtung Tür. "Komm, packt mit an!", knurrte er dabei. "Ich habe es verdammt eilig heute! Das Zeug soll in den Kofferraum!"

Einen Moment später waren alle vier in dem Gebäude verschwunden. Bount kam hinter den Fässern hervor und nutzte die Gelegenheit, um sich näher an das Gebäude heranzupirschen.

Er konnte sich gerade noch hinter einer Ecke verbergen, als bereits einer der Kerle durch die Tür kam. Er schleppte einen Karton und brachte ihn in den Kofferraum des Chevys. Was sich darin befand, war nicht schwer zu erraten. Wenn hier nicht alles täuschte, dann wurden an diesem Ort genau die synthetischen Drogen hergestellt und entwickelt, die dann von Leuten wie Arnold Parker in Umlauf gebracht wurden. Idealere Voraussetzungen konnte man sich auch kaum denken. Die alten Laborräume von Jesper & Smith wieder funktionsfähig zu machen, war sicher nicht allzu schwierig gewesen. Niemand scherte sich darum, was auf diesem Gelände geschah. Und im Notfall konnte man leicht Hals über Kopf alle Zelte abbrechen und verschwinden. Die Spur würde dann erst einmal zu denjenigen führen, in deren Besitz das Grundstück rein rechtlich im Moment war, aber nicht zu den wirklichen Hintermännern.

Plötzlich fühlte Bount etwas Hartes in seinem Rücken.

"Nicht bewegen!", sagte eine sonore Bassstimme. Jemand nahm ihm die MPi aus der Hand und tastete ihn nach weiteren Waffen ab. Bount konnte den anderen nur mit den Augenwinkeln sehen. Es war ein Schwarzer.

"Wenn du nur die kleinste unüberlegte Bewegung machst, dann knall ich dich über den Haufen!", knurrte er. "Und jetzt gehst du schön vor mir her, kapiert?"

Bount nickte leicht.

Der Schwarze brachte Bount zur Vorderfront des Gebäudes. Inzwischen waren zwei weitere Kartons in den Kofferraum des Chevys geladen worden. Der Blonde stand unruhig da und trat von einem Fuß auf den anderen.

Dann blitzte es wütend in seinen hellblauen Augen.

"Wer ist das?", fauchte er, als sein Blick auf Bount fiel.

"Keine Ahnung!", erwiderte der Schwarze.

"Ich kenne den Mann!", meldete sich jetzt Logan zu Wort, der gerade aus der Tür getreten war. Logans Augen wurden schmal, als er Bount musterte. "Er hat mich überrascht, als ich die Sache mit O'Mara erledigt habe!"

Der Blonde wandte sich zu Logan herum und verzog das Gesicht. "Dann bist dafür verantwortlich, dass wir jetzt ein Problem haben!"

"Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte, Mister Crane!", erwiderte Logan schwach.

Der Blonde zuckte den Schultern. "Sorg dafür, dass das Problem verschwindet!", knurrte er zu Logan. "Die Leiche könnt ihr in eines der Fässer da drüben packen! Was dann übrigbleibt, wird wohl kaum noch genug für eine Identifizierung sein!" Logan nickte und zog seine Pistole unter der Jacke hervor. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, als er die Waffe hob und auf Bounts Kopf richtete.



32

Irgendetwas lenkte Logan ab. Aber nicht nur ihn allein. Jedenfalls riss er seine Waffe herum, während irgendwo im Hintergrund etwas gerufen wurde.

Es war eine Warnung, aber die ging in den ersten Schüssen unter, die Logan in wilder Panik abfeuerte.

Bount stürzte sich auf ihn und riss ihm den Arm hoch, so dass die Kugeln in die Luft gingen. Die beiden wälzten sich über den Schotter, während der Blonde Angst um sein Leben bekam und in Panik geriet.

"Nicht schießen!", rief er, als ihm klar wurde, dass er und seine Leute umringt waren. Sie saßen in der Falle.

"Polizei! Hände hoch und Waffen fallen lassen!", rief jemand. Jetzt gab Logan ebenfalls auf. Bount konnte ihm die Pistole abnehmen und erhob sich. Als er aufblickte, sah er unter den Männern, die jetzt aus ihren Deckungen hervorkamen auch einen, dessen Gesicht er inzwischen nur zu gut kannte. Es war niemand anderes als Cunningham.

Bount musste grinsen, als der Lieutenant auf ihn zukam. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal freuen würde, Sie zu sehen, Cunningham! Diesmal haben Sie mir das Leben gerettet!"

Cunningham nickte. "Was geht hier eigentlich vor?", fragte er.

"Ihre Leute werden hier das Labor finden, in dem synthetische Drogen hergestellt werden. Diese Leute hier sind diejenigen, an die Sie durch O'Mara herankommen wollten." Bount klopfte ihm auf die Schulter. "Vielleicht kriegen Sie einen Streifen dazu, Cunningham!"

"Abwarten."

"Wie kommt es eigentlich, dass Sie so schnell zur Stelle waren, Lieutenant?"

Cunningham hob die Augenbrauen. "Wir hatten den Auftrag, Sie zu beschatten, Reiniger! Ich war fest davon überzeugt, dass Sie ein doppeltes Spiel spielen!" Er grinste breit. "Wir haben mit einem Scanner Ihr Autotelefon abgehört. Ihre Assistentin hat Sie kurz angerufen und uns dabei ungewollt verraten, in welche Einöde Ihre Reise gehen sollte, Reiniger!"

"Und da haben Sie Verdacht geschöpft und gleich eine große Mannschaft mobilisiert!"

"Jeden Streifenwagen, den ich kriegen konnte!"

"In Wahrheit war es Ihr Spitzel, der ein doppeltes Spiel getrieben hat!", erwiderte Bount.

Cunningham verzog das Gesicht. "O'Mara?"

"Er wusste, was an diesem Ort geschieht. Ich weiß nicht, wie, aber er hat es herausgekriegt und versucht, dieses Wissen zu Geld zu machen... Doch das war mindestens zwei Nummern zu groß für ihn!" Bount deutete auf Logan. "Fragen Sie ihn mal, wie viel man ihm dafür gegeben hat, dass er seinem Ex-Partner ein paar Kugeln in den Körper jagte!"

Cunningham atmete tief durch. Sein Blick blieb noch immer misstrauisch.

Bount wollte an ihm vorbei gehen, aber der Lieutenant hielt ihn am Arm.

"Moment!", rief er. "Bevor ich Sie hier weglasse, will ich erst einmal haarklein wissen, was Ihre dubiose Rolle bei der Sache eigentlich ist!"

Bount zuckte die Achseln.



33

"Was glaubst du wohl, wer zur Beförderung vorgeschlagen wurde?", meinte Rogers ein paar Tage später bei einem Drink in Bount Reinigers Residenz.

Bount lächelte. "Du sprichst von Cunningham?"

"Von wem sonst, Bount? Es zwar noch ein Gerücht - aber eins, aus sehr sicherer Quelle!"

Bount zuckte die Achseln. "Ich hoffe nur, dass er sein Jagdfieber in Zukunft nicht mehr an mir auslässt!"

"Was willst du denn, Bount? Deine Lizenz hast du ja zurück! Und wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre und dich nicht so gut kennen würde, dann wäre ich vielleicht auch auf die Idee gekommen, dass du in der Sache auf irgendeine Art und Weise drinsteckst!" Rogers trank sein Glas aus und fuhr dann fort: "Ich habe vor einer Stunde noch mit dem Staatsanwalt gesprochen."

Bount hob die Augenbrauen. "Und?"

"Diesem Logan Craig wird schwer nachzuweisen sein, dass er an dem Brannigan-Mord wirklich beteiligt war. Er wird es versuchen, aber er riskiert damit einen Schlag ins Wasser."

"Ja", bestätigte Bount. "Das fürchte ich auch. Aber man wird ihn trotzdem wegen Mordes verurteilen, denn was O'Mara angeht, ist die Sache ja wohl hieb und stichfest." Für Joanne Carter würde das allerdings nur ein schwacher Trost sein. Rogers nickte indessen. "Die Waffe, die er bei der Festnahme bei sich trug ist eindeutig die, mit der O'Mara durchlöchert wurde. Die Kerle schieben sich jetzt gegenseitig die Schuld zu und versuchen jeweils das Beste für sich selbst herauszuholen."

"Das dürfte die Arbeit für den Staatsanwalt erleichtern!"

"Dieser Crane, der das Labor betrieben hat, wird eine ganze Armee von Anwälten daran setzen, ihn wieder herauszuhauen! Du weißt ja, wie das ist, Bount." Rogers zuckte die Achseln. "Ich bin kein Jurist, aber diesmal dürfte das schwierig für ihn werden!"


ENDE

Schweigen ist Silber, Rache ist Gold


von Alfred Bekker


Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Jemand hat einen Entschluss gefasst und lebt nur noch für den einen Gedanken: Rache! Ein altes Unrecht muss gesühnt werden und ein perfider Plan wird in grausame Taten umgesetzt. Eine Serie von Morden versetzt New York in Angst und Schrecken und die Ermittler folgen der Blutspur durch Manhattan...


HENRY ROHMER ist das Pseudonym des Schriftstellers Alfred Bekker, der vor allem durch Fantasy-Romane und Jugendbücher bekannt wurde. Daneben ist er Mitautor bekannter Spannungsserien wie Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er als Conny Walden historische Romane.



Copyright

Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2014 by Author

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www . AlfredBekker . de

postmaster @ alfredbekker . de


Der Umfang dieses Ebook entspricht 108 Taschenbuchseiten.


1

"Kann sein, dass heute rücksichtslos aufgeräumt werden muss", knurrte John Parisi. "Aber das ist für euch ja nichts Neues!"

Seine beiden Leibwächter quittierten das mit einem kurzen Nicken. Sie hielten ihre Uzi-Maschinenpistolen im Anschlag.

Das Trio erreichte die dunkle Teakholz-Tür am Ende des Flurs.

Ein Posten im dunklen Anzug stand davor.

"Mach den Mund zu, Buddy! Hast du uns noch nie zuvor gesehen?", fragte Parisi. Der Wächter trat zur Seite. Die Tür öffnete sich. John Parisis massige Gestalt betrat den Raum.

Selbst seine gutgebauten Leibwächter wirkten schmächtig gegenüber diesem graubärtigen Koloss im Maßanzug.

Parisi konnte förmlich spüren, wie ihm ein Eishauch anwehte. Die Gesichter der Männer, die an der Tafel Platz genommen hatten, waren starr. Die Mienen hätten zu einer Beerdigung gepasst. Parisi war lange genug die Nummer eins in diesem Syndikat, um zu wissen, dass dies ein lebensgefährlicher Augenblick war.

Die Stimmung war gegen ihn.

Von einem seiner Leibwächter ließ Parisi sich den Stuhl zurückziehen. Dann setzte er sich. Die dicke Havanna in seinem Mundwinkel ging aus. Ein schlechtes Omen... Er fluchte leise vor sich hin.

Die beiden Gorillas postierten sich hinter ihrem Boss.

Die schwere Teakholztür fiel ins Schloss.

"Also, was gibt es?", knurrte Parisi. "Ich war es nicht, der auf diesem Treffen bestanden hat..."

Es herrschte Schweigen. Eine Stecknadel hätte man in dieser Sekunde fallen hören können.

Diese Stimmung gefiel Parisi nicht.

Sein Blick ging die Reihe der Anwesenden entlang. Alles Leute aus seiner Organisation. Sie waren alle gekommen. Eine Art Vollversammlung war dieses Treffen geworden. Das hatte ihm vorher niemand gesagt. Er begann zu ahnen, was hier abgehen würde.

Ein Putsch!

"Es hat in letzter Zeit Probleme gegeben", sagte einer der Anwesenden. Er hatte eine Halbglatze und hohe Wangenknochen.

"Na und?", fauchte Parisi und fixierte sein Gegenüber mit einem eisigen Blick.

"Viele hier meinen, dass Sie nicht mehr in der Lage sind, die Sache im Griff zu behalten!"

"Ach, wirklich", versetzte Parisi ätzend. "Weißt du was ich glaube, Loomis? Ich glaube, du überschätzt dich!"

"Tatsache ist, dass die Ukrainer uns verdammt hart zusetzen", kam es jetzt von einer anderen Seite. "Wir brauchen einen Wechsel an der Spitze."

Zustimmendes Gemurmel entstand.

Es machte Ritsch-Ratsch, als die Leibwächter des großen Parisi ihre Uzi-Maschinenpistolen durchluden.

Und augenblicklich war es wieder still im Raum.

Totenstill.

"Ich habe das Gefühl, dass einige von euch sich ihre Meinung noch nicht richtig überlegt haben", meinte Parisi. Er nahm seine Havanna und warf sie zur Seite. Er verzog angewidert das Gesicht. "Scheint wirklich, als wäre ich etwas zu nachsichtig mit einigen von euch gewesen. Aber Fehler sind dazu da, sie zu korrigieren..."

"Sie sagen es, Parisi", sagte jetzt Loomis. Seine Stimme klirrte wie Eis.

Und John Parisis Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sich plötzlich die Läufe der beiden Uzis auf ihn richteten.

Seine eigenen Leute! Parisi war starr vor Schreck.

"Nein...", flüsterte er.

Angstschweiß bildete sich auf der Stirn des Koloss.

"Stehen Sie auf, Parisi!", sagte Loomis.

"Was haben Sie vor?"

Loomis lächelte.

"Es ist nicht unsere Art, einen von uns zu ermorden. Zumindest nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss... Auch, wenn der eine oder andere hier im Raum vielleicht sogar sehr gute Gründe dafür hätte, Ihnen eigenhändig jeden Knochen im Leib zu brechen..." Loomis zuckte die Achseln. "Wir sind ja keine Unmenschen..."

"Aber..."

"Es gibt da jemanden, der besonders wild darauf zu sein scheint, Sie persönlich über den Jordan zu schicken!"

John Parisi fing an zu stottern. "Hören Sie, ich..."

"Vergessen Sie's, Parisi. Eine Einigung ist nicht möglich. Nicht mehr."

"Was soll das heißen?" Parisi rang noch Luft.

Seine eigenen Leibwächter packten ihn und nahmen ihn in die Mitte.

"War schön für Sie zu arbeiten, Parisi", sagte einer von ihnen und grinste schief. "Aber alles hat einmal ein Ende..."



2

Sie war eine Schönheit. Das enganliegende Kleid verbarg wenig von ihrer aufregenden Figur.

Die Verführung in Person, das war sie!

Nur mit ihren Augen stimmte etwas nicht.

Meergrün waren sie. Aber sie erinnerten nicht an den Duft von Seetang - sondern an die kalten Facettenaugen einer Schlange. Ein eisiger Blick, in dem tödliche Entschlossenheit stand.

Golden schimmerte die große Automatik vom Kaliber .45 in ihrer Rechten. Eine Waffe, deren Projektile einem Mann den Schädel wegreißen konnten. Viel zu groß für ihre zarten Hände. Mit einer schnellen Bewegung schob sie das Magazin in die Waffe. Ein teuflisches Lächeln huschte über ihren volllippigen Mund.

Dann steckte sie die Waffe in ihre Handtasche.

Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde sie endlich den Mann vor ihrer Waffe haben, dessen Tod sie wie nichts sonst herbeisehnte.

Ein kühler Wind wehte vom East River her über die Industriebrache im Nordwesten von Queens. Eine Fabrikhalle, deren Abriss etwa zur Hälfte vollendet war. Heute war Sonntag, da hatten die großen Maschinen mit den Abrissbirnen Pause.

Ein Ort, wie geschaffen für einen Mord...

"Sie lassen sich Zeit", sagte der dunkelhaarige Lockenkopf, der ein paar Meter von der jungen Frau entfernt in Richtung East River stand. Er trat seine Zigarette aus. Eine Uzi-Maschinenpistole hing ihm über der Schulter.

"Mach dir keine Sorgen, Kelly", sagte sie. "Es wird schon alles glattgehen..."

"Du nimmst das ziemlich gelassen, Janet."

"Sollte ich etwa nicht?"

"Wir bringen hier nicht irgendjemanden um die Ecke."

"Ich weiß! Ich weiß es besser als jeder andere, Kelly!"

Sie lächelte.

Ihr Plan war perfekt.

Sie vertraute darauf. Es konnte nichts schiefgehen.

In dieser Sekunde kam die dunkle, überlange Mercedes-Limousine um die Ecke. Parisis Wagen. Aber der bestimmte jetzt nicht mehr, wo es lang ging.

Der Wagen kam heran, hielt.

Eine Tür öffnete sich.

Eine massige Gestalt wurde brutal herausgestoßen.

John Parisi wandt sich stöhnend auf dem Boden. Er blickte auf.

Sein bleiches Gesicht verlor den letzten Rest von Farbe.

"Janet – du?", murmelte er fassungslos.

Janet hatte indessen ihre Pistole hervorgeholt und durchgeladen. Sie trat näher, fasste die Waffe mit beiden Händen.

Die Tür der Mercedes-Limousine wurde wieder geschlossen.

Der Wagen brauste mit quietschenden Reifen davon.

Parisi sah ihm kurz nach.

Janet lachte. "Ja, deine Boys haben gute Arbeit geleistet, was?"

Er versuchte sich aufzurichten. Mit einige Mühe gelang es dem massigen Parisi schließlich auch. Er sah Janet an.

"Ich verstehe nicht...", murmelte er.

"Nein?" Ihre Stimme klang wie Eis. Sie trat auf ihn zu. "Du weißt es wirklich nicht? Dann geht es dir jetzt nicht anders als den vielen, deren Lebenslicht du mit einem Fingerschnippen ausgelöscht hast, John!" Sie lachte. "Good bye, Parisi!"

Und dann drückte sie ab.

Immer wieder. Und ihr Gesicht verzog sich dabei zur Grimasse. Die erste Kugel traf Parisi im Oberkörper. Er taumelte zurück, während das nächste Projektil sein Kinn durchschlug. Noch bevor die massige Gestalt schwer zu Boden plumpste, hatte Janet ein halbes Dutzend Patronen verschossen. Sie hörte nicht einmal auf zu schießen, als der große Boss schon in eigenartig verrenkter Stellung am Boden lag. Reglos. Und tot.



3

"Agent Jesse Trevellian, FBI", stellte ich mich dem hochgewachsenen City Police Sergeant vor. Ich deutete neben mich. "Dies ist mein Kollege Milo Tucker."

Der Sergeant nickte.

"Sie sind ja wirklich schnell", meinte er anerkennend.

Milo und ich waren an diesem Morgen noch gar nicht im Büro gewesen. Ich hatte Milo an der gewohnten Ecke abgeholt, dann war der Anruf aus der Zentrale gekommen. Und anstatt zur Federal Plaza 26 zu fahren, wo der FBI-District New York sein Hauptquartier hatte, hatten wir uns so schnell wie möglich in den Nordwesten von Queens begeben.

Angehörige einer Abrisskolonne hatten eine Leiche gefunden, als sie mit der Arbeit anfangen wollten.

Die Mordkommission hatte die Ermittlungen aufgenommen und festgestellt, dass es sich bei dem Toten um ein sehr bekanntes Gesicht handelte.

John Parisi, eine große Nummer im organisierten Verbrechen.

Nach unseren Erkenntnissen hatte er ein Syndikat beherrscht, das seine Gewinne vor allem mit der illegalen Beseitigung von Sondermüll machte. Die Gewinnspannen waren da seit einiger Zeit schon genauso hoch wie im Heroinhandel.

So waren wir ins Spiel gekommen.

Denn ein gewöhnlicher Mordfall war dies wohl nicht.

"Kommen Sie", sagte der Sergeant. Wir traten zur Leiche.

Die Arbeiter der Abrisskolonne standen etwas abseits und sahen zu, wie der Gerichtsmediziner sich über den Toten beugte.

Es handelte sich um Dr. Frank Clelland. Ich kannte ihn von anderen Einsätzen her. Wir grüßten uns knapp.

"Mindestens sechs Einschüsse", meinte Dr. Clelland dann.

"Muss ein großes Kaliber gewesen sein. Eine .45er schätze ich. Genaueres können wir natürlich erst sagen, wenn ich die Projektile aus dem Körper geholt habe."

"Wie lange ist dieser Mann tot?", fragte ich.

"Ich denke, dass er gestern Nachmittag erschossen wurde. Auf die Stunde genau möchte ich mich aber ungern festlegen."

"Sieht aus wie..."

"...hingerichtet", vollendete mein Freund und Kollege Milo Tucker. "Parisi wurde förmlich durchsiebt."

Clelland fuhr indessen fort: "Die Schüsse wurden aus einer Entfernung von nicht mehr als zweieinhalb Metern abgefeuert."

Ich beugte mich nieder.

Parisis starres, totes Gesicht blickte mich an.

Seine linke Hand war zu einer Faust geballt. Von der Seite konnte ich sehen, dass diese Faust etwas umschloss...

"Können Sie seine Hand öffnen, Doc?", fragte ich. "Er hält irgendetwas umklammert."

"Könnte in diesem Stadium etwas schwierig werden", sagte Dr. Clelland. Er bekam es trotzdem hin.

Ich war überrascht.

"Ein Zigarettenstummel", entfuhr es mir. "Nicht anfassen!", sagte ich, bevor Clelland eine Unvorsichtigkeit begehen konnte.

Der Sergeant reichte mir einen Latexhandschuh.

Ich nahm den Zigarettenstummel an mich und sah ihn mir an.

Ich hielt das Ding ins Licht.

"Warum hat er das so umklammert?", fragte Milo.

Genau das war die Frage. Unterhalb des Filters konnte ich die Markenbezeichnung auf dem weißen Papier lesen. Lucky Strike.

"Jedenfalls werden wir diesen Stummel gut aufbewahren", murmelte ich.



4

Drei Stunden später saßen wir im Büro unseres Vorgesetzten.

Mister McKee war der Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge. Seine Miene war ernst. Und dazu hatte er auch allen Anlass.

Außer Milo und mir waren noch einige andere G-men bei dieser Besprechung anwesend. Darunter die Special Agents Orry Medina und Clive Caravaggio. Außerdem Agent Robert J. Leslie, der eine Weile als verdeckter Ermittler in Parisis Organisation tätig gewesen war.

"Der Tod von Parisi könnte der vorläufige Höhepunkt dieses unseligen Gangsterkrieges sein, der zwischen Parisis Organisation und den Ukrainern aus Brooklyn seit einiger Zeit herrscht", meinte Mister McKee. Beide Gruppierungen bemühten sich darum, den Müll-Markt unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Und die Methoden waren alles andere als zimperlich. Mehrere Tote hatte es im Verlauf der letzten Wochen bei bewaffneten Auseinandersetzungen gegeben. Zumeist kleine Leute aus beiden Organisationen. Mittelsmänner und Lastwagenfahrer. Oder Leute, die unter falschem Namen Grundstücke ankauften, auf denen Sondermüll, der eigentlich teuer hätte entsorgt werden müssen, einfach abgeladen wurde. Irgendwann waren diese Strohmänner dann verschwunden und der Allgemeinheit blieb ein lebensgefährliches Dreckloch zurück. Oft fiel so etwas erst dann auf, wenn es zu verheerende Folgen kam. Etwa in der letzten Woche, als ein illegales Plastikmüll-Lager in der Bronx sich selbst entzündete und eine Dioxin-Wolke Richtung Connecticut zog.

"Die Parisi Leute werden vermutlich nicht allzu viel Zeit verstreichen lassen, um sich an den Ukrainern zu rächen", meinte Agent Medina. "Der Konflikt ist in eine neue Eskalationsstufe getreten."

"Die Täter könnten allerdings auch aus dem Inneren des Parisi-Syndikats kommen", meldete sich nun Robert J. Leslie zu Wort. Er kannte diese Organisation wie kein zweiter im District. "Es gab da Gruppen, die zweifellos die erstbeste Gelegenheit genutzt hätten, um John Parisi abzuservieren. Im übrigen ließ der alte Herr schon zu der Zeit, als ich noch verdeckt arbeitete, eine gewisse Führungsschwäche erkennen..."

"Und Sie meinen, so etwas wird früher oder später ausgenutzt", meinte Mister McKee.

Leslie nickte. "So ist es. Ich würde zum Beispiel mal einen gewissen Loomis fragen... Der brannte immer schon vor Ehrgeiz... Und dem würde ich es auch am ehesten zutrauen, eine Koalition zustande zu bringen, die stark genug ist, um den großen Boss einfach abzuservieren."

"Dann fragen Sie ihn doch", schlug Mister McKee vor.

"Ich fürchte, er mag mich nicht besonders", meinte Leslie. "Schließlich wäre es mir um ein Haar gelungen, ihn ins Gefängnis zu bringen..."

"Nehmen Sie Jesse und Milo als Verstärkung mit." Mister McKee wandte sich dann an Orry und Clive. "Sie versuchen bitte herauszufinden, ob sich bei den Ukrainern irgendetwas finden lässt."

"In Ordnung, Sir", sagte Clive.

Mister McKee fuhr fort: "Wir müssen diesen Krieg schnellst möglich beenden. Sonst gerät das ganze außerhalb jeder Kontrolle."

Es war uns allen klar, dass wir ganz dicht vor diesem Punkt standen.

"Über zwei Dinge komme ich einfach nicht hinweg", meinte ich schließlich, nachdem ich meinen Pappbecher mit dem vorzüglichen Kaffee zum Mund geführt hatte, den Mandy, die Sekretärin unseres Chefs braute. Ich fuhr fort: "Da ist einerseits diese Zigarette, die der Tote umklammert hielt, als würde sein Leben davon abhängen..."

"Es wird gerade im Labor daraufhin untersucht, ob sich genügend Speichelspuren isolieren lassen um einen DNA-Test durchzuführen", unterbrach mich Mister McKee.

Ich zuckte die Achseln.

"Ich glaube jedenfalls nicht, dass es Zufall war, dass Parisi diesen Zigarettenstummel umklammerte!"

Mister McKee fragte an Agent Leslie gewandt: "War Parisi eigentlich Raucher?"

"Nur ab und zu ein paar dicke Havannas", erwiderte Robert J. Leslie. "Eigentlich hätte er sich nichtmal die erlauben können. Sein ärztliches Bulletin sah miserabel aus."

Mister McKee hakte nach: "Keine Zigaretten?"

"Er pflegte immer zu sagen, dass Zigaretten etwas für Proleten seien. Und dazu zählte er sich nun weiß Gott nicht..."

"Der Punkt lässt sich ja überprüfen", meinte Milo.

Ich sagte: "Die zweite Sache, die mir keine Ruhe lässt, ist die Art und Weise, in der John Parisi hingemetzelt wurde. Der Täter hat ihn mit seiner .45er förmlich zerfetzt. Wenn Sie mich fragen, sieht das nicht nach einem eiskalten Profikiller aus, der seinen Job tut und für den jede Patrone die Betriebsunkosten seines schmutzigen Geschäftes erhöht. Hier scheint mir sehr viel Gefühl im Spiel gewesen zu sein!"



5

Wir fuhren zu Parisis Wohnung in der 5th Avenue. Sie lag traumhaft im 45. Stock. Man konnte von dort einen Großteil des Central Parks überblicken. Parisi besaß außerdem noch eine Traumvilla in Southhampton auf Long Island. Dort lebten seine Frau und seine Kinder. Laut Robert J. Leslies Angaben lebte Parisi schon eine ganze Weile nicht mehr dort.

Die Ehe bestand nur noch mehr oder weniger auf dem Papier.

Zusammen mit Agent Leslie ließen Milo und ich uns in den 45. Stock tragen.

Die City Police hatte die Wohnung versiegeln lassen, nachdem Spurensicherer sich dort umgesehen hatten.

Wir staunten nicht schlecht, als wir sahen, dass das Siegel zerstört war.

Jemand war in der Wohnung gewesen!

Wir griffen zu unseren Pistolen.

Mit einem Tritt ließ Milo die Tür Seite fliegen.

Ich stürmte mit meiner P226 in beiden Händen zwei Schritte vor.

Eine junge Frau wirbelte herum. Ich sah ihre Rechte zu der recht großen Handtasche greifen, die sie über der Schulter trug.

"FBI!", rief ich. "Bleiben Sie stehen."

Sie rührte sich nicht, erstarrte förmlich.

Wir betraten die Wohnung. Die Einrichtung war teuer, nicht unbedingt geschmackvoll. Aber es gab sehr viel Platz hier und das war in einer so dicht besiedelten Stadt wie New York ohnehin der allergrößte Luxus.

Mit drei weiten Schritten hatte ich junge Frau erreicht.

Ihre meergrünen Augen sahen mich mit einem kalten Blick an.

Sie lächelte.

Ich nahm ihr die Handtasche ab und durchsuchte sie kurz.

Bewaffnet war sie jedenfalls nicht. Und dass sie sonst irgendwo an ihrem Körper eine Schusswaffe versteckt hatte, hielt ich angesichts ihres beinahe hauteng sitzenden Kleides für sehr unwahrscheinlich. Ich senkte die Waffe. In der Tasche befand sich unter anderem ein Führerschein, der auf den Namen Janet Carino ausgestellt war.

Sie stemmte den linken Arm in die geschwungene Hüfte und meinte: "Na, wissen Sie nun alles, was Sie wissen wollten?"

"Es ist ein Anfang, Ma'am!"

"Würden Sie mir Ihren Ausweis bitte freundlicherweise auch zeigen?"

Ich hielt ihr meinen Dienstausweis unter die Nase.

"Ich bin Special Agent Jesse Trevellian", sagte ich. "Sie befinden sich hier in einer Wohnung, die polizeilich versiegelt war..."

"Ach, wirklich! Tut mir leid..."

"Es könnte Ihnen tatsächlich noch leidtun. Die Missachtung einer solchen Versiegelung ist nämlich strafbar - Miss oder Mrs. Carino?"

"Miss." Sie atmete tief durch. Ihre Brüste hoben und senkten sich dabei. "Hören Sie, es tut mir leid, ich habe dieses Siegel nicht gesehen", behauptete sie dann. Der verzweifelte Gesichtsausdruck wirkte sehr überzeugend.

Beinahe perfekt. Wenn da nicht diese Augen gewesen wären...

"Ich finde, dass es sehr gut sichtbar war", erwiderte ich.

"Mister Trevellian, warum so kleinlich?"

"Was wollten Sie hier?"

"Ein paar persönliche Dinge holen."

"Habe ich Ihren Namen an der Tür übersehen?"

"Ich habe hier nicht gewohnt", sagte sie. "Ich war nur des Öfteren hier, bei John..." Sie wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen und die Stirn und fegte ein paar verirrte Strähnen ihres aschblonden, leicht gelockten Haars nach hinten. Sie schluckte.

Ich steckte meine Waffe weg.

"Sie wissen, was passiert ist?", fragte ich.

"Nein."

"John Parisi wurde gestern erschossen. Heute morgen wurde er auf einer Baustelle in Queens gefunden."

"Nein Gott..." Sie schluckte. Vielleicht glitzerte sogar etwas Feuchtes in ihren Augen. "John ist tot... Das ist furchtbar." Sie sah mich an. "Deshalb sind Sie hier, nicht wahr?"

"Ja."

"Ich kann es nicht fassen..."

"Wann haben Sie Parisi zum letzten Mal gesehen?"

"Sonntag morgen."

"Bei welcher Gelegenheit?"

"Wir haben zusammen gefrühstückt."

"Hier, in dieser Wohnung?"

"Ja."

"Und weiter?", hakte ich nach. "Was geschah dann?"

"John sagte mir, dass er weg müsste."

"Hat er nicht gesagt, wohin?"

"Er konnte es nicht leiden, wenn man ihn ausfragte. Also habe ich mir die Fragerei abgewöhnt, Mister Trevellian."

"Wie gut kannten Sie John Parisi?", fragte ich.

"Gut genug, um zu wissen, dass all die Lügen, die über ihn erzählt wurden, nicht wahr sind!"

"Was für Lügen?"

"Dass er..." Sie zögerte, musterte uns der Reihe nach. Dann fuhr sie schließlich fort: "Dass er ein Gangster war... Ich habe selten einen liebevolleren Menschen erlebt. Außerdem hat er einen beträchtlichen Teil seiner Einkünfte für wohltätige Stiftungen verwandt!" Sie hob den Kopf, sah mir direkt in die Augen. "Aber wie ich annehme, sind Sie kaum daran interessiert, die Täter wirklich zu finden... In Wahrheit sind Sie froh darüber, dass es ihn erwischt hat!"

"Da irren Sie sich", mischte sich Milo ein. "Ein Mord ist für uns ein Mord - selbst wenn wir von dem Opfer vermuten, dass es selbst Blut an den Händen hatte."

Sie verzog das Gesicht.

"Das freut mich zu hören", sagte sie. "Ich wünsche Ihnen viel Erfolg." Sie wandte sich zur Tür.

"Eine Moment", sagte ich. "So schnell geht das nicht."

Sie hob die Augenbrauen, die mit Lidstrich nachgezogen waren.

"Ach, ja?"

"Wir haben noch ein paar Fragen an Sie..."

"Ich war eine Weile John Parisis Geliebte", erklärte sie. "Beantwortet das Ihre Fragen?"

"Wollten Sie nicht ein paar persönliche Dinge mitnehmen?"

Sie zuckt die Achseln. "Ich habe festgestellt, dass Sie nicht hier sind!"

"Merkwürdig."

"Ja, wie einen das Gedächtnis doch trügen kann..."

"Wann hat Mister Parisi am Sonntag die Wohnung verlassen?"

"Gegen halb elf morgens."

Jetzt mischte sich Robert J. Leslie ein und fragte: "Ich nehme an, dass Lawton und McCarthy bei ihm waren, stimmt's?"

Janet Carino sah ihn mit einem abweisenden Blick an. "Ich weiß nicht, wer das sein soll!"

Leslie sagte: "Seine Leibwächter!"

Janet zuckte die Achseln. "Deren Namen kenne ich nicht..."

"Wann haben Sie diese Wohnung verlassen, Miss Carino?"

"Ich habe noch geduscht. Vielleicht eine halbe Stunde später."

"Und wie haben Sie den Tag verbracht?"

"Ich bin nach Hause gefahren und habe mich ins Bett gelegt, weil ich einen schrecklichen Migräneanfall hatte. Kann ich jetzt endlich gehen?"

"Wo können wir Sie erreichen, Miss Carino?"

"In meiner Wohnung in Soho. Ich schreibe Ihnen Telefonnummer und Adresse auf..."

"Rauchen Sie?" Meine letzte Frage schien sie zu irritieren. Ihre Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie, als sie mich verwundert ansah. Dann sagte sie schließlich: "Ich habe es mir mühsam abgewöhnt, Mister Trevellian!"

"Da haben wir etwas gemeinsam."

"Ach!"

"Welche Marke haben Sie geraucht?"

"Marlboro fand ich immer ganz gut. Aber was soll die Fragerei?"

"Nicht zufällig auch Lucky Strike?"

"Nein, nie."



6

Edward Loomis blickte sich in der Runde um, die sich zur Lunchzeit im exquisiten Spiegelsaal des Restaurants von Jean Marquanteur versammelt hatte. Loomis hatte eine Vorliebe für französische Küche. Und außerdem gehörte ihm das Restaurant zu zwei Dritteln.

"Die Geschäfte gehen schlecht", meinte Loomis. "Das Ganze liegt meiner Ansicht nach an einzig und allein an dem Krieg mit den Ukrainern. Wir finden kaum noch Spediteure, die mit uns zusammenarbeiten, selbst wenn wir ihnen preislich entgegenkommen."

"Was schlagen Sie vor, Loomis?", fragte ein hochgewachsener Grauhaariger.

"Wir müssen uns mit den Ukrainern einigen. Es geht kein Weg daran vorbei, Mister Ericson!"

Ericson zuckte die Achseln. "Nichts dagegen, zumal das FBI in nächster Zeit bei dem einen oder anderen von uns auftauchen wird. Aber ich fürchte, diese Bastarde aus Little Ukrainia sind daran gar nicht interessiert! Die wollen unsere Vernichtung."

"Früher oder später werden sie einsehen, dass der Kuchen groß genug ist für uns alle", meinte Loomis.

Jetzt meldete sich ein hochgewachsener Lockenkopf zu Wort, dessen dunkler Maßanzug mindestens tausend Dollar gekostet hatte.

"Fragt sich nur, ob früher oder später", meinte er kühl. "Wenn es nämlich zu spät ist, sind wir erledigt!"

"Kelly hat recht", meinte jemand anderes.

"Was schlagen Sie vor, Kelly?"

"Wir müssen die Ukrainer tödlich treffen ! Das muss doch möglich sein! Von einer Einigung halte ich gar nichts. Sie kann doch nur bedeuten, dass wir etwas abgeben müssen und sie etwas bekommen, das kann niemandem von uns gefallen..."

"Wenn der Krieg weiter geht, geraten wir ins Visier der Cops", gab Loomis zu bedenken.

Kelly verzog das Gesicht.

Er hob sein langstieliges Weinglas.

"Es wundert mich, dass Sie überhaupt den Schlag gegen den alten John Parisi gewagt und sich dabei nicht in die Hose gemacht haben, Loomis."

Von draußen waren jetzt Geräusche zu hören.

Schritte, dann ein ächzender Laut.

Alle Anwesenden verstummten.

"Teufel, was ist da los?", schimpfte Loomis.

In diesem Moment sprang die Doppeltür zum Spiegelsaal auf.

Schwerbewaffnete Maskierte stürmten herein. Alles ging blitzschnell. Mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen ausgerüstete Männer verteilten sich im Raum und gingen überall in Stellung. Mindestens ein Dutzend MPis und mehrere Automatiks waren auf die Männer an der Tafel gerichtet.

Jean Marquenteur, der Chef de la cuisine wurde in den Raum geschleudert. Er taumelte, fiel zu Boden und rutschte ein Stück über das glatte Parkett. Durch die offene Tür konnte man die Wächter seltsam verrenkt auf dem Boden liegen sehen.

Ein Mann mit einer Schalldämpfer-Waffe ging gemessenen Schrittes in den Spiegelsaal. Von seinem Gesicht waren nicht mehr als die Augen zu sehen. Er trug eine Sturmhaube.

Der Mann mit der Schalldämpfer-Waffe blieb stehen, blickte in die Runde...

Als sich einer am Tisch etwas zu schnell bewegte, feuerte der Mann mit der Schalldämpferwaffe blitzschnell und ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern. Das Projektil fuhr dem Mann mitten in die Stirn. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten und ließ ihn mitsamt seinem Stuhl zu Boden knallen.

Niemand bewegte sich.

"Wer sich rührt, ist so tot wie die unfähigen Gorillas, die ihr da draußen postiert hattet!" zischte der Mann mit der Schalldämpferwaffe unter seiner Sturmhaube hervor. Er sprach undeutlich und war kaum zu verstehen. Er ließ den Lauf seiner Waffe umherkreisen. Keiner der Anwesenden wagte es, auch nur zu heftig zu atmen.

"Für jeden, der sich aus dem Geschäft zurückzieht, gibt es eine Prämie", sagte der Mann mit der Schalldämpfer-Waffe.

"Die zweite Möglichkeit ist, für uns weiterzumachen. Alle anderen erwartet das hier..."

Er machte eine schnelle Bewegung mit seiner Waffe.

Zwei Maskierte trugen ein Paket herein.

Es hatte in etwa die Form eines menschlichen Körpers, eingewickelt in eine dicke, undurchsichtige Plastikfolie.

Die beiden Maskierten warfen das Paket auf den Boden.

Dann wickelten sie es aus.

Loomis wandte den Blick zur Seite. Ihm wurde schlecht bei dem Anblick. Er würgte und konnte nur mit Mühe verhindern, dass er sich übergab.

"Ich hoffe, das war euch Schwachköpfen eine Warnung und ihr habt endlich kapiert, dass ihr uns nicht gewachsen seid!", zischte der Mann mit der Schalldämpfer-Waffe.

Er gab seinen Gorillas ein Zeichen.

Die MPis knatterten los. Und innerhalb von Sekunden verwandelte sich der Spiegelsaal in einen Scherbenhaufen.

Die großen Spiegel wurden von den Dutzenden von Projektilen zerschmettert und regneten in vielen tausend kleinen Stücken zu Boden.

Die Maskierten waren dann ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Sekundenlang sagte niemand an der Tafel ein Wort.

Schließlich war Kelly es, der sich als erster erhob.

Er ging auf das grauenerregende Paket zu, das die Maskierten hinterlassen hatten. Seine Stirn zog sich in Falten als er den furchtbaren Inhalt ansah.

Er kniete davor nieder.

"Mein Gott", flüsterte er. "Das ist Jed Raglan..."

"Jedenfalls einer unserer Leute, ist doch klar", meinte Loomis kalt.

Kelly flüsterte: "Was haben diese Hunde nur mit ihm gemacht... Entsetzlich!"

Schweigen herrschte.

Kelly erhob sich wieder. Er wandte sich an die anderen, deren bleich gewordene Gesichter völlig konsterniert waren.

"Wir müssen sehen, dass wir die Toten verschwinden lassen! Und zwar schnell! Es sind zwar unsere eigenen Leute und wir haben sie auch nicht umgebracht, aber die Cops werden uns sonst mit Fragen löchern. Und im Moment können wir uns keinen Krieg an zwei Fronten leisten - gegen die Ukrainer und das FBI!"

Keiner sagte ein Wort.

Nicht einmal Loomis.

Um die Nummer eins zu werden, brauchst du bessere Nerven, Loomis, dachte Kelly, während er den Mann mit der Halbglatze abschätzig musterte.

"Ihr wollt mir doch nicht erzählen, dass einer von euch das Angebot dieser Bastarde annehmen wird", sagte Kelly dann in die betretene Stille hinein. "Wenn jemand das wagen sollte, lege ich ihn persönlich um!"



7

Milo und ich hätten zu gerne mit Loomis gesprochen, der Agent Leslies Angaben zu Folge die besten Chancen hatte, die neue Nummer eins im Müll-Syndikat zu werden. Aber Loomis ließ sich verleugnen. Zusammen mit Leslie fuhren wir sowohl zu seiner Privatadresse, als auch zu den Büros seiner Import/Export-Firma. Er war nirgends zu finden und seine Angestellten gaben vor, keine Ahnung zu haben, wo ihr Chef war.

Also fuhren wir nach Southampton zur Villa der Witwe von John Parisi.

Milo und ich in meinem roten Sportwagen, Leslie in einem grauen Ford unserer Fahrbereitschaft.

Die Hamptons, so nannte man den nobelsten Teil von Long Island. Die Villen lagen oft direkt am Strand und die Prominenz des Geldadels war hier so konzentriert, wie sonst vielleicht nur in der Wall Street. Die Hamptons, das waren die Orte Hampton Bays, Southampton und East Hampton, traumhafte Sandstrände und den ganzen Tag über Meeresrauschen von der Brandung des Atlantik.

John Parisis Anwesen glich einer Festung.

Man kam sich vor, wie an einem Grenzübergang in ein totalitäres Land. Stacheldraht und Elektrozaun schirmten die eigentliche Villa in einem Umkreis von fast einem Kilometer ab. Angeblich hatte die Villa mal für kurze Zeit Robert Redford gehört - aber das war nur ein Gerücht.

Wir hielten vor dem Gittertor.

Bewaffnete Posten mit Walkie-Talkie und mannscharfen deutschen Schäferhunden patrouillierten dort herum. Ihre Sonnenbrillengesichter sahen uns abschätzig an.

Maschinenpistolen wurden durchgeladen.

Wir stiegen aus.

"Alles andere als ein warmherziger Empfang, was?", meinte Milo.

"Parisi war auf unfreundlichen Besuch eingestellt", meinte ich.

"Offenbar nicht gut genug", stellte Leslie fest.

Ich wandte mich an den Mann, der im Undercover-Einsatz in der Parisi-Organisation tätig gewesen war. "Kennt Mrs. Parisi Sie?"

"Schon möglich", meinte Leslie. "Wenn Sie sich an mich erinnert... Ich glaube, wir sind uns mal auf einem Geschäftsessen begegnet."

Leslie hatte sich seinerzeit als Immobilienmakler getarnt, der für Parisis Organisation Grundstücke besorgen sollte.

Leider war es nicht gelungen, den großen Boss selbst in eine Falle zu locken, sondern nur einen seiner Unterführer. Parisi selbst war viel zu aalglatt gewesen. Und zu vorsichtig. Er hatte Leslie beschatten und abhören lassen. Und so war der Undercover-Mann schließlich aufgeflogen und das FBI hatte ihn zurückziehen müssen.

"Ich nehme an, dass man in diesem Hause noch ziemlich sauer auf dich ist, Bob", meinte Milo.

"Vielleicht", erwiderte Leslie. "Vielleicht aber auch nicht..."

Milo fragte: "Wie soll ich das verstehen?"

"Ich hatte damals den Eindruck, dass Parisi den Kerl, den wir geschnappt haben, bewusst ins Messer hat laufen lassen, um ihn loszuwerden. Earl Marcato war aus der mittleren Hierarchie-Ebene. Er hatte ein Angebot von den Ukrainern, so wurde gemunkelt... Und für John Parisi konnte er nicht gefährlich werden, dazu wusste Marcato zu wenig!"

"Du meinst, Parisi hat dich für seine Zwecke ausgenutzt?"

"Ich glaube, dass Parisi von unserer Aktion gegen Marcato wusste. Jetzt sitzt Marcato auf Riker's Island ein..."

"... und Parisi hat es noch übler erwischt", vollendete Milo.

Wir gingen ans Tor. Einer der Gorillas ließ seinen Hund los und nahm ihm auch den Maulkorb ab. Das Tier sprang gegen das Gitter und fletschte die Zähne. Drohend knurrte uns der Hund an.

Ich hielt meinen Ausweis hoch.

"FBI! Wir möchten zu Mrs. Parisi! Machen Sie das Tor auf!"

Die Wächter sahen sich unschlüssig an.

Einer kam zu uns heran, die Maschinenpistole im Anschlag.

"Zeigen Sie mal!", knurrte er zwischen den makellos weiß blitzenden Zähnen hindurch, streckte die Hand durch das Gitter und nahm den Ausweis an sich. Er betrachtete ihn eingehend.

Dann machte er einem seiner Kollegen ein Zeichen und gab mir den Ausweis zurück.

"Scheint echt zu sein", meinte er.

"Worauf Sie sich verlassen können!"

Er grinste schief.

Sein Kollege griff zum Walkie-Talkie.

Eine Minute später wurde uns das Tor geöffnet.



8

Wir parkten unsere Wagen auf einem großzügig angelegten Parkplatz vor der Villa. Einige Limousinen standen dort, auch ein roter Sportflitzer.

Einer der finster dreinblickenden Leibwächter führte uns auf eine traumhafte Terrasse mit Blick aufs Meer.

Glasscheiben fingen den Wind ab.

In einem bequemen Sessel saß eine schlanke Mitfünfzigerin mit rotgefärbten Haaren. Sie musterte uns durch eine Sonnenbrille. Ein Butler brachte ihr gerade einen Drink.

"Mrs. Parisi?", fragte ich.

"Ja?"

Ich hielt ihr den Ausweis hin. "Special Agent Jesse Trevellian, FBI", stellte ich mich vor.

Ein kühles Lächeln glitt über die vollen Lippen von Mrs. Parisi. Sie nahm die Sonnenbrille ab. Sie hatte braune Augen.

Kein Mensch wusste, wie groß die Rolle war, die Mrs. Parisi in den Geschäften ihres Mannes gespielt hatte. Es hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass sie in den letzten Jahren die Fäden aus dem Hintergrund heraus gezogen hatte. Nach außen hin trat sie jedoch immer nur als fürsorgliche Mutter ihrer Kinder auf, die die meiste Zeit des Jahres in guten europäischen Internaten verbrachten.

Mrs. Parisi erhob sich.

Sie sah mich abschätzig an.

"Was wollen Sie?", fragte sie. "Ich nehme an, Sie sind hier, um meinem Mann auch noch nach dem Tod etwas am Zeug zu flicken."

"Sie irren sich", sagte ich.

"Ich kenne Ihresgleichen..." Ihre Stimme drückte tiefe Verachtung aus. Sie sah an mir vorbei. Direkt auf Leslie.

"Wie die Geier sind Sie..."

"Sind Sie nicht daran interessiert, dass die Mörder Ihres Mannes bestraft werden?", fragte ich.

Sie lachte auf.

"Ach, sagen Sie bloß, dass Sie das interessiert!"

"Mrs. Parisi, wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen..."

"Bitte!"

"Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?"

"Das ist schon länger her."

"Wie lange?"

"Wochen. John mangelte es leider in den letzte Jahren am nötigen Familiensinn..."

"Er wohnte in Manhattan."

"...und machte sich mit Frauen lächerlich, die halb so alt sind wie er. Darauf wollen Sie doch hinaus, oder?"

"Nun..."

Sie deutete auf den Butler und die sie umgebenden Leibwächter. "Diese Leute hier werden mir jederzeit jedes Alibi geben, Mister Trevellian... Im Übrigen darf ich Ihnen versichern, dass ich keine Sizilianerin bin, die vor Eifersucht mit Tellern wirft... Die Beziehung zwischen John und mir war in letzter Zeit eher geschäftlich. Aber wir respektierten uns. Und das ist doch auch etwas."

Jetzt meldete sich Robert Leslie zu Wort.

"Sagen Ihnen die Namen Eric Lawton und Harry McCarthy etwas, Mrs. Parisi?"

"Wer soll das sein?"

"Die Leibwächter Ihres Mannes."

"Tut mir leid, es arbeiten so viele Leute für meinen Mann..."

"Wir suchen nicht nur die beiden Leibwächter, sondern auch die Limousine Ihres Mannes... Sie kannten Ihn besser als wir. Können Sie uns da nicht irgendwie weiterhelfen?"

Ein kaltes Lächeln glitt über Mrs. Parisis feingeschnittenes Gesicht. Sie wandte sich an Leslie.

"Ich bin überzeugt davon, dass insbesondere Sie meinen Mann mindestens so gut kannten wie ich!"

Ein schnarrendes Motorengeräusch fiel mir auf. Es klang wie von einem Motorflugzeug, nur etwas schriller. Instinktiv suchten meine Augen den hellblauen Himmel ab. Ich konnte aber zunächst nichts sehen.

Milo sagte indessen: "Wir möchten gerne die persönlichen Sachen Ihres Mannes untersuchen..."

"Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?"

"Wir gehen von Ihrer Kooperationsbereitschaft aus, Mrs. Parisi", erwiderte Milo. "Falls diese nicht vorhanden sein sollte, machen wir uns natürlich unsere Gedanke. Sie kämen dann in ein seltsames Licht..."

"Und Sie würden annehmen, dass Gefahr im Verzug ist und auf einen Durchsuchungsbefehl pfeifen?"

"Wir würden ihn nachreichen, nicht darauf pfeifen", korrigierte Milo. "So sind die Gesetze, Mrs. Parisi!"

Ich hörte kaum noch auf das Gespräch.

Das Motorengeräusch wurde lauter. Ein dunkler Punkt erschien am Himmel, wurde größer.

"Einer dieser verdammten Sportflieger", kommentierte Mrs. Parisi. "Neuerdings hat man vor diesen Stechmücken noch nicht einmal hier in den Hamptons seine Ruhe."

Das Ding kam näher.

Auch einige der Wachtposten hatten es inzwischen bemerkt.

Misstrauisch blickten die Männer hinauf. Sie waren unschlüssig darüber, was sie tun sollten. Das Ding sah aus, wie ein altmodischer Doppeldecker. Der Propeller ratterte.

Es senkte die Flugbahn, kam auf die Terrasse zu.

Und dann bemerkte ich, dass die Maschine keinen Insassen hatte!

Ein Modellflugzeug!, durchzuckte es mich.

Einer der Leibwächter riss seine MPi in die Höhe und ballerte drauflos. Ein Flügel des kleinen Doppeldeckers wurde zerfetzt. Das Modell ging zu Boden. Es landete am äußersten Ende der Terrasse.

"Vorsicht!", schrie ich und riss Mrs. Parisi zu Boden. Auch die anderen warfen sich hin. Es gab eine gewaltige Detonation. Die Hitze war mörderisch.

Rot züngelte die Flamme hoch empor.

Ein Hagel von Splittern zerfetzte die Hausfassade. Die Scheiben sprangen unter dem Druck der Explosion.

Ein ohrenbetäubender Krach.

Der Butler schrie auf.

Er hatte offensichtlich etwas abbekommen.

Seine Beine waren rot.

Milo war bei ihm, fasste den Verletzten unter den Armen. Er zog ihn mit sich.

Ich eilte hinzu und half ihm. Ein paar Augenblicke später waren wir alle außerhalb der Gefahrenzone. Die Flammen schlugen hoch empor und hatten einige Bäume und Sträucher erfasst. Da viele der Fensterscheiben geborsten waren, hatten Vorhänge Feuer gefangen. Die Flammen griffen auf das Haus über.

Milo wandte sich an einen der Leibwächter.

"Rufen Sie einen Krankenwagen und die Feuerwehr, wenn Sie verhindern wollen, dass hier mehr als ein Haufen Asche bleibt!"

Der Leibwächter sah Milo konsterniert an.

Anweisungen von einem FBI-Mann auszuführen war eine neue Erfahrung für ihn.

"Na, los!", rief Milo.

Ich ließ indessen den Blick umherschweifen. Die so martialisch auftretenden Bodyguards, die die Aufgabe gehabt hatten, dieses Anwesen zu sichern, schwirrten herum wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Jegliche Ordnung war verlorengegangen. Niemand schien mit einem derart dreisten Anschlag gerechnet zu haben. Eine Bombe, transportiert von einem Modellflugzeug!

Es gab einige Profi-Killer der Spitzenklasse, die für diese Methode eine gewisse Vorliebe entwickelt hatten.

Es schien ganz so, als wollte es sich jemand eine ganze Menge kosten lassen, die Witwe des großen John Parisi aus dem Weg zu räumen.

Ich wechselte einen Blick mit Milo.

"Zum Strand!", meinte ich.

Milo nickte.

Er hatte denselben Gedanken gehabt wie ich.



9

Es war unmöglich, nahe genug an das Anwesen der Parisis heranzukommen, um ein solches Flugzeug nicht nur fernsteuern zu können, sondern auch noch zu beobachten, wo die Bombe einschlug...

Das Gelände war sehr gut zu übersehen. Jeder Fremde wäre dort den Wächtern zweifellos aufgefallen.

Blieb nur noch die Meerseite.

Ich spurtete los. Milo folgte mir.

Mit aller Kraft rannte ich vorwärts, versank dabei manchmal bis zu den Knöcheln im weichen Sand. Ich war froh, als der Untergrund härter wurde. Die Brandung rauschte. Das Wasser glitzerte in der Sonne. Ich sah einen dunklen Fleck in der Ferne, der vielleicht ein Schlauchboot war.

Vom Strand aus führte ein breiter Bootsteg ins Meer hinaus. Einige kleinere Motorboote waren daran festgemacht.

Kurz entschlossen rannten wir zum Steg.

Das Holz war glitschig. Immer wieder kam es vor, dass das Salzwasser der Brandung hier heraufspritzte.

Ich sprang in das erstbeste Boot. Ich wählte es aus, weil es im Gegensatz zu den anderen einen freien Außenborder hatte. Man brauchte keinen Schlüssel, sondern nur etwas Kraft, um ihn in Betrieb zu nehmen. Es blieb uns nämlich weder Zeit, um Mrs. Parisi nach einem Zündschlüssel für eines der anderen Boote zu fragen, noch um einen der Motoren kurzzuschließen.

Ich riss an der Schnur des Außenborders, während Milo die Leinen löste und zu mir ins Boot sprang. Es schwankte dabei.

Innerlich betete ich dafür, dass auch Benzin im Tank war.

Der Motor startete beim zweiten Versuch.

Und dann brausten wir über die Wellen.

Der Bug hob sich aus dem Wasser.

Es war kein Rennboot, was wir uns da ausgesucht hatten.

Eher ein Gefährt für Angler. Das Boot hüpfte über die Wellen, dem dunklen Etwas entgegen, das ich für ein Schlauchboot gehalten hatte.

Es war tatsächlich eins.

Es bewegte sich von uns weg, auf das offene Meer hinaus.

Von dem Boot aus musste das Modellflugzeug gestartet und ferngesteuert worden sein. Niemand hatte damit gerechnet. Und um ein Haar wäre der Plan auch aufgegangen.

"Hoffentlich reicht der Sprit für eine Verfolgungsjagd!", meinte Milo.

Da konnte ich ihm nur beipflichten.

Allzuweit auf das offene Meer hinaus konnten allerdings weder wir noch das Schlauchboot hinaus.

"Unser Modellpilot wird irgendwo in der Nähe an Land gehen wollen", vermutete ich. Ich konnte mir gut vorstellen, wie der unbekannte Killer vorgegangen war. Irgendwo in nicht allzuweiter Entfernung hatte er seinen Wagen abgestellt und das Boot am Strand zu Wasser gelassen. In einem weiten Bogen war er dann von der Meeresseite her auf das Parisi-Anwesen zugekommen.

"Es muss einen Verräter unter Mrs. Parisis Leuten geben", sagte ich plötzlich. Oder besser: Ich schrie es Milo förmlich zu, denn der Außenborder machte einen Höllenlärm.

Milo sah mich fragend an.

"Wieso kommst du darauf?"

"Er war ziemlich weit draußen! Er konnte unmöglich beobachten, ob Mrs. Parisi sich auch wirklich auf der Terrasse befand!"

"Vorausgesetzt, er hatte es wirklich auf sie abgesehen!", gab Milo zu bedenken.

"Jedenfalls werden wir jeden unter die Lupe nehmen, der hier am heutigen Tag herumgelaufen ist!"

Wir holten auf.

Ich verzichtete darauf, Vollgas zu geben. Sowohl das Schlauchboot, als auch unser Gefährt waren Wasserverdränger, keine Gleiter. Das bedeutete unter anderem, dass man über eine bestimmte Geschwindigkeit nicht hinauskam, gleichgültig, wie viel Motorkraft man auch aufwandte. Statt dessen war es vielleicht wichtiger Sprit zu sparen...

Unser Gegenüber auf dem Schlauchboot schien davon nichts zu wissen.

Er drehte voll auf.

Das Schlauchboot pflügte durch die Wellen. Die Gischt spritzte hoch auf.

Die Jagd zog sich hin.

Das Schlauchboot drehte mehr und mehr in Richtung Küste.

Der Abstand wurde geringer.

Der Fahrer richtete mit einer Hand eine MPi vom Typ Uzi auf uns und feuerte wild drauflos. Wir duckten uns nieder.

Die Geschosse pfiffen über uns hinweg. Genaues Zielen war in einem schwankenden Boot sehr schwierig. Und eine Uzi war ohnehin alles andere als eine Waffe für Scharfschützen.

Der Abstand zwischen den beiden Booten verringerte sich zusehends.

Der Killer hatte indessen sein Magazin leergeschossen.

Und er konnte im Augenblick kein neues in die Waffe schieben. Schließlich musste er mit einer Hand ständig den Griff des Außenborders festhalten, um nicht den Kurs zu verlieren. Außerdem schwankte sein Boot ziemlich.

Milo zog seine P226 aus dem Gürtelhalfter. Er bewegte sich vorsichtig in Richtung des Bugs.

Und dann zielte er.

Wir waren nahe genug heran, aber bei den Schwankungen war es schwer, zu treffen.

Milo feuerte.

Er hatte es auf das Boot abgesehen.

Zweimal kurz hintereinander ließ er die P226 loskrachen.

Das Schussgeräusch wurde vom Motorengeräusch beinahe überdeckt.

Milos zweite Kugel traf.

Die linke Hauptluftkammer des Schlauchbootes platzte.

Es gab einen Knall, der lauter war, als ein Schuss. Die Luft entwich innerhalb von Sekunden. Das Boot kenterte in voller Fahrt. Der Killer ging über Bord.

Er schwamm im Atlantik. Wir hielten auf ihn zu.

Es dauerte nur Augenblicke bis wir ihn erreicht hatten.

Milo richtete die Waffe auf den Schwimmer.

"FBI!", rief er. "Sie sind verhaftet..."

Der Mann im Wasser hatte kurzgeschorenes, graues Haar und war sehr hager. Seine Augen waren blau. Er sah uns mit einem hasserfülltem Blick an.

Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu uns ins Boot zu kommen. Selbst ein Kampfschwimmer der Marines hätte es von hier aus nicht zum Land geschafft.



10

Wir kehrten zum Haus von Mrs. Parisi zurück. Der Brand hatte inzwischen gelöscht werden können.

Den Gefangenen verfrachteten wir in den grauen Ford, mit dem Agent Leslie hier hergefahren war. Der grauhaarige, hagere Mann trug Handschellen und es war stets einer von uns bei ihm, um ihn im Auge zu behalten. Wir hatten ihn durchsucht. Aber er trug keinerlei Hinweise auf seine Identität bei sich. Die Seriennummer seiner Uzi war abgefeilt, das Etikett seiner Lederjacke herausgeschnitten.

Das alles sprach dafür, dass wir es mit einem echten Profi zu tun hatten. Das Schlauchboot mit der zerfetzten Hauptluftkammer hatten wir nicht bergen können. Schließlich wollten Milo und ich weder das Risiko eingehen, selbst zu kentern, noch dem Verhafteten doch noch eine Chance zum Widerstand geben.

Nur die Fernbedienung für das Modellflugzeug hatten wir aus dem Wasser gefischt. Der Killer hatte sie an dem Schlauchboot sicherheitshalber festgebunden.

Per Handy baten wir um Amtshilfe des zuständigen County Sheriffs, dessen Beamten nun die Umgebung nach einem Fahrzeug absuchten, das irgendwo in Küstennähe abgestellt sein musste.

Vielleicht würden wir dort nähere Hinweise auf die Identität des Killers haben.

Der Grauhaarige sagte nicht ein einziges Wort.

Er verzog nur das dünnlippige Gesicht zu einer zynischen Grimasse.

"Es wird sich zeigen, wie lange er sein Schweigen durchhält", meinte Milo. "Er hat eigentlich nichts mehr zu verlieren..."

"Leider heißt das noch lange nicht, dass er uns seinen Auftraggeber nennt...", gab ich zu bedenken.

Etwas später sprach ich Mrs. Parisi noch einmal an. Sie stand auf der Terrasse, sah sich die Folgen der Explosion an.

"Fassen Sie bitte nichts an, Mrs. Parisi. Einige unserer Agenten sind auf dem Weg hier her, darunter auch Spezialisten der Spurensicherung. Jedes Detail kann wichtig sein."

Mrs. Parisi lachte heiser.

"Haben Sie eine Ahnung", murmelte sie.

Einer ihrer Leibwächter stand in unmittelbarer Nähe.

"Ich möchte gerne mit Ihnen unter vier Augen sprechen", sagte ich.

Sie warf einen kurzen Blick zu ihrem Bodyguard hin und meinte dann: "Rico hat keine Ohren."

"Hören Sie, ich möchte mir den Umstand ersparen, Sie mit in unser Hauptquartier zu nehmen..."

Sie zuckte die Achseln.

"Okay, Rico", sagte sie dann. Der Leibwächter entfernte sich und nestelte dabei nervös am Bügel seiner pechschwarzen Sonnenbrille herum.

Ich trat etwas näher.

Mrs. Parisi wich meinem Blick aus.

Sie bemühte sich um äußerliche Haltung. Aber es war nicht zu übersehen, dass sie unter dem Schock des Geschehenen stand.

"Mrs. Parisi, ich nehme an, Sie wissen ganz genau wer für dieses Attentat als Auftraggeber in Frage kommt."

"Kann es Ihnen nicht gleichgültig sein?"

"Nein. Es ist unser Fall."

"Na, und?"

"Ihr Mann stand nach unseren Erkenntnissen einer syndikatsähnlichen Organisation vor, die ihr Geld mit illegaler Giftmüllentsorgung verdiente..."

"Haben Sie oder Ihre Kollegen aus der Justiz jemals irgendwelche gerichtsverwertbaren Beweise vorlegen können?", unterbrach sie mich. "Soweit ich mich erinnere hat es nie zu einer Verurteilung gereicht, was sollen dann also diese Behauptungen..."

"Etwas zu wissen und etwas so hieb- und stichhaltig beweisen zu können, das man Staatsanwälte und Geschworene davon überzeugen kann sind zweierlei Paar Schuhe, Mrs. Parisi..."

"Was Sie nicht sagen..."

"Jedenfalls gibt es in der Branche, in der Ihr Mann - und vermutlich auch Sie - tätig waren in letzter Zeit erhebliche Konkurrenz."

"Ich wüsste nicht, wovon Sie sprechen."

"Von den Ukrainern..."

Sie schluckte. Ihre Hände hatten sich unwillkürlich zu Fäusten geballt.

Ich fuhr fort: "Aber es gibt auch Leute in Ihrer eigenen Organisation, die Ihnen vielleicht ans Leder wollen - und die möglicherweise Ihren Mann auf dem Gewissen haben."

"Seien Sie still", sagte sie.

"Einer Ihrer Angestellten hier arbeitete für den Mann auf dem Schlauchboot."

"Das ist Unfug, Mister Trevellian."

"Es ist die einzig logische Erklärung." Ich deutete in Richtung des Meeres. "Der Killer musste sichergehen, dass sie auch wirklich hier sind. Denn das ist von da draußen nicht zu sehen."

"Ihre Theorie?"

"Einer Ihrer Leute hat ihm einen Hinweis gegeben."

"Und wie?"

"Mit einem Minisender zum Beispiel. Da ist nun wirklich das einfachste, was man sich vorstellen kann. Der Angriff war genau getimt, daran gibt es für mich keinen Zweifel."

Sie sah mich etwas überrascht an. Dann schüttelte sie den Kopf. "Das glaube ich nicht..."

"Es kommt jeder in Frage, der mitgekriegt hat, dass Sie sich auf der Terrasse befinden... Den Butler würde ich als einzigen mit ziemlich großer Sicherheit ausschließen. Schließlich ist er selbst schwer verletzt worden. Wenn er etwas damit zu tun gehabt hätte, hätte er sich vermutlich in Sicherheit gebracht."

Sie wirkte nachdenklich. Dann hob sie das Kinn. "Das sind Ihre Schlüsse, Mister Trevellian. Nicht meine."

"Sie wollen uns nicht helfen..."

"Ich habe keinen Grund dazu."

"Ist Ihr Interesse, am Leben zu bleiben, kein Grund? Ihren Mann können wir nicht mehr verhaften. Und Sie können ihm nicht mehr schaden, gleichgültig, was Sie uns sagen..."

"Guten Tag, Mister Trevellian."



11

Unsere Verstärkung traf ein. Wir nahmen jeden unter die Lupe, der zum Zeitpunkt des Anschlags auf dem Grundstück gewesen war, durchsuchten sie und nahmen Aussagen und Personalien auf. Den Minisender entdeckte einer unserer Spurensicherer in einem Mülleimer.

Außerdem stellte sich heraus, dass einer der Leibwächter fehlte.

Einer seiner Kollegen gab das zu, nachdem wir ihm ein bisschen Druck machten und deutlich werden ließen, dass er selbst in die Sache hineingezogen werden könnte.

Der Verschwundene hieß Morgan Jessup.

Vermutlich hatte er sich unbemerkt aus dem Staub gemacht, während Milo und ich den Mann im Schlauchboot gejagt hatten.

Morgan Jessup war mit großer Wahrscheinlichkeit unser Mann.

Wenn wir ihn fanden, führte uns das vielleicht zu dem Auftraggeber dieses Anschlags.

Milo und ich kehrten sehr spät in die Zentrale zurück. Der Mann aus dem Schlauchboot war schon Stunden zuvor dorthin transportiert und von unseren Vernehmungsspezialisten befragt worden. Er hatte auch ihnen gegenüber bisher nicht einen Ton gesagt. Er blieb eiskalter Profi. Auch jetzt, in dieser ausweglosen Situation.

"Kann auch sein dass er genau weiß, wie lang der Arm seiner Auftraggeber reicht", vermutete Milo. "Er wäre nicht der erste Häftling, der auf mysteriöse Weise in der Untersuchungshaft stirbt, bevor er vor Gericht den Mund aufmachen kann..."



12

Janet Carino fühlte den kalten Griff ihrer Pistole, als sie in die weiten Taschen ihres dünnen Mantels griff.

Neben ihr stand Kelly, der sich mit einer fahrigen Bewegung die dunklen Locken zurückstrich.

Es war spät.

Beinahe Mitternacht.

Sie befanden sich in einem düsteren Hinterhof, irgendwo zwischen abbruchreifen Ruinen in der Bronx, die darauf warteten, dass sich endlich einer die Mühe machte, sie niederzureißen.

Schritte ließen Janet aufhorchen.

Auch Kellys Haltung wurde etwas angespannt. Kelly trug eine MPi an einem Riemen über der Schulter. Er fasste die Waffe mit beiden Händen.

Links neben Janet stand ein kleiner Aktenkoffer auf dem Boden.

Janet lächelte.

Der Mond stand hoch am Himmel. Dieser Teil der Bronx war so schlecht beleuchtet, dass man ihn gut sehen konnte. In anderen Teilen New Yorks war das schwieriger. Zwei Gestalten schälten sich aus der Dunkelheit heraus.

Das Licht des Vollmonds beschien sie.

Janet wusste nur zu gut, um wen es sich handelte. Sie hießen Lawton und McCarthy und hatten zuvor als Leibwächter für den großen John Parisi gearbeitet.

Bis zu jenem denkwürdigen Sonntag, als sie ihn ans Messer lieferten...

Ja, so kann es kommen, ging es Janet durch den Kopf. Darum traue niemandem...

Das war ihr persönliches Credo.

"Da sind Sie ja", sagte einer der beiden. Es war Lawton. Die beiden näherten sich, grüßten mit einem knappen Nicken.

Lawton wandte sich an Kelly. Verwundert sah er auf die MPi.

"So gut bewaffnet?"

"Dies ist keine feine Gegend hier", erwiderte Kelly kühl.

Lawton zuckte die Achseln.

"Ich nehme an, Sie haben ein paar Leute in der Umgebung postiert..."

Kelly senkte die Waffe.

"Ich dachte, wir sind auf derselben Seite, Kelly!"

"Man kann nie vorsichtig genug sein."

Lawton griff in die Innentasche. Als er sah, dass Kelly nervös wurde, sagte er: "Zigaretten!"

Kelly schüttelte den Kopf. "Nein, danke."

Lawton grinste, steckte sich eine Zigarette an. Es war die letzte in der Packung. Lawton warf die Schachtel achtlos weg.

Lucky Strike stand auf der Schachtel.

Dann suchte er Streichhölzer. Er fand sie nicht.

Janet trat auf ihn zu. Sie zog etwa aus der Handtasche hervor, die sie über der Schulter trug. Ein Feuerzeug. Sie ließ eine Flamme emporschießen und streckte die Hand mit dem Feuerzeug Lawton entgegen.

Lawton hob die Augenbrauen.

"Danke Ma'am", sagte er etwas überrascht.

Janet musterte ihn.

Ihre meergrünen Augen schienen sich regelrecht im Gesicht des Leibwächters festzusaugen. Lawton wurde es etwas unbehaglich in seiner Haut.

"Kommen wir zur Sache", meinte indessen McCarthy.

Janet drehte sich zu ihm herum. Jetzt musterten ihre Augen den zweiten Mann.

"Ich wollte Sie mir nur einmal genau ansehen", erklärte sie auf eine Weise, die Lawton nicht gefiel. Janets Stimme hatte einen drohenden Unterton.

Sie ging ein paar Schritte zurück, hob den Koffer an und überreichte ihn den beiden.

McCarthy griff danach. "Wie viel ist drin?", fragte Lawton.

Er sah an Janet vorbei zu Kelly.

"Die abgemachte Summe", sagte Kelly.

McCarthy legte den Koffer auf den Boden, öffnete ihn und begann das darin enthaltene Geld nachzuzählen.

Lawton grinste Janet derweil an.

"Sie wissen immer, mit wem es sich lohnt ins Bett zu gehen, was?", meinte er. "Erst der große Parisi - jetzt der neue, aufstrebende Mann im Hintergrund..." Er deutete mit einer knappen Geste in Kellys Richtung.

Janets Blick blieb kühl und unbewegt.

Sie wusste genau, dass Lawton sie mit seiner Bemerkung nur aus der Fassung bringen wollte. Aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun.

McCarthy schloß den Koffer wieder und erhob sich. "Wir betrachten das als weitere Ratenzahlung", sagte er an Kelly gerichtet.

"Das war nicht abgemacht", erwiderte Kelly.

"Ich weiß, aber inzwischen hat sich einiges geändert."

"Ach, ja?"

"Was wir getan haben wird sich rumsprechen. Niemand wird uns noch einen Job geben, wie ihr sicher verstehen werdet... Schließlich haben wir unseren Boss in den Tod geschickt... Und das ist ja nicht gerade das, was man von Leuten wie uns erwartet!"

"Das wusstet ihr vorher!"

"Wir wollen nochmal dasselbe. In 24 Stunden."

Janet und Kelly sahen sich an.

Kelly sagte: "Gut, am selben Ort."

"Ich wusste, dass Sie vernünftig sind, Kelly!", lachte McCarthy. "Ist da ja richtig erfreulich, mit Ihnen Geschäfte zu machen!"

"Ich nehme an, Sie verschwinden dann..."

"Sobald wir die zweite Portion haben", versprach Lawton.

Und McCarthy fügte hinzu: "Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich das übrigens auch tun."

"Ach, ja?" Kelly hob die Augenbrauen.

"Es bricht doch alles zusammen, Mann. Das sieht ein Blinder. Die Ukrainer gewinnen den Müllkrieg und von der Parisi-Organisation wird nichts bleiben als Asche. Wenn Sie mich fragen, dann haben Sie keine Chance..."

Kelly lachte zynisch.

"Das beurteile ich anders."

"Viel Glück!"

"Danke."

"Sie werden's brauchen. Schon von dem Anschlag auf Mrs. Parisi gehört? Ich hoffe nicht, dass es Sie erwischt, bevor Sie uns den zweiten Koffer übergeben haben!"

Kellys Gesicht verzog sich. "Ein bisschen Risiko gehört zum Leben!"

McCarthy hob die Hand.

"Bis morgen!"

Die beiden drehten sich um, gingen davon. Mit ihrem Wagen hatten sie nicht hier her fahren können. Die Einfahrt war zu eng. Also hatten sie ihn vermutlich an der Hauptstraße abgestellt. Kelly hob die MPi.

Der Druck seines rechten Zeigefingers verstärkte sich auf den Abzug.

Janets Stimme drang durch die Nacht.

"Lass mich das machen! Bitte!"

Kelly zuckte die Achseln.

Janet zog ihre Pistole heraus. Die große goldfarbene .45er. Sie legte kurz an. McCarthy hatte sich halb herumgedreht und wollte eine Waffe aus dem Gürtel reißen, als ihn die Kugel niederstreckte. Sie fuhr ihm in die Schläfe.

Man würde später Mühe haben ihn zu identifizieren. Getroffen sank McCarthy zu Boden.

Lawton schaffte es noch einen Revolver unter der Jacke hervorzureißen.

Vor Anspannung biss Lawton seiner Lucky Strike den Filter ab, während sich aus seiner Waffe ein Schuss löste.

Aber Janet war schneller.

Die Lady mit der Gold-Pistole feuerte dreimal sehr kurz hintereinander. Rot züngelte das Mündungsfeuer aus der Waffe heraus. Lawton hatte nicht einmal mehr Zeit für einen Todesschrei. Er sank zu Boden und schlug der Länge nach hin.

Sein Gesicht war eine starre Totenmaske.

"Eins muss man dir lassen, Engelchen! Du bist eine exzellente Schützin!", sagte Kelly bewundernd.

Janet ging auf die Toten zu.

Sie deutete auf Lawton.

"Du solltest ihn durchsuchen!"

"Um dabei Spuren zu hinterlassen?" Kelly schüttelte den Kopf und blickte dabei auf die schrecklich zugerichtete Leiche. Es wäre unmöglich gewesen, ihn zu durchsuchen, ohne sich dabei mit Blut zu besudeln.

"Und wenn er das Geld bei sich hat, das du ihm bereits heute Abend in DOLLY'S SEX BAR gegeben hast?", fragte Janet.

"Es ist einfach nur Geld, Schätzchen. Ich habe Handschuhe getragen, als ich es Lawton übergeben habe. Es gibt also keine Spuren und außerdem war es ja auch nicht so viel, dass es mir finanziell wehtäte..." Er machte einen Schritt seitwärts und nahm den Geldkoffer an sich, der McCarthy aus der Hand geglitten war. "Mit dieser Summe hier sähe das schon anders aus..." Kelly bedachte die Leichen mit einem abschätzigen Blick. "Diese Dummköpfe hätten sich mit dem zufrieden geben sollen, was sie schon bekommen hatten...", murmelte er.



13

Als wir am nächsten Morgen in Mister McKees Büro zur Besprechung saßen, hatten sich in der Zwischenzeit eine ganze Reihe neuer Fakten ergeben. Der Killer, der versucht hatte Mrs. Parisi mit einem ferngelenkten Modellflugzeug umzubringen, hieß Victor Dimitrov, war wegen verschiedener kleinerer Delikte vorbestraft und gebürtiger Ukrainer, der vor mehr als dreißig Jahren mit seinen Eltern eingewandert war. Später ließ Dimitrov sich vom sowjetischen Geheimdienst KGB anwerben, für den er vermutlich mehrere Auftragsmorde ausgeführt hatte. Ein russischer Überläufer sorgte für seine Enttarnung, aber Dimitrov konnte schnell genug untertauchen und die Identität wechseln. Über die folgenden Jahre gab es in unseren Dossiers kaum Angaben. Möglich, dass er weiterhin aktiver Agent war.

"Nach dem Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges wanderten nicht wenige KGB-Agenten ins organisierte Verbrechen ab", erläuterte Mister McKee. "Und so könnte er im ukrainischen Müll-Syndikat durchaus alte Bekannte getroffen haben."

Agent Medina und Clive Caravaggio berichteten anschließend von Ihren Ermittlungen in Little Ukrainia.

"Die große Nummer dort ist zur Zeit ein gewisser Mike Lebediov", erklärte Orry. "Wir haben uns in dessen Umkreis etwas umgehört. Einer der Informanten, die das FBI in dieser Szene hat, meinte, dass Lebediov die Reste der Parisi-Organisation gerne übernehmen würde. Und er hatte die Befürchtung, dass es Mrs. Parisi vielleicht gelungen wäre, den Zerfall aufzuhalten."

"Was ist mit Loomis?", fragte Robert Leslie.

"Den scheint dort niemand so richtig ernst zu nehmen", erwiderte Orry.

"Heißt das, für die Ukrainer ist jetzt der Weg frei, das Geschäft allein zu machen!"

"So sehen die das, ja!"

Mister McKee sagte: "Ich schlage vor, Sie zeigen in Little Ukrainia mal das Bild von Dimitrov herum. Vielleicht erinnert sich jemand an ihn..."

"Viel würde ich mir davon nicht versprechen", sagte Orry. "Diese Einwanderer stehen uns alle sehr misstrauisch gegenüber. Was man auch verstehen kann, schließlich sind sie aus ihren Herkunftsländern gewohnt, dass die Polizei nicht dazu da ist, sie zu schützen, sondern sie zu bespitzeln und zu schikanieren. Man kann es ihnen also nicht verdenken, dass sie vorsichtig sind..."

Und Clive ergänzte: "Außerdem macht Lebediov kurzen Prozess mit jedem, der ihm in die Quere kommt. Gegen den ist ein alteingesessener Big Boss wie es John Parisi war, schon fast ein sympathischer Zeitgenosse."

"Haben wir irgendetwas gegen Lebediov in der Hand?", fragte Mister McKee.

"Nicht einmal einen Strohhalm", sagte Orry. "Aber wir arbeiten daran..."

Etwas später berichtete uns dann Agent Max Carter von unserer Fahndungsabteilung über den Stand der Suche nach Morgan Jessup, dem verschwundenen Leibwächter von Mrs. Parisi, von dem wir vermuteten, dass er mit dem Attentäter Dimitrov unter einer Decke gesteckt hatte. Immerhin war von den Männern des County-Sheriffs inzwischen ein Wagen gefunden worden, bei dem es sich vermutlich um Dimitrovs Gefährt handelte. Sicher war das allerdings auch noch nicht. Ein Team des Erkennungsdienstes kümmerte sich darum.

"Und was ist mit Lawton und McCarthy?", fragte Robert Leslie. "Die beiden Parisi-Bodyguards waren vermutlich die letzten Menschen, die den Big Boss lebend gesehen haben..."

"Es gibt einen vagen Hinweis", sagte Carter. "Einer unserer Informanten hat sich gemeldet und behauptet, Lawton in DOLLY'S SEX BAR am Times Square gesehen zu haben!"

"Na, das ist ja immerhin ein Anfang", meinte ich.

Carter fuhr fort: "Außerdem ist Parisis Limousine aufgetaucht. Jemand hat sie auf einem Schrottplatz in Yonkers abgestellt."



14

DOLLY'S SEX BAR war einer der wenigen Schmuddel-Schuppen, die man noch nicht aus der Gegend um den Times Square hatte vertreiben können. Aber das war wohl nur noch eine Frage der Zeit, denn unter der Administration von Bürgermeister Giuliani war für diese Gegend ein neues, familienfreundliches Image angestrebt worden. Das bedeutete, dass Strip-Lokale und Sex-Shops nach und nach von der Bildfläche verschwanden.

Um diese frühe Uhrzeit war dort natürlich noch nichts los.

Eine Reinigungskolonne war damit beschäftigt, die Böden des Etablissements zu bohnern. Lieferanten brachten Dutzende von Getränkekisten heran.

Milo und ich betraten zusammen mit Agent Leslie den großen Schankraum. Auf der Bühne, auf der sich Abend für Abend die Girls entblätterten, waren jetzt Packer bei der Arbeit.

Ein bulliger Kerl sprach uns an.

"Kommen Sie mit mir!", sagte er und führte uns in eins der Separees. "Bitte setzen Sie sich. Wollen Sie einen Drink?"

"Nicht so früh am morgen", sagte ich. Ich sah ihn an. "Sie sind Berry?" Ich hatte mit ihm telefoniert und erkannte seine Stimme wieder.

Er nickte.

"Ja."

Berry hatte als Barmixer in DOLLY'S SEX BAR angefangen, inzwischen war er zum Geschäftsführer avanciert. Seit Jahren gab er uns ab und zu Tipps - verfolgte dabei aber auch immer seine eigenen Interessen. Zwar hatte ich im Laufe der Jahre immer mal wieder von ihm gehört, war ihm aber noch nie persönlich begegnet.

"Ich hätte es vorgezogen, wenn jemand gekommen wäre, den ich kenne", sagte Berry offen.

Ich zeigte ihm meinen Ausweis. "Wir sind es", sagte ich dazu.

Er atmete tief durch.

"Also gut. Ich habe über ein paar Ecken mitbekommen, dass Sie die Leibwächter des armen John Parisi suchen..."

"Ja, sie scheinen plötzlich wie vom Erdboden verschluckt zu ein..."

"Lawton kam oft hier her... Naja, ich musste ihm auf alles Rabatt geben. Schließlich war Parisi eine Weile Teilhaber in diesem Laden, bis er irgendwann auf die Idee kam, dass so ein Geschäft seinem Image schaden würde..."

"Lawton soll gestern hier gewesen sein", sagte ich.

"Ja, er saß direkt vor mir an der Bar. War geradezu euphorisch. Er gab Trinkgelder, die absolut aus dem Rahmen fielen..."

"Fanden Sie das nicht seltsam?", meinte ich. "Lawtons Boss ist gerade erschossen worden und sein Leibwächter ist guter Laune!"

"Natürlich kommt man da ins Grübeln", gestand Berry. "Zwei Stunden zuvor hat Lawton sich hier mit einem Mann getroffen, der Kelly heißt... Der fiel mir sofort auf, weil er Autofahrer-Handschuhe trug..."

"Arnold Kelly?", hakte Agent Leslie nach.

Berry sah ihn erstaunt an. "Sie kennen den Mann?"

"Einer von Parisis Leuten", war Leslies knappe Antwort.

Berry grinste.

"In erster Linie ein Immobilien-Hai, wie er im Buche steht. Ich hatte erst gedacht, dass er es vielleicht auf diesen Laden abgesehen hat. Schließlich ist das Grundstück einiges wert... Und im Moment steigen die Preise am Times Square zu ungeahnten Gipfeln."

"Was haben Sie beobachtet?"

"Lawton bekam von Kelly ein Kuvert. Kurz zuvor ist John Parisi ermordet worden und das FBI sucht die Leibwächter."

"Als Zeugen", gab ich zu bedenken.

"Und wenn schon! Sie haben ihn wohl nicht sonderlich gut bewacht, würde ich sagen... Und überall munkelt man, dass Kelly zusammen mit einem gewissen Loomis jetzt die Geschäfte von Parisi übernommen hat. Naja, Gerüchte... Aber ich denke, Sie ziehen Ihre Schlüsse daraus!"

"Ihnen wäre es recht, wenn dieser Kelly in Schwierigkeiten käme, was?", meinte Milo.

"Wie kommen Sie auf den Gedanken?" Berry lächelte. "Sie haben recht. Kelly hätte dann erstmal andere Sorgen, als sich diese Bar unter den Nagel zu reißen, um damit zu spekulieren... Ich hänge an dem Laden, wissen Sie!" Er zuckte die Achseln. "Sie sehen, ich bin absolut ehrlich!"



15

Arnold Kelly und Edward Loomis standen eigentlich jetzt auf unserer Besuchsliste. Loomis hatten wir ja schon am vergangenen Tag vergeblich zu erreichen versucht.

Aber dann bekamen wir einen Anruf aus der Zentrale. In der Bronx hatte man in einem Hinterhof zwei Leichen gefunden.

Es handelte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Lawton und McCarthy, die beiden Leibwächter von John Parisi.

Als wir am Tatort eintrafen, suchten Erkennungsdienstler und Beamte der City Police bereits die Umgebung nach Spuren ab. Die Toten lagen auf dem harten Betonuntergrund. Der Gerichtsmediziner hatte seine Erstuntersuchung gerade abgeschlossen. Das Ergebnis teilte er Lieutenant O'Mara, dem Leiter dieses Einsatzes, so laut mit, dass wir es hören konnten, als wir uns näherten.

"Die Todeszeit dürfte so um Mitternacht gelegen haben", sagte Dr. Clelland.

Er grüßte mich knapp, als er uns sah.

Der Lieutenant drehte sich herum. "Hallo, Jesse", meinte er. Ray O'Mara musste ich meinen Ausweis nicht zeigen. Wir waren uns wiederholt über den Weg gelaufen. Seit man ihn von Midtown Manhattan in ein Revier in der Bronx versetzt hatte, waren wir uns nicht mehr so häufig begegnet.

"Sie hatten Papiere bei sich", meinte O'Mara. "Es scheint sich niemand besondere Mühe gegeben zu haben, ihre Identität zu verschleiern..."

"Die Leibwächter des großen Parisi", murmelte ich.

Und Milo fragte: "Was für ein Kaliber?"

"Ich nehme an, ein .45er", sagte Clelland. "Jedenfalls den Wunden nach..."

O'Mara konnte das nur bestätigen. Er holte ein Plastiktütchen aus der Tasche. Darin befand sich ein blutiges Projektil.

"Das Ding hier ist aller Wahrscheinlichkeit nach durch einen dieser beiden Körper hindurchgeschossen und dann ein paar Meter weiter im Beton steckengeblieben."

"Dasselbe Kaliber wie bei Parisi", stellte ich fest. "Ich bin gespannt, ob es auch dieselbe Tatwaffe ist..."

"Es muss sich um denselben Täter handeln", gab indessen Agent Robert Leslie seiner Überzeugung Ausdruck. "Eine Hinrichtung, so sieht es aus..."

Ich musste ihm recht geben.

Wut und Hass musste bei der Begehung dieses Mordes im Spiel gewesen sein - so wie bei Parisi.

"Das ist mehr als nur ein Gangsterkrieg", sagte ich nachdenklich.

"Woran denkst du?", fragte Leslie.

Ich zuckte die Achseln. "Wenn ich das wüsste. Ein Rachefeldzug vielleicht..."

"Jedenfalls reicht es den Tätern nicht, ihre Gegner einfach nur zu töten...", stimmte mir Milo zu.

Robert Leslie hob die Augenbrauen. "Ein Gangsterkrieg ist nicht unbedingt eine emotionsfreie Zone, Jesse!"

"Jedenfalls wäre es interessant, diesen Mister Kelly mal zu fragen, was er Lawton in DOLLY'S SEX BAR übergeben hat...", sagte Milo.

Jetzt mischte sich Lieutenant O'Mara ein.

"Die Taschen der Toten sind durchsucht."

"War ein Kuvert dabei?", fragte Milo.

O'Mara rief einen Kollegen des Erkennungsdienstes herbei und der zeigte uns dann ein paar Augenblicke später den Tascheninhalt.

Ein Kuvert war dabei.

Darin befand sich ein Bündel mit Geldscheinen.

"Zwanzigtausend Dollar, wir haben es gezählt", sagte der Erkennungsdienstler dazu.

Clelland sagte: "Von mir aus können die Leichen abtransportiert werden."

"Einen Moment!", erhob Milo Einspruch.

Er beugte sich über die Toten.

"Der Mann hier hat etwas im Mund!", stellte er fest.

Clelland eilte herbei. Er hatte immer noch seine Latexhandschuhe an und griff dem Toten in den halboffenen Mund. Das, was er herausholte, ließ ihn die Stirn runzeln.

"Ein Zigarettenfilter", stellte er fest. Er hielt ihn nahe ans Auge. "Lucky Strike" sagte der Arzt dann.

Milo meinte: "Einen Lucky Strike-Raucher suchen wir schon eine ganze Weile!"

Ich wandte mich an Leslie: "Was wissen wir über diesen Kelly - außer, dass er zu Parisis Organisation gehört?"

"Man sagt ihm jedenfalls großen Ehrgeiz nach", meinte Leslie. "Und Skrupellosigkeit."



16

Arnold Kelly besaß eine exklusive Etage im 38. Stock mit Blick auf den East River. Finster dreinblickende Wächter standen in dunklen Anzügen am Eingang zu seinen Räumlichkeiten. In dieser Traumetage war Platz genug für Büros und Privaträume.

Die Männer in den dunklen Anzügen wollten uns nicht so ohne weiteres passieren lassen. Überall waren Überwachungskameras gut sichtbar installiert.

Eine Sekretärin trat mit grazilen Schritten auf uns zu.

"Haben Sie einen Termin bei Mister Kelly?", säuselte sie.

Ich hielt ihr meinen Ausweis unter die Nase.

"Ich denke, Mister Kelly wird sich für uns etwas Zeit nehmen müssen", sagte ich.

Sie musterte uns einen nach dem anderen. Agent Leslie besonders lang. Vielleicht erinnerte sie sich an ihn.

Allerdings ließ sie sich in dieser Hinsicht nichts anmerken.

Die Wächter blickten etwa unschlüssig drein. Der Anblick des FBI-Ausweises in meiner Hand schien sie für einen Moment zu lähmen.

Eine Tür ging auf.

Ein Mann mit dunkel gelocktem Haar trat heraus. Er trug einen teuren Maßanzug aus edlem Stoff. An seinem Arm hing eine grazile Schönheit in einem enganliegenden Kleid. Ihre meergrünen Augen sahen mich mit dem Ausdruck der Überraschung an. Sie stutzte.

Und ich auch.

Janet Carino!

Die Sekretärin wandte sich an den Lockenkopf. "Mister Kelly, es tut mir leid, aber..."

Der Anblick unsrer Ausweise ließ Kellys Gesicht finster werden.

"Special Agent Jesse Trevellian", stellte ich mich vor. "Meine Kollegen und ich haben ein paar Fragen an Sie..." Dann wandte ich mich Janet zu und ergänzte noch: "...und vielleicht auch an Sie, Miss Carino!"

Janets Blick war kühl.

Kellys Blick musterte uns einen nach dem anderen. Dann blieb er an Robert Leslie hängen.

"Wir hatten ja bereits mal das Vergnügen", zischte er dann.

"Allerdings", erwiderte Leslie.

Kelly sah sich Leslies Ausweis an und lachte dann zynisch.

"Ihr falscher Name passte besser zu Ihnen, G-man!"

"Alles Geschmackssache!"

Ich merkte, wie das Gespräch auf eine Ebene abglitt, die mir nicht gefiel. Wir brauchten Informationen, keine unnötige Animositäten.

Daher sagte ich sachlich: "Wir ermitteln im Mordfall Parisi..."

"Und da kommen Sie zu mir?", fragte Kelly scharf.

"Nun, Mister Parisi war doch einer Ihrer wichtigsten Geschäftspartner - sagt man..."

"Ach, sagt man das?"

"Ja, und man sagt auch, dass Sie und ein gewisser Loomis jetzt Parisis Geschäfte übernommen haben..."

Kellys Zeigefinger schnellte vor wie ein Klappmesser.

"Wenn Sie so etwas in der Öffentlichkeit verbreiten sollten, dann kriegen Sie eine Verleumdungsklage an den Hals, die..."

"Wir sind vom FBI. Nicht von der Presse", erinnerte ich ihn. "Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?"

Kellys Gesicht wurde jetzt von einer leichten Röte überzogen. Er war zornig.

Kelly wandte sich an seine Sekretärin.

"Sagen Sie alle Termine ab und versuchen Sie meinen Anwalt zu erreichen. Er soll so schnell wie möglich her kommen!", verlangte er.

"Gut, Mister Kelly!"

"Und ich habe nichts dagegen, wenn Sie schnell arbeiten!"

Kelly mache eine Seitwärtsbewegung mit dem Kopf in Richtung seiner Bürotür. "Kommen Sie!", forderte er uns auf.

"Haben Sie etwas dagegen, wenn ich gehe?", fragte Janet und musterte mich dabei. "Ich habe noch wichtige Termine..."

Die anderen folgten Kelly ins Büro. Ich blieb mit Janet Carino im Empfangsraum stehen. Ich wartete mit meiner Antwort, bis Kelly uns nicht mehr hören konnte.

"Ihre Trauer um Mister Parisi war wohl nicht von langer Dauer..."

"Wieso?" Ihre Stimme klirrte wie Eis.

"So, wie Sie beide - Sie und Kelly - da gerade herauskamen..."

"Was wollen Sie damit sagen?"

Wir sahen uns an. Einen Moment lang flackerte es unruhig in ihren katzenhaften Augen.

Schließlich sagte sie: "Das Leben geht weiter, Mister..."

"Trevellian."

"Ja, richtig."

"Und was haben Sie mit Arnold Kelly zu tun?"

"Geschäfte."

"Ich hätte gedacht, es wäre mehr privat..."

"Es kann Ihnen gleichgültig sein, Mister Trevellian."

"Was für Geschäfte?"

"Geht das den FBI etwas an?"

"Möglicherweise schon."

"Ich dachte, Sie untersuchen einen Mordfall und nicht die Rechtmäßigkeit irgendwelcher Immobilientransaktionen..."

"Das eine kann doch mit dem anderen zu tun haben!"

"Wir drehen uns im Kreis, Mister Trevellian."

"Scheint so."

"Wenn Sie dann also keine Fragen mehr haben..." Sie ging an mir vorbei in Richtung Tür. Ihr Gang war aufreizend. Ihre Hüften schwangen hin und her.

"Miss Carino...", stoppte ich sie, kurz bevor sie hinaus ging. Sie drehte sich noch einmal um.

"Ja?"

"Wir haben die beiden Leibwächter von John Parisi gefunden." Ihr Gesicht ließ keinerlei Regung erkennen.

"Ach, ja?"

"Jemand hat sie förmlich mit Blei durchsiebt."

"Die Armen", sagte sie. Dann zuckte sie mit den Schultern. "Was habe ich damit zu tun?"



17

"Sie wollen mir doch nur was anhängen!", rief Arnold Kelly erregt. "Aber Sie werden nicht das geringste Haar in der Suppe finden! Ich bin Geschäftsmann, kein Gangster! Aber Sie scheinen nichts anderes zu tun zu haben, als schwer arbeitende Unternehmer daran zu hindern, ihren Geschäften nachzugehen!"

Kelly machte eine große Geste. Mit einer wütenden Handbewegung ließ er den Drehstuhl kreisen.

Eine Platz hatte uns der Immobilien-Hai gar nicht erst angeboten.

"Sie sind mit Lawton in DOLLY'S SEX BAR gesehen worden, das ist eine Tatsache", sagte ich. "Und Sie sind auch dabei gesehen worden, wie Sie ihm ein Kuvert übergaben..."

"Wer behauptet so etwas?"

"Tut das etwas zur Sache?"

"Das ist doch alles Hörensagen! Damit kommen Sie vor Gericht nicht durch!"

"Noch sind wir auch nicht vor Gericht, sondern in der Phase der Ermittlungen. Und es geht hier nicht darum, auf Geschworene einen guten Eindruck zu machen, sondern um Tatsachen. Sie haben sich mit Lawton getroffen... Streiten Sie es besser nicht ab!"

"Wenn es so wäre... Was ziehen Sie daraus für Schlüsse, Mister Trevellian?" Kelly vergrub die Hände in den Hosentaschen.

"John Parisi stirbt auf eine Weise, die nahelegt, dass seine Leibwächter nicht ganz unbeteiligt an der Sache sind. Er umklammert im Tod noch einen Zigarettenstummel der Marke Lucky Strike. Lawton war Lucky Strike-Raucher. Ob die Zigarette in Parisis Faust von Lawton geraucht wurde, wird ein Gen-Test erweisen - aber wenn Sie mich fragen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch."

"Schön, dann nehmen Sie den Kerl doch fest!", sagte Kelly.

Sein Gesicht bekam etwas Selbstzufriedenes.

"Das geht leider nicht mehr."

"Ach!"

"Er wurde umgebracht, nachdem er sich am Abend mit Ihnen in DOLLY'S SEX BAR getroffen hat."

"Und da sehen Sie einen Zusammenhang, G-man?" Kelly lachte heiser. "Wächst so ein absurder Gedanke auf Ihrem Mist, Trevellian?" Er drehte sich zu Robert Leslie herum. "Oder hat der da sich das ausgedacht?"

"Immerhin sind Sie zweifellos einer derjenigen, die Lawton als Letzte lebend gesehen haben", stellte Agent Leslie kühl fest.

Kelly zeigte bei seinem raubtierhaften Lächeln die Zähne.

Sie blitzten makellos und weiß.

"Sie können es einfach nicht verwinden, dass Sie damals Parisi nichts ans Zeug flicken konnten, was. Das wurmt Sie immer noch, Leslie. Und jetzt versuchen Sie mit aller Gewalt etwas anderes auszugraben. Jeder, der mal mit John Parisi Geschäfte gemacht hat ist für Sie verdächtig..."

Leslie blieb ruhig.

"Sie haben Lawton zwanzigtausend Dollar gegeben..."

"Was Sie nicht beweisen können!"

"Vermutlich der Lohn für seine Mithilfe bei der Beseitigung von John Parisi. Das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern, dass Sie dadurch Vorteile haben."

"Auch das können Sie nicht beweisen, Mister Leslie."

"Sie wollten auf Nummer sicher gehen und die beiden Leibwächter ausschalten. Vielleicht wurden sie auch zu unverschämt, wollten mehr, als ihnen Ihrer Meinung nach zustand."

"Jetzt reicht's!"

Ich griff ein. Leslie war nahe daran, die Kontrolle zu verlieren. Leider musste ich Kelly in einigen Punkten Recht geben. Wir konnten ihm diese Geschichte wirklich nicht beweisen, wenn es hart auf hart kam. Ich blickte kurz auf die Uhr. Sein Anwalt musste hier bald eintreffen.

"Warum erklären Sie uns nicht einfach, weshalb Sie sich mit Lawton getroffen haben", forderte ich. "Dann können wir einen Aktendeckel schließen und Sie sind vielleicht aus der Schusslinie."

Er atmete tief durch, strich sich die Locken zurück und meinte dann: "Okay, ich habe mich mit Lawton getroffen."

"Gestern Abend?"

"Ja." Kelly zuckte die Achseln. "Er war ein guter Leibwächter, ich habe ihm ein Angebot gemacht. Zwanzigtausend Dollar waren ein Vorschuss."

"Warum nicht gleich so?", meinte Milo.

Ich musterte Kelly uund fragte mich dabei, wie viel Prozent seiner Aussage der Wahrheit entsprachen. Ich mochte mich da nicht festlegen.

"Wo waren Sie heute Nacht?", fragte ich.

"Hier, bei mir zu Hause. Wohnräume und Office liegen direkt nebeneinander..."

"Kann das jemand bestätigen?"

"Miss Janet Carino..."

"Sie war die ganze Nacht bei Ihnen?"

"Ja."

"Haben Sie eine Waffe?"

Er ging an den Schreibtisch und holte einen Revolver hervor. Ein zierliches Ding, Kaliber 22. Ganz gewiss nicht die Tatwaffe.

"Noch eine Frage...", sagte Milo schließlich. "Sie wissen nicht zufällig, wo sich Mister Loomis aufhält?"

"Edward Loomis?"

"Ja", bestätigte Milo.

"Ich habe keine Ahnung, aber wenn Sie ihn sehen sollten, richten Sie ihm doch bitte schöne Grüße von mir aus. Ich erwarte nämlich dringend seinen Anruf!"



18

Wir suchten Edward Loomis im Büro seiner Import-Export-Firma in der Lower East Side auf. Die Gebäude wurden ebenso wie sein privates Domizil von unseren Agenten überwacht. Und als Loomis auftauchte, bekamen wir sofort Bescheid.

Der Empfang war kühl. Das Firmengelände, das aus einem Bürokomplex und ein paar Lagerhäusern bestand, glich einer Festung. Die Sicherheitsvorkehrungen waren selbst für New Yorker Verhältnisse extrem. Überwachungskameras registrierten jeden Schritt, der auf diesem Gelände getan wurde. Und überall liefen bewaffnete Posten umher.

Nach einigem Hin und Her ließ man uns schließlich durch.

Loomis bedachte Agent Leslie mit einem Blick, den man nur als hasserfüllt bezeichnen konnte.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Loomis sich wieder im Griff hatte. Er drückte mir ziemlich fest die Hand. Ein Mann, der gleich klarmachen wollte, wer der Boss war.

"Wir ermitteln im Mordfall Parisi", sagte ich. "Und in diesem Zusammenhang haben wir ein paar Fragen an Sie."

"Was Sie nicht sagen... Es tut mir leid um den guten John. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen."

"Wann haben Sie Parisi zuletzt gesehen?"

"Muss ein paar Tage vor seinem Tod gewesen sein..."

"Und Sie haben keinen Verdacht, wer Parisi auf dem Gewissen haben könnte?", mischte sich Milo ein.

"Er hatte viele Feinde."

"Auch aus den eigenen Reihen?"

"Wer hat das nicht?"

"Sagt Ihnen der Name Lebediov etwas?"

"Keine Ahnung, von wem Sie sprechen."

Jetzt meldete sich Agent Leslie zu Wort: "Wir haben Beweise dafür, dass Sie in illegale Geschäfte mit Sondermüll verwickelt sind..."

"Sie träumen doch, Leslie!" Loomis Zeigefinger fuhr hoch.

"Sie haben so etwas schon mal versucht..."

"Und wenn der Staatsanwalt jetzt nur auf einen Wink wartet, um gegen Sie vorzugehen?"

"Sie bluffen, Leslie!"

"Sie können es darauf ankommen lassen, Loomis! Aber bedenken Sie, dass die Lage sich geändert hat! Parisi ist tot. Man wird Sie nicht mehr deshalb schonen, weil man hofft, den großen Boss doch noch erwischen zu können!"

"Angenommen, ich mache eine Aussage..."

"Sie sind nicht in der Position zu handeln..."

Loomis atmete tief durch. Ich hatte Leslies Bluff eigentlich kaum eine Chance gegeben. Aber da hatte ich mich getäuscht.

"Ich habe etwas... gehört", sagte Loomis schließlich gedehnt. "Gerüchte..."

"Und was sagen diese Gerüchte?"

"Dass Arnold Kelly Parisis Leibwächter bezahlt hat, um ihn aus dem Weg zu räumen..."

"Gerüchte sind zu wenig", sagte Leslie kühl.

"Okay, okay, er hat es mir gegenüber zugegeben, als ich ihn darauf ansprach... Von mir aus können Sie mich mit einem Mikrofon am Körper mit Kelly zusammenbringen, dann bekommen Sie ein Geständnis!"

Leslies Blick wirkte triumphierend.

Ich war nicht ganz so euphorisch.

Ich fragte mich nämlich plötzlich, ob Loomis Kelly nicht mit eiskalter Berechnung belastete.



19

Mike Lebediov war ein großer, kahlköpfiger Mann mit breiten Schultern. Am Kinn hatte er eine Narbe, die besonders auffiel, wenn er lächelte.

In Begleitung seiner Bodyguards betrat Lebediov den kahlen, schmucklosen Raum, der im Keller einer Villa in Brooklyn lag.

Ursprünglich handelte es sich um einen atombombensicheren Bunker. In den Fünfzigern hatte man dafür günstige Bundesdarlehen bekommen können und einer der Vorbesitzer dieser Villa hatte das ausgenutzt.

Vor Atombomben hatten Lebediov und seine Leute keine Angst. Eher schon vor Richtmikrofonen. Dieser Keller war abhörsicher und deswegen ein idealer Treffpunkt.

Lebediov war der Letzte, der eintraf.

An einem schmucklosen Tisch saßen bereits ein halbes Dutzend Männer.

Lebediov setzte sich.

"Machen wir es kurz", sagte er. "Kommen wir zur Sache."

Ein semmelblonder Mann mit hohen Wangenknochen und blauen Augen meldete sich zu Wort. "Die ehemaligen Parisi-Leute laufen reihenweise zu uns über oder nehmen unser Ausstiegsangebot an", sagte er. "Unser Auftritt in Marquanteurs Restaurant hat wohl Wirkung gezeigt..."

"Was ist mit Loomis?", fragte Lebediov.

"Steigt aus, wenn wir ihm das Doppelte geben. Ich habe ihm zugesagt. Das ist für uns im Moment einfach mit weniger Risiko verbunden, als wenn wir ihn umlegen..."

Lebediov nickte.

"Vermutlich hast du recht, Basil!"

"Seit der Pleite mit Dimitrov knüpfen die beim FBI an unserer Schlinge", erklärte Basil dann. "Wir müssen für das Problem eine Lösung finden."

"Und wie sollte die aussehen?", meldete sich einer der anderen zu Wort. "Solange Dimitrov in FBI-Gewahrsam ist, können wir ihn nicht mundtot machen. Soweit reicht unser Arm nicht..."

Lebediov zuckte die Achseln.

"Ich kenne Dimitrov gut von unserer gemeinsamen Zeit beim KGB. Er wird dichthalten. So leicht kann man ihn nicht auspressen..."

"Da bist du aber sehr optimistisch!", meinte Basil.

Lebediov schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

"Mir wäre auch wohler, wenn wir dieses Problem nicht hätten, verdammt! Aber ich fürchte, wir können im Moment nichts tun!"

Ein Raunen ging durch die Anwesenden.

Sie wussten, dass Lebediov recht hatte. Im Moment waren ihnen in dieser Sache die Hände gebunden.

"Wer ist Dimitrovs Anwalt?", fragte Lebediov dann.

"Niemand von uns. Ein Pflichtverteidiger."

"Okay. Das ist gut so. Bis es wirklich zur Anklage kommt bleibt das auch so, damit wir nicht ins Kreuzfeuer geraten!"

"Wird Dimitrov nicht denken, dass wir ihn vergessen haben?", mischte sich ein Mann mit Halbglatze ein.

Lebediov schüttelte den Kopf. "Nein, er ist Profi. Er weiß das einzuschätzen!" Er atmete tief durch. "Was ist mit Arnold Kelly? Haben wir von dem schon eine Nachricht?"

Basil sagte: "Er versucht, die Parisi-Organisation mit Klauen und Zähnen zusammenzuhalten, aber es wird ihm nicht gelingen. Dazu sind das viel zu große Angsthasen, die nur Gewinn machen wollen, aber nicht bereit sind, mal was einzustecken."

"Wenn wir bis morgen keine Nachricht von ihm haben, legen wir ihn um", entschied Lebediov.

"Trotz der Sache mit Dimitrov?"

"Ja."

"Da ist noch eine andere Sache, Boss", meinte Basil. Die Blicke aller Anwesenden waren auf ihn gerichtet.

Lebediov hob die Augenbrauen. "Ach, ja?"

"Hinter Kelly muss noch jemand anderes stehen. Jemand, den wir bisher nicht kennen und der vielleicht die wahre graue Eminenz dieses Syndikats ist..."

"Wer sollte das sein? Wer, der noch nicht auf dem Friedhof oder im Leichenschauhaus liegt?"

"Eine Frau... Mehr wissen wir noch nicht!"



20

Arnold Kelly verließ in Begleitung von zwei Leibwächtern sein Büro. Vor dem Wolkenkratzer, in dem Kelly seine Traumetage gemietet hatte, hielt eine langgezogene Mercedes-Limousine.

Einer der Bodyguards öffnete Kelly die Tür.

Kelly drehte sich noch einmal herum.

Misstrauisch kreiste sein Blick.

Es war bereits ziemlich dämmrig. Die Sonne war beinahe versunken und New York wurde langsam zu einem Lichtermeer.

Kelly stieg ein. Die Bodyguards folgten. Die Türen wurden geschlossen.

"Fahren Sie endlich!", fauchte Kelly den Chauffeur an.

Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Ziemlich brutal fädelte er sich in den dichten Verkehr ein.

Jemand hupte. Kelly blickte aus dem Fenster. Einer seiner Gorillas, der neben ihm auf der Hinterbank der Limousine saß, ebenfalls.

"Ich frage mich wirklich, ob es Lebediovs Leute oder G-men sind, die da auf der Lauer lagen, um uns zu beschatten!", meinte der Leibwächter.

Kelly zuckte die Achseln.

"Egal, wer es ist, wir müssen ihn abschütteln."

"Ich tue mein bestes", meinte der Chauffeur.

Kelly erwiderte gallig: "Vielleicht ist das ja nicht gut genug!"

Der Chauffeur fuhr in die nächste Seitenstraße, dann in eine Einbahnstraße hinein. In entgegengesetzter Fahrtrichtung.

Der Chauffeur ließ den Motor aufheulen. Die Geschwindigkeit war mörderisch. Ein Wagen kam von vorn, wich mit quietschenden Reifen aus und krachte in eines der parkende Fahrzeuge an der Seite.

Dann riss der Chauffeur das Steuer herum. Er brauste in die nächste Abzweigung links, dann wieder rechts. Ein paar Minuten später war er wieder auf einer Hauptstraße.

"Wer immer uns auch auf den Fersen war, wir sind ihn los!", meinte er Leibwächter.

Kelly atmete tief durch.

"Ich hoffe, du hast recht, Carlos!" Dann wandte er sich an den Chauffeur. "Fahren Sie nach SoHo!", befahl er.



21

Janet Carino räkelte sich auf dem großen Ledersofa. Sie trug nichts weiter als ein Negligé. Die aufregenden Rundungen ihres Körpers wurde dadurch eher betont als verborgen.

In ihren meergrünen Augen blitzte es kalt.

Kalt wie der Tod selbst.

Beinahe zärtlich strich ihre Hand über den Griff der goldfarbenen Pistole. Sie überprüfte die Ladung im Magazin, lud die Waffe dann mit einer energischen Handbewegung durch.

Sie lächelte verhalten.

Und vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild. Eine Erinnerung. Sie war als Tochter sittenstrenger Mormonen in Ogden, Utah aufgewachsen. Das lag alles lange hinter ihr.

Aber in Momenten wie diesem sah sie den Prediger mit den hellblauen Augen und den nach oben gebogenen dunklen Brauen vor sich, vor dem sie sich als Kind immer so gefürchtet hatte. "Der Engel des Todes wird all jene richten, die dem Bösen verfallen sind!", so hallten seine Worte in ihrem Kopf wider. Sie dachte oft daran, obwohl sie eigentlich schon seit vielen Jahren nicht mehr gläubig war.

Ich bin der Engel des Todes, ging es ihr durch den Kopf. In gewisser Weise jedenfalls...

"Mein ist die Rache, spricht der Herr!", so klangen die Worte des Predigers in ihrem Kopf.

Und dann sah sie ein anderes Bild vor sich. Ebenfalls eine Erinnerung. Ihr Gesicht verzog sich wie vor Schmerz.

"Nein", flüsterten ihre Lippen. Sie schloß die Augen, kniff sie zusammen.

Aber das Bild war noch immer da.

Blut.

Alles rot...

Sie schüttelte sich, stieß einen kurzen Schrei aus und atmete heftig.

Ein Klingelsignal riss sie aus ihren Gedanken. Das erste Mal seit Minuten konnte sie wieder klar denken. Sie schluckte.

Das muss Kelly sein, ging es ihr durch den Kopf.

Sie legte die Pistole unter eines der Seidenkissen, die auf dem Ledersofa herumlagen.

Dann stand sie auf. Es klingelte erneut. Ihre Wohnung war ziemlich weiträumig. Eine ehemalige Fabrikhalle. In SoHo und in Greenwich Village war das keine Seltenheit.

Janet ging auf die große Stahlschiebetür zu. Sie blickte auf den kleine Monitor an der Seite. Draußen stand tatsächlich Kelly in Begleitung seiner Leibwächter.

Janet öffnete.

Kelly trat ein.

Er sah kurz an ihr herab und grunzte etwas Unverständliches.

Janet sah spöttisch auf Kellys Begleiter. "Brauchst du jetzt schon Begleitschutz, wenn du zu mir kommst, Kelly?"

Kelly verzog das Gesicht, wirkte etwas ärgerlich. Dann drehte er sich herum. "Ihr wartet draußen, okay?"

Die Gorillas nickten und drehten sich herum. Kelly schloss die Tür.

Er sah sie an.

Er kam gleich zur Sache.

"Ich werde mich mit Lebediov einigen", sagte er.

"Ach!"

"Das Wasser steht uns bis zum Hals... Die Ukrainer sitzen einfach am längeren Hebel..."

Janet verzog spöttisch das Gesicht.

"Ist das der mutige Arnold Kelly, der es wagte, beim Putsch gegen den großen Parisi die Fäden zu ziehen?"

"Das Spiel ist zu Ende, Baby. So einfach ist das."

"Und wir hatten so große Pläne..."

"Parisi war ein kleiner Fisch gegen die Haie, mit denen wir es jetzt zu tun haben. Die Organisation bricht auseinander. Jeder muss sehen, wo er bleibt..."

"Du hast mir versprochen..."

"Loomis' Kopf?"

"Schön, dass du dich wenigstens erinnerst!"

Kelly verzog das Gesicht. "Schätzchen, ich hätte dir Loomis' Leiche gerne vor die Füße gelegt. Aber jetzt geht es für mich darum, mit einem blauen Auge aus der Sache herauszukommen!"

"Und ich hatte gedacht, du hättest wirklich das Format, in Parisis Fußstapfen zu treten!"

"Man kann sich eben täuschen", erwiderte Kelly ätzend. Dann zuckte er die Schultern, musterte sie kurz von oben bis unten. "Ich habe mir angewöhnt, immer das Positive zu sehen. Wir hatten guten Sex, Baby. Das ist doch auch etwas..."

Er versuchte, sie zu berühren.

Janet wich vor ihm zurück.

Sie bewegte sich rückwärts in Richtung des Ledersofas...

Dorthin, wo ihre Pistole unter einem Seidenkissen lag.

"Wie viel gibt dir Lebediov?", fragte sie.

"Vielleicht gar nichts... Ich habe noch nicht mit ihm verhandelt. Aber wenn ich mich zurückziehe, wird er mich nicht umlegen..."

"Bist du bescheiden geworden, Kelly!"

"Das Leben ist 'ne harte Schule, Schätzchen."

"Was du nicht sagst!"

Kelly setzte zwei Finger an die Schläfe und vollführte eine zackige Geste.

"So long, Baby!"

Er wandte sich zur Tür, öffnete sie.

Die schwere Stahltür glitt zur Seite. Die Leibwächter standen vor der Tür. Aber anstatt ihrem Boss platzzumachen blieben sie einfach stehen. Ihre Gesichter waren regungslos.

"Heh, Carlos, was soll das?", stammelte Kelly.

Carlos packte Kelly am Kragen und schleuderte ihn quer durch den Raum. Kelly kam hart auf den Boden. Er starrte seine Männer ungläubig an.

Sie kamen herein.

Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt. Sie musterten ihren Boss kühl.

Kelly rappelte sich auf.

Ungläubig starrte er auf Janet.

"Heh, was soll das?"

Janet hatte die Pistole unter dem Seidenkissen hervorgerissen. Der Lauf zeigte auf Kelly. Lautlos wie eine Katze näherte sie sich.

Kelly sah seine untätig dastehenden Leibwächter fassungslos an.

Er verzog das Gesicht zu einer wölfischen Grimasse. Langsam fiel bei ihm der Groschen.

"Sie hat euch gekauft, ja?"

Die Männer schwiegen. Ihre Gesichter waren wie Wachsmasken.

Janet sprach für sie.

"Sie wissen, dass du auf dem absteigenden Ast bist, Kelly!", erklärte sie kalt.

Kelly machte einen Schritt auf sie zu.

"Seit wann planst du das, du Luder?"

"Schon sehr lange... Überrascht, Kelly? Du stehst auch auf meiner Liste. Schon lange..."

"Aber..."

"Es ist sinnlos, es dir zu erklären. Du würdest es doch nicht verstehen. Das einzige, was ich will ist, dass du etwas Todesangst schmeckst..."

Janet ging an einen Schrank, zog eine Schublade heraus. Sie holte einen länglichen Gegenstand heraus. Einen Schalldämpfer. Den schraubte sie auf die goldfarbene Pistole.

Kelly ließ seine Hand zum Gürtel fahren. Er schlug sein Jackett zur Seite. Der Griff einer Pistole wurde sichtbar.

Janet streckte einfach den Arm aus und feuerte. Sehr schnell, sehr sicher.

Ein zweiter und dritter Schuss folgten im nächsten Sekundenbruchteil. Kelly zuckte zusammen. Der Griff seiner Rechten krampfte sich um die Waffe an seinem Gürtel. Schwer sackte sein Körper zu Boden.

Janet trat an ihn heran.

Mit einem Fußtritt gegen die Schulter drehte sie die Leiche herum. Als sie in das erstarrte Gesicht des Toten sah, begann ein beinahe sanftes Lächeln ihre vollen Lippen zu umspielen.

Dann wandte sie sich an die beiden Bodyguards.

"Räumt hier auf, Boys!"



22

Am nächsten Morgen saßen wir in Mister McKees Büro und mussten uns von unserem Chef erklären lassen, dass wir bislang keinerlei Handhabe gegen Kelly hatten. Die Beweislage reichte nicht für einen Haftbefehl. Noch nicht. Wir würden noch etwas graben müssen. Und ihm eine Falle zu stellen, würde nicht leicht werden.

Ähnliches galt für Lebediov.

Solange Dimitrov weiterhin eisern schwieg, konnten wir über die Hintergründe dieses Gangsterkrieges nur spekulieren.

"Es hat gestern eine Zusammenkunft der Ukrainer gegeben", erklärte Agent Medina. "In Lebediovs Haus... Wir haben versucht, mit Richtmikrofonen herauszubekommen, was dort besprochen wurde, schließlich lag ja eine richterliche Genehmigung vor... Leider sind wir nicht durchgekommen."

Clive Caravaggio ergänzte: "Lebediovs Haus hat einen Keller, der als Atomschutzbunker ausgebaut wurde... Aus dem bisschen, was wir aufzeichnen konnten, könnte man schließen, dass sie sich dorthin zurückgezogen haben. Jedenfalls wäre es nicht schwer, einen solchen Schutzkeller dermaßen abzuschirmen, dass er absolut abhörsicher ist!"

"Wie würden Sie dieses Treffen interpretieren?", fragte Mister McKee.

"Sie sind nervös", erklärte Orry.

Ich sagte: "In Anbetracht der Tatsache, dass wir ihren Killer Dimitrov haben, ist das auch kaum verwunderlich!"

"Ich weiß nicht, ob das der einzige Grund für ihre Nervosität ist", erwiderte Orry. "Wir haben uns intensiv umgehört. Normalerweise könnten die Ukrainer sehr zufrieden mit der Lage sein. Parisis Syndikat steht vor der Auflösung. Angeblich sind die führenden Leute fast alle tot oder übergelaufen..."

"Wo liegt dann das Problem?", erkundigte sich Mister McKee.

"Es geht das Gerücht um, dass da noch jemand aus dem Hintergrund heraus operiert... Jemand, den die Ukrainer fürchten und der auch für Parisis Tod verantwortlich sein soll", erläuterte Orry Medina. "Vielleicht ein anderes Syndikat, das seinen Einflussbereich erweitern will..."

Robert J. Leslie mischte sich jetzt ein. "Als ich noch verdeckt gearbeitet habe, hat es solche Befürchtungen auch in Parisis Organisation immer gegeben. Angeblich wollte die Bostoner Müll-Mafia ihre Finger nach New York ausstrecken. Aber unseren Erkenntnissen nach ist das nie versucht worden. Solche Gerüchte werden oft gezielt in die Welt gesetzt, um die eigenen Leute zu disziplinieren. Parisi hat das so gemacht - warum sollte Lebediov nicht auch so verfahren?"

Etwas später erläuterte uns Marvin F. Gordon, ein Mitarbeiter der Scientific Research Division, was es für neue Erkenntnisse in Bezug auf Parisis Limousine gab. Die Scientific Research Division war der zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten. Auch das FBI nahm die Hilfe des SRD häufig in Anspruch.

Parisis Limousine war inzwischen eingehend untersucht worden. Es ließ sich daher recht genau rekonstruieren, wie Parisi gestorben war. Mit seinem eigenen Wagen war er zu der abbruchreifen Halle in Queens gefahren worden. Seine Leibwächter waren vermutlich bei ihm gewesen. Im Wagen war es wahrscheinlich zu einem Handgemenge gekommen. Kleinere Faser-und Blutspuren hatten unsere Leute sicherstellen können.

Parisi musste in den Aschenbecher der Limousine hineingegriffen haben. Es gab entsprechende Druckstellen an der Hand. Und deshalb hatte man später auch die Reste einer Lucky Strike in seiner Faust gefunden. Ob es sich nur um ein krampfhaftes Zusammenziehen der Faust handelte oder der große Boss ganz bewusst im Angesicht seines nahen, unausweichlichen Todes einen Hinweis auf seine Mörder geben wollte, blieb im Dunkeln.

Beides war möglich.

Dem gerichtsmedizinischen Gutachten nach, war Parisi nämlich mehrfach heftig geschlagen worden.

Wer ihn dann auf der Baustelle in Queens erschossen hatte, blieb natürlich Spekulation.

Die beiden Leibwächter von John Parisi waren die Hauptverdächtigen.

Aber bisher hatten wir keine Tatwaffe. Und da die beiden Leibwächter selbst sich zu ihrer Rolle in der ganzen Angelegenheit nicht mehr äußern konnten, stocherten wir weiter im Nebel. Und zwar in drei Richtungen. Arnold Kelly als ein Konkurrent in der eigenen Organisation war eine davon. Vielleicht hatte er mit Loomis zusammengearbeitet. Die zweite Richtung war Lebediov. Und die dritte? Ich war mir nicht sicher, ob man den großen Unbekannten im Hintergrund, von dem Orry gesprochen hatte, überhaupt als dritte Spur bezeichnen konnte.



23

Wir versuchten, Arnold Kelly aufzutreiben, um ihn noch einmal zu vernehmen. Aber in seinem Büro war er an diesem Morgen noch nicht aufgetaucht. Mir fiel auf, das seine Leibwächter nicht anwesend waren. Zeugen hatten gesehen, dass Kelly am Abend zuvor mit seiner Limousine davongefahren worden war.

Mit unbekanntem Ziel. Der Chauffeur hieß Calvers und wohnte in einem Appartement in Queens. Telefonisch überprüften wir, ob er zu Hause war. Er nahm seinen Apparat nicht ab.

Wir versuchten, Kellys Büro-Mitarbeiter etwas unter Druck zu setzen. Insbesondere seine Sekretärin.

Sie hieß Bella Sloane. Die Verunsicherung war ihr anzusehen. Irgendetwas ging hier nicht planmäßig vor sich, das merkte ich intuitiv.

"Miss Sloane, wir haben Grund zu der Annahme, dass Mister Kelly in ein Verbrechen verwickelt ist. Ich denke nicht, dass Sie da hineingezogen werden wollen", sagte Milo.

"Ich habe keine Ahnung, wo Mister Kelly ist..."

"Zeigen Sie uns bitte seine Privaträume!", forderte Milo.

"Sie glauben mir nicht..."

Sie ging vor uns her, wirkte etwas hilflos. Die Privaträume von Arnold Kelly lagen direkt neben den Büros. Milo und ich folgten ihr. Agent Leslie blieb im Büro, um zu verhindern, dass jemand von dort aus ein Telefongespräch führte und Kelly eventuell warnte. Miss Sloane führte uns in ein weiträumiges Wohnzimmer. Modern und sparsam eingerichtet. An den Wänden hing moderne Kunst. Ich ging ins Schlafzimmer. Das Bett sah unbenutzt aus. Die Kleiderschränke waren jedoch voll. Wenn Kelly sich aus dem Staub gemacht hatte, weil ihm die Lage zu heiß wurde, dann hatte er buchstäblich nichts mitgenommen...

Auf dem Nachttisch stand ein Telefon. Ich drückte die Wiederholungstaste. Ein Pizza-Service meldete sich.

Ich verließ das Schlafzimmer wieder. Miss Sloane wich mir nicht von der Seite. Sie musterte mich, schien jede meiner Bewegungen zu registrieren.

Ich wandte mich an Milo.

"Irgendetwas gefunden?", fragte ich.

Milo schüttelte den Kopf. "Nein."

Ich sah Miss Sloane an. "Sollte sich herausstellen, dass Mister Kelly sich außer Landes begeben wollte, um sich der Justiz zu entziehen und Sie wussten davon, dann kann das sehr unangenehm werden."

Ihr Lächeln blieb kühl.

"Zerbrechen Sie sich nicht meinen Kopf, G-man!"

"Strafvereitelung und Behinderung der Justiz sind keine Kavaliersdelikte, Miss Sloane. Denken Sie nochmal darüber nach, ob Ihnen nicht doch etwas einfällt..."

"Geben Sie sich keine Mühe..."

"Wann haben Sie das Büro gestern Abend verlassen?"

"Ich weiß nicht mehr. Um acht, glaube ich."

"Und da war Mister Kelly noch hier?"

"Ja."

Dann schrillte Milos Handy.

Er nahm den Apparat ans Ohr.

"Hier Agent Tucker, was gibt es?" Sein Blick war ernst, nachdem er das Gerät wieder eingeklappt hatte. "Wie es scheint steht Mister Kelly für unsere Befragungen nicht mehr zur Verfügung", sagte er düster. "Und zwar endgültig..."

Auf Miss Sloanes Gesicht erschienen ein paar Falten. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

"Was ist passiert?", fragte sie.

"Mister Kelly ist tot", sagte Milo sachlich.



24

Es war Agent Medina gewesen, der Milo angerufen hatte.

Zusammen mit Clive Caravaggio stand er in einer kleinen Nebenstraße, zu der der Hinterausgang des Nachtclubs GALINA führte. Dieser Club gehörte einem Mann namens Lester Morgan, von dem wir mit ziemlich großer Sicherheit wussten, dass es sich um einen Strohmann Lebediovs handelte. Die Millionen, die Lebediovs Organisation in der Müll-Branche machte, mussten ja irgendwo gewaschen werden. Und da war ein Laden wie das GALINA geradezu ideal.

Die kleine Nebenstraße in Süd-Brooklyn war mit Einsatzfahrzeugen des NYPD vollgestellt. Überall blitzen die Blinklichter auf. Uniformierte und Nichtunformierte liefen durcheinander. Ein Gerichtsmediziner war da.

Kellys Leiche befand sich bereits in einem dunkelblauen, undurchsichtigen Plastiksack und war fertig zum Abtransport.

Wie Schlafsäcke sahen die Dinger aus. Schlafsäcke für jenen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gab.

Clive stand etwas abseits und unterhielt sich mit Lieutenant Meltzer von der Mordkommission des nächsten NYPD-Reviers. Orry wandte sich derweil dem Gerichtsmediziner zu.

"Sie wollen die Todeszeit wissen, nehme ich an", sagte der Pathologe. Er war noch sehr jung.

Orry nickte, während er zusah, wie zwei Männer Kellys Leiche wegtransportierten.

"So konkret wie möglich", sagte Orry.

"Gestern Nacht zwischen zehn Uhr abends und Mitternacht."

"Kaliber 45?"

"Ja, vermute ich auch. Die Kugeln stecken noch. Es hat mehrere Einschüsse gegeben..."

"Entfernung?"

"Vielleicht zwei Meter."

Parisi, Lawton, McCarthy und jetzt Kelly. Alle diese Männer waren von einem Kaliber derselben Waffe auf ähnliche Art und Weise getötet worden. Lediglich der Attentatsversuch auf die Parisi-Witwe fiel etwas aus dem Rahmen.

"Ich danke Ihnen", sagte Orry. Clive kam auf ihn zu. Der Lieutenant befand sich in seinem Schlepptau.

"Das GALINA stand unter Lebediovs Kontrolle. Was kann Kelly hier gesucht haben?", murmelte Clive.

"Vielleicht war er hier, um sich mit Lebediov zu einigen."

"Allein?"

"Vielleicht finden wir seine Leute ja noch! Oder sie sind geflohen."

"Oder der Mord geschah nicht hier!"

Orry deutete auf die Hinterfront des GALINA. Von vorne war das ein Glitzerladen mit aufwendiger Leuchtreklame. Die Rückfront sah eher trostlos aus. "Knöpfen wir uns das Personal dort mal vor! Irgendjemand muss doch etwas gesehen oder gehört haben!"

"Dies ist Lebediovs Gebiet!", gab Clive zu bedenken.

"Glaubst du, es wird hier irgendjemand den Mund aufmachen?"

"Warten wir es ab..."

Ein uniformierter Officer der City Police kam auf die beiden Special Agents des FBI zu. Neben ihm humpelte ein Mann in einem langen, für die Jahreszeit viel zu warmen Mantel.

Dazu trug er eine Strickmütze und Turnschuh. Ein Obdachloser.

Er schien nicht so recht zu wissen, ob er dem Officer wirklich folgen sollte.

Der Officer deutete auf seinen Begleiter.

"Dieser Mann hier sagt, er könne eine Aussage machen!"

Orry und Clive näherten sich ihm.

Der Lieutenant folgte ihnen, blieb aber etwas abseits.

Clive zog seinen Ausweis und hielt ihm dem Obdachlosen hin.

"Ich bin Agent Clive Caravaggio vom FBI", sagte er. "Sie haben etwas gesehen, was mit dem Toten zu tun hat, der hier aufgefunden wurde?"

Der Obdachlose blickte sich etwas misstrauisch um. Aus seiner Manteltasche ragte eine Flasche heraus. Seine Augen waren glasig, die Nase rot. Seine Fahne war deutlich zu riechen, und Clive zweifelte nicht eine Sekunde daran, einen Alkoholiker vor sich zu haben.

Der Mann nickte schließlich.

"Ja."

"Erzählen Sie!"

"Ich habe heute Nacht hier geschlafen!" Er streckte den Arm aus, deutete zu einer Gruppe von Müllcontainern. "Dort hinten! Sehen Sie den Hauseingang?"

"Sehe ich", sagte Clive.

"Nachts kommt hier kein Wagen her. Die Beleuchtung ist defekt. Und das GALINA hat auf der anderen Seite genug Parkplätze. Eigentlich hat man hier seine Ruhe..."

"Aber gestern Nacht nicht?"

"Ein Wagen kam hier her."

"Können Sie sich an den Typ erinnern?"

"Nein. Irgendetwas Größeres. 'Ne Limousine oder so. Ein paar Leute stiegen aus. Ich hatte einiges getrunken, deswegen war ich nicht sofort wach. Erst als ich die Stimmen hörte und mir klar wurde, das da irgendetwas vor sich ging. Man muss aufpassen, wenn man nachts draußen schläft... Verdammt aufpassen! Ich war also innerhalb von Sekunden wach und nüchtern!"

"Was haben Sie also gesehen?", versuchte Clive auf den Kern der Sache zu kommen.

Der Obdachlose rülpste. Er griff zu einer Flasche, nahm einen Schluck und steckte sie wieder ein.

"Sie gingen an den Kofferraum, zerrten irgendetwas heraus und warfen es auf die Straße. Wie ein Kartoffelsack wirkte das, nur größer... Dann stiegen sie wieder ein und fuhren davon. Ich stand auf, ging hin und sah, dass es sich um eine Leiche handelte..."

"Sie haben niemandem Bescheid gesagt?"

"Erst dachte ich, ich hätte wohl doch zuviel getrunken. Mir war schwindelig. Außerdem - sehe ich aus, als hätte ich ein Handy? Tut vielleicht irgendjemand was für mich?" Er machte eine wegwerfende Geste und knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. "Außerdem kümmere ich mich normalerweise nur um meinen eigenen Kram, verstehen Sie?"

"Aber jetzt haben Sie sich das anders überlegt?"

"Jetzt bin ich nüchtern", sagte er.

Clive warf einen kurzen Blick auf die Flasche in der Manteltasche. Sie war halb leer.

Orry mischte sich jetzt ein. "Ist Ihnen an den Leuten, die aus der Limousine stiegen irgendetwas aufgefallen? Irgendetwas, was sie identifizieren könnte?"

"Hm..."

"Oder an dem Wagen? Bitte denken Sie nach, jede Kleinigkeit kann wichtig sein!"

"Ich habe nur schattenhafte Umrisse gesehen", berichtete der Mann. Sein Blick war nach innen gerichtet. "Wie Schemen... Aber..."

"Ja?", hakte Orry nach.

"Es waren drei. Drei, die ausgestiegen waren, aber ich glaube, es saß noch jemand am Steuer. Und von den Dreien, die ausgestiegen waren, war einer eine Frau, glaube ich..."

"Woraus schließen Sie das?"

"Der Gang. Nein, ich bin mir sicher, so geht kein Mann! Außerdem habe ich eine hohe Stimme gehört."



25

Miss Sloane wurde deutlich gesprächiger, nachdem sie von Kellys Tod erfahren hatte.

Erst hielt sie das für einen Bluff, aber dann gab sie ihren Widerstand schnell auf.

"Okay", sagte sie und strich sich dabei ein paar widerspenstige Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Sie haben gewonnen..."

Ich hob die Augenbrauen.

"Also?"

"Er wollte zu Miss Janet Carino in Soho."

"Sind Sie sicher?"

"Absolut. Er hat es mir gesagt. Eigentlich wollte er am Abend noch zurückkehren. Ich habe hier auf ihn gewartet, aber..."

"Er kam nicht."

"Und bei Miss Carino meldete sich niemand am Telefon."

"Hat Sie das nicht gewundert?"

"Eigentlich nicht. Mister Kelly war ziemlich fasziniert von dieser Dame. Und sie ist ja auch ziemlich attraktiv. Mister Kelly war auch nur ein Mann." Sie seufzte.

"Sie haben keine Ahnung, was er in Brooklyn wollte - in einer kleinen Nebenstraße, ganz in der Nähe eines Nachtclubs, der seinem schlimmsten Feind gehört", mischte sich Milo ein.

"Sein schlimmster Feind?", fragte sie.

"Lebediov."

Miss Sloane wurde bleich bei der Nennung dieses Namens.

"Sie kennen Lebediov", sagte ich. Es war eine Feststellung.

"Vielleicht erwähnte Mister Kelly diesen Namen ein oder zweimal", gestand sie.

"Wird sich klären lassen, welche Beziehung zwischen Lebediov und Kelly bestand", sagte ich. "Im Büro wird nichts mehr angerührt. Unsere Kollegen werden gleich kommen und eine Durchsuchung durchführen."

"Aber..."

"Mister Kelly ist ermordet worden!", schnitt ich ihr das Wort ab. "Und es ist unsere Aufgabe, den Täter zu finden. Ganz gleich, was ihr Chef selbst für Dreck am Stecken haben mag!"



26

Edward Loomis betrat in Begleitung von insgesamt drei finster dreinblickenden Begleitern den kleinen Coffee Shop in der Mott Street. Hier ging Little Italy in Chinatown über.

Little Italy schrumpfte, während Chinatown sich immer weiter ausdehnte. ANTONIO'S COFFEE SHOP war bereits umgeben von Geschäften und Restaurants mit asiatischem Flair. Und draußen auf der Straße konnte man bereits auf die Idee kommen, nicht in Manhattan, sondern in Singapure oder Tai-Peh zu sein.

Loomis Männer schlugen die Jacketts zur Seite. Ihre Hände waren an den Griffen der Automatiks und bereit, die Waffen augenblicklich herauszureißen.

Loomis' hagere Gestalt wirkte etwas fülliger als sonst. Der Anzug saß sehr stramm. Die Hemdknöpfe spannten. Loomis trug eine kugelsichere Weste unter seiner Kleidung. Sicher war sicher. Es hatte schon genug Leichen gegeben. Und Loomis hatte den festen Vorsatz, diesen ganzen Schlamassel, in den er hineingeraten war, zu überleben.

Loomis' Blick blieb an dem Mann hinter dem Schanktisch hängen, der die Ankömmlinge misstrauisch musterte.

"Einen Espresso für jeden von uns", sagte Loomis.

"Okay", sagte der Mann, ein südländisch wirkender Typ mit dunklem Schnurrbart. Er sah genau so aus, wie man sich einen typischen Italo-Amerikaner vorstellte.

"Kommt gleich", sagte er.

Loomis' Leute hatten sich indessen im gesamten Coffee Shop umgesehen.

"Alles in Ordnung, Boss", knurrte einer von ihnen Loomis zu.

"Setzen wir uns nach da hinten, in die Ecke. Von da aus hat man alles im Blick."

"Meinetwegen", zischte Loomis zurück.

Einer von Loomis' Leuten setzte sich an den Tresen, ein zweiter tat so, als würde ihn der Spielautomat an der anderen Seite des Lokals interessieren.

Der dritte Begleiter ging mit Loomis zum Tisch. Sie setzten sich. Es waren kaum Gäste im Coffee Shop. Im Hintergrund lief Musik. Eine italienische Belcanto-Größe schmetterte irgendeine Arie in den Raum. Vom Orchester war vor lauter Knacken und Rauschen nicht allzuviel zu hören.

Loomis blickte auf die Uhr.

"Er ist spät dran", knurrte er.

"Länger als fünf Minuten würde ich ihm nicht geben, Boss. Ist einfach zu gefährlich..."

Loomis atmete tief durch.

Er tickte nervös mit dem Finger auf dem Tisch.

Der Espresso wurde gebracht.

Zwei weitere Minuten vergingen.

Dann öffnete sich eine Tür, die hinten heraus zu den Toiletten führte. Ein hochgewachsener, blassgesichtiger Mann betrat den Raum. Er hatte semmelblondes Haar und hellblaue Augen, deren Blick sofort an Loomis hängenblieben. Er ging geradewegs auf dessen Tisch zu.

"Loomis?", fragte er.

"Sind Sie Basil?", fragte Loomis zurück.

Basil lächelte, setzte sich auf den freien Stuhl.

"Vertun wir keine Zeit mit Vorreden", sagte er. "Sie gehören jetzt zu uns. Wir erwarten absolute Loyalität. Mister Lebediov kann sonst sehr unangenehm werden. Und ich auch..."

"Das ist mir klar", sagte Loomis kleinlaut. "Ihre Leute äußerten die Vermutung, dass ein fremdes Syndikat oder irgendjemand aus dem Hintergrund heraus operiert..."

"Ja, die Vermutung haben wir."

"Ein gemeinsamer Feind also."

"Nur, dass Ihre Seite das zu spät erkannt hat." Basil grinste kalt.

"Ich glaube, es gibt da einen Ansatzpunkt."

"Ach, ja?"

"Eine Frau..."

"Dass eine Frau dahinterstecken soll, haben wir auch schon gehört."

"Ich schreibe Ihnen einen Namen und eine Adresse auf. Über diese Person weiß ich nicht viel mehr, als das sie erst die Gespielin von Parisi und dann die von Kelly war..."

Basil verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Und beide sind jetzt tot..."

Loomis' Gesicht wirkte verstört.

"Kelly auch?"

"Ihre Nachrichtenkanäle scheinen nicht mehr sehr gut zu funktionieren, Loomis", lächelte Basil. "Nur eines sollten Sie mir wirklich glauben: Wir haben Kelly nicht auf dem Gewissen. Erstens können wir uns zusätzlichen Trouble im Moment nicht leisten und zweitens hatte er bereits signalisiert, sich mit uns einigen zu wollen..."

"Ach..." Loomis war überrascht.

Basil holte einen Block aus der Innentasche seines Jacketts hervor. Eine Bewegung, die Loomis' Leibwächter sichtlich nervös machte. Basil grinste.

Dann legte er den Block zusammen mit einen Stift vor Loomis auf den Tisch.

"Schreiben Sie!", forderte Basil.

Loomis schluckte.

Er griff nach dem Stift, schrieb mit unruhiger Hand. Er zitterte fast. Wie weit kann ich diesen Leuten trauen?, dachte er. Andererseits hatte er keine andere Wahl. Die Ukrainer hatten auf ganzer Linie gewonnen. Das musste er akzeptieren, auch wenn es ihm zutiefst gegen den Strich ging.

Loomis reichte Basil den Block zurück.

"Was werden Sie unternehmen?", fragte Loomis dann. Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

Basil entblößte seine regelmäßigen, weiß blitzenden Zähne.

"Sie werden davon hören, Loomis. Ganz sicher..."



27

Während der Fahrt nach Soho rief uns Orry an und berichtete uns von der Aussage des Obdachlosen.

Auch wenn hinter der Glaubwürdigkeit dieses Zeugen ein erhebliches Fragezeichen stand, so schien seine Aussage doch ins Bild zu passen.

Demnach war Kelly nicht in Brooklyn umgebracht worden, sondern irgendwo anders.

Und es spielte eine Frau mit...

Janet Carino wohnte in einem Wohnkomplex, bei dem es sich ehedem um eine Fabrikanlage gehandelt hatte. Aber das war Jahrzehnte her. Aus den Hallen waren ultramoderne Wohnheiten geworden, denen ein futuristischer Charme eigen war. Wir stellten den roten Sportwagen in einer Seitenstraße ab. Robert Leslie parkte seinen Ford ganz in der Nähe. Die letzten paar Meter bis zu Janet Carinos Adresse gingen wir zu Fuß.

"Ich frage mich, wie sie sich eine solche Adresse leisten kann", meinte Milo.

"Ein Luxus-Call-Girl mit entsprechend gutsituierten Gönnern - so schätze ich Janet Carino ein", meinte Robert Leslie. "Warum sollte sie sich das hier nicht leisten können?"

Es ging einen schmalen Weg entlang, dann eine Treppe hoch.

Ein breiter Balkon führte, dem seine Vergangenheit als Laderampe nur noch mit sehr viel Fantasie anzusehen war, führte bis zu einer Schiebetür.

Milo betätigte die Klingel.

Von oben surrte eine Kamera. Dieses elektronische Auge drehte sich so lange, bis wir anscheinend gut im Bild waren.

Die Tür öffnete sich.

Offenbar per Fernbedienung, denn es stand niemand dahinter.

Wir betraten einen großen, hallenartigen Raum. Die ersten Meter im Bereich um den Eingang waren mit kostbaren Terrakotta-Fliesen bedeckt, der Rest mit Teppichboden. Der weiche Teppichboden sorgte dafür, dass von unseren Schritten so gut wie gar nichts zu hören war. Treppen führten hinauf aufs Plateaus. Wände standen im Raum, reichten aber kaum höher als zwei Meter fünfzig, während diese Halle mehr als fünf oder sechs Meter hoch sein musste.

An den Wänden hingen großformatige Poster und Wandteppiche.

Janet Carino saß auf einem großen Ledersofa, das in jeder Wohnung mit Normalmaße klobig gewirkt hätte.

Sie hielt eine Fernbedienung in der Hand, drückte einen Knopf darauf und die Tür schloß sich hinter uns.

Dann stand sie auf. Sie trug enganliegende Jeans und ein T-Shirt, das sich hautnah an ihren Körper schmiegte.

Wir gingen auf sie zu.

"Guten Tag, Gentlemen", sagte sie, rieb dabei die feingliedrigen Hände gegeneinander. "Was kann ich für Sie tun..." Sie lächelte. "Lassen Sie Ihre Ausweise ruhig stecken. Ich erinnere mich noch gut an Sie..."

"War Mister Arnold Kelly gestern Abend bei Ihnen?", fragte ich.

Sie musterte mich mit ihren meergrünen Katzenaugen. Ihr Lächeln war kalt und geschäftsmäßig. Ihre Zähne blitzen auf.

"Wollen Sie nicht erst einmal einen Drink, Mister Trevellian?"

"Eigentlich wäre mir eine klare Antwort auf eine klare Frage sehr viel lieber..."

Sie seufzte. Ihr Augenaufschlag war gekonnt. Professionell, konnte man sagen. Vielleicht wäre sie in einem anderen Leben eine gute Schauspielerin geworden.

"Nach wie vielen Dienstjahren beim FBI bekommt man diese besondere Sturheit, Mister Trevellian?", fragte sie dann. Ihr Busen hob und senkte sich dabei. Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem beinahe spöttischen Lächeln.

"Arnold Kelly ist heute Morgen erschossen aufgefunden worden", sagte ich kühl. "Und wir haben jetzt ein paar ernsthafte Fragen an Sie."

"Oh", sagte sie.

Der Tod Kellys schien sie nicht im Mindesten zu berühren.

"Sie scheinen nicht sehr überrascht", stellte ich fest.

"Das Leben ist gefährlich", sagte sie, zischend wie eine Schlange.

"Ich habe noch Ihren Spruch in Erinnerung, als ich Ihnen von Parisis Tod berichtete..."

"So?"

"Das Leben geht weiter."

"Entsprach das nicht der Wahrheit?"

"Es scheint gefährlich zu sein, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Carino!"

"Übertreiben Sie nicht."

"Parisi und Kelly sind jedenfalls tot. Ganz zu schweigen von Lawton und McCarthy, Parisis Leibwächter, an deren Namen Sie sich angeblich nicht erinnerten..."

"Irre ich mich oder höre ich da eine Unterstellung heraus, Mister Trevellian?"

"Ich stelle nur gewisse Parallelen zwischen verschiedenen Todesfällen fest."

"Ach!"

"Diese Männer starben alle durch dieselbe Waffe, auf dieselbe Weise... Jemand muss sie sehr gehasst haben..."

Janet schluckte. Eine leichte Röte überzog ihr hübsches Gesicht, das nun von Anspannung gezeichnet war. Ich schien da irgendeinen entscheidenden Punkt bei ihr berührt zu haben.

"Stellen Sie Ihre Fragen, Mister Trevellian. Und dann gehen Sie wieder!"

"Meinetwegen", sagte ich. "Frage Nummer eins hatte ich schon gestellt und Sie hatten inzwischen Zeit genug, sich eine Antwort zu überlegen: Wann war Mister Kelly gestern Abend hier?"

"War er das?"

"Spielen Sie mit uns nicht Katz und Maus, Miss Carino!"

"Er war nicht hier."

"Wir haben eine Zeugin!"

"Dann lügt diese Zeugin. Kelly war nicht hier. Punkt. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen."

"Wo waren Sie gestern Nacht zwischen zehn und Mitternacht?"

Sie sah mich einen Augenblick lang nachdenklich an. Ihr Lächeln gefror.

"Sie wollen allen Ernstes ein Alibi?"

"Weichen Sie nicht aus!"

"Ich war hier."

"Allein?"

"Allein." Sie zuckte die Achseln. "Es ist nicht strafbar, allein in seiner Wohnung zu sein, oder?"

Ich kam nicht dazu, zu antworten. Die Türklingel ertönte.

Alle im Raum erstarrten einen Augenblick.

"Wer kann das sein?", fragte ich.

"Ich habe keine Ahnung", erwiderte Janet Carino. "Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich jetzt die Tür öffnen..."

Jetzt mischte sich Robert J. Leslie in das Gespräch ein.

"Bleiben Sie, wo Sie sind, Miss Carino!", bestimmte er.

Leslie ging zum Kontrollmonitor.

"Drücken Sie auf den Knopf links, dann betätigen Sie die Sprechanlage", erläuterte Janet.

"Scheint der Postbote zu sein", meinte Leslie. Er betätigte die Sprechanlage. "Was möchten Sie?"

"Ein Einschreiben für Janet Carino", kam es durch die Sprechanlage.

Janet hob die Fernbedienung. Die Tür öffnete sich in der nächsten Sekunde. Der Postbote griff zu der schweren Tasche, die er über der Schulter trug. Er riss etwas heraus. Eine zierliche MPi vom Typ Uzi.

Den Bruchteil eines Augenblicks später blitzte das Mündungsfeuer rot auf.

Die Uzi knatterte los. Ein halbes Dutzend Kugeln durchbohrte Agent Leslie, noch ehe er auch nur den Griff seiner P226 berührt hatte.



28

Leslie taumelte rückwärts und schlug dann der Länge nach hin.

Der Postbote wirbelte herum. Die MPi feuerte dabei einen Kugelhagel ab.

Ich warf mich seitwärts, rollte mich auf dem Boden ab. Milo tat das Gleiche.

Der Postbote war nicht allein.

In geduckter Haltung stürmte er in den Raum und schoss, während zwei weitere Männer im folgten. Dunkel gekleidet waren sie. Sie trugen Sturmhauben und Maschinenpistolen. Von ihren Gesichtern waren nur die Augen zu sehen.

Ich riss meine P226 hoch und feuerte. Rechts und links schlugen die Kugeln ein und rissen den Teppichboden auf. Ich hechtete mich hinter einen der dicken Ledersessel.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Janet.

Sie hatte einen Satz in Richtung des Ledersofas gemacht, unter eines der Seidenkissen gegriffen und etwas Blinkendes hervorgeholt. Messingfarben. Es sah aus wie Gold und ich brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass es eine Pistole war.

Ein Sprung und sie war hinter dem Sofa.

Milo hatte es indessen bis zu einer der Stellwände geschafft. Dort hatte er Deckung.

Er feuerte wild drauflos, um meine Lage zu verbessern.

Janet tauchte hinter dem Sofa hervor, in das bereits ein gutes Dutzend Projektile hineingefetzt waren. Ganz kurz nur kam sie hervor, legte an, feuerte. Es ging blitzschnell, aber auf der anderen Seite des Raums gellte ein Schrei.

Auf der Stirn des Postboten bildete sich ein rotes Loch, das rasch größer wurde. Er wirkte wie erstarrt und fiel dann hart zu Boden.

Von der Tür aus wurde noch immer gefeuert.

Ich versuchte aus meiner unsicheren Deckung hervorzutauchen, feuerte drei, vier Schüsse ab.

Einen der Männer erwischte ich an der Schulter. Sie zogen sich zurück.

Für Sekunden schwiegen die Waffen.

Mit den Augen suchte ich Janet.

Dann warf jemand etwas von draußen herein.

Im nächsten Moment war ein ohrenbetäubender Knall zu hören.

Eine mörderische Hitzewelle fegte durch den Raum. Die Stellwände wurden durch den Druck zum Teil niedergerissen.

Die Detonation war gewaltig. Es war unsagbar heiß. Die Terrakotta-Fliesen platzten. Der Teppichboden fing Feuer. Ich schnellte hoch, taumelte vorwärts, während der Boden zu meinen Füßen zu brennen begann.

Meterhoch schossen die Flammen empor. Glasscheiben zersprangen. Die Wandteppiche hatten längst Feuer gefangen.

Eine Feuerwand war zwischen mir und der Tür.

Und beißender Qualm raubte einem schier den Atem.

Es dauerte nur Augenblicke und man konnte kaum die Hand vor Augen sehen...

Ich erreichte das Ledersofa. Meine Augen tränten. Ich hustete erbärmlich. Ein Kratzen war im Hals zu spüren. Ich glaubte, ersticken zu müssen.

Von Janet Carino sah ich zunächst keine Spur. Ich ließ den Blick schweifen. Sie war irgendwo in diesem Labyrinth, das vor mir lag.

Ich sah eine Gestalt durch den dichter werdenden Qualmnebel herankommen und wirbelte herum.

"Jesse!"

Es war Milo.

Ich atmete innerlich auf.

Die Stellwand, bei der ich ihn zuletzt gesehen hatte, brannte lichterloh.

"Wir müssen hier weg", rief ich.

"Wo ist die Carino?", fragte Milo.

"Keine Ahnung. Aber sie scheint zu wissen, wie man hier herauskommt!"



29

Milo und ich spurteten vorwärts. Die Stellwände brannten wie Zunder. Die Flammen krochen überall empor. Der beißende Qualm war furchtbar.

Ich kam mir vor, wie in einem Irrgarten.

Ein Irrgarten, der sich mit giftigen Dämpfen füllte, je mehr Plastik verbrannte. Die Handläufe von den Geländern schmolzen dahin und tropften als heißer Kunststoffschleim herab. Darunter kam das nackte Metall zum Vorschein.

Von den Treppen mussten wir uns fernhalten. Diese heißen Tropfen aus flüssigem Plastik würden sich innerhalb von Sekunden durch die Kleidung fressen.

Aber noch schlimmer waren die Gase, die bei diesen Verbrennungsprozessen entstanden.

Wieder gab es irgendwo über uns einen Knall und eine Scheibe regnete in Form von tausend Scherben herab. Eine nach der anderen platzten sie auseinander.

Milo hatte indessen den Handy herausgeholt. Er versuchte die Zentrale zu erreichen. Schließlich gelang es ihm auch.

Natürlich würden unsere Leute zu spät kommen, um die Attentäter noch zu fassen.

Milo und ich erreichten eine Tür.

Sie war verschlossen.

Vermutlich war Janet Carino dafür verantwortlich. Sie wollte nicht, dass wir ihr auf den Fersen waren.

Mit einem gezielten Schuss sprengte Milo das Schloss auf.

Die Tür ließ sich öffnen.

Wir traten in einen schmalen Flur. Durch die großen Fenster konnte man einen Blick hinaus auf einen Parkplatz und weitere umgebaute Industriegebäude werfen, die zu Wohneinheiten umgewandelt worden waren.

Am Ende des Flurs befand sich eine Tür. Wir rannten dort hin. Die Tür ließ sich leicht öffnen. Der kalte Blick einer elektronischen Überwachungskamera folgte jeder unserer Bewegungen. Eine Treppe führte hinab zum Parkplatz. Während wir hinunterliefen, ließ ich den Blick schweifen.

Mehrere Dutzend parkende Fahrzeuge standen da unten auf dem Platz.

Ich schaute sehr genau hin.

Und dann sah ich sie.

"Dort!", rief ich an Milo gewandt.

Sie stieg gerade in einen schwarzen Mitsubishi ein. Ihr Blick entdeckte mich. Sie erstarrte. Sie hatte augenscheinlich nicht damit gerechnet, dass wir uns so schnell wiedersahen.

Ich sah etwas metallisch Blinkendes in ihrer Rechten. Nur zu gut wusste ich, worum es dabei handelte. Ihre goldfarbene Pistole. Sie war eine exzellente Schützin, das hatte ich mit eigenen Augen gesehen. Und einer der unbekannten Attentäter hatte es mit dem Leben bezahlt.

Sie feuerte.

Ich duckte mich.

Die Kugel pfiff knapp über mich hinweg. Ich glaubte sogar, noch den Luftzug des Projektils zu spüren. In meinem Rücken ging eine Scheibe zu Bruch. Ich schoss zurück. Sie wurde nervös, ballerte wild drauflos. Dann saß sie am Steuer, ließ den Motor an. Ich tauchte aus der Deckung hervor, legte an.

Länger als sonst.

Es war ein sehr gezielter Schuss. Ich wusste, dass es die einzige Möglichkeit war, Janet Carino doch noch zu stoppen.

Der Reifen vorne links platzte mit einem lauten Knall auseinander.

Janet fuhr trotzdem weiter.

Sie schien das Gas voll durchzutreten. Der Motor heulte auf.

Eine Sekunde später zerbarst auch der Reifen hinten rechts. Ich erwischte ihn, nachdem der Wagen herumgeschleudert war. Es gab ein hässliches, beinahe ohrenbetäubendes Geräusch, als die nackten Felgen über den Beton kratzten.

Funken sprühten. Janet konnte den Mitsubishi nicht unter Kontrolle halten. Sie raste direkt in eine Reihe parkender Fahrzeuge. Die Seitenfront eines Lieferwagens knickte ein wie Pappe. Sie bildete einen relativ weichen Rammbock für die Amokfahrerin.

Milo hetzte bereits die Treppe hinunter.

Ich folgte ihm.

Wir rannten über den Parkplatz in Richtung des Mitsubishis.

Janet Carino stieg aus. Sie feuerte in unsere Richtung.

"Bleiben Sie stehen, Miss Carino!", rief Milo.

Sie spurtete los und feuerte dabei immer wieder ihre Waffe ab.

Ein Wagen bog um die Ecke. Es war ein schwerer Chevy. Janet stellte sich in den Weg, richtete die Waffe auf den Fahrer.

Der Chevy stoppte. Sie riss die Beifahrertür auf und schlüpfte ins Wageninnere.

Ihre Waffe war auf den Fahrer gerichtet. Wir hatten keine Chance, Janet zu stoppen, ohne mit dem Leben dieses Unbeteiligten zu spielen. Der Chevy setzte zurück, drehte und brauste mit quietschenden Reifen davon. Wir mussten tatenlos zusehen.

Milo nahm das Handy und gab die Wagennummer an die Zentrale durch.



30

Zwei Stunden später saßen wir in unserem Dienstzimmer im FBI-Hauptquartier an der Federal Plaza. Agent Max Carter von der Fahndungsabteilung war bei uns und gemeinsam versuchten wir, per Computerrecherche etwas mehr über Janet Carino herauszufinden.

Die Geisel, mit der sie geflohen war, hatte sich inzwischen gemeldet. Janet hatte sich von ihr nur ein paar Straßen weiter fahren lassen und war dann in einer belebten Passage verschwunden. Außer der Todesangst, die der Anblick einer blanken Pistolenmündung auslöst, war dem Mann nichts passiert.

Nach Janet Carino lief die Fahndung natürlich auf Hochtouren. Dasselbe galt für die Komplizen des falschen Postboten, der versucht hatte, Janet umzubringen und unseren Kollegen Robert J. Leslie auf dem Gewissen hatte. Der Schock über Roberts Tod saß tief. Leider kommt es immer wieder vor, dass G-men in Ausübung ihrer Pflicht getötet werden. Aber gewöhnen werde ich mich daran nie.

Janet Carino hatte eine Waffe vom Kaliber 45 benutzt und auch wenn erst weitere ballistische Untersuchungen letzte Sicherheit bringen konnten: Aller Wahrscheinlichkeit nach war Janet die Mörderin von John Parisi, seinen beiden Leibwächtern sowie Arnold Kelly. Parisi und Kelly war sie eine tödliche Geliebte gewesen und ich fragte mich, warum.

Dieser unbändige Hass, mit dem sie ihre Verbrechen ausgeführt hatte, musste einfach einen Grund haben...

Über eine Janet Carino ließ sich in den Dateien, die uns über das Verbundsystem NYSIS zugänglich waren, nichts finden.

"Vielleicht ist diese Pistole ein Ansatzpunkt", meinte Milo. "Das Ding sah schon ziemlich ungewöhnlich aus, gleichgültig ob sie nun eine 333er Goldauflage hatte oder nur eine Messingbeschichtung. Ich vermute, dass es sich um eine Sonderanfertigung handelt..."

"Jedenfalls konnte sie exzellent mit der Waffe umgehen", gab ich zu bedenken.

Über die Identität der Killer, die es offenbar auf Janet Carino abgesehen hatten, wussten wir noch nichts. Von demjenigen, den Janet erschossen hatte, war nach der Explosion und dem Brand nicht viel übriggeblieben. Und seine Komplizen waren auf und davon. Niemand in der Umgebung hatte irgendeine brauchbare Aussage machen können.

Max Carters Finger glitten blitzschnell über die Tastatur des Computers. Er schüttelte entnervt den Kopf.

"Hier ist einfach nichts über Janet Carino. Nicht einmal irgendeine Bagatellevorstrafe... Und leider ist auch die 45er, die bei den Morden benutzt wurde, nie im Zuge irgendwelcher polizeilicher Ermittlungen in Erscheinung getreten..."

"Vermutlich arbeitet die Frau unter falschem Namen", meinte Milo. "Je nachdem, wie gut sie für den Fall vorgesorgt hat, dass wir ihr auf den Fersen sind, ist sie vielleicht schon über alle Berge..."

Wir gönnten uns zwischendurch kaum eine Tasse Kaffee. Aber unsere Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt.

Und dann kam der Anruf von den Kollegen der City Police.

Arnold Kellys Wagen war in einer stillgelegten Tiefgarage in der Bronx entdeckt worden.

Wir zögerten nicht lange, sondern begaben uns zu der angegebenen Adresse. Spurensicherung, Gerichtsmedizin und die Kollegen des NYPD waren schon bei der Arbeit.

Uns bot sich ein grausiger Anblick.

Insgesamt drei Leichen befanden sich im Innern des Wagens.

Der Chauffeur - noch hinter dem Steuerrad sitzend -, und zwei Männer, bei denen es sich um Kellys Leibwächter handelte. In der Innenverblendung der Beifahrertür steckte ein Projektil vom Kaliber 45. Der Chauffeur war von hinten durch den Sitz erschossen worden. Er musste den Wagen noch selbst hier her gefahren haben.

Im Kofferraum waren Blutspuren.

"Vermutlich wurde Arnold Kelly darin transportiert", meinte Milo. "Erst waren sie zusammen in der Bronx und haben Kellys Leiche abgeladen. Dann sind sie hier her gefahren... Janet Carino und ihre Komplizen."

"Ich frage mich nur, wie sie ihre Leute dazu überreden konnte, hier her zu fahren."

Milo zuckte die Achseln. "Vielleicht mit vorgehaltener Pistole... Möglicherweise hat sie ihnen auch versprochen, dass hier jemand auf sie warten würde, um ihnen den Lohn für den Verrat an Kelly zu übergeben..."

Die Kollegen der City Police hatten sich in der Umgebung umgehört und Anwohner befragt. Jemand hatte eine Frau aus der Einfahrt der Tiefgarage herausgehen sehen, die dann von einem Taxi abgeholt wurde. Es war nur eine Frage der Zeit, wann wir den Taxifahrer ermittelt hatten. Und der würde sich vermutlich auch an Janet Carino - oder wie immer sie auch in Wirklichkeit heißen mochte - erinnern.

"Wir müssen sie schnell finden, Milo", murmelte ich. "Es könnte nämlich sein, dass da noch weitere Namen auf ihrer Todesliste stehen..."

"An wen denkst du, Jesse?"

"Sie hat die Spitzen von Parisis Syndikat fast im Alleingang erledigt. Einen nach dem anderen. Viele bleiben nicht mehr übrig..."

"Und was waren das für Leute, die es auf sie abgesehen hatten?"

"Eine gute Frage. Jedenfalls hoffe ich sehr, dass wir die auch kriegen. Schon wegen Robert..."

Robert Leslies Mörder war ja von Janet Carino niedergestreckt und anschließend bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden. Aber es musste da jemanden geben, der diese Killer geschickt hatte. Ich fragte mich, ob es irgendwelche Verbindungen zwischen Janet und den Ukrainern gab.

Mein Handy schrillte.

Es war die Zentrale.

Agent Max Carter hatte etwas Neues für uns.

"Ich bin da auf etwas gestoßen, Jesse", erklärte er. Und ich hörte sehr aufmerksam zu...



31

Lebediovs Faust sauste mit Wucht auf den Tisch. Der Ärger war ihm deutlich anzusehen.

"Wie kann so etwas geschehen, Basil?", donnerte er mit kehliger Stimme. "Sind Ihre Leute Flaschen, dass sie es nicht einmal schaffen, eine Frau aus dem Weg zu räumen..."

Basils Gesicht war bleich.

Seine blassblauen Augen flackerten unruhig.

"Sie war nicht allein", gab er zu bedenken. Ein schwacher Einwand. Basil wusste es selbst und dementsprechend wenig überzeugend trug er ihn vor.

Lebediov lachte höhnisch.

"Was Sie nicht sagen, Basil!"

"Es tut mir leid. Ich hatte meine zuverlässigsten Leute mit der Sache betraut."

Lebediov machte eine Geste, die seine ganze Verachtung ausdrückte.

"Erzählen Sie mir nichts... Wissen Sie, was jetzt geschieht, Basil? Ich werd's Ihnen sagen! Diese Lady wird zu ihren Auftraggebern zurückkehren - wer immer das auch sein mag. Und anstatt das wir uns gleich richtig Respekt gegen diese Unbekannten verschafft haben, kann es dann verdammt ungemütlich werden. Unser Krieg gegen Parisi war dagegen ein Kinderspiel, sag ich Ihnen..."

Lebediov atmete tief durch. Mit einer fahrigen Handbewegung fuhr er sich über das Gesicht.

Dann fragte er: "Haben Ihre Leute schon irgendetwas Neues erfahren?"

"Ihr Name ist jedenfalls falsch, das wissen wir. Ob Sie was mit den Bostonern zu tun hat, können wir nicht sagen. Unser Mann dort hält es für wahrscheinlich. Jetzt, da Parisis ehemaligen Legionen zu uns überlaufen, bekommen wir natürlich auch nach und nach Informationen über die Carino. Es scheint festzustehen, dass sie zusammen mit Kelly hinter der Beseitigung von Parisi stand..."

Lebediov hob die Augenbrauen. "Ob Kelly sich mit den Bostonern zusammentun wollte?"

"Wäre möglich..."

"Die scheinen nicht sehr interessiert daran gewesen zu sein... Schließlich wurde Kelly abserviert."

"Wer will sich schon mit Verlierern belasten?"

"Sie haben Recht, Basil."

"Was tun wir jetzt?"

"Wir?", echote Lebediov. "Diese Lady zu liquidieren war Ihr Job. Und Sie, beziehungsweise Ihre Leute, haben es vermasselt! Also bringen Sie es in Ordnung!"

"Natürlich... Allerdings wird es nicht ganz leicht sein, die Lady aufzutreiben!"

Lebediov verzog zynisch den Mund zu einer Grimasse. "Sie hätten es leichter haben können, Basil! Wie steht es übrigens mit den Vorbereitungen, was die leidige Angelegenheit mit Dimitrov angeht?"

Basil erwiderte: "Er kann nicht mehr lange im FBI-Gewahrsam bleiben. Wenn er erstmal auf Riker's Island sitzt, haben wir ihn jederzeit unter Kontrolle. Und sollte er auf die Idee kommen, vor Gericht den großen Mann zu spielen, schalten wir ihn vorher aus!"

"Ich hoffe nur, Ihre Leute auf Riker's Island sind besser als die, die Sie zuletzt beauftragt haben..."



32

Edward Loomis sah zu, wie einer seiner Leibwächter die Tür zu der Luxuswohnung im 25. Stock öffnete.

Loomis hatte Angst.

Vor allem, seit er von Kellys Ende erfahren hatte.

Einerseits sagte Loomis sich, dass ihm nichts passieren konnte. Schließlich war er ja auf der richtigen, das hieß der stärkeren Seite. Aber andererseits traute er Lebediov nicht über den Weg. Er musste auf der Hut sein.

Und dann war da immer noch die geheimnisvolle Macht im Hintergrund, von der Basil gesprochen hatte.

Ganz zu schweigen vom FBI, dessen Schnüffelei ihm ganz gehörig gegen den Strich ging. Loomis wurde observiert. Er wusste es. Aber er hatte für diese Tatsache nichts weiter als ein Schulterzucken übrig. Wenigstens gibt es dann Zeugen, wenn Lebediovs Bluthunde mich doch noch aus irgendwelchen Gründen umlegen wollen...

Er atmete tief durch.

Geschäftlich stand er vor dem Ruin.

Zu sehr war seine Firma mit dem Parisi-Imperium verwoben gewesen.

Die drei Männer betraten die Wohnung. Einer der Bodyguards verschloss sorgfältig die Tür.

"Macht es euch gemütlich, Jungs", meinte Loomis. "Ich denke nicht, dass heute noch irgendetwas passieren wird!"

Die beiden Leibwächter quittierten das mit dumpfem Brummlaut.

Einer der beiden durchquerte mit gezogener Automatik den Empfangsraum in Richtung der offenen Wohnzimmertür. Loomis folgte ihm mit dem anderen Bodyguard.

Alle drei erstarrten in der nächsten Sekunde zur Salzsäule.

Zweimal kurz hintereinander machte es plop.

Ein Geräusch wie ein kräftiges Niesen.

Auf dem Gesicht des ersten Bodyguards bildete sich ein großes, rotes Loch. Er taumelte zurück und sackte zu Boden.

Blut rann auf die edlen Terrakotta-Fliesen.

Seine eigene Waffe hatte er nicht mehr abfeuern können, so überraschend schnell war der Angriff gewesen.

Den zweiten Leibwächter erwischte es in der Herzgegend.

Ein Schuss von mörderischer Präzision. Die Automatik hatte der Leibwächter halb aus dem Futteral herausgezogen, als er mitten in der Bewegung erstarrte und hart zu Boden fiel.

Loomis wurde bleich wie die Wand.

Mit großen Augen schaute er auf die große Couch.

Eine Frau saß dort. In der Rechten hielt sie eine Pistole, die golden schimmerte.

Ein Schalldämpfer war vorne auf den Lauf geschraubt. Die Waffe war direkt auf Loomis gerichtet.

"Janet!", entfuhr es Loomis entsetzt. Sie lächelte kalt, erhob sich dabei.

Die toten Leibwächter würdigte sie keines Blickes. Sie stemmte die Linke in die Hüfte. Sie blickte Loomis mit eine Blick an, aus dem nackte Grausamkeit sprach.

"Erstaunt?", fragte sie.

Loomis zitterte. Er biss sich auf die Lippe.

Er öffnete halb den Mund, wollte etwas sagen. Aber es kam kein Laut heraus.

Janet Carino sagte: "Versuche keine Tricks, Loomis! Deine Gorillas hatten schon keine Chance gegen mich - und du erst recht nicht! Nicht einmal, wenn du jetzt eine schussbereite Maschinenpistole in den Finger halten würdest..."

"Janet, ich...", brachte Loomis nun heraus. Er wich einen Schritt zurück. Sein Hirn arbeitete fieberhaft. Irgendetwas musste passieren... Ganz schnell, sonst war er verloren.

"Bist du nicht überrascht, mich hier zu sehen?", fragte sie dann mit zynischem Unterton. "Ich hatte nämlich unangenehmen Besuch..."

"Das FBI?"

"Die meine ich nicht."

"Nein?"

"Ich spreche von den Ukrainern... Jedenfalls nehme ich an, dass sie es waren, die mich um ein Haar umgelegt hätten..."

Sie trat nahe an ihn heran. Der Schalldämpfer berührte seinen Bauch.

Er schluckte.

"Was für eine Rolle spielst du eigentlich in dieser ganzen Angelegenheit, Janet?"

"Wie es scheint habe ich dir in diesem Punkt etwas an Wissen voraus. Denn ich kenne deine Rolle besser als du ahnst, Loomis..."

"So?"

"Was glaubst du wohl, weshalb die Ukrainer so plötzlich vor meiner Tür standen, Loomis. Für mich gibt es da nur eine Erklärung. Es muss sie jemand mit der Nase auf meine Person gestoßen haben, denn an sich bin ich für die doch völlig uninteressant."

"Die Gespielin des alten Parisi vielleicht", erwiderte Loomis. "Aber bei einer Vertreterin des Bostoner Syndikats sieht das natürlich ganz anders aus."

"Das hast du ihnen also erzählt..."

"Nichts habe ich!"

"Du lügst, Loomis. Mann kann es riechen, dass du lügst. Genau so, wie man deine Angst riechen kann. Ich weiß, dass du dich mit den Ukrainern geeinigt hast... Es wird dir nichts mehr nutzen. Parisi, Kelly... Du bist der Letzte in der Reihe, Loomis!"

"Warum?"

"Du weißt es nicht?"

Loomis starrte auf die Pistole. Seine Augen traten aus den Höhlen heraus.

"Es gibt nicht viele Waffen, die wie diese aussehen, nicht wahr? Eine Spezialanfertigung mit Goldüberzug...", stellte Janet fest. "Ein ganz besonderes Stück..." Sie hob die Waffe, richtete sie auf das Gesicht ihres Gegenübers. Die Pistole war so nahe an Loomis' Gesicht, dass dieser das Monogramm lesen konnte, das darin eingearbeitet war.

R.L.

"Auch diese Buchstaben werden dir nichts sagen, Loomis. Jedenfalls nicht auf Anhieb... Ich möchte, dass du die letzte Zeit, die dir bleibt, pausenlos mit dieser Frage beschäftigt bist. Dass du dir das Gehirn zermarterst! Und dass die Angst an dir frisst, so dass du schließlich als halb Wahnsinniger in den Tod gehst, Loomis... Ich habe lange auf diesen Moment gewartet. Einen so leichten Tod wie er Kelly und Parisi vergönnt war, wirst du nicht bekommen!"

"R.L... Mein Gott, ich kenne niemanden, der diese Initialen hat..."

"Gib dir Mühe, Loomis. Du kommst schon drauf..."

"Hör zu, worum immer es auch geht, können wir uns nicht einigen? Ich habe Geld..."

"Nicht genug, Loomis. Nicht genug, um dein Schuld damit zu begleichen."

"Welche Schuld, verdammt nochmal?"

"Früher hast du mit der Waffe in der Hand getötet, wenn andere mit dem Finger geschnippt haben. Jetzt gehörst du zu denen, die mit dem Finger schnippen!" Janet lachte heiser. In ihren Augen blitzte es. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Tränen der Wut glitzerten auf ihrer Wange.

Sie reichte ihm einen kleinen Zettel.

"Was ist das?", fragte er.

"Der Text, den du gleich aufsagen wirst!"

"Was?"

"Wo ist dein Telefon?"

"Im Arbeitszimmer..."

"Dann los!"

Sie führte ihn vor sich her. Durch eine Tür ging es ins Arbeitszimmer, in dem sich ein riesenhafter Schreibtisch aus Teakholz befand. Durch das Panoramafenster konnte man über den East River bis weit nach Queens sehen.

"Wie bist du überhaupt in meine Wohnung gelangt?", fragte Loomis.

"Ich habe so etwas gelernt", sagte sie. "Ich habe gelernt zu schießen und Türen zu öffnen... Und außerdem noch ein paar andere Dinge, die ich brauchte, um meine Rache zu vollenden."

"Ich habe dir nie etwas getan, Janet!"

"Ach, hör auf!"

"Ich dachte wirklich, dass du zu den Bostonern gehörst und es irgendwie geschafft hast, Kelly unter deinen Einfluss zu bekommen..."

"Ich will dein Gewinsel nicht hören, Loomis! Du widerst mich an..." Janet deutete auf das Telefon auf dem Schreibtisch. "Wähl die Nummer, die ich dir sage, Loomis."

Loomis nahm den Hörer.

Er hatte den Verdacht, dass jemand sein Telefon abhörte.

Vermutlich das FBI. Deshalb benutzte er die normalen Leitungen gar nicht mehr. Aber in dieser Situation konnte ihm das vielleicht das Leben retten... Eine letzte, verzweifelte Hoffnung, der Gewalt dieser Wahnsinnigen doch noch zu entgehen.

Loomis atmete tief durch.

Janet diktierte ihm eine New Yorker Nummer. Sie setzte ihm dabei die Mündung ihrer Waffe an die Schläfe.

"Sobald sich jemand meldet, sagst du den Text!"

"Was ist das für ein Anschluss?"

"Der von Lebediov. Ich weiß nicht, ob du wichtig genug bist, um mit ihm persönlich sprechen zu können. Aber im Grunde spielt das keine Rolle. Lebediov wird von dem Anruf erfahren. So oder so..."

Loomis schaute auf den Zettel. Er schluckte.

Auf der anderen Seite der Leitung nahm jemand ab.

Loomis schwitzte, als er zu sprechen begann. Seine Stimme war brüchig. Todesangst glänzte in seinen Augen. "Hier spricht Loomis. Ich habe Mister Lebediov eine wichtige Mitteilung zu machen", las er von dem Zettel ab. "Ich habe Janet Carino in meiner Gewalt. Sie hat versucht, mich umzubringen, so wie Parisi und Kelly. Wenn ihr sie haben wollt, wenn ihr sie lebend haben wollt, müsst ihr euch beeilen. Mir ist es lieber, Sie machen mit ihr kurzen Prozess, als wenn ich hier in der Wohnung eine Leiche beseitigen muss..."

Janet lächelte kühl.

Mit einer Handbewegung bedeutete sie Loomis aufzulegen.

"Und was soll das Ganze?", fragte Loomis.

Sie zuckte die Schultern. "Du hast dafür gesorgt, dass diese ukrainische Meute mir an den Fersen kleben wird. Ich brauche zumindest so etwas wie einen fairen Vorsprung. Und den werde ich mir verschaffen..." Sie schwenkte die Pistole etwas seitwärts. "Los, komm..."

"Was hast du vor?"

"Du wirst die Leichen der beiden Leibwächter aus dem Wohnzimmer holen. Das sieht einfach nicht gut aus, wenn wir gleich Besuch bekommen!"

Loomis schüttelte den Kopf.

"Was glaubst du denn, wer hier gleich auftaucht? Lebediov selbst wird sich kaum hier her bemühen..."

"Nein, aber die Leute, die die Schweinereien für ihn machen."

"Und du denkst, dass du die ausschalten kannst!"

"Zerbrich dir deinen eigenen Kopf, Loomis!", versetzte sie. "Und sei Sie froh, dass du überhaupt noch einen hast!"



33

Wir brausten mit Blaulicht durch die Straßen. Agent Max Carter aus dem Innendienst hatte uns auf eine interessante Spur gesetzt. Er war noch einmal alle verfügbaren Daten durchgegangen, die in irgendeiner Form mit dem Parisi-Syndikat zusammenhingen. Janet Carino erschien dabei wie eine Frau, die aus dem Nichts aufgetaucht war. Ohne Vergangenheit, ohne Verbindungen... Ihre wahre Identität lag im Dunkeln. Es schien keinerlei Hinweise zu geben.

Aber Carter hatte schließlich doch eine Spur entdeckt.

Vor einigen Jahren war ein Mann namens Richard Logan brutal ermordet worden. Logan war ein kleiner Spediteur für Gefahrgut gewesen, der in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und sich so in den Fängen der Müll-Mafia verstrickte.

Logan war für einige Firmen gefahren, die unter Parisis Kontrolle gestanden hatten. Ein kleines Rädchen in der Maschinerie des Syndikats, das im wahrsten Sinne des Wortes die Drecksarbeit zu verrichten gehabt hatte. Logans Transporter hatten Sondermüll kreuz und quer durch die USA gefahren und irgendwo abgeladen.

Es hatte Indizien dafür gegeben, dass Logan aussteigen wollte. Vermutlich war Logan deshalb umgebracht worden. Aber konkrete Beweise, die seinen Tod mit Parisi und seinen Leuten in Verbindung brachten, gab es natürlich nicht. Dafür hatten die hohen Herren schon gesorgt.

Die Ermittlungen waren bis heute nicht abgeschlossen.

Ein ungeklärter Mafiamord mehr, der am Ende nichts weiter als einen Aktenmeter im Archiv oder ein paar Kilobyte in einer Datenbank ausmachte.

Logan hatte eine junge Frau gehabt.

Ihr Name war Janet.

Und es sprach viel dafür, dass sie mit Janet Carino identisch war...

"Es würde alles zusammenpassen", meinte ich an Milo gewandt, während ich den Motor des Sportwagens aufbrausen ließ.

Wir fuhren auf der Überholspur.

"Vor allem die Art und Weise, in der die Taten begangen wurden", stimmte Milo mir zu.

Ich nickte.

"Ja, es sah sehr nach Rache aus..."

Dass Janet Carino die Führungsspitze des Parisi-Syndikats mehr oder minder im Alleingang erledigt hatte, stand so gut wie fest. Und jetzt hatten wir endlich auch ein Motiv. Ein Motiv, das klarmachte, weshalb sie so kompromisslos vorging.

Wenn unsere Vermutungen allerdings der Wahrheit entsprachen, bedeutete das eventuell auch, dass es weitere Opfer geben würde.

Von der Führungsriege des ehemaligen Parisi-Syndikats war kaum noch jemand übrig.

Mit Ausnahme von Edward Loomis.

Ich musste ziemlich hart abbremsen. Ein Stau hatte sich gebildet. Es gab einfach kein Weiterkommen, selbst mit Blaulicht nicht. Ich schlug mit der Handinnenfläche gegen das Lenkrad.



34

"R.L. - Richard Logan", murmelte Loomis.

Janet lächelte ihn dabei kalt an.

"Ich dachte schon, du stirbst doch als Ahnungsloser, Loomis!", versetzte sie mit zynischem Unterton. Sie schluckte. Sie sprach leise und mit belegter Stimme, als sie fortfuhr: "Ich war zwanzig, Richard und ich hatten gerade geheiratet, als Parisis Killer ihn umlegten und damit auch mein Leben zerstörten. Ich weiß noch genau, wie ich nach Hause kam, die Wohnungstür offen fand..." Sie brach ab. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern, als sie fortfuhr: "Damals habe ich mir Rache geschworen. Rache um jeden Preis."

Sie hob die Pistole. "Dies war Richards Waffe. Er hatte ein Faible für ungewöhnliche Waffen..."

"Parisi ist tot", stellte Loomis fest. "Und wie du dich erinnerst, habe ich dazu beigetragen, dass er jetzt im Leichenschauhaus liegt..."

"Du?" Janet lachte. "Du hattest doch dazu niemals den Mut. Du hast nur zu allem ja und Amen gesagt, nachdem Kelly und ich schon alles in die Wege geleitet hatten... "

"Ich hatte mit dem Tod deines Mannes nichts zu tun! Parisi..."

"Es ist so leicht, alles auf einen Toten zu schieben, Loomis. So furchtbar leicht. Aber du solltest meine Intelligenz nicht unterschätzen. Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen!"

"Janet..."

Sie lächelte zufrieden. "Parisi kannte doch nicht einmal den Namen meines Mannes. Natürlich lief in der Organisation nichts, ohne dass er es absegnete. Und schon gar kein Mord! Ein Fingerschnippen und der Tod eines Menschen war besiegelt. Oder besonders eifrige Helfershelfer lasen ihm die Wünsche von den Augen ab. So wie Kelly, den ich später für die Idee begeistern konnte, sich selbst an die Spitze zu setzen. Aber du, Loomis, du warst damals, vor sieben Jahren noch nicht so hoch in der Rangliste des Syndikats. Du hast noch echte Drecksarbeit gemacht... Eigenhändig!"

"Das ist nicht wahr!"

"Es war ekelhaft, mit Parisi ins Bett zu gehen. Aber sehr informativ. Parisi wusste alles, Loomis. Alles über jeden Einzelnen in der Organisation. Bei Bedarf hat er von seinem Wissen Gebrauch gemacht, wenn er jemanden aus dem Weg haben wollte. Es hat mich einige Mühe gekostet, um an diese Informationen heranzukommen und wenn Parisi mich dabei erwischt hätte, hätte ich sicher das Schicksal meines Mannes geteilt. Aber ich habe es geschafft."

Angstschweiß stand auf Loomis' Stirn.

Panik glänzte in seinen Augen.

"Du ahnst, worauf ich hinaus will, Loomis!", sagte Janet schneidend. "Du weißt es! Und ich will es jetzt von dir hören!"

"Janet!"

Sie setzte ihm die Pistole an die Schläfe.

"Hängst du so wenig am Leben, Loomis? Ich hatte dich immer als Feigling in Erinnerung. Sollte sich das auf einmal geändert haben?"

"Du wirst mich so oder so umbringen..."

"Warte es doch ab!"

"Jan- "

"Sag es!", fauchte Janet.

"Ja!", brachte er heraus.

"Was heißt 'ja'?"

"Ich war dabei, als dein Mann umgebracht wurde, aber ich habe es nicht getan. Wenn du willst, dann sagen ich dir die Namen der Männer, die..."

"Hör auf, Loomis. Es war dein Auftrag. Du weißt es und ich weiß es..."

An der Tür klingelte es.

"Ich wette, dass das jemand ist, den Lebediov geschickt hat", meinte Loomis.

"Da könntest du Recht haben!"

Janet bückte sich. Sie zog einen Teppich zurecht, so dass er einen ansonsten gut sichtbaren Blutfleck bedeckte. Sie hatte Loomis die Leichen der beiden Leibwächter ins Schlafzimmer schleifen lassen. Lebediovs Leute sollten nicht auf den ersten Blick misstrauisch werden...

Janet ging mit Loomis in den Empfangsraum.

Neben der Tür befand sich ein kleiner Monitor mit Gegensprechanlage.

"Schalte ihn ein!", sagte Janet.

Loomis gehorchte. Der Monitor gehörte zu einer Kamera draußen auf dem Flur, die zeigte, wer dort vor der Tür stand.

Ein Mann war zu sehen.

Blondes Haar, angestrengter Gesichtsausdruck.

Janet lächelte.

"Alexander Basil!", stieß sie hervor. "Der Bluthund Lebediovs!"

Es klingelte zum zweiten Mal.

"Was willst du mit ihm machen, Janet? Ihn einfach über den Haufen schießen?" Loomis schüttelte den Kopf. "Es mag dir ja gelungen sein, mit uns allen - Parisi, Kelly und mir - wie mit Schachfiguren gespielt zu haben. Aber du kannst nicht im Ernst erwarten, dass die Ukrainer dich dann in Ruhe lassen. Die haben weltweite Verbindungen, Lady. Es wird schwer für dich sein, einen Ort zu finden, an dem die dich nicht auftreiben... Gleichgültig, was du tust, Du wirst keine ruhige Minute mehr haben!"

Janet lächelte hintergründig und kalt.

"Du irrst dich."

"Ach, ja?"

"Es existieren Fotos, die beweisen, dass du im letzten Monat in Boston warst. Du hast dich mit einem Mann getroffen, von dem bekannt ist, dass er für die Bostoner als Verbindungsmann arbeitet."

Loomis wurde bleich. Jetzt erst begriff er den teuflischen Plan, den sie hatte. Sie würde nicht einmal eine ihrer eigenen Kugeln benutzen müssen, um Loomis zu töten...

"Betätige die Gegensprechanlage und lass Basil herein!", sagte Janet eisig. Der Schalldämpfer hob sich in Augenhöhe. Sie postierte sich so, dass Basil sie nicht sofort sehen konnte, wenn er eintrat.

Loomis' Hand zitterte.

"Ich werde dich nicht töten, wenn du mich nicht dazu zwingst", sagte Janet. "Also tue, was ich sage."

"Aber Basil wird es tun, wenn du ihm die Bilder zeigst..."

"Er wird dich nicht einfach töten. Er wird dich auf seine Weise 'befragen', so dass du dir wünschen wirst, nie geboren worden zu sein, Loomis. Ich sagte doch, dass du keinen leichten Tod haben würdest... Aber wer weiß? Vielleicht gelingt es dir ja, die Fotos zu erklären!" Sie hob ihre Waffe und deutete dann zur Gegensprechanlage. "Los, mach schon, Loomis!"

Er betätigte die Gegensprechanlage, schwitzte und zitterte dabei.

"Sind Sie es Basil?"

"Ja", kam es knapp zurück.

"Ich mache Ihnen auf."

Loomis ging zur Tür.

Bevor er die Tür aufschloss, meinte er noch: "Was die Fotos angeht, bluffst du doch, Janet!"

"Das Treffen hat doch stattgefunden, oder?", erwiderte Janet. "Du hast zumindest erwogen, mit den Bostonern zusammenzuarbeiten. Du wirst es nicht glauben, aber Parisi wusste das. Und was das Material angeht, so stammt es aus einem geheimen Schließfach des großen Parisi. Ich konnte den Schlüssel gerade noch an mich nehmen, bevor die Cops darauf gekommen sind!" Janet zuckte die Achseln. "Hätte ich davon früher gewusst, hätte ich damit gewartet, Parisi umzubringen. Denn dann hätte der zweifellos dich früher oder später getötet. Und zuvor hätte er dich vermutlich einer intensiven Befragung unterzogen, um genau zu wissen, wie weit deine Kontakte nach Boston reichen... Nun wird vermutlich Basil dasselbe mit dir machen: Dich erst foltern und dann irgendwo verscharren..."

Loomis dachte fieberhaft nach, wie er seine Haut doch noch retten konnte.

Vielleicht den Augenblick der Überraschung nutzen und einfach hinaus in den Flur stürzen?

Basil war allein dort draußen.

Eine Sekunde lang kam ihm das merkwürdig vor.

Andererseits war er bei unserem letzten Treffen auch allein!

Die Gedanken wirbelten in Loomis Kopf herum und bildeten ein wildes Durcheinander. Der Puls raste ihm bis zum Hals.

Betont langsam drückte er die Klinke herunter, öffnete die Tür.

Mit einer gewaltigen, ruckartigen Bewegung riss er sie dann auf. Er stürzte nach vorn, duckte sich dabei. Es ging blitzschnell. Ein Akt der Verzweiflung.

Ein Schuss pfiff dicht über ihn hinweg und zertrümmerte den Türrahmen. Das edle Hartholz, aus dem er gefertigt war, splitterte.

Draußen im Flur war von Basil nichts zu sehen. Statt dessen waren dort zwei Männer mit schussbereiter Automatik in beidhändigem Anschlag.

Loomis kam hart auf dem Boden auf, während einer der Männer einen Schritt zurück machte. Von der Seite kam ein dritter und richtete eine Waffe auf ihn.



35

Loomis Telefonanschluss war vom FBI überwacht worden. Unsere Leute hatten daher den Anruf registriert, mit dem Loomis Lebediov darüber informiert hatte, dass sich angeblich Janet Carino in seiner Gewalt befand.

Unsere Kollegen, die den Wohnblock beobachteten, in dem Loomis Wohnung lag, hatten nichts davon bemerkt, dass Janet Carino dort aufgetaucht war. Aber das musste nichts heißen.

Vielleicht hatte die Carino einen anderen Weg als den Haupteingang gefunden, um in das Gebäude zu gelangen.

Oder sie hatte ihr Äußeres so verändert, dass sie unseren Leuten nicht aufgefallen war. Schließlich war Loomis Wohnung zunächst nur überwacht worden, um dessen Aufenthaltsort zu kennen.

Und die Fahndung nach Janet Carino lief ja erst seit wenigen Stunden.

Als das Telefongespräch aufgezeichnet worden war, hatte die Zentrale Verstärkung geschickt.

Sie war beinahe gleichzeitig mit uns eingetroffen.

Mit insgesamt einem Dutzend G-men hatten wir den Bereich des Wohntowers abgeriegelt, in dem sich Loomis befand.

Wir warteten.

Schließlich war uns allen klar, dass es sehr riskant war, einfach in die Wohnung einzudringen. Und außerdem wussten wir, dass vermutlich sehr bald jemand von Lebediovs Leuten auftauchen würde.

Dann war Alexander Basil aufgetaucht.

Die Kollegen, die den Eingang des Wohnturms beobachteten, hatten es uns per Funk gemeldet. Dass er zu Lebediovs Leuten gehörte, wussten wir seit langem.

Den Bereich unmittelbar vor Loomis Wohnungstür mussten wir meiden. Eine Überwachungskamera hätte unser Bild sonst aufgenommen. Wir verhielten uns unauffällig, versteckten uns so, dass jemand, der zur Wohnung ging, uns nicht sehen konnte.

Basil kam mit dem Fahrstuhl.

Er ging zur Tür, stellte sich vor die Kamera. Die Gegensprechanlage wurde betätigt, die Tür geöffnet. Das war unser Moment.

Sieben G-men stürmten den Flur.

Unter ihnen Milo und ich.

Basil wurde zur Seite gerissen und verhaftet.

Die Tür öffnete sich.

Ein Schuss zerfetzte den Türrahmen, während Edward Loomis uns mit glasigen Augen entgegenstolperte. Milo wich einen Schritt zurück. Unser Kollege Fred LaRocca kümmerte sich um den am Boden liegenden Loomis.

Ich hob die Waffe.

"Hände hoch, FBI!", gellte aus meinem Mund. Ich schrie es förmlich der Gestalt entgegen, die sich auf der anderen Seite des Empfangsraums befand.

Janet Logan alias Janet Carino.

Sie hielt ihre Gold-Pistole mit beiden Händen. Ihr Gesicht war verzerrt. Ich sah das Mündungsfeuer blutrot aus dem Schalldämpfer herausschießen. Es ging blitzschnell. Janet war eine hervorragende Schützin, das hatte ich bereits einmal erlebt. Sie feuerte sofort, ohne groß zu zielen.

Ich feuerte ebenfalls meine P226 ab.

Aber mein Schuss ging ins Nichts, denn zuvor traf mich Janets Kugel mitten in der Brust. Das gewaltige Projektil vom Kaliber 45 zerfetzte meinen dünnen Sommermantel. Die Wucht des Geschosses ließ mich schräg nach hinten taumeln. Ich knallte mit dem Rücken gegen den Türpfosten und rang nach Luft.



36

Ich sah Janet eine schnelle Bewegung zur Seite machen. Sie wollte in Richtung der Tür, die zum Nachbarraum führte. Sie riss ihre Waffe herum.

Ich klammerte mich am Griff meiner P226 fest.

Das 45er-Projektil war in der kugelsicheren Weste steckengeblieben, die ich für diesen Einsatz angelegt hatte.

Es war alles sehr schnell gegangen. Janet hatte innerhalb eines Sekundenbruchteils geschossen. Hätte sie auch nur die leiseste Vermutung gehabt, dass ich eine Weste trug, so hätte sie vermutlich höher gezielt. Auf den ungeschützten Kopf.

Ich riss die Waffe hoch.

Janet schoss erneut, aber diesmal ging der Schuss daneben.

Die Kugel holte ein großformatiges abstraktes Gemälde von der Wand, das Loomis' Empfangsraum zierte.

Milo hatte um den Bruchteil einer Sekunde früher geschossen.

Und getroffen.

Janet taumelte zurück.

Sie griff sich an den Oberschenkel.

Dann war sie im Nebenraum verschwunden.

Ich rappelte mich auf.

Milo war bereits neben der Tür, presste sich seitlich gegen die Wand und rief: "Geben Sie auf, Janet Logan! Die Etage ist abgeriegelt. Sie haben keine Chance, aus dieser Wohnung zu entkommen!"

Die Antwort war Schweigen.

Ich war mit wenigen Schritten ebenfalls bei der Tür. Nichts tat sich dort drinnen.

Ich warf den zerfetzten Sommermantel ab. Als wir den Flur abgeriegelt hatten, hatten wir darauf geachtet, unsere Ausrüstung verdeckt zu tragen, um kein Aufsehen zu erregen.

Aber jetzt war das nicht mehr notwendig.

Ich packte die P226.

"Janet!", rief ich. "Werfen Sie ihre Waffe durch die Tür und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus."

Die Antwort waren ein halbes Dutzend Kugeln, die sie uns durch die offenstehende Tür entgegenschickte. Auf dem Fußboden war eine Blutspur zu sehen. Milo schien sie ungünstig erwischt zu haben. Lange konnte sie jedenfalls nicht mehr durchhalten.

"Janet!", rief ich. "Die Geschworenen werden das Leid, das man Ihnen angetan hat mit Sicherheit berücksichtigen..."

Wieder Stille.

Und mein Instinkt sagte mir, dass da etwas nicht stimmte.

Ich machte Milo ein Zeichen.

Mein Partner schüttelte jedoch ganz energisch den Kopf. Er wusste, was ich vorhatte. Um das zu wissen, kannte er mich nach all den Jahren gut genug.

Mit der P226 in beiden Händen stürzte ich in die Tür.

Janet war in den Sessel gesunken.

Die Pistole hielt sie mit der Rechten.

Sie hatte den langen Schalldämpfer abgeschraubt und achtlos auf den Boden geworden.

Ihr Blick wirkte glasig, wie nach innen gekehrt.

Tränen glitzerten auf ihrer Wange.

Und der Lauf ihrer Pistole war auf ihre Schläfe gerichtet.



37

Der Knöchel ihres rechten Zeigefingers wurde weiß, als sie den Druck auf den Abzug verstärkte. Unsere Blicke begegneten sich. Und sie zögerte damit, wirklich abzudrücken und ihrem Leben ein Ende zu machen.

Ein Moment der Unentschlossenheit nur.

Ich nutzte ihn, machte zwei, drei schnelle Schritte nach vorn.

Sie zitterte.

Sie schloss die Augen.

Ihr Gesicht bekam einen verkrampften, völlig verzweifelten Zug. Eine Sekunde später war ich bei ihr. Mit der Linken bog ich den Lauf ihrer Pistole in die Höhe. Ein Schuss löste sich. Die Kugel ging haarscharf an ihrer Schläfe vorbei und bohrte sich schräg über uns in die Decke.

Ich nahm ihr die Waffe ab.

Milo trat in den Raum und beobachtete sie.

"Mein Leben ist zerstört", sagte sie mit leiser Stimme.

"Es ist zu Ende..."

"Darüber werden die Geschworenen befinden", sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

"Es war schon zu Ende, als sie Richard umgebracht haben... Von da an war ich eine lebende Tote, Mister Trevellian." Ihr Lächeln war matt und schmerzverzerrt. "Sie haben mich Janet Logan genannt", flüsterte sie dann. "Sie wissen also Bescheid..."

Milo rief derweil per Handy einen Notarzt.

"Leider sind wir zu spät darauf gekommen", sagte ich.

"Sonst hätten wir vielleicht noch Menschenleben retten können!"

"Das Leben von Mördern!", versetzte Janet. "Von Männern, denen ein Menschenleben nichts bedeutet..."

"Und Ihnen?", fragte ich zurück. "Was bedeutet es Ihnen?"

Schließlich war sie mit einer Rücksichtslosigkeit vorgegangen, der am Ende nicht einmal so harte Hunde wie John Parisi oder Arnold Kelly gewachsen gewesen waren.

Sie antwortete mir nicht.

Sie funkelte mich nur wütend an. "Tatsache ist, dass die Justiz es nie geschafft hat, John Parisi zu richten..."

"Mord bleibt Mord", erwiderte ich kühl. "Auch wenn das Opfer selbst ein Verbrecher sein mag."

Aber Janet hörte mir gar nicht zu.

Sie würde vermutlich lange Zeit haben, um darüber nachzudenken.

Sehr lange.



38

In ihrer Endphase ähneln Ermittlungen manchmal einem Dominospiel. Man stößt den richtigen Stein an und der reißt dann alle anderen unweigerlich mit sich.

Der Stein hieß in diesem Fall Loomis.

Er wurde nervös, als wir ihn mit Janet Logans Anschuldigung konfrontierten, der Mörder von Richard Logan zu sein. Janet übergab uns den Schlüssel des Schließfachs, in dem John Parisi belastendes Material über alle möglichen Leute gesammelt hatte - vorzugsweise aus seiner eigenen Organisation. Bei den Ermittlungen, die es seinerzeit im Mordfall Logan gegeben hatte, war die Aussage eines Zeugen aufgenommen, der gesehen hatte, wie ein unbekannter Mann Logans Wohnung verließ. Die Beschreibung konnte auf Loomis zutreffen. In einer Gegenüberstellung erkannte der Zeuge Loomis wieder. Es lagen zwar sieben Jahre dazwischen, aber der Zeuge war sich sehr sicher.

Loomis wurde klar, dass er seine Situation nur noch durch Zusammenarbeit mit uns verbessern konnte. Er machte eine umfassende Aussage. So erfuhren wir von Basils Rolle bei dem Attentat auf Janet Logan alias Carino. Auf Grund der Tatsache, dass er es war, der auf Loomis' Anruf bei Lebediov hin aufgetaucht war, lag das eigentlich nahe.

Basil wiederum versuchte sich selbst - auf Raten seiner Anwälte - als kleines Rädchen in Lebediovs Organisation darzustellen. Insbesondere mit dem Tod des G-mans Robert J. Leslie wollte er nichts zu tun haben. Der Befehl, Janet umzubringen, sei von Lebediov gekommen.

Agent Medina und Clive Caravaggio hatten das Vergnügen, Lebediov festzunehmen. Und nachdem der ehemalige KGB-Killer Dimitrov seine Felle davonschwimmen sah und nun ebenfalls eine ausführliche Aussage machte, stand wohl auch fest, dass Lebediov es diesmal kaum schaffen konnte, völlig ungeschoren aus der Sache herauszukommen. Basil belastete ihn schwer. Und Lebediovs Partner distanzierten sich von ihm, um nicht in den Strudel hineingerissen zu werden. Lebediovs Organisation war auf diese Weise lahmgelegt. Ein Schlag, von dem sie sich hoffentlich nie wieder erholen würde...

In den Zeitungen und in den lokalen Nachrichtensendern wurde viel über Janet Logan alias Carino berichtet. Ich selbst war bei einem der langen Verhöre anwesend, die unser Spezialist Agent Baker mit ihr führte.

"Ich habe nur für meine Rache gelebt", sagte sie irgendwann. "Ich habe schießen gelernt. Ich habe gelernt, Schlösser aufzumachen und mein Äußeres mit wenigen Hilfsmitteln entscheidend zu verändern. Alles nur nur für diesen Moment... Jetzt ist mir alles egal. Ich fühle mich leer..." Dann blickte sie mich an. "Sie hätten mich in Loomis' Wohnung nicht daran hindern sollen abzudrücken", sagte sie dann.

"Wenn Sie es wirklich gewollt hätten, Janet, wäre dazu Zeit genug gewesen... Meinen Sie nicht?"

Sie blieb mir die Antwort schuldig.

Ein paar Tage später waren Milo und ich auf einer Beerdigung in der West Side. Unser Kollege Robert J. Leslie wurde zu Grabe getragen.

Ich muss eine ziemlich düstere Miene gemacht haben.

Jedenfalls fragte mich Milo irgendwann: "Dir geht das ziemlich an die Nieren, was?"

"Er hatte so ein Ende nicht verdient", erwiderte ich leise.

"Er wird nicht der Letzte von uns sein, der seinen Einsatz für das Recht mit dem Leben bezahlt", stellte Milo fest.

Er hatte recht.

Eine Wahrheit, die mir nicht gefiel.

Aber irgendjemand musste jenes Risiko eingehen, das jeder G-man tagtäglich trägt. Ansonsten war es unmöglich, dem Verbrechen Paroli zu bieten.


ENDE

Trevellian und der Tod im Haus


Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Es war wie in einem Labyrinth. Endlose Korridore, numerierte Türen, Abzweigungen, Treppen, kahle Wände.

Aus unergründlicher Ferne heulten hallverstärkte Gitarrensaiten. Bässe wummerten, daß man ein Vibrieren in der Magengegend spürte.

Jäh gellte der Schrei - schrill und langgezogen, wie aus dem Nichts, von irgendwo aus dem Labyrinth. Eine Frauenstimme in höchster Not! Nichts Künstliches aus der Verstärkeranlage.

Milo und ich brauchten keine Sekunde, um es zu begreifen. Wir rannten los. Unser Begleiter schloß auf. Er übernahm die Führung. Ein Wachmann. Er kannte sich aus im Gängegewirr der Diskothek.

Der Schrei ging in ein Wimmern über. Wir fegten um eine Biegung. Leuchtstoffröhren übergossen das Geschehen mit kalkigem Licht. Der Kerl hatte die Frau zu Boden gestoßen und sich auf sie geworfen. Ihr Rock war hochgerutscht. Die Beine waren entblößt.

»Smithson!« brüllte ich, den 38er im Anschlag. »Keine Bewegung!«

Der Gangster zuckte zusammen. Sein Oberkörper fuhr kerzengerade hoch. Wir waren 20 Meter entfernt. Trotzdem sah ich seine großen, entgeisterten Augen. Er hatte eine andere Frisur als auf dem Fahndungsfoto, und er trug einen Vollbart.

Der Wachmann duckte sich und blieb zurück. Milo war einen Schritt hinter mir.

Im Laufen zog ich durch, jagte eine Kugel in die weiße Kunststoffverkleidung der Korridordecke. Dröhnend brach sich der Hall des Schusses zwischen den engen Wänden. Meine Trommelfelle begannen zu singen.

Wieder schrie die junge Frau. Ich konnte ihr die Angst nicht ersparen und hoffte, daß es nur noch Sekunden dauern würde. Doch der Schock des Schusses war leichter zu verschmerzen als eine Kurzschlußreaktion des Gangsters.

Noch einen Atemzug lang stierte er Milo und mich an. Wie ein in die Enge getriebenes Kaninchen, das sich nicht mehr bewegen kann. Die Entfernuhg schmolz zusammen. Noch zehn Meter. Smithson war wie erstarrt. Wenn er jetzt durchdrehte und der Frau ein Messer an die Kehle setzte, war alles umsonst.

Sie wimmerte wieder. Ihre Todesangst zu hören, glich einem schmerzhaften Stich

»Hände hoch!« rief ich schneidend.

In diesem Augenblick erwachte er. Er stieß sich ab und sprang auf. Mit langen, federnden Sätzen sprintete er von uns weg. Irgend etwas in seinem Unterbewußtsein schien ihn daran erinnert zu haben, daß Geiselnehmer meist ein schlechtes Ende nehmen.

Sein Vorsprung betrug nur zehn Meter. Milo und ich machten mehr Dampf. Der Wachmann war zur Stelle und kümmerte sich um die Frau. Ich sah es aus den Augenwinkeln.

Der Gang beschrieb einen langgezogenen Bogen. Für einen Moment verschwand der Fliehende aus unserem Blickfeld. Zu hören war er nicht. Er trug Turnschuhe, und die ferne Verstärkeranlage dröhnte noch immer.

»Schneller!« hörte ich Milos Stimme in der Nähe meines rechten Ohrs. »Der Kerl entwischt uns!«

Ich wollte widersprechen. Aber eine Antwort erübrigte sich. Wir sahen ihn wieder vor uns. Die Korridorbiegung mündete in eine Gerade.

Smithson packte den Knauf einer giftgrün lackierten Tür und riß sie auf.

Wie Donner orgelte die Musik über uns herein. Dunkelheit gähnte aus der Türöffnung, durch die Smithson verschwand — wie jemand, der in eine düstere Wasserfläche taucht.

Dennoch rannten wir weiter. Die Verstärkeranlage reichte aus, um das Yankee Stadium zu beschallen. Ich hatte das Gefühl, daß der in hektischen Sequenzen dahinjagende Baß von innen her meinen Magen durchwühlte. Die Gitarren stachelten sich gegenseitig zu immer schrilleren Tönen an, daß man glaubte, von einem Ohr zum anderen mit einer Stricknadel durchbohrt Zu werden.

Unmöglich, Smithsons Schritte zu hören. Die gesamte Halle war stockfinster. Kreisrund schwebte die Bühne mittendrin, nur von einer Notbeleuchtung erhellt, wie schwerelos im luftleeren Raum. Vier Gestalten bearbeiteten ihre Instrumente.

Wir hatten den Übergangsbereich vom Korridor zur Discothekenhalle noch nicht ganz hinter uns gelassen. Für einen Sekundenbruchteil war meine Aufmerksamkeit durch die Bühne und den Höllenlärm abgelenkt.

In der Finsternis entstand plötzlich eine grellrote Blüte.

Im selben Atemzug ging ich in die Waagerechte. Etwas schien am Stoff meines Jacketts über der linken Schulter zu zupfen. Aber das mochte Einbildung sein. Auf jeden Fall spürte ich den Gluthauch des Projektils. Ich schlitterte überm Holzfußboden, der schräg abwärts führte, in das unergründliche Dunkel.

Das Bellen des Schusses war im dumpfen Grollen und keifenden Singen der Musik untergegangen. Hinter mir hörte ich Milo. Er rutschte gleichfalls über den Boden. Ich atmete auf. Wäre Smithson etwas ruhiger und weniger in Panik gewesen, so hätte er uns kaltlächelnd wie auf dem Schießstand abknallen können.

Im Abwärtsschlittern warf ich mich herum, rollte mich in rasantem Tempo ab und kam auf die Beine, als ich sicher war, daß das helle Rechteck der Korridortür keinen Schattenriß mehr von mir warf.

Ich lief weiter auf die Bühne zu. Die vier Musiker, ziemlich jung noch, hatten von allem nichts mitgekriegt. Mit geschlossenen Augen, wie verzückt, widmeten sie sich ihren Klängen. Milo folgte mir wieder. Die verdammte Bühne war der einzige Orientierungspunkt in der unendlichen Schwärze des Riesenschuppens. Überall gab es Nischen, Winkel, Trennwände, Tische, Stühle…

Wie aus einer Laune heraus klang das Boxenrumoren unvermittelt mit einem Akkord in Echohall aus.

Etwas polterte in der Schwärze. Ein Fluch war zu hören.

Ich verharrte, ruckte herum und schlug den Revolver in die Richtung an, aus der das Poltern zu hören gewesen war. Milo stand zwei Schritte von mir entfernt. Er hatte seinen Smith & Wesson ebenfalls schußbereit.

»G-men!« brüllte eine heisere Stimme. Der Wachmann! »Wollt ihr Licht?«

In der Dunkelheit wechselte ich einen Blick mit Milo. Daran, wie sich das Weiße seiner Augen bewegte, sah ich, daß er nickte.

»Ja!« brüllte ich zurück, kniff die Augen zusammen und konzentrierte mich auf die Stelle, an der ich den Fliehenden vermutete.

Die aufflammende Helligkeit war wie das Blitzlichtgewitter einer Hundertschaft von Pressefotografen.

Aber wir hatten damit gerechnet. Und wir waren schneller.

Smithson hatte sich in einer Stellwandnische in ein Chaos von umgekippten Stühlen verwickelt. Er war im Begriff hochzukommen.

Ich erkannte die Gefahr. »Die Waffe weg!« rief ich.

Es traf ihn wie ein Hieb. Sein Verstand schien seine Reaktionen nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Er ruckte hoch, warf sich halb herum und feuerte.

Milo und ich zogen fast im selben Atemzug durch. Das Bellen unserer 38er war wie ein einziger trockener Schlag.

Den Gangster riß es beinahe aus den Schuhen. Seine Automatik flog in hohem Bogen durch die Luft. Er torkelte rückwärts, ruderte mit den Armen und pflügte krachend und polternd durch das Stuhlgewirr. Deutlich wie in einer Momentaufnahme erkannten wir, daß beide Geschosse ihn in die rechte Schulter getroffen hatten.

Doch er fing sich. Er stürzte nicht. Es mußte seine Angst sein, die ihm zu einer wahnwitzigen Fortsetzung des Fluchtwillens vorwärtspeitschte. Daß er außer einem Leben hinter Gittern nichts mehr zu erwarten hatte, wußte er. Sein Vorstrafenregister und der Haftbefehl wegen nachgewiesenen Rauschgifthandels über die Grenzen mehrerer Bundesstaaten hinweg reichten aus.

Noch einmal rappelte er sich auf, tappte tatsächlich in einen freien Gang zwischen den Ecken und Winkeln und hastete abermals los.

»Bleiben Sie stehen, Smithson!« brüllte mein Freund. »Geben Sie auf, Mann!«

Er schien taub zu sein. Er rannte und rannte.

Ich war schon wieder unterwegs. Am Rand meines Blickfelds sah ich die Musiker auf der Bühne. Sie hatten ihre Instrumente völlig vergessen und beobachteten fassungslos, was sich in der ernüchternden Helligkeit der Großdiscothek abspielte. Dieses Licht wurde nur in Notoder Katastrophenfällen eingeschaltet. Daß es sich um etwas in dieser Richtung handelte, brauchten wir keinem erst zu erklären.

Ich holte auf. Smithsons Handicap waren die Schußwunden. Ich gewann den Eindruck, daß er sich auskannte. Er mußte schon einmal hiergewesen sein. Denn so mühevoll seine Bewegungen waren, so zielstrebig steuerte er doch auf einen Winkel außerhalb des Publikumsbereichs zu.

Bis dorthin drang die Katastrophenbeleuchtung nur noch mit schwacher Helligkeit vor. Ich hätte einen Warnschuß über seinen Kopf hinwegjagen können. Aber es war nicht gerechtfertigt. Ich durfte ihn nicht mehr unnötig in Gefahr bringen. Außerdem würden wir ihn so oder so erwischen. Er konnte uns nicht entkommen.

Im Laufen stieß ich den Smith & Wesson zurück ins Leder. Ich legte an Spurtgeschwindigkeit zu.

Smithson tauchte in das Halbdunkel hinein.

Im nächsten Sekundenbruchteil glaubte ich, daß mir meine Augen einen Streich spielten. Aber ich täuschte mich nicht.

Smithson hastete eine steile Stahltreppe hinauf. Auf den schmalen, geriffelten Stufen klangen seine Schritte wie eine rasende Folge von schmetternden Schlägen. Er mußte den Verstand verloren haben. Was er sich da als Ziel ausgesucht hatte, war eine der Beleuchtungsgalerien, die wie große Schwalbennester aus Stahlgittergeflecht hoch oben unter der Decke klebten. Die Treppe führte in drei Zickzackwindungen darauf zu.

Ich versuchte es noch einmal mit einem lautstarken Appell an seine Vernunft, während ich die Stahltreppe erreichte und meine Schuhsohlen ebenfalls schmettern ließ.

»Smithson, Menschenskind, geben Sie auf! Sie haben keine Chance mehr! Ihnen passiert nichts, wenn Sie jetzt…«

Ein gellender Wutschrei war die Antwort. Er dachte nicht daran, auf mich zu hören. Den dritten, oberen Teil der Treppe hatte er schon erreicht. Es war wie in einem Fernsehkrimi. Der Bösewicht strebt in immer aussichtslosere Höhen, um dann im Kugelhagel der guten Polizeibeamten sein Leben auszuhauchen.

Smithson war auf den letzten Stufen. Er griff schon nach der Einstiegsklappe ins Schwalbennest. Der Teufel mochte wissen, was er dort oben zwischen den glotzäugigen, kalten Scheinwerfern zu finden glaubte. Sicherheit? Ein geheimes Waffenarsenal? Oder wollte er so einen Scheinwerfer auf mich herabschleudern, damit ich zu Tode stürzte?

Noch einmal wollte ich ihn zur Vernunft rufen, aber die Worte blieben mir in der Kehle stecken.

Smithson griff ins Leere. Ausgerechnet mit der rechten Hand hatte er zuerst Halt gesucht. Er schaffte es nicht mehr, mit der Linken rechtzeitig nachzufassen.

Ich warf mich nach vorn, flach auf die Blechstufen.

Smithson segelte herab wie ein großer schwarzer Klumpen. Sein Schrei gellte mit nichtendenwollendem Echo.

Ich hielt mich mit aller Kraft fest. Ein Schlag wie von Urgewalten traf meinen Rücken. Die Füße wurden mir weggerissen, und im selben Moment knallte mir das Gewicht des Stürzenden die Schienbeine gegen die Stahlkanten der Treppenstufen. Schmerz zuckte bis zu den Hüften herauf. Ich preßte die Zähne aufeinander.

Smithsons Schrei erstarb, als er auf den obersten Treppenwinkel prallte. Eine Zentelsekunde später folgte der Aufschlag mit Bersten und Splittern.

Ich blickte nach unten. Der Gangster lag in einem Trümmerhaufen von Stühlen. Milo und der Wachmann liefen auf ihn zu. Von der Bühne her näherten sich zögernd drei Musiker. Der vierte lief in den Korridor hinaus, wo wir die junge Frau vor Smithson gerettet hatten.

Ich drehte mich um und benutzte das Geländer, um mich mit beiden Händen zu stützen und abwärts gleiten zu lassen. Milo und der Wachmann hatten Smithson bereits aus dem Trümmerhaufen gezogen und ihn behutsam auf ein Stück Teppichboden gebettet.

Gemeinsam gingen wir neben ihm in die Knie. Stumm blickten die Musiker uns über die Schultern.

»Ikey«, sagte ich rauh. »Ikey, hören Sie mich?«

Seine Augen waren geöffnet. Er sah mich nicht an. Aber in seinen Pupillen bewegte sich ein Rest von Leben.

»Ver… dammter… Bulle!« Seine Stimme war nur ein Hauch.

»Ikey«, sagte ich. »Was wollten Sie hier? Was wollten Sie von der Frau?«

Sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerzen. Aber er brachte dennoch ein spöttisches Grinsen zustande. »Ver… ge-walti… gen, Trevellian, du elender…« Sein Kopf fiel auf die Seite.

Ich wußte, daß Ikey Smithson mich noch im Augenblick seines Todes zum Narren gehalten hatte.



2

Es roch süßlich nach irgendwelchem Schminkzeug oder sonstigen Duftstoffen. Vor pastellfarbigen Wänden breiteten sich Kleiderständer mit schreiend bunten Sachen aus. Zu normalen Zeiten zogen sich Popkünstler aus der internationalen Szene hierher zurück. Das Abilene, die Superdisco an der West 42nd Street, hatte Rang und Namen.

Der Notarzt und die beiden Rettungssanitäter brachten die junge Frau in die Garderobe. Der Musiker war bei ihr. Er hielt ihre Hand. Sie war kreidebleich, ihr Blick leer.

»Hat es Sinn, mit ihr zu sprechen?« fragte ich den Arzt.

Er schüttelte den Kopf. »Ich muß sie ins Bellevue bringen lassen. Schwerer Schock. Rufen Sie mich in einer Stunde an!« Aus seiner Kitteltasche fischte er eine Visitenkarte und drückte sie mir in die Hand.

Ich bedankte mich und bat Milo, den Arzt zu Smithsons Leiche zu führen. Den Rest der Arbeit hatte dort ohnehin der Erkennungsdienst zu erledigen, der bereits verständigt war.

Die Frau wehrte sich nicht, als die beiden Sanitäter sie auf eine Trage betteten. Ich schätzte sie auf Anfang 20. Sie war mittelgroß und schlank. Ihre graugrünen Augen hatten eine eindrucksvolle Kontrastwirkung zu ihrem rostroten Haar. Der Musiker wollte mit hinaus. Mich beachtete er nicht einmal.

»Sie bleiben bitte«, sagte ich ruhig, aber bestimmt.

Er erschrak trotzdem. Wie ein Schuljunge, den der Lehrer beim Mogeln erwischt. Aus großen dunklen Augen sah er mich an. Er hatte schwarze Haare, war breitschultrig und athletisch gebaut. Nicht unbedingt der feingliedrige Künstlertyp.

»Warum?« fragte er bestürzt. Alles schien ihn danach zu drängen, den Männern mit der Trage zu folgen.

Ich zeigte ihm mein aufgeklapptes Liederetui mit dem silbernen Adler und sagte ihm meinen Namen. Mit einer Handbewegung forderte ich ihn auf, sich zu setzen. Er gehorchte nur widerstrebend. Ich ließ die Tür geöffnet und ersparte ihm dadurch das zusätzliche Gefühl des Gefangenseins. Als ich ihm meine'Zigarettenschachtel hinhielt, nahm er dankbar an.

»Sie sind Zeuge in einem FBI-Fall«, sagte ich. »Ihre Freundin wird ins Bellevue Hospital gebracht. Sobald ich Ihre Personalien und Ihre Adresse habe, können Sie hinfahren.« Ich nahm die Visitenkarte aus der Tasche und warf einen Blick darauf. »Fragen Sie nach Dr. Coates!«

»Rhonda ist nicht meine Freundin. Sie ist meine Schwester.« Er blies die Luft durch die Nase. Im nächsten Moment hob er den Kopf, und seine Stirn war gefurcht, als er mich ansah. »Was in aller Welt haben wir mit einem FBI-Fall zu tun? Ich verstehe das nicht. Wir hatten eine Probe… Equalizer, so heißt die Gruppe, in der ich Keyboards spiele. Rhonda ist das Mädchen für alles. Sie versorgt uns mit Getränken, Sandwiches, Zigaretten und so. Ich kann mir nicht vorstellen…«

Ich unterbrach ihn mit einer knappen Handbewegung. »Mein Kollege und ich sind nicht Ihretwegen hergekommen. Wir hatten einen Hinweis erhalten, daß Ikey Smithson hier auftauchen würde. Das ist der Mann, der aus dem Scheinwerfergerüst gestürzt ist. Leider war er ein paar Minuten vor uns hier. Haben Sie eine Ahnung, was er von Ihrer Schwester wollte?«

Er starrte mich an und sperrte den Mund auf. »Wie kommen Sie darauf? Ich meine… ich denke, Rhonda ist ihm zufällig über den Weg gelaufen. Sie wollte nämlich gerade zum Kaffeeautomaten. Und da hat der Kerl sie…« Er stockte und schluckte heftig. Etwas schien seine Kehle zuzuschnüren.

Ich spürte, daß er die Wahrheit sagte. Es hatte keinen Sinn, ihn weiter zu bedrängen. Nicht jetzt. Ich notierte mir seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer. Er hieß Floyd Dailey und hatte gemeinsam mit seiner Schwester ein Apartment an der Canal Street gemietet. Als ich ihm erlaubte, die Diskothek zu verlassen, bedankte er sich hastig und hocherfreut. Die drei anderen aus der Gruppe würden seine Keyboards und den übrigen Kram einpacken.

Der Notarzt war bereits wieder zum Hospital gefahren. Mit den Musikerkollegen Floyd Daileys hatte Milo schon gesprochen. Keiner von ihnen konnte sich erklären, was Smithson in der Discothek gesucht hatte. Wir warteten, bis die Kollegen vom Erkennungsdienst eintrafen. Dann überließen wir ihnen das Feld.

»Ikey Smithson war nicht der Typ, der in Künstlergarderoben nach Geldbörsen sucht«, sagte Milo, nachdem wir in meinen Jaguar gestiegen waren. »Wenn du mich fragst, sollte er irgend etwas auskundschaften.«

Ich nickte. Bedauerlicherweise war auch der Hinweis unseres V-Manns unvollständig gewesen. Mehr als die Tatsache, daß Ikey im Abilene erscheinen werde, war nicht bekannt gewesen. Kein Warum und Wieso. Man kann nicht verlangen, daß V-Leute beim Belauschen von Gesprächen jedes Wort mitkriegen.



3

»Komisch«, sagte Rhonda und schüttelte mit leisem Lachen den Kopf. »Ich fühle mich richtig leicht und beschwingt. Sie haben mir irgend ein Medikament gegeben.«

»Tranquilizer«, sagte Floyd unwillig. Er lenkte den alten Mercedes 230 auf die rechte Fahrspur der Canal Street. »Da kriegst du mal eine Vorstellung von Tablettenmißbrauch und Drogenabhängigkeit. Willst du jeden Tag happy sein, nimmst du einfach deine bunten Pillen.«

»Floyd, ich bitte dich! So ein Arzt weiß doch wohl, was er verantworten kann. Wenn ich einmal ein Beruhigungsmittel kriege, werde ich doch noch nicht süchtig, oder?«

Floyd winkte ab. Er tat, als konzentriere er sich auf den Straßenverkehr. Rhonda lächelte stumm. Sie kannte ihn. Wenn er keine Lust mehr hatte, über ein Thema zu sprechen, nahm er diesen geistesabwesenden Gesichtsausdruck an. Vor allem gab er jedesmal rasch auf, wenn man seinen Erklärungen und gedanklichen Aussflügen widersprach.

Trotzdem hätte Rhonda ihn umarmen können. Er war ihr Beschützer, besonders seit sie in dieser riesigen Stadt lebten, die ihnen anfangs so fremd und unheimlich gewesen war. Und Rhonda hatte es immer zu würdigen gewußt, wie Floyd seine Fittiche über ihr ausbreitete. Sie gehörte nicht zu der Sorte Girls, die einen Kam tekursus mitmachen mußten, um Selbstbewußtsein zu erlangen.

Floyd bog auf den Parkplatz ab. Die Canal Street war zu dieser Zeit noch von Leben und Lärm erfüllt. Leuchtreklamen strahlten ihr Grün, Gelb und Rot in den Abendhimmel. Touristen strömten ins nahegelegene Little Italy oder nach Chinatown.

Floyd drehte den Zündschlüssel nach links, und der ersterbende Dieselmotor schüttelte die Karosserie durch. Hinten rechts klapperte der durchgerostete Kotflügel. Rhonda genoß die vertrauten Geräusche. Es gab das Gefühl, da zu sein, wo man hingehörte. Ein Gefühl, das sie lange vermißt hatte.

»He, verdammt noch mal, was, zum Teufel…«

Schon im Aussteigen begriffen, wandte Rhonda sich erstaunt um. Floyd fluchte oft über den Wagen. Aber selten war er dabei so wütend, daß er in einem solchen Ton…

Jäh schien es, als würden ihre Gedanken abehackt.

Fäuste im Schein der Innenbeleuchtung! Fäuste, die in Floyds Jackenstoff griffen. Grob und brutal. Nähte rissen prasselnd.

Floyd wehrte und wand sich. Vergeblich! Sie zerrten ihn hinaus.

Rhonda schrie auf, als er mit dem Kopf gegen die Dachkante des Wagens stieß.

Dann konnte sie nur noch den unteren Teil seines Körpers sehen. Die Kerle schlugen die Tür zu. Es war, als klebte Floyd mit dem Rücken an der Scheibe und am Blech. Der Wagen begann zu schaukeln.

Erst jetzt erwachte Rhonda wie aus einem Traum. Sie wollte aufspringen, wollte ins Freie und um Hilfe schreien. Nur ein paar Meter entfernt, in der Helligkeit der Canal Street, gab es Menschen genug.

Ein Schatten versperrte den freien Raum der schon halb geöffneten Beifahrertür. Erschauernd spürte Rhonda den Atem, der nach Zigarettenrauch roch. Harte Hände drückten sie im Hochkommen zurück auf den Sitz.

Jetzt hörte sie die dumpfen Schläge und das Stöhnen, Floyds Schmerzenslaute. Diese Schläge waren es, die den Wagen ins Schaukeln brachten. Rhonda spürte, wie ihr Körper starr wurde vor Entsetzen. Es war wie eine Lähmung. Die Droge hatte ihre Wirkung verloren.

Floyd schrie plötzlich auf.

»Genug«, sagte der Schatten an der Beifahrerseite über das Wagendach hinweg.

Sie rissen die Tür wieder auf und stießen Floyd zurück auf den Fahrersitz. Rhonda fürchtete sich davor, ihn anzusehen. Sie hörte nur sein Stöhnen. Es traf sie bis ins Innerste.

»Wir haben ein paar Takte zu reden«, sagte der, der neben Rhonda stand. Nach dem herrischen Klang seiner Stimme zu urteilen, war er der Anführer.

Rhonda blickte zu ihm auf. Ihr Instinkt veranlaßte sie dazu. Wenn er ein Mensch war, mußteer doch Mitleid haben. Sicherlich erkannte er, in welche Ängste er sie stürzte.

Der Mann hatte einen buschigen Schnauzbart mit herabhängenden Enden. Seine Augen waren schmal, zusammengekniffen. Die strähnigen braunen Haare reichten ihm bis auf den Kragen.

»Was haben wir Ihnen getan?« rief Rhonda verzweifelt. »Unser Auto ist alt und verrostet. Und das bißchen Geld, das wir in der Tasche ha…«

Der Mann lachte. Seine volltönende Baßstimme trieb Rhonda eine Gänsehaut über den Rücken. »Das hast du voll drauf, Kleines. So richtig schön auf die Tränendrüse drücken, was?«

Er ging neben ihr in die Hocke und legte seine rechte Hand auf ihren Oberschenkel. Es war eine besitzergreifende Geste, die seinen Machtanspruch veranschaulichte. »Vergiß es! Wir halten uns nicht mit Nebensachen auf. Was habt ihr mit dem FBI zu tun, du und dein Bruderherz?«

»Mit wem?« entgegnete Rhonda. Sie verstand überhaupt nichts.

Floyd räusperte sich mühevoll. »Ein Zufall«, stöhnte er, denn er hatte schlagartig begriffen, was das Auftauchen der Schläger bedeutete. Sie waren die Komplizen des Mannes, der in der Discothek gestorben war. »Die FBI-Beamten waren hinter diesem Smithson her.«

Der Schnauzbärtige stieß einen Knurrlaut aus.

Rhonda sah ihn an. Sie versuchte, in seinem Furchengesicht zu lesen. Auf einmal wurde ihr klar, was ihr Bruder viel eher verstanden hatte. Der Kerl, der sie in der Discothek bedrängt hatte, war nicht etwa zufällig dort eingedrungen.

»Allright«, sagte der Mann neben ihr und nahm seine Hand von ihrem Oberschenkel. Er schien sich mit Floyds Erklärung zufriedenzugeben. »Ändern können wir sowieso nichts mehr. In der Zukunft liegt unser Glück. Also lassen wir die Vergangenheit ruhen!«

Er lachte wieder, stolz auf seine Formulierung. Unvermittelt zog er ein Hochglanzfoto aus der Innentasche seiner Jacke und hielt es Rhonda vor das Gesicht.

Sie brachte keinen Ton mehr hervor. Und an Floyds plötzlich stockendem Atem hörte sie, wie erschrocken auch er war.

Dieses Reihenhaus mit seiner verwaschenen Fassade. Das Stückchen Himmel; das von den Industrieschloten verdunkelt war. Der erbärmliche kleine Vorgarten und der Zaun mit der abgeblätterten Farbe. Und davor der Mann und die Frau in ihrer typischen Haltung, wie sie sich mit einem Nachbarn unterhielten.

Das Bild war noch nicht alt. Vielleicht erst vor ein paar Tagen oder Wochen aufgenommen.

»Ihr beiden Hübschen wollt doch nicht, daß euren Eltern was passiert, habe ich recht?« Der Schnauzbärtige steckte das Bild wieder ein. Dann überlegte er es sich anders, zog es wieder heraus und klatschte es Rhonda auf die Schenkel. »Behalte es, Kleines! Wir haben das Negativ.«

Sie nahm das Bild auf. Ihre Finger zitterten. »Woher… haben… Sie das?« stammelte sie tonlos.

»Wir haben gute Freunde in Belfast.« Der Mann lachte erneut. »Wie auch immer, ihr wißt es besser als wir: Da drüben lebt man verdammt gefährlich. Ehe man es sich versieht, geht einem eine Bombe unter dem Hintern hoch. Euren Eltern kann das natürlich auch jederzeit passieren, das wißt ihr. Anschließend gibt’s einen anonymen Anruf bei der Zeitung, und dann weiß alle Welt mal wieder, daß Britenfreunde und Verräter in Nordirland des Todes sind.«

»Aber unsere Eltern haben mit Politik überhaupt nichts zu tun«, entgegnete Rhonda verzweifelt. »Sie haben sich immer aus allem herausgehalten.«

Der Schnauzbärtige gluckste, und auch die Schläger auf der anderen Seite des Wagens kicherten. »Das weißt du, Kleines. Aber außer dir und deinem Bruderherz weiß es wahrscheinlich kein Mensch. Begriffen? Wenn man in Belfast jemand ins Jenseits befördert, dann glaubt man zunächst, daß es aus politischen Gründen geschieht. Aber zur Sache!«

Diesmal legte er beide Hände auf ihre Oberschenkel. Seine Stimme senkte sich zu kalter Eindringlichkeit. »Ihr beiden Hübschen werdet genau das tun, was wir euch sagen, Und ihr werdet kein Sterbenswörtchen darüber verlieren. Auch nicht darüber, daß wir dieses nette kleine Gespräch hatten. Denkt dran, wie schnell in Belfast eine Bombe hochgehen kann!«

Rhonda und Floyd sahen fortwährend nur ihre Eltern vor sich, während der Fremde seine Anordnungen gab.



4

John D. McKee klappte den dünnen Schnellhefter zusammen und legte seine Künstlerhände übereinander. Sein silbergraues Haar hatte diesen sanften Schimmer, wie er stets vom Licht der Schreibtischlampe hervorgerufen wurde. Jemand, der den Chef des FBI-Distrikts New York nicht kennt, wird ihn vielleicht für einen Musiker oder Schriftsteller halten. Daß er sein Leben ausschließlich und unwiderruflich dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet hat, wissen nur die wenigen, die miterleben mußten, wie Gangster seine nächsten Angehörigen umbrachten.

Milo und ich gehörten zu den Menschen, denen John D. McKees persönliches Schicksal bekannt ist.

Eindringlich sah er uns an. »Wir werden Schwierigkeiten bekommen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß bestimmte Journalisten ihre besonderen Geschichten aus Smithsons Tod machen werden.«

In der Tat nicht. Smithson, so hatte die Obduktion ergeben, war den inneren Verletzungen erlegen, die er beim Sturz erlitten hatte. Die beiden Geschosse aus unseren Dienstrevolvern wären in keinem Fall tödlich gewesen. Das hatte das Pathologenteam in seinem ersten Gutachten ausdrücklich bescheinigt. Andererseits konnten wir uns alles Mögliche bescheinigen lassen — es würde bestimmte Journalisten garantiert nicht daran hindern, die Geschichte so zusammenzubasteln, wie sie ihnen am besten gefiel.

»Versuchen wir doch, das Pferd anders herum aufzuzäumen!« schlug ich vor. »Warum Ikey Smithson in die Discothek marschierte wissen wir nicht. Daß er es tat, wissen wir von einem V-Mann. Und Ikey hatte nicht die leiseste Ahnung, daß er oder seine Auftraggeber irgendwann belauscht wurden. Deshalb drehte er durch, als er uns sah. Er verlor völlig den Verstand und beging in seiner Angst eine tödliche Dummheit.«

»Wir haben ihn bei einer versuchten Vergewaltigung erwischt«, warf Milo ein.

Ich blickte ihn an und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es so war. Und daß Ikey kein Handtaschenluchs ist, wissen wir ebenfalls. Es bleibt also alles an der einen Frage hängen: Weshalb taucht ein hochkarätiger Gangster nachmittags in einer Nobeldiscothek auf, in der gerade eine Musikprobe läuft?«

»Möglichkeiten gibt es genug«, sagte der Chef. »Smithson kann einert geeigneten Platz für eine Bombe gesucht haben. Oder er hat sich nach einem Platz für einen Scharfschützen umgesehen. Prominentendiscos sind für Attentäter nicht die schlechteste Ausgangsbasis. Wir werden das Abilene auf jeden Fall von jetzt an überwachen. Aber ich fürchte, das hilft uns nicht weiter.«

Ich stand auf. »Ich kümmere mich um Rhonda Dailey, Sir. Sie müßte inzwischen vernehmungsfähig sein.«

»Einverstanden«, sagte der Chef und nickte. Dann wandte er sich Milo zu. »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich mit der Presseverlautbarung befassen und anschließend die Pressekonferenz leiten.«

Gemeinsam verließen wir das Büro des Chefs.

»Ich ziehe den Papierkrieg an wie ein Magnet«, seufzte mein Freund mit unüberhörbarem Vorwurf. »Warum zum Teufel meldest du dich nicht freiwillig für die Pressekonferenz?«

»Mit den Sensationsgeiern wirst du besser fertig«, behauptete ich. »Keiner läßt diese Typen so eiskalt abfahren wie du.«

Ich spürte, wie er mich forschend von der Seite ansah. Ich nickte bekräftigend. Meine Bemerkung war durchaus ernst gemeint, auch wenn sie nicht ganz so klang. Milo verstand es in der Tat hervorragend, im Umgang mit Reportern beherrscht zu bleiben.



5

Bremsleuchten glühten funkelnd rot auf gelben Taxikarosserien. Ein ganzer Pulk davon hielt vor mir an der Kreuzung West Broadway und Canal Street. Manchmal kommt es einem vor, als ob halb New York in Taxis unterwegs ist. Vor allem abends, wenn die Leute befürchten müssen, daß der eigene Wagen aufgebrochen und ausgeplündert wird, sobald sie ihn irgendwo unbeaufsichtigt abstellen.

Die Ampel sprang auf Grün um, und ich folgte dem Teil des Taxischwarms, der nach links in die Canal Street einbog. Passantenscharen wogten auf den Bürgerstiegen hin und her. Greenwich Village war nur einen Katzensprung entfernt, und wer nach Little Italy oder Chinatown will, muß die Canal Street benutzen. Touristen genossen wie an jedem Abend den Reiz der fremdländischen Atmosphäre. Hochkonjunktur für Langfinger!

Die Hausnummer, die Floyd Dailey mir genannt hatte, gehörte zu einem alten Backsteingebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Fassade war grau vom Straßenstaub. Im Erdgeschoß befand sich ein Maklerbüro, dessen Fenster vergittert und zusätzlich mit heruntergelassenen Rolläden gesichert waren.

Ich stellte meinen Jaguar in eine Halteverbotszone. An die heruntergeklappte Sonnenblende klemmte ich das Schild Police mit dem amtlichen FBI-Siegel.

Im Hausflur lag der Geruch von erkalteten Essensdünsten dieses Tages. Kinder balgten sich lärmend im Schein der Notbeleuchtung vor der Hintertür. Ich bahnte mir meinen Weg durch einen knöchelhohen Fußbodenbelag aus Limonadendosen, Zigarettenschachteln, Kekskartons und Styroporverpackungen, an denen noch der Ketchup von Hamburgern klebte.

Die Wohnung der Geschwister Dailey befand sich im 3. Stock, nur erreichbar über eine schmutzstarrende Treppe. Das Pappschild, das den Fahrstuhl als Außer Betrieb auswies, war bereits vergilbt.

Rhonda öffnete mir die Tür. Mit meinem Gesicht wußte sie nichts anzufangen. Sie hatte das Geschehen in der Discothek aus ihrem Bewußtsein verdrängt.

Nach dem Gespräch mit Mr. McKee hatte ich Dr. Coates angerufen, den Notarzt. Er berichtete mir, daß Rhonda von ihrem Bruder abgeholt worden war. Dr. Coates machte mir wenig Hoffnung, daß ich von Rhonda etwas Brauchbares erfahren würde. Sie war »ruhiggestellt« worden, wie die Mediziner sagen. Vielleicht sah sie selbst die schlimmsten Erinnerungen in rosaroten Farben.

Ich hielt ihr das aufgeklappte Lederetui hin und ließ ihr Zeit, den Silberadler zu betrachten und den Text der ID-Card zu studieren.

»Trevellian«, sagte ich. »Wir sind uns im Abilene begegnet, Miss Dailey. Heute nachmittag.«

Ihre Augen erhellten sich. »Oh, jetzt weiß ich. Bitte kommen Sie herein! Sie wollen mich vernehmen? Ich glaube, ich war ziemlich durcheinander, als… als…« Sie suchte nach Worten.

»Das kann Ihnen niemand übelnehmen«, sagte ich lächelnd und folgte ihr in die Wohnung. Die Einrichtung war adrett und geschmackvoll. Ein krasser Gegensatz zu dem heruntergekommenen Treppenhaus.

Floyd Dailey saß im Living-room auf einem flachen, cordbespannten Sitz. Erstaunt blickte er zu mir auf. Zwischen den steilen Falten seiner Stirn las ich ein unwilliges Sie schon wieder?. Ich kam mir vor wie einer dieser aufdringlichen Detektive im Fernsehen, die die Verdächtigen durch ständiges Aufkreuzen nerven und schließlich zur Verzweiflung treiben.

Mein Erstaunen war nicht minder groß. Die Schrammen und Beulen in Floyds Gesicht waren nicht zu übersehen. Auf seiner Kinnspitze prangte ein Heftpflaster.

»Schwierigkeiten gehabt?« erkundigte ich mich und setzte mich ihm gegenüber.

Rhonda schenkte mit mechanischen Bewegungen dampfenden Kaffee ein und schob mir einen Becher zu. Ich bedankte mich mit einem Nicken.

»Nichts Besonderes«, sagte ihr Bruder nuschelnd.

»Das ist alles?« entgegnete ich, als ich merkte, daß er nicht weiterreden wollte.

»Was wollen Sie denn noch hören?« Er zog die Brauen zusammen. »Bin ich Ihnen einen lückenlosen Bericht über meinen Tagesablauf schuldig?«

»Floyd«, sagte ich kopfschüttelnd, »im Abilene hatte ich den Eindruck, daß man vernünftig mit Ihnen sprechen kann. Was ist dazwischen gekommen, daß sich das jetzt ändern muß?« Ich beobachtete Rhonda aus den Augenwinkeln. Ihre Finger krampften sich um den Kaffeebecher, den sie mit beiden Händen hielt. Sie vermied es, mich anzusehen.

»Es ist nichts dazwischengekommen, und es hat sich nichts geändert«, brummte Floyd. »Was ich weiß, habe ich Ihnen gesagt. Wenn ich ein paar Strolche auf frischer Tat dabei ertappe, wie sie unsere Wohnungstür aufbrechen wollen, dann lassen Sie sich gesagt sein, daß das in dieser Gegend wirklich nichts Besonderes ist!«

»Haben Sie Anzeige erstattet?« fragte ich geduldig. Ich konnte an seiner Nasenspitze sehen, daß er log.

»Zwecklos.« Er winkte ab. »Die Tür ist noch nicht mal beschädigt. Ich könnte auch keine Personenbeschreibung von den Kerlen abgeben, so schnell sind die verschwunden. Außerdem…« Sein Blick wurde herausfordernd. »Seit wann sollte die New Yorker Polizei etwa in der Lage sein, die Bürger vor der Alltagskriminalität zu schützen?«

»Die City Police leistet hervorragende Arbeit«, sagte ich scharf. »Ich halte nichts davon, wenn Vorurteile zu Tatsachen hochgespielt werden. Aber weichen wir nicht vom Thema ab! Sie bleiben bei Ihrer Darstellung vom Einbruchsversuch?«

»Was denn sonst?« Er brauste auf. »Bin ich etwa wegen irgend etwas verdächtig? Meine Schwester wird überfallen und fast vergewaltigt, und Sie kommen her und tun so, als ob ich ein gottverdammter Halunke wäre!«

»Welchen Eindruck Sie haben, ist Ihre Sache.« Ich zündete mir eine Zigarette an. Es hatte keinen Sinn, sich in die Schlägerei zu verbeißen, in die er offensichtlich verwickelt gewesen war. Er begriff nicht, daß er mir durch sein Schweigen nur um so deutlicher machte, wieviel an der ganzen Sache rätselhaft war.

Ich wandte mich seiner Schwester zu. »Rhonda, ich muß Ihnen ein paar Fragen stellen. Dr. Coates meinte, daß er Sie einigermaßen aufgepäppelt hat.«

Sie lachte. Es klang übertrieben. »Aber ja, Mr. Trevellian. Ich fühle mich so wohl, daß Floyd schon meinte, ich würde süchtig nach den Beruhigungspillen, die ich geschluckt habe.«

Ich spürte, daß sie abzulenken versuchte. Deshalb ging ich sofort auf den Kernpunkt los. »Der Mann, der Sie in der Discothek überfallen hat — was wollte er von Ihnen?«

Sie blickte mich mit großen, staunenden Augen an, als hätte ich sie gefragt, wieviel zwei und zwei ist.

»Aber… Aber was ist daran denn noch unklar? Er wollte mich vergewaltigen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt. Wenn Sie nicht eingegriffen hätten, würde ich jetzt wohl nicht hier sitzen. Dieser gemeine Kerl war wie ein… wie ein Tier!« Ich spürte, wie sie sich in die Vorstellung hineinsteigerte. Sie war so weit, daß sie vermutlich selbst an die Version von der Vergewaltigung glaubte.

»Rhonda«, sagte ich rauh, »es tut mir leid, aber ich kann Ihnen das einfach nicht abnehmen. Smithson ist mit einer festen Absicht in die Discothek eingedrungen. Ich werde herausfinden, was für eine Absicht es war. Und wenn Sie auch nur die leiseste Ahnung haben, tun Sie besser daran, es mir jetzt zu sagen.« Rhondas Augen nahmen einen flehentlichen Ausdruck an. »Mr. Trevellian, ich bitte Sie, drohen Sie mir nicht! Was immer dieser Verbrecher vorgehabt hat, er hat mir nichts davon verraten. Mein Pech war es einfach, daß ich ihm zufällig über den Weg gelaufen bin.«

Ich nickte grimmig. Dann sah ich Floyd an. Sein Gesicht war wie gemeißelt. Also hatten sie sich auf eine gemeinsame Aussage geeinigt. Ich konnte beim besten Willen nicht begreifen, was sie vor mir verbergen wollten.

»Gut«, sagte ich und schob meine Karte mit der dienstlichen Telefonnummer auf den Tisch. »Falls Ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt der Sinn danach stehen sollte, mir mehr zu erzählen, dann rufen Sie mich an!«

»Es gibt nicht mehr zu erzählen«, sagte Rhonda. Diesmal klang ihre Stimme beinahe trotzig. »Glauben Sie mir, ich bin froh, daß ich diesen Alptraum mit halbwegs heiler Haut überstanden habe.«

»Dann wünsche ich Ihnen, daß der Alptraum wirklich zu Ende ist.« Aus meiner Verständnislosigkeit machte ich kein Hehl.

Rhonda nagte auf ihrer Unterlippe. Sie senkte den Kopf und sagte nichts mehr.

»Sonst noch was?« fragte ihr Bruder angriffslustig.

»Nichts Besonderes«, entgegnete ich mit frostigem Lächeln. »Nur ein bißchen persönlichen Hintergrund brauche ich noch von Ihnen beiden.«

Floyd schickte einen entnervten Blick zur Zimmerdecke. Dann gab er seiner Schwester einen auffordernden Wink.

»Fang schon an, Rhonda! Sag deinen Lebenslauf auf!« Er sah wieder mich an. »Und dann werden wir Vorgeladen und müssen den ganzen Kram noch mal von vorn runterbeten, stimmt’s? So sieht und liest man’s ja dauernd.«

Ich nahm einen Schluck von dem Kaffee, der hervorragend war. »Bevor Sie sich an Vorurteilen hochziehen, Floyd, sollten Sie sich mit der Wirklichkeit besser vertraut machen. Mit der Polizei hatten Sie bislang jedenfalls noch nichts zu tun. Nicht hier in den Staaten.«

Diesmal sahen sie mich beide staunend an.

»Woher wissen Sie…?« setzte Rhonda an.

»Ich habe oft genug mit Iren zu tun gehabt, um ihren Akzent zu erkennen«, antwortete ich. »Bei Ihnen beiden tippe ich auf Nordirland, Belfast oder Londonderry.«

»Belfast«, sagte Floyd, und der Stolz auf seine Herkunft ließ ihn ein wenig auftauen.

»Sind Sie eingewandert?« erkundigte ich mich. »Wenn ja, wann und warum?«

»Das war vor fünf Jahren«, antwortete Rhonda. Ihre Stimme klang nach wie vor gepreßt. Die Erinnerung an ihre nordirische Heimat schien ihr weniger Freude zu bereiten als ihrem Bruder. »Inzwischen haben wir die US-Staatsbürgerschaft. Nordirland haben wir verlassen, weil es dort keine Zukunft für uns gab. Wir studieren beide Musik, müssen Sie wissen. Mein Fach ist Konzertgitarre. Floyd hat sich auf Klavier und Harfe festgelegt. Ich gebe nebenbei Unterricht in Abendkursen und Privatstunden. Floyd ist viel aktiver. Er spielt in der Gruppe mit, die Sie heute gehört haben — Equalizer. Außerdem spielt er Football und geht einmal die Woche zum Bodybuilding.«

Ich nickte anerkennend, »Muß man als Pianist und Harfenist nicht höllisch auf seine Hände aufpassen?« sagte ich und warf einen bezeichnenden Blick auf Floyds Schrammen im Gesicht.

Seine Miene verdüsterte sich wieder. »Was ich in meiner Freizeit anstelle, ist wohl meine Privatsache, oder? Und um meine Hände brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Ich sage es ihm auch immer«, versuchte Rhonda die Anspannung zu mildern. »Aber er hört einfach nicht auf mich. Immer mit dem Kopf durch die Wand!«

Ich sah Rhonda an. Sie wich meinem Blick aus. Zwecklos. Redselig wurde sie nur dann, wenn es um eine Nebensache ging. Den Schutzschild, den sie um sich aufgebaut hatte, konnte ich nicht durchdringen. Bei Floyd funktionierte das noch viel weniger.

Ich ließ die beiden allein. Aber sie würden mich nicht das letzte Mal gesehen haben. Vielleicht brauchten sie Abstand von den Dingen, soviel mußte ich ihnen zugestehen.

Als ich aus dem schmuddligen Hauseingang trat, hatte ich dieses Gefühl, daß mich jemand durchdringend musterte. Ich verharrte und blickte nach beiden Seiten. Der Strom der Fußgänger war noch nicht dünner geworden. Möglich, daß einer an einem parkenden Wagen gelehnt und den Hauseingang beobachtet hatte. Jetzt war jedenfalls nichts mehr zu sehen.

Ich ging zu meinem Jaguar, ließ mich hinter das Lenkrad sinken, sc Hob mir eine Zigarette zwischen die Zähne, rauchte und blickte auf die lange Motorhaube, ohne sie wahrzunehmen. Ikey Smithson war kein kleiner Fisch gewesen. Diese Erkenntnis war für mich nicht neu.

Naheliegend, daß seine Auftraggeber herauszufinden versuchten, wieviel wir wußten. Oder galt das Interesse ausschließlich den Geschwistern Dailey?

Ich rief den Chef über Funk und informierte ihn in Stich worten über das ergebnislose Gespräch. »Ich möchte die beiden beschatten lassen«, fügte ich hinzu. »Damit wir vorankommen… und zu ihrem eigenen Schutz.«

»Nichts dagegen einzuwenden, Jesse. Nur werde ich für diese Nacht keine Kollegen mehr loseisen können. Morgen bei Dienstbeginn läßt es sich dann einrichten.«

»In Ordnung, Sir. Ich übernehme die erste Überwachung selbst.«

Ich fuhr einmal um den Block und stellte meinen roten Flitzer dann auf einen Parkplatz schräg gegenüber dem Backsteinhaus.

In der Wohnung von Rhonda und Floyd brannte noch Licht. Dabei blieb es während der nächsten Stunden.

Milo kreuzte sehr bald mit einem Taxi auf, schwang sich neben mir auf den Beifahrersitz und ordnete an, daß ich mir eine Mütze voll Schlaf zu gönnen habe.

Auf diese Weise wechselten wir uns während der nächsten Stunden ab. Gegen 2 Uhr morgens erlosch in der Wohnung das Licht. Noch vor Tagesanbruch beendeten wir die Beobachtung. Keine auffällige Gestalt hatte sich für das Haus oder die Wohnung interessiert.

Ich fuhr nach Hause und nahm ein Bad.



6

Reuben Jackson gefiel den Geschwistern auf Anhieb. Ganz und gar nicht der Typ des zerstreuten Professors, der ständig belehrend auf einen einredete und sonst nie ganz richtig bei der Sache war. Nein, in Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen wirkte Jackson mit seinen 52 Jahren überaus sportlich. Er war mittelgroß und durchtrainiert und hatte aschgraues Haar. Sein Alter hatten Rhonda und Floyd von der Agentur erfahren. Es war wichtig, die persönlichen Daten des Auftraggebers zu kennen, wenn man mit ihm zurechtkommen wollte.

Floyd deutete mit einer verlegenen Kopfbewegung auf den Mercedes, den er draußen vor dem Gartentor hatte stehen lassen. »Entschuldigen Sie, Sir, aber die Rostlaube ist hier wohl völlig fehl am Platze. Hoffentlich haben Sie eine freie Garage, in der ich den Wagen verstecken kann.«

Reuben Jackson winkte lachend ab und führte die Geschwister durch den weitläufigen Garten auf das Haus zu. Eine Villa, eingeschossig, mit verwinkelten Trakten. Kein Prunkbau im üblichen Sinn. Auch waren die Pflanzen im Garten in weiten Teilen ungehindert und wild gewachsen. Ökologiefans hätten ihre helle Freude daran gehabt.

Der Hausherr machte Rhonda und Floyd mit seiner Ehefrau bekannt. Meryl Jackson war eine schlanke, fast zierliche Frau, die das dunkle Haar zu einem strengen Knoten gebunden hatte. Als ehemalige Tänzerin an der Metropolitan Opera hatte sie im Gesellschaftsleben einen Namen. Diesem Ruf verdankte sie es, daß ihre private Ballettschule für Kinder reicher Eltern bestens florierte. Einer der Gebäudetrakte war für diesen Zweck eingerichtet — Ballettsaal, Umkleideräume, Duschen, Aufenthaltsraum.

Rhonda und Floyd sahen sich den Rest des Haues an und ließen sich dann von Reuben Jackson zurück zum Gartentor begleiten.

»Dann sind wir uns also einig?« fragte er, nachdem er den beiden die Hand gegeben hatte. »Sie treten Ihren' Dienst gleich morgen früh um 7 Uhr an. In Ordnung?«

Rhonda und Floyd wechselten einen Blick.

»Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir unsere Sachen schon heute nachmittag bringen?« fragte Rhonda. »Die Fahrt von Manhattan nach Staten Island ist gerade morgens ziemlich langwierig und…«

»Oh, verzeihen Sie!« rief Jackson und schüttelte den Kopf über seine eigene Gedankenlosigkeit. »Natürlich können Sie Ihre Zimmer schon heute nachmittag beziehen. Und bringen Sie Ihre Musikinstrumente mit, zum Üben! Den Flügel im Ballettsaal können Sie selbstverständlich benutzen.«

»Vielen Dank, Sir«, antwortete Floyd, der dankbar dafür war, daß Jackson keine Fragen wegen seiner Schrammen im Gesicht gestellt hatte. »Das hört sich bald so an, als ob wir die Urlauber sind, die hier einziehen.«

»Warum nicht?« entgegnete der Hausherr schmunzelnd. »Ein Kaufmann würde es als Zugum-Zug-Geschäft betrachten. Meine Frau und ich können uns beruhigt in Florida sonnen, und Sie verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen. Hauptsache ist ja, daß das Haus während unserer Abwesenheit nicht leersteht.«

»Haben Sie etwas von Keith gehört?« fragte Floyd und erntete dafür prompt einen tadelnden Blick seiner Schwester.

Reuben Jacksons Schmunzeln schwand. »Nein«, sagte er heiser. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo er sich herumtreibt. Offen gestanden — es interessiert mich auch nicht.« Er straffte seine Haltung und lächelte wieder. »Also dann, bis heute nachmittag!«

Nachdem sie in den Wagen gestiegen waren, wartete Rhonda, bis sie außer Sichtweite waren, als hätte Jackson ihr Gespräch andernfalls mithören können.

»Manchmal bist du ein ungehobelter Klotz«, sagte sie ärgerlich. »Du weißt doch, daß Keith mit seinem Vater nichts mehr zu tun haben will.«

»Was wohl auf Gegenseitigkeit beruht.«

»Eben drum. Mußt du ihn dann ausgerechnet darauf ansprechen?«

Floyd zog die Schultern hoch und bedankte sich für die angezündete Zigarette, die Rhonda ihm zwischen die Lippen schob.

»Manchmal frage ich mich eben, warum man nicht ein bißchen vermitteln kann. Schließlich haben wir Mr. Jackson durch Keith kennengelernt. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte er bei der Agentur nicht ausdrücklich uns für den Job verlangt.«

Rhonda blies den Rauch ihrer Zigarette gegen die Windschutzscheibe. »Du kannst es drehen und wenden, wie du willst. In zwei Jahren hat sich einiges geändert. Im übrigen…« Sie atmete tief durch. »… sollten wir uns nicht selbst etwas vormachen. Wir .können von morgens bis abends über Gott und die Welt reden und so tun, als ob das alles viel, viel wichtiger ist als unsere eigene Sache. Nützen wird es uns doch nichts.«

Floyd lachte rauh. »Was denkst du, was Keith an unserer Stelle tun würde? Der würde mit Kußhand bei seinem alten Herrn herumschnüffeln — wenn der ihn nur in die Wohnung ließe!«

Rhonda sah ihren Bruder bestürzt an. Aber wahrscheinlich hatte er recht. Keith verachtete seine Eltern und würde bestimmt alles tun, um ihnen zu,schaden.

Sie, Rhonda und Floyd dagegen, liebten ihre Eltern und taten alles, damit ihnen nichts geschah. Sie hatten das Gefühl, in einer aberwitzigen Welt zu leben.



7

Das Motorgeräusch gefiel mir nicht. Ein Tag, der miserabel angefangen hatte und miserabel endete, ohne daß ich das geringste dazu getan hatte. Es würde allem die Krone aufsetzen, wenn die Jaguarmaschine jetzt auch noch Schwierigkeiten machte.

Ich ließ den Flitzer in die Garage rollen, kurbelte die Scheibe herunter und horchte auf den Motorenklang. Unrunder Lauf. Irgend etwas mit der Zündung, mehr nicht. Ich beschloß, am nächsten Morgen zur Service Station zu fahren und die Kleinigkeit beheben zu lassen.

Angefangen hatte es gleich morgens mit einer Hiobsbotschaft. Die Kollegen, die für die Beschattung an der Canal Street eingeteilt worden waren, meldeten Fehlanzeige. Rhonda und Floyd Dailey hatten ihre Wohnung bereits verlassen und waren auch nicht wieder aufgetaucht. Waren Sie von jemand vor uns gewarnt worden? Die sofort angelaufene Fahndung hatte uns bislang auch nicht weitergebracht.

Dann das Theater mit den Zeitungen. Ich hatte mich zu früh gefreut, wenn ich glaubte, damit nichts zu tun zu haben. Den ganzen Tag über mußten wir uns mit Redakteuren und Reportern herumschlagen, die sich in den Fall Smithson verrannten. Mit aller Gewalt versuchten einige von ihnen, uns so etwas wie Selbstjustiz anzuhängen. Das Obduktionsergebnis hätten sie am liebsten unter den Teppich gekehrt.

Ich verwendete geraume Zeit darauf, mich mit ihnen über diesen Punkt auseinanderzusetzen. Ob sie unseren Standpunkt am Ende wirklich berücksichtigen würden, war keineswegs sicher.

Die ersten Schlagzeilen in den Morgenausgaben hatten uns in dieser Hinsicht keineswegs ermutigt.

Die Boulevardblätter hatten die Geschichte so aufgezäumt, wie sie sich am besten verkaufen ließ. Da stand dann eben fest, daß wir, die G-men, Ikey Smithson verfolgt und getötet hatten. Seriösere Zeitungen drückten sich vorsichtiger aus. Sie meldeten nur, daß Smithson bei einer Verfolgungsjagd durch FBI-Beamte den Tod gefunden hatte. Ob sich der kleine Unterschied im Endeffekt günstiger für uns auswirkte, war allerdings fraglich.

Wenn man es allzu ernst nahm, konnte man meinen, den Verstand zu verlieren. Unser Fall wurde dazu mißbraucht, ein Vorurteil zu nähren — das nämlich, das auch Floyd Dailey in den wenigen Jahren seiner Staatsbürgerschaft bereits als vorgefaßte Meinung übernommen hatte: Die Polizeigewalt ist wirkungslos und zudem bei der Strafverfolgung den Bürgern gegenüber brutal und selbstherrlich.

Ich versuchte, die Gedanken zu verscheuchen. Doch mir war klar, daß das rechte Feierabendgefühl nicht aufkommen wollte. Ein wenig bedauerte ich es, Milo schon an der üblichen Ecke abgesetzt zu haben. Vielleicht hätte ich doch besser vorschlagen sollen, auf einen Drink in unserem Stammlokal vor Anker zu gehen. Aber nach dem nervenaufreibenden Tag und der vergangenen Nacht waren wir einfach hundemüde. Zum Grübeln würde nicht viel Zeit bleiben.

Ich nahm den Seitenausgang. Behelfsleuchten erhellten den Baustellenbereich zwischen Garage und Wohngebäude. Der Fußweg zum Vordereingang war mit Trassierband abgegrenzt. Ich nahm mir für den nächsten Tag vor, mich mit den Presseleuten überhaupt nicht abzugeben. Vielmehr würde ich mich um Rhonda und Floyd Dailey kümmern.

Die Baustelle war ein Ärgernis. Seit fünf Wochen wühlten sie schon in der lehmigen Erde herum und versuchten, das Fundament des Gebäudes freizulegen. Feuchtigkeitsschäden im Beton sollten beseitigt werden. Die Mieter hatten bereits eine Interessengemeinschaft gebildet. Wenn die Schäden nicht behoben werden konnten, wollten alle Mietminderung fordern.

Die gesamte Fläche zwischen Garage und Wohnhaus war ein einziges Durcheinander von Maschinen, Gerätschaften und Baustoffen. Wenigstens hatten sie den Weg zwischen den Trassierbändern behelfsmäßig mit Holzbohlen ausgelegt.

Ein Schatten wuchs von links auf mich zu. Im selben Moment hörte ich das tiefe Summen, das die Bewegung begleitete.

Ich wirbelte herum, ich wollte ausweichen. Zu spät! Wie in einer Momentaufnahme sah ich die Einzelheiten — nur für eine Hundertstelsekunde.

Eine Baggerschaufel schnellte auf mich zu, bewegt von einem riesigen gelblackierten Gelenkarm. Im Führerhaus der helle Fleck eines Gesichts! Ich meinte, einen Schnauzbart zu sehen. Und ein teuflisches Grinsen.

Der stählerne Hieb traf mich, als ich zur Seite springen wollte. Rasender Schmerz durchzuckte mich vom linken Oberarm her und jagte w& ein Stich durch meinen Körper. Die Muskeln gehorchten mir nicht mehr. Ich wurde zur Seite geschleudert wie eine leblose Gliederpuppe. Das Trassierband zerriß mit einem Peitschenknall.

Ich stürzte ins Leere. Die Tiefe war schwarz und scheinbar endlos.

Im Fallen schlug ich gegen rauhen Beton, schrammte mit dem Rücken daran hinunter und schlug mir fast den Schädel ein. Feurige Ringe tanzten vor meinen Augen, und der Schmerz loderte wie eine Gluthölle in mir.

Klatschend schlug ich ins Wasser. Schlamm nahm mich gefangen wie eine kalte, glitschige Riesenhand. Instinktiver Überlebenswille verhalf mir zur richtigen Reaktion.

Ich rührte mich nicht. Erst nach und nach begriff ich, daß ich mit'dem Gesicht auf der Stelle lag, halb im Schlamm. Aber immerhin konnte ich atmen, ohne mich dabei bewegen zu müssen.

Nässe kroch an mir hoch. Mindestens mit den Beinen mußte ich im lehmigen Wasser liegen. Ich riskierte es nicht, mich zu überzeugen. Es war ein Wunder, daß ich nicht das Bewußtsein verloren hatte.

Eine Sekunde lang spielte ich mit dem Gedanken, mich herumzuwälzen und den 38er zu ziehen. Doch ich gab den Gedanken sofort wieder auf. Keine Chance! meine Bewegungsfreiheit war begrenzt, und ich hatte keinerlei Deckung.

Sie brauchten nicht einmal auf mich zu schießen. Sie konnten in aller Ruhe ein paar Kubikmeter Sand mit dem Bagger abwärts schieben und mich lebendig begraben. Oder sie ließen zwei Paletten Ziegelsteine auf mich herabregnen. Die Vorstellung ließ mich erschaudern.

Ein Lichtstrahl flammte auf und geisterte suchend durch die schluchtähnliche Grube, die etwa zehn Meter tief war.

Ich verharrte regungslos, als das Licht mich erfaßte.

Zwei Männerstimmen klangen hohl zu mir herab.

»Erledigt. Der rührt sich nicht mehr.«

»Abwarten. Vielleicht ist er nur bewußtlos.«

»Bei der Tiefe? Mann, wenn er noch nicht krepiert ist, dann ersäuft er jetzt. Oder er erstickt. Sieh ihn dir doch an, wie er daliegt! Der kriegt gar keine Luft mehr.«

»Trotzdem. Wir warten.«

Beide schwiegen jetzt, doch der Lichtkegel blieb. Ich begriff. Einzelheiten in zehn Meter Tiefe waren nicht ganz deutlich zu erkennen. Da half auch die stärkste Stablampe nichts.

Die Kerle vermuteten also, daß ich mit dem Gesicht vollständig im Schlamm lag und nicht mehr atmen konnte. Hölle und Teufel, ich mußte alles tun, um sie in dem Glauben zu lassen! Denn zumindest einer der beiden Gangster war noch nicht überzeugt, daß ich durch den Sturz getötet worden war.

Ihr Plan war fast perfekt. Wenn sie ihre Fußspuren vollständig beseitigten, den Bagger in seine Ausgangsposition zurückbrachten und keine Fingerabdrücke hinterließen, dann stimmten alle Voraussetzungen.

Es würde so aussehen, als wäre ich einem Unfall zum Opfer gefallen.

Quälend langsam vertickten Sekunden und Minuten. Immer noch tobten Schmerzen in allen Fasern meiner Nerven. Immer heftiger verspürte ich den Drang, meine Lage zu verändern, um es erträglicher zu machen. Doch die winzigste Bewegung würde mir den Tod bringen. Kein Zweifel. Ich brachte meine ganze Willenskraft auf. Ich mußte durchhalten. -Ich hielt durch.

»Hm, sieht so aus, als ob es geklappt hat«, sagte der eine schließlich, nachdem eine halbe Ewigkeit vergangen war.

»War mir von Anfang an klar«, brummte der andere.

»Quatsch nicht! Hätte sein können, daß er nur bewußtlos war. Aber dann hätte er sich inzwischen gerührt.«

»Du kannst es ja noch mal testen.«

»Wie denn?«

»Wirf ihm einen Backstein ins Kreuz! Wenn er nicht zuckt, ist er tatsächlich abgetreten.«

»Idiot! Was glaubst du, was die Bullen denken, wenn sie da unten einen verdammten Stein finden? Außerdem hinterläßt sowas einen Bluterguß.«

»Und die Baggerschaufel, he?«

»Das kann auch durch den Sturz entstanden sein. Außerdem können die Medizinmänner genau feststellen, ob irgendwas vor oder nach dem Tod passiert ist.« Der andere gab sich mit der Erklärung zufrieden. Der Lichtkegel erlosch. Schritte entfernten sich knirschend auf dem Sand und waren gleich darauf nicht mehr zu hören.

Ich atmete auf. Ein Gefühl der Erleichterung befiel mich. Doch schon im nächsten Moment sollte ich spüren, welch ein Trugschluß dieses Gefühl war.

Ich versuchte, aus dem Wasser zu kriechen, um mich wenigstens von Nässe und Kälte zu befreien, die mich wie ein eisiger Mantel umhüllten. Ich schaffte es, meine Arme nach vorne zu bringen. Nichts war gebrochen. Alle Gelenke funktionierten.

Schwacher Trost! Der Boden, in den ich meine Hände zu graben versuchte, war weich wie Butter. Ich rutschte ab, kaum daß ich Halt zu finden suchte.

Der Erfolg war, daß ich um eine Handbreite tiefer ins Wasser glitt.

Ich fluchte leise und preßte die Lippen aufeinander. Abermals verharrte ich regungslos. Ich mußte versuchen, in vollem Umfang Klarheit Über meine Lage zu gewinnen. Unüberlegte Befreiungsversuche brachten mir nichts ein. Sie verschlimmerten die Lage eher.

Sehen konnte ich überhaupt nichts. Völlige Dunkelheit umgab mich in der Tiefe der Grube. Milo und ich hatten lange gearbeitet. Auf der Straße waren keine Fußgänger mehr unterwegs, und Wohnungsfenster gab es an dieser Seite des Gebäudes ohnehin nicht.

Nur die Fenster des Treppenhauses, das aber praktisch nie benutzt wurde, da der Fahrstuhl immer in Ordnung war — dank des hervorragenden Hausmeisters.

Nein, mit fremder Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Und wie sollte ich mich aus eigener Kraft befreien?

Erschreckend wurde mir bewußt, wie wenig ich auf die Baustelle geachtet hatte, die ich doch tagtäglich gesehen hatte — wenn auch nur frühmorgens oder spätabends. Doch immerhin hätte ich an den Wochenenden Gelegenheit gehabt, mir die Erdwühlerei näher anzusehen. Zwecklos, sich Vorwürfe zu machen. Ich mußte mit dem geringen Wissen auskommen, das ich hatte.

Man hatte an dieser Seite des Gebäudes angefangen, das Fundament freizulegen, weil hier weder Straßenverkehr noch Fußgänger behindert wurden. Und natürlich hatte man ein paar Schilder aufgestellt, die vor dem Betreten der Baustelle warnten.

Ich mußte trotz meiner scheußlichen Lage grinsen. Den abgesteckten Weg von der Garage zum Hauseingang hatte ich natürlich auf eigene Gefahr benutzt. Und vielleicht war ich ein wenig zu sehr in Gedanken versunken gewesen. Vorwürfe konnte ich nur mir selbst machen. Aber damit kam ich nicht weiter, zum Teufel!

Ich befand mich in zehn Meter Tiefe. Punktum. Etwa in Höhe des Wasserspiegels. Wie tief das Wasser noch war, wußte ich nicht einmal. Ich hatte unwahrscheinliches Glück gehabt, daß ich bei dem Absturz nicht das Bewußtsein verloren hatte. Denn dann wäre ich inzwischen zweifellos ertrunken.

Die Länge der Grube umfaßte die gesamte Länge der Gebäudemauer, also etwa 20 Meter. Ich wußte, daß die Fundamente durch eine Lehmbank bis auf den Felsenuntergrund gerammt worden waren. Keine Hoffnung also, daß ich mich irgendwo an rissigem Gestein festhalten konnte.

Und die Absicherung der Grube? Auch keine Chance. Die Stempel zwischen Beton und sichernden Bohlenplatten waren in so großen Abständen eingesetzt, daß es mir nicht viel nützte, wenn ich nur einen davon erreichte. Ein Gerüst gab es nicht da die Handwerker mit Arbeitsplattformen abgeseilt wurden.

Trotzdem konnte ich nicht tatenlos bleiben. Die Nacht war noch nicht einmal halb vorüber. Die Außentemperatur würde weiter absinken, und ich mußte mich wenigstens irgendwie bewegen, um nicht an Unterkühlung einzugehen.

Ich begann damit, den linken Arm hochzurecken — langsam und vorsichtig, um nicht noch tiefer in die kalte, lehmige Brühe zu rutschen. Behutsam bewegte ich den Arm mit ausgestreckten Fingern nach beiden Seiten.

Kein Widerstand. Nichts. Die Stützstempel befanden sich zu hoch über mir. Oder?

Okay, ich mußte systematisch Vorgehen. Mußte versuchen, die Grube in ihrer gesamten Länge zu erforschen. Vielleicht hatte ich irgendwo die Möglichkeit, mich mit einem Klimmzug ins Trockene zu bringen.

Theoretisch klang das verteufelt einfach und logisch. Aber in der Praxis wurde es zu einem Wahnsinnsunternehmen.

Ich schob mich nach rechts, denn dort hatte ich den längeren Teil der Grube vor mir. Ich schaffte ein paar Zentimeter, mehr nicht. Es war, als ob man versuchte, auf einem Abhang aus Butter voranzukommen.

Jäh ging es steiler abwärts. Fast senkrecht glitt ich ins Wasser. Eiseskälte krallte sich um meinen Oberkörper, und die Lehmbrühe klatschte mir ins Gesicht. Geistesgegenwärtig trat ich Wasser, ruderte mit den Armen und klatschte dabei immer wieder mit den Händen auf den Lehm. Mein Atem ging pfeifend, als ich Luft holte, sobald ich über die Wasseroberfläche hinaus gelangte.

Irgendwann in diesen endlosen Sekunden stieß ich mit den Füßen auf festeren Grund. Keuchend hielt ich inne. Ich konnte frei atmen. Aber das Wasser stand mir bis zum Hals — in jeder Hinsicht.

Ich wartete, bis mein Atem wieder regelmäßig ging. Dann begann ich suchend mit dem rechten Fuß zu tasten. Ich mußte eine Art Felsvorsprung erwischt haben, der aus dem Lehm herausragte.

Tatsächlich! Ich hatte mich nicht getäuscht. Kein Vorsprung, sondern eine regelrechte Felsbank, die weiter nach rechts verlief und leicht anstieg. Ohne lange zu zögern, schob ich mich in diese Richtung. Nach und nach gelang ich höher und stand schließlich nur noch bis zur Brust im Wasser, als ich das Ende der Felsbank erreicht hatte.

Wieder hob ich die Arme und bewegte sie halbkreisförmig suchend nach beiden Seiten. Unvermittelt stieß ich mit der Linken auf einen Widerstand. Etwas Hartes, Rundes — armdick. Es gelang mir, die Finger darum zu schließen. Eine Stahlstange. Sofort griff ich mit der rechten Hand nach. Ein Gefühl unbändiger Freude stieg in mir auf. Himmel, ich mußte einen der Stützstempel erwischt haben!

Doch eine Hoffnung bedeutete das noch lange nicht. Bestenfalls konnte ich mich aus dem Wasser ziehen, wenn das Ding fest genug saß. Den nächsten Stempel würde ich jedoch nicht erreichen. Soviel stand fest. Langsam, ohne meinen sicheren Untergrund zu verlassen, setzte ich zu einem vorsichtigen Klimmzug an.

Der Stahlstempel hielt.

Wenig später wußte ich, warum. Ich spannte die Armmuskeln stärker an. Die nasse Kleidung klebte wie mit Kilogewichten an mir, als ich mich aus dem Wasser hievte. Ich rüttelte meine Reserven wach und schaffte den Aufschwung wie an der Reckstange. Ich krümmte mich leicht und schob die rechte Hand vorsichtig von mir weg.

Tastend erreichte ich die mächtige Holzkante der Bohlenplatte. Jetzt erkannte ich, weshalb der Stempel nicht abgerutscht war. Die Platte saß in einer Vertiefung im Lehm, der von Fels durchsetzt war. Und die Stahlstange war in einer mächtigen Manschette, ebenfalls aus Stahl, absolut sicher gelagert.

Ich konnte es riskieren, mich mit dem ganzen Körpergewicht nach rechts zu verlagern. Dann genügten ein erneutes Tasten und ein kraftvoller Ruck.

Es klappte auf Anhieb. Ich schwang mich auf die Oberkante der Bohlenplatte. Der Hohlraum unmittelbar darüber genügte mir. In gekrümmter Hockposition würde ich es eine Weile aushalten.

Das Erfolgsgefühl wurde allerdings gleich darauf geschmälert. So sehr ich meine Arme auch ausstreckte, einen weiteren Stahlstempel konnte ich nicht erreichen. Meine Zähne begannen zu klappern. Die Kälte drang mir bis auf die Knochen.

Irgend etwas mußte ich tun.

Ich wußte nicht genau, ob die Gangster wirklich verschwunden waren. Aber es war unwahrscheinlich, daß sie noch in der Nähe lauerten. Wenn es nach einem Unfall aussehen sollte, mußten sie darauf achten, nicht gesehen zu werden. Sehr bald schon würden vermutlich die ersten Leute zur Arbeit gehen.

Ich begann zu brüllen.

In Abständen von mehreren Minuten, um meine Stimmbänder nicht zu sehr zu strapazieren, schrie ich »Hallo!« oder »Ist da jemand?«

Als schätzungsweise eine halbe Stunde vergangen war, ohne daß sich etwas getan hatte, gab ich es auf. Die Gangster hatten sich in der Tat eine fast 100prozentig sichere Methode ausgedacht. Das Gebrüll nützte mir überhaupt nichts.

Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte an der Hauswand hoch. Die Fenster waren eine senkrechte Linie von mattschimmernden Quadraten. Ich überlegte nicht lange. Ich zog den Smith & Wesson. Er hatte nicht gelitten. Gleich mit der ersten Kugel legte ich die Fensterscheibe im Erdgeschoß in Trümmer.

Die Scherben regneten ins Treppenhaus und verursachten einen Höllenlärm, der vermutlich durchs ganze Haus dröhnte. Das hoffte ich wenigstens.

Um sicherzugehen, jagte ich auch noch eine zweite Kugel aus dem Lauf. Das Fenster im ersten Stock zerbarst scheppernd, und die Scherben ergossen sich klirrend auf die Marmorstufen.

Unser Hausmeister war ein aufmerksamer und umsichtiger Mann. Er wohnte mit seiner Familie im Erdgeschoß. Blieb nur zu hoffen, daß er nicht wie ein Murmeltier schlief. Nach dem zweiten Schuß ließ ich den Revolver sinken und wartete voller Spannung.

Licht flammte auf. Die Treppenhausbeleuchtung! Die senkrechte Kette der erhellten Fensterquadrate erschien mir wie ein gütiges Zeichen des Himmels. Ich hatte mit sofortiger Hilfe gerechnet.

Ein Irrtum! Der Hausmeister war nicht so leichtsinnig, selbst nach dem Rechten zu sehen. Wo geschossen wird, sollte man als Normalbürger seine Finger aus dem Spiel lassen. Das weiß jeder in New York City.

Folglich dauerte es ein paar Minuten, bis sich etwas tat. Sirenengeheul näherte sich hohlklingend durch die Straßenschluchten. Der Hausmeister hatte die Polizei verständigt. Weshalb die Fenster zertrümmert worden waren, konnte er schließlich nicht im entferntesten ahnen.

Nacheinander rauschten drei Streifenwagen heran. Ich hörte es an dem ersterbenden Sirenengeheul. Mit Stablampen und Handscheinwerfern drangen die Cops auf das Baustellengebäude vor.

Ich machte mich bemerkbar, und der Rest war im Handumdrehen erledigt. Mit Seilen hievten sie mich nach oben. Dem Einsatzleiter, einem Lieutenant, erstattete ich einen Kurzbericht. Er versprach, über Funk ein Spurensicherungskommando zu rufen.

Ich nutzte die Zeit, um in meine Wohnung zu eilen, trockene Sachen anzuziehen und den Chef anzurufen. Mr. McKee brauchte eine Sekunde, um die Nachricht zu verdauen.

»Geben sie mir Bescheid, wenn die Spurensicherer etwas finden!« sagte er dann.

Unten in der Eingangshalle erwartete mich die Frau des Hausmeisters mit einem dampfenden Becher Glühwein. Ich umarmte sie zum Dank und genoß das heiße Getränk, das mich von innen durchwärmte.

Eine Stunde später stand es fest: Nicht einmal verwertbare Fußspuren waren gefunden worden, geschweige denn Fingerprints. Wer auch immer ein Interesse daran hatte, mich an meinen Ermittlungen zu hindern, er mußte eine Menge zu verbergen haben.



8

Rhonda Dailey erwartete ihren Bruder im Eßzimmer. Der Frühstückstisch war gedeckt. Schinken, Spiegeleier, Toast, Erdnußbutter, Hörnchen, aromatisch duftender, frisch aufgebrühter Kaffee. Durch das große Fenster fiel der Blick auf einen Teil der Rasenfläche mit einem Zierteich und angrenzenden Buschgruppen.

Floyd blieb in der Tür stehen, legte die Hände in die Hüften und schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich beneide den Mann, den du einmal heiratest, Schwester. Wie hast du das bloß alles zurechtgezaubert?«

»Mit solchen Voraussetzungen ist das eine Kleinigkeit.« Rhonda lächelte. »Weißt du noch, wie es uns anfangs schwergefallen ist, in fremder Umgebung auch nur eine Tasse anzurühren? Hier bei den Jacksons habe ich überhaupt kein schlechtes Gewissen. Die beiden machen es einem richtig leicht, sich zu Hause zu fühlen.«

Floyd setzte sich und faltete andächtig seine Serviette aueinander. »Und man sieht, was einem alles noch fehlt. Ein gutes Einkommen, eine Ehefrau, mindestens zwei Autos, Kinder, ein behaglich ausgestatteter Hausstand, ein Grundstück im Grünen…«

»Warte erst mal ab, bis du Sinfoniker bist! Dann kannst du dir das alles leisten.« Rhonda schenkte Kaffee ein. »Übrigens wundert es mich, daß die Autos bei dir in der Wertung vor den Kindern kommen.«

»Unsinn«, grinste er. »Meine Aufzählung war nicht geordnet und erhebt daher keinen Anspruch auf richtige Reihenfolge.« Er hob Schinken und Spiegeleier auf seinen Teller. »Ohne das Thema wechseln zu wollen… ich bin dafür, daß wir morgens den ganzen Kleinkram im Haus erledigen. Ich fange damit an, die Klimaanlage zu kontrollieren, und du kümmerst dich um die Küche. Dann haben wir die Nachmittage und die Abende für die Musik.«

Rhonda sah ihn an. Ihre Miene war ernst. »Denkst du, wir können es vergessen, indem wir nicht darüber reden? Wir haben noch etwas anderes zu tun, Floyd. Vergiß das bitte nicht!«

»Mußt du mir den Appetit verderben?« Er zog die Stirn kraus. »Ich weiß sehr wohl, wie unser Nebenjob aussehen wird. Ich weiß auch, daß wir zum erstenmal das Vertrauen unserer Auftraggeber mißbrauchen und in ihrer Wohnung herumschnüffeln. Das ist mir alles völlig…«

Das Schrillen des Telefons unterbrach ihn.

»Nimm du ab!« sagte Rhonda.

Floyd nickte, stand auf und meldete sich. Bewährte Taktik. Man wußte nie, wer anrief. Man mußte zeigen, daß ein Mann im Haus war. Für Halunken, die in Abwesenheit der Eigentümer die Lage prüfen wollten, war es gut, das zu wissen.

»Hallo, Floyd, Menschenskind! Schon im Einsatz? Wie läuft das musikalische Geschäft? Mann, ich könnte mal wieder einen guten Job gebrauchen! Du hast bestimmt was für mich. Einen Gitarristen wie mich findet keiner so schnell. Warum zum Teufel machst du den Leuten das nicht klar?«

Floyd hatte die Stimme schon bei den ersten Silben erkannt. »Keith«, bremste er den Redefluß des Anrufers. »Wenn ich einen Musikjob für dich hätte, würdest du es längst wissen. Deshalb rufst du doch nicht an! Was ist los?«

»Nichts. Was soll los sein?« Keith Jackson schnaufte. »Sind die Alten weg? Habt ihr sturmfreie Bude?«

Floyd warf seiner Schwester einen gequälten Blick zu. »Du weißt genau, daß sie weg sind, Keith. Aber sturmfreie Bude haben wir nicht, das weißt du auch. Wir sind nicht berechtigt, irgendjemand reinzulassen. Wenn wir dich…«

»Hör mal, Alter, ich bin der Sohn der ehrenwerten Leute, die dich und dein Schwesterherz bezahlen.«

»Okay, okay. Wenn du unbedingt etwas willst, was mit dem Haus zu tun hat, dann ruf deinen Vater in Florida an! Ich habe seine Urlaubsadresse und die- Telefonnummer.«

»Spinnst du? Floyd, du weißt genau…«

»Eben drum. Laß uns in Ruhe, Keith! Ich verschaffe dir einen Job, okay. Aber erst dann, wenn wir wieder in unserer eigenen Bude sind. So lange kannst du mit mir nicht rechnen. Klar?«

»Überhaupt nicht. Paß auf, Floyd, der langen Rede kurzer Sinn: Ich komme mit ein paar Kumpels vorbei. Neue Gruppe: Läuft ganz gut. Die harte Richtung, verstehst du? Aber nichts von diesem Reggae-Quatsch. Hab mir gedacht, daß wir im Ballettsaal ein bißchen proben. Und bei der Gelegenheit kannst du uns gleich mal hören. Trifft sich doch gut, was?«

Es knackte im Hörer. Aufgelegt! Floyd öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton mehr hervor.

»Was will er?« rief Rhonda. »Wie ich ihn kenne, sicher etwas, was wir nicht zulassen dürfen.«

Floyd ließ den Hörer langsam in die Gabel sinken und kehrte zum Frühstückstisch zurück. »Irgendwie mußte es ja so kommen«, murmelte er niedergeschlagen. »Wir hatten von Anfang an nicht die leiseste Ahnung, welche Schwierigkeiten uns überhaupt erwarten. Und wie es aussieht, geht es jetzt erst richtig los.« Er berichtete, was der Sohn des Ehepaares Jackson von sich gegeben hatte.

Rhonda sah ihren Bruder erschrocken an. »Ist dir klar, was das bedeutet?«

»Ich denke schon.«

»Wir haben nicht mehr viel Zeit, Floyd. Um Himmels willen, wenn dieser Chaot sich hier einnistet, kommen wir vielleicht überhaupt nicht zum Zug! Leute wie Keith haben das Talent, einem ständig auf die Finger zu sehen. Wenn ich an Mom und Dad denke…« Ihre Stimme versiegte.

Floyd nickte in grimmiger Entschlossenheit. »Okay, Schwester. Dann nutzen wir eben die Zeit, die wir noch haben.«



9

Ich holte mir einen Becher Kaffee aus dem Automaten und gönnte mir eine Zigarette. Durch die Glasfront des Aufenthaltsraums konnte ich in die Werkstatt blicken. Die lange Haube meines Jaguars war hochgeklappt. Über Schutzmatten auf dem Kotflügel gebeugt, tauchten der Meister und ein Lehrling in das technisch aufwendige Innenleben des Motors.

Milo war bereits mit einem Taxi zum District-Office gefahren. Ich hatte ihn noch am späten Abend angerufen und berichtet, was passiert war. Auch den Chef hatte ich darüber informiert, daß die Spurensicherer ergebnislos wieder abgezogen waren.

Wir hatten noch eine Weile darüber gesprochen, und ich hatte gespürt, wie sehr der Chef sich bemühte, Klarheit über die Hintergründe zu gewinnen. Aber es half nichts. Unsere Wissenslücken waren zu groß. Die entscheidenden Teile des Puzzles fehlten noch.

Meine Überlegungen kehrten immer wieder zu dem einen Punkt zurück: Rhonda Dailey hatte mich belogen. Von Anfang an. Ikey Smithson hatte nicht im Traum vorgehabt, sie zu vergewaltigen. Und Rhondas Bruder hatte beileibe keine Einbrecher auf frischer Tat ertappt.

Ich benutzte das Telefon der Service Station, da ich in dem Aufenthaltsraum allein war und ungehindert sprechen konnte.

Unter der Nummer der Geschwister Dailey meldete sich niemand. Ich rief beim Konservatorium an und erkundigte mich sowohl nach Rhonda als auch nach Floyd.

Die Sekretärin glaubte mir, als ich meine Durchwahlnummer beim FBI-Distrikt nannte und sie bat, sich bei Milo wegen meiner Identität zu vergewissern. Sie war sehr hilfsbereit und fand für mich heraus, daß weder Rhonda noch Floyd an diesem Morgen zu den Vorlesungen erschienen waren. Auch einen weiteren Gefallen tat mir die Sekretärin: Sie nannte mir Namen und Adressen von mehreren Kommilitonen des Geschwisterpaars.

Bevor ich herumzuhorchen begann, versuchte ich es noch einmal in der Wohnung von Rhonda und Floyd. Etwa 20mal ließ ich das Telefon klingeln. Dann gab ich es auf.

Ich wählte die erste Nummer auf meiner Liste. Madge Jolson, eine der Studentinnen, mit denen Rhonda auch persönlich befreundet war. Madge hatte sich für das Fach Gitarre entschieden, wie Rhonda.

Madge meldete sich schon nach dem zweiten- Klingelzeichen, und ich erfuhr als erstes, daß ich Glück hatte, sie überhaupt zu erreichen.

»Normalerweise hätte ich jetzt Unterricht. Aber mit meiner Gruppe würde ich den anderen keinen Gefallen tun. Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

Ich sagte es ihr.

»Verstanden«, antwortete sie. »Aber nehmen Sie’s mir nicht übel, Sir — als FBI-Agent kann sich jeder Spinner ausgeben. Schicken Sie einen Cop oder sonst jemand, der mir seinen Dienstausweis zeigt! Ich möchte nicht, daß ich einem Unbekannten Auskunft gebe und Rhonda dadurch womöglich in Schwierigkeiten bringe… auch auf die Gefahr hin, daß Sie denken, ich wäre wild auf Männerbekanntschaften.«

Ich mußte lachen, teilte ihr mit, daß ich selbst vorbeischauen würde, und legte auf. Der Jaguar war bereits fünf Minuten später fertig. Wie erwartet, hatten sie die Zündung neu eingestellt. Auf dem Weg nach Manhattan Downtown rief ich Milo über Funk und sagte ihm, was ich vorhatte.

Madge Jolson war ein blondes Girl mit spitzbübischem Gesichtsausdruck. Sie wohnte nur zwei Straßenzüge von den Daileys entfernt. Ausgiebig betrachtete sie meine ID-Card und den Silberadler.

»Seien Sie mir nicht böse«, sagte sie, »aber auf der Echtheits-Garantie mußte ich bestehen! Aber ich denke, Sie sind nicht umsonst in der Gegend. Wenn Rhonda und Floyd nicht zu erreichen sind, dann haben sie meistens einen Haussitting-Job übernommen. Die Agentur ist ganz in der Nähe. Dort erfahren Sie, was Sie wissen müssen.«

»Haussitting?« wiederholte ich verblüfft.

Madge Jolson sah mich schelmisch an. »Noch nie etwas von Babysitting gehört? Ist im Prinzip das gleiche, nur daß es in diesem Fall um etwas mehr als ein Kleinkind geht.«



10

Floyd brüllte los — voller Entdeckerfreude.

»Rhonda! Rhonda, verdammt noch mal, komm her!« Immer noch ungläubig, starrte er auf das mittlere Bücherregal, dessen obere Hälfte wie ein Fenster aufgeschwenkt war. Dahinter befand sich die Stahltür eines Wandtresors, etwa einen halben Meter im Quadrat groß.

»Rhonda!« brüllte Floyd abermals. »Wo bleibst du denn?«

Endlich antwortete sie aus einem der Zimmer am anderen Ende des Wohntrakts. Fieberhaft überlegte Floyd, wo der verborgene Kontakt liegen mochte, den er zufällig ausgelöst hatte. Er hatte das Bücherregal ganz rechts abgetastet, und dabei war plötzlich das Mittelteil mit leisem Summen aufgeschwungen.

Rhonda stürmte herein. Ihr Atem ging keuchend. Mit einer heftigen Handbewegung wischte sie Strähnen ihres rostroten Haars aus dem Gesicht. Wortlos zeigte Floyd auf seine Entdeckung.

»Himmel!« sagte Rhonda andächtig. Mehrere Sekunden lang betrachtete sie die Stahltür mit der elektronischen Tastatur für den Code. Dann wandte sie sich langsam zu ihrem Bruder um. »Bist du sicher, daß er das Material hier versteckt hält?«

Er zog die Schultern hoch. »Sicher natürlich nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch riesengroß, Rhonda. Im Grunde haben wir unseren Auftrag schon ausgeführt. Wir müssen es diesen Gangstern nur noch mitteilen. Wie sie den Safe öffnen, ist dann ihr Problem. Aber dafür haben sie garantiert Spezialisten.«

Rhonda wies mit einer zweifelnden Kopfbewegung auf den Wandsafe. »Und wenn Jacksons Unterlagen doch nicht da drin sind? Was dann?«

»Hör mal, Schwester!« Floyd schüttelte verständnislos den Kopf. »Wozu sollte Jackson sich einen Wandtresor einbauen lassen, wenn nicht für seine wichtigsten und geheimsten Sachen? Der Gangster hat gesagt, sie haben die Sachen in seinem Institut suchen lassen und nicht gefunden. Deshalb sind sie ja nur auf die Idee gekommen, in seiner Wohnung nachsehen zu lassen.«

»Ich weiß, Floyd, ich weiß. Aber wenn dies ein Fehlschlag wird, müssen wir mit der Suche noch einmal von vorn anfangen. Wir sollten lieber erst alle anderen Räume durchsuchen und dann…«

Ein Poltern schnitt ihr das Wort ab. Irgendwo im Haus mußte etwas umgefallen sein. Rhonda sah ihren Bruder erschrocken an.

Er winkte ab. »Keine Sorge! Spuken wird es hier schon nicht. Ich sehe nach.« Er wandte sich zur Tür, drehte sich jedoch aus einem plötzlichen Entschluß heraus noch einmal um. Wortlos drückte er das ausschwenkbare Regalteil zu. »Du bleibst hier«, rief er seiner Schwester im Hinauseilen zu. »Den Safe finden wir später mühelos wieder.«

Er verließ die Bibliothek und lief mit langen Sätzen den Korridor entlang. Die federnden Basketballschuhe dämpften seine Schritte. Wenn er sich nicht getäuscht hatte, mußte das Geräusch aus den Versorgungsräumen gekommen sein, die unmittelbar an den Wohntrakt grenzten.

Einbrecher am hellen Tag? Oder Keith, der sich einen seiner bekannten üblen Scherze erlaubte? Denkbar war beides. Floyd erinnerte sich, daß der Versorgungs- und Wirtschaftstrakt der Villa dicht an ein brachliegendes Nachbargrundstück mit beinahe undurchdringlichem Buschbewuchs heranreichte. Wenn man in die Jackson-Villa eindringen wollte, gelang es am ehesten von dort.

Floyd beruhigte sich, während er seine Schritte verlangsamte. Die Alarmanlage wurde ausgelöst, sobald jemand den Zaun auch nur berührte. Nein, vielleicht war es ein Waschbär oder ein streunender Hund, der dort irgendwo rumorte.

Floyd öffnete die Verbindungstür, durch die man zunächst in die Vorratsräume gelangte. Lebensmittelpakete und Konservendosen lagerten in hohen Regalen. Das Ehepaar Jackson konnte sich im Katastrophenfall ein paar Monate lang selbst versorgen.

Floyd betrat die Werkstatt, in der der Hausherr kleine handwerkliche Arbeiten erledigte und gelegentlich bastelte. Ein halbfertiges Modellflugzeug, in Rahmen eingespannt, zeugte davon. Alles war aufgeräumt, nichts umgekippt, was dieses Poltern verursacht hätte. Achselzuckend öffnete Floyd die Tür zur Klimaanlage. Von da führte ein Ausgang in den Garten.

Er blickte an den summenden Aggregaten vorbei und erstarrte. Die Tür zum Garten stand offen. Das Schloß war herausgebrochen, und beim Aufschwingen mußte die Tür gegen die Innenwand geprallt sein. Das Poltern!

Entgeistert wollte er einen Schritt vorwärts machen. Seine Sinne stellten sich auf Abwehr ein. Aber er hatte noch nicht in vollem Umfang erfaßt, was die aufgebrochene Tür bedeutete.

Ein Rammstoß traf ihn vor die Brust. Floyd schrie auf. Er konnte sich nicht halten und wurde in die Werkstatt zurückgeschleudert. Erst jetzt sah er die Gestalt, die ihm den Stoß versetzt hatte. Ein wuchtiger Schatten, breit und tänzelnd. Der Kerl mußte dort zwischen den Aggregaten gelauert haben. Keith war es jedenfalls nicht.

Floyd wollte die Arme zur Abwehr hochreißen, während ihm die Gedanken durch den Kopf zuckten. Er schaffte es nicht. Der andere trieb ihn zurück und zerschmetterte seine Deckung mit eisenharten Schlägen.

Eine letzte Gerade, die wie ein Huftritt war, schleuderte Floyd mit dem Rücken an die Wand. Reflexartig konnte er noch das Kinn auf die Brust pressen, um sich nicht den Hinterkopf einzuschlagen. Vor seinen Augen wallten blutige Schleier auf. Sein ganzer Körper war von tosenden Schmerzen erfüllt.

Der kalte Fußboden gab ihm Halt. Mühsam gelang es ihm, den Kopf zu heben. Er krächzte und wollte sprechen, brachte aber kein verständliches Wort hervor.

Der Mann, der breitbeinig vor ihm stand, war bullig und untersetzt. Er trug Jeans und eine abgewetzte, braune Lederjacke. Das Auffälligste aber war sein Gesicht. Breit und glattflächig, mit ausgeprägten Wangenknochen und schmalen, mandelförmigen Asiatenaugen. Auf dem blauschwarzen Haar ruhte eine speckige Armeemütze mit hochgebundenen Ohrenklappen. Ein Indianer?

Ein zweiter Kerl tauchte im Hintergrund auf und schob sich grinsend näher. Er war der krasse Gegensatz zu dem kraftstrotzenden Schwarzhaarigen: mager, grauhaarig, mit eingefallenem Gesicht und bleicher Hautfarbe. Er trug einen aus der Form geratenen Anzug, so grau und abgerissen wie sein ganzes Äußeres. Die Ärmelkanten und Revers waren abgestoßen und ausgefranst.

Der Schwarzhaarige mit den Mandelaugen beugte sich vor, stieß ein kehliges Lachen aus, griff in Floyds Haare und schüttelte seinen Kopf hin und her. Floyd schrie auf. Der Schmerz war so stark, als rammte ihm jemand einen fünfzölligen Nagel quer durch den Schädel.

»Wer bist du, Jungchen?« knurrte der Mandeläugige. »Der Sohn des Hauses?« Einen Moment lang war Floyd versucht, die Frage zu bejahen. Doch er ließ es. Er wollte sich nicht noch mehr Probleme einhandeln. Vielleicht hatten die Kerle Erkundigungen eingeholt und wußten, daß Keith keinerlei Verbindung mit seinen Eltern hatte.

»Floyd Dailey«, antwortete er, nachdem er sich angestrengt geräuspert hatte.

»Und was hast du hier zu suchen? Auch absahnen wie wir? Uns zuvorkommen?« Er wechselte einen Blick mit dem anderen, und beide lachten. »Aus der Traum, mein Lieber! Konkurrenten können wir nicht leiden. Klar?«

Floyd überlegte, wo er den Akzent des anderen schon einmal gehört hatte. Richtig, in einem Fernsehfilm über kanadische Eskimos. Der Bursche war ein Ureinwohner aus dem hohen Norden. Oder er stammte von ihnen ab.

»Ich beaufsichtige das Haus«, sagte Floyd wahrheitsgemäß. »Mr. Jackson hat mir einen Auftrag erteilt.« Er zögerte und biß sich auf die Unterlippe. Sollte er Rhonda erwähnen? Vielleicht hatte sie sich schon in Sicherheit gebracht, hatte das Haus verlassen und war geflohen. Dann würde sie Hilfe holen, und es wäre dumm gewesen, überhaupt die Sprache auf sie zu bringen.

Floyd hatte den Gedanken noch nicht zu Ende geführt, als ihm jäh klar wurde, daß er sich getäuscht hatte.

Leise Schritte näherten sich. Die beiden Kerle zuckten zusammen. Die Haltung des Eskimos erinnerte plötzlich an die hellwache Gespanntheit eines angriffsbereiten Raubtiers.

Floyd gab ein lautes Stöhnen von sich, um Rhonda zu warnen. Der Himmel mochte wissen, was sie vorhatte, aber nützen würde es auf keinen Fall etwas.

Der Eskimo wirbelte herum. Sein flächiges Gesicht war wutverzerrt. Blitzschnell holte er aus und versetzte Floyd eine schallende Ohrfeige. Der Schmerz brannte wie Höllenfeuer.

Dennoch preßte Floyd die Lippen aufeinander-. Er wollte den Kerlen nicht noch einmal die Genugtuung geben, ihn am Boden zerstört zu sehen. Und Rhonda sollte nicht wissen, auf welch klägliche Weise sich seine Niederlage auswirkte.

Die Schritte waren verstummt. Floyd schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Hoffentlich hatte sie begriffen! Hoffentlich hatte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und…

Sie trat die Tür auf — mit dem Fuß, wie ein Mann.

Der Eskimo und sein magerer Kumpan drehten sich langsam und lauernd um.

Eine seltsame Art von Rührung erfaßte Floyd, als er seine Schwester dort stehen sah. Sie hielt eine große Pistole in beiden Händen, und ihr Gesicht war verkniffen vor Entschlossenheit. Mit ihren sportlichen, hellblauen Jeans und dem flott geschnittenen Blouson sah sie tatkräftig und energisch aus. Nur Floyd wußte, daß sie es nicht war. Innerlich zitterte sie vor Angst. Und doch war sie bereit, ihr Leben für ihn aufs Spiel zu setzen!

»Hände hoch!« befahl Rhonda schneidend.

Floyd war überzeugt, daß die Kerle das Zittern in ihrer Stimme, das sie mühsam zu unterdrücken versuchte, nicht überhörten.

Nur der Magere gehorchte. Er faltete die Hände auf dem Hinterkopf und sah seinen Komplicen abwartend an. Der Eskimo grinste nur. Er stand einfach da und grinste die junge Frau an.

»Rhonda«, sagte Floyd leise und eindringlich, »laß es sein, um Himmels willen! Du hast keine Chance!«

»Aha, Rhonda heißt sie, die kleine Süße!« Die Stimme des Eskimos triefte vor Hohn. »Na, dann laß dir mal was einfallen, Baby! Wie willst du mich zwingen, die Hände hochzunehmen?« .

»Ich werde Sie nicht zwingen«, sagte Rhonda gepreßt. »Ich werde auf Sie schießen, wenn Sie nicht sofort gehorchen.«

»Und dann, Baby, und dann?« Kichernd wandte er sich seinem Komplicen zu. »Was hältst du von der Kleinen, Dave? Ist das nicht ein Prachtstück? Die macht es so spannend, daß man richtig wild darauf wird, ihr den Hosenboden strammzuziehen.«

Der Magere kicherte ebenfalls, behielt aber die Hände auf dem Kopf. Offenbar hatte er die schlechteren Nerven.

Floyd schloß entsetzt die Augen, als er sah, wie Rhonda ihren Zeigefinger am Abzug krümmte. Er wollte ihr zuschreien, daß sie es nicht schaffen konnte. Sie hatte noch nie in ihrem Leben mit einer großkalibrigen Armeepistole geschossen. Auf zehn Meter Entfernung würde sie damit nicht mal einen Elefanten treffen. All das wußte sie nicht.

Der Eskimo riß überrascht die Augen auf, als er Rhonda wieder ansah. Ungläubig stierte er auf ihre Hände mit dem Abzugsfinger. Zu spät für eine Reaktion.

Donnernd brach sich der Hall des Schusses zwischen den vier Wänden. Rhonda schrie gellend auf. Der Schmerz in den Trommelfellen war stechend. Der Rückstoß der Pistole hatte sie wie ein Hieb getroffen, und es war, als wäre ihr rechter Daumen ausgekugelt worden. Ohne daß sie es wollte, feuerte sie ein zweites Mal. Eine Reflexbewegung des Zeigefingers. Die Waffe war unkontrolliert zur Decke gerichtet.

Der Einschlag der Kugel riß ein faustgroßes Loch und ließ den Putz staubfein auf den Eskimo herabrieseln, der sich im selben Moment in Bewegung setzte.

Der Rückstoß des zweiten Schusses hatte Rhonda die Pistole aus der Hand gerissen. Es erschien ihr wie das Schreckensbild aus einem Alptraum, den bulligen Mann mit den Schlitzaugen auf sich zukommen zu sehen. Zu ihren Füßen landete die Waffe mit einem hellen, metallischen Laut.

Der Eskimo packte sie mit Fäusten, die wie Stahlklammern waren. Die ungeheure Kraft des Mannes ließ Rhonda erschauern. Er packte sie und stieß sie mit einem nur kurzen, spielerisch wirkenden Ruck neben ihren Bruder auf den Boden. Die Todesangst lähmte sie. Nicht einmal einen Schrei brachte sie heraus.

Der Eskimo trat einen Schritt zurück, hob die Pistole auf, sicherte sie und schob sie unter seinen Hosenbund. Sein breites Gesicht war wieder eine starre Maske.

»Niemand macht Hoss Keshena zum Idioten«, sagte er und schlug sich dabei mit der Faust auf die Brust, daß es einen dumpfen Laut gab. »Merkt euch das! Ihr werdet mich noch kennenlernen. Und ihr werdet mich nicht vergessen, das schwöre ich euch.«

Der Magere lachte übertrieben amüsiert. Er hatte seine Hände heruntergenommen. Es war offensichtlich, daß er den Eskimo wegen seiner Körperkraft bewunderte.

Unter anderen Umständen hätte Floyd Dailey das Imponiergehabe dieses Mannes lächerlich gefunden. Aber schon als Kind und als Jugendlicher hatte er in Nordirland gelernt, daß man sich solche Überheblichkeit nur dann leisten konnte, wenn man unbeteiligt und nicht gefährdet war. Sich über einen geistig Unterlegenen lustigzu machen, konnte schlimme Folgen haben. Darin unterschied sich New York City nicht von Belfast.

Keshena legte die Fäuste in die Hüften und wippte auf den Zehenspitzen. Es war eine Bewegung voller verhaltener Energie — so, als würde der Mann im nächsten Moment seine Muskeln explodieren lassen. Aber nichts dergleichen geschah.

»Um Himmels willen, Rhonda«, flüsterte Floyd. »Woher hast du bloß die Pistole?«

»Aus dem Schreibtisch«, hauchte sie. »Ich'habe einfach nachgesehen und hatte Glück.«

Der Eskimo grunzte spöttisch. »Wenn du das Glück nennst, Baby, dann wirst du noch eine Menge mehr davon kriegen. Ich habe soviel Glück für dich auf Lager, daß du’s kaum aushalten wirst!«

Der Magere lachte wieder sein albernes, bewunderndes Lachen. Gleich darauf wurde er jedoch ernst und schob sich von der Seite an den Eskimo heran. »Ob Glück oder Spaß oder wer weiß was, Hoss — irgendwas müssen wir mit den beiden anfangen. Wir können sie doch nicht frei rumlaufen lassen, wenn wir hier fertig sind. Oder?«

»Uns wird was einfallen«, knurrte der Eskimo. »So schlau sind sie auch nicht.« Er beugte sich vor und grinste Floyd an. »Eure Alarmanlage haben wir mit links ausgetrickst. Veraltet, das Ding. Nur ein paar Drähte durchgeknipst — fertig.« Er richtete sich wieder auf und nahm die Pose eines überlegenen Herrschers ein, indem er die Arme vor der Brust verschränkte.

»Wenn noch mehr Typen im Haus rumlaufen sollten, sagt ihr’s uns besser gleich. Sonst gibt’s noch mal richtigen Ärger.«

»Rhonda und ich sind allein«, antwortete Floyd so ruhig wie möglich. »Außer uns ist kein Mensch hier.« Die Erinnerung an Keiths Anruf durchzuckte ihn. Er mußte sich höllisch anstrengen, damit man ihm seine plötzliche Aufregung nicht anmerkte. Keiths Ankündigung, mit seiner Gruppe aufzukreuzen, kehrte sich auf einmal ins Gegenteil um. Jetzt konnte das Erscheinen des unerwünschten Jackson-Sohns und seiner Meute hilfreich sein — der Strohhalm, an den man sich klammern konnte.

Mit dem Suchauftrag, den sie auszuführen hatten, so überlegte Floyd weiter, konnten der Eskimo und sein Komplice nichts zu tun haben. Die beiden waren kleine Halunken, die in leerstehende Häuser einbrachen und nach Bargeld und Wertgegenständen suchten. In illegalen Geschäften auf internationaler Ebene mischten solche Typen nicht mit. Dazu fehlte ihnen einfach der Geist.

Der Eskimo nickte zufrieden. Aber trotz seiner undurchdringlichen Miene war ihm anzusehen, daß er zögerte.

Klar, dachte Floyd, die wissen nicht, wohin mit uns. Natürlich sind wir ihnen lästig. Den Safe werden sie nicht finden, und aufbrechen können sie ihn schon gar nicht. Noch ist nichts verloren. Noch können wir alles tun, um Mom und Dad in Belfast zu retten.

Der Türgong hallte durch alle Räume des Hauses. Floyd wußte, daß überall kleine Lautsprecher angebracht waren.

Die Gangster wechselten einen raschen Blick. Keshena griff unter seine Jacke. Die schmale Klinge eines Messers funkelte in seiner Rechten.

»Ihr werdet genau das tun, was ich sage!« zischte er.

Keith, dachte Floyd, Menschenskind, Keith! Aus den Augenwinkeln heraus sah er seine Schwester an und wußte, daß sie haargenau dasselbe dachte.



11

Ich drückte noch einmal auf den Klingelknopf im Torpfeiler, zündete mir für die Wartezeit eine Zigarette an und sah mich um. Videokameras gab es nicht. Das Grundstück wurde noch nicht elektronisch bewachi. Erstaunlich. Andererseits vielleicht dadurch erklärlich, daß Reuben Jackson in seiner privaten Umgebung vom Beruflichen nicht viel wissen wollte.

Die Einzelheiten über den Haussitting-Job der Geschwister Dailey hatte ich in der Agentur erfahren, von der sie vermittelt wurden. Für Jackson hatten die beiden schon öfter gearbeitet. Der Hausherr war Elektronik-Ingenieur, 52 Jahre alt, und arbeitete an einem New Yorker Institut für Datenverarbeitungs-Wissenschaftler, das der Rockefeller'University angegliedert ist. Seine Ehefrau Meryl war früher Ballettänzerin an der Metropolitan Opera gewesen, und nun nutzte sie ihren guten Ruf als Inhaberin einer privaten Ballettschule für die Kinder reicher Eltern.

Ich betätigte den Klingelknopf zum dritten Mal. Hatten die beiden Daileys ihren ersten Abend in der Jackson-Villa für eine ausgedehnte Party genutzt und schlummerten jetzt in den Tag hinein?

Immerhin, die Umgebung war schon etwas Besonderes, wenn man nur eine ärmliche Mietwohnung an der Canal Street sein eigen nannte. Die Amboy Road, an der das Jackson-Grundstück lag, gehört zum Stadtteil Annadale im südwestlichen Zipfel von Staten Island.

Hierher ziehen sich New Yorker zurück, die es sich leisten können, vierstellige Beträge pro Quadratmeter Boden hinzublättern.

Endlich verkündete ein trockenes Krachen und Scheppern im Pfeilerlautsprecher, daß sich etwas rührte. Ich erkannte Floyd Daileys Stimme sofort.

»Wer ist da, bitte?«

Ich nannte meinen Namen und lächelte, als ich mir sein Gesicht vorstellte. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, den lästigen G-man endlich abschütteln zu können. Und nun dies! Entsprechend lange dauerte es, bis er sich zu einer Antwort gesammelt hatte.

Doch dann, als er diese Antwort von sich gab, glaubte ich, meinen Ohren nicht zu trauen.

»Hallo, Mr. Trevellian! Kommen Sie doch herein! Und wenn Ihr Kollege mitgekommen sein sollte, dann braucht er natürlich nicht draußen zu warten.«

Seine Worte klangen übertrieben höflich. Aber ich hörte doch eins deutlich heraus: Er war nicht nur überrascht, sondern ehrlich erfreut, daß ich aufkreuzte.

»Es dauert nur einen Moment«, sagte ich ausweichend, indem ich mich zur Sprechmuschel hinabbeugte. »Ich werde Sie diesmal nicht lange belästigen.«

»Oh, wir haben jetzt natürlich viel Zeit, Sir. Warten Sie! Ich öffne die Pforte.«

Eine Sekunde später summte es, und ich betrat den Garten. Vögel zwitscherten, und eine leichte Brise rauschte im Blattwerk der Bäume und Büsche. Ein kleines Paradies, das Jackson sich hier geschaffen hatte. Die Haustür wurde geöffnet, als ich noch zwei Schritte davon entfernt war.

Floyd Dailey blickte mir entgegen und lächelte freundlich.

Ich runzelte die Stirn. War er nicht ganz richtig im Kopf? Als ich mich das letzte Mal mit ihm unterhalten hatte, war er reichlich ruppig gewesen und hatte sich sicherlich gewünscht, mich nie wiederzusehen. Jetzt stöberte ich ihn ausgerechnet hier auf, und er war trotzdem noch erfreut.

Irgend etwas stimmte nicht. Ich spürte es mit jeder Faser meiner Sinne. Da war auf einmal dieses innere Alarmschrillen, das immer dann einsetzt, wenn der Instinkt es auslöst — jener Instinkt, dessen Vorhandensein nur mit den langen Jahren der Berufserfahrung zu erklären ist.

Und dann, als ich auf ihn zutrat, wußte ich es 100prozentig. Da war dieses verzweifelte Flackern in der Tiefe seiner Pupillen. Und da waren die geröteten Stellen in seinem Gesicht. Die linke Wange wirkte wie geschwollen.

»Treten Sie doch ein, Mr. Trevellian!« Es klang gekünstelt und fast schrill.

Ich spähte an ihm vorbei in das Halbdunkel der Halle und bemühte mich, kein Zögern zu zeigen. Denn ich spürte, daß ich beobachtet wurde.

Was auch immer es war, ich konnte nichts tun, ehe ich nicht wußte, was mit Rhonda war.

Schon im nächsten Moment begriff ich, wie recht ich mit dieser Folgerung hatte.

Rhonda tauchte in meinem Blickfeld auf, drei Schritte hinter ihrem Bruder. Man hatte ihr einen Putzlappen als Knebel in den Mund gestopft. Ihre Hände waren offenbar auf den Rücken gefesselt. Der Mann, der sie mit der linken Hand am Oberarm festhielt, war mager und bleich. Es sah aus, als sei die Colt Government in seiner Rechten viel zu schwer für ihn. Aber die Laufmündung ruhte unverrückbar in ihrer Halsmulde. Die zuckenden Gesichtsmuskeln des Mannes zeigten mir, daß seine Reaktionen unberechenbar waren. Er war der Situation nicht gewachsen und konnte durch die kleinste Kleinigkeit in Panik ausbrechen.

Eine Faust erschien auf Floyds Schulter und riß ihn zur Seite weg. Ich sah nur noch Rhonda mit ihren angstgeweiteten Augen.

»Rein mit dir, Bulle!« befahl der, der Floyd aus meinem Blickfeld gezerrt hatte.

Ein flehentlicher Ausdruck der Verzweiflung entstand in Rhondas Augen.

Mir blieb keine andere Wahl. Sie hatten zwei Geiseln. Sie konnten alles tun, um ihre Forderung durchzusetzen. Und sie waren nervös. Das gab den Ausschlag für mich. Ich gehorchte.

Ich betrat die Halle. Ich kam nur zwei Schritte weit. Ich spürte das Sausen des Hiebes neben mir und versuchte auszuweichen, schaffte es aber nur noch im Absatz. Die Handkante traf mich auf die rechte Schulter.

Sofort setzte der Kerl nach und schlug ein zweites Mal zu. Auf den Punkt. Der Schmerz explodierte wie ein grellweißer Blitz. Ich stürzte in abgrundtiefe Schwärze.



12

»Hier läßt sich’s aushalten«, sagte Keshena gutgelaunt und klimperte mit den Gläsern der hervorragend ausgestatteten Hausbar. Die Theke mit den Flaschenregalen befand sich im Kaminzimmer. Keshena hatte die Fenstervorgänge zugezogen. Er mixte zwei Whisky Soda über klotzigen Eiswürfeln in dickwandigen Gläsern. Grinsend schob er seinen Komplicen ein Glas zu. »Cheers, Partner. Muß ich dir erst einen Witz erzählen, damit du munterer wirst?«

Sie hatten die beiden Haussitter und den G-man gefesselt, geknebelt und in einen Vorratsraum gesperrt.

»Blödsinn«, fauchte Dave Lansing. Widerstrebend nahm er das Glas und hob es unwillig an die Lippen, als der Eskimo ihm zuprostete. Der Whisky brannte in seiner Kehle und füllte seinen Magen mit wohliger Wärme aus. Er spürte ein aufkommendes Behagen, das ihm unheimlich war. Denn er wußte, die Lage durfte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Keshena war in dieser Beziehung ein Einfaltspinsel. Spatzenhirn und Bärenkräfte! Vielleicht hatten sie sich gerade deshalb immer prächtig ergänzt. Aber diesmal ahnte Lansing, daß er seine Grenzen erreicht hatte. Das, worauf sie sich hier in der verdammten Villa eingelassen hatten, war ein Sumpf. Immer tiefer rissen sie sich selber hinein, und es gab kein Entrinnen.

»Dann schluck wenigstens schneller!« brummte Keshena. Er feixte. »Das hebt die Stimmung, mein Junge.«

Lansing nickte und grinste unsicher. Dann folgte er Keshenas Beispiel, der ihm abermals zuprostete. Das Gefühl des Behagens nahm zu. Die Möglichkeit, den Augenblick zu genießen, erschien Lansing immer deutlicher. Himmel, wann hatte man so eine Gelegenheit Schon mal wieder — in der Bar einer Privatvilla zu sitzen und den Genuß aus dem vollen zu schöpfen? Er zeigte auf das verglaste Regalfach hinter dem breiten Rücken des Eskimos. »Gib mir mal eine von den Schachteln da!«

Keshena grinste, griff in das Fach und warf seinem Komplicen eine rotgolden schimmernde Packung zu. »Dafür zahlst du im Laden ’nen Luxuspreis, Partner.«

»Ich weiß, ich weiß.« Lansing nickte und riß die Zigarettenschachtel auf. Er schob sich einen weißen Glimmstengel zwischen die Zähne, ließ sich von Keshena Feuer geben und rauchte andächtig. Wieder nahm er einen Schluck Whisky. Er ließ einen wohligen, grunzenden Laut hören. Mit dem linken Arm machte er eine ausladende Bewegung. »Ich weiß das hier alles zu würdigen, Hoss.«

»Na also! Bist endlich auf den Geschmack gekommen, was?«

»Wie man’s nimmt.« Lansing leerte sein Glas, knallte es auf die Bar und sah den anderen durchdringend an. »Ich hab im Leben genug mitgemacht, Hoss.« Er rieb sich mit dem linken Handrücken das Kinn, daß die Bartstoppeln wie Sandpapier klangen. »Ich hab so tief im Dreck gesteckt, daß mich nichts mehr umhaut, verstehst du? Ich kann mich nicht mehr für irgendwelchen Schnickschnack wie ein Kind begeistern. Ich will einigermaßen im Leben durchkommen. Wenn’s schlecht und recht ist, reicht’s mir schon. Begriffen?«

Keshena verdrehte die Augen und schickte einen Blick zur Zimmerdecke. »Mann, fang jetzt bloß nicht wieder mit der rührseligen Leier an! Ich weiß, ich weiß, du warst dreimal verheiratet, bist dreimal geschieden worden und hast dein ganzes Geld wegen der verdammten Weiber verloren. Du warst gezwungen, zu saufen und zu spielen und…«

»War ich nicht!«

»… und krumme Geschäfte zu machen. Jetzt siehst du mit deinen 45 Jahren aus wie dein eigener Großvater. Wenn du mich nicht hättest, wärst du schon längst am Ende. Und richtig froh bist du, daß meine Bude in South Brooklyn nur ein paar Schritte von deiner entfernt ist. Wenn du dich mit Tabletten vollgefressen hattest, war ich wenigstens immer noch rechtzeitig da, um dich zum Magenauspumpen zu schaffen.«

Dave Lansing schlug mit der Faust auf die Theke. »Hör auf, Hoss, verdammt noch mal! Du begreifst es immer noch nicht. Ich war zu diesem elenden Leben nicht gezwungen. Kein Mensch wird gezwungen, so zu leben, wie er lebt. Jeder hat die Chance, was draus zu machen. Aber ich hatte nicht die Kraft, Mann!«

»Jetzt fang bloß noch an zu heulen!« sagte Keshena ungerührt. »Uns geht’s gut, und wir werden diese Bude nach allen Hegeln der Kunst ausräumen. Das ist die Hauptsache. Wenn du den Whisky nicht vertragen kannst, laß die Finger davon! Du kannst auch einen Fruchtsaft kriegen. Ist doch alles da, Partner.«

»Mach dich nicht über mich lustig!« knurrte Lansing und schob ihm mit einer auffordernden Kopfbewegung das Glas zu. »Vor allem stell die Tatschen nicht auf den Kopf! Ohne mich wärst du auch ein Nichts. Wenn ich nicht die Planung machte, würdest du noch immer Zigarettenautomaten und Autos aufbrechen und von der Hand in den Mund leben. Mir hast du es zu verdanken, daß wir größere Sachen durchziehen. Wie wolltest du eine Alarmanlage austricksen, wenn ich nicht…«

»Okay, okay!« rief Keshena aufgebracht. Er schenkte seinem Komplicen einen neuen Whisky ein. »Ich bin der Schläger, der alles kurz und klein haut, und du bist das Gehirn. Okay. Glaubst du, ich weiß nicht, daß du so denkst? Aber es macht mir nichts aus, Dave. Wir sind ein gutes Gespann. Bloß fang um Himmels willen nicht mit deiner rührseligen Tour an! Schwierigkeiten sind dazu da, daß man mit ihnen fertig wird. Wir haben gedacht, die Villa ist leer.« Er hob die Hände und ließ sie wieder sinken. »Na und? Da haben wir uns eben geirrt. Aber wir haben die Sache im Griff. Ist das nichts?«

»So wird es nicht lange bleiben«, murmelte Lansing und nahm einen langen Schluck von dem Whisky, der ihm immer besser schmeckte. »Wo ein Bulle ist, da taucht bald ein ganzer Rattenschwanz von ihnen auf. Und dann noch ein G-man!«

»Die kochen auch nur mit Wasser.«

»Sprücheklopferei hilft uns nicht weiter, Hoss. Ich muß mir wieder was einfallen lassen. Ich! Du hast doch nicht mal die winzigste Idee, was man jetzt machen könnte.«

»Doch«, entgegnete der Eskimo grinsend. »Erstmals schlagen wir uns den Bauch voll, dann trinken wir anständig einen, und ich knöpfe mir das Girl vor. Morgen früh fangen wir dann mit dem Ausräumen an. Und bis dahin wissen wir auch, was wir mit den dreien machen.«

Ungläubig und fassungslos schüttelte Lansing den Kopf. »Mann, o Mann, dein sonniges Gemüt müßte man haben! Du bringst es glatt fertig, aus jedem Elefanten eine Mücke zu…«

Ein langgezogener Hupton unterbrach ihn.

Sogar Keshena zuckte zusammen. Denn es war eindeutig, daß die Huperei auf dem Jackson-Grundstück stattfand.

Der gellende Ton brach ab und wurde gleich darauf fortgesetzt. Kurze und lange Abstände. Wie Morsezeichen. Im nächsten Moment wurden Stimmen laut, Gejohle und Gebrüll.

»Ich glaube, ich drehe durch«, keuchte Lansing. »Wo zum Teufel sind wir bloß reingeraten?«

»Rühr dich nicht!« zischte Keshena. Er hatte sich aus seiner Erstarrung gelöst und lief zu dem Fenster, von dem aus er die Einfahrt überblicken konnte. Nur einen Spalt breit zog er den-Vorhang zur Seite. Sekundenlang blieb er still. Dann ließ er einen gepreßten Fluch hören.

»Menschenskind, was ist los?« rief Lansing halblaut. Er war in Panik. Seine Stimme zitterte. Hastig kippte er den Rest des Whiskys in sich hinein.

Keshena wirbelte herum, verließ seinen Platz am Fenster und packte den Mageren am Oberarm. »Los, weg hier! Schnell!«

»Aber… die Gläser…, wir können doch nicht…«

Keshena zerrte ihn einfach mit sich. Eine Minute später waren sie in dem Vorratsraum bei den Gefangenen.

Alle drei hockten unverändert auf dem Fußboden. Der G-man war wieder bei Bewußtsein, wirkte äußerlich völlig ruhig und ließ sich nicht anmerken, was er empfand.

Keshena riß Floyd Dailey den Knebel aus dem Mund. »Hör gut zu jetzt, Bürschchen!« sagte der Eskimo gefährlich leise. »Paß auf, daß du keinen Fehler machst! Wenn ich dich was frage, sagst du die Wahrheit, klar?«

Lansing hatte sich vor Rhonda hingekniet. Eine' Whiskywolke strömte von ihm aus, als er sprach. »Die Kleine hätte sonst drunter zu leiden. Auch klar, nicht wahr?«

»Folgendes«, sagte Keshena gehetzt. »Da draußen ist ein klappriger alter Volkswagenbus vorgefahren, mit einer ganzen Meute an Bord. Die machen einen Mordsradau und tun so, als ob sie hier die älteren Rechte hätten. Sieben oder acht Leute in der Kiste. Wie kommen die auf das Grundstück? Habt ihr das Tor offengelassen?«

Floyd wechselte einen Blick mit seiner Schwester, und er las in ihren Augen, daß er die Wahrheit sagen mußte. Es gab keine andere Chance. Reuben Jacksons leerstehende Villa und die Tatsache, daß er vermutlich geheime Unterlagen hier aufbewahrte, verursachten einen ganzen Berg von höllischen Problemen.

»Nein«, sagte Floyd stumpf. »Das Tor war geschlossen.«

»Dann hat diese Meute einen Schlüssel!« schrie Keshena und packte ihn am Kragen. »Komm, komm, laß dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!«

Floyd atmete tief durch. »Ist einer dabei, der ungefähr 1,80 m groß ist, hager, mittelblond und mit struppigem Vollbart?«

»Stimmt«, knurrte Keshena. »Der fährt die Kiste. Sieht aus, als ob sie ihn gerade aus dem Mülleimer gezogen hätten. Wer zum Teufel ist das?«

»Keith Jackson«, antwortete Floyd wahrheitsgemäß und beichtete die ganze Geschichte.

Für Lansing und Keshena blieb keine Zeit zum Beratschlagen. Der Magere faßte einen schnellen Entschluß. Auf seinen Wink hin löste der Eskimo Floyds Fesseln. Diesmal war es Lansing, der die Anweisungen gab.

»Paß gut auf, Junge! Du nimmst diesen sauberen Keith in Empfang und verfrachtest ihn mit seinen Leuten in den Ballettsaal. Laß sie möglichst auch da übernachten! Erfinde irgend eine Ausrede, weshalb du niemand von ihnen ins Haus lassen willst! Irgendwas wird dir schon einfallen. Klar? Und leiste dir nichts, was Hoss und ich als Dummheit ansehen müßten! Verstanden?«

»Jedes Wort«, antwortete Floyd. »Ich werde alles tun, was Sie sagen. Ich weiß, daß Sie Rhonda als Druckmittel hierbehalten.«

»Und den G-man«, grinste Keshena. »Der ist auch Gold wert, mein Junge, verlaß dich drauf!«



13

Die Klingel der Haustür schrillte Sturm, als Floyd in die Halle stürmte. Wütend öffnete er. Keith Jackson und seine Begleiter johlten Beifall.

»Wenn du schon einen Schlüssel für das Tor hast«, knurrte Floyd, »warum hast du dann keinen fürs Haus? Würdest du so einen Zirkus auch veranstalten, wenn deine Eltern hier wären?«

Die Meute grölte los vor Heiterkeit. Keith schnaufte und prustete und konnte sich nur mühsam beruhigen.

»Mann, Floyd, tu doch nicht so, als ob du vom Mond kommst! Mit meinen Alten habe ich nichts mehr zu schaffen, das weißt du. Die würden mich glatt rausschmeißen, wenn ich bei denen auf der Matte stände. Und damit du’s weißt: Den Torschlüssel habe ich damals geklaut, als ich gegangen worden bin. Nur an den Hausschlüssel war nicht ranzukommen. Sonst noch was? Wo steckt Rhonda, dein Schwesterherz?«

»Sie nimmt ein Bad und sonnt sich im Luxus.«

Wieder Gejohle.

»Den Luxus würde ich natürlich gern teilen«, sagte Keith und erntete einen neuen Lacherfolg. Er wurde ernst. »Los, Floyd, laß uns in den Ballettsaal! Bring uns was ordentliches zu trinken und auch was zu essen. Und dann geht’s rund, sage ich dir!«

»Ich kann euch nicht daran hindern«, entgegnete Floyd. »Aber eins steht fest: Ihr benutzt nur den Ballettsaal und nichts anderes. Ich bin für das Haus verantwortlich, solange deine Eltern nicht da sind. Vergiß nicht, daß ich schon jetzt die Polizei rufen könnte! Du hast kein Recht, hier einzudringen.«

Die Gesichter der vier Jungen und vier Mädchen verdüsterten sich. Ihre Haltung wurde drohend und abweisend.

»Nicht diese Töne, Floyd, alter Kumpel«, sagte Keith Jackson warnend. »Wir wollen ein paar nette Stunden verbringen und uns nicht die Laune verderben lassen. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Unseretwegen kriegst du keine Schwierigkeiten.«

Details

Seiten
1499
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738955842
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
krimi paket super september thriller

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

Zurück

Titel: Krimi Paket 12 Super September Thriller 2021